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Togliatti, der Frieden, die Katholiken

JHK 2010 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 109-128 | Aufbau Verlag

Autor/in: Aldo Agosti

Auf dem Weg zum Dialog: »Das ist die Revolution, die die menschliche Zivilisation durch das Christentum erfahren hat.«

Togliattis Interesse an der katholischen Welt – ihren politischen Organisationsformen und der Kirche als Institution – zieht sich durch sein gesamtes Denken. Man erinnere sich nur an die wichtigen Aufsätze, die er am Anfang seiner politischen Laufbahn zwischen 1921–1922 dem Partito Popolare (PPI, Italienische Volkspartei)1 widmete. Auch zu Zeiten des Faschismus nimmt dieses Interesse nicht ab, was diverse Artikel in der vom Partito Comunista Italiano (PCI, Kommunistische Partei Italiens) in Paris veröffentlichten Zeitschrift Lo Stato operaio [Der Arbeiterstaat] bezeugen.2

Dieses Interesse scheint jedoch nicht mit einer möglichen Annäherung an die Katholiken in der Friedensfrage zusammenzuhängen. In seinen Ansprachen, die zwischen 1941 und 1944 von Radio Milano Libertà aus Moskau übertragen wurden und in denen sich Togliatti direkt an die katholische Welt wendet, was ohnehin nur selten vorkam, beschränkt er sich meistens darauf, auf den Beitritt zur antifaschistischen nationalen Volksfront zu drängen. Teilweise verknüpfte er diese Forderung, wie bespielsweise in der Ansprache vom 6. April 1942, mit einem offensichtlich etwas gezwungenen Bezug auf die Aussagen des Papstes: »Seit der Papst es ausgesprochen hat, haben die Katholiken begriffen, dass die Kirche diesen Krieg und die, die ihn entfesselt haben, verurteilt. Dass sie einen gerechten Frieden will, einen Frieden, der auf der Freiheit und Unabhängigkeit aller Völker basiert.«3 Schon in einem Streit mit dem Journalisten Mario Missiroli im Oktober 1941 zeichnet sich ein gewisses Interesse Togliattis ab, indem er sich auf eine allgemeine Solidarität derjenigen mit der UdSSR beruft, die durch den Nationalsozialismus bedroht sind, »einerlei, ob Demokraten, Liberale oder Katholiken […]. Diese Solidarität ist tief in der Tatsache verwurzelt, dass sowohl die Experimente des sozialistischen Aufbaus in Russ­land, wie auch Demokratie und Liberalismus Flüsse sind, die derselben Quelle entspringen, und diese gemeinsame Quelle ist die Ablehnung der heidnischen Barbarei, ist also die Revolution, die die menschliche Zivilisation durch das Christentum erfahren hat.«4 Die Berufung auf die menschliche Zivilisation stellt einen bedeutenden Präzedenzfall mit Blick auf seine späteren Aussagen in den Fünfziger- und Sechzigerjahren dar, sollte jedoch nicht dazu verleiten, den Kontext aus den Augen zu verlieren: Die Verteidigung des kulturellen Erbes und der Werte, wie sie Togliatti während des Zweiten Weltkriegs versteht, konnte nur durch einen bis zum Ende ausgefochtenen Krieg gesichert werden. Dennoch stellte gerade in Italien die Losung des Friedens, die so eng mit der Niederschlagung des Faschismus verknüpft war, eine bedeutende Möglichkeit der Annäherung mit denjenigen Katholiken dar, die ihr Schicksal nicht bis ins Letzte von dem der Diktatur abhängig machen wollten.

Doch die außerordentlichen Veränderungen, mit denen sich die Menschheit durch den Einsatz nuklearer Energie für militärische Zwecke konfrontiert sah, bewegten den Anführer des PCI dazu, seine Überlegungen auch auf andere Gebiete auszudehnen. Als die Vereinigten Staaten 1945 mit dem Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki eine Botschaft aussendeten, die sich gleichermaßen an die Feinde wie an die russischen »Verbündeten« richtete, ahnte der Anführer der italienischen Kommunisten bereits, dass das atomare Geheimnis früher oder später auch anderen zugänglich sein würde. Damit wäre einer atomaren Aufrüstung der Weg geebnet, die das Risiko verheerender Kriege erhöhte. Gleichzeitig würde diese aber dazu führen, dass »der Krieg den Charakter eines Kampfes verlieren und zur blinden Zerstörung jeglicher Spur zivilisierter Strukturen« führen würde: »Ein Krieg, in dem in großem Umfang Waffen eingesetzt würden wie diejenigen, die Hiroshima und Nagasaki zerstörten, würde damit enden, dass sich große Teile der Erdoberfläche in unbewohnbare Wüsten verwandeln würden, wenn nicht sogar die vollständige Zerstörung aller Länder, die wir bis heute noch zivilisiert nennen, [bevorstünde].«5

Nach Meinung des PCI-Generalsekretärs hatte diese einschneidende Veränderung zur Folge, dass es in den internationalen Beziehungen keine Kriegsführung mehr geben durfte. Gleichzeitig könne der Sozialismus aber auch nur mit einer Aussicht auf Frieden bestehen – wodurch der Sozialismus zur einzigen Alternative gegen den »Tod« der Menschheit wurde. Das waren keine oberflächlichen oder leichtfertigen Aussagen. Die Ereignisse, durch die sie ausgelöst worden waren, waren derart weitreichend, dass sie sich tief in Togliattis Denken eingruben. Er würde sie nie wieder aus den Augen verlieren und machte das zweite zentrale Thema seines Denkens daran fest: den Dialog mit der katholischen »Welt«.

Dieser Dialog stand seit dem Sturz des Faschismus im Mittelpunkt seines Interesses. Am 26. November 1943 waren im Moskauer Säulensaal die Meinungen über die Parteien, die wieder auf der politischen Bühne Italiens aufgetaucht waren, noch bruchstückhaft und von der Unvollständigkeit der Informationen geprägt. Doch schon damals erkannte man die Bedeutung der Democrazia Cristiana (DC, Christliche Demokratie). Togliatti sah ihre Parteibasis »hauptsächlich in den Bauern und den katholischen Organisationen«. Ihre programmatische Absicht bestand seiner Ansicht nach darin, sich »für die Republik und den Wiederaufbau des Landes auf einer demokratischen Basis« einzusetzen. Dabei war er sich ebenso der Einflussnahme der »reaktionären katholischen Kreise« auf diesen Prozess bewusst.6

Mit Togliattis Rückkehr nach Italien im März 1944 strebt der PCI mit Entschlossenheit die Teilnahme an einer Regierung der Nationalen Einheit an, in der die DC zunehmend an Einfluss gewann. Sehr schnell entwickelte Togliatti ein vollkommenes Misstrauen gegen den Partito Liberale Italiano (PLI, Liberale Partei Italiens), den er als Sammelpunkt aller konservativen und potenziell reaktionären Interessen ausmachte. Er erkannte eine wachsende Bedeutung der anderen »Massenparteien«, namentlich des Partito Socialista Italiano (PSI, Sozialistische Partei Italiens) und der DC. Das antifaschis­tische Aktionsbündnis, das PCI und PSI miteinander verband, wurde als Ausgangspunkt für eine größere Allianz gesehen: »Das Problem der Einheit […] hat einen weitaus umfassenderen Aspekt, der sich nicht nur auf das Proletariat beschränkt, sondern das gesamte Volk betrifft«, bekräftigt Togliatti in einer wichtigen Rede am 9. Juli 1944 in Rom. »Wir wissen, dass sich unter den Anhängern der christlich-demokratischen Partei Massen von Arbeitern, Bauern, Intellektuellen, jungen Menschen finden, die im Grunde dieselben Ziele anstreben wie wir, denn sie wollen, genau wie wir auch, ein demokratisches Italien, das die Forderungen der Arbeiterklassen erfüllt […] Wir sind als Kommunistische Partei und Verbündete der Sozialistischen Partei bereit, ein Aktionsbündnis mit der Democrazia Cristiana zu bilden, das zum Ziel haben soll, dass die großen Massen der Kommunisten und die großen Massen der Katholiken gemeinsam für ein Programm kämpfen, das die wirtschaftliche, politische und soziale Erneuerung Italiens voranbringt.«7

Dieser Vorschlag wurde in den kommenden Monaten mehrfach wiederholt: Der Ge­ne­ral­sekretär des PCI war offenbar der Ansicht, dass nur die geschlossene Einheit der drei großen Massenparteien, die Ausdruck der tiefen Kraft der italienischen Gesellschaft waren, zu einer demokratischen Transformation des Landes führen und somit auch die vollständige Legitimation des PCI garantieren könne. Er war der Meinung, dass die Kräfte des ehemaligen vorfaschistischen Liberalismus, wenn auch in verändertem Maß, die Bezugspunkte für die moderate und konservative Achse wären. Aus dieser Perspektive erschien die DC als Partei der »katholischen Bauernmassen«, die »unter dem Faschismus gelitten haben, den Faschismus ebenso hassen wie wir«,8 objektiv gesehen als fortschrittlich. Diese Auffassung fand jedoch nur begrenzt Gültigkeit, entsprang sie doch der etwas vereinfachenden Gleichsetzung der DC mit ihrer angeblich sozialen Basis aus Bauern und der Unterschätzung, wie wichtig der Katholizismus für das städtische Bürgertum war. Überbewertet wurde hingegen der Handlungsspielraum, den der kirchliche Apparat, der hinter der DC stand, der katholischen Partei einräumen würde.

