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»Der« Kommunismus aus Oxforder Sicht

JHK 2011 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 367-374 | Aufbau Verlag

Autor/in: Eckhard Jesse

Archie Brown: Aufstieg und Fall des Kommunismus, Berlin: Propyläen Verlag 2009, 938 S., ISBN 978-3-549-07293-6

David Priestland: Weltgeschichte des Kommunismus. Von der Französischen Revolution bis heute, München: Siedler Verlag 2009, 784 S., ISBN 978-3-88680-708-6

Das Schwarzbuch des Kommunismus unter der Ägide des Franzosen Stéphane Courtois – eines früheren Maoisten – schlug wie eine Bombe ein. 1997 auf Französisch erschienen, kam das wichtige Werk 1998 in deutscher Sprache heraus, ergänzt um einen Beitrag von Joachim Gauck und Ehrhart Neubert zu Deutschland.1 Es löste eine ähnlich heftige Diskussion aus wie der Bestseller von David J. Goldhagen über Hitlers willige Vollstrecker. Eine gewisse Paradoxie liegt darin, dass Goldhagen mehr beim breiten Publikum Beifall fand als bei der Fachwissenschaft. Bei Courtois war es eher umgekehrt. Das Werk bot einen umfassenden Überblick zu den Verbrechen des Kommunismus – nicht nur in der Sowjetunion und in (Ost-)Europa, sondern auch in Lateinamerika, Afrika und Asien. Die Bilanz, die Courtois mit seinen Mitarbeitern zieht, war schreckenserregend. Das Buch ist – wie könnte es bei einer Vielzahl an Autoren anders sein? – nicht aus einem Guss verfasst worden. An ihm entspann sich eine heftige Diskussion,2 nachdem der einstige Kommunist François Furet Sympathisanten des Kommunismus bereits zuvor den Fehdehandschuh hingeworfen hatte.3 Wie immer der Leser einzelne Beiträge einordnen mag: Das Schwarzbuch zeichnet sich durch dichte Empirie aus, klare Systematik und scheut nicht vor kräftigen Urteilen zurück. Besonders der umfangreiche Beitrag von Nicolas Werth analysiert das kommunistische System Russlands in ergiebiger Weise, die die furchtbaren Verbrechen zum Vorschein bringt – ohne jede Dämonisierung oder Überzeichnung.

Die späteren Werke Courtois’ und seiner Mitstreiter zum Thema, mehr oder weniger Aufgüsse des Schwarzbuches, fielen etwas ab. Das gilt für den zweiten Band4 (eher ein Schnellschuss) wie für ein Handbuch5 (eher eine wenig systematische Kompilation). In Deutschland legte Gerd Koenen, ein ehemaliger Kader des KBW (Kommunistischer Bund Westdeutschlands), eine Reihe fundierter Studien zum Kommunismus vor, die keineswegs die Verbrechensdimension verabsolutierten, sondern nach seinem »Wesen« fragten.6 Erstaunlicherweise standen die genannten Autoren – zeitweilig – ihrem Untersuchungsgegenstand sehr nahe.

Beherrschten in den Neunzigerjahren also Franzosen den Bereich der Kommunismusforschung mit zahlreichen Publikationen, prägen im neuen Jahrhundert britische Forscher das Bild. Die britische Perspektive zeichnet sich vor allem durch einen größeren Pragmatismus aus. Eric Hobsbawm, der große alte Marxist,7 ist dafür keineswegs charakteristisch. Jüngst haben zwei Oxforder Wissenschaftler je ein umfassendes Buch zum Kommunismus vorgelegt. Beide Autoren, in einer liberalen wissenschaftlichen Atmosphäre sozialisiert, erlagen nie der Versuchung, Parteigänger des Kommunismus zu werden – ganz im Gegensatz zu Courtois. David Priestland, ein Historiker, der im »Schicksalsjahr« des Kommunismus erst 25 Jahre jung war, ist ebenso bestens ausgewiesen8 wie Archie Brown, der, fast eine Generation älter, bis 2005 als Professor für Politikwissenschaft an der Oxford University gelehrt und zu den bekanntesten Sowjetologen gehört hat.9 Oxford scheint eine Hochburg der Kommunismusforschung zu sein, denn bereits 2007 hatte Robert Service eine große, mehr in der Tradition von Courtois stehende Untersuchung zum Weltkommunismus verfasst.10 Worin ähneln sich die Werke Priestlands und Browns, worin unterscheiden sie sich? Welches ist weiterführender?

