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JHK 2013

Inhaltsverzeichnis

JHK 2013

Die Kollektivierung westweißrussischer Dörfer zwischen 1944 und 1953. Ein Beispiel für die Integration von annektierten Gebieten unter Stalin

Małgorzata Ruchniewicz

Forschungsstand und Quellen Forschungen zum sowjetischen Dorf wurden bisher von Untersuchungen bestimmt, die sich vor allem mit den Problemen der Kollektivierung und Liquidierung der Kulaken in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts beschäftigen. Auch westliche Forscher widmeten sich schon zu Zeiten der UdSSR diesem Thema.1 Der Zerfall der UdSSR, die Öffnung der Archive, der Wegfall von politischen Restriktionen bezüglich der russischen Historiografie und die Entwicklung der internationalen Zusammenarbeit erweiterten den Wissensstand in der Folge erheblich. Wichtige Quellen wurden zugänglich und sorgten für einen Anstieg der Publikationen.2 Bis dahin waren die zweite Phase der Umgestaltungen auf dem Dorf und deren Auswirkungen auf die Bauern, nach der territorialen Expansion der UdSSR ab Herbst 1939, in der Regel recht oberflächlich und meistens im Rahmen von Beschreibungen allgemeiner Veränderungen in den annektierten Gebieten analysiert worden. Eine Ausnahme bilden die umfangreichen Untersuchungen des deutschen Wissenschaftlers David Feest zur Kollektivierung in Estland.3 Das Beispiel Westweißrusslands kann dazu dienen, den konkreten Verlauf wirtschaftlicher Umgestaltungen auf dem Dorf nach 1944 zu beschreiben. Der dominierende dörfliche und bäuerliche Charakter dieses Gebietes ist darüber hinaus ein Beispiel für die ganzheitliche Sowjetisierung des angeschlossenen Gebietes und seiner Bevölkerung. Die Veränderungen auf dem Dorf sollten nicht nur zur Modernisierung der Bewirtschaftung (von der Führung als Modernisierung des »rückständigen Gebietes« gepriesen), sondern auch zur Schaffung des »sowjetischen Menschen« führen. Ideologie und Propaganda spielten dabei eine große Rolle. Die Erweiterung der Forschungsperspektive um die genannten Faktoren, führte schließlich zu einer komplexeren Betrachtungsweise des Dorfes und der Landwirtschaft, die bis dato von der Darstellung wirtschaftlicher Prozesse dominiert worden war.4 Die weißrussischen Archive bieten eine vergleichsweise reiche Quellenbasis. Der zentralistische Charakter der sowjetischen Führung hatte zur Folge, dass die zentralen Organe auch Mitteilungen von lokaler Ebene erhielten und aufbewahrten. Diese reichhaltige Dokumentation, erstellt in den verschiedenen Abteilungen der staatlichen Verwaltung, sowie die Materialien aus den Parteiebenen bilden die Grundlage für diesen Beitrag. Auf Dokumente, die durch den sowjetischen Sicherheitsapparat erstellt wurden, konnte hingegen aufgrund der noch bestehenden, eingeschränkten Zugriffsmöglichkeiten für Wissenschaftler nur in geringem Umfang zurückgegriffen werden. Vor allem wurden Materialien genutzt, die in den Beständen des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Weißrusslands (Abteilungen: Landwirtschaft, Organisation, Frauenfragen, Propaganda und Agitation), des Landwirtschaftsministeriums der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik sowie des Vertreters der Weißrussischen Sowjetrepublik des Rates für Kolchosen bei der Regierung der UdSSR aufbewahrt werden. Ebenso wurden Materialien, die sich auf die Funktionsweise religiöser Gemeinschaften und den Verlauf der Nachkriegsmigration zwischen Polen und der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik beziehen, herangezogen.5 Westweißrussland 1939 bis 1944 Große Bedeutung für die Herausbildung des weißrussischen Staates in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte nach dem 17. September 1939, als die sowjetische Besetzung Ostpolens begann, die Einbindung eines Großteils der nordöstlichen Wojewodschaften der II. Polnischen Republik. Dieses Ereignis wird in der weißrussischen Historiografie als »Vereinigung der weißrussischen Erde« behandelt. Es führte zu einer erheblichen Vergrößerung des Territoriums der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik und damit auch zu einem Bevölkerungszuwachs. Auf die letztliche Größe der territorialen Erwerbungen nahmen spätere Grenzkorrekturen mit den Westrepubliken der UdSSR (Litauen und Ukraine) sowie mit Polen Einfluss. 1944, nach der Verdrängung der Deutschen, wurden die Westgebiete der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik in fünf Bezirke (mit den Hauptstädten Grodno, Wilejka/Maladsetschna, Baranowitschi, Brest und Pinsk) eingeteilt. Aus einem Teil der neuen Gebiete setzte sich auch der Bezirk Polozk (abgeteilt von Witebsk) zusammen, dem neun Kreise aus dem Bezirk Wilejka zugeordnet wurden. Ende der Dreißigerjahre wohnten in diesem Gebiet rund 3,6 Millionen Menschen, darunter etwa eine Million Polen und 300 000 Juden.6 Die polnische Politik gegenüber der weißrussischen Minderheit strebte vor 1939 nach einer schrittweisen nationalen Assimilation. Daneben gab es große soziale und wirtschaftliche Probleme: ein niedriges Wirtschaftsniveau und schwierige, zum Teil primitive Lebensbedingungen. Das Land besaß vorwiegend dörflichen Charakter, die Landwirtschaft bildete die Lebensgrundlage der Bevölkerung. Allerdings war das bäuerliche Eigentum durch vielfältige Zersplitterung und niedrige Rentabilität gekennzeichnet. Es gab großes Landeigentum in Gestalt Tausender Hektar zählender Latifundien, aber auch Güter mittlerer Größe. Ihr Zustand war schlechter als der der Güter in Zentralpolen.7 Bereits während der sowjetischen Okkupation zwischen 1939 und 1941 erlebte das Dorf in dieser Region gewaltige Veränderungen: Ein Teil des Bodens musste an Landlose und Kleinbauern abgegeben werden – die Kollektivierung der Landwirtschaft nahm ihren Anfang. Die Losung von der Befreiung der unterdrückten weißrussischen Bauern von den »polnischen Herren« passte gut zur kommunistischen Propaganda und wurde zumindest anfangs von einem Großteil der Bevölkerung, besonders den Weißrussen, unterstützt.8 Die Jahre des Krieges und zweier Okkupationen, der sowjetischen und der deutschen, waren in diesem Gebiet von großen menschlichen und materiellen Verlusten geprägt. Die Repressionspolitik der sowjetischen Führung gegenüber dem annektierten Territorium sowie die spätere Ausrottungspolitik der deutschen Okkupanten wirkten sich negativ auf die Bevölkerungsbilanz der Westgebiete Weißrusslands aus. Sie führten auch zur Zerschlagung bzw. zur Schwächung der örtlichen Gemeinschaften, zur Dezimierung der Führungsschichten, und sorgten für eine Verstärkung ethnischer Konflikte. Der Bevölkerungsrückgang genauso wie die materiellen Verluste während des letzten Krieges bedeuteten für die Weißrussen schmerzhafte Einschnitte. Die Auswirkungen des Krieges trafen sie schwerer als viele andere. Der sowjetische Terror der Jahre 1939 bis 1941 war gekennzeichnet von Massendeportationen, von denen rund 120 000 Personen betroffen waren. Unter ihnen waren Zivilisten, Angehörige des Militärs und deren Familien, weite Teile der bäuerlichen Bevölkerung, Waldarbeiter, Kriegsgefangene und andere Gefangene – alle »Feinde« der Sowjetmacht, mehrheitlich Polen.9 Zusätzlich wurden wegen antisowjetischer Tätigkeit, Widerstand gegen die Macht oder Zugehörigkeit zu den Vorkriegseliten etwa 38 000 weitere Personen verhaftet. Buchstäblich vom ersten Tag der Okkupation an begann seitens der Deutschen die Ausrottung der jüdischen Bevölkerung – eines der tragischsten Ereignisse für das Gebiet.10 Die Massenrepressionen betrafen Polen wie Weißrussen: die polnische Elite wurde liquidiert, Maßnahmen gegen die Partisanen wurden ergriffen. Die Zivilbevölkerung litt stark unter dem Verdacht, den Untergrund zu unterstützen und musste zahlreiche Opfer bringen.11 Viele wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland gebracht.12 Der Konflikt zwischen dem polnischen Untergrund, der für eine Wiederherstellung der polnischen Staatlichkeit stritt, und den sowjetischen Partisanen sowie der Kampf mit kollaborierenden weißrussischen Gruppierungen forderte viele Todesopfer.13 Eine exakte Zahl der Kriegsopfer zu bestimmen, ist jedoch nicht möglich. Letzte Schätzungen sprechen von 1,4 bis 1,5 Millionen Opfern unter der Zivilbevölkerung in ganz Weißrussland, ohne die Verluste im Westteil der Republik gesondert aufzuführen. Doch viele der Schätzungen scheinen nicht ausreichend gesichert.14 Befriedung und Wiederherstellung der Macht (1944–1947) Die Rückkehr der Sowjetmacht nach der Vertreibung der Deutschen im Sommer 1944 bedeutete eine neue Phase der Gewalt und Verfolgungen, die sich vor allem gegen die Gegner einer Wiederherstellung der Ordnung von vor 1941, hauptsächlich gegen Polen, aber auch gegen Weißrussen und Ukrainer richtete. Dabei wurden ausnahmslos alle während der Okkupation wegen Staatsverrat Angeklagten, aber auch diejenigen, die beim erneuten Einmarsch der Roten Armee Widerstand geleistet hatten, von den neuen, alten Machthabern erfasst. Doch es dauerte zwei Jahre, bis es dem Sicherheitsapparat gelungen war, die Untergrundorganisationen soweit zu zerschlagen, dass diese die sowjetische Herrschaft in dem Gebiet und auf den von Verwaltungszentren entlegenen bäuerlichen Gehöften nicht mehr gefährden konnten.15 Dennoch kam es bis Anfang der Fünfzigerjahre weiterhin zu bewaffneten Widerstandsakten.16 Darüber hinaus verzichtete die Sowjetmacht auch nicht auf Verfolgungen aufgrund sozialer Herkunft und früherer Tätigkeiten. In den Jahren 1951/52 wurden ehemalige Soldaten der Polnischen Streitkräfte im Westen (II. Korps unter General W. Anders) zusammen mit ihren Familien deportiert, die sich nach Beendigung des Krieges für eine Rückkehr zu ihren Familien entschieden hatten, aber auch Bauern, die der Kategorie der Kulaken zugerechnet wurden, erwartete das gleiche Schicksal. Die Verbannung, der ungefähr 8000 Personen zum Opfer fielen, erreichte jedoch nicht die Ausmaße der Jahre 1940/41.17 Für die Bevölkerungszahl der dörflichen Gebiete war die Umsiedlung der Einwohner nach dem Krieg von weitaus größerer Bedeutung als die Repression. Die Ursache dafür lag vor allem in der neuen Ostgrenze Polens, wie sie Stalin erzwungen hatte. Im September 1944 wurde die Umsiedlung der polnischen Bevölkerung und der überlebenden Juden aus den angegliederten Gebieten in Richtung Westen und der Weißrussen aus Polen festgelegt. Offiziell fanden diese Umsiedlungen natürlich freiwillig statt, aber in Wirklichkeit wurden sie erzwungen. 231 000 Personen, in der Mehrzahl Dorfbewohner, kamen auf diese Weise nach Polen, oft unter großen Schwierigkeiten.18 Der Zustrom ausgesiedelter Weißrussen aus Polen oder Kriegsheimkehrer aus dem Westen, die meisten von ihnen ehemalige Zwangsarbeiter, konnte den Bevölkerungsverlust nicht sofort auffangen. Folglich führte der mit dem Bevölkerugsrückgang verbundene Ausfall von Arbeitskräften dazu, dass die weißrussische Führung den Aussiedlern auf ihrem Weg viele Steine in den Weg legte. Besonders betroffen war die ländliche Bevölkerung. Ein Teil der Polen scheute sich schließlich davor, das eigene Hab und Gut zu verlassen und sich nach Westen in die Ungewissheit aufzumachen. So gelang es der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik bis zum Sommer 1946 nur weniger als die Hälfte der für die Umsiedlung Registrierten zu entlassen.19 Die Verbliebenen, einige Hunderttausend, die meisten von ihnen in der Gegend um Grodno, bildeten eine Minderheitengruppe, deren Status als solcher aber von der sowjetischen Führung nicht anerkannt wurde (viele Polen hatten sich gar nicht für die Ausreise registrieren lassen).20 Aus gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Sicht besaß die sowjetische Politik entscheidenden Einfluss auf die Lage der Bevölkerung in den Dörfern und auf die Landwirtschaft des Westteils der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Innenpolitisch bestand das Hauptziel der UdSSR gegenüber der neuen Westgrenze in der Integration des neu gewonnenen Gebietes in den sowjetischen Staat. Die Art und Weise dieses Integrationsprozesses war geprägt von sowjetischen Erfahrungen, die bestimmte regionale Besonderheiten jedoch nicht außer Acht ließen. Dazu gehörte das private bäuerliche Eigentum, das den dörflichen Charakter dominierte, sowie die »Rückständigkeit der Menschen«. Sie wurde mit dem niedrigen Bildungsniveau (es gab viele Analphabeten), aber besonders mit den Auswirkungen der nationalistischen und bürgerlichen Propaganda vor und während des Krieges begründet; mithilfe dieser sollte für eine lebendige Religiosität unter den ansässigen Orthodoxen und Katholiken gesorgt werden, die nationalistische Einstellung der Polen und eines Teils der Weißrussen sollte gefestigt und das Misstrauen und die Feindschaft gegenüber der sowjetischen Gesellschaftsordnung gestärkt werden.21 In den Westbezirken wurde die Integration des Territoriums (das heißt seine Sowjetisierung) in Etappen organisiert: Die Politik, die die Führung des sowjetischen Weißrusslands gegenüber dem Dorf und in der Landwirtschaft in Übereinstimmung mit den Anweisungen der Zentralmacht betrieb, weist in den Jahren des späten Stalinismus zwei Unteretappen aus: von 1944 bis 1947 und von 1948 bis 1953. In den Nachkriegsjahren besaßen die Befriedung und der Aufbau der Machtstrukturen Priorität. Die Massenkollektivierung wurde nicht erneut in Angriff genommen, aber die Reaktivierung von etwa tausend Kolchosen, die schon vor der deutschen Aggression in den Westbezirken bestanden, wurde vorangetrieben. Der Prozess verlief mühsam, vor allem wegen der Ressentiments ehemaliger Kolchosbauern und des geringen Engagements lokaler Behörden. So nahmen 214 Kolchosen bis Ende 1947 ihre Tätigkeit wieder auf. Sie umfassten etwa ein Prozent der bäuerlichen Wirtschaften und waren keinesfalls ein Vorbild oder eine begehrte Alternative für die Bauern. Die individuelle Bewirtschaftung wurde weiterhin klar bevorzugt. Nach der Vertreibung der Deutschen bestand die Hauptaufgabe darin, die territorialen Machtstrukturen zu etablieren, das Steuersystem zu organisieren und die Pflichtabgaben zu überwachen, die alle ländlichen Wirtschaften, d. h. einige hunderttausend Einheiten betrafen. Während des Krieges bekam der Erwerb von bäuerlichen Lebensmitteln und die Rekrutierung von Arbeitskräften zusätzliche Bedeutung. Die Bauernschaft wurde erneut gezwungen, bestimmte Leistungen zugunsten des Staates, besonders bei der Holzgewinnung, zu erbringen. Jedoch waren die Dörfler oft nur zu einem gewissen Teil bereit, die Kriegsanstrengungen zu unterstützen. Mit Unwillen wurde auf die Mobilisierung für die sowjetische Armee, besonders in den Gebieten, die von Polen bewohnt wurden, reagiert. Die Situation lokaler sowjetischer Verwaltungs- und Parteistrukturen war sehr schwierig. Es fehlte an Kadern, Mitteln, aber auch an Erfahrung. Erfolgreich operierten von 1944 bis1946 in vielen Gebieten antisowjetisch eingestellte Partisanen, die Anschläge auf Gebäude sowjetischer Organe und ihre Funktionäre verübten sowie Einwohner, die sie für Kollaborateure hielten, liquidierten.22 Gewalt und Schrecken waren nach wie vor an der Tagesordnung; skrupellos wurden sie von sowjetischen Beamten gegenüber den Bauern angewandt, davon zeugen viele Anzeigen über Schläge, Beschimpfungen, Drohungen und Plünderungen gegenüber den Bauern in den Archivmaterialien. Nicht selten versuchten Untergrundkämpfer Aktionen, die durch die Territorialorgane angeleitet wurden, zu verhindern und stattdessen Kooperation und Unterstützung der Menschen zu erzwingen.23 Die sowjetische Führung verlor dabei nie die für sie wichtigste Aufgabe aus den Augen: Die Veränderung der Gesellschaftsordnung in Übereinstimmung mit ihren ideologischen Überzeugungen. Ende 1944 wurde die Beschlagnahmung von Teilen des Bodens der größten Bauernwirtschaften in Angriff genommen. Die Größenobergrenze sollte (abhängig von der Region) zehn bis 15 Hektar betragen. Die Liquidierung der größten Bauernwirtschaften, die den Kulaken zugeordnet wurden, sollte die Kollektivierung in Zukunft erleichtern – ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Gleichschaltung des bäuerlichen Eigentums. Das zweite Ziel der Landgewinnung von Nutzflächen war deren Verteilung an landlose Bauern sowie die Sicherung der Felder für künftige Kolchosen. Dazu war, ähnlich wie beim Einziehen der Abgaben in Form von Geld und Naturalien, eine genaue Feststellung der jeweiligen Fläche und des realen Besitzstandes des Bauern notwendig. Angesichts des Widerstands der Dorfbewohner (Nichtangabe von Boden und Verstecken von Inventar) und des Fehlens von Kadern sowie der Anfälligkeit für Korruption eines Teils der Beamten, war dies keine leichte Aufgabe. Es wurde festgelegt, dass die größte zulässige Fläche 26 500 Wirtschaften besitzen sollte (im Herbst 1944 bestanden 620 000).24 Bis Mai 1946 wurde etwa 10 000 Wirtschaften Boden weggenommen, insgesamt 85 000 Hektar.25 Allerdings konnte die Aktion bis zur Einführung der Massenkollektivierung nicht beendet werden. Die verringerte Anzahl der Bauernhöfe war auch eine Folge der Aussiedlung der polnischen Bevölkerung. Die konfiszierten Felder wurden nur zum Teil an andere Bauern weitergegeben, da man davon ausging, dass ein Teil der Bauern es ablehnen würde, den Boden zu übernehmen, der den Nachbarn weggenommen worden war. Stattdessen wurde das verbliebene Areal dem staatlichen Bodenfundus übereignet und von dort einige Jahre später den Kolchosen übergeben. Weiterhin bestand eine nicht unwesentliche Gruppe von kleinen Wirtschaften mit stark eingeschränkter landwirtschaftlicher Produktion. Die Modernisierung der Landwirtschaft sollte eine neue Art der Bauernwirtschaft hervorbringen, die Kollektivierung. Von der dominierenden ideologischen Perspektive abgesehen, spielten dabei auch ganz praktische Erwägungen eine Rolle. Das Ziel war eine völlige und dauerhafte Integration des neuen westlichen Territoriums in die sowjetische Wirtschaft und Gesellschaft, die bereits in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts umgestaltet worden war. Der Erhalt einer doppelten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ordnung wäre über einen längeren Zeitraum unmöglich und propagandistisch schädlich gewesen. Der Überschuss an Arbeitskräften, so wurde begründet, würde in Zukunft von der Industrie aufgefangen werden.26 Vor der Massenkollektivierung verblieben noch etwa vier Millionen Hektar Ackerland bei den Bauern. Die sogenannten sozialistischen Wirtschaftsformen, Kolchosen und Sowchosen, verfügten lediglich über rund 80 000 Hektar. Der Staatliche Bodenfundus (Gosfond) zählte 380 000 Hektar.27 Die neue Ausrichtung der Wirtschaftspolitik machte sich 1947 sowohl auf der lokalen Macht-ebene als auch innerhalb der Bevölkerung bemerkbar. Die Veränderungen betrafen nicht nur die Gebiete Westweißrusslands, sondern das gesamte westliche Grenzgebiet der UdSSR.28 Die weißrussische Führung der Republik war hier eher Ausführende als Mitgestaltende der politischen Linie.29 Bei der Anwendung der neuen Politik gegenüber dem Dorf wurden zu Beginn zwei Instrumente angewandt: Propaganda zur »Überlegenheit des kollektiven Wirtschaftens« und finanzieller Druck. Die Steuerpolitik wurde besonders gegenüber den vermögenderen Schichten des Dorfes verschärft. Das Antlitz des neuen Systems besaß einen eindeutigen »Klassencharakter«, dessen »politischer Hebel die Eingrenzung und Verdrängung des Kulakentums« war. Diese Auffassung hatte in der Historiografie noch bis zum Ende der UdSSR Bestand.30 Die ärmsten Bauernwirtschaften wurden von den Steuern befreit, die Kolchosbauern erhielten Steuerermäßigungen, die reicheren Bauern wurden einer bedingungslosen fiskalen »Drainage« unterzogen.31 Nach wie vor belastete die Bauernhöfe die Pflichtabgabe von landwirtschaftlichen Produkten an den Staat bei drastisch gesenkten Preisen. Infolgedessen war es sehr schwierig, eine Überproduktion zu erreichen, um zu verkaufen, um Bargeld für die Steuer zu erwerben, die Familie oder den Bauernhof zu erhalten. Selbst die reichen Bauern wurden zu Schuldnern und Bankrotteuren. Sie wurden mit Geldstrafen, der Versteigerung ihres Besitzes und Verurteilungen zu Freiheitsstrafen gemaßregelt. Wie groß die Zahl der Kulakenwirtschaften Ende der Vierzigererjahre in den Westbezirken der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik war, ist nicht bekannt. Anfang der Fünfzigerjahre umfassten sie jedoch knapp 2000 Bauernwirtschaften.32 Vollständige Kollektivierung des Dorfes (1948–1953) Ab 1948 wurde die Kollektivierung beschleunigt. Ende des Jahres bestanden bereits über 900 Kollektivwirtschaften.33 Das reichte den sowjetischen Machthabern aber noch nicht. Für sie waren die Kulaken die Hauptgegner des sozialistischen Umbaus der Landwirtschaft. Allerdings herrschte in den Dörfern allgemein Widerstand. Ein Schock für die Machthaber, denn damit schien sich die Situation von Anfang der Dreißigerjahre zu wiederholen. Der Abgabe von Hab und Gut an die Kolchose stellten sich Gruppen von Halbbegüterten und Teile der ärmeren Bauern entgegen, obwohl die Führung sie privilegiert behandelte und ihnen Aufstiegsmöglichkeiten innerhalb der aufzubauenden neuen Gesellschaftsstruktur einräumte. Im Februar 1949 wurde auf dem 6. Parteitag der KP Weißrusslands die baldige Kollektivierung des weißrussischen Dorfes angekündigt.34 Dieser Beschluss bedeutete gleichzeitig die Anwendung von Gewalt und Einschüchterung. Das Eingreifen von Verwaltung und Partei wurde dabei so offensichtlich, dass lokale Führer sogar mitunter für »primitives Verwaltungshandeln« getadelt wurden.35 Gleichzeitig stellte sich bei Kontrollen häufig heraus, dass viele Kolchosen reine Fiktion waren. Es hatte gar keine Übernahme von Boden, Werkzeugen und Inventar gegeben – auch keine gemeinschaftliche Bestellung der Felder. Erst im März 1950 war die Hälfte der Bauernwirtschaften Teil von Kolchosen. Die Tatsache, dass dieser Prozess sich derart langwierig gestaltete, war im Frühjahr 1950 der Anlass für eine scharfe Kritik an der weißrussischen Führung, mit dem Ergebnis, dass der Posten des 1. Sekretärs der KP Weißrusslands neu besetzt wurde. Im Dezember desselben Jahres befanden sich nahezu 84 Prozent der Bauernfamilien in Kolchosen.36 Ein Fortschritt, der auf die Konzentration von Mitteln und Kadern in Bezirken mit der heftigsten Gegenwehr zurückzuführen war: Grodno, Baranowitschi und Maladsetschna. Zwei Jahre später lebten 94 Prozent der Bauernfamilien aus den Westbezirken in Kolchosen. Unter den noch existierenden 33 500 Privatwirtschaften bildeten 70 Prozent Einheiten von knapp einem Hektar.37 Das VI. Plenum des ZK der KP Weißrusslands, das vom 12. bis 14. Februar 1951 tagte, benannte als nächstes Ziel nach der erwarteten baldigen formellen Beendigung der Kollektivierung die volle Ausnutzung der Ressourcen der Kolchosen (eher der Kolchosbauern) und damit ihre organisatorisch-wirtschaftliche Konsolidierung. Gleichzeitig wurde über die Schaffung von Kolchosezentren und die teilweise Umsiedlung der Bauern entschieden.38 Kleinere Kolchosen, die reich an Land, Arbeitskräften und Inventar waren, wurden zu einer Einheit verbunden, ihre Arbeit einer wachsenden Mechanisierung angepasst, was die Korrektur des Siedlungsnetzes zur Folge hatte. Zu weit verstreut eingesetzte Arbeitskräfte, der Erhalt von Zufahrtswegen oder die Feldbeete der Kolchosbauern innerhalb der Kolchosflächen wurden als schädlich und unökonomisch bezeichnet. Die Aktion der Zusammenlegung von Kolchosen beschränkte sich dabei nicht nur auf die Westbezirke der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik, sondern wurde in der gesamten UdSSR eingeführt. Im Falle der Westbezirke Weißrusslands schrumpfte die Zahl der Kolchosen bis zum November 1951 auf 4600 Wirtschaften. 1951/52 wurde der Prozess fortgesetzt. Am Ende existierten noch 2263 Wirtschaften. Das waren rund 40 Prozent aller Kolchosen in der Republik.39 Automatisch wuchs die Zahl der Bauernhöfe, die statistisch einen Kolchos bildeten (bis zu 250 Familien). Anfang der Fünfzigerjahre besaßen die Kolchosen in den Westbezirken der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik somit beinahe das ganze urbare Land. Die ökonomische Unabhängigkeit der Bauernfamilien, die Grundlagen ihrer Autonomie gegenüber dem Staat existierten damit nicht mehr. In den Augen der Machthaber unterlagen die Daseinsbedingungen der Bauern einer revolutionären und positiven Veränderung. Diese sollte auch in Übereinstimmung mit dem ideologischen Bewusstsein der Bauernmassen einhergehen, die sich in aktive sowjetische Bürger verwandeln sollten. In den Augen der Bauern jedoch bedeutete der Erfolg der Politik des Staates für sie selbst nichts weiter als fortschreitende Verarmung und Abhängigkeit und war mit der Erfüllung aller negativen Stereotype bezüglich der UdSSR verbunden. Die Haltung der Dorfbevölkerung gegenüber der Kollektivierungskampagne offenbart – trotz Ähnlichkeit in der Form – bei näherer Analyse weitreichende Unterschiede. Zum Teil kann dies mit der Nationalität der örtlichen Bevölkerung zusammenhängen. Im Gebiet um Grodno wuchs die Anzahl der Kolchosen besonders langsam; erst im Spätsommer 1950 gelang es, die Mehrzahl der Bauernwirtschaften in Kolchosen unterzubringen. Hier lebte eine große Zahl der katholisch-polnischen Bevölkerung. Noch im Dezember 1950 gehörten im Bezirk des Grenzgebietes Sopockin weniger als 20 Prozent der Bauern den Kolchosen an. Doch der Prozess zur Schaffung von Kollektivwirtschaften beschleunigte sich durch Propaganda und ruinierende Steuern und durch die Anwendung von direktem und indirektem Zwang gegenüber breiten dörflichen Schichten. Dabei kam es jedoch nicht zu gewaltsamem Widerstand, wie er von den Ereignissen Anfang der Dreißigerjahre aus sowjetischen Dörfern bekannt war. Die Grundstrategie der weißrussischen Bauernschaft bestand im passiven Widerstand. Wenn möglich, wurden Dorfversammlungen, auf denen die Pläne der Kollektivierung behandelt wurden, sabotiert, man verzögerte unter verschiedenen Vorwänden die Abgabe der Unterschrift. Wenn die Bauernschaft dem Druck nicht standhalten konnte, verkaufte sie besonders wertvolle Teile ihres Inventars (z. B. Pferde oder Kühe), um sie nicht der Kolchose geben zu müssen. Wenn alle Formen des Einspruchs nichts nutzten und der Bauer sich in einen Kolchosbauern verwandelte, wurde die Strategie den neuen Bedingungen angepasst: Man vermied oder beschränkte die Arbeit auf den Kolchosfeldern, scherte sich nicht um eine gute Produktivität und ließ jegliche Sorge um das Kolchoseigentum vermissen.40 Die Kontrollberichte aus den Kolchosen sind voll von Beschreibungen über Verschwendungen, Vernachlässigungen und Gleichgültigkeit der Kolchosbauern gegenüber den Wirtschaftsergebnissen.41 Die Sabotage der Bauern ging sehr oft mit fehlender Leitungskompetenz durch die Kolchosvorsitzenden einher – die wirtschaftliche Katastrophe war unaufhaltsam. Die von den Kadern lauthals verkündete Mechanisierung blieb aufgrund fehlender Landmaschinen und Elektrizität vorerst Propaganda.42 Am leichtesten war es, das Dorf mit einer Welle von Lektionen, Versammlungen und Propagandavorträgen zur Überlegenheit der Kollektivwirtschaft gegenüber der individuellen Bauernwirtschaft und dem vermeintlich hohen Lebensniveau der sowjetischen Kolchosbauern zu überrollen. Die frisch gebackenen Kolchosbauern, die sich von dem ihnen auferlegten Status distanzierten, strebten einen maximal effizienten Anbau auf dem ihnen zugeteilten individuellen Land (0,3 – 0,6 Hektar je nach Gebiet) an. Dort pflegten sie die alten bäuerlichen Tugenden und schreckten auch nicht vor der illegalen Vergrößerung des Bodens zurück. Periodisch angesetzte Razzien der Vorgesetzten sollten dem entgegenwirken.43 Einige Mitglieder der Bauernfamilien suchten zeitweise Beschäftigung außerhalb des Dorfes, besonders die Männer. Die Hauptarbeitskräfte in den Kolchosen – auch aufgrund von Kriegsverlusten – waren grundsätzlich Frauen, was die Arbeitsproduktivität zusätzlich minderte. Im Laufe der Zeit und aufgrund der fortschreitenden Industrialisierung Weißrusslands nahm die ohnehin andauernde Emigration vom Dorf in die Stadt als Ausdruck der Flucht vor der Armut in den Kolchosen noch an Bedeutung zu.44 Der Aufbau einer neuen Landwirtschaftsordnung hielt auch für die dortige Bevölkerung Möglichkeiten des Aufstiegs bereit. Ein Teil der Bauernschaft sah eine Chance, sich in der neuen Hierarchie der dörflichen Macht und nicht nur wie bisher in Stellungen als Vorsitzende der Dorfräte oder zahlreicher Dorfdelegierter, sondern auch als Kolchosvorsitzende oder Brigadiere in der Kolchosverwaltung zu etablieren. Es entstand eine neue Elite im kollektivierten Dorf. Um aufzusteigen, musste man eine politische Schulung durchlaufen, nach deren Bestehen einem der Status eines Kandidaten oder Mitglieds der Kommunistischen Partei verliehen wurde. Im untersuchten Zeitraum war der Zulauf der dörflichen Bevölkerung in die Parteistruktur jedoch nur schwach und ihre Rolle in Entscheidungspositionen gering. Der Großteil der Kolchos-Parteizellen konnte nur Dank der Aktivitäten von Kommunisten, die nicht aus dem jeweiligen Dorf stammten, sondern dorthin zur Arbeit delegiert wurden, aufrecht erhalten werden.45 Dabei handelte es sich zumeist um Bewohner der Westbezirke: Auch wenn sie sich trotz eines niedrigen Bildungsniveaus für ein politisches Engagement entschieden hatten, wurden sie diskriminiert, von der Macht beargwöhnt und auch nach vielen Jahren der Zugehörigkeit den Funktionären, die aus den Ostrepubliken oder aus anderen Teilen der UdSSR delegiert waren, nachgeordnet. Diesen Kaderimport gab es schon seit 1945. Der Umbau des Dorfes benötigte qualifizierte Kader, deren Schulungen und Aufstieg durch örtliche Kräfte nicht zu befriedigen war. Darüber hinaus entwickelte sich neben politischen Schulungen auch die landwirtschaftliche Bildung, die Ausbildung von Mechanikern und Kolchoskadern. Dennoch wurde auf diese Weise keine ausreichende Anzahl von Personen gewonnen, die die verschiedenen Stellen besetzen konnten. Die in der Regel mangelhafte Vorbereitung der Kolchosvorsitzenden schlug sich negativ auf die Arbeit der Wirtschaften nieder. Die Unfähigkeit zu führen, das Fehlen von Führungsautoritäten der Kolchosen, ihre untergeordnete Position gegenüber den sowjetischen Funktionären sowie eine große Fluktuation waren somit auch die wichtigsten Gründe für den beklagenswerten Zustand der neu gegründeten Kolchosen.46 Hinzu kamen eine nicht ausreichende materielle Basis der jungen Wirtschaften und eine Insuffizienz in den Maschinen-Traktoren-Stationen, die den Kolchosen die Wartung mit modernsten Mitteln der Landwirtschaftstechnik sichern sollten. Doch die miserablen Ergebnisse der Bewirtschaftung der Kolchosen waren auch eine Folge der von oben angeordneten Veränderungen auf dem Dorf sowie der schwachen Vorbereitung der Kampagne über ihre Anfangsetappe hinaus. Die frisch gebackenen Kolchosbauern sahen sich zusammen mit ihrem Vorsitzenden den vielen konkreten Problemen allein gegenüber. Das spätere Funktionieren des Kolchos weckte oft schon nicht mehr das Interesse der Bezirksorgane, was wiederum die Zentralmacht bemängelte. War doch der Mechanismus der wiederholten Kontrolle charakteristisch für sowjetische Verhältnisse. Dazu gehörten das Vorhalten von Fehlern und Nachlässigkeiten, die öffentliche Selbstkritik der Schuldigen sowie die Herausgabe von Aufträgen zu deren sofortiger Beseitigung, die jedoch nie zu einer dauerhaften Besserung führten. Die Kollektivierung der weißrussischen Landwirtschaft bedeutete eine weitere Verschlechterung der dörflichen Lebensbedingungen der Bevölkerung sowie ein Absenken der Erträge aus der landwirtschaftlichen Produktion.47 Nichtsdestotrotz war sie ein wichtiger Teil des Integrationsprozesses des weißrussischen Territoriums, Symbol für die Übergangszeit und Folge des Doppelcharakters, der sich aus der wirtschaftlichen Ordnung ergab. Die Kollektivierung führte zu einer tiefen Veränderung der gesellschaftlichen Struktur im Dorf und schuf die Möglichkeit einer breiten und tiefen Einwirkung auf die dörfliche Bevölkerung im Sinne des sowjetischen Geistes. Die Bauern waren natürlich seit Beginn der sowjetischen Herrschaft in diesem Gebiet ein Gegenstand propagandistisch-agitatorischer Anstrengungen. Ziel war das Erreichen einer erfolgreichen Einflussnahme auf die »arbeitende Bauernschaft«, damit sie zur Überzeugung käme, dass nur »der sowjetische Staat auf die Freundschaft der Völker baut, den Arbeitenden in den Westbezirken völlige Freiheit, materiellen Wohlstand und schnelle kulturelle Entwicklung garantiert«. Die Propagandaarbeit sollte in den Augen der Bevölkerung den antikommunistischen nationalen Untergrund (weißrussisch und polnisch) bloßstellen. Seine Anhänger sollten als »Söldner der deutschen Okkupanten, als Mittäter ihrer Verbrechen am weißrussischen Volk« sowie als »Agenten Hitlerdeutschlands, den Verrätern des Volkes« dargestellt werden.48 Zu Beginn der Kollektivierungskampagne war das Hauptthema der Propaganda die zeitgleiche Abrechnung mit den auferlegten Lasten (verstanden als Grundaufgabe der Bürger), die Teilnahme der Bevölkerung an der »sowjetischen Demokratie« durch Propagierung der sowjetischen Ordnung und die gemeinsame Teilnahme an Wahlen zu den Räten auf verschiedenen Ebenen sowie die Einbeziehung der Bauernschaft in die Werke und den Personenkult um Josef Stalin. Die Indoktrination wurde nicht nur in Form politischer Propaganda realisiert, sondern war fester Bestandteil von Bildungs- und Kulturinstitutionen. Die Botschaft sollte, so dachte die Führung, das geistige Niveau der Bevölkerung anheben, sie auf der Ebene des gesellschaftlichen Lebens aktivieren, sie einbinden in den Kreis der Aktivitäten und Erlebnisse des »sowjetischen Menschen«. In der Propagandaarbeit mit der Landbevölkerung wurden alle verfügbaren Mittel, darunter Radio und Kino, genutzt. Mit Blick auf die örtlichen Bedingungen setzte man am häufigsten auf die Presse und direkte Zusammenkünfte mit der Bevölkerung in Form zahlreicher Lesungen, Vorträge, Gespräche und Versammlungen.49 In die Agitationsarbeit sollten nach Möglichkeit Vertreter aus dem örtlichen Milieu einbezogen werden: Die dörfliche Intelligenz und einige Vertreter der Bauernschaft, die nach entsprechender Schulung das sogenannte Dorfaktiv, ein Fundament der Macht in der bäuerlichen Gesellschaft schaffen sollten. Die sowjetischen Propagandaarbeiter schätzten den Effekt dieser Tätigkeit hoch ein. Dennoch scheint es, dass ohne Unterstützung vonseiten der Verwaltung, der Parteistrukturen und des Sicherheitsapparats die Durchführung dieser Aufträge der Zentralmacht, ob mit wirtschaftlichen oder politischen Zielen verbunden, nicht möglich gewesen wäre. Zahlreiche Anstrengungen wurden unternommen, um den Einfluss auf das dörfliche Milieu ständig zu verstärken. Dem diente Anfang der Fünfzigerjahre bei den Maschinen-Traktoren-Stationen der Westbezirke die Berufung von politischen Abteilungen, die besonders nach der Gründung eines Kolchos die Propagandaarbeit unter den Bauern entwickeln sollten.50 Die Machthaber bemühten sich, besonders auf die junge Generation einzuwirken. Die Bauernjugend wurde in den Komsomol aufgenommen. Man war bestrebt, für die Organisation der Freizeit auch auf dem Dorf Zentren sozialistischer Kultur zu schaffen, die mit den Einflüssen von Religion und traditionellen Werten rivalisierten. Es entstanden Lesestuben, Zirkel des Amateurschaffens und sportliche Wirkstätten. Alles wurde mit politischen Inhalten angefüllt, und doch blieben die beabsichtigten Ergebnisse aus.51 Bei der Indoktrination der dörflichen Gesellschaft kam den Landfrauen besondere Bedeutung zu, denn sie stellten die Mehrheit der Arbeitskräfte. Gleichzeitig wurden sie auch als Hort rückwärtsgerichteter Ansichten betrachtet. Ihre benachteiligte Stellung sei – so das Kalkül – dank der erfolgreichen Politik des Staates verändert worden und mache es möglich, aus ihnen ergebene Frauen und sowjetische Patriotinnen zu machen. Man bemühte sich, eine Frauenbewegung durch Delegierten-Räte zu schaffen, über denen die territorialen Parteikomitees wachten. Den Bauern wurde ein neuer Typ der fortschrittlichen Weiblichkeit vorgestellt: ländliche Aktivistinnen, aufopferungsvolle Kolchosbäuerinnen, kinderreiche Mütter und letztendlich Traktoristinnen und Landwirtschaftsmechanikerinnen.52 Die Frauenbewegung wies auch in anderen Bereichen des kontrollierten und streng reglementierten gesellschaftlichen Lebens charakteristische Schwächen auf. Sie war abhängig von äußerlichen Anreizen seitens der Parteistruktur und den Zielen, die durch den Staat vorgegeben waren, untergeordnet. Die ländlichen Delegierten waren ganz einfach ein weiterer »Transmissionsriemen«. Das wurde besonders während der Phase der Kollektivierung deutlich.53 Die Emanzipation der Landfrauen war in der Wahrnehmung des Dorfes nur ein weiterer Angriff auf das bisherige Wertesystem, die gesellschaftliche Hierarchie und Tradition. Als gewaltiger Konkurrent im Wettlauf um die Herzen und Köpfe der ländlichen Bevölkerung der Westbezirke galten die russisch-orthodoxe und die katholische Kirche. Vor allem letztere wurde als sehr gefährlich und antisowjetisch angesehen.54 Bereits nach dem Krieg unternahmen die Machthaber Anstrengungen – die nicht vollständig zu den gewünschten Ergebnissen führten –, die religiösen Institutionen sowie das religiöse Leben der Bevölkerung dem bestehenden Recht der UdSSR unterzuordnen. Ende 1945/Anfang 1946 gab es in diesem Gebiet über 200 aktive katholische und russisch-orthodoxe Kirchen.55 Parallel zur Kollektivierungskampagne begann der entschiedene Kampf gegen die Religion. Mit besonderer Härte wurde gegen den Katholizismus vorgegangen. Davon zeugen zahlreiche Verhaftungen von Vertretern der Geistlichkeit dieser Glaubensrichtung, die Schließung von Kirchen und ihre Nutzung als Getreidelager. Anfang 1952 bestanden 149 registrierte katholische Gemeinschaften, aber es gab nur halb so viele Priester.56 Die Mehrheit der Bevölkerung arbeitete im ländlichen Milieu. Der Staat schaffte die Kinder-Katechese ab, grenzte die Möglichkeit der Teilnahme an religiösen Praktiken und die Beziehung zu Priestern generell ein und entwickelte eine atheistische Propaganda. Die Verarmung des Kolchosdorfes schwächte die materielle Grundlage der Existenz der Gemeinden und ihrer Geistlichen. Ein Teil der Gemeinschaften hatte Schwierigkeiten mit der Bezahlung der Kirchensteuer und Versicherung, von der Existenzsicherung des Geistlichen ganz zu schweigen. Besonders schmerzlich zu spüren bekam dies der russisch-orthodoxe Klerus mit seinen oft zahlreichen Familienangehörigen. Die Bauern, die ihrer Freizeit und Transportmittel beraubt waren, mussten nun auch ihre Teilnahme an Gottesdiensten einschränken. Den Machthabern gelang es zudem, mindestens einen Teil der Geistlichen zu zwingen, ihre kirchliche Arbeit dem erforderlichen Arbeitsrhythmus in den Kolchosen anzupassen, was im Falle der russisch-orthodoxen Kirche einfacher war, weil deren Bischöfe in der Regel die Anweisungen der Macht erfüllten. Gegenüber den katholischen Priestern konnten die Machthaber dieses Druckmittel nicht anwenden, da es auf dem Gebiet der UdSSR keine Glaubenshierarchie gab. Trotz dieser Verluste, die beide Religionen erlitten hatten, ist es bemerkenswert, dass es bis 1953 keine deutliche Abkehr der Bevölkerung von der Religion, von der traditionellen Weltanschauung und dem mit dem liturgischen Kalender verbundenen Lebensstil gab. Die religiösen Praktiken wurden beibehalten, wenngleich sie zeitweise eingeschränkt wurden oder ihre Form veränderten. In den Kolchosen wurde allenfalls eine verstärkte Abwesenheit der Kolchosbauern zu den Feiertagen bemerkt. Am Ende des Stalinismus erreichte der Umbau des westweißrussischen Dorfes seinen Abschluss, obwohl gesellschaftliche und geistige Veränderungen noch nicht vollendet waren.57 Die Umwandlung der Bauern in vom Staat abhängige Mitglieder leistungsschwacher Produktionskollektive war ein Wendepunkt, der, verspätet durch den deutsch-sowjetischen Krieg, eine Vereinheitlichung beider Teile der Sowjetischen Weißrussischen Republik bewirkte. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden die sowjetischen Erfahrungen der Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts zugrundegelegt, die trotz aller negativen Auswirkungen als unverrückbares Vorbild für die Gebiete galten, die nach 1944 dauerhaft in die UdSSR eingegliedert wurden. Aus dem Polnischen übersetzt von Daniela Fuchs-Frotscher 1 Siehe Moshe Lewin: Russian Peasants and Soviet Power. A Study of Collectivization, New York 1968. 2 Als Beispiele für die Publikation von Primärquellen siehe Н. Н. Покровский (ред.): Политбюро и крестьянство: Высылка, спецпоселение 1930-1940 [N. N. Pokrowski u. a.: Das Politbüro und die Bauern: Deportationen und Sonderansiedlung 1930–1940], Band 1–2, Moskau 2005–2006; А. Берелович и В. Данилов (ред.): Советская деревня глазами ОГПУ-НКВД. Документы и материалы [A. Berelowicz/W. Danilow (Hg.): Das sowjetische Dorf im Auge von OGPU – NKWD. Dokumente und Materialien], Band 3, Teil 1–3, Moskau 2003–2005; »Тянут с мужика последние жилы ...» Налоговая политика в деревне (1928-1937 гг.). Сборник документов и материалов [»Sie fordern von den Bauern ihr Letztes …«. Steuerpolitik gegenüber dem Dorf (1928–1937). Dokumenten- und Materialsammlung], Moskau 2007; Трагедия советской деревни. Коллективизация и раскулачивание. Документы и материалы [Tragödie des sowjetischen Dorfes. Kollektivierung und Entkulakisierung. Dokumente und Materialien], Band 1–5, Moskau 1999–2006; История сталинского Гулага. Конец 1920-х первая половина 1950-х [Geschichte des Stalin-Gulag. Ende der Zwanziger- bis zur ersten Hälfte der Fünfzigerjahre], Band 1–6, Moskau 2004; Н. Л. Побол и П. М. Полян (ред.): Сталинские депортации 1928–1953. Документы [N.L. Pobol/P.M. Polian (Hg.): Stalins Deportationen. Dokumente], Moskau 2005. Die Anzahl der Arbeiten, die das Problem als Ganzes oder teilweise behandeln, ist groß. Beispielhaft seien genannt: Н. А. Ивницкий, Судьба раскулаченных в СССР [N.A. Iwnickij: Das Schicksal der Entkulakisierten in der UdSSR], Moskau 2004; Sheila Fitzpatrick: Stalin’s peasant. Resistance and survival in the russian village after collectivization, New York 1994; Beatrice Fransworth/Lynne Viola (Hg.): Russian Peasant Women, New York 1992. Auch die deutsche Historiografie befasste sich intensiv mit diesem Thema. Siehe u. a. Helmut Altrichter: Die Bauern von Tver. Vom Leben auf dem russischen Dorfe zwischen Revolution und Kollektivierung, München 1984; Stephan Merl: Sozialer Aufstieg im sowjetischen Kolchossystem der 30er Jahre? Über das Schicksal der bäuerlichen Parteimitglieder, Dorfsowjetvorsitzenden, Posteninhaber in Kolchosen, Mechanisatoren und Stachanowleute, Berlin 1990; Diana Siebert: Bäuerliche Alltagsstrategien in der Belarussischen SSR (1921–1941). Die Zerstörung patriarchalischer Familienwirtschaft, Stuttgart 1998; Markus Wehner: Bauernpolitik im proletarischen Staat. Die Bauernfrage als zentrales Problem der sowjetischen Innen-politik 1921–1928, Köln 1998. 3 Siehe David Feest: Zwangskollektivierung im Baltikum. Die Sowjetisierung des estnischen Dorfes 1944–1953, Köln 2007. 4 In der weißrussischen Historiografie gibt es Arbeiten, die sich mit dem Problem der Umgestaltung des Dorfes beschäftigen. In der Regel behandeln sie das Westgebiet Weißrusslands jedoch sehr oberflächlich. Eine Ausnahme ist die Arbeit von V. A. Belozorovič. Aber in Hinblick auf die Art und Weise der Analyse ist sie weit davon entfernt, das Thema auszuschöpfen. Siehe В. А. Белозорович: Западнобелоруская деревня в 1939–1953 годах [V. A. Belozorovič: Das westweißrussische Dorf in den Jahren 1939–1953], Grodno 2004. Die Arbeiten aus der sowjetischen Zeit sind gegenwärtig nur von geringem wissenschaft-lichen Wert. 5 Ein Ergebnis des von der Autorin von 2002 bis 2008 durchgeführten Forschungsprojekts ist das Buch: Wieś zachodniobiałoruska. Wybrane aspekty [Das westweißrussische Dorf. Ausgewählte Aspekte], Wrocław 2010. 6 Siehe Piotr Eberhardt: Przemiany narodowościowe na Białorusi [Nationale Veränderungen in Weißrussland], Warschau 1994, S. 99. Die Daten beruhen auf Schätzungen. Das letzte allgemeine Verzeichnis wurde während der II. Polnischen Republik 1931 angefertigt. Außerdem herrschte in den östlichen Wojewodschaften teilweise nationale Selbstbestimmung. Dies ist auch ein Grund dafür, warum die Religion von so großer Bedeutung war. Mehr über dieses Gebiet, seine Bevölkerung, seine Wirtschaft und politischen Probleme, siehe bei Werner Benecke: Die Ostgebiete der Zweiten Polnischen Republik, Köln 1999; Eleonora Kirwiel: Kresy Północno-Wschodnich Rzeczypospolitej Polskiej w latach 1918–1939. Oblicze polityczne [Die nordöstlichen Grenzgebiete der Polnischen Republik in den Jahren 1918–1939. Politisches Antlitz], Lublin 2011. 7 Siehe M. Mieszczankowski: Struktura agrarna Polski międzywojennej [Die Agrarstruktur Polens in der Zwischenkriegszeit], Warschau 1960, S. 174–202. 8 Siehe Krzysztof Jasiewicz: Zagłada polskich Kresów. Ziemiaństwo polskie na Kresach Północno-Wschodnich Rzeczpospolitej pod okupacją sowiecką 1939–1941 [Der Untergang der polnischen Grenzgebiete. Polnische Gutsbesitzer aus den nordöstlichen Grenzgebieten der Republik unter sowjetischer Okkupation 1939–1941], Warschau 1997, S. 87–102, 239–256. Marek Wierzbicki: Polacy i Białorusini w zaborze sowieckim. Stosunki polsko-białoruskie na ziemiach północno-wschodnich II Rzeczypospolitej pod okupacją sowiecką 1939–1941 [Polen und Weißrussen unter sowjetischer Annexion. Polnisch-weißrussische Beziehungen in den nordöstlichen Gebieten der II. Republik unter sowjetischer Okkupation 1939–1941], Warschau 2000, S. 286 f. 9 Siehe Małgorzata Ruchniewicz: Stosunki narodowościowe w latach 1939–1948 na obszarze tzw. Zachodniej Białorusi [Die nationalen Beziehungen in den Jahren 1939–1948 auf dem Gebiet des sog. Westweißrusslands], in: Stanisław Ciesielski (Hg.): Przemiany narodowościowe na Kresach Wschodnich II Rzeczypospolitej 1931–1948 [Nationale Veränderungen in den östlichen Grenzgebieten der II. Republik 1931–1948], Toruń 2003, S. 262–273. 10 Siehe Christian Gerlach: Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 bis 1944, Hamburg 1999, S. 503–747. Siehe auch Shalom Cholawsky: The Jews of Belarussia during World War II, Amsterdam 1998; Генацыд у другой сусветнай вайне. Праблемы даследавання (у памяць ахвяр Трасцянца) [Genozid während des Zweiten Weltkrieges. Forschungsprobleme], Minsk 2003. 11 Zum Alltagsleben während der Okkupation in diesen Gebieten, siehe Alexander Brakel: Unter Rotem Stern und Hakenkreuz: Baranowicze 1939 bis 1944. Das westliche Weißrussland unter sowjetischer und deutscher Besatzung, Paderborn 2009; Bernhard Chiari: Alltag hinter der Front. Besatzung, Kollaboration und Widerstand in Weißrußland 1941–1944, Düsseldorf 1998; Babette Quinkert: Propaganda und Terror in Weißrussland 1941–1944. Die deutsche »geistige Kriegsführung« gegen Zivilbevölkerung und Partisanen, Paderborn 2009. 12 Siehe E. Mironowicz/S. Tok´c/R. Radzik: Zmiana struktury narodowościowej na pograniczu polsko-białoruskim w XX. wieku [Die Veränderung der Nationalitätenstruktur im polnisch-weißrussischen Grenzgebiet im 20. Jahrhundert], Białystok 2005, S. 85. 13 Siehe Zygmunt Boradyn: Niemen rzeka niezgody. Polsko-sowiecka wojna partyzantka na Nowogródczyźnie 1943–1944 [Njemen – ein Fluss der Zwietracht. Der polnisch-sowjetische Partisanenkrieg im Nawahradaker Gebiet 1943–1944], Warschau 1999, S. 85. 14 Siehe Памяць Белорусии 1941–1945. Республиканская книга [Das Gedächtnis Weißrusslands 1941–1945. Das Republikbuch], Minsk 2005. 15 Berichte über die Tätigkeit von Untergrundgruppen finden sich recht zahlreich in den Materialien untergeordneter Parteiorgane. Beispielsweise: Bericht zum Thema der Untergrundtätigkeit im Bezirk Brest im Zeitraum von Juli bis November 1944, in: Национальный архив Республики Беларусь/Nationalarchiv der Republik Belarus (im Folgenden: NARB), f. 4p, оp. 29, d. 32, Bl. 59–63. Information über Fakten terroristischer Tätigkeit von Banden im Bezirk Polozk, in: NARB, f. 4p, op. 29, d. 42, Bl. 42. Information über Tätigkeit von weißen Banditen im Rajon Woronow im Bezirk Grodno vom 21. Januar 1945, in: NARB, f. 4p, op. 29, d. 42, Bl. 8. Bericht über terroristische Akte im Bezirk Grodno vom 2. April 1945, in: Государственный архив области Гродненской/Staatsarchiv des Bezirks Grodno, f. 1171, op. 1, d. 25, Bl. 53. Siehe auch Andrzej Chmielarz: Likwidacja podziemia polskiego na Nowogródczyźnie i Wileńczyźnie (lipiec 1944 – lipiec 1945) [Die Liquidierung des Untergrunds im Gebiet von Nawahradak und Vilnius (Juli 1944 – Juli 1945)], in: Z dziejów Armii Krajowej na Nowogródczyźnie i Wileńczyźnie (1941–1945) [Zur Geschichte der Heimatarmee im Gebiet von Nawahradak und Vilnius (1941–1945)], Studie, Warschau 1997. 16 Siehe Rafał Wnuk: Polska konspiracja antysowiecka na Kresach Wschodnich II RP w latach 1939–1941 i 1944–1952 [Die polnische antisowjetische Konspiration in den östlichen Grenzgebieten der II. Polnischen Republik in den Jahren 1939–1941 und 1944–1952], in: Krzysztof Jasiewicz (Hg.): Tygiel narodów. Stosunki społeczne i etnicze na dawnych ziemiach wschodnich Rzeczypospolitej 1939–1953 [Der Schmelztiegel der Völker. Gesellschaftliche und ethnische Beziehungen in den ehemaligen Ostgebieten der Republik 1939–1953], Warschau 1992, S. 229–246. Siehe auch Кузнецов, Карательные органы на Беларуси (1944–1953) [Die Straforgane in Weißrussland 1944–1953], »Беларусь у ХХ стагоддзи« (2004), H. 3, in: www.homoliber.org./ru/xx/xx030112.html, ges. am 18. Dezember 2012; W. Materski/A. Paczkowski (Hg.): Dok 5, in: NKWD o Polsce i Polakach. Rekonesans archiwalny [NKWD über Polen und die Polen. Archivalische Erkundung], Warschau 1996, S. 100; И. А. Валаханович: Антисоветское подполье на территории Беларуси в 1944–1953 гг. [I. A. Walachanowicz: Antisowjetischer Untergrund in Weißrussland 1944–1953], Minsk 2002, S. 128. 17 Siehe Information an den Vorsitzenden des Ministerrates der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik K. Mazurov vom 26. April 1956, in: NARB, f. 4, op. 62, d. 450, Bl. 708 f.; Ю. Грибовский, Судьба бывших военнослужащих армии Андерса – репатриантов в Беларусь [Ju. Grybowskij: Das Schicksal der ehemaligen Soldaten der Anders-Armee – Rückkehrer in Weißrussland] (2003), H. 2, in: www.homoliber.org./ru/xx/xx020110.html, ges. am 18. Dezember 2012. 18 Siehe Verzeichnis des Büros des Hauptvertreters für Evakuierung des Ministerrates der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik vom 10. Juli 1946, in: NARB, f. 788, op.1, d. 23, Bl. 28. 19 Siehe ebd., Bl. 27. 20 Siehe Piotr Eberhardt: Polska ludność kresowa. Rodowód, liczebność, rozmieszczenie [ Die polnische Bevölkerung im Grenzgebiet. Herkunft, Zahlen, Verteilung], Warschau 1998, S. 75–78. 21 Nach der Vertreibung der Deutschen aus diesem Gebiet berichteten sowjetische Armeeführer über ihre Gespräche mit Bauern, in denen diese u. a. ihre Furcht vor der Einführung der Kollektivierung ausdrückten. »Das Hauptproblem, das die Bauern im befreiten Gebiet Westweißrusslands beschäftigt, ist die Frage, ob es Kolchosen geben wird oder nicht«, fasste ein Offizier nach einem Treffen mit der Bevölkerung im August 1944 seine Eindrücke zusammen. Siehe Schreiben von Oberst Griška an General Telegin vom 26. August 1944, in: NARB, f. 4p, op. 29, d. 61, Bl. 110. 22 Siehe И. А. Валаханович: Антисоветское подполье (Anm. 16). 23 Information über die Situation im Bezirk Grodno vom 11. April 1945, in: NARB, f. 4p, op. 29, d. 62, Bl. 16. 24 Siehe Information über die Missstände in der Abteilung Erfüllung der Beschlüsse des Ministerrates der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik und des ZK der Kommunistischen Partei Weißrusslands vom 21. November 1944, in: NARB, f. 4p, op. 28, d. 184, Bl. 10. 25 Siehe ebd. 26 Siehe Schreiben des Sekretärs des ZK der Kommunistischen Partei Weißrusslands B. P. Ponomarienko vom 21. Juli 1945 über die Mängel bei der Organisation der Beschaffung von Arbeitskräften, in: NARB, f. 4p, op. 29, d. 102, Bl. 73 f. 27 Siehe Information über die Missstände in der Abteilung Erfüllung der Beschlüsse des Ministerrates der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik und des ZK der Kommunistischen Partei Weißrusslands vom 21. November 1944, in: NARB, f. 4p, op. 28, d. 184, Bl. 13. 28 Siehe Feest: Zwangskollektivierung (Anm. 3). 29 In den Archiven fanden sich keinerlei Materialien, die auf einen selbstständigen Vorschlag in Bezug auf die Entwicklung der Landwirtschaft im Westgebiet der Republik hindeuteten. 30 Siehe История советского крестьянства [Geschichte der sowjetischen Bauern], Bd. 4, Moskau 1988, S. 141. 31 Siehe Dokument 52, in: Аграрные преобразования в молодечненской области 1944–1953. Документы [Die Veränderungen auf dem Agrarsektor im Maladsetschna-Bezirk 1944–1953. Dokumente], Minsk 2003, S. 158. 32 Siehe Information an den Vorsitzenden des Ministerrates der Weißrussischen Sozialistischen Sowjet-republik K. Mazurov vom 26. April 1956, in: NARB, f. 4, op. 62, d. 450, Bl. 708 f. 33 Vor dem deutschen Angriff auf die UdSSR wurde das Bestehen von 1115 Kolchosen notiert. Ein Teil von ihnen wurde erst in den letzten Wochen berufen, funktionierte aber faktisch nicht. Siehe Information aus der Abteilung Landwirtschaft des ZK der Kommunistischen Partei Weißrusslands vom 13. Dezember 1944, in: NARB, f. 4, op. 46, d. 106, Bl. 3. 34 Siehe А. П. Белязо: Беларуская веска у пасляваенныя гады (1945–1950) [A. P. Bieliazo: Das weißrussische Dorf in der Nachkriegszeit (1945–1950)], Minsk 1974, S. 143 f. 35 Die gravierendsten Vorfälle wurden im ZK der Kommunistischen Partei Weißrusslands erörtert und manchmal wurde eingegriffen: Information über die Ergebnisse der Arbeitskontrolle durch die sowjetischen Organe des Bezirks Maladsetschna zum Vorgehen bei der Kollektivierung vom 3. November 1949, in: NARB, f. 4p, op. 46, d. 439, Bl. 244; Beschluss des Büros des Rajonkomitees der Kommunistischen Partei Weißrusslands vom 17. Juni 1949, in: NARB, f. 4p, op. 51, d. 1454, Bl. 154 f.; Bericht über den Stand des Kolchosaufbaus im Bezirk Brest vom 8. April 1949, in: NARB, f. 4p, op. 46, d. 398, Bl. 45 f.; Dokument 96, in: Аграрные преобразования (Anm. 31), S. 255; Beschluss des Büros des Rajonkomitees der Kommunistischen Partei Weißrusslands zur Verletzung des sowjetischen Rechts im Rajon Smorgon im Bezirk Maladsetschna vom 4. Juli 1950, in: NARB, f. 4p, op. 81, d. 318, Bl. 9; Schreiben an den Sekretär des ZK der Kommunistischen Partei Weißrusslands B. Zakrudaev wegen Verletzung der Freiwilligkeit bei der Bildung von Kolchosen im Rajon Lida vom 4. Mai 1949, in: NARB, f. 4p, op. 46, d. 392, Bl. 95–98. 36 Siehe statistische Berichte über die Fortschritte bei der Kollektivierung, in: NARB, f. 4p, op. 46, d. 444, Bl. 71–77; NARB f. 7, op. 3, d. 1116, Bl. 35–41, 169. 37 Siehe Dokument 120, in: Аграрные преобразования (Anm. 31), S. 313. 38 Siehe Bericht vom Plenum des ZK der Kommunistischen Partei Weißrusslands vom 12. bis 14. Februar 1951, in: NARB, f. 4p, op. 20, d. 271, Bl. 5–35. 39 In der gesamten UdSSR schrumpfte die Zahl der Bauernhöfe in den Jahren 1950 bis 1953 von 255 000 auf 94 000. 40 Siehe Information über die Teilnahme von arbeitsfähigen Kolchosbauern an der Kolchosarbeit in den Westbezirken der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik in den Jahren 1948–1949, in: NARB, f. 915, op. 2, d. 47, Bl. 286. 41 Siehe Information an den Sekretär des ZK der Kommunistischen Partei Weißrusslands B. Zakrudaev vom 28. April 1950, in: NARB, f. 4p, op. 46, d. 450, Bl. 57–60; Information über Fälle von Verenden von Tieren in Kolchosen der Rajons Miadziol und Smorgon vom 12. Januar 1952, in: NARB, f. 4p, op. 46, d. 617, Bl. 131 f. Bericht über Untersuchungsergebnisse zu Vorkommnissen von massenhaftem Verrecken von Vieh in den Rajons Luninez und Logischin im Bezirk Pinsk vom 5. Januar 1953; ebd., Bl. 61–63. 42 Siehe Information über die Frühjahrsaussaat im Bezirk Grodno vom 22. April 1950, in: NARB, f. 7, op. 3, d. 1137, Bl. 77; Bericht über die organisatorisch-wirtschaftliche Lage der Kolchosen in den Westbezirken der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik vom November 1951, in: NARB, f. 4p, op. 46, d. 488, Bl. 227. 43 Siehe Information über die Kontrollergebnisse durch die Organe im Rajon Luninez im Bezirk Pinsk vom 31. August 1949, in: NARB, f. 4p, op. 46, d. 39, Bl. 305; Information über den Stand des Kampfes gegen die Verletzung des Statuts der landwirtschaftlichen Genossenschaft in den Kolchosen der Weißrussischen Sowjetischen Sowjetrepublik vom 25. August 1950, in: NARB, f. 7, op. 3, d. 1153, Bl. 62–65. 44 Am Beispiel Grodno, der größten Stadt dieses Teils der Republik beschrieb Felix Ackermann diese Erscheinung. Siehe Felix Ackermann: Vom Dorf nach Grodno. Die Sowjetisierung Westweißrusslands als Akkulturationsprozess dörflicher Migranten, in: Thomas Bohn (Hg.): Von der »europäischen Stadt« zur »sozialistischen Stadt« und zurück? Urbane Transformationen im östlichen Europa des 20. Jahrhunderts, München 2009, S. 335–359; Felix Ackermann: Palimpsest Grodno. Nationalisierung, Nivellierung und Sowjetisierung einer mitteleuropäischen Stadt 1919–1991, Wiesbaden 2010, S. 254–258. 45 Siehe Schreiben der Abteilung Landwirtschaft des ZK der Kommunistischen Partei Weißrusslands an den 1. Sekretär des ZK der Kommunistischen Partei Weißrusslands Patoličev vom Dezember 1951, in: NARB, f. 4p, op. 47, Bd. 345, Bl. 14. 46 Siehe Dokument 95, in: Аграрные преобразования (Anm. 31), S. 252; Information über die wirtschaftliche Tätigkeit der Kolchosen im Kreis Grodno 1951, in: NARB, f. 4p, op. 46, d. 564, Bl. 24 f. 47 Im Republikmaßstab wurde die Flächensaat von 1941 erst 1953 erreicht. 48 Dokument 4, in: Освобождëнная Беларусь январь – декабрь 1945 [Das befreite Weißrussland. Januar – Dezember 1945], Bd. 2, Minsk 2005, S. 23–25. 49 Diese Aktivität wurde akribisch in Berichten von verschiedenen Ebenen der Verwaltung beschrieben. Zum Beispiel: Information über den Stand der massenpolitischen Arbeit unter der Dorfbevölkerung des Bezirkes Polozk vom April 1947, in: NARB, f. 4p, op. 29, d. 570, Bl. 253 f.; Bericht an den Sekretär des ZK der KP Weißrusslands W. Tomaševič über die massenpolitische Arbeit im Zusammenhang mit dem 10. Jahrestag der Vereinigung Weißrusslands 1949, in: NARB, f. 4p, op. 47, Bd. 198, Bl. 1–10; Bericht über die massenpolitische und Propagandaarbeit in den Westbezirken der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik im Zusammenhang mit der Kollektivierung der Landwirtschaft 1950, in: NARB, f. 4p, op. 47, d. 224, Bl. 200 f. 50 Siehe Information über die Arbeit der Politabteilungen der MTS in den Westbezirken der Weißrussischen SSR, in: NARB, f. 4p, op. 46, d. 480, Bl. 1–25; Bericht über die Arbeit der Politabteilungen der Maschinen-Traktoren-Stationen (vor dem 9. Januar 1951), in: NARB, f. 4p, op. 62, d. 199, Bl. 1 f. 51 Siehe Beschluss des Büros des ZK der KP Weißrusslands »Über die Unzulänglichkeiten in der Arbeit der dörflichen Grundorganisationen des Komsomol in den Westbezirken der Weißrussischen SSR« vom 22. August 1950, in: NARB, f. 4p, op. 81, d. 340, Bl.10 f. 52 Propagierte Rollen und Frauengestalten werden in Minibiografien beförderter und geschulter Bauernfunktionärinnen deutlich, aber auch in Themen von Vorlesungen und Gesprächen für Dorfbewohnerinnen. Siehe weiter Berichte der Abteilungen in den einzelnen Bezirken der Weißrussischen SSR (NARB, f. 4p, op. 49). 53 Siehe Information über den Stand der massenpolitischen Arbeit unter den Frauen im Rajon Lida und Sopockin im Bezirk Grodno in den Jahren 1946–1947, in: NARB, f. 4p, op. 49, d. 16, Bl. 23; Bericht über die massenpolitische und kulturelle Arbeit unter den Frauen im Bezirk Brest nach dem Stand vom 1. Januar 1950, in: NARB, f. 4p, op. 49, d. 23, Bl. 16 f. 54 Über die sowjetische Politik gegenüber dem Katholizismus in Weißrussland siehe Е. С. Ярмусик: Католический костëл в 1945–1990 в годах [E. S. Jarmusik: Die katholische Kirche in den Jahren 1945–1990], Grodno 2006 . 55 Siehe statistische Information über die Registrierung von Kirchen und Bethäusern in den Jahren 1945–1946, in: NARB, f. 951, op. 2, d. 2, Bl. 34–40; Bericht des Beauftragten des Rates für Religiöse Kulte in der Weißrussischen SSR für 1945, in: NARB, f. 952, op. 2, d. 2, Bl. 275. 56 Siehe Bericht über den Stand und die Tätigkeit religiöser Gemeinschaften auf dem Gebiet der Weiß-russischen SSR im IV. Quartal 1951, in: NARB, f. 952, op. 2, d. 28, Bl. 199. 57 Über seinen weiteren Verlauf siehe Rayk Einax: Entstalinisierung in Weißrussland 1953–1965 (Maschinenschriftliche Dissertation, verteidigt 2011).

