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Die unvollendete Vergangenheit: Über den Umgang mit der kommunistischen Geschichte im heutigen Russland

JHK 2010 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 279-294 | Aufbau Verlag

Autor/in: Alexander Vatlin

Ungewisse Vergangenheit

Die Vergangenheit lässt sich nicht vorhersehen, folgt sie doch den Änderungen der offiziellen Parteilinie – solche Witze machten wir damals in der Sowjetunion. Wir waren noch sehr jung, spürten aber bereits, dass man uns eine fiktive, märchenhafte Geschichte erzählte, deren Tenor noch von Stalins Kurzem Lehrgang der Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki) bestimmt wurde. Die Gesellschaft war inzwischen erwachsen geworden und reagierte auf solche Märchen mit einem müden Lächeln. Sie äußerte ihre Unzufriedenheit mit der Staatsmacht, die die Sprache der Wahrheit nicht beherrschte, und suchte nach alternativen Informationsquellen über die eigene Vergangenheit. Diese Haltung teilte auch jener Teil der Elite, der gemerkt hatte, in welcher Sackgasse sich das sowjetische Modell des Sozialismus befand.

Die »Aufdeckung der historischen Wahrheit« und die »Beseitigung der weißen Flecken unserer Vergangenheit« wurden zu zentralen Bestandteilen von Gorbatschows Perestroika. Das setzte enorme gesellschaftliche Energien frei. Die Menschen glaubten an die Bereitschaft der Staatsmacht, auf die Märchen zu verzichten und einen ehrlichen Dialog zu führen. Die Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert avancierte zum populärsten Thema dieser Auseinandersetzung. Die Auflagen der sich mit ihr befassenden Zeitschriften lagen bei annähernd hunderttausend Exemplaren. In dieser kurzen Zeitspanne fühlte sich jeder denkende Mensch als Historiker. Und die Historiker wurden zu »Herrschern der Gedanken«, zu Propheten, die nicht nur die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft zu sehen vermochten.

Das war eine Zeit der glanzvollen Illusionen. Wir dachten – so wie einst die großen Historiker im 19. Jahrhundert –, dass es genüge, die Vergangenheit zu »entdecken«, so wie Reisende eine neue Insel entdecken. Dann hätten wir zwar mit dieser Vergangenheit leben müssen, aber nicht mehr in ihr. Die zwei Jahrzehnte seit dem Zusammenbruch der Parteidiktatur haben uns eines Besseren belehrt. Die Geschichte war ihren selbst ernannten Priestern wieder einmal überlegen.

Bald wurde offenkundig, dass eine einheitliche Perspektive auf die Vergangenheit nicht möglich ist. Es existiert kein alternatives, »wahres« und allein gültiges Gegenbild zum offiziellen und deswegen verzerrten Bild der Vergangenheit, das uns durch die kommunis­tische Ideologie aufgezwungen wurde. Das Projekt der »Erziehung durch die Vergangenheit« erlitt genauso schnell wie das Projekt des Aufbaus einer »strahlenden Zukunft« eine Niederlage. Unsere Geschichte wurde nun nicht mehr von oben aufgezwungen, sondern, ähnlich anderen Bereichen des öffentlichen Lebens, zunehmend privatisiert. Sie lässt sich jedoch genauso schlecht vorhersehen wie zuvor.

Das bedeutet jedoch keineswegs, dass die Vergangenheit aus dem kollektiven Bewusstsein der russischen Bürger verschwunden ist. Sie hat sich vielmehr transformiert, in viele Teilchen aufgelöst, die sich in den Köpfen zu unterschiedlichen Bildern zusammensetzen. Im Weiteren sollen einige wichtige Tendenzen bezüglich dieser Bilder beleuchtet werden.

Glorreiche Revolution oder bolschewistischer Putsch?

Den Hauptgrund für viele Verzerrungen in der Haltung des heutigen Russlands gegenüber der eigenen Geschichte sehe ich weniger in der Dämonisierung der sowjetischen Vergangenheit als vielmehr in der Idealisierung der vorsowjetischen Zeit. Zar Nikolaus II. wird nicht mehr mit dem »Blutsonntag« assoziiert, an dem die Armee im Januar 1905 auf eine friedliche Demonstration schoss, und ebenso wenig mit dem archaischen politischen System, der volksfremden aristokratischen Elite und zwei verlorenen Kriegen. Nein, er wurde von der Kirche zu einem Heiligen erklärt und ist für einen bedeutenden Teil der russischen Bürger zu einer Ikone geworden. Dieser Kult entspricht in mancher Hinsicht dem politischen Interesse der heutigen Staatsmacht, die ein Symbol für einen »Sonderweg« sucht, der sich vom westlichen bzw. europäischen Weg abgrenzen lässt – ein Symbol für ein patriarchales Russland, das weder von politischen Schlammschlachten noch von den Versuchungen der Konsumgesellschaft tangiert sein soll.

Vor diesem Hintergrund erklärt sich die Popularität verschwörungstheoretischer Deutungen der russischen Revolution von 1917 – Machenschaften der Entente-Botschafter, deutsches Geld, jüdische Verschwörung. Wer solche Versionen vehement verteidigt, scheint zu vergessen, dass eine Revolution stets die Ultima Ratio des Geschichtsprozesses bleibt, wenn alle andere Mittel erschöpft sind.1 Das zaristische Ancien Régime hatte genug Zeit, dem sozialen Ausbruch durch tief greifende Reformen zuvorzukommen. Der Weltkrieg war keine Ursache, sondern lediglich ein Katalysator für die Revolution – das zaristische Russland war noch nicht auf einem Entwicklungsstand angelangt, der es einem Staat ermöglicht, Kriege eines solchen Ausmaßes und unter einer solchen Spannung zu führen.

Der Bolschewismus als politisches Regime war eine brutale Antwort auf das brutale Zeitalter, dessen Kind er war.2 Er war zugleich eine Negation des Ancien Régime und der Revolution, sodass ein Vergleich mit den französischen Jakobinern angemessen erscheint.3 Die naheliegende Anerkennung der Tatsache, dass der Bolschewismus »Fleisch vom Fleische« der Geschichte Russlands war und keineswegs ein exotisches, von außerhalb in den russischen Boden eingepflanztes Gewächs, soll weder zu seiner Verharmlosung noch zu seiner Glorifizierung verleiten!

Einen solchen Vorwurf verdienen links orientierte Historiker, die weiterhin von zwei russischen Revolutionen 1917 ausgehen: Die erste soll eine liberale Revolution nach westlichem Vorbild gewesen sein, weswegen sie zum Scheitern verdammt gewesen und im völligen Chaos, im Zusammenbruch des ganzen Staatsapparats gemündet sei. Die zweite, die Große Oktoberrevolution, habe hingegen nationalen und schöpferischen Charakter gehabt und (wenn auch nur für eine kurze Periode) zu einer wahren Volksherrschaft, zur Errichtung eines »Staates neuen Typs« geführt.

