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JHK 2012

Inhaltsverzeichnis

JHK 2012

Vom Schmieden »neuer Menschen«. Putevka – die Lagerzeitung des Karlag

Wladislaw Hedeler

Die Presse des Gulag als neues Forschungsfeld Zu den kaum bekannten und durch die Gulagforschung nicht erschlossenen Seiten der Geschichte der sowjetischen Besserungsarbeitslager gehört die Herausgabe, Drucklegung und Verbreitung von Lagerzeitungen. Aufgabe der anfangs sowohl für Mitarbeiter als auch für Häftlinge bestimmten Zeitungen war es, als »kollektiver Propagandist, Agitator und Organisator« zu wirken. Diese Funktion der »Presse neuen Typs« hatte im Denken der Bolschewiki immer einen festen Platz. Alla Gorčeva legte 1996 in Russland eine erste, wenn auch unvollständige Überblicksdarstellung zur Gefängnis- und Gulag-Presse vor, die u. a. Angaben zu 168 zwischen 1932 und 1954 in über 50 Gulags vertriebenen Zeitungen enthält.1 Aufgrund der damaligen Archivsituation konnte sie nur einzelne Ausgaben, keine kompletten Jahrgänge auswerten und ausschließlich auf jene Ausgaben zurückgreifen, die sich im Bestand der Moskauer Lenin-Bibliothek befanden. Hierbei handelt es sich um Lagerzeitungen, die Bezirkszeitungen gleichgestellt waren und deshalb mit einem Pflichtexemplar in der Moskauer Präsenzbibliothek zu finden sind. Der tatsächliche Bestand der Lagerpresse ist jedoch wesentlich umfangreicher. Hinweise auf im Staatsarchiv der Russischen Föderation (Gosudarstvennyj Archiv Rossijskoj Federacii/GARF) komplett überlieferte Jahrgänge von Gulagzeitungen aus den Jahren 1950 bis 1955 enthält das Findbuch zur Ausgabe der Geschichte des Stalin’schen Gulag.2 Perekovka, »das Umschmieden«, ist ein bis zum Beginn des Großen Terrors immer wieder aufgegriffenes Bild auf den Titelseiten und in den Artikeln dieser Presseerzeugnisse. Mit »Perekovka« im Titel erschienen u. a. Zeitungen im Belbaltlag3 (Perekovka na fronte stroitel’stva – Perekovka an der Baufront), im Dmitlag4 (Perekovka) und im Siblag5 (Sibirskaja perekovka – Sibirische Perekovka). Auch Georgi Dimitroffs Auftreten während des Prozesses um den Reichstagsbrand6 und sein Hinweis auf das von Johann Wolfgang von Goethe verfasste Gedicht »Ein Anderes« wurden in der sowjetischen Presse, die Putevka7 eingeschlossen, entsprechend ausgelegt und trugen so zur Verbreitung der kursierenden Vorstellungen über »das Umschmieden« bei. Im Gedicht heißt es u. a.: »Du mußt steigen oder sinken, Du mußt herrschen und gewinnen Oder dienen und verlieren, Leiden oder triumphieren, Amboß oder Hammer sein.«8 Von 1923 bis 1960 gab es in der UdSSR insgesamt 476 solcher Haftorte, die unterschiedlich lange, zwischen einem Jahr und dreißig Jahren, bestanden. Von 1931 bis 1960 existierten die meisten Besserungsarbeitslager zwischen einem Jahr und fünf Jahren. Dies betraf über 270 Lager. Daneben gab es über 100 maximal ein Jahr bestehende, außerdem über 80 zwischen fünf und zehn Jahren bestehende Lager. Diese Rangfolge änderte sich – abgesehen von den Kriegsjahren 1941 bis 1945 – nicht. Danach existierten die meisten Lager maximal nur noch ein Jahr. Bis Ende der Fünfzigerjahre wurden zwischen 15 und 18 Millionen Häftlinge zu »Besserungsarbeit« in den unterschiedlich lange existierenden Lagerkomplexen mit ihren Tausenden Haupt- und Nebenlagern verurteilt. Die Lagerzeitung Putevka und ihre Anfänge In der von Alla Gorčeva zusammengestellten Bibliografie ist die im Karlag in den Dreißigerjahren herausgegebene Lagerzeitung Putevka (»Dienstreiseauftrag«) nicht verzeichnet. Im Karagandinsker Besserungsarbeitslager, das von 1929 bis 1959 auf dem Territorium Kasachstans existierte, war sie das Organ der für kulturelle Erziehungsarbeit zuständigen Abteilung der Lageradministration des Karlag, der Vereinigten Politischen Hauptverwaltung (Objedinjonnoje Gossudarstwennoje Polititscheskoje Uprawlenije/OGPU). Nur die in den Vierziger- und Fünfzigerjahren verlegte Nachfolge-Zeitung Za socialističeskoe životnovodstvo [Für die sozialistische Viehwirtschaft]9 ist aufgeführt. Im Archiv des Karlag10 in Karaganda sind jedoch die Jahrgänge beider Zeitungen, die ausschließlich für den Vertrieb innerhalb des Lagers bestimmt waren, überliefert und konnten vom Verfasser während der Arbeit am Forschungsprojekt über die Geschichte des Karlag eingesehen werden.11 Der Name Putevka wurde in Anlehnung an den Titel des damals populären ersten abendfüllenden Tonfilms »Putevka v žizn’« [Der Weg ins Leben]12 von Nikolaj Ėkk gewählt. Der Film von 1931 spielt nach dem Bürgerkrieg und handelt von der Umerziehung verwahrloster Jugendlicher in einer Arbeitskommune.13 Durch Einbeziehung in den Arbeitsprozess werden aus Banditen (»Wir können sie doch nicht alle erschießen«, so einer der Darsteller) gleichberechtigte Mitglieder der neuen Gesellschaft. Getreu dem Motto, dass die Umwelt den Menschen formt, gelingt das Experiment: »Die Arbeit hat gesiegt.« Der folgende Auszug aus dem in der Putevka veröffentlichten Artikel »Wir liquidieren die Vergangenheit und schaffen die Zukunft« gibt Hinweise darauf, welchen Zweck die Besserungsarbeitslager erfüllen sollten, und weist gleichzeitig Parallelen zur Filmhandlung auf: »Doch die Neuschöpfung eines Menschen, der alles durchgemacht hat, der mehrmals verurteilt worden ist, der auf alles pfeift und jeden Versuch, zum ehrlichen Arbeitsleben zurückzukehren, als ›hoffnungsloses Unterfangen‹ ansieht, ist keine einfache Angelegenheit. Die Leitung der Besserungsarbeitslager der OGPU versteht diesen Zustand des auf die schiefe Bahn geratenen Menschen, des Rückfälligen, sehr gut und bietet ihm alle Möglichkeiten der Erziehung und Umerziehung an, ist bestrebt, ihn in den unmittelbaren sozialistischen Aufbau einzubeziehen. Indem sie ihn in den Wettbewerb und die Stoßarbeit einbezieht, in die speziellen Arbeitskollektive einbindet, bietet die Administration dem Rückfälligen die Chance, seinen guten Willen zur Besserung unter Beweis zu stellen und sich auf diese Weise der Masse der ehrlichen Werktätigen der Sowjetunion anzuschließen. Dank der vom Leiter der Verwaltung richtig praktizierten Politik der Besserungsarbeit und kulturellen Erziehungsarbeit fanden sich unter den Rückfälligen viele, die den Weg der Besserung beschreiten und beginnen, die Überreste ihrer Vergangenheit zu überwinden. Deshalb wurden gerade sie ausgewählt, als es darum ging, die erste Gruppe von Rückfälligen in die Petropavlovsker Kommune14 zu entsenden. Ungeachtet dessen, das sie ohne Bewachung losgeschickt wurden und unter ihnen einige ›schwere Jungs‹ waren, kamen alle am Bestimmungsort an und begannen die neue Etappe ihrer Gewöhnung an das Arbeitsleben. Davon, wie gut sie sich in der Kommune fühlen und wie gut sie die Kommune aufgenommen hat, kündet der Brief des Kollektivs der Petropavlovsker Arbeitskommune der OGPU an den Leiter der Verwaltung Gen. Čuntonov,15 in dem sie ihre Dankbarkeit für seine Mitwirkung an ihrer Umerziehung zum Ausdruck bringen: ›Als wir die Schwelle zur Kommune überschritten, haben alle mit ihrer Vergangenheit gebrochen und kämpfen nun unerschütterlich um ihre Putevka ins Leben.‹«16 1931, als der Film in die Kinos kam, wurde das Karlag gegründet. Außer der Putevka in russischer Sprache erschienen von März 1934 bis Februar 1935 unter dem Titel ÇAŅA ÇOL (Žana Žol – Neues Leben) insgesamt 49 Ausgaben auf Kasachisch. Bei den Aufsätzen, die aus den russischsprachigen Zeitungen für die kasachische Ausgabe ausgewählt wurden, handelte es sich um leicht gekürzte Übersetzungen der in der Putevka publizierten Beiträge. Beide Blätter, auch wenn sie in Bezug auf ihre Artikelauswahl nicht vollkommen identisch waren, fungierten als Sprachrohr der für kulturelle Erziehungsarbeit zuständigen Abteilung der Lageradministration. Sie war es, die die Inhalte und die Stoßrichtung der Artikel vorgab. Auch im Gulag hatte man sich dem Kampf gegen den großrussischen Chauvinismus verschrieben, der von der Administration als Bestandteil der Lösung der nationalen Frage im Lager verstanden wurde. In zahlreichen Berichten aus den Gründerjahren des Karlag ist davon die Rede, dass russische Häftlinge, die im Lager als Funktionshäftlinge oder Brigadiere eingesetzt wurden, die Angehörigen der indigenen Bevölkerung, die mit ihnen gefangen waren, kasachische Frauen und Männer, drangsalierten. Diese hatten zuvor als Nomaden mit ihren Herden gelebt. Das zunehmend expandierende Lager nahm ihnen jedoch ihren Lebensraum und dem Vieh die Weideflächen. Wer das Land nicht in Richtung China verließ, sondern sich zur Wehr setzte, wurde als »Bandit« verfolgt, verhaftet und zu Zwangsarbeit verurteilt. Für die Erfüllung der Aufgaben der Lagerwirtschaft war es aber von Bedeutung, dass die Diskriminierung der Häftlinge nichtrussischer Nationalität durch die russischen Häftlinge unterblieb. Am 20. März 1933 hatte der Kommandant des Karlag einen Befehl über die Durchsetzung der Nationalitätenpolitik im Lager erlassen, den mehrere Artikel in der Putevka thematisch aufgriffen. »Die ersten Schritte sind getan«, heißt es in dem Beitrag »Für die nationalen Kader«, der vom Umschmieden der »rückständigen und ehemals nomadisierenden Bevölkerung unter Lagerbedingungen« berichtet.17 Doch eine grundlegende Änderung trat nicht ein. Am 17. April 1934 informierte der stellvertretende Leiter der 3. Abteilung des Karlag über die Verbreitung von großrussischem Chauvinismus, Antisemitismus und Bandenbildung im Lager und kritisierte die Gleichgültigkeit der Administration gegenüber diesen »konterrevolutionären Erscheinungen«. Alle sollten sich als gleichberechtigte Mitglieder der Häftlingsgesellschaft fühlen. Der Chefredakteur, der gleichzeitig einer der Stellvertreter des Lagerkommandanten war, äußerte sich in regelmäßigen Abständen zu diesem Problem, was dessen Stellenwert für die Umerziehung unterstreicht. Die im Karlag zu sozialistischen Menschen »umgeschmiedeten« Häftlinge sollten nach verbüßter Zwangsarbeit in der kasachischen Steppe ihre »Putevka« in die Sowjetgesellschaft erhalten, um als gleichberechtigte Bürger ein neues, dem Aufbau des Kommunismus gewidmetes Leben zu beginnen. Neben der Zeitung war es vor allem das Lagermuseum, das die »Erfolge bei der Umgestaltung der Natur und beim Umschmieden der Häftlinge zu neuen Menschen« dokumentierte. Der Vorsitzende der Kommission zur Erarbeitung der Geschichte des Karlag betonte das Interesse der Lageradministration an Stoßarbeitern, beispielhafter kollektiver Arbeit und der erfolgreichen Umerziehung von rückfälligen Kriminellen.18 Das Primat der Ökonomie Alle wirtschaftlichen Leistungen und Erfolge, egal, ob auf dem Gebiet der Melioration oder in der Land- und Viehwirtschaft allgemein, basierten auf der Ausbeutung Tausender Häftlinge des Karlag. Von der Gründung bis zur Auflösung des Lagers waren insgesamt 788 000 Männer und Frauen inhaftiert. Seit 1933 wurden auf Befehl des Lagerkommandanten jährlich Landwirtschaftsausstellungen in Dolinka, dem Sitz der Administration, durchgeführt, auf denen die Produktionsleistungen des Karlag vor allem für Vertreter der örtlichen und Moskauer Behörden präsentiert wurden.19 Die Lageradministration sah sich in ihrer Tätigkeit grundsätzlich bestätigt, wie einer Einschätzung des Karlag-Kommandanten Otto Linin vom Dezember 1933 zu entnehmen ist: »Wir Tschekisten und Mitarbeiter des Karlag – die wir uns in der entlegenen Steppe der Halbwüste Kasachstans befinden und verantwortungsvolle Aufgaben erfüllen, indem wir die klassenmäßige Besserungsarbeitspolitik umsetzen, die Aufgabe des Umschmiedens der Verbrecher zu vollwertigen Menschen, die der sozialistischen Gesellschaft von Nutzen sind – erfüllen nicht minder wichtige Aufgaben, die uns die Partei, die Regierung und das Kollegium der OGPU gestellt haben, nämlich den kulturellen und wirtschaftlichen Aufbau der Peripherie unserer Sowjetunion.«20 Im Folgejahr kamen die Kommandanten des Karlag und des benachbarten Siblag gar auf die Idee, wechselseitig in einen »sozialistischen Wettbewerb« um die besten Arbeitsergebnisse zu treten.21 Ein Wettbewerbsstab lieferte regelmäßig Berichte an die Zeitung.22 Hinter der Verlautbarung, die rationellste Form der Produktion zu finden, verbarg sich die Suche nach der effektivsten Form der Ausbeutung der Häftlinge. Doch so ausgeklügelt die Pläne auch waren, die Administration musste immer wieder deren Scheitern eingestehen. Pavel Lukič Nikiforov, Oberst der Grenztruppen und der Truppen des Innenministeriums, hatte seit 1934 Leitungsfunktionen in Gulags und auf Großbaustellen der GULAG23 inne. Vom 26. August 1938 an war er Stellvertretender Kommandant des Karlag. Er wurde abgesetzt, weil er gegenüber Unterstellten geäußert hatte, dass die Wirtschaft am Boden liege und man besser verschwinden sollte, um der drohenden Verhaftung zu entgehen. Auf der 1. Parteikonferenz des Karlag 1939 forderte Kartavych, Stellvertreter des Leiters der Verwaltung, Nikiforov für seine Äußerungen mit einer Parteistrafe zu belegen.24 Der Bitte wurde stattgegeben. Von der Gründung des Lagers bis Kriegsbeginn gelang es nach der Einschätzung durch die Führung ein einziges Mal, den Staatsplan zu erfüllen, das war unmittelbar vor dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion. Welcher Stellenwert hierbei der auf Disziplinierung und Mobilisierung der Häftlingsgesellschaft ausgerichteten Lagerpresse beigemessen wurde, wird vor dem Hintergrund der zur gleichen Zeit erfolgten Einstellung von 15 überregionalen sowjetischen Zeitungen im Jahr 1933 deutlich. Die Putevka, die ihrem Erscheinungsbild nach dem Zentralorgan der KPdSU(B) Pravda folgte, erschien anfangs dreimal monatlich, dann als Wochenzeitung, und schließlich alle drei Tage, wobei Formate, Gestaltung, Auflagenhöhe und Umfang (zwischen zwei und vier, selten auch sechs Seiten) wechselten. Sie wurde von Häftlingen gesetzt und in der lagereigenen Druckerei in Dolinka in einer Auflage von bis zu 5900 Exemplaren gedruckt, im Abonnement vertrieben,25 an Wandzeitungen ausgehangen, in den Häftlingsbaracken verlesen und in für Häftlinge zugänglichen Orten, wie z. B. den Barbierstuben, ausgelegt. Lagerkorrespondenten wiesen immer wieder auf Pannen bei der Auslieferung der Zeitung hin, deren Vorlage im Regelfall mit großer Verspätung in den Produktionsabteilungen eintraf. In einigen Fällen warteten die Abonnenten, darunter auch Häftlinge, vergeblich auf die Zustellung der von ihnen bezahlten Putevka.26 Im Karlag mussten in der Entstehungsphase des Lagers zwischen 12 000 und 30 000 Häftlinge Zwangsarbeit leisten. Zum 1. Januar 1934 waren es 24 148 Häftlinge, darunter 3011 Frauen. Sie waren die eigentlichen Adressaten der Artikel, nutzten die Zeitung aber auf ihre Weise, denn zur Zeitungslektüre blieb nach der Arbeit keine Zeit. Viele Lagerkommandanten versuchten, die Planrückstände durch Verlängerung des Arbeitstages aufzuholen und ließen die Häftlinge 14 bis 16 Stunden sowie an den Sonntagen arbeiten. Nach einer in der Lagerabteilung Burma durchgeführten Untersuchung erließ der Lagerkommandant am 23. Mai 1935 einen Befehl »Über die Versorgung der Häftlinge mit der Lagerzeitung«. Darin kritisierte er ihre zweckentfremdete Verwendung – die Putevka diente als Tischdecke, als Unterlage für die unter den Pritschen abgelegten Sachen oder als Zigarettenpapier. Während der Instrukteur der Abteilung für kulturelle Erziehungsarbeit in Burma mit einem Rüffel davonkam, mussten die betreffenden Häftlinge für zwei Wochen in den Karzer.27 Zur Verbreitung der Zeitung im Karlag Im ersten Jahrgang 1932 erschienen 28 Ausgaben der Putevka, auf deren Inhalt jedoch nur aus Artikeln und Leserbriefen geschlossen werden kann, die in den Ausgaben von 1933 publiziert wurden, da im Archiv des Karlag in Karaganda leider keine Exemplare dieser ersten Ausgaben überliefert sind. Nur für den Zeitraum von Januar 1933 bis März 1935 ist ein fast lückenloser Bestand vorhanden. Vom 10. Januar bis 6. Dezember 1933 erschienen 50 Ausgaben, 1934 waren es 78 (die ersten 15, bis März 1934 herausgegebenen Ausgaben fehlen leider ebenfalls im Archiv), der archivierte Bestand bricht mit der Nr. 23 vom 12. März 1935 ab. In dieser Zeitspanne sind insgesamt 190 Ausgaben der Putevka erschienen. Von Januar 1933 bis zum 12. Mai 1933 erschien die Zeitung in einer Auflage von 2000 Exemplaren. Danach stieg die Auflage zunächst auf 3000 Exemplare und der Preis von drei auf fünf Kopeken. Von nun an erschien sie nicht mehr dreimal im Monat, sondern wöchentlich. Auf den vier Zeitungsseiten fanden im Durchschnitt 20 bis 30 Artikel Platz. 1932 und 1933, als die Zeitung bis zur Ausgabe Nr. 42 alle zehn Tage erschien, war ein Redaktionskollektiv für den Inhalt verantwortlich. Als erster Chefredakteur fungierte I. D. Šigarev, der von A. Šitov abgelöst wurde, der die Zeitung vom März 1934 bis Mai 1934 leitete. Nach ihm übte der Leiter der 3. Abteilung (dem Lager-NKVD) Michail Lavrent’evič Kljušin die Funktion des Chefredakteurs aus. Im Juli 1934 übernahmen I. Kostromin28 und V. Ivanov abwechselnd die Leitung der Redaktion. 1935 zeichnete der Stellvertretende Kommandant des Karlag, Petr Pimenovič Sokolov, als verantwortlicher Redakteur. Im Regelfall betrug der Umfang der Zeitung vier Seiten, die Auflage erreichte 1934 zeitweilig 4300 Exemplare. Mit steigender Auflage – Papier war knapp – verkleinerte sich das Format der Zeitung auf 28 x 40 cm. Nur im November 1934, aus Anlass des Jahrestages der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, wurde die Zeitung wieder im Großformat und zweifarbig gedruckt. Zum Internationalen Frauentag am 8. März richteten sich die Beiträge hauptsächlich an die weiblichen Häftlinge. In den Ausgaben, die um den 1. Mai herum erschienen, konzentrierte man sich dagegen auf die Erfolge in der Landwirtschaft. Am 7. November 1933 erschien die Putevka erstmalig mit Porträtzeichnungen von Regierungsmitgliedern auf der Titelseite, elf Tage später auch mit Fotos. Bis dahin enthielt die Zeitung ausschließlich Textbeiträge. Neu in der Ausgabe vom 6. Dezember 1933 waren die grafisch gestalteten Rubriken. Karikaturen, in denen die Missstände im Karlag aufs Korn genommen wurden, sind in der Putevka na posevnoj ab April 1934 zu finden. Hierbei handelt es sich um Ausgaben, die den Verlauf der Aussaatkampagne in den einzelnen Produktionsabteilungen des Karlag zum Inhalt hatten. Insgesamt erschienen in den Monaten April und Mai 1934 zwölf dieser begleitenden Ausgaben. Ihre Auflage betrug 500 bis 700 Exemplare, die Inhalte der durchschnittlich 12 Artikel waren auf die anstehenden Aufgaben der Lagerabteilungen Samarka, Čurbaj-Nura, Zentraler Produktionspunkt, Kotursk und Volkovskoe zugeschnitten. Einzelne Zeichnungen und Karikaturen wie der »kranke Traktor«, das die Rübe würgende Unkraut, der auf dem Tintenlöscher schaukelnde Bürokrat oder der Faulpelz mit dem großen Esslöffel wurden immer wieder verwendet. Ab Juli 1934 kamen Motive aus der Landwirtschaft, wie Viehtrieb, Heu- bzw. Gemüseernte, hinzu.29 Es gab auch einige wenige Ausgaben mit im Lager aufgenommenen Fotos aus dem Bereich der Tier- und Pflanzenproduktion – so wurden ein Zuchteber, Rinder, Schafe und Sonnenblumenfelder aufgenommen. Häftlinge, die sich durch ihre Arbeit auszeichneten, wurden seit August 1934 mit Porträtzeichnungen geehrt, da Fotos von Häftlingen nicht veröffentlicht werden durften. Im vierten Quartal des Jahres 1934 verdrängten solche Zeichnungen die Karikaturen. Doch nicht nur die Satire verschwand damit aus dem Blatt. Mit dem Wegfall der innen- und außenpolitischen Berichterstattung entfielen auch Meldungen über politische Ereignisse wie Demonstrationen oder Streiks in Österreich oder Paris und die aus den überregionalen sowjetischen Zeitungen übernommenen Fotos. Es scheint, als hätten die Redakteure Lenins Vorgaben aus seinem Artikel »Über den Charakter unserer Zeitungen« vom September 1918 übernommen: »Weniger Politik. Die Politik ist völlig ›geklärt‹ und auf den Kampf zweier Lager reduziert […] Mehr Ökonomisches. Aber Ökonomisches nicht im Sinne ›allgemeiner‹ Auslassungen und gelehrter Abhandlungen, intelligenzlerischer Pläne und ähnlichem Gewäsch, das leider nur zu oft eben nichts anderes ist als Gewäsch. Nein, wir brauchen Ökonomisches im Sinne des Sammelns, sorgfältigen Prüfens und Studierens des Tatsachenmaterials aus dem Aufbau des neuen Lebens, wie es sich in Wirklichkeit vollzieht. […] Weniger politisches Wortgeprassel. Weniger intelligenzlerische Betrachtungen. Näher heran ans Leben. Mehr Aufmerksamkeit dafür, wie die Arbeiter- und Bauernmassen in ihrer täglichen Arbeit in der Praxis etwas Neues bauen. Mehr Kontrolle darüber, wie weit dieses neue kommunistisch ist.«30 Die Themenpalette der Putevka In den Jahrgängen 1933 bis 1935 wurden über 3300 Artikel von über 1200 Autoren publiziert. Am 28. März 1935 hatte der Lagerkommandant aus Anlass des dritten Jahrestages des Erscheinens der ersten Nummer ein Dekret »Über die Lagerpresse« erlassen. Darin hob er die Zunahme der Lagerkorrespondenten hervor, deren Zahl sich im Vergleich zum Vorjahr verfünffacht hatte, die Auflage war allerdings auch siebenmal so hoch wie im ersten Jahr. Außer der regulären Putevka erschienen während der Alphabetisierungskampagne im Karlag Ende 1933 zwei Extraausgaben der Putevka dlja načinajuščichsja čitat’ [Putevka für jene, die Lesen lernen]. Bis zum 16. Jahrestag der Oktoberrevolution sollten z. B. alle Analphabeten der Produktionsabteilung Koktunkul’ in Kursen erfasst sein. Der Erzieher Erdmann und der Leiter der für die kulturelle Erziehungsarbeit zuständigen Abteilung in Koktunkul’ forderten in der Putevka vom 24. Oktober 1933 die anderen Abteilungen auf, ihrem Beispiel zu folgen.31 1934, mit der beständigen Ausdehnung des Karlags, der weiteren Erschließung der Steppe, kam ein neuer Aufgabenbereich hinzu – die gezielte Verbreitung von Expertenwissen in den über das Territorium verstreuten Produktionspunkten des gewaltigen Lagerkomplexes. Das auf Viehzucht und Landwirtschaft spezialisierte Lager bestand aus sogenannten Lagerabteilungen, die ihrerseits wiederum in Abschnitte, Farmen und Produktionspunkte untergliedert waren.32 Die landwirtschaftlichen Versuchsstationen des Lagers arbeiteten eng mit der Akademie für Landwirtschaftswissenschaften in Leningrad zusammen. Sie standen unter der Leitung von verhafteten Wissenschaftlern oder Zivilangestellten. Der aus dem Siblag übernommene Professor F. G. Cion leitete das bakteriologische Labor des Karlag, in dem u. a. Impfstoffe für Rinder produziert wurden.33 In den Folgejahren fanden in den landwirtschaftlichen Versuchsstationen zahlreiche Experimente zur Entwicklung neuer winterharter Getreidesorten und resistenterer Obstbäume sowie die Aufzucht von Vieh statt. Diese Forschungsergebnisse und praktischen Erfahrungen wurden über die Grenzen des Lagers hinweg verbreitet und brachten der Administration sogar zusätzliche Geldeinnahmen. Am 21. April 1934 erschien die Putevka zunächst mit einer Beilage, aus der später eine eigene großformatige Zeitung namens Za novuju techniku [Für eine neue Technik] hervorging. In den zehn Ausgaben des Jahres 1934 (bis Februar 1935 stieg deren Zahl auf zwölf) kamen die im Lager beschäftigten Spezialisten, in erster Linie Tierärzte, Agronomen, Hydrologen und Botaniker, zu Wort. Als Chefredakteur fungierte bis Februar 1935 Ivanov. Der Schwerpunkt der Berichterstattung in der Putevka und ihren Sonderausgaben lag auf der Durchsetzung der Planerfüllung. Im Rahmen dieser Aufgabenstellung war auch Kritik an Missständen im Lager und an einzelnen Funktionsträgern erlaubt. Hierfür standen gleich mehrere Rubriken zur Verfügung. Sie blieben von 1933 bis 1936, sieht man von der innen- und außenpolitischen Berichterstattung ab, unverändert: Bloknot lagkora [Notizblock des Lagerkorrespondenten], Lagkory pišut [Lagerkorrespondenten schreiben], Loskutki byta [Alltagsfetzen], Na kul’turno-vospitatel’nom fronte [An der kultur-erzieherischen Front], Naša scena [Unsere Bühne], Ob”javlenija [Mitteilungen], Ot redakcii [Die Redaktion teilt mit], Po otdelenijam Karlaga [Aus den Produktionsabteilungen des Karlag], Po sledam zametok [Auf den Spuren der Zuschriften], Po sojuzu SSR [Aus der UdSSR], Proizvodstvo [Produktion], Putevka otvečaet [Die Putevka antwortet], Sanitarnyj ugolok [Sanitärecke], Transport, Vmesto fel’etona [Anstelle eines Feuilletons], Vnimanie lagerniki [Lagerinsassen aufgepasst], Za rubežom [Aus dem Ausland], Životnovodstvo [Viehzucht]. In diesen Rubriken kamen die Lagerkorrespondenten und Stoßarbeiter »als beste und bewussteste Vertreter der Lagermasse« zu Wort. Im offenen Brief der Redaktion an die Lagerkorrespondenten heißt es: »Nur in einer derartig engen Zusammenarbeit mit Ihnen, Genossen Lagerkorrespondenten und Stoßarbeiter, wird es uns gelingen, den Willen der Häftlinge auf den Weg der Besserung durch Arbeit zu lenken […] nur so können wir den Häftling tatsächlich erziehen und umerziehen, ihn in einen neuen Menschen verwandeln, der in der Lage und fähig ist, Mitglied unserer freien Arbeitsgesellschaft zu sein.«34 Die Ersetzung der Losung »Proletarier aller Länder, vereinigt Euch« durch Stalins Feststellung im Rechenschaftsbericht des Zentralkomitees an den XVI. Parteitag der KPdSU(B) »In der Sowjetunion ist die Arbeit eine Sache der Ehre, des Ruhmes, der Tapferkeit und des Heroismus«35 in der Ausgabe vom 18. Mai 1933 spiegelt die laufende inhaltliche Profilierung der Lagerzeitung wider. Das Stalinzitat war zudem außen und innen auf dem Arbeitsbuch der Stoßarbeiter abgedruckt. Die anfangs vorhandene Berichterstattung über außenpolitische Ereignisse wie den Reichstagsbrandprozess in Leipzig, den Aufstand in Wien 1934, die Unruhen in Spanien und Frankreich und wichtige innenpolitische Themen, wie z. B. den 16. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, wurde im März 1934 zugunsten der ausschließlich auf das Lager bezogenen Meldungen eingestellt. Eine Welt außerhalb des Lagers, sieht man vom Siblag ab, mit dem das Karlag im sozialistischen Wettbewerb stand, schien nicht zu existieren. Entsprechend änderte sich auch die Diktion der Beiträge. Sonderausgaben der Putevka erschienen zur Zeichnung der Staatsanleihe im Mai 1934, dem Bau des Weißmeerkanals, der Alphabetisierungskampagne sowie zum Tod von Partei- und Staatsfunktionären wie des Vorsitzenden der OGPU, Vjačeslav Menžinskij (Mai 1934), des Vorsitzenden der Staatlichen Plankommission Valerian Kujbyšev (Januar 1935) und des Leningrader Parteichefs Sergej Kirov (Dezember 1934). Das gescheiterte Experiment Den Verantwortlichen in den Produktionsabteilungen gelang es trotz allem selten, die Häftlinge so »umzuschmieden«, wie man es »oben« erwartete. Exemplarisch dafür ist die Auflistung einiger Inspektionsergebnisse aus dem Lagerpunkt Čurbaj-Nura im Frühjahr 1935: »1. Die für die Führung der kulturellen Erziehungsarbeit vorgesehenen Kader waren nicht vorbereitet, verfügten auch nicht über die erforderliche Qualifikation. 2. Die Häftlinge waren über die Produktionspläne und Normvorgaben nicht informiert. 3. Sichtagitation zur Planerfüllung gab es keine. 4. Politunterricht fand nicht statt, aus der Zeitung wurde nur selten vorgelesen. 5. Es gab keinen Wettbewerb zwischen den Brigaden. 6. Die Anleitung der Stoßarbeiter war nicht garantiert. 7. Die Wandzeitungen, sofern es welche gab, waren schlampig gearbeitet, unansehnlich und voller pornografischer Kritzeleien.«36 Gewöhnlich reagierte die Administration auf derartige gravierende Mängel mit einem Befehl, wie dem vom 16. Mai 1935 erlassenen Dekret des Karlag-Kommandanten »Über die Festigung der Kader für kulturerzieherische Arbeit«.37 »Diese Kader«, betonte der Kommandant, »müssen fähig sein, unter Lagerbedingungen eine besonders verantwortungsvolle Rolle beim Umschmieden ehemaliger Gesetzesbrecher zu spielen«. In den Sommermonaten sollten »Kulturarbeiter« unter den Häftlingen ausgewählt und in einem 15-tägigen Lehrgang geschult werden. Doch das schnelle »Umschmieden« der Gefangenen blieb ein Wunschtraum der Administration. Nicht zuletzt deshalb verlangte die Führung des Lagers nach Häftlingen, die die Rolle von »Umerzogenen« annahmen oder spielten. Dies war in den Dreißigerjahren Bestandteil der Entlassungszeremonie. Einige der Briefe, die die Entlassenen voller Dankbarkeit an den Kommandanten schrieben, sind in der Putevka veröffentlicht. Da ihr Aufbau – bis in die Wortwahl – identisch ist, kann nur von Auftragsarbeiten die Rede sein.38 Es ließen sich noch viele weitere Beispiele für die hier nur angedeuteten Facetten der auf Manipulation der Häftlinge ausgerichteten Berichterstattung in der Putevka anführen. Sie wird vor allem in den Leitartikeln und redaktionellen Beiträgen deutlich, die parallel zur Berichterstattung über den Kampf an den Erntefronten und den Appellen und Befehlen des Lagerkommandanten publiziert wurden. Der Wert der Zeitung für die Gulagforschung besteht in der Widerspiegelung der Arbeits- und Lebensbedingungen im Karagandinsker Besserungsarbeitslager aus den konträren Blickwinkeln der Häftlinge und der Lageradministration. Die in die Ausgaben aufgenommenen Illustrationen und Karikaturen illustrieren diesen Gegensatz. Mit Pseudonymen (Nadel, wachsames Auge, Igel, Beobachter, ein Beleidigter), Funktionsbezeichnungen (Brigadier, Traktorist, Melkerin) bzw. Namenskürzeln gezeichnete Zuschriften, Artikel, Stellungnahmen und Eingaben handeln von Arbeits- und Lebensbedingungen, Verpflegung, Hygiene, Arbeitsnormen und reglementierter »Freizeit«. In diesen Berichten, die »zwischen den Zeilen« eine Unmenge von Informationen enthalten, kommen der menschenverachtende Charakter und die Ineffizienz des Besserungsarbeitslagersystems deutlich zum Ausdruck. Die diesbezüglich aufschlussreichsten Artikel sind den Rubriken »Lagerkorrespondenten schreiben«, »Ecke des Lagerkorrespondenten«, »Anstelle eines Feuilletons«, »Alltagsfetzen« und »An der kultur-erzieherischen Front« zu entnehmen. Von 1933 bis 1936 wurden in der Putevka mehr als 150 Best- und Stoßarbeiter, sogenannte udarniki, in Wort und Bild vorgestellt. So frisiert und manipuliert diese Berichte auch sind, hier kommen Häftlinge zu Wort, die heute nicht mehr befragt werden können. Einige Autoren schrieben regelmäßig für die Zeitung und prägten die Berichterstattung. Die Agitbrigade der Putevka ist im ausgewerteten Zeitraum mit 13, K. Lavrinovič mit 17, K. Poliščuk mit 12, Kul’taktivist und der Erzieher S. I. Markov mit jeweils sechs, Krivencov und Azbel’ sind mit jeweils vier, Dolinskij und Kozlov mit jeweils drei, Wespe (Osa), Rykov, Kulanbaev, Dubov, Gračev, Egorov und Bližnij mit jeweils zwei Beiträgen vertreten. Stil und Sprache der Artikel sprechen für sich. In der Häftlingsgesellschaft und in der Lageradministration wurden bei genauer Betrachtung unterschiedliche Sprachen gesprochen. Die Lageradministration bediente sich einer durch die Bürgerkriegszeit geprägten, an der militärischen Praxis orientierten Sprache. Die Zeitung griff die Auseinandersetzung auf diesem Gebiet thematisch auf und widmete dem Kampf gegen die Verunreinigung der Sprache durch das Rotwelsch mehrere Artikel.39 Für die Ausdrucksweise der Administration typische Begriffe, wie z. B. auch Zeitung bzw. Presse, spielten für die Häftlinge keine Rolle. So kommen sie in dem von Jacques Rossi vorgelegten Gulag-Handbuch auch nicht vor.40 Die von Meinhard Stark während der Recherchen in Kasachstan interviewten Gesprächspartner konnten sich nicht an die im Lager vorhandenen Zeitungen erinnern. Die meisten von ihnen kamen in den Jahren des Großen Terrors und danach in das Karlag. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Putevka ihr Erscheinen eingestellt. Danach gab es Zeitungen nur noch für Mitarbeiter und Zivilangestellte. Der vom Verfasser interviewte Arzt Viktor Vol’fovskij erinnerte sich daran, in den Fünfzigerjahren für die Zeitung Für die sozialistische Viehwirtschaft geschrieben zu haben. Anfang der Dreißigerjahre hatte es sich noch nicht durchgesetzt, die Häftlinge als zaključennye (mit der Abkürzung z/k, Zek) zu bezeichnen. Häufiger war von der Lagergesellschaft und deren männlichen und weiblichen Mitgliedern (Lagernik/Lagernica – Lagerinsasse/Lagerinsassin) oder Karlagovcy die Rede. Andere Autoren zogen den Begriff lagernaja massa [Lagermasse] in Analogie zu den werktätigen Massen der Gesellschaft vor. Darin spiegelte sich die Umerziehungskonzeption als Teil der Kulturrevolution wider, das Lager war als Produktionsstandort eine Art Transitstation, die der Häftling möglichst schnell durchlaufen sollte, um anschließend in die sozialistische Gesellschaft zurückzukehren. Der Große Terror machte dem ein Ende. Im Artikel des Lagerkommandanten aus Anlass der 300. Ausgabe der Putevka heißt es 1936 u. a.: »Seit dem Tag des Erscheinens der ersten Ausgabe der Lagerzeitung Putevka sind über vier Jahre vergangen. In dieser Zeit hat die Zeitung zusammen mit den Massen, an der Spitze der Massen, den besten der Besten voran, einen ruhmreichen Weg zurückgelegt. Vom bescheidenen Blättchen, das die Putevka anfangs war, hat sie sich zur kämpferischen Zeitung, zum Sprachrohr der Administration, zur Tribüne der Bestarbeiter, der Stachanovisten entwickelt. Sie wurde zu einem echten Organisator der Massen, zur führenden Zeitung der Lagerpresse und der Armee der Lagerkorrespondenten. Dreihundert Ausgaben der Putevka, das sind dreihundert flammende Aufrufe zur höchsten Arbeitsproduktivität, zu glänzenden Produktionsergebnissen, zum Umschmieden des Bewusstseins der Menschen auf der Grundlage der kollektiven Stoßarbeit.41 Dreihundert Ausgaben der Putevka, dass sind dreihundert machtvolle Schläge gegen Faulheit, Schlamperei, Rückständigkeit und Konservativismus, gegen Raffkes, Faulenzer und Diebe, die sich an sozialistischem Eigentum vergingen, gegen Feinde der Stachanov-Bewegung, gegen feindliche Klassenelemente, die auch hier ihr Gift der Schädlingstätigkeit verbreiten wollen.«42 Doch 1937, mit Beginn des Großen Terrors, änderten sich die Umerziehungsambitionen der GULAG und folglich auch der Administration des Karlag, was zur Folge hatte, dass die Zeitung eingestellt wurde. Die Lagerzeitung als Funktionärsorgan Die 1939 mit der Reorganisation der Politabteilungen wiederbelebten Lagerzeitungen hatten andere Aufgaben und richteten sich ausschließlich an die Mitarbeiter der Administration.43 Anders als vor dem Großen Terror, als die Zeitungen auch für Häftlinge produziert und von Lagerkorrespondenten mit Informationen und Artikeln beliefert wurden, sprach die Lagerpresse in den Vierziger- und Fünfzigerjahren in erster Linie die Zivilangestellten und Mitarbeiter an. Zu den schon den Inhalt der Häftlingszeitungen bestimmenden Themen wie sozialistischer Wettbewerb, Sparsamkeit und Mobilisierung von Ressourcen kamen Berichte über das Parteileben sowie die Aus- und Weiterbildung der Kader hinzu. Der Bezug zur laufenden Produktion sollte deutlich herausgearbeitet und die Anzahl der Redaktionsmitglieder reduziert werden. Von nun an musste der Chefredakteur von der Gebietsleitung der KPdSU(B) bestätigt werden. Am 3. Juni 1942 wurden die Lagerzeitungen auf Beschluss des Sekretariats des ZK der KPdSU(B) auch bezüglich des Layouts und des Formats vereinheitlicht.44 Als Herausgeber fungierte stets die Politabteilung. Die Wiederbelebung der Lagerzeitung im Karlag geht zurück auf eine Diskussion während der ersten Parteikonferenz 1939. A. G. Derevjankin, Mitarbeiter der 3. Abteilung, beklagte das Fehlen einer Lagerzeitung, die den Erfahrungsaustausch befördern könnte. 45 Wenn es nicht gelänge, die Zeitung wiederzubeleben, sollten wenigstens Bulletins zur Verbesserung des Erfahrungsaustausches herausgegeben werden, schlug M. V. Makeev, stellvertretender Parteisekretär der Parteiorganisation des 1. Rayon, vor.46 Der Leiter der Politabteilung Samochodov nutzte zu guter Letzt sein Schlusswort, um auf die Wichtigkeit der Lagerzeitung hinzuweisen.47 Die Reaktivierung anderer Lagerzeitungen, wie die des Siblag, erfolgte zeitversetzt, aber nach dem gleichen Schema.48 Am 23. Januar 1941 hatte das ZK der KPdSU(B) einen Beschluss über die Verbesserung der Arbeit zur Erstellung der Betriebszeitungen gefasst. Als solche galten auch die Lagerzeitungen. In den Lagern und auf den Großbaustellen der GULAG erschienen 20 Wochenzeitungen mit einer Jahresauflage von 35 000 Exemplaren, berichtete der stellvertretende Leiter der Politabteilung der GULAG, M. Gavrilin, dem Stellvertreter des Volkskommissars für Innere Angelegenheiten Sergej Nikiforovič Kruglov am 6. März 1941. Im Karlag und in vier anderen Lagern kam die Zeitung zweimal in der Woche heraus.49 Im März 1941 schickte die Politabteilung allen Leitern der Politabteilungen einen darauf aufbauenden Beschluss »Über die Umgestaltung der Zeitungen der Politabteilungen der Lager und Baustellen des NKVD« zu.50 Die Herausgabe der Lagerzeitungen wurde vom Volkskommissariat für Finanzen mit einer Million Rubel bezuschusst. Auf der V. Parteikonferenz (1945) berichtete Fanja Solomonovna Ančipolovskaja über die seit der IV. Parteikonferenz (1943) geleistete Arbeit der Zeitung Für die sozialistische Viehwirtschaft.51 Es war der erste umfassendere Bericht seit der Tagung des Wirtschaftsaktivs der Partei im März 1945. Unter den Autoren waren sehr viele Instrukteure der Politabteilung; die Parteisekretäre Nikolaj Makarovič Solomkin, D. D. Kapnin, M. E. Birjukov, Vorob’ev und Abis schrieben ab und zu, die anderen Parteifunktionäre eher selten oder überhaupt nicht. Die Weisung der Politabteilung, jede Abteilungsparteiorganisation möge einen Korrespondenten benennen, wurde befolgt, nur schrieben viele von ihnen nicht einen einzigen Artikel. In der Regel setzten sie ihre Unterschrift unter Wettbewerbsaufrufe. Laut Aussage von Ančipolovskaja waren unter den 157 Korrespondenten, die regelmäßig für die Zeitung schrieben, 1944 53 Parteilose und 87 Parteimitglieder; 1945 stieg die Zahl leicht an, auf 57 bzw. 90. Dafür sank die Zahl der schreibenden Komsomolzen von 17 auf fünf. Zum Thema Pflanzenproduktion gab es 13 Leitartikel, zur Viehwirtschaft nur zwei. Bald kam ein neues Thema, die Beförderung der Kritik und Selbstkritik, hinzu. Doch die Zeitung könne, da sie nur einmal in der Woche erscheine, die Veränderungen im Lagerleben nicht adäquat widerspiegeln, gab wiederum die Chefredakteurin der Zeitung Für die sozialistische Viehwirtschaft auf der VI. Parteikonferenz 1946 zu bedenken. Hinzu käme, dass Kritik von den Parteimitgliedern immer noch nicht angenommen würde. »Die meisten fühlten sich verletzt oder angegriffen und reagierten nicht so, wie es sich für Parteimitglieder gehört. Selbstverständlich prüften die Redakteure die ihnen vorliegenden Informationen, doch die Kritisierten [es handelte sich stets um Personal bis zur mittleren Leitungsebene einer Lagerabteilung, W.H.] reagierten beleidigt und wiesen die Kritik als verleumderische Verschwörung gegen ihre Person zurück.«52 Auf der VII. Parteikonferenz konnte die Chefredakteurin an ihre Rede vom Vorjahr anknüpfen. »Wir bekommen aber auch keine Artikel aus den Parteigruppen. Wir leben ausschließlich von dem, was wir erhalten. Auch unter den hier anwesenden Delegierten sind Autoren nicht zahlreich vertreten.« Sie unterbreitete den Vorschlag, die Zeitung als Ort für den Erfahrungsaustausch der Propagandisten zu nutzen. »Wenn wir kritische Artikel veröffentlichen, werden wir barsch angefahren. Ich habe auf der letzten Konferenz dazu gesprochen und muss es heute wieder tun.«53 Ihr Resümee machte deutlich, dass die Initiative nicht »von unten«, sondern »von oben« ausging. Diese Kritik ging der Parteileitung zu weit, die Chefredakteurin wurde nicht wieder als Delegierte aufgestellt. 1 Siehe Alla Jur’evna Gorčeva: Pressa Gulaga 1918–1955 [Die Presse des Gulag 1918–1955], Moskau 1996. 2 Siehe die Aufstellung der im Gosudarstvennyj Archiv Rossijskoj Federacii/Staatsarchiv der Russischen Föderation (im Folgenden: GARF) aufbewahrten Zeitungen aus 40 Lagern, die in den Fünfzigerjahren für die Mitarbeiter hergestellt wurden, in: Istorija stalinskogo Gulaga. Konec 1920-ch – pervaja polovina 1950-ch godov. Sobranie dokumentov v semi tomach. T. 7, Annotirovannyj ukazatel’ del [Geschichte des Stalin’schen Gulag. Von Ende der Zwanziger- bis in die erste Hälfte der Fünfzigerjahre. Sammlung von Dokumenten in sieben Bänden, Bd. 7, Annotiertes Findbuch], Moskau 2005, S. 145–147. 3 Belomoro-Baltijskij ITL (1931–1941). Angaben zum Lager in: Michail Borisovič Smirnov (Hg.): Sistema ispravitel’no-trudovych lagerej v SSSR, 1923-1960. Spravočnik [Das System der Besserungsarbeitslager in der UdSSR, 1923–1960. Handbuch], Moskau 1998, S. 162–164. 4 Dmitrovskij ITL (1932–1938). Angaben zum Lager in: Smirnov: Sistema (Anm. 3), S. 214 f. 5 Sibirskij ITL (1929–1960). Angaben zum Lager in: ebd., S. 391–393. 6 Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hg.): Der Reichstagsbrandprozeß und Georgi Dimitroff. Dokumente, Bd. 2, Berlin 1989, S. 810 u. 836. 7 Siehe Lejpcigskoe sudilišče v tupike [Der Leipziger Prozess in der Sackgasse], in: Putevka vom 18. Oktober 1933, S. 2; Posle Lejpciga – Berlin [Nach Leipzig – Berlin], in: Putevka vom 24. Oktober 1933, S. 2; Na Lejpcigskom processe. Fašistskij sud postupil k razboru političeskich voprossov [Vom Leipziger Prozess. Das faschistische Gericht begann mit der Analyse politischer Fragen], in: Putevka vom 3. Dezember 1933, S. 2; Na lejpcigskom processe [Vom Leipziger Prozess], in: Putevka vom 6. Dezember 1933, S. 2. 8 Ein andres kophtisches Lied, in: Goethes Werke, hrsg. im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachsen, Abt. I, Bd. 1, Weimar 1887, S. 131. 9 Nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Zeitung, die im Siblag erschien. 10 Bei diesem Archiv, das im Gebäude des Bezirksarchivs in Karaganda untergebracht ist, handelt es sich um ein Behördenarchiv. 11 Eine Auswahl diverser Artikel findet sich in: Wladislaw Hedeler (Hg.): Vom Schmieden neuer Menschen. Artikel der Lagerzeitung des Karlag »Putjowka«, Leipzig 2011. 12 Der Weg ins Leben, in: Christine Engel (Hg.): Geschichte des sowjetischen und russischen Films, Stuttgart 1999, S. 56–58. 13 Auf DVD in der Reihe »Šedevry sovetskogo kino« [Meisterwerke des sowjetischen Films] erhältlich. 14 Umerziehungseinrichtung in der Stadt Petropavlovsk im Norden Kasachstans. 15 Oberleutnant M. M. Čuntonov war von Januar 1931 bis August 1933 Kommandant des Karlag. In den acht Produktionsabteilungen des Lagers befanden sich 10 000 bis 27 000 Häftlinge. 16 Wir liquidieren die Vergangenheit und schaffen die Zukunft, in: Hedeler: Vom Schmieden (Anm. 11), S. 23 f. 17 Für die nationalen Kader, in: ebd., S. 31. 18 Siehe Befehl Nr. 84 der Verwaltung des Karagandinsker Besserungsarbeitslagers des NKVD vom 26. März 1935. Über die Einrichtung eines Lagermuseums, in: Wladislaw Hedeler (Hg.): KARLAG. Das Karagandinsker Besserungsarbeitslager 1930–1959. Dokumente zur Geschichte des Lagers, seiner Häftlinge und Bewacher. Paderborn 2007, S. 61; Befehl Nr. 215 der Verwaltung des Karagandinsker Besserungsarbeits-lagers des NKVD für das Jahr 1935 vom 10. Juli 1935. Über die Organisation einer Lagerausstellung im Herbst 1935, in: ebd., S. 64 f. 19 Siehe Die Parade der Errungenschaften, in: Hedeler: Vom Schmieden (Anm. 11), S. 71–76. 20 Befehl des Kommandanten des Karlag vom 20. Dezember 1933, Gosudarstvennyj archiv Karagandinskoj oblasti/Staatsarchiv des Gebietes Karaganda (im Folgenden: GAKO), sv. 6, d. 2, l. 388. 21 Siehe Dogovor s Siblagom na sorevnovanie [Vertrag mit dem Siblag über den Wettbewerb], in: Putevka vom 26. August 1934. 22 Siehe Mariinsk, Siblag. An die sibirische Perekowka, in: Hedeler: Vom Schmieden (Anm. 11), S. 76. 23 GULAG ist die Abkürzung für Glavnoe upravlenie lagerej [Hauptverwaltung Lager (der OGPU/des NKVD der UdSSR)]. Hier nicht zu verwechseln mit Gulag, einem Besserungsarbeitslager. 24 Siehe GAKO, f. 1171, op. 1, d. 2-14, l. 19. 25 Abo-Preis im Monat 15 Kopeken, für zwei Monate 25 Kopeken, für drei Monate 40 Kopeken. Ab dem 18. Mai 1933 kostete eine Ausgabe fünf Kopeken. 26 Siehe Aber Zeitungen gibt es immer noch nicht, in: Hedeler: Vom Schmieden (Anm. 11), S. 77. 27 Siehe Befehl des Lagerkommandanten vom 23. Mai 1935. Über die Versorgung der Häftlinge mit der Lagerzeitung, GAKO, sv. 3, d. 7, l. 240. 28 Der ehemalige Häftling Kostromin war 1932 kommissarischer Leiter der Abteilung für kulturelle Erziehungsarbeit des Karlag, 1935 wurde er als Mitglied in die KPdSU(B) aufgenommen und gehörte der Kommission zur Vorbereitung der Landwirtschaftsausstellung des Karlag an, von 1933 bis 1936 arbeitete er als verantwortlicher Redakteur der Putevka. 29 Siehe Zeichnungen und Karikaturen aus der Putevka, in: Hedeler: Vom Schmieden (Anm. 11). 44 Abbildungen und Karikaturen aus den Zeitungen werden im Buch abgedruckt. 30 Wladimir Iljitsch Lenin: Über den Charakter unserer Zeitungen, in: W. I. Lenin, Werke, Bd. 28, S. 86–88. Hervorhebungen in der Quelle. 31 Noch Anfang 1937 waren nach Angaben der Lageradministration 4000 der 27 000 Karlag-Häftlinge Analphabeten. Diese wurden in Gruppen zu je 20 Häftlingen zusammengefasst, um vom 25. Februar bis 5. März 1937 einen Alphabetisierungsgrundkurs zu absolvieren. Er stand unter dem Motto »Ohne das Alphabet versteht man das neue Leben nicht«. 32 Siehe dazu Wladislaw Hedeler/Meinhard Stark: Das Grab in der Steppe. Leben im GULAG. Die Geschichte eines sowjetischen »Besserungsarbeitslagers« 1930–1959, Paderborn 2007. 33 Siehe Befehl des Kommandanten des Karlag vom 20. März 1935, GAKO, sv 7, d. 3, l. 19. F. G. Cion war ab 1943 Mitarbeiter der Administration und leitete die Poliklinik des Karlag. 34 An unsere Lagerkorrespondenten und Stoßarbeiter, in: Hedeler: Vom Schmieden (Anm. 11), S. 16. 35 Josef Stalin: Politischer Rechenschaftsbericht an den 16. Parteitag, in: J. W. Stalin, Werke, Berlin 1954, Bd. 12, S. 276. 36 Befehl des Kommandanten des Karlag vom 13. Mai 1935, GAKO, sv. 7, d. 3, l. 222 f. 37 Befehl des Kommandanten des Karlag vom 16. Mai 1935, ebd., l. 229. 38 Eine Auswahl dieser 1935 in der Putevka veröffentlichten Briefe findet sich in: Hedeler: Vom Schmieden (Anm. 11), S. 86–89. 39 Siehe »Tufta«, in: ebd., S. 33 f. 40 Siehe Žak Rossi: Spravočnik po Gulagu. V dvuch častjach [Gulag-Handbuch], Moskau 1991. 41 Im handschriftlich geänderten Entwurf des Befehls stand ursprünglich »auf der Grundlage der kommunistischen Einstellung zur Arbeit«. 42 Befehl Nr. 216 der Verwaltung des Karagandinsker Besserungsarbeitslagers des NKVD für das Jahr 1936 vom 22. Juni 1936. Über das Erscheinen der 300. Ausgabe der Putevka, in: Hedeler: KARLAG (Anm. 18), S. 71–74. 43 Siehe Wladislaw Hedeler: Die Ökonomik des Terrors. Zur Organisationsgeschichte des Gulag 1939–1960, Hannover 2010. 44 Siehe Gorčeva: Pressa (Anm. 1), S. 55. 45 Siehe Diskussionsbeitrag von Derevjankin auf der I. Parteikonferenz des Karlag, GAKO 1171-1-2-14, l. 4. 46 Siehe Diskussionsbeitrag von Makeev auf der I. Parteikonferenz des Karlag, GAKO 1171-1-2-14, l. 6-7. 47 Siehe Schlusswort von Samochodov auf der I. Parteikonferenz des Karlag, GAKO 1171-1-2-14, l. 20-23. 48 Siehe Hedeler: Die Ökonomik (Anm. 43), S. 47 f. 49 Dokladnaja zapiska zamestitelja načal’nika Politotdela GULAG zamestitelju narkoma vnutrennich del SSSR S. N. Kruglovu o sostojanii mnogotiražnych gazet lagerej i stroek GULAG na 1 marta 1941 [Bericht des stellvertretenden Leiters der Politabteilung der GULAG an den stellvertretenden Volkskommissar für Innere Angelegenheiten der UdSSR S. N. Kruglov über den Zustand der Zeitungen und Baustellen am 1. März 1941], in: Istorija Stalinskogo Gulaga. Naselenie Gulaga, čislennost’ i uslovija soderžanija [Geschichte des Stalin’schen Gulag. Die Bevölkerung des Gulag, Anzahl und Haftbedingungen], Moskau 2004, T. 4, S. 182. 50 Gorčeva: Pressa (Anm. 1), S. 57. 51 Ančipolovskaja war 1945 und von 1948 bis 1950 Chefredakteurin der Zeitung. Siehe Diskussionsbeitrag von Ančipolovskaja auf der V. Parteikonferenz des Karlag, GAKO 1171-1-23-1319, l. 24. 52 Diskussionsbeitrag von Ančipolovskaja auf der VI. Parteikonferenz des Karlag, GAKO, 1171-1-30-1742, l. 3-4. 53 Diskussionsbeitrag von Ančipolovskaja auf der VII. Parteikonferenz des Karlag, GAKO, 1171-1-30-1743, l. 2-3.

JHK 2012

Estland während des Stalinismus 1940–1953. Gewalt und Säuberungen im Namen der Umgestaltung einer Gesellschaft

Olaf Mertelsmann / Aigi Rahi-Tamm

Mit dem Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts im August 1939 sowie des deutsch-sowjetischen Freundschaftsvertrags im folgenden Monat samt der geheimen Zusatzprotokolle wurde das Schicksal der baltischen Staaten für das nächste halbe Jahrhundert von Hitler und Stalin vorbestimmt. Lettland, Estland und Litauen fielen in die sowjetische Interessensphäre und verloren bis 1991 ihre Unabhängigkeit. Währenddessen gehörten sie zu einer Region mit über 20 Millionen Einwohnern von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer, die von der UdSSR 1939/40 annektiert wurde. Die meisten der im Zuge der Annektierung durchgeführten Maßnahmen verliefen nahezu parallel. Estland wurde wie die Nachbarländer Lettland und Litauen im Herbst 1939 mithilfe eines Ultimatums gezwungen, die Stationierung sowjetischer Truppen zu gestatten und einen Freundschaftspakt mit der UdSSR abzuschließen. Im Sommer 1940 erfolgte nach einem weiteren Ultimatum die sowjetische Okkupation und nach rund sechs Wochen sowie einigen politischen Inszenierungen schließlich die Eingliederung in die Sowjetunion. Maßnahmen der Sowjetisierung und Säuberung hatten aber bereits zuvor eingesetzt und gipfelten in einer Massendeportation im Juni 1941. Von 1941 bis 1944 war Estland von den Deutschen besetzt; im Herbst 1944 marschierte die sowjetische Armee erneut ein, und eine umfangreiche Verhaftungswelle nahm ihren Lauf. Eine weitere Massendeportation 1949 bereitete die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft vor, und erst nach dem Tod Stalins kann man von einer gewissen Normalisierung der Verhältnisse sprechen.1 Zum Zwecke der gesellschaftlichen Umformung organisierte der sowjetische Staat zahlreiche Säuberungswellen und Massendeportationen im Baltikum, in Ostpolen und Bessarabien. Staatliche Gewaltanwendung war neben politischen, wirtschaftlichen oder kulturellen Maßnahmen ein zentrales Mittel der Sowjetisierung und der Integration neu angegliederter Territorien. Von den drei sowjetischen Sonderbeauftragten für jedes neu eingegliederte Gebiet war einer für die Staatssicherheit, also für Repressalien zuständig, ein zweiter für militärische Fragen, während der Vertreter des Zentralkomitees der Partei dem Trio gewissermaßen vorstand.2 Der tonangebende Sonderbeauftragte der VKP(b) plante umfangreiche Säuberungen. So kritzelte Andrej Ždanov, der erste Beauftragte und ein enger Mitarbeiter Stalins, in seine Notizen von Unterredungen mit Vertretern der von den Sowjets eingesetzten Marionettenregierung im noch formell unabhängigen Estland wiederholt die vielsagenden Worte »Esten nach Sibirien«.3 In einem umfangreichen Bericht für das Orgbüro der Partei Anfang 1941 empfahl sein Nachfolger Vladimir Bočkarev eine passportizacija der größeren Städte, um sie von »bourgeoisen Elementen« zu säubern, d. h., er regte die Überprüfung sämtlicher Stadtbewohner, die gründliche Säuberung des Staatsapparates und der Wirtschaft sowie die Durchführung einer Deportation von ehemaligen Großgrundbesitzern an.4 Zu diesem Zeitpunkt waren politische Verhaftungen bereits in vollem Gange. Sie hatten sofort nach dem Einmarsch der Roten Armee begonnen. Eine eigens formierte Operativgruppe des NKVD, bestehend aus Spezialisten aus Moskau und Leningrad, war unter Leitung von Oberleutnant Aleksej Škurin, dem Sonderbeauftragten für Sicherheit, bereits im Juni 1940 zusammen mit der Roten Armee einmarschiert. Škurin fungierte später als Stellvertreter des Volkskommissars des Inneren, bzw. des Volkskommissars für Staatssicherheit der Estnischen SSR.5 Nach heutigem Forschungsstand wurden etwa 12 bis 14 Prozent der Bevölkerung Estlands von ursprünglich 1,1 Millionen Einwohnern zu Opfern des stalinistischen Terrors, gut vier Prozent davon starben. Es erfolgten rund 47 000 Verurteilungen nach politischen Paragrafen, darunter 3000 Todesurteile, 35 000 Menschen wurden deportiert, darunter im Sommer 1941 ein Zehntel der Juden Estlands, und 34 000 in die Rote Armee integrierte estnische Soldaten wurden im Herbst 1941 in Zwangsarbeitslager eingewiesen, wo wahrscheinlich ein Drittel von ihnen verstarb. Nach Beginn des deutschen Überfalls auf die UdSSR fanden Mordaktionen sowie Massentötungen von politischen Gefangenen statt. Es gab ethnische Säuberungen von Deutschen und Ingermanländern nach dem Krieg, die Verbringung von Repatriierten in Filtrationslager sowie in Bau- und Zwangsarbeitsbataillone der sowjetischen Armee, in denen von 1944 bis 1947 »zweifelhafte« Elemente aus Estland dienen mussten, Tausende von drakonischen Urteilen für Bagatellvergehen wie Kleindiebstahl oder den Verstoß gegen die Arbeitsregulationen und weitere Formen von Repressalien. Die meisten waren jedoch nicht Opfer von Exekutionen, sondern fanden den Tod aufgrund von Hunger, Überarbeitung, Kälte und Vernachlässigung in Gefängnissen, Lagern oder den Sondersiedlungen der Verbannten.6 Angesichts dieser Größenordnung erscheint es allzu verständlich, dass der stalinistische Terror ein zentrales Thema der estnischen Historiografie darstellt. Hatten Autoren des Exils noch dazu geneigt, die Ausmaße zu überschätzen, besitzen wir heute dank der Öffnung der estnischen Archive und des uneingeschränkten Zugriffs darauf einen relativ guten Überblick über die allgemeinen Fakten:7 Umfangreiche Opferlisten wurden publiziert, mehrere Datenbanken angelegt und die Fallakten in den Archivbeständen des Innenministeriums der Estnischen SSR ausgewertet.8 Unterschiedliche Kommissionen, Forschungsstellen und Einzelpersonen – ob Historiker oder Laie – haben seit den späten Achtzigerjahren Materialien zusammengetragen und bearbeitet. Gewisse Lücken bestehen allerdings noch bezüglich der Interpretation, der Einbindung in den internationalen Forschungsstand sowie der Bearbeitung von Dokumenten in russischen Archiven. Auch ist nicht jede Säuberungswelle hinreichend in den erreichbaren Quellen dokumentiert. Am Anfang stand das Bedürfnis, die »weißen Flecken« über den Stalin’schen Terror zu füllen. Zahlreiche Biografien und Erinnerungsbände wurden dafür konsultiert, da viele Archivalien erst mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zugänglich wurden. Das Schicksal prominenter Persönlichkeiten oder einzelner Gruppen wie der Berufsoffiziere stand im Mittelpunkt. Im Laufe der Zeit weiteten sich die Fragestellungen aus, und die Forschung auf diesem Gebiet professionalisierte sich. Zunehmend wurden auch akademische Arbeiten zum Thema des Terrors verfasst. Ende der Neunzigerjahre wurde dann eine vom Staat finanzierte Kommission zur Untersuchung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingerichtet, aus der das heutige Estnische Institut des historischen Gedächtnisses (Eesti Mälu Instituut) hervorgegangen ist. Da die Anzahl professioneller Historiker aufgrund der niedrigen Bevölkerungszahl Estlands gering ist, blieben kontroverse Diskussionen bisher weitgehend aus. In der Öffentlichkeit dominiert ein Opferdiskurs, und in der estnischsprachigen Geschichtsschreibung bleibt ein nationales Paradigma vorherrschend, welches vor allem die politische Geschichte Estlands in den Mittelpunkt rückt.9 Angesichts der schieren Menge an Ereignissen und Prozessen konzentrieren wir uns im vorliegenden Beitrag auf die verschiedenen Säuberungswellen, die zweifelsohne zu bestimmten Zeiten im Mittelpunkt der sowjetischen Politik in der Estnischen SSR standen und deren Hauptziel die gewalttätige Umgestaltung der Gesellschaft war. Aufgrund der Überlieferung lassen sich die Intentionen der beteiligten Politiker in Moskau und Tallinn nicht immer exakt nachzeichnen, mitunter bestanden verschiedene Auffassungen, doch was Gerd Koenen treffend als »Utopie der Säuberung« formuliert hat,10 war auch in Estland ein Leitgedanke. Säuberungen und polizeiliche Methoden David Shearer und Paul Hagenloh haben kürzlich in ihren Arbeiten auf die wichtige Bedeutung der polizeilichen Methoden im Rahmen der Stalin’schen Unterdrückungsmaßnahmen hingewiesen.11 Diese wurden auch in den baltischen Republiken entsprechend angewandt. Erste Informationen über die nationale Elite und potenzielle Gegner der Sowjets in Estland wurden von der sowjetischen Botschaft und dem Auslandsgeheimdienst bereits vor dem sowjetischen Einmarsch gesammelt. So lagen beispielsweise detaillierte Übersichten über politische Parteien und »militärisch-faschistische Organisationen« vor.12 Diese Berichte enthielten Informationen über die wichtigsten Einrichtungen und Organisationen der Republik Estland sowie personenbezogene Angaben über sowjetfeindliche Gruppen und Persönlichkeiten. Bezüglich des paramilitärischen Verteidigungsbundes Kaitseliit achtete man auf die Stimmungslage der Mitglieder und darauf, wer beispielsweise unzufrieden mit dem Abschluss des estnisch-sowjetischen Paktes von 1939 war. Zum besonderen Gegenstand des Interesses wurden Personen mit Geheimdienstkontakten. Die meisten Menschen, die von vornherein eine negative Einschätzung erhalten hatten, wurden später während des ersten Jahres der sowjetischen Herrschaft verhaftet. Von einer systematischen und nahezu »industriellen« Erfassung und Nutzung »kompromittierender« persönlicher Angaben kann man ab November 1940 sprechen, als die baltischen Republiken den Befehl zur Einrichtung einer Kartothek »politischer Färbungen« erhielten. Ziel war es, damit »Volksfeinde« dingfest zu machen und zu enttarnen sowie ausreichend »kompromittierende« Angaben zur Anklage von Personen zu sammeln. Dazu wurden als Erstes Dokumente aus dem Verteidigungs- und dem Innenministerium gesichtet, um die Mitarbeiter von politischer Polizei und Verteidigungsbund zu ermitteln, die als besonders sowjetfeindlich galten. Gemäß einem sowjetischen Erlass von 1939 musste für jede in die Kartothek aufgenommene Person eine Karte ausgefüllt werden, auf der die persönlichen Angaben, »kompromittierende« Kontakte usw. sowie die entsprechenden Quellen verzeichnet waren. Die Anschrift der Person war besonders wichtig,13 offenbar um die Verhaftung oder Deportation reibungsloser zu gestalten. Anfangs umfasste die Kartothek 27 verschiedene Kategorien »konterrevolutionärer Elemente«, darunter ehemalige Regierungsmitglieder, Richter, Staatsanwälte, Parteimitglieder, Polizisten, Offiziere, Veteranen der »Weißen« Armeen usw. Im Laufe der Zeit weitete sich der erfasste Personenkreis aus. In den ersten fünf Monaten des Jahres 1941 wurden in Estland 37 794 Personen in der Kartothek verzeichnet. Ebenso musste das Archiv beständig auf die Nachfragen der Partei- und Sicherheitsorgane innerhalb von 24 oder 48 Stunden reagieren. Vor dem deutschen Überfall liefen täglich rund 100 Personenanfragen ein.14 Dies waren wichtige Vorarbeiten, um die etwa 8000 politischen Verhaftungen im ersten Jahr der sowjetischen Herrschaft durchzuführen, die nur wenige hundert Opfer überlebten.15 Gleichzeitig wurde damit die Massendeportation vom 14. Juni 1941 vorbereitet, die über 10 000 Menschen betraf. Die meisten der männlichen Deportierten wurden im Zuge dessen von ihren Familien getrennt und in Lager verschickt. In beiden Fällen kann als Hauptziel der Repressalien die Säuberung Estlands von »politisch unerwünschten oder sozial fremden Elementen« gesehen werden, meist einschließlich der näheren Angehörigen. Vor dem Hintergrund der Ereignisse in Ostpolen 1939/40 war es nur eine Frage der Zeit, wann die »sozial fremden Elemente« massenhaft im Baltikum »liquidiert« würden. Für die Massendeportation im Juni 1941 waren 14 471 Personen erfasst worden, darunter 4665 Familienoberhäupter und 9115 Familienmitglieder sowie 691 Kriminelle und Prostituierte. Für die Familienoberhäupter bedeutete dies Verhaftung, Konfiszierung des Besitzes, Einweisung in ein Lager (für fünf bis acht Jahre) sowie 20 Jahre Verbannung. Ihre Angehörigen fielen in die Kategorie der auf administrativem Weg für 20 Jahre Verbannten. Ein bloßer Verwaltungsakt führte in diesem Fall zur Deportation. Wer diesem Schicksal entronnen war, sollte im Rahmen der alltäglichen operativen Arbeit verhaftet werden. Zur selben Zeit wurden auch estnische Berufssoldaten in den Lagern in Värska und Petseri verhaftet. Im Zuge der Einverleibung der estnischen Streitkräfte als 22. Schützenkorps in die Rote Armee erfolgten zusätzlich regelmäßige Säuberungen von »ungeeigneten Offizieren«. Dessen ungeachtet verblieben im Korps immer noch zu viele »fremde und feindliche« Offiziere, derer man sich im Baltikum in einer gemeinsamen Aktion entledigte. Von den in Estland verhafteten 300 Militärs überlebten nur wenige die Lagerhaft in Norilsk.16 Mitunter wird das Argument vorgebracht, die Massendeportation am 14. Juni 1941 habe im Zusammenhang mit einem drohenden deutschen Angriff und der Ausschaltung einer möglichen »fünften Kolonne« der Nazis im Baltikum gestanden.17 Davon ist jedoch nicht auszugehen. Massendeportationen wurden in allen von den Sowjets 1939/40 annektierten Territorien durchgeführt, mitunter mehrfach, und die nötigen Vorbereitungsarbeiten im Rahmen der »operativen Arbeit« verschlangen entsprechend viel Zeit. Für Stalin kam der deutsche Überfall bekanntlich als böse Überraschung, das zeitliche Beieinanderliegen der Ereignisse war somit offensichtlich eher ein Zufall. Nur ein Fünftel der Deportierten in Estland waren Männer im wehrfähigen Alter von 20 bis 49 Jahren, von denen nur ein kleiner Teil zur Kategorie der »Nationalisten« gezählt werden kann. Das wichtigste Gegenargument liefern aber die zeitgenössischen Archivdokumente, die belegen, dass die Säuberung der neu angegliederten Gebiete beständig gefordert und auch durchgeführt wurde, Bedenken bezüglich deutscher Spione, Diversanten usw. aber kaum zum Ausdruck gebracht werden. Derartige Überlegungen wurden erst im Nachhinein als Rechtfertigung der Repressalien angeführt. Mit dem Beginn des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion begann eine weitere Terrorwelle in den neu erworbenen Gebieten. Vernichtungsbataillone sollten das Hinterland der Front vor möglichen antisowjetischen Partisanen sichern, die es mitunter tatsächlich gab, doch oftmals kam es dabei auch zu Übergriffen auf die Bevölkerung.18 Weiterhin wurden auf Anordnung Lavrentij Berijas politische Gefangene, die nicht evakuiert werden konnten, hingerichtet.19 Die vorrückenden Deutschen sollten auf rund 2000 ermordete Terroropfer in Estland treffen, von denen viele starke Folterspuren aufwiesen.20 Dieser stalinistische Terror war es, der schließlich zu einer verstärkten Zusammenarbeit mit den deutschen Besatzern in Estland führte.21 Die Welle der Gewalt im Sommer 1941 kann allerdings nicht als eine sorgfältig geplante Säuberungsaktion angesehen werden, vielmehr waren es Panik und die Gegenwehr des bewaffneten Widerstands, die diese Gewalt eher spontan auslösten. Den Sowjets gelang es, vor ihrem Abzug noch rund 25 000 Personen zu evakuieren,22 viele davon auch gegen ihren Willen. Ende September 1941 wurden die estnischen Soldaten und Zwangsmobilisierten der Roten Armee schließlich auf Anordnung von Lev Mechlis, dem Leiter der politischen Verwaltung der sowjetischen Armee, in spezielle Arbeitslager eingewiesen,23 wo Tausende von ihnen starben. Im sowjetischen Hinterland gingen die Vorbereitungen für eine zukünftige Säuberung Estlands wie auch für andere deutsch besetzte Gebiete nach der Evakuierung unvermindert weiter. Die Arbeit an der Kartothek der »politischen Färbungen« wurde in Kirov fortgesetzt, wohin die Sonderabteilung des Estnischen Staatsarchivs evakuiert worden war. Etwa 53 000 weitere Karten konnten dort erstellt werden. Als letzte Kategorie wurden Deutschbalten und Esten erfasst, die im Rahmen der Umsiedlung von 1939 bis 1941 das Land verlassen hatten, was als Vorbereitung ihrer möglichen Bestrafung betrachtet werden kann, sollten die Sowjets ihrer habhaft werden. Von Februar bis August 1944 hielt sich der Leiter dieser Abteilung des Staatsarchivs, Bernhard Veimer, in Leningrad auf, um Zeitungen aus dem besetzten Estland auf der Suche nach »antisowjetischen Elementen« durchzuarbeiten. Im Juli desselben Jahres wurden spezielle Verhaftungslisten zusammengestellt, und im Herbst 1944 gelang es den sowjetischen Sicherheitsorganen, ihrem Bestand rund 160 000 biografische Karteikarten hinzuzufügen, die von den Deutschen während der Okkupation erstellt worden waren und hauptsächlich Esten betrafen, die auf deutscher Seite gekämpft hatten.24 Schon Ende 1943, neun Monate vor dem Einmarsch in Estland, hatte das Volkskommissariat für Inneres der Estnischen SSR rund 400, die Staatssicherheit 170 Mitarbeiter.25 Als der Einmarsch begann, waren die Operativgruppen die Speerspitze der zukünftigen Säuberung. Im Rücken der sowjetischen Truppen sollten sie Verhaftungen vornehmen, Verräter und Agenten identifizieren oder die Zivilbevölkerung erfassen.26 Sofort nach der erneuten Okkupation Estlands setzte man auch die Arbeit an der Kartothek fort. Während der ersten Monate nach der »Befreiung« von den Deutschen hatte die »Säuberung der Republik von feindlichen Elementen« oberste Priorität. Bis zum April 1945 wurden 8909 Mitglieder von »militärisch-faschistischen und bourgeois-nationalistischen Organisationen« verhaftet, wie aus einem Bericht an Stalin über die Arbeit des Estland-Büros beim Zentralkomitee der VKP(b) hervorgeht.27 Spezielle Büros waren für alle drei baltischen Republiken als besondere Aufsichtsinstanzen eingerichtet worden, nachdem im Herbst die »baltische Frage« im Kreml auf der Tagesordnung gestanden hatte und Beschlüsse zum weiteren Vorgehen gefällt worden waren.28 Es fällt auf, dass im Rahmen dieser größten politisch motivierten Verhaftungswelle mit etwa 13 000 bis 15 000 Gefangenen der Fokus zuerst auf der Zusammenarbeit mit den Deutschen und deren Militärdienst gerichtet war, sich innerhalb weniger Monate aber auf die Ergreifung »bürgerliche Nationalisten« verlagerte. Galt es also anfangs, Kollaborateure und Kriegsverbrecher zu bestrafen, wurde es im weiteren Verlauf immer wichtiger, potenzielle Widerständler auszuschalten und die Gesellschaft von »bürgerlichen Nationalisten« zu säubern. Gleichzeitig wurden Kompromisse gemacht, indem mithilfe von Amnestien und Legalisierungen die Zahl der Untergetauchten verringert werden sollte. Anders als die Einwohner der »alten« Sowjetrepubliken wurden Balten, die im Rang eines einfachen Soldaten oder Polizisten auf deutscher Seite gekämpft hatten, nicht automatisch formell für diese Tatsache bestraft, sondern mussten im Regelfall in speziellen Bau- und Arbeitsbataillonen der sowjetischen Armee dienen. In den Jahren 1946/47 schickte man aus dem Baltikum stammende Kriegsgefangene (das »Sonderkontingent«) vor allem aus wirtschaftlichen Motiven wieder in die Heimatrepubliken, denn die Ölschieferindustrie und andere militärisch wichtige Unternehmen benötigten sie als günstige Arbeitskräfte. In Estland herrschte ein großer Mangel an einheimischen Kadern, waren doch während der deutschen Okkupation fast alle Männer im wehrfähigen Alter auf deutscher Seite im Einsatz gewesen. Deshalb konnte hier nicht mit aller Konsequenz geurteilt werden. Viele Veteranen der deutschen Armee wurden jedoch trotzdem verhaftet, von denen die meisten nach den für die Balten geltenden Sonderregeln wahrscheinlich unschuldig waren. Mithilfe von unter Folter erzwungenen »Geständnissen« und kompromittierender Dokumente wurden sie dennoch verurteilt.29 Unmittelbar nach Ende der Kampfhandlungen 1944 kam es zu einer Welle spontaner Übergriffe sowjetischer Armeeangehöriger auf die estnische Zivilbevölkerung einschließlich Mord, Raub und Vergewaltigungen, worüber sich lokale Parteiinstanzen wiederholt in Tallinn beklagten. Laut der Statistik des Volkskommissariats des Inneren der Estnischen SSR waren sowjetische Soldaten sogar für einen Großteil der registrierten Verbrechen verantwortlich,30 hinzu kommen zahlreiche Taten, die gar nicht erst registriert wurden. Auch in der Nachkriegszeit fanden ethnische Säuberungen statt: Sämtliche verbliebene Deutschbalten wurden im Sommer 1945 deportiert, estnische Familienmitglieder durften mit ihnen in die Verbannung gehen. Dies betraf 407 Personen.31 Ingermanländer oder Finnen, die sich während des Krieges oder in der Nachkriegszeit in Estland angesiedelt hatten, wurden ebenfalls aus ethnischen Gründen verbannt, allerdings nicht im Rahmen einer Massenoperation. Sie mussten die Republik verlassen und sich an speziellen, ihnen zugewiesenen Orten ansiedeln.32 Nach dem Krieg wurden die Grenzen der Estnischen und der Lettischen SSR geändert und Gebiete an die Russische SFSR abgetreten. 1950 folgten hier weitere ethnische Säuberungsaktionen, die sich gegen Esten und Letten richteten. 1563 Menschen wurden deportiert.33 Doch der sowjetische Staat agierte oftmals auch reaktiv auf entstehende Probleme, die er selbst hervorgerufen hatte. Während der schwierigen Nachkriegszeit, die auch in Estland von weit verbreiteter Unterernährung und Elend begleitet und zu einem beträchtlichen Teil eine Folge der sowjetischen Wirtschaftspolitik war,34 versuchte man die ausufernde Kleinkriminalität durch Kampagnen-Justiz unter Kontrolle zu bringen.35 Ein noch besseres Beispiel für reaktives Verhalten ist der Kampf mit dem bewaffneten Widerstand, der sich erst aufgrund der Sowjetisierung und Unterdrückungsmaßnahmen herausgebildet hatte. Mit harten Maßnahmen, wie »Vernichtungsagenten« und Sondereinheiten der Staatssicherheit, aber auch lokal formierten Vernichtungsbataillonen, der Verhaftung von Familienangehörigen und einem gewissen Entgegenkommen in Form von Legalisierung und Amnestien versuchte man, des Problems Herr zu werden. In der unmittelbaren Nachkriegszeit erreichte der bewaffnete Widerstand seinen Höhepunkt und flammte später im Zusammenhang mit der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft noch einmal auf.36 Im Jahr 1947, als der sowjetische Staat die Situation in den neu angegliederten westlichen Grenzgebieten weitgehend kontrollierte und sich auch auf dem Land besser durchsetzen konnte, rückte die Frage der Kollektivierung der Landwirtschaft auf die Tagesordnung – eine wirtschaftspolitische Entscheidung. Durch eine drastische Erhöhung der Landwirtschaftssteuern und sonstigen Abgaben sollten die Bauern zum Eintritt in Kolchose gedrängt werden, während gleichzeitig der Prozess der Entkulakisierung einsetzte.37 Doch auch wenn zahlreiche Bauern wegen Nichterfüllung ihrer Abgabepflichten eingesperrt wurden oder ihre Höfe verließen, zeigte diese Politik praktisch keinen Erfolg. Daher entschied sich Stalin im Januar 1949, die Kollektivierung durch eine Massendeportation in den westlichen Grenzgebieten voranzutreiben: die Operation »Priboj«. Noch im selben Monat traf er sich mit den Führern der baltischen Sowjetrepubliken, um die Vorbereitungen für die Deportation im März 1949 voranzutreiben. Diese verfolgte drei Hauptziele: 1. die Beschleunigung der Zwangskollektivierung durch Einschüchterung der Bauern; 2. die Säuberung des Dorfes von »Kollaborateuren«, »Kulaken«, »Nationalisten«, »sozial fremden Elementen« und deren Familienangehörigen, oftmals nachdem das Familienoberhaupt bereits verhaftet worden war; 3. die Unterhöhlung der Unterstützung des Widerstandes durch die Deportation von Sympathisanten, Familienangehörigen von untergetauchten Personen oder Mitgliedern des Widerstandes. Rund 20 700 Personen wurden allein aus Estland deportiert, zumeist Frauen, alte Menschen und Kinder. Auf Basis bereits gesammelter Daten waren die Deportationslisten zuvor erstellt worden. Dafür wurden fast ebenso viele bewaffnete Kräfte und sowjetische Aktivisten eingesetzt wie Personen deportiert. In der Folge nahm die Kollektivierung erheblich an Geschwindigkeit zu.38 Ein im Baltikum verbreiteter Mythos wurde in diesem Zusammenhang allerdings inzwischen widerlegt: dass die Entscheidung zur Deportation vor allem vom Einfluss lokaler Aktivisten oder Denunzianten abhing. Heute weiß man, dass die Erstellung der Deportationslisten ein aufwändiger, zentral organisierter bürokratischer Vorgang war, dem hauptsächlich die Auswertung bereits vorhandener Unterlagen und Karteien zugrunde lag; Denunziationen machten dabei nur einen kleinen Teil aus.39 Während »Priboj« die größte organisierte Einzelmaßnahme blieb, gingen politisch motivierte Verhaftungen bis zum Tod Stalins unvermindert weiter. Nur etwa ein Prozent aller politischen Verhaftungen des sowjetischen Regimes in Estland fand danach statt. 1951 erfolgte die letzte Massendeportation in Estland, die der Zeugen Jehovas.40 Im Jahr 1950 setzte der »Estnische Fall« ein, wobei es sich anfangs nur um eine Säuberung der Parteispitze handelte. Der Kreml nutzte offenbar einen lokalen Machtkonflikt innerhalb der estnischen Parteiführung, um diese auszutauschen und ein Signal an andere Sowjetrepubliken zu senden. Später entfaltete die Kampagne vor allem eine lokale Dynamik und geriet zu einer Säuberung von Staat, Kultur und Bildungswesen, die bis 1952 andauerte und für die offenbar der neue estnische Parteiführer verantwortlich war.41 Fazit Während zu Beginn der sowjetischen Herrschaft in Estland die Beseitigung der bisherigen nationalen Elite samt ihrer Familien im Mittelpunkt stand, sollten später zahllose weitere Kampagnen mit jeweils spezifischen Zielsetzungen folgen. Ob es sich um »Helfer der Deutschen«, »bürgerliche Nationalisten« oder ethnische Gruppen handelte, langfristiges Ziel war die gewaltsame Umgestaltung und Säuberung der Gesellschaft. Auch reaktive Maßnahmen wie im Kampf gegen den bewaffneten Widerstand oder Kampagnen zur Durchsetzung wirtschaftlicher Ziele wie der Zwangskollektivierung wurden durchgeführt. Zudem lassen sich Anhaltspunkte für eine Kompromisslösung erkennen, wie im Fall der ehemaligen Angehörigen estnischer militärischer Formationen auf deutscher Seite. Nicht alle Mitglieder einer potenziellen »Feind-Kategorie« wurden tatsächlich verfolgt, stattdessen erfolgte ein umfangreiches Sammeln von »Kompromat«, selbst bezüglich treuer Helfer des stalinistischen Regimes. Dagegen lassen sich nur relativ wenige Beispiele spontaner Gewalt belegen, wie sie vor allem bei Kriegsausbruch und nach der erneuten sowjetischen Okkupation stattgefunden haben. Tatsächlich handelte es sich bei den meisten Fällen von Repressionsmaßnahmen um von Moskau geplante und initiierte sowie mit sowjetischen Polizeimethoden umgesetzte Kampagnen. Die meisten Menschen wurden Opfer eines bürokratischen Vorgangs: der Auswertung vorhandener Akten und Karteien. So ordnete das Ministerium für Staatssicherheit der Estnischen SSR 1950 beispielsweise die Überprüfung von 42 118 Personen in Estland an, was vier Prozent der Bevölkerung entspricht.42 In allen 1939/40 neu angegliederten Territorien erfolgten ähnliche Säuberungswellen, deren Ausmaß und Dauer jedoch von den lokalen Umständen abhingen. Nach Stalins Tod schwor der sowjetische Staat dem Massenterror ab, und das Niveau der Repressalien sank auf das anderer autoritärer Regime. Aber es bestand die nötige Infrastruktur und das notwendige Wissen war in den Archiven gespeichert, um jederzeit mit einer erneuten, groß angelegten Säuberung der Gesellschaft zu beginnen. Daher ist es auch kein Zufall, dass Akten der Opfer des stalinistischen Terrors ebenso wie die Unterlagen von Verdächtigen, die unbehelligt blieben, erstaunlich gut und umfangreich erhalten sind. Man hätte bei Bedarf stets auf sie zurückgreifen können. Die wichtigsten Säuberungsmaßnahmen während des Stalinismus in Estland ZeitraumSäuberungs- oder Terrorwelle1940–1941Verhaftung der bisherigen Elite (8000)Juni 1941Massendeportation (10 000)Sommer 1941Übergriffe auf die Bevölkerung durch Vernichtungsbataillone, Erschießung von politischen Gefangenen (2000 Tote)Herbst 1941Estnische Soldaten der Roten Armee werden in Arbeitslager eingewiesen (34 000)Herbst 1944–1945Nachkriegssäuberung (13 000–15 000 Verhaftungen); Übergriffe von Soldaten auf die Zivilbevölkerung1944–1953Kampf gegen den bewaffneten Widerstand1945–1950Ethnische Säuberung: Deutsche, Ingermanländer und Finnen werden aus Estland deportiert bzw. ausgewiesen; Esten und Letten aus an Russland abgetretene Gebiete deportiert (insgesamt rund 12 000)1946–1948Kampf gegen Bagatelldelikte1947–1949DekulakisierungMärz 1949Massendeportation zur Vorbereitung der Kollektivierung (20 700)1950–1952Estnischer Fall – Säuberung von Partei, Staat, Kultur und Bildungswesen1951Massendeportation der Zeugen Jehovas1953Tod Stalins und Ende des Massenterrors in der UdSSR Anmerkung zu den Zahlen: Die 47 000 Verhaftungen nach politischen Paragrafen sowie die 35 000 Deportierten und die 34 000 in Arbeitslager eingewiesenen Soldaten der Roten Armee sind hinlänglich dokumentiert. Weiterhin wurden mindestens 20 000 Menschen repatriiert und mussten ein Filtrationslager durchlaufen.43 Wie viele Einwohner Estlands exakt in anderen Arbeitslagern oder Arbeitsbataillonen waren, ist unbekannt. Hierbei handelte es sich um ehemalige Soldaten, die auf deutscher Seite gekämpft hatten, repatriierte Zivilisten oder nach Bagatellvergehen Verurteilte. Die Anzahl ausgewiesener Ingermanländer und Finnen ist ebenfalls nicht bekannt, sie dürfte aber größer als 10 000 gewesen sein. Da einige Personen in mehr als einer Kategorien auftauchen, muss man von etwa 130 000 bis 150 000 Einwohnern Estlands ausgehen, die stalinistische Lager oder Gefängnisse durchlaufen haben oder deportiert wurden. Die Dokumentation der Todesfälle ist für einige Opfergruppen ungenügend, für andere recht genau. Schätzungsweise 40 000 Personen verloren im Lager, im Gefängnis oder in der Verbannung ihr Leben oder wurden hingerichtet. 1 Zur Geschichte Estlands während des Stalinismus siehe Romuald Misiunas/Rein Taagepera: The Baltic States. Years of Dependence, 1940–1990, 2. Aufl. London 1993; Jüri Ant: Eesti 1939–1941: rahvast, valitsemisest, saatusest [Estland 1939–1941: Über das Volk, das Regieren und das Schicksal], Tallinn 1999; Olaf Mertelsmann (Hg.): The Sovietization of the Baltic States, 1940–1956, Tartu 2003; ders. (Hg.): Vom Hitler-Stalin-Pakt bis zu Stalins Tod. Estland 1939–1953, Hamburg 2005; Toomas Hiio/Meelis Maripuu/Indrek Paavle (Hg.): Estonia 1940–1945: Reports of the Estonian International Commission for the Investigation of Crimes Against Humanity, Tallinn 2006; Olaf Mertelsmann: Der stalinistische Umbau in Estland. Von der Markt- zur Kommandowirtschaft, Hamburg 2006; David Feest: Zwangskollektivierung im Baltikum. Die Sowjetisierung des estnischen Dorfes 1944–1953, Köln 2007; Tõnu Tannberg (Hg.): Eesti NSV aastatel 1940–1953. Sovetiseerimise mehhanismid ja tagajärjed Nõukogude Liidu ja Ida-Euroopa arengute kontekstis [Die Estnische SSR in den Jahren 1940–1953. Mechanismen der Sowjetisierung und ihre Folgen im Kontext der Entwicklungen in der Sowjetunion und in Osteuropa], Tartu 2007; Elena Zubkova: Pribaltika i Kreml’ 1940–1953 [Das Baltikum und der Kreml 1940–1953], Moskau 2008; Tynu [Tõnu] Tannberg: Politika Moskvy v respublikach Baltii v poslevoennye gody (1944–1956): Issledovanija i dokumenty [Die Politik Moskaus in den baltischen Republiken in den Nachkriegsjahren (1944–1956): Forschung und Dokumente], Tartu 2008; Toomas Hiio/Meelis Maripuu/Indrek Paavle (Hg.): Estonia since 1944: Reports of the Estonian International Commission for the Investigation of Crimes Against Humanity, Tallinn 2009; Meelis Maripuu (Hg.): Sõja ja rahu vahel II. Esimene punane aasta [Zwischen Krieg und Frieden II. Das erste rote Jahr], Tallinn 2010. 2 Siehe Tobias Privitelli: Irredentism, Expansion and the Liberation of the European Proletariat: Stalin’s Considerations on How to Bring Communism to the Western Neighbors of the Soviet Union, 1920–1941, Diss. phil., Universität Bern 2008, S. 320. 3 Erich Kaup: Andrei Ždanovist ja tema missioonist Eestisse 1940. aasta suvel [Von Andrei Ždanov und seiner Mission in Estland im Sommer 1940], in: Tuna 8 (2005), H. 3, S. 82. Die Notizen und weitere Dokumente aus Ždanovs kurzer Zeit in Estland sind ein exzellentes Beispiel für den Ablauf einer Sowjetisierung und befinden sich im persönlichen Bestand Ždanovs, in: Rossijskij gosudarstvennyj archiv social’no-političeskij istorii/Russisches Staatsarchiv für sozio-politische Geschichte (im Folgenden: RGASPI), fond 77. 4 Bericht Bočkarevs für Andrej Andreev, Sekretär des ZK der VKP(b), undatiert, wahrscheinlich Januar 1941, in: RGASPI, f. 17, o. 121, d. 52, Bl. 25–29. 5 Siehe Meelis Saueauk/Tõnu Tannberg: NKVD operatiivgrupp [Die Operativgruppe des NKVD], in: Maripuu (Hg.): Sõja ja rahu vahel II (Anm. 1), S. 414–416. 6 Siehe Olaf Mertelsmann/Aigi Rahi-Tamm: Soviet mass violence in Estonia revisited, in: Journal of Genocide Research 11 (2009), S. 308 f. 7 Die wichtigsten Arbeiten: Juhan Kahk (Hg.): World War II and Soviet Occupation in Estonia: A Damages Report, Tallinn 1991; Aigi Rahi: 1949. aasta märtsiküüditamine Tartu linnas ja maakonnas [Die März-deportation 1949 in Stadt und Landkreis Tartu], Tartu 1996; Aigi Rahi-Tamm: Teise maailmasõja järgsed massirepressioonid Eestis. Allikad ja uurimisseis [Massenrepressionen in Estland nach dem Zweiten Weltkrieg. Quellen und Forschungsstand], Tartu 2004; Vello Salo (Hg.): The White Book: Losses inflicted on the Estonian Nation by Occupation Regimes 1940–1991, Tallinn 2005, Hiio/Maripuu/Paavle (Hg.): Estonia 1940–1945 (Anm. 1); Kristi Kukk/Toivo Raun (Hg.): Soviet Deportations in Estonia: Impact and Legacy: Articles and Life Histories, Tartu, 2007; Hiio/Maripuu/Paavle (Hg.): Estonia since 1944 (Anm. 1); Olev Liivik/Hiljar Tammela (Hg.): Uuemaid aspekte märtsiküüditamise uurimisest [Neue Aspekte bei der Erforschung der Märzdeportation], Tallinn 2009. 8 Am verlässlichsten sind die von Leo Õispuu seit 1996 herausgegebenen Listen, die teilweise auch statistisch bearbeitet sind und so die Dynamik der Repressalien nachvollziehbar machen wie z. B. Leo Õispuu (Hg.): Political Arrests in Estonia under Soviet Occupation, 2 Bde., Tallinn 1998 u. 2005. 9 Zur Historiografie siehe Aigi Rahi-Tamm: Nõukogude repressioonide uurimisest Eestist [Über die Erforschung der sowjetischen Repressionen], in: Tannberg (Hg.): Eesti NSV aastatel 1940–1953 (Anm. 1), S. 30–62. 10 Gerd Koenen: Utopie der Säuberung. Was war der Kommunismus?, Berlin 1998. 11 Siehe Paul Hagenloh: Stalin’s Police: Public Order and Mass Repression in the USSR, 1926–1941, Washington D.C. 2009; David R. Shearer: Policing Stalin’s Socialism: Repression and Social Order in the Soviet Union, 1924–1953, New Haven 2009. 12 Abschriften von Übersichten über politische Parteien in Estland und militärisch-faschistische Organisationen, datiert auf den 17. Juni 1940, den Tag des sowjetischen Einmarsches, in: RGASPI, f. 17, o. 121, d. 52, Bl. 60–84. 13 Siehe V. E. Korneev/O. N. Kopylova: Archivy na službe totalitarnogo gosudarstva (1918 – načala 40-ch gg.) [Archive im Dienst des totalitären Staates (1918 – Anfang der Vierzigerjahre)], in: Otečestvennye archivy 3 (1992), S. 21. 14 Siehe Aigi Rahi-Tamm: Arhiivid Nõukogude repressiivaparaadi teenistuses. »Poliitvärvingute« kartoteek Eestis 1940–1956 [Archive im Dienste des sowjetischen Repressionsapparates. Die Kartothek »politischer Färbungen« in Estland 1940–1956], in: Ajalooline Ajakiri (2009), H. 1/2, S. 123–154. 15 Siehe Aigi Rahi-Tamm: Human Losses, in: Salo (Hg.): The White Book (Anm. 7), S. 38. 16 Siehe Meelis Maripuu/Peeter Kaasik: The Deportations of June 1941, in: Hiio/Maripuu/Paavle (Hg.): Estonia 1940–1945 (Anm. 1), S. 363–390. 17 So Aleksandr Djukov: Mif o genocide. Repressii sovetskich vlastej v Ėstonii (1940–1953) [Der Mythos des Genozids. Die Repressalien der Sowjetmacht in Estland (1940–1953)], Moskau 2007, S. 61. 18 Siehe Indrek Paavle/Argo Kuusik: Destruction Battalions in Estonia, in: Hiio/Maripuu/Paavle (Hg.): Estonia 1940–1945 (Anm. 1), S. 469–487; Tiit Noormets (Hg.): Metsavennad Suvesõjas 1941. Eesti relvastatud vastupanuliikumine Omakaitse dokumentides [Waldbrüder im Sommerkrieg 1941. Estlands bewaffneter Widerstand in den Dokumenten des Selbstschutzes], Tallinn 2003. 19 Siehe Jörg Baberowski/Anselm Doering-Manteuffel: Ordnung durch Terror. Gewaltexzesse und Vernichtung im nationalsozialistischen und im stalinistischen Imperium, Bonn 2006, S. 76; siehe auch Bogdan Musial: »Konterrevolutionäre Elemente sind zu erschießen«. Die Brutalisierung des deutsch-sowjetischen Krieges im Sommer 1941, München 2000. 20 Siehe Meelis Maripuu/Argo Kuusik: Political Arrests and Court Cases from August 1940 to September 1941, in: Hiio/Maripuu/Paavle (Hg.): Estonia 1940–1945 (Anm. 1), S. 327. 21 Zur deutschen Okkupation siehe Seppo Myllyniemi: Die Neuordnung der baltischen Länder 1941–1944. Zum nationalsozialistischen Inhalt der deutschen Besatzungspolitik, Helsinki 1973; Alvin Isberg: Zu den Bedingungen des Befreiers. Kollaboration und Freiheitsstreben in dem von Deutschland besetzten Estland 1941 bis 1944, Stockholm 1992; Hiio/Maripuu/Paavle (Hg.): Estonia 1940–1945 (Anm. 1); Ruth Bettina Birn: Die Sicherheitspolizei in Estland, 1941–1944: Eine Studie zur Kollaboration im Osten, Paderborn 2006; Anton Weiss-Wendt: Murder without Hatred: Estonians and the Holocaust, Syracuse 2009. 22 Siehe Aigi Rahi-Tamm: Human Losses, in: Salo (Hg.): The White Book (Anm. 7), S. 38. 23 Siehe Peeter Kaasik: Formation of the Estonian Rifle Corps in 1941–1942, in: Hiio/Maripuu/Paavle (Hg.): Estonia 1940–1945 (Anm. 1), S. 886. 24 Siehe Olaf Mertelsmann/Aigi Rahi-Tamm: Cleansing and Compromise: The Estonian SSR in 1944–1945, in: Cahiers du Monde russe 49 (2008), S. 327. 25 Siehe Sitzung des Büros des Zentralkomitees der Estnischen KP(b), 24. und 28. Dezember 1943, Eesti Riigiarhiivi Filiaal/Filiale des Estnischen Staatsarchivs (ERAF) f. 1, n. 4, s. 97, l. 85–86. 26 Siehe Mertelsmann/Rahi-Tamm: Cleansing and Compromise (Anm. 24), S. 327. 27 Kopie des Berichts über die Arbeit des Estland-Büros des Zentralkomitees der VKP(b) im Zeitraum von 1. Januar bis 1. Mai 1945, 15. Mai 1945, RGASP, f. 598, o. 1, d. 2, l. 2–5. 28 Siehe Tõnu Tannberg: Moskva institutsionaalsed ja nomenklatuursed kontrollimehhanismid Eesti NSVs sõjajärgsetel aastatel [Moskaus institutionelle und Nomenklatur-Kontrollmechanismen in der Estnischen SSR in den Nachkriegsjahren], in: Tannberg (Hg.): Eesti NSV aastatel 1940–1953 (Anm. 1), S. 227 f. 29 Siehe Mertelsmann/Rahi-Tamm: Cleansing and Compromise (Anm. 24). 30 Siehe Bericht über die Tätigkeit der Miliz, 6. Januar 1945, ERAF, f. 1, n. 3, s. 435, l. 1. 31 Siehe Aigi Rahi-Tamm: Deportation of Individuals of German Nationality from Estonia in 1945, in: Hiio/Maripuu/Paavle: Estonia since 1944 (Anm. 1), S. 415–427. 32 Siehe Riina Reinvelt: Ingeri elud ja lood. Kultuurianalüütiline eluloouurimus [Ingermanländische Leben und Geschichten. Kulturanalytische Lebenslaufforschung], Tartu 2002. Diese Maßnahme ist bisher schlecht dokumentarisch belegt, und unser Wissen beruht zumeist auf den Berichten von Zeitzeugen. Eine Ausnahme bildet ein Schlüsseldokument, das die Umstände erläutert. Die Aktion wurde wie andere Säuberungskampagnen von Moskau initiiert. Siehe Oberst der Miliz Gonjaev, Stellvertreter des Innen-ministers der ESSR, an den Sekretär des Zentralkomitees der Estnischen KP(b) Karotamm, 2. Juni 1948, ERAF f. 1, n. 7, s. 48, l. 7. 33 Siehe Tõnu Tannberg: Hilisstalinistlik ENSV [Die spätstalinistische ESSR], in: Ago Pajur/Tõnu Tannberg (Hg.): Eesti ajalugu VI. Vabadussõjast taasiseseisvumiseni [Estnische Geschichte VI. Vom Freiheitskrieg bis zur Wiederherstellung der Unabhängigkeit], Tartu 2005, S. 278. 34 Siehe Olaf Mertelsmann: Alatoitumuse tekitamine põllumajanduslikult rikkas piirkonnas: stalinistlik toiduainetega varustamise poliitika 1940. aastate Eestis [Die Erzeugung von Unterernährung in einem landwirtschaftlichen Überflussgebiet: stalinistische Ernährungspolitik in den Vierzigerjahren in Estland], in: Ajalooline Ajakiri 2010, H. 2, S. 79–99. 35 Siehe Yoram Gorlizki: Rules, Incentives and Soviet Campaign Justice After World War II, in: Europe-Asia Studies 51 (1999), S. 1245–1265. 36 Zum Widerstand und seiner Bekämpfung siehe Mart Laar: War in the Woods: Estonia’s Struggle for Survival, 1944–1956, Washington 1992; Arvydas Anušauskas (Hg.): The Anti-Soviet Resistance in the Baltic States, Vilnius 1999; Tõnu Tannberg: Relvastatud vastupanuliikumine Eestis aastal 1944–1953 julgeolekuorganite statistika peeglis [Die bewaffnete Widerstandsbewegung in Estland 1944–1953 im Spiegel der Statistik der Sicherheitsorgane], in: Tuna 2 (1999), H. 1, S. 24–30; Tiit Noormets/Valdur Ohmann (Hg.): Hävitajad. Nõukogude hävituspataljonid Eestis 1944–1954. Dokumentide kogumik [Vernichter. Sowjetische Vernichtungsbataillone in Estland 1944–1954. Dokumentenedition], Tallinn 2006; Pearu Kuusk: Nõukogude võimu lahingud Eesti vastupanuliikumisega. Banditismivastase Võitluse Osakond aastatel 1944–1947 [Gefechte der Sowjetmacht mit der Widerstandsbewegung Estlands. Die Abteilung für den Kampf gegen des Banditentum 1944–1947], Tartu 2007; Elena Zubkova: »Lesnye brat’ja« v Pribaltike: vojna posle vojny [»Waldbrüder« im Baltikum: Krieg nach dem Krieg], in: Otečestvennaja istorija 51 (2007), H. 2, S. 74–90, H. 3, S. 14–30; Alexander Statiev: The Soviet Counterinsurgency in the Western Borderlands, Cambridge 2010. 37 Siehe Rein Taagepera: Soviet Collectivization of Estonian Agriculture: The Taxation Phase, in: Journal of Baltic Studies 10 (1979), S. 263–282; Anu Mai Kõll: Tender Wolves: Identification and Persecution of Kulaks in Viljandimaa, 1940–1949, in: Mertelsmann (Hg.): The Sovietization of the Baltic States (Anm. 1), S. 127–149; Indrek Paavle: Vili ja munad režiimi teenistuses. Sundandam 1940. aastate Eesti külas [Getreide und Eier im Dienst des Regimes. Zwangsabgaben im estnischen Dorf der Vierzigerjahre], in: Ajalooline Ajakiri 2009, H. 1/2, S. 213–229. 38 Siehe Rein Taagepera: Soviet Collectivization of Estonian Agriculture: The Deportation Phase, in: Soviet Studies 32 (1980), S. 379–397; Rahi: 1949. aasta märtsiküüditamine (Anm. 7); Heinrihs Strods/Matthew Kott: The File on Operation »Priboi«: A Re-Assessment of the Mass Deportations of 1949, in: Journal of Baltic Studies 33 (2002), S. 1–36; Feest: Zwangskollektivierung im Baltikum (Anm. 1); Zubkova: Pribaltika i Kreml’ (Anm. 1), S. 165–190; Aigi Rahi-Tamm/Andres Kahar: Deportation Operation Priboy in 1949, in: Toomas Hiio/Maripuu/Paavle (Hg.): Estonia since 1944 (Anm. 1), S. 429–460; Olaf Mertelsmann: Searching for Reasons of the Forced Collectivization in the Baltic Republics, in: Dzintars Ērglis (Hg.): Occupation Regimes in the Baltic States 1940–1991, Riga 2009, S. 634–640. 39 Siehe Liivik/Tammela (Hg.): Uuemaid aspekte märtsiküüditamise uurimisest (Anm. 7). 40 Siehe Rahi-Tamm/Kahar: Deportation Operation Priboy in 1949 (wie Anm. 38), S. 450 f. 41 Siehe Jelena Subkowa: Kaderpolitik und Säuberungen in der KPdSU (1945–1953), in: Hermann Weber/Ulrich Mählert (Hg.): Terror. Stalinistische Parteisäuberungen 1936–1953, Paderborn 1998, S. 187–236; Olaf Kuuli: Sotsialistid ja kommunistid Eestis 1917–1991 [Sozialisten und Kommunisten in Estland 1917–1991], Tallinn 1999, S. 95–106; Elena Zubkova: Fenomen »mestnogo nacionalizma«: »Ėstonskoe delo« 1949–1952 godov v kontekste sovetizacii Baltii [Das Pänomen des »örtlichen Nationalismus«: »Die estnische Affäre« der Jahre 1949–1952 im Kontext der Sowjetisierung des Baltikums], in: Otečestvennaja istorija 10 (2001), S. 89–102; Feest: Zwangskollektivierung im Baltikum (Anm. 1), S. 427–439; Zubkova: Pribaltika i Kreml’ (Anm. 1), S. 300–319; Olev Liivik: »The Estonian Affair« in 1949–1952 and the 8th Plenary Session of the Central Committee of the Estonian Communinist (Bolshevist) Party in 1950, in: Hiio/Maripuu/Paavle (Hg.): Estonia since 1944 (Anm. 1), S. 131–149. 42 Siehe Telegramm von Ivanov, Stellvertretender Minister für Inneres der ESSR, an Pavlov, Stellvertretender Abteilungsleiter im sowjetischen Innenministerium, 9. August 1951, ERAF, f. 17/1, n. 1, s. 180, l. 106. 43 Indrek Jürjo: Pagulus ja Nõukogude Eesti. Vaateid KGB, EKP ja VEKSA arhiividokumentide põhjal [Das Exil und Sowjetestland. Anblicke auf Basis der Archivdokumente von KGB, EKP und VEKSA], Tallinn 1996, S. 16 f.

JHK 2012

Diagnose: Krankheit! Reflexionen polnischer Autoren über den Kommunismus

Evelyna Schmidt

Bis in die Gegenwart bezeugt die Literatur, dass die Krankheitsmetapher nach wie vor für viele Autoren ein geeignetes Mittel ist, um eine Diagnose für die Gesellschaft und das in ihr eingebettete Individuum zu stellen. Innerhalb der klassischen Staatsphilosophie (Hobbes, Machiavelli), aber auch in der Literatur (Thomas Mann, Camus, Boccaccio) hat diese Metaphorisierung Tradition. Sie zieht sich konstant durch die europäische Literaturgeschichte, wobei die Krankheitsbilder variieren, Bedeutungswandlungen unterliegen, und bestimmte Krankheiten je nach Epoche und kulturellem Milieu als sogenannte Epochenkrankheiten1 verstärkt zum literarischen Gegenstand werden, wie die Tuberkulose im 19. Jahrhundert oder der Krebs im 20. Jahrhundert. Ebenso kann auch die polnische Nachkriegsliteratur viele Autoren aufweisen, die auf die Krankheitsmetapher zurückgreifen. Darunter findet sich eine Reihe von bekannten Schriftstellern, die ganz konkret diese Metapher dazu benutzen, den Kommunismus als »Epochenkrankheit« kritisch darzustellen. Pest, Seuche oder Viren dienen in Romanen wie auch in Tagebuchaufzeichnungen, Erinnerungen und Aufsätzen als anschauliche Stilmittel, so z. B. bei den für diesen Beitrag ausgewählten Texten von fünf polnischen Schriftstellern, die in der Literaturwissenschaft ihres Landes unter diesem thematischen Aspekt bisher kein Forschungsgegenstand waren. Die Autoren dieser Arbeiten gehören selbst zu derjenigen Generation, für die die persönliche Erfahrung mit dem Kommunismus, unabhängig von den jeweiligen Einzelschicksalen, zu einem der wichtigsten biografischen Momente gehört. Der überzeugte Antikommunist Józef Mackiewicz2 flieht 1944 nach dem erneuten Einmarsch der Roten Armee in seinen Wohnort Wilna nach Warschau, dann nach Krakau, über Prag und Wien nach Italien. Nach Kriegsende kehrt er konsequenterweise nicht nach Polen zurück, sondern lässt sich 1955 dauerhaft in München nieder. Auch der Schriftsteller Leopold Tyrmand,3 1941 in Wilna vom NKWD wegen antisowjetischer Tätigkeit zu acht Jahren Gefängnis verurteilt, einer Strafe, der er aber durch Flucht entkommt, wählt schließlich im kommunistischen Nachkriegspolen aufgrund ständiger Publikationsverbote 1965 die Emigration. Die Schriftsteller Jerzy Andrzejewski4 und Aleksander Wat5 sind zeitweise selbst Kommunisten, bevor sie sich gegen das System wenden. Allerdings sympathisiert Wat schon vor dem Zweiten Weltkrieg mit dem Kommunismus und wendet sich nach dem Einmarsch der Roten Armee in Polen von ihm ab, während Andrzejewski erst nach Kriegsende zum Stalinisten wird. Bei Wat hinterlassen die Haft in Lemberg im Jahre 1940 und die darauffolgende Deportation nach Kasachstan tiefe Spuren. Er entwickelt einen abgrundtiefen Hass gegenüber dem Kommunismus und entscheidet sich 1959 für die Emigration. Jerzy Andrzejewski hingegen engagiert sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges für das neue System in Polen. Erst mit der sogenannten Tauwetterphase 1956 findet seine prokommunistische Aktivität ein Ende. Dennoch bleibt Andrzejewski bis zu seinem Tod in der VR Polen. Auch er entwickelt sich zu einem erbitterten Gegner der Idee des Kommunismus und besonders des real existierenden Sozialismus. Andrzej Szczypiorski,6 Autor des in Deutschland erfolgreichen Romans Die schöne Frau Seidenman (1988), wird erst Ende der Siebzigerjahre oppositionell tätig, als er sich für das KOR (Komitee zur Verteidigung der Arbeiter) und später für die Solidarność engagiert. Die Schriftstellererfahrungen mit der kommunistischen Diktatur sind insofern von Bedeutung, als sie sich einreihen in den »von Menschen erzeugte[n] Gesamtkomplex von Vorstellungen, Denkformen, Empfindungsweisen, Werten und Bedeutungen«.7 Der Kulturwissenschaftlichen Literaturwissenschaft zufolge, wie sie von Ansgar Nünning vertreten wird, ist die Literatur Teil der eben zitierten und definierten Gesamtkultur. Texte sind »kulturelle Ausdrucksträger«,8 in ihnen »manifestieren sich die kulturbestimmenden sozialen Konstellationen, Diskurse und Mentalitäten«.9 In diesem Sinne werden in der nun folgenden Interpretation die vier Schwerpunkte, auf die sich dieser Ansatz konzentriert, im Mittelpunkt stehen: die Texte, die mentale Dimension einer Kultur, die literarische Verarbeitung »gesellschaftlich dominanter Sinnkonstruktionen, Vorstellungen, Ideen und Werte«10 sowie die Literatur als Wertesystem. In mehreren Texten und Aussagen der zuvor genannten fünf Schriftsteller spielt die Krankheitsmetapher eine zentrale Rolle mit dem Ziel, den Kommunismus in seiner stalinistischen und poststalinistischen Variante zu beschreiben und eindeutig negativ darzustellen. Nun wird Krankheit gemeinhin negativ bewertet. Sie ist einerseits untrennbar mit der Gesundheit verbunden und meint im gebräuchlichen Sinn die Beeinträchtigung und die Störung des völligen geistigen und/oder körperlichen Wohlbefindens. Andererseits bildet sie in ihrem Gegensatz zur Gesundheit ein häufig verwendetes Äquivalent zur Abweichung von der Norm, sowohl in ihrer quantitativen (Durchschnitt) als auch qualitativen Dimension (Ideal).11 Davon zeugt der bis heute praktizierte journalistische und politische Sprachgebrauch.12 Und so wie die polnischen Autoren sich des Krankheitsbildes bedienen, um den Kommunismus kritisch zu durchleuchten, scheint gleichzeitig auch den Befürwortern des Kommunismus mit ihrem Anspruch der Erziehung eines »neuen Menschen« die Krankheitsmetapher geeignet, um die gegnerische Seite zu diffamieren. In seiner Rede über die sowjetische Literatur vergleicht Gor’kij beispielsweise das Kleinbürgertum mit einer »Mikrobe, die schändliche Krankheiten hervorruft«,13 und die für ihn auf gleiche Stufe gestellten »Helden der kapitalistischen Wirklichkeit« wie Ebert, Noske und Hitler mit »Eiterbeulen«.14 Weitaus aufschlussreicher als die offensichtlich kritische und negative Bedeutung der Krankheitsmetapher in den Texten der fünf polnischen Autoren ist die dort enthaltene analytische Schilderung des Kommunismus und seiner Mechanismen mithilfe dieser Metapher. Die Analyse dieser Beschreibungen und die daraus resultierenden Schlussfolgerungen, eröffnen sodann eine tiefere Bedeutungsebene. Denn weniger die kritische Haltung zum Kommunismus als vielmehr die durch diese Metapher konstruierte Optik ist das wesentliche Kriterium, um diese Texte in ihrer Komplexität besser verstehen zu können. Die nachfolgenden Porträts, welche die Autoren und ihre Texte vorstellen, veranschaulichen, wie der Kommunismus mithilfe der Krankheitsmetapher beschrieben und gedeutet wird. Gleichzeitig ermöglichen sie eine Unterscheidung zwischen dem gesellschaftlichen und dem individuellen Blick auf den Kommunismus. Józef Mackiewicz Der Autor warnt in seinen Schriften, Artikeln und Romanen schon vor 1945 vor der »bolschewistischen Seuche«, die, wenn ihr kein Einhalt geboten werde, Europa heimsuchen wird. Seine vehemente Abneigung liegt dabei offen zutage. Andererseits hat verglichen mit ihm kaum ein polnischer Autor schon so früh und so vielschichtig das Wesen des Kommunismus beschrieben. Dabei spart Mackiewicz nicht mit Kritik an den Westmächten, der katholischen Kirche, der polnischen Vorkriegsregierung und der polnischen Heimatarmee, die seiner Meinung nach dazu beitrugen, dass sich die Sowjetunion so stark etablieren konnte.15 Mehr noch, seine Mitarbeit 1943 bei der Internationalen Sachverständigen-Kommission in Katyń zur Aufklärung der Massenmorde des NKWD an den polnischen Offizieren bringt ihm nach dem Krieg in Polen den vernichtenden Vorwurf der Kollaboration mit den Nazis ein.16 Aber auch die polnischen Emigrationszentren sehen in ihm einen unbequemen »Querdenker«, der kompromisslos mit Polen abrechnet. Die erste Auflage seines Essaybandes Sieg der Provokation (1962) bringt Mackiewicz bezeichnenderweise auf eigene Kosten selbst heraus. Im Kapitel mit dem Titel »Pathos Kontra Seuche« formuliert er anhand der Seuche seine Diagnose über den realpolitischen Zustand Europas während des Kalten Krieges: »Vielleicht wird die ersehnte Zeit kommen, da das alles vergessen sein wird und auch dieses Buch längst vergessen ist, während der Kommunismus von der Oberfläche der Erde hinweggefegt ist; auch wir alle werden zu alten Streitigkeiten zurückkehren, die vor der Zeit bestanden, da der Kommunismus existierte. So eben geht eine große Krankheit vorüber, verfällt die Seuche ins Nichts, und keine Spur bleibt von ihr. Auch die Menschen werden nicht mehr daran denken und daran denken wollen. Aber es geschieht auch, daß die Krankheit nicht von selbst ausstirbt und zuvor mit großer Mühe bekämpft werden muß. Es kommt auch vor, daß sie siegt. Ich schreibe in den Tagen der großen Krankheit.«17 Den Kommunismus als politisches Modell sieht der Autor als Epidemie an. Sie kommt wie eine feindliche Horde von außen und bedroht die »normale« Menschheit. Allerdings haben die Menschen die Wahl, damit aber auch die Verantwortung für ihr Schicksal. Sie müssen diese Plage nicht über sich ergehen lassen. Sie haben die Alternative, sich ihr entweder zu beugen oder sich ihr zu widersetzen. Genau daran schließt sich Mackiewiczs warnende Prognose, aber auch sein Appell an: Wer sich in Passivität und im Ausharren übt, weil er meint, dass die Krankheit kommt und wieder geht, kann einem schrecklichen Irrtum erliegen. Wenn Mackiewicz in Sieg der Provokation am Ende schreibt, dass die Krankheit auch siegen kann und er in der Zeit der herrschenden Seuche lebt, schwingt Entrüstung und Enttäuschung über all diejenigen mit, die sich aufgrund von Anpassung oder Eigennutz mit diesem krankhaften Zustand arrangieren. Er spielt damit vor allem auf die Realpolitiker und konformistischen Intellektuellen an, die im umgekehrten Fall die Ansicht geprägt hätten, dass die Antikommunisten in ihrer Aversion krank seien. »Es gibt die verbreitete Anschauung [sic] die den Antikommunismus als Besessenheit von Personen darstellt, die nicht fähig sind, in ›vernünftigen‹ und ›realen‹ Kategorien Betrachtungen anzustellen; von Personen, die fast von einer unheilbaren Krankheit erfaßt sind und deshalb nicht einmal Heilung, sondern nur Achselzucken verdienen.«18 Seine Empörung und sein Unverständnis über diese für ihn absurde Meinung illustriert Mackiewicz anhand der Teilung der Stadt Berlin und der Schießbefehle an der Mauer. Er fragt sich, wer mit gesundem Menschenverstand diesen abstrusen Zustand mitten in Europa »nicht als Kriegszustand, sondern als Zustand friedlichen Zusammenlebens«19 hinnehmen könne. Um den Kommunismus zu bekämpfen, fordert Mackiewicz die Menschen auf, sich ihm aktiv und kompromisslos zu widersetzen. Leopold Tyrmand Auch Tyrmand, dessen Tagebuch Dziennik 1954 die ersten drei Monate des Jahres 1954 in der VR Polen umfasst und als vollständiges Buch zum ersten Mal 1980 in London erscheint, vergleicht den Kommunismus mit einer Krankheit. Laut Tyrmand ist sie eine Missbildung im Körper. Einen funktionierenden Rechtsstaat setzt er mit einem lebenstüchtigen Organismus gleich. Ein Unrechtsstaat, den er in der realsozialistischen Gesellschaftsordnung verkörpert sieht, ist dagegen funktionsuntüchtig. Das Fehlen der freien Meinungsäußerung, welche in einem Rechtsstaat zu garantieren sei, bewirke, dass ein lebensnotwendiges Körperorgan fehlt, was zum Verfall des gesamten Körpers führe: »Das Funktionieren einer gesunden Gesellschaft basiert auf einer freien und disziplinierten Negation. Die Möglichkeit, ein vernünftiges ›Nein‹ zu äußern, bewegt die Gesellschaft nach vorn, unter der Voraussetzung, dass sie nicht zur Routine, Monotonie, zum Eigensinn wird […] Die Freiheit in einer richtig funktionierenden Gesellschaft ist ein Synonym für Kontrolle, die nur und ausschließlich durch den zwanglosen Prozess der Bejahung und Ablehnung erfolgt. Wenn erstere zu einem mechanischen Geplapper gerät, zweite unter Verschluss gehalten wird, verfällt die Gesellschaft in die Pathologie, stockt, ist krank und nicht lebensfähig.«20 Tyrmand bewegt sich damit ganz in der Tradition klassischer Staatsphilosophie, Krankheit verstanden als Ungleichgewicht mit politischer Unordnung in Beziehung zu setzen. Doch im Gegensatz zu den Ausführungen eines Hobbes oder Machiavelli setzt er die Krankheit nicht mit einer politischen Unordnung in Beziehung, die heilbar ist. Nein, bei ihm fehlen die optimistischen Prognosen der Heilbarkeit. Er setzt ganz eindeutig Krankheit mit Tod, also dem Untergang gleich. Denn das lebenswichtige Organ ist nicht beschädigt und damit möglicherweise heilbar – es fehlt. Wie auch Mackiewicz diagnostiziert Tyrmand aus einer beobachtenden, gar überlegenen Außenperspektive. Eine Warnung an die Menschen, sich diesem System aktiv zu widersetzen und es zu bekämpfen, formuliert er jedoch nicht. Denn durch diesen »Systemfehler« wird das politische Modell von ganz allein den Tod finden. An einem anderen Beispiel nutzt Tyrmand ein konkretes Krankheitsbild, um den Realsozialismus in Polen zu kritisieren: die Tuberkulose. Diese Krankheit, die wie auch der Krebs metaphorisch stark aufgeladen ist,21 steht bei Tyrmand ganz konkret für eine Infektionskrankheit: »Der Sozialismus ist auf der Tuberkulose aufgebaut. Erschreckend, wie diese Krankheit die gesellschaftlichen Segmente attackiert, die einst immun gegen sie waren […] Die Tuberkulose unter den Jugendlichen in den Studentenwohnheimen ist erschreckend. Ein junger Ingenieur, bei dem ein beträchtliches Ödem in der linken Lunge entdeckt wurde, erzählte mir, dass der Arzt sich nicht für die Herausgabe einer Arbeitsbefreiung entscheiden konnte, er wankte zwischen Mitleid und der Angst vor den Instruktionen. Er sagte: Wenn ich Sie befreien müsste, könnte ein Viertel Polens das Recht auf ein Sanatorium fordern.«22 Wieder beschreibt eine nicht selbst betroffen wirkende Instanz ihre Außenwelt und fällt ihr vernichtendes Urteil über die Tragfähigkeit eines solchen Systems. Laut Tyrmand kehrt mit dem Systemwandel 1945 auch eine Krankheit der Armut und Entbehrung zurück, die in Polen als überwunden galt und sich nun wieder rasant verbreitet. Er führt ein System vor, in welchem die Lebensbedingungen sich im Vergleich zur vorangegangenen Zeit verschlechterten und in welchem zum Wohle der Gesellschaft der Krankheit nicht nur nicht vorgebeugt und entgegengewirkt, sondern sie ignoriert wird. Dem real existierenden Sozialismus, der das konkrete Wohlbefinden des Einzelnen zugunsten einer abstrakten Idee von Gemeinschaft rücksichtslos übergeht, wird damit klar ein Zivilisationsrückfall attestiert, der der eigenen propagierten Fortschrittsgläubigkeit zuwiderläuft. Andrzej Szczypiorski In den literarischen Umsetzungen der Pest bei Boccacio und Daniel Defoe ist diese Seuche eine Gegebenheit, die kommt und geht. Menschen sterben durch sie, erkranken und genesen oder kommen ungeschoren davon. Genauso beschreibt sie auch Szczypiorski in seinem Roman Eine Messe für die Stadt Arras (1971). Sein historischer Roman oder vielmehr seine Parabel im historischen Gewand thematisiert die Pest im Jahre 1458 und die drei Jahre später folgenden antisemitischen Ausschreitungen in der Stadt Arras, die im totalen Terror enden und willkürlich Opfer in der ganzen Stadt fordern. Die Krankheitsmetapher Pest nimmt bei Szczypiorski eine zweifache Funktion ein. Einerseits ist die Epidemie die Ursache für das Chaos und die Auflösung aller normalerweise funktionierenden verbindlichen Regeln in der betroffenen Bevölkerung. Andererseits fungiert sie als Sinnbild für ein politisches Modell. Die Pest ist also Grundlage für das Chaos, die Amoralität, aber eben auch die befreiende, jeden betreffende Auflösung, die Foucault als »orgiastisches Erlebnis« beschrieb.23 Bei Szczypiorski heißt es, dass alle Menschen angesichts des Unglücks gleich wurden und die geheiligten Rechtsnormen in Trümmern lagen. »Eine Art grausiger Befreiung lag darin. Denn bislang hatte ja jeden, wer immer er war, auf Schritt und Tritt die allmächtige Hierarchie begleitet.«24 Die Pest ist aber zugleich auch durch die Isolationsmaßnahmen seitens der Obrigkeit die Basis für das politische Modell der vollen Machtausübung und Kontrolle. In seinem historischen Diskurs zu den Mechanismen der Macht sieht Foucault in den Krankheiten Lepra und Pest die zwei großen Modelle, die der Okzident hinsichtlich der Kontrolle der Individuen hervorgebracht hat.25 Er stellt den Ausschluss der Leprakranken aus der Gesellschaft dem Einschluss der Pestkranken in jene entgegen. Anders als bei der Lepra, bei der die Betroffenen ausgeschlossen wurden,26 finde bei der Pest eine Annäherung der Macht an das Individuum statt. »Es geht nicht um Ausschluss, sondern um Quarantäne. […] Während die Lepra Distanz fordert, gehört zur Pest eine immer feinere Annäherung der Macht an die Individuen, eine immer dauerhaftere und inständigere Beobachtung.«27 Die Pest ist für ihn ein politischer Traum, »in dem sie den wunderbaren Moment der vollen Ausübung der politischen Macht darstellt. Die Pest ist jener Moment, in dem die erkennungsdienstliche Erfassung der Bevölkerung auf die Spitze getrieben wird und sich keine gefährlichen Kommunikationen, keine konfusen Gemeinschaften, keine verbotenen Kontakte mehr ergeben. Die Pest bedeutet die durchgängige Rasterung einer Bevölkerung mittels einer politischen Macht, deren kapillare Verzweigungen sich unablässig bis in den Kern der einzelnen Individuen, in ihre Zeit, ihre Behausung, ihren Aufenthaltsort und ihre Körper hinein erstrecken.«28 Wenn in dem Roman Szczypiorskis der Erzähler über die totale Isolierung der Stadt Arras auf Befehl des Bischofs von Utrecht berichtet, dann beschreibt er administrative Schritte, denen ein rigoroser, politischer Machtanspruch zugrunde liegt. Der Roman verdeutlicht aber auch, welche demoralisierenden Auswirkungen die Pest auf die Menschen hat: »Das Bestialische gewann die Oberhand über die Menschennatur. Man öffnete die Gräber der Verstorbenen und ergab sich dem grauenvollsten Kannibalismus. Es ereigneten sich Fälle, daß Familienangehörige einen Sterbenden erschlugen, um sich mit frischem, von Fäulnisgestank freiem Fleisch zu sättigen. Wie stets, wenn die Menschen das Ende aller Dinge voraussehen, wurde die Stadt von den zügellosesten Lastern erfaßt. Musterhafte, tugendsame Frauen führten sich wie Dirnen auf. Man konnte Szenen unbeschreiblicher Obszönität beobachten, die sich unter freiem Himmel, ja selbst vor Kirchenportalen abspielten.«29 Diese Seuche hinterlässt nicht nur viele Tote, sondern vor allem moralische Schäden durch die unmittelbare Erfahrung von Raub, Kannibalismus und Triebhaftigkeit. Anders als bei Mackiewicz haben die Menschen keinen Einfluss darauf, ob sie von der Pest befallen werden oder nicht. Sie ist wie eine Naturgewalt, die aufzieht und wieder verschwindet. Zudem hebt der abwägende Erzähler nicht nur das Elend und den Tod hervor, sondern auch das befreiende Moment dieser Krankheit: die Veränderung und Auflösung der bestehenden Hierarchie. Erst in Konfrontation mit der Pest tragen die Betroffenen die Verantwortung für ihr Handeln. Der Erzähler, selbst nicht frei von Anpassungsdruck und Fehlentscheidungen, nimmt die Menschen in seiner Stadt in Schutz, die erst durch die außergewöhnlichen, schrecklichen Umstände zu den Gräueltaten fähig sind. Die Erzählinstanz gibt allerdings auch Beispiele von Personen, die sich trotz dieses Chaos und der allgegenwärtigen Amoralität human und würdevoll verhalten. Bezogen auf den Kommunismus schließt Szczypiorski sittliches Verhalten nicht automatisch aus. Selbst unter krankhaften Umständen kann der Einzelne wählen, selbst unter dieser Krankheit kann er sich human oder verwerflich verhalten. Der Roman entstand zwischen September 1968 und November 1970. 1968 ist in der VR Polen bekanntermaßen das Jahr der Studentenunruhen und der von offizieller Seite initiierten antisemitischen Welle. Marcel Reich-Ranicki fragt sich seinerzeit bei der Besprechung des Buches: »Natürlich ist die Pest in Arras eine Realität und zugleich eine Metapher. Wofür? Etwa für den Stalinismus? Eine solche Deutung dieser Parabel wäre nicht ganz falsch.«30 Sie scheint sogar sehr plausibel. Die Pest als Sinnbild für den Kommunismus in seiner stalinistischen und polnischen Variante fordert viele Opfer und steht als politisches Modell für die Mechanismen einer Diktatur mit totalitärem Anspruch. Zudem bedingt sie die Aufhebung geltender moralischer und rechtlicher Zustände sowie Normen, in deren Folge jeder Einzelne entscheiden muss, welche Haltung er einnimmt. Anders als in den Texten der beiden vorangegangenen Autoren versucht Szczypiorski, diesem Terror einen historischen Sinn zu verleihen. Er kann und möchte sich nicht damit abfinden, dass die Toten und die Gräueltaten ohne jegliche Bedeutung sind. Jerzy Andrzejewski Andrzejewski rückt in seinem Roman Miazga [Brei] von 1979, durch den er sich den literarischen Nobelpreis erhoffte, nicht das politische Modell, sondern das Individuum in den Mittelpunkt. Mit dem Attribut »krank« versehen die Verantwortlichen seines Operativen Vorgangs selbst diesen Text, der in Polen zensiert erscheint. »Die Welt Andrzejewskis ist krank, unvollkommen, ratlos unvollendet.«31 Wenn im Roman der Vergleich mit der Krankheit herangezogen wird, dann um zu beschreiben, welche Auswirkungen dieses System auf den Menschen hat. In seinem experimentellen, aber auch politischen Roman Miazga heißt es: » […] die Wunden, die eine verdorbene Macht den Leuten zufügt, lassen das Individuum bisweilen genauso einsam und etwas schamhaft werden, wie auch ein Mensch sich allein gelassen und schamhaft fühlt, wenn eine tödliche Krankheit seinen Organismus vergiftet und zersetzt.«32 In diesem Roman geht es nicht darum, das System selbst zu diagnostizieren, sondern seine Folgen auf den Einzelnen zu veranschaulichen. Der Erzähler benennt keine konkrete Krankheit, er sucht nicht nach den Ursachen. Der Vergleich zielt darauf ab, die Vorstellung von Krankheit als Verfall mit der verdorbenen, illegitimen Macht gleichzusetzen. Die Verletzungen, die dem Individuum durch diese Macht widerfahren können, spiegelt auf materieller Ebene des Körpers die tödliche Krankheit wider, die sich im Einzelnen festsetzen kann. In einem Gespräch über seine kommunistische Vergangenheit nutzt Andrzejewski ein konkretes Krankheitsbild. Erneut richtet er sein Augenmerk, anders als Tyrmand und Mackiewicz, nicht auf den Staat im Allgemeinen, sondern auf den konkreten Menschen – in diesem Fall auf sich selbst. Er greift auf den »grauen Star« zurück, um zu erklären, warum er und mit ihm die sogenannten Renegaten dem Kommunismus in der jungen VR Polen so kritiklos und blind verfielen.33 Seinen Zustand vergleicht er mit der Katarakta. Dieser »graue Star«, der zur Erblindung führt, müsse erst reifen, damit man ihn operieren könne. Mit diesem Rückgriff verweist er auf seine Veranlagung für diese Krankheit, aber auch auf seine bewusste Wahl, der Blindheit entgegenzuwirken. Andrzejewski illustriert damit seine selbstbestimmte Entscheidung gegen die Anfälligkeit. Diese rechtfertigt er damit, dass die neue kommunistische Ordnung mit ihrem antifaschistischen Antlitz, das für ihn und viele seiner überlebenden Zeitgenossen nach Auschwitz und dem moralischen Bankrott, den sie vorfinden und dem sie ausgeliefert sind, so vielversprechend und überzeugend scheint. Er steht für eine ganze Generation von Schriftstellern, die ihr Engagement oder ihren Dogmatismus im Nachhinein kaum rational erklären können und ihren Zustand in dieser Zeit mit einem Hypnose- oder einem Wahnzustand erklären.34 Mit einem sich verbreitenden Virus vergleicht der Literaturhistoriker, Publizist und Oppositionelle Jan Józef Lipski dieses für ihn so unverständliche »emotionale Engagement«, das »Symptome« einer großen Überzeugung aufweise und mit Sicherheit auch auf den Schriftsteller Andrzejewski in den ersten Jahren des neuen Volkspolen zutrifft.35 Dieser »geheimnisvolle Virus«, den Lipski an seinem Umfeld bemerkt, bewirke bei den Menschen einen ideell-moralischen Amok. Er habe von der Perspektive eines Menschen aus beobachtet, der »immun« gegen diesen Virus gewesen sei, also anders als bei Andrzejewski keine Anfälligkeit dafür hat. Er gibt das Beispiel eines intelligenten und warmherzigen Freundes, der sich durch diesen unerklärlichen Virus verändert. In jemanden, der an die neue Ordnung glaubt, obwohl er es besser hätte wissen müssen. Bei einem Gespräch erwähnt Lipski Katyń. Seinem Freund ist absolut klar, dass nicht die Nazis, sondern der NKWD für das Massaker an den polnischen Offizieren verantwortlich ist. Aber der Freund argumentiert mit der Notwendigkeit der neuen Ordnung, dieses Hindernis aus dem Weg zu schaffen, da diese abertausenden Menschen auch in Zukunft dem Kommunismus und dem Aufbau feindlich gegenübergestanden hätten. Aleksander Wat »Literarische Parabeln – zur Wiedergabe solcher Erscheinungen sind sie manchmal unersetzlich.«36 So erklärt sich, warum Aleksander Wat auf die Pest zurückgreift, um die Aura des Stalinismus zu veranschaulichen. Die schwarzen Limousinen des NKWD und die death cars [Totenkarren], die während der Pest durch das London des 17. Jahrhunderts fuhren – dieser Vergleich eröffnet sich Aleksander Wat, wenn er an Daniel Defoes Die Pest zu London zurückdenkt. Und diese death cars – in Klammern setzt Wat das Wort »die Limousinen des NKWD« – »kreisen dort und allein in jeder der einzelnen unzähligen Nächte, nichts gibt wahrscheinlich so halluzinativ getreu die Aura und die Mechanismen der Jeschow-Zeit wieder«.37 Aber mehr noch, insbesondere die groß angelegten Säuberungen in den intellektuellen Kreisen, die massenhaften Leichentransporte und die zunehmende Leere rufen in ihm die Vorstellung der Pest hervor und erinnern ihn in seinem Essay Klucz i hak [Schlüssel und Haken], aber auch in seinen gesprochenen Erinnerungen38 an seine Lektüre von Daniel Defoes Buch: »Die Pest, die jeden Tag die Stadt dezimiert; die auf jeden blind und ständig lauert; die Häuser verriegelt, die sich nur dafür öffnen, um sich eines infizierten Vaters oder Bruders zu entledigen, die Löcher in dem sozialen Netz, festgestellt von den noch Lebenden jeden Morgen; offene Gräber, in welche die Hoffnungslosesten springen; Wahnsinn [...]«39 Anders als bei Szczypiorski dient die Pest nicht zur Erklärung des politischen Modells oder der amoralischen Verhaltensweisen. Sie vermittelt in anschaulichen Bildern das Grauen, den Tod, die Leere und Hoffnungslosigkeit. Denn so sieht und empfindet Aleksander Wat den Kommunismus stalinistischer Ausprägung. Und wie auch Andrzejewski konzentriert er sich in seinen Bildern und Überlegungen auf das Individuum. Für ihn ist der Kommunismus der Inbegriff des Bösen, das den Menschen körperlich und geistig angreift und krank macht. Und das meint der Schriftsteller wortwörtlich. Die Schuld für seine psychische Zerrüttung und den späteren Schlaganfall, an dessen Folgen er bis zu seinem Freitod massiv leidet, gibt der polnische Schriftsteller Aleksander Wat dem Kommunismus. Seine Erfahrungen in der Sowjetunion beschreibt er in seinen gesprochenen Erinnerungen Jenseits von Lüge und Wahrheit. Mein Jahrhundert (1977). Haft und Zwangsaufenthalt bewirken, dass er sich auf der einen Seite als gespalten wahrnimmt: Eine Gehirnhälfte ist verrückt geworden, die andere empfindet er als nüchtern und scharf beobachtend. Auf der anderen Seite erschweren ihm nach der Gefangenschaft die Folgen des Schlaganfalls derart sein Leben, dass er trotz Medikamente und medizinischer Behandlung teilweise nicht in der Lage ist, zu schreiben. Für Wat ist die Erfahrung mit dem Kommunismus metaphysischer Art. Im Kommunismus sieht er das Böse verkörpert, das darauf abzielt, den einzelnen Menschen psychisch und physisch zu vernichten. Eine optimistische Sicht, wie Andrzejewski sie hat, teilt Wat nicht. Wer durch den Kommunismus erkrankt, und das wortwörtlich, der kommt, auch wenn er überlebt, nicht unbeschadet davon. Fazit Auf den ersten Blick kann diese Porträtreihe wie ein Sammelsurium unterschiedlicher Biografien, Erfahrungen sowie vielfältiger literarischer Realisierungen dieses Themas wirken. Nur die negative Darstellung des Kommunismus scheint die Autoren zu einen. Der eigentliche Schlüssel ist jedoch die Kategorie der Perspektive. Denn erst sie liefert ein Modell, um die Gemeinsamkeiten zwischen den Texten auf einer tieferen Ebene zu zeigen und zu nuancieren. Auf diese Weise lassen sich die Texte in jene einteilen, die eine »gesellschaftliche« oder eine »individuelle Optik« einnehmen. Damit ist ganz konkret eine Tendenz zu einer gesellschaftlich-historischen Sicht einerseits, die Fokussierung auf das Individuum im Kommunismus andererseits gemeint. Mackiewicz, Tyrmand und Szczypiorski betrachten den Kommunismus vorwiegend in Hinsicht auf seine gesellschaftliche Auswirkung. Gerade die Krankheitsbilder Pest und Seuche eignen sich besonders gut für diese Darstellung. Bei Mackiewicz stellt der Kommunismus eine Gefährdung für die Gesellschaft dar. Er bedroht die westliche Kultur und versucht, sie zu überrennen. Tyrmand schreibt von der Unmöglichkeit, im Realsozialismus in konstruktiven gesellschaftlichen Strukturen zu funktionieren. Damit meint er nicht nur die Interaktion zwischen der Partei, ihrer Nomenklatura und der Bevölkerung, sondern auch das alltägliche gesellschaftliche Leben, angefangen bei der miserablen Versorgungslandschaft, den unwürdigen Wohn- und Arbeitsverhältnissen. Für beide Autoren ist der Kommunismus das antagonistische Pendant zu einer intakten Gesellschaftsordnung. Dies gilt unterschwellig auch für Szczypiorskis Roman. Der Erzähler richtet seinen Blick ebenfalls auf die Bevölkerung. Und selbst wenn er auf andere Personen zu sprechen kommt oder von sich selbst berichtet, dann immer vor dem Hintergrund der sogenannten Gemeinschaft, ihrer Reaktion und ihrer Dynamik. Die Erzählinstanz berichtet aus zeitlicher Distanz, wie durch das harte Eingreifen des Bischofs von Utrecht und seine Isolationsmaßnahmen in der Stadt Fanatismus und Terror ausbrechen, wie die Bevölkerung und der neue Stadtrat in ihrem Handeln und ihrem Verhalten jeweils voneinander beeinflusst sind. Bei der »individuellen Optik« steht der Einzelne im Vordergrund. So bei Andrzejewski und Wat, die diese Krankheitsmetapher zum Teil autothematisch auf sich selbst beziehen. Sie dient dazu, den Einfluss und die Auswirkungen des Kommunismus auf den Einzelnen zu verdeutlichen. Der Kommunismus ist eben nicht nur destruktiv, weil er ein gesellschaftliches Phänomen ist, sondern vor allem, weil er durch seine menschenfeindliche Natur das Leben jedes Einzelnen beeinflusst. Damit ist nicht das Individuum in seiner gesellschaftlichen Funktion gemeint, sondern jede einzelne konkrete Person mit dem, was sie ausmacht: ihr Körper, ihre Seele und ihre Integrität. Für diese beiden Autoren beschränkt sich die kommunistische Ideologie nicht darauf, eine Gesellschaft in ihrem Sinne aufzubauen und zu erhalten. Sie bezweckt, wie Hannah Arendt es formuliert, »die individuelle Identität des einzelnen für die Dauer seines Lebens«40 auszulöschen. Als Reaktion darauf erkrankt der Mensch, d. h. er wird seiner körperlichen wie geistigen Integrität beraubt. Der Verweis auf Krankheit oder der Gebrauch von Krankheitsbildern dient nicht nur dazu, auf diffamierende Weise den Gegner und das Gegnerische mit dem Schlimmsten gleichzusetzen, wie dies so oft im politisch-ideologischen Sprachgebrauch praktiziert wird. Die Krankheitsmetapher impliziert bei Weitem mehr als das. Sie kann ein anschauliches Mittel sein, auf differenzierte Art das Individuum, die Gesellschaft und politische Modelle zu beschreiben. Letzten Endes bewahrt die Krankheit selbst bei der Metaphorisierung ihre Grundbedeutung, nämlich das, was sie ist: ein destruktives Übel. Und genau als solches wird der Kommunismus in den präsentierten Texten wahrgenommen. 1 In einem bestimmten Zeit- und Kulturraum auftretende Krankheiten, die »in interpretativen Akten« zu Epochenkrankheiten gemacht werden. Siehe Frank Degler: Einleitung: Epochenkrankheiten in der Literatur, in: ders./Christian Kohlroß (Hg.): Epochen/Krankheiten. Konstellationen von Literatur und Pathologie, St. Ingbert 2006, S. 15–20, hier S. 18. 2 Józef Mackiewicz (geb. 1902 in St. Petersburg, gest. 1985 in München), auf Deutsch erschienen: Katyń – ungesühntes Verbrechen, Zürich 1949; Tragödie an der Drau oder die verratene Freiheit, München 1957; Der Weg ins Nirgendwo, München 1959; Der Oberst. Die Affäre Mjassojedow, München 1967; Sieg der Provokation, München 1964. 3 Leopold Tyrmand (geb. 1920 in Warschau, gest. 1985 in Fort Myers), auf Deutsch erschienen: Der Böse, Berlin 1958; Ein Hotel in Darlowo, Berlin 1962. 4 Jerzy Andrzejewski (geb. 1909 in Warschau, gest. 1983 in Warschau), auf Deutsch erschienen u. a.: Die Karwoche, Wien 1948; Asche und Diamant, München 1961; Finsternis bedeckt die Erde, München 1962; Appellation, Frankfurt/M. 1968. 5 Aleksander Wat (geb. 1900 in Warschau, gest. 1967 in Paris), auf Deutsch erschienen: Was sagt die Nacht? Ausgewählte Gedichte, Bad Honnef 1991; Jenseits von Wahrheit und Lüge. Mein Jahrhundert. Gesprochene Erinnerungen 1926–1945, Frankfurt/M. 2000. 6 Andrzej Szczypiorski (geb. 1924 in Warschau, gest. 2000 in Warschau), auf Deutsch erschienen u. a.: Eine Messe für die Stadt Arras, Berlin 1979; Die schöne Frau Seidenman, Zürich 1988; Amerikanischer Whisky, Zürich 1989; Europa ist unterwegs. Essays und Reden, Zürich 1996. 7 Ansgar Nünning/Roy Sommer: Kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft: Disziplinäre Ansätze, Theoretische Positionen, Transdisziplinäre Perspektiven, in: dies. (Hg.): Kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft, Tübingen 2004, S. 9–31, hier S. 18. 8 Ebd., S. 21. 9 Ebd., S. 20. 10 Ebd., S. 19. 11 Der französische Philosoph und Mediziner Georges Canguilhem betonte, wie kulturell stark geprägt die Bestimmung dessen ist, was »normal« und »anormal«, »gesund« und »krank« bedeutet. So gibt er an, dass die Anomalie rein semantisch ein faktischer Zustand, ein beschreibender Terminus ist, während das Anormale (als Synonym verwendet) ein bewertender Begriff sei. Georges Canguilhem: Das Normale und das Pathologische, München 1974, S. 86. 12 Siehe z. B. »Wie schön die Kanzlerin säuseln kann«, in: Der Spiegel vom 29. September 2011 zur Euro- und deutschen Regierungskrise: »Der Euro nähert sich seiner Krise. Also dem Wendepunkt der Krankheit. Darauf folgt Genesung oder Untergang.«, in: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,788997,00.html, zuletzt ges. am 19. Dezember 2011. 13 Maksim Gor’kij: Über sowjetische Literatur (17. 8. 1934 / Dok. Nr. 2), in: Hans-Jürgen Schmitt/Godehard Schramm (Hg.): Sozialistische Realismuskonzeptionen. Dokumente zum 1. Allunionskongreß der Sowjetschriftsteller, Frankfurt/M. 1974, S. 51–84, hier S. 80. 14 Ebd., S. 78. 15 Siehe Marek Zybura: Ein Querdenker zwischen allen Stühlen. Józef Mackiewicz (1902–1985), in: ders.: Querdenker, Vermittler, Grenzüberschreiter. Beiträge zur deutschen und polnischen Literatur- und Kulturgeschichte, Dresden 2007, S. 248–259, hier S. 250. 16 Die Entdeckung und Untersuchung des Massenmordes wie auch die Arbeit der unabhängigen internationalen Untersuchungskommission thematisiert Józef Mackiewicz in Katyń – ungesühntes Verbrechen (1949). Siehe auch das Schicksal dieses Buches in der BRD in: Marek Zybura: Ein Querdenker (Anm. 15), S. 256. 17 Józef Mackiewicz: Sieg der Provokation, München 1964, S. 268. 18 Ebd., S. 265. 19 Ebd., S. 266. 20 Leopold Tyrmand: Dziennik 1954 [Tagebuch 1954], Warschau 1989, S. 358 (Deutsch – E. S.). 21 In dem kritischen Bestreben, die Krankheitsbilder zu entmystifizieren, widmete sich die amerikanische Essayistin Susan Sontag insbesondere dem Krebs und der Tuberkulose in der kulturellen – und damit – literarischen Wahrnehmung. Der Tuberkulose, so Sontag, war nicht nur die Bedeutung immanent, eine Krankheit verarmter Gesellschaftsschichten zu sein, sondern sie galt auch als vornehme Erkrankung betuchter Leute und erfuhr gar eine Ästhetisierung. In dieser Aufwertung fand sie ihre literarische Darstellung beispielsweise bei Thomas Mann. Doch nicht nur die Symptome und Folgen, sondern auch die Ursachen selbst unterlagen der Metaphorisierung. So konnte denn die innere Disposition, der Charakter, die Gemütsverfassung oder die Lebensweise die Krankheit erst hervorrufen und fand in ihr ihren äußerlichen Ausdruck, aber auch ihr sichtbares Brandmal. Neben der psychologischen Begründung reihte sich dabei das moralische Urteil über die von der Krankheit betroffene Person ein. Susan Sontag: Krankheit als Metapher, München/Wien 1978, S. 29. 22 Tyrmand: Dziennik (Anm. 20), S. 366 (Deutsch – E. S.). 23 Michel Foucault: Die Anormalen. Vorlesungen am Collège de France (1974–1975), Frankfurt/M. 2003, S. 68. 24 Andrzej Szczypiorski: Eine Messe für die Stadt Arras, Zürich 1988, S. 76 f. 25 Foucault: Die Anormalen (Anm. 23), S. 65 f. 26 Siehe Gustaw Herling-Grudziński, ein polnischer Schriftsteller, der vor allem durch seinen Roman Welt ohne Erbarmen bekannt wurde, für welchen seine autobiografischen Haft- und Lagererfahrungen in der SU als Grundlage dienten. In seiner kunstvollen Erzählung Der Turm aus dem gleichnamigen Band gibt der Autor am Beispiel eines Leprakranken Ende des 18. Jahrhunderts in Italien dem sozialen Ausschluss und der Isolation literarische Gestalt. In: Gustaw Herling-Grudziński: Der Turm und die Insel, Köln 1966. 27 Foucault: Die Anormalen (Anm. 23), S. 67. 28 Ebd., S. 68. 29 Szczypiorski: Eine Messe (Anm. 24), S. 72. 30 Marcel Reich-Ranicki: Erst leben, dann spielen. Über polnische Literatur, Göttingen 2002, S. 158. 31 Uwagi dot. »Miazgi« Jerzego Andrzejewskiego, Warszawa dnia 16 pazdziernika 1970 roku [Bemerkungen betreffs »Brei« von Jerzy Andrzejewski, Warschau 16. Oktober 1970], in: IPN [Instytut Pamięci Narodowej/Institut für Nationales Gedenken: Signatur: IPN BU 01221/1, koperta 42, S. 3. (Deutsch – E. S.) 32 Jerzy Andrzejewski: Miazga [Brei], Warschau 1981, S. 117 (Deutsch – E. S.). 33 Siehe Jerzy Andrzejewski: Czerwony system pogardy [Das rote System der Verachtung], in: Jacek Trznadel (Hg.): Hańba domowa [Bürgerschande], Warschau1997, S. 102–115, hier S. 109. 34 Siehe dazu Kazimierz Brandys’ literarisches Porträt Nierzeczywistość [Unwirklichkeit] (1978) sowie die Gespräche Jacek Trznadels mit den Schriftstellern Andrzej Braun und Jacek Bocheński, in: Trznadel (Hg.): Hańba domowa (Anm. 33). 35 Siehe Jan Józef Lipski: Niezrozumiały i przerażający amok [Unverständlicher und erschreckender Amok], in: Trznadel (Hrsg.): Hańba domowa (Anm. 33), S. 288–302, hier S. 290. 36 Aleksander Wat: Klucz i hak [Schlüssel und Haken], in: ders.: Świat na haku i pod kluczem [Die Welt am Haken und hinter Schloss und Riegel], Warschau 1991, S. 11–63, hier S. 46 (Deutsch – E. S.). 37 Ebd., S. 46 (Deutsch – E. S.). 38 Aleksander Wat: Jenseits von Wahrheit und Lüge. Mein Jahrhundert. Gesprochene Erinnerungen 1926–1945, Frankfurt/M. 2000, S. 483 f. 39 Wat: Klucz i hak (Anm. 36), S. 46 (Deutsch – E. S.). 40 Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München 1986, S. 507.