JHK 2013

Ungewöhnliche Konversionen? Von Mao zu Moses. Linksradikalismus und jüdische Zugehörigkeit im Frankreich der späten Siebzigerjahre

Sebastian Voigt

»Dass mein Fall gewöhnlich ist, man darf sich dabei nicht täuschen, besagt, dass er wunderbar ist […]. ›Von Mao zu Moses‹ ruft man aus, und vergisst, dass, um genau zu sein, es von Moses zu Mao, von Mao zu Moses heißen müsste, das bedeutet also, von Moses zu Moses im Vorbeigehen an Mao. Das gewöhnliche Schicksal des Juden – das Wunder – liegt in der Offenbarung dieser Unbeweglichkeit, trotz der ganzen Bewegungen des Jahrhunderts.«1 Dieses Zitat aus einem 2003 postum veröffentlichten Werk stammt von Benny Lévy. Rückblickend auf seinen Lebensweg betonte er dessen Gewöhnlichkeit, die darin bestehe, dass ein Jude immer ein Jude bleibe, egal welche Umwege er auch eingeschlagen habe. Letztlich kehre er zu seinen Wurzeln zurück. »Moses«, als Prophet des Volkes Israel, sei der unumgängliche Ausgangs- und Endpunkt.2 Der 1945 in Ägypten geborene Lévy, Sohn einer assimilierten Familie der Mittelschicht, kam nach der Suezkrise 1956 nach Frankreich. Er studierte an der Pariser Eliteuniversität École normale supérieure und wurde Mitglied der Union des étudiants communistes [Union kommunistischer Studenten], der Studentenvereinigung der Kommunistischen Partei Frankreichs (KPF). Nach den Ereignissen des Pariser Mai 1968 wurde er einer der Anführer der maoistischen Gauche Prolétarienne [GP, proletarische Linke] und einer der bekanntesten Linksradikalen in Frankreich. Die GP gab auch die Zeitung La Cause du Peuple [Die Sache des Volkes] heraus. Im Mai 1970 wurde die Gruppierung schließlich aufgrund ihrer Radikalität vom französischen Staat verboten. Aus Solidarität übernahm Jean-Paul Sartre die Herausgeberschaft der Zeitung, die fortan unter anderem Namen erschien, und kam auf diese Weise mit Benny Lévy in Kontakt. Nachdem die GP 1970 als Organisation verboten worden war, tauchte Lévy unter. 1973 machte ihn Sartre, der damals schon fast erblindet war, zu seinem Privatsekretär. 1978 entdeckte Lévy schließlich die Philosophie von Emmanuel Levinas, ging in eine Jeschiva, eine jüdische Religionsschule, nach Straßburg, und begann, Hebräisch zu lernen. Knapp zwanzig Jahre später, 1997, wanderte er nach Israel aus und gründete zusammen mit zwei anderen Protagonisten der Nouveaux Philosophes [Neue Philosophen], Alain Finkielkraut und Bernard-Henri Lévy, das Institut für Levinas-Studien in Jerusalem, das er bis zu seinem Tod 2003 leitete. Eine heftige Kontroverse über die Frage der jüdischen Zugehörigkeit entfachte Lévy mit seiner Schrift L’espoir maintenant. Les entretiens de 1980 [Hoffnung jetzt. Die Gespräche von 1980]. In diesem Buch hält er Gespräche fest, die er mit Sartre kurz vor dessen Tod geführt hat.3 Dieser hatte sich seit Jahrzehnten mit dem Antisemitismus auseinandergesetzt.4 Bereits in den 1946 veröffentlichten Überlegungen zur Judenfrage wies Sartre darauf hin, dass der Antisemitismus kein jüdisches, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem sei und die Sicherheit der einzelnen Juden in einer Gesellschaft den Gradmesser für ihre emanzipatorische Entwicklung darstelle.5 Außerdem würden die Juden in den meisten Fällen erst durch den Antisemitismus zu Juden gemacht. In den Gesprächen mit Lévy gab er seinem Denken jedoch eine ungeahnte Wendung. Er betrachtete die Juden jetzt nicht mehr nur als ex negativo durch die Judenfeindschaft bestimmt, sondern hob hervor, dass eine »jüdische Realität« existiere.6 Neben Themen wie Gewalt, Hoffnung, Verzweiflung und Brüderlichkeit, die er in einer gänzlich neuen Weise diskutierte, waren viele Leser darüber verwundert, dass der strikte Atheist die Bedeutung der messianischen Hoffnung als Quelle für revolutionäre Ideen unterstrich: »Zu der Zeit, als ich die Überlegungen zur Judenfrage schrieb, war der Messianismus für mich eine sinnlose Idee. Wenn er heute eine reiche Bedeutung für mich angenommen hat, so zum Teil dank unserer Gespräche, die mich verstehen ließen, was er für dich repräsentierte.«7 Aufgrund der Prominenz Sartres hatte das Buch von Lévy zwar eine herausgehobene Position, war seinerzeit aber nicht das Einzige seiner Art. Im Gegenteil: In der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre erschienen mehrere Publikationen ehemaliger jüdischer Linksradikaler, die sich mit der Frage der Zugehörigkeit befassten. Zu nennen ist hier etwa die im Gefängnis verfasste Autobiografie Dunkle Erinnerungen eines in Frankreich geborenen polnischen Juden von Pierre Goldman (geb. 1944), die bei Erscheinen 1975 breit rezipiert wurde.8 Sein Freund und politischer Weggefährte, Luc Rosenzweig (geb. 1943), der als Journalist für die linke Tageszeitung Libération tätig war, führte in La Jeune France Juive [Das junge jüdische Frankreich] Interviews mit jungen französischen Juden.9 Der Titel war eine ironische Anspielung auf das antisemitische Pamphlet La France Juive [Das verjudete Frankreich] von Édouard Drumont aus dem Jahre 1886.10 Zeitgleich gab Rosenzweig die Textsammlung Catalogue pour des Juifs de maintenant [Katalog für die Juden von heute] heraus, die unterschiedliche Facetten jüdischen Lebens im Nachkriegsfrankreich thematisierte.11 1980 erschien Alain Finkielkrauts (geb. 1949) Le Juif imaginaire [Der eingebildete Jude]. Darin versuchte er eine Form der Zugehörigkeit zu begründen, die sich nicht ausschließlich auf die Leiden in Auschwitz stützte. Er konstatierte einen Zusammenhang zwischen dem Niedergang der radikalen Linken im Zuge der Siebzigerjahre, der Fortexistenz des Antisemitismus nach 1945 und einer Renaissance der Debatte um das Jüdischsein.12 Seinerzeit brachen keineswegs alle linken Juden mit ihren bisherigen politischen Überzeugungen, aber augenscheinlich ist dennoch, dass alle aufgezählten Bücher innerhalb einer Zeitspanne von fünf Jahren publiziert wurden. Der Bruch mit der kommunistischen Bewegung wurde gerade von Intellektuellen vollzogen, die bis heute eine wichtige Rolle in der französischen Diskussion spielen. Um die Gründe für diese auffällige Tendenz zu eruieren, müssen die Bedeutung Frankreichs für die jüdische Geschichte diskutiert und die Veränderungen zwischen 1945 und 1980 dargelegt werden, die das Selbstverständnis der französischen Juden tangierten. Nur vor diesem Hintergrund sind die Abwendung vom universellen Emanzipationsversprechen, das sowohl in der Französischen Revolution als auch im Kommunismus enthalten war, und die Hinwendung zu einer partikularen Zugehörigkeit zu verstehen. Die aufgeworfene Thematik behandelt somit die Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit universalistischer Ideologien, die sich paradigmatisch im Nachkriegsfrankreich zeigte und insbesondere die Juden als »Minderheit par excellence« betraf.13 Die Bedeutung Frankreichs für die jüdische Geschichte Die Französische Revolution spielte eine eminent wichtige Rolle in der jüdischen Geschichte, weil den Juden durch sie historisch erstmals die rechtliche Gleichberechtigung zuerkannt wurde.14 Damit einher gingen jedoch das Assimilationspostulat und die erzwungene Absage an jegliche Form religiöser Partikularität.15 Stanislas de Clermont-Tonnerre, ein Abgeordneter der Nationalversammlung, brachte diese Überzeugung in einer auf alle gesellschaftlichen Minderheiten angewandten, klassisch gewordenen Wendung auf den Punkt: »Man muss den Juden als Nation alles verweigern und den Juden als Individuen alles zugestehen.«16 Dieser Ausspruch enthält in nuce die Ambivalenz des Universalismus. Der sich im 19. Jahrhundert vollziehende Akkulturationsprozess ermöglichte den Juden einen außergewöhnlichen sozialen Aufstieg. Jedoch existierte in Frankreich damals auch ein starker Antisemitismus. Das bekannteste Beispiel war die Dreyfus-Affäre, im Zuge derer sich eine moderne bürgerliche Gesellschaft an der »Judenfrage« spaltete.17 Diese Widersprüche kommen in der Redensart von den deux Frances, den zwei Frankreich, zum Ausdruck.18 Die Situation der französischen Juden änderte sich grundlegend durch die starke Migrationsbewegung aus dem östlichen Europa, die durch die Pogrome Anfang des 20. Jahrhunderts ausgelöst wurde und nach dem Ersten Weltkrieg vermehrt Flüchtlinge nach Frankreich brachte.19 Infolge der Einwanderung aus Ostmitteleuropa entstanden in Paris jiddischsprachige Viertel, und es wurde zur Stadt mit der größten jüdischen Bevölkerung Westeuropas.20 Es wurden jüdische Organisationen innerhalb der Arbeiterbewegung gegründet, und viele Migranten schlossen sich der 1920 gegründeten KPF an. Mitte der Zwanzigerjahre wurden spezielle Sektionen für eingewanderte Arbeiter ins Leben gerufen (Main d’oeuvre étrangère, seit 1932 Main d’oeuvre immigré), darunter auch eine jiddischsprachige Gruppierung. Noch in der Zwischenkriegszeit war Frankreich das klassische Asylland, das politisch Verfolgten Aufnahme bot. Für viele Juden symbolisierte Frankreich die Hoffnung auf eine Gesellschaft ohne Unterdrückung. Es verkörperte den Universalismus der Aufklärung und hatte damit eine Strahlkraft weit über die eigenen Grenzen hinaus. Dieses Bild geriet zunehmend ins Wanken und zerbrach nach der französischen Niederlage im Zweiten Weltkrieg 1940. Der Waffenstillstandsvertrag mit dem NS-Regime im Juni 1940 teilte das französische Territorium. In der unbesetzten Zone in Vichy errichtete der Held des Ersten Weltkriegs Marschall Philippe Pétain ein Regime, das auf die autoritäre Umstrukturierung der Gesellschaft abzielte.21 Bereits am 3. Oktober 1940 erließ die Regierung das »Judenstatut«. Im März 1941 wurde das »Generalkommissariat für Judenfragen« eingerichtet. Es entwickelte sich eine weitreichende Kollaboration mit dem NS-Regime. Diese wäre ohne die aktive Beteiligung oder die stillschweigende Akzeptanz eines Großteils der französischen Bevölkerung kaum möglich gewesen.22 Der Widerstand in Frankreich formierte sich langsam, und eine politische Strömung beteiligte sich zunächst überhaupt nicht daran: die Kommunistische Partei. Nach Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts im August 1939 rechtfertigte die KPF diesen vielmehr als Notwendigkeit zum Schutz der Sowjetunion und als reine Defensivaktion.23 Der Krieg wurde als innerimperialistische Angelegenheit interpretiert und jegliche antifaschistische Aktivität eingestellt. Dies evozierte bei vielen jüdischen Parteimitgliedern erste Zweifel am Kurs der Partei, die jedoch nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion wieder zerstreut werden konnten. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lebten ungefähr 330 000 französische Juden in Frankreich, hinzu kamen an die 40 000 geflohene deutsche und österreichische Juden. Bereits seit Mitte 1941 wurden regelmäßig antijüdische Razzien in der besetzten Zone durchgeführt, die später auf das ganze Land ausgedehnt wurden. Am 27. März 1942 begannen die Transporte nach Auschwitz. Bis zur Befreiung Frankreichs im August 1944 wurden 76 000 Juden deportiert – ein Viertel aller bei Kriegsbeginn dort lebenden Juden.24 Französische Nachkriegsmythen Nach einer kurzen Phase der wilden Säuberung gegen Kollaborateure mit der deutschen Besatzung unmittelbar nach der Befreiung Frankreichs im Herbst 1944, in der mehr als 8000 Personen standrechtlich erschossen wurden oder unzähligen weiteren Vergeltungsmaßnahmen zum Opfer fielen, wurden die Racheakte in administrative Bahnen gelenkt.25 In den kommenden Jahren wurden mehr als 300 000 Fälle der Zusammenarbeit mit dem Feind an die französische Justiz weitergeleitet. Gut ein Drittel wurde verhandelt, 75 Prozent davon endeten mit einer Verurteilung. Das härteste Strafmaß traf die Führungsriege des Vichy-Regimes. An die 1600 Personen wurden zum Tode verurteilt und exekutiert. Marschall Pétain entging der Erschießung nur, weil seine Strafe in eine lebenslange Gefängnisstrafe umgewandelt wurde.26 Bald nach 1945 entstanden wirkmächtige Mythen, die aus dem Umgang mit dem Vichy-Regime und dem Holocaust resultierten. Sie dienten der Herstellung eines neuen Zusammenhalts in einer ideologisch zutiefst gespaltenen Gesellschaft. Über politische Differenzen hinweg, also von den Kommunisten bis zu den Gaullisten, wurde der Mythos der gesamten Nation im Widerstand und der Selbstbefreiung genährt. Andere Kriegs- und Opfererfahrungen blieben ausgeblendet. Das Vichy-Regime wurde aus dem Verlauf der französischen Geschichte gleichsam exterritorialisiert und die Kollaboration von Teilen der Bevölkerung nicht thematisiert. Es passte nicht in das heroische Selbstbild. Das »Vichy-Syndrom«, wie der französische Historiker Henry Rousso es nannte, bestimmte das kollektive Gedächtnis Frankreichs über Jahrzehnte.27 Somit hatte der durchaus bedeutende spezifisch jüdische Anteil an der Widerstandsbewegung keinen Platz im offiziellen Narrativ. Ein weiterer Faktor verdeckte die Wahrnehmung der années noires [dunklen Jahre] zwischen 1940 und 1944: die Entkolonisierung des französischen Kolonialreichs. Gerade in Frankreich standen das Ende des Zweiten Weltkriegs und der Beginn einer äußerst brutal verlaufenden Dekolonisierung in engem Zusammenhang, der an einem einzigen Tag seinen Ausdruck fand: am 8. Mai 1945. An diesem Tag wurde nicht nur die bedingungslose Kapitulation der deutschen Streitkräfte unterzeichnet, sondern auch die Bevölkerung im algerischen Sétif von der französischen Kolonialmacht massakriert. Die Angaben über die Toten schwanken sehr stark.28 Diese Koinzidenz einschneidender Ereignisse am 8. Mai 1945 war von kaum zu überschätzender symbolischer Bedeutung.29 Während der Konflikt in Nordafrika unter der Oberfläche weiter brodelte und Frankreich 1947 außerdem einen Aufstand in Madagaskar blutig erstickte, verschob sich der Fokus der Dekolonisierung vorläufig nach Französisch-Indochina. Dort endete ein achtjähriger Krieg 1954 mit der als schmachvoll empfundenen Niederlage der französischen Armee in der Schlacht von Dien Bien Phu. Nur ein halbes Jahr nach dem Massaker am 8. Mai 1945 wandelte sich die schwelende Auseinandersetzung in Algerien zu einem offenen Krieg. Dieser führte zur schwersten Krise der 1946 gegründeten Vierten Französischen Republik. Erst am 18. März 1962 schloss der vier Jahre zuvor in die Politik zurückgekehrte Charles de Gaulle einen Friedensvertrag mit der Algerischen Unabhängigkeitsbewegung. Frankreich befand sich nun zum ersten Mal seit 1944 nicht mehr in einem bewaffneten Konflikt. Dies war eine einzigartige Situation im Nachkriegseuropa. Frankreich hatte sich als Staat zwischen Juni 1940 und August 1944 zwar nicht am Zweiten Weltkrieg beteiligt, im Jahr 1945 jedoch, als für die meisten europäischen Länder eine Zeit des Friedens einkehrte, brachen für Frankreich Kolonialkriege aus, die bis 1962 andauerten. Die besondere französische Konstellation zwischen 1940 und 1962 lässt sich folgendermaßen auf den Punkt bringen: Es herrschte Frieden im Krieg und Krieg im Frieden.30 Die Auseinandersetzung um den Kolonialismus bestimmte die politischen Debatten der Zeit und überlagerte jede Beschäftigung mit dem Vichy-Regime und vor allem mit dem Holocaust. Die permanente Rückkehr des Verdrängten Nur scheinbar im Widerspruch dazu stand, dass bereits im Algerienkrieg immer wieder aus dem Gedächtnisarsenal des Zweiten Weltkriegs geschöpft wurde und sowohl Befürworter als auch Gegner sich in der Tradition der antifaschistischen Résistance verorteten. Gedacht wurde in der französischen Gesellschaft nach 1945 jedoch ausschließlich der aus politischen Gründen Deportierten. Das Symbol für die Barbarei des Nationalsozialismus war deshalb das Konzentrationslager Buchenwald und nicht das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Das jüdische Schicksal der »rassischen« Verfolgung war in der hegemonialen Erinnerung nicht präsent.31 Noch eine weitere Konsequenz des Algerienkrieges erwies sich für die mehrheitlich säkularen französischen Juden als folgenreich. Nach der Unabhängigkeit setzte eine Massenflucht nordafrikanischer Juden ein. Insgesamt waren es über 200 000 sephardische Juden, die Frankreich zum Land mit der mit Abstand größten jüdischen Bevölkerung Westeuropas machten und das jüdische Leben stark veränderten. Die Flüchtlinge waren religiöser als die Mehrheit der französischen Juden. Diese begegneten damals häufig erstmals einer traditionellen Lebensweise. Die offene Artikulation religiöser Praktiken stand nicht nur dem laizistischen Selbstverständnis der französischen Republik entgegen, sondern konfrontierte auch die säkularisierten Juden mit ihrer Zugehörigkeit. Ein weiterer Einschnitt im Verhältnis der Juden zu Frankreich war der Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967. De Gaulle verhängte ein Waffenembargo, obwohl Frankreich lange zu den wichtigsten militärischen Verbündeten Israels gehört hatte. Als im November desselben Jahres der Staatspräsident die Juden auf einer Pressekonferenz »ein elitäres, selbstsicheres und herrschsüchtiges Volk« nannte, markierte dies den Höhepunkt einer fundamentalen Verschlechterung im ehemals engen bilateralen Verhältnis. Außerdem versetzten diese Äußerungen vielen Juden einen Schock und provozierten eine hitzige Diskussion über das jüdische Selbstverständnis.32 Auch für einige linksradikale Juden markierte dies eine Zäsur, selbst wenn sie keine Zionisten waren. Sie teilten den oft vehementen Antizionismus der französischen Linken nicht. Beispielhaft hierfür stand die Reaktion Pierre Goldmans, der große Freude über den israelischen Sieg empfand.33 Darin erblickte er die Widerlegung des antisemitischen Topos der jüdischen Feigheit. Aus seiner Sicht bewies dies der ganzen Welt, dass Juden sich verteidigen und gewinnen konnten. Er nahm gar an einer pro-israelischen Demonstration teil: »Ich traf auch zwei jüdische Genossen, Marxisten-Leninisten und mutmaßliche Antizionisten, die sich heimlich über die Kampfkraft und Geschicklichkeit von Dayans Truppen freuten. Ich lächelte über dieses schreckliche und verborgene Einverständnis, das wir insgeheim in unserem Judentum teilten. Es war einfach. Juden kämpften, führten Krieg, gewannen. Sie wuschen das jüdische Volk von dem ehrenrührigen Vorwurf der Feigheit rein.«34 Goldmans Reaktion war folglich kein Einzelfall. Auch andere jüdische Mitstreiter begrüßten den israelischen Sieg und divergierten damit von der linken Mehrheitsposition. Während viele nicht-jüdische Linke den Sechs-Tage-Krieg mit klassischen Analysekategorien des Antiimperialismus und der Solidarität mit den kolonisierten Völkern der Dritten Welt bewerteten, stand für viele Juden hierbei die Erfahrung der Vernichtung im Nationalsozialismus im Vordergrund. Den Staat Israel betrachteten sie als eine notwendige Konsequenz der Tatsache, dass Juden vom NS-Regime als Juden, also aufgrund ihrer Herkunft verfolgt worden waren. Die schwerste Erschütterung der französischen Latenzkonstellation nach 1945 stellten aber die Ereignisse im Mai 1968 dar. Die unterschwellige Omnipräsenz der Vichy-Vergangenheit zeigte sich in der Rhetorik, der Bildsprache, aber auch in den Parolen auf den Demonstrationen. Die Vierzigerjahre schienen in den Mai ’68 hinein verlängert und dort in der Imagination auf allen Seiten ihre Fortsetzung zu finden. Die heftige Eruption verdrängter Erinnerungsschichten hing eng mit den Biografien der Protagonisten der französischen 68er-Bewegung zusammen. Drei der vier wichtigsten Aktivisten der Studentenbewegung hatten einen jüdischen Familienhintergrund. Dies traf zum einen auf Daniel Cohn-Bendit zu, der zum Gesicht des Protests wurde. Seine Eltern flohen 1933 als deutsche Juden aus Berlin. Er selbst wurde 1945 als Staatenloser in Südfrankreich geboren. Zum anderen sind noch zwei weitere Anführer der Revolte zu nennen: Alain Krivine (geb. 1941), dessen Vorfahren Anfang des 20. Jahrhunderts nach Pogromen aus der Ukraine eingewandert waren, und Alain Geismar (geb. 1939), der aus einer elsässisch-jüdischen Familie stammte. Allgemein waren 1968 und in den Jahren darauf Juden in linksradikalen Organisationen stark repräsentiert. Viele bezogen sich positiv auf den antifaschistischen Kampf jüdischer Kommunisten, der nicht selten die Erfahrung der eigenen Eltern spiegelte. Dies traf sowohl auf die trotzkistische Ligue Communiste Révolutionnaire (Revolutionär-kommunistische Liga, LCR) als auch auf die maoistische GP zu.35 Im Interview mit Rosenzweig beschrieb eine ehemalige politische Aktivistin dies folgendermaßen: »Viele Juden sind sehr in die Geschichte der radikalen Linken der letzten Jahre verstrickt. Beispiel: Zehn von zwölf Mitgliedern, die die Ligue Communiste gegründet haben, sind Juden.«36 Die meisten maßen ihrer Zugehörigkeit subjektiv jedoch einstweilen keine Bedeutung bei. Dies änderte sich dann ab Mitte der Siebzigerjahre. Der zerbrochene Spiegel Als Reaktion auf die Ereignisse des Pariser Mai begann eine neue Episode in der Auseinandersetzung mit der Vichy-Vergangenheit. Paradigmatisch hierfür war der Film Le chagrin et la pitié [dt. Titel: Das Haus nebenan – Chronik einer französischen Stadt im Kriege] von Marcel Ophüls aus dem Jahr 1969, der einen Skandal auslöste. In der Dokumentation über Vichy-Frankreich kamen ehemalige Résistancekämpfer, Kollaborateure und hohe politische Entscheidungsträger zu Wort. Es wurde deutlich, dass ein beträchtlicher Teil der französischen Bevölkerung Sympathien für das Vichy-Regime gehegt und mit den deutschen Besatzern kollaboriert hatte. Auf politischen Druck hin durfte der Film zunächst nicht im Fernsehen gezeigt werden. Für eine explizite Beschäftigung mit dem Holocaust war aber noch ein anderes Ereignis ausschlaggebend: die Begnadigung Paul Touviers durch den französischen Präsidenten Georges Pompidou 1971. Touvier war für Judendeportationen und die Infiltration der Résistance verantwortlich gewesen. Außerdem hatte er sich am Vermögen deportierter Juden bereichert. Sein Fall verwies auf die personelle Kontinuität einflussreicher Vichy-Beamter nach 1945 und führte zur ersten Debatte über die Beteiligung von Franzosen an den Verbrechen gegen die Juden.37 Parallel vollzog sich noch eine weitere Entwicklung. Nachdem sich die gesellschaftliche Lage im Juni 1968 wieder stabilisiert hatte, setzte ein Zerfallsprozess der Linken in unzählige Kleingruppen ein. Anlässlich eines Gerichtsprozesses traten die verschiedenen Strömungen jedoch nochmals gemeinsam auf: Ende 1974 wurde das Verfahren gegen Pierre Goldman eröffnet, der dadurch zu einer Ikone des sich bereits in Auflösung befindenden Linksradikalismus wurde. Goldman war 1944 in Lyon geboren worden. Seine Eltern, polnische Kommunisten jüdischer Herkunft, hatten im Widerstand gegen die Deutschen gekämpft. Er hielt die Erinnerung an sie wach und folgte ihren politischen Überzeugungen. Früh schloss er sich linksradikalen Gruppierungen an. Doch die Situation in Frankreich entsprach nicht seiner Vorstellung von politischem Kampf. Deshalb ging er Mitte der Sechzigerjahre mehrmals nach Lateinamerika, um an der Seite von Guerillas zu kämpfen. Als er 1969 schließlich nach Paris zurückkehrte, beging er mehrere Raubüberfälle und wurde verhaftet. Außerdem wurde ihm ein Doppelmord zur Last gelegt. Er saß bereits vier Jahre im Gefängnis, bevor er für den angeblich begangenen Doppelmord vor Gericht gestellt wurde.38 Dies sorgte bei jüdischen Intellektuellen für große Unruhe; immer wieder wurde die Verurteilung Alfred Dreyfus’ als Vergleich herangezogen. Erneut stand ein Jude vor Gericht, der eines Verbrechens beschuldigt wurde, das er in den Augen vieler nicht begangen hatte. Für viele politische Aktivisten hatte es damals den Anschein, als ob Goldman zum Sündenbock gemacht und einer Justiz ausgeliefert worden sei, die ihn aufgrund seiner Radikalität und seiner jüdischen Herkunft bereits für schuldig befunden hatte. Bei aller Kritik am Verfahrensablauf blendete diese Haltung die Differenz zwischen einem antisemitisch motivierten Schauprozess Ende des 19. Jahrhunderts und einem rechtsstaatlichen Verfahren aus. Der Prozess vergrößerte dennoch die kritische Distanz vieler junger Juden gegenüber der Gesellschaft. Die Nachkriegsgeneration stand der Ideologie der französischen Republik und deren inhärenter Forderung nach Assimilation vor dem Hintergrund des historischen Verlaufs ohnehin skeptisch gegenüber. Die von der Elterngeneration noch hoch gehaltenen Traditionen der Revolution von 1789 hatten das Vichy-Regime und die Kollaboration mit dem nationalsozialistischen Deutschland nicht verhindern können. Frankreich war für die um 1945 geborenen Juden nicht mehr ausschließlich das Land von »Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit«. Es war nun auch das Land von Vichy und Drancy sowie der Ermordung der französischen Juden. Holocaustleugnung und ein Mord In den Augen seiner politischen Weggefährten stand Pierre Goldman Mitte der Siebzigerjahre als jüdischer Linksradikaler vor Gericht, während sich nach 1945 viele wichtige Funktionsträger des Vichy-Regimes und Nazi-Kollaborateure einer Bestrafung gänzlich entzogen. Louis Darquier de Pellepoix etwa, der ab Mai 1942 »Generalkommissar für Judenfragen« gewesen war, hatte sich ins franquistische Spanien abgesetzt. Dort lebte er unbehelligt, bis er sich in einem Interview mit der Zeitschrift L’Express im Oktober 1978 zu Wort meldete, das für großes Aufsehen sorgte. Darin leugnete er den Massenmord an den Juden. Zwar habe es in Auschwitz Gaskammern gegeben, aber vergast worden seien lediglich Läuse. Erst danach forderte Frankreich offiziell seine Auslieferung.39 In dem Interview meinte Goldman, der nach einem Revisionsprozess 1976 des Mordes für unschuldig befunden und nach Verbüßung der Strafe für die Überfälle schließlich freigekommen war, lediglich einen weiteren Ausdruck einer langen Tradition des Antisemitismus in Frankreich zu erkennen, die in engem Zusammenhang mit den Mythen der Nachkriegszeit stehe, über die er einen Artikel schrieb.40 Bezeichnend war nicht nur, dass er diesen für die jüdische Zeitschrift L’Arche verfasste und nicht etwa für eine der linken Zeitungen, in denen er sonst publiziert hatte, sondern auch der Titel, den er wählte: »Nous, Juifs d’après Drancy« [Wir, Juden nach Drancy]. Er sprach explizit in der ersten Person Plural, von »Wir, Juden«. Vor dem Hintergrund der Aussagen Pellepoix’ ging es ihm nicht mehr um politische Gemeinsamkeiten. Der Bezug auf den Antifaschismus beispielsweise schien ihm nicht mehr ausreichend, um die unterschiedlichen Geschichtserfahrungen zu nivellieren. Die ehemalige Ikone des Linksradikalismus nahm nun bewusst einen partikularen Standpunkt ein, von dem aus er die französische Gesellschaft scharf kritisierte. Den propagierten Universalismus und das nationale Selbstverständnis hielt er für Heuchelei und brachte damit eine unter seinen politischen Weggefährten weit verbreitete Haltung zum Ausdruck. Nur knapp ein Jahr später, am 20. September 1979, wurde Goldman auf offener Straße mitten in Paris von drei Unbekannten erschossen. Zum Attentat bekannte sich eine Organisation namens Honneur de la police [Ehre für die Polizei]. Diese Art von öffentlicher Hinrichtung eines Linksradikalen rief Ängste vor einem neuen rechten Terror hervor, der Frankreich bereits während des Algerienkriegs erschüttert hatte. Doch für viele Juden bedeutete dies noch in anderer Hinsicht eine Zäsur: Ein Jude war am helllichten Tag in Paris getötet worden. Luc Rosenzweig, ein enger Freund, verfasste am Tag darauf speziell für Goldman ein Kaddisch, ein Totengebet: »Wem steht es zu, dein Kaddisch zu sprechen? Viele Juden deiner Generation fordern heute diese hohe Ehre […].« Vor allem diejenigen, die die Erinnerung an die Pogrome und die Nazigräuel wachhielten, so fuhr er fort, seien durch die aktuellen Geschehnisse verunsichert: »Drei Kugeln reichen, damit das Anzeichen unmittelbar funktioniert, das den Juden deutlich macht, dass die Zeit der Tränen gekommen ist. [...] Nie wieder gedemütigte Juden. Deinen Hass auf die Antisemiten, den wir manchmal übertrieben und unangebracht fanden, nehmen wir voll und ganz in unser Handeln auf.«41 In diesem Text deutete Rosenzweig den Mord als einen Pogrom, der an einem Einzelnen verübt wurde. Dadurch wurde das individuelle Schicksal Goldmans in einem größeren Zusammenhang betrachtet und ihm kollektive Relevanz für die jüdische Erinnerung zugesprochen. Seine Ermordung müsse für alle Juden eine Warnung vor der Gefahr des Antisemitismus sein. Diesen ernst zu nehmen und zu bekämpfen, wie Goldman es seit jeher als entscheidende Konsequenz aus dem Nationalsozialismus gefordert hatte, sei nun die Aufgabe all derjenigen, die sein Vermächtnis fortzuführen gedächten. Dieser Appell erfuhr erneut Dringlichkeit, als Paris fast genau ein Jahr später von einer Serie antisemitischer Anschläge auf jüdische Einrichtungen erschüttert wurde.42 Der Bruch mit dem Kommunismus und die Entstehung des Antitotalitarismus Die Ermordung Goldmans kann als Ende der Epoche des Nachmai gelten.43 Auf der einen Seite wurde der Tote als Märtyrer gesehen, der die Politik bis in die äußerste Radikalität gesteigert hatte, andererseits symbolisierte er – in den Worten Rosenzweigs – »die Wiederentdeckung einer verleugneten Sache: Wir hatten das Judentum zugunsten der Universalität verleugnet«.44 Auch seine 1979 erschienenen Bücher verfasste Rosenzweig unter dem Schock der Ermordung seines Freundes. Diese habe aber nicht nur für ihn einen Bruch bedeutet, wie er es rückblickend formulierte: »Es war ein Zeitpunkt, wo schon – das scheint mir von heute aus gesehen einige prophetische Züge zu tragen – eine ganze Generation junger Juden, die vom Engagement für das kommunistische Ideal geprägt waren, davon Abschied genommen hatte.«45 Rosenzweig stellte folglich selbst einen Zusammenhang zwischen der Abkehr vom Kommunismus und der Hinwendung zum Judentum her. Neben dem republikanischen Selbstverständnis der französischen Nation war nun also auch noch eine zweite Säule des Universalismus zusammengefallen. Die mit der affirmativen Annahme einer partikularen Herkunft einhergehende Aufgabe der kommunistischen Ideologie erreichte mit dem Attentat auf Goldman jedoch lediglich ihren Höhepunkt. Begonnen hatte sie bereits früher. Die Tragweite dieser Entwicklung ist nur vor dem Hintergrund der politischen Stärke der KPF nach 1945 zu verstehen. Bei den ersten Wahlen nach der Befreiung hatten die Kommunisten mit über 25 Prozent die meisten Stimmen erhalten. Sie beanspruchten das Erbe des Widerstands und inszenierten sich als »le parti des 75 000 fusillés«, die Partei der 75 000 Erschossenen.46 Dies war übertrieben und die Zahl dürfte realiter bei 25 000 gelegen haben.47 Außerdem ließ das heroische antifaschistische Selbstbild außer Acht, dass die Kommunisten sich erst nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 am Widerstand beteiligt hatten. Auch viele Intellektuelle hatten sich während der deutschen Besatzung nicht nur nicht dem Widerstand angeschlossen, sondern kollaboriert. Nach 1945 legten sich einige eine Résistancegeschichte zurecht, leugneten ihre Vergangenheit und nicht wenige näherten sich der KPF an. Über Jahrzehnte übte diese in Frankreich eine kulturelle Hegemonie aus, die auch in den Siebzigerjahren noch weitgehend intakt war.48 Die KPF war jedoch nicht nur die stärkste kommunistische Partei Westeuropas, sondern auch die dogmatischste. Dies zeigte sich etwa in ihrer Haltung zum Aufstand in Budapest 1956 und in ihrer Ablehnung der Entstalinisierung selbst noch nach dem XX. Parteitag der KPdSU, sowie hinsichtlich der französischen Studentenproteste 1968. So bezeichnete der spätere Generalsekretär Georges Marchais den Repräsentanten der Studentenbewegung Daniel Cohn-Bendit am 3. Mai 1968 in einem Artikel der Parteizeitung L’Humanité als »deutschen Anarchisten«.49 Damit betonte er Cohn-Bendits Nicht-Zugehörigkeit zur französischen Nation und bediente damit zugleich einen antisemitischen Subtext, der außerdem die historische »Erbfeindschaft« gegen Deutschland evozierte. Die Studentenproteste waren in der Perspektive der KPF also von einem subversiven Ausländer, einem deutschen Juden, gesteuert. Diese Haltung wurde von einigen linken Schriftstellern und Philosophen bereits kritisiert. Der entscheidende Bruch zwischen vielen Intellektuellen und dem Kommunismus vollzog sich aber Mitte der Siebzigerjahre und hing mit der Veröffentlichung von Alexander Solschenizyns Der Archipel Gulag zusammen, das im Juni 1974 auf Französisch erschien.50 Aufgrund der Beschäftigung mit den Verbrechen des Stalinismus setzte eine antitotalitäre Wende ein, die durch verschiedene Bücher symbolisiert wurde. Das wichtigste Werk stammt von André Glucksmann (geb. 1937), dessen Eltern kommunistische Juden aus dem Habsburgerreich waren. Es trägt den Titel Köchin und Menschenfresser. Über die Beziehung zwischen Staat, Marxismus und Konzentrationslager und ist eine radikale Kritik am Marxismus, aber auch an den Grundlagen des abendländischen Denkens, das den Kommunismus hervorgebracht habe und das von der französischen Aufklärung idealtypisch verkörpert würde.51 In die gleiche Kerbe schlug einige Jahre später Bernard-Henri Lévy (geb. 1948) mit Die Barbarei mit menschlichem Gesicht.52 Sowohl Lévy als auch Glucksmann wurden zu Vordenkern der Neuen Philosophen, einer sich Ende der Siebzigerjahre herauskristallisierenden antitotalitären Richtung, deren Protagonisten mehrheitlich ehemalige linksradikale Juden waren. Die Aneignung verdrängter historischer Erfahrungen Für diejenigen, die sich nicht völlig vom Kommunismus lossagten, aber dennoch zu Anti-stalinisten wurden, war oftmals die Aneignung der Erfahrungen jüdisch-kommunistischer Dissidenten der ausschlaggebende Grund. Paradigmatisch hierfür steht die 1977 zuerst auf Jiddisch erschienene und im selben Jahr ins Französische übersetzte Autobiografie von Moshe Zalcman, der als polnisch-jüdischer Kommunist nach einem Aufenthalt in Frankreich 1933 in die Sowjetunion kam, 1937 verhaftet wurde, zehn Jahre im Gulag verbrachte, später wieder nach Paris floh und mit dem Kommunismus brach.53 Es verwundert nicht, dass es Pierre Goldman war, der für die Tageszeitung Libération eine euphorische Rezension verfasste: »Der Titel des Buches drängt den Gegenstand des Berichts aufs Engste zusammen. In ihm wird eine vierfache Tragödie beschrieben: die der polnischen Geschichte im Allgemeinen, die der polnischen Juden, die der polnischen Kommunisten und schließlich die Tragödie der Aufbaujahre des stalinistischen Sozialismus. Man kennt das schreckliche Schicksal Polens, das Schicksal der jüdischen Bevölkerung, aber weit weniger das der polnischen KP, deren Führungskader 1937 von Stalin liquidiert wurden.«54 Die Autobiografie wurde in der französischen Presse breit wahrgenommen, und auch Luc Rosenzweig widmete sein eigenes Buch Moshe Zalcman. Diese Auseinandersetzung mit den Lebenswegen jüdischer Kommunisten markierte auch den Beginn einer intensiveren Beschäftigung mit der Geschichte der eigenen Herkunft. Bisher hatte diese bestenfalls im familiären Rahmen Gehör gefunden. Dies sollte sich sukzessive ändern. So begannen Alain Brossat und Sylvia Klingenberg Interviews mit osteuropäischen Juden zu führen, die in der Zwischenkriegszeit nach Frankreich eingewandert waren und sich dem Kommunismus zugewandt hatten. 1983 erschien ihr Buch Le Yiddishland révolutionnaire [Das revolutionäre Jiddischland].55 Ihre Intention war es, diese Tradition der Vergessenheit zu entreißen. Die osteuropäischen Revolutionäre verkörperten ihrer Ansicht nach die dramatischsten Wendungen der jüdischen Geschichte. Angetreten zum Kampf für eine Verbesserung der Gesellschaft und eine irdische Erlösung der Menschheit im Allgemeinen sowie des jüdischen Volkes im Besonderen wurden sie von allen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts getroffen. Im Epilog heißt es deshalb: »Der Revolutionär aus dem Jiddischland ist die tragische Person unserer Geschichte schlechthin. Er hat doppelten Tribut an das Schreckensregister unseres Jahrhunderts gezahlt. Auf der Seite der Arbeiterbewegung wie auf der des Judentums hat er die Erfahrung des absolut Negativen gemacht, des Gefühls des Weltendes ohne jenseitigen Erlöser; seine Existenz war vom Durchmarsch der vier apokalyptischen Reiter zertrampelt.«56 Jüdische Kommunisten waren nicht nur Opfer des Holocaust geworden, sondern auch häufig in die Mühlen des stalinistischen Terrors geraten. Nicht wenige, die in sowjetischen Gulags inhaftiert wurden, waren davor Komintern-Funktionäre oder Kader der Kommunistischen Partei gewesen, hatten das stalinistische Regime folglich jahrelang mitgetragen.57 Die Nachkriegsgeneration junger Juden konnte deshalb nicht mehr an den Optimismus früherer Generationen anknüpfen, die gehofft hatten, dass das universalistische Versprechen des Kommunismus zu einer besseren Welt führen und jegliche partikulare Zugehörigkeit auflösen würde. Universalismus und Partikularismus Die späten Siebzigerjahre erwiesen sich als entscheidend für eine neue Diskussion über jüdische Zugehörigkeit im Nachkriegsfrankreich. Sie stellten allerdings nur den Höhepunkt einer längeren Entwicklung dar. Vorausgegangen waren die Verdrängung der Vichy-Vergangenheit nach der Befreiung und damit die Marginalisierung der jüdischen Geschichtserfahrungen. Über allem schwebte stattdessen die Debatte um den Kolonialismus. In den Tagen des Mai 1968 zeigte sich, dass Juden noch immer die Avantgarde im Kampf um die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse waren.58 Dies setzte sich in den sich im Nachmai gründenden Gruppen zunächst fort. Parallel zum Niedergang des Linksradikalismus begann eine gesellschaftliche Beschäftigung mit der verdrängten Vergangenheit. Dies veränderte auch den Blick vieler Juden auf Frankreich. Es war nicht mehr primär das Land der Revolution und ihres Emanzipationsversprechens, sondern das Land von Drancy, dem Sammellager, von dem aus die Transporte zu den Vernichtungslagern abfuhren. Eine gewisse Zeit ruhte die Hoffnung der im Nachkriegsfrankreich politisierten Juden noch auf dem Befreiung versprechenden Kommunismus. Diese wurde bei nicht wenigen einerseits durch die Beschäftigung mit den Verbrechen des stalinistischen Regimes zerstört, für die exemplarisch die Rezeption von Solschenizyn steht, und andererseits durch eine Aneignung der Geschichte jüdisch-kommunistischer Dissidenten. Die historischen Kämpfe der Arbeiterbewegung und die Oktoberrevolution hatten den Antisemitismus eben nicht überwunden. Juden wurden im Lauf des 20. Jahrhunderts vielmehr nolens volens auf ihre Herkunft zurückgeworfen und als Juden angegriffen, auch in der Sowjetunion.59 In den späten Siebzigerjahren wandten sich deshalb viele um 1945 geborene Juden in doppelter Weise vom Universalismus ab. Selbstverständlich blieben noch immer unzählige Juden in der Kommunistischen Partei oder kleineren linksradikalen Gruppen aktiv, aber die Tendenz dieser Zeit ist doch augenscheinlich. Die Abkehr vom Selbstbild Frankreichs und die vom Kommunismus fielen zusammen und bedingten sich gegenseitig. Der Bruch mit diesen Formen des Universalismus, die ihre historischen Ansprüche nicht einhalten konnten, musste keineswegs so extrem ausfallen wie bei Benny Lévy, der sich der orthodoxen Religiosität zuwandte. Prinzipiell wurde aber nun die Anerkennung partikularer Perspektiven eingeklagt. Goldman, Rosenzweig und viele andere wollten schlichtweg nicht mehr widerspruchslos in einer Gesellschaft leben, in der die spezifische Geschichte und das Gedächtnis der Juden keinen Platz hatten. Dessen Berechtigung begannen sie auf unterschiedliche Weise vehement einzufordern. 1 »Que mon cas soit ordinaire, il ne faut pas s’y tromper, signifie qu’il est miraculeux. […] «De Mao à Moïse», s’exclame-t-on [à mon sujet], oubliant que pour être exact, il faut dire de Moïse à Mao, de Mao à Moïse, c’est-à-dire de Moïse à Moïse en passant par Mao. Le destin ordinaire du Juif – le miracle – tient dans la révélation de cette immobilité, en dépit de tous les mouvements du Siècle.« Benny Lévy: Être Juif. Étude lévinassienne [Jude sein. Studien zu Levinas], Paris 2003, S. 14. Übersetzung von S. V. 2 Zur Biografie Lévys siehe Philippe Lardinois: De Pierre Victor à Benny Levy, de Mao à Moïse? [Von Pierre Victor zu Benny Levy, von Mao zu Moses?], Paris 2008. 3 Siehe Jean-Paul Sartre: L’espoir maintenant. Les entretiens de 1980, présentés et suivis du mot de la fin par Benny Lévy [Hoffnung jetzt. Die Gespräche von 1980. Vorgestellt und mit einem Nachwort von Benny Lévy], Paris 1991 (dt. Ausgabe: Jean-Paul Sartre: Brüderlichkeit und Gewalt. Ein Gespräch mit Benny Lévy, Berlin 1993). Es provozierte einen Skandal, dass Simone de Beauvoir die Authentizität der Gespräche anzweifelte und Lévy unterstellte, er habe den angeschlagenen Gesundheitszustand Sartres ausgenutzt, um ihn zu bestimmten Aussagen zu bewegen. Siehe Simone de Beauvoir: La cérémonie des adieux. Suivi de entretiens avec Jean-Paul Sartre, Août-Septembre 1974, Paris 1981, S. 150 f. (dt. Ausgabe: Simone de Beauvoir: Die Zeremonie des Abschieds und Gespräche mit Jean-Paul Sartre: August-September 1974, Reinbek bei Hamburg 1983). 4 Siehe Jonathan Judaken: Jean-Paul Sartre and the Jewish Question. Anti-Antisemitism and the Politics of the French Intellectual, Lincoln/London 2006. 5 Jean-Paul Sartre: Überlegungen zur Judenfrage, 2. Aufl. Reinbek bei Hamburg 1994. 6 Sartre: Brüderlichkeit (Anm. 3), S. 62. 7 Ebd., S. 61. 8 Pierre Goldman: Souvenirs obscurs d’un Juif polonais né en France, Paris 1975 (dt. Ausgabe: Pierre Goldman: Dunkle Erinnerungen eines in Frankreich geborenen polnischen Juden, Frankfurt a. M. 1980). 9 Luc Rosenzweig: La jeune France juive [Das junge jüdische Frankreich], Paris 1979. 10 Édouard Drumont: La France Juive, 1886 (dt. Ausgabe: Das verjudete Frankreich. Versuch einer Tagesgeschichte, Berlin 1886). 11 Luc Rosenzweig: Catalogue pour des Juifs de maintenant. Textes réunis et présentés par Luc Rosenzweig [Katalog für die Juden von heute. Texte gesammelt und vorgestellt von Luc Rosenzweig], Paris 1979. 12 Siehe Alain Finkielkraut: Der eingebildete Jude, Frankfurt a. M. 1984 (Erstausgabe München 1982), S. 173. 13 Diese Formulierung verwendete Hannah Arendt in einem Brief an Erich Cohn-Bendit, den Vater Daniel Cohn-Bendits, im Januar 1940. Abgedruckt ist der Brief in: Hannah Arendt: Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher. Beiträge für die deutsch-jüdische Emigrantenzeitung »Aufbau«, 1941–1945, S. 225–234, hier S. 226. 14 Siehe David Feuerwerker: L’émancipation des Juifs en France. De l’Ancien Régime à la fin du second Empire [Die Emanzipation der Juden in Frankreich. Vom Ancien Regime bis zum Ende des Zweiten Kaiserreichs], Paris 1976, vor allem S. 241–448. 15 Siehe Michael R. Marrus: The Politics of Assimilation. The French Jewish Community at the Time of the Dreyfus Affair, Oxford 1971, S. 86–162. 16 »Il faut tout refuser aux Juifs comme nation et tout accorder aux Juifs comme individus.« Opinion de M. Le Comte Stanislas de Clermont-Tonnerre, député de Paris, le 23 decembre 1789, in: L’Assemblée nationale constituante. Motions, Discours & Rapports. La Législation nouvelle 1789–1791[Die verfassungsgebende Nationalversammlung. Anträge, Reden & Berichte. Die neue Gesetzgebung 1789–1791] (= La Révolution française et l’émancipation des Juifs [Die Französische Revolution und die Emanzipation der Juden], Bd. 7), Paris 1968, S. 77–94, hier S. 91. Übersetzung von S.V. 17 Siehe Eckhardt Fuchs/Günther Fuchs: »J’accuse!«: Zur Affäre Dreyfus, Mainz 1994. 18 Bereits 1889 trug ein Buch diesen Titel. Mathurin Lescure: Les deux France. Histoire d’un siècle, 1789–1889: récits d’une aïeule centenaire à ses petits enfants [Die zwei Frankreich. Geschichte eines Jahrhunderts, 1789–1889: Erzählungen einer hundertjährigen Großmutter an ihre Enkelkinder], Paris 1889. 19 Siehe Paula Hyman: From Dreyfus to Vichy. The Remaking of French Jewry, 1906–1939, New York 1979, S. 63–88. 20 Siehe Nancy Green: The Pletzl of Paris. Jewish Immigrant Workers in the Belle Epoque, New York 1986. 21 Zur Errichtung des Vichy-Regimes und seinen ideologischen Grundlagen siehe Jean-François Muracciole: La France pendant la Seconde Guerre mondiale [Frankreich während des Zweiten Weltkriegs], Paris 2002, S. 73–167. 22 Eine differenzierte Untersuchung zur öffentlichen Meinung unter dem Vichy-Regime ist Pierre Laborie: L’opinion française sous Vichy. Les Français et la crise d’identité nationale 1936–1944 [Die französische Meinung unter dem Vichy-Regime. Die Franzosen und die Krise der nationalen Identität 1936–1944], Paris 2001. 23 Diese Haltung der Kommunistischen Partei entfremdete zugleich auch viele Intellektuelle von ihr und führte zur Abwendung von Teilen der Mitgliedschaft. Siehe David Caute: Communism and the French Intellectuals, London 1964, S. 137–146. 24 Siehe Serge Klarsfeld: Vichy–Auschwitz. Le rôle de Vichy dans la solution finale de la question juive en France, 1943–1944 [Vichy – Auschwitz. Die Rolle von Vichy in der Endlösung der Judenfrage in Frankreich, 1943–1944], Paris 1993. 25 Die genaue Zahl derjenigen, die außergerichtlichen Säuberungsaktionen zum Opfer fielen, variiert je nach Untersuchung stark und ist bis heute in der wissenschaftlichen Forschung umstritten. Robert Aron spricht von 30 000 bis 40 000 Opfern. Siehe Robert Aron: Histoire de l’épuration [Geschichte der Säuberung], 3 Bde., Paris 1967–1975. 26 Zu den Zahlen siehe Henry Rousso: L’épuration en France, une histoire inachevée [Die Säuberung Frankreichs, eine unerledigte Geschichte], in: Vingtième siècle – Revue d’histoire (Januar–März 1992), Heft 33, S. 78–105, hier S. 102. 27 Henry Rousso: Le syndrome de Vichy. De 1944 à nos jours, deuxième édition revue et mise à jour [Das Vichy-Syndrom. Von 1944 bis heute, zweite durchgesehene und aktualisierte Ausgabe], Paris 1990. 28 Siehe Annie Rey-Goldzeiguer: Aux origines de la guerre d’Algérie 1940–1945. De Mers El-Kébir aux massacres du Nord-Constantinois [Über die Ursprünge des Algerienkriegs 1940–1945. Von Mers El-Kébir zu den Massakern in Nord-Constantinois], Paris 2001. 29 Siehe Dan Diner: Gegenläufige Gedächtnisse. Über Geltung und Wirkung des Holocaust, Göttingen 2007, S. 64–103. 30 Siehe Dan Diner: Vom Stau der Zeit. Neutralisierung und Latenz zwischen Nachkrieg und Achtundsechzig, in: Hans Ulrich Gumbrecht/Florian Klinger (Hg.): Latenz. Blinde Passagiere in den Geisteswissenschaften, Göttingen 2011, S. 165–172, hier S. 171. 31 Der Holocaust wurde erst 1994 zum Bestandteil der offiziellen staatlichen Erinnerungspolitik, als der französische Präsident François Mitterrand an der Einweihung eines Denkmals für die Opfer antijüdischer Razzien teilnahm. Ein Jahr später räumte der neue Staatspräsident, Jacques Chirac, eine Mitschuld von Franzosen an der Deportation der Juden ein. Siehe Mechthild Gilzmer: Die Shoah in der französischen Erinnerungskultur, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 13, hg. von Wolfgang Benz, Berlin 2004, S. 213–230, hier S. 226. 32 Zu den Konsequenzen des Sechs-Tage-Kriegs für die französischen Juden siehe Anette Wieviorka: Vers une communauté? Les Juifs en France depuis la guerre des six jours [Hin zu einer Gemeinschaft? Die Juden in Frankreich während des Sechstagekriegs], in: collectif (Hg.): Les Juifs de France de la Révolution à nos jours [Die Juden in Frankreich von der Revolution bis heute], Paris 1998, S. 363–400. 33 Judith Friedlander nennt Goldman als Beispiel für einen jüdischen Linksradikalen, der mit der politischen Linken wegen ihrer Haltung zu Israel gebrochen habe. Siehe Judith Friedlander: Vilna on the Seine, Jewish Intellectuals in France since 1968, New Haven 1990, S. 34–37. 34 Goldman: Dunkle Erinnerungen (Anm 8.), S. 85. 35 Zur LCR siehe Jean-Paul Salles: La Ligue communiste révolutionnaire (1968–1981). Instrument du Grand Soir ou lieu d’apprentissage? [Die revolutionäre kommunistische Liga 1968–1981. Werkzeug des großen Bruchs oder Ort der Lehre?], Rennes 2005. Zum Maoismus in Frankreich siehe Christophe Bourseiller: Les maoïstes. La folle histoire des gardes rouges françaises [Die Maoisten. Die verrückte Geschichte der französischen Roten Garden], Paris 2008. 36 »Beaucoup de Juifs sont très impliqués dans l’histoire de l’extrême-gauche de ces dernières années. Exemple: dix membre, sur les douze qui ont fondé la Ligue communistes, sont juifs.« Rosenzweig: Jeune France (Anm. 19), S. 22. Übersetzung S.V. Eine ähnliche Anekdote schildert Daniel Cohn-Bendit in seiner Autobiografie: »In Frankreich könnten sich die ZKs der Linksextremen auf Jiddisch verständigen, selbst wenn sie sich sonst nicht einig wären.« Daniel Cohn-Bendit: Der große Basar, Gespräche mit Michel Lévy, Jean-Marc Salmon, Maren Sell, München 1975, 9 f. 37 Siehe Rousso: Le syndrome (Anm. 27), S. 136–149. 38 Es existiert kaum Literatur zu Pierre Goldman in deutscher Sprache. In Frankreich sind dagegen zwei Biografien erschienen: Michaël Prazan: Pierre Goldman. Le frère de l’ombre [Der Schattenbruder], Paris 2005 und Antoine Casubolo: La vie rêvée de Pierre Goldman [Das geträumte Leben des Pierre Goldman], Paris 2005. 39 Das Interview erschien in L’Express vom 28. Oktober 1978. Darquier de Pellepoix wurde nie ausgeliefert und starb 1980 in Spanien. Zum vehementen Antisemitismus von Pellepoix siehe Laurent Joly: Darquier de Pellepoix, »champion« des antisémites français (1936–1939) [Darquier de Pellepoix, »Meister« der französischen Antisemiten 1936–1939], in: Une passion sans fin. Entre Dreyfus et Vichy. Aspects de l’antisémitisme français [Eine endlose Leidenschaft. Zwischen Dreyfus und Vichy. Aspekte des französischen Antisemitismus], hg. vom Centre de Documentation Juive Contemporaine, Nr. 173, Paris 2001, S. 35–61. 40 Pierre Goldman: Nous, Juifs d’après Drancy [Wir, Juden nach Drancy], in: L’Arche. Le mensuel du judaïsme français (Dezember 1978), Heft 261, S. 21 f. 41 Luc Rosenzweig: Kaddish pour Pierre [Kaddisch für Pierre], in: Libération vom 21. September 1979, S. 4. 42 Une série d’attentats antisémites à Paris. Plusieurs institutions israélites ont été mitraillées [Eine Serie antisemitischer Attentate in Paris. Mehrere israelitische Institutionen sind beschossen worden], in: Le Monde vom 27. September 1980, S. 38 und Les attentats antisémites. Six personnes gardées à vue. Une dizaine de perquisitions dans les milieux néo-nazis [Die antisemitischen Attentate. Sechs Personen in Polizeigewahrsam. Etwa zehn Hausdurchsuchungen im neonazistischen Milieu], in: Le Monde vom 28. September 1980, S. 26. 43 Siehe Hervé Hamon/Patrick Rotman: Les années de rêve [Die Jahre des Traumes], (= Génération [Generation], Bd. 1), Paris 1987, S. 9. 44 So Luc Rosenzweig im Gespräch mit Elisabeth Weber, in: Elisabeth Weber (Hg.): Jüdisches Denken in Frankreich. Gespräche mit Pierre Vidal-Naquet, Jacques Derrida, Rita Thalmann, Emmanuel Lévinas, Léon Poliakov, Jean-François Lyotard, Luc Rosenzweig, Frankfurt a. M. 1994, S. 183–202, hier S. 184. 45 Ebd., S. 183. 46 Siehe Stéphane Courtois/Marc Lazar: Histoire du Parti communiste français [Geschichte der Kommunistischen Partei Frankreichs], Paris 1995, S. 213–237. 47 Stéphane Simonnet: Atlas de la Libération de la France. Des débarquements aux villes libérées [Atlas der Befreiung Frankreichs. Von den Landungen zu den befreiten Dörfern], Paris 2004, S. 68. 48 Siehe Jürg Altwegg: Die langen Schatten von Vichy. Frankreich, Deutschland und die Rückkehr des Verdrängten, München/Wien 1998, S. 62–84. 49 Georges Marchais: De faux révolutionnaires à demasquer [Die falschen Revolutionäre entlarven], in: L’Humanité vom 3. Mai 1968, S. 1. 50 Zur Rezeption von Solschenizyns »Der Archipel Gulag« in Frankreich siehe Michael Scott Christofferson: French Intellectuals against the Left. The Antitotalitarian Moment of the 1970s, New York/Oxford 2004, S. 89–155. Er wendet sich gegen eine Überschätzung der Relevanz von Solschenizyns Buch und führt andere Faktoren an, die bereits früher zu seiner sukzessiven Loslösung französischer Intellektueller von der kommunistischen Bewegung geführt hätten. Unbestritten bleibt jedoch, dass die Veröffentlichung des Buches in Frankreich der Kulminationspunkt dieser Entwicklung war. Besonders traf dies auf jüdische Linksradikale zu. 51 André Glucksmann: La cuisinière et le mangeur d’hommes. Essai sur les rapports entre l’État, le marxisme et les camps de concentration, Paris 1975 (dt. Ausgabe: Köchin und Menschenfresser. Über die Beziehung zwischen Staat, Marxismus und Konzentrationslager, 1976). 52 Bernard-Henri Lévy: La barbarie à visage humain, Paris 1977 (dt. Ausgabe: Die Barbarei mit menschlichem Gesicht, Reinbek bei Hamburg 1978). 53 Moshe Zalcman: La Véridique histoire de Moshé. Ouvrier juif et communiste au temps de Staline, Paris 1977 (dt. Ausgabe: Als Moshe Kommunist war. Die Lebensgeschichte eines jüdischen Arbeiters in Polen und der Sowjetunion unter Stalin, Darmstadt 1982). 54 Die Rezension ist in Auszügen auf dem Umschlag der deutschen Ausgabe abgedruckt. Siehe ebd. 55 Alain Brossat/Sylvia Klingenberg: Le Yiddishland révolutionnaire [Das revolutionäre Jiddischland], Paris 1983. 56 Ebd., S. 273. 57 Hierfür steht exemplarisch der Lebensweg Adam Rayskis. Siehe Adam Rayski: Nos illusions perdues [Unsere verlorenen Illusionen], Paris 1985. 58 Siehe Percy Cohen: Jewish Radicals and Radical Jews, London 1980. Zur historischen Dimension dieses Phänomens siehe Yuri Slezkine: Das jüdische Jahrhundert, Göttingen 2006. 59 Siehe Arno Lustiger: Rotbuch. Stalin und die Juden, Berlin 1998.