Zudem gingen von der Kirche widersprüchliche Signale aus. Während die Kurie den Partito della sinistra cristiana (Christliche Partei der Linken)9 verdammte, versicherte der stellvertretende Staatssekretär des Vatikans, Monsignore Giovanni Montini, dem damaligen Unterstaatssekretär des Äußeren und engem Mitarbeiter Togliattis Eugenio Reale, dass »der Vatikan nie die Unvereinbarkeit von katholischem Glauben und einer Mitgliedschaft in einer Linkspartei erklärt hat. Ein Katholik kann sehr wohl einer sozialistischen oder kommunistischen Partei angehören«. Monsignore Montini schlug seinem Gesprächspartner sogar ein Treffen zwischen »Ihrer Heiligkeit und dem Oberhaupt Eurer Partei, die heutzutage einen so großen Einfluss in Italien hat«, vor.10 Außerdem wurde diese Aussicht auf Kooperation mit der katholischen Welt durch das einer persönlichen Freundschaft ähnelnde sehr enge Verhältnis untermauert, das Togliatti seit 1944 mit dem obersten Intellektuellen der »katholischen Kommunisten«, Franco Rodano, verband. Dieses wurde durch häufige Kontakte zu Don Giuseppe De Luca, einer weiteren einflussreichen Persönlichkeit aus Vatikankreisen, noch gefestigt.

Während der nationalen Einheitsregierung unter Ferruccio Parri in den Monaten nach der Befreiung Norditaliens nahmen die Kommunisten eine entschieden kritischere Haltung gegenüber der DC ein. Im Juli schrieb Togliatti sogar: »Unter der Führung von De Gasperi steht zu befürchten, dass die Entwicklung nicht wie bei Don Sturzo, sondern à la Salazar und à la Dollfuß verlaufen wird, will sagen, in Richtung der besonderen Form des klerikalen Totalitarismus.«11 Togliatti war demnach nicht besonders begeistert von der Präsidentschaft De Gasperis, der an die Macht gekommen war nachdem die Regierung Parri durch die fehlende Unterstützung des PLI gestürzt worden war. Trotzdem erschien ihm der abschließende Ausgang der Krise, gerade mit der DC und De Gasperi als »Oberhaupt einer Massenpartei«, wie ein Beweis dafür, dass »die Demokratie in Italien schon eine ziemlich solide Basis [hat], die nicht so leicht zu erschüttern ist«. Nach den Wahlen für die Verfassungsgebende Versammlung, würden PCI und PSI »zweifellos an der Spitze eines der stärksten Wahlbündnisse [stehen] und die politische Einigung mit der Democrazia Cristiana kann zur Stabilitätsachse einer republikanischen Regierung werden.«12

Doch diese Vorhersage traf nicht ein, denn die DC errang nach den Wahlen am 2. Juni 1946 nur die relative Mehrheit und De Gasperi bildete seine zweite Regierung unter wachsenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Spannungen. Togliatti war noch immer davon überzeugt, dass die DC trotz allem eine reformatorische Partei bleiben würde und daher nicht gewillt wäre, die stark rückwärtsgewandten Vorstöße der Wirtschaftsmächte zu unterstützen. Die Meinung, gerade um De Gasperis Partei herum könne, fern jeglicher diktatorischer Regierungsformen und entschlossen, das soziale Gleichgewicht in keinster Weise zu stören, erneut das Projekt der moderaten kapitalistischen Restauration entstehen, setzte sich in der Parteispitze des PCI nur langsam durch.

Togliatti bemühte sich daher redlich, den Dialog mit der DC und der Kirche aufrecht zu erhalten, doch die Regierungszusammenarbeit der drei Massenparteien befand sich bereits in der Krise. Sie war von zahlreichen Faktoren geschwächt worden: Auf der einen Seite gab es die stufenweise Verschlechterung der internationalen Lage mit der Bildung harter Fronten und auf der anderen die katastrophale wirtschaftliche und soziale Lage im Land, die es den Kommunisten schwer machte, die von der Regierung ergriffenen Maßnahmen zu verteidigen und die Unzufriedenheit der schwächsten Bevölkerungsgruppen zu besänftigen. Auch spürte die DC, die die Entstehung großer gemäßigter Strömungen immer stärker fürchtete, zunehmend den Druck der Kirche, die Koalition mit den linksgerichteten Parteien aufzugeben. Bis zum Schluss hoffte der PCI, dass die ursprünglichen Gründe für die Bildung der antifaschistischen Einheit stärker wiegen würden als die Auslöser für diese Spannungen und zeigte sich auf mehreren Gebieten kooperativ. Anders als der PSI und andere weltliche Kräfte, befürwortete er ohne zu zögern im März 1947 die Aufnahme der 1929 zwischen dem faschistischen Staat und der katholischen Kirche geschlossenen Lateranverträge in die Verfassung. Begründet wurde diese Entscheidung mit der Sorge, Italien könne an religiösen Fragestellungen zerbrechen. Doch im Mai 1947 trat De Gasperi zurück, nachdem er erklärt hatte, dass er – in Anbetracht des bedrohlichen Anstiegs der Inflation – eine Regierung ohne die Unterstützung der »vierten Partei«, also der stärksten wirtschaftlichen Interessenvertretung des Landes, nicht mehr für möglich hielt. Nach einer kurzen Krise bildete er eine neue Regierung – diesmal ohne Kommunisten und Sozialisten.

Die schwere Zeit des Kalten Krieges

Der Ausschluss der linken Parteien aus der Regierung rief keine traumatischen Gegenschläge hervor, und die Verfassung der italienischen Republik konnte mit breiter Mehrheit angenommen werden. Die zähe Anstrengung, die der PCI in der Verfassungsgebenden Versammlung unternommen hatte, um gemeinsam mit den Parteien des nationalen Befreiungskomitees einen »Staatsentwurf« zu entwickeln, erwies sich von äußerster Bedeutung. Viele Jahre stand die Verteidigung und Umsetzung der Verfassung im Zentrum des politischen Kampfes in Italien. Auch bei den gesellschaftlichen Kämpfen der Sozialisten ging es hauptsächlich um die programmatischen Normen der Verfassung: Für den PCI war sie als politische Legitimation wichtiger als das Bestreben, sie als ungesetzmäßig erklären zu lassen.

Plötzlich aber befand sich der PCI in einer schwierigen isolierten Position: Durch den Beginn des Kalten Krieges gab es für die Partei keine andere Möglichkeit mehr, als sich ohne zu zögern auf die Seite der UdSSR zu stellen, wollte sie ihre Identität als kommunistische Partei nicht infrage stellen. Die DC hingegen war zwischenzeitlich zum vertrauenswürdigsten Gesprächspartner der Vereinigten Staaten geworden und strebte einen wirtschaftlichen und politischen Wiederaufbau Italiens an, der sich – zumindest teilweise – an den Kriterien des Marshallplans orientierte.

Das politische Klima im Land wies auf eine direkte Konfrontation hin. Schon während des Wahlkampfs zu den ersten Parlamentswahlen kam es zu harten Auseinandersetzungen. PCI und PSI entschieden, sich als Listenbündnis mit der Bezeichnung Fronte democratico popolare (Demokratische Volksfront) aufstellen zu lassen, konnten jedoch keinen Vorteil aus dieser Entscheidung ziehen. Darüber hinaus fügten sie sich erheblichen Schaden zu, indem sie den Gewaltakt der tschechoslowakischen Kommunisten im Februar 1948 unterstützten. Infolge dessen hatten diese sich von den moderaten Kräften der Regierungskoalition befreit, die bis dato in Prag noch überlebt hatten. Der Wahlsieg der DC am 18. April 1948 war niederschmetternd. Fast ebenso deutlich war die schwere Niederlage von PCI und PSI, die zusammen 31,7 Prozent der Stimmen erhielten. Somit hatte jede Partei für sich acht Prozent weniger als im Wahljahr 1946 erringen können.

Jenseits der legitimen Anschuldigungen der Linken gegen das Kreuzzug-Klima der Wahlkampagne und ihrer offensichtlichen Beeinflussung durch die Kirche und die Vereinigten Staaten von Amerika, brachte das Wahlergebnis eine deutliche Erkenntnis: Die Politik der Linken verfehlte ihre Wirkung auf gesellschaftlicher Ebene. Die Expansionsmöglichkeiten und die Vormachtstellung der Christdemokraten und der katholischen Kirche im städtischen und ländlichen Mittelstand, wurden durch die erwiesenermaßen große Eignung des PCI zur Massenbewegung nicht entscheidend beeinträchtigt.

Ab diesem Augenblick und bis zu seiner Auflösung als kommunistische Partei, gelang es dem PCI nicht mehr, Regierungspartei zu werden. Das Aktionsbündnis mit den Sozia­listen hatte bis 1953 Bestand, und der PCI zog sich auf Parlamentsebene selbst in der Phase der härtesten Konfrontation nie auf eine reine Blockadeposition zurückzog. Aber seine Möglichkeiten auf außen- und innenpolitischer sowie wirtschaftlicher Ebene »Politik zu machen« und Einfluss auf die Regierungen christdemokratischer Prägung zu nehmen, waren während der gesamten ersten Legislaturperiode (1948–1953) äußerst eingeschränkt.