JHK 2012

Die Auseinandersetzungen um den Eurokommunismus in der bundesdeutschen Politik 1967–1979

Nikolas R. Dörr

»Es gibt interessante Entwicklungen in der kommunistischen Welt. Da laufen wir doch nicht mit Scheuklappen durch die Welt und sagen, da gibt es nichts. Da gibt es wirklich sehr Interessantes.«1 Willy Brandt, 1976 »Hier gibt es keinen ›historischen Kompromiß‹, sondern nur die Vernichtung der Geschichte: unserer geistigen Geschichte […] Denn hinter dem Sozialismus steht nun einmal die Sowjetunion als gigantisch gerüstete und geistig unbewegliche Hegemonialmacht.«2 Franz Josef Strauß, 1977 »Der Euro-Kommunismus hat mit Europa nichts gemeinsam, aber alles gemeinsam mit dem Freiheits-feindlichen Kommunismus. Die kommunistischen Parteien Westeuropas sind dabei, taktische Schritte zu unternehmen, um bündnisfähig und damit koalitionsfähig für die Bildung von Regierungen zu werden. Wir lassen uns nicht täuschen.«3 Helmut Kohl, 1978 »Die Haltung der beiden ›Großen‹ gegenüber dem Phänomen des sogenannten Eurokommunismus ist interessant: Die Konservativen schlagen entweder vor Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammen, oder sie verschließen aus Ratlosigkeit ganz fest die Augen. Und in der SPD scheint man drauf und dran zu sein, die Gefahren des europäischen Kommunismus zu verharmlosen.«4 Uwe Ronneburger, 1979 Die vier genannten Zitate der jeweiligen Parteivorsitzenden (bzw. im Falle Ronneburgers stellvertretenden Parteivorsitzenden) stellen verkürzt, aber prägnant die Haltung der damaligen vier Bundestagsparteien zum sogenannten Eurokommunismus dar. Ebenso decken die Zitate mit der Zeitspanne 1976 bis 1979 den Höhepunkt der Auseinandersetzung mit dem Eurokommunismus in der Bundesrepublik Deutschland, aber auch im internationalen Maßstab ab. Im Juni 1976 war das Thema ins Zentrum der politischen Aufmerksamkeit gerückt. Innerhalb von nur zehn Tagen hatte erst der Partito Comunista Italiano (PCI) am 20. Juni bei den italienischen Parlamentswahlen 34,4 Prozent der Wählerstimmen erreicht und somit eine Regierungsbildung gegen ihn quasi unmöglich gemacht, und am 29. und 30. Juni kam es zur in der Bundesrepublik viel beachteten Konferenz kommunistischer und Arbeiterparteien Europas in Ost-Berlin, wo der Block eurokommunistischer Parteien auf die orthodox-kommunistischen Parteien unter Führung der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) traf.5 Eine ausgiebige Medienberichterstattung begleitete beide Ereignisse und bereitete so den Boden für ein Streitthema, welches die bundesdeutsche Politik in den nächsten drei Jahren intensiv beschäftigen sollte. Der Begriff »Eurokommunismus« war erst ein Jahr zuvor geprägt worden. Der jugoslawische Journalist Frane Barbieri hatte ihn in seinem späteren Sinnkontext als Sammelbezeichnung für reformorientierte, Moskau-kritische kommunistische Parteien Westeuropas erstmals im Juni 1975 in der Mailänder Tageszeitung Giornale Nuovo verwendet.6 Innerhalb kürzester Zeit wurde der Begriff jedoch auch auf außereuropäische kommunistische Parteien ausgedehnt, die in westlichen Gesellschaften agierten. Prägnantestes Beispiel hierfür ist die Kommunistische Partei Japans, die nach den italienischen und französischen, aber vor den spanischen Kommunisten, zeitweise die drittstärkste Partei des Eurokommunismus darstellte.7 Bereits vor der eigentlichen Begriffsschöpfung hatte es jedoch eurokommunistische Entwicklungen gegeben.8 Die Bedeutung des Eurokommunismus für die Bundesrepublik Deutschland Die italienischen Kommunisten hatten auf Basis der theoretischen Vorarbeiten von Antonio Gramsci mit dem von Generalsekretär Palmiro Togliatti verkündeten Konzept des Polyzentrismus bereits in den Fünfzigerjahren ein modifiziertes, stärker an die Voraussetzungen einer westlichen Industriegesellschaft angepasstes Kommunismusmodell entwickelt, welches dann von seinen Nachfolgern Luigi Longo und vor allem Enrico Berlinguer kontinuierlich ausgebaut wurde.9 Insbesondere Berlinguers Konzept des Historischen Kompromisses, welches, verkürzt dargestellt, eine gemeinsame Regierungsbildung mit den italienischen Christdemokraten verfolgte, erregte Mitte der Siebzigerjahre massives Aufsehen in Westeuropa und den Vereinigten Staaten.10 Im Nachbarstaat Frankreich drohte zeitgleich, nach jahrzehntelanger Dominanz der Gaullisten, eine Volksfrontregierung aus Sozialisten und Kommunisten. Unter der Führung des designierten neuen Generalsekretärs Georges Marchais beschloss der Parti Communiste Français (PCF) im Juni 1972 überraschend ein gemeinsames Wahlprogramm mit dem von François Mitterrand neu gegründeten und im westeuropäischen Vergleichsmaßstab weit links stehenden Parti Socialiste. In Griechenland und Spanien herrschte in den Übergangsphasen nach dem Ende der Diktaturen Unklarheit über die Stärke und den Organisationsgrad der kommunistischen Parteien. Auch wenn in beiden Staaten die jeweiligen Parteien bei den ersten freien Parlamentswahlen 1974 bzw. 1977 schließlich nur knapp zehn Prozent der Stimmen erhielten, blieben sie doch ein einflussreicher Machtfaktor im Land. Während sich der Partido Comunista de España (PCE) unter seinem Generalsekretär Santiago Carrillo zeitweise zum stärksten Kritiker der Sowjetunion im eurokommunistischen Lager entwickelte, blieben die griechischen Kommunisten größtenteils im Lager Moskaus. Letzteren Weg schlug auch der Partido Comunista Português unter dem sowjet-treuen Generalsekretär Álvaro Cunhal ein. Der zeitweise prägende Einfluss der Kommunisten in der portugiesischen Transitionsperiode wurde fortan von Kritikern des Eurokommunismus zu einem mahnenden Beispiel für die taktischen Verstellungen westeuropäischer Kommunisten. Nicht zuletzt reüssierten die Kommunisten im Zuge des Eurokommunismus in den Siebzigerjahren auch in Finnland, Island, San Marino und wie bereits erwähnt in Japan, während die ebenfalls erfolgreichen zypriotischen Kommunisten weiterhin Moskau folgten. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit standen jedoch nach wie vor die kommunistischen Parteien Italiens und Frankreichs. Italien war als militärstrategisch wichtiger NATO-Staat von hoher Bedeutung für das westliche Bündnis und somit für die Sicherheit der Bundesrepublik. Frankreich wurde aufgrund seines Status als Nachbarstaat und Siegermacht des Zweiten Weltkriegs besonderes Interesse entgegengebracht. Darüber hinaus war man in der Bundesrepublik über die immer wiederkehrenden anti-deutschen Ressentiments der französischen Kommunisten beunruhigt.11 Vor dem Hintergrund der bundesdeutschen Kritik an einer französischen Volksfrontregierung drohte der Verteidigungsexperte des PCF Louis Baillot 1976 gar verklausuliert mit der französischen Atomstreitmacht: »Die Bundesrepublik Deutschland kann morgen ein Gegner Frankreichs sein, vor allem, wenn hier bei uns eine linke Regierung an die Macht kommt. Deshalb kann die Pluton ein Mittel zum Schutz des Hexagons sein.«12 Die sicherheitspolitische Bedeutung Frankreichs und Italiens wuchs in den Siebzigerjahren noch. Faktoren wie der Zypernkonflikt, das darauf folgende Ausscheiden Griechenlands aus der militärischen Integration der NATO, der Abzug britischer Truppen von Malta, die Ungewissheit über die Entwicklung der Transitionsstaaten Spanien, Portugal und Griechenland, der massive Ausbau der sowjetischen Flotte und nicht zuletzt der wachsende Einfluss kommunistischer Ideologien in den europäischen und arabischen Anrainerstaaten des Mittelmeers führten zu einer deutlichen Schwächung der NATO-Südflanke. Von US-amerikanischer Seite war bereits frühzeitig angedroht worden, die euro-atlantischen Beziehungen zu überdenken, wenn Kommunisten in die Regierung von NATO-Staaten einziehen würden. In zwei strategisch weniger wichtigen Staaten war dies schon geschehen. Im Falle Portugals hatte man gegenüber portugiesischen Delegierten kurzerhand eine Informationssperre für vertrauliche Informationen verhängt, im Falle Islands aber auf weitergehende Maßnahmen verzichtet, da der Staat kein eigenes Militärkontingent stellte. Insbesondere im Falle Italiens waren diese Optionen jedoch aus Sicht der meisten Regierungen der NATO-Staaten nicht ausreichend. US-Präsident Gerald Ford warnte vor den italienischen Wahlen 1976 in Übereinstimmung mit seinem Außenminister Henry Kissinger, dass dem amerikanischen Volk der Verteidigungsbeitrag der USA für Europa im Falle einer kommunistischen Regierungsbeteiligung in Italien nicht mehr vermittelbar sei.13 Diese Haltung wurde ebenfalls, trotz anderslautender Bekundungen im Wahlkampf, von seinem Nachfolger Jimmy Carter sowie dem NATO-Oberbefehlshaber für Europa Alexander Haig geteilt.14 Eine genaue Beobachtung des Eurokommunismus war somit von bundesdeutscher Seite angebracht.15 Neben den sicherheitspolitischen Bedenken waren Italien und Frankreich zentrale Mitgliedsländer der Europäischen Gemeinschaften und somit für die Bundesrepublik als exportorientierte Industrienation auch wirtschaftlich gesehen von höchster Wertigkeit. Die Auseinandersetzungen um den Eurokommunismus in der Bundesrepublik drehten sich jedoch vor allem um folgende Fragen: Würde eine Beteiligung von Eurokommunisten an der Regierung zu negativen ökonomischen Folgen führen? Und schließlich die »Gretchenfrage«: Handelte es sich beim Eurokommunismus um eine taktisch bedingte Täuschung sowjettreuer Parteien oder um eine wirkliche Reform des Kommunismus in Richtung westlich-demokratischer Werte und Normen? Die SPD und der Eurokommunismus Als erste der bundesdeutschen Parteien hatte sich die SPD mit den Entwicklungen in der Kommunistischen Partei Italiens auseinandergesetzt, die später die maßgebliche Basis für den Eurokommunismus bildeten. Für die deutschen Sozialdemokraten stellte der Eurokommunismus eine besondere Herausforderung dar. In der erweiterten Parteiführung waren einige Politiker vertreten, die in ihren Jugendjahren Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen waren und diese dann, zumeist während oder direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, in Richtung SPD verlassen hatten. Ebenso hatten die Sozialdemokraten im Zuge der Sozialfaschismusthese, der Zwangsvereinigung mit der KPD zur SED sowie der anschließenden Verfolgung und Unterdrückung von Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten in der SBZ/DDR besonders negative Erfahrungen mit dem nationalen und internationalen Kommunismus gemacht. Andererseits agierten zumindest die italienischen Kommunisten in ihrer praktischen Politik reformistisch. Der österreichische Bundeskanzler und Sozialdemokrat Bruno Kreisky fasste diesen Eindruck 1976 folgendermaßen zusammen: »Wenn das ehrlich ist, was Berlinguer vertritt, dann hört er auf, ein Kommunist zu sein.«16 Den deutschen Sozialdemokraten war die Diskrepanz zwischen reformistischer Praxis und revolutionärer Theorie, die sie letztendlich mit der durch das Programm von Bad Godesberg 1959 betriebenen Wende gelöst hatten, sehr gut vertraut.17 Enge persönliche Kontakte und ein Grundvertrauen wie beispielsweise zwischen dem PCI-Außenpolitikexperten Sergio Segre und dem SPD-Mitglied Leo Bauer18 oder dem heutigen italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano und Horst Ehmke sowie eine gegenseitige Bewunderung zwischen den Parteivorsitzenden Enrico Berlinguer und Willy Brandt wurden ebenso positiv bewertet.19 Bereits 1967 war es zu einem ersten, noch inoffiziellen Informationsgespräch zwischen beiden Parteien in Rom gekommen.20 Die Initiative dafür war vom Zentralkomitee (ZK) des PCI ausgegangen, das den damaligen Leiter des Ressorts Außenpolitik bei der kommunistischen Tageszeitung L’Unità, Alberto Jacoviello, im September 1967 nach Bonn geschickt hatte, um die Möglichkeiten eines gemeinsamen Gesprächs zwischen beiden Parteien zu erörtern. Jacoviello traf dort auf den Chefredakteur des Sozialdemokratischen Pressedienstes Günter Markscheffel. Man sei im ZK des PCI zu der Überzeugung gelangt, dass die Ostpolitik der großen Koalition sehr positive Elemente enthalte, und man wolle daher nicht mehr die offizielle Haltung der KPdSU und der SED gegenüber der Bundesregierung teilen, sondern sich selbst ein Bild machen, sagte Jacoviello. Er fügte hinzu: »Besonders die Ostberliner Haltung werde im Zentralkomitee der KPI immer mehr verurteilt.«21 Ziel sei es nun, für den PCI in einer öffentlichen Erklärung zu verkünden, dass die neue Bundesregierung nicht als »Fortsetzung früherer Bundesregierungen« verurteilt werden könne. Zur Information wolle man vorher ein nicht öffentliches Gespräch mit der SPD führen. Jacoviello bat Markscheffel, sein Anliegen an die zuständigen Stellen weiterzuleiten. Dieser wandte sich daraufhin an den Internationalen Sekretär im SPD-Parteivorstand Hans-Eberhard Dingels und unterrichtete den Parteivorsitzenden und Vizekanzler Willy Brandt. Dieser wiederum bestimmte Leo Bauer zum Unterhändler mit dem PCI. Am 29. und 30. November 1967 kam es dann zu dem besagten Treffen in Rom, welches das besondere Verhältnis der SPD zum italienischen Eurokommunismus konstituierte. Nach einem zweiten Informationsgespräch im Februar 1968 in München unter der Beteiligung Egon Bahrs wurde der Austausch zwischen beiden Parteien bis zum Tode Leo Bauers am 18. September 1972 kontinuierlich fortgesetzt.22 Nach einer Ruhephase, die mit dem Tode Bauers zusammenhing, wurden die Kontakte Mitte der Siebzigerjahre wieder aufgenommen, intensiviert und bis zur Aufnahme des sich zur Sozialdemokratie gewandelten PCI in die Sozialistische Internationale 1991 fortgeführt. Innerhalb dieser knapp zweieinhalb Jahrzehnte andauernden Kontakte zwischen der größten kommunistischen und der einflussreichsten sozialdemokratischen Partei Westeuropas wurden die Kontakte immer wieder zu einem politischen Streitthema zwischen den bundesdeutschen Parteien, aber auch innerhalb der SPD und der europäischen Sozialdemokratie. Bereits das erste Treffen von Vertretern beider Parteien in Rom 1967 war den Medien nicht lange verborgen geblieben. Nachdem die konservative Zeitschrift Christ und Welt als erstes deutsches Medium von den Kontakten berichtet hatte, zogen alle größeren Blätter innerhalb kürzester Zeit nach. In einer Pressemitteilung informierte das SPD-Präsidium am 4. April 1968 offiziell über das Kontaktgespräch mit dem PCI, die Teilnehmer und die wichtigsten Inhalte. Korrigiert wurde allerdings der Sozialdemokratische Pressedienst vom 2. April 1968, in dem gemutmaßt worden war, dass es eines Tages zu einer Koalition von Kommunisten und Christdemokraten in Italien kommen könne, was wiederum in Italien ein massives Presseecho ausgelöst hatte. Das SPD-Präsidium distanzierte sich von dieser Einschätzung. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung zitierte Anfang April 1968 die rechtsliberale italienische Tageszeitung Il Tempo: »Die Sozialdemokraten von Bonn werden nunmehr von den Kommunisten nicht mehr als Sozialverräter bezeichnet. Aber sie beginnen, es zu verdienen, von uns allen Verräter Europas und des Westens genannt zu werden.«23 Bereits einen Tag nach der kritischen Meldung sagte Leo Bauer gegenüber der Frankfurter Rundschau jedoch, dass die SPD weiter den Kontakt zum PCI und anderen kommunistischen Parteien suchen werde, da »sich die kommunistischen Parteien weder aus Ost- noch aus Westeuropa hinauskatapultieren ließen«.24 Bauer unterstützte die Auffassung, wonach der SED nicht das Interpretationsmonopol im kommunistischen Lager über die Bundesrepublik und ihre Deutschlandpolitik überlassen werden sollte. Auch erwähnte er die Fortschritte im PCI, die seit der Verkündigung von Togliattis Polyzentrismusthese gemacht wurden. In einem anschließenden Kommentar sprach sich die Frankfurter Rundschau für die Kontakte zum PCI aus und kritisierte CDU/CSU: »Wieder einmal wird die Absicht spürbar, die SPD der Geheimbündelei mit den Kommunisten zu bezichtigen und als unzuverlässig abzustempeln.«25 Die mediale Berichterstattung und die politische Auseinandersetzung über die SPD-PCI-Gespräche nahmen jedoch bald wieder ab und spielten im Hinblick auf die Bundestagswahl 1969 keine Rolle mehr. Nach dem Wirbel um die Veröffentlichung der Kontakte hatten SPD und PCI keine weiteren konkreten Termine für die nächsten Treffen vor der Bundestagswahl vereinbart. Der Austausch wurde erst nach der sozialdemokratischen Regierungsübernahme durch einen publizistischen Dialog der Theoriezeitschriften beider Parteien wieder intensiviert.26 Dennoch kam es in den Folgejahren immer wieder zu politischen Auseinandersetzungen, die im Zusammenhang mit den SPD-PCI-Kontakten standen. Aufsehen erregte zu Beginn der Siebzigerjahre die Meldung, dass sich Außenminister Brandt Anfang Dezember 1967, während eines Staatsbesuchs in Rom mit dem damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, auch mit dem kommunistischen Generalsekretär Longo getroffen habe. Obwohl es anlässlich eines Empfangs von Staatspräsident Giuseppe Saragat lediglich zum Austausch einiger begrüßender Worte zwischen beiden Politikern gekommen war und auch der christdemokratische Bundeskanzler selbst kurz mit Longo gesprochen hatte, wurde Brandt vorgeworfen, sich »hinter dem Rücken des Bonner Partners« mit Italiens führendem Kommunisten getroffen zu haben.27 Die Bedeutung des Eurokommunismus für CDU und CSU Für CDU und vor allem CSU stellte der Eurokommunismus einen negativen Bezugspunkt dar, der zu einem der zentralen außen- und sicherheitspolitischen Themen im Bundestagswahlkampf 1976 und dem Wahlkampf zur ersten Direktwahl des Europäischen Parlaments 1979 wurde. Nachdem sich Willy Brandt Anfang des Wahljahres 1976 in dem eingangs zitierten Interview mit dem Spiegel interessiert an den Entwicklungen bei den italienischen Kommunisten gezeigt hatte, kam es im Bundestag zu massiven Vorwürfen der CDU/CSU-Fraktion. Deren Fraktionsvorsitzender Karl Carstens griff Bundeskanzler Helmut Schmidt an, weil dieser Brandt verteidigt hatte. Helmut Kohl warf Schmidt die Abhängigkeit »von sozialistischen Kräften in der SPD« vor, und der CDU-Bundestagsabgeordnete Friedrich Vogel warnte gar vor einer zukünftigen Volksfrontpolitik der SPD. Der Spiegel zitierte einen namentlich nicht genannten Berater des CDU-Parteivorsitzenden Kohl, wonach Brandts Interview ein Gottesgeschenk sei, welches man braten wolle, bis es nicht mehr ginge.28 Konterkariert wurden die Angriffe jedoch nach den italienischen Parlamentswahlen vom 20. Juni 1976. Da der PCI ein Rekordergebnis von 34,4 Prozent der Wählerstimmen erzielt hatte und sich die Sozialistische Partei Italiens weigerte, erneut eine Mitte-Links-Koalition mit der Democrazia Cristiana (DC) einzugehen, war diese zur Regierungsbildung erstmals auf die Kommunisten angewiesen. Als Kompromisslösung ersann man eine programmatische Absprache zwischen DC und PCI sowie weiteren, kleineren Parteien des Verfassungsbogens. Unter Ministerpräsident Giulio Andreotti wurde eine christdemokratische Minderheitsregierung gebildet, die auf die Duldung der kommunistischen Abgeordneten zwingend angewiesen war. Kein Gesetz konnte nunmehr gegen den Willen des PCI durchgebracht werden. Als inoffizieller Koalitionspartner der DC wurden die Kommunisten mit einem seit der direkten Nachkriegszeit im westeuropäischen Vergleichsmaßstab ungekannten Machtzuwachs belohnt. So stellte der PCI in der Phase der Minderheitsregierung den Präsidenten der Abgeordnetenkammer und die Vorsitzenden von sieben Parlamentsausschüssen (u. a. auch im Verteidigungsausschuss). Für die Unionsparteien stellte dies eine enorme Herausforderung dar, da sie nun erklären mussten, warum die eigene Schwesterpartei in Italien mit den vermeintlich gefährlichen Eurokommunisten zusammenarbeiten durfte, das Konzept an sich aber weiterhin deutlich abgelehnt wurde. Dieser Umstand traf die CDU noch härter als die CSU, da diese ihren primären Partner in Italien traditionell in der kleineren Südtiroler Volkspartei (SVP) sah. So griff die FDP in Person von Präsidiumsmitglied und Bundeslandwirtschaftsminister Josef Ertl die Christdemokraten umgehend nach Bekanntwerden der neuen Regierungskonstellation in Italien an und forderte eine klare Stellungnahme gegen die christdemokratisch-kommunistische Zusammenarbeit.29 Kai-Uwe von Hassel, seinerzeit u. a. Präsident der Europäischen Union Christlicher Demokraten, versuchte den Vorwurf der christdemokratisch-kommunistischen Kollaboration zu entkräften, indem er darauf hinwies, dass in der DC 99 Prozent der verantwortlichen Mitglieder und Persönlichkeiten keinerlei Zusammenarbeit mit den Kommunisten anstreben würden. Die Schuld liege vielmehr bei den italienischen Sozialisten, die sich geweigert hätten, eine Koalition mit den Christdemokraten ohne die Kommunisten einzugehen.30 Obwohl nach außen Loyalität gegenüber der DC gewahrt wurde, kam es zu internen Differenzen zwischen den Parteien. Die Konrad-Adenauer-Stiftung in Rom berichtete 1977, dass sich der christdemokratische Ministerpräsident Andreotti ausgerechnet beim sozialdemokratischen Bundeskanzler Schmidt über das Unverständnis von CDU und CSU für seine Politik der kommunistischen Tolerierung beklagt habe.31 Folge dieser Spannungen war, dass der DC-Generalsekretär Benigno Zaccagnini im November ein zweitägiges Treffen mit den belgischen Christdemokraten veranstaltete, während ein Besuch bei der CDU zuvor aus Krankheitsgründen abgesagt worden war, was von CDU-Seite wiederum missbilligend aufgenommen wurde.32 Die Aussage war deutlich: Die belgischen Christdemokraten waren weitaus weniger kritisch gegenüber der kommunistischen Tolerierung als CDU und vor allem CSU. Der enge Kontakt zur SVP kann als ein Grund für die noch stärkere Ablehnung des Eurokommunismus durch die CSU angesehen werden. Die Protagonisten der SVP lehnten den Eurokommunismus und vor allem seine italienische Variante vehement ab und sahen darin ein Täuschungsmanöver. Durch die enge Freundschaft zwischen dem SVP-Parteiobmann Silvius Magnago und Franz Josef Strauß sowie durch zahlreiche Publikationen von SVP-Politikern wurde die CSU-Führung nur einseitig über die Entwicklungen des Eurokommunismus informiert.33 In der CSU-Position gegenüber dem Eurokommunismus dominierte die Angst vor der Volksfront zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, die sich vor allem vor den Wahlen zum Europäischen Parlament 1979 und der damit verbundenen Gefahr einer entsprechenden linken Mehrheit in »eine ins Irrationale reichende Berührungsangst« steigerte, wie Werner Maibaum in einem Artikel ausführte.34 In der christsozialen Parteipresse wurde der Eurokommunismus als »ein wichtiger Stein im Kalkül des sozialistischen Flügels der deutschen Sozialdemokratie« angesehen.35 Der frühere SPD- und damalige CSU-Bundestagsabgeordnete Günther Müller legte anlässlich einer Tagung der Hanns-Seidel-Stiftung am 29. Januar 1977 in Kreuth in einem langen Referat die CSU-Position zum Eurokommunismus dar. Als Abgeordneter der parlamentarischen Versammlung der Westeuropäischen Union und des Europarates hatte Müller die kommunistischen Abgeordneten vor Ort erlebt und zog, wie er selbst bekannte, daraus seine Schlüsse. In einem ersten, historischen Teil stellte Müller die These auf, dass es in der Geschichte nur zwei Arten von Kommunismus gegeben habe: einen gewaltsamen Revolutionskommunismus, wie er aktuell in der Dritten Welt existiere, und einen täuschenden, taktischen Kommunismus, der sich aktuell im Eurokommunismus zeige.36 Von Marx und Engels, Lenin, Gramsci, Dimitroff über Togliatti und Thorez bis hin zu Dutschkes »Marsch durch die Institutionen« führte Müller anschließend die kommunistischen Taktiken auf, die nur der Machteroberung gedient hätten. Eine besondere Stellung hätten dabei die Volksfronten eingenommen. Als historische Beispiele erwähnte er die Volksfronten der Dreißigerjahre in Frankreich und Spanien. Die europäischen Sozialdemokraten sah Müller dabei als naive Steigbügelhalter der Kommunisten in der Geschichte und stellte im Hinblick auf deren aktuelle Interpretation des Eurokommunismus fest: »Wir sollten uns keine Illusionen machen über die Herren Brandt, Kreisky und Palme.«37 Die Folge dieser Position war ein offensiv und konfrontativ geführter Wahlkampf der CSU, wie er bereits in der Bundestagswahl 1976 in der gemeinsamen »Freiheit oder/statt Sozialismus«-Kampagne mit der CDU erkennbar geworden war. Diese bildete dann auch die Grundlage der Wahlkampfführung für die Wahlen zum Europäischen Parlament 1979. Ursprünglich hatte Franz Josef Strauß im Hinblick auf die vermeintlichen Gefahren des Eurokommunismus sogar eine Verschärfung des Wahlkampfslogans vorgeschlagen und »Freiheit statt Volksfront« präferiert.38 Vor dem Hintergrund der nahenden ersten direkten Europawahlen wurde der Ton der Auseinandersetzung deutlich rauer. Werner Marx, Vorsitzender des Außenpolitischen Arbeitskreises der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, warf auf der Bundesdelegiertentagung der Union der Vertriebenen und Flüchtlinge in der CDU/CSU Brandt seine Nähe zu den Eurokommunisten vor: »Willy Brandt, einer jener Sozialisten, die sich vor der Misère in ihrem eigenen Lande davondrücken, um europäische Sprüche zu machen, verharmlost den Euro-Kommunismus.«39 SPD-Präsidiumsmitglied Horst Ehmke bekräftigte hingegen auf einer Konferenz des Management Instituts Hohenheim in Frankfurt/Main am 29. und 30. November 1977 seine Meinung, dass der Kommunismus wandelbar sei und man daher die reformorientierten Tendenzen unterstützen solle. Die Entwicklung des Eurokommunismus bezeichnete er als »Sieg der Demokratie«.40 Der ehemalige CDU/CSU-Kanzlerkandidat Rainer Barzel vertrat wiederum die Auffassung, dass es keine verschiedenen Kommunismen gäbe und daher eine Wandelbarkeit auszuschließen sei: »Jeder Kommunismus ist unchristlich, unliberal, unsozial; verletzt die Menschenrechte, unterdrückt die Freiheit, etabliert eine reaktionäre polizeistaatliche Ordnung ...«41 Und der führende Europapolitiker der CSU, Heinrich Aigner, fasste die Inhalte der Auseinandersetzung zusammen: »Es geht um die Entscheidung: ein freies Europa oder ein eurokommunistisches«, um dann nachzulegen: »Wer hat sich denn unter dem Zeichen der Roten Rose in der geballten Faust, dem Volksfrontzeichen von Mitterrand und den Jusos vereinigt? Doch eben auch die SPD des über den politischen Wolken schwebenden moskauhörigen Willy Brandt und den militanten Anhängern von Ehmke und Bahr, die sich am liebsten morgen schon mit den Eurokommunisten ins Lorbeerbett legen würden.«42 Nur wenige Unionspolitiker setzten sich für eine differenziertere Betrachtungsweise abseits der viel zitierten Gleichung »Eurokommunismus = Sowjetunion = Kommunistische Weltherrschaft« ein, und diese Anregungen waren dann in den meisten Fällen nicht von Erfolg gekrönt, da sie entweder vom politischen Kontrahenten oder innerparteilich angegriffen wurden. So sprach sich Kurt Biedenkopf beispielsweise anlässlich einer Tagung der baden-württembergischen CDU in Baden-Baden dafür aus, dass man politische Probleme auch anerkennen und ernst nehmen müsse, wenn sie zuerst von Kommunisten angesprochen würden, um anschließend vom CDU-Landesvorsitzenden Hans Filbinger belehrt zu werden, dass der Erfolg der Eurokommunisten doch vor allem in der mangelnden Vermittlung christlicher Werte gegenüber der Jugend in den letzten Jahren zu suchen sei.43 CDU-Generalsekretär Heiner Geißler hatte bereits 1977 nach einem Besuch bei den italienischen Christdemokraten bemerkt, dass die Leistung der Democrazia Cristiana angesichts der kommunistischen Duldung als »hohe politische Kunst« zu werten sei.44 In der konfrontativen Auseinandersetzung um den Eurokommunismus wurde er dafür jedoch umgehend vom politischen Kontrahenten angegriffen. Der stellvertretende FDP-Sprecher Wolfgang Koczian bezeichnete die Diskrepanz zwischen den Aussagen der CDU zum Eurokommunismus und Geißlers Einschätzungen als »peinliches politisches Konzept«.45 Die FDP und der Eurokommunismus Die FDP tat sich schwer mit dem Eurokommunismus, wie sich an dem eingangs erwähnten Zitat des stellvertretenden FDP-Bundesvorsitzenden Uwe Ronneburger auf dem Europaparteitag 1979 erkennen lässt. Einerseits musste man in den Wahlkämpfen 1976 und 1979 ein gewisses Maß an Loyalität zum Koalitionspartner SPD wahren und konnte somit nicht die konfrontative Haltung der Unionsparteien gegenüber den vermeintlich reformorientierten Westkommunisten teilen. Andererseits sah man jedoch jedwede Form von Kommunismus kritisch. Auch tangierte das Thema die FDP weniger als SPD und CDU/CSU. Ideologische Debatten waren für die Freidemokraten nur in geringerem Maße interessant und spielten sich, wenn sie denn stattfanden, meistens im Spektrum Links- versus Nationalliberalismus ab. Die Haltung der FDP führte somit zu einem Widerspruch: Der SPD warf man vor, Wandlungsfähigkeit bei den Eurokommunisten zu erkennen, und CDU/CSU, dass sie jedwede Wandlungsfähigkeit bei den Eurokommunisten verleugnen würden. Auf diese Weise konnten die Freien Demokraten in der Eurokommunismusfrage kein eigenständiges Profil entwickeln. Aufgrund der Ideologieferne der FDP verlangte der Eurokommunismus auf der einen Seite nicht wie im Falle der Sozialdemokraten nach einer intensiven Auseinandersetzung und hatte auf der anderen Seite in seiner negativen Darstellung kein Mobilisierungspotenzial wie bei den Unionsparteien. Daher setzte sich die FDP nur am Rande mit dem sich scheinbar wandelnden Kommunismus in Westeuropa auseinander. FDP-Politiker, auch der Vorsitzende und Außenminister Hans-Dietrich Genscher, reihten sich bezüglich des Eurokommunismus kaum in die heftigen Auseinandersetzungen zwischen SPD auf der einen und CDU/CSU auf der anderen Seite ein. Im Gegensatz zu SPD, CDU und CSU wurde auch nur in äußerst wenigen Beiträgen in der Parteipresse auf die Thematik eingegangen.46 Lediglich ein Aufsatz – von Martin Bangemann – hatte die Definition der liberalen Position gegenüber dem Eurokommunismus zum Inhalt. Allerdings widmete sich Bangemann nur auf zwei der 15 Seiten dem eigentlichen Thema seines Aufsatzes. Der Rest enthielt die üblichen Beschreibungen der Kommunistischen Parteien Italiens, Frankreichs und Spaniens. Auf diese Weise blieb es bei einem Versuch der Klärung des FDP-Verhältnisses zum Eurokommunismus. In seinem Referat als Spitzenkandidat für die Europawahlen 1979 führte Bangemann aus, dass die Vorstellung von CDU/CSU zum Eurokommunismus auf eine Übertragung des Radikalenerlasses auf Europa hinausliefe. Vor dem Hintergrund zahlreicher kommunistischer Angestellter und Arbeiter im Europäischen Parlament sei dies im nationalen und vor allem im internationalen Rahmen schwer zu vermitteln und daher falsch.47 Bezogen auf die vermeintliche Leichtgläubigkeit der SPD im Umgang mit den Westkommunisten sagte Bangemann: »Kein Liberaler wird einem Kommunisten das Recht bestreiten wollen, nicht mehr Kommunist sein zu wollen, sondern Demokrat zu werden. Das ist sogar eine Entwicklung, die wir uns alle wünschen. Kein Liberaler wird aber den Fehler begehen, anzunehmen, daß man gleichzeitig überzeugter Kommunist und überzeugter Demokrat sein kann; denn das geht nicht.«48 Da das Thema »Eurokommunismus« im Europawahlkampf immer wieder hochkommen würde, musste die Partei, trotz eines gewissen Desinteresses, reagieren. Unter der Führung des vom Bundesfachausschuss Außen-, Deutschland- und Europapolitik der FDP gebildeten Unterausschusses »Westeuropapolitik und Atlantische Beziehungen« wurde eine Handreichung für die aktiven Wahlkämpfer erarbeitet. Auf jeweils zwölf zentrale Fragen zur Europawahl wurden in einem ersten Abschnitt Antworten gegeben. Angenommen wurde, dass diese zwölf Fragen die häufigsten und wichtigsten Fragen der potenziellen Wähler an den Wahlständen bzw. auf den Kundgebungen sein würden. Der besondere Stellenwert des Themas »Eurokommunismus« im Wahlkampf zeigte sich daran, dass es in einer der zwölf zentralen Fragen aufgegriffen wurde: »Wie stehen die Liberalen zum Euro-Kommunismus?« Als komprimierte Antwort wurde die Formel »Auch ›Eurokommunisten‹ bleiben Kommunisten« vorgeschlagen.49 Die anschließend weiter gefasste liberale Position offenbarte die Zerrissenheit der westeuropäischen Liberalen in der Frage des Eurokommunismus, die auch die FDP kennzeichnete: Einerseits wurde bekräftigt, dass Europa auch Platz für Eurokommunisten bieten müsse. Andererseits sollten auch Eurokommunisten immer von Liberalen politisch bekämpft werden, weil »diese Doktrin mit ihrem Absolutheitsanspruch mit liberalem Denken unvereinbar ist«.50 Diese Ungenauigkeit spiegelte die Folgen des gemeinsamen liberalen Wahlprogramms der Föderation der Liberalen und Demokratischen Parteien in der Europäischen Gemeinschaft (ELD) wider. Parteien wie der linksliberale Mouvement des Radicaux de Gauche, der 1973 auf Grundlage des Programme commun gar ein Wahlbündnis mit den französischen Kommunisten eingegangen war, oder der auf kommunaler Ebene mit dem PCI koalierende Partito Repubblicano Italiano stießen hierbei mit eher Kommunismus-kritischen Parteien wie der FDP oder den britischen Liberalen zusammen. Das Resultat war eine uneinheitliche Haltung der europäischen Liberalen zum Eurokommunismus, die allerdings durchaus der unklaren Position der deutschen Liberalen entsprach. Die Bedeutung des Eurokommunismus in der Politik von DKP und Grünen In der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) spielte der Eurokommunismus nur als negativer Bezugspunkt eine Rolle.51 Die strikte Orientierung an SED und KPdSU verhinderte ein Vordringen der reformorientierten Ideen in dieser Partei.52 Für die DKP galt, verstärkt nach Radikalenerlass und dem Unvereinbarkeitsbeschluss der SPD von 1970, der Kampf gegen die sozialdemokratisch geführte Bundesregierung als Hauptaufgabe. Die radikal anti-sozialdemokratische Rhetorik der DKP, die zeitweise an den Kampf gegen den »Sozialdemokratismus« der SED erinnerte, wurde wiederum von den eurokommunistischen Reformparteien kritisiert. So hieß es beispielsweise in einem internen Bericht von ZK-Mitglied Anselmo Gouthier, der die PCI-Delegation auf dem ersten Parteitag der DKP am 12. und 13. April 1969 in Essen angeführt hatte, an die Parteiführung: »Das Urteil über die Politik der SPD ist in der Tat außergewöhnlich ernst, ähnlich oder identisch dem der SED: Die Beteiligung der SPD an der Großen Koalition hat die traditionelle reaktionäre Linie gestärkt und erneuert, mit den Notstandsgesetzen, mit dem Beginn der Ostpolitik in der Außenpolitik, die auf den Zerfall der sozialistischen Staaten abzielt, auf die Isolation der DDR etc.«53 Das neue Programm der DKP von Ende 1977 konnte gar als »Programm gegen den Eurokommunismus« interpretiert werden.54 Lediglich in der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins (SEW), dem West-Berliner Ableger der SED, konnte der Eurokommunismus eine gewisse Wirkung entfalten. Allerdings wurde die entsprechende Gruppe um die Zeitschrift Die Klarheit bereits 1980 aus der Partei ausgeschlossen bzw. verließ sie freiwillig.55 Für die neu entstehende Partei der Grünen spielte der Eurokommunismus in der politischen Auseinandersetzung hingegen keine große Rolle mehr, obwohl er auf einige Protagonisten der Gründungsphase wie Rudi Dutschke und Rudolf Bahro eine große Faszination ausübte. Rudolf Bahro selbst war hochgradig an den Entwicklungen des Eurokommunismus interessiert und erhoffte sich durch ihn eine theoretische Basis zur Wiedervereinigung aller Parteien der Arbeiterbewegung, was sich auch in Die Alternative widerspiegelt.56 Insbesondere die italienischen Eurokommunisten zeigten wiederum großes Interesse an Bahros Konzept. So druckte L’Unità nach Bahros Freilassung im Oktober 1979 einen langen Artikel über dessen freiheitliche Sozialismusvorstellung.57 Durch den Abstieg der meisten eurokommunistischen Parteien ab 1980 war das Thema jedoch in der öffentlichen Debatte der Achtzigerjahre kaum noch wahrzunehmen und spielte daher nur noch eine untergeordnete Rolle in der politischen Auseinandersetzung für die Grünen. Fazit Der Begriff »Eurokommunismus« blieb in der politischen Debatte weitestgehend diffus, da sich keine einheitliche Definition herauskristallisierte. Als schwammige Bezeichnung eignete er sich als Projektionsfläche politischer Ängste und Hoffnungen. Dadurch wurde er in der bundesdeutschen Politik primär als politischer Kampfbegriff und nicht als wissenschaftliche Analysekategorie verwendet. Als solcher ließ er sich nahtlos in die »Freiheit oder/statt Sozialismus«-Kampagne der Unionsparteien integrieren. In den Außenbeziehungen der SPD stellten die Beziehungen zur größten und einflussreichsten Partei des Eurokommunismus, dem PCI, einen wichtigen Kontakt dar. Im Hinblick auf die Spaltung der Arbeiterbewegung war die Auseinandersetzung mit jedweden Formen kommunistischer Ideologie für die Sozialdemokraten von zentraler Bedeutung gewesen. Vor dem Hintergrund der Teilung Deutschlands in einen westlich orientierten kapitalistischen Staat und eine auf Moskau konzentrierte sozialistische Diktatur in Ostdeutschland galt das für die deutschen Sozialdemokraten noch mehr als für andere sozialdemokratische Parteien in Westeuropa. Für CDU/CSU wiederum war jedwede Form von Kommunismus ein negativer Bezugspunkt. Die Erfahrungen mit den Täuschungen kommunistischer Parteien in der SBZ/DDR sowie Mittelost- und Osteuropa hatten die CDU bereits unter der Führung Konrad Adenauers zu einer Bastion des Antikommunismus in der Bundesrepublik gemacht. Unter der Führung von Franz Josef Strauß wurde jedoch die bayerische Schwesterpartei zur Speerspitze des Kampfes gegen die Eurokommunisten und deren vermeintliche Volksfrontabsichten, während sich die FDP mit einer klaren und einheitlichen Positionierung zum Thema schwertat. Nach den Bundestagswahlen 1980 erlahmte das Thema »Eurokommunismus« in der öffentlichen Debatte. Innenpolitisch konnte es kaum noch instrumentalisiert werden, da es vermehrt zu Wahlniederlagen eurokommunistischer Parteien kam, die häufig, wie im Fall des PCE, zu Abspaltungen führten, und somit das Bedrohungsszenario der Siebzigerjahre obsolet werden ließen. Festzuhalten bleibt somit, dass die Gefahren des Eurokommunismus in den Siebzigerjahren überschätzt wurden. Die, insbesondere von konservativer Seite gefürchtete, »Volksfrontregierung« in Frankreich verursachte beispielsweise keinerlei Schäden im bilateralen Verhältnis, für die EG oder auch für die NATO. Ganz im Gegenteil bildete das ungleiche Duo Kohl-Mitterrand trotz der sozialistisch-kommunistischen Regierung bis 1984 eine deutsch-französische Freundschaft aus, die es seit Adenauer und De Gaulle nicht mehr gegeben hatte. 1 Willy Brandt zitiert in: Der Spiegel Nr. 5 vom 26. Januar 1976, S. 24. 2 Franz Josef Strauß: Die geistesgeschichtliche Herausforderung »Europa«. Der Beitrag des christlichen Lagers, in: Friedrich D. Voss (Hg.): Franz Josef Strauß. Bundestagsreden und Zeitdokumente, 1974–1979, Bonn 1979, S. 203–231, hier S. 212. 3 Helmut Kohl: Europa ist eine fortschrittliche, eine offensive Idee, in: Wirtschaftsbild – Informations- und Kontaktorgan im Dienste der Sozialen Marktwirtschaft, Nr. 1/1978, Sonderausgabe, S. 3, in: Hanns-Seidel-Stiftung, Archiv für Christlich-Soziale Politik München (im Folgenden: ACSP), Nachlass Heinrich Aigner, Box 11. 4 Stenografische Niederschrift der Bundesvertreterversammlung der FDP am 3. Februar 1979 in Aachen, S. 21, in: Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, Archiv des Liberalismus Gummersbach (im Folgenden: AdL), Bestand FDP-Bundespartei, A1 Bundesparteitag, A1–693. 5 Siehe Heinz Timmermann: Die Konferenz der europäischen Kommunisten in Ost-Berlin. Ergebnisse und Perspektiven, Köln 1976. 6 Siehe Manfred Steinkühler (Hg.): Eurokommunismus im Widerspruch. Analyse und Dokumentation, Köln 1977, S. 389–392. 7 Siehe Tadasi Takahasi: Die KP Japans und der Eurokommunismus, in: Politische Studien, Nr. 255, Januar/Februar 1981, S. 77–90. 8 Zur Entwicklungsgeschichte des Eurokommunismus siehe ausführlich: Helmut Richter/Günter Trautmann (Hg.): Eurokommunismus. Ein dritter Weg für Europa?, Hamburg 1979, S. 83–133. 9 Siehe Donald Sassoon: The Strategy of the Italian Communist Party. From the Resistance to the Historic Compromise, New York 1981. 10 Zum Historischen Kompromiss siehe Eric J. Hobsbawm/Giorgio Napolitano: Auf dem Weg zum »Historischen Kompromiß«. Ein Gespräch über Entwicklung und Programmatik der KPI, Frankfurt/M. 1977. 11 Siehe Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (Hg.): Eurokommunismus und west-europäische Sicherheitspolitik, Hamburg 1978, S. 51 f. 12 Louis Baillot zitiert in: Klaus Kellmann: Pluralistischer Kommunismus? Wandlungstendenzen euro-kommunistischer Parteien in Westeuropa und ihre Reaktion auf die Erneuerung in Polen, Stuttgart 1984, S. 229. Mit »Pluton« meinte Baillot die nuklearen Mittelstreckenraketen Frankreichs, die an der ostfranzösischen Grenze, u. a. im Elsass, stationiert waren; »Hexagon« steht metaphorisch für die sechseckige geografische Form Frankreichs. 13 Memorandum von A. Denis Clift und Brent Scowcroft »Political Situation in Italy«, 6. Mai 1976, Washington D.C., S. 1, in: Gerald R. Ford Library Ann Arbor, White House Central File, Subject File, Countries, CO 72 Italy 8/9/74 (Exec) to CO 72 Italy 12/5/76 (Exec), CO 72 Italy 4/1/76–7/31/76, Box 28; Henry A. Kissinger: Communist Parties in Western Europe. Challenge to the West, in: Austin Ranney/Giovanni Sartori (Hg.): Eurocommunism. The Italian Case, Washington D.C. 1978, S. 183–196. 14 Siehe Irwin Wall: L’amministrazione Carter e l’eurocomunismo [Die Carter-Administration und der Eurokommunismus], in: Ricerche di storia politica 9 (2006), H. 2, S. 181–196; »Haig warnt vor dem Eurokommunismus«, in: Süddeutsche Zeitung vom 1. Dezember 1977. 15 Zur Rezeption des Eurokommunismus von Regierungsseite siehe Michael Mayer: »Machterschleichung auf Filzpantoffeln.« Die Bundesrepublik, die DDR und die mögliche Regierungsbeteiligung der kommunistischen Parteien in Frankreich und Italien in den Siebzigerjahren, in: Ulrich Mählert u. a. (Hg): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2010, Berlin 2010, S. 127–141. 16 Bruno Kreisky zitiert in: Die Zeit Nr. 29 vom 9. Juli 1976, S. 5. 17 Diese Parallele wurde auch aufseiten der Kommunisten gesehen. So fragte der Parteiphilosoph Angelo Bolaffi zusammen mit Giacomo Marramao die Genossen in einem Artikel der PCI-Theoriezeitschrift Rinascita aus dem Jahr 1980, wer Angst vor Bad Godesberg habe (Angelo Bolaffi/Giacomo Marramao: Chi ha paura di Bad Godesberg?, in: Rinascita Nr. 37 vom 19. September 1980, S. 29–31). 18 Leo Bauer spielte bis zu seinem Tod 1972 als Verhandlungsführer auf SPD-Seite durch seinen Lebensweg eine besondere Rolle in den Beziehungen zum PCI. Als Kommunist wurde er im Nationalsozialismus in Haft genommen und flüchtete nach seiner Freilassung nach Frankreich, wo er 1939 zusammen mit dem späteren Generalsekretär der italienischen Kommunisten, Luigi Longo, interniert wurde. Nach dem Krieg stieg er zu einer der Führungsfiguren der hessischen KPD auf. Drei Jahre nachdem ihn die SED nach Ost-Berlin beordert hatte, wurde Bauer in einem Schauprozess 1952 zum Tode verurteilt. Die Strafe wurde anschließend in 25 Jahre Lagerhaft in Sibirien umgewandelt. Nach seiner vorzeitigen Freilassung 1955 ging Bauer in die Bundesrepublik, arbeitete als Journalist und trat der SPD bei. 1968 wurde er Chefredakteur der Neuen Gesellschaft. 19 Siehe Giorgio Napolitano: Gegenseitiger Respekt und freundschaftliche Beziehungen, in: Karlheinz Bentele u. a. (Hg.): Metamorphosen. Annäherungen an einen vielseitigen Freund. Für Horst Ehmke zum Achtzigsten, Bonn 2007, S. 271; Bernd Rother: »Era ora che ci vedessimo«. Willy Brandt e il Pci [»Es war Zeit, dass wir uns sehen«. Willy Brandt und der PCI], in: Contemporanea. Rivista di storia dell’800 e del ’900, 14 (2011), H. 1, S. 61–82. 20 Siehe Heinz Timmermann: Im Vorfeld der neuen Ostpolitik – Der Dialog zwischen italienischen Kommunisten und deutschen Sozialdemokraten 1967/68, in: Osteuropa 21 (1971), H. 6, S. 388–399. 21 Alberto Jacoviello zitiert in: Vermerk von Günter Markscheffel an Willy Brandt, 21. September 1967, Bonn, in: Friedrich-Ebert-Stiftung, Archiv der sozialen Demokratie (im Folgenden: AdsD), Internationale Abteilung des SPD-Parteivorstandes, Allg. Schriftwechsel H–N, 10512. 22 Siehe Peter Brandt u. a.: Karrieren eines Außenseiters. Leo Bauer zwischen Kommunismus und Sozial-demokratie, 1912 bis 1972, Berlin/Bonn 1983, S. 266–288. 23 »Polemik nach dem Treffen SPD–KPI«, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (im Folgenden: FAZ) vom 4. April 1968. 24 Leo Bauer zitiert in: »SPD wird weiter mit KPI sprechen«, in: Frankfurter Rundschau vom 5. April 1968. 25 »Nützlicher Dialog«, in: Frankfurter Rundschau vom 5. April 1968. 26 Siehe Rinascita Nr. 41 vom 10. Oktober 1969, S. 3–6, Nr. 44 vom 7. November 1969, S. 9 f.; Die Neue Gesellschaft Nr. 5 von September/Oktober 1969, S. 476–490. 27 »Traf sich Willy Brandt heimlich mit Italiens KP-Chef Longo?«, in: Welt am Sonntag vom 22. November 1970. Schon 1968 hatten der Bayernkurier und andere Medien diesen Vorwurf erhoben, der allerdings mit der bereits erwähnten Presseerklärung des SPD-Präsidiums zurückgewiesen wurde. 28 Der Spiegel Nr. 6 vom 2. Februar 1976, S. 25. 29 Freie Demokratische Korrespondenz (im Folgenden: fdk) Nr. 167 vom 6. August 1976. 30 Kai-Uwe von Hassel: »Warum wollen wir Europa?«, in: Wirtschaftsbild – Informations- und Kontaktorgan im Dienste der Sozialen Marktwirtschaft (Anm. 3), S. 9 f. 31 Telex von Erich B. Kusch und Rudolf Schloz an Bruno Heck, 7. Dezember 1977, Rom, in: Konrad-Adenauer-Stiftung, Archiv für Christlich-Demokratische Politik St. Augustin (im Folgenden: ACDP), Büro für Auswärtige Beziehungen der CDU, V–III–009, 004. 32 Vermerk über die Beziehungen der DC zu den belgischen Christdemokraten von Henning Wegener an Helmut Kohl u. a., 23. November 1977, Bonn, in: ACDP, Büro für Auswärtige Beziehungen der CDU, V–III–009, 004; Vermerk betreffend Termine für den Besuch Moro/Zaccagnini in Bonn von Henning Wegener an Wolfgang Bergsdorf u. a., 23. September 1977, Bonn, in: ACDP, Büro für Auswärtige Beziehungen der CDU, V–III–009, 004. 33 Siehe u. a. Hans Benedikter: Eurokommunismus. Der große Bluff, Bozen 1978; Silvius Magnago: Die Gefahren des Eurokommunismus, in: Friedrich Zimmermann (Hg.): Anspruch und Leistung. Widmungen für Franz Josef Strauß, Stuttgart 1980, S. 127–142. 34 Werner Maibaum: Die Perzeption des »Eurokommunismus« in der Bundesrepublik Deutschland, in: Liberal, Nr. 12/1978, S. 927. 35 »Unbekanntes Wesen Eurokommunismus«, in: Bayernkurier vom 11. Juni 1977. 36 Tonbandnachschrift des Referats von Günther Müller bei der Tagung der Hanns-Seidel-Stiftung am 29. Januar 1977 in Kreuth, S. 1–8, in: ACSP, Nachlass Heinrich Aigner, Box 125. 37 Ebd., S. 10. 38 Pressemitteilung von MdB Heinrich Aigner, ohne Datum [1978], Bonn, in: ACSP, Nachlass Heinrich Aigner, Box 8. 39 Werner Marx zitiert in: »Eurokommunismus – Gefahr für Europa«, in: Mittelstands-Magazin, Nr. 7/1977, S. 25. 40 Horst Ehmke zitiert in: »›Eurokommunismus ist Sieg der Demokratie‹«, in: Münchener Merkur vom 2. Dezember 1977. 41 Rainer Barzel: Gegeneinander – miteinander – oder was sonst?, in: Götz Hohenstein (Hg.): Der Umweg zur Macht. Euro-Kommunismus, München 1979, S. 241–261, hier S. 245. Die damalige Relevanz des Themas »Eurokommunismus« lässt sich auch daran ablesen, dass zu jener Konferenz knapp 130 Unternehmer und Manager kamen, die jeweils 1000 DM Tagungsgebühr entrichteten (siehe »Steffen erklärt Managern, was er unter Eurokommunismus versteht«, in: Die Welt vom 30. November 1977). 42 »Europawahlen – Risiken und Chancen. Interview mit Heinrich Aigner«, in: Wirtschaftsbild – Informations- und Kontaktorgan im Dienste der Sozialen Marktwirtschaft (Anm. 3), S. 18. 43 »CDU wappnet sich für Berührung mit dem Eurokommunismus«, in: Süddeutsche Zeitung vom 5. März 1979. 44 »Geißler rühmt die ›hohe politische Kunst‹ der Christlichen Demokraten Italiens«, in: FAZ vom 19. Juli 1977. 45 fdk Nr. 17 vom 19. Juli 1977. 46 Siehe Wolf-Ruthart Born: Euro-Kommunismus. Teil 1: Euro-Kommunismus und der Westen, in: Liberal, Nr. 3/1977, S. 173–183; ders.: Euro-Kommunismus. Teil 2: Euro-Kommunismus im Weltkommunismus, in: Liberal, Nr. 4/1977, S. 281–291; Martin Bangemann: Liberale und der Eurokommunismus, in: Liberal, Nr. 8/1978, S. 571–586; Maibaum: Perzeption (Anm. 34), S. 914–927. 47 Stenografische Niederschrift der Bundesvertreterversammlung der FDP am 3. Februar 1979 in Aachen, S. 72, in: AdL, Bestand FDP-Bundespartei, A1 Bundesparteitag, A1–694. 48 Ebd., S. 73. 49 Liberale Argumente zu Europa-Wahl und ELD-Programm, 15. Oktober 1978, S. 23, in: AdL, Bestand FDP-Bundespartei, A44 Bundesfachausschuß für Außenpolitik, A44–46. 50 Ebd. 51 Siehe Ulrike Borchardt: Die Haltung der DKP zum Eurokommunismus, in: Dieter D. Lutz (Hg.): Eurokommunismus und NATO. Zukunftsprobleme europäischer Sicherheit, Bonn 1979, S. 163–168. 52 Zum Sonderfall der Haltung der SED zum Eurokommunismus siehe Nikolas R. Dörr: Die Beziehungen zwischen der SED und den kommunistischen Parteien West- und Südeuropas. Handlungsfelder, Akteure und Probleme, in: Arnd Bauerkämper/Francesco Di Palma (Hg.): Bruderparteien jenseits des Eisernen Vorhangs. Die Beziehungen der SED zu den kommunistischen Parteien West- und Südeuropas, 1968–1989, Berlin 2011, S. 48–67; Francesco Di Palma: Die SED, die Kommunistische Partei Frankreichs (PCF) und die Kommunistische Partei Italiens (PCI) von 1968 bis in die Achtzigerjahre. Ein kritischer Einblick in das Dreiecksverhältnis, in: Deutschland Archiv 43 (2010), H. 1, S. 80–89. 53 Die Übersetzung des italienischen Originalzitats erfolgte durch den Verfasser. Das Original lautet: »Il giudizio infatti sulla politica della S.P.D. è estremamente severo, analogo o identico a quello che viene datto dalla S.E.D.: la partecipazione della S.P.D. alla ›grande coalizione‹ ha rafforzato, aggiornandola, a linea reazionaria tradizionale, all’intero con le leggi di emergenza, in politica estera avviando quella ›Ostpolitick‹ [sic!], che punta alla disgregazione dei paesi socialisti, all’isolamento della D.D.R. ecc.«, in: Nota informativa sul primo congresso della Deutsche Kommunistische Partei a Essen, 12–13 aprile 1969 [Aufzeichnung über den ersten Parteitag der Deutschen Kommunisten Partei in Essen, 12.–13. April 1969] von Anselmo Gouthier, 22. April 1969, Rom, in: Fondazione Istituto Gramsci, Archivio del Partito Comunista Italiano/Archiv der Kommunistischen Partei Italiens Rom, Estero, 1969, mf 0308, 1313. 54 »Kein Hauch vom Geiste Rosa Luxemburgs«, in: Vorwärts vom 5. Januar 1978, S. 11. 55 Siehe Thomas Klein: SEW – die Westberliner Einheitssozialisten. Eine »ostdeutsche« Partei als Stachel im Fleische der »Frontstadt«?, Berlin 2009, S. 262–268; »Krach in Honeckers Filiale. Durchbruch des Eurokommunismus in der SEW«, in: Vorwärts vom 19. Juni 1980. 56 Rudolf Bahro: Die Alternative. Zur Kritik des real existierenden Sozialismus, Köln/Frankfurt/M. 1977. Siehe auch Konzeption für ein Forschungsvorhaben »Allgemeine Theorie des Historischen Kompromisses« von Rudolf Bahro, 26. November 1979, in: AdsD, Bestand Horst Ehmke, Eurokommunismus allgemein, 1/HEAA000406. 57 »Bahro: così vedo il socialismo« [»Bahro: So sehe ich den Sozialismus«], in: L’Unità vom 25. Oktober 1979.

JHK 2012

Die kommunistische Lechleiter-Gruppe. Von ihrer Gründung in Mannheim 1941 bis zu ihrer Zerschlagung im Februar 1942

Karl-Heinz Schwarz-Pich

Die in Mannheim im Untergrund aktive Lechleiter-Gruppe gehörte zu den stärksten kommunistischen Widerstandsgruppen gegen das nationalsozialistische System in Deutschland nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Im Zentrum ihrer Aktivitäten stand die Herstellung und gezielte Verbreitung der illegalen Zeitung Der Vorbote. Die Meinungen darüber, ob es sich um eine kommunistische oder eine parteiübergreifende Gruppe handelt, gehen auseinander. Der vorliegende Beitrag versucht deshalb besonders, dieser Frage nachzugehen. Dem Autor war es möglich, Einsicht in Prozessakten, die in Zusammenhang mit der Lechleiter-Gruppe stehen, zu nehmen. Diese befinden sich in den Beständen des Instituts für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED sowie denen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der ehemaligen DDR und waren der unabhängigen Geschichtsforschung bis zur Wiedervereinigung nicht zugänglich. Einzig den DKP-Funktionären Max Oppenheimer aus Wiesloch bei Heidelberg (1919–1994) und Fritz Salm aus Mannheim (1913–1985) wurde seitens der SED für ihre Arbeiten über die Lechleiter-Gruppe bzw. den Widerstand in Mannheim bereits zuvor Zugang zu den Akten aus dem Parteiarchiv der SED gewährt. 1969 erschien von Oppenheimer das Buch Der Fall Vorbote – Zeugnisse des Mannheimer Widerstands und 1973 die Publikation Im Schatten des Henkers – Vom Arbeiterwiderstand in Mannheim von Fritz Salm. Diskussion über die politische Zuordnung der Gruppe Im Unterschied zur kommunistischen Forschung in der Bundesrepublik, die versucht, die Tätigkeit der Lechleiter-Gruppe als überparteilich darzustellen, wird sie von der unabhängigen Geschichtsforschung weitgehend dem kommunistischen Widerstand zugeordnet. Dies gilt insbesondere für die Arbeiten von Hermann Weber aus Mannheim.1 Interessanterweise wird die Lechleiter-Gruppe aber auch in den Veröffentlichungen des Instituts für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED dem kommunistischen Widerstand zugeordnet.2 Die Gründe für die unterschiedliche Bewertung durch die SED-Historiker auf der einen und die kommunistischen Autoren in der Bundesrepublik auf der anderen Seite dürfte darin zu sehen sein, dass es den SED-Historikern um eine Heroisierung der eigenen Geschichte ging, während bei den Kommunisten im Westen die Instrumentalisierung der Geschichte für den aktuellen politischen Kampf im Vordergrund stand. Die gefälschte Legende Die Basis für die kommunistische Lesart des Wirkens der Lechleiter-Gruppe als eine Zusammenarbeit von Kommunisten, Sozialdemokraten und Parteilosen hat Max Oppenheimer geschaffen. Im Vorwort seines Buches schreibt er: »Die früheren Unterschiede, die zwischen ihnen als Mitgliedern der SPD oder KPD bestanden hatten, wurden im Interesse der gemeinsamen Front für ein demokratisches Deutschland zurückgestellt.«3 Von einem demokratischen Deutschland aber ist im Vorboten an keiner Stelle die Rede. Ebenso wenig von einer Zusammenarbeit zwischen Sozialdemokraten und parteilosen Antifaschisten. Zudem fehlen zentrale Begriffe der kommunistischen Strategie, wie sie 1935 auf dem VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale (KI) festgelegt wurden. Im Vorboten wird weder für eine Politik der Einheitsfront der Arbeiterklasse noch für eine antifaschistische Volksfront geworben. Das Ziel für die nächste Zukunft hieß »Sowjet-Deutschland«4 über die »proletarische Revolution«.5 Bei den Sozialdemokraten handelt es sich um den 74-jährigen Philipp Brunnemer und seine Tochter Käthe Seitz, die beide nur mit der technischen Herstellung des Vorboten befasst waren und in keiner Weise als repräsentativ für die SPD anzusehen sind. Ansonsten lag alles Organisatorische und Inhaltliche in den Händen von Kommunisten. Im Kopf des Blattes steht als Herausgeber »K. P.«. Und in der Dezember-Ausgabe heißt es unmissverständlich: »Die Zeitung ist nur für Genossen bestimmt.«6 Dies ist für eine kommunistische Zuordnung der Gruppe ausreichend. Treibende Kraft bei der Bildung der Gruppe war Georg Lechleiter. Lechleiter wurde am 14. April 1885 in Appenweier in Baden geboren. Nach der Lehre als Schriftsetzer arbeitete er zunächst in verschiedenen südbadischen Städten und hielt sich dann von 1912 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs in der Schweiz auf. Hier kam er auch mit der sozialistischen Bewegung in Berührung. In Mannheim gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der KPD. 1922 wurde er in den Mannheimer Stadtrat und 1925 in den badischen Landtag gewählt, dem er bis 1933 angehörte. Lechleiter wurde dem rechten Parteiflügel zugeordnet. Von 1933 bis 1935 befand er sich in Schutzhaft. Dass Lechleiter nach seiner Entlassung Kontakt zu ehemaligen Mitgliedern der KPD aufnahm, kann als gesichert angesehen werden. In welchem Ausmaß und in welcher Qualität dies erfolgte, darüber lässt sich allerdings kein verlässliches Profil erstellen. Dafür gehen die Angaben zu weit auseinander. Der Mannheimer Stadthistoriker Michael Caroli, selbst der Linken in Mannheim zuzuordnen, schreibt in Band drei der Geschichte der Stadt Mannheim: »Den organisierten Widerstand der Arbeiterbewegung hatte die Gestapo bis Ende 1936 zerschlagen. Gleichwohl hatten die seit 1935 entlassenen Kommunisten Georg Lechleiter, Jakob Faulhaber und Rudolf Langendorf bereits 1936 wieder Kontakte geknüpft, ohne allerdings eine feste Organisation aufbauen oder mit Publikationen oder gar Aktionen an die Öffentlichkeit treten zu können.«7 Dies deckt sich mit den Lageberichten der Geheimen Staatspolizeistelle Karlsruhe für die Jahre 1937 bis 1939. So steht im Bericht für das Jahr 1937: »Nach Feststellung und Beobachtung hat die illegale Tätigkeit der marxistischen Partei im Jahr 1937 im Bereich der Polizeistelle Karlsruhe nachgelassen.«8 Anders liest sich das bei Fritz Salm. Bei ihm ist für den gleichen Zeitraum von einer »Bezirksleitung der KPD« unter der Führung von Lechleiter und von »Betriebsgruppen der KPD« die Rede.9 Die unterschiedliche Bewertung der Aktivitäten der illegalen KPD durch Salm auf der einen und der Gestapo auf der anderen Seite dürfte darauf zurückzuführen sein, dass die Gestapo unter Widerstand das Wirken nach außen ansah, und deshalb ausschließlich dies registrierte. Bei Fritz Salm hingegen geht es um Binnenkontakte unter Kommunisten, die zu »KPD-Gruppen« und einer »KPD-Bezirksleitung« hochgespielt werden, ohne dass dies allerdings auch nur einigermaßen nachvollziehbar ist. Indirekt wird das durch den bereits erwähnten Lagebericht der Gestapo für das Jahr 1937 belegt: »Die Richtlinien der marxistisch und kommunistisch illegalen Partei gehen heut dahin, dass sie ihre Genossen anweisen, sich vorerst auf Mundpropaganda, das Abhören des Moskauer und des Kurzwellensenders Welle 29.8 zu beschränken.«10 Das bedeutet eine weitgehende Einstellung des Kampfes der KPD nach außen und quasi ein unausgesprochenes Eingeständnis, dass man mit der direkten Konfrontation gescheitert war. Das im Vorboten politische Ziele verfolgt werden, die den Beschlüssen der Kommunistischen Internationale bzw. der KPD aus dem Jahr 1935 diametral entgegengesetzt sind, erklärt Max Oppenheimer damit, »daß die Führer der Gruppe von den Weisungen durch die Führung der KPD abgeschnitten waren«.11 Aber an anderer Stelle seines Buches in einem anderen Zusammenhang widerspricht er sich selbst: »Von außerordentlicher Bedeutung für diese komplizierte politische und organisatorische Tätigkeit während der letzten Vorkriegsjahre war, daß Lechleiter regelmäßige Kontakte zur Abschnittsleitung der KPD in Paris hatte. An Hand von neuen Unterlagen und persönlichen Berichten läßt sich nachweisen, daß von 1937 bis kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zuverlässige Mannheimer Antifaschisten im Auftrag Lechleiters zu Besprechungen nach Straßburg fuhren, um dort mit einem für Baden verantwortlichen Mitarbeiter des ZK der KPD politische Fragen, wie z. B. die Zusammenarbeit mit sozialdemokratischen und christlichen Arbeitern, sowie die Belieferung und Verteilung und Herstellung von illegalen Materialien zu erörtern.«12 Danach müssen Lechleiter die Beschlüsse des VII. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale und die Beschlüsse der KPD bekannt gewesen sein. Fritz Salm dürfte die Schwäche der Argumentation von Oppenheimer in dieser Frage erkannt haben, denn er schreibt: »Worin bestand die entscheidende, durch mangelnden Informationsaustausch und fehlende kollektive Diskussion hervorgerufene Fehlanalyse? Man kannte die strategische Festlegung des VII. Weltkongreßes der KI, und die entscheidenden Funktionäre hatten die Tarnschrift mit der Rede Dimitroffs gelesen. Aber viele Antifaschisten erkannten zu dieser Zeit nicht, daß der VII. Weltkongreß die strategische Zielsetzung der kommunistischen Weltbewegung für eine sehr lange Zeit, für die Periode des staatsmonopolistischen Kapitalismus bestimmte. Mit der militärischen Konfrontation der Sowjetunion und Hitler-Deutschland und mit der Erwartung des Sieges der Sowjetmacht entstand die Auffassung, der faschistischen Herrschaft werde gesetzmäßig ein sozialistisches Deutschland folgen. Nur so ist es zu erklären, daß die Führung unter Lechleiter – und er selbst in seiner illegalen publizistischen Arbeit – vor dem Überfall auf die Sowjetunion die demokratische Republik und nach Beginn des faschistischen Angriffs gegen das Land des Sozialismus Sowjetdeutschland zum Ziel des antifaschistischen Kampfes erklärte.«13 Lechleiter ging nach dem Angriff auf die Sowjetunion davon aus, dass dieser Krieg mit einer Niederlage für Hitler-Deutschland enden und die damit einhergehende Krise in Deutschland zu einer revolutionären Situation wie nach dem Ersten Weltkrieg führen würde. Der erste Satz in der ersten Nummer des Vorboten, erschienen im September 1941, lautet: »Seit dem 22. Juni steht der hinterhältige Überfall des deutschen Imperialismus auf die Sowjetunion im Vordergrund des politischen und militärischen Geschehens. Mit dem Aufmarsch gegen die Sowjetunion hat ein Abschnitt in dem zweiten imperialistischen Krieg begonnen, der zweifellos das Ende des Dritten Reichs einleiten und die Beseitigung der Naziherrschaft beschleunigen wird.«14 Für Lechleiter war dies die »Plattform für die sozialistische Revolution«.15 Gründung der Gruppe am Tag des Angriffs auf die Sowjetunion Am Nachmittag des 22. Juni 1941, dem Tag des Kriegsbeginns gegen die Sowjetunion, so Oppenheimer, kam es zu einer »Besprechung in Heidelberg, auf der die Herausgabe des Vorboten beschlossen wurde«.16 An dem Treffen nahmen außer Lechleiter auch Jakob Faulhaber und Gustav Süß aus Ludwigshafen teil, beide Mitglieder der KPD und mit Lechleiter befreundet. Das entscheidende Gespräch scheint in der Wohnung der Familie Seitz in Heidelberg stattgefunden zu haben. Wenn Oppenheimer von einer »Besprechung, die beschließt« schreibt, wird damit suggeriert, dass es sich hier um die Sitzung eines leitenden Organs handelt. Aber das war nicht der Fall. Bei dem Gespräch ging es nicht darum, ob man eine Zeitung herausgibt – dies war längst beschlossen worden –, sondern um technische und organisatorische Details bei der Herstellung der Zeitung. Brunnemers Tochter, Käthe Seitz, übernahm es dann auch, die Matrizen zu schreiben; im Keller ihres Vaters Philipp Brunnemer in Mannheim wurde der Vorbote gedruckt. Warum Philipp Brunnemer und seine Tochter von Lechleiter und Faulhaber mit Teilaufgaben bei der Herstellung des Vorboten betraut wurden, hat möglicherweise noch ganz andere Gründe, die Oppenheimer andeutet, wenn er schreibt: »Lechleiter und Faulhaber beabsichtigten, diese drei Hitlergegner [mit dabei war noch Käthes Ehemann Alfred Seitz, K.-H. S.-P.] speziell zu der Herstellung der antifaschistischen Monatsschrift heranzuziehen. Damit sollte von vornherein die notwendige Zusammenarbeit von Arbeiter-Funktionären verschiedener Herkunft und Orientierung dokumentiert und außerdem verhindert werden, daß bei Terroraktionen der Gestapo die Herausgabe des Vorboten gefährdet wurde, weil damit zu rechnen war, daß die Nazis in erster Linie bekannte ehemalige Funktionäre der KPD verhaften, jedoch nicht ohne weiteres auf relativ unbekannte ehemalige SPD Mitglieder verfallen würden.«17 Es ist überhaupt äußerst problematisch, von der Lechleiter-Gruppe als einer Gruppe im Sinne eines Gefüges zu sprechen, weil es eine politische Interaktion – klassisches Kriterium für eine Gruppe – nie gegeben hat. Das gilt auch unter Berücksichtigung eines Kampfes in der Illegalität. Das Konzept Lechleiters sah Diskussionen in der Gruppe auch gar nicht vor. Fritz Salm gesteht das indirekt bei seiner »Fehleranalyse« ein, wenn er von »fehlender kollektiver Diskussion« spricht.18 Rudolf Langendorf, der von Salm der Bezirksleitung der KPD zugeordnet wird, schrieb in seinem Gnadengesuch: »Nie hat mich Lechleiter bei der Zeitung um Rat gefragt. Das lag auch gar nicht in seiner Art. Was er tut, tut er auf seine Verantwortung.«19 Demzufolge hat es die Lechleiter-Gruppe nie als eigenständige Widerstandsgruppe im klassischen Sinne gegeben. Genau genommen auch nicht als Gruppe der KPD. Lechleiter handelte als Kommunist nach Gutdünken und auf eigene Faust. Dabei ging er unabhängig von der Zielsetzung von völlig falschen Voraussetzungen aus. Die Lechleiter-Gruppe war vielmehr eine Widerstandsgruppe in Wartestellung. Der Vorbote – ein Informationsorgan für Funktionäre Empfänger der Zeitung waren ausgesuchte Mitglieder der KPD. Insofern handelt es sich beim Vorboten letztlich um eine Funktionärszeitung. In einem Nebensatz gesteht Oppenheimer in seinem Buch das sogar ein, wenn er von einem »Informationsorgan für Funktionäre« spricht.20 Man wird den Vorboten deshalb auch kaum als direktes Mittel des Widerstands ansehen können, sondern als ein Instrument der Reorganisation der Kader der KPD, um sie auf die kommende proletarische Revolution vorzubereiten. Es stellt sich dann zwangsläufig die Frage, ob der Vorbote als Mittel der Information, selbst für den Zweck, den Lechleiter damit verfolgte, zwingend erforderlich war, oder ob angesichts des hohen Risikos nicht die mündliche Nachrichtenübermittlung den gleichen Zweck erfüllt hätte. Denn letztlich ist die Gruppe an der Herstellung und Verteilung des Vorboten gescheitert, mit zum Teil katastrophalen Folgen für viele Menschen, die nur indirekt oder überhaupt nicht beteiligt waren. Der Vorbote berichtete über die militärische Situation, über die sozialen Verhältnisse in Deutschland, widmete eine ganze Nummer dem Jahrestag der Novemberrevolution in Russland und gab Hinweise zur illegalen Arbeit. Der Jahrestag der russischen Revolution hatte mit dem Widerstandskampf in Deutschland eigentlich überhaupt nichts zu tun. Die soziale Lage in Deutschland kannten die Empfänger der Zeitung aus eigener Erfahrung zur Genüge. In der Dezember-Ausgabe fand sich ein Artikel von Rudolf Langendorf mit dem Titel »Die geplatzten Nähte«. Dieser Beitrag war im Übrigen der einzige, der nicht von Lechleiter selbst stammte. Langendorf befasste sich darin mit Fragen des Bilanzschwindels zugunsten der Unternehmer, der letztlich die Nationalsozialisten als Diener des Kapitals entlarven sollte. Zwingend notwendig war ein solcher Artikel wohl nicht. Anweisungen über die illegale Arbeit an die Zellen hätten genauso gut mündlich erfolgen können. Und was Lechleiter über die Lage an der Front berichtete, stammte aus den Sendungen des Deutschen Volkssenders mit Sitz in Moskau. An Aufbau und Stil des Vorboten erkennt man die Erfahrungen, die Lechleiter als Redakteur bei der Arbeiter-Zeitung gesammelt hat. Aber kaum zu übersehen ist auch die persönliche Eitelkeit Lechleiters als belesener Mensch, wenn er ganze Verse von Heinrich Heine, Theodor Storm und Friedrich Schiller in der Zeitung abdruckt oder Friedrich Nietzsche zitiert. Rudolf Langendorf schreibt in seinem Gnadengesuch zur Persönlichkeit Lechleiters: »Lechleiter galt in den früheren Parteikreisen der KPD von jeher als Sonderling. […] ein früherer maßgeblicher Funktionär der KPD sagte mir einmal: Nie im Leben würde ich mit Lechleiter illegale Arbeit machen, denn das bedeutet sicheres Verderben.«21 Finanziert wurde der Vorbote zum Teil aus Spenden, die ursprünglich für die Angehörigen von politisch Verfolgten vorgesehen waren.22 Nicht unproblematisch, denn damit wurde ein Teil des gesammelten Geldes zweckentfremdet. Bei der Auflage des Vorboten gehen Oppenheimer und Salm von 60 bis 200 Exemplaren pro Ausgabe aus. Laut Anklageschrift waren es 30 bis 50.23 Gemessen an der Stärke der KPD bis 1933 war dies keine übermäßig hohe Auflage. Als gesichert kann gelten, dass der Vorbote in metallverarbeitenden Betrieben, wie der Firma Lanz im Mannheimer Stadtteil Lindenhof, im Strebelwerk am Altrhein sowie bei Bopp & Reuther im Stadtteil Waldhof verteilt wurde – allesamt Großbetriebe mit mehr als tausend Beschäftigten, einst Hochburgen der KPD. Die Enttarnung der Lechleiter-Gruppe Durch einen Zufall erhielt die Gestapo Kenntnis von der Existenz des Vorboten. Anfang Januar 1942 fanden zwei Elektriker bei Reparaturarbeiten im Keller des Hauses von KPD-Mitglied Ernst Hahner im Stadtteil Waldhof zwei Exemplare des Vorboten und brachten dies bei der Gestapo zur Anzeige. Am 7. Januar 1942 wurden Ernst Hahner und sein 15-jähriger Sohn verhaftet.24 Ausschlaggebend für die Enttarnung der Gruppe allerdings dürfte der unglaubliche Leichtsinn von Daniel Seizinger, Gründungsmitglied der KPD, gewesen sein, der zum engeren Kreis um Lechleiter und Faulhaber gehörte. Seizinger hatte nach seiner Entlassung aus der Schutzhaft eine Beschäftigung im Elektro- und Radiogeschäft von Kurt Burchardt in Waldhof gefunden. Burchardt war Angehöriger der Waffen-SS. In Gesprächen mit Seizinger hatte er sich des Öfteren negativ über den Nationalsozialismus geäußert. Seizinger nahm das zum Anlass, ihn ins Vertrauen zu ziehen, und händigte ihm Ende Dezember 1941 einen Vorboten aus. Am 12. Januar 1942 richtete Burchardt dann ein Schreiben an das Reichssicherheitshauptamt in Berlin, in dem er den Vorgang schilderte. Am Schluss schreibt er: »Mir sind durch mein Radiogeschäft und durch die Reisetätigkeit, die Seizinger bei mir ausübt, verschiedene Anhänger der ehemaligen KPD bekannt, teilweise sogar als Kunden, mit denen Seizinger häufig zusammenkommt und wohl nach wie vor seine Fäden spinnt. Ich bin bereit, mich zur weiteren Aufklärung des Falles zur Verfügung zu stellen.«25 Lechleiter, Faulhaber und drei weitere Personen, die zum engeren Kreis der Lechleiter-Gruppe gehörten, wohnten auf dem Waldhof, unter ihnen, auch das war der Gestapo bekannt, befand sich nur ein einziger, der journalistische Erfahrung hatte: Georg Lechleiter. Knapp sechs Wochen nach Burchardts Schreiben wurden am 26. Februar 1942 Georg Lechleiter, Jakob Faulhaber, Rudolf Langendorf, Ludwig Moldrzyk und Anton Kurz verhaftet. Seizinger war es zunächst gelungen, unterzutauchen, aber am 19. März wurde auch er festgenommen. Tage später verhaftete die Gestapo Käthe und Alfred Seitz, Eugen Sigrist, Philipp Brunnemer, Max Winterhalter, Robert Schmoll, Rudolf Maus und Johann Kupka. Damit waren all jene festgenommen, mit denen der Druck und die Verteilung des Vorboten im direkten Zusammenhang gestanden hatten. Der vermeintliche Verräter Da der gesamte Aufbau der Gruppe in seiner Struktur und in der Funktionsweise nur Lechleiter und Faulhaber bekannt war, stellt sich zwangsläufig die Frage, woher die Gestapo ihre detaillierten Kenntnisse hatte. Salm schreibt dazu: »Die Denunziation des SS-Mannes Burchardt und die Vorgänge im Keller Hahners waren schlimme Vorzeichen. Die Widerstandskämpfer waren in äußerster Gefahr und wußten es. Doch diese Ereignisse hätten wohl nicht zu den umfassenden Verhaftungen und zum Tod von 22 Mannheimer und Heidelberger Bürgern geführt. Es war noch Schlimmeres geschehen. Der Gestapo war es gelungen, einen Agenten in die Organisation einzuschmuggeln. Das war Gustav Süß.«26 Süß war Mitglied der KPD und gehörte in den Zwanzigerjahren zu den sogenannten Rechtsoppositionellen. Er schrieb Artikel für die Arbeiter-Zeitung und war mit Lechleiter befreundet. Von 1933 bis 1939 saß er im Gefängnis bzw. im KZ Dachau. Ihren Ausgangspunkt hat diese These vom Verräter Süß bei Lechleiter selbst. Ihm war es gelungen, aus dem Gefängnis in Socken, die seine Frau zum Waschen erhielt, mitzuteilen, dass »Süß uns alle auf dem Gewissen hat«.27 Süß war am 22. Juni 1941 in Heidelberg bei dem Gespräch dabei gewesen, als man die Herausgabe des Vorboten aktiv in Angriff nahm. Schwer vorstellbar, dass die Gestapo die Gruppe acht Monate lang trotz ihres vermeintlichen Top-Agenten hatte gewähren lassen, ohne einzugreifen. Um die Theorie vom Agenten glaubhafter erscheinen zu lassen, behauptet Oppenheimer: »Süß hat sich seine vorzeitige Entlassung aus dem KZ erkauft.«28 Das ist ebenso falsch, wie es in hohem Maße perfide ist. Gustav Süß war am 31. Juli 1933 in Mannheim wegen Kuriertätigkeit für die KPD verhaftet und zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden.29 Diese Strafe hat er nicht nur im vollen Umfang abgesessen, sondern wurde anschließend in Schutzhaft genommen. Die Schutzhäftlinge waren keine Verurteilten, gegen sie hatte es keine Gerichtsverfahren gegeben, somit auch keine Urteile, die ein Strafmaß festlegten. Schon deshalb konnten sie aus formalen Gründen nur »entlassen«, aber nicht »vorzeitig entlassen« werden.30 Langendorf schreibt in seinem Gnadengesuch: »Bei einem der letzten Besuche Lechleiters überbrachte er mir Grüße von Süß und er lasse sich entschuldigen, daß er mich nie besuche. […] Es ist mir klar, daß Lechleiter mich bei Süß herausstreichen musste, um Süß zur Mitarbeit zu bewegen.«31 Auch diese Aussage spricht nicht unbedingt dafür, dass Süß regelmäßigen Kontakt zu Lechleiter hatte, ganz zu schweigen von einer Funktion in der Gruppe. Und seine Gründe dürften denen von Langendorf geähnelt haben. Dieser schreibt in seinem Gnadengesuch an anderer Stelle: »Vor der Jahresfrist machte er [Lechleiter] einmal Andeutungen wegen illegaler Arbeit. Ich versichere hier, daß ich ihm damals die Gefährlichkeit eines solchen Unternehmens vor Auge geführt habe und ich klar zu erkennen gab, daß er mit meiner Mitarbeit nicht rechnen könne.«32 Belastet wurde Süß jedoch durch die Aussage des ehemaligen Kriminalsekretärs Johann Weiss aus Neustadt a. d. Haardt, der zu Protokoll gab: »Ich wurde im Jahr 1937 von der Passkontrollstelle Saarbrücken zur Gestapo nach Neustadt befohlen. Den fraglichen Süß sah ich zum ersten Mal bei dem Gestapo-Chef Käppel, und zwar kann das im Jahr 1942 gewesen sein. Käppel erklärte mir bei dieser Gelegenheit, daß Süß ein sehr wertvoller Mann sei und in der Sache Mannheim viel gutes Material geliefert habe. Zu der Mannheimer Angelegenheit kann ich leider nichts Näheres schreiben, weil ich nur Unterorgan war und die Bearbeitung dieses Falls streng vom Chef allein bearbeitet wurde.«33 Hier geht es also um das Jahr 1942, die Lechleiter-Gruppe war aber bereits 1941 gegründet worden, und es gibt keinen Hinweis darauf, dass es den Kontakt von Gustav Süß zur Gestapo bereits vor der Verhaftung der Mitglieder der Lechleiter-Gruppe gegeben hatte. Denkbar ist ein ganz anderer Zusammenhang: In der Vernehmung hatte Lechleiter neben Langendorf auch Süß als Empfänger des Vorboten genannt. Zu Langendorf heißt es in der Urteilsbegründung: »So ist Langendorf durch die Aussage von Lechleiter überführt, diesem zumindest einmal eine Geldspende und den Aufsatz ›Die geplatzten Nähte‹ zur Veröffentlichung im Vorboten überlassen zu haben, und durch Lechleiter, zusammen mit einer Aussage von Moldrzyk, wurde Robert Schmoll belastet. Die Einlassungen von Moldrzyk und Lechleiter ergeben ferner, daß Schmoll etwa vier- bis fünfmal an Besprechungen über die Bildung einer kommunistischen Zelle im Betrieb bei Boveri & Brown teilgenommen und seine Mitarbeit zugesagt hat.«34 Die Darstellung in der Urteilsbegründung zur Belastung von Langendorf durch Lechleiter deckt sich mit der Aussage von Langendorf in dessen Gnadengesuch: »Wenn ich bei der Herausgabe der illegalen Zeitung führend oder auch nur beratend teilgenommen hätte, so würde ich wahrscheinlich verschmäht haben, ein Gnadengesuch einzureichen. So wie die Dinge aber wirklich liegen und namentlich nach dem Verhalten, das Lechleiter bei der Verhandlung mir gegenüber an den Tag gelegt hat, glaube ich, daß man mir die Berechtigung zu einem solchen Gesuch nicht absprechen kann.«35 Der Name Süß wird im ganzen Verfahren nur ein einziges Mal genannt, in der Anklageschrift Langendorfs im Rahmen der Anschuldigung gegen Lechleiter: »Ferner gab er einem gewissen Süß jeweils 10 bis 12 Stück [des Vorboten, K.-H. S.-P.].«36 Es spricht vieles dafür, dass Lechleiter den Namen Süß selbst ins Gespräch gebracht hat. Die Anklageschrift nennt noch weitere Namen von Mitgliedern der Gruppe. Demzufolge hätte Lechleiter mehrere Personen durch seine Aussage belastet. Auch wenn dies unter der Folter geschah, ändert das nichts an den Tatsachen. Süß wurde acht Wochen nach der Hinrichtung der 14 Mitglieder der Lechleiter-Gruppe Anfang November 1942 verhaftet. Über die Gründe gibt es in den Akten keine verwertbaren Hinweise. Nach Wiederherstellung seiner Wehrwürdigkeit, die ihm als politisch Verurteiltem aberkannt worden war, wurde er schließlich zur Wehrmacht eingezogen.37 Im ersten Verfahren, das am 15. März 1942 in Mannheim vor dem Volksgerichtshof eröffnet worden war, wurden am 15. Mai 1942 14 Personen zum Tode verurteilt und am 15. September 1942 in Stuttgart hingerichtet. In einem zweiten Verfahren wurden am 2. Oktober 1942 weitere fünf Personen zum Tode verurteilt und am 24. Februar 1943 hingerichtet. Bei der Frage nach dem Verbleib von Gustav Süß nehmen die Darstellungen der beiden kommunistischen Autoren schon einen geradezu zwielichtigen Charakter an. Oppenheimer schreibt: »Am 4. November 1942 wurde Süß zur Wehrmacht eingezogen und kam an der Ostfront zum Einsatz. Als in den ersten Nachkriegsjahren seine Rolle geklärt werden sollte, verschwand er von einem Tag auf den anderen. Seither fehlt von ihm jede Spur.« 38 Woher wusste Oppenheimer das? Offiziell galt Süß als vermisst. Dies ergibt sich aus einem Gutachten »über das Schicksal des Verschollenen Gustav Süß« des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) München aus dem Jahr 1972. Darin heißt es u. a.: »Das Ergebnis aller Nachforschungen führt zu dem Schluß, daß Gustav Süß mit hoher Wahrscheinlichkeit bei den Kämpfen, die im Oktober 1943 im Raum Kanew, etwa 90 Kilometer südostwärts von Kiew geführt wurden, gefallen ist.«39 Diese Aussage wurde mit einem weiteren Schreiben des DRK München am 19. Juni 2009 aktualisiert: »Neue Meldungen über den Verbleib oder den Tod von Gustav Süß liegen uns nicht vor.«40 Das Schicksal von Süß konnte erst in Zusammenarbeit mit dem Suchdienst des DRK aufgeklärt werden. Der zuständige Abteilungsleiter schrieb an den Autor am 26. Juni 2009: »Ich habe eine Fortsetzung, die nach der Vorgeschichte – vermisst in Russland – zunächst nicht passte. Wenn Sie aber sagen ›Überläufer‹ und ›überlebt‹, dann passt wieder etwas zusammen. Gustav Süß *1903, Journalist/KPD Funktionär, verh., ein Kind, zuletzt wohnhaft Berlin Ost, für die SED tätig, verhaftet durch den NKWD am 12. 07. 1946 in Mecklenburg als Agent der Gestapo eingeliefert ins NKWD Speziallager Nr. 7 Sachsenhausen dort verstorben am 30. 12. 1947.« Ein Schreiben des Suchdienstes des DRK München an das Rote Kreuz in Moskau vom 26. Juni 2009 wurde am 19. März 2010 folgendermaßen aus Moskau beantwortet: »Gustav Süß, geb. 1903 in Neustadt, Deutscher, wurde am 6. 10. 1946 gemäß Artikel 58-2 StGB der RSFSR vom Militärtribunal zu einer Freiheitsstrafe von zehn Jahren, zu verbüßen in einem Arbeitslager, verurteilt.«41 Zum Zeitpunkt seiner Festnahme gehörte Gustav Süß als Lektor dem Stab von Walter Ulbricht an.42 Vier Tage nach der Verhaftung von Süß wandte sich Anna Lechleiter in einem Brief in dieser Angelegenheit »Betr.: Fall Spitzel Gustav Süß, Aktenzeichen Br./V« an das ZK der SED. Sie teilte darin mit: »Soeben erhalte ich von Anette Langendorf von der Landesleitung Baden der KPD die Mitteilung, daß Gustav Süß in Berlin festgenommen wurde und ich Euch Angaben machen soll, was ich über den Fall weiß.« Handfeste Beweise lieferte Anna Lechleiter allerdings nicht. Es wirkt schon geradezu hilflos, wenn sie schreibt: »Wenn es für mich noch einen Zweifel gegeben hätte, ob Süß der Verräter sei, so wurde er mir genommen, als mein Mann in seinem ersten Brief aus dem Gefängnis folgende Bemerkung machte: ›Du kannst Dir denken, was das für mich ist, von einem Menschen, dem man volles Vertrauen entgegen gebracht hat, so schmählich hintergangen worden zu sein.‹«43 In einem Schreiben eines Mitglieds der Familie Lechleiter an den Autor aus dem Jahr 2003 wird der Vorgang glaubhaft wie folgt dargestellt: »Anlässlich eines Termins im ZK SED erkannte sie [Antonie Langendorf, K.-H. S.-P.] den dort ein- und ausgehenden Süß. An ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt, schrieb sie an das ZK, um vor Süß zu warnen und seine Verhaftung zu verlangen.«44 Es erfolgte die Festnahme. Später legte Antonie Langendorf hinsichtlich des Verbleibs von Süß eine falsche Spur, indem sie davon sprach, dass »Süß zuletzt im amerikanischen Internierungslager in Darmstadt gesehen worden sei.«45 Auf diese Weise versuchte sie von der Tatsache abzulenken, dass Süß vom sowjetischen NKWD verhaftet worden war. Als gesichert darf in diesem Zusammenhang angesehen werden, dass Süß vor der Inhaftierung der Mitglieder der Lechleiter-Gruppe nicht als Informant der Gestapo tätig war. Süß wurde, dafür spricht einiges, vorgeschoben, um von der Bedeutung der Aussagen Lechleiters vor Gericht abzulenken. Alles in allem hätte es genügt, den Vorboten, den Oppenheimer im Dokumententeil seines Buches abgedruckt hatte, in Verbindung mit Veröffentlichungen zur Geschichte der KPD gründlich zu lesen, um zu dem Ergebnis zu kommen, dass es sich bei der Lechleiter-Gruppe um eine kommunistische Gruppe handelte, deren Ziel nicht ein »demokratisches Deutschland«, sondern »Sowjet-Deutschland« war. Nicht zuletzt durch die Einsicht der Akten aus den Archiven der ehemaligen DDR konnte nun auch im Detail nachgewiesen werden, dass die kommunistische Geschichtsforschung es mit der Wahrheit nicht so genau nahm und sie notfalls skrupellos den Interessen der Partei untergeordnet hat. 1 Siehe Hermann Weber: Kommunistischer Widerstand, Vorläufiges Manuskript, UB Mannheim A5, Bibliotheksbereich Sozialwissenschaften (Präsenzbestand), Mannheim 1981, 5300 We 374, S. 26 sowie Erich Matthias/Hermann Weber (Hg.): Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Mannheim, Mannheim 1984, besonders S. 323. 2 Siehe Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Biographisches Lexikon, Berlin (Ost) 1970, S. 270 sowie Walter Ulbricht (Hg.): Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung von Januar 1933 bis Mai 1945, Bd. 5, Berlin (Ost) 1966, S. 315. 3 Max Oppenheimer: Der Fall Vorbote, Frankfurt/M. 1970, S. 3. 4 Der Vorbote: 1941, Dezember-Ausgabe, Stadtarchiv Mannheim, Dokumentation des Widerstands, Nr. 62, S. 13. 5 Ebd., September-Ausgabe, Nr. 59, S. 4. 6 Ebd., Dezember-Ausgabe, Nr. 62, S. 11. 7 Michael Caroli: 1939–1945 – Der Sturz in die Katastrophe, in: Ulrich Nieß/Michael Caroli (Hg.): Geschichte der Stadt Mannheim, Bd. 3, Mannheim 2009, S. 389. 8 Lagebericht der Geheimen Staatspolizeistelle Karlsruhe vom 5. Januar 1938 über die illegale marxistische und kommunistische Bewegung für das Jahr 1937; Dokument (Kopie) siehe Nachlass Fritz Salm, Stadtarchiv Mannheim unter Nachlass Fritz Salm. 9 Fritz Salm: Im Schatten des Henkers. Vom Arbeiterwiderstand in Mannheim, Frankfurt/M. 1973, S. 142. 10 Lagebericht (Anm. 8). 11 Oppenheimer: Der Fall Vorbote (Anm. 3), S. 50. 12 Ebd., S. 32. 13 Salm: Im Schatten des Henkers (Anm. 9), S. 204 f. 14 Der Vorbote: September-Ausgabe, Stadtarchiv Mannheim (Anm. 4), Nr. 59, S. 1. 15 Ebd., S. 4. 16 Oppenheimer: Der Fall Vorbote (Anm. 3), S. 42. 17 Ebd., S. 41 f. 18 Salm: Im Schatten des Henkers (Anm. 9), S. 204 f. 19 Gnadengesuch von Rudolf Langendorf vom 25. Juni 1942, Bundesarchiv Berlin, ZC 1126. 20 Oppenheimer: Der Fall Vorbote (Anm. 3), S. 37. 21 Gnadengesuch Rudolf Langendorf (Anm. 19). 22 Siehe Oppenheimer: Der Fall Vorbote (Anm. 3), S. 44. 23 Anklageschrift vom 21. April 1942, Bundesarchiv Berlin, NJ 1635, S. 12. 24 Siehe Wiedergutmachungsakte Ernst Hahner, Generallandesarchiv Karlsruhe, 480/272 u. 70390. 25 Schreiben von Kurt Burchardt an das Reichssicherheitshauptamt in Berlin vom 12. Januar 1942, als Beweismittel in der Anklageakte gegen Seizinger, Bundesarchiv Berlin, ZC 1126. 26 Salm: Im Schatten des Henkers (Anm. 9), S. 198. 27 Brief von Anna Lechleiter vom 16. Juli 1946 an das ZK der SED, Kopie im Besitz des Autors. 28 Oppenheimer: Der Fall Vorbote (Anm. 3), S. 85. 29 Siehe J. Klaus Becker: Die KPD in Rheinland-Pfalz 1946–1950, Mainz 2001, S. 494. 30 Siehe Christian Zentner (Hg.): Das große Lexikon des Dritten Reichs, München 1985, S. 526. 31 Gnadengesuch Rudolf Langendorf (Anm. 19). 32 Ebd. 33 Nach Aufforderung durch die KPD-Bezirksleitung Pfalz gab Ludwig Westermann, Kreisvorsitzender der KPD Frankenthal/Pfalz, am 2. August 1945 im Zusammenhang mit den Vorgängen um die Lechleiter-Gruppe eine Erklärung ab; Stadtarchiv Ludwigshafen, N1, Nr. 151. 34 Anklageschrift beim Volksgerichtshof vom 21. April 1942, Bundesarchiv Berlin, NJ, 1935, S. 16. Obwohl diese Betriebszelle nie bestanden hat – wovon selbst die Anklage ausging –, wurde Schmoll ebenfalls hingerichtet. 35 Gnadengesuch Rudolf Langendorf (Anm. 19). 36 Anklageschrift (Anm. 34), S. 16. 37 Zur erneuten Verhaftung von Süß, siehe Schreiben der Gestapo Neustadt a.d.H. vom 9. November 1942 an das Wehrbezirkskommando, Landesarchiv Rheinland-Pfalz Speyer, H 91, Nr. 6937 sowie zur Wiederherstellung der Wehrwürdigkeit von Süß, siehe Schreiben des Generalstaatsanwalts von Stuttgart an das Reichsjustizministerium vom 19. August 1942, Bundesarchiv Berlin, NJ 10672. 38 Oppenheimer: Der Fall Vorbote (Anm. 3), S. 86. 39 Deutsches Rotes Kreuz (DRK) in der Bundesrepublik Deutschland, Suchdienst München, Gutachten vom 16. Oktober 1972. 40 Schreiben des DRK (Anm. 39) an den Autor vom 19. Juni 2009. 41 Schreiben des DRK (Anm. 39) an den Autor vom 19. März 2010. Stimmt mit dem Eintrag im Totenbuch der Gedenkstätte Sachsenhausen überein. 42 Siehe Michael Kubina: Der Aufbau des zentralen Parteiapparats der KPD 1945–1946, in: Manfred Wilke (Hg.): Die Anatomie der Parteizentrale. Die KPD/SED auf den Weg zur Macht, Berlin 1999, S. 78. 43 Brief von Anna Lechleiter aus Zürich an das ZK der SED vom 16. Oktober 1946, Kopie im Besitz des Autors. 44 Schreiben eines Mitglieds der Familie Lechleiter an den Autor vom 3. Januar 2003. 45 Ebd.