JHK 2013

Die Kommunistische Partei Italiens und ihre Historiografen

Bruno Groppo

Keine andere kommunistische Partei – außer die der Sowjetunion – hat so viel Interesse hervorgerufen und für so viele Publikationen gesorgt wie die italienische Kommunistische Partei (KPI) (1921–1991). Die ihr gewidmeten Arbeiten sind nicht nur äußerst zahlreich, sondern auch ganz unterschiedlicher Natur: historische Studien, Memoiren und Augenzeugenberichte, Quellenveröffentlichungen, soziologische und anthropologische Untersuchungen. Generell gibt es eine ganze Reihe von Werken allgemein zur Geschichte dieser Partei, angefangen beim ersten, das 1953 erschienen ist, bis hin zum bislang letzten Band zu diesem Thema aus dem Jahr 2009.1 Hinzu kommen Arbeiten zu enger gefassten Zeitabschnitten, einzelnen Regionen, speziellen Fragen und zu einzelnen Persönlichkeiten. Zahlreiche kommunistische Führer, vor allem der ersten Generation der Partei, haben ihre Memoiren veröffentlicht, die eine wichtige Quelle für die Geschichte der Partei und der kommunistischen Bewegung in Italien im Allgemeinen darstellen.2 Eine umfangreiche Geschichtsschreibung also, die mehrere Phasen durchlaufen hat und einerseits vom politischen und intellektuellen Kontext Italiens beeinflusst wurde sowie andererseits den Änderungen der Fragestellungen und historischen Denkansätze unterlag. Der vorliegende Artikel befasst sich vorrangig mit der Anfangszeit dieser Geschichtsschreibung über die KPI, ihrem Wandel in den Fünfziger- und Sechzigerjahren sowie den Protagonisten dieses Prozesses. Ein grundlegender Aspekt, der den Aufbau einer Parteihistoriografie häufig beeinflusst, war auch in diesem Fall der Umstand, dass die Archive der Kommunistischen Partei und anderer kommunistischer Organisationen hermetisch verschlossen und damit nicht zugänglich waren. Diese Tatsache war lange Zeit das größte Hindernis für die Geschichtsforschung über den Kommunismus und führte fast unweigerlich dazu, dass diese sich vornehmlich auf die Analyse der Ideologie, von kommunistischen Veröffentlichungen und Äußerungen stützte, nicht aber auf interne Dokumente zurückgreifen konnte, die rigoros unter Verschluss gehalten wurden. Einige kommunistische Parteien, wie z. B. die KPI, begannen in den Sechzigerjahren schrittweise mit der Öffnung ihrer Archive für Historiker und andere Forscher; diese Haltung blieb jedoch eher eine Ausnahme. Bis sich dieses Vorgehen allgemein durchsetzte, musste man das Ende der Sowjetunion und die Öffnung der russischen Archive abwarten. Die Entwicklung des italienischen Kommunismus Auf den ersten Blick gleicht die offizielle Geschichtsschreibung des italienischen Kommunismus der anderer kommunistischer Parteien, aber es gibt auch Unterschiede. Bevor näher auf diese eingegangen wird, soll an dieser Stelle kurz die Entwicklung der KPI bis zu den Sechzigerjahren skizziert werden. 1921 aus der Abspaltung einer Minderheitengruppe von der Sozialistischen Partei Italiens hervorgegangen, durchlebte die KPI – die sich damals Kommunistische Partei Italiens nannte, um zu verdeutlichen, dass sie sich lediglich als Sektion der Weltpartei der Revolution, der Kommunistischen Internationalen verstand – aufgrund der faschistischen Verfolgungen von Anfang an schwierige Zeiten. Mit der Errichtung der faschistischen Diktatur im Jahr 1926 wurde die KPI wie alle anderen politischen Parteien Italiens, mit Ausnahme der faschistischen Partei, verboten und konnte von da an ihre Arbeit nur noch im Untergrund in Italien oder im Exil fortsetzen. Bis zum Zweiten Weltkrieg blieb sie eine kleine, stark verfolgte Kaderpartei, deren Mitglieder sich größtenteils im Gefängnis, an faschistischen Verbannungsorten oder im Exil befanden. Die Parteiführung, die sich überwiegend in den Zwanzigerjahren gebildet hatte, zeichnete sich durch eine große Kontinuität aus, sieht man von einigen Parteiausschlüssen Ende der Zwanziger- und zu Beginn der Dreißigerjahre ab. So war z. B. Palmiro Togliatti von den Zwanzigerjahren bis zu seinem Tod im Jahre 1964 Parteisekretär (als Nachfolger von Antonio Gramsci, der zu einer langen Haftstrafe verurteilt worden war). Nach dem Krieg wendete sich das Blatt. Aufgrund der bedeutenden Rolle der Kommunisten im italienischen Widerstand (1943–1945) und des Prestiges, das die Sowjetunion durch ihren Sieg über den Nationalsozialismus genoss, gelang es der KPI, zu einer großen Massenpartei mit mehr als zwei Millionen Mitgliedern und damit zur größten Partei der italienischen Linken zu werden. Sie trat 1943 in die Regierung ein und wurde 1946 mit Beginn des Kalten Krieges, zeitgleich mit der verbündeten Sozialistischen Partei, daraus ausgeschlossen. Mit dem Sieg der Christdemokraten bei den Parlamentswahlen im April 1948, bei denen diese die absolute Mehrheit errangen, wurde die KPI für sehr lange Zeit in die Opposition verbannt. Unter der Führung Togliattis versuchte sich die KPI, wenngleich sie Moskau treu blieb, in gewisser Weise vom alten bolschewistischen Parteimodell abzugrenzen. Einige Besonderheiten des italienischen Kommunismus Eine der Besonderheiten des italienischen Kommunismus war die große Rolle, die die Intellektuellen – und zwar von Anfang an – in der Partei spielten. Unter den Parteigründern und der Führungsgruppe der Vorkriegszeit befanden sich zahlreiche Intellektuelle, angefangen bei den ersten drei Generalsekretären der Partei: Amadeo Bordiga, Antonio Gramsci, Palmiro Togliatti. Vor allem diese Intellektuellen waren es, die, wie wir noch sehen werden, die Geschichtsschreibung der Partei entwarfen. Eine weitere wichtige Besonderheit war die große Kontinuität der Führungsgruppe, die sich in den Zwanziger- und Dreißigerjahren formierte und in den Fünfziger- und Sechzigerjahren noch immer der Partei vorstand. Togliatti, der von den Zwanziger- bis in die Sechzigerjahre Parteisekretär war, ist das bezeichnendste Beispiel für diese Kontinuität. Als weitere Besonderheit ist auch die Tatsache hervorzuheben, dass mehrere historische Parteiführer ab den Sechzigerjahren (Palmiro Togliatti, Pietro Secchia, Giuseppe Berti, Giorgio Amendola, Luigi Longo) einen Teil ihrer Aktivitäten darauf verwendeten, verschiedene Aspekte der KPI-Vergangenheit regelrecht historiografisch aufzuarbeiten. Einige – wie Secchia und Berti – taten dies, nachdem sie von Togliatti aus wichtigen Positionen innerhalb der Partei entfernt worden waren; andere, angefangen bei Togliatti selbst, widmeten sich der Geschichtsschreibung trotz intensiver politischer Arbeit. Diese historiografischen Arbeiten entsprachen nicht mehr dem Stil der traditionellen Geschichtsschreibung nach stalinistischem Muster, sondern erfolgten jetzt im Rahmen einer echten historiografischen Auseinandersetzung. Aufgrund der Vielfalt der Arbeiten lassen sich die unterschiedlichen Wahrnehmungen und politischen Richtungen innerhalb der Partei erkennen. Jeder der Autoren entwickelte eine persönliche Sicht der Geschichte des italienischen Kommunismus, wenn auch innerhalb gewisser gemeinsamer Denkmuster. Mittlerweile war eine Generation von professionellen Historikern herangewachsen, die entweder selbst Kommunisten waren oder der Kommunistischen Partei nahestanden, der akademischen Welt angehörten und einen Teil ihrer Forschungsarbeit der Geschichte des italienischen Kommunismus widmeten. Markantestes Beispiel ist Paolo Spriano (1925–1988), dessen fünf, zwischen 1967 und 1975 erschienene Bände über die Storia del Partito Comunista Italiano [Geschichte der Kommunistischen Partei Italiens]3 einen Meilenstein in der Geschichtsforschung über die Partei darstellen. Spriano blieb dem Interpretationsschema Togliattis weitgehend treu, wies aber, dank der Nutzung der Parteiarchive (die sich den Forschern zu öffnen begannen), auf die Komplexität der Parteigeschichte hin. Diese mit dem Jahr 1945 endende Arbeit wurde schnell zu einem Standardwerk in der KPI-Geschichtsschreibung. Spriano untersuchte auch die internationalen Aspekte der italienischen Kommunismusgeschichte, insbesondere das Wirken Togliattis in seiner Rolle als Sekretär der Komintern4 sowie die Frage des Stalinismus.5 Ebenso von Bedeutung sind die Werke von Ernesto Ragionieri (1926–1975), Professor an der Universität Florenz, der ebenfalls einen Teil seiner Arbeiten Togliatti6 und den Beziehungen zwischen KPI und Komintern widmete.7 Es ist interessant festzustellen, dass die Forschungsarbeiten Sprianos und Ragionieris über die Geschichte der KPI nur einen Teil ihrer Arbeiten ausmachen, die sich ansonsten mit der Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung in Italien und Europa beschäftigen. Spriano beispielsweise untersuchte verschiedene Aspekte der Geschichte des Sozialismus in Turin, während Ragionieri sich unter anderem mit dem Einfluss der deutschen Sozialdemokratie auf den italienischen Sozialismus befasste. Diese Historiker sind der universitären Geschichtsschreibung zuzuordnen, die den wissenschaftlichen Kriterien dieser Disziplin Rechnung trägt und in erster Linie die individuelle Sicht des Historikers widerspiegelt. Zwei der Faktoren, die in Italien zu einer stärkeren historiografischen Öffnung führten, sind die Kontakte und der Dialog zwischen kommunistischen und sozialistischen Historikern, die unter anderem durch die Tatsache begünstigt wurden, dass bis zu Beginn der Sechzigerjahre die beiden größten Parteien der italienischen Linken verbündet waren und der Opposition angehörten. Beider Hauptinteresse galt der Geschichte der Arbeiterbewegung und des Sozialismus in Italien. Zeitschriften wie Movimento operaio, herausgegeben von 1949 bis 1956 vom Feltrinelli-Institut in Mailand, Movimento operaio e socialista, herausgegeben ab 1955 vom ligurischen Zentrum für Sozialgeschichte,8 Rivista Storica del Socialismo (1957–1968), herausgegeben von Stefano Merli und Luigi Cortesi, oder Problemi del Socialismo (1957–1992), gegründet und herausgegeben vom Sozialisten Lelio Basso, waren wichtige Begegnungs- und Diskussionsplattformen für die kommunistischen und sozialistischen, aber auch anders gesinnten Historiker. Auch wenn dieser Aspekt hier nicht vertieft werden kann, sei daran erinnert, dass es zwischen der Historiografie des Kommunismus und derjenigen der Arbeiterbewegung im Allgemeinen immer recht enge Verbindungen und sogar manche Parallelen gab. Ein gewisses teleologisches Verständnis der Geschichte und der Gedanke einer historischen Mission, die nur von der Arbeiterklasse ausgeführt werden kann, waren in beiden Historiografien vorhanden. Die Historiografie der Arbeiterbewegung war stets geprägt vom Hegemoniekampf zwischen den verschiedenen Strömungen der Bewegung und vom politischen Nutzen, den die jeweiligen Vertreter für ihre Legitimierung daraus zogen. Die kommunistischen Parteien jedoch trieben ihren Anspruch, die einzig legitimen Vertreter der Arbeiterbewegung zu sein, auf die Spitze. In den Ländern, in denen sie an die Macht gelangten, ächteten und verfolgten sie alle anderen Strömungen der Arbeiterbewegung, die von da an ihrer Unabhängigkeit beraubt und der Staatspartei, die sie doch angeblich verkörperte, untergeordnet war. In den Fünfzigerjahren war der Fokus der Historiografie der Arbeiterbewegung noch auf die Organisationen (Parteien, Gewerkschaften) und deren Führer gerichtet. Ab den Sechzigerjahren begann sich eine Erneuerung der Historiografie hin zu einer Sozialgeschichte der Arbeit und der Arbeiter abzuzeichnen, die in den angelsächsischen Ländern als new labour history bezeichnet wurde. Diese historiografische Wende – vornehmlich eingeleitet von den britischen Historikern Edward P. Thompson und Eric Hobsbawm – hatte sogar Einfluss, wenn auch mit einiger Verzögerung, auf die Historiografie des Kommunismus.9 Vorgeschichte In Italien gehen die Anfänge der offiziellen Geschichtsschreibung der KPI auf die Jahre 1947 bis 1953 zurück, jedoch wurden die ersten Ansätze der späteren kanonischen Interpretation der Parteigeschichte schon um 1930, kurz vor dem zehnten Jahrestag der Parteigründung, ausgearbeitet. Es war die Zeit, als die KPI vor einem schwierigen politischen Wendepunkt stand10 – hin zur Parteilinie »Klasse gegen Klasse« und der Anprangerung der Sozialdemokratie als »Sozialfaschismus« – und damit einen Großteil der politischen Leitlinien aufgab, die 1926 auf dem Parteitag von Lyon beschlossen worden waren, einem Parteitag, bei dem die »bordigistische Linke«11 endgültig geschlagen worden war. Es galt jetzt, dafür zu sorgen, dass durch die von der Komintern angestrebte Wende die Parteilinie Bordigas nicht rehabilitiert wurde. So veröffentlichte Togliatti, unmittelbar nach dem Ausschluss Bordigas im März 1930, einen Artikel in der theoretischen Zeitschrift der Partei,12 in dem er eine Interpretationslinie entwickelte, die bis in die Sechzigerjahre hinein unverändert blieb: Leitgedanke war, dass der Bordigismus in der Existenz der KPI nur eine Episode dargestellt hatte, die durch den von Gramsci und Togliatti persönlich vorgegebenen, richtigen politischen Kurs schnell überwunden worden war.13 Die gegen Bordiga geführten heftigen und verleumderischen Angriffe waren von ebenso hitziger Kritik gegen den Vertreter der Parteirechten, Angelo Tasca,14 begleitet. Togliatti nahm damit eine Art Mittelposition ein, aus der heraus er erklären konnte, dass sich die KPI nur durch die Befreiung zuerst vom »Linksopportunismus« (Bordiga) und dann vom »Rechtsopportunismus« (Tasca) weiterentwickeln konnte. Genau dasselbe Schema findet sich in den Hinweisen, die er Giuseppe Berti zur Vorbereitung einer Sonderausgabe der Parteizeitschrift Lo Stato operaio übermittelt hatte, die anlässlich des zehnten Jahrestags der Parteigründung vorgesehen war, aber letztlich nie erschien.15 Gramsci, der zu diesem Zeitpunkt im Gefängnis saß und die neue Partei- und Komintern-Linie nicht teilte, erhielt keine Gelegenheit, sich zu dieser Deutung der Vergangenheit zu äußern. Sein Tod kurz nach der Haftentlassung im Jahre 1937 gab Togliatti die Gelegenheit zu einer Klarstellung in Bezug auf die Parteigeschichte, indem er den verstorbenen Parteiführer als positiven Pol des italienischen Kommunismus darstellte und, im Gegensatz dazu, Bordiga als negativen Pol. Dieser Interpretation zufolge war Gramsci schon 1917 anderer Auffassung als Bordiga und ihm in den ersten Jahren der Partei nur gefolgt, um nicht dem rechten Flügel (d.h. Tasca) zugeordnet zu werden.16 Dieser zum Gedenken an Gramsci verfasste Artikel bildete die Grundlage für eine Interpretation seiner Person (und indirekt auch der Parteigeschichte), die, wie Giorgio Amendola später betonte, »im Laufe der Zeit zwar ergänzt und weitergeführt, aber in ihren Grundzügen nie korrigiert wurde«.17 Auch legte der Artikel den Grundstein zu einer Gramsci-Legende, deren Nutzen und pädagogischen Wert Amendola später rühmte, wobei er betonte, dass die Einstellung der Partei gegenüber ihrer jüngeren Vergangenheit in erster Linie »politisch«, also von den politischen Notwendigkeiten her bestimmt sein solle.18 Der historische Diskurs der KPI nach 1945 Nach 1945 gehorchte der historische Diskurs der KPI unmittelbaren politischen Zwängen. Wie Giorgio Bocca in seiner Biografie Togliattis feststellt, »deckt sich die Geschichte der Partei bis 1956 und darüber hinaus vollständig mit der Parteipolitik, sie beugt sich ihren Bedürfnissen, passt sich den Erfordernissen der Macht und der Propaganda an«.19 Sinn und Zweck der historiografischen Selbstdarstellung der KPI bestand darin, die von Togliatti nach seiner Rückkehr aus der UdSSR postulierte neue Strategie – die der »neuen Partei« – zu legitimieren, deren Gegner auszuschalten und vor allem die Partei politisch und ideologisch dadurch zu einen, dass sie eine bis dahin noch fehlende bzw. noch nicht klar umrissene kollektive Identität erhielt. Diese Identität zu definieren war die wichtigste Aufgabe, da sich die von Togliatti erdachte »neue Partei« deutlich von der Vorkriegspartei unterschied: Zu einer Massenpartei geworden, war sie soziologisch betrachtet heterogen und von oft gegensätzlichen politischen Strömungen geprägt. Die überwältigende Mehrheit ihrer Mitglieder gehörte aufgrund ihrer Erfahrung im Widerstand erst seit Kurzem der Partei an, ohne deren Vergangenheit wirklich zu kennen. Die Definition der eigenen Identität wurde umso dringlicher, als sich die KPI 1947 in der Opposition wiederfand, mit der Aussicht, nach dem Sieg der Christdemokraten bei den Parlamentswahlen im April 1948 dort noch für lange Zeit zu bleiben. Giorgio Amendola schrieb dazu später: »Wir mussten die politische Einheit der Partei innerhalb kurzer Zeit […] festigen und unterschiedliche Erfahrungen miteinander verbinden, ein Prozess, der noch nicht als abgeschlossen betrachtet werden konnte.«20 Dies erklärt, warum sich die KPI ab 1947/48 so stark um die Schaffung einer historischen Tradition der Partei bemühte. Da der Richtungswechsel zugunsten der »neuen Partei« nach Rückkehr in die Opposition nicht infrage gestellt wurde,21 konnte die kollektive Identität der Partei nicht ausschließlich bzw. hauptsächlich klassenbezogen definiert werden. Die Vergangenheit wurde folglich neu interpretiert; dabei wurden die Aspekte hervorgehoben, die mit der antifaschistischen, demokratischen und nationalen Strategie konform gingen (oder als wegbereitend für diese Strategie angesehen werden konnten), während revolutionäre und klassenbezogene Aussagen, die die Partei lange Zeit und besonders in ihren Anfängen geprägt hatten, in den Hintergrund rückten.22 Diese Lesart der Parteigeschichte stand im Zeichen der Kontinuität – symbolisiert durch die Kontinuität der Parteiführung (die zum Großteil noch dieselbe wie in den Zwanzigerjahren war) –, gerade so, als hätte es nur eine absolut linear verlaufende Entwicklung von der Spaltung von Livorno bis hin zur »neuen Partei« gegeben, und vor allem, als wäre die gesamte zurückliegende Geschichte des italienischen Kommunismus nur die notwendige Vorbereitung auf die »neue Partei« gewesen. Die Geschichte der Partei zu schreiben, blieb Privileg und alleinige Sache der Parteiführung, die im Übrigen diese Geschichte als einzige wirklich kannte, da sie sie erlebt und gestaltet hatte. Diese Kenntnis, die Macht verlieh, war, wie Giorgio Amendola feststellte, auch »eine der nicht ausdrücklich festgeschriebenen, aber wesentlichen Grundvoraussetzungen für die Kontrolle der Partei durch die alten illegalen Kader«.23 Die Existenz eines Monopols der historischen Darstellung bedeutete, dass es nur eine einzige authentische Version der Parteigeschichte geben konnte und führte folglich zu einer strikten Orthodoxie. Bis in die Mitte der Fünfzigerjahre hielt die Führungsgruppe der KPI an diesem Monopol fest und unternahm nichts zur Förderung einer wissenschaftlich geprägten Geschichtsschreibung, die unweigerlich zu einer Infragestellung so mancher Postulate der offiziellen Version geführt hätte. Ab 1953, dem Jahr, in dem Stalin starb, und mehr noch nach den politischen Umbrüchen im Jahre 1956 sah sich der Parteisekretär dem Problem gegenüber, dass er seine Legitimität (und folglich die der gesamten Führungsgruppe) von der ins Wanken geratenen Legitimität Stalins trennen musste. Die Lösung dieses Problems drängte besonders, da die Deutungshoheit der kommunistischen Führer über die Parteigeschichte zu bröckeln begann: Einige nicht gerade unbedeutende Exkommunisten, wie der Schriftsteller Ignazio Silone und Angelo Tasca, die in den Zwanzigerjahren, vor ihrem Parteiausschluss, verantwortungsvolle Posten in der KPI innehatten, schalteten sich ein, um ihre Sicht der Dinge darzulegen. Ignazio Silone (1900–1978), der in Wirklichkeit Secondino Tranquilli hieß, war in den Zwanzigerjahren einer der führenden Köpfe der Partei im Untergrund gewesen und hatte für die Partei wichtige Aufträge in verschiedenen Ländern Europas, insbesondere in der Sowjetunion, ausgeführt.24 Wegen mangelnder Linientreue wurde er 1931 aus der Partei ausgeschlossen und widmete sich von da an im Schweizer Exil vor allem seiner schriftstellerischen Tätigkeit sowie nebenbei der politischen Arbeit in der im Exil befindlichen Sozialistischen Partei Italiens. 1949 veröffentlichte er einen Bericht, in dem er u. a. die große Rolle der Komintern in den parteiinternen Angelegenheiten der KPI herausstellte, ein Aspekt, der im historischen Diskurs der Partei eher verschwiegen worden war.25 Togliatti reagierte darauf mit einem eindeutig diffamierenden Artikel, ohne dabei den Behauptungen Silones in ihrer Substanz zu widersprechen.26 Daraufhin schaltete sich eine andere wichtige Führungspersönlichkeit der KPI in den Zwanzigerjahren, Angelo Tasca, der ebenfalls ausgeschlossen und in besagtem Artikel von Togliatti angegriffen worden war, in die Diskussion ein, um mit weiteren Aspekten der vorherrschenden kommunistischen Geschichtsauffassung aufzuräumen.27 Der KPI-Sekretär reagierte darauf, indem er ihn als »miesen Opportunisten« bezeichnete, ohne auch hier jedoch die von dem ehemaligen Parteigenossen erwähnten Tatsachen zu leugnen.28 Ton und Härte der Reaktionen zeigen, dass eine historiografische Auseinandersetzung zum damaligen Zeitpunkt unmöglich war. Für den Parteisekretär – und Hüter der Parteidoktrin – blieb die Parteigeschichte ein Territorium, das allein den Kommunisten vorbehalten war und von niemand anderem betreten werden durfte. 1953 war ein Schlüsseljahr, nicht nur wegen Stalins Tod und der daraus resultierenden gravierenden Veränderungen in der UdSSR und der kommunistischen Bewegung, sondern auch, weil damit in Italien die Monopolherrschaft der KPI-Führer über die Parteihistorie endete. Die erste Herausforderung kam von Angelo Tasca (1892–1960).29 Er war 1921 einer der Mitbegründer der KPI gewesen, 1922 Delegierter beim IV. Weltkongress der Komintern, 1928 Vertreter der italienischen Partei bei der Komintern in Moskau und 1929 aufgrund seines Widerstandes gegen die in Moskau beschlossene »sozialfaschistische« Linie aus der Partei ausgeschlossen worden. Im französischen Exil hatte er als Journalist gearbeitet, in der Sozialistischen Partei Frankreichs (Section française de l’Internationale ouvrière, französische Sektion der Arbeiterinternationale, SFIO) und in der sich ebenfalls im Exil befindlichen Sozialistischen Partei Italiens gewirkt, in der er einer der führenden Köpfe war. Während des Kriegs hatte er sich Vichy angeschlossen und dabei eine widersprüchliche Position zwischen dem Pétain-Regime und dem Widerstand bezogen. Nach dem Krieg widmete er sich im Wesentlichen der Publikation antikommunistischer Schriften. Das Besondere an Tasca war seine Vorliebe für Archive und Geschichte. 1938 veröffentlichte er unter dem Pseudonym »Amilcare Rossi« eine beeindruckende Studie über die Entstehung des italienischen Faschismus.30 Er erstellte eine ausführliche Dokumentation über die KPI der Zwanzigerjahre sowie über die Zeit des Vichy-Regimes, die heute zu den bedeutendsten historischen Quellen auf diesen Gebieten der italienischen bzw. französischen Geschichte zählt.31 1953 veröffentlichte Tasca in der italienischen Wochenzeitschrift Il Mondo eine Reihe von Artikeln über die ersten zehn Jahre der KPI, die wegen der darin aufgeworfenen historiografischen Fragestellungen und der vorgeschlagenen Interpretation von besonderer Bedeutung sind.32 Zu zahlreichen Aspekten der KPI-Geschichte brachte Tasca, selbst einer der Protagonisten dieser Geschichte, Wissen ein, das durch die spätere Geschichtsforschung und durch Quellenveröffentlichungen in diversen Punkten bestätigt wurde. Vor allem lenkte er die Aufmerksamkeit auf den starken Einfluss, den die Komintern auf die Politik der KPI in den Zwanzigerjahren hatte; dieser Einfluss wurde später durch die Veröffentlichung von Dokumenten aus der damaligen Zeit, insbesondere aus der Feder des Emissärs der Komintern Jules Humbert-Droz bestätigt.33 Auch ließ er die vor und während der »Wende« Ende der Zwanzigerjahre betriebene Politik der KPI, die zu seinem Ausschluss geführt hatte, in einem neuen Licht erscheinen. Diese Texte Tascas stellen den eigentlichen Beginn einer wissenschaftlichen Historiografie der KPI dar.34 Ebenfalls 1953 erschien die erste von zwei nicht-kommunistischen Historikern, Fulvio Bellini und Giorgio Galli, verfasste Storia del PCI [Geschichte der KPI], in der sie die bedeutende Rolle des ersten Generalsekretärs der Partei, Amadeo Bordiga, während der Gründungsphase der KPI herausstellten und die Einflussnahme der Komintern verdeutlichten.35 Dieses später mehrfach überarbeitete und ausschließlich unter dem Namen von Giorgio Galli herausgegebene Werk war das erste, das außerhalb des Führungskreises der KPI oder des Umfelds der Exkommunisten entstanden war. Der Tod Stalins leitete auch in Italien eine neue Phase in der Geschichte des Kommunismus ein. Und doch waren es vor allem die politischen Erschütterungen im Jahr 1956 – ausgelöst durch die Verurteilung der Verbrechen Stalins durch Chruščëv auf dem XX. Parteitag der KPdSU und den Ungarischen Volksaufstand –, die in Italien zu einer historiografischen Kursänderung führten, die sich in den Sechzigerjahren mit Nachdruck durchsetzen sollte. Die von Togliatti geschaffene Geschichtslegende würde die Krise des Stalinismus auf keinen Fall unversehrt überstehen, was im Übrigen auch Togliatti selbst sehr schnell erkannte. In diesem durch die Entmystifizierung Stalins entstandenen Vakuum ging der bis dahin gepflegten »heiligen Geschichte« regelrecht die Luft aus, während sich bereits neue Perspektiven abzeichneten. Die neue Phase begann damit, dass man sich erneut mit dem Werk Gramscis beschäftigte, wobei das Augenmerk vor allem auf die demokratischen Inhalte gerichtet war. 1958 beschleunigte sich die Entwicklung mit der Gründung der Zeitschrift Rivista storica del socialismo, die unter der Leitung von Stefano Merli und Luigi Cortesi einen grundlegenden Beitrag zur historiografischen Auseinandersetzung mit dem italienischen Kommunismus lieferte. Togliatti beschloss, sich dieser Entwicklung anzuschließen, statt sich ihr zu widersetzen, und veröffentlichte 1961 in den Annali Feltrinelli [Jahrbücher der Feltrinelli-Stiftung] die bis dahin unter Verschluss gehaltene Korrespondenz zwischen Gramsci und anderen Parteiführern aus den Jahren 1923/24.36 Mehr noch als in der Interpretation, die sich nicht wesentlich vom bisherigen Muster unterschied, bestand dabei die Neuartigkeit in der gewählten Methode, nämlich der Quellenveröffentlichung. Sie wurde von zentraler Bedeutung, da sie den Historikern eine gemeinsame Arbeitsgrundlage lieferte. Im Dezember 1961 beschloss die italienische Kulturkommission der Partei, die Veröffentlichung einer Reihe bis dato nicht zugänglicher Dokumente über die Geschichte der KPI und der Komintern in Angriff zu nehmen und kommunistische Historiker zur Aufarbeitung der KPI-Vergangenheit zu ermuntern.37 Die wichtigste Entscheidung damals war aber zweifellos, dass darauf verzichtet wurde, eine »offizielle« Version der Parteigeschichte schreiben zu lassen. Dieser Beschluss war grundlegend, da er die Partei einerseits davor bewahrte, sich in ein zweifelhaftes Unterfangen zu verstricken – denn einmal in den Teufelskreis der offiziellen Geschichtsschreibung geraten, ist es schwer, sich daraus zu befreien und bedeutet, diese Geschichte pausenlos der aktuellen politischen »Wahrheit« anpassen zu müssen – und andererseits den Weg für eine Geschichtsschreibung nach wissenschaftlichen Methoden ebnete, deren wichtigstes Resultat die Storia del Partito Comunista Italiano [Geschichte der Kommunistischen Partei Italiens] von Paolo Spriano war. Ohne diesen Beschluss wäre eine Arbeit wie die Sprianos nicht möglich gewesen. Das historiografische Schaffen der kommunistischen Führer In den Sechzigerjahren nahm eine Geschichtsschreibung Gestalt an, die nicht mehr ausschließlich oder überwiegend politisch motiviert war, sondern die Regeln des Historikerberufs achtete und zunehmend von professionellen Historikern geleistet wurde. Obwohl diese Historiker überwiegend Kommunisten waren, handelte es sich nicht mehr um Parteihistoriografie im herkömmlichen Sinne. Neben den Arbeiten Sprianos, Ragionieris und anderer Historiker sind auch jene einiger anderer kommunistischer Führer der Vorkriegsgeneration zu nennen, die ihre Vorliebe für die historische Forschung entdeckten: Quellenveröffentlichungen (nach dem Vorbild Togliattis), autobiografische Schriften, historische Studien, Beiträge zu historiografischen Diskussionen. Anders als die jungen Historiker, die von der Partei zur Arbeit an deren Geschichte angeregt worden waren, hatten sich die Parteiführer aus eigenem Impuls zu dieser Arbeit entschlossen und zeigten damit, dass es eine Vielzahl an politischen Überzeugungen innerhalb der KPI gab. Die Sechziger- und Siebzigerjahre waren in Italien eine Zeit der intensiven politischen und sozialen Mobilisierung und des starken Aufschwungs der Arbeiterbewegung. Das Interesse der jungen Generationen an der Geschichte dieser Bewegung kam auch in der Zunahme der Veröffentlichungen zum Ausdruck. Der Einfluss der KPI stieg, nebenbei bemerkt, in dieser Zeit ebenfalls. Für die alten Parteiführer war dies ein geeigneter Moment, um sich Gehör zu verschaffen und auch schriftlich Spuren zu hinterlassen. Daher nun zu den Personen, von denen die bedeutendsten historiografischen Beiträge stammen. Giuseppe Berti (1901–1979) hatte seit den Zwanzigerjahren wichtige Aufgaben in der Partei wahrgenommen, sowohl in Italien (wo er von 1926 bis 1929 inhaftiert war) als auch im Exil in der Sowjetunion, in Frankreich und in den Vereinigten Staaten, und war oft durch sein inquisitorisches Gebaren und seine Orthodoxie aufgefallen. Die Umbrüche im Jahr 1956 brachten ihn dazu, die Geschichte des italienischen und internationalen Kommunismus zu überdenken. Er gab eine Sammlung unveröffentlichter Dokumente über die ersten zehn Jahre der KPI aus dem im Feltrinelli-Institut in Mailand aufbewahrten Archiv Angelo Tascas heraus sowie mehrere Essays zur Geschichte der Partei.38 Seine Interpretation dieser Geschichte wurde zwar von anderen Historikern kritisiert, lieferte aber einen wichtigen Beitrag zur historiografischen Diskussion. Giorgio Amendola (1907–1980),39 seit 1929 Mitglied in der Partei, veröffentlichte mehrere Beiträge zur Parteigeschichte, an der er als einer der Hauptakteure mitgewirkt hatte. Sein aus historiografischer Sicht ehrgeizigster Beitrag war seine Storia del Partito comunista italiano [Geschichte der italienischen Kommunistischen Partei],40 die er gegen Ende seines Lebens verfasste und in der er seine persönliche Interpretation des Werdegangs des italienischen Kommunismus wiedergab. Seine Memoiren über die Zeit des Widerstands41 und zwei autobiografische Bücher42 stellen weitere wichtige Beiträge dar. Pietro Secchia (1903–1973), seit den Zwanzigerjahren Kommunist und lange Zeit von den Faschisten inhaftiert, war von 1943 bis 1945 einer der führenden Widerstandskämpfer in Norditalien und nach dem Krieg verantwortlich für die Parteiorganisation, bis er 1954 infolge des Verrats durch einen seiner engsten Mitarbeiter sein Amt niederlegen musste. Die letzten fünfzehn Jahre seines Lebens widmete er der Aufzeichnung der Geschichte des Widerstands sowie der Rolle der KPI in dieser Bewegung.43 Secchia vertrat innerhalb der Partei eine ganz andere Richtung als Togliatti, der das politische Unglück seines Rivalen nutzte, um ihn aus den Leitungspositionen zu verdrängen. Secchia und Amendola vertraten innerhalb der politischen Bandbreite der Partei die beiden Extreme, wobei Secchia als orthodoxer Stalin-Anhänger mit engen Beziehungen zur Sowjetunion galt und Amendola als Vertreter der Parteirechten ohne besondere Verbindungen zur UdSSR war.44 Ein weiterer in vorderster Reihe stehender Parteiführer war Luigi Longo (1900–1980), der 1964, nach dem Tod Togliattis, Generalsekretär der KPI wurde und dies bis 1972 blieb.45 Er hatte hohe Ämter innerhalb der Komintern bekleidet und war einer der führenden Kommandeure der Internationalen Brigaden während des Spanischen Bürgerkriegs und des italienischen Widerstands in den Jahren von 1943 bis 1945 gewesen. Seine historiografischen Beiträge befassten sich im Wesentlichen mit der Rolle der KPI im Widerstand46 und mit dem Spanischen Bürgerkrieg.47 Autobiografien kommunistischer Führer Mehrere kommunistische Führer der Vorkriegsgeneration haben Autobiografien verfasst und auf diese Weise einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Historiografie des italienischen Kommunismus geleistet. Zu den bedeutendsten dieser autobiografischen Schriften zählen die von Umberto Terracini (1895–1983),48 Alfonso Leonetti (1895–1985),49 Teresa Noce (1900–1980),50 Arturo Colombi (1900–1983),51 Paolo Robotti (1901–1982)52 und Giancarlo Pajetta (1911–1990).53 Am atypischsten sind sicherlich die Aufzeichnungen von Umberto Terracini und Alfonso Leonetti. Terracini, einer der Mitbegründer der KPI, war stets ein Kommunist, der sich nicht scheute, eine abweichende Meinung offen auszusprechen und sich an der Partei zu reiben, wenn er deren Linie nicht teilte.54 Nach seiner Verurteilung durch das faschistische Sondergericht zu 22 Jahren Haft (er wurde erst 1943 nach dem Sturz Mussolinis freigelassen) verurteilte er die politische Linie des Sozialfaschismus (der Komintern und der KPI Ende der Zwanzigerjahre) und isolierte sich dadurch von den anderen inhaftierten Kommunisten; 1939 kritisierte er den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt (Hitler-Stalin-Pakt) und wurde daraufhin aus der Partei ausgeschlossen, in die er 1943 nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis wieder aufgenommen wurde. 