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Estland während des Stalinismus 1940–1953. Gewalt und Säuberungen im Namen der Umgestaltung einer Gesellschaft

JHK 2012 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 99-112 | Aufbau Verlag

Autor/in: Olaf Mertelsmann / Aigi Rahi-Tamm

Mit dem Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts im August 1939 sowie des deutsch-sowjetischen Freundschaftsvertrags im folgenden Monat samt der geheimen Zusatzprotokolle wurde das Schicksal der baltischen Staaten für das nächste halbe Jahrhundert von Hitler und Stalin vorbestimmt. Lettland, Estland und Litauen fielen in die sowjetische Interessensphäre und verloren bis 1991 ihre Unabhängigkeit. Währenddessen gehörten sie zu einer Region mit über 20 Millionen Einwohnern von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer, die von der UdSSR 1939/40 annektiert wurde.

Die meisten der im Zuge der Annektierung durchgeführten Maßnahmen verliefen nahezu parallel. Estland wurde wie die Nachbarländer Lettland und Litauen im Herbst 1939 mithilfe eines Ultimatums gezwungen, die Stationierung sowjetischer Truppen zu gestatten und einen Freundschaftspakt mit der UdSSR abzuschließen. Im Sommer 1940 erfolgte nach einem weiteren Ultimatum die sowjetische Okkupation und nach rund sechs Wochen sowie einigen politischen Inszenierungen schließlich die Eingliederung in die Sowjetunion. Maßnahmen der Sowjetisierung und Säuberung hatten aber bereits zuvor eingesetzt und gipfelten in einer Massendeportation im Juni 1941. Von 1941 bis 1944 war Estland von den Deutschen besetzt; im Herbst 1944 marschierte die sowjetische Armee erneut ein, und eine umfangreiche Verhaftungswelle nahm ihren Lauf. Eine weitere Massendeportation 1949 bereitete die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft vor, und erst nach dem Tod Stalins kann man von einer gewissen Normalisierung der Verhältnisse sprechen.1

Zum Zwecke der gesellschaftlichen Umformung organisierte der sowjetische Staat zahlreiche Säuberungswellen und Massendeportationen im Baltikum, in Ostpolen und Bessarabien. Staatliche Gewaltanwendung war neben politischen, wirtschaftlichen oder kulturellen Maßnahmen ein zentrales Mittel der Sowjetisierung und der Integration neu angegliederter Territorien. Von den drei sowjetischen Sonderbeauftragten für jedes neu eingegliederte Gebiet war einer für die Staatssicherheit, also für Repressalien zuständig, ein zweiter für militärische Fragen, während der Vertreter des Zentralkomitees der Partei dem Trio gewissermaßen vorstand.2 Der tonangebende Sonderbeauftragte der VKP(b) plante umfangreiche Säuberungen. So kritzelte Andrej Ždanov, der erste Beauftragte und ein enger Mitarbeiter Stalins, in seine Notizen von Unterredungen mit Vertretern der von den Sowjets eingesetzten Marionettenregierung im noch formell unabhängigen Estland wiederholt die vielsagenden Worte »Esten nach Sibirien«.3 In einem umfangreichen Bericht für das Orgbüro der Partei Anfang 1941 empfahl sein Nachfolger Vladimir Bočkarev eine passportizacija der größeren Städte, um sie von »bourgeoisen Elementen« zu säubern, d. h., er regte die Überprüfung sämtlicher Stadtbewohner, die gründliche Säuberung des Staatsapparates und der Wirtschaft sowie die Durchführung einer Deportation von ehemaligen Großgrundbesitzern an.4 Zu diesem Zeitpunkt waren politische Verhaftungen bereits in vollem Gange. Sie hatten sofort nach dem Einmarsch der Roten Armee begonnen. Eine eigens formierte Operativgruppe des NKVD, bestehend aus Spezialisten aus Moskau und Leningrad, war unter Leitung von Oberleutnant Aleksej Škurin, dem Sonderbeauftragten für Sicherheit, bereits im Juni 1940 zusammen mit der Roten Armee einmarschiert. Škurin fungierte später als Stellvertreter des Volkskommissars des Inneren, bzw. des Volkskommissars für Staatssicherheit der Estnischen SSR.5

Nach heutigem Forschungsstand wurden etwa 12 bis 14 Prozent der Bevölkerung Estlands von ursprünglich 1,1 Millionen Einwohnern zu Opfern des stalinistischen Terrors, gut vier Prozent davon starben. Es erfolgten rund 47 000 Verurteilungen nach politischen Paragrafen, darunter 3000 Todesurteile, 35 000 Menschen wurden deportiert, darunter im Sommer 1941 ein Zehntel der Juden Estlands, und 34 000 in die Rote Armee integrierte estnische Soldaten wurden im Herbst 1941 in Zwangsarbeitslager eingewiesen, wo wahrscheinlich ein Drittel von ihnen verstarb. Nach Beginn des deutschen Überfalls auf die UdSSR fanden Mordaktionen sowie Massentötungen von politischen Gefangenen statt. Es gab ethnische Säuberungen von Deutschen und Ingermanländern nach dem Krieg, die Verbringung von Repatriierten in Filtrationslager sowie in Bau- und Zwangsarbeitsbataillone der sowjetischen Armee, in denen von 1944 bis 1947 »zweifelhafte« Elemente aus Estland dienen mussten, Tausende von drakonischen Urteilen für Bagatellvergehen wie Kleindiebstahl oder den Verstoß gegen die Arbeitsregulationen und weitere Formen von Repressalien. Die meisten waren jedoch nicht Opfer von Exekutionen, sondern fanden den Tod aufgrund von Hunger, Überarbeitung, Kälte und Vernachlässigung in Gefängnissen, Lagern oder den Sondersiedlungen der Verbannten.6

Angesichts dieser Größenordnung erscheint es allzu verständlich, dass der stalinistische Terror ein zentrales Thema der estnischen Historiografie darstellt. Hatten Autoren des Exils noch dazu geneigt, die Ausmaße zu überschätzen, besitzen wir heute dank der Öffnung der estnischen Archive und des uneingeschränkten Zugriffs darauf einen relativ guten Überblick über die allgemeinen Fakten:7 Umfangreiche Opferlisten wurden publiziert, mehrere Datenbanken angelegt und die Fallakten in den Archivbeständen des Innenministeriums der Estnischen SSR ausgewertet.8 Unterschiedliche Kommissionen, Forschungsstellen und Einzelpersonen – ob Historiker oder Laie – haben seit den späten Achtzigerjahren Materialien zusammengetragen und bearbeitet. Gewisse Lücken bestehen allerdings noch bezüglich der Interpretation, der Einbindung in den internationalen Forschungsstand sowie der Bearbeitung von Dokumenten in russischen Archiven. Auch ist nicht jede Säuberungswelle hinreichend in den erreichbaren Quellen dokumentiert.