JHK 2012

Neues Interesse an alten Ideen von Häretikern? Überlegungen zur aktuellen Wiederentdeckung von Abweichler-Meinungen im stalinistischen Kommunismus an den Beispielen Trotzkismus und Anarchismus

Hermann Weber

Ketzer gab es in fast allen Bewegungen, ob von religiöser, ideologischer oder politischer Art. Das gilt auch für die Geschichte des Kommunismus.1 Divergenzen spielten schon in den Anfängen der kommunistischen Organisationen bei den politischen und ideologischen Auseinandersetzungen eine große Rolle. Im Stalinismus sind Abweichungen nicht nur zu einem Kampfbegriff instrumentalisiert, sondern im wahrsten Sinne des Wortes für Häretiker tödlich geworden. In der marxistisch geprägten Arbeiterbewegung waren Debatten um Anarchismus und Revisionismus als Abweichungen schon früh hart und oft persönlich beleidigend. Jedoch blieben sie vom gemeinsamen Ziel bestimmt. Zu Lenins Zeiten wurde diese Form der Diskussion innerhalb der kommunistischen Parteien (KP) verschärft fortgeführt. Mit dem Aufkommen und der folgenden Allmacht des Stalinismus war das Verhalten der Führung gegenüber Abweichungen von den Vorgaben Stalins abhängig. Abweichler wurden in den KPen und der Komintern zunächst insbesondere mit dem Bannfluch Trotzkismus bekämpft, verfemt, entfernt und schließlich liquidiert. Daran änderte sich auch nach der Ermordung Leo Trotzkis durch einen Agenten Stalins in Mexiko 1940 nichts.2 Gegenwärtig wächst das Interesse an den Anschauungen kommunistischer Ketzer. Darum soll hier der Blick auf bestimmte Strömungen, nämlich Trotzkismus und Anarchismus, gerichtet werden. Auf andere Abweichungen, etwa Rechtskommunismus, verschiedene linke Oppositionsgruppen, »Titoismus« sowie den »Luxemburgismus«, kann an dieser Stelle nur verwiesen werden.3 Die Aktualität des Themas beweisen vor allem neuere Veröffentlichungen und Diskussionen über Trotzki, deren Beschreibung einen Schwerpunkt dieses Beitrages bilden soll. Konzentration ist ebenfalls bei der Betrachtung des Anarchismus nötig. Aus Sicht des Marxismus-Leninismus war auch der Anarchismus eine Abweichung vom Kommunismus. Er soll hier auf den von Max Stirner geprägten Individualanarchismus begrenzt werden. Im Folgenden werden die theoretischen Positionen von Trotzki, aber auch von Stirner, sowie deren Entwicklung und Verbreitung näher untersucht. Schließlich sind die Gründe für das gewachsene Interesse an Häretikern zu prüfen. Seit den blutigen Stalin’schen Säuberungen von 1936 bis 1938 gegen Kommunisten in der UdSSR galten Abweichler als Verbrecher. Der KPD-Verlag Neuer Weg in Berlin hatte 1945 den Kurzen Lehrgang der Geschichte der KPdSU in deutscher Sprache herausgebracht. In diesem Stalin zugeschriebenen Lügengebilde wurden Trotzkisten und andere Abweichler als »Scheusale«, als eine »Bande von Volksfeinden«, sogar als »Lakaien der Faschisten« beschimpft. Angeblich hatten Trotzkisten schon 1918 Lenin und Stalin ermorden wollen, »dieser Abschaum der Menschheit« bestand nach Stalin’scher Version »seit den ersten Tagen der Revolution« nur aus »Verschwörern« und »Spionen«. Die »Bande« sei nun »vernichtet«.4 Genau diese Verunglimpfung von Abweichlern befolgte ab 1948/49 die SED bei ihrer Stalinisierung.5 So verbreitete die SED-Zeitschrift Einheit im Mai 1949 die Schmähung, der »Trotzkismus« sei »übler Agentenunrat«. Und im zentralen Parteiorgan Neues Deutschland wurden Abweichler wie Ruth Fischer, Herbert Wehner und Erich Wollenberg als »gekaufte Agenten des amerikanischen Geheimdienstes« verleumdet; ähnlich Franz Borkenau, Ossip K. Flechtheim und andere.6 Bis zum Zusammenbruch der DDR blieb die SED bei ihrer stalinistischen Aufforderung, dass jeder Abweichler als Parteifeind zu bekämpfen sei. Auch wenn sich die Methoden der »Bekämpfung« änderten, gehörte diese stalinistische These zum Kern der Ideologie, war Bestandteil des Freund-Feind-Denkens, des Terrors. Die SED machte stets Jagd auf Dissidenten in den eigenen Reihen. Sie wurden des »Sozialdemokratismus« oder »Titoismus«, insbesondere aber des Trotzkismus beschuldigt und galten als eine ständige Bedrohung der Parteidiktatur. Trotzki war für sie der böse Geist, der Leibhaftige, der Erzfeind in ihrer Ideologie und Politik. Trotzkis Werk Leo Trotzki war die Personifizierung des Trotzkismus. Allerdings bezeichneten Stalin und die Stalinisten fast alle Oppositionellen als Trotzkisten, die sie als Todfeinde bekämpften. Die tatsächlichen Trotzkisten aber existierten meist in kleinen Gruppen, manchmal als Sekten. Sie hatten sich im September 1938 unter der Führung Trotzkis in Frankreich zur IV. Internationale zusammengeschlossen.7 Die Mehrheit der Funktionäre stammte aus der kommunistischen Bewegung, sie waren aus der Partei ausgeschlossen worden oder ausgetreten. Für die stalinistisch-kommunistischen Parteien spielten diese Trotzkisten als Ketzer, als Feindbild eine Rolle. In der praktischen Politik hatten sie als Massenparteien jedoch nur in Ausnahmefällen Bedeutung (z. B. später in Ceylon und Bolivien). Die überragende und dominierende Persönlichkeit dieser Internationale, deren wichtigster Theoretiker war Trotzki. Er war der Häretiker des Kommunismus Stalin’scher Prägung.8 Als ununterbrochen publizistisch Tätiger hinterließ er ein umfangreiches Œuvre, das in viele Sprachen übersetzt wurde. Bis zu seinem Sturz 1924 kamen die meisten seiner Arbeiten in den Verlagen der Kommunistischen Internationalen heraus. Danach erschienen viele seiner Werke, etwa über die Russische Revolution (im Verlag S. Fischer), und massenhaft Broschüren auch auf Deutsch. Natürlich sind Trotzkis Schriften von den Nazis unterdrückt worden. Von 1945 bis 1949, unter den Besatzungsmächten, fanden seine Bücher in Deutschland kaum Verbreitung, es gab keine Neuauflagen. Das änderte sich insbesondere mit der Studentenrevolte 1968. Danach beschränkte sich die Bekanntheit der Texte Trotzkis vor allem auf seine Anhänger. Wissenschaftlich edierte Gesamtausgaben erschienen relativ spät: Eine englischsprachige Ausgabe kam zwischen 1969 und 1979 in 14 Bänden in New York heraus, seit 1978 wird eine französische Gesamtausgabe in Paris veröffentlicht (bisher 24 Bände). Zwei trotzkistische Richtungen machen sich um die Verbreitung von Trotzkis Werk in deutscher Sprache schon länger verdient. Der frühere Verlag Arbeiterpresse (jetzt Mehring Verlag) hat in der Reihe »Trotzki-Bibliothek« viele seiner Arbeiten publiziert. Im ISP Verlag sind u. a. auch die letzten Bände seiner wissenschaftlich edierten Ausgabe Schriften herausgekommen. Sie erscheinen seit 1988, bisher liegen drei Bände in sieben Teilbänden vor.9 Der maßgebliche Herausgeber von wissenschaftlichen Editionen ist der wohl beste deutsche Kenner von Trotzkis Arbeiten, Helmut Dahmer.10 Von ihm stammt auch die informative kleine Broschüre Leo Trotzki – Leben und Schriften (Wien 2007). Das erste Werk Trotzkis, das nach 1945 in Deutschland publiziert wurde, war dessen wichtige Stalin-Biografie. Sie erschien 1953 in der antikommunistischen Reihe »Verlag Rote Weißbücher«. Erst 1971 gab es im Rahmen der Debatten in Zusammenhang mit den Studentenunruhen eine zweite Auflage.11 Und 30 Jahre später kam es 2001 schließlich zu einer Neuauflage im Verlag Arbeiterpresse (eine zweite Auflage davon erschien 2006). Die Stalin-Biografie wurde häufig als subjektiv gefärbt und vom Hass diktiert angegriffen, Isaac Deutscher hielt sie für Trotzkis schwächstes Werk. Doch diese letzte Arbeit Trotzkis – Stalins Agent erschlug ihn beim Abfassen des Buches, es blieb unvollendet – ist eine bedeutende historische Leistung und wesentlich für die Einschätzung der Barbarei Stalins. Schon nach den offiziellen Entlarvungen des Diktators durch die Sowjetführer (1956 und vor allem 1961) wurde klar, wie wenig verzerrt das Bild war, das Trotzki von seinem Feind gezeichnet hatte. Noch größere Verbreitung fand Trotzkis Tagebuch im Exil. Erstmals erschien es 1960 bei Kiepenheuer und Witsch in deutscher Sprache und wurde 1979 neu aufgelegt. Als Taschenbuch kam es bei dtv in großer Auflage 1962 und 1983 heraus.12 Im Tagebuch des Exilanten Trotzki aus dem Jahr 1935 sind neben politischen Bemerkungen über die damalige Lage auch persönliche Angaben zu finden. Trotzki hielt sich seinerzeit in Frankreich auf, bis er im Juni 1935 nach Norwegen reisen konnte, wo er auf Druck Moskaus isoliert leben musste. Im Dezember 1936 erlaubte ihm dann Mexiko die Einreise. Politisch interessant sind die im Tagebuch festgehaltenen Erinnerungen Trotzkis an Zusammenkünfte mit Lenin, generell aufschlussreich seine wenig überzeugenden Aussagen zum Terror. »Zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution« (so der Umschlag) gab der S. Fischer Verlag 1967 erneut Trotzkis Geschichte der russischen Revolution heraus. Beide Bände erschienen 2010 in einer Neuauflage im Mehring Verlag. In den Siebzigerjahren erschienen dann weitere Trotzki-Bücher und Broschüren. Damals konnte ich konstatieren: »Von Trotzkis Gesamtwerk fanden so drei Bereiche in der theoretischen Diskussion der sechziger und siebziger Jahre besondere Bedeutung: die Einschätzung der Sowjetunion, insbesondere die Stalinismus-Kritik, die Theorie der permanenten Revolution und die Einschätzung des Faschismus […] Es kam im Westen zu einer regelrechten Trotzki-Renaissance. Das hing freilich nicht nur mit seiner radikalkommunistischen Kritik zusammen. Trotzki zählte zu den großen politischen Schriftstellern seiner Zeit, die Sprache seiner Darstellungen ist verständlich. Vor allem aber weckte sein abenteuerliches Leben die Neugier an seiner Person.«13 Nachdem das allgemeine Interesse abebbte, wurde es ruhiger um Trotzki. Dass sich dies jedoch in letzter Zeit wieder ändert, belegen die »Hinweise auf die neueste Trotzki- und Stirner-Literatur« (2009 bis 2011) im Anhang (neben zahlreichen kleineren Schriften). Im Folgenden soll über diese Entwicklungen kurz referiert werden, um die sich daraus ergebenden Probleme zu benennen. Interessant ist zunächst, dass sich nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Russland das fortsetzte, was in der Schlussphase der Regierung Gorbatschow begonnen hatte: Erstmals seit den Zwanzigerjahren wurden in der Sowjetunion wieder Trotzki-Texte veröffentlicht. Ähnlich verhielt sich die Nachfolgerin der SED, die PDS. Der ehemalige SED-Parteiverlag Dietz in Berlin edierte 1990 zwei Arbeiten Trotzkis: zum einen Stalins Verbrechen von 1936, ergänzt um ein um Objektivität bemühtes Nachwort von Peter Bachmann; zum anderen Trotzkis Terrorismus und Kommunismus aus dem Jahr 1920, das im Rahmen der Diskussionsreihe »Soziales Denken« von Hans-Jürgen Mende herausgeben wurde. Daneben kam Trotzkis Mein Leben als Lizenzausgabe des S. Fischer Verlages heraus. Für deutsche Kommunisten waren Schriften und Gedanken des Erzfeindes Trotzki bis dahin tabu. Dass ihre Nachfolger dann 1990 selbst Werke von Trotzki herausbrachten, schien sensationell und widerspiegelte die ideologische Unsicherheit. Doch bei den »Linken« im Osten ging genau wie im Westen Deutschlands nach der Vereinigung das Interesse an Trotzki zunächst zurück. Dieser Trend hat sich geändert. Die allerjüngsten Veröffentlichungen sind vielfältig. Bei Trotzkis Denkzettel von 2010 handelt es sich um eine (veränderte) Auflage des bereits 1982 aus dem Englischen übersetzten Auswahlbandes. Das Buch bietet einen guten Überblick über viele Bereiche von Theorie und Politik, mit denen sich Trotzki befasst hatte. Es ist gut gegliedert und durch Hinweise des Herausgebers Helmut Dahmer sowie ein über 30-seitiges Sachregister glänzend erschlossen. Dass es sich um keine kritische Ausgabe handelt, wird an vielen Stellen deutlich. Die Einleitung des Historikers Alan Woods (»Im Andenken Leo Trotzki«) zeigt dies ebenso wie die fehlenden Hinweise auf Trotzkis ambivalente Rolle in Russland seit 1917. Trotzki war natürlich der Hauptgegner Stalins und des Stalinismus. Doch in den ersten Jahren nach der Revolution 1917 gehörte er neben Lenin auch zu den Verantwortlichen, die im rückständigen Russland das Ideal einer neuen Gesellschaft realisieren wollten, allerdings nur als Teil der erwarteten Weltrevolution. Als diese ausblieb, griffen sie zum »roten Terror«. Den lehnten die meisten internationalen Sozialisten ebenso ab wie die Ausschaltung der Demokratie durch Lenin und Trotzki. Das Buch Denkzettel enthält Auszüge aus Trotzkis Schrift Terrorismus und Kommunismus (1920). Sein Versuch, den bolschewistischen »roten« Terror zu rechtfertigen, war ganz im Sinne des damaligen Weltkommunismus. Das theoretische Organ der KPD, Die Internationale, bejubelte Ende 1920, dass »der Organisator des Sieges der Räterepublik, der Schöpfer der Roten Armee, Leo Trotzki« diese Haltung vertrat und die »Antiterrorschreiberei Karl Kautskys« bekämpfte.14 Doch Trotzkis Verhältnis zum Terror wird in Denkzettel fast ohne Erklärung abgedruckt. Mehr Auskunft gibt da die im Dietz Verlag erschienene Trotzki-Ausgabe, denn sie wurde zusammen mit Karl Kautskys Gegenschrift Von der Demokratie zur Staatssklaverei von 1921 herausgegeben. Für die PDS war diese Veröffentlichung 1990 überraschend, denn nun war zum ersten Mal beides vereint zu lesen: eine Schrift vom »Erzfeind« Trotzki und eine politische antibolschewistische Untersuchung vom »Renegaten« Kautsky.15 Lenin und Trotzki hatten 1918 den Kritiker Kautsky mit rüden Worten angegriffen. Bereits zuvor hatte aber auch Rosa Luxemburg die Unterdrückermethoden von »Lenin-Trotzki« zurückgewiesen, aus denen der Terror dann hervorging.16 Auf die etwas schwammige Rechtfertigung des bolschewistischen Terrors reagierte Kautsky gleichsam sarkastisch. Allerdings klingt es heute, 20 Jahre nach dem Ende des stalinistischen Kommunismus, fast prophetisch, wenn Kautsky gegen Trotzki gewandt vom »reaktionären Charakter« des Bolschewismus schreibt und die »Brutalität und Herrschsucht« des Bolschewismus als abstoßend verurteilt. Dies »bewirkt, dass er dahingehen wird, ohne etwa anderes zu hinterlassen, als Ruinen und Flüche«. Der Teilabdruck in der Anthologie von 2010 zeigt, dass Trotzki seine Ideen zum Terror in dieser Form später so nicht wiederholte, sich aber auch nicht von seiner Haltung im Bürgerkrieg distanzierte. Sein Hang zur Rechthaberei wird darin offensichtlich. Doch darf nicht vergessen werden, dass Gewalt in terroristischen Formen nicht etwa der »Ideenwelt« Trotzkis entsprang, sondern eine Folge des barbarischen Ersten Weltkrieges war. Gerade eine Textsammlung wie Denkzettel macht deutlich, dass Trotzki einer der vielseitigsten, eigenwilligsten, begabtesten, aber auch schillerndsten Revolutionäre des 20. Jahrhunderts war, eine charismatische Persönlichkeit. Viele seiner Gedanken weisen weit über die damalige Zeit hinaus, andere zeigen seinen Dogmatismus. Der Vorteil dieses Auswahlbandes liegt darin, dass dort nicht nur Trotzkis marxistische Auffassungen von Theorie und Politik nachzulesen sind, sondern auch seine Überlegungen zur Moral oder Gedanken zur Literatur.17 In Denkzettel sind auch Texte enthalten, die nach den 70-jährigen Erfahrungen seit der Ermordung Trotzkis in anderem Licht erscheinen. Im letzten Teil über »Visionen der Zukunft« stehen Sätze, die erschrecken. Etwa wenn Trotzki 1932 meint, in der neuen Gesellschaft »wird der Mensch sich selbst in Arbeit nehmen, in den Mörser, in die Retorte des Chemikers. Die Menschheit wird zum ersten Male sich selbst als Rohmaterial, bestenfalls als physisches und psychisches Halbmaterial betrachten.« Und er glaubte, dann werde der Mensch »einer neuen und glücklichen Rasse den Weg ebnen«. Eine ähnliche Vision hat Helmut Dahmer in einer anderen Trotzki-Auswahl schon vor sechs Jahren abgedruckt und für Denkzettel erneut ausgewählt.18 Bereits 1923 hatte Trotzki sich mit der zukünftigen Entwicklung der Menschheit beschäftigt und Utopien der »Gesellschaft der Zukunft« verfasst. Er träumte: »Der durchschnittliche Menschentyp wird sich bis zum Niveau eines Aristoteles, Goethe und Marx erheben.« Und danach verwendete er – entsprechend dem Zeitgeist – Begriffe wie »künstliche Auslese« und »Übermensch«. Solche, insbesondere nach den grässlichen Erfahrungen der NS-Barbarei, bedenklichen Thesen der Eugenik lassen erkennen, dass einige Ideen Trotzkis – wie die anderer bedeutender Persönlichkeiten – zeitbedingt sind und nicht überbewertet werden sollten. Auch Trotzki eignet sich nicht als Kultfigur. Einerseits sind verschiedene Texte Trotzkis beeindruckende kritische Analysen, zum Kapitalismus, insbesondere seine bestechenden Aussagen zum Faschismus. Viele fruchtbare Ansätze, auch methodischer Art, finden sich in den Beiträgen zur sowjetischen Entwicklung und in seiner Stalinismus-Kritik. Andererseits gehört zu seinen Fehleinschätzungen die Vorstellung, die Sowjetunion bleibe eine Übergangsgesellschaft zum Sozialismus, oder die These, die UdSSR sei trotz Stalin ein »degenerierter Arbeiterstaat«. In seinen weltpolitischen Betrachtungen blieb Trotzki auf die Oktoberrevolution fixiert, hielt sie für beispielhaft für andere Länder, obwohl sie ein einmaliger Vorgang war. Trotzkismus Trotzkis Ideen sind durch ihre Rahmenbedingungen, die Entwicklung der kommunistischen Bewegung, insbesondere in Russland, zu begreifen. Zum Verständnis beitragen kann der Band von Wadim S. Rogowin Trotzkismus, der im Oktober 2010 erschienen ist, nachdem er 1992 bereits in russischer Sprache publiziert worden war. Der 1998 verstorbene Autor hatte in vorhergehenden Bänden schon Untersuchungen zu Stalinismus und Opposition vorgelegt.19 In Trotzkismus behandelt Rogowin die Periode von der Oktoberrevolution 1917 bis zum Parteitag 1927, der der Opposition »den Garaus machte«. Untersucht wird Trotzki in seiner Zeit, ebenso die Entstehung und Entwicklung des Trotzkismus. In diesem Zusammenhang sei auf die vom Autor angesprochene Frage verwiesen, wieso Trotzki, der seit 1917 immer nur in einem Atemzug mit Lenin genannt wurde, 1923 so rasch die Macht verlieren konnte. Erwähnt wird die – von Trotzki immer wieder betonte – Herrschaft der Sowjet-Bürokratie, benannt werden aber auch »Trotzkis Fehler«, die 1923 zum Sieg des Triumvirats (Sinowjew, Kamenew, Stalin) und damit zum raschen Aufstieg Stalins führten. Auch ein anderer Faktor hatte zur Niederlage beigetragen, der nicht unerwähnt bleiben darf: Trotzkis »Antibolschewismus« bis 1917. Die alten Bolschewiki nutzten Trotzkis Streit mit Lenin bis zur Oktoberrevolution aus. Dieser Antibolschewismus, der nicht nur Trotzkis Theorie der permanenten Revolution betraf, sondern auch dessen Warnungen (ähnlich wie die Rosa Luxemburgs) vor Lenins Überzentralismus und die Befürchtungen vor den undemokratischen Zentralismus-Ideen der Bolschewiki,20 schien 1917 allerdings beendet. Während Lenin sich der Idee der permanenten Revolution von Trotzki angeschlossen hatte, bekannte sich dieser nunmehr zu den bolschewistischen Dogmen. In der Opposition gegen Stalin verharrte Trotzki fast unterwürfig bei seiner Gefolgschaft zu Lenin und blieb krampfhaft bei seinem Anspruch, der wahre Nachfolger Lenins zu sein. Das war zunächst nur ein strategischer Schritt, um aus der Außenseiterrolle herauszukommen. Doch Trotzkis bis zuletzt (auch bei der Gründung der IV. Internationale) immer wieder demonstriertes Bekenntnis zum Bolschewismus wird weder von Rogowin noch in Broués Trotzki-Biografie deutlich genug hervorgehoben, bleibt letztlich unerklärlich. Für den Trotzkismus ist dies ein Problem. Rogowin beschreibt die Entwicklung der linken Opposition, der Trotzkisten, in der Sowjetunion nur bis 1927. Die weitere Geschichte des Trotzkismus bis 1939 hatte er bereits in einem längeren Teil seines Bandes Weltrevolution und Weltkrieg dargestellt.21 2009 hat Helmut Dahmer in seinem Sammelband Divergenzen auch Artikel aus mehreren Jahrzehnten zu »Utopia« abgedruckt. Darin befasst er sich mit »Abweichlern« wie Bakunin, Orwell, Radek, Lukács, Bloch und natürlich auch Trotzki (»Feder und Schwert«). Dahmer hat einen bemerkenswerten Hinweis gebracht: »Außer ein paar Fachgelehrten und Sektierern liest niemand mehr Stalins Schriften oder die von Mao Zedong, keiner will sich mehr dieser Götzen erinnern. Trotzki aber lebt im Gedächtnis vieler Menschen fort als Revolutionär und Literat, als ein Mann der Feder und des Schwerts. Seine Autobiographie und seine Geschichte der russischen Revolution findet noch immer ihre Leser. Und sogar die IV. Internationale, die kleine revolutionäre Organisation […] hat bisher überlebt.«22 Solche Überlegungen lassen erkennen, dass die Vielzahl der Veröffentlichungen von und über Trotzki in jüngster Zeit nicht von ungefähr kommt. Das gilt auch für die Frage, Was ist der Trotzkismus?, die verschiedene Autoren in Broschüren versuchen zu beantworten.23 Zu einem öffentlichen Streit über Trotzki führten drei englischsprachige Trotzki-Biografien, die 2003 (Ian Thatcher), 2006 (Geoffrey Swain) und 2010 (Robert Service) erschienen sind und die den Trotzki-Anhänger David North zu einer streitbaren Verteidigung Leo Trotzkis veranlassten. Sein Buch wurde 2010 in englischer und deutscher Sprache veröffentlicht und macht deutlich, wie gegensätzlich Trotzki bis in unsere Tage bewertet wird. Die drei englischen Historiker sind nicht Kritiker im Sinne einer seriösen Trotzki-Biografie, wie sie seinerzeit Isaac Deutscher in einer dreibändigen Untersuchung vorlegte (die nun von allen drei neuen Autoren heftig angegriffen wird). Sie wollen vielmehr den »Mythos« Trotzki »entlarven« und die Bedeutung des Revolutionärs anzweifeln. Bei Service’ Gliederung fällt auf, dass er Trotzkis Rolle in der Revolution von 1905 (die von westlichen Historikern fast immer hervorgehoben wurde) im ersten Teil (1879–1913) nur in einem Unterkapitel von neun Seiten – bei einem Gesamtumfang von 600 Seiten – versteckt. Und noch erstaunlicher ist, wie Service in einem dritten Teil (1920–1928) Trotzkis Wirken im revolutionären Russland einfach mit dessen Absetzung und Verbannung verknüpft, was ganz offensichtlich seiner Absicht entspricht (ähnlich bei Thatcher oder Swain), Trotzki nur in negativem Licht darzustellen. Dies ist jedoch nichts Neues, denn im Stalinismus wurde Trotzki als Verbrecher diffamiert,24 von den Nazis als »jüdischer Bolschewist« verdammt, aber auch von konservativer Seite generell abgelehnt. Die Trotzki-Biografie von Robert Service erfuhr zu Recht heftigen Widerspruch. Es ist abwegig, wenn Service die Autoren der anerkannten Standardwerke, Isaac Deutscher und Pierre Broué, als »Götzendiener« angreift, aber selbst lediglich eine Schmähschrift vorlegt. In seiner Widerlegung der Thesen von Service hat David North diesen als »Hasserfüllten« abqualifiziert, gleichzeitig in seiner Gegenschrift auch eine Fülle von sachlichen Fehlern nachgewiesen und eklatante Fehleinschätzungen benannt. Die Belege von Service sind oft unzuverlässig und schwer zugänglich. Manche der angegeben Quellen zeigen eher das Gegenteil der Behauptungen von Service. Inzwischen hat sich der Trotzki-Biograf Bertrand Patenaude in The American Historical Review der Kritik von North angeschlossen.25 Auch andere Historiker bezeichnen als Ziel der Arbeit von Service die Diskriminierung Trotzkis, wobei der Autor bedauerlicherweise vielfach auf Formeln zurückgreift, die aus der stalinistischen Propaganda bekannt sind. Angeprangert werden ebenfalls Passagen von Service (siehe S. 192, 202, 205), in denen er auch Argumente mit »Belegen« aus dem antisemitischen Lügensumpf übernimmt. North wirft Service »Rufmord« vor. Er schreibt, dieser sei in seiner Stalin-Biografie von 2005 »mit dem sowjetischen Diktator und Massenmörder viel respektvoller« umgegangen als nun mit Trotzki. Die neue Trotzki-Biografie von Bertrand Patenaude, im Dezember 2010 auch auf Deutsch erschienen, ist von ganz anderer Art.26 Der Autor legt Fakten vor, schildert anhand neuer Quellen Trotzkis Leben und erstmals bis ins Detail dessen mexikanisches Exil. Das Buch ist packend geschrieben, die Zeit in Mexiko von 1937 bis zu Trotzkis Ermordung 1940 wird »genauer und detailreicher als irgendwo zuvor erzählt«.27 Inzwischen dient das Schicksal Trotzkis wieder einmal als Romanvorlage. Der kubanische Schriftsteller Leonardo Padura hat in seinem Buch Der Mann, der Hunde liebte (kürzlich auch als Sensation in Kuba verbreitet) Trotzki als Hauptfigur neben seinem Mörder Ramón Mercader vorgestellt.28 Die Aktivitäten der Strömungen, die sich orthodox auf Trotzki berufen, kommen nicht nur in Darstellungen zu Trotzkis Theorie und Praxis zum Ausdruck, sondern ebenso in Lebensbeschreibungen führender trotzkistischer Funktionäre. Das zeigt beispielsweise eine umfangreiche Biografie über Ernest Mandel (1923–1995), einen der bedeutenden Trotzkisten der Zeit nach 1945. Das Werk von Jan Willem Stutje ist eine differenzierte Untersuchung des Lebens und Wirkens von Mandel in der trotzkistischen Bewegung Westeuropas.29 Als radikaler Politiker der IV. Internationale war Mandel in deren Alltag eingebunden. Er wird mit seinen Hauptwerken Marxistische Wirtschaftstheorie und Spätkapitalismus vorgestellt, ebenso wird seine Haltung zum Ende des stalinistischen Kommunismus thematisiert. Dessen Zusammenbruch erfolgte völlig anders als Trotzki und mit ihm Mandel erwartet hatten. Statt eines Sieges der Arbeiterbewegung kam es in einer schwachen Demokratie zu einem rüden Kapitalismus und der Dominanz des Finanzkapitals. Erfreulich für Mandel, dass sein Buch Trotzki als Alternative 1992 noch im Dietz Verlag publiziert wurde. Im größeren Maße als andere Abweichungen im Kommunismus ist die Thematik Trotzkismus untersucht, und die Forschungen gehen weiter. Dass die Motive unterschiedlich und die Ergebnisse konträr sind, kann dabei nicht überraschen. Eher ist schon erstaunlich, dass andere Häretiker, die z. B. zwischen Kommunismus und Anarchismus standen und oft als Anarchokommunisten bezeichnet werden, weit weniger intensiv bearbeitet, ja kaum »entdeckt« sind. Hier sei nur auf Franz Pfemfert verwiesen, der am Ende der Weimarer Republik mit Trotzki verbunden war. Seine Zeitschrift Die Aktion war das bedeutsame literarische Organ des Expressionismus und Pfemfert nach 1919 als Ketzer im Kommunismus bekannt.30 Dessen harsche und oft sarkastische Angriffe gegen alle organisierten Strömungen der Arbeiterbewegung, insbesondere aber die radikale Ablehnung des Stalinismus, darüber hinaus sein Einsatz gegen den Krieg, sind seltener im Gespräch. Allerdings liegt seit 2003 eine ausführliche Biografie über seine Frau, Alexandra Ramm-Pfemfert, vor. Sie hat fast alle antistalinistischen Werke Trotzkis übersetzt.31 Bemerkenswert für Pfemfert ist, dass er schon 1911, im ersten Jahrgang seiner Aktion, einen Beitrag des Anarchisten Max Stirner aus dessen Nachlass veröffentlichte und im Mai 1913 »Gedanken von Stirner«. Anarchismus Wie in der gesamten Arbeiterbewegung gab es auch im Anarchismus zahlreiche Richtungen. Ihr einheitliches Ziel war die Beendigung der Herrschaft von Menschen über Menschen, vor allem waren sie Gegner jeden Staates. Aber hinsichtlich Taktik und Organisierung einer anarchistischen Bewegung vertraten die herausragenden Theoretiker des Anarchismus, unter ihnen Pierre-Joseph Proudhon, Michail Bakunin, Peter Kropotkin, Gustav Landauer, Johann Most, voneinander abweichende Meinungen. Der Anarchismus war vor allem in den romanischen Ländern verbreitet, gewann jedoch gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch weltweit Anhänger, etwa in den USA oder Russland.32 Die Literatur über seine verschiedenen Strömungen ist umfangreich.33 Peter Lösche hat 1977 einen Forschungsüberblick vorgelegt,34 der zeigt, wie schwierig es ist, die vielfältigen Richtungen des Anarchismus zu beschreiben und damit auch zu unterscheiden. Seine allgemeine Definition lautet: »Ziel des Anarchismus ist die herrschaftsfreie Gesellschaft, die Anarchie. An die Stelle der Herrschaft von Menschen über Menschen tritt die Selbstorganisation der autonomen Persönlichkeiten, die ihre humanen Potentialitäten voll realisiert haben. Diese Gesellschaft ist nicht chaotisch, sondern nach dem Prinzip des Föderalismus organisiert.«35 Lösche geht auf den Anarchismus in Deutschland, Spanien und Russland ein, untersucht auch den Rätekommunismus und Syndikalismus, schließlich den »aktuellen Anarchismus« bis in die Siebzigerjahre. Auf seine Arbeit kann hier verwiesen werden. Anarchisten nahmen bis zum Ende des Ersten Weltkrieges und dann in der Weimarer Republik auf der linksradikalen Seite der Arbeiterbewegung einen festen Platz ein.36 Nach 1918 gab es Verbindungen zwischen Linkskommunisten, Syndikalisten und Anarchisten. Die KPD bekämpfte vor allem die Anarchokommunisten. Sie befürchtete ideologische Überschneidungen zum ultralinken Flügel ihrer Partei. Mit dem hier zu untersuchenden Individualanarchismus37 im Sinne Max Stirners hatten die Parteikommunisten wenig Kontakt und daher auch – außer den üblichen Beschimpfungen – kaum etwas mit ihm zu tun. Max Stirner und der Individualanarchismus Darstellungen des Anarchismus messen Max Stirner und seinem Werk Der Einzige und sein Eigentum von 1844 eine mehr oder minder bedeutende Rolle zu.38 In der breiten Öffentlichkeit ist Stirner heute beinahe unbekannt. Doch werden seine Thesen inzwischen in kleinen Kreisen mehr und mehr diskutiert. Hier zunächst kurze Anmerkungen zur Person und zum Werk Stirners. Max Stirner wurde 1806 in Bayreuth als Johann Caspar Schmidt geboren, stammte aus einfachen Verhältnissen und verlor früh den Vater. Nach dem Besuch des Gymnasiums studierte er u. a. in Berlin bei Hegel, gehörte zu den Linkshegelianern und schloss sich dort den sogenannten Freien an. Diese galten als »äußerste Linke«, waren politisch radikal und antireligiös eingestellt. Zu ihnen zählten Ludwig Feuerbach, die Brüder Bruno und Edgar Bauer und weitere damals bekannte radikale Schriftsteller, daneben ebenso Theoretiker wie Friedrich Engels. Von Letzterem stammt die einzige Zeichnung Stirners, auf der dessen hohe Stirn zu sehen ist, der er sein Pseudonym verdankt. Eine Fotografie von ihm existiert nicht.39 Stirner veröffentlichte außer seinem Hauptwerk Der Einzige und sein Eigentum nur verhältnismäßig wenig. Spektakulär war seine von den »Freien« organisierte Hochzeit mit Marie Dähnhardt im Oktober 1843, bei der dem Pfarrer nicht die üblichen Goldringe, sondern Messingringe zur Trauung übergeben wurden.40 Als sich Stirners vermögende Frau bereits 1847 von ihm trennte, waren »zunehmende Verarmung und Not« für ihn die Folge. 1853 und 1854 musste er sogar mehrere Monate ins Schuldgefängnis.41 Noch keine fünfzig Jahre alt, starb Stirner 1856 in Berlin, wo er auch begraben ist. Jahrzehntelag gerieten seine Person und sein Werk danach in Vergessenheit. Die zweite Auflage seines Buches erschien 1882 ohne Widerhall. Doch zehn Jahre später, dank seines Anhängers John Henry Mackay, wurde der Band 1893 erstmals bei Reclam in einer preiswerten Auflage von 10 000 Exemplaren verlegt.42 Es kam zu einer Renaissance des Philosophen Stirner, seine Arbeit fand nun auch international Verbreitung (Übersetzungen u. a. 1900 in Paris, 1902 in Moskau, dort auch noch 1918, 1907 in New York). Stirner, der umstritten blieb, wurde mit vielerlei Bezeichnungen belegt. Zusammenfassend hat der Stirner-Kenner Bernd A. Laska festgehalten: »Weithin bekannt sind sein Name und der Titel seines einzigen Buches, ›Der Einzige und sein Eigentum‹ (1844) – dazu einige seiner Sentenzen, z. B. ›Mir geht nichts über Mich‹ oder ›Ich hab’ Mein’ Sach’ auf Nichts gestellt‹. Historisch wird Stirner meist als Hegelschüler, als Links- bzw. Junghegelianer gesehen, systematisch als Egoist, Nihilist, Nominalist, Solipsist oder sonst wie extremer Individualist, politisch als Anarchist. Oft wird er auch als Vorläufer Nietzsches und verschiedener existenzphilosophischer Denker gesehen.«43 Stirners Werk Der Einzige und sein Eigentum ist ein radikales Bekenntnis zum Individualismus. Die Einleitung »Ich hab’ Mein’ Sach’ auf Nichts gestellt« wurde später als Nihilismus und im 20. Jahrhundert auch als Idee der Existentialisten bewertet. Das Buch zeigt Stirners Kritik an damaligen Vorstellungen der Linkshegelianer. Es war sein Versuch der »Revolutionierung des Bewusstseins«, so der Marxist Max Adler. Meine eigene frühe Einschätzung Stirners war vom Zufall geprägt – ich hatte das Werk schon 1947 von dem ehemaligen Anarchisten Eduard Bischoff geschenkt bekommen – und richtete sich gegen den Kollektivismus auf der SED-Parteihochschule: Deshalb gab ich mir dort fast provokativ den Namen Max Stirner, den freilich kaum einer kannte.44 Stirners frühere Mitstreiter (Feuerbach, Bauer u. a.) kritisierten sein Buch. Besonders interessant ist indes, dass Friedrich Engels zunächst bei aller Kritik an dem Werk im November 1844 an Marx schrieb, dass Stirner konsequent sei, weil er »den Einzelnen als Atheist auch über Gott stellte«. Und Engels urteilte, das Buch sei »wichtig«: »Wir müssen es nicht beiseit werfen, sondern darauf fortbauen.« Es sei »eine Kleinigkeit, dem Stirner zu beweisen, dass seine egoistischen Menschen notwendig aus lauter Egoismus Kommunisten werden müssen«. Allerdings monierte Engels Stirners Abstraktion: Er »hat offenbar von den Freien am meisten Talent, Selbstständigkeit und Fleiß, aber bei alledem purzelt er aus der idealistischen in die materialistische Abstraktion und kommt zu nichts«.45 Die direkte Antwort von Marx ist nicht bekannt, ganz offensichtlich konnte er Engels jedoch umstimmen, denn beide haben Stirner in ihrer Deutschen Ideologie als »St. Max« und »Sancho« sarkastisch abgekanzelt. Ihr Manuskript, das verloren schien, konnte erst 1932 in der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) abgedruckt werden. Darin wurde, neben Kritik an Feuerbach, Bauer und anderen, Stirner lang und breit »verrissen«, die Auseinandersetzung mit ihm umfasste zwei Drittel des Bandes.46 In der Folge war der »Beitrag marxistischer Autoren zur Anarchismusforschung gering«.47 Bei den Kommunisten geriet Stirner fast ganz aus dem Blickfeld. Das gilt für den gesamten Anarchismus. Von Stalin stammt die Broschüre Anarchismus oder Sozialismus? (1906),48 worin er (in der ihm eigenen simplen Art) kaum auf die tatsächlichen Ideen der Anarchisten einging. Wie die Abweichler insgesamt, werden die Anarchisten in der Geschichte der KPdSU (B), Kurzer Lehrgang als »kriminelle, verbrecherische und provokatorische Elemente aus dem Abschaum der Gesellschaft« (S. 245) wüst beschimpft, Stirner wird totgeschwiegen. Als anarchistische Ideen in den Siebzigerjahren im Zuge der Studentenrevolte in der Bundesrepublik wieder aktuell wurden, setzte sich auch die SED mit »Anarchismus heute« polemisch auseinander. Dabei wurde die »Geschichte des Anarchismus« mehr als dürftig behandelt.49 Ganz kurz wird auch »Max Stirner (1806–1865) [sic!]« erwähnt, der »einen extremen Subjektivismus und Individualismus vertrat«.50 Tatsächlich gab es zu Beginn des Kommunismus auch differenziertere Überlegungen zum Anarchismus. Lenin ging z. B. in Staat und Revolution auf Georgi Plechanows Broschüre Anarchismus und Sozialismus ein. Er lobte das darin enthaltene »wertvolle Material zur Geschichte der Ideen Stirners, Proudhons u. a. m.«, wandte sich aber gegen »plumpe« Verurteilungen von Anarchisten und des Anarchismus.51 Unter linken Intellektuellen und Künstlern fand Stirner vor und nach der deutschen Novemberrevolution von 1918 durchaus Sympathisanten. Beispielsweise schätzten ihn etwa Erich Mühsam oder der Schriftsteller Oskar Maria Graf sehr. Dieser schrieb: »Das Schlagwort darin [in Stirners Einziger, H. W.]: ›Mir geht nichts über mich‹ […] nahm ich auf wie ein Evangelium.«52 Und sein Freund, der Maler Georg Schrimpf, soll ganze Passagen aus Stirners Buch auswendig rezitiert haben. Doch nach 1929 erschien jahrzehntelang keine deutsche Ausgabe mehr von Stirners Werk, es war still um ihn geworden. Erst über 40 Jahre später, 1972, veröffentlichte Reclam in Stuttgart wieder einen preiswerten Band.53 Allerdings hatte es bereits 1968 eine Neuauflage des Werkes gegeben.54 Deren Herausgeber Hans G. Helms war jedoch ein Anhänger von DKP-Thesen und ein Stirner-Hasser. Dennoch sieht Laska, trotz der vorgenommenen Verkürzungen des Textes, damit eine »zweite Stirner Renaissance« eingeleitet.55 Diese schwankte zwar, aber Stirner blieb im Gespräch. In den Achtzigerjahren war z. B. in Freiburg im Breisgau eine Mackay-Gesellschaft aktiv,56 und ab 1993 publiziert die Mackay-Gesellschaft Berlin-Hamburg die Zeitschrift espero als Forum für libertäre Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung. In jüngster Zeit wächst das Interesse am Häretiker Stirner, wenn auch nicht so stark wie am Abweichler Trotzki. Während es seit Jahrzehnten organisierte Gruppen von Trotzkisten gibt, die einerseits in der Tagespolitik aktiv sind, aber zugleich die Ideengeschichte Trotzkis durch Veröffentlichung seiner Schriften und Diskussionen weitertreiben, gibt es zu Stirner keine vergleichbaren Traditionsorganisationen. Doch wie schon früher existieren Gesellschaften. Ähnlich wie die seines Anhängers Mackay besteht seit 2002 eine Max-Stirner-Gesellschaft, und in Leipzig gibt es ein Stirner-Archiv. Eine ganze Reihe von Zeitschriften führen Diskussionen über dessen Ideen. Von 1998 bis 2006 brachte das Leipziger Stirner-Archiv die Zeitschrift Der Einzige heraus, seit 2008 erscheint das gleichnamige Jahrbuch. Dieses versammelt bemerkenswerte Artikel, z. B. 2010 über den Anarchisten Ret Marut, später bekannt als Schriftsteller B. Traven und dessen Stirner-Rezeption.57 2011 beschäftigen sich die Beiträge u. a. mit Stirners Einfluss auf die Literatur. Mittlerweile wird Max Stirners Werk wieder häufiger in deutscher Sprache publiziert, z. B. 2004 in Nürnberg und 2005 in Erftstadt (diese Ausgabe wurde mit Recht kritisiert, weil auf den wichtigen Eingangsteil »Ich hab’ Mein’ Sach’ auf Nichts gestellt« verzichtet wurde). Vom Reclam-Band von 1981 erschienen weitere Auflagen. 2009 gab Bernd Kast eine ausführlich kommentierte Studienausgabe heraus.58 Darin wird sogar Stirners Leitmotiv »Ich hab’ Mein’ Sach’ auf Nichts gestellt« als Zeile eines Goethe-Gedichts von 1806 nachgewiesen. Die umfangreiche Untersuchung von Alexander Stulpe hat Laska kritisch rezensiert.59 Selbst in der Presse wird Stirner zur Kenntnis genommen, z. B. bereits 1984 in der Zeit, 2003 in Neues Deutschland sowie 2009 im ehemaligen FDJ-Organ Junge Welt.60 Seitdem Die Deutsche Ideologie von Marx und Engels in der Wissenschaft erneut Aufmerksamkeit erhält, rückt auch Stirner wieder stärker in den Blick: Anlässlich des 125. Todestages von Karl Marx fand 2008 ein Workshop der Friedrich-Ebert-Stiftung statt, im Rahmen dessen Ulrich Pagel über die Stirner-Rezeption von Marx in der Deutschen Ideologie referierte.61 Zum gleichen Thema lieferte auch Ariane Fischer im Marx-Engels-Jahrbuch 2008 einen Beitrag.62 Die neue »Popularität« Stirners trägt inzwischen auch eigenartige Früchte. So erschien 2009 Der Einzige und sein Eigentum – aber nicht von Stirner, sondern von Michalis Pichler. Diesen Band bezeichnete der Stirner-Kenner Jochen Knoblauch in seiner Rezension als »Kunst-Buchprojekt« und sieht darin eine »interessante Variante« der »künstlerischen Auseinandersetzung« mit Stirner, wobei von den »402 Textseiten immerhin über 100 Seiten leer geblieben sind«.63 Was sind die Gründe für das neue Interesse an Häretikern? Trotzki und auch Stirner werden wieder gedruckt, was bedeutet, ihre Ansichten werden verbreitet, gelesen und diskutiert. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass Karl Marx, der nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime »erledigt« schien, ebenfalls wieder Konjunktur hat. Dessen Erklärungen zu gesellschaftlichen Krisen finden in der gegenwärtigen Situation wieder verstärkte Aufmerksamkeit. Die hier beschriebenen Abweichungen vom offiziellen Kommunismus haben durch die Verbreitung der Ideen von Trotzki und auch Stirner allgemein an Bekanntheit gewonnen, während durch das Ende kommunistischer Diktaturen die Dogmen des »Marxismus-Leninismus« oder gar Stalins nur noch am Rande eine Rolle spielen. Der Trotzkismus blieb hingegen weiterhin eine originäre oppositionelle Bewegung. Doch u. a. sein Bekenntnis zum Bolschewismus bzw. ständige Spaltungen begrenzten seinen Einfluss meist auf kleine Gruppen, auch wenn diese mit der IV. Internationale eine weltweite Organisation bildeten. Die Individualanarchisten waren immer nur Sekten, die nie politische Bedeutung erlangen konnten. Anders als Rechtskommunisten, Anarchokommunisten oder ähnliche Gruppen sind sie jedoch im Gespräch, was zeigt, dass Trotzki und in geringerem Maße auch Stirner als Theoretiker und Philosophen, als Häretiker mit ihren Ideen vor allem bei Jüngeren gefragt sind. Das hat vielfältige Ursachen. Generell scheinen zwei Hauptgründe vorzuliegen, die sich weniger aus der Ideengeschichte erklären lassen, sondern vielmehr von allgemeingesellschaftlichen Verhältnissen bestimmt werden. Zu benennen sind einerseits der Zusammenbruch des Kommunismus und andererseits die wiederholten Krisen, in die das globalisierte Finanzkapital die Welt immer wieder stürzt, wodurch die Ungerechtigkeit in der Welt noch zunimmt. Es ist davon auszugehen, dass die Leser – wie schon immer – zumeist nachdenkende, gebildete, mit den Zuständen unzufriedene Menschen sind, Suchende, die Alternativen zum »Heuschrecken«-System der Profitgier erstreben. Selbst in den USA entwickelt sich eine soziale Bewegung gegen die Wall Street. Das Ende kommunistischer Regime bewies, dass totalitäre Diktaturen mit ihren »linken« Verheißungen, eine »bessere Welt zu schaffen«, in der Barbarei Stalins mündeten. Die Frage ist zu stellen: Worin lagen die Ursachen für die Wandlung des Kommunismus aus einer Abspaltung von der sozialen Emanzipationsbewegung der Arbeiter mit dem Ziel der klassenlosen Gesellschaft in ein Regime der Unterdrückung und des Massenterrors? Antworten darauf hoffen kritische Linke auch in Trotzkis Werken zu finden. Schließlich gehörte er ursprünglich zu den Verantwortlichen der kommunistischen Richtung und zählte in der Folge zu den konsequentesten Gegnern Stalins. Und es war Trotzki, der an den Grundlagen des Stalin’schen Kommunismus rüttelte, indem er dessen Rechtfertigung und Verschleierung als angeblich »sozialistisches« System enthüllte. Er entlarvte die blutige Diktatur, den Gegensatz von Ideologie und Wirklichkeit, von Anspruch und Realität. Die Behauptung des Stalinismus, in der UdSSR sei der Sozialismus im Sinne von Marx verwirklicht, weil dort anstelle des Privateigentums an Produktionsmitteln das Staatseigentum eingeführt worden war, diente manchem Linken als Rechtfertigung, in der Sowjetunion bestehe der Sozialismus. Solch eine Sicht führte zur Verblendung gegenüber dem Terrorregime und seinen Privilegien. Trotzki lieferte den einfachen, aber anschaulichen Gegenbeweis: »… wenn ein Dampfer zum Kollektiveigentum erklärt wird, die Passagiere aber nach wie vor in erste, zweite und dritte Klasse eingeteilt werden, so ist klar, dass für die Passagiere der dritten Klasse der Unterschied in den Existenzbedingungen von weit größerer Bedeutung sein wird als der juristische Eigentumswechsel. Umgekehrt werden die Passagiere der ersten Klasse bei Kaffee und Zigarren dem Gedanken huldigen, das Kollektivgut sei alles, die bequeme Kajüte dagegen nichts.«64 Es ist durchaus logisch, dass kritisch-suchende Menschen damals wie heute mit »abweichenden« Überlegungen vor falschen politischen Vereinfachungen bewahrt werden können. Durch den Zusammenbruch des Kommunismus sind auch Stirners Thesen von der ausschlaggebenden Bedeutung des »Ich« gegenüber dem Kollektiv interessanter geworden. Ein zentraler Ausspruch von ihm lautet: »Das Göttliche ist Gottes Sache, das Menschliche Sache ›des Menschen‹, Meine Sache ist weder das Göttliche noch das Menschliche, ist nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie etc., sondern allein das Meinige, und sie ist keine allgemeine, sondern ist – einzig, wie Ich einzig bin. Mir geht nichts über Mich!«65 Stirners überzogenes Bekenntnis zum Individualismus ist das Gegenbild zum Kollektivismus des Kommunismus. Doch nicht nur Engels betrachtete solchen Egoismus einst schon in ganz anderem Licht, und auch in der Literatur wird darauf verwiesen, dass Stirners Ideen nicht mit der Akzeptanz des Kapitalismus gleichzusetzen waren. Schließlich konstatierte Stirner: »Geld regiert die Welt ist der Grundton der bürgerlichen Epoche.«66 Als »Freier« agierte Stirner schon vor über 150 Jahren gegen die Ellbogenmentalität der Kapitalisten. Und als Staatsfeind, Antiautoritärer und Gegner der bürgerlichen Gesellschaft ist Stirner kaum als Verteidiger des Kapitalismus zu sehen. Er war ein grundsätzlicher Anarchist, seine Ideen entsprachen – genauso wenig wie auf der anderen Seite die Trotzkis – nicht dem »angepassten« Zeitgeist. Das erneute Interesse an solchen Denkern ist wohl auf deren kritische Abweichler-Haltung zurückzuführen. Und damit stehen beide in der Tradition von Marx – Trotzki als sein Schüler und Stirner als sein Gegner. Aktuell ist das Motto von Marx, »An allem ist zu zweifeln«, was als ein genauer, kritischer Blick und als Ablehnung von Glaubensdogmen zu verstehen ist. Stirners Losung »Ich hab mein’ Sach’ auf Nichts gestellt« zielt dabei in die gleiche Richtung. Beiden ging es darum, die Ideen der Aufklärung fortzuführen. Sie erwarteten, dass nur die radikale Kritik an Praktiken und Doktrinen Chancen für Änderungen unsozialer oder gar diktatorischer Zustände bieten würde. Die Krisen der heutigen Gesellschaft sind ein entscheidender Grund für die ernsthafte Auseinandersetzung und die Suche nach humanen Verhältnissen. Daher hat mit der globalen Krise ab 2008 Marx’ Kritik am Kapitalismus – aber ebenso von Häretikern des Kommunismus – wieder mehr Anklang gefunden. Ein Trend, der sich auf dem Büchermarkt bemerkbar macht. Ob und wie dieser Trend seit 2009 dann 2012 weitergeht, bleibt abzuwarten. Interessant ist das Verhalten der Partei Die Linke, die nach einer anderen Identität sucht, ist sie doch durch ihre Vorgängerin noch von der Diktatur und dem Geschichtsbild der SED geprägt. Die Zusammensetzung der neuen Partei ist heterogen, dort gibt es neben ablehnenden ewiggestrigen Stalinisten auch Interessierte für neue Ideen. Gegenüber Trotzki ist die Haltung von mehr Sachlichkeit geprägt, er gilt nicht mehr als Erzfeind oder Verbrecher. Dennoch ist die Zeit von 1990, als sogar Trotzkisten zur PDS stießen, vorbei, die Publikation von Trotzki-Werken war nur eine – wenn auch sensationelle – kurze Episode. Historiker dieser Partei sind auf der Suche nach anderen Traditionen, aber noch immer dominiert das kommunistische Geschichtsbild. Wie versucht wird, teilweise linkssozialistische Wurzeln einzubeziehen, belegt die Publikationsreihe »Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus«, in der bis heute 15 Bände erschienen sind. In diesen seit 1999 von Klaus Kinner herausgegebenen Büchern befassen sich die Autoren im Wesentlichen mit der Geschichte der KPD oder der Komintern. Neben der Kritik an Stalin wird Rosa Luxemburg positiv hervorgehoben, ebenso die früher verpönten »Rechten« oder »Versöhnler« in der KPD. Als Herausgeber hat Kinner 2010 für die Partei Die Linke in zwei Bänden mit dem Titel »Erbe und Tradition« deren Traditionslinie thematisiert.67 Dass Trotzki dort nur sporadisch (ganze vier Mal, Ferdinand Lassalle freilich nur drei Mal) genannt wird, zeigt, er zählt nicht zum Erbe und zur Tradition dieser Partei. Michael Brie spricht im ersten Band vom »diktatorisch-terroristischen Kommunismus eines Trotzki«. Im zweiten Band findet sich Trotzkis Name in Abendroths Abgrenzung vom Trotzkismus. Deutsche Trotzkisten wie Willy Boepple oder Georg Jungclas werden allein im Zusammenhang mit dem Linkssozialismus der Ära Adenauer genannt. Im Vorwort bezeichnet es Lothar Bisky als Aufgabe der Bände, »das Erbe zu benennen für die Findung der Identität der Linkspartei«. Beide Werke enthalten recht unterschiedliche Beiträge zu den Strömungen und zu Vorbildern, die wohl mit »Erbe und Tradition« gemeint sind, unter ihnen Rosa Luxemburg, Paul Levi, aber auch Wolfgang Abendroth oder Leo Kofler. Auffällig ist, dass Personen wie Robert Havemann oder Rudolf Bahro nur am Rande auftauchen und ihre Ideen eher kritisch gesehen werden. In allen 15 Bänden der Reihe wird Trotzki nicht nur als Person kaum genannt, sondern es fehlt auch eine Darstellung seiner Grundsätze oder gar der trotzkistischen Organisationen. Zwar veröffentlichte die Zeitung Neues Deutschland zu Gedenkdaten Artikel über Trotzki, sogar vom Trotzkisten North, und Lothar Bisky sprach sogar vom »Genossen Trotzki«,68 dies steht jedoch in keinem direkten Zusammenhang mit seinen Ideen. Die festgestellte Renaissance des Häretikers Trotzki hat also offensichtlich mit der PDS bzw. mit der Partei Die Linke und ihren Anhängern kaum etwas zu tun,69 und Max Stirner ist hier weiterhin fast unbekannt, in beiden Bänden von Kinner wird nicht einmal dessen Name genannt. Das Interesse und die Diskussion über Häretiker kommen aus anderen Kreisen, vor allem von sozial denkenden und handelnden Menschen. Diese Leser der Abweichler sind aufgeschreckt von der ungezügelten Macht weltweiter Konzerne und Banken. Die unkontrollierten Finanzmagnaten und Spekulanten bedrohen die Demokratie und damit die Freiheit, gefährden die durch Wahlen legitimierte Politik, die gegenüber »der Wirtschaft« fast ohnmächtig zu sein scheint. Das Wesen des Finanzkapitals, der Banken und deren beherrschende Rolle hatte Marx nur am Rande thematisiert. Der Marxist Rudolf Hilferding hatte dagegen 1910 wesentliche Zusammenhänge über die Entwicklung des Kapitalismus zum Finanzkapitalismus und über die Funktion des fiktiven Kapitals enthüllt.70 Doch Hilferdings Werk ist fast vergessen. Als Kriegsgegner hatte er der USPD angehört, kehrte als Antibolschewist 1922 zur SPD zurück, war 1928/29 Reichsfinanzminister in Berlin und wurde 1941 Opfer des NS-Terrors. Er war ein Außenseiter, aber im Gegensatz zu Trotzki oder Stirner gibt es (ähnlich wie beim erwähnten Pfemfert) keine Hilferding-»Konjunktur«. Dabei hatte auch er sich für die freiheitliche Zivilgesellschaft mit sozialer Gerechtigkeit eingesetzt. Die Renaissance von Außenseiter-Theoretikern hat also offenbar noch etliche andere Motive, die allerdings weiterer Untersuchung bedürfen. Nach dem Zusammenbruch des diktatorischen Kommunismus in Europa schien sich die politische und soziale Demokratie durchzusetzen. Ausgelöst von der Globalisierung ist jedoch die Grundhaltung des Kapitalismus gewachsen, die Gier nach »immer mehr« Gewinn. Das System des Finanzkapitals, vor allem von Großbanken, mit fiktiven Vermögen Riesengewinne zu erzielen, führte zur katastrophalen und generellen Krise der Wirtschaft. Nur mit Staatshilfen gelang es, diese zunächst einzuschränken. Lehren daraus sind indes kaum gezogen worden, es blieb weitgehend bei alten Methoden. Die Gefahr einer Wiederholung der Barbarei stalinistischer Diktaturen besteht kaum noch. Wird die demokratische und soziale Zivilgesellschaft durch die Macht des Finanzkapitals bedroht, von Spekulanten und »Zockern« und deren Herrschaft über die demokratische Politik? Es bleibt die Frage, insbesondere nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime und der egoistischen Prinzipien der »Sieger«, wie eine bessere Welt sozialer Gerechtigkeit und Solidarität geschaffen werden kann. Die Nachfolger des überwundenen stalinistischen Kommunismus bieten jedenfalls keine überzeugenden Alternativen, denn nur auf dem Boden der Demokratie sind freiheitliche Veränderungen möglich. Konzeptionen für die Humanisierung der Gesellschaft gibt es zahlreiche, und die Suche nach alternativen Modellen wird weitergehen. Die Aussagen der Häretiker waren durchaus zeitbezogen und eignen sich nicht für Dogmatisierung. Dennoch sind bei ihnen immer wieder Denkanstöße in Bezug auf aktuelle Probleme zu finden. Es ist zu hoffen, dass – nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts – im Mittelpunkt jeder politischen Überlegung der freiheitliche Kampf für Demokratie und Rechtsstaat sowie für soziale Gerechtigkeit steht. Nur in diesem Zusammenhang können die hier beispielhaft genannten Ideen von Trotzki oder auch Stirner Impuls für Veränderungen sein, wenn dies mit der Freiheit des Individuums verbunden wird, Demokratie Ziel bleibt. Schließlich haben Marx und Engels schon 1853 auf die »Explosivkraft der demokratischen Ideen und den der Menschheit angeborenen Drang nach Freiheit« hingewiesen.71 Beim Blick auf Häretiker der Arbeiterbewegung wird deutlich, dass sich manche ihrer Thesen gegen den »Mainstream« richten und schon deswegen Beachtung verdienen. Gängige Vorstellungen, etwa im Kapitalismus, den Menschen auf »Humankapital« zu reduzieren, oder wie im Kommunismus, das Kollektiv über das Individuum zu stellen, sind schon durch die Ideen von Stirners Einzigem und erst recht durch Trotzkis Kritik am Stalinismus fragwürdig geworden. Da ist es schon bemerkenswert, wenn die minimale Konjunktur ihrer Werke signalisiert, dass Theorien von Außenseitern vermehrt wahrgenommen werden. Doch auch deren Anschauungen sind nicht zu dogmatisieren, sie bieten nur Anregungen zum Selbstdenken. Die Tradition der Arbeiterbewegung ist nicht frei von Verfehlungen. Dennoch bleiben die Grundziele weiterhin wichtig. Trotz aller Begrenztheit ihres historischen Horizonts hat die große Sozialutopie der Arbeiterbewegung wenig von ihrer Aktualität eingebüßt. »Das Ideal einer Gesellschaft ohne Klassen und Ausbeutung, ohne Entbehrung und Zwang, ohne Chauvinismus, Rassenhass und Völkerkriege, die Idee der sozialen Gerechtigkeit muss nicht aufgegeben werden. Allerdings lässt sich diese Idee nur auf demokratischem Wege verwirklichen, so mühsam und langwierig der auch immer scheinen mag.«72 Konzeptionen zu solchen oder ähnlichen Zielen wurden und werden wie schon lange mehr oder weniger intensiv debattiert. Die hier skizzierten Thesen von zwei Außenseitern und die Auswirkungen auf den Buchmarkt sind bemerkenswert. Überlegungen für die Gründe einer Renaissance von Häretiker-Ideen bleiben weiter diskussionswürdig. Hinweise auf aktuelle Trotzki- und Stirner-Literatur: Zu Trotzki: Helmut Dahmer: Divergenzen. Holocaust – Psychoanalyse – Utopia, Münster: Westfälisches Dampfboot 2009. 649 S., ISBN 978-3-896-91770-6. David North: Verteidigung Leo Trotzkis, Essen: Mehring Verlag 2010, 240 S., ISBN 978-3-886-34085-9. Bertrand M. Patenaude: Trotzki. Der verratene Revolutionär, Berlin: Propyläen Verlag 2010, 432 S., ISBN 978-3-549-07377-3. Wadim S. Rogowin: Trotzkismus (= Gab es eine Alternative, Bd. 1), Essen: Mehring Verlag 2010, 454 S., ISBN 978-3-886-34080-4. Robert Service: Trotsky. A Biography. London: Paan Books, Macmillan 2010, 600 S., ISBN 978-0-330-43969-5. Jan Willem Stutje: Rebell zwischen Traum und Tat. Ernest Mandel (1923–1995), Hamburg: VSA Verlag 2009, 470 S., ISBN 978-3-899-65316-8. Leo Trotzki: Denkzettel. Politische Erfahrungen im Zeitalter der permanenten Revolution, hg. von George Novack, Helmut Dahmer, Wien: Verein Gesellschaft und Politik 2010, 491 S., ISBN 978-3-950-21914-2. Leo Trotzki: Geschichte der Russischen Revolution. 2. Bde. Essen: Mehring Verlag 2010, Bd. 1 410 S., Bd. 2 700 S., ISBN 978-3-88634-087-2. Zu Max Stirner: Saul Newman: Max Stirner. Critical Explorations in Contemporary Thought, Basingstoke: Palgrave Macmillan 2011, 240 S., ISBN 978-0-230-28335-0. Maurice Schuhmann: Radikale Individualität. Zur Aktualität der Konzepte von Marquis de Sade, Max Stirner und Friedrich Nietzsche, Bielefeld: transcript Verlag 2011, 396 S., ISBN 978-3-8376-1719-1. Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum, Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2008, 463 S., ISBN 978-3-15-003057-8. Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum. Ausführlich kommentierte Studienausgabe, hg. von Bernd Kast. Freiburg/München: Verlag Karl Alber 2009, 452 S., ISBN 978-3-495-48342-8. Alexander Stulpe: Gesichter des Einzigen. Max Stirner und die Anatomie moderner Individualität. Berlin: Duncker & Humblot 2010, 980 S., ISBN 978-3-428-12885-3. 1 Siehe dazu Theodor Bergmann/Mario Keßler (Hg.): Ketzer im Kommunismus. 23 biographische Essays, Hamburg 2000. 2 Siehe Hermann Weber: Trotzki und der Trotzkismus, in: Hermann Weber u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (im Folgenden: JHK) 2004, Berlin 2004, S. 379–390. 3 Siehe die Literatur über Paul Levi und seine Anhänger sowie Heinrich Brandler und August Thalheimer, z. B. Charlotte Beradt: Paul Levi, Frankfurt/M. 1969; Jörn Schütrumpf: Paul Levi unter den »Doppelzünglern«, in: Utopie kreativ (März 2008), H. 209, S. 222–233; Theodor Bergmann: »Gegen den Strom« Die Geschichte der KPD-Opposition, Hamburg 2001; Jens Becker: Heinrich Brandler. Eine politische Biographie, Hamburg 2001; Theodor Bergmann: Die Thalheimers, Hamburg 2004; Peter Lübbe (Hg.): Ruth Fischer/Arkadij Maslow. Abtrünnige wider Willen, München 1990; Otto Langels: Die ultralinke Opposition der KPD in der Weimarer Republik, Frankfurt/M. 1984. Zum »Titoismus« siehe Hermann Weber: Die SED und der Titoismus. Wolfgang Leonhard zum 90. Geburtstag, in: Deutschland Archiv 44 (2011), H. 2, S. 246–254 bzw. in der Onlineausgabe 4/2011, in: http://www.bpb.de/themen/WOXUMR,0,0,Forum.html, ges. am 4. August 2011. Zu den Personen siehe Hermann Weber/Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918–1945, erw. 2. Aufl. Berlin 2008. 4 Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki), Kurzer Lehrgang, Berlin 1945, S. 419 f. So stand es bereits in der ersten deutschen Übersetzung, Moskau 1939 (erste russische Ausgabe 1938). 5 Die Stalinisierung der SED ist inzwischen weitgehend aufgearbeitet, siehe Andreas Malycha: Die SED. Geschichte ihrer Stalinisierung 1946–1953, Paderborn 2000; neuerdings Andreas Malycha/Peter Jochen Winters: Die SED. Geschichte einer deutschen Partei, München 2009, S. 52 ff., bereits früher Hermann Weber, in: Ilse Spittmann (Hg.): Die SED in Geschichte und Gegenwart, Köln 1987, S. 17 ff.; Ulrich Mählert: Parteisäuberungen als Kaderpolitik in der SED, in: Hermann Weber/Ulrich Mählert (Hg.): Terror, Stalinistische Parteisäuberungen 1936–1953, Paderborn 1998, 2. Aufl. 2001. 6 Siehe Einheit 4 (Mai 1949), H. 5; Neues Deutschland, Nr. 104 vom 5. Mai 1949, Leitartikel. 7 Siehe die Skizze von Wolfgang Alles: Die IV. Internationale, in: Die Internationale, 1/2010, Inprekorr Nr. 462/463, Büsum, Mai/Juni 2010, S. 23 ff.; Pierre Frank: Die Geschichte der IV. Internationale, Hamburg 1974; Pierre Broué: Trotzkis Kampf für den Aufbau der IV. Internationale, Dortmund 1982. 8 Zu seiner Biografie siehe Isaac Deutscher: Trotzki, 3 Bde., Stuttgart 1962/63; das Standardbuch von Pierre Broué: Trotzki. Eine politische Biographie, 2 Bde., Köln 2003; siehe dazu auch Weber: Trotzki (Anm. 2). Außerdem Trotzkis Autobiografie: Mein Leben, Erstauflage Berlin 1930, seither in mehreren Ausgaben erschienen. 9 Siehe zum letzten Band Weber: Trotzki (Anm. 2). 10 Siehe die 1971 erschienenen zwei Bände von Leo Trotzki: Schriften über Deutschland, Hamburg 1971, insbesondere die große Ausgabe ab 1988, Leo Trotzki: Werke, Hamburg bzw. Köln. 11 Leo Trotzki: Stalin. Eine Biographie, Bd. I und II, hg. von Hartmut Mehringer, Reinbek 1971. 12 Leo Trotzki: Tagebuch im Exil. Mit einem Vorwort von Carola Stern und einem Rückblick von Hermann Weber, München 1983. 13 Ebd., S. 185, siehe dort insbesondere die ausgewählte Literaturliste, S. 187. 14 Die Internationale 2 (1. Dezember 1920), H. 26, S. 63 ff. 15 Leo Trotzki: Terrorismus und Kommunismus Anti Kautsky, Hamburg 1920; Karl Kautsky: Von der Demokratie zur Staatssklaverei, Berlin 1921, in: Soziales Denken, Bd. 2, hg. von Hans-Jürgen Mende, Berlin 1990. Siehe auch Hermann und Gerda Weber: Leben nach dem »Prinzip links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, Berlin 2006, S. 252. 16 Siehe Rosa Luxemburg: Die russische Revolution. Eine kritische Würdigung, hg. und eingel. von Paul Levi, Berlin 1922; Neuauflage eingel. und hg. von Ossip K. Flechtheim, Frankfurt/M. 1963 u. weitere Ausgaben. 17 Siehe dazu Julijana Ranc: Trotzki und die Literaten, Stuttgart 1997, dort auch Hinweise auf das von Trotzki mit dem Surrealisten André Breton verfasste »antitotalitäre Manifest« von 1938. 18 Siehe Helmut Dahmer (Hg.): Leo Trotzki. Sozialismus oder Barbarei. Eine Auswahl aus seinen Schriften, Wien 2005. 19 Siehe die Hinweise in: Hermann Weber: Zur Rolle des Terrors im Kommunismus, in: JHK 1999, Berlin 1999, S. 39–62; ders.: Stalin und die Folgen, in: JHK 2003, Berlin 2003, S. 338–346; ders.: Trotzki (Anm. 2), S. 387. 20 Siehe Leo Trotzki: Schriften zur revolutionären Organisation, hg. von Hartmut Mehringer, Reinbek 1970. 21 Siehe Wadim S. Rogowin: Weltrevolution und Weltkrieg, Essen 2002, S. 301 ff.; hier thematisiert er auch »Worin und warum Trotzki irrte?«. 22 Helmut Dahmer: Divergenzen, Holocaust – Psychoanalyse – Utopia, Münster 2009. In diesem Band ist auch auf den ausgezeichneten Beitrag von 2007, »Die Moskauer Prozesse und Stalins Massenterror«, zu verweisen (S. 488 ff.). 23 Siehe Daniel Bensaïd: Was ist Trotzkismus?, Köln 2002; Manuel Kellner: Trotzkismus. Einführung in seine Grundlagen – Fragen nach seiner Zukunft, Stuttgart 2004. Siehe auch die Neuauflage 2011 von Wolfgang Alles: Zur Politik und Geschichte der deutschen Trotzkisten ab 1930, 2. Aufl. Köln 1994. 24 North zitiert einen Ex-Maoisten, der selbst heute noch diese Meinung vertritt. Aber auch ein wichtiger ehemals führender sowjetischer Kommunist wie Alexander Jakowlew, der noch im Januar 1989 auf dem DKP-Parteitag in Hamburg erklärt hatte, die Oktoberrevolution 1917 habe die »Epoche der sozialen Befreiung« eingeleitet, schrieb dann in seinen Memoiren 2002, diese Revolution sei der Beginn eines Faschismus gewesen, keine Revolution, sondern eine Konterrevolution. Nun war in seinen Augen Stalin der »konsequenteste Trotzkist«, alle sind »Berufsmörder«. 25 Siehe The American Historical Review 116 (Juni 2011), H. 3, S. 902. 26 Bertrand Patenaude: Trotzki. Der verratene Revolutionär, Berlin 2010. 27 Gerd Koenen: Endspiel eines Weltrevolutionärs, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 7. Januar 2011. 28 Leonardo Padura: El hombre que amaba a los perros, Barcelona 2009 (dt. Ausgabe: Der Mann, der Hunde liebte, Zürich 2011). 29 Jan Willem Stutje: Ernest Mandel. A Rebels Dream Deferred, London 2009 (dt. Ausgabe: Rebell zwischen Traum und Tat. Ernest Mandel (1923–1995), Hamburg 2009). Siehe auch Hermann Weber: Zum Verhältnis von Politik, Ideologie, Strukturen und Kadern in der kommunistischen Bewegung, in: JHK 2010, Berlin 2010, S. 339–363, hier S. 354. 30 Siehe Paul Raabe: Einführungen zum fotomechanischen Nachdruck von »Die Aktion« ab 1. Jg. 1911, Darmstadt 1961 ff.; Ursula Walburga Baumeister: Die Aktion 1911–1932, Erlangen 1996; Elisabeth Exner/Herbert Kapfer (Hg.): Pfemfert. Erinnerungen und Abrechnungen, München 1999; Lutz Schulenburg: Franz Pfemfert. Zur Erinnerung an einen revolutionären Intellektuellen, in: Die Aktion 23 (August 2004), H. 209, S. 9 ff. Siehe auch Hermann Weber: Damals als ich Wunderlich hieß. Die SED-Parteihochschule »Karl Marx« bis 1949, Berlin 2002, S. 24 ff. 31 Julijana Ranc: Alexandra Ramm-Pfemfert. Ein Gegenleben, Hamburg 2003. 32 Nach 1917 bekämpften die meisten Anarchisten die bolschewistische Herrschaft, siehe z. B. Peter Arschinow: Anarchisten im Freiheitskampf. Geschichte der Machno-Bewegung 1918–1923, Zürich 1971 (Erstaufl. 1923). 33 Siehe z. B. die Bibliografien in Ulrich Linse: Organisierter Anarchismus im deutschen Kaiserreich, Berlin 1969, S. 383 ff.; Jan Cattepool: Der Anarchismus, 3. Aufl. München 1979, S. 195 ff. Siehe auch Günther Bartsch: Anarchismus in Deutschland, 3 Bde., Hannover 1972/73; James Joll: Die Anarchisten, Frankfurt/M. 1971; Daniel Guerin: Anarchismus, Frankfurt/M. 1971. 34 Peter Lösche: Anarchismus. Erträge der Forschung, Darmstadt 1977, 2. unveränderte Aufl. 1987. 35 Ebda., S. 18. 36 Siehe Manfred Bock: Geschichte des »linken Radikalismus« in Deutschland. Ein Versuch, Frankfurt/M. 1976; ders.: Syndikalismus und Linkskommunismus 1918–1923, Meisenheim am Glan 1969. 37 Siehe z. B. Individualistischer Anarchismus. Eine Autorenauswahl anarchistischer Texte, Bd. 6/7, 3. Aufl. Berlin (West) 1982. 38 Siehe z. B. Manfredo M. Bonano: Stirner und der Anarchismus, in: espero (1969), Sonderheft 2; Vojmir Jelušie: Stirners Erbe. Eine kritische Betrachtung über das Verhältnis des »Einzigen« zum individualistischen Anarchismus in Deutschland, Wien 1911 (Diss.), neu hg. von Kurt Fleming (Max-Stirner-Archiv) Leipzig 1998. Im Standardwerk zum frühen Anarchismus, Max Nettlau: Der Vorfrühling der Anarchie. Ihre historische Entwicklung von den Anfängen bis 1864, Berlin 1925, ist ein Kapitel »Max Stirner und sein Kreis« enthalten, in dem es heißt: »Er begründete jenen breiten echten Individualismus, der die Grundlage jedes freiheitlichen Sozialismus ist« (S. 179). Siehe auch Bernhard R. Tucker: Staatssozialismus und Anarchismus, Berlin 1922; ders. in: Individualistischer Anarchismus (Anm. 37), S. 220. 39 Erst über 40 Jahre nach Stirners Tod erschien dessen Biografie, geschrieben von John Henry Mackay. Dieser hatte Stirner 1889 »wiederentdeckt« und als sein eifriger Anhänger auch dessen Ideen verbreitet. Siehe John Henry Mackay: Max Stirner. Sein Leben und sein Werk, Berlin 1898. Siehe auch Anselm Ruest: Max Stirner. Leben, Weltanschauung, Vermächtnis, 3. Aufl. Berlin und Leipzig 1906; Anselm Ruest (Ernst Samuel): Max Stirner. Vorworte und Artikel (1900–1924), 2. erw. Aufl. Leipzig 2000 (Stirneriana, Sonderheft der Zeitschrift Der Einzige, H. 3). 40 Siehe Mackay: Stirner (Anm. 39), S. 123 ff. 41 Ebda., S. 217. 42 Siehe Bernd A. Laska: Ein heimlicher Hit. 150 Jahre Stirners »Einziger«. Eine kurze Editionsgeschichte. Stirner-Studien Nr. 1, Nürnberg 1994, S. 18; ders.: Ein dauerhafter Dissident. 150 Jahre Stirners Einziger. Eine kurze Wirkungsgeschichte, Stirner-Studien Nr. 2, Nürnberg 1996. 43 Bernd A. Laska: Der Stachel Stirner. Rezensionsessay, in: Aufklärung und Kritik. Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie 17 (2010), H. 4 (Sonderdruck), S. 272–279. 44 Siehe Weber: Wunderlich (Anm. 30), S. 124 ff. 45 Marx-Engels-Gesamtausgabe (im Folgenden: MEGA), Dritte Abteilung, Bd. 1, Berlin 1929, S. 6 ff. 46 MEGA, 1. Abteilung, Bd. 5, Marx/Engels: Die deutsche Ideologie, Berlin 1932. Die SED druckte das Werk allerdings 1953 relativ spät ab, die MEGA-Ausgabe erst in Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 3, Berlin (Ost) 1958. Siehe auch Karl Marx: Frühe Schriften, hg. von Hans-Joachim Lieber und Peter Furth, Darmstadt 1971, 2. Bd., S. 5 ff. 47 Lösche: Anarchismus (Anm. 34), S. 32. 48 Joseph W. Stalin: Zu den Fragen des Leninismus. Eine Auswahl, Frankfurt/M. 1970, S. 33 ff. 49 Siehe Jochen Weichold: Anarchismus heute, Berlin (Ost) 1980, S. 22–36. Der Autor ging auch in einer Broschüre kurz auf Stirner ein (Zwischen Götterdämmerung und Wiederauferstehung. Linksradikalismus im Wandel), diese erschien 1989 (!) in Ostberlin. Interessant ist, dass Jochen Weichold (nun bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung) kürzlich eine positive Rezension über den bekannten Anarchisten Augustin Souchy schrieb (ders.: Augustin Souchy. Anarchistischer Sozialismus, in: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, III/2011, September 2011, S. 197–200). In seinen DDR-Publika-tionen hatte er Souchy nur kurz und eher abwertend beurteilt. 50 Weichold: Anarchismus, S. 24 f. 51 N. Lenin: Staat und Revolution, Berlin-Wilmerdorf 1918, S. 97 sowie Hermann Weber (Hg.): Lenin: Ausgewählte Schriften, München 1963, S. 675 ff., hier S. 775. 52 Zitiert in Wilfried F. Schoeller: Oskar Maria Graf. Odyssee eines Einzelgängers, Frankfurt/M. 1994, S. 69. Siehe auch den Bezug des Dadaismus sowie zu Bertolt Brecht, in: Max Stirner und die Literatur, in: »Der Einzige«, Vierteljahresschrift des Max-Stirner-Archivs Leipzig, Februar 2004, H. 25. 53 Siehe die sehr gute Bibliografie der Max-Stirner-Gesellschaft e.V., in: http://www.msges.de/bibliographie/Von_Stirner.pdf, ges. am 5. Oktober 2011. 54 Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum und andere Schriften, hg. von Hans G. Helms, München 1968 (2. Aufl. 1969, 3. Aufl. 1970). 55 Laska: heimlicher Hit (Anm. 42), S. 33. 56 Sie brachte 1983 den Nachdruck einer Broschüre von 1932 heraus: Hans Sveistrup: Stirners drei Egoismen. Wider Karl Marx, Otmar Spann und die Fisiokraten, Freiburg 1983 (Erstaufl. Lauf/Pegnitz 1932). 57 »Der Einzige«. Jahrbuch der Max-Stirner-Gesellschaft 2010, Leipzig 2010. Siehe dazu auch Angelika Machinek: B. Traven und Max Stirner. Der Einfluss Stirners auf das Werk von Ret Marut/B. Traven – Eine literatursoziologische Untersuchung zur Affinität ihrer Weltanschauungen, Göttingen 1986 (Diss. Frankfurt/M. 1985). 58 Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum. Ausführlich kommentierte Studienausgabe, hg. von Bernd Kast, Freiburg/München 2009. 59 Siehe Alexander Stulpe: Gesichter des Einzigen. Max Stirner und die Anatomie moderner Individualität, Berlin 2010 sowie Laska: Der Stachel (Anm. 43). 60 Siehe Die Zeit vom 4. Mai 1984 (Gert Mattenklott: 100 Sachbücher: 82, Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum); Neues Deutschland vom 2./3. August 2003 (Wilhelm Schmid: Bis heute ein Unruheherd für das marxistische Denken: Max Stirner und sein Buch »Der Einzige und sein Eigentum«); Junge Welt vom 12. März 2009 (Karsten Krampitz: Der erste Punk. Der Junghegelianer und Antiphilosoph Max Stirner verstört und provoziert bis heute). 61 Siehe Ulrich Pagel: Der beunruhigte Marx. Zur Rezeption Max Stirners in der »Deutschen Ideologie«, in: Beatrix Bouvier u. a.: Was bleibt? Karl Marx heute, Trier 2009, S. 113 ff. 62 Ariane Fischer: Against the Critique of Consciousness: The Marx-Engels-Stirner Debate Reconsidered, in: Marx-Engels-Jahrbuch 2008, Berlin 2008, S. 33 ff. Siehe zum Thema schon früher Wolfgang Eßbach: Gegenzüge. Der Materialismus des Selbst und seine Ausgrenzung aus dem Marxismus – eine Studie über die Kontroverse zwischen Max Stirner und Karl Marx, Frankfurt/M. 1982 (Diss. Göttingen 1978). 63 Michalis Pichler: Der Einzige und sein Eigentum, Berlin 2009; Jochen Knoblauch über das Kunst-Buchprojekt von Michalis Pichler zu Stirners Einzigem, in: espero (September 2010), H. 65, S. 34 f. 64 Leo Trotzki: Verratene Revolution, Antwerpen o. J. [1937], S. 233 (Neuaufl. Zürich 1957, S. 233). 65 Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum, Leipzig o. J. [1893], S. 14, siehe auch Weber: Wunderlich (Anm. 30), S. 124 ff. 66 Stirner: Der Einzige (Anm. 65), S. 136. Siehe auch Max Stirner und der Kapitalismus, »Der Einzige«, Vierteljahresschrift des Max-Stirner-Archivs Leipzig, Mai 2003, H. 22. 67 Klaus Kinner (Hg.): Die Linke – Erbe und Tradition. Teil 1: Kommunistische und sozialdemokratische Wurzeln, Teil 2: Wurzeln des Linkssozialismus (= Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus, Bd. XII und XIII), mit einem Vorwort von Lothar Bisky, Berlin 2010. 68 Siehe Neues Deutschland vom 4. August 2010 bzw. vom 21./22. August 2010 oder vom 28. Dezember 2010. 69 Daran ändert auch nichts, dass es eine sich trotzkistisch nennende Sekte »Linksruck« in der Linkspartei gibt. Siehe »Studie sieht Zunahme von Antisemitismus bei den Linken«, in: Der Tagesspiegel vom 19. Mai, in: http://www.tagesspiegel.de/politik/studie-sieht-zunahme-von-antisemitismus-bei-den-linken/4196454.html, ges. am 5. Oktober 2011. 70 Siehe Rudolf Hilferding: Das Finanzkapital. Eine Studie über die jüngste Entwicklung des Kapitalismus, Wien 1910. 71 Marx/Engels: Werke, Bd. 9, Berlin (Ost) 1960, S. 17. 72 Hermann Weber in: Gewerkschaftliche Umschau (Februar 1992), S. 31 ff. Siehe auch Weber: Prinzip links (Anm. 15), S. 452.

JHK 2012

The International Newsletter of Communist Studies

Bernhard H. Bayerlein und Gleb J. Albert

VOL. XVIII (2012), NO 25. Edited by Bernhard H. Bayerlein and Gleb J. Albert Published by The European Workshop of Communist Studies With support of The Centre for Contemporary History (ZZF), Potsdam ISSN Y503-1060 ISSN 1862-698X (for the Online Edition) Executive Editor Bernhard H. Bayerlein, Potsdam/Cologne bayerlein@zzf-pdm.de Junior Editor Gleb J. Albert, Bielefeld gleb.albert@uni-bielefeld.de Editorial Board/Correspondents Aldo Agosti (Torino)Lars Björlin (Stockholm)Lev Centrih (Ljubljana)Cosroe Chaqueri (Paris)Sonia Combe (Paris)Putnik Dajic (Belgrade)Mathieu Denis (Montréal)Gérard Donzé (La Chaux-de-Fonds)Jean-François Fayet (Geneva)Jan Foitzik (Berlin)José Gotovitch (Bruxelles)Sobhanlal Datta Gupta (Calcutta)Gabriella Hauch (Linz)John Haynes (Washington)Victor Heifets (St. Petersburg)Gerd-Rainer Horn (Coventry)Peter Huber (Geneva)Jesper Jørgensen (Copenhagen)Kostis Karpozilos (Athens)Fritz Keller (Vienna)Klaus Kinner (Leipzig)Todor Kuljic (Belgrade)Norman LaPorte (Pontypridd)Marcel van der Linden (Amsterdam)Aurelio Martin Najera (Madrid)Kevin McDermott (Sheffield)Barry McLoughlin (Vienna)Kevin Morgan (Manchester)Manfred Mugrauer (Wien)Timur Mukhamatulin (Moscow)Jorge Nóvoa (Salvador, Bahia)Alexander Pantsov (Columbus, Ohio)José Pacheco Pereira (Lisbon-Brussels)Aleksandr Reznik (St. Petersburg)Tauno Saarela (Helsinki)Wolfgang Schlott (Bremen)Daniela Spenser (México DF)Dubravka Stajic (Belgrade)Brigitte Studer (Berne)Frantisek Svátek (Prague)Jérémie Tamiatto (Paris)Carola Tischler (Berlin)Reiner Tosstorff (Frankfurt am Main)Feliks Tych (Warsaw)Berthold Unfried (Vienna)Raquel Varela (Lisbon)Zdenek Vasicek (Prague)Aleksandr Vatlin (Moscow)Gerrit Voerman (Groningen)Marc Vuilleumier (Genève)Frank Wolff (Bielefeld)Rolf Wörsdörfer (Darmstadt) Advisory Board: Prof. Dr. Marjan Britovsek †, Ljubljana; Prof. Dr. Pierre Broué †, Grenoble; Dr. Jürgen Danyel, Potsdam; Prof. Dr. Marc Ferro, Paris; Prof. Dr. Dietrich Geyer, Tübingen; Dr. Jens Gieseke, Potsdam; Prof. Dr. Lazar Heifets, St. Petersburg; Prof. Dr. Charles Kecskeméti, Paris; Prof. Dr. André Lasserre, Lausanne; Prof. Dr. Avgust Lesnik, Ljubljana; Prof. Dr. Thomas Lindenberger, Vienna; Prof. Dr. Richard Lorenz, Kassel; Prof. Dr. Vera Mujbegovic, Belgrade; Prof. Dr. Jutta Scherrer, Paris/Berlin; Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Weber, Mannheim; Prof. Dr. Serge Wolikow, Dijon. Editorial Address: Dr. Bernhard H. Bayerlein, Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF), Am Neuen Markt 9d, 14467 Potsdam, Germany. Postal Adress: Arnulfstr. 14, 50937 Köln/Cologne, Germany Phone and Fax: 0049 (0)221 42 27 06 E-Mail: dr.bayerlein@uni-koeln.de – bayerlein@zzf-pdm.de Homepage: http://newsletter.icsap.eu Communist Studies Newsletter/Mailinglist: https://lists.uni-koeln.de/mailman/listinfo/communist-studies-newsletter TABLE OF CONTENTS I. The Newsletter of the Newsletters: Communist Studies Newsletters and Web Services – New Issues. Selected Items • H-HOAC • Aktuelles aus der DDR-Forschung • ICCEES Newsletter • NewsNet • Alfred Klahr Gesellschaft Mitteilungen • Mitteilungen des FABGAB II. News on Archives, Holdings and Institutions • Gulag Boss: Discussing the Memoirs of a Gulag Commander • Pravda über DFG-Nationallizenz verfügbar • Washington D.C.: ECNU – Wilson Center Cold War Studies Initiative • Egypt: State Security Archives May Be Opened • Washington D.C.: FBI Releases SOLO File • Riazanov Library Project: US Radical Left Periodicals Digitised • Marxists Internet Archives: Recent Additions on British Communism • Bloomington, IN: Polish Workers’ Movement Collection at Indiana University • Vologda, Russia: Regional Communist Newspaper Digitised • Lev Centrih, Ljubljana: Digitising Sources for the History of the Communist Movement in Slovenia III. Research Projects and Dissertations – Work in Progress • Maurice Andreu (Paris, France): N. I. Boukharine sur les intellectuels et le communisme. Projet en cours. • Álvaro Cúria (Porto, Portugal): Heirs of the Wall. The Events of 1989–91 and the Continuity of the Southwest European Communist Parties. PhD Project. • Leo Goretti (Reading, UK): Young Partisans and »Ragazzi con la maglietta a strisce«. Communist Youth in Italy between the Resistance and July 1960. A Gender and Generational Study. PhD Project. • David Mayer (Vienna, Austria): Tropics Defiant – Clio Militant. On Marxist Historiographic Debates in Latin America in the »Long 1960s« in Transnational Perspective. PhD Project. • Claudia Monteiro (Paraná, Brazil): A Study of Communism in Paraná (1945–1964). Militancy Between Reason and Feelings. PhD Project. • Jonathan Waterlow (Oxford, UK): Popular Humour in Stalin’s 1930s. A Study of Popular Opinion and Adaptation. PhD Project. IV. Materials and Studies V. New Publications – Reports, Presentations and Reviews V.1 Reviews V.2 Presentations and Announcements • John Riddell (ed.): Toward the United Front. Proceedings of the Fourth Congress of the Communist International 1922, Leiden, Brill, 2011. 1310 p. (Historical Materialism Book Series. 34). ISBN 978-9-00420-778-3. • Fridrich I. Firsov: Sekrety Kommunističeskogo Internacionala. Šifroperepiska [Secrets of the Communist International. Coded Correspondence], Moskva, ROSSPĖN, 2011. 519 p. (Istorija stalinizma). ISBN 978-5-8243-1461-8. • Ralf Hoffrogge: Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland. Von den Anfängen bis 1914, Stuttgart, Schmetterling, 2011. 216 p. (Reihe theorie.org). ISBN 978-3-89657-655-2. • Richard Müller: Eine Geschichte der Novemberrevolution. Vom Kaiserreich zur Republik. Die Novemberrevolution. Der Bürgerkrieg in Deutschland, Berlin, Die Buchmacherei, 2011. 756 p. ISBN 978-3-00-035400-7. • David North: Verteidigung Leo Trotzkis, Essen, Mehring-Verlag, 2010. 259 p. ISBN 978-3-88634-085-9. • David Fernbach (ed.): In the Steps of Rosa Luxemburg. Selected Writings of Paul Levi, Leiden, Brill, 2011. VI, 349 p. (Historical Materialism Book Series. 31). ISBN 978-90-04-19607-0. • Raquel Varela: A História do PCP na Revolução dos cravos, Lisboa, Bertrand, 2011. 399 p. ISBN 978-972-252295-3. V.3 Books Sent in for Review VI. Meetings and Conferences Concerning Communist Studies 2011–2012 VI.1 Conference List • Past meetings and conferences 2011 • Meetings and conferences 2012 VI.2 Conference Reports and Announcements • Historical Materialism Conference 2011: Panels on the History of Communism • Conference on the »Praxis School«: Materials Online VII. The International Bibliography of Communist Studies. Issue 2011 VIII. Periodicals/Serials on Communist Studies VIII.1 The International Bibliography of Journal Articles on Communist Studies. Issue 2011 VIII.2 Directory of Periodicals on Communist Studies and Connected Areas: Conventional and Online Journals, Newsletters, Discussion Lists, Bulletins and Services IX. Internet Resources. Websites Relevant for Communist Studies X. Communism in Culture, Art and Media • Some Exhibitions on the History of Communism, 2011–2012 • Moskau: Konferenz über Mežrabpom-Fil’m • Opening of the Museo Memorial de la Resistencia Dominicana, Santo Domingo • Hotel Lux: Das sowjetische KPD-Exil im Spielfilm XI. Discussions, Debates, Historical Controversies • Ottokar Luban (Berlin, Germany): Rosa Luxemburgs Tod Section IThe Newsletter of the Newsletters:COMMUNIST STUDIES NEWSLETTERS AND WEB SERVICES – NEW ISSUES. SELECTED ITEMS H-NET Discussion Network: H-HOAC. History of American Communism, Washington DC, US. » www.h-net.org/~hoac/ This network provides a forum for scholars, serious students and all who want to participate in a scholarly discussion of the history of American communism and domestic anticommunism encompassing the history of the Communist Party of the USA (CPUSA), groups that split from the CPUSA, and competing radical movements. Aktuelles aus der DDR-Forschung. Ein Newsletter der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin, Germany. Redaktion: Ulrich Mählert. » www.stiftung-aufarbeitung.de/service_wegweiser/ddr_newsletter.php Die Newsletter sind Mitteilungen zum Stand der aktuellen DDR-Forschung und erscheinen seit 1994 dreimal jährlich in der Zeitschrift Deutschland Archiv. Redaktion: Dr. Ulrich Mählert. Die in den bisherigen Newslettern angegebenen Projektmeldungen verzeichnen zum Erscheinungszeitpunkt geplante, laufende und abgeschlossene Projekte. Newsletter und Projektmeldungen können aus dem Internet heruntergeladen werden. International Council for Central and East European Studies (ICCEES) Newsletter, Münster, Germany. » www.iccees.org/newsletter.html The newsletter features news on current developments, events and publications in the field of Central and East European Studies. Two issues (N° 67/January and N° 68/July) have been released in 2011. Each issue features the following rubrics: From the Executive Committee • Forthcoming Conferences • Publications • Fellowships, Prizes and Grants • Miscellaneous. NewsNet. News of the American Association for Slavic, East European and Eurasian Studies, Philadelphia, USA. » www.aseees.org/publications/newsnetmain.html NewsNet, a newsmagazine of the Association for Slavic, East European, and Eurasian Studies (ASEEES), is published five times a year and includes information about the field of Slavic, Russian, Central European, and Eurasian studies. It is distributed to all ASEEES members, recent issues are also available for download. Apart from the items listed below, each issue carries the following standard rubrics: News from ASEEES, Affiliates and Institutional Members [and various other ASEEES-internal topics] • Personages • In Memoriam • Publications • Library and the Internet News • Publications • Index of Advertizers • Calendar. 2011/1, January: Mark von Hagen: War, Peace and Cold War Area Studies. 2011/2, March: Eliot Borenstein: Perverting Slavic Studies. A Love Story • Paul du Quenoy: Teaching Russian History in the Middle East. 2011/3, May/June: Steven A. Barnes: Russian History Blog and Digital Dissemination of Russian History Research • David MacFadyen: Challenges for Online Study. The Case of Music. 2011/4, August: Charles King: Is the Caucasus A Place? • Leah Seppanen Anderson: Teaching Postcommunist Politics Twenty Years After the Fall. 2011/5, October: Madeleine Reeves: After Internationalism? The Unmaking of Osh • Looking Back to 1991. Alfred Klahr Gesellschaft Mitteilungen, Vienna, Austria. » www.klahrgesellschaft.at 2011/1, März: Hans Hautmann: Volksherrschaft für 72 Tage. Die Pariser Kommune 1871 • Irma Schwager: 100 Jahre Internationaler Frauentag • Martin Krenn: Zum Tod von Ernst Engelberg (1909–2010) • Manfred Mugrauer: »Repräsentant einer neuen Zeit«. Juri Gagarins Österreich-Besuch im Mai 1962 • Gerhard Oberkofler: Eine sozialdemokratische Biografie • Gerhard Oberkofler: Menschlichkeit und Entmenschtheit. Ein Brief von Rosa Jochmann nach Zürich (1947) • Rezensionen: Luis Stabauer: Der Kopf meines Vaters. Wien von der NS-Zeit bis zur Gegenwart. Eine Zeitzeugin erzählt; Manfred Pawlik: Wilhelm Weixlbraun. Briefe aus der Todeszelle; Wolfgang Fritz: Die Geschichte von Hans und Hedi. Chronik zweier Hinrichtungen (Willi Weinert) • Österreichs Archive unter dem Hakenkreuz (Martin Krenn) • Simon Loidl/Peter März: »... Garanten gegen den Faschismus ...«. Der Landesverband ehemals politisch Verfolgter in Oberösterreich (Florian Schwanninger) • Charlotte Rombach: Widerstand und Befreiung 1934–1945. Zeitzeugen berichten (Alexander Dinböck). 2011/2, Juni: Martin Krenn: Zum 100. Geburtstag von Walter Hollitscher. Hollitschers Frage nach dem Gesamtzusammenhang • Peter Goller: Walter Benjamins Einsatz für die Arbeiterbewegung und den Sozialismus (1925–1940) • Aus dem Archiv: Eine internationalistische Intervention. Die Schweizerische Sozialdemokratie solidarisiert sich im Mai 1938 mit der Arbeiterbewegung in der Tschechoslowakei im Kampf für deren Unabhängigkeit (Gerhard Oberkofler) • Berichte: Linke Geschichtswissenschaft heute. Am Beispiel: Walter Markov (Claudia Kuretsidis-Haider) • Felix Kreissler – Erinnerung und Aktualität (Winfried R. Garscha) • Rezension: Jakob Rosenberg/Georg Spitaler: Grün-weiß unterm Hakenkreuz. Der Sportklub Rapid im Nationalsozialismus (1938–1945) (Martin Krenn). 2011/3, September: Hans Hautmann: Habsburg-Totenrummel und vergessene Vergangenheit • Gerhard Oberkofler: Zum Kontext von Dossiers im Büro Kurt Hager über zwei altösterreichische Emigranten in der Deutschen Demokratischen Republik • Rezensionen: Heinz Arnberger/Claudia Kuretsidis-Haider (Hg.): Gedenken und Mahnen in Niederösterreich. Erinnerungszeichen zu Widerstand, Verfolgung, Exil und Befreiung (Martin Krenn) • Ernst Hanisch: Der große Illusionist Otto Bauer (1881–1938) (Alexander Dinböck) • Wilhelm Kroupa: Arbeiter in Wien. Ein Jahrhundertleben (Michael Graber) • Ellen Meiksins Wood: Demokratie contra Kapitalismus. Beiträge zur Erneuerung des historischen Materialismus (Simon Loidl). Mitteilungen des Förderkreises Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Berlin, Germany. » www.fabgab.de N° 39, März 2011: Archiv der Arbeiterbewegung in Oer-Erkenschwick • Nachlass von Wolfgang Abendroth – Nachtrag • Bezirksarchiv Prenzlauer Berg der Berliner VVN-BdA • Archiv Schreibender ArbeiterInnen • Findmittel von Archiven der neuen Bundesländer, des Bundes und der Parteien • 45. Konferenz der ITH • 41. Tagung der IALHI • Kolloquium »Basisdemokratie und Arbeiterbewegung« • Kolloquium »Europa in der ›Zwischenkriegszeit‹ des 20. Jahrhunderts« • Geschäftsbericht des Vereinsjahrs 2010 • Personalia • Aktivitäten unserer Vereinsmitglieder • Vorträge. Sonderheft, Mai 2011: 20 Jahre Förderkreis Archive Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung 1991–2011 • G. Benser: Ein Sonderheft zum Jahrestag • H. Skrzypczak: Zur Vorgeschichte des Förderkreises • K. Höpcke: Über Gelungenes und Missetaten • I. Pardon: Inmitten heftiger Konflikte um Konzepte • H. Sommer: »Sir Henry« mit dem Temperament seiner »polnischen Ulanennatur« • Dokumente aus den Anfangsjahren • B. Leske: Bundesarchivgesetz § 2a • H. Jestrabek: Interview mit Theodor Bergmann • B. Leske: Internationales Wirken unserer Förderkreismitglieder • R. Holze: Publikationsecho »Bewahren – Verbreiten – Aufklären« • G. Benser: Vereinschronik der Jahre 2006 bis 2011. Section IINews on Archives, Holdings and Institutions Gulag Boss: Discussing the Memoirs of a Gulag Commander While there are several famous literary and autobiographical accounts of Gulag prisoners, memoirs of the camp’s personnel have been rather unknown – until now. Gulag Boss, edited and translated by Princeton sociologist Deborah Kaple, is the memoir of Fedor Mochulskii, who, as a young engineer in 1940, was commanded by the party to head the Pechorlag camp for six years. After pursueing a carreer as a diplomat lateron, he wrote a memoir of his experience during the Perestroika years, and, not being able to get it published, gave it to Kaple who originally interviewed him in the early 1990s about his work in China (read the full story at http://blog.oup.com/2011/03/gulag-boss/). The memoir has been published in November 2010 by Oxford University Press. Realising that the memoir is a highly unusual and important finding for research on Stalinism, the »Russian History Blog« organised an online debate on the book. Steve Barnes, Jeff Hardy, Alan Barenberg, Lynne Viola, Wilson Bell, Golfo Alexopoulos and Deborah Kaple have used this novel platform to share their thoughts on the memoir in concise essays which can be read at http://russianhistoryblog.org/category/blog-conversations/gulagboss/. Pravda über DFG-Nationallizenz verfügbar Die US-amerikanische Firma »East View Information Services«, die bereits eine Reihe von kommerziellen osteuropabezogenen Digitalisierungsprojekten durchgeführt hat, bietet seit 2010 eine nahezu komplette Digitalisierung der Pravda an. Das 1912 gegründete Zentralorgan der Bolschewiki, das im ersten Jahrzehnt nach der Oktoberrevolution von Nikolaj Bucharin geleitet wurde, ist eine zentrale Quelle zur Geschichte der sowjetischen Politik und Gesellschaft. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat diese, die Jahre 1912 bis 2009 mit einigen Lücken umfassende, Digitalisierung der Tageszeitung in ihr Nationallizenzen-Programm aufgenommen, dadurch kann die digitale Pravda nun über deutsche Hochschul- und Forschungseinrichtungen konsultiert werden. Der Forscher wird damit von der Notwendigkeit, halbzerfallene Papierausgaben und kaum lesbare Mikrofilmkopien zu konsultieren, befreit, darüber hinaus sind viele Jahrgänge nicht nur als Scan, sondern auch als Volltext verfügbar. Mehr Informationen sind unter www.nationallizenzen.de/angebote/nlproduct.2011-02-08.0674390264 erhältlich. Washington D.C.: ECNU – Wilson Center Cold War Studies Initiative The Woodrow Wilson Center is pleased to announce an important new project, the ECNU-Wilson Center Cold War Studies Initiative which is a natural outgrowth of the longstanding, close relationship between the Wilson Center’s flagship Cold War International History Project (CWIHP) and East China Normal University’s (ECNU) Cold War International Studies Center. The goal of this new initiative is to further scholarly research and exchanges on the Cold War in general and on the Cold War-era history of the US-China relationship in particular, with a view towards deepening mutual understanding and cooperation between the People’s Republic of China and the United States. This initiative will produce a series of path-breaking international conferences, workshops and seminars, as well as a series of online and hardcopy publications as a result of the planned scholarly exchanges and meetings. Source: www.wilsoncenter.org/event/inauguration-ceremony-and-reception-ecnu-wilson-center-cold-war-studies-initiative Egypt: State Security Archives May Be Opened After the revolution in Egypt, the interim government made a statement that the records of the State Security service dating as far back as 1910 »could be made available«, according to an article in the Chronicle of Higher Education. This could also shed new light on the Communist movement and its repression in Egypt during the interwar years. Source: Newsletter of the Human Rights Working Group, International Council on Archives, June 2011. Washington D.C.: FBI Releases SOLO File The FBI has begun to release the contents of its SOLO file, which covers the activities of Morris and Jack Childs, members of the CPUSA who were recruited to work with the FBI in the early 1950s. The overall file itself covers the years of the SOLO operation that occurred between 1958 and 1979; the materials released to date, though, only cover 1958 to 1960.  More releases will follow. For a brief introduction to this material, see www.fbi.gov/news/stories/2011/august/byte-out-of-history-communist-agent-tells-all/byte-out-of-history-communist-agent-tells-all. The files themselves may be found at http://vault.fbi.gov/solo. Source: John Fox, http://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-HOAC&month=1108&week=a&msg=Jn%2B0ZCG4edqXVHPmQeKOmA Riazanov Library Project: US Radical Left Periodicals Digitised The Riazanov Library, a US-based digitisation project coordinated by Marty Goodman, has scanned a number of periodicals from the radical Left (mostly Trotskyite, but also early Left Socialist and some mainstream communist) from interwar as well as postwar years. They are made available online by the Marxists Internet Archive, constituting a rich source on the history of the American radical Left. Many scans were done with the help of the Holt Labor Library at San Francisco. More and more periodicals are in the process of being digitised, and the project is searching for particular titles (see www.marxists.org/history/etol/research/riazanov.htm). The following periodicals (many with indices and introductory articles) are online as full PDF scans until now: Pre-WW2 periodicalyears digitisedURLThe Class Struggle1917–1919www.marxists.org/history/usa/pubs/class-struggle/The Communist1919–1921www.marxists.org/history/usa/pubs/thecommunist/Industrial Organizer1941www.marxists.org/history/usa/pubs/industrialorganizer/Labor Action1936–1937www.marxists.org/history/etol/newspape/laboraction-ca/Labor Defender1926–1927www.marxists.org/history/usa/pubs/labordefender/The Militant (later: New Militant, Socialist Appeal)1928–1940www.marxists.org/history/etol/newspape/themilitant/The New Review1913–1916www.marxists.org/history/usa/pubs/newreview/Northwest Organizer1941www.marxists.org/history/usa/pubs/northwestorganizer/Ohio Socialist1918–1919www.marxists.org/history/usa/pubs/ohio-socialist/The Revolutionary Age1918–1919www.marxists.org/history/usa/pubs/revolutionaryage/The Toiler1919–1921www.marxists.org/history/usa/pubs/thetoiler/Western Worker1932–1933www.marxists.org/history/usa/pubs/westernworker/The Workers’ World1919www.marxists.org/history/usa/pubs/workersworld/ Post-WW2 periodicalyears digitisedURLCampus Spartacist1965–1971www.marxists.org/history/etol/newspape/campus-sl/G.I. Voice1969–1970www.marxists.org/history/etol/newspape/GIvoice/Revolutionary Communist Youth Newsletter1971–1973www.marxists.org/history/etol/newspape/rcyn/Revolutionary Marxist Caucus Newsletter1970www.marxists.org/history/etol/newspape/rmcn/Women and Revolution1971–1972www.marxists.org/history/etol/newspape/w&r/Workers’ Action1968–1971www.marxists.org/history/etol/newspape/wa/Young Socialist1958–1964www.marxists.org/history/etol/newspape/youngsocialist/ Marxists Internet Archives: Recent Additions on British Communism As communicated by Ted Crawford, recent additions to the Marxists Internet Archive include selected works of Dora B. Montefiore, suffragette and founding member of the Communist Party of Great Britain (www.marxists.org/archive/montefiore/), and Peter Petroff, an old Russian Social Democrat, Bolshevik diplomat and British labour activist (www.marxists.org/archive/petroff/). Furthermore, two periodicals of the British Left have been partly digitised, namely John Maclean’s »Vanguard« (www.marxists.org/history/international/social-democracy/vanguard.htm) and Rajani Palme Dutt’s Labour Monthly (www.marxists.org/history/international/comintern/sections/britain/periodicals/labour_monthly/). Bloomington, IN: Polish Workers’ Movement Collection at Indiana University The Indiana University Libraries at Bloomington recently acquired a large collection of Communist periodicals and brochures from post-WW2 Poland. The collection has been part of the Library of the History of the Workers’ Movement in Warsaw, founded in the late 1950s by the Central Trade Union Council and becoming unsustainable in 2005. Through the mediation of Professor Padraic Kenney, a substantial part of the library found a new home in Bloomington, IN. The collection features a noteworthy collection of Polish communist trade-union periodicals (20 titles) as well as various periodicals on the history of the workers’ movement, numerous congress records, guidebooks, brochures and 83 monographic series. The catalogisation of the collection, which might be the largest of its kind outside Poland, is in progress, yet numerous titles can be already found through the library’s online catalogue (www.iucat.iu.edu) through a keyword search on »biblioteka historii ruchu zawodowego«. For any enquieries, see www.libraries.iub.edu/index.php?pageId=1000035. (Source: NewsNet, March 2011). Vologda, Russia: Regional Communist Newspaper Digitised The Universal Scholarly Library of the Vologda Region (Vologodskaia oblastnaia universal’naia nauchnaia biblioteka) in Vologda, Russia, has put online scanned copies of the regional newspaper, Krasnyi Sever [The Red North]. Founded in 1917 as the herald of the local Soviet, it quickly became an organ of the Bolsheviks and continued being issued throughout the Soviet period and beyond. Albeit not being fulltext-based, featuring just scans in PDF format, the digitisation might prove a highly useful source on interwar Soviet provincial history through its vast coverage. The years 1917 to 1934, 1937 to 1939 and 1941 to 1945 are fully covered. The scanned copies can be browsed at http://krassev.booksite.ru:8080/. Lev Centrih, University of Ljubljana (Slovenia): » Digitising Sources for the History of the Communist Movement in Slovenia In Slovenia, there is yet no specialized digital online collection of sources dedicated to the history of the Slovene/Yugoslav/international communist and labour movement. In recent years, however, two distinguished projects had been launched which may in perspective provide an appropriate infrastructure for the research in question. These are: »SIstory – izobraževalni in raziskovalni portal slovenskega zgodovinopisja [Educative and research portal of Slovene historiography]« (www.sistory.si/), and »dLib.si – Digitalna knjižnica Slovenije [Digital library of Slovenia]« (www.dlib.si/). The project »SIstory« was launched in 2006 by the Institute of Contemporary History in Ljubljana under the leadership of Dr. Mojca Šorn and became accessible to the public in 2008. The structure of the »SIstory« data base is divided into the following sections: Sources, Literature, Biography, History and School, Citation Index, Events, and Links. Even though the project had been planned as bilingual (Slovene/English), communist and labour movement related materials have been so far published only in Slovene language. Considering the fact that the project is still in an early phase of development, most of the digitized collections comprise older or more recent printed versions of already published historical sources. This approach is fruitful, because it provides the researchers with basic information and materials about the Slovene/Yugoslav communist movement as well as with past research results. Prispevki za zgodovino delavskega gibanja (1960–1985) [Contributions to the history of the labour movement] and Zgodovinski časopis (1947-) [Historical Review], the two most important periodical publications for Slovene historiography, are now completely digitalized, and constitute not merely scholarly reflections of historical sources of the past, but eventually became historical sources themselves. These periodicals tell us a great deal about how the distinctive chapters of local and international communist movement’s histories were investigated. Applied methodologies and topics which always favoured local (national) history give us the key to understand the position of the scholarly and university apparatus in the socialist society – the continuities and discontinuities with the bourgeois pre-war period, that is with the positivist/narrativist »heritage« which still haunts Slovene historiography. For the same reason, the digitization of old Slovene history schoolbooks and manuals from 1900 until the 1950s, written by the most prominent Slovene historians such as Milko Kos, Ferdo Gestrin and Bogo Grafenauer, is a most welcome contribution for those who study the history of the development of ideological apparatuses at the European periphery. Other »SIstory« digital collections include the following material for the history of Slovene and Yugoslav communist movement: • Sources for the History of the Communist Party in Slovenia, 1919‒1921 (Ljubljana 1980) provides a collection of various sorts of material illustrating the rupture in Slovene/Yugoslav social democracy soon after the WWI – such as: articles from communist journals (Delo [Labour], Rdeči prapor [Red Banner], Proleter [The Proletarian]), leaflets, petitions, reflections on Soviet Russia, resolutions from congresses, early anti-Communist propaganda, police reports and observations etc. • Discussion on the National Question in the CPY [Communist Party of Yugoslavia] in 1923 (Ljubljana 1990) – a collection of articles and other documents relating to the fierce discussions in the CPY in the early 1920s about federalism, autonomy and nationalities in the context of general aspirations for the early Soviet type of political organization of the multinational state. • Documents of the People’s Revolution in Slovenia (DPRS) (Ljubljana 1962–1989), 7 volumes (March 1941–July 1943); Documents of Bodies and Organizations of the National Liberation Movement in Slovenia (Ljubljana 2001–), 3 volumes (January 1942–September 1943); • Autumn 1942. Edvard Kardelj and Boris Kidrič Correspondence (Ljubljana 1963). This collection provides the most basic material regarding the organization of the uprising against the Fascist invaders of 1941 in Slovenia and socialist revolutionary transformation of society, led by the Communist Party of Slovenia through the political organization of the Liberation Front of the Slovene Nation and several other economic, political and military forms of people’s resistance. The collection illustrates the dilemmas concerning the character of the national liberation struggle in Slovenia/Yugoslavia (national struggle by form – socialist transformation by essence); it further illustrates the crisis in the liberation movement in late 1942 generated by the great human losses within the partisan movement during the Italian summer offensive, the communists’ premature initiative to launch a »second (proletarian) phase of the revolution” and the chaos in partisan military organization, the violence against peasantry conducted by some local partisan commanders, the establishment of armed counterrevolutionary formations. A dispute was eventually settled by agreement between Communists, Christian Socialists and Sokoli [The Hawks, a patriotic gymnastic society] through the declaration usually known as the »Declaration of Dolomiti« in March 1943. The latter cancelled all attempts to form an independent political party.1 • Documents of the Federal Representative Bodies of the Democratic Federal Yugoslavia and the Federal Peoples’ Republic of Yugoslavia (1944–1946); transcriptions of discussions held by the Antifascist Assembly of the National Liberation of Yugoslavia, Constitutive Assembly, Provisional National Assembly. • Transcripts of the People’s Assembly of the People’s Republic of Slovenia (1947–1963); transcripts of discussions of the Slovene legislative body in the period of building the Yugoslav state as federation of (socialist) republics and autonomous regions. • Statistical Yearbooks of the Kingdom of Yugoslavia (Beograd 1929–1940), 10 volumes; indispensable sources for social history of the pre-war Yugoslavia, illustrating all relevant data that help to understand social conditions for the socialist revolution that followed. The »SIstory« portal (Literature section) further includes several (fully digitalized) historiographical works by Slovene historians and sociologists dealing with the communist movement or socialist/revolutionary transformation of Slovenia. This act of putting the absurdities of copyrights aside is a welcome gesture for the researchers as well as the broader public. Online are, for example: Zdenko Čepič, Agrarian Reform and Colonization in Slovenia, 1945–1948, Maribor 1995 (in Slovene); Bojan Godeša, The Slovene National Question During the Second World War, Ljubljana 2006 (in Slovene), Vida Deželak Barič, The Communist Party of Slovenia and the Communist Movement, Ljubljana 2007 (in Slovene), Primož Krašovec and Igor Ž. Žagar, Europe Between Socialism and Neoliberalism, Ljubljana 2011 (in Slovene). The section containing sources also includes video interviews with participants of the national liberation struggle. To sum up, »SIstory’s« potential as a portal is big. Further digitization of historical sources should include materials from the 1930s (the People’s Front period of the communist movement), not to mention documents after 1945 until the collapse of Yugoslavia. Since the archives (local and foreign/Belgrade, Moscow etc.) store a vast amount of materials, the problem of selection cannot be resolved otherwise than through resolving the problem of development of the scientific object of communist and labour movement history. The »Digital Library of Slovenia« (»dLib.si«) is a web library, a project developed by the National University Library at Ljubljana in corporation with partners from distinguished universities, institutes and private companies. The concept of »dLib.si« was developed in 2003 and became publicly accessible in 2005. Its collections include texts (journals, books, and scientific reports), photos (maps, photographs, posters) and multimedia (virtual exhibitions, sound recordings). The most valuable collections for the history of Slovene/Yugoslav/international communist and labour movement are probably the digitalized volumes of daily bourgeois newspapers published in Slovenia from the second half of the 19th century until 1945, such as the liberal Jutro [Morning, 1920–1945] and Slovenski narod [Slovenian Nation, 1868–1945], and the catholic-conservative Slovenec [Slovene, 1873–1945]. The articles provide analyses of the communist movement, testimonies of anti-communist propaganda and perception of anti-capitalism since the 19th century and the development of the USSR in general. The digitization of cultural-scientific periodicals such as Sodobnost [Modernity, 1933–1941] and Ljubljanski zvon [The Bell of Liubliana, 1881–1941] provides articles written by the communist ideologues and activists that penetrated traditional or progressive magazines in the 1930s. As far as the post-1945 history is concerned, the digitization of scientific publications such as Problemi [Problems, 1962–], Časopis za kritiko znanosti [Journal of the Critique of Science, 1973–] is indispensable for researching the development of Marxist thought in Slovenia and Yugoslavia, its deep criticism of orthodoxy (Stalinism) but also Yugoslav self-management and the evaluations of the Yugoslav model of developmentalism, especially the unequal development of the federation (the problem of Kosovo since the early 1980s). All of the material mentioned above is unfortunately so far accessible in Slovene language only. »SIstory« and »dLib.si« both provide important material for studying the history of local and global communist movement(s). A comparison between digitized material, especially Slovene historiographical journals and philosophical/sociological journals, offers an outlook to intriguing contradictions of Slovene socialist society, contradictions that persist until this day. How was it possible that major turning points and steps of the development of Marxist theory, the theory of ideology-discourse and radical (Marxist or world-system theory) political economy had so little or no impact on traditional production of historiography? It is still fashionable in Slovenia to describe the ancient regime as totalitarian or authoritarian and yet, the case of Slovene historiography – narrative and positivist, reveals its immunity to political, theoretical and ideological turning points that occurred in that period. It might be argued, however, that socialist society in Slovenia/Yugoslavia developed several autonomous social spheres which were very similar to those in modern bourgeois states. It might be further argued that the hegemony and dominance of the communist party was fading through the course of that development. How exactly this happened is a matter of future research. »SIstory« and »dLib.si« portals offer enough good material to start the research of this kind. Section IIIResearch Projects and Dissertations – Work in Progress Maurice Andreu, Université Paris XIII (France): » N. I. Boukharine sur les intellectuels et le communisme. Projet en cours. Dans ce projet, nous étudions la conception boukharinienne des relations entre les intellectuels et le communisme, telle qu’elle s’était formée de 1914 à 1923, avant que les problèmes de l’«unité» du Parti ne viennent tout perturber. Les intellectuels, dont Boukharine est un membre éminent de la variété russe, l’«intelligentsia», constituent un groupe intermédiaire de techniciens, de gestionnaires, d’enseignants, d’artistes etc. qui sont subordonnés à la classe dominante mais que le système social place au-dessus des classes laborieuses. Le communisme est le mouvement social animé par le Parti des Bolcheviks russes. Boukharine est le benjamin des dirigeants du Parti dont, selon Lénine lui-même, il est le «favori». Schématiquement, ce communisme est caractérisé : 1° par sa formation en un parti ouvrier, organisé comme une armée, tout à fait indépendant des autres classes et des autres partis ; 2° par la stratégie qu’il met en œuvre dès 1914 : transformer la guerre mondiale des impérialismes en une série de guerres civiles révolutionnaires qui mettront fin au capitalisme ; 3° par l’audace de ses combinaisons tactiques qui lui ont permis d’arriver au pouvoir avec le soutien des paysans russes et de s’y maintenir plus longtemps que ne le fit la Commune de Paris … Boukharine est évidemment, avant tout, un dirigeant du Parti bolchevik qui participe pendant près de vingt ans à son Comité central et pendant une dizaine d’années à son Bureau politique. Il occupe une place singulière dans l’appareil de la Direction du mouvement communiste. Le problème du rôle des intellectuels dans la révolution prolétarienne apparaît à plusieurs reprises chez Boukharine, mais pas aussi tôt qu’on pourrait s’y attendre. Une question comme celle de la «culture prolétarienne» est soulevée dès les premiers mois de la révolution et il est évidemment attiré par un mouvement qui est inspiré par un de ses maîtres à penser, A. Bogdanov. On n’en trouve cependant aucune trace dans les premiers travaux politiques qu’il publie sur le programme des communistes. Il faut attendre, nous semble-t-il, les années 1920 et 1921, lorsqu’il élabore son analyse théorique de la révolution (Economique de la Période de Transition) et son manuel de sociologie (Théorie du Matérialisme Historique), pour voir des développements suggérant une spécificité de la culture ouvrière. The full version of this presentation will be published in The International Newsletter of Communist Studies Online (2012). Álvaro Cúria, University of Porto (Portugal): » Heirs of the Wall. The Events of 1989–91 and the Continuity of the Southwest European Communist Parties. PhD Project.*2 Through this study I will offer a reflection based on primary sources, discourse analysis, and published literature on the reaction of five Southwest European communist parties to the historical events that occurred between 1989 and 1991, such as the Fall of the Berlin Wall (1989) and the Coup d’État in the USSR (1991). Using the methodology inherent to the history of present time, a study will be conducted on the Portuguese, Spanish, Catalan, French and Italian communist parties. Among others, factors related to their origin, course and the different paths followed after the collapse of the so-called real socialism motivated my choice. A comparative, transnational, interdisciplinary research will be carried out that promotes connections between political science and political history – highlighting the analysis of the party’s route and ideology – and communication science – with the analysis of the party press during that period and the use of political discourse study techniques, including the provision of a new framework for speech and content analysis. Objectives A primary objective is aimed at the description of the parties’ historical and ideological background. I will go through the relationships between them in a comparative manner, as well as other factors related to the context of their origin and development as European political institutions. The project’s goal is to create an openly comparative study, finding points of separation and connection between the parties that will allow us to, among other conclusions, infer of their peculiarities and study the possible definition of a Latin type of European Communism. The secondary objective stems precisely from the previous one. The parties’ reaction to defining moments in the years under study will be contextualized by conducting exploratory interviews to party leaders from that period, as well as investing deeply in document analysis, which includes minutes from congresses that took place between 1989 and 1991, and, as a main source of analysis, the party press archives. This material will be studied from the viewpoint of speech, proposing to that end a specific and original analysis framing scheme. The project will draw an accurate picture of the consequences and the reaction of the parties under study to the collapse of real socialism, how they adapted themselves to the absence of an international communist movement, and the conditions that caused the various parties to choose strategies as diverse as maintaining their identities or, in other cases, incorporating broader political coalitions, or even becoming extinct. Based on these objectives, a structured conclusion combining a pan-European comparative study will be provided. Detailed Description My study is focused on Southwest Europe, where communist parties have been implemented since the 20s. Five of those parties were chosen for this study: the Portuguese Communist Party, the French Communist Party, the Spanish Communist Party, the Unified Socialist Party of Catalonia and the Italian Communist Party. The choice of these five parties met criteria associated with several factors. First of all, facts connecting those parties, such as the existence of a cultural community and social models of South-European countries that generated a sort of proximity that will lead us to question whether there is indeed an identity of Latin/Southwest European communist parties. Also, the fact that these parties have undergone a phase as clandestine political organizations: a prolonged one in the Portuguese, Spanish, Catalan and Italian case; shorter in France. Finally, the fact that two of these parties (PCI and PCF) have taken part in the respective governments during the Liberation of Europe, more precisely between 1944 and 1947; and another one, PCP, has also risen to power at a period of national liberation in 1974, and maintained representation in the government until 1976. In each case, the rise to power is related to national liberation from right wing authoritarian regimes, with or without foreign occupation. These parties are also analyzed by differentiating criteria. In particular, the inclusion of four parties in the definition of Eurocommunism (French, Italian, Catalan and Spanish) as opposed to the Portuguese case, included by some authors in a group called the abnormal Eurocommunists,13 a group were Yugoslav and Asian Communism, particularly Indian Communism, would also take part. Also, we will assess if it is during the period between 1989–1991 that the parties reformulated themselves and if this was a result of the events that marked the end of a cycle. My interest in this subject arises from the results achieved in my research for the Master’s degree, based on the Portuguese case of the communist movement, whose discussion in international events already took place. I consider, however, that this matter could be pursued further. I am therefore aware of the relevance and potential of transnationality implied by this study, for which I propose a comparative approach using interdisciplinary tools, where the historical and ideological study provide the methodology required to reach firm conclusions and produce new knowledge. Contact: alvarocuria@gmail.com The full version of this presentation will be published in The International Newsletter of Communist Studies Online (2012). Leo Goretti, University of Reading (UK): » Young Partisans and »Ragazzi con la maglietta a strisce«. Communist Youth in Italy between the Resistance and July 1960. A Gender and Generational Study. PhD Project.*4 The thesis deals with Communist youth in Italy between 1943 and 1960. The main aim of the research is to explore the change in the political identities and behaviour of Italian young radicals between the Resistance War and the late 1950s. To do this, the topic is approached from different angles, in an attempt to overcome the barriers between political, social and cultural history. The first chapter focuses on the history of Communist youth organizations between 1943 and 1960. Through an extensive analysis of Party documents, the chapter illustrates the organic allegiance of these networks to the Communist Party, on the basis of the Leninist principle of »democratic centralism«. The crisis of this top-down relationship between the »adult« Party and its youth organizations in the aftermath of 1956, and the subsequent emergence of youth dissent within the Party, is extensively analysed. Through a comparison with the youth organizations of the French Communist Party, the chapter endeavours to investigate whether (or to what extent) the developments in the Italian Communist youth networks were the result of specific decisions of the Italian leadership or whether they should be seen as the fulfilment of external Soviet directives. The second chapter focuses mainly on Communist pedagogy for young people. It deals with the educational ideas of some of the most prominent Communist thinkers (most notably, Antonio Gramsci), and the way in which they were put into practice within the Party – in its publications for young people, and in the schools for prospective cadres. Through an examination of the Party magazines for young people, the chapter stresses the increasing difficulty faced by Italian Communists in dealing with the diffusion of commercial mass culture. Even though in principle the latter was ideologically described as an American Trojan horse that corrupted the minds and souls of the younger generations, in practice Communist youth magazines drew largely on the design and the style of commercial weeklies to reach a wider audience. The third chapter deals with the gendered content of Communist youth policies. Through an analysis of different issues (namely, the fact that until 1957 girls had to be part of separate youth branches; the priority given to marriage and family over work as the defining elements of girls’ lives; the daily activities organised for girls, including cake baking and beauty competitions) the chapter outlines the female role models put forward in the Communist movement. It stresses the significance of the change that took place in the late 1950s, when the importance of work as a precondition for girls’ independence was eventually acknowledged within the Party. In the light of the »specific« content of Communist policies for girls, the masculine, virile, patriarchal essence of the »universal« Communist youth policies is also discussed. In the fourth chapter, the emergence of different generations of Communist militants is analysed. The category of »political generation« is here defined as a group of young people who enter the public arena for the first time at a specific political conjuncture, which ends up influencing their idea of militancy and their political identity in the long term. On the basis of an analysis of the political biographies of different groups of militants, it is suggested that three generations of young Communist militants can be distinguished in this period: the generation of Antifascism, who entered the Party in World War II or in its aftermath; the generation of the Cold War, which was politically socialized at the height of the East-West confrontation; and the post-1956 generation, who shared a more »liberal« political – and cultural – mindset, more similar to that of the radical students and workers of 1968. Based on an extensive research involving a wide range of sources (documents of the Party and the National archives; youth magazines; sociological surveys; autobiographies and memoirs; interviews with former young Communists), the thesis aims to offer an original contribution to our understanding of the processes of cultural and political change among Italian youth after World War II. Moreover, it endeavours to highlight some crucial (and unresolved) dilemmas for Italian Communists in dealing with cultural modernization and the spread of commercial, consumption-based mass culture. David Mayer, Department of Social and Economic History, University of Vienna (Austria): » Tropics Defiant – Clio Militant. On Marxist Historiographic Debates in Latin America in the »Long 1960s« in Transnational Perspective. PhD Project. One of the realms in which references to Marx and Marxisms played a critical role in the 20th century, was historiography. This holds true not only for the historical sciences as an academic discipline but also for social-political disputes about how to understand the past (politics of history). This PhD thesis offers a study of Latin American historiographic debates inspired by Marxism. It focuses on the »long 1960s« and on Argentina, Mexico, and Chile. Two debates are reconstructed in detail: First, the controversy about historical socio-economic formations and transformations, which were concerned with determining the character of colonial and post-colonial societies in Latin America (feudal or capitalist?) and with specifying the different modes of production in these societies. Second, the debate about the Mexican Revolution in which the popular masses as historical actors, social conflicts and questions of political domination were in the centre of interest. The analyses of this thesis focus on the referenciality in these debates, i.e. the way how these referred to other debates both formally and with regards to contents. For this the following questions are dealt with: Which ideas and arguments did the participants of Latin American debates base themselves on? Were these references local, transnational or transcontinental? What were the preconditions for references to texts and debates from other places (translations, travels, stays abroad etc.)? How did these references influence the interpretations of authors? Were there characteristic reference patterns? Contact: david.mayer@univie.ac.at The full version of this presentation will be published in The International Newsletter of Communist Studies Online (2012). Claudia Monteiro, Universidade Federal do Paraná (Brazil): » A Study of Communism in Paraná (1945–1964): Militancy Between Reason and Feelings. PhD Project.*5 The Partido Comunista do Brasil (PCB), founded in 1922 from the impact and repercussions of the Russian revolutionary process, was one of the main agglutinating poles of the Brazilian political Left during the twentieth century, even during the periods of illegality. The years between 1945 and 1964 (the period selected for my PhD research) were a time when the PCB had considerable influence in Brazilian politics – a fact that attracted the attention of the political police investigators looking for evidence of subverting the political and social order. In the State of Paraná, this activity of the political police left behind a big range of captured documents, newspapers, photographs, pamphlets about various activities of communist militants. These materials confiscated by the Department of Political and Social Order of Paraná (DOPS-PR) are currently kept in the historical and public archives of Paraná, and constitute important sources for social and political history.16 Based upon these archival materials of the Department of Political and Social Order of the State of Paraná, my research has the objective of building a social history of politics. In other words, my main purpose is to draw a history from below of communist militancy, reflecting on the following issues: What did motivate ordinary working men and women to defend the ideal of communism with such passion and dedication? Despite the period of illegality and the repression against the PCB, why did the party did not lack loyal and faithful militants at that time? In an attempt to provide answers to these questions, my research concentrates on the militants who, for several motivations, acted collectively in favor of a common ideology: communism. Therefore my main focus is not the history of the PCB as an institution, but as an affective unit. Although it is methodologically more convenient to consider the institution as a representative of a whole group, I intend to show the opposite, considering that any political party is a homogeneous unit. This research is delimited on the State of Paraná despite the fact that this State was not where the PCB had the most supporters in Brazil. It serves as an empirical basis to observe the various strategies of a small group of militants. This delimitation allows to analyze various aspects of communist militancy in the State of Paraná: the growth and popularity of the party during the period of the PCB’s legality between 1945 and 1947 (Chapter one of the thesis), the involvement of militants with the local population (Chapter two), the election campaign and activities of the Communist candidates (Chapter three), the influence of Communists on the labor movement and on the countryside (Chapter four), the ban of the party in May 1947 by the Government, the illegal militancy and the impact of the military coup in March 1964 (Chapter five). In this way the history of communist militancy in Paraná will be presented through the reflection of the role of political passions considering militancy. Due to the belief in the omnipotence of reason as the sole producer of meaning and the difficulty in overcoming the positivist opposition between what is objective and subjective in science, the role of emotions in politics has been ignored for a long time, as if political activity was only managed by people fully aware of their ideas and interests. For this purpose, authors like Pierre Ansart and Eugène Enriquez27 have made valuable contributions about this theoretical approach on the theme of political passions. Acording to Ansart, the communist parties have produced touching messages through symbols and collective practices.38 From the viewpoint of the militants, the party is an affective object, because in comparison to others political parties, their party is »the chosen one«. Being connected to a party means to feel its orders as beneficial, to approve its goals as desirable choices and to judge its leaders as the best rulers. Thus, the party as an affective unit provides comfort and confidence to its members in an uncertain and insecure world, and it operates like »an oasis in the desert« protecting them from a lonely and desolate life. Based on the reflections about passions in politics, my research aims to consider the motivations of communist militants of the past, trying to overcome a perspective in which motivations are not just based upon the ratio of class interests of the Marxist scientific discourse, but also in different feelings like courage, hate, love, happiness, sorrow, resentment and hope. Contact: claudiahistoria@yahoo.com.br The full version of this presentation will be published in The International Newsletter of Communist Studies Online (2012). Jonathan Waterlow, Merton College, University of Oxford (UK): » Popular Humour in Stalin’s 1930s. A Study of Popular Opinion and Adaptation. PhD Project.*9 Understanding everyday life – »history« as experienced by the majority – during Stalin’s 1930s remains problematic. The historiography of the Stalin period has shifted ever more towards social analyses, away from totalitarianism-based explanations of the regime as based upon either total state coercion or total state conversion, with the focus coming to rest upon the space between those poles. Exactly what that space was, its nature and operation, its blurring of boundaries between affirmation and dissent, has yet to be clearly defined. The outlines of the everyday realities for the majority of Soviet citizens have been sketched, but have yet to be coloured in. My research proposes that studying the humour of the population can offer us a keyhole onto the period, providing a wealth of new detail to this still underdeveloped picture of popular perceptions, understandings of and reactions to the upheavals of the 1930s. Policies, speeches, leading figures and the daily grind of life in the Soviet Union were all subjected to constant mockery by the Soviet population. This was evident in anekdoty (jokes or humorous tales), sarcastic remarks and observations shared at work, and in the widespread practice of »decoding« the ubiquitous acronyms of the Soviet authorities in mocking and sometimes filthy ways. But in the end, nothing approaching a dangerous »opposition« emerged from this plethora of humorous subversion. How, then, did the relationship between official ideology and popular responses to it actually function? I propose an intricate blend of acceptance and criticism or, rather, of acceptance through the process of criticism. By criticising that which could not be changed, »ordinary« Soviet citizens could retain some agency of their own and shared these interpretive acts widely with those whom they trusted. These processes created a pathway to adaptation without becoming simply crushed or brainwashed by ideology, and simultaneously shaped a very complex interaction between the population and official ideology. They picked and chose only certain pieces which they held to be true, but did not simply discard the most patently false or unwanted. Instead, my research reveals not outright rejection, but strong desires that the system should live up to its claims, combined with a subtle, popular reclamation of official »signs« (e.g. the acronyms mentioned above), which were given new, clandestine meanings that reflected the majority’s view of world around them. In a broader sense, the aim of my research is to develop scholarly understanding of how populations engage with and adapt to dominating, »totalitarian« regimes. I propose humour as a key indicator of the path many citizens may take between those poles. That is not only to say that people are selective, but to identify the operational islands of the everyday which they constructed and to examine them in their own right. Humour is especially suited to this goal because it both receives/accepts a regime’s ideology, but continues to allow for personal agency to colour that reception. My analysis therefore directly engages with the continuing debates surrounding the category of »resistance«, but not upon the subjective and value-laden question of why people endured the difficulties of the Stalinist regime. Instead, my research is more empirical in its focus, noting first that because people did endure it, our focus should be upon the vital question of how they did so. The focus upon humour adds an important element of social psychology to my research which may be more widely applicable to studies of contemporary societies’ social bonds and interactions. Humour plays an important role in the forging, shaping and endurance of social bonds, and I examine the different kinds of jokes or comments that citizens would risk in different social settings. It is possible in this way to identify different »trust-groups«, the contours of which I propose to be more useful interpretational categories than the problematic labels of »public« and »private« – a binary division that simply does not work for Stalinist Russia nor, I argue, in many other societies, perhaps including our own. The principal source bases of this project are reports on the »mood« of the population, combined with the criminal casefiles of individuals who were arrested and imprisoned for crimes of humour committed during the 1930s. The sample materials are drawn from archives in Moscow, St Petersburg and Kyiv. Contact: jonathan.waterlow@history.ox.ac.uk Section IVMaterials and Studies Materials and studies will be presented in The International Newsletter of Communist Studies Online (2012). Section VNew Publications – Reports, Presentations and Reviews V.1 Reviews The following reviews will be presented in The International Newsletter of Communist Studies Online (2012): • Augstein, Franziska: Von Treue und Verrat. Jorge Semprún und sein Jahrhundert, München, C.H. Beck, 2008. 381 p. • Gehrmann, Manfred: Die Überwindung des »Eisernen Vorhangs«. Die Abwanderung aus der DDR in die BRD und nach West-Berlin als innerdeutsches Migranten-Netzwerk, Berlin, Links, 2009. 650 p. • Gutjahr, Wolf-Dietrich: »Revolution muss sein«. Karl Radek. Die Biographie, Köln e.a., Böhlau, 2011. 840 p. • Herbeck, Ulrich: Das Feindbild vom »jüdischen Bolschewiken«. Zur Geschichte des russischen Antisemitismus vor und während der Russischen Revolution, Berlin, Metropol, 2009. 480 p. • John, S. Sándor: Bolivia’s Radical Tradition. Permanent Revolution in the Andes, Tucson, University of Arizona Press, 2009. XIII, 317 p. • King, David: Roter Stern über Russland. Eine visuelle Geschichte der Sowjetunion von 1917 bis zum Tode Stalins. Plakate, Fotografien und Zeichnungen aus der David-King-Sammlung, Essen, Mehring, 2010. 345 p. • Krivošeev, Grigorij F. e.a.: Velikaja Otečestvennaja bez grifa sekretnosti. Kniga poter’, Moskva, Veče, 2009. 380 p. • Kuckuk, Peter (ed.): Die Revolution 1918/19 in Bremen. Aufsätze und Dokumente, Bremen, Edition Temmen, 2010. 230 p. (Beiträge zur Sozialgeschichte Bremens. 27). • Laschitza, Annelies; Gietinger, Klaus (eds.): Rosa Luxemburgs Tod. Dokumente und Kommentare, Leipzig, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, 2010. 203 p. (Rosa-Luxemburg-Forschungsberichte. 7). • Lorenz, Gerlinde: Leitstern Sozialismus. Die politische Biografie des Remscheider Arbeiterführers Otto Braß (1875–1950) und seines Sohnes Otto (1900–1972), Essen, Klartext, 2010. 432 p. • Pons, Silvio; Service, Robert (eds.): A Dictionary of 20th-Century Communism, Princeton-Oxford, Princeton University Press, 2010. 921 p. • Vinogradov, V. K. (ed.): Pravoėserovskij političeskij process v Moskve 8 ijunja–4 avgusta 1922 g. Stenogrammy sudebnych zasedanij. Vols. 1–2, Moskva, ROSSPĖN, 2011. 686 p. V.2 Presentations and Announcements John Riddell (ed.): » Toward the United Front. Proceedings of the Fourth Congress of the Communist International 1922, Leiden, Brill, 2011. 1310 p. (Historical Materialism Book Series. 34). ISBN 978-9-00420-778-3. Historical Materialism Book Series, an imprint of Brill Academic Publishers, has published an annotated edition of the Communist International’s Fourth World Congress, held in Moscow from 5 November to 5 December 1922. The 1,310-page volume includes the Congress resolutions, the stenographic transcript of its 32 sessions, explanatory footnotes, biographies of the more than 500 persons mentioned in the Congress, a glossary, a chronology, an analytic index, and an extensive introduction by the translator and editor, John Riddell. The Congress proceedings and resolutions were originally published in German in 1923, and excerpts appeared then in English, French, and Russian. The German edition was reprinted by Feltrinelli in 1967; a Serbo-Croatian translation appeared in 1982. The present edition is the first in English. The book is available from Brill for €199 or $283. A paperback edition will be published by Haymarket Books at the end of 2012. The main theme of the Fourth Congress was the need for workers’ organisations to unite in struggle, and this topic is developed in interrelated discussions on the united front, transitional demands, and the demand for a workers’ government. The Congress also includes the Comintern’s first substantive discussion on fascism, which achieved power in Italy a few days before the Moscow gathering convened. Another discussion addressed the colonial revolution, Islamic anti-imperialism, and the responsibility of parties in the metropolitan countries to support colonial freedom. The congress was much broader in scope than its predecessors, embracing discussions on trade union work, the Communist women’s movement, the world struggle for Black liberation, material aid to the Soviet republic, and work in cooperatives. Delegates also considered the problems of many member parties. Agreement was general at the Fourth Congress that some form of united front policy should be pursued, but there was discord over how this should be done. The majority of the Italian party, led by Amadeo Bordiga, favoured a united front of trade unions but not political parties. The minority in the German party led by Ruth Fischer argued for a united from »from below«, which would not include negotiations with Social Democratic leaderships. The German party majority, together with Karl Radek, favoured a more forceful effort to achieve a united front. Similar disagreements cropped up with respect to transitional demands and the workers’ government. The present edition forms part of a sustained effort to publish in English the annotated proceedings of the four Comintern congress held in Lenin’s lifetime. Six volumes of Comintern documents were published by Pathfinder Press under Riddell’s editorship between 1984 and 1993, including proceedings of the First (1919), Second (1920), and Baku (1920) congresses. Work is under way to enable Historical Materialism to make available the record of the Third Congress (1921), with a planned publication date of 2014. An additional projected volume would include the three conferences of the Comintern’s expanded Executive Committee that were held in 1922 and 1923. Correspondence regarding this project can be sent to johnriddell@sympatico.ca. (Information by the author) Fridrich I. Firsov: » Sekrety Kommunističeskogo Internacionala. Šifroperepiska [Secrets of the Communist International. Coded Correspondence], Moskva, ROSSPĖN, 2011. 519 p. (Istorija stalinizma). ISBN 978-5-8243-1461-8. On the basis of less known, or even in most cases previously unknown sources, the book shows the part of the Comintern’s activity that used to be kept silent, yet was of first priority – covert instructing of communist parties through emissaries, methods of financing, control and complete subordination. The book sheds new light on events such as the Popular Front in France, the civil wars in Spain and China, and World War II. Special attention is drawn to the tense cooperation between Comintern and Soviet intelligence. The author succeeded to decipher the codes that the Comintern used to correspond with communist parties. (From the publisher’s announcement) Ralf Hoffrogge: » Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland. Von den Anfängen bis 1914, Stuttgart, Schmetterling, 2011. 216 p. (Reihe theorie.org). ISBN 978-3-89657-655-2. Die soziale Frage, welche der klassischen Arbeiterbewegung zugrunde lag, ist heute wieder aktuell. Auch der Sozialismus als Utopie wird neu diskutiert. Die Geschichte des Sozialismus ist jedoch weder an den Universitäten noch in politischen Debatten ein prominentes Thema. Doch wie kann man über die Zukunft nachdenken, ohne die Vergangenheit zu kennen? Diese Einführung liefert einen historischen Überblick über die sozialistische Arbeiterbewegung vor dem Ersten Weltkrieg. Der Schwerpunkt liegt in Deutschland, aber Fragen von Internationalismus, Kolonialismus und Migration nehmen breiten Raum ein. Denn Kämpfe um das Soziale waren Kernfrage, aber nie einziges Thema der Arbeiterbewegung. Sie beschäftigte sich schon im 19. Jahrhundert mit Geschlechterverhältnissen, kämpfte gegen rassistische Diskriminierung und Antisemitismus, setzte sich gegen die Kriminalisierung von Homosexualität ein. Diese Breite zeitgenössischer Diskussionen soll in der vorliegenden Einführung neu erschlossen werden. Es gilt, neu zu untersuchen, wie in der Vergangenheit verschiedene Kämpfe um Emanzipation zusammengeführt wurden – oder auch scheiterten. Denn das Wissen um historische Niederlagen ist besser als ein geschichtsloser Zustand, in dem selbst die Idee des Kampfes abwesend ist. Für den Zeitabschnitt nach 1914 ist ein weiterer Band geplant. (Verlagsankündigung) Richard Müller: » Eine Geschichte der Novemberrevolution. Vom Kaiserreich zur Republik. Die Novemberrevolution. Der Bürgerkrieg in Deutschland, Berlin, Die Buchmacherei, 2011. 756 p. ISBN 978-3-00-035400-7. In einer historischen Trilogie unter dem Obertitel »Vom Kaiserreich zur Republik« verfasste Richard Müller, Metallarbeiter und Vorsitzender des Vollzugsrats der Arbeiter- und Soldatenräte in der deutschen Novemberrevolution, einen ungewöhnlichen Zeitzeugenbericht. Seine packend erzählten Bände inspirierten Historiker wie Sebastian Haffner und sind Standardwerk und Geheimtipp zugleich. Jetzt sind die drei Bände in einem Band gebündelt wieder verfügbar. (Verlagsankündigung) David North: » Verteidigung Leo Trotzkis, Essen, Mehring-Verlag, 2010. 259 p. ISBN 978-3-88634-085-9. Innerhalb von fünf Jahren haben drei britische Historiker – Ian Thatcher, Geoffrey Swain und Robert Service – Biografien über Leo Trotzki vorgelegt. Alle drei, insbesondere aber diejenige von Robert Service wurden in der Presse hoch gerühmt und in ihrem Verkaufserfolg gefördert. Suhrkamp plant für Anfang 2012 eine Übersetzung des Buchs von Service für den deutschsprachigen Markt. Doch was ist abgesehen von diesem kommerziellen Erfolg der wissenschaftliche Wert dieser Biographien? David North hat sie unter diesem Gesichtspunkt in sieben Vorträgen und Rezensionen, die unter dem Titel Verteidigung Leo Trotzkis beim Mehring Verlag erschienen sind, einer umfassenden und aufschlussreichen Kritik unterworfen. David North ist Vorsitzender der Internationalen Redaktion der World Socialist Website (www.wsws.org) und Autor zahlreicher Veröffentlichungen über das Werk Leo Trotzkis und der Vierten Internationale. Kern seiner Kritik an Robert Service: Die Biographie genügt nicht im Entferntesten den etablierten wissenschaftlichen Standards für den Umgang mit geschichtlicher Wahrheit und historischen Quellen, auch die Regeln verlegerischer Sorgfalt und Integrität sind gröblich verletzt. Es wimmelt in ihr nur so von faktischen Fehlern zu geschichtlichen und biographischen Ereignissen, von falschen Angaben zu Orts- oder Personennamen. Die Quellenangaben, deren Vielzahl wissenschaftliche Akribie vortäuschen soll, sind unzuverlässig. Schwer zugängliche und daher für den normalen Leser kaum überprüfbare Quellen haben oft mit dem Behaupteten nichts zu tun oder sind in ihrem Inhalt verdreht und gefälscht worden. So gut wie nichts erfährt der Leser über die komplexen geschichtlichen Entwicklungen, die das Leben und die Ideen von Leo Trotzki geformt haben und die er seinerseits mit einer unglaublich produktiven schriftstellerischen und politischen Tätigkeit in Zeiten der Revolution gestaltete, in Zeiten der Reaktion zu ändern suchte. David North gelingt es, in der Auseinandersetzung mit den Positionen der drei Autoren auf knappem Raum nicht nur zahlreiche historische Fakten zu berichtigen, sondern auch Inhalt und Bedeutung der theoretischen Konzeptionen und politischen Perspektiven Trotzkis verständlich zu machen. So erläutert er, welchen entscheidenden Einfluss seine Theorie der Permanenten Revolution auf den Verlauf der Revolution 1917 in Russland hatte, wie sie die Grundlage für seinen Aufbau einer internationalen Opposition gegen den Stalinismus bildete. Bei Service hingegen tritt laut North an die Stelle einer kritischen Analyse von geschichtlichen Fakten und politischen Konzepten eine Fülle von abwertenden und abfälligen subjektiven Urteilen über Politik und Privatleben Trotzkis. In der Regel handelt es sich dabei um längst bekannte und widerlegte Verleumdungen, die schon von Stalins Propaganda eingesetzt wurden. In vielen Passagen bringt Service gezielt auch solche Vorurteile zum Schwingen, die bei antisemitischen Kreisen Begeisterung auslösen dürften. Nicht die Erforschung und Darlegung seines Lebens mittels einer kritischen Auswertung neuer und alter Quellen, sondern die Verfälschung und Diskreditierung Trotzkis als Persönlichkeit der Weltgeschichte und seine Vernichtung als Mensch sind das Ziel der Biographie – nicht eine wissenschaftliche Streitschrift, sondern eine ideologisch motivierte Schmähschrift das Resultat. Kenntnisreich, nüchtern-akribisch, immer mit sorgfältig recherchierten Belegen weist David North dies nach. Zwei unbestrittene Autoritäten haben die Kritik von David North inzwischen in vollem Umfang bestätigt: Bertrand Patenaude, als Professor der Hoover Institution, Stanford University, der Sympathien für Trotzki unverdächtig, in einer Parallel-Besprechung der Biographie von Robert Service und des Buches Verteidigung Leo Trotzkis in The American Historical Review (Juni 2011) – und der Autor Robert Service selbst. Bis heute haben weder er noch sein Verlag Harvard University Press die von Patenaude bestätigten Vorwürfe David Norths widerlegt oder auch nur versucht, sie zu widerlegen. Hermann Weber und Helmut Dahmer sowie zwölf weitere deutsche Historiker und Politikwissenschaftler haben auf Grund dieser Sachlage in einem Brief an den Suhrkamp Verlag erhebliche Bedenken gegen die geplante Veröffentlichung des Buchs von Robert Service angemeldet. Keine Frage: David North regt mit seiner Verteidigung Leo Trotzkis Historiker und alle an der geschichtlichen Wahrheit Interessierten zu weiterem Forschen, Nachdenken und Debattieren an. (Verlagsankündigung)10 David Fernbach (ed.): » In the Steps of Rosa Luxemburg. Selected Writings of Paul Levi, Leiden, Brill, 2011. VI, 349 p. (Historical Materialism Book Series. 31). ISBN 978-90-04-19607-0. Paul Levi remains one of the most interesting and controversial figures in the early history of the Communist movement. As leader of the KPD after the murder of Rosa Luxemburg and Karl Liebknecht, he successfully built up a party of a third of a million members, but by 1921 Comintern pressure for »Bolshevisation« forced Levi’s resignation and expulsion. Until his early death in 1930 he remained »a revolutionary socialist of the Rosa Luxemburg school« (Carl von Ossietsky), and was described by Albert Einstein as »one of the wisest, most just and courageous persons I have come across«. The first English edition of Levi’s writings fills a long-standing gap in the documents of German Communism. (Publisher’s announcement) Raquel Varela: » A História do PCP na Revolução dos cravos, Lisboa, Bertrand, 2011. 399 p. ISBN 978-972-252295-3. The Portuguese events of 1974–75 were one of those rare moments in the history of the second half of the 20th century when one can study the politics of a Soviet-style Communist party in Europe at the centre of a revolution – the last one until today in the developed countries where there has been a double power structure, and where the existence of private property of the means of production has been questioned. The aim of this book is to understand precisely what has been the political articulation of the Portuguese Communist Party during the revolutionary period. »Varela’s Book discusses for the first time in a work of an academic nature the specific political role played by the Portuguese Communist Party within the revolutionary process of the years 1975/1975. She did this in a very sustained way, building an innovative, and necessarily controversial, approach to a crucial period of the 20th Century.« (Prof. Fernando Rosas, Chair of Contemporary History, Universidade Nova de Lisboa) (Information by the author). V.3 Books Sent In For Review The following books are available for review. If you are interested to review any of the titles – or any other relevant titles – in the International Newsletter, please contact the editors first, including information about yourself. Also feel free to contact us if you have review suggestions for books that are not listed here, or if you are an author/publisher and want the International Newsletter to review your books. Please note that unsolicited reviews will not be published. • Bürgi, Markus; König, Mario (eds.): Harry Gmür. Bürger, Kommunist, Journalist. Biographie, Reportagen, politische Kommentare, Zürich, Chronos, 2009. 250 p. • Caillat, Michel/Cerutti, Mauro/Fayet, Jean-François/Roulin, Stéphanie (eds.): Histoire(s) de l’anticommunisme en Suisse. Geschichte(n) des Antikommunismus in der Schweiz, Zürich, Chronos, 2008. 368 p. • Čubar’jan, Aleksandr O.: Kanun tragedii. Stalin i meždunarodnyj krizis. Sentjabr’ 1939 – ijun’ 1942 goda, Moskva, Nauka, 2008. 475 p. • Dahmer, Helmut: Divergenzen. Holocaust, Psychoanalyse, Utopia, Münster, Westfälisches Dampfboot, 2009. 649 p. • Flügge, Manfred: Die vier Leben der Marta Feuchtwanger. Biographie, Berlin, Aufbau, 2008. 422 p. • Gerstengarbe, Sybille/Hennig, Horst: Opposition, Widerstand und Verfolgung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 1945–1961. Eine Dokumentation, Leipzig, Leipziger Universitäts-Verlag, 2009. 730 p. • Griesse, Malte: Communiquer, juger et agir sous Staline. La personne prise entre ses liens avec les proches et son rapport au système politico-idéologique, Frankfurt am Main e.a., Lang, 2011. XII, 536 p. • Hedeler, Wladislaw: Die Ökonomik des Terrors. Zur Organisationsgeschichte des Gulag 1939 bis 1960, Hannover, Offizin, 2010. 333 p. • Huber, Peter/Hug, Ralph (eds.): Die Schweizer Spanienfreiwilligen. Biografisches Handbuch, Zürich, Rotpunktverlag, 2009. 478 p. • Iber, Walter M.: Die sowjetische Mineralölverwaltung in Österreich. Zur Vorgeschichte der OMV 1945–1955, Innsbruck e.a., Studien-Verlag, 2011. 309 p. (Veröffentlichungen des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung. 15). • Jahn, Egbert (ed.): Nationalismus im spät- und postkommunistischen Europa. I: Der gescheiterte Nationalismus der multi- und teilnationalen Staaten. II: Nationalismus in den Nationalstaaten. III: Nationalismus in den nationalen Gebietseinheiten, Baden-Baden, Nomos, 2008/2009. 401 + 657 + 388 p. • Jahn, Egbert (ed.): Nationalism in Late and Post-communist Europe. I: The Failed Nationalism of the Multinational and Partial National States. II: Nationalism in the Nation States. III: Nationalism in National Territorial Units, Baden-Baden, Nomos, 2008/2009. 367 + 633 + 359 p. • Junge, Mark/Bordjugov, Gennadij/Rol’f Binner: Vertikal’ bol’šogo terrora. Istorija operacij po prikazu NKVD N° 00447, Moskva, Novyj Chronograf, 2008. 778 p. • Kamiński, Łukasz/Persak, Krzysztof/Gieseke, Jens (eds.): Handbuch der kommunistischen Geheimdienste in Osteuropa. 1944–1991, Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 2009. 583 p. (Analysen und Dokumente. 33). • Karner, Stefan/Stelzl-Marx, Barbara/ Tomilina, Natalja/ Tschubarjan, Alexander e.a. (eds.): Der Wiener Gipfel 1961. Kennedy – Chruschtschow, Innsbruck e.a., StudienVerlag, 2011. 1056 p. • Keep, John L. H./Litvin, Alter L.: Epocha Iosifa Stalina v Rossii. Sovremennaja istoriografija, Moskva, ROSSPEN, 2009. 328 p. (Istorija stalinizma). • Killian, Herbert: Geraubte Freiheit. Ein Österreicher verschollen in Nordostsibirien, Berndorf, Kral Verlag, 2008. 220 p. • Neves, José: Comunismo e nacionalismo em Portugal. Política, cultura e história no século XX, Lisboa, Tinta-da-China, 2008. 502 p. • Oberloskamp, Eva: Fremde neue Welten. Reisen deutscher und französischer Linksintellektueller in die Sowjetunion 1917–1939, München, Oldenbourg, 2011. VIII, 472 p. • Seifert, Roger/Sibley, Tom: Revolutionary Communist at Work. A Political Biography of Bert Ramelson, London, Lawrence & Wishart, 2011. 414 p. • Zeuske, Michael: Von Bolívar zu Chávez. Die Geschichte Venezuelas, Zürich, Rotpunktverlag, 2008. 619 p. Section VIMeetings and Conferences Concerning Communist Studies 2011–2012 VI.1 Conference List*11 Past meetings and conferences 2011 • Glasgow, UK, 6–8 January 2011: XXXVII Conference of the Study Group on the Russian Revolution, Glasgow University. www.basees.org.uk/sgrusrev.shtml • London, UK, 13–15 January 2011: Music and Communism outside the Communist Bloc after 1945. The British Academy, London. Proposal deadline: 18 June 2010. www.nottingham.ac.uk/Music/Research/conferences/communism.aspx • Berlin, Germany, 14 January 2011: Basisdemokratie und Arbeiterbewegung – Erfahrungen und Vermächtnisse. Kolloquium anlässlich des 80. Geburtstages von Prof. Dr. Günter Benser. Rosa-Luxemburg-Stiftungen Berlin und Brandenburg, Förderkreis Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung. www.brandenburg.rosalux.de/fileadmin/ls_bbg/media/Benser_01.pdf • Santa Barbara, USA, 2–5 February 2011: West Meets East. The International Labor Organization from Geneva to the Pacific Rim. University of California Santa Barbara, Department of History. jmjensen@umail.ucsb.edu • Fontainebleau/Paris, France, 3–5 March 2011: La société française dans la guerre froide. Archives nationales-Fontainebleau. http://guerre-froide.hypotheses.org/736 • Leipzig, Germany, 4–5 March 2011: Vom Leben Rosa Luxemburgs nach ihrem Tod. Die Luxemburg-Rezeption nach 1945. XI. Rosa-Luxemburg-Konferenz. Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen e.V. www.sachsen.rosalux.de • Paris, France, 5 March 2011: Colloque »Présence de Rosa Luxemburg« à l’occasion de son 140e anniversaire. Fondation Gabriel Péri, Regards, Approches Marxistes. • Moscow, Russian Federation, 16–19 March 2011: Mežrabpom-Fil’m und die deutsch-russischen Filmbeziehungen der 1920er und 1930er Jahre. Deutsche Kinemathek Berlin, Deutsches Historisches Institut Moskau. www.dhi-moskau.org/seiten/veranstaltungen/programme/2011/CFP_16-19mar11_de.pdf; http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3685 • Lisbon, Portugal, 17–19 March 2011: Strikes and Social Conflicts in the Twentieth Century, The Institute of Contemporary History (New University of Lisbon), the International Institute of Social History (Amsterdam), The Archive Edgard Leuenroth (Unicamp/Brasil) e.a. ihc@fcsh.unl.pt • Cambridge, MA, USA, 25–26 March 2011: Symposion »The Vienna Summit 1961: J. F. Kennedy and Nikita Khrushchev«, Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Harvard University, Center Austria of the University of New Orleans e. a. www.bik.ac.at • Grodziszcze, Poland, 29 March–1 April 2011: 9. Internationales Gedenkstättentreffen Kreisau. Die europäische Einigung als Museumsprojekt. Perspektiven aus der Erfahrung von Widerstand und Opposition während des Kalten Krieges. Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Internationale Jugendbegegnungsstätte Kreisau. • Potsdam, Germany 31 March – 2 April 2011: »Post-Stalinism as an Epoch«. Towards a Comparative Societal History of European Communism between 1956 and 1980. Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. • Cambridge, UK, 2–4 April 2011: Annual Conference of the British Association of Slavonic and East European Studies, Fitzwilliam College, Cambridge. www.basees.org.uk/conference.shtml • Reading, UK, 5 April 2011: Communism and Youth in the Twentieth Century. Graduate School in Arts and Humanities, University of Reading. http://tinyurl.com/c20c-youth • Berlin, Germany, 5 April–13 July 2011: Veranstaltungsreihe »Stalinistischer Terror in der Sowjetunion und in Osteuropa. Neue Forschungen zu Tätern – Opfern – Folgen«. Lehrstuhl Geschichte Osteuropas der Humboldt-Universität zu Berlin, Bundesstiftung Aufarbeitung. www.stiftung-aufarbeitung.de/%BBstalinistischer-terror-in-der-sowjetunion-und-in-osteuropa%3A-neue-forschungen-zu-taetern-%96-opfern-%96-folgen-vortraege-und-diskussion%AB-3213.html • New Brunswick NY, USA, 7–10 April 2011: Russian Representations of World War II. 42nd Annual Convention, Northeast Modern Language Association, Rutgers University. www.nemla.org/convention/2011/ • London, UK, 14–17 April 2011: III European Congress on Universal and Global History. Area Studies in the Soviet Union. Actors, Entanglements and Paradigms, GWZO Leipzig. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=14028 • Paris, France, 5–7 May 2011: The Soviet Union and WWII, Centre d’études des mondes russe, caucasien et centre-européen, EHESS. http://lodel.ehess.fr/cercec/document.php?id=1540 • Göttingen, Germany, 6–7 May 2011: Religion and Communism. Comparative Perspectives, Max Planck Institute for the Study of Religious and Ethnic Diversity. Quijada@mmg.mpg.de • Freiburg im Breisgau, Germany, 12–13 May 2011: »Interkit«. An International Against China? Policy Coordination and National Interests in the Soviet Bloc in the Second Half of the Cold War. Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS). • Geneva, Switzerland, 12–13 May 2011: Les représentations historiques et la réécriture du passé dans la Russia post-soviétique. Institut Européen et Faculté des Lettres, Université de Genéve. • Potsdam, Germany, 13–14 May 2011: Gesellschaften in Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Kulturen, Alltagspraxen, Semantiken. 9. Potsdamer Doktorandenforum zur Zeitgeschichte. Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. • Princeton, USA, 13–15 May 2011: Sots-Speak. Regimes of Language under Socialism, Princeton University, Department of Slavic Languages and Literatures. ppetrov@princeton.edu. • Bremen, Germany, 19–20 May 2011: The End of the Soviet Union? Origins and Legacies of 1991. Forschungsstelle Osteuropa, Universität Bremen. • Vienna, Austria, 19–21 May 2011: Internationale Konferenz »Der Wiener Gipfel 1961: Kennedy – Chruščev«, Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Institut für Zeitgeschichte, München, Harvard University, Center Austria of University of New Orleans e.a. www.bik.ac.at • Berlin, Germany, 27 May 2011: Der Mauerbau 1961. Politik – Pädagogik – Erziehungswissenschaft. Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung. www.bbf.dipf.de • Dessau, Germany, 27–29 May 2011: 15. Bundesweiter Kongress der Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und für die Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. poststelle@istu.justiz.sachsen-anhalt.de • Graz, Austria, 15–17 June 2011: : Die Ukraine und Osteuropa zwischen staatlicher Souveränität, Besatzung und internationaler Diplomatie 1917–1922. Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Institut für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte. • Berlin, Germany, 22 June 2011: Kolloquium zum 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion. Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung. www.berliner-gesellschaft.org/ • Berlin, Germany, 24 June 2011: Workshop »How Eastern and Western Europe Did Meet in International Organizations (1945–1973)? A Post-Cold War Perspective«. Re:work der Humboldt-Universität zu Berlin/Université de Genève mit dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. • Magdeburg, Germany, 24–26 June 2011: Mauerbau, Grenze und Militarisierung in der DDR. Institut für Geschichte der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn in der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt. • Washington D.C., USA, 22 June 2011: Conference on the Rosenberg Case, Soviet Espionage, and the Cold War. Elliott School of International Affairs, George Washington University. www.h-net.org/announce/show.cgi?ID=185678 • Glamorgan/Cardiff, UK, 1–2 July 2011: »Local Communisms«, 1917–89. First Annual Conference of the Journal Twentieth Century Communism, University of Glamorgan. http://tinyurl.com/c20c-local • St. Petersburg, Russia, 6–10 July 2011: XIV. Sitzung der Gemeinsamen Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen sowie Wissenschaftliches Kolloquium »Deutschland, die Sowjetunion und der Kalte Krieg 1945 bis 1989«. Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland St. Petersburg, Russische Akademie der Wissenschaften, Russische Staatliche Paedagogische Herzen-Universität. • Valencia, Spain, 11–13 July 2011: XV Congreso de la Federación Internacional de Estudios sobre América Latina y el Caribe (FIEALC). http://congresosfiealc.org/ • Berlin, Germany, 14–17 July 2011: The Cold War. History, Memory, Representation. Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF), European Academy Berlin. • Tutzing, Germany, 22–26 July 2011: Erinnerungsorte des 20. Jahrhunderts im russischen und deutschen Gedächtnis. Deutsch-russische Historikerkonferenz. Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Akademie für Politische Bildung Tutzing, Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst. • Buenos Aires, Argentina, 8–12 August 2011: IX Jornadas de Sociología. Capitalismo del siglo XXI, crisis y reconfiguraciones. Luces y sombras en América Latina. Carrera de Sociología, Universidad de Buenos Aires. http://sociologia.fsoc.uba.ar/jornadas/9jornadas.htm • Leipzig, Germany, 1 September 2011: Die Linke – Erbe und Tradition. Geschichtspolitik und linkes Erbe in Ost und West. X. Ständiges Kolloquium zur historischen Sozialismus- und Kommunismusforschung, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen e.V. • Cádiz, Spain, 6–9 September 2011: XVI Congreso Internacional de AHILA. El nacimiento de la libertad en la Península Ibérica y Latinoamérica. Orígenes, Evolución y Debates. Asociación de Historiadores Latinoamericanistas Europeos, Ayuntamiento de San Fernando, Universidad de Cádiz San Fernando. www.congresoahila2011.com/ • Bonn, Germany, 7–10 September 2011: 42nd Annual Conference of the International Association of Labour History Institutions (IALHI). Archiv und Bibliothek der sozialen Demokratie (AdsD) der Friedrich-Ebert-Stiftung. www.ialhi.org/conferences.php • Paris, France, 8–9 September 2011: 5èmes Journées franco-allemandes. Culture et expérience de la violence dans l’histoire russe/5. Deutsch-französischer Workshop • Gewaltkultur und Gewalterfahrung in der russischen Geschichte. Lehrstuhl Geschichte Osteuropas (HU Berlin), Fritz-Thyssen-Stiftung, Centre d’études des mondes russe, caucasien et centre-européen. • Paris, France, 15–16 September 2011: À la redécouverte de la »Grande Fièvre Ouvrière«/Revisiting the Great Labour Unrest (1911–1914). CRIDAF, Paris 13. http://labourhistory.net/news/i1108_13.php • Odense, Denmark, 16–17 September 2011: The Comintern and the Soviet-Danish Relations. Centre for Cold War Studies, Labour Museum, Labour Movements Library and Archive, University of Southern Denmark. www.sdu.dk/Om_SDU/Institutter_centre/C_koldkrig/Aktiviteter/Komintern • New York, USA, 20 September 2011: Conference »American Jews and Soviet Espionage«. YIVO Institute for Jewish Research. www.yivo.org/events/index.php?tid=181&aid=861 • Helmstedt, Germany, 23–24 September 2011: 17. Helmstedter Universitätstage »Autobiographische Aufarbeitung. Diktatur und Lebensgeschichte im 20. Jahrhundert«. www.universitaetstage.de/index.php?id=24 • Visby, Denmark, 26–27 September 2011: The Stasi and the Nordic Countries. Centre for Cold War Studies, University of Gotland. • Berlin, Germany, 28–30 September 2011: Nach dem Mauerbau. Geteilte Entwicklungen – bleibende Verbindungen. Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU), Institut für Zeitgeschichte München-Berlin (IfZ). • Vienna, Austria, 28–30 September 2011: From the Iron Curtain to the Schengen Area. Bordering Communist and Postcommunist Europe. Ludwig Boltzmann Institute for European • History and Public Spheres. http://ehp.lbg.ac.at/node/526 • Leipzig, Germany, 29 September 2011: Wendungen sowjetischer Kriegs- und Nachkriegspolitik. Kolloquium zum 70. Jahrestag des antifaschistischen Befreiungskrieges, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen e.V. • Korčula, Croatia, 3–15 October 2011: Praxis – Kritika i humanistički socijalizam. Konferencija o jugoslavenskoj praxis-filozofji i korčulanskoj ljetnoj školi (1968–1974. Mjesto sječanja i aktualnosti. Praxis – Kritik und humanistischer Sozialismus. Konferenz zur jugoslawischen Praxis-Philosophie und der Sommer-Schule auf Korčula (1963–1974). Erinnerungsort und Aktualität. Rosa Luxemburg Foundation Southeast Europe. http://korcula.rosalux.rs • Moscow, Russian Federation, 5–6 October 2011: Rosa Luxemburg und »Weltpolitik«/Rosa Luxemburg und Russland. Konferenz der Internationalen Rosa Luxemburg Gesellschaft, Russländisches Staatsarchiv für soziale und politische Geschichte (RGASPI). ito-lux248@nifty.com • Paris, France, 22 October 2011: Les ombres du Dégel. La politique religieuse de Khrouchtchev et ses conséquences. Université Paris VIII-Saint Denis, Université Paris IV-Sorbonne. http://ombresdegel.hypotheses.org/ • Munich, Gemany, 27–28 October 2011: Workshop »Digitale Volltexte und Hilfsmittel in den Osteuropastudien«. Bayerische Staatsbibliothek. www.bsb-muenchen.de/Einzeldarstellung.408+M5e9f78d98ca.0.html • Barcelona, Spain, 27–29 October 2011: Congreso Internacional del Antifascismo Combatiente. Cellebración de la creación de las Brigadas Internacionales en su 75 aniversario. Terre de Fraternité – Terra de Germanor con el soporte de La Coordinadora Internacional de Asociaciones de las Brigadas Internacionales. .http://noticies.pcc.cat/2011/08/en-barcelona-los-dias-27-28-y-29-de_30.html • Moscow, Russia, 28–29 October 2011: Prinuditel’nyi trud v SSSR. Ekonomika, politika, vlast’. ROSSPEN, Prezidentskii tsentr B.N. El’tsina, RGASPI. http://hro.org/node/12052 • Fribourg, Switzerland, 31 October–1 November 2011: Transnational Dimensions of Cold War Anticommunism, University of Fribourg, Switzerland. luc.vandongen@unifr.ch • Magdeburg, Germany, 2–3 November 2011: Stasi-(Untersuchungs-)Haft – Quellen, Forschung und Gedenkstätten. Zentrum für Zeihistorische Forschung Potsdam (ZZF); Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg. • Kyiv, Ukraine, 5–6 November 2011: Collaboration between the Soviet Union and Germany: Causes and Consequences. Vasyl Stus Memorial Society, Public Institute of Historical Memory, National University Kyiv-Mohyla Academy. memkonf@gmail.com • Brussels, Belgium, 8–9 November 2011: Need to Know. Intelligence and Politics. Western and Eastern Perspectives. Pawel Zalewski, MEP (European People’s Party), Institute of National Remembrance – Commission for the Prosecution of Crimes against the Polish Nation, Center for Cold War Studies of the University of Southern Denmark, and the Institute of Political Studies of the Polish Academy of Sciences. www.h-net.org/announce/show.cgi?ID=183374 • Buenos Aires, Argentina, 9–11 November 2011: VI Jornadas de Historia de las Izquierdas »José Ingenieros y sus mundos«. Centro de Documentación e Investigación de la Cultura de Izquierdas en la Argentina, Universidad Nacional de San Martín. www.cedinci.org/jornadas.htm • London, UK, 10–13 November 2011: Spaces of Capital, Moments of Struggle: Eighth Annual Historical Materialism Conference. www.historicalmaterialism.org/conferences/8annual • Graz, Austria, 12 November 2011: Klassenkampf und Interessenpolitik. Kommunistische Gewerkschaftspolitik und Betriebsarbeit in historischer und aktuell-politischer Perspektive. Alfred Klahr Stiftung, Bildungsverein der KPÖ Steiermark. • Bratislava, Slovakia, 14–16 November 2011: Anti-Communist Resistance in Central and Eastern Europe. Nation’s Memory Institute. www.upn.gov.sk/ine/anti-communist-resistance-in-central-and-eastern-europe • Bad Arolsen, Germany, 17–18 November 2011: Gedenkstättenarbeit und Oral History, Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Verein »Gegen Vergessen – für Demokratie«. www.stiftung-aufarbeitung.de/veranstaltungen-2011-1572.html?id=1732 • Washington D.C., USA, 17–20 November 2011: American Association for the Advancement of Slavic Studies Convention. www.fas.harvard.edu/~aaass/ • Chernigov, Ukraine, 18–19 November 2011: The Religious Underground in the USSR. The Shevchenko University of Chernigov, with the participation of members of the Keston Institute. veraigizn@rumbler.ru • London, UK, 26 November 2011: »Histories of Activism« Postgraduate Conference. Histories of Activism Research Group at Northumbria University, Society for the Study of Labour History (SSLH). Bishopsgate Institute, London. http://labourhistory.net/news/i1108_10.php • Jerusalem, Israel, 5–8 December 2011: The Methodological Problems in Researching the History of Soviet Jews During the Holocaust. The International Institute for Holocaust Research, Yad Vashem. http://www1.yadvashem.org/yv/en/about/institute/workshop_soviet_jewry.asp • Moscow, Russian Federation, 9–10 December 2011: »Hers is no common yardstick«? Large Datasets for the Study of Russian Social and Economic History. A seminar on sources and methods. New Economic School (NES), Interdisciplinary Centre for Studies in History, Economy and Society (ICSHES), International Institute of Social History (IISH). amarkevich@nes.ru • Paris, France, 12–14 December 2011: Le «moment 1991» : la fin de l’URSS au regard des transformations politiques, sociales et culturelles (1970–1991). Centre d’histoire de Sciences Po, CERI. http://chsp.sciences-po.fr/ Meetings and conferences 2012 • Glasgow, UK, 5–7 January 2012: XXXVIII. Conference of the Study Group on the Russian Revolution, Glasgow University. www.basees.org.uk/sgrusrev.shtml • Milwaukee, USA, 17–18 February 2012: Power & Struggle. 2012 Midwest Labor and Working-Class History (MLWCH) Graduate Student Colloquium. University of Wisconsin. gradconferenceMKE@gmail.com • Nottingham, UK, 16–17 March 2012: PhD Colloquium »Cultural Construction in the USSR and States of the Former Soviet Bloc«. School of History at the University of Nottingham. Proposal deadline: 23.10.2011. ahxss2@nottingham.ac.uk • Amsterdam, The Netherlands, 23–25 March 2012: Quo vadis, Exile Studies? Status and perspectives. The challenge of »Globalization«. Gesellschaft für Exilforschung e.V. in co-operation with the International Institute for Social History, Amsterdam. Proposal deadline: 15.7.2011. ula@iisg.nl • Newcastle upon Tyne, UK, 30–31 March 2012: Solidarities that know no boundaries? Transnational Advocacy in Historical Perspective. »Histories of Activism« Research Group, Northumbria University. Proposal deadline: 15.8.2011. AZ.TransnationalSolidarities@northumbria.ac.uk • Warsaw, Poland, 31 March–1 April 2012: Drugi obieg wydawniczy w PRL na tle historii samizdatu w państwach bloku sowieckiego po 1956 roku [Second Circulation of Publications in the Polish People’s Republic (PRL) against the History of Samizdat in the Countries of the Soviet Bloc after 1956]. Biuro Edukacji Publicznej Instytutu Pamięci Narodowej. Submission deadline: 6.1.2012. anna.piekarska@ipn.gov.pl • Cambridge, UK, 31 March–2 April 2012: Annual Conference of the British Association of Slavonic and East European Studies, Fitzwilliam College, Cambridge. www.basees.org.uk/conference.shtml • Glasgow, UK, 11–14 April 2012: European Social Science History Conference 2012. www.iisg.nl/esshc/ • Cambridge MA, USA, 13–14 April 2012: »How to End a Revolution?« The Annual Interdisciplinary Humanities Graduate Student Conference. Harvard University. Submission deadline: 31.1.2012. http://isites.harvard.edu/revolution2012 • Berlin, Germany, 18–20 April 2012: Region – State – Europe. Regional Identities under Dictatorship and Democracy in East Central Europe. European Network Remembrance and Solidarity Warsaw, Federal Institute for Culture and History of Germans in Eastern Europe Oldenburg e.a. Embassy of the Slovak Republic. freitag@dgo-online.org • Regensburg, Germany, 19–21 April 2012: First Annual Conference. Physical Violence in Late Socialism. (Dis-)Entangling Statehood, Labor, and the Nation. Institute for East and South East European Studies (IOS) u. a. www.suedost-institut.de • Jyväskylä, Finland, 14–16 June 2012: East-West Cultural Exchanges and the Cold War. University of Jyväskylä. http://culturalcoldwar.blogspot.com/ • Gijón, Spain, 4–6 July 2012: Sindicalismo en España: Del franquismo a la estabilidad democrática (1970–1994). Universidad de Oviedo, campus de la Universidad Laboral en Gijón. Deadline: 30.10.2011. congresogijon@cec.ugt.org • Warsaw, Poland, 15–18 July 2012: 9th Annual Warsaw East European Conference. Centre for East European Studies, University of Warsaw. Submission deadline: 15.4.2012. http://www.studium.uw.edu.pl/weec • Linz, Austria, 13–16 September 2012: 48. Internationale Tagung der HistorikerInnen der Arbeiter- und anderer sozialer Bewegungen (ITH). Soziale und kulturelle Entwicklung durch Arbeiterbewegungen. http://www.ith.or.at/konf/ • Cheliabinsk, Russia, 13–18 September 2012: »Rabota nad proshlym«. XX vek v püamiati I kommunikatsii poslevoennykh pokolenii Germanii I Rossii. Center for Culture-Historical Research of the South Ural State University, German Historical Institute Moscow, Moscow Dependency of the Konrad Adenauer Foundation. Deadline: 25.1.2012. http://kulthist.ru/novosti_23.html • Kochel am See, Germany, 26–28 October 2012: Auf unsicherem Terrain. Briefeschreiben im Exil. Arbeitsgemeinschaft »Frauen im Exil« in der Gesellschaft für Exilforschung e.V., Georg-von-Vollmar-Akademie e.V. Submission deadline: 1.11.2011. hansen.schaberg@t-online.de VI.2 Conference Reports and Announcements Historical Materialism Conference 2011: Panels on the History of Communism At the 8th Historical Materialism conference (London, 10–13 November 2011) a whole stream has been dedicated to the history of the communist movement in the interwar period. There were panels on different periods and policies of Comintern history, particular Communist leaders and movements in various countries, as well as ideological controversies within the movement. Speakers have included, amongst others, Paul LeBlanc, Lars T. Lih, Ben Lewis, Bryan Palmer, Ottokar Luban, Brigitte Studer, John Riddell, Kevin Morgan, Ian Birchall, Reiner Tosstorff, Florian Wilde, Marcel Bois, Bernhard H. Bayerlein, and several other distinguished scholars of interwar communism. A detailed report of the discussions by John Riddell can be read at http://johnriddell.wordpress.com/2011/11/25/communist-history-debated-at-historical-materialism-london-conference/. Conference on the »Praxis School«: Materials Online The Praxis School was a philosophical school of thought in 1960s–70s Communist Yugoslavia that tried to pursue an unorthodox, humanistic variant of Marxism against the essentially Marxist-Leninist Yugoslav mainstream. On 13–15 October 2011, the Southeast Europe Office of the Rosa Luxemburg Foundation held a conference on the history of Praxis at the Croatian isle of Korčula, the historical place of the famous summer school that the Praxis group organised from 1963 to 1974 before having to succumb to the Communist Party’s pressure. The conference is very well documented – the conference reader, single papers and photo-/video-footage are available (in Croatian and German) at http://korcula.rosalux.rs. Section VIIThe International Bibliography of Communist Studies. Issue 2011 The International Bibliography of 2011 will be presented in The International Newsletter of Communist Studies Online (2012). Section VIIIPeriodicals/Serials on Communist Studies VIII.1 The International Bibliography of Journal Articles on Communist Studies. Issue 2011 The International Bibliography of Journal Articles of 2011 will be presented in The International Newsletter of Communist Studies Online (2012). VIII.2 Directory of Periodicals on Communist Studies and Connected Areas Conventional and Online Journals, Newsletters, Discussion Lists, Bulletins and Services This directory lists 271 periodical publications from all over the world relevant for studies on Communism in a broad sense. It aims to provide access to these sometimes disperse and ephemere sources of contemporary history including all periods, regions and fields of speciality. Suggestions for amending and updating this directory are always welcome. For further investigation, it is recommended to visit the IALHI Serials Service (http://serials.labourhistory.net), which covers diverse serials in the field of labour history and Communist studies and offers a Labour History Serials Alerting Service (http://serials.labourhistory.net/alerting_services.asp). Title and URLCountryCategoryA nemzetközi munkásmozgalom történetéböl.HungaryJournalAb Imperio. Studies of New Imperial History and Nationalism in the Post-Soviet Space. www.abimperio.net/Russia/USAJournalActa Slavica Iaponica. http://src-home.slav.hokudai.ac.jp/publictn/acta/a-index-e.htmlJapanJournalActuel Marx. http://actuelmarx.u-paris10.fr/FranceJournalAden. Paul Nizan et les années trente. www.paul-nizan.fr/FranceJournalAktuelles aus der DDR-Forschung. Ein Newsletter der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. www.stiftung-aufarbeitung.deGermanyE-NewsletterAlfred Klahr Gesellschaft Mitteilungen. www.klahrgesellschaft.atAustriaNewsletterAmerican Communist History. www.tandf.co.uk/journals/titles/14743892.htmlUSAJournalAnarchist Studies. www.lwbooks.co.uk/journals/anarchiststudies/current.htmlUKJournalAnnali Fondazione Giangiacomo Feltrinelli. www.fondazionefeltrinelli.it/en/publications/annali-annalsItalyJournalAnthropology of East Europe Review. http://scholarworks.iu.edu/journals/index.php/aeer/USAJournalArbeiderhistorie. årbok for Arbeiderbevegelsens Arkiv og Bibliotek. www.arbark.no/Arbeiderhistorie.htmNorwayJournalArbeiterbewegung und Sozialgeschichte. www.sozialgeschichte-bremen.de/GermanyJournalArbejderhistorie. Tidsskrift for historie, kultur og politik. www.sfah.dk/default.aspx?pageid=14DenmarkJournalArbejdermuseet Årbog. www.arbejdermuseet.dkDenmarkJournalArbetarhistoria. Meddelande från Arbetarrörelsens Arkiv och Bibliotek. www.arbetarhistoria.se/SwedenJournalArchiotaxio. www.askiweb.eu/index.php?lang=enGreeceArchiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit. wobarchiv@gmx.deGermanyJournalArchiv für Sozialgeschichte. www.fes.de/afs-online/GermanyJournalArchivar. Zeitschrift für Archivwesen. www.archive.nrw.de/archivar/GermanyE-JournalAriadne. Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte. www.addf-kassel.de/publikationen/ariadne.htmlGermanyJournalArkiv för studier i arbetarrörelsens historia. www.arkiv.nuSwedenJournalAspasia. The International Yearbook of Central, Eastern, and Southeastern European Women’s and Gender History. www.berghahnbooks.com/journals/asp/HungaryJournalBeiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung [ceased publication] www.trafoberlin.de/geschichte-der-arbeiterbewegung/GermanyJournalBeiträge zur Marx-Engels-Forschung. www.marxforschung.deGermanyJournalBelgisch Tijdschrift voor Nieuwste Geschiedenis. www.flwi.ugent.be/btng-rbhc/en/BelgiumJournalBerlin-Brandenburger Forum Osteuropa. Rundbrief. www.gesis.org/Kooperation/Information/Osteuropa/newslist.htm#bbGermanyE-NewsletterBibliotheksbrief. Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv. www.bundesarchiv.de/GermanyE-NewsletterBlätter für deutsche und internationale Politik. www.blaetter.de/GermanyJournalBohemia. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der böhmischen Länder. www.oldenbourg-wissenschaftsverlag.de/olb/de/1.c.335309.deGermanyJournalBoletín Electrónico. Centro de Documentación e Investigación de la Cultura de Izquierdas en Argentina. www.cedinci.org/ArgentinaE-NewsletterBollettino dell’Archivio per la storia del movimento sociale cattolico in Italia. www.vponline.it/riviste/000072/ItalyJournalBrood & Rozen. Tijdschrift voor de Geschiedenis van Sociale Bewegingen. www.brood-en-rozen.be/BelgiumJournalBulletin des Deutschen Historischen Instituts Moskau. www.dhi-moskau.deRussiaJournalBulletin du CEGES / SOMA Berichtenblad. www.cegesoma.beBelgiumE-NewsletterBulletin du Centre d’Histoire et de Sociologie des Gauches. www.ulb.ac.be/is/chsg/BelgiumNewsletterBulletin für Faschismus- und Weltkriegsforschung. www.edition-organon.de/bulletin_fuer_faschismusforschung.htmGermanyJournalBulletin de l’Association Etudes Jean-Richard Bloch. www.etudes-jean-richard-bloch.org/FranceJournalCahiers Charles Fourier. www.charlesfourier.fr/FranceJournalLes Cahiers d’ADIAMOS. www.codhos.asso.fr/Adiamos.htmFranceJournalCahiers d’histoire. Revue d’histoire critique. http://chrhc.revues.org/FranceJournalCahiers d’histoire du mouvement ouvrier. www.aehmo.org/cahiersdhistoireSwitzerlandJournalCahiers d’Histoire du Temps présent. Bijdragen tot de Eigentijdse Geschiedenis. www.cegesoma.beBelgiumJournalLes Cahiers du C.E.R.M.T.R.I. www.trotsky.com.fr/FranceJournalCahiers du monde russe. http://monderusse.revues.orgFranceJournalCahiers du mouvement ouvrier. www.trotsky.com.fr/FranceJournalCahiers Jaurès. www.cahiers.jaures.infoFranceJournalCahiers Léon Trotsky [ceased publication]. l.aujame@chello.frFranceJournalCahiers Marxistes. www.ulb.ac.be/socio/cmarx/BelgiumJournalCaietele Echinox. www.phantasma.roRomaniaJournalČasopis za suvremenu povijest. www.isp.hr/CroatiaJournalCentral Asian Survey. www.tandf.co.uk/journals/carfax/02634937.htmlUKJournalCentral Europe. www.maney.co.uk/journals/centraleuropeUKJournalCentral European History. http://journals.cambridge.org/action/displayJournal?jid=CCCUKJournalThe China Quarterly. www.journals.cambridge.org/jid_CQYUKJournalCold War History. www.lse.ac.uk/collections/CWSC/coldWarHistoryJournal/UK/USAJournalCold War International History Project Electronic Bulletin. www.wilsoncenter.orgUSAE-JournalCold War International History Project Working Papers. www.wilsoncenter.orgUSAJournalCommunisme.FranceJournalCommunist and Post-communist Studies. http://www.elsevier.com/locate/postcomstudUSAJournalCommunist History Network Newsletter [ceased publication]. www.socialsciences.manchester.ac.uk/chnn/UKE-NewsletterComparativ. 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Zeitschrift für Politik, Literatur, Kunst. www.edition-nautilus.deGermanyJournalDissidences [former Bulletin de liaison des études sur les mouvements révolutionnaires]. www.dissidences.netFranceJournalDivinatio. http://mshs-sofia.comBulgariaJournalDzieje Najnowsze. www.dig.com.pl/index.php?s=wyniki&rodz=9&id=5PolandJournalEast European Jewish Affairs. www.tandf.co.uk/journals/titles/13501674.aspUKJournalEast European Politics & Societies. http://eep.sagepub.comUSAJournalEast European Quarterly [ceased publication]. www.colorado.edu/history/about/journals.htmlUSAJournalEm Debate. www.incubadora.ufsc.br/index.php/emdebateBrazilJournalEstudos sobre o Comunismo [ceased publication]. http://estudossobrecomunismo.weblog.com.ptPortugalE-NewsletterEurope Asia Studies. www.tandf.co.uk/journals/carfax/09668136.htmlUKJournalEuropean History Quarterly. http://ehq.sagepub.comUKJournalEuropean Review of History / Revue Européenne d’Histoire. www.tandf.co.uk/journals/titles/13507486.htmlUK/FranceJournalExilforschung. 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Jahrbuch zur deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte. www.interfinitimos.de/GermanyJournalIntermarium. www.ece.columbia.edu/research/intermarium/Poland/USAE-JournalInternational Council for Central and East European Studies (ICCEES) Newsletter. www.iccees.orgGermanyE-NewsletterInternational History Review. www.tandf.co.uk/journals/RINHUKJournalInternational Labor and Working-Class History. www.ilwch.rutgers.edu/UKJournalThe International Newsletter of Communist Studies. http://newsletter.icsap.euGermanyNewsletterThe International Newsletter of Communist Studies Online. http://newsletter.icsap.euGermanyE-JournalInternational Review of Social History. www.iisg.nl/irsh/The NetherlandsJournalInternational Socialism. www.isj.org.ukUKJournalInternationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. www.iwk-online.de/GermanyJournalIstočnikovedčeskie issledovanija. www.igh.ru/RussiaJournalIstoričeskij Archiv. www.rosspen.su/ru/archive/istarch/RussiaJournalIstorija. 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Yale University Press.Contains online document publications.www.yale.edu/annals/Archive.orgFeatures immense amounts of digitised Communist brochures.www.archive.orgAssociation Atelier André Breton, Archigny, France.www.andrebreton.frAssociation des amis de Benjamin Péret, Lyon, France.www.benjamin-peret.orgArbeiteraufstand des 17. Juni 1953 in der DDR.Enthält Tageschroniken, Karten, Materialien, ein Forum, Veranstaltungen, Dokumentationen (Videoclips u. a.) sowie einen Newsletter.www.17juni53.deArcheoBiblioBase: Archives in Russia, IISG, Amsterdam.English-language repository of central and local archives, libraries and museums in Russia, maintained by Patricia Grimsted. Includes bibliography and contact information.www.iisg.nl/~abb/ArcheoBiblioBase: Archives in Ukraine, Ukrainian Research Institute, Harvard University, US.www.huri.harvard.edu/abb_grimstedArchivgut der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB), Bundesarchiv, Koblenz/Berlin, Germany.www.bundesarchiv.de/sed-fdgb-netzwerk/Archivi del Novecento, BAICRSistemaCultura, Rome, Italy.www.archividelnovecento.itArchivy Belarusi.Official site of the archival adminstration of Belarus.http://archives.gov.by/Archivy Rossii. Archives in Russia.Joint-venture site of Rosarchiv and NGOs, covering all news and matters of Russian archives. Also features online publications of articles from journal »Otečestvennye Archivy«.www.rusarchives.ru/Bălgarskijat komunizăm. Kritičeski izsledvanija.Bulgarian webportal on Communist Studies.www.red.cas.bg/Bibliographie zur Geschichte des deutschen Widerstands gegen die NS-Diktatur 1938–1945, Karl Heinz Roth.www.stiftung-sozialgeschichte.de/index.php?selection=63Bibliothek deutscher Kämpfer für den Sozialismus.www.deutsche-kommunisten.de/Bundism.net. A Network Dedicated to Research on the Jewish Labor Bund.www.bundism.netCentral and Eastern European Online Library.www.ceeol.com/Center for Working-Class Studies, Youngstown State University, US.www.as.ysu.edu/~cwcsCentre d’Etudes et de Recherches sur les Mouvements Trotskyste et Révolutionnaires Internationaux, Paris, France.www.trotsky.com.fr/Centre des Archives Communistes en Belgique.http://users.skynet.be/carcob/Centro de Estudios y Documentación de las Brigadas Internacionales (CEDOBI), Universidad de Castilla-La Mancha, Spain.www.brigadasinternacionales.uclm.esCentro de Documentação 25 de Abril, Coimbra, Portugal.www.uc.pt/cd25a/Clio-online. Fachportal für die Geschichtswissenschaften.www.clio-online.deClio-online Findmittelkatalog.www.clio-online.de/default.aspx?tabid=40208223Cold War International History Project, Woodrow Wilson International Center, Washington DC, US.Contains huge quantities of digitized and systematically arranged Cold War documents.www.wilsoncenter.org/cwihpCollectif Smolny. Collectif d’édition des introuvables du mouvement ouvrier.www.collectif-smolny.org/Comintern-Online Electronic Archives.www.comintern-online.com/»Communism« – An exhibition of highlights from the Monash University Library Rare Books Collection, Victoria, Australia.Illustrated virtual catalogue.www.lib.monash.edu/exhibitions/communism/The Complete Works of George Orwell.www.george-orwell.org/CPGB Bibliography, Dave Cope.www.amielandmelburn.org.uk/cpgb_biblio/searchfrset.htmDatenbank des deutschsprachigen Anarchismus – DadA.http://projekte.free.de/dada/Dictionary of Labour Biography, University of York, UK.www.york.ac.uk/res/dlb/Die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers Oranienburg, Oranienburg-Berlin, Germany.www.stiftung-bg.de/kz-oranienburgDie Rote Fahne, Staatsbibliothek zu Berlin, Germany.Main newspaper of the CPG, digitized issues 1918–1919 and 1928–1933.http://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/list/title/zdb/24352111/0/Documents in Russian History, Seton Hall University, South Orange NJ, USA.http://academic.shu.edu/russianhistory/Dokumente und Materialien zur Ostmitteleuropäischen Geschichte, Herder-Institut, Marburg, Germany.http://quellen.herder-institut.de/Envisioning a Post-Capitalist Order. 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Fachforum zur Geschichte des kulturellen Transfers und der transnationalen Verflechtungen in Europa und der Welt.http://geschichte-transnational.clio-online.netGuia da história das esquerdas brasileiras, Universidad Federal Rio de Janeiro, Brasil.www.ifcs.ufrj.br/~rfcastro/gheb.htmGuide Books to Russian Archives, East View Inc., Minneapolis, US.http://guides.eastview.comGULAG – Das Lagersystem der Sowjetunion, Memorial e.V., Berlin, Germany.http://gulag.memorial.de/H-Net Humanities & Social Sciences Online Discussion Network.www.h-net.org/H-Soz-u-Kult, Germany. Internet-Forum des H-Net. Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften. Communication and Information Services for Historians.http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/Harvard Project on Cold War Studies, Harvard University, US.Contains some digitized documents.www.fas.harvard.edu/~hpcwsHoover Institution, Stanford University, US.www.hoover.org/IG Spanienfreiwillige, St. Gallen, Switzerland.www.spanienfreiwillige.ch/Infosurr. Actualités du surréalisme et de ses alentours, Lion en Beauce, France.www.infosurr.netInternational Association of Labour History Institutions.www.ialhi.org/The International Brigades.www.interbrigades.com/International Institute of Social History, Amsterdam, The Netherlands.www.iisg.nlInternational Library of the Communist Left.Writings of A. Bordiga and his followers.www.sinistra.net/lib/index.htmlInternationale Rosa-Luxemburg-Gesellschaft, Tokio-Berlin, Japan-Germany.www.internationale-rosa-luxemburg-gesellschaft.deInternet Modern History Sourcebooks Socialism.www.fordham.edu/halsall/mod/modsbook33.htmlItalians in the Gulag.Informational, biographical and bibliographical ressource on Italian victims of the Soviet camp system, by the Fondazione Feltrinelli (Milan) and the Memorial association (Moscow).www.gulag-italia.itKansan Arkisto, Helsinki, Finland.The archive features the files of the Communist Party of Finland.www.kansanarkisto.fi/KGB in the Baltic States: Documents and Researches, Lietuvos gyventojų genocido ir rezistencijos tyrimo centras, Vilnius, Lithuania.http://kgbdocuments.eu/Klassiker des Marxismus-Leninismus.www.mlwerke.deKnowledge Base Social Sciences in Eastern Europe. Designed to provide an ongoing overview of the development of social sciences in Central and Eastern Europe.www.gesis.org/knowledgebase/index.htmlLibertarian Communist Library.Historical essays on Libertarian Communism.http://libcom.org/historyLabour History News Service.http://labourhistory.net/Labour History Serials Service.http://serials.labourhistory.netMarxists Internet Archive.Largest platform for digitized texts and documents concerning the history of Marxism.www.marxists.org/Memorial Association, Russia.Russian association dedicated to the defendance of human rights and the commemoration of the victims of Stalinism.www.memo.ruMosfilm Online Film Portal, Moscow, Russia.www.cinema.mosfilm.ru/Netzwerk Mediatheken, Bonn, Germany.Virtual Library of Audiovisual Archives.www.netzwerk-mediatheken.deOstDok – Osteuropa-Dokumente Online, Bayerische Staatsbibliothek, Munich, Germany.Repository of digitised monographs on Eastern European history.www.ostdok.deOttokar Luban, Berlin, Germany.www.ottokar-luban--rosa-luxemburg-forschung.dePobeda 1941–1945, Moscow, Russia.Photos on WWII from Russian archives.http://victory.rusarchives.ruRecensio.net. Rezensionsplattform für die europäische Geschichtswissenschaft, Bayerische Staatsbibliothek, München, Germany.www.recensio.netRossijskie socialisty i anarchisty posle Oktjabrja 1917 goda, Memorial, Moscow, Russia.http://socialist.memo.ru/Russian and East European Network Information Center, University of Texas, Austin, US.http://reenic.utexas.edu/Seventeen Moments in Soviet History, James von Geldern & Lewis Siegelbaum, St. Paul, US.An on-line archive of primary source materials on Soviet history, including video and audio.www.soviethistory.org/Soviet Jewish Culture. Recovering Jewish Daily Life in the Soviet Union Before the Holocaust.www.sovietjewishculture.org/Stalin – Werke und Texte im Internet.www.stalinwerke.de/Stalin-Era Research and Archives Project, University of Toronto, Canada.www.utoronto.ca/ceres/serap/The Struggle for Free Speech at CCNY 1931–42.Virtual exhibition.www.virtualny.cuny.edu/gutter/panels/panel1.htmlThe Truth about Kronstadt.Online ressource featuring the completely digitized Kronstadt Izvestija.http://www-personal.umich.edu/~mhuey/UNESCO Archives Portal. An international gateway to information for archivists and archives users.www.unesco.org/webworld/portal_archivesUngarn 1956 – Geschichte und Erinnerung, Berlin, Germany.www.ungarn1956.deVerzeichnis der Mikroformen zur Geschichte in der Bayerischen Staatsbibliothek, Freddy Litten, Munich, Germany.www.bsb-muenchen.de/mikro/litten.htmVirtual Gulag Museum.Multilanguage resource on all museums and collections featuring Gulag history, including photos of exhibits.http://gulagmuseum.orgVirtual Library Labor History, IISG, Amsterdam, The Netherlands.www.iisg.nl/~w3vl/Virtuelle Fachbibliothek Osteuropa, Bayerische Staatsbiliothek, Munich, Germany.www.vifaost.de/Yale Russian Archive Project, Yale University, US.www.yale.edu/rusarch/archive.htmlZeitgeschichte-online, Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam, Staatsbibliothek zu Berlin, Germany.www.zeitgeschichte-online.de/Žurnal’nyj zal.Online archive of Russian humanities periodicals.http://magazines.russ.ru Section XCommunism in Culture, Art and Media Some Exhibitions on the History of Communism, 2011–2012 • Bielefeld, Germany, 22 November 2010–14 January 2011: Mascha + Nina + Katjuscha. Frauen in der Roten Armee. Universität Bielefeld, Abteilung Geschichtswissenschaft, in Kooperation mit dem Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst. • New York, USA / Manila, Phillipines, 2 December 2010–12 January 2011: »Corresponsales en la Guerra de España«. Fundación Pablo Iglesias/ Instituto Fernandes, Instituto Cervantes, Nueva York, Instituto Cervantes, Manila.www.fpabloiglesias.es/exposiciones/historico/corresponsales-guerra-espana_22 • Wald, Switzerland, 15 April – 15 May 2011: Robert Grimm zum An- und Nachdenken. Robert-Grimm-Gesellschaft, Heimatmuseum Wald ZH. www.robertgrimm.ch • Hanover, Germany, 29 May – 31 Juny 2011: »Emmy und Werner Scholem – im Kampf zwischen Utopie und Gegenrevolution«. Quartier e. V. Hannover-Linden. • Gijón, Spain, 5 July–18 September 2011: »Ministerio de la Guerra (1931–1939): tiempos de paz, tiempos de guerra«. Museo Arqueológico-Natural de la Campa Torres. • New York, USA, 6 July – 25 September 2011: Ostalgia. New Museum, New York. www.newmuseum.org/exhibitions/440 • Toulouse, France, 25 June–4 September 2011: »Toulouse, capitale de l’exil républicain espagnol«. Fundación Francisco Largo Caballero, Réfectoire des Jacobins, Archives municipales de Toulouse. • Berlin, Germany, 21 July–22 August 2011: »ZOV Sportverräter. Spitzenathleten auf der Flucht«. Willy-Brandt-Haus (WBH), Berlin. www.zov-sportverraeter.de/ • Madrid, Spain, 24 November 2011 – 26 February 2012: El Socialista 1886–2011. Prensa y compromiso político. Fundación Pablo Iglesias, Museo de História. Film: » Moskau: Konferenz über Mežrabpom-Fil’m Die frühsowjetische Filmfabrik Mežrabpom-Fil’m produzierte in Kooperation mit der deutschen proletarischen Prometheus Film erfolgreiche Spielfilme. Letztere wurde von der Berliner Zentrale der Internationalen Arbeiterhilfe betrieben, die Kooperation stand unter der Ägide des herausragenden KPD-Propagandisten, »roten Medienzars« und späteren »Renegaten« Willi Münzenberg. Diesem frühen Kapitel der deutsch-sowjetischen Filmbeziehungen war eine deutsch-russische interdisziplinäre Konferenz gewidmet, die vom 17. bis 19. März 2011 am Deutschen Historischen Institut Moskau stattfand. Das Tagungsprogramm sowie ein ausführlicher Konferenzbericht findet sich unter http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3685. Museum: » Opening of the Museo Memorial de la Resistencia Dominicana, Santo Domingo The museum was opened on 29 May 2011, on the eve of the 50th anniversary of the overthrow of the Rafael Leónidas Trujillo Molina (1891–1961), dictator of the Dominican Republic from 1930 to 1961 and one of the bloodiest personal rulers in the Americas. In a bright historical perpective starting in 1916 it serves at the same time as a memorial place with its guideline to honour the memory of the resistance movement (»Promover con significado histórico y conciencia ciudadana las luchas de varias generaciones de dominicanos (as) durante la dictadura de Rafael L. Trujillo, sus antecedentes y sus consecuencias, difundiendo conocimientos a la sociedad«, as Director Luisa De Peña Diaz stated). In 2009, the Documentary Heritage on the Resistance and Struggle for Human Rights in the Dominican Republic, 1930–1961 was inscribed on the Memory of the World International Register in recognition of its global significance in documenting one of the most oppressive regimes in Latin American history, under which thousands of Dominicans and foreigners were imprisoned, tortured or killed. Calle Arzobispo Nouel No.210, Ciudad Colonial Santo Dominigo, República Dominicana 10210. Fone: 809.688.4440. Web: www.museodelaresistencia.org; Email: info@museodelaresistencia.org; cf. www.archivalplatform.org/ Film: » Hotel Lux: Das sowjetische KPD-Exil im Spielfilm Eines eher ungewöhnlichen Themas hat sich Regisseur Leander Haußmann in seiner neuesten Tragikomödie angenommen. Michael Herbig spielt darin den Varieté-Schauspieler Hans Zeisig, der im Berlin der späten Weimarer Republik vor allem als Stalin-Imitator reüssiert. Als der eigentlich vollkommen unpolitische Kabarettist nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten beim neuen Regime aneckt, wird er von theaterinternen KPD-Kontakten mit Papieren ausgestattet, die ihn nicht, wie von ihm geplant, nach Hollywood bringen, sondern ins stalinistische Moskau. Dort landet er im »Hotel Lux«, der Unterkunft kommunistisher Politemigranten und Komintern-Funktionäre. Inmitten der Atmosphäre von Denunziation, Paranoia und Terror nimmt die Geschichte einen geradezu phantastischen Lauf. Nicht zuletzt dank historischer Beratung weist der Film abseits der Haupthandlung kaum historische Fehler auf und kann mit vielen Details aufwarten, die für Komintern-Historiker Wiedererkennungswert besitzen. (Hotel Lux. Deutschland, 2011. Regie: Leander Haußmann. Laufzeit: 110 Minuten). Section XIDiscussions, Debates, Historical Controversies Ottokar Luban, Berlin (Germany): » Rosa Luxemburgs Tod Die sozialistische Theoretikerin und Politikerin Rosa Luxemburg ist als eine weitgehend respektierte Person der deutschen Geschichte in der bundesrepublikanischen Gesellschaft angekommen. Im Bundestag wurde sie in einer Reihe mit Albert Einstein, Sigmund Freud, Martin Buber, Karl Marx, Hermann Cohen, Hannah Arendt, Heinrich Heine, Moses Mendelssohn, Walther Rathenau, Stefan Zweig und Walter Benjamin als bedeutende deutsche Persönlichkeit jüdischer Herkunft genannt (Rede des Präsidenten des Staates Israel Shimon Peres am 27. Januar 2010). Im Zweiten Deutschen Fernsehen wurden ihr Leben und Werk in der Dokumentationsreihe »Die Deutschen II (9/10)« in einem 45minütigen Portrait (12.12.2010, 19:30–20:15 Uhr) gewürdigt. Kein Wunder, dass auch ein Mediziner, der Chef der Pathologie in der Charité Berlin, Prof. Dr. Michael Tsokos, die Prominenz der im Januar 1919 von Freikorpstruppen in Berlin ermordeten Sozialistin als Aufhänger für sein Buch Der Totenleser. Neue unglaubliche Fälle aus der Rechtsmedizin nutzen wollte. Er trat Mitte 2009 mit der Vermutung an die Öffentlichkeit, bei einer in der Berliner Charité als Ausstellungsobjekt aufbewahrten sog. Wachsleiche – einem Torso ohne Kopf, Hände und Füße – könnte es sich um die sterblichen Überreste Rosa Luxemburgs handeln. Überzeugende Hinweise für die Richtigkeit seiner Vermutung oder sogar Beweise konnte Tsokos, wie er auch selbst äußerte, nicht vorlegen. Trotzdem widmeten sich Monate lang viele Medien von der Zeit bis zum Spiegel mehrfach intensiv diesem Thema. Schließlich versandete die Diskussion 2010. Als fundierte Antwort auf diese Diskussion legen Annelies Laschitza, die renommierte Luxemburg-Expertin, und Klaus Gietinger, Sozialwissenschaftler und Biograf von Waldemar Pabst (Organisator des Luxemburg-Mordes), eine reichhaltige und informative Aufsatz- und Dokumentensammlung vor.112 Aus mehreren Dokumenten geht hervor, dass bei dem am 31. Mai 1919 im Berliner Landwehrkanal aufgefundenen Leichnam Gegenstände gefunden wurden, die zu Rosa Luxemburg gehörten. Die Identität der am 13. Juni 1919 auf dem Friedhof in Berlin-Friedrichsfelde beigesetzten Toten kann damit als gesichert angesehen werden. Die heutige Gedenkstätte beherbergt jedoch nicht das Grab Rosa Luxemburgs, das, genauso wie das von Karl Liebknecht, an der alten Stelle des niedergerissenen Mies-van-der Rohe-Werks in der Nazizeit eingeebnet und für neue Bestattungen genutzt wurde. Medien wie Der Spiegel und Die Zeit, die sich vorher intensiv mit den Vermutungen von Prof. Tsokos beschäftigt hatten, sind auf die Publikation von Laschitza/Gietinger bisher nicht eingegangen. 1 See: Izjava Komunistične partije Slovenije, slovenskega sokolstva in krščanskih socialistov dne 1. Marca 1943 o okrepitvi politične in organizacijske enotnosti Osvobodilne fronte pod vodstvom KPS [Communist Party of Slovenia – Slovene Hawks – Christian Socialists Declaration on strengthening of the political and organizational unity of Liberation Front under Leadership of CPS], DPRS 6, pp. 13–16. 2* Supervisor: Manuel Loff (Associated Professor, Department of History and Political and International Studies, at the Faculty of Arts, University of Porto). 31 Aldo Rizzo: La Frontiera Dell’eurocomunismo, Roma-Bari, Laterza, 1977. 4* Supervisors: Prof. Christopher Duggan, Dr. Matthew Worley. Editors’ note: »Il ragazzo con la naglietta a strisce« means »The boy with a striped t-shirt« and is the title of the autobiography of Fausto Bertinotti, one of the leaders of the Rifondazione Comunista, published in 2005. 5* Supervisor: Prof. Dr. Marion Brepohl de Magalhães (Universidade Federal do Paraná). Research supported by the CAPES (Coordenação de Aperfeiçoamento de Pessoal de Nível Superior). 61 Collection DOPS, Departamento de Arquivo Público (DEAP), Curitiba/PR. 72 Eugène Enriquez: Da horda ao Estado. Psicanálise do vínculo social, Rio de Janeiro, Jorge Zahar, 1990. 83 Pierre Ansart: La gestion des passions politique, Lausanne, L’Age d’Homme, 1983. 9* Supervisors: Prof. Nick Stargardt & Dr. David Priestland. 101 Anm. d. Red.: Die Kontroverse um die geplante Herausgabe der Trotzki-Biographie von Robert Service befindet sich bei Redaktionsschluss noch in vollem Gange. In der Online-Ausgabe 2012 wird der International Newsletter ausführlich über die Vorgeschichte, den Verlauf und das vorläufige Ergebnis berichten. 11* Additional information and links may be consulted through specific and thematical websites, as for example: Calenda (http://calenda.revues.org). French and other social science conference announcements. H-Net Academic Announcements (www.h-net.msu.edu/announce/). Academic conferences, calls for papers in the humanities and social sciences. • History Conferences Worldwide from Conference Alerts (www.conferencealerts.com). • News and Events List of upcoming events, International Institute of Social History. • WWW Virtual Library Labour History (www.iisg.nl/~w3vl/) • H-Soz-u-Kult (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/). 121 Annelies Laschitza, Klaus Gietinger (eds.): Rosa Luxemburgs Tod. Dokumente und Kommentare, Leipzig, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, 2010. 203 p. (Rosa-Luxemburg-Forschungsberichte, H. 7) [mit Beiträgen von A. Laschitza, K. Gietinger, Volkmar Schneider, Jürgen Hofmann sowie 61 Dokumenten].

