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Im Schatten seiner Frau. Das Schicksal des Moskauer Politemigranten Valentin Hahne

JHK 2011 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 195-204 | Aufbau Verlag

Autor/in: Andreas Herbst

2008 veröffentlichte der Historiker Werner Reutter eine biografische Skizze über jene Frau, in deren politischen Schatten Valentin Hahne zeitlebens stand.1 Margarete Hahne, geborene Lux, gehörte vor 1933 zu den wenigen Frauen, die in der männerdominierten KPD Führungsaufgaben übernahmen. Auf dem XII. Parteitag der KPD im Juni 1929 war die Breslauer Funktionärin in das ZK aufgenommen worden. Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten flüchtete sie und kämpfte von der Tschechoslowakei, später von Frankreich aus gegen das NS-Regime.2

In einem im Frühjahr 2010 geführten Gespräch mit Susanne Pfenner, der neunzigjährigen Tochter von Margarete und Valentin Hahne, wurde ich von ihr auf das bisher unbekannte Schicksal ihres Vaters aufmerksam gemacht, über das hier berichtet werden soll.3

Der am 9. Februar 1892 in Breslau als Sohn eines Zigarrenmachers geborene Valentin Hahne absolvierte nach der Volksschule eine kaufmännische Ausbildung, lernte Englisch und arbeitete für ein amerikanisches Versicherungsbüro. Schon als Kind kam er mit der revolutionären Bewegung in Berührung, über seinen Vater schrieb er, dass dieser sich mit Stolz als »Pionier des Sozialismus« bezeichnet habe. Zusammen mit seinem Bruder sammelte Valentin Hahne Steine für das Breslauer Gewerkschaftshaus und erhielt als Auszeichnung ein Buch der legendären Kämpferin der Pariser Kommune Luise Michel.4 Zunächst im Handlungsgehilfenverein, später im Zentralverband der Angestellten organisiert, gehörte er seit 1910 der SPD an und warf sich bei Kriegsausbruch der nationalistischen Welle entgegen. Am ersten Tag der Mobilmachung blieb er beim Singen des Deutschlandliedes im Breslauer Restaurant »Pariser Garten« demonstrativ sitzen und wurde von der kriegsbegeisterten Menge beschimpft und aus dem Lokal geworfen. Im November 1914 zum Kriegsdienst eingezogen, nahm er bis 1918 am Ersten Weltkrieg teil. Als aktiver Kriegsgegner leistete er antimilitaristische Arbeit, agitierte unter den Soldaten und wurde bereits 1915 wegen des Vorwurfs der Selbstverstümmelung vor ein Kriegsgericht gestellt. Valentin Hahne hatte sich den rechten Zeigefinger abgeschossen. Mangels Beweisen wurde er nicht verurteilt und kam als felddienstuntauglich in die Einheit nach Brest-Litowsk. Hier setzte er seine Antikriegsarbeit fort, gehörte während der Novemberrevolution dem Soldatenrat an und wurde Mitglied der USPD. Im Februar 1919 schloss er sich der gerade gegründeten KPD an und arbeitete bei der Zeitung Kommunist in Breslau. Margarete Lux, die er in Brest-Litowsk kennengelernt hatte und die er für die Antikriegsarbeit gewann, wurde seine Lebensgefährtin. Am 12. September 1919 heirateten sie, im Februar 1920 wurde die gemeinsame Tochter Susanne geboren.

In den nachrevolutionären Kämpfen im Januar 1919, den oberschlesischen Aufständen sowie beim Kapp-Putsch 1920 stand Valentin Hahne immer an vorderster Front. Zusammen mit Werner Hirsch5 befand er sich von Juni bis August 1919 in »Schutzhaft« auf der Festung Glatz. Nach eigener Aussage entging er bei der Abwehr des Kapp-Putsches in Breslau im Frühjahr 1920 dem Tod durch Flucht. Damals wurden zwölf Kommunisten in Breslau ermordet.6

Als Angestellter eines Vermittlungsbüros für Wohnungen hatte er, so schrieb er, ausreichend Zeit, für den Apparat der KPD-Bezirksleitung Schlesien vornehmlich im Bereich von Agitation und Propaganda zu arbeiten. Er war u. a. Agitpropleiter im Unterbezirk Breslau Süd und half beim technischen Aufbau der Breslauer Sektion der politischen Hilfsorganisation »Rote Hilfe Deutschlands« (RHD) und anderer KPD-naher Organisationen.

