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Zerbrochene Zeit – Erinnerungen an Lagerhaft und Deportation in der Volksrepublik China

JHK 2009 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 35-48 | Aufbau Verlag

Autor/in: Klaus Mühlhahn

Lange Zeit ist die Psychologie unter dem Einfluss Freuds davon ausgegangen, dass Opfer von traumatischen Ereignissen wie Krieg, Folter oder Vergewaltigung eine Amnesie erleiden bzw. dazu neigen, die Erinnerung an das Erlittene zu verdrängen. Eine neuere Studie demonstriert hingegen das Gegenteil: Überlebende von extremen Ereignissen zeigten in klinischen Tests des Psychologen Richard McNally eine »beeinträchtigte Fähigkeit, verstörendes Material zu vergessen«.1 Opfer traumatischer Erfahrungen waren noch nach vielen Jahren und Jahrzehnten in der Lage, eine detailgetreue Rekonstruktion des traumatischen Ereignisses, der konkreten Umstände und der beteiligten Personen zu liefern. Traumatische Ereignisse tendieren demnach dazu, frühere Erinnerungen zu überlagern und zu überschreiben. Oft genug markiert das Trauma in der Erinnerung eine Bruchstelle. Der Druck der Gewaltereignisse und Verletzungen lässt das Kontinuum von Temporalität zerbrechen, es gibt nur noch ein Davor und ein Danach. Traumata trennen so die Vergangenheit von der Gegenwart ab und beeinträchtigen damit auch die Fähigkeit, eine Zukunft zu denken.

Im Mittelpunkt des folgenden Beitrags stehen drei Texte chinesischer Gegenwartsschriftsteller, die sich mit dem Erinnern traumatischer Erlebnisse auseinandersetzen und in ähnlicher Weise vom Zerbrechen der Zeit berichten. Das Trauma, das die Texte beschreiben, ist das der langjährigen Haft in einem Lager zur »Umerziehung durch Arbeit« (laodong gaizao, abgekürzt laogai) in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Mit verschiedenen literarischen Techniken versuchen die Autoren ihre Erinnerungen im Text darzustellen, um so die verletzenden Ereignisse und deren Spätfolgen zu verarbeiten. Durch das schriftliche Festhalten einer Grenzerfahrung wollen sie sich zum einen von den erlittenen Verletzungen und posttraumatischen Nachwirkungen emanzipieren und sie überwinden, zum anderen geben sie der Hoffnung Ausdruck, die Weitergabe ihrer Erfahrungen sei wichtig für nachfolgende Generationen. Gedächtnis, Erinnerung und Verarbeitung sind in allen hier diskutierten Texten daher aufs Engste miteinander verbunden. Die Analyse der Texte gibt sowohl Aufschluss über das Trauma der Lagerhaft an sich als auch über die heutige Auseinandersetzung mit diesen Vorgängen.

Umerziehung durch Arbeit in der Volksrepublik China

»Umerziehung durch Arbeit« war bis 1994 offiziell die Hauptform des Strafvollzugs in der Volksrepublik (VR) China.2 Sie bestand, wie die chinesische Bezeichnung erkennen lässt, aus zwei Komponenten: erstens körperlicher Arbeit (laodong) und zweitens Umgestaltung (gaizao) der Weltanschauung und des subjektiven Bewusstseins der Häftlinge. Es handelt sich dabei um ein Zwangsinstrument der »demokratischen Diktatur des Volkes« über die sogenannten »Feinde des Volkes«. Zwar galt man in der Regel aufgrund seiner Taten, d. h. Vergehen, als »Feind« des Volkes, einige Gruppen jedoch auch einfach aufgrund ihrer sozialen Herkunft. Die für die chinesische politische Terminologie typische Kurzformel »di-fu-fan-huai-you« benennt fünf Gruppen als »Feinde« des Volkes: Grundherren, reiche Bauern, Konterrevolutionäre, Schlechte Elemente (huai fenzi, ein unbestimmter Rechtsbegriff, der in der Rechtsprechung unter anderem auf Gewalttäter, »Arbeitsscheue«, gewohnheits­mäßige Betrüger und Taschendiebe sowie Prostituierte angewandt wurde) und die sogenannten »Rechtsabweichler«, denen vorgeworfen wurde, zugunsten einer rechtsgerichteten und revisionistischen Politik von der Parteilinie abgewichen zu sein. Mao Zedong mutmaßte öffentlich, dass ca. fünf Prozent der Bevölkerung zu diesen Gruppen zu rechnen seien.3 Auf Grundlage dieser breiten und dehnbaren Kategorien wurden neben Kriminellen auch große Teile der Intelligenz und der Elite, inklusive eines Teils der Nomenklatur der VR, gezwungen, sich laogai zu unterziehen.

Von 1949 bis 1978 entstand ein weit verzweigter, undurchsichtiger Arbeitslagerkomplex, in den durch zahlreiche Kampagnen und Massenbewegungen viele Angehörige der oben genannten Gruppen deportiert wurden. Die wichtigsten Bewegungen waren die Bewegung zur Niederschlagung der Konterrevolution (1951 / 52), die Landreform (1951), die Bewegung gegen Rechtsabweichler (1957 / 58), der Große Sprung nach vorne (1958–1969) und die Kulturrevolution (1968–1976). Im Zusammenhang mit diesen Bewegungen und Kampagnen kam es zu Masseninhaftierungen, Schauprozessen, Hinrichtungen und Deportationen. Zwei verschiedene gesetzliche Bestimmungen lieferten die Rechtsgrundlage: Deportationen wurden veranlasst entweder auf Grundlage der Verhängung der dreijährigen, unbegrenzt verlängerbaren Administrativstrafe »Umerziehung durch Arbeit« (laodong jiaoyang) durch ein Büro für Öffentliche Sicherheit oder aufgrund einer Verurteilung zu einer befristeten Freiheitsstrafe »Umformung durch Arbeit« (laodong gaizao) durch ein ordentliches Gericht. Die Haftbedingungen beider Strafen unterschieden sich allerdings in der Praxis kaum.

