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Kommunismus und Islam im 20. Jahrhundert. Ein historischer Überblick

JHK 2009 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 121-148 | Aufbau Verlag

Autor/in: Stephen Schwartz

Die vorliegende Studie befasst sich vorwiegend mit den Beziehungen zwischen dem internationalen Kommunismus und der islamischen Umma oder Weltgemeinschaft, einem Thema, das bisher von Historikern und anderen Experten vernachlässigt wird. Die Politik Moskaus gegenüber den sowjetischen Muslimen wird dabei nur am Rande berührt.

Wie das Christentum und das Judentum brachte auch der Islam im Laufe seiner Geschichte kommunistische, chiliastische, politisch radikale und sozialistisch-revolutionäre Bewegungen hervor. Im Iran erlebte etwa im 6. Jahrhundert n. Chr. ein präislamischer religiöser Kommunismus –  eine als Mazdakismus bekannte Variante des Manichäismus – eine kurze Blütezeit. Der Mazdakismus führte gesellschaftlichen Kollektivismus sowie Grundlagen der öffentlichen Wohlfahrt ein; sein Vermächtnis scheint in manchen Aspekten des iranischen Schiismus auf. Zu den radikalen Sufi- und anderen islamischen spirituellen Bewegungen mit Ansätzen utopischer oder allgemein ›dissidenter‹ Gesellschaftsvorstellungen zählen der türkische Alevismus, die Kisilbasch-Variante des Schiismus sowie die Hamzevi-Bewegung auf dem Balkan. Ihre Doktrinen brachten Bauern und gelegentlich auch die Bewohner der Städte dazu, gegen die muslimische Obrigkeit zu rebellieren. Die kollektive Erinnerung an diese Protesttraditionen ist in der islamischen Welt oft noch recht präsent.1 Überdies wird der Sufismus an sich seit seinen Anfängen von vielen christlichen, jüdischen und muslimischen Gelehrten als soziale Protestbewegung verstanden.

Eine exemplarische Figur ist der bedeutende Sufi Husayn ibn-Mansur al Halladsch (858–922), der in Bagdad hingerichtet wurde – angeblich wegen Ketzerei, denn nach der traditionellen Überlieferung wurde er wegen seiner Äußerung »Ana l-haqq’«, »Ich bin die Wahrheit«, verfolgt. Die maßgebende westliche Studie des französischen Gelehrten Louis Massignon sieht in ihm jedoch die Bedrohung durch eine islamische Gesellschaftsrevolution verkörpert.2 Nach Massignons Darstellung, die allerdings nicht ganz frei von anti­semitischen Vorurteilen ist, spielte vor dem Hintergrund der damals im muslimischen Bagdad allgegenwärtigen Korruption, die rauschhafte Metaphysik bei Halladschs angeblicher Ketzerei nur eine untergeordnete Rolle. Manche Sufis behaupten, Halladsch sei umgebracht worden, weil er Staatsgeheimnisse an das Volk verraten hatte. Ahmad Al-Amuli, einer seiner Schüler, erklärte gegenüber einem Hofbeamten, die angeblichen religiösen Verstöße Halladschs seien nichts im Vergleich zu den von den Herrschenden begangenen Diebstählen und Grausamkeiten. Al-Amuli wurde daraufhin gefoltert, doch wie sein Mentor weigerte er sich, sich zu unterwerfen. Einer der gegenwärtigen Kritiker des radikalen Islam, Khalid Duran, sieht in Halladsch einen Heiligen der Armen, und eine Sufi-Quelle beschreibt ihn als den Patron der Geächteten.3 Für manche ist er ein Vorbild für subversives und libertäres4 Handeln. Halladsch war jedoch auch Gegenstand von Gedichten keines Geringeren als Ayatollah Ruhollah Khomeinis, der schrieb: »Ich vergesse meine eigene Existenz und erkläre ›Ich bin die Wahrheit‹, Und wie Mansur Halladsch stelle ich mich freiwillig, um gehenkt zu werden.« Durch seine Identifikation mit Halladsch präsentierte der rigide iranische Geistliche sich selbst als Revolutionär und als Kämpfer gegen Unterdrückung.5

Modernistische und revolutionäre Strömungen des Islam

Später drückte sich radikaler politischer Reformismus im Islam unter anderem in den Aktivitäten der »Salafis« im 19. Jahrhundert aus, darunter Jamal Al’din Al-Afghani (1838–1997), ein ideologischer Abenteurer, der in manchem Michail Bakunin ähnelt (auch wenn Bakunin in diesem Kontext wegen seines Panslawismus und seiner antimuslimischen Agitation auf dem Balkan in den 1870er-Jahren eine problematische Figur ist).6 Ein deutlicheres Beispiel für islamischen Reformismus findet sich im Komitee für Einheit und Fortschritt (İttihat ve Terakki), der treibenden Kraft hinter der innenpolitischen Transformation, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Osmanischen Reich vollzog.7 Dem Komitee gehörten auch Mitglieder türkischer Freimaurerlogen an, die von den westlichen Mächten unterstützt wurden. Dies hatte die Entstehung fataler antifreimaurerischer »Verschwörungstheorien« zur Folge, die sich lange im türkischen und darüber hinausreichend im globalen islamischen Bewusstsein hielten. Die Umwälzungen in der Türkei führten zur Bildung von Gewerkschaftsorganisationen auf osmanischem Territorium. Deren Führer waren bemerkenswerterweise sephardische jüdische Arbeiter, etwa im bedeutenden europäischen Hafen Selanik, wo es eine große jüdische Mehrheit gab.

Nach der gescheiterten Revolution von 1905 in Russland behauptete unter anderem Leo Trotzki, dass sowohl die konstitutionalistische Bewegung in Persien im Jahre 1906 als auch die vom Komitee für Einheit und Fortschritt angeführte Jungtürkische Revolution von 1908 von dem russischen Aufstand beeinflusst worden seien. Die Bolschewiki wurden in die persische konstitutionalistische Revolution verwickelt, als der in Georgien geborene Aktivist Grigory »Sergo« Ordzhonikidze (1886–1937) iranischen Revolutionären beim Aufbau bewaffneter Einheiten half.8 Anlässlich der Jungtürkischen Revolution schrieb ein langjähriger Gefährte Trotzkis, der bulgarischstämmige, in zahlreichen Ländern aktive revolutionäre Sozialist Krastjo Rakowski (1873–1941): »Nach Russland und Persien tritt nun die Türkei der revolutionären Bewegung bei.«9 Die Vorstellung einer Kette von Revolutionen, beginnend 1905 in Russland und über Persien und die Türkei bis zu den chinesischen Aufständen von 1911 reichend, war auch Gegenstand theoretischer Überlegungen Lenins. Er sah im Beginn der antiimperialistischen Bewegung in den Kolonialgebieten eine Ergänzung der sozialistischen Arbeiterbewegung in den entwickelten Staaten. 1908 schrieb er – »recht salopp«, wie der trotzkistische Autor C. L. R. James in den Dreißiger­jahren befand10 –: »Die Revolutionsbewegung in den Staaten Europas und Asiens hat sich in letzter Zeit so hervorragend Ausdruck verschafft, dass wir recht deutlich die Umrisse einer neuen und ungleich höheren Stufe im internationalen Kampf des Proletariats erkennen können. […] Europas Arbeiterklasse hat nun asiatische Kameraden, und deren Zahl wird weiter sprunghaft ansteigen.«11 1917 resümierte er: »Die russische Revolution, die bereits 1905 Revolutionen in der Türkei, in Persien und China nach sich zog, hätte die deutschen und britischen Imperialisten in eine sehr schwierige Lage gebracht, wenn sie begonnen hätte, in den Kolonien und Halbkolonien eine wirklich revolutionäre Allianz der Arbeiter und Bauern gegen die Despoten, gegen die Khans zu etablieren, um die Deutschen aus der Türkei zu vertreiben, die Briten aus der Türkei und aus Persien, Indien, Ägypten etc.«12

Einen ungewöhnlichen Beleg für sufistischen Libertarismus, auf einzigartige Weise verknüpft mit der Da’wa (Missionierung von Nichtmuslimen), Unterstützung des osmanischen Staats, islamischer Heterodoxie und einer fortschrittlichen politischen Haltung, liefert die Geschichte des Sufi-Ordens der Bektaschi. Die Bektaschi bildeten die Geistlichen-Korps der osmanischen Militäreinheiten, die als Yeniçeri (Janitscharen) bzw. »Neue Truppe« bekannt sind und sich ursprünglich aus Christen zusammensetzten, die zum Islam übergetreten waren. Der Bektaschi-Orden ist die einzige in Europa entstandene Gemeinschaft schiitischer Muslime; seit der Unterdrückung des Sufismus durch Mustafa Kemal, den Gründer der Türkischen Republik, im Jahre 1925 ist er in Albanien angesiedelt. Der Bektaschismus spielte eine wichtige Rolle in der albanischen Unabhängigkeitsbewegung und setzt sich für die Gleichberechtigung der Frau und eine Verbesserung der Volksbildung ein. Zu seinen Anhängern zählen etwa ein Viertel aller Albaner bzw. zwei Millionen Menschen. Obgleich sie von manchen Sunniten13 wegen ihres Nonkonformismus gemieden werden, zählen die Bektaschi zu den am besten organisierten und einflussreichsten Sufi-Orden.14

Das erste bedeutende Beispiel eines »islamischen Sozialismus« trat im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, parallel zum Ersten Weltkrieg, in Niederländisch-Ostindien, dem späteren Indonesien, in Erscheinung. Die Indische Sociaal-Democratische Vereeniging (ISDV) wurde von in den Kolonialgebieten lebenden niederländischen radikalen Sozialisten gegründet, ihr bekanntester Vertreter war Hendrik Sneevliet alias Maring (1883–1943). Sneevliet wurde zu einer Führungsfigur der Dritten (Kommunistischen) Internationale (KI) und vertrat diese in China. In den Dreißigerjahren stellte er sich als Linksoppositioneller auf die Seite der trotzkistischen Bewegung, blieb jedoch von ihr unabhängig. In den Niederlanden gilt er wegen seiner wichtigen Rolle beim Februarstreik 1941 gegen die Deutschen Besatzer, aus Protest gegen deren antisemitische Maßnahmen, als Nationalheld.15 Die indonesische Spezifik der neuen revolutionären Bewegung in der niederländischen Kolonie verkörpert am stärksten Tan Malaka (1894–1949), der Sneevliet in die Komintern folgte. Die Indonesier waren die erste größere muslimische Gruppe außerhalb des von der Sowjetunion kontrollierten Territoriums und der Nachbarstaaten Türkei und Iran, die Moskau unterstützte. Tan Malaka hatte mit der Millionen Mitglieder zählenden muslimischen nationalistischen Bewegung Sarekat Islam (SI, Islamische Vereinigung) zusammengearbeitet. Von dieser spaltete sich in der javanischen Stadt Semarang die revolutionäre Red Sarekat Islam ab. In seinen Erinnerungen schildert Malaka eloquent seine Sicht auf die Überschneidungen von Islam und Kommunismus sowie die Notwendigkeit einer Allianz zwischen Panislamisten und Kommunisten: »Wenn ich vor Gott stehe, dann bin ich Moslem, stehe ich aber vor den Menschen, dann bin ich kein Moslem, denn Gott sagt, unter ihnen gibt es viele Teufel.«16 So wichtig ihm der Islam in spiritueller Hinsicht war, hielt er ihn doch angesichts von Ausbeutung und anderen gesellschaftlichen Problemen nicht für geeignet, Gerechtigkeit herzustellen. Das Beispiel Indonesien stellt die verallgemeinernde Interpretation muslimischer radikaler Religiosität als »islamistisch« infrage. Die Unabhängigkeitsbewegung in dem Gebiet, aus dem später Indonesien werden sollte, war islamisch geprägt, befürwortete aber weder religiöse Dogmatik noch einen islamischen Staat.