1946 wurde er zum Abgeordneten und Vizepräsidenten der Verfassunggebenden Versammlung und 1947 zu deren Präsident gewählt; in dieser Eigenschaft war er neben dem Staatspräsidenten und dem Ministerpräsidenten einer der drei Unterzeichner der italienischen Verfassung im Dezember 1947. Der politische Werdegang Alfonso Leonettis war ebenfalls atypisch. Leonetti, Journalist bei Avanti! und L’Ordine Nuovo sowie Herausgeber der Unità im Jahre 1924, wurde 1930 wegen seiner trotzkistischen Überzeugung aus der Partei ausgeschlossen. Auch im französischen Exil blieb er ein Dissident der Kommunistischen Partei.55 1962 trat er wieder in die KPI ein. Robotti (Togliattis Schwager), Noce, Colombi und Pajetta blieben im Gegensatz zu Terracini und Leonetti immer linientreue Kommunisten. Die nachfolgende Generation, deren Mitglieder durch die Erfahrung des Widerstands oder unmittelbar nach dem Krieg zu Kommunisten geworden waren, brachte ebenfalls eine Reihe von Autobiografien hervor, die nach der Selbstauflösung der Partei und der Aufspaltung in mehrere gegnerische Strömungen veröffentlicht wurden. Diese oft von Nostalgie für die alte Partei geprägten Schriften sind sowohl die Bilanz eines persönlichen Lebenswegs als auch des kollektiven Werdegangs der Partei. Sie legen Zeugnis ab von einem nunmehr abgeschlossenen Abenteuer und einer angesichts des Resultats erlebten Enttäuschung. Zu nennen sind hier die Autobiografien von Pietro Ingrao (geb. 1915),56 Rossana Rossanda (geb. 1924),57 Armando Cossutta (geb. 1926),58 Emanuele Macaluso (geb. 1924),59 und Diego Novelli (geb. 1931).60 Schon diese kurze Liste lässt erahnen, wie vielfältig die Lebenswege dieser führenden Persönlichkeiten waren. Der 1942 in die KPI eingetretene Ingrao war einer der großen Vertreter des linken Parteiflügels. Nach Auflösung der Partei im Jahre 1991 schloss er sich zunächst den Linksdemokraten an und wechselte später zur Rifondazione Comunista über, der anderen, kleineren aus der ehemaligen KPI hervorgegangenen Partei. Armando Cossutta hatte sich 1943 der KPI angeschlossen und verkörperte deren prosowjetischen Flügel. Nach Auflösung der Partei war er Mitbegründer der Rifondazione Comunista. Er wurde Vorsitzender der Partei, verließ diese aber 1998, um eine neue kommunistische Partei, die Partei der italienischen Kommunisten (oder einfach Italienische Kommunisten) zu gründen. Rossana Rossanda hatte am Widerstand teilgenommen und war nach dem Krieg in die KPI eingetreten. Sie war Mitglied der Gruppe »Il Manifesto«, die 1968 die gleichnamige Zeitung gründete (die heute noch aufgelegt wird), und wurde im darauffolgenden Jahr aus der Partei ausgeschlossen. Nachdem sie einige Jahre in der linksextremen Partei »Il Manifesto« politisch aktiv gewesen war, zog sie sich aus der Politik zurück, um sich ganz der journalistischen und schriftstellerischen Arbeit zu widmen. Emanuele Macaluso, seit 1941 Mitglied der KPI, war ein Vertreter des reformistischen Flügels innerhalb der Partei. Diego Novelli, von 1975 bis 1985 Bürgermeister von Turin, schloss sich nach Auflösung der KPI nicht den Linksdemokraten (Partito Democratico della Sinistra, PDS) an, sondern war weiterhin in verschiedenen Linksgruppierungen politisch aktiv. In seinen Erinnerungen kommt die Nostalgie des politischen Aktivismus zu Zeiten der alten KPI zum Ausdruck. All diese Erinnerungen zeugen auf verschiedene Art und Weise von der Entwicklung und dem Ende der KPI. Verglichen mit den Erinnerungen der ersten Generation der KPI erzählen sie eine Geschichte, die weniger düster, weniger mysteriös, dafür aber »gewöhnlicher« ist. Sie ermöglichen es, die Figur des kommunistischen Aktivisten in ihrer Entwicklung zu verstehen. Wege der Geschichtsschreibung Zunächst ist festzuhalten, dass die Geschichtsschreibung über die KPI, abgesehen von den Beiträgen der Parteiführer, seit den Siebzigerjahren Sache professioneller Historiker war. Diese Jahre zeichneten sich durch eine deutliche Belebung der Geschichtsforschung über die KPI aus, die zweifelsohne durch die für die Partei günstige politische Lage – sie verzeichnete damals den größten Wählerzulauf in ihrer Geschichte – Auftrieb bekam. Diese Historiker waren zum größten Teil Kommunisten oder standen der KPI nahe. Einen besonders wichtigen Beitrag zur Historiografie über den italienischen Kommunismus lieferte Luigi Cortesi (1929–2009). Wie Spriano und Ragionieri war auch Cortesi Kommunist, allerdings ein atypischer und keiner vom orthodoxen Schlag, daran änderte sich auch mit der Auflösung der KPI nichts. Er interessierte sich vor allem für die Entstehungsgeschichte und die ersten Jahre der KPI. In erster Linie befasste er sich mit zwei von der Parteihistoriografie lange geschmähten Persönlichkeiten: Amadeo Bordiga und Angelo Tasca. Bordiga, der seit der Gründung der Partei im Jahre 1921 bis 1924 ihr Parteisekretär war, verkörperte eine revolutionäre Klassenideologie des Kommunismus, der Cortesi wohl näher stand. Nachdem Bordiga lange Zeit vom historischen Diskurs der KPI verteufelt worden war, fand er schließlich – dank der Arbeiten Cortesis61 und anderer Historiker62 – seinen Platz in der Geschichte des italienischen Kommunismus. Außerdem zeigte die bereits erwähnte Einleitung Cortesis zum Buch Angelo Tascas über die ersten zehn Jahre der KPI,63 welch enorme Bedeutung dem historiografischen Beitrag des früheren Parteiführers zukommt. Gegen Ende seines Leben verfasste Cortesi eine monumentale Storia del comunismo [Geschichte des Kommunismus].64 Ab den Siebzigerjahren nahmen die im universitären Rahmen verfassten wissenschaftlichen Arbeiten zur Geschichte der KPI deutlich zu. Von da an waren es Berufshistoriker, die sich mit dem Thema beschäftigten. Viele von ihnen waren Kommunisten oder standen der Partei nahe, doch die Zahl derer, die keine Verbindung zur Partei oder der kommunistischen Tradition hatten, stieg. Der Zeitabschnitt, über den die meisten Arbeiten erschienen, sind zweifellos die ersten Jahre des italienischen Kommunismus. Außer von Luigi Cortesi und Giuseppe Berti erschienen in den Siebzigerjahren Arbeiten von Aurelio Lepre, Silvano Levrero, Renzo Martinelli, Tommaso Detti, Franco De Felice und anderen Historikern.65 Später richtete sich das Augenmerk auf jüngere Zeiträume. Die fünf von Spriano verfassten Bände über die Geschichte der KPI endeten mit dem Jahr 1945. In den Neunzigerjahren wurde diese Arbeit von Renzo Martinelli und Giovanni Gozzini fortgesetzt. Es erschienen zwei Bände, die sich mit den Zeiträumen von 1945 bis 1948 bzw. von 1948 bis 1956 befassen und in denen kein Hehl daraus gemacht wird, dass sie in der Kontinuität der Arbeit Sprianos stehen.66 Die internationalen Aspekte der Geschichte der KPI, insbesondere deren Verbindung zur UdSSR, wurden – auch dank der Öffnung der russischen Archive Anfang der Neunzigerjahre – vertieft.67 Vor allem in jüngerer Zeit wurden zuvor kaum erforschte oder von der kommunistischen Geschichtsschreibung bewusst ignorierte Themen aufgegriffen: die Widersprüchlichkeit der kommunistischen Politik zur Zeit des Widerstands und nach dem Zweiten Weltkrieg,68 das Los zahlreicher Kommunisten und anderer italienischer Antifaschisten, die in die UdSSR flohen und Opfer der stalinistischen Unterdrückung wurden,69 oder das Schicksal italienischer kommunistischer Arbeiter, die nach 1945 nach Jugoslawien gingen, um den »Sozialismus aufzubauen«, und von denen viele nach dem Bruch zwischen Stalin und Tito wegen des Verdachts der stalinistischen Infiltration verfolgt wurden,70 die Finanzierung der KPI durch die Sowjetunion,71 das Problem der Ostgrenze Italiens,72 oder die Verbindungen der KPI zu einigen Faschisten, die sich nach 1945 der Kommunistischen Partei annäherten.73 Nach Auflösung der KPI 1991 lieferten verschiedene Autoren einen Gesamtüberblick über die nun abgeschlossene Geschichte der Partei.74 Schlussbemerkungen Auch die KPI machte keine Ausnahme von der allgemeinen und von allen kommunistischen Parteien befolgten Regel, die Vergangenheit zum Zwecke der politischen Legitimation gezielt zu nutzen. Bis in die Fünfzigerjahre verordneten die kommunistischen Führer eine ganz bestimmte Lesart der Parteigeschichte, für die sie sich allein zuständig fühlten: eine äußerst selektive Lesart, bei der so mancher Aspekt der Vergangenheit verschleiert oder verzerrt wurde, und die systematisch instrumentalisiert wurde, mithin den jeweils aktuellen politischen Erfordernissen angepasst wurde. Die von ihnen vermittelte Sicht der Vergangenheit deckte sich mit den damals vorherrschenden Methoden der stalinistischen Geschichtsschreibung. Jedoch unterscheidet sich der Fall der KPI dadurch von dem anderer kommunistischer Parteien, insbesondere der französischen, dass die Entmystifizierung Stalins durch die Geheimrede Chruščëvs auf dem XX. Parteitag der KPdSU in Italien das Ende der bis dahin maßgeblichen »heiligen Geschichte« bedeutete. Anfang der Sechzigerjahre begann sich eine andere Form der kommunistischen Geschichtsschreibung zu entwickeln. Dieser lagen wissenschaftliche Kriterien zugrunde (vor allem in Bezug auf den Umgang mit Quellen) und die historische Analyse überwog das politische Urteil.75 Objektiv betrachtet, entsprang sie dem Bewusstsein, dass eine Ära der kommunistischen Bewegung zu Ende gegangen war,76 und zeichnete sich in erster Linie durch folgende Merkmale aus: das Ende der Monopolherrschaft der kommunistischen Führer über die Parteihistoriografie, die nun professionellen Historikern überlassen wurde; der Verzicht der KPI-Führung auf das Vorhaben, eine offizielle Parteigeschichte schreiben zu lassen; die Veröffentlichung einer beträchtlichen Anzahl von Quellen; die schrittweise Öffnung des KPI-Archivs,77 das Material aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren enthielt. Diese Merkmale zusammengenommen verdeutlichen die Einzigartigkeit und Andersartigkeit der historiografischen Weichenstellungen der italienischen Kommunisten im Vergleich zu denen anderer kommunistischer Parteien Westeuropas jener Zeit. Zunächst befasste sich die neue Geschichtsschreibung mit den Anfängen, der Gründung und den ersten Jahren der Partei. Danach wandte sie sich späteren Zeitabschnitten und bis dahin kaum untersuchten Fragen zu, wie etwa der Verbindung zur Komintern und zur Sowjetunion. Zu den kommunistischen Historikern gesellten sich zunehmend nicht-kommunistische Historiker. Im politischen und intellektuellen Kontext der letzten Jahrzehnte, der durch die Krise des Antifaschismus, das aus dem Widerstand hervorgegangene politische System, und das Ende des Kommunismus als politischem System und als internationale Bewegung geprägt war, gingen die Forschungsarbeiten über die Geschichte der KPI ganz unterschiedliche Wege. Manche hatten die Absicht, die Bilanz einer inzwischen abgeschlossenen historischen Erfahrung zu ziehen. Andere untersuchten bis dahin noch wenig bekannte Aspekte dieser Geschichte. Wieder andere interessierten sich an der Grenze zwischen historischer Forschung, Journalismus und Pamphlet für die »dunkle Seite« des italienischen Kommunismus nach dem Vorbild des Schwarzbuch des Kommunismus.78 Doch trotz dieser beträchtlichen Ansammlung von Arbeiten bleibt die Historiografie des italienischen Kommunismus eine offene Baustelle. Aus dem Französischen übersetzt durch das Bundessprachenamt 1 Siehe Giorgio Galli/Fulvio Bellini: Storia del PCI [Geschichte der KPI], Mailand 1953; Paolo Spriano: Storia del Partito comunista italiano [Geschichte der italienischen Kommunistischen Partei], Turin 1967–1975, 5 Bände; Livio Maitan: PCI 1945–1969: Stalinismo e opportunismo [KPI 1945–1969: Stalinismus und Opportunismus], Rom 1969; Giorgio Amendola: Storia del Partito Comunista Italiano 1921–1943 [Geschichte der italienischen Kommunistischen Partei 1921–1943], Rom 1978; Marcello Flores/Nicola Gallerano: Sul PCI. Un’interpretazione storica [Über die KPI. Eine historische Interpretation], Bologna 1992; Giorgio Galli: Storia del PCI: Livorno 1921, Rimini 1991 [Geschichte der KPI: Livorno 1921, Rimini 1991], Mailand 1993; Renzo Martinelli: Storia del Partito Comunista Italiano, vol. VI: Il »partito nuovo« dalla Liberazione al 18 aprile [Geschichte der italienischen Kommunistischen Partei, Bd. 6: Die »neue Partei« von der Befreiung bis zum 18. April], Turin 1995; Renzo Martinelli/Giovanni Gozzini: Storia del Partito Comunista Italiano, vol. VII: Dall’attentato a Togliatti all’VIII congresso [Geschichte der italienischen Kommunistischen Partei, Bd. 7: Vom Attentat auf Togliatti bis zum VIII. Parteitag], Turin 1998; Aldo Agosti: Storia del Partito comunista italiano 1921–1991 [Geschichte der italienischen Kommunistischen Partei 1921–1991] Rom/Bari 1999; Albertina Vittoria: Storia del PCI 1921–1991 [Geschichte der KPI 1921–1991], Rom 2006; Lucio Magri: Il sarto di Ulm. Una possibile storia del Pci [Der Schneider von Ulm. Eine mögliche Geschichte der KPI], Mailand 2009. 2 Siehe Bruno Groppo: Les récits autobiographiques de communistes italiens publiés après 1945 [Nach 1945 veröffentlichte Autobiografien italienischer Kommunisten], in: Claude Pennetier/Bernard Pudal (Hg.): Autobiographies, autocritiques, aveux dans le monde communiste [Autobiografien, Selbstkritiken, Geständnisse in der kommunistischen Welt], Paris 2002, S. 247–265. Biografische Einträge zu italienischen kommunistischen Führern sind in folgenden biografischen Lexika zu finden: Dizionario Biografico degli Italiani [Biografisches Lexikon der Italiener], Istituto dell’Enciclopedia Italiana, Rom, (die von 1960 bis heute erschienenen 75 Bände enden mit dem Buchstaben M), in: http://www.treccani.it/biografie/, ges. am 28. November 2012; Franco Andreucci/Tommaso Detti (Hg.): Il Movimento operaio italiano. Dizionario biografico 1853–1943 [Die italienische Arbeiterbewegung. Biografisches Lexikon 1853–1943], Rom 1975–1979, 5 Bände. Die Biografien kommunistischer Führer, die sich am Widerstand beteiligten, sind auf der Homepage der Associazione Nazionale Partigiani Italiani (italienischer Partisanenverband) (www.anpi.it, ges. am 28. November 2012) zu finden. 3 Spriano: Storia del Partito Comunista Italiano (Anm. 1). 4 Siehe ders.: Il compagno Ercoli. Togliatti segretario dell’Internazionale [Der Genosse Ercoli. Togliatti, Sekretär der Internationale], Rom 1980. Zu diesem Thema siehe auch Aldo Agosti (Hg.): Togliatti negli anni del Comintern (1926–1943) [Togliatti in den Jahren der Komintern (1926–1943)], Rom 2000. 5 Siehe Paolo Spriano: I comunisti europei e Stalin [Die europäischen Kommunisten und Stalin], Turin 1983. 6 Siehe Ernesto Ragionieri: Palmiro Togliatti: aspetti di una battaglia ideale e politica [Palmiro Togliatti: Aspekte eines idealistischen und politischen Kampfes], Rom 1966; ders.: Palmiro Togliatti, Rom 1973. 7 Siehe ders.: La Terza Internazionale e il Partito comunista italiano [Die Dritte Internationale und die italienische Kommunistische Partei], Turin 1978. 8 1991 änderte die Zeitschrift ihren Namen und hieß fortan Ventesimo Secolo. 9 Thompson und Hobsbawm hatten zu der Gruppe von Historikern gehört, die sich 1946 innerhalb der kleinen Kommunistischen Partei Großbritanniens (Communist Party History Group) formiert hatte und zu deren Mitgliedern Persönlichkeiten wie Christopher Hill, Maurice Dobb und John Saville gehörten. 1956 traten mehrere Mitglieder – darunter Thompson, Saville und Hill – nach dem XX. Parteitag der KPdSU und der Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstands durch die Sowjetunion aus der Gruppe und der Partei aus. Erstaunlich ist, dass diese Historiker, deren Beitrag zur Arbeiter- und Sozialgeschichte so bedeutend war, sich praktisch kaum mit der Geschichte der Kommunistischen Partei Großbritanniens befassten. 10 Zur »Wende« von 1929/30 siehe Ferdinando Ormea: Le origini dello stalinismo nel PCI. Storia della »svolta« comunista negli anni Trenta [Die Anfänge des Stalinismus in der KPI. Geschichte der kommunistischen »Wende« in den Dreißigerjahren], Mailand 1978. 11 Diese Bewegung wurde von dem aus Neapel stammenden Ingenieur Amadeo Bordiga (1889–1970) angeführt, dem ersten Generalsekretär der KPI, bevor Antonio Gramsci an seine Stelle trat. 12 Siehe Palmiro Togliatti: Appunti per una critica del bordighismo [Versuch einer Kritik am Bordigismus], in: Lo Stato operaio IV, Nr. 4 vom April 1930. 13 Siehe Ernesto Ragionieri: Togliatti e la tradizione storica del PCI [Togliatti und die historische Tradition der KPI], in: Rinascita Nr. 48 vom 4. Dezember 1970, S. 23–29. 14 Angelo Tasca, eines der Gründungsmitglieder der KPI, wurde 1929 wegen seiner Opposition gegen die sektiererische Wende der Komintern-Politik aus der Partei ausgeschlossen. 15 Siehe Palmiro Togliatti: Lettera a Berti per il X anniversario [Briefe an Berti zum 10. Jahrestag], in: Rinascita Nr. 48 vom 4. Dezember 1970, S. 24 f. 16 Siehe Palmiro Togliatti: Antonio Gramsci, capo della classe operaia italiana [Antonio Gramsci, Anführer der italienischen Arbeiterklasse], in: Lo Stato operaio XI, Mai–Juni 1937, Nr. 5–6, S. 273–279. Der Artikel wurde ein Jahr später in eine Gramsci gewidmete Gemeinschaftsveröffentlichung der KPI aufgenommen (Gramsci, Paris 1938). 17 Giorgio Amendola: Gramsci e Togliatti [Gramsci und Togliatti], in: ders.: Comunismo, antifascismo e Resistenza [Kommunismus, Antifaschismus und Widerstand], Rom, S. 150 f. 18 Ebd., S. 151. Amendola räumt ein, dass die von der Kommunistischen Partei vorgenommene Darstellung der Person und des Werks Gramscis am Anfang zu einer Legende geworden sei, dies seiner Meinung nach aber »nicht zu vermeiden« und sogar »nützlich« gewesen sei (ebd., S. 146). 19 Giorgio Bocca: Palmiro Togliatti, Bari 1977, Bd. 2, S. 633. 20 Giorgio Amendola: Dal ›Quaderno‹ del 30° alla coscienza storica del partito nuovo di oggi [Von der ›Schrift‹ zum 30. Jahrestag bis zum historischen Bewusstsein der neuen Partei von heute], in: Rinascita Nr. 48 vom 4. Dezember 1970, S. 14. Siehe auch Bocca: Palmiro Togliatti (Amn. 19), S. 634. 21 Und dies trotz der Spannungen, die sich zwischen Togliatti und Pietro Secchia, dem mächtigen Organisationsleiter der KPI, der eine Alternative zum Parteivorsitzenden darstellte, abzeichneten. Togliatti gelang es, seine Stellung zu behaupten und seinen Rivalen abzusetzen. Siehe dazu Bruno Groppo: Les divergences entre Togliatti et Secchia et l’évolution politique du Parti communiste italien 1944–1954 [Die Differenzen zwischen Togliatti und Secchia und die politische Entwicklung der italienischen Kommunistischen Partei 1944–1954], in: Communisme Nr. 9, 1986, S. 35–51. 22 Siehe Luigi Cortesi: Einführung, in: Angelo Tasca: I primi dieci anni di vita del PCI [Die ersten zehn Jahre der KPI], Bari 1973, S. 16. 23 Amendola: Dal ›Quaderno‹ del 30° (Anm. 20), S. 14. 24 Nach Aussagen der Historiker Mauro Canali und Dario Biocca belegen die im italienischen Staatsarchiv entdeckten Dokumente, dass Silone in den Zwanzigerjahren ein Informant der italienischen Polizei gewesen sei. Siehe Mauro Canali/Dario Biocca: L’informatore: Silone, i comunisti e la polizia [Der Informant: Silone, die Kommunisten und die Polizei], Mailand 2000; Dario Biocca: Silone. La doppia vita di un italiano [Silone. Das Doppelleben eines Italieners], Mailand 2005. Diese These, die in Italien zu einer lebhaften Kontroverse führte, wurde von anderen Historikern angezweifelt; siehe Giuseppe Tamburrano/Gianna Granati/Alfonso Isinelli: Processo a Silone. La disavventura di un povero cristiano [Der Fall Silone. Das Unglück eines armen Christen], Bari 2001. 25 Siehe Ignazio Silone: Uscita di sicurezza [Notausgang], in: Comunità, September–Oktober 1949. 26 Siehe Palmiro Togliatti: Contributo alla psicologia di un rinnegato. Come Ignazio Silone venne espulso dal Partito Comunista [Beitrag zum psychologischen Porträt eines Abtrünnigen. Wie Ignazio Silone aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen wurde], in: L’Unità vom 6. Januar 1950. 27 Siehe Angelo Tasca: A proposito della polemica Silone – Togliatti. La società chiusa [Zur Polemik zwischen Silone und Togliatti. Die geschlossene Gesellschaft], in: Il Mondo vom 11. März 1950. 28 Siehe [P. Togliatti]: Un opportunista marcio: Angelo Tasca [Ein mieser Opportunist: Angelo Tasca], in: Trenta anni di vita e lotte del P.C.I. [Dreißig Jahre Leben und Kämpfe der KPI], Rom 1952, S. 120 f. 29 Zum politischen Werdegang Tascas siehe Sergio Soave (Hg.): Un eretico della sinistra. Angelo Tasca dalla militanza alla crisi della politica [Ein Ketzer der Linken. Angelo Tasca, von der Militanz zur Krise der Politik], Mailand 1995. 30 Amilcare Rossi (Pseudonym von Angelo Tasca): Naissance du fascisme. L’Italie de l’armistice à la marche sur Rome [Entstehung des Faschismus in Italien. Vom Waffenstillstand bis zum Marsch auf Rom], Paris 1938 (engl. Übersetzung: The Rise of Italian Fascism 1918–1922, London 1938). 1934 veröffentlichte Silone während seines Schweizer Exils eine umfassende Studie über die Entstehung des Faschismus in Italien (Ignazio Silone: Der Faschismus – Seine Entstehung und seine Entwicklung, Zürich 1934). 31 Zu Vichy siehe Denis Peschanski (Hg.): Vichy 1940–1944. Archives de guerre d’Angelo Tasca [Kriegsarchive von Angelo Tasca], Paris/Mailand 1986; David Bidussa/Denis Peschanski (Hg.): La France de Vichy. Archives inédites d’Angelo Tasca [Frankreich unter dem Vichy-Regime. Unveröffentlichte Dokumente Angelo Tascas] (= Jahrbücher der Feltrinelli-Stiftung), Mailand 1996. 32 Siehe La storia e la preistoria [Geschichte und Vorgeschichte] Nr. 33 vom 18. August, S. 3 f.; L’Ordine Nuovo [Die Neue Ordnung] Nr. 34 vom 25. August, S. 5; Comunismo e fascismo [Kommunismus und Faschismus] Nr. 35 vom 1. September, S. 9 f.; Ordinovisti e bordighisti [Vertreter der Neuen Ordnung und Anhänger Bordigas] Nr. 36 vom 8. September, S. 9 f.; La direzione clandestina [Die heimliche Führung] Nr. 37 vom 15. September, S. 9 f.; La nuova politica [Die neue Politik] Nr. 38 vom 22. September, S. 9 f. Diese Artikel wurden später gesammelt herausgegeben, in: Angelo Tasca: I primi dieci anni di vita del PCI [Die ersten 10 Jahre der KPI], Bari 1971 (mit einer beachtenswerten Einführung von Luigi Cortesi). 33 Siehe Jules Humbert-Droz: Il contrasto tra l’Internazionale e il PCI [Der Gegensatz zwischen der Kommunistischen Internationale und der KPI], Mailand 1969. 34 Siehe Rosa Alcara: La formazione e i primi anni del PCI nella storiografia marxista [Gründung und Gründerjahre der KPI in der marxistischen Historiografie], Mailand 1970, S. 43–47; Cortesi: Einführung in Angelo Tasca: I primi dieci anni di vita del PCI (Anm. 22 u. 32), S. 46–58. 35 Bellini/Galli: Storia del PCI (Anm. 1). Letzte Ausgabe: Giorgio Galli: Storia del PCI: Livorno 1921, Rimini 1991 [Geschichte der KPI: Livorno 1921, Rimini 1991], Mailand 1993. 36 Siehe Palmiro Togliatti: La formazione del gruppo dirigente del Partito comunista italiano nel 1923–1924 [Herausbildung der Führungsgruppe der italienischen Kommunistischen Partei in den Jahren 1923–1924] (= Jahrbücher der Feltrinelli-Stiftung), Mailand 1961, S. 388–529. Eine zweite, leicht abgeänderte Ausgabe dieser Korrespondenz wurde 1962 vom KPI-eigenen Riuniti Verlag herausgegeben. Siehe Palmiro Togliatti: La formazione del gruppo dirigente del Partito Comunista Italiano nel 1923–24, Rom 1962. 37 Siehe Rinascita Nr. 1 vom Januar 1962. 38 Siehe Giuseppe Berti: I primi dieci anni di vita del Partito comunista italiano: Documenti inediti dell’Archivio Angelo Tasca [Die ersten zehn Jahre der italienischen Kommunistischen Partei: unveröffentlichte Dokumente aus dem Archiv Angelo Tascas] (= Annali Feltrinelli/Jahrbücher der Feltrinelli-Stiftung, VIII), Mailand 1967; ders.: Appunti e ricordi 1919–1926 [Notizen und Aufzeichnungen 1919–1926], ebd., S. 8–185. Siehe auch Introduzione [Einleitung] (= Annali Feltrinelli/Jahrbücher der Feltrinelli-Stiftung, Bd. X) 1968, S. 1–99; ders.: Problemi di storia del PCI e dell’Internazionale comunista [Probleme der Geschichte der KPI und der Kommunistischen Internationale], in: Rivista storica italiana LXXXII (1970), S. 148–198. Zu Berti siehe biografischer Eintrag »Berti, Giuseppe« von Francesco M. Biscione, in: Dizionario biografico degli Italiani (Anm. 2), Bd. 9, Rom 1967. 39 Zu Amendola siehe biografischer Eintrag von Michele Fatica, in: Dizionario biografico degli Italiani (Anm. 2). 40 Giorgio Amendola: Storia del Partito comunista italiano 1921–1943 [Geschichte der italienischen Kommunistischen Partei 1921–1943], Rom 1979. 41 Siehe Giorgio Amendola: Lettere a Milano [Briefe nach Mailand], Rom 1973. 42 Siehe ders.: Un’isola [Die Insel], Mailand 1980; ders.: Una scelta di vita [Eine Lebensentscheidung], Mailand 1980. 43 Siehe Pietro Secchia: Il Partito comunista italiano e la guerra di Liberazione [Die italienische Kommunistische Partei und der Befreiungskrieg] (= Annali Feltrinelli/Jahrbücher der Feltrinelli-Stiftung, XIII), Mailand 1972; ders.: L’azione svolta dal Partito comunista in Italia durante il fascismo 1926–1932 [Das Wirken der Kommunistischen Partei in Italien während des Faschismus 1926–1932] (= Annali Feltrinelli/Jahrbücher der Feltrinelli-Stiftung, Bd. VIII), Mailand 1970; Pietro Secchia/Filippo Frassati: Storia della Resistenza [Geschichte des Widerstands], Rom 1965; Archivio Pietro Secchia. 1945–1973 [Archiv Pietro Secchias. 1945–1973], mit einer Einleitung des Herausgebers Enzo Collotti (= Annali Feltrinelli/Jahrbücher der Feltrinelli-Stiftung, Bd. XIX), Mailand 1978, S. 135–740. 44 Zu Secchia siehe Miriam Mafai: L’uomo che sognava la lotta armata. La storia di Pietro Secchia [Der Mann, der vom bewaffneten Widerstand träumte. Die Geschichte Pietro Secchias], Mailand 1980; Filippo Pangallo: Pietro Secchia nella storia del PCI, dalla Resistenza al Partito Nuovo, 1943–1954 [Pietro Secchia in der Geschichte der KPI, vom Widerstand bis zur Neuen Partei 1943–1954], Bologna 2004; Enzo Collotti: biografischer Eintrag »Secchia Pietro«, in: Andreucci/Detti: Il Movimento operaio italiano. Dizionario biografico 1853–1943 (Anm. 2). 45 Zu Longo, siehe Aldo Agosti (Hg.): Luigi Longo: la politica e l’azione [Luigi Longo: Politik und Aktion], Rom 1992. 46 Siehe Luigi Longo: I centri dirigenti del PCI nella Resistenza [Die Führungszentren der KPI während des Widerstands], Rom 1973. 47 Siehe Luigi Longo/Carlo Salinari: Dal socialfascismo alla guerra di Spagna [Vom Sozialfaschismus bis zum Spanischen Bürgerkrieg], Rom 1976. 48 Siehe Umberto Terracini: Quando diventammo comunisti [Als wir Kommunisten wurden], Mailand 1981; ders.: Sulla svolta. Carteggio clandestino dal carcere 1930 1931 1932 [Zur Wende. Heimlicher Briefwechsel aus dem Gefängnis 1930, 1931, 1932], herausgegeben von A. Coletti, Mailand 1975; ders.: Al bando del Partito [Verbannung aus der Partei], Mailand 1976; ders.: Intervista sul comunismo difficile [Interview über den schwierigen Kommunismus], Bari 1978. 49 Siehe Alfonso Leonetti: Un comunista 1895–1930 [Ein Kommunist 1895–1930], Mailand 1979; ders.: Gli atti di nascita del PCI [Schriften zur Gründung der KPI], Rom 1975; ders.: Vittime italiane dello stalinismo in URSS [Italienische Opfer des Stalinismus in der UdSSR], Mailand 1978. 50 Siehe Teresa Noce: Rivoluzionaria professionale [Von Beruf Revolutionärin], Mailand 1974. 51 Siehe Arturo Colombi: Vita di militante. Dalla prima guerra mondiale alla caduta del fascismo [Leben eines Aktivitsten. Vom Ersten Weltkrieg bis zum Fall des Faschismus], Rom 1975. 52 Siehe Paolo Robotti: La prova [Die Prüfung], Rom 1980; ders.: Scelto dalla vita [Vom Leben auserkoren], Rom 1980. 53 Siehe Giancarlo Pajetta: Ragazzo rosso [Roter Junge], Mailand 1991; ders.: Le crisi che ho vissuto [Die Krisen, die ich erlebt habe], Rom 1982. 54 Zu Terracini siehe Aldo Agosti (Hg.): La coerenza della ragione. Per una biografia politica di Umberto Terracini [Die Kohärenz der Vernunft. Für eine politische Biografie Umberto Terracinis], Rom 1998; Lorenzo Gianotti: Umberto Terracini: La passione civile di un padre della Repubblica [Umberto Terracini. Die bürgerliche Leidenschaft eines Vaters der Republik], Rom 2005. 55 Zu diesem Zeitabschnitt siehe Giancarlo Telloli: Alfonso Leonetti dans le SI de l’Opposition de gauche et de la LCI [Alfonso Leonetti im Internationalen Sekretariat der Linken Opposition und der Internationalen Kommunistischen Liga], in: Cahiers Léon Trotsky, Nr. 29, März 1987, S. 18–42. 56 Siehe Pietro Ingrao: Volevo la luna [Ich wollte den Mond], Turin 2006. 57 Siehe Rossana Rossanda: La ragazza del secolo scorso [Die Tochter des 20. Jahrhunderts], Turin 2005. 58 Siehe Armando Cossutta/Gianni Montesano: Una storia comunista [Eine kommunistische Geschichte], Mailand 2004. 59 Siehe Emanuele Macaluso: 50 anni nel PCI [50 Jahre in der KPI], Soveria Mannelli 2003. 60 Siehe Diego Novelli: Com’era bello il mio PCI [Wie schön war meine KPI], Mailand 2002. 61 Siehe Luigi Cortesi (Hg.): Amadeo Bordiga nella storia del comunismo [Amadeo Bordiga in der Geschichte des Kommunisms], Neapel 1997; ders.: Le origini del PCI: studi e interventi sulla storia del comunismo [Die Anfänge der KPI: Studien und Beiträge zur Geschichte des Kommunismus], Mailand 1999; ders.: Le origini del PCI [Die Anfänge der KPI], Bari 1982. 62 Siehe Andreina De Clementi: Amadeo Bordiga, Turin 1971; Franco Livorsi: Biografia di Amadeo Bordiga [Biografie Amadeo Bordigas], Rom 1976; Arturo Peregalli/Sandro Saggioro: Amadeo Bordiga 1889–1970, Mailand 1995; Luigi Agnello, biografischer Eintrag »Bordiga« in: Dizionario biografico degli italiani (Anm. 2), Band 34, Rom 1988, (http://www.treccani.it/enciclopedia/amadeo-bordiga_%28Dizionario-Biografico%29/, ges. am 28. November 2012). 63 Siehe Tasca: I primi dieci anni di vita del PCI (Anm. 22). 64 Luigi Cortesi: Storia del comunismo. Da utopia al Termidoro sovietico [Geschichte des Kommunismus. Von der Utopie bis zum sowjetischen Thermidor], Rom 2010. 65 Siehe Aurelio Lepre/Silvano Levrero: La formazione del Partito comunista d’Italia [Die Gründung der Kommunistischen Partei Italiens], Rom 1971; Renzo Martinelli: Il PCd’I (1921–1926) [Die KPI (1921–1926)], Rom 1971; Tommaso Detti: Serrati e la formazione del PCI [Serrati und die Gründung der KPI], Rom 1972; Franco De Felice: Serrati, Bordiga, Gramsci, Bari 1975; Problemi di storia del partito comunista italiano [Probleme der Geschichte der KPI], Rom 1971. Siehe auch die bereits erwähnten Arbeiten von Andreina De Clementi, Franco Livorsi, Arturo Peregalli und Sandro Saggioro über Bordiga. 66 Siehe Martinelli: Storia del Partito Comunista Italiano, vol. VI (Anm. 1). 67 Siehe Ragionieri: La Terza internazionale (Anm. 7); Spriano: I comunisti europei e Stalin (Anm. 5); Elena Aga Rossi/Victor Zaslavsky: Togliatti e Stalin. Il PCI e la politica estera staliniana negli archivi di Mosca [Togliatti und Stalin. Die KPI und die Außenpolitik Stalins in den Moskauer Archiven], Bologna 1997; Francesca Gori/Silvio Pons (Hg.): Dagli Archivi di Mosca. L’Urss, il Cominform e il PCI (1943–1951) [Aus den Moskauer Archiven. Die UdSSR, das Kominform und die KPI (1943–1951)], Rom 1998; Carlo Spagnolo: Sul Memoriale di Yalta. Togliatti e la crisi del movimento comunista internazionale (1956–1964) [Über das Jalta-Memorandum. Togliatti und die Krise der internationalen kommunistischen Bewegung (1956–1964)], Rom 2007. 68 Siehe Pietro Di Loreto: Togliatti e la »doppiezza«: il PCI tra democrazia e insurrezione (1944–49) [Togliatti und die »Doppelmoral«: die KPI zwischen Demokratie und Aufstand (1944–49)], Bologna 1991; Salvatore Sechi: Compagno cittadino. Il PCI tra via parlamentare e lotta armata [Genosse Bürger. Die KPI zwischen parlamentarischem Weg und bewaffnetem Kampf], Soveria Mannelli 2006. 69 Siehe Elena Dundovich: Tra esilio e castigo. Il Komintern, il PCI e la repressione degli antifascisti italiani in URSS (1936–38) [Zwischen Exil und Strafe. Die Komintern, die KPI und die Unterdrückung der italienischen Antifaschisten in der UdSSR (1936–38)], Rom 1998; Elena Dundovich/Francesca Gori: Italiani nei lager di Stalin [Italiener in den Lagern Stalins], Bari 2006; Giancarlo Lehner (zusammen mit Francesco Bigazzi): La tragedia dei comunisti italiani. Le vittime del PCI in Unione Sovietica [Die Tragödie der italienischen Kommunisten. Die Opfer der KPI in der Sowjetunion], Mailand 2000; Didi Gnocchi: Odissea Rossa. La storia dimenticata di uno dei fondatori del PCI [Rote Odyssee. Die vergessene Geschichte eines der Gründer der KPI], Turin 2001; Alfonso Leonetti: Vittime italiane dello stalinismo in URSS (Anm. 49); Guelfo Zaccaria: A Mosca senza ritorno: duecento comunisti italiani tra le vittime dello stalinismo [Moskau ohne Wiederkehr: zweihundert italienische Kommunisten unter den Opfern des Stalinismus], Mailand 1983. 70 Siehe Andrea Berrini: Noi siamo la classe operaia. I duemila di Monfalcone [Wir sind die Arbeiterklasse. Die Zweitausend von Monfalcone], Mailand 2004; Giacomo Scotti: Goli Otok, ritorno all’Isola Calva. Italiani nel gulag di Tito [Goli Otok, zurück zur Kahlen Insel. Italiener in Titos Gulag], Triest 2002 (Scotti ist kein Berufshistoriker). 71 Siehe Valerio Riva/Francesco Bigazzi: Oro da Mosca [Gold aus Moskau], Mailand 1999. 72 Siehe Leonardo Raito: Il PCI e la Resistenza ai confini orientali d’Italia [Die KPI und der Widerstand an den östlichen Grenzen Italiens], Trient 2006; Patrick Karlsen: Frontiera rossa. Il PCI, il confine orientale e il contesto internazionale. 1941–1955 [Rote Grenze. Die KPI, die östliche Grenze und der internationale Kontext. 1941–1955], Görz 2010. 73 Siehe Paolo Buchignani: Fascisti rossi. Da Salò al PCI, la storia sconosciuta di una migrazione politica 1943–53 [Rote Faschisten. Von Salò zur KPI, die unbekannte Geschichte einer politischen Migration 1943–53], Mailand 2007. 74 Siehe die bereits erwähnten Arbeiten über die Geschichte der KPI von Aldo Agosti, Albertina Vittoria, Lucio Magri, Marcello Flores und Nicola Gallerano (Anm. 1). 75 Siehe Berti: Problemi di storia del PCI e dell’Internazionale comunista, in: Rivista storica italiana (Anm. 38), S. 156. 76 Diese Anmerkung stammt von dem kommunistischen Historiker Ernesto Ragionieri (Ernesto Ragionieri: Problemi di storia del PCI [Probleme der Geschichte der KPI], in: Critica marxista VII Nr. 4–5, Juli–Oktober 1969, S. 195). 77 Zum Archiv der KPI zu Beginn der Sechzigerjahre siehe Franco Ferri: L’archivio del Partito comunista italiano [Das Archiv der italienischen Kommunistischen Partei], in: Critica marxista IV Nr. 4, Juli–August 1966, S. 201–208. 78 Siehe Stéphane Courtois: Das Schwarzbuch des Kommunismus: Unterdrückung, Verbrechen und Terror, München 2004.