Am Anfang stand das Bedürfnis, die »weißen Flecken« über den Stalin’schen Terror zu füllen. Zahlreiche Biografien und Erinnerungsbände wurden dafür konsultiert, da viele Archivalien erst mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zugänglich wurden. Das Schicksal prominenter Persönlichkeiten oder einzelner Gruppen wie der Berufsoffiziere stand im Mittelpunkt. Im Laufe der Zeit weiteten sich die Fragestellungen aus, und die Forschung auf diesem Gebiet professionalisierte sich. Zunehmend wurden auch akademische Arbeiten zum Thema des Terrors verfasst. Ende der Neunzigerjahre wurde dann eine vom Staat finanzierte Kommission zur Untersuchung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingerichtet, aus der das heutige Estnische Institut des historischen Gedächtnisses (Eesti Mälu Instituut) hervorgegangen ist. Da die Anzahl professioneller Historiker aufgrund der niedrigen Bevölkerungszahl Estlands gering ist, blieben kontroverse Diskussionen bisher weitgehend aus. In der Öffentlichkeit dominiert ein Opferdiskurs, und in der estnischsprachigen Geschichtsschreibung bleibt ein nationales Paradigma vorherrschend, welches vor allem die politische Geschichte Estlands in den Mittelpunkt rückt.9

Angesichts der schieren Menge an Ereignissen und Prozessen konzentrieren wir uns im vorliegenden Beitrag auf die verschiedenen Säuberungswellen, die zweifelsohne zu bestimmten Zeiten im Mittelpunkt der sowjetischen Politik in der Estnischen SSR standen und deren Hauptziel die gewalttätige Umgestaltung der Gesellschaft war. Aufgrund der Überlieferung lassen sich die Intentionen der beteiligten Politiker in Moskau und Tallinn nicht immer exakt nachzeichnen, mitunter bestanden verschiedene Auffassungen, doch was Gerd Koenen treffend als »Utopie der Säuberung« formuliert hat,10 war auch in Estland ein Leitgedanke.

Säuberungen und polizeiliche Methoden

David Shearer und Paul Hagenloh haben kürzlich in ihren Arbeiten auf die wichtige Bedeutung der polizeilichen Methoden im Rahmen der Stalin’schen Unterdrückungsmaßnahmen hingewiesen.11 Diese wurden auch in den baltischen Republiken entsprechend angewandt. Erste Informationen über die nationale Elite und potenzielle Gegner der Sowjets in Estland wurden von der sowjetischen Botschaft und dem Auslandsgeheimdienst bereits vor dem sowjetischen Einmarsch gesammelt. So lagen beispielsweise detaillierte Übersichten über politische Parteien und »militärisch-faschistische Organisationen« vor.12 Diese Berichte enthielten Informationen über die wichtigsten Einrichtungen und Organisationen der Republik Estland sowie personenbezogene Angaben über sowjetfeindliche Gruppen und Persönlichkeiten. Bezüglich des paramilitärischen Verteidigungsbundes Kaitseliit achtete man auf die Stimmungslage der Mitglieder und darauf, wer beispielsweise unzufrieden mit dem Abschluss des estnisch-sowjetischen Paktes von 1939 war. Zum besonderen Gegenstand des Interesses wurden Personen mit Geheimdienstkontakten. Die meisten Menschen, die von vornherein eine negative Einschätzung erhalten hatten, wurden später während des ersten Jahres der sowjetischen Herrschaft verhaftet.

Von einer systematischen und nahezu »industriellen« Erfassung und Nutzung »kompromittierender« persönlicher Angaben kann man ab November 1940 sprechen, als die baltischen Republiken den Befehl zur Einrichtung einer Kartothek »politischer Färbungen« erhielten. Ziel war es, damit »Volksfeinde« dingfest zu machen und zu enttarnen sowie ausreichend »kompromittierende« Angaben zur Anklage von Personen zu sammeln. Dazu wurden als Erstes Dokumente aus dem Verteidigungs- und dem Innenministerium gesichtet, um die Mitarbeiter von politischer Polizei und Verteidigungsbund zu ermitteln, die als besonders sowjetfeindlich galten. Gemäß einem sowjetischen Erlass von 1939 musste für jede in die Kartothek aufgenommene Person eine Karte ausgefüllt werden, auf der die persönlichen Angaben, »kompromittierende« Kontakte usw. sowie die entsprechenden Quellen verzeichnet waren. Die Anschrift der Person war besonders wichtig,13 offenbar um die Verhaftung oder Deportation reibungsloser zu gestalten. Anfangs umfasste die Kartothek 27 verschiedene Kategorien »konterrevolutionärer Elemente«, darunter ehemalige Regierungsmitglieder, Richter, Staatsanwälte, Parteimitglieder, Polizisten, Offiziere, Veteranen der »Weißen« Armeen usw. Im Laufe der Zeit weitete sich der erfasste Personenkreis aus. In den ersten fünf Monaten des Jahres 1941 wurden in Estland 37 794 Personen in der Kartothek verzeichnet. Ebenso musste das Archiv beständig auf die Nachfragen der Partei- und Sicherheitsorgane innerhalb von 24 oder 48 Stunden reagieren. Vor dem deutschen Überfall liefen täglich rund 100 Personenanfragen ein.14

Dies waren wichtige Vorarbeiten, um die etwa 8000 politischen Verhaftungen im ersten Jahr der sowjetischen Herrschaft durchzuführen, die nur wenige hundert Opfer überlebten.15 Gleichzeitig wurde damit die Massendeportation vom 14. Juni 1941 vorbereitet, die über 
10 000 Menschen betraf. Die meisten der männlichen Deportierten wurden im Zuge dessen von ihren Familien getrennt und in Lager verschickt. In beiden Fällen kann als Hauptziel der Repressalien die Säuberung Estlands von »politisch unerwünschten oder sozial fremden Elementen« gesehen werden, meist einschließlich der näheren Angehörigen. Vor dem Hintergrund der Ereignisse in Ostpolen 1939/40 war es nur eine Frage der Zeit, wann die »sozial fremden Elemente« massenhaft im Baltikum »liquidiert« würden.

