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Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg im heutigen Russland

JHK 2011 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 253-256 | Aufbau Verlag

Autor/in: Jörg Morré

Im Mai flattern in Russland überall die orange-schwarzen Georgsbändchen; sei es am Heck des wuchtigen Geländewagens eines Moskauer Neureichen, am Koffergriff des unscheinbaren Mitreisenden am Flughafen oder lässig am Handgelenk eines Jugendlichen. Es ist die in der russischen Gesellschaft allgegenwärtige Erinnerung an den Sieg der Roten Armee im Großen Vaterländischen Krieg, den die Sowjetunion über das nationalsozialistische Deutschland errang und an den in Russland traditionell am 9. Mai erinnert wird. In diesem Jahr fielen die Feierlichkeiten wegen des 65. Jahrestages etwas umfangreicher aus. Irina Ščerbakova, Historikerin und Leiterin des Bildungsprogrammes von Memorial, brandmarkt das Phänomen der Georgsbändchen, das die russische Regierung zum 60. Jahrestag 2005 ins Leben rief, als »ritualisierte, nichtssagende Symbolik, mit der die historische Wahrheit verborgen werden soll«.1 Aber es funktioniert, weil – das ist die These des folgenden Beitrages – es dem russischen Staat gelungen ist, eine von ihm autorisierte Geschichtserinnerung an das Volk weiterzugeben, das daneben noch eine vollkommen eigene Erinnerung pflegt.

In Russland stehen auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion noch alle Denkmäler, die an den Sieg der Roten Armee 1945 erinnern. Die komplette sowjetische Symbolik ist erhalten geblieben. Und selbstverständlich ist auf den Inschriften immer nur das Zahlenpaar 1941–1945 zu lesen. Es markiert die Periode des sogenannten Großen Vaterländischen Krieges, der am 22. Juni 1941 mit dem deutschen Überfall begann und die Sowjetunion in einen opferreichen Abwehrkampf zwang, und der mit einem vollständigen Sieg über Deutschland endete, das am 8. Mai 1945 bedingungslos kapitulieren musste. Diese Sicht blendet viele Aspekte aus: den Hitler-Stalin-Pakt (»Molotov-Ribbentrop-Pakt« in der russischen Geschichtsschreibung), den darauf folgenden Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, an dem die Sowjetunion ebenso beteiligt war, und die sowjetische Provokation des Winterkrieges gegen Finnland von 1939/1940. Nichtsdestotrotz werden die mitunter monumentalen Gedenkanlagen zahlreich von Schulklassen, Jugendgruppen und traditionell auch von frisch vermählten Brautpaaren besucht. In Wolgograd waren in diesem Jahr sogar Jungen und Mädchen zu beobachten, die in Uniform und mit umgehängter Maschinenpistole Ehrenwache vor der ewigen Flamme zum Gedenken an den unbekannten Soldaten hielten. Nowgorod feierte seinen ihm jüngst verliehenen Ehrentitel »Stadt des ruhmreichen Kampfes« (»gorod voinskoj slavy«); eine Ehrung, die seit dem 9. Mai 2006 vergeben wird. An der Moskauer Kremlmauer wurde deswegen das Denkmal der sowjetischen »Heldenstädte« (»goroda geroi«) um die Namen der russischen »Ruhmesstädte« erweitert. Die Intention liegt auf der Hand: Man setzt die in der Sowjetunion entwickelten Erinnerungsformen in einer russifizierten Variante fort und schafft sich dort, wo dies auf Probleme stößt, entsprechende Äquivalente. Weil von den 13 Heldenstädten nur sieben auf dem Territorium der heutigen Russischen Föderation liegen, gibt es nun daneben 27 Ruhmesstädte. Es ist alles wieder so wie früher, denkt man. Und man irrt.

