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Der Gründungskongress der Kommunistischen Internationale als Propagandacoup Lenins

JHK 2010 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 363-372 | Aufbau Verlag

Autor/in: Klaus-Georg Riegel

Wladislaw Hedeler / Alexander Vatlin (Hg.): Die Weltpartei aus Moskau.
Der Gründungskongress der Kommunistischen Internationale 1919. Protokoll
und neue Dokumente. Berlin: Akademie Verlag 2008, XCVII + 441 S.,
ISBN 978-3-05-004495-8

Pierre Brocheux: Ho Chi Minh. A Biography. Übersetzt von Claire Duiker. New York: Cambridge University Press 2007, 265 S., ISBN 978-0-521-85062-91

Karin-Irene Eiermann: Chinesische Komintern-Delegierte in Moskau in den 1920er / 1930er Jahren. Kommunikations- und Herrschaftsstrukturen im Zentrum der internationalen kommunistischen Bewegung. Berlin: Wissenschaftlicher Verlag Berlin 2009, 266 S., ISBN 978-3-86573-425-9

Mit der Oktoberrevolution von 1917 avancierten die Bolschewiki zur »Weltpartei des Lenin­ismus«,2 einer Partei – so Zinov’ev Mitte Juni 1924 –, die das Stadium einer »Propa­gandagesellschaft«3 hinter sich gelassen habe und sich bemühen müsse, eine ›Lenin’sche Weltpartei‹ zu werden, »die einheitlich, aus einem Guss, wie aus einem Block gehauen sein muss«.4 Der erste Kongress der Kommunistischen Internationale habe noch im »Siegesrausch der russischen Revolution«5 stattgefunden, von der chiliastischen Erwartung angetrieben, so müsste man hinzufügen, die Revolutionierung der Industriegesellschaften Westeuropas und damit die Weltrevolution stehe unmittelbar bevor. Es überrascht also nicht, dass der am 4. März 1919 in Moskau gefasste Beschluss zur Gründung der Komintern in der Izvestija vom folgenden Tag als »Tor zum Paradies« begrüßt wurde.

Völlig zu Recht sehen sich Wladislaw Hedeler und Alexander Vatlin in der ausführlichen Einleitung des von ihnen besorgten Dokumentenbands zur Vorbereitung, Planung und Gründung der Komintern vom Glauben der leninistischen Avantgarde an die kommende Weltrevolution an den Chiliasmus des frühen Christentums erinnert (S. XI), an die Hoffnung auf das Kommen eines Tausendjährigen Reichs.6 Hedeler und Vatlin lassen keinen Zweifel daran, dass die Entscheidung, einen Gründungskongress für eine Kommunistische Internationale in Moskau vorzubereiten, von Lenin Ende 1918 gefällt wurde, als sich abzeichnete, dass die Novemberrevolution in Deutschland gescheitert war. Spätestens seit der Niederschlagung des Spartakusaufstands und der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im Januar 1919 war Lenin entschlossen, seine Anstrengungen für eine Revolutionierung Deutschlands zu verstärken, um die Sowjetmacht aus ihrer Isolierung zu befreien und das Fanal für die ›Weltrevolution‹ zu geben. Nicht zufällig sollte Deutsch neben Russisch Lingua franca auf dem Gründungskongress der Komintern sein. Die Dritte Internationale sollte zum Sprachrohr der Sowjetmacht werden, eine Propagandamaschine des neuen sozialistischen Weltzentrums. »Lenins Maximalismus« (S. XXVII) ignorierte daher Hugo Eberleins naheliegenden Einwand, ob es sich bei diesem Propagandacoup nicht lediglich um eine »Internationale der Bolschewiki« (S. XXVII) statt einer »Internationale von Weltrevolutionären« (ebd.) handle. Lenin betrieb also von Beginn an eine Bolschewisierung der Komintern, verbunden mit dem Anspruch, die neue Internationale als propaganda fidei zu installieren und nach den eigenen Zielvorstellungen zu gestalten; er »bestand auf der schnellstmöglichen Einigung der Bewegung, die missionarisch die russischen Erfahrungen im Weltmaßstab vermitteln sollte« (S. XXVII). Dem Coup d’État vom Oktober 1917 sollte also ein coup de foudre, im Sinne Lenins eine »ideologische Kraft« (S. LXIV), eine Propagandakampagne, eine kalkulierte Marketingstrategie zur Lenkung des revolutionären Chiliasmus folgen.