Marxistische Haltungen gegenüber Muslimen

Die KI war die erste Internationale, die einen ernsthaften Annäherungsversuch an die muslimische Umma unternahm. Ihre Vorgänger, die Marx’sche Internationale Arbeiter­assoziation und die Sozialistische Internationale, waren in ihrer Grundhaltung entweder, in der Terminologie der Gegenwart, »white-racist« oder »westlich-imperialistisch« – die einzige erwähnenswerte Ausnahme stellt ihre Unterstützung revolutionärer Forderungen der Iren dar. Bolschewismus-Forscher datieren den Beginn der neuen Strategie meist auf den von sowjetischer Seite gesponserten Kongress der Völker des Ostens, der 1920 in Baku stattfand, und schreiben sie den russischen Ambitionen im Osten zu. In Baku beklagte Karl Radek, ehemaliger Genosse Rosa Luxemburgs in der Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauens (SDKPiL) und Vertrauter W. I. Lenins, in einer Rede, dass die »britischen Kapitalisten beschlossen, so bald als möglich die [osmanische] Türkei in Stücke zu brechen […] Britisches Kapital verurteilte die Türkei zum Tode«, so Radek, mit dem Ziel, die britischen Kolonialgebiete in Afrika und Indien besser verbinden zu können.17 Die Sympathie der Marxisten für die Osmanen und deren Nachfolger in ihrer Opposition gegen die Briten begann jedoch nicht mit der Kommunistischen Internationale. Schon Karl Marx persönlich hatte mit dem britischen Politiker David Urquhart (1805–1877) zusammengearbeitet, der (nach seiner Teilnahme an der griechischen Unabhängigkeitsbewegung) die osmanische Herrschaft auf dem Balkan verteidigte und prorussische Tendenzen in Großbritannien bekämpfte. Marx und Urquhart bezichtigten beide Lord Palmerston des Ausverkaufs an Moskau.18

Zur wichtigsten ›praktischen‹ Erfahrung der revolutionären marxistischen Bewegung mit Muslimen vor 1917 kam es auf dem Balkan, wo sich Österreich-Ungarn und Russland bekriegten. Luxemburg und die österreichischen Marxisten verurteilten die slawischen Forderungen nach einer Aufteilung der bestehenden Reiche in kleine, ethnisch definierte Staaten und befürworteten stattdessen eine Umwandlung der multiethnischen und -religiösen habsburgischen und osmanischen Herrschaftsgebiete in sozialistische Föderationen. Kritik an der Verwicklung des Zarenreichs in Überfälle auf osmanisches Herrschaftsgebiet und die massenhafte Ermordung der örtlichen muslimischen Bevölkerung – in den Balkankriegen von 1912 / 13 wurden im Zuge der serbischen Besetzung des Kosovo und anderer Teile der zerfallenden »europäischen Türkei« insbesondere viele Türken und Albaner von den Serben getötet – kam auch vonseiten der »Protobolschewiken«, beispielsweise von Trotzki, der im Balkankonflikt als Kriegskorrespondent diente.19

Trotzki schrieb über die serbischen Gewalttaten im Kosovo für die russischen Tageszeitungen Kiewskaja Mysl (Kiewer Gedanke), Djen (Der Tag) und Lutsch (Strahl). In seinen Artikel »Hinter der Vorhangkante«, erschienen im Kiewskaja Mysl, fügte er Zitate aus einem Augenzeugenbericht über die von der serbischen Armee begangenen Grausamkeiten ein, der wahrscheinlich von dem SSDP-Führer Dimitrije Tucović stammte, mit dem Trotzki befreundet war. In dem Bericht findet sich eine ungeheuerliche Aufzählung von Morden, Folterungen, Massakern und Diebstählen serbischer Soldaten und Offiziere. Balkan-Muslime und Albaner waren nicht die einzigen Opfer, Bulgaren und sephardische Juden wurden ebenfalls ausgeraubt. Der Historiker Mark Cohen, der maßgebende Forschungsarbeiten über die einst berühmte sephardische Gemeinschaft von Manastir (Bitola) in Mazedonien veröffentlicht hat, sieht in den serbischen Gewalttaten einen Auslöser für die frühe Immigration der Sephardim aus Manastir in die USA.20

Viele Berichterstatter konzentrierten sich auf die Unterstützung der serbischen Aggression durch das zaristische Russland, die scharf kritisiert wurde. Auch Trotzki prangerte die »ethnischen Säuberungen« – der Begriff war damals gerade erst von den Serben geprägt worden21 – sowie die Verstrickung von zaristischen und demokratisch-nationalistischen russischen Politikern wie dem Liberalen Pawel Miljukow in zwei außergewöhnlichen Texten heftig an. In dem Artikel »Eine außerparlamentarische Anfrage an Herrn P. Miljukow«, veröffentlicht im Januar 1913 im Djen, schrieb er: »Herr Abgeordneter! […] Sie haben häufig, sowohl in den Spalten der Presse als auch am Rednerpult in der Duma, die Verbündeten auf dem Balkan […] der unveränderten Sympathien der sogenannten russischen Gesellschaft für ihre ›Freiheitskampagne‹ versichert. Vor Kurzem, während der Zeit des Waffenstillstands, unternahmen Sie eine politische Reise auf den Balkan […] Haben Sie unterwegs nichts […] über die monströsen Akte von Brutalität gehört, die vom triumphierenden Militär der Alliierten entlang seiner Marschroute, nicht nur an unbewaffneten türkischen Soldaten, Verwundeten oder Gefangenen, sondern auch an der friedlichen muslimischen Bevölkerung, an alten Frauen und Männern, an wehrlosen Kindern begangen wurden? […] Zwangen die unleugbaren und unbestreitbaren Fakten Sie nicht zu dem Schluss, dass die Bulgaren in Mazedonien, die Serben in Altserbien [Kosovo] in ihrem nationalen Bestreben, die Daten der ethnografischen Statistiken, die ihnen unvorteilhaft erschienen, zu korrigieren, schlicht und einfach die systematische Ausrottung der muslimischen Bevölkerung betreiben? […] Ist Ihnen nicht klar, dass es die stillschweigende Duldung durch die ›führenden‹ russischen Parteien und ihre Presse […]den [Bulgaren und Serben] erheblich erleichtert, ihr Kainswerk mit weiteren Massakern an den Völkern des Halbmonds im Interesse der ›Kultur‹ des Kreuzes fortzuführen?«22 Im gleichen Monat erschien der Beitrag »Die Ergebnisse der ›Balkan-Anfrage‹«. Darin erreichte Trotzkis Polemik eine Intensität, die selbst bei ihm selten war. Sich wieder persönlich an Miljukow wendend, schrieb er: »Da die ›führenden‹ russischen Zeitungen […] die Enthüllungen der demokratischen Presse entweder totschwiegen oder leugneten, geht eine Menge ermordeter albanischer Babys auf Ihr slawophiles Konto, Herr Abgeordneter. Lassen Sie Ihren Hauptportier nach ihnen in Ihren Redaktionsräumen suchen, Herr Miljukow!« Und weiter: »Für unsere moralische Selbstverteidigung war empörter Protest gegen zügelloses Verhalten von mit Maschinengewehren, Gewehren und Bajonetten bewaffneten Männern vonnöten. Ein Individuum, eine Gruppe, eine Partei oder eine Klasse, die dazu fähig ist, ›objektiv‹ in der Nase zu bohren, während sie zusieht, wie Männer bluttrunken und von oben aufgehetzt wehrlose Menschen massakrieren, ist von der Geschichte dazu verdammt, zu verrotten und bei lebendigem Leib von Würmern zerfressen zu werden.«23

Auch die Serbische Sozialdemokratische Partei (SSDP), deren Mitglieder 1919 größtenteils in die neu gegründete Kommunistische Partei Jugoslawiens (KPJ) integriert wurden, verurteilte die slawischen Gewalttaten gegen die Muslime auf dem Balkan und die albanische Bevölkerung (darunter auch viele Christen). Ihr Führer Dimitrije Tucović (1881–1914) war eine der ersten öffentlichen Figuren, die angesichts der Brutalität der serbischen Invasion im Kosovo Alarm schlugen.24 Er hatte sich freiwillig zum Dienst in der serbischen Armee gemeldet und war in ihren Reihen bis in den Kosovo marschiert, in dem Glauben, dass Sozialisten unter allen Umständen loyal bleiben sollten. Wie viele seiner Genossen war er schon als Mittelschüler für den Sozialismus gewonnen worden und glaubte tief und aufrichtig an den Internationalismus. Über seine erschreckenden Eindrücke von der Unterwerfung des Kosovo durch die Serben begann Tucović bald in der Belgrader sozialistischen Zeitung Radničke Novine (Arbeiterzeitung) zu schreiben. Seine Darstellungen stachen wegen ihrer Offenheit und der glaubwürdigen Solidarität des Autors mit den Albanern hervor. Er schrieb unter anderem, es sei erforderlich, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und »ungeachtet aller Vorurteile anzuerkennen, dass der Kampf, den das albanische Volk heute führt, ein natürlicher, unvermeidlicher historischer Kampf ist für ein politisches Leben, das anders ist als das, das sie unter den Türken hatten, und auch als das, das ihnen von ihren Nachbarn, Serbien, Griechenland und Montenegro, rücksichtslos übergestülpt wurde. Ein freies serbisches Volk muss diesen Kampf ebenso den Freiheiten der Albaner wie seinen eigenen zuliebe begrüßen und respektieren und muss jeder Regierung die Mittel verweigern, eine Politik der Aggression zu betreiben.«25

Tucović war eine außergewöhnliche Figur. Trotz seiner antimilitaristischen Einstellung war er ein fähiger Soldat und blieb Reserveoffizier der serbischen Armee. Er fiel in den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs. Tucović war nicht nur ein Feind des serbischen Imperialismus, sondern auch ein echter Freund des albanischen Volkes, der das Recht Albaniens auf Unabhängigkeit und den albanischen Charakter des Kosovo verteidigte. Er glaubte, dass die Bewohner Nordalbaniens eine regionale Gemeinschaft bildeten, in der zwei Nationalitäten – die serbisch-montenegrinische und die albanische – sowie drei Religionen – die katholische, die orthodoxe und die muslimische – miteinander verwoben seien. Seine Sichtweise unterschied sich deutlich von derjenigen serbischer Chauvinisten, die die Bewohner des Kosovo als »albanisierte Serben« betrachteten. In Wirklichkeit, wandte Tucović ein, sei es genau umgekehrt: Karađorđe, der Führer des Ersten Serbischen Aufstands von 1804 und Stammvater eines serbischen Königsgeschlechts, der Karađorđević, sei albanischer Abstammung gewesen.

Die 1903 gegründete und von Tucović geführte SSDP war nur eine winzige politische Formation und stand mit ihrer rigorosen Ablehnung eines »Großserbien« allein. Als weitere bedeutende Internationalisten gehörten ihr Kosta Novaković, der ebenfalls in der serbischen Armee diente, Dušan Popović, Dragiša Lapnčević und Triša Kaclerović an. Novaković, Lapčević und Kaclerović wurden ins serbische Parlament gewählt. Ihre Partei hatte schon vor der Revolution von 1917 und der Gründung der KI Verbindungen zu den russischen Bolschewiki und zu der unter dem Namen Tesnyaki oder »die Engen« bekannten bulgarischen linkssozialistischen Strömung unterhalten, außerdem zu Trotzki, der damals keiner Partei angehörte, und anderen unabhängigen russischen Marxisten. 1910 waren Tucović und Lapčević serbische Delegierte des Kongresses der Tesnyaki, eines bedeutenden regionalen politischen Ereignisses der damaligen Zeit.

Fast 20 Jahre später erinnerte sich Kosta Novaković: »Die Invasion Albaniens durch die serbische Armee war ein imperialistischer Versuch Serbiens, die Häfen von Shkodra, Durrës and Shen-Gjin zu erobern. […] Es sollte darauf hingewiesen werden, dass Hartwig, der Repräsentant der zaristischen imperialistischen Politik Russlands und russischer Gesandter in Belgrad, die Vernichtungspolitik Belgrads absegnete. Der orthodoxe russische Zar drängte seine orthodoxen serbischen Brüder, König Petar und dessen Sohn Aleksandar, ein ganzes Volk zu töten und den orthodoxen Glauben auf dem Balkan zu verbreiten. Mindestens 50 000 Albaner waren gezwungen, in die Türkei und nach Albanien zu fliehen, um ihr Leben zu retten.« Novaković veröffentlichte diese Vorwürfe in der Liria Kombëtare (Nationale Freiheit),26 einer in Genf gedruckten albanischsprachigen Zeitschrift, die – gefördert durch die KI – Ende der Zwanzigerjahre die kosovarischen Rebellen gegen die serbische Vorherrschaft unterstützte.