Als die Regierung De Gasperi den Beitritt Italiens zum Nordatlantikpakt beschloss und der Einrichtung von NATO-Stützpunkten auf italienischem Gebiet zustimmte, schien sich das Blatt zu wenden. Diese Entscheidungen trafen nicht nur bei den Kommunisten und ihren sozialistischen Alliierten auf Ablehnung, sondern weckten auch bei einigen Mehrheitsvertretern Vorbehalte und führten zum offenen Widerstand. Die Wunden des Krieges waren noch zu frisch, als dass der Beitritt zu einer militärischen Allianz, wenn auch nur zu Verteidigungszwecken, in großen Kreisen der öffentlichen Meinungsbildung der linken Wählerschaft nicht zu Unbehagen geführt hätte. Der massive Einsatz des PCI im Kampf gegen einen Atomkrieg, wenn auch gekennzeichnet von einer klaren Parteilichkeit zugunsten der Sowjetunion, hatte auch Auswirkungen in Teilbereichen der Kirche und der »terza forza« [Dritte Kraft, d. h. Gruppe aus Sozialdemokraten, Republikanern und Linksliberalen]. Dies wurde besonders anlässlich der Unterschriftenkampagne zugunsten des Stockholmer Appells, in dem Atomwaffen geächtet werden sollten und die vom Ständigen Komitee des Weltkongresses der Kämpfer für den Frieden (dem späteren Weltfriedensrat) initiiert worden war, deutlich. Es handelte sich, nach den Worten Gozzinis und Martinellis um »einen Ausbruch aus den Mauern der eigenen Zitadelle«,13 dem ersten bedeutenden seit dem Ausschluss aus der Regierung.

Dennoch war Togliatti seit dem Zusammenbruch der postfaschistischen Allparteienregierungen und dem Beginn des Kalten Krieges zunehmend davon überzeugt, dass in der universalistischen Auffassung der katholischen Kirche die Wurzel für einen natürlichen Pazifismus läge. Somit sei dieser als eine Grundeinstellung der katholischen Welt zu sehen. Im politischen Lager, das hinter ihm stand, rief diese Auffassung Widersprüche hervor. In seiner Parlamentsrede gegen die Unterzeichnung des Nordatlantikpakts am 15. März 1949 berief er sich erstmals direkt und ausdrücklich auf diesen Aspekt. Er erklärte, dass er sich nie »übermäßige Hoffnung« gemacht hätte, dass die katholische Partei durchgreifende soziale Reformen durchsetzen würde. Ebenso gab er aber zu, dass er sich von ihrer Vorrangstellung im italienischen politischen Leben eine »wohltuende Wirkung« auf eine »zunehmend universalistische Tradition« der Kirche versprach. Angesichts der Entscheidung von Premierminister De Gasperi, den Nordatlantikpakt zu unterzeichnen, beteuerte er: »Ihr seid dabei, gegen eure eigenen Traditionen zu handeln, gegen die Erwartungen, die die undifferenzierten Massen desjenigen Standes an euch richten, der noch keine politische Bildung genießt, aber größtenteils eine Politik will, die den häuslichen Frieden und den Frieden des ganzen Landes sichert. Ihr seid dabei, das Vertrauen, dass diese Parteien am 18. April in eure Partei gesetzt haben, zu verraten.«14

Natürlich spürte das kommunistische Oberhaupt das Unbehagen eines großen Teils der katholischen Welt und selbst das der DC gegen die Entscheidung, sich als Land, das gerade einen gewaltigen Krieg hinter sich hatte, einem Militärpakt zu verpflichten. Durch die massive Friedenskampagne, die die Partei in den kommenden Jahren auf die Beine stellen sollte, verstärkte sie dieses Unbehagen weiter. Auch wenn die Angriffe gegen die Kirche als Institution nach der vom Santo Uffizio am 12. Juli 1949 vorgeschlagenen Exkommunikation der Kommunisten zunahmen, wurde – getragen von der allgemeinen Notwendigkeit, den Frieden zu verteidigen – noch immer jede Möglichkeit der Annäherung mit den Katholiken der Basisorganisationen gesucht. Auf der Ebene, die wir heute »medial« nennen würden, konnten bedeutende Erfolge erzielt werden. Man denke nur daran, dass der christdemokratische Vorsitzende der Abgeordnetenkammer Giovanni Gronchi zu den Unterzeichnern des Stockholmer Appells gehörte. Wie bereits erwähnt, löste der »Aufruf zum Pazifismus bei den ersten ›christlichen Avantgarden‹, die das existenzielle Wiedererlangen der religiösen Dimension im Auge hatten, einen bedeutenden Impuls«15 aus. Zu ihnen gehörten Intellektuelle, wie Mario Gozzini, Nando Fabro, Pietro Scoppola, die später, unter dem Pontifikat von Johannes XXIII., im Dialog zwischen Katholiken und Kommunisten eine entscheidende Rolle spielen sollten. Natürlich gelang es dem PCI nicht, auch wegen der eindeutig sowjetophilen Parteilichkeit seiner Position, der politischen Einheit der Katholiken bedeutende Risse zuzufügen. Die zwangsläufige Hochachtung vor den sehr viel starreren Vorgaben des Kominform zu Krieg und Frieden, und die harten ideologischen Polemiken, die die schwersten Jahre des Kalten Krieges kennzeichneten, bewegten Togliatti dazu, die aufwühlenden Fragestellungen seiner frühen Überlegungen, die lange Zeit nur das Stadium von Entwürfen hatten, nicht weiterzuverfolgen.

»Aufgabe zur Rettung der Menschheit«

Erst nach Stalins Tod und der Unterzeichnung des Waffenstillstands im Koreakrieg, also am Ende jener Epoche, in der der Tanz der Menschheit am Rand des Abgrunds in einer universalen Katastrophe zu enden drohte, schienen die Voraussetzungen günstiger. Dazu trugen die sich abzeichnende internationale Entspannung unter der bevorstehenden Amtsübernahme Eisenhowers, die ersten diplomatischen Schritte der sowjetischen »kollegialen Führung« und die Aufhebung der italienischen legge truffa16 bei. Im Januar 1954 saßen die Außenminister der vier Mächte erstmals nach fünf Jahren anlässlich der Berliner Konferenz wieder zusammen an einem Tisch, um über den Friedensvertrag mit Deutschland zu verhandeln. Obwohl keine Übereinkunft getroffen werden konnte, blieb Spielraum für weitere Treffen: Im April fand in Genf eine Konferenz statt, in der eine stabile Lösung für den Frieden in Asien verhandelt werden sollte und bei der erstmals Vertreter der Volksrepublik China anwesend waren. Togliatti verfolgte diese internationalen Entwicklungen mit der gewohnten Aufmerksamkeit. Er war bereit, sich der »Diplomatie der Koexistenz«, die die Sowjets in jenen Tagen im großen Stil propagierten, zu bedienen, um die stehenden Wasser der italienischen Politik in Wallung zu bringen. Malenkov hatte am 13. März in einer Rede klar und deutlich bekräftigt, dass ein Atomkrieg »das Ende der Menschheit« bedeuten würde.

Einen Monat danach, am 12. April, ergriff Togliatti das Wort bei einem Treffen des PCI-Zentralkomitees und entwickelte die These des sowjetischen Oberhaupts auf dramatische Weise weiter. Durch den Einsatz von »hochmodernen Massenvernichtungsinstrumenten« in Form von nuklearen und thermonuklearen Bomben wäre, so betonte er, »die vollständige Vernichtung jeglicher Lebensform« zu befürchten. Die Menschheit stehe vor der Entscheidung, ob sie diesen fatalen Weg weitergehen wolle oder ob sie bereit wäre, andere Wege zu finden. Dabei fügte er in einer ungewöhnlichen und wenig »marxistisch-leninistischen« Terminologie hinzu, dass das Gebiet, das es zu diesem Zweck zu erkunden gelte, »das Gebiet der menschlichen Beziehungen zwischen den heute existierenden menschlichen Gruppierungen« sei und dass diese Erkundung »mit gänzlich neuer Geistes­haltung« erfolgen müsse, »weil die Fragestellung, der wir uns stellen müssen, neu und in dieser Form noch nie dagewesen ist«. Ebenso neu war auch die Herangehensweise, die er vorschlug: Angesichts der Problematik eines Atomkriegs gab es seiner Meinung nach »eine vollkommen gegensätzliche Haltung der beiden existierenden Lager«, also zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Er machte deutlich, dass er die sowjetische Haltung für schlüssiger hielt, da sie den Frieden verteidigte. Togliatti betonte, dass es mittlerweile »zahlreiche gemäßigte Haltungen gab, die der amerikanischen widersprachen«, wobei er die englische, französische und indische erwähnte. Das Ziel war, »jede erdenkliche Anstrengung zu unterstützen, um eine tödliche Gefahr abzuwenden«.