JHK 2013

Die vielen Gesichter des Helden

Felix Münch

»Aljoscha«-Denkmäler in Tallinn, Wien, Plovdiv und dem postsowjetischen Raum Denkmäler repräsentieren kollektive Erinnerungen, sind Medien zur Visualisierung und Vergegenwärtigung des Vergangenen und kommunizieren immer auch politische Deutungen für historische Ereignisse. Dabei erzählen sie als öffentliche Inszenierungen von Geschichte aus Stein und Metall oft mehr über gegenwärtige Gesellschaftszustände und politische Herrschaftskulturen als über jene Vergangenheiten, auf die sie mit Ewigkeitsanspruch verweisen. Die Diskussionen um Planung, Errichtung, Wirkgeschichte und – als Ultima Ratio – Verlegung oder Ikonoklasmus von Denkmälern, Mahn- oder Ehrenmalen können als Spiegelbilder politischer Verhältnisse interpretiert werden und sind deshalb von besonderem Interesse. Damit sind Denkmäler Objekte geschichtspolitischer Initiativen par excellence: Sie dienen der Instrumentalisierung von Vergangenheit für politische Zwecke, wobei diese Vergangenheit parteiisch interpretiert wird mit dem Ziel, eine möglichst breite Öffentlichkeit zu erreichen und diese durch das postulierte Geschichtsbild zu vereinnahmen. Werte und Leitbilder werden nicht diskursiv erzeugt, sondern sind bereits durch die interpretative Ausführung des Denkmals vorgegeben. Zumeist als Denkmal für die »Befreier vom deutschen Faschismus« oder für den »unbekannten Soldaten« wurden nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 im gesamten Einflussgebiet der Sowjetunion Statuen von sowjetischen Soldaten errichtet, die fortan an die Heldentaten der Rotarmisten im »Großen Vaterländischen Krieg« erinnern sollten. Teilweise in Großserien gefertigt und derselben Gussform entstammend, standen die Denkmäler bald praktisch in jeder größeren Siedlung östlich des Eisernen Vorhangs. Einige dieser Relikte sowjetischer Ikonografie haben noch heute ihren Platz in den Städten im Einflussbereich der ehemaligen UdSSR. Sie werden überraschend häufig von der lokalen, oft russophonen Bevölkerung liebevoll »Aljoscha« genannt. »Aljoscha« ist im Russischen das Diminutivum, also die Koseform des Namens Aleksej. Nach dem Niedergang der Sowjetunion kam es im gesamten postsowjetischen Raum zur Verlegung oder zum Sturz vieler Denkmäler als emanzipatorischer Akt der neuen Machthaber. Der Fall von Ikonen des überkommenen Ancien Régime ist dabei immer ein sinnbildlicher Neuanfang; ein vom wütenden Mob, der überlegenen Siegermacht oder spätestens der dann zumeist demokratisch legitimierten Regierung begangener symbolischer Mord an den alten Tyrannen und deren Herrschaftssystemen. Viele der »Aljoscha«-Denkmäler mussten nach dem Fall der Sowjetunion aufgrund der veränderten politischen Verhältnisse auch in Mittel- und Osteuropa weichen. Neben dem bekanntesten und konfliktträchtigsten Fall in der estnischen Hauptstadt Tallinn gibt es solche Denkmäler aber beispielsweise noch in Rēzekne (Lettland), in den russischen Städten Murmansk, Severomorsk, Krasnojarsk, Nižnevartovsk und Kosaja Gora, in Charkiv (Ukraine), in den bulgarischen Städten Sofia, Plovdiv, Russe und Burgas, aber auch in der österreichischen Hauptstadt Wien. Dieser Artikel beschäftigt sich insbesondere mit den »Aljoscha«-Denkmälern in Tallinn, Wien und Plovdiv, deren Existenz, historische Aussage und politische Interpretation immer wieder für gesellschaftliche Kontroversen in Estland, Österreich bzw. Bulgarien sorgen. Der Fokus liegt hierbei auf der Wirkungsgeschichte der Denkmäler und dem geschichtspolitischen Umgang der jeweiligen nationalen Regierungen mit ihrem sowjetischen Erbe. »Aljoscha« in Tallinn – als Besatzer oder Befreier? Seit der Unabhängigkeit Estlands von der Sowjetunion 1991 hat die Anwesenheit des »Bronzenen Soldaten« in der Innenstadt Tallinns Politik und Öffentlichkeit in Estland beschäftigt und polarisiert. Die etwa zwei Meter hohe Statue zeigt einen Soldaten in der Uniform der Roten Armee, der zum Gedenken seiner gefallenen Kameraden demütig den Kopf senkt. Für viele Angehörige der russischsprachigen Minderheit im Land – dazu zählen heute noch knapp 30 Prozent der Gesamtbevölkerung – ist das 1947 aufgestellte »Denkmal für die Befreier«, so die offizielle Namensgebung der damaligen sowjetischen Administration, ein wichtiger Erinnerungsort und Symbol für den verlustreichen Sieg der Sowjetunion bzw. deren Rechtsnachfolgerin, der Russländischen Föderation, über das faschistische Deutschland im »Großen Vaterländischen Krieg«. Ein Großteil der estnischen Mehrheitsbevölkerung nimmt das Monument allerdings als Sinnbild der schmerzhaften sowjetischen Okkupation des Landes von 1940 bis 1991 und die damit verbundenen Deportationen und Repressionen wahr, welche durch die deutsche Besatzung von 1941 bis 1944 unterbrochen war. So orientiert sich die Spaltung der estnischen Gesellschaft in Verteidiger und Gegner des Denkmals meist an deren ethnischer Zugehörigkeit und dem entsprechenden Geschichtsbild mit antagonistischer Interpretation des »Bronzenen Soldaten« als Befreier oder als Besatzer. Insbesondere die Feierlichkeiten am »Tag des Sieges« über Hitlerdeutschland am 9. Mai – begangen an dem kontroversen Denkmal in der Innenstadt und überwiegend frequentiert von Angehörigen der russophonen Minderheiten, Vertretern der russischen Botschaft und pro-russischer Organisationen sowie von Veteranen der Roten Armee – erschienen vielen Estinnen und Esten als Hohn angesichts des erlittenen Unrechts. Nach mehreren Auseinandersetzungen zwischen Vertretern der rivalisierenden Erinnerungsgemeinschaften formierte sich 2006 eine Nachtwache aus zumeist russischstämmigen Unterstützern, um gewaltlos die Sicherheit des von ihnen »Aljoscha« genannten Soldatendenkmals zu garantieren. Im Gegenzug bekräftigten insbesondere rechtsnationale estnische Kräfte im Land ihre Forderung nach einer Verlegung, Demontage oder gar Sprengung des verhassten Relikts der überkommenen sowjetischen Herrschafts- und Gesellschaftsordnung. Zu Beginn des Parlamentswahlkampfs im Sommer 2006 erklärte auch der estnische Premierminister Andrus Ansip überraschend, das Denkmal müsse verlegt werden, denn es habe sich von einem Monument für Kriegsopfer zu einem Symbol der sowjetischen Okkupation gewandelt, welches sich gegen die unabhängige Republik Estland richte. Der estnische Premier – bis dahin ein Befürworter des Denkmals an seinem angestammten Platz – und seine liberal-konservative Reformpartei gewannen daraufhin die Wahl im März 2007 und koalierten fortan mit der neu formierten rechtskonservativen Partei Pro Patria und Res Publica Union (Isamaa ja Res Publica Liit, IRL). Am 26. April 2007 begann die neu gewählte estnische Regierung, die ihre Wahl auch als Mandat für die gesetzlich nicht abgesicherte Verlegung des Denkmals interpretierte, mit der Exhumierung von um das Denkmal herum begrabenen sowjetischen Soldaten. Nach einer darauf folgenden ersten Krawallnacht in der Innenstadt Tallinns entschied sich die Staatsführung, die ursprünglich später angedachte Verlegung des sowjetischen Denkmals auf einen nahen Militärfriedhof nun doch sofort durchzuführen. Daraufhin kam es am 27. April erneut zu blutigen Zusammenstößen zwischen überwiegend russischstämmigen Unruhestiftern und der estnischen Polizei. In diesen Nächten randalierten und plünderten Hunderte Gewaltbereite in der Innenstadt Tallinns, fast 1200 Menschen wurden festgenommen, über 150 Verletzte sowie ein Toter waren zu beklagen – und das in der Hauptstadt eines EU-Mitgliedslandes aufgrund der Verlegung eines Denkmals.1 Die Parlamentswahlen 2011 bestätigten das rechtskonservative Zweierbündnis und festigten die Vorherrschaft der betont nationalen Kräfte, die sich insbesondere durch ihren privilegierten Zugang zur Interpretation der Vergangenheit als klassische Gralshüter der Nation profilieren konnten. So wird in dem baltischen Staat seit Jahren der Schaffung eines Geschichtsbildes Vorschub geleistet, bei der die Herausbildung einer exklusiven estnischen Erinnerung als einheitsstiftende Memoria auf der Basis von Helden-, Opfer- und Märtyrertum angestrebt wird. Das nicht-estnische Bevölkerungsdrittel mit überwiegend russischen Wurzeln bleibt von dieser Aushandlung und Etablierung nationaler Geschichtsschreibung allerdings ausgeschlossen, die Gesellschaft damit gespalten. Im Rahmen der geschichtspolitischen Offensive der estnischen Regierung hat die Verlegung des »Aljoscha« von Tallinn im Jahr 2007 eine Schlüsselrolle gespielt. Sowjetische Bestätigung des Opfermythos – »Aljoscha« in Wien Deutlich weniger kontrovers und gewaltvoll ist die Geschichte des »Aljoscha«-Monuments in der österreichischen Hauptstadt Wien – einer zwölf Meter großen bronzenen Soldatenstatue, die auf einer 20 Meter hohen Säule thront. Der offenbar Ehrenwache haltende Soldat in kompletter Kampfausrüstung hat eine Fahne in der rechten und einen vergoldeten Schild mit dem Wappen der Sowjetunion in der linken Hand, vor seiner Brust hängt ein Gewehr. Umrahmt ist das Standbild von einer halbkreisförmigen Kolonnade mit 26 Säulen. Analog zum »Befreiungsdenkmal« in Tallinn waren auch in Wien gefallene Rotarmisten um das Denkmal herum begraben worden, die allerdings bereits 1955 exhumiert und auf den Wiener Zentralfriedhof umgebettet worden waren. Schon im August 1945 war das erste sowjetische Großdenkmal zum Sieg im »Großen Vaterländischen Krieg« eingeweiht worden, wobei dies zumindest in den offiziellen Verlautbarungen von österreichischen Politikern aller Parteien begrüßt worden war. Tatsächlich kam das Wiener »Befreiungsdenkmal« dem damals begründeten und weit verbreiteten Narrativ von Österreich als »erstem Opfer des Nationalsozialismus« zugute, da es diese Opferrolle bestätigte, weiterschrieb und die oft gefühlte Niederlage von 1945 positiv umdeutete. Anders als beispielsweise im Baltikum war die partielle sowjetische Besetzung Österreichs ungleich humaner verlaufen und hatte lediglich bis zum Staatsvertrag 1955 gewährt, weshalb die »Befreier«-Rhetorik der Sowjets in Wien besonders retrospektiv nicht zynisch und provokant, sondern verheißungsvoll und entlastend klang. Diese Geschichtsdeutung spiegelt insbesondere die Rede des späteren christlich-konservativen Bundeskanzlers Leopold Figl zur Eröffnung des Denkmals wider: »Sieben Jahre […] schmachtete das österreichische Volk unter dem Hitlerbarbarismus […], brutaler Terror und Gewalt zwangen die Menschen zu blindem Untertanentum«.2 Das Denkmal selbst verweist ebenfalls auf die Opferrolle Österreichs sowie die damit verbundene scharfe Abgrenzung zu Deutschland; so ist auf der Kolonnade in goldenen russischen Lettern »Ewiger Ruhm den Helden der Roten Armee, die gefallen sind im Kampf gegen die deutsch-faschistischen Okkupanten – für die Freiheit und Unabhängigkeit der Völker Europas« zu lesen. Zweimal, 1947 und 1962, konnten Sprengstoffanschläge durch neofaschistische Gruppen auf das Denkmal verhindert werden. Darüber hinaus wurde die Anwesenheit des sowjetischen Soldaten – vom Bevölkerungsanteil aus Ost-, Mittel- und Südosteuropa oft »Aljoscha«, von der Wiener Urbevölkerung despektierlich »Russendenkmal« genannt – in Wien kaum infrage gestellt; zu gering waren Anteilnahme und Betroffenheit. Nach dem Zerfall der Sowjetunion allerdings kamen in den Neunzigerjahren denkmalstürzerische Anregungen auf, insbesondere aus den Reihen der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei (FPÖ) um Jörg Haider. Diese wollte das Siegeszeichen der ehemaligen Besatzungsmacht loswerden, was oft mit dem Verweis auf das Denkmal als Reminiszenz der »Besetzung Österreichs von 1938–1955« und damit durch die relativierende Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus in der Geschichte Österreichs begründet wurde. Im Staatsvertrag zwischen Österreich und den vier Siegermächten von 1955 war allerdings in Artikel 19 festgelegt worden, Denkmäler der Armeen zu achten, zu schützen und zu erhalten, die auf österreichischem Staatsgebiet gegen Hitler-Deutschland gekämpft haben. Aufgrund dieser und anderer Verpflichtungen Österreichs gab es nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ernsthafte Bestrebungen, insbesondere konservativer österreichischer Politiker, die Russländische Föderation nicht als Rechtsnachfolgerin der UdSSR anzuerkennen, um die staatsvertraglichen Verpflichtungen gegenüber Moskau beenden zu können. Erst mit dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union im Jahr 1995 und der damit verbundenen Übernahme des gemeinsamen außenpolitischen Besitzstandes der EU wurde Wien die Anerkennung der sowjetisch-russischen Staatennachfolge oktroyiert. Die dadurch bestätigte Kontinuität des Staatsvertrags gegenüber Russland ließ auch die Auseinandersetzungen um das Wiener »Russendenkmal« wieder abklingen. Mittlerweile sind die Diskussionen um das Denkmal am Wiener Schwarzenbergplatz (von 1946 bis 1956 Stalinplatz) größtenteils verstummt; »Aljoscha« scheint in Wien als monumentale Reminiszenz der sowjetischen Teilbesatzung der Stadt und des Landes weitgehend akzeptiert worden zu sein. Der »Ur-Aljoscha« in Plovdiv – Sieg und Freundschaft in Granit und Gesang Das erste Soldatendenkmal im Einflussbereich der Sowjetunion, welches »Aljoscha« genannt wurde und damit diesen bislang nicht näher bestimmten Sammelbegriff begründet hat, ist das »Denkmal für die Soldaten-Befreier« in der bulgarischen Stadt Plovdiv. In den Jahren 1954 bis 1957 wurde das Denkmal auf einer Aussichtsplattform erbaut und thront seitdem mit Blick nach Osten über der Stadt. Die gut zehn Meter hohe Statue aus Granit zeigt einen sowjetischen Soldaten in Uniform, mit Umhang und Pilotka-Feldmütze, der ein sowjetisches Maschinengewehr in der Hand hält. Neben der Inschrift »Ehre der unbesiegbaren sowjetischen Befreiungs-Armee« zieren zwei Basreliefs mit Kriegsszenen den etwa fünf Meter hohen Sockel des Denkmals. Bereits vor seiner Einweihung, am Vorabend des Jahrestages der Oktoberrevolution am 7. November 1957 wurde das Denkmal durch kommunistische Presse und Rundfunk in ganz Bulgarien bekannt. Zu sowjetunionweiter Popularität gelangte es wenig später, denn im Jahr 1962 besuchte der russische Komponist Eduard Kolmanovskij die Stadt und zeigte sich begeistert von dem Denkmal und seiner Vorgeschichte. Angeblich, so wurde es auch dem Komponisten überliefert, war die Statue nach einem Foto des einfachen russischen Soldaten Aleksej Skurlatov gefertigt worden, der 1944 an der Befreiung Bulgariens von deutschen Truppen beteiligt gewesen war und als Namenspatron des Denkmals fungierte. Dies inspirierte Kolmanovskij einige Jahre später dazu, zusammen mit dem Dichter Konstantin Vanšenkin das Lied »Aljoscha« über das Denkmal in Plovdiv zu verfassen.3 Aljoscha 1.Es schneit auf den Höhn des Witoschka,    umtosen,es grünt in den Tälern die Saat,  und weit in das Land blickt Aljoscha,   ein russischer Freund, ein Soldat. 2.Er kämpfte, er ging durch das Grauen des Krieges,   und steht so allein?   Aus Stein ist die Bluse gehauen,   die Stiefel sind kalt und aus Stein. 3.So mancher Soldat ist gefallen,  beweint von der Mutter, der Braut;   Aljoscha, der Russe, ist allen  Bulgaren bekannt und vertraut. 4.Der Wind mag die Berge umtosen,  Aljoscha steht stummen Gesichts.  Es bringen die Mädchen ihm Rosen,  doch er schenkt den Freundlichen nichts. 5.Vom Mond bleibt ein bläßlicher Schimmer,  ein strahlender Morgen erblaut:   Aljoscha, als wär es schon immer, steht schweigend,   gewohnt und vertraut. 6.Es schneit auf den Höhn des Witoschka,   es grünt in den Tälern die Saat,   und weit in das Land blickt Aljoscha,   ein russischer Freund, ein Soldat. 4 Im Verlauf der Planungs- und Bauphase war das Monument bereits mit den Narrativen des aufopferungsvollen sowjetischen Freiheitskampfes für das bulgarische Volk im »Großen Vaterländischen Krieg« sowie der dadurch begründeten bulgarisch-sowjetischen Freundschaft propagandistisch aufgeladen worden. Nun wurde die politische Instrumentalisierung durch das Zusammenspiel des Denkmals und seiner vertonten Geschichte komplettiert. 1966 wurde das Lied »Aljoscha« in der sowjetischen Armeezeitschrift Staršina-Seržant, einem offiziellen Organ des Verteidigungsministeriums der UdSSR, veröffentlicht und 1968 im Rahmen der IX. Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Sofia dargeboten, was dem Stück zum Durchbruch verhalf. In den Siebzigerjahren brachte es das Musikstück über die Heldentaten des tapferen russischen Soldaten in Bulgarien im gesamten Einflussbereich der UdSSR zu großer Popularität. Es gehörte zum Lehrstoff in bulgarischen Grundschulen, wurde auf Massenveranstaltungen der Kommunistischen Partei Bulgariens gespielt sowie zur offiziellen Hymne der Stadt Plovdiv ernannt.5 Durch diese Popularisierung begannen unabhängig voneinander viele Menschen im gesamten Einflussbereich der Sowjetunion, ihre lokalen Soldatendenkmäler nach dem Vorbild des Liedes über das Monument in Plovdiv »Aljoscha« zu nennen, was bis heute so geblieben ist. Auch weiterhin ist das Lied im gesamten postsowjetischen Raum verbreitet sowie kontinuierlicher Bestandteil des russischen Bildungskanons, wo es beispielsweise in Lehrwerken über den »Großen Vaterländischen Krieg« abgedruckt ist.6 Von Wien bis Wladiwostok kennt man den »unbekannten Soldaten« Auch durch die immer wieder aufflammenden politischen Kontroversen um die »Aljoscha«-Denkmäler bleiben diese selbst über 20 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion weiter im kollektiven Gedächtnis der zwischen Wien und Wladiwostok ansässigen Menschen verhaftet. Dabei verstehen es sowohl Befürworter als auch Gegner des sowjetischen Erbes immer wieder, die Denkmäler für ihre jeweilige politische Agenda zu instrumentalisieren. So gab es im ukrainischen Charkiv vor einigen Jahren ebenfalls Initiativen, das 1981 aufgestellte Soldatendenkmal abzubauen, da angeblich bei der Errichtung eine gültige Baugenehmigung der sowjetischen Administration gefehlt hatte. 2009 wurde es allerdings durch Unterstützung der russlandfreundlichen Partei der Regionen restauriert und erfreut sich insbesondere bei dem hohen Bevölkerungsanteil ethnischer Russinnen und Russen in der Stadt großer Beliebtheit. Auch in Charkiv nennen viele Menschen das Denkmal »Aljoscha«; andere wiederum bemühen sich um mehr Lokalkolorit und bezeichnen den Soldaten als »Pavluscha« in Analogie zu dem Namen des Stadtteils, Pavlove Pole, in dem das Denkmal steht. Eine gänzlich andere Geschichte weist das »Aljoscha« genannte Denkmal im sibirischen Nižnevartovsk auf: Im Jahr 1978 wurde hier die zwölf Meter hohe Bronzefigur eines Arbeiters in Bergbaumontur errichtet, ausgerüstet mit einem schweren Hammer und einer Schale mit Fackel in den Händen, der Inschrift nach der »Eroberer von Samotlor«. Samotlor ist das größte Ölfeld Russlands sowie der ehemaligen Sowjetunion. Damit konnte, mehr als 3000 Kilometer östlich des früheren Kriegsgeschehens, den Errungenschaften der »proletarischen Arbeitermassen« unter dem Aljoscha-Label und somit dem Sieg im »Großen Vaterländischen Krieg« in einer zivilen Abwandlung für Werktätige kommemoriert werden. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gab es auch in Plovdiv mehrere politische und gesellschaftliche Initiativen, um das Denkmal demontieren zu lassen. Insbesondere die Rolle der Roten Armee als »Befreierin« Bulgariens stand zur Debatte, da das Land während des Zweiten Weltkriegs weder von deutschen Truppen besetzt war, noch im Sinne einer Vichy- oder Quislingregierung kollaborierte oder eine deutsche Marionette darstellte. Im Zuge einer der zahlreichen Diskussionen um den »Ur-Aljoscha« zum 50-jährigen Jubiläum des Denkmals im Jahr 2007 wurde, ähnlich wie in Tallinn, eine ganztägige Bewachung des Denkmals organisiert, und Veteranen der Roten Armee in Bulgarien drohten mit Selbstverbrennung, sollte das Denkmal abgebaut werden. Schließlich entschied der Oberste Gerichtshof Bulgariens gegen eine Verlegung des Monuments, und der damalige sozialistische Premierminister Sergej Stanišev versicherte bei seinem Besuch in Moskau nach den Unruhen von Estland, dass sich in Bulgarien niemand erdreisten werde, das Denkmal auch nur zu berühren. Somit ist die Diskussion um »Aljoscha« in Bulgarien und damit über Befreiung vs. Besatzung sowie die Thematisierung der Kollaboration mit Hitler-Deutschland während des Zweiten Weltkriegs ein Hybrid der Kontroversen in Estland und Österreich.7 »Aljoscha« als Personifizierung des Sieges der Sowjetunion im »Großen Vaterländischen Krieg« ist – zumindest in Mittel- und Osteuropa – weiterhin ein sowjetischer Mythos, der auch nach dem Zusammenbruch des Kommunismus noch eingelöst wird. Außerhalb der Russländischen Föderation wird dieser insbesondere durch Auslandsrussen, Veteranen der Roten Armee, sozialistische Politiker und Parteigänger sowie Sowjet-Nostalgiker am Leben gehalten. Die wachsende Popularität solch affirmativer Geschichtsmythen wird nicht zuletzt durch das großrussische Sendungsbewusstsein der Putin’schen Vergangenheits- und Geschichtspolitik und ihrer systemimmanenten Übersetzung historischer kommunistischer Ordnungssysteme in die russische bzw. postsowjetische Realität des 21. Jahrhunderts katalysiert. Lied und Denkmal für den russischen Kriegshelden »Aljoscha« stehen stellvertretend für alle sowjetischen Soldaten, insbesondere für die im Krieg gefallenen. Heute ist allerdings nicht nur die Erinnerung an den Helden weiter lebendig, sondern auch die Muse, Aleksej Skurlatov, erfreut sich bester Gesundheit und lebt im russischen Altai. Im Jahr 2010 wurde der Veteran mit der »Medaille 65 Jahre Sieg über den Faschismus des bulgarischen Präsidenten« ausgezeichnet. Damit verleiht Aljoscha den sowjetischen Denkmälern für die »Befreier« und »unbekannten Soldaten« weiterhin ein menschliches Antlitz und verankert den Mythos auch im heutigen Alltagsleben der Menschen im postsowjetischen Raum. 1 Siehe hierzu ausführlicher Felix Münch: Diskriminierung durch Geschichte? Der Deutungsstreit um den »Bronzenen Soldaten« im postsowjetischen Estland, Marburg 2008. 2 Hannes Leidinger/Verena Moritz: 1945. Planung, Bau und Einweihung des Russendenkmals, in: Matthias Marschik/Georg Spitaler (Hg.): Das Wiener Russendenkmal. Architektur, Geschichte, Konflikte, Wien 2005, S. 15–20, hier S. 19. 3 Siehe Michail P’janych: Vanšenkin Konstantin Jakovlevič, in: Russkaja Literatura XX Veka. Prozaiki, Poėty, Dramaturgi [Russische Literatur des 20. Jahrhunderts. Schriftsteller, Dichter, Dramatiker], Sankt Petersburg 2005, Bd. 1, S. 332. 4 Diese deutsche Version des Liedes, mehr Übertragung als Übersetzung, findet sich in: Verhangen war mit Tränenrauch. Gedichte gegen Faschismus und Krieg, (Ost-) Berlin 1981, S. 174. 5 Siehe Bolgarskij Aleša živet na Altae [Der bulgarische Aljoscha wohnt im Altai], in: http://www.izvestia.ru/news/323849, ges. am 17. April 2012. 6 Siehe Igor‘ Damaskin/Petr Košel‘/Jurij Nikiforov: Velikaja Otečestvennaja Vojna 1941–1945. Ėnciklopedija dlja Škol’nikov [Der Große Vaterländische Krieg 1941–1945. Enzyklopädie für Schüler], Moskau 2005, S. 404. 7 Zu den bulgarischen Geschichtsdebatten über Faschismus und Zweiter Weltkrieg siehe Roumen Daskalov: Debating the Past. Modern Bulgarian History. From Stambolov to Zhivkov, Budapest 2011, S. 145–211.

JHK 2013

Der dritte Weg: Eine Zeitschrift, die eine antistalinistische Theorie und Politik in der SED verbreiten wollte (1959–1964)