Die Haftstrafe sollte das Bewusstsein des Delinquenten verändern und sein inneres Wesen, seine Anschauungen und Überzeugungen, korrigieren. Da die Umgestaltung der Weltsicht als unabdingbare Voraussetzung für die Schaffung eines gebesserten und reformierten neuen Menschen (xinren) betrachtet wurde, hatte der Arbeitslager-Komplex von Anfang an eine umfassende gesellschaftliche Funktion und sollte beim Aufbau des Sozialismus eine wichtige Rolle spielen. Die Laogai-Anstalten hatten die Aufgabe, die »demokratische Diktatur des Volkes« auszuüben. Laogai diente folglich der Konsolidierung der VR-Herrschaft und sollte die Bevölkerung durch Isolierung und Umerziehung der Feinde des Volkes zum vereinten Aufbau einer neuen Gesellschaft mobilisieren. Kurzfristig sollte laogai die sozialen und politischen Gegenkräfte neutralisieren. Das eigentliche, langfristige Ziel aber war es, deviante Gruppen langfristig für den Staat zu gewinnen und neue Menschen aus ihnen zu formen.

Die Zahl der Häftlinge in China war und ist ein Staatsgeheimnis, verlässliche Zahlen liegen nicht vor. Nach offiziellen Dokumenten wurden im Laufe der Fünfziger- und Sechzigerjahre circa 2000 Arbeitslager geschaffen. Dies legt nahe, von mindestens 20 Millionen Häftlingen auszugehen. Noch schwieriger ist es, über Todesraten Auskunft zu geben. Viele Häftlinge berichten von hoher Sterblichkeit in den Lagern, insbesondere während der Zeit des Großen Sprungs. Jean-Luc Domenach schätzt, dass etwa 8–10 Millionen Menschen in den chinesischen Lagern umkamen.4

Ab Mitte der Siebzigerjahre wurden die Überlebenden entlassen und rehabilitiert. Nach Verhaftung und Verurteilung der »Viererbande« gestand die VR Chinas 1978 offiziell »Fehler« ihrer Politik in der Vergangenheit ein und räumte auch ein, dass ca. 30 000 Menschen im Zusammenhang der Kulturrevolution ums Leben gekommen seien. Mit diesem Eingeständnis sollte ein Schlussstrich unter die Vorkommnisse der Vergangenheit gezogen und eine weitere Diskussion vermieden werden. Die Verantwortung schob man der Viererbande zu, während die Partei an sich entlastet wurde.

Das einzige Forum, in dem eine Thematisierung der traumatischen Vorgänge der Vergangenheit möglich war, war die Literatur. Schon Ende der Siebzigerjahre entstand die Strömung der Gefängnisliteratur (Daqiang Wenxue).5 Bekannteste Beispiele sind die Autoren Zhang Xianliang (geb. 1936), Cong Weixi (geb. 1933), der als Begründer der neueren Gefängnis- oder Lagerliteratur gilt, sowie Wang Ruowang (1917–2001). Neben fiktio­naler Literatur, die in der Welt der Umerziehungslager angesiedelt war, erschienen in den Achtziger- und Neunzigerjahren zunehmend auch autobiografische Texte, die Hafterfahrungen und -erlebnisse thematisieren.

In einem System, in dem Politik beinahe jeden Aspekt des Lebens dominiert, kann es nicht überraschen, dass auch die Literatur immer eine politische Dimension aufweist. Wie Perry Link aufgezeigt hat, ist literarische Kontrolle in der VR China von sich abwechselnden Phasen der Kontrolle und Lockerung gekennzeichnet.6 Während verschiedener Phasen der Lockerung (1978–1980, 1988 und 1992–1994) wurde unter anderem auch die Publikation von Literatur erlaubt, die sich mit dem Trauma der Haft beschäftigt. Die Veröffentlichung dieser Texte verfolgte fraglos einen politischen Zweck; ihr konkreter politischer Nutzen lässt sich zusammenfassen mit der chinesischen Wendung yiku sitian (Die bittere Vergangenheit erinnern und über die süße Gegenwart nachdenken). Indem sie zeigen, aus welcher bitteren Vergangenheit der pragmatische Reformer Deng Xiaoping China geführt hat, dienen solche Werke der Legitimation der Reformpolitik, sie ermöglichen aber zugleich den Schriftstellern und Lesern, sich mit ihren persönlichen Schicksalen unter Mao auseinanderzusetzen.

Bittere Vergangenheit – Wang Ruowangs Trilogie des Hungers

Der erste Autor in China, der sich überhaupt im Rahmen einer Autobiografie mit seiner Vergangenheit als Umerziehungshäftling beschäftigt hat, ist Wang Ruowang. Sein Leben spiegelt die dunkle Seite der Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert wider: Wang, der am 19. Dezember 2001 im Alter von 83 Jahren in New York verstarb, wurde als Dissident von drei verschiedenen chinesischen Regimes inhaftiert: von Chiang Kai-shek in den Dreißiger­jahren, von Mao Zedong in den Fünfziger- und nochmals in den Sechzigerjahren, und dann von Deng Xiaoping nach der Studentenbewegung von 1989, die Wang vehement unterstützt hatte.

Sein wichtigstes Werk schrieb Wang 1979, ein Jahr später wurde es unter dem Titel ji’e san bu qu (»Trilogie des Hungers«) veröffentlicht.7 Es war vermutlich die erste legale Publikation in China, die die Erfahrungen der Haft unter Mao thematisiert.8 Das Buch ist ein autobiografisch inspirierter Roman, der auf persönlichen Erlebnissen des Autors basiert.9 Ein Ich-Erzähler beschreibt drei Phasen, in denen er jeweils schlimmen Hunger erleiden musste.

