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Neophyten, Häretiker, Dissidenten: Polnische Linksintellektuelle und der (Anti-)Kommunismus

JHK 2011 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 61-88 | Aufbau Verlag

Autor/in: Kacper Szulecki

Adam Michnik,1 ein bekannter polnischer »Dissident«, äußerte sich einmal zu seinem Vater wie folgt: »Er hieß Ozjasz Szechter,2 er war Jude und Kommunist; ich bin Pole und Antikommunist. Er verbrachte acht Jahre im Gefängnis, weil er Kommunist war; ich verbrachte sechs Jahre im Kerker, weil ich Antikommunist war.« Gleichwohl haben weder Vater noch Sohn jemals mit der Linken gebrochen. Allerdings bemerkt Michnik auch, der Kommunismus sei »die falsche Wahl gewesen«.3 Welcher Art aber waren die Erfahrungen, die in der Zeit des »real existierenden« Kommunismus lebende Linksintellektuelle mit dieser Staatsform machen konnten? Worin war ihr Antikommunismus begründet? Die Vorstellung von einem kruden und vermeintlich reaktionären Antikommunismus, wie sie etwa in den Worten Thomas Manns, der ihn als »Grundtorheit unserer Epoche« apostrophierte, zum Ausdruck kommt, basiert auf bestimmten, in westlichen intellektuellen Kreisen noch immer vorherrschenden Missverständnissen.4 Demgegenüber will der nachstehende Artikel zeigen, wie drei Generationen der polnischen Intelligenz im östlichen Mitteleuropa zur Entwicklung eines starken und intellektuell gut fundierten Antikommunismus der Linken beigetragen haben.Mag der zeitliche Ablauf dieses ideellen Wandels von Land zu Land unterschiedlich ausfallen, so bildet die von Aneignung und Überwindung des Sowjetkommunismus geprägte Gesamtorientierung doch einen gemeinsamen Erfahrungsschatz der in diesem Teil Europas heimischen Intellektuellen.

Damit einhergehend erscheint es notwendig, näher auf die Wurzeln sowie den Stellenwert des Antikommunismus der Linken einzugehen.5 Jedoch nicht aus Sicht westlicher Gewerkschaften und sozialdemokratischer Parteien, sondern zurückgreifend auf die Ideen, Hoffnungen und Enttäuschungen all jener, die linke Ideale in Osteuropa aktiv zu verwirklichen suchten und die im Verlauf dieses Bemühens zu den ärgsten Feinden des Kommunismus wurden. Diese somit historische Schilderung des Verlaufs der »Häresie« innerhalb der Linken läuft daher auf den Versuch hinaus, den Antikommunismus als reaktionären und vorwiegend konservativen ideologischen Standpunkt zu problematisieren.

Vorab scheint aber eine Definition des Begriffs »Kommunismus« angebracht. Häufig wird die kommunistische Idee aufgrund ihres utopischen Charakters als niemals in die Praxis umgesetztes Ideal verteidigt, das man demzufolge keiner (oder fast jeder) Kritik unterwerfen könne. Ein solcher Ansatz macht jedoch jede Diskussion inhaltsleer und in absurder Weise akademisch. »Kommunismus« sollte daher besser als ein aktuell existierendes, auf einer konkreten Ideologie basierendes historisches Phänomen und eine real existierende politische Staatsform gesehen werden. Oder, wie es ein zu den Dissidenten zählender Intellektueller, auf die in diesem Text näher eingegangen wird, formuliert hat: »Unter ›Kommunismus‹ sind in die Praxis umgesetzte Sozialsysteme in Staaten zu verstehen, in denen kommunistische Parteien (kommunistisch dem Namen nach oder gemäß ihrer Satzung) an die Macht gelangt sind.«6 Antikommunismus wäre somit der sowohl gegen diese Praxis als auch deren Grundlagen gerichtete Widerstand. Da aber Linke wie Kommunisten diese »Grundlagen« eigentlich weitgehend teilen sollten, erscheint eine Analyse des »linken« Antikommunismus viel reizvoller und aufschlussreicher als das, was Reaktionäre in Sachen Antikommunismus zu bieten haben.

Soll eine Diktatur bekämpft und überwunden werden, so ist dies nicht allein eine Frage von Macht – noch wichtiger ist vielmehr die um geistige und moralische Werte geführte Auseinandersetzung in den Köpfen derer, die die Geschichte unter den Einfluss des Imperiums gestellt hat. Die hier vorgestellten Personen, Haltungen und Ideen und ihre Geschichte können, wenngleich in vielerlei Hinsicht lokal geprägt, als symptomatisch hierfür bezeichnet werden. Unterteilen lässt sich diese Geschichte, in quasireligiöser Diktion, in drei die Auseinandersetzung linker Intellektueller mit dem Kommunismus verdeutlichende Phasen. In der ersten Phase waren viele zunächst einmal Neophyten – zum neuen Glauben »Kommunismus« übergelaufene Konvertiten. In einer zweiten Phase wurden diese zu Häretikern – um Systemreformen Bemühte. Schließlich wurden daraus Dissidenten – überzeugte Gegner der kommunistischen Herrschaft und Ideologie. Der historische Hintergrund für jede dieser drei »Phasen« soll nachfolgend kurz skizziert werden. Gezeichnet werden soll das Bild einer mit den historischen Realitäten dieser Phasen konfrontierten Generation von Intellektuellen. Hierfür habe ich Persönlichkeiten ausgewählt, denen aufgrund ihres Bekanntheitsgrades oder ihrer aussagekräftigen Biografie ein gewisser Symbolcharakter zugesprochen werden kann. Auch will ich erörtern, weshalb sich dieser Personenkreis zum Kommunismus anfangs hingezogen fühlte und was ihn veranlasste, diesen später zu verdammen. Kernstück der jeweiligen Betrachtung werden die intellektuellen Meilensteine, die von den Hauptprotagonisten verfassten wichtigsten Arbeiten sein.

Phase I – Neophyten: Von der vielversprechenden Idee zur schrecklichen Realität

1945 wurde aus Polen, zusammen mit dem, was später einmal unter dem Begriff »östliches Mitteleuropa« firmieren würde, ein Satellit der Sowjetunion. Eine Parteienkoalition, in der die unter dem Namen Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (Polska Zjednoczona Partia Robotnicza, PZPR) agierende Kommunistische Partei die Führungsrolle innehatte, regierte ab 1947 das Land. Bis 1989 war der Kommunismus in Polen alleinige offizielle Staatsideologie. Im Verlauf der dazwischenliegenden fünf Jahrzehnte nahm der politische Widerstand gegen das kommunistische Regime allerdings je nach Stand der Entwicklung unterschiedliche Formen an. Ich werde mich im Folgenden auf die Haltung der linken Intelligenz konzentrieren, deren Ausgangssituation, unter den eingangs erwähnten Umständen, von besonderer Zerrissenheit gekennzeichnet war.

Sozialistisches und linkes Gedankengut gelangten keineswegs erst mit den Panzern der Roten Armee ins Land. Die erste revolutionäre Bewegung, die sich marxistischer Ideen bediente, entstand aus der 1882 ins Leben gerufenen Gruppierung Proletariat. Aus ihr gingen später zwei Hauptrichtungen des polnischen Sozialismus hervor: Zum einen die 1892 gegründete Polnische Sozialistische Partei (Polska Partia Socjalistyczna, PPS), die eine Verbindung von radikaler sozialer Revolte mit dem Ziel nationaler Unabhängigkeit anstrebte. Das Vermächtnis und politische Gedankengut der PPS und ihres Führers Józef Piłsudski (aber auch weiterer, eher theoretisch ausgerichteter Publizisten und Schriftsteller, wie etwa Stefan Żeromski) sollten einen außerordentlich prägenden Einfluss auf nachfolgende Generationen polnischer Linksintellektueller haben. Zum anderen handelte es sich um die 1893 gegründete, alsbald im revolutionären europäischen Mainstream aufgehende Sozialdemokratische Arbeiterpartei des Königreichs Polen und Litauens (Socjaldemokracja Królestwa Polskiego i Litwy, SDKPiL). Unter der Führung von Rosa Luxemburg (der Chefideologin der Partei), Feliks Dzierżyński (dem späteren Gründer der Tscheka, der Außerordentlichen Allrussischen Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage (Wserossijskaja tschreswytschainaja komissija po borbe s kontrrewoljuziej, spekuljaziej i sabotaschem)) und Julian Marchlewski, stand die Partei für eine internationalistische und radikale Ausrichtung der Arbeiterbewegung. Viele ihrer Aktivisten ließen sich in Sowjetrussland nieder, wo die meisten von ihnen später den parteiinternen Stalin’schen Säuberungen zum Opfer fielen.

Ergebnis dieser durch Idealismus und Aktivismus geprägten Tradition war eine in der Polnischen Republik der Zwischenkriegszeit herangewachsene unruhige Generation junger Intellektueller. Viele von ihnen hatten ein eher negatives Selbstverständnis und definierten sich vorrangig als Opposition zu den immer stärker faschistisch ausgerichteten Nationaldemokraten (Narodowa Demokracja) und der autoritär auftretenden militärischen Junta, zu der Piłsudskis Bewegung nach dem Staatsstreich von1926 sowie insbesondere nach seinem Tod 1935 mutiert war.7 In einem nach und nach in Richtung Rechtsnationalismus und antisemitischer Paranoia abdriftenden Land, sah sich die junge, sehr viel weniger »marxistisch« oder »kommunistisch« als »liberal« und »sozialistisch« ausgerichtete Intelligenz als Hüterin humanistischer Werte. »Ich verdammte den Kapitalismus«, äußerte sich einer der »Liberalen«, der Dichter Czesław Miłosz.8 Weiter sagte er: »Die letzten Endes sehr komplexen, mit dem Marxismus gemachten Erfahrungen waren mir eine große Hilfe, und es fällt mir meist schwer, eine gemeinsame Linie mit Leuten zu finden, die diesen Prozess nicht durchlaufen haben. Die zwischen reaktionären und fortschrittlichen Kräften verlaufende Trennlinie lässt sich zwar nicht eindeutig definieren, sie ist aber auch nicht nur Einbildung; und zumindest in der ersten Hälfte des Jahrhunderts, war sie, was den Marxismus anbelangt, in etwa so scharf konturiert, wie die Unterscheidung zwischen Musikalität und Nichtmusikalität.«9 Der in Vilnius aufgewachsene Miłosz war ein typischer Vertreter dieser Gruppe, die stets sowohl um die Wahrung ihrer Kritikfähigkeit als auch bestimmter, noch aus der Anfangszeit der PPS stammender Ideale bemüht war. Dazu gehörte u. a. soziale Gerechtigkeit; ein weiteres Ideal und vielleicht für Miłosz und viele andere aus den östlichen Landesteilen von noch größerer Bedeutung war der Mythos vom republikanischen Vielvölkerstaat (Rzeczpospolita) – einem polnisch-litauischen Commonwealth. Auf beiden Ebenen war man jedoch bemüht, sich von dem um eine revolutionäre (bolschewistische) und internationalistische Antwort auf diese Fragen bemühten Sowjetkommunismus fernzuhalten. So äußerte sich Miłosz etwa zu den direkten Nachfolgern linker SDKPiL-Ideologen wie folgt: »Zu den Marxisten fühlte ich mich seit meiner frühesten Jugend deshalb hingezogen, weil ich in ihnen etwas Lebendiges, Kraftverleihendes zu spüren meinte. Gleichzeitig aber stieß mich ihr doktrinäres Auftreten ab.«10

Sich der großen Schwächen der Polnischen Republik voll bewusst, aber auch mit gehöriger Skepsis gegenüber dem sowjetischen Modell versehen, das viele noch mit den aus ihrer Kindheit in Erinnerung gebliebenen Plünderungen durch Rotarmisten in Verbindung brachten, sah man sich 1939 mit dem Kriegsausbruch konfrontiert. Wer diesen Krieg überlebte, hatte einer ganz anderen Realität – traumabehaftet zwar, aber auch große Möglichkeiten und Hoffnungen bergend – ins Auge zu sehen. Weit davon entfernt, Überkommenem hinterherzutrauern schrieb Miłosz: »Eine Rückkehr zur sozioökonomischen Ordnung Vorkriegspolens erschien mir nicht erstrebenswert; wer davon träumte, war für mich ein politischer Gegner.«11 Als ausgewiesener Linker wirkte er (wenn auch nicht unkritisch) am Wiederaufbau des Landes, gemäß der nunmehr geltenden »neuen« Regeln, mit: »Ich könnte viele Seiten mit der Beschreibung des Marschs der Roten Armee durch Polen füllen [...]. Ich könnte ihn beleuchten, diesen Zyklon, der Familien, Vermögen, ja ganze soziale Klassen hinwegfegte, und ich könnte versuchen zu erklären, warum nach diesem Schlag, ein überparteilicher Dichter das Privileg genoss, nach Amerika geschickt zu werden.«12