Für die Massendeportation im Juni 1941 waren 14 471 Personen erfasst worden, darunter 4665 Familienoberhäupter und 9115 Familienmitglieder sowie 691 Kriminelle und Prostituierte. Für die Familienoberhäupter bedeutete dies Verhaftung, Konfiszierung des Besitzes, Einweisung in ein Lager (für fünf bis acht Jahre) sowie 20 Jahre Verbannung. Ihre Angehörigen fielen in die Kategorie der auf administrativem Weg für 20 Jahre Verbannten. Ein bloßer Verwaltungsakt führte in diesem Fall zur Deportation. Wer diesem Schicksal entronnen war, sollte im Rahmen der alltäglichen operativen Arbeit verhaftet werden. Zur selben Zeit wurden auch estnische Berufssoldaten in den Lagern in Värska und Petseri verhaftet. Im Zuge der Einverleibung der estnischen Streitkräfte als 22. Schützenkorps in die Rote Armee erfolgten zusätzlich regelmäßige Säuberungen von »ungeeigneten Offizieren«. Dessen ungeachtet verblieben im Korps immer noch zu viele »fremde und feindliche« Offiziere, derer man sich im Baltikum in einer gemeinsamen Aktion entledigte. Von den in Estland verhafteten 300 Militärs überlebten nur wenige die Lagerhaft in Norilsk.16

Mitunter wird das Argument vorgebracht, die Massendeportation am 14. Juni 1941 habe im Zusammenhang mit einem drohenden deutschen Angriff und der Ausschaltung einer möglichen »fünften Kolonne« der Nazis im Baltikum gestanden.17 Davon ist jedoch nicht auszugehen. Massendeportationen wurden in allen von den Sowjets 1939/40 annektierten Territorien durchgeführt, mitunter mehrfach, und die nötigen Vorbereitungsarbeiten im Rahmen der »operativen Arbeit« verschlangen entsprechend viel Zeit. Für Stalin kam der deutsche Überfall bekanntlich als böse Überraschung, das zeitliche Beieinanderliegen der Ereignisse war somit offensichtlich eher ein Zufall. Nur ein Fünftel der Deportierten in Estland waren Männer im wehrfähigen Alter von 20 bis 49 Jahren, von denen nur ein kleiner Teil zur Kategorie der »Nationalisten« gezählt werden kann. Das wichtigste Gegenargument liefern aber die zeitgenössischen Archivdokumente, die belegen, dass die Säuberung der neu angegliederten Gebiete beständig gefordert und auch durchgeführt wurde, Bedenken bezüglich deutscher Spione, Diversanten usw. aber kaum zum Ausdruck gebracht werden. Derartige Überlegungen wurden erst im Nachhinein als Rechtfertigung der Repressalien angeführt.

Mit dem Beginn des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion begann eine weitere Terrorwelle in den neu erworbenen Gebieten. Vernichtungsbataillone sollten das Hinterland der Front vor möglichen antisowjetischen Partisanen sichern, die es mitunter tatsächlich gab, doch oftmals kam es dabei auch zu Übergriffen auf die Bevölkerung.18 Weiterhin wurden auf Anordnung Lavrentij Berijas politische Gefangene, die nicht evakuiert werden konnten, hingerichtet.19 Die vorrückenden Deutschen sollten auf rund 2000 ermordete Terroropfer in Estland treffen, von denen viele starke Folterspuren aufwiesen.20 Dieser stalinistische Terror war es, der schließlich zu einer verstärkten Zusammenarbeit mit den deutschen Besatzern in Estland führte.21 Die Welle der Gewalt im Sommer 1941 kann allerdings nicht als eine sorgfältig geplante Säuberungsaktion angesehen werden, vielmehr waren es Panik und die Gegenwehr des bewaffneten Widerstands, die diese Gewalt eher spontan auslösten. Den Sowjets gelang es, vor ihrem Abzug noch rund 25 000 Personen zu evakuieren,22 viele davon auch gegen ihren Willen. Ende September 1941 wurden die estnischen Soldaten und Zwangsmobilisierten der Roten Armee schließlich auf Anordnung von Lev Mechlis, dem Leiter der politischen Verwaltung der sowjetischen Armee, in spezielle Arbeitslager eingewiesen,23 wo Tausende von ihnen starben.

Im sowjetischen Hinterland gingen die Vorbereitungen für eine zukünftige Säuberung Estlands wie auch für andere deutsch besetzte Gebiete nach der Evakuierung unvermindert weiter. Die Arbeit an der Kartothek der »politischen Färbungen« wurde in Kirov fortgesetzt, wohin die Sonderabteilung des Estnischen Staatsarchivs evakuiert worden war. Etwa 53 000 weitere Karten konnten dort erstellt werden. Als letzte Kategorie wurden Deutschbalten und Esten erfasst, die im Rahmen der Umsiedlung von 1939 bis 1941 das Land verlassen hatten, was als Vorbereitung ihrer möglichen Bestrafung betrachtet werden kann, sollten die Sowjets ihrer habhaft werden. Von Februar bis August 1944 hielt sich der Leiter dieser Abteilung des Staatsarchivs, Bernhard Veimer, in Leningrad auf, um Zeitungen aus dem besetzten Estland auf der Suche nach »antisowjetischen Elementen« durchzuarbeiten. Im Juli desselben Jahres wurden spezielle Verhaftungslisten zusammengestellt, und im Herbst 1944 gelang es den sowjetischen Sicherheitsorganen, ihrem Bestand rund 160 000 biografische Karteikarten hinzuzufügen, die von den Deutschen während der Okkupation erstellt worden waren und hauptsächlich Esten betrafen, die auf deutscher Seite gekämpft hatten.24 Schon Ende 1943, neun Monate vor dem Einmarsch in Estland, hatte das Volkskommissariat für Inneres der Estnischen SSR rund 400, die Staatssicherheit 170 Mitarbeiter.25