Diese Geschichtsauffassung, die von den meisten Historikern der älteren Generation geteilt wird, weist drei gravierende Mängel auf. Erstens löst sie die bolschewistische Etappe der russischen Revolution aus dem historischen Kontext: Ohne allgemeine Kriegsmüdigkeit, ohne leere Worte der Provisorischen Regierung, ohne wilde Landbesetzungen durch die Bauern im Sommer 1917 hätte sich in den unteren sozialen Schichten nicht die Energie formieren können, die Lenins Partei auf die Bühne der Geschichte gebracht hat.

Die politische Agitation sprach von den sozialistischen Inhalten der Oktoberrevolution und verbreitete (mit durchschlagendem Erfolg) die entsprechenden Bilder einer »strahlenden Zukunft«. Aber auf der Ebene der Wissenschaft konnte und kann keine Rede von einem sozialistischen Charakter des Oktober-Umsturzes sein. Kautsky und seine Mitstreiter haben im Zuge der deutschen Novemberrevolution die These vertreten, man könne keine Ruinen sozialisieren. Freilich gab es im agrarisch geprägten Russland im Großen und Ganzen weder Ruinen, die der Sozialisierung wert gewesen wären, noch eine Gesellschaft, die der Selbstverwaltung fähig gewesen wäre. Wer wollte wirklich eine parlamentarische Demokratie, wer versuchte im Januar 1918, die Verfassunggebende Versammlung zu schützen? Eine Handvoll Petrograder Studenten, die von den Matrosen mit ein paar Schüssen auseinandergetrieben wurden.

Genau diese Matrosen mit ihrer berühmten Parole »Anarchie ist die Mutter der Ordnung« (die übrigens auch heute noch bei Jugendlichen populär ist) schienen zunächst zu Symbolen des neuen politischen Regimes zu werden. Allerdings haben die Anhänger der Anarchie, der Enteignungen und der Willkür schon bald zu spüren bekommen, dass ihre Tage gezählt waren. Die Bolschewiki hatten es geschafft, die Situation unter Kontrolle zu bringen, indem sie auf die demokratischen Elemente des eigenen Programms verzichteten.

Sie begannen sogar umgehend damit, den straffen Repressionsapparat wiederaufzubauen. Nicht allen ist bekannt, dass die berühmte Tscheka, die »Außerordentliche Kommission für den Kampf gegen die Konterrevolution«, auf der Basis der Ochranka aufgebaut wurde – der zaristischen politischen Polizei. Die im bürgerlichen Europa etablierten Kategorien können die Ereignisse von 1917 nicht adäquat beschreiben. Es handelte sich weder um die »Pioniere des Sozialismus« noch um eine »Demokratie neuen Typs«, sondern um ein autoritäres politisches Regime, das Russland aus einer Jahrhunderte andauernden Rückständigkeit lösen und seinen Rang einer Großmacht erhalten wollte. Die Menschen in den unteren ebenso wie den oberen Rängen der russischen Gesellschaft hatten die »Freiheit« satt, die mit Pogromen und Plünderungen verknüpft wurde, sie sehnten sich nach einer »starken Hand«, und somit konnte sich diese Hand auch durchsetzen.

Der zweite Mangel der auf zwei Revolutionen bestehenden Geschichtsauffassung ist ihr elitärer Charakter. Wir sehen eine beinahe nietzscheanische Unterteilung der Gesellschaft in den Helden und die Masse. Lenin erscheint als der Messias, der fast vom Himmel gekommen ist (bzw. durch das ganze sich im Krieg befindende Europa reiste), um das Volk auf den rechten Weg zu bringen, ihm die »eisernen Gesetze der Geschichte« beizubringen. Tatsächlich verwerfen die Verfechter dieser Meinung die von ihnen scheinbar übernommene marxistische These von der entscheidenden Rolle der Volksmassen in der Geschichte. Es wird außer Acht gelassen, dass sich die Bolschewiki stets den Launen der Menge, allen voran der Soldaten, angepasst und die Schlüsselforderungen anderer Parteien (die Aufteilung anstatt der Nationalisierung von Grundbesitz) übernommen haben. Warum sind solche Auffassungen – die auch auf Stalin bezogen werden – so populär? Weil die Vorstellung vom »freien Willen« eines Helden, eines Modernisierers, durch und durch mit den Launen der gegenwärtigen Staatsmacht harmoniert, die von der »gelenkten Demokratie« redet und sich dabei in Richtung eines bürokratisch-autoritären Regimes entwickelt.

Drittens schafft die Geschichtsauffassung der »alten Linken« im heutigen Russland künstlich einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen dem revolutionären Bolschewismus und der sich zu Beginn der Dreißigerjahre etablierenden Diktatur der Parteibürokratie. Niemand will qualitative Unterschiede zwischen Lenin und Stalin, ihren Ansichten und Führungsstilen nivellieren. Aber Stalin als Lenins schlimmsten Feind, als »Totengräber des Sozialismus« und Ähnliches darzustellen bedeutet, die historische Analyse durch apriorische Schemata zu ersetzen, die ihren Ursprung in Programmpapieren der Anti-Stalin-Opposition der Zwanzigerjahre haben und später in der bekannten Geheimrede Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU weiterentwickelt wurden.

Wenn wir vom Stalinismus als einheitlichem System reden wollen, das alle Bereiche des öffentlichen und politischen Lebens umfasste (und bis heute nicht restlos der Vergangenheit angehört), dürfen wir nicht vergessen, dass dieses System nicht einfach über Nacht entstanden ist. Leider wird das Geschichtsbewusstsein der russischen Bürger immer noch von der Neigung zu »einfachen Erklärungen« geprägt. Das betrifft nicht nur die Verteidiger der sowjetischen Vergangenheit, sondern auch ihre Ankläger. Wenn Lenin wahlweise als deutscher Spion oder als ignoranter »Westler« dargestellt wird, gilt Stalin bei ihnen als »asiatischer Despot«, der das ihm unterworfene Volk einer neuen mongolischen Fremdherrschaft ausgesetzt hat. Seine georgische Herkunft, sein kaukasisches Temperament und »weiße Flecken« in der Biografie (die Anschuldigungen, er sei Agent der Ochranka gewesen) fördern solche Spekulationen zusätzlich.

Stalin und Stalinismus

Die Haltung gegenüber Stalin (Tyrann oder Held) und seinem Regime (Stalinismus oder Sozialismus) war und bleibt die wichtigste Trennlinie im Geschichtsbewusstsein heutiger russischer Bürger. Die Geschichtswissenschaftler können diese oder jene Argumente anführen, immer neue diese Epoche betreffende Quellensammlungen publizieren – es bleibt vergebens. Die Haltung gegenüber Stalin ist, wie ein Kollege treffend anmerkte, eine Frage des Glaubens, nicht des Wissens.

