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Neues Interesse an alten Ideen von Häretikern? Überlegungen zur aktuellen Wiederentdeckung von Abweichler-Meinungen im stalinistischen Kommunismus an den Beispielen Trotzkismus und Anarchismus

JHK 2012 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 357-370 | Aufbau Verlag

Autor/in: Hermann Weber

Ketzer gab es in fast allen Bewegungen, ob von religiöser, ideologischer oder politischer Art. Das gilt auch für die Geschichte des Kommunismus.1 Divergenzen spielten schon in den Anfängen der kommunistischen Organisationen bei den politischen und ideologischen Auseinandersetzungen eine große Rolle. Im Stalinismus sind Abweichungen nicht nur zu einem Kampfbegriff instrumentalisiert, sondern im wahrsten Sinne des Wortes für Häretiker tödlich geworden.

In der marxistisch geprägten Arbeiterbewegung waren Debatten um Anarchismus und Revisionismus als Abweichungen schon früh hart und oft persönlich beleidigend. Jedoch blieben sie vom gemeinsamen Ziel bestimmt. Zu Lenins Zeiten wurde diese Form der Diskussion innerhalb der kommunistischen Parteien (KP) verschärft fortgeführt.

Mit dem Aufkommen und der folgenden Allmacht des Stalinismus war das Verhalten der Führung gegenüber Abweichungen von den Vorgaben Stalins abhängig. Abweichler wurden in den KPen und der Komintern zunächst insbesondere mit dem Bannfluch Trotzkismus bekämpft, verfemt, entfernt und schließlich liquidiert. Daran änderte sich auch nach der Ermordung Leo Trotzkis durch einen Agenten Stalins in Mexiko 1940 nichts.2

Gegenwärtig wächst das Interesse an den Anschauungen kommunistischer Ketzer. Darum soll hier der Blick auf bestimmte Strömungen, nämlich Trotzkismus und Anarchismus, gerichtet werden. Auf andere Abweichungen, etwa Rechtskommunismus, verschiedene linke Oppositionsgruppen, »Titoismus« sowie den »Luxemburgismus«, kann an dieser Stelle nur verwiesen werden.3

Die Aktualität des Themas beweisen vor allem neuere Veröffentlichungen und Diskussionen über Trotzki, deren Beschreibung einen Schwerpunkt dieses Beitrages bilden soll. Konzentration ist ebenfalls bei der Betrachtung des Anarchismus nötig. Aus Sicht des Marxismus-Leninismus war auch der Anarchismus eine Abweichung vom Kommunismus. Er soll hier auf den von Max Stirner geprägten Individualanarchismus begrenzt werden. Im Folgenden werden die theoretischen Positionen von Trotzki, aber auch von Stirner, sowie deren Entwicklung und Verbreitung näher untersucht. Schließlich sind die Gründe für das gewachsene Interesse an Häretikern zu prüfen.

Seit den blutigen Stalin’schen Säuberungen von 1936 bis 1938 gegen Kommunisten in der UdSSR galten Abweichler als Verbrecher. Der KPD-Verlag Neuer Weg in Berlin hatte 1945 den Kurzen Lehrgang der Geschichte der KPdSU in deutscher Sprache herausgebracht. In diesem Stalin zugeschriebenen Lügengebilde wurden Trotzkisten und andere Abweichler als »Scheusale«, als eine »Bande von Volksfeinden«, sogar als »Lakaien der Faschisten« beschimpft. Angeblich hatten Trotzkisten schon 1918 Lenin und Stalin ermorden wollen, »dieser Abschaum der Menschheit« bestand nach Stalin’scher Version »seit den ersten Tagen der Revolution« nur aus »Verschwörern« und »Spionen«. Die »Bande« sei nun »vernichtet«.4 Genau diese Verunglimpfung von Abweichlern befolgte ab 1948/49 die SED bei ihrer Stalinisierung.5 So verbreitete die SED-Zeitschrift Einheit im Mai 1949 die Schmähung, der »Trotzkismus« sei »übler Agentenunrat«. Und im zentralen Parteiorgan Neues Deutschland wurden Abweichler wie Ruth Fischer, Herbert Wehner und Erich Wollenberg als »gekaufte Agenten des amerikanischen Geheimdienstes« verleumdet; ähnlich Franz Borkenau, Ossip K. Flechtheim und andere.6

Bis zum Zusammenbruch der DDR blieb die SED bei ihrer stalinistischen Aufforderung, dass jeder Abweichler als Parteifeind zu bekämpfen sei. Auch wenn sich die Methoden der »Bekämpfung« änderten, gehörte diese stalinistische These zum Kern der Ideologie, war Bestandteil des Freund-Feind-Denkens, des Terrors.

Die SED machte stets Jagd auf Dissidenten in den eigenen Reihen. Sie wurden des »Sozialdemokratismus« oder »Titoismus«, insbesondere aber des Trotzkismus beschuldigt und galten als eine ständige Bedrohung der Parteidiktatur. Trotzki war für sie der böse Geist, der Leibhaftige, der Erzfeind in ihrer Ideologie und Politik.

Trotzkis Werk

Leo Trotzki war die Personifizierung des Trotzkismus. Allerdings bezeichneten Stalin und die Stalinisten fast alle Oppositionellen als Trotzkisten, die sie als Todfeinde bekämpften. Die tatsächlichen Trotzkisten aber existierten meist in kleinen Gruppen, manchmal als Sekten. Sie hatten sich im September 1938 unter der Führung Trotzkis in Frankreich zur IV. Internationale zusammengeschlossen.7 Die Mehrheit der Funktionäre stammte aus der kommunistischen Bewegung, sie waren aus der Partei ausgeschlossen worden oder ausgetreten. Für die stalinistisch-kommunistischen Parteien spielten diese Trotzkisten als Ketzer, als Feindbild eine Rolle. In der praktischen Politik hatten sie als Massenparteien jedoch nur in Ausnahmefällen Bedeutung (z. B. später in Ceylon und Bolivien).

Die überragende und dominierende Persönlichkeit dieser Internationale, deren wichtigster Theoretiker war Trotzki. Er war der Häretiker des Kommunismus Stalin’scher Prägung.8 Als ununterbrochen publizistisch Tätiger hinterließ er ein umfangreiches Œuvre, das in viele Sprachen übersetzt wurde. Bis zu seinem Sturz 1924 kamen die meisten seiner Arbeiten in den Verlagen der Kommunistischen Internationalen heraus. Danach erschienen viele seiner Werke, etwa über die Russische Revolution (im Verlag S. Fischer), und massenhaft Broschüren auch auf Deutsch. Natürlich sind Trotzkis Schriften von den Nazis unterdrückt worden.

Von 1945 bis 1949, unter den Besatzungsmächten, fanden seine Bücher in Deutschland kaum Verbreitung, es gab keine Neuauflagen. Das änderte sich insbesondere mit der Studentenrevolte 1968. Danach beschränkte sich die Bekanntheit der Texte Trotzkis vor allem auf seine Anhänger. Wissenschaftlich edierte Gesamtausgaben erschienen relativ spät: Eine englischsprachige Ausgabe kam zwischen 1969 und 1979 in 14 Bänden in New York heraus, seit 1978 wird eine französische Gesamtausgabe in Paris veröffentlicht (bisher 24 Bände).

Zwei trotzkistische Richtungen machen sich um die Verbreitung von Trotzkis Werk in deutscher Sprache schon länger verdient. Der frühere Verlag Arbeiterpresse (jetzt Mehring Verlag) hat in der Reihe »Trotzki-Bibliothek« viele seiner Arbeiten publiziert. Im ISP Verlag sind u. a. auch die letzten Bände seiner wissenschaftlich edierten Ausgabe Schriften herausgekommen. Sie erscheinen seit 1988, bisher liegen drei Bände in sieben Teilbänden vor.9 Der maßgebliche Herausgeber von wissenschaftlichen Editionen ist der wohl beste deutsche Kenner von Trotzkis Arbeiten, Helmut Dahmer.10 Von ihm stammt auch die informative kleine Broschüre Leo Trotzki – Leben und Schriften (Wien 2007).

Das erste Werk Trotzkis, das nach 1945 in Deutschland publiziert wurde, war dessen wichtige Stalin-Biografie. Sie erschien 1953 in der antikommunistischen Reihe »Verlag Rote Weißbücher«. Erst 1971 gab es im Rahmen der Debatten in Zusammenhang mit den Studentenunruhen eine zweite Auflage.11 Und 30 Jahre später kam es 2001 schließlich zu einer Neuauflage im Verlag Arbeiterpresse (eine zweite Auflage davon erschien 2006). Die Stalin-Biografie wurde häufig als subjektiv gefärbt und vom Hass diktiert angegriffen, Isaac Deutscher hielt sie für Trotzkis schwächstes Werk. Doch diese letzte Arbeit Trotzkis – Stalins Agent erschlug ihn beim Abfassen des Buches, es blieb unvollendet – ist eine bedeutende historische Leistung und wesentlich für die Einschätzung der Barbarei Stalins. Schon nach den offiziellen Entlarvungen des Diktators durch die Sowjetführer (1956 und vor allem 1961) wurde klar, wie wenig verzerrt das Bild war, das Trotzki von seinem Feind gezeichnet hatte.

Noch größere Verbreitung fand Trotzkis Tagebuch im Exil. Erstmals erschien es 1960 bei Kiepenheuer und Witsch in deutscher Sprache und wurde 1979 neu aufgelegt. Als Taschenbuch kam es bei dtv in großer Auflage 1962 und 1983 heraus.12 Im Tagebuch des Exilanten Trotzki aus dem Jahr 1935 sind neben politischen Bemerkungen über die damalige Lage auch persönliche Angaben zu finden. Trotzki hielt sich seinerzeit in Frankreich auf, bis er im Juni 1935 nach Norwegen reisen konnte, wo er auf Druck Moskaus isoliert leben musste. Im Dezember 1936 erlaubte ihm dann Mexiko die Einreise. Politisch interessant sind die im Tagebuch festgehaltenen Erinnerungen Trotzkis an Zusammenkünfte mit Lenin, generell aufschlussreich seine wenig überzeugenden Aussagen zum Terror.

»Zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution« (so der Umschlag) gab der S. Fischer Verlag 1967 erneut Trotzkis Geschichte der russischen Revolution heraus. Beide Bände erschienen 2010 in einer Neuauflage im Mehring Verlag.