Der von der KI geleiteten Balkanföderation schlossen sich die führenden kosovarischen revolutionären Gruppen an. Die sozialrevolutionäre Innere Mazedonische Revolutionäre Organisation (IMRO / VMRO), die wie die serbische Sozialdemokratie viele Kader für die KI stellte, war ebenfalls ursprünglich eine internationalistische Gruppierung. Die VMRO entwarf ein zukünftiges Mazedonien, in dem slawische Muslime, Albaner und dort ansässige Türken die gleichen Rechte wie christliche Mazedonier, Bulgaren, Serben, Griechen, Sinti und Roma sowie sephardische Juden haben sollten. Um die Einheit zwischen den verschiedenen Völkern zu fördern, sollte die offizielle Sprache des unabhängigen Mazedonien Esperanto sein. Jahrzehnte später, während und nach der Zeit des Tito-Kommunismus, richtete sich die VMRO beinahe ausschließlich slawistisch aus. Doch 1920, zu Beginn ihrer Geschichte, bekam die KPJ bei den Wahlen im monarchistischen Jugoslawien, damals Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (KSHS), in Mazedonien viele Stimmen, und im gleichen Jahr erlebte die mazedonische Metropole Skopje einen Generalstreik bzw. eine »Kommune«.27 Während dieser Periode befand sich Mazedonien, ebenso wie der Kosovo, in einem von Aufständen begleiteten Umbruch, in dem ganze Gebiete von der Kontrolle Belgrads befreit wurden. Politaktivisten aus dem mehrheitlich muslimischen Bosnien-Herzegowina spielten in den Anfängen der KPJ eine wichtige Rolle, etwa Josip Cizinski alias Milan Gorkić (1904–1939), Angehöriger der tschechischen Minderheit in Bosnien (allerdings kein Muslim). Mustafa Dedić, als Muslim geborener ehemaliger KPJ-Führer in Herzegowina, wurde Mitglied eines 1929 gegründeten sechsköpfigen Exekutivkomitees jugoslawischer Trotzkisten in Russland.28

Der Kongress von Baku und seine Folgen

Während in weiten Teilen Osteuropas Aufstände entflammt waren, ließ die KI 1920 auf dem Kongress in Baku erkennen, dass ihr Interesse an einer Allianz mit türkischen und anderen geografisch nahen Vertretern der muslimischen Welt über Bekundungen antiimperialistischer Solidarität mit den osmanischen Muslimen hinausging, wie sie zuvor von Marx, den serbischen Sozialdemokraten und Trotzki geäußert worden waren. Für kurze Zeit erlangte eine Kommunistische Partei im politischen Leben der Türkei Bedeutung, wurde aber von Mustafa Kemal ausgebremst. Franz Borkenau beschrieb das damalige Schicksal der türkischen Kommunisten als »Katastrophe«: »Die Komintern musste sich zwischen Kemal und den türkischen Kommunisten entscheiden. Erstmals betrafen die Interessen der russischen Außenpolitik direkt die Existenz einer kommunistischen Partei. Die Russen entschieden sich dafür, Kemal den türkischen Kommunisten vorzuziehen […] an den späteren Kongressen und Treffen der Komintern nahmen keine türkischen Delegierten mehr teil. […] Die Entscheidung über die Türkei wurde getroffen, während Lenin formal und praktisch an der Spitze des sowjetischen Staates stand.«29 Die Sowjetunion hatte innerhalb der eigenen Staatsgrenzen begonnen, sich an muslimische Gemeinschaften anzunähern. In einigen Regionen, vor allem im Kaukasus, wo die Zarenherrschaft brutal gewesen und auf anhaltenden Widerstand gestoßen war, wurde der Kommunismus während der leninistischen Periode positiv aufgenommen und übernahm islamisches Vokabular (wie z. B. Schura oder »islamisches Beratungsgremium« für »Sowjet« oder »Rat«). Auch garantierte die Regierung den ehemals unterdrückten kaukasischen Sufi-Scheichs religiöse Privilegien.

Auf dem Kongress in Baku hatten 1275 der insgesamt 1891 Teilnehmer persönliche Fragebögen ausgefüllt. In Anbetracht der neuen sowjetischen Politik im Kaukasus überrascht es nicht, dass die Tschetschenen, die über lange Phasen des 19. Jahrhunderts aktiv für die Verteidigung des Islam gekämpft hatten, mit 82 Teilnehmern die sechstgrößte Delegation stellten (zuzüglich 13 Inguschen, einer verwandten Volksgruppe) – nach 235 Türken, 192 Persern, 157 Armeniern, 104 Russen und 100 Georgiern. Der dagestanische Revolutionär Dschalaladin Korkmasow erklärte vor dem Kongress: »[…] der heroische Kampf […] hat Dagestan in die Farbe seines eigenen Blutes getaucht, das für die glorreiche Rote Fahne vergossen wurde. […] was auf dem Spiel steht, ist die Weltrevolution. Was uns bevorsteht, ist ein großer Weltkrieg […] Noch vor dem Kongress [in Baku] […] bevor unsere Führer den Befehl erteilten, begannen wir den Ghazawat,30 einen heiligen Krieg.«31

In den Regionen Zentralasiens, wo der Zarismus als Militärmacht erfolgreicher gewesen war, doch lokale muslimische Regierungsformen weitgehend intakt gelassen hatte, wurde der Kommunismus eher als ein »ethnisch russisches« und antireligiöses Phänomen wahrgenommen.Muslimische Kämpfer widersetzten sich ihm dort mit moralischer Unterstützung aus der weiteren Umma. Muslimische Dissidenz konnte sich auf das Erbe des Dschadidismus, einer islamischen reformistischen Bestrebung innerhalb der Turk-Gemeinschaften des russischen Reichs, sowie auf die als Basmatschi-Bewegung bekannte Rebellion in Turkestan 1916 gegen den zaristischen Wehrdiensterlass berufen, der leider von westlichen Historikern vernachlässigt wird. Die turkestanischen Rebellen, die zuvor Gegner des Zarenreichs gewesen waren, hielten ihren Widerstand gegen die slawische Vorherrschaft auch nach der Etablierung der sowjetischen Herrschaft aufrecht. Die sowjetischen politischen Akteure sahen in den Basmatschi in Zentralasien und gleichermaßen den Musawat in Aserbaidschan panturkische Feinde des neuen Regimes.

Es ist erwähnenswert, dass die Fragebögen des Kongresses in Baku nur drei arabische Delegierte auflisteten, dagegen zwölf Jamschiden und elf Hasaras (beides muslimische ethnische Gruppen, die hauptsächlich in Afghanistan und im Iran leben) sowie acht Kurden. Das abschließende »Manifest« des Kongresses nannte Arabien, Syrien und Palästina als durch Delegierte vertretene Länder. Wie bei den Nachwirkungen von 1905 übten die politischen Entwicklungen in Russland außerhalb der Moskau angegliederten Gebiete einen größeren Einfluss auf die an das frühere Reich angrenzenden muslimischen Staaten aus als auf die weitere Umma. Bis in die späten Vierzigerjahre vertrat die Sowjetunion gegenüber Muslimen eine Politik, die der unter den westlichen Mächten üblichen Haltung entgegengesetzt war. Während jene den Islam als »die arabische Religion« und demzufolge hauptsächlich als einen Faktor im Umgang mit den kolonisierten arabischen Völkern begriffen, waren für die Sowjets anfangs die Beziehungen zu Türken und Iranern wichtiger als zu den Arabern.

Nichtsdestotrotz traten schon früh in der Geschichte der KI Ansätze einer Konfrontation zwischen der Sowjetmacht und der zionistischen Bewegung zutage, in deren weiterem Verlauf die Araber von russischer Seite stark umworben werden sollten. Das »Manifest« von Baku beinhaltete unter anderem folgende Passage: »Was hat Großbritannien für Palästina getan? Zunächst bediente es die Interessen anglo-jüdischer Kapitalisten, indem es die Araber von ihrem Land vertrieb, um es jüdischen Siedlern zu geben; um die Unzufriedenheit der Araber zu zu beschwichtigen, hetzte es diese dann gegen ebendiese jüdischen Siedler auf.«32 Nur drei Jahre später brachte 1923 der Ex-Anarchist und künftige Anhänger der Linken Opposition (LO) Victor Serge, der für die KI in Deutschland journalistisch tätig war, die gemeinsame Feindschaft der KPD und der aufkommenden national­sozialistischen Bewegung gegenüber dem jüdischen Kleinbürgertum zum Ausdruck. Damals erklärten sich Repräsentanten der KI wie Ruth Fischer und Karl Radek (im berüchtigten Schlageter-Fall) mit ultranationalistischen Extremisten solidarisch. Dieser kommunistische Flirt mit der faschistischen Hetze gegen die Juden wird oft als vo­rübergehende Verirrung interpretiert. Serges Beiträge zeigen jedoch, dass nicht nur Fischer und Radek mit der Haltung der KI konform gingen. Serge berichtete, dass in Breslau junge Faschisten die Plünderung jüdischer Geschäfte angezettelt hätten; der Mob habe »einigen niederträchtigen Ladenbesitzern eine Lektion erteilt«.33 Überdies lobte er Radek und den Kommunistenführer Hermann Remmele für ihre Wortgefechte mit Faschisten: »›Ihr kämpft gegen die jüdische Finanzwirtschaft‹, sagte Remmele zu den Faschisten. ›Gut, aber bekämpft auch die andere Finanzwirtschaft, die von Thyssen, Krupp, Stinnes …!‹ So bekam er diese Faschisten dazu, dass sie dem Klassenkampf applaudierten.« 34 Ähnliches findet sich auch in der Rhetorik Ruth Fischers.

Inzwischen waren die Verlockungen des Orients zu einem machtvollen Motiv der sowjetischen Literatur geworden. 1920 begleitete die legendäre Bolschewikin Larissa Reisner (1895–1926) ihren damaligen Liebhaber Fjodor F. Iljin alias Raskolnikow (1892–1939), bei einem diplomatischen Abenteuer in Afghanistan, als Lenins Regime versuchte, die antibritische Politik von Amanullah Khan (1892–1960), 1919–1929 afghanischer König, zu unterstützen. Reisner verfasste eine Prosadichtung über Zentralasien, die den Klassikern der Sufi ähnelt: »Zwischen der Erdscheibe und der Scheibe des Himmels treibt Rauch ins Nichts. […] Erstickte Stille für Hunderte von Meilen. […] Alles verschwimmt in der Steppe, wo Steine aus Mondlicht sind und Wolken in der Leere versteinern.« Sie beschrieb Taschkent als »glänzenden dunklen Smaragd« – ein Vergleich, den heute, angesichts des heruntergekommenen und demoralisierten Zustands der Hauptstadt des unabhängigen Usbekistan,35 kaum jemand angemessen finden würde – und vernahm »eine Stille, die die Vögel verstummen lässt und die Bäume aufhören lässt zu wachsen. […] Hoch oben im blassen Himmel ein Schneesturm aus kämpfenden weißen Adlern. Aber […] in der langen, hoffnungslosen Wand aus Lehm, die sich aus der Erde erhebt, benässt vom Atem müder, beladener Esel und Kamele – wer würde leugnen, dass es hier, in dieser erschöpfenden, gnadenlosen Wand ein grünes Fenster gibt, aus dem man einen Garten sehen kann, vor den Blicken versteckt wie ein Juwel in einem Ring.«36 Später schrieb sie brillant über die gescheiterte kommunistische Revolution in Deutschland 1923.37 Reisner wurde die Lebensgefährtin des unglückseligen Radek, der mit Iljin / Raskolnikow den Stalin’schen Säuberungen zum Opfer fiel, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie sich, hätte sie länger gelebt, in der LO engagiert hätte. Ein anderer sowjetischer Schriftsteller, der als Abweichler geltende Andrej Platonow (1899–1951), schrieb in seiner Erzählung »Dshan«, deren tragische Hauptfigur ein Turkmene ist, außergewöhnlich einfühlsam über die schwierige Situation der sowjetischen zentralasiatischen Völker.38 Die sowjetischen muslimischen Gemeinschaften brachten ihrerseits zahlreiche Werke in ihren jeweiligen Sprachen hervor, die das Regime verherrlichten, aber nur wenige davon waren von dauerhaftem Wert.

Die sowjetischen Behörden versuchten, die von ihnen verwalteten Bereiche Zentral­asiens zu einem »Schaufenster« der Modernisierung des muslimischen Ostens zu machen. Diese Politik erzielte einige kleine Erfolge, darunter die Errichtung eines Metrosystems in Taschkent um 1970. Von 1933 bis 1943 wurde die sowjetische Kontrolle de facto bis nach Ostturkestan ausgedehnt (von den Chinesen Xinjiang genannt), das eine muslimische Mehrheit besitzt. Dessen Einwohner sahen darin eine fortschrittliche Entwicklung. Aus ihrer heutigen Sicht haben sie sich unter sowjetischer Administration Europa zugewandt (und sich sogar als Teil davon begriffen), wurden aber durch die Reetablierung der chinesischen Herrschaft während des Zweiten Weltkriegs gezwungen, nach Beijing zu blicken und eine umfassende Kolonisierung durch die Han-Chinesen zu akzeptieren. Obgleich die Sowjetrussen, wie zuvor auch schon das Zarenregime, die muslimischen Sowjetrepu­bliken kolonisierten, versuchten sie dies nicht mit Ostturkestan. Einem Fachmann für die sowjetische Nationalitätenpolitik zufolge haben die prosowjetischen Turkestanen, insbesondere die turksprachigen muslimischen Uiguren, »selbst die Aufgaben übernommen, die üblicherweise russischen und ukrainischen Siedlern vorbehalten waren«.39

1924 / 25 fand die KI ihren ersten bedeutenden Verbündeten aus der arabischen Welt in Abd el-Krim (ca. 1882–1963), dem Anführer des Berber-Widerstands im marokkanischen Rif-Gebirge gegen den spanischen und französischen Imperialismus. 1927 war die Sowjetunion die erste Regierung der Welt, die den totalitären Wahhabiten Abd al-Aziz Ibn Sa’ud als Herrscher über den Hedschas anerkannte.40 Die Unterstützung der Araber durch die KI während der antijüdischen Unruhen in Palästina 1929 ist Gegenstand zahlreicher geschichtswissenschaftlicher Abhandlungen. Die Berichte der KI darüber waren allerdings widersprüchlich. So lobte die kommunistische Berliner Zeitung Die Rote Fahne die Araber und brandmarkte die jüdischen Verteidiger als Faschisten, während die Wochenzeitschrift der KI Internationale Pressekorrespondenz detailliert über die Leiden der jüdischen Opfer schrieb.41