Auf den ersten Blick machen die 25 Jahre seiner Alleinherrschaft (1929–1953) nicht so viel vom »russischen Jahrhundert« aus. Die Gründung und der Zusammenbruch der Sowjetunion, der erste bemannte Raumflug, nukleare Aufrüstung und vieles mehr sind darin nicht eingeschlossen. Dennoch ist es Stalins Epoche, die unsere neueste Geschichte dominiert. Hier ist praktisch alles versammelt, was für die einen Erfolge und Errungenschaften und für die anderen Katastrophen und Verbrechen bedeutet.

Einige Zahlen aus aktuellen Meinungsumfragen: 42 Prozent der russischen Bürger meinten 2008, Stalin sei genau die Figur, die das Land heute bräuchte. Unter den Menschen über 60 gehören mehr als zwei Drittel zu seinen Anhängern. Eine andere Umfrage, 2005, im Jahr des 60. Jubiläums des Sieges über Nazi-Deutschland durchgeführt, stellte fest, dass 37 Prozent kein neues Stalin-Denkmal im Zusammenhang mit diesem Datum wünschten. 29 Prozent erklärten, ihnen sei es egal, und weitere 29 Prozent unterstützten das Monument für den »Führer der Völker«.4 Der Gerechtigkeit halber soll angemerkt werden, dass über die Hälfte der jungen russischen Bürger wiederum die Idee eines Denkmals für die Opfer des Stalin-Regimes unterstützen. Dies ist ein weiteres Paradox unserer Zeit.5 Die Assoziation von Stalin mit dem Sieg über Deutschland nährt die andauernden Diskussionen über die Rückumbenennung von Wolgograd in Stalingrad.

Nicht unerwähnt bleiben darf das Projekt des staatlichen Fernsehkanals »Rossija«, eine historische Persönlichkeit zu wählen, mit der unser Land identifiziert werden kann. Nachdem Stalin in den Zuschauerabstimmungen deutlich vorne lag, wurde die Sendung umgestaltet. Aber auch nachdem die Organisatoren die Möglichkeit bekommen hatten, in den Abstimmungsprozess einzugreifen, kam der »Führer aller fortschrittlichen Menschen« bei der Endauszählung auf den zweiten Platz.

An dieser Stelle sollen die zentralen Fragen formuliert werden, die den Streit in der russischen Gesellschaft über den Stalinismus bestimmen:

1. Wie stark war die Kontinuität der Lenin’schen und der Stalin’schen Periode in der sowjetischen Geschichte? Diese Frage habe ich schon oben beantwortet.

2. War der Stalinismus Ausdruck einer gesamteuropäischen Tendenz (Totalitarismus, Zeitalter der Diktaturen) oder Ausdruck der zivilisatorischen Rückständigkeit Russlands (oder, als positive Variante, ihrer »Auserwähltheit«)? In dieser Fragestellung spiegelt sich die alte Diskussion innerhalb der russischen Intelligenz, »Westler« versus »Slawophile«, wider, in welche Richtung sich das Land entwickeln soll.

3. Bot das Stalin-Regime trotz seiner Brutalität und Schwerfälligkeit nicht doch eine optimale Antwort auf die Herausforderungen, vor denen Russland Mitte des 20. Jahrhunderts stand? Die Vertreter dieser Meinung zitieren gerne ein vermeintliches Churchill-Diktum: »Stalin fand Russland mit einem Holzpflug vor und ließ es mit einer Atombombe zurück.«6 Außerdem beziehen sie sich gerne auf die Arbeiten westlicher Politikwissenschaftler zu Besonderheiten der autoritären, aufholenden Modernisierung.

4. Inwiefern ist von einem besonderen oder aber einem »gewöhnlichen« Charakter von Stalins Verbrechen in der Geschichte des 20. Jahrhunderts auszugehen – des Zeitalters der Extreme, wie es von Eric Hobsbawm bezeichnet wurde? Die Rede ist in erster Linie vom System der totalen Überwachung und des präventiven Terrors, das sich gegen Unschuldige richtete, und natürlich vom Gulag, auf dem die Wirtschaft des Stalinismus gründete. Konkrete Vergleiche mit europäischen und anderen Ländern führen zu gegensätzlichen Urteilen. Manchmal hört man, Stalin sei zu seinem Volk viel schlimmer als Hitler gewesen. Oder umgekehrt, er sei nichts gegen Mao Tse Tung, der in China heute noch verehrt wird. Mit dieser Frage befasse ich mich später ausführlicher.

5. Und schließlich eine Frage, die für die heutigen Probleme unmittelbar relevant ist: Warf der Stalinismus Russland zurück, brachte er ein »neues Mittelalter« mit sich, sodass wir das 20. Jahrhundert noch einmal durchleben müssen (M. Gefter: »Stalin ist erst gestern gestorben«)? Oder ist die gegensätzliche Position besser begründet: Russland wurde von Stalins Peitsche in die Modernität getrieben; ja, es war eine schreckliche Zeit, aber nun ist sie vorbei, und wir haben uns längst und für immer der negativen Elemente des Regimes (Terror, Ideokratie, Bevormundung, Eliminierung der persönlichen Rechte, aggressive Außenpolitik) entledigt?

Nicht jede dieser Fragen kann hier detailliert beantwortet werden. Ich beschränke mich auf einige allgemeine Anmerkungen. Die Auseinandersetzungen werden größtenteils nicht unter Historikern ausgetragen (obwohl sie auch unter ihnen nicht selten sind), sondern innerhalb der Parteiprominenz (etwa durch eine Initiative der Partei Jabloko vom März 2009 zur strafrechtlichen Verfolgung der Leugnung stalinistischer Verbrechen) sowie von Künstlern. Die eine oder andere Sicht auf Stalins Zeitalter wird in Filmen bekannter Regis­seure (wie »Die Sonne, die uns täuscht« von Nikita Michalkow oder die Serie »Jagd auf Berija«, die gerade vom ersten staatlichen Fernsehkanal mit großem Erfolg ausgestrahlt wurde) und in bedeutenden Werken der Gegenwartsliteratur vertreten.

Die Bewertung Stalins ist zudem zum wichtigsten Kampffeld im »Krieg der Lehrbücher« geworden, der seit einigen Jahren tobt. In einem vom Bildungsministerium protegierten Lehrerhandbuch (noch nicht in einem Schulbuch für Kinder) ist davon die Rede, dass der sowjetische Führer vor allem ein »effizienter Manager« sowohl in Bezug auf die Wirtschaft als auch im Bereich der Staatsstrukturen gewesen sei, da er es geschafft habe, die Sowjetunion als Erbin des Russischen Zarenreiches zu erhalten und sogar zu erweitern. Die Autoren haben dabei wieder einmal das Zitat mit dem Holzpflug und der Atombombe angeführt, ohne sich die Mühe zu machen, die Quelle zu überprüfen! Die andere Seite hält dagegen, dass man einen Menschen nicht positiv bewerten könne, der die Schuld am Tod von Millionen Menschen trage, die in den meisten Fällen nicht einmal seine politischen oder ideologischen Gegner waren. Das stimmt, aber nur zum Teil. Wenn eine Bilanz einer gesamten Epoche gezogen werden soll, kann man nicht »entweder – oder« sagen, besonders wenn es um die schulische oder politische Bildung geht.

