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Sowjetische Straflager in der russischen Erinnerungskultur. Museen und Gedächtnisorte in der Region Perm

JHK 2011 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 257-264 | Aufbau Verlag

Autor/in: Ulrike Huhn / Manuela Putz

Welchen Stellenwert nimmt die Erinnerung an die Verbrechen der Stalin-Ära und der späten Sowjetunion in der russischen Gesellschaft ein? Wie wird im Russland der Gegenwart an das sowjetische Straflagersystem erinnert? Insgesamt sechzehn junge Menschen aus Russland, Deutschland und Polen, Studierende und Nachwuchswissenschaftler, machten sich im Rahmen der von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen in Kooperation mit der Menschenrechtsorganisation Memorial Perm geleiteten und betreuten deutsch-russischen Sommerschule im Juli und August 2009 gemeinsam auf den Weg in die Region Perm im Uralgebiet. Vor Ort untersuchte das Forschungsteam, wie die Erinnerung an die politischen Repressionen an ausgesuchten ehemaligen Lagerstandorten auf lokaler Ebene weitergegeben und konkret vermittelt wird.1

Aus mehreren Gründen fiel die Wahl auf die Region Perm: Das Gebiet, das heute als eine der politisch liberalsten und kulturell innovativsten Regionen der Russischen Föderation gilt, blickt auf eine bis in die Zarenzeit zurückgehende Tradition als Verbannungs- und Lagerort zurück. In der Stalin-Ära war die Region von einem engmaschigen Netz von Lagern des Gulag (Hauptverwaltung der Lager) überzogen; andere Deportierte wurden in sogenannten Spezialansiedlungen zwangsangesiedelt. Zur Zeit des Kalten Krieges wurden im Permer Gebiet zudem einige der streng geheimen Sonderlager für politische Gefangene und Dissidenten eingerichtet, die bis zum Ende der Sowjetunion existiert haben. Gerade aufgrund der massiven Repressionserfahrungen eines großen Teils der Bevölkerung bildeten sich schon während der Zeit der Perestroika Bürgerinitiativen, darunter auch Memorial Perm. Diese machte sich die Aufarbeitung der totalitären Vergangenheit und die Korrektur staatlicher Erinnerungspolitik zur Aufgabe und ist heute als größte Nichtregierungsorganisation im Permer Gebiet aktiv am Aufbau der Zivilgesellschaft beteiligt. Durch ein vielfältiges Engagement entstand im Permer Gebiet eine russlandweit einzigartige Erinnerungslandschaft in Gedenken an den staatlichen Terror.2

Drei ehemalige Lagerorte standen im Mittelpunkt der vierzehntägigen Forschungsreise: Erstens die etablierte Gedenkstätte für die Geschichte der politischen Repressionen Perm’-36, zweitens das aus einer privaten Initiative eines ehemaligen Aufsehers hervorgegangene Gesellschaftliche Museum der Besserungskolonie IK-35 am Ort eines noch heute betriebenen Straflagers und drittens das verlassene Straflager Stvor, das von Memorial-Aktivisten als Erinnerungsort gekennzeichnet und gepflegt wird. Da sich unterschiedliche Akteure um die jeweiligen Erinnerungsorte bemühen, präsentieren diese sehr verschiedene, mitunter gegenläufige, Inszenierungen der sowjetischen Geschichte. Gegenstand der Forschung waren daher die Entstehungsgeschichte der Museen, Gedenkstätten und Gedenkorte, die Motivationen und Zielsetzungen ihrer Akteure sowie die Darstellung und Interpretation von Vergangenheit. Gefördert wurde das Forschungsprojekt, das sich an der Schnittstelle von gesellschaftlichem Engagement und historischer Wissenschaft bewegt hat, vom Programm »Geschichtswerkstatt Europa« der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft«, das auf die Untersuchung von unterschiedlichen Wahrnehmungen der Gewalterfahrungen des 20. Jahrhunderts und die Analyse europäischer Erinnerungskultur abzielt.