In den Siebzigerjahren erschienen dann weitere Trotzki-Bücher und Broschüren. Damals konnte ich konstatieren: »Von Trotzkis Gesamtwerk fanden so drei Bereiche in der theoretischen Diskussion der sechziger und siebziger Jahre besondere Bedeutung: die Einschätzung der Sowjetunion, insbesondere die Stalinismus-Kritik, die Theorie der permanenten Revolution und die Einschätzung des Faschismus […] Es kam im Westen zu einer regelrechten Trotzki-Renaissance. Das hing freilich nicht nur mit seiner radikalkommunistischen Kritik zusammen. Trotzki zählte zu den großen politischen Schriftstellern seiner Zeit, die Sprache seiner Darstellungen ist verständlich. Vor allem aber weckte sein abenteuerliches Leben die Neugier an seiner Person.«13

Nachdem das allgemeine Interesse abebbte, wurde es ruhiger um Trotzki. Dass sich dies jedoch in letzter Zeit wieder ändert, belegen die »Hinweise auf die neueste Trotzki- und Stirner-Literatur« (2009 bis 2011) im Anhang (neben zahlreichen kleineren Schriften). Im Folgenden soll über diese Entwicklungen kurz referiert werden, um die sich daraus ergebenden Probleme zu benennen.

Interessant ist zunächst, dass sich nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Russland das fortsetzte, was in der Schlussphase der Regierung Gorbatschow begonnen hatte: Erstmals seit den Zwanzigerjahren wurden in der Sowjetunion wieder Trotzki-Texte veröffentlicht. Ähnlich verhielt sich die Nachfolgerin der SED, die PDS. Der ehemalige SED-Parteiverlag Dietz in Berlin edierte 1990 zwei Arbeiten Trotzkis: zum einen Stalins Verbrechen von 1936, ergänzt um ein um Objektivität bemühtes Nachwort von Peter Bachmann; zum anderen Trotzkis Terrorismus und Kommunismus aus dem Jahr 1920, das im Rahmen der Diskussionsreihe »Soziales Denken« von Hans-Jürgen Mende herausgeben wurde. Daneben kam Trotzkis Mein Leben als Lizenzausgabe des S. Fischer Verlages heraus. Für deutsche Kommunisten waren Schriften und Gedanken des Erzfeindes Trotzki bis dahin tabu. Dass ihre Nachfolger dann 1990 selbst Werke von Trotzki herausbrachten, schien sensationell und widerspiegelte die ideologische Unsicherheit. Doch bei den »Linken« im Osten ging genau wie im Westen Deutschlands nach der Vereinigung das Interesse an Trotzki zunächst zurück.

Dieser Trend hat sich geändert. Die allerjüngsten Veröffentlichungen sind vielfältig. Bei Trotzkis Denkzettel von 2010 handelt es sich um eine (veränderte) Auflage des bereits 1982 aus dem Englischen übersetzten Auswahlbandes. Das Buch bietet einen guten Überblick über viele Bereiche von Theorie und Politik, mit denen sich Trotzki befasst hatte. Es ist gut gegliedert und durch Hinweise des Herausgebers Helmut Dahmer sowie ein über 30-seitiges Sachregister glänzend erschlossen.

Dass es sich um keine kritische Ausgabe handelt, wird an vielen Stellen deutlich. Die Einleitung des Historikers Alan Woods (»Im Andenken Leo Trotzki«) zeigt dies ebenso wie die fehlenden Hinweise auf Trotzkis ambivalente Rolle in Russland seit 1917. Trotzki war natürlich der Hauptgegner Stalins und des Stalinismus. Doch in den ersten Jahren nach der Revolution 1917 gehörte er neben Lenin auch zu den Verantwortlichen, die im rückständigen Russland das Ideal einer neuen Gesellschaft realisieren wollten, allerdings nur als Teil der erwarteten Weltrevolution. Als diese ausblieb, griffen sie zum »roten Terror«. Den lehnten die meisten internationalen Sozialisten ebenso ab wie die Ausschaltung der Demokratie durch Lenin und Trotzki.

Das Buch Denkzettel enthält Auszüge aus Trotzkis Schrift Terrorismus und Kommunismus (1920). Sein Versuch, den bolschewistischen »roten« Terror zu rechtfertigen, war ganz im Sinne des damaligen Weltkommunismus. Das theoretische Organ der KPD, Die Internationale, bejubelte Ende 1920, dass »der Organisator des Sieges der Räterepublik, der Schöpfer der Roten Armee, Leo Trotzki« diese Haltung vertrat und die »Antiterrorschreiberei Karl Kautskys« bekämpfte.14 Doch Trotzkis Verhältnis zum Terror wird in Denkzettel fast ohne Erklärung abgedruckt. Mehr Auskunft gibt da die im Dietz Verlag erschienene Trotzki-Ausgabe, denn sie wurde zusammen mit Karl Kautskys Gegenschrift Von der Demokratie zur Staatssklaverei von 1921 herausgegeben. Für die PDS war diese Veröffentlichung 1990 überraschend, denn nun war zum ersten Mal beides vereint zu lesen: eine Schrift vom »Erzfeind« Trotzki und eine politische antibolschewistische Untersuchung vom »Renegaten« Kautsky.15

Lenin und Trotzki hatten 1918 den Kritiker Kautsky mit rüden Worten angegriffen. Bereits zuvor hatte aber auch Rosa Luxemburg die Unterdrückermethoden von »Lenin-Trotzki« zurückgewiesen, aus denen der Terror dann hervorging.16 Auf die etwas schwammige Rechtfertigung des bolschewistischen Terrors reagierte Kautsky gleichsam sarkastisch. Allerdings klingt es heute, 20 Jahre nach dem Ende des stalinistischen Kommunismus, fast prophetisch, wenn Kautsky gegen Trotzki gewandt vom »reaktionären Charakter« des Bolschewismus schreibt und die »Brutalität und Herrschsucht« des Bolschewismus als abstoßend verurteilt. Dies »bewirkt, dass er dahingehen wird, ohne etwa anderes zu hinterlassen, als Ruinen und Flüche«.

Der Teilabdruck in der Anthologie von 2010 zeigt, dass Trotzki seine Ideen zum Terror in dieser Form später so nicht wiederholte, sich aber auch nicht von seiner Haltung im Bürgerkrieg distanzierte. Sein Hang zur Rechthaberei wird darin offensichtlich. Doch darf nicht vergessen werden, dass Gewalt in terroristischen Formen nicht etwa der »Ideenwelt« Trotzkis entsprang, sondern eine Folge des barbarischen Ersten Weltkrieges war.

Gerade eine Textsammlung wie Denkzettel macht deutlich, dass Trotzki einer der vielseitigsten, eigenwilligsten, begabtesten, aber auch schillerndsten Revolutionäre des 20. Jahrhunderts war, eine charismatische Persönlichkeit. Viele seiner Gedanken weisen weit über die damalige Zeit hinaus, andere zeigen seinen Dogmatismus. Der Vorteil dieses Auswahlbandes liegt darin, dass dort nicht nur Trotzkis marxistische Auffassungen von Theorie und Politik nachzulesen sind, sondern auch seine Überlegungen zur Moral oder Gedanken zur Literatur.17

In Denkzettel sind auch Texte enthalten, die nach den 70-jährigen Erfahrungen seit der Ermordung Trotzkis in anderem Licht erscheinen. Im letzten Teil über »Visionen der Zukunft« stehen Sätze, die erschrecken. Etwa wenn Trotzki 1932 meint, in der neuen Gesellschaft »wird der Mensch sich selbst in Arbeit nehmen, in den Mörser, in die Retorte des Chemikers. Die Menschheit wird zum ersten Male sich selbst als Rohmaterial, bestenfalls als physisches und psychisches Halbmaterial betrachten.« Und er glaubte, dann werde der Mensch »einer neuen und glücklichen Rasse den Weg ebnen«. Eine ähnliche Vision hat Helmut Dahmer in einer anderen Trotzki-Auswahl schon vor sechs Jahren abgedruckt und für Denkzettel erneut ausgewählt.18 Bereits 1923 hatte Trotzki sich mit der zukünftigen Entwicklung der Menschheit beschäftigt und Utopien der »Gesellschaft der Zukunft« verfasst. Er träumte: »Der durchschnittliche Menschentyp wird sich bis zum Niveau eines Aristoteles, Goethe und Marx erheben.« Und danach verwendete er – entsprechend dem Zeitgeist – Begriffe wie »künstliche Auslese« und »Übermensch«. Solche, insbesondere nach den grässlichen Erfahrungen der NS-Barbarei, bedenklichen Thesen der Eugenik lassen erkennen, dass einige Ideen Trotzkis – wie die anderer bedeutender Persönlichkeiten – zeitbedingt sind und nicht überbewertet werden sollten. Auch Trotzki eignet sich nicht als Kultfigur.

Einerseits sind verschiedene Texte Trotzkis beeindruckende kritische Analysen, zum Kapitalismus, insbesondere seine bestechenden Aussagen zum Faschismus. Viele fruchtbare Ansätze, auch methodischer Art, finden sich in den Beiträgen zur sowjetischen Entwicklung und in seiner Stalinismus-Kritik. Andererseits gehört zu seinen Fehleinschätzungen die Vorstellung, die Sowjetunion bleibe eine Übergangsgesellschaft zum Sozialismus, oder die These, die UdSSR sei trotz Stalin ein »degenerierter Arbeiterstaat«. In seinen weltpolitischen Betrachtungen blieb Trotzki auf die Oktoberrevolution fixiert, hielt sie für beispielhaft für andere Länder, obwohl sie ein einmaliger Vorgang war.

Trotzkismus

Trotzkis Ideen sind durch ihre Rahmenbedingungen, die Entwicklung der kommunistischen Bewegung, insbesondere in Russland, zu begreifen. Zum Verständnis beitragen kann der Band von Wadim S. Rogowin Trotzkismus, der im Oktober 2010 erschienen ist, nachdem er 1992 bereits in russischer Sprache publiziert worden war. Der 1998 verstorbene Autor hatte in vorhergehenden Bänden schon Untersuchungen zu Stalinismus und Opposition vorgelegt.19 In Trotzkismus behandelt Rogowin die Periode von der Oktoberrevolution 1917 bis zum Parteitag 1927, der der Opposition »den Garaus machte«. Untersucht wird Trotzki in seiner Zeit, ebenso die Entstehung und Entwicklung des Trotzkismus. In diesem Zusammenhang sei auf die vom Autor angesprochene Frage verwiesen, wieso Trotzki, der seit 1917 immer nur in einem Atemzug mit Lenin genannt wurde, 1923 so rasch die Macht verlieren konnte. Erwähnt wird die – von Trotzki immer wieder betonte – Herrschaft der Sowjet-Bürokratie, benannt werden aber auch »Trotzkis Fehler«, die 1923 zum Sieg des Triumvirats (Sinowjew, Kamenew, Stalin) und damit zum raschen Aufstieg Stalins führten.