Letzteres verwundert insofern nicht, als jüdische Siedler die überwältigende Mehrheit der Kommunisten im Mandatsgebiet Palästina bildeten. Mit der Hinwendung der KI zur Volksfront-Strategie, die sich durch den russisch-französischen Pakt nach 1935 ankündigte, wurde die Haltung der Sowjetunion noch undurchsichtiger und widersprüchlicher. Als 1936 in Frankreich der Front Populaire, in dem auch der Parti Communiste Français (PCF) vertreten war, an die Macht gewählt wurde, hatte dies zur Folge, dass sich der PCF gegen den arabischen Nationalismus in den französischen Besitzungen in Nordafrika stellte. Die erste bedeutende moderne revolutionäre Gruppierung in Algerien, l’Étoile Nord-Africaine (Der Nordafrikanische Stern, im Folgenden l’Étoile), wurde von Ahmed Ben Messali Hadsch (1898–1974) angeführt, der in den Zwanzigerjahren mit der KI und der PCF zusammengearbeitet hatte.42 Als der PCF 1937 nicht gegen die Unterdrückung der algerischen Organisation protestierte, verbündeten sich Messali Hadsch und seine Bewegung mit den französischen Trotzkisten; die trotzkistische Vierte Internationale war stolz darauf, den Kurs der KI bei der Mobilisierung der kolonialen Massen weiterzuführen.43

Araber im Spanischen Bürgerkrieg

Zu der Zeit, als die PCF sich gegen die kolonialen Proteste wandte, nahm die europäische und amerikanische Linke allgemein, unabhängig von der Arbeit der KI, eine antimuslimische Haltung an. Grund war das Engagement marokkanischer Truppen in der spanischen konterrevolutionären Bewegung unter General Franco in den Jahren 1934–1939. Franco, der in den Zwanzigerjahren Kommandeur in der spanischen Fremdenlegion gewesen war, führte 1934 marokkanische Soldaten nach Asturien, um die dort kurzzeitig etablierte proletarische Kommune zu unterdrücken. Das Eindringen der Kolonialtruppen schockierte die spanische Linke zutiefst, da Asturien die einzige spanische Region war, die noch nie von Arabern erobert worden war. Obwohl die spanische Rechte behauptete, die christliche Religion und die durch sie geprägte Kultur des Landes zu verteidigen, zögerte sie nicht, Marokkaner in Asturien einmarschieren zu lassen, um einen revolutionären Aufstand niederzuschlagen.

Die despektierliche Bezeichnung »Moros« oder »Mohren« zur Bezeichnung der Marokkaner, die den spanischen Nationalisten zu Diensten waren, wurde ein Gemeinplatz des Diskurses der westlichen Linken (und ist dies noch heute), aber auch des Narrativs der Francisten über den spanischen Konflikt, der sich 1936 zum offenen Krieg entwickelte. Marokkanische islamische Geistliche (Ulema) erklärten den Kampf in Spanien zum Dschihad gegen den atheistischen Kommunismus, der Märtyrern den Einlass ins Paradies garantiere. Auch afrikanische Freiwillige aus dem damals spanischen Guinea (heute Äquatorialguinea) sowie aus Senegal und Mali, damals Teile von Französisch-Westafrika, dienten in Francos Truppen.

Mindestens 1000 Araber, Berber, Afrikaner und nichtsowjetische Asiaten, die wahrscheinlich Muslime waren, wenn auch nur der Geburt nach, kämpften jedoch im Spanien­krieg auch in den sowjetisch kontrollierten Internationalen Brigaden (IB) sowie in den Partei- und Gewerkschaftsmilizen auf Seiten der Republikaner.44 Trotz ihres problematischen Verhaltens in Bezug auf die algerische Dekolonisierung eröffnete die PCF Rekrutierungsbüros für Spanien in Oran und den französisch kontrollierten Städten Casa­blanca und Agadir sowie in Tanger, das damals unter internationaler Verwaltung stand. Sie erwog sogar die Bildung einer »Arabischen Legion«, die in Spanien kämpfen sollte. Zwar traten einige algerische Araber, gemeinsam mit frankoalgerischen Kommunisten, den IB bei, doch der Versuch, eine nennenswerte Einheit zu formen, schlug fehl. Grund war die größere Anziehungskraft von l’Étoile. Einige von dessen Mitgliedern hatten vergeblich versucht, nach Spanien zu gelangen, um in die Republikanische Armee einzutreten. L’Étoile entschied daraufhin, sich auf die Propaganda gegen die Francisten mittels seiner Zeitschrift Al-Umma zu konzentrieren, wobei sie insbesondere auf die Berber des Rif abzielte. 1935 nahm l’Étoile an einer europäischen Islamkonferenz in Genf teil, ebenso Shakib Arslan (1869–1946),45 Emir der syrischen Drusen, islamischer Modernist, freier Mitarbeiter französischsprachiger kommunistischer Zeitschriften und Großvater des heutigen libanesischen Drusenführers Walid Dschumblat (geb. 1949). Arslan schrieb: »Das Feuer des Bürgerkriegs in Spanien wurde zwischen den zwei großen Parteien entfacht: den Konservativen und ihren Verbündeten – Priestern, Bischöfen, dem größten Teil der Armeeoffiziere [sic],46 Monarchisten und gemäßigten Republikanern [sic];47 und [auf der Gegenseite] den Arbeitern, Kommunisten, den Armen, den Land fordernden Bauern, den extremistischen Republikanern, jenen, die gegen die Vergangenheit rebellierten.«48 Obwohl er sich nur unzureichend in der zeitgenössischen spanischen Politik auskannte, scheint Arslans islamischer Modernismus problemlos mit dem Radikalismus der nichtmuslimischen spanischen Massen verschmolzen zu sein. Arslan stand später dem von den Briten – unter Missachtung der Rechte der lokalen Ulema – als »Mufti« (oberster islamischer Rechtsgelehrter) von Jerusalem eingesetzten berüchtigten Hadsch Amin Al-Husseini nahe, der zum Agenten Hitlerdeutschlands wurde.

Ägyptische Araber wurden in das britische Bataillon der IB aufgenommen. Einige Hundert palästinensische Araber und Armenier (Letztere und eventuell auch einige der Ersteren waren christlicher Herkunft) schlossen sich der palästinensisch-jüdischen Mehrheit in der Naftali-Botwin-Kompanie der IB an. Palästinensische Araber dienten auch in anderen Teilen der IB, außerdem einige wenige aus anderen Staaten, etwa der irakischstämmige Amerikaner N. Anwar. Er war ein führender Funktionär der syrischen und libanesischen KP gewesen, kämpfte in den IB und trat in die spanische KP ein. Später kehrte er in die USA zurück, wo er als Ingenieur Karriere machte.49 In Francos Armee sowie in Spanisch-Marokko fanden kommunistische und anarchistische Propagandisten bei Marokkanern Anklang, indem sie die islamische Umma als antiimperialistische Kraft darstellten, wie es auch die Unterstützer der KI in Baku 1920 verlautbart hatten. Der palästinensische Kommunist Nayati Sidki (1905–?), der sich zu Beginn des Spanischen Bürgerkriegs in Moskau aufhielt, wurde von der KI nach Spanien geschickt, um Propaganda zu betreiben, die sich an die Marokkaner richtete. Er predigte mit einigem Erfolg, so ein Bericht des sowjetischen Journalisten Michail Kolzow, dass diejenigen, die Franco dienten, Feinde des Islam seien. Dennoch wurde er von den spanischen Kommunistenführern schlecht behandelt, die offenbar in allen Muslimen Brüder von Francos marokkanischen Kohorten sahen. Nachdem ihm klar geworden war, dass nur die spanischen Anarchisten – die, mehr noch als die KI, in der Umma einen universellen Raum der Rebellion gegen Unterdrückung sahen –, der antistalinistische Partit Obrer d’Unificació Marxista (POUM), in deren Milizen Orwell diente, und die katalanische nationalistische Linke die Befreiung Spanisch-Marokkos von der imperialistischen Herrschaft unterstützten, verließ Sidki Spanien wieder. 1938 veröffentlichte er in Damaskus einen Band über den Spanienkrieg in arabischer Sprache, wurde aber von ihrem stalinistischen Führer Khaled Bagdasch (1912–1995) aus der syrischen kommunistischen Bewegung ausgeschlossen. Dieser verstärkte die Demütigung noch, indem er Sidkis Buch über Spanien als sein eigenes Werk ausgab. Sidki war der erste arabische Autor, der sich substanziell zur Ermordung des andalusischen Dichters Federico García Lorca während des Krieges äußerte, dessen Werk starke islamische Einflüsse aufweist. Zwischen 1958 und 1975 verfasste Sidki Memoiren auf Arabisch.

Etwa 50 bis 100 albanische Mitglieder der IB, die die einzige Nation mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit in Europa repräsentierten, verweigerten den Einsatz in deren süd-slawischen Militäreinheiten, die von serbischen Offizieren befehligt wurden; daraufhin integrierte man die Albaner in das italienische Garibaldi-Bataillon. Unglücklicherweise waren sie so 1937 an der Niederschlagung des als »Maitage« bekannten antistalinistischen Aufstands in Barcelona beteiligt,50 über den George Orwell berichtete. Indem sie sich benutzen ließen, richteten die Albaner möglicherweise ihre Waffen nicht nur auf Orwell, sondern auch auf den algerischen Anarchisten Michenet Es’said Ben Amar. Bosnische, mazedonische und andere jugoslawische Muslime, inklusive einer Handvoll Kosovo-Albaner widersetzten sich dagegen nicht dem Einsatz in den südslawischen Truppen der IB. Auch einige türkische Staatsbürger, die entweder Muslime, sephardische Juden oder griechische bzw. armenische Christen waren, schlossen sich den IB an.51

Sowjetkommunismus und muslimische Befreiungsbewegungen

Wie manche andere ethnisch motivierte Freiheitsbewegungen des 20. Jahrhunderts besaß auch der arabische Nationalismus zwei Flügel: Der eine neigte dem sozialistischen Anti­imperialismus, der andere dem konkurrierenden Imperialismus der Deutschen und anderer »revisionistischer«52 Kräfte zu. Für antikolonialistische Bewegungen in Lateinamerika, im Mittleren und Fernen Osten schienen die deutschen und japanischen Ambitionen oftmals weniger den Faschismus und Imperialismus zu repräsentieren als vielmehr ein ernst zu nehmendes Gegengewicht zu Großbritannien, Frankreich und den Niederlanden. Wenn sie sich auf Kontakte zu diesen Bewegungen einließ, intervenierte die KI anfänglich selten zugunsten einer Dominanz der linken Fraktionen. Moskau bevorzugte vielmehr die Etablierung kommunistischer Parteien, die entweder Mitglieder aus den nationalistischen Milieus abziehen oder mit diesen zusammenarbeiten würden, im Glauben, dass im Laufe der historischen Entwicklung die Anziehungskraft des Kommunismus die des vergleichsweise beschränkten Nationalismus ersetzen würde.

Die KI versuchte folglich nicht aktiv, die irischen, mazedonischen, katalanischen, korea­nischen, chinesischen oder indochinesischen nationalen Bewegungen aufzuspalten (außer, in den letzten beiden Fällen, wegen deren Widerstand gegen die Trotzkisten). Während auf der einen Seite des Globus in den Dreißigerjahren die chinesischen Kommunisten eine Allianz mit der Guomindang anstrebten, kooperierte auf der anderen Seite die KPJ mit der rechtsnationalistischen kroatischen Ustaša. Die zionistischen, ukrainischen und anderen nationalen Bewegungen mit Anhängerschaft innerhalb der Sowjetunion waren dagegen Ziele extremer ideologischer Anfeindungen seitens des sowjetischen Regimes. Ein ähnliches Muster ist bezüglich der muslimischen Umma zu erkennen: Die zentral­asiatischen und, unter Stalin, die kaukasischen muslimischen Widerstandsströmungen wurden unterdrückt, während sich die KI und die sowjetische Führung gegenüber den verschiedenen Formen des arabischen Nationalismus wohlwollend verhielten – vielleicht auch aufgrund der sowjetischen antijüdischen Ideologie, die als verschärfter Antizionismus deklariert wurde. Die Sowjetunion unterstützte etwa das mit den Nazis sympathisierende Regime von Raschid al-Gailani, das im Irak Anfang 1941 – während des Hitler-Stalin-Pakts – durch einen Militärputsch errichtet worden war.

Mit der Invasion der Deutschen in Russland und dem sowjetischen Bündnis mit Großbritannien und später den USA beschleunigten die Sowjets jedoch ihr Programm der Etablierung und Expansion kommunistischer Parteien in der arabischen Welt, mit dem unmittelbaren Ziel, dem Einfluss der Achsenmächte entgegenzuwirken. In einigen der neu gegründeten arabischen kommunistischen Parteien waren allerdings mehr sephardische oder italienische Juden (im östlichen Mittelmeerraum) vertreten als Muslime. In Ägypten, wo in den Zwanzigerjahren für kurze Zeit eine kommunistische Partei aktiv war, unterstützte die KI in den Dreißigern einige weitere Anstrengungen, eine KP zu organisieren. Es gelang jedoch erst während bzw. nach dem Zweiten Weltkrieg. In Ägypten entstand zudem eine nicht ganz unbedeutende trotzkistische Bewegung.