Um dieses Ziel zu erreichen, um eine große, weltumspannende Bewegung gegen die nukleare Selbstzerstörung der Menschheit auf die Beine zu stellen, war es notwendig, dass diese pluralistisch wäre und aus der eigenen Mitte gelenkt würde, dass sie weder soziale noch kulturelle oder ideologische Diskriminierungen vornähme. Die Adresse, an die sich dieser Appell in Italien richtete, war eindeutig: »Uns, die wir im Herzen eines kapitalistischen und von reaktionären Kräften geführten Staats leben, muss klar sein, dass die Ausrichtung der großen katholischen Massen von ganz entscheidender Bedeutung sein kann.« Diese »Welt«, die bisweilen der kommunistischen Welt entgegengesetzt und bisweilen mit ihr verflochten war, war in jedem Fall aber eine bewegliche und komplexe Welt, mit der man durch einen einzigen Nenner, eine einzige Ausrichtung untrennbar verbunden war: Togliatti rief seine Partei auf, über die reaktionäre und antikommunis­tische Spitze der Kurie hinwegzusehen. Es gelte vielmehr, die dynamischen Fortschrittsbewegungen zu beobachten, die auch in jener Welt stattfanden und auf die man sich beziehen könne. Es gehe, jenseits der unterschiedlichen philosophischen und religiösen Überzeugungen, um die gemeinsamen Bedürfnisse, die durch »die tiefsten Erschütterungen, die die menschliche Seele in dieser Phase der gesellschaftlichen Entwicklung erlebt«, entstanden waren. Auf dieser Grundlage wurde eine »Aufgabe zur Rettung der Menschheit, bei der die kommunistische und katholische Welt dieselben Ziele haben und durch eine Zusammenarbeit erreichen können« erkennbar. Togliatti gab sich nicht der Illusion hin, vor einer leichten Aufgabe zu stehen: »Schon allein aufgrund der Art und Weise, wie die katholische Welt organisiert und geführt wird.« Aber er beharrte auf der Tatsache, dass es »zwischen der Masse, die die Basis der organisierten katholischen Welt bildet und den kommunistischen und sozialistischen Massen mehr Berührungspunkte gibt als in den Kadern, von denen sie regiert werden, von ihren Führungsspitzen ganz zu schweigen«.

Dieses Mal schien sein Vorschlag nicht sic et simpliciter auf eine erneute Variation des Themas der traditionellen kommunistischen Auffassung von Allianzen hinauszulaufen. Schließlich ging es nicht nur darum, den von den eigenen Organisationen und Anfüh­rern verblendeten Massen »die Augen zu öffnen«. Vielmehr stand im Vordergrund, diffuse Gefühle zu bündeln, die über die ideologische Zugehörigkeit und die soziale Verortung hinausgingen und sie einem einzigen Ziel zu unterstellen: »Wir verlangen von der katholischen Welt nicht, sie solle aufhören, die katholische Welt zu sein. […]. Wir suchen […] die gegenseitige Verständigung, insbesondere derart, dass begreifbar wird, dass heutzutage eine Aufgabe zur Rettung der Menschheit besteht, bei der die kommunistische und katholische Welt dieselben Ziele haben und diese durch eine Zusammenarbeit erreichen können.«17

Das Treffen endete mit einer vorsorglichen Widerlegung der vorhersehbaren Kritikpunkte, die seine Stellungnahme in der Führungsgruppe des PCI hätte hervorrufen können: »Ich stimme in keinster Weise mit der Meinung überein, dass der Beginn der Regierung Scelba18 und die Rückkehr zu einer Regierungsposition des sanfedis-­

ta19 die Perspektiven der Aktionsbündnisse, die wir bisher schon auf den Weg gebracht haben, beendeten.«20 Sein Appell wurde mit einem gewissen Unbehagen der kommunis­tischen Parteiführung aufgenommen. Nach Aussage von Giorgio Amendola, »schnellte Secchia, der am Tisch der Vorsitzenden des Zentralkomitees neben mir saß, hoch und brummte: ›Erst ging es um ›Klassen‹, dann ums ›Vaterland‹, jetzt reden wir über die ›Menschheit‹ […], wo soll das denn enden?‹«.21 Secchia war es auch, der Togliatti einige Monate später darauf hinwies, dass seine Rede nicht nur wegen ihrer »Einstellung« (die einigen »nicht marxistisch korrekt« erschien) kritisiert worden war, sondern auch, weil sie »unabgesprochen, ohne vorherige Diskussion« gehalten worden war.22 Es scheint angebracht, daran zu erinnern, dass Pietro Secchia, der damals noch den überaus wichtigen Posten des Vizesekretärs der Partei innehatte, sich bereits mehrfach von der Linie Togliattis distanziert hatte, die er für zu »moderat« hielt. Nach der Desertion eines Mitarbeiters, der mit einer großen Geldsumme und wichtigen Geheimdokumenten ins Ausland geflohen war, wurde Secchia im Januar 1955 aus der Parteiführung ausgeschlossen und die Position des Vizesekretärs mit Giorgio Amendola besetzt, der viel eher auf Togliattis Linie war.23

Außerhalb der Partei fand die Rede Togliattis sofort ein beachtliches Echo. Auf politischer Ebene erlitt er jedoch einen Rückschlag, der sicher nicht sonderlich ermutigend war. Abgesehen von einigen Persönlichkeiten, wie beispielsweise Don Primo Mazzolari, war die Reaktion in kirchlichen Kreisen von offener Feindseligkeit geprägt und die Mahnung des PCI-Sekretärs wurde als der erneute Beweis dafür gesehen, dass seine Manöver von rein instrumentellem Charakter waren, wie eine »Falle«, mit der er den Zusammenhalt der katholischen Welt unterminieren wollte.

Kurz, die Zeit war noch nicht reif. Trotzdem blieben die beiden Hauptpfeiler, Gegnerschaft gegen den Krieg und Dialog mit der katholischen Welt, in der Politik des PCI fest verankert, besonders in Togliattis Vision der Fünfzigerjahre, aber auch darüber hinaus bis zu seinem Tod 1964. Die Rede des PCI-Generalsekretärs am 20. März 1963 in Bergamo kann gewissermaßen als Schlusspunkt dieses Weges gesehen werden. Sie begründet eine ideelle Weiterführung und eine Anpassung an die politische Lage der frühen Sechzigerjahre sowie eine Aktualisierung des neun Jahre zuvor gemachten Vorschlags, in einen Dialog einzutreten. In der Zwischenzeit hatte sich vieles verändert.

Jahre des Wandels

In einem Zeitraum von nur wenigen Jahren, der sich fast mit der dritten Legislaturperiode der italienischen Republik (1958–1963) deckt, hatte ein schneller und stürmischer wirtschaftlicher und sozialer Wandlungsprozess das Gesicht des Landes verändert. Über 900 000 Menschen waren aus dem Süden in andere Regionen des Landes, insbesondere den Norden, gezogen. Italien war nicht mehr länger vorwiegend ein Land der Bauern und war im Begriff, zu einem der am stärksten industrialisierten westlichen Länder zu werden. Die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate erreichte während dieser fünf Jahre einen in Italien nie zuvor erreichten Wert von 6,3 Prozent. Die industrielle Produktion hatte sich mehr als verdoppelt und die Produktivität war um das Eineinhalbfache gestiegen, auch wenn die Gehälter stagnierten. Parallel veränderten sich der Lebensstil, die Gebräuche, die Zusammensetzung gesellschaftlicher Gruppierungen und die Weltanschauung der Bevölkerung drastisch und mit rasender Geschwindigkeit. Der PCI hatte, nicht anders als die übrigen italienischen politischen Kräfte, einige Schwierigkeiten, mit den strukturellen Veränderungen der Gesellschaft Schritt zu halten und die überkommenen politischen Modelle, in deren Mittelpunkt die Ideologien standen, umzusetzen. Die Modelle gerieten in die Krise.

Auch das politische Gleichgewicht hatte sich verändert: 1962 hatte nach einem langen und kontrastreichen Reifungsprozess die Phase der sogenannten Mitte-Links-Regierungen begonnen, anfangs mit Unterstützung der Sozialisten, später mit deren aktiver Regierungsteilnahme. Die Position der Kommunisten in dieser neuen Situation, die zu einem Bruch des Aktionsbündnisses mit dem PSI führte, lässt sich nicht mehr vollständig rekonstruieren. Es sei aber daran erinnert, dass sich der PCI nicht auf eine rein präjudizielle Oppositionshaltung zurückzog – zumindest nicht von vorneherein – und sich bei den reformatorischen Vorstößen eher wie ein »kritischer Stachel« verhielt. Der Mitte-Links-Bewegung gab er sogar einen gewissen Vertrauensvorschuss. Dieser schlug sich auch in konkreten Maßnahmen nieder, wie beispielsweise der Zustimmung zur Schulreform und der Verstaatlichung der Elektroindustrie. Auch als der Vorstoß der Sozialisten in die Exekutive die konservativen Strömungen innerhalb der DC dazu bewegte, die Umsetzung des Programms aufzuschieben und zu bremsen, versuchte der PCI die direkte Konfrontation zu vermeiden. Niemals nutzte er seinen Stimmenanteil im Parlament und die Disziplin innerhalb der Gruppe dazu, wichtige Programmpunkte der Legislative zu blockieren.