Detailliert werden die Bemühungen geschildert, Delegierte für den Kongress zu gewinnen, die in die isolierte und wirtschaftlich ruinierte Sowjetunion gelangen und, noch wichtiger, als Repräsentanten ihrer jeweiligen Gruppierungen gelten konnten. Mit Ausnahme von Hugo Eberlein, den der Spartakusbund mit einem imperativen Mandat ausgestattet hatte, und Karl Steinhardt, dem Vertreter der österreichischen KPDÖ, fanden sich aber nur »politische Flüchtlinge oder Verbannte aus dem Ausland, die im Augenblick in der Sowjetunion lebten oder sich auf der Durchreise befanden« (S. LV). Treffend hat Isaac Deutscher den Kongress als »Versammlung kleiner politischer Sekten«7 bezeichnet, was aber dessen propagandistischer Fernwirkung nicht im Wege stand. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die stereotype Semantik der Unterwerfung und Anpassung an die vorgegebenen ideologischen Axiome der neuen bolschewistischen ›Generallinie‹, die von den exilierten »politischen Sekten« praktiziert wurde. Selbst Anfänge eines Personenkults werden von Jacques Sadoul, seit April 1919 Mitglied des Büros der Komintern, evoziert, wenn dieser Lenin und Trockij als »Titanen« (S. 97), als »Führer im erhabensten Sinne des Wortes« (S. 98) preist: »Im Grunde genommen genügt es, dass die Weltrevolution im Besitz dieser zwei mächtigen Führer ist, damit das Proletariat zur Macht durchdringen [kann]« (S. 97). Ebenso bezeichnend ist die öffentliche Proklamation einer ideologischen Konversion, die der Sprecher der finnischen kommunistischen Partei unternimmt, wenn er erklärt: »In einem offenen Brief, den unsere Partei an den Genossen Lenin richtete, haben wir unsere Beichte abgelegt und unsere Erfahrungen näher erklärt« (S. 68).

Dementsprechend überrascht es nicht, dass Lenin und sein Stab den Ablauf der Sitzungen des Kongresses, der am 2. März eröffnet wurde, am 4. März wie vorgesehen seinen Gründungsbeschluss fasste und am 6. März 1919 mit einer Festsitzung im Bol’šoj-Theater schloss, minutiös vorbereiteten; sie bestimmten auch die Auswahl der Delegierten, die Mandatserteilung mit beschließender oder beratender Stimme, die jeweilige Tagesordnung, die Abfolge der vorgetragenen Länderberichte sowie die Abstimmungsprozeduren. Das von Hedeler und Vatlin präsentierte Gruppenbild der Delegierten und Teilnehmer demonstriert denn auch die »sowjetrussische Dominanz auf dem Gründungskongress« (S. LXVII). Bezeichnenderweise arbeiteten allein 46 der fotografierten Personen »im Partei- oder Staatsapparat bzw. in der politischen Polizei des Sowjetstaates« (S. LXVII). Die bolschewistische Vorherrschaft prägte auch die nachfolgende Organisation der Komintern, ihre materielle und personelle Ausstattung, sodass sie im weiteren Verlauf ihres Wirkens »gewissermaßen als Struktureinheit des ZK-Apparates agierte« (S. LXXXIX).

Die Edition der Dokumente und Materialien in diesem Band folgt dem Termin­kalen­der des Kongresses. Zudem werden die im Anschluss verfassten Texte, Zeitungsartikel und Kommentare präsentiert, die sich enthusiastisch (»Sonne der Zukunft«) über die Gründung der Komintern äußerten, sie als »Erlösung« feierten (S. LXIX). Besonders interessant ist die im Dokument 13 abgedruckte Stellungnahme von Hugo Eberlein ­(S. 149–151), der deutliche Bedenken gegen eine sofortige, übereilte Gründung äußerte und sich bei der folgenden entscheidenden Abstimmung zum Gründungsbeschluss als einziger Teilnehmer der Stimme enthielt. Bemerkenswert sind auch die kritischen Stimmen von im Butyrka-Gefängnis einsitzenden linken Sozialrevolutionären (Dok. 28), die hellsichtig vor einer »Parteihegemonie« (S. 268), einer »Diktatur der zentr[alistischen] Bürokratie« (S. 268) warnten. Abgedruckt werden zudem unter anderem die kritischen Stellungnahmen von Arthur Crispien (Dok. 43), 1919–1922 Vorsitzender der USPD, und dem in Moskau unter Hausarrest ausharrenden J. O. Martov (Dok. 46), Leitfigur der Menschewiki, der in einem Schreiben vom 27. Juni 1920 an Karl Kautsky »die III Internationale als Emanation des russischen revolutionären Messianismus« (S. 318) und als »große Desorganisationsfabrik für die allgemeine Klassenbewegung« (S. 318) charakterisierte.