Im ersten Teil werden Hafterfahrungen in einem Gefängnis der Republik-Zeit geschildert. Während seiner Inhaftierung im Jahr 1934 – der Erzähler ist gerade 16 Jahre alt – teilt er seine Zelle mit einer gut organisierten Gruppe von Kommunisten. Den Häftlingen gelingt es, die Gefängnisleitung durch einen Hungerstreik dazu zu bringen, ihnen eine bessere Nahrungsversorgung zuzusichern. Im Zuge einer allgemeinen Amnestie wird der Protagonist schließlich entlassen. Im zweiten Teil wird dargestellt, wie sich eine kleine Gruppe von Kämpfern, darunter der Autor, 1942 auf der Flucht vor der japanischen Armee in der Wildnis verliert und ohne Proviant zurückfinden muss. Diese Hungererfahrung findet in der solidarischen Gemeinschaft des Kampfverbands statt. Die Soldaten wissen darüber hinaus, dass sie die Sympathie und Unterstützung der Bauern haben und Hilfe von ihnen erhalten werden. Im dritten Teil gerät der Ich-Erzähler abermals in Haft. 1966 wird er als Konterrevolutionär von seiner Einheit den Behörden übergeben und in ein Gefängnis in Shanghai gebracht. Befand sich der Protagonist zuvor stets zusammen mit Gleichgesinnten in einer Notlage, so war er jetzt unter Zellengenossen, die aus verschiedensten Bereichen der Gesellschaft kamen. Insgesamt 16 Häftlinge teilten sich eine Zelle, die eigentlich für vier Gefangene gebaut war. Drückende Platznot und die dauernde Angst vor Denunzianten machen gemeinsame Aktionen unmöglich. Die sogenannten »Feinde des Volkes« wurden einem systematischen Nahrungsentzug ausgesetzt, ihren Angehörigen war es verboten, ihnen Lebensmittel zu bringen. Die Gefangenen waren schließlich nur noch »halb am Leben«.

Vergleicht man die drei Teile miteinander, zeigt sich, dass der Erzähler den erlittenen Hunger jedes Mal anders erlebt. In der solidarischen Gemeinschaft der kommunistischen Zelle erscheint er ihm relativ leicht zu ertragen. Zudem ist in dieser Situation Widerstand gegen die Behörden möglich. In den Sechzigerjahren hingegen wird Hunger von den Behörden bewusst und systematisch als Instrument der Bestrafung eingesetzt. In der Enge einer Zelle und angesichts der Unüberwindbarkeit der Mauern und Zäune war Widerstand kaum möglich und zwecklos.

Wangs zentrales Anliegen ist aber nicht die Beschreibung von Leiden, sondern die Frage nach den Ursachen für eine politisch verursachte Katastrophe, die viele Menschen das Leben kostete. Die Insassen selbst nennen in ihren Gesprächen die Viererbande ebenso wie »den Alten«, also Mao Zedong, als Urheber. Doch der Autor lenkt den Blick des Lesers auf tiefer liegende Ursachen. Wie die Geschichten der Häftlinge dokumentieren, sind sie alle der Partei blindlings und unkritisch in die Katastrophe gefolgt. Warnzeichen wurden übersehen; kritisches Bewusstsein wurde der Parteilinie untergeordnet. Zum Beispiel lernen wir Häftling Nr. 1296 kennen, der versucht Selbstmord zu begehen, indem er seinen Kopf gegen die Wand schlägt. Die erschrockenen Zellengenossen erfahren, dass er in einer Kritik- und Kampfsitzung seine Frau anklagen musste und sie daraufhin in ein Lager gebracht wurde. Doch dies ist nur der spektakulärste Fall. Im Grunde haben sich alle Zelleninsassen in irgendeiner Form an den Kampagnen und Bewegungen beteiligt, die unschuldige Menschen in die Lager brachten. Unter Druck oder aus Angst haben sie Nachbarn, Kollegen und Familienmitglieder angeklagt. Gegen Ende des Buchs wird ein älterer Kader und Revolutionär mit folgenden Worten zitiert: »Es wird nicht lange dauern, bis ich Marx treffen werde. Wenn ich mein Leben überdenke, denke ich nicht, dass ich umsonst gelebt habe – außer dass ich nicht in der Lage bin, der Partei gegenüberzutreten, denn 1957 und 1958 habe ich mehr als zehn hochrangige Intellektuelle fälschlicherweise für Rechtsabweichler gehalten, obgleich sie in Wahrheit alle talentierte Leute waren, die für ihr Land arbeiteten. […] Wir haben den Aufstieg der Viererbande nicht verhindert, weil wir unsere Köpfe nicht benutzten, sondern blind den höchsten Direktiven folgten. Das ist eine Schande für die kommunistische Partei. Wegen meiner Blindheit behandelte ich meine Genossen wie Feinde. Es war wie ein Pfeilschuss, den ich auf einen Feind abgab und der letztendlich auf mich zurückfiel.«10

Die Erfahrung der Haft während der Kulturrevolution ist gekennzeichnet durch zwei Aspekte. Zum einen ist dies die Ohnmacht gegenüber dem Nahrungsentzug, der für die Häftlinge lebensbedrohlich ist. Wie Wangs Buch deutlich macht, gab es auch unter den anderen Regierungen quälenden Hunger, aber nur im Sozialismus wurde er systematisch als Mittel des Terrors und der Todesangst eingesetzt. Zum anderen erscheint als charakteristisch, dass das Gefühl von Ohnmacht auch durch die Erkenntnis der eigenen Mitschuld erzeugt wird. Die Opfer fühlen sich mitverantwortlich nicht nur für ihr eigenes Leiden, sondern auch für das Leiden anderer.

Die Interpretation des Texts als Verarbeitung eines Traumas verweist auf zwei Aspekte: Erstens ist es vielen Opfern wichtig, ihr Leid mitzuteilen. Viele Überlebende traumatischer Ereignisse entschließen sich daher, ihre Erfahrung niederzuschreiben. Der Psychiater und Holocaust-Überlebende Dori Laub schrieb: »There is, in each survivor, an imperative need to tell and thus come to know one’s story.«11 Erzählen kann helfen, sich von dem Geschehenen zu distanzieren und zu emanzipieren, indem der Überlebende es in einen neuen Lebenszusammenhang integriert, der über das Trauma hinausreicht. Zweitens ist die Zeugenaussage, wenn sie über ein von Menschen verursachtes Trauma berichtet, immer auch eine Anklage. Die Literatur der Überlebenden kann politische Wirkung entfalten, sie kann die kollektive Sicht der Dinge aufgrund der ihr eingeräumten Authentizität verändern. Indem sie ihre Erlebnisse schildern, werden die Opfer zu Anklägern. Ob sie gehört werden, hängt natürlich von den jeweiligen historischen und politischen Umständen ab.