Die 1939 gegründete ägyptische trotzkistische und surrealistische Gruppierung Art et Liberté (Kunst und Freiheit) rief die erste arabischsprachige sozialistische Zeitung in Ägypten, At-Tatawwur (Evolution), ins Leben. Die führende Persönlichkeit innerhalb dieser Gruppe war der Kopte Georges Henein (1914–1973), der ein Antistalinist blieb.53 Zum radikalen Milieu Heneins in Kairo zählte auch der rätselhafte Henri Curiel (1914–1978), ein sephardischer Jude, der ein bekannter ägyptischer Kommunist wurde. Er war ein naher Verwandter und der Anwerber des sowjetischen Spions George Blake (geb. 1922), der aus einem Gefängnis in Großbritannien flüchtete und angeblich noch in Russland lebt. Curiel diente schließlich als Einsatzleiter bei sowjetischen Geheimoperationen in Europa. Er verfügte über besondere Verbindungen zu den arabischen Staaten und Afrika, insbesondere unterstützte er aktiv die Algerische Nationale Befreiungsfront (FLN) und den Afrikanischen Nationalkongress (ANC) in Zeiten ihrer Illegalität. Nachdem seine Deckung 1976 in der konservativen französischen Wochenzeitschrift Le Point »aufgeflogen« war, wurde Curiel in Paris, wo er damals lebte, ermordet. Der Fall ist nie aufgeklärt worden.54

Henein erkannte bemerkenswerterweise – vielleicht wegen seiner christlich-orthodoxen Herkunft –, dass die 1945 von der Sowjetunion geförderte Wiederbelebung des Pan­slawismus einen expansionistischen Nationalismus reetabliert hatte, der von der Orthodoxie unterstützt wurde und stark an den Zarismus erinnerte. Man könnte eine direkte Verbindung zwischen dieser Entwicklung im Jahre 1945 und der sowjetischen Invasion in Afghanistan 1978 herstellen, auf die Gewalttaten gegen die Muslime des Balkans und des Kaukasus folgten. Diese letzte Phase begann mit der Ausweisung der bulgarischen Türken und der erzwungenen Slawisierung der bulgarischen Muslime in den Achtziger­jahren und setzte sich mit der Aufwieglung der Armenier gegen Aserbaidschan während des Zusammenbruchs der Sowjetunion, den Schrecken, die die Tschetschenen jüngst erleiden mussten, sowie den Kriegen und der Aggression gegen die bosnischen Muslime und die muslimische Mehrheit im Kosovo fort. Zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieses Artikels wird die russische Abneigung gegenüber den Muslimen auf dem Balkan in der Haltung des Regimes von Wladimir Putin deutlich, das Serbien gegen die bosnischen Muslime und die Unabhängigkeit des Kosovo unterstützt.

Die sowjetischen Aktivitäten innerhalb der islamischen Umma während des Zweiten Weltkriegs und danach waren von Widersprüchen gezeichnet, die eher typisch für eine imperialistische als für eine sozialrevolutionäre Strategie sind. Zu diesen Unstimmigkeiten gehörte die weitere Verstärkung des offensichtlichen Unterschieds zwischen dem aggressiven Imperialismus in den grenznahen Nationen wie dem Iran, Afghanistan und den muslimischen Regionen im Kaukasus und auf dem Balkan einerseits und den freundlicheren Bündnissen mit radikalen arabischen Staaten und Bewegungen andererseits. Aus islamischer Sicht waren die russischen Grenzgebiete, die am meisten unter sowjetischer Einmischung zu leiden hatten, Länder, in denen der Islam schon seit Langem die christliche Vorherrschaft überwunden hatte und die man als Erbgegner oder -feinde des slawischen orthodoxen Expansionismus betrachtete. Dagegen schlossen die ägyptischen, syrischen, libanesischen und palästinensischen arabischen Gesellschaften große und oftmals wohlhabende orthodoxe christliche Minderheiten ein, was ihnen einen gewissen Status als Verbündete für russische Ambitionen gab. Abgesehen von der stärkeren Anziehungskraft des fundamentalistischen Islams unter arabischen Muslimen, könnte dies eine von mehreren Erklärungen für den relativen Erfolg des Kommunismus in den nichtarabischen Teilen der Umma und sein allgemeines Scheitern unter den Arabern sein.

Auf die Dekolonisierung Syriens und des Libanon, beides ehemalige französische Mandatsgebiete, folgte 1948 die Unabhängigkeitserklärung Israels und kurz darauf der Staatsstreich der Freien Offiziere – Gamal Abd El-Nasser und seine Mitstreiter – in Ägypten. Die sowjetische Regierung und die kommunistischen Parteien unterstützten zeitweise Israel als Gegner der britischen Einflussnahme im Mittleren Osten, doch die Sowjets entschieden bald, dass Hilfe für die Araber eine vielversprechendere Option sei. Außerdem sah man in der zionistischen Haltung der sowjetischen Juden eine ernst zu nehmende Bedrohung für Stalins Regime. Nach dem Zweiten Weltkrieg veranstaltete man unverhohlen antijüdische Schauprozesse in Budapest (unter anderem gegen László Rajk)55 und Prag (unter anderem gegen Rudolf Slánský). Eine giftige Judäophobie unter dem Deckmantel des Antizionismus kennzeichnete die sowjetische kommunistische Politik bis zum Ende des »real existierenden Sozialismus«. Postkommunistische Parteien wie die von Gennadi Sjuganow geleitete KP der Russischen Föderation setzen diese antijüdische Rhetorik weiterhin fort.

Die arabischen Mitglieder mehrerer kommunistischer Gruppen in Israel besetzten eine nicht unbedeutende Nische als politische Repräsentanten des »arabischen Sektors« in israelischen Institutionen. Doch auch im jüdischen Leben Israels blieb der Kommunismus lange eine einflussreiche Kraft. Kommunistische Parteien, deren Mitglieder und Führungsebene sich aus gebürtigen Muslimen rekrutierten, keimten während des Zweiten Weltkriegs außerhalb der arabischen Welt auf, aber auch im Iran (die Tudeh – die »Partei der Massen« – wurde 1941 gegründet, als das Land zwischen der Sowjetunion und Großbritannien aufgeteilt war) und im Irak (die Irakische Kommunistische Partei war bereits 1934 ins Leben gerufen wurden). Die Tudeh war ein entscheidender Faktor in dem gesellschaftlichen Aufruhr, der im Iran dem Sturz von Mohammad Musadeq 1953 vorausging. Sie wurde durch die Regierung der Islamischen Republik, die im Zuge der 1979er-Revolution gebildet wurde, verboten und tritt heute nur noch als extrem schwache, hauptsächlich außerhalb des Landes agierende Partei in Erscheinung. Aufgrund der Nachbarschaft des Iran zur Sowjetunion, der Implantierung diverser prosowjetischer Kleinstaaten auf iranischem Territorium (eingeschlossen das iranische Aserbaidschan) sowie der Rolle der säkularen und islamischen Linken in der Khomeini-Revolution ist die Geschichte des iranischen Kommunismus außerordentlich komplex. Zu Beginn der Islamischen Revolution im Iran nahm man im Westen die Sowjets als Sympathisanten dieser Entwicklung wahr. Während die Linke dabei zunächst der Tudeh die Führung der Volksbewegung zuschrieb, fürchteten rechte Kräfte eher, dass die Revolution zur sowjetischen Kontrolle der iranischen oder sogar der gesamten arabischen Energieressourcen führen würde. Beides stellte sich als falsch heraus. Die irakische KP war 1958–1963 eine Hauptunterstützerin des Regimes von Abd al-Qerim Qasim. Von den Baath-Regierungen, die auf Qasim folgten, wurde sie grausam unterdrückt. Erst der von den USA initiierte Sturz Saddam Husseins 2003 hat zu ihrer Wiedergeburt im großen Maßstab geführt – ein weiteres Paradox des Mittleren Ostens.

Andernorts in der muslimischen Umma wurde die Kommunistische Partei Indonesiens (PKI), die zusammen mit Sneevliets ISDV entstanden war, zwischen dem Erringen der indonesischen Unabhängigkeit 1949 und der blutigen Auflösung der Partei 1965, bei der Hunderttausende ihrer Anhänger ermordet wurden, zur weltgrößten nicht an der Macht stehenden KP. Tan Malaka, ihre bedeutendste Figur, wurde 1949 ermordet. Die PKI ist bis heute verboten, ihre aktuelle bzw. potenzielle Macht kann deshalb nicht genau eingeschätzt werden. Gegenwärtig ist sie hauptsächlich im Ausland aktiv.

Im Sudan wurde 1946 eine kommunistische Partei gegründet. Sie spielte eine wichtige Rolle in der Militärregierung des Landes unter Jaafar Al-Nimeiri, bis sie diesen 1971 stürzte. Als Al-Nimeiri als Herrscher wiedereingesetzt wurde, wurde die KP unterdrückt. Ihre gegenwärtige Unterstützung durch die Massen ist in Anbetracht der komplizierten Lage, in der sich das Land seit dem gescheiterten Scharia-System von Hassan al-Turabi befindet, sowie der beträchtlichen regionalen Konflikte schwer einzuschätzen.

In den Fünfzigerjahren repräsentierten die drei Hauptfiguren des »blockfreien Blocks« antikolonialistischer Staaten zwei Länder mit deutlicher muslimischer Mehrheit und eines mit einer beträchtlichen muslimischen Minderheit: Sukarno aus Indonesien, Nasser aus Ägypten und Tito aus Jugoslawien. Trotzdem lag die politische Entwicklung in den arabischen Kernstaaten in der Hand von Eliten im Stil Nassers, die nicht in der Lage waren, signifikanten gesellschaftlichen Fortschritt zu erreichen. In Syrien und im Libanon führten kommunistische Parteien ihre Aktivitäten – mit schwankendem Einfluss – fort und tun dies bis heute. Aus Furcht vor dem Einfluss Nassers, insbesondere nachdem sich die ägyptische Hilfe bei der Befreiung Algeriens als entscheidend erwiesen hatte, gründete Saudi-Arabien jedoch 1962 die Liga der islamischen Welt (L. i. W.) als Bollwerk gegen nasseristische Expansionspläne. Die L. i. W. vereinigte den saudischen Wahhabismus, die Ikhwan ul-Muslimun (Muslimische Bruderschaft) und die pakistanischen Dschihadisten. Sie sollte viel später eine wichtige Rolle bei der Organisation und Finanzierung der antirussischen afghanischen Mudschaheddin sowie deren Nachfolger von Al Kaida spielen.

Das indonesische Blutbad von 1965 beendete vorübergehend die Phase der Euphorie im islamischen Flügel der antikolonialistischen Bewegung. Ins selbe Jahr fielen auch der Sturz der gewählten revolutionären algerischen Regierung unter Ahmed Ben Bella und das Kidnapping und Verschwinden von Mehdi Ben Barka, einem von den Sowjets unterstützten populären marokkanischen Linken, in Frankreich.

Sowjetische Manipulation postkolonialer Regime

Auf das Nachlassen des muslimischen revolutionären Enthusiasmus folgte schnell eine neue Phase der Manipulation durch die Sowjetunion. Diese basierte auf der Ausweitung zweier altbewährter Taktiken: der Unterstützung Nassers sowie der Hetze gegen Israel. Während der Amtszeit von Chruschtschow und dem Beginn der Regierung Breschnews wurden das sowjetische Lager und die mit der Sowjetunion befreundeten bzw. finanziell von ihr unterstützten Staaten in drei Gruppen unterteilt: »Volksdemokratien« (z. B. Bulgarien), die von kommunistischen Kadern regiert wurden; »Nationaldemokratien auf dem Weg zum Sozialismus«, an deren Spitze »nationale bourgeoise Kräfte« standen (z. B. Ägypten, wo sowjetische ökonomische und militärische Beratung und Unterstützung bis zu Nassers Tod von großer Bedeutung waren); und Länder, die »für ihre nationale Befreiung vom Imperialismus kämpften« (darunter Algerien, Guinea und Mali, die hauptsächlich muslimisch sind); eine »nationale Bourgeoisie« musste sich dort erst noch herausbilden. Dieser Logik folgend, galten nur zwei Kriterien für all diese Länder: die erklärte Zustimmung zur sowjetischen internationalen Strategie sowie die Errichtung von Einparteienstaaten.