Auch ein anderer Faktor hatte zur Niederlage beigetragen, der nicht unerwähnt bleiben darf: Trotzkis »Antibolschewismus« bis 1917. Die alten Bolschewiki nutzten Trotzkis Streit mit Lenin bis zur Oktoberrevolution aus. Dieser Antibolschewismus, der nicht nur Trotzkis Theorie der permanenten Revolution betraf, sondern auch dessen Warnungen (ähnlich wie die Rosa Luxemburgs) vor Lenins Überzentralismus und die Befürchtungen vor den undemokratischen Zentralismus-Ideen der Bolschewiki,20 schien 1917 allerdings beendet. Während Lenin sich der Idee der permanenten Revolution von Trotzki angeschlossen hatte, bekannte sich dieser nunmehr zu den bolschewistischen Dogmen. In der Opposition gegen Stalin verharrte Trotzki fast unterwürfig bei seiner Gefolgschaft zu Lenin und blieb krampfhaft bei seinem Anspruch, der wahre Nachfolger Lenins zu sein. Das war zunächst nur ein strategischer Schritt, um aus der Außenseiterrolle herauszukommen. Doch Trotzkis bis zuletzt (auch bei der Gründung der IV. Internationale) immer wieder demonstriertes Bekenntnis zum Bolschewismus wird weder von Rogowin noch in Broués Trotzki-Biografie deutlich genug hervorgehoben, bleibt letztlich unerklärlich. Für den Trotzkismus ist dies ein Problem. Rogowin beschreibt die Entwicklung der linken Opposition, der Trotzkisten, in der Sowjetunion nur bis 1927. Die weitere Geschichte des Trotzkismus bis 1939 hatte er bereits in einem längeren Teil seines Bandes Weltrevolution und Weltkrieg dargestellt.21

2009 hat Helmut Dahmer in seinem Sammelband Divergenzen auch Artikel aus mehreren Jahrzehnten zu »Utopia« abgedruckt. Darin befasst er sich mit »Abweichlern« wie Bakunin, Orwell, Radek, Lukács, Bloch und natürlich auch Trotzki (»Feder und Schwert«). Dahmer hat einen bemerkenswerten Hinweis gebracht: »Außer ein paar Fachgelehrten und Sektierern liest niemand mehr Stalins Schriften oder die von Mao Zedong, keiner will sich mehr dieser Götzen erinnern. Trotzki aber lebt im Gedächtnis vieler Menschen fort als Revolutionär und Literat, als ein Mann der Feder und des Schwerts. Seine Autobiographie und seine Geschichte der russischen Revolution findet noch immer ihre Leser. Und sogar die IV. Internationale, die kleine revolutionäre Organisation […] hat bisher überlebt.«22

Solche Überlegungen lassen erkennen, dass die Vielzahl der Veröffentlichungen von und über Trotzki in jüngster Zeit nicht von ungefähr kommt. Das gilt auch für die Frage, Was ist der Trotzkismus?, die verschiedene Autoren in Broschüren versuchen zu beantworten.23

Zu einem öffentlichen Streit über Trotzki führten drei englischsprachige Trotzki-Biografien, die 2003 (Ian Thatcher), 2006 (Geoffrey Swain) und 2010 (Robert Service) erschienen sind und die den Trotzki-Anhänger David North zu einer streitbaren Verteidigung Leo Trotzkis veranlassten. Sein Buch wurde 2010 in englischer und deutscher Sprache veröffentlicht und macht deutlich, wie gegensätzlich Trotzki bis in unsere Tage bewertet wird. Die drei englischen Historiker sind nicht Kritiker im Sinne einer seriösen Trotzki-Biografie, wie sie seinerzeit Isaac Deutscher in einer dreibändigen Untersuchung vorlegte (die nun von allen drei neuen Autoren heftig angegriffen wird). Sie wollen vielmehr den »Mythos« Trotzki »entlarven« und die Bedeutung des Revolutionärs anzweifeln. Bei Service’ Gliederung fällt auf, dass er Trotzkis Rolle in der Revolution von 1905 (die von westlichen Historikern fast immer hervorgehoben wurde) im ersten Teil (1879–1913) nur in einem Unterkapitel von neun Seiten – bei einem Gesamtumfang von 600 Seiten – versteckt. Und noch erstaunlicher ist, wie Service in einem dritten Teil (1920–1928) Trotzkis Wirken im revolutionären Russland einfach mit dessen Absetzung und Verbannung verknüpft, was ganz offensichtlich seiner Absicht entspricht (ähnlich bei Thatcher oder Swain), Trotzki nur in negativem Licht darzustellen. Dies ist jedoch nichts Neues, denn im Stalinismus wurde Trotzki als Verbrecher diffamiert,24 von den Nazis als »jüdischer Bolschewist« verdammt, aber auch von konservativer Seite generell abgelehnt.

Die Trotzki-Biografie von Robert Service erfuhr zu Recht heftigen Widerspruch. Es ist abwegig, wenn Service die Autoren der anerkannten Standardwerke, Isaac Deutscher und Pierre Broué, als »Götzendiener« angreift, aber selbst lediglich eine Schmähschrift vorlegt. In seiner Widerlegung der Thesen von Service hat David North diesen als »Hasserfüllten« abqualifiziert, gleichzeitig in seiner Gegenschrift auch eine Fülle von sachlichen Fehlern nachgewiesen und eklatante Fehleinschätzungen benannt. Die Belege von Service sind oft unzuverlässig und schwer zugänglich. Manche der angegeben Quellen zeigen eher das Gegenteil der Behauptungen von Service. Inzwischen hat sich der Trotzki-Biograf Bertrand Patenaude in The American Historical Review der Kritik von North angeschlossen.25 Auch andere Historiker bezeichnen als Ziel der Arbeit von Service die Diskriminierung Trotzkis, wobei der Autor bedauerlicherweise vielfach auf Formeln zurückgreift, die aus der stalinistischen Propaganda bekannt sind. Angeprangert werden ebenfalls Passagen von Service (siehe S. 192, 202, 205), in denen er auch Argumente mit »Belegen« aus dem antisemitischen Lügensumpf übernimmt.

North wirft Service »Rufmord« vor. Er schreibt, dieser sei in seiner Stalin-Biografie von 2005 »mit dem sowjetischen Diktator und Massenmörder viel respektvoller« umgegangen als nun mit Trotzki.

Die neue Trotzki-Biografie von Bertrand Patenaude, im Dezember 2010 auch auf Deutsch erschienen, ist von ganz anderer Art.26 Der Autor legt Fakten vor, schildert anhand neuer Quellen Trotzkis Leben und erstmals bis ins Detail dessen mexikanisches Exil. Das Buch ist packend geschrieben, die Zeit in Mexiko von 1937 bis zu Trotzkis Ermordung 1940 wird »genauer und detailreicher als irgendwo zuvor erzählt«.27

Inzwischen dient das Schicksal Trotzkis wieder einmal als Romanvorlage. Der kubanische Schriftsteller Leonardo Padura hat in seinem Buch Der Mann, der Hunde liebte (kürzlich auch als Sensation in Kuba verbreitet) Trotzki als Hauptfigur neben seinem Mörder Ramón Mercader vorgestellt.28

Die Aktivitäten der Strömungen, die sich orthodox auf Trotzki berufen, kommen nicht nur in Darstellungen zu Trotzkis Theorie und Praxis zum Ausdruck, sondern ebenso in Lebensbeschreibungen führender trotzkistischer Funktionäre. Das zeigt beispielsweise eine umfangreiche Biografie über Ernest Mandel (1923–1995), einen der bedeutenden Trotzkisten der Zeit nach 1945. Das Werk von Jan Willem Stutje ist eine differenzierte Untersuchung des Lebens und Wirkens von Mandel in der trotzkistischen Bewegung Westeuropas.29

Als radikaler Politiker der IV. Internationale war Mandel in deren Alltag eingebunden. Er wird mit seinen Hauptwerken Marxistische Wirtschaftstheorie und Spätkapitalismus vorgestellt, ebenso wird seine Haltung zum Ende des stalinistischen Kommunismus thematisiert. Dessen Zusammenbruch erfolgte völlig anders als Trotzki und mit ihm Mandel erwartet hatten. Statt eines Sieges der Arbeiterbewegung kam es in einer schwachen Demokratie zu einem rüden Kapitalismus und der Dominanz des Finanzkapitals. Erfreulich für Mandel, dass sein Buch Trotzki als Alternative 1992 noch im Dietz Verlag publiziert wurde.

Im größeren Maße als andere Abweichungen im Kommunismus ist die Thematik Trotzkismus untersucht, und die Forschungen gehen weiter. Dass die Motive unterschiedlich und die Ergebnisse konträr sind, kann dabei nicht überraschen.

Eher ist schon erstaunlich, dass andere Häretiker, die z. B. zwischen Kommunismus und Anarchismus standen und oft als Anarchokommunisten bezeichnet werden, weit weniger intensiv bearbeitet, ja kaum »entdeckt« sind. Hier sei nur auf Franz Pfemfert verwiesen, der am Ende der Weimarer Republik mit Trotzki verbunden war. Seine Zeitschrift Die Aktion war das bedeutsame literarische Organ des Expressionismus und Pfemfert nach 1919 als Ketzer im Kommunismus bekannt.30 Dessen harsche und oft sarkastische Angriffe gegen alle organisierten Strömungen der Arbeiterbewegung, insbesondere aber die radikale Ablehnung des Stalinismus, darüber hinaus sein Einsatz gegen den Krieg, sind seltener im Gespräch. Allerdings liegt seit 2003 eine ausführliche Biografie über seine Frau, Alexandra Ramm-Pfemfert, vor. Sie hat fast alle antistalinistischen Werke Trotzkis übersetzt.31

Bemerkenswert für Pfemfert ist, dass er schon 1911, im ersten Jahrgang seiner Aktion, einen Beitrag des Anarchisten Max Stirner aus dessen Nachlass veröffentlichte und im Mai 1913 »Gedanken von Stirner«.

Anarchismus

Wie in der gesamten Arbeiterbewegung gab es auch im Anarchismus zahlreiche Richtungen. Ihr einheitliches Ziel war die Beendigung der Herrschaft von Menschen über Menschen, vor allem waren sie Gegner jeden Staates. Aber hinsichtlich Taktik und Organisierung einer anarchistischen Bewegung vertraten die herausragenden Theoretiker des Anarchismus, unter ihnen Pierre-Joseph Proudhon, Michail Bakunin, Peter Kropotkin, Gustav Landauer, Johann Most, voneinander abweichende Meinungen.