Nach dem von der jungen Intelligenz im Warschauer Aufstand von 1944 entrichteten hohen Blutzoll und dem erzwungenen Exil vieler bedeutender Persönlichkeiten, die den in Warschau (oder dem was davon übrig geblieben war) eingesetzten neuen Herrschern gegenüber ablehnend eingestellt waren, sah sich die linke Intelligenz vor völliges Neuland gestellt. Von Etikettierungen wie »faschistisch«, »nationalistisch« oder »reaktionär« gänzlich unbelastet, vollzog sich ihre Landung in der neuen Realität relativ sanft. Etablierte Intellektuelle, zumal Schriftsteller, waren durchaus geachtet – besonders dann, wenn sie bereit waren, das zu tun und zu schreiben, was die Partei von ihnen erwartete. Mit dem Eintritt Polens in die schreckliche Zeit Stalin’schen Terrors, schien dieses Arrangement im weiteren Verlauf jedoch immer mehr einem Pakt mit dem Teufel zu gleichen. Einige schlossen sich der PZPR an, in der Hoffnung, »dem Ruf der still leidenden, besiegten und fortwährend geschmähten Nation folgend, noch Etwas retten zu können«.13 Miłosz, der 1951 in Frankreich um politisches Asyl nachgesucht hatte, wurde so zum Vertreter einer ersten Gruppierung linker Antikommunisten – ehemaliger Neophyten – in Mitteleuropa, die begannen, den »Neuen Glauben« mit kritischen Augen zu sehen. Viele blieben jedoch auch in der Heimat.14 Miłosz erkannte schon recht bald, dass die »liberale« Linke seiner Generation vor allem eine Antwort auf folgende Frage schuldig war: Wo lagen die Wurzeln des Stalin’schen Terrors und wie konnten Intellektuelle in seine tödliche Falle tappen? Er widmet sich dieser Problematik in seiner wohl berühmtesten Prosaarbeit – dem kanonischen Opus frühen antikommunistischen Gedankenguts: Verführtes Denken.15

Verführtes Denken – wörtlich übersetzt eigentlich »versklavtes Denken« – ist ein neun Kapitel umfassender Essay philosophisch/politischen Inhalts, der sich in fünf Kapiteln eher analytischen Fragestellungen widmet und in den verbleibenden vier die Dinge biografisch beleuchtet. Jedes dieser vier Kapitel ist einem bedeutenden, den Weg der Kollaboration mit dem kommunistischen Regime beschreitenden, polnischen Intellektuellen gewidmet.16 Für jede dieser Personen bedient sich Miłosz eines Decknamens; weniger zum Schutz von Persönlichkeitsrechten als zur Erlangung generell gültiger Erkenntnisse. Als Hauptthese postuliert er, dass der Kommunismus in Osteuropa nicht allein (wie von den im Exil lebenden Antikommunisten der Rechten unterstellt) aufgrund roher Gewalt und brutalen Terrors so großen Einfluss habe gewinnen können; Grund sei vielmehr die komplexe ideologische Gemengelage in den Köpfen der unter Stalins Herrschaft Lebenden gewesen. Die Intellektuellen in den sowjetischen Satellitenstaaten, so Miłosz weiter, seien zu Anhängern des »Neuen Glaubens« (seine Diktion zur Betonung des quasireligiösen Charakters des Sowjetkommunismus) geworden, weil dieser »Glaube« auf einem außerordentlich attraktiven und Sinn versprechenden philosophischen Gedankengebäude beruhte. Diesen inneren Kern marxistisch-leninistischen Denkens bezeichnet Miłosz in seinem Buch mit dem Kürzel »die Methode«. Auf sich selbst gestellt und im jeweiligen historischen Kontext (hier die stalinistische Periode der Vierziger- und Fünfzigerjahre) sei selbst ein kluger Kopf (ob Künstler, Schriftsteller, Journalist usw.) nicht in der Lage gewesen, die »Methode« infrage zu stellen, sich ihrer zu widersetzen und sie zu widerlegen, so Miłosz. Als Beleg hierfür bezog er sich später einmal auf den Philosophen Leszek Kołakowski (siehe Phase II), der unter Stalin ein glühender Anhänger des »Neuen Glaubens« war, aber zeitlicher und räumlicher Distanz bedurfte (er emigrierte 1969 nach England), um sich letztlich mit der marxistischen »Methode« auseinanderzusetzen und ihr mit philosophischen Mitteln Herr zu werden. Seinen Niederschlag fand dieses »geistige Duell« schließlich in drei umfangreichen Bänden,17 die er als in Oxford lehrender Professor für Philosophie verfasste. Wie sollte da, so fragt Miłosz, ein Normalsterblicher oder auch nur ein Intellektueller mittleren Kalibers dieser Aufgabe gewachsen sein?

Die anfängliche Rezeption der Hauptströmungen des Marxismus veranschaulicht sehr gut, wie schwierig es zur damaligen Zeit (und insbesondere im Westen) war, den Kommunismus aus linker Perspektive zu kritisieren. Verführtes Denken sah sich bei seiner Erstveröffentlichung in Frankreich heftigster Kritik aus unterschiedlichsten Richtungen ausgesetzt. Während die französische Linke darin das Werk eines reaktionären amerikanischen Agenten sah,18 versuchten die Hardliner der McCarthy-Ära Miłosz als Krypto-Kommunisten zu etikettieren. Miłosz kommentierte dies im Rückblick wie folgt bitter: »Und dann diese ganze Maskerade! ›Kommunismus‹ und ›Anti-Kommunismus‹. Was hätte ich ihnen zum Thema ›Kommunismus‹ nicht alles erzählen können, aber ich musste den Mund halten. Im Grunde wäre es umsonst gewesen. Wir sprachen nicht die gleiche Sprache […] im Osten handelte es sich um die fortschrittsgläubig auf die aufgehende Saat von Propagandalügen Erpichten.«19

Auch die im englischen Exil lebende polnische Intelligenz reagierte äußerst skeptisch auf das Buch. Was die Kommunisten in die Lage versetze, Polen zu regieren, sei kein abstrakter, vom Kommunismus ausgehender »Reiz«, sondern blanker Terror und Verrat; auch verwies man auf den vom Autor in der Vergangenheit gepflegten dubiosen Flirt mit dem Regime.20 Adam Michnik bemerkte hierzu später einmal: »Miłosz ist der Protagonist des vielleicht größten literarischen und intellektuellen Skandals in Polen. […] Sein gegen den polnischen Nationalismus und Kommunismus geführter Feldzug, seine Auseinandersetzung mit der Linken und dem katholischen Lager, sein Kampf gegen den Satan und seine Fehde mit Gott, all dies gleicht einem Gesamtgemälde Polens und polnischen Denkens.«21

Mit Verführtes Denken will Miłosz eine stimmige Erklärung der Mechanismen liefern, die Intellektuelle in die Falle der »Methode« und des neuen Regimes tappen ließen. Er sieht dies in der Kombination von vier Faktoren begründet: der Leere, der Absurdität, der Notwendigkeit und dem Streben nach Erfolg.22 Er versucht zu verstehen, weshalb und wie sich anständige Menschen zu Handlangern einer totalitären Maschinerie formen lassen und will einen Weg aufzeigen, wie die linken Intellektuellen, die dem Stalinismus zum Durchbruch verholfen haben, ihre Würde wiedererlangen können.

Leere steht bei ihm nicht nur für das die Dekadenz intellektueller und künstlerischer Kreise in Ost- wie Westeuropa charakterisierende starke Gefühl metaphysischer und existenzieller Abgestumpftheit. Der Begriff verweist auch auf den im Unterbewusstsein vorhandenen Wunsch nützlich zu sein und von den Machthabern anerkannt zu werden.23 Absurdität wiederum rekurriert auf die existenzielle Situation des Individuums. Das Nachdenkliche schürt das Gefühl, im Leben und im menschlichen Handeln keinen Sinn erkennen zu können, einen mehr oder weniger stark verdeckten Hass auf die Selbstzufriedenheit und Oberflächlichkeit der Bourgeoisie, ja des bürgerlichen Elements in der Gesellschaft insgesamt. Miłosz sieht darin den Grund, weshalb der Intellektuelle sich so sehr zu den Protagonisten des »neuen Menschen« und den Gegnern des von ihm so verachteten sozialen Gefüges hingezogen fühlt. Vor diesem Hintergrund erweist sich der Intellektuelle, wenngleich »einfühlsam und gut – ein Menschenfreund eben –«, nicht als einer, der die Menschen liebt, so wie sie sind, sondern, so, wie sie seiner Meinung nach »sein sollten«. Dieser Logik folgend glaubt der Intellektuelle, das Individuum, im Namen abstrakten Wandels und »Fortschritts« – dem Türöffner zum intellektuellen Wahnsinn des Totalitarismus – opfern zu dürfen. Notwendigkeit, wie in Verführtes Denken präsentiert, kann als das fatalistische Gefühl des Ausgeliefertseins in das Unvermeidliche verstanden werden. Auch dieses Gefühl steht in Beziehung zur »Methode«. Wie bereits erwähnt, vermögen Intellektuelle den Begriff »Fortschritt« nicht isoliert von seiner philosophischen Grundlage – der »Methode« als solche – dialektisch infrage zu stellen. Dies nicht nur aus Furcht vor Repressionen, sondern größtenteils auch aufgrund fehlenden intellektuellen Potenzials. Der letzte der vier Faktoren schließlich heißt Erfolg. In den Fünfzigerjahren sahen viele in der UdSSR eine aufstrebende Supermacht. Unter den selbstbewussten Überlebenden der Katastrophe Zweiter Weltkrieg war die Meinung, dass die sowjetischen Panzer nur einen Zwischenstopp an der Elbe eingelegt hätten, und die Fackel der »Revolution« bald weiter nach Westen getragen würde, weit verbreitet.

Die letzte Stufe im Umwandlungsprozess eines linksliberalen Intellektuellen zum Konvertiten des »Neuen Glaubens« ist gleichzeitig auch die drastischste. Miłosz zufolge gerät der Bekehrte dabei in einen Zustand der Schizophrenie; sich des Umstandes bewusst, dass er die Ideale seiner Jugend verraten hat, versteift er sich gleichwohl darauf, dass nur dieser Pfad innerer Kasteiung der einzig richtige sein kann. Bislang schon an grundlegende Kritik von Kapitalismus und bürgerlicher Gesellschaft gewöhnte linke Denker und Aktivisten sahen sich an diesem Punkt gezwungen, einen Schritt weiter zu gehen. Aus »kritischem Realismus« wurde »sozialistischer Realismus«, den »positiven« und »fortschrittlichen« Charakter des Stalinismus galt es zu akzeptieren.

Es ist die Beschreibung der geistigen Verfassung Intellektueller in Zeiten großer und einschneidender Veränderungen, der sich Miłosz widmet. Verführtes Denken will die seltsame Anziehungskraft erklären, welche die marxistische »Methode« auf die mitteleuropäische intellektuelle Elite auszuüben vermochte. Oft übersehen wird dabei die besonders in der Frühphase kommunistischer Herrschaft vorhandene »neophytische Begeisterung« einer großen Zahl Intellektueller in diesem Teil Europas. Miłosz ist insoweit typischer Repräsentant einer ganzen Generation Intellektueller und steht in einer Reihe mit Persönlichkeiten wie einst Jiří Hájek in Tschechien, Dominik Tatarka in der Slowakei, Robert Havemann in der DDR oder Miklós Vásárhelyi in Ungarn – allesamt vor dem Krieg aktive Linke, zunächst voller Begeisterung über den vom neuen Regime in Aussicht gestellten Wandel und später mit dessen schrecklicher Realität konfrontiert. Verführtes Denken stellt die erste grundlegende Kritik am Stalinismus und Sowjetkommunismus dar, vorgebracht von einem von Anfang an Engagiertem, einem von denen, die wollten, »dass dieses Polen funktionieren möge – ungeachtet der allgegenwärtigen Unfähigkeit und Kriminalität, die einen zur Verzweiflung treiben konnte«.24 Was jedoch fehlt, sind konkrete Hinweise zur Überwindung der Tyrannei – Miłosz ist schließlich Dichter und kein politischer Autor.25 Eine neue Generation linker Denker und Aktivisten hatte da substanziellere Antworten parat. Man kann diese Phase des Antikommunismus mit dem Antistalinismus gleichsetzen, jedoch enthält sie noch keine radikale Kritik an der sozialistischen Idee als solcher, aber sie war Wegbereiter für reformistische Bewegungen.