Gedenkstätte für die Geschichte der politischen Repressionen Perm’-36 
im Dorf Kučino

Die Geschichte des Lagerstandortes, an dem sich heute die Gedenkstätte Perm’-36 befindet,3 reicht bis in die Stalin-Zeit zurück: 1946 wurde hier ein typisches Holzfäller-Lager eingerichtet, wie es sie im Permer Gebiet bereits zu Hunderten gab. Seine besondere Bedeutung erhielt das Lager erst, als dort im Jahre 1972 ein Sonderkontingent politischer Häftlinge interniert wurde, darunter namhafte Vertreter der sowjetischen Menschenrechtsbewegung, der nationalen Bewegungen vor allem aus der Ukraine und Litauen, aber auch verfolgter religiöser Gruppen. Das damals unter der offiziellen Chiffre VS-389/36 und in Dissidentenkreisen unter der Bezeichnung Perm’-36 bekannt gewordene Straflager wurde für diese Häftlinge weiter ausgebaut und besonders gesichert. 1980 kam eine weitere Baracke »mit besonderem Haftregime« (osobyj režim) dazu, in der verschärfte Haftbedingungen herrschten und die als Hochsicherheitstrakt abgeschottet war. Perm’-36 gehörte neben Perm’-35 und Perm’-37 zu den drei Permer Politlagern, aus denen nach dem Zusammenbruch der Sowjet-union Ende 1991/Anfang 1992 nach einer Amnestie durch Präsident El’cin die letzten politischen Gefangenen der Sowjetunion in die Freiheit entlassen wurden.

Als letzter der drei Standorte wurde Perm’-35 im Dorf Central’nyj aufgelöst. Erste Bemühungen von Opfergruppen, am authentischen Ort eine Gedenkstätte zur Erinnerung an die politischen Repressionen zu errichten, konzentrierten sich daher zunächst auf diesen Ort. Da das Lager auch nach dem Ende der Sowjetunion weiter als Strafvollzugsanstalt diente, mussten die Pläne aber verworfen werden. 1992 gelang es den Aktivisten noch, eine Gedenktafel am ehemaligen Lagerkrankenhaus in Perm’-35 anzubringen; alle weiteren Bemühungen von Memorial und ehemaligen Insassen um die Musealisierung verlagerten sich danach auf das Gelände von Perm’-36 im Dorf Kučino.

Die Ausgangsbedingungen waren schwierig, es gab zahlreiche Hürden zu überwinden. Die Baracke »mit besonderem Haftregime« war bereits Ende der Achtzigerjahre von Einheiten des Innenministeriums mit schwerem Gerät zerstört worden. Daher waren nur noch Fundamente erhalten. Nach der Rekonstruktion der Baracke sowie der Lagerzäune wurde dieser Bereich Ende 1995 erstmalig für Besucher geöffnet. Der einige hundert Meter entfernte Gebäudekomplex des ehemaligen Lagerbereichs »mit strengem Haftregime« (strogij režim), auf dem auch die Baracken aus der frühen Lagerphase der Stalin-Ära erhalten geblieben waren, wurde seit Anfang der Neunzigerjahre von einer psychiatrischen Klinik genutzt und konnte erst in jüngerer Zeit von der Gedenkstätte erworben werden. Verantwortet wird das Museum von einem Trägerverein, dessen Vorstand auch ehemalige Häftlinge, wie z. B. Sergej Kovalëv, Lev Timofeev sowie Vertreter der Internationalen Memorial-Organisation angehören. Stiftungen aus dem Ausland förderten das Gedenkstättenprojekt in seiner Anfangsphase. Heute bezuschusst auch die heimische Gebietsverwaltung das Museum, sodass die Gedenkstätte mit staatlichen Mitteln getragen wird. Eine besondere Rolle beim Aufbau des Gedenkortes spielten von Anfang an junge Freiwillige, die sich im Sommer an den Rekonstruktionsarbeiten beteiligten. Sie erfüllten das Museum mit Leben und Diskussionen. An die Tradition der Aufbau-Workcamps knüpft nun das alljährlich im Juli stattfindende Bürgerforum Pilorama [Sägewerk] an, das mit Konzerten, Podiumsdiskussionen, Wechselausstellungen und Workshops Tausende Besucher anzieht. Heute ist die Gedenkstätte ein touristischer Anlaufpunkt in der Region und wirbt offensiv als selbst ernanntes »einziges Gulag-Museum in der Russischen Föderation« am authentischen Ort.

Das Gesellschaftliche Museum der Besserungskolonie IK-35 in Central’nyj

Während die Gedenkstätte Perm’-36 seit dem Ausbau einer Schnellstraße innerhalb weniger Stunden von Perm aus leicht zu erreichen und ohne Probleme zugänglich ist, ist das Gesellschaftliche Museum der Besserungskolonie IK-35 in der Siedlung Central’nyj nur bedingt für Besucher geöffnet. Die Siedlung darf wegen der immer noch betriebenen Strafkolonie nur mit vorheriger Sondergenehmigung betreten werden; die Zufahrtsstraße ist durch einen Schlagbaum am Eingang der Siedlung versperrt.