Hahne war aber nicht nur technischer Angestellter. In einem 1936 in Moskau verfassten Lebenslauf über die innerparteilichen Auseinandersetzungen berichtet er: »1927 begannen die Kämpfe mit den Brandleristen, wir hatten mit Hausen, Gläser etc. heftige Auseinandersetzungen, mitunter sogar blutige. Dabei ging auch meine Freundschaft mit einem Betriebsrat eines großen Metallbetriebs in die Brüche. Mit dem ich 1 ½ Jahre lang eine illegale Betriebszeitung in unserer Wohnung herstellte, für die 500 Mark Belohnung ausgesetzt waren. Unsere Wohnung war überhaupt Sammelpunkt für alles mögliche: illegale Versammlungen, Theater- und Gesangsübungen u. unvorsichtigerweise auch Zufluchtsort für pol. Flüchtlinge, ganz besonders zur Zeit als Grete die R. H. Schlesiens leitete und den R.F.M.B.«7

Margarete Hahne gehörte in Schlesien zu den bekanntesten Frauen der KPD. Sie war 1926 Mitbegründerin des »Rote Frauen und Mädchenbundes« (RFMB) und stand dem Bund in Schlesien vor. Seit 1928 gehörte sie der Bezirksleitung (BL) der KPD an und leitete die Frauenarbeit. Im gleichen Jahr kandidierte sie für den Preußischen Landtag, wurde jedoch nicht gewählt, dafür kam sie in die Stadtverordnetenversammlung von Breslau. Im Sommer 1929 übersiedelte die Familie nach Berlin. Margarete Hahne war im Juni 1929 in das ZK der KPD gewählt worden und arbeitete zunächst als Reichssekretärin bei der »Arbeitsgemeinschaft sozialpolitischer Organisationen« (ARSO). Valentin Hahne begann als technischer Angestellter im Apparat des ZK. Von nun an war er verantwortlich für die dekorative Ausgestaltung des Karl-Liebknecht-Hauses sowie großer KPD-Veranstaltungen u. a. im Lustgarten, im Sportpalast, in der Versammlungsstätte »Neue Welt« im Berliner Bezirk Neukölln, den Sophiensälen im Handwerkervereinshaus, im Saalbau und in den Sälen am Märchenbrunnen im Bezirk Friedrichshain. In Funktionärskreisen war er unter dem Namen »Maler-Willy« als Haus- und Versammlungsdekorateur des ZK und der BL Berlin-Brandenburg bekannt und arbeitete u. a. eng mit dem Grafiker Max Keilson8 zusammen, der für die gesamte Bildpropaganda der Partei verantwortlich war. Gleich zu Beginn seiner Berliner Zeit unterstützte Hahne Ewald Blau (d. i. Karl Thoma, d. A.) im Berliner Unterbezirk Nordost beim Wahlkampf für die Stadt- und Bezirksverordnetenwahlen vom Herbst 1929.9

Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten zogen die Hahnes von Reinickendorf nach Prenzlauer Berg, in die Czarnikauer Straße 14. Margarete Hahnes Arbeitsplatz, die Geschäftsstelle der ARSO, befand sich im Gebäude des Reichstages. So wurde sie unmittelbar nach dem Reichstagsbrand von der politischen Polizei verfolgt. Da sie zu dem Zeitpunkt gerade für die KPD Wahlkampf in Eschwege und Nordhausen machte, entging sie jedoch der drohenden Festnahme. In den folgenden Wochen und Monaten lebte sie unter falschem Namen und hielt sich u. a. im Rheinland auf. Am 13. September 1933 entdeckte die Gestapo ihre neue Wohnung in der Czarnikauer Straße. Susanne Pfenner erinnerte sich 1963: »Doch im September 1933 stand eines Tages die Gestapo vor der Tür. Meine Mutter war nicht zu Hause. Mein Vater und ich waren gerade dabei, illegale Flugblätter auf einer Matrize abzuziehen. Alles wurde sofort beschlagnahmt und die Wohnung durchsucht. Ich konnte währenddessen heimlich entwischen und paßte meine Mutter an der S-Bahn ab, um sie zu warnen.«10