Der Dokumentenband wird abgerundet durch Fotos und biografische Notizen zu den Delegierten, Teilnehmern, Gästen und Mitarbeitern des Gründungskongresses sowie ein Glossar, ein Literatur- und ein kommentiertes Personenverzeichnis. Insgesamt handelt es sich also um eine mit Akribie und Sachkenntnis besorgte Dokumentensammlung, die als Handbuch für Spezialisten in Zukunft unentbehrlich sein, aber auch allgemein historisch interessierte Leser ansprechen dürfte.

Der Zweite Kongress der Kommunistischen Internationale vom 19. Juli bis 7. August 1920 in Petrograd und Moskau war nicht nur von den Auseinandersetzungen um die »21 Bedingungen« bestimmt, die erfüllt sein mussten, um von der leninistischen Weltpartei aufgenommen zu werden. Lenins »Thesen zur nationalen und kolonialen Frage« sorgten ebenso für Kontroversen über die Bedeutung der Bauernschaft als revolutionäres Potenzial, Bündnisse von Kommunistischen Parteien mit nationalrevolutionären Bewegungen und das Rätesystem als direkten Weg zum Sozialismus in der kolonialen Peripherie. Dieser Perspektivenwechsel von den westlichen Industriestaaten zur kolonialen Peripherie zog besonders jene nicht westlichen Berufsrevolutionäre in den Bann der leninistischen Weltpartei, die wie Ho Chi Minh die dogmatische Blindheit und chauvinistische Arroganz der westlichen kommunistischen Parteien gegenüber der kolonialen Welt scharf kritisiert hatten. So forderte Ho im Dezember 1920 auf dem 18. Kongress der Französischen Sozialistischen Partei diese unter Bezug auf Lenins Thesen nicht nur auf, der Dritten Internationale beizutreten, sondern auch aktiv die Befreiung der kolonisierten Völker zu betreiben. Es war nur eine Frage von Zeit und Gelegenheit, bis Ho Chi Minh, der zu diesem Zeitpunkt unter dem Decknamen Nguyen Ai Quoc agierte und der Kommunis­tischen Partei Frankreichs beigetreten war, auf Betreiben von Manuilski die Reise nach Moskau antrat, wo er von Juni 1923 bis zum Frühjahr 1924 als Experte für koloniale Fragen und als Propagandist für die Komintern arbeitete.

Pierre Brocheux hat in seiner Biografie erstmals detailliert diese Phase der wechselvollen Karriere Ho Chi Minhs nachgezeichnet, den er zu Recht als »missionary of revolution« charakterisiert (S. 23–52). Neben seinem Studium an der KUTV, der Universität der Werktätigen des Ostens, schrieb Ho Artikel für L’Humanité, Le Paria und Inprecor, schloss seine Schrift Le Procès de la Colonisation Française ab und gab Ossip Mandelstam ein Interview für das Journal Ogoniok; sein Porträt erschien im Almanach des Verlags der Kommunistischen Internationale 1921, und er wurde in Begleitung von Zinov’ev und Woroschilow auf dem Roten Platz gesehen – er war also, wie Mandelstam bemerkte, ein typischer Cominternchik. Gegenüber den verschiedenen Kominternabteilungen betonte Ho, der Schlüssel für die Befreiung der kolonialen Völker sei nicht in dem für die westlichen Industriegesellschaften typischen Klassenkampf zu finden, sondern in der Mobilisierung ihres Nationalismus und ihrer Bauernschaft. Die nationale Befreiung vom kolonialen Joch, so insistierte er durchgängig, sollte die Vorbedingung für eine sozialistische Gesellschaft sein, in der ein strikter Egalitarismus gelten solle. Ho vertrat also die leninis­tische Revolutionsstrategie, die in den kolonialen Gesellschaften das ›schwächste Glied in der Kette des Imperialismus‹ sah, das über den antikolonialen Befreiungskampf zerbrochen werden müsse.