Hermann Weber

Der Begriff eines »dritten Weges« ist in der Politik und Wissenschaft bekannt. Mit dem Terminus werden jedoch unterschiedliche Vorstellungen verbunden.1 Gemeint sind damit in diesem Beitrag nicht jene Richtungen wie die vom »deutschen Sonderweg«, auch weniger sozialistische Ideen, die die Vision eines »dritten Weges zwischen Bolschewismus und Reformismus« vertraten, wie z. B. der linke Austromarxismus.2 Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen vielmehr innerkommunistische Strömungen. Die These, dass nicht nur der Kapitalismus, sondern auch das System der Sowjetunion zu befehden sei, haben ab 1920 Linkskommunisten in Westeuropa und Deutschland vertreten.3 Im Stalinismus sind dann zahlreiche kommunistische »Abweichungen« für das Ziel eines »dritten Weges« (mehr oder weniger prägnant) eingetreten.4 Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen mit der Ausbreitung stalinistischer Diktaturen die Überlegungen zu einem »dritten Weg« stärker zur Geltung, was auf die DDR ebenfalls zutraf.5 Mit einem solchen Modell setzte die innerkommunistische Opposition auf eine Gesellschaft jenseits von Stalinismus und Kapitalismus. Schon 1948 war durch die Loslösung der KP Jugoslawiens von Stalin eine besondere Richtung, der »Titoismus«, entstanden, die allerdings wegen ständiger Verfolgungen im Ostblock nicht an Einfluss gewinnen konnte.6 Im Westen, auch in der Bundesrepublik, bildeten sich unter dem Slogan »Weder Ost noch West« Gruppierungen heraus, die Dritte-Weg-Konzeptionen verkündeten.7 Diese Losung verbreitete 1957/58 die sozialdemokratische Jugendorganisation »Die Falken«.8 Die ersten Enthüllungen Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 über Stalins Verbrechen führten nicht nur zu einer ideologischen Krise, sondern auch zu neuer innerkommunistischer Opposition. Der bisherige offizielle Lügenkult der KPen für Stalin wurde mit der Aufdeckung der schlimmen Seiten des stalinistischen Regimes teilweise enthüllt und veranlasste auch Kommunisten zu kritischem Nachdenken. In Ungarn und Polen erhielt diese Opposition Bedeutung, selbst in der DDR stießen die Ideen eines »dritten Weges« auf Resonanz. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) ermittelte 1956/57 gegen ein großes Umfeld von Anhängern dieser Opposition.9 Die Mitglieder der sogenannten Harich-Gruppe wurden verhaftet und im Jahr 1957 zu hohen Strafen verurteilt.10 Vor diesem Hintergrund sind die Anstrengungen für die Entstehung der Zeitschrift Der dritte Weg zu sehen. Sie erschien ab 1959 fünf Jahre lang in Köln und sollte in das Funktionärskorps der SED hineinwirken. Im Folgenden wird über die Zeitschrift berichtet und neben Quellenbelegen auch meine persönliche Erfahrung als beteiligter Zeitzeuge einbezogen. Mir als letztem noch lebenden Mitarbeiter (Wolfgang Leonhard war anfänglich wegen England-Aufenthalten nur am Rande beteiligt), scheinen eigene Erinnerungen und Privatdokumente wichtig.11 Vorläufer der Zeitschrift Chruschtschows Rede vor Delegierten auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956, in der erstmals offiziell Kritik an Stalin geübt wurde, blieb im Ostblock zunächst geheim. Von westlichen Medien aber schon bald veröffentlicht, schlug sie wie eine Bombe ein. Seine Enthüllungen über Stalins Repressionen fanden bei Kommunisten und ebenso bei Ex-Kommunisten große Aufmerksamkeit. Das galt besonders für eine Reihe führender SED-Funktionäre, die in die Bundesrepublik geflüchtet waren und weiterhin Kontakt zueinander hatten. Sie waren Anhänger des »dritten Weges«, wohnten in Köln oder im Ort Kasbach am Rhein, wo etliche bei Jo Scholmer (d. i. Joseph Schölmerich) Unterstützung gefunden hatten. Dieser war 1954 aus dem stalinistischen Gulag Workuta, in dem er inhaftiert gewesen war, zurückgekehrt 12 und wurde durch seinen Bericht über die Stalin’schen Verbrechen bekannt.13 Schon bald gab es Verbindung mit Wolfgang Leonhard, der mit seinem 1955 erschienenen Buch Die Revolution entlässt ihre Kinder berühmt geworden war, und Heinz Lippmann, dem 1953 aus Ost-Berlin geflüchteten Stellvertreter Honeckers, in Köln.14 Lippmann und Schölmerich überlegten 1956/57, wie die Konzeption des »dritten Weges« in der DDR oder in der kleinen westdeutschen KPD verbreitet werden könne. Nachdem der Text der Chruschtschow-Rede bekannt wurde, berieten Lippmann und Ilse Spittmann (Redakteurin des SBZ-Archivs, später Chefredakteurin des Deutschland Archivs), Hans Spittmann, der wenige Jahre vorher in der Führung UAPD aktiv war,15 mit Leonhard, Scholmer und mir, wie im Sinne eines »dritten Weges« in die westdeutsche KPD sowie die SED hineingewirkt werden könne. Doch die Finanzierung schien mehr als schwer – wir waren alle »arm wie Kirchenmäuse«. In Mannheim stand ich in freundschaftlicher Verbindung zu Willy Boepple, einem führenden Trotzkisten, der unsere Pläne wohlwollend befürwortete und organisatorisch unterstützte. Inzwischen war ich auch mit Stefan Thomas bekannt, dem Leiter des Ostbüros der SPD in Bonn. Nach einigen Diskussionen war Thomas bereit, aus von uns gelieferten Matrizen hektographierte Exemplare einer »Zeitschrift« herzustellen; außerdem half er uns finanziell.16 Unterstützung erhielten wir auch von Edu Wald aus dem DGB-Vorstand.17 Auf diese Weise gelang es uns, Ilse und Hans Spittmann, Heinz Lippmann und mir (wegen sehr großem Zeitmangel beteiligte sich Wolfgang Leonhard nur mit finanziellen Mitteln und Jo Scholmer durch Ratschläge), erstmals unter dem Datum »Ende Mai 1956« ein hektographiertes Blättchen mit dem Titel Der neue Kurs, Frankfurt/M. Nr. 1, anzufertigen. Es wurde an etliche Funktionäre von KPD und SED verschickt – mit der Anrede »Werte Genossin, werter Genosse«. Dass wir gar nicht mehr »der Partei« angehörten, wurde – natürlich – aus taktischen Gründen verschwiegen. In der Einführung hieß es, die »Haltung unserer eigenen Partei, der KPD« zum XX. Parteitag sei »unter aller Kritik«. Darüber hinaus wurde festgestellt, der »Parteivorstand will mit allgemeinen Redensarten die gerade für unsere Partei so notwendigen Konsequenzen aus dem XX. Parteitag verhindern!«. Pressestimmen englischer, polnischer und chinesischer Kommunisten wurden als Gegenbeispiele abgedruckt. Das wichtigste wiedergegebene Dokument war das sogenannte Testament Lenins gegen Stalin vom Dezember 1922, dessen Existenz die KPD/SED noch immer leugnete. Zwar wurden mehrere hundert Exemplare des Neuen Kurses verbreitet, aber es gab kein Echo.18 Es war utopisch, was ich in einem Brief an Stefan Thomas mit »besten Dank für das Abziehen des Materials, das hoffentlich ein bisschen einschlägt«, schrieb und im Mai 1956 noch erwartet hatte. Ursprünglich wollten wir in der Nr. 2 ein kritisches Interview des KPI-Chefs Togliatti bringen. Aber kurz vor Fertigstellung veröffentlichte das KPD-Organ Freies Volk doch noch einen Abdruck dieses Togliatti-Interviews, worüber mich Ilse Spittmann am 25. Juni informierte. Natürlich nahmen wir das nun für deutsche Kommunisten zugängliche Interview heraus. Außerdem müsste, wie Ilse Spittmann mir schrieb, ein »Satz aus Deinem Kommentar gestrichen werden«. Der sollte schnell ersetzt werden, denn die Matrizen mussten am 27. Juni abgeliefert werden. Die technische Herstellung war für uns also komplizierter als die politische Linie.19 Unter dem Datum »Ende Juni 1956« konnte dann die Nr. 2 von Der Neue Kurs erscheinen. Wiederum wurde betont, dass wir »wichtige Materialien für die Diskussion in unserer Partei, die von der Parteileitung verheimlicht werden, zugänglich« machen wollten. Aber den Hauptteil dieser Nr. 2 bildete die Geheimrede Chruschtschows, dazu hieß es, sie »liegt dieser Nummer bei«. Es war der deutsche Text der Rede, der in der Stuttgarter Zeitung vom 16. Juni veröffentlicht worden war. Genügend Exemplare davon hatte mir der bekannte Sozialist Fritz Lamm,20 lange Betriebsratsvorsitzender bei der Stuttgarter Zeitung, verbilligt geschickt, so dass sie mit der nur zweiseitigen Nr. 2 versandt werden konnten. In einem Kommentar verwiesen wir darauf, dass in der Rede »nichts von der verhängnisvollen Rolle Stalins auf die Politik der anderen Kommunistischen Parteien (und besonders der deutschen) zu lesen ist. Hier fängt unsere Aufgabe an. Wir müssen die Politik Stalins in Deutschland und die Politik der deutschen Stalins schonungslos aufdecken und Konsequenzen ziehen.« Doch auch hierauf gab es keine Reaktionen. Schwieriger wurde es mit der geplanten Nr. 3 des Neuen Kurses. Am 26. Juni schrieb ich Ilse Spittmann: »Nr. 2 kam noch vor meiner Abreise und ist inzwischen plus Rede verschickt […] Habt Ihr Euch auch mal über Nr. 3 unterhalten? Es ist wirklich blöde, dass man so weit auseinanderwohnt.« Als Beilage hatten wir einen Artikel von Leo Bauer vorgesehen. Leo Bauer war als Chefredakteur des Deutschlandsenders der DDR 1950 dort verhaftet worden, um als Altkommunist und Westemigrant für einen geplanten stalinistischen Schauprozess »präpariert« zu werden. Von den Sowjets zum Tode verurteilt, später »begnadigt«, hat er nach seiner Rückkehr aus der Sowjetunion über die stalinistischen Verfolgungen und ihre Hintergründe berichtet.21 Die Fertigstellung der Nr. 3 zog sich bis August hin. Am 8. August schrieb ich an Ilse Spittmann: »Was ist mit NK? Kannst Du Deinen Artikel nach den jüngsten [Max] Reimann-Erklärungen vervollständigen? Wenn allerdings diesen Monat [August] das Verbot [der KPD] käme, wäre es m. E. sowieso aus. Was denkst Du?« Tatsächlich wurde die KPD eine Woche später, am 17. August, vom Bundesverfassungsgericht verboten. Diese fatale Entscheidung machte es der stalinistischen Parteispitze leicht, jede Diskussion über Stalin abzuwürgen.22 Der Übergang in die Illegalität schien auch kritischen Funktionären wichtiger als freie Diskussionen. Der Neue Kurs war ein Misserfolg. Nach dem Aufstand in Ungarn wollte uns Stefan Thomas im November 1956 überreden, noch »2–3 Nummern so schnell wie möglich« fertigzustellen. Doch wir hatten inzwischen andere Ideen. Ob die eigentlich fertige Nr. 3 überhaupt noch »produziert« oder gar verteilt wurde, lässt sich nicht mehr feststellen, so merkwürdig das klingen mag.23 Schon im Spätherbst 1956 arbeiteten Jo Scholmer, Heinz Lippmann und ich intensiv an einem Buch 100 Fragen an die SED, um den Gegensatz von Marxismus und sozialistischer Tradition zur stalinistischen Diktatur in der DDR darzustellen. Bereits Ende 1956 wurde der Vertrag mit der Deutschen Verlags-Anstalt unterschrieben. Doch erst 1958 erschien, nach mancherlei Schwierigkeiten,24 das Buch: Hermann Weber, Lothar Pertinax, Schein und Wirklichkeit in der DDR. 65 Fragen an die SED, DVA Stuttgart.25 Da das Ostbüro der SPD eine Sonderausgabe von 3000 Exemplaren, davon 2000 in der DDR illegal, verbreitete, war die Absicht, die Ideen des »dritten Weges« in die SED zu streuen, vorangebracht. Entstehung und erste Ausgaben der Zeitschrift Nach dem Erfolg des Buches plante Jo Scholmer (ihm war es ja gelungen, »Schein und Wirklichkeit« bei einem eher konservativen Verlag unterzubringen) eine Taschenbuchreihe, doch das Projekt musste aufgegeben werden. Es blieb Lippmanns Vorstellung, mit einer kleinen Zeitschrift unsere Ideen in die DDR zu schmuggeln. Stefan Thomas vom Ostbüro der SPD, der den Neuen Kurs ebenso wie Schein und Wirklichkeit unterstützt hatte, lehnte Anfang 1959 jede Hilfe dafür ab. Die Absicht, die SED-Politik nicht nur mit Argumenten von Marx, sondern auch von Lenin anzugreifen, widersprach seiner sozialdemokratischen Strategie, die er mit vielen Materialien in der DDR verbreitete. Bei Schein und Wirklichkeit hatte er unsere Meinung noch toleriert, aber für eine Zeitschrift wollte er »keinen Pfennig« zuschießen. Nach dieser Abfuhr wollte Jo Scholmer mit Gewerkschaftern verhandeln, auch Lippmann war auf Geldsuche. Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben und war deshalb völlig überrascht, als mir beide im März 1959 mitteilten, Gewerkschafter würden ein achtseitiges kleines Monatsblättchen finanzieren, die relativ geringen Kosten deren Hans-Böckler-Stiftung tragen. Erstaunlich, aber Lippmann ließ durchblicken, dass Edu Wald dafür gewonnen wurde. Dieser sagte mir jedoch später, er habe die Idee einer Zeitschrift unterstützt, mit der Finanzierung aber nichts zu tun. Lippmann betonte, für die Finanzierung und den Versand sei er zusammen mit Jo Scholmer zuständig. Wir wurden uns einig, dass die Beiträge zunächst vor allem von uns dreien zu schreiben waren, die Vorbereitung der Zeitschrift sollte Lippmann in Köln mithilfe von Scholmer übernehmen. Am 3. April 1959 wandte sich Jo Scholmer an mich: »Ich muss Dich noch bitten, für die Zeitschrift einen Artikel zum 40. Jahrestag der KPD-Gründung zu schreiben […] Die Nummer muss am 8.4. fertig sein.« Ich antwortete ihm am 5. April, der Artikel zur Wandlung des deutschen Kommunismus komme mit der Post. Da es in Köln Verzögerungen gab, schickte ich Heinz Lippmann dann am 10. April »in der Anlage zwei Artikel« für eine Spalte »Theoretische Probleme«. Er sollte auswählen, ob er »Die Rolle der Partei« oder »Der verschwiegene Marxsche Humanismus« abdrucken wollte (letzterer kam dann erst in der nächsten Ausgabe). Nun musste es schnell gehen. Tatsächlich kam die Nr. 1 im Mai 1959 als eine achtseitige DIN-A4-Dünndruckausgabe heraus: Der dritte Weg. Zeitschrift für modernen Sozialismus. Verantwortlich zeichnete »Bernhard Bergen«, Koblenz – das war Heinz Lippmann. Gedruckt wurde bei Oster und Steffens in Köln. Die Druckerei lag ganz in der Nähe von Lippmanns Wohnung, mit dem Chef hatte er in seiner Stammkneipe viele politische Gespräche geführt. Von Anfang an war klar, dass Heinz Lippmann die Zeitschrift (nicht zu Unrecht) als »sein Werk« ansah. Zunächst wurden alle Artikel nur unter Pseudonymen veröffentlicht. In der ersten Nummer erschienen sechs Beiträge, außerdem zwei Berichte (zum 1. Mai und ein Nachdruck aus einer Belgrader Zeitung). Die Rubrik »Die Euch regieren« über Paul Verner war von Hans Lesser (Lippmann). Danach gab es einen Beitrag zur Wandlung des Kommunismus: »Von Liebknecht zu Ulbricht«, sowie »Die Rolle der Partei« (»Theoretische Diskussion«). Beide waren unter den Pseudonymen Karl Stein bzw. Walter Hansen von mir. Es folgten: »Der polnische Weg zum Sozialismus« (Hans Hoffmann) sowie »Der Fall Loest« (Peter Altenberg), letzterer (und vermutlich auch »Hoffmann«) war von Jo Scholmer. Der entscheidende einleitende Artikel lautete »Zwischen Stalinismus und Kapitalismus«. Dafür zeichnete Harald Ludwig, also Heinz Lippmann. In der Diskussion dieser grundsätzlichen Darlegung hatten sowohl Jo Scholmer als auch ich Veränderungen durchgesetzt. Mein Vorschlag, die Überschrift in »Gegen Stalinismus und Kapitalismus« zu ändern, wurde von beiden verworfen, ihr Argument: Der dritte Weg würde dann zu sehr auf »Weder Ost noch West« reduziert. Damals war diese Losung ja verbreitet. Ich bestand aber darauf, den Satz einzufügen: »In einem wiedervereinigten Deutschland darf es weder zu einer kapitalistischen Restauration noch zu einem Sieg des stalinistischen Parteiapparates kommen«. So stand es dann auch im Artikel. Das zeigt – worauf noch zurückzukommen ist –, dass einige Behauptungen über die Festlegung der »Linie« der Zeitschrift falsch sind.26 Die erste Nummer des Dritten Weges war also von nur drei Personen konzipiert und geschrieben. Im Juni 1959 sollte die zweite Ausgabe erscheinen, doch es gab finanzielle Probleme. Ich war zeitlich nicht in der Lage Hilfe zu leisten, denn ich war inzwischen Chefredakteur der Falken-Zeitschrift und begann schrittweise in die Wissenschaft einzusteigen; bereitete mein Projekt zur KPD-Geschichte vor.27 So lag die Organisationsarbeit allein bei Lippmann und Scholmer in Köln. Doch vor allem Lippmann war überlastet. Er kam mit seinem Manuskript über Strategie und Taktik des Stalinismus nur sehr langsam voran. Weil ich bei der Bundeszentrale für politische Bildung für diese Arbeit die Verantwortung übernommen hatte, drängte ich ihn seit Januar und vor allem im April und Mai 1959, seiner Verpflichtung endlich nachzukommen. Die Fertigstellung der zweiten Ausgabe verzögerte sich. Erst im Juli 1959 kam dann Der dritte Weg als Doppelnummer 2/3 Juni/Juli heraus, erweitert auf zwölf Seiten. Zwei Artikel waren von Lippmann, einer von Scholmer, ein weiterer sowie eine Buchbesprechung von mir; die anderen Beiträge waren meist ungezeichnet oder Nachdrucke. Krach entstand wegen des Beitrags »Die Revolution gegen die Bürokratie« aus dem Buch Die verratene Revolution. Lippmann hatte dessen Autor nicht genannt: Leo Trotzki. Ich schimpfte, ob er etwa von jemandem Aufträge bekomme. Das wies er wütend zurück: Er habe nur die SED-Leser nicht mit Trotzkis Namen provozieren wollen. Tendenz und Themen unterschieden dieses Heft (ebenso wie Nr. 4 im August) generell nicht von der ersten Nummer, auch die Autoren waren dieselben. Eine Erweiterung des Mitarbeiterkreises war nun dringend nötig. Die Weltfestspiele der kommunistischen Jugend in Wien im August 1959 boten uns eine Möglichkeit, mit FDJ-Führern ins Gespräch zu kommen. Wolfgang Leonhard, Leo Bauer, Lippmann und Scholmer waren in verschiedenen Funktionen in Wien, ich offiziell als Chefredakteur der jungen gemeinschaft, der Falken-Zeitschrift.28 In Wien hatten Lippmann und Scholmer unter Anhängern des »dritten Weges« auch nach Mitarbeitern gesucht, fanden aber kaum neue Autoren. Die Artikel der September-Ausgabe waren fast ausschließlich den Weltfestspielen gewidmet und in der Hauptsache von Lippmann und Scholmer verfasst. Im September 1959 wurde Der dritte Weg auch öffentlich als Zeitschrift bekannt, weil Der Spiegel über das (nun immer zwölfseitige) Blättchen berichtete. Das Magazin schrieb über »ideologische Opposition« in der DDR »unter Hochschülern, jüngeren Dozenten und Literaten« und Ulbrichts Kampf gegen den »dritten Weg«.29 Der Spiegel glaubte, »ausgerechnet einer Zeitschrift solcher Ideal-Kommunisten, einem obskuren, seit Mai dieses Jahres in Koblenz erscheinenden Blättchen, widerfuhr die Ehre, für die größte ideologische Abwehrkampagne in der Geschichte der SED den Titel liefern zu dürfen. ›Der dritte Weg, Zeitschrift für modernen Sozialismus‹ wird von Republikflüchtigen gemacht, die zwar Überläufer sind, aber keine Konvertiten. Sie wollen ›regelmäßig Beiträge zu Fragen der Theorie, zur Parteigeschichte und zur aktuellen politischen Problematik‹ veröffentlichen. Ihr politisches Programm: ›Die wichtigste Voraussetzung ist, die SED von innen heraus zu reformieren. Die Positionen des Marxismus-Leninismus müssen erhalten bleiben, aber sie müssen von ihrer stalinistischen, dogmatischen Entartung befreit werden.‹«30 Das stellte zwar die Dinge auf den Kopf, denn nicht das »obskure« Blättchen hatte der Bewegung seinen Namen gegeben, vielmehr war die Zeitschrift ja nach der Bewegung benannt. Aber es war eine wichtige Werbung für das Blatt, was die steigende Zahl der Leserbriefe zeigte. Ich selbst war stolz, weil Absätze aus meinem Artikel über Wandlungen der KPD (»Von Liebknecht bis Ulbricht«, in Nr. 1) wiedergegeben waren. Noch in der September-Nummer des Dritten Weges wurde Lippmanns (Bernhard Bergen) Leserbrief an den Spiegel abgedruckt, in dem er den Fehler bei der »Namensgebung« Dritter Weg klarstellte. Der Spiegel hatte den Brief jedoch nicht veröffentlicht. Nachdem alle Beiträge von Mai bis September nur von uns verfasst waren, kamen danach endlich neue Mitarbeiter hinzu. Im Oktoberheft (Nr. 6) schrieb Manfred Hertwig als Erster unter Klarnamen einen Bericht über die Harich-Gruppe, der er angehört hatte, nach der Haft war er geflohen. Jo Scholmer teilte mir am 17. Oktober mit: »In Manfred Hertwig, den ich einige Male gesprochen habe, haben wir einen guten und fähigen Verbündeten gewonnen […] Wenn ich früh genug Bescheid weiß, wann Du kommst, würde ich versuchen, Euch für einen Abend zusammenzubringen.« Der nächste, der zur Gruppe um den Dritten Weg stieß, war Rudolf Schröder, der im September 1959 aus der DDR geflohen war und anfangs in Kasbach lebte.31 Seit Oktober schrieb er zunächst unter den Pseudonymen Li Te Tschin und Richard Schwarz. Ab Februar 1960 wurde er dann bis zur letzten Ausgabe offiziell im Impressum als Herausgeber aufgeführt. Auch namentlich ungezeichnete Artikel wurden vermehrt abgedruckt. Schon bald kannte ich nicht mehr alle Mitarbeiter, da ich nur an wenigen Redaktionssitzungen teilnehmen konnte. Ende 1959 gab es einen weiteren Fortschritt. Am 4. Dezember schrieb mir Heinz Lippmann: »Wann kommst Du nach Köln? Wir haben sehr wichtiges zu besprechen, weil hier der letzte Chefredakteur des ›Sonntag‹, Heinz Zöger, eingetroffen ist, der im Harich-Prozess zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt wurde.« Das war eine positive Nachricht, denn nun bekamen wir einen wirklichen Fachmann für die Redaktion. Der dritte Weg im Jahr 1960 In der Nummer 8, der letzten Ausgabe 1959, hatte Lippmann im Artikel »Perspektiven für 1960« einen Ausblick auf die Situation der DDR und der Bundesrepublik gegeben, der sehr allgemein gehalten war. Im Westen war das Blatt durch den Spiegel-Artikel bekannt geworden, nun galt es, neue Autoren zu gewinnen (in den Ausgaben 7 und 8 gab es wieder nur Artikel von Lippmann, Scholmer, Schröder und mir). Gegenüber der DDR sollte auch 1960 die inhaltliche Grundlinie beibehalten werden, was bedeutete, an den Prinzipien des »dritten Weges« festzuhalten. Darüber diskutierten wir auf einer Redaktionskonferenz am 18. Dezember 1959, die der Kritik an der letzten Nummer und der Vorbereitung der Januar-Ausgabe 1960 diente. Es war eine der wenigen Redaktionssitzungen, an denen ich teilnehmen konnte, weil ich von einer Vortragsreise auf dem Rückweg nach Mannheim in Köln Station machte. Außer mir war die »Kernmannschaft« anwesend, d. h. Heinz Lippmann, Jo Schölmerich, Rudi Schröder und Heinz Zöger sowie als »Berater« Wolfgang Leonhard und Fritz Schenk, der für die Mitarbeit gewonnen werden sollte.32 Die Diskussion war lebhaft, nur in Einzelfragen kontrovers und mir schien, dass hier die Linie des Blattes ohne Einfluss von außen festgelegt wurde. Neben der Kritik am Kapitalismus stand weiterhin der Kampf gegen den Stalinismus der SED im Mittelpunkt. Auch 1960 sollte der Gegensatz von Stalinismus und Marxismus thematisiert werden. Mit Blick auf die Sowjetunion und die »Volksdemokratien« galt es, die Positionen des »dritten Weges« zu beleuchten. Wie weit diese Konzeption 1960 durchgehalten wurde, ist schwer zu entscheiden. Schon in der Nummer 1, die im Januar 1960 erschien, schrieb Heinz Zöger unter dem Pseudonym Hans Zander über die ungarische KP und Rudolf Schröder (Reiner van Kerkhoff), über Schulpolitik – der Themenkreis wurde also ausgedehnt. Erstmals wurde von Helmut Fleischer (F. Roth) in drei Fortsetzungen die stalinistische Philosophie ausführlich kritisch dargestellt. Zur Theorie und Praxis des »dritten Weges«, die bisher nur von mir behandelt worden waren, schrieb in der zweiten Ausgabe Ernest Salter. Die wachsende Zahl der Mitarbeiter konnte jedoch nicht über Finanzierungsprobleme hinwegtäuschen. Diese waren laut Lippmann der Grund für die Zusammenlegung von zwei Ausgaben: März/April und November/Dezember 1960 erschienen im jeweils üblichen Umfang von zwölf Seiten nur als Doppelnummern. Ein Jahr nach Gründung sollte im Mai 1960 die Nummer 5 den Durchbruch bringen. Wir wollten, dass die Autoren aus der Anonymität herausträten und mit ihrem richtigen Namen zeichneten. Tatsächlich war der Leitartikel mit Heinz Zöger, ein Artikel mit Hermann Weber, ein anderer mit Rudolf Schröder unterzeichnet. Doch das war alles, bei den übrigen Beiträgen blieben Tarnnamen. Heinz Lippmann und Jo Schölmerich veröffentlichten ihre Beiträge sogar bis zur letzten Ausgabe der Zeitschrift unter Pseudonymen. Mit richtigem Namen unterschrieben in den folgenden Nummern außer Zöger und mir, nur Rudolf Schröder, Wolfgang Leonhard, Günther Zehm und Fritz Schenk. Auch Carola Stern behielt ihr Pseudonym Angelika Kauffmann bei. Ansonsten war das äußere Erscheinungsbild der Zeitung lebhafter geworden. Immer kürzere Artikel erschienen unter Decknamen, die kaum noch zu enthüllen sind. Aber auch Gedichte und Artikel von Schriftstellern wie Gerhard Zwerenz, Erich Fried u. a., die mit ihrem Namen zeichneten, wurden gedruckt. Auf Inhalte der Zeitschrift im Jahr 1960 kann hier nicht eingegangen werden, sondern nur auf wenige Probleme. Mit der offiziellen Übernahme der Redaktion durch Heinz Zöger zusammen mit Heinz Lippmann änderte sich die Linie kaum, auch wenn Lippmann eine »Rechtsabweichung« befürchtete.33 Lippmann war froh, als er uns im Frühjahr 1960 einen neuen Mitarbeiter nennen konnte. Endlich ein Ökonom – damit war auch dieser Bereich abgedeckt. Es handelte sich um Walter Barthel, bekannt als Linkssozialist, tatsächlich aber Stasi-Agent. Bereits im Mai erschien ein Artikel von ihm über »Fragen der politischen Ökonomie«. Ab Juni 1960 war er ein eifriger Schreiber, obwohl er sich wegen seiner Mitarbeit an der Zeitschrift gegenüber seinen Auftraggebern von der Stasi, die ihm das befohlen hatten, zunächst noch zierte.34 Vor allem Jo Scholmer war der Auffassung, dass nicht nur neue Mitarbeiter nötig seien, sondern auch ein Zusammenschluss der Anhänger des »dritten Weges«. Nach einem Gedankenaustausch erreichten wir, dass im März 1960 in Kasbach eine Konferenz stattfand. Organisator und Finanzier war »Arbeit und Leben«, die Arbeitsgemeinschaft von DGB und Volkshochschulen. Deren Leiter, mein Freund Hans Boulboullé, wollte die Frage des »Revisionismus« – so bezeichneten die Stalinisten die Richtung des »dritten Weges« – auf der zweitägigen Sitzung diskutieren und aus den Ergebnissen der Debatte eine Broschüre erstellen. Die inhaltliche Ausrichtung blieb uns überlassen, und schon am 17. Februar 1960 berichtete Lippmann dem »lieben Pit« (das war Michael Gromnica, ein Geheimagent der Stasi) über Einzelheiten der geplanten Tagung, etwa über Kurzreferate u. a. von Manfred Hertwig, Walter Barthel und Helmut Fleischer.35 Die Tagung mit rund 15 Teilnehmern fand am Samstag und Sonntag, den 26./27. März in Kasbach statt. Unter Leitung Boulboullés wurde über Referate von Zöger, Scholmer, Hertwig, Schröder, Barthel, Heinz Brandt und mir diskutiert, Lippmann hielt sich im Hintergrund.36 Anwesend waren außerdem Wolfgang Leonhard (nur kurz, da er nach England reiste) und ebenso Carola Stern.37 Zu den weiteren Teilnehmern gehörten Helmut Fleischer, Ötte Krämer (Jugendsekretär im Vorstand der SPD), »Pit« Gromnica, zeitweise Ernest Salter, Fritz Schenk, Peter Jokostra, Peter Kasten sowie zwei weitere Mitarbeiter von »Arbeit und Leben«. Das Ergebnis der Tagung waren lediglich zwei Broschüren über »Revisionismus«, die »Arbeit und Leben« erst 1961 bzw. 1962 veröffentlichte.38 Die von Jo Scholmer erhoffte Konstituierung einer eigenen Gruppe »Dritter Weg« war nicht gelungen. Es blieb bei der Zeitschrift, die er, Heinz Lippmann und Heinz Zöger maßgeblich gestalteten. Die »Kasbacher Konferenz« fand im Blatt übrigens keine Erwähnung. Ende 1960 startete Lippmann noch eine Kampagne für den Dritten Weg. Am 26. Oktober schrieb er mir: »Für die November-Nummer unserer Zeitschrift haben wir vor, den Artikel von Max Reimann über den ›Dritten Weg‹ gründlich auszuwerten. Ich bin der Meinung, es ist ein Zeichen für die Wirksamkeit der Zeitschrift, wenn der 1. Sekretär der KPD sich so gründlich mit ihr auseinandersetzt. Außerdem stärkt es das Bewußtsein unserer Freunde in der DDR, wenn sie einen solchen Artikel lesen.« Wir »sollten zu allen wicht[ig]en, von Reimann aufgeworfenen Fragen Stellung nehmen […] Einen Artikel zur sowjetischen Außenpolitik, einen zweiten zur Abrüstung, einen dritten zur Frage, ob es im nationalen Maßstab einen dritten Weg gibt und viertens einen Artikel zu dem Problem ›Gibt es eine ideologische Koexistenz?‹. Die übrigen Artikel schreiben Walter Barthel, Jo und Zöger, wobei genau festgelegt wurde, dass eine rein marxistische Argumentation erfolgen müsse. Für Dich haben wir nun den Artikel über die ideologische Koexistenz vorgesehen.« Ich könne diesen auch nach Köln bringen, »wenn Du am 11. und 12. zur Redaktionsbesprechung hierher kommst. Ich möchte Dich noch einmal bitten, diesen vereinbarten Termin auf jeden Fall einzuhalten. Ich weiß zwar, dass Du viel Arbeit hast, bitte Dich aber unbedingt, zu diesem Zeitpunkt zu kommen, weil hier wichtige Probleme nicht nur in Bezug auf die Zeitschrift […] besprochen werden müssen.« Im Ideologie-Organ der illegalen KPD Wissen und Tat hatte der Parteiführer Max Reimann erstmals direkt die Zeitschrift angesprochen und dabei behauptet, die »Revisionisten« wären als Antikommunisten aktiv und »bedienen sich solcher Blätter wie ›Der dritte Weg‹«.39 Und er schrieb: »Die Leute von ›Der dritte Weg‹ geben vor, für die Koexistenz zu sein«, aber ihre Thesen seien falsch. Er griff die »Vertreter des dritten Weges« mehrmals an und verwies dabei auf deren Zeitschrift. Nach dem Spiegel-Artikel von 1959 hatte sich nun auch die illegale KPD mit dem »Blättchen« befasst, was Lippmann zu Recht als Möglichkeit ansah, darauf zu antworten. Da jedoch die November-Nummer wegen finanzieller Probleme durch Zusammenlegung mit der Nr. 12 erst im Dezember herauskam, konnten erst dort wie vorgesehen (neben Auszügen von Reimanns Argumenten) Artikel von Zöger, mir (beide mit Klarnamen gezeichnet) sowie von Scholmer (Peter Altenberg) erscheinen, aber keiner von Barthel. Auch war der Widerhall gering, keineswegs so, wie Lippmann – immer euphorisch – erwartet hatte. Das katastrophale Jahr 1961 Mit dem Mauerbau im August 1961 sperrte die DDR-Führung ihre eigene Bevölkerung ein, um die immer größer werdende Fluchtwelle zu beenden. Es war eine Bankrotterklärung der Diktatur und durch den Schutz der Sowjetunion zugleich die Möglichkeit für die SED, ihr System zu festigen. Diese Katastrophe – für die DDR-Bevölkerung wie für die innerdeutschen Beziehungen – war auch für den Dritten Weg eine Niederlage. Die Kontakte zwischen Ost und West wurden schwieriger, die bisherigen Wege, die Zeitschrift in die DDR zu befördern, gab es nicht mehr. Die Verteilung des Blattes wurde noch komplizierter. Ein direktes Desaster für die Zeitschrift war indes, dass sich kurz nach dem Mauerbau ihr Mitarbeiter Gromnica nach Ost-Berlin absetzte und dort, nun als Agent des MfS enttarnt, öffentlich »Enthüllungen« über Der dritte Weg und seine Autoren verbreitete.40 Dabei hatte der Jahrgang mit der Januar-Nummer positiv begonnen. Der sehr lange Bericht von Wolfgang Leonhard (wie immer unter seinem Namen) über die »dritte Weg«-Richtungen in Indien (Kerala) war ein Beleg für die internationalen Beziehungen. Ein kritischer Beitrag von Jo Scholmer über den SPD-Parteitag und vor allem ein »Offener Brief an Ulbricht« von Günter Seigewasser, Sohn des Staatssekretärs für Kirchenfragen der DDR, ließen einen erweiterten Blick der Zeitschrift erkennen.41 Die Ausgaben Juli und August konnten wieder nur als Doppelnummer erscheinen. Auch die folgenden Nummern mit Artikeln zum arabischen Nationalismus, zu Kolonialfragen, über Verfolgungen des MfS (ein Eigenbericht von Günther Zehm) und einem Protestartikel von Wolfgang Leonhard gegen die Entführung Heinz Brandts waren wichtige Beiträge. Erst in der September-Nummer wurde der Mauerbau kommentiert, u. a. im Aufsatz »Bankrott« von Jo Scholmer (Peter Altenberg). Dieses Heft enthielt auch einen Artikel von Wolfgang Leonhard zum neuen sowjetischen Parteiprogramm und von mir: »Geschichte – frei nach Ulbricht«. Im Dezemberblatt 1961 erschienen dann Beiträge zur DDR-Wirtschaftskrise, zur Haltung Gomulkas und Titos, Bemerkungen zum 14. ZK-Plenum der SED und ein langer Artikel von mir über »Die SED und Fehler des Personenkults«. Auf Seite drei stand ein relativ kurzer Bericht ohne Namensunterschrift: »Les provocateurs d’Ulbricht«. Damit war der Stasi-IM Gromnica gemeint. Zunächst wurde die Rolle von Agenten des MfS in der Bundesrepublik umrissen, die in linken Organisationen spionierten und Ost-Berlin über Interna informierten. Wir hatten zwar im kleinen Kreis vorgesehen, über Gromnica nichts zu schreiben. Aber nachdem am 24. November Neues Deutschland ausführlich einen »Bericht« über Gromnicas »Pressekonferenz« abgedruckt hatte, in dem er direkt die »antikommunistische Zeitschrift ›Der dritte Weg‹« diffamierte, schien eine Klarstellung nötig. Im ungezeichneten Artikel hieß es nun über Gromnica: »Seine Mission bestand in der Bespitzelung, Provokation und Denunziation linker Gruppen der Arbeiterbewegung in der Bundesrepublik. Gromnica war auf alles angesetzt, was in der Sozialdemokratie eine linke Position einnimmt.« Ihm wurde deshalb vorgeworfen: »Politische Meinungen hatte er überhaupt nicht zu vertreten. Er hatte nur zu horchen, zu berichten und insgeheim zu provozieren.« Dabei habe er die Sozialistische Jugend »Die Falken«, ebenso als Funktionär den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) bespitzelt. In West-Berlin habe er »ganze Packen von Berichtsduplikaten« zurückgelassen, »deren Originale an merkwürdige Honorarzahler in der Bundesrepublik gegangen waren. Inhalt: Charakteristika linker Sozialisten […]« Die Schlussfolgerung: »Honorarfreudiger Doppelagent oder Denunziant im Auftrag des SSD [MfS]?« Festgehalten wurde: »So sehen sie also aus, die Achtgroschenjungen des Genossen Mielke. Sie sollten die Linke zerschlagen, damit die Rechte des Stalinismus und der Bourgeoisie freie Hand hat.« Am Ende des Artikels standen drei Bemerkungen des Dritten Weges: »Unsere Selbstkritik: Auch wir sind ihm zeitweise auf den Leim gegangen und haben ihn zwei Jahre lang als unseren Genossen gesehen.« Dann die zweite These: »Sein Pech: bei uns gibt es nichts auszuhorchen, was nicht ohnehin jeden Monat im ›Dritten Weg‹ nachzulesen ist.« Schließlich: »Unsere Schlußfolgerung: Kompromißloser denn je gegen Stalinismus und kapitalistische Reaktion.« Diese »Entlarvung« Gromnicas beruhte auf Fakten; dass er freilich »Pech« hatte beim »Aushorchen« ist falsch und näher zu prüfen. Schließlich hatte dieser Agent auf einer Pressekonferenz am 23. November 1961 in Ost-Berlin als angeblicher Überläufer nicht nur gegen die SPD und insbesondere Herbert Wehner gehetzt,42 sondern auch gegen Lippmann. Der »Schlag« wurde für die Zeitschrift noch größer, als er in der Berliner Zeitung in einem »BZ-Exklusivinterview« in drei Teilen43 tatsächliche und falsche »Geheimnisse« ausplauderte. Die Mischung aus Fakten, Lügen und Legenden war für Außenstehende kaum zu falsifizieren oder zu verifizieren, daher geriet das Blatt in ein schiefes Licht. Gromnica beschimpfte Lippmann (er nannte ihn immer nur »Pertinax«) auf übelste Art, unterstellte ihm kriminelle Taten usw. Der dritte Teil dieses »Interviews« erschien sogar mit der Überschrift »Agentur ›Dritter Weg‹«. Die Gruppe »Der dritte Weg« war nach seiner Version eine »Agentur« des Verfassungsschutzes, die »die Hetzschrift« Der dritte Weg herausgebe. Und er behauptete, »daß Pertinax als Kopf dieser Agentengruppe mit dem Leiter der Abteilung ›Links‹ im Bundesamt für Verfassungsschutz Dr. Günter Nollau in Verbindung steht, allein von ihm oder dessen Mitarbeitern seine Aufträge erhält und dem Verfassungsschutz gegenüber für sein Tun verantwortlich ist. Es läßt sich am Beispiel der von dieser Agentengruppe verfassten Zeitschrift ›Der dritte Weg‹ am besten charakterisieren, daß die Tätigkeit dieser Agenten ausschließlich im Auftrage des Verfassungsschutzes erfolgt. Jede Zeile dieses ›Druckerzeugnisses‹ genehmigt Dr. Nollau persönlich. Er legt ebenso den genauen Anteil der in jeder Ausgabe zu veröffentlichenden Materialien fest, die sich diffamierend mit den sozialistischen Ländern beschäftigen […]«44 Bis zur Rückberufung nach Ost-Berlin hatte Gromnica als IM »Karow« »seine Behörde«, das MfS, über den Dritten Weg weniger mit solchen Propaganda-Phrasen als mit zahlreichen (tatsächlichen oder fiktiven) Fakten versorgt – diese Quelle versiegte im August 1961.45 Doch bis zum Ende des Dritten Weges hatte ein anderer Agent, Walter Barthel (IM Kurt) dem MfS weitere Details übermittelt. Deshalb hier ein Blick auf die Methoden des MfS gegenüber dem Dritten Weg. Im Visier der Stasi Soweit feststellbar, war das MfS zunächst über die Hersteller der Zeitschrift ebenso ungenau informiert wie über Hintermänner oder Finanzierung. Welche abwegigen Vorstellungen in Stasi-Kreisen über den Dritten Weg anfänglich existierten, zeigen einige Meldungen. Beispielsweise hieß es nach den Wiener Weltfestspielen im August 1959 (der Abteilung II/4 zum »3. Weg«), der »3. Weg« sei »eine Organisation, die ihren Sitz in Koblenz hat. Der Leiter ist der frühere FDJ-Sekretär Lippmann. Als weitere Mitarbeiter gehören dazu: ›Weber, Scharberg [soll wohl Scholmer sein], Zwerenz und Hertwig.‹« Und dann die absurde Behauptung, die Gruppe sei »der Organisator des Antifestivals in Wien gewesen«, und zwar beauftragt von »bundesdeutschen und NATO-Stellen«. Und 1960 wurde gar durch eine »Quelle« in »Erfahrung gebracht«, die Zeitung solle »vom Amerikaner finanziert werden«.46 Schließlich war das MfS ab Herbst 1959 offenbar vor allem auf die Dossiers von Gromnica, ihrem Agenten »Karow« angewiesen. Dieser »junge Sozialist« war in Berlin auch Mitarbeiter der von mir geleiteten Falken-Zeitung junge gemeinschaft. Wir waren gemeinsam zu den kommunistischen Weltfestspielen in Wien gefahren, wo »Pit« Gromnica durch mich im August 1959 Heinz Lippmann kennenlernte. Es dauerte natürlich eine Weile, bis Pit sich bei Lippmann eingeschlichen hatte und dieser ihm vertraute. Nach den Wiener Weltfestspielen erhielt das MfS etwas genauere Hinweise durch seine Agenten Gromnica und Peter Heilmann (»Julius Müller« bzw. »Pepperkorn«).47 Schon am 10. August 1959 informierte »Karow« in seinem »Bericht Nr. 3« über seine Begegnung mit Lippmann und Schölmerich in Wien; über die Zeitschrift Der dritte Weg hatte er noch kaum Erkenntnisse: »Wo die Zeitung gedruckt wird, herausgegeben wird, wie sie versandt wird, welche Mitarbeiter sind, ist mir nicht bekannt, ich weiß nur, dass Schölmerich zu den Mitarbeitern gehört. Weitere Mitarbeiter sind mir nicht bekannt, ich nehme nur an, daß auch Hermann Weber zu ihnen gehört.«48 Diese spärliche Aussage konnte das MfS ergänzen, da auch ihr West-Agent »Pepperkorn«, Peter Heilmann, für den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) in Wien war und mit uns Kontakt hatte. Wenige Tage später, am 12. August 1959, informierte Agent Heilmann über das »Gespräch mit Heinz Lippmann und Hermann Weber« in Wien. Auch darin wurde Der dritte Weg genannt, wobei nach Heilmanns Ansicht, die Redaktion allein aus Lippmann bestehe. Aber dass »als Mitarbeiter nur ehemalige Funktionäre aus der DDR mitwirken, so z. B. Weber und Schölmerich.«49 Heilmann hat sonst wenig über den Dritten Weg berichtet. Am 20. November 1959 teilte er mit, dass über die Finanzierung des Blattes keine näheren Angaben vorlägen. Immerhin lieferte Heilmann dem MfS im November 1959 einen Brief des SED-Funktionärs Lothar Schmidt mit Informationen über den Dritten Weg.50 Der Stasi-Agent Gromnica verstand sein »Handwerk« meisterhaft.51 Doch erst zum Jahresende wurden seine Informationen konkreter.52 Bis dahin war es schwierig für die Stasi, das Blatt genauer einzuschätzen. Es zahlte sich in diesem Fall also sogar aus, dass wir nur ein so kleiner Kreis waren. Im Oktober und November 1959 berichtete »IM Karow« der Stasi vor allem über Berliner Linke, außerdem über die »Falken«. Er versuchte telefonisch an Lippmann heranzukommen, was zunächst nicht glückte.53 Doch im Dezember kam Gromnica nach Köln und konnte ihn von nun an gründlich »abschöpfen«. Er meldete dem MfS Interna, die auch im Operativ-Vorgang »Verkäufer« aufgenommen wurden, der schon seit 1957 über Lippmann bestand und von da an als »Objekt-Vorgang Der dritte Weg« bei HA XX/2 gesammelt wurde, ebenso in anderen Akten. »Karow« teilte dem MfS am 23. Dezember 1959 mit, wer die Pseudonyme der »letzten Nummer« des Dritten Weges waren: »Harald Ludwig = Lippmann, Joseph Lapus = Scholmerich, Reiner von Kerkhoff = Rudi Schröder, Erwin Poser = unbekannt, Alfred Nagel = Hermann Weber, Peter Altenberg = Scholmerich«.54 Diese Fakten und die Beschreibung der Redaktionssitzung vom Dezember 1959 sowie deren Teilnehmer, außerdem Einzelheiten zur Auflage und Finanzierung, die Gromnica inzwischen von Lippmann erfahren hatte, kannte nun auch das MfS. Durch Gromnica war der erste (zehnseitige) zusammenfassende Überblick der Stasi vom 8. Januar 1960 zur »Hetzschrift« Der dritte Weg möglich geworden.55 Dieser Bericht, »Betr. Hetzschrift ›Der dritte Weg‹, Berlin, 8.1.1960«,56 begann mit einer scheinbar objektiven Beschreibung der Zielsetzung der Zeitschrift, »revisionistische Theorien in die DDR einzuschleusen, um schwankende und wankelmütige Menschen, vor allem Intellektuelle, in Zweifel zur Politik unserer Partei zu bringen«. Das Blatt wurde dann wie üblich beschimpft: Die »Hetzschrift sei ein Mittel der Kalten Krieger«, die »ideologische Diversion« gegen die DDR zu »betreiben«. Außer solchen Behauptungen wurden die von Gromnica berichteten Fakten gebracht, aber auch Vermutungen. So verberge sich angeblich hinter den Herausgebern der »Hetzschrift das Ostbüro der SPD, insbesondere dessen Leiter Stephan Thomas«. Solche Fehleinschätzungen zeigten, dass das MfS Anfang 1960 noch im Dunkeln tappte. Auch die Rolle des »Renegaten Wolfgang Leonhard« als »geistiger Vater« war übertrieben. Gromnicas Mitteilungen vom Dezember 1959 wurden im »Bericht« fast wörtlich wiederholt: »Diese Hetzschrift ist das Sprachrohr eines Personenkreises, der sich aus Renegaten und Verrätern zusammensetzt. Eben zu diesem Personenkreis gehören solche Verräter wie Heinz Lippmann, ehemals Sekretär im Zentralrat der FDJ, Heinz Zöger, Hermann Weber, Dr. Scholmerich, Schröder, Manfred Hertwig usw., die aus der DDR republikflüchtig geworden sind. Es sind durchweg alles Personen, die in der DDR hohe staatliche und politische Funktionen innehatten und der SED als Mitglied angehörten. Sie haben demzufolge sehr umfassende und gründliche Kenntnisse in der Theorie des Marxismus-Leninismus und der Partei- und Staatspolitik.« Alle von Gromnica aufgeführten Personen werden dann in den »Berichten« der folgenden Zeit im Wesentlichen wiederholt aufgeführt, Fehler zu Personen wurden später berichtigt.57 Was die Finanzierung angeht, hat Gromnica Heinz Lippmanns damalige Version an die Stasi weitergeleitet, daher hieß es auch im Januar-»Bericht« des MfS: »Die Finanzierung dieser Hetzschrift erfolgt über die Hans-Böckler-Gesellschaft – innerhalb des DGB – und den Axel-Springer-Konzern.« Auch die Angaben zur Redaktion im »Bericht« stammen von Gromnica: »Als Redaktionskollegium der Hetzschrift ›Der dritte Weg‹ kann der folgende Personenkreis betrachtet werden: 1. Heinz Lippmann, 2. Dr. Josef Schölmerich, 3. Hermann Weber, 4. Heinz Zöger, 5. Rudi Schröder und Frau, 6. Manfred Hertwig, 7. Inge Bialek. Ein neu hinzukommender Mitarbeiter ist Fritz Schenk.« Danach gab es etliche Hinweise auf diese Personen. Schon kurz nach einer solchen »Einschätzung« erhielt das MfS neuere Informationen von Gromnica. Diese wie die folgenden Berichte machten das eigentliche Interesse des MfS deutlich: Der Stasi ging es weniger um die »revisionistischen« Inhalte als vielmehr um die Personen, die Finanzierung und vor allem darum, welche konspirativen Wege für das Blatt in die DDR existierten und wer dort die Zeitschrift erhielt und nicht ablieferte. Da Gromnica im Januar 1960 wieder in Köln gewesen war, konnte er darüber aktuelle Informationen geben. Am 27. Januar berichtete er dem MfS von seinem Besuch bei Lippmann und einem ausführlichen Gespräch vom 15. Januar in Köln.58 In seinem sechsseitigen Rapport werden u. a. Fragen zur Finanzierung behandelt.59 Für die Stasi war besonders nützlich, dass Gromnica von Lippmann Hinweise über die Einschleusung des Dritten Weges in die DDR bekam (er selbst sollte offenbar auch dafür eingesetzt werden). Am 13. Juli 1960 beschloss die Hauptabteilung (HA) V/2 des MfS einen »Objektvorgang« über das »Renegatenzentrum« Der dritte Weg anzulegen, um Material über »dieses Zentrum der pol.-ideologischen Diversion« wegen »Zersetzungstätigkeit gegen die DDR« zu sammeln. Aus Berichten verschiedener Stasi-Agenten und anderen »Quellen«, wurden Akten angelegt. Die Materialablage begann mit dem erwähnten Bericht vom 8. Januar 1960. Fast zeitgleich mit dem Vorgang »Renegatenzentrum« (2284/60), am 25. Juli 1960, ordnete die gleiche Abteilung einen »Zentral-Operativ-Vorgang Schleicher« wegen »Spionage/Zersetzung« an. Hier ging es darum, diejenigen Personen, die das Blatt nach Ost-Berlin brachten sowie die Methoden der Verbreitung in der DDR zu erfassen (7071/60). Zahlreiche Personen aus West- und Ost-Berlin wurden registriert und überwacht, IMs auf sie angesetzt usw. Welche Folgen dies im Einzelnen hatte, ist den Akten nicht zu entnehmen.60 Am 27. Juli 1960 gab die HA V/2 einen neuen »Bericht Betr. Renegatenzentrum Der dritte Weg« heraus. Zunächst wurde verkürzt zusammengefasst, was im Januar-Dossier stand und einige fehlerhafte Punkte wurden korrigiert.61 Als »Mitglieder dieses Renegatenzentrums« seien »bekannt: Lippmann, Schenk, Scholmerich, Zöger, Hertwig, Weber«. Der Bericht zirkulierte mehrfach (mit kleinen Abweichungen) im MfS.62 Wichtig war der Anhang, in dem nach der Gruppe von »Verteilern« gesucht wurde, ebenso von Beziehern der Zeitschrift. Demnach wurden eine »Gruppe« im RAW Grunewald, also bei der Ost-Berliner Reichsbahn in West-Berlin (Mitglieder der SED bzw. ehemalige Mitglieder) und Funktionäre der Partei (etwa der Philosoph Mathias Klein63) überwacht. Daneben existierte ein »Maßnahmeplan« der HA V/2 usw. Die folgenden »Berichte« des MfS über Der dritte Weg beruhten vor allem auf Mitteilungen seiner IMs aus dem engeren Kreis um Lippmann, bis August 1961 war dies Gromnica, bis 1964 Barthel. Interessant ist besonders die Einschätzung des MfS vom Juni 1961, noch vor dem Mauerbau. Der Bericht entstand auf Anforderung von Hermann Matern, Ulbrichts »Obersäuberer« in der SED, und hat eine eigenartige Geschichte. Wie bereits geschildert werden konnte, verschwand er nach drei Entwürfen im MfS-Archiv.64 Inzwischen ist diese »Einzel-Information über das Renegatenzentrum ›Der dritte Weg‹« vollständig veröffentlicht worden.65 Nach den üblichen allgemeinen Verdammungen des »Feindzentrums« aus »Renegaten und Verrätern« wurde behauptet, zu den »Auftraggebern und Hintermännern« gehöre das »Bundesamt für Verfassungsschutz«. Eine »bestimmte, allerdings nicht näher aufgeklärte Rolle« spiele das Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen. »Zur Finanzierung der Hetzschrift« hieß es, »trage das ›Bundesamt für Verfassungsschutz‹ und bestimmte Kreise des DGB bei«. »Über die Art und Weise der Einflussnahme des SPD-Ostbüros sind keine näheren Einzelheiten bekannt. Zu den Mitgliedern des Zentrums und zugleich Mitarbeitern der Hetzschrift gehören Heinz Zöger, Heinz Lippmann, Rudolf Schröder, Gerhard Zwerenz, Dr. Joseph Schölmerich, Hermann Weber, Fritz Schenk und andere.«66 Bei einer Auflage von 1000 Exemplaren seien »800 Exemplare für den Versand bzw. für die Einschleusung in die DDR vorgesehen. Durch operative Maßnahmen konnten davon im Durchschnitt etwa 300 bis 350 Exemplare je Ausgabe sichergestellt werden.« Dies bedeutete aber, dass über die Hälfte der Auflage ihre Adressaten erreichte und nicht an MfS oder SED-Organe abgeliefert wurde! Die »Information« schloss mit dem Hinweis, welche Angaben »aus Gründen der Sicherheit der Quellen« publizistisch nicht ausgewertet werden durften.67 Ähnliche Berichte wurden bis zur Einstellung von Der dritte Weg 1964 noch einige Male erstellt. Hauptquelle waren nach Gromnicas Rückberufung nach Ost-Berlin ab Ende 1961 vor allem Mitteilungen von Walter Barthel, der sich durch seine Mitarbeit bei der Zeitschrift Einblick über viele Hintergründe verschaffte und eifrig (manchmal auch fehlerhaft) berichtete.68 Die Stasi plante nicht nur mit Agenten in den Personenzirkel des Dritten Weges einzudringen, sondern dort auch gezielt ihre Methode der »Zersetzung« und »Verwirrung« anzuwenden. Im Februar 1961 schlug die Abt. V/2/II (Leutnant Tetschok) vor, mit kopierten Briefköpfen Exemplare des Dritten Weges an die Adresse Schröders in Köln unfrankiert aus West-Berlin zu verschicken, dann werde die Deutsche Bundespost »Schritte gegen das Renegatenzentrum einleiten sowie eine Diskriminierung desselben« erfolgen. Weitere Vorschläge folgten, darunter am 21. Februar die Mitteilung, 30 Briefbögen seien bereits angefertigt und nun sollten an Bonner Abgeordnete von CDU und SPD Briefe mit »diskriminierendem Inhalt« verschickt werden, um diese »zu Schritten gegen das Renegatenzentrum zu veranlassen«. 