Phase II – Häretiker: Auf der Suche nach dem »menschlichen Antlitz« und 
einsetzende Desillusionierung

Nach Stalins Tod im Jahre 1953 und Chruščëvs den stalinistischen Terror und Despotismus verurteilenden Rede von 1956 trat Polen in die Phase des sogenannten Tauwetters ein, die durch eine scheinbare Liberalisierung des sozialistischen Systems gekennzeichnet war, gedacht als Schlusspunkt der revolutionären »Sturm und Drang«-Zeit.26 Der Beginn des Tauwetters im Oktober 1956 ging mit radikalen Veränderungen auf der Führungsebene der Partei einher.27 Für viele Intellektuelle (egal ob Parteimitglied oder nicht), die dem anfänglichen Reiz des Kommunismus erlegen waren, bot dies die Gelegenheit, sich von den Sünden der dunklen Vergangenheit loszusagen und sich wieder ihrem eigentlichen Anliegen, den reformistischen und liberalen Ideen, zuzuwenden.28 Wieder begann eine Zeit großer Hoffnungen und – wie sich kaum ein Jahrzehnt später zeigen sollte – Illusionen. Jacek Kuroń sagte dazu rückblickend: »Es war in den Jahren 1955 und 1956, als mir das Verbrecherische des Apparats, dem ich noch zwei Jahre zuvor angehört hatte, in seinem ganzen Umfang klar zu werden begann. Ich fühlte mich unglaublich schuldig und versuchte, aus diesem Schuldgefühl heraus gewisse Konsequenzen zu ziehen. Ich kam zu dem Schluss, dass es nicht darum gehen konnte, hehre Ideen aufzugeben; würde dies doch darauf hinauslaufen, keine Verantwortung für die Konsequenzen eigenen Handelns zu übernehmen und sich mit all dem Elend in der Welt abzufinden. Wir, das heißt meine Freunde und ich, versuchten uns der Lage gewachsen zu zeigen; wir waren gerade mal so um die Zwanzig und sahen uns mit der gravierenden Frage konfrontiert: Wie schafft man es, nicht schuldig zu werden? Ich ging davon aus, dass eine Antwort auf diese Frage möglich war.«29

Der »Polnische Oktober« eröffnete (im Gegensatz zu dem, was gleichzeitig in Ungarn stattfand) neue, andere Handlungsstrategien erfordernde Möglichkeiten. Mochte das System auch Mängel aufweisen, so erschien es doch nicht länger monolithisch und man konnte versuchen, es – nach und nach und behutsam – auf evolutionäre Weise zu verändern. Laut Adam Michnik führte dies zum Entstehen zweier evolutionistischer Strömungen im System: Dem Revisionismus und dem Neopositivismus.30 Ersterer wurde von inneren Wandel befürwortenden, der Führungsriege der Partei angehörenden, prominenten Vertretern der PZPR vertreten, unterstützt (bis zu einem gewissen Grad) von großen Teilen der liberalen und linken Intelligenz (den sogenannten Oktober-Linken), der u. a. Leszek Kołakowski, Zygmunt Bauman, Krzysztof Pomian – um nur einige der auch im Westen bekannten Namen zu nennen – angehörten. Beim Neopositivismus wiederum handelte es sich um eine von liberal-katholischen Kreisen und der katholischen Kirche (die nach dem Ende des Stalinismus viele ihrer Rechte und Privilegien wiedererlangt hatte) verfolgte Strategie.31 Gegenüber der Partei zeigten sich ihre Vertreter damit kompromissbereit und erhofften sich dadurch möglichst große Freiräume. »Der Neopositivismus verlangte seinen Jüngern vorrangig Treue gegenüber der als russischem Imperium verstandenen UdSSR ab, während er gleichzeitig die marxistische Lehre und sozialistische Ideologie von sich wies. Die Revisionisten neigten dagegen eher zu anti-sowjetischen (so im Falle des Überfalls auf Ungarn) als zu anti-marxistischen Bekundungen. […] Erwiesen sich die Revisionisten ihrer Version des Marxismus gegenüber als ›bibeltreu‹, so hielten die Neopositivisten – wenngleich auf deren baldiges Verschwinden hoffend – der ›Kirche UdSSR‹ gegenüber die Treue«, so Adam Michnik.32

Beide Richtungen, sowohl Revisionismus als auch Neopositivismus, zeichneten sich, was ihnen auch von ihren Kritikern zugestanden wurde, durch politischen Realismus aus. Dies traf insbesondere auf die Revisionisten zu: »Zur Grundüberzeugung der Linken gehört der feste Glaube an die Möglichkeit, das Paradies auf Erden errichten zu können, und zwar global. Was bleibt von eurem ›linken Denken‹, wenn dieser Glaube im Namen des Realismus in Zweifel gezogen wird?«33 Das Tauwetter hielt jedoch nur etwa ein Jahr lang an, und auch die Liberalisierungspläne wurden alsbald aufgegeben. Eine (im Vergleich zur stalinistischen Ära)34 deutlich geringere Repression sowie eine sich allmählich wandelnde Haltung der Intelligenz ließen Anfang der Sechzigerjahre erste Plattformen organisierten Widerstands und moderaten Dissidententums entstehen.

Die zentralen Figuren dieser neu entstehenden reformistischen Bewegung waren im Schnitt zehn bis zwanzig Jahre jünger als Miłosz und hatten nur wenige oder keine Erinnerungen an Vorkriegspolen. Real war für sie allein die Volksrepublik – und in ihr wollten sie etwas bewirken. Jacek Kuroń35 teilte diesen Ansatz weitgehend, wenn auch mit radikalerer Ausrichtung. Letztendlich aber machte er den gleichen Wandel durch, wie die übrigen Reformisten: vom strenggläubigen Kommunisten zum ideologischen Häretiker – und schließlich zu einem der bekanntesten Ostblock-Dissidenten.36 Geboren in Lwów (dem heutigen L’viv), einer Stadt mit hohem Migrantenanteil, wuchs er im sozialistisch geprägten nördlichen Warschau auf und blieb zeitlebens ein engagierter Linker. Er erinnert sich: »Ich war schon früh Teil des traditionell als ›links‹ eingestuften gesellschaftlichen Lebens meiner Umgebung.« 37 Kurońs Großvater war, noch zu Zarenzeiten, Angehöriger der paramilitärischen sozialistischen PPS-Kampforganisation gewesen, auch sein Vater hatte sich zwischen den Kriegen als PPS-Aktivist betätigt.38

In den Fünfzigerjahren, als Mitglied der PZPR und des Sozialistischen Studentenbunds, war Kuroń seinem Selbstverständnis nach Kommunist. Das erste Mal wich er öffentlich von der Parteilinie ab, als er eine links von der Partei angesiedelte Position vertrat. In einer Beschreibung der allgemeinen politischen Lage der damaligen Zeit geht er darauf wie folgt ein: »Die Regierung glaubte, sie könne sich der Gesellschaft sicher sein. Man glaubte sie ebenso wenig fürchten zu müssen, wie sonstige, insbesondere von der Linken ausgehende Gefahren. Und ich repräsentierte damals zweifellos die Linke.«39 Das Oktober-»Tauwetter« bot kurzfris-tig Gelegenheit zu gedanklichem Innehalten und maßvoller Kritik, wurde allerdings nur innerhalb eines engen Kreises von Debattierklubs, Künstlercafés und Universitäten geduldet. Ein derartiger Debattierklub wurde zu Beginn der Sechzigerjahre von Kuroń und Karol Modzelewski40 ins Leben gerufen. Kuroń erinnert sich: »Die Teilnehmer lasen Karl Marx’ Ökonomisch-philosophische Manuskripte; das war damals die ›Bibel‹ der Revisionisten. Der Reiz lag in der Gegenüberstellung von ›jungem Marx‹ und ›altem Marx‹. […] Daneben lasen wir auch Trotzkis Verratene Revolution; ein Buch, das uns einiges über den Stalin’schen Terror lehren konnte.«41

Wenngleich strenggläubige Marxisten, waren sie sich doch auch der Mängel des »real existierenden Sozialismus« voll bewusst. Diese, so meinten sie, galt es lediglich aufzuzeigen, zu diagnostizieren und zu beheben. Jener für den Revisionismus charakteristische Denkansatz basierte (auch wenn Modzelewski und Kuroń weiter links standen als die »Oktober-Intellektuellen«)42 auf der Überzeugung, dass der Stalinismus die Schwächen und Mängel des Systems offengelegt habe. Doch davon ausgehend waren diese Mängel nur oberflächlicher Natur, wohingegen die schlimmsten Missetaten bereits der Vergangenheit angehörten. Insofern bestand das Ziel darin, eine grundlegende Reform des Systems auf die Tagesordnung zu setzen. Dazu Jacek Kuroń: »Karol und ich waren damals stets der Auffassung, dass es vor allem darum gehen müsse, die vorhandenen staatlichen Einrichtungen zu verändern und zu beeinflussen. […] Wir waren uns sicher, dass große Teile der Gesellschaft – und hier vor allem die Jugend – dem System ablehnend gegenüberstanden und, da sie es mit dem Sozialismus gleichsetzten, auch anti-sozialistisch eingestellt waren. Es bedurfte daher einer breit angelegten und gründlichen Systemkritik aus marxistischer Sicht.« 43

Diese von ihm und Modzelewski vertretene Auffassung brachten sie auch in dem international stark beachteten »Offenen Brief an die Partei« von 1965 zum Ausdruck, der ihren Ausschluss aus der Partei und ihre Verurteilung zu Haftstrafen zur Folge hatte. Der »Brief« kann als ein letztes »Manifest« innersystemischer Kritik verstanden werden, motiviert (zumindest auf dem Papier) vom »Kampf zur Befreiung der Arbeiterklasse und der Gesellschaft«.44 Oder, wie Kuroń rückblickend schrieb: »Der ›Brief‹ stellte gleichzeitig den Versuch einer Beschreibung des inneren Zustands der Volksrepublik dar und warf – auch wenn dies nicht in unserer Absicht lag – die Frage auf, inwieweit der Marxismus noch zeitgemäß und nützlich sein konnte.«45 Sein letztlich begrenzter Nutzen schloss das revisionistische Kapitel ein für alle Mal ab und schlug ein neues auf: das des demokratischen Dissidententums.46

Kurońs und Modzelewskis Auffassungen unterscheiden sich von den weiter oben beschriebenen evolutionistischen Strömungen. Ihre Schriften (keinesfalls das Werk reformistischer »Revisionisten«) sind die »strenggläubiger«, gleichwohl schon »exkommunizierter«, Marxisten – und der in ihnen zum Ausdruck gebrachte Dissens ähnelt christlichem Ketzertum. Sie sind Häretiker, weil sie zur Wiederbelebung der »Heiligen Schrift« aufrufen und der Partei das Verfälschen der Doktrin zum Vorwurf machen: »Offizieller Lesart zufolge leben wir in einem sozialistischen Land. Diese These geht von der Gleichsetzung staatlichen Eigentums an den Produktionsmitteln mit gesellschaftlichem Eigentum aus. […] Ein scheinbar marxistischer Ansatz. Tatsächlich jedoch wurde hier ein fremdes Element in die marxistische Theorie eingeführt – ein formaljuristisches Verständnis von Eigentum. Je nach Klassencharakter des Staates kann der Begriff ›Staatseigentum‹ nämlich auch zur Kaschierung von Klassengegensätzen dienen.«47

Ihre mit marxistischem Instrumentarium vorgenommene Untersuchung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse lässt Kuroń und Modzelewski kommunistische Bürokratie mit kapitalistischen Eigentümern gleichsetzen; diese Bürokratie gleicht insoweit einem System, in dem ebenfalls nur »um der Produktion willen« produziert wird und der erzielte Mehrwert der Arbeiterklasse gleichfalls vorenthalten wird. Diese Beschreibung besitzt in Teilen durchaus hohe Überzeugungskraft und wird durch die marxistische Theorie überzeugend untermauert: »Unsere Analyse der Produktion um ihrer selbst willen, legt für uns den Schluss nahe, dass es im Verlauf der nächsten Jahre zu einer erheblichen Senkung des Lebensstandards und im Gefolge, Anfang der Siebzigerjahre, zu weiteren Arbeiterprotesten kommen wird.«48 Vorhersagen, die sich als zutreffend erweisen sollten.49

Allerdings veranlassten die mit dem »Brief« gemachten Erfahrungen und die daraus resultierenden Überlegungen Kuroń auch zu einer grundsätzlichen Kritik am Marxismus. Sein erster Kritikpunkt war die Nichtberücksichtigung der nationalen Frage, für die, so sein Eingeständnis, er selbst zunächst »blind« gewesen sei und sich folglich »dumm« verhalten habe.50 Diese Erkenntnis sei ihm erst nach seiner Militärzeit und seinem späteren Gefängnisaufenthalt gekommen. Zum Zweiten verwies Kuroń auf die, kulturelle Aspekte im Gesellschaftsmodell außer Acht lassende und insoweit eine allzu simplifizierte Sicht der Arbeiterklasse befördernde materialistische Schlagseite des – grundsätzlich missverstandenen – marxistischen Produktionsbegriffs. Dies ließ Michnik die Erfahrungen seiner älteren Weggenossen so zusammenfassen, dass »abstrakte historiosophische Formeln und die damit verbundenen taktischen Vorgehensweisen sich, konfrontiert mit der sozialen Wirklichkeit, als ungeeignet erwiesen haben.«51 Auch merkt Kuroń an, dass diese, von ihm erst später erkannten Fehler damals, als er den »Brief« zusammen mit Modzelewski abfasste, nur schwer einzuschätzen waren: »Wir mussten uns vom marxistischen Konzept ›Arbeiterklasse‹ und damit auch vom ›Klassenkampf‹ lossagen. Und dabei waren dies Konzepte, mit denen wir groß geworden waren und die unser Leben bis dahin bestimmt hatten. Natürlich kann man eine solche Sicht der Dinge aber auch ablegen, und genau dies taten wir alsbald. Die Arbeit am ›Brief‹ markierte für uns aber auch – wenngleich unfreiwillig – den Beginn einer Revision des Marxismus – und dies fiel uns alles andere als leicht. Denn noch bevor wir den Grund konkret benennen konnten, verspürten wir einen inneren, nicht erklärlichen Widerstand.«52

Ungeachtet der Inhaftierung seiner Autoren gelangte der Brief außer Landes und kehrte – nach seiner Veröffentlichung und Vervielfältigung in Frankreich – in Hunderten von Kopien nach Polen zurück.53 Die Entwicklungen an der Universität Warschau, die Treffen der neu gegründeten Debattierklubs und die Existenz des »Briefes« sowie eines weiteren, aus Anlass der Papierrationierung, von 34 bekannten Intellektuellen verfassten offenen Briefs, setzten eine Spirale von Dissens und Repression in Gang, die in der brutalen Reaktion des Regimes von 1968 ihren Höhepunkt fand. Zuvor hatte eine 1966 an der Universität abgehaltene Konferenz den »Häretikern« als Forum gedient. Zwei junge Studenten, Adam Michnik und Seweryn Blumsztajn, legten auf dieser Konferenz einen Aufsatz vor, in dem sie die »Illusionen des Revisionismus« thematisierten. Kołakowski und Pomian, ebenfalls Teilnehmer der Konferenz, wurden aufgrund ihrer dort gehaltenen Reden aus der Partei ausgeschlossen.54 Nach seiner Haftentlassung im Jahre 1967 resümierte Kuroń: »Sie verhafteten uns, weil sie die Universität an die Leine legen wollten, und erreicht haben sie das genaue Gegenteil: eine Zunahme der oppositionellen Aktivitäten.«55 Hauptverantwortlich hierfür war eine als sogenannte »Ranger« (Komandosi) bekannt gewordene, von der Partei bereits zuvor mit dem Etikett »revisionistischer Kindergarten« versehene Gruppe junger Studenten, darunter Michnik, Jan T. Gross, Irena Grudzińska und Jan Lityński.

