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Die zeitgeschichtliche Forschung im Baltikum und der Antikommunismus

JHK 2011 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 265-268 | Aufbau Verlag

Autor/in: Olaf Mertelsmann

1Wer die zeithistorische Forschung im Baltikum insbesondere zur Ära der baltischen Sowjetrepubliken betrachtet, kann sich des Eindrucks eines starken antikommunistischen Untertons nicht erwehren. Dies lässt sich offensichtlich mit der historischen Erfahrung und der Genese der baltischen Zeitgeschichte erklären. Der Stalinismus forderte im Baltikum einen deutlich höheren Blutzoll als in den meisten ostmitteleuropäischen Ländern, und kaum eine Familie blieb unberührt. Wenn die baltischen Sowjetrepubliken sich nach dem Tode Stalins auch zu »Musterrepubliken« oder »Schaufenstern des Sozialismus« entwickelten, was im Falle der Estnischen SSR wohl am deutlichsten zutage trat, so wurde die Erinnerung an die Gewaltgeschichte der Vierziger- und Fünfzigerjahre im Freundes- und Familienkreis doch stets weitergetragen. Als sich mit den Reformen Gorbačëvs die Zensur abmilderte, sollte das Gedenken an den stalinistischen Terror ein wesentlicher Faktor zur Mobilisierung der Bevölkerung im Namen von Demokratisierung und schließlich Eigenstaatlichkeit werden. Bis heute steht der Status der eigenen Nation als Opfer des Stalinismus im Zentrum der historischen Erinnerung in den baltischen Staaten. Hierbei geht es nicht nur um das bloße Gedenken an Massenmord, Repressalien oder Deportationen, sondern auch um die für ein halbes Jahrhundert verlorene Chance, den Anschluss an den westeuropäischen Entwicklungsstand zu finden. Vor der Einverleibung in die Sowjetunion waren die baltischen Staaten nämlich fast auf dem sozioökonomischen Niveau eines Staates wie Finnland angelangt und deutlich entwickelter als Südeuropa. Heute zählen sie dagegen zu den ärmsten Mitgliedern der Europäischen Union. In diesem Zusammenhang lässt sich die starke Ablehnung des Kommunismus oder anderer linksgerichteter Ideologien aus der historischen Erfahrung ableiten. Das geht so weit, dass sich die estnischen Sozialdemokraten, die sich ohnehin eher als konservative Sozialliberale charakterisieren lassen, für nahezu ein Jahrzehnt als »Gemäßigte« (Mõõdukad) bezeichneten, um das Wort »sozialdemokratisch« nicht im Namen tragen zu müssen.

In der baltischen Geschichtsschreibung dominiert seit der Erringung der Unabhängigkeit nach dem Ersten Weltkrieg ein nationales Paradigma. Es wird vor allem die Geschichte der eigenen Nation geschrieben und nicht unbedingt Landesgeschichte betrieben. Auch unter den Sowjets blieb diese Prämisse bestehen, wenn auch im marxistisch-leninistischen Gewand und angereichert um die Idealisierung der Beziehung zur russischen Nation. Seit den späten Achtzigerjahren wird das nationale Metanarrativ nun als Opfererzählung mit antirussischen und bezüglich der Zeitgeschichte antikommunistischen Untertönen fortgeführt, wobei die eigene starke marxistische Tradition vor allem in Estland und Lettland nahezu ins Vergessen gerät.