Der frühere Südjemen war das einzige arabische Land, das sich – zwischen 1970 und 1990 – zu einem voll ausgebildeten sowjetischen Satellitenstaat entwickelte, bis zu seiner Integration in die Jemenitische Arabische Republik. Moskau erkannte die Jemenitische Sozialistische Partei als marxistisch-leninistische Kaderorganisation an, südjemenitische Truppen wurden zur militärischen Ausbildung nach Kuba geschickt. Später nutzten einige diese Erfahrung, indem sie sich irgendwo dem dschihadistischen Kampf anschlossen. Davon berichtet etwa eine plakative Erzählung, die der gebürtige Palästinenser Abdullah Azzam (1941–1989), Mentor von Osama bin Laden, in seiner Propaganda einsetzte: »Al-Battaar war in der jemenitischen kommunistischen Armee, und sie schickten ihn nach Kuba […] zur Panzerausbildung. Er lernte sämtliche Details über Panzer, bis er fast alles über sie wusste. Als er nach Jemen zurückkehrte, wurde er ein guter praktizierender Moslem, und anstelle seiner Rückkehr in die kommunistische Armee ging er nach Afghanistan und kämpfte einige Zeit dort. Danach kehrte er nach Jemen zurück.

Als er vom Dschihad in Bosnien hörte, reiste er dorthin. […] In Bosnien begann er alle Brüder über Panzer zu schulen. […] Sein ultimativer Traum bestand darin, sich eines Panzers als Kriegsbeute (ghaneema) zu bemächtigen und ihn gegen den Feind einzusetzen. Er wollte der Erste sein, der einen Panzer für die Mudschaheddin eroberte. Die Brüder erbeuteten […] einen Panzer und riefen ihn über Funk. Er wurde an der Hand verletzt, als die Operation begann, aber trotz seiner bandagierten Hand […] ging er weder fort noch ruhte er sich aus, stattdessen kehrte mit seiner Verletzung an die Front zurück. Während er half, einen verletzten Bruder aus einem feindlichen Bunker zu bergen, nahm ihn Allah als schahid [Märtyrer für den Islam] zu sich, als ein Mörsergeschoss neben ihm explodierte.«56

Während oft behauptet wird, erst die westliche Unterstützung der Afghanen im Kampf gegen die russische Intervention nach 1979 habe den »Gegenwind« in Form des Entstehens von Al Kaida ermöglicht, illustriert diese Episode, dass das sowjetische Eindringen in die muslimische Welt bereits direkte Auswirkungen gehabt hatte. Vor dem Auftauchen der afghanischen Mudschaheddin nahm der Westen fälschlicherweise an, die Sowjets würden den Iran dazu benutzen, die Kontrolle über die Golfregion zu erlangen. Nichtsdestoweniger trug plötzliche Furcht Moskaus angesichts des radikal-islamistischen Siegs in Teheran zu einer Serie von Entscheidungen zur Förderung eines sowjetisierten Afghanistans bei, die schließlich in den Zerfall der Sowjetunion mündeten.

Nach dem israelisch-arabischen Krieg von 1967 verstärkte die Sowjetunion ihr anti­israelisches Profil und wurde eine Hauptstütze der »ablehnenden« arabischen Staaten und bewaffneten Bewegungen wie der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), der Volksfront für die Befreiung Palästinas etc. Die sowjetische Regierung hatte die PLO schon bei deren Gründung im Jahre 1964 unterstützt. Die ersten palästinensischen radikalen Gruppen waren alle säkular oder marxistisch, viele von ihnen wurden von Christen und nicht von Muslimen geführt (z. B. George Habash [1926–2008, er verstarb, während dieser Text geschrieben wurde], Wadi Haddad [1927–78] und Najef Hawatmeh [geb. Ende der 1930er-Jahre], alle mit christlich-orthodoxem Familienhintergrund). Die Hamas, die islamische Widerstandsbewegung, die aus dem palästinensischen Zweig der Muslimischen Bruderschaft entstand, trat erst in den Achtzigerjahren als Rivalin der PLO und später der parastaatlichen Palästinensischen Autonomiebehörde in Erscheinung.

Die weltweite Radikalisierung in den Sechzigerjahren führte zu einer Wiederbelebung der türkischen Linken sowie verschiedener radikaler kurdischer Gruppierungen, doch in keinem dieser Fälle übernahmen von den Sowjets kontrollierte Kommunisten eine führende Rolle, obwohl die Türkei in eine Phase der Gewalt zwischen linken und sozialistischen Strömungen einerseits und der religiösen und nationalistischen Rechten andererseits geriet.57 Der türkische sozialistische Säkularismus übt im politischen Leben des Landes nach wie vor beträchtlichen Einfluss aus, nicht zuletzt unter den Aleviten, die sowohl in der Türkei als auch in der türkischen Diaspora deutliche Sympathien für die radikale Linke zeigen.58 Die griechischen Regierungen beteiligten sich nach 1974 an dem »orthodoxen Bündnis« mit den Sowjets, indem sie sich gegen den Einfluss der USA im östlichen Mittel­meerraum zur Wehr setzten, aber sie unterstützten gleichfalls sowohl die Palästinenser als auch kurdische Radikale. Jugoslawien organisierte Guerilla-Training für Palästinenser, das kommunistische Regime in Rumänien tat das Gleiche für die Kurdische Arbeiterpartei (PKK).

Die Geschichte über Al-Battaar Al-Yemeni deutet den wichtigsten Aspekt der Verbindung von Kommunismus und Islam im 20. Jahrhundert an: den völligen Zusammenbruch sowjetischer Politik und sogar des sowjetischen Gesellschaftssystems, der auf das von Leonid Breschnew initiierte Abenteuer in Kabul folgte. Dieses vorletzte Kapitel in der Geschichte der Sowjetunion begann zu einem Zeitpunkt, als der Kommunismus fest und dauerhaft in der globalen politischen Landschaft etabliert schien. Die Russen schienen sogar das weltweite Gleichgewicht der Mächte zu ihren Gunsten verschoben zu haben, als ihre Anhänger in Vietnam die USA und ihre Verbündeten zum Rückzug aus Südostasien brachten. Zugleich verstärkte sich jedoch die innere Krise des Sowjetsystems während der Siebzigerjahre, was im Westen größtenteils nicht erkannt wurde. Die russischen Kommunisten sahen sich bald gezwungen, einen inneren Feind zu finden, den man dazu benutzen könnte, die eigenen Leute zu einen, sowie eine äußere Zielscheibe, gegen die sie ihre slawischen Untergebenen mobilisieren könnten. Der »neue« Feind war im Innern und Äußern derselbe: der Islam.

Doch kaum hatte der Kommunismus in Indochina scheinbar einen eindrucksvollen Sieg über den Westen errungen, lief sein Schiff in den Untiefen der Geschichte auf Grund. Das Jahr 1978 vereint drei entscheidende Weichenstellungen für die Zukunft: Im April übernahm Nur Muhammad Taraki (1913–1979), Literat und Führer der Demokratischen Volkspartei Afghanistans (DVPA), die Macht in Kabul; im September begann der finale Todeskampf des monarchistischen Regimes im Iran mit der blutigen Niederschlagung von Studentenprotesten, und im Oktober wurde in Rom ein Pole, Karol Wojtyla, zum Papst gewählt. Alle drei Länder, die diese dramatischen Geschehnisse betrafen, grenzten an die Sowjetunion, und jedes von ihnen hatte eine besondere Rolle in der internationalen kommunistischen Politik gespielt.

Afghanistan, das lange Zeit als eine Zone angesehen worden war, in der sowjetische und westliche Mächte um Einfluss kämpften, war das erste Land, das nach der unmittelbaren Nachkriegsperiode einen offenen kommunistischen Staatsstreich erlebte. Anders als Kuba und Südjemen sowie die späteren sowjetischen und kubanischen Satellitenstaaten in Äthio­pien, Guinea-Bissau, Angola, Mosambik, Grenada und Nicaragua versuchte Afghanistan unter der DVPA, der üblichen Ausweitung der sowjetischen Einflusssphäre vorzugreifen: Taraki bemühte sich, aus der von der Sowjetunion definierten Position »für die nationale Befreiung vom Imperialismus kämpfend«, die für Länder wie Afghanistan üblich war, hin zu einer voll entwickelten »Volksdemokratie« zu kommen. Diese radikale Haltung untergrub Moskaus Vertrauen in die Herrschaft Tarakis und des mit ihm eng verbundenen Hafizullah Amin (1929–1979). Amin schrieb dazu: »Wenn wir gewartet hätten, um das Klassenmuster einer Revolution der Arbeiterklasse durch eine nationale demokratische Bourgeoisie hindurch zu verfolgen, dann wären wir einem so langen und steinigen Weg gefolgt, dass wir nicht nur Jahre, sondern Jahrhunderte dafür gebraucht hätten.«59 Gleichzeitig hatten die Sowjets nach Ansicht mancher Forscher Führer der »nationalen Befreiung« wie Nasser für unzuverlässig befunden und sich entschieden, zu einer Politik der aktiven Intervention durch leninistische Parteien zurückzukehren.

An die Großtaten der iranischen Tudeh im Jahre 1953 erinnerte man sich damals noch gut, aber die Islamische Revolution veränderte die globale politische Sensibilität der muslimischen Umma stark. Das Wiedererstarken des Nationalismus in Polen 1956 hatte den langen Übergang oder die »Entstalinisierung« in den Volksrepubliken Osteuropas eingeleitet, die durch den Bruch mit Tito 1948 und die Unterdrückung des Ostberliner Arbeiteraufstands von 1953 verzögert wurde. Und nun war Wojtyla der erste Nichtitaliener seit dem 16. Jahrhundert, der zum Papst gewählt wurde. Moskau geriet demzufolge an seinen Grenzen durch unberechenbare Phänomene in Bedrängnis: den marxistischen Radikalismus Tarakis, der seinen sowjetisch subventionierten, aber »neutralen« Vorgänger Muhammad Daud Khan beseitigte; das Aufkommen einer noch nicht klar fassbaren neuen Ideologie im Iran; und die Wiedergeburt eines Polens, das ohnehin traditionell ein Feind der russischen Macht war und nun von seiner unerwarteten weltweiten Bedeutung durch Wojtylas Aufstieg auf den Petrusthron beseelt wurde.

Die DVPA, die 1978 erst seit weniger als 15 Jahren bestand, war in ethnische und Klassenfraktionen aufgespalten: die Khalq- oder »Massen«-Bewegung, die von Taraki und Hafizullah Amin geführt wurde und sich aus ländlichen, armen Paschtunen zusammensetzte, und die Parcham- oder »Banner«-Gruppierung unter Babrak Karmal (1929–1996), die mit urbanisierten Eliten assoziiert wird, die Dari, einen Farsi-Dialekt sprechen. Hafizullah Amin galt gemeinhin als die eigentliche Macht hinter Taraki. Die Rivalität zwischen den Parcham und Khalq war so extrem, dass sie häufig in innerparteiliche Gewalt ausartete. Die Khalq waren für ihren Eifer bei der gesellschaftlichen Reorganisation bekannt. Zu ihren unmittelbaren Maßnahmen gehörten die Einführung der Staatsbezeichnung »Demokratische Republik Afghanistan« und einer aufsehenerregend kommunistisch anmutenden roten Nationalflagge, Feindseligkeit gegenüber islamischer Religiosität und den traditionellen Gepflogenheiten einer wenig entwickelten Stammesgesellschaft sowie der Rückgriff auf brutale Unterdrückung, inklusive Exekutionen. Tarakis stalinistische DVPA war in den späten Siebzigerjahren in ihrer Vorgehensweise in Afghanistan radikaler, als es die Bolschewiken Ilyin / Raskolnikow und Reisner in ihrer Unterstützung Amanullah Khans während der großen Zeit des Leninismus je gewesen waren. (Ilyin / Raskolnikow hatte sich 1937 dem Trotzkismus angenähert und wurde 1939 nach seiner Entlassung als sowjetischer Botschafter in Bulgarien wahrscheinlich von NKWD-Agenten ermordet.) Das Taraki-Regime stellte sich als kurzlebig heraus; im September 1979 wurde Taraki von Hafizullah Amin gestürzt und ermordet. Die afghanischen Bauern waren bereits zutiefst desillusioniert über das neue Regime, und die Mudschaheddin hatten den Kampf gegen die Modernisierung des Landes im sowjetischen Stil begonnen.

Ende 1979 wurde Hafizullah Amin seinerseits ermordet, als russische Truppen in Kabul einmarschierten und den Parcham Karmal an die Macht hoben. Moskau schien insbesondere wegen der Ereignisse im Iran alarmiert zu sein, wo Khomeini nach der Flucht des Schahs Reza Pahlavi an die Spitze der Macht getragen worden war. Den Parcham wurde nachgesagt, in ihrer Haltung gegenüber dem Islam moderater als die Khalq zu sein. Die Installierung Karmals vermochte die Mudschaheddin jedoch nicht zu besänftigen, deren Reihen angeschwollen waren, als afghanische Flüchtlinge nach Pakistan strömten, wo sie – alsbald mit großzügiger Unterstützung der USA und Saudi-Arabiens – organisiert und bewaffnet wurden. In seinem Widerstand gegen die russische Unterwerfung bildete Afghanistan, trotz vieler Unterschiede, in gewisser Hinsicht eine Parallele zu Polen. Sowohl die Polen als auch die Afghanen sahen im Widerstand gegen die Sowjetmacht eine religiöse Pflicht.