Im Frühjahr 1968 kam es, größtenteils unter Führung der »Ranger« und junger reformis-tisch ausgerichteter Akademiker, zu ersten studentischen Streiks. Repressionsmaßnahmen größeren Stils, verbunden mit einer von und in der Partei organisierten antisemitischen Kampagne sowie Verhaftungen waren die Folge. Zur weiteren Verschärfung der Lage trug der auf das Zertreten des reformistischen Pflänzchens »Prager Frühling« zielende sowjetische Einmarsch in der Tschechoslowakei bei. Noch im selben Jahr sahen sich an die 100 000 polnische Bürger jüdischer Abstammung zum Verlassen des Landes gezwungen. Viele desillusionierte ehemalige »Gläubige«, darunter Bauman und Kołakowski, schlossen sich ihnen alsbald an. Selbst Idealisten vom Schlage Kurońs erkannten, dass die Partei aus sich heraus zu keiner Liberalisierung fähig war und es eine schlagkräftige Opposition zu organisieren galt. 1968 markierte somit das Ende aller reformistischen Illusionen und gab Anlass zu zahlreichen Abrechnungen mit dem kommunistischen System.56

Ein Beispiel hierfür – und ein Eingeständnis individueller Schuld – ist Kurońs Aufsatz »Das Böse, das ich tue« (Zło, które czynię) aus dem Jahr 1981.57 Er ist Teil einer Sammlung von 23 Texten,58 Artikeln und Manifesten, die Kuroń unter verschiedenen Pseudonymen in den Siebzigerjahren verfasst hat, also nach den traumatischen Erfahrungen von 1968, dem Blutvergießen von 1970 und der in totalitären Einrichtungen – nämlich beim Militär und im Gefängnis – verbrachten Zeit, wobei letztere, wie er feststellt, »in meinem Leben und für mein Verständnis von Totalitarismus ein wichtige Rolle gespielt hat«.59 Der Titelessay ist das vielleicht bedeutendste, einen ideellen Übergang und eine Abwendung von illusionären kommunistischen Vorstellungen veranschaulichende Dokument. Kuroń sieht sich in seinem Aufsatz selbst als »Übeltäter« – ein Vorwurf, der sich sowohl auf seine frühere Zugehörigkeit zum politischen Mainstream im kommunistischen Polen als auch auf seine frühen Aktivitäten als Dissident erstreckt, etwa im Zusammenhang mit der Gefährdung jüngerer Kommilitonen bei den 1968 organisierten Streiks oder mit dem seiner Familie durch seine jahrelange Inhaftierung zugefügten Leid.60

Der zentrale Gedanke, um den Kurońs Essay kreist, ist der von »Abrahams Dilemma« nach Søren Kierkegaard.61 Also die moralischen Konsequenzen, die sich aus der Wahl zwischen dem ungewissen Willen einer Gottheit (oder einer Idee, und in Kurońs Fall der sozialistischen Utopie) und dem Leben eines menschlichen Individuums, in diesem Fall Isaaks, ergeben. Kuroń bekennt, dass er sich lebenslang gegen Abraham entscheiden wollte, in den entscheidenden Momenten aber stets versagte und deshalb – metaphorisch gesprochen – Isaak immer wieder geopfert habe. In feinfühligen und bescheidenen Worten stellt er das ethische Recht infrage, einem Menschen im Namen einer abstrakten Sache, Überzeugung oder Idee ein Leid (gleich welcher Art) zufügen zu dürfen, weil »das Gute, dem ich diene künftig und unsicher ist, während das Böse, dem ich Vorschub leiste, gegenwärtig und gewiss ist«.62

Dies ist exakt der Punkt, an dem das »versklavte Denken« seine Freiheit wiedererlangt. Kurońs Sozialprogramm, wenngleich weiterhin deutlich links geprägt, steht in humanistischer, demokratischer und wichtige Aspekte des Marxismus berücksichtigender Tradition, bei völligem Verzicht auf jegliche totalitären Elemente leninistischer, stalinistischer, trotzkis-tischer, maoistischer oder sonstiger Prägung. Ebenso verzeiht er sich nichts: »Auch noch so gute Absichten können meine Taten nicht rechtfertigen. Das Böse bleibt böse, was immer die Absichten sind.«63 In weiteren Essays desselben Bandes erhebt Kuroń seine Stimme gegen Gewalt, nationalen Chauvinismus und totalitäre Diktaturen.64 Neben theoretischen und ethischen Ausführungen enthält das Buch wichtige Anleitungen zu dissidentischen Aktivitäten sowie zur Organisation der Opposition.65 Programmatisch führt Kuroń aus: »Wir wenden uns gegen den Totalitarismus und meinen damit ein soziales Gefüge, in dem Initiative, Information und Entscheidungsgewalt zentral gebündelt sind. Wenn wir in unserem Handeln konsequent sein wollen, dann müssen wir eine solche Struktur auch für unsere Oppositionsbewegung entschieden ablehnen. Und das heißt: Kein Einstimmigkeitsprinzip, keine Uniformität und keine zentralisierte Organisation. Insoweit die von mir vorgelegte Programmatik den verschiedenen Zentren, Strömungen und Milieus als gemeinsame Plattform dienen soll, ist damit nicht die Schaffung eines einzig gültigen und uniformen Programms gemeint; vielmehr geht es um die Formulierung unterschiedlicher und variantenreicher Texte, über die ein genuiner und aufrichtiger Diskurs in Gang kommen kann.«66

Ausgehend vom schmerzlich erlebten Fatalismus und der schizophrenen Zerrissenheit der Stalin’schen Ära vollzog sich somit ein Wandel hin zu ansatzweiser Liberalisierung und einer Rückkehr zu revisionistischen Idealen. Diese Ansätze wurden aber durch eine neuerliche brutale Reaktion des Regimes abrupt erstickt, in deren Folge jedoch ein konkretes Programm mit dissidentischen Forderungen erarbeitet und humanistische Ideale, nunmehr ohne Bezug auf sozialistische und marxistische Vorstellungen, wiederbelebt wurden. Beide, Kuroń wie auch sein jüngerer Kollege Michnik, betonten als letztliches Ziel der Opposition die Notwendigkeit einer Demokratisierung und eines Übergangs zu einer freiheitlichen Demokratie. Dies war eine eindeutige Absage an revisionistische Illusionen auf antistalinistischer Grundlage und markierte die Wendung hin zu einem linken Antikommunismus im eigentlichen Sinne. Während Kuroń bis an sein Lebensende ein Mann der radikalen Linken blieb, entwickelte der wichtigste neue Denker der nachfolgenden Generation – Adam Michnik – nicht nur ein antipolitisches und antikommunistisches Aktionsprogramm, sondern war auch darauf aus, viele offen zutage tretende Widersprüche – etwa den zwischen der Kirche und der Linken oder jenen zwischen Nationalismus und fortschrittlichem Denken – aufzulösen. Was er schließlich einer grundsätzlichen Kritik unterzog, war das sozialistische Denken als solches.

Phase III – Dissidenten: Ausgangspunkt »Demokratie«

»Adaś, hast du schon gehört, dass uns der Boss in seiner Rede erwähnt hat?« – so der damals dreißigjährige Kuroń zu seinem Pfadfinderneuling Adam Michnik. Gemeint war damit eine 1963 vom Generalsekretär der PZPR in einer Rede enthaltene Bemerkung. »Ich hab keine Zeit für den Quatsch, ich muss zu einer Physik-Nachklausur!«, so die gemurmelte Antwort des damals siebzehnjährigen blonden Feindes der öffentlichen Ordnung und Dissidenten in spe.67 Das erste Aufeinandertreffen der beiden datiert aus der Zeit als Michnik gerade mal elf Jahre alt war und sich einer unter Kurońs Leitung stehenden Gruppe »roter Pfadfinder« anschloss. Dies markierte den Beginn einer intensiven Zusammenarbeit, in deren Verlauf die beiden zu den bekanntesten linken Dissidenten in Polen avancierten. Und dies, obwohl sie sich – hinsichtlich ihres Charakters, wie auch in den von ihnen wahrgenommenen Aufgaben – in vielem unterschieden. Auf der einen Seite Kuroń, der Aktivist, auf der anderen der quasimessianische Intellektuelle Michnik, Hüter des nationalen Bewusstseins und geistiger Führer. Vielleicht liegt darin der Grund, weshalb »das Polnische einerseits keine Beleidigung kennt, die man Michnik nicht an den Kopf geworfen hätte, andererseits aber auch keine Lobeshymnen existieren, mit denen man ihn nicht bedacht hätte«.68 Zudem war Michnik Repräsentant einer neuen Generation. Sein Biograf Cyril Bouyeure bemerkt hierzu: »Michniks Biografie steht symbolhaft für den in tiefer Enttäuschung mündenden Weg einer ganzen Generation. Einer Nachkriegsgeneration, deren Erfahrungen und deren Horizont sich auf die Volksrepublik Polen beschränkten und für die der Sozialismus von Geburt an täglich Brot gewesen war. […] Mochte das Freiheitsverlangen vom Oktober ’56 auch Hoffnung aufkeimen lassen, so erlangten die von oben verordnete Wahrheit und verbreitete Furcht doch letztlich wieder die Oberhand. Gleichwohl hatte die Jugend das Licht am Ende des Tunnels wahrgenommen – und sollte es so schnell nicht mehr vergessen.«69

Michnik, die »Ranger« und die übrigen Studenten der 68er-Generation bildeten den Kern der neuen Opposition.70 Was sie nicht nur sprachlich, sondern auch gedanklich von den »Häretikern« unterschied, schildert Kuroń wie folgt: »Es war unsere Sprache, die bei vielen Menschen, die wir eigentlich erreichen wollten, nicht ankam. Politisch Desinteressierte oder Menschen mit traditionellen Bindungen an die Heimatarmee oder die politische Rechte waren an dem, was wir zu sagen hatten, nicht interessiert. Unsere Sprache war die der ›Oktober-Linken‹. Die ›nach Widersprüchen Suchenden‹ – Adam Michnik und andere – hatten sich von dieser Sprache bereits verabschiedet, wenngleich auch sie sich noch fest im ›Oktober ’56‹ verwurzelt sahen.«71

1968, »das Jahr, in dem der Revisionismus sein Ende fand«,72 markierte auch das Ende der Oktober-Illusionen, so dass Michniks Generation nunmehr nach anderen Quellen der Inspiration Ausschau halten musste. Michnik erinnert sich: »Wir trafen uns relativ oft, und ganz allmählich machte ich eine Wandlung durch: Vom rebellischen Anhänger des Marxismus zum kritischen Leser und Befürworter polnischen demokratischen Denkens.«73 Das Ergebnis dieses Generationenwandels ist einer der wohl bekanntesten Essays Michniks: »Neuer Evolutionismus«.74 Darin übt er heftige Kritik an dem weiter oben bereits beschriebenen »Evolutionismus« der Zeit nach 1956. Eine Strategie, die mit einem gewissen Maß an Konformität, getarnt als »Realismus« daherkommt. Der Essay diente einer im Entstehen begriffenen landesweiten Oppositionsbewegung, die in die Solidarność-Bewegung von 1980/1981 mündete, als Manifest. Michnik zeigt, dass die beiden Spielarten des Evolutionismus nach 1956, nämlich strenger Revisionismus sowie strenger Neopositivismus, »konfrontiert mit offen ausbrechenden Konflikten [wie 1968 und 1970, KS] zwangsläufig zur Parteinahme mit den Herrschenden und zur Übernahme von deren Ansichten führen müssen. Solidarität mit streikenden Arbeitern, demonstrierenden Studenten oder der Intelligenz angehörenden Dissidenten stellt die innerparteilich verfolgte Strategie revisionistischen Lavierens und die konformistische Politik des Neopositivismus infrage.«75

Das neue Jahrzehnt erforderte auch eine neue strategische Ausrichtung der Opposition.76 Es galt, aus den Ereignissen von 1968 und 1970 Lehren zu ziehen. Vor allem: Erstens, der Kommunismus stand, auch nach Ende des Stalinismus, für ein totalitäres System, in dem die Mächtigen nicht davor zurückschreckten, jeden, der es wagte aufzubegehren, zu erschießen, hinzurichten, zu verprügeln, zu verhaften oder des Landes zu verweisen. Zweitens galt es sicherzustellen, dass die Dissidenten unter der Intelligenz und die Aktivisten der Arbeiterbewegung künftig eine Einheit bildeten. Waren doch die Studentenunruhen 1968 noch von der Propaganda mit der Parole »Erteilen wir der bourgeoisen Jugend eine Lehre« angestiftet und von der Miliz und Arbeiterfreiwilligen niedergeschlagen worden. Umgekehrt hatte man 1970 die Arbeiter in ihrem Kampf alleingelassen und nicht einmal mit Solidaritätskundgebungen an den Universitäten unterstützt. Somit war die linke Intelligenz theoretisch zumindest zur Herstellung dieser Einheit prädestiniert. Es zeigte sich jedoch, dass aufgrund des staatlicherseits praktizierten Sozialismus, aber vor allem auch aufgrund der Besonderheit Polens, die Arbeiter sowohl von links wie von rechts ansprechbar waren – und eher konservativen Ideen zuneigten. Auch lieferten die Ereignisse von 1968 den Beweis für die immer noch vorhandene Bedeutung nationalistischer und antisemitischer Ideen. Weiterhin virulent war aber auch der Katholizismus – oder das Christentum im weiteren Sinne. Dies führte zur dritten Schlussfolgerung: Die notwendige Stärkung der Opposition erforderte das Schließen bestimmter Lücken. Am deutlichsten war dabei die Lücke zwischen der »laizistischen Linken«77 und den Katholiken. Vertreter des revisionistischen wie des neopositivistischen Lagers fanden im »Neuen Evolutionismus« eine gemeinsame Arbeitsgrundlage.