JHK 2012

Editorial

»Der neue Mensch« werde es lernen, »Flüsse und Berge zu versetzen und Volkspaläste auf dem Gipfel des Montblanc oder auf dem Meeresgrund des Atlantischen Ozeans zu bauen«, mutmaßte Trockij 1923, fünf Jahre nach der russischen Oktoberrevolution. Mit dieser Umwälzung schien »die ganze Phantasiewelt des 19. Jahrhunderts: Technikphantasien, Gerechtigkeitsphantasien, urbane und anti-urbane Visionen, Maschinenfetischismus und Maschinenstürmerei, rationalistische Träume und bürokratische Regulierungsphantasien« geradezu explodiert, so Karl Schlögel. Nach dem europäischen Gewaltexzess des Ersten Weltkriegs waren die kommunistischen Utopien, die bis in die Antike zurückreichten, in greifbare Nähe gerückt. In der Oktoberrevolution in Russland sahen viele radikale Sozialisten den Auftakt zur unmittelbar bevorstehenden Weltrevolution, die Möglichkeit zur konsequenten Selbstbefreiung der Arbeiter von Ausbeutung und Knechtschaft. Alles schien erreichbar, wenn nicht heute, so morgen. Die Sowjetunion der ersten Jahrzehnte, aber auch die weltweite kommunistische Bewegung verknüpften eine schier grenzenlose Wissenschafts- und Technikgläubigkeit mit totalitärem Gestaltungswillen. Gemäß Lenins Diktum »Kommunismus, das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung« sollte das rückständige, agrarisch geprägte Russland in kürzester Frist und notfalls mit Gewalt in die industrielle Moderne katapultiert werden. Entsprechend vielfältig gestalteten sich die Verfahren, um die »neuen Menschen«, die Erbauer des Kommunismus, Eroberer des Weltraums oder gar Vollender der Schöpfung zu schaffen, mit denen dieses Ziel verwirklicht werden sollte: Konditionierung, Psychophysik, Eugenik, Anthropotechnik und andere scheinbar moderne Maßnahmen eines »sozialen Ingenieurstums« paarten sich dabei rasch mit atavistischen Vernichtungsvorstellungen. Im »wahnhaften, utopischen Ziel einer Säuberung und Homogenisierung der Gesellschaft nach politischen, sozialen oder rassistischen Kriterien« bestand, so Gerd Koenen, die »Singularität« gleichermaßen des Stalinismus wie des Nationalsozialismus, die sich in ihrer Parallelität – nicht Identität! – von allen anderen bis dahin bekannten Regimen und Gesellschaftsformationen der menschlichen Geschichte abgehoben hätten. Die Ausgabe 2012 des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung konzentriert sich auf die sich wandelnden Konzepte eines »neuen Menschen«, die die kommunistischen Parteien, ihre Führer und Vordenker im Laufe der Zeit formuliert haben. Die Beiträge machen dabei deutlich, dass Gewalt und Terror die wesentlichen Instrumente waren, um Mensch und Gesellschaft im Sinne der kommunistischen Herrscher und Ideologen zu formen. Florian Grams rekapituliert in seinem Beitrag die Debatten über den »neuen Menschen« von Marx bis Gramsci, während Anne Hartmann, Wladislaw Hedeler, Robert Kindler, Olaf Mertelsmann, Aigi Rahi-Tamm und Wim van Meurs in Fallstudien aufzeigen, mit welcher Härte und Unerbittlichkeit die »neuen Menschen« in den sowjetischen Lagern, bei der Sesshaftmachung kasachischer Nomaden, bei der Umgestaltung der estnischen Gesellschaft oder auf der rumänischen Großbaustelle des Donau-Schwarzmeer-Kanals geformt werden sollten. Konzeptionelle Debatten in Italien und China nach 1945 präsentieren Claudia Christiane Gatzka und Hauke Neddermann. Evelyna Schmidt untersucht den Gebrauch von Krankheitsbildern in den Texten von fünf polnischen Autoren, um so literarisch-subtile Kritik am kommunistischen Menschenbild herauszuarbeiten. Drei Beiträge richten ihr Augenmerk auf die DDR. Katrin Löffler zeichnet den Diskurs über den »neuen Menschen« in Heiner Müllers Schauspiel Die Umsiedlerin nach. Ulrike Breitsprecher arbeitet anhand verschiedener Jugendweihebücher und Teilnahmehefte die sich wandelnden Zukunftsvisionen der DDR-Führung heraus. Das in der kommunistischen Bewegung der Weimarer Republik wurzelnde Jugendverständnis der SED-Führungsriege um Erich Honecker, das mit dem jugendlichen Selbstverständnis in der DDR in den Siebziger- und Achtzigerjahren nicht mehr kompatibel war, beschreibt Jan Kiepe. Wie alle vorherigen Ausgaben präsentiert auch das Jahrbuch 2012 Beiträge, die nicht unmittelbar mit dem Themenschwerpunkt in Zusammenhang stehen. Der Versuch westeuropä-ischer Kommunisten, in den Siebzigerjahren das Konzept des Eurokommunismus zu entwickeln und dem sowjetischen Vormachtanspruch entgegenzustellen, ist Thema der Beiträge von Nikolas R. Dörr, Francesco Di Palma und Ralf Hoffrogge. Karl-Heinz Schwarz-Pichs Studie zur kommunistischen Widerstandsgruppe um Georg Lechleiter beschreibt deren Aktivitäten um 1941/42 in Mannheim. Ulrike Huhn widmet sich in ihrem Artikel dem weithin unbekannten Phänomen der Massenwallfahrten in der Sowjetunion in der Zeit Stalins und Chruščëvs. In der Rubrik »Forum« stellt sich Claudia Weber der Frage, ob eine europäische Erinnerungskultur möglich ist. Daneben setzt sich der Begründer des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung, Hermann Weber, in dieser Rubrik – vor dem Hintergrund der globalen Finanzkrise – mit dem neuen Interesse an kommunistischen Abweichler-Meinungen auseinander, das seit einiger Zeit auch auf dem Buchmarkt zu erkennen ist. Außerdem finden sich wie gewohnt zwei Sammelrezensionen sowie der von Bernhard H. Bayerlein betreute International Newsletter of Communist Studies im aktuellen Jahrbuch. Abschließend sei besonders auf die Studie »Mielke contra Hoffmann« von Siegfried Suckut verwiesen, der auf der Grundlage bisher unbekannter Quellen dokumentiert, wie die Stasi in den Fünfziger- und Sechzigerjahren ebenso beharrlich wie vergeblich versuchte, den DDR-Verteidigungsminister und SED-Spitzenfunktionär Heinz Hoffmann abzusetzen. Diese Fallstudie beleuchtet auf beispielhafte Weise das Verhältnis zwischen der SED und ihrem Schild und Schwert, dem MfS. Die Herausgeber danken den Autorinnen und Autoren für deren Beiträge und den internationalen Beiräten des Jahrbuchs für deren Expertise. Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur ermöglicht die redaktionelle Betreuung des Jahrbuchs, die auch 2011/2012 von Birte Meyer kompetent übernommen wurde. Dank der Projektförderung durch die Mannheimer Hermann-Weber-Stiftung, die Berliner Gerda-und-Hermann-Weber-Stiftung sowie mit der Unterstützung des Bundessprachenamts konnten umfängliche Übersetzungsarbeiten erfolgen sowie Bildrechte erworben werden. Allen Förderern und Unterstützern sei hier mit Nachdruck gedankt! Dieser Dank schließt auch Maria Matschuk vom Aufbau Verlag ein, die dem Jahrbuch stets ihr besonderes Augenmerk schenkt. Die Herausgeber hoffen, dass das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2012 wieder viele aufmerksame Leserinnen und Leser findet. Im Mittelpunkt der Ausgabe 2013 werden die »langen Linien« in der Geschichte des Kommunismus stehen. Sie soll auf das europäische Jahr der Zeitgeschichte 2014 vorbereiten, in dem sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal, der Überfall des Deutschen Reichs auf Polen zum 75. Mal und die friedlichen Revolutionen des Jahres 1989 zum 25. Mal jähren werden. Der Band 2014 wird der Frage gewidmet, wie der Kommunismus ein Vierteljahrhundert nach der Überwindung seiner diktatorischen Regime in Europa erinnert wird. Die Herausgeber und die Redaktion freuen sich auf interessante Beitragsangebote. Berlin im Februar 2012 Die Herausgeber

JHK 2012

»New York in der Steppe« - Die Sesshaftmachung der kasachischen Nomaden

Robert Kindler

Im Sozialismus war für Nomaden kein Platz vorgesehen. Deshalb mussten die nomadisierenden Viehhirten Kasachstans1 sesshaft werden. Wer in festen Gebäuden lebte und nicht länger in Jurten hauste, der werde aus den »halbfeudalen« Ausbeutungsverhältnissen der kasachischen Klans ausbrechen2 und zu einem Teil der sowjetischen Moderne, erklärten die Befürworter der Sesshaftmachung. Doch als solchen Plänen während der Stalin’schen »Revolution von oben« zu Beginn der Dreißigerjahre Taten folgten, wurde deutlich, dass sich hinter derartigen Fortschrittsverheißungen weder Emanzipation noch Partizipation, sondern bestenfalls die graue Realität trister Kolchosen verbarg. Unzählige Menschen mussten mit ihrem Leben für das bezahlen, was die Kommunisten so wortreich beschworen hatten. Die Kampagne zur Sesshaftmachung der kasachischen Nomaden nahm selbst in der an Katastrophen nicht armen sowjetischen Geschichte eine besondere Stellung ein; sowohl im Hinblick auf ihre utopische Dimension – Kultur und Lebensweise einer ganzen Ethnie sollten innerhalb kürzester Zeit radikal revolutioniert werden –, als auch hinsichtlich ihrer verheerenden Konsequenzen: Die Sesshaftmachung und die mit ihr untrennbar verbundene Kollektivierung der Landwirtschaft verursachten eine dramatische Hungersnot. Mehr als eineinhalb Millionen Menschen, circa ein Drittel der gesamten kasachischen Bevölkerung, kamen zwischen 1931 und 1934 ums Leben, Hunderttausende wurden zu Flüchtlingen, und es entstanden immense wirtschaftliche Verluste.3 Gemessen an den ehrgeizigen Plänen und den bescheidenen Resultaten war das Projekt ein Fehlschlag. Doch es wäre zu einfach, die Sesshaftmachung nur als gescheiterte Utopie zu beschreiben; also eine neue Version jener oft erzählten Geschichte zu verfassen, in der anspruchsvolle Projekte an der Unfähigkeit handelnder Personen, den Widerständen der Betroffenen oder den Unzulänglichkeiten des sowjetischen Systems zerbrachen. Nur wenn man die Verlautbarungen der Kommunisten ernst nimmt, es habe sich bei der Sesshaftmachung um ein ökonomisches und soziales Modernisierungsprojekt gehandelt, wird man auch ihr »Scheitern« konstatieren müssen. Für die Bolschewiki bestand der Sinn der Ansiedlungskampagne jedoch nicht primär darin, Häuser zu errichten oder Steppenböden in Ackerland zu verwandeln. Ihnen ging es darum, sowohl die Ressourcen als auch die Bevölkerung der Steppe zu kontrollieren. Beides, so glaubten sie, ließe sich nur dann verwirklichen, wenn Menschen und Tiere nicht länger nomadisierten, sondern an angebbaren Orten sesshaft gemacht werden konnten. Doch dieses Ziel zu erreichen, bedeutete zugleich, die kasachische Gesellschaft in ihren Grundfesten zu erschüttern. Darin bestand die eigentliche Absicht der Kommunisten. Aus ihrer Perspektive war es eine rationale und effiziente Herrschaftsstrategie, permanent Konflikte zu schüren und eskalieren zu lassen. Für die Gesellschaft des Stalinismus durfte es keine Atempause geben. In der Krise, davon waren Stalin und seine Getreuen überzeugt, mussten sich Freunde und Feinde zu erkennen geben. Indem sie die gesamte Gesellschaft – oder zumindest einige ihrer Teile – in Bewegung versetzten, vergewisserten sie sich nicht nur ein ums andere Mal ihrer Macht, sondern zwangen die Menschen auch dazu, Entscheidungen zu treffen und sich zu positionieren. Deshalb suchten sie bei Auseinandersetzungen um die Zukunft der Steppe stets die Konfrontation. Und die Resultate schienen ihnen recht zu geben: Als die Hungersnot vorüber war, stellte niemand mehr den hegemonialen Anspruch der Sowjetmacht infrage. Zugleich zeigte sich, dass der Erfolg der Sowjetisierung paradoxerweise wesentlich darauf beruhte, dass Menschen die Vorgaben des Systems für ihre eigenen Zwecke nutzten oder unterliefen. Der erste Abschnitt dieses Textes beschäftigt sich mit den Gründen, die aus Sicht der Genossen für die Ansiedlung sprachen. Dabei spielten kulturelle Argumente ebenso eine Rolle wie ökonomische und vor allem aber herrschaftstechnische Aspekte. Der zweite Teil zeigt, was Ansiedlung von Nomaden unter den Bedingungen der kasachischen Steppe konkret bedeutete: Die Nomaden wurden ihrer Tiere (und damit zugleich auch ihrer Existenzgrundlagen) beraubt und danach weitgehend ihrem Schicksal überlassen. Neben den Exzessen der Kollektivierungskampagne war dies einer der wesentlichen Gründe für den Ausbruch der verheerenden Hungersnot in den Jahren 1931 bis 1934. Im dritten Abschnitt geht es um die sozialen und machtpolitischen Dynamiken dieser Hungerjahre. Das Überleben des Einzelnen hing nun wesentlich von seiner Fähigkeit ab, sich in unterschiedliche Versorgungsnetze zu integrieren. Dies war eine wichtige Ursache für die endgültige Durchsetzung des sowjetischen Kolchossystems in der Steppe. Daran knüpft der letzte Teil an, in dem gezeigt wird, was aus der Perspektive der Bolschewiki »positiv« an der Hungersnot war. Eine Kultur ohne Zukunft Die Bolschewiki waren nicht die ersten, die in der Sesshaftmachung der kasachischen Nomaden die Lösung für eine ganze Reihe von Problemen sahen.4 Doch ihre Vision ging über die Überlegungen zarischer Kolonialbeamter weit hinaus.5 Die hohe Mobilität der Nomaden stellte die Vertreter des Staates vor immense Herausforderungen: Menschen, die ständig ihren Aufenthaltsort wechselten, ließen sich weder kontrollieren, noch effizient mit Steuern belegen. Ja, sie konnten nicht einmal daran gehindert werden, die Staatsgrenzen nach Belieben zu passieren.6 Viele sowjetische Ökonomen sahen in der extensiven Landnutzung nomadischer Viehhirten ein Hindernis für die weitere Entwicklung der Region. Zugleich monierten sie die geringen Erträge ihrer Viehwirtschaft.7 Das kommunistische Unbehagen gegenüber den Nomaden brachte ein unbekannter Sowjetfunktionär auf den Punkt, der darauf hinwies, dass es »in unseren Beziehungen mit den Bauern […] möglich ist, viel zu nehmen und wenig zu geben, aber mit den Nomaden ist dies nicht möglich – sie ziehen einfach weg.«8 Die Lösung für all diese Probleme schien in der Sesshaftmachung der Nomaden zu liegen. Der Erste Sekretär der kasachischen Parteiorganisation, Filipp Gološčekin, fasste diese Utopie so zusammen: »Der sozialistische Aul, das ist ein sesshafter Aul mit siedelnder Bevölkerung, mit Häusern europäischen Typs, Wirtschaftsgebäuden für die Vergemeinschaftung des landwirtschaftlichen Geräts und des Viehs.«9 Die Bewohner dieser schönen neuen Welt sollten jedoch nicht nur in ökonomischer Hinsicht Neuland betreten, sondern vor allem aus dem traditionellen System der Klans ausbrechen. Aus der Perspektive der Bolschewiki war dies eine Notwendigkeit. Nur so konnten »rückständige« Nomaden zu sowjetischen Kasachen werden. In den Kasachen, die mit ihren Viehherden durch die Steppe zogen, sahen sie Angehörige einer eigentlich längst vergangenen Epoche, die in »halbfeudalen« Ausbeutungsverhältnissen verharrten und unter katastrophalen hygienischen Bedingungen und fehlender Bildung litten.10 Unter solchen Umständen konnten die Kommunisten nur wenig ausrichten. Seit dem Ende des Bürgerkriegs in der Steppe hatten sie immer wieder aufs Neue erfahren,11 wie gering die Sympathien waren, die ihnen von den Nomaden entgegengebracht wurden.12 In den Jurten konnte kaum jemand etwas mit den Reden von »Klassengegensätzen im Aul« anfangen. Denn die Gemeinschaften der Steppenbewohner basierten auf der Integration aller Individuen in die auf gemeinsamer genealogischer Abstammung beruhenden Klanstrukturen. Autorität besaßen hier jene Männer, die auf privilegierte Herkunft, Reichtum an Vieh oder überlegene Rechtskenntnisse verweisen konnten.13 Dass die Sowjetmacht in weiten Teilen der Steppe ohne Einfluss war, räumten selbst Spitzenfunktionäre wie Gološčekin unumwunden ein.14 Entscheidungen auf der lokalen Ebene konnten nur mit Zustimmung der traditionellen Eliten getroffen werden, Sowjets und Parteizellen existierten oft nur auf dem Papier, und viele Funktionsträger hatten allenfalls diffuse Vorstellungen von den Zielen und Absichten der Bolschewiki.15 Für diese Missstände machten die Genossen verschiedene Gründe verantwortlich, vor allem aber den ungebrochenen Einfluss der »bai«16 und die kulturelle »Rückständigkeit« der Nomaden. In den bai, denen sie einen ähnlich verderblichen Einfluss wie den »Kulaken« in russischen Dörfern zuschrieben, sahen die Bolschewiki ihre wichtigsten Gegner im Aul. Sie galt es zu bekämpfen, um die Sozialstrukturen der nomadischen Gesellschaft aufzubrechen. Die sowjetische Politik richtete sich deshalb von Anfang an gegen die bai und den Einfluss der Klans. Zu den dabei üblichen Praktiken gehörten repressive Maßnahmen, wie der Entzug des Wahlrechts, Enteignungen, Verhaftungen und Verbannungen.17 Die Steppe war nicht nur nicht sowjetisiert, sie war auch kein friedlicher Ort. Nach den Kasachen stellten Russen und Ukrainer, die als Siedlerkolonisten nach Zentralasien gekommen waren,18 den größten Teil der Gesamtbevölkerung.19 Die Dörfer dieser Bauern entstanden oft in den fruchtbarsten Gegenden und blockierten vielfach die Migrationsrouten der Nomaden. Immer wieder kam es zu Konflikten zwischen Zentralasiaten und Europäern, in denen es meist um die wichtigsten natürlichen Ressourcen der Region – fruchtbaren Boden und Wasser – ging. Im Jahr 1916 war die Situation eskaliert, als sich weite Teile der zentralasiatischen Bevölkerung an einem Aufstand gegen die russische Kolonialmacht beteiligt hatten.20 Auch nach dem Ende des Bürgerkriegs entspannte sich die Lage kaum; immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen zwischen europäischen Bauern und Kasachen, die sich auch durch wiederholte Interventionen Moskaus nicht beilegen ließen.21 Die Sesshaftmachung der Nomaden sollte nicht nur diese beständig schwelenden Konflikte lösen, sondern gleichzeitig Flächen für neue Bauernsiedler bereitstellen.22 Doch es gab auch Stimmen, die dem Ansiedlungsprojekt kritisch gegenüberstanden. Manche unter den kasachischen Bolschewiki waren der Ansicht, die Sesshaftmachung gefährde den kulturellen Fortbestand der »kasachischen Nation«.23 Vor allem aber trieb sie die nicht unbegründete Sorge um, die »freiwerdenden Flächen« würden alsbald von russischen Siedlern besetzt und die Kasachen so zur Minderheit im eigenen Land. Einige Nationalkommunisten wollten gar den Nachweis führen, dass der kasachische Aul eine protokommunistische Gesellschaft darstelle, weshalb jede Forcierung des Klassenkampfes überflüssig sei. Es genüge, den »evolutionären Prozess« abzuwarten.24 Aus ganz anderen Gründen wandten sich manche Agronomen und Ökonomen gegen die Sesshaftmachung: Sie wiesen darauf hin, dass der Nomadismus unter den Bedingungen der Steppe die vorteilhafteste Wirtschaftsweise sei. Es komme allein darauf an, die Viehhaltung effizienter zu machen und die Fleischproduktion zu steigern.25 Für eine darüber hinausgehende landwirtschaftliche Nutzung seien weite Teile des Landes ohne substanzielle Investitionen in Bewässerungssysteme kaum zu gebrauchen.26 Diese Experten machten sich keine Illusionen darüber, welche Konsequenzen eine radikale Ansiedlungspolitik nach sich ziehen würde. So ließ sich etwa einer 1926 erschienenen Schrift entnehmen, dass »die Vernichtung des nomadischen Wesens in Kasachstan nicht nur den Untergang der Viehhaltung in der Steppe und der kasachischen Wirtschaft bedeuten würde, sondern auch die Verwandlung der trockenen Steppen in menschenleere Wüsten«.27 Dies war eine ziemlich präzise Beschreibung dessen, was folgen sollte. Sesshaftmachung durch Enteignung Die Kampagne zur Sesshaftmachung der kasachischen Nomaden war Teil der umfassenden Attacke des sowjetischen »Staates gegen sein Volk«28 in den Jahren zwischen 1928 und 1933. Sie fiel nicht nur zeitlich mit der Zwangskollektivierung, den Beschaffungsmaßnahmen und den Repressionen gegen die bai und Kulaken zusammen, sondern Kollektivierung und Sesshaftmachung bedingten einander. Nicht umsonst sprachen die Genossen immer wieder von der »Sesshaftmachung auf Grundlage der vollständigen Kollektivierung«.29 Hinter dieser etwas umständlichen Bezeichnung verbarg sich der Versuch, eine maximale Ressourcenexpropriation bei gleichzeitiger Bevölkerungskonzentration zu erreichen. Im Sommer 1930 entsandte das Allrussische Zentrale Exekutivkomitee (VCIK) eine Kommission nach Kasachstan, um den Fortgang der seit Beginn des Jahres laufenden Sesshaftmachung zu untersuchen. Die Beobachtungen der Kommission waren ernüchternd und deckten sich mit zahlreichen anderen Berichten aus allen Teilen der Republik. Überall drohte das Projekt zu scheitern. Gründe für den Misserfolg gab es viele: Die Kasachen wehrten sich gegen die Ansiedlung; angeblich weil sie höhere Steuern fürchteten. Der Bau von Häusern und Wirtschaftsgebäuden kam nicht voran, weil es an Baumaterialien und technischem Sachverstand mangelte. Doch am problematischsten schien den Kommissionsmitgliedern etwas anderes zu sein: Immer wieder wiesen Landvermesser und lokale Funktionäre den Nomaden vollkommen ungeeignete Ansiedlungspunkte zu, an denen es weder fruchtbare Böden noch hinreichende Wasserquellen gab.30 Lokale Funktionäre zwangen die Nomaden in riesige, teilweise aus bis zu 500 Jurten bestehende Siedlungen, »vergesellschafteten« die Viehbestände, ließen die Tiere zu den Sammelplätzen der Beschaffungsorgane treiben und nötigten die Menschen, in die Kolchosen einzutreten.31 Um Planerfüllung zu simulieren, war diese Art der »Sesshaftmachung« hinreichend, doch für die Betroffenen erwies sie sich als Weg in ein Desaster: Die Mehrzahl dieser »Gigantensiedlungen« war innerhalb kürzester Zeit – und das ist buchstäblich zu verstehen – ausgestorben.32 Im Jahr 1934 urteilte eine Kommission aus Moskau über derartige Praktiken lakonisch, hier habe die Idee Form angenommen, »New York in den Bergen und Steppen zu errichten«.33 Dennoch ließen sich die Kommunisten auch durch das Scheitern der »Gigantomanie« nicht beirren. Sukzessive weiteten sie die Zahl der anzusiedelnden Haushalte immer mehr aus. Im Dezember 1931 wurde schließlich die »vollständige Sesshaftmachung aller nomadischen und halbnomadischen Haushalte« bis zum Ende des Jahres 1933 beschlossen.34 Ein Schreiben des Vorsitzenden des kasachischen Rates der Volkskommissare, Uraz Isaev, an Molotov vom Februar 1932 verdeutlichte die Dimensionen, um die es dabei ging: Gut 400 000 der insgesamt ungefähr 670 000 kasachischen Haushalte müssten innerhalb der nächsten zwei Jahre sesshaft werden. Die übrigen seien, so behauptete zumindest Isaev, bereits in der einen oder anderen Weise von entsprechenden Maßnahmen ergriffen worden.35 Seine Berechnungen zeigten, wie gleichgültig Menschen und Schicksale für Leute seines Schlages waren, wenn es um die Durchsetzung bedeutender Projekte ging: Nach Addition verschiedener Kontingente (und einem Rechenfehler) ermittelte er eine Zahl von 443 700 anzusiedelnden Haushalten, die er mit einem Federstrich auf 400 000 reduzierte.36 Die mehr als 40 000 »gekürzten« Familien tauchten nicht nur in den Planstatistiken nie wieder auf. Tatsächlich interessierten sich die Genossen kaum dafür, wie Menschen unter solchen Bedingungen (über-)leben sollten. Dies galt sowohl für Kommunisten in leitenden Positionen als auch für die Funktionäre vor Ort. Ihre Aufmerksamkeit galt anderen Fragen. Sie alle wussten genau, dass sie in erster Linie an den von ihnen erzielten Lieferquoten für Vieh und Getreide sowie an Kollektivierungsraten gemessen wurden.37 Konkrete Erfolge bei der Sesshaftmachung waren demgegenüber von eher zweitrangiger Bedeutung. Deshalb hatten viele Nomaden bereits alles verloren, wenn die »Maßnahmen zur Sesshaftmachung« begannen. Den unmittelbaren Anlass für die Verelendung der kasachischen Bevölkerung stellten die – Raubzügen gleichenden – Erfassungskampagnen dar.38 Die Kasachen wurden nicht nur ihrer Tiere beraubt, sondern in den meisten Regionen mussten sie überdies auch noch Getreide abliefern, welches sie oft weder besaßen noch anbauten. Die Folgen dieser Politik waren dramatisch: Viele Menschen sahen sich gezwungen, auch jenen Teil ihrer Herden zu verkaufen, der noch nicht erfasst worden war, um entweder den Erlös abzuführen oder um damit Getreide zu erwerben, das sie an die Erfassungsstellen lieferten.39 Da Schafe, Ziegen, Pferde, Kamele und Rinder nicht nur die Existenzgrundlage der meisten Kasachen darstellten, sondern ihre gesamte Kultur auf das Engste mit ihnen verknüpft war,40 bedeutete ihr Verlust eine existenzielle Bedrohung. Beschlagnahmungen und Sesshaftmachung lösten unter den Kasachen erbitterten Widerstand aus. Viele Kasachen verkauften oder schlachteten ihr Vieh eher, als dass sie es den Beschaffungsbrigaden überließen.41 Andere versuchten, sich und ihre Herden in Sicherheit zu bringen. Hunderttausende Menschen flohen nach Sibirien, in andere zentralasiatische Republiken und nach China.42 In allen Regionen Kasachstans brachen bewaffnete Aufstände aus, an denen sich Zehntausende Menschen beteiligten. Zwischen 1929 und 1931 kontrollierten Rebellen ganze Landstriche. Erst als es den Einheiten von Roter Armee und Geheimdienst mit ihren überlegenen Machtmitteln gelang, die Nomaden von den Wasserstellen und Brunnen in die trockenen Steppengebiete abzudrängen, konnten sie die Aufstände schließlich niederschlagen.43 Dass sich die Betroffenen gegen die Attacken des Staates zur Wehr setzen würden, hatten die Bolschewiki einkalkuliert.44 Stalin selbst betonte immer wieder, dass es zu erbitterten Auseinandersetzungen mit dem »Kulakentum« kommen werde, bevor der Sieg der Kollektivierung feststehe.45 Als es so weit war, spielten die unterschiedlichen Formen des Widerstands den Kommunisten in die Hände. Jene, die sich gegen den permanent zunehmenden Druck zur Wehr setzten, ließen sich als »antisowjetische Elemente« identifizieren, die quantifiziert, isoliert und bekämpft werden konnten.46 Ihre Existenz bestätigte die Genossen in ihrer Wahrnehmung: Sie waren tatsächlich von »Feinden« umgeben, gegen die alle ihnen zu Gebote stehenden Mittel eingesetzt werden mussten. Dass sich die Zahl der »Feinde« so nicht verringerte, sondern beständig vergrößerte, entsprach der Logik eines Systems, dessen Kern die permanente Zuspitzung und Eskalation gesellschaftlicher Prozesse war.47 Je länger diese Auseinandersetzungen anhielten und je stärker sie forciert wurden, desto mehr gerieten die Nomaden unter Druck. Dort, wo sie der Umsetzung anderer Projekte im Weg standen, mussten die verarmten und deshalb unproduktiven Menschen weichen. Als im Jahr 1930 mit dem Karlag der bald wichtigste Ableger des Gulag in Kasachstan gegründet wurde, machten sich die Behörden als Erstes daran, das Lagerterritorium von Nomadenstämmen zu säubern.48 Zur Urbarmachung der Steppe setzten die Kommunisten eher auf ihre verurteilten Feinde als auf die indigene Bevölkerung. Nicht nur hier wurden die Nomaden zu »überflüssigen Menschen«.49 Die Hungersnot als machtpolitisches und soziales Problem Kollektivierung, Beschaffungskampagnen und Sesshaftmachung degradierten die Nomaden zu mittellosen Hungerflüchtlingen, die in Aulen und Dörfern, in Städten und an Bahnstationen um Nahrung betteln mussten.50 Aus allen Regionen der Republik berichteten die Behörden vom Hunger und der katastrophalen Versorgungslage, der Zunahme von Verzweiflungstaten und unablässig steigenden Todesraten.51 Insgesamt kamen zwischen 1930 und 1934 über eineinhalb Millionen Menschen ums Leben, und eine weitere Million floh aus den betroffenen Gebieten. Vielerorts geriet die Situation völlig außer Kontrolle. Besonders eindrücklich lässt sich die verheerende Lage vielleicht mithilfe des folgenden Beispiels illustrieren: Im Februar 1933 erreichte Isaev ein Brief aus dem östlich des Aralsees gelegenen Kreis Karmakči, dessen Autor, ein gewisser Kunaščaev, hier offensichtlich als örtlicher Bevollmächtigter des Rates der Volkskommissare fungierte. Kunaščaev schrieb, dass der »Hungertod massenhaften Charakter annahm. [...] Am 15. [Februar, R.K.] gab ich persönlich dem Polizeichef den Auftrag, das Stadtgebiet zu durchsuchen, und er fand 30 Leichen. Am 16. fand er 11 Leichen. Im Kreiszentrum erwarten mich jeden Tag 200 ausgezehrte Menschen und bitten um Brot (insgesamt gibt es noch wesentlich mehr Bedürftige). Der Vorsitzende des Kreisexekutivkomitees kam gerade aus den Kolchosen zurück und berichtete, dass die Straße ins Kreiszentrum von Leichen gesäumt ist. Als ich ihn fragte, wie viele Leichen er ungefähr gesehen hatte, sagte er zwischen 60 und 70. […] Die Mitarbeiter des Kreises teilen mit, dass es nicht einen einzigen Kolchos gibt, in dem es keine Todesfälle und Auszehrung gibt. […] Die Bevollmächtigten, die zu den Kolchosen reiten, nehmen ihre Pferde nachts mit ins Haus und lassen sie tags bewachen, denn es hat Fälle gegeben, bei denen am helllichten Tage mit dem Messer auf den Hals oder den Körper eines Pferdes eingestochen wurde, in der Hoffnung, etwas vom Fleisch oder dem Blut abzubekommen […]«52 Je länger die Hungerkrise andauerte, desto stärker machten sich auch gesellschaftliche Erosionsprozesse bemerkbar. Hunger und soziale Destruktion bedingten und verstärkten einander; am offensichtlichsten wurde dies überall dort, wo hungernde Menschen zu Kannibalen wurden. Das Nachlassen sozialer Bindungen unter den Bedingungen der Krise machte die Kasachen in doppelter Hinsicht anfällig: Einerseits konnten sie sich nicht mehr darauf verlassen, dass sie auf die gleiche Art mit ihrer Umwelt interagieren konnten wie vor Beginn der Krise.53 Andererseits wurden die Menschen nun in einer Weise vom Staat der Bolschewiki abhängig, wie es ohne die Hungersnot kaum vorstellbar gewesen wäre. Angesichts der katastrophalen demografischen und ökonomischen Verluste büßte die Sesshaftmachung der Nomaden an Bedeutung ein. Es könne, so schrieb der neu ernannte Erste Sekretär der kasachischen Parteiführung Levon Mirzojan54 im Sommer 1933 an Stalin, keine Rede mehr davon sein, dass noch Nomaden »im alten Sinne des Wortes« angesiedelt würden, denn »heute gibt es in Kasachstan keine nomadische oder halbnomadische Bevölkerung, die sich nicht auf der Flucht befinden würde. Faktisch ist die gesamte nomadische und halbnomadische Bevölkerung zu Flüchtlingen geworden.«55 Mittel, die für die Sesshaftmachung vorgesehen waren, müssten nun zur Unterbringung und Versorgung dieser sogenannten otkočevniki56 eingesetzt werden, denn diese Menschen »besitzen keinerlei Haushaltsgegenstände, kein Vieh und hängen faktisch am Hals des Staates. (Übrigens haben wir nach unseren Schätzungen im Juni 800 000 Menschen mit Getreide aus staatlichen Beständen ernährt.)«57 Mirzojan sollte Kasachstan vor dem völligen Zusammenbruch bewahren und – nicht zuletzt angesichts des zunehmenden Drucks benachbarter Sowjetrepubliken58 – für ein Ende der Massenflucht sorgen. Der Vorsitzende der »neuen Führung« in Alma-Ata tat, was von ihm erwartet wurde. Es kam ihm zugute, dass das Politbüro bereits im Herbst 1932 eine Reihe von Vergünstigungen und Unterstützungsmaßnahmen für die kasachische Landwirtschaft beschlossen hatte, von denen die Erlaubnis für Privatleute, in begrenztem Maße Vieh halten zu dürfen, die bedeutendste war. Zugleich gewährte die Moskauer Führung mehrere Tausend Tonnen Getreide als Lebensmittelhilfe für die Hungernden.59 Diese Schritte retteten unzähligen Menschen das Leben.60 Doch Mirzojan war kein mitfühlender Philanthrop,61 sondern ein kühl kalkulierender stalinistischer Funktionär. Deshalb war die Unterstützung der Mittellosen kein Akt bedingungsloser Solidarität. Die Kommunisten legten an alle Hilfsmaßnahmen ökonomische Kriterien an. Bei der Verteilung von Nahrungsmitteln und anderen Ressourcen war nicht die Bedürftigkeit, sondern die Arbeitsfähigkeit und -leistung des Einzelnen entscheidend.62 Wer nicht arbeitete, der sollte auch nicht essen. Abertausende entwurzelte Hungerflüchtlinge wurden zu Objekten kommunistischer Bevölkerungspolitik und innerhalb Kasachstans – vor allem in den Süden – umgesiedelt. Dabei ging es den Bolschewiki einerseits darum, das Flüchtlingsproblem zu lösen, andererseits aber konnten sie so den chronischen Arbeitskräftemangel in jenen Bereichen der Landwirtschaft beheben, in denen die schwierigsten Arbeitsbedingungen herrschten.63 Um diese Ziele zu erreichen, ließ die kasachische Parteiführung im Frühjahr 1933 die meisten der für die Hungernden an Bahnstationen und in den Städten eingerichteten Versorgungspunkte schließen.64 Mit dieser Maßnahme sollten die Hungerflüchtlinge aufs Land, in die Kolchosen und Sovchosen, und in Betriebe gezwungen werden. Nur dort, so sahen es die Beschlüsse der Parteiführung vor, sollten noch Lebensmittel verteilt werden; und zwar als Bezahlung für geleistete Arbeiten. Damit delegierten die Genossen die Verantwortung für das Überleben der Bedürftigen mit allen Konsequenzen »nach unten«.65 Sie überließen es Kolchosvorsitzenden und lokalen Funktionären, darüber zu entscheiden, wie viele Nahrungsmittel sie den oft entkräfteten und kranken Hungerflüchtlingen und ihren Familien zuteilen konnten und wollten. In Kolchosen und Betrieben wurden die otkočevniki häufig als Konkurrenten empfunden. Viele Verantwortliche taten alles, um sich des bedrohlichen »Problems« zu entledigen. Sie wiesen den Neuankömmlingen die schwersten Arbeiten und die schlechtesten Unterkünfte zu, sie teilten ihnen, wenn überhaupt, nur magere Rationen zu, und in einigen besonders extremen Fällen deportierten sie die hilflosen Menschen ins Niemandsland der Steppe und überließen sie dort ihrem Schicksal. Funktionäre, die so handelten, taten dies aus unterschiedlichen Gründen. Sie alle standen unter dem permanenten Druck der Planerfüllung. Doch mit ausgehungerten und schwachen Menschen ließen sich keine Produktionserfolge feiern. Manche Europäer fanden angesichts des körperlichen und moralischen Zustands der Hungerflüchtlinge all ihre Vorurteile und Ressentiments gegenüber den Kasachen bestätigt: »Die Kasachen sind nicht in der Lage zu arbeiten.«66 In gewisser Weise hatten Mirzojan und seine Leute auch kaum eine andere Wahl, als die konkrete Entscheidungsgewalt über das Wohlergehen der otkočevniki an regionale und lokale Instanzen abzutreten und sich weitgehend darauf zu beschränken, das Fehlverhalten einzelner Funktionäre zu sanktionieren. Denn die kasachische Führung stand gleichfalls unter Druck: Aus den umliegenden Sowjetrepubliken kehrten immer mehr Flüchtlinge nach Kasachstan zurück, die den dortigen Behörden zunehmend zur Last fielen.67 Diese Menschen mussten untergebracht und versorgt werden. Überdies hatte Kasachstan trotz der Hungersnot strikte Lieferquoten für Fleisch und Getreide einzuhalten. Bis in den Sommer 1934 hinein gelang es den Genossen in Alma-Ata kaum, die Situation substanziell zu entspannen. Mirzojan nutzte das Plenum des Zentralkomitees im Juni 1934, um die Mitglieder des Führungszirkels um Stalin zum wiederholten Male auf die prekäre Lage aufmerksam zu machen: »Im vergangenen Jahr haben unsere Viehzuchtsovchosen 680 000 pud68 Getreide an den Staat abgeführt. In diesem Jahr sollen diese Sovchosen 1,5 Millionen abgeben, obgleich sie in diesem Jahr nicht mehr gesät haben und die Sovchosen im letzten Jahr keine schlechte Ernte hatten. […] Wir haben beim Vieh nur 86 Prozent unserer Verpflichtungen erreicht. Die übrigen 14 Prozent zu verteilen, fällt uns sehr schwer. […] Um die Verpflichtungen vollständig zu erfüllen, muss man sie auf 552 000 Haushalte verteilen. In der gesamten Republik haben wir 560 000 Haushalte, aber auf Grundlage des Beschlusses des ZK müssen wir nomadische und halbnomadische Haushalte befreien. Das betrifft mindestens 150 000 Haushalte. Bleiben 400 000. Wir haben nicht genug Haushalte, um die Verpflichtungen zu verteilen. Wir haben gekürzt, Vergünstigungen zusammengequetscht, haben nicht mehr als 80 000 Haushalte befreit, dennoch haben wir nicht die gesamte Summe erreicht. […] Und jetzt kehren die otkočevniki zurück, die man ernähren und unterbringen muss, und wenn wir denen die Verpflichtung aufbürden, bekommen wir davon trotzdem kein Fleisch.«69 Mirzojans Klage über die zu hohe Abgabenlast Kasachstans interessierte niemanden. So etwas gehörte zum Standardrepertoire, wenn Funktionäre aus der Provinz in Moskau sprachen. Doch sein Hinweis auf die otkočevniki löste eine kleine Diskussion aus. Vorošilov entgegnete dem kasachischen Parteichef: »Dann nehmt doch weniger von ihnen auf.« Daraufhin Mirzojan: »Aber der Beschluss des Sovnarkom der RSFSR von irgendeiner Kommission des Rates für Arbeit und Verteidigung schreibt vor, dass wir von Kara-Kalpakien 7000 übernehmen sollen. Unsere Nachbarn haben damals mit Freude die Kasachen mit ihrem Vieh aufgenommen, aber nun schicken sie sie in großen Mengen zurück.« Jetzt warf Kalinin ein: »Aber es sind doch eure.« »Unsere, das ist richtig«, entgegnete Mirzojan, »aber wir können sie nicht alle auf einmal aufnehmen, vor allem, weil man uns dafür keine großen Summen gibt.«70 Damit hatte Mirzojan einen wunden Punkt berührt, der sowohl für die otkočevniki als auch für die Kommunisten in den Regionen von entscheidender Bedeutung war. Denn angesichts knapper Ressourcen war es so gut wie ausgeschlossen, sowohl die Lieferquoten zu erfüllen als auch die Hungrigen zu ernähren. Dieses Dilemma »lösten« Kommunisten auf allen administrativen Stufen in ähnlicher Weise: Sie delegierten das Problem nach unten.71 Für die Verantwortlichen vor Ort bedeutete dies, dass es für sie – wie so oft für subalterne Funktionäre im Stalinismus – keine »richtige« Entscheidung gab: Es wurden Genossen ihres Postens enthoben, aus der Partei ausgeschlossen und verurteilt, weil sie den otkočevniki Getreide vorenthielten. Aber es traf auch manche, die sie zu Lasten des Plans mit Lebensmitteln versehen hatten.72 Viele Funktionäre auf der lokalen Ebene sahen den einzigen Ausweg darin, weit verzweigte Korruptions- und Verteilungsnetzwerke aufzubauen und möglichst viele Genossen zu bestechen. So hofften sie, sich vor unliebsamen Nachforschungen zu schützen. Solche Netzwerke dienten auch als Distributionskanäle für »lebendes und totes Inventar« aller Art und weiteten sich oft über den unmittelbaren Kreis örtlicher Funktionäre hinaus auf Verwandte, Freunde, Klanangehörige und andere Bekannte aus.73 Für ihre Mitglieder stellten solche Netzwerke eine der wichtigsten Grundbedingungen des Überlebens dar.74 Doch nach außen schotteten sie sich ab. Je weniger Ressourcen zur Verfügung standen, desto geringere Chancen hatten Fremde und Neuankömmlinge, in derartige Verteilungsmechanismen inkorporiert zu werden.75 Weil die Inklusion einer Minderheit aber zwangsläufig immer auch den Ausschluss der Mehrheit bedeutete – und damit einem Todesurteil für die Betroffenen gleichkam –, schwebten die Verantwortlichen beständig in höchster Gefahr. Jederzeit konnten sie wegen der »Verschleuderung« von Lebensmitteln, der »konterrevolutionären Verschwörung« und anderer Vergehen angeklagt und verurteilt werden. Dennoch organisierten sich die Genossen in Netzwerken, die strukturell darauf angelegt waren, die Interessen des Staates zu unterlaufen. Doch auch wenn Funktionäre auf eigene Rechnung handelten, so rechtfertigten sie ihr Tun immer in der Rhetorik des Klassenkampfes und mit den Begriffen der aktuellen Parteilinie. Ihre persönlichen Feinde wurden zu »konterrevolutionären Elementen« und »Ausbeutern«, ihre Fehden bezeichneten sie als Kampf gegen »Banden« und »Erhebungen«. Genau umgekehrt verhielt es sich mit denjenigen, die ihren Netzwerken zugehörig waren. Ihren Freunden, Klangenossen und Verwandten sprachen sie den Status von »Kolchosbauern« zu, versorgten sie mit Ressourcen und schützten sie vor Repressionen. Bereits an diesen Beispielen wird ein Zusammenhang deutlich, der konstitutiv für sowjetische Herrschaft unter diesen Bedingungen war: Den Rhythmus der Eskalation gaben die Führer in Moskau und Alma-Ata vor. Doch Gewinner und Verlierer bestimmten die Funktionäre vor Ort häufig selbst. Der Nutzen der Krise Nach dem Ende der Hungersnot gab es abseits der Kolchosen keine legitimen Formen dauerhafter kollektiver Vergemeinschaftung mehr.76 In vielen von ihnen wirkten die »kriminellen« Zusammenschlüsse der Überlebensnetzwerke fort. Die Menschen teilten einerseits die Erfahrung, dass es trotz aller Risiken möglich und notwendig war, die Ansprüche des Regimes zu unterlaufen, um zu überleben. Andererseits aber hatten sie verstanden, dass sie vom Staat, der sie ins Elend gestürzt hatte, abhängig geworden waren.77 Denn wer sich ein- und unterordnete, der trug zur Affirmation bestehender Machtverhältnisse in den Kolchosen, Aulen und Dörfern – und damit letztendlich auch des sowjetischen Systems insgesamt – bei. Es mag durchaus sein, dass die traumatischen Erfahrungen der frühen Dreißigerjahre zur Ausbildung einer spezifisch kasachischen »subalternen Identität« beitrugen, die sich durch einen besonders hohen Anpassungsgrad an das sowjetische System auszeichnete.78 Der »entsetzliche soziale Prozess«79 wirkte wie ein Katalysator. Die Sowjetisierung durch Hunger beförderte weder die Modernisierung von Lebenswelten, noch gebar sie »neue Menschen«. Sie erzeugte Subordination und Abhängigkeiten. Wer überlebt hatte, der neigte tendenziell zur Kooperation mit dem Regime. Den kommunistischen Machtanspruch stellte niemand mehr infrage und das Herrschaftsinstrument der Kriseneskalation hatte sich einmal mehr bewährt.80 Das war es, was die Bolschewiki trotz der verheerenden Verluste der Hungerjahre als Gewinn verbuchen konnten. Das Problem der Sesshaftigkeit verlor an Relevanz. Zwar waren die meisten Kasachen zu einer mehr oder minder sesshaften Lebensweise gezwungen worden; nicht zuletzt deshalb, weil sich die Viehbestände nur äußerst langsam von den katastrophalen Verlusten während der Hungerjahre erholten. Und noch immer galt der Nomadismus als »rückständige« Kulturform, doch konnten sich die Bolschewiki nicht länger der Einsicht verschließen, dass sich Viehzucht unter den Bedingungen der Steppe nur dann in großem Maßstab verwirklichen ließ, wenn Herden und Hirten umherzogen .81 Dazu mochte auch die elementare Krisenerfahrung der Hungersnot beigetragen haben. Zwar löste sie keine radikale Neuorientierung der Landwirtschaftspolitik aus, aber sie blieb doch nicht ohne Auswirkungen.82 Im Januar 1935 versammelte die kasachische Führung die Parteisekretäre der nomadischen und halbnomadischen Gebiete der Republik in Alma-Ata. Als ein Genosse aus dem Kreis Žilokosinsk langatmig die Lebensumstände der Bevölkerung beschrieb, unterbrach ihn Mirzojan barsch und bedeutete ihm: »Erzähl uns nicht, wie die Leute nomadisieren, sondern wie die Situation mit dem Vieh ist.«83 Dies war nicht nur die gereizte Bemerkung eines viel beschäftigten Funktionärs, sondern vor allem ein Hinweis darauf, woran die führenden Bolschewiki in erster Linie interessiert waren: an der Vermehrung der Viehbestände.84 Wenn nomadische Tierhaltung zu diesem Zweck die effektivste und billigste Variante war, dann musste sie toleriert und innerhalb gewisser Grenzen auch aktiv unterstützt werden. Stalin selbst befürwortete diesen Kurs, indem er darauf hinwies, dass »Viehhirten-Nomaden in einzelnen Regionen [der Sowjetunion, R.K.] bis zum Anbruch des Sozialismus und des Kommunismus ihren nomadischen Lebensstil fortsetzen (werden).«85 Warum auch nicht? Die eigentlichen Ziele von Kollektivierungs- und Ansiedlungskampagne waren erreicht worden. Die Kasachen produzierten nun unter sowjetischer Kontrolle. Sesshaft mussten sie dazu nicht unbedingt werden. 1 In diesem Text wird aus Gründen der leichteren Lesbarkeit der Begriff Kasachstan verwendet. Gemeint ist damit die Kasachische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik und ab 1936 die Unionsrepublik Kasachstan. 2 Zur Bedeutung der Klans: Edward Schatz: Modern clan politics. The power of »blood« in Kazakhstan and beyond, Seattle 2004, S. 3–45. 3 Zusammenfassend: Niccolò Pianciola: Famine in the Steppe. The collectivization of agriculture and the Kazakh herdsmen, 1928–1934, in: Cahiers du Monde russe 45 (2004), H. 1/2, S. 137–192; Isabelle Ohayon: La sédentarisation des Kazakhs dans l’URRS de Staline. Collectivisation et changement social (1928–1945) [Die Sesshaftmachung der Kasachen in Stalins Sowjetunion. Kollektivierung und sozialer Wandel (1928–1945)], Paris 2006, S. 227–276. 4 Grundsätzlich zu Nomaden und Sesshaften: Anatolij Khazanov: Nomads and the Outside World, Madison 1994. 5 Dazu: Petr A. Stolypin/Aleksandr W. Kriwoschein: Die Kolonisation Sibiriens. Eine Denkschrift, Berlin 1912. 6 Siehe Moshe Gammer: Russia and Eurasian Steppe Nomads. An Overview, in: Reuven Amitai/Michael Biran (Hg.): Mongols, Turks, and Others, Leiden 2005, S. 483–502. Wortreich Klage über diese Zustände führt: V. G. Sokolovskij: Kazakskij aul. K voprosu o metodach ego izučenija gosudarstvennoj statistiki na osnove rešenij V-j Vsekazakskoj Partkonferencii i 2-go Plenuma Kazkrajkoma VKP(b) [Der kasachische Aul. Zur Frage der Methoden seiner Erforschung durch die staatliche Statistik auf Grundlage der Entscheidungen der V. Kasachischen Parteikonferenz und des 2. Plenums des Kazkrajkom der VKP(b)], Taškent 1926, S. 1–5. 7 A. N. Čelincev: Perspektiva razvitija sel’skogo chozjajstva Kazakstana [Die Perspektive für die Entwicklung der Landwirtschaft Kasachstans], in: Narodnoe chozjajstvo Kazachstana 3 (1928), H. 4/5, S. 1–39, hier S. 3–5. 8 Zit. nach: Š. Muchamedina: Ėkonomičeskaja politika sovetskoj vlasti kazachstanskom regione 1917–1926 [Die Wirtschaftspolitik der Sowjetmacht in der Region Kasachstan, 1917–1926], in: Voprosy Istorii (1997), H. 6, S. 125–132, hier S. 128. 9 Zit. nach: I. A. Zverjakov: Ot kočevanija k socializmu [Vom Nomadismus zum Sozialismus], Alma-Ata 1932, S. 53. Ein nomadischer Aul bestand aus mehreren Familien, die zusammen lebten, migrierten und wirtschafteten. 10 Siehe F. Slatuchin: Socialističeskaja perestrojka kočevogo kazachskogo aula [Der sozialistische Umbau des nomadischen kasachischen Aul], in: Sovetskaja Etnografija (1933), H. 1, S. 68–97, hier S. 75–77. 11 Eine Studie zum Bürgerkrieg in der Steppe ist ein Desiderat der Forschung. Die bislang beste Arbeit zur Revolution und den Anfängen des Bürgerkriegs: Marko Buttino: Revoljucia naoborot. Srednaja Azija meždu padeniem carskoj imperii i obrazovaniem SSSR [Die umgekehrte Revolution. Zentralasien zwischen dem Fall des zaristischen Imperiums und der Entstehung der UdSSR], Moskau 2007. 12 V. Rjabokon: K voprosu o sovetizacii aula [Zur Frage der Sowjetisierung des Auls], in: Krasnyj Kazakstan 1 (1926), H. 1, S. 35–62. 13 Zur Sozialstruktur der Kasachen: Nurbulat Masanov: Kočevaja Civilizacija Kazachov [Die nomadische Zivilisation der Kasachen], Almaty 1995. 14 Siehe Filipp Gološčekin: Ob aul’nom kommuniste – stat’ja v žurnale »Kzyl-Kazakstan« 1926g. [Über den Aul-Kommunisten – Ein Artikel in der Zeitschrift »Rotes Kasachstan« 1926], in: ders.: Partijnoe stroitel’stvo v Kazakstane. Sbornik rečej i statej (1925–1930gg.) [Parteiaufbau in Kasachstan. Gesammelte Reden und Aufsätze], Moskau 1930, S. 88–92, hier S. 88. 15 Bericht über den Zustand der Parteiorganisation in Džetysuj, 17. September 1926, in: Rossijskij Gosudarstvennyj Archiv Social’no-Političeskoj Istorii/Russisches Staatsarchiv für Sozial-Politische Geschichte (im Folgenden: RGASPI), f. 17, op. 85, d. 59, ll. 20-28. 16 In den sowjetischen Quellen bezeichnet dieser Begriff das kasachische Äquivalent zu den »Kulaken« unter den europäischen Bauern. Er steht für die soziale Kategorie der reichen »Ausbeuter«, die es aus der Perspektive der Bolschewiki zu bekämpfen galt, und er ist ähnlich unscharf wie der Begriff des Kulaken. 17 Bericht des Kasachischen Zentralen Exekutivkomitees über Abgaben der Bajhaushalte, Mai 1927, in: Gosudarstvennyj Archiv Rossijskoj Federacii/Staatliches Archiv der Russischen Föderation (im Folgenden: GARF), f. 393, op. 67, d. 449, ll. 5-8ob. Zur Kriminalisierung der Klans siehe Schatz: Modern clan politics (Anm. 2), S. 43–45. 18 Zur zaristischen Kolonisation: George J. Demko: The Russian Colonization of Kazakhstan 1896–1916, Bloomington 1969. Zur Sowjetzeit siehe Bericht über die Notwendigkeit der Beschränkung des Zuzugs nach Džetysuj, 1925, in: GARF, f. 1235, op. 120, d. 178, ll. 147-149. 19 Siehe Nurbulat Masanov/Ž. B. Abylchožin/I. V. Erofeeva: Istorija Kazachstana. Narody i kul’tury [Geschichte Kasachstans. Völker und Kulturen], Almaty 2001, S. 380. 20 Siehe Jörn Happel: Nomadische Lebenswelten und zarische Politik. Der Aufstand in Zentralasien 1916, Stuttgart 2010, S. 103–181. 21 Siehe V. G. Čebotareva: Problemy russkoj kolonizacii. Byla li Rossija »tjurmoj narodov«? [Probleme der russischen Kolonisation. War Russland ein »Völkergefängnis«?], in: Nikolaj Bugaj (Hg.): Rossija i Kazachstan. Problemy istorii [Russland und Kasachstan. Probleme der Geschichte], Moskau 2006, S. 83–132. 22 Siehe Pianciola: Famine in the Steppe (Anm. 3), S. 153. 23 Grundsätzlich zur bolschewistischen Nationalitätenpolitik und den, nicht nur in Kasachstan virulenten, Konflikten zwischen indigenen und europäischen Bolschewiki über die Zukunft der nationalen Repu-bliken: Terry Martin: The Affirmative Action Empire. Nations and Nationalism in the Soviet Union, 1923–1939, Ithaca 2001, S. 125–207. 24 Gabbas Togžanov: Buržuaznye i melkoburžuaznye »teorii« ob aule [Bürgerliche und kleinbürgerliche »Theorien« über den Aul], in: Narodnoe chozjajstvo Kazachstana 6 (1931), H. 5, S. 21–34, hier S. 24–26. 25 Thesen des Vortrags zur Entwicklung der Viehzucht in Kasachstan aus dem Protokoll Nr. 17 des Rates der Volkskommissare der RSFSR, 31. Januar 1927, in: GARF, f. 393, op. 67, d. 450, ll. 2-12. 26 Zusammenfassend: A. N. Donič: Problema »novogo kazakskogo aula« [Das Problem des »neuen kasachischen Auls«], in: Narodnoe chozjajstvo Kazachstana 4 (1928), H. 4/5, S. 141–168. 27 Sergej P. Švecov (Hg.): Kazakskoe chozjajstvo v ego estestvenno-istoričeskich i bytovych uslovijach. Materialy k vyrabotke norm zemel’nogo ustrojstva v Kazakskoj Avton. Sovetskoj Socialističeskoj Respublike [Die kasachische Wirtschaft in ihren natürlich-historischen und ihren Lebens-Bedingungen. Materialien zur Ausarbeitung einer Norm für die Landverteilung in der Kasachischen Autonomen Sowjetischen Sozialistischen Republik], Leningrad 1926, S. 105. 28 Nicolas Werth: Ein Staat gegen sein Volk. Das Schwarzbuch des Kommunismus. Sowjetunion, München 2002. 29 Filipp Gološčekin: Kazakstan na pod’eme [Kasachstan im Aufschwung], in: Narodnoe chozjajstvo Kazachstana 5 (1930), H. 5/6, S. 18–22, hier S. 19. 30 Siehe Ausschnitt aus den Schlussfolgerungen der Arbeitsgruppe des VCIK zur Untersuchung des sowjetischen Aufbaus in Kasachstan, 31. August 1930, in: GARF, f. 6985, op. 1, d. 5, ll. 20-20ob. 31 Siehe Matthew Payne: Seeing Like a Soviet State. Settlement of the Nomadic Kazakhs, 1928–1934, in: Golfo Alexopoulos/Julie Hessler/Kiril Tomoff (Hg.): Writing the Stalin Era. Sheila Fitzpatrick and Soviet Historiography, Basingstoke 2011, S. 66. 32 Siehe Valerij Michajlov: Chronika velikogo džuta. Dokumental’naja povest’ [Die Chronik des großen Džut. Dokumentarische Erzählung], Almaty 1996, S. 272. Kritik an der »Gigantomanie«: Bericht der Nationalitätenabteilung des VCIK über den Stand und die bevorstehenden Aufgaben bei der Ansiedlung der nomadischen und halbnomadischen Bevölkerung der RSFSR, o.D. 1933/34, in: GARF, f. 6985, op. 1, d. 7, l. 147 f. 33 Zit. nach Pianciola: Famine in the Steppe (Anm. 3), S. 164. 34 Siehe Zverjakov: Ot kočevanija (Anm. 9), S. 128. 35 Siehe Schreiben von Isaev an Molotov, vor dem 10. Februar 1932, in: GARF, f. 5446, op. 13a, d. 2451, ll. 32a-26. 36 Siehe Anlage zum Schreiben Isaevs an Molotov, in: ebd., l. 22. 37 Siehe Resolutionen und Protokoll der ersten Gebietsversammlung der mit der Ansiedlung befassten Funktionäre, 9./10. November 1930, in: Central’nyj Gosudarstvennyj Archiv Respubliki Kazachstan/Zentrales Staatsarchiv der Republik Kasachstan (im Folgenden: CGARK), f. 1179, op. 1, d. 3, l. 56. 38 Ein Beispiel: Bericht über die Arbeit der sowjetischen und Parteiorgane im Grenzgebiet, 9. April 1930, in: Archiv Prezidenta Respubliki Kazachstan/Archiv des Präsidenten der Republik Kasachstan (im Folgenden: APRK), f. 141, op. 17, d. 465, ll. 2 f. 39 Grundlegend zu diesem Zusammenhang: Ž. B. Abylchožin/M. K. Kozybaev/M. B. Tatimov: Kazachstanskaja tragedija [Kasachische Tragödie] in: Voprosy Istorii (1989), H. 7, S. 53–71. Siehe auch Mukhamet Shayakhmetov: The Silent Steppe. The Story of a Kazakh Nomad under Stalin, London 2006, S. 14. 40 Siehe Shirin Akiner: The formation of Kazakh identity. From tribe to nation state, London 1995, S. 12 f. 41 Zwischen 1930 und 1934 gingen die Viehbestände massiv zurück; bei einzelnen Arten um bis zu 90 Prozent. Robert W. Davies/Stephen G. Wheatcroft: The Years of Hunger. Soviet Agriculture, 1931–1933, Houndmills 2004, S. 312 f. 42 Zur Massenflucht: Robert Kindler: Auf der Flucht – Die kasachischen Nomaden und die Hungersnot von 1930–1934, in: Matthias Middell/Felix Wemheuer (Hg.): Hunger, Ernährung und Rationierungssysteme unter dem Staatssozialismus (1917–2006), Frankfurt/M. 2011, S. 39–57. 43 Als Überblick: Turganbek Allanijazov/Amangel‘dy Taukenov: Poslednij rubež zaščitnikov nomadizma. Istorija vooružennych vystuplenij i povstančeskich dviženij v Kazachstane, 1929–1931gg. [Die letzte Linie der Verteidiger des Nomadentums. Geschichte der bewaffneten Erhebungen und Aufstandsbewegungen in Kasachstan, 1929–1931], Almaty 2009. 44 Siehe Stenogramm der Versammlung von Vertretern der nationalen Republiken und Gebiete beim CK VKP(b) zur Frage der Kollektivierung, 11. Februar 1930, in: RGASPI, f. 17, op. 165, d. 15, l. 18 f. 45 Siehe Josef W. Stalin: Zur Frage der Politik der Liquidierung des Kulakentums als Klasse, in: ders.: Werke, Bd. 12, April 1929–Juni 1930, Berlin 1954, S. 97. 46 Siehe Lynne Viola: Peasant Rebels under Stalin. Collectivization and the Culture of Peasant Resistance, New York 1996. 47 Deshalb irrt J. Arch Getty, der annimmt, die Bolschewiki hätten »Angst vor ihren Schatten« empfunden. J. Arch Getty: Afraid of their shadows. The Bolshevik Recourse to Terror, 1932–1938, in: Manfred Hildermeier (Hg.): Stalinismus vor dem Zweiten Weltkrieg: Neue Wege der Forschung, München 1998, S. 169–191. 48 Zur Geschichte des Karlag: Wladislaw Hedeler/Meinhard Stark: Das Grab in der Steppe. Leben im Gulag. Die Geschichte eines sowjetischen »Besserungsarbeitslager« 1930–1959, Paderborn 2008, S. 31–53. 49 So sieht es Payne: Seeing (Anm. 31), S. 67. 50 Siehe Kamil Ikramov: Delo moego otca. Roman-chronika [Die Sache meines Vaters. Roman-Chronik], Moskau 1991, S. 97; Shayakhmetov: The Silent Steppe (Anm. 39), S. 162 f. 51 Zusammenfassend: Schreiben von Ryskulov an Stalin, Kaganovič, Molotov über die Lage in Kasachstan die kasachischen Flüchtlinge betreffend, 9. März 1933, in: GARF, f. 5446, op. 27, d. 23, ll. 245-253. 52 Brief von Kunaščaev an Isaev, 20. Februar 1933, in: CGARK, f. 1179, op. 5, d. 8, ll. 33-43. 53 Siehe Robert Kindler: Die Starken und die Schwachen. Zur Bedeutung physischer Gewalt während der Hungersnot in Kasachstan, 1930–1934, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 59 (2011), H. 1, S. 51–78. 54 Gološčekin wurde im Januar 1933 durch Mirzojan ersetzt: Protokoll Nr. 129 der Sitzung des Politbüros, 1. Februar 1933, in: RGASPI, f. 17, op. 3, d. 914, l. 9. Nun kam es für die Genossen darauf an, sich von der »alten Führung« abzusetzen. Dazu: Šestoj plenum Kazakskogo Kraevogo Komiteta VKP(b), 10.–16. ijulja 1933g. Stenografičeskij otčet [Sechstes Plenum des Kasachischen Gebietskomitees der VKP(b), 10.–16. Juli 1933, Stenografischer Bericht], Alma-Ata 1933. 55 L. D. Degitaeva (Hg.): Levon Mirzojan v Kazachstane. Sbornik dokumentov i materialov (1933–1936gg.) [Levon Mirzojan in Kasachstan. Sammlung von Dokumenten und Materialien (1933–1936)], Almaty 2001, S. 47. 56 Der Begriff setzt sich aus dem russischen Wort für Nomade »kočevnik« und dem Präfix »ot« zusammen und bezeichnet die kasachischen Flüchtlinge. 57 Degitaeva: Levon Mirzojan (Anm. 55), S. 47. 58 Siehe Stenogramm der Sitzung der Ryskulov-Kommission zur Frage der Versorgung der aus Kasachstan abgewanderten kasachischen Nomaden, 22. Februar 1933, in: CGARK, f. 30, op. 6, d. 207, ll. 1-20. 59 Siehe Viktor Danilov/Roberta T. Manning (Hg.): Tragedija sovetskoj derevni. Kollektivizacija i raskulačivanie. Dokumenty i materialy v 5 tomach, 1927–1939, t. 3, 1930–1933 [Die Tragödie des russischen Dorfes. Kollektivierung und Dekulakisierung. Dokumente und Materialien in fünf Bänden, 1927–1939, Bd. 3, 1930–1933], Moskva 2001, S. 483 f. 60 Siehe Shayakhmetov: The Silent Steppe (Anm. 39), S. 230–251. 61 Zum Zerrbild Mirzojans als »Retter« der Kasachen: Ž. B. Abylchožin: Inercija mifotvorčestva v osveščenii sovetskoj i postsovetskoj istorii Kazachstana [Die Trägheit der Mythenbildung bei der Beleuchtung der sowjetischen und postsowjetischen Geschichte Kasachstans], in: Nurbulat Masanov u. a. (Hg.): Naučnoe znanie i mifotvorčestvo v sovremennoj istoriografii Kazachstana [Akademisches Wissen und Mythen-bildung in der gegenwärtigen Historiografie Kasachstans], Almaty 2007, S. 225–291, hier S. 251 f. 62 Siehe Bericht über die Ansiedlung der nomadischen Bevölkerung, o. D., Mitte 1937, in: CGARK, f. 74, op. 11, d. 264, l. 30. 63 Siehe Bericht über die Umsiedlung von Haushalten in die Zuckerrübengebiete Kasachstans, nach dem 5. August 1934, in: APRK, f. 725, op. 1, d. 196, ll. 43 f. 64 Siehe Beschluss des Kazkrajkom, 26. März 1933, in: CGARK, f. 1179, op. 5, d. 3, l. 64. 65 Siehe O. V. Žandabekova (Hg.): Pod grifom sekretnosti. Otkočevki kazachov v Kitaj v period kollektivizacii, reemigracii, 1928–1957gg. Sbornik dokumentov [Unter dem Siegel der Geheimhaltung. Die Abwanderung der Kasachen nach China in der Zeit von Kollektivierung, Reemigration, 1928–1957. Quellenedition], Ust’-Kamenogorsk 1998, S. 67. 66 Ausführlich zu den hier genannten Praktiken und mit zahlreichen Beispielen: Kindler: Die Starken und die Schwachen (Anm. 53). Zitat: Bemerkungen zu einigen Verzerrungen, die in Karaganda auf dem Gebiet der Nationalitätenpolitik begangen wurden, November 1932, in: GARF, f. 1235, op. 141, d. 1565, l. 23. 67 Siehe M. P. Malyševa/V. S. Poznanskij: Kazachi – bežency ot goloda v zapadnoj Sibiri (1931–1934gg.) [Kasachen – Flüchtlinge vor dem Hunger in Westsibirien (1931-1934)], Almaty 1999. 68 Ein pud entsprach 16,38 Kilogramm. Bei der hier in Rede stehenden Menge handelte es sich also um etwas mehr als 11 000 Tonnen Getreide. 69 Danilov/Manning: Tragedija, Bd. 4 (Anm. 59), S. 163. 70 Ebd., S. 164. 71 Siehe Telegramm von Mirzojan und dem Bevollmächtigten der Kontrollkommission, Šarangovič, an alle Sekretäre der Oblastkomitees, o. D. [1934], in: APRK, f. 725, op. 1, d. 206, ll.10-11. 72 Siehe Gespräch zwischen Ospanov und Moldažanov, vom 12. Februar 1933, in: APRK f. 8, op. 1, d. 105, l. 15; Beschluss des Kazkrajkom vom 16. Februar 1933, in: CGARK, f. 1179, op. 5, d. 3, l. 37. 73 Siehe Spezialmitteilung zur Angelegenheit der Aufdeckung einer räuberischen Gruppe im Gebiet Suzak, 18. Oktober 1933, in: APRK, f. 719, op. 4, d. 675, ll. 94-96. Ein anderes Beispiel: Spezialbericht über die Untersuchung des Falles einer konterrevolutionären Schädlingsgruppierung im Kolchos »Erster Mai«, Aul Nr. 25, Kreis Akbulak, von Mironov, 9. März 1933, in: APRK, f. 141, op. 1, d. 5775, ll. 1-6. 74 Siehe Shayakhmetov: The Silent Steppe (Anm. 39), S. 183–188. Zur Korrelation von Gruppenzusammenhalt und Überlebenschancen: Cormac Ó Gráda: Famine. A short history, Princeton 2009, S. 45 f. u. 90 f. 75 Siehe Bericht von Uravov und Akžanov an Isaev, vom 2. Oktober 1934, in: CGARK f. 74, op. 11, d. 168, ll. 135 f. 76 Nach der Hungersnot verloren die Klans zunehmend an Bedeutung. Dazu: Ohayon: La sédentarisation (Anm. 3), S. 327–355. Zur Rolle von Klans in der sowjetischen und postsowjetischen Zeit knapp: Beate Eschment: Elitenrekrutierung in Kasachstan. Nationalität, Klan, Region, Generation, in: Osteuropa 57 (2007), H. 8/9, S. 175–194. 77 Ähnlich auch: Pianciola: Famine in the Steppe (Anm. 3), S. 191. 78 Bhavna Dave geht Hinweisen in diese Richtung nach. Bhavna Dave: Kazakhstan. Ethnicity, language and power, London 2007. Ein weiterer Aspekt dürfte dabei sicher auch der hohe Anteil von Europäern an der Bevölkerung Kasachstans sein. Spätestens seit 1939 stellten ethnische Kasachen nicht mehr die größte Bevölkerungsgruppe. Siehe auch Masanov/Abylchožin/Erofeeva: Istorija Kazachstana (Anm. 19), S. 588. 79 So der Titel des Sammelbandes von Lars Clausen (Hg.): Entsetzliche soziale Prozesse. Theorie und Empirie der Katastrophen, Münster 2003. 80 Damit ist nicht gesagt, dass die Bolschewiki die Hungersnot bewusst geplant hätten. Diese These, die insbesondere im Hinblick auf die Ukraine vielfach geäußert wird, lässt sich trotz aller Wiederholungen nicht belegen. Allerdings nahmen die Bolschewiki die Hungersnot als Konsequenz von Kollektivierung und Sesshaftmachung in Kauf und wussten ihre Folgen für sich zu nutzen. In Kasachstan gibt es keine vergleichbare Genozid-Debatte wie in der Ukraine. Zu den Gründen: Rudolf A. Mark: Die Hungersnot in Kasachstan. Aufarbeitung der stalinistischen Verbrechen, in: Osteuropa 57 ( 2007), H. 8/9, S. 571–588. 81 Siehe Robert Kindler: »Don’t tell us, how people nomadize.« Kazakhstan after the famine, 1934–1941, unver. Ms., Berlin 2008. Es gab jedoch auch Stimmen, die für eine Ausweitung der Sesshaftmachung warben: Stenogramm der Sitzung des Nationalitätensowjets des CIK SSSR zu Fragen der Landeinrichtung und Ansiedlung, 20. September 1935, in: GARF, f. 3316, op. 28, d. 802. 82 Zu den bekanntesten gehört sicherlich die Ausweitung privater Anbauflächen für Kolchosbauern und die Erlaubnis, in begrenztem Maße Produkte auf sogenannten Kolchosmärkten privat zu verkaufen. Zum Kolchossystem und seinen Veränderungen im Überblick: Davies/Wheatcroft: The Years of Hunger (Anm. 41), S. 348–399. 83 Stenogramm des Treffens der Sekretäre der nomadischen und halbnomadischen Gebiete, 10. Januar 1935, in: APRK, f.141, op. 1, d. 9572, l. 17. 84 Siehe Bericht von Bernštejn an Unšlicht, vor dem 29. April 1937, in: GARF, f. 8131, op. 14, d. 31, l. 6. 85 Zit. nach: Stenogramm (Anm. 81), l. 82.