David Priestlands Großstudie ist breit angelegt. Sie reicht von der Herrschaft der Jakobiner – der Autor sieht in ihr »die klassische Feuertaufe« (S. 25) – bis zur unmittelbaren Gegenwart: »1789-1889-1989 – Die klassische Feuertaufe – Ein deutscher Prometheus – Bronzereiter – Unter den Augen des Westens – Männer aus Stahl – Volksfronten – Der rote Osten – Ein Imperium – Vatermord – Guerillas – Erstarrung – Springflut – Zwillingsrevolutionen – Rot, orange, grün … und rot?« – Diese kurzen und wenig aussagekräftigen Überschriften zu den einzelnen Kapiteln täuschen. Das Buch des Historikers (im Original: The Red Flag. A History of Communism) ist essayistisch und systematisch zugleich. Ein über 50-seitiger Fußnotenapparat fehlt nicht.

Für Priestland gibt es drei Interpretationsansätze zur Erklärung des Kommunismus: die Sicht von Karl Marx im Sinne eines irdischen Paradieses; die »Repressionsthese«, wonach der Kommunismus die Massen unterdrücke. Beide Thesen verwirft der Autor. Er greift vielmehr auf die Aischylos’sche Prometheus-Trilogie zurück und macht sich die Auffassung zu eigen, der Kommunismus sei eine Art prometheisches Projekt: »Prometheus hat zwar den Wunsch, den Menschen zu helfen, aber sein Aufbegehren kann auch dazu führen, dass ›die Erde mitsamt ihren Wurzeln‹ erschüttert wird.« (S. 18) Beim Kommunismus unterscheidet der Autor drei Varianten, ohne Überlappungen zu leugnen: eine romantische, eine technokratische und eine radikale. Damit erklärt Priestland – wenn auch nicht ganz überzeugend – die internen Machtkämpfe: »Daher ist die Geschichte des Kommunismus von Aufruhr und Konflikten geprägt, die eine tiefe Instabilität verursachten, während die Führer – manchmal mit mörderischen Mitteln – darüber stritten, welche Spielart die Oberhand gewinnen sollte.« (S. 21)

Der Autor sieht vier Hauptphasen, was die Geschichte des Kommunismus betrifft: Die erste reicht von der Französischen Revolution bis zu Marx und Engels, die zweite von Lenin bis zu Stalin; die dritte schildert die Expansion des Kommunismus außerhalb Europas – in Asien (zumal in China), in Lateinamerika und in Afrika; die vierte Phase ist die des Niedergangs unter Gorbatschow. Jede Phase wird breit behandelt. »Um den Kommunismus zu verstehen, muss man in eine geistige Welt eintauchen, die sich stark von derjenigen des durchschnittlichen Bewohners des Westens unterscheidet – in diejenige von Lenin, Stalin, Ho Chi Minh, Che Guevara und Gorbatschow sowie all derer, die sie unterstützten oder tolerierten.« (S. 11) Das gelingt Priestland weithin – z. B. dadurch, dass immer wieder anschauliche Beispiele aus kommunistischen Romanen, Filmen, Theaterstücken in die Analyse einfließen.

Alle kommunistischen Strömungen kommen angemessen zur Sprache – auch jene in Lateinamerika und in Afrika. Selbst der Neuen Linken in den westlichen Demokratien wird Gewicht eingeräumt. Sie firmiert zu Recht als linker Romantizismus »mit starken marxistischen Beimengungen« (S. 549). Herbert Marcuses Konzeption verwarf den herkömmlichen Kommunismus ebenso als totalitär wie die westliche Wohlstandsgesellschaft. Kundige Erwähnung finden ferner die Spaltprodukte der antiautoritären Studentenbewegung: die autoritär strukturierten maoistischen Zirkel und die terroristischen Kleingruppen.