Allein aus diesem Grund konnte Afghanistan nicht als sowjetisches Herrschaftsgebiet stabilisiert werden. Als Karmal 1986 die Macht an Mohammad Nadschibullah (1947–1996), einen Parcham-Paschtunen, übergab, war die sowjetische Ordnung in Afghanistan bereits dem Untergang geweiht. Die DVPA änderte ihren Namen in Hizb-i Watan (»Partei der Nation«), und Nadschibullah ging noch weiter als Karmal in dem Versuch, den islamischen Widerstand gegen die von der Sowjetunion gestützte Regierung zu beschwichtigen. Michail Gorbatschow hatte jedoch schon 1987 den Rückzug der russischen Truppen aus Afghanistan beschlossen. Trotzdem wurde Nadschibullah im Kampf gegen die Khalq und die zerstrittenen (und deshalb oft schwachen) Mudschaheddin sowohl militärisch als auch finanziell bis 1990 durch Russland unterstützt. Nadschibullahs Regierung überdauerte diejenige Gorbatschows. Dieser leitete den sowjetischen Staat bis zu dessen endgültigem Zusammenbruch im Herbst 1991, während Nadschibullah erst ein halbes Jahr später, im April 1992, zurücktrat. Das revolutionäre Regime in Afghanistan mit seinen blutigen Auseinandersetzungen im Gangster-Stil sowie seiner letztendlichen Ablösung durch die fundamentalistischen Taliban verkörperte das schändlichste und schmutzigste Kapitel in der Geschichte des sowjetischen Expansionismus und war Ausdruck der ungeheuren Dekadenz des leninistischen Systems.

Es wird selten darauf hingewiesen, dass der »Rückstoß« der sowjetischen Invasion in Afghanistan etwas in der sowjetischen Geschichte Neues schuf. Er provozierte muslimischen Widerstand gegen Moskau in den muslimischen Sowjetrepubliken wie Usbekistan, aus denen Armeerekruten nach Afghanistan in den Kampf geschickt wurden. Darüber hinaus führte er zur Beeinflussung von Tschetschenen und anderen unterdrückten muslimischen Volksgruppen im Kaukasus durch »arabische Afghanen« – dschihadistische Freiwillige aus arabischen Staaten, die sich dem afghanischen Widerstand angeschlossen hatten. Der Afghanistan-Krieg machte jegliche Glaubwürdigkeit der Sowjets in der Umma zunichte. Er zerstörte das sowjetische System und weckte bei den Dschihadisten die Überzeugung, dass die Kampfkraft des »Islamischen Erwachens«, nachdem sie die zweitmächtigste politische Macht der Welt zerstört hatte, durch nichts eingeschränkt werden könne.

Abschließende Beobachtungen

Die folgenden Überlegungen haben mehr mit dem Wesen des radikalen Islam als mit dem Charakter des Kommunismus zu tun. Nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Kommunismus, behaupten viele Wissenschaftler, Intellektuelle, Politiker und Medienvertreter weltweit, »brauchen« die USA den Dschihadismus als »notwendigen Feind«, der die Rolle übernimmt, die vormals die kommunistische Bewegung innehatte. Diese These ist jedoch viel treffender, wenn man sie auf die russische postkommunistische Politik anwendet. Manche Wissenschaftler interpretieren auch den Dschihadismus als eine Form des sozialen Protests, der von den ökonomischen Problemen der muslimischen Länder herrührt. Ein großer Teil der im Westen geführten Diskussion über die ägyptische Muslimische Bruderschaft ist von dieser Haltung geprägt. Meiner Ansicht nach ist es angemessener, die heutigen Unruhen in der muslimischen Welt als Folgen der unvermeidlichen Modernisierung und Entwicklung zu begreifen und die dschihadistischen Bewegungen als reaktionäre Phänomene, die mit den Schwarzen Hundertschaften im zaristischen Russland vergleichbar sind. Zum Thema »Islamofaschismus« als dem geeignetsten Konzept zum Verständnis des Dschihadismus habe ich ausführlich geschrieben.60

Eine Bewegung, die sich einem »theoretischen« und gegenwärtig nicht gewalttätigen Dschihad verschrieben hat, die Hizb-ut-Tahrir (HuT) oder Islamische Befreiungspartei, wurde von dem Palästinenser Taqi’ud’din Al-Nabhani (1909–1977) gegründet. Sie ist in einigen Ländern verboten, bemüht sich aber, besonders im ehemals sowjetischen Usbekistan und dessen Nachbarstaaten Fuß zu fassen. Die HuT fordert die Errichtung eines globalen islamischen Khilafah (Kalifats) und verheißt damit offenbar den Muslimen aus der ehemaligen Sowjetunion ein neues Gesellschaftssystem, das die staatlichen Leistungen wiederherstellt oder sogar verbessert, inklusive dauerhafter Beschäftigung, staatlich geförderter Bildung sowie eines kostenlosen Gesundheitssystems, wie es das sowjetische Regime bereitgestellt hatte. Vor allem würde das neue Khilafah angeblich die Muslime vor der postsowjetischen Unsicherheit der Globalisierung schützen. Die HuT bemüht ein revolutionäres Vokabular, organisiert sich wie ein traditionelles Netzwerk konspirativer Zellen und hat offenbar einige westliche Linke für sich gewonnen, die zum Islam übergetreten sind. Sie ist vielleicht das einzige Phänomen, das den Islam erfolgreich mit dem Vermächtnis des Kommunismus verbindet, trotz ihrer deutlichen Distanzierung vom ehemaligen atheistischen Sowjetregime.

Parallel dazu haben postsowjetische Verbündete Wladimir Putins in Zentralasien, z. B. Islam Karimow in Usbekistan, den leninistischen Führerkult durch eine ähnlich geartete Verherrlichung islamischer Figuren ersetzt, zum Beispiel von Imam Buchari, einem religiösen Gelehrten aus dem 9. Jahrhundert, dem Sufi Bahauddin Nakschband sowie dem Herrscher Amir Timur (im Westen unter dem Namen Tamerlan bekannt), die beide im 14. Jahrhundert lebten. Aber während Karimow das Regierungsmodell des sowjetischen Kommunismus aufrechterhält, inklusive des Einparteienstaats, kontrol­lierter Medien, einer umfassenden polizeilichen Überwachung sowie blutiger Unterdrückung von Dissidenten, vertritt seine Regierung weder eine revolutionäre Ideologie noch ein sozialistisches Programm oder einen Internationalismus panislamischen oder sowjetischen Typs. Das gleiche Muster kann man, mehr oder weniger ausgeprägt, in Turkmenistan und Aserbaidschan sowie in milderer Form in Kasachstan beobachten. Unter den ehemaligen sowjetischen muslimischen Republiken haben Tadschikistan und Kirgisistan bedeutende Schritte in Richtung einer echten Demokratisierung unternommen – Ersteres nach einem Krieg mit islamistischen Radikalen, Letzteres nach der »Tulpenrevolution« von 2005.

Nach fast drei Jahrzehnten, die von den Konflikten in Afghanistan, im Kaukasus und auf dem Balkan gezeichnet waren, verachtet die Mehrzahl der muslimischen Gläubigen weltweit alles, was mit dem Kommunismus in Verbindung steht. In dieser Hinsicht sind die 1920 auf der Konferenz in Baku ausgedrückten Hoffnungen vollkommen gescheitert. Mit dem Voranschreiten politischer Veränderungen in so unterschiedlichen Ländern wie der Türkei, dem Iran und Saudi-Arabien ist möglicherweise die Entstehung einer völlig neuen intellektuell-religiösen »Linken« in der muslimischen Umma zu erwarten. Aber wir müssen auch damit rechnen, dass der Aufstieg Putins den Konflikt zwischen dem Westen und dem radikalen Islam wie eine Episode erscheinen lassen könnte und die Welt zu einer Polarisierung zwischen dem Westen und dem russischen Reich zurückkehrt. In einem solchen Kontext wäre die Geschichte des Kommunismus als eines Ausdrucks russischer Ambitionen ebenso wie die Beziehungen zwischen Kommunismus und Islam nur noch für Spezialisten relevant.

Aus dem Englischen von Diana Jahn


1 Bemerkenswert ausgedrückt und literarische umgesetzt wird die Erinnerung an den muslimischen sozialen Radikalismus in dem Roman »Tvrdava« [Die Festung] der bosnischen muslimischen Autorin Mesa Selimović (1910–1982), der im Bosnien des 18. Jahrhunderts spielt. Ursprünglich erschien der Roman 1970 in Jugoslawien; er wurde 1999 auf Englisch in der Übersetzung von E. D. Goy und Jasna Levinger-Goy im Verlag Northwestern University Press, Evanston, herausgegeben und auch ins Französische und Italienische übersetzt. Selimovićs bekannteres Werk »Derviš i smrt« [Der Derwisch und der Tod], ursprünglich 1966 veröffentlicht, wurde ins Deutsche übersetzt.

2 Siehe Louis Massignon: The Passion of Al-Hallaj: Mystic and Martyr of Islam, Princeton 1981.

3 Zu Halladsch, Massignon und Duran siehe meinen Band »The Other Islam: Sufism and the Road to 
Global Harmony«, New York 2008 sowie mein Buch »The Two Faces of Islam«, New York 2002.

4 »Liberitär« wird seiner ursprünglichen Bedeutung als freiheitsliebend oder anarchistisch verwendet, nicht in dem engen ökonomischen Kontext, den der Begriff in den USA und anderen westlichen Staaten angenommen hat.

5 Siehe The Wine of Love: Mystical Poetry Imām Khomeinī, übersetzt von Ghulām-Ridā A’wani und Muhammad Legenhausen, Teheran 2003, S. 53.

6 Umfangreiche Literatur zum Salafismus des 19. Jahrhunderts ist in vielen Sprachen verfügbar. Dieser sollte nicht dem durch sunnitische muslimische Fundamentalisten, u. a. die Saudi-Wahhabiten, die ägyptische Muslimische Bruderschaft (Ikhwan), die pakistanischen Dschihadisten und die Taliban gegen Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts übernommenen Begriff »Salafi« verwechselt werden. Die Vermischung der beiden Konzepte stellt sowohl Islamforscher als auch Beobachter der radikalen islamistischen Ideologie vor große Probleme. Zudem ist das gesamte Konzept des Salafismus, das auf der Gleichsetzung von Modernismus und dem ursprünglichen Islam des Propheten Muhammad, dessen Gefährten und der ersten Generationen seiner Nachfolger basiert, traditionellen muslimischen Gelehrten als unzulässige Erneuerung der Religion oder bid’a ein Dorn im Auge, mit der Begründung, dass kein zeitgenössisches Individuum mit dem Propheten, den Gefährten, den vier ihm nachfolgenden Gerechten Kalifen oder den frühen islamischen Juristen und anderen Gelehrten verglichen werden sollte. Ein nützlicher Band zu den Salafis im 19. Jahrhundert ist: Itzchak Weismann: Taste of Modernity: Sufism, Salafiyya, and Arabism in Late Ottoman Damascus, Leiden 2001.

7 Eine bedeutende, doch kaum beachtete Quelle zur Jungtürkischen Bewegung und zur Transformation der osmanischen Herrschaftsgebiete ist: The Memoirs of Ismail Kemal Bey, hg. von Sommerville Story, London 1920. Ismail Kemal Bey, auch bekannt unter dem Namen Ismail Qemali, war ein Albaner, der eine führende Rolle sowohl in der osmanischen Diplomatie als auch in der albanischen Nationalbewegung übernahm.

8 Siehe Oleg V. Khlevniuk: In Stalin’s Shadow: The Career of »Sergo« Ordzhonikidze, Armonk, NY 1995, S. 10.

9 Christian Rakovsky: The Turkish Revolution, ursprünglich 1908 in französischer Sprache erschienen; in der Übersetzung von Ted Crawford enthalten in: The Balkan Socialist Tradition, Sonderausgabe von Revolutionary History (London), 2003, S. 106. Diese umfangreiche und etwas weitschweifige Sammlung wird durch den Versuch beeinträchtigt, die serbische Aggression im Kosovo 1998 / 99 zu verteidigen.

10 Siehe C.L.R. James: World Revolution 1917–1936: The Rise and Fall of the Communist International, London 1937, S. 62 f.

11 V. I. Lenin: Inflammable Material in World Politics, in: Collected Works, Bd. 15, Moskau 1973, S. 182–188.

12 V. I. Lenin, The Foreign Policy of the Russian Revolution, in: Collected Works, Bd. 25, Moskau 1977, S. 85–87.

13 Während zum Beispiel albanischsprachige sunnitische Geistliche in Mazedonien jede Anerkennung der islamischen Identität der Bektaschi verweigern, unterhält der sunnitische Klerus in Albanien offizielle, freundschaftliche Beziehungen zu ihnen. Im Kosovo sind die Beziehungen von Sunniten und Bektaschi ambivalent, ungeachtet der führenden Rolle der Bektaschi im Kampf gegen Serbien. In der albanischen Diaspora gehen sunnitische und Bektaschi-Geistliche freundlich und kooperativ miteinander um.