Ausführlich beschreibt Brocheux den revolutionären Eifer des zum leninistischen Be­rufs­revolutionär herangereiften Ho Chi Minh, der seiner Mission der Befreiung Indo­chinas und insbesondere natürlich Vietnams von der französischen Kolonialherrschaft folgt und darauf drängt, sich in der Praxis zu bewähren. Seine erste Station als Delegierter der Komintern war Kanton, das als Basis für Sun Yat-sens Guomindang und deren Bündnis mit der 1923 gerade gegründeten KP Chinas diente. Ho bezog im November 1924 in der Residenz von Borodin Quartier und war damit in den Stab der Kominternberater integriert, deren Aktivitäten sich besonders auf die Whampoa-Militärakademie konzentrierten. Als Journalist für die Sowjetagentur ROSTA getarnt, entfaltete er eine intensive journalistische Propagandatätigkeit in Kominternpublikationen, lehrte am Institut für Kader der Bauernbewegung, knüpfte Kontakte mit führenden Vertretern der KPCh (unter anderem Zhou Enlai), agitierte in fließendem Chinesisch vor einem vorwiegend bäuerlichen Publikum und gründete schließlich im Juni 1925 die Revolutionäre Jugendliga Vietnams, deren Mitglieder den Eid abzulegen hatten, sich selbst für das Wohl der Nation zu opfern. In Kanton knüpfte Ho nicht nur ein Netzwerk für die Rekrutierung von vornehmlich jugendlichen vietnamesischen Parteiaktivisten, sondern gewann auch die feste Überzeugung, dass eine autonome kommunistische Partei die nationale Frage mit dem revolutionären Potenzial der Bauernschaft kombinieren müsse. Die Autonomie der eigenen Partei wurde insofern für ihn wichtig, als er mit Borodin 1927 nach Moskau zurückkehren musste, nachdem Chiang Kai-shek das Bündnis mit der KPCh durch das Massaker an ihrer Führungsschicht in Schanghai abrupt beendet hatte. Die Erfahrungen seiner Kominternmission in Kanton fasste Ho zu drei Axiomen zusammen, die, so Brocheux, für seine zukünftige revolutionäre Karriere maßgeblich wurden (S. 72 f.): Er propagierte erstens eine Form des Nationalismus – den Kampf gegen das französische Kolonialregime mit nationalrevolutionären Kräften (»Volksdemokratie«) –, zweitens die Gründung einer leninistischen Kaderpartei mit eigener Armee und ›befreiten‹ Rückzugsbasen (Sowjets) für Indochina / Vietnam sowie drittens die Mobilisierung der Bauernschaft, eine Doktrin, welche die KPCh erst nach ihrer Vertreibung aus den Städten entwickelte.

Minutiös rekonstruiert Brocheux die weiteren Stationen der Kominterntätigkeit Ho Chi Minhs, die schließlich 1930 in die Gründung der KP Indochinas in Hongkong mündete. Zuvor operierte Ho in der Grenzregion von Thailand, Laos und Vietnam als Agitator, der von Dorf zu Dorf zog, das Leben der Bauern teilte und sie in einfachen Worten von seiner Mission zu überzeugen und durch vorbildliches Verhalten ihr Vertrauen zu gewinnen suchte. »Like a good ethnologist, he always practiced ›participant observation‹, as well as ›observant participation‹, and never forgot that a good example is better than a hundred lectures« (S. 46). 1931 wurde er in Hongkong verhaftet und in einer dramatischen Rettungsaktion vor der Auslieferung an die französische Kolonialmacht bewahrt. Nach seiner Flucht nach Moskau geriet er in das Räderwerk der stalinistischen Säuberungswellen (1934–1938). Auch für diese Zeit kann Brocheux mit detaillierten, bisher nicht bekannten Informationen aufwarten: Ho agierte nach dem Prinzip des »low profile« (S. 59), er verhielt sich ideologisch und sozial konform. Er besuchte die Lenin-Schule und danach das Institut zum Studium der Nationalen und Kolonialen Fragen, übersetzte unter anderem das Kommunistische Manifest ins Vietnamesische. Schließlich wurde er zum Verhör durch die Disziplinarkommission der Komintern einbestellt, schrieb dort einen selbstkritischen Lebenslauf, konnte sich aber der drohenden Verhaftung durch eine neuerliche Entsendung nach China entziehen. In Yan’an lernte er 1938 Mao Zedong kennen und zeigte sich von der egalitären Gesellschaftsordnung des maoistischen Kriegskommunismus beeindruckt. In seiner neuen Rolle als politischer Kommissar der Roten Armee der KP Chinas gelangte Ho schließlich in das bergige Grenzgebiet zwischen Vietnam und Guangxi, wo er 1941 in Cao Bang seine erste ›befreite‹ Zone aufbaute. Dort führte er mit seinen Gefolgsleuten ein spartanisches Guerillaregime, gewann die Unterstützung der umliegenden Dörfer und rief in der erweiterten Zone im Mai 1941 die Viet Minh, die nationale Front zur Befreiung Vietnams, ins Leben. Nationale Unabhängigkeit und soziale Gleichheit sollten gemäß den Direktiven des Siebten Kongresses der Komintern (1935) die Dynamik des Nationalismus mit dem sozialen Radikalismus des internationalen Kommmunismus verschmelzen.