Eine Fixierung auf den Sowjetkommunismus unterbleibt mithin, wenngleich das »Vaterland aller Vaterländer« naturgemäß breiten Raum einnimmt. Priestlands Urteil zum Ende des Kommunismus ist so zwingend wie glasklar: »Der Mann, der die Kommunistische Partei der Sowjetunion zerstörte, saß nicht im Weißen Haus in Washington, sondern im Kreml in Moskau, und er wurde weniger von der Angst vor der amerikanischen Militärmacht umgetrieben als vielmehr von dem Wunsch, das System neu zu beleben und offener zu gestalten. […] Die kommunistische Herrschaft implodierte also, und zwar nicht infolge äußeren Druckes, sondern aufgrund einer gewaltlosen Revolution im Innern, die von der Elite der Kommunistischen Partei selbst unternommen wurde.« (S. 635) Weniger überzeugend ist, wenn es am Ende heißt, kommunistische Varianten könnten u. a. aufgrund der weltweiten Finanzkrise eine Renaissance erfahren, zumal dies durch andere Aussagen des Autors konterkariert wird.

Das Buch des Briten reizt nicht sonderlich zu Kontroversen.11 Priestland ist meistens zurückhaltend in seinem Urteil. Und er gehört nicht zu denen, die kein gutes Haar am Kommunismus lassen. Die Verbrechen kommen nicht immer so klar zur Sprache wie nötig. Die Opfer wie die Widerstandskämpfer erhalten oft kein Gesicht. Hier gewinnt die Studie nur an wenigen Stellen Konturen.

Klaus von Beyme, der aufgrund des unerwarteten Unterganges der meisten kommunistischen Systeme von einem »schwarzen Freitag für die Sozialwissenschaften«12 gesprochen hatte, stellte jüngst fest: »Der Zerfall des Kommunismus machte ganze Bibliotheken zu Makulatur. Mich überraschte er auf einer Tagung der Ostforscher in Australien: ›Wir sind ruiniert‹, jammerten einige Kollegen, ›wir müssen jetzt um Asyl im History Department nachsuchen.‹ Einige Ostforscher wurden selbst zu Historikern (wie Archie Brown), die einst durch Innovationen glänzten wie der Einführung des Begriffs ›politische Kultur‹ in die Ostforschung, die es erlaubte, von der ewigen Variation von Totalitarismustheorien abzurücken. Brown (2009) schrieb inzwischen ein repräsentatives Buch über die Geschichte des sowjetischen Kommunismus.«13 Nun, Brown hat keine Geschichte des sowjetischen Kommunismus geschrieben, doch in der Tat nimmt der Autor eine Perspektive ein, bei der dieser klar dominiert. Das ist kein Wunder. Schließlich hat Brown sein wissenschaftliches Leben weithin dem sowjetischen Kommunismus gewidmet. Der Titel (im Original: The Rise and Fall of Communism) – in Anlehnung an Bertolt Brecht (Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny), William Shirer (Aufstieg und Fall des Dritten Reiches) oder Paul Kennedy (Aufstieg und Fall der großen Mächte) – ist Programm, kein Etikettenschwindel.14

Die Hervorhebung der herausragenden Rolle des Sowjetkommunismus ist angesichts dessen Relevanz zwar einerseits berechtigt, andererseits spürt der Leser Browns Herkunft aus der Zunft der Sowjetforschung überdeutlich. Im Vordergrund stehen die Machtkämpfe und Konflikte der Eliten, besonders was den sowjetischen Kommunismus betrifft. Für Brown zeichnet sich der Kommunismus durch sechs Elemente aus. Je zwei betreffen das politische System, das Wirtschaftssystem und die Ideologie. Das Machtmonopol der kommunistischen Partei ist für das politische System ebenso zentral wie der auf Lenin zurückgehende »demokratische Zentralismus«, wonach die Entscheidung der höheren Parteigremien bindend und jegliche »Fraktionsbildung« untersagt war. Für das Wirtschaftssystem ist das nichtkapitalistische Eigentum an den Produktionsmitteln zwingend, Gleiches gilt für die Existenz einer Planwirtschaft. Was die ideologische Sphäre im engeren Sinne betrifft, so nennt der Autor als legitimierende Ziele zum einen, den Kommunismus aufzubauen (dieser Gedankengang ließ allmählich nach), und zum anderen die Existenz einer internationalistischen kommunistischen Bewegung sowie das Gefühl, ihr anzugehören.