Das vom ehemaligen Aufseher und jetzigen Veteran der Strafvollzugsorgane Vladimir K. Kurguzov in einem Wohnblock eingerichtete Museum ist 1998 in direkter Reaktion auf die Einrichtung der Gedenkstätte Perm’-36 entstanden. Es richtet sich nicht an eine breitere Öffentlichkeit, sondern vor allem an die Mitarbeiter des russischen Strafvollzugssystems, die mit den Traditionslinien ihres Arbeitgebers und seiner über hundertjährigen Geschichte im Permer Gebiet vertraut gemacht werden sollen. Die Geschichte der Strafvollzugseinrichtung und der Lageralltag werden hier aus der Perspektive des Lagerpersonals dargestellt. Entsprechend erscheinen die Gefangenen, unabhängig von den Paragrafen und Bedingungen, unter denen sie verurteilt worden sind, in der Darstellung als gefährliche Verbrecher (die präsentierten, von ihnen selbstgefertigten Waffen und Fluchtwerkzeuge sollen dies veranschaulichen). Einzelne prominente ehemalige Häftlinge der Lagerphase nach 1972 wie Natan (Anatolij) Ščaranskij, sowjetischer Dissident und späterer stellvertretender israelischer Ministerpräsident, oder Vladimir Bukovskij, sowjetischer Dissident und Publizist, der 1976 gegen den chilenischen Kommunisten Luis Corvalán ausgetauscht wurde, werden jedoch völlig unvermittelt mit gewissem Stolz als »Söhne des Lagers« vorgestellt.

Streng genommen ist das selbst ernannte Museum eine von Vladimir K. Kurguzov eingerichtete Sammlung folkloristischer Alltagsgegenstände, die mit alten Spruchbändern und Losungen dem sowjetischen Wertesystem und seiner Ästhetik verhaftet ist. Das Sammelsurium vermittelt dem Besucher dennoch einen faszinierenden Einblick in Alltag und Lebenswelt der Mitarbeiter des Strafvollzugssystems, etwa bezogen auf gemeinsam verbrachte Freizeit bei freiwilligen Arbeitseinsätzen, Faschingsfeiern oder Ausflügen. Auf paradoxe Weise ist es einem ehemaligen Lagermitarbeiter zu verdanken, dass hier seltene Dokumente aus dem Lagerleben vorgestellt werden und dass an diesem Ort überhaupt an das Lager Perm’-35 erinnert wird, auch wenn es gerade nicht um eine kritische Aufarbeitung der Vergangenheit geht – dies ist zwar problematisch, gleichzeitig jedoch auch symptomatisch für die Auseinandersetzung mit sowjetischen Gesellschaftsverbrechen im heutigen Russland.

Museum ohne Guide in Stvor

Anders als die Permer Politlager wurde der unter Stalin eingerichtete Lagerstandort Stvor lange vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion aufgelöst. Entstanden war das Lager Stvor unter der Verantwortung der Hauptverwaltung der Lager mitten im Zweiten Weltkrieg, um hier mithilfe der Häftlinge ein Wasserkraftwerk zu errichten, das den Energiebedarf der in den Ural evakuierten Industrieanlagen sichern sollte. Die Insassen waren bis 1953 zumeist nach dem berühmt-berüchtigten Paragraf 58 des Strafgesetzbuches der RSFSR (Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik) für diverse politische Vergehen, wie beispielsweise »Vaterlandsverrat«, »konterrevolutionäre Tätigkeit« oder »antisowjetische Agitation und Propaganda« verurteilt worden, zwischenzeitlich diente Stvor aber auch als Filtrationslager für sowjetische Kriegsgefangene, die aus den deutschen Lagern in ihre Heimat zurückkehrten. Das letzte Jahrzehnt bis zu seiner Auflösung Anfang der Siebzigerjahre wurde es als Strafvollzugsanstalt mit allgemeinen Haftbedingungen genutzt. Gemeinsam mit dem Lager wurde auch die für das Personal eingerichtete Siedlung aufgelöst. Heute ist der am Ufer des Flusses Čusovaja gelegene Ort weit entfernt vom nächsten Siedlungspunkt und nur noch auf dem Wasserweg zu erreichen.