Der Anarchismus war vor allem in den romanischen Ländern verbreitet, gewann jedoch gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch weltweit Anhänger, etwa in den USA oder Russland.32 Die Literatur über seine verschiedenen Strömungen ist umfangreich.33 Peter Lösche hat 1977 einen Forschungsüberblick vorgelegt,34 der zeigt, wie schwierig es ist, die vielfältigen Richtungen des Anarchismus zu beschreiben und damit auch zu unterscheiden. Seine allgemeine Definition lautet: »Ziel des Anarchismus ist die herrschaftsfreie Gesellschaft, die Anarchie. An die Stelle der Herrschaft von Menschen über Menschen tritt die Selbstorganisation der autonomen Persönlichkeiten, die ihre humanen Potentialitäten voll realisiert haben. Diese Gesellschaft ist nicht chaotisch, sondern nach dem Prinzip des Föderalismus organisiert.«35

Lösche geht auf den Anarchismus in Deutschland, Spanien und Russland ein, untersucht auch den Rätekommunismus und Syndikalismus, schließlich den »aktuellen Anarchismus« bis in die Siebzigerjahre. Auf seine Arbeit kann hier verwiesen werden.

Anarchisten nahmen bis zum Ende des Ersten Weltkrieges und dann in der Weimarer Republik auf der linksradikalen Seite der Arbeiterbewegung einen festen Platz ein.36 Nach 1918 gab es Verbindungen zwischen Linkskommunisten, Syndikalisten und Anarchisten. Die KPD bekämpfte vor allem die Anarchokommunisten. Sie befürchtete ideologische Überschneidungen zum ultralinken Flügel ihrer Partei. Mit dem hier zu untersuchenden Individualanarchismus37 im Sinne Max Stirners hatten die Parteikommunisten wenig Kontakt und daher auch – außer den üblichen Beschimpfungen – kaum etwas mit ihm zu tun.

Max Stirner und der Individualanarchismus

Darstellungen des Anarchismus messen Max Stirner und seinem Werk Der Einzige und sein Eigentum von 1844 eine mehr oder minder bedeutende Rolle zu.38 In der breiten Öffentlichkeit ist Stirner heute beinahe unbekannt. Doch werden seine Thesen inzwischen in kleinen Kreisen mehr und mehr diskutiert. Hier zunächst kurze Anmerkungen zur Person und zum Werk Stirners.

Max Stirner wurde 1806 in Bayreuth als Johann Caspar Schmidt geboren, stammte aus einfachen Verhältnissen und verlor früh den Vater. Nach dem Besuch des Gymnasiums studierte er u. a. in Berlin bei Hegel, gehörte zu den Linkshegelianern und schloss sich dort den sogenannten Freien an. Diese galten als »äußerste Linke«, waren politisch radikal und antireligiös eingestellt. Zu ihnen zählten Ludwig Feuerbach, die Brüder Bruno und Edgar Bauer und weitere damals bekannte radikale Schriftsteller, daneben ebenso Theoretiker wie Friedrich Engels. Von Letzterem stammt die einzige Zeichnung Stirners, auf der dessen hohe Stirn zu sehen ist, der er sein Pseudonym verdankt. Eine Fotografie von ihm existiert nicht.39 Stirner veröffentlichte außer seinem Hauptwerk Der Einzige und sein Eigentum nur verhältnismäßig wenig. Spektakulär war seine von den »Freien« organisierte Hochzeit mit Marie Dähnhardt im Oktober 1843, bei der dem Pfarrer nicht die üblichen Goldringe, sondern Messingringe zur Trauung übergeben wurden.40 Als sich Stirners vermögende Frau bereits 1847 von ihm trennte, waren »zunehmende Verarmung und Not« für ihn die Folge. 1853 und 1854 musste er sogar mehrere Monate ins Schuldgefängnis.41 Noch keine fünfzig Jahre alt, starb Stirner 1856 in Berlin, wo er auch begraben ist. Jahrzehntelag gerieten seine Person und sein Werk danach in Vergessenheit. Die zweite Auflage seines Buches erschien 1882 ohne Widerhall. Doch zehn Jahre später, dank seines Anhängers John Henry Mackay, wurde der Band 1893 erstmals bei Reclam in einer preiswerten Auflage von 10 000 Exemplaren verlegt.42 Es kam zu einer Renaissance des Philosophen Stirner, seine Arbeit fand nun auch international Verbreitung (Übersetzungen u. a. 1900 in Paris, 1902 in Moskau, dort auch noch 1918, 1907 in New York).

Stirner, der umstritten blieb, wurde mit vielerlei Bezeichnungen belegt. Zusammenfassend hat der Stirner-Kenner Bernd A. Laska festgehalten: »Weithin bekannt sind sein Name und der Titel seines einzigen Buches, ›Der Einzige und sein Eigentum‹ (1844) – dazu einige seiner Sentenzen, z. B. ›Mir geht nichts über Mich‹ oder ›Ich hab’ Mein’ Sach’ auf Nichts gestellt‹. Historisch wird Stirner meist als Hegelschüler, als Links- bzw. Junghegelianer gesehen, systematisch als Egoist, Nihilist, Nominalist, Solipsist oder sonst wie extremer Individualist, politisch als Anarchist. Oft wird er auch als Vorläufer Nietzsches und verschiedener existenzphilosophischer Denker gesehen.«43

Stirners Werk Der Einzige und sein Eigentum ist ein radikales Bekenntnis zum Individualismus. Die Einleitung »Ich hab’ Mein’ Sach’ auf Nichts gestellt« wurde später als Nihilismus und im 
20. Jahrhundert auch als Idee der Existentialisten bewertet. Das Buch zeigt Stirners Kritik an damaligen Vorstellungen der Linkshegelianer. Es war sein Versuch der »Revolutionierung des Bewusstseins«, so der Marxist Max Adler. Meine eigene frühe Einschätzung Stirners war vom Zufall geprägt – ich hatte das Werk schon 1947 von dem ehemaligen Anarchisten Eduard Bischoff geschenkt bekommen – und richtete sich gegen den Kollektivismus auf der SED-Parteihochschule: Deshalb gab ich mir dort fast provokativ den Namen Max Stirner, den freilich kaum einer kannte.44

Stirners frühere Mitstreiter (Feuerbach, Bauer u. a.) kritisierten sein Buch. Besonders interessant ist indes, dass Friedrich Engels zunächst bei aller Kritik an dem Werk im November 1844 an Marx schrieb, dass Stirner konsequent sei, weil er »den Einzelnen als Atheist auch über Gott stellte«. Und Engels urteilte, das Buch sei »wichtig«: »Wir müssen es nicht beiseit werfen, sondern darauf fortbauen.« Es sei »eine Kleinigkeit, dem Stirner zu beweisen, dass seine egoistischen Menschen notwendig aus lauter Egoismus Kommunisten werden müssen«. Allerdings monierte Engels Stirners Abstraktion: Er »hat offenbar von den Freien am meisten Talent, Selbstständigkeit und Fleiß, aber bei alledem purzelt er aus der idealistischen in die materialistische Abstraktion und kommt zu nichts«.45

Die direkte Antwort von Marx ist nicht bekannt, ganz offensichtlich konnte er Engels jedoch umstimmen, denn beide haben Stirner in ihrer Deutschen Ideologie als »St. Max« und »Sancho« sarkastisch abgekanzelt. Ihr Manuskript, das verloren schien, konnte erst 1932 in der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) abgedruckt werden. Darin wurde, neben Kritik an Feuerbach, Bauer und anderen, Stirner lang und breit »verrissen«, die Auseinandersetzung mit ihm umfasste zwei Drittel des Bandes.46 In der Folge war der »Beitrag marxistischer Autoren zur Anarchismusforschung gering«.47 Bei den Kommunisten geriet Stirner fast ganz aus dem Blickfeld.

Das gilt für den gesamten Anarchismus. Von Stalin stammt die Broschüre Anarchismus oder Sozialismus? (1906),48 worin er (in der ihm eigenen simplen Art) kaum auf die tatsächlichen Ideen der Anarchisten einging. Wie die Abweichler insgesamt, werden die Anarchisten in der Geschichte der KPdSU (B), Kurzer Lehrgang als »kriminelle, verbrecherische und provokatorische Elemente aus dem Abschaum der Gesellschaft« (S. 245) wüst beschimpft, Stirner wird totgeschwiegen. Als anarchistische Ideen in den Siebzigerjahren im Zuge der Studentenrevolte in der Bundesrepublik wieder aktuell wurden, setzte sich auch die SED mit »Anarchismus heute« polemisch auseinander. Dabei wurde die »Geschichte des Anarchismus« mehr als dürftig behandelt.49 Ganz kurz wird auch »Max Stirner (1806–1865) [sic!]« erwähnt, der »einen extremen Subjektivismus und Individualismus vertrat«.50

Tatsächlich gab es zu Beginn des Kommunismus auch differenziertere Überlegungen zum Anarchismus. Lenin ging z. B. in Staat und Revolution auf Georgi Plechanows Broschüre Anarchismus und Sozialismus ein. Er lobte das darin enthaltene »wertvolle Material zur Geschichte der Ideen Stirners, Proudhons u. a. m.«, wandte sich aber gegen »plumpe« Verurteilungen von Anarchisten und des Anarchismus.51

Unter linken Intellektuellen und Künstlern fand Stirner vor und nach der deutschen Novemberrevolution von 1918 durchaus Sympathisanten. Beispielsweise schätzten ihn etwa Erich Mühsam oder der Schriftsteller Oskar Maria Graf sehr. Dieser schrieb: »Das Schlagwort darin [in Stirners Einziger, H. W.]: ›Mir geht nichts über mich‹ […] nahm ich auf wie ein Evangelium.«52 Und sein Freund, der Maler Georg Schrimpf, soll ganze Passagen aus Stirners Buch auswendig rezitiert haben.

Doch nach 1929 erschien jahrzehntelang keine deutsche Ausgabe mehr von Stirners Werk, es war still um ihn geworden. Erst über 40 Jahre später, 1972, veröffentlichte Reclam in Stuttgart wieder einen preiswerten Band.53 Allerdings hatte es bereits 1968 eine Neuauflage des Werkes gegeben.54 Deren Herausgeber Hans G. Helms war jedoch ein Anhänger von DKP-Thesen und ein Stirner-Hasser. Dennoch sieht Laska, trotz der vorgenommenen Verkürzungen des Textes, damit eine »zweite Stirner Renaissance« eingeleitet.55 Diese schwankte zwar, aber Stirner blieb im Gespräch. In den Achtzigerjahren war z. B. in Freiburg im Breisgau eine Mackay-Gesellschaft aktiv,56 und ab 1993 publiziert die Mackay-Gesellschaft Berlin-Hamburg die Zeitschrift espero als Forum für libertäre Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung.