Gleichzeitig konnten die Kommunisten die gesellschaftlichen Räume für sich nutzen, die sich durch die Auflösung der für die Fünfzigerjahre in Italien so charakteristischen konformistischen Grundhaltung ergaben. Der PCI beabsichtigte nicht, sich direkt gegen die Modernisierungsprozesse in der italienischen Gesellschaft zu stellen. Vielmehr wollte er deren grundlegende Verzerrungen und Mängel aufzeigen. Damit gewann er die Zustimmung eines bunt gemischten sozialen Lagers, das zwar in der Minderheit, aber in der politischen und kulturellen Szene sehr gegenwärtig und aktiv war: Es handelte sich in erster Linie um Arbeiter und Einwanderer, aber auch Mitglieder des Mittelstands und der Intellektuellen waren darunter. Dank des mit dem Ende des Kalten Krieges einhergehenden ideologischen Zusammenbruchs wurden die Kommunisten nicht mehr im selben Maß durch die öffentliche Meinung diskriminiert wie zuvor. Dazu trugen ebenso das durch die Mitte-Links-Bewegung herrschende entspanntere Klima in Italien bei sowie die Wende der Kirche, die besonders von der letzten Phase des Pontifikats von Johannes XXIII. geprägt war.

Sicher hatte auch Togliatti sich verändert. Rückblickend kann der Übergang von den Fünfziger- in die Sechzigerjahre als ein wichtiger Augenblick in seiner intellektuellen Biografie gelten. Dieser Übergang fällt mit seinem wachsenden Bewusstsein dafür zusammen, dass er nicht nur Zeuge eines entscheidenden politischen Wandel war, sondern eines Wendepunkts, an dem sich die italienische Gesellschaft befand. Dieser erforderte eine angemessene Auseinandersetzung mit den neu entstandenen Problemen, wenn auch unter Bekräftigung der politischen Linie und der politischen Motivation.

Dieses Bewusstsein spiegelte sich nur teilweise in der Überarbeitung und Aktualisierung der Kategorien zur Wirtschafts- und Sozialanalyse der italienischen Realität und der allgemeinen kapitalistischen Welt wider. Hier kam der PCI insgesamt nur zögerlich voran. Aber auf einem allgemeineren, einem – wenn man so will – abstrakteren Gebiet, das man »Weltphilosophie« nennen könnte, lässt sich in den Überlegungen des kommunistischen Oberhaupts Italiens das Erwachen einer intellektuellen Neugier und eine Art aufrichtige, tiefe Beunruhigung feststellen. Auf die Fragen, die der Übergang von einem Jahrzehnt zum nächsten, den er für entscheidend hielt, aufwarf, versuchte Togliatti der neuen Generation eine »organische Vision«, ein »Weltbild« zu bieten. Gleichzeitig schien sich in ihm, wie bereits angemerkt, die Überzeugung zu festigen, »dass die Realität mittlerweile zu komplex geworden ist, um von jedwedem Weltbild dominiert zu werden, das sich als in sich geschlossene Doktrin versteht«.24

Togliattis Rede in Bergamo war deutlicher Ausdruck seiner Beunruhigung: Eine Unruhe, die auch durch das internationale Klima geschürt wurde, das entstanden war, nachdem die beiden Supermächte ihren vielleicht schwersten Konflikt (die kubanische Raketenkrise im Oktober 1962) überwunden hatten. Der Ausbruch eines Dritten Weltkriegs hatte einige Tage wie ein sich bewahrheitender Albtraum gewirkt. Hinzu kam, dass der Konflikt während einer für die Kommunisten schwierigen Wahlkampagne ausgetragen wurde. Es ging um mehr, vielleicht bedeutend mehr als früher: Für den PCI schien das Risiko hoch, im Fall einer Niederlage politisch an den Rand gedrängt zu werden. Jetzt, da dieses Risiko von einem politisch weniger geschlossenen System ausging, wirkte es umso heimtückischer.

Pacem in terris – »eines der großen Rechtspapiere des 20. Jahrhunderts«

Andererseits gab es schon damals viele Stimmen, die darauf hinwiesen, dass Togliatti seine Bergamo-Rede nur wenige Tage nachdem Johannes XXIII. mit einer bisher noch nie dagewesenen Geste den sowjetischen Journalisten Adžubej, Direktor der Isvestija und Schwager von Chruščëv, freundschaftlich im Vatikan empfangen hatte, gehalten hatte. Darüber hinaus gab der Papst die bisher innovativste Enzyklika Pacem in terris [Über den Frieden auf Erden] nur wenige Wochen später heraus. Togliatti hatte den Kontakt zum Vatikan, den er, wie bereits erwähnt, seit 1944 über Franco Rodano und Don Giuseppe De Luca aufgebaut hatte, nie ganz abreißen lassen. Dafür steht, dass er sich im November 1961 mit De Luca dafür eingesetzt hatte, dass Chruščëv dem Papst einen Geburtstagsgruß zur Vollendung seines achtzigsten Geburtstags zukommen ließ.25 Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass er über den ausnehmend herzlichen Verlauf des Gesprächs zwischen dem Papst und Adžubej informiert war, über das von den oppositionellen Kräften innerhalb der Kurie nichts veröffentlicht worden war. Es erscheint außerdem gesichert, dass er die Ausrichtung der neuen päpstlichen Enzyklika zumindest in groben Zügen kannte.26 Daher liegt es nahe, dass er mit seiner Rede, die er zudem in der Hauptstadt jener Provinz, aus der der Pontifex stammte und die als die wahre Kapitale eines besonderen gesellschaftlichen Katholizismus galt, dem illustren Ansprechpartner ein Zeichen übermitteln wollte.

In der Bergamo-Rede werden auf gewisse Weise die grundlegenden historisch-politischen Themen der Pacem in terris aus marxistisch-laizistischer Perspektive angesprochen. Es erscheint daher sinnvoll, die wichtigsten Punkte dieses Dokuments noch einmal kurz zusammenzufassen, das zurecht als »eines der großen Rechtspapiere des zwanzigsten Jahrhunderts, ein maßgeblicher und feierlicher Bestandteil des ›anderen zwanzigsten Jahrhunderts‹, eines Jahrhunderts, dass nicht nur aus Kriegen und Massakern bestand, sondern aus den kollektiven Versuchen, einen möglichen Frieden zu bauen«,27 bezeichnet worden ist.

Mit jener Enzyklika legt die Kirche die Kultur des Feindes und die Kreuzzugs-Mentalität ab. Sie erkennt an, dass die realen Bewegungen der Menschen, von welcher Doktrin auch immer ausgelöst, sich »auf die geschichtlichen Situationen« auswirken, die sich ihrerseits entwickeln und dadurch in Richtung »auch tiefgreifender Veränderungen« gehen konnten. An dieser Stelle kam die für die damalige Mentalität modernste und »skandalöseste« Fragestellung ins Spiel: »Wer könnte übrigens leugnen, dass sich in solchen Bewegungen, soweit sie sich den Gesetzen einer geordneten Vernunft anpassen und die gerechten Forderungen der menschlichen Person berücksichtigen, etwas Gutes und Anerkennenswertes finden kann?«.28 Es handelte sich um eine explizite Öffnung für einen möglichen Dialog mit der kommunistischen Welt und ihren Bewegungen, auch wenn aus Vorsicht darauf hingewiesen wurde, dass nur »die Tugend der Klugheit« darüber entscheiden könne, wie viel Annäherung und Begegnung in der Praxis möglich sein würden.

Es handelte sich nicht – und das muss betont werden – um eine allgemeine Bekundung von »Pazifismus«. Ein Großteil der Enzyklika behandelt die »Bedingungen« für den Frieden, der am ehesten erreicht werden könne, indem man die universellen, unantastbaren, unveräußerlichen Menschenrechte respektiere. Die gesamte Enzyklika ist von einer »positiven« Vorstellung des Friedens durchzogen, der nicht als reine Abwesenheit des Krieges oder einfache Abrüstung verstanden wird, sondern sich hauptsächlich auf die Konstruktion einer neuen sozialen Ordnung gründet, die durch Rechte verankert wird.

Es wird davon ausgegangen, dass drei Phänomene die Moderne charakterisieren: »Vor allem stellt man den wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg der Arbeiterklasse fest«, die im Lauf der Zeit erst wirtschaftliche, dann politische und schließlich kulturelle Rechte eingefordert hat und heutzutage verlangt, »als Menschen in allen Bereichen menschlicher Gemeinschaft« mit »Verstand und Freiheit« ausgestattet und nicht »von anderen ausgebeutet« zu werden. Ein weiteres Phänomen ist der Eintritt der Frau ins öffentliche Leben, »die sich ihrer Menschenwürde heutzutage immer mehr bewusst wird und weit davon entfernt [ist], sich als seelenlose Sache oder als bloßes Werkzeug einschätzen zu lassen«. Und schließlich das dritte Phänomen, dass davon zeugt, »dass die ganze Menschheitsfamilie im sozialen wie im politischen Leben eine völlig neue Gestalt angenommen hat« und keine Völker mehr akzeptiert, »die über andere herrschen, noch solche, die unter fremder Herrschaft stehen«. Es gibt keine »von Natur aus überlegenen oder unterlegenen politischen Gemeinschaften, da alle mit der gleichen Würde der Natur ausgezeichnet sind«. Es ist nicht zulässig, dass politische Gemeinschaften sich »auf Kosten anderer entwickeln«.