Unauslöschliche Erinnerungen: Zhang Xianliangs Gewohnt zu sterben

Der Schriftsteller Zhang Xianliang hat mehrere literarische Werke publiziert, in deren Mittelpunkt das Universum der Arbeitslager steht. Wegen eines Gedichts aus dem Jahr 1957 musste er insgesamt 22 Jahre in den Lagern verbringen. Der im Januar 1989 veröffentlichte Roman Xiguan siwang (»Gewohnt zu sterben«) behandelt vor allem die Nachwirkungen und Spätfolgen einer Laogai-Erfahrung.12 Auch hier handelt es sich um eine Ich-Erzählung, die autobiografische Elemente enthält, und auch dieser Roman weist eine vergleichsweise strenge formale Komposition auf. Er hat fünf Teile, wobei der mittlere Teil den Höhepunkt darstellt. Der größte Unterschied zwischen den Werken von Wang Ruowang und Zhang Xianliang liegt jedoch in der Form der Wirklichkeitsdarstellung. Die im Großen und Ganzen mimetische Erzählweise der Trilogie des Hungers wurde vom Autor in Gewohnt zu sterben aufgegeben. In diesem Werk gibt es kein lineares Handlungsmuster mehr. Zhang Xianliang verzichtet zudem auf die Entwicklung einer einheitlichen Erzählperspektive, ja sogar auf eine stabile Erzählerfigur. Es finden sich im personalen Erzählstil geschriebene Kapitel neben in der Ich-Form erzählten Abschnitten sowie Passagen in Form eines Dialogs zwischen einem »Ich« und einem »Er«. Es existiert nur ein grober Handlungsrahmen, der sich erst im Laufe der Lektüre allmählich herauskristallisiert: Ein renommierter Schriftsteller reist Mitte der Achtzigerjahre in mehrere Städte der USA und Europas. Er nimmt an Kongressen teil, vor allem aber trifft er mit verschiedenen Geliebten zusammen. Als er Gerüchte vernimmt, er werde für sein neuestes Buch in China kritisiert, steigt in ihm sofort Angst vor einer politischen Kampagne auf. Durchsetzt ist die gesamte Reise von plötzlich wach werdenden Erinnerungen an den Aufenthalt des Protagonisten in einem Lager zur »Umerziehung durch Arbeit«, vermutlich in den Sechzigerjahren.

Der Romananfang spielt in einem Umerziehungslager. In personaler Erzählperspektive wird berichtet, wie eine namentlich nicht näher bezeichnete Person (»Er«) während des Abendappells auf einem der Umerziehung durch Arbeit dienenden Staatsgut aus Verzweiflung beschließt, sich zu töten. Er schleicht sich in der Nacht zum Dreschplatz, wo er sich erhängen will. Kurz zuvor verlässt ihn jedoch der Mut: »Er hatte sich den Strick nicht um den Hals gelegt. Er hielt ihn in der Hand und schlurfte in seinen zerrissenen Schuhen in die Baracke zurück. Hier trennte ich mich von ihm. Ich sah, dass er eine zitternde weiße Rauchfahne hinter sich herschleppte, die sich im Dunkel auflöste. Das waren seine Feigheit und seine Unentschlossenheit, die aus seinem Scheitel ausgetreten waren. Seitdem war er in diesen weißen Rauch gehüllt, der misslungene Selbstmordversuch hatte seinen Mut völlig zerstört.«13 Von diesem Zeitpunkt an ist das erzählende Subjekt zerrissen und in zwei Persönlichkeiten gespalten: »Ich« und »Er«. »Ich« begleitet »Er« kritisch über viele Jahre hinweg, beobachtet und beäugt ihn mit Misstrauen. Der Roman ist eigentlich ein zwischen dem erzählenden Subjekt (»Ich«) und dem erzählten Objekt (»Er«), geführtes Zwiegespräch. Auf diese Weise gelingt es dem Autor, die komplexe, in sich widersprüchliche Innen- und Gefühlswelt einer Person entstehen zu lassen. Zweifel, Ängste, Schuldgefühle und Reflexionen dominieren den assoziativ gestalteten Erzählfluss. Die Erinnerungen an die Lagerhaft brechen immer wieder hervor und überlagern die Gegenwart.

Die Haft in einem Umerziehungslager erscheint als ein Universum des Leidens und vor allem des Todes. In Kapitel 14–22 des dritten Teils wird geschildert, wie der Protagonist im Krankenrevier des Arbeitslagers irrtümlich für tot erklärt und mit tatsächlichen Leichen zusammen in die Leichenkammer gebracht wird. Ein Häftling, der früher Arzt war, erkennt dort, dass er noch am Leben ist. Täglich werden Tote zur Leichenkammer gebracht. Da nicht ausreichend Särge vorhanden sind, werden sie in Strohmatten gewickelt und in Massengräbern verscharrt. Im Lager ist der Protagonist gezwungen, sich an den Tod zu gewöhnen (dies deutet auch der Titel des Romans an).

Noch viele Jahre nach seiner Freilassung wird der Protagonist regelmäßig von diesen Erinnerungen heimgesucht. Immer wieder unterbrechen Angstvorstellungen den Erzählfluss, beherrschen extreme Gewalterfahrungen das Bewusstsein. Sie machen die Figur unfähig zu einem normalen Leben: »Wenn das Sterben zum Hauptinhalt im Leben eines Menschen geworden war, welchen ›Sinn‹ hatte es dann noch zu leben?«14 Das Ausgeliefertsein an die Vergangenheit, das Aufbrechen von Vorstellungen, Bildern und Gefühlen machen es ihm auch unmöglich zu schreiben. Erzählung, Traum und Wirklichkeit, Vision und Erleben gehen ineinander über und werden ununterscheidbar. Manchmal ist der Erzähler sich unsicher, ob er überhaupt wirklich lebt oder ob seine Existenz als erfolgreicher Schriftsteller nicht vielmehr der Traum eines noch inhaftierten Lagerinsassen ist. Dann wieder weiß er nicht mehr, ob er wirklich jemals im Lager war und wie er überleben konnte.15

Eine andere Schwierigkeit des Schreibens resultiert aus der Furcht vor den möglichen Folgen der schriftstellerischen Tätigkeit in China: Als er im vierten Kapitel des vierten Teils hört, dass einer seiner Romane angeblich kritisiert wurde, bekommt der Protagonist Todesangst: »Erneut kritisiert wurde er wegen eines Romans, der erschienen war, ehe er in die USA reiste, also musste man bei der Erörterung der Gründe, warum er kritisiert wurde, bis dahin zurückgehen, als er zum Stift gegriffen und das erste Schriftzeichen von jenem Buch geschrieben hatte. Aber das Buch hatte er geschrieben, weil er so viele Jahre im Arbeitslager verbracht hatte, also muss der Grund für die neuerliche Kritik, die er erfuhr, bis zu jenem Tag zurückgeführt werden, als man ihn ins Arbeitslager steckte. Ins Arbeitslager aber war er gekommen, weil er während der Kampagne gegen die Rechten kritisiert worden war, also ließ sich die Sache noch weiter zurückführen, und es ergab sich, dass er kritisiert wurde, weil er kritisiert worden war. Damit war er mit einem Mal in einen Teufelskreis geraten.«16 Immer wieder zögert er weiterzuschreiben und kündigt an einer Stelle gar an, abzubrechen.