Unter den drei besuchten Orten ist der Erinnerungsort Stvor das jüngste Museumsprojekt und der eigenständigen Jugendorganisation von Memorial Perm zu verdanken. Seit dem Jahr 2000 brechen in den kurzen Sommermonaten junge Leute aus der Region mit Schlauchbooten auf, um entlang des weit verzweigten Flussnetzes der Permer Region frühere Lagerorte oder Spezialsiedlungen aufzusuchen und zu kennzeichnen – entsprechend lautet der Name des Projektes »Auf den Flüssen der Erinnerung«. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der historischen Expeditionen führen Interviews mit Anwohnern, stellen Artefakte sicher und markieren die Orte mittels improvisierter Gedenktafeln oder einfacher Holzkreuze. Auch das frühere Lager Stvor wurde während einer solchen Exkursion »entdeckt«. Seit 2005 sorgen die Aktivisten des »Jungen Memorial« dafür, dass der frühere Lagerort für andere Wassertouristen zugänglich wird bzw. bleibt, denn Stvor liegt an einem der schönsten Abschnitte der im Sommer von Wasserwanderern viel befahrenen Čusovaja. Um Stvor als Gedenkort erkennbar zu machen, genügte es, eine improvisierte Anlegestelle zu schaffen, Brennnesseln zu beseitigen, Pfade anzulegen und Hinweisschilder anzubringen. Gleich an der Anlegestelle stellt eine Tafel das Motto des Erinnerungsortes vor: »Museum ohne Guide. Dein persönlicher Blick auf die Geschichte Russlands«. Die einfachen Hinweisschilder ermöglichen einen eigenständigen Rundgang zu Resten der früheren Lagerwerkstätten, einer mit Absperrband inszenierten Wohnbaracke und dem früheren internen Lagergefängnis. Ein wie ein Wachturm anmutendes Holzgerüst dient teils als Vitrine, teils als Ausstellungspanel: Hier werden laminierte kurze Texte zur Lagergeschichte, die Kopie eines Lagerplans, aber auch Fundstücke vom Gebiet des früheren Lagers präsentiert: Scheinwerfer, Stacheldraht, Schuhe. Für jeden Besucher besteht die Möglichkeit, nach seinem Gang über das Gelände weitere Fundstücke in der improvisierten Vitrine abzulegen. In Stvor geht es nicht um eine historisch genaue Vermittlung, sondern um aktive Teilhabe, wie der Initiator, Robert Latypov, betont. Das gilt sowohl für die Besucher wie auch für die jungen Aktivisten von Memorial. Ein Besuch des ehemaligen Lagerortes soll Emotionen hervorrufen und durch einen kritischen Blick auf die Vergangenheit auch die Urteilsfähigkeit bezogen auf aktuelle politische und gesellschaftliche Prozesse in Russland fördern.

Konkurrierende Geschichtsbilder

Auch das Museumsprojekt in Stvor reagiert – ähnlich wie das Gesellschaftliche Museum 
IK-35 in Central’nyj – auf die Gedenkstätte Perm’-36 und stellt ihr einen eigenen Entwurf entgegen: Hatten sich die Begründer der Gedenkstätte Perm’-36 einst für die weitgehende Rekonstruktion des Lagers entschieden, so vertrauen die Initiatoren von Stvor auf die Wirkung des authentischen Ortes. Dabei setzen sie allerdings grundlegende Kenntnisse der Besucher über die politischen Repressionen in der Sowjetunion voraus, ohne die der Ort nicht »gelesen« werden kann – und die sich die Ausstellungsmacher in Perm’-36 vorgenommen haben zu vermitteln. Dass sich die Träger des Projektes in Stvor in Fragen von Inszenierung und Authentizität für einen anderen Zugang entschieden haben, ist – neben finanziellen Gründen – wohl auch eine Generationenfrage: Konnten die jungen Freiwilligen von Memorial in den Neunzigerjahren beim Aufbau der Gedenkstätte Perm’-36 noch selbst mithelfen und gestalten, sind ihnen im Zuge der Professionalisierung der Gedenkstätte nun eher pflegerische Arbeiten vorbehalten. Insofern ist das Projekt in Stvor auch als selbstbewusste Suche einer jüngeren Memorial-Generation nach neuen Formen einer eigenständigen Auseinandersetzung und Gestaltung des Gedenkens einzuschätzen.