Als der Einmarsch begann, waren die Operativgruppen die Speerspitze der zukünftigen Säuberung. Im Rücken der sowjetischen Truppen sollten sie Verhaftungen vornehmen, Verräter und Agenten identifizieren oder die Zivilbevölkerung erfassen.26 Sofort nach der erneuten Okkupation Estlands setzte man auch die Arbeit an der Kartothek fort. Während der ersten Monate nach der »Befreiung« von den Deutschen hatte die »Säuberung der Republik von feindlichen Elementen« oberste Priorität. Bis zum April 1945 wurden 8909 Mitglieder von »militärisch-faschistischen und bourgeois-nationalistischen Organisationen« verhaftet, wie aus einem Bericht an Stalin über die Arbeit des Estland-Büros beim Zentralkomitee der VKP(b) hervorgeht.27 Spezielle Büros waren für alle drei baltischen Republiken als besondere Aufsichtsinstanzen eingerichtet worden, nachdem im Herbst die »baltische Frage« im Kreml auf der Tagesordnung gestanden hatte und Beschlüsse zum weiteren Vorgehen gefällt worden waren.28 Es fällt auf, dass im Rahmen dieser größten politisch motivierten Verhaftungswelle mit etwa 13 000 bis 15 000 Gefangenen der Fokus zuerst auf der Zusammenarbeit mit den Deutschen und deren Militärdienst gerichtet war, sich innerhalb weniger Monate aber auf die Ergreifung »bürgerliche Nationalisten« verlagerte. Galt es also anfangs, Kollaborateure und Kriegsverbrecher zu bestrafen, wurde es im weiteren Verlauf immer wichtiger, potenzielle Widerständler auszuschalten und die Gesellschaft von »bürgerlichen Nationalisten« zu säubern. Gleichzeitig wurden Kompromisse gemacht, indem mithilfe von Amnestien und Legalisierungen die Zahl der Untergetauchten verringert werden sollte. Anders als die Einwohner der »alten« Sowjetrepubliken wurden Balten, die im Rang eines einfachen Soldaten oder Polizisten auf deutscher Seite gekämpft hatten, nicht automatisch formell für diese Tatsache bestraft, sondern mussten im Regelfall in speziellen Bau- und Arbeitsbataillonen der sowjetischen Armee dienen. In den Jahren 1946/47 schickte man aus dem Baltikum stammende Kriegsgefangene (das »Sonderkontingent«) vor allem aus wirtschaftlichen Motiven wieder in die Heimatrepubliken, denn die Ölschieferindustrie und andere militärisch wichtige Unternehmen benötigten sie als günstige Arbeitskräfte.

In Estland herrschte ein großer Mangel an einheimischen Kadern, waren doch während der deutschen Okkupation fast alle Männer im wehrfähigen Alter auf deutscher Seite im Einsatz gewesen. Deshalb konnte hier nicht mit aller Konsequenz geurteilt werden. Viele Veteranen der deutschen Armee wurden jedoch trotzdem verhaftet, von denen die meisten nach den für die Balten geltenden Sonderregeln wahrscheinlich unschuldig waren. Mithilfe von unter Folter erzwungenen »Geständnissen« und kompromittierender Dokumente wurden sie dennoch verurteilt.29

Unmittelbar nach Ende der Kampfhandlungen 1944 kam es zu einer Welle spontaner Übergriffe sowjetischer Armeeangehöriger auf die estnische Zivilbevölkerung einschließlich Mord, Raub und Vergewaltigungen, worüber sich lokale Parteiinstanzen wiederholt in Tallinn beklagten. Laut der Statistik des Volkskommissariats des Inneren der Estnischen SSR waren sowjetische Soldaten sogar für einen Großteil der registrierten Verbrechen verantwortlich,30 hinzu kommen zahlreiche Taten, die gar nicht erst registriert wurden. Auch in der Nachkriegszeit fanden ethnische Säuberungen statt: Sämtliche verbliebene Deutschbalten wurden im Sommer 1945 deportiert, estnische Familienmitglieder durften mit ihnen in die Verbannung gehen. Dies betraf 407 Personen.31 Ingermanländer oder Finnen, die sich während des Krieges oder in der Nachkriegszeit in Estland angesiedelt hatten, wurden ebenfalls aus ethnischen Gründen verbannt, allerdings nicht im Rahmen einer Massenoperation. Sie mussten die Republik verlassen und sich an speziellen, ihnen zugewiesenen Orten ansiedeln.32 Nach dem Krieg wurden die Grenzen der Estnischen und der Lettischen SSR geändert und Gebiete an die Russische SFSR abgetreten. 1950 folgten hier weitere ethnische Säuberungsaktionen, die sich gegen Esten und Letten richteten. 1563 Menschen wurden deportiert.33

Doch der sowjetische Staat agierte oftmals auch reaktiv auf entstehende Probleme, die er selbst hervorgerufen hatte. Während der schwierigen Nachkriegszeit, die auch in Estland von weit verbreiteter Unterernährung und Elend begleitet und zu einem beträchtlichen Teil eine Folge der sowjetischen Wirtschaftspolitik war,34 versuchte man die ausufernde Kleinkriminalität durch Kampagnen-Justiz unter Kontrolle zu bringen.35 Ein noch besseres Beispiel für reaktives Verhalten ist der Kampf mit dem bewaffneten Widerstand, der sich erst aufgrund der Sowjetisierung und Unterdrückungsmaßnahmen herausgebildet hatte. Mit harten Maßnahmen, wie »Vernichtungsagenten« und Sondereinheiten der Staatssicherheit, aber auch lokal formierten Vernichtungsbataillonen, der Verhaftung von Familienangehörigen und einem gewissen Entgegenkommen in Form von Legalisierung und Amnestien versuchte man, des Problems Herr zu werden. In der unmittelbaren Nachkriegszeit erreichte der bewaffnete Widerstand seinen Höhepunkt und flammte später im Zusammenhang mit der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft noch einmal auf.36

Im Jahr 1947, als der sowjetische Staat die Situation in den neu angegliederten westlichen Grenzgebieten weitgehend kontrollierte und sich auch auf dem Land besser durchsetzen konnte, rückte die Frage der Kollektivierung der Landwirtschaft auf die Tagesordnung – eine wirtschaftspolitische Entscheidung. Durch eine drastische Erhöhung der Landwirtschaftssteuern und sonstigen Abgaben sollten die Bauern zum Eintritt in Kolchose gedrängt werden, während gleichzeitig der Prozess der Entkulakisierung einsetzte.37 Doch auch wenn zahlreiche Bauern wegen Nichterfüllung ihrer Abgabepflichten eingesperrt wurden oder ihre Höfe verließen, zeigte diese Politik praktisch keinen Erfolg. Daher entschied sich Stalin im Januar 1949, die Kollektivierung durch eine Massendeportation in den westlichen Grenzgebieten voranzutreiben: die Operation »Priboj«. Noch im selben Monat traf er sich mit den Führern der baltischen Sowjetrepubliken, um die Vorbereitungen für die Deportation im März 1949 voranzutreiben. Diese verfolgte drei Hauptziele: 1. die Beschleunigung der Zwangskollektivierung durch Einschüchterung der Bauern; 2. die Säuberung des Dorfes von »Kollaborateuren«, »Kulaken«, »Nationalisten«, »sozial fremden Elementen« und deren Familienangehörigen, oftmals nachdem das Familienoberhaupt bereits verhaftet worden war; 3. die Unterhöhlung der Unterstützung des Widerstandes durch die Deportation von Sympathisanten, Familienangehörigen von untergetauchten Personen oder Mitgliedern des Widerstandes. Rund 20 700 Personen wurden allein aus Estland deportiert, zumeist Frauen, alte Menschen und Kinder. Auf Basis bereits gesammelter Daten waren die Deportationslisten zuvor erstellt worden. Dafür wurden fast ebenso viele bewaffnete Kräfte und sowjetische Aktivisten eingesetzt wie Personen deportiert. In der Folge nahm die Kollektivierung erheblich an Geschwindigkeit zu.38 Ein im Baltikum verbreiteter Mythos wurde in diesem Zusammenhang allerdings inzwischen widerlegt: dass die Entscheidung zur Deportation vor allem vom Einfluss lokaler Aktivisten oder Denunzianten abhing. Heute weiß man, dass die Erstellung der Deportationslisten ein aufwändiger, zentral organisierter bürokratischer Vorgang war, dem hauptsächlich die Auswertung bereits vorhandener Unterlagen und Karteien zugrunde lag; Denunziationen machten dabei nur einen kleinen Teil aus.39