Von seiner Struktur und Erzählperspektive her betreibt der Roman eine radikale Introspektion. Die Erhebung der Innerlichkeit zu einer völlig selbstständigen Welt wird mit den Nachwirkungen der extremen Lagererfahrungen erklärt. Sie ist aber nicht nur psychologisch interpretierbar, sondern enthält auch ein entscheidendes Werturteil über die Wirklichkeit. Die »Selbstgenügsamkeit der Subjektivität« (Lukács) ist eine verzweifelte Notwehr, ist das Aufgeben jedes bereits a priori als aussichtslos und nur als Erniedrigung und Destruktion angesehenen Kampfes um die Realisierung des Selbst in der Welt. Das Selbst hat in der Welt aufgrund einer traumatischen existenziellen Erfahrung seinen Platz verloren.

Im Mittelpunkt des Romans von Wang Ruowang stand die Absicht, geschehenes Unrecht zu dokumentieren und darüber Zeugnis abzulegen. Bei Zhang Xianliang geht es hingegen um die langfristigen Folgen einer extremen Erfahrung von Gewalt und Ohnmacht. Da diese mit den Mitteln einer traditionellen Erzählweise nicht mehr darstellbar zu sein scheinen, verwendet der Roman eine fragmentarische, assoziative Erzähltechnik. Er zeigt überzeugend, wie schwerwiegend und anhaltend die psychischen Verletzungen und Nachwirkungen der Haft sind. Nach Entlassung und Rehabilitation konnten die Überlebenden nicht einfach zur Tagesordnung übergehen und übergangslos an ihre frühere Existenz anschließen, wie es von Politik und Gesellschaft in China gewünscht wurde.

Vorstöße in die Abgründe der Vergangenheit: Zhang Xianliangs Lager-Tagebücher

In dem 1994 in der VR China erschienenen Roman Mein Bodhi-Baum wählt Zhang Xianliang einen anderen, direkten und unvermittelten Zugang zum Trauma der Lagerhaft. Dem Werk liegen Tagebücher zugrunde, die der Autor 1960 / 1961 im Lager angefertigt hat. Sie wurden später konfisziert, ihm aber nach seiner Rehabilitierung wieder ausgehändigt. 1992 erschienen Auszüge daraus unter dem Titel »Fannao jiushi zhihui « (»Ärger ist Weisheit«) in der chinesischen Literaturzeitschrift Xiaoshuo Jie. 1994 wurde dann das gesamte Werk unter dem Titel Mein Bodhi-Baum (Wo de bodi shu) publiziert.17 Die an sich sehr knappen Originaleintragungen wurden durch formal getrennte, wesentlich längere Kommentare und Erläuterungen des Autors ergänzt. Mein Bodhi-Baum besteht somit eigentlich aus zwei verschiedenen Texten: den Tagebüchern des Jahres 1960 / 61 und einem sogenannten Kommentar (zhushi) aus den frühen Neunzigern. Insgesamt erinnert das Buch an eine Tradition der chinesischen Textkritik und Philologie, nämlich die erläuternde und interpretierende Kommentierung kanonisierter historischer, philosophischer oder literarischer Werke.18 Ganz im Gegensatz zu Gewohnt zu sterben betätigt sich der Autor in diesem Buch als kritischer Kommentator und Historiograf, der einzelne Eintragungen auf ihren Wahrheitsgehalt hin befragt, sie kritisch diskutiert und bisweilen zunächst anzweifelt. Dadurch wird immer wieder Distanz zum Tagebuch hergestellt.

Der Grund für diese Herangehensweise findet sich im ersten Kommentar. Das Verfassen des Tagebuchs, so erfährt der Leser dort, sei ein wichtiges Mittel gewesen, um im laogai überhaupt am Leben zu bleiben. Das Schreiben als Form der Erinnerung und Selbstvergewisserung habe das Bewusstsein lebendig gehalten, dass es jenseits des Lagers noch eine andere Welt gab.19 Um spätere Schwierigkeiten zu vermeiden, durfte das Tagebuch aber keine inkriminierenden Eintragungen enthalten. Der Autor hält fest: »Wenn ich an manchen Stellen nur ein Wort mehr geschrieben hätte, würde ich heute nicht hier sitzen und friedlich arbeiten. Vor langer Zeit würde das Tagebuch dann Teil der Akten eines toten Mannes geworden sein und als solches wäre es vernichtet worden. [...] 1980 wurde mir das Tagebuch nach meiner Rehabilitierung übergeben zusammen mit anderen Dokumenten. Die anderen Dokumente wie Leistungsbewertungen, Selbstprüfungen, Anklagen, Regierungsbeschlüsse wurden vor meinen Augen zerstört. Ich bettelte darum, dass dieses Tagebuch ausgenommen würde. Es ist zur einzigen Verbindung geworden, die ich nun noch zu dieser früheren Welt habe. Kann es sein, dass der wertvolle Frühling meines Lebens, verbracht in harter Arbeit, nicht mehr zu zeigen hat als dies? Die Schriftzeichen auf vergilbten Seiten und in verblassender Tinte führen mich eines nach dem andern zurück zu den vergangenen Ereignissen. Sie machen es unmöglich für mich zu zweifeln, dass diese Ereignisse stattgefunden haben.«20 Das Tagebuch dient Zhang Xianliang somit als Brücke zu einer verschütteten, verdrängten Vergangenheit. Über dieses Vehikel unternimmt er den Versuch einer Kommunikation mit seinem anderen, früheren Ich. Neben dem Drama des laogai in den Tagebucheintragungen entfaltet sich in den Kommentaren das Drama eines Autors zwischen persönlicher Betroffenheit und dem Bemühen um verarbeitende Distanzierung.