Nacheinander emigrierten die Hahnes im September 1933 in die Tschechoslowakei. Hier trennten sich ihre Wege dann endgültig. Margarete Hahne wurde als Funktionärin des ZK unter dem Decknamen Herta Hilbert Mitarbeiterin im Grenzapparat der KPD und versuchte Verbindungen zu Textilbetrieben in Sachsen, Thüringen und Nordbayern herzustellen. Sie reiste einige Male illegal nach Deutschland und organisierte Kurierdienste und Materialtransporte. Ab Anfang 1936 setzte sie diese Tätigkeit von Asch und Eger aus fort. Erst 1940 fand die Gestapo heraus, dass sich hinter dem Namen Herta Hilbert Margarete Hahne verbarg und nicht, wie sie lange annahm, die ehemalige KPD-Reichstagsabgeordnete Maria Blum.11 Dies geht aus einem Schreiben der Geheimen Staatspolizei vom 16. September 1940 hervor: »Bei der angeblichen Herta Hilbert handelt es sich in Wirklichkeit um die Stenotypistin und Kommunistin Margarete Hahne, geb. Lux, 21. 7. 98 Dresden [gemeint ist Breslau, d. A.] Diese hat bei ihrer illegalen Arbeit die Decknamen ›Hanna‹, ›Tante Hannchen‹, ›Grete‹ und ›Gertrud‹ geführt.«12

Auch Valentin Hahne setzte seine Arbeit gegen das NS-Regime fort. Vom tschechischen Reichenberg aus organisierte er die Herstellung und Verbreitung antifaschistischen Propagandamaterials, wie der Flugschrift Das rote Dorf. Am 23. April 1934 wurde er durch die dortige Polizei festgenommen und zu sechs Monaten schwerem Kerker verurteilt. Einer Ausweisung nach Österreich entzog er sich allerdings durch seine Flucht aus der Haft nach Prag. Dort lebte er unter dem Namen Willi Lux. Von Kladno aus setzte er die antifaschistische Arbeit gegen das NS-Regime fort, wurde 1935 erneut verhaftet, jedoch konnte er nach acht Monaten Untersuchungshaft in Prag und einem Hungerstreik die Entlassung erwirken. Der erneut drohenden Ausweisung kam die Einreisegenehmigung in die Sowjetunion zuvor. Am 22. November 1935 traf Valentin Hahne in Moskau schwer magen- und nervenkrank ein. Hier sah er seine Tochter Susanne wieder, die bereits seit Frühjahr 1934 in der Sowjetunion lebte und dort die Schule besuchte. Als Politemigrant von der »Internationalen Roten Hilfe« (IRH, russisch: MOPR) anerkannt, weilte er von Ende 1935 bis Februar 1936 zur Kur auf der Krim. Anschließend fand er Arbeit als Dekorateur in der Verlagsanstalt ausländischer Arbeiter.

Aus den überlieferten Dokumenten seiner Moskauer Kominternakte geht hervor, dass er sich sehr um die Einreise seiner Frau bemühte und auch um sein eigenes Verbleiben in Moskau kämpfte. Wiederholt schrieb er an die Führung der deutschen Sektion beim Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (EKKI). In einem Schreiben Hahnes vom 21. November 1935 heißt es: »Am 20. Oktober waren es bereits zwei Jahre, daß ich mich von meiner Frau verabschiedete. Ihr werdet es deshalb verstehen können, daß mein Wunsch, endlich wieder einmal meine Frau zu sehen, nicht allzu unbescheiden ist.«13 In einem persönlichen Brief an Wilhelm Pieck vom Dezember 1935 schilderte er ihm seine Situation und bat diesen, sich bei der MOPR dafür einzusetzen, dass er die ihm versprochene Stelle beim Klub der Ausländischen Arbeiter in Moskau annehmen könne und nicht aus Moskau ausgewiesen werde.