In der Sowjetzeit bestanden prinzipiell drei Narrative zur baltischen Zeitgeschichte. Das offizielle sowjetbaltische Geschichtsbild sollte in erster Linie eine Erfolgserzählung liefern, wenn auch seit der Regierungszeit Chruščëvs einzelne kritische Nuancen, zum Beispiel bezüglich der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, geduldet wurden. Zweitens bestand eine insgesamt langfristig wirkungsmächtigere Darstellung des baltischen Exils, die fachlich der sowjetbaltischen Historiografie überlegen und erstaunlich gut informiert war.2 Dem baltischen Exil war verständlicherweise ein antikommunistischer Unterton zu eigen. Drittens existierte eine im Familien- und Freundeskreis tradierte Überlieferung, die seit Ende der Achtzigerjahre auch publiziert wurde.3 In der Zeit des Untergangs des sowjetischen Regimes verschmolzen in erster Linie die Arbeiten des Exils mit der privat überlieferten Darstellung, und noch vor Öffnung der Archive begannen umfangreiche Arbeiten auf dem Gebiet der oral history, wie Interviews mit Zeitzeugen oder das Sammeln von Lebensberichten. Die »Archivrevolution«, also die Öffnung der vormals geheimen sowjetischen Archivbestände, ermöglichte anschließend, die »weißen Flecken« der eigenen Geschichte auf der Basis empirischer Forschung zu untersuchen. Zahlreiche Kommissionen und Historiker nahmen sich besonders der Ära des Stalinismus an und legten ihre Schwerpunkte auf Terror, Widerstand, politische Geschichte und Zweiten Weltkrieg; doch auch die deutsche Okkupation und der Holocaust der baltischen Juden wurden, wenn auch mit Verspätung, gründlich untersucht.

Beide Themen, Stalinismus und deutsche Besetzung sind tatsächlich eng miteinander verknüpft und dürfen nicht komplett isoliert betrachtet werden. Am bekanntesten sind die drei staatlichen internationalen Historikerkommissionen, die sich Ende der Neunzigerjahre formierten und eine umfangreiche Forschungs- und Publikationstätigkeit an den Tag legten.4 In Estland ist die Historikerkommission inzwischen durch das Estnische Institut des historischen Gedächtnisses (Eesti Mälu Instituut) ersetzt worden.5

Methodisch wurde oftmals stark deskriptiv vorgegangen, sodass mitunter einfach der Inhalt der Quellen nacherzählt und die Analyse vernachlässigt wurde. Doch inzwischen zeichnen sich eine gewisse Internationalisierung sowie eine bessere Vernetzung der baltischen Zeitgeschichte ab.6 Das inhaltlich-methodische Niveau ist im Laufe der Zeit dank Impulsen aus dem Ausland und eines sich abzeichnenden Generationswechsels deutlich gestiegen. War in den Neunzigerjahren die Diskussion noch sehr emotional geprägt und konnte auch das Bestehen von Tabuthemen wie beispielsweise die Kollaboration mit den sowjetischen und nationalsozialistischen Machthabern nicht geleugnet werden, so ist die Debatte heutzutage weitaus sachlicher geworden, wie auf dem Baltischen Historikertreffen 2010 in Göttingen zu sehen war. Dort konnten baltische, deutsche und russische Forscher vorurteilsfrei über Normalisierung, Anpassung und das »Sich-Durchwursteln« in den baltischen Sowjetrepubliken diskutieren.

Doch dass die Debatte unter Historikern sachlicher geworden ist, lässt sich noch nicht auf die Gesellschaft übertragen. Zwar stehen die heutigen Studenten, die nicht mehr der Erlebnisgeneration angehören, der sowjetischen Geschichte neutraler und neugieriger gegenüber als noch vor einem Jahrzehnt, aber in den Medien oder bei öffentlichen Veranstaltungen wird über die sowjetische Erfahrung deutlich emotionaler debattiert und eine Gleichsetzung von Kommunismus und Nationalsozialismus steht im Raum. Dies erklärt auch den Erfolg des lettischen Dokumentarfilms The Soviet Story aus dem Jahr 2008 unter der Regie von Edvīns Šnore. Obwohl der Film oft an einen Propagandastreifen erinnert, zahlreiche Fehler enthält und einen Teil seiner Argumentation auf gefälschten Dokumenten aufbaut, wurde er im Baltikum sehr positiv aufgenommen, denn er schien ja zu belegen, dass die Kommunisten genauso schlimm wie die Nazis waren. Selbst Historiker sind auf die plumpen Fälschungen hereingefallen.