Die Eintragungen des Tagebuchs geben einen detaillierten Einblick in die innere Ordnung und das Alltagsleben im laogai. Das Trauma der Haft nimmt dadurch präzise Gestalt an und wird mit konkreten Inhalten gefüllt. Das Leben im Lager bestand vor allem aus dreierlei: aus Hunger, Arbeit und politischer Erziehung. Das Tagebuch zeigt, dass die Häftlinge völlig unzureichend mit Nahrung versorgt wurden. Von Hunger und dauernder Unterernährung zermürbt, wurden sie zu einem gnadenlosen Konkurrenzkampf gezwungen. Die verschiedenen Baracken des Lagers (jeweils geleitet von einem »Gruppenführer« genannten Insassen) machten sich untereinander ebenso die Nahrung streitig wie die einzelnen Häftlinge innerhalb der Gruppe.21 Wenn sich jemand beim Essen auch nur kurz abwandte, wurde seine Ration sofort von Mithäftlingen gestohlen. Jeder, so beschreibt es Zhang Xianliang, war sich bewusst, dass er nur überleben kann, wenn ein anderer für ihn stirbt. Besonders zwischen kriminellen und politischen Häftlingen gab es Spannungen und Konflikte.

Das Tagebuch und die Kommentare zeigen auch, wie auszehrend und quälend die körperliche Arbeit für die unterernährten und geschwächten Häftlinge war. Die Arbeitszeit betrug zur Zeit des Großen Sprunges achtzehn Stunden, zur Zeit des Tagebuchs im Jahr 1960 zwölf Stunden pro Tag, und das an sieben Tagen in der Woche. Der Kommentar zum ersten Eintrag erläutert, wie das stundenlange ununterbrochene Stehen im fauligen Wasser der Reisfelder zu Hautentzündungen führte. Die Häftlinge rieben sich mit Maschinenöl ein, da sie keine anderen Mittel zur Verfügung hatten, dies verschlimmerte jedoch die Krankheit nur. Hinter dem ersten Tagebucheintrag (»Rohbau«) verbarg sich deshalb große Erleichterung, weil – wie der Autor erklärt – die Arbeit im Trockenen verrichtet wurde. Die Arbeit insgesamt erscheint als eine Form der in Kauf genommenen schleichenden Vernichtung der Häftlinge. Auch Geschwächte und Kranke wurden zur Arbeit gezwungen. Das Tagebuch erwähnt immer wieder Todesfälle. Häftlinge, die dem Tod nahe waren, zeigten sogenannte »Todesmasken« (sixiang).22

Während der allgemeinen Hungersnot in den Jahren zwischen 1959 und 1962 kam es in den Lagern zu einem Massensterben. Zhang Xianliang beschreibt dies mit den folgenden Worten: »Wenn ich das Wort Tod verwende, so meine ich damit nicht die ein zwei, drei oder vier [Häftlinge], die an meiner Seite in den ersten Jahren meiner Haft starben. Ich meine damit die Vielzahl an Toten, die plötzlich über mich hereinbrachen, als ich am wenigsten darauf vorbereitet war.«23 Zhang erinnert sich, wie er eines Morgens auf der Suche nach Essbarem einen LKW entdeckte, dessen Ladefläche mit einer Plane bedeckt war. Er hofft, darunter Kohl oder andere Nahrungsmittel zu finden, doch als er die Plane hochhebt, sieht er einen Berg menschlicher Leichen: »Die Frauen und Männer waren alle vollständig nackt. Einige hatten eine feuchte, weiche Haut, wie chinesischer Weißkohl, andere waren rau, eher wie Süßkartoffeln. Sie waren durcheinander geworfen worden, ihre Glieder waren völlig miteinander verschränkt. Gleichgültig ob sie ursprünglich von den fünf Seen oder vier Ozeanen stammten, am Ende formten sie alle hier eine intime Masse von Körpern.«24

Ein anderes wiederkehrendes Thema ist die politische Erziehung der Häftlinge, die ausführlich geschildert wird. Es gab zwei Formen: Vorträge auf dem Appellplatz sowie Kampf- und Kritiksitzungen in den Baracken. Die Beschreibung dieser Sitzungen liefert dem Autor einen Anlass, über die chinesischen Intellektuellen zu räsonieren, denn diese beteiligten sich stets aktiv daran. Bereitwillig lieferten sie, wie von der Lagerleitung gewünscht, Denunziationen und Anklagen gegeneinander, weil sie sich davon Vorteile erhofften. Nur die kriminellen Häftlinge aus der Bauern- und Arbeiter-Schicht beteiligten sich nicht. Anders als die Intellektuellen ließen sie sich nicht gegeneinander ausspielen. Da häufige Denunziationen den Häftlingen greifbare Vorteile brachten, wurden viele Anklagen fabriziert. Die Insassen belauerten sich und waren stets auf der Suche nach verwertbarem Material. Als Folge der gegen sie gerichteten Anklagen kamen Häftlinge häufig zu Tode, weil sie härtere Arbeit leisten mussten und noch weniger Nahrung erhielten. Die Häftlingsgesellschaft im laogai kannte keine Solidarität. »Gegenseitige Überwachung, gegenseitige Bloßstellung, gegenseitige Bespitzelung – das waren die wirkungsvollsten Formen der Kontrolle.«25