In jüngster Zeit wächst das Interesse am Häretiker Stirner, wenn auch nicht so stark wie am Abweichler Trotzki. Während es seit Jahrzehnten organisierte Gruppen von Trotzkisten gibt, die einerseits in der Tagespolitik aktiv sind, aber zugleich die Ideengeschichte Trotzkis durch Veröffentlichung seiner Schriften und Diskussionen weitertreiben, gibt es zu Stirner keine vergleichbaren Traditionsorganisationen. Doch wie schon früher existieren Gesellschaften. Ähnlich wie die seines Anhängers Mackay besteht seit 2002 eine Max-Stirner-Gesellschaft, und in Leipzig gibt es ein Stirner-Archiv. Eine ganze Reihe von Zeitschriften führen Diskussionen über dessen Ideen. Von 1998 bis 2006 brachte das Leipziger Stirner-Archiv die Zeitschrift Der Einzige heraus, seit 2008 erscheint das gleichnamige Jahrbuch. Dieses versammelt bemerkenswerte Artikel, z. B. 2010 über den Anarchisten Ret Marut, später bekannt als Schriftsteller B. Traven und dessen Stirner-Rezeption.57 2011 beschäftigen sich die Beiträge u. a. mit Stirners Einfluss auf die Literatur.

Mittlerweile wird Max Stirners Werk wieder häufiger in deutscher Sprache publiziert, z. B. 2004 in Nürnberg und 2005 in Erftstadt (diese Ausgabe wurde mit Recht kritisiert, weil auf den wichtigen Eingangsteil »Ich hab’ Mein’ Sach’ auf Nichts gestellt« verzichtet wurde). Vom Reclam-Band von 1981 erschienen weitere Auflagen. 2009 gab Bernd Kast eine ausführlich kommentierte Studienausgabe heraus.58 Darin wird sogar Stirners Leitmotiv »Ich hab’ Mein’ Sach’ auf Nichts gestellt« als Zeile eines Goethe-Gedichts von 1806 nachgewiesen. Die umfangreiche Untersuchung von Alexander Stulpe hat Laska kritisch rezensiert.59 Selbst in der Presse wird Stirner zur Kenntnis genommen, z. B. bereits 1984 in der Zeit, 2003 in Neues Deutschland sowie 2009 im ehemaligen FDJ-Organ Junge Welt.60

Seitdem Die Deutsche Ideologie von Marx und Engels in der Wissenschaft erneut Aufmerksamkeit erhält, rückt auch Stirner wieder stärker in den Blick: Anlässlich des 125. Todestages von Karl Marx fand 2008 ein Workshop der Friedrich-Ebert-Stiftung statt, im Rahmen dessen Ulrich Pagel über die Stirner-Rezeption von Marx in der Deutschen Ideologie referierte.61 Zum gleichen Thema lieferte auch Ariane Fischer im Marx-Engels-Jahrbuch 2008 einen Beitrag.62

Die neue »Popularität« Stirners trägt inzwischen auch eigenartige Früchte. So erschien 2009 Der Einzige und sein Eigentum – aber nicht von Stirner, sondern von Michalis Pichler. Diesen Band bezeichnete der Stirner-Kenner Jochen Knoblauch in seiner Rezension als »Kunst-Buchprojekt« und sieht darin eine »interessante Variante« der »künstlerischen Auseinandersetzung« mit Stirner, wobei von den »402 Textseiten immerhin über 100 Seiten leer geblieben sind«.63

Was sind die Gründe für das neue Interesse an Häretikern?

Trotzki und auch Stirner werden wieder gedruckt, was bedeutet, ihre Ansichten werden verbreitet, gelesen und diskutiert. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass Karl Marx, der nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime »erledigt« schien, ebenfalls wieder Konjunktur hat. Dessen Erklärungen zu gesellschaftlichen Krisen finden in der gegenwärtigen Situation wieder verstärkte Aufmerksamkeit.

Die hier beschriebenen Abweichungen vom offiziellen Kommunismus haben durch die Verbreitung der Ideen von Trotzki und auch Stirner allgemein an Bekanntheit gewonnen, während durch das Ende kommunistischer Diktaturen die Dogmen des »Marxismus-Leninismus« oder gar Stalins nur noch am Rande eine Rolle spielen.

Der Trotzkismus blieb hingegen weiterhin eine originäre oppositionelle Bewegung. Doch u. a. sein Bekenntnis zum Bolschewismus bzw. ständige Spaltungen begrenzten seinen Einfluss meist auf kleine Gruppen, auch wenn diese mit der IV. Internationale eine weltweite Organisation bildeten. Die Individualanarchisten waren immer nur Sekten, die nie politische Bedeutung erlangen konnten. Anders als Rechtskommunisten, Anarchokommunisten oder ähnliche Gruppen sind sie jedoch im Gespräch, was zeigt, dass Trotzki und in geringerem Maße auch Stirner als Theoretiker und Philosophen, als Häretiker mit ihren Ideen vor allem bei Jüngeren gefragt sind. Das hat vielfältige Ursachen.

Generell scheinen zwei Hauptgründe vorzuliegen, die sich weniger aus der Ideengeschichte erklären lassen, sondern vielmehr von allgemeingesellschaftlichen Verhältnissen bestimmt werden. Zu benennen sind einerseits der Zusammenbruch des Kommunismus und andererseits die wiederholten Krisen, in die das globalisierte Finanzkapital die Welt immer wieder stürzt, wodurch die Ungerechtigkeit in der Welt noch zunimmt. Es ist davon auszugehen, dass die Leser – wie schon immer – zumeist nachdenkende, gebildete, mit den Zuständen unzufriedene Menschen sind, Suchende, die Alternativen zum »Heuschrecken«-System der Profitgier erstreben. Selbst in den USA entwickelt sich eine soziale Bewegung gegen die Wall Street.

Das Ende kommunistischer Regime bewies, dass totalitäre Diktaturen mit ihren »linken« Verheißungen, eine »bessere Welt zu schaffen«, in der Barbarei Stalins mündeten. Die Frage ist zu stellen: Worin lagen die Ursachen für die Wandlung des Kommunismus aus einer Abspaltung von der sozialen Emanzipationsbewegung der Arbeiter mit dem Ziel der klassenlosen Gesellschaft in ein Regime der Unterdrückung und des Massenterrors? Antworten darauf hoffen kritische Linke auch in Trotzkis Werken zu finden. Schließlich gehörte er ursprünglich zu den Verantwortlichen der kommunistischen Richtung und zählte in der Folge zu den konsequentesten Gegnern Stalins. Und es war Trotzki, der an den Grundlagen des Stalin’schen Kommunismus rüttelte, indem er dessen Rechtfertigung und Verschleierung als angeblich »sozialistisches« System enthüllte. Er entlarvte die blutige Diktatur, den Gegensatz von Ideologie und Wirklichkeit, von Anspruch und Realität. Die Behauptung des Stalinismus, in der UdSSR sei der Sozialismus im Sinne von Marx verwirklicht, weil dort anstelle des Privateigentums an Produktionsmitteln das Staatseigentum eingeführt worden war, diente manchem Linken als Rechtfertigung, in der Sowjetunion bestehe der Sozialismus. Solch eine Sicht führte zur Verblendung gegenüber dem Terrorregime und seinen Privilegien. Trotzki lieferte den einfachen, aber anschaulichen Gegenbeweis: »… wenn ein Dampfer zum Kollektiveigentum erklärt wird, die Passagiere aber nach wie vor in erste, zweite und dritte Klasse eingeteilt werden, so ist klar, dass für die Passagiere der dritten Klasse der Unterschied in den Existenzbedingungen von weit größerer Bedeutung sein wird als der juristische Eigentumswechsel. Umgekehrt werden die Passagiere der ersten Klasse bei Kaffee und Zigarren dem Gedanken huldigen, das Kollektivgut sei alles, die bequeme Kajüte dagegen nichts.«64

Es ist durchaus logisch, dass kritisch-suchende Menschen damals wie heute mit »abweichenden« Überlegungen vor falschen politischen Vereinfachungen bewahrt werden können. Durch den Zusammenbruch des Kommunismus sind auch Stirners Thesen von der ausschlaggebenden Bedeutung des »Ich« gegenüber dem Kollektiv interessanter geworden. Ein zentraler Ausspruch von ihm lautet: »Das Göttliche ist Gottes Sache, das Menschliche Sache ›des Menschen‹, Meine Sache ist weder das Göttliche noch das Menschliche, ist nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie etc., sondern allein das Meinige, und sie ist keine allgemeine, sondern ist – einzig, wie Ich einzig bin. Mir geht nichts über Mich!«65 Stirners überzogenes Bekenntnis zum Individualismus ist das Gegenbild zum Kollektivismus des Kommunismus. Doch nicht nur Engels betrachtete solchen Egoismus einst schon in ganz anderem Licht, und auch in der Literatur wird darauf verwiesen, dass Stirners Ideen nicht mit der Akzeptanz des Kapitalismus gleichzusetzen waren. Schließlich konstatierte Stirner: »Geld regiert die Welt ist der Grundton der bürgerlichen Epoche.«66

Als »Freier« agierte Stirner schon vor über 150 Jahren gegen die Ellbogenmentalität der Kapitalisten. Und als Staatsfeind, Antiautoritärer und Gegner der bürgerlichen Gesellschaft ist Stirner kaum als Verteidiger des Kapitalismus zu sehen. Er war ein grundsätzlicher Anarchist, seine Ideen entsprachen – genauso wenig wie auf der anderen Seite die Trotzkis – nicht dem »angepassten« Zeitgeist. Das erneute Interesse an solchen Denkern ist wohl auf deren kritische Abweichler-Haltung zurückzuführen. Und damit stehen beide in der Tradition von Marx – Trotzki als sein Schüler und Stirner als sein Gegner.

Aktuell ist das Motto von Marx, »An allem ist zu zweifeln«, was als ein genauer, kritischer Blick und als Ablehnung von Glaubensdogmen zu verstehen ist. Stirners Losung »Ich hab mein’ Sach’ auf Nichts gestellt« zielt dabei in die gleiche Richtung. Beiden ging es darum, die Ideen der Aufklärung fortzuführen. Sie erwarteten, dass nur die radikale Kritik an Praktiken und Doktrinen Chancen für Änderungen unsozialer oder gar diktatorischer Zustände bieten würde.

Die Krisen der heutigen Gesellschaft sind ein entscheidender Grund für die ernsthafte Auseinandersetzung und die Suche nach humanen Verhältnissen. Daher hat mit der globalen Krise ab 2008 Marx’ Kritik am Kapitalismus – aber ebenso von Häretikern des Kommunismus – wieder mehr Anklang gefunden. Ein Trend, der sich auf dem Büchermarkt bemerkbar macht. Ob und wie dieser Trend seit 2009 dann 2012 weitergeht, bleibt abzuwarten.