Wie antikommunistisch die Einstellung im Baltikum ist, mögen zwei Beispiele illustrieren. Im Jahr 2005, anlässlich eines Fußballspiels zwischen Mannschaften des estnischen Fernsehens und des estnischen Radios, trugen einige prominente Zuschauer ein T-Shirt, auf dem auf der Vorderseite »Wie lange noch?« (»Kaua võib?«) und auf der Rückseite »Kommunisten in den Ofen!« (»Kommarid ahju!«) mitsamt einer Namensliste von Parlamentsabgeordneten und anderen bekannten Politikern stand, die ehemals Mitglieder der Kommunistischen Partei gewesen waren. Unter den Trägern eines solchen T-Shirts befand sich auch Indrek Tarand, damals Direktor des Estnischen Militärmuseums und heute Abgeordneter des Europaparlaments. Anstatt Tarand zu feuern, trat der estnische Verteidigungsminister wegen des Skandals zurück. Die Losung »Kommunisten in den Ofen« stieß in der breiten Öffentlichkeit eher auf Zustimmung, und außerdem kam eine Expertise von Semiotikern zu dem Schluss, das Ganze sei harmlos. Inzwischen ist in Litauen das Zeigen kommunistischer ebenso wie nationalsozialistischer Symbole verboten. Ich denke, bei einer Volksbefragung in Lettland oder Estland würde sich die Mehrheit auch für ein solches Verbot aussprechen.

Noch in den Neunzigerjahren fand sich in der baltischen Forschung immer wieder die These vom sowjetischen Genozid an den baltischen Völkern. Die seriöse Forschung hat inzwischen zunehmend davon Abstand genommen, jedoch ist die These unter den Autoren populärwissenschaftlicher Veröffentlichungen weit verbreitet.

Vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund agieren baltische Zeithistoriker, was die antikommunistische Grundlinie ein wenig erklären mag. Wer an bestimmten festgeschriebenen Geschichtsauffassungen rüttelt, gerät in Gefahr, als Nestbeschmutzer, Verharmloser des Stalinismus, vom Kreml bezahlt oder Geschichtsfälscher bezeichnet zu werden, allerdings ohne dass daraus berufliche Konsequenzen erwachsen würden. In Estland, das ich am besten kenne, haben sich gewisse öffentliche Kontroversen sogar als eher karriereförderlich erwiesen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die baltische Zeitgeschichtsforschung in den letzten Jahren insgesamt positiv entwickelt hat, jedoch besteht ein gewisser methodischer Nachholbedarf. Der antikommunistische Unterton wird jedenfalls noch lange erhalten bleiben.


1 Dieser Beitrag wurde im Rahmen des Projekts »Estland während des Kalten Krieges« (SF0180050s09) verfasst.

2 Bis heute gilt als Standardwerk: Romuald Misiunas/Rein Taagepera: The Baltic States: Years of Dependence, 1940–1980, London 1983.

3 Als Beispiel dieser privaten Meistererzählung kann das Werk »Heimatgeschichte« dreier damals junger Historiker erwähnt werden, die heute in Politik oder Forschung reüssiert haben: Mart Laar/Lauri Vahtre/Heiki Valk: Kodu lugu [Heimatgeschichte], 2 Bde., Tallinn 1989.

4 Siehe Walter M. Iber/Peter Ruggenthaler: Drei Besatzungen unter zwei Diktaturen. Eine vorläufige Bilanz der Forschungsarbeiten der internationalen Historikerkommissionen in Lettland, Litauen und Estland, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2007, S. 276–296.

5 www.mnemosyne.ee, ges. am 23. Juli 2010.

6 Beispielsweise Anu Mai Kõll (Hg.): The Baltic Countries under Occupation: Soviet and Nazi Rule 1939–1991, Stockholm 2003; Olaf Mertelsmann (Hg.): The Sovietization of the Baltic States, 1940–1956, Tartu 2003; Alfred Erich Senn: Lithuania 1940: Revolution from Above, Amsterdam/New York 2007; Elena Zubkova: Pribaltika i Kreml’ 1940–1953 [Das Baltikum und der Kreml 1940–1953], Moskau 2008; Björn M. Felder: Lettland im Zweiten Weltkrieg. Zwischen sowjetischen und deutschen Besatzern 1940–1946, Paderborn 2009.

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