JHK 2012

Der Donau-Schwarzmeer-Kanal. Eine Großbaustelle des Kommunismus

Wim van Meurs

1Keine Diktatur hatte so viel Zeit, ihre Utopien bzw. Dystopien von Mensch und Natur zu verwirklichen wie die stalinistische. Zu Zeiten des Kalten Krieges wurden Stalins Lager des Gulag in erster Linie als Vernichtungslager des totalitären Wahnsinns betrachtet, deren einziger Zweck darin bestand, politische Gegner, unerwünschte gesellschaftliche Gruppen und Nationalitäten zu eliminieren. Seit den Neunzigerjahren rückt die Forschung den Aufbau des Sozialismus und die damit verbundene erzwungene Modernisierung Russlands als strukturelles Motiv (wenn auch nicht als Initialzündung) für die Arbeitslager mit mehreren Millionen Insassen, die als Zwangsarbeiter herangezogen wurden, in den Blickpunkt.2 Dazwischen mischt sich neuerdings die Perspektive der »internen Kolonisation«: Die erzwungene und radikale Neugestaltung von Mensch, Gesellschaft und Natur kulminierte in Großprojekten wie dem Belomorkanal zwischen der Ostsee und dem Weißen Meer. Dieses Projekt (1931–1933) sollte der Welt vor allem zeigen, was der Sowjetsozialismus vermochte, weiterhin sollte es die Modernisierung des Sowjetlandes vorantreiben und die (Zwangs)arbeiter in Sowjetmenschen verwandeln. Typisch für derartige kommunistische Utopien waren die Verflechtungen zwischen dem »neuen Menschen« und der Umgestaltung seiner Umwelt sowie die Hybris der bautechnischen Großprojekte. Während solche Projekte im neunzehnten Jahrhundert noch unter der Ägide des menschlichen Fortschritts oder aus geostrategischen Erwägungen in Angriff genommen wurden (z. B. der Panamakanal), wurden sie im zwanzigsten Jahrhundert von einem Staat, einem Regime und einer Ideologie vorangetrieben und vereinnahmt. Neben Stalins Belomorkanal, Hitlers Autobahn und Mussolinis Trockenlegung der Pontinischen Sümpfe zählt zu diesen auch Gheorghiu-Dejs Auftrag zum Bau des Donau-Schwarzmeer-Kanals. Allerdings bildet das rumänische Kanalbauprojekt in doppelter Hinsicht eine Ausnahme. Moskau, Berlin und Rom verfügten über eigene technische sowie Finanz- und Arbeitsressourcen, um – die entsprechende Rücksichtslosigkeit und Priorisierung vorausgesetzt – ein solches Großvorhaben zu verwirklichen. Rumänien dagegen war in der ersten Bauphase (1949–1953) auf die Unterstützung der Sowjetunion angewiesen. Die stolze Behauptung, die Großbaustelle sei ein Nachweis der Leistungsfähigkeit der eigenen ideologischen Bewegung bzw. Nation stand damit von vornherein auf wackeligen Füßen. Im Übrigen war die Zeit der utopischen Großprojekte zur Neugestaltung von Mensch und Natur längst abgelaufen, als die rumänische Großbaustelle überhaupt erst geplant wurde. Die Dreißigerjahre waren in ganz Europa die Ära der Machbarkeitsutopien, die sich fernab wirtschaftlicher und technischer Vernunft bewegten. Stalins arktischer Eisenbahnbau nach Norilsk (1947–1951) war eigentlich das letzte (ebenfalls gescheiterte) Vorhaben, das von ähnlicher Hybris gekennzeichnet war. Somit entsprang der Plan des Donau-Schwarzmeer-Kanals nicht nur einer anderen Zeit, sondern wurde nach dem Tod Stalins bald von neuen rationalen Überlegungen und Zwängen eingeholt. Der Kanal des Todes Am 4. März 2010 wurde in Bukarest von der Stiftung Bürgerakademie und der Gedenkstätte für die Opfer des Kommunismus und für den Widerstand eine Ausstellung über den Donau-Schwarzmeer-Kanal eröffnet. Sie rief Rumänen und internationalen Besuchern unter der Überschrift »Der Donau-Schwarzmeer-Kanal. Ein programmierter Friedhof« das menschliche Leiden und die Grausamkeit dieses kommunistischen Vorzeigeprojekts der Fünfzigerjahre in Erinnerung. Die ausgestellte Liste mit 8100 Namen von rumänischen Oppositionellen, Regimegegnern und chiaburi [Kulaken], die die schwere Arbeit und unvorstellbare Entbehrungen nicht überlebten, ist nur ein Indiz dafür, warum dieser »Kanal des Todes« als beispielhaft für die Terrorherrschaft der Kommunisten gilt.3 Ebenso wie mit der Geschichte des Donau-Schwarzmeer-Kanals beschäftigt sich die rumänische Öffentlichkeit mit dem sogenannten Piteşti-Experiment: Kurz nach der Machtübernahme durch die Kommunisten begannen unter Gheorghe Gheorghiu-Dej mit der Unterstützung Moskaus erste »Umerziehungsexperimente« an Jugendlichen im gleichnamigen Piteşti-Gefängnis. In diesen lange verheimlichten Experimenten kamen nicht nur körperliche Foltermethoden zum Einsatz, die jungen Gefangenen wurden gleichsam einer Gehirnwäsche unterzogen, um ihnen die irregeleiteten ideologischen und religiösen Überzeugungen auszutreiben und sie in Modellkommunisten zu verwandeln. Die Grausamkeit dieser Experimente an Hunderten Gefangenen wurde (abgesehen von den Enthüllungen von Radio Free Europe in den Achtzigerjahren) erst nach der Dezemberrevolution 1989 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt und im weiteren Verlauf diskutiert, dokumentiert und dargestellt. Piteşti bestätigte das Bild des menschenverachtenden totalitären Regimes, das ausschließlich auf Gewalt, Repression und der Unterstützung aus Moskau basierte. Die Tatsache, dass manche der Aufseher selbst »Bekehrte« und »Überläufer« der faschistischen Garda de Fier [Eisernen Garde] waren, lässt sich als Beweis für die Unterordnung von ideologischen Idealen unter nackte Machtpolitik lesen. »Umerzogene« Studenten aus Piteşti sollten anschließend als Scharfmacher und Folterer in Lagern in der Dobrudscha und anderswo Angst und Schrecken verbreiten.4 In letzter Zeit nimmt in der historischen Forschung das Interesse an der ideologisch-utopischen Dimension des kommunistischen Regimes von Gheorghe Gheorghiu-Dej (1947–1965) zu. Hinsichtlich des Piteşti-Experiments werden dabei nicht das Wegsperren und die Ermordung politischer Gegner durch Lagerarbeit (u. a. am Donau-Schwarzmeer-Kanal), sondern die ernst zu nehmenden Versuche der Umerziehung in den Mittelpunkt gestellt. Die Forschung konzentriert sich also nicht auf die »Dystopie« – die moralisch verwerflichen Methoden und Ziele dieser Umerziehung durch physische und psychologische Gewaltanwendung –, sondern auf die »Utopie« des Glaubens an die »Machbarkeit« von Mensch, Gesellschaft und Natur gleichermaßen. Die utopische Dimension von Faschismus und Kommunismus ist im Rahmen der historischen Forschung demnach in den Vordergrund gerückt. Dies betraf zuerst Mussolinis Italien, dann Hitlers Drittes Reich und Stalins Sowjetunion, zusehends aber auch marginale totalitäre Diktaturen des zwanzigsten Jahrhunderts wie die Volksrepublik Rumänien. Unstrittig war der Kanal sowohl aus Sicht der Opfer als auch aus heutiger Retrospektive eine Dystopie. Für Historiker sind die utopischen Triebfedern heute jedoch nicht weniger aufschlussreich, wenn auch bestürzend.5 Der Kanal zwischen Plan und Realität Ein Blick auf die Karte Rumäniens genügt, um festzustellen, dass eine Kanalverbindung zwischen dem Donaufluss und dem Schwarzen Meer verkehrstechnisch sinnvoll ist. Der Fluss bildet die Südgrenze des Landes, bis er in der Nähe von Silistra seinen Kurs ändert und über eine Strecke von gut 250 Kilometern parallel zur Schwarzmeerküste gen Norden fließt. Die Entfernung zum Meer beträgt Luftlinie nie mehr als 100 Kilometer und bei Cernavodă kaum 50 Kilometer. Bei Galaţi angekommen macht der Fluss erneut eine 90-Grad-Wende gen Osten und teilt sich bei Tulcea in drei Arme, die zusammen das weltweit einzigartige Naturreservat des Donaudeltas bilden. Das größte Flussdelta Europas ist jedoch kaum schiffbar, ein zusätzliches Argument für einen Kanal zwischen der Donau und dem Schwarzen Meer, der außerdem die Fahrdistanz von Cernavodă bis zum Meer von 450 auf gut 60 Kilometer verkürzt.6 Ähnlich wie bei anderen Großprojekten des Wasserbaus weltweit stammen auch die ersten Pläne für den Bau des Donau-Schwarzmeer-Kanals aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert. Der älteste bekannte Plan datiert aus dem Jahr 1837. Skizzen, die unrealistischen Überlegungen folgten, die Zuiderzee (IJsselmeer) in den Niederlanden teilweise trockenzulegen, wurden ebenfalls um 1848 entworfen; Baubeginn für den Suezkanal war 1859, für den Panamakanal 1881. Sogar Stalins Prestigeprojekt, der Weißmeer-Ostsee-Kanal (Belomorkanal), geht auf mehr oder weniger realistische Entwürfe aus dem vorherigen Jahrhundert zurück. Einiges ließ Politiker und Ingenieure zunächst vor dem Bau des Donau-Schwarzmeer-Kanals zurückschrecken: Das Gefälle, die Streckenlänge von 60 Kilometern, aber vor allem die logistischen Probleme des Kanalbaus in der Dobrudscha als rückständigstem Teil Rumäniens ohne nennenswerte Infrastruktur7 sowie die bautechnischen Unwägbarkeiten eines Kanalbaus im seichten Boden stellten große Hindernisse dar. Außerdem schien der Handlungsdruck vor dem Ersten Weltkrieg angesichts des geringen Industrialisierungsgrades und des niedrigen Handelsvolumens Rumäniens nicht hoch genug. Ab 1860 reichte eine Eisenbahnverbindung vorerst aus, um den Transportbedarf zu decken.8 In der Zwischenkriegszeit stieg die Nachfrage stark an und die technischen Voraussetzungen zur Fertigstellung hatten sich verbessert. Somit wurde 1928 ein Bauplan erstellt, der jedoch aufgrund von Weltwirtschaftskrise und Krieg nie realisiert werden sollte.9 Nach der Machtübernahme Ende 1947/Anfang 1948 verlor das neue kommunistische Regime in Bukarest unter der Führung des Stalinisten Gheorghe Gheorghiu-Dej keine Zeit, um einerseits politische Gegner zu verhaften und in Arbeitslagern verschwinden zu lassen und anderseits die Industrialisierung des Landes voranzutreiben. 1949 wurde daher der Beschluss gefasst, einen Kanal zu bauen, der Cernavodă als Industriestandort für Baustoffe und Petrochemie sowie das Hinterland des Wirtschaftszentrums Bukarest mit dem Hafen und der Industrie von Constanţa verbinden sollte.10 Viele Beobachter vermuteten bereits damals Stalin als eigentlichen Antreiber hinter dieser Großaktion, und Archivdokumente, die nach der Dezemberrevolution 1989 zugänglich gemacht wurden, belegen in der Tat, dass die Initiative vom Kreml ausgegangen war.11 Die Donau und die Dobrudscha-Region waren im ersten Jahrzehnt nach dem Krieg von herausragender geostrategischer Bedeutung für die UdSSR. Gleichzeitig eignete sich die Region hervorragend als Schaufenster der technischen und wirtschaftlichen Errungenschaften und Leistungsfähigkeit des großen sowjetischen Bruderstaates. Dazu gehörte nicht nur die vorauseilende Kollektivierung der Landwirtschaft in jenem Randgebiet Rumäniens, sondern auch der Bau des Kanals. Die Existenz der Kanalarbeitslager in unmittelbarer Nähe wird den Gehorsam der Bauern bei der Kollektivierung ihrer Betriebe sicherlich gesteigert haben. Kanalbau und Kollektivierung waren typisch utopische Projekte: Die Umwandlung ihres Umfeldes sollte die Bauern in Kommunisten verwandeln, und dazu suchte man sich gezielt die sozialwirtschaftlich rückständigste Region Rumäniens aus.12 Der Kanal, am 25. Januar 1949 vom Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) auf dessen Gründungskonferenz in Moskau beschlossen, galt als wasserbautechnisches Husarenstück und zog die größte Einzelinvestition des damaligen Ostblocks nach sich. In Rumänien selbst wurde der Beschluss zum Kanalbau am 25. Mai 1949 vom Politbüro und am selben Tag auch vom Ministerrat verabschiedet.13 Wichtig zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang, dass beide, Kollektivierung und Kanalbau, dem gleichen utopischen Ansporn unterlagen. So gesehen war es eher unwichtig, ob das Bukarester Regime befürchtete, Stalin könne die Kontrolle über das Donaudelta an sich reißen und den Rumänen nur die Verkehrsverbindung über den Kanal lassen.14 Gheorghiu-Dej und seine Kampfgefährten waren hoch motivierte Kommunisten, die das Kanalprojekt nach dem Tod Stalins und angesichts unlösbarer wasserbaulicher Probleme (und mit dem Wegfallen technischer und finanzieller Unterstützung aus der UdSSR) 1953 stilllegen mussten, aber Stalins Weg der erzwungenen Modernisierung und Industrialisierung Rumäniens voll und ganz verinnerlicht hatten. Dieser Glaube und diese Zielstrebigkeit gingen schließlich so weit, dass Gheorghiu-Dej und seine Genossen deswegen einige Jahre später einen Bruch mit Moskau riskieren sollten.15 Mangels wasserbaulicher Expertise und technischer Ausrüstung wurde der Kanal in der ersten Bauphase von 1949 bis 1953 lediglich über eine Länge von sieben Kilometern (von über 60 Kilometern insgesamt) fertiggestellt. Fünf Jahre lang hatte das Regime geschätzte 60 000 Arbeiter (zu gleichen Teilen politische Gefangene, Soldaten und Freiwillige) schuften und sterben lassen, um ohne ausreichende Gerätschaften Millionen Kubikmeter Erde zu bewegen und 4,2 Millionen Kubikmeter Beton zu verbauen. Der Bau durch die Sumpfgebiete erwies sich als Sisyphusarbeit und wurde 1955 schließlich ganz aufgegeben. Dieses Scheitern wurde Saboteuren angelastet, und es kam zu den üblichen Schauprozessen.16 Die erste Bauphase kostete durch Unterernährung der Gefangenen in den zwölf Arbeitslagern entlang der Baustrecke, durch Unfälle und vor allem durch Krankheiten Abertausenden Arbeitern das Leben. Seither hieß das Kanalprojekt im Volksmund nur noch canalul morţii [Kanal des Todes]. Die zweite Bauphase glich nach zwanzig Jahren Stillstand somit einem Neubeginn. Nach systematischer Planung, mit dem technischen Fortschritt von zwei Jahrzehnten und mit 50 000 Arbeitskräften wurde das Projekt, an dem sich das Gheorghui-Dej-Regime noch verhoben hatte, unter seinem Nachfolger Nicolae Ceauşescu in einer relativ kurzen zweiten Bauphase von nur acht Jahren (1976–1984) fertiggestellt, inklusive großer Schleusenanlagen bei Cernavodă zu Beginn des Kanals und bei Agigea am anderen Ende.17 Nach der feierlichen Eröffnung am 26. Mai 1984 als Magistrala albastră [blauer Autobahn] wurde sogar noch der sogenannte Nordkanal von 26 Kilometern Länge als Abzweigung gebaut, die bei Poarta Albă den Hafen Midia Năvodari und den See Taşaul mit dem Hauptkanal verbindet.18 Heute wird der Kanal mit seiner Breite von 90 Metern und bei einer Tiefe von sieben Metern auch aufgrund der veränderten wirtschaftlichen Bedingungen sehr stark befahren. Durch die Eröffnung des Rhein-Main-Donau-Kanals 1992 wurde zusätzlich eine Binnenschifffahrtsverbindung zwischen der Nordsee und dem Schwarzen Meer geschaffen. Seit 1989 hat sich das jährliche Transportvolumen von 7,7 Millionen Tonnen auf 29,6 Millionen Tonnen gesteigert.19 Die Fertigstellung einer direkten Kanalverbindung zwischen dem Ballungszentrum Bukarest und der Donau würde eine weitere Zunahme verursachen, die auch von den unfertigen ukrainischen und bulgarischen Plänen für eigene Kanalverbindungen durch das Delta bzw. zum Hafen von Varna mittelfristig kaum aufgefangen werden könnte.20 Rückblickend steht zwar nicht das volkswirtschaftliche Kosten-Nutzenverhältnis im Vordergrund. Trotzdem gehen Skeptiker heute davon aus, dass die Finanzmittelaufwendungen für die zweite Bauphase erst in 600 Jahre wieder ausgeglichen sein werden.21 Einig ist man sich aber auch darüber, dass der Kanal aus heutiger Sicht für die rumänische Wirtschaft unverzichtbar ist. Ähnliches lässt sich mit Abstrichen bereits für die Siebzigerjahre behaupten, aber wohl kaum für die Fünfzigerjahre. Dies wirft die Frage nach dem Kalkül und den Motiven des Kanalbauers Gheorghe Gheorghiu-Dej auf. Die Motive der Kanalbauer: Verklärung und Vergessen Die typische Darstellung über die Motive der Kanalbauer lässt keinen Zweifel: Repression politischer Gegner und unwillkommener Gesellschaftsgruppen war die einzige Triebfeder dieses irrationalen Bauprojektes. Während das Ceauşescu-Regime bei der Einweihung 1984 und auch danach die Errungenschaften der sozialistischen Modernisierung für die rumänische Nation pries, hoben die Gegner des kommunistischen Regimes vor allem die Ermordung zahlreicher politischer Gegner und »Klassengegner« in den Arbeitslagern des Todes als primäres Ziel der Machthaber hervor. Ihre Wurzeln findet diese mehr als nachvollziehbare, aber unvollständige Sicht in den Augenzeugenberichten und Außendarstellungen von Exilrumänen aus den Fünfzigerjahren. Am bekanntesten sind die Werke von Ion Cârja, dem Sohn einer rumänischen Auswandererfamilie, die in den Zwanzigerjahren nach Siebenbürgen zurückkehrte. Wegen antikommunistischer Aktivitäten und Schriften wurde er verurteilt und verbrachte bis zur Generalamnestie 1964 fünfzehn Jahre in verschiedenen Arbeitslagern, u. a. in der Dobrudscha. Seine Erfahrungen wurden unter dem Titel Întoarcerea din infern [Rückkehr aus der Hölle] 1964 in Madrid veröffentlicht. 1974 erschien in New York ein weiterer Band, Canalul morţii [Kanal des Todes], über die Kanalbaulager.22 Verschiedene Nichtregierungsorganisationen und Forschungsinstitute trugen seit 1989 zahlreiche Dokumente und Erfahrungsberichte der Opfer kommunistischer Lager und ihrer Praktiken zusammen.23 Umso verständlicher ist diese anfängliche Zielrichtung der Aufarbeitung, wenn berücksichtigt wird, dass die Dezemberrevolution zwar die blutigste der sanften Revolutionen war, aber im Endeffekt eher einer Palastrevolution glich.24 Während Ceauşescu bereits in den Sechzigerjahren die Moskau-treue Linie, die die Partei seit ihrer Gründung 1921 verfolgte, latent als der nationalen Eigenheit Rumäniens zuwiderlaufend verurteilte, konnte das Land nach Dezember 1989 vorerst ohne größere Erklärungsnöte oder gar Vergangenheitsbewältigung an den Nationalismus der Ceauşescu-Ära anknüpfen. Die Opfer der kommunistischen Diktatur kamen zwar in Form von Augenzeugenberichten und mehr oder weniger sensationslüsternen Berichten in den Medien zu Wort, aber staatliche Anerkennung, Entschädigungen bzw. Lustration fanden im Vergleich zu anderen ehemaligen Ostblockstaaten in Rumänien lange Zeit eher nur widerwillig statt.25 Somit hält sich in Bezug auf das Kanalprojekt auch heute noch die Sichtweise, die das 1984 vollendete Projekt als Großleistung der rumänischen Nation und zugleich als wichtige Voraussetzung der immer weiter fortschreitenden eigenständigen Modernisierung derselben betrachtet. Nach Auffassung der Kanalbauer verhielt es sich jedoch ganz anders: Als Gheorghe Gheorghiu-Dej im Herbst 1949 die Ehre zuteilwurde, einen Beitrag für die Sowjetzeitschrift Bol’ševik zu verfassen (verbunden mit der Aufgabe, Tito zu kritisieren), erwähnte er den Kanalbau unter dem Titel: »Die Volksrepublik Rumänien in vollem Aufschwung«. Er schrieb: »Es werden neue Hochöfen gebaut, Koksöfen für die Eisenindustrie, eine mächtige Elektrizitätszentrale, eine große Erdölraffinerie in Moldawien, zwei Spinnereien. Auch wurde ein Anfang für den Bau des Donau-Schwarzmeer-Kanals gemacht, ein Unterfangen gigantischen Ausmaßes und von herausragender Bedeutung für die nationale Volkswirtschaft, da es alle umliegenden Regionen beflügeln wird. Entlang des Kanals schießen Dörfer, Fabriken, Schulen und Kulturinstitute aus dem Boden.«26 In seiner Rede vor dem Politbüro am 25. Mai 1949 hatte Gheorghiu-Dej betont, dass dies eine Leistung sei, die nur die Partei erbringen konnte: »Das Problem, diesen Kanal zu bauen, hat bestimmte, mit dem alten Regime verbundene Kreise beschäftigt, wurde aber nie mehr als ein Wunschtraum, weil das kapitalistische System keine großen Werke erlaubt, die nicht den Profit im Blick haben, sondern die Verbesserung der Lage der arbeitenden Massen.« In der gleichen Sitzung formulierte sein alter Kampfgenosse Chivu Stoica den utopischen Charakter dieser Großbaustelle noch expliziter, aber zugleich auch praktisch: Sie sollte »nicht nur das Antlitz der Wirtschaft der Region verändern, sondern auch die Mentalität der Menschen, weil diese Baustelle ein Laboratorium sein wird, wo die Kader geschaffen werden, wo technische Bildungsstätten entstehen werden«.27 Die Arbeit auf der Großbaustelle wurde explizit als »Kampf« dargestellt: »Das Kanalbett wurde über die gesamte vorgesehene Länge ausgehoben und der Kampf ist jetzt in vollem Gange im schwierigsten Teilstück, dem Hügel, wo 84 Meter tief gegraben wird, meist in Gestein.«28 Auch ein erstes kommunistisches Schulbuch für das Unterrichtsfach Geschichte aus dem Jahr 1952 betonte »den Beginn der Arbeit auf der Baustelle des Kanals« 1949 und dass »im Rahmen des Fünfjahrplans der Großbau des Donau-Schwarzmeer-Kanals fertiggestellt werden wird, der einen mächtigen Einfluss auf unser Wirtschaftsleben haben wird und Leben bringt in eine Region unseres Landes, die vom bürgerlich-gutsherrlichen Regime verachtet wurde« – anscheinend war man der festen Überzeugung, dass der Bau erfolgreich sein würde, obwohl 1952 erst drei Kilometer provisorisch errichtet worden waren.29 Stärker noch als Reden und Propaganda verdeutlicht die unmenschliche Rücksichtslosigkeit bei der Umsetzung dieses Großprojekts, entgegen jeglicher Rationalität und jeglichem Realitätssinn, den utopischen Willen – vergleichbar mit dem Bau von Stalins Belomorkanal. So wurde eines der bereits existierenden Dörfer, die in Lager umgewandelt wurden, 1953 von Valea Neagră [Schwarztal] in Lumina [Das Licht] umbenannt. Wäre das Ziel des Großprojekts nur wirtschaftlicher Natur gewesen oder hätte es einzig der Ausrottung der politischen Opposition gedient, hätte es keinen Grund gegeben, der rumänischen Bevölkerung gegenüber in höchsten Tönen über den Bau zu berichten. Vor allem hätte es aber keinen Grund gegeben, mittels Propaganda und Symbolik auch die Lagerinsassen von ihrer Verantwortung für den Aufbau des Sozialismus zu überzeugen. Eigens dazu – auch dies entspricht dem Belomor-Vorbild – wurden in den Lagern Zeitungen gedruckt. Die Zeitung Canalul Dunăre-Marea Neagră [Donau-Schwarzmeer-Kanal] sollte mittels kommunistischer Rhetorik die (Zwangs)arbeiter zu Höchstleistungen anspornen. Anfangs erschien sie einmal wöchentlich, später jeden zweiten Tag. Die Gefangenenlager waren offiziell colonii de muncă [Arbeitskolonien], und das Mittel zur angestrebten Umerziehung der Staatsfeinde war – Arbeit. »Für die Umerziehung von der Rumänischen Volksrepublik feindlich gesonnenen Elementen und für die Vorbereitung und Integration dieser Elemente in das soziale Leben einer Volksrepublik, in der der Sozialismus aufgebaut wird, sollten Arbeitslager eingerichtet werden.«30 Die wenigen Augenzeugenberichte dieser dunklen Zeit zeigen, dass nichts in den Arbeitslagern den Propagandabildern wohlgemuter und wohlgenährter Werktätiger glich. Der ehemalige Häftling Cârja erinnerte sich: »An einer der Wände waren einige Slogans aufgehängt, ganz nach dem Geschmack Stalins in jener Zeit. [...] darunter auch manche Belehrungen für ›das neue Leben‹. [...] zwei Pritschen aus Holz, an beiden Seiten Fenster mit Gittern, verdreckte Laken, ausgebreitet auf dem wenigen Stroh auf den Brettern der Pritschen, auf denen die Erzieher und Opfer schliefen.«31 Nach dem Aktenstudium skizzierte der Historiker und Schriftsteller Cristian Troncotă die Grausamkeiten: »Viele Gefangene wurden grundlos mit Eisenstäben, Schaufeln, Spaten und Peitschen geschlagen. Viele starben an den Schlägen, während andere für den Rest ihres Lebens Krüppel blieben. Manche Gefangene wurden erschossen, andere erhielten keine medizinische Versorgung, wenn sie krank waren, und wurden gezwungen, trotz Krankheit zu arbeiten, und einige starben deswegen. Gefangene wurden nackt oder dünn bekleidet im Winter in Isolierzellen gesteckt. In der kalten Jahreszeit wurden Gefangene bestraft, indem sie bis zur Mittagszeit in eiskaltes Wasser gestellt wurden. Im Sommer wurden Gefangene an den Händen gefesselt und nackt den Moskitobissen ausgesetzt.«32 Das Misslingen des Infrastrukturbauprojektes als solchem und die Tatsache, dass die Umerziehung oder Resozialisierung ehemaliger politischer Gegner im unmenschlichen Alltag in den Sümpfen der Baustelle als Erstes auf der Strecke blieben und der blanken Repression wichen, widerlegt nicht die utopische Dimension des ursprünglichen Unterfangens. Kenneth Jowitt stellt zu Recht fest, dass das Projekt nicht nur verkehrstechnisch und politisch, d. h. bezüglich der Resozialisierung der Häftlinge, sondern auch als symbolische Politik, d. h. hinsichtlich der Überzeugung der Bevölkerung von den Vorzügen des Kommunismus, misslungen ist. Bezeichnend für die Denkweise von Gheorghui-Dej und seinen Mitstreitern in jener Zeit war laut Jowitt die »Nachahmung« des Sowjetvorbildes als utopischem Modernisierungsprojekt Stalins, inklusive irrationaler Gewaltanwendung und halsbrecherischer Großprojekte.33 Den rumänischen Bürgern wurde unter Ceauşescu zwanzig Jahre später wenig Gelegenheit gegeben, den erfolgreichen Bau des Kanals einfach zu ignorieren: Im Fernsehen, in den Printmedien und mittels Großveranstaltungen wurde die Aufmerksamkeit auf das Bauprojekt gelenkt, insbesondere bei der Einweihung am 26. Mai 1984. Hervorgehoben wurden dabei die Dimension der technischen Leistung, die moderne Ästhetik des Baus und vor allem das Genie des Parteiführers. Der Fortschrittsoptimismus, der diese Berichterstattung kennzeichnete, unterscheidet sich jedoch nicht wesentlich von der (Selbst)darstellung westlicher Demokratien bei ähnlichen Großprojekten in jener Zeit, wie zum Beispiel die Deltawerke als Schutzsystem gegen Hochwasser und Sturmfluten in den Niederlanden. Deshalb und wegen der bewiesenen Realisierbarkeit können weder die Deltawerke noch die Magistrala albastră als politische Utopie gelten. Sogar der Propagandafilm zur Eröffnung des Donau-Schwarzmeer-Kanals mit Parteiführer Nicolae Ceauşescu im Mittelpunkt wirkt aus dieser Perspektive emotionslos und sachlich: Aufdringlich im Bild sind immer wieder die rumänische Flagge und Nicolae Ceauşescu an Bord eines Flussschiffes sowie insbesondere die zahlreichen Menschen am Ufer zu sehen, die eher den conducător als die Fertigstellung des Kanals zu bejubeln scheinen.34 Da die Kamera stets auf Ceauşescu gerichtet ist, wirken Kanal und Schleusenanlagen kaum überdimensional, keinesfalls wie ein Megaprojekt. Was fehlt, sind Bilder von entschlossen gegen eine schier übermächtige Natur kämpfenden Arbeitern als den Erbauern des sozialistischen Heilstaates. Von einer »Neugestaltung« des Menschen keine Spur; die Symbolik und Choreografie der Eröffnungsfeier legen nahe, dass nicht die Arbeit, sondern nur das Ergebnis zählte. Die Menschen wurden zu Statisten degradiert, die sich als Nichtbeteiligte über ihren großen Führer freuen, der mit vorausschauendem Blick dieses Projekt initiiert und geleitet hat. Auch die Gedenkmünzen und -briefmarken zeigen Ceauşescu in seiner Führungsrolle, den Kanal mit den Schleusen von Cernavodă und am Rande schweres Baugerät, aber keine Arbeiter. Eine mögliche Erklärung für diese Art der Darstellung ist der lange Schatten der Zwangsarbeiter, die unter Gheorghiu-Dej die ersten Spatenstiche im bleischweren Lehm der Dobrudscha vollbracht hatten. Das filmische Motiv der vierschrötigen Arbeiter als überzeugte Kommunisten findet sich aber auch nicht in der Propaganda zu nicht vorbelasteten Großbauprojekten aus der gleichen Zeit, wie den Wasserkraftwerken des »Eisernen Tores« in der Donau oder der Schiffswerft in Turnu Severin. Neben den Ceauşescus werden ausschließlich Rumänen mit ihrem scheinbar spontanen Jubel gut inszeniert in Reih und Glied vorgeführt. Gearbeitet wird nicht, geschuftet schon gar nicht, und die Natur scheint sich ebenfalls zu fügen.35 Dieser »Wertewandel« in der Propaganda rund um den Kanal und der Verlust der kommunistisch-utopischen Dimension unter Nicolae Ceauşescu werden von der Geschichtsschreibung über die Volksrepublik bestätigt: Ceauşescu distanzierte sich in manchen Bereichen von seinem direkten Vorgänger, und viele Kommunisten der alten Garde wurden in der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre entmachtet. Die Rehabilitierung der Nationalgeschichte der Zwischenkriegszeit und deren Protagonisten ließ die stalinistische Politik Gheorghiu-Dejs plötzlich in einem anderen Licht erscheinen.36 Auf dem Höhepunkt dieser nationalkommunistischen Welle erschien 1980 die Studie Die Donau in der Geschichte des rumänischen Volkes.37 In der ausführlichen Darstellung zum neunzehnten Jahrhundert standen die Europäische Donaukommission und Rumäniens diplomatische Bemühungen, den freien Schiffsverkehr und seine Hoheitsrechte sicherzustellen, und nicht die fantastischen, nicht realisierten Pläne für einen Kanal im Mittelpunkt. Die Autoren betonen im gleichermaßen ausführlichen Text zur Zwischenkriegszeit, dass die Donaupolitik Rumäniens zwar den Interessen der herrschenden Klasse diente, aber auch den objektiven Belangen der rumänischen Nation entsprach. Im kurzen Nachwort zur Nachkriegszeit wird in Wort und Bild das Staudammprojekt »Eisernes Tor« zwischen Rumänien und dem damaligen Jugoslawien hervorgehoben. Auch die Gesamtdarstellung lässt trotz großspuriger Rhetorik utopische Überhöhung vermissen: »Die großen wirtschaftlichen und finanziellen Möglichkeiten des sozialistischen Rumäniens, seine historischen Erfolge auf allen Gebieten des materiellen und geistigen Lebens, seine konstruktive friedliche und realistische Außenpolitik haben die Voraussetzungen geschaffen, die die bedeutende Großwasserstraße der Donau zur Entwicklung der traditionellen Verbindungen mit den befreundeten anliegenden Nachbarvölkern und anderen Ländern der Welt bietet.« Im Fazit wird die Donau als Inspirationsquelle von Folklore und Dichtern identifiziert, nicht als Großbaustelle der sozialistischen Moderne – umso erstaunlicher, da die Magistrala albastră zu diesem Zeitpunkt bereits halb fertig war.38 Auch andere Zwischenfälle zeigten, dass das Bukarester Regime unschlüssig war, ob die Gräueltaten in der ersten Phase des Kanalbaus es erlaubten, die »Epoche Ceauşescu« über das Regime seines Vorgängers zu erheben, ob sie als Makel die kommunistische Legitimität als solche bedrohten oder ob die zweite Bauphase als eigenständige und vor allem nationale Leistung propagiert werden könne. Die Veröffentlichungen der Romane von Eugen Barbu, Princepele [Der Prinz, 1969], und Cel mai iubit dintre pămînteni [Der Beliebteste der Erdbewohner] von Marin Preda 1980 sind Beispiele für den Einsatz des Kanalmythos gegen Gheorghiu-Dej.39 Das Tabu zeigte sich dagegen, als das Werk »Canal Grande« des Künstlers Dan Mihaltianu in Bukarest Ende der Achtzigerjahre nicht ausgestellt werden durfte: ein großes schwarzes mit Wasser bzw. Wodka gefülltes Gummibecken. Der Verweis auf die Zwangsarbeit am Donau-Schwarzmeer-Kanal und Wodka als einzigem Trost im Leben unter der Diktatur ließ die Zensur einschreiten.40 Fazit Aus der Sicht der Opfer unterscheidet sich die Ceauşescu-Diktatur nicht wesentlich von der Gheorghiu-Dejs. Allenfalls war sie etablierter und konnte deswegen auf massiver Kontrolle und Einschüchterung aufbauen, statt auf wildem Terror. Modernisierungsprojekte, die damit einhergehende Propaganda und vor allem hemmungsloser Nationalismus dienten unter Ceauşescu als Legitimationspfeiler des Regimes. Vladimir Tismaneanu unterscheidet diesbezüglich zwei Faktionen in der Kommunistischen Partei Rumäniens: die »Westler« als Modernisierer und die »Protochronisten« als Befürworter der spezifischen nationalen Traditionen und Werte.41 Dabei bleibt unbeachtet, dass beide Ansichten einen wesentlichen Bruch mit der anti-traditionellen, anti-nationalen und radikal-modernisierenden Utopie der Fünfzigerjahre darstellten. Der Bruch zeigt sich in der realen Gestaltung des Großbauprojektes des Donau-Schwarzmeer-Kanals ebenso wie in der gleichzeitigen Propaganda rund um das Vorhaben und sogar in der Retrospektive der Parteihistoriografie. Kenneth Jowitt hat diesen Verlust des »leninistischen« Charakters als generelles Phänomen des osteuropäischen Kommunismus diagnostiziert und diese Zäsur in Rumänien für Anfang der Siebzigerjahre festgestellt, als die kurze liberale Phase endete und Repression wieder Einzug hielt, dieses Mal jedoch ohne die utopischen Ideale der Fünfzigerjahre.42 Realpolitisch wandelte sich das utopische Vorhaben zur Neugestaltung der Menschen in den Fünfzigerjahren – direkt, durch Schwerstarbeit in den Sümpfen, und indirekt, durch die Umgestaltung seines Umfeldes – zu einem nüchtern geplanten und realisierten Bauprojekt in den Siebzigerjahren. Die Propaganda unter Gheorghiu-Dej, die ähnlich wie bei Stalins Bauprojekten Staatsfeinde in den Arbeitslagern als »Erbauer des Sozialismus« darstellte, verwandelte sich ebenfalls in eine Verherrlichung des »Genies der Karpaten« und der Rechenleistung rumänischer Ingenieure.43 In der Geschichtsschreibung spiegelte sich dieser Wandel wider: Die wenigen stalinistischen Historiker-Propagandisten, die sich in den Fünfzigerjahren an die Gegenwart heranwagten, legten ihren Glauben an das social engineering offen, während die Nationalhistoriker der Siebziger- und Achtzigerjahre den Kanal als Verbrechen gegen die rumänische Nation und eine von Moskau erzwungene Fehlentwicklung in der rumänischen Parteigeschichte am liebsten verschwiegen. Nach der Dezemberrevolution hatten die Befürworter einer Aufarbeitung der Verbrechen der kommunistischen Diktatur publizistisch einen schweren Stand. Während viele akademische Historiker sich mit einem Fortschreiben der altbekannten Nationalgeschichte begnügten, die weitgehend mit dem Höhepunkt der Marea Unire [Große Nationalstaatswerdung] 1918 endete und die kommunistische Epoche außen vor ließ, mussten die Opfer des kommunistischen Terrors juristisch und politisch um Gerechtigkeit und Anerkennung kämpfen. Dies erklärt, warum die Aufarbeitung sich lange aufgrund eines totalitaristischen Paradigmas auf die frühe Terrorgeschichte und berüchtigte Lager wie Sighet oder Piteşti konzentrierte.44 Der 600-seitige Abschlussbericht der von Präsident Ion Iliescu beauftragten Historikerkommission zur Erforschung der kommunistischen Diktatur in Rumänien markierte 2006 eine Kehrtwende in der öffentlichen Aufmerksamkeit für die Opfer und schlussfolgerte in Bezug auf den Kanal salomonisch: »Eine der ersten Maßnahmen, die beschlossen wurde, war, den Bau des Donau-Schwarzmeer-Kanals an die erste Stelle zu setzen, ein gigantisches Unterfangen, auferlegt von Stalin, das mit Gheorghiu-Dejs Repressionspolitik korrespondierte.«45 Die Kommission orientierte sich vom Auftrag und von der Schieflage der Debatte her selbstverständlich am totalitaristischen Paradigma, auf den Punkt gebracht in der Überschrift des Fazits: »Die Notwendigkeit, das kommunistische Regime zu erforschen, zu verwerfen und zu verurteilen.«46 Nur wenige etablierte Historiker versuchten bis dahin, das kommunistische Regime mit neuen Quellen und neuen Ansätzen als Gesellschaftssystem und Legitimationsstruktur zu durchdringen.47 Parallel stand dabei die Kontinuität von der nationalen Verblendung der Ceauşescu-Ära bis zur heutigen Zeit im Raum, was Kommunismusforschung eher zu einem politischen als zu einem akademischen Thema machte. Jüngere Historiker befassten sich deswegen lieber – mit neuesten Faschismustheorien und Ansätzen der Analyse ideologisch-utopischer Bewegungen gerüstet – eingehend mit den Archiven zur rumänischen Eisernen Garde als ideologischer Massenbewegung der Dreißigerjahre als (paradoxerweise) »unpolitischem« Forschungsfeld. Nach einer ersten Phase der Politisierung und einer zweiten der Dokumentierung des kommunistischen Terrors, die ihren Ursprung in der Regierung der Demokratischen Konvention (1996–2000) hatte, tendieren einschlägige seriöse Forschungseinrichtungen wie das Rumänische Institut für Zeitgeschichte (IRIR) und die Behörde des Nationalen Rates zur Erforschung der Securitate-Akten (CNSAS) in den letzten Jahren zugunsten von Opfern und Öffentlichkeit in Richtung distanziert-akademischer Betrachtung und Aufarbeitung.48 Folglich wurde der Kanal des Todes bislang vorwiegend einerseits von Apologeten der Ceauşescu-Zeit als Topos benutzt, um das Gheorghui-Dej-Regime aus der nationalen Geschichtsschreibung zu verdrängen. Andererseits wurde der Kanal im antikommunistischen Lager als Anklage gegen das kommunistische System verwendet, indem immer mehr Namen und Gräueltaten enthüllt und dokumentiert wurden. Es wird aber noch viel Donauwasser ins Schwarze Meer fließen, bevor Dennis Deletants Forderung nach einer ausgewogenen und umfassenden Analyse der Frühgeschichte der kommunistischen Herrschaft jenseits nationaler Kontinuität und moralischem Schuldbefund49 ein adäquates Echo in der Forschung und in der Öffentlichkeit findet, in dem sowohl der Terror und die Verbrechen des Kanalbaus als auch die wirtschaftlichen und geostrategischen Überlegungen und sogar die utopischen Vorstellungen zur dystophischen Realität berücksichtigt werden. 1 Mit Dank an die Studenten des Forschungsseminars 2009/2010 »Staatsutopien« am Historischen Institut der Radboud Universität Nimwegen für eine Fülle an Vergleichsfällen. Außerdem geht ein Dank an Adrian und Mario Homutescu für die Bereitstellung der Abbildungen von Münzen und Briefmarken von ihrer Webseite http://romaniancoins.org. 2 Siehe Ralf Stettner: »Archipel GULag«. Stalins Zwangslager – Terrorinstrument und Wirtschaftsgigant. Entstehung, Organisation und Funktion des sowjetischen Lagersystems 1928–1956, Paderborn 1996. 3 Timpul vom 27. Januar 2011; Der Donau-Schwarzmeer-Kanal. Ein programmierter Friedhof, in: http://www.memorialsighet.ro/index.php?option=com_content&view=article&id=749:canalul-dunare-marea-neagr-un-cimitir-programat&catid=38:evenimente&Itemid=90&lang=de, ges. am 22. August 2011. 4 Siehe Dennis Deletant: Ceauşescu and the Securitate. Coercion and dissent in Romania, 1965–1989, Armonk/NY 1995, S. 37 f. 5 Siehe z. B. aus der westlichen Forschungsliteratur der letzten Jahrzehnte: Daniel Chirot: Modern tyrants. The power and prevalence of evil in our age, New York 1994; Madelon de Keizer/Luuk van Middelaar (Hg.): Utopie: utopisch denken, doen en bouwen in de twintigste eeuw [Utopie: utopisches Denken, Handeln und Bauen im 20. Jahrhundert], Zutphen 2002: Liesbeth van de Grift: Securing the Communist State: The Reconstruction of Coercive Institutions in the Soviet Zone of Germany and Romania, 1944–1948, Lanham/Md. 2011; Steven A. Barnes: Death and redemption. The Gulag and the shaping of Soviet society, Princeton/NJ, 2011. 6 Siehe Werner Gumpel: Verkehrswesen und Infrastruktur, in: Klaus-Detlev Grothusen (Hg.): Rumänien (= Südosteuropa-Handbuch, Bd. 2), Göttingen 1977, S. 405. 7 Siehe Marian Cojoc: Istoria Dobrogei în secolul XX [Die Geschichte der Dobrudscha im 20. Jahr-hundert], Bukarest 2001. 8 Siehe Thomas Wagner/Wolf-Dietrich Geitz: Eisenbahnen in der Dobrudscha, in: Fern-Express (2004), H. 2, S. 32–36. 9 Siehe Aurel Bărglăzan/Octavian Smighelschi: Studiul unui canal navigabil Cernavodă-Constanţa [Untersuchung für einen befahrbaren Kanal zwischen Cernavodă und Constanţa], Buletinul Ştiinţific al Şcoalei Politehnice (1928), H. 1/2, S. 43–172. 10 Siehe Nicolas Spulber: The Danube-Black Sea Canal and the Russian control over the Danube, in: Economic Geography 30 (1954), H. 3, S. 236–245; Richard K. Carlton: Forced labor in the »people’s democracies«, New York 1955, S. 141–178. 11 Siehe Lavinia Betea/Paul Sfetcu: Stalin decide: construiti Canalul! [Stalin entscheidet: Baut den Kanal!], in: Magazin Istoric 31 (1997), H. 12, S. 13 f. 12 Zum typischen Bestreben, bei utopischen Vorhaben nicht mit den Erfolg versprechenden, sondern mit den schier unmöglichen Fällen zu beginnen, siehe Ernest Gellner: The Soviet and the savage, in: Current Anthropology 16 (1975), H. 4, S. 595–601; Yuri Slezkine: Arctic mirrors. Russia and the small peoples of the North, Ithaca/NY 1994. 13 Zu den offiziellen Dokumenten siehe Armand Gosu: 25 mai 1949: ziua de naştere a Canalului Dunăre-Marea Neagră [Der 25. Mai 1949, der Geburtstag des Donau-Schwarzmeer-Kanals], in: Revista 22 vom 7. Mai 2008. Die rumänische Kommunistische Partei stellte den Plan als Eigeninitiative dar: Universul vom 27. Mai 1949, zitiert in: Spulber: The Danube-Black Sea Canal (Anm. 10), S. 239; Curt Gasteyger: Europa von der Spaltung zur Einigung. Darstellung und Dokumentation, 1945–1997, Bonn 1997, S. 108 f. In Gheorghui-Dejs Rede vor der Nationalversammlung am 27. Dezember 1948 fand der Kanalplan noch keine Erwähnung, siehe Gheorghe Gheorghiu-Dej: Articles et discours, Bukarest 1951, S. 233 f. Constantin Iordachi: Constanţa: The first collectivized region, in: Constantin Iordachi/Dorin Dobrincu (Hg.): Transforming peasants, property and power. The collectivization of agriculture in Romania, 1949–1962, Budapest 2009, S. 110 f.; Ghiţă Ionescu: Communism in Rumania 1944–1962, London 1964, S. 194. 14 Iordachi: Constanţa (Anm. 13), S. 111 f.; Spulber: The Danube-Black Sea Canal (Anm. 10), S. 236–245. Umgekehrt wurde hinter der Wiederaufnahme des Projekts unter Ceauşescu das Motiv der Umgehung der Deltaverbindung unter unmittelbarem sowjetischen Zugriff vermutet: Gumpel: Verkehrswesen (Anm. 6), S. 405; Ian M. Matley: The geographical basis of Romania, in: Grothusen (Hg.): Rumänien (Anm. 6), S. 254. 15 Siehe Kenneth Jowitt: Revolutionary breakthroughs and national development: the case of Romania, 1944–1965, Berkeley/Calif. 1971, S. 114–130. Die Zusammenhänge rund um den Baustopp sind noch nicht abschließend geklärt und überaus komplex. Siehe z. B. Spulber: The Danube-Black Sea Canal, S. 236–245 (Anm. 10); Comisia Prezidenţială pentru Analiza Dictaturii Comuniste din România: Raport final [Präsidentenkommission für die Analyse der kommunistischen Diktatur in Rumänien: Abschlussbericht], Bukarest 2006, S. 73, 195, 254–262. 16 Siehe George H. Bossy: Transportation and communications, in: Stephen Fischer-Galati (Hg.): Romania, New York 1957, S. 340 f; Dennis Deletant: Communist terror in Romania. Gheorghiu-Dej and the police state, 1948–1965, New York 1999, S. 213 f. Weitere »Aufarbeitung« der Exzesse der ersten Bauphase erfolgte 1955 im Rahmen von Chruščëvs Entstalinisierung. 17 Siehe Anneli Ute Gabanyi: The Ceauşescu Cult. Power Politics and Propaganda in Communist Romania, Bukarest 2000, S. 401–406. Die zweite Bauphase wurde sogar von der Weltbank in erheblichem Maße finanziell gefördert. Siehe in http://web.worldbank.org/external/projects/main?pagePK=64283627&piPK=73230&theSitePK=40941&menuPK=228424&Projectid=P008716, ges. am 22. August 2011. 18 Siehe Wim P. van Meurs: Donau-Schwarzmeer-Kanal, in: Enzyklopädie des europäischen Ostens, in: http://eeo.uni-klu.ac.at/index.php/Donau-Schwarzmeer-Kanal, ges. 22. August 2011. 19 Diese Zahlen wurden 2008, d. h. vor der Weltwirtschaftskrise verzeichnet. Siehe Administraţia Canalelor Navigabile: Statistici. Evoluţia traficului 1991–2010 [Statistik. Entwicklung des Verkehraufkommens 1991–2010], in: http://www.acn.ro/index.php?id=5&lg=ro, ges. am 22. August 2011. 20 Siehe Curierul Naţional vom 26. Mai 2010; Act Media vom 7. September 2010; Kyiv Post vom 16. Mai 2007. 21 Siehe Radio Constanţa am 26. Mai 2005, in: http://www.hotnews.ro/articol_23177-Canalul-Dunare-Marea-Neagra-isi-va-scoate-banii-in-633-de-ani.htm, ges. am 22. August 2011. 22 Ion Cârja: Întoarcerea din infern [Rückkehr aus der Hölle], Madrid 1969; Ion Cârja: Canalul morţii 1949–1954 [Der Kanal des Todes 1949–1954], New York 1974. 23 Siehe z. B. die Dokumente und Berichte auf der Website des Comitetul de Reprezentare a Victimelor Comunismului [Komitee der Vertretung der Opfer des Kommunismus]: http://www.procesulcomunismului.com/default.asp.htm, ges. am 22. August 2011 bzw. die des Institutul de Investigare a Crimelor Comunismului [Institut zur Untersuchung der Verbrechen des Kommunismus]: http://crimelecomunismului.ro, ges. am 22. August 2011 oder die Fernsehserie (auch als Buch): Lucia Hossu-Longin: Memorialul durerii. O istorie care nu se învaţă la şcoală [Die Erinnerung des Leidens. Eine Geschichte, die in der Schule nicht gelehrt wird], Bukarest seit 1991. 24 Siehe Anneli Ute Gabanyi: Die unvollendete Revolution. Rumänien zwischen Diktatur und Demokratie, München 1990. 25 Siehe Lucian Boia: Romanian historiography after 1989, in: Österreichische Osthefte 44 (2002), H. 1/2, S. 499–505. 26 Gheorghiu-Dej: Articles et discours (Anm. 13), S. 371, auch für das folgende Zitat. 27 ANIC, fond CC al PCR – Cancelarie [Zentrales Historisches Nationalarchiv. Zentralkomitee der Rumänischen Kommunistischen Partei – Kanzlei], dosar nr. 53/1949, f. 5 und f. 6, zitiert nach: Comisia Prezidenţială: Raport final (Anm. 15), S. 254. 28 Agerpres 3 (1952), H. 21, zitiert nach: Spulber: The Danube-Black Sea Canal (Anm. 10), S. 243. 29 Mihail Roller: Istoria R.P.R. Manual pentru învăţământul mediu [Geschichte der Volksrepublik Rumänien. Lehrbuch für die Mittelstufe], o.O. 1952, S. 727, 743. 30 Dekret vom 13. Januar 1950, in: Organizarea şi functionarea Organelor Ministerului de Interne de la Înfiinţare pîna în prezent [Organisation und Funktion der Organe des Innenministeriums von der Entstehung bis heute], Bukarest 1978, S. 112, zitiert nach: Deletant: Communist terror (Anm. 16), S. 211. 31 Cârja: Întoarcerea din infern (Anm. 22), S. 78. 32 Cristian Troncotă: Colonia de muncă [Arbeitskolonie], in: Arhivele Totalitarismului 1 (1993), H. 1, S. 174, zitiert nach: Deletant: Communist terror (Anm. 16), S. 216. 33 Jowitt: Revolutionary breakthroughs (Anm. 15), S. 99 f. 34 Inaugurare – Magistrala albastră. Canalul Dunăre Marea Neagră – Epoca de Aur [Einweihung – die blaue Autobahn. Der Donau-Schwarzmeer-Kanal Das goldene Zeitalter], in: http://www.220.ro/documentare/Inaugurare-Magistrala-Albastra-Canalul-Dunare-Marea-Neagra-Epoca-De-Aur/e3w6oC4E6o/, ges. am 22. August 2011; Mihaela Grancea: The role of the historical film during Ceauşescu’s regime within »The building of the socialist nation«, in: Sorin Mitu (Hg.): Re-searching the nation: The Romanian file, Cluj-Napoca 2008, S. 268–294. 35 Ceauşescu – Realizări grandioase [Ceauşescu – Grandiose Leistungen], in: http://www.youtube.com/watch?v=eCWzwlq59eo, ges. am 22. August 2011. 36 Siehe Florin Constantiniu: De la Răutu şi Roller la Muşat şi Ardeleanu [Von Răutu und Roller zu Muşat und Ardeleanu], Bukarest 2007. 37 Iulian Cărţână/Ilie Seftiuc: Die Donau in der Geschichte des rumänischen Volkes, Bukarest 1980. 38 Ebd., S. 272 f., 289 (Zitat), 293. 39 Siehe Deletant: Ceauşescu and the Securitate (Anm. 4), S. 182, 192. 40 Siehe Victor Frunză: Istoria stalinismului în România [Die Geschichte des Stalinismus in Rumänien], Bukarest 1990, S. 394–399. 41 Vladimir Tismaneanu/Dan Pavel: Romania’s mystical revolutionaries: the generation of angst and adventure revisited, in: East European Politics and Societies 8 (1994), H. 3, S. 402–438. 42 Kenneth Jowitt: Inclusion and mobilization in European Leninist regimes, in: World Politics 28 (1975), H. 1, S. 69–96. 43 Siehe Daniel Ursprung: Herrschaftslegitimation zwischen Tradition und Innovation. Repräsentation und Inszenierung von Herrschaft in der rumänischen Geschichte in der Vormoderne und bei Ceauşescu, Heidelberg 2007, S. 203–226. 44 Siehe z. B. die TV-Serie: Asociaţia foştilor deţinuţi politici din România, Din documentele rezistenţei [Aus den Dokumenten des Widerstands], Bukarest seit 1991; Gheorghe Boldur-Lăţescu: Genocidul comunist în România [Der kommunistische Genozid in Rumänien], Bukarest 1992. 45 Comisia Prezidenţială: Raport final (Anm. 15), S. 68. 46 Ebd., S. 628. 47 Siehe Lucian Boia: Miturile comunismului românesc [Die Mythen des rumänischen Kommunismus], 2 Bde., Bukarest 1997; Iordachi/Dobrincu (Hg.): Transforming peasants (Anm. 13). 48 Siehe dazu die Websites beider Institutionen: http://www.irir.ro und http://www.cnsas.ro, ges. am 22. August 2011. 49 Siehe Deletant: Communist terror (Anm. 16), S. vii.

JHK 2012

Der alte Adam und das neue Paradies. Heiner Müllers Komödie - Die Umsiedlerin und der Diskurs über den »neuen Menschen«

Katrin Löffler

»Gott hat euch aus dem Paradies geprügelt / Wir prügeln euch ins Paradies zurück.«1 Diese anspielungsreichen Verse spricht Bürgermeister Beutler in Heiner Müllers Komödie Die Umsiedlerin (1961) zu den Neubauern, die sich gegen die Kollektivierung sträuben. Der erste Satz ruft die biblische Erzählung vom Sündenfall auf und damit das christliche Menschenbild vom »alten Adam«, dem sündhaften Menschen, der erlösungsbedürftig ist. Der zweite Satz bezieht sich auf das propagierte weltimmanente Telos einer klassenlosen kommunistischen Gesellschaft, die einen »neuen Menschen«, der nicht mehr durch kapitalistische Verhältnisse depraviert ist, hervorbringen soll. Auf dem Weg in dieses irdische Paradies – das deutet die Rede vom »Prügeln« an – muss dem »alten Adam« Zwang angetan werden. Zwar wird im Stück der Bürgermeister abgelöst, aber die staatlichen Machtmittel bei der Durchsetzung sozialistischer Produktionsverhältnisse sind ein durchgehendes Thema. Die »Versuchsaufführung« der Umsiedlerin am 30. September 1961 durch das FDJ-Studententheater der Hochschule für Ökonomie in Berlin mündete in einem kulturpolitischen Desaster.2 Die Verantwortlichen der Hochschule und der FDJ gerieten unter Druck; mit Heiner Müller, dem Regisseur Bernhard Klaus Tragelehn und den studentischen Laiendarstellern wurden verhörartige Befragungen durchgeführt; das Ministerium für Staatssicherheit versuchte, Müller und Tragelehn staatsfeindliche Hetze nachzuweisen. Die Studenten mussten sich selbstkritisch äußern, zahlreiche Parteistrafen wurden verhängt. Tragelehn wurde aus der Partei ausgeschlossen und zur »Bewährung« in den Braunkohletagebau geschickt. Müller, dem Helene Weigel bei der Abfassung seiner Selbstkritik half, verlor unter dem Vorwand nicht gezahlter Beiträge seine Mitgliedschaft im Schriftstellerverband. Insider rechneten damals sogar mit noch härteren Konsequenzen. Auf der Premierenfeier, so erzählt Müller, äußerten Gäste: »Die können jetzt bald die Bautzner Gefängnisfestspiele eröffnen.«3 Die Leitlinie der DDR-Kulturpolitik jener Jahre bestand darin, parallel zum Aufbau sozialistischer Produktionsverhältnisse eine »neue sozialistische Nationalkultur« zu schaffen.4 Die Schriftsteller sollten »Volkspädagogen« sein, deren »hohe erzieherische Funktion«5 darin bestand, die Menschen für den sozialistischen Aufbau zu begeistern und durch ihre Werke mit dazu beizutragen, das »Tempo der Entwicklung zu beschleunigen«.6 Noch 1958 hatte Walter Ulbricht Heiner Müllers Lohndrücker zu den lobenswerten Texten jüngerer Autoren gezählt, die den Schritt »zu einer entschiedenen Parteinahme« in den Kämpfen der Zeit vollzogen hätten.7 Was machte nun Müllers neues Schauspiel so brisant, dass man es entgegen dem Selbstverständnis des Autors im Widerspruch zur staatlichen Kulturpolitik sah?8 Auf den ersten Blick erfüllt die Komödie Die Umsiedlerin eine zentrale kulturpolitische Forderung, indem sie die Durchsetzung sozialistischer Produktionsverhältnisse auf dem Land thematisiert und Bauern zu Hauptfiguren macht. Zeitlich setzt das Stück 1945 mit der Bodenreform ein und endet etwa 1960 mit der Kollektivierung. Eine kohärente Handlung mit einer Hauptfigur gibt es nicht; vielmehr gestaltete Müller eine lockere Szenenfolge und eine Vielzahl an Figuren, die sich mit diversen Problemen herumschlagen: Mangel an Arbeitskräften und Pferden, drückende Abgabeverpflichtungen, harte Arbeit, Schwarzschlachten, Streit um die ersten Traktoren. Diese Probleme zu zeigen wäre nicht anstößig gewesen, wenn ihre Überwindung zum pädagogischen Exempel einer sozialistischen Aufbauleistung arrangiert worden wäre, aber genau das machte Müller nicht. In den zeitgenössischen Einschätzungen der Umsiedlerin durch Theaterkritiker, Parteifunktionäre und Staatssicherheit lassen sich zwei zentrale, einander bedingende Vorwürfe erkennen: Zum einen betrachtete man das Stück als konterrevolutionär, partei- und staatsfeindlich, da es den Charakter der sozialistischen Umgestaltung falsch darstelle und die Arbeiter-und-Bauern-Macht als Terrorregime zeige, das mit Bautzen und Bergwerk drohe. Zum anderen attestierte man einen »antihumanistischen« Charakter, da nur negative Figuren und keine einzige vorbildliche Bauerngestalt aufträten. Um diese massiven Vorwürfe nachvollziehen zu können, ist es erforderlich, den Text in seinem diskursgeschichtlichen Kontext genauer zu betrachten.9 Ich werde mich dabei auf den zweiten Vorwurf konzentrieren, das heißt auf das propagierte sozialistische Menschenbild, das – so meine These – in Müllers Umsiedlerin konterkariert wird. Der Schriftsteller als Erzieher des »neuen Menschen« Der Aufbau des Sozialismus erfordere die »Erziehung des neuen Menschen« und »die Herstellung völlig neuer Beziehungen zwischen den Menschen«. Die Herausbildung des sozialistischen Menschen sei die größte und wichtigste Aufgabe beim Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus.10 So war es zu Beginn der Sechzigerjahre in dem Buch Weltall Erde Mensch zu lesen, das alle Jugendweihe-Teilnehmer als Geschenk überreicht bekamen. Der Staat verstand die Erziehung des neuen, sozialistischen Menschen als Angelegenheit von existenzieller Bedeutung: Wie keine andere Gesellschaft zuvor sei die sozialistische Gesellschaft auf »den Menschen, auf seine Reife, sein bewußtes und verantwortliches Handeln und Verhalten angewiesen«,11 schrieb Gerhart Neuner, ein führender Pädagoge in der DDR. Vom »neuen Menschen« war in den Fünfziger- und Sechzigerjahren oft die Rede; allmählich setzte sich später die bis dahin parallel gebrauchte Bezeichnung »sozialistische Persönlichkeit« durch. Eine marxistisch-leninistische Anthropologie im engeren Sinn gab es nicht. Anhand von vielen Äußerungen, gerade in kulturpolitischen Zusammenhängen,12 lässt sich jedoch das Menschenbild jener Jahre rekonstruieren, das in seiner Genese und Wandlung noch der genaueren Untersuchung bedarf. Die zeitgenössische philosophische Anthropologie wurde grundsätzlich abgelehnt und damit jeglicher Versuch, den Menschen »an sich« zu betrachten. Entscheidend erschien vielmehr die soziale Determiniertheit des Menschen. Im Zusammenhang damit stand eine Betrachtungsweise, die statt eines hypostasierten »Wesens« das Gewordensein des Menschen in den Blick nahm. Seine Beschaffenheit wurde indessen ausschließlich zum Resultat politisch-ökonomischer Verhältnisse erklärt. Dabei berief man sich auf Karl Marx, dessen Thesen über Feuerbach die vielfach zitierte Formulierung beinhalten, das menschliche Wesen sei kein dem Individuum »inwohnendes Abstraktum«, sondern das »ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse«.13 Im Rückgriff auf Marx, wenn auch in ökonomistischer Verkürzung,14 kam der Arbeit in Bezug auf die Definition des Menschen eine zentrale Rolle zu. Der arbeitende Mensch stand im Mittelpunkt aller Überlegungen, und alle Dimensionen menschlichen Daseins wurden durch den gesellschaftlichen Charakter der Arbeit bestimmt. Der Aufbau des Sozialismus schien die ökonomische Grundlage dafür zu schaffen, das alte, kapitalistische »Gegen- und Nebeneinander der Menschen« zu überwinden.15 Da aufgrund des gesellschaftlichen Eigentums an Produktionsmitteln die privaten mit den gesellschaftlichen Interessen per definitionem übereinstimmten, wurde behauptet, dass sich auch die sozialen Einstellungen und Verhaltensweisen des Einzelnen grundlegend änderten: An die Stelle von Ausbeutung, Klassenantagonismus und Konkurrenz trete »die kameradschaftliche Hilfe und Zusammenarbeit von Ausbeutung befreiter Werktätiger, der bewußte, sozialistische Kollektivismus«, so formulierte der Philosoph Wolfgang Eichhorn.16 Dieser Wandel wurde als Prozess verstanden, bei dem Kollektive wie die Arbeitsbrigade, Partei- oder Gewerkschaftsgruppe eine entscheidende Rolle spielten.17 Vor allem das christliche Menschenbild erfuhr vehemente Ablehnung. Der Mensch sei nicht von Natur aus Egoist und böse, wie es in der Bibel heiße, schrieb Eichhorn. Er wies auch den Vorwurf des Utopismus zurück, der erhoben würde, »weil wir es für möglich halten, den Menschen menschlich zu bilden, die aus der Klassengesellschaft stammenden schlechten Eigenschaften zu bekämpfen und immer mehr das Gute im Menschen zu entwickeln«.18 Den religiösen Denkern und »bürgerlichen Ideologen« warf er vor, von Klassenantagonismen zu abstrahieren, mit der Behauptung einer ewigen menschlichen Natur die Widersprüche des Kapitalismus zu verschleiern und den Blick der Menschen auf eine kleinbürgerliche Freiheitsillusion bzw. ein illusionäres Jenseits zu lenken.19 Die politökonomische Definition des Menschen, gepaart mit dem Glauben an seine Veränderbarkeit,20 ermöglichte ein ungebrochen positives Menschenbild, dem sich der wirkliche Mensch mit dem Aufbau sozialistischer bzw. kommunistischer Verhältnisse zunehmend angleichen würde. Was dem Ideal in der Gegenwart empirisch zuwiderlief, konnte den Überresten kapitalistisch geprägten Bewusstseins angelastet werden. Die Wandlung darzustellen war ein zentraler Bestandteil des Auftrags, den die SED den Künstlern erteilte. Bereits im September 1948 forderte der hochrangige SED-Funktionär Anton Ackermann auf einer Tagung sozialistischer Künstler und Schriftsteller, um den »neuen Menschentyp« zu kämpfen. Habe der zersetzenden Kulturauffassung der Vergangenheit ein Mensch entsprochen, der individualistisch seinen egoistischen Zielen nachgehe, so verlange die Kultur der Zukunft einen anderen Menschentyp, der sich freiwillig in den Dienst der Gesamtheit stelle. Der »in seinem innersten Wesen gewandelte Mensch« werde die Arbeit als ehrenvolle gesellschaftliche Verpflichtung betrachten.21 Ackermann verlangte eine enge Beziehung der Schriftsteller und Künstler zu den Arbeitern und Bauern; sie müssten dort leben, wo sich das »Gesicht des neuen Menschen« forme: in den volkseigenen Betrieben und auf dem befreiten Boden der Bauern.22 Ein Werk, das diese Forderung mustergültig erfüllte, ist Eduard Claudius’ Roman Menschen an unserer Seite (1951), für den der Autor den Nationalpreis erhielt. Hauptfigur ist der Maurer Hans Aehre, der gegen innere und äußere Widerstände einen maroden Ringofen erneuert, ohne ihn während der Reparatur außer Betrieb zu setzen.23 Dieses Beispiel motiviert den alten Direktor der Forschungsabteilung des Werks Dr. von Wassermann, der auf gepackten Koffern sitzt, doch nicht in den Westen zu gehen, da die Menschen »ganz anders […], besser« geworden seien. Ein Mensch wie Aehre sei ihm in seinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen, sagt er: »Er hat den alten Adam in mir herausgerissen, ganz, und ich, ich bin ein anderer Mensch geworden.«24 Die führende Rolle der Partei formuliert abschließend programmatisch der Parteigruppensekretär des Werks mit dem bezeichnenden Namen Wende: Aehre, ein Arbeiter, sei die entscheidende Kraft gewesen, »weil die lebendige Partei in ihm lebendig« gewesen sei. »Ein einfacher Mensch, und er hat diese Kraft in sich. Wir alle haben diese Kraft in uns, wir müssen es nur wissen …«25 Dem »neuen Menschen«, den die Schriftsteller gestalten sollten, entsprach in der ästhetischen Programmatik des sozialistischen Realismus der positive Held, der auf vorbildliche Weise die gewünschten Eigenschaften verkörpert und zur Identifikation herausfordert. Das Muster dafür lieferte die Sowjetliteratur.26 Auf dem II. Schriftstellerkongress 1950 erklärte der Kulturpolitiker Stefan Heymann unter Berufung auf Gorki, es sei die Aufgabe sozialistischer Schriftsteller, »den Menschen so zu zeigen, wie er ist, wie er sein soll und wie er sein wird«. Es komme auf das felsenfeste Bewusstsein an, dass »die Welt und die Menschen sich ändern in einer fortschrittlichen Entwicklung«.27 Auf dem folgenden Kongress 1952 wurde mehrfach Stalin angeführt, der die Sowjetschriftsteller als »Ingenieure der menschlichen Seele« bezeichnet hatte.28 Die Metapher verrät nicht nur eine technizistisch anmutende Vorstellung von der Konstruierbarkeit des neuen Menschen, sondern auch eine mechanistische Auffassung von der Wirkung literarischer Werke. Schon zu Beginn der Fünfzigerjahre wurde indes deutlich, dass die ideologische Indienstnahme der Schriftsteller zu ästhetisch unbefriedigenden Ergebnissen führte und die Forderung nach dem positiven Helden als Verkörperung des neuen Menschen leblose, plakative Figuren hervorbrachte. Kurt Stern, Journalist und Schriftsteller, monierte auf dem III. Schriftstellerkongress 1952 die »mangelhafte Gestaltung des Wichtigsten, nämlich der Menschen«. Es gebe keine Menschen, die ausschließlich die Steigerung der Produktion, den Kampf für den Frieden oder die Gleichberechtigung der Frau im Kopf hätten. In Wirklichkeit seien die Menschen viel interessanter, viel konfliktreicher, »mit einem Wort: viel menschlicher«.29 In ähnlicher Weise forderte Stefan Heym 1953 »echten Realismus«. Das Volk wolle nicht »jene elenden Stopfgänse, in denen alles vom sich nie betrinkenden Aktivisten bis zum edlen Jungen Pionier, eitel Wonne und Glück, und ein ach so keusches Küßchen von der jungen Traktoristin dazu« nach bekanntem Schema enthalten sei.30 Nach zwischenzeitlicher Milderung des Drucks verschärfte sich der Ton infolge des Ungarnaufstands 1956 wieder. Auf der Kulturkonferenz des ZK der SED im Oktober 1957 betonte Wilhelm Girnus mit unverkennbarer Drohgebärde, dass die »sozialistische Kulturrevolution« ein Machtkampf gegen die bürgerliche Ideologie in Kunst und Literatur sei, ein Prozess, der nicht allein mit »geistigen Mitteln« zu bewältigen sei, sondern den die sozialistische Staatsmacht durchsetzen müsse.31 Die SED-Führung forderte auf dem V. Parteitag 1958 literarische Werke, die den »Kampf um die Wandlung der Menschen beim sozialistischen Aufbau« darstellen, die die großen Gedanken und Gefühle der »neuen Helden« und das Ringen um die »höhere Moral des Sozialismus« zeigen.32 »Literatur unserer Gegenwart – das ist Literatur vom Werden des neuen Menschen!«, formulierte 1958 auf einer Parteikonferenz des Schriftstellerverbands die Kulturwissenschaftlerin Johanna Rudolph.33 Walter Ulbricht kritisierte auf der Bitterfelder Konferenz im April 1959, die Schriftsteller hätten in manchen Industrie-Romanen nur unzureichend gezeigt, wie sich der neue Mensch forme, und nicht erkannt, dass der Aufbau des Sozialismus »vor allem eine Aufgabe der Erziehung des Menschen« sei.34 Nur wenige Monate vor dem Umsiedlerin-Skandal forderte Ulbricht auf dem V. Deutschen Schriftstellerkongress im Mai 1961 abermals, das Bild des »neuen Menschen« mit seinen Konflikten, seiner Schönheit und Würde zu zeichnen.35 In dieser Phase verstärkter Bemühungen der Partei- und Staatsführung, die Schriftsteller in die ideologische Erziehung des neuen, sozialistischen Menschen einzubinden, entstand Heiner Müllers Umsiedlerin. Zu viel Shakespeare und zu wenig Volkspädagogik Die der Literatur zugewiesene Funktion der Bewusstseinsbildung zwecks Motivierung für den sozialistischen Aufbau schloss Ambiguität und Polyvalenz aus; stattdessen wurden Verständlichkeit und eine klare Aussage gefordert.36 Implizit bedeutete das auf dem Gebiet der Dramatik normative Vorgaben, wie eine kohärente Haupthandlung mit eindeutigem Schluss, realistische Darstellungsmittel, verständlicher Sprachgebrauch, ein überschaubares, klar gegliedertes Personal und wenigstens eine Figur, deren Perspektive übergeordnet ist und die die intendierte Rezeptionsperspektive formuliert.37 So ist beispielsweise Erwin Strittmatters Schauspiel Katzgraben (Uraufführung Mai 1953), das den Fortschritt auf dem Lande zeigt und an dem Müllers Umsiedlerin gemessen wurde, überschaubar in vier Akte und einen Epilog unterteilt; die Figuren lassen sich in fortschrittliche, schwankende und rückständige, den Egoismus der alten Zeit verkörpernde Akteure gruppieren. Insgesamt vermittelt das Stück eine optimistische Sicht auf den sozialistischen Aufbau und die Lösbarkeit aller Probleme durch Wissenschaft und Technik. Im vierten Akt wird anlässlich der endlich fertiggestellten Straße vom Dorf zur Stadt und der Ankunft der Traktoren ein Fest gefeiert. Parteisekretär Steinert fasst die vorbildliche Arbeitsmoral in Worte: »Wer gerne schafft, der freut sich gern und macht / am Ende aus der Arbeit ein Vergnügen.«38 Schon der erste Blick auf die Umsiedlerin zeigt einen deutlichen Kontrast. Dem Auftrag, die »neuen Helden« (der Arbeit) zu zeigen und so die Menschen für den Aufbau des Sozialismus zu begeistern, entsprach die Komödie nicht in der gewünschten schlichten »volkspädagogischen« Weise.39 Müller verzichtete auf die klassische Akt- und Szeneneinteilung und gliederte das Stück in fünfzehn Bilder von höchst unterschiedlicher Länge. Das Personal ist umfangreich; es umfasst über dreißig Figuren, die teils mit Namen, teils nur mit Funktion genannt werden. Hinzu kommen zwei offenkundig nicht realistische Gestalten, nämlich die »Gespenster« von Friedrich II. und Hitler. Die Landbevölkerung, die auf der Bühne agiert, ist sozial breit gefächert: Bei den Bauern wird zwischen alteingesessenen Mittel- bzw. Großbauern sowie Neubauern unterschieden; Letztere sind Umsiedler oder frühere Gutsarbeiter. Eine weitere Figurengruppe bilden die Funktionäre: Parteiagitator und Bauer Flint, Bürgermeister Beutler, ein SED-Kreissekretär, ein Landrat und die FDJler Siegfried und Heinz. Nur wenige Frauen gewinnen eigene Kontur: die Umsiedlerin Niet, die erste Frau des Parteisekretärs (Flinte 1), dessen zweite Frau (Flinte 2) und die junge Schmulka, Tochter eines Mittelbauern. Hinzu kommen ein Wirt, zwei Schwarzmarkthändler, der Außenseiter Fondrak und Figuren wie Flüchtling, Pastor und weitere, die nur kurze Auftritte haben. Eine erste Herausforderung an den Leser respektive Zuschauer besteht darin, die zahlreichen Figuren nach ihrer sozialen und politischen Zugehörigkeit überhaupt zu erfassen. Statt einer kohärenten Handlung mit eindeutiger Rezeptionsperspektive entfaltet das Stück eine polyphone Stimmenvielfalt, die nach Brechts Vorbild dem Zuschauer keine Identifikationsfigur bietet, sondern ihn dazu aktivieren soll, seine eigene Position zu finden.40 Die sprachliche Gestaltung ist höchst artifiziell. Die Bauern sprechen keine Alltagssprache, auch wenn Müller ihnen Redewendungen und deftige Vokabeln in den Mund legt. Er nutzt Formen sprachlicher Ironie wie die sogenannten Sagwörter. Beispielsweise spottet ein Arbeiter, als Altbauer Treiber sein Land nicht in die LPG einbringen will: »Süßer Tod, sagte der Möbelpacker, als ihm der Geldschrank das Kreuz brach« (283). Die Figurenrede ist anspielungsreich und rhetorisch geschliffen.41 Auffallend ist der Wechsel zwischen Prosa und Vers, wobei Müller in den Verspassagen häufig das Enjambement nutzt, Satzgliederung und Versgrenze also nicht übereinstimmen, und dadurch die thematisierten Schwierigkeiten auch auf der stilistischen Ebene gezeigt werden. Der Dramatiker Peter Hacks, der Müller in den Kontroversen um die Umsiedlerin verteidigte, indem er poetologisch argumentierte, deutete diesen Wechsel und den frei gehandhabten Blankvers als Mittel der Verfremdung: Wie der Jambus42 immer wieder neu produziert werden müsse, müsse auch der Sozialismus immer wieder neu produziert werden, und wie die Prosa den Vers verfremde, so verfremde die Konfrontation mit dem Kapitalismus den Sozialismus.43 Allerdings lässt sich auch eine literaturgeschichtliche Dimension geltend machen. Schon in Shakespeares Dramen wechselten Vers- und Prosapassagen, und der Blankvers bürgerte sich im Zuge der Shakespeare-Rezeption im deutschsprachigen Drama ein. Shakespeare war für die jungen Autoren des Sturm und Drang die überragende Autorität auf dem Gebiet der Dramatik; er stand für ein Regeln brechendes Theater und einen »anthropologischen« Blick auf den Menschen. Der junge Lenz begeisterte sich für Shakespeares Dramengestalten: Die Könige hätten warmes Blut in schlagenden Herzen und seien Menschen auch unterm Reifrock.44 Ebenso bezeichnend ist eine Äußerung des jungen Goethe: »Und ich rufe, Natur! Natur! nichts so Natur als Shakespears Menschen.«45 Müller machte mit seinen Figuren genau das, was Lenz in ein so anschauliches Bild gekleidet hat: Er degradierte sie nicht zu Sprachrohren parteipolitischer Erziehungskonzepte, sondern schaute ihnen unter den Rock. Und er hielt sich wie die jungen Stürmer und Dränger nicht an die strenge »Regelpoetik« seiner Zeit mit ihren ideologisch motivierten Vorgaben. Folglich kritisierte der Kulturfunktionär Alfred Kurella die offene Form der Umsiedlerin als Verzicht des Künstlers, das »Wesen der Dinge« zu erfassen und die Einzelheiten zu einem Ganzen zu ordnen.46 Der alte Adam Die Figuren in der Umsiedlerin thematisieren mehrfach explizit das Spannungsverhältnis zwischen dem »alten« und dem gewünschten »neuen Menschen«, sodass die Bezugnahme auf den zeitgenössischen Diskurs offenkundig ist. Zusätzlich wird die Formbarkeit des »neuen Menschen« auf implizite Weise problematisiert. Einige Beispiele sollen das im Folgenden belegen. Das Stück setzt, wie schon gesagt, mit der Bodenreform ein. Altbauer Rammler sagt zum Neubauern Kaffka, der es ablehnt, von ihm ein Pferd zum Pflügen um den Preis der halben Ernte zu leihen: […] Zum / Ausbeuter ist der Mensch geborn, du auch. Das wäscht dir kein Regen ab, das ist Natur Der Herrgott hat dich so geschaffen, mach was. […] Ich / Hätt auch gern Kommunismus, die Idee Ist gut. Wenn nur die Menschen besser wärn. Der Kommunismus ist was für die Zeitung. (188 f.) Rammler benutzt zur Rechtfertigung seines Verhaltens eine christlich eingefärbte Position, die in scharfem Kontrast zum sozialistischen Menschenbild steht: Der Mensch hat eine unveränderliche Natur, und die ist egoistisch.47 Diese negative Anthropologie ist als Figurenrede perspektivgebunden und daher zu relativieren: Rammler ist Altbauer und entging der Enteignung nur knapp. Charakterisiert ist er zudem als politischer Opportunist, denn er war unter Hitler Ortsbauernführer mit Ambitionen auf ukrainischen Großgrundbesitz und ist nun CDU-Mitglied mit resistenten antisemitischen Denkmustern.48 Er wisse, dass er »kein neuer Mensch« (274) sei, sagt er, als er schließlich seinen Sitz im Gemeinderat verliert. Später entzieht er sich der Kollektivierung durch die Flucht in den Westen. Dieser Bauer ließe sich problemlos in das offizielle Literaturkonzept integrieren im Sinn einer Figur, die das alte, auf Egoismus und Unterdrückung beruhende System verkörpert und damit zugleich die Schwierigkeiten, die beim Aufbau des Sozialismus zu überwinden sind. Anders liegen hingegen die Dinge beim jungen Siegfried, der als FDJler und überzeugter Anhänger der sozialistischen Umgestaltung auftritt; er lobt die Pioniertaten der Sowjetunion und zeigt sich entsprechend belesen. Aber – er konkurriert mit Heinz, einem anderen FDJler, um die Gunst der Tochter des Mittelbauern Schmulka, die keine Lust auf die Lektüre von Lenins Kommunistischer Moral hat, sondern vom baldigen Leben in westlichem Wohlstand träumt. Zudem macht sie den Männern, vor allem Traktoristen, schöne Augen. Der agitierende Siegfried, den sie mit seinen Büchern stehen lässt, muss sich entscheiden. Seinem politischen Bewusstsein und der damit verbundenen Moral stehen seine sexuellen Wünsche entgegen: Er wolle, dass die Schmulka ein »neuer Mensch« werde, sie aber wolle, dass er ihr erst »einen neuen Menschen mach« (238). Für sein nicht zu unterdrückendes Begehren findet er eine originelle Umschreibung: Als Mitglied (der FDJ) habe er zwar ein Bewusstsein, aber: Der Mensch ist ein Ensemble, und als Mensch  Der ein Ensemble ist, hab ich ein Mitglied Das kein Bewußtsein hat. Es ist spontan Springt von der Linie ab, versteift sich auf Den eignen Vorteil, stellt sich gegen die Leitung Stößt die Beschlüsse um. Ein Widerspruch. Wo ist die Lösung? (238) Durch die erotischen Konnotationen wird nicht nur die Sprache der Partei auf satirische Weise verwendet; konterkariert wird auch das oben zitierte Marx-Wort vom Wesen des Menschen, das das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse sei. Hier hingegen wird der Mensch zum Ensemble von Körperteilen, und die Fortpflanzungsorgane lassen sich eben nicht problemlos von der Ratio dirigieren. Auch den wichtigen marxistischen Begriff des Widerspruchs verschont Müller nicht. Siegfried findet in den Büchern keine Antwort auf sein Problem und kommt zu der Erkenntnis, dass es ohne Widersprüche dreimal schneller mit dem Kommunismus ginge: »Wieviel Moral, wenn nicht die Liebe wär.« (238) Dann löst er seinen »Widerspruch« auf wenig vorbildliche Weise: Er zieht das FDJ-Hemd aus und läuft ohne seine Bücher der Schmulka hinterher. Müller zeigt in dieser brillanten kleinen Szene eine zentrale Aporie des sozialistischen Menschenbilds. Er lässt die Theorie an der Triebnatur des Menschen scheitern, und zwar – das ist wichtig – nicht bei einer vom alten System deformierten Figur, sondern bei einem politisch »richtig« orientierten Vertreter der jungen Generation, auf die der Staat in besonderem Maße seine Erziehungsanstrengungen richtete. Der Anti-Held Siegfried ist kein Einzelfall. Flint, eine der Hauptfiguren, Bauer, Parteiagitator, der in drei Dörfern den »Klassenkampf ankurbeln« muss (206) und zuletzt neuer Bürgermeister wird, zeigt dieselbe Schwachstelle. Er erscheint durchaus als glaubwürdiger Kommunist, der 1918 an der Revolution teilnahm, in der Weimarer Republik für seine Überzeugungen geradestand und unter Hitler fünf Jahre lang im Konzentrationslager litt. Nach der Entlassung jedoch nimmt er sich eine junge Frau (Flinte 2) und verlässt seine erste Frau (Flinte 1), die ihm die Treue gehalten hat, aber durch Schwangerschaften und Arbeit verbraucht und zudem als frühere Stallmagd ungebildet ist. Das Wortpaar alt/neu setzt Müller hier wie an anderen Stellen in antithetischer Entgegensetzung ein: »Das Fahrrad hat er mitgenommen ins neue Leben, die Frau war ihm zu alt« (234), sagt Flinte 1 zum SED-Kreissekretär, der Flint daraufhin zur Rückgabe des Rads zwingt. »Wie willst du den Staat lenken, wenn dir der Schwanz übern Kopf wächst« (235), tadelt der Sekretär, und Bürgermeister Beutler spottet: »Er hält sich an die Jugend neuerdings. / Kommunist von Kopf bis Fuß. Die Mitte sperrt sich.« (263) Flint hat als Figur noch mehr Facetten, wünscht sich einerseits Gewaltmittel für die Durchsetzung der neuen Ordnung,49 wie schon sein sprechender Name signalisiert, und wird vom Kreissekretär gemäßigt, zeigt sich andererseits milde gegen den rechtzeitig vom Strick geschnittenen Altbauern Treiber, der nicht in die LPG eintreten will, denn dieser habe wie alle Bauern hart gearbeitet und werde auch weiter ein hartes Leben führen (286). Sich selbst vergleicht er mit Moses, der nach entbehrungsreichem Exodus das Gelobte Land nur sehen durfte, es selbst aber nicht erreichte (236). In seiner ehelichen Untreue wird Egoismus, aber auch verständlicher Lebenshunger deutlich; man wolle »noch was leben« (239) nach fünf Jahren Lager, sagt er zu seiner Frau. Müller rekurriert mit der Figur Flints auf die Entbehrungen, die viele Kommunisten auf sich nahmen, und auf die asketische Moral, die zum Bild vom »neuen Menschen« gehörte. Auf der literarischen Ebene ist Flint eine mehrdimensionale Figur, die interessanteste des Stücks; im Sinne des sozialistischen Realismus taugt er jedoch wenig zum positiven Helden. Den stärksten Einspruch gegen Triebaufschub und Askese erhebt Fondrak, der Shakespeares Narrenfiguren ähnelt.50 Er hat die Umsiedlerin Niet geschwängert, ohne Verantwortung für sie und das Kind zu übernehmen, und ist durch das Verlangen nach Zigaretten und Frauen, vor allem aber einen unstillbaren Bierdurst charakterisiert: »Ein Bier und vor dir steht ein Kommunist, Flint.« (252) Ebenso wie die gewünschte Bewusstseinsbildung verspottet er das kommunistische Arbeitspathos: »Arbeit ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit« (252). Seinen sexuellen Appetit bemäntelt er mit aktuellen Meldungen von der Produktionssteigerung, und gegenüber dem Agitator deutet er die kommunistischen Zukunftsversprechen zu seinen Gunsten: »Jeder nach seiner Fähigkeit, schreibt deine Zeitung. Und nach dem Bedürfnis. Du kennst mein Bedürfnis, du kennst meine Fähigkeit. Lügt deine Zeitung? Ein Bier oder ich zeig dich an, Flint, wegen Feindpropaganda.« (252 f.) Fondrak verkörpert die vitalen, selbstbezüglichen Bedürfnisse des Menschen als Teil von dessen »Natur« und nicht als Depravierung durch ein ausbeuterisches System. Und noch eine wichtige Figur, Bürgermeister Beutler, stellt die erhoffte Formung eines neuen Menschen unter neuen Verhältnissen infrage. Beutler war früher Gutsmelker, entstammt somit der »ausgebeuteten Klasse« und profitiert vom Sozialismus, wäre also ein Kandidat für die Rolle des positiven Helden. Aber er wirtschaftet in die eigene Tasche, wie schon sein Name andeutet. Die Altbauern, denen er sein Amt verdankt, deckt er beim illegalen Schlachten; er verweigert dem verzweifelten Neubauern Ketzer die Unterstützung gegen den unbarmherzigen Altbauern Treiber, woraufhin sich Ketzer erhängt; dem flüchtenden Bürgermeister eines anderen Dorfes, den die Polizei wegen Korruption sucht, gibt er ein Fahrrad und kassiert ihn ab, zeigt ihn aber wenig später an. Er plant im Voraus heftige Selbstkritik, um als »neuer Adam« aus der Taufe zu steigen (204), und als er dann tatsächlich vom Landrat abgesetzt wird, will er als »neuer Mensch« in seiner »alten Stellung« aktive Reue zeigen (273). Beutler ist korrupt, opportunistisch und egoistisch, eben auch ein alter Adam. Die anderen Figuren haben ebenfalls wenig vom neuen Menschen an sich: Altbauer Treiber ist ein erbarmungsloser Schuldeneintreiber; und in den Neubauern lebt die Lust auf Privateigentum auf, als der SED-Kreissekretär zum Schein die beiden Traktoren verlosen will, die das Dorf erhalten hat. Senkpiel junior, der Sohn eines Mittelbauern, verschiebt Ferkel; Sieber, der »Eierschieber« in Westkluft, bringt Westillustrierte und amerikanische Zigaretten ins Dorf; der Traktorist pflügt zuerst die Felder derjenigen Bauern, die willige Töchter haben; der Wirt Krüger verdünnt das Bier; der Sollerfasser setzt sich in den Westen ab; eine Bäuerin will kein Laken hergeben zum Verbinden des verletzten Traktoristen, der beim Pflügen über eine Miene gefahren ist. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Anstößig im Sinn der offiziellen Literaturdoktrin ist, dass sich keine Figur wandelt, und zu all den Defiziten im Einzelnen kommt, dass sich nirgendwo die beschworenen neuen Beziehungen zwischen den Menschen zeigen. Die neuen Verhältnisse bringen keine höhere, nicht-egoistische Moral hervor, die Figuren bilden keine »Kollektive«, vielmehr sorgt ein jeder nur für sich. Einzige Ausnahme sind die Frauen, die am Ende des Stücks ansatzweise Zusammenhalt entwickeln und sich emanzipieren: Niet, die Umsiedlerin, übernimmt nach Fondraks Weggang in den Westen die Neubauernstelle von Ketzer und bleibt vorerst bewusst alleinerziehende Mutter; Flinte 1 will ihr bei der Arbeit helfen und ermuntert erfolgreich Flinte 2, sich Flints eigennützigen Wünschen zu widersetzen.51 Ein ironisches Bravourstück liefert Müller mit der abschließenden Szene: Altbauer Treiber wird als letzter renitenter Bauer des Dorfes zum Eintritt in die LPG gedrängt; als »neuer Mensch« steht er bereits »auf dem Papier« (283), ist also schon an die Kreisleitung als Erfolg gemeldet worden. Treiber jedoch verweigert den »Umzug aus dem Ich ins Kollektiv« (283) und hängt sich auf, wird aber rechtzeitig vom Strick geschnitten und unterschreibt den Antrag auf Eintritt in die LPG. »Du bist der erste / Der über seine eigne Leiche eintritt« (286), sagt Siegfried nach vorangegangener Agitation zu ihm, und Treiber antwortet seiner aus der Ohnmacht erwachenden Frau, die wissen will, ob sie nun »im Himmel oder in der Hölle« seien: »Fürs erste sind wir in der LPG.« (287) Dann gehen die beiden frischgebackenen LPG-Mitglieder zum Vorstand, um sich Krankenscheine zu besorgen. Die Szene zeigt, dass die Kollektivierung der Landwirtschaft bildlich gesprochen über Leichen ging, also keineswegs auf Überzeugung beruhte,52 sie zeigt aber sozusagen auch eine komische Variante der »Auferstehung von den Toten«, die den alten Adam ins neue, irdische Paradies setzt. Der »neue Mensch«, so lässt sich dies deuten, ist eine Karteileiche. Das anthropologische Tabu Nahezu alle Figuren werden durch egoistische oder sexuelle Begierden angetrieben, die in der zeitgenössischen Propaganda vom »neuen Menschen« entweder tabuisiert oder dem kapitalistischen System angelastet wurden.53 In der Stellungnahme des Schriftstellerverbands heißt es abwehrend, das Stück wimmle von »pornographischen Dialogen«.54 Da Müller sich damals selbst als Marxist verstand,55 liegt die Vermutung nahe, dass er zentrale Aporien des sozialistischen Menschenbilds unwillentlich aufdeckte. Die unlösbaren Widersprüche sind derart wirkungsvoll in Szene gesetzt, dass die Machthaber nur mit Machtmitteln zu reagieren wussten. Letztlich stellte die Umsiedlerin gerade durch die Anspielungen auf das christliche Menschenbild unerwünschte Fragen nach der Beschaffenheit des Menschen »an sich« und problematisierte dessen Erziehbarkeit. Dies wurde in einigen zeitgenössischen Gutachten als anthropologischer Pessimismus kritisiert. Der Schriftstellerverband kam zu dem Ergebnis, das Stück spiegele »Verachtung« und »Unglauben an das Positive im Menschen wider«,56 und auch Franz Fühmann war irritiert: Müller habe alles »schwarz in schwarz« gemalt und zeige keine »innere Entwicklung, die einen auch nur hoffen ließe«.57 Unter dem Rock steckt überall der alte Adam, der nur durch Zwangsmittel für das neue Paradies zuzurichten ist. Muss sich der Zuschauer von Brechts Schauspiel Der gute Mensch von Sezuan fragen, wie der Mensch gut in einer schlechten Welt sein kann, so provoziert Müllers Umsiedlerin die Frage, ob nicht zu befürchten ist, dass der Mensch schlecht bleibt in einer guten, sozialistischen Welt. Und anders als in Strittmatters Katzgraben verkündet der Parteipolitiker und Bürgermeister Flint, der das letzte Wort bekommt, keine sozialistische Arbeitsfreude, sondern spricht nach dem verhinderten Selbstmord des Mittelbauern Treiber ein rhetorisch kunstvoll formuliertes Memento mori: »Das Feld ging übern Bauer und der Pflug / Seit sich die Erde umdreht in der Welt. / Jetzt geht der Bauer über Pflug und Feld. / Die Erde deckt uns alle bald genug.« (287)58 Bei einer Aussprache, die mit Müller und Tragelehn im Ministerium für Kultur geführt wurde, ordnete der Autor sein Stück als »historische Komödie« ein und sagte, er habe den erreichten Stand der gesellschaftlichen Entwicklung als so positiv eingeschätzt, dass man mit bereits überwundenen negativen Erscheinungen in Komödienform abrechnen könne. Tragelehn fragte die Gegenseite, ob sie nicht wenigstens der Meinung sei, dass das Stück in fünfzig Jahren komisch sein würde.59 Diese fünfzig Jahre sind inzwischen vergangen, und rückblickend erscheint Müllers Umsiedlerin als herausragendes Werk der DDR-Dramatik um 1960, das mit den Mitteln der Literatur den Sozialismus respektive Kommunismus auf seine »menschliche« Grundlage befragt. 1* Ein Dank geht an B. K. Tragelehn, der freundlicherweise die Fotografien für diesen Beitrag aus seinem Privatarchiv zur Verfügung gestellt hat. 1 Heiner Müller: Die Umsiedlerin oder das Leben auf dem Lande, in: ders.: Werke, Bd. 3, hg. von Frank Hörnigk, Frankfurt/M. 2000, S. 181–287, hier S. 272. Im Folgenden werden Zitate aus dem Schauspiel mit Angabe der Seitenzahl in runden Klammern unmittelbar hinter der Textstelle nachgewiesen. 2 Die Vorgänge um die Aufführung der Umsiedlerin sind ausführlich dargestellt worden von Marianne Streisand: Der Fall Heiner Müller. Dokumente zur »Umsiedlerin«. Chronik einer Ausgrenzung, in: Sinn und Form (1991), H. 3, S. 429–486; Matthias Braun: Drama um eine Komödie. Das Ensemble von SED und Staatssicherheit, FDJ und Ministerium für Kultur gegen Heiner Müllers »Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande« im Oktober 1961, Berlin 1995. 3 Heiner Müller: Krieg ohne Schlacht. Leben in zwei Diktaturen, Köln 1992, S. 169. Die Verhaftung wurde tatsächlich in Erwägung gezogen; siehe Braun: Drama um eine Komödie (Anm. 2), S. 62. 4 Walter Ulbricht: Schlußwort zur 1. Bitterfelder Konferenz (1959), in: Kritik in der Zeit. Der Sozialismus – seine Literatur – ihre Entwicklung, Halle 1970, S. 460. Zur DDR-Kulturpolitik der frühen Jahre siehe auch Wilfried Barner (Hg.): Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis zur Gegenwart, München 1994, besonders S. 116–130 u. 274–306. 5 Hans Jürgen Geerdts: Unsere Literatur und das Neue auf dem Lande (1957), in: Kritik in der Zeit (Anm. 4), S. 428. 6 Ulbricht: Schlußwort (Anm. 4), S. 460. 7 Walter Ulbricht: Über Fragen der sozialistischen Bewußtseinsbildung. Antwort des Ersten Sekretärs des ZK der SED […] auf dem Diskussionsabend des Deutschen Kulturbundes in Halle am 21. April 1958 [o. O. 1958], S. 61. 8 Müller hatte ein Stipendium erhalten und entwickelte das Stück während der zweijährigen Proben mit den Studenten. »Wir waren ganz heiter, fanden das so richtig sozialistisch, was wir da machten, die Studenten auch, die hatten eine große Freude daran«, urteilte er retrospektiv; Heiner Müller: Krieg ohne Schlacht (Anm. 3), S. 162. 9 Siehe dazu den Überblick von Ulrich Profitlich: »Beim Menschen geht der Umbau langsamer«. Der »neue Mensch« im Drama der DDR, in: ders. (Hg.): Dramatik der DDR, Frankfurt/M. 1987, S. 297–326, zu Heiner Müllers frühen Stücken S. 302–307. 10 Weltall Erde Mensch, Berlin 1963, S. 478. 11 Gerhart Neuner: Sozialistische Persönlichkeit – ihr Werden, ihre Erziehung, Berlin 1975, S. 9. 12 Als repräsentative Quelle dafür kann Meyers Neues Lexikon herangezogen werden, wo es heißt, das Menschenbild sei ein wesentlicher Aspekt jeder Weltanschauung; in der marxistisch-leninistischen Philosophie sei der Terminus jüngeren Datums und vor allem dem Bedürfnis entsprungen, die Leistungen sozialistisch-realistischer Kunst zu analysieren; Meyers Neues Lexikon, Bd. 9, Leipzig 1974, S. 300. 13 Karl Marx: [Thesen über Feuerbach], in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 3, hg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin 1969, S. 6. 14 Siehe Wulf D. Hundt: Arbeit, in: Hans Jörg Sandkühler (Hg.): Enzyklopädie Philosophie, Bd. 1, Hamburg 1999, S. 82–88, zu Marx S. 86 f. 15 Neuner: Sozialistische Persönlichkeit (Anm. 11), S. 42. Weiter heißt es dort: »Vom Ich zum Wir! – das wurde in unserer Republik zu einer Losung, die diesen Prozeß der Herausbildung neuer Formen der sozialen Beziehungen wesentlich charakterisiert.« 16 Wolfgang Eichhorn (I.): Von der Entwicklung des sozialistischen Menschen, Berlin 1964, S. 200. 17 Die Erziehung des neuen Menschen erfolge vor allem durch das Kollektiv, heißt es beispielsweise in Weltall Erde Mensch; der Einzelne gebe sein Bestes für das Kollektiv, und das Kollektiv helfe ihm, »seine kleinbürgerlichen, individualistischen Gewohnheiten abzustreifen und alle seine Fähigkeiten zu entfalten«, in: Weltall Erde Mensch (Anm. 10), S. 481. 18 Eichhorn: Von der Entwicklung (Anm. 16), S. 41. Zu diesen schlechten Eigenschaften gehörten »Prinzipien der Ausbeuterordnung« wie Individualismus, Egoismus, Geiz, Habsucht, Raub, Ausbeutung, das Recht des Stärkeren, Chauvinismus und Nationalismus; ebd., S. 49. 19 Ebd., S. 23 f. 20 Ein Kerngedanke der Marx’schen Lehre sei die »Entwicklung und Veränderung des Menschen«, schrieb der Pädagoge Neuner in: ders.: Sozialistische Persönlichkeit (Anm. 11), S. 20. 21 Elimar Schubbe (Hg.): Dokumente zur Kunst-, Literatur- und Kulturpolitik der SED, Stuttgart 1972, S. 92. 22 Ebd., S. 93. 23 Denselben Vorfall aus dem Jahr 1949 in einem Berliner Betrieb griff Heiner Müller in seinem Drama Lohndrücker auf. 24 Eduard Claudius: Menschen an unserer Seite, 41. bis 60. Tausend, Berlin 1952 (zuerst 1951), S. 330 u. 396. 25 Ebd., S. 396. Mit Andrytzki gibt es außerdem die Figur eines bildenden Künstlers, der als Techniker im Werk arbeitet, also dort, wo sich das »Gesicht des neuen Menschen« formt, und nach einem inneren Klärungsprozess in seinen Kunstwerken die neuen Beziehungen zwischen den Menschen darstellen kann. 26 So wies beispielsweise Volksbildungsminister Paul Wandel auf dem III. Deutschen Schriftstellerkongress im Mai 1952 auf den »Lehrmeister« Sowjetunion hin. Den größten Mangel der Literatur in der DDR sah er darin, dass das »neue Leben und vor allem die neuen Menschen, der neue Held unserer Zeit« noch nicht gestaltet worden seien; siehe Carsten Gansel (Hg.): Erinnerung als Aufgabe? Dokumentation des II. und III. Schriftstellerkongresses in der DDR 1950 und 1952, Göttingen 2008, S. 281–283. 27 Ebd., S. 174. 28 Dieses Zitat gebrauchten in ihren Ansprachen Alexander Abusch (ebd., S. 267) und der sowjetische Lyriker Stepan Schtschipatschow (ebd., S. 288). Stalin soll den Ausdruck im Oktober 1932 bei einer Zusammenkunft mit Schriftstellern im Haus von Maxim Gorki gebraucht haben; siehe Alexander Abusch: Der neue Held in der Sowjetliteratur, in: ders.: Literatur und Wirklichkeit. Beiträge zu einer neuen deutschen Literaturgeschichte, Berlin 1953, S. 287 f. Zwei Jahre später, auf dem 1. Allunionskongress der Schriftsteller in Moskau 1934, wurde Stalin diesbezüglich mehrfach zitiert, ausführlich vom Kulturpolitiker Andrej Ždanov; siehe Hans-Jürgen Schmitt/Godehard Schramm (Hg.): Sozialistische Realismuskonzeptionen. Dokumente zum 1. Allunionskongreß der Sowjetschriftsteller, Frankfurt/M. 1974, besonders S. 47–49. 29 Gansel: Erinnerung als Aufgabe? (Anm. 26), S. 483. 30 Stefan Heym: Das Volk will echten Realismus – Beobachtungen zum literarischen Leben in der DDR, in: Schubbe: Dokumente (Anm. 21), S. 299. Heiner Müller spielt in der Umsiedlerin ironisch auf die sozialistische Dorfliteratur an. Der FDJler Heinz bringt mit der Schubkarre den Bauern Bücher, die verballhornte Titel tragen wie Die Furchen singen und Das Morgenrot des Traktoristen. 31 Kulturfragen sind Machtfragen [Diskussionsbeitrag von Wilhelm Girnus für die Kulturkonferenz des ZK der SED, 23. und 24. Oktober 1957], in: Schubbe: Dokumente (Anm. 21), S. 508 f. 32 Bericht des Zentralkomitees an den V. Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Berlin 1958, S. 120 f. 33 Johanna Rudolph: Probleme des Realismus in unserer Literatur, Berlin 1958, S. 30. 34 Fragen der Entwicklung der sozialistischen Literatur und Kultur (Rede Walter Ulbrichts […] in Bitterfeld, 24. April 1959), in: Schubbe: Dokumente (Anm. 21), S. 554–556. 35 V. Deutscher Schriftstellerkongreß. 25. bis 27. Mai 1961. Referate und Diskussionsbeiträge, Berlin [1962], S. 9. Die Entschließung, die der Kongress verabschiedete, griff diese Worte auf: »Wir sind aufgerufen, das Bild des neuen Menschen zu gestalten, der unsere Epoche bestimmt, seine neuen Beziehungen zum Mitmenschen, zur Gesellschaft und zur Welt.«; ebd., S. 313. 36 Im Artikel »Gestaltung« des Kulturpolitischen Wörterbuchs, das 1970 im Dietz-Verlag Berlin erschien, heißt es: »Es ist ein wesentliches Charakteristikum gerade des realistischen Kunstschaffens, daß sich der Künstler im G[estaltungs]prozeß ständig der Aufgabe bewußt ist, seine Ideen in einer solchen Weise künstlerisch zu gestalten, daß sie, seinem Anliegen entspr[echend], von seinem Publikum adäquat verstanden werden.«, S. 190. 37 Jürgen Schröder hat auf die Analogien zwischen der Aufbaudramatik und den Besserungsstücken der frühen Aufklärungskomödie hingewiesen: klarer Aufbau, simple Eigenschaftspsychologie, klischeehafte Dialoge; siehe Jürgen Schröder: Brecht oder Wolf? Alternativen eines sozialistischen deutschen Theaters, in: Barner (Hg.): Geschichte der deutschen Literatur (Anm. 4), S. 155. 38 Erwin Strittmatter: Katzgraben. Szenen aus dem Bauernleben, Berlin 1954, S. 105. 39 Es gab kaum eine zeitgenössische Verlautbarung, die der Komplexität des Dramas gerecht wurde. Eine der wenigen Ausnahmen war die Stellungnahme des Leiters des Bertolt-Brecht-Archivs Hans Bunge, siehe Streisand: Der Fall Heiner Müller (Anm. 2), S. 437–445. 40 Zu Müllers Verhältnis zu Brecht siehe Marc Silbermann in: Hans-Thies Lehmann/Patrick Primavesi (Hg.): Heiner Müller Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart 2003, S. 136–146, speziell zur Umsiedlerin S. 140 f. 41 Müller benutzt häufig rhetorische Stilmittel. So erinnert beispielsweise der Neubauer Ketzer, der das Milchsoll nicht erfüllen kann, den gewissenlosen Bürgermeister Beutler an die Zeit im Kuhstall und das gemeinsame Trinken mit den Worten: »Ein Herz und eine Kehle warn wir […]« (192), und Flint ruft den flüchtenden Junker ins Gedächtnis, der nicht zur Hölle fuhr, sondern auf sein Gut in Bayern (216). Im ersten Fall verwendet Müller die Paronomasie (ein Wortspiel durch die Ersetzung klangähnlicher, semantisch unterschiedlicher Wörter, hier: Seele/Kehle), im zweiten das Zeugma (eine rhetorische Figur der Worteinsparung, hier: fahren im wörtlichen und im übertragenen Sinn). 42 Der Blankvers besitzt fünf Hebungen (betonte Silben) im Wechsel mit Senkungen. In einer geläufigen Beschreibung besteht er aus fünf Jamben (Jambus: unbetonte und betonte Silbe wie in herbei). 43 Peter Hacks: Über den Vers in Müllers Umsiedlerin-Fragment, in: ders.: Die Maßgaben der Kunst, Berlin 2010, S. 42 (zuerst 1961). 44 Jakob Michael Reinhold Lenz: Anmerkungen übers Theater, in: ders.: Werke in einem Band, ausgewählt und kommentiert von Karen Lauer, München 1992, S. 456. 45 Johann Wolfgang Goethe: Zum Shakespears Tag, in: Sämtliche Werke I/18 (Ästhetische Schriften 1771–1805), hg. von Friedmar Apel, Frankfurt/M. 1998, S. 11. 46 Braun: Drama um eine Komödie (Anm. 2), S. 71. 47 Andreas Keller hat Rammlers Äußerungen als »reaktionäre Thesen« bezeichnet (Drama und Dramaturgie Heiner Müllers zwischen 1956 und 1988, Frankfurt/M. 1992, S. 149). Diese Formulierung entspricht der parteioffiziellen Sicht von Müllers Kritikern und greift zu kurz. 48 »Vier Sorten Stiefel im Gesicht jetzt auch noch / Das halbe Ausland wischt sich an uns ab / Der letzte Jud kann uns in Scheiben schneiden. / Der Deutsche muß zusammenhalten, mein ich.« (188) 49 Flint: »Wenn du ein Gesetz hast beispielsweise: Mit Zuchthaus wird bestraft, wer die Mütze abnimmt vor einem Kulaken. Oder kannst den Bürgermeister an die Wand stelln einfach, der nicht funktioniert.« (233) 50 Siehe Marianne Streisand: Fondrak bei Heiner Müller und die Volkstheater-Tradition, in: Gerd Koch/Florian Vaßen (Hg.): Lach- und Clownstheater. Die Vielfalt des Komischen in Musik, Literatur, Film und SchauSpiel, 2. Aufl. Frankfurt/M. 1995, S. 186–191. 51 Unter den männlichen Figuren tritt der Bauer mit Mütze positiv hervor. Er trägt der Niet die Ehe an, und da er in den Frauen nicht nur Wesen zum »Kinderkriegen und Altwerden« (281) sieht und die Niet sein Werben nicht gänzlich ablehnt, deutet sich die Möglichkeit einer gleichberechtigten Partnerschaft an. 52 Siegfried zu Treiber: »Der Sozialismus siegt durch Überzeugung / […] Eh du nicht überzeugt bist, gehn wir dir / Nicht von der Schwelle, Treiber.« (285) 53 Der Schriftstellerverband beanstandete die »Häufung des Negativen«; siehe Streisand: Der Fall Heiner Müller (Anm. 2), S. 449. 54 Ebd., S. 450. 55 Siehe Protokoll der Sektionssitzung Dichtkunst und Sprachpflege vom 18. Januar 1962 (ebd., S. 475). 56 Ebd., S. 450. 57 Ebd., S. 470. 58 Zu den Parallelen zwischen Müllers Umsiedlerin und dem barocken Trauerspiel, die über das Vanitas-Motiv hinausgehen, siehe Genia Schulz: Die Umsiedlerin/Die Bauern, in: Heiner Müller Handbuch (Anm. 40), S. 280–286, besonders S. 285 f. 59 Informationsbericht von Rödel, Sektor Theater / Sektor Volkskunst im Ministerium für Kultur, über die Aussprache mit Heiner Müller und B. K. Tragelehn, 5. Oktober 1961, in: Braun: Drama um eine Komödie (Anm. 2), S. 134–137, hier S. 135. Die Einordnung der Umsiedlerin in die marxistische Theorie der Komödie wäre ein eigenes Thema.

JHK 2012

Der Eurokommunismus und seine Rezeption durch die SED (1968–1976)