Die Leitung der deutschen Sektion beim EKKI holte diverse Einschätzungen und Charakteristiken von einstigen Weggefährten Hahnes aus seiner Berliner Zeit ein, die sehr unterschiedlich ausfielen. Für einige war Hahne lediglich der Dekorateur des ZK, der nur durch seine bekannte Frau Zutritt ins Karl-Liebknecht-Haus erhalten hatte. Andere glaubten sich nicht mehr an ihn erinnern zu müssen.14 Eine Einreise Margarete Hahnes wurde zunächst abgelehnt, da sie angeblich als Kader für die illegale Arbeit gegen das NS-Regime von der Tschechoslowakei aus gebraucht werde. Im September 1936 wurde überlegt, ob Valentin Hahne in die Tschechoslowakei ausreisen sollte, da, so Grete Wilde,15 Referentin in der Kaderabteilung der deutschen Sektion beim EKKI, Margarete Hahne keine Einreise in die Sowjetunion bekomme. Hahne selbst, so Grete Wilde weiter, sei auf keinen Fall so gefährdet, dass er in der Sowjetunion bleiben müsse.

Am 19. März 1937 informierte der Referent der Kaderabteilung der deutschen Sektion Albert Müller (d. i. Georg Brückmann, d. A.)16 darüber, dass die deutsche Vertretung beim EKKI die Einreise von Margarete Hahne bei der MOPR beantragt habe und führte u. a. aus: »Mit dem Gen. Walter Ulbricht und dem Gen. Degen [d. i. Hermann Nuding, d. A.]17 habe ich über Hahne, G. [Grete] gesprochen, sie können nichts negatives im Gegenteil nur gutes sagen. Sie befürworten die Einreise.«18

Was letztlich den Ausschlag gegeben hat, dass es nicht zu einer Einreise von Margarete Hahne in die Sowjetunion kam, konnte nicht geklärt werden. Dass die Eheleute aber fest davon ausgingen, belegt ein Brief Margarete Hahnes an ihren Mann vom 22. März 1937. Hier schreibt sie: »Jedenfalls stelle ich mich auf die Reise ein, werde schon meine Sachen alle in Ordnung bringen, damit ich, wenn es soweit ist, abrutschen kann. Du kannst Dir gar nicht vorstellen wie mir zumute ist. Ich zittere direkt und kann gar nichts richtiges anpacken, so groß ist die Freude.«19

Valentin Hahne muss irgendwann festgestellt haben, dass die Einreise seiner Frau immer unwahrscheinlicher wurde. Hinzu kam, dass die Angst, in das Räderwerk der Verhaftungen zu geraten, unter den Emigranten immer stärker wurde. Im Juni 1937 stellte er den Antrag, nach Spanien zu reisen. Er schreibt: »Ich habe den Wunsch, recht schnell nach Spanien zu kommen, um praktisch meine proletarische Pflicht zu erfüllen. Bin Motorradfahrer, ehemaliger Kriegsteilnehmer von 1914–1918 mit 98er Gewehr ausgebildet u. glaube, dass es mir trotz meiner Jahre (45) nicht allzu schwer fallen wird, den heutigen Anforderungen an einen Frontsoldaten nachzukommen.«20

Margarete Hahne hingegen reiste 1938 zunächst nach Kopenhagen, dann nach Frankreich, wo sie weiter im Auftrag der Pariser KPD-Leitung arbeitete. Sie lernte in Paris den kommunistischen Emigranten Karl Kauschke21 kennen und stieß zum Kreis um Willi Münzenberg.22 Nach dessen Ausschluss aus der KPD ging auch Margarete Hahne immer mehr auf Distanz zur offiziellen KPD-Politik. Als sie wenige Tage nach dem Hitler-Stalin-Pakt zusammen mit ehemaligen KPD-Reichstagsabgeordneten und andere Funktionären einen »Offenen Brief« gegen diesen Pakt in der Münzenberg’schen Zeitschrift Zukunft unterschrieb, unternahm die KPD-Leitung in Paris den Versuch, Margarete Hahnes Anerkennung als politischer Flüchtling zu vereiteln.23 Bei Ausbruch des Krieges verhaftet, kam sie für zwei Monate in das Gefängnis von Versailles. Von 1940 bis 1943 hielt man sie im Lager Gurs in Südfrankreich fest, wo ihr mitgeteilt wurde, dass sie aus der KPD ausgeschlossen worden sei. Von 1943 bis 1945 war sie in Yenne interniert.