An anderen Punkten lassen sich für die drei Museen bzw. Erinnerungsorte gleichermaßen gewisse Unschärfen feststellen: Das betrifft sowohl die Frage, wer eigentlich als Opfer politischer Repression anzusehen ist bzw. wie man den unterschiedlichen Hintergründen der Häftlinge gerecht wird, als auch die Darstellung der Täter. Paradoxerweise widmet sich die Sammlung des ehemaligen Aufsehers Kurguzov am intensivsten den Akteuren der Repressionen, wenngleich diese natürlich nicht als Täter, sondern als verdiente Mitarbeiter der Strafvollzugsorgane dargestellt werden. Auf der Ebene seiner Angestellten freilich muss sich auch die Gedenkstätte Perm’-36 den Vorwurf personeller Kontinuität gefallen lassen: Ein ehemaliger Aufseher, Ivan Kukuškin, ist hier mittlerweile als Wachschutz tätig, was bereits zu heftigen Debatten geführt hat. Gleiches gilt für den Versuch, innerhalb der Ausstellung die Durchlässigkeit der Kategorien von Tätern und Opfern zu thematisieren.

An diesen Punkten spiegeln die drei Gedenkstätten und Erinnerungsorte die Unklarheiten einer Gesellschaft, die noch keinen öffentlichen Konsens über ein wichtiges Kapitel ihrer Geschichte gefunden hat. Und schließlich: Repräsentativ für die russische Erinnerungslandschaft sind weder die Gedenkstätte Perm’-36 noch die Ausstellung Vladimir Kurguzovs oder das Projekt in Stvor. Bei allen handelt es sich um Einzelphänomene, die durch persönliches Engagement, Überzeugungen und aus privater Initiative entstanden sind. Der russische Staat, der ein wichtiger Akteur im Bemühen um eine kritische Aufarbeitung der Vergangenheit sein sollte, ist hier am wenigsten präsent. Vielmehr ist es symptomatisch für die gegenwärtige Politik, dass sich am dritten Standort der ehemaligen Permer Politlager, in Perm’-37 im Dorf Polovinka, bisher niemand fand, der Interesse daran gezeigt hätte, an das Vergangene zu erinnern. Die dort ansässige Strafvollzugsanstalt ist auch heute noch an dem historischen Ort in Betrieb, an dem in den Siebziger- und Achtzigerjahren ebenfalls namhafte Vertreter vor allem der religiösen Bewegungen in der UdSSR interniert waren. Historische Bedeutung hat diesem Ort bislang dennoch niemand verliehen.

In Perm’-37 sticht die Kontinuität des sowjetischen Lagersystems, das alle politischen Brüche überdauerte, besonders deutlich hervor. Das Fehlen einer staatlichen Aufarbeitungspolitik, die diese Kontinuitäten zwar wahrnimmt, aber nicht verurteilt, steht einer aktiven Auseinandersetzung mit der Geschichte der politischen Repressionen entgegen. Denn dort, wo nicht Aktivisten das Vakuum des Verdrängens und Vergessens füllen, bleibt eine Darstellung der Geschichte des sowjetischen Strafvollzugssystems und der damit verbundenen politischen Repressionen zumeist aus.


1 Ausführliche Darstellung der Forschungsergebnisse siehe Manuela Putz/Ulrike Huhn (Hg.): Der Gulag im russischen Gedächtnis. Forschungsergebnisse einer deutsch-russischen Spurensuche in der Region Perm (= Arbeitspapiere und Materialien – Forschungsstelle Osteuropa, Bremen. Sonderheft), Bremen 2010. Online: www.forschungsstelle.uni-bremen.de/images/stories/pdf/ap/ap_sonderheft_gulag_2010.pdf, ges. am 19. Oktober 2010. Zum Forschungsprojekt ist unter dem Titel »Die Gegenwart der Vergangenheit. Der Gulag im russischen Gedächtnis« ein begleitender Film erschienen. Auf DVD 
in russischer Sprache mit deutschen Untertiteln erhältlich bei der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen: fso@uni-bremen.de.

2 Zu Gedenkorten, Gedenktafeln und Gedenkstätten zur Erinnerung an die politischen Repressionen 
im Permer Gebiet (zusammengestellt von Memorial Perm) siehe www.pmem.ru/index.php, ges. am 19. Oktober 2010.

3 Russische Homepage der Gedenkstätte für die Geschichte der politischen Repressionen Perm’-36: 
www.perm36.ru, ges. am 19. Oktober 2010.

Inhalt – JHK 2011

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