Wer glaubt, der Politikwissenschaftler Brown würde damit den Bogen zur Totalitarismusforschung schlagen, sieht sich getäuscht. Er bleibt sich treu – ungeachtet der tektonischen Erschütterungen. Die Frage nach dem Grad des Totalitarismus in den jeweiligen Phasen wird ausgeblendet. »Politikwissenschaftler, die auf die UdSSR spezialisiert waren, verbrachten viel Zeit mit dem weitgehend verfehlten Versuch, verschiedene Etikettierungen für die Sowjetunion zu ersinnen und sich darüber zu streiten, welche am treffendsten sei, wobei sie häufig übersahen, dass es aufschlussreicher gewesen wäre, das System einfach als kommunistisches zu charakterisieren.« (S. 155) Ist das wirklich überzeugend? Denn die Kriterien, die Brown nennt, legen einen Vergleich zu anderen Systemen nahe. Aber das kommt dem Autor nicht in den Sinn.

Im ersten Teil wird der Ursprung und die Entwicklung des Kommunismus bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges erörtert, im zweiten Teil die Zeit vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zum Tod Stalins, im dritten, dem umfangreichsten, die Zeit vom Tod Stalins bis zur Breschnew-Ära, im vierten insbesondere die Krisenhaftigkeit des Kommunismus und im fünften schließlich der Zerfall des Kommunismus. Sind die ersten vier Abschnitte stärker faktenorientiert, konzentriert sich der Autor im letzten auf interpretative Ansätze: Was waren die Gründe für den Zerfall der Sowjetunion? Wieso konnte der Kommunismus bei seinen vergleichsweise schwachen Leistungen derart lange überleben? Und welche Ursachen sind für den Zusammenbruch des Kommunismus auszumachen? Die Politik des Westens zieht Brown bei all diesen Fragen kaum in Betracht – zu Unrecht. Der Keim des Untergangs habe im Kommunismus selbst gelegen. In der Tat ist der Reformwille Gorbatschows eine wichtige (die wichtigste) Ursache für dessen Zerfall. In diesen luziden Passagen, deren Aussagen, etwa über die Stabilität des Breschnew-Regimes, freilich nicht alle Forscher teilen, gewinnt das Werk an Überzeugungskraft. Heute sei vom Kommunismus kaum etwas übriggeblieben. Nur fünf Staaten (China, Kuba, Laos, Nordkorea, Vietnam) würden (mehr oder weniger) kommunistisch regiert. Im Laufe des 20. Jahrhunderts gab es hingegen in insgesamt 36 Staaten kommunistische Regierungen. Die Verbrechen des Kommunismus sind berücksichtigt (China, vom Pol Pot-Regime in Kambodscha nicht zu reden, kommt insgesamt schlechter weg als die Sowjetunion), stehen aber nicht im Mittelpunkt des Werkes. Dieses letzte Kapitel, das neue Interpretationen zur Gorbatschow-Ära bietet, ist das stärkste.

Dem Autor geht es vor allem darum, den Gründen für die Machtübernahe der Kommunisten nachzuspüren und zu klären, warum sie sich so lange an der Macht halten konnten. Schließlich erörtert er die Ursachen für den Zerfall des kommunistischen Systems. Brown schließt mit einem »Nachruf auf eine Illusion«. Sein Urteil ist eindeutig: »Die Idee, eine kommunistische Gesellschaft zu errichten, in der der Staat verschwindet, hat sich als gefährliche Illusion erwiesen.« (S. 817) Allerdings vermeidet der Verfasser eine Generalabrechnung: »Als alternatives Konzept zur Organisation der menschlichen Gesellschaft war der Kommunismus ein entsetzlicher Fehlschlag. Doch nicht zuletzt, weil die kommunistische Ideologie einige unzweifelhaft humanistische Bestrebungen beinhaltete – die der Einparteienstaat allerdings mit Füßen trat –, konnten sich Reformer im Bemühen um Veränderungen auf die Ideologie berufen, wenn sie die Quellen, aus denen sie zitierten, geschickt wählten.« (S. 871) Brown sieht einen tiefen Bruch zwischen den Ansichten Marx’ und denen Lenins.