Erst nachdem ausführlich das Thema Abrüstung behandelt wurde, wird der Frieden thematisiert. Die gigantischen Aufrüstungsbestrebungen werden damit begründet, dass »unter den gegenwärtigen Umständen der Friede nur durch das Gleichgewicht der Rüstungen gesichert werden kann«. Daher »befinden sich die Völker beständig in Furcht, wie vor einem Sturm, der jeden Augenblick mit erschreckender Gewalt losbrechen kann«. Aber »Gerechtigkeit, gesunde Vernunft und Rücksicht auf die Menschenwürde [fordern] dringend, dass der allgemeine Rüstungswettlauf aufhört […]; dass Atomwaffen verboten werden; und dass endlich alle auf Grund von Vereinbarungen zu einer entsprechenden Abrüstung mit wirksamer gegenseitiger Kontrolle gelangen«. Wahrer Friede kann nur durch »gegenseitiges Vertrauen« geschaffen werden, ein Ziel, das »von den Gesetzen der gesunden Vernunft befohlen wird«.

Togliattis Rede in Bergamo 1964

Durch die Auseinandersetzung mit einem derart weitreichenden Dokument wollte Togliatti – mit Bezug auf einige dort auf ihn erhellend wirkende Begrifflichkeiten, die theologischen und doktrinären Zusammenhänge und natürlich die behandelten Themen selbst – seinen Willen kundtun, den Dialog erschöpfend fortzuführen. Er wollte beweisen, dass die kommunistische Kultur, die nach den philosophischen Maßstäben der Kirche als »falsch« anzusehen war, auf »säkularem« Gebiet in der Lage war, eine Bewegung zur Schaffung einer Gesellschaft in Gang zu setzen, in der »das Schicksal der Menschen« auch mit den authentischsten religiösen Bestrebungen vereinbar war. Gleichzeitig ist wahrscheinlich, dass Togliatti sich der päpstlichen Argumentation, die seiner eigenen Überzeugung größtenteils entsprach, auch deshalb bedienen wollte, um die Meinung der »kommunistischen Welt« und ihrer besonders wichtigen inneren Divisionen – denn hier wurde das Urteil über den Krieg gefällt – zu beeinflussen. 29

Ein Thema, auf das Togliatti in der Bergamo-Rede immer wieder zurückkommt, betrifft »die Begegnung von Katholiken und Kommunisten« – aber auf eine Weise, die weit über den Rahmen politischer Belange hinausging: »Worum es geht, ist das Verhältnis, aber insbesondere auch die Begegnung von Kommunisten und Katholiken, nicht nur in der unmittelbaren Gegenwart, sondern langfristig gesehen und aus einer Perspektive, die sich ergeben kann, wenn man die tiefgreifenden Veränderungen betrachtet, die gegenwärtig unter unser aller Augen stattfinden und auch diejenigen mit einbezieht, die sich gerade in der Entstehung befinden und sich mit einer nicht von allen erkannten Schnelligkeit realisieren werden.«30

Die Veränderungen, auf die das kommunistische Oberhaupt anspielte, betrafen den in Wirklichkeit stürmischen Wandlungsprozess, der in den Naturwissenschaften, der Kultur, den Sitten und Gebräuchen in einzelnen Nationen und auf internationaler Ebene stattfand. Angesichts dieser neuen und innovativen Prozesse konnte sich keine moderne Kultur mit den eigenen konsolidierten Sicherheiten zufrieden geben – weder die kommunistische, noch die katholische: »Die katholische Welt kann sich nicht verschließen vor den neuen Dimensionen der Welt mit ihrem Verhältnis der Staaten untereinander, der Führung wirtschaftlicher Aktivitäten, der Bestätigung und Eroberung neuen demokratischen Lebens, der Entstehung einer Gesellschaft und einer Menschheit, die eine neue Lebensform erreicht haben, in der jede Form der Ausbeutung beendet ist und die auf Arbeit, sozialer Gleichstellung, der vielfältigen freien Entwicklung des Menschen als Person basiert«.

In dieser aktualisierten Version seines Interesses an der katholischen Welt werden also die Grenzen des vorgeschlagenen Dialogs stark erweitert und geraten auf wenig erprobtes und auch unwegsames Gelände. Dabei geht es nicht nur um das übliche Thema, den Krieg zu bekämpfen, auch wenn dies weiterhin von zentraler und grundlegender Bedeutung war, sondern auch um das Verhältnis zwischen Mensch und Natur, das Demokratieverständnis und das Verhältnis zwischen Glauben und Sozialismus. Dies alles, um schließlich beim wichtigsten Thema überhaupt anzugelangen, das mit allen anderen in Verbindung steht: dem »Schicksal der Menschheit«. Zwar geschieht dies aus einer weltlichen Perspektive heraus, aber mit der Fähigkeit, den Beitrag desjenigen anzuerkennen, der im Rahmen und aus der Sichtweise der Transzendenz handelt (und im übrigen denselben Respekt und dieselbe Anerkennung einfordert).

Auch die erst drei Monate zuvor während der Sitzung des Zentralkomitees vom 25. bis 27. Februar 1963 gemachten Andeutungen gingen in dieselbe Richtung. In seiner Rede hatte Togliatti festgestellt, dass er in dem vielschichtigen Fragenkomplex »neuer Art, neuer Qualität, mit neuen Inhalten«, der die intensive kollektive Mobilisierung eines gärenden Landes auslöste, die Forderung einer Gesellschaft ausmachte, die »auf organische, systematische, ordentliche Weise durch entsprechende Entscheidungen« geführt werden will, »und nicht der Anarchie […] der kapitalistischen Produktion, die allein durch den Profit gelenkt wird, überlassen werden sollte«.31 Die harmonische und wohlgeordnete Gesellschaft ist ein in Togliattis politischer Kultur32 tief verwurzeltes Motiv, das aber bedeutsamerweise erst wenige Wochen zuvor durch diesen feierlichen und eindringlichen Appell an die katholische Welt wieder aufgenommen worden war. Und dennoch versuchte er zu Beginn einer trotz der Vertrauensbeteuerungen für den PCI äußerst ungewissen politischen Zeit, die ihn dazu zwang, die eigenen politischen Bündnisse in neuem Licht zu betrachten, erneut eine Brücke zu dieser katholischen Welt zu schlagen, die immer zu den Themen gezählt hatte, die im Zentrum seines Interesses standen.

Wieder geht Togliatti von der beängstigenden Feststellung aus, dass durch die Entwicklung von Nuklearwaffen der Krieg zum »möglichen Selbstmord für alle wird: Aller Menschen und all ihrer Zivilisationen«.33 Daher müssen »alle politischen Ziele und die Zielsetzungen der öffentlichen, aber auch der privaten Moral« neu überdacht werden. Togliatti fand ungewöhnliche Hinweise darauf, was ihm als »das Schicksal der Menschheit« in einer entwickelten kapitalistischen Gesellschaft erschien, in der »durch die Einförmigkeit der Techniken eine künstliche Einförmigkeit des menschlichen Lebens entsteht und diese Einförmigkeit langsam auch in [das] Bewusstsein [der Menschen] eindringt, ihnen den Mut nimmt und zu einer Selbstentfremdung führt, sie in ihren Unternehmungen, ihrer Entscheidungs- und Entwicklungsfreiheit einschränkt und unterdrückt«. Der »Einsamkeit des modernen Menschen, der, auch wenn er über alle Güter der Welt verfügen kann, sich nicht mehr mit den anderen Menschen verständigen kann und sich als Insasse eines Kerkers fühlt, aus dem er nicht mehr herauskommt«, stellt Togliatti als einzige mögliche Alternative die Perspektive einer sozialistischen Gesellschaft gegenüber. Aber – und darin liegt die größte Neuigkeit – diese Gesellschaft trägt diesmal nicht die konkreten, wie sehr auch immer nachempfundenen Züge der im Siebenjahresplan und in der Errichtung des Kommunismus entworfenen UdSSR, sondern die etwas vagen Züge einer Utopie: Es handelt sich um eine Gesellschaft, die eher von Mounier34 als von Lenin entworfen scheint, in der »der Mensch nicht mehr alleine ist und die Menschheit durch die vielfältige Entwicklung der Person eines jeden Menschen und seiner kontinuierlichen organischen Teilnahme an einer Gemeinschaftsarbeit zu einer wirklich lebendigen Einheit heranwächst«. Togliatti ist der Ansicht, dass die katholische Welt sich dieser neuen Dimension der weltumspannenden Problematik nicht verschließen könne: »Es ist nicht wahr – bekräftigt er –, dass ein religiöses Bewusstsein verhindert, diese Aufgaben und diese Perspektive zu verstehen und anzunehmen. Im Gegenteil, […] das Streben nach einer sozialistischen Gesellschaft kann sich nicht nur in Menschen mit religiösem Glauben Bahn brechen, es kann sogar, angesichts der dramatischen Probleme der gegenwärtigen Welt, durch das religiöse Bewusstsein gefördert werden.«35