Wissenschaftliche Forschung muss auf vereinfachte Einschätzungen wie »schwarz –weiß«, »gut–böse« verzichten, gerade wenn sie eine Grundlage für moralische Urteile liefert. »Die sowjetische Zivilisation wurde auf eine Kette der Verbrechen reduziert«, meint der dem Kreml nahestehende Politikwissenschaftler Gleb Pawlowskij.

Alle Historiker ad hoc zu politischen Bildnern werden zu lassen ist unmöglich, obwohl wir in der Sowjetunion genau diese Rolle gespielt haben. Ich bin für die »Historisierung« der Vergangenheit, das heißt für die Anerkennung ihres besonderen und einmaligen Charakters. Wir können und sollen nicht über die Geschichte richten, sondern umgekehrt die Fehler der Generationen vor uns zu vermeiden lernen.

Dafür ist es notwendig, die Vergangenheit zu kennen, unter anderem die Zahlen der Toten im Gulag und an der deutsch-sowjetischen Front. Selbstverständlich spielen die Überzeugungen des Historikers bei der Wahl des Forschungsthemas und bei den Schlussfolgerungen eine große Rolle. Trotzdem bleibt es seine Aufgabe, sich an die Wahrheit heranzuarbeiten, statt über die Vergangenheit auf die eine oder andere Weise zu urteilen. Man könnte es mit der Arbeit eines Arztes vergleichen, der eine Diagnose stellt, aber die Freude oder die Trauer den Verwandten des Kranken überlassen sollte.

Kommen wir auf die These zurück, Stalin sei ein »effizienter Manager« gewesen. Vielleicht ist sie nicht besonders glücklich formuliert, aber sie sagt eigentlich nur aus, dass das von ihm aufgebaute System funktioniert hat. Ob ein auf der freien Marktwirtschaft und liberalen Werten beruhendes System in einem noch sehr altväterlich geprägten Land arbeitsfähig gewesen wäre, bleibt fraglich. Als Historiker sollte man ein kontrafaktisches Modell aufbauen7 – wie es zum Beispiel jene amerikanischen Historiker getan haben, die sich fragten, wie sich die USA im 19. Jahrhundert ohne Eisenbahn entwickelt hätten. Bezogen auf das Russland des 20. Jahrhunderts kann diese Frage wie folgt formuliert werden: Hätte das Land eine forcierte Industrialisierung ohne den Gulag schaffen können? Inzwischen gibt es genug Informationen, auf die sich eine solche Analyse stützen könnte, vor allem die in den letzten Jahren herausgegebenen sieben Bände zur Geschichte des Gulag.8

Auf der Grundlage der von Geschichtswissenschaftlern gesammelten und kommentierten Daten kommt der Bevollmächtigte für Menschenrechte beim Präsidenten der Russischen Föderation Wladimir Lukin zu dem Schluss: »Diese Edition handelt von einem zweiten Bürgerkrieg, in dem ein bedeutender Teil der sowjetischen Bevölkerung vom politischen Regime vernichtet wurde«.9 Das ist das moralische Urteil eines Politikers. Aber es gibt auch Einschätzungen von Historikern, die weit weniger empört formuliert sind, gleichwohl aber deutlich machen, wie wirtschaftlich ineffizient der Gulag war – er versorgte praktisch nur sich selbst und zerfraß das Land, höhlte es von innen aus. Der Gulag raubte die besten Wissenschaftler und qualifiziertesten Arbeitskräfte, zwang sie, mit der Hacke und dem Spaten zu arbeiten, er kostete Hunderttausende von Leben für sinnlose Projekte, die schon in den ersten Monaten nach Stalins Tod gestoppt wurden (wie ein Unterwassertunnel zur Insel Sachalin).

»Memorial« – eine unabhängige Menschenrechts- und Bildungsorganisation, die während Gorbatschows Perestroika gegründet wurde – versucht in ihrer Tätigkeit, die wissenschaftlichen Einschätzungen des Stalinismus mit den moralischen zu verbinden. Ich meine hier vor allem die Herausgabe der Quellensammlungen zur Planung und Durchführung der Verfolgungen. Dazu gehören die Publikation der Erschießungslisten, die von Stalin persönlich und seinen Mitstreitern unterschrieben wurden (sie enthalten 44 500 Namen),10 und die Erstellung einer Datenbank, in der zurzeit die Namen von 2,5 Millionen Verfolgten erfasst sind (ohne die Ukraine und die baltischen Staaten).

Leider muss man konstatieren, dass diese Arbeit praktisch kein öffentliches Interesse findet – »das gegenwärtige historische Wissen über den Großen Terror und das öffentliche Gedächtnis fallen deutlich auseinander«. 1989 zählten 39 Prozent der Befragten die Verfolgungen unter Stalin zu den bedeutsamsten Ereignissen des 20. Jahrhunderts in Russland (genauer belegten diese den dritten Platz). 1999 sind von den 39 Prozent nur elf geblieben. Unter den jungen Menschen sagten lediglich zwei Prozent, dass sie genug über die Verfolgungen von 1937 / 1938 wissen; zwei Drittel meinten, sie »wissen wenig oder gar nichts«.11

Nach Meinung von Arsenij Roginskij, dem Vorsitzenden von Memorial, versuchen die heutigen Machthaber, »die Erinnerung an den politischen Terror an den Rand des Bewusstseins zu verdrängen«.12 Ich würde keine so deutlichen Schuldzuweisungen vorbringen. Die heutige Jugend, mit der ich zu tun habe, will einfach nichts mit einer solchen Vergangenheit zu tun haben – »Ich habe genug davon!«, »Es reicht jetzt!«, »Wollen wir über was anderes reden?« Wie soll man da eine aktive Mitarbeit in diesem Bereich erwarten, eine Beteiligung an der Rekonstruktion der historischen Erinnerungen an die Verfolgungen unter Stalin?

Dabei gibt es noch mehr als genug zu tun. Gegenwärtig ist nur circa ein Viertel aller Erschießungsorte und Massengräber aus den Jahren des »Großen Terrors« bekannt. Die weitere Suche bleibt die Aufgabe engagierter Einzelpersonen. Der Staat befasst sich damit faktisch überhaupt nicht. Das bedeutet, dass die Angehörigen weiterhin nicht wissen, wo ihre Väter und Großväter bestattet sind.