Während »Priboj« die größte organisierte Einzelmaßnahme blieb, gingen politisch motivierte Verhaftungen bis zum Tod Stalins unvermindert weiter. Nur etwa ein Prozent aller politischen Verhaftungen des sowjetischen Regimes in Estland fand danach statt. 1951 erfolgte die letzte Massendeportation in Estland, die der Zeugen Jehovas.40 Im Jahr 1950 setzte der »Estnische Fall« ein, wobei es sich anfangs nur um eine Säuberung der Parteispitze handelte. Der Kreml nutzte offenbar einen lokalen Machtkonflikt innerhalb der estnischen Parteiführung, um diese auszutauschen und ein Signal an andere Sowjetrepubliken zu senden. Später entfaltete die Kampagne vor allem eine lokale Dynamik und geriet zu einer Säuberung von Staat, Kultur und Bildungswesen, die bis 1952 andauerte und für die offenbar der neue estnische Parteiführer verantwortlich war.41

Fazit

Während zu Beginn der sowjetischen Herrschaft in Estland die Beseitigung der bisherigen nationalen Elite samt ihrer Familien im Mittelpunkt stand, sollten später zahllose weitere Kampagnen mit jeweils spezifischen Zielsetzungen folgen. Ob es sich um »Helfer der Deutschen«, »bürgerliche Nationalisten« oder ethnische Gruppen handelte, langfristiges Ziel war die gewaltsame Umgestaltung und Säuberung der Gesellschaft. Auch reaktive Maßnahmen wie im Kampf gegen den bewaffneten Widerstand oder Kampagnen zur Durchsetzung wirtschaftlicher Ziele wie der Zwangskollektivierung wurden durchgeführt. Zudem lassen sich Anhaltspunkte für eine Kompromisslösung erkennen, wie im Fall der ehemaligen Angehörigen estnischer militärischer Formationen auf deutscher Seite. Nicht alle Mitglieder einer potenziellen »Feind-Kategorie« wurden tatsächlich verfolgt, stattdessen erfolgte ein umfangreiches Sammeln von »Kompromat«, selbst bezüglich treuer Helfer des stalinistischen Regimes. Dagegen lassen sich nur relativ wenige Beispiele spontaner Gewalt belegen, wie sie vor allem bei Kriegsausbruch und nach der erneuten sowjetischen Okkupation stattgefunden haben. Tatsächlich handelte es sich bei den meisten Fällen von Repressionsmaßnahmen um von Moskau geplante und initiierte sowie mit sowjetischen Polizeimethoden umgesetzte Kampagnen. Die meisten Menschen wurden Opfer eines bürokratischen Vorgangs: der Auswertung vorhandener Akten und Karteien. So ordnete das Ministerium für Staatssicherheit der Estnischen SSR 1950 beispielsweise die Überprüfung von 42 118 Personen in Estland an, was vier Prozent der Bevölkerung entspricht.42 In allen 1939/40 neu angegliederten Territorien erfolgten ähnliche Säuberungswellen, deren Ausmaß und Dauer jedoch von den lokalen Umständen abhingen.

Nach Stalins Tod schwor der sowjetische Staat dem Massenterror ab, und das Niveau der Repressalien sank auf das anderer autoritärer Regime. Aber es bestand die nötige Infrastruktur und das notwendige Wissen war in den Archiven gespeichert, um jederzeit mit einer erneuten, groß angelegten Säuberung der Gesellschaft zu beginnen. Daher ist es auch kein Zufall, dass Akten der Opfer des stalinistischen Terrors ebenso wie die Unterlagen von Verdächtigen, die unbehelligt blieben, erstaunlich gut und umfangreich erhalten sind. Man hätte bei Bedarf stets auf sie zurückgreifen können.

Die wichtigsten Säuberungsmaßnahmen während des Stalinismus in Estland

Zeitraum

Säuberungs- oder Terrorwelle

1940–1941

Verhaftung der bisherigen Elite (8000)

Juni 1941

Massendeportation (10 000)

Sommer 1941

Übergriffe auf die Bevölkerung durch Vernichtungsbataillone, Erschießung von politischen Gefangenen (2000 Tote)

Herbst 1941

Estnische Soldaten der Roten Armee werden in Arbeitslager eingewiesen (34 000)

Herbst 1944–1945

Nachkriegssäuberung (13 000–15 000 Verhaftungen); Übergriffe von Soldaten auf die Zivilbevölkerung

1944–1953

Kampf gegen den bewaffneten Widerstand

1945–1950

Ethnische Säuberung: Deutsche, Ingermanländer und Finnen werden aus Estland deportiert bzw. ausgewiesen; Esten und Letten aus an Russland abgetretene Gebiete deportiert (insgesamt rund 12 000)

1946–1948

Kampf gegen Bagatelldelikte

1947–1949

Dekulakisierung

März 1949

Massendeportation zur Vorbereitung der Kollektivierung (20 700)

1950–1952

Estnischer Fall – Säuberung von Partei, Staat, Kultur und Bildungswesen

1951

Massendeportation der Zeugen Jehovas

1953

Tod Stalins und Ende des Massenterrors in der UdSSR

Anmerkung zu den Zahlen:

Die 47 000 Verhaftungen nach politischen Paragrafen sowie die 35 000 Deportierten und die 34 000 in Arbeitslager eingewiesenen Soldaten der Roten Armee sind hinlänglich dokumentiert. Weiterhin wurden mindestens 20 000 Menschen repatriiert und mussten ein Filtrationslager durchlaufen.43 Wie viele Einwohner Estlands exakt in anderen Arbeitslagern oder Arbeitsbataillonen waren, ist unbekannt. Hierbei handelte es sich um ehemalige Soldaten, die auf deutscher Seite gekämpft hatten, repatriierte Zivilisten oder nach Bagatellvergehen Verurteilte. Die Anzahl ausgewiesener Ingermanländer und Finnen ist ebenfalls nicht bekannt, sie dürfte aber größer als 10 000 gewesen sein. Da einige Personen in mehr als einer Kategorien auftauchen, muss man von etwa 130 000 bis 150 000 Einwohnern Estlands ausgehen, die stalinistische Lager oder Gefängnisse durchlaufen haben oder deportiert wurden. Die Dokumentation der Todesfälle ist für einige Opfergruppen ungenügend, für andere recht genau. Schätzungsweise 40 000 Personen verloren im Lager, im Gefängnis oder in der Verbannung ihr Leben oder wurden hingerichtet.