Interessant ist das Verhalten der Partei Die Linke, die nach einer anderen Identität sucht, ist sie doch durch ihre Vorgängerin noch von der Diktatur und dem Geschichtsbild der SED geprägt. Die Zusammensetzung der neuen Partei ist heterogen, dort gibt es neben ablehnenden ewiggestrigen Stalinisten auch Interessierte für neue Ideen. Gegenüber Trotzki ist die Haltung von mehr Sachlichkeit geprägt, er gilt nicht mehr als Erzfeind oder Verbrecher. Dennoch ist die Zeit von 1990, als sogar Trotzkisten zur PDS stießen, vorbei, die Publikation von Trotzki-Werken war nur eine – wenn auch sensationelle – kurze Episode.

Historiker dieser Partei sind auf der Suche nach anderen Traditionen, aber noch immer dominiert das kommunistische Geschichtsbild. Wie versucht wird, teilweise linkssozialistische Wurzeln einzubeziehen, belegt die Publikationsreihe »Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus«, in der bis heute 15 Bände erschienen sind. In diesen seit 1999 von Klaus Kinner herausgegebenen Büchern befassen sich die Autoren im Wesentlichen mit der Geschichte der KPD oder der Komintern. Neben der Kritik an Stalin wird Rosa Luxemburg positiv hervorgehoben, ebenso die früher verpönten »Rechten« oder »Versöhnler« in der KPD. Als Herausgeber hat Kinner 2010 für die Partei Die Linke in zwei Bänden mit dem Titel »Erbe und Tradition« deren Traditionslinie thematisiert.67 Dass Trotzki dort nur sporadisch (ganze vier Mal, Ferdinand Lassalle freilich nur drei Mal) genannt wird, zeigt, er zählt nicht zum Erbe und zur Tradition dieser Partei. Michael Brie spricht im ersten Band vom »diktatorisch-terroristischen Kommunismus eines Trotzki«. Im zweiten Band findet sich Trotzkis Name in Abendroths Abgrenzung vom Trotzkismus. Deutsche Trotzkisten wie Willy Boepple oder Georg Jungclas werden allein im Zusammenhang mit dem Linkssozialismus der Ära Adenauer genannt. Im Vorwort bezeichnet es Lothar Bisky als Aufgabe der Bände, »das Erbe zu benennen für die Findung der Identität der Linkspartei«. Beide Werke enthalten recht unterschiedliche Beiträge zu den Strömungen und zu Vorbildern, die wohl mit »Erbe und Tradition« gemeint sind, unter ihnen Rosa Luxemburg, Paul Levi, aber auch Wolfgang Abendroth oder Leo Kofler. Auffällig ist, dass Personen wie Robert Havemann oder Rudolf Bahro nur am Rande auftauchen und ihre Ideen eher kritisch gesehen werden.

In allen 15 Bänden der Reihe wird Trotzki nicht nur als Person kaum genannt, sondern es fehlt auch eine Darstellung seiner Grundsätze oder gar der trotzkistischen Organisationen. Zwar veröffentlichte die Zeitung Neues Deutschland zu Gedenkdaten Artikel über Trotzki, sogar vom Trotzkisten North, und Lothar Bisky sprach sogar vom »Genossen Trotzki«,68 dies steht jedoch in keinem direkten Zusammenhang mit seinen Ideen. Die festgestellte Renaissance des Häretikers Trotzki hat also offensichtlich mit der PDS bzw. mit der Partei Die Linke und ihren Anhängern kaum etwas zu tun,69 und Max Stirner ist hier weiterhin fast unbekannt, in beiden Bänden von Kinner wird nicht einmal dessen Name genannt.

Das Interesse und die Diskussion über Häretiker kommen aus anderen Kreisen, vor allem von sozial denkenden und handelnden Menschen. Diese Leser der Abweichler sind aufgeschreckt von der ungezügelten Macht weltweiter Konzerne und Banken. Die unkontrollierten Finanzmagnaten und Spekulanten bedrohen die Demokratie und damit die Freiheit, gefährden die durch Wahlen legitimierte Politik, die gegenüber »der Wirtschaft« fast ohnmächtig zu sein scheint.

Das Wesen des Finanzkapitals, der Banken und deren beherrschende Rolle hatte Marx nur am Rande thematisiert. Der Marxist Rudolf Hilferding hatte dagegen 1910 wesentliche Zusammenhänge über die Entwicklung des Kapitalismus zum Finanzkapitalismus und über die Funktion des fiktiven Kapitals enthüllt.70 Doch Hilferdings Werk ist fast vergessen. Als Kriegsgegner hatte er der USPD angehört, kehrte als Antibolschewist 1922 zur SPD zurück, war 1928/29 Reichsfinanzminister in Berlin und wurde 1941 Opfer des NS-Terrors. Er war ein Außenseiter, aber im Gegensatz zu Trotzki oder Stirner gibt es (ähnlich wie beim erwähnten Pfemfert) keine Hilferding-»Konjunktur«. Dabei hatte auch er sich für die freiheitliche Zivilgesellschaft mit sozialer Gerechtigkeit eingesetzt. Die Renaissance von Außenseiter-Theoretikern hat also offenbar noch etliche andere Motive, die allerdings weiterer Untersuchung bedürfen.

Nach dem Zusammenbruch des diktatorischen Kommunismus in Europa schien sich die politische und soziale Demokratie durchzusetzen. Ausgelöst von der Globalisierung ist jedoch die Grundhaltung des Kapitalismus gewachsen, die Gier nach »immer mehr« Gewinn. Das System des Finanzkapitals, vor allem von Großbanken, mit fiktiven Vermögen Riesengewinne zu erzielen, führte zur katastrophalen und generellen Krise der Wirtschaft. Nur mit Staatshilfen gelang es, diese zunächst einzuschränken. Lehren daraus sind indes kaum gezogen worden, es blieb weitgehend bei alten Methoden.

Die Gefahr einer Wiederholung der Barbarei stalinistischer Diktaturen besteht kaum noch. Wird die demokratische und soziale Zivilgesellschaft durch die Macht des Finanzkapitals bedroht, von Spekulanten und »Zockern« und deren Herrschaft über die demokratische Politik?

Es bleibt die Frage, insbesondere nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime und der egoistischen Prinzipien der »Sieger«, wie eine bessere Welt sozialer Gerechtigkeit und Solidarität geschaffen werden kann. Die Nachfolger des überwundenen stalinistischen Kommunismus bieten jedenfalls keine überzeugenden Alternativen, denn nur auf dem Boden der Demokratie sind freiheitliche Veränderungen möglich.

Konzeptionen für die Humanisierung der Gesellschaft gibt es zahlreiche, und die Suche nach alternativen Modellen wird weitergehen. Die Aussagen der Häretiker waren durchaus zeitbezogen und eignen sich nicht für Dogmatisierung. Dennoch sind bei ihnen immer wieder Denkanstöße in Bezug auf aktuelle Probleme zu finden. Es ist zu hoffen, dass – nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts – im Mittelpunkt jeder politischen Überlegung der freiheitliche Kampf für Demokratie und Rechtsstaat sowie für soziale Gerechtigkeit steht. Nur in diesem Zusammenhang können die hier beispielhaft genannten Ideen von Trotzki oder auch Stirner Impuls für Veränderungen sein, wenn dies mit der Freiheit des Individuums verbunden wird, Demokratie Ziel bleibt. Schließlich haben Marx und Engels schon 1853 auf die »Explosivkraft der demokratischen Ideen und den der Menschheit angeborenen Drang nach Freiheit« hingewiesen.71

Beim Blick auf Häretiker der Arbeiterbewegung wird deutlich, dass sich manche ihrer Thesen gegen den »Mainstream« richten und schon deswegen Beachtung verdienen. Gängige Vorstellungen, etwa im Kapitalismus, den Menschen auf »Humankapital« zu reduzieren, oder wie im Kommunismus, das Kollektiv über das Individuum zu stellen, sind schon durch die Ideen von Stirners Einzigem und erst recht durch Trotzkis Kritik am Stalinismus fragwürdig geworden. Da ist es schon bemerkenswert, wenn die minimale Konjunktur ihrer Werke signalisiert, dass Theorien von Außenseitern vermehrt wahrgenommen werden. Doch auch deren Anschauungen sind nicht zu dogmatisieren, sie bieten nur Anregungen zum Selbstdenken.

Die Tradition der Arbeiterbewegung ist nicht frei von Verfehlungen. Dennoch bleiben die Grundziele weiterhin wichtig. Trotz aller Begrenztheit ihres historischen Horizonts hat die große Sozialutopie der Arbeiterbewegung wenig von ihrer Aktualität eingebüßt. »Das Ideal einer Gesellschaft ohne Klassen und Ausbeutung, ohne Entbehrung und Zwang, ohne Chauvinismus, Rassenhass und Völkerkriege, die Idee der sozialen Gerechtigkeit muss nicht aufgegeben werden. Allerdings lässt sich diese Idee nur auf demokratischem Wege verwirklichen, so mühsam und langwierig der auch immer scheinen mag.«72 Konzeptionen zu solchen oder ähnlichen Zielen wurden und werden wie schon lange mehr oder weniger intensiv debattiert. Die hier skizzierten Thesen von zwei Außenseitern und die Auswirkungen auf den Buchmarkt sind bemerkenswert. Überlegungen für die Gründe einer Renaissance von Häretiker-Ideen bleiben weiter diskussionswürdig.

Hinweise auf aktuelle Trotzki- und Stirner-Literatur:

Zu Trotzki:

Helmut Dahmer: Divergenzen. Holocaust – Psychoanalyse – Utopia, Münster: Westfälisches Dampfboot 2009. 649 S., ISBN 978-3-896-91770-6.

David North: Verteidigung Leo Trotzkis, Essen: Mehring Verlag 2010, 240 S., ISBN 978-3-886-34085-9.

Bertrand M. Patenaude: Trotzki. Der verratene Revolutionär, Berlin: Propyläen Verlag 2010, 432 S., ISBN 978-3-549-07377-3.

Wadim S. Rogowin: Trotzkismus (= Gab es eine Alternative, Bd. 1), Essen: Mehring Verlag 2010, 454 S., ISBN 978-3-886-34080-4.

Robert Service: Trotsky. A Biography. London: Paan Books, Macmillan 2010, 600 S., ISBN 978-0-330-43969-5.

Jan Willem Stutje: Rebell zwischen Traum und Tat. Ernest Mandel (1923–1995), Hamburg: VSA Verlag 2009, 470 S., ISBN 978-3-899-65316-8.

Leo Trotzki: Denkzettel. Politische Erfahrungen im Zeitalter der permanenten Revolution, hg. von George Novack, Helmut Dahmer, Wien: Verein Gesellschaft und Politik 2010, 491 S., ISBN 978-3-950-21914-2.