Wie Wang Ruowang betont auch Zhang Xianliang, dass Mao Zedong und seine Politik des Großen Sprungs nach vorne zwar unmittelbar für das Desaster verantwortlich seien, dass es aber auch tiefer liegende und weniger sichtbare Gründe gebe. Zhang schreibt: »Eine genaue Untersuchung wird zutage fördern, dass die chinesischen Arbeitslager einige Besonderheiten besaßen, die auch eine Charakteristik des chinesischen Volkes im Allgemeinen darstellen. Zum Beispiel habe ich während meiner 22 Jahre langen Kariere in den Lagern nur selten Häftlinge angetroffen, die nicht von Anfang an mit dem System koope­rierten. Die überwiegende Mehrheit der intellektuellen Häftlinge fühlte sich schuldig für ein ursprüngliches Verbrechen, das sie vielleicht oder vielleicht auch nicht begangen hatten, und für neu hinzugekommene Verbrechen, für die sie sich nun mit aller Macht umerziehen wollten. Zu dieser großen Mehrheit, muss ich sagen, gehörte auch ich. Man wird keinen Präzedenzfall in irgendeinem Geschichtsbuch finden, in dem es zu einer ähnlich intimen Symbiose zwischen Lagerbehörden und den Gefangenen gekommen ist.«26 Diese und ähnliche Passagen überraschen durch die Leichtfertigkeit, mit der die Haft­opfer die Schuld für die Geschehnisse kollektiv bei sich selbst, besonders in ihrer Willfährigkeit den Tätern gegenüber suchen. Sie öffnen auch den Blick für die Ambiguität von politischer Repression in der VR China. Versucht man zu erklären, was sich in den Lagern ereignete, stößt man unweigerlich auf den Zusammenhang von externer Repression und innerer Selbst-Repression.

Die konsequente Gegenüberstellung von Tagebuchtext und reflektierendem Kommentar produziert eine doppelbödige Struktur, die es dem Leser stets ermöglicht, zwischen Fakt und Fiktion zu unterscheiden. Der Kommentar symbolisiert dabei den Prozess der sprachlichen Rekonstruktion und illustriert, wie das Trauma der Vergangenheit, das eine Leerstelle in der persönlichen Geschichte hinterlassen hat, überwunden werden kann. Dies ist in dem Maße erfolgreich, in dem es dem Autor gelingt, einen offenen Dialog mit seiner in den Tagebuchfragmenten verborgenen Vergangenheit zu führen. Es handelt sich um schmerzvolle Erkundungen einer Vergangenheit, deren Gewalttätigkeit auch Jahrzehnte später noch das Potenzial besitzt, den Autor psychisch zu zerstören.

Gedächtnis und Erinnerung werden dabei auf eine besondere Weise eingesetzt. Sie sollen nicht nur Ungerechtigkeiten dokumentieren oder die Spätfolgen der Traumatisierung glaubhaft machen. Der bewusste, schmerzhafte Prozess der Erinnerns, den der Leser unmittelbar miterlebt, wird vielmehr zu einem Mittel der Verarbeitung und stellt einen wichtigen Schritt zur Heilung und Aussöhnung dar. Darauf weist der Titel des Buches hin: Unter einem Bodhi-Baum erlangte Shakyamuni, der historische Buddha, während einer Meditation Erleuchtung. Entsprechend bemüht sich Zhang Xianliang 30 Jahre nach der traumatischen Situation um eine Vergegenwärtigung und Verarbeitung seines Traumas.

Schluss

Die Beschäftigung mit den hier diskutierten und ähnlichen Texten unter der eingangs skizzierten Fragestellung ist in zweierlei Hinsicht fruchtbar: Als historische Dokumente und Quellen im weiteren Sinne bieten diese Erinnerungen Zugang zu verdeckten, verdrängten traumatischen Dimensionen der chinesischen Geschichte. Als literarische Werke werfen sie zudem weitreichende Fragen nach der Rolle von Sprache, Sinn und Referenz bei der Verarbeitung traumatischer Ereignisse auf, die für die Kunst und Literatur der Gegenwart charakteristisch sind.

Die Literatur wurde in China in den Achtziger- und Neunzigerjahren zum wichtigen Medium der Auseinandersetzung mit dem Trauma der Lagerhaft in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Die Autoren erzählten Geschichten von Leid und Elend, von auseinandergerissenen Familien, zerstörten Illusionen und vernichteten Lebensentwürfen. Die in der Ich-Form verfassten, autobiografischen Texte fordern die Empathie des Lesers ein, weil sie ihm das Trauma aus der Perspektive des Betroffenen, des Opfers, zeigen. Diese Auseinandersetzung mit Hafterlebnissen fand vor dem Hintergrund statt, dass das offizielle China, also Staat und Partei, einen Schlussstrich ziehen wollten unter die Ereignisse der Vergangenheit und Diskussionen darüber unerwünscht waren. Die Autoren autobiografischer Texte bemühten sich darum, mithilfe ihrer persönlichen Erinnerungen diese Aspekte der Vergangenheit dem Vergessen zu entreißen. Sie schrieben gegen einen kollektiven Akt der Verdrängung an, indem sie auf verschiedene Weise ihr privates individuelles Gedächtnis mobilisierten. Ihre Texte ermöglichen es daher, die anhaltenden und langfristigen Wirkungen einer Traumatisierung für die Individuen und für die Gemeinschaft zu diskutieren. Obgleich das Trauma in der Vergangenheit liegt, ist es im Bewusstsein der Überlebenden lebendig. Es stellt insofern die Grenze zwischen Geschichte und Gegenwart infrage, als durch das posttraumatische Syndrom des Nicht-vergessen-Könnens der Schrecken der Vergangenheit im Bewusstsein der Gegenwart lebendig gehalten wird.

Auffallend an den hier behandelten Texten ist die Bereitschaft der Opfer, eine Mitschuld an ihrem Schicksal einzugestehen. Die Häftlinge, die oft grundlos inhaftiert wurden, bringen großes Schuldbewusstsein zum Ausdruck, während sich hingegen außer der Viererbande keiner der Täter jemals verantworten musste. Dafür gibt es verschiedene plausible Erklärungen: Zum einen würden scharfe persönliche Anklagen sicherlich nicht die Zensur in China passieren. Hinzuweisen ist aber auch auf die besondere Struktur der sozialen Kontrolle, die in der VR China entwickelt wurde.27 Diese hatte wenig Ähnlichkeit mit dem Stalinismus, denn die Repression wurde zwar von oben initiiert, aber wesentlich mitgetragen von enthusiastischer Mobilisierung und Massenpartizipation von unten. Der chinesische Massenlinien-Sozialismus war charakterisiert durch eine dezentralisierte Methode des Zwanges und eine allgemeine Bereitwilligkeit zur Teilnahme aufseiten der Täter wie der Opfer. Ein solches System verwischte die Unterschiede zwischen Täter und Opfer und produzierte die Ambiguität und Unsicherheit in Bezug auf Täterschaft und Schuldfrage, die in diesen Texten zum Ausdruck kommt.