1 Zur Geschichte Estlands während des Stalinismus siehe Romuald Misiunas/Rein Taagepera: The Baltic States. Years of Dependence, 1940–1990, 2. Aufl. London 1993; Jüri Ant: Eesti 1939–1941: rahvast, valitsemisest, saatusest [Estland 1939–1941: Über das Volk, das Regieren und das Schicksal], Tallinn 1999; Olaf Mertelsmann (Hg.): The Sovietization of the Baltic States, 1940–1956, Tartu 2003; ders. (Hg.): Vom Hitler-Stalin-Pakt bis zu Stalins Tod. Estland 1939–1953, Hamburg 2005; Toomas Hiio/Meelis Maripuu/Indrek Paavle (Hg.): Estonia 1940–1945: Reports of the Estonian International Commission for the Investigation of Crimes Against Humanity, Tallinn 2006; Olaf Mertelsmann: Der stalinistische Umbau in Estland. Von der Markt- zur Kommandowirtschaft, Hamburg 2006; David Feest: Zwangskollektivierung im Baltikum. Die Sowjetisierung des estnischen Dorfes 1944–1953, Köln 2007; Tõnu Tannberg (Hg.): Eesti NSV aastatel 1940–1953. Sovetiseerimise mehhanismid ja tagajärjed Nõukogude Liidu ja Ida-Euroopa arengute kontekstis [Die Estnische SSR in den Jahren 1940–1953. Mechanismen der Sowjetisierung und ihre Folgen im Kontext der Entwicklungen in der Sowjetunion und in Osteuropa], Tartu 2007; Elena Zubkova: Pribaltika i Kreml’ 1940–1953 [Das Baltikum und der Kreml 1940–1953], Moskau 2008; Tynu [Tõnu] Tannberg: Politika Moskvy v respublikach Baltii v poslevoennye gody (1944–1956): Issledovanija i dokumenty [Die Politik Moskaus in den baltischen Republiken in den Nachkriegsjahren (1944–1956): Forschung und Dokumente], Tartu 2008; Toomas Hiio/Meelis Maripuu/Indrek Paavle (Hg.): Estonia since 1944: Reports of the Estonian International Commission for the Investigation of Crimes Against Humanity, Tallinn 2009; Meelis Maripuu (Hg.): Sõja ja rahu vahel II. Esimene punane aasta [Zwischen Krieg und Frieden II. Das erste rote Jahr], Tallinn 2010.

2 Siehe Tobias Privitelli: Irredentism, Expansion and the Liberation of the European Proletariat: Stalin’s Considerations on How to Bring Communism to the Western Neighbors of the Soviet Union, 1920–1941, Diss. phil., Universität Bern 2008, S. 320.

3 Erich Kaup: Andrei Ždanovist ja tema missioonist Eestisse 1940. aasta suvel [Von Andrei Ždanov und seiner Mission in Estland im Sommer 1940], in: Tuna 8 (2005), H. 3, S. 82. Die Notizen und weitere Dokumente aus Ždanovs kurzer Zeit in Estland sind ein exzellentes Beispiel für den Ablauf einer Sowjetisierung und befinden sich im persönlichen Bestand Ždanovs, in: Rossijskij gosudarstvennyj archiv social’no-političeskij istorii/Russisches Staatsarchiv für sozio-politische Geschichte (im Folgenden: RGASPI), fond 77.

4 Bericht Bočkarevs für Andrej Andreev, Sekretär des ZK der VKP(b), undatiert, wahrscheinlich Januar 1941, in: RGASPI, f. 17, o. 121, d. 52, Bl. 25–29.

5 Siehe Meelis Saueauk/Tõnu Tannberg: NKVD operatiivgrupp [Die Operativgruppe des NKVD], in: Maripuu (Hg.): Sõja ja rahu vahel II (Anm. 1), S. 414–416.

6 Siehe Olaf Mertelsmann/Aigi Rahi-Tamm: Soviet mass violence in Estonia revisited, in: Journal of Genocide Research 11 (2009), S. 308 f.

7 Die wichtigsten Arbeiten: Juhan Kahk (Hg.): World War II and Soviet Occupation in Estonia: A Damages Report, Tallinn 1991; Aigi Rahi: 1949. aasta märtsiküüditamine Tartu linnas ja maakonnas [Die März-
deportation 1949 in Stadt und Landkreis Tartu], Tartu 1996; Aigi Rahi-Tamm: Teise maailmasõja järgsed massirepressioonid Eestis. Allikad ja uurimisseis [Massenrepressionen in Estland nach dem Zweiten Weltkrieg. Quellen und Forschungsstand], Tartu 2004; Vello Salo (Hg.): The White Book: Losses inflicted on the Estonian Nation by Occupation Regimes 1940–1991, Tallinn 2005, Hiio/Maripuu/Paavle (Hg.): Estonia 1940–1945 (Anm. 1); Kristi Kukk/Toivo Raun (Hg.): Soviet Deportations in Estonia: Impact and Legacy: Articles and Life Histories, Tartu, 2007; Hiio/Maripuu/Paavle (Hg.): Estonia since 1944 (Anm. 1); Olev Liivik/Hiljar Tammela (Hg.): Uuemaid aspekte märtsiküüditamise uurimisest [Neue Aspekte bei der Erforschung der Märzdeportation], Tallinn 2009.

8 Am verlässlichsten sind die von Leo Õispuu seit 1996 herausgegebenen Listen, die teilweise auch statistisch bearbeitet sind und so die Dynamik der Repressalien nachvollziehbar machen wie z. B. Leo Õispuu (Hg.): Political Arrests in Estonia under Soviet Occupation, 2 Bde., Tallinn 1998 u. 2005.

9 Zur Historiografie siehe Aigi Rahi-Tamm: Nõukogude repressioonide uurimisest Eestist [Über die Erforschung der sowjetischen Repressionen], in: Tannberg (Hg.): Eesti NSV aastatel 1940–1953 (Anm. 1), S. 30–62.

10 Gerd Koenen: Utopie der Säuberung. Was war der Kommunismus?, Berlin 1998.

11 Siehe Paul Hagenloh: Stalin’s Police: Public Order and Mass Repression in the USSR, 1926–1941, Washington D.C. 2009; David R. Shearer: Policing Stalin’s Socialism: Repression and Social Order in the Soviet Union, 1924–1953, New Haven 2009.