Francesco Di Palma

Der vorliegende Aufsatz behandelt die Interpretation und Rezeption des Eurokommunismus durch die SED von 1968 bis Mitte der Siebzigerjahre. In dieser Zeit nahm die Lehre des Eurokommunismus, durch mehrere westeuropäische kommunistische Parteien vertreten und propagiert, Gestalt an. Jedoch war die ideologische und politische Basis schon früher – spätestens seit Palmiro Togliatti – gelegt worden. Das Jahr 1968, das hier als prägende und folgenträchtigste Zäsur gedeutet wird, markiert den Anfangspunkt einer sensiblen Veränderung in den Beziehungen der SED zu ihren Bruderparteien in Westeuropa, auf die das spätere Aufkommen des Eurokommunismus – mit seinen Grundprinzipien, wichtigsten Persönlichkeiten und Zukunftsvisionen – unweigerlich einen beachtlichen Einfluss nehmen konnte. Der Terminus »Eurokommunismus« zeichnete sich von Anfang an durch einen ausgeprägt polymorphen Charakter aus. Die Bezeichung galt eine Zeit lang als so unkonkret, dass viele westeuropäische kommunistische Parteien die »neue« Doktrin zunächst ablehnten oder als reine journalistische Erfindung ohne jeglichen politischen Gehalt abwerteten. In der Tat, wenn von Eurokommunismus die Rede ist, würde man automatisch eine in ihren Reihen geschlossene, ideologisch einheitliche Gemeinschaft von in Europa agierenden kommunistischen Organisationen dahinter vermuten. Dies war lange Zeit – zumindest bis Anfang der Siebzigerjahre – nicht der Fall. Die SED, gleich ihren osteuropäischen Verbündeten, verwarf den Eurokommunismus seit seiner Entstehung und bis zum Zusammenbruch des »Realsozialismus« 1989/90 als unakzeptable Weiterentwicklung der marxistisch-leninistischen Theorie. Betrachtet man den Umgang der SED mit der genannten abweichenden Doktrin strikt auf der Ebene der Theorie, so erscheint der Grundton ihrer Definitionen und Interpretationen des Eurokommunismus, welche sich im Laufe der Jahre kaum veränderten, regelrecht vernichtend. Kann man also überhaupt von einer Rezeption des Eurokommunismus durch die SED sprechen? Vollzogen sich konstruktive Auseinandersetzungen bzw. fand ein beständiger Austausch zwischen eurokommunistischen Repräsentanten und SED-Mitgliedern statt, und wenn ja, in welchem Rahmen? Die Beantwortung dieser Fragen, welche hier der gebotenen Kürze wegen nur exemplarisch erfolgen kann, muss im Rahmen der Darstellung der SED-Außenpolitik zum westeuropäischen Sozialismus vorgenommen werden. Zuvor gilt es aber zu betonen, dass reformkommunistische bzw. eurokommunistische Bestrebungen und Ansätze weder Widerhall noch Ausbreitung in der SED finden konnten, geschweige denn waren sie imstande, die bewährten Handlungs- und Steuerungskoordinaten im komplexen SED-Parteiapparat zu beeinflussen. Nichtsdestotrotz unterhielt die SED gewichtige wirtschaftliche und politisch-strategische Beziehungen zu Vertretern des Eurokommunismus. Dies war möglich, weil sie – trotz der offensichtlichen ideologischen Differenzen – auf die Zusammenarbeit mit derart Andersdenkenden angewiesen war, umso mehr nach der diplomatischen Anerkennung der DDR Anfang der Siebzigerjahre. Dieser Aufsatz skizziert die Auseinandersetzung der SED mit den »Eurokommunismen« Westeuropas im Lichte ihrer Beziehungen zu den jeweiligen Bruderparteien jenseits des Eisernen Vorhangs von 1968 bis zur Berliner Konferenz der kommunistischen und Arbeiterparteien Europas in Ost-Berlin 1976. Zum Begriff »Eurokommunismus« Der Sammelbegriff »Eurokommunismus« wurde durch den jugoslawischen Journalisten Frane Barbieri geprägt und erstmals offiziell in einer Ausgabe der Mailänder Zeitung Giornale Nuovo im Juni 1975 benutzt.1 Dabei wollte Barbieri die Praxis einiger westeuropäischer kommunistischer Parteien hervorheben. Durch einen allmählich verlaufenden Verselbstständigungsprozess schienen sich diese von der Moskauer Führung und damit vom dogmatischen Marxismus-Leninismus abzuwenden.2 Der umstrittene Terminus sei jedoch keineswegs bedenkenlos anwendbar, so die damalige Meinung einiger zeitgenössischer Beobachter. Zum einen verweise das Präfix »Euro« auf eine kontinentale Festlegung und lasse damit mehrere außereuropäische kommunistische Parteien (KP) mit durchaus ähnlichen Merkmalen unberücksichtigt.3 Zum anderen sei die Form im Singular irreführend und suggeriere ein Moskau entgegengesetztes, innereuropäisches Zentrum mit politischer und ideologischer Führungsfunktion. Dies entsprach aber offensichtlich nicht der Realität und dem Hauptgrundsatz des Eurokommunismus – Betonung des jeweils nationalen Weges einer jeden KP –, wie seine wohl wichtigsten Vertreter Enrico Berlinguer (Partito Comunista Italiano, PCI), Santiago Carrillo (Partido Comunista de España, PCE) und Georges Marchais (Parti Communiste Français, PCF) wiederholt kritisierten.4 Die SED und der Reformkommunismus (1968–1973) Das Jahr 1968 stellte mit seinen tiefgreifenden Umbrüchen und damit verbundenen nachhaltig wirkenden Veränderungen eine Zäsur dar, die in der Geschichte des internationalen Kommunismus nur mit wenigen ähnlich folgenschweren Einschnitten der Nachkriegszeit – wie dem Jahr 1956 oder den Jahren 1989 bis 1991 – vergleichbar ist. Sie machte programmatische und theoretische Differenzen im weltweiten (insbesondere aber im europäischen) Kommunismus deutlich, trieb sie auf die Spitze und leitete schließlich einen Prozess des ideologischen Abdriftens vom Moskauer Alleinvertretungsanspruchs ein, welcher Mitte der Siebzigerjahre seinen Höhepunkt erreichen sollte. Das Verhältnis der SED zu den kommunistischen Organisationen Westeuropas war bis zur Niederschlagung des Prager Frühlings relativ stabil und reibungslos gewesen. Allerdings hatte der Generalsekretär des PCI, Palmiro Togliatti, die Polyzentrismus-These schon über ein Jahrzehnt zuvor präsentiert und hiermit für Furore gesorgt, als er die klassische »manichäisch-dichotome« kommunistische Weltsicht infrage gestellt und für »Einheit in der Vielfalt« bzw. für einen nationalen Weg zum Sozialismus plädiert hatte.5 Dieses Gesuch, dem auf dem XX. Parteitag der KPdSU nicht stattgegeben und das durch die osteuropäische kommunistische Gemeinschaft scharf kritisiert wurde, konnte der dort kompromisslos bestätigten, mit geballtem Nachdruck erneut propagierten bipolaren Weltordnung und der davon herrührenden Logik der Blöcke lange Zeit nichts anhaben.6 Dies sollte vor allem anlässlich der Niederschlagung des Prager Frühlings im August 1968 deutlich werden. Die Kommunistische Partei Frankreichs verurteilte z. B. vorübergehend die Besetzung der Tschechoslowakei durch Truppen des Warschauer Paktes, nahm aber jegliche Kritik nur Monate später vorbehaltlos zurück.7 Anders reagierten u. a. die kommunistischen Parteien Italiens und Spaniens – Letztere aus dem Exil –, welche an der Gewaltanwendung in der Tschechoslowakei öffentlich Anstoß nahmen und diese auch propagandistisch aufs Schärfste verurteilten.8 Die Reaktion anderer nur teilweise reformkommunistischer Parteien, wie die Großbritanniens (Communist Party of Great Britain, CPGB) und Griechenlands (Kommounistikó Kómma Elládas, KKE – aus dem rumänischen Exil), bei denen der Eurokommunismus auch später keine herausragende Rolle spielen sollte, war zwiespältig und Ergebnis der starken internen Meinungsverschiedenheiten, die in beiden Organisationen schon seit Anfang der Sechzigerjahre bestanden. Offiziell duldeten sie zwar den Vorstoß in der Tschechoslowakei, die erhitzten Diskussionen hierüber vertieften jedoch nachhaltig den schon ausgeprägten Graben zwischen Konservativen (auch Traditionalisten genannt) und Erneuerern (auch Gramscianer genannt).9 Das Verhältnis der SED zum PCE in der Zeit der Niederschlagung des Prager Frühlings – das im Folgenden knapp umrissen werden soll – ist insofern bezeichnend, als es exemplarisch darlegt, wie die Ost-Berliner Machthaber mit Reformkommunisten noch vor der »Hochzeit« des Eurokommunismus umzugehen pflegten. Die spanischen Kommunisten, deren Partei im Heimatland verboten war, unterhielten in der DDR mehrere Kaderschulen. Die SED offerierte den PCE-Mitgliedern und deren Familien nicht nur logistische, sondern auch finanzielle Hilfe und sorgte damit dafür, dass diese handlungsfähig bleiben konnten.10 Durch die Intervention in der ČSSR unter Führung der Sowjetunion und die darauf gemünzte aus mehreren westeuropäischen Bruderparteien hagelnde Kritik änderte sich das Verhältnis der SED zum PCE schlagartig. Berlin missbilligte die Stellungnahme des PCE-Vorstands aufs Äußerste und förderte die bereits begonnene interne Spaltung in Reformkommunisten (um Santiago Carrillo) und Prosowjets (um Enrique Líster).11 Der Konflikt zwischen dem Mehrheitsvorstand des PCE und der SED über die Prager Frage sollte noch bis Anfang der Siebzigerjahre andauern, als Letztere im Einvernehmen mit der KPdSU die Unterstützung der prosowjetischen Fraktion offiziell aufgab.12 Die Auswirkungen des Jahres 1968 waren also an Bedeutung kaum zu überschätzen und veränderten die europäische kommunistische Gemeinschaft zusehends. Dabei spielte zweifelsohne auch das Aufkommen des Eurokommunismus in den frühen Siebzigerjahren eine nicht minder entscheidende Rolle. Doch wurde nicht jede KP Westeuropas von ihm erfasst oder grundlegend beeinflusst. Die stalinistische portugiesische (Partido Comunista Português, PCP), die traditionell moskauhörige finnische (Suomen Kommunistinen Puolue, SKP) und die westdeutsche KP (DKP) etwa – die als westliches Sprachrohr der SED agierte – blieben von reformerischen Ansätzen völlig unberührt. Andere, wie der PCF, »liebäugelten« meist aus elektoralen Gründen mit dem Reformkommunismus, konnten sich aber nie vollständig von der Moskauer Bevormundung loslösen.13 Die Basis des sogenannten Eurokommunismus war demnach eine äußerst instabile. Gestellt wurde sie, wie eingangs erwähnt, vorwiegend durch die kommunistischen Parteien Italiens und Spaniens (ferner auch durch die verhältnismäßig kleine schwedische KP, die Vänsterpartiet),14 worauf später ausführlicher eingegangen werden soll. Der Dialog mit westeuropäischen Partnern war für die SED dennoch von außerordentlicher Bedeutung. Auf diese Weise beabsichtigte Ost-Berlin, die im Laufe der Siebzigerjahre in allen europäischen Staaten und in den USA vollzogene diplomatische Anerkennung der DDR nachhaltig abzusichern. Die SED-Führung sah sich vor diesem Hintergrund regelrecht dazu gezwungen, Chancen zu ergreifen, um ihren international sonst eher begrenzten Handlungsspielraum zu erweitern.15 So versuchte sie gezielt, ihre Beziehungen zu Bruderparteien – darunter auch eurokommunistischen – im Westen zu nutzen, um daraus Kapital zu schlagen. Besonders fruchtbar stellten sich die Ost-Berliner Machthaber Formen der Zusammenarbeit mit dem PCI, dem PCF und dem PCE vor, die im eigenen Land stark vertreten waren (der PCE erst wieder ab 1977) und als nützliche Kontaktpartner zu sozialistischen bzw. sozialdemokratischen Formationen16 sowie zu mächtigen Lobbyisten im Europaparlament galten. Hier hatte sich am 16. Oktober 1973 erstmalig eine Fraktion von kommunistischen Abgeordneten gebildet, welcher zunächst italienische, französische und ein dänischer Politiker vorstanden.17 Zu diesem Zweck und abhängig von der eurokommunistischen Grundausrichtung des jeweiligen Ansprechpartners wählte die SED souverän und gemäß der politischen Lage ihre Weggenossen im Westen.18 So wurden z. B. die abtrünnigen italienischen und spanischen Kommunisten oft den eher konformen französischen Kollegen vorgezogen. Hierauf soll später näher eingegangen werden. Ausschlaggebend für diese Vorgehensweise war das auf dem VIII. Parteitag der SED 1971 präsentierte, neue außenpolitische Konzept. Nach Überwindung der äußerst kritischen politischen Phase infolge der Niederschlagung des Prager Frühlings19 zeugte das neue Programm von einer erhöhten Kommunikationsbereitschaft, auch gegenüber eurokommunistischen Vertretern. So konnten Kontakte wieder aufgenommen und alte, die Kommunikation störende Meinungsverschiedenheiten vorerst auf Eis gelegt werden. Die SED und der Eurokommunismus (1973–1976) Das Interesse der SED am Eurokommunismus war von Anfang an rein strategischer Natur, wie ein äußerst ausführliches, im Laufe der Siebzigerjahre von der SED-Abteilung für Internationale Verbindungen systematisch aktualisiertes Dossier über seine geschichtliche und ideologische Entwicklung eindrucksvoll beweist.20 Der Eurokommunismus stellte den Versuch einiger westeuropäischer KPs dar, zwischen dem sowjetischen Realsozialismus und der Sozialdemokratie ein theoretisches und programmatisches Substrat zu schaffen, das den jeweils nationalen Wegen der kommunistischen Parteien gerecht werden und als Alternative zur bürgerlichen Demokratie der westlichen Welt gelten konnte. Bezeichnend dafür war nicht – wie früher praktiziert – der vehemente Widerspruch gegen den bürgerlichen Parlamentarismus, sondern vielmehr die Orientierung auf außen- und innenpolitische Konzepte und Programme. Dadurch wurde der Kommunismus für immer breitere Schichten der Gesellschaft »attraktiv« und konnte schließlich regierungs- und koalitionsfähig gestaltet werden.21 Diese abweichende, grundsätzliche Zielsetzung sollte bis zum Fall der Berliner Mauer – abgesehen von rituellen, opportunistischen Annäherungen und Formen der Zusammenarbeit – die Beziehungen der SED zu ihren westeuropäischen Partnern zumindest formell deutlich erschweren. Die italienische KP hatte sich bereits seit den frühen Fünfzigerjahren durch ihre kritische Haltung gegenüber der Monopolstellung Sowjetrusslands einen Namen gemacht. Diese Machtposition war einerseits auf ihre maßgebliche Beteiligung an der Resistenza bzw. auf die Befreiung Italiens vom Faschismus und Nationalsozialismus und die darauf folgende Gestaltung und Etablierung der ersten italienischen Republik zurückzuführen; andererseits aber auch auf ihre im westeuropäischen Vergleich seltenen, beachtlichen Wahlerfolge, die sie unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer der größten Massenparteien Europas werden ließen. Dem Anspruch, als kommunistische catch-all-Partei zu agieren, versuchte der PCI gerecht zu werden, indem er die Logik der Blöcke vehement ablehnte, und sich sowohl innen- als auch außenpolitisch für deren Überwindung einsetzte.22 Vor diesem Hintergrund sah sich die Partei – gleich den anderen eurokommunistischen Vertretern – einer Theorie des »dritten Weges« verpflichtet. Die SED kommentierte solch einen »dritten Weg« daraufhin als den Versuch, den Sozialismus Westeuropas umzugestalten, und zwar durch das Bemühen der Arbeiterbewegung, den zyklischen Krisen des Kapitalismus zu begegnen, indem man eine praktizierbare Alternative zum Realsozialismus und der Sozialdemokratie anwende.23 Dieses Projekt, vorwiegend durch Enrico Berlinguer, Santiago Carrillo und Georges Marchais getragen, nahm auf dem Parteitag der westeuropäsichen kommunistischen Parteien im Frühjahr 1974 in Brüssel Gestalt an.24 Die eurokommunistische »Front« war jedoch keineswegs geschlossen, sondern zeichnete sich durch auffällige Meinungsverschiedenheiten und Unterschiede politischer Natur aus. Der Zusammenschluss zwischen dem PCF- und dem PCI-Vorstand, die vermeintlich frühen treibenden Kräfte des Eurokommunismus – der PCE wurde erst 1977 in Spanien wieder legalisiert und konnte bis dahin nur einen begrenzten Einfluss auf die internationale Politik ausüben –, begann sich jedoch bereits spätestens ein Jahr nach der Brüsseler Tagung aufzulösen. SED-Beobachter gingen schon sehr früh von einer extremen Heterogenität innerhalb der eurokommunistischen Gemeinschaft aus, welche sie als ein Zeichen ihrer strukturellen Schwäche betrachteten. Aufmerksam verfolgten sie die gesamten Siebzigerjahre hindurch jede noch so kleine Akzentverschiebung im Eurokommunismus, um damit den jeweils für ihre eigenen Ziele förderlicheren Ansprechpartner auswählen zu können. Laut Einschätzung der SED wurde der Eurokommunismus spätestens Mitte der Siebzigerjahre durch den PCI dominiert. In dessen »Schlepptau« habe der PCF das fundamentale Prinzip aus seinem Manifest gestrichen, dass »der Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus ein revolutionärer Sprung ist [...]«.25 Die Ursache sei mit Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Linksunion mit den Sozialisten Frankreichs zu begründen – an der sich der PCF seit 1972 beteiligte –, bei der die Mitglieder der Linksunion über einen wachsenden politischen Einfluss verfügten.26 Die Annäherung zwischen dem PCI und dem PCF erachteten SED-Beobachter als durch die systemische Schwäche der Franzosen bedingt, denen sie den ideologischen »Glauben« an den »reformistischen und auch utopischen Gehalt« des Eurokommunismus de facto absprachen.27 Ausschlaggebend für die interne Brüchigkeit des Eurokommunismus sei außerdem einerseits der Widerspruch des PCF gegen die Zweite Internationale und insbesondere gegen die diese Politik dominierende SPD;28 andererseits die fehlende Übereinstimmung mit dem PCI, z. B. über wichtige theoretische Fragen, wie die Existenz eines vermeintlich einzigen ideologischen Ursprungs des Sozialismus.29 Die SED hielt also schon früh das eurokommunistische Bekenntnis des PCF für fragwürdig, wenn nicht sogar für unmöglich. Der PCF, so die Ost-Berliner, sei nach wie vor eine marxistisch-leninistische Partei,30 die der Bewahrung ihrer Klassenpolitik vorbehaltlos verpflichtet bleibe: Ihre eurokommunistische Zustimmung entbehre schließlich jeglicher Grundlage.31 Die Italiener setzten hingegen entschieden auf den Dialog mit ideologisch verwandten Kräften und hätten ihre »[...] Blicke auf Europa, auf das kapitalistische Westeuropa gerichtet. In diesen Ländern trifft man auf einige gemeinsame grundlegende Bedingungen im Kampf für Demokratie und Sozialismus.«32 Sie bewege nämlich die Frage: »Weshalb sollte ein anderer als der sozialdemokratische und sowjetische und der in anderen sozialistischen Ländern praktizierte Weg nicht möglich sein?«33 Diese Grundeinstellung konnte die SED keineswegs akzeptieren und wertete die unter dem Begriff Eurokommunismus betriebene Kampagne als »eine gegenwärtige Hauptrichtung der Versuche des Imperialismus, Einheit der kommunistischen Bewegung, der revolutionären Kräfte zu schwächen und zu spalten. Das Wesen dieser Kampagne objektiv darauf gerichtet, kommunistische Parteien kapitalistischer Länder Europas (und Japans) in Gegensatz zur KPdSU und eng mit ihr verbündeten Bruderparteien zu bringen.«34 Die ostdeutschen Machthaber waren seit dem Grundlagenvertrag in höchstem Maße auf internationale Anerkennung und mehr Spielraum bedacht. Bezeichnend dafür war z. B. die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit dem faschistischen Regime Francos in Spanien 1973, welche die wütende Reaktion der spanischen Kommunisten hervorrief.35 Vor diesem Hintergrund erwies sich der »konforme« PCF als nur bedingt förderlich für die SED, dies umso weniger, als die Franzosen 1977 aus der Linksunion und damit aus der Regierungsverantwortung ausgeschieden waren.36 Hingegen übte der PCI einen beachtlichen sowohl innen- als auch außenpolitischen Einfluss aus, der ihm zu einer hohen Handlungsfähigkeit auch im Dunstkreis der deutschen SPD oder der Sozialistischen Internationalen verhalf. Die sich steigernde Macht der westeuropäischen Bruderpartei war offensichtlich, und die gezielte Kontaktintensivierung mit ihr schien der SED geboten. Dieses Verhalten reihte sich in das SED-Konzept der »internationalen Präsenz« ein, das die Außenpolitik der DDR in den Siebzigerjahren bestimmen sollte. Des Weiteren vermag diese Orientierung zu erklären, weshalb die SED, anders als die Mutterpartei KPdSU, den Eurokommunismus zwar missbilligte, ihn jedoch nie offensiv bekämpfte. Dafür war ihr schließlich die Politik der eurokommunistischen Vertreter und im Allgemeinen der westeuropäischen Kommunisten sowohl bei inneren als auch bei äußeren Angelegenheiten von zu großer Bedeutung. Das Beispiel PCE ist hierfür wiederum bezeichnend. Nachdem die SED im Frühjahr 1973 den PCE durch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit dem franquistischen Spanien regelrecht brüskiert hatte, kam es in den darauf folgenden Monaten mehrfach zu Versöhnungsversuchen. So traf eine Delegation des PCE Ende November 1974 in Ost-Berlin ein, um die jüngsten Entwicklungen zu erörtern und womöglich noch herrschende Zwistigkeiten aus dem Weg zu räumen. Die politische Lage in Spanien hatte sich mittlerweile drastisch verändert, und damit auch die Einstellung der SED gegenüber dem PCE: Das Franco-Regime schien der demokrati-schen Opposition im Land nicht mehr lange standhalten zu können. Der PCE schien daran nicht unbeteiligt. Honecker vertraute darauf, dass Santiago Carrillo bald an der Spitze einer mächtigen westeuropäischen KP in einem vom Faschismus befreiten Land stehen würde.37 Auf den eigenen Vorteil bedacht, bemühten sich die Gastgeber eifrig darum, jegliche noch bestehenden politischen Differenzen zu verharmlosen und die traditionelle Verbundenheit – die, wie es hieß, auf die Internationalen Brigaden zurückging – wieder zu propagieren.38 Wenige Monate später beschworen Enrico Berlinguer und Santiago Carrillo in einer gemeinsamen Erklärung am 11. Juli 1975 in Livorno, der italienischen Hafenstadt, in der 1921 der PCI gegründet worden war, die Eckpfeiler des Kommunismus der Zukunft, den sie in ihren jeweiligen Heimatländern und im Ausland fördern wollten: Parlamentarische Aktivität, Freiheit, Reformen und Pluralismus waren die zentralen Losungen, die von nun an auch für den Eurokommunismus galten.39 Dennoch blieben die Differenzen im eurokommunistischen Milieu auffällig und verschärften sich rasch, insbesondere in Fragen der internationalen Politik. So herrschte bereits seit 1975 Uneinigkeit über den Beitritt Spaniens zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG): Während sich PCI und PCE vorbehaltlos dafür aussprachen, legte der PCF ausdrücklich sein Veto ein, was die einst waltende sowohl politische als auch symbolische dreiköpfige eurokommunistische Führung stark untergrub.40 Vom 18. bis zum 22. Mai 1976 fand der IX. Parteitag der SED statt, die mit der offensiven Devise »Alles mit dem Volk und alles für das Volk« die innere Kohäsion des real existierenden Sozialismus zelebrieren und vor einer ideologischen Verwässerung – etwa bei westeuropäischen KPs, die sich dem bürgerlichen Parlamentarismus verschrieben hatten – warnen wollte.41 Doch trotz aller inszenierten Kontinuität standen die SED-Politik und insbesondere deren Außenpolitik vor einem Richtungswechsel, der nur wenige Wochen später vollzogen werden sollte. Die Konferenz der kommunistischen und Arbeiterparteien Europas, die am 29. und 30. Juni 1976 in Ost-Berlin tagte, sollte die Geschlossenheit des weltweiten Kommunismus propagieren und Moskau als Führungszentrum mit aller Kraft bestätigen. Trotz offensichtlicher Differenzen zwischen ost- und westeuropäischen Bruderparteien vor und während der Tagung, so z. B. über »die Formulierung über die gleiche ideologische Basis aller kommunistischen und Arbeiterparteien und über die Einheit der kommunistischen Weltbewegung«,42 konnten die Gespräche und die Vorträge der jeweiligen Vertreter eine relative Entspannung insbesondere bezüglich des Eurokommunismus herbeiführen. Alle Reden – darunter auch äußerst kritische43 – wurden ohne Zensur im Parteiorgan Neues Deutschland abgedruckt. Wie u. a. Heinz Timmermann anmerkt, sei dies ein Zeichen dafür gewesen, dass die SED ihre offizielle Politik gegenüber dem Eurokommunismus und im Allgemeinen gegenüber den westeuropäischen Genossen überdacht und ihrer eigenen Strategie wohl angepasst habe. Primäres Ziel sei dabei gewesen, gute Beziehungen selbst zu »moskaukritischen« Partnern im Westen aufrechtzuerhalten und insbesondere zu denjenigen, die national und international politisch einflussreich waren oder zu werden schienen.44 Ausblick und Fazit Der vorliegende Aufsatz hat gezeigt, dass die Rezeption des Eurokommunismus durch die SED als Geschichte ihrer Beziehungen zu eurokommunistischen Partnern erklärt werden muss. Die SED missbilligte grundsätzlich und vorbehaltlos die »Eurokommunismen« und im Allgemeinen alle Formen von Reformkommunismus jenseits und diesseits des Eisernen Vorhangs bis zum Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus. Der Eurokommunismus, insbesondere durch die italienische, die spanische und teilweise auch die französische KP getragen, wurde seitens der SED als eine revisionistische, das Weiterbestehen der kommunistischen Staatengemeinschaft und die revolutionären Bestrebungen kommunistischer Parteien in demokratischen Ländern gefährdende Doktrin interpretiert, welche in ihren extremen Forderungen ja sogar dem amerikanischen Imperialismus in vielerlei Hinsicht ähnele.45 Ungeachtet dessen pflegte die SED an der westlichen Grenze des »Vorhangs« auch unmittelbar nach der schwierigen Phase um die Niederschlagung des Prager Frühlings rege Beziehungen zu »andersdenkenden« Bruderparteien. Diese Beziehungen gestalteten sich mal reibungslos, erfuhren oft Blockaden und Verhärtungen, schlugen regelmäßig in Annäherungen um und trotzten generell allen politischen und ideologischen Schwierigkeiten des späten Kalten Krieges. Eine stabile NATO-Zone war nämlich auch im Interesse der SED, deren politische Souveränität sowohl von der Sowjetunion als auch von Westdeutschland und dem restlichen Westeuropa stark abhängig war.46 Wie bedeutend der Verbindungsstrang zu den eurokommunistischen Parteien für die SED war, zeigte sich an deren Bereitschaft, selbst der Mutterpartei KPdSU bezüglich strategischer Fragen teilweise zu widersprechen. Anlass dazu gab der sogenannte eurokommunistische Gipfel unter Beteiligung von PCE, PCI und PCF Ende Februar 1977 in Madrid. Dieses Treffen, das mit großer Sorge von der KPdSU verfolgt wurde,47 endete mit der Veröffentlichung einer gemeinsamen Erklärung der drei Parteien, welche u. a. die zentralen Ziele des Pluralismus, der Gedanken- und Meinungsfreiheit, der Unabhängigkeit der Presse und der Anerkennung des allgemeinen Wahlrechts zitierte. Die KPdSU schätzte die Madrider Tagung als sehr gefährlich ein, denn es handle sich darum, »als Ergebnis des Treffens eine Plattform des sogenannten Eurokommunismus zu beschließen und sie im Namen der drei Parteien zu verkünden«. Diese Plattform, so hieß es außerdem, sei »von einer unobjektiven Kritik an den Ländern des Sozialismus durchdrungen [...]«, und »[…] Wir würden es für wichtig halten, derartigen Plänen entgegenzuwirken [...]«.48 Der Aufforderung leistete die SED kaum Folge – sieht man von den gewöhnlichen Werbetiraden gegen den Eurokommunismus ab. Selbst die Veröffentlichung des Buches von Santiago Carrillo, »Eurokommunismus« und Staat,49 das den Eurokommunismus theoretisch und programmatisch unterlegte und in der Sowjetunion aufs Schärfste kritisiert wurde, war für die SED kein Grund, die Beziehungen zu dessen Theoretikern; einzufrieren.50 Ebenso war es angeblich wiederum die SED, die auf der Tagung der ZK-Sekretäre der osteuropäischen Parteien im Frühjahr 1977 die Pläne für eine politische und propagandistische Großoffensive gegen die abtrünnigen Eurokommunisten durchkreuzte.51 Die SED-Politik gegenüber dem westeuropäischen Kommunismus war jedoch zweigleisig und weitestgehend von Opportunismus bestimmt. Allerdings waren die Rahmenbedingungen und die Grenzen dieser Strategie meistens durch die KPdSU abgesteckt,52 welche die potenziell polarisierenden Standpunkte der Eurokommunisten stets mit Argwohn beäugte. Die Ost-Berliner Machthaber befanden sich auf einer geopolitisch äußerst schwierigen Nahtstelle, bei der sie abwechselnd mal nach Spielraum, mal die Nähe zur Mutterpartei suchen mussten. Bezeichnend für diesen Zickzackkurs war die Reaktion auf zwei Kundgebungen 1977/78. Berlinguer und Carrillo hatten Ende Mai 1978 in Barcelona die Bedeutung des Eurokommunismus unterstrichen, der gleichsam, so Berlinguer, »durch die Entwicklung des historischen Prozesses in Europa und der Welt aufgezwungen wird« und, so Carrillo, »einen breiten Weg und die ganze Zukunft vor sich hat«.53 Auf einer früheren Kundgebung in Brescia im Juni 1977 hatte Berlinguer angemerkt, dass das Hauptziel des Eurokommunismus das »Wachsen einer neuen Funktion Europas« sei, im Rahmen derer die »befreite Arbeiterbewegung Protagonist wird«.54 Der SED missfiel zwar der Grundton der Stellungnahmen, die de facto dem proletarischen Internationalismus widersprachen, sie war aber weiterhin durchaus an gesamteuropäischen Beziehungen interessiert, z. B. mit Abgeordneten des Europaparlaments oder sogar mit Mitgliedern der Sozialistischen Internationale, bei denen der PCI – zu jenem Zeitpunkt wohl die treibende eurokommunistische Kraft – oft als Mittler agierte.55 Dies bedeutet keineswegs, dass die SED Ende der Siebzigerjahre etwa »Wohlwollen« gegenüber dem Eurokommunismus und seinen Exponenten entwickelt hätte. Ganz im Gegenteil. Die Wahl des PCI als bevorzugtem Ansprechpartner im Westen diente ausschließlich strategischen Zwecken und blieb ungeachtet der politischen Entwicklung im westeuropäischen Kommunismus bestehen – auch als die Meinungsverschiedenheiten zwischen dem PCF, dem PCI und dem PCE unüberbrückbar schienen, wie z. B. anlässlich der Krisen in Afghanistan und Polen. Die Italiener verurteilten dezidiert das sowjetische Vorgehen in beiden Regionen und ernteten damit harsche Kritik von der KPdSU, welche die Haltung der Eurokommunisten als äußerst »schädlich« für den weltweiten Sozialismus betrachtete.56 Der PCI, hieß es weiter, stünde gleichsam auf denselben Positionen wie der US-Präsident.57 Aus dieser radikalen Perspektive erhielt die Gestaltung der Kontakte der osteuropäischen Parteien mit eurokommunistischen eine neue politische Brisanz. Es ging nämlich darum, die inspirierende Stärke des sowjetischen bzw. des real existierenden Sozialismus vor externen Angriffen einerseits, so durch die Regierungen und Demokratien der westlichen Welt, und andererseits vor Verleumdungen aus den kommunistischen Parteien Westeuropas zu schützen. Dies erschwerte die Beziehungen der SED zu ihren westlichen Bruderparteien in den Achtzigerjahren zusehends, wie der drastische Rückgang von gegenseitigen Besuchen nationaler Delegationen mit italienischen, spanischen und französischen Genossen belegt. Ein weiterer Faktor sollte dieses Verhältnis daraufhin nachhaltig beeinflussen: der »Zusammenbruch« des Eurokommunismus. Die Einheit der spanischen und französischen Kommunisten hatte unter dem Druck der Krisen in Afghanistan und Polen stark gelitten; beide Parteien waren intern zerrissen und ideologisch gespalten. Die eurokommunistische Politik von PCE und PCF war von einer viel zu dünnen Mehrheit getragen worden, konservative prosowjetische Fraktionen trafen auf Modernisierer, Massenaustritte und Abspaltungen rundeten das Bild ab.58 Anfang der Achtzigerjahre drohten schließlich beide Parteien in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen; für die SED Grund genug, der »Freundschaftspflege« mit den unbeständigen Brüdern weniger Aufmerksamkeit zu schenken. Anders war es um den PCI bestellt, der sich stabil als zweit- bzw. drittstärkste Partei Italiens in den Achtzigerjahren behaupten konnte und nunmehr als bedeutende Kraft der europäischen Friedensbewegung galt. So blieb das Interesse der SED an dem aufstrebenden PCI bis zum Mauerfall im Rahmen des Prinzips der friedlichen Koexistenz konstant und weiterhin stark, diente er doch u. a. als Verbindungsglied zu den Sozialisten Frankreichs und (West-) Deutschlands (u. a. zu François Mitterand und Helmut Schmidt)59 – den Strippenziehern der Europapolitik.60 Der Eurokommunismus wurde letztlich nie zu einer Plattform für einen ideologisch-politischen Austausch zwischen Ost und West; eurokommunistische Vertreter konnten jedoch über zwei Jahrzehnte und bis zum Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus im Gespräch mit der SED eine strategisch relevante Zusammenarbeit aufrechterhalten und diese teilweise bis in die Achtzigerjahre hinein intensivieren,61 sodass beide Parteien davon profitieren konnten. War die SED Anlaufstelle, Mittler und Sprachrohr Moskaus an der westlichen Grenze des Ostblocks und damit ein fundamentaler Partner für westeuropäische KPs, so nutzte sie regelmäßig und teilweise auch unabhängig von Moskau ihre westlichen Kontakte aus, um sich wirtschaftliche und diplomatische Vorteile zu verschaffen. 1 Siehe das Gespräch mit Frane Barbieri, in: Manfred Steinkühler (Hg.): Eurokommunismus im Widerspruch. Analyse und Dokumentation, Köln 1977, S. 389–392. 2 Siehe Nikolas R. Dörr: Wandel des Kommunismus in Westeuropa. Eine Analyse der innerparteilichen Entwicklungen in den kommunistischen Parteien Frankreichs, Finnlands und Italiens im Zuge des Eurokommunismus, Berlin 2006, S. 10–19. 3 François Bondy: Eurokommunismus – das Wort und die Sache, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken 31 (1977), H. 11, S. 1030–1033; ferner siehe Karin Priester: Hat der Euro-kommunismus eine Zukunft? Perspektiven und Grenzen des Systemwandels in Europa, München 1982; Wolfgang Leonhard: Eurokommunismus. Herausforderung für Ost und West, München 1980. 4 Siehe Francesco Di Palma: Die SED, die Partito Comunista Italiano und der Eurokommunismus (1968–1989). Akteure, Netzwerke, Deutungen, in: Arnd Bauerkämper/Francesco Di Palma (Hg.): Bruderparteien jenseits des Eisernen Vorhangs. Die Beziehungen der SED zu den kommunistischen Parteien West- und Südeuropas (1968 bis 1989), Berlin 2011, S. 136–152. 5 Die polyzentristische These stellte Togliatti erstmalig in einem Interview auf, das in der Zeitschrift Nuovi Argomenti nach dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 erschien. Von einem von ihm postulierten italienischen Weg zum Sozialismus soll bereits zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs die Rede gewesen sein. Siehe hierzu Carlo Spagnolo: Sul memoriale di Yalta: Togliatti e la crisi del movimento comunista internazionale [Das Memorial von Jalta: Togliatti und die Krise der internationalen kommunistischen Bewegung], Rom 2007; Aldo Agosti: Togliatti negli anni del Comintern: (1926–1943); documenti inediti dagli archivi russi [Togliatti und die Komintern: (1926–1943); unveröffentlichte Dokumente aus den russischen Archiven], Rom 2000. 6 Siehe Spagnolo: Yalta (Anm. 5). 7 Siehe Michel Naudy: PCF. Le suicide [PCF. Der Selbstmord], Paris 1986, hier S. 9–57. Ferner Ulrich Pfeil: Sozialismus in den Farben Frankreichs. SED, PCF und »Prager Frühling«, in: Deutschland Archiv 34 (2001), H. 2, S. 235–245. 8 Siehe Francesco Di Palma: Die SED, die Kommunistische Partei Frankreichs (PCF) und die Kommunistische Partei Italiens (PCI) von 1968 bis in die Achtzigerjahre – ein kritischer Einblick in das Dreiecks-verhältnis, in: Deutschland Archiv 43 (2010), H. 1, S. 80–89; zum PCE grundsätzlich siehe Andreas Baumer: Kommunismus in Spanien. Die Partido Comunista de España – Widerstand, Krise und Anpassung (1970–2006), Baden-Baden 2008; ferner ders.: Camaradas? Die Beziehungen zur SED im Kontext der Debatte um das Verhältnis zum Staatssozialismus innerhalb der Partido Comunista de España 1968–1989, in: Bauerkämper/Di Palma: Bruderparteien (Anm. 4), S. 187–209, hier S. 189–191. 9 Zur CPGB siehe Geoff Andrews: Endgames and New Times. The Final Years of British Communism 1964–1991, London 2004, Kap. 5; zur KKE siehe Andreas Stergiou: Im Spagat zwischen Solidarität und Realpolitik: die Beziehungen der DDR und Griechenland und das Verhältnis der SED zur KKE, Mannheim 2001. 10 Siehe Baumer: Kommunismus (Anm. 8), S. 228–253. 11 Siehe Baumer: Camaradas? (Anm. 8), S. 191–193. 12 Siehe ebd. 13 Siehe Pfeil: Sozialismus (Anm. 7); Di Palma: SED, PCF, PCI (Anm. 8). 14 Hierzu siehe Charlotta Brylla: Die schwedische kommunistische Partei und der Eurokommunismus, in: Ulrich Mählert u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2010, Berlin 2010, S. 81–91. 15 Hierzu ausführlich Hermann Wentker: Außenpolitik in engen Grenzen: die DDR im internationalen System 1949–1989, München 2007. 16 Siehe Di Palma: SED, PCF, PCI (Anm. 8), S. 85–89. 17 Siehe Information Nr. 3/74 für das Politbüro, Haltung der FKP und der IKP zur Frage des Weges zur Macht, Berlin, 10. Januar 1974, in: Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bunderarchiv (im Folgenden: SAPMO-BArch), DY/30/IV B 2/20/189. Die ursprüngliche Fraktion bestand aus acht italienischen, drei französischen Abgeordneten und einem Vertreter der Sozialistischen Volkspartei Dänemarks. 18 Siehe hierzu Hans-Adolf Jacobsen (Hg.): Drei Jahrzehnte Außenpolitik der DDR; Bestimmungsfaktoren, Instrumente, Aktionsfelder, München 1979; Michael Spakler: Einige ökonomische Bestimmungsfaktoren der DDR-Außenpolitik unter Ulbricht und Honecker. 1961–1973, Mannheim 1978. 19 Über die Reaktion westeuropäischer KPs auf die Niederschlagung des Prager Frühlings siehe Maud Bracke: Which socialism, whose détente. West European Communism and the Czechoslovak crisis 1968, Budapest/New York 2007. 20 Siehe SAPMO-BArch, DY/30/IV B 2/20/170. 21 Dazu Annie Kriegel: Eurocommunism: a new kind of communism?, Stanford 1978; siehe Dieter Oberndörfer: Einführung: Die sozialistischen und kommunistischen Parteien Frankreichs, Italiens, Spaniens und Griechenlands, in: ders. (Hg.): Südländer (= Sozialistische und kommunistische Parteien in Westeuropa, Bd. 1), Opladen 1978, S. 11. 22 Hierzu grundsätzlich Aldo Agosti: Storia del Partito Comunista Italiano 1921–1991 [Geschichte der Kommunistischen Partei Italiens 1921–1991], Rom 1999; Silvio Pons: Berlinguer e la fine del comunismo [Berlinguer und das Ende des Kommunismus], Turin 2006. 23 Information für das Politbüro, Tagungen des ZK und der Zentralen Kommission der IKP vom 2. bis 5. Juli 1979 und am 10. Juli 1979, Berlin 13. Juli 1979, in: SAPMO-BArch, Büro Hermann Axen, DY/30/IV B 2/20/61. 24 Siehe Pons: Berlinguer (Anm. 22), S. 21–161. 25 Einschätzung der Gemeinsamen Erklärung der französischen KP und der italienischen KP vom 17. November 1975, in: SAPMO-BArch, Abteilung Internationale Verbindungen (im Folgenden: Int. Verb.), DY/30/IV B 2/20/187, S. 6. 26 Ebd., S. 7. 27 Ebd., S. 8. 28 Vermerk über Aussprache zwischen Genossen Erich Honecker und Genossen Georges Marchais am 1. November 1975, Berlin 4. November 1975, in: SAPMO-BArch, Int. Verb., DY/30/IV B 2/20/187, hier S. 5. 29 Bericht über die Konsultation des Genossen Paul Markowski, Mitglied des ZK und Leiter der Abteilung Internationale Verbindungen, mit Vertretern des ZK der Italienischen Kommunistischen Partei am 19. und 20. Mai in Rom, in: SAPMO-BArch, Int. Verb., DY/30/IV B 2/20/508, S. 4–6. 30 Einschätzung des gemeinsamen Programms von französischer KP und Sozialistischer Partei (ohne Datum), in: SAPMO-BArch, Büro Hermann Axen, DY/30/IV 2/2.035/92, S. 9. 31 Information Nr. 3/74 für das Politbüro, Haltung der französischen KP und der italienischen KP zur Frage des Weges zur Macht, Berlin, 10. Januar 1974, in: SAPMO-BArch, Int. Verb., DY/30/IV B 2/20/189. 32 Information Nr. 90/1978 für das Politbüro, Rede des Gen. der italienschen KP, Enrico Berlinguer, auf der Kundgebung zum Abschluss des Pressefestes der L‘Unità in Genua am 17. September 1978, Berlin 27. September 1978, in: SAPMO-BArch, Int. Verb., DY/30/IV B 2/20/60, S. 20. 33 Ebd. S. 19. 34 Zum »Eurokommunismus«, 1975 (Ohne Signatur), in: SAPMO-BArch, Int. Verb., DY/30/IV B 2/20/60, S. 2 (Im Folgenden: Zum »Eurokommunismus«). 35 Siehe Baumer: Camaradas? (Anm. 8), S. 202. 36 Siehe Di Palma: SED, PCF, PCI (Anm. 8), S. 85; ferner und grundsätzlich zu den Beziehungen zwischen der SED und dem PCF, Ulrich Pfeil: Die anderen deutsch-französischen Beziehungen. Die DDR und Frankreich 1949–1990, Köln 2004. 37 Siehe Baumer: Kommunismus (Anm. 8), S. 171–173. 38 Siehe ebd., S. 114–129. 39 Siehe Gemeinsame Erklärung der italienischen KP und spanischen KP/1975, in: Steinkühler: Eurokommunismus (Anm. 1), S. 272 f. 40 Siehe Tagung des ZK der Kommunistischen Partei Spaniens vom 28. bis 30. Juli 1976 in Rom, Berlin 11. August 1976, in: SAPMO-BArch, Int. Verb., DY/30/IV B 2/20/50. 41 Siehe Stefan Wolle: Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971–1989, Berlin 1998, S. 46–49. 42 Bericht über eine Konsultation des Genossen Paul Markowski, Mitglied des ZK und Leiter der Abteilung Internationale Verbindungen, mit Vertretern des ZK der italienischen Kommunistischen Partei am 19. und 20. Juni 1975 in Rom, in: SAPMO-BArch, Int. Verb., DY/30/IV B 2/20/508, S. 3. 43 Siehe Santiago Carrillo: Rede des Genossen Santiago Carrillo, und Enrico Berlinguer: Rede des Genossen Enrico Berlinguer, in: Konferenz der kommunistischen und Arbeiterparteien Europas. Dokumente und Reden, Berlin 1976, S. 119–127; S. 223–233. 44 Heinz Timmermann: Ost-Berlins Beziehungen zu Jugoslawien und »Eurokommunisten«, in: Deutschland Archiv 9/1977, S. 949–965. 45 Siehe Zum »Eurokommunismus« (Anm. 34). 46 Siehe Di Palma: SED, PCF, PCI (Anm. 8), S. 85. 47 Ohne Titel (Streng vertraulich vom ZK der KPdSU an die SED), über Büro Markowski, Berlin 14. Februar 1977, in: SAPMO-BArch, DY/30/IV B 2/20/188. 48 Ebd. S. 1 f. 49 Santiago Carrillo: »Eurokommunismus« und Staat, Hamburg 1977. 50 Siehe Timmermann: Ost-Berlin (Anm. 44). 51 Siehe ebd. S. 963 f. 52 Siehe Wentker: Außenpolitik (Anm. 15). 53 Information 55/1978 für das Politbüro, Rede des Generalsekretärs der italienischen Kommunistischen Partei, Enrico Berlinguer, auf einer Kundgebung in Barcelona am 28. Mai 1978 mit dem Generalsekretär der spanischen KP, Santiago Carrillo, und dem Sekretär der Sozialistischen Einheitspartei Kataloniens, Antonio Gutierrez Diaz, am 29. Mai 1978, Berlin 21. Juni 1978, in: SAPMO-BArch, DY/30/IV B 2/20/60, S. 4; S. 5. 54 Information 79/1977 für das Politbüro, Rede und Interview des Generalsekretärs der italienischen KP, Enrico Berlinguer, Quelle L’Unità vom 19./20. Juni 1977, Berlin 28. Juni 1978, in: SAPMO-BArch, DY/30/IV B 2/20/60, S. 6. 55 Siehe Di Palma: SED, Partito Comunista Italiano (Anm. 4), S. 146 f. 56 Siehe Lettera di Amerigo Terenzi a Giancarlo Pajetta [Brief von Amerigo Terenzi an Giancarlo Pajetta], 20. Juni 1980, Mikrofilm 8007, in: Archivio del Partito Comunista Italiano/Archiv des PCI (im Folgenden: APCI), Sez. Estero, S. 3. 57 Lettera del KPdSU al PCI [Brief der KPdSU an den PCI], 5. Dezember 1980, Mikrofilm 8012, in: APCI, Sez. Estero, S. 1. 58 Baumer: Camaradas? (Anm. 8), S. 205 f.; Di Palma: SED, PCF, PCI (Anm. 8), S. 89. 59 Relazione della delegazione del PCI (Cervetti, Cacciapuoti, Mechini) al X. Congresso della SED [Bericht der PCI-Delegation (Cervetti, Cacciapuoti, Mechini) auf dem X. Parteitag der SED], Berlin 10. bis 16. April 1981, Mikrofilm 8110, in: APCI, Sez. Estero, S. 6 f.; Verbale dei colloqui tra delegazioni della SED e del PCI [Protokoll der Gespräche zwischen der Delegation der SED und des PCI], Rom 11. November 1981, Mikrofilm 8112, in: APCI, Sez. Estero, S. 5. 60 Siehe SAPMO-BArch, Büro Hermann Axen, DY/30/IV 2/2.035/14, 15, 16. 61 Dies fand mit der Ernennung Michail Gorbačëvs im März 1985 zum Generalsekretär des ZK der KPdSU, der Verabschiedung seiner Glasnost-Politik und der damit einhergehenden Perestrojka – welche die SED im Gegensatz zu den westeuropäischen KPs ablehnte – ein jähes Ende. Siehe Bauerkämper/Di Palma: Bruderparteien (Anm. 4), darin insbesondere die Einleitung (hier S. 12 f.).

JHK 2012

Mit Ikonen und Gesang oder: Ein Bischof auf der Flucht vor seinem Kirchenvolk. Massenwallfahrten in Russland unter Stalin und Chruščëv

Ulrike Huhn

Die Sowjetunion war ein Land des Wundersamen. In der Vorstellung der orthodoxen Bevölkerung war der ländliche Raum durchzogen von sakralen Orten, die als potenziell wundertätige Heiligtümer aufgesucht wurden. Dazu zählten nicht nur die alten Klosteranlagen, sondern auch besondere Quellen, charakteristische Steine oder Bäume, die meist jenseits der Dörfer und damit außerhalb des bewohnten und akkulturierten Raumes lagen. Solche Heiligtümer waren Orte der Kommunikation mit dem Göttlichen – auch und gerade unter der Herrschaft der Bolschewiki, als sie einen Ersatz für die vielen geschlossenen Kirchen darstellen konnten. Wallfahrten zu solchen Heiligtümern unterlagen aber Konjunkturen und waren abhängig von den Amplituden der staatlichen antireligiösen Politik. Während in den Dreißigerjahren aufgrund von Terror und Kirchenverfolgung selbst die zuvor zentralen Wallfahrtsorte verwaist waren,1 lebten alte Pilgertraditionen nach der religionspolitischen Wende im Herbst 1943 wieder auf. Dies galt besonders für die nicht oder nur kurzzeitig besetzten Gebiete der RSFSR, wo es weiterhin kaum geöffnete Kirchen gab, während in der Ukraine und Belarus unter deutscher Besatzung einige Kirchen und Klöster wieder ihre Tore öffneten, die auch nach der Rückeroberung durch die Rote Armee nicht sofort wieder geschlossen wurden. Aufgrund dieser ungleichen Verteilung blieben Wallfahrten zu verehrten Quellen oder Seen ein Phänomen, das in der RSFSR bis zum Ende der Fünfzigerjahre besonders verbreitet war.2 Die Untersuchung von Wallfahrten in der späten Kriegs- und Nachkriegszeit hat daher verschiedene Dimensionen und bewegt sich im Spannungsfeld von Volksfrömmigkeit, dem Alltagsleben seiner Bevölkerung und der Kirchenpolitik des sowjetischen Staates. Auf dem Feld der Kirchenpolitik hatte Stalin mitten im Krieg, im September 1943, die Annäherung mit den wenigen noch amtierenden Metropoliten gesucht, nachdem diese sich trotz der katastrophalen Erfahrungen mit dem Stalin’schen Terror vom ersten Kriegstag an als loyal erwiesen hatten. Die Staats- und Parteiführung erhoffte sich, ihre Reputation bei den Alliierten verbessern und zugleich die Russisch-Orthodoxe Kirche als Akteur für die Gestaltung der europäischen Nachkriegsordnung instrumentalisieren zu können.3 Dies war ohne eine Wiederherstellung der kirchlichen Institutionen und eines kirchlichen Gemeindelebens nicht zu erreichen. Ein im Oktober 1943 eigens geschaffener »Rat für die Angelegenheiten der Russisch-Orthodoxen Kirche« hatte – unter der Leitung des langjährigen NKWD-Majors Georgij G. Karpov – die Aufgabe, die Wiederöffnung von einzelnen Kirchen zu koordinieren und zu kontrollieren. Die Kirchenführung ließ sich auf dieses »Konkordat« mit der Staatsführung ein, das ihr die Wiederherstellung der in den Terrorjahren erodierten kirchlichen Institutionen erlaubte. Nur so erschien es dem Episkopat möglich, für die Einhaltung kanonischer Normen in ihrem Kirchenvolk zu sorgen. Denn die kirchenlosen Jahre hatten zu dem verbreiteten Phänomen geführt, dass selbsternannte Geistliche (die sogenannten samočiniki) die Sakramente spendeten. Zwar war die Rückbindung des Kirchenvolkes an die Institution Kirche bzw. die theologische Fundierung der Frömmigkeitspraktiken der religiösen Laien ein Jahrhunderte altes Thema, aber das Sakramentenmonopol der Kirche war weitgehend akzeptiert worden.4 Wallfahrten bewegten sich in genau diesem Spannungsfeld, da sie einerseits für die gläubige orthodoxe Bevölkerung traditioneller Bestandteil ihres religiösen Lebens waren, andererseits von der Staatsführung und dem ihr ergebenen Episkopat nicht als konstitutive religiöse Praxis anerkannt wurden. Doch obwohl Wallfahrten und Prozessionen beeindruckende öffentliche Manifestationen religiösen Lebens waren, ging der Staats- und Parteiapparat für die Dauer von über einem Jahrzehnt nicht repressiv gegen sie vor. Die ersten großen Wallfahrten können auf das Jahr 1944 datiert werden, als angesichts der kirchenpolitischen Wende im Herbst 1943 orthodoxe Christen die traditionellen Pilgerfahrten wieder aufnahmen.5 Sie entwickelten sich zu Massenwallfahrten, die in den Fünfzigerjahren bis zu 20 000 Menschen anziehen konnten. Es erscheint paradox, dass solche religiös motivierten Massenumzüge in den letzten Jahren von Stalins Herrschaft zwar genau beobachtet, aber nicht gewaltsam verhindert wurden. Erst Nikita Chruščëv drängte mit seiner Modernisierungskampagne auf dem Land – und mit seiner Vision einer erreichbaren kommunistischen Gesellschaft – auf die physische Eliminierung von Orten, an denen als vormodern und »abergläubisch« wahrgenommene Praktiken kulminierten. Zugleich vollzog er damit auch auf dem Feld der Religionspolitik die Abkehr von der alten stalinistischen Politik.6 In diesem Artikel soll beleuchtet werden, warum die Staats- und Parteiführung trotz verschiedener Gegenmaßnahmen die Wallfahrten über einen Zeitraum von mehr als einem Jahrzehnt tolerierte. Dazu wird geschildert, wie die Wallfahrten in dem Jahrzehnt ihrer Blüte zwischen Kriegsende und der antireligiösen Kampagne von 1958/59 abliefen. Wie unterschieden sie sich von den vorrevolutionären Prozessionen? Wer nahm an ihnen teil und mit welcher Motivation? Welche Rolle spielten die Geistlichen der Orthodoxen Kirche, zu welcher Haltung wurden sie gegenüber den Wallfahrten gedrängt, und wie reagierten die Pilger darauf? Und wie wurde die Kampagne zur Eliminierung der Wallfahrten nach 1958 umgesetzt? Diese Fragen sollen am Beispiel der Prozessionen zum geschlossenen Kloster »Wurzel-Einsiedelei« (Korennaja pustyn’) untersucht werden, einer alljährlich stattfindenden großen Wallfahrt im Gebiet Kursk im Zentralen Schwarzerdegebiet Russlands. Der Fluchtpunkt des Sakralen Die Pilgerprozessionen zur »Wurzel-Einsiedelei« knüpften einerseits an vorrevolutionäre Wallfahrtstraditionen an, andererseits veränderte sich unter den Bedingungen des Spätstalinismus zwangsläufig ihr Charakter. Während vor 1917 große Klosterkomplexe, meist ausgestattet mit den Reliquien eines Heiligen, große Pilgermassen anzogen, existierten nach dem II. Weltkrieg auf dem gesamten Gebiet der RSFSR nur zwei geöffnete Klöster, nämlich das 1946 als Aushängeschild der vorgeblichen sowjetischen Religionsfreiheit wieder geöffnete Sergij-Dreifaltigkeits-Kloster nahe Moskau und das Höhlenkloster bei Pskov. Auf regionaler Ebene erhielten daher Orte, die mit dem wundersamen Erscheinen von Ikonen (javlenie ikony) oder Heiligenvisionen verbunden waren, besondere Bedeutung als Wallfahrtsorte.7 Denn im Verständnis orthodoxer Frömmigkeitspraktiken war das Heilige nicht auf den Kirchenraum begrenzt, sondern lag die Kraft des Göttlichen gerade darin begründet, dass sie überall auftreten und Wunder wirken konnte.8 Das Errichten von Kreuzen sowie der Bau von Kapellen, Kirchen und Klöstern markierte das Anerkennen der göttlichen Heilsgeschichte, die sich an eben jenen Orten offenbart hatte. Entsprechend bezogen sich die meisten großen Pilgerzüge der Nachkriegszeit auf geschlossene Klosteranlagen sowie ihnen nahe gelegene und als heilig verehrte Quellen, deren Reputation wiederum auf das Auffinden einer wundertätigen Ikone bzw. Heiligenvisionen zurückging – so auch im Fall des geschlossenen Einödklosters bei Kursk. Der massive Druck des atheistischen Staates wirkte auf diese Frömmigkeitspraktiken zurück: Die geschlossenen Klosteranlagen wurden gewissermaßen auf den Kern ihrer Heilsbotschaft reduziert, nämlich geografische Orte und materielle Zeugen der Begegnung mit dem Göttlichen zu sein. Daher ist es konsequent, dass auch dort, wo es keine regulären Gottesdienste mehr in geweihten und ausgeschmückten Kapellen, Kirchen und Kathedralen gab, die Pilger dennoch zu den geschlossenen Klosteranlagen zogen und an diesen Orten beteten. Die Geschichte der »Wurzel-Einsiedelei« bei Kursk umfasst all diese Aspekte. Der Legende nach war in den Wurzeln eines Baumes (daher der Name) in der Zeit der Tatareneinfälle am Ende des 13. Jahrhunderts wundersam die Ikone der »Muttergottes vom Zeichen« (Znamenie) erschienen. Ihr zu Ehren wurde zunächst eine Kapelle errichtet und später, im 16. Jahrhundert, das als »Wurzel-Einsiedelei« bezeichnete Einödkloster. Bereits Anfang des 17. Jahrhunderts etablierte sich die Tradition, die Ikone den größten Teil des Jahres in der Kathedrale von Kursk auszustellen und nur noch in den Sommermonaten in die Wurzel-Einsiedelei zu bringen. Seitdem wurde die Ikone an festgesetzten Tagen in einer feierlichen Prozession im Frühjahr aus Kursk in das Kloster und im September wieder zurück in die Stadt getragen. Die Prozessionen wurden auch fortgesetzt, nachdem die Ikone »vom Zeichen« 1920 zusammen mit vor den Bolschewiki flüchtenden Geistlichen aus Russland zunächst nach Serbien, später nach Deutschland und schließlich Amerika gebracht wurde.9 Für die Dreißigerjahre und bis zur deutschen Besatzung im Spätherbst 1941, als die Gebäude der Klosteranlage als Sanatorium dienten, sind keine Wallfahrten mehr dokumentiert. Da die Anlage unter der deutschen Besatzung von der Wehrmacht genutzt wurde, sind Wallfahrten auch in diesem Zeitraum unwahrscheinlich. Bald nach dem Abzug der deutschen Truppen zog im Frühsommer 1944 erstmals wieder ein Prozessionszug mit circa 2000 Menschen aus Kursk zum früheren Kloster. Seitdem stiegen die Teilnehmerzahlen von Jahr zu Jahr: 1948 sollen es 14 000 Pilger gewesen sein, 1955 und 1956 sogar 20 000. Statt der wundertätigen Ikone der »Muttergottes vom Zeichen« führten die Pilger nun jedoch eigene kleine Ikonen mit sich. Aber viel wichtiger noch: Die Klosteranlage war für den Wallfahrtszug nicht zugänglich, denn in den Gebäuden des ehemaligen Männerklosters war inzwischen eine Schule für die Mechanisierung der Landwirtschaft untergebracht.10 Stattdessen zogen die Pilger nun zu den 150 Metern von dem ehemaligen Klosterkomplex entfernten Quellen, an denen sie selbst Andachten abhielten und sich in dem als wunderkräftig verehrten Wasser wuschen. Gegenüber den traditionellen Wallfahrten der vorrevolutionären Zeit wiesen die Prozessionszüge der Vierziger- und Fünfzigerjahre also viele Unterschiede auf. Wie sehr aber waren die Wallfahrten noch an die Institution Kirche gebunden, und wie verhielt sich die Geistlichkeit der Kursker Eparchie zu den Wallfahrten? Entscheidend für diese Frage waren die Vorgaben von Staat und Partei gegenüber den Geistlichen der Russisch-Orthodoxen Kirche, sich an den Wallfahrten nicht mehr zu beteiligen. Wallfahrt ohne Priester – staatliche Steuerungsversuche unter Stalin Die Wallfahrten zur »Wurzel-Einsiedelei« gehörten zu den größten auf dem Gebiet der RSFSR, waren aber nicht die einzigen. Auch in der Stadt Urjupinsk im damaligen Gebiet Stalingrad (heute Volgograd) kamen alljährlich am 21. Juni zum Fest des Erscheinens der Ikone der Gottesmutter einige Tausend Pilger zusammen, ebenso im Gebiet Uljanovsk am Festtag des Heiligen Nikolaj am 22. Mai an einem als Ort einer Vision verehrten Berg nahe dem Dorf Surskoe.11 Aber erst seit dem Ende der Vierzigerjahre erhielt die Staats- und Parteiführung regelmäßig Meldungen über solche als »illegal« bezeichneten Wallfahrten.12 Zuvor gerieten Wallfahrten nur selten in den Blickwinkel der regionalen Bevollmächtigten des Rats für Kirchenangelegenheiten, weil diese sich zunächst auf die Erfassung der sichtbaren Kirchenstrukturen konzentrierten. Dennoch gab es bis 1953 keine zentralen Moskauer Initiativen zur Beendigung von Wallfahrten. Am besten dokumentiert ist in dieser Periode der Druck, den der Rat für Kirchenangelegenheiten auf die Kleriker ausübte, um deren Teilnahme an Prozessionen zu verhindern. So musste der Synod im August 1948 beschließen, seinen Geistlichen die Teilnahme an Prozessionen sowie Andachten im öffentlichen Raum zu untersagen, denn dies sei eine »offenkundige Verletzung des Prinzips der Trennung von Staat und Kirche«.13 Seit 1948 waren damit die Bischöfe in ihren Eparchien dafür verantwortlich, dass keine bei den staatlichen Stellen registrierten Priester an Wallfahrten teilnahmen. Im Kontext der allgemeinen Verschärfung des politischen und kulturellen Klimas in der Sowjetunion unter dem Parteifunktionär Andrej Ždanov stand auch die Arbeit des Rats für Angelegenheiten der Russisch-Orthodoxen Kirche und seiner Leitung unter Beschuss.14 Öffentlich ausgetragen wurde dies durch einen Artikel im Parteiorgan Pravda im Februar 1949. Unter dem Titel »Das Taufbecken von Saratov« wurde die von Geistlichen vorgenommene traditionelle Wasserweihe am Fest der Taufe des Herrn alljährlich am 19. Januar angeprangert. In der Volga-Stadt Saratov hatten 1949 einige Hundert Menschen in Eislöchern ein Bad in dem als besonders heilkräftig geltenden Flusswasser genommen; mehrere Tausend Menschen sollen diesen »obskuren«, »pornografischen« Praktiken zugesehen haben.15 Auf diesen inszenierten Skandal musste die Kirchenleitung mit der Strafversetzung des Bischofs von Saratov reagieren. So wurde auch dem letzten Priester vor Augen geführt, dass eine Teilnahme an Kirchenfesten oder Wallfahrten im öffentlichen Raum nicht mehr opportun war.16 Die Kanzlei des Patriarchats versandte nun entsprechende Zirkularbriefe an die einzelnen Eparchien; von dort wurden die Auflagen über die Superintendenten weitergeschickt.17 Wer als Priester dennoch an Prozessionen teilnahm, riskierte, seine staatliche Registrierung zu verlieren; das zu verhindern, war angesichts des eklatanten Priestermangels dringendes Gebot der Eparchie-Leitungen. Aus Sicht des Staates erwies sich dieses Teilnahmeverbot daher als ein effektives Mittel, um zumindest die Rückbindung der Wallfahrten an die Kirche zu schwächen, wenn schon die Prozessionszüge als solche nicht zu verhindern waren.18 In allen Berichten hatten die staatlichen Bevollmächtigten mitzuteilen, ob »registrierte Geistliche« an illegalen Prozessionen »unter freiem Himmel« teilnahmen und in solchen Fällen die angedrohte Rücknahme der Registrierung konsequent umzusetzen. Noch im Jahr 1953 betraf dies in der Eparchie Kursk einen Priester namens Suslikov.19 Mit diesem der Kirche gegenüber wirksamen Instrument in der Hand lehnte der Rat für Kirchenangelegenheiten in Moskau andere Maßnahmen zur Verhinderung der Kursker Wallfahrt ab: Als das Exekutivkomitee des Gebiets Kursk im Vorfeld der Prozession im Juni 1951 vorschlug, die Quellen zuzuschütten oder eine Quarantäne über das Gebiet zu verhängen, sprach sich der Moskauer Rat dagegen aus. Stattdessen verwiesen die Moskauer Kollegen ein weiteres Mal auf den Beschluss des Synod vom August 1948 und darauf, dass der Bischof von Kursk das Teilnahmeverbot bereits an die Priester seiner Eparchie weitergegeben habe.20 Die Priester, aber auch der Bischof standen vor einem unlösbaren Dilemma: Einerseits waren die Wallfahrten zur »Wurzel-Einsiedelei« ein integraler Bestandteil des kirchlichen Lebens der Eparchie, andererseits setzten sie mit ihrer Teilnahme die sonstige kirchliche Versorgung des Kirchenvolks aufs Spiel. Es sagt allerdings einiges über die Haltung des seit 1951 in Kursk amtierenden Bischofs Innokentij (Zel’nickij) aus, dass er sich über diese Frage ausgerechnet mit dem Bevollmächtigten des Moskauer Rats für Kirchenangelegenheiten im Gebiet Kursk vertrauensvoll aussprach. Dieser meldete den Inhalt des Gesprächs im Januar 1954 an den Moskauer Rat weiter: Der Bischof habe sich beklagt, »dass er im Zusammenhang mit diesen Prozessionen zur Wurzel[-Einsiedelei] in eine sehr unbequeme und heuchlerische Lage gebracht worden sei – er kann an diesen Tagen keine Gottesdienste halten und muss sich verbergen.«21 Zudem sei der Bischof mit den Bitten seiner Kirchgänger konfrontiert, ihre Ikonen bereits im Vorfeld der Prozession in der Kathedrale aufzunehmen und diese am Wallfahrtstag dem Prozessionszug feierlich zu übergeben. Direkt am Vorabend der Sommerprozession 1953 kamen Kirchgänger mit Brot und Salz zu ihm, um sich vor der Wallfahrt segnen zu lassen. Der Bischof weigerte sich jedoch, so meldete es der Bevollmächtigte nach Moskau, diese zu empfangen.22 In den darauffolgenden Jahren löste der Bischof das Problem auf einfache Weise: Er fuhr in den Tagen um die zahlenmäßig besonders starke Frühjahrsprozession ins Patriarchat nach Moskau.23 Neben diesen direkten Eingriffen in die kirchliche Autonomie lassen sich auch Einschüchterungsversuche gegenüber Laien vermuten, die sich auf den Weg zur Wallfahrt machten. Immer wieder gingen im Moskauer Rat für Kirchenangelegenheiten Meldungen aus den verschiedenen Gebieten der RSFSR ein, dass Vorsitzende von Kolchosen oder Dorfsowjets versucht hätten, Gläubige in ihrem Machtbereich am Kirchenbesuch oder an der Sammlung von Unterschriften unter Petitionen zugunsten von Kirchenöffnungen zu hindern. Vielfältig war auch ihr Vorgehen gegen lokal verehrte heilige Quellen. In einem Fall versuchte der Vorsitzende eines Landkreis-Exekutivkomitees, den Kirchenrat der Dorfkirche zu verpflichten, selbst eine Wache an der dem Dorf nächstgelegenen Quelle aufzustellen, um Wallfahrten zu verhindern. Solche Einschüchterungsversuche bezeichnete selbst Karpov in seiner Meldung an das ZK als »unsinnig«.24 Als »grobes Vorgehen« charakterisierte auch einer seiner Mitarbeiter einen anderen Vorfall mit einem Dorfsowjet-Vorsitzenden, der an einem lokalen Wallfahrtsort im Gebiet Voronež vor den Augen der versammelten Pilger in die dort verehrte Quelle urinierte.25 Warum Staats- und Parteiorgane in den späten Jahren von Stalins Herrschaft keine direkten Maßnahmen gegen die Pilger ergriffen, ist nicht eindeutig zu sagen. Eine gewisse Rolle spielte sicherlich die Vorsicht gegenüber dem Ausland, denn mit Rücksicht auf die außenpolitischen Erwartungen, die die sowjetische Führung in die Kirchenleitung setzte, sollten Nachrichten über Maßnahmen gegen Christen tunlichst vermieden werden. Dies mag angesichts des beginnenden Kalten Krieges und der rapide abnehmenden Bereitschaft der sowjetischen Führung, auf das Ansehen bei den früheren Verbündeten zu achten, verblüffen. Auf dem Feld der Religionspolitik jedoch war dies anders, denn Stalin und sein Umfeld wussten die Kirchenleitung erfolgreich für ihre geostrategischen Interessen zu instrumentalisieren. Dies galt für die Steuerung der Entwicklung in den osteuropäischen Satellitenstaaten ebenso wie für die ökumenische Bewegung und den Kampf gegen den Vatikan.26 Aus demselben Grund außenpolitischer Rücksichtnahme waren sogar schriftliche Anweisungen des staatlichen Rats für Kirchenangelegenheiten gegenüber den Klerikern verboten: So sollte verhindert werden, dass Beweise für die permanenten Restriktionen und Einmischungen in innerkirchliche Belange ins Ausland gelangten.27 Ein anderer Grund für die erstaunliche Toleranz gegenüber diesen Massenumzügen ist aber sicherlich auch darin zu suchen, dass Funktionäre von Staat und Partei die Wallfahrten trotz ihrer hohen Teilnehmerzahl nicht als gefährlich einschätzten: Solange sich »fast ausschließlich Frauen mittleren und gesetzteren Alters«28 den Prozessionszügen anschlossen und keine jüngeren Männer oder Vertreter der »dörflichen Intelligenz« beteiligt waren, mochten die Funktionäre die öffentliche Ordnung und die Loyalität der Träger des Systems als nicht gefährdet ansehen. Stattdessen schätzten Stalin und sein Umfeld angesichts der bitteren Armut auf dem Land die Situation in den Dörfern möglicherweise als so instabil ein, dass sie auch deshalb von Maßnahmen gegen die religiöse Bevölkerung absahen und den Wallfahrten sogar eine gewisse Ventilfunktion zubilligten.29 Motivation der Pilger und ihre Erwartungen an die Kleriker Für die Pilger waren die Wallfahrten aus verschiedenen Gründen reizvoll: Angesichts der katastrophalen Armut nach dem Krieg und der Ernüchterung über die ausgebliebene Liberalisierung des Systems und die erhoffte Abschaffung der verhassten Kolchosen30 boten Wallfahrten eine Fluchtmöglichkeit aus dem gleichförmigen Alltag, mit der zugleich dem Beharren auf der eigenen Würde Ausdruck verliehen werden konnte. Die aufwendige Gestaltung der selbst arrangierten Gottesdienste stand in klarem Kontrast zur alltäglichen Plackerei der Frauen und der nur vereinzelt aus dem Krieg zurückgekehrten Männer auf den Kolchosfeldern. Die wenigen dörflichen Angebote wie Lesehütten und Dorfklubs standen oft leer und waren verwahrlost.31 Auch aus diesem Grund waren die großen Wallfahrten für die Pilger eine eindrucksvolle Manifestation gegen das Regime, das ihnen so wenig zu bieten hatte. Denn die Prozessionszüge bedeuteten auch eine Rückeroberung des öffentlichen Raums durch die ins Abseits gedrängte Religion – angesichts der Terrorerfahrungen der Dreißigerjahre ein zuvor undenkbares Erlebnis. Dennoch sollten die Wallfahrten nicht zu antisowjetischen Demonstrationen stilisiert werden, denn in erster Linie nahmen die Pilger an ihnen teil, weil sie dort spirituelle Erfahrungen suchten und machen konnten. Deshalb verliefen die Konfliktlinien nicht nur entlang des Gegensatzes der Vertreter von Staat und Partei sowie den Pilgern, sondern bewegten sich in einem Dreiecksverhältnis mit der Amtskirche als weiterem Akteur. Wie stark die Rückbindung der Wallfahrten an die Kirche trotz der staatlichen Eingriffe war und wo ihre Grenzen verliefen, zeigt eine Analyse des Wallfahrtsgeschehens: Viele Pilger trafen sich bereits in den frühen Morgenstunden in den beiden geöffneten Kirchen der Stadt Kursk und nahmen dort an den Gottesdiensten teil. Im Sommer 1956, einem Jahr mit Rekordbeteiligung, sollen es 10 000 Pilger gewesen sein, die sich direkt nach diesen Gottesdiensten auf den 30 Kilometer langen Pilgerweg begaben – allerdings machten sie nur die Hälfte der für die Sommerwallfahrt 1956 nach Moskau gemeldeten 20 000 Teilnehmer aus, sodass die übrigen wohl erst auf dem Pilgerweg dazustießen.32 Unterwegs, schon in den Nachmittagsstunden, hielten die Pilger dann an der einzigen am Weg geöffneten Kirche der Heiligen Ioakim und Anna im Dorf Dolgoe an. Hier konnten, anders als in der Stadt, die privat mitgebrachten Ikonen in der Kirche nahe dem Altar aufgestellt und verehrt werden. Da allerdings nicht alle Pilger in der kleinen Dorfkirche Platz fanden, zogen die meisten weiter zu den als heilig verehrten Quellen am Fluss und setzten hier ihre Andachten fort. Damit gewährleisteten die Morgengottesdienste in Kursk, bei denen sich ein großer Teil der Pilger versammelte, und die geöffnete Kirche im Dorf Dolgoe nahe der Klosteranlage zwar eine gewisse Rückbindung an die Kirche. Die Mehrheit der Pilger jedoch kam offenbar nur zu den Andachten am Wasser zusammen, wo sie keinem Geistlichen begegneten. Viele Gemeindeglieder in der Eparchie Kursk drängten aber auf die Teilnahme ihres Bischofs oder doch wenigstens darauf, dass er die ohne Priester durchgeführten Wallfahrten akzeptierte. Ein halbes Jahr nach der Sommer-Prozession des Jahres 1953 erhielt der Bischof einen Brief von einer orthodoxen Christin aus der Stadt, die ihn mit der Enttäuschung der Pilger über sein Lavieren konfrontierte. Der ausführliche Brief ermöglicht einen seltenen Einblick in die Sichtweise der sonst oft stimmenlosen orthodoxen Laien. Im Zentrum steht die Frage nach dem Verhältnis der Geistlichkeit gegenüber der Prozession zu den Quellen nahe der »Wurzel-Einsiedelei«. Nun, fünf Jahre nach dem staatlichen Teilnahme-Verbot für die Kleriker an Prozessionen, hält es die Verfasserin offenbar für geboten, dem Bischof zu erklären, wie sie und ihre Glaubensgefährtinnen die Wallfahrt erleben und welche Bedeutung die Prozession für sie hat: »Teurer Bischof Innokentij! Jedes Jahr begleitet eine große Zahl von Betenden jedes Alters und jedes Standes [sic: soslovie] das Bildnis der Himmlischen Herrscherin in die Wurzel-Einsiedelei. Was ist das für ein ehrenhafter Weg! Mehr als tausend Menschen singen hier auf dem Weg die Lobpreislieder. Und mehr als ein Mensch singt die auswendig gelernten, berührenden Worte des Akathistos. […] Man fühlt dann keine Müdigkeit, Menschen im fortgeschrittenen Alter, die auf dem Weg stürzen, erheben sich wieder und laufen weiter. Es gibt keine Worte, um die Gefühle auszudrücken, die einem in diesem Moment die Seele erfüllen. Irgendein ungewöhnlicher Wirbel erhebt uns und trägt uns vorwärts, dorthin, zur Heiligen Quelle, zur steinernen Halde des zerstörten Altars. Hier beginnt der Gottesdienst, unser eigener, einfacher, laienhafter, der vielleicht nicht richtig ist und grob, aber dafür klar und aufrichtig. Er dauert die ganze Nacht, und wenn Wind oder Regen nicht stören, brennen Kerzen, der Akathistos wird mit einem solch tiefen Gefühl und Hingebung gesungen, dass man seine Seele für immer hier lassen möchte.«33 Die Feier eines Gottesdienstes und die Lesung des Akathistos durch Nicht-Kleriker berühren dabei einen kritischen Punkt, denn einerseits durften diese Marien-Hymnen zwar durchaus von Laien privat gesungen werden, andererseits standen sie als quasi-liturgische Texte unter der Aufsicht des Heiligen Synod und durften nicht eigenmächtig verfasst oder verändert werden.34 Aber es geht nicht nur um die Schönheit und Würde der von den Laien selbst gestalteten Gottesdienste an der Quelle nahe dem geschlossenen Kloster, sondern um das Verhalten der Geistlichen generell. Mit starken Worten bilanziert die Schreiberin: »Verehrte Eminenz! Es ist eine für einen Christen unwürdige Bangigkeit [bojazn’] – man muss sie vernichten.« Zugleich ist sie sich der Risiken bewusst, die die Priester und Laien im Dienst der Kirche gegenwärtig eingehen: »Gegenwärtig haben sie [die Geistlichen und kirchlichen Laien-Aktivisten] keinen leichten Dienst – möge Gott sie schützen. Es gibt niemanden, der nicht verstehen würde, was sie riskieren.« Daher fordert die Schreiberin den Bischof auch nicht explizit auf, an der Prozession teilzunehmen, aber sich zumindest positiv gegenüber diesen eigenständig organisierten Wallfahrten zu positionieren und diese nicht zu verurteilen: »Eminenz, es wäre schmerzhaft zu fühlen, dass Sie persönlich nicht einmal mit dem Herzen bei uns sind! Wir, die wir die Kathedrale als Gemeindemitglieder anderer Kirchen besuchen, lieben Sie als Hirten, mehr noch als einen einfachen Menschen, schätzen Ihre Aufmerksamkeit, würdigen jedes Ihrer Worte, erfüllen alle Ihre Anweisungen, und mit der ganzen Seele bemühen wir uns, klar und gehorsam zu sein, wie Sie dieses aufrichtig von uns wünschen. Aber … bezüglich der Prozession bitten wir, Eminenz, sich wegen unseres Ungehorsams nicht über uns zu erzürnen, da wir uns selbst überlassen sind. […] Der Herr segne Sie, werte Eminenz, um das Dargelegte richtig zu verstehen. Verurteilen Sie nicht Anastasija Zavozgrjaeva. Kursk.«35 »… dieses schädliche Relikt für immer liquidiert« – Die Kampagnen zur Beendigung der Wallfahrten unter Nikita Chruščëv Erst nach Stalins Tod versuchte die Staats- und Parteiführung, von zentraler Stelle gegen die einfachen Teilnehmer von Wallfahrten vorzugehen. Bereits Ende April 1953 sandte Karpov ein Memorandum an Nikita Chruščëv, der zu diesem Zeitpunkt ZK-Sekretär ohne festen Aufgabenbereich war, und schlug die Schaffung einer eigenen Kommission zur Beseitigung der verehrten Quellen und der Wallfahrten vor.36 In den darauffolgenden Wochen meldeten die Parteisekretäre derjenigen Gebiete, in denen Wallfahrten bekannt waren, nach Moskau, welche Gegenmaßnahmen sie bereits ergriffen hatten. Allerdings vermitteln die übersandten Auflistungen der gehaltenen antireligiösen bzw. »naturwissenschaftlich-atheistischen« Vorträge und anderer Bemühungen der regionalen Propaganda-Abteilungen eher den Eindruck, dass damit den Anweisungen der Moskauer Zentrale Genüge getan werden sollte. Die vom Kursker Gebietsparteisekretär angekündigte Übergabe des Grundstücks, auf dem sich die von den Pilgern verehrten Quellen befanden, an eine »elektromechanische Fabrik«, die den Zugang der Pilger beenden sollte, ist jedenfalls nicht umgesetzt worden.37 Wenig später, Ende Juni 1953, notierten die Sekretäre der Propaganda-Abteilung des ZK in ihrer Zusammenfassung der Meldungen für Nikita Chruščëv, dass man es »bei den von den regionalen Parteiorganisationen ergriffenen Maßnahmen bewenden lassen« könne und sie die von Karpov vorgeschlagene Kommission »nicht für notwendig« hielten.38 Im Sommer des Folgejahres erfolgte ein neuer Vorstoß: In seinem im Juli 1954 gefassten Beschluss »Über grobe Fehler in der wissenschaftlich-atheistischen Propaganda und Maßnahmen zu ihrer Verbesserung« benannte das ZK der KPdSU explizit auch die Wallfahrten in Kursk und folgerte: »Das Feiern von religiösen Feiertagen, das meist von vieltägigen Saufgelagen […] begleitet wird, bringt große Verluste für die Volkswirtschaft mit sich, sie lenkt Tausende Menschen von der Arbeit ab und untergräbt die Arbeitsdisziplin.«39 Wenige Monate später, im November 1954, ruderte das ZK allerdings bereits wieder zurück und bekannte, dass »ein beleidigendes Vorgehen gegen die Kirche, die Geistlichen und die gläubigen Bürger mit der von Partei und Staat bei der wissenschaftlich-atheistischen Propaganda vertretenen Linie unvereinbar ist und der Verfassung der UdSSR zuwiderläuft, die den Sowjetbürgern Gewissensfreiheit gewährt.«40 Dieses unklare Agieren wird mit einem Blick auf die gegensätzlichen Kräfte hinter den Kulissen des ZK verständlich, denn innerhalb der Parteiführung kämpften in der Religionsfrage zwei verschiedene Fraktionen um die Oberhand: Während Nikita Chruščëv auf antireligiöse Maßnahmen drängte, verstanden Malenkov, Vorošilov und Molotov das Moskauer Patriarchat als quasi staatliche und folglich gemäß der Interessen des Landes lenkbare Institution und knüpften damit an das Kirchenverständnis des späten Stalin an.41 Nach den beiden kurzen Kampagnen vom Sommer 1953 und 1954, die bereits mit Kirchenschließungen einhergingen, brach für die Russisch-Orthodoxe Kirche wieder eine relativ ruhige Zeit an. Es ist deshalb kein Zufall, dass in dieser Phase bis 1957 auch die zahlenmäßig größten Wallfahrten festzustellen sind. Der Umschwung erfolgte nach dem ZK-Plenum im Juni 1957 und geht auf ein Bündel von Faktoren zurück: Eine zentrale Rolle spielten Kaderwechsel innerhalb der Parteiführung, hinzu kamen außenpolitische Neukonfigurationen und wirtschaftliche Überlegungen.42 Im Rahmen der nun einsetzenden antireligiösen Kampagne sollten Wallfahrten nicht mehr über den Umweg der Kirchenleitung unterbunden werden, sondern die Pilger selbst gerieten ins Visier der Funktionäre. Im November 1958 beschloss das ZK schließlich direkte »Maßnahmen zur Beendigung der Wallfahrt zu sogenannten ›heiligen Quellen‹«. Die Partei- und Exekutivkomitees der Regionen und Sowjetrepubliken wurden nun ultimativ aufgefordert, die ganze Palette von Propaganda, Verwarnungen und Drohungen, z. B. verbunden mit Gerichtsprozessen, auszuschöpfen. Die lokale Bevölkerung wurde in inszenierten Abstimmungen gezwungen, dem Zuschütten nahe gelegener Quellen zuzustimmen oder das entsprechende Territorium für die Einrichtung von Pionierferienlagern o. Ä. zur Verfügung zu stellen. Die Parteikomitees aller Regionen hatten dem ZK der KPdSU bis zum 1. Juni 1959 über die ergriffenen Maßnahmen zur Umsetzung dieses Beschlusses zu berichten.43 In den letzten Maitagen 1959 erreichte das ZK eine Flut von Meldungen über die erfolgreiche »Liquidierung« der Quellen in den jeweiligen Regionen. Zwar merkten die Leiter der Propaganda-Abteilung des ZK in ihrem Abschlussbericht an, dass vereinzelt Maßnahmen ergriffen worden seien, die »die Gefühle der Gläubigen« beleidigt hätten. So sei im Gebiet Tambov auf dem Gelände nahe einer Quelle ein Sommerauslauf für Schweine geplant worden. Insgesamt sei die Kampagne aber erfolgreich verlaufen.44 Der Kursker Parteisekretär berichtete über die bewährte Methode, Druck auf die Eparchie auszuüben. So war den Klerikern »geraten« worden, an den Tagen der Wallfahrt keine Gottesdienste im Umfeld der Prozessionsroute abzuhalten. Außerdem sollten die Priester das entsprechende Sendschreiben des Patriarchen Aleksij verlesen sowie den Beschluss des Landkreis-Exekutivkomitees bekannt machen, dass der Zugang zur »Wurzel-Einsiedelei« untersagt sei. »Nach unseren Beobachtungen«, so der Kursker Parteisekretär, »wurden diese Maßnahmen umgesetzt.«45 Entscheidend dafür, dass die Prozession 1959 erstmals seit 15 Jahren nicht zustande kam, war aber wohl die personalintensive Agitation auf den Eisenbahn- und Busstationen der Stadt und die damit verbundende Drohkulisse. Der Sekretär konnte stolz vermelden: »Infolge der durchgeführten Arbeit wurde die Wallfahrt im Gebiet Kursk zur sogenannten ›heiligen Quelle‹ unterbunden. Am 2., 3. und 4. Juli war kein einziger Mensch unmittelbar an der ehemaligen Quelle.«46 Die optimistische Einschätzung, dass »auf diese Weise dieses schädliche Relikt für immer liquidiert« worden sei, hatte allerdings nur bedingt Bestand. Zwar standen das Gelände der »Wurzel-Einsiedelei« und der Pilgerweg aus Kursk auch in den Folgejahren unter besonderer Beobachtung, und die Koordination von Maßnahmen zur Verhinderung der Wallfahrt blieb eine der zentralen Aufgaben des regionalen Bevollmächtigten des Rats für Kirchenangelegenheiten.47 Aber dem Bevollmächtigten kamen Stimmen aus dem Städtchen Svoboda zu Ohren, »dass es hier bald keine Bezirksverwaltung mehr geben wird, und dann werden wir wieder an die Quelle gehen, die Umzäunung wieder herstellen und die Quellen freilegen«.48 Nur dort, wo das massive Aufgebot von Parteiaktivisten, Komsomol und Staatsbediensteten den Zugang zu den Quellen verhinderte und Pilger in »persönlichen Gesprächen« von der Wallfahrt abgehalten wurden, fanden tatsächlich keine Wallfahrten statt. An anderen Orten, die weniger im Fokus der Behörden standen und daher weniger stark kontrolliert wurden, zogen auch noch im Jahr 1960 kleinere Pilgerzüge entlang ihrer traditionellen Routen zu den von ihnen verehrten heiligen Quellen und Flüssen.49 Die Masse der Pilger, die in den Wallfahrten eine Möglichkeit sahen, ihre Religiosität leben zu können, konnte durch die Präsenz von Agitatoren und Milizionären nicht überzeugt, sondern nur abgeschreckt werden. Auch wenn Kirchen geschlossen und Wallfahrten verhindert wurden und die sichtbare Präsenz religiösen Lebens damit zurückging, konnten die Chruščëv’schen Kampagnen das grundlegende ideologische Ziel, nämlich die Unvereinbarkeit von Sowjetsozialismus und Religion zu beweisen, letztlich nicht erreichen.50 Die ländliche Sowjetunion blieb ein Raum, in dem sowjetische Kolchosbürger an ihren traditionellen Glaubenspraktiken und Weltsichten festhielten und wo Wunder und das plötzliche Aufscheinen göttlichen Heils für möglich gehalten und gefeiert wurden. Fazit Wallfahrten zu lokalen Heiligtümern erlebten nach der institutionellen Wiederauferstehung der Russisch-Orthodoxen Kirche im Herbst 1943 eine Renaissance. Als traditionelle Form orthodoxer Glaubenspraxis konnten sie die immer noch schwache Versorgung des ländlichen Raums mit Kirchen kompensieren. Wallfahrten und Prozessionen schufen Räume der Begegnung mit dem Heiligen. Dafür war es unwichtig, ob sie sich auf Orte bezogen, an denen zuvor bereits Kloster, Kirchen oder Kapellen existiert hatten oder die Pilger Orte wie besonders verehrte Quellen, Flüsse oder Bäume aufsuchten, die mit bestimmten Heilserfahrungen wie Visionen oder dem Auffinden von Ikonen verbunden waren, aber (noch) nicht die offizielle Anerkennung der Kirchenhierarchie erfahren hatten. Die Prozessionen zur »Wurzel-Einsiedelei« bei Kursk, die hier im Zentrum stehen, sind als Mischform zu betrachten, da die Pilger nun anstelle der geschlossenen und nicht mehr zugänglichen Klosteranlage die nahe gelegenen verehrten Quellen aufsuchten. Dennoch konnte diese Wallfahrt in den Jahren zwischen 1944 und 1958 bis zu 20 000 Pilger anziehen. Diese Prozessionen gehörten damit zahlenmäßig zu den größten auf dem Gebiet der RSFSR. Der Partei- und Staatsapparat beobachtete diese Massenversammlungen, ging aber in den Jahren bis zu Stalins Tod aus Rücksicht gegenüber den an die Russisch-Orthodoxe Kirche geknüpften geostrategischen Interessen nicht massiv dagegen vor. Stattdessen versuchten die Moskauer Funktionäre, die Anziehungskraft der Wallfahrten dadurch zu schwächen, dass sie den Priestern die Teilnahme untersagten. Die Wallfahrten zur »Wurzel-Einsiedelei« lockten aber gerade deshalb so viele Pilger an, weil sich die Autorität der Prozession aus den vorrevolutionären Wallfahrtspraktiken speiste. Andererseits war dieser sakrale Ort aktuell kein Kloster und der staatliche Zugriff vermittels der Kirche hier gering. Die Vertreter der institutionellen Kirche waren bei den sommerlichen Massenprozessionen zur »Wurzel-Einsiedelei« nur am Rande präsent. Zwar trafen sich die Pilger bei den Morgengottesdiensten in der Stadt Kursk und zogen von dort gemeinschaftlich los. Am Zielort der Wallfahrt begegneten die Teilnehmer aber keinem Geistlichen mehr. Dennoch nahmen wohl die meisten Pilger in dem Bewusstsein an der Wallfahrt teil, den orthodoxen Glaubens- und Handlungskanon zu erfüllen und drängten auf die Teilnahme des Bischofs und anderer Geistlicher. Auch wenn der Staat mit seinen Vorgaben und Reglementierungen des christlichen Lebens versuchte, darauf einzuwirken, was Bestandteil orthodoxen Glaubenslebens sein dürfte, scheiterte er an der Renitenz der orthodoxen Laien. Der Hebel, den die Staats- und Parteifunktionäre ansetzten, um den Handlungsspielraum der Kleriker zu begrenzen, war zu kurz, um auch die christlichen Laien zu erreichen. Für die Pilger wiederum waren die Wallfahrten eine der wenigen Ausbruchsmöglichkeiten aus einem von Armut und schwerer Arbeit geprägten Alltag. Darin lag auch der subversive Gehalt dieser nicht staatlich initiierten und sanktionierten Massenumzüge. Gerade weil die Sinnstiftungsangebote des Staates für große Teile der ländlichen und religiösen Bevölkerung nicht attraktiv (bzw. gar nicht vorhanden) waren, musste es den Staat überfordern, die überlieferten Praktiken orthodoxer Volksfrömmigkeit fortwährend zu kontrollieren und einzuhegen. Diese Erfahrung mussten auch andere Regime machen.51 Die Führungsspitze von Staat und Partei fand in dem langen Jahrzehnt der Blütezeit der Wallfahrten zu keiner einheitlichen Position. Sie schwankte zwischen Initiativen zur Unterbindung der Prozessionen einerseits und der Akzeptanz der Ventilfunktion, die die religiösen Umzüge für einen als marginal eingeschätzten Teil der Bevölkerung boten. Die widerstreitenden Kräfte hinter den Kulissen der Macht schufen einen Freiraum, den das Kirchenvolk zu nutzen wusste. Ihr Eigensinn gegen die willfährige Haltung des orthodoxen Klerus war Voraussetzung für die erstaunlichen Manifestationen religiösen Lebens, die die Massenwallfahrten der Nachkriegszeit waren. 1 Eine Ausnahme bilden die eindrücklichen Erinnerungen von Vera J. Vasilevskaja, einer Moskauer Ärztin, die Mitte der Dreißigerjahre in einer Untergrundgemeinde in Zagorsk bei Moskau getauft wurde und in dieser Zeit als Urlaubsreisen deklarierte Wallfahrten zu längst geschlossenen Klosterkomplexen, u. a. in die Optina Pustyn’ sowie 1940 nach Sarov und Diveevo unternahm. Siehe Vera J. Vasilevskaja (Hg.): Katakomby XX veka. Vospominanija [Katakomben des 20. Jahrhunderts. Erinnerungen], Moskau 2001, S. 28–30 sowie 74–91. 2 Siehe Schreiben von Georgij G. Karpov, Vorsitzender des Rats für Angelegenheiten der Russisch-Ortho-doxen Kirche (im Folgenden: ROK), an Nikita Chruščëv, 29. April 1954, in: Rossijskij gosudarstvennyj archiv novejšej istorii/Russisches Staatsarchiv für Neuere Geschichte (im Folgenden: RGANI), f. 5, op. 16, d. 642, ll. 80-84. 3 Siehe Steven M. Miner: Stalin’s holy war. Religion, Nationalism, and Alliance Politics, 1941–1945, Chapel Hill 2003, besonders Teil II u. III sowie Tatiana A. Chumachenko: Church and State in Soviet Russia, 1941–1961. Russian Orthodoxy from World War II to the Krushchev years, Amonk 2002, S. 15–86. 4 Siehe Gregory L. Freeze: Institutionalizing Piety. The Church and Popular Religion, in: Jane Burbank/David L. Ransel (Hg.): Imperial Russia. New histories for the empire, Bloomington 1998, S. 210–249. 5 Siehe z. B. die Meldung von Georgij G. Karpov über illegales Kirchenleben an das ZK VKP(b), Malenkov; 25. April 1949, in: Rossijskij gosudarstvennyj archiv social’no-političeskoj istorii/Russisches Staatsarchiv für sozialpolitische Geschichte (im Folgenden: RGASPI), f. 17, op. 132, d. 109, ll. 69-77, hier Bl. 72. Publiziert in: Aleksej Beglov: V poiskach »bezgrešnych katakomb«. Cerkovnoe podpol’e v SSSR. [Auf der Suche nach den »sündenlosen Katakomben«. Der kirchliche Untergrund in der Sowjet-union], Moskau 2008, S. 292. 6 Siehe Andrew B. Stone: »Overcoming Peasant’s Backwardness«. The Krushchev Antireligious Campaign and the Rural Soviet Union, in: The Russian Review 67 (2008), H. 2, S. 296–320, hier S. 297. 7 So im Fall der Wallfahrt am Festtag des Heiligen Nikolaj alljährlich am 22. Mai zum Berg Nikolina Gora im Gebiet Ul’janov oder in Erinnerung an das wundersame Auffinden der Ikone der Gottesmutter in der Stadt Urjupinsk im Gebiet Stalingrad jeweils am 21. Juni. Siehe Georgij G. Karpov an Nikita Chruščëv, 29. April 1954, in: RGANI, f. 5, op. 16, d. 642, ll. 80-84. 8 Siehe Freeze: Institutionalizing Piety (Anm. 4), S. 227. 9 mit dem Moskauer Patriarchat im Jahr 2007 konnte auch die Ikone »vom Zeichen« im Herbst 2009 besuchsweise wieder nach Russland kommen, ist aber weiter im Besitz der immer noch administrativ eigenständigen orthodoxen Auslandskirche. Siehe http://www.korennaya.ru/ikona/doc00010.html, ges. am 15. August 2011. 10 Siehe den Bericht des Oberinspektors des Rats, A. M. Paškin, an den Vorsitzenden, Georgij G. Karpov, über den Ablauf der Wallfahrten im letzten Jahrzehnt; 7. Oktober 1958, in: Gosudarstvennyj archiv Rossijskoij Federacii/Staatsarchiv der Russischen Föderation (im Folgenden: GARF), f. 6991, op. 2, d. 229, ll. 1-5, hier Bl. 1. Siehe auch die kurze Passage zur Wallfahrt von Kursk bei Aleksej Beglov: V poiskach »bezgrešnych katakomb« (Anm. 5), S. 180 f. Allerdings überspannt Beglov mit seinem Fokus auf das »illegale Kirchenleben« den Bogen, wenn er die Wallfahrten zur Wurzel-Einsiedelei als »die auffälligste illegale Wallfahrt in Zentralrussland« charakterisiert: Für die Pilger war es eine traditionelle religiöse Praktik und hatte zumindest in ihrem Selbstverständnis nichts mit Illegalität zu tun. 11 Siehe Zapiska Soveta po delam RPC [Meldung des Rats für Angelegenheiten der ROK], 24. September 1958, in: »Dobit’sja zakrytija tak nazyvaemych ›svjatych mest‹«. Cerkov’ pod kontrolem [»Die Schließung der sogenannten ›heiligen Orte‹ erzwingen.« Kirche unter Kontrolle], in: Istočnik. Vestnik Archiva Prezidenta RF, H. 4 (1997), S. 120–129. 12 Siehe Meldung von Georgij G. Karpov über illegales Kirchenleben an das ZK VKP(b), Malenkov; 25. April 1949, in: RGASPI, f. 17, op. 132, d. 109, ll. 69-77. Publiziert in: Beglov: V poiskach »bezgrešnych katakomb« (Anm. 5), S. 292. Eine der frühesten Meldungen über eine Wallfahrt an die oberste Führung ging 1947 bezeichnenderweise nicht aus dem Rat für Kirchenangelegenheiten ein, sondern erfolgte durch den Innenminister direkt an Stalin, Berija und Ždanov. Siehe Meldung über Massenaufläufe im Gebiet L’vov nach »Gerüchten« über eine Vision der Gottesmutter, 30. August 1947, in: GARF, f. R-9401, op. 2, d. 170, ll. 344-345. Über die Meldungen, die aus dem Geheimdienstapparat eingingen, sind keine Aussagen möglich. 13 Siehe das Protokoll der Synod-Sitzung vom 25. August 1948, in: GARF, f. 6991, op. 2, d. 66a, ll. 44-47, hier Bl. 44f. 14 Siehe Chumachenko: Church and State in Soviet Russia (Anm. 3), S. 87–103. 15 N. Rjabov: Saratovskaja kupel’, in: Pravda. Organ Central’nogo Komiteta i MK VKP(b), 19. Februar 1949, S. 3. 16 Siehe Chumachenko: Church and State in Soviet Russia (Anm. 3), S. 96–98 sowie auch die publizierten Dokumente in Elena Ju. Zubkova (Hg.): Sovetskaja žizn’. 1945–1953 [Sowjetleben. 1945–1953], Moskau 2003, S. 664–668. 17 Siehe Schreiben von Patriarch Aleksij an die Diözesan-Bischöfe, 24. Dezember 1949; Abschrift zur Kenntnis von Georgij G. Karpov, in: GARF, f. 6991, op. 2, d. 73, l. 35. Zitiert nach Natal’ja A. Krivova/Jurij G. Orlov (Hg.): Pis’ma patriarcha Aleksija I v Sovet po delam Russkoj pravoslavnoj cerkvi pri Sovete narodnych komissarov – Sovete ministrov SSSR. 1945–1970 gg. [Briefe des Patriarchen Aleksij I. an den Rat für Angelegenheiten der Russisch-Orthodoxen Kirche beim Rat der Volkskommissare – Ministerrat der UdSSR. 1945–1970], Moskau 2009, Bd. 1, 1945–1953, S. 502 sowie z. B. das Telegramm des Bischofs Ioasaf (Žurmanov) von Tambov und Mičurinsk an Geistliche im Landkreis Sosnovskij mit einem kategorischen Teilnahmeverbot für Andachten an Quellen, 17. Mai 1951. Abschrift zur Kenntnis des Bevollmächtigten, in: Gosudarstvennyj archiv Tambovskoj oblasti/Staatliches Gebietsarchiv von Tambov (im Folgenden: GATO) f. R-5220, op. 1, d. 109, Bl. 253. 18 Siehe die Meldung von Georgij G. Karpov an die Propaganda-Abteilung des ZK vom 8. September 1950 über die von ihm eingeleiteten Maßnahmen zur Eingrenzung der Aktivität der Kirchen, hier ein weiteres Mal mit dem Hinweis auf die von der Kirchenleitung erteilten Verbote hinsichtlich der Teilnahme von Priestern an Prozessionszügen, in: RGASPI, f. 17, op. 132, d. 285, ll. 160-169, hier Bl. 168. 19 Siehe den Bericht des Bevollmächtigten für das Gebiet Kursk für das 2. Halbjahr 1953 an Georgij G. Karpov; 9. Januar 1954, in: GARF, f. 6991, op. 1, d. 1141, ll. 2-14, hier Bl. 7. 20 Siehe das Schreiben von Georgij G. Karpov an die Propaganda-Abteilung des ZK VKP(b), Michail A. Suslov, in: RGASPI, f. 17, op. 132, d. 497, ll. 141-143. 21 Bericht des Bevollmächtigten für das Gebiet Kursk, Volodin, an den stellvertretenden Vorsitzenden des Moskauer Rats für Kirchenangelegenheiten, Belyšev, über das Gespräch mit Bischof Innokentij am 12. Januar 1954, 25. Januar 1954, in: GARF, f. 6991, op. 1, d. 1141, ll. 34-36, hier Bl. 34. 22 Ebd., Bl. 35. 23 Siehe den Bericht von Georgij G. Karpov an das Büro des ZK der KPdSU der RSFSR und den Ministerrat der RSFSR über Wallfahrten zur »Wurzel-Einsiedelei« vom 20. Juli 1956, in: GARF, f. 6991, op. 1, d. 1332, ll. 131-132 sowie den Bericht des Bevollmächtigten vom 17. Juni 1958 an den stellvertretenden Vorsitzenden des Rats für Kirchenangelegenheiten, Pavel G. Čerednjak, über die Wallfahrt zur Wurzel-Einsiedelei am 13. Juni 1958, in: GARF, f. 6991, op. 2, d. 229, ll. 6-10, hier Bl. 10. 24 Meldung von Georgij G. Karpov an die Propaganda-Abteilung des ZK, Michail A. Suslov; 27. September 1952, in: RGASPI, f. 17, op. 132, d. 569, ll. 234-238, hier S. 234. 25 Siehe den Bericht von Georgij T. Utkin, , o. D. [Ende 1949], in: RGASPI, f. 17, op. 132, d. 111, ll. 200-210, hier Bl. 206. 26 Tat’jana Volokitina/Galina P. Muraško/Al’bina F. Noskova: Moskva i Vostočnaja Evropa. Vlast’ i cerkov’ v period obščestvennych transformacij 40 – 50-ch godov XX veka. [Moskau und Osteuropa. Staat und Kirche in der Phase der gesellschaftlichen Transformationen der Vierziger- und Fünfzigerjahre des 20. Jahrhunderts], Moskau 2008, S. 82–159. 27 Siehe Chumachenko: Church and State in Soviet Russia (Anm. 3), S. 30 f. 28 Siehe z. B. den Bericht von Georgij G. Karpov an das Büro des ZK der KPdSU und den Ministerrat der RSFSR vom 20. Juli 1956, in: GARF, f. 6991, op. 1, d. 1332, ll. 131-132. 29 Siehe die verschiedenen Meldungen an die Parteiführung über die katastrophale Situation auf dem Land, publiziert in: Zubkova (Hg.): Sovetskaja žizn’ (Anm. 16), besonders S. 213–266. 30 Siehe Elena Zubkova: Russia after the War. Hopes, Illusions, and Disappointments, 1945–1957. Armonk/New York 1998, besonders S. 59–67. 31 Siehe z. B. den Bericht aus dem Gebiet Gor’ki; 10. Oktober 1952, in: GARF, f. 6991, op. 1, d. 892, ll. 33-43, hier Bl. 40. 32 Siehe den Bericht von Georgij G. Karpov an das Büro des ZK der KPdSU und den Ministerrat der RSFSR vom 20. Juli 1956, in: GARF, f. 6991, op. 1, d. 1332, ll. 131-132. 33 Abschrift des Briefs von Anastasija Zavozgrjaeva an Bischof Innokentij (Zel’nickij) von Kursk, o. D. [Anfang 1954]; Anhang des Schreibens des Bevollmächtigten Volodin an den stellvertretenden Vorsitzenden des Rats, Belyšev, vom 25. Januar 1954, in: GARF, f. 6991, op. 1, d. 1141, ll. 38-44. 34 Siehe für die Zeit bis 1917 die Untersuchung von Vera Shevzov: Between »Popular« and »Official«: Akafisty Hymns and Marian Icons in Late Imperial Russia, in: John-Paul Himka (Hg.): Letters From Heaven. Popular religion in Russia and Ukraine, Toronto 2006, S. 251–277, hier S. 253–255. Auch in den Sitzungsprotokollen des Heiligen Synod für die Jahre nach 1943 finden sich immer wieder Beschlüsse über die Bestätigung oder Ablehnung von neu verfassten Akafisty für Gottesdienste in bestimmten Eparchien, siehe z. B. Protokoll vom 3. Juni 1948, in: GARF, f. 6991, op. 2, d. 66a, l. 38 sowie vom 23. Juli 1953, in: GARF, f. 6991, op. 2, d. 99a, ll. 53 f. 35 Abschrift des Briefs von Anastasija Zavozgrjaeva an Bischof Innokentij (Zel’nickij) von Kursk, o. D. [Anfang 1954] (Anm. 33). 36 Siehe Karpov an Chruščëv, 29. April 1954, in: RGANI, f. 5, op. 16, d. 642, ll. 80-84. Der russische Kirchenhistoriker Michail Škarovskij geht kurz auf diese Initiative von Karpov ein, allerdings mit fehlerhaften Quellenangaben, siehe Michail Škarovskij: Russkaja Pravoslavnaja Cerkov’ pri Staline i Chruščeve. Gosudarstvenno-cerkovnye otnošenija v SSSR v 1939–1964 godach. [Die Russisch-Orthodoxe Kirche unter Stalin und Chruščëv. Die Staat-Kirche-Beziehungen in der UdSSR 1939–1964], 3. Aufl. Moskau 2005, S. 348. 37 Siehe Meldung des Parteisekretärs des Gebiets Kursk an den Leiter der ZK-Abteilung für Wissenschaft und Kultur, Aleksej M. Rumjancev; 2. Juni 1953, in: RGANI, f. 5, op. 16, d. 642, ll. 93-95. 38 Aleksej M. Rumjancev u. a. an N. Chruščëv, 27. Juni 1953, in: RGANI, f. 5, op. 16, d. 642, ll. 111-112. 39 Aus: F. Garkavenko (Hg.): O religii i cerkvi. Sbornik dokumentov. [Über Religion und Kirche. Dokumentenband], Moskau 1965, S. 71–77, hier S. 72. Eine gekürzte deutsche Fassung des ZK-Beschlusses (ohne dieses Zitat) ist publiziert in: Peter Hauptmann/Gerd Stricker (Hg.): Die Orthodoxe Kirche in Rußland. Dokumente ihrer Geschichte (860–1980), Göttingen 1988, S. 802 f. 40 »Über Fehler in der wissenschaftlich-atheistischen Propaganda unter der Bevölkerung. Beschluss des ZK der KPdSU (10. November 1954)«, nach ebd., S. 804 f. 41 Siehe Škarovskij: Russkaja Pravoslavnaja Cerkov’ pri Staline (Anm. 36), S. 348. Zur Herausbildung von Stalins Position, das Moskauer Patriarchat für seine Außenpolitik zu instrumentalisieren, siehe Miner: Stalin’s holy war (Anm. 3), S. 51–92. 42 Siehe Škarovskij: Russkaja Pravoslavnaja Cerkov’ pri Staline (Anm. 36), S. 352–362 sowie Stone: »Overcoming Peasant’s Backwardness« (Anm. 6), S. 301. 43 Siehe Vypiska iz protokola No. 193 zasedanija Prezidiuma CK KPSS ot 28 nojabrja 1958 goda [Auszug aus dem Protokoll Nr. 193 der Sitzung des Präsidiums des ZK der KPdSU vom 28. November 1958], in: »Dobit’sja zakrytija tak nazyvaemych ›svjatych mest‹« (Anm. 11), S. 127 f. 44 Siehe die Zusammenstellung der Leiter der Propaganda-Abteilung des ZK, Leonid F. Il’ičëv und V. Moskovskij, 16. Juli 1959, in: RGANI, f. 5, op. 33, d. 125, ll. 132-136, hier Bl. 135. Die Meldungen der einzelnen Parteikomitees sind in der gleichen Akte einsehbar. 45 Bericht des Sekretärs des Gebietskomitees der KPdSU für das Gebiet Kursk, I. B. Dudkin, über die Umsetzung des ZK-Beschlusses vom 28. November 1958 (Maßnahmen zur Beendigung der Wallfahrten), 8. Juli 1959, in: RGANI, f. 5, op. 33, d. 125, ll. 123-128, hier Bl. 123 und 127 f. 46 Ebd. 47 Siehe Maßnahmenplan des Bevollmächtigten des Gebiets Kursk für das 1. Halbjahr 1961, in: GARF, f. 6991, op. 1, d. 1866, ll. 1-6, hier Bl. 2; Jahresbericht für 1961, in: GARF, f. 6991, op. 1, d. 1967, ll. 1-33, S. 24 sowie Jahresbericht für 1962, in: GARF, f. 6991, op. 1, d. 2066, ll. 1-34, S. 19. Leider sind die Unterlagen des Rats für Kirchenangelegenheiten für die Jahre ab 1964 noch nicht zur Einsicht freigegeben, sodass keine Aussagen darüber möglich sind, ob die Wallfahrten nach dem Ende von Chruščëvs Amtszeit wieder auflebten. 48 Siehe Jahresbericht für 1962; 19. Februar 1963, in: GARF, f. 6991, op. 1, d. 2066, ll. 1-34, S. 19. 49 Siehe Meldung des stellvertretenden Vorsitzenden des Rats, Pavel G. Čerednjak, an die Propaganda-Abteilung des ZK; 13. August 1960, in: GARF, f. 6991, op. 1, d. 1747, ll. 146-156, hier Bl. 154. So sei im Juni 1960 eine Gruppe von 600 Pilgern aus der Stadt Kirov 70 Kilometer zum Fluss Velikaja gezogen, ohne dass sich ihnen jemand in den Weg gestellt habe; während im Gebiet Tula sogar um die 3000 Menschen eine Quelle im Dorf Tjurten’ aufsuchten. 50 Siehe Stone: »Overcoming Peasant’s Backwardness« (Anm. 6), S. 311–320. 51 Siehe Anna Maria Zumholz: Volksfrömmigkeit und totalitäres NS-Regime. Marienerscheinungen in Heede/Emsland 1937 und 1940, in: Bernhard Schneider (Hg.): Maria und Lourdes. Wunder und Marienerscheinungen in theologischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive, Münster 2008, S. 198–223 sowie Steve Smith: Local Cadres Confront the Supernatural. The Politics of Holy Water (Shenshui) in the PRC, 1949–1966, in: The China Quarterly 188 (2006), S. 999–1022.

JHK 2012

Der Einfluss grundlegenden ökonomischen Wandels auf ethnische Auseinandersetzungen in multinationalen Staaten. Die Beispiele Jugoslawien und Sowjetunion

Jörg Roesler

Die Beispiele Jugoslawien und Sowjetunion Marie-Janine Calic/Dietmar Neutatz/Julia Obertreis (Hg.): The Crisis of Socialist Modernity. The Soviet Union and Yugoslavia in the 1970s, Göttingen: Verlag Vandenhoeck & Ruprecht 2011, 231 S., ISBN 978-3-525-31042-7 Marie-Janine Calic: Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert (= Europäische Geschichte im 20. Jahrhundert, hg. von Ulrich Herbert), München: C. H. Beck Verlag 2010, 415 S., ISBN 978-3-406-60645-8 Olaf Ihlau/Walter Mayr: Minenfeld Balkan. Der unruhige Hinterhof Europas, München: Siedler Verlag 2009, 304 S., ISBN 978-3-88680-916-5 Buchpublikationen über den Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaft in den osteuropäischen Staaten sind zahlreich. Das gilt auch, vielleicht sogar in besonderem Maße für die Sowjetunion1 und Jugoslawien2, wo das Ende des Realsozialismus vom Zerfall des Staatswesens begleitet war. In beiden Fällen trat an die Stelle des Vielvölkerstaates eine Anzahl ethnisch definierter Länder in den Grenzen der in den beiden multiethnischen Föderationen bereits zuvor existierenden regionalen Republiken.3 In Teilen Jugoslawiens und in der sowjetischen Kaukasusregion mündeten die heftigen Auseinandersetzungen in einen blutigen Bürgerkrieg, auf dem Gebiet des Balkanstaats und der Sowjetunion waren sie in jedem Fall von Flucht bzw. Vertreibung des zur nationalen Minderheit gewordenen »Hauptvolkes« der Bundesstaaten begleitet. Diese brutalen Entwicklungen haben manche Autoren, die über das Ende der beiden Vielvölkerstaaten schrieben, veranlasst, ja verführt, die ethnischen Konflikte zur Leitlinie der historischen Darstellung dieser Staaten zu machen. Unterschieden wird dann zwischen Phasen, in denen es – sei es kraft Überzeugung oder mittels Repression – gelang, die ethnischen Konflikte in den Hintergrund zu drängen und jene, in denen diese Konflikte deutlich zutage traten. Dieses Konzept liegt offensichtlich dem Buch der Journalisten bzw. Sozialwissenschaftler Olaf Ihlau und Walter Mayr zugrunde, das überwiegend dem Zerfall Jugoslawiens nach 1990 gewidmet ist — der »Dekade der vier jugoslawischen Erbfolgekriege«. Es enthält aber auch historische Rückblicke bis hin zur 600 Jahre zurückliegenden Schlacht auf dem Amselfeld, als die »Geburtsstunde des großserbischen Volksmythos« schlug. Vor diesem historischen Hintergrund, geschürt und missbraucht durch den »großen Puppenspieler des Balkan«, Slobodan Milošević, werden auch der Zerfall der jugoslawischen Föderation und die Bürgerkriege der Neunzigerjahre erklärt. Als Gegenfigur zu Milošević fungiert bei Ihlau und Mayr Jugoslawiens langjähriger Präsident Josep Broz Tito. Er, der »kommunistische Berufsrevolutionär«, der »einen Personenkult mit monarchischen Ausschweifungen« pflegte, wird als charismatischer Führer geschildert, der das ganze Gewicht seiner Persönlichkeit dafür einsetzte, die ethnischen Konflikte im Vielvölkerstaat unter Kontrolle zu halten. »Brüderlichkeit und Einheit«, heißt es bei Ihlau und Mayr, erhob Tito zur Staatsparole. Wer dagegen verstieß, konnte durch Ämterentzug, Positionsverlust, aber auch mit Gefängnis hart bestraft werden. Titos auf die multiethnische Balance ausgerichtete Innenpolitik sei darüber hinaus »durchaus machiavellistisch« gewesen. Der Staatspräsident auf Lebenszeit habe sich nicht gescheut, die im Bund vereinigten sechs gleichberechtigten Teilrepubliken und zwei autonomen Provinzen gegeneinander auszuspielen. Ihlau und Mayr zitieren in diesem Zusammenhang eine kroatische Politikerin mit folgenden Worten: »Die Mazedonier ermutigte er in ihrer Abwehr gegen die Serben, aber nur bis zu einer bestimmten Grenze. Die Bosnier unterstützte er wiederum gegen die Mazedonier. Den Slowenen und auch den Bosniern setzte er den Floh ins Ohr, dass sich die Kroaten und Serben vielleicht auf Kosten der Slowenen verständigen könnten. Den Bosniern schmeichelte er mit der These, sie seien der wichtigste Gleichgewichtsfaktor in Jugoslawien.« (S. 37) Vor allem aber, so die Bewertung Ihlaus und Mayrs, sei es Tito gelungen, die hegemonialen Ansprüche der Serben zu kontrollieren. Tito starb 1980. Sein Tod wurde von einem Großteil der jugoslawischen Bevölkerung beklagt. Titos Erben, »politische Pygmäen«, hätten aber in den Achtzigerjahren »die zentrifugalen Kräfte, die in der Geschichte verkapselten Furien des ethnischen Hasses« nicht länger bändigen können, so die beiden Autoren. Zu einer deutlich anderen Einschätzung der Ursachen von Zusammenhalt und Verfall der jugoslawischen Föderation als Ihlau und Mayr gelangt Marie-Janine Calic, Professorin für Geschichte Ost- und Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München in ihrer Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert, die sie mit der Neuordnung des Balkans auf Bismarcks »Berliner Kongress« 1878 beginnen lässt. Der Band schildert im ersten Teil die Entwicklung des Landes bis zur Bildung des jugoslawischen Staates 1918 und in weiteren fünf Abschnitten das Königreich bis zu seiner Zerstörung durch die Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg, den Partisanenkrieg und das sozialistische Jugoslawien von seiner Gründung bis zum Tode Titos, sowie die Zeit nach Tito, den Zerfall der Föderation und den Nachfolgekrieg. Das Buch, die erste in Deutschland veröffentlichte Gesamtdarstellung Jugoslawiens seit der Auflösung der Föderation,4 ist auf der Grundlage sorgfältiger Recherche entstanden, die bereits eine frühere Publikation der Autorin – zur Geschichte Serbiens im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – auszeichnete.5 Hervorzuheben ist für dieses Buch von Marie-Janine Calic wie auch für die von ihr wesentlich mitgeprägte Publikation zur Entwicklung der Sowjetunion und Jugoslawiens in den Siebzigerjahren, auf die später ausführlicher eingegangen werden soll, die außerordentliche Fähigkeit der Autorin, Politik-, Ökonomie- sowie Sozial- und Kulturgeschichte überzeugend miteinander zu verbinden. Titos Tod ist bei Calic nur ein Ereignis unter vielen in der Anfang der Achtzigerjahre einsetzenden Staats- und Gesellschaftskrise Jugoslawiens, die zunächst vor allem auf ökonomischem Gebiet spürbar wurde. Die weltweite Wirtschaftskrise 1981/82 verschärfte den Verdrängungswettbewerb auf den westlichen Märkten, der bereits nach der ersten Nachkriegskrise (1974/75) eingesetzt hatte. Hinsichtlich Qualität, Service und Marketing erwiesen sich jugoslawische Produkte immer weniger als wettbewerbsfähig. Ausbleibende Deviseneinnahmen konnten seit Ausbruch der internationalen Schuldenkrise 1981 auch nicht mehr durch eine Kreditaufnahme bei westlichen Banken ausgeglichen werden. Die Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit hätte die Umstellung der Wirtschaft auf Sparten wie Elektronik oder Telekommunikation erfordert. Dazu wäre gleichzeitig die Konzentration der knappen Investitionsmittel in der Hand des Bundes notwendig gewesen. Reformvorschläge zur Stärkung der Macht der serbisch dominierten jugoslawischen Bundesregierung lehnten Kroatien und Slowenien jedoch ab. Sie kultivierten »eine Art kollektive[n] Wohlstandsegoismus, der keine Rücksicht mehr auf die Folgen für den Gesamtstaat nahm« (277). Diese auf die eigene Ethnie gerichtete Interessenpolitik entzog Jugoslawien im Verlauf der Achtzigerjahre den Rest seiner Steuerungsfähigkeit. »Alle Arten von Konflikten wurden in genuin ethno-politische Gegensätze uminterpretiert.« (278) Nicht nur ökonomisch, auch politisch und kulturell kapselten sich die jugoslawischen Teilrepubliken immer mehr voneinander ab. Desintegration und Staatsverfall standen 1989/91 am Ende dieser Entwicklung. Stützt man sich auf Calics Ursachenanalyse für Jugoslawiens Verfall, dann wäre die geschilderte Negativ-entwicklung auch bei einem Weiterleben Titos bzw. durch einen charismatischen Nachfolger nicht aufzuhalten gewesen.6 Die unterschiedliche Darstellung der Ursachen der jugoslawischen Gesellschaftskatastrophe bei Ihlau/Mayr auf der einen und bei Calic auf der anderen Seite ist zwei Momenten geschuldet. Erstens ist eine deutlich unterschiedliche Beurteilung der Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte zu spüren, aber zweitens auch eine beträchtliche Differenz in der Beurteilung des Einflusses der sich wandelnden materiellen Rahmenbedingungen für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung. »Wirtschaftliche und soziale Verwerfungen« werden von Ihlau und Mayr für das Jugoslawien der Achtzigerjahre zwar konstatiert, sie wären – bei anderen Qualitäten der Führer des Balkanlandes – aber zu bewältigen gewesen. In Minenfeld Balkan einerseits und in der Geschichte Jugoslawiens andererseits manifestieren sich zudem unterschiedliche Auffassungen in der Beurteilung von Nationalgeschichte. Für Ihlau/Mayr ist »der Balkan«, als dessen Kernland sie Jugoslawien betrachten, eine »über Jahrhunderte von ethnischer und religiöser Zwietracht heimgesuchte Region« (9), der »unruhige Hinterhof Europas«, ein »Minenfeld« seit eh und je. In den blutigen Auseinandersetzungen der Neunzigerjahre habe sich diese Grundstruktur, typisch für den Balkan von Anbeginn an, wieder einmal offenbart.7 Im Unterschied zu Ihlau/Mayr vertritt Calic die Auffassung, dass Völker, Nationen und Kulturen in ihrer Art und in ihren Beziehungen zueinander nicht ein für alle Mal vorgeprägt, »sondern selbst geschichtlichem Werden und Wandel unterworfen« (13) sind. Vor allem »wer, warum, unter welchen Umständen und wie ethnische Identität und Diversität zu einem Konfliktgegenstand machte«, interessiert die Autorin in ihrem Buch zur Geschichte Jugoslawiens. Nicht ethnokulturelle Gegensätze und die dem Balkan (im Unterschied etwa zu Mitteleuropa) nachgesagten zivilisatorischen Inkompatibilitäten rückt Calic in den Vordergrund, sondern die Frage, wie die großen sozialen, wirtschaftlichen und intellektuellen Veränderungen, die ganz Europa an der Wende zum 20. Jahrhundert erfassten und den Übergang zur modernen Industrie- und Massengesellschaft markierten, sich auf das Balkanland auswirkten, wie sie von der jugoslawischen Förderation verarbeitet wurden. Wenn man wie Calic nicht nationale bzw. regionale Besonderheiten, sondern den weltweit nachvollziehbaren gesellschaftlichen Strukturwandel zum Ausgangspunkt der Analyse der Nationalgeschichte macht, dann ist vom methodischen Konzept her auch der Weg für Vergleiche zwischen Ländern mit unterschiedlicher Kultur und Tradition geebnet. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Marie-Janine Calic Herausgeberin und Mitautorin eines explizit dem – überaus selten vorgenommenen –Ländervergleich zwischen Jugoslawien und der UdSSR gewidmeten Buches ist, das die »Krise der Moderne« in ihren Auswirkungen auf beide Länder untersucht: The Crisis of Socialist Modernity. The Soviet Union and Yugoslavia in the 1970s. Die Autoren dieses Bandes fragen nach, ob und wie sich ein Balkanland und ein Nicht-Balkanland in den Siebzigerjahren auf den sich im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts vollziehenden Übergang zur Postmoderne vorbereiteten. Bekannt ist, dass beide Staaten an dieser Aufgabe – endgültig zu Beginn der Neunzigerjahre – gescheitert sind. Bekannt ist auch, dass mangelnde Veränderungsbereitschaft und -fähigkeit, sich verstärkende Immobilität auf den Gebieten Wirtschaft, Soziales, Politik und Kultur in beiden Ländern in den Achtzigerjahren bereits von außen erkennbar waren. Historiker haben diese Entwicklungen bisher selten beschrieben.8 Ein gänzlich unbeschriebenes Blatt ist jedoch noch die Periode der Siebzigerjahre, als Wirtschaft und Wohlstand noch zunahmen und Anzeichen der Stagnation weder in beiden Ländern selbst diskutiert noch von ausländischen Beobachtern wahrgenommen wurden. Ungeachtet dessen haben sich die Autoren des Bandes, allesamt Ost- und Südosteuropahistoriker der Universitäten Freiburg bzw. München, die Frage gestellt, ob das an der Oberfläche wahrgenommene Bild von Wirtschaft und Gesellschaft der Sowjetunion und Jugoslawiens während der Siebzigerjahre stimmig ist. Ausgangspunkt für die Überlegungen der Herausgeber Calic, Neutatz und Obertreis waren ursprünglich die gesellschaftlichen Entwicklungen in Westeuropa. Ab Mitte der Siebzigerjahre vollzogen sich dort jene volkswirtschaftlichen und sozialen Umbrüche, die Reaktionen auf das Ende der traditionellen Massenfertigungsindustrien waren. Konnten sich die Länder des Realsozialismus diesen Veränderungen entziehen, weil sie Planwirtschaften waren, weil sie hauptsächlich über eine separate Handelsunion, den Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) – Jugoslawien war assoziiertes Mitglied –, untereinander verbunden waren? Manches sprach dafür, die gerade in den Siebzigerjahren zunehmenden Verflechtungen – nicht nur Jugoslawiens, sondern auch der Sowjetunion – mit den westlichen Märkten dagegen. Da sie ihren Blick durch das Wissen um die gesellschaftlichen Umbrüche im Westen geschärft haben, sind Calic, Neutatz und Obertreis im von ihnen herausgegebenen Band in der Lage, bezogen auf die Sowjetunion und Jugoslawien, eine Antwort auf eine Frage zu geben, die sie nachdrücklich aufgeworfen haben: Gehörte die Zeit zwischen 1970 und 1980 noch zu den »goldenen Jahren« des Realsozialismus, oder wies dieses Jahrzehnt bereits Merkmale jenes aus der Nichtbewältigung der Ansprüche einer sich globalisierenden Welt rührenden Verfalls auf, der in den osteuropäischen Ländern in den Achtzigerjahren offensichtlich wurde und Anfang der Neunzigerjahre so katastrophal endete? Im Falle Jugoslawiens gelangt Marie-Janine Calic zu der Auffassung, dass die Grundlagen für den Niedergang des Bundes nach 1980 bereits in den Siebzigerjahren gelegt wurden, obwohl die Föderation in diesem Jahrzehnt »die größte Investitionswelle aller Zeiten« erlebte und die Wirtschaft Jugoslawiens zwischen 1970 und 1980 – gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf – schneller wuchs als die ihrer Nachbarn Österreich und Italien. Die umfangreichen Investitionen gaukelten eine Prosperität vor, die zu einem beträchtlichen Teil nicht mehr das Ergebnis eigener Wirtschaftsleistung war. Bereits in den Siebzigerjahren zeigte sich, dass die jugoslawische Wirtschaft nicht in der Lage war, die globalen Herausforderungen der säkularen Transformation zu meistern, d. h. den Strukturwandel in Richtung Informations- und Kommunikationsgesellschaft nachzuvollziehen. Absatzverluste auf den westlichen Märkten waren die Folge, Importe konnten nicht mehr durch Exporte gedeckt werden. Wenn daneben noch massenhaft Investitionsmittel für neue Straßen und moderne Wohnviertel aufgebracht wurden, dann nur noch auf Pump. Zwischen 1973 und 1981 erhöhten sich die Verbindlichkeiten Jugoslawiens gegenüber westlichen Banken von knapp fünf auf 21 Milliarden US-Dollar. Doch solange die Kredite flossen, konnten Krisenanzeichen wie das wachsende Handelsbilanzdefizit und die steigende Inflationsrate noch ignoriert werden. Geflissentlich verheimlicht wurde seitens der Herrschenden, dass Jugoslawien immer stärker in jene Schuldenfalle geriet, die dann Anfang der Achtzigerjahre zuschnappen sollte. Die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken wies, das ergibt sich aus der auf die Fragestellung »Krise oder Stabilität?« zugespitzten Analyse von Stephan Merl,9 in den Siebzigerjahren ökonomische Strukturen auf, die sie von der jugoslawischen Föderation in mancherlei Hinsicht deutlich unterschieden. Das betraf natürlich in erster Linie die dort noch ausgeprägte zentrale Kommandowirtschaft. Hinzu kommt: Die Sowjetunion war unvergleichlich reicher an Rohstoffen, die sie auch in Zeiten harter Konkurrenz bei Erzeugnissen der verarbeitenden Industrie auf dem Weltmarkt absetzen konnte. Als Erdölexporteur profitierte sie von den nach dem Preisschock vom Herbst 1973 sprunghaft gestiegenen Weltmarktpreisen. Doch ähnlich wie die Jugoslawien gewährten westlichen Kredite wiegten die sowjetischen Erdölmilliarden die Regierenden fälschlicherweise in Sicherheit und ließ sie Reformen, die in den Sechzigerjahren begonnen worden waren, aber nicht zum erhofften Erfolg geführt hatten, ad acta legen. Auch in der Sowjetunion mehrten sich somit in den Siebzigerjahren die Zeichen, dass das Land den Übergang zur postindustriellen Gesellschaft nicht bewältigen würde: Die Ergebnisse der Forschung und Entwicklung im Bereich der Mikroelektronik wurden nicht über den militärisch-industriellen Bereich hinaus wirksam. Die im Rüstungssektor getätigten ungeheuren Aufwendungen – von Merl in seinem Aufsatz m. E. zu wenig beachtet – konnten dadurch nicht produktivitätswirksam werden. Der Energieverbrauch blieb verschwenderisch. Moderne Konsumgüter mussten importiert werden. Mit dem Ende der klassischen Industriemoderne wurde somit auch in der Sowjetunion das tragende Fundament des wirtschaftlichen Aufschwungs der Dreißiger- bzw. Fünfziger- bis Sechzigerjahre untergraben. Aktuelle Befragungen über die Versorgung der Bevölkerung in den Siebzigerjahren ergaben, dass 54 Prozent der Bürger meinten, das Angebot von Konsumgütern habe sich verschlechtert. Merl führt diese Einschätzung allerdings eher auf angesichts der Wirtschaftslage nicht mehr einhaltbare Versprechen der Regierung zur weiteren Verbesserung des Lebensniveaus als auf eine reale Verschlechterung der Versorgungslage zurück. Genau dazu sollte es dann allerdings in den Achtzigerjahren kommen. Die Aussagen der drei Publikationen über die Gesellschaftsentwicklung Jugoslawiens und der Sowjetunion während der Siebzigerjahre regen den Leser auch zu Reflexionen über die Entwicklung der DDR in jenem Jahrzehnt an. Allerdings in unterschiedlichem Maße: Die Art der Darstellung von Ihlau/Mayr, die den Balkan innerhalb Europas als historisch-politische Sonderregion betrachten, erlaubt eigentlich nur Vergleiche hinsichtlich der »Kunst« der Staatsführung. Man kann nur konstatieren: Erich Honecker verfügte nicht über das Charisma von Tito. Negative Auswirkungen hat dies für die Stabilität der DDR in den Siebzigerjahren aber offensichtlich nicht gehabt, was andererseits Zweifel an der Aussage der beiden Autoren weckt, es sei in erster Linie auf staatsmännische Politik von Tito zurückzuführen gewesen, dass sich die jugoslawische Föderation in den Siebzigerjahren noch verhältnismäßig gut schlug, nach seinem Tode dann aber umso schlechter. Nach der Lektüre von Calic gewinnt man jedoch eher den Eindruck, es sei das »geborgte« Wirtschafts- und Wohlstandswachstum gewesen, das die jugoslawische Gesellschaft während der Siebzigerjahre im Großen und Ganzen noch zufrieden mit der Einparteienherrschaft sein ließ. Vergleichbares galt sicher auch für die sich nach 1970 gegenüber dem Westen ständig stärker verschuldende DDR. Die für den Leser erkennbaren Ähnlichkeiten in der Entwicklung Jugoslawiens und der DDR während der Siebzigerjahre sind nicht auf die ausufernde Verschuldung beider Länder beschränkt, sondern auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen erkennbar. »Mit dem Mut der Verzweiflung und einer gehörigen Portion Ignoranz«, schreibt Calic in dem Band Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert im Rückblick auf die jugoslawische Gesellschaft in den Siebzigerjahren, »hielt das System verbissen an seinen nun ganz unrealistischen Wohlstandsversprechen fest. Es finanzierte öffentliche Leistungen auf Pump, verweigerte sich grundlegenden Reformen und agierte dergestalt als Garant überkommener industrieller Strukturen.« (263) Welcher Kenner der DDR-Geschichte denkt bei diesem Satz nicht an Honeckers »Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik« und deren desaströse Langzeitfolgen! Offensichtlich handelte es sich bei dessen populistischer risikoreicher Politik weniger um eine spezifisch ostdeutsche Strategie als um den generell im »sozialistischen Lager« – auch in der Sowjetunion, wie die Analyse von Merl zeigt – unternommenen Versuch, im anbrechenden Zeitalter des strukturellen Umbruchs die Bevölkerung mit leistungsunabhängigen materiellen Vergünstigungen bei Laune zu halten. Nur in ihrem Fall nicht durch Schulden, sondern durch Erdölexporte finanziert. Dass die Betonung der Sozialpolitik, von der Subventionspolitik bis zum Wohnungsbau, in beiden Ländern vor allem auf Zufriedenstellung durch Befriedigung wachsender materieller Bedürfnisse zielte und es weniger um Ersatzleistungen für vorenthaltene demokratische Mitbestimmung ging, lässt sich anhand der jugoslawischen Entwicklung zumindest vermuten. Denn Aleksandr Jakir und Predrag Marković weisen in ihren Beiträgen im Band The Crisis of Socialist Modernity nach,10 dass die Betonung von Dezentralisierung in der jugoslawischen Verfassung von 1974, die kulturelle Liberalisierung und der weitere Ausbau basisdemokratischer Mitbestimmung in der Wirtschaft in den Siebzigerjahren anders als die zur Steigerung des Wohlstands ergriffenen Maßnahmen nicht zur Stabilisierung von Staat und Gesellschaft beigetragen haben. »Die Vorstellung, dem jugoslawischen Einparteienstaat mit Verhandlungsökonomie, Selbstverwaltungschaos und Delegiertenkarussell mehr Demokratie einzuhauchen, erwies sich als illusorisch« (259), so der Kommentar von Marie-Janine Calic hinsichtlich dieser Politik in Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert. Was hier mit einigen Überlegungen nur angedeutet werden soll, gilt generell für die beiden Publikationen, an denen Marie-Janine Calic beteiligt war: Sie regen an zum Vergleichen und Nachdenken auch über die Entwicklung in anderen realsozialistischen Ländern. Dass dies in erfreulichem Maße möglich wird, ist in erster Linie dem methodischen Ausgangspunkt der Autoren geschuldet, der die nationalstaatliche Entwicklung stets im Rahmen sich global vollziehender gesellschaftlicher, vor allem ökonomischer Veränderungen betrachtet. Das heißt: Diese Bücher sind für den Leser von Wert auch über ihren unmittelbaren (Länder-) Bezug hinaus, während die konzeptionell vom Balkan als einer Sonderregion innerhalb Europas ausgehende Publikation von Ihlau/Mayr »nur« der Vervollständigung des Wissens um die jüngste Geschichte Jugoslawiens, genauer noch, der Entwicklung seiner früheren Teil- und heutigen Nachfolgestaaten, dienen kann. 1 Siehe u. a. Helmut Altrichter: Russland 1989. Der Untergang des sowjetischen Imperiums, München 2009; Jan Hallenberg: The Demise of the Soviet Union. Analysing the collapse of a state, Aldeshot 2002. 2 Siehe u. a. Rajko Djuric/Bertold Bengsch: Der Zerfall Jugoslawiens, Berlin 1992; Wolfgang Libal: Das Ende Jugoslawiens. Chronik einer Selbstzerstörung, Wien 1991; Daniel Eisermann: Der lange Weg nach Dayton. Die westliche Politik und der Krieg im ehemaligen Jugoslawien 1991–1995, Baden-Baden 2000; Susan Woodward: Balkan tragedy. Chaos and dissolution after the Cold War, Washington 1995. 3 Siehe z. B. Noel Malcolm: Geschichte Bosniens, Frankfurt/M. 1996; Holm Sundhausen: Geschichte Serbiens, 19.–21. Jahrhundert, Wien 2007; Peter Stih/Vasko Simoniti/Peter Vodopivec: Slowenische Geschichte. Gesellschaft – Politik – Kultur, Graz 2008. 4 Seit diesem Jahr (2011) ist eine weitere Gesamtdarstellung in deutscher Sprache erhältlich: Sabrina P. Ramet: Die drei Jugoslawien, München 2011. Es handelt sich um die deutsche Ausgabe einer 2006 in Washington D. C. erschienenen Ausgabe. 5 Marie-Janine Calic: Sozialgeschichte Serbiens 1815–1941. Der aufhaltsame Fortschritt während der Industrialisierung, München 1994. 6 Jörn Happel argumentiert in dem Band The Crisis of Socialist Modernity ganz ähnlich für die Sowjetunion. Am Anfang des Zerfalls standen nicht ethnische Rivalitäten, sondern eine zunehmende ökonomische Stagnation und damit einhergehende Wohlstandsverluste. Jörn Happel: In the Streets of Kazan – Nationality Problems in the Soviet Union During the 1970s, in: Marie-Janine Calic/Dietmar Neutatz/Julia Obertreis (Hg.): The Crisis of Socialist Modernity. The Soviet Union and Yugoslavia in the 1970s, Göttingen 2011, S. 156–183. 7 Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass dieses Erklärungskonzept relativ häufig anzutreffen, aber auch – gerade bei Wissenschaftlern aus den Balkanländern – auf Widerstand gestoßen ist. Siehe Maria Nikolaeva Todorova: Die Erfindung des Balkans. Europas bequemes Vorurteil, Darmstadt 1999. 8 Siehe Sabrina P. Ramet: The Balkan babel. The disintegration of Yugoslavia from the death of Tito to ethnic war, Boulder 1996. 9 Stephan Merl: The Soviet Economy in the 1970s – Reflections on the Relationship Between Socialist Modernity, Crisis and the Administrative Command Economy, in: Calic/Neutatz/Obertreis (Hg.): The Crisis (Anm. 6), S. 28–65. 10 Predrag Marković: Where Have All the Flowers Gone? – Yugoslav Culture in the 1970s Between Liberalisation/Westernisation and Dogmatisation; Aleksandar Jakir: The Economy Trigger – The Status of ›Nationality‹ in a ›Self-Managed‹ Economy During the 1960s and 1970s in Socialist Yugoslavia, in: Calic/Neutatz/Obertreis (Hg.): The Crisis (Anm. 6), S. 118–133 bzw. S. 134–155.