69 Soweit feststellbar, sind diese und ähnliche Vorschläge zwar nicht realisiert worden, sie zeigen aber die unterschiedlichsten Ansätze zur Bekämpfung der »Renegaten« durch das MfS. Das Fazit über den Dritten Weg im Visier der Stasi ist eindeutig. Schließlich sammelte das MfS tausende und abertausende Seiten über das Blatt, oft basierend auf Informationen seiner IMs oder anderer »Quellen«. Die Führung versuchte in Abständen, Auskünfte über die Zeitschrift in zusammenfassenden »Berichten« über das »Renegatenzentrum« zu erstellen. Diese dienten der Information ihrer eigenen Abteilungen oder den Führungsstellen von Partei und Staat. Insbesondere waren sie als Anleitung zur Personenüberwachung gedacht oder Versuche, Details über Finanzierung und vor allem Verbreitungswege in der DDR zu ermitteln. Der dritte Weg hatte bei der Stasi für erheblich mehr Aufmerksamkeit gesorgt als bei Zielgruppen, die eigentlich gegen Stalinismus und Kapitalismus mobilisiert werden sollten. Im Abschlussbericht »Schleicher« vom 15. Juli 1971 wurde vor allem die Überwachung von Lesern und Verteilern des Dritten Weges zusammengefasst, außerdem noch die »Mitglieder« des »Renegatenzentrums« (Lippmann, Schenk, Schölmerich, Zöger, Hertwig, Weber, Schröder) aufgeführt. Doch erst am 21. Juli 1977 (drei Jahre nach Heinz Lippmanns Tod) wurde der »Objektvorgang ›Dritter Weg‹ der HA XX/2 im Archiv abgelegt«.70 Finanzierung des Blattes Die Frage, von wem und wie Der dritte Weg finanziert wurde, stand und steht häufig im Mittelpunkt des Interesses an der fast vergessenen Zeitschrift. Da zwischen 1000 und 1500 Exemplare monatlich erschienen,71 kostete jede Ausgabe mit Druck, Vertrieb und Porto (und ab Oktober 1959 auch Honoraren) einige tausend Mark. Eine genaue Summe erfuhr selbst ich nie. Die spärlichen Spenden, die wir erhielten, reichten auf keinen Fall. Und der Betrag für Honorare wurde bestimmt nicht vom angeblichen Geldgeber, der Hans-Böckler-Stiftung, gezahlt. Mein Misstrauen wuchs, 1959 stellte ich Lippman deshalb zur Rede. Er wich aus und sagte, auch vom Springer Verlag Geld für das Blatt zu erhalten. Es kam zur Grundsatzdiskussion: Wenn Lenin für die Russische Revolution vom deutschen Kaiserreich Geld nahm, könnte auch für den oppositionellen Dritten Weg Finanzhilfe von jedem politischen Gegner angenommen werden. Das war der Standpunkt von Lippmann und Scholmer, den ich strikt ablehnte.72 Die genaue Herkunft der Mittel für den Dritten Weg blieb für die Mitarbeiter weiterhin unklar. Auch 1960 gab es Spekulationen, das Ostbüro der SPD oder die IG Metall würden zumindest für einige Zeitungsnummern oder Artikel einen Zuschuss leisten.73 Dies lässt sich nicht mehr genau feststellen, ebenso wenig, ob vom Springer Verlag tatsächlich Geld floss. Allerdings verdichteten sich Hinweise, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz, zu dem Lippmann seit längerer Zeit Verbindung hatte,74 das Blatt (mit-)finanzierte. Als der Stasi-Agent Michael (Pit) Gromnica dann im August 1961 nach seiner Rückberufung nach Ost-Berlin in die Stasi-Zentrale in Interviews und Zeitungsberichten im November/Dezember 1961 Lügen, Halbwahrheiten und Tatsachen über den Dritten Weg vermischte, schien diese Finanzierungsquelle offensichtlich. Auch wenn sich Lippmann und Scholmer in dieser Frage bedeckt hielten,75 ist zu vermuten, dass Günther Nollau vom Verfassungsschutz zumindest ein Geldgeber war. Umso wichtiger war es, anhand von Dokumenten die Beziehungen zwischen Verfassungsschutz und der Zeitschrift Der dritte Weg offenzulegen. In seinen Memoiren wiederholte Nollau 1978 faktisch die Angaben des MfS-Agenten Gromnica von 1961, den er im Zusammenhang mit der Finanzierung sogar zitierte: »Im Mai 1959 starteten wir unser Blättchen […] um glaubwürdig zu sein, mussten wir auch den Kapitalismus und die Politik der Bundesregierung kritisieren.[!] Das war zwar nicht schwer, denn an der damaligen Ostpolitik gab es zum Beispiel manches zu beanstanden. Aber die Angriffe mussten so dosiert sein, dass sie, falls das Unternehmen einmal platzte, vor der Dienstaufsichtsbehörde zu vertreten waren […] Jede Nummer kostete immerhin einige tausend D-Mark. Die Frage nach dem Geldgeber hatten sich aber andere Leute gestellt […]: die Kollegen vom Ministerium für Staatsicherheit (MfS) der DDR. Sie brauchten einige Jahre […] Im Dezember 1961 hatten sie es geschafft. Wir lasen in der Berliner Zeitung vom 28. Dezember: ›Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat […] unter dem Namen ›Dritter Weg‹ eine Agentur geschaffen, die zugleich die Hetzzeitschrift ›Der dritte Weg‹ herausgibt […]‹. Zu diesen Erkenntnissen war das MfS durch einen Agenten gelangt, den es in die Redaktion ›Dritter Weg‹ […] eingeschleust hatte.«76 Für die These von der »Schaffung« des »Blättchens« durch den Verfassungsschutz fehlen jegliche Belege. Leider sind solche auch im Nachlass von Günther Nollau nicht zu finden.77 Dort gibt es keine Hinweise auf den Dritten Weg. Es müssten aber in den Akten des Bundesamtes für Verfassungsschutz zur Finanzierung der Zeitschrift Unterlagen existieren. Doch auf meine Anfragen erhielt ich am 28. März 2011 den verblüffenden Bescheid: »Eine Nachforschung zu dem von Ihnen angefragten Sachverhalt ›Der dritte Weg‹ ergab, dass keine Altaktenbestände hierzu im BfV bekannt sind. Somit stehen hierzu auch im derzeit laufenden Verfahren der Aktenabgabe des BfV an das Bundesarchiv keine Unterlagen zur Verfügung.«78 In bereits an das Bundesarchiv abgegebenen Akten der Behörde gibt es überhaupt keinen Hinweis auf den Dritten Weg.79 Nach nochmaliger Nachfrage erhielt ich am 8. Juli 2011 die Antwort: »[…] nach Ihrer erneuten Anfrage, die eine sowohl historisch interessante wie grundsätzlich bedeutsame Fragestellung verdeutlicht hat, wurde im Zentralarchiv des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) nochmals eine umfassende Recherche vorgenommen. Das Ergebnis ist in der Sache leider wiederum negativ […] Aus datenschutzrechtlichen Gründen ist die weitere Recherchemöglichkeit zu einer Einzelakte nach deren Löschung bzw. Vernichtung unzulässig, so dass auch keine Informationen mehr zum Datum der Vernichtung von Akten in der von Ihnen angefragten Thematik zu gewinnen sind.« Nach dieser erstaunlichen und überraschenden Auskunft – demnach müssten Akten wohl vernichtet sein – ist klar, dass die genaue Art der Finanzierung nicht mehr festzustellen ist. Auch im Landesamt für Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen gibt es nach Auskunft dieser Behörde keine Unterlagen zur Zeitschrift Der dritte Weg. Doch gerade Lippmanns und Scholmers Suche nach weiteren Finanzierungsmöglichkeiten lässt den Schluss zu, dass von mehreren Institutionen Unterstützung kam. Wie erwähnt, ist zeitweise von Gewerkschaftsseite, etwa von der IG Metall, für bestimmte Nummern Geld geflossen. Die Angaben Lippmanns über den DGB oder den Springer Konzern sind bereits thematisiert. Es gibt mehrere Hinweise darauf, dass zwecks Unterstützung versucht wurde, zu Kreisen der Bundeswehr Kontakt aufzunehmen. Bereits 1960 gab es Gespräche.80 Als es 1963 mit der Zeitschrift bergab ging, wollte Lippmann weitere Finanzquellen finden. Aus Stasi-Akten geht hervor, dass verschiedene Beziehungen geknüpft wurden. Der Agent Barthel hat im November 1963 berichtet, Lippmann bemühe sich, Geld von »der Abt. psychologische Kriegsführung [der Bundeswehr]« zu bekommen und habe darüber »mit dem Vorsitzenden des ›Kuratoriums unteilbares Deutschland‹ in Nordrhein-Westfalen, Blessing, gesprochen«.81 Doch wurden auch ganz andere Möglichkeiten getestet. In einem Stasi-Bericht vom 25. März 1964 hieß es, ein Interview mit dem FDP-Pressereferenten Wolfgang Schollwer (in Nr. 4/5 erschienen) sei der Versuch, »bei Minister Mende [FDP, 1963 bis 1966 Minister für gesamtdeutsche Fragen] eine evtl. Weiterfinanzierung« zu erhalten.82 Offensichtlich schlugen auch diese Bemühungen fehl, das Interview erschien erst in der letzten Nummer des Dritten Weges. 1963 gelang es Jo Scholmer, mithilfe des DGB Nordrhein-Westfalen den Neuen Deutschen Verlag (NDV) in Köln zu gründen. Dort erschien Anfang 1964 meine Streitschrift Ulbricht fälscht Geschichte mit einem Vorwort des DGB-Landesvorsitzenden Georg Neemann. Ebenfalls 1964 kam im NDV von Martin Jänicke das Buch Der dritte Weg heraus.83 Scholmers Hoffnungen auf einen Erfolg des Verlags zerschlugen sich rasch. Zwar wurde Ulbricht fälscht Geschichte noch im Dritten Weg besprochen (im November 1963 von Jo Scholmer ohne Namensangabe), ebenso Jänickes Band (in der letzten Nummer vom Mai 1964).84 Doch vom NDV konnte die Zeitschrift nicht herausgegeben werden – schon bald wurde der Verlag geschlossen. Die vergeblichen Anstrengungen, von allen möglichen Institutionen Geld zu bekommen, zeigen, dass die Behauptungen von »der« Finanzierung durch den Verfassungsschutz so nicht stimmen können. Da aber genaue Unterlagen über die Geldgeber nicht aufzufinden sind, bleibt das Thema Finanzierung des Dritten Weges weiterhin ein »weißer Fleck«. »Periodikum des Verfassungsschutzes«? Später wird in den wenigen Darstellungen zu der Der dritte Weg sowohl die Finanzierung als auch der Einfluss des Bundesamtes für Verfassungsschutz und insbesondere des damaligen Chefs der Abteilung »Linksradikalismus«, Günther Nollau, stark übertrieben beschrieben. Dieser hat in seinen Memoiren von 1978 sowohl die These von der Finanzierung als auch der Anleitung – ganz wie der Agent Gromnica unterstellte – selbst verbreitet. Bei Nollau hieß es: »Ich schrieb zwar keine Artikel, aber alle zwei Wochen hielten wir in einer Kölner Wohnung eine Redaktionssitzung ab, in der ich – als eine Art Chefredakteur – für die richtige Dosierung sorgte.«85 Folgende Behauptung ist in diesem Zusammenhang noch im Internet zu finden: »Der dritte Weg« sei ein »kleines, inoffizielles Periodikum des Bundesamtes für Verfassungsschutz« gewesen, »mit den Personen Günther Nollau und Heinz Lippmann auf[s] [E]ngste verbunden«.86 Diese Unterstellung geisterte sogar 2012 durch die Medien, als Honeckers Letzte Aufzeichnungen mit ausschweifenden Anmerkungen erschienen.87 1992 hatte Erich Honecker u. a. auf Heinz Lippmanns Honecker-Biografie von 1971 verwiesen. Eine Anmerkung befasst sich in diesem Zusammenhang vor allem mit der Zeitschrift Der dritte Weg. Dabei wird im Wesentlichen die Version von Wikipedia (ohne Quellenangabe) übernommen. Die Legende wird wiederholt, Lippmann habe »im Auftrag von Günther Nollau, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz […] mit dem Geld des Verfassungsschutzes ab 1957 [!] die gegen die DDR gerichtete Zeitschrift Der dritte Weg« herausgegeben.88 »Belegt« wird diese Unterstellung mit dem erwähnten Zitat Nollaus. Die Abhängigkeit des Dritten Weges von Nollau und damit die Vorstellung, das Blatt sei vom Verfassungsschutz gelenkt worden, habe ich mehrfach angezweifelt. Ich konnte stets darauf verweisen, dass weder an Wolfgang Leonhards noch an meinen Artikeln im Dritten Weg je etwas geändert wurde.89 Allerdings ist meine bisherige Meinung, »den Inhalt bestimmten stets Lippmann, Scholmer, Schröder, Zöger usw.« zu revidieren. Aufgrund von mir erst jetzt eingesehener Materialien,90 muss ich erkennen, dass Nollaus Einfluss größer war (zumindest am Anfang), als ich bisher wusste oder vermutete. Lippmann und Nollau hatten offenbar ein gutes Vertrauensverhältnis (dieser schrieb z. B. an Lippmann schon am 2. März 1957 »Werter Genosse« und mit »sozialistischem Gruß«), zwischen beiden bestand ein »direkter Draht«. Nollau war Beamter des Verfassungsschutzes, aber er war auch Historiker und Wissenschaftler. Bereits 1959 erschien sein anerkanntes Buch Die Internationale mit einer interessanten Einschätzung der Komintern. Fast 1000 Fußnoten belegten den Forschungsstand, auch Dokumente waren abgedruckt. Später war Nollau als Chef des Verfassungsschutzes u. a. mit Herbert Wehner verbunden. Als unabhängiger Kopf hatte er über Lippmann Einfluss auf den Dritten Weg. Wie weit er aber damals im Auftrag und mit Wissen der Spitze des Verfassungsschutzes wirkte oder eher halblegal das Blatt unterstützte, ist nicht mehr zu rekonstruieren. Dass alle Akten, selbst in Nollaus Nachlass, fehlen oder verschwunden sind, gibt ebenso zu denken wie der Hinweis in seinen Memoiren, falls »das Unternehmen einmal platzte«, habe er die Linie »vor der Dienstaufsichtsbehörde [welcher?] zu vertreten«. Auch wenn Nollau seine »Funktion« beim Dritten Weg übertrieben hat (in den Redaktionsprotokollen wird er z. B. nicht erwähnt; bei den wenigen Sitzungen, an denen ich teilnahm, war er nie anwesend), hatte er über seinen Vertrauensmann »Ferdi« Einfluss. Ferdinand Schuller, der im Kreis des Dritten Weges als »Vertreter des DGB« vorgestellt wurde, war in Wirklichkeit Angestellter des Bundesamtes für Verfassungsschutz.91 Dazu im Folgenden einige Belege für die Einwirkung Nollaus über »Ferdi« auf die Zeitschrift Der dritte Weg, wobei klar wird, dass diese über die Redakteure Lippmann, Scholmer und Zöger erfolgte. Am 21. August 1960 schrieb Zöger an Lippmann, er habe die »Artikel von Hermann W.[eber] und den Artikel von der Carola S.[tern] in die Druckerei gegeben«, ebenso »den Artikel von Rudi S.[chröder], der inzwischen eingetroffen ist«. Mit den erwähnten entsprechenden technischen Details zeigt dies den normalen Umgang in einer Redaktion. Von direkten Weisungen usw. ist nichts zu lesen. Doch am 8. September teilte Lippmann Zöger mit: »Ferdinand ist nicht in der Lage, diese Woche nach Kasbach zu kommen. Er bittet Dich, am Montag gegen 13 Uhr bei mir in der Wohnung zu sein, wir werden uns dann im Laufe des Nachmittags mit ihm treffen.« Es gab also zwischen den beiden Redakteuren und »Ferdinand« Absprachen »hinter den Kulissen«, die als »Weisungen« Nollaus gedeutet werden können. Schließlich informierte Lippmann kurze Zeit später Zöger von der »neuen Finanzplanung unserer Freunde«, nach der pro Nummer 450 D-Mark für Honorare zur Verfügung stünden. Mit der Umschreibung »Freunde« war offensichtlich Nollau gemeint. Am 20. Oktober 1960 hat Lippmann »das Gedächtnisprotokoll unseres Gespräches mit Ferdl« an Zöger geschickt. Offener hatte Lippmann bereits am 28. Dezember 1959 an Jo Scholmer geschrieben: »In Richtung unserer Zeitschrift habe ich einen Vorstoß gemacht. Ich lege Dir die Ausarbeitung bei, damit Du informiert bist. Ich brauche jedoch den Durchschlag sofort zurück. Günther N.[ollau] ist allerdings verreist und kommt erst um den 6. Jan. zurück. Vorher können wir die Dinge nicht klären.« Noch deutlicher [»Streng geheim.«] wurde Lippmann gegenüber Scholmer am 26. Oktober 1960: »In der Anlage sende ich Dir das Protokoll unserer Redaktionsbesprechung für die Oktober-Nummer. Gleichzeitig möchte ich Dich an Deinen Abschnitt für die SPD-Analyse erinnern. Bei dem Gespräch mit Ferdinand wurde die Disposition vollinhaltlich bestätigt.« Die wenigen bei mir vorhandenen Materialien von 1961 sind Belege für die Art des Einflusses. Lippmann schrieb am 4. Januar 1961 z. B. an Zöger: »Der Artikel von Walter [Barthel] wurde von ihm nach Rücksprache mit Pit [Gromnica] geschrieben, nachdem dieser sich bei Ferdinand einen Auftrag dazu geholt hatte.« Hier werden nicht nur die Details der Einwirkung von Ferdinand (also Nollau) deutlich, sondern auch die Verquickung der beiden Stasi-Agenten mit dem Verfassungsschutz. Allerdings gab es zu bestimmten Fragen unterschiedliche Positionen von Scholmer, Lippmann und Zöger. So beschwerte sich Lippmann etwa bei Zöger am 2. Januar 1961 über einen Artikel von Jo über die SPD, der ihm zu positiv war und meinte, je »nach dem Ausgang der Besprechung mit Ferdinand heute Abend werde ich die Artikel in die Setzerei bringen«. Und am 13. Januar war Ferdinands Rolle noch klarer, als Lippmann an Zöger formulierte: »Ich war wie vereinbart bei Ferdinand und habe beide Artikel mit ihm nochmals durchgesprochen«, sie hätten sich »sehr sachlich schnell geeinigt«. Diese Artikel stammten aber von Zöger und Scholmer, den beiden anderen der »Troika«. »Die Änderungen an Jos Artikel sind minimal, wie Du sehen wirst.« Hingegen gab es Einwände zu Zögers Beitrag. Ich »habe mich mit Ferdinand ziemlich schnell darüber geeinigt […]« Alle Markierungen im Artikel »mit Bleistift« seien von Ferdinand. Und weiter hieß es, »ich hoffe, das findet Deine Zustimmung«, Ferdinand sei auch »mit unserem neuen Untertitel ›Diskussionsforum für modernen Sozialismus‹« einverstanden (bis Ende 1960: »Zeitschrift für modernen Sozialismus«). Solche Briefe zeigen, dass im engsten Kreis über Texte kontrovers diskutiert wurde. Ferdinand musste (im Namen Nollaus) noch debattieren, konnte nicht einfach »Anordnungen« geben. Aus einem Brief Lippmanns an Zöger vom 15. März 1961 geht andererseits die Abhängigkeit hervor: Es heißt darin, Zöger könne »den Artikel von Krippendorf« in der März-Nummer aufnehmen, denn er sei »bereits von Ferdinand genehmigt«. Die Redaktionssitzungen waren meist durch die Verhandlungen der drei entscheidenden Personen Lippmann, Zöger und Scholmer vorstrukturiert, was nicht immer reibungslos klappte. Beispielsweise hat Lippmann am 19. Oktober 1961 Jo Scholmer zu einer Aussprache über die Zeitschrift eingeladen. Dazu sollten sich »Dr. N.[ollau], Heinz Z.[öger] und Ferdinand« bei Lippmann treffen. Offenbar konnte Jo nicht kommen, denn im Protokoll der folgenden Redaktionssitzung vom 6. November ist notiert: »Zu Beginn der Besprechung wurde Jo Sch. informiert, welche Entscheidungen im Bezug auf die Weiterführung der Zeitschrift bisher getroffen wurden.« Damit war klar, dass die Linie des Blattes verändert wurde – und zwar bei der Besprechung der zwei Redakteure Lippmann und Zöger mit Nollau und Ferdinand Schuller. Inzwischen war die Mauer in Berlin gebaut, der XXII. Parteitag der KPdSU 1961 hatte die Verdammung Stalins von 1956 verschärft. Der Mitarbeiter Gromnica hatte sich mit seiner Rückberufung durch die Stasi als deren Agent enttarnt. Dessen erste öffentliche »Enthüllungen« zum Dritten Weg brachte Neues Deutschland am 24. November.92 Doch die Besprechungen im Oktober/November in Köln betrafen andere Probleme. Offensichtlich sollte die »neue Linie« eine stärkere Distanzierung zur SPD bringen, denn Scholmer gab laut Protokoll vom 6. November zu bedenken, »dass evtl. kritische Betrachtungen der SPD-Politik in der Zeitschrift nur dann mit seiner Zustimmung vorgenommen werden könnten, wenn vorher mit St. T[homas] und H. W.[ehner] dies abgesprochen würde, sonst müsse er sich, Jo. Sch., von der Zeitschrift distanzieren«. An dieser Redaktionsbesprechung nahmen nur Zöger, Scholmer und Lippmann teil. Diese »Hauptherausgeber« besaßen also die Möglichkeit, ihre Ideen durchzubringen. Somit ist die Abhängigkeit der Zeitschrift von Nollau und seinem Adlatus Schuller durchaus zu relativieren. Die Diskussionen ebenso wie die Finanzierung waren ohnehin nur diesem engen Zirkel bekannt. Leonhard, Hertwig, Schröder, Stern oder ich, die vom MfS ständig als »Zentrale« angeführt wurden, waren nicht involviert. Die fundierte Kritik am Stalinismus und der SED war wohl allen das Wichtigste; dass der Kapitalismus dabei zu wenig kritisch beleuchtet wurde, spielte keine große Rolle. Allerdings sahen die Eingeweihten, insbesondere auch Lippmann, die Abhängigkeit selbst kritisch. Seine Suche nach neuen Möglichkeiten zeigt ein Brief Lippmanns an mich vom 3. Mai 1961. Darin informierte er mich über ein Gespräch mit Hans Wecker über dessen Zeitschrift Neue Sozialistische Hefte. Der ehemalige KPD-Abgeordnete93 hatte mit dem Geld der Wiedergutmachung für seine NS-Verfolgung einen Verlag für eine Zeitschrift gegründet, die sich inhaltlich gegen SED und SPD richtete. 1961 gab Wecker die Neuen Sozialistischen Hefte heraus. Davon lagen zwei Ausgaben vor, fast alle Artikel stammten von Wecker selbst. Dieser hatte im Gespräch mit Lippmann einer völligen Umstellung zugestimmt, Lippmann wollte dafür Autoren wie »Carola Stern, Krippendorff gewinnen«, auch ich sollte einen Artikel schreiben. »Wenn die Nummer vorliegt, werden wir versuchen, mit der IG Metall ins Geschäft zu kommen.« Bemerkenswert sein Satz, wenn sich die Zeitschrift vielleicht dann selbst trage, sie »endlich jenes unabhängige Organ für uns wäre, das wir uns schon so lange wünschen«. Ein Versuch also, sich aus der Abhängigkeit, in die er mit dem Dritten Weg gekommen war, zu lösen. Zwar erschienen in der dritten Ausgabe von Weckers Zeitschrift ein Artikel von Krippendorff und einer von mir,94 ansonsten schrieb Wecker wie vorher alle übrigen Beiträge selbst. Der Plan war missglückt. Auch Heinz Lippmann schränkte seine Aktivitäten für Der dritte Weg 1962 ein. Darüber schrieb er am 8. Dezember 1962 an Rudi Schröder, er habe sich »in den letzten neun Monaten kaum um die Zeitschrift kümmern« können. Und er klagte: »Wir schmoren jetzt so ziemlich im eigenen Saft«, denn »selbst unsere alten bewährten Stammautoren werden kaum noch herangezogen«. Das wollte er ändern. Der dritte Weg bestand weiter, er vertrat mit verschiedenen Nuancen bis 1964 die Position eines »dritten Weges«, mit scharfer Kritik an der SED, ihrer Politik, ihren Geschichtsfälschungen, mit einer Gegenüberstellung der Ideen von Marx und der SED-Diktatur. Zudem gab es Hinweise auf andere Tendenzen, etwa in Jugoslawien oder in Sozialstaaten wie Schweden. Behandelt wurden Probleme der SPD und linker Gruppen, aber auch Kritik an der Bundesrepublik und dem Kapitalismus wurde geübt. Wie weit die Zeitschrift insbesondere nach 1961 von Nollau (Verfassungsschutz) abhängig war, ist wegen der fehlenden Unterlagen nicht mehr zu rekonstruieren.95 Wie groß der Einfluss auf das Blatt auch gewesen sein mag, an der Grundlinie eines »dritten Weges« gegen Stalinismus und Kapitalismus änderte sich nichts. Insofern ist die Behauptung vom »Periodikum des Verfassungsschutzes« völlig falsch. Es war eine Plattform kritischer Sozialisten, die einen »dritten Weg« vertraten. Selbst wenn Der dritte Weg ohne die Finanzhilfe Nollaus (und des Verfassungsschutzes?) kaum existieren konnte, so waren Nollaus »Verbindungsleute« Lippmann, Scholmer und Zöger bewährte Sozialisten und Antistalinisten und nicht manipulierbar. Erst recht waren die zahlreichen Autoren, die von Abhängigkeiten keine Ahnung hatten, Anhänger des Sozialismus eines »dritten Weges«, andere Einschätzungen bleiben Legende oder Spekulation. Das Ende des Dritten Weges Schien es, als werde und könne Der dritte Weg durch die Gründung des Neuen Deutschen Verlages 1963/64 auf eine neue Grundlage gestellt und konsolidiert werden, so zerbrach diese Hoffnung mit dem Scheitern des Verlags. 1963 erschienen zwei Doppelnummern und nur acht normale Ausgaben. Da Heinz Zöger eine Stelle beim WDR angenommen hatte, schied er aus der Redaktion aus (offiziell stand sein Name noch bis Herbst 1963 im Impressum). Auch ich stellte meine Mitarbeit ab März 1963 ein.96 Der MfS-Informant Barthel gewann an Einfluss. Die Zeitschrift konnte sich 1963/64 allerdings noch auf gute Artikel von Wolfgang Leonhard, Manfred Hertwig97 und weiterhin von Jo Scholmer stützen. Die beiden letzen Jahrgänge standen nicht nur im Schatten der »Geldsuche«, sogar Lippmanns Aktivität ließ nach. Und 1964 gab es lediglich noch eine reguläre Nummer und zwei Doppelnummern. Darin wurden neben Aufsätzen zur FDP, der sowjetisch-chinesische Konflikt, die Opposition von Robert Havemann sowie zur westdeutschen KPD behandelt. Im Mittelpunkt standen weiter die Enthüllungen über die SED. Eine Artikelreihe zeigte die Legende vom »Arbeiterstaat« anhand von Vergleichen im »sozioökonomischen Wettbewerb« in Deutschland: »Die ›Schere‹ zwischen dem sozialwirtschaftlichen Standard der Arbeiter hüben und drüben wird nicht kleiner, sie hat sich vor der Mauer vergrößert und sie vergrößert sich seit der Mauer besonders schnell.« Der Westen wurde kritisch beschrieben. Bereits im November 1963 war der Mord an Kennedy als »ein Sieg der Reaktionäre« charakterisiert worden. In der letzten Nummer 4/5 vom April/Mai 1964 erschien noch eine Abrechnung mit der »westdeutschen Bourgeoisie« und deren Ausnutzung des Ulbricht-Regimes gegen alle sozialistischen Tendenzen: »Zwischen Stalinisten und Karolingern« von Jo Scholmer (F. Auler). Es hieß, die »westdeutsche Bourgeoisie« fürchte die Entstalinisierung, denn eine »demokratisierte DDR« würde für »breite Schichten […] attraktiv«. Darin sähe die westdeutsche Bourgeoisie die Hauptgefahr. »Aus diesem Grunde fürchten die westdeutschen Zentralen des Kalten Krieges die Demokratisierung der DDR in der weiteren Perspektive mehr als Ulbricht. Aus dem gleichen Grunde ist auch seitens der Bundesregierung bisher keine Politik betrieben worden, die geeignet gewesen wäre, die Anti-Ulbricht-Opposition zu stärken und politisch ins Spiel zu bringen. Vielmehr gehen die Interessen der westdeutschen Reaktionäre mit denen der Ulbricht-Gruppe völlig konform.« Solche scharfen Angriffe entsprachen ebenso den Ideen des »Dritten Weges« wie der erbitterte Kampf gegen Stalinismus und SED-Diktatur. Kritik am Kapitalismus war auch früher immer wieder veröffentlicht worden. Bereits im November 1959 hatte Scholmer in einer Auseinandersetzung mit der Zeitung Die Welt den Klassencharakter sowohl des Stalinismus wie den des Westens benannt und geschrieben, beide »herrschenden Klassen« seien bestrebt, »den Stalinismus als gesellschaftliches System zu erhalten«. Im März 1960 hatte Schröder festgestellt, die Bourgeoisie ziehe gegenüber dem nationalen Auftrag »ihr Klasseninteresse vor«. Sein Artikel der Abrechnung mit Franco erschien freilich nur »zur Diskussion«. Und im Januar 1962 enthüllte Scholmer dann wieder »Das Zusammenspiel zwischen Stalinismus und Reaktion«. Doch die Angriffe gegen den Stalinismus prägten den Dritten Weg, Artikel gegen den Kapitalismus gab es eher sporadisch. Das Blatt verstand seine Aufgabe vor allem als antistalinistisches Sprachrohr für die DDR-Opposition. Dass Scholmer nun in der letzten Nummer nochmals die Position der Zeitschrift gegen den Kapitalismus so explizit herausstellte, sollte den politischen Standpunkt deutlich machen. Außerdem haben in der Ausgabe vom April/Mai 1964 auch andere Aufsätze die Bandbreite des Blattes belegt. Mit Hertwigs Artikel »Ein Beispiel für Deutschland: Demokratischer Sozialismus in Schweden«, einem Beitrag von Erich Fried über die Rolle Prags und Hinweise auf Martin Jänickes Buch Der dritte Weg wurde in der letzten Ausgabe die politische Intention der Zeitschrift deutlich. Vor allem ein Abdruck aus Havemanns Vorlesungen bewies die Ziele des Dritten Weges: Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Diese letzte Nummer (ohne jeden Hinweis auf das Ende des Blattes) wirkte wie ein Abgesang auf die Zeitschrift Der dritte Weg. Vor allem aber war sie ein Signal weiterer Perspektiven für einen Kampf gegen Stalinismus und Kapitalismus. Die Zeitschrift und ihre Wirkung Die Bedeutung und insbesondere die Wirkung der Zeitschrift Der dritte Weg sind schwer einzuschätzen. Ihr Echo in der Öffentlichkeit war gering. In der DDR wurde Der dritte Weg (bis auf die »Enthüllungen« des MfS-Agenten Gromnica in Neues Deutschland oder Berliner Zeitung Ende 1961) völlig totgeschwiegen. Auch in der Bundesrepublik blieb das Blatt außer dem Bericht im Spiegel vom September 1959 und dem (schwachen) Widerhall auf die Ergüsse Gromnicas weitgehend unbekannt; von Kommunisten ist die Zeitschrift nur vom KPD-Vorsitzenden Max Reimann einmal öffentlich angegriffen worden. Selbst die Leserbriefe vermitteln nur Ausschnitte vom möglichen Widerhall der Zeitschrift. Aus dem vorhandenen Bestand dieser Briefe98 geht hervor, dass Post von etwa 85 Personen einging. Eine ganze Reihe von Lesern schrieb mehrmals; es kam zu regelrechten Briefwechseln mit Schröder, Lippmann (Berger) und Zöger. Die meisten Briefschreiber erklärten, dass sie mit dem Dritten Weg grundsätzlich übereinstimmten. Obwohl 80 Prozent der Auflage des Blattes in die DDR gingen, war das Echo aus dem Westen größer. Vom Ausland kamen Briefe aus den USA, England, Finnland und Österreich, darunter auch von ähnlich politisch eingestellten Klein-Organisationen. Außer mit dem Spiegel gab es eine kurze Korrespondenz mit dem RIAS. Im Oktober 1959 teilte ein Redakteur des Spiegel mit, dass »eine Reihe von Spiegel-Lesern aufgrund des Artikels nach ihrer Anschrift« fragten und »wir haben sie ihnen gegeben«. Einige Briefschreiber bezogen sich sogar auf den Spiegel-Artikel und die von dort erhaltene Adresse. Post kam auch von einer fast unbekannten Gruppe »Freie Sozialisten der DDR, Exilbüro Mainz«, sie sandte 1962 »beste Wünsche«. Die Personen, die aus der Bundesrepublik und vor allem aus West-Berlin schrieben, waren Flüchtlinge aus der DDR, die zum Teil als Stasi-Opfer in DDR-Haft gewesen waren. Aber selbst KP-Anhänger meldeten sich zu Wort. Da gab es Schmähungen, z. B. schrieb K.-H. aus Hamburg, dass er 1961 »keine Zusendung mehr« wolle, da der »dritte Weg« »kein moderner Sozialismus«, sondern »einfach Quark« sei. Ein H. K. aus Marienberg meinte 1959 gar, »Dritter Weg = Dritter Weltkrieg«. Das waren Ausnahmen, die meisten baten um weitere Belieferung.99 Bemerkenswert war die Post aus der DDR und Ost-Berlin. So ging etwa eine Studentin der Humboldt-Universität ausführlich auf politische und philosophische Fragen ein. Aus Ost-Berlin schrieb 1962 K.-G. mehrfach. Er sah im Dritten Weg eine »Bestätigung seiner eigenen Gedanken, über die man hier leider nicht diskutieren darf«. Später hielt er fest, dass er »Komplikationen« befürchte und bat, ihm die Zeitschrift an eine West-Berliner Adresse zu schicken. 1959 schlug eine Leserin aus Berlin-Pankow vor, auch Reportagen zu bringen und wünschte noch »viel Erfolg«. Berichte vom eigenen Schicksal zeigten die Probleme politischer Gegner der SED-Diktatur, die Linke waren. Darüber schrieb E. W., eine ehemalige »Volksrichterin« in der DDR, die 1958 mit ihrem Mann, einem Rechtsanwalt, in den Westen geflohen war. Am interessantesten war ein Brief vom Juli 1960 von einer »kleinen Gruppe junger Genossen aus Leipzig […] für mehrere Anhänger des 3. Weges«, die »in den Grundfragen mit Euch übereinstimmen«. Sie übten aber auch »Kritik von links«. Fast gleichlautend war ein Schreiben vom August 1960 aus Ost-Berlin von P. Gruber, der die Zeitschrift immer »mit Spannung« erwartete. Er kannte noch »die Zeit der Weimarer Republik und des Naziregimes […] und muß hier Ulbrichts sogenannten Sozialismus tagtäglich erleben. Mit solchen Erfahrungen weiß man, daß wirklich nur ein dritter Weg unser Ausweg sein kann«. Allerdings kritisierte er, dass die Zeitschrift »auf eine sozialdemokratische Position abgleitet«. Diese wenigen Ausschnitte aus dem Aktenordner »Leserbriefe« sollen genügen. Die Mitteilungen sind aufschlussreich, weil sie die Isolierung von Anhängern des »dritten Weges« nicht nur im Westen, sondern vor allem im Osten zeigen. Damit blieb die Zeitschrift fast ohne Echo, ihre aktuelle Wirkung nur minimal. Das Ziel, viele nachdenkliche kommunistische Funktionäre aufzuklären oder gar für die Idee einer Alternative zum Stalinismus und Kapitalismus zu aktivieren, blieb schon wegen der geringen Anzahl – nur einige hundert – der Zeitschriften-Exemplare, die in die DDR gelangten, Utopie. Die einzige Institution, die vom Dritten Weg gründlich durcheinander gebracht wurde, war das MfS. Dabei überschätzte die Stasi das »Organ« weniger Personen. Sie war vor allem beunruhigt, weil nur eine Minderheit der Funktionäre, die den Dritten Weg erhielten, ihn »ordnungsgemäß ablieferte«. Eine möglichst genaue Überwachung der Zeitschrift, ihrer Mitarbeiter und vor allem die Verbreitung in der DDR war für das MfS ein wichtiges Ziel, die Unterwanderung und Information durch ihre Agenten bildeten daher einen Schwerpunkt. Dennoch gelang es, die Ideen eines »dritten Weges« anstelle von Stalinismus und Kapitalismus über fünf Jahre hinweg in kleinen Kreisen zu verbreiten und Diskussionen anzuregen. Insofern waren in jener Zeit die politischen Bemühungen um die Zeitschrift Der dritte Weg von 1959 bis 1964 nicht ganz vergeblich. Einerseits verbreitete sie vom linken Standpunkt aus Vorstellungen gegen Stalinismus in der DDR und andererseits gegen die Restauration in der Bundesrepublik und lieferte Argumente zum Nachdenken. Für die Betrachtung der deutschen Geschichte Anfang der Sechzigerjahre sind die Ideen eines »dritten Weges« zumindest eine bemerkenswerte Position, die Zeitschrift Der dritte Weg eine interessante Quelle. 1 Siehe dazu den Überblick und die Literaturhinweise bei Alexander Gallus/Eckhard Jesse: Was sind Dritte Wege? Eine vergleichende Bestandsaufnahme, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (im Folgenden: APuZ), B 16–17 vom 13. April 2001, S. 6 ff. Siehe auch die übrigen Aufsätze dieser Beilage. 2 Siehe Thomas Meyer u. a. (Hg.): Lexikon des Sozialismus, Köln 1986, S. 137 ff. Vom Verfasser Heinz Timmermann wird allerdings die hier im Mittelpunkt stehende Zeitschrift »Der dritte Weg« nicht genannt. 3 Das galt zunächst vor allem für die Kommunistische Arbeiterpartei (KAP), die 1920 und 1921 noch Masseneinfluss hatte, bevor sie eine politische Sekte wurde. Siehe dazu Hans Manfred Bock: Syndikalismus und Linkskommunismus von 1918 bis 1923, Meisenheim am Glan 1969; ders.: Geschichte des »linken Radikalismus« in Deutschland. Ein Versuch, Frankfurt a. M. 1976. 4 Siehe dazu auch Hermann Weber: Neues Interesse an alten Ideen von Häretikern?, in: Ulrich Mählert (Hg.) u. a.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (im Folgenden: JHK) 2012, Berlin 2012, S. 357–379. 5 Siehe Hermann Weber: Opposition eines »dritten Weges«, in: Mitteilungen der Gemeinsamen Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen, Bd. 3, München 2008, S. 261 ff. Ob und wie weit die Vorstellungen eines »dritten Weges« in der Friedlichen Revolution in der DDR Bedeutung hatten, ist in der Forschung umstritten. Auffallend ist, dass hier die historische Dimension, der Blick auf die Fünfziger- und Sechzigerjahre, überhaupt nicht einbezogen wird. Siehe z. B. Martin Sabrow: Der vergessene »Dritte Weg« sowie Rainer Land: Eine demokratische DDR?, beide in: APuZ (11. März 2010), H. 11, S. 6 ff. bzw. 13 ff. 6 Siehe Hermann Weber: Die SED und der Titoismus. Wolfgang Leonhard zum 90. Geburtstag, in: Deutschland Archiv, 44 (2011), H. 2, S. 246 ff. bzw. in der Onlineausgabe vom 14. April 2011, http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/54018/sed-und-titoismus, ges. am 23. Juli 2012. 7 Hinzuweisen ist auf eine unabhängige linke Gruppe, die von Ende 1949 bis Ende 1954 eine Zeitschrift unter dem Titel »pro und contra. Weder Ost noch West – eine ungeteilte sozialistische Welt« herausgab. Siehe Michael Kubina: Von Utopie, Widerstand und Kaltem Krieg. Das unzeitgemäße Leben des Berliner Rätekommunisten Alfred Weiland (1906–1978), Münster 2001, S. 336 ff. 8 Siehe Verbandskonferenz: Weder Ost noch West! Für eine ungeteilte sozialistische Welt. Schlagzeile der Titelseite in »junge gemeinschaft«, 9 (Juli 1957), H. 7. 9 Siehe dazu die Dokumentation des MfS in: Ilko-Sascha Kowalczuk: Frost nach dem kurzen Tauwetter, in: Hermann Weber u. a. (Hg.): JHK 1997, Berlin 1997, S. 167–215. 10 Die Rolle und Entwicklung der Opposition des »dritten Weges« in der DDR sind bereits 1964 beschrieben worden. Martin Jänicke: Der dritte Weg. Antistalinistische Opposition gegen Ulbricht seit 1953, Köln 1964. Da Jänicke nur über Dritte-Weg-Gruppen in der DDR berichtete, kommt in seinem Buch die westliche Zeitschrift »Der dritte Weg« nicht vor. 11 Zur Zeitschrift »Der dritte Weg« liegt bis heute kaum wissenschaftliche Literatur vor. Die Rolle Heinz Lippmanns in diesem Blatt wird von Michael Herms jedoch genauer untersucht. Siehe Michael Herms: Heinz Lippmann. Porträt eines Nachfolgers. Mit einem Vorwort von Hermann Weber, Berlin 1996. Durch die Auswertung von Akten des MfS bei der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU) und der SED bei der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO) hat Herms viel Material über das Blatt zusammengetragen (S. 210–267). Auf seine Arbeit sowie mein dortiges Vorwort wird hier zurückgegriffen. Fehlerhafte Darlegungen etwa in Nollaus Erinnerungen oder in der Online-Enzyklopädie Wikipedia (siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Der_dritte_Weg_(Zeitschrift), ges. am 23. Juli 2012) werden an entsprechender Stelle behandelt. Das gilt auch für die Problematik fehlender Quellen, z. B. beim Verfassungsschutz. 12 Siehe Joseph Scholmer: Fall 6, in: Horst Krüger (Hg.): Das Ende einer Utopie, Olten 1963, S. 135 ff. Siehe Ursula Rumin/Joseph Scholmer: Freche Jungs und Böse Buben. Jugendjahre am Rhein, Gründau-Rothenbergen 2010. Siehe auch Hermann und Gerda Weber: Leben nach dem »Prinzip links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, Berlin 2006, S. 138 ff. Von den meisten hier genannten Personen, finden sich Biografien in Helmut Müller-Enbergs u. a. (Hg.): Wer war wer in der DDR?, 5. erweiterte und aktualisierte Neuausgabe, Berlin 2010. 13 Siehe Joseph Scholmer: Die Toten kehren zurück. Bericht eines Arztes aus Workuta, Köln/Berlin 1954, ab 1963 mehrere Taschenbuchausgaben: Arzt in Workuta. Bericht aus einem sowjetischen Straflager. 14 Siehe Herms: Lippmann (Anm. 11). 15 Siehe Weber: Titoismus (Anm. 6). 16 Er half sofort mit einer Spende, als ich ihm am 18. Juni 1956 schrieb: »… In der Stuttg. Ztg. erschien der Wortlaut der Geheimrede Chruschtschows. Als Nr. 2 des Mat. will ich diese mit nur zwei Seiten abgezogener Beilage verschicken. Das würde sicher einschlagen. Nun kostet aber jede Nr. der Zeitung 30 Pf., d. h. bei mindestens 200 Exempl. 60,-, was unser kleiner Kreis neben dem Porto nicht aufbringen kann. Könntest Du in diesem Sonderfall mit 50,- einspringen?« 17 Siehe Weber: links (Anm. 12), S. 134 f. sowie Hermann Weber/Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, 2. überarbeitete und stark erweiterte Auflage, Berlin 2008, S. 985 f. 18 Interessanterweise sind auch im Parteiarchiv der SED bzw. KPD keine Hinweise zu finden. Ich danke Dr. Horn von SAPMO, der Andreas Herbst (der wie immer half) und mir mitteilte, weder in den Sammlungen KPD, SED-Westbüro, Arbeitsbüro noch in der Flugblattsammlung oder den Nachlässen Ulbricht bzw. Büro Verner, Ulbricht usw. seien Hinweise auf »Der Neue Kurs« zu finden. Ebenso fanden sich bei den Akten des MfS keine Unterlagen. Für Recherchen danke ich dem Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Roland Jahn und Frau Wenzel von der BStU. 19 Das geht alles aus dem Briefwechsel zwischen Ilse Spittmann, Heinz Lippmann und mir zwischen Juni und August 1956 in meinem Archiv hervor. Dort befinden sich auch im Folgenden zitierte Briefe. 20 Siehe Michael Benz: Der unbequeme Streiter Fritz Lamm. Jude, Linkssozialist, Emigrant 1911–1977. Eine politische Biographie, Essen 2007. 21 Siehe Leo Bauer: »Die Partei hat immer recht.«, in: APuZ, B-27/56 vom 9. Juli 1956. Siehe auch ders.: Fall 3, in: Krüger: Das Ende (Anm. 12), S. 71 ff. sowie Müller-Enbergs (Hg.): Wer (Anm. 12), S. 72 f. 22 Siehe Weber: links (Anm. 12), S. 135 f. 23 Ich besitze kein Exemplar, Ilse Spittmann hat vom ganzen Vorgang keine Unterlagen mehr, in Archiven finden sich, wie gesagt, überhaupt keine Hinweise. Selbst im Archiv des Ostbüros der SPD gibt es nur ein Exemplar der ersten Ausgabe (ich danke Herrn Hans Peter Schulz für die Auskunft). Allerdings hatte das Ostbüro mir schon am 8. August 1956 geschrieben, sie hätten kein Exemplar der zweiten Ausgabe mehr. Es ist davon auszugehen, dass die dritte nicht mehr erschienen ist. 24 Siehe Weber: links (Anm. 12), S. 164 ff. 25 Pertinax war das Pseudonym für Heinz Lippmann, Jo Scholmer und Jürgen Rühle. Zur Entstehung und zur Ausgabe siehe die Einzelheiten in Weber: links (Anm. 12), S. 164 ff. 26 Siehe unten, Anm. 85 und 86. 27 Siehe Weber: links (Anm. 12), S. 169 ff., 239 ff. 28 Siehe ebd., S. 194. 29 Siehe Der Dritte Weg, in: Der Spiegel, Nr. 38, vom 16. September 1959, S. 36 ff. 30 Siehe ebd., S. 37. 31 Siehe Hermann Weber: Zum Verhältnis von Politik, Ideologie, Strukturen und Kadern in der kommunistischen Bewegung, in: Ulrich Mählert u. a. (Hg.): JHK 2010, Berlin 2010, S. 339–361, hier S. 357. 32 Siehe auch BStU, Zentralarchiv MfS, 9744/65 Bd. II, S. 000028 sowie ebd., 11718/63 bzw. 1-587/85 (»Karow«), S. 000155. 33 MfS, 10996/66 Bd. 2 (IM Barthel), S. 00002. 34 Ebd. (Anm. 33), S. 00091 (»Meine Mitarbeit/Zusammenarbeit mit der Redaktion ›Der dritte Weg‹«). 35 MfS, A-5885, Bd. IV (»Karow«), S. 000070. Siehe auch MfS, 15/49116/62, Bd. 1, S. 000016; MfS, 10603/60 (»Karow«), MfS Sammelakte (Jo Scholmer) 1235/67, S. 0000112. 36 Siehe Weber: links (Anm. 12), S. 211. Zu Zöger siehe auch Carola Stern: In Netzen der Erinnerung. Lebensgeschichte zweier Menschen, Hamburg 1986, S. 8 ff.; dies.: Doppelleben, Köln 2001, S. 77 ff. Siehe auch Müller-Enbergs (Hg.): Wer (Anm. 12), S. 1480. 37 Carola Stern schreibt in ihren Erinnerungsbänden, die den Kasbacher Kreis nur sehr abwertend erwähnen, sie sei erstmals »Pfingsten« dort gewesen. Das kann nicht stimmen, Pfingsten war Anfang Juni, die Tagung bereits im März. Der nächste Artikel von ihr erschien in »Der dritte Weg«, Nr. 7, Juli 1960 (Angelika Kauffmann), aber ihre Mitarbeit wird in den Erinnerungsbänden nicht genannt. 38 Siehe Arbeit und Leben, Arbeitsgemeinschaft DGB-VHS, Nr. 1/1961: Hermann Weber: Die Bedeutung des Marxismus in der Ost-West-Auseinandersetzung sowie Nr. 1/1962: Heinz Zöger: Revisionismus hinter dem Eisernen Vorhang. 39 Max Reimann: Zwei Wege – Krieg oder Koexistenz, in »Wissen und Tat«, 15 (1960), H. 8. 40 Zu Gromnica siehe Weber: links (Anm. 12), S. 212 ff. 41 Bereits in der Dezember-Nummer 1960 erschien ein Bericht »unseres Korrespondenten E. Krippendorf« aus den USA über die dortigen Wahlen. 42 Die Ausführungen des MfS-Agenten in Neues Deutschland vom 24. November 1961 standen dann unter der Überschrift »Wehner mit Gehlen im Komplott«. 43 Berliner Zeitung vom 21., 24. und 28. Dezember 1961. 44 Siehe ebd. vom 28. Dezember 1961. 45 Doch in der DDR war dann der »Oberleutnant« des MfS weiter als Spitzel tätig, auch darüber gibt es zahlreiche Akten (siehe z. B. MfS, 11718/63 (handschriftlich geändert: A-587/85/Bd. 7)). 46 MfS, Objekt-Vorgang »Verkäufer«, Zentralarchiv 80/75/70, S. 000192 bzw. 000235. 47 Zu Heilmann siehe Weber: links (Anm. 12), S. 220 ff. 48 MfS, Operativ-Vorgang »Verkäufer«, 8075/70, Bd. IV, S. 000176 f. 49 MfS, »Verkäufer«, ebd. S. 000178. 50 Siehe MfS, »Verkäufer«, ebd. S. 000187. 51 Zu seiner Person siehe Weber: links (Anm. 12), S. 215 ff. 52 Siehe MfS, 10603-60 bzw. 1969/57, GM »Heinz Karow«, Bd. IV. 53 Siehe MfS, »Karow«, ebd. 54 MfS, Operativ-Vorgang »Verkäufer« (3. Weg), 9744/65, Bd. 2 sowie 8075/70, Bd. 4, S. 000213 ff. 55 Siehe MfS, Allg. S. 1003/67, Bd. 5, 000135 ff. 56 MfS, Zentralarchiv. Allg. S. 1003/67, Bd. 5. 57 Siehe auch Weber: links (Anm. 12), S. 203 f. 58 Siehe MfS, Arbeitsvorgang A – 1587/85 (11718/03), Bd. IV »Heinz Karow«, S. 000123 ff. 59 Siehe Weber: links (Anm. 12), S. 207 f. 60 Meine Kopie der BStU ist durch die Schwärzung sämtlicher Namen (das gilt selbst für Lippmann oder meine Person!) nicht aussagekräftig. 61 Siehe MfS, Teil-Vorg. 3. 70071/60, Teil-Vorg. 3, Bd. 1, S. 000068 ff. Dass. Teil-Vorg. 4, S. 609022 und 609023 ff. 62 Siehe z. B. MfS, 7071/60, Teil-Vorg. 1, 2381/62, S. 000009 oder MfS, 2381/62 Tl. 2, S. 000005 ff. Im Juli 1960 meldete der MfS-Agent Barthel, Lippmann habe Gromnica (ebenfalls MfS-Agent) den »Versand der Zeitschrift in die DDR übertragen« (MfS, 10996, Bd. 2, S. 000208). 63 Siehe die Hinweise in Hermann Weber: Damals, als ich Wunderlich hieß, Berlin 2002, S. 311 f. 64 Siehe dazu das Kapitel »Erich Mielke verweigert Auskunft an Hermann Matern«, in: Weber: links (Anm. 12), S. 210 ff. 65 Die DDR im Blick der Stasi 1961. Die geheimen Berichte an die SED-Führung. Bearb. von Daniela Münkel. Göttingen 2011 (Dok. vom 21. Juni 1961 auf der beiliegenden CD-ROM). 66 Zu den Personen siehe Weber: links (Anm. 12), S. 204 ff. sowie Müller-Enbergs (Hg.): Wer (Anm. 12). Fritz Schenk (1930–2006), Büroleiter Bruno Leuschners, war 1957 geflüchtet, später beim ZDF aktiv, hat nur wenige Artikel für »Der dritte Weg« verfasst, aber mehrere Bücher, auch Memoiren. In einem anderen MfS-Bericht (MfS, 9744/65, Bd. 1, S. 000038) wurden für eine Redaktionssitzung Mitte Juli 1961 angeführt »Lippmann, Zehm, Zöger, Scholmer, Salter, Barthel, Carola Stern, Leonhard«. In einem Bericht Barthels vom August 1961 werden die gleichen Teilnehmer genannt (MfS 8075/75, S. 0000099). In einem MfS-Bericht vom 22. September 1960 wurden als »Mitarbeiter« der »zersetzenden« Zeitschrift aufgeführt: »Zöger, Schölmerich, Hertwig, Lippmann, Stern, Barthel [also der eigene Agent], Weber und Zwerenz«. Siehe MfS, 1269/57, Bd. V, S. 000062. 67 Die DDR im Blick der Stasi 1961 (Anm. 65). 68 Siehe über ihn auch Hermann Weber: Aus Spitzeln und Spionen wurden »Kundschafter des Friedens«, in: Tilman P. Fichter/Siegward Lönnendonker: Dutschkes Deutschland. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund, die nationale Frage und die DDR-Kritik von links, Essen 2011, S. 276 ff. 69 MfS, »Renegatenzentrum«, 2284/60, II. Teil, S. 000321. 70 MfS, »Operativvorgang Verkäufer«, 8075/70 Bd. 4, S. 000025 (HA XX, Auskunft über Prof. Dr. Weber vom 25. Juni 1978). 71 Später behauptete der Stasi-Agent Barthel (»Kurt«), es seien Ende 1963 in einem »Finanzplan« Lippmanns für 1964 bei einer Auflage von 5000 Exemplaren (!) 10 000 Mark an Kosten errechnet worden. MfS, 10996/66, Bd. 8, S. 000055. Barthel hatte schon Ende 1961 eine »Konzeption« zur »Neuorientierung« der Zeitschrift vorgelegt, in der die bisherige Politik des Blattes kritisiert wurde, das nun stärker »auf der Linie des Titoismus liegen« sollte. Das »Konzept« hatte er zunächst dem MfS vorgelegt. Ob die Stasi das Papier stoppte, weiß ich nicht. Mir als Mitarbeiter wurde es jedenfalls nicht bekannt. Siehe MfS, Archiv 10996/66, Bd. 9 (»Kurt«), S. 000293. 72 Siehe Weber: links (Anm. 12), S. 207 ff. 73 In Nr. 11/12 »Der dritte Weg« vom November/Dezember 1960 erschien ein längerer, sehr positiver Bericht über den Gewerkschaftstag der IG Metall »Auf sozialistischem Weg«. Wenn ich recht erinnere, ließ Lippmann durchblicken, dafür habe es von dort »Unterstützung« gegeben. Leo Bauer war übrigens immer der Meinung, das Ostbüro der SPD würde trotz des Dementis von Thomas Unterstützung leisten. 74 Siehe Herms: Lippmann (Anm. 11), S. 121 f., 210 ff.; Weber: links (Anm. 12), S. 205 ff. 75 Siehe Weber: links (Anm. 12), S. 217. 76 Günther Nollau: Das Amt. 50 Jahre Zeuge der Geschichte, München 1978, S. 227 ff. 77 Es gibt nur einen sehr kleinen Nachlass im Archiv der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die Töchter Nollaus übergeben nun einen weiteren kleinen Teil an das Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Ich danke den Leitern und Mitarbeitern der Archive ebenso für ihre Hilfe wie den beiden Töchtern von Günther Nollau. 78 Bereits im November 1995 erhielt ich die Auskunft, »dass im Bundesamt für Verfassungsschutz lediglich eine komplette Sammlung der Ausgabe des ›Dritten Weges‹ vorliegt«. 79 Ich danke dem Präsidenten des Bundesarchivs und seinen Mitarbeitern für entsprechende Suche und Hinweise. 80 Am 1. Juni 1960 schrieb mir z. B. Lippmann, Anfang Juli »finden in Köln Besprechungen […] insbesondere mit Oberst Schmückle statt, der gemeinsam mit Manfred Hertwig an der Verbreitung unserer Vorstellungen sehr interessiert ist«. Und er schrieb, es gebe »Verhandlungen mit verschiedenen Stellen, um die materiellen Voraussetzungen zu schaffen«. Seiner Bitte, ich solle deswegen nach Köln kommen, konnte ich nicht nachkommen. Ob das Gespräch stattfand, weiß ich leider nicht. 81 MfS 10996/66, Bd. 8, S. 000054. 82 MfS, ebd., S. 000136. 83 In der Verlagsankündigung waren weitere Bücher vorgesehen, z. B. »Sozialdemokratie und Kommunismus«, »Hundert Fragen an deutsche Kommunisten«, »Die Deutsche Demokratische Republik«. 84 Das Buch wurde natürlich kein »Bestseller«, wie Jo gehofft hatte, aber 2007 zu den »50 Klassikern der Zeitgeschichte« gezählt. Siehe Siegfried Lokatis: Parteigeschichte als Chefsache. Hermann Weber als Antipode des »Historikers« Ulbricht, in: Jürgen Danyel/Jan-Holger Kirsch/Martin Sabrow (Hg.): 50 Klassiker der Zeitgeschichte, Göttingen 2007, S. 80–83. 85 Nollau: Das Amt (Anm. 76), S. 227. 86 http://de.wikipedia.org/wiki/Der_dritte_Weg_(Zeitschrift), ges. am 23. Juli 2012. 87 Erich Honecker: Letzte Aufzeichnungen. Mit einem Vorwort von Margot Honecker, Berlin 2012. Angegeben sind weder die Herausgeber noch die Verfasser der zahlreichen Fußnoten. 88 Da die Zeitschrift erst ab 1959 herauskam und Nollau damals noch kein Präsident war, ist diese Bezichtigung ebenso falsch wie die Angabe, im »Impressum war die IG Metall als Finanzquelle angegeben«. 89 Weber: links (Anm. 12), S. 208. Auch Herms: Lippmann (Anm. 11), S. 214, hat Zweifel. Dort auch in meinem Vorwort entsprechende Hinweise. Einzige Ausnahme war meine Meldung über den Ausschluss Max Köhlers (zu seiner Person siehe Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 17), S. 466 f.) aus der Berliner SPD vom März 1961. Sowohl Lippmann wie Zöger gaben mir den Rat, statt »stalinistische Methoden« besser »eigenartige Methoden« zu schreiben, was mir voll einleuchtete. Mit dieser kleinen Veränderung erschien der Artikel im März 1961 (Briefe von Zöger und Lippmann in meinem Archiv vom 24. bzw. 21. März 1961). 90 Aus kleinen Beständen des Nachlasses von Lippmann in meinen Archiv, die ich erst jetzt durcharbeiten konnte, ergibt sich ein anderes Bild. Es handelt sich um Briefwechsel zwischen Lippmann und Zöger (Februar 1960 bis März 1961) sowie um Briefe zwischen Scholmer und Lippmann, das Redaktionsprotokoll vom 8. November 1961 usw. 91 Dies bestätigt die Antwort des BfV auf meine Frage, ob etwas über den Verbleib von Ferdinand Schuller bekannt sei. In der Antwort hieß es: »Aussagen bezüglich Personalien ehemaliger Mitarbeiter sind seitens des Amtes aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht möglich. Daher kann ich Ihnen auch keine Auskunft darüber gegeben, ob Herr Schuller noch lebt.« 92 »Aus der Erklärung des in die DDR übergetretenen West-Berliner Journalisten Michael Gromnica«, Neues Deutschland vom 24. November 1961. 93 Siehe Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 17), S. 1000. 94 Wegen des Abdrucks eines Artikels über den XXII. Parteitag der KPdSU von mir (»Neue Sozialistische Hefte«, Deutscher Arbeiterverlag Eitorf-Sieg, Nr. 3, September 1961, S. 64 ff.) gab es Ärger (siehe ebd., Nr. 4, S. 79). 95 Nicht nur Verfassungsschutzakten fehlen, aus dem kleinen (Teil-)Nachlass von Lippmann liegt ab 1963 nichts mehr vor. Auch der Aktenordner »Leserbriefe« reicht nur von 1959 bis 1961, lediglich wenige Briefe sind von 1962 und 1963. 96 Allerdings hat Jo Scholmer in einem Artikel »Geschichtsfälscher Ulbricht fühlt sich ertappt« im Januar-Heft 1964 die Auseinandersetzung über mein »Ulbricht fälscht Geschichte« thematisiert. Er hatte auch vermittelt, dass der sozialdemokratische »Vorwärts« bereits von Oktober bis Dezember 1963 sechs Folgen eines Vorabdrucks des Buches, das 1964 erschien, veröffentlicht hatte. 97 Hertwig (1924–2006) war im sozialdemokratischen Bildungswesen tätig, er schrieb u. a. eine Broschüre zum »dritten Weg« sowie 1972 zur Studentenbewegung »Vom antiautoritären Kampf zum autoritären Zentralismus« (ich danke seiner Witwe Dr. Gertrude Hertwig für die Überlassung). Siehe auch Weber: links (Anm. 12), S. 198, 203 ff. Siehe auch Müller-Enbergs (Hg.): Wer (Anm. 12), S. 538. 98 Der Aktenordner enthält die alphabetische Ablage von Leserbriefen, vor allem von 1959 bis 1961 aus dem Nachlass Lippmann im Archiv Weber. Auch Kuverts aus der DDR (teils mit Briefmarken mit Ulbrichts Porträt usw.) sind im Ordner, meist ohne Absenderangabe, aufbewahrt. 99 In »Der dritte Weg« Nr. 6 vom Oktober 1959 war der Brief »Dritter Weg = Dritter Weltkrieg« ebenso korrekt abgedruckt wie zwei positive Zustimmungen, darunter ein Schreiben aus Dresden.