12 Abschriften von Übersichten über politische Parteien in Estland und militärisch-faschistische Organisationen, datiert auf den 17. Juni 1940, den Tag des sowjetischen Einmarsches, in: RGASPI, f. 17, o. 121, d. 52, Bl. 60–84.

13 Siehe V. E. Korneev/O. N. Kopylova: Archivy na službe totalitarnogo gosudarstva (1918 – načala 40-ch gg.) [Archive im Dienst des totalitären Staates (1918 – Anfang der Vierzigerjahre)], in: Otečestvennye archivy 3 (1992), S. 21.

14 Siehe Aigi Rahi-Tamm: Arhiivid Nõukogude repressiivaparaadi teenistuses. »Poliitvärvingute« kartoteek Eestis 1940–1956 [Archive im Dienste des sowjetischen Repressionsapparates. Die Kartothek »politischer Färbungen« in Estland 1940–1956], in: Ajalooline Ajakiri (2009), H. 1/2, S. 123–154.

15 Siehe Aigi Rahi-Tamm: Human Losses, in: Salo (Hg.): The White Book (Anm. 7), S. 38.

16 Siehe Meelis Maripuu/Peeter Kaasik: The Deportations of June 1941, in: Hiio/Maripuu/Paavle (Hg.): Estonia 1940–1945 (Anm. 1), S. 363–390.

17 So Aleksandr Djukov: Mif o genocide. Repressii sovetskich vlastej v Ėstonii (1940–1953) [Der Mythos des Genozids. Die Repressalien der Sowjetmacht in Estland (1940–1953)], Moskau 2007, S. 61.

18 Siehe Indrek Paavle/Argo Kuusik: Destruction Battalions in Estonia, in: Hiio/Maripuu/Paavle (Hg.): Estonia 1940–1945 (Anm. 1), S. 469–487; Tiit Noormets (Hg.): Metsavennad Suvesõjas 1941. Eesti relvastatud vastupanuliikumine Omakaitse dokumentides [Waldbrüder im Sommerkrieg 1941. Estlands bewaffneter Widerstand in den Dokumenten des Selbstschutzes], Tallinn 2003.

19 Siehe Jörg Baberowski/Anselm Doering-Manteuffel: Ordnung durch Terror. Gewaltexzesse und Vernichtung im nationalsozialistischen und im stalinistischen Imperium, Bonn 2006, S. 76; siehe auch Bogdan Musial: »Konterrevolutionäre Elemente sind zu erschießen«. Die Brutalisierung des deutsch-sowjetischen Krieges im Sommer 1941, München 2000.

20 Siehe Meelis Maripuu/Argo Kuusik: Political Arrests and Court Cases from August 1940 to September 1941, in: Hiio/Maripuu/Paavle (Hg.): Estonia 1940–1945 (Anm. 1), S. 327.

21 Zur deutschen Okkupation siehe Seppo Myllyniemi: Die Neuordnung der baltischen Länder 1941–1944. Zum nationalsozialistischen Inhalt der deutschen Besatzungspolitik, Helsinki 1973; Alvin Isberg: Zu den Bedingungen des Befreiers. Kollaboration und Freiheitsstreben in dem von Deutschland besetzten Estland 1941 bis 1944, Stockholm 1992; Hiio/Maripuu/Paavle (Hg.): Estonia 1940–1945 (Anm. 1); Ruth Bettina Birn: Die Sicherheitspolizei in Estland, 1941–1944: Eine Studie zur Kollaboration im Osten, Paderborn 2006; Anton Weiss-Wendt: Murder without Hatred: Estonians and the Holocaust, Syracuse 2009.

22 Siehe Aigi Rahi-Tamm: Human Losses, in: Salo (Hg.): The White Book (Anm. 7), S. 38.

23 Siehe Peeter Kaasik: Formation of the Estonian Rifle Corps in 1941–1942, in: Hiio/Maripuu/Paavle (Hg.): Estonia 1940–1945 (Anm. 1), S. 886.

24 Siehe Olaf Mertelsmann/Aigi Rahi-Tamm: Cleansing and Compromise: The Estonian SSR in 1944–1945, in: Cahiers du Monde russe 49 (2008), S. 327.

25 Siehe Sitzung des Büros des Zentralkomitees der Estnischen KP(b), 24. und 28. Dezember 1943, Eesti Riigiarhiivi Filiaal/Filiale des Estnischen Staatsarchivs (ERAF) f. 1, n. 4, s. 97, l. 85–86.

26 Siehe Mertelsmann/Rahi-Tamm: Cleansing and Compromise (Anm. 24), S. 327.

27 Kopie des Berichts über die Arbeit des Estland-Büros des Zentralkomitees der VKP(b) im Zeitraum von 1. Januar bis 1. Mai 1945, 15. Mai 1945, RGASP, f. 598, o. 1, d. 2, l. 2–5.

28 Siehe Tõnu Tannberg: Moskva institutsionaalsed ja nomenklatuursed kontrollimehhanismid Eesti NSVs sõjajärgsetel aastatel [Moskaus institutionelle und Nomenklatur-Kontrollmechanismen in der Estnischen SSR in den Nachkriegsjahren], in: Tannberg (Hg.): Eesti NSV aastatel 1940–1953 (Anm. 1), S. 227 f.

29 Siehe Mertelsmann/Rahi-Tamm: Cleansing and Compromise (Anm. 24).

30 Siehe Bericht über die Tätigkeit der Miliz, 6. Januar 1945, ERAF, f. 1, n. 3, s. 435, l. 1.

31 Siehe Aigi Rahi-Tamm: Deportation of Individuals of German Nationality from Estonia in 1945, in: Hiio/Maripuu/Paavle: Estonia since 1944 (Anm. 1), S. 415–427.

32 Siehe Riina Reinvelt: Ingeri elud ja lood. Kultuurianalüütiline eluloouurimus [Ingermanländische Leben und Geschichten. Kulturanalytische Lebenslaufforschung], Tartu 2002. Diese Maßnahme ist bisher schlecht dokumentarisch belegt, und unser Wissen beruht zumeist auf den Berichten von Zeitzeugen. Eine Ausnahme bildet ein Schlüsseldokument, das die Umstände erläutert. Die Aktion wurde wie andere Säuberungskampagnen von Moskau initiiert. Siehe Oberst der Miliz Gonjaev, Stellvertreter des Innen-
ministers der ESSR, an den Sekretär des Zentralkomitees der Estnischen KP(b) Karotamm, 2. Juni 1948, ERAF f. 1, n. 7, s. 48, l. 7.