JHK 2012

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung 2012

Gleb J. Albert M.A., geb. 1981, Studium in Köln und Krakau, 2005–2009 wissenschaftliche Hilfskraft am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (Universität Mannheim); zurzeit Promotion an der Bielefeld Graduate School in History and Sociology (Universität Bielefeld) zum Thema »Repräsentationen und Praktiken des revolutionären Internationalismus in der frühen Sowjetgesellschaft, 1917–1927« (Betreuer: Prof. Dr. Thomas Welskopp, Prof. Dr. Klaus Gestwa). Mithg.: The International Newsletter of Communist Studies. Jörg Baberowski Prof., Dr. phil., geb. 1961 in Radolfzell, 1982–1988 Studium der Geschichte und Philosophie an der Universität Göttingen, 1989–1994 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Osteuropäische Geschichte an der Universität Frankfurt/M., 1994 Promotion an der Historischen Fakultät der Universität Frankfurt/M., Titel der Dissertation: »Autokratie und Justiz. Zum Verhältnis von Rechtsstaatlichkeit und Rückständigkeit im ausgehenden Zarenreich 1864–1914.« September 2000 Habilitation, Universität Tübingen, 2001–2002 Vertretung des Lehrstuhls für Osteuropäische Geschichte an der Universität Leipzig, seit Oktober 2002 Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. Veröffentlichungen u. a.: Ordnung durch Terror. Gewaltexzesse und Vernichtung im nationalsozialistischen und im stalinistischen Imperium, 2. Aufl. Bonn 2007 (mit Anselm Döring-Manteuffel); Der Feind ist überall. Stalinismus im Kaukasus, München 2003; Verbrannte Erde. Stalins Diktatur der Gewalt, München 2012; Mithg.: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas; Kritika. Explorations in Russian and Eurasian History; Zeithistorische Forschungen; Journal of Modern European History; Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Bernhard H. Bayerlein Dr. phil., geb. 1949, Historiker und Romanist am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES), seit 2009 Fellow am Zentrum für Zeithistorische Forschungen (ZZF), Potsdam; tätig u. a. für transnationale Projekte der Archiverschließung und Vernetzung, z. B. The International Committee for the Computerization of Comintern Archives (INCOMKA); Veröffentlichungen u. a.: Hg.: Archives de Jules Humbert-Droz, Amsterdam 1983–2001; Hg.: Georgi Dimitroff. Tagebücher, Berlin 2000; Mithg.: Moscou – Paris – Berlin. Telegrammes chiffres du Komintern, Paris 2003; Mithg.: Deutscher Oktober 1923. Ein Revolutionsplan und sein Scheitern, Berlin 2003; Mithg.: Der Thälmann- Skandal. Geheime Korrespondenzen mit Stalin, Berlin 2003; »Der Verräter, Stalin, bist Du!« Vom Ende der linken Solidarität. Komintern und kommunistische Parteien im Zweiten Weltkrieg 1939–1941, Berlin 2008; Hg.: The International Newsletter of Communist Studies; Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Ulrike Breitsprecher M.A. phil., geb. 1982, 2002–2008 Studium der Mittleren und Neueren Geschichte, der Wirtschafts- und Sozialgeschichte und der Geschlechterforschung an der Georg-August-Universität Göttingen. Seit 2009 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Global and European Studies Institute der Universität Leipzig und für die Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« sowie seit 2011 Doktorandin der Research Academy Leipzig. Horst Dähn Prof. Dr., geb. 1941, 1973 Promotion, 1981 Habilitation. Seit 1987 Professor für Politikwissenschaft an der Universität Stuttgart; langjährige Mitarbeit am früheren Arbeitsbereich Geschichte und Politik der DDR an der Universität Mannheim; seit 1994 ehrenamtlicher Leiter des Instituts für vergleichende Staat-Kirche-Forschung in Berlin. Veröffentlichungen u. a.: Das politische System der DDR, Berlin 1985; Die Rolle der Kirchen in der DDR, München 1993; Mithg.: Luther und die DDR, Berlin 1996; Mithg.: Staat und Kirchen in der DDR, Frankfurt/M. u. a. 2003; Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Nikolas R. Dörr M.A., Diplom-Politologe, geb. 1979 in Bad Soden, Studium der Friedens- und Konfliktwissenschaft, Neueren Geschichte, Psychologie, des Öffentliches Rechts sowie der Politikwissenschaft. Seit 2009 Promotion am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) über die sicherheitspolitische Bedeutung des Eurokommunismus für die USA und die Bundesrepublik Deutschland am Beispiel des Partito Comunista Italiano, Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung. Veröffentlichungen u. a.: Kommunismus im Wandel. Die kommunistischen Parteien Frankreichs, Finnlands und Italiens im Zuge des Eurokommunismus (= Schriftenreihe Arbeitspapiere des Instituts für Internationale Politik und Regionalstudien, Bd. 31), Berlin 2006; Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands im Parlamentarischen Rat 1948/1949. Eine Betrachtung der SPD in den Grundgesetzberatungen vor dem Hintergrund der ersten Bundestagswahl 1949, Berlin 2007; Mithg.: Die Nachrichtendienste der Bundesrepublik Deutschland, Berlin 2007. Bernd Faulenbach Prof. Dr., geb. 1943, Historiker am Forschungsinstitut Arbeit, Bildung, Partizipation in Recklinghausen und an der Fakultät für Geschichtswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum, Vorsitzender der Historiker-Kommission beim Parteivorstand der SPD, 1992–1998 Mitglied der Enquetekommission des Bundestags zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und ihrer Folgen, seit 1998 stellvertretender Vorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Veröffentlichungen u. a.: Mithg.: Halbherziger Revisionismus. Zum postkommunistischen Geschichtsbild, München u. a. 1996; Die deutsche Sozialdemokratie und die Umwälzung 1989/90, Essen 2001; Mithg.: Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn u. a. 2003; Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Zaur Gasimov Dr. phil., geb. 1981 in Baku, Aserbaidschan, 1998–2005 Studium der Internationalen Beziehungen, Geschichte und Soziologie, 2008 Promotion. Bis 2003 Pressesprecher an der Deutschen Botschaft in Baku, seit 2009 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Europäische Geschichte in Mainz. Veröffentlichungen u. a.: Militär schreibt Geschichte: Instrumentalisierung der Geschichte durch das Militär in der Volksrepublik Polen und in der Sowjetunion 1981–1991, Berlin 2009. Claudia Christiane Gatzka M.A., geb. 1985 in Leipzig, 2004–2011 Studium der Neueren und Neuesten Geschichte, Mittelalterlichen Geschichte, Politikwissenschaft und Europäischen Ethnologie. Seit 2011 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität zu Berlin in einem von der Fritz-Thyssen-Stiftung geförderten Forschungsprojekt zum Thema »Wahlkampf als demokratische Alltagskultur in Italien und Deutschland nach 1945«. Florian Grams Geb. 1974 in Hildesheim, 1994–2002 Studium der Geschichte und Germanistik. Doktorand bei Prof. Dr. Hartmut Griese an der Leibniz-Universität Hannover: »Edwin Hoernle – Zur Dialektik von biographischen Brüchen und bildungstheoretischen (Ver-) Wandlungen.« Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Hannover. Arbeitsschwerpunkte: Geschichte der Pädagogik der Arbeiterbewegung und der Geschichte der Eugenik. Anne Hartmann Dr. phil., geb. 1954 in Recklinghausen, 1972–1978 Studium der Germanistik und Slavistik in Münster und Bochum, 1982 Promotion. Bis 1988 Lektorin für deutsche Literatur und Sprache an der Université de Liège (Belgien), wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Slavistik/Lotman-Institut für russische Kultur der Ruhr-Universität Bochum: bis 1993 in einem DFG-Projekt zu den russisch-deutschen Kulturbeziehungen in der SBZ/DDR, ab 1993 im Rahmen der Kooperations- und Wissenschaftsberatung des Landes NRW für deutsche und russische Hochschulen; seit 2001 im Bereich von Lehre und Forschung. Aktuelle Forschungsschwerpunkte (mit zahlreichen Publikationen): Sowjetische »Leitkultur« in der SBZ und frühen DDR; deutsche Autoren im sowjetischen Exil; westliche Intellektuelle und ihre Wahrnehmung der stalinistischen UdSSR; Lion Feuchtwangers Sowjetunionreise und Moskau-Buch. Wladislaw Hedeler Dr. phil., geb. 1953 in Tomsk (Russland, UdSSR), 1973–1978 Studium der Marxistisch-leninistischen Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin, 1985 Promotion in Moskau. Seit 1991 Übersetzer und Publizist mit dem Forschungsschwerpunkt Geschichte der Komintern, der KPdSU und des Stalin’schen Terrors. Veröffentlichungen u. a.: KARLAG. Das Karagandinsker Besserungsarbeitslager 1930–1959. Dokumente zur Geschichte des Lagers, seiner Häftlinge und Bewacher, Paderborn 2007; Das Grab in der Steppe. Leben im GULAG. Die Geschichte eines sowjetischen »Besserungsarbeitslagers« 1930–1959, Paderborn 2007 (mit Meinhard Stark); Schwarze Pyramiden, rote Sklaven. Der Streik in Workuta im Sommer 1953. Eine dokumentierte Chronik, Leipzig 2007 (mit Horst Hennig); Die Ökonomik des Terrors. Zur Organisationsgeschichte des Gulag 1939 bis 1960, Hannover 2010. Ralf Hoffrogge M.A., geb. 1980 in Lingen (Ems), 2000–2008 Studium der Geschichte, Politikwissenschaft und Psychologie an der Freien Universität Berlin und an der Washington University in St. Louis (USA). Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung und der Studierendenbewegung in der BRD, derzeit Promotion an der Universität Potsdam zur Biografie des KPD-Politikers Werner Scholem (1895–1940). Veröffentlichungen u. a.: Richard Müller – Der Mann hinter der Novemberrevolution, Berlin 2008; »›Die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt‹ – Sozialismuskonzepte und deutsche Arbeiterbewegung 1848–1920«, in: PROKLA, Nr. 155, Juni 2009. Ulrike Huhn Geb. 1979 in Berlin, 1999–2007 Studium der Geschichte, Germanistik und Erziehungswissenschaften, 2008–2011 Mitarbeiterin des Lehrstuhls für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin, seit 2011 Mitarbeiterin an der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen. Zurzeit Promotion zum Thema »Volksfrömmigkeit im Kontext der Russisch-Orthodoxen Kirche in der Sowjetunion, 1941–1964«. Langjährige freiberufliche Tätigkeit im Bereich der historisch-politischen Bildung, u. a. in der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz. Publikationen zu Zwangsarbeit im Nationalsozialismus und zur sowjetischen/russischen Erinnerungskultur. Stefan Karner Univ.-Prof. Dr., geb. 1952, Historiker, Leiter des Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, Graz – Wien – Klagenfurt; stellvertretender Vorstand des Instituts für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte der Universität Graz; österreichischer Vertreter in der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) des Europarates; Co-Vorsitzender der österreichisch-russischen sowie der österreichisch-slowenischen Historikerkommission; zahlreiche öffentliche Funktionen und Mitgliedschaften in internationalen wissenschaftlichen Vereinigungen, u. a. Österreichischer Wissenschaftler des Jahres 1995; Wissenschaftlicher Leiter der Republiksausstellung im Parlament 2008/2009 (mit Lorenz Mikoletzky); Wissenschaftlicher Leiter der NÖ Landesausstellung 2009 »Österreich – Tschechien«. Veröffentlichungen u. a.: Im Archipel GUPVI. Kriegsgefangenschaft und Internierung in der Sowjetunion 1941–1956, Wien/München 1995; Die Rote Armee in Österreich. Sowjetische Besatzung 1945–1955, 2 Bde., Wien/München 2005; Prager Frühling. Das internationale Krisenjahr 1968, 2 Bde., Köln u. a. 2008. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Jan Kiepe M.A., geb. 1978 in Haren/Ems, 1999–2006 Studium der Mittleren und Neueren Geschichte und der Soziologie an der Georg-August-Universität in Göttingen, zurzeit Promotion an der Universität Erfurt zur Kader- und Parteischulung der SED in Thüringen während der Ära Ulbricht. 2002–2006 Hilfskraft am MPI für Geschichte in Göttingen, 2006–2007 Freier Mitarbeiter an der »Arbeitsstelle Historische Anthropologie« des MPI für Geschichte an der Universität Erfurt, seit Mai 2011 Gastdoktorand am Institut für Technikgeschichte der ETH in Zürich. Veröffentlichungen u. a.: Das Reservepolizeibataillon 101 vor Gericht. NS-Täter in Selbst- und Fremddarstellungen, Münster 2007; »Nationalism as a Heavy Mortgage. The SED’s Cadres’ Action between Demand and Reality«, in: Nationalities Papers 37 (2009), H. 4, S. 467–483; Wiederabdruck in: Martin Mevius (Hg.): The Communist Quest for National Legitimacy in Europe, 1918–1989. Socialist Nations, London 2011. Robert Kindler M.A., geb. 1978 in Neindorf, 1998–2005 Studium der Neueren/Neuesten Geschichte, Politikwissenschaften und Kulturwissenschaften in Berlin und Voronež. 2006–2009 Bearbeiter eines Drittmittelprojekts zur Sesshaftmachung der kasachischen Nomaden am Lehrstuhl Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2009 wissenschaftlicher Mitarbeiter ebendort. Veröffentlichungen u. a.: Revolution in Russland, 1917–1921, Erfurt 2007(mit Jörg Baberowski und Christian Teichmann); »Die Starken und die Schwachen. Zur Bedeutung physischer Gewalt während der Hungersnot in Kasachstan (1930–1934)«, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 59 (2011), H. 1, S. 51–78; »Auf der Flucht – Die kasachischen Nomaden und die Hungersnot von 1930–1934«, in: Matthias Middell/Felix Wemheuer (Hg.): Hunger, Ernährung und Rationierungssysteme unter dem Staatssozialismus (1917–2006), Frankfurt/M. 2011, S. 35–57. Redakteur für Osteuropäische Geschichte bei H-Soz-u-Kult (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de). Mark Kramer Prof., Direktor des Cold War Studies Program an der Harvard University und Senior Fellow des dortigen Davis Center for Russian and Eurasian Studies. Lehrtätigkeit für vergleichende Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen an den Universitäten Harvard, Yale und Brown. Ehemals wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Harvard Academy of International and Area Studies sowie Rhodes-Stipendiat an der University of Oxford. Übersetzer und amerikanischer Herausgeber des Bandes Schwarzbuch des Kommunismus, Autor zahlreicher wissenschaftlicher Aufsätze und Bücher, u. a.: Crisis, Compromise, and Coercion in the Soviet Bloc, 1956: De-Staliniza-tion, the USSR, and Upheavals in Poland and Hungary, Cambridge, MA 2008. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Norman LaPorte Ph.D. (Stirling), geb. 1964, Historiker, seit 2000 an der Universität Glamorgan (Süd-Wales). Veröffentlichungen u. a.: The German Communist Party in Saxony, Oxford/Bern 2003; Hg.: The Other Germany. Perceptions and Influences in British-East German Relations, 1945–1990, Augsburg 2005 (mit Stefan Berger); Hg.: Bolshevism, Stalinism and the Comintern. Perspectives on Stalinisation, Basingstoke 2008 (mit Matthew Worley und Kevin Morgan); Friendly Enemies: Britain and the GDR, 1949–1989, Oxford 2010 (mit Stefan Berger). Mitbegründer: Twentieth Century Communism: a journal of international history (seit 2009); Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Maxim Leo Geb. 1970 in Ost-Berlin, Ausbildung zum Chemielaboranten an der Akademie der Wissenschaften der DDR, 1990–1995 Studium der Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin und am Institut d’études politique de Paris. 1995–1996 Nachrichtenredakteur beim Fernsehsender RTL, seit 1997 Redakteur bei der Berliner Zeitung. 2002 erhielt er den Deutsch-Französischen Journalistenpreis, 2006 den Theodor Wolff-Preis. 2009 erschien sein autobiografisches Buch Haltet euer Herz bereit, wofür er im Dezember 2011 mit dem Europäischen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Katrin Löffler Dr. phil., geb. 1964 in Riesa, Ausbildung zur Krankenschwester, Redakteurin bei der katholischen Wochenzeitung Tag des Herrn, 1993–1999 Studium der Germanistik und Geschichte, 2004 Promotion, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik der Universität Leipzig, seit 2009 Habilitationsstipendium der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Veröffentlichungen u. a.: Anthropologische Konzeptionen in der Literatur der Aufklärung. Autoren in Leipzig 1730–1760, Leipzig 2005; Keine billige Gnade. Siegfried Theodor Arndt und das christlich-jüdische Gespräch in der DDR, Hildesheim 2011; Hg.: Als Studiosus in Pleiß-Athen. Autobiographische Erinnerungen von Leipziger Studenten des 18. Jahrhunderts, Leipzig 2009; Mithg.: Christian Felix Weiße und die Leipziger Aufklärung, Hildesheim 2006; Johann Christian Müller: Meines Lebens Vorfälle und Nebenumstände. Erster Teil: Kindheit und Studienjahre (1720–1746), Leipzig 2007. Ulrich Mählert Dr. phil., geb. 1968 in Neckarsulm, 1987–1992 Studium der Politischen Wissenschaft, Anglistik und Germanistik, 1994 Promotion und bis 1998 Mitarbeiter eines internationalen Forschungsprojekts an der Universität Mannheim zur Geschichte der Parteisäuberungen im Kommunismus. Seit 1999 Referent für Wissenschaftsförderung, Förderung der Archive und Internationale Zusammenarbeit bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Veröffentlichungen u. a.: Die Freie Deutsche Jugend 1945–1949, Paderborn 1995; Hg.: Vademekum DDR-Forschung, Berlin 2002; Mithg.: Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn u. a. 2003; Kleine Geschichte der DDR, 5. Aufl. München 2007; Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Olaf Mertelsmann Dr. phil., geb. 1969 in Hamburg, 1990–1995 Studium der Geschichte, Germanistik und Pädagogik, 2000 Promotion, 2005 venia legendi. Bis 2002 als Deutsch-Lektor zuerst in Tartu/Estland, und dann in Novosibirsk/Russland. Seit 2003 zuerst wissenschaftlicher Mitarbeiter und anschließend Dozent für Zeitgeschichte an der Universität Tartu. Veröffentlichungen u. a.: Zwischen Krieg, Revolution und Inflation. Die Werft Blohm & Voss 1914–1923, München 2003; Hg.: The Sovietization of the Baltic States, 1940–1956, Tartu 2003; Hg.: Vom Hitler-Stalin-Pakt bis zu Stalins Tod. Estland 1939–1953, Hamburg 2005; Der stalinistische Umbau in Estland. Von der Markt- zur Kommandowirtschaft, Hamburg 2006; Hg.: Central and Eastern European Media under Dictatorial Rule and in the Early Cold War, Frankfurt/M. 2011. Wim van Meurs Dr. phil., geb. 1964 in Rotterdam/Niederlande, 1982–1988 Studium der osteuropäischen Geschichte an der Universität Utrecht, 1993 Promotion. Bis 1999 Postdoktorand am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin, Lehrbeauftragter an der Freien Universität und an der Humboldt-Universität zu Berlin. 1999–2004 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Centrum für Angewandte Politikforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München, zuständig für den Balkan und EU-Nachbarschaftspolitik. Seit 2004 am Lehrstuhl für politische Geschichte der Radboud Universität Nijmegen/Niederlande. Mitglied im Vorstand der Südosteuropa-Gesellschaft sowie im Redaktionsrat von Südosteuropa und Journal of Intervention and State Building. Veröffentlichungen u. a.: The Bessarabian question in communist historiography, Boulder, Colo. 1994; Hg.: Beyond EU enlargement, 2 Bde., Gütersloh 2001; Hg.: The Balkan prism, München 2007; Hg.: Ottomans into Europeans. State and institution building in South-East Europe, Londen 2010. Kevin Morgan Dr. phil., geb. 1961 in Birmingham, 1979–1987 Studium der Politik und Geschichte an der Universität Manchester; Professor für Politik und Zeitgeschichte an der Universität Manchester. Veröffentlichungen u. a.: Against fascism and war: ruptures and continuities in British communist politics 1935–41, Manchester 1989; Harry Pollitt, Manchester 1993; Labour Legends and Russian Gold: Bolshevism and the British Left, Bd. 1, London 2006; The Webbs and Soviet Communism: Bolshevism and the British Left, Bd. 2, London 2006; Workers of All Countries? Bolshevism and the British Left, Bd. 3, London 2012; Communists and British Society 1920–90, London 2007 (mit Gidon Cohen und Andrew Flinn); 1999–2005 Hg. von Socialist History; 1996–2007 Hg. bzw. Mithg. des Communist History Network Newsletter; seit 2009 Hg. bzw. Mithg. von Twentieth Century Communism: a journal of international history; Mitglied des Beirats von 20th Century British History, International Newsletter of Communist Studies und Socialist History. Hauke Neddermann M.A., geb. 1980 in Bremen, 2001–2007 Studium der Sinologie, Politikwissenschaften und Publizistik- und Kommunikationswissenschaften in Berlin und Dalian/VR China. Seit 2007 wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Ostasiatischen Seminar der Freien Universität Berlin, Fachrichtung Sinologie. Arbeitsschwerpunkte: Chinesische Jugend und Jugendbewegungen, Regionalgeschichte Xinjiangs und sozialistische Phase der Volksrepublik China, insb. die Fünfzigerjahre. Veröffentlichungen u. a.: Sozialismus in Xinjiang. Das Produktions- und Aufbaukorps in den 1950er Jahren (= Berliner China-Studien, Bd. 48), Berlin 2010; »Peers and Strangers. Han Settlers in Xinjiang as a Community of Action and Memory«, in: Mechthild Leutner /Jens Damm (Hg.): China Networks (= Berliner China-Hefte/Chinese History and Society, Bd. 35), Berlin 2009, S. 98–117. Ehrhart Neubert Dr. phil., geb. 1940, Theologiestudium in Jena, 1964–1984 Gemeinde- und Studentenpfarrer in Weimar, 1984–1992 Referent in der Studienabteilung beim Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR; 1989 Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs und Mitglied am Zentralen Runden Tisch der DDR, seit 1997 Fachbereichsleiter der Abteilung Bildung und Forschung der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU), seit 2005 in Pension. Veröffentlichungen u. a.: Geschichte der Opposition in der DDR, Berlin 1997; Mithg.: Lexikon Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur, Berlin/München 2000; Koautor: Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni in der deutschen Geschichte, Bremen 2004; Unsere Revolution. Die Geschichte der Jahre 1989/90, 2. Aufl. München 2009; Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Francesco Di Palma Dr. phil., Historiker, geb. 1980 in Atripalda/Italien, Studium der Geschichts-, Kulturwissenschaften und Linguistik in Bologna und Leipzig, 2007 Promotion in Berlin. Lehrbeauftragter am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin. Forschungsschwerpunkte: Antifaschismus, Sozialismus und Kommunismus in Europa, SED-Geschichte. Veröffentlichungen u. a: Liberaler Sozialismus in Deutschland und in Italien im Vergleich. Das Beispiel Sopade und Giustizia & Libertà, Berlin 2010; Mithg.: Bruderparteien jenseits des Eisernen Vorhangs. Die Beziehungen der SED zu den kommunistischen Parteien West- und Südeuropas (1968 bis 1989), Berlin 2011. Ol’ga Pavlenko Prof. Dr., geb. 1964, 1981–1986 Geschichtsstudium an der Lomonossow-Universität (MGU) in Moskau, 1986–1990 Graduiertenstudium an der Lomonossow-Universität; seit 1992 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Weltpolitik und Internationale Beziehungen der Russländischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität (RGGU) in Moskau, Leiterin der Abteilung für Internationale Beziehungen IAI an der RGGU; stellv. Direktorin des Instituts für Geschichte und Archivwesen an der RGGU. Forschungsschwerpunkte: russische Außenpolitik (19.–21. Jh.), Herausbildung kollektiver Identität, Phänomen des Nationalismus aus europäischer und russischer Sicht, Internationale Beziehungen im Kalten Krieg, Neuere und Neueste Geschichte Österreichs, zeitgemäße Wettbewerbsstrategien für den Bildungsbereich. Autorin zahlreicher wissenschaftlicher Aufsätze und Monografien. Aigi Rahi-Tamm Dr. phil., geb. 1965 in Võru/Estland, 1985–1990 Studium der Geschichte, 2004 Promotion. Seit 1990 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Tartu am Lehrstuhl für Archivwissenschaften, 1997–2004 Mitglied der staatlichen Kommission zur Untersuchung der Repressionspolitik. Veröffentlichungen u. a.: 1949. aasta märtsiküüditamine Tartu linnas ja maakonnas [Die Märzdeportation 1949 im Landkreis und in der Stadt Tartu], Tartu 1998; Teise maailmasõja järgsed massirepressioonid Eestis: allikad ja uurimisseis [Massenrepressalien nach dem Zweiten Weltkrieg in Estland: Quellen und Forschungsstand], Tartu 2004. Jörg Roesler Dr. rer. oec, geb. 1940 in Berlin, 1959–1964 Studium der Wirtschaftswissenschaften, Wirtschaftsgeschichte und Neueren Geschichte, 1968 Promotion, 1975 Habilitation, 2003 Professur. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschaftsgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin (1964–1974) bzw. Forschungsleiter an der Akademie der Wissenschaften der DDR (1974–1991) in Berlin; 1992–1995 Mitarbeiter des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam (ZZF). Gastprofessuren in Montreal (1992), Toronto (1994/95) und Portland/Oregon (2006). Veröffentlichungen u. a.: Die Herausbildung der sozialistischen Planwirtschaft in der Industrie der DDR, Berlin 1978; Zwischen Plan und Markt. Die Wirtschaftsreform in der DDR 1963–1970, Freiburg/Br. 1990; Momente deutsch-deutscher Wirtschafts- und Sozialgeschichte 1945–1960. Eine Analyse auf gleicher Augenhöhe, Leipzig 2006. Krzysztof Ruchniewicz Prof. Dr., geb. 1967 in Wrocław/Polen, Studium der Geschichte, osteuropäischen Geschichte an der Universität Wrocław, Universität des Saarlandes und der Philipps-Universität Marburg; 2000 Promotion zum Thema »Berlin – Warschau – Bonn. Die politischen Beziehungen in den Jahren 1949–1958«; 2007 Habilitation mit dem Thema »Die polnischen Bemühungen um die deutsche Wiedergutmachung in den Jahren 1944/45–1975«. Professor für Zeitgeschichte an der Universität Wrocław; Direktor des Willy-Brandt-Zentrums für Deutschland- und Europastudien der Universität Wrocław, gleichzeitig Lehrstuhlinhaber für Zeitgeschichte am gleichen Zentrum; Veröffentlichungen: Zögernde Annäherung. Studien zur Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen im 20. Jahrhundert, Dresden 2005; »Noch ist Polen nicht verloren«. Das historische Denken der Polen, Münster u. a. 2007; Mithg.: Länderbericht Polen. Geschichte – Politik – Wirtschaft – Gesellschaft – Kultur, Bonn 2009 (mit Dieter Bingen). Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Evelyna Schmidt Dr., geb. 1978 in Berlin, 1998–2005 Studium der neueren deutschen Literatur und Polonistik in Berlin, Warschau, London und Barcelona, Promotionsstudium am Willy-Brandt-Zentrum in Wrocław, 2011 Promotion an der Universität Wrocław zum Wahnsinn-Diskurs in der Literatur der DDR und der Volksrepublik Polen, seit Oktober 2011 DAAD-Lektorin am Fachbereich Germanistik der Warschauer Universität, Veröffentlichungen u. a.: Beschreiben des Unbeschreibbaren. Komik und Holocaust im Schaffen von Jurek Becker und Edgar Hilsenrath, Wrocław 2007; »Die Diagnose des europäischen Wahnsinns in Jerzy Krzysztońs Trilogie ›Obłęd‹«, in: Bettina Kremberg/Artur Pelka/Judith Schild (Hg.): Übersetzbarkeit zwischen den Kulturen. Sprachliche Vermittlungspfade, Mediale Parameter, Europäische Perspektiven, Frankfurt/M. 2010, S. 105–123. Karl-Heinz Schwarz-Pich Geb. 1940, freier Autor mit Schwerpunkt »Sport im Dritten Reich«. Ehemals Mitglied und hauptamtlicher Funktionär der DKP in München. Veröffentlichungen: Der Ball ist rund: eine Seppl Herberger-Biographie, Ubstadt-Weiher 1996; Der DFB im Dritten Reich: einer Legende auf der Spur, Kassel 2000; Otto Siffling, der SV Waldhof und die deutsche Fußball-Nationalmannschaft im Dritten Reich, Kassel 1999; Karl Ziegler und die große Ära des RRC Endspurt Mannheim, Kassel 2004; 100 Jahre SV Waldhof 07 1907–2007. Die Geschichte eines Traditionsvereins, Mannheim 2007. Freier Mitarbeiter der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg und in Rheinland-Pfalz; Aufsätze und Artikel in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften. Peter Steinbach Prof. Dr., geb. 1948 in Lage (Lippe), Wissenschaftlicher Leiter der Zentralen Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin und Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Karlsruhe. Veröffentlichungen u. a.: Mithg.: Lexikon des Widerstandes 1933–1945, 2. Aufl. München 1998; Widerstand im Widerstreit. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in der Erinnerung der Deutschen. Ausgewählte Studien, 2. Aufl. Paderborn u. a. 2001; Mithg: Opposition und Widerstand in der DDR. Politische Lebensbilder, München 2002; Mithg.: Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur 1933–1945 (= Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 438), Bonn 2004; Der 20. Juli 1944. Gesichter des Widerstands, München 2004; Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Brigitte Studer Prof. Dr., Studium der Geschichte und Anglistik in Freiburg/Fribourg, Lausanne und Paris, Stipendiatin des Schweizerischen Nationalfonds der wissenschaftlichen Forschung und wissenschaftliche Mitarbeiterin bei verschiedenen Forschungsprojekten an den Universitäten Lausanne und Basel; Lehrbeauftragte an den Universitäten Zürich, Genf, Bern sowie an der Washington University in St. Louis (USA). Seit 1997 Professorin für Schweizer und Neueste Allgemeine Geschichte an der Universität Bern. 2001–2004 Visiting Professor in Glasgow. 2001–2007 Mitglied des Forschungsrates der Abteilung I (Sozial- und Geisteswissenschaften) des Schweizerischen Nationalfonds der wissenschaftlichen Forschung, 2001–2005 ausländisches Mitglied des Conseil scientifique du departement des Sciences de l’Homme et de la Societe, Conseil National de la Recherche Scientifique (CNRS) in Paris. Zurzeit Leitung eines Forschungsprojekts zur Geschichte der 68er-Bewegung in der Schweiz. Verschiedene Publikationen zur historischen Kommunismusforschung und zur Sozial- und Kulturgeschichte des Stalinismus. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Siegfried Suckut Dr. rer. pol., geb. 1945, Politikwissenschaftler, 1978 Promotion, 1978–1992 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich Geschichte und Politik der DDR an der Universität Mannheim.1992 Mitbegründer der Abteilung Bildung und Forschung in der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR, Berlin, Fachbereichsleiter/stellvertretender Abteilungsleiter, 1997–2005 Leiter der Abteilung. Veröffentlichungen vor allem zur Betriebsrätebewegung in der Sowjetisch Besetzten Zone Deutschlands 1945–1948, zur DDR-Gründungsgeschichte sowie zur Geschichte der Blockparteien und des Staatssicherheitsdienstes in der DDR, zuletzt als Hg.: Die DDR im Blick der Stasi. Die geheimen Berichte an die SED-Führung 1976, Göttingen 2009. Stefan Troebst Prof. Dr., geb. 1955 in Heidelberg, Studium der Geschichte, Slawistik, Balkanologie und Islamwissenschaften an der Freien Universität Berlin sowie an den Universitäten in Tübingen, Sofia (Bulgarien), Skopje (Jugoslawien, heute Makedonien) und an der Indiana University in Bloomington, USA; 1984 Promotion zum Thema »Mussolini, Makedonien und die Mächte 1922–1930. Die ›Innere Makedonische Revolutionäre Organisation‹ in der Südosteuropapolitik des faschistischen Italien«, 1995 Habilitation mit dem Thema »Handelskontrolle – ›Derivation‹ – Eindämmung. Schwedische Moskaupolitik 1617–1661«. Professor für Kulturstudien Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig, stellvertretender Direktor des GWZO Leipzig, Veröffentlichungen u. a.: Das makedonische Jahrhundert, München 2007; Postkommunistische Erinnerungskulturen im östlichen Europa, Breslau 2005; Radical Ethnic Movements in Contemporary Europe, New York/Oxford 2003 (mit Farimah Daftary), Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Oldřich Tůma Dr., geb. 1950, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik; Forschungsschwerpunkt: Nachkriegsgeschichte der Tschechoslowakei; Themen der aktuellen Forschungsarbeit: Die Tschechoslowakei im Kalten Krieg, der Prager Frühling und die tschechoslowakische Gesellschaft 1969–1989 sowie der Umbruch von 1989 in Mitteleuropa. Jüngste Veröffentlichung u. a.: Mithg.: Prager Frühling. Das internationale Krisenjahr 1968. Dokumente. Pražskaja vesna. Meždunarodnyj krizisnyj 1968g. 2. Dokumenty (= Veröffentlichungen des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung. Sonderband 9/2), Köln/Weimar/Wien 2008 (mit Stefan Karner u. a.). Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Krisztián Ungváry Ph.D., geb. 1969, Studium in Budapest, Jena und Freiburg/Breisgau. Promotion 1998 zum Thema »Belagerung Budapests im Zweiten Weltkrieg«. Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für die Erforschung der ungarischen Revolution 1956 (Budapest); Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Stiftung »Flucht, Vertreibung, Versöhnung«. Veröffentlichungen u. a.: Die Schlacht um Budapest, München 1999; Ungarn und der Zweite Weltkrieg (auf Ungarisch), Budapest 2005; Verschwiegene Vergangenheit. Der Parteistaat und das Ministerium des Inneren. Die politische Polizei in Ungarn zwischen 1956 und 1990, Budapest 2008 (auf Ungarisch mit Gabor Tabajdi). Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Alexander Vatlin Prof. Dr., geb. 1962 in Aschgabad/Turkmenien, 1979–1984 Studium der Geschichte und 1987 Promotion am Lehrstuhl für Neue und Neueste Geschichte an der Moskauer Lomonossow-Universität zum Thema »Die Wiedergründung der SPD in Westdeutschland 1945–1949«. Seit 1991 Leiter des Programms »Moderne Geschichte« am Institut für Menschenrechte und demokratische Forschung. Seit 1997 Lehrtätigkeit am Lehrstuhl für Neue und Neueste Geschichte der Lomonossow-Universität; 1998 Habilitation zum Thema »KPdSU und Komintern in den Zwanzigerjahren. Probleme ihrer Wechselbeziehungen«. 2001 Mitbegründer und seitdem Koordinator der »Arbeitsgruppe zur Erforschung der neuesten Geschichte Deutschlands« an der Lomonossow-Universität (www.rusgermhist.ru). Seit 2006 dortiger Professor am Lehrstuhl für Neue und Neueste Geschichte. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Claudia Weber Dr. phil., geb. 1969, 1991–1996 Studium der osteuropäischen Geschichte, Politik und Südslawistik an der Universität Leipzig, danach von 1996–1998 Studium an der Ohio University Athens, OH; 1997 Forschungsaufenthalt an der Hoover Institution on War, Revolution and Peace, Stanford University, Stanford, CA. 2002–2003 Lehrbeauftragte an der Universität Basel sowie 2002–2007 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Leipzig am Lehrstuhl für ost- und südosteuropäische Geschichte, 2003 Promotion an der Universität Leipzig mit einer Dissertation zur Denkmalssymbolik und nationalen Erinnerungskultur in Bulgarien von 1878–1944. Mitglied im Beirat der Berliner Colloquien zur Zeitgeschichte sowie im Johann Gottfried Herder-Forschungsrat. Veröffentlichungen u. a.: Mithg.: Macht und Geist im Kalten Krieg, Hamburg 2011 (mit Bernd Greiner und Tim B. Müller); Mithg.: Ökonomie im Kalten Krieg, Hamburg 2010 (mit Bernd Greiner und Christian Th. Müller). Hermann Weber Prof. Dr. Dr. h. c., geb. 1928, 1943/1944 Lehrerbildungsanstalt, 1945 KPD-Mitglied, 1947–1949 SED-Parteihochschule Karl-Marx, Chefredakteur der westdeutschen FDJ-Zeitung bis zur Absetzung durch Erich Honecker, 1954 Ausschluss aus der KPD, seit 1955 Mitglied der SPD, 1964–1968 Studium in Marburg und Mannheim, 1968 Promotion, 1970 Habilitation, seit 1973 Professor, 1975–1993 Ordinarius, Inhaber des Lehrstuhls für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte an der Universität Mannheim bis zur Emeritierung 1993, 1992–1998 sachverständiges Mitglied der Enquetekommission des Bundestags zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und deren Folgen, seit 1981 Leiter des Forschungsschwerpunktes DDR-Geschichte an der Universität Mannheim; 2011 schied er auf eigenen Wunsch aus dem Stiftungsrat der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur aus. Veröffentlichungen u. a.: Ulbricht fälscht Geschichte, Köln 1964; Die Wandlung des deutschen Kommunismus, 2 Bde., Frankfurt/M. 1969; Das Prinzip links, Hannover 1973; Hauptfeind Sozialdemokratie, Düsseldorf 1982; Geschichte der DDR, München 1985; Damals, als ich Wunderlich hieß, Berlin 2002 (mit Gerda Weber); Mithg.: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004; Leben nach dem »Prinzip links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, Berlin 2006 (mit Gerda Weber). Begründer und bis 2008 Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Thomas Wegener Friis Dr. phil., geb. 1975, Historiker und Netzwerkkoordinator des neu gegründeten Zentrums für das Studium des Kalten Krieges (Center for Koldkrigsstudier) an der Süddänischen Universität in Odense. 2000 M.A. in Geschichte an der Süddänischen Universität, 2003 Dissertation über den Militärischen Nachrichtendienst der DDR und Dänemarks. 2003–2005 Mitarbeiter der Kommission zum Thema »Dänemark im Kalten Krieg«, seit 2005 Forschungsmitarbeiter an der Süddänischen Universität, seit 2010 Vorstandsmitglied des Dänischen Arbeitermuseums mit Archiv und Bibliothek zur Arbeiterbewegung, seit 2001 Mitglied des Vorstands der Gesellschaft zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung, seit 2005 Redaktionsmitglied der Zeitschrift Arbejderhistorie, seit 2004 Mitinhaber des Friis Verlags; Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Manfred Wilke Prof. Dr., geb. 1941, 1976 Promotion zum Dr. rer. pol., 1976–1980 wissenschaftlicher Assistent an der TU Berlin, 1981 Habilitation im Fach Soziologie an der Freien Universität Berlin, 1985 Professor für Soziologie an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin, 1992 Mitbegründer und bis 2006 Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der FU. 1992–1998 sachverständiges Mitglied der Enquetekommission des Bundestags zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und deren Folgen. Veröffentlichungen u. a.: Mithg.: Entstalinisierung. Der XX. Parteitag der KPdSU und seine Folgen, Frankfurt/M. 1977; Mithg.: Hart und kompromißlos durchgreifen. Die SED contra Polen 1980/81, Berlin 1995; Hg.: Anatomie der Parteizentrale, Berlin 1998; Die Streikbrecherzentrale. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) und der 17. Juni 1953, Münster 2004; Der SED-Staat. Geschichte und Nachwirkungen, Weimar 2006, Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung.

JHK 2012

Die knorrigen Naturen eignen sich am besten für den Befreiungskampf. Kommunistische Debatten um den »neuen Menschen«

Florian Grams

Der Begriff des »neuen Menschen« ist schillernd. Er strahlt, weil er viele Assoziationen hervorruft. In diesem Terminus schwingt sowohl die biblische Vorstellung von der Vereinigung des Menschen mit Gott mit,1 als auch die vermeintliche Erfüllung des menschlichen Glücks durch den technologischen Eingriff des Menschen in den Menschen.2 So unterschiedlich diese beiden Vorstellungen vom »neuen Menschen« auch sein mögen, so stimmen sie in ihrer Zielsetzung doch überein. Beiden liegt eine Heilslehre zugrunde, die der Vollendung harrt. Einen gänzlich anderen Gehalt erhält die Vorstellung vom »neuen Menschen« jedoch, wird sie als Kategorie zur Erklärung der historischen Bedingtheit menschlicher Möglichkeiten begriffen. In diesem Sinne argumentierte etwa Ernst Bloch, dass mit der Renaissance der Homo faber – der tätige Mensch, der sich seiner Arbeit nicht schämt – die Bühne der Welt betritt.3 Mit diesem Blick wird von jeder Teleologie Abstand genommen. Das Auftreten des »neuen Menschen« ist dort nicht Ziel, sondern der Hinweis auf eine Epochenschwelle. In der Arbeiterbewegung waren immer alle drei genannten Vorstellungen vom »neuen Menschen« gegenwärtig. Zu Recht wies etwa Gottfried Küenzlen darauf hin, dass Ferdinand Lassalle mitunter als gottgleich verehrt wurde.4 In den ersten kommunistischen Organisationen fanden sich Verpflichtungen der Mitglieder, die sich an der Form des christlichen Katechismus orientierten,5 und auch im staatlich organisierten Sozialismus gab es eine Verehrung der Mächtigen, die an die Verehrung von Heiligen erinnerte.6 Gute Gründe, den Marxismus als »Heilsgeschichte in der Sprache der Nationalökonomie«7 zu begreifen. Im Lichte der zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse erschien es Marxisten mitunter auch möglich, den kommunistischen Menschen mittels eugenischer Eingriffe zu schaffen.8 Zur Beantwortung der Frage, ob es ein kommunistisches Konzept des »neuen Menschen« gab, ist es jedoch notwendig, die verschiedenen Äußerungen von Kommunisten zum »neuen Menschen« darzustellen und im Zusammenhang mit ihren Entstehungsbedingungen zu diskutieren. Auf diese Weise soll ihre Relevanz für den marxistischen Diskurs überprüft werden. In einem ersten Schritt rücken daher die Aussagen von Marx und Engels und Überlegungen aus der sozialistischen Arbeiterbewegung vor dem Ersten Weltkrieg in den Blick, die den gemeinsamen Bezugspunkt aller späteren kommunistischen Überlegungen bilden. Einen Schwerpunkt dieser Arbeit bildet indes die Auseinandersetzung, die innerhalb der KPD geführt wurde. Diese wiederum ist nur vor dem Hintergrund der Erwägungen in der Sowjetunion zu verstehen. Eine Wiedergabe kommunistischer Debatten bliebe jedoch unzulässig begrenzt, übersähe sie die kritische Reflexion der Erfahrungen in der Sowjetunion durch Exponenten des sogenannten westlichen Marxismus. Antonio Gramsci war ein bedeutsamer Vertreter dieser Richtung. Deshalb werden schließlich seine Äußerungen zur Frage des »neuen Menschen« bewertet. Der vorliegende Aufsatz folgt damit in erster Linie den in der marxistischen Arbeiterbewegung stattfindenden Debatten um Bildungspolitik und Eugenik. Die Auswahl der diskutierten Positionen ging dabei von der Überzeugung aus, dass die kommunistische Bewegung zu keinem Zeitpunkt ein monolithischer Block war, dessen Entwicklung ohne Alternative auf die Erscheinungsform des staatlich organisierten Sozialismus gerichtet gewesen ist.9 Besonderes Gewicht erhalten daher die Überlegungen der Theoretiker, die in kommunistischen Parteien wirksam waren, ohne sich jedoch durchsetzen zu können. Die Darstellung der Debatten folgt dabei stets der Chronologie der historischen Ereignisse und ist gleichzeitig bemüht, die jeweiligen Bezugnahmen und Widersprüche kenntlich zu machen. Der »neue Mensch« im Werk von Karl Marx Das Marx’sche Diktum vom Reich der Freiheit, das anbreche, wenn der Mensch nicht mehr gezwungen sein werde, seine Arbeitskraft zu verkaufen,10 ist so bekannt, wie seine Aussage, dass der Mensch im Kommunismus morgens jagen, mittags fischen und abends kritisieren werde, ohne Jäger, Fischer oder Kritiker zu sein.11 Auf den ersten Blick entsteht das Bild einer harmonischen Gesellschaft. Doch Marx verwahrte sich wiederholt gegen eine solche Lesart seiner Schriften und legte Wert darauf, dass die kommunistische Gesellschaft kein »Glückseligkeitsstall«12 werden würde, sondern geprägt sein werde von heftigen Auseinandersetzungen der assoziierten Produzenten um die Gestaltung des Zusammenlebens. Marx und Engels ließen die meisten Fragen nach der Gestaltung der kommunistischen Gesellschaft offen und konzentrierten sich stattdessen auf die Analyse und Kritik der bestehenden Gesellschaft. Gegenstand der Untersuchung und der politischen Tätigkeit konnte nur mehr sein, nach Wegen aus dem Kapitalismus zu suchen. Marx war überzeugt, dass nur das Proletariat aufgrund seiner ökonomischen Situation zum Totengräber der alten Gesellschaft werden könne.13 Einzig in diesem Zusammenhang benutzte Marx den Begriff des »neuen Menschen«, den er nicht in die Zukunft projizierte, sondern in den Arbeitern seiner Tage erkannte.14 Für Karl Marx war die Kategorie des »neuen Menschen« – wenn sie ihm überhaupt gegenwärtig war – Ausdruck für die Veränderung des Menschen aufgrund sich verändernder gesellschaftlicher Bedingungen und nicht eschatologische Perspektive. Die Interpretation, wie sie zum Beispiel von Karl Löwith vorgetragen wurde, dass Marx die Geschichte des christlichen Messianismus fortgeschrieben habe,15 entbehrt angesichts dieser Befunde jeglicher Grundlage. Der »neue Mensch« als Bildungsziel In der Sozialdemokratie nach Marx gab es keine nennenswerten Diskussionen um die Vorstellung eines neuen sozialistischen Menschen. Einigkeit bestand indes darin, dass Bildung eine starke Waffe im Kampf der Arbeiter um Emanzipation sei. Gestritten wurde allerdings um die Inhalte der Arbeiterbildung. Wilhelm Liebknecht etwa definierte Bildung in Anlehnung an das Bildungsideal des antiken Griechenlands und erklärte den damit verbundenen Kanon auch für die Arbeiterbewegung als verbindlich.16 Gleichzeitig warnte er jedoch davor, dass Bildungsbestrebungen allein um der Bildung wegen die Arbeiter vom notwendigen Klassenkampf abzulenken drohten.17 Deshalb verwundert es nicht, dass Liebknecht die Möglichkeit wahrer Bildung – im Sinne des klassischen Ideals der Aneignung des Schönen und Guten sowie der Entwicklung der Tugenden18 – für alle Menschen erst im Sozialismus erkennen konnte.19 Dessen ungeachtet setzte die SPD beim Umgang mit Kindern und Jugendlichen auf eine behutsame Heranführung an sozialistisches Gedankengut bei gleichzeitiger Abschottung der jungen Menschen von den Kämpfen ihrer Umwelt.20 Gegen diese Praxis forderte Karl Liebknecht in einem Redebeitrag auf dem Leipziger Parteitag der SPD von 1909 die eindeutige Unterstützung der unabhängigen Arbeiterjugendbewegung durch die Partei und erklärte sie gleichsam zu einer Überlebensfrage für die Sozialdemokratie.21 Der Vergleich der Gleichgültigkeit vieler Sozialdemokraten gegenüber der politischen Tätigkeit der Arbeiterjugend22 mit der Forderung Karl Liebknechts verweist auf eklatante Unterschiede in den Vorstellungen vom Übergang in den Sozialismus. Setzten weite Teile des SPD-Vorstands auf den »Kladderadatsch« des Kapitalismus, nach dem die Arbeiterbewegung die Staatsmacht übernehmen und friedlich in die neue Ordnung würde überführen können,23 gingen die linken Sozialdemokraten von der Notwendigkeit eines revolutionären Kampfes aus.24 An dieser Stelle vollzog sich der politische Bruch in der Arbeiterbewegung, der sich auch in graduell verschiedenen Menschenbildern und pädagogischen Konzepten manifestierte. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es eine weit verbreitete Auffassung, dass allein die Jugend noch in der Lage sei, die Gesellschaft neu zu gestalten.25 Auch in der 1918 gegründeten KPD fand diese Meinung Zustimmung. So legte Edwin Hoernle, der später als der führende Pädagoge der KPD galt, eine Schrift unter dem Titel Sozialistische Jugenderziehung und sozialistische Jugendbewegung vor, in der er seiner Überzeugung Ausdruck verlieh, dass der KPD, so lange sie vorwärtstreibend und revolutionär bliebe, die Unterstützung der revolutionären Jugend sicher sei.26 Mit dieser Aussage setzte Hoernle Jugend mit Fortschritt gleich. Die Pädagogik, die Edwin Hoernle in der Folge entwickelte, gipfelte in dem Credo, dass kommunistische Erziehung in erster Linie Jugendbewegung zu sein habe, die mehr und mehr zur Selbsterziehung der Kinder durch die Kinder werden müsse.27 Zu diesem Zweck plädierte er für eine Einbindung der Mitglieder der kommunistischen Kindergruppen in die Klassenkämpfe und forderte die Kinder auf, den militaristischen Unterrichtsinhalten an den Schulen aktiv entgegenzutreten.28 Für ihn waren die kommunistischen Kindergruppen die »Energiezentralen« der Kinder, in denen sie Solidarität und Klassenbewusstsein lernen sollten.29 In deutlicher Abgrenzung zu möglichen Vorstellungen von einer Umgestaltung des Menschen formulierte er sein Erziehungsziel: »Nicht harmonische Idealmenschen mit ›schönem Innenleben‹ müssen wir heute erziehen, sondern knorrige Klassenkämpfer, Proleten, die Solidarität zu üben und sich zu wehren wissen.«30 Laut Hoernle darf es kommunistischer Erziehung – zumal unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen – also nicht darum gehen, einen »neuen Menschen« zu schaffen, sondern die künftigen Klassenkämpfer heranzubilden. Für die Zeit nach der proletarischen Revolution entwarf Edwin Hoernle freilich ein anderes Bild von Erziehung. Im Anschluss an die Debatten in der KPD um die Zukunft der Familie ging er davon aus, dass sich das Zusammenleben der Menschen im Sozialismus grundsätzlich neu gestalten würde. Im sozialistischen Großheim würden Leben, Arbeit und Lernen unter einem Dach stattfinden, und die Eltern würden die Kinder gemeinsam erziehen.31 Die Schulen im Sozialismus sollten – so Hoernle – nach dem Vorbild der Räteverfassung gestaltet sein. Schüler, Eltern und Lehrkräfte sollten gleichberechtigt an der Entwicklung des Lehrbetriebs beteiligt sein.32 Hoernle wusste mithin auch um die Konflikte, die das Leben in der nachrevolutionären Epoche prägen und daher die Struktur der Räte als Interessenvertretung notwendig machen würden. Auch an dieser Stelle ging es ihm demnach um die Stärkung des Individuums für die Teilhabe am sozialistischen Gemeinwesen. Unterstützt wird diese Interpretation der pädagogischen Schriften Hoernles durch sein Verständnis von der Aufgabe der Bildung in den Gliederungen der Kommunistischen Partei. Sie sollte laut Hoernle darauf zielen, die Parteimitglieder zu eigenständigem Handeln zu befähigen, um sie gegen die politischen Schwankungen der Funktionäre zu immunisieren.33 Insoweit widersprach Hoernles Auffassung von Arbeiterbildung z. B. der Auffassung Clara Zetkins, die ihrer Partei die Aufgabe stellte, eine Kerntruppe klassenbewusster Kommunisten zu erziehen, die die Grundlinien der Politik bestimmen sollten.34 Dem emanzipatorischen Anspruch Hoernles hielt Zetkin ein Bildungsverständnis entgegen, das nicht in erster Linie auf die Selbstbildung der Arbeiter, sondern auf eine Erziehung der Arbeiterklasse zu einem bereits festgelegten Ziel setzte. Obgleich sich der emanzipatorische Anspruch der Selbstbildung der Arbeiter in den kommunistischen Parteien nie verlor, ist doch festzuhalten, dass sich zumindest in der Schulungspraxis der Parteien mehr und mehr das Konzept der Aufklärung »von oben« Bahn brach,35 was die Emanzipation der organisierten Arbeiterklasse in erheblichem Maße lähmte.36 So verheerend die um sich greifende Instrumentalisierung der organisierten Arbeiter für die Handlungsfähigkeit der Arbeiterbewegung war, so wenig wird man den Umstand verschweigen dürfen, dass beide hier dargestellten Bildungskonzeptionen sich in ihrer Orientierung am Bildungsziel der »vollseitig entwickelten Persönlichkeit« glichen.37 In dieser erstmals von Marx formulierten Bildungsperspektive scheint die Vorstellung der Bildung von »Kopf, Herz und Hand« durch, wie sie von Pestalozzi als pädagogische Verbindung von kognitivem und sozialem Lernen mit der Einbindung der Kinder in idealerweise industrielle Arbeitsabläufe entworfen worden war.38 Von daher kann man – mit Wolfgang Klafki – in der marxistischen Vorstellung einer polytechnischen Bildung und Erziehung der Menschen zu vollseitig entwickelten Persönlichkeiten die produktive »Fortbildung von Denkmotiven der klassischen Bildungstheorie« erkennen.39 Will man der marxistischen Arbeiterbewegung somit auf dem Feld der Bildung und Erziehung den Vorwurf des unbilligen Wunsches nach der Schaffung eines »neuen Menschen« machen, dann wird man denselben Vorwurf auch den Bildungstheoretikern der deutschen Aufklärung machen müssen. Es finden sich also keine belastenden Belege für ein dem Marxismus immanentes Konzept des »neuen Menschen«. Dennoch bleibt zu fragen, wie die nicht zu leugnende Degeneration des emanzipatorischen Anspruchs der sozialistischen Arbeiterbildung in den Organisationen der Arbeiterbewegung zu erklären ist. Sozialistische Eugenik Deutlicher als in den formulierten Bildungszielen von Organisationen lässt sich die Vision eines »neuen Menschen« auf dem Gebiet der technischen Realisation eines Menschen mit erwünschten Eigenschaften ausmachen. Die Disziplin, die sich dieses Ziel gesetzt hat, ist die Eugenik. Gab es also in kommunistischen Organisationen Überlegungen, den »neuen Menschen« auf diesem technokratischen Weg herzustellen? Es ist unbestritten, dass es in der sozialistischen Bewegung Sympathien für den Versuch gab, die Merkmale von Menschen über die Selektion im Mutterleib zu beeinflussen. Fraglich ist allein, inwieweit die Zustimmung oder Ablehnung eugenischer Maßnahmen auf eine bestimmte politische Überzeugung zurückzuführen ist. In diesem Sinne argumentiert die Historikerin Kristine von Soden in ihrer Dissertation über die Sexualberatungsstellen der Weimarer Republik. Sie konnte die Zustimmung zu eugenischen Positionen neben bürgerlichen Wissenschaftlern nur bei Sozialdemokraten des reformistischen Flügels der Partei erkennen. Revolutionäre Sozialdemokraten und Kommunisten in Deutschland hingegen hätten, so Kristine von Soden, eugenische Maßnahmen stets abgelehnt.40 Entgegen dieser Argumentation führt Michael Schwartz an, dass auch Kommunisten in der Weimarer Republik eugenische Maßnahmen befürwortet hätten.41 Zur Klärung dieses Dissenses kann ein Aufsatz, den der Kommunist Max Levien im Jahre 1928 in der in Moskau publizierten Zeitschrift Unter dem Banner des Marxismus veröffentlicht hat, herangezogen werden. Auf der einen Seite geht Levien darin davon aus, dass eugenische Maßnahmen im Sozialismus eine vermeintliche Verbesserung der Menschen herbeiführen könnten. Auf der anderen Seite verwirft er die Eugenik unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen als »ein Instrument zur Aufrechterhaltung von Klassenprivilegien und zur Verteidigung nationaler Unterdrückung«.42 Die von Kristine von Soden behauptete Dichotomie von Reformisten, die eugenische Sozialtechnologien befürworteten, gegenüber revolutionären Sozialisten, die diese ablehnten, ist angesichts dessen in dieser Form sicher nicht aufrechtzuerhalten. Dabei kann aber der Unterschied nicht übersehen werden, dass die einen eugenischen Maßnahmen a priori zustimmten, die anderen ihre Umsetzung von bestimmten sozioökonomischen Bedingungen abhängig machten. Die Konzentration auf diesen Umstand könnte den Blick für einen möglichen Zusammenhang zwischen der Orientierung auf die Eroberung politischer Macht und die Akzeptanz von Sozialtechnologien schärfen. Sollte sich ein solcher Zusammenhang belegen lassen, wäre der Traum vom »neuen Menschen« nicht dem revolutionären Marxismus zu unterstellen, sondern der Sicherung des Machtanspruchs eines staatlichen Apparats. Als Indiz für diese These können die eugenischen Debatten in der jungen Sowjetunion dienen. Folgt man der Darstellung des Historikers Loren Graham, dann gibt es für die Jahre zwischen 1921 und 1930 Hinweise auf eine sowjetische Eugenik, die sich in den Jahren von 1921 bis 1925 entlang der internationalen Diskussionslinien entwickelte. Erst nach 1925 habe es Versuche gegeben, eine originär sozialistische Eugenik zu gestalten. Diese Bestrebungen seien jedoch auf wachsenden Widerstand gestoßen, und nach 1930 habe sich in der sowjetischen Genetik der von dem Biologen und Agronomen Lyssenko geprägte Neolamarckismus durchgesetzt.43 Zudem wurden die Forschungen der auf der Grundlage der Eugenik arbeitenden Genetiker in der Sowjetunion zu keinem Zeitpunkt intensiv gefördert.44 Für eine aktive Eugenik in der Sowjetunion lassen sich auf der Grundlage dieser Fakten also keine Belege finden. Im Kontrast zur Marx’schen Überzeugung, das Wesen des Menschen sei »das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse«,45 ging man vielmehr davon aus, dass es einen zwingenden Zusammenhang zwischen der Durchsetzung sozialistischer Produktionsverhältnisse und der Entwicklung von sozialistischen Persönlichkeiten gäbe.46 Nicht zuletzt auf diesem Wege wurde in der Stalin’schen Sowjetunion der revolutionäre Elan der ersten Jahre nach der Oktoberrevolution lahmgelegt, denn wo ein blinder Automatismus waltet, ist keine Aktivität und keine Teilhabe der betroffenen Menschen notwendig. Diesen Umstand erkennend, argumentierte bereits Walter Benjamin, als er in seinem Moskauer Tagebuch von 1926 die Beobachtung festhielt, die sowjetische Politik setze darauf, nach innen die Dynamik der Revolution im Staat abzustellen und nach außen die Politik des Klassenfriedens zu betreiben, um ihre Position durch Handelsverträge zu sichern. Letztlich sei die Sowjetunion, »ob man will oder nicht, in die Restauration eingetreten«.47 In dieser Situation konnten auch in einem von einer kommunistischen Partei regierten Staat Träume von einer leidensfreien Gesellschaft entstehen,48 wie sie unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen wirksam waren.49 Westlicher Marxismus Der Blick auf die Diskussionen, die dem marxistischen Erbe unabhängig von staatlicher Macht verpflichtet blieben, macht deutlich, dass in ihnen die Wertschätzung jedes Individuums lebendig blieb, dessen Freiheit für Marx die Bedingung für die Freiheit aller darstellte.50 Zu nennen ist hier insbesondere Antonio Gramsci, in dessen Werk der »neue Mensch« durchaus präsent war, wenngleich er ihn ausschließlich negativ – als Ergebnis der fordistischen Produktionsweise – definierte. Diese neue Form der Produktion habe, so Gramsci, dazu geführt, dass sich die Lohnabhängigen sowohl biologisch als auch psychisch an die neue Form der industriellen Produktion anzupassen hätten.51 Das Ziel dieser Umgestaltung des Menschen sei der dressierte Gorilla, der der ökonomischen Verwertung stets und widerspruchsfrei zur Verfügung stünde.52 Seiner eigenen Partei stellte der Kommunist Gramsci hingegen die Aufgabe, Menschen zu erziehen, die sich nicht von Moden oder Befehlen leiten ließen. Letztlich ginge es darum, dafür zu sorgen, dass es keine Führer und Geführten mehr gebe.53 Die so formulierte Vision kann dabei in keiner Weise als Schablone für eine Konditionierung von Menschen dienen, sondern stellt vielmehr hohe Anforderungen an die Fähigkeit eines sozialistischen Gemeinwesens, die Partizipation seiner Mitglieder zu ermöglichen und zu ertragen. Fazit Dass Gramscis Ansatz nicht nur als Ergebnis einer marginalen Debatte in der kommunistischen Bewegung zu betrachten ist, sondern bereits im Werk von Marx, Engels und Lenin angelegt war, wird angesichts der Äußerung Lenins, der Marxismus orientiere sich am Wirklichen und nicht am Möglichen,54 ebenso klar, wie an der Feststellung Friedrich Engels, die Menschen in nachkapitalistischen Gesellschaften würden sich um die Vorstellungen ihrer Vorfahren wohl kaum mehr scheren.55 Besonderes Gewicht erhält in diesem Zusammenhang die von Lenin geführte Kritik am bürgerlichen Recht, das auf alle Menschen die gleichen Gesetze anwende: »Indes sind die einzelnen Menschen nicht gleich.«56 Es kann deshalb nicht davon ausgegangen werden, dass der Traum von der Gleichschaltung der Menschen zum Ideenhorizont des Kommunismus gehörte. Er war vielmehr das Ergebnis staatlicher Machtpolitik, die notwendigerweise jeden emanzipatorischen Gehalt ihrer Legitimationsideologie stilllegen musste.57 Gleichzeitig gab es aber immer auch »knorrige Naturen«,58 die sich auf Marx beriefen und die gerade deshalb in ihren Parteien in Misskredit gerieten. 1 Siehe 2 Kor 5, 17. 2 Siehe Ursula Ferdinand: Der »faustische Pakt« in der Sozialhygiene Alfred Grotjahns (1869–1931), in: Regina Wecker u. a. (Hg.): Wie nationalsozialistisch ist die Eugenik? Internationale Debatten zur Geschichte der Eugenik im 20. Jahrhundert, Wien 2009, S. 173–185, hier S. 184. 3 Siehe Ernst Bloch: Zwischenwelten in der Philosophiegeschichte. Aus Leipziger Vorlesungen, Frankfurt/M. 1985, S. 175. 4 Siehe Gottfried Küenzlen: Der Neue Mensch. Zur säkularen Religionsgeschichte der Moderne, München 1994, S. 81. 5 Siehe Friedrich Engels: Grundsätze des Kommunismus, in: Marx Engels Werke (im Folgenden: MEW), Bd. 4, 13. Aufl. Berlin/DDR 1979, S. 361–380. 6 Siehe Walter Benjamin: Moskauer Tagebuch, Frankfurt/M. 1980, S. 123. 7 Karl Löwith: Weltgeschichte und Heilsgeschehen. Die theologischen Voraussetzungen der Geschichts-philosophie, Stuttgart 2004, S. 54. 8 Siehe Küenzlen: Der Neue Mensch (Anm. 4), S. 152. 9 Siehe Theodor Bergmann: »Gegen den Strom« – Die Geschichte der KPD(Opposition), 2. Aufl. Hamburg 2001, S. 9. 10 Siehe Karl Marx: Das Kapital, in: MEW Bd. 25, S. 828. 11 Siehe Karl Marx/Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, in: MEW Bd. 3, S. 9–530, hier S. 33. 12 Brief von Marx an Engels vom 6. Mai 1854, in: MEW Bd. 28, S. 357 f., hier S. 357. 13 Siehe Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, in: MEW Bd. 4, S. 459–493, hier S. 474. 14 Siehe Karl Marx: Die Revolution von 1848 und das Proletariat, in: David Rjazanow (Hg.): Karl Marx als Denker, Mensch und Revolutionär, Frankfurt/M. 1971, S. 44 f., hier S. 45. 15 Siehe Löwith: Weltgeschichte und Heilsgeschehen (Anm. 7), S. 61. 16 Siehe Karl Liebknecht: Wissen ist Macht – Macht ist Wissen. Festrede gehalten zum Stiftungsfest des Dresdener Arbeiter-Bildungs-Verein am 5. Februar 1872, Zürich 1888, S. 38. 17 Siehe ebd., S. 43. 18 Siehe ebd., S. 38. 19 Siehe ebd., S. 44. 20 Siehe Gottfried Mergner: Arbeiterbewegung und Intelligenz, Starnberg 1973, S. 34. 21 Siehe Karl Liebknecht: Reden auf dem Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands 1909, in: ders.: Ausgewählte Reden, Briefe und Aufsätze, Berlin/DDR 1952, S. 152–160, hier S. 156. 22 Siehe Brief Hoernles an Seidel vom 29. Mai 1912, in: Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisa-tionen der DDR im Bundesarchiv, NY 4030/2, Bl. 2f. 23 Siehe Rosa Luxemburg: Die Theorie und die Praxis, in: dies.: Gesammelte Werke Bd. 2, 5. Aufl. Berlin/DDR 1990, S. 378–420, hier S. 410. 24 Siehe Lenin: Zur Revision des Parteiprogramms, in: Lenin Werke (im Folgenden: LW) Bd. 26, 4. Aufl. Berlin/DDR 1974, S. 135–165, hier S. 158. 25 Siehe Thomas Koebner/Rolf-Peter Janz/Frank Trommler: Vorwort, in: dies. (Hg.): »Mit uns zieht die neue Zeit«. Der Mythos Jugend, Frankfurt/M. 1985, S. 9–13, hier S. 11. 26 Siehe Edwin Hoernle: Sozialistische Jugenderziehung und sozialistische Jugendbewegung, Berlin 1919, S. 26. 27 Siehe ebd., S. 5. 28 Siehe Edwin Hoernle: Grundfragen proletarischer Erziehung, Frankfurt/M. 1973, S. 109. 29 Siehe Edwin Hoernle: Die Arbeit in den kommunistischen Kindergruppen (1923), in: ders.: Grundfragen (Anm. 28), S. 153–237, hier S. 179. 30 Edwin Hoernle: Erziehung zum Klassenkampf, in: Das Proletarische Kind Nr. 6, Juni 1922, S. 1–7, hier S. 3. 31 Siehe Hoernle: Grundfragen (Anm. 28), S. 47 f. 32 Siehe Edwin Hoernle: Vorwort zu »Die kommunistische Schule – Schulprogramm der Freien Sozialistischen Jugend Deutschlands (Entwurf)«, Berlin 1919, S. 9. 33 Siehe Edwin Hoernle: Bericht zur Arbeit der Bildungskommission, in: Protokoll des Vierten Kongresses der Kommunistischen Internationale. Petrograd-Moskau vom 5. November bis 5. Dezember 1922, 2. Bd., Hamburg 1923, S. 758–765, hier S. 761. 34 Siehe Clara Zetkin: Der IV. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale, in: Die Kommunistische Fraueninternationale November/Dezember 1922, S. 717–730, hier S. 723. 35 Siehe Projekt Ideologie-Theorie: Theorien über Ideologie, Berlin (West) 1979, S. 38. 36 Siehe Carsten Krinn: Zwischen Emanzipation und Edukationismus. Anspruch und Wirklichkeit der Schulungsarbeit der Weimarer KPD, Essen 2007, S. 526. Peter Weiß meinte in diesem Umstand gar einen Grund für die Niederlage der Arbeiterbewegung gegen den Faschismus erkennen zu können. Siehe hierzu Jörg Wollenberg: Pergamonaltar und Arbeiterbildung. »Linie Luxemburg-Gramsci – Voraussetzung: Aufklärung der historischen Fehler« (Peter Weiß), Hamburg 2005, S. 21. 37 Siehe Karl Marx: Das Kapital, in: MEW Bd. 23, S. 508. 38 Siehe Heinrich Pestalozzi: Pestalozzis Brief an einen Freund über seinen Aufenthalt in Stans, in: ders.: Gesammelte Werke, Bd. 9, Zürich 1944, S. 1–46, hier S. 37. 39 Wolfgang Klafki: Die Bedeutung der klassischen Bildungstheorien für ein zeitgemäßes Konzept allgemeiner Bildung, in: ders.: Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik. Zeitgemäße Allgemeinbildung und kritisch-konstruktive Didaktik, 5. Aufl. Weinheim 1996, S. 15–41, hier S. 36. 40 Siehe Kristine von Soden: Die Sexualberatungsstellen der Weimarer Republik 1919–1933, Berlin 1988, S. 31 f. 41 Siehe Michael Schwartz: Sozialistische Eugenik. Eugenische Sozialtechnologien in Debatten und Politik der deutschen Sozialdemokratie 1890–1933, Bonn 1995, S. 21. 42 Peter Weingart/Jürgen Kroll/Kurt Bayertz: Rasse, Blut und Gene. Geschichte der Eugenik und Rassen-hygiene in Deutschland, Frankfurt/M. 1988, S. 112. 43 Siehe Loren R. Graham: Science and Values. The Eugenics Movement in Germany and Russia in the 1920s, in: The American Historical Review 82 (Dezember 1977), Heft 5, S. 1133–1164, hier S. 1145. 44 Siehe ebd., S. 1149. 45 Siehe Karl Marx: Thesen über Feuerbach, in: MEW Bd. 3, S. 1–7, hier S. 6. 46 Siehe Johann-Peter Regelmann: Die Geschichte des Lyssenkoismus, Frankfurt/M. 1980, S. 334. 47 Benjamin: Moskauer Tagebuch (Anm. 6), S. 79. 48 Siehe Küenzlen: Der Neue Mensch (Anm. 4), S. 152. 49 Siehe Raoul H. Francé: Phoebus. Ein Rückblick auf das glückliche Deutschland im Jahre 1980, München 1927, S. 67. 50 Siehe Marx/Engels: Manifest (Anm. 13), S. 482. 51 Siehe Antonio Gramsci: Gefängnishefte, Hamburg 1999, S. 2073. 52 Siehe ebd., S. 1499 f. 53 Siehe ebd., S. 1714. 54 Siehe Lenin: Brief an Inès Armand vom 25. Dezember 1916, in: LW Bd. 35, S. 240–243, hier S. 243. 55 Siehe Friedrich Engels: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates, in: MEW 21, S. 25–173, hier S. 83. 56 Lenin: Staat und Revolution, in: LW Bd. 25, S. 393–507, hier S. 480. 57 Siehe Hans Kalt: In Stalins langem Schatten – Zur Geschichte der Sowjetunion und zum Scheitern des sowjetischen Modells, 2. Aufl. Köln 2010, S. 44. 58 Hoernle: Sozialistische Jugenderziehung (Anm. 26), S. 11.

JHK 2012

Die Transformation des sowjetischen Mythos vom Kommunismus in der Epoche Nikita Chruščëvs (1953–1964)

Ol’ga Pavlenko

Während der gesamten Geschichte der UdSSR blieb der offizielle kommunistische Diskurs stabil, ungeachtet aller Umstürze in der obersten Führung und der Änderungen des politischen Kurses. Die Folgen waren paradox. Die neue Parteiführung wollte jedes Mal wieder bei null anfangen. Der politische Diskurs bildete sich immer wieder auf der Grundlage der Diskreditierung der bisherigen Politik und der geschichtlichen Erfahrungen heraus. Unverändert blieben jedoch das Primat des Kommunismus und die allgemeinen Vorstellungen über diesen als höchste Phase des sowjetischen politischen Prozesses. Die Bolschewiki haben unter den Losungen des Kommunismus die imperiale Geschichte Russlands hinter sich gelassen. In der Epoche Iosif Stalins geriet die reale Geschichte der bolschewistischen Bewegung und der Oktoberrevolution selbst in Vergessenheit. Die engsten Kampfgefährten Lenins wurden umgebracht, die Rolle Trockijs verdrängt, und stattdessen wurde der Kult des Führers der Völker, »des wahren und treuesten Schülers Lenins« – Iosif Stalin – ins Leben gerufen. Die gewaltsame Kollektivierung, Industrialisierung und die Kulturrevolution erfolgten im Namen des »bevorstehenden Kommunismus«. Doch nach Stalins Tod machte sich der neue Parteiführer Nikita Chruščëv daran, den Kult um seinen Vorgänger zu entlarven. Für Chruščëv war es wichtig, das Land zu überzeugen, dass er die Partei und den Sowjetstaat zur »Primärquelle« – Lenin – zurückführen und sie vom autoritären Stalinismus säubern würde. Nie zuvor hatte der Personenkult um Lenin eine derart umfangreiche Mythologisierung erfahren. Das Leninbild wurde zu einer Art heiligem Symbol, zu einem Orakel der offiziellen Ideologie. In den Sechzigerjahren wandelten sich die Oktoberrevolution und der Bürgerkrieg (ohne Trockij und fast ohne Stalin) zu den grundlegenden Mythologemen des Sowjetstaates.[1] Ein monumentaler Leninkult entstand, in dessen Schatten sich auch ein würdiger Platz für den »Theoretiker des Kommunismus«, Nikita Chruščëv, fand. Lenins Name wurde wie ein Schwur genannt. Eine fünfte Ausgabe seiner Werke erschien. Auf dem XXII. Parteitag der KPdSU, der die Bevölkerung aufrief, innerhalb von zwanzig Jahren den Kommunismus zu errichten, wiesen sämtliche Losungen einen Leninbezug auf: »Ruhm der Partei Lenins!«, »Es lebe das Lenin’sche Programm der Partei!«, »Es lebe das leninistische Zentralkomitee!«. Der gesamte Saal skandierte damals: »Leninismus – Kommunismus!« Es hatte den Anschein, dass die UdSSR eine Brücke zurück in die revolutionär-romantischen Zwanzigerjahre schlug, als die Menschen, die den Bolschewiki glaubten, mit der Hoffnung auf die lichte Zukunft – den Kommunismus – lebten. Der Mythos des Kommunismus wurde nun durch neue Akzente ergänzt und von der sowjetischen Propaganda millionenfach im Land und im Ausland verbreitet. All das sollte dazu beitragen, den Stalinkult aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein zu verdrängen und den Sowjetmenschen neue Horizonte eröffnen. Der Mobilisierungseffekt war stark, aber kurzlebig. Bereits in der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre beschuldigte die neue Parteiführung unter Leonid Brežnev Chruščëv des Voluntarismus und der Anwendung autoritärer Methoden in der Leitung des Landes – eine Verletzung der »Lenin’schen Prinzipien«. Als später die Zeit von Michail Gorbačëvs Perestroika gekommen war, wurde Brežnevs Politik der Stagnation zum Objekt der Kritik. In den Neunzigerjahren waren es dann Boris El’cin und seine Anhänger, die nunmehr Gorbačëv beschuldigten. Alle diese zyklischen »Negationen« im sowjetischen – und später im postsowjetischen System – trugen dazu bei, einen Teufelskreis zu errichten, der sich um die Lösung der taktischen Aufgabe, die Macht um jeden Preis zu erhalten, drehte. Ungeachtet all dieser Metamorphosen bewahrte die ihrer Struktur und Kommunikationspraxis nach außerordentlich hierarchische Sowjetideologie den unveränderlichen Mythos vom Kommunismus. Dahinter verbarg sich der eigentliche Sinn der staatlichen und Parteiprozesse in der UdSSR: Wer sind wir? Wohin gehen wir? Was sind unsere Orientierungspunkte? Vom genauen Erklärungsschema, das simpel und einfachen Leuten verständlich war, hingen die Stabilität des Systems und sein Mobilisierungspotenzial ab. Von ihm hingen auch die gesellschaftlichen Illusionen und Hoffnungen ab. Das Phänomen der Sechzigerjahre sind eben jene hohen Erwartungen, die Chruščëv der Gesellschaft vermitteln konnte, die Ideen von der Bürgeraktivität und Selbstverwaltung, dem Dialog zwischen Macht und Gesellschaft, die er unter den Bedingungen der engen Grenzen, die das sowjetische System setzte, unterbreitete. Ende der Neunzigerjahre, Anfang 2000 erschienen in Russland Dutzende Arbeiten über das ideologische Phänomen des Kommunismus in der Chruščëv-Ära.[2] Dieses anhaltende Interesse lässt sich auf das Bestreben der Historiker, Philologen, Kulturwissenschaftler und Philosophen zurückführen, die komplizierten Codes des offiziellen sowjetischen Diskurses zu entschlüsseln und das spezifische ideologische System des »Wissenschaftlichen Kommunismus« zu verstehen, das unterschiedliche Erfahrungen der Projektierung gesellschaftlicher Prozesse in der UdSSR zu begründen suchte. Dabei wird die Dechiffrierung von Parteitexten, öffentlichen Reden der Führer des Landes durch die Spezifik der »sowjetischen politischen Sprache« und dem dahinter verborgenen Sinn erschwert.[3] Diese trockene, bürokratische, komprimierte, emotionslose Sprache, diese Sprache der sowjetischen Parteinomenklatura, lässt sich schwer übersetzen, da die einzelnen Formulierungen viele Prozesse in sich vereinigen. Die von Chruščëv am meisten verwendete Formel »Aufbau des Kommunismus« wurde zum Markenzeichen und hat seine Epoche überdauert. Im offiziellen sowjetischen Diskurs hielt sie sich bis zum Zusammenbruch der UdSSR, wurde aber allmählich von der »Perestroika« verdrängt. Der »Aufbau« wurde als gesamtgesellschaftliche Aktion interpretiert, als höchster Ausdruck der kollektiven Arbeit der Sowjetmenschen, als Wesen ihrer allgemeinmenschlichen Mission. Der »Kommunismus« kam in dieser Verbindung dem alten russischen Mythos von der Stadt des Überflusses Kitez nahe. Der Legende nach kannten die Einwohner dieser Stadt weder Hunger noch Entbehrungen und lebten in Wohlstand und Geborgenheit. Doch die Stadt versank im Meer und wurde zum Sinnbild der ewigen russischen Sehnsucht nach einem »Leben im Überfluss«. Chruščëv liebte es, von der »Arbeit des gesamten Sowjetvolkes am Aufbau des Gebäudes des Kommunismus« zu sprechen.[4] Die Begriffe »Aufbau« und »Gebäude« entspringen der materiellen Sphäre, ihnen haftet etwas Gegenständliches, Fassbares an, sie vermittelten ein Gefühl der Nähe zur neuen Realität – des Kommunismus. Dies war die große Illusion des Kommunismus, geschaffen in der Ära Nikita Chruščëvs – seiner Politik und seinem Kampf um die Macht blieb sie stets untergeordnet. Nikita Chruščëv als politischer Führer: Streitfragen Die Erinnerung an die Zeit von Nikita Chruščëv ruft auch heute noch heftige Reaktionen hervor. Geriet er während der Brežnev-Ära fast dreißig Jahre lang in Vergessenheit, war er während der Perestroika heftig umstritten. Die Ideologen des Aufbaus wollten damals die Erfahrungen seiner Reformen untersuchen, verstehen, inwieweit das »Jahrzehnt Chruščëvs« mit dem neuen Denken von Gorbačëv zusammenhing. Die Diskussionen entflammten unmittelbar nach der Veröffentlichung seiner Memoiren, zunächst in Auszügen in Zeitschriften, später folgte eine Buchausgabe. Zwischen 1990 und 2000 erschienen mehrere Studien, in denen die Autoren den Versuch unternahmen, das Phänomen der politischen Führung Chruščëvs zu analysieren.[5] Bis heute bleibt jedoch die Frage, ob seine Reformen nur eine Imitation der Modernisierung oder eine scharfe Wendung in der Reformierung der Sowjetordnung waren, unbeantwortet. Als politischer Führer bildete er sich an der Bruchstelle zweier Epochen heraus, derjenigen Stalins und jener neuen, der er einen frischen Wind einhauchen wollte. Seit dem XX. Parteitag positionierte sich Chruščëv als überzeugter Antistalinist, blieb jedoch ein Leben lang von der Epoche des Stalinismus geprägt. Sein Sohn gab zu, dass der Vater »immer auf Stalin zurückkam. Er war wie ›vergiftet‹, wollte Stalin loswerden, doch konnte es nicht. Er versuchte zu verstehen, was damals mit dem Land, mit dessen Führern, mit ihm selbst, geschehen war. Wie ist es dem Tyrannen gelungen, sich nicht nur das Land untertan zu machen, sondern auch noch die Einwohner zu zwingen, ihn zu vergöttern? Er suchte nach einer Antwort, konnte aber keine finden.«[6] Während er die Stufen der Macht erklomm, eignete er sich sehr genau die Grundregeln des sowjetischen politischen Prozesses an. Er hatte immer ein Gespür für jene Grenzlinie, die die Parteifunktionäre aller Ebenen – von der Parteibasis bis an die Parteispitze – wahrnahmen. Es war die Grenze zwischen der Wirklichkeit, dem, was tatsächlich existierte, und dem, wie es entsprechend den »historischen Weisungen von Partei und Regierung sein müsste«. Es war ein Konflikt zwischen Realität und ideologischer Mythenbildung, der von der Sowjetordnung und Sowjetpolitik hervorgebracht worden war.[7] Chruščëv balancierte ständig am Abgrund der Macht, dennoch gelang es ihm über sehr lange Zeit, seine Gegner und ihre Aktivitäten zu durchschauen. Es schien, als ob eine unsichtbare Hand diesen Menschen auf den Gipfel der sowjetischen Macht führte. Sein Äußeres war das eines biederen Menschen, seine weichen bäuerlichen Gesichtszüge, die abstehenden Ohren waren nur eine Maske, die ihm in zahlreichen kritischen Situationen eine Hilfe war. In seinem Innersten war er ein gnadenloser Intrigant, berechnend und in der Lage, zu warten, bis seine Stunde gekommen war, bereit, sich zu erniedrigen, der jedoch niemandem verzieh und sich alle ihm zugefügten Kränkungen merkte, wie sich A. I. Adzubej erinnert: »Es schien nur so, dass er ein Simpel war. Oft spielte er den Einfältigen. Doch ich sah häufig, wie kalt seine kleinen Augen im Zorn wurden. Er kannte die Spielregeln und die brutalen Varianten des Spielverlaufs genau.«[8] Den besonderen Stil seines politischen Verhaltens kann man mit dem Bestreben Chruščëvs erklären, gegen alle sich im System herausgebildeten Normen und Traditionen, gegen dessen spontanen Populismus und Bedarf an der »Liebe des Volkes« und gegen die Zustimmung der Basis zu allen Initiativen und Schwankungen anzugehen. Doch der Zickzackkurs von Chruščëv ist eher auf das Dilemma zurückzuführen, das ihn ein Jahrzehnt lang verfolgte: Was konnte aus dem Stalin’schen politischen Erbe übernommen, worauf musste verzichtet werden? Es ist durchaus zutreffend, wenn behauptet wird, Chruščëv habe in seinem Antistalinismus inkonsequent und widersprüchlich gehandelt, indem er eine utopische Strategie des forcierten »Aufbaus des Kommunismus« verfolgte. Doch es gelang ihm, die sowjetische Gesellschaft aus dem Teufelskreis des totalitären Stalinismus herauszuführen und die am Menschen ausgerichtete Reform zu etablieren. Nicht zuletzt ist es seiner Impulsivität und Hartnäckigkeit zu verdanken, dass sich ein umfassender Dialog zwischen der UdSSR und dem Westen zu entfalten begann. Die Theorie des Übergangs vom Sozialismus zum Kommunismus: räumliche und zeitliche Faktoren Die Auslegung des »Kommunismus« nach sowjetischer Tradition basierte stets auf den »klassischen« Definitionen von Karl Marx und Friedrich Engels, entfaltete sich aber immer unter dem Einfluss innen- und außenpolitischer Prozesse. In der Struktur der sowjetischen Ideologie nahm die Idee des Kommunismus eine Schlüsselstellung ein und diente als grundlegendes Mobilisierungsinstrument. Heute denkt kaum jemand darüber nach, warum eine der Hauptverkehrsadern, die Moskau mit dem Ural und dem Wolgagebiet verbindet, »Chaussee der Enthusiasten« heißt. Der ehemalige Vladimirskij trakt, auf dem in imperialer und Sowjetzeit Häftlinge in die Lager und Gefängnisse in Mordovien und im Ural getrieben wurden, wurde in den Zwanzigerjahren umbenannt. Der neue Name der ehemals von Häftlingen bevölkerten »Chaussee der Enthusiasten« wurde zu einem spezifischen paradoxen Symbol der UdSSR. Bereits in den Dreißiger- und Vierzigerjahren erfolgte eine Revision der Theorie vom Aufbau des Kommunismus. Stalin formulierte die Doktrin von der Möglichkeit, den Kommunismus in einem einzelnen, für sich genommenen Land aufzubauen[9] – ein Resultat der außenpolitischen Situation. Der weltweite Sieg des Kommunismus, den die Bolschewiki mit Lenin an der Spitze erwartet hatten, war nicht eingetreten. Die UdSSR war mit einer belagerten Festung, eingekreist von Kapitalisten, vergleichbar. Das Sowjetvolk der Stalin-Ära konnte an das »kommunistische Morgen« glauben oder nicht. Doch in der offiziellen Propaganda, im Kino, auf zahllosen Plakaten, war immer wieder davon die Rede, wurde die lichte Zukunft ins Bild gesetzt. Gesunde, gut gekleidete und satte Menschen lächelten glücklich aus der Zukunft herab und ließen ihre blendend weißen Zähne blitzen. In einem Gespräch mit Vertretern amerikanischer Arbeiter im September 1937 skizzierte Stalin in aller Kürze seine Vorstellung vom Kommunismus. Er sprach von einer Gesellschaft, in der sich die Staatsmacht zur freien Assoziation der Werktätigen wandeln würde, in der es keinen Gegensatz zwischen Stadt und Land geben und Lebensmittel und Kleidung nach dem Prinzip »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen« verteilt würden. Wirtschaft und Volkswirtschaft würden sich auf der Grundlage der wissenschaftlichen Errungenschaften entfalten. Die von der ewigen Sorge um das Stück Brot befreite Persönlichkeit würde zur wahrhaft freien Persönlichkeit.[10] Es schien, als ob Stalin seinen Kurs auf den Kommunismus festlegte, der sich am Horizont abzeichnete, indem er die repressiven Methoden der Industrialisierung, die brutale Kontrolle der Kolchosbauern und ihre Rechtlosigkeit rechtfertigte. Nicht zufällig wurde 1939 auf dem XVIII. Parteitag die Vollendung des Aufbaus des Sozialismus propagiert. Das Land sollte allmählich in den Übergang zum Kommunismus eintreten.[11] Doch der Zweite Weltkrieg durchkreuzte diese Pläne. Aber unmittelbar nach seinem Ende, als die Prozesse der Sowjetisierung in den Staaten Osteuropas einsetzten, traf Stalin die Entscheidung, ein neues Parteiprogramm zu erarbeiten, in dem der Übergang zum Kommunismus begründet wurde. 1948 lag ein Entwurf mit vielen Ungereimtheiten vor, und dennoch wurde voller Optimismus erklärt, dass in der UdSSR in den kommenden zwanzig bis dreißig Jahren der Kommunismus errichtet sein würde. Für die Wissenschaftler war das ein Grund, eine direkte Analogie zwischen der Periodisierung des Aufbaus des Kommunismus durch Stalin und dem Zeitrahmen, den Chruščëv in der Folgezeit verkündete, zu ziehen.[12] In der Tat war es so, dass beide den »kommunistischen Horizont« annähernd gleich datierten: am Übergang der Siebziger-, Achtzigerjahre. Zu diesem Zeitpunkt sollte die UdSSR ein qualitativ neues Entwicklungsstadium erreichen. Auf dem historischen XX. Parteitag der KPdSU im Jahre 1956 hielt Chruščëv nicht nur die Rede über die Entlarvung des Personenkultes und begründete einen neuen außenpolitischen Kurs, sondern stellte auch die Frage nach dem allmählichen Übergang des Landes zum Kommunismus zur Diskussion. Ebenso pathetisch wie in der Stalinzeit pries er das Entwicklungsniveau der UdSSR: »Das Sowjetland durchlebt jetzt einen steilen Aufschwung. Bildhaft gesprochen, haben wir einen solchen Berg erklommen, einen solchen Gipfel, von dem aus die breiten Horizonte auf dem Wege zum Endziel – der kommunistischen Gesellschaft – sichtbar sind.«[13] Das Stalin’sche Projekt des neuen Programms der KPdSU von 1948 war vergessen, nicht jedoch die Idee vom »Perspektivplan des kommunistischen Aufbaus« selbst. Um zum Aufbau des Kommunismus überzugehen, musste die sowjetische Gesellschaft davon überzeugt werden, dass sie das Niveau des Sozialismus bereits erreicht hatte. Darin lag der Zynismus der sowjetischen Perspektivplanung, in der Ignoranz der tatsächlichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation. Sie wurde einfach nicht zur Kenntnis genommen. Entscheidend war der politische Kampf um die Macht. Wer diesen Kampf gewann, legte auch die »Spielregeln« für das gesamte Land fest. Die historische Zeit in der UdSSR war in Fünfjahrespläne untergliedert. Zu Beginn eines jeden Fünfjahresplanes wurden Ziele und Aufgaben der Wirtschaft, Politik und Kultur benannt, am Ende die Ergebnisse zusammengefasst. Dies nährte die Illusion von einem zielstrebigen, organisierten Leben, die Illusion, dass die Staatsführer die Antworten auf die Herausforderungen der ökonomischen Entwicklung im Voraus kennen. Die Sowjetgesellschaft wird häufig mit einer gigantischen Korporation verglichen, die wie jede andere Megakorporation starke Seiten hatte – die Möglichkeit, (fünf Jahre im Voraus) zu planen, langfristige Projekte zu realisieren (etliche Fünfjahrespläne im Voraus), kolossale finanzielle und menschliche Ressourcen zur Entwicklung vorrangiger Ziele zusammenzuziehen, große Investitionen in kurzer Zeit vorzunehmen sowie hohe Beträge für die wissenschaftliche Forschung und die Anwendung dieser Forschungsergebnisse bereitzustellen. Die Bevölkerung der UdSSR zählte damals fast 220 Millionen Menschen – gewaltige menschliche Ressourcen. Doch gleichzeitig produzierte das System gewaltige Kosten. Jegliche Vernachlässigung der Kontrolle, jeglicher Versuch, die Vertikale der Macht »aufzufächern«, zogen sofort ernsthafte Störungen nach sich. Die von oben vorgegebene These, dass die UdSSR Mitte der Fünfzigerjahre den »Aufbau des Sozialismus« vollendet hätte, war der Gipfel des politischen Zynismus. Das Land begann nach dem Krieg auf die Beine zu kommen, während die Bevölkerung nach wie vor hungerte und mit dem Minimum auskommen musste. Dies rief sogar die Kritik der Staatsbediensteten hervor. In der Sitzung des Obersten Sowjets im Februar 1955 erklärte Molotov, dass in der UdSSR nur die »Grundlagen des Sozialismus« vorhanden seien. Doch Chruščëv konnte seinem Opponenten effektiv standhalten. Er war erfahren und auf der Hut vor Kabinett-Intrigen. Kurze Zeit später musste Molotov unter dem Druck der Parteispitze seinen »Fehler« öffentlich eingestehen. Auf dem Juni-Plenum der Partei 1957 prallten erneut konträre Meinungen aufeinander. Es ging nicht nur um den persönlichen Konflikt zwischen dem zurückhaltenden und schroffen Molotov, der sämtliche Untiefen der Stalin’schen diplomatischen Schule durchlaufen hatte, und dem impulsiven, ambitionierten Chruščëv, dem daran lag, um jeden Preis die Richtigkeit des von ihm eingeschlagenen Kurses zu beweisen. Das Plenum endete mit dem Sieg Chruščëvs. Die Hindernisse im Politbüro auf dem Weg zu seiner persönlichen Macht waren ausgeräumt. Doch die Realität war von den hochtrabenden ideologischen Behauptungen weit entfernt. Bereits 1953/54 musste zusätzlich Gold eingesetzt werden, um die Rohstoffe und Lebensmittel zu bezahlen. Der Mangel an eigenen Ressourcen zur Wiederherstellung von Industrie und Landwirtschaft wurde spürbar. Die von Chruščëv verkündete und von der sowjetischen Propaganda verbreitete Losung, den Westen »einzuholen und zu überholen«, legte die Latte für das gesamte Wirtschaftssystem viel zu hoch. 1955 gab Chruščëv den Auftrag für einen Informationsbericht für das ZK der KPdSU, der von einer vom Vorsitzenden der Staatlichen Plankommission N. Bajbakov geleiteten Arbeitsgruppe erstellt wurde, der auch V. Starovskij, Leiter der Statistischen Zentralverwaltung, und V. Djačenko, Direktor des Instituts für Ökonomik der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, angehörten. Sie hatten den Auftrag, einen Plan zur Realisierung der Vorzüge der sowjetischen Ökonomie gegenüber den kapitalistischen Ländern auszuarbeiten, doch letztlich war ihre Prognose pessimistisch. Die ökonomische Analyse ergab, dass mindestens zwei Fünfjahrespläne erforderlich waren, um den Rückstand der UdSSR gegenüber Westeuropa (gemessen an der Prokopfproduktion) aufzuholen. Und weitere drei bis vier Fünfjahrespläne, um den Rückstand der UdSSR gegenüber den USA zu überwinden. Erforderlich war eine Vergrößerung des Umfanges der Industrieproduktion in der UdSSR um das vier- bis viereinhalbfache – illusorisch.[14] Die skeptischen Berechnungen der Ökonomen stellten Chruščëv nicht zufrieden, egal unter welchen Bedingungen, er wollte das Ergebnis sofort, um die Welt eindrucksvoll zu überraschen. Die Empfehlungen der Wissenschaftler wurden bei der Erarbeitung des sechsten Fünfjahresplanes nicht berücksichtigt, der Staatschef wollte diesen nutzen, um auf einmal sowohl Westeuropa als auch die USA in einem revolutionären Sprung zu überholen. Geplant war, zum Ende des Fünfjahresplanes Europa hinsichtlich der Arbeitsproduktivität zu überholen und im Hinblick auf die USA ein Verhältnis von 100 zu 174 Prozent zu erreichen. Die Berechnungen basierten auf obskuren Zahlen; gemäß dieses Fünfjahresplans sollte die Arbeitsproduktivität in der UdSSR auf bis zu acht Prozent steigen, in den kapitalistischen Staaten hingegen auf das Niveau von 1,5 bis 3 Prozent sinken.[15] Aber auch die Ergebnisse dieses Fünfjahresplans zeigten, dass das Ziel nicht erreicht werden konnte. Mitte 1958 begann auf Weisung Chruščëvs die Arbeit am Entwurf des dritten Parteiprogramms der KPdSU, dem Grundsatzdokument, das die innenpolitische und außenpolitische Strategie der Partei bestimmte. Es wurde eine Arbeitsgruppe, bestehend aus hundert Wissenschaftlern, Leitungsfunktionären und Vertretern der Parteinomenklatura, geschaffen, die vom Sekretär des ZK der KPdSU B. N. Ponomarev geleitet wurde. Innerhalb von drei Jahren sollte diese Gruppe das neue Parteiprogramm erarbeiten. Chruščëv verfolgte diesen Entstehungsprozess sehr aufmerksam, nahm selbst Korrekturen vor und unterbreitete Vorschläge.[16] Auf seine Forderung hin wurde im Programm vermerkt, dass fünfzehn bis zwanzig Jahre genügten, um die »Grundlagen der kommunistischen Gesellschaft« in der UdSSR zu schaffen. Doch die noch von Lenin begründete Tradition derartiger programmatischer Dokumente verlangte, den Planungen der Partei eine wissenschaftlich begründete Basis zugrundezulegen, die Etappen des »Aufbaus des Kommunismus« herauszuarbeiten und jeder Etappe Hauptaufgaben zuzuordnen. Chruščëv fühlte sich diesem Vorgehen verpflichtet, er verstand sehr gut, dass die Planungen sowohl dem Arbeiter als auch der Bäuerin verständlich sein mussten. Er bestand darauf, dass das Programm »ein klares, exaktes, motivierendes Dokument sein muss, ein Poem, aber gleichzeitig auch ein reales, lebendiges Dokument, mit einer umfassenden Perspektive«.[17] Auf dem außerordentlichen Parteitag der KPdSU 1959 wurde der »endgültige und vollständige Sieg des Sozialismus« in der UdSSR erklärt. Im offiziellen Sprachgebrauch bedeutete dies, dass das Land in die Epoche »des entfalteten kommunistischen Aufbaus« eintrat.[18] »Sozialismus« und »Kommunismus« wurden als zwei Phasen einer ökonomischen Formation angesehen, die »Kommunismus« genannt wurde – ein logischer Widerspruch. Dennoch wurde diese Kennzeichnung a priori in das sowjetische ideologische System übernommen. Hunderttausende Ideologen begründeten deren Wissenschaftlichkeit und gesellschaftliche Bedeutsamkeit. Doch dem Wesen nach wurden Begriffe vertauscht. Die Subsumierung zweier Modelle der gesellschaftlichen Entwicklung unter einer Formation sollte die Sowjetmenschen davon überzeugen, dass sie bereits »auf dem Wege zum Kommunismus« waren. Hinzu kommt, dass innerhalb des »Aufbaus des Kommunismus« ebenfalls zwei Stadien herausgearbeitet wurden: »Aufbau der Grundlagen des Kommunismus« und »vollständiger Kommunismus«.[19] Geplant war, im Laufe von zwanzig Jahren das erste Stadium zu erreichen. Und dann? Dann, so lautete die nebulöse Formulierung, würden allmählich »Elemente des Kommunismus« in den sowjetischen Alltag Eingang finden. Bei der Korrektur des Programmtextes kam Chruščëv mehrfach auf den zeitlichen Rahmen zurück, hegte diesbezüglich seine Zweifel und versuchte, intuitiv die Zukunft zu erahnen. Doch ihm war klar, dass dies unmöglich war: »Die Achtzigerjahre – bis dahin vergehen noch zwanzig Jahre, daher kann man nicht sagen, was in vierzig Jahren sein wird. […] Und was wird nach vierzig Jahren sein? Dasselbe wie nach zwanzig Jahren? Das ist nicht richtig.«[20] Derartige ideologische Konstruktionen waren im Programm keine Seltenheit. Zu den brisantesten Fragen gehörte die nach dem »Absterben des Staates« im Kommunismus. Marx und Engels und später auch Lenin sahen die zukünftige kommunistische Ordnung als eine ohne Staatsmacht. Sogar Stalin bestritt in seinen theoretischen Arbeiten nicht, dass im Kommunismus die Macht an gewählte gesellschaftliche Organisationen überginge. Doch Chruščëv konnte in einem streng zentralistischen Staat, unter Bedingungen der totalen Kontrolle durch die Partei, nicht zugeben, dass nach zwanzig Jahren deren Monopol auf die Macht »abstirbt«. Nach etlichen Diskussionen wurde der Beschluss gefasst, die These vom »Absterben des Staates« zu tilgen und dafür die nebulöse Formulierung vom »Volksstaat« aufzunehmen. Außerdem wurde hervorgehoben, dass die Rolle der Partei im Kommunismus weiter zunehmen würde. Im Frühjahr 1961 war die Arbeit am Programm abgeschlossen. Zuvor hatte Chruščëv jedoch weiter am Text gearbeitet und weitere Änderungen eingefügt. Nach der formellen Bestätigung des Wortlauts durch das ZK der KPdSU wurde der Programmentwurf schließlich veröffentlicht. Chruščëv wollte, dass möglichst viele Menschen in die Aussprache über das Programm einbezogen würden. Im Kreml liefen – der Tradition folgend – Berichte aus allen Landesteilen darüber zusammen, wie viele Parteimitglieder und Parteilose sich an der Volksaussprache beteiligten. Ein Teil der Briefe, die an die Zeitungen Pravda und Izvestija geschickt wurden, ist veröffentlicht. Weitere Bestände finden sich in den Parteiarchiven. Nach offiziellen Angaben haben über neun Millionen Menschen unter Anleitung speziell geschulter Agitatoren bei Zusammenkünften in Fabriken, bei Studentenversammlungen und Kundgebungen selbst in den abgelegensten Dörfern den »Übergang zum Kommunismus« begrüßt. Presse, Funk und Fernsehen berichteten ausführlich über diese Versammlungen. Für kurze Zeit – im Sommer und Herbst 1961 lebte das gesamte Land eine optimistische kommunistische Utopie. Die Volksaussprache war eine Art Gradmesser der öffentlichen Meinung und förderte eine alles in allem durchaus loyale Haltung gegenüber dem Regime zutage.[21] Der XX. Parteitag wurde zum »kommunistischsten« aller Parteitage. Er verkündete die »klassische Formel« des Kommunismus, in der vier Punkte hervorgehoben wurden:[22] – klassenlose Gesellschaft mit vollkommener sozialer Gleichheit; – einheitliches gesamtgesellschaftliches Eigentum; – allseitige Entwicklung von Wissenschaft und Technik; – eine mächtigere Wirtschaft als im Kapitalismus und ein hohes Lebensniveau. Dabei wurde nichts darüber gesagt, wie die Mechanismen der Macht arbeiteten oder auf welche Art und Weise die gewählten Vertreter der gesellschaftlichen Organisationen grundlegende politische Entscheidungen treffen würden. Wenn die Staatsmacht den gewählten gesellschaftlichen Organen übertragen würde, welche Rolle würde dann die Kommunistische Partei spielen, lautete die daraus völlig zu Recht abgeleitete Frage. Wenn sie größer würde, wie sollte dann die glückliche kommunistische Gesellschaft geleitet werden? Derlei Fragen über die Gestaltung der Macht im Kommunismus wurden jedoch nicht diskutiert. Niemand äußerte auch nur Zweifel daran, dass sich sämtliche Fäden der Regulierung der Gesellschaft in den Händen des Zentralkomitees befinden würden. Parallel dazu bildete sich ein neuer Diskurs über den »Kommunismus mit menschlichem Antlitz« heraus. In den Texten der Stalinepoche war davon keine Rede, nach Chruščëv büßte er seine Schärfe und Bedeutung ein und löste sich – entwertet und vergessen – in den offiziellen Kommunismus-Konzeptionen der Brežnev-Ära auf. Chruščëv machte sich Gedanken über die Lebensqualität der einfachen Menschen. Das erklärt die beständige Verwendung des Wortes »Überfluss« in allen seinen öffentlichen Reden und öffentlichen Dokumenten. Derartige von der Mehrheit der Bevölkerung angestrebte, aber für sie unerreichbare Zustände wie »Überfluss«, »gesellschaftliche Wohlfahrt«, »Befriedigung aller Bedürfnisse« nahmen damals eine Schlüsselstellung in den offiziellen Texten ein. In den Anmerkungen zum dritten Parteiprogramm schrieb Chruščëv: »Was ist das Wichtigste an der kommunistischen Gesellschaft? Der Mensch. Und daher müssen alle physischen und geistigen und materiellen Anstrengungen auf eine bessere Befriedigung der Bedürfnisse des Menschen und der kommunistischen Gesellschaft als Ganzes gerichtet sein.«[23] Chruščëv verlieh dem Bild vom Kommunismus einen alltäglichen Anstrich, einen, der für die einfachen Menschen wünschenswert war: »Der Kommunismus – das sind völlig reale und konkrete Lebensbedingungen des Volkes: es ist ein kurzer Arbeitstag, eine gute Wohnung, die weltweit niedrigste Miete, gute Bekleidung, gut genährte Kinder, kostenlose Schulbildung für sie, staatliche Stipendien für Studenten, kostenlose medizinische Betreuung, Abschaffung der Besteuerung der Bevölkerung, nach fünf Jahren wird es diese bei uns nicht mehr geben – das sind Elemente des Kommunismus in der Tat, im wirklichen Leben.«[24] Ein einfacher Gedanke, für Millionen Menschen verständlich und nachvollziehbar, die stundenlang nach Wurst und Fleisch anstanden und sich mit mehreren anderen Familien die Wohnung teilen mussten, mit einem Bad, einer Toilette und einer Küche für alle. In diesem Jahrzehnt erfuhr das Bild von der Zukunft eine radikale Veränderung. Chruščëv suchte nach neuen Stimuli für die Belebung des Kommunismusbildes im gesellschaftlichen Bewusstsein. Früher hatte es einen Bruch zwischen den Vorstellungen vom Kommunismus als dem höchsten theoretischen Konstrukt der marxistisch-leninistischen Philosophie und den gewöhnlichen, auf den Konsum gerichteten Neigungen der Bevölkerung gegeben, ihrem Interesse am Alltagsleben, Essen, dem Streben nach qualitativen, modernen und schönen Waren für den persönlichen Gebrauch. Früher wurden solche Verhaltensweisen als »kleinbürgerliche«, als bourgeoise Rudimente verworfen: Die sowjetische Propaganda führte einen beständigen Kampf dagegen. Doch alles war vergebens. Die Erinnerungen an die Trophäen waren noch wach. Als im letzten Kriegsjahr die Rote Armee die Westgrenzen überschritt, waren die Soldaten und Offiziere erschüttert angesichts des Überflusses an schönen und praktischen Dingen und Gebrauchsgegenständen für den Alltag in Deutschland und Österreich. Hunderttausende Pakete mit Geschenken für die nächsten Verwandten trafen in der UdSSR ein, die Generäle transportierten ihre Trophäen waggonweise ab. Gut möglich, dass Chruščëv das Katastrophale dieses Bruchs zwischen theoretischer Konstruktion des Kommunismus und tatsächlichem Defizit an Gebrauchsgütern in der sowjetischen Wirklichkeit erkannt hatte. »Überfluss« wurde ausgehend von den Prinzipien der Verteilung interpretiert, die zu Sowjetzeiten einen zentralen Platz in der Regulierung der Gesellschaft genossen. Wenn im Sozialismus »die Verteilung der Güter« auf den Prinzipien der sozialen Gleichheit (ausgenommen die Partei- und Staatsnomenklatura) und der Entlohnung nach der Leistung basierte, sollten die Güter im Kommunismus entsprechend den Bedürfnissen verteilt werden. Doch wie sollten diese befriedigt werden, wo doch alle Menschen verschieden sind und eigene Vorstellungen und Wünsche ihren Lebenskomfort betreffend haben? Dieser Frage gingen die Theoretiker nicht nach. Ihnen genügte es, zu behaupten, dass das Bewusstseinsniveau der Menschen im Kommunismus so entwickelt sein würde, dass sie in der Lage wären, ihre »vernünftigen Bedürfnisse« zu befriedigen, ohne zu prassen. Offensichtlich gingen sie davon aus, dass die Partei die Mechanismen der Verteilung der Güter kontrollieren und den Rahmen der Lebensbedürfnisse festlegen würde. In einer derart abstrakten Form wurde das Ideal der gesellschaftlichen Gleichheit und Gerechtigkeit gedacht. Arbeiter und Kolchosbauern sollten in den Genuss gleicher Güter gelangen. Chruščëv setzte einige Verbesserungen in der Versorgung der Landbevölkerung durch, die unter Stalin völlig rechtlos gewesen war. Pässe wurden den Bauern nicht ausgehändigt, statt einer Entlohnung mit Bargeld wurden ihnen Arbeitseinheiten (trudodni) gutgeschrieben. Je nach Umfang dieser gutgeschriebenen Arbeitseinheiten erhielten sie Getreide, Viehfutter, Obst, Gemüse und andere landwirtschaftliche Produkte. Chruščëv war der Erste, der verlangte, dass die Landbevölkerung ihren sozialen und Bürgerrechten nach den Städtern gleichgestellt war, dass sie das Recht auf Rente und bezahlten Urlaub hatte, sich frei im Land bewegen konnte. Besonders hervorzuheben ist, dass das Bild vom Kommunismus mit menschlichem Antlitz bei Chruščëv 1959 als Resultat seiner Reise in die USA Gestalt annahm. Auch wenn er in der Folgezeit vehement die amerikanische Lebensweise kritisierte, wurde das feindliche und ferne Amerika, das Symbol des »westlichen Kapitalismus«, für ihn zum Maßstab für Lebensqualität. Die Idee vom Wettbewerb mit den USA gehörte zu den bevorzugten Themen, die Chruščëv im Anschluss an seine Reise in die USA aktiv in den kommunistischen Diskurs einbrachte. Es ist interessant, dass sich die Mitglieder der Arbeitsgruppe, die das dritte Parteiprogramm erarbeitete, gegen die Aufnahme der Idee vom »friedlichen ökonomischen Wettbewerb mit den USA« aussprachen. Doch Chruščëv bestand darauf. Der von ihm anvisierte Sieg der Ökonomie der UdSSR über die Ökonomie der USA sollte der eigentliche Beweis dafür sein, dass dem »Sowjetkommunismus« die Zukunft auf dem Planeten gehörte. Der Wirtschaft der UdSSR, die im Hinblick auf das Niveau der Industrialisierung und die innovativen Technologien auf dem Gebiet der Weltraumforschung und Rüstungsindustrie durchaus stark war, fehlte es massenhaft an Ressourcen zur Befriedigung der einfachsten menschlichen Bedürfnisse nach Kleidung, Wohnraum, Lebensmitteln, Medikamenten, Autos für den privaten Gebrauch usw. Die Vorstellungen gingen im Strom der Zahlen und Versprechen unter. Doch der kommunistische Überfluss kam und kam nicht, er blieb eine ideologische Widerspiegelung der persönlichen Ambitionen Nikita Chruščëvs. Die Tragödie in Novočerkassk vor dem Hintergrund der kommunistischen Zukunft Der Unterschied zwischen der offiziellen Propaganda des Kommunismus und der Realität, in der die Sowjetmenschen lebten, war gewaltig. Genau ein Jahr nach der Bestätigung des dritten Programms und dessen triumphaler Diskussion kam es im Süden Russlands zu einer sinnlosen und blutigen Tragödie, die die kommunistischen Illusionen ad absurdum führte. Nachrichten über die Ereignisse in Novočerkassk drangen seinerzeit nur selektiert an die Öffentlichkeit. Erst in den Jahren der Perestroika wurde offiziell darüber berichtet.[25] Heute sind die wichtigsten Dokumente publiziert und die Chronik des Arbeiteraufstandes vom 1. und 2. Juni 1962 ist in allen Details bekannt. Von Januar bis Mai 1962 wurden in den Betrieben die Löhne schrittweise um dreißig bis fünfunddreißig Prozent gekürzt. Am 1. Juni wurde im Rundfunk mitgeteilt, dass die Preise für Fleisch, Milch und Butter »zeitweilig« um fünfundzwanzig bis fünfunddreißig Prozent angehoben würden. Diese Neuigkeit rief heftigen Unmut unter der Bevölkerung des Landes hervor. In allen Abteilungen des Elektrolokomotivwerkes in Novočerkassk wurde Unmut laut. Ein Satz des Direktors, der sich an die Belegschaft gewandt hatte, löste die Explosion aus: »Wenn das Geld nicht für Fleisch und Wurst reicht, müsst ihr Piroggen mit Konfitüre essen!« Eine andere Version klingt noch beleidigender: »Früher habt ihr Fleischpasteten gefressen, jetzt bekommt ihr welche mit Marmelade!« Die Arbeiter legten die Arbeit nieder und führten eine spontane Kundgebung durch, auf der Plakate mit Aufschriften wie »Wir wollen Fleisch, Butter und eine Lohnerhöhung!«, »Wir brauchen Wohnungen!« mitgeführt wurden. Auf anderen stand: »Chruščëv zu Fleisch und Wurst verarbeiten!« Den Demonstranten schlossen sich Arbeiter aus anderen Betrieben und Einwohner der Stadt und der nahe gelegenen Dörfer an. Die Administration war völlig hilflos und rief die Truppen zu Hilfe. Am ersten Tag kam es nur zu Verbrüderungen mit den Soldaten, die ihre Solidarität mit den Arbeitern erklärten. Die Welle des dumpfen Protestes stieg an. Am folgenden Tag wurde der Versammlungsplatz von bewaffneten Einheiten umzingelt. Panzer wurden in die Stadt verlegt. Als die Demonstranten das leere Gebäude der Stadtverwaltung stürmten, fielen die ersten Schüsse. Zuerst konnten die Menschen nicht glauben, dass es in ihrem Sowjetstaat möglich war, dass das Feuer auf eine unbewaffnete Menge eröffnet wurde. Als die ersten Demonstranten zusammenbrachen, suchte die Menge ihr Heil in der Flucht. Schüsse peitschen in die fliehende Menschenmenge. Die nach Novočerkassk gereiste Delegation der Staatsführung, der Vertraute von Chruščëv angehörten, vermied es, sich mit den Arbeitern zu treffen, dafür koordinierte sie das Vorgehen der Armee zur Niederschlagung der Protestaktionen. Da es unmöglich war, die Blutlachen auf dem Platz zu entfernen, wurde er neu asphaltiert. Die Opfer des Blutbades wurden heimlich aus der Stadt herausgebracht und auf verschiedenen Friedhöfen bestattet. Erst in den Neunzigerjahren gelang es Aktivisten der Stiftung »Die Tragödie von Novočerkassk 1962« sechsundzwanzig Grabstätten zu ermitteln. Auch der Prozess gegen vierzehn Teilnehmer wurde geheim in einem Truppenteil durchgeführt. Sieben der Angeklagten wurden zum Tode verurteilt. Mindestens einhundertvierzehn weitere Personen wurden zu Haftstrafen zwischen zehn und fünfzehn Jahren verurteilt. Der Massenprotest der bis an den Rand der Verzweiflung getriebenen Menschen, die zur Abschreckung der Demonstranten in die Stadt geholten Panzer, die Ermordung friedlicher Bürger, alles das passte nicht zu den Ausführungen über das herrliche Leben im Kommunismus. Die Welle spontaner Unmutsäußerungen im Zusammenhang mit der Erhöhung der Lebensmittelpreise war in zahlreichen Städten der UdSSR spürbar, doch nur in Novočerkassk spitzte sich die Lage derart zu. Die Sowjetmacht reagierte darauf nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal mit Mitteln der Strafverfolgung. Doch die Ereignisse im Süden zeigten noch einmal die reale Bedeutung des Lebens eines Sowjetbürgers im Vergleich zum Erhalt der politischen Macht. Alle theoretischen Konstruktionen vom »Kommunismus mit menschlichem Antlitz« waren schlagartig wertlos. Die sich ständig verschlechternde ökonomische Situation des Landes bremste Chruščëv keineswegs in seinen theoretischen Vorhaben. Mit nicht nachlassendem Enthusiasmus begann er mit der Vorbereitung eines neuen Verfassungsentwurfes, der in der UdSSR zum Grundgesetz für die Zeit des Aufbaus des Kommunismus werden sollte.[26] Er musste sich von der »Stalin’schen Verfassung« des Jahres 1936 verabschieden. Das neue Programm und die Verfassung sollten den Beweis erbringen, dass er in der Lage war, die kommunistische Lehre theoretisch weiterzuentwickeln und zu vertiefen. Erstaunlich ist, dass er nach der blutigen Unterdrückung des Protestes in Novočerkassk den Versuch unternahm, in den grundlegenden kommunistischen Dokumenten – im Programm der Partei und in der neuen Verfassung – die Idee von der Aktivierung des Bürger- engagements zu verankern. Der Aufbau des Kommunismus erforderte es, den Sowjetmenschen Selbstverwaltung beizubringen. Nach all den Stalin’schen Repressionen war es wichtig, dass die Menschen ihre persönliche Verantwortung für die angenommenen staatlichen Festlegungen, ihre Einflussnahme auf die politischen Prozesse im Lande spürten. Im Entwurf der Verfassung wurde der Durchführung von Volksbefragungen besondere Bedeutung beigemessen, sie waren zwar in der Verfassung von 1936 verankert, doch es wurden nie welche durchgeführt. Im Sommer 1964 war die Arbeit am Entwurf der Verfassung im Wesentlichen abgeschlossen. Es ist ein erstaunliches Paradoxon der von Chruščëv auf den Weg gebrachten Reforminitiativen. Im offiziellen Diskurs wurden Modelle der Modernisierung in der Sowjetgesellschaft zur Debatte gestellt. Sie waren unvollkommen, in sich widersprüchlich, doch ihrem Wesen nach zielten sie auf die Bedürfnisse des Menschen und die Entfaltung seiner Aktivität als Bürger. Aber in der realen Politik wandelte sich alles ins Gegenteil. Die aktive Haltung der Bürger und ihr Recht auf Protest wurden auf das Härteste bestraft. Statt »Wohlfahrt« und »Überfluss« gab es leere Regale, hohe Preise für Lebensmittel und Leid und Ernüchterung. Im Herbst 1964 kam es zum Putsch innerhalb der Partei, Chruščëv wurde gestürzt. Im Januar 1965 wurden alle zwecks Volksaussprache versandten Entwürfe der künftigen Verfassung kommentarlos zurückgeschickt. Die Partei unter Führung von Leonid Brežnev hatte bereits begonnen, den »Voluntarismus der Politik Chruščëvs« auf das Schärfste zu verurteilen. An die neue Verfassung und den Kommunismus erinnerte niemand mehr. Anstelle der These vom »entfalteten Aufbau des Kommunismus« wurde bereits Anfang 1970 die Konzeption vom »entwickelten Sozialismus« bestätigt. Erneut kam es zu einer ideologischen Metamorphose, es sollte nicht die letzte in der sowjetischen Geschichte sein. Die UdSSR kehrte in der Brežnev-Ära zum Stadium des »entwickelten Sozialismus« zurück, der Übergang zum Kommunismus und der Kommunismus selbst verschwanden wieder hinter dem Horizont. Sowohl auf dem Gebiet der Ideologie als auch der Politik war Brežnev Pragmatiker und Traditionalist. »Guten Tag, Zukunft!«: Die gesellschaftliche Rezeption des Kommunismus in der Ära Chruščëv Unter diesem optimistischen Titel übertrug der sowjetische Rundfunk einen Zyklus von Sendungen, dessen erste im September 1961 ausgestrahlt wurde. Rundfunk, Fernsehen, große Verlage und überregionale Zeitungen und Zeitschriften – alle setzten den Parteibeschluss um: den Sowjetmenschen beizubringen, wie man im Kommunismus lebt. Ein gigantisches Schauspiel wurde inszeniert, die Bühne war das Territorium der UdSSR, als Regisseur fungierte Nikita Chruščëv. Hauptdarsteller und Massendarsteller überzeugten einander davon, dass die Zeit des Überflusses bald gekommen sei, der Kommunismus Einzug hielte. Das gesellschaftliche Bewusstsein war von Bildern der kommunistischen Zukunft förmlich eingekreist. S. G. Strumilin beschrieb z. B. in einer Broschüre den Arbeitstag wie folgt: »Mit der Zeit werden Maler die Werkhallen und das Fabrikgelände mit ihren Kunstwerken schmücken. Jeder Betrieb wird von Obstbäumen oder dekorativen Blumenrabatten umgeben sein. Die Werkhallen werden Porträts der Neuerer und vom Volke verehrter Persönlichkeiten schmücken. Über den automatischen Fertigungslinien ersetzen Taglichtlampen das Sonnenlicht und tragen so zur Steigerung des Arbeitsrhythmus bei. Leise Musik ertönt. Saubere, temperierte, ozonreiche Luft wie nach einem Gewitter. Sogar in den heißesten Fabrikhallen wird die höllische Glut der Hochöfen eingedämmt, alle Arbeiter werden frische kühle Luft atmen können und auf diese Weise neue Energie tanken.«[27] In der Amtszeit von Chruščëv wuchsen in allen Städten und Siedlungen vier- und fünfgeschossige Häuser mit kleinen, aber separaten Wohnungen empor. Für die Menschen, die in überbelegten Wohnungen leben mussten, waren diese Häuser, im Volksmund auch Chruščëvkas genannt, ein Zeichen für die reale Verbesserung der Wohnverhältnisse. Der Entwurf des Programms der KPdSU enthielt die Aussage, dass Anfang der Siebzigerjahre die Zahlung von Mieten aufgehoben würde. Chruščëv wählte eine vorsichtigere Formulierung. Im Laufe des zweiten Jahrzehnts würde allmählich die mietfreie Nutzung von Wohnraum eingeführt, da sämtliche Wohnungen staatliches Eigentum seien. In der letzten Fassung des Entwurfs des dritten Parteiprogramms hieß es, die Sowjetmenschen dürften in den Siebzigerjahren den Personen- und Nahverkehr kostenlos nutzen und am Ende des Jahrzehnts mit kostenlosen kommunalen Dienstleistungen rechnen. An dieser Stelle sei auch angemerkt, dass der Personen- und Nahverkehr sowie die kommunalen Dienstleistungen in der UdSSR Ende der Siebziger-, Anfang der Achtzigerjahre billig waren, sie machten ca. sieben Prozent des durchschnittlichen Monatsgehalts aus. Besondere Bedeutung wurde dem System der »Alltagsbetriebe« beigemessen, die der Idee Chruščëvs nach zu einem »wichtigen Element des kommunistischen Alltags werden sollten«. Durch diese Wäschereien und chemischen Reinigungen sollte die Sowjetfrau von den Lasten der Arbeit im Haushalt befreit werden. Gestützt auf die in den Dreißigerjahren gesammelten Erfahrungen wollten die Sowjetführer die Familien von der Küchenarbeit und Essenszubereitung befreien. In den Häusern der Chruščëv-Zeit maß eine Küche vier bis fünf Quadratmeter. Die Menschen sollten in Speisehäusern und Kantinen essen, doch die Qualität der dort angebotenen Speisen war unter Niveau. Die Kinder wurden vom Kleinkindalter an in Gruppen erzogen, erst in Kinderkrippen, dann in Kindergärten, in allgemeinbildenden Schulen oder Internaten. Die Eltern konnten die Kinder an den Wochenenden zu sich holen. Im Sommer wurden sie in eines der zahllosen Ferienlager geschickt. Auch wenn den Eltern die persönliche Verantwortung nicht abgenommen wurde, übertrug man die Hauptaufgaben der Erziehung den gesellschaftlichen und Parteiorganisationen (der Pionierorganisation, dem Jugendverband Komsomol). Im Land wurde darüber diskutiert, wie der Mensch der kommunistischen Zukunft beschaffen sein musste. Er sollte bis zu einhundertfünfzig Jahre leben, sportlich, geschickt, gebildet und ausdauernd sein. Das Wichtigste aber: Er sollte dem Marxismus-Leninismus, dem sowjetischen Patriotismus, dem proletarischen Internationalismus und der Völkerfreundschaft die Treue halten.[28] So ungefähr wurde die physische und psychische Vollkommenheit skizziert. Allerorts wurde der »Moralkodex des Erbauers des Kommunismus« eingeführt, in Schulen, Universitäten, Fabriken, Betrieben und Kolchosen ausgehangen. Beim Eintritt in den Komsomol oder in die Partei mussten die Kandidaten den Kodex auswendig kennen. Das System der kommunistischen Moral hatte sich über Jahrzehnte formiert und enthielt spezifische Rituale. Ihre Grundlage war das Idealbild des Menschen der kommunistischen Formation. Das gesamte System der Erziehung, die Filmindustrie, die Kinder- und Jugendliteratur, die Gesellschaftswissenschaften sollten zur Herausbildung dieser Grundzüge bei den Sowjetmenschen beitragen. Der Etatismus sollte durch das Gefühl des Kollektivismus, aufrichtige Arbeit, Sorge um Bewahrung und Mehrung des gesellschaftlichen Reichtums, die Befähigung, im Kollektiv zu leben und zu arbeiten – »Einer für alle – alle für einen« –, durch menschlichen Umgang miteinander, durch Einfachheit, persönliche Bescheidenheit, Achtung der Familie gestützt werden. Individualismus wurde nicht gefördert. Der »neue Mensch« sollte Karrieristen, Rassisten, Feinden des Kommunismus ablehnend gegenübertreten. Besondere Aufmerksamkeit wurde in diesem Erziehungssystem der Erziehung zur Toleranz gegenüber »nichtrussischen« Vertretern aller Sowjetrepubliken sowie den Vertretern der sozialistischen Bruderländer und den kommunistischen Parteien in aller Welt geschenkt.[29] Die Codes der staatsbürgerlichen Loyalität wurden auf die gesamte Lebenssphäre des Sowjetmenschen ausgedehnt. Die Systematisierung und Reglementierung des »persönlichen« und »gesellschaftlichen« Lebens erfasste den gesamten Lebensraum und die Lebenszeit. In dieser Periode wurden sämtliche für ideologische Arbeit zuständigen Abteilungen des ZK der KPdSU verstärkt, ein »System der politischen Bildung der Werktätigen« geschaffen. Nach der Arbeit oder an Wochenenden sollten die Menschen an Vorlesungen über die bevorstehende lichte Zukunft teilnehmen. Die »Anwesenheit«, das Erscheinen, ebenfalls ein Terminus aus der sowjetischen Politsprache, wurde erzwungen, die Anwesenheit wurde überprüft. Wer fehlte, musste triftige Gründe und entsprechende Bescheinigungen vorweisen. Zehntausende Lektoren und Propagandisten organisierten Aussprachen in Kulturhäusern zu Themen wie »Bist Du darauf vorbereitet, im Kommunismus zu leben?«. In Großbetrieben bestanden u. a. Volksuniversitäten, die Themen behandelten wie »Kommunismus und Alltag«. Nach der Arbeit mussten die Jugendlichen an Schulungen über »Prinzipien der Organisation des kommunistischen Alltags« teilnehmen, denn ihnen stand ja ein Leben im Kommunismus bevor. In Auflagen von hunderttausenden Exemplaren wurden einfach und verständlich geschriebene Broschüren gedruckt. Sie erschienen in der Reihe Bibliothek des Wissens über den Kommunismus oder in Notizbuch des Agitators. Der Verlag Molodaja gvardija [Junge Garde] begann mit der Herausgabe von Büchern für den »jungen Erbauer des Kommunismus«. In dieser Zeit hatte sich ein besonderer »Chruščëvëscher« Stil des Sprechens über den Kommunismus herausgebildet, voller gestanzter Formulierungen, eintönig in der Rhetorik und mit dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit. Die am meisten verbreiteten Phrasen hat A. Loginov zusammengetragen und die bürokratische Eintönigkeit der sowjetischen politischen Sprache kritisiert. Einige Standardfloskeln seien hier genannt: »Maßnahmen verwirklichen«, »allseitig beitragen«, »die wichtigste Rolle spielt«, »die gestellten grundlegenden Aufgaben«, »umfassend ausnutzen«, »in breiter Front entfalten«, »Hilfe leisten«, »Entfaltung des Aufbaus des Kommunismus«.[30] Die kommunistische Agitation trug zum Aufblühen des Genres Phantastik und Utopie in der Sowjetliteratur bei.[31] Der Weltraumflug von Jurij Gagarin im April 1961 löste eine Welle der Begeisterung unter den Sowjetmenschen aus. Die Diskurse der »Eroberung des Kosmos« und des »Aufbaus des Kommunismus« verschmolzen miteinander. Das Unmögliche wurde möglich, das Unerreichbare erreichbar. Die Realität des Fluges eines Menschen im Weltraum schien die Konstruktion der kommunistischen Gemeinschaft zu bestätigen. Die Romantik der Sechzigerjahre erwuchs aus diesem Vorstoß in Raum und Zeit. Die »Eroberung« des Raumes und der »Aufbau« des Neuen, das sind die markantesten Symbole dieser Epoche. Die Eroberung des Kosmos, von Neuland und Berggipfeln, alles das brachte neben dem Aufbau des Kommunismus eine neue Zeit mit sich, beleuchtete den sowjetischen Alltag in den hellen Farben hoher Erwartungen. Das mythologisierte Bild des Kosmonauten setzte die sowjetische Tradition des Kults der »Eroberung der Lüfte« fort. In den Dreißigerjahren wurde ein populäres Lied gesungen, das die Worte enthielt: »Zuerst kommen die Flugzeuge. Und die Mädels? Die Mädels sind danach an der Reihe.« Ende der Fünfziger-, Anfang der Sechzigerjahre trat das Kosmosthema an die Stelle der Flugzeugthematik. Das Bild des Kosmonauten im luftleeren Raum wurde zu einer Art Symbol des Marxismus aller menschlichen Fähigkeiten. Gerade diese Synthese moralischer und physischer Kräfte war es, auf die der »Kodex des Erbauers des Kommunismus« zielte. Die Kosmonauten wurden mehr als alle anderen verehrt.[32] In der Visualisierung der kommunistischen Zukunft tauchte auf den Plakaten jener Zeit eine Rakete (ab und an auch noch eine Lokomotive) auf, die die Bewegung vom Sozialismus zum Kommunismus ins Bild setzte. Man kann sehr genau zwei entgegengesetzte Herangehensweisen an den Kommunismus erkennen: die der »Optimisten« und die der »Skeptiker«. Das realistische Herangehen entwickelte sich in Form einer gesellschaftlichen Kritik an den Versuchen von Chruščëv, die Ereignisse zu forcieren und die Sowjetgesellschaft auf einen Kommunismus in nächster Zukunft festzulegen.[33] In einer ebenso aufschlussreichen wie ironischen Untersuchung des sowjetischen Alltagslebens schreiben P. Vajl und A. Genis: »An die konkreten Zahlen im Programm glaubte niemand. […] Man muss sich klar darüber sein, dass niemand dem Irrtum verfiel, was den Aufbau des Kommunismus in zwanzig Jahren angeht. Jeder konnte aus dem Fenster schauen und sich davon überzeugen, dass alles noch beim Alten ist: der Bürgersteig kaputt, wie immer eine Schlange für Kartoffeln, die Alkis am Bierausschank. Sogar ein Orthodoxer war sich darüber im Klaren, dass sich diese Situation in den nächsten zwei Jahrzehnten kaum ändern wird. «[34] Fazit Mit diesem Beitrag wurde der Versuch unternommen, verschiedene Kommunismusbilder, die in der Ära Chruščëv geschaffen wurden, zu untersuchen. Die kommunistische Perspektive berücksichtigte sämtliche Mythologeme des Sowjetsystems, schuf ihre eigene Zeit und ihren eigenen Raum, und stellte sich als die Endphase zahlreicher Prozesse, als höchste Synthese der sowjetischen geschichtlichen Erfahrung dar. Darin lag ein starker Mobilisierungseffekt. Nicht zufällig wurde auf dem XXII. Parteitag die Losung ausgegeben: »Der Parteitag appelliert an die Partei und das Volk, und das Volk versetzt Berge«.[35] Doch der kommunistische Mythos, den Chruščëv mit einem menschlichen Sinn und einem Konsumanreiz versehen wollte, wirkte bei seiner landesweiten Verbreitung auf zweierlei Weise. Einerseits entsprach er der traditionellen russischen Weltauffassung von der Zukunft als Belohnung für alle Entbehrungen in der Vergangenheit. Die Bedingtheit und Verschwommenheit dieses Mythos mündete in die Entleerung seines Wirkungsraumes. Es war nur eine Skizze, und jeder konnte das Bild des Kommunismus weiter ausmalen, in Abhängigkeit von seinen Überzeugungen und Interessen und dem persönlichen Geschmack. Daher ist der sowjetische Kommunismus derartig vielgesichtig und voller Schattierungen. Das war die starke Seite von Chruščëv, der an die Notwendigkeit, die Aktivität der Bürger anzuregen, glaubte. Nach den strikten Postulaten der Stalin-Epoche, deren Verletzung durch Wort und Tat den Verlust der Freiheit oder den Tod nach sich zog, nach all den Ängsten und Frustrationen gab das stürmische Jahrzehnt unter Chruščëv dem Sowjetmenschen seine Vorstellungskraft zurück. So war es schon einmal in den Zwanzigerjahren. Es gab einen Freiraum für eine massenhafte, schöpferische, in vielem naive, aber aktive Vorstellung von der Zukunft, um auch an die Sinnhaftigkeit der Gegenwart zu glauben. Doch andererseits konnten die Konkretisierung der Grenzen des Kommunismus, die Forcierung des »Aufbaus des Kommunismus«, die hartnäckige tägliche Indoktrination der Bevölkerung sowie der Rückgang des ohnehin niedrigen Lebensstandards nur eine entgegengesetzte Wirkung erzielen. Die Entwertung der Idee des Kommunismus als solcher war die Folge. Preiserhöhungen und Lohneinbußen, missglückte Experimente und eine Verknöcherung der Sprache, in der dem Volk die Aufgaben und Ziele der Partei erläutert wurden, alles das zerstörte die kommunistischen Illusionen und rief eine tiefe Skepsis hervor. Es ist durchaus denkbar, dass in den Fünfzigerjahren und Anfang der Sechzigerjahre das sowjetische System seine letzte Chance auf eine reale Erneuerung sowie die Rückeroberung des Vertrauens der Bevölkerung hatte und verspielte. Aus dem Russischen von Wladislaw Hedeler [1] CM. к примеру: Абрамян Л. Ленин как трикстер // Современная российская мифология. М., 2005. С. 75–76 [Siehe z. B. L. Abramjan: Lenin als Trickser, in: Sovremennaja rossijskaja mifologija, Moskau 2005, S. 75 f.]. [2] Луцина Т.Ю. Миф «развернутого строительства коммунизма» в советском обществе в середине 50-х- начале 60-х годов. Диссертация на соискание степени кандидата исторических наук. Ижевск, 2002 [Siehe T. Ju. Lucina: Der Mythos vom »Full-Scale Aufbau des Kommunismus« in der sowjetischen Gesellschaft Mitte der Fünfzigerjahre und Anfang der Sechzigerjahre. Dissertation, Iževsk 2002]; Фокин А.А. Образы коммунистического будущего у власти и населения СССР на рубеже 50–60-х гг. XX века. Челябинск, 2007 [A. A. Fokin: Vorstellungen von der kommunistischen Zukunft der Staatsmacht und der Bevölkerung der UdSSR Ende der Fünfziger-, Anfang der Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts, Čeljabinsk 2007]; Трофимов А.В. Советское общество 1953–1964 годов в отечественной историографии: политика и экономика. Диссертация на соискание ученой степени доктора исторических наук. Екатеринбург, 1999 [A. V. Trofimov: Die Sowjetgesellschaft 1953–1964 in der vaterländischen Geschichtsschreibung: Politik und Wirtschaft. Dissertation, Ekaterinburg 1999]; Дрындин В.Л. История пропагандирования постулатов государственной идеологии в условиях начала демократизации Советского общества ( на материале Южног Урала середина 50-х- середина 60-х гг.) Диссертация на соискание ученой степени кандидата исторических наук. Оренбург, 1997 [V. L. Dryndin: Die Geschichte der Propagierung der Postulate der Staatsideologie unter Bedingungen der beginnenden Demokratisierung der Sowjetgesellschaft am Beispiel des Süd-Ural Mitte der Fünfziger- bis Mitte der Sechzigerjahre. Dissertation, Orenburg 1997]; Ковтун Н.В. Русская литературная утопия второй половины XX в. Диссертация на соискание ученой степени доктора филологических наук. Томск, 2005 [N. V. Kovtun: Die russische literarische Utopie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Dissertation, Tomsk 2005]. [3] См. к примеру: Серио П. Русский язык и советский политический дискурс: анализ номинализации // Квадратура смысла: Французская школа анализа дискурса. М., 1999. С. 352–353 [Siehe z. B. P. Serio: Die russische Sprache und der sowjetische politische Diskurs: zur Analyse der Nominalisierung // Quadratur des Sinns: Die französische Schule der Diskursanalyse, Moskau 1999, S. 352 f.]; Элиаде М. Избранные сочинения. Мифы о вечном возвращении. М., 2000. С. 300 [M. Ėliade: Ausgewählte Werke. Mythen von der ewigen Wiederkehr, Moskau 2000, S. 300.]. [4] Материалы XXII съезда КПСС. М., 1961. Т. 3. С. 135 [Materialien des XXII. Parteitages der KPdSU, Moskau 1961, Bd. 3, S. 135.]. [5] Хрущев Н.С. Время. Люди. Власть. Воспоминания в 4-х томах. М., 1999 [N. S. Chruščëv: Zeit. Menschen. Macht. Erinnerungen in vier Bänden, Moskau 1999]. Außerdem folgende Untersuchungen über die Chruščëvzeit: Зубкова Е.Ю. Послевоенное советское общество: политика и повседневность. 1945–1953. М., 1999 [E. Ju. Zubkova: Die sowjetische Alltagsgesellschaft: Politik und Alltag. 1945–1953, Moskau 1999]; Данилов А.А., Пыжиков А.В. Рождение сверхдержавы: СССР в первые послевоенные годы. М., 2001 [A. A. Danilov/A. V. Pyžnikov: Die Geburt einer Supermacht: die UdSSR in den ersten Nachkriegsjahren, Moskau 2001]; Пыжиков А.В. Хрущевская «оттепель». М., 2002 [A. V. Pyžnikov: Chruščëvs »Tauwetter«, Moskau 2002]; Аксютин Ю.В. Н.С. Хрущев: Личность и система. Историография проблемы// Армагеддон- 2000. Книга шестая (январь-март) [Ju. V. Aksjutin: N. S. Chruščëv: Persönlichkeit und System. Die Geschichtsschreibung des Problems, 2000 (Januar/März)]. [6] Хрущев С. К истории создания и публикации воспоминаний Н.С. Хрущева ( 1967–1990) // Хрущев Н.С. Время. Люди. Власть. Воспоминания в 4-х кН. М., 1999. Т. 2. Приложение. С. 629 [S. Chruščëv: Zur Geschichte der Entstehung und Veröffentlichung der Erinnerung von N. S. Chruščëv, S. 629]. [7] О стиле политического лидерства в российском / советском политическом процессе см.: Ильин М.В., Мельвиль А.Ю. Власть // Полис. 1997. № 6 [Ilyin/Melville/Power: Über den Stil der politischen Führerschaft im russischen-sowjetischen politischen Prozess, in: Polis (1997), H. 6]; Великанова О.В. Функции образа лидера в массовом сознании. Гитлеровская Германия и советская Россия // Общественные науки и современность. 1997. № 6 [O. V. Velikanova: Funktionen des Führerbildes im Massenbewusstsein. Hitlerdeutschland und Sowjetrussland, 1997]; Популзунов Ю.А. Н.С. Хрущев как политический лидер. Автореферат диссертации на соискание ученой степени кандидата политических наук. Москва, 2003 [Ju. A. Polzunov: N. S. Chruščëv als politischer Führer. Dissertation, Moskau 2003]. [8] Аджубей А. Те десять лет // Никита Сергеевич Хрущев: Материалы к биографии… С. 290 [A. Adžubej: Jene zehn Jahre. Nikita Chruščëv. Materialien für eine Biografie, Moskau 1989, S. 290]. [9] Сталин И.В. Об основах ленинизма// Сочинения И.В. Сталина. 1953. Т. 6. С. 106–107 [J. W. Stalin über die Grundlagen des Leninismus, in: J. W. Stalin Werke, Bd. 6, 1953, S. 106 f.]. [10] Сталин И.В. Беседа с первой американской рабочей делегацией 9 сентября 1937 г. // Сочинения. Т. 10. С. 134 [J. W. Stalin: Unterredung mit der ersten amerikanischen Arbeiterdelegation am 9. September 1937, in: J. W. Stalin, Werke, Bd. 10, Berlin 1953, S. 117]. [11] XVIII съезд ВКП (б). 10–21 марта 1939 года. Стенографический отчет. Л., 1939. С. 211 [Der XVIII. Parteitag der KPdSU(B). 10. Bis 21. März 1939, S. 211]. [12] См. к примеру: Барсуков Н. Коммунистические иллюзии Хрущева // Диалог. 1991. № 5. С. 76 [Siehe z. B. N. Barsukov: Die kommunistischen Illusionen von Chruščëv, in: Dialog (1991), H. 5, S. 76]. [13] XX съезд КПСС. 14–25 февраля 1956 года. Стенографический отчет. Т. 1. М., 1956. С. 118 [Der XX. Parteitag der KPdSU. 14. bis 25. Februar 1956, Bd. 1, Moskau 1956, S. 118]. [14] РГАНИ. Ф. 5. Оп. 30. Д. 138. Л. 175 [Rossiiskii Gosudarstvennyi Arkhiv Noveishei Istorii/Russisches Staatsarchiv für Zeitgeschichte (im Folgenden: RGANI) fonds 5, opus 30, dello 138, Blatt 175]. [15] Ebd., L. 161. [16] Барсуков Н. Указ. Соч. С. 76–98 [Barsukov (Anm. 12), S. 76–98]. [17] РГАСПИ. Ф. 586. Оп. 1. Д. 66. Л. 12. Материалы по созданию текста III Программы хранятся также в РГАНИ. Ф. 1. Оп. 4. Д. 10, Д. 15, Д. 17 [Rossijskij Gosudarstvennyj archiv social’no-političeskoj istorii/Staatliches Archiv für Gesellschafts- und Politikgeschichte (im Folgenden: RGASPI) fonds 586, opus 1, dello 66, Blatt 12. Die Ausarbeitungen zum Programmtext werden auch im RGANI aufbewahrt: F. 1, Op. 4, AD 10, AD 15, AD 17]. [18] Внеочередной XXI съезд КПСС. 27 января-5 февраля 1959 года. Стенографический отчет. М., 1959. Т. 2. С. 443 [Außerordentlicher XXI. Parteitag der KPdSU. 27. Januar bis 5. Februar 1959, Bd. 2, Moskau 1959, S. 443]. [19] Материалы XXII съезда КПСС. Т. 3. С. 368 [Materialien des XXII. Parteitages der KPdSU, Bd. 3, S. 368]. [20] РГАСПИ. Ф. 586. Оп. 1. Д. 201. Л. 13 [RGASPI fonds 586, opus 1, dello 201, Blatt 13]. [21] РГАСПИ. Ф. 586. Оп. 1. Д. 309. Л. 211 [RGASPI fonds 586, opus 1, dello 309, Blatt 211]. [22] XXII съезд КПСС. Т.3. С. 274; Т.1. С. 167 [XXII. Parteitag der KPdSU, Bd. 3, S. 274; Bd. 1, S. 167]. [23] РГАСПИ. Ф. 586. Оп. 1. Д. 210. Л. 11 [RGASPI fonds 586, opus 1, dello 210, Blatt 11]. [24] Коммунизм входит в нашу жизнь. М., 1961. С. 4–5 [Der Kommunismus tritt in unser Leben, Moskau 1961, S. 4 f.]. [25] Первые публикации относятся к концу 1980-х гг.: Фомин В., Щекочихин Ю. Тогда, в Новочеркас- ске // Литературная Газета. 21 июня 1989; Беспалов Ю., Коновалов В. Новочеркасск, 1962 // Комсомольская Правда. 3 июня 1989; Дмитриев Ю. Новочеркасск: эхо трагедии // Труд. 28 октября 1990; Огурцов В. Новочеркасск помнит захоронение остатков жертв тоталитарного режима // Российская Газета. 4 июня 1994. [Erste Publikationen erfolgten Ende der Achtzigerjahre: V. Fomin/Ju. Ščekočichin: Damals in Novočerkassk, in: Literaturnaja gazeta vom 21. Juni 1989; Ju. Bespalov/V. Konovalov: Novočerkassk 1962, in: Komsomol’skaja Pravda vom 3. Juni 1989; Ju. Dmitriev: Novočerkassk: Das Echo der Tragödie, in: Trud vom 28. Oktober 1990; V. Ogurcov: Novočerkassk erinnert sich, begrub die Überreste der Opfer des totalitären Regimes, in: Rossijskaja gazeta vom 4. Juni 1994]. [26] Подробнее см. подборку документов и материалов: Утаенная Конституция Никиты Хрущева // Исторический Архив. 1997. № 1. С. 40–49 [Für weitere Informationen siehe: Die geheim gehaltene Verfassung von Nikita Chruščëv, in: Istoričeskij archiv (1997), H. 1, S. 40–49]. [27] Струмилин С.Г. Рабочий день и коммунизм. М., 1959. С. 34= 35 [S. G. Strumilin: Arbeitstag und Kommunismus, Moskau 1959, S. 34 f.]. [28] Струков Э.В. Человек коммунистического общества. М., 1961. С. 62 [Ė. V. Strukov: Der Mensch der kommunistischen Gesellschaft, Moskau 1961, S. 62]. [29] XXII съезд КПСС. Т. 3. С. 317–318 [Der XXII. Parteitag der KPdSU, Bd. 3, S. 317 f.]. [30] Логинов А. Читая книгу о коммунизме… // Коммунист. 1960. № 12. С. 111 [A. Loginov: Das Buch über den Kommunismus lesend, in: Kommunist (1960), H. 12, S. 111]. [31] См. подробнее: Фишман Л.Г. Фантастика и гражданское общество. Екатеринбург, 2002. [Siehe auch L. G. Fišman: Phantastik und Zivilgesellschaft, Ekaterinenburg 2002]. [32] Гюнтер Х. Архетипы советской культуры // Соцреалистический канон. СПб., 2000. С. 745 [Ch. Gjunter: Archetypen der sowjetischen Kultur, St. Petersburg 2000, S. 745]. [33] См. подробнее: Аксютин Ю.В. Хрущевская Оттепель и общественные настроения в СССР в 1953–1964 гг. М., 2004. С. 330; Бурлацкий Ф. Глоток свободы. М., 1997. Кн.1. С. 96 [Siehe auch Ju. V. Aksjutin: Chruščëvs Tauwetter und die Gesellschaft in der UdSSR 1953–1964, Moskau 2004, S. 330; F. Burlazki: Der Geschmack der Freiheit, Moskau 1997, S. 96]. [34] Вайль П., Генис А. Шестидесятые. Мир советского человека. М., 1998. С. 16 [P. Vajl’/A. Genis: Die Sechzigerjahre. Die Welt des Sowjetmenschen, Moskau 1998, S. 16]. [35] Материалы XXII съезда КПСС. С. 154 [Materialien des XXII. Parteitages der KPdSU, S. 154].