Linksintellektuelle wie Kuroń and Michnik sahen in der Lösung dieser Frage ein wichtiges Arbeitsfeld. Beide waren stark von Bohdan Cywińskis Essay »Genealogien der Unbeugsamen« (1971)78 beeinflusst. Darin wird der Einsatz der sowohl laizistisch wie zutiefst christlich ausgerichteten polnischen, dissidentischen Intelligenz zum Ausgang des 19. Jahrhunderts für das gemeinsame Ziel staatlicher Unabhängigkeit geschildert.79 Auf ihrer Suche nach einer neuen Leitidee stießen die beiden vormals doktrinär ausgerichteten Marxisten jetzt auf die sozialdemokratischen Wurzeln der frühen PPS und brachen – ein für alle Mal – mit der ideologischen Tradition von Kommunismus und SDKPiL.

Frucht dieses ideellen Wandels war das – im Anschluss an eine neue Welle von Arbeiterprotesten 1976 gebildete – Komitee zur Verteidigung der Arbeiter (Komitet Obrony Robotników, KOR).80 In ihm schlossen sich systemfeindliche Oppositionelle linker und rechter, laizistischer wie christlicher Ausrichtung zusammen. Intelligenz und Arbeiterklasse fanden hier eine gemeinsame Heimat. Das Komitee verfügte über ein positives, nicht nur auf Konfrontation angelegtes Aktionsprogramm. Kuroń hatte diesen »Aktionsplan« über einen längeren Zeitraum hinweg – in den Jahren seiner Inhaftierung nach 1968 – entworfen.81 Die Einstellung, dass man nicht nur reden, sondern endlich »etwas tun« müsse, war die entscheidende Voraussetzung, um auch die Arbeiter erreichen zu können. Die Intellektuellen sollten »die Cafés verlassen, illegale Flugblätter verfassen, illegale Zeitungen herausgeben, illegale Vorträge halten und eine illegale Universität gründen«82 – und ganz konkret und offen Präsenz zeigen – sowohl im Geheimen, wie unter voller Ausnutzung der von den Gesetzen gezogenen Grenzen.

All dies war Ausdruck der Suche linker Intellektueller nach einem neuen Selbstverständnis und einem neuen Rezept politischen Handelns, bestehend aus: dem Kampf gegen die Regierung eines kommunistischen Landes, in dem sich die Bürokratie zwar auf Marx berief, aber nur Totalitarismus zu Wege brachte, und der Suche nach Bündnissen mit Katholiken und Konservativen. In den Siebzigerjahren schenkten beide – Kuroń wie Michnik – der religiösen Frage besondere Aufmerksamkeit. In »Christen ohne Gott« (1975) und einer Reihe weiterer Artikel 83 bringt Kuroń linke Befindlichkeiten und Grundsätze christlicher Moral gleichberechtigt zur Deckung. In »Die Kirche und die Linke« (1976) richtet Michnik den Fokus mehr auf das Verhältnis zwischen beiden tradierten politischen und ideellen Denkweisen und der Möglichkeit des Dialogs zwischen ihnen, vermittelt durch die »Christliche Linke«, einer im Umfeld liberaler Katholiken mit vormals neopositivistischen Tendenzen entstandenen Bewegung. Michnik zufolge »wurde deutlich, dass politische Differenzen keine Entsprechung in konfessionellen Differenzen finden und dass die traditionell gezogenen Trennlinien längst überholt sind«.84 Bis zu einem gewissen Grad traf dies sicherlich zu. Vergleichbare Bündnisse entstanden auch in anderen Ländern des Ostblocks, zumal dort, wo das Christentum die Zivilgesellschaft – etwa in Gestalt der slowakischen, tschechischen und deutschen Intelligenz – wirksam zu mobilisieren vermochte.

So fanden sich in der tschechischen Charta 77 revisionistische Veteranen des »Prager Frühlings«, wie Miroslav Kusý, Liberale, wie Václav Havel, Christen, wie Václav Benda und Linke, wie Petr Uhl zusammen. In Polen jedoch war die ideologische Kluft zwischen der Linken (Laien und Christen eingeschlossen) und der katholisch-nationalistischen Rechten Realität und trat bereits in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre deutlich zutage.85

Angesichts dieses Bruchs sah sich die laizistische Linke erneut (wie schon zu Zeiten Stalins) Angriffen von zwei Seiten ausgesetzt: Einmal vonseiten der kommunistischen Regierung, zum andern vonseiten der ultra-katholischen und nationalistischen Kreise. Somit erscheinen Michniks intellektuelle Terrainerkundungen umso bemerkenswerter. Die »demokratische Opposition«, wie die aus laizistischen und christlichen Linken sowie gemäßigten Rechten bestehende Koalition in den Siebzigerjahren genannt wurde, identifizierte sich auch gerne mit dem Erbe der frühen PPS. Die Wieder- und Neubelebung des mit der radikal und idealistisch, gleichwohl auch demokratisch ausgerichteten Polnischen Sozialistischen Partei verbundenen Mythos trug zur Etablierung dieser Kreise nicht so sehr unter einem roten als vielmehr rot-weißen Banner bei. Für alle drei der weiter oben aufgeführten Problembereiche erwies sich dies als äußerst hilfreich. Auf diese Weise war es möglich, die Opposition auf eine breitere Grundlage zu stellen, eine gemeinsame Basis mit der Arbeiterklasse zu finden und ein Aktionsprogramm zu entwerfen, das letztlich zur Gründung von Solidarność führte.86

Wie schon seine Vorgänger wollte auch Michnik herausfinden, weshalb die Realisierung sozialistischer Ideale stetig in Richtung Diktatur und Unterdrückung abzudriften pflegte – und was zur Wahrung linker Werte beitragen könnte. Stets bereit »ins Wespennest zu stechen« und »gegenüber jedem eine scharfe analytische Klinge zu schwingen«,87 legte er – im Verlauf eines (erneuten) Gefängnisaufenthalts nach Ausrufung des Kriegsrechts 1981 – einen höchst umstrittenen Essay vor. In »Gespräch in der Zitadelle« (1982) beschäftigt er sich erneut mit dem politischen Denken des frühen zwanzigsten Jahrhunderts und dessen drei Hauptströmungen: der internationalistischen Linken (SDKPiL), der auf staatliche Unabhängigkeit fixierten Sozialdemokratie (PPS) und den rechtsgerichteten Nationaldemokraten.88 Diesmal aber verteilte Michnik die Rollen und Meriten anders als in seinen aus den Siebzigerjahren stammenden politischen Schriften. Der kontroverse Charakter des Essays rührt daher, dass sich Michnik darin zum Advocatus Diaboli macht, indem er die Fehlerhaftigkeit beider linker Richtungen aufzeigt, während er die Nationalisten lobt.89 Wer diesen Essay liest, ist verblüfft und fragt sich ständig, auf wessen Seite der Autor eigentlich steht. Michniks Schuldzuweisungen an die Linke, wie auch die daraus gezogenen Schlussfolgerungen sind für den vorliegenden Artikel höchst aufschlussreich. In gewisser Weise markiert dieser Essay die endgültige Abkehr von politisch praktiziertem Marxismus, Staatssozialismus und Kommunismus. Aber mehr noch: Lagen für Miłosz die Wurzeln des Totalitarismus in den historischen Umständen und für Kuroń in einer falschen Reaktion auf »Abrahams Dilemma«, so postuliert Michnik jetzt, dass jede Form sozialistischen Denkens dessen Saat in sich trägt. Er lässt damit als linker Denker den Kommunismus, wie er hier eingangs definiert wurde, hinter sich und stellt seine eigene intellektuelle Ausgangsbasis infrage. Letztlich gelangt er aber dann doch zu einem positiven demokratischen und mit linken Werten zu vereinbarenden Programm, das dem von kommunistischer Spreu befreiten Begriff »Sozialismus« einen neuen Inhalt verleiht: »Der Vor-Totalitarismus der polnischen Sozialisten kam in zweierlei Gestalt daher. Er lag zum einen im Wesen der Lehre selbst begründet; einer Lehre, die glaubte, mit ihrem Instrumentarium an Kategorien und Begriffen, das gesellschaftliche Leben in seiner ganzen Vielfalt erfassen und beherrschen zu können; er hatte seine Ursache zum andern im Wesen der Organisation selbst, deren Ausgestaltung den Sieg der polnischen Arbeiter im Heiligen Krieg gegen den russischen Despotismus garantieren sollte.«90

Michnik beschreibt zwei Spielarten des Sozialismus: Die der »Doktrinäre« (überwiegend SDKPiL-Anhänger) und die der »Organisatoren« (Piłsudskis PPS).91 Erstere stellten die Revolution in den Mittelpunkt, ein Ziel, »das es ihnen erlaubte, das ›Heute‹ und dessen aktuell gültige Wertvorstellungen und erreichten Leistungen als zu vernachlässigende Größen einer sterbenden Kultur gering zu achten«.92 Zur Erreichung dieses Ziels, so die »Doktrinäre«, bedürfe es »eines effizienten und disziplinierten Kaders«, aus dem sich »eine Armee von Berufsrevolutionären formen lässt«. Dieser Kader – die Partei – musste »die Avantgarde der Arbeiterklasse bilden, musste deren besten Eigenschaften und langfristigsten Zielen zum Durchbruch verhelfen, auch wenn sich die Arbeiter dieser Ziele noch gar nicht bewusst waren. Nur so, so glaubte man, konnte die revolutionäre Vorhut des Proletariats eins mit diesem werden ...«93 Den anderen Pol bildeten die »Organisatoren« – Aktivisten, denen es weniger um marxistische Theorie als um »konkretes Handeln« ging. Ihr Interessensschwerpunkt lag eher auf paramilitärischen Gruppierungen, die sich durch »paramilitärische Disziplin und bedingungslosen Gehorsam« auszuzeichnen hatten. Dies waren die »beiden Gesichter vor-totalitärer Verlockungen, denen sich das polnische sozialistische Lager ausgesetzt sah. Seine vollen Konturen sollte das eine in der Theorie und Praxis der Polnischen Kommunistischen Partei und in deren Streben nach Bolschewisierung des Landes in der Zeit zwischen den Kriegen erlangen; das andere in der politischen Praxis der Piłsudski-Diktatur.«94

Hiervon ausgehend und unter Berücksichtigung des beiden Varianten sozialistischen Denkens innewohnenden »totalitären Keims«, geht Michnik in seinem Essay zur Erörterung zweier antitotalitärer sozialistischer Traditionen über: der parlamentarischen Richtung Rosa Luxemburgs und der kooperativen Richtung Edward Abramowskis. Beide waren laut Michnik dafür geeignet, die Grundlagen für den Entwurf eines tragfähigen Programms gesellschaftlicher Ordnung zu bilden. Luxemburgs Kritik an Bolschewismus und Leninismus trifft hier auf Abramowskis theoretische Erkenntnisse über die künftige Richtung der sozialistischen Bewegung. Erstere argumentierte, dass »die Grundlage des [leninistischen] Regimes die Passivität der bürgerrechtslosen Arbeitermassen wäre. Das Zentralkomitee nähme dann eine kollektive Cäsarenrolle ein, während eine Prätorianer-Garde Sicherheit und Ordnung gewährleisten würde.«95 Abramowski seinerseits warnte vor den Gefahren einer »bürokratischen Revolution«, die – angeführt von Kadern, die sich als Berufsrevolutionäre verstehen – in Ländern mit nicht gefestigter politischer Kultur, wie jenen Zentral- und Osteuropas, zu einer besonders gefährlichen »sozialistischen Form des Jakobinismus« führen würde. Tatsächlich decken sich Abramowskis Vorhersagen verblüffend mit den späteren Verhältnissen in der Volksrepublik. Michniks Bemühen geht dahin, auf diesen beiden Theoretikern selektiv aufzubauen. So führt er aus: »Luxemburg verteidigte gegenüber Lenin die Vorzüge der bürgerlichen Demokratie; jede Bewegung, die Freiheit unterdrückt, erst recht die des politischen Gegners und dessen Meinungsfreiheit – so ihre Aussage – ist zwangsläufig zur Auszehrung und zum Niedergang verurteilt.«96 Abramowski ging hier noch weiter, indem er einer sozialistischen Bewegung grundsätzlich die Fähigkeit absprach, einen vorhandenen Staatsapparat übernehmen zu können, ohne nicht gleichzeitig ein neues System der Unterdrückung zu installieren. Unumgänglich sei »der Boykott staatlicher Einrichtungen« und »deren Ersatz durch neue, unabhängige«.97 Gut neunzig Jahre vor Solidarność beschwor er die Notwendigkeit, »die Zivilgesellschaft zu einem Gegenstand der Politik zu machen«. 98 Was allerdings überrascht, ist Michniks Schlussfolgerung, wonach die Ideen Luxemburgs und Abramowskis denen Roman Dmowskis, dem Führer der Nationaldemokraten, erstaunlich nahekamen.99 Was er letztlich der demokratischen Bewegung vorschlägt, ist ein antipolitisches Programm politischen Handelns – eine nicht links ausgerichtete, sich auf alle drei Traditionen berufende Linke.