33 Siehe Tõnu Tannberg: Hilisstalinistlik ENSV [Die spätstalinistische ESSR], in: Ago Pajur/Tõnu Tannberg (Hg.): Eesti ajalugu VI. Vabadussõjast taasiseseisvumiseni [Estnische Geschichte VI. Vom Freiheitskrieg bis zur Wiederherstellung der Unabhängigkeit], Tartu 2005, S. 278.

34 Siehe Olaf Mertelsmann: Alatoitumuse tekitamine põllumajanduslikult rikkas piirkonnas: stalinistlik toiduainetega varustamise poliitika 1940. aastate Eestis [Die Erzeugung von Unterernährung in einem landwirtschaftlichen Überflussgebiet: stalinistische Ernährungspolitik in den Vierzigerjahren in Estland], in: Ajalooline Ajakiri 2010, H. 2, S. 79–99.

35 Siehe Yoram Gorlizki: Rules, Incentives and Soviet Campaign Justice After World War II, in: Europe-Asia Studies 51 (1999), S. 1245–1265.

36 Zum Widerstand und seiner Bekämpfung siehe Mart Laar: War in the Woods: Estonia’s Struggle for Survival, 1944–1956, Washington 1992; Arvydas Anušauskas (Hg.): The Anti-Soviet Resistance in the Baltic States, Vilnius 1999; Tõnu Tannberg: Relvastatud vastupanuliikumine Eestis aastal 1944–1953 julgeolekuorganite statistika peeglis [Die bewaffnete Widerstandsbewegung in Estland 1944–1953 im Spiegel der Statistik der Sicherheitsorgane], in: Tuna 2 (1999), H. 1, S. 24–30; Tiit Noormets/Valdur Ohmann (Hg.): Hävitajad. Nõukogude hävituspataljonid Eestis 1944–1954. Dokumentide kogumik [Vernichter. Sowjetische Vernichtungsbataillone in Estland 1944–1954. Dokumentenedition], Tallinn 2006; Pearu Kuusk: Nõukogude võimu lahingud Eesti vastupanuliikumisega. Banditismivastase Võitluse Osakond aastatel 1944–1947 [Gefechte der Sowjetmacht mit der Widerstandsbewegung Estlands. Die Abteilung für den Kampf gegen des Banditentum 1944–1947], Tartu 2007; Elena Zubkova: »Lesnye brat’ja« v Pribaltike: vojna posle vojny [»Waldbrüder« im Baltikum: Krieg nach dem Krieg], in: Otečestvennaja istorija 51 (2007), H. 2, S. 74–90, H. 3, S. 14–30; Alexander Statiev: The Soviet Counterinsurgency in the Western Borderlands, Cambridge 2010.

37 Siehe Rein Taagepera: Soviet Collectivization of Estonian Agriculture: The Taxation Phase, in: Journal of Baltic Studies 10 (1979), S. 263–282; Anu Mai Kõll: Tender Wolves: Identification and Persecution of Kulaks in Viljandimaa, 1940–1949, in: Mertelsmann (Hg.): The Sovietization of the Baltic States (Anm. 1), S. 127–149; Indrek Paavle: Vili ja munad režiimi teenistuses. Sundandam 1940. aastate Eesti külas [Getreide und Eier im Dienst des Regimes. Zwangsabgaben im estnischen Dorf der Vierzigerjahre], in: Ajalooline Ajakiri 2009, H. 1/2, S. 213–229.

38 Siehe Rein Taagepera: Soviet Collectivization of Estonian Agriculture: The Deportation Phase, in: Soviet Studies 32 (1980), S. 379–397; Rahi: 1949. aasta märtsiküüditamine (Anm. 7); Heinrihs Strods/Matthew Kott: The File on Operation »Priboi«: A Re-Assessment of the Mass Deportations of 1949, in: Journal of Baltic Studies 33 (2002), S. 1–36; Feest: Zwangskollektivierung im Baltikum (Anm. 1); Zubkova: Pribaltika i Kreml’ (Anm. 1), S. 165–190; Aigi Rahi-Tamm/Andres Kahar: Deportation Operation Priboy in 1949, in: Toomas Hiio/Maripuu/Paavle (Hg.): Estonia since 1944 (Anm. 1), S. 429–460; Olaf Mertelsmann: Searching for Reasons of the Forced Collectivization in the Baltic Republics, in: Dzintars Ērglis (Hg.): Occupation Regimes in the Baltic States 1940–1991, Riga 2009, S. 634–640.

39 Siehe Liivik/Tammela (Hg.): Uuemaid aspekte märtsiküüditamise uurimisest (Anm. 7).

40 Siehe Rahi-Tamm/Kahar: Deportation Operation Priboy in 1949 (wie Anm. 38), S. 450 f.

41 Siehe Jelena Subkowa: Kaderpolitik und Säuberungen in der KPdSU (1945–1953), in: Hermann Weber/Ulrich Mählert (Hg.): Terror. Stalinistische Parteisäuberungen 1936–1953, Paderborn 1998, S. 187–236; Olaf Kuuli: Sotsialistid ja kommunistid Eestis 1917–1991 [Sozialisten und Kommunisten in Estland 1917–1991], Tallinn 1999, S. 95–106; Elena Zubkova: Fenomen »mestnogo nacionalizma«: »Ėstonskoe delo« 1949–1952 godov v kontekste sovetizacii Baltii [Das Pänomen des »örtlichen Nationalismus«: »Die estnische Affäre« der Jahre 1949–1952 im Kontext der Sowjetisierung des Baltikums], in: Otečestvennaja istorija 10 (2001), S. 89–102; Feest: Zwangskollektivierung im Baltikum (Anm. 1), S. 427–439; Zubkova: Pribaltika i Kreml’ (Anm. 1), S. 300–319; Olev Liivik: »The Estonian Affair« in 1949–1952 and the 8th Plenary Session of the Central Committee of the Estonian Communinist (Bolshevist) Party in 1950, in: Hiio/Maripuu/Paavle (Hg.): Estonia since 1944 (Anm. 1), S. 131–149.

42 Siehe Telegramm von Ivanov, Stellvertretender Minister für Inneres der ESSR, an Pavlov, Stellvertretender Abteilungsleiter im sowjetischen Innenministerium, 9. August 1951, ERAF, f. 17/1, n. 1, s. 180, l. 106.

43 Indrek Jürjo: Pagulus ja Nõukogude Eesti. Vaateid KGB, EKP ja VEKSA arhiividokumentide põhjal [Das Exil und Sowjetestland. Anblicke auf Basis der Archivdokumente von KGB, EKP und VEKSA], Tallinn 1996, S. 16 f.

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