Die Ausrufung der Demokratischen Republik Vietnam am 2. September 1945 in Hanoi bildete einen vorläufigen Abschluss seiner Karriere als konspirativ operierender Be­rufs­revolutionär und Kominternagent. Ho Chi Minh wurde Staatsoberhaupt. Als Diplo­mat an verschiedenen Fronten bemühte er sich um eine völkerrechtliche Anerkennung der Volksrepublik in Verhandlungen mit Frankreich, aber auch mit der US-Regie­rung, betrieb im Innern eine Politik der nationalen Einheit und Verständigung und gewann als Führer des nationalen Widerstands gegen die französische Kolonialmacht, als »father of the nation«, die Aura einer Ikone der nationalen Identität (S. 95–148). Die nach 1951 sichtbar werdenden totalitären, stalinistischen Aspekte in Armee, Verwaltung und Partei schreibt Brocheux dem Einfluss der chinesischen Militärberater zu, die in jener Zeit zhengfeng-Kampagnen mit Kritik- und Selbstkritikritualen einführten. »This mass operation became unbearably oppressive, degenerating into psychological terrorism and even thought control« (S. 146). Auch die seit 1953 einsetzende ›Landreform‹ folgte dem chinesischen Vorbild mit Volkstribunalen, öffentlichen Anklagen gegen ›Volksfeinde‹ und Massenexekutionen von ›reichen‹ Bauern. Die horrenden Opferzahlen, die Zerstörung der Solidarität der Dorfbewohner, die ›Exzesse‹ des Klassenkampfs wurden zwar von Ho im August 1956 selbstkritisch in einer Versammlung vor Parteikadern moniert, doch glaubt Brocheux (S. 159), dass dieser zu jener Zeit längst resigniert und sich selbst dem Massenterror gebeugt habe. Ab 1960 habe Ho bis zu seinem Tod Anfang September 1969 lediglich eine diplomatische und symbolische Rolle neben der Troika Le Duan, Le Duc Tho und Nguyen Chi Tanh gespielt.

Das Porträt, das Brocheux in seiner brillanten Biografie von Ho Chi Minh zeichnet, ist von Verständnis, manchmal sogar von offener Sympathie für diesen historisch bedeutenden leninistischen Berufsrevolutionär geprägt, der als glühender Nationalist und gläubiger Leninist, als Staatsoberhaupt und Diplomat, als Journalist, Agitator und konfuzianischer Literat, als Meister der Camouflage und Täuschung im Zuge seiner Kominternmissionen fast den gesamten Globus durchquerte. Die vielen Rollen, die Ho im Laufe seiner revolutionären Karriere spielte, ließen ihn nach seinem Tod zur Kultfigur werden, die als einbalsamierte Reliquie im Mausoleum in Hanoi, gleich neben dem Gouverneurspalast der französischen Kolonialmacht, ruht und so den Legitimitätsinteressen des Parteiapparats wie den Glaubensbedürfnissen der Pilgerscharen dient. Ho Chi Minh teilt damit das Schicksal seines verehrten Vorbilds Lenin, dem – ebenfalls gegen seinen Willen – die gleichen sakralen Weihen zuteil geworden waren; an Lenins Begräbnis in Moskau im Januar 1924 hatte er als Kominterndelegierter teilnehmen können. Vielleicht bedeutet diese Form der Musealisierung eine Historisierung des kollektiven Gedächtnisses, indem sie antikolonialen Befreiungskampf und terroristischen Kommunismus in die Distanz historischer Erinnerung und gläubiger Adoration rückt.