Die Situation für den in Moskau lebenden Valentin Hahne wurde derweil immer schwieriger. In einer Kurzinformation von Dietrich (d. i. Paul Jäkel, d. A.)24 vom 16. Januar 1938 hieß es über ihn: »Die Sowjetbürgerschaft November 1935 und das zweite Mal im August 1936 beantragt. Die Aufenthaltsgenehmigung ist bis 11.1. 38 gelaufen. Zurzeit läuft die Verlängerung. Wirtschaftlich geht es ihm nicht gut. Er lernt zur Zeit Dreher im Betrieb »Krasni Proletari« und verdient monatlich 115 Rubel. Wohnung hat er keine, zurzeit in Notquartier […] Er war monatelang ohne Unterstützung und ohne Arbeit und hat keine Kleidung […] Mitglied der Partei seit Februar 1919. Beiträge bezahlt bis Dez. 1937. Er spricht ziemlich perfekt englisch und kann perfekt Stenographie und Schreibmaschine. Im Sommer 1937 hat er bereits ein Gesuch bei der Partei eingereicht, um in Spanien aktiv beim Kampf gegen den Faschismus teilzunehmen. Er hat den größten Wunsch, sofort nach Spanien abzufahren. Beziehungen nach dem Ausland, nach Deutschland sowie Beziehungen zu Verhafteten hat er keine.«25

Zuletzt arbeitete Hahne als Gehilfe der Rohrlegerbrigade in der Moskauer Leninbibliothek, bevor ihn am 21. Februar 1938 früh um 2.00 Uhr das NKWD verhaftete. Wie viele andere deutsche Emigranten wurde er der Spionage für Deutschland bezichtigt. Einige Zeit saß er im Taganka-Gefängnis, dann im Butyrki-Gefängnis und wurde unter anderem von Walter Dittbender belastet.26 Hahne berichtete später, dass Dittbender bei der Gegenüberstellung am 17. November 1938 kaum noch zu erkennen war, so sehr war er misshandelt worden. Einer kleinen Mitteilung aus Hahnes Kaderakte zufolge sei sein Betragen im Gefängnis sehr gut gewesen und außerdem habe der Genosse Bettin (d. i. Otto Bettien, d. A.) berichtet, dass Hahne und Bloch (d. i. Arnold Klein, d. A.) unschuldig seien. Anfang Januar 1940 wurde Hahnes Verfahren eingestellt und seine Ausweisung nach Deutschland verfügt. Am 24. Januar 1940 in Brest-Litowsk den deutschen Behörden übergeben, gelangte er über die Stationen Biala und Lublin nach Berlin. Beim ersten Verhör am 2. Februar 1940 in Lublin machte Hahne lediglich Aussagen zu seiner Person und wurde dann nach Berlin überführt. Am 30. März 1940 schilderte er gegenüber der Gestapo ausführlich seinen Lebensweg, berichtete über die Flucht aus Deutschland und den Aufenthalt in der Tschechoslowakei. Detalliert äußerte er sich über seine Situation in Moskau vor und nach der Verhaftung.27 Im Ergebnis dieser umfassenden Aussagen wurde er am 1. April 1940 mit Auflagen aus der Haft entlassen und fand wenig später Arbeit als Buchhalter bei der »Rothenburger Lebensversicherung«. Später als Bürovorsteher tätig, versetzte man ihn ab September 1943 als Buchhalter zur Handelsgesellschaft Ost, die dann nach Steinschönau (Sudeten) verlagert wurde. Den drängenden Nachfragen der Gestapo nach dem Verbleib seiner Frau entzog er sich dadurch, dass er sich offiziell von ihr scheiden ließ und am 23. September 1944 die Ehe mit Martha Dehmel einging. Durch sein schweres Magen- und Nierenleiden gezeichnet, erlebte er das Kriegsende und die Befreiung vom Nationalsozialismus in Steinschönau und kehrte im Juni 1945 nach Berlin zurück. Im April 1946 stellte er den Antrag auf Anerkennung als »Opfer des Faschismus«. Er verschwieg nicht, dass er in der Sowjetunion verhaftet wurde, im Gegenteil er schrieb: »Ebenso wie die anderen Genossen wurde ich wegen § 58 angeklagt. Zu einem Prozeß ist es nicht gekommen, immer nur Untersuchungen. Anfang Januar 1940 wurde mir mitgeteilt, daß das Spionageverfahren gegen mich eingestellt sei, ich aber nach Deutschland ausgewiesen werde. Auf meine Frage, ob dies die Anerkennung für 19 Jahre revolutionäre Tätigkeit sei, wurde mir achselzuckend geantwortet: Çto delat´ – Es ist, wie es ist.«28