Sicher, der Brite liefert eine solide, quellen- wie faktengesättigte und somit auch kenntnisreiche Bestandsaufnahme der Geschichte des Kommunismus in seinen verschiedensten Facetten, aber am Ende der Lektüre ist dem Leser die Faszination des Kommunismus nicht so recht klar, zumal der Autor weithin jene Intellektuellen ausblendet, die in den westlichen Demokratien den Kommunismus hatten hochleben lassen. Brown behandelt, und das ist eine Verkürzung, den Kommunismus an der Macht. Die Geschichte der kommunistischen Staaten steht im Vordergrund, nicht das kommunistische Milieu. Der Autor kann nicht plausibel erklären, wieso sich der Kommunismus in China anders entwickelt hatte als in der Sowjetunion. Das Buch, das einen hundertseitigen Fußnotenapparat aufweist, ist über weite Strecken gut geschrieben, aber keineswegs originell. Der Leser vermisst einen roten Faden. Auch eine Synthese darf einen solchen haben.

Brown und Priestland sind ausgesprochene Kommunismusforscher. Daher neigen sie bisweilen dazu, in ihren Gesamtdarstellungen (eher vernachlässigenswerte) Trouvaillen aufzuspüren. Der Kommunismus in seinen verschiedenen Phasen gewinnt so an Kontur. Die Autoren sind weder Demokratie- noch Extremismus- bzw. Autoritarismus- oder Totalitarismusforscher. Deswegen bleiben die Systeme, gegen die sich der Kommunismus gewandt hat, eigentümlich blass, wenn sie überhaupt als geschichtsmächtige Kraft vorkommen. Das gilt für die westlichen Demokratien (anders als bei François Furet) wie für den Nationalsozialismus (anders als bei Ernst Nolte). Hier, aber nur hier, hätten sie in die Lehre ihres Landsmannes Eric Hobsbawm gehen können. Dieser erfasst nämlich die Interaktion zwischen Nationalsozialismus, Kommunismus und der westlichen Welt, wenn auch auf meist fragwürdige Weise. Karl Marx gilt für Brown und Priestland nicht als Ahnherr Lenins. Stalin firmiert nicht als dessen konsequente Weiterentwicklung.

Beide Bücher sind weithin gleichermaßen frei von Apologie und Abrechnung. Die distanzierte Argumentationsweise hat Vor- und Nachteile. So lassen die Autoren einerseits keine sachfremde Emotionalisierung zu, andererseits mag bisweilen der Eindruck mangelnder Empathie für die Opfer des Kommunismus aufkommen. Bei Courtois ist es stets umgekehrt – mit allen Vor- und Nachteilen. Das Urteil Gerd Koenens ist stimmig: »Überhaupt gibt es bei ihm [Priestland], ähnlich wie bei Archie Brown, einen Zug benevolenter britischer ›Fairness‹, die sich nur widerstrebend auf die wirklichen Abgründe in den moralischen Depravationen und paranoiden Entgleisungen der Kommunisten an der Mach einlässt – vermutlich aus der Befürchtung, einem scheinbar siegreichen westlichen Antikommunismus, Neokonservatismus oder Neoliberalismus in die Hände zu spielen.«15

Die Autoren konnten sich schon deshalb nicht aufeinander beziehen, weil die Bücher jeweils 2009 – in englischer und deutscher Sprache – herausgekommen sind. Keiner kann sich vom anderen inspiriert gefühlt haben. Wer erfüllte seine Herkulesaufgabe besser, eine Gesamtgeschichte des Kommunismus zu präsentieren? Manche Parallelen – Stärken wie Schwächen – sind deutlich. So spielt der Kommunismus in Ostdeutschland jeweils keine tragende Rolle, auch nicht dessen Sturz. Den Forschern gelingt es nicht ganz, ihr Schema auf die einzelnen kommunistischen Systeme zu übertragen. Bei Priestland wird die Entstehung des Kommunismus überzeugender beschrieben als sein (faktisches) Ende. Bei Brown ist es umgekehrt.