All das führt dazu, dass eine Seite der sowjetischen Geschichte immer wieder eine andere Seite verdrängt, statt sich zu einem einheitlichen Bild zusammenzufügen. Dies erinnert an den Schüler, der eine Seite aus seinem Heft herausreißt, wenn er mit der Note unzufrieden ist. Es ist eine gefährliche Tendenz, die zur kollektiven Amnesie führt, zum Verlust des historischen Gedächtnisses. Das umso mehr, weil gerade der »Große Vaterländische Krieg« gegen Nazi-Deutschland im öffentlichen Bewusstsein die »gute« Vergangenheit ist, die die »böse« verdrängt. Der Krieg als Objekt der Geschichtspolitik seitens der Staatsmacht und der Gesellschaft verdient eine gesonderte Betrachtung, die in diesem Beitrag nicht möglich ist.

Diktaturenvergleich: politische Waffe oder Forschungsinstrument?

Das Problem des Vergleichs ist für das russische historische Gedächtnis sogar noch aktueller als für die Europäer. »Bei uns haben sich eindeutige politische und moralische Bewertungen des Nazismus allgemeingültig etabliert«, so der Historiker Oleg Chlewnjuk. »Die Haltung gegenüber dem Stalinismus ist dagegen so offen, dass sogar seine Apologetik möglich erscheint. Vor diesem Hintergrund stellt eine mittelbare Bewertung des Stalinismus – durch seinen Vergleich mit dem Nazismus, durch das Aufzeigen ihrer Gemeinsamkeiten – die wirksamste Methode seiner Verurteilung dar. Das macht das Problem eines solchen Vergleichs in Russland politisch höchst brisant.«13

Wissenschaftler haben in dieser Hinsicht mittlerweile wichtige Ergebnisse vorzuweisen. Vor allem ist ein solcher Vergleich nicht mehr mit einem persönlichen Risiko bzw. Wagnis für einen Dozenten, der einen entsprechenden Kurs anbieten will, verbunden. Es werden Konferenzen durchgeführt, vergleichende Sammelbände herausgegeben, wobei ein politikwissenschaftlicher Ansatz, das Totalitarismusmodell, weithin dominiert.14

Kurz zusammengefasst: In Bezug auf manche Dimensionen stellte sich das stalinis­tische Regime sogar als noch totalitärer als das nationalsozialistische heraus. Das betrifft die herausragende Rolle des Führers, das Ausmaß des »Terrors gegen die eigenen Leute«, den Verzicht auf den sozialen Kompromiss zur Konsolidierung des Regimes. Gleichzeitig wird betont, dass der Stalinismus und der Nationalsozialismus auf der Ebene der Strukturen und Mechanismen der Bekämpfung innerer und äußerer Feinde viel gemeinsam hatten. Ein vollständiges Bild wurde natürlich noch nicht gezeichnet. Traditionell konzentrieren sich die Forscher auf die politischen Verfolgungen, aber eine nicht geringere Rolle spielten die Bekämpfung der Kriminalität, die Vereinheitlichung der Lebensweise oder die Jugendpolitik. Schließlich ist die Anerkennung der Tatsache von großer Bedeutung, dass sich beide Regime in der Vorkriegszeit – von verschiedenen Startpositionen aus – angenähert, Erfahrungen ausgetauscht und einander in gewissem Maß beeinflusst haben. Das wird von neuesten Untersuchungen westlicher Forscher bestätigt.15

Das größte Potenzial des Diktaturenvergleichs liegt meines Erachtens nicht in der Gegenüberstellung von Stalins und Hitlers Verbrechen. Vielmehr sollte die Geschichte der DDR und der UdSSR nach Stalin Gegenstand vergleichender Analyse sein. So kann man fragen, inwieweit die ostdeutschen Kommunisten Willensvollstrecker oder Marionetten des Kremls gewesen sind, und in welchem Ausmaß sie selbst, orientiert am sowjetischen Vorbild, das politische System im eigenen Land aufgebaut haben. Hier kann man auf die Geschichte des Verhältnisses zwischen KPD und Komintern zurückgreifen,16 aber auch auf das System der informellen politischen Loyalität im »Dritten Reich«, dessen Prinzip vom englischen Hitler-Biografen Ian Kershaw als »dem Führer entgegenarbeiten« bezeichnet wurde.17

Natürlich bietet die DDR keinen idealen Vergleichsfall – sie war eine »Diktatur im Gewächshaus«, die von der Anwesenheit der sowjetischen Armee abhing und eine Sonderform von Reparationszahlungen durch Ostdeutschland darstellte. Außerdem waren die Spielräume ihrer politischen Führer in Bezug auf die eigene Strategie und Taktik beschränkt. In der Sowjetunion der Nachkriegszeit hat sich die »Generallinie der Partei« mehr als einmal drastisch geändert; die letzte dieser Änderungen war Gorbatschows Perestroika. Die Machthaber der DDR hatten eine solche Freiheit nicht, die Nachahmungsmuster waren ihnen von außen vorgegeben. Meines Erachtens hat es ohnehin keinen Sinn, von nationalstaatlichen Diktaturen im Osteuropa der Nachkriegszeit zu sprechen. Stattdessen sollte von den jeweiligen nationalen Ausprägungen einer einzigen kommunistischen Diktatur in dieser Region die Rede sein.

Des Weiteren wäre es interessant, das »postdiktatorische Syndrom« der Bevölkerungen der UdSSR und der DDR zu vergleichen – zweier Länder, die nicht mehr auf der Karte Europas zu finden sind. Einerseits sehen wir ähnliche Prozesse der Verklärung der kommunistischen Vergangenheit, wenn die Menschen versuchen, sich an die neue, ungewohnte, für viele von ihnen ungünstige Umwelt anzupassen. Die Bewertung der vergangenen Ereignisse ändert sich in einer solchen Situation unter dem Einfluss der neuen, negativen oder positiven, Erfahrungen auf der kollektiven sowie individuellen Ebene. Andererseits bezieht sich die DDR-»Ostalgie« vor allem auf die »Normalität« und Geborgenheit des damaligen Lebens, in erster Linie auf die Alltagserfahrungen sowie auf Konsumgüter. Anders sieht es in Russland aus. Nicht der »Trabi«, der »Rondo«-Kaffee oder die »Club-Cola« ist hier Kult, sondern die politische Weltkarte, auf der der sowjetische Einflussbereich und unsere Verbündeten auf allen Kontinenten eingezeichnet sind.

Der Vergleich der europäischen Diktaturen im 20. Jahrhundert hat großes Erkenntnis­potenzial, aber auch seine Haken. Die Historiker sagen immer wieder: »Vergleichen heißt nicht gleichsetzen.« Jedoch birgt ein Vergleich die Gefahr der »einfachen Lösungen«, hinter denen sich oft diese oder jene politischen Vorlieben verstecken. Hier sei nur kurz an den »Historikerstreit« in der Bundesrepublik erinnert, der noch vor dem Zusammenbruch des sowjetischen Systems stattfand. Die Diskussion darüber, wer zuerst war, wer schlimmer war und wer mehr Menschen umgebracht hat, bleibt außerhalb des Rahmens des wissenschaftlichen historischen Diskurses, auch wenn dieses Feld immer neue Früchte trägt (erinnern wir uns an die Diskussion um das Schwarzbuch des Kommunismus in den Neunzigerjahren).