Die freiwillige Erwähnung seiner Festnahme durch das NKWD und der anschließenden Auslieferung nach Nazi-Deutschland sowie Denunziationen aus dem Verwandtenkreis Hahnes verschleppten die Bearbeitung des Antrages auf Anerkennung als »Opfer des Faschismus«. Der Weddinger Bezirksausschuss »Opfer des Faschismus« sah sich nicht imstande, die Anerkennung auszusprechen und leitete den Antrag schließlich dem Hauptausschuss zu. Dieser wandte sich an Sepp Miller29 vom SED-Zentralsekretariat und bat um eine eingehende Überprüfung des Falles. Während dieser verstarb Valentin Hahne am 17. März 1947 in Berlin. In einer Mitteilung der Abteilung Personalpolitik des Zentralsekretariats der SED vom 13. Mai 1947 an den OdF-Hauptausschuss hieß es lakonisch: »Wie wir bei Überprüfung der Angelegenheit erfahren haben, ist der Obengenannte inzwischen gestorben. Damit dürfte sich eine weitere Nachprüfung erübrigen.«

Valentin Hahnes erste Frau Margarete, in deren Schatten er immer gestanden hatte, konnte erst durch Vermittlung französischer Gewerkschafter Anfang 1946 nach Deutschland zurückkehren. Karl Kauschke hingegen, den sie in der Emigration kennengelernt hatte und mit dem sie später zusammenlebte, wurde wie sie in Frankreich interniert und im Juni 1943 der Gestapo übergeben. Nach seiner Entlassung aus der Haft wurde er im März 1944 als Schweißer zur Firma Arado in Potsdam-Babelsberg dienstverpflichtet. Unmittelbar nach Kriegsende von der sowjetischen Besatzungsmacht in Potsdam als Dezernent für Post, Telegrafie und Verkehr eingesetzt, wurde er aber bereits am 29. Mai 1945 vom NKWD verhaftet und zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Bis 1952 saß er in verschiedenen sowjetischen Internierungslagern, zuletzt im Zuchthaus Waldheim. Im Oktober 1952 wurde er entlassen, kehrte nach Potsdam zurück, um einen Monat später nach West-Berlin zu flüchten.

Margarete Hahne, die zunächst in Berlin-Köpenick im »Kaufhaus des Ostens« arbeitete, war aus Protest gegen die Inhaftierung ihres zweiten Mannes nicht der SED beigetreten. Ende 1948 zog sie nach Berlin-Wedding und schloss sich 1951 der SPD an. Politisch trat sie nicht mehr hervor, war aber noch fürsorgerisch tätig. Margarete Hahne, seit 1958 offiziell verheiratete Kauschke, starb am 3. September 1973 in West-Berlin, Karl Kauschke nur zwei Monate später am 11. November 1973.


1 Siehe Werner Reutter: Kauschke, Margarete Luise Berta (gesch. Hahne, geb. Lux (1898–1973). Proletarische Sozialpolitikerin, in: Siegfried Mielke (Hg.): Gewerkschafterinnen im NS-Staat. Verfolgung, Widerstand, Emigration, Essen 2008, S. 203–208.