14 Zum Bektaschismus während der Entwicklung der Türkischen Republik siehe: Hülya Küçük: The Role of the Bektashis in Turkey’s National Struggle, Leiden 2002. Zum Bektaschismus in Albanien siehe Schwartz: The Other Islam (Anm. 3). Obgleich in den letzten Jahrzehnten umfangreiche wissenschaftliche Literatur zum Bektaschismus auf Englisch, Französisch und in anderen Sprachen erschienen ist, sind die maßgeblichsten Werke bisher nur in albanischer Sprache verfügbar. Die folgenden Bücher (in chronologischer Reihenfolge) sind leider fehlerhaft: Alexandre Popovic / Gilles Veinstein (Hg.): Revue des Etudes Islamiques [Paris], 1992; Irène Mélikoff: Hadji Bektach: un mythe et ses avatars, Leiden 1998 und Xavier Bougarel / Nathalie Clayer (Hg.): Le nouvel islam balkanique, Paris 2001. Der Band von Bougarel und Clayer ist zudem merklich islamophob.

15 In Amsterdam wurden eine Straße und eine U-Bahn-Station nach ihm benannt. Der Streik – die erste bedeutende Solidaritätsbekundung für die verfolgten Juden in Westeuropa – sollte sich gegen National­sozialismus wie -bolschewismus richten, in ihm sollte sich der internationale Klassenkampf ausdrücken. 
Im April 1942 wurden Sneevliet und andere Führer der Marx-Lenin-Luxemburg-Front, einer unabhängigen kleinen antistalinistischen Organisation, gefangen genommen und von den deutschen Besatzungsbehörden hingerichtet. Siehe B. A. Sijes: De Februari-staking [Der Februarstreik], Amsterdam [1978]. Eine der wenigen hilfreichen englischsprachigen Quellen zu Sneevliet ist Elisabeth Poretsky: Our Own People, Ann Arbor 1970. Poretskys Werk ist eine Biografie ihres Ehemanns, des Überläufers und ermordeten sowjetischen Geheimagenten Ignacy Porecki-Reiss (1899–1937), der mit Sneevliet in Verbindung gebracht wurde, als er sich gegen den Stalinismus wandte. Sneevliet wird auch in Arbeiten zur Geschichte des chinesischen Kommunismus sowie in den Post-Exil-Schriften Trotzkis thematisiert.

16 Tan Malaka: From Jail to Jail, übers. von Helen Jarvis, Athens, Ohio, 1991, S. 92. Obgleich er den Panislamismus befürwortete, sympathisierte Tan Malaka mehr mit einem südostasiatischen Revolutionismus, der Filipinos und Chinesen sowie Indonesier und andere Malaien umfasste. Er galt als Trotzkist, obgleich es keinen Beweis dafür gibt, dass er sich jemals für die Trotzkisten einsetzte oder dass Trotzki ihn wahrnahm.

17 Congress of the Peoples of the East – Baku, September 1920, Stenographic Report, übersetzt von Brian Pearce, London 1977, S. 41; ursprünglich 1920 in russischer Sprache in Petrograd vom Verlag der Kommunistischen Internationale veröffentlicht.

18 Siehe D. B. Riazanov: Marx and Anglo-Russian Relations and Other Writings, übers. von Brian Pearce, London 2003.

19 Siehe Leon Trotsky: The Balkan Wars 1912–13, New York 1980.

20 Siehe Mark Cohen: Last Century of a Sephardic Community: The Jews of Monastir, 1839–1943, New York 2003. Siehe dazu auch Jennie Lebel: Tide and Wreck: History of the Jews of Vardar Macedonia, übers. aus dem Serbischen von Paul Munch, Bergenfield, NJ 2008.

21 Siehe Edith Durham: Albania and the Albanians, London 2001.

22 Leon Trotsky: The War Correspondence: The Balkan Wars, 1912–13, New York 1981, S. 285 f.

23 Ebd., S. 287–295.

24 Siehe Dimitrije Tucović u. a.: Srbija i Albanci. Pregled Politike Srbije Prema Albancima od 1878 do 1914 Godine [Serbien und die Albaner. Eine Untersuchung der serbischen Politik gegenüber Albanern von 1878 bis 1914], Ljubljana 1989.

25 Dimitrije Tucović: Serbia and Albania, in: The Balkan Socialist Tradition (Anm. 9), S. 225 [Hervorhebung im Original].

26 Siehe Kosta Novaković: The Colonization and Serbianization of Kosovo, in: Liria Kombëtare vom 13. Juli 1931, zit. nach Stephen Schwartz: Kosovo: Background to a War, London 2000, S. 55.

27 Zu den Serbischen Sozialdemokraten, den kosovo-albanischen Revolutionären, der mazedonischen Revolutionsbewegung und der KPJ siehe Ivo Banac: The National Question in Yugoslavia, Ithaca, NY 1988, das herausragende Werk zu dieser Thematik. Ein bedeutender Band zur Haltung der Sowjetunion und der KI gegenüber den Albanern, die Kosovaren eingeschlossen, in den Zwanzigerjahren sowie während der Konsolidierung der Regime von J. B. Tito und Enver Hodscha ist Islam Lauka / Eshref Ymeri: Shqipëria në Dokumentet e Arkivave Ruse [Albanien in Dokumenten aus Russischen Archiven], Tirana 2006. Siehe auch meinen Artikel: »Titoists« and »Enverists«, Communism and Islam in Albania and Kosova, 1941–1999: From the Partisan Movement of the Second World War to the Kosova Liberation War, der in Kürze im Journal of Communist Studies and Transition Politics, Sonderausgabe über Muslime und Kommunisten, erscheinen wird.

28 Siehe Stephen Schwartz: Ante Ciliga (1898–1992): A Life at History’s Crossroads, in: Journal of Croatian Studies [ New York] (1992), S. 191.

29 Franz Borkenau: The Communist International, London 1938, S. 293 f.

30 »Ghazawat«, das »Angriff« bedeutet, ist eher als »Dschihad« (Bestreben) der islamische Standardbegriff für Eroberungskriege.

31 Congress of the Peoples of the East (Anm. 17), S. 67.

32 Ebd., S. 167.

33 Victor Serge: Witness to the German Revolution, übers. von Ian Birchall, London 2000, S. 34.

34 Ebd., S. 79.

35 Cathy Porter: Larissa Reisner, London 1988, S. 116.

36 Ebd., S. 118–120.

37 Siehe Larissa Reissner [sic]: Hamburg auf den Barrikaden. Erlebtes und Erhörtes aus dem Hamburger Aufstand 1923. Berlin 1925 (Nachdruck 1960); ein Klassiker in der Bibliografie der KI.

38 Siehe Andrej Platonow: Die Baugrube; Das Juvenilmeer; Dshan. Romane. Berlin 1989.

39 Walter Kolarz: Russia and Her Colonies, New York 1952, S. 297.

40 Siehe Schwartz: Two Faces of Islam (Anm. 3).

41 Siehe Olaf Kistenmacher: From »Jewish Capital« to the »Jewish-Fascist Legion in Jerusalem«: The Devel­opment of Antizionism in the German Communist Party (KPD) in the Weimar Republic, 1925–1933, erschienen in der Online-Zeitschrift »Engage«, Ausgaben 2 und 3, Mai / September 2006: www.engageonline.org.uk/journal/index.php?journal_id=10&article_id=35 und www.engageonline.org.uk/journal/index.php?journal_id=12&article_id=45, ges. im Januar 2008.

42 L’Étoile agierte später unter den Namen Parti du Peuple Algérien (Algerische Volkspartei), Mouvement pour le Triomphe des Libertés Democratiques (Bewegung für den Sieg der demokratischen Freiheiten) und Mouvement National Algérien (Algerische Nationalbewegung).

43 Siehe Messali Hadj: Response to M. Deloche of lHumanité (1937), in: Messali Hadj par les textes, hg. von Jacques Simon, Algier–Paris 2000, auf Englisch in der Übersetzung von Mitch Abidor zugänglich unter www.marxists.org/archive/messali-hadj/1937/response.htm (ges. im Januar 2008). Die Trotzkisten waren auch im französisch besetzten Vietnam und im britisch kontrollierten Sri Lanka (damals Ceylon) aktiv und besaßen dort einen gewissen Einfluss; außerdem unterstützten sie die Unabhängigkeitsbewegung im von den USA verwalteten Puerto Rico.

44 Siehe Francisco Sánchez Ruano: Islam y Guerra Civil Española, Madrid 2004. Dieser Band ist umfangreich, darf aber nur mit Vorsicht benutzt werden, wenn der Autor von spanischen, marokkanischen und französischen Angelegenheiten abschweift. Ein früheres und tendenziöses Werk, das jedoch die Beteiligung nordafrikanischer Araber am Kampf für die Spanische Republik statistisch belegt, ist Abdellatif Bensalem: Los voluntarios árabes en las Brigadas Internacionales (España, 1936–1939), in: Revista internacional de sociología 46 (1988), H. 4, S. 543–574.

45 Siehe William L. Cleveland: Islam against the West, Austin, Tex. 1985. Es handelt sich um eine Biografie von Shakib Arslan, die auch Messali Hadsch behandelt, allerdings nur recht oberflächlich und spekulativ.

46 Anders als in der zeitgenössischen Berichterstattung dargestellt, blieb die Mehrzahl der spanischen Berufssoldaten ihrem Eid zum republikanischen Regime treu und beteiligte sich nicht am Franco-Aufstand.

47 Nur sehr wenige gemäßigte Republikaner verbündeten sich im Spanischen Bürgerkrieg mit den Francisten.

48 Zit. in N. Paradela Alonso: El otro laberinto español: Viajeros arabes a España entre el siglo XVII y 1936, Madrid 1993.

49 Siehe Sánchez Ruano: Islam y Guerra Civil Española (Anm. 44).

50 Zu den Albanern in den IB siehe Prenk Uli / Qemal Sarajeva: Asim Vokshi, Tirana 1982. Ihre Erfahrungen werden auch in dem Roman »Hasta la Vista« von Petro Marko (1913–1991) dargestellt, der erstmals 1958 in Tirana veröffentlicht wurde. Marko wurde unter dem Regime Enver Hodschas in den späten Vierzigerjahren inhaftiert; er gilt als ein Hauptvertreter des albanischen Modernismus. Laut dem Albanienwissenschafter Robert Elsie wollte auch der bekannte albanische Dichter Migjeni (Millosh Gjergj Nikolla, 1911–1938), der slawischer Herkunft war und Verbindungen zu Trotzkisten hatte, nach Spanien gehen, um sich dem Kampf anzuschließen. Er wurde aber durch seine akute Tuberkulose daran gehindert, die zu seinem frühen Tod führte (siehe Robert Elsie: Albanian Literature: A Short History, London 2005). Orwells »Homage to Catalonia«, die die »Maitage« in Barcelona beschreibt, ist ein in vielen Sprachen erhältlicher moderner Klassiker.

51 Čedo Kapor: Za Mir i Progres u Svijetu [Für Weltfrieden und Fortschritt], Sarajevo 1999, beinhaltet eine Liste von mehreren hundert jugoslawischen Veteranen des Spanienkriegs, darunter sowohl slawisch-muslimische als auch ethnisch albanische Namen.

52 Im Sinne einer Revision der Weltordnung nach dem Ersten Weltkrieg.

53 Zu Henein siehe David Renton: Dissident Marxism, London 2004.

54 Zu Curiel siehe Breyten Breytenbach: The True Confessions of an Albino Terrorist, New York 1985 sowie Stephen Schwartz: Intellectuals and Assassins, London 2000. Curiels Dokumente befinden sich im International Institute for Social History in Amsterdam, sie sind mit nützlichen Anmerkungen einsehbar unter: www.iisg.nl/publications/egyptcom.pdf.

55 Eine neue und unkonventionelle Darstellung des Prozesses gegen Rajk beinhaltet mein Band Sarajevo Rose: A Balkan Jewish Notebook, London 2005.

56 Dieser Text wird keinem Autor zugeordnet; er entstand im Umfeld von Azzam Publications, der bedeutendsten weltweit agierenden dschihadistischen Propagandaagentur vor den Ereignissen des 11. September 2001, und ist nach wie vor unter www.as-sahwah.com/viewarticle.php?articleID=687 einsehbar (ges. im Januar 2008).

57 Im englischsprachigen Raum liegt bisher keine kompetente historiografische Analyse dieses Phänomens vor.

58 Eine nützliche ethnografische Studie zum heutigen Alevismus in Deutschland ist Martin Sökefeld: Struggling for Recognition: The Alevi Movement in Germany and in Transnational Space, New York–Oxford 2008. Siehe auch die wichtige Arbeit von Floris F. Vermeulen: The Immigrant Organising Process, Diss., University of Amsterdam 2005.

59 Zit. nach Martin Ewans: Afghanistan: A Short History of Its People and Politics, New York 2002. Trotz ihrer beträchtlichen politischen Bedeutung ist die prosowjetische Herrschaft in Afghanistan nur unzureichend dokumentiert.

60 Siehe Schwartz: The Two Faces of Islam (Anm. 3).

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