Es gibt Veränderungen. In der öffentlichen Erinnerung wird der Sieg nicht mehr nur für das eigene Land beansprucht. So ist in den letzten Jahren zu beobachten gewesen, dass der Anteil der Alliierten am Sieg stärker betont wird; eine Tatsache, die zu Sowjetzeiten eher verschwiegen wurde. Neben wissenschaftlichen Darstellungen zur Militärhilfe der Westalliierten (Lend-Lease-Act) wurde das alliierte Engagement auch in einer Sonderausstellung im Zentralen Museum der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges auf dem »Verneigungshügel« in Moskau – eine 1995 eingeweihte, ganz in der Tradition der sowjetischen Erinnerungskultur stehende Monumentalgedenkanlage – gewürdigt. Erstmals marschierten in diesem Jahr auf der alljährlichen Siegesparade auf dem Roten Platz Soldaten der damaligen Verbündeten mit.

Im universitären Bereich wird auf Tagungen zunehmend häufiger über regional angesiedelte Forschungsprojekte zur Kriegszeit vorgetragen, die die Zerstörungen und gesellschaftlichen Folgen zum Gegenstand haben. Die Bestände in den Gebietsarchiven (die meistens die aufgelösten Parteiarchive der KPdSU übernommen haben) werden daraufhin geprüft, und man versucht, auch jene der lokalen Archive des Föderalen Sicherheitsdienstes einzubeziehen. Daneben ist die Gattung der biografischen Quellen entdeckt worden, das heißt, Briefe, Tagebücher, unveröffentlichte Memoiren und auch Zeichnungen (Fotos seltener, weil die wenigsten in der Kriegszeit über einen Fotoapparat verfügten), die meistens privat gesammelt werden. Es gibt auch Feldexkursionen, die vornehmlich der Totensuche gelten, aber manchmal auch die Topografie von Lagern, Schlachtfeldern und dergleichen freilegen und dabei eine Fülle von Überresten zutage fördern. Alle diese Initiativen vermeiden bewusst den Kontakt mit Moskau, denn man befürchtet, dass Zentralarchive oder Nationalmuseen die gesammelten Dokumente und Exponate für sich beanspruchen könnten.

Die Totensuche leitet schnell über zu der Problematik der Bestattung und damit auch zu der der Identifizierung, die wiederum zu einem individuellen Erinnern führt. Örtliche Initiativen nehmen sich dabei häufig ein Beispiel an der Arbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Es findet große Anerkennung, sich um die Bergung und Beisetzung seiner Kriegstoten zu kümmern. Das geht so weit, dass der Kriegstod eines deutschen Soldaten ebenso als familiäre Tragödie betrachtet wird, wie dies für den Verlust eines eigenen Angehörigen gilt – ein echter Akt der Versöhnung. Dennoch liegt dem politisch korrekten Deutschen dann auf der Zunge, dass eben dieser Großvater als Soldat einer faschistischen Wehrmacht die Sowjetunion mit einem Vernichtungskrieg überzogen hat. Aber darum geht es aus russischer Sicht nicht. Das heutige Russland ist im Begriff, seine Kriegstoten beisetzen zu können: Man will die Toten finden, von ihrem Schicksal erfahren, ihren Tod würdigen und zugleich das besitzen, was die Vorfahren erkämpft haben – den Sieg. Und genau dort liegt der Berührungspunkt zwischen Volksempfinden und staatlich gelenktem Erinnern.

Die vom Staat geförderten bzw. inszenierten Formen des Erinnerns garantieren der russischen Gesellschaft eine als wohltuend empfundene Kontinuität zu den sowjetischen Riten. Sie finden vollkommen isoliert vom persönlichen Erinnern statt, das – auf lokaler Ebene – zunehmend öffentlicher wird. Aber das private und das öffentliche Gedenken sind mitnichten deckungsgleich. »Die Macht« (vlast’) – eine im Russischen allseits gebräuchliche Bezeichnung für den Staat – bestimmt auch auf lokaler Ebene den Rahmen öffentlichen Gedenkens. Trotzdem schöpfen Forscher und lokale Initiativen aus den von ihnen privat gesammelten oder meistens außerhalb von staatlichen Archiven eingesehenen biografischen Quellen (Museen sind in dieser Hinsicht interessant geworden). Als ein derartiger neuer Quellenbestand kann auch der von Memorial schon vor Jahren initiierte Schreibwettbewerb gelten, der durch das Aufschreiben von Familiengeschichte(n) tatsächlich eine vollkommen neue Quellenbasis hervorbrachte.2 Interessanterweise mangelt es im Umgang mit diesen biografischen Quellen oft an jeglicher Quellenkritik, weil ganz selbstverständlich von einem »Volkserinnern« (»narodnaja pamjat’«) ausgegangen wird, das in Abgrenzung zum »staatlichen Erinnern« »der Macht« steht. Der Versuch, beides als ein »gesellschaftliches Erinnern« zusammenzubringen wird gar nicht erst gemacht. Eben deswegen ist in Russland der deutsche Begriff der »Erinnerungskultur«, dem ja die Vorstellung von einem gesamtgesellschaftlich ausgetragenen Ringen um ein gemeinsames Geschichtsbild zugrunde liegt, vollkommen fremd.