In der vielleicht besten Zusammenfassung der Lehren, die ein unter kommunistischer Herrschaft lebender und diese bekämpfender Linksintellektueller ziehen kann, zählt Michnik eine Reihe als Leitlinien für künftiges Handeln dienender Aspekte auf.100 So meint er unter anderem: »Wir brauchen Subjektitvität (podmiotowość)« – ein Punkt, den er von Abramowski übernimmt und der in der Tat die Entwicklung eines parallelen Gemeinwesens und die Stärkung der Zivilgesellschaft meint. Dieser Punkt lehnt sich sowohl an Kurońs Vorstellungen von »Selbstverwaltung« wie auch an Petr Uhls Programm der gesellschaftlichen Selbstverwaltung (1982)101 an. »Wir brauchen eine aktive Politik (polityka czynna), d. h. eine Politik, die uns vor den Verlockungen eines totalitären Regimes im Alltag zu schützen vermag.« – Ein Gedanke, den Michnik von Dmowski übernommen hat. Michniks Äußerung: »Wir brauchen die katholische Kirche« mag westliche Linke überraschen, doch war sie den besonderen Umständen geschuldet. Gemeint war damit jedoch keine politisch engagierte theokratische Kirche, sondern »eine für alle offene Kirche, die der ganzen Welt im Namen des Kreuzes die Hand reicht«. Und weiter: »Wir brauchen nationale Solidarität – basierend auf Meinungsvielfalt, Diversität und Pluralismus« – hier dürfte Rosa Luxemburgs Einstellung zum Parlamentarismus Pate gestanden haben. »Solidarität kann nicht mit Disziplin gleichgesetzt werden. Nationale Solidarität ist ohne Toleranz und Pluralismus und ohne die feste Überzeugung, dass Pluralismus Ausweis für den Reichtum einer nationalen Kultur ist, nicht möglich.« Dem schließt sich der Versuch zur Wiedereinführung eines linken Elements an: »Wir brauchen den Sozialismus« – eine selbst von seinen Freunden kritisierte Aussage.102 »Wir brauchen weder irrsinnige Träume von einer Gesellschaft, in der nur noch das Gute herrscht, noch den Traum von einer Weltrevolution, die uns auf einen Schlag das ewige Heil einer konfliktfreien Welt verspricht.« Gemeint war damit ein utopiefreier Sozialismus, da Utopien (wie Kuroń gezeigt hat) – in der Konfrontation mit »Abrahams Dilemma« – stets die falschen Entscheidungen nach sich ziehen. Zusammengefasst: »Ein Sozialismus, der – angesichts der komplexen Realität der in der Menschheitsgeschichte wirkenden brutalen Kräfte – Orientierung verspricht; ein Sozialismus, der unsere Bereitschaft zum Kampf gegen Armut und soziales Elend stärkt. Was wir brauchen ist eine sozialistische Tradition, die sich der ihr gesetzten Grenzen bewusst ist, denn der Traum vom ewigen Heil ist nichts weiter als ›Verzweiflung‹ im Hoffnungsgewand und unter dem Deckmantel ›Gerechtigkeit‹ verborgenes Machtstreben.«103 Schließlich ergänzt Michnik das Ganze noch um eine freiheitliche Komponente: »Wir brauchen Freiheit, aber auf dem Weg dahin tragen wir die Saat der Sklaverei noch in uns.« Er streift kurz die positiven und negativen Aspekte von Freiheit; einer Freiheit, »deren Botschaft wir alle in unseren Herzen tragen. Aber wissen wir diese Botschaft auch richtig zu lesen?« All die aufgeführten Punkte sind weiterhin thematisch relevant für eine aus Dissidenten bestehende, demokratisch ausgerichtete linke Bewegung, der Schlagkraft und Orientierung im Verlauf ihrer Geschichte abhandengekommen sind.

Womöglich wurde der Weg der mitteleuropäischen Linksintellektuellen zum Kommunismus hin und von diesem weg noch nirgends besser beschrieben als in Michniks epilog-artigem Essay. Sein Endergebnis war ein eindeutig antikommunistisches Programm, das sich jedoch deutlich vom Konstitutionalismus westlicher Prägung unterschied. Letzterer reduzierte die Demokratie auf Rechtsstaatlichkeit und die komplexen, wenngleich voneinander getrennten Institutionen zum Merkmal einer repräsentativen freiheitlichen Demokratie. »Links« war dieses Programm in seiner Betonung partizipatorischer Elemente, in der Bekämpfung gesellschaftlicher Entfremdung, der Förderung von Teilhabe und Emanzipation sowie einer sich auf alle Ebenen erstreckenden demokratischen Selbstverwaltung.104

Resümee

Der Antikommunismus der Linken – und das trifft nicht nur auf Polen zu – basierte auf rationalem Skeptizismus, ergänzt um eine hohe Dosis Idealismus. Einerseits durchschaute man voll Skepsis die Lügen der Propaganda, andererseits galt es, die »anständigen« idealistischen Grundüberzeugungen der Linken zu bewahren. In der ersten hier skizzierten Phase erwiesen sich die Linksintellektuellen gegenüber dem kommunistischen Glauben als Neophyten – gleichermaßen fasziniert von Leichtverständlichkeit, utopischem Anspruch und programmatischer Progressivität, aber sich auch des Umstands bewusst, dass die Realität mit den Parolen nicht unbedingt Schritt zu halten vermag. Dies war der Ausgangspunkt für eine erste, grundlegende Form des Antikommunismus: ein Wiedererstarken antitotalitärer sozialistischer, die »Abweichungen von der Vergangenheit« verdammender Diskurse. Zelotische Anhänger des Marxismus wurden in dieser Phase als »revisionistische« Häretiker stigmatisiert – an einer »Kinderkrankheit« Leidende, in Lenins Diktion. Viele dieser Linksintellektuellen wurden – nachdem sie erkannt hatten, dass der Sowjetkommunismus, ja möglicherweise jeder andere Versuch einer Realisierung der marxistischen Utopie zwangsläufig in totalitärer Unterdrückung enden muss – zu zwar systemfeindlichen, aber prodemokratischen Dissidenten. Auch wenn sie versuchten, in ihrem Handeln einige Ideen der Vergangenheit in die Gegenwart hinüberzuretten, verschwanden Marx’ blaue Bände aus ihren Regalen und landeten wieder in den Bibliotheken der soziologischen Fakultäten. Sicherlich trug ihr antikommunistischer Kampf mit zum Sturz repressiver Regime bei – in den Augen des Volkes aber verrieten sie damit auch ihre Ideale. Die demokratische antikommunistische Linke hat sich von dieser selbstverschuldeten Schwächung nie wieder wirklich erholt, während die post-kommunistische Linke (über deren »linken« Charakter man unterschiedlicher Meinung sein kann) sich daran machte, die Scherben des zerschlagenen Porzellans einzusammeln. Ungeachtet eines positiven, auf partizipatorische »Selbstverwaltung« angelegten und sich deutlich von kommunistischer Praxis, westlicher parlamentarischer Sozialdemokratie und liberalem Konstitutionalismus abgrenzenden Programms, verkamen die Ideen dieser linken Dissidenten nach 1989 zu bloßen Randnotizen der Politik.

Während die individuell gemachten Erfahrungen der drei hier vorgestellten Hauptprotagonisten durchaus einen generations- und gruppenbezogenen Widerhall gefunden haben, dürfte sich die Übertragung ihrer Erkenntnisse auf andere Kontexte als sehr viel schwieriger erweisen. Was auffallen mag, sind einige (nicht unbedingt polenspezifische) Besonderheiten und die besondere Rolle der Religion – die ihren Niederschlag auch in der Terminologie gefunden hat, die zur Benennung der Entwicklungsphasen des linken antikommunistischen Denkens herangezogen wurde. Für einen nicht in Osteuropa beheimateten Leser dürfte des Weiteren der von Intellektuellen zu beiden Seiten des Eisernen Vorhangs an den Tag gelegte große Mangel an gegenseitigem Verständnis bemerkenswert sein. Dies ist eine Thematik, die nicht nur bei Miłosz deutlich anklingt, sondern auch in den Schriften von Kuroń und Michnik Erwähnung findet. Und das gilt für beide Richtungen: Diejenigen aus dem Osten werfen denen aus dem Westen Naivität vor, während jene häufig von der Verbohrtheit und Arroganz und der »Wir waren dabei, wir wissen, was Sache ist«-Haltung derer aus dem Osten genervt sind. Wie hier gezeigt wurde, mussten Letztere nicht grundlos von ihrem Wissensvorsprung überzeugt sein. Schließlich wies der linke Antikommunismus in Osteuropa, verglichen mit dem Westen, einen Entwicklungsvorsprung von mindestens einem Jahrzehnt auf. Als Miłosz seinerzeit Verführtes Denken publizierte, erregte er damit kaum Aufmerksamkeit. Als die reformistische Flamme in Polen 1968 ein für alle Mal erlosch und die marxistisch beeinflusste Linke jeglichen Einfluss verlor, kamen ihre Ideen im Westen gerade erst in Mode. Viele aus Osteuropa stammende politische Flüchtlinge stießen in ihren Gastländern, ungläubig und entsetzt, auf prokommunistische Sympathien – den »Kardinalfehler« jener Zeit.

Nach den mit dem real existierenden Kommunismus gemachten Erfahrungen erwiesen sich die osteuropäischen Gesellschaften (wohl oder übel) weitgehend immun gegenüber linken Diskursen; mehrere Jahrzehnte ideologischer Beeinflussung hatten sie gegenüber jeglichen Utopien und »-ismen« äußerst misstrauisch werden lassen.105 Mit Ausnahme des Antikommunismus in seiner krudesten und simpelsten Form – als Negation des überwundenen Systems. Evolution und positivem Erbe des Antikommunismus der demokratischen Linken begegnet man hingegen – hier wie im Ausland – weiterhin mit Geringschätzung und Unverständnis. Hier einige wichtige Texte vom Staub des Vergessens zu befreien und etwas Licht ins Dunkel zu bringen ist Sinn und Zweck dieses Essays.

Aus dem Englischen übersetzt durch das Bundessprachenamt


1 Adam Michnik, geb. 1946, politischer Publizist, Journalist und Historiker. Leitfigur zahlreicher oppositioneller Bewegungen; aus politischen Gründen (erstmals 1968) langjährig inhaftiert. Seit 1989 Chefredakteur der größten linksliberalen osteuropäischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza.

2 Ozjasz Szechter (1901–1982), Mitglied des Zentralkomitees der KP der West-Ukraine; war im Polen der Zwischenkriegszeit geächtet und wurde der Spionage für die UdSSR beschuldigt. Nach dem Krieg war er Mitglied des Jüdischen Organisationskomitees und im weiteren Verlauf in revisionistische und antisystemische Kontroversen verstrickt. 1977 brach er in einem an das Komitee zur Verteidigung der Arbeiter (Komitet Obrony Robotników, KOR) gerichteten Brief mit den meisten seiner früheren Überzeugungen und behauptete darin: »Marx und Engels (und deren Anhänger) sind letzten Endes widerlegt.«

3 Adam Michnik: Wyznania nawróconego dysydenta. Spotkania z ludźmi, szkice 1991–2001 [Bekenntnisse eines bekehrten Dissidenten. Gespräche mit Personen, Aufzeichnungen 1991–2001], Warschau 2003, S. 253 f.

4 Das Thomas Mann zugeschriebene Zitat wäre sicherlich aus dem Zusammenhang gerissen, würden Manns Biografie und sein moralischer Kampf gegen Nazideutschland außer Acht gelassen. Das Zitat soll hier lediglich als Aufhänger und Einstieg dienen.