Karin-Irene Eiermann befasst sich in ihrer Studie nicht mit der Karriere eines einzelnen Berufsrevolutionärs, sondern möchte die Kommunikations- und Herrschaftsstrukturen analysieren, die in den Zwanziger- und Dreißigerjahren für den Arbeitsalltag von hochrangigen chinesischen Komintern-Delegierten typisch waren. Ihr Ansatz ist einer »kulturgeschichtlichen Institutionenforschung« (S. 21) verpflichtet, welche durch eine »kritische Diskursanalyse« (S. 23) nicht nur die politische Kultur im Innenraum der transnationalen Institution der Komintern aufschließen möchte, sondern darüber hinaus auch noch die »Diskussionsdynamik« (S. 20) und den bestimmenden Code der Kommunikations- und Herrschaftsstrukturen (»kommunikative Gattungen«, S. 25) zu präsentieren versucht. Dieses ambitionierte Theorieprogramm soll durch die Interpretation von Stenogrammen aus den Beständen der Kominternarchive realisiert werden. Dadurch lasse sich, so Eiermann, die »relativ offene Gesprächssituation« (S. 24), die »unmittelbare Kommunikation« (S. 30), die »Kultur hinter dem Text« (S. 30) innerhalb der diskursiven Prozesse im Kominternapparat offenlegen.

An die Theoriediskussion (S. 13–37) schließt sich eine Skizze zur geschichtlichen Entwicklung der chinesischen kommunistischen Bewegung 1915–1940 an (S. 38–61). Die »kommunikativen Milieus« (S. 63), so fährt Eiermann fort, in denen die Kominternbürokratie und die KPCh ihre diskursive Praxis entfalteten, waren spätestens ab 1928 durch die gemeinsame Weltanschauung mit ihren leninistischen Axiomen (demokratischer Zentralismus, Parteizellen, eiserne Disziplin) geprägt (Kap. 1, S. 63–82). Der leninis­tische Diskurs bestimmte die symbolische Weltorientierung in einer multikulturellen und transnationalen Institution. Die chinesischen Delegierten, die sich in Debatten, Ver­handlungen und Konflikten hauptsächlich mit russischen Vertretern der jeweiligen Kom­internsekretariate und -büros auseinanderzusetzen hatten, trafen also auf eine ihnen schon vertraute leninistische Diskurswelt, was es ihnen erleichterte, ihre Forderungen nach finanzieller Unterstützung, ihre Klagen über Funktionsmängel der Kominternbürokratie, ihre Frustation über ihre Statistenrolle auf Kominternkongressen und natürlich ihre Interpretation der revolutionären Entwicklung in China vorzutragen.

Der Überblick über die chinesischen Delegationen auf den Komintern-Weltkongressen und die chinesischen Strukturen im Moskauer Apparat (Kap. 2, S. 83–115) zeigt, wie die Zahl der in Verbindung mit der revolutionären Entwicklung Chinas entstandenen Institute, Schulen, Universitäten, Informationsbüros, Sekretariate, Delegationen usw. innerhalb der Komintern stetig wuchs. Es hielten sich in diesem Zeitraum 4000 chinesische Studenten und »mehr als 20 hochrangige chinesische Kader für längere Zeit als Vertreter der KPCh im EKKI [Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale] in Moskau auf« (S. 114). Wie dramatisch die sekundäre politische Sozialisation der chinesischen Studenten in Moskau verlief, wird von Eiermann bei der leider sehr flüchtigen Präsentation der 1925 gegründeten Sun-Yat-sen-Universität nicht weiter thematisiert, obgleich doch die Kommunikationsräume zwischen ihnen und den chinesischen Kominternkadern nicht strikt getrennt waren. Die Sun-Yat-sen-Universität diente beispielsweise als Ressource für die Rekrutierung von Dolmetschern und als Übersetzungsbüro für die klassischen marxistischen Sakralschriften ins Chinesische sowie nicht zuletzt als ideologisches Minenfeld für innersowjetische Machtkämpfe (Radek als Rektor, Stalins ›Besprechung mit Studenten der Sun-Yat-sen-Universität‹ am 13. Mai 1927). Auch die dort stattfindenen Säuberungskampagnen (Trotzkismus, Links-, Rechtsabweichung) hatten Auswirkungen auf die Auswahl der chinesischen Kominternkader. Nur so ist die zeitweilige Führungsrolle von Wang Ming und seinem russischen ›Protektor‹ Pavel Mif zu erklären. Eiermann erwähnt zwar A Concrete Guide to the Work of Training (S. 96), ein berühmtes ideologisches Exerzitienmanual für die Kadererziehung,8 sie bemerkt jedoch nicht, dass die absolvierten rites de passage in die leninistische Diskurswelt keineswegs zur völligen Aufgabe der chinesischen Herkunftskultur führten. Die zuvor von ihr dargestellte »überragende Erkenntnis« (S. 34), dass das konfuzianische »Unterwürfigkeitsprinzip« [sic!] (ebd.) in Moskau keine Rolle gespielt habe, da das konfuzianische Senioritätsprinzip in den untersuchten Protokollen und Stenogrammen nicht explizit thematisiert werde, dürfte eine Fehlinterpretation sein. Die in den Dokumenten sichtbar werdende permanente Beschwörung einer egalitären leninistischen Diskursgemeinschaft verrät die stille Präsenz einer kulturellen Abweichung auch in den Reihen von Kadern, die als »kampferprobte Untergrundrevolutionäre« (ebd.) die klassische konfuzianische Ritualordnung sicherlich nicht aus ihrem subjektiven Gedächtnis gelöscht hatten. Die dramatischen und schonungslosen Demaskierungspraktiken, mit denen sich gerade auch die chinesischen Kominterndelegierten in ihren eigenen Reihen in Kritik- und Selbstkritikritualen bekämpften, sprechen für die verschwiegene Präsenz einer kulturellen Identität, die man – oft vergeblich – zu vernichten suchte. Der Parteikatechismus eines Studenten der KUTV, Liu Shaoqis How to Be a Good Communist (1939), demonstriert diesen Sachverhalt eindrucksvoll. Bedauerlicherweise hat Eiermann an diesen sensiblen Relaisstationen der interkulturellen Kommunikation »die Kultur hinter dem Text« (S. 30) nicht wahrgenommen.