Ein Bruch und eine Brücke

Es ist wichtig zu betonen, dass Togliatti dieses Mal die Realität nicht einfach mit den eigenen Wünschen gleichsetzte. Die Tür, an die er solange geklopft hatte, war endlich aufgegangen. Auch wenn die Nachfolger von Papst Johannes XXIII. nicht immer voll und ganz seiner Meinung waren, würde der Dialog über die großen Themen der Menschheit zwischen Kommunisten und italienischen Katholiken nie wieder abreißen. Das Thema des »universellen Gemeinwohls«, das im Zentrum der Pacem in terris gestanden hatte, sorgte für einen festen Zusammenhalt. Sicher fiel, wie schon angemerkt, »dieser beginnende Dialog oder besser ›die gegenseitige Wertschätzung‹«36 mitten in einen Wahlkampf, in dem die DC die Karte des Antikommunismus voll ausspielte und sich, mit dem vollen Einverständnis der Bischöfe, nicht nur den Anstrengungen von Johannes XXIII. und des Konzils gegenüber verschloss, sondern ihr Möglichstes tat, jegliche Bemühungen zu zerstören. Das Wahlergebnis vom 28. April 1963 belohnte dieses Verhalten jedoch nicht. Die DC verlor über vier Prozentpunkte und fiel von 42,4 Prozent auf 38,3 Prozent. Nach Aussage aller Beobachter war das bedeutendste und überraschendste Wahlergebnis das des PCI, der es von 22,7 Prozent auf 25,3 Prozent schaffte und damit einen Stimmenzuwachs von über einer Million verzeichnen konnte. Es scheint daher angemessen festzuhalten, dass die möglicherweise ergebnisreichste und langlebigste Intuition des späten Togliatti – zum Nutzen aller durch Öffnung gegenüber der katholischen Welt gemeinsam einen neuerlichen Krieg zu verhindern – nicht auf taube Ohren traf und ein Erbe hinterließ, dessen Bedeutung man bald erkannte.

In der Mauer, die in Italien nach 1947 die kommunistische von der katholischen Welt getrennt hatte, war ein Loch entstanden. Dieses Loch wurde noch größer, als die 68er Jugend- und Studentenbewegung eine kleine, aber wichtige Minderheit der Katholiken bei der Wiederentdeckung von Themen evangelischen Ursprungs zu Gemeinschaft, Gleichstellung und Pazifismus einband. Eine Art »Diaspora«-Effekt im Wahlverhalten der Katholiken zugunsten der linken Parteien, einschließlich der Kommunisten, setzte ein. Andererseits verlor der PCI, auch wenn er den Gärungsprozess in der katholischen Welt aufmerksam beobachtete und ihn gerne auffangen wollte, die zentrale Rolle der DC im politischen System Italiens nicht aus den Augen. So hart der Gegensatz zwischen PCI und DC bezüglich Außen- oder Wirtschaftspolitik auch sein mochte, in der DC und der Veränderung ihres inneren Gleichgewichts erkannte man den Dreh- und Angelpunkt für eine mögliche Deblockade des politischen Systems in Italien. Diese konnte durch den »historischen Kompromiss« erreicht werden, den die Parteien im Herbst 1973 zur Verteidigung der Demokratie schlossen und den der PCI-Generalsekretär Enrico Berlinguer nach den tiefen Emotionen, die der Staatsstreich General Pinochets in Chile hervorgerufen hatte, in einer Reihe von Artikeln entwarf.

Grundlegend ging es dabei um die »Notwendigkeit nicht nur breiter sozialer Allianzen, sondern auch eines Systems politischer Beziehungen, das eine Annäherung und eine Zusammenarbeit aller demokratischen und Volks-Kräfte bis hin zur Bildung einer politischen Allianz derselben ermöglicht«37. Nach Meinung Berlinguers durften Kommunisten und Sozialisten nicht darauf hoffen, das Land mit einer 51-prozentigen oder knapp darüber liegenden Mehrheit zu regieren. Er hielt es vielmehr für möglich, die Democrazia Cristiana, die sich selbst nicht als »ahistorische Kategorie«, »sondern sogar als äußerst vielschichtige und wandelbare Realität« sehen sollte, zu überzeugen, zur Verteidigung der republikanischen Institutionen mit den Linken zu kollaborieren.

Diese erste Fassung des »historischen Kompromisses«, in der die Gefahr einer Destabilisierung und ein Rückfall Italiens in eine autoritäre politische Situation durchaus gesehen werden, stand zweifellos für eine vorrangig defensive Haltung. Erst später, insbesondere nach 1974, sollte Berlinguer den »historischen Kompromiss« um weitere, ambitioniertere Inhalte ergänzen und als mögliche Schnittstelle zwischen der solidaristischen Tradition der katholischen Bewegung und dem kommunistischen Aktionsbündnis sehen, durch die eine stufenweise Überwindung des Kapitalismus mittels Einführung von »Elementen des Sozialismus« in die Wirtschaft erreicht werden könnte. Er sollte darüber hinaus auch ein völlig anderes Entwicklungsmodell vorstellen, das nicht das grenzenlose Wachstum der Güterproduktion vorsah, sondern hauptsächlich die Befriedigung qualitativer Ansprüche auf höchstem Niveau (Ausbildung, Bildung, Kultur) und ein für die globale Umwelt verträgliches Wachstum. Der Vorschlag führte vorrangig dazu, dass der PCI nach etlichen Jahren in der Versenkung wieder im Mittelpunkt der politischen Szene stand. Auch wenn er sehr bald damit zurechtkommen musste, dass einige der Faktoren, die als feste Größen behandelt worden waren, sich gerade im Umbruch befanden, war es doch ein Erfolg, der ganz auf Togliattis Vorarbeit und seinen strategischen Entscheidungen gründete.

Aus dem Italienischen von Myriam Alfano


1 Palmiro Togliatti: Opere (hg. von Ernesto Ragionieri), Bd. I, 1917–1926, Rom 1967, hieraus insbesondere die Aufsätze über die Jahre 1922 und 1923. Die Italienische Volkspartei (im Folgenden: PPI) wurde 1919 mit dem Ziel gegründet, für die bis dahin noch parteilosen katholischen Massen eine politische Vertretung zu schaffen. Sie wurde von Papst Benedikt XV. autorisiert. Damit fiel das seit der Gründung des Einheitsstaats bestehende Verbot, die Katholiken in das politische System Italiens einzubeziehen. Ziel des Parteigründers des PPI, des Geistlichen Luigi Sturzo, war es, eine demokratische und konfessionsfreie Partei mit einem in vielerlei Hinsicht progressiven und reformatorischen Programm zu schaffen. Bei den Wahlen 1919 errang die Partei 100 Sitze in der Abgeordnetenkammer. Die Unterstützung einer radikalen Agrarreform brachte ihr die Unterstützung eines Großteils der bäuerlichen Bevölkerung. Die Anhänger des PPI kamen aber aus allen gesellschaftlichen Schichten und die Partei konnte auf die Unterstützung sowohl der Institutionen zählen, die vom Großbürgertum und der Mittelschicht kontrolliert wurden (Banken, Zeitungen), als auch der Organisationen der katholischen Volksbewegung (Kooperativen, sindacati bianchi). Nach der Machtübernahme durch die Faschisten war der PPI – dem Antisozialismus und dem populis­tischen Nationalismus gegenüber aufgeschlossen – Mitglied der ersten Mussolini-Regierung. 1923 sprach sich sein Kongress jedoch mehrheitlich gegen den Faschismus aus. Don Sturzo verlor die Unterstützung des neuen Papstes Pius XI. und war 1924 gezwungen, ins Exil zu gehen. 1926 wurde die Partei aufgelöst. Ihr Erbe trat in den Vierzigerjahren die Democrazia Cristiana (Christliche Demokratie, im Folgenden: DC) an, der viele der ehemaligen PPI-Mitglieder angehörten.

2 Es verwundert, dass im Corso sugli avversari [Kurs über die Feinde], der 1935 für die italienischen Schüler der Lenin-Schule in Moskau abgehalten wurde (eher bekannt unter der Bezeichnung Lezioni sul Fascismo und unter diesem Titel auch als Lektionen über den Faschismus ins Deutsche übersetzt, Frankfurt a. M. 1977), keine Lektion zu den Katholiken zu finden ist. Tatsächlich scheinen einige Kapitel zu fehlen, obwohl kürzlich, zusätzlich zu den 1970 von Ernesto Ragionieri wiederaufgefundenen, zwei weitere Lektionen aufgetaucht sind (beide über die Sozialdemokratie), und es ist nicht unwahrscheinlich, dass von den nach wie vor fehlenden eine auch von den katholischen Organisationen handelt. 1935 zählten diese für Togliatti sicher zum Kreis der »Feinde«.

3 Palmiro Togliatti: Da chi sono diretti certi vescovi? [Von wem werden manche Bischöfe geleitet?], in: Da Radio Milano Libertà, Rom 1974, S. 138.