JHK 2013

Editorial

Editorial »Die revolutionären Umbrüche in Mittel-, Ost- und Südosteuropa 1989/90 und der durch sie eingeleitete Kollaps der kommunistischen Regime im Herrschaftsbereich der ehemaligen Sowjetunion markieren nach 1917 und 1945 eine der weltpolitisch und historisch wichtigsten Zäsuren des 20. Jahrhunderts. Dies gibt besonderen Anlass, einen kritischen Blick auf die Vergangenheit kommunistischer Herrschaft und ihre Hauptträgerinnen, die ›Parteien neuen Typs‹, zu werfen. […] Nun ist eine gründliche, quellengestützte Aufarbeitung der zahlreichen Forschungsfelder eine Aufgabe, die weder von Sachkundigen eines Landes noch etwa gar eines einzelnen Instituts geleistet werden kann. Nur die planvolle internationale Zusammenarbeit und der regelmäßige Meinungsaustausch einer möglichst großen Zahl von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern lässt Erfolge erwarten. Der jetzt erstmals vorgelegte Band des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung soll hierzu einen Beitrag leisten. Es versteht sich als ein regelmäßiges Forum, auf dem aktuelle Erträge der Forschung und Dokumente präsentiert, neu erschlossene Archivbestände und Projekte bekanntgemacht, Forschungskontroversen ausgetragen und Neuerscheinungen kritisch gewürdigt werden können.« So haben die Herausgeber der ersten Ausgabe des JHK vor nunmehr 20 Jahren den Anspruch ihres Jahrbuchs formuliert, der bis heute Gültigkeit besitzt. Tatsächlich hat sich das Jahrbuch seitdem zu der deutschsprachigen Plattform der internationalen Forschergemeinschaft entwickelt, die sich mit der Geschichte des Kommunismus in all seinen Erscheinungsformen beschäftigt. Rund 370 Autorinnen und Autoren haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten ihre Arbeiten im Jahrbuch veröffentlicht. Es wurde – zunächst im Akademie Verlag, seit 2001 unter dem Dach des Aufbau Verlags in Berlin – zu einem angesehenen Publikationsort. 2004 übernahm die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur die Redaktion des Jahrbuchs. Sein Inhalt wird allein von den Herausgebern verantwortet, die sich der Expertise namhafter internationaler Beiräte erfreuen. Seit 2001 informiert außerdem der International Newsletter of Communist Studies im Jahrbuch über Konferenzen, neu erschlossene Archivbestände, einschlägige Publikationen und Webressourcen. Wer sich mit der Geschichte des Kommunismus beschäftigt, kommt am JHK nicht vorbei. Die aktuelle Ausgabe spiegelt die inhaltliche Breite der Fragestellungen und Forschungsinteressen. Der Band vereint gleichermaßen Studien zum vorrevolutionären Russland wie zum Charisma, das die Komintern in ihren Anfängen entfaltete oder zur Starnberger Kommune, die während der Bayerischen Räterepublik nur einige Wochen währte. Die Themen reichen von der Kollektivierung der weißrussischen Landwirtschaft über Edvard Beneš und die Sowjetisierung der Tschechoslowakei bis zu finnischen Bemühungen, 1953 ein neutrales Skandinavien zu schaffen. Erscheinungsformen des Kommunismus in Frankreich, konkret die Konversionen vom Linksradikalismus zum Judentum, sowie antikommunistische Untergrundarbeit in Dänemark weiten den Blick westwärts des Eisernen Vorhangs. Mit einem Beitrag zum DDR-Volksaufstand vom 17. Juni 1953 widmet das Jahrbuch einem Ereignis Aufmerksamkeit, das vor 60 Jahren Deutschland und die Welt erschütterte. Fünf Beiträge gehen der Frage nach, aus welchen Motiven sich Forscher mit der Geschichte des Kommunismus in Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich und Dänemark befasst haben. Die Studien verdeutlichen, dass die Kommunismusforschung im 20. Jahrhundert vor allem von zwei Gruppen geprägt wurde: zum einen von Wissenschaftlern, die sich einst selbst als Teil der Bewegung verstanden hatten, aber mit ihr brachen, zum anderen von Autoren, die kommunistischen Parteien angehörten oder nahestanden und, wenngleich auch mit unterschiedlicher Intensität, parteiliche Geschichtsschreibung betrieben. Die Beiträge laden dazu ein, im Rahmen der historischen Kommunismusforschung weitere biografische Studien zu unternehmen. Einen weiteren Schwerpunkt des Jahrbuchs bilden drei Texte zum Umgang mit sowjetischen Ehrenmalen in Litauen, Estland, Bulgarien, Österreich und Deutschland vor und nach 1990, die als steinerne Relikte der Vergangenheit vor allem in den baltischen Staaten Anlass für heftige gesellschaftliche Konflikte sind. Die Herausgeber freuen sich, dass unter den 19 Beiträgen der aktuellen Ausgabe auch ein Beitrag des Begründers des Jahrbuchs, Hermann Weber, zu finden ist, der in diesem Jahr seinen 85. Geburtstag feiert. Der Nestor der historischen Kommunismusforschung rekapituliert die Geschichte der Zeitschrift »Der dritte Weg«, die in den Jahren 1959 bis 1964 in Westdeutschland erschienen ist. Zu ihren Autoren zählten neben Hermann Weber auch Heinz Lippmann, Wolfgang Leonhard, Gerhard Zwerenz und Jo Schölmerich, allesamt ehemalige Kommunisten, die mit dem Stalinismus gebrochen hatten. Sie wollten mit der Zeitschrift den Einfluss des SED-Regimes schmälern und bedienten sich – ohne dass dies allen Autoren bewusst war – der finanziellen Unterstützung durch den westdeutschen Verfassungsschutz. Wie geht es weiter? Die Ausgabe 2014 des JHK wird u. a. der Erinnerung an den Kommunismus seit der Überwindung seiner Diktaturen in Europa gewidmet sein; ein Thema, das bereits im aktuellen Jahrbuch im »Forum« aufgegriffen wird. Das JHK 2015 soll die Rolle der Frauen in den kommunistischen und linkssozialistischen Bewegungen sowie in den kommunistischen Diktaturen in den Blick nehmen, ein Thema, das mehr Aufmerksamkeit als bisher verdient. Mit Wehmut und Respekt gedenken die Herausgber des Jahrbuchs ihrem Mitherausgeber Horst Dähn, der im vergangenen Jahr im Alter von 71 Jahren verstorbenen ist. Ein Nachruf an anderer Stelle im Jahrbuch soll an ihn erinnern. Sie danken der Mannheimer Hermann-Weber-Stiftung sowie der Gerda-und-Hermann-Weber-Stiftung in Berlin für die Projektförderung sowie dem Bundessprachenamt für die Übersetzung einiger fremdsprachiger Beiträge. Ohne die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur hätte die aufwändige Redaktion der Beiträge nicht erfolgen können, die Birte Meyer wie stets versiert übernommen hat. Ebenso gilt der Dank der Herausgeber dem Aufbau Verlag und dort namentlich Maria Matschuk. Möge die aktuelle Ausgabe viele aufmerksame Leserinnen und Leser finden! Berlin im Februar 2013 Die Herausgeber Inhalt Editorial

JHK 2013

Beneš, Stalin, die Vertreibung der Deutschen und die Sowjetisierung der Tschechoslowakei Beneš als Staats- und Exilpolitiker

Gerhard Wettig

Während des Ersten Weltkriegs hatte Edvard Beneš durch seine unermüdliche Lobbytätigkeit in den westlichen Hauptstädten zur Gründung der Tschechoslowakischen Republik (ČSR) entscheidend beigetragen. Ihr Gebiet hatte seit dem 16. Jahrhundert zum Vielvölkerstaat der Habsburger gehört, der 1918 zusammengebrochen war. Die Siegermächte bekannten sich zwar zum Prinzip der nationalstaatlichen Organisation, legten aber die Grenzen nach den Vorstellungen von Beneš und seiner Mitstreiter fest. Daher fielen Böhmen, Mähren und die Slowakei einschließlich des Karpatengebiets im Osten vollständig der ČSR zu, obwohl dort nur teilweise Tschechen und Slowaken lebten. In den Randbezirken von Böhmen und Mähren wohnten Deutsche, die im Mittelalter von den tschechischen Herrschern des Landes in diese damals menschenleeren Gebiete geholt worden waren. Im Süden der Slowakei, die seit jeher als ungarisches Territorium galt, lebten zumeist Ungarn, und im Osten »Ruthenen« (wie man die Ukrainer dort nannte). Die Slowaken wurden – mehr oder minder ohne ihr Einverständnis – zusammen mit den Tschechen zu einer einzigen Nation erklärt. Die ČSR erklärte sich zum Nationalstaat, war aber faktisch ein multiethnisches Land, in dem sich viele Bewohner anderen Nationen zugehörig fühlten. Die Deutschen waren von den Siegermächten daran gehindert worden, ihrem erklärten Willen zum Anschluss an das Deutsche Reich zu folgen, und auch die Ungarn waren gegen ihre Einverleibung in die ČSR. Diese war zwar demokratisch verfasst und sollte die vom Völkerbund festgelegten Minderheitenrechte achten, doch die herrschenden Politiker in Prag orientierten sich an der Vorstellung eines ethnisch homogenen Nationalstaates und diskriminierten die Minoritäten, unterwarfen sie einem national ausgerichteten Zentralismus und bauten die Positionen der Tschechen aus, wo sie nur konnten.1 Dieses Vorgehen stand auch in Widerspruch dazu, dass die tschechische Kernbevölkerung nur etwa die Hälfte der Einwohner bildete und dass man auch dann, wenn man die Slowaken hinzunahm, nur auf knapp zwei Drittel kam. Als die größte Minderheit hatten die Deutschen einen Anteil von ca. 23 Prozent. Daneben gab es noch fünf Prozent Ungarn und vier Prozent Ukrainer. Beneš, der die Ausdehnung des Staatsgebiets bei den Friedensvertragsabschlüssen 1919 durchgesetzt hatte, war zunächst Außenminister und trat 1935 die Nachfolge von Präsident Tomáš Masaryk an. Schon während seiner Tätigkeit als Außenminister stellte Beneš die UdSSR in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Er ging davon aus, diese habe ihre revolutionären Anfänge hinter sich gelassen und sei nicht länger daran interessiert, das Sowjetsystem auf andere Länder auszudehnen. Die UdSSR sei ein normaler Staat geworden, der keine Gefahr für die demokratische Ordnung der ČSR bilde. Das erschien plausibel, nachdem das geschwächte und isolierte Land seit 1923 nicht mehr versucht hatte, die Verhältnisse in der – mittlerweile konsolidierten – Außenwelt umzustürzen. Dem Aufruf des VII. Komintern-Kongresses 1935 an die Kommunisten im Westen, was den Kampf gegen den Faschismus betraf, mit den anderen demokratischen Parteien zusammenzuarbeiten, und der Tatsache, dass in Frankreich und anderen Ländern Volksfrontregierungen gebildet wurden,2 entnahm Beneš ebenfalls die Botschaft, dass mit Sowjetisierungsabsichten nicht zu rechnen sei. Das erschien ihm auch durch Stalins Gegnerschaft zu dem sich revolutionär gebärdenden Trockij und die sowjetische Parole »Sozialismus in einem Land« bestätigt.3 Wie er glaubte, kam darin eine dem eigenen Bekenntnis zum nationalen, tschechoslowakischen Sozialismus entsprechende Position zum Ausdruck, das demokratische Prinzip müsse auch in Wirtschaft und Gesellschaft verwirklicht werden.4 Eine weitere Gemeinsamkeit von UdSSR und ČSR sah Beneš darin, dass das slawische Volkstum beider Länder mit einer gemeinsamen »germanischen Bedrohung« konfrontiert sei. Er ging zudem von einer künftig maßgebenden Rolle der Sowjetunion in Europa aus, während sich die Macht Frankreichs und Großbritanniens verringern werde. Die Existenz des tschechoslowakischen Staates lasse sich auf Dauer nur sichern, wenn ihn die UdSSR zuverlässig unterstütze. Darum müsse man sich ihr annähern, um eine enge Verbindung herzustellen. In diesem Kontext war Beneš davon überzeugt, dass man im Kreml ebenfalls großes Interesse an einer Zusammenarbeit habe.5 Auch in der Zeit des Hitler-Stalin-Pakts behielt er diese Orientierung bei, denn er war davon überzeugt, dass das Einvernehmen zwischen beiden Seiten nicht von Dauer sein werde. Er vermied alles, was die Beziehungen hätte belasten können.6 Schon als sich 1937 kurzzeitig eine Annäherung zwischen Moskau und Berlin abzuzeichnen schien, hatte er dem sowjetischen Gesandten versichert, die ČSR werde der UdSSR unverbrüchlich treu sein und unbedingt alle ihr gegenüber übernommenen Verpflichtungen erfüllen unabhängig davon, welchen Kurs der Kreml auch immer einschlagen sollte. An der Freundschaft werde Prag unter allen Umständen festhalten.7 Folglich knüpfte Beneš, gleich nachdem er Präsident geworden war, enge Beziehungen zur UdSSR. Obwohl es keine gemeinsamen Grenzen gab, schloss er mit ihr am 16. Mai 1935 einen Bündnisvertrag. Dieser machte die sowjetische Beistandspflicht davon abhängig, dass sich auch das mit der ČSR alliierte Frankreich am Kampf beteiligte.8 Aufgrund eines Geheimabkommens wurde überdies der Leiter des tschechoslowakischen Geheimdienstes, Oberst Moravec, zu einer – seiner politischen Haltung widersprechenden – engen Zusammenarbeit mit der Auslandsaufklärung des Kremls genötigt.9 Aufgrund dieser Vereinbarungen erhielt Stalin erstmals politischen Zugang zum ostmitteleuropäischen Raum, der ihm ansonsten heftige Ablehnung entgegenbrachte. Allen diesen Bemühungen legte Beneš die Prämisse zugrunde, das Deutsche Reich stehe seinem Land in prinzipieller Feindschaft gegenüber. Hinzu kam, dass er die westeuropäischen Länder als unzuverlässige Partner betrachtete und es daher für nötig hielt, mit der UdSSR als der stärksten Macht im Osten des Kontinents eine Gegenfront aufzubauen. Sein Misstrauen gegenüber Frankreich und Großbritannien wurde 1938 bestätigt. Hitler machte sich den Widerspruch zwischen dem nationalstaatlichen Anspruch und der multiethnischen Realität zunutze, um die ČSR unter Druck zu setzen. Mithilfe der Sudetendeutschen Partei Konrad Henleins inszenierte er eine Krise und bereitete mit der Begründung, die Unterdrückung müsse ein Ende finden, die Eroberung der deutsch besiedelten Gebiete vor. Das forderte Frankreich als Verbündeten der ČSR und das mit ihm verbundene Großbritannien heraus. Beneš sah sich in einer Position der Stärke gegenüber Hitler und lehnte daher jedwedes Zugeständnis brüsk ab. Vor allem in London wollte man sich aber nicht in eine militärische Auseinandersetzung stürzen, um die deutsche Bevölkerung gegen ihren Willen in der Tschechoslowakei festzuhalten. Ihr sollte vielmehr gemäß der Nationalstaatsidee erlaubt werden, sich mit dem eigenen Land zu vereinigen. Daher war die britische Regierung, gefolgt von der Führung in Paris, schließlich bereit, Hitlers Verlangen zu erfüllen. Am 29. September 1938 schlossen sie das Münchner Abkommen, das der ČSR die Abtretung der geforderten Gebiete auferlegte. Beneš fügte sich. Ein Widerstand, den allein seine Truppen leisteten, hatte nach seiner Ansicht keine Aussicht auf Erfolg. Er sah sein Lebenswerk zerstört, trat zurück und ging ins westliche Ausland.10 Nachdem die Westmächte die Tschechoslowakei im Stich gelassen hatten, schenkte Beneš ihnen niemals wieder Vertrauen und setzte seine Hoffnung nur noch in die UdSSR als der einzigen Macht, die ihn in der Krise unterstützt habe und auch danach auf seiner Seite stehe. Zwar war dies aufgrund der geostrategischen Umstände11 faktisch nicht mehr als ein verbales Engagement für die Sache der ČSR, doch Beneš glaubte, dass der Kreml militärische Hilfe geleistet hätte, wenn es möglich gewesen wäre. In dieser Überzeugung sah er sich bestärkt, als ihm Stalin durch den Geheimdienst 10 000 US-Dollar, einen damals sehr hohen Betrag, aushändigen ließ:12 Die UdSSR schien der einzige Freund zu sein, der zu Unterstützung bereit war.13 Die »Zerschlagung der Resttschechei« am 15. März 1939 zeigte, dass es Hitler nicht um den deutschen Nationalstaat, sondern um imperialistische Expansion ging. Großbritannien sagte Polen, das als nächstes Land bedroht wurde, militärischen Beistand zu und erklärte im Bund mit Frankreich dem Deutschen Reich den Krieg, nachdem dieses Polen am 1. September 1939 angegriffen hatte. Beneš sah sich in seiner Überzeugung bestätigt, dass ein Weltkrieg mit einer erneuten deutschen Niederlage bevorstehe, erhob den Anspruch, der legitime Regierungschef der ČSR zu sein und verlangte, das Land müsse für das ihm zugefügte Unrecht Genugtuung erhalten. Die ČSR war nach den Plänen, die er zu entwickeln begann, nicht nur in den früheren Grenzen wiederherzustellen, sondern auch durch ethnische Bereinigung in einen echten Nationalstaat zu verwandeln. Die politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen infolge des militärischen Geschehens würden eine einmalige Chance zur massenhaften Beseitigung der störenden Minoritäten bieten.14 Als die UdSSR aufgrund des deutschen Überfalls am 22. Juni 1941 und die USA im Dezember des gleichen Jahres in den Krieg eintraten, sah Beneš seine Erwartung bestätigt, dass Deutschland besiegt werde. Im Londoner Exil versuchte Beneš zunächst die Kriegsgegner Deutschlands zur Anerkennung der ČSR als Verbündeten und seiner selbst als Chef der Exilregierung zu bewegen. 1940/41 erreichte er dieses Ziel größtenteils. Er erhielt damit den Status des Oberhaupts eines befreundeten Staates, zu dem man diplomatische Beziehungen aufnahm. Beneš verschloss sich dabei allerdings dem britischen Ansinnen, auch sudetendeutsche Opponenten des NS-Regimes in seine Regierung aufzunehmen und bemühte sich um Kooperation mit den Kommunisten. Zur Propagierung seines zentralen Anliegens, der Vertreibung der Sudetendeutschen, bediente er sich der Möglichkeiten, die seine Position bot und seines exzellenten Netzes persönlicher Kontakte. Er argumentierte, nur durch die Entfernung des deutschen Elements ließen sich Stabilität und Frieden herstellen. Doch zunächst stieß sein Verlangen auf heftigen Widerstand. Vor allem die britische Regierung vertrat die Ansicht, die Diskussion aller Grundfragen könne erst auf einer Friedenskonferenz erfolgen, welche die Probleme eingehend untersuchen und auf dieser Basis die Umrisse der neuen Ordnung festlegen würde. Vorher dürfe es keine Teilregelungen geben, zumal Polen, Jugoslawien und andere Länder Ähnliches verlangen könnten. Ein allgemeines Chaos wäre die Folge.15 Beneš sah sich gestärkt, als 1942 nacheinander Großbritannien, die USA und die UdSSR das Münchner Abkommen für nicht mehr bindend erklärten. Damit, so folgerte er, seien die staatliche Einheit und die territoriale Integrität der ČSR wiederhergestellt. Von da an konzentrierte er sich noch stärker als bisher darauf, in der Vertreibungsfrage voranzukommen. Einen Fortschritt brachte das von ihm veranlasste Attentat auf Hitlers Statthalter in Prag, Reinhard Heydrich, am 27. Mai 1942.16 Es zog zwar eine Dezimierung des tschechischen Widerstands nach sich, von der sich dieser nicht mehr erholte, rief aber brutale Vergeltungsmaßnahmen der deutschen Besatzer hervor, die in den westlichen Hauptstädten einen Stimmungsumschwung einleiteten. Ein »Transfer« deutscher Minderheiten erschien zunehmend gerechtfertigt, ohne dass man aber der tschechischen Seite einen Blankoscheck auszustellen bereit war.17 Beneš setzte darauf, dass Stalin, der den Deutschen nach ihrem Angriff voller Hass gegenüberstand, für das Vorhaben einer unbeschränkten Vertreibung zu gewinnen war. Diesbezüglich hatte er schon Anfang 1942 sowjetischen Diplomaten sein Interesse an einem Besuch in Moskau zu Gesprächen über die »weitere politische Linie«, die »Entwicklung in Mitteleuropa«, die Außen- und Innenpolitik der ČSR sowie ihren Wiederaufbau signalisiert und hinzugefügt, dass er einer direkten Grenznachbarschaft mit der UdSSR entgegensehe. Dies werde ihr größeren Einfluss auf die Verhältnisse in der Tschechoslowakei geben.18 Stalins Konzept für das Vorgehen in den eroberten Gebieten Der Krieg gegen Polen und die beiden Westmächte, den Hitler aufgrund des Nicht-Angriffspakts mit Stalin vom 23. August 1939 begann, öffnete der UdSSR den Weg zur Expansion. Innerhalb eines Jahres annektierte sie Ostpolen, die baltischen Länder und die Gebiete, die Finnland und Rumänien abtreten mussten.19 Die durch den Krieg zwischen den Mächten der Außenwelt ermöglichte Expansion des Sowjetstaates entsprach den Komintern-Beschlüssen von 1935. Demnach hatten sich die Kommunisten auf eine Periode »heftiger Zusammenstöße« zwischen den kapitalistischen Ländern einzustellen. Man stehe vor den »kommenden großen Schlachten der zweiten Runde der proletarischen Revolutionen«, bei denen es um den Sieg nicht nur über das NS-Regime, sondern den Kapitalismus insgesamt gehe mit dem Ziel, die »Diktatur des Proletariats« und die »Sowjetmacht« durchzusetzen. Wie im Ersten Weltkrieg, der die Voraussetzungen für die Eroberung der Macht in Russland geschaffen hatte, sollten die kapitalistischen Staaten einander so weit schwächen, dass sich ihre Arbeiterklasse erheben und mit militärischer Unterstützung der UdSSR den Sieg über das feindliche System erringen werde.20 Der deutsche Überfall am 22. Juni 1941, den Stalin für unmöglich gehalten hatte, solange Hitler noch von einem anderen bewaffneten Konflikt in Anspruch genommen wurde, änderte die Lage von Grund auf. Die UdSSR wurde unversehens zum Verbündeten der Westmächte. Ungeachtet der gewaltigen Niederlagen in den ersten Monaten, war Stalin davon überzeugt, am Ende auf der Siegerseite zu stehen. Seine Truppen würden über die Grenzen des eigenen Landes vorstoßen und so dafür sorgen, dass die UdSSR Herrschaft und System auf fremde Gebiete ausdehnen könnte. Seiner Ansicht nach war dieser Krieg »nicht wie andere Kriege; wer immer ein Territorium besetzt, nötigt ihm auch sein eigenes System auf. Jeder nötigt sein System auf, soweit seine Armee reichen kann. Es kann nicht anders sein.«21 Dabei sah sich Stalin freilich zur Rücksichtnahme auf die Alliierten im Westen veranlasst, zu denen er – in Anbetracht des dann bestehenden internationalen Kräfteverhältnisses und seines Wunsches nach fortgesetzter materieller Unterstützung – auch nach dem Krieg kooperative Beziehungen aufrechterhalten wollte. Stalin ging zu Recht davon aus, dass diese eine Sowjetisierung ablehnten, und war daher um eine Vorgehensweise bemüht, an der man in den westlichen Hauptstädten keinen – oder zumindest nur geringen – Anstoß nehmen würde. Deshalb versuchte Stalin seine Absicht zu verschleiern. Er gab die Parole aus, in den eroberten Ländern solle lediglich eine »neue Demokratie« errichtet werden, die den Feudalismus durch eine bürgerliche Ordnung ersetze und außer der Politik auch die Gesellschaft und die Wirtschaft erfasse. Es gehe um »Reformen« im Rahmen der westlichen Demokratie, um den Aufbau einer »antifaschistischen« Ordnung durch Beschreiten eines »parlamentarischen Weges«. Diese Rede sollte die »Klassenfeinde« vor Ort und im Westen darüber hinwegtäuschen, dass der Sozialismus, d. h. das Sowjetsystem, das Ziel war.22 Die »neue Demokratie« war dabei nicht als Endzustand, sondern als Ausgangspunkt für die – allmählich durchzusetzende – Diktatur der vom Kreml gelenkten Kommunistischen Partei gedacht. Am verbalen Bekenntnis zur Demokratie sollte nur so lange festgehalten werden, wie es wegen der Stärke der anderen innenpolitischen Kräfte und mit Rücksicht auf die Westmächte notwendig erschien. Die Durchsetzung des Sowjetsystems begann stets mit sechs Maßnahmen:23 1. Die UdSSR stützte sich auf die kommunistischen Führungen des Moskauer Exils und auf jeweils einige hundert in Antifaschulen ausgebildete Leitungskader. Dieses operativ geschulte und zu unbedingtem Gehorsam verpflichtete Personal besetzte die Schlüsselpositionen, schlug den sowjetischen Militärbehörden die anderen Funktionäre vor und baute einen großen Apparat zur Heranbildung von Kadern der mittleren und unteren Ebenen auf. 2. Als unerlässliche Grundlagen des Fortschritts zum Sozialismus wurden die Überführung des Bankwesens und der Großindustrie »in Gemeineigentum« sowie die Zerschlagung der landwirtschaftlichen Großbetriebe an den Anfang gestellt. Das nahm der »Bourgeoisie in Stadt und Land« die wirtschaftliche und gesellschaftliche Basis, während die Kommunisten fortan über die Banken und Fabriken verfügten, den enteigneten Landbesitz verteilen konnten und über die Vergabe eines Großteils der Arbeitsplätze entschieden. 3. Gesellschaftliche Einheitsorganisationen wie Gewerkschaften, Jugend-, Frauen- und Bauernverband, die zunächst ein überparteiliches Etikett erhielten, aber von zuverlässigen Funktionären geleitet wurden, entzogen die betreffende Bevölkerungsgruppe von Anfang an anderem Einfluss und unterwarfen sie später einer festen kommunistischen Kontrolle. 4. Das Mehrparteiensystem umfasste nur die politischen Richtungen, denen das Gütezeichen einer »antifaschistisch-demokratischen« Haltung zugebilligt wurde. Die Kommunisten, die ihre Weisungen von den Militärbehörden empfingen, hatten nach interner Festlegung die »führende Rolle« zu übernehmen. Diese wurde dadurch gewährleistet, dass die Bildung eines zum Konsens verpflichteten Allparteienblocks zur Voraussetzung der politischen Tätigkeit gemacht wurde. Folglich waren Entscheidungen nur mit Zustimmung der Kommunisten möglich, die so alle von ihnen nicht gebilligten Beschlüsse verhindern konnten. 5. Nach Moskauer Überzeugung ließ sich das sozialistische Ziel nur mit Unterstützung der »Arbeiterklasse« erreichen. Mithin sollten die Sozialdemokraten als diejenige Partei, die deren Interesse ebenfalls zu vertreten beanspruchte, von einer Konkurrenz mit den Kommunisten abgehalten werden. Darüber hinaus schien ein Zusammenschluss nötig, um der KP das Monopol als Arbeiterpartei zu sichern und ihr Personal durch marxistisch vorgebildete Kader zu verstärken. Dies setzte eine überlegene Position der kommunistischen Seite voraus, die ihr die Assimilation der Sozialdemokraten ermöglichen würde, was sich nach sowjetischer Voraussicht erst allmählich erreichen ließ. Demgemäß kam zu Anfang nur eine »Aktionseinheit« in Betracht, die zur Gemeinsamkeit gegenüber den bürgerlichen Kräften verpflichtete. Die organisatorische Vereinigung sollte erst später stattfinden, wenn die Zeit dafür »herangereift« war. 6. Um sich den Anschein eines demokratischen Vorgehens zu geben, sagte die UdSSR den angelsächsischen Verbündeten freie Wahlen in den eroberten Ländern zu. Intern war aber klar, dass sie die politischen Verhältnisse nicht bestimmen sollten. Vielmehr wurde ihnen die Funktion zugewiesen, den zuvor auf andere Weise herbeigeführten Zustand nachträglich zu bestätigen. Daran, dass sich die Dinge so entwickeln würden, hatte man im Kreml bis zu den ersten Enttäuschungen im Herbst 1945 keinen Zweifel. Die Arbeiter, Bauern und anderen Werktätigen würden nach Befriedigung ihrer »Klasseninteressen« durch die vorgesehenen »Reformen« für die »neue Demokratie« stimmen. Überdies war man grundsätzlich der Meinung, dass das Bewusstsein den Realitäten der Macht folge. 24 Das Aktionsprogramm beruhte auf der Überzeugung, dass die Machtfrage in den eroberten Ländern durch den Sieg der Roten Armee letztlich entschieden sei. Es gehe nur darum, das Militärregime in die Zivilgewalt eingesetzter nationaler Kader umzuwandeln.25 Die UdSSR musste sich deswegen jeweils auf zuverlässige einheimische Weisungsempfänger stützen und ihnen die mittels Eroberung gewonnene Macht übertragen. Das sollte freilich auf eine Weise geschehen, welche die sowjetische Lenkung als Handeln nationaler Akteure, namentlich auch der bürgerlichen Parteien, erscheinen ließ. Nur in der ČSR, wo Beneš als allseits anerkannter Präsident des Landes und Führer der stärksten bürgerlichen Gruppierung, der tschechischen Nationalen Sozialisten, zur Zusammenarbeit bereit war, konnte er auf einen Politiker zählen, dessen Autorität allgemeine Akzeptanz gewährleistete. Anders als in Polen, das ebenfalls den Status eines Verbündeten besaß, gleichwohl faktisch als Feindstaat behandelt wurde,26 konnte Stalin deswegen in der ČSR auf die Ausübung der Besatzungsgewalt verzichten und seine Truppen nach relativ kurzer Zeit zurückziehen. Ohne den tschechoslowakischen Präsidenten hätte er, falls seine Truppen überhaupt in die Kerngebiete des Landes vorgedrungen wären, vor der Wahl gestanden, entweder die Westmächte durch die faktische Okkupation eines weiteren verbündeten Landes vor den Kopf zu stoßen oder von der Sowjetisierung Abstand zu nehmen. Stalin gewann Beneš für den vorgesehenen Kurs der inneren Transformation nicht nur mit dem Argument, auf »parlamentarischem Weg« müsse eine »neue Demokratie« geschaffen werden, welche die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse einbeziehe und somit alle Lebensbereiche demokratischer Lenkung unterstelle, sondern auch mit der »slawischen Idee«, von der seit 1939/40 im Kreml die Rede war.27 Im Sommer 1941 wurde diese Propaganda verstärkt. In Moskau fand mit Teilnehmern aus Polen, Bulgarien, Jugoslawien und der Tschechoslowakei ein erstes Treffen statt, auf dem man die slawischen Völker zum gemeinsamen Kampf gegen die Deutschen aufrief. Am 5. Oktober wurde auf Weisung des ZK der KPdSU ein Allslawisches Komitee gegründet.28 Die Unterstützung durch Beneš war besonders wichtig, denn er war der einzige Präsident eines slawischen Staates, der dafür zu gewinnen war. Die »slawische Idee« gehörte daher zu den ersten Themen, die man mit ihm im Herbst 1943 noch vor seiner Ankunft in Moskau erörterte. Der Leitgedanke, man müsse die Deutschen als notorische Feinde der Slawen ausschalten, war mit seiner eigenen Vorstellung identisch, und Beneš hielt es deshalb für geboten, sich »ausschließlich zur Zusammenarbeit mit der Sowjetunion« zu verpflichten. Wie ihm anschließend erläutert wurde, hatte der Kurs der engen Verbundenheit mit den anderen slawischen Ländern dauerhaften Charakter. Seine »demokratische« Ausrichtung gewährleistete die »Gleichberechtigung aller slawischen Völker« und hatte daher »nichts gemeinsam mit dem alten zaristischen Imperialismus«. Beneš stimmte voll zu.29 Wie er von da an wiederholt zum Ausdruck brachte, wünschte er die Befreiung der ČSR nicht durch westliche Truppen, sondern durch die Rote Armee. Verhandlungen zwischen Beneš und der sowjetischen Führung Nachdem die UdSSR in das Lager der Kriegsgegner Deutschlands gelangt war, bemühte sich Beneš sofort um verstärkte Kontakte. Am 24. Juni 1941 richtete er durch seinen militärischen Repräsentanten in Moskau ein Ersuchen an den Kreml um Verhandlungen über die Anerkennung seiner Exilregierung als Verbündetem und den Aufbau tschechoslowakischer Einheiten in der Sowjetunion. Die entsprechende Vereinbarung darüber wurde am 18. Juli geschlossen.30 Stalin übertrug die Aufstellung der Truppe Oberstleutnant Ludvík Svoboda. Dieser war gerade im Ausland für den sowjetischen Geheimdienst tätig,31 für den er spätestens seit 1939 arbeitete.32 Im Juni 1943 begannen Gespräche über einen neuen Freundschafts-, Beistands- und Kooperationsvertrag der ČSR mit der UdSSR. Beneš hielt an dem Vorhaben trotz der britischen Bedenken fest, dies würde einer Gesamtregelung der ostmitteleuropäischen Verhältnisse vorgreifen und vor allem die Position der polnischen Exilregierung in deren Konflikt mit dem Kreml schwächen. Er ließ sich dadurch nicht abhalten und versuchte sich – im Gegenteil – durch eine scharf antipolnische Haltung in Moskau beliebt zu machen. Auch wandte er sich gegen den Londoner Vorschlag, sein Land solle sich mit Polen zu einer Konföderation zusammenschließen, als dieser vom Kreml abgelehnt wurde.33 Am 22. August 1943 übermittelte Beneš der sowjetischen Seite einen Entwurf des geplanten Bündnisvertrags. Lange Zeit erfolgte keine Reaktion. Anfang Oktober kam der Text mit Ergänzungen zurück, die aus dem Vertrag einen politischen Pakt machten, der die ČSR umfassend an die UdSSR binden würde. Zugleich blieb unklar, in welcher Lage die militärischen Klauseln wirksam sein sollten. Durch diese weitgehenden Veränderungen wurde Beneš nicht alarmiert. Zudem sah er sich von seinem prosowjetischen tschechischen Umfeld unter Druck gesetzt, den Vertrag auf jeden Fall unter Dach und Fach zu bringen, sogar wenn dies zum völligen Bruch mit London und Washington führen sollte. Er selbst hielt den Abschluss als solchen für wichtiger als einzelne Modalitäten, wollte aber, vielleicht unter dem Einfluss seines nüchtern denkenden Kabinettschefs Jan Smutný, nicht auf jede Mitsprache verzichten und machte geltend, verschiedene Korrekturen seien geeignet, seinen Kritikern Munition zu liefern. Daraufhin zog Moskau die meisten Änderungen zurück. Beibehalten wurde, dass sich der Vertrag im Falle einer späteren Wiederaufnahme der deutschen Aggression auch gegen jeden »direkt oder in anderer Form« mit Deutschland verbundenen Staat richtete. In diese Formel hatte die UdSSR 1938 und 1939 in den Verhandlungen über gemeinsame Abwehr der deutschen Aggression das Verlangen nach Besetzung osteuropäischer Drittstaaten gekleidet. Ebenso sicherten sich beide Seiten zu, »eine enge und freundschaftliche Zusammenarbeit in der Periode nach der Wiederherstellung des Friedens aufrechtzuerhalten und gemäß den Prinzipien der gegenseitigen Achtung für ihre Unabhängigkeit und Souveränität sowie für die Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten des anderen Staates zu handeln […], die wirtschaftlichen Beziehungen in größtmöglichem Umfang zu entwickeln« und »einander jede mögliche wirtschaftliche Hilfe zu erweisen«. Der Vertrag sollte sofort nach Unterzeichnung in Kraft treten, eine Dauer von 20 Jahren haben und danach automatisch jeweils weitere fünf Jahre gelten, sofern nicht zwölf Monate vorher die Absicht zu seiner Beendigung erklärt werde.34 Um die Briten zu besänftigen, wurde zuletzt ein Zusatzprotokoll formuliert, demzufolge angrenzende Staaten – gemeint war Polen – sich dem Vertrag anschließen konnten.35 Aus Anlass der bevorstehenden Unterzeichnung brach Beneš am 24. Oktober nach Moskau auf, wo er – nach unvorhergesehenen Zwischenaufenthalten und einem mit schlechtem Wetter begründeten Umstieg auf einen Sonderzug des Gastlandes – weit später eintraf, als er geplant hatte. Zuvor hatte ihn im Nahen Osten der Abteilungsleiter für Mitteleuropa im Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten, Aleksandr Kornejčuk, empfangen, ihn über die sowjetischen Vorstellungen und Erwartungen informiert und erklärt, dass »alle Deutschen, sogar die Kommunisten, die Slawen verachten«. Der sowjetische Emissär ließ sich seinerseits genau berichten, welche Haltung die einzelnen Personen der polnischen Exilregierung in London gegenüber der UdSSR einnahmen. Beneš zeichnete ein überaus negatives Bild von ihnen und betonte seine Missbilligung ihrer antisowjetischen Einstellung. Zudem wurde das Konzept der »slawischen Idee« erörtert. Kornejčuk hielt die Gespräche, deren Ergebnis ausdrücklich die Grundlage der kommenden Erörterungen in Moskau bilden sollte, in einem umfangreichen Dossier für Molotov und Stalin fest. Beneš war sehr zufrieden und davon überzeugt, zwischen ihm und der UdSSR bestehe volles Einvernehmen, sodass man sich in den bevorstehenden Verhandlungen leicht über alles verständigen könne.36 Als Beneš nach langer Reise am 11. Dezember in Moskau eintraf, gab die sowjetische Regierung ihm zu Ehren ein Essen. Stalin, der über den Verlauf der vorangegangenen Gespräche mit Kornejčuk sehr zufrieden war, überschlug sich vor Freundlichkeit, machte seinem Gast aber den Vorwurf, gegen die 1938 in München dekretierte Abtretung des Sudetenlandes keinen militärischen Widerstand geleistet zu haben, und veranlasste ihn damit zu Rechtfertigung und Entschuldigung. Bevor anschließend ein Film mit einer positiven Darstellung des damaligen sowjetischen Vorgehens gezeigt wurde, erklärte Stalin, die UdSSR werde nach dem Krieg Grenznachbar der ČSR sein. Auch werde man den Polen nicht die Gebiete abtreten, auf die sie Anspruch erhöben. Damit waren die Territorien gemeint, die 1939 aufgrund des Pakts mit Hitler annektiert worden waren. Der sowjetische Führer gab weiter zu erkennen, dass der Plan von Beneš, einen »Transfer der Deutschen« durchzuführen, volle Unterstützung verdiene.37 Nach Unterzeichnung des Beistandspaktes am nächsten Tag rief Stalin abends im Theater Beneš zu sich in die Loge und sprach die Frage der Konföderation der ČSR mit Polen an. Der Präsident erwiderte, er lehne ein solches Arrangement unbedingt ab. Dabei wandte er sich sehr heftig gegen Polen, denunzierte dessen Londoner Vertreter als Leute, die die Interessen ihrer Feudalkaste im Auge hätten, und rückte sie auch sonst in schlechtes Licht. Daraufhin fragte Stalin ihn, was man denn mit ihnen machen könne, er kenne sie ja. Beneš antwortete, er sei davon überzeugt und hoffe, dass sie nach dem Krieg vernünftig werden würden, was Stalin mit der Bemerkung quittierte: »Aber nur nach einem dritten Krieg.« Etwas später betonte Beneš, die polnischen Exilpolitiker hätten ihn wiederholt vor »den Russen« gewarnt. Als er ihrem Chef, Stanisław Mikołajczyk, den Text des Beistandspakts mit der UdSSR gezeigt habe, sei dieser »entsetzt« gewesen und habe gefragt, ob er »denn Teil Russlands werden« wolle. Die anschließende Bemerkung, die Polen hegten allgemein gegenüber der UdSSR größten Argwohn, veranlasste Stalin zu dem empörten Ausruf: »Idioten!« und zu der Frage: »… was können wir tun? Wo sind Polen zu finden, mit denen man reden kann?«38 Die konkreten Vereinbarungen wurden mit Molotov getroffen. Beneš eröffnete das Gespräch mit dem Versprechen, dass »in Fragen von großer Bedeutung« die Vertreter der ČSR »immer auf eine den Vertretern der Sowjetregierung genehme Art sprechen und handeln werden«, und sicherte »loyale Zusammenarbeit und aufeinander abgestimmtes Handeln bei allen künftigen Vorhaben« zu. Er bat um die Klärung der Frage, wie mit den Deutschen und Ungarn in der ČSR zu verfahren sei. Auch wollte er wissen, wie die UdSSR zum deutschen Problem stehe. Er wolle zwar nicht in die Details ihrer Politik eindringen, doch müsse er die Erfordernisse der Zusammenarbeit kennen, damit sein Land den gleichen Standpunkt einnehmen könne wie die Sowjetunion. Beide Politiker waren sich einig, dass man Deutschland zerstückeln und so weit wie möglich schwächen müsse. Zusätzlich verlangte Beneš Bestrafungen. Er bereite schon jetzt Maßnahmen vor, etwa indem er Listen mit den Namen von Kriegsverbrechern erstellen lasse. Wie die UdSSR wolle auch die ČSR die Deutschen sehr hart anfassen, doch viele im Westen wollten ihr dabei Grenzen setzen. Für das Münchner Abkommen, die Invasion der Wehrmacht und alles Folgende seien die Sudetendeutschen verantwortlich und müssten in erster Linie die Verantwortung für den Krieg übernehmen. Ihre Bestrafung sei daher die Hauptsache. Bei allem wolle man sich nach der UdSSR richten. Als weiteres Problem nannte Beneš die Ungarn. In der ČSR herrsche die verbreitete Ansicht, dass diese zu verschwinden hätten. Er sei jedoch nicht so radikal, sondern wolle sich dem sowjetischen Kurs anpassen. In Ungarn müsse es eine innere Revolution zur Beseitigung des Feudalismus geben. Deshalb müsse dieses Land von der Roten Armee besetzt werden und dürfe nicht, wie es nach dem letzten Krieg der Fall gewesen sei, in die Hand der Briten kommen, die sich von der Feudalkaste hätten vereinnahmen lassen. Insgesamt forderte Beneš eine »moralische und politische Restitution« für die ČSR. Nicht nur die Grenzen seien in den früheren Stand zu versetzen. Nötig und »sehr wichtig« sei auch die Entfernung der Minderheiten. Stalin habe dem schon beim Staatsbankett zugestimmt. Gelöst werden müsse vor allem das Problem der Sudetendeutschen. Deren »Enklave« reiche bis auf 60 Kilometer an Prag heran. Das dürfe nicht so bleiben. Sogar die Briten sähen ein, dass man nicht zur Lage von 1938 zurückkehren könne. Sie befürworteten zwar eine Aussiedlung, forderten aber einen genauen Plan. Dessen Vorlage habe er verzögert, um zunächst zu erfahren, wie die UdSSR dazu stehe. Das Verlangen nach ethnischer Säuberung begründete Beneš auch mit der Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Wandels. 70 Prozent der Deutschen in der ČSR seien »reiche Leute«. Sie müssten das Land vor allen anderen verlassen, denn sie seien allesamt »Faschisten«. Die Tschechen dagegen seien Demokraten, und selbst die wenigen Reichen unter ihnen könnten als Teil der demokratischen Nation gelten. Beneš hob nochmals hervor, die deutsche Bevölkerung habe den Krieg begonnen und müsse dafür bestraft werden. Er zog einen generell formulierten Vertreibungsplan aus der Tasche und fügte hinzu, mehr als die darin genannten Prinzipien ließen sich nicht festlegen, wenn man nicht ein ganzes Buch füllen wolle. In der folgenden Diskussion nannte er die Entfernung der nationalen Minderheiten aus der ČSR ein Vorbild, dem andere Siegernationen – die Griechen, Jugoslawen und Polen – ebenfalls folgen sollten, um ihre Probleme zu lösen, und wiederholte, »die schuldigen Deutschen« müssten verschwinden. Beneš war bereit, die Unterstützung des Vertreibungsplans durch die UdSSR mit Maßnahmen im Innern zu honorieren, und versprach, die deutschen Ländereien, Fabriken, Stahlwerke und Banken in staatliche Verwaltung zu nehmen. Die Enteignungen sollten auch auf die Tschechen ausgedehnt werden. Molotov fragte, ob er denn glaube, diese würden zustimmen. Beneš räumte ein, dass Schwierigkeiten zu erwarten seien, meinte aber zuversichtlich, die Enteignung der Deutschen werde eine generelle Nationalisierung einleiten und nicht nur zu einer Tschechisierung, sondern auch zum Beginn einer großen sozialen Transformation führen. Die Frage nach einer Bodenreform beantwortete er damit, dass der Besitz von höchstens 25 Hektar Acker- und Waldland erlaubt werden solle. Auch unabhängig vom Thema nationale Minderheiten wünschte Beneš eine Einmischung der UdSSR in die inneren Angelegenheiten seines Landes. Er forderte sie dazu auf, »Druck auf unsere Regierung auszuüben und alle Slowaken bestrafen zu lassen, die Verantwortung tragen für den Krieg gegen die Sowjetunion«, dem sich ihr – 1939 neben dem »Protektorat Böhmen und Mähren« der deutschen Besatzer errichteter – Staat angeschlossen hatte. Anscheinend wollte er dem politischen, administrativen und ethnischen Zentralismus der Tschechen in der ČSR endgültig zum Sieg verhelfen. Er verurteilte die Slowaken so heftig, dass Molotov einwandte, man könne diese doch nicht »einfach in einen Topf wie die Deutschen und die Ungarn werfen«.39 In einem zweiten Gespräch mit dem sowjetischen Außenminister betonte Beneš nochmals die Bereitschaft zu unbedingter Gefolgschaft. Früher habe man sich in Prag nach Frankreich orientiert, jetzt aber sei eine enge militärische Kooperation mit der UdSSR nötig. Daran seien Militärplanung, Militärtheorie, Bewaffnung, Luftabwehr, Flugplatzbau usw. anzupassen, ebenso die Wirtschaft. Der Außenhandel mit der UdSSR müsse intensiviert werden; Probleme wie Arbeitslosigkeit ließen sich nur mit ihrer Hilfe lösen. Lieferungen aus dem Osten sollten die Abhängigkeit vom Westen beseitigen. Mit Blick auf die Beziehungen zu Österreich, Rumänien, Jugoslawien, Frankreich und Italien versicherte Beneš, sein Land werde nichts ohne Abstimmung mit der Sowjetunion tun. Er sprach auch von der Möglichkeit, dass sich die ČSR aus militärstrategischen Gründen einige benachbarte Gebiete angliedern könnte, und verlangte, die Ungarn aus der Slowakei zu entfernen und dort Grenzkorrekturen vorzunehmen.40 Zuletzt zog man Bilanz. Molotov bekräftigte, die UdSSR erkenne die staatliche und territoriale Integrität der ČSR an. Beneš rechtfertigte die geplante Vertreibung der deutschen Bevölkerung nochmals mit der Erklärung, diese habe »großen und primären Anteil an der Schuld Deutschlands an diesem Krieg«. Das gegen sie gerichtete Vorgehen sei »eine Frage der Gerechtigkeit gegenüber der ČSR« und »eine Absicherung dagegen, dass das Deutsche Reich die deutschen Minderheiten wieder zur Vorbereitung seiner aggressiven Pläne gegen den Frieden und das Slawentum benutzen könnte«. Die Tschechoslowakei werde dadurch in die Lage versetzt, »militärisch die Sicherheit ihrer Grenzen zu gewährleisten«, das »Problem der Reparationen« zu regeln und eine »Basis für die Lösung großer sozialer Aufgaben« zu schaffen. Die sowjetische Seite stellte fest, sie habe für »dieses Lebensproblem der ČSR« volles Verständnis und trage »mit ihrer Unterstützung zu dessen Lösung« bei. Stalin erklärte, dass es in allen mit Molotov besprochenen Fragen volle Übereinstimmung gebe. Er billigte ausdrücklich den Inhalt der Memoranden, die Beneš zu den militärischen und wirtschaftlichen Problemen und zum Bevölkerungstransfer vorgelegt habe. Die Einzelheiten würden »weiter studiert und von Fachleuten beider Staaten erörtert« werden.41 Stalin stellte die peinliche Frage, wieso es in der ČSR keine Partisanenbewegung wie in den anderen Ländern gebe. Beneš erwiderte, das wolle man nach dem Krieg besser machen und »das Leben auf neuen Grundlagen erwecken«. Mit seiner Antwort gab der sowjetische Führer zu erkennen, dass er einen politisch-gesellschaftlichen Umsturz in der Tschechoslