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Zum Verhältnis von Politik, Ideologie, Strukturen und Kadern in der kommunistischen Bewegung

JHK 2010 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 339-362 | Aufbau Verlag

Autor/in: Hermann Weber

Alexander Vatlin: Die Komintern. Gründung, Programmatik, Akteure
(Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus, Bd. X, hg. von Klaus Kinner). Berlin: Karl Dietz Verlag 2009, 366 S., ISBN 978-3-320-02172-6

Joachim Schröder: Internationalismus nach dem Krieg. Die Beziehungen
zwischen deutschen und französischen Kommunisten 1918–1923. Essen: Klartext Verlag 2008, 455 S., ISBN 978-3-89861-803-8

Hermann Knüfken: Von Kiel bis Leningrad. Erinnerungen eines revolutionären Matrosen. 1917 bis 1930. Hg. von Andreas Hansen in Zusammenarbeit mit Dieter Nelles. Berlin: BasisDruck 2008, 474 S., ISBN 978-3-86163-110-1

Ulla Plener: Mirko Beer. Biografie in Dokumenten (2., durchgesehene Aufl.).
Berlin: Nora Verlagsgemeinschaft 2009, 267 S., ISBN 978-3-86557-182-3

Peter Berens: Trotzkisten gegen Hitler. Köln: Neuer ISP Verlag 2007, 223 S.,
ISBN 978-3-89900-121-1

Thomas Kroll: Kommunistische Intellektuelle in Westeuropa. Frankreich,
Österreich, Italien und Großbritannien im Vergleich (1945–1956) (Industrielle Welt. Schriftenreihe des Arbeitskreises für moderne Sozialgeschichte, Bd. 71,
hg. von Michael und Friedrich Wilhelm Graf). Köln, Weimar: Böhlau Verlag 2007, 775 S., ISBN 978-3-412-10806-9

Gregor Kritidis: Linkssozialistische Opposition in der Ära Adenauer. Ein Beitrag zur Frühgeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Hannover: Offizin Verlag 2008, 582 S., ISBN 978-3-930345-61-8

Heinz Schütte: Zwischen den Fronten. Deutsche und österreichische
Überläufer zum Viet Minh (Berliner Südostasien-Studien, Bd. 6, hg. von
V. J. H. Houben und M. Großheim). Berlin: Logos Verlag 2006, 381 S.,
ISBN 978-3-8325-1312-2

Knud Andresen: Widerspruch als Lebensprinzip. Der undogmatische Sozialist Heinz Brandt (1909–1986). Bonn: J. H. W. Dietz Nachf. 2007, 375 S., ISBN 978-3-8012-4170-4

Die politischen Ziele der kommunistischen Parteien – »Weltrevolution«, Machteroberung und Aufbau der eigenen Diktatur – sollten durch straffe Organisationsstrukturen erreicht werden. Durch neuartigen zentralistischen Parteiaufbau und die Einbindung in die kommunistische Weltbewegung, die Komintern, schienen Erfolge ebenso gesichert wie durch systematische ideologische Indoktrination eigener Kader. Es entstand (nach Sigmund Neumanns Typologie der KPD von 1932) eine »absolutistische Integrationspartei«.1 Da die Kommunisten nur in Russland gesiegt hatten, beherrschte die sowjetische Staatspartei (bald unter Stalin) die Weltbewegung. Als stärkste Sektion außerhalb der Sowjetunion bis 1933 fand die KPD viel Beachtung.

Die Verzahnung von Politik, Ideologie, Strukturen und Kadern ist anhand der Darstellung einzelner Probleme des Kommunismus in der Forschung immer wieder deutlich nachzuweisen. Generell sind dabei zwei Entwicklungsphasen zu unterscheiden: zunächst die Periode zwischen den beiden Weltkriegen, später die Zeit nach 1945.

Heute ist in der Literatur fast unbestritten, dass entscheidende Merkmale kommunistischer Parteien immer von spezifischen Eigenheiten geprägt wurden: Bereits in der ersten Periode bestimmte im Wesentlichen die Führung in Moskau. Das war durch die Organisationsstruktur bedingt: Die Kommunistische Internationale, die Komintern, war von 1919 bis 1943 strikt zentralisiert, alle Mitgliederparteien hatten als bloße »Sektionen« die jeweils gültige Generallinie der Exekutive in Moskau zu befolgen. Damit erhielt die Struktur maßgeblichen Einfluss auf die Politik und das Personal. Die Kader, d. h. die Führung der Partei und ihrer »Massenorganisationen«, die hauptamtlichen Funktionäre sowie ehrenamtliche Funktionäre in wichtigen Positionen,2 waren wegen ihrer Ergebenheit gegenüber Sowjetrussland und ihrer ideologischen Einbindung (und Ausbildung) als »Marxisten-Leninisten« zu disziplinierter Ausführung der Anordnungen der höheren Instanzen verpflichtet. Durch die gezielte Ausschaltung jeder Opposition, d. h. die »Säuberungen« von allen Abweichlern, sollte die einheitliche »Kampfpartei« die vorgegebene Politik umsetzen.

Wie groß der Spielraum zwischen dieser idealtypischen Forderung und der Realität war, ist letztlich nur durch historische Studien von Einzelfragen genauer festzustellen. Vor diesem Hintergrund werden die hier angezeigten, in Form und Inhalt sehr unterschiedlichen Bücher betrachtet, die in den letzten vier Jahren erschienen sind.

Die jeweilige Politik, die Organisationsstrukturen und der durch ideologische Indoktrination erreichte Dogmatismus sollten den Zusammenhalt der Funktionäre garantieren. Dies wurde seit Ende der Zwanzigerjahre mit der Stalinisierung der Komintern und ihrer Sektionen3 durchgesetzt. Außer den wissenschaftlichen Untersuchungen belegen das auch ernstzunehmende Erinnerungen von Akteuren, sie fördern neben Dokumenten und Archivalien bei ideologiekritischer Betrachtung Erkenntnisse über kommunistische Praktiken. Ebenso hilfreich sind spezielle Untersuchungen von Problemen kommunistischer Parteien oder Gruppen in verschiedenen Phasen oder unter besonderen Bedingungen. Sie alle belegen die straffe Zentralisierung, die Unterordnung bzw. Unterwerfung der »Sektionen« und ihrer Apparate unter die Komintern. Schon in der ersten Phase, d. h. in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, bildeten sich diese Konstanten der kommunistischen Weltbewegung und der ihr angehörenden Parteien heraus.

Wesentliche Grundsätze galten auch in der zweiten Phase ab 1945. Selbst wenn nach der Auflösung der Komintern 1943 die formalen Bedingungen modifiziert schienen, blieb die Ergebenheit aller Parteikommunisten gegenüber »Moskau« unverändert. Das Treuebekenntnis zu ihrem »Vaterland Sowjetunion«, die »marxistisch-leninistische« Ideo­logie sowie »Wachsamkeit und Säuberungen« sollten weiterhin die Geschlossenheit des Weltkommunismus garantieren.

Seit dem Sieg Stalins im Zweiten Weltkrieg war dessen Nimbus gestärkt. In den in Osteuropa geschaffenen »Volksdemokratien« errichteten Kommunisten stalinistische Diktaturen, mit all den Verflechtungen von Politik, Ideologie, Struktur und Kadern. Trotz der Abspaltung des »Titoismus« 1948 / 49, trotz des nach Stalins Tod (1953) entstandenen Schismas zwischen Moskau und Peking mit »Maoisten« in vielen Ländern und trotz der späteren Herausbildung des »Eurokommunismus« galt die UdSSR weiterhin als Vorbild für die Mehrheit der Kommunisten und bestimmte jeweils die Generallinie der kommunistischen Parteien.

Die deutsche Forschung über den Kommunismus konzentrierte sich nach 1945 auf die DDR, erst recht nach deren Zusammenbruch 1989. Allgemein rückte der Terror ins Zentrum des Interesses. Inzwischen werden unter Einbezug der handelnden Personen wieder vermehrt Geschichte, Politik und Organisationsstrukturen des Kommunismus untersucht.4

Nun zunächst einige generelle Hinweise zur Entstehung und Entwicklung des Welt­kommu­nismus.

Am Anfang des 20. Jahrhunderts stand die tiefgreifende Katastrophe des Ersten Weltkriegs. Die Gräuel des gegenseitigen Mordens führten zur Radikalisierung weiter Kreise; insofern wurde der Weltkrieg Geburtshelfer des Kommunismus. In der Bewegung selbst wuchs die Gewaltbereitschaft auch als typische allgemeine Zeiterscheinung im »Zeitalter der Extreme«.5 In den Gefechten des Ersten Weltkrieges, des Massenkrieges, war die Anwendung blutiger Gewalt gerechtfertigt und belohnt worden. Nach Kriegsende blieben Gewalt und Brutalität weit verbreitet, waren von nun an als Mittel der Politik selbstverständlich, ja fast alltäglich. Die moralischen Wertvorstellungen waren erschüttert, der Krieg hatte auch zur »Akzeptanz brutaler Gewaltanwendung durch die Kommunisten« geführt. Die infolge des Krieges zur Gewohnheit gewordene Gewalt sowie die Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten sollten nunmehr »gegen die Feinde im eigenen Lande gerichtet werden«.6

Die Kommunisten – an der gewaltsamen russischen Revolution und dem russischen Bürgerkrieg orientiert – heroisierten Gewalt zusätzlich als eine »notwendige« politische Maßnahme. Bestimmend wurden die Militarisierung und wachsende Militanz der Bewegung. Die Komintern bekannte sich nachdrücklich zur Gewalt. So war in ihrem Programm von 1928 u. a. die »entschlossene Anwendung der Gewalt des Proletariats«, die »gewaltsame Vernichtung der bürgerlichen Macht« als unerlässliches Vorgehen festgeschrieben.7 Die leninistische Vorstellung, »Vorhut« der Arbeiter zu sein und deren »Feinde« (auch die Sozialisten) »vernichten« zu müssen, um die »bessere« Gesellschaftsordnung errichten zu können, war eine der theoretischen Grundlagen des Terrors.

Für die äußerste Linke wurde die Oktoberrevolution der Bolschewiki 1917 zum Fanal. Während Rosa Luxemburg manche Aktion der Diktatur der russischen Kommunisten noch ablehnte und auch andere radikale Sozialisten eher reserviert reagierten, setzte sich in Europa, insbesondere in Deutschland, das bolschewistische Sowjetrussland als Idol der extremen Linken rasch durch.

Der Weltkommunismus war bei seiner Entstehung noch keine straff organisierte monolithische Bewegung. Die Mehrheit der Mitglieder und Funktionäre seiner nationalen Sektionen stand in der Tradition der freiheitlichen Sozialdemokratie, in Südeu­ropa und Lateinamerika auch in der von Anarchisten und Syndikalisten. Unzufriedene Arbeiter und Intellektuelle kämpften gegen die herrschenden »oberen Zehntausend«, gegen eine Gesellschaft, in der der Reichtum von wenigen auf dem Elend von vielen beruhte. Krasse soziale Unterschiede mobilisierten die Anhänger des Kommunismus weltweit.

Sowohl während des Weltkriegs als auch danach entstanden radikal-soziale Gruppierungen, die sich international verbinden wollten. Bereits im März 1919 trafen sich in Moskau 52 Delegierte von Organisationen sowie zumeist winzigen Gruppen von Kommunisten zwecks Bildung einer neuen Internationale. Viele der Anwesenden sahen sich damals noch als Vertreter autonomer revolutionärer Parteien. Doch Lenin und die führenden Bolschewiki hatten bereits bei der Vorbereitung des Kongresses ihren Vormacht­anspruch signalisiert.8

Die Kommunistische Internationale (Komintern, III. Internationale) war bis zu ihrer Auflösung im Mai 1943 der politische Zusammenschluss kommunistischer Parteien. Die legendäre Organisation behauptete, als straff geführte »Weltpartei« überall die Weltrevolution voranzutreiben. Zwar hat die Forschung das tatsächliche Wirken der Komintern längst nachgewiesen, doch erst die Öffnung russischer Archive ermöglichte es, Hintergründe exakter auszuleuchten. Welche zentrale Rolle die KPD und Deutschland für das Exekutivkomitee der Komintern (EKKI) in Moskau spielten, prüft derzeit z. B. ein Projekt der Deutsch-Russischen Historikerkommission näher.9

Mit der Gründung und Programmatik der Komintern befasst sich eine Untersuchung von Alexander Vatlin, der zu den bekannten jüngeren Historikern auf dem Gebiet der Kommunismusgeschichte Russlands zählt. Seit den frühen Neunzigerjahren hat er zahlreiche Arbeiten über die Komintern publiziert. Sein neues Buch Die Komintern. Gründung, Programmatik, Akteure ist hauptsächlich ein Sammelband eigener Aufsätze, die zwischen 1993 und 2008 veröffentlicht wurden und in drei Kapitel untergliedert werden. Die Artikel bieten Einsichten in die Zielsetzung der Frühphase, ebenso zur Struktur der Komintern, wie z. B. zur Rolle der »russischen Delegation«. Wenn auch nicht explizit ausgeführt, so ist in Vatlins Texten die Verflechtung von Politik, Programmatik, Strukturen und Kadern erkennbar.

Sein neuer Band kann und will keine Gesamtgeschichte der Komintern10 sein, das ist von einer Aufsatzsammlung nicht zu leisten. Doch dass eine übergreifende Problematisierung und damit ein roter Faden fehlt, ist bedauerlich. Auch der Titel des Sammelbandes ist nicht ganz zutreffend, denn es werden nur Teilfragen behandelt. Der Autor benennt das weltweite Echo auf das russische Beispiel, die Internationale und die KPD Anfang der Zwanzigerjahre. Zur Programmatik gibt er Hinweise auf die »Strategiewende« nach der deutschen Revolution und zur Rolle Radeks. Anhand bisheriger Veröffentlichungen sowie Archivalien werden außerdem die Programmdiskussionen sowie die »Russifizierung« der Komintern beschrieben. Die Kaderpolitik und die Säuberungen in der Komintern bilden eigene Unterkapitel, ebenso der Alltag deutscher Kommunisten in der Sowjetunion. Mehrere dieser Aufsätze waren bereits im Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung zu lesen.

Zu kurz kommt allerdings der Prozess der Stalinisierung der Komintern, über den Vatlin andernorts (Moskau 1993) berichtet hat.11 Aber das katastrophale Ausmaß der Opfer der stalinistischen Repressalien unter den Komintern-Führern und -Funktionären bestätigt dieser Band erneut. An einigen Stellen zeigt auch dieses Buch eine Schwäche der Kommunismusforschung: Denn noch immer wird oft übersehen, dass es schon länger einen internationalen Forschungsstand zum Kommunismus gibt, über den nicht einfach hinweggegangen werden sollte. Dank nun zugänglicher Archivalien zu Gründung, Programmatik und Akteuren konnte Vatlin diese Forschungen erweitern.

Der Autor belegt die Dominanz der Bolschewiki schon in der Frühzeit der Komintern. Doch während ihrer Stalinisierung führte der schrittweise wachsende Einfluss Moskaus auf die ausländischen Sektionen zur völligen Abhängigkeit des internationalen Kommunismus. Dadurch gelang es dem Diktator Stalin, sich die anfänglich weltweit radikal-soziale Bewegung als Instrument seiner barbarischen Politik zu unterwerfen. Diese Entwicklung ist anhand jetzt einzusehender Komintern-Akten detaillierter nachzuweisen. Dafür sind Vatlins Untersuchungen wichtig.

Wie die Politik einzelner Sektionen der Komintern konkret aussah, beschreibt Joachim Schröder in seinem Buch Internationalismus nach dem Krieg aufgrund der Beziehungen zwischen deutschen und französischen Kommunisten von 1918 bis 1923. Der Autor untersucht zunächst die deutschen und französischen Sozialisten im Ersten Weltkrieg, dann die »Begegnungen« von Funktionären auf Kongressen, etwa der Komintern. Es folgt die »internationalistische Politik« beider Parteien und ihrer Institutionen. Ein großes Schlusskapitel befasst sich mit der französischen Ruhrbesetzung und dem »Fiasko« des »deutschen Oktober« 1923.

Schröders Darstellung und seine differenzierte Sicht führen zu bemerkenswerten Hinweisen über die Zusammenarbeit der deutschen und französischen Kommunisten. In seiner informativen Schrift zeigt Schröder den Übergang der Kommunisten vom Ende der revolutionären Krise zur Stalinisierung. Bestimmender für die Politik wurden Strukturen, die Ideologie entsprechend dogmatisiert und Kader ausgewechselt. Der Autor belegt, wie schon in der Phase von 1918 bis 1923 die Verflechtung innerhalb der Komintern zum Einsatz ergebener Funktionäre führte.

Schröders Einschätzung des geplanten KPD-Aufstands 1923 ist allerdings zwiespältig. Er bestätigt zunächst, dass »die maßgebliche Entscheidung« in Moskau fiel und dass hierbei »außenpolitische Erwägungen des bedrängten Sowjetrusslands die Hauptrolle« spielten. Gerade daraus zog die kritische Forschung den Schluss, der »deutsche Oktober« habe den Interessen der Sowjetunion gedient und zugleich die Weltrevolution voranbringen sollen. Denn die Vormacht der KPdSU in der Komintern sei bereits 1923 so umfassend gewesen, dass der Putschversuch oktroyiert wurde. Diese These wird von Schröder jedoch überraschenderweise abgelehnt, er wendet sich gegen das angeblich »zumeist kolportierte Bild einer am ›Gängelband‹ befindlichen KPD«. Allerdings geschieht diese verzerrte Interpretation andernorts noch drastischer. Bei Hoppe12 heißt es sogar im Klappentext: »Bislang galten die deutschen Kommunisten der Weimarer Republik als gehorsame Befehlsempfänger Moskaus.« Die bisherige Forschung ergab aber nicht, dass die KPD als Partei lediglich am »Gängelband« der Komintern bzw. der KPR hing, ihr die Politik nur »von außen oktroyiert« wurde. Allerdings übernahm die KPD-Führung (entweder freiwillig aus Überzeugung oder gezwungen durch die akzeptierte Struktur der Komintern) die jeweilige Generallinie Moskaus. Und sie versuchte im Rahmen des Zentralismus, Funktionäre, ja selbst Mitglieder darauf einzuschwören und unter ihnen sowohl die Politik der Komintern als auch des Vorbildes Sowjetrussland durchzusetzen. Dabei konnte und wollte sie die Eigeninteressen der Kommunisten in Deutschland sowie die gesellschaftlichen Verhältnisse ins alltägliche Handeln einbeziehen. Schließlich wurden »die« deutschen Kommunisten, also ihre Kader und Mitglieder, in der straff organisierten KPD stets von ihrer Berliner Zentrale geführt. Dass dies nicht reibungslos verlief, ist eine Binsenwahrheit und von der Forschung öfter konstatiert worden.

Völlig übertrieben sind freilich die Vorstellungen einer »Autonomie« der »Basis«, wie sie oberflächlich von Mallmann13 und etwas differenzierter von Eumann14 mit der »sozial­geschichtlichen« Methode behauptet wurden. Die ständige Auswechslung durch die Fluktuation in der Mitgliedschaft wie im Funktionärskorps ermöglichten es der Leitung, die Organisation zentralistisch zu lenken. Es gab vor allem seit 1930 eine riesige Fluktuation, 1932 wurden über 50 Prozent registriert. Die linksstehende Sozialistische Arbeiterpartei schrieb schon 1932 von »Entartungssymptomen der kommunis­tischen Organisation« und verwies auf den »überbürokratischen Zentralismus«, die soziale Zusammen­setzung (»vorwiegend Arbeitslose«) und bezeichnete den »Charakter der Organisation« als eine »Durchgangsparteiorganisation« (Fluktuation).15 Damit war ein organisatorisches Kernproblem der KPD getroffen. Die Fluktuation, der Verschleiß an Kadern, war un­­übersehbar. Dadurch gelang es, die zentralistischen Organisationsstrukturen auszubauen und die Politik jeweils nach den sowjetischen Interessen (oder vermeintlichen Interes­sen) zu ändern, die Ideologie immer zur Rechtfertigung umzubiegen. Die nach jeder Wendung neu formierten Kader entwickelten eine eigenartige Identität. Sie waren einerseits Revolutionäre, die ihr Leben bereitwillig für die Partei einsetzten, aber andererseits innerhalb ihrer Organisation als Untertanen handelten, weil sie keine geistige Freiheit besaßen.

Das kleine Einmaleins kommunistischer Parteistruktur bleibt die Realität ihres hierarchischen Zentralismus, d. h. die Anleitung durch die höheren Instanzen von oben nach unten. So wie das ZK der KPD den Bezirken Anweisungen gab,16 so bestimmte das EKKI und damit die KPdSU Stalins über die Politik der KPD-Führung. Daher waren nicht etwa »die« deutschen Kommunisten, sondern deren Spitzenführer direkte »Befehlsempfänger« Moskaus, was Schröder verwischt.

Auch eine andere Feststellung des Autors ist anzuweifeln. Schröder unterschätzt die politische Bedeutung des »Schlageter-Kurses« der KPD. Seine kritischen Überlegungen beispielsweise zu meinen Thesen ändern nichts an den Fakten: Die Initiative zum sogenannten Schlageter-Kurs der KPD, dem kurzfristigen Schwenk zu einer partiellen Zusammenarbeit mit den Nationalisten gegen die französische Besetzung des Ruhrgebiets, ging von Radeks Schlageter-Rede auf der EKKI-Tagung im Juni 1923 aus und entsprach den damaligen Interessen der russischen Außenpolitik. Nachdem Die Rote Fahne den Redetext am 26. Juni 1923 verbreitet hatte,17 gab es Diskussionszirkel, in denen sich Kommunisten mit Nationalisten und Völkischen trafen, um über ihren »Kampf« gegen Frankreich zu diskutieren. Im Juli wurde Radeks Broschüre Schlageter – eine Auseinandersetzung veröffentlicht, in der er und Arthur Moeller van den Bruck den Nationalbolschewismus erörterten. Der Vertreter der Völkischen, Ernst Graf zu Reventlow, schrieb Diskussionsartikel für Die Rote Fahne. Daraus ergaben sich Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Komintern, weil die KP Frankreichs diese Politik bekämpfte. Nach kurzer Zeit wurde der Kurs aufgegeben. Im Bericht an den V. Weltkongress der Komintern 1924 ist er lediglich umschrieben, aber als Erfolg gewertet worden.18 Der »Schlageter-Kurs« brachte keine strategische Wende, sondern eine veränderte Taktik.

In der Zusammenfassung seiner detaillierten Analyse zu den Kontakten zwischen beiden Komintern-Sektionen bis 1923 kommt Schröder zu bemerkenswerten Thesen. Auch wenn nicht direkt thematisiert, wird die Verflechtung von kommunistischer Politik, den Kominternstrukturen und der Haltung der Kader deutlich. Er zieht für die Zeit nach 1923 den einsichtigen Schluss, dass die »Begeisterung« der Kommunisten für den »Mythos Sowjetrussland« zu einem »proletarischen Internationalismus« führte, der genau genommen die »kritiklose« Unterstützung Sowjetrusslands war.

Einigen neueren Biografien bzw. Memoiren sind diese praktischen Schritte der Umorien­tierung zu entnehmen. Beispielsweise lassen Hermann Knüfkens Erinnerungen an die damalige Zeit eine Loslösung von radikalen und ebenso von selbstständigen Funktionären erkennen, die sich nicht der gewandelten Organisation unterwarfen.

Knüfken (1893–1976) gehörte zu jenen unangepassten Revolutionären, die, durch den Weltkrieg radikalisiert, sich danach auf der äußersten Linken politisch betätigten. Sein abenteuerliches Leben ist anhand der Memoiren in dem Band Von Kiel bis Leningrad. Erinnerungen eines revolutionären Matrosen. 1917 bis 1930 von den Herausgebern vorbildlich editiert worden. Berühmtheit erlangte Knüfken 1920, als er den deutschen Fischdampfer »Senator Schröder« kaperte und nach Sowjetrussland entführte. Dort sollte er zusammen mit dem renommierten Schriftsteller Franz Jung19 als Vertreter der ultralinken Kommunistischen Arbeiterpartei (KAPD), die sich 1919 / 20 von der KPD (Spartakusbund) abgespalten hatte, über den Beitritt zur Komintern verhandeln. Seine Moskauer Gespräche mit Lenin, Sinowjew und Radek schildert er anschaulich. Damit wird die bislang wenig untersuchte interne Beziehung der Komintern zur KAPD von einem Augenzeugen beschrieben.

Noch vor dem II. Weltkongress im Juli 1920 plante das EKKI eine Aufnahme der KAPD als Mitglied der Komintern. Obwohl die KAPD den II. Weltkongress boykottierte, bemühte sich das EKKI weiter um diese radikale Partei. Schließlich wurde sie gegen den Willen der KPD am 28. November 1920 als sympathisierende Partei in die Komintern aufgenommen. Wie sich zeigte, waren die Gegensätze zu groß und führten bereits auf dem III. Weltkongress der Komintern im Juni / Juli 1921 zu hitzigen Debatten.20 In einem Ultimatum verlangten die Delegierten dieses Kongresses von der KAPD, innerhalb einer Frist von zwei bis drei Monaten mit der Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands (VKPD) (inzwischen war der Zusammenschluss von KPD / Spartakusbund und USPD-Linke erfolgt) zu verschmelzen. Das lehnte die KAPD ab und schied aus der Komintern aus. Gegenüber den linksradikalen Kommunisten war der Führungsanspruch der Komintern gescheitert, die Organisationsstrukturen wie die Politik hatten versagt.

Knüfken wurde 1920 in Hamburg verhaftet und wegen Schiffsraubes zu fünf Jahren Haft verurteilt. 1923 nach Sowjetrussland abgeschoben, wurde er dort als syndikalistischer Kommunist Leiter eines Seemannsclubs in Leningrad. 1929 von der GPU verhaftet, blieb er bis 1930 im sowjetischen Gefängnis. Die Beschreibung seiner Haftbedingungen vor den Stalin’schen Säuberungen ist wiederum ein spannendes Kapitel Zeitgeschichte. 1932 kehrte der ultralinke Knüfken nach Deutschland zurück und war damit bei den umfassenden Repressalien gegen Altkommunisten außerhalb der Fänge Stalins. Ab 1933 kämpfte Knüfken in der westlichen Emigration gegen die NS-Diktatur.

Seine Memoiren beschreiben die Zeit von 1917 bis 1930. Dankenswerterweise haben die Herausgeber des Buches mithilfe der Erinnerungen von Weggefährten und anderer Quellen (darunter auch Komintern- und Gestapo-Akten) seine Lebensdaten weitergeführt. Eine Chronik zu Knüfkens gesamter Vita sowie ein ausgezeichnetes kommentiertes Personenregister machen den Band zu einer historischen Fundgrube.

Der Anarcho-Kommunist blieb außerhalb der Parteikommunisten, doch auch er ist nur ein Beispiel: Der Bruch »linker« oder »rechter« KPD-»Abweichler« mit der Partei war eine Massenerscheinung. In der KPD der Weimarer Republik waren insgesamt wohl mehr als eine Million Menschen organisiert, der Höchststand an Parteimitgliedern lag allerdings (1921 und 1932) nur bei etwas über 300 000.

Das völlig ideologisierte Bewusstsein vermittelte den jeweiligen Kommunisten Optimismus und gab ihnen Siegesgewissheit (»Gesetzmäßigkeit der Geschichte«). Ihr »Marxis­mus-Leninismus« beruhte auf vereinfachten Thesen, war dann Grundlage einer Art Pseudoreligion. Weil diese Kommunisten für sich beanspruchten, im Besitz einer absoluten »historischen Wahrheit« zu sein, hatten sie also »immer recht«. Diese elitäre Überheblichkeit verursachte Realitätsverluste. Es entstand ein durch primitives Freund-Feind-Denken sowie Intoleranz charakterisierter autoritärer Typ des Parteifunktionärs. Zu seinem Verhalten gehörte das ständige »wachsame« Aufspüren von »Feinden«, die Verfolgung politischer Gegner und »Abweichler« und schließlich Andersdenkender.

Für kommunistische »Kämpfer« galt es im »Klassen-Weltkrieg«, strikte, fast militärische Disziplin zu wahren. Daraus ergaben sich totalitäre Strukturen: Innerhalb der Organisation erfolgte die Umwandlung einer lebendigen Bewegung in eine zentralistisch-dikatorische Partei mit strengen »Ordensregeln«.

Diese Wandlung haben viele Kader nicht mitgemacht. Sie wechselten zu anderen, meist auch kommunistischen Oppositionsgruppierungen, wurden »unpolitisch« oder auch Feinde des Kommunismus. Viele sind daran zerbrochen. Ihr teils abenteuerliches Leben und ihre Radikalität widerspiegelten sowohl die schlimme Zeit der Diktaturen im 20. Jahrhundert als auch die Folgen der Politik und Situation in der Komintern. Richard Jensen, den die Herausgeber zu Recht zitieren, drückt es so aus: Knüfken »war ein echter Proletarier und treuer Soldat im Heer der Revolution, und daß das von den eigenen Leuten an ihm begangene Unrecht ihn zuletzt in die Entwürdigung trieb, ist ein Makel in der Geschichte der kommunistischen Bewegung.« Das betrifft nicht allein Knüfken.

Es waren ja nicht nur Oppositionelle, sondern auch ergebene Funktionäre, die in die blutigen »Ausschaltungen« gerieten. Das zeigt jetzt auch Ulla Pleners Biografie des treugläubigen Kommunisten Mirko Beer, eines späteren Stalin-Opfers.

Diese Biografie in Dokumenten stellt Beer als »Kommunist, Chirurg, 1936–1938 Militärarzt in Spanien, 1942 erschossen vom NKWD« vor. Jahrelang gehörte er zu jenen Kommunisten, die – in verschiedenen Parteien – aktiv waren, als Revolutionäre eine bessere Welt schaffen wollten und dennoch der Nachwelt kaum bekannt wurden. Inzwischen aber erscheinen immer häufiger solche »Biografien von Vergessenen«,21 ohne die eine Bewegung, und erst recht die kommunistische, nicht hätte existieren können. Selten stand deren Tätigkeit im unmittelbaren Licht der Öffentlichkeit, doch vermitteln solche Beschreibungen des Lebens der Kader »von unten« neue und interessante Einsichten, was auch für das Buch über Mirko Beer gilt, das durch zahlreiche Dokumente und Fotos beeindruckt.

Mirko Beer wuchs als Ungar in Jugoslawien auf, seine Eltern waren jüdischen Glaubens, von 1923 bis 1929 konnte er in Wien studieren und Arzt werden. Zwar wie viele intellektuelle Kommunisten von der »Herkunft« her nicht für die Partei »geboren«, hatte sich der Internationalist in Wien 1927 der illegalen KP Jugoslawiens angeschlossen. Als Militärarzt 1929 in die jugoslawische Armee eingezogen, blieb er für die Partei aktiv. 1930 bekam er eine Stelle als Arzt in Berlin, wohin er emigrierte. Wie zuvor blieb er in der kommunistischen Internationalen Arbeiterhilfe (IAH) aktiv, die Willi Münzenberg 1921 begründet hatte und leitete. Sowohl in der IAH und auch als Arzt in städtischen Berliner Diensten, war Beer ebenso in der KPD am Rande tätig. Da die inzwischen völlig stalinisierte deutsche Komintern-Sektion sogar Funktionäre der »Massenorganisation« der Partei überwachte, musste er des Öfteren seinen »Lebenslauf« verfassen oder er wurde »eingeschätzt«.

1932 hielt seine Berliner »Straßenzelle« in einer Beurteilung für »Karl Denk« (Beers Pseudonym in der KPD) negativ fest, er erwecke den »Eindruck« brandleristischer Einstellung, z. B. in der Frage »Ist die SPD eine sozialfaschistische Partei?«. Auch »soll [!] er bei einer Sitzung der KPO [Kommunistische Partei-Opposition] […] gesehen worden sein.«

Solche Aussagen, ja Denunziationen, waren in seinen Kaderakten vermerkt und hatten Auswirkungen auf Beers weiteren Lebensweg. Als kluger Mensch hatte er die katas­trophale ultralinke Politik der KPD angezweifelt, die nicht Hitler, sondern die SPD zum »Hauptfeind« erklärte. Um den »Makel« loszuwerden, schrieb Beer in einer Verteidigung: »Ich erkläre: nie seitdem ich Mitglied der kommunistischen Partei bin, einer oppositionellen Gruppierung angehört zu haben.« Die »Selbstkritik« wurde nicht akzeptiert, stattdessen sah sich Beer mit dem schlimmen Vorwurf der »Doppelzüngigkeit« konfrontiert.

Seit April 1932 als Arzt in Moskau tätig und als Verfasser wissenschaftlicher medizinischer Werke zwar politisch kaltgestellt, durfte er dennoch – im Gegensatz zu vielen anderen Kommunisten, die nun in die Säuberungen gerieten – im Oktober 1936 als Arzt nach Spanien ausreisen. Dort übernahm Beer im Bürgerkrieg als Freiwilliger bis zur Niederlage der Republik im Mai 1939 wichtige Aufgaben im Sanitätswesen.

Die Autorin legt über diese Zeit viele Dokumente vor. Historisch besonders interessant ist, dass Beer vor seiner Abfahrt nach Spanien eine »Verpflichtung« unterschreiben musste, in der er u. a. zusichern musste:

1. Jegliche Verbindung zur Komintern kategorisch zu leugnen.

2. Kategorisch zu leugnen, dass ich vom Territorium der UdSSR gekommen bin.

3. Unter keinen Umständen etwas bei mir zu führen, das auf irgendeine Art meine

Beziehung zur Komintern und den Aufenthalt auf dem Territorium der UdSSR beweisen könnte.

Das zeigt die wirklichen »Doppelzüngler«: die Leiter von Komintern und KPdSU.

Ungeachtet seines Einsatzes als Kommunist in Spanien blieb der Vorwurf »Doppelzüngler« zu sein, jemand, der anders denkt, als er offiziell sagt, an ihm hängen. Im Juni 1939 konnte Beer nach Moskau zurückkehren. Die Hauptzeit der blutigen »Säuberungen« schien vorbei, aber sein im Buch abgedruckter »Bericht über die Kommandierung nach Spanien« enthält auch »Ergebenheitspassagen«, wie sie zuvor noch von allen ausländischen Kommunisten in Moskau verlangt und abgegeben wurden. Die Bemerkungen über seinen Arztkollegen und KPD-Mitbegründer Fritz Fränkel, der zu dieser Zeit für die KPD schon als »Verräter« galt, aber nach Mexiko flüchten konnte,22 waren relativ harmlos. Doch Beer (in Spanien Goryan) nannte »Feinde, die sich in den Sanitätsdienst geschmuggelt hatten«. Oder er schrieb über »nicht wenige üble anarchistische und trotzkistische Typen«. Es war ein Bericht wie damals bei kommunistischen Kadern üblich: Neben der Nennung von Fakten wurden »Feinde« in den Parteireihen »entlarvt«, denunziert, um eigene Parteitreue nachzuweisen.

1940 arbeitete Beer als führender Arzt in einer Moskauer Unfallklinik. Schon kurz nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht wurde er am 9. Juli 1941 als »spionageverdächtig« verhaftet und ins Gefängnis in Saratow geworfen. Das letzte Lebensjahr des nur 37-Jährigen wird von Plener ausführlich mit nun aufgefundenen Dokumenten belegt, darunter Versuche einer Schwester, Beers Leben zu retten. Diese erschütternden Briefe an Stalin und andere Größen des Kommunismus sind Notschreie, aber zugleich Beweise für den absurden Personenkult. Die Schwester, die auf Hilfe hoffte, bezeichnete sich selbst als Menschen, »der so auf Sie [Stalin] schaut, als glaube er an seinen Gott, dem alles möglich ist, wenn er will«. Wie weit dies Überzeugung oder der übliche Kotau war, sei dahingestellt. Jedenfalls spiegelt es die stalinistische Realität wider und zeigt ebenso die Angst wie die Unterwerfung der Kader.

Mirko Beer wurde am 4. August 1942 in Saratow erschossen. Es geschah wie im Fall des KPD-Führers August Creutzburg, der schon im September 1941 mit Hunderten leitender Kommunisten beim Herannahen der Hitler-Truppen in Orjol erschossen wurde.23 Nach der deutschen Offensive 1942 bis zur Wolga kam aus Moskau wiederum der Befehl, sämtliche politischen Gefangenen zu erschießen. Das tragische Schicksal des ergebenen Funktionärs der unteren Ebene ist beispielhaft für Kader im stalinistischen System von Politik, Struktur und Ideologie.

Auch wenn kein einheitlicher Funktionärstypus existierte, sondern gegensätzliche Charaktere, Personen vielerlei Schattierungen dazu zählten, war das Schicksal der Kader dramatisch. Durch die Stalinisierung des Kommunismus waren sie in die Strukturen, die Methode der Unterwerfung in Politik und Ideologie Moskaus eingebunden. Die Kader, die an den traditionellen Idealen festhielten, mussten »umerzogen« werden (Einschwören auf Stalins UdSSR als alleiniges Vorbild) oder sie mussten durch »Säuberungen« entfernt werden.

Zu diesem System gehörten Repressalien, die keineswegs etwa als »Betriebsunfälle« zu verharmlosen sind. Die Ideologie brauchte und vermittelte immer ein Feindbild. Einschüchterung und Angst sollten »Feinde« abschrecken, sie waren aber zugleich elementare Methoden der Disziplinierung von Anhängern und Funktionären. Die blutigen Stalin’schen Säuberungen waren kein Zufall, sondern dienten als immanentes Herrschaftsmittel. Über eine Million Kommunisten wurden zwischen 1935 und 1938 in der UdSSR verhaftet, die meisten ermordet. Von ihren wirklichen Feinden wurden Kommunisten ja ebenfalls brutal verfolgt.

Das Verhängnis vieler deutscher Kommunisten ist bereits nachgewiesen, die Stalin’schen Säuberungen sind detailliert erforscht.24 Nach 1934 sind mehr als zwei Drittel der in der UdSSR lebenden KPD-Emigranten in die Stalin’schen Säuberungen geraten, die meisten wurden ermordet.

Fast ein Drittel der rund 1700 KPD-Spitzenfunktionäre der Zeit von 1918 bis 1945 kam gewaltsam ums Leben.25 Dabei ist die unglaubliche Tatsache festzuhalten, dass durch den Terror Hitlers 256, aber ebenso 208 Führer durch den Terror Stalins ermordet wurden. Von den Mitgliedern der obersten Spitzenführung (Politbüro) verloren sogar mehr unter Stalin als unter Hitler ihr Leben. Hinzu kommt die riesige Anzahl mittlerer und unterer Funktionäre, die während der Stalin’schen Säuberungen erschossen wurden, unter ihnen auch Mirko Beer.

Von den vor allem im Laufe der Stalinisierung aus den Sektionen der Komintern verstoßenen Kommunisten blieb danach nur eine Minderheit aktiv, in Deutschland in der KAPD, dem Leninbund oder der KPO. Sie setzten nach 1933 den opferreichen Kampf gegen die Nazi-Diktatur fort, wie beispielsweise die international organisierten Trotzkisten.26

Die nun von Peter Berens vorgelegte Schrift Trotzkisten gegen Hitler zeigt deren Widerstand im Westen Deutschlands, vor allem im Ruhrgebiet und im Rheinland. Da bereits eine Untersuchung über den Widerstand der Trotzkisten im Dresdner Raum erschienen ist,27 wird mit dem Forschungsergebnis von Berens eine weitere Darstellung des Kampfes einer relativ kleinen politischen Gruppe gegen das Hitler-Regime veröffentlicht. Der Autor hat dazu viele Quellen, Archive, darunter auch Privat- und Stadtarchive, Zeitschriften, Interviews und andere Literatur (nicht weniger als 900 Fußnoten) ausgewertet.

In der Einleitung geht Berens auf den Forschungsstand ein, daran anschließend beschreibt er die Entwicklung der linken Opposition der KPD an Rhein und Ruhr und die 1930 daraus entstehende trotzkistische Gruppe. Hauptgegenstand der Untersuchung, die aus einer Magisterarbeit hervorging, ist die Widerstandstätigkeit der Trotzkisten im Westen Deutschlands, ihre Verfolgung durch die Gestapo sowie die Rolle der Trotzkisten im Exil. Ein wichtiger Teil seiner Schrift sind rund 90 Kurzbiografien trotzkistischer Funktionäre und Aktivisten des Widerstands in Westdeutschland. Bekannte und unbekannte trotzkistische Kommunisten werden hier von Berens näher vorgestellt: neben den in der trotzkistischen IKD (Internationale Kommunisten Deutschlands) führenden Ackerknecht, Backenecker, Epe (später Opfer der Stalin’schen Säuberungen), Grylewicz, Schüssler, Seypold oder Joseph Weber28 ebenso Lokalgrößen wie Joseph Schmitz aus Bocholt, über dessen Wirken Berens in einem eigenen Unterkapitel berichtet.

Die meisten der Vorgestellten kamen aus der KPD, so wird erneut deutlich, wie sehr die Kader von der Ideologie ihrer Herkunft geprägt waren und selbst nach der Trennung von den Organisationsstrukturen der Komintern Internationalisten blieben. Denn die trotzkistische IV. Internationale knüpfte an die Frühzeit vor der Stalinisierung der Komintern an; Trotzkisten verstanden sich als antistalinistische »Leninisten«. Für antistalinistische Kommunisten hatte die Tradition stets eine große Bedeutung, was ebenso für andere Gruppen ehemaliger Parteikommunisten gilt.

Auch im Exil spielte die »Kaderfrage« eine Rolle. In den vom »Nationalbolschewisten« Karl Otto Paetel herausgegebenen Blättern der Sozialistischen Nation wurde z. B. das »Kaderproblem« im Exil diskutiert.29 So geht auch Berens in einem kurzen Ausblick auf die Frage ein, warum fast alle Widerstandsaktivisten der Trotzkisten nach 1945 ihre Mitarbeit einstellten. Einen Grund sieht er darin, dass sich nach der Zerschlagung der westdeutschen Trotzkisten viele im Exil befanden und nicht mehr zurückkehrten. Doch dass kleinkommunistische Gruppen zwischen Sozialisten und Parteikommunisten nach dem Krieg keine Chance hatten, hing zunächst mit dem Nimbus der Stalinisten als Widerstandskämpfer und Besieger Nazi-Deutschlands zusammen. Oppositionelle kommunis­tische Gruppen wurden aber ebenso deshalb zu Sekten, weil der barbarische Stalinismus in der Sowjet­union und den »Volksdemokratien« breite Massen später vor jeder Form von Kommunismus abschreckte und daher auch den oppositionellen kommunistischen Gruppen in Westeuropa geringen Zulauf brachte. Umgekehrt fand nach 1945 der Stalinismus in Westeu­ropa nicht etwa nur unter Arbeitern Anhänger, sondern nun verstärkt unter Intellektuellen.

Wie sich die Situation des Kommunismus gerade beim Verhältnis zwischen Politik, Ideologie, Strukturen und Kadern in der zweiten Phase nach 1945 veränderte oder auch nicht, wird in der neuesten Literatur kaum thematisiert, ist ein Desiderat in der Forschung. Deshalb hier nur kurze Hinweise auf einige wenige Bücher, die zu Kaderfragen Auskunft geben.

Über die kommunistischen Intellektuellen zwischen 1945 und 1956 in ihren Hochburgen Italien und Frankreich, aber auch in Österreich und Großbritannien »im Vergleich« liegt jetzt mit der Habilitationsschrift von Thomas Kroll ein voluminöses Werk vor. Seine Studie versteht sich als Beitrag zu einer »Historisierung und historiographischen Neubewertung des kommunistischen Engagements der Intellektuellen Westeuropas«. Sowohl die Gründe als auch die Ziele und Formen dieses Engagements sollen in »vier westeuropäischen Ländern kontrastierend untersucht« werden. In der Einleitung setzt sich der Autor mit zahlreichen Forschungsergebnissen und der Spezialliteratur auseinander. Dabei geht es oft um formale und auch marginale Fragen sowie um sehr generelle Aussagen. In vier großen Kapiteln werden die einzelnen Länder behandelt, wobei schon die Überschriften die Zielrichtung der Arbeit angeben: Die französischen kommunistischen Intellektuellen werden als »Gescheiterte Revolutionäre, als ›Diener‹ einer totalitären Bewegung« gesehen (über 200 Seiten Text), die Österreicher als »›Propheten‹ einer nationalen Utopie des Kommunismus« (100 Seiten), die Italiener sind »›Propheten‹ der Utopie eines italienischen Wegs zum Sozialismus und ›Erzieher‹ zur Demokratie« (150 Seiten) und die Briten »›Propheten‹ einer revolutionären Utopie« (120 Seiten). Nach einer verhältnismäßig kurzen »Schlussfolgerung« kommt ein ausführlicher Anhang (130 Seiten). Bei solch einem riesigen Umfang (775 Seiten) kann hier auf inhaltliche Einzelheiten des Werkes nicht näher eingegangen werden.

Krolls Auswahlkriterien für die »insgesamt 608 Intellektuellen« dieser »kollektiv­biographischen Untersuchung« (siehe S. 628) sind kaum nachvollziehbar, da eine entsprechende Namensliste fehlt. In den vier behandelten kommunistischen Parteien spielten Intellektuelle ja eine unterschiedliche Rolle. Welche Personen warum zur Auswertung herangezogen wurden, wäre also erklärungsbedürftig.

Dessen ungeachtet sind die Hinweise auf beachtliche Teile kommunistischer Kader nach 1945 für unser Thema bemerkenswert. Kroll stellt mit Recht gleich zu Anfang für Frankreich fest (und das gilt auch für die anderen untersuchten Länder), dass für diese Intellektuellen nach 1945 der »entscheidende Impuls für die Konversion zum Kommunismus in sämtlichen untersuchten Lebensläufen […] das Erlebnis des Ersten Weltkrieges« war. Womit die oben angeführten Feststellungen über die Bedeutung des Weltkrieges unterstrichen werden. Gleiches gilt ebenso für die These des Autors, dass selbst in den Krisen des Weltkommunismus, etwa im Zuge der Entstalinisierung ab 1956 (Rede Chruschtschows gegen Stalin), die »große Mehrheit« der französischen (kommunis­tischen) Intellektuellen »an ihrem ›sakramentalen‹ Glauben an die Sowjetunion festhielt« und sie die Partei nicht verließen. Die Sowjetunion blieb ein »Heilszentrum«, von dem die »Erlösung der Welt zum Sozialismus ihren Ausgang nehmen würde«. Solche Meinungen vieler Kader zeigen, wie die zwischen 1919 und 1945 eingeübte ideologische Indoktrination nach 1945 fortwirkte. Die Haltung der Intellektuellen in der KP Frank­reichs gerade während der Krisen (Titoismus, Schauprozesse in den Volksdemokratien usw.) wird von Kroll breit behandelt.

Die Kapitel über die Intellektuellen in den Parteien Italiens, Österreichs und Großbritanniens sind weniger ausführlich, und der Eurokommunismus kommt viel zu kurz. Weil die Anzahl der in den einzelnen Parteien untersuchten Kommunisten stark differiert (Italien 256, Frankreich 186, Österreich 91 und Großbritannien 75), ist die Unterteilung nach Gruppen entsprechend dem Parteieintritt wenig hilfreich, da Krolls Personenauswahl nicht nachvollziehbar ist.

Die Quellenbasis des Bandes wird durch eine große Literaturliste nachgewiesen. Fehler im Buch sind marginal, aber dass Rajk fälschlich als Angeklagter im Prager Schauprozess bezeichnet wird (S. 205), hätte selbst einem Lektor auffallen müssen: Rajk war Hauptangeklagter im Budapester Schauprozess von 1949 (nicht Prag 1952).

Da die westdeutsche KPD nach 1945 rasch zur Sekte verkam und bereits 1956 verboten wurde, war sie für Krolls Arbeit bedeutungslos. Auch im Buch von Gregor Kritidis wird sie nicht untersucht. In dessen umfangreicher Darstellung geht es schließlich um die linkssozialistische Opposition in der »Frühgeschichte der Bundesrepublik«. Detailliert und kenntnisreich prüft der Autor die Rolle der Linkssozialisten innerhalb und außerhalb der SPD in den Jahren 1945 bis 1962. Im Rahmen der historischen Kommunismusforschung ist interessant, wie Kritidis die Aktivitäten der Trotzkisten und der Gruppe Arbeiterpolitik (GAP), der Nachfolgeorganisation der KPO von Brandler und Thalheimer, in die Betrachtung einbezieht. Auf diesen kleinen Abschnitt lohnt sich ein genauerer Blick.

Kritidis hat den Band in drei Kapitel chronologisch gegliedert: die sozialistische Linke in den Auseinandersetzungen über die Nachkriegsordnung 1945–1953, Aufschwung und Niedergang dieser Linken 1954–1959 sowie die Phase der »Reorganisierung« der Linken 1958–1962. In den ersten Teil hat der Autor kommunistische Oppositionsgruppen einbezogen: »Avantgarde ohne Fußvolk«, die deutsche Sektion der IV. Internationale, also die Trotzkisten. Außerdem die »revolutionären Kader im Kampf gegen die Demontage«, die Gruppe GAP, die rechten Kommunisten. Bemerkenswert im zweiten Teil ist das Unterkapitel »Kooperation auf antistalinistischer Basis« über die Zeitschrift Sozialistische Politik.

Im Kapitel über die Trotzkisten werden deren Aktivitäten nachgezeichnet, auch einige führende Personen wie der »Mentor der deutschen Trotzkisten«, Georg Jungclas, werden vorgestellt, ebenso Willy Boepple. Dieser war nach 1945 zunächst Kader der KPD, deren Bezirksleiter und später MdL in Württemberg-Baden. Früh brach er mit der Partei und wurde führender Trotzkist.30 Hier sind durchaus Hinweise auf die Haltung von Kadern nach ihrem Bruch mit dem Stalinismus zu finden.

Da Kritidis neben der Auswertung von Zeitschriften und Archivalien (auch von Unterlagen des MfS) selbst Interviews führte und den Forschungsstand berücksichtigte, ist das Buch insgesamt eine Fundgrube an Materialien. Die Einschätzung der Linken vor 1968 ist nicht ganz so schlüssig, vor allem was die Haltung gegenüber dem stalinistischen Kommunismus angeht. Einige Begriffe werden vom Autor nicht klar definiert, sein ständiger Vorwurf, die SPD habe einen »kategorischen Antikommunismus« vertreten, zeigt, wie notwendig eine Analyse des Begriffs war.31

Bei den vom Autor beschriebenen Trotzkisten bzw. Rechtskommunisten ist aufgrund ihrer Herkunft klar, dass sie konsequente Antistalinisten waren, aber den Leninismus bejahten. Die Tradition bestimmte ihre Politik und Ideologie, hatte aber auch Einfluss auf die Strukturen. Die Trotzkisten32 waren in der radikalen Ablehnung des Stalinismus konsequenter als die GAP, die in der Tradition von Brandlers KPO die Barbarei des Stalinismus in der UdSSR fast verharmloste.

Bei den unabhängigen Linken war in der von Kritidis beschriebenen Phase die Position eines »dritten Weges«, der sowohl die Ablehnung des Kapitalismus wie des stalinistischen Kommunismus bedeutete, weit verbreitet.33

Die Partei mit einer solchen Haltung war 1950 / 51 die Unabhängige Arbeiterpartei (UAP). Doch auf diese wird bei Kritidis leider nur in Unterkapiteln sehr knapp eingegangen. Mit ihrem Organ Freie Tribüne war die UAP ein Zusammenschluss von Funktionären, die mit der KPD gebrochen hatten, sowie von Titoisten und Trotzkisten. Die erwähnten Jungclas und Boepple gehörten ihr kurzzeitig an, wie auch andere (vom Autor genannte) Personen wie Wolfgang Leonhard oder Helmut Fleischer, die später als Wissenschaftler bekannt wurden.

Erstaunlich ist, dass Kritidis die Konzeption eines dritten Weges in der Folgezeit (seine Untersuchung geht ja bis 1962) nur im Zusammenhang mit dem Periodikum Sozialistische Politik streift. Die Zeitschrift Der Dritte Weg (1959–1964) wird ebenso wenig genannt wie die Vertreter dieser antistalinistischen Gruppe, sogar der für den Linkssozia­lismus populäre Heinz Brandt fehlt völlig. Dagegen widmet der Autor unter den Theoretikern der Linkssozialisten Wolfgang Abendroth ein eigenes Unterkapitel, die erheblich bedeutenderen Fritz Sternberg und Arkadij Gurland erwähnt er hingegen nur am Rande.34 Dass die Abgrenzung, ja Gegnerschaft zur SED-Diktatur in der DDR und zur stalinistischen und nachstalinistischen Diktatur in der Sowjetunion ein zentrales Thema der Linken (neben der Kritik an westdeutschen Verhältnissen) war, erklärt Kritidis allerdings nur ansatzweise.

Zur Frage des Verhältnisses der Kommunisten zu Politik, Ideologie, Struktur und Kadern nach 1945 finden sich nur indirekte Hinweise. Die Arbeit von Kritidis zeigt ebenso wie die von Kroll, dass konkrete Untersuchungen zu Kadern wichtig sind. Auf zwei Biografien sei daher zum Schluss verwiesen.

Das Buch Zwischen den Fronten von Heinz Schütte behandelt ein so gut wie unbekanntes Thema: deutsche und österreichische Überläufer aus der französischen Fremdenlegion zum Viet Minh während dessen Befreiungskrieges gegen die französische Kolonialmacht. Diese wissenschaftliche Untersuchung stützt sich auf Archivakten sowie Gespräche und Notizen von Zeitzeugen. Außerdem hat der Autor in Vietnam Interviews mit leitenden Kommunis­ten geführt, die damals die Verbindung zu den Überläufern hielten und diese anleiteten.

Im Mittelpunkt der Arbeit steht das Schicksal dreier kommunistischer Intellektueller: des Wieners Ernst Frey, des Straßburgers Erwin Borchers sowie des Kölners Rudy (Rudolf) Schröder. Die drei jungen Antifaschisten waren vor dem Nationalsozialismus nach Frankreich geflohen und traten nach Kriegsausbruch 1939 aus verschiedenen Gründen, vor allem um der Internierung zu entgehen, in die französische Fremdenlegion ein. Sie waren zunächst in Nordafrika, ab 1941 in Indochina stationiert. Frey und Schröder bildeten eine kommunistische Zelle und nahmen Kontakt zu einheimischen Kommunisten auf.

Als Ho Chi Minh nach der Kapitulation Japans die Unabhängigkeit Vietnams ausrief, wollte Frankreich seine Kolonie mit Militärgewalt halten, der Viet Minh musste deshalb gegen die französische Armee kämpfen. Die Kommunisten Frey, Borchers und Schröder liefen zu den Truppen Ho Chi Minhs über und spielten eine wichtige Rolle bei der Zersetzung der Fremdenlegion. Dies wird von Schütte in vielen Einzelheiten beschrieben. Spannend ist vor allem der Werdegang Schröders, der dort als Le Duc Nhan eine leitende Position innehatte.

Dargestellt werden die Rolle der drei »Überläufer« sowie die Rahmenbedingungen ihrer Handlungen. Genauer untersucht Schütte das weitere Schicksal der drei Kommunisten, insbesondere das von Rudy Schröder. Auf dessen Lebensweg soll hier etwas näher eingegangen werden, stellt er doch ein für Kommunisten nach 1945 keineswegs typisches, aber interessantes Beispiel des Wandels von Positionen der Kader in veränderten Situationen dar.

Rudy Schröder (1911–1977) stammte aus Köln, wo er sich (zum Schrecken seiner Eltern) als Gymnasiast den Kommunisten anschloss. 1932 trat er der (inzwischen völlig stalinisierten) KPD bei und wurde als Student zur Kommunistischen Studentenfraktion (Kostufra) abgestellt. Als Antifaschist emigrierte Schröder im Oktober 1933 nach Frankreich, wo in Paris der bekannte Soziologe Raymond Aron zum Mentor des jungen Nachwuchswissenschaftlers wurde. Aron hatte in seinen Memoiren, die Schütte zitiert, über Schröder, den er bereits in Köln kennengelernt hatte, geschrieben, dass dieser den Nationalsozialismus »verabscheute« und nun in Paris »unter schwierigen Bedingungen« leben musste. Welche Aufmerksamkeit der junge Schröder in Kreisen der linken Intelligenz (er war der KP Frankreichs nicht beigetreten) erlangt hatte, wird z. B. darin deutlich, dass sich Max Horkheimer bei Aron über Schröder erkundigte und wohl auch daran dachte, ihn an sein Institut nach New York zu holen. Doch nach Kriegsausbruch wurde Schröder wie die meisten deutschen Antifaschisten in Frankreich interniert, er meldete sich »freiwillig« zur Fremdenlegion.

Wie viele, die »wahrhaftig das Gegenteil von Landsknechten waren« (Kantorowicz), sondern gegen den Faschismus kämpfen wollten, wählte Schröder diesen Ausweg. Mit seinem Übertritt zum Viet Minh und seinem Einsatz für die Rebellen als Offizier wurde er kommunistischer Kader, wenn auch auf ungewöhnliche Weise. Er hatte sogar ein Gespräch mit Ho Chi Minh und war überzeugt, für die Kolonialrevolution mit den Kommunisten den richtigen Kampf zu führen. Doch im Laufe des Krieges kamen – wie Schütte anhand der Quellen beschreibt – Zweifel in Schröder auf. Dieser war von Jugend an kein »Jasager«, sondern immer ein kritischer Mensch.

Nach mancherlei Schwierigkeiten hatte, wie der Autor zeigt, der »Mohr seine Schuldigkeit getan«. Im Sommer 1951 in die DDR »entlassen«, wurde aus Le Duc Nhan nun wieder Schröder. Nach einer langwierigen Reise dort angekommen, begannen neue Probleme. Die misstrauischen SED-Funktionäre wussten mit dem Revolutionär wenig anzufangen. Er wurde nicht in die Nomenklatura aufgenommen, sein Leben als Kader war vorbei.

Als Studienrat nach Dresden abgeschoben, wuchs seine Distanz zur SED. Für die DDR nicht untypisch, wurde er dennoch von der Stasi umworben. Schütte weist erstmals nach, dass sich Schröder als GI, als geheimer Informant, anwerben ließ. Seine Berichte waren für das MfS freilich wenig befriedigend. Im September 1959 floh er mit seiner zweiten Frau Maria über West-Berlin nach Köln. Mit dem Stalinismus hatte er nun endgültig gebrochen.

Wie andere bekannte linke DDR-Flüchtlinge fanden Schröder und seine Frau erste Hilfe und Unterkunft durch Joseph Schölmerich in Kasbach am Rhein, und wie es seiner Einstellung entsprach, schloss er sich sofort dem Kreis um den »dritten Weg« – jenseits von Kapitalismus und Stalinismus – an. Seit Mai 1959 kam Der Dritte Weg als Zeitschrift heraus,35 und Schröder wurde zu einem eifrigen Mitarbeiter. Von Februar 1960 an bis zur letzten Nummer (Mai 1964) zeichnete Rudolf Schröder sogar als »Herausgeber«. In meinen Erinnerungen wird er so beschrieben: »Rudolf Schröder hatte wohl den interessantesten Lebenslauf. Der 48-jährige Lehrer stammte aus Köln, war als Kommunist in der französischen Emigration, schließlich in der französischen Fremdenlegion. In Indochina zersetzte er auf Seiten des Viet Minh französische Truppen, war Offizier, »General« bei Ho Chi Minh. Zurückgekehrt, war Schröder zuletzt Lehrer in Dresden und ist von dort als Antistalinist geflüchtet.«36

In einem Stasi-Bericht (Schröder hatte uns nie gesagt, dass er kurzzeitig GI des MfS war) wurde er entsprechend mit uns allen »charakterisiert«: »Diese Hetzschrift [Der Dritte Weg] ist das Sprachrohr eines Personenkreises, der sich aus Renegaten und Verrätern zusammensetzt. Eben zu diesem Personenkreis gehören solche Verräter wie Heinz Lippmann, ehemals Sekretär im Zentralrat der FDJ, Heinz Zöger, Hermann Weber, Dr. Scholmerisch [sic!], Schröder, Manfred Hertwig usw., die aus der DDR republikflüchtig geworden sind. Es sind durchweg alles Personen, die in der DDR hohe staatliche und politische Funktionen innehatten und der SED als Mitglied angehörten. Sie haben demzufolge sehr umfassende und gründliche Kenntnisse in der Theorie des Marxismus-Leninismus und der Partei- und Staatspolitik. […] Die Finanzierung dieser Hetzschrift erfolgt über die Hans-Böckler-Gesellschaft – innerhalb des DGB – und den Axel-Springer-Konzern.«37

Schütte bezeichnet Schröder, der überraschend 1977 starb, als »Zwischenfrontmensch«, was für viele der zahlreichen kommunistischen Kader, die zu irgendeinem Zeitpunkt mit »der Partei« brachen, gelten kann. Wie groß der Anteil »Abtrünniger« vom ergebenen Kader war, ist schwer zu sagen. Gemessen an der riesigen Zahl derjenigen, die der Partei stets treu dienten, war es natürlich eine Minderheit. Immerhin zeigt sich, dass die ideologische Indoktrination, die Überzeugungsbemühungen der Politik und die feste Einbindung der Kader in die Strukturen keine Gewähr dafür boten, alle dauerhaft in der stalinis­tisch-kommunistischen Bewegung zu halten.

Das geht auch deutlich aus einer anderen neueren Biografie hervor, nämlich über Heinz Brandt, einen weit bekannteren kommunistischen Funktionär. Knud Andresen gibt seiner Biografie des »undogmatischen Sozialisten« Brandt den Titel Widerspruch als Lebensprinzip. Besser ist das Leben des antistalinistischen radikalen Sozialisten Heinz Brandt (1909–1986) kaum zu charakterisieren. In sechs Kapiteln untersucht der Autor den Weg des streitbaren Intellektuellen der deutschen Arbeiterbewegung.

Brandt kam 1926 nach Berlin, um dort sein Abitur abzulegen, und schloss sich als 17-Jähriger den Kommunisten an. Diese Zeit seiner Kämpfe für den und im Kommunis­tischen Jugendverband nannte er später die »glücklichste Zeit meines Lebens«. Solch emo­tio­nales Bekenntnis junger Menschen zu einer Bewegung, die verkündete, für eine solidarische und klassenlose Gesellschaft einzutreten, war in der Weimarer Republik für radikale Jugendliche, die die bestehenden sozialen Ungerechtigkeiten überwinden wollten, nicht ungewöhnlich. Wie bei vielen begannen auch bei Heinz Brandt so die Schritte zum kommunistischen Kader.

Andresen schreibt, es komme ihm darauf an, »den Weg eines Funktionärs in die Partei zu beleuchten und gleichzeitig nach dem Eigensinn Brandts, seiner individuellen Motivation und der Umsetzung seiner Vorstellungen zu fragen«. Allerdings hatte Heinz Brandt die eigene Entwicklung schon 1967 in seiner Autobiografie Ein Traum, der nicht entführbar ist38 geschildert. Darin beschreibt er vor allem seine inneren Kämpfe um die Lösung von der dogmatischen »Linie« der Partei, die durch Indoktrinierung auch dem Kader Brandt aufgedrückt werden sollte. Für unser Thema ist auch auf diese Autobiografie zu verweisen. Nebenbei bemerkt bin ich erfreut, wenn Andresen registriert, dass die meisten Rezensenten damals »gewisse Distanz« zu dem Buch zeigten, aber »Zustimmung zu seinen Versöhnler-Ideen eines dritten Weges erhielt er [Brandt] von zwei Bekannten: Hermann Weber und Ossip K. Flechtheim«.

Der Biograf, der viele Archivalien benutzen konnte, geht mit seinen Schilderungen weit über Brandts Autobiografie hinaus. Er untersucht das Schicksal und die Haltung dieses selbstständig denkenden Menschen, der während der Auseinandersetzung mit dem stalinistischen Kommunismus nicht untertäniger Kader wurde, sondern opponierte, geis­tige Freiheit wollte.

Die dramatische Lebensgeschichte Heinz Brandts, der einer jüdischen Familie entstammte, wird von Andresen genau beschrieben. Der ultralinke Kurs der KPD ab 1929, von Stalins Komintern angeordnet, führte ihn 1931 als Gegner der These, die Sozial­demo­kratie (also nicht die barbarische NSDAP) sei der Hauptfeind, den die KPD bekämpfen müsse, in die Opposition. Er schloss sich den Versöhnlern an, einer Gruppierung, die 1928, um den ultralinken Kurs zu beenden, die vorübergehende Absetzung Ernst Thälmanns erreicht hatte. Danach wurden die Versöhnler zerschlagen.39 Der Rest der Oppositionsgruppe wirkte insgeheim in der KPD weiter, und zu diesen verfemten Parteikadern gehörte Heinz Brandt. In den Jahren 1933 und 1934 kämpfte der Versöhnler Brandt aktiv im Widerstand gegen das NS-Regime. Von der Gestapo 1934 verhaftet, war er bis 1940 im Zuchthaus. Danach überlebte er die schlimmste Zeit in den Konzentrations­lagern Sachsenhausen, Auschwitz und Buchenwald.

Seine Parteikarriere begann 1945 in der KPD, setzte sich dann in der SED fort, wo er vom Abteilungsleiter zum Sekretär für Propaganda der SED-Landesleitung Berlin aufstieg. Die »Partei neuen Typus« wollte ihn auf der Parteihochschule »Karl Marx« 1949 / 50 ideo­logisch indoktrinieren. Doch der Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR drängte Brandt erneut in eine oppositionelle Haltung. Ab 1954 bemühte er sich um Westkontakte und nahm Verbindung zum Ostbüro der SPD auf, über dessen Tätigkeit Andresen differenziert berichtet. In der SED zunehmend ausgegrenzt, verdichteten sich im Sommer 1958 Hinweise, dass seine Verhaftung drohte; so flüchtete Brandt noch im selben Jahr nach West-Berlin.

Wie alle ehemaligen oppositionellen SED-Funktionäre hatte er es im Westen zunächst schwer. Erst als das Ostbüro der SPD seine Widerstandstätigkeit bescheinigte, wurde er als politischer Flüchtling anerkannt. Brandt wurde Redakteur beim Vorstand der IG Metall in Frankfurt am Main. Wie Andresen schreibt, versuchte er nun in »linkssozialistischen Kreisen für eine Politik der Annäherung beider deutscher Staaten zu wirken«. Brandts Aktivitäten wurden von der Stasi nicht nur genau beobachtet, sie hat schon 1958 Entführungspläne ausgearbeitet.

Heinz Brandt hatte, worüber Andresen nicht berichtet, auch Verbindung zu unserer Gruppe, die seit Mai 1959 die Zeitschrift Der Dritte Weg herausgab. Auf einer Konferenz der Gruppe »3. Weg« im März 1960 in Kasbach referierte er zum Thema Partei und Arbeiterräte.

In der IG Metall fand er eine politische Heimat. Da er an der Position eines »dritten Weges« festhielt, war er für die DDR-Führung ein »Verräter« und »Feind«. Im Juni 1961 gelang der Stasi der lange vorbereitete Zugriff auf Heinz Brandt: Er wurde aus West-Berlin nach Ost-Bberlin verschleppt und dort zu 13 Jahren Zuchthaus verurteilt. »Aufgrund einer dadurch ausgelösten, breit angelegten Freilassungskampagne wurde der Name Heinz Brandt international bekannt«, schreibt Andresen zu Recht. Denn dass der Widerstandskämpfer gegen Hitler und einstige KZ-Häftling nun im DDR-Zuchthaus saß, löste internationale Solidarität aus, weit über Sozialistenkreise hinaus. Aber natürlich setzten sich gerade auch die Anhänger des »dritten Weges« mit ihren schwachen Kräften für Heinz Brandt ein. Schon im Juni 1961 schrieb Wolfgang Leonhard in Der Dritte Weg: »Nach elf Jahren Haft unter den Nazis, nach jahrelangem seelischen Druck in der Zone, waren ihm nicht einmal drei Jahre Ruhe und freie Arbeitsmöglichkeit vergönnt.« Leonhard verurteilte die Verschleppung durch die Stasi scharf und forderte vollen Einsatz für die Freilassung Heinz Brandts.

Die Haftzeit Brandts, die perfiden Anschuldigungen gegen ihn durch SED-Führer, etwa von Albert Norden, kann Andresen anhand der Akten genau beschreiben, auch die Versuche der Stasi, die Ulbricht-Gegner Schirdewan und Wollweber in den »Fall« mit hineinzuziehen. Ebenso detailliert schildert er die Freilassungskampagne. Denn Heinz Brandt war ja ein Beispiel »der stalinistischen Haltung gegenüber Linkssozialisten«. Zitiert wird Erich Fried: »Der Schlag gegen Heinz Brandt ist wieder einmal ein Schlag gegen einen anständigen Menschen der Linken, gegen einen guten Sozialisten, einen Gegner des Kalten Krieges! Es ist kein Zufall, dass gerade diese Menschen immer wieder zu Opfern des stalinistischen Gesindels werden.« Hinzu kam noch, dass sich das SED-Regime an seinem ehemaligen »Kader« rächen wollte.

Erst nach drei Jahren kam Brandt aus der Einzelhaft in Bautzen frei, was auch der internationale Druck bewirkte. Aus Protest gegen die Inhaftierung Brandts gab z. B. Lord Bertrand Russell 1963 die DDR-Medaille zurück, die er für Friedensaktivitäten erhalten hatte.

Brandt blieb bis 1974 Redakteur bei der IG Metall in Frankfurt am Main, war danach als Publizist der Neuen Linken tätig und Aktivist der Anti-Atomkraft-Bewegung. Immer behielt er die Entwicklung in der UdSSR und in Osteuropa im Auge, um den Kommunismus zu analysieren. Er war bis zu seinem Tod 1986 ein »Ketzer«, geprägt zunächst als »Kader« der stalinistischen Bewegung, deren Zusammenbruch er leider nicht mehr erlebte.

Die Heinz-Brandt-Biografie von Andresen ist eine gute Arbeit, die Würdigung dessen dramatischen Lebens. »Widerspruch als Lebensprinzip« hatte den Querdenker ausbrechen lassen aus dem Netz der Ideologie, der Politik und den Strukturen des stalinistischen Kommunismus.

Das Fazit der Betrachtungen über die Verflechtungen von kommunistischer Politik, Ideologie, Strukturen und Kader kann kurz sein. Eine Grundschwäche der kommunistischen Regime nach dem Muster der Sowjetunion Stalins war das Fehlen von Freiheit und Demokratie. Doch auch in der kommunistischen Bewegung selbst (ob herrschende oder oppositionelle Parteien) gab es seit der Stalinisierung weder innere Demokratie noch Freiheit der Kader. In den hierarchisch-zentralistisch aufgebauten Organisationen mit militärischer Disziplin war nie Platz für individuelle Freiheit. Die ideologische Indoktrination, die Unterwerfung unter die jeweils angeordnete Politik, die Einbindung in die Strukturen bestimmten das Denken und Handeln der Kader.

Beim Aufstieg der kommunistischen Bewegung in den Zwanziger- und Dreißigerjahren sowie gleich nach 1945 spielten Ideologie, Politik, Strukturen und Kader und ihre Verflechtung ebenso eine Rolle wie bei deren Niedergang seit den Sechzigerjahren. Der Kommunismus war stets von diesen Faktoren geprägt.

Antrieb zur Gewinnung von Anhängern und zum Zusammenhalt der Kader war zu­nächst die Ideologie mit ihren Zukunftsvisionen, die später ihre Attraktivität verlor und zum bloßen Ritual wurde.

Die kommunistische Politik mit ihren verschiedenen Strategien und Thesen, wie »die Partei [d. h. die Führung] hat immer recht«, widersprach meist der Realität: Vorbereitungen zum Aufstand nach dem Ersten Weltkrieg, dann »Hauptstoß« gegen die Sozialdemokratie, Einschwören auf das Vorbild der Sowjetunion usw. Die Radikalität in den Krisen brachte dennoch neue Anhänger. Gleich nach 1945 führte der Siegernimbus Stalins und der Einsatz der Kommunisten gegen den Hitler-Faschismus (der Stalin-Hitler-Pakt 1939 bis 1941 schien vergessen) zu Erfolgen. Doch die mehr und mehr bekannt werdenden Verbrechen des Systems der Sowjetunion und der Volksdemokratien wurden zu einem abschreckenden Beispiel, zum Hemmnis für die Bewegung.

Die Strukturen des straffen Zentralismus hielten die Diktaturen zusammen und banden die weltweite Bewegung lange Zeit an Moskau. Erst später haben die überholten Strukturen zur Abkehr und zur Suche nach neuen Wegen (Eurokommunismus usw.) geführt. Entscheidend war, dass die Kader (wie Mitglieder und Anhänger) der kommunistischen Parteien beim Aufstieg von der Ideologie, mit der sie indoktriniert wurden, überzeugt waren, die meisten die jeweilige Politik mittrugen und die Strukturen mit anerzogener Disziplin akzeptierten. Erst beim Niedergang des Kommunismus wurden diese Methoden infrage gestellt.

Kader hatten durch die Disziplinierung keine persönliche Freiheit und mussten sich dem hierarchischen Zentralismus beugen. Die Freiheit war indes nicht nur das höchste Gut der Geistesarbeiter, sondern auch der Funktionäre; bei vielen führte das Fehlen der individuellen Freiheit zur Ambivalenz ihres Verhaltens. Ideologische Überzeugung sollte das überdecken. Texte von Marx, Engels und Lenin (bis 1956 auch Stalin) waren »heilige Dogmen«. Ihre »Lehren«, die in Schulungen ständig indoktriniert wurden, sollten blind geglaubt werden. Eine Grundaussage von Marx und Engels von 1853 wurde indessen verdrängt, nämlich ihr Verweis auf die »Explosivkraft der demokratischen Ideen und den der Menschheit angeborenen Drang nach Freiheit«.40 Davon konnte oder wollte sich eine Mehrheit der Funktionäre nicht beeindrucken lassen und unterwarf sich den obrigkeitlichen Anordnungen. Doch immer wieder gab es auch kritische Kader, die sich vom Stalinismus abwandten.

Es war schließlich der »angeborene« Freiheitswille der unterdrückten Massen, der das Schicksal der Bewegung besiegelte. Die friedlichen Revolutionen haben die Herrschaft der kommunistischen Parteien hinweggefegt. Damit war auch der Weltkommunismus in seiner bisherigen Form zu Ende. Das ausgeklügelte Verhältnis von Ideologie, Politik, Strukturen und Kadern war zusammengebrochen. Die »Explosivkraft der demokratischen Ideen« und der »der Menschheit angeborene Drang nach Freiheit« waren stärker als die Diktaturen.


1 Sigmund Neumann: Die deutschen Parteien, Berlin 1932, S. 110.

2 Zu Auswahlkritierien siehe auch Hermann Weber / Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918–1945, erw. Aufl. Berlin 2008, S. 49 ff.

3 Siehe Norman LaPorte / Kevin Morgan / Matthew Worley (Hg.): Bolshevism, Stalinism and the Comintern, Basingstoke 2008. Siehe auch Hermann Weber: Die Stalinisierung der KPD – Alte und neue Einschätzungen, S. 221–244, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (im Folgenden: JHK) 2007, S. 221 ff.

4 Siehe dazu die Übersicht von Bois / Wilde, S. 309–322.

5 Siehe Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme, München 1995.

6 Jerzy Holzer: Der Kommunismus in Europa. Politische Bewegung und Herrschaftssystem, Frankfurt a. M. 1998, S. 19. Siehe auch den Beitrag von Holzer: Entstehung und Zusammenbruch des Kommunismus. Ein Abriss, in: JHK 1999, S. 7–21.

7 Programm der Kommunistischen Internationale. Angenommen vom VI. Weltkongreß am 1. September 1928 in Moskau, Hamburg 1928, S. 36 ff. Vollständig wiederabgedruckt in Hermann Weber: Die Kommunistische Internationale. Eine Dokumentation, Hannover 1966, S. 165 ff.

8 Siehe die Dokumentation von Wladislaw Hedeler / Alexander Vatlin: Die Weltpartei aus Moskau. Der Gründungskongress der Kommunistischen Internationale 1919. Protokoll und neue Dokumente, Berlin 2008. Siehe auch die Rezension Hermann Weber: Anfänge der kommunistischen Weltbewegung, in: Deutschland Archiv 4 / 2009, S. 729 ff.

9 Bisher erschienen: Hermann Weber / Bernhard H. Bayerlein: Der Thälmann-Skandal, Berlin 2003; Bernhard H. Bayerlein u. a.: Deutscher Oktober 1923, Berlin 2003; ders.: »Der Verräter, Stalin, bist Du!«, Berlin 2008. Der umfassende Hauptband ist gerade abgeschlossen und erscheint demnächst: Hermann Weber / Jakow Drabkin / Bernhard H. Bayerlein: Deutschland und die Komintern, die Komintern und Deutschland (Arbeitstitel).

10 Standardwerk ist immer noch Pierre Broué: Histoire de I’Internationale Communiste 1919–1943, Paris 1997, mit umfangreicher Bibliografie, Chronik und Kurzbiografien (siehe auch die Rezension von Reiner Tosstorff in: JHK 1998, S. 389 ff.)

11 Das Fehlen der Stalinismus-Entwicklung ist auch deswegen erstaunlich, weil die Frage der Stalinisierung des Kommunismus derzeit wieder intensiv diskutiert wird, etwa von Forschern in Großbritannien. Siehe z. B. LaPorte / Morgan / Worley (Hg.): Bolshevism, Stalinism and the Comintern (Anm. 3). Das Gleiche gilt für die seit 2009 einmal jährlich erscheinende Zeitschrift »Twentieth Century Communism: a Journal of International History«.

12 Bert Hoppe: In Stalins Gefolgschaft. Moskau und die KPD 1928–1933, München 2007.

13 Klaus-Michael Mallmann: Kommunisten in der Weimarer Republik. Sozialgeschichte einer revolutionären Bewegung, Darmstadt 1996.

14 Ulrich Eumann: Eigenwillige Kohorte der Revolution. Zur regionalen Sozialgeschichte des Kommunismus in der Weimarer Republik, Frankfurt a. M. 2007.

15 Der Klassenkampf, 6. Jg., H. 2 vom Februar 1932, S. 43 ff.

16 Siehe: Die Generallinie. Rundschreiben des ZK der KPD an die Bezirke 1929–1933. Eingeleitet von Hermann Weber, bearbeitet von Hermann Weber unter Mitwirkung von Johann Wachtler, Düsseldorf 1981.

17 Die Rede ist abgedruckt in Hermann Weber: Der deutsche Kommunismus. Dokumente, Köln 1963, S. 142 ff.

18 Siehe Bericht über die Tätigkeit des EKKI vom IV. bis V. Weltkongreß, Hamburg 1924, S. 18 f.

19 Eine Biografie Franz Jungs von Andreas Hansen wird demnächst ebenfalls im BasisDruck Verlag erscheinen.

20 Protokoll des III. Kongresses der Kommunistischen Internationale (Moskau 20. Juni bis 12. Juli 1921), Hamburg 1921, S. 335 ff.

21 Siehe z. B. Karin Kuckuk: Im Schatten der Revolution. Lotte Kornfeld (1896–1971). Biografie einer Vergessenen, Bremen 2009.

22 Siehe Weber / Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 2), S. 258.

23 Siehe ebd., S. 166 f.

24 Siehe den Forschungsüberblick bei Wladislaw Hedeler: Stalinscher Terror 1934–1941, Berlin 2002
sowie Hermann Weber / Ulrich Mählert (Hg.): Verbrechen im Namen der Idee. Terror im Kommunismus
1936–1938, Berlin 2007.

25 Siehe Weber / Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 2), S. 7 ff.

26 Siehe zu den deutschen Trotzkisten Wolfgang Alles: Zur Politik und Geschichte der deutschen Trotzkisten ab 1930, Frankfurt a. M. 1987, 2. Aufl. Köln 1994. Siehe auch Falk Engelhardt: Entwicklung und Politik der trotzkistischen Linksopposition in Leipzig ab 1924 (Magisterarbeit), Chemnitz 2007.

27 Barbara Weinhold: Eine trotzkistische Bergsteigergruppe aus Dresden im Widerstand gegen den Faschismus, Köln 2004.

28 Zu den Biografien siehe ausführlicher Weber / Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 2).

29 Siehe z. B. Blätter der Sozialistischen Nation vom September 1937.

30 Siehe Wolfgang Alles: Gegen den Strom. Texte von Willy Boepple, Köln 1997.

31 Siehe Bernd Faulenbach: »Antikommunismus« als Problem der Geschichte der Bundesrepublik Deutschlands, in: JHK 2008, S. 231–238.

32 Der von Kritidis mehrfach genannte führende Trotzkist Ernest Mandel wird jetzt in einer Biografie gewürdigt: Jan Willem Stutje: Rebell zwischen Traum und Tat. Ernest Mandel (1923–1995), Hamburg 2009. Da das Buch erst nach Abschluss dieser Rezension vorlag, kann hier leider nicht darauf eingegangen werden. Siehe daher die Rezension in: die internationale 5 / 2009, inprekorr., September / Oktober 2009, S. 30 ff.

33 Siehe Hermann und Gerda Weber: Leben nach dem »Prinzip links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, Berlin 2006, S. 179 ff.

34 An dieser Stelle ein Hinweis auf einen kleinen Fehler im Buch (da ich selbst als Quelle für diese Information genannt werde): Winfried Müller gehörte keineswegs zur »Gruppe Ulbricht«, die 1945 von Moskau nach Berlin kam.

35 Zum »dritten Weg« siehe meine Einleitung in Michael Herms: Heinz Lippmann. Porträt eines Stellvertreters, Berlin 1996, S. 13 ff. Neue Einsichten zur Zeitschrift »Der Dritte Weg« hoffe ich aufgrund von Akten demnächst im JHK veröffentlichen zu können.

36 Weber: Leben nach dem »Prinzip links« (Anm. 33), S. 204 f.

37 Ebd., S. 203. Siehe auch Heinz Schütte: Zwischen den Fronten. Deutsche und österreichische Überläufer zum Viet Minh, Berlin 2006, S. 306.

38 Heinz Brandt: Ein Traum, der nicht entführbar ist, München 1967, Berlin 1978 und Frankfurt a. M. 1986.

39 Siehe Hermann Weber / Bernhard H. Bayerlein: Der Thälmann-Skandal. Geheime Korrespondenzen mit Stalin (=Archive des Kommunismus – Pfade des XX. Jahrhunderts, Bd. 2), Berlin 2003.

40 Marx / Engels: Werke. Bd. 9, Berlin (Ost) 1960, S. 17.

Inhalt – JHK 2010

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