Leo Trotzki: Geschichte der Russischen Revolution. 2. Bde. Essen: Mehring Verlag 2010, Bd. 1 410 S., Bd. 2 700 S., ISBN 978-3-88634-087-2.

Zu Max Stirner:

Saul Newman: Max Stirner. Critical Explorations in Contemporary Thought, Basingstoke: Palgrave Macmillan 2011, 240 S., ISBN 978-0-230-28335-0.

Maurice Schuhmann: Radikale Individualität. Zur Aktualität der Konzepte von Marquis de Sade, Max Stirner und Friedrich Nietzsche, Bielefeld: transcript Verlag 2011, 396 S., ISBN 978-3-8376-1719-1.

Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum, Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2008, 463 S., ISBN 978-3-15-003057-8.

Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum. Ausführlich kommentierte Studienausgabe, hg. von Bernd Kast. Freiburg/München: Verlag Karl Alber 2009, 452 S., ISBN 978-3-495-48342-8.

Alexander Stulpe: Gesichter des Einzigen. Max Stirner und die Anatomie moderner Individualität. Berlin: Duncker & Humblot 2010, 980 S., ISBN 978-3-428-12885-3.


1 Siehe dazu Theodor Bergmann/Mario Keßler (Hg.): Ketzer im Kommunismus. 23 biographische Essays, Hamburg 2000.

2 Siehe Hermann Weber: Trotzki und der Trotzkismus, in: Hermann Weber u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (im Folgenden: JHK) 2004, Berlin 2004, S. 379–390.

3 Siehe die Literatur über Paul Levi und seine Anhänger sowie Heinrich Brandler und August Thalheimer, z. B. Charlotte Beradt: Paul Levi, Frankfurt/M. 1969; Jörn Schütrumpf: Paul Levi unter den »Doppelzünglern«, in: Utopie kreativ (März 2008), H. 209, S. 222–233; Theodor Bergmann: »Gegen den Strom« Die Geschichte der KPD-Opposition, Hamburg 2001; Jens Becker: Heinrich Brandler. Eine politische Biographie, Hamburg 2001; Theodor Bergmann: Die Thalheimers, Hamburg 2004; Peter Lübbe (Hg.): Ruth Fischer/Arkadij Maslow. Abtrünnige wider Willen, München 1990; Otto Langels: Die ultralinke Opposition der KPD in der Weimarer Republik, Frankfurt/M. 1984. Zum »Titoismus« siehe Hermann Weber: Die SED und der Titoismus. Wolfgang Leonhard zum 90. Geburtstag, in: Deutschland Archiv 44 (2011), H. 2, S. 246–254 bzw. in der Onlineausgabe 4/2011, in: www.bpb.de/themen/WOXUMR,0,0,Forum.html, ges. am 4. August 2011. Zu den Personen siehe Hermann Weber/Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918–1945, erw. 2. Aufl. Berlin 2008.

4 Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki), Kurzer Lehrgang, Berlin 1945, S. 419 f. So stand es bereits in der ersten deutschen Übersetzung, Moskau 1939 (erste russische Ausgabe 1938).

5 Die Stalinisierung der SED ist inzwischen weitgehend aufgearbeitet, siehe Andreas Malycha: Die SED. Geschichte ihrer Stalinisierung 1946–1953, Paderborn 2000; neuerdings Andreas Malycha/Peter Jochen Winters: Die SED. Geschichte einer deutschen Partei, München 2009, S. 52 ff., bereits früher Hermann Weber, in: Ilse Spittmann (Hg.): Die SED in Geschichte und Gegenwart, Köln 1987, S. 17 ff.; Ulrich Mählert: Parteisäuberungen als Kaderpolitik in der SED, in: Hermann Weber/Ulrich Mählert (Hg.): Terror, Stalinistische Parteisäuberungen 1936–1953, Paderborn 1998, 2. Aufl. 2001.

6 Siehe Einheit 4 (Mai 1949), H. 5; Neues Deutschland, Nr. 104 vom 5. Mai 1949, Leitartikel.

7 Siehe die Skizze von Wolfgang Alles: Die IV. Internationale, in: Die Internationale, 1/2010, Inprekorr 
Nr. 462/463, Büsum, Mai/Juni 2010, S. 23 ff.; Pierre Frank: Die Geschichte der IV. Internationale, Hamburg 1974; Pierre Broué: Trotzkis Kampf für den Aufbau der IV. Internationale, Dortmund 1982.

8 Zu seiner Biografie siehe Isaac Deutscher: Trotzki, 3 Bde., Stuttgart 1962/63; das Standardbuch von Pierre Broué: Trotzki. Eine politische Biographie, 2 Bde., Köln 2003; siehe dazu auch Weber: Trotzki (Anm. 2). Außerdem Trotzkis Autobiografie: Mein Leben, Erstauflage Berlin 1930, seither in mehreren Ausgaben erschienen.

9 Siehe zum letzten Band Weber: Trotzki (Anm. 2).

10 Siehe die 1971 erschienenen zwei Bände von Leo Trotzki: Schriften über Deutschland, Hamburg 1971, insbesondere die große Ausgabe ab 1988, Leo Trotzki: Werke, Hamburg bzw. Köln.

11 Leo Trotzki: Stalin. Eine Biographie, Bd. I und II, hg. von Hartmut Mehringer, Reinbek 1971.

12 Leo Trotzki: Tagebuch im Exil. Mit einem Vorwort von Carola Stern und einem Rückblick von Hermann Weber, München 1983.

13 Ebd., S. 185, siehe dort insbesondere die ausgewählte Literaturliste, S. 187.

14 Die Internationale 2 (1. Dezember 1920), H. 26, S. 63 ff.

15 Leo Trotzki: Terrorismus und Kommunismus Anti Kautsky, Hamburg 1920; Karl Kautsky: Von der Demokratie zur Staatssklaverei, Berlin 1921, in: Soziales Denken, Bd. 2, hg. von Hans-Jürgen Mende, Berlin 1990. Siehe auch Hermann und Gerda Weber: Leben nach dem »Prinzip links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, Berlin 2006, S. 252.

16 Siehe Rosa Luxemburg: Die russische Revolution. Eine kritische Würdigung, hg. und eingel. von Paul Levi, Berlin 1922; Neuauflage eingel. und hg. von Ossip K. Flechtheim, Frankfurt/M. 1963 u. weitere Ausgaben.

17 Siehe dazu Julijana Ranc: Trotzki und die Literaten, Stuttgart 1997, dort auch Hinweise auf das von Trotzki mit dem Surrealisten André Breton verfasste »antitotalitäre Manifest« von 1938.

18 Siehe Helmut Dahmer (Hg.): Leo Trotzki. Sozialismus oder Barbarei. Eine Auswahl aus seinen Schriften, Wien 2005.

19 Siehe die Hinweise in: Hermann Weber: Zur Rolle des Terrors im Kommunismus, in: JHK 1999, Berlin 1999, S. 39–62; ders.: Stalin und die Folgen, in: JHK 2003, Berlin 2003, S. 338–346; ders.: 
Trotzki (Anm. 2), S. 387.

20 Siehe Leo Trotzki: Schriften zur revolutionären Organisation, hg. von Hartmut Mehringer, Reinbek 1970.

21 Siehe Wadim S. Rogowin: Weltrevolution und Weltkrieg, Essen 2002, S. 301 ff.; hier thematisiert er auch »Worin und warum Trotzki irrte?«.

22 Helmut Dahmer: Divergenzen, Holocaust – Psychoanalyse – Utopia, Münster 2009. In diesem Band ist auch auf den ausgezeichneten Beitrag von 2007, »Die Moskauer Prozesse und Stalins Massenterror«, zu verweisen (S. 488 ff.).

23 Siehe Daniel Bensaïd: Was ist Trotzkismus?, Köln 2002; Manuel Kellner: Trotzkismus. Einführung in seine Grundlagen – Fragen nach seiner Zukunft, Stuttgart 2004. Siehe auch die Neuauflage 2011 von Wolfgang Alles: Zur Politik und Geschichte der deutschen Trotzkisten ab 1930, 2. Aufl. Köln 1994.

24 North zitiert einen Ex-Maoisten, der selbst heute noch diese Meinung vertritt. Aber auch ein wichtiger ehemals führender sowjetischer Kommunist wie Alexander Jakowlew, der noch im Januar 1989 auf dem DKP-Parteitag in Hamburg erklärt hatte, die Oktoberrevolution 1917 habe die »Epoche der sozialen Befreiung« eingeleitet, schrieb dann in seinen Memoiren 2002, diese Revolution sei der Beginn eines Faschismus gewesen, keine Revolution, sondern eine Konterrevolution. Nun war in seinen Augen Stalin der »konsequenteste Trotzkist«, alle sind »Berufsmörder«.

25 Siehe The American Historical Review 116 (Juni 2011), H. 3, S. 902.

26 Bertrand Patenaude: Trotzki. Der verratene Revolutionär, Berlin 2010.

27 Gerd Koenen: Endspiel eines Weltrevolutionärs, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 7. Januar 2011.

28 Leonardo Padura: El hombre que amaba a los perros, Barcelona 2009 (dt. Ausgabe: Der Mann, der Hunde liebte, Zürich 2011).

29 Jan Willem Stutje: Ernest Mandel. A Rebels Dream Deferred, London 2009 (dt. Ausgabe: Rebell zwischen Traum und Tat. Ernest Mandel (1923–1995), Hamburg 2009). Siehe auch Hermann Weber: Zum Verhältnis von Politik, Ideologie, Strukturen und Kadern in der kommunistischen Bewegung, in: JHK 2010, Berlin 2010, S. 339–363, hier S. 354.

30 Siehe Paul Raabe: Einführungen zum fotomechanischen Nachdruck von »Die Aktion« ab 1. Jg. 1911, Darmstadt 1961 ff.; Ursula Walburga Baumeister: Die Aktion 1911–1932, Erlangen 1996; Elisabeth Exner/Herbert Kapfer (Hg.): Pfemfert. Erinnerungen und Abrechnungen, München 1999; Lutz Schulenburg: Franz Pfemfert. Zur Erinnerung an einen revolutionären Intellektuellen, in: Die Aktion 23 (August 2004), H. 209, S. 9 ff. Siehe auch Hermann Weber: Damals als ich Wunderlich hieß. 
Die SED-Parteihochschule »Karl Marx« bis 1949, Berlin 2002, S. 24 ff.

31 Julijana Ranc: Alexandra Ramm-Pfemfert. Ein Gegenleben, Hamburg 2003.

32 Nach 1917 bekämpften die meisten Anarchisten die bolschewistische Herrschaft, siehe z. B. Peter Arschinow: Anarchisten im Freiheitskampf. Geschichte der Machno-Bewegung 1918–1923, Zürich 1971 (Erstaufl. 1923).