Sowjetische oder russische Geschichte?

Parallel zur Privatisierung der Vergangenheit auf der Ebene des individuellen Gedächtnisses, sozialer Gruppen oder politischer Strömungen, die eingangs erwähnt wurde, findet zugleich ihre Nationalisierung statt. Es handelt sich dabei nicht um einen Gegenprozess zur Privatisierung, sondern um die Herausbildung neuer Geschichtsdoktrinen in den postsowjetischen Staaten. Die Historiker dieser Staaten nehmen den Auftrag »der Macht« wahr und erfüllen ihn mit minimalem Aufwand. Das Ergebnis sieht wie folgt aus: Alles Schlimme in der Geschichte dieses oder jenes Volkes wird durch die äußeren Einflüsse erklärt, vor allem durch die russische Expansion, alles Gute dagegen – durch die nationalen Einwirkungen. Besonders deutlich kommt dies in den baltischen Staaten zum Ausdruck. Die ganzen positiven Momente der Nachkriegsgeschichte werden auf den Widerstand gegen die sowjetische Besatzung reduziert. Dass unter dieser Besatzung Schulen und Betriebe gebaut wurden, dass das Lebensniveau stieg (und übrigens höher als im sowjetischen Durchschnitt war), bleibt der breiten Öffentlichkeit fremd. Hauptsache, der Gründungsmythos – »Wir waren Opfer von zwei Diktaturen« – bleibt unantastbar.

Dieser Ansatz bildete die Grundlage für die Herausbildung des Geschichtsbewusstseins in vielen postsowjetischen Staaten. Nicht nur die drei baltischen Länder, sondern auch die Ukraine will besetzt gewesen sein. Erinnert man sich an die historischen Fakten, so wird klar, dass dieser Teil des Russischen Reichs während des Bürgerkriegs von sich selbst besetzt war, nämlich von der ukrainischen Roten Armee. Solche Vereinfachungen entlassen aus der Verantwortung für die Vergangenheit und begründen Ansprüche an die Nachbarn. An dieser Stelle sei nur auf die Erklärung des »Holodomor« von 1932 / 1933 zum Genozid am ukrainischen Volk verwiesen.

Die Hungersnot, der mehrere Millionen Menschen in fast allen Regionen der UdSSR zum Opfer gefallen sind, wird nicht als konkretes historisches Ereignis untersucht, als Ausdruck der Ineffizienz und Menschenfeindlichkeit des stalinistischen Systems. Stattdessen wird ein weit hergeholter Vergleich mit dem Holocaust als Politik der Vernichtung einer ethnischen Gemeinschaft gezogen. Das erinnert wiederum an die Formulierungen des Nürnberger Tribunals von den »Verbrechen gegen die Menschlichkeit«. Also wird Russland aufgefordert, auf der Anklagebank Platz zu nehmen. Wohin kann das führen? Zu neuen Feindbildern, zur Entfremdung zweier einander nahen slawischen Völker, zweier Nachbarn in Europa. Allerdings wird ja nicht umsonst oft gesagt, dass die nächsten Verwandten die ärgsten Feinde abgeben.

Versuche, der Aufspaltung des gemeinsamen historischen Gedächtnisses entgegenzuwirken, werden eher von gesellschaftlichen denn von staatlichen Akteuren unternommen. So vertritt Memorial die Meinung, dass die Erinnerung an den Stalin-Terror als ein Integrationsfaktor für den postsowjetischen Raum dienen könnte. Aber heute hat jedes exsowjetisches Land ein eigenes Museum der Verfolgungen, das die jeweilige nationale Tragödie ins Zentrum stellt. Die Historiker hätten indes die Möglichkeit, gemeinsam ein zusammenfassendes Werk zur Geschichte des »Großen Terrors« zu schreiben – ein solches Buch existiert bisher interessanterweise noch nicht. Die Idee eines zwischenstaatlichen Programms zum Gedenken an die Opfer des Stalinismus stößt bei den Staatschefs in den postsowjetischen Ländern auf taube Ohren.

In Wirklichkeit ist es nicht möglich, zwischen der nationalen und der staatlichen Dimension der sowjetischen Geschichte zu unterscheiden. Sind die Lagerinsassen etwa nur Nichtrussen gewesen, die von Russen bewacht wurden? Eine solche Behauptung wäre eine Beleidigung der Geschichte und der Opfer! Oder eine andere, positiv formulierte Frage: Welche Völker der Sowjetunion haben den Zweiten Weltkrieg gewonnen, und welche haben ihn verloren? Wiederum ein Nonsens! Wir waren zusammen, und wir wurden durch ein politisches System zusammengebracht, über das ein hartes Urteil der Geschichte schon gefallen ist. Ist das etwa nicht genug? Erinnern wir uns einfach an den enormen Preis dieses Sieges und wie er dem Volk, allen Völkern des Landes weggenommen wurde, damit die Staatsmacht sich unter den Bedingungen einer neuen Konfrontation sicher fühlen konnte.

Es bringt nichts, Angst zu schüren und Schreckensbilder zu malen. Die Geschichte der Völker kann nicht von der Geschichte der Staaten getrennt werden. Weder die eine noch die andere kann mit nur einer Farbe gezeichnet werden. Die jungen Menschen fragen, wenn sie von der »dunklen Vergangenheit« erzählt bekommen, ob es in unserer Geschichte auch etwas Gutes gab, oder nur Blut, Gewalt und Angst. Natürlich gab es in der Vergangenheit, gibt es heute und wird es auch morgen noch Gutes geben! Ich erlaube mir daran zu erinnern, dass der Sputnik nicht im Gulag gebaut wurde!

Wie geht es weiter?

Die russische Staatsmacht spielt seit einigen Jahren eine wachsende Rolle bei der Deutung der Vergangenheit. Die Siege der Großmacht, nicht nur die militärischen, werden hoch gelobt. Das Bild Russlands, »von Feinden umgeben« und von »destruktiven Kräften«, den Agenten westlicher Interessen, von innen angegriffen, hat wieder Konjunktur. Ich sehe darin weniger eine ausgereifte politische Linie, vielmehr eine Probe aufs Exempel, auf die seitens der Gesellschaft ziemlich aggressiv reagiert wird. Als zentrale Protagonis­ten in diesem Bereich treten vor allem Schriftsteller, Journalisten, sogar Rechtsanwälte, aber auch bekannte Vertreter der demokratischen Bewegung der Neunzigerjahre auf. Die professionellen Historiker ziehen sich demgegenüber zunehmend in ihren Elfenbeinturm zurück, in dem sie sich ungestört mit dem Sammeln unzähliger Fakten beschäftigen können. Sogar gute wissenschaftliche Bücher, die weiterhin erscheinen, werden lediglich von wenigen Hundert Menschen gelesen. »Dass ein halbwegs seriöses geschichts­wissenschaftliches Buch eine Chance hätte, zu einem öffentlichen Ereignis zu werden, ist heute unvorstellbar« – leider ist diesen Worten des »Polittechnologen« Gleb Pawlowskij nichts entgegenzusetzen.18

Das ist auch ein Erbe der sowjetischen Zeit – die Ergebnisse historischer Forschungen wurden vorgegeben, sie wurden in der offiziellen Ideologie und in konkreten politischen Entscheidungen dargestellt, und die Aufgabe der Wissenschaftler bestand lediglich darin, diese Schlussfolgerungen durch Fakten aus zuverlässigen Quellen zu »untermauern«.