JHK 2012

Learning from the future? Begegnungen deutscher und britischer Gewerkschafter mit Amerika in den Zwanzigerjahren

Kevin Morgan / Norman LaPorte

»Es gibt zwei Möglichkeiten, sich in der gegenwärtigen politischen Welt eine parteiinterne Reputation als außenpolitischer Experte zu verschaffen«, wird in einem Beitrag einer britischen sozialistischen Zeitschrift im Jahr 1928 festgestellt. »Wenn man Konservativer ist, fährt man nach Amerika, verbringt dort drei hektische Wochen, in denen man von enthusiastischen Amerikanern herumgereicht wird, kehrt dann nach Hause zurück und schreibt ein Buch, in dem man beweist, dass der Kapitalismus das einzig wahre System ist, etc., etc. Als Anhänger des anderen politischen Lagers fährt man eher nach Russland oder nach Genf.«1 Genf, Sitz des Völkerbundes und der International Labour Organisation (ILO, Internationale Arbeitsorganisation), kann in Bezug auf das Thema dieses Textes außer Acht gelassen werden. Russland und Amerika haben dem angeschlagenen Europa der Zwanzigerjahren dagegen konkurrierende Perspektiven einer zukünftigen industriellen Ordnung geboten; nach Darstellung der Sozialistin Beatrice Webb, Mitglied der Fabian-Gesellschaft, waren Russland und Amerika zwei große Laboratorien der sozialen Organisation, die offensichtlich der Schlüssel zu Europas eigener zukünftiger Bestimmung waren.2 In einer Zeit, die gleichermaßen von Angst und von Erwartung geprägt war, hat nicht nur in Großbritannien und nicht nur unter außenpolitischen Experten die Unterscheidung zwischen Bolschewismus und Amerikanismus dabei geholfen, politische Ausrichtungen zu definieren und zu unterstreichen. Zumindest was den Amerikanismus anbelangt, stellte Charles S. Maier schon vor langer Zeit fest, dass es sich dabei nicht nur um eine Angelegenheit von »Linke« gegen »Rechte« handelte.3 Der Gegensatz zwischen Deutschland und Großbritannien war diesbezüglich besonders ausgeprägt. Nicht alle deutschen Konservativen waren von der Version der kapitalistischen Modernität überzeugt, die sie mit Amerikanismus gleichsetzten. Unter dem deutschen Begriff Rationalisierung, welcher nahezu untrennbar mit einer positiven Bedeutung des Amerikanismus einherging, wurde diese kapitalistische Modernität jedoch als Schlüssel für eine wirtschaftliche Erholung und ein Wiedererstarken Deutschlands angesehen. Anstatt diesen Prozess einfach abzulehnen, versuchten die Sozialdemokraten im Wesentlichen, ihre eigene Version des Amerikanismus innerhalb einer sozialdemokratischen Vorstellung von Modernität zu definieren. Viele Zeitgenossen nahmen die ungleich negativere Haltung eines Großteils der britischen Arbeiterbewegung sowohl gegenüber dem Amerikanismus als auch gegenüber rationalisation wahr. Dieser Gegensatz war im Hinblick auf die Sowjetunion ebenso ausgeprägt. Kein führender deutscher Sozialdemokrat hätte dem neuen sozialistischen Rivalen im Osten Glauben geschenkt; allein bei dem Versuch hätte er seine Führungsposition verlieren können. In Großbritannien hatte der Marxismus jedoch nie den gleichen kanonischen Status genossen wie innerhalb der deutschen Arbeiterbewegung. Paradoxerweise artikulierten die verschiedenen Fraktionen der britischen Linken aber in weit größerem Umfang ihre Unterstützung für das marxistische Soziallabor der Russen.4 Hierfür gab es komplexe Gründe, deren Analyse eine wichtige, vergleichende Sicht auf die Programme, Philosophien und mentalités [Mentalitäten] der Arbeiterbewegungen in den beiden Ländern ermöglicht. Die folgende Anekdote liefert dafür erste Hinweise: Es sind die Reisen der Delegation des Trade Union Congress (TUC, britischer Gewerkschaftskongress) nach Russland im November/Dezember 1924 und der Delegation des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds (ADGB) in die USA im September/Oktober 1925. Beide Delegationen waren von der materiellen und organisatorischen Unterstützung ihrer Gastgeber abhängig, die kein großes Geheimnis aus ihrer eigenen Motivation und ihrer politischen Agenda machten. Zwar verdient es schon allein dieser Aspekt, näher untersucht zu werden, doch steht er bereits im Mittelpunkt anderer Forschungsarbeiten, auf die sich der vorliegende Beitrag stützt, und wird dort als entscheidender Faktor für die Antworten der politischen Touristen, sei es in Russland oder in Amerika, gewertet.5 Damit lässt sich jedoch nicht die Divergenz der Zukunftsvisionen deutscher und britischer Sozialisten erklären, die Schwerpunkt dieser komparativen Untersuchung sein soll. Insbesondere werden im Folgenden die Reaktionen der beiden führenden Sprecher der Delegationen analysiert: A. A. Purcell, der damalige Stellvertretende Vorsitzende des TUC und Präsident der International Federation of Trade Unions (IFTU, Internationaler Gewerkschaftsbund) bzw. Friedrich Tarnow, Vorsitzender des deutschen Holzarbeiterverbandes und eine Persönlichkeit, die als »Kronprinz« der ADGB-Führer Carl Legien und Theodor Leipart gesehen wurde.6 Weder Purcell noch Tarnow können als typische Vertreter ihrer jeweiligen Bewegungen beschrieben werden, und der hier gewählte biografische Ansatz dient zweifellos dazu, die Gegensätze zwischen ihnen noch stärker hervorzuheben. Außerdem reiste keiner der beiden als Einzelperson. Es ist allein schon schwierig, sich vorzustellen, wie sich eine Persönlichkeit vom Schlage Tarnows in der britischen Arbeiterbewegung der Zwanzigerjahre hätte entwickeln können, und es ist schlicht unmöglich, sich einen deutschen Funktionär der Arbeiterbewegung mit einem politischen Profil und einer beruflichen Laufbahn wie Purcell vorzustellen. Die Geschichte ihrer Begegnung mit Amerika ist daher von größerer Bedeutung. Von der Zukunft lernen Zu der Zeit, als eine aus sieben Personen bestehende Delegation des TUC Mitte November 1924 in Moskau eintraf, wurde ein Besuch Russlands, wie es ein Abgeordneter der britischen Labour Party beschrieb, immer mehr zur wichtigsten Reise eines modernen Politikers.7 Aufgrund ihres offiziellen Charakters war die TUC-Delegation jedoch einzigartig und gleichzeitig unzweckmäßig. Die britische Labour Party hatte bei der Neubegründung der internationalen Arbeiterbewegung nach 1918 eine entscheidende Rolle gespielt. Sowohl die neu gegründete Labour and Socialist International (LSI, Sozialistische Arbeiterinternationale) als auch die International Cooperative Alliance (ICA, Internationaler Genossenschaftsverband) hatten ihre Vertretungen; sogar die IFTU mit Sitz in London hatte ihre Präsidentschaft tatsächlich für den britischen Vertreter reserviert. Mit der Annahme der Strategie der Einheitsfront durch die Komintern nach 1922 boten die liberalen Strukturen der britischen Arbeiterbewegung, die es bisher ermöglichten, dass sogar Kommunisten Mitglieder bzw. Delegierte der Labour Party blieben, die beste Gelegenheit, Einfluss auf internationaler sowie auf nationaler Ebene zu erzielen. Zur russischen Delegation von 1924 gehörten keine Kommunisten. Einer der britischen Teilnehmer, Ben Tillett, hatte während des Ersten Weltkriegs ausgesprochen chauvinistische Positionen vertreten. Ein anderes Delegationsmitglied, John Turner, war seit Langem Anarchist und arbeitete mit Emma Goldman zusammen. Trotzdem wurde der 250 Seiten umfassende Bericht, der von der Delegation im März 1925 veröffentlicht worden war, wegen seiner nachdrücklichen Unterstützung des bolschewistischen Regimes berühmt. Zwar wurden bestimmte dunklere Seiten des sowjetischen Lebens nicht ausgeklammert, jedoch wurden die Arbeitsbedingungen auf der Grundlage bewertet, dass »die Arbeiter in Russland die herrschende Klasse sind«, und Wahlen in der Sowjetunion wurden »mit Blick auf die Regelungen der britischen Gewerkschaften« und nicht anhand konventioneller parlamentarischer Normen betrachtet. Besonders kontrovers war die Billigung des bolschewistischen Regimes in Georgien, das nach der Unterdrückung einer durch Menschewiki [Minderheitler] gebildeten Regierung installiert wurde, die offensichtlich die viel größere Unterstützung genoss.8 Natürlich kam es danach von anderer Stelle aus den Reihen der internationalen Arbeiterbewegung zu einer Verurteilung. Das Gefühl der Provokation wurde durch den herzlichen Empfang der Delegation seitens verschiedener kommunistischer und »nicht offizieller« Organe sowie durch die Werbung Moskaus für weitere Besuche von Arbeiterdelegationen, die notwendigerweise keinen offiziellen Charakter hatten, weiter verstärkt. Der offizielle Besuch der britischen Delegation bildete eine Ausnahme. Die augenfälligste und direkteste Reaktion darauf war eine Aufklärungswelle in der Öffentlichkeit, die sowohl die allgemeinen Details des sowjetischen Lebens als auch die Qualifikationen und die Gutgläubigkeit der britischen Delegierten bei der Durchführung eines solchen Unternehmens thematisierte. Die wirksamste und einflussreichste unter den verschiedenen veröffentlichten Kritiken war wahrscheinlich die des LSI-Sekretärs Friedrich Adler, die ursprünglich in der Zeitschrift der österreichischen SPD veröffentlicht worden war und auch in französischer und englischer Übersetzung Verbreitung fand.9 Solche Erwiderungen waren ihrer Art nach ausschließlich negativ und von kritischem Charakter. Der ADGB war jedoch ebenfalls in der Lage, ein ganz anderes Gegenargument vorzubringen. Die deutschen Gewerkschaften hatten 1924 ebenfalls ihren ersten Delegierten (Peter Grassman) zum Jahreskongress der American Federation of Labor (AFL, Amerikanischer Arbeitergewerkschaftsbund) entsandt, womit sie anscheinend einer amerikanischen Initiative Rechnung trugen.10 Nur zwei Monate früher hatte der russische Gewerkschaftsführer Tomskij die erste derartige Delegation sowjetischer Gewerkschafter zur Jahreskonferenz des TUC geleitet. In beiden Fällen wurde den Besucherdelegationen von ihren Gastgebern ein überwältigender Empfang bereitet, und genauso wie der Bericht des TUC über Russland unmittelbar auf die auf der Jahreskonferenz geschlossenen Kontakte zurückzuführen war, organisierten die deutschen Gewerkschafter den Besuch einer großen Delegation mit ähnlichem Erkundungsauftrag, der zeitgleich mit dem im Oktober 1925 in Atlantic City stattfindenden AFL-Jahreskongress durchgeführt werden sollte. Auch aus diesem Besuch sollte ein gedruckter Bericht von erheblichem Umfang hervorgehen – Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer –, in dem das jüngere Land erneut als ein Modell und Beispiel für die älteren europäischen Länder dargestellt und stillschweigend als konstruktive Alternative zum Bolschewismus bestätigt wurde.11 Mit einem Wort könnte diese Alternative als Fordismus zusammengefasst werden: Sowohl in einer produktivistischen Bedeutung, welche die Nutzung von Techniken der Massenproduktion beinhaltet, als auch in einer verbraucherbezogenen Bedeutung, bei der hohe Löhne die Garantie dafür sind, dass das amerikanische Produktivitätsniveau zu allgemeinem Wohlstand führen würde und nicht zu dem bekannten kapitalistischen Schreckgespenst einer Krise wegen Überproduktion.12 Es ist schwierig, von der Symmetrie dieses transnationalen Austausches unbeeindruckt zu bleiben. In Großbritannien waren die Beziehungen zu Russland eine politische Definitionsfrage, und nach dem Sturz der ersten Labour-Regierung im Oktober 1924 tauchte diese Frage erneut bei den späteren allgemeinen Wahlen in Form der notorischen Zinov’ev-Briefe wieder auf. In Deutschland, das mehr Sachverständige als jedes andere Land nach Amerika entsandt hatte und dessen Hauptstadt Berlin von Ilya Ehrenburg als ein »überzeugter Verfechter des Amerikanismus« beschrieben wurde, konnte eine Kommentatorin wie Irene Witte sogar behaupten, dass sich das Land in der Umklammerung einer »Psychose des Fordismus« befinde.13 Beide Berichte müssen deshalb in erster Linie als Interventionen in nationale Debatten gesehen werden.14 Sie stießen jedoch auch international auf Resonanz, was eindeutig das Ziel sowohl der russischen als auch der amerikanischen Gewerkschaften war und die moralische und materielle Unterstützung erklärt, die sie den besuchenden Delegationen gewährten.15 Die Briten waren zumindest zur Zusammenarbeit bereit, und es wurde behauptet, dass fünfzigtausend Exemplare des Berichts über den Besuch der russischen Gewerkschafterdelegation anlässlich der TUC-Jahreskonferenz in Erstausgabe nach Deutschland geschickt worden seien, während das Urheberrecht an den Übersetzungen den russischen Gewerkschaften als Geschenk überlassen wurde.16 Der Bolschewismus war natürlich für die deutsche Linke eine Quelle tief sitzender Ängste und Abneigungen. Deutschland stellte die größte Delegation ausländischer Arbeiter, die nach Russland reiste, einige Delegationen umfassten 53 Teilnehmer, wobei sich diese Delegationsteilnehmer jedoch einem möglichen Ausschluss aus der SPD gegenübersahen.17 Der Amerikanismus bot dem unternehmerischen Großbritannien die Möglichkeit zur Kampfansage gegen die militanten Instinkte der Arbeiterbewegung. Im Jahr 1926 sandte die rechtsgerichtete Daily Mail – in der die gefälschten Zinov’ev-Briefe abgedruckt worden waren – ihre eigene, fingierte »Gewerkschaftsdelegation« in die Vereinigten Staaten. Dies geschah auf direkte Anregung durch den konservativen Premierminister Stanley Baldwin, der eigentlich wie der ADGB der Ansicht war, dass »kein Gewerkschaftsführer seiner von ihm vertretenen Sache einen besseren Dienst erweisen könne, als die […] Methoden zu erforschen, die […] die amerikanischen Arbeiter in die Lage versetzen, sich eines besseren Lebensstandards zu erfreuen als jeder andere Arbeiter auf der Welt, und dabei mehr zu produzieren und gleichzeitig einen viel höheren Lohn zu erzielen«.18 Als Baldwin Gewerkschafter wie Ernest Bevin in eine Regierungsdelegation mit gleicher Zielsetzung aufnahm, warnte sogar die AFL vor dem Aufwand, den amerikanische Industrielle betrieben, um bei ausländischen Beobachtern günstige Rückmeldungen zu erzeugen.19 Egal ob ein Besuch in Russland oder in den Vereinigten Staaten, die Reisewege wurden mehr und mehr zur Routine und boten einen äußerst eingeschränkten Blick auf diese riesigen sozialen Geflechte. Sowohl die Briten in Russland als auch die Deutschen in Amerika beschrieben mit an Naivität grenzender Selbstgefälligkeit, wie bereitwillig sie von den jeweiligen politischen und industriellen Stellen bei ihren Untersuchungen unterstützt würden.20 Politische Touristen waren bei Reisen nach Russland für solche Kritik offenkundig sehr anfällig; skeptische Kommentatoren stellten jedoch auch fest, wie eingeschränkt die ADGB-Delegierten mit den Vereinigten Staaten vertraut gemacht wurden und wie dabei insbesondere die US-Bundesstaaten im Süden und Westen vollständig außer Acht gelassen wurden, in denen größte Armut sowie soziale und rassisch bedingte Ungerechtigkeit vorherrschten.21 Es gab natürlich keinerlei Aussichten, dass eine offizielle deutsche Delegation die Sowjet-union besuchen würde. Andererseits wurde der Gegensatz zwischen den Positionen der britischen und deutschen Gewerkschaften zu Amerika anlässlich des Kongresses der AFL in Atlantic City mit fast theatralischer Wirkung zur Schau gestellt. Seit 1894 hatte zwischen dem TUC und dem AFL ein ständiger, freundschaftlicher Austausch von Delegierten stattgefunden; tatsächlich wurde es als Vorteil angesehen, sich die Unterstützung der AFL beim britischen Streben nach der Präsidentschaft der IFTU zu sichern.22 Zu diesem Zeitpunkt hätte keine Annahme weniger plausibel sein können, die Angebote des AFL an den ADGB sind Ausdruck für eine erhebliche Unzufriedenheit mit der entspannteren Sicht des Kommunismus seitens der britischen Gewerkschaften. 1924 hatte einer der britischen Delegierten erstaunt über die Wärme berichtet, mit der Grassman empfangen worden war, und über die starken Vorbehalte gegen die seitens des TUC vertretene Meinung über die Russen.23 Ungeachtet all dieser Überlegungen hatte der TUC Purcell als gewählten Delegierten nach Atlantic City entsandt, und dieser hätte kaum einen negativeren Eindruck hinterlassen können.24 Obwohl Tarnow auf Deutsch sprach, applaudierten seine Zuhörer herzlich, als er ihnen versicherte, dass man noch viel von Amerika lernen könne und welch enormen Nutzen die Gewerkschaftsarbeit in Deutschland daraus ziehen würde.25 Im Gegensatz dazu stieß Purcell auf eisiges Schweigen, als er demselben, aus überzeugten Antikommunisten bestehenden Publikum erklärte, dass eher sie es seien, die viel von den Russen lernen müssten. AFL-Präsident William Green wies diese Feststellung umgehend zurück, schwang seine Faust und wurde laut, zum Vergnügen der Anwesenden, die »mit den Füßen trampelten und ihre Zustimmung schrien«.26 Danach wurden Tarnow und seine Genossen in wichtigen industriellen Vorzeigeeinrichtungen begrüßt sowie zu Empfängen im Weißen Haus und beim Arbeitsminister von Präsident Coolidge eingeladen. Purcell hingegen sprach hauptsächlich vor Arbeitervertretern, während die Washington Post seine Deportation als kommunistischer Agitator forderte, der die Kräfte der Weltrevolution aufhetzte.27 Zumindest rief er eine Bewegung zur Solidarität mit Russland ins Leben; bei einer Veranstaltung der Sozialistischen Partei in der Carnegie Hall wurde der Vertreter der Sozialistischen Partei Amerikas, Morris Hillquit, von den Anhängern des militanten Flügels im Publikum ausgebuht, und Purcell erhielt einen zehnminütigen Applaus, der seinen Höhepunkt im Absingen der Internationale fand.28 Er reiste einige Wochen durch wichtige industrielle Zentren, und erst im Nachhinein wurde bekannt, dass es Veranstaltungen dieser Art waren, auf denen der Purcell-Fonds entstand, der die inoffizielle Delegation unterstützte, die schließlich im Jahre 1927 von den Vereinigten Staaten aus nach Russland reiste.29 Zersplitterter Internationalismus: Tarnow, Purcell und die Holzarbeiter Während der schweren Zeit im Ersten Weltkrieg entsprach die Verpflichtung der Holzarbeiter zum Internationalismus derjenigen aller anderen Gewerkschaftsgruppen. Wie die Mehrzahl der internationalen Gewerkschaftssekretariate, hatte das Sekretariat der Internationalen Holzarbeitergewerkschaft seinen Sitz in Deutschland, wo ihr Sekretär Theodor Leipart sich um die Aufrechterhaltung internationaler Verbindungen bemühte und 33 Kriegsausgaben des Bulletins der Internationalen Holzarbeitergewerkschaft herausgab.30 Im Gegensatz zu Deutschland gab es in Großbritannien keine Einzelgewerkschaft des holzverarbeitenden Gewerbes. Unter den verschiedenen Gewerkschaften, die der Internationalen Holzarbeitergewerkschaft angeschlossen waren, nahm der verhältnismäßig kleine Verband der Raumausstatter (NAFTA) eine deutlich pazifistische Haltung ein. Schon im Frühjahr 1915 veröffentlichte er ein entsprechend kompromissloses Manifest, das in einer Urabstimmung von den Mitgliedern verabschiedet worden war.31 1921 wurde Leipart zum Präsidenten des ADGB gewählt. Bereits1917 war Fred Bramley, Mitverfasser des pazifistischen Manifests der NAFTA, zum Stellvertretenden TUC-Generalsekretär ernannt worden, und 1923 wurde er der erste hauptamtliche TUC-Generalsekretär. Beide Gewerkschafter waren sich der Bedeutung des Internationalismus bewusst. Wohingegen es jedoch der Krieg nicht geschafft hatte, sie zu trennen, hinterließ die russische Revolution tiefere Narben. Innerhalb der IFTU war Leipart Teil einer den Ton angebenden Fraktion, die den Sympathien des TUC für die Russen eindeutig feindselig gegenüberstand. Bramley, keinesfalls ein Kommunist oder Mitläufer, war dabei in vielerlei Hinsicht die treibende Kraft. Als Sekretär der Russland-Delegation des TUC war er der Ansicht, im Einklang mit dem Geist des Internationalismus zu handeln, den er während des Krieges so beredt vertreten hatte.32 Tarnow und Purcell, wenn auch in den Vereinigten Staaten sehr unterschiedlich wahrgenommen, waren ebenfalls tief in den Holzarbeitergewerkschaften verwurzelt. Tarnow, 1880 in einer sozialdemokratischen Familie in der Nähe von Bad Oeynhausen geboren, hatte eine Ausbildung als Tischler absolviert und die Arbeiterbildungsschule in Berlin besucht, bevor er schon früh als Protegé von Leiphart innerhalb der Holzarbeitergewerkschaft gefördert wurde. Tarnow, der Leipart als Gewerkschaftsvorsitzenden ablöste, verfügte auf den Gebieten Literatur und Statistik über besondere Kenntnisse. Er war erheblich jünger als die meisten anderen Gewerkschaftsführer und repräsentierte eine neue Generation, die bei den Debatten im Zusammenhang mit dem Erfurter Programm und dem Revisionismus noch nicht dabei gewesen war.33 Der Altersunterschied verstärkte möglicherweise noch den Gegensatz zwischen Tarnow und Purcell. Purcell, der fast ein Jahrzehnt früher, im Jahr 1872, geboren wurde, hatte den gleichen Beruf wie sein Vater ergriffen und war ebenfalls Feinpolierer geworden. Als Jugendlicher zum Sozialismus bekehrt, übernahm er in seiner Gewerkschaft ebenfalls schnell verantwortliche Positionen und war Teilnehmer am Londoner Kongress der Internationalen im Jahr 1896. Sowohl Tarnow (von 1909 bis 1915) als auch Purcell (von 1906 bis 1913) waren Stadträte; Tarnow (von 1928 bis 1933) sowie Purcell (1924 und von 1925 bis 1929) vertraten ihre jeweiligen Parteien in ihren nationalen Parlamenten. Trotzdem war Purcells Laufbahn wie die von Tarnow im Wesentlichen mit der Gewerkschaftsbewegung verbunden. Als die kleinere Gewerkschaft der Feinpolierer von der Gewerkschaft der Raumausstatter übernommen wurde, blieb Purcell hauptamtlicher Organisationsleiter für den industriellen Sektor. Durch Nominierung seitens der NAFTA nahm er einen Sitz im Parlament für die Labour Party sowie zwischen 1919 und 1927 einen Platz unter den bedeutendsten Führern im Allgemeinen Ausschuss des TUC (bis 1921 der parlamentarische Ausschuss) ein. Auch wenn ihre Leben nicht exakt parallel verliefen, ist es doch erstaunlich, wie zwei solche Persönlichkeiten mit derart unterschiedlichen Eindrücken aus den Vereinigten Staaten zurückkehren konnten. Tarnow war nicht nur das prominenteste Mitglied der ADGB-Delegation, er schrieb das Kapitel über die Gewerkschaftsbewegung in Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer, sondern er war auch derjenige, der sich von den in den Vereinigten Staaten gewonnenen Eindrücken am stärksten beeinflussen ließ. Im Fazit zum Bericht der Delegierten wurde, wie Mary Nolan es darstellt, alle Vorsicht über Bord geworfen und dem »Wirtschaftswunder«, das für Amerika eng mit der Rationalisierung der Industrie, einem hohen Lohnniveau und der ständigen Verbesserung der Kaufkraft der Arbeiter verbunden war, uneingeschränkte Billigung bekundet. »Die Fehde im Zusammenhang mit der Theorie, ob es unter der kapitalistischen Wirtschaftsordnung für die Arbeiterklasse möglich ist, an steigender Produktivität durch einen höheren Lebensstandard teilzuhaben […], ist beigelegt. Die Erfolge der Gewerkschaften sind der Beweis dafür, dass es in der kapitalistischen Ökonomie absolut keine Naturgesetze gibt, nach denen die wirtschaftliche Lage der Arbeiter nicht verbessert werden kann.«34 Im Laufe der nächsten Jahre sollte Tarnow diese grundlegende Einsicht mehr als jeder andere Delegierte in seinen Reden und Schriften weiter vertiefen. Bemerkenswerterweise erarbeitete er 1928 ein populäres Handbuch, in dem er statistische Werte frei verarbeitete und aufzeigte, dass die ganze Wirtschaftsgeschichte nicht mehr als ein »ununterbrochener Prozess der Rationalisierung« sei, wofür die Vereinigten Staaten ein beeindruckendes Beispiel lieferten. Der Titel von Tarnows Werk, Warum arm sein?, ist einem Kapitel aus Fords Buch My Life and Work entnommen, das in deutscher Übersetzung in dreizehn Auflagen erschien und das Tarnow als »den bis heute revolutionärsten Schritt in der gesamten Wirtschaftliteratur« beschrieb.35 Wirtschaftswunder waren das letzte, wovon Purcell hören wollte, noch gehörten sie zu den Kriterien, mit denen er sozialen Fortschritt messen wollte. Obwohl seine Eindrücke von Amerika niemals in einen formellen Bericht mündeten, verlieh er ihnen dennoch in unterschiedlicher Form Ausdruck: von seiner Gewerkschaftszeitschrift bis hin zu einem Erfahrungsbericht vor seinen Parlamentskollegen. »Das Wesentliche in Amerika war Folgendes«, erklärte er diesem Kreis: »Alles muss groß sein, die Amerikaner müssen in großen Maßstäben reden, und alles muss so sein, und manchmal war es auch so, alles nur im Millionen Dollar-Bereich. Jeder Siebte hatte ein Auto. Wenn jemand ein Radikaler war, wurde er aus seiner Gewerkschaft ausgeschlossen. Wir in England waren dem etwa 40 Jahre voraus, in Amerika handelte es sich dabei aber um eine sehr extreme Art von Mensch.«36 In Amerika, so räumte er ein, sei er Zeuge des Kapitalismus in seiner »gigantischsten, modernsten und mächtigsten Form« gewesen; während Tarnow hierin das Geheimnis der industriellen Modernität vermutete, verabscheute Purcell dies »mehr oder weniger als ein System der Sklaverei«, in dem alles der »großen Aufgabe des Gewinnstrebens« untergeordnet sei.37 In Amerika könne nicht viel passieren, versicherte er seinen Parlamentskollegen, und soweit er es überblickte, gäbe es dort nicht viel zu lernen.38 Warum ein Roboter sein? Mit der Annahme des Erfurter Programms im Jahr 1891 beurkundete die SPD ihr Bekenntnis zu einem marxistischen Verständnis von der kapitalistischen Gesellschaft und der Notwendigkeit ihrer revolutionären Transformation. In Großbritannien, wo die Arbeiterbewegung schon länger existierte, gab es zu diesem Zeitpunkt weder eine nennenswerte Partei noch ein entsprechendes Programm. Zwar war 1900 das Labour Representation Committee als ein politisches Medium der Gewerkschaften gebildet worden, jedoch etablierte es sich erst 1918 als eine funktionierende nationale Partei mit einem ausdrücklichen Bekenntnis zum Sozialismus. Selbst diese Verpflichtung wurde für sie von einem Mitglied der sozialistischen Fabian-Gesellschaft, Sidney Webb, formuliert, der den Vorsitz bei der Arbeiterkonferenz im Jahre 1923 innehatte und hiermit seine Philosophie von der »Unvermeidlichkeit der Allmählichkeit« auf den Punkt brachte. Allerdings lieferten die sachte eingestellten Briten die meisten Hinweise für einen »Russlandkomplex«, während dieser unter den marxistischen Deutschen, zumindest in gewissem Umfang, seine Entsprechung in einem »Amerikakomplex« fand. Dieses Paradoxon lädt zu tiefgründigeren Reflexionen über die Philosophien und die Zukunftspläne der beiden Bewegungen ein. Das Erfurter Programm ist so gut wie jedes andere als Ausgangspunkt dafür geeignet. Ungeachtet seines Inhalts entsprach der einem solchen Dokument zugemessene Status der ideologischen Darstellung der Befugnisse innerhalb einer hochgradig disziplinierten Parteikultur. Dies schloss die Artikulation politischer Differenzen nicht aus. Es bedeutete, dass diese dazu tendierten, eine Form der organisierten Zersplitterung anzunehmen. Ihren endgültigen Ausdruck fanden sie in der tief gehenden Spaltung zwischen Kommunismus und Sozialdemokratie nach 1918. Tarnows Laufbahn war für diese Kultur nicht untypisch. Als Protegé von Leipart wurde er zu einem frühen Zeitpunkt in den Apparat eingeführt, wobei seine Laufbahn innerhalb einer zentralisierten Kultur eingeordnet werden kann, in der sich politische und industrielle Fachgebiete häufig gegenseitig verstärken. Auch Purcell war ein langjähriger Gewerkschaftsfunktionär, jedoch folgte seine Laufbahn im britischen System den verhältnismäßig sprunghaften und unorthodoxen politischen Verpflichtungen. Will man ihn einem Mentor zuordnen, dann war es der Gewerkschafter Tom Mann, und 1920 brachte Purcell sogar die Resolution auf den Weg, die die Kommunistische Partei Großbritanniens ins Leben rief. Obwohl er die Partei 1922 verließ, war keine solch drastische Trennung erforderlich, wie es möglicherweise in Deutschland notwendig gewesen wäre. Typischerweise war es die Eigentümlichkeit dieser Beziehungen, die dazu führte, dass seine Ansichten als TUC-Delegierter in Amerika in vollem Umfang in Labour Monthly veröffentlicht wurden, einem »Magazin der Internationalen Arbeiterbewegung«, das mit Geldern der Komintern gegründet und von dem Kommunisten R. Palme Dutt herausgegeben wurde.39 Purcell war in dem Maße ein Repräsentant einer marxistischen Strömung innerhalb der Arbeiterbewegung, wie Webb ein Repräsentant einer reformistischen Strömung der Fabian-Gesellschaft war. Die vorherrschende Literatur über Marxismus unterschied sich in Deutschland und in Großbritannien allerdings ziemlich. In Deutschland war der Marxismus der Zweiten Internationale tief verwurzelt, weshalb er dort in seiner wissenschaftlichsten, produktivsten und entschiedensten Form existierte. Peter Beilharz hat sich in diesem Zusammenhang auf den reuelosen Modernismus in Schriften wie denen von Karl Kautsky bezogen.40 In einer längeren historischen Perspektive wurde die Entwicklung produktiver Techniken und Kapazitäten durch den Kapitalismus, einschließlich einer immer perfekteren Arbeitsteilung, auf einmal als eine »unwiderstehliche Vorwärtsbewegung« gesehen und als die unverzichtbare wirtschaftliche Basis für den Sozialismus.41 In Tarnows Schriften kann man diese intensive Beschäftigung mit dem wissenschaftlichen Verständnis der politischen Ökonomie verfolgen, das er über Marx auf Adam Smith zurückführte.42 In Großbritannien, wo die Arbeiterbewegung der ständigen Weiterentwicklung der sozialistischen Theorie lange voraus war, neigten die Aktivisten der Arbeiterklasse dazu, den Marxismus eher als einen militanten Ausdruck für die Unvermeidlichkeit und Unversöhnlichkeit des Klassenkampfes zu betrachten. Der Sozialismus selbst wurde nicht so sehr als die notwendige Weiterentwicklung produktiver Verhältnisse gesehen, sondern als die Verwirklichung der Ziele der Arbeitergesellschaft, deren Werte und Institutionen von zentraler Bedeutung für die Vorstellungen von sozialem Fortschritt waren. Hiermit verbunden waren unterschiedliche Haltungen hinsichtlich der Einführung neuer Verfahren und Technologien für die Produktion. Tarnow vertrat eine sozialdemokratische Vision von Modernität, die den Ausgleich für die Methoden der Massenproduktion und die zunehmend voranschreitende Arbeitsteilung in einer weiter gefassten Konzeption von »Lebensfreude« und nicht im eigentlichen Arbeitsprozess sah. Egon Wertheimer, Londoner Korrespondent des Vorwärts, räumte ein, dass sich deutsche Gewerkschafter in vielen Fällen nur mit »Lippenbekenntnissen« zu den marxistischen Vorstellungen bekannten. Dennoch war er der Ansicht, dass diese den Schlüssel zu jenen sehr unterschiedlichen Haltungen gegenüber der Massenproduktion böten: »Er [der deutsche Gewerkschafter] hat gelernt, […] hinter das unmittelbar Praktische der Probleme zu schauen, mit denen er konfrontiert ist. Sein britischer Genosse […] unbelastet durch theoretische Überzeugungen, weiß die unmittelbaren Realitäten weit besser einzuschätzen. Die marxistische Schulung hat den deutschen Führungspersönlichkeiten die Fähigkeit vermittelt, in ihrer Gewerkschaft gegen jene mittelalterlichen Handwerkssitten vorzugehen, die die britischen Gewerkschaften sogar bis heute behindern, und die Rationalisierung als einen unvermeidbaren Prozess bei der Entwicklung des Kapitalismus anzuerkennen, und zwar zu einem Zeitpunkt, als den Engländern […] nicht nur die Konzeption, sondern der Prozess selbst mehr als verdächtig vorkam.«43 Trotz seiner Verankerung im Gewerkschaftswesen war es zweifellos von Bedeutung, dass Purcells Gewerkschaft einen Teil des ursprünglichen Handwerksethos der Holzarbeiter bewahrte. Dennoch wandte sich Purcell weniger an das eigentliche Handwerk als vielmehr an den unabhängigen, in diesen Handwerkstraditionen verwurzelten Arbeiter, und er artikulierte aus der unmittelbaren Perspektive der Gewerkschaftsbasis, was Wertheimer sowohl als Stärke, aber auch als Einschränkung der britischen Gewerkschafter ansah: »Was hat mich bei meinem Besuch der verschiedenen Werke und Fabriken als Arbeiter am meisten erstaunt? Mich beunruhigte nicht die Perfektion ihrer Technik, so bemerkenswert sie auch ist. Nein, was sich mir unvergesslich eingeprägt hat, war der Geist der strengen Reglementierung, die extreme Arbeitsteilung, die einen Arbeiter zu einem bloßen Automaten macht, der einen monotonen, mechanischen Arbeitsvorgang jahraus jahrein erledigt. Das amerikanische, industrielle régime ist trotz der gerühmten hohen Löhne sogar noch mehr als das britische Gegenstück eine Tyrannei der Monotonie, in welcher der Arbeiter reglementiert und kommandiert und diszipliniert und bis ins Letzte überwacht wird.«44 Gramsci schrieb in seinem Werk Americanism and Fordism, dass es in Italien »ausgerechnet die Arbeiter waren, die modernere industrielle Bedingungen schufen und auf ihre eigene Weise aufrechterhielten«.45 In Großbritannien gab es natürlich auch Menschen, die solche Ansichten vertraten; einer der prominentesten war der Labour-Abgeordnete und zukünftige Führer der faschistischen British Union of Fascists, Oswald Mosley, der 1925 die Vereinigten Staaten bereiste. Im Allgemeinen wurde Amerikanismus in dieser Zeit in weiten Kreisen der britischen Linken mit einer Form der industriellen Knechtschaft gleichgesetzt.46 Friedrich Adler schlug einen ähnlichen Ton gegenüber Wertheimer an, indem er die Besonderheiten der Haltung des TUC zum Bolschewismus erläuterte. Die britische Arbeiterbewegung, schrieb er, habe in gewisser Hinsicht stets auf einer »niedrigeren Entwicklungsstufe« verharrt, und der Russland-Bericht manifestiere insbesondere das, was Engels als die »engen, aus dem englischen Empirismus übernommenen Denkschemata« bezeichnet hatte.47 Ironischerweise erläuterte Purcell den ungläubigen Amerikanern mittlerweile, dass sie zwar bei Erfindungen im Bereich des Maschinenbaus und bei der Geschäftsorganisation einen Vorsprung hätten, jedoch bei der Akzeptanz neuer gesellschaftlicher und politischer Ideen die langsamsten seien.48 Sowohl Adler als auch Purcell erkannten somit Abweichungen zwischen den unterschiedlichen nationalen Arbeiterbewegungen im Hinblick auf höhere und niedrigere Stadien, die auf einem gemeinsamen Entwicklungsweg erreicht wurden. Sie bemaßen jedoch die Reife oder das Stadium des Fortschritts der jeweiligen Bewegungen auf unterschiedliche Weise. Purcell übernahm die Sprache der militanten Aktivisten der Arbeiterbewegung und verlieh einem überzeugten Skeptizismus im Hinblick auf die Theorie und deren Theoretiker Ausdruck, die hohe Wertschätzung in den Parteien der Sozialdemokratie auf dem europäischen Kontinent genossen.49 Wenn der TUC jedoch die, seiner Meinung nach, führende Rolle auf internationaler Ebene übernahm, so geschah dies in dem Glauben, dass er die Werte von Einheit und Organisation verkörperte, und zwar größtenteils ungestört durch parteiinterne, sektiererische und konfessionelle Abspaltungen, die in anderen europäischen Ländern an der Tagesordnung waren. Die Dauerhaftigkeit dieser Gesinnung zeigt einmal mehr die Belastbarkeit einer längeren Tradition, die schon vor dem Aufkommen einer sozialistischen Politik in Großbritannien bestand. Dies hilft auch bei einer Erklärung dessen, was sonst als unvereinbare Einstellung der Briten mit dem Bolschewismus und dem Amerikanismus erscheinen könnte. Auf die internationale Ebene übertragen, liefert die Verpflichtung zu einer einzigen, ungeteilten Arbeiterbewegung eine Hilfestellung bei der Erklärung, warum den russischen Gewerkschaften so viel Entgegenkommen gezeigt wurde, das über Sympathiebekundungen für den Kommunismus, wie Purcell sie äußerte, hinausging. Gleichzeitig wurde das Wohlergehen einer Gesellschaft eher anhand des Zustands ihrer Arbeitervertretungen als anhand der Produktionszahlen gemessen. Für diejenigen mit entsprechend gefärbter Brille erschien das sowjetische Russland als eine Gesellschaft, in der diese Institutionen nicht nur gediehen, sondern einen bis dahin nicht gekannten Status genossen, bei gleichzeitig vorhandenen Verantwortlichkeiten und Vorrechten, die im Kapitalismus unvorstellbar waren. »Ein Bericht über die Arbeitsbedingungen in der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken muss mit dem Hinweis beginnen, dass die Arbeiter in Russland die herrschende Klasse bilden«, lautete die Einleitung des relevanten Abschnitts im Bericht der TUC-Delegation.50 In Großbritannien kamen militante Gefolgsleute im Hinblick auf ihre russischen Genossen zu ähnlichen Schlussfolgerungen.51 In dieser Beziehung war es von großer Bedeutung, dass die TUC-Delegierten Gäste waren, nicht der Partei oder des Staates, sondern der russischen Gewerkschaften. Ihre Hauptansprechpartner waren deshalb Persönlichkeiten, wie beispielsweise der Gewerkschaftsführer Michail Tomskij, der nicht nur gemeinsame Gewerkschaftsthemen wirkungsvoll in Szene setzte, sondern diese Themen offensichtlich auch im Rahmen ständiger Positionierungen bezüglich der Rolle der Gewerkschaften innerhalb der Neuen Ökonomischen Politik (NEP) Russlands instrumentalisierte. In späteren Jahren sollten Besucher Russlands auch der produktivistischen Faszination der russischen Planwirtschaft erliegen. Für die britischen Gewerkschafter der Zwanzigerjahre ergab eine gewerkschaftliche Analyse dagegen, dass Amerika Defizite aufwies und die Hoffnungen stattdessen auf einem anscheinend aufrichtigen, wenn auch mit Fehlern behafteten Experiment einer Arbeiterregierung ruhten. Fazit So bekannt sie auch in den Zwanzigerjahren waren, weder Tarnows noch Purcells Ideen überlebten die nachfolgende Dekade unbeschadet. Bereits vor dem Zusammenbruch der deutschen Arbeiterbewegung 1933 hatte Tarnows Glaube an die Rationalisierung an Stärke verloren, was auf die Diskreditierung seines amerikanischen Beispiels nach dem Zusammenbruch der Wall Street und die Auswirkungen der strukturellen Arbeitslosigkeit in Deutschland zurückzuführen war, die zusätzlich zur zyklischen Arbeitslosigkeit eingetreten war. Obgleich er anscheinend für das höchste Gewerkschaftsamt bestimmt war, rief seine Anspielung auf die Funktion der Arbeiterbewegung als »Doktor am Krankenbette des Kapitalismus« innerhalb der SPD starke Kritik hervor, und seine politische Glaubwürdigkeit sollte sich niemals vollständig davon erholen.52 Seit Mai 1933 im Exil befindlich, trug Tarnow noch immer Verantwortung für die Auslandsorganisation der deutschen Gewerkschafter, und nach der Niederlage der Nazis im Jahr 1945 hielt er bis zu seinem Tod 1951 die grundlegende und nicht verhandelbare Unterscheidung zwischen kommunistischen und »freien« Gewerkschaften hoch. In der Zwischenzeit wurde Purcells pragmatische, militante Haltung beim britischen Generalstreik von 1926 schmerzhaft vermisst. Als einer der Vorsitzenden des Organisationsausschusses für den Streik übernahm Purcell eine führende Rolle und musste heftige Kritik seitens der Linken einstecken, als der Streik abgebrochen wurde. Da die russischen Gewerkschaften in die Kritik einstimmten, traten die sektiererischen Animositäten erneut ans Tageslicht, was in der kommenden Periode des Kampfes »Klasse gegen Klasse« das Engagement des TUC für die internationale Einheit der Gewerkschaften vollkommen untergraben sollte. Purcell, der die IFTU-Präsidentschaft 1927 verlor, zog sich zwei Jahre später von der nationalen politischen Bühne zurück. Noch immer ein glühender Verfechter der Sowjetunion, die er 1933 erneut besuchte, starb er 1935, nachdem er die letzten Jahre seines Lebens mit den verhältnismäßig moderaten Verantwortlichkeiten eines Sekretärs des Gewerkschaftsrats von Manchester verbracht hatte. Man sollte die Bedeutung dieser Persönlichkeiten deshalb nicht überschätzen, die nur in einem besonderen Augenblick in der viel längeren Geschichte der über Europa hinausgehenden Suche nach alternativen Entwicklungen für die Zukunft ins Blickfeld rückten. In den Jahrzehnten nach dem Krieg wurde außerhalb Großbritanniens der Antiamerikanismus stärker mit Teilen der politischen Linken identifiziert. In der Zwischenzeit verwendete Walter Citrine, der Nachfolger von Bramley als TUC-Generalsekretär, eine Art nativen Empirismus, den Adler so missbilligt hatte, und kam zu einer viel kritischeren Sicht hinsichtlich der Rolle der sowjetischen Gewerkschaften sowie zu positiveren Eindrücken über den sogenannten New Deal in Amerika. Während Citrine eine allgemein antikommunistische Haltung vertrat, war Leipart an seinem Lebensende Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands: Das Verständnis für eine Biografie ergibt sich nicht durch die Analyse der vermuteten typischen Wesenszügen, sondern durch das Aufzeigen von Vielschichtigkeiten, die in institutionellen Darstellungen manchmal übersehen werden. Tarnow und Purcell waren keine privat Reisenden, sondern bevollmächtigte Vertreter von Bewegungen, deren unterschiedliche Merkmale sie in akzentuierter Form zum Ausdruck brachten. Neben der Frage von Bolschewismus oder Amerikanismus kann man ihre wahrscheinliche Fortsetzung in dem Mitbestimmungsmodell erkennen, das während des deutschen Wirtschaftswunders vorgeschlagen wurde, sowie in der dezentralisierten Militanz der Gewerkschaftsbasis, die sogar während der Zeit des Wohlstands in Großbritannien bestand. Auch historiographisch lässt sich die Affinität mit jenen britischen marxistischen Historikern feststellen, welche den Klassenkampf aus den Fängen des ökonomischen Determinismus zu lösen und sogar die Maschinenstürmer vor der »enorm herablassenden Haltung der Nachwelt« zu retten versuchten.53 Von der Zukunft mit ihren unterschiedlichen Varianten zu lernen, hatte stets den Vorteil der anscheinend unwiderlegbaren Logik einer Art Nezessitarismus. Das Problem dabei bestand darin, dass es immer alternative Entwicklungen für die Zukunft gab und dass diese niemals nur beobachtet und aufgezeichnet, sondern aktiv aus dem Material einer umkämpften Gegenwart geschaffen wurden. Aus dem Englischen übersetzt durch das Bundessprachenamt 1 C. R. de Gruchy, in: Socialist Review, April 1928, zit. nach A. J. Williams: Labour and Russia. The attitude of the Labour Party to the USSR 1924–33, Manchester 1989, S. 65 f. 2 Siehe British Library of Political and Economic Science, Beatrice Webb diaries, 18. August 1930. 3 Siehe Charles S. Maier: Between Taylorism and technocracy. European ideologies and the vision of industrial productivity in the 1920s, in: Journal of Contemporary History, 5 (1970), H. 27, S. 28. 4 Siehe dazu ausführlich Kevin Morgan: Labour Legends and Russian Gold. Bolshevism and the British left, part 1, London 2006; ders.: The Webbs and Soviet Communism. Bolshevism and the British left, part 2, London 2006. 5 Siehe dazu insbesondere Kevin Morgan: Workers of all Countries? Syndicalism, internationalism and the lost world of A. A. Purcell. Bolshevism and the British left, part 3, London im Erscheinen 2011/12, Kap. 6. Durch den Zugang zu sowjetischen Archiven hat sich dies in der aktuellen Historiographie der die UdSSR besuchenden Delegationen als ein Hauptthema ergeben, siehe beispielsweise die detaillierte Behandlung in Rachel Mazuy: Croire plutôt que voir? Voyages en Russie soviétique (1919–1939) [Lieber glauben als sehen? Reisen im sowjetischen Russland (1919–1939)], Paris 2002. 6 Siehe Fritz Tarnow. 13. April 1880 – 23. Oktober 1951. Arzt am Krankenbette des Kapitalismus, in: Gerhard Beier: Schulter an Schulter. Schritt für Schritt. Lebensläufe deutscher Gewerkschafter. Von August Bebel bis Theodor Thomas, Köln 1983, S. 198–202. 7 Siehe Josiah C. Wedgwood: Essays and Adventures of a Labour MP, London 1924, S. 11. Die sieben TUC-Delegierten wurden von drei technischen Beratern begleitet, deren angebliche Aufgabe Anlass für erhebliche Kontroversen war. 8 Siehe Russia. The official report of the British trades union delegation to Russia and Caucasia Nov. and Dec. 1924, London 1925, S. 10–12, 136 ff., 208–217. 9 Im Gegensatz zur französischen Übersetzung durch Louis Bracke, erschienen unter offizieller Schirmherrschaft des französischen Parti Socialiste, wurde die englische Übersetzung von unabhängiger Seite veröffentlicht, nachdem die Independent Labour Party es abgelehnt hatte, dafür die Verantwortung zu übernehmen, siehe Friedrich Adler: The Anglo-Russian Report. A criticism of the report of the British trade union delegation to Russia from the point of view of international socialism, London 1925. 10 Siehe Besuch des amerikanischen und mexikanischen Gewerkschaftskongresses, in: ADGB Jahrbuch 1924, Berlin 1925, S. 203 f. 11 Siehe ADGB (Hg.): Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer, Berlin 1926, S. 255 f. und passim. 12 Mary Nolan erwähnt auch eine ideologische Bedeutung des Fordismus, bei dem der Aspekt der unternehmerischen Führung hervorgehoben wird. Diese Lesart war jedoch den Anhängern der Arbeiterbewegung oder des sozialdemokratischen Gedankens weniger zugänglich. Siehe Mary Nolan: Visions of Modernity. American business and the modernisation of Germany, New York 1994, S. 32. 13 Ehrenburg zitierte John Willett: The New Sobriety. Art and politics in the Weimar period 1917–1933, London 1978, S. 98 f.; Witte zitierte Nolan: Visions (Anm. 12), S. 31. 14 Siehe Tarnows Anmerkungen, in: Report of the Proceedings of the Forty-Fifth Annual Convention of the American Federation of Labor, [o.O.] 1925, S. 108. 15 In Bezug auf die Bereitschaft des AFL, die Kosten von Grassman zu übernehmen, siehe Besuch des amerikanischen und mexikanischen Gewerkschaftskongresses (Anm. 10), S. 203. 16 A. A. Purcell, in: Report of Proceedings at the 57th Annual Trades Union Congress, London 1925, S. 70; Gosudarstvennyi arkhiv Rossiiskoi Federatsii/Russisches Staatsarchiv (im Folgenden: GARF), Moskau, 5451/13a/41, Walter Citrine an Tomski und Bogadov, All-Russian Central Council of Trade Unions, 24. April 1925. 17 Siehe E. H. Carr: Socialism in One Country, 1924–1926, Bd. 3, Harmondsworth 1972, S. 598–600; GARF 5451/13a/40, Bogadov an TUC general council, 3. August 1925; International Institute for Social History SAI 1675, Adler an William Gillies, 23. April 1926. 18 The Daily Mail Trade Union Mission to the United States. Full story of the tour and members’ report, London 1926, S. 3. 19 TUC archives/TUC-Archiv, University of Warwick Modern Records Centre, MSS 292/973/36, W. Green, AFL, an W. Citrine, TUC, 30. Juli 1926. 20 Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer (Anm. 11), S. 7–9; Russia. The official report (Anm. 8), S. xi–xxiii. 21 Siehe den kommunistischen Kritiker A. Friedrick: Amerika-Literatur, in: Die Internationale VIII, Nr. 7 (1.7.1925), S. 607. 22 Siehe Labour Magazine, März 1924, S. 525. 23 Siehe A. B. Swales: Lessons from trans-Atlantic trade unionism, in: Labour Magazine, Februar 1925, S. 454 f.; C. T. Cramp: Impressions of America, in: Labour Magazine, Februar 1925, S. 435–437. 24 Bei der Wahl der Delegierten auf der TUC-Jahreskonferenz von 1924 führte Purcell mit deutlichem Abstand die Liste der elf Kandidaten an. 25 Forty-Fifth Annual Convention of the American Federation of Labor (Anm. 14), S. 108; Washington Post vom 7. Oktober 1925. 26 Washington Post vom 8. Oktober 1925. 27 Washington Post vom 9. Oktober 1925. Es ist anzumerken, dass dem kommunistischen Abgeordneten des britischen Parlaments, Saklatvala, die Teilnahme an der zeitgleich in Washington stattfindenden Versammlung der Inter-Parliamentary Union (IPU, Interparlamentarische Union) verwehrt wurde. 28 New York Times vom 12. Oktober 1925. 29 Siehe Sylvia R. Margulies: The Pilgrimage to Russia. The Soviet Union and the treatment of foreigners, 1924–1937, Madison/Wisconsin 1968. S. 50 f. zitiert Benjamin Gitlow, der anführte, dass der Purcell-Fonds tatsächlich keine Gelder enthielt. Ein Bericht in der New York Times vom 18. November 1925 bezieht sich auf die Sammlung eines Betrags in Höhe von fast 1000 US-Dollar, was mit Recht als der Kern eines solchen Fonds beschrieben wird, mehr aber auch nicht. 30 Siehe C. Wonderberg: The International Union of Woodworkers, in: International Trade Union Movement, Januar/Februar 1922. 31 Für Details siehe Kevin Morgan. 32 Siehe insbesondere seine Abhandlung Class Cohesion versus Spurious Patriotism. A straight talk to British workers, Manchester o.D. [1915?]. 33 Für biografische Details siehe Beier: Schulter an Schulter (Anm. 6). 34 Nolan: Visions (Anm. 12), S. 67; Amerikareise deutscher Gewerkschaftsführer (Anm. 11), S. 253. 35 Fritz Tarnow: Warum arm sein?, 1925, S. 19. 36 Dean Forest Mercury vom 4. Dezember 1925. 37 A. A. Purcell: Capital and labour in the USA, in: Labour Monthly, Februar 1926, S. 93. 38 Siehe Dean Forest Mercury vom 4. Dezember 1925. 39 Zu Dutt und Labour Monthly siehe Morgan: Labour Legends (Anm. 4), S. 73–76, 94 f. 40 Siehe Peter Beilharz: Labour’s Utopias, Bolshevism, Fabianism, Social Democracy, London 1992, S. 98. 41 Karl Kautsky, zit. in: Florence Baldwin: The Socialist Commonwealth, London 1909, S. 6 f., 20. 42 Siehe z. B. Fritz Tarnow: Die Große Wirtschaftsenquete, in: Die Arbeit 1926, H. 7, S. 413–419. 43 Egon Wertheimer: Das Antlitz der Britischen Arbeiterpartei, London 1929, S. 7 f. 44 Purcell: Capital and labour (Anm. 37), S. 93. 45 Antonio Gramsci: Americanism and Fordism, in: Quintin Hoare/Geoffrey Nowell Smith (Hg.): Selections from the Prison Notebooks, London 1971, S. 302 f. 46 Siehe Kevin Morgan: The other future. The British left and America in the 1920s, in: Socialist History 16 (1999), S. 64–88. 47 Adler: Anglo-Russian Report (Anm. 9), S. 39. 48 AFL 55th Convention Report of Proceedings, 6. Oktober 1926, S. 148. 49 »Nun haben all diese Programme, Plattformen, Grundsätze und Manifeste ihren Platz. Ich war dabei, wie Millionen davon entworfen wurden, habe aber niemals geglaubt, dass sie das bewirken würden, was die größten Enthusiasten wünschten.« (Purcell: Towards a new policy – V, in: Labour Monthly, Mai 1924, S. 268.) Purcells kommunistischer Herausgeber betrachtete seine »allgemein genialen Ergüsse« als das absolut letzte Wort einer Bankrotterklärung der Theorie. 50 Russia. The official report (Anm. 8), S. 136. 51 Morgan: Webbs and Soviet Communism (Anm. 4), Kap. 9. 52 Für Tarnows Rede siehe Protokoll. SPD in Leipzig vom 31. Mai bis 5. Juni, Berlin 1974, S. 82–86. 53 E. P. Thompsons berühmte Formulierung. Bezüglich dieser Interpretation siehe Harvey J. Kaye: The British Marxist Historians, Cambridge 1984.

JHK 2012

Zukunftsdenken in der DDR am Beispiel der Jugendweihe. »Vorbereitet auf das kommunistische Morgen«.

Ulrike Breitsprecher

Zukunftsdenken in der DDR am Beispiel der Jugendweihe. »Vorbereitet auf das kommunistische Morgen«.1 Im November 2010 feierte der Dokumentarfilm Heute war damals Zukunft Premiere. Er zeigt, wie eine Klasse mit ihren Schul-Aufsätzen aus dem Jahr 1985 konfrontiert wird. Thema des Aufsatzes war die Frage, wie die damals 15-Jährigen sich ihr Leben im Jahr 2010 vorstellen. Entgegen der Vermutung, die Jugendlichen würden die politischen Ideen der DDR wiedergeben, stellten sich die meisten Schüler und Schülerinnen ihre Zukunft mit Reisefreiheit, familiärem Glück und ausreichend materiellen Gütern vor. Wünsche, wie einen Mercedes zu besitzen, jährlich eine Reise in die weite Welt zu unternehmen oder die eigene Familie gesund und finanziell abgesichert zu wissen, waren weitaus häufiger zu finden als die zum Ausdruck gebrachte Hoffnung auf den weltweiten Sieg des Sozialismus über den Kapitalismus. Dies kann als Zeichen für eine entpolitisierte und privatisierte Jugend in den Achtzigerjahren gewertet werden, in der sich die Jugendlichen mehr für kulturelle oder familiäre Angelegenheiten interessierten und weniger über Politik definierten.2 Der vorliegende Artikel fragt nach den Zukunftsvorstellungen in der DDR. Diese werden im Folgenden sowohl anhand von Jugendweihebüchern untersucht, die bei den Jugendweihefeiern überreicht wurden, als auch anhand von Teilnehmerheften zu Jugendstunden, die die 14-Jährigen auf die Jugendweihe und das Erwachsenenleben in der DDR vorbereiten sollten. Als zusätzlicher Untersuchungsgegenstand werden einige Ausgaben der Zeitschrift Jugend und Technik hinzugezogen.3 Da diese Vorstellungen im Lauf der Zeit und im Zuge der sich wandelnden Gesellschaft Veränderungen unterlagen, soll auch auf diese Entwicklungen näher eingegangen werden. Im Gegensatz zu dem oben erwähnten Dokumentarfilm kann anhand des hier untersuchten Materials jedoch nicht wiedergegeben werden, welches konkrete Bild entstand, wenn die Jugendlichen in der DDR sich ihre Zukunft ausmalten. Allenfalls kann gezeigt werden, wie die SED-Politik versucht hat, auf ihr Denken Einfluss zu nehmen. Welche Auswirkungen bzw. ob diese Einflussnahme Erfolg hatte, muss ebenfalls an anderer Stelle untersucht werden. Bisher gibt es nur wenige Untersuchungen und Forschungsprojekte zum Zukunftsdenken in der DDR. Eingehend damit befasst hat sich Rainer Gries in seinem Aufsatz »... und der Zukunft zugewandt«, in dem er die Bedeutung des Jahres 2000 für die DDR beschreibt,4 und diese mit vielen illustrierenden Beispielen belegt. Der vorliegende Artikel wird anhand eines Quellensatzes die Veränderungen im Zukunftsdenken grundsätzlich beschreiben können. Die Gründe für diesen Wandel sind sowohl in den Entwicklungen der SED-Politik als auch innerhalb der DDR-Gesellschaft selbst zu suchen. Im Hinblick auf die Frage nach den Veränderungen im Zukunftsdenken der DDR-Gesellschaft werden daher auch Aussagen zur politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation in der DDR getroffen werden. 1953 führte die DDR die Jugendweihe als sozialistische Alternative zur christlichen Konfirmation ein. Damit sollte ein Angebot für diejenigen Familien geschaffen werden, die ihre Kinder nicht christlich erziehen, aber auch nicht auf das feierliche Ritual des Übergangs der Kinder ins Erwachsenenalter verzichten wollten. So sollte die Kirche als Institution ins Abseits gedrängt und ihre Bedeutung für die Gesellschaft auf ein Minimum reduziert werden. Gleichzeitig konnte die SED über die Vorbereitungsstunden zur Jugendweihe politisch Einfluss auf die Jugendlichen nehmen und diese nach ihren sozialistischen Idealen und politischen Vorstellungen formen. Die Beschreibung der sozialistischen Zukunft machte allerdings nur einen kleinen Teil der Jugendstunden aus. Gerade in den Jugendweihebüchern wurde größtenteils naturwissenschaftliches Wissen vermittelt. Es wurden z. B. Fragen wie »Was ist ein Atom?« oder »Wie entstand die Erde?« beantwortet. Aber auch Themen wie die Geschichte der Arbeiterbewegung, die Ideen des Marxismus-Leninismus oder aktuelle politische Probleme der Welt wie Hunger oder Umweltverschmutzung wurden behandelt. Die Auseinandersetzung mit diesen Inhalten blieb jedoch recht undifferenziert und mündete in einem einfachen Lösungsangebot: Sozialismus weltweit. Von 1953 bis 1989 sind fünf verschiedene Ausgaben der Jugendweihebücher erschienen. Die zeitlichen Abstände, in denen die einzelnen Neuausgaben publiziert worden sind, variieren erheblich. Die Teilnehmerhefte der Jugendstunden bilden eine weitere Grundlage für diese Untersuchung. Sie sind inhaltlich weniger »wissenschaftlich«, dafür im Ton weitaus politischer. Der Anspruch, Wissen zu vermitteln, tritt hier in den Hintergrund, dafür werden die Alltagsprobleme der Jugendlichen stärker in den Mittelpunkt gerückt. In den Teilnehmerheften wird ganz deutlich ein moralischer, realpolitischer Standpunkt vertreten; über die Jahrzehnte machten die Bände jedoch einen vergleichsweise starken inhaltlichen Wandel durch. Sie starten in den Fünfzigerjahren mit klaren utopischen Vorstellungen und verkommen in der Folge zu bloßen Beratungsheften für die Jugendweihefeier. Leider gibt es für die Fünfziger- und Sechzigerjahre nur zwei Teilnehmerhefte, die untersucht werden konnten. Hingegen liegen für die Siebziger- und Achtzigerjahre Hefte aus jedem Jahrgang vor, die regelmäßig überarbeitet wurden; Inhalt und Gestaltung änderten sich von Jahr zu Jahr. Zukunftsdenken als immanentes Moment im Sozialismus Die eigene Staatsgründung wurde in der DDR als Wendepunkt in der deutschen Geschichte angesehen. Mit der bürgerlich-konservativen Tradition, die schließlich zum Nationalsozialismus geführt hatte, war gebrochen worden, und so war der Weg frei für eine fortschrittliche sozialistische Welt.5 Da aber der Großteil der deutschen Bevölkerung aktiv am Nationalsozialismus und seinen Verbrechen partizipiert hatte oder zumindest als von seiner menschenverachtenden Propaganda infiltriert galt, blieb nur die Jugend, die als unverbraucht und politisch formbar wahrgenommen wurde.6 Nicht nur in dieser besonderen Situation der deutschen Nachkriegsgeschichte galt die Jugend als Wegbereiter einer besseren Zukunft. In der Regel diente sie allen sozialistischen Bewegungen und Gesellschaften als besonderer Adressat und Hoffnungsträger politischer Ideen und Utopien bzw. Vorstellungen von einer besseren Zukunft.7 Utopisches Denken bzw. Zukunftsdenken sind immanente Momente in der Ideengeschichte der Sozialisten und Kommunisten. Der marxistische Philosoph Leszek Kołakowski sieht Utopie als »jenen Zustand des sozialen Bewusstseins, der einer sozialen Bewegung entspricht, die auf radikale Veränderungen der menschlichen Gesellschaft hinzielt, […]. Utopie ist also das mystifizierte Bewusstsein der tatsächlichen geschichtlichen Tendenz.«8 Er ergänzt dazu, Utopien seien individuell konstruierte Modelle einer Welt, wie sie sein sollte. Sie seien damit wesentliche Triebkräfte, die aus dem theoretischen und moralischen Denken in das praktische Denken übergingen. Allerdings müssten Utopien bloße Erscheinungen der Gedankenwelt und außerhalb der Planung bleiben. Sie der Wirklichkeit aufzuzwingen, würde das Ende der Utopie bedeuten.9 Die Historikerin Hanna Behrend fasst zusammen, dass es heute keine politischen Utopien mehr gibt, und sieht dies im Versuch der DDR, die Zukunft wissenschaftlich abzuleiten, begründet. Utopien waren nach Behrend Angebote, über aktuelle Gesellschaftsprobleme und Reformvorstellungen nachzudenken und zu diskutieren.10 Solche Angebote sollte es in der DDR jedoch gar nicht geben. Die Konsequenz war, dass es in der zweiten Jahrhunderthälfte zu einer Stagnation der Zukunftsvorstellungen und zu einer Verdrängung der utopischen Visionen aus der Öffentlichkeit kam.11 Die Vorstellung von Zukunft entwickelte sich von einer utopisch-bildlichen zu einer wissenschaftlich-technikfixierten. Aus Zukunftsdenken wurde Fortschrittsdenken, und damit starb das utopische Moment ab. Dies belegt auch das folgende Zitat aus dem Jugendweihebuch von 1960: »Dabei muß man sich immer vor Augen halten, daß die Zukunft aus verständlichen Gründen weder unvernünftig noch rückständig oder gar reaktionär sein kann – anders würde es sie gar nicht geben! Die Zukunft ist immer fortschrittlich, dem Fortschritt aufgeschlossen, dem Neuen zugeneigt; das versteht sich von selbst.«12 Mit dem Begriff des Fortschritts setzten sich die sozialistischen Denker von der Vergangenheit und der Gegenwart ab und machten Platz für das Morgen. Laut des Historikers Martin Sabrow hatte der Fortschrittsglaube eine enorme Mobilisierungskraft. Mit der Zeit verlor aber auch dieser Begriff seine Bedeutung und es fand eine »Amalgamierung von Plan und Fortschritt« statt, so Sabrow.13 Vom Atomeisbrecher zur Frisurenberatung Das Buch Weltall Erde Mensch bekamen die jungen Erwachsenen erstmals zur Jugendweihe 1954 überreicht.14 Neben naturwissenschaftlichen Themen behandelte der Band auch die Geschichte der Menschheit, den Klassenkampf und den Sozialismus/Kommunismus in dem Kapitel »die Epoche der revolutionären Umgestaltung von Natur und Gesellschaft«. In diesem Abschnitt des Buches wurden die Gesetzmäßigkeit des historischen Materialismus und die Errungenschaften der Sowjetunion, wie die Bewässerung der Steppe oder gigantische Sonnenanlagen, die den Weg für den Kommunismus bereiteten, unterstrichen. Nur der Kommunismus könne technischen Fortschritt und somit auch gesellschaftlichen Fortschritt für die Menschheit bringen. Es wurden jedoch kaum konkrete Bilder von der Zukunft entworfen, sondern es wurde nur die Gegenwart als ihr Aushängeschild betrachtet. Im Jahr 1957 erschien das zweite Jugendweihebuch mit dem Titel Unser Deutschland. Im Gegensatz zum ersten Jugendweihebuch Weltall Erde Mensch wird nicht die Entstehung und Entwicklung der Welt und der Natur, sondern ein Abriss der deutschen Geschichte und Tradition in Literatur, Kultur und Politik aus Sicht der SED dargestellt. Es wird eine deutsche Traditionslinie von Goethe über Friedrich Engels zu Alexander Abusch präsentiert, die mit zwei Aufsätzen über die Zukunft abschließt. In diesen beiden Artikeln wird eine Welt entworfen, in der einerseits die Heimat Deutschland mit sozialistischer Gesellschafts- und Wirtschaftsform vereint ist und sich andererseits viele technische Erfindungen wie Schnellzüge, Atomheizwerke oder Computer durchgesetzt haben. Die zukünftige Welt ist sauber, die Arbeit ist leicht, und die Menschen haben viel Freizeit zur allgemeinen Bildung. Auch das Teilnehmerheft aus dem Jahr 1957 koppelt den gesellschaftlichen Fortschritt an zunehmende Technologisierung, insbesondere an die Atomkraft, mit der die Hoffnung verknüpft war, schon bald Atomeisbrecher und -Eisenbahnen bauen zu können. Autos und Flugzeuge der Zukunft werden vorgestellt – anhand dieses technischen Fortschritts sollte sich ablesen lassen, inwiefern der Aufbau des Sozialismus in der DDR und des Kommunismus in der UdSSR bereits gelungen waren. Wie in dem Jugendweihebuch Unser Deutschland kam das Thema Zukunft in einem Anleitungsheft für die Jugendstundeleiter nur am Rande vor. Die erste Stunde hieß zwar »Was bedeutet die Jugendweihe. Der Schritt ins Leben, heute und morgen«, jedoch widmeten sich die folgenden Stunden der Geschichte der Menschheit, der Naturbeherrschung und der Notwendigkeit des Friedens. Das dritte Jugendweihebuch erschien 1960 mit dem Titel Unsere Welt von morgen, welches im Hinblick auf Zukunftsvorstellungen wohl als das spannendste gelten kann. Es ist gespickt mit Visionen von einer sozialistischen Zukunft, die ausgesprochen technikfixiert ist. Einige der in dem Buch skizzierten Ideen, wie zum Beispiel die einer Geschirrspülmaschine, sind im heutigen Alltag umgesetzt. Der rote Faden, der sich durch das Buch zieht, ist die Darstellung des zukünftigen Sozialismus in der DDR und ihrer Bruderstaaten. Es geht den Autoren Karl Böhm und Rolf Dörge nicht um Fantasien oder Spekulationen, sondern um konkrete Antworten auf die Frage nach der Zukunft. Eine Illustration mit dem Titel »Feldarbeit – morgen« ist zum Beispiel mit folgendem Begleittext versehen: »Die Landarbeit auf den Großflächen ist vollmechanisiert und zum Teil sogar automatisiert. Mit Hilfe der neusten Errungenschaften von Wissenschaft und Technik werden alle Möglichkeiten zur Ertragssteigerung und zur Entlastung von schwerer und zeitraubender Arbeit ausgenützt. Jede Rückständigkeit, Armseligkeit und Mühsal des Lebens und Arbeitens auf dem Lande sind überwunden.«15 Auch die Kaufhäuser der Zukunft werden beschrieben: Sie sind so organisiert, dass sich der Kunde mithilfe eines »plastischen Übersichtsplan[s], der in jedem Foyer aufgebaut ist«,16 orientieren kann und dass es bei der »Bezahlung genügt, daß er Kontonummer und Unterschrift auf das Blatt setzt, für die Lieferung, daß er seine Adresse angibt«.17 Somit folgt das Buch der Tradition seiner Vorgänger und erklärt die Welt von einem naturwissenschaftlichen Standpunkt aus. Darüber hinaus geht es besonders auf die technischen und wissenschaftlichen Fortschritte in der Forschung ein. Der Band beginnt mit einem Zitat von Lenin über die Notwendigkeit des Träumens und ist in drei Kapitel unterteilt: »Fundamente für das Morgen« (Wissenschaft und Technik), »Blick in die Zukunft« (Veränderung der Natur und der Gesellschaft) und »Wie wir morgen leben werden« (Veränderung der Menschen). In allen drei Kapiteln werden Teilbereiche der Gesellschaft vorgestellt, wie sie in naher Zukunft aussehen werden: voll automatische Fabriken und Arbeitsorte, neue Großstädte, moderne Freizeit- und Urlaubsorte, Fabriken im sogenannten ewigen Eis, Nutzung der Meere, zentrale Großkaufhäuser usw. Technik und Forschung würden alle Bedürfnisse der Menschen befriedigen, und die Natur werde so weit verändert, dass sie dem Menschen diene. Gerade die Nutzung von Atomkraft wird dabei als Schlüsseltechnologie des Fortschritts stilisiert. Die Automatisierung von Produktionsabläufen und der Einsatz von Maschinen anstelle von Menschen wird in allen gesellschaftlichen Bereichen propagiert. Das Motto lautet: schneller, höher, weiter. Die Illustration »Anlegestelle im Ostseebad« ist in diesem Sinne mit folgender Bildunterschrift versehen: »Wassersport und Schiffsreisen werden in der Zukunft einen ungeahnten Aufschwung nehmen. Auch der Frachtentransport zu Wasser wird anschwellen. Neue Schiffstypen aller Größen und Arten werden die Gewässer bevölkern, viele von ihnen aus Kunststoff, die größeren durchweg mit Atomantrieb versehen.«18 Auch wenn der technische Fortschritt zugunsten des Menschen stattfinden sollte, um sein Leben zu erleichtern, verschwindet der Mensch als eigentlicher Profiteur hinter den Beschreibungen und Ausführungen der kommenden technisierten Welt. Nicht der Mensch wird die Zukunft gestalten, sondern die Technik. 1961 wird im Jugendstundebuch für die Leiter die Bedeutung der Jugendweihe wie folgt zusammengefasst: »So trägt die Kulturarbeit auch auf dem Gebiet der Jugendweihe mit dazu bei, das Antlitz des Menschen der sozialistischen Zukunft zu formen.«19 Dieses Zitat stößt damit in eine ähnliche Richtung wie der Inhalt des Buches Unsere Welt von morgen: »Bei uns in den sozialistischen Ländern, die im Zeitraum unserer Vorausschau allerdings bereits einen größeren Teil der Welt als heute umfassen dürften, wird es so sein, daß trotz des Großeinsatzes elektronischer Rechenmaschinen und anderer Apparate zur Steuerung der Produktions- und anderer Vorgänge der einzelne Mensch weder ›überfahren‹ oder ›geknechtet‹ noch auch nur geschmacklich bevormundet wird.«20 Bei allem technischen Fortschritt geht es also immer auch um die Verbesserung der Lebensqualität des Menschen. »Gleichzeitig erhalten die arbeitenden Menschen von morgen aber die Zeit für jene Ausbildung, die sie für die Ansprüche von morgen sowohl in ihrer Arbeit als auch in ihrem ganzen Leben brauchen.«21 Durch die Verbesserung der Lebensqualität mittels des Einsatzes von Maschinen sollen die Menschen zwar mehr Freizeit zur Verfügung haben, jedoch mündet diese Vorstellung immer darin, dass sich die Menschen in dieser Zeit reproduzieren und sich für die Arbeit weiterbilden sollen. Im Fokus stehen nicht die Persönlichkeit und die Bedürfnisse der Menschen, sondern ihre Arbeitskraft: »[...] die zunehmende Verbesserung unserer Kindergärten und -horte, die Verkürzung der Arbeitszeit und die Entlastung der Hausfrau von überflüssiger, zeitraubender und schwerer Hausarbeit mit der Hilfe der Maschinen […]« ermöglicht es »ihr immer mehr, berufstätig zu sein […]«.22 Auch in der Zeitschrift Jugend und Technik beherrschen Ende der Fünfzigerjahre noch eher utopistische Zukunftsvisionen das Bild: »Stellen wir uns vor, daß wir im Jahre 2059 leben. Überall in Deutschland und der Welt leben die Menschen frei von der Furcht vor einem Atomkrieg. In ganz Deutschland hat der Kommunismus gesiegt. Die Grenzen zwischen körperlicher und geistiger Arbeit sind beseitigt. Die Menschen arbeiten in den volkseigenen Betrieben an vollautomatischen Maschinen, deren Bedienung zwar ein gutes fachliches Wissen voraussetzt, aber abgesehen von einigen notwendigen Handgriffen kaum körperliche Arbeit verlangt. Da ihre Arbeitszeit nur 5 bis 6 Stunden beträgt, können sie den größten Teil der Zeit zur fachlichen, kulturellen und politischen Weiterbildung, zur Erholung oder sportlichen Betätigungen verwenden. Die Menschen sind gesund und fühlen sich frei von jeder Sorge um die Erhaltung ihrer Existenz.«23 Die Zukunft wird darüber hinaus mit kosmischen Fernsehstationen, atombetriebenen Schiffen und Flugzeugen beschrieben. Die Städte sind frei von Lärm und Staub, riesige Stauseen verändern die Kontinente, und die Heilung von Krankheiten wie Krebs oder Tuberkulose wird möglich sein. Das Teilnehmerheft von 1969 beginnt mit folgenden Sätzen von Albert Norden an die jungen Menschen: »Die sozialistische Zukunft fordert euch heraus. Nehmt diese Herausforderung an! Wißt, daß unsere sozialistische Gesellschaft noch nicht fertig, nicht vollendet ist, […] Liebt die Zukunft! Eilt ihr entgegen! Beschleunigt ihr Kommen! […].«24 Glaubt man den Texten des Teilnehmerheftes, findet das schöne Leben natürlich im Sozialismus statt, der als eine technische Welt beschrieben wird, in der Menschen kontrolliert Kernfusion betreiben, selbstlernende Maschinen erschaffen, zum Mond fliegen, ein Heilmittel gegen Krebs entwickeln und synthetische Nahrungsmittel erzeugen. Der Beginn der Zukunft ist nun vom individuellen Einsatz jedes Einzelnen abhängig. Obwohl der Sozialismus immer noch als Notwendigkeit der Geschichte dargestellt wird, werden die Jugendlichen im Namen der Zukunft und des Fortschritts in die Pflicht genommen: »Vor Euch liegt eine schöne Zukunft. Ihr selbst werdet durch die Aneignung eines hohen Wissens und durch Eure ständige Einsatzbereitschaft für den Sozialismus diese herrliche Perspektive mitbestimmen«.25 Ab 1972 wurde das Buch Weltall Erde Mensch neu aufgelegt und bei der Jugendweihe als Geschenk verteilt. Nach den bereits bekannten Texten und Erklärungen über die Entstehung des Lebens, über die revolutionären Eigenschaften des Atoms und die Geschichte der Arbeiterbewegung trägt das letzte Kapitel nun den Titel »Der Kommunismus – die Zukunft des Menschen«. In diesem letzten Abschnitt des Buches werden einerseits die technischen Entwicklungen gepriesen und andererseits die sich daraus ergebenden positiven Aspekte für die Menschen angeführt. Der Kommunismus und somit die Zukunft hätte bereits in der Sowjetunion und ihren Bruderstaaten begonnen, und der Kommunismus würde irgendwann die ganze Welt erobern: »Die DDR gehört untrennbar zum sozialistischen Weltsystem. […] Auf diese Weise können sie [die Mitglieder im Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe, U. B.] gemeinsam ein hohes Tempo der gesellschaftlichen Entwicklung erreichen. […] Der Sieg des Kommunismus wird die Menschheit für immer von Kriegen und von den erbitterten Kämpfen innerhalb der Gesellschaft befreien; der Sieg des Kommunismus wird für immer Ungerechtigkeit, Kulturlosigkeit und Unwissenheit verbannen; der Sieg des Kommunismus wird der endgültige Triumph des Menschlichen über das Unmenschliche auf der ganzen Welt sein – wahrer realer Humanismus.«26 1975 wurde Weltall Erde Mensch schließlich durch das Buch Der Sozialismus – Deine Welt als Jugendweihegeschenk ersetzt. Dieser Band zeichnet sich durch deutlich weniger wissenschaftliche Erklärungen und mehr Gesellschaftsanalyse aus. Der junge Mensch als zukünftiges Mitglied der sozialistischen Gesellschaft der DDR steht im Mittelpunkt. Im ersten Teil wird dabei intensiv die Idee und die Geschichte des Sozialismus behandelt, um daraus Schlüsse für die Gegenwart zu ziehen. Am Ende des Buches wird die Rolle des Jugendlichen in dieser Gesellschaft näher behandelt. Als Zukunftsvision wird nicht mehr der technische Fortschritt in den Fokus gerückt, sondern der Sieg bzw. die Etablierung des Sozialismus. Im Gegensatz zu den vorherigen Bänden stehen nun der Mensch und die Gesellschaft im Vordergrund. Themen wie Internationalismus, Befreiung der sogenannten Dritten Welt, Bildung und die sozialistische Kultur werden behandelt. Die Zukunftsvision Sozialismus wird aus der Gegenwart abgeleitet und weist sehr konkrete und realistische Vorstellungen auf. Immer wiederkehrende Themen zu diesem Zeitpunkt waren die Sicherheit des Arbeitsplatzes oder auch eine moderne Wohnung für jede Familie. Auch die Illustrationen zeugen von einem Umbruch im utopischen Denken. Während in den vorherigen Büchern auf Zeichnungen zurückgegriffen wurde, kann nun anhand von Fotos dargelegt werden, dass die Zukunft bereits begonnen hat. Dennoch bleibt es, wie bei den technischen Zukunftsentwürfen aus den früheren Jugendweihebänden, bei einer geschichtsdeterministischen Vorstellung von Zukunft. Auch wenn Technik als Garant für Fortschritt und Zukunft propagiert wird, geht es weniger um Technik als solche, sondern um deren Nutzung durch den Menschen. Im Gegensatz zum Buch Unsere Welt von morgen ist es hier der Mensch als Teil der Gesellschaft, der die Verantwortung für den Erhalt des Sozialismus und dessen Umwandlung in den Kommunismus trägt. Jeder ist von nun an gehalten, seinen Teil für den Sozialismus, also für eine noch bessere Gesellschaft, beizutragen. Der persönliche Einsatz und vor allem Arbeit werden als die Wegbereiter des weltweiten Sozialismus bzw. Kommunismus benannt. Die Steigerung der volkswirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, Modernisierung, neue Wohnungen oder die Einsparung von Rohstoffen werden jedoch nicht durch die Individuen, sondern vorrangig durch die Pläne der Politik realisiert. Im Teilnehmerheft von 1975/76 wird die Zukunft ebenfalls wieder als Sozialismus bzw. Kommunismus deklariert. Der historische Materialismus findet seine volle Entfaltung, und die Jugendlichen werden aufgerufen, ihren Beitrag zur Realisierung des Sozialismus zu leisten. Ein Zitat aus der Einleitung zum ersten Themenkomplex, »Der Sozialismus – unser Heute und Morgen«, verdeutlicht dies: »Der Sozialismus ist eure Welt, in der ihr aufwachst, an deren Gestaltung ihr schon heute als Jugendliche mitarbeitet. Ihr werdet das noch besser tun, wenn ihr wißt, warum dem Sozialismus die Zukunft gehört […].«27 Dieser Duktus wird auch im dritten Themenkomplex, »Wir erkennen die Welt und verändern sie«, im Teilnehmerheft 1977/78 deutlich und bleibt auch in den Folgejahren erhalten: »Ihr, die ihr berufen seid, Erbauer des Kommunismus zu sein, widmet eure ganze jugendliche Tatkraft, euren Mut wie eure Besonnenheit und Umsicht, eure Leidenschaft wie euer Wissen und Talent, eure Lebensfreude wie eure Standhaftigkeit und Ausdauer der größten und schönsten Aufgabe, die jemals einer jungen Generation gestellt wurde. Erweist euch mit kämpferischem Elan und wachem Verstand als treue Erben des Manifestes der Kommunistischen Partei und gestaltet eure Leben nach den Idealen des Kommunismus.«28 Auch die Ausgaben der Zeitschrift Jugend+Technik aus dem Jahr 1975 widmen sich in ihren Artikeln stärker geschichtlichen und politischen Themen. Hier lassen sich kaum Vorstellungen und Versprechen von Zukunft finden, und wenn doch, wird sie mit technischem Fortschritt gleichgesetzt. Die Gegenwart und die Betrachtung der gesellschaftlichen Entwicklung stehen im Vordergrund.29 Das letzte Jugendweihebuch Vom Sinn unseres Lebens aus dem Jahre 1984 knüpft an den mobilisierenden Charakter seines Vorgängers an. Es wird immer wieder betont, dass die Realisierung des Sozialismus bzw. Kommunismus den Einsatz und die Leistung jedes Einzelnen in der Gesellschaft voraussetzt. Die gegenwärtigen Erfolge werden gefeiert und die schweren Opfer dafür hervorgehoben. Der Kommunismus wird als Ziel benannt, jedoch nicht mehr als Utopie, sondern als tatsächlich realisierbares Ideal. Als Ideal wird eine Welt gepriesen, in der Arbeitsplätze sicher sind und die Miete bezahlt werden kann. In den kapitalistischen Staaten sei dies nicht möglich, weshalb es notwendig sei, den Kapitalismus abzuschaffen. Es wird eine Trennung von persönlichen und gesellschaftlichen Idealen vorgenommen, die allerdings immer wieder verschwimmt. Insbesondere die Jugend wird als Zukunftsträger idealisiert; eine Jugend, der es noch erlaubt ist, zu träumen. Gleichzeitig wird immer wieder die Gegenwart in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt und an den Realitätssinn appelliert. Im Gegensatz zu den Fortschrittsversprechen des Bandes Unsere Welt von morgen kommt es hier zu einer Individualisierung von Zukunft. Es liegt nun in der Hand jedes Einzelnen, was er oder sie aus ihrem Leben macht, aber auch, welcher individuelle Beitrag zur Verwirklichung des weltweiten Sozialismus bzw. Kommunismus vonnöten ist. Der deutlich schärfere mobilisierende Tonfall gilt nun explizit der Jugend als erhofftem Träger der Verwirklichung einer sozialistischen Zukunft. In dem Teilnehmerheft aus dem Jahr 1984/85 heißt es in der Einleitung nur noch: »Revolutionäre Erfahrungen bringen unser Land voran. […] Fleiß und Wissen, nützliche Tat und Opferbereitschaft sowie unwandelbare Treue zum Sozialismus haben unser Land vorwärts gebracht und werden es auch in Zukunft weiter voranbringen. Gemeinsam mit den Älteren werdet ihr das Heutige bewahren und festigen, um das künftige – den Kommunismus – zu erringen.«30 Vom Ende der Achtzigerjahre bis zur Wiedervereinigung liegt der Schwerpunkt der Teilnehmerhefte auf der Vorbereitung der Jugendweihefeier. Es werden Tipps für die Gestaltung der Feier gegeben, Hinweise für eine angemessene Kleidung und Frisur. Fazit An den Jugendweihebüchern, den zusätzlich betrachteten Teilnahmeheften und der Zeitschrift Jugend und Technik können drei Phasen im Zukunftsdenken ausgemacht werden. Diese sollen abschließend kurz beschrieben und kontextualisiert werden. Wobei an dieser Stelle angemerkt werden muss, dass diese Phasen fließende Übergänge haben und sich daher teilweise leicht überschneiden. Die erste Phase erstreckt sich bis zur Mitte der Sechzigerjahre und ist zum einen von der Frage nach einer gesamtdeutschen Lösung gekennzeichnet, die die Vorstellungen von Zukunft prägt, und zum anderen von einem Bemühen um die Legitimation des Sozialismus – meist abgeleitet aus der deutschen Tradition und mit wissenschaftlichem Anspruch. Die Gesellschaft der DDR und ihre Organisationen (z. B. die FDJ) konstituierten sich und waren explizit politische Organisationen, die von ihren Mitgliedern auch so wahrgenommen wurden. Die politischen Ziele und Positionen waren zu diesem Zeitpunkt noch von einer Aufbruchstimmung geprägt, die auch auf die Jugend übergriff. Die Jugendlichen waren nicht nur Adressaten von politischen Ideen, sondern auch aktiv Mitwirkende im Aufbruch in eine sozialistische Zukunft. Der Entschluss der SED zum Mauerbau 1961 war das erste Zugeständnis an ein mögliches politisches und wirtschaftliches Scheitern dieser vermeintlich gerechteren Gesellschaft. Um Kritik an gegenwärtigen gesellschaftlichen Mängeln oder an der neuen Staats- und Wirtschaftsform Sozialismus abzuwenden, wurden die DDR und der Sozialismus in den Publikationen für die Jugend als legitim, realistisch und wünschenswert beworben. Mit dem Neuen Ökonomischen System wurde der Anfang der Fünfzigerjahre beschlossene Aufbau des Sozialismus bestätigt und gefestigt. Der Sozialismus wurde nun nicht mehr als Übergangsphase, sondern als eigenständige, längere Phase zum Kommunismus begriffen. In dieser Zeit finden sich in den untersuchten Texten verstärkt konkrete Ideen wie die zukünftig sozialistische und kommunistische Gesellschaft in der DDR aussehen könnte. Diese Vorstellungen sind nicht nur utopischer, sondern auch pragmatischer Natur. In den Artikeln über die Zukunft werden vorrangig technische Neuerungen präsentiert bzw. erdacht, während nur am Rande die gesellschaftlichen Bedingungen, in der die Menschen leben werden, behandelt werden. Die Erfindungen sind zwar zur Lebens- und Arbeitserleichterung gedacht, jedoch steht die Technik als Heilsbringerin immer im Vordergrund. Die Gesellschaft der DDR scheint am Ende ihrer Konstituierungsphase ein starkes Bedürfnis nach der Verwirklichung einer hoffnungsvollen Zukunft gehabt zu haben. Nachdem mit dem Mauerbau eine gesamtdeutsche Lösung erst einmal in weite Ferne gerückt war, musste die nahe Zukunft mit positiven Bildern ausgefüllt und der Sozialismus als leistungsfähig und zukunftsweisend präsentiert und legitimiert werden. Deshalb können auch die Sechzigerjahre als eine Hochphase des utopischen Denkens in Bezug auf die Zukunft bezeichnet werden. In der zweiten Phase kommt es Ende der Sechzigerjahre und mit den Siebzigerjahren zu einer Abmilderung utopischer Ideen und zu einer Individualisierung im Zukunftsdenken. Die Beschreibung und Bebilderung einer möglichen Zukunft lässt nach. Der Sozialismus hatte sich als Gesellschaftsmodell durchgesetzt, und die Zukunft war somit ein Stück Gegenwart geworden. Es war nicht mehr nötig, sich der Zukunft zu bedienen, um die DDR zu legitimieren, weil durchaus auf ihre Erfolge und die ihrer Bruderstaaten verwiesen werden konnte und die DDR zunehmend außenpolitisch als souveräner Staat anerkannt wurde. Auch wenn die Aussicht auf eine moderne und glückliche Zukunft immer an den Sozialismus geknüpft war, wurden der Einzelne und weiterhin besonders die Jugend stärker als Akteure für die Realisierung dieser Zukunft beschrieben. Waren die Sechzigerjahre von Wissenschaftlichkeit geprägt, dominierte in den Siebzigerjahren die Sachlichkeit. Dies zeigte sich auch im Politikwechsel von Ulbricht zu Honecker und seiner »Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik«, welche sich stärker den realen Problemen der Bevölkerung widmete. Der Sozialismus wurde als real existierend und nunmehr klassenlos ausgerufen.31 Die grobe Richtung war damit vorgegeben, es gab keinen Platz mehr für eigenständiges Denken, Handeln oder gar Träumen. Die Darstellung des Sozialismus als unwiderrufliche Errungenschaft war dringend notwendig, da es in den Siebzigerjahren zu ernstzunehmenden Erosionen kam. Die militärische Ost-West-Konfrontation veränderte sich, der Lebensstandard und die Lebensmittelversorgung stagnierten, die Bürokratie sowie die Institutionen der DDR zeigten sich ignorant und deformiert. Die Überlegenheit der DDR gegenüber dem Westen konnte nicht mehr als plausibel dargestellt werden, was dazu führte, dass die DDR und ihre Zukunft infrage gestellt wurden.32 Einer aufkommenden Enttäuschung und Kritik begegneten die Jugendpublikationen mit der Präsentation einer hoch technisierten und nicht mehr veränderbaren DDR-Gesellschaft. In den Achtzigerjahren kann eine dritte Phase des Zukunftsdenkens konstatiert werden, in der sich die Kluft zwischen der DDR-Regierung und der Jugend nochmals verschärfte. Die Reformunfähigkeit und die mangelnden Handlungsoptionen führten zu einer Enttäuschung über das eigene Land, das trotzdem weiterhin als die bessere Alternative zum Westen angesehen wurde, galt doch die DDR als Garant für Frieden und soziale Gleichheit. Zu Beginn der Achtzigerjahre wurden diese Ziele noch als soziale Utopie verkauft, obwohl sich das Leistungsprinzip und soziale Ungleichheit bereits als vermeintlich wirtschaftsstimulierend durchgesetzt hatten.33 Nichtsdestotrotz wurden das Wettrüsten mit dem Westen und die globalen und nationalen Wirtschaftskrisen registriert und als entmutigend wahrgenommen. Gleichzeitig wurden die Jugendlichen einerseits mit Repressionen und Disziplinierung und andererseits mit der politischen Unfähigkeit der SED konfrontiert, was zu einem Identifikationsverlust mit den Idealen der DDR führte. Es kam zu einem Rückzug ins Private und zu einem apolitischen Verhalten bei den jungen Menschen, in dem Utopie, Vertrauen in die Zukunft und in den Sozialismus nur noch wenig Platz hatten.34 Die SED versuchte nicht, dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen. In den Publikationen spielen Vorstellungen von einer besseren Gesellschaft und Sozialismus keine sonderlich große Rolle mehr. Es wurde eher versucht, das Projekt DDR über die deutsche Nation und ihre Geschichte langfristig zu legitimieren.35 Die SED startete keine Mobilisierungsversuche und sparte sich ihre Versprechen von einem besseren Sozialismus. Dementsprechend entwickelten die Jugendlichen auch keine Protest- oder Oppositionshaltung, vielmehr zogen sie sich in die Freizeitgestaltung, den Medienkonsum und auf eine apolitische Werteorientierung zurück. Gleichzeitig versuchten die Jugendweihepublikationen, möglicher Kritik an der DDR-Gesellschaft entgegenzuwirken, indem sie die Diskrepanz zwischen Utopie und Realität nicht mehr aufzeigten und so den Trend zu einem privatisierten und defensiven Verhalten der Jugendlichen unterstützten.36 1 In den Themenheften Meine Jugendstunden von 1977 bis 1981 Titel von Thema III, 2. Jugendstunde. 2 Siehe Günter Lange/Hans-Jörg Stiehler: Abschied von der Utopie? Jugend der DDR im sozialen Wandel der achtziger Jahre, in: Günter Burkart (Hg.): Zeitschrift für Sozialisationsforschung und Erziehungssoziologie. Sozialisation im Sozialismus. Lebensbedingungen in der DDR im Umbruch (1990), Beiheft 1, S. 55–69, hier S. 62 f. Sowie Peter Förster: Die Entwicklung des politischen Bewußtseins der DDR-Jugend zwischen 1966 und 1989, in: ders./Walter Friedrich/Kurt Starke (Hg.): Das Zentralinstitut für Jugendforschung Leipzig 1966–1990. Geschichte, Methoden, Erkenntnisse, Berlin 1999, S. 70–165, hier S. 85. 3 1962 wurde die Zeitschrift in Jugend+Technik umbenannt. 4 Siehe Rainer Gries: »... und der Zukunft zugewandt«, in: ders./Enno Bünz/Frank Möller (Hg.): Der Tag X in der Geschichte, Stuttgart 1997, S. 309–333. 5 Siehe Lange/Stiehler: Abschied von der Utopie? (Anm. 2), S. 55. 6 Siehe Marlene Becker: »In unseren Händen liegt es, die Zukunft zu gestalten.« Jugend und evangelische Kirche in der SBZ/DDR vor dem Mauerbau, Oldenburg 2007, S. 26 f. 7 Siehe Helga Gotschlich: »Und der eigenen Kraft vertrauend ...« Aufbruch in der DDR 50 Jahre danach, Berlin 1999, S. 88 f. 8 Leszek Kołakowski: Der Mensch ohne Alternative. Von der Möglichkeit und Unmöglichkeit, Marxist zu sein, München 1960, S. 145. 9 Ebd., S. 145 f. 10 Hanna Behrend: Auf der Suche nach der verlorenen Zukunft. Rückblick aus dem Jahr 2000 – Was haben Gesellschaftsutopien uns gebracht?, Berlin 1997, S. 7 f. 11 Siehe ebd., S. 18–23. 12 Karl Böhm/Rolf Dörge: Unsere Welt von morgen, Berlin 1960. 13 Martin Sabrow: Zukunftspathos als Legitimationsressource. Zu Charakter und Wandel des Fortschritts-paradigmas in der DDR, in: Heinz Gerhard Haupt/Jörg Requate (Hg.): Aufbruch in die Zukunft. Die 1960er Jahre zwischen Planungseuphorie und kulturellem Wandel. DDR, CSSR und Bundesrepublik Deutschland im Vergleich, Göttingen 2004, S. 165–184, hier S. 173. 14 Verlag Neues Leben (Hg.): Weltall Erde Mensch, Berlin 1954. 15 Böhm/Dörge: Unsere Welt von morgen (Anm. 12), S. 56 f. 16 Ebd., S. 377. 17 Ebd., S. 380. 18 Ebd., S. 208 f. 19 Zentraler Ausschuß für Jugendweihe in der DDR (Hg.): Material zur Gestaltung sozialistischer Feierstunden zur Jugendweihe, Berlin 1961, S. 6. 20 Böhm/Dörge: Unsere Welt von morgen (Anm. 12), S. 468. 21 Ebd., S. 446. 22 Ebd., S. 386. 23 Zentralrat der FDJ (Hg.): Jugend und Technik 4/198, Berlin 1959. In den Ausgaben der Zeitschrift Jugend+Technik aus dem Jahre 1963 finden sich schon keine Beschreibungen mehr, wie die Zukunft aussehen soll. Es werden zwar Erfindungen vorgestellt, die gut für die Zukunft und die Entwicklung sein werden, aber der Blick richtet sich eher auf die Gegenwart. Im Gegensatz dazu werden im Jugend+Technik Almanach aus dem Jahr 1966 noch recht viele kreative Erfindungen für die Zukunft entworfen. Mit Luftpolsterschiffen und Überschallflugzeugen bis zur vollautomatischen Fabrik und Landwirtschaft oder mit atombetriebenen Traktoren wurden hier die Möglichkeiten und das Leben im Sozialismus beworben. Siehe Heinz Kroczeck (Hg.): Jugend+Technik Almanach, Berlin 1966. 24 Zentraler Ausschuß für Jugendweihe in der DDR (Hg.): Jugendweihe-Teilnehmerheft, Berlin 1968. 25 Ebd. 26 Zentraler Ausschuß für Jugendweihe in der DDR (Hg.): Weltall Erde Mensch, Berlin 1972, S. 503. 27 Zentraler Ausschuß für Jugendweihe in der DDR (Hg.): Meine Jugendstunden 1975/76, S. 3. 28 Zentraler Ausschuß für Jugendweihe in der DDR (Hg.): Meine Jugendstunden 1977/78, S. 26. (Erich Honecker auf dem IX. Parteitag der SED 1976.) 29 Zentralrat der FDJ (Hg.): Jugend+Technik, Berlin 1974. Wirft man einen Blick in andere Hefte und Bücher aus dieser Zeit, lässt sich der gleiche Trend entdecken. In einem Wissenschaftsband mit dem Titel Zukunft im Blickfeld findet sich der Aufsatz »Der Kreativautomat«, der Vorstellungen über die Zukunft wiedergibt. Ansonsten sind es technische Themen und Erfindungen aus der Gegenwart, die aber keinen Ausblick in die Zukunft bieten. Nur ein Zitat versucht eine Brücke zu bauen, indem die Technisierung als Grundlage für die Zukunft betrachtet wird: »Wie die Zukunft nicht erobert werden kann, ohne daß die Probleme der Gegenwart richtig gelöst werden, so ist auch die Gegenwart nicht zu bewältigen, wenn die Zukunft nicht richtig verstanden ist.« André Höpfner/Kirill Kondratjew: Zukunft im Blickfeld. Perspektiven, Hypothesen und Probleme, Leipzig/Jena/Berlin 1974. In der Zeitschrift Jugend aus dem gleichen Jahr finden sich nur Themen wie die Umsetzung des Jugendgesetzes, die Weltspiele in Havanna oder die Berufswünsche junger Menschen. Zentralrat der FDJ (Hg.): Jugend, Berlin 1975. 30 Deine Jugendstunden 1984/85, Einband. (Erich Honecker im Geleitwort des Jugendweihebuches Vom Sinn unseres Lebens.) 31 Siehe Gries: »... und der Zukunft zugewandt« (Anm. 4), S. 322–324. 32 Siehe Lange/Stiehler: Abschied von der Utopie? (Anm. 2), S. 56. 33 Siehe Sigrid Meuschel: Legitimation und Parteiherrschaft in der DDR, Frankfurt/M. 1992, S. 242 f. 34 Siehe Lange/Stiehler: Abschied von der Utopie? (Anm. 2), S. 57–59 sowie Förster: Die Entwicklung des politischen Bewußtseins (Anm. 2), S. 134. 35 Siehe Meuschel: Legitimation und Parteiherrschaft (Anm. 33), S. 237 f. 36 Siehe Sabrow: Zukunftspathos als Legitimationsressource (Anm. 13), S. 182 f.

JHK 2012

Fordismus, Eurokommunismus und Neue Linke. Thesen zu Kontinuitäten und Diskontinuitäten zwischen Arbeiterbewegung und linker Szene in der BRD

Ralf Hoffrogge

Warum gab es in Westdeutschland keinen Eurokommunismus? Eine naheliegende und kurze Antwort könnte auf das Schattendasein der 1968 gegründeten Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) hinweisen: Diese nach einer langen Verbotsphase neu gegründete Nachfolgerin der Weimarer KPD galt wegen ihrer finanziellen und organisatorischen Abhängigkeit als bloße Filiale der SED und war weder fähig noch willens, reformkommunistische Politikformen zu entwickeln. Diese Erklärung würde jedoch ausblenden, in welchem Kontext der westdeutsche Parteikommunismus nach 1968 stand. Die Existenz der Studentenbewegung samt ihrer Dachorganisation, dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), und nach deren Zerfall der Aufstieg der »Neuen Sozialen Bewegungen« Ende der Siebzigerjahre lassen vermuten, dass es in Westdeutschland durchaus Potenzial für reformkommunistische oder linkssozialistische Politik gab. Dieses Potenzial wurde jedoch, anders als etwa in Frankreich oder Italien, nicht in Form einer Partei gebündelt, was allerdings nicht nur mit dem Dogmatismus der DKP und anderer Akteure erklärt werden kann, sondern tiefere strukturelle Ursachen hat. Diese sind teilweise eine Folge der spezifischen historischen Bedingungen Deutschlands, insbesondere der Unterbrechung der Tradition der kommunistischen Arbeiterbewegung durch den Nationalsozialismus und des KPD-Parteiverbots von 1956, welches wiederum auf die deutsche Teilung und die westdeutsche Sondersituation im Kalten Krieg verweist. Damit eng verbunden ist die deutsche Wahrnehmung internationaler Ereignisse, wie den Ungarischen Volksaufstand 1956 und den Prager Frühling 1968. Während diese Folgen der Entstalinisierung in Westeuropa schon in den Fünfzigerjahren Auftrieb für eine intellektuelle »Neue Linke« bedeuteten, verstärkten sie in Westdeutschland nur den allgemeinen Antikommunismus. Eine bisher jedoch im Zusammenhang mit dem Eurokommunismus kaum untersuchte Entwicklung ist die Etablierung fordistischer Wohlfahrtsstaaten in Westeuropa. Sie soll im Mittelpunkt der folgenden Überlegungen stehen, denn sie ist zentral für das Verständnis kommunistischer Parteipolitik im Nachkriegseuropa. Sowohl die Etablierung des Fordismus in den frühen Fünfzigerjahren als auch seine End- und Krisenphase von 1967 bis 1973 gingen mit Individualisierungsschüben einher. Die Krise des Fordismus besiegelte schließlich das Ende jener konformistischen Massengesellschaften, auf deren Politikformen die Arbeiterbewegung und ihre Parteien bis dahin beruhten. Die Selbstverständlichkeit kollektivistischer Meinungsbildung in Betrieb und Öffentlichkeit wich einem Bedürfnis nach Individualität und Distinktion – zunächst im Konsum, später aber auch im Protest gegen die Konsumgesellschaft. Wenn man also im Westdeutschland der Siebzigerjahre statt des Eurokommunismus eine zersplitterte linke »Szene« vorfindet, so verweist dies auf die besondere Ausformung einer ausgeprägten Krise politischer Repräsentation. Diese Krise formte auch die Politik der eurokommunistischen Parteien Westeuropas, konnte von ihnen jedoch nicht gelöst werden. Sowohl die Entstalinisierungskrisen von 1956 und 1968 als auch Aufstieg und Krise des Fordismus wirkten in Westeuropa und der BRD sehr unterschiedlich auf die kommunistische Bewegung. In Frankreich und Italien, wo noch eine intakte Kommunistische Partei vorhanden war, erhöhten beide Entwicklungen den Reformdruck und brachten den Eurokommunismus hervor. In Westdeutschland hingegen besaß die KPD/DKP weder genug Substanz noch Handlungsfreiheit, um sich in diese Richtung zu entwickeln. Die Renaissance linker Politik vollzog sich nicht in einer kommunistischen Massenpartei, sondern brachte neue politische Formen hervor. Antifaschismus und Kommunismus in Westeuropa Nachdem sich im Zuge einer erweiterten Entstalinisierung seit Ende der Sechzigerjahre zahlreiche westeuropäische kommunistische Parteien von der Führung der Sowjetunion zu lösen begannen, bürgerte sich in der öffentlichen Debatte ab 1975 der Sammelbegriff des »Eurokommunismus« ein.1 Gemeint war damit nicht nur die europäische Politik: Auch Parteien in Japan, Australien und Venezuela wurden unter dem Begriff subsumiert.2 Eurokommunismus war also keine geografisch beschränkte Bezeichnung, sondern meinte einen heterogenen Reformkommunismus, der in Abgrenzung zum Führungsstil der KPdSU und ihrer Bündnispartner in Osteuropa einen demokratischen Übergang zur sozialistischen Gesellschaft anstrebte.3 Die Ausprägungen des Eurokommunismus waren national sehr unterschiedlich – während er in Italien einen gravierenden inneren Wandel der Parteistruktur bedeutete, war die eurokommunistische Entwicklung des französischen Parti Communiste Français (PCF) eher taktischer Natur.4 So unterschiedlich wie die Ausprägungen waren auch die Deutungen des Begriffes. Es handelte sich eher um einen historischen Suchprozess als um ein kohärentes Konzept, und der Eurokommunismus blieb letztlich, wie Harald Neubert formuliert, »in einem deklarativen Stadium stecken«.5 Dieser historische Suchprozess wurde erst durch das Ende des Stalinismus möglich. Interessant ist allerdings, dass zwischen dessen »offiziellem« Ende durch Chruščëvs Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 und 1970, dem Jahr, auf das Wolfgang Leonhard den Durchbruch des Eurokommunismus datiert, fast 15 Jahre vergingen.6 Lange Zeit waren also weder die sowjetischen Machthaber noch das Führungspersonal der kommunistischen Parteien Westeuropas an einer ernsthaften Aufarbeitung des Stalinismus interessiert. Man einigte sich auf das Paradigma des »Personenkults«, das die Verantwortung für eigenes Unrecht auf Stalin schob und damit der Schuldabwehr diente.7 Als weiterer Grund für die verzögerte Aufarbeitung mag die Tatsache gelten, dass erst Ende der Sechzigerjahre ein beschleunigter gesellschaftlich-ökonomischer Wandel in Westeuropa einsetzte und den Reformdruck erhöhte. Ein dritter Grund bestand schließlich darin, dass die kommunistischen Parteien Westeuropas in den Fünfziger- und Sechzigerjahren wegen ihres Widerstands gegen den Nationalsozialismus eine relativ hohe gesellschaftliche Anerkennung genossen.8 Die Beteiligung an diesem Kampf hatte etwa den kommunistischen Parteien Italiens und Frankreichs eine Stellung im politischen Spektrum gesichert, die auch von ihren bürgerlichen Gegnern nicht grundsätzlich bestritten wurde. Als seinerzeit entscheidender Teil einer patriotischen Front gegen Hitler konnten sie den Vorwurf der Fremdsteuerung, verbunden mit dem alten Ressentiment gegen die »Vaterlandslosigkeit« der Arbeiterbewegung vergleichsweise leicht von sich weisen. Diese Integration beruhte jedoch nicht nur auf gemeinsamer Erinnerung, sondern noch mehr auf einem gemeinsamen Vergessen: Sie ignorierte die Affinität des italienischen Bürgertums zum Faschismus, die Kollaboration zahlreicher Franzosen mit dem deutschen Faschismus und den fehlenden Widerstand der Kommunisten während des Hitler-Stalin-Pakts von 1939 bis 1941. Eine ähnliche Konstellation ergibt sich in Spanien, wo sich die Kommunisten des Exils auf die Verteidigung der Spanischen Republik und den andauernden Widerstand gegen Franco berufen konnten. Auch hier wurden eigene Verbrechen verdrängt, eigene Leistungen hervorgehoben und eine selektive Wahrnehmung der Vergangenheit etabliert. Parallelen gibt es ebenso in Griechenland, wo ebenfalls kommunistische Partisanen an der Befreiung des Landes entscheidend mitwirkten. Der Widerstand gegen den Faschismus durch die Kommunisten war somit eine europäische Erfahrung, die einerseits eine historische Leistung darstellte, andererseits als politischer Mythos die Aufarbeitung des Stalinismus verhinderte. Das Ende der KPD in Westdeutschland Deutschland als Ursprungsland des Nationalsozialismus teilte diese europäische Erfahrung nicht. Hier hatte die Arbeiterbewegung niemals einen bewaffneten Kampf gegen den Nationalsozialismus geführt, von vielen einzelnen mutigen Sabotageakten und Widerstandshandlungen einmal abgesehen. Zwar waren in der DDR Antifaschismus und kommunistischer Widerstand wesentliche Legitimationsmuster staatlichen Handelns, jedoch ist allein die Existenz der DDR Beweis genug, dass es im zweigeteilten Deutschland ab 1945 keine gemeinsame antifaschistische Erinnerungskultur gab. Während in der DDR Orte wie die Gedenkstätte Buchenwald das Martyrium und den Widerstand kommunistischer Häftlinge auch nachfolgenden Generationen ins Gedächtnis riefen, alle anderen Opfer- und Widerstandsgruppen jedoch de-thematisierten, wurden die Kommunisten in Westdeutschland von der Erinnerung ausgeschlossen und waren sogar neuen Verfolgungen ausgesetzt. Diese staatliche Politik wurde durch die Schlussstrich-Mentalität einer Bevölkerung getragen, die mehrheitlich aus Mitläufern bestand, das eigene Kriegsleiden hervorhob und dem ehemaligen Exil und Widerstand tendenziell ablehnend gegenüberstand. Dies galt auch für die Arbeiterschaft als Klientel der KPD: Zwölf Jahre Nationalsozialismus hatten gewerkschaftliche und klassenkämpferische Traditionen unterbrochen und den vorhandenen Nationalismus noch verstärkt. Selbstverständlich gab es auch in der DDR Mitläufertum und Schlussstrich-Mentalität. Diese bezogen sich jedoch explizit auf die angebliche »Ausrottung« der kapitalistischen Wurzeln des Faschismus – waren also zumindest nominell prokommunistisch. Im Westen hingegen wurde im Sinne der Totalitarismustheorie Antifaschismus immer auch mit Antikommunismus gleichgesetzt – eine Gleichsetzung, die in Westeuropa nie in dieser Form hegemonial wurde.9 Das Verhalten der Sowjetunion und der DDR während der Berlin-Blockade und des Arbeiteraufstandes am 17. Juni 1953 trug dazu bei, die antikommunistische Haltung der westdeutschen Bevölkerung zu bestätigen und zu verstärken. Diese Gewaltmaßnahmen, verbunden mit der Abhängigkeit der westdeutschen KPD, die keinerlei Kritik an der DDR-Politik leisten konnte oder wollte, führte dazu, dass die KPD schon vor ihrem Verbot 1956 von der arbeitenden Bevölkerung in Westdeutschland kaum noch als eine mögliche politische Vertretung angesehen wurde. Die Entstalinisierung stellte zwar die Totalitarismustheorie infrage, der Mauerbau 1961 bedeutete jedoch einen weiteren politischen Einschnitt. Während die Mitglieder der westeuropäischen kommunistischen Parteien mit der Berliner Mauer keine persönlichen Erfahrungen verbanden, diese Bestätigung der endgültigen Teilung Deutschlands aus sicherheitspolitischen Gründen vielleicht sogar befürworteten, war die Mauer in der westdeutschen Öffentlichkeit ein permanenter Stein des Anstoßes, zu dem sich jede linke oder kommunistische Bewegung erklären musste. Der Mauerbau verschärfte das grundsätzliche Problem der Zweistaatlichkeit und hatte zur Folge, dass es für Kommunisten in Deutschland kein einheitliches politisches Handlungsfeld gab. Die Spaltung der Nation führte zu einer organisatorischen Spaltung der Partei, und die wichtigsten Kader waren in der SBZ bzw. DDR aktiv, was wiederum die westdeutsche KPD schwächte, die von Beginn an nicht als autonome Einheit agieren konnte. Anfang der Sechzigerjahre war der Parteikommunismus in Westdeutschland also marginalisiert, illegalisiert und politisch diskreditiert. Die Vorbedingung für die Entwicklung eines deutschen Eurokommunismus, nämlich eine intakte orthodoxe kommunistische Partei, war nicht vorhanden. Fordismus und Wohlfahrtsstaat Die Fünfzigerjahre standen nicht nur in der BRD, sondern in ganz Westeuropa im Zeichen eines »Wirtschaftswunders«: einer Phase der wirtschaftlichen Prosperität, die begleitet wurde vom Aufbau eines Wohlfahrtsstaates mit dem erklärten Ziel, die Klassenwidersprüche des Kapitalismus abzumildern oder gar abzuschaffen. Die Beschreibung dieser Situation als »fordistisch« oder »Fordismus« stützt sich auf die Schriften des italienischen Philosophen Antonio Gramsci (1891–1937), der posthum zu einem der wichtigsten theoretischen Impulsgeber des Eurokommunismus wurde.10 Gramsci setzte sich vor dem Hintergrund des italienischen Faschismus mit der Frage auseinander, warum die sozialistische Revolution in Russland erfolgreich, in den entwickelten Industriestaaten des Westens jedoch erfolglos war. In seinen in faschistischer Haft verfassten Gefängnisheften zog er als Vergleich immer wieder auch die USA heran, die er als fortschrittlichsten kapitalistischen Staat seiner Zeit wahrnahm. Dort waren schon vor der Weltwirtschaftskrise die Anfänge einer Entwicklung sichtbar, die etwa in den Fabriken von Henry Ford die Arbeiterklasse durch Hochlohnpolitik als Konsumentenschicht in die kapitalistischen Kreisläufe integrierte und somit die Nachfrage sicherte. Diese auf standardisierter Massenproduktion und -konsumtion basierende Gesellschaftsformation bezeichnete Gramsci als Fordismus.11 Sie bedeutete ihm zufolge einen Übergang »vom alten ökonomischen Nationalismus zur programmatischen Ökonomie« bei gleichzeitiger »Rationalisierung der Bevölkerung«.12 Der Fordismus veränderte also nicht nur die Ökonomie, sondern auch die Menschen. Gramsci hatte hier eine gesellschaftliche Formation beschrieben, wie sie auch in Europa ab den Fünfzigerjahren dominant wurde. Die Klassengesellschaft der Zwanzigerjahre verschwand im Fordismus zwar nicht, denn nach wie vor gab es einen Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital. Dieser wurde jedoch radikal verändert nicht nur durch eine Stärkung und Weiterentwicklung der sozialen Sicherungssysteme, sondern vor allem durch die erstmals in der Geschichte vorhandene Möglichkeit von Massenkonsum durch die Lohnarbeitenden selbst. Die von Gramsci konstatierte »Rationalisierung der Bevölkerung« vollzog sich dabei durch intensivierte Produktionsformen am Arbeitsplatz, aber auch durch standardisierten Konsum in der nun in ungeahnter Fülle vorhandenen »Freizeit«.13 Die Etablierung dieser Produktionsform wurde in Westdeutschland zwar von konservativen Regierungen vorangetrieben, nützte aber zunächst auch der sozialen Basis der SPD und der Gewerkschaften. Insbesondere Letztere setzten durch, dass die Arbeiter und Arbeiterinnen durch Lohnsteigerungen ihren Anteil an der Produktivkraftsteigerung geltend machen konnten. Obwohl linkssozialistische Gewerkschafter wie Otto Brenner und mit ihm weite Teile der IG Metall an der Idee des Klassenkampfes festhielten,14 so hatte doch insgesamt die Idee der »sozialen Marktwirtschaft« – also der soziale Kapitalismus – eine deutliche Hegemonie. Die SPD reagierte auf diesen Wandel durch ihr Godesberger Programm von 1959, in dem sie sich vom Marxismus abwandte. Diese Wende markierte die politische Niederlage einer ganzen Reihe von Gruppierungen und Einzelpersonen, die sich nach 1945 als Sozialisten oder Ex-Kommunisten der SPD angeschlossen hatten. Denn angesichts der Kontinuität des Stalinismus war in Westdeutschland nicht die KPD, sondern die SPD zum Sammelbecken verschiedener unorthodoxer antikapitalistischer Strömungen geworden. In der Hoffnung auf eine sozialistische Perspektive hatten sich diese Kreise in der Sozialdemokratie gesammelt, mussten jedoch zusehen, wie über die ökonomisch-politischen Rahmenbedingungen von konservativen Kräften entschieden wurde.15 Während es Ende der Vierzigerjahre noch Widerstand gegen die Restaurationstendenzen gegeben hatte, kam dieser in der Prosperitätsphase der Fünfzigerjahre völlig zum Erliegen.16 Joachim Hirsch und Roland Roth stellen dazu die These auf, dass bereits die mit dem Fordismus verbundene tayloristische Rationalisierung in den Betrieben die Facharbeiterschaft als streikfähige Basis der Arbeiterbewegung entscheidend schwächte.17 Der allgemeine Arbeitskräftemangel dürfte jedoch einen solchen Verlust an Kampfkraft ausgeglichen haben. Entscheidender war wohl die Tatsache, dass Massenkonsum, Freizeitindustrie und die Etablierung der Kleinfamilie als Norm und Raum des Privatlebens in der Arbeiterschaft eine Verbürgerlichung und Individualisierung mit sich brachten.18 Die Hegemonie konservativer Kräfte im »CDU-Staat« Westdeutschland verstärkte diese Erosion von überkommenen Milieus der Arbeiterbewegung, deren Tradition vielerorts bereits während der Verbotsphase des NS gekappt worden war.19 Eine »nivellierte Mittelstandsgesellschaft«20 schien somit die alte Klassengesellschaft ökonomisch, kulturell und sozial abgelöst zu haben. Klassenschranken, die in der Weimarer Republik schon am Kleidungsstil erkennbar waren, wurden nun völlig fragwürdig. Vor diesem Hintergrund schien der Wandel der SPD von der Arbeiterpartei zur »Volkspartei« konsequent. Paradoxerweise nahm zur gleichen Zeit die Zahl der Lohnabhängigen in der Bevölkerung ständig zu.21 1968 und der gescheiterte Neuanfang des Kommunismus Die Jahreszahl 1968 wurde zur Chiffre für die Entstehung und den Aufschwung einer neuen Form von linker Bewegung, die sich zwar auf den Sozialismus berief, aber völlig andere Akteure und Politikformen umfasste.22 Die insbesondere in Deutschland als »Studentenbewegung« betitelte Entwicklung war letztlich eine breitere Absatzbewegung, in der sich Teile der jüngeren Generation vom individualisierten Konformismus der Wirtschaftswunderzeit distanzierten. Ihre Rebellion stand gegen den fordistischen Konsumkonsens, den die traditionelle Arbeiterbewegung in Westeuropa eine Generation lang mitgetragen hatte. Während sich in Italien und Frankreich jedoch breite Teile der Arbeiterschaft der Revolte anschlossen – man denke an die Streiks im Pariser Mai – waren es in Deutschland nur kleinere Teile der Jungarbeiterschaft, die etwa in Form der »Lehrlingsbewegung« den gesellschaftlichen Aufbruch unterstützten.23 Diese Unterschiede erklären sich teilweise dadurch, dass der im Fordismus ohnehin angelegte Hang zum gesellschaftlichen Konformismus durch personelle und habituelle Kontinuitäten zur NS-Zeit in Deutschland besonders ausgeprägt war. Dies machte die Ereignisse der Achtundsechziger in der BRD mehr als anderswo zu einer Generationenrevolte. Die in der BRD besonders ausgeprägte Integration der Arbeiterbewegung in das politische System verstärkte diesen Effekt, während mit den kommunistischen Parteien in Italien und Frankreich zumindest nominell ein »revolutionäres« Politikangebot seitens der älteren Generation bereitstand. Nominell deshalb, weil die kommunistischen Parteien im Zuge der Entspannungspolitik aus außenpolitischen Gründen teilweise sehr viel integrierter waren und weit konformer handelten als ihr revolutionärer Habitus erwarten ließ. Diese Entwicklung führte dazu, dass der Maoismus in Frankreich und Italien als vermeintlich revolutionärer Kommunismus attraktiv wurde.24 Der Eurokommunismus erscheint vor diesem Hintergrund als ein facettenreiches Phänomen. Politisch eine Entstalinisierung, bedeutete er soziologisch eine Öffnung der Parteien für die Angestellten, die während des Fordismus mehr und mehr das Industrieproletariat als stärkste Fraktion der Lohnabhängigen ablösten. Gleichzeitig machte die wachsende politische Unabhängigkeit von Moskauer Direktiven die kommunistischen Parteien attraktiv für Teile der jüngeren Generation, die insbesondere nach dem Prager Frühling mit dem orthodoxen Kommunismus wenig anfangen konnten. Zusätzlich bedeutete die Anerkennung eines möglichen parlamentarischen Weges zum Sozialismus eine quasi reformistische Wende, die die Kommunisten befähigen könnte, sich auch als Regierungspartei zu etablieren. All diese Faktoren griffen ineinander, verstärkten sich wechselseitig und erzeugten den gesellschaftlichen Druck, der die Reformer innerhalb der kommunistischen Parteien Europas stärkte und zur Ausprägung des Eurokommunismus beitrug. In Westdeutschland stellte sich die Lage anders dar. Nach zwölf Jahren in der Illegalität war die KPD bei ihrer durch einen Kurswechsel der Regierung möglich gemachten Umgründung zur DKP 1968 personell geschwächt.25 Sie hatte kaum neue Kader rekrutieren können und blieb gesellschaftlich ausgegrenzt. Nicht nur die überkommene autoritäre Parteitradition, sondern vor allem die eigene Schwäche machte sie von Weisungen aus Moskau abhängig. Selbst wenn der Wille da gewesen wäre, hätte der neu gegründeten DKP die Basis gefehlt, um sich erfolgreich zu verselbstständigen. Ohne glaubwürdige Distanz zu Ost-Berlin und Moskau hatte eine kommunistische Partei jedoch im geteilten Deutschland sieben Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer keine ernsthafte Chance, gesellschaftlich Fuß zu fassen. Gleichzeitig fiel die DKP-Gründung in eine Phase, in der die westdeutsche Linke sich bereits mehr und mehr auffächerte. Die verschiedenen Flügel des SDS, der nach den tödlichen Schüssen auf Benno Ohnesorg massiv gewachsen war und zusehends Einfluss an den Hochschulen gewann, drifteten immer mehr auseinander. Insbesondere der »antiautoritäre« Flügel widersetzte sich der überkommenen Logik von Partei und Organisationsbildung.26 Auch die seit Bildung der Großen Koalition 1966 im Entstehen begriffene Außerparlamentarische Opposition (APO) verstand sich von Anfang an als heterogene gesellschaftliche Kraft jenseits von Parteien und Parlamenten. Die aus unterschiedlichen Gründen von Kommunisten und Staatsbehörden gemeinsam gehegte Hoffnung, die DKP würde zum Sammelbecken aller kommunistischen Kräfte in der BRD werden, erwies sich somit schnell als Trugschluss. Die Umgründung kam in doppelter Hinsicht zu spät: An die alte Verwurzelung in der Arbeiterschaft konnte nicht mehr angeknüpft werden und neue politische Akteure hatten bereits ganz eigene Formen entwickelt. Diese neuen parteikritischen Politikformen entstanden nicht grundlos. Sie waren gleichermaßen Ergebnis der fordistischen Gesellschaftsformation und eine erste Form der Rebellion gegen diese. Die Ablehnung von bürokratischen Massenorganisationen und deren Uniformität war ein Reflex gegen den in der BRD besonders starken Konformismus der Fünfzigerjahre. Gleichzeitig war das Beharren der Achtundsechziger auf Individualität und Selbstverwirklichung ein Produkt genau jener spätkapitalistischen Konsumgesellschaft, die die Neue Linke eigentlich bekämpfte.27 Denn es war nicht zuletzt die allgegenwärtige Produktwerbung, die an vorderster Front Selbstverwirklichung, Anderssein und Individualität als Werte einer postfaschistischen Gesellschaft propagierte. Exemplarisch wird dieser scheinbare Widerspruch am Beispiel des Einflusses der USA auf die Protestbewegung: Während man die US-Außenpolitik kritisierte und einen politischen Antiamerikanismus kultivierte, waren die Produkte der US-Kulturindustrie gleichzeitig untrennbar mit der Revolte verbunden – insbesondere im Bereich der Musik, aber auch im Bereich der Mode, wie z. B. Jeans etc.28 Nach der konformistischen Individualisierung der Fünfzigerjahre, die mit der Kombination aus Freizeit und Konsummöglichkeiten eine vorher nie gesehene Orientierung auf Privatleben und Familie im Arbeitermilieu hervorrief, zeigte sich Ende der Sechzigerjahre ein zweiter Individualisierungsschub. Dieser deutete bereits auf eine Krise des fordistischen Gesellschaftskonsenses hin: Der Massenkonsum hatte seine Integrationskraft verloren, erste Wirtschaftskrisen und eine erste ökologische Debatte über die »Grenzen des Wachstums« kratzten darüber hinaus an der ideologischen Hegemonie der Wohlstandsgesellschaft. Die konformistische Individualisierung wurde in dieser Phase abgelöst von einer subjektiven Individualisierung, welche Wert auf individuelle Emanzipation, Selbstverwirklichung und die Überwindung repressiver sozialer Normen legte. Die Ausdrucksformen dieser Subjektivierung reichten von musikalischer Gegenkultur über Forderungen nach sexueller Befreiung und weiblicher Emanzipation bis hin zu politischer Rebellion. Wer dieser im Entstehen begriffenen »postfordistischen« politischen Kultur begegnen wollte, musste zwangsläufig Raum für Abweichung, Differenz und Heterogenität bieten – etwas, womit kommunistische Parteien von jeher ein Problem hatten. Die Entstalinisierung hatte zwar zu einer Öffnung geführt, zur vollen Entfaltung kam dieser Prozess jedoch erst durch den Druck der Ereignisse Ende der Sechzigerjahre. Erst die Kombination aus Entstalinisierung und beschleunigter gesellschaftlicher Umwälzung in den Sechzigerjahren brachte schließlich den Eurokommunismus hervor. Szene statt Partei: Die Linke in der BRD seit 1968 In der BRD fehlte eine kommunistische Partei als Auffangbecken für neue politische Ansprüche, während sich gleichzeitig die Zentrifugalkräfte innerhalb der Neuen Linken gegenüber allen Appellen zur Notwendigkeit von Organisation als stärker erwiesen. Bereits 1970 löste sich mit dem SDS ein zentraler Akteur der Revolte auf und zerfiel in zahlreiche Splittergruppen. Zwar leiteten die aus diesem Prozess hervorgehenden Fraktionen später teilweise Parteibildungsprozesse ein, übertrafen dabei jedoch nicht selten den orthodoxen Kommunismus an Dogmatismus. Es bildete sich eine ganze Reihe rivalisierender K-Gruppen und K-Parteien mit marxistisch-leninistischer Struktur, die sich politisch und kulturell als Nachfolger der KPD sahen und deren Symbole übernahmen.29 Über den Umweg des Maoismus leiteten sie auch eine neue Stalin-Rezeption ein und kritisierten den »Revisionismus« der Chruščëv-Ära als Konterrevolution. Diese neue Orthodoxie scheint der These von einer zweiten subjektiven Individualisierung als Basis post-fordistischer Politikformen zu widersprechen. Jedoch verweist gerade die Vielzahl der Gruppen und ihre erbitterte Rivalität untereinander eindeutig darauf, dass die Idee einer ideologisch geschlossenen Massenpartei in der BRD der Siebzigerjahre nicht mehr funktionierte. Der Autoritarismus der Kleinparteien und ihr Insistieren auf einer keinen Widerspruch duldenden Linie befriedigte bei den Mitgliedern vor allem das Bedürfnis nach Abgrenzung und Unterscheidung vom Mainstream, war also selbst eine Form von individual-identitärem Lebensentwurf.30 Dies mag auch erklären, warum nicht selten Angehörige des früheren antiautoritären Flügels der Studierendenbewegung zu den Trägern der K-Gruppen wurden. Die K-Gruppen bildeten jedoch nur einen Teil einer übergreifenden linken »Szene«.31 Außerhalb des maoistischen Spektrums gab es fast zu jeder historischen Formation der Arbeiterbewegung ein aktuelles Pendant – etwa die anarchistische Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union (FAU), die brandleristische »Gruppe Arbeiterpolitik« sowie verschiedene trotzkistische Gruppen.32 In diesem zerfaserten Milieu von Klein- und Kleinstparteien war die zuvor als schwach beschriebene DKP mit ihren bis zu 40 000 Mitgliedern fast schon eine Großmacht.33 Mit Bundestagswahlergebnissen um die 0,2 Prozent gelang ihr jedoch keine Etablierung oberhalb der Kommunalpolitik.34 Weit wirkmächtiger als alle Neugründungen war dagegen eine zeitgleich stattfindende Linkswende bei den Jusos (»Stamokap-Strömung«) und Teilen der Gewerkschaftsjugend. Hier wurden linkssozialistische Positionen aus der »Neuen Linken« in die »alte« sozialdemokratische Arbeiterbewegung zurückgeführt – ohne jedoch mehrheitsfähig zu werden.35 Ab Mitte der Siebzigerjahre gab es innerhalb der zersplitterten Linken Einigungstendenzen in Form der sogenannten Neuen Sozialen Bewegungen, wie etwa die Umwelt-, Frauen- oder die Anti-Atomkraftbewegung. Sie waren es, die mit ihren politischen Anliegen Protestpotenzial bündelten und breitere Kreise der Bevölkerung erreichten. Es erscheint als Ironie der Geschichte, dass es nach zahlreichen fehlgeschlagenen Parteigründungen gerade diese basisdemokratische und organisationskritische Strömung schaffte, mit den »Grünen« erstmals seit dem KPD-Verbot eine Partei links von der SPD zu etablieren.36 Trotz zahlreicher ideologischer Bezüge auf die Ideen des Sozialismus und Kommunismus war das Ende der Sechzigerjahre neu entstehende linke Milieu der BRD zunächst bildungsbürgerlichen Ursprungs und überschnitt sich kaum mit dem »klassischen« Arbeitermilieu. Dies lag einerseits daran, dass an den Hochschulen als erstem Zentrum der Debatte vor Einführung des BAföG kaum Arbeiterkinder studierten. Die Wandlung des klassischen Arbeitermilieus bedeutete jedoch auch, dass dort zunehmend alternative Lebensstile und Strategien aufgenommen wurden. Die »neuen Arbeiter« waren überwiegend Angestellte, welche in den europäischen Nachkriegsgesellschaften langsam zur Mehrheit der Lohnabhängigen wurden. Sie und ihre Kinder waren nach allen ökonomischen Kriterien des Marxismus Proletarier, wirtschaftlich völlig abhängig vom Verkauf ihrer Arbeitskraft. Ihre Alltagskultur und politische Aktivität entsprachen jedoch längst nicht mehr dem Bild, das man mit den Begriffen »Proletariat« oder »Arbeiterklasse« verbindet.37 Dennoch, in den Abstammungslinien heutiger sozialer Milieus, einschließlich des Alternativmilieus, identifizierte der Soziologe Michael Vester »Klassenformationen von langer, Generationen übergreifender Dauer«, indem er bei Großumfragen ab 1991 auch die Bildungsabschlüsse von Eltern und Großeltern abfragte. Seit den Siebzigerjahren stellte er innerhalb der Arbeitnehmerschaft eine starke Mobilität und Modernisierung der Lebensstile fest, aber kaum Mobilität zwischen verschiedenen durch Bildungsabschlüsse markierten Schichten. Vester stimmt daher mit dem Historiker Peter von Oertzen überein, der in den neuen sozialen Milieus nichts anderes als die »modernsten Fraktionen der arbeitenden Klassen« sieht.38 Dieser Prozess der Flexibilisierung führte jedoch keineswegs dazu, dass sich die Arbeitnehmerschaft jemals als Ganzes in ein alternatives Milieu eingeordnet hätte. Lediglich ihre Lebensstile und Berufswege näherten sich infolge der Auflösung des Fordismus einander an. Diese Auflösung war in den Sechzigerjahren jedoch trotz erster Krisenerscheinungen noch nicht absehbar. Damals stand die Arbeiterschaft der Neuen Linken eher ablehnend gegenüber und orientierte sich mehrheitlich an der SPD – insbesondere als dieser ab 1969 unter Willy Brandt die Regierung zufiel. Der Wahlerfolg der SPD war möglich, weil für breitere Schichten das konservativ-konformistische Gesellschaftsmodell der Nachkriegszeit fragwürdig geworden war. Das Wohlfahrtsstaatsmodell des Fordismus war hingegen weiterhin konsensfähig – konnte jedoch durch die nun regierende SPD nicht stabilisiert werden. Insbesondere die internationalen Krisen ab 1973 zeigten die Grenzen des fordistischen Wirtschaftsmodells. Eine sich aufbauende Überproduktion konnte nicht allein durch den Konsum der Arbeitenden abgesetzt werden, Exportorientierung und verschärfte internationale Konkurrenz führten nun dazu, dass die in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebauten wohlfahrtsstaatlichen Einrichtungen zunehmend kritisiert und spätestens mit der Machtübernahme konservativer Regierungen in den USA (1981), Großbritannien (1979) und Deutschland (1982) langsam reduziert wurden. Die ökonomischen Grenzen des Fordismus waren erreicht. Sein Erbe trat nicht die Neue Linke an, sondern ein flexibler Neoliberalismus – der jedoch zahlreiche Versatzstücke linker Fordismus-Kritik wie etwa das Streben nach »Selbstverwirklichung« erfolgreich integrierte. Auch die eurokommunistischen Parteien in Westeuropa schafften es nicht, im Rahmen gesellschaftlicher Kämpfe, die die Krise des Fordismus begleiteten, eine Deutungsmacht zu erlangen. Ihr Abstieg erfolgte dahe