Erst im dritten Kapitel versucht die Autorin ihr weitgestecktes Theorieprogramm zu realisieren, also mithilfe von Stenogrammen die semantischen Spuren einer »relativ offenen Gesprächssituation« (S. 24), die »Vorstufen des Enstehungsprozesses der Resolutionen« (S. 140) in der Interaktion zwischen chinesischen Delegierten und ihren counterparts aufseiten der Kominternprominenz aufzuzeigen. Als Grundlage dient das Stenogramm einer zweitägigen Sitzung, die Bucharin am 14. / 15. Juni 1928 mit den Führungskadern der KPCh abhielt, die zur Vorbereitung des 6. Parteitages der KPCh in Moskau eingetroffen waren. Auf chinesischer Seite nahmen Huang Ping, Zhang Guotao, Qu Qiubai, Zhou Enlai und Wang Ruofei teil (S. 140). Zur Debatte stand die fehlgeschlagene Chinapolitik der Kominternführung und natürlich die Suche nach den Schuldigen, welche die katastrophalen Folgen für die KPCh nach dem Bruch mit der Guomindang und der Politik der gescheiterten Aufstände zu verantworten hatten. Die Auseinandersetzung auf diesem Vorbereitungstreffen interpretiert Eiermann als kontroverse Diskussion, welche von den chinesischen Führungskadern, mit Ausnahme von Wang Ruofei, eigenständig und kritisch geführt wurde. Ihre Weigerung, allein die Schuld für die gescheiterte Politik der Kominternführung auf sich zu nehmen, führte sogar zu offener Kritik von Qu Qiubai: »Wir sollten unsere Meinung nicht verbergen, weil die Genossen Stalin und Bucharin nicht einverstanden sind. Wir sollten mit ihnen streiten, wenn wir einen anderen Standpunkt haben« (S. 155). Dieser bemerkenswerte »Emanzipationsvorstoß« (ebd.) hinderte aber die Kominternführung nicht daran, auf dem anschließenden Parteitag die Kader für die Führungsgremien der KPCh nach einer von ihr vorgegebenen Liste wählen zu lassen. Eine weitere Angriffsfläche für die Kritik der chinesischen Führungskader boten die Berater­tätigkeiten verschiedener Kominternkader in China, die für die Misserfolge verantwortlich gemacht wurden. Auch das Sprach- bzw. Übersetzungsproblem wurde vehement zur Sprache gebracht: »[Die Sun-Yat-sen-Universität] steht vor der Fage, ob sie nicht schließen soll, weil kein Unterricht gemacht werden kann. Die Kommunistische Universität der Werktätigen des Ostens ist nahezu in der gleichen Lage. Was ist los? Schicken Sie uns Übersetzer« (S. 171). Natürlich gerieten auch die Dolmetscher unter Verdacht. »Die Kommission zur Säuberung sollte der Übersetzung von Reden ganz besonders Beachtung schenken, weil die Dolmetscher bisweilen unehrlich sind« (S. 178).