2 Siehe Entschädigungsakte 11745 von Margarete Kauschke beim Landesverwaltungsamt Berlin.

3 Ich danke Frau Susanne Pfenner/Berlin für das ausführliche Gespräch sowie Alexander Vatlin/Moskau, Wladislaw Hedeler/Berlin, Wilhelm Mensing/Bonn sowie den Mitarbeitern der Gedenkstätte Deutscher Widerstand Petra Behrens und Rainer Sandvoß für ihre Hilfe bei den Recherchen sowie sachdienlichen Hinweisen.

4 Siehe Lebenslauf von Valentin Hahne vom 4. Juni 1936 in: Rossijskij Gosudarstvennyj archiv social’no-političeskoj istorii/Russisches Staatsarchiv für soziale und politische Geschichte (im Folgenden: RGASPI), 495-205-1505, Bl. 1, Kaderakte Valentin Hahne.

5 Zur Biografie von Werner Hirsch siehe Hermann Weber/Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, 2. Aufl. Berlin 2008, S. 378–380.

6 Siehe Erwin Könnemann/Hans-Joachim Krusch: Aktionseinheit contra Kapp-Putsch, Berlin [Ost] 1972, S. 420 und Erwin Könnemann/Gerhard Schulze (Hg.): Der Kapp-Lüttwitz-Ludendorff-Putsch. Dokumente, München 2002, S. 805.

7 Lebenslauf von Valentin Hahne (Anm. 4), 495-205-1505 Bl. 2.

8 Zur Biografie von Max Keilson siehe Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 5), S. 438 f.

9 Zur Biografie von Ewald Blau (d. i. Karl Thoma, d. A.), siehe ebd., S. 119 f.

10 Bericht von Susanne Pfenner an das Entschädigungsamt Berlin vom 7. November 1963.

11 Zur Biografie von Maria Blum siehe Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 5), S. 123 f.

12 Siehe Reutter: Kauschke, Margarete (Anm. 1), S. 206; Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisa-
tionen der DDR im Bundesarchiv (im Folgenden: SAPMO-BArch) NJ 9619, Bl. 44.

13 RGASP, 495-205-1505, Bl. 25.

14 So z. B. der Genosse Arden (d. i. Artur Golke, d. A.) in einer Mitteilung vom 22. Juni 1936, in: RGASP, 495-205-1505, Bl. 14.

15 Zur Biografie von Grete Wilde siehe Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 5), S. 1024 f.

16 Zur Biografie von Georg Brückmann siehe ebd., S. 152.

17 Zur Biografie von Hermann Nuding siehe ebd., S. 644 f.

18 RGASP, 495-205-1505, Bl. 48.

19 RGASPI, 495-205-1505, Bl. 52.

20 RGASPI, 495-205-1505, Bl. 64.

21 Zur Biografie von Karl Kauschke siehe Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 5), S. 339 f. und Lebenslauf Karl Kauschkes vom 7. September 1953 in der Entschädigungsakte Karl Kausche, Nr. 2102205, Landesverwaltungsamt Berlin.

22 Zur Biografie von Willi Münzenberg siehe Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 5), S. 622–624.

23 In der Freiheitsfront für die Einheitspartei, in: Zukunft vom 28. August 1939 (Abschrift des Briefes im Nachlass von Wilhelm Pieck, SAPMO-BArch, NL 36/515, Bl. 251-259).

24 Zur Biografie von Paul Jäkel siehe Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 5), S. 409 f.

25 RGASPI, 495-205-1505, Bl. 37.

26 Zur Biografie von Walter Dittbender siehe Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 5), S. 189 f.

27 Siehe Verhörprotokolle von Valentin Hahne vom 2. Februar und 30. März 1940, in: Politisches Archiv 
des Auswärtigen Amtes: PAAA R 104555. (Ich danke Wilhelm Mensing/Bonn für die Überlassung dieser Protokolle.)

28 Landesarchiv Berlin, C. Rep. 118-012 Nr. 15068 OdF-Antrag und Lebenslauf vom 25. März 1946.

29 Zur Biografie von Sepp Miller siehe Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 5), S. 605.

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