5 Der Terminus »links« bedarf an dieser Stelle einer näheren Erläuterung. Ich werde den Begriff in diesem Artikel durchgehend zur Bezeichnung eines Korpus politischer Wertvorstellungen und Ideale verwenden, die, negativ ausgedrückt, in direkter Opposition zu konservativen Auffassungen, seien sie nationalistischer oder religiös-fundamentalistischer Prägung, stehen. Positiv ausgedrückt steht »links« für soziale Gerechtigkeit und Emanzipation, Pluralismus der Ideen und offene Diskussion. Ein solches Verständnis des Begriffes »links« verweist auf seine ursprünglich in der Französische Revolution entstandene Bedeutung und erscheint etwas weiter gefasst, als das im Westen gebräuchliche, vorrangig einen staatswirtschaftlichen Zusammenhang assoziierende. Wird »die Linke« als eine die offene Gesellschaft verteidigende Kraft gesehen, so können mit dem Begriff durchaus auch laizistische und christliche, ebenso wie sozialistische und (nicht-konservative) liberale Standpunkte gemeint sein. Genau dies ist der Schlüssel zum Verständnis der sich als »Linke« verstehenden antikommunistischen demokratischen Opposition in Mitteleuropa.

6 Jacek Kuroń: W stronę demokracji [Unterwegs zur Demokratie], in: ders.: Zło, które czynię [Das Böse, das ich tue], Warschau 1984 (1978/79), S. 68–80, hier S. 68.

7 Dieser Staatsstreich wird, wegen seiner Unterstützung durch die PPS und die Polnische Kommunistische Partei (zu deren Mitgliedern viele Ehemalige der SDKPiL sowie weit links stehende, vormals der PPS angehörende Kräfte zählten), oftmals auch als »Backlash der Linken« bezeichnet.

8 Czesław Miłosz (1911–2004), Dichter, Romancier, Jurist und Diplomat. Literatur-Nobelpreisträger (1980).

9 Czesław Miłosz: Marksizm [Marxismus], in: ders.: Rodzinna Europa, Warschau 2008 (1959), S. 103–118, hier S. 109 [dt. Ausgabe: West und Östliches Gelände, Köln 1961].

10 Ebd., S. 233.

11 Ebd., S. 235.

12 Ebd., S. 227.

13 Ders.: O Dziennikach Marii Dąbrowskiej [Maria Dąbrowskas Tagebücher], in: ders.: Historie ludzkie. Pierwodruki 1983–2006 [Geschichten von Menschen. Edition 1983–2006], Warschau 2007, S. 173–175, hier S. 174.

14 In seinem Essay von 1977 unterscheidet Adam Michnik zwischen pro- und antikommunistischen Linken. Er tut dies jedoch bereits im Rückblick, ausgehend von einer Zeit, in der eine antikommunistische Haltung für linke wie rechte Intellektuelle schon zur einzig »anständigen« Option geworden war. Und er tut es um seiner Argumentation willen. Miłosz versucht hingegen zu zeigen, dass eine pro- oder antikommunistische Haltung keineswegs nur individuell, sondern in hohem Maße auch durch externe Faktoren bedingt sein konnte. Siehe hierzu: Adam Michnik: Kościół, Lewica, Dialog, Warschau 2009 (1977), S. 11 f. [dt. Ausgabe: Die Kirche und die polnische Linke: von der Konfrontation zum Dialog, München 1980].

15 Czesław Miłosz: Zniewolony umysł, Krakau 1999 (1953) [dt. Ausgabe: Verführtes Denken, Köln 1953].

16 Dies sind Jerzy Andrzejewski (Deckname: Alpha), Romancier; Tadeusz Borowski (Beta) Romancier und Dichter; Jerzy Putrament (Gamma) Schriftsteller und Politiker; Konstanty Ildefons Gałczyński (Delta) Dichter.

17 Leszek Kołakowski: Main Currents of Marxism, New York 1976 [dt. Ausgabe: Die Hauptströmungen des Marxismus, München 1976].

18 Zu seinen Kritikern zählte auch Sartre, während Camus, als einziger prominenter Intellektueller, das Buch pries und den später in die USA emigrierten Miłosz zeitlebens »in Schutz« nahm. In einer Passage des Buches diagnostizierte Miłosz die schon sehr früh existierende tiefe Kluft zwischen den im Westen und im Osten mit Krieg, Kommunismus und Geschichte gemachten Erfahrungen. Siehe auch: Czesław Miłosz: Zachód [Der Westen], in: ders.: Zniewolony umysł (Anm. 15), S. 47–75.

19 Ders.: Rodzinna Europa (Anm. 9), S. 231.

20 Miłoszs kommunistische Vergangenheit ist auch im heutigen Polen noch immer ein Thema. Folgender Essay mag als Beispiel für die heftige Abneigung dienen, die dem Dichter von rechtsgerichteten Literaten entgegengebracht wird: Jan Majda: Wisława Szymborska, Karol Wojtyła, Czesław Miłosz, Krakau 2002. Miłosz hat jedoch auch zahlreiche, über sehr viel mehr Kompetenz als seine Kritiker verfügende Fürsprecher: Karin Choinski: W obronie Miłosza [Zur Verteidigung von Miłosz], in: Znak 650–651 (2009), S. 101–116.

21 Adam Michnik: Odzyskany poeta. Miłosz i sprawa polska [Ein zurückgewonnener Dichter. Miłosz und die polnische Frage], in: ders.: Szanse polskiej demokracji [Die Chancen für eine Demokratie in Polen], Warschau 2009 (1980), S. 69–71.

22 Siehe Miłosz: Zniewolony umysł (Anm. 15), S. 29–46.

23 Das Liebäugeln Intellektueller mit politischer Macht und Stärke war später Gegenstand einer Analyse aus eher westlicher Sicht. Siehe auch Mark Lilla: The Reckless Mind: Intellectuals and Politics, New York 2001.

24 Miłosz: Historie ludzkie (Anm. 13), S. 175.

25 Siehe hierzu Łukasz Tischner: Miłosz i wiek sekularny [Miłosz und das säkulare Zeitalter], in: 
Znak 650-651 (2009), S. 95–100.

26 Diese Formulierung findet sich bei: Zygmunt Bauman: Social dissent in the East European political system, in: European Journal of Sociology 12 (1971), H. 1, S. 25–51, hier S. 43; Bauman sieht die politischen Entwicklungen in Osteuropa als Teil eines Gesamtzusammenhangs revolutionärer Umwäl-
zungen. Dies mag aus heutiger Sicht seltsam erscheinen, verdeutlicht jedoch gut postrevisionistische Denkweisen.

27 Das Phänomen des »Polnischen Oktobers« und seiner Wechselbeziehung zu den Ereignissen desselben Jahres in Ungarn ist in zahlreichen Analysen dokumentiert. Beispielhaft hierfür: Pierre Kende/Krzysztof Pomian (Hg.): 1956. Varsovie-Budapest, la deuxième révolution d’Octobre [1956. Varsovie-Budapest, die zweite Oktoberrevolution], Paris 1978.

28 Siehe Andrzej Friszke: Polski Październik 1956 z perspektywy pięćdziesięciolecia [Der Polnische Oktober 1956 fünfzig Jahre später betrachtet], in: ders.: Przystosowanie i opór. Studia z dziejów PRL [Anpassung und Widerstand. Studien zur Geschichte der Volksrepublik Polen], Warschau 2007, S. 107–123.

29 Jacek Kuroń: Zło, które czynię [Das Böse, das ich tue], in: ders.: Zło, które czynię (Anm. 6), S. 5–13, hier S. 10.

30 Siehe Adam Michnik: Nowy ewolucjonizm [Der neue Evolutionismus], in: ders.: Szanse polskiej demokracji (Anm. 21), S. 103–115.

31 Hierzu gehörte etwa Stanisław Stomma (1908–2005) – ein Schulkamerad von Miłosz und führender Vertreter des »Katholischen Clubs« im polnischen Parlament. Dieser sich »Znak« [Zeichen] nennende Club beabsichtigte die ansatzweise Schaffung eines Surrogats von politischem Pluralismus innerhalb eines autoritär ausgerichteten Systems. Übernommen hatte man diese Strategie von polnischen Nationalisten – den Nationaldemokraten um Roman Dmowski –, die mit ähnlicher Motivation im russischen Parlament aktiv geworden waren. Stomma erkannte jedoch die Grenzen dieser Strategie und vollzog letztlich – in einem symbolischen, ja romantischen Akt – den Bruch mit ihr: 1976 stimmte er als einziger Abgeordneter gegen die verfassungsmäßige Verankerung der »Freundschaft zur UdSSR«. Dies bedeutete das endgültige Aus seiner politischen Karriere im sozialistischen Polen.

32 Michnik: Nowy ewolucjonizm (Anm. 30), S. 104.

33 Jacek Kuroń: Próba opozycji [Ein Versuch zur Opposition], in: ders.: Autobiografia [Autobiografie], Warschau 2009 (1989), S. 197.

34 Baumann geht sogar so weit, den osteuropäischen Staatsschutzorganen weitaus weniger Gewaltbereitschaft zu unterstellen als denen westlicher Länder – zumal amerikanischen. Siehe Bauman: Social dissent 
(Anm. 26), S. 32 f.

35 Jacek Kuroń (1934–2004), Pädagoge, Schriftsteller und politischer Aktivist der Linken. Kuroń war der erste, diesem Anspruch voll gerecht werdende polnische Dissident und wurde 1965 erstmals inhaftiert. 
Er war in den Siebzigerjahren Führer der demokratischen Opposition, später wichtiger Ratgeber der 1980 gegründeten Solidarność und nach 1989 Sozial- und Arbeitsminister sowie Abgeordneter.

36 Einige prominente Intellektuelle in anderen sozialistischen Ländern beschritten den gleichen Weg; erwähnt seien hier nur die Tschechen Jiří Dienstbier und Jaroslav Šabata oder die slowakischen Aktivisten Miroslav Kusý und Milan Šimečka. In Ungarn, stark geprägt durch die mit den Ereignissen in Polen desselben Jahres nicht zu vergleichenden Erfahrungen des Aufstandes von 1956, schlug diese Generation schon früh – zwölf Jahre vor dem Prager Frühling und der Bewegung vom März 1968 in Polen – gänzlich andere Pfade ein.

37 Jacek Kuroń: Postawy ideowo-etyczne a więź społeczna [Ideologisch-ethische Einstellungen und soziale Bindung], in: ders.: Zło, które czynię (Anm. 6), S. 14–21, hier S. 14. Erstveröffentlichung des Aufsatzes unter dem Pseudonym Elżbieta-Grażyna Borucka in: Znak 216 (1972).

38 Ders.: Autobiografia (Anm. 33), S. 9–12.

39 Ders.: Wiara i wina [Glaube und Schuld], in: ders.: Autobiografia (Anm. 33), S.195.

40 Karol Modzelewski (geb. 1937), Historiker, Professor an der Universität Warschau und politischer Aktivist. PZPR-Mitglied von 1957 bis 1964. Seit 1964 Unterstützer des oppositionellen Mainstream. Dreimal inhaftiert (1965, 1968 und 1982). Von 1989 bis 1991 Senator.

41 Kuroń: Wiara i wina (Anm. 39), S. 191.

42 Insoweit traten sie zu diesem Zeitpunkt viel eher in die Fußstapfen von SDKPiL und Rosa Luxemburg als in jene der PPS.

43 Kuroń: Wiara i wina (Anm. 39), S. 221 f.

44 Jacek Kuroń/Karol Modzelewski: List otwarty do partii, 1965 [dt. Ausgabe: Offener Brief an die Vereinigte Polnische Arbeiterpartei, Kiel 1968]. Der vollständige Text ist online abrufbar unter: 
www.internacjonalista.pl/historia-i-wspoczesno/historia-doktryn-lewicowych/1483-jacek-kuro-karol-modzelewski-list-otwarty-do-partii.html, ges. am 19. Januar 2011.

45 Kuroń: Wiara i wina (Anm. 39), S. 222.

46 Andrzej Korboński zufolge kann der »Offene Brief« als »Vorläufer ähnlicher, von polnischen Dissidenten in den späten Siebzigerjahren vorgelegten Verlautbarungen gesehen werden«. Wie ich versucht habe aufzuzeigen, trifft dies nur sehr eingeschränkt zu. Handelte es sich bei dem »Brief« doch nicht um die erste derartige Initiative. Hinzu kommt, dass er sich hinsichtlich Inhalt und Stoßrichtung völlig von den Briefen der Siebzigerjahre unterscheidet. Wenn es sich um einen symbolischen Vorläufer handelte, dann lediglich insoweit als auch er zum Widerspruch aufrief. Siehe Andrzej Korbonski: Dissent in Poland, 1956–76, in: Jane Leftwich Curry (Hg.): Dissent in Eastern Europe, New York 1983, S. 25–47, hier S. 30.

47 Kuroń/Modzelewski: List otwarty do partii (Anm. 44).

48 Kuroń: Wiara i wina (Anm. 39), S. 224.

49 1970 führten durch die Wirtschaftskrise verursachte Preissteigerungen zu Massenstreiks an der baltischen Küste in deren Verlauf es zu Unruhen und heftigen, zahlreiche Todesopfer fordernden Auseinandersetzungen mit der Schusswaffen einsetzenden Miliz kam. Ungeachtet einer Verbesserung der wirtschaftlichen Lage wurde auch das Jahr 1976 von einer Serie von Protesten begleitet.