4 Palmiro Togliatti: Missiroli e i cattolici d’America [Missiroli und die Katholiken in Amerika], in: ebd., S. 34.

5 O il socialismo o la morte [Sozialismus oder Tod], in: Rinascità (1945), H. 7 / 8. Der Autor des Textes wird nicht genannt, der Stil und die Inhalte lassen aber vermuten, wer ihn verfasst hat. Siehe dazu Luigi Cortesi: Un articolo dell’agosto 1945 su Rinascità, attribuibile a Togliatti [Ein Artikel vom August 1945 in der Rinascità, der Togliatti zugeschrieben werden kann], in: Giano (Mai / August 1989), H. 2.

6 Palmiro Togliatti: L’Italia e la guerra contro la Germania hitleriana [Italien und der Krieg gegen Hitler-Deutschland], in: ders.: Opere, Bd. IV, 2, Rom 1979, S. 381.

7 Palmiro Togliatti: Per la libertà d’Italia, per la creazione di un vero regime democratico [Für die Freiheit Italiens, für die Schaffung eines wirklich demokratischen Regimes], in: Luciano Gruppi (Hg.): Opere, Bd. V, Rom 1984, S. 73.

8 Palmiro Togliatti: Politica comunista (discorso di Napoli dell’ 11 aprile 1944) [Kommunistische Politik (Rede in Neapel vom 11. April 1944)], Rom 1945, S. 25.

9 Die Christliche Partei der Linken, die aus der Bewegung kommunistischer Katholiken hervorgegangen war, spielte in der Resistenza besonders in den Städten Rom, Mailand und Turin eine entscheidende Rolle. Im Dezember 1945 beschloss sie, sich aufzulösen, was auch eine Folge der expliziten Verdammung durch die Kurie war. Viele ihrer Mitglieder traten der PCI bei.

10 Die Zusammenfassung des Gesprächs zwischen Reale und Montini wurde von Giuseppe Vacca und Roberto Gualtieri in der Unità vom 26. März 1993 veröffentlicht.

11 Palmiro Togliatti: Il malcontento di De Gasperi [De Gasperis Unzufriedenheit], in: LUnità vom 8. Juli 1945.

12 Interview in: L’Unità vom 11. Dezember 1945.

13 Giovanni Gozzini / Renzo Martinelli: Storia del Partito comunista italiano. Dall’attentato a Togliatti all’VIII. Congresso [Geschichte der Komunistischen Partei Italiens. Vom Attentat auf Togliatti bis zum VIII. Kongress], Turin 1998, S. 177.

14 Palmiro Togliatti: Sull’adesione al Patto Atlantico [Über den Beitritt zum Nordatlantikpakt], in: Discorsi parlamentari [Parlamentsreden], Bd. 1, Camera Dei Deputati [Abgeordnetenkammer], Rom 1984, S. 426.

15 Gozzini / Martinelli: Storia del Partito comunista italiano (Anm. 13), S. 174.

16 Das Mehrheitswahlgesetz, das am 29. März 1953 endgültig verabschiedet worden war, wurde von der Opposition als »legge truffa« [Betrugsgesetz] denunziert. Es sah vor, dass die Partei oder die Koalition, die über 50 Prozent der Stimmen erhielt, Anspruch auf 66 Prozent der Sitze hatte. Bei den Wahlen vom 7. Juni 1953 verfehlten die DC und ihre »verwandten« Parteien die benötigte Mehrheit um nur wenige Zehntelprozentpunkte denkbar knapp. Die »legge truffa« fand daher keine Anwendung und wurde wenige Monate später aufgehoben.

17 Palmiro Togliatti: Per un accordo tra communisti e cattolici per salvare la civiltà umana [Für eine Einigung von Kommunisten und Katholiken zur Rettung der Menschheit], in: Gruppi (Hg.): Opere, Bd. V (Anm. 7), S. 839. Auch die vorangegangenen Zitate sind diesem Band entnommen.

18 Die Regierung unter dem Vorsitz des DC-Wortführers Mario Scelba, zu der Christdemokraten, Sozial­demokraten und Liberale gehörten, trat am 10. Februar 1954 ihr Amt an. Scelba war in den vorangegangen Regierungen De Gasperis Innenmister gewesen und war bei der Linken wegen der rücksichtslos harten Unterdrückung öffentlicher Kundgebungen verhasst.

19 »sanfedista« steht in der italienischen politischen Terminologie als Synonym für »reaktionär« und »klerikal« und wird von den Kommunisten als Bezeichnung für die Scelba-Regierung benutzt. Ursprünglich bezeichnete »sanfedista« die Bewegung mit dem Namen Esercito della Santa Fede in Nostro Signore Gesù Cristo [Armee des Heiligen Glaubens an unseren Herrn Jesus Christus], die im Jahr 1799 in einigen Regionen Süditaliens unter dem Kommando des Kardinals Fabrizio Ruffo entstanden war. Es handelte sich um bewaffnete Truppen, die sich größtenteils aus Bauern rekrutierten und von der Kirche unterstützt wurden. Sie trugen zum Scheitern der Neapolitanischen Republik und zur Rückkehr der Bourbonen auf den Thron von Neapel bei.

20 Togliatti: Per un accordo tra comunisti e cattolici (Anm. 17), S. 842.

21 Giorgio Amendola: Il rinnovamento del PCI [Die Erneuerung des PCI], Interview von Renato Nicolai, Rom 1978, S. 54.

22 Siehe den Briefwechsel zwischen Secchia und Togliatti vom 16. November 1954, heute im Archivio Pietro Secchia 1945–1973, Feltrinelli, Milano 1979, S. 673 f.

23 Albertina Vittoria: Storia del PCI. 1921–1991 [Geschichte des PCI. 1921–1991], Rom 2006, S. 78 f.

24 Paolo Spriano: Dopo il 1956 [Nach 1956], in: Critica marxista (Juli–Oktober 1984), H. 4 / 5, S. 212.

25 Aldo Agosti: Palmiro Togliatti, Turin 1996, S. 539 u. 625.

26 Nach Aussage von Alceste Santini im Artikel »Così il Vaticano aprì ai comunisti« [So öffnete sich der Vatikan den Kommunisten], in: Il Nuovo vom 3. November 2000, hatte Togliatti durch Monsignore Pietro Pavan bereits im Vorfeld die Ausrichtung der Enzyklika erfahren. Dieser hatte sie ihm über Franco Rodano zukommen lassen.

27 Gianpasquale Santomassimo: Alienum est a ratione. La Pacem in Terris quarant’anni dopo. [Alienum est a ratione. Die Pacem in Terris vierzig Jahre später], in: Passato e Presente 60 (2003), S. 13.

28 Dieses Zitat und die nachfolgenden sind der Enzyklika unter folgendem Link entnommen: www.uibk.ac.at / theol / leseraum / texte / 333.html, ges. am 28. Januar 2010.

29 Die Meinungsverschiedenheiten zwischen der russischen und chinesischen Kommunistischen Partei hatten Anfang 1963 zu einer öffentlichen Auseinandersetzung mit Briefwechseln zwischen den beiden Parteien geführt: Siehe Paolo Calzini / Enrica Collotti Pischel (Hg.): Coesistenza e rivoluzione. Documenti della disputa cino-sovietica [Koexistenz und Revolution. Dokumente der Auseinandersetzung zwischen China und Russland], Turin 1964.

30 Dieses und die folgenden Zitate sind entnommen: Palmiro Togliatti: Il destino dell’uomo [Das Schicksal der Menschen], in: Luciano Gruppi (Hg.): Opere, Bd. VI, S. 697–710.

31 Palmiro Togliatti: Un PCI più forte, una sinistra unita contro il prepotere della DC [Ein stärkerer PCI, eine vereinte Linke gegen die Vormachtstellung der DC], Rom 1964.

32 Siehe auch die Anmerkungen von Claudio Pavone: Un Togliatti mal trattato [Ein schlecht behandelter Togliatti] in: L’Indice (1985), H. 1, S. 13 f.; wieder aufgenommen von Marcello Flores / Nicola Gallerano: Sul PCI. Un’ interpretazione storica [Über den PCI. Eine geschichtliche Interpretation], Bologna 1992, S. 119 f.

33 Dieses und die folgenden Zitate sind entnommen: Togliatti: Il destino dell’uomo (Anm. 30), S. 699–706.

34 Der französische Philosoph Emmanuel Mounier (1905–1950), Schüler von Henri Bergson und Jaques Maritain, gründete 1932 die Zeitschrift »Esprit«, die in der Bewegung der Intellektuellen zwischen den beiden Kriegen eine wichtige Rolle spielte. Seine philosophische Denkrichtung ist als »gemeinschaftlicher Personalismus« bekannt und entspricht einer Art christlichem Humanismus. Darin werden offen einige Aspekte des Kapitalismus kritisiert und es wird versucht, eine Brücke zwischen Christentum und Sozialismus zu schlagen. Sein Verhältnis zur Kurie war oft schwierig, auch wenn es nie zu einem Bruch kam. Siehe Gerd-Rainer Horn: Western European Liberation Theology 1924–1959. The First Wave, Oxford 2008.

35 Ebd., S. 707.

36 Sandro Magister: La politica vaticana [Die Politik des Vatikans], Rom 1979, S. 292.

37 Enrico Berlinguer: Riflessioni sull’Italia dopo i fatti del Cile [Gedanken zu Italien angesichts der chilenischen Ereignisse], in: Antonio Tatò (Hg.): La »questione comunista«, Rom 1975, S. 609–639.

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