33 Siehe z. B. die Bibliografien in Ulrich Linse: Organisierter Anarchismus im deutschen Kaiserreich, Berlin 1969, S. 383 ff.; Jan Cattepool: Der Anarchismus, 3. Aufl. München 1979, S. 195 ff. Siehe auch Günther Bartsch: Anarchismus in Deutschland, 3 Bde., Hannover 1972/73; James Joll: Die Anarchisten, Frankfurt/M. 1971; Daniel Guerin: Anarchismus, Frankfurt/M. 1971.

34 Peter Lösche: Anarchismus. Erträge der Forschung, Darmstadt 1977, 2. unveränderte Aufl. 1987.

35 Ebda., S. 18.

36 Siehe Manfred Bock: Geschichte des »linken Radikalismus« in Deutschland. Ein Versuch, Frankfurt/M. 1976; ders.: Syndikalismus und Linkskommunismus 1918–1923, Meisenheim am Glan 1969.

37 Siehe z. B. Individualistischer Anarchismus. Eine Autorenauswahl anarchistischer Texte, Bd. 6/7, 3. Aufl. Berlin (West) 1982.

38 Siehe z. B. Manfredo M. Bonano: Stirner und der Anarchismus, in: espero (1969), Sonderheft 2; Vojmir Jelušie: Stirners Erbe. Eine kritische Betrachtung über das Verhältnis des »Einzigen« zum individualistischen Anarchismus in Deutschland, Wien 1911 (Diss.), neu hg. von Kurt Fleming (Max-Stirner-Archiv) Leipzig 1998. Im Standardwerk zum frühen Anarchismus, Max Nettlau: Der Vorfrühling der Anarchie. Ihre historische Entwicklung von den Anfängen bis 1864, Berlin 1925, ist ein Kapitel »Max Stirner und sein Kreis« enthalten, in dem es heißt: »Er begründete jenen breiten echten Individualismus, der die Grundlage jedes freiheitlichen Sozialismus ist« (S. 179). Siehe auch Bernhard R. Tucker: Staatssozialismus und Anarchismus, Berlin 1922; ders. in: Individualistischer Anarchismus (Anm. 37), S. 220.

39 Erst über 40 Jahre nach Stirners Tod erschien dessen Biografie, geschrieben von John Henry Mackay. Dieser hatte Stirner 1889 »wiederentdeckt« und als sein eifriger Anhänger auch dessen Ideen verbreitet. Siehe John Henry Mackay: Max Stirner. Sein Leben und sein Werk, Berlin 1898. Siehe auch Anselm Ruest: Max Stirner. Leben, Weltanschauung, Vermächtnis, 3. Aufl. Berlin und Leipzig 1906; Anselm Ruest (Ernst Samuel): Max Stirner. Vorworte und Artikel (1900–1924), 2. erw. Aufl. Leipzig 2000 (Stirneriana, Sonderheft der Zeitschrift Der Einzige, H. 3).

40 Siehe Mackay: Stirner (Anm. 39), S. 123 ff.

41 Ebda., S. 217.

42 Siehe Bernd A. Laska: Ein heimlicher Hit. 150 Jahre Stirners »Einziger«. Eine kurze Editionsgeschichte. Stirner-Studien Nr. 1, Nürnberg 1994, S. 18; ders.: Ein dauerhafter Dissident. 150 Jahre Stirners Einziger. Eine kurze Wirkungsgeschichte, Stirner-Studien Nr. 2, Nürnberg 1996.

43 Bernd A. Laska: Der Stachel Stirner. Rezensionsessay, in: Aufklärung und Kritik. Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie 17 (2010), H. 4 (Sonderdruck), S. 272–279.

44 Siehe Weber: Wunderlich (Anm. 30), S. 124 ff.

45 Marx-Engels-Gesamtausgabe (im Folgenden: MEGA), Dritte Abteilung, Bd. 1, Berlin 1929, S. 6 ff.

46 MEGA, 1. Abteilung, Bd. 5, Marx/Engels: Die deutsche Ideologie, Berlin 1932. Die SED druckte das Werk allerdings 1953 relativ spät ab, die MEGA-Ausgabe erst in Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 3, Berlin (Ost) 1958. Siehe auch Karl Marx: Frühe Schriften, hg. von Hans-Joachim Lieber und Peter Furth, Darmstadt 1971, 2. Bd., S. 5 ff.

47 Lösche: Anarchismus (Anm. 34), S. 32.

48 Joseph W. Stalin: Zu den Fragen des Leninismus. Eine Auswahl, Frankfurt/M. 1970, S. 33 ff.

49 Siehe Jochen Weichold: Anarchismus heute, Berlin (Ost) 1980, S. 22–36. Der Autor ging auch in einer Broschüre kurz auf Stirner ein (Zwischen Götterdämmerung und Wiederauferstehung. Linksradikalismus im Wandel), diese erschien 1989 (!) in Ostberlin. Interessant ist, dass Jochen Weichold (nun bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung) kürzlich eine positive Rezension über den bekannten Anarchisten Augustin Souchy schrieb (ders.: Augustin Souchy. Anarchistischer Sozialismus, in: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, III/2011, September 2011, S. 197–200). In seinen DDR-Publika-
tionen hatte er Souchy nur kurz und eher abwertend beurteilt.

50 Weichold: Anarchismus, S. 24 f.

51 N. Lenin: Staat und Revolution, Berlin-Wilmerdorf 1918, S. 97 sowie Hermann Weber (Hg.): Lenin: Ausgewählte Schriften, München 1963, S. 675 ff., hier S. 775.

52 Zitiert in Wilfried F. Schoeller: Oskar Maria Graf. Odyssee eines Einzelgängers, Frankfurt/M. 1994, S. 69. Siehe auch den Bezug des Dadaismus sowie zu Bertolt Brecht, in: Max Stirner und die Literatur, in: 
»Der Einzige«, Vierteljahresschrift des Max-Stirner-Archivs Leipzig, Februar 2004, H. 25.

53 Siehe die sehr gute Bibliografie der Max-Stirner-Gesellschaft e.V., in: www.msges.de/bibliographie/Von_Stirner.pdf, ges. am 5. Oktober 2011.

54 Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum und andere Schriften, hg. von Hans G. Helms, München 1968 (2. Aufl. 1969, 3. Aufl. 1970).

55 Laska: heimlicher Hit (Anm. 42), S. 33.

56 Sie brachte 1983 den Nachdruck einer Broschüre von 1932 heraus: Hans Sveistrup: Stirners drei Egoismen. Wider Karl Marx, Otmar Spann und die Fisiokraten, Freiburg 1983 (Erstaufl. Lauf/Pegnitz 1932).

57 »Der Einzige«. Jahrbuch der Max-Stirner-Gesellschaft 2010, Leipzig 2010. Siehe dazu auch Angelika Machinek: B. Traven und Max Stirner. Der Einfluss Stirners auf das Werk von Ret Marut/B. Traven – Eine literatursoziologische Untersuchung zur Affinität ihrer Weltanschauungen, Göttingen 1986 
(Diss. Frankfurt/M. 1985).

58 Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum. Ausführlich kommentierte Studienausgabe, hg. von 
Bernd Kast, Freiburg/München 2009.

59 Siehe Alexander Stulpe: Gesichter des Einzigen. Max Stirner und die Anatomie moderner Individualität, Berlin 2010 sowie Laska: Der Stachel (Anm. 43).

60 Siehe Die Zeit vom 4. Mai 1984 (Gert Mattenklott: 100 Sachbücher: 82, Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum); Neues Deutschland vom 2./3. August 2003 (Wilhelm Schmid: Bis heute ein Unruheherd für das marxistische Denken: Max Stirner und sein Buch »Der Einzige und sein Eigentum«); Junge Welt vom 12. März 2009 (Karsten Krampitz: Der erste Punk. Der Junghegelianer und Antiphilosoph Max Stirner verstört und provoziert bis heute).

61 Siehe Ulrich Pagel: Der beunruhigte Marx. Zur Rezeption Max Stirners in der »Deutschen Ideologie«, 
in: Beatrix Bouvier u. a.: Was bleibt? Karl Marx heute, Trier 2009, S. 113 ff.

62 Ariane Fischer: Against the Critique of Consciousness: The Marx-Engels-Stirner Debate Reconsidered, 
in: Marx-Engels-Jahrbuch 2008, Berlin 2008, S. 33 ff. Siehe zum Thema schon früher Wolfgang Eßbach: Gegenzüge. Der Materialismus des Selbst und seine Ausgrenzung aus dem Marxismus – eine Studie über die Kontroverse zwischen Max Stirner und Karl Marx, Frankfurt/M. 1982 (Diss. Göttingen 1978).

63 Michalis Pichler: Der Einzige und sein Eigentum, Berlin 2009; Jochen Knoblauch über das Kunst-Buchprojekt von Michalis Pichler zu Stirners Einzigem, in: espero (September 2010), H. 65, S. 34 f.

64 Leo Trotzki: Verratene Revolution, Antwerpen o. J. [1937], S. 233 (Neuaufl. Zürich 1957, S. 233).

65 Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum, Leipzig o. J. [1893], S. 14, siehe auch Weber: 
Wunderlich (Anm. 30), S. 124 ff.

66 Stirner: Der Einzige (Anm. 65), S. 136. Siehe auch Max Stirner und der Kapitalismus, »Der Einzige«, Vierteljahresschrift des Max-Stirner-Archivs Leipzig, Mai 2003, H. 22.

67 Klaus Kinner (Hg.): Die Linke – Erbe und Tradition. Teil 1: Kommunistische und sozialdemokratische Wurzeln, Teil 2: Wurzeln des Linkssozialismus (= Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus, Bd. XII und XIII), mit einem Vorwort von Lothar Bisky, Berlin 2010.

68 Siehe Neues Deutschland vom 4. August 2010 bzw. vom 21./22. August 2010 oder vom 28. Dezember 2010.

69 Daran ändert auch nichts, dass es eine sich trotzkistisch nennende Sekte »Linksruck« in der Linkspartei gibt. Siehe »Studie sieht Zunahme von Antisemitismus bei den Linken«, in: Der Tagesspiegel vom 
19. Mai, in: www.tagesspiegel.de/politik/studie-sieht-zunahme-von-antisemitismus-bei-den-
linken/4196454.html, ges. am 5. Oktober 2011.

70 Siehe Rudolf Hilferding: Das Finanzkapital. Eine Studie über die jüngste Entwicklung des Kapitalismus, Wien 1910.

71 Marx/Engels: Werke, Bd. 9, Berlin (Ost) 1960, S. 17.

72 Hermann Weber in: Gewerkschaftliche Umschau (Februar 1992), S. 31 ff. Siehe auch Weber: 
Prinzip links (Anm. 15), S. 452.

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