Gegenwärtig können die zu »Opfern der Vergangenheit« gewordenen Historiker in zwei Gruppen unterteilt werden. Die ersten neigen zum puren Positivismus und meinen, die Vergangenheit ausschließlich durch das Sammeln und Klassifizieren von Fakten verstehen zu können. Theorien sind in ihren Augen irreführend und schädlich für die Geschichtswissenschaft. Sie sind in der klaren Mehrheit, daher werden in Russland heute so viele Dokumentensammlungen ohne angemessenen Sachkommentar veröffentlicht – die Quellen sollen für sich sprechen. Die zweite Kategorie erwartet von der Staatsmacht irgendeine »Leitlinie«, um ihr enthusiastisch zu folgen. Mitte der Neunzigerjahre wurde Jelzin gezwungen, die Notwendigkeit einer »nationalen Idee« anzuerkennen, obwohl daraus zum Glück nichts geworden ist. Die Historiker dieser Art würde ich als »Moralisten« bezeichnen, weil sie gerne auf solche Begriffe wie Patriotismus, staatsbürgerliche Erziehung, Kampf gegen die feindliche Umgebung Russlands und Ähnliches zurückgreifen. Sieht man jedoch genauer hin, so stellt sich heraus, dass für diese Historiker nicht die Suche nach Gemeinsamkeiten oder die Synthese allgemeingültiger Werte (die das neue Russland wirklich braucht) den Vorrang hat, sondern der traditionelle Kampf um die Behauptung der eigenen Position, um das Recht, diese anderen aufzuzwingen – im Rahmen eines Lehrstuhls, eines Instituts, eines ganzen Landes. Wenig überraschend ist, dass die Historiker dieses Schlags sich aktiv an die Staatsstrukturen wenden und von ihnen ein »Machtwort« in Bezug auf die Vergangenheit einfordern.

Und die Staatsmacht kann solche Forderungen nicht verhallen lassen. Im Mai dieses Jahres rief ein Erlass des Präsidenten eine Kommission ins Leben, die den Versuchen entgegenwirken soll, die Geschichte zum Nachteil Russlands zu »verfälschen«. Ihr gehören lediglich drei Geschichtswissenschaftler an, aber über 20 Vertreter verschiedener Behörden. Dass die Tätigkeit der Kommission im Erlass nur sehr vage beschrieben wird, beunruhigt am meisten. Im Internet wird sie schon als »Kommission zur Verfälschung der Geschichte zum Vorteil des Kremls« bezeichnet.19

In Internetblogs wird gefragt, »ob man beispielsweise den Ministerpräsidenten Wladimir Putin dafür zur Rechenschaft ziehen kann, dass er ausgerechnet den Zerfall der Sowjetunion als größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet hat, wo doch die Russische Föderation als unabhängiger Staat gerade aus diesem Zerfall hervorgegangen ist? […] Eine solche Behauptung eines Amtsträgers kann zum Schaden Russ­lands sein. Aber Wladimir Putin kann hier auch Recht haben. Das betont zusätzlich die Absurdität des Erlasses von Dmitrij Medwedew, denn auch in der Geschichtswissenschaft ist Freiheit besser als Unfreiheit.«20

Als Gegenargument fordern Vertreter der Geschichtswissenschaft und der Öffentlichkeit: Wenn ihr die Verfälschungen bekämpfen wollt, solltet ihr zunächst die eigene Sicht auf die Geschichte darstellen, von der wir ausgehen könnten. Um die Wahrheit über die Vergangenheit bzw. über ihre traurigsten Episoden zu erzählen, sollten die Archive uneingeschränkt geöffnet werden. Bisher haben die nach Dokumenten zur sowjetischen Geschichte suchenden Historiker mit immer größeren bürokratischen Hürden zu tun. Wir sind gezwungen, auf das Erscheinen der »kaiserlich genehmigten« Quellensammlungen zu warten, die auf der Grundlage des Archivs des Präsidenten der Russischen Föderation, der Archive des FSB, des Auslandsgeheimdienstes und des Außenministeriums vorbereitet werden. Zu allen diesen Archiven hat ein gewöhnlicher Historiker, geschweige denn ein Journalist, faktisch keinen Zugang. Sollte er doch bis ins Archiv vordringen und konkrete Dokumente bestellen wollen, die er nutzen möchte, wird ihm gesagt, es gehe nicht, sie befänden sich im Freigabeprozess. Dieser Begriff hat eine wahrlich orwellsche Bedeutung entwickelt, denn in der Praxis bedeutet er langjährige Unzugänglichkeit der entsprechenden Archivmaterialien. Dem deutschen Journalisten und Historiker Markus Wehner ist recht zu geben: Die Archivrevolution hat nicht stattgefunden.21

Das gegenwärtige Kokettieren der Staatsmacht mit der »glorreichen Vergangenheit« dient zwar dem pragmatischen Ziel, die linke Wählerschaft für sich zu gewinnen, die traditionell für die Kommunisten stimmt. Dennoch kann es in der Zukunft zu ernsthaften Problemen führen. »Die heutige Jugend, die sich die Sowjetunion als eine Art Mythos, eine schöne Legende, ein Ideal der sozialen Gleichheit und des allgemeinen Wohlstandes vorstellt, wird begeistert die Idee des Wiederaufbaus des alten Modells unterstützen, da sie in ihr nur positive Eigenschaften sieht.«22 Die praktische Umsetzung dieser Idee ist heutzutage unrealistisch, die Anzahl der Menschen, die den Zusammenbruch der Sowjetunion bedauern, sinkt kontinuierlich. Aber die Mobilisierung des Sowjetmythos selbst kann den gesellschaftlich aktiven Teil der Bevölkerung von der Lösung realer Probleme ablenken, obwohl es in Russland mehr als genug zu tun gibt.

Das andere Extrem, in das die Vertreter der schwachen russischen Opposition fallen, ist genauso wenig fruchtbar. Erstens fordern sie, die Leugnung des verbrecherischen Charakters des stalinistischen Systems strafrechtlich zu verfolgen. Zweitens wollen sie eine Zwangsdemokratisierung des öffentlichen Bewusstseins nach dem Vorbild der Entnazifizierung in Deutschland nach 1945 oder der Aufarbeitung der SED-Diktatur nach 1990. Das würde aber eine unkritische Übernahme des europäischen Modells der Vergangenheitsbewältigung bedeuten, das sich unter ganz anderen Bedingungen durchgesetzt hat.