50 Kuroń: Wiara i wina (Anm. 39), S. 196.

51 Michnik: Nowy ewolucjonizm (Anm. 30), S.109. Eine solche, den praktizierten Marxismus auf epistemologischer Basis infrage stellende Kritik wird auch von Kołakowski vorgebracht, wenn er meint, dass Bauman (ein vom Marxismus nie wirklich abgefallener Revisionist), in gleicher Weise wie Rosa Luxemburg, »die soziale Wirklichkeit anhand einer allgemeinen Doktrin, nicht aber anhand der tatsächlichen Gegebenheiten beschreibt«. Siehe Leszek Kołakowski: A pleading for revolution: a rejoinder to Z. Bauman, in: European Journal of Sociology 12 (1971), H. 1, S. 52–60, hier S. 60.

52 Kuroń: Wiara i wina (Anm. 39), S. 226.

53 Eine ausführliche Darstellung der Ereignisse im Vorfeld der 68er Revolte, einschließlich der – auch im Zusammenhang mit ihrem Brief – von Kuroń und Modzelewski ergriffenen Aktivitäten gibt Andrzej Friszke: Nad genezą marca 1968. Konflikt w PZPR na Uniwersytecie Warszawskim 1965–1967 [Zu den Ursachen vom März 1968. Der Konflikt innerhalb der Polnischen Kommunistischen Arbeiterpartei an 
der Universität Warschau 1965–67], in: ders.: Przystosowanie i opór (Anm. 28), S. 140–175; sowie die umfangreiche Studie: ders.: Anatomia buntu. Kuroń, Modzelewski i Komandosi [Anatomie eines Aufstandes. Kuroń, Modzelewski und die Ranger], Krakau 2010.

54 Cyril Bouyeure: Adam Michnik: Biografia. Wymyślić to, co polityczne [Adam Michnik: eine Biografie. Das Politische lebendig werden lassen], Krakau 2009, S. 80.

55 Jacek Kuroń: Komandosi [Ranger], in: ders.: Autobiografia (Anm. 33), S. 288.

56 Ein interessanter Aufsatz zu den marxistischen Wurzeln des Stalinismus findet sich bei Leszek Kołakowski: Marksistowskie korzenie stalinizmu [Die marxistischen Wurzeln des Stalinismus], in: ders.: Czy diabeł może być zbawiony i 27 innych kazań [Kann der Teufel erlöst werden und 27 andere Predigten], Krakau 2006 (1975), S. 345–367.

57 Zwar stammt der Aufsatz aus dem Jahr 1981, doch haben ihn die darin geäußerten Gedanken – wie Kuroń in seinen autobiografischen Schriften einräumt – bereits in den frühen Siebzigerjahren beschäftigt. Siehe Kuroń: Wiara i wina (Anm. 39), S. 357–379.

58 Kuroń: Zło, które czynię (Anm. 6).

59 Ders.: Wiara i wina (Anm. 39), S. 215. Kuroń war zeitweise zusammen mit einem Nazi-Kriegsverbrecher inhaftiert; ein Umstand, der ihm sicherlich einen gewissen Vergleich der psychologischen Grundlagen und Weiterungen zweier totalitärer Systeme ermöglicht haben dürfte. Siehe ders.: Wielkie przewartościowanie – filozofia działania [Die große Neubewertung – Philosophie des Handelns], in: ders.: Autobiografia, S. 331–354, hier S. 348–351.

60 Ders.: Zło, które czynię (Anm. 6), S. 11.

61 Siehe Søren Kierkegaard (unter dem Pseudonym Johannes de Silentio): Fear and Trembling, London 2003 [dt. Ausgabe: Furcht und Zittern, 1843].

62 Kuroń: Zło, które czynię (Anm. 6), S. 10.

63 Ebd., S. 6.

64 Ders.: Chrześcijanie bez Boga [Christen ohne Gott], in: ebd.; ders.: Postawy ideowo-etyczne (Anm. 37).

65 Enthalten sind diese Hinweise in Artikeln und Abrissen mit so aussagekräftigen Titeln wie »Bemerkungen zur Struktur der demokratischen Bewegung«, »Auf dem Wege zur Demokratie«, »Einige Gedanken zum Aktionsprogramm«, »Welches Programm ist jetzt gefragt?« oder »Was macht Radikale moderat und 
Moderate radikal?«.

66 Jacek Kuroń: Zasady ideowe [Ideologische Prinzipien], in: ders.: Zło, które czynię (Anm. 6), S. 37–60, hier S. 37.

67 Ders.: Wiara i wina (Anm. 39), S. 211.

68 Ks. Józef Tischner: Po co Pan Bóg stworzył Michnika? [Warum hat Gott Michnik erschaffen?], in: Michnik: Kościół, Lewica, Dialog (Anm. 14).

69 Bouyeure: Adam Michnik (Anm. 54), S. 98.

70 Manche meinen, dass nur die Opposition nach 1968 wirkliche Opposition gewesen sei. Dies ist jedoch eine viel zu enge Sicht der Dinge, die zum einen nicht den von den Dissidenten der Zeit zwischen 1965 und 1968 erbrachten Opfern Rechnung trägt, zum anderen aber auch Ausdruck einer inhärent antilinken Haltung ist, da sie, aus ideologischen Gründen, dem Revisionismus und seinen radikalen Ablegern nicht gerecht wird.

71 Kuroń: Wiara i wina (Anm. 39), S. 210.

72 Michnik: Nowy ewolucjonizm (Anm. 30), S. 106.

73 Ders.: Wyznania nawróconego dysydenta (Anm. 3), S. 49.

74 Ders.: Nowy ewolucjonizm (Anm. 30).

75 Ebd., S. 109.

76 Auch diesbezüglich weisen Polen und die Tschechoslowakei viele Gemeinsamkeiten auf. In der Tschechoslowakei dauerte die reformistische Phase bei Weitem nicht so lange und gipfelte im »Prager Frühling« von 1968. Anfang der Siebzigerjahre war die linke Intelligenz in beiden Ländern – und zwar sowohl die Generation der »Neophyten«, mit Jerzy Andrzejewski oder Jiří Hájek, der »Häretiker«, mit Kuroń oder Milan Kundera, aber auch die jüngere Generation, mit Michnik oder Anna Šabatová – einigermaßen desillusioniert, was den Kommunismus und dessen Fähigkeit zu Reformen ohne radikalen sozialen Wandel betraf.

77 Ein von Michnik geprägter und verwendeter Terminus. Siehe Michnik: Kościół, Lewica, Dialog 
(Anm. 14).

78 Bohdan Cywiński: Rodowody niepokornych [Genealogie der Unbeugsamen], Warschau 1996 (1971).

79 Kuroń: Postawy ideowo-etyczne a więź społeczna (Anm. 37).

80 Siehe Andrzej Friszke/Andrzej Paczkowski: NiepoKORni. Rozmowy o Komitecie Obrony Robotników [Die Unbeugsamen. Gespräch mit den Arbeitnehmervertretern des Komitees zur Verteidigung der Arbeiter], Krakau 2008.

81 Kuroń: Wielkie przewartościowanie – Filozofia działania (Anm. 59), S. 333–354.

82 Adam Michnik: Cienie zapomnianych przodków [Die Schatten der vergessenen Ahnen], in: ders.: Szanse polskiej demokracji (Anm. 21), S. 145–164, hier S. 153. Das Zitat paraphrasiert Piłsudskis – noch aus seiner Frühzeit als Führer der PPS stammendes – Rezept für radikales politisches Handeln.

83 Kuroń: Chrześcijanie bez Boga (Anm. 64), S. 22–36; sowie ders.: Zasady ideowe (Anm. 66); ders.: 
Lewica – Prawica. Bóg. [Die Linke – Die Rechte. Gott], in: Kuroń: Autobiografia (Anm. 33), S. 355–398.

84 Michnik: Kościół, Lewica, Dialog (Anm. 14), S. 83.

85 Eingeleitet wurde diese Entwicklung durch Differenzen innerhalb des KOR, die den 1948 geborenen Antoni Macierewicz aus dem Umfeld der Samizdat-Zeitschrift Głos [Die Stimme] zur Bildung einer konservativen Splittergruppe veranlassten. Daneben war auch die andere, nach 1977 aktive wichtige Oppositionsgruppierung – die Bewegung zur Verteidigung der Menschen- und Bürgerrechte (Ruch Obrony Praw Człowieka i Obywatela, ROPCiO) – eindeutig politisch rechts ausgerichtet. Mehrere ihrer Mitglieder gründeten 1979 die sich als erste oppositionelle Partei im Lande verstehende Konföderation Unabhängiges Polen (Konfederacja Polski Niepodległej, KPN). (Dieser katholisch-nationalistische dissidentische Ableger war auch als »Unabhängigkeits-Bewegung« bekannt.) Die heute in Polen vorhan-
denen politischen Lager sind nur vor dem Hintergrund dieses Mitte der Siebzigerjahre vollzogenen Bruchs zu verstehen.

86 In der Gesamtgesellschaft hingegen stieß der Mythos vor allem in den Achtzigerjahren auf eine weitaus geringere Resonanz. Allein schon die Begriffe »links« und »Sozialismus« wurden so sehr mit dem Staatskommunismus in Verbindung gebracht, dass der im Jahre 1987 unternommene Versuch einer Wiederbelebung der PPS durch den Nestor der demokratischen Opposition – Jan Józef Lipski (1926–1991) – zum Scheitern verurteilt war. Voll Selbstironie und unter Verwendung des zu ihrer Stigmatisierung als Ausgestoßene verwendeten Propagandabegriffs bezeichneten sich Michnik und Blumsztajn mitunter selbst als »anti-sozialistische Elemente«. Tatsächlich aber wurden sie in den Achtzigerjahren eher als Volkshelden gesehen, wohingegen der Sozialismus mit dem staatlicherseits praktizierten Kommunismus gleichgesetzt wurde.

87 Stefan Kisielewski: Przedmowa [Vorwort], in: Michnik: Kościół, Lewica, Dialog (Anm. 14), S. 5 f.

88 Adam Michnik: Rozmowa w Cytadeli [Gespräch in der Zitadelle], in: ders.: Szanse polskiej demokracji (Anm. 21), S. 263 –314.

89 Gegen Ende des Essays legt er allerdings auch die Schwachpunkte nationaldemokratischen Denkens und die Fehler Dmowskis offen, den er als Anhänger von »Waschweibern zur Ehre gereichenden« Verschwörungstheorien beschreibt. Weiter führt er über ihn aus: »Dmowski war ein exzellenter Analytiker, aber auch ein Gefangener seiner Phobien. Er war Mitbegründer der polnischen Unabhängigkeit und Hauptbeförderer polnischer Engstirnigkeit. Er pflanzte politischem Denken die Saat des Rationalismus ein und verbreitete gleichzeitig das Gift der Xenophobie […] Mit seinem nationalen Denken und seinem Polentum stieß er viele vor den Kopf und ebnete damit den Weg für totalitäre Lösungen.« Siehe ebd., S. 290. Siehe außerdem ders.: Cienie zapomnianych przodków (Anm. 82).

90 Michnik: Rozmowa w Cytadeli (Anm. 88), S. 280.

91 Ders: Utopia społeczna i bakcyl totalitarny [Sozialutopie und Keim des Totalitarismus], S. 279–283.

92 Ebd., S. 280.

93 Ebd., S. 282.

94 Ebd., S. 283.

95 Ebd., S. 284.

96 Ebd., S. 287.

97 Dies ist eindeutig ein Widerhall von Kurońs berühmtem Zitat: »Anstatt die Komitees [die Regionalzen-
tren der PZPR, KS] in Brand zu setzen, sollten wir unsere eigenen gründen.«

98 Michnik: Rozmowa w Cytadeli (Anm. 88), S. 287. Abramowskis Schriften wurden bereits in den Siebzigerjahren wiederentdeckt. Siehe Wojciech Giełżyński: Edward Abramowski, zwiastun »Solidarności« [Edward Abramowski als Vorbote von Solidarność], London 1986.

99 Michnik: Rozmowa w Cytadeli (Anm. 88), S. 288.

100 Ebd., S. 306–309.

101 Petr Uhl u. a.: Program společenské samosprávy, Köln 1982 [dt. Ausgabe: Die Herausforderung, Frankfurt a. M. 1981].

102 Michnik: Posłowie [Nachwort], in: ders.: Szanse polskiej demokracji (Anm. 21), S. 314.

103 Ders.: Rozmowa w Cytadeli (Anm. 88), S. 308 f.

104 Das Programm widerlegt insoweit die Auffassungen prominenter westlicher Intellektueller, wie Ralf Dahrendorf und Jürgen Habermas, wonach die Umwälzungen des Jahres 1989 nichts Neues oder Positives gebracht hätten. Ausführlich erörtert wird das Vermächtnis der partizipatorischen oder »republikanischen« Demokratien Polens, Ungarns und Tschechiens in: Paul Blokker: Dissidence, Republicanism, and Democratic Change, in: East European Politics and Societies, im Erscheinen.

105 Die gegenüber »-ismen« an den Tag gelegte Skepsis gebar auch so unorthodoxe und auf den ersten Blick als Oxymoron daherkommende, nicht ganz ernst gemeinte, wenngleich intellektuell fundierte Ideen, wie Kołakowskis liberal-konservativen Sozialismus. Siehe Leszek Kołakowski: Jak być konserwatywno-liberalnym socjalistą? Katechizm [Wie wird man ein konservativ-liberaler Sozialist? Ein Katechismus], in: 
ders.: Czy diabeł może być zbawiony (Anm. 56), S. 287–290.

Inhalt – JHK 2011

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