Ausgehend von dem Problem, die unvorstellbaren Dimensionen des Schreckens und des Leidens im Text zu repräsentieren, lässt sich in diesen Werken auch das Entstehen einer Krise der Darstellung erkennen. Die Autoren suchen nach geeigneten Formen, ihre Erinnerungen und Erfahrungen auszudrücken. Je näher sie sich dabei an die Lagerwirklichkeit und die Konkretheit des Schreckens heranarbeiten, desto mehr wird die Frage der literarischen Bewältigung des Traumas zum zentralen Problem. Diese Krise der Darstellung verweist auf Aspekte des Traumas, die über die Fragen nach Opfern und Tätern und nach Schuld und Sühne hinausgehen. Das kollektiv erlittene Trauma der Haft löste nicht nur eine historische Krise von Legitimation und Moral aus, sondern auch eine weitreichende kulturelle Krise, in der sich das traditionelle Sinn- und Darstellungsrepertoire als unzureichend erwies angesichts der Banalität des Bösen und der Schrecken der Wirklichkeit. Die chinesische Gesellschaft weist alle Merkmale einer posttraumatischen Kultur auf. Sie drückt sich in den dunklen Tönen in Literatur, Kunst und Kino, in einer Obsession mit Gewalt und Tod als Motiven, in der Suche nach neuen Formen der Darstellung aus. Verstärkt wird dies dadurch, dass die historischen Traumata überhaupt nur in Literatur und Kunst behandelt werden können.28 Bis heute verweigert die Partei eine öffentliche Diskussion der Vorgänge in den Arbeitslagern.


1 Richard J. McNally: Remembering Trauma, Cambridge, Mass. 2003, S. 157.

2 Die Ursprünge der darunter gefassten heterogenen, nur zum Teil kodifizierten Strafpraktiken sind vielfältig. Für weiter gehende Ausführungen siehe Klaus Mühlhahn: Criminal Justice in China: A History, Cambridge, Mass. 2009, S. 213–236; Philip F. Williams / Yenna Wu: The Great Wall of Confinement: The Chinese Prison Camp through Contemporary Fiction and Reportage, Berkeley 2004; Jean-Luc Domenach: Der vergessene Archipel. Gefängnisse und Lager in der Volksrepublik China, Hamburg 1995; James Seymour / Richard Anderson: New Ghosts / Old Ghosts. Prisons and Labor Reform Camps in China, New York 1998.

3 Siehe Klaus Mäding: Strafrecht und Massenerziehung in der Volksrepublik China, Frankfurt a. M. 1979, S. 100.

4 Siehe Domenach: Der vergessene Archipel (Anm. 2), S. 431440.

5 Siehe hierzu Philip F. Williams / Yenna Wu (Hg.): Remolding and Resistance among Writers of the Chinese Prison Camp: Disciplined and Published, London 2006; Jeffrey C. Kinkley: A Bettelheimian Interpretation of Chang Hsien-liang’s Concentration Camp Novels, in: Asia Major, Third Series, 4 (1991), H. 2, S. 83 f. sowie Kyna Rubin: The Growth of a Nation and an Intellectual, in: Wang Ruowang: Hunger Trilogy, übers. von Kyna Rubin, New York 1991, S. xi–xxxvii, hier S. xv f.

6 Perry E. Link: The Uses of Literature: Life in the Socialist Chinese Literary System, Princeton 2000, S. 6466.

7 Wang Ruowang: Jie sanbuqu [Trilogie des Hungers], in: Shouhuo 1 (1980), S. 116–173. Englischspr. Ausg.: Wang: Hunger Trilogy (Anm. 5).

8 Siehe Rubin: The Growth of a Nation (Anm. 5), S. xxiii. Siehe auch dies.: Keeper of the Flame: Wang Ruowang as Moral Critic of the State, in: Merle Goldman / Timothy Cheek / Carol Lee Hamrin (Hg.): China‘s Intellectuals and The State: In Search of a New Relationship. Cambridge, Mass. 1987, S. 233–52.

9 Siehe Rubin: The Growth of a Nation (Anm. 5), S. xxiii.

10 Wang: Jie sanbuqu (Anm. 7), S. 132 f. Übersetzung aus dem Chinesischen vom Verf.

11 Dori Laub: Truth and Testimony: The Process and the Struggle, in: Cathy Caruth (Hg.): Trauma: Explorations in Memory. Baltimore 1995, S. 63.

12 Zhang Xianliang: Xiguan siwang. Beijing 1998. Dt. Ausg.: Zhang Xianliang: Gewohnt zu sterben, übers. von Rainer Schwarz, Berlin 1994.

13 Zhang: Gewohnt zu sterben (Anm. 12), S. 13.

14 Ebd., S. 188.

15 Siehe ebd., S. 47.

16 Ebd., S. 196.

17 Zhang Xianliang: Wo de puti shu. Beijing 1994. Engl. Ausg. (2 Bde.): Zhang Xianliang: Grass Soup, übers. von Martha Avery, London 1994; ders.: My Bodhi Tree, übers. von Martha Avery, London 1996.

18 Siehe Philip F. Williams: Grass Soup by Zhang Xianliang, in: World Literature Today 69 (1995), H. 3, S. 645–647; Philip F. Williams: My Bodhi Tree by Zhang Xianliang, in: World Literature Today 71 (1997), H. 4, S. 866–868.

19 Siehe Zhang: Wo de puti shu (Anm. 17), S. 3.

20 Ebd., S. 6 f. Übersetzung der Romanzitate vom Verf.

21 Siehe ebd., S. 160 ff.

22 Siehe ebd., S. 147.

23 Ebd., S. 12.

24 Ebd., S. 17 f.

25 Ebd., S. 142.

26 Ebd., S. 81 f.

27 Siehe Tu Wei-ming: Destructive Will and Ideological Holocaust: Maoism as a Source of Social Suffering in China, in Arthur Kleinman / Veena Das / Margaret Lock (Hg.): Social Suffering, S. 167 ff.

28 Siehe Ban Wang: Illuminations from the Past. Trauma, Memory, and History in Modern China, Stanford 2004; David Der-wei Wang: The Monster that Is History. History, Violence and Fictional Writing in Twentieth Century China, Berkeley 2004, S. 13–15.

Inhalt – JHK 2009

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