Priestlands Werk ist weniger konventionell als das von Brown, hingegen lebendiger und anschaulicher. Der Historiker erringt einen Punktsieg über den Politikwissenschaftler, wiewohl dieser ebenfalls mehr erzählt als analysiert. Die Gesamtdarstellungen sind wichtig, doch ob sie »Standardwerke« werden, wie die Verlage meinen? Der Rezensent hegt Zweifel.

Andere Studien, auch wenn sie keine Gesamtdarstellungen bieten, geben einen intensiveren Einblick in die Welt des Kommunismus – so Jörg Baberowskis Der roter Terror, Orlando Figes’ Die Flüsterer oder Karl Schlögels Traum und Terror.16 Vielleicht verbindet Gerd Koenens angekündigte Studie die Systematik einer Gesamtdarstellung mit der Anschaulichkeit der eben genannten Werke, sodass das Phänomen des Kommunismus durch Analysekraft und Engagement historisiert wird.


1 Siehe Stéphane Courtois u. a.: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror, München 1998.

2 Siehe unter einem pointierten Titel Horst Möller (Hg.): Der rote Holocaust und die Deutschen. Die Debatte um das »Schwarzbuch des Kommunismus«, München 1999; wenig ergiebig: Jens Mecklenburg/Wolfgang Wippermann (Hg.): »Roter Holocaust«. Kritik des Schwarzbuchs des Kommunismus, Hamburg 1998.

3 Siehe François Furet: Das Ende der Illusion. Der Kommunismus im 20. Jahrhundert, München 1996.

4 Siehe Stéphane Courtois (Hg.): Das Schwarzbuch des Kommunismus 2. Das schwere Erbe der Ideologie, München 2004.

5 Siehe ders. (Hg.): Das Handbuch des Kommunismus. Geschichte – Ideen – Köpfe, München u. a. 2010.

6 Siehe Gerd Koenen: Die großen Gesänge. Lenin – Stalin – Mao Tse-tung. Führerkulte und Heldenmythen des 20. Jahrhunderts, 2. Aufl. Frankfurt a.M. 1991; ders., Utopie der Säuberung. Was war der Kommunismus?, Berlin 1998; ders.: Traumpfade der Weltrevolution. Das Guevara-Projekt, Köln 2008; ders.: Was war der Kommunismus?, Ein historischer Essay, Göttingen 2010. Eine große Darstellung zum Thema von Gerd Koenen ist angekündigt: Der Kommunismus in seinem Zeitalter (2013 im C.H. Beck Verlag).

7 Siehe dessen Werk zum »kurzen« 20. Jahrhundert: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 
20. Jahrhunderts, München 1995.

8 Siehe u. a. David Priestland: Stalinism and the Politics of Mobilization, Oxford 2007.

9 Siehe u. a. Archie Brown: Der Gorbatschow-Faktor. Wandel einer Weltmacht, Frankfurt a.M./Leipzig 2000.

10 Siehe Robert Service: Comrades! A History of World Communism, London 2007.

11 Siehe die im Tenor weithin ähnlichen Besprechungen von Adolf Kimmel, Wolfgang Kraushaar und Patrick Moreau unter der Rubrik »Kontrovers besprochen«, in: Uwe Backes/Alexander Gallus/Eckhard Jesse (Hg.): Jahrbuch Extremismus & Demokratie, Bd. 22, Baden-Baden 2010, S. 288–297.

12 Klaus von Beyme: Systemwechsel in Osteuropa, Frankfurt a.M. 1994, S. 35.

13 Ders., Zur Soziologie wissenschaftlicher Kommunikation im Fach Politikwissenschaft, in: Christoph Bieber/Benjamin Drechsel/Anne-Katrin Lang (Hg.): Kultur im Konflikt. Claus Leggewie revisited, Bielefeld 2010, S. 400.

14 Auch bei David Priestland taucht diese klassische Formulierung wortwörtlich auf – im Klappentext des Buches.

15 Gerd Koenen, in: Osteuropa 60 (2010), H. 9, S. 129.

16 Siehe Jörg Baberowski: Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus, München 2003; Orlando Figes: Die Flüsterer. Leben in Stalins Russland, Berlin 2008; Karl Schlögel: Traum und Terror. Moskau 1937, München 2008.

Inhalt – JHK 2011

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