Die Bevölkerung Russlands gibt das öffentliche Erinnern bereitwillig an den Staat ab. »Die Macht« setzt die Akzente, die auch im Ausland wahrgenommen werden: ein großer Sieg, der in der Hauptsache von der Roten Armee errungen wurde, wobei der Anteil der Alliierten inzwischen mehr gewürdigt wird als früher; Russland als Befreier Europas vom Faschismus, was in Zeiten der europäischen Einigung, zumal sie sich nach Osten ausstreckt, nicht vergessen werden soll; die wichtigste historische Lehre aus dem unter großen Opfern errungenen Sieg ist die notwendige Stärke des heutigen Russlands zur Wahrung seiner Interessen. Der Staat tut alles, um dieses Geschichtsbild in die nächste Generation zu tragen.3 Und der Staat setzt demonstrativ eine Kommission zur Bekämpfung von Geschichtsfälschungen ein.4 Das ist eine ernstzunehmende Drohung an diejenigen, die dem staatlichen Geschichtsbild offen, dass heißt so, dass es »der Macht« schaden könnte, widersprechen wollen. Aber in erster Linie erfüllt die Kommission, über die in akademischen Kreisen offen abwertend gesprochen wird, ihren Zweck allein durch ihre Existenz.

Alle im Lande wissen um das staatlich beanspruchte Deutungsmonopol. Dieses lässt durchaus die oben beschriebenen regionalen Initiativen zu, denn in der Regel wirken sie nicht über den Ort ihres Entstehens hinaus; geschweige denn, dass sie innerhalb des riesigen Landes vernetzt sind. Hinzu kommt, dass in den etablierten akademischen Kreisen Ansätze wie Alltagsgeschichte oder oral history überwiegend belächelt werden. Die zumeist jungen Kolleginnen und Kollegen, die diese Forschungsansätze wählen, werden sich auf dem Weg ihrer weiteren Berufslaufbahn nicht allzu lange damit aufhalten können, wenn sie anerkannt werden wollen.

So nehmen in der Russischen Föderation neben dem scheinbar monolithischen Staatsgedenken individuelle Formen des Erinnerns zu. Auffällig ist zum Beispiel, dass mehr und mehr regional zu Kriegsereignissen publiziert wird. Allerdings geschieht dies in kleinen Auflagen und ohne ein Buchvertriebssystem, sodass die Verbreitung fast nur über den persönlichen Bekanntenkreis der Autoren realisiert werden kann. Aber der Buchmarkt insgesamt weitet sich aus. Die Moskauer Buchläden quellen über vor Literatur zum Zweiten Weltkrieg. Zum einen ist es die wohl unvermeidliche Militarialiteratur, die aber den deutschen Waffen und Heerführern mindestens so viel Aufmerksamkeit widmet wie denen der Roten Armee. Dann sind es Darstellungen, die Legenden zerstören, Mythen entzaubern und die ganze Wahrheit vor dem Leser ausbreiten wollen.5 Und es gibt zäh zu lesende Schlachtengeschichten, die sich aber bemühen, alle Details zu rekonstruieren und zu belegen.6 Daneben gibt es Autoren, die ihre Bücher als Projekte verstehen, um Erinnerungen des »einfachen Soldaten« zu publizieren.7 »Die Macht« veröffentlicht darüber hinaus unter Einbeziehung der nur ihr zugänglichen Archivquellen ihre Sicht der Dinge, die sie allerdings nicht in den Kontext einer Auseinandersetzung mit der bestehenden Literatur zum Thema setzt.8 Und schließlich haben die Veteranen angefangen, ihre Erinnerungen in einem groß angelegten Projekt zu verschriftlichen.9