Am deutschen, jetzt europäischen Wesen soll die Welt genesen? Ich finde dieses Modell nicht einwandfrei, besonders wenn es zu einer Waffe der Bürokraten, selbst der zivilisiertesten unter ihnen, wird. Die Forderung, die Diktatur europaweit in denselben Worten und am selben Tag (23. August) zu verurteilen und die gleichen Lehrbücher zu lesen, verlangt einen grenzüberschreitenden gesellschaftlichen Konsens in Bezug auf die Beurteilung der Diktaturen. Ein solcher Konsens existiert in Russland nicht. Die Durchführung solcher Pflichtveranstaltungen der politischen Bildung würde auf die meisten russischen Bürger wirken wie der Aufruf, regelmäßig das Vaterunser zu beten oder fünfmal am Tag das islamische Gebet zu verrichten. Wenn jemand keine innere Überzeugung besitzt, hilft auch das endlose Wiederholen von Wahrheiten nicht weiter. Am Ende bleibt bei jungen Menschen nichts davon im Kopf hängen; vielmehr ist spontaner Widerstand gegen die geistige Bevormundung zu erwarten.

Die Historiker haben einen anderen, komplizierteren, aber wirkungsvolleren Weg des Wertewandels anzubieten – die Menschen selbst die Vergangenheit begreifen zu lassen, ihnen keine vereinheitlichten Wertungen vorzugeben. Wir Historiker müssen Wissensbausteine liefern, eigene Wertungen bzw. Deutungen anbieten; wir müssen innerhalb der Zunft kontrovers diskutieren und schließlich darauf hoffen, dass unsere Leistung von der Öffentlichkeit überhaupt bemerkt werden wird. Letztendlich muss die russische Gesellschaft selbst den Weg zur eigenen Vergangenheit finden. Die Historiker mögen dabei gute und erfahrene Lotsen sein und sich davor hüten, nach Direktiven von oben oder von außen zu handeln.

Übersetzt von Tatiana Golova


1 * Bei diesem Text handelt es sich um eine im Vergleich zur Originalversion leicht veränderte Neufassung. Originalveröffentlichung erscheint in: Eckhard Dittrich / Thomas Großbölting / Sascha Möbius / Rüdiger Schmidt (Hg.): Das Ende des Kommunismus. Die Überwindung der Diktaturen in Europa und ihre Folgen?, Essen: Klartext Verlag, 2010.

»Revolution gleicht dem Tod, sie ist ein Durchgang durch den Tod, der eine unvermeidliche Folge der Sünde ist … In der Revolution werden die bösen Kräfte, die Unrecht tun, vor Gericht gestellt, aber die sie richtenden Kräfte tun selbst Böses; in der Revolution wird auch das Gute durch die Kräfte des Bösen verwirklicht, da die guten Kräfte es nicht geschafft haben, ihr Gutes in der Geschichte zu realisieren« (N. A. Berdjaew: Istoki i smysl russkogo kommunisma, Moskau 1990, S. 108; Übersetzung von Tatiana Golova).

2 Siehe W. P. Buldakow: Krasnaja smuta. Priroda i posledstwija revoljuzionnogo nasilija, Moskau 1997.

3 Tamara Kondratieva: Bolcheviks et Jacobins. Itinéraire des analogies, Paris 1989.

4 news.bbc.co.uk / hi / russian / russia / newsid_4319000 / 4319535.stm.

5 www.manwb.ru / articles / world_today / contemporary / Stalin_MendelGerber.

6 In Wirklichkeit stammt dieses Zitat, wie russische Internetnutzer herausgefunden haben, aus den frühen Fünfzigerjahren und ist von Isaac Deutscher. Churchill hat nichts dergleichen gesagt (http://fat-yankey.livejournal.com / 69167.html).

7 W. A. Nechamkin: Kontrfaktitscheskie issledowanija w istoritscheskom posnanii: genesis, metodologija, Moskau 2006.

8 Istorija stalinskogo Gulaga. Konez 1920-ch – perwaja polovina 1950-ch godov [Die Geschichte von Stalins Gulag. Von Ende der Zwanzigerjahre bis zur ersten Hälfte der Fünfzigerjahre] (История сталинского Гулага. Конец 1920-х – первая половина 1950-х годов), 7 Bde., Moskau 2004.

9 Nach Angaben der Organisation »Memorial« beträgt die Gesamtzahl der in der Sowjetunion politisch Verfolgten 13 Millionen Menschen. Davon sind sieben Millionen Opfer der gerichtlichen und außergerichtlichen Verurteilungen geworden, fünf Millionen sind verbannte Kulaken und Angehörige der kollektiven Kollaboration mit dem deutschen Faschismus beschuldigter Völker, und drei Millionen wurden nach nicht politischen Anklagepunkten verurteilt (Diebstahl sozialistischen Eigentums, Verletzung der Arbeitsdisziplin) (www.gorby.ru / rubrs.asp?art_id=25785&rubr_id=646&page=1). Der Historiker Oleg Chlewnjuk spricht von 52 Millionen Urteilen (u. a. wiederholten) und einer Million Erschossenen zwischen 1930 und 1952.

10 stalin.memo.ru / images / intro.htm.

11 Die Zitate und Zahlen sind den Beiträgen bei der von der Gorbachev Foundation im September 2007 organisierten Konferenz zum 60. Jahrestag des »Großen Terrors« entnommen (www.gorby.ru / rubrs.asp?art_id=25788&rubr_id=646&).

12 Ebd.

13 Oleg Chlewnjuk: nicht veröffentlichter Vortrag beim Deutschen Historischen Institut in Moskau vom 5. Mai 2009.

14 Siehe detailliert bei W. P. Ljubin: Preodolenie proschlogo: Spory o totalitarisme. Analititscheskij obsor, Moskau 2004.

15 Michael Geyer / Sheila Fitzpatrick (Hg.): Beyond totalitarianism: Stalinism and Nazism compared, New York 2009.

16 Bert Hoppe: In Stalins Gefolgschaft. Moskau und die KPD 1928–1933, München 2007.

17 Ian Kershaw: Hitler 1936–45: Nemesis, Harmondsworth (Mddx.) 2000.

18 Gleb Pawlowskij: »Plocho s pamjatju – plocho s politikoj« (www.rodon.org/society-081225125946).

19 gazeta.ru / column / novoprudsky / 3175336.shtml.

21 Markus Wehner: Gescheiterte Revolution. In den russischen Archiven gehen die Uhren rückwärts, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2009, S. 377–390.

22 T. J. Timofeewa: Opyt diktatury i stremlenie k porjadku w sowremennoj Rossii: nostalgija ili woswrasch­tschenie?, in: Germanija i Rossija: Sobytija, obrasy, ljudi. Vypusk 6, Woronesch 2008, S. 143.

Inhalt – JHK 2010

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