In den beiden abschließenden Kapiteln ihrer Studie präsentiert Eiermann eine paradoxe Situation: Die Mitglieder der 1928 eingerichteten chinesischen Delegation beim EKKI traten in den Sitzungen des Präsidiums und des Politsekretariats als produktive Berichterstatter und Diskussionsredner über Probleme westlicher und nicht westlicher Parteien auf, während die Diskussionen und Beschlüsse besonders in den Sitzungen des Ostsekretariats, die sich mit der chinesischen Entwicklung beschäftigten, vorwiegend von russischen Vertretern bestimmt wurden, die darüber hinaus die Chinapolitik der Kom­intern für ihre jeweiligen Fraktionskämpfe zu instrumentalisieren pflegten. So lieferte Qu Qiubai am 8. April 1929 einen Diskussionsbeitrag zur ›Arabischen Frage‹ und präsentierte sich darüber hinaus hinsichtlich der ›Amerikanischen Frage‹ als linientreuer Zensor, der ›rechte Abweichung‹ zu sanktionieren forderte, eine Strategie, die er ebenso im Kontext der ›Schwedischen Frage‹, aber auch 1930 beim angestrebten Parteiausschluss von Chen Duxiu verfolgte. Dagegen blieb in den chinaspezifischen Kommissionen die Kritik der chinesischen Delegierten an der Ausbildung chinesischer Studenten, dem Mangel an chinesischen Informationsmaterial, der Informationspolitik des EKKI, der Arbeitsmoral und der Ineffizienz der Kominternbürokratie ohne sichtbare Wirkung. Selbst in Sitzungen, in denen es spezifisch um die ›Chinesische Frage‹ (kitaiskij vopros) ging, muss­ten sich die chinesischen Vertreter mit einer Statistenrolle begnügen. »Die China-Politik wurde nicht im Dialog zwischen Chinesen und dem EKKI verhandelt, sondern unter Vertretern der EKKI / Sowjetführung verhandelt und beschlossen« (S. 251). Dass die chinesischen Kominterndelegierten in diesem asymmetrischen Herrschaftssystem innerhalb der Komintern dennoch nicht nur als abhängige Klientelkommunisten fungierten, sondern mit Kritik an der Kominternbürokratie nicht zurückhielten und selbstbewusst als Leninisten chinesischer Provenienz auftraten, das herauszuarbeiten ist sicherlich ein Verdienst der von Eiermann vorgelegten informativen Studie.


1 Originalausgabe: Hô Chi Minh. Du revolutionnaire à l’icône, Paris 2003.

2 G. [Georgij] Sinowjew: Bericht über die Tätigkeit der Exekutive, erstattet dem V. Weltkongreß, in: ders.: Die Weltpartei des Leninismus, Hamburg 1924, S. 17–136, hier S. 134.

3 Ebd., S. 18.

4 Ebd., S. 76.

5 Ebd., S. 21.

6 Siehe Alfons Paquet: Der Geist der russischen Revolution, Leipzig 1919, S. 20; Fritz Gerlich: Der Kommunismus als Lehre vom Tausendjährigen Reich, München 1920, bes. S. 38–50; René Fülöp-Miller: Geist und Gesicht des Bolschewismus, Wien 1926, bes. S. 100–121.

7 Isaac Deutscher: Trotzki. Der bewaffnete Prophet, Bd. 1, Stuttgart 1972, S. 424; zit. nach der Einleitung (S. LV). Deutscher irrt, wenn er an dieser Stelle zu bedenken gibt, dass diese ›Versammlung politischer Sekten‹ Lenin und Trockij wegen ihrer fehlenden Repräsentativität und Legitimität beunruhigt habe. Im Gegenteil: Wichtig waren allein ihre propagandistischen Effekte.

8 Siehe Klaus-Georg Riegel: Transplanting the Political Religion of Marxism-Leninism to China: The Case of the Sun Yat-sen University in Moscow (1925–1930), in: Karl-Heinz Pohl (Hg.): Chinese Thought in a Global Context, Leiden, Boston, Köln 1999, S. 327–358.

Inhalt – JHK 2010

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