Es sind zunehmend mehr Quellen auf dem Markt, die in ganz unterschiedlichen Erinnerungszusammenhängen genutzt werden. Dabei geht es nicht darum, die hier sogenannte Volkserinnerung, die ihren Platz vornehmlich – aber eben nicht nur – in der Familie hat, gegen die staatliche Erinnerung anzuführen.10 Beide existieren nebeneinander, und fangen an, sich zu beeinflussen. So wird mehr und mehr beklagt, dass staatliche Archive immer noch recht verschlossen sind (vor allem das des Verteidigungsministeriums in Podol’sk). Die Schilderungen der Veteranen werden nicht mehr als Ersatz für das Fehlen von historischen Quellen gesehen. Stattdessen werden Ereignisse des Krieges auf lokaler Ebene hinterfragt und mit den dort zur Verfügung stehenden Möglichkeiten erforscht. Georgsbändchen als Massenphänomen sind dabei nur die eine, von außen als irritierend wahrgenommene Seite der Medaille.


1 Irina Ščerbakova: Wenn Stumme mit Tauben reden. Generationendialog und Geschichtspolitik in Russland, in: Osteuropa 60 (2010), H. 5, S. 17–25, hier S. 24; offizielle Website der Aktion »Georgsbändchen« siehe in: www.gl.9may.ru, ges. am 17. November 2010.

2 Irina Ščerbakova (Hg.): Russlands Gedächtnis. Jugendliche entdecken vergessene Lebensgeschichte, Hamburg 2003.

3 Siehe Russland-Analysen Nr. 196 vom 12. Februar 2010; online siehe in: www.laender-analysen.de/russland/pdf/Russlandanalysen196.pdf, ges. am 17. November 2011.

4 Für den Wortlaut des Erlasses siehe Russland kämpft. Gesetz und Kommission gegen Geschichtsfälscher, in: Osteuropa 59 (2009), H. 7/8, S. 273–275.

5 Siehe die auf fünf Bände angelegte Reihe »200 mifov o Velikoj Otečestvennoj Vojne« [200 Mythen des Großen Vaterländischen Krieges] von A. B. Martirosjan ; www.veche.ru/books/catalog/200-mif-o-velikoy-otechestvennoi-voine, ges. am 17. November 2010.

6 Siehe die Reihen »Triumfy i tragedii Velikoj vojny« [Triumphe und Tragödien des Großen Krieges] und »Voennye tajny xx veka« [Kriegsgeheimnisse des 20. Jahrhunderts]; www.veche.ru/books/catalog/istoriya/xx-vek-i-sovremennaya-istoriya/Triymfi-i-tragedii-velikoi-voini und www.veche.ru/books/catalog/istoriya/xx-vek-i-sovremennaya-istoriya/voennye-tainy-xx-veka, ges. am 17. November 2010.

7 Siehe in: www.iremember.ru, ges. am 17. November 2010.

8 Velikaja Otecčestvennaja bez grifa sekretnosti. Kniga poter’ [Der Große Vaterländische Krieg ohne Geheimhaltungsvermerk. Buch der Verluste], hg. von G. F. Krivoščeev u. a., Moskau 2010.

9 Siehe die bislang zwölfbändige Reihe »Ot soldata do generala« [Vom Soldaten bis zum General] der Akademie für historische Wissenschaften, in: www.ainros.ru, ges. am 17. November 2010.

10 Siehe Bosis Dubin: Erinnern als staatliche Veranstaltung. Geschichte und Herrschaft in Russland, in: Osteuropa 58 (2008), H. 6, S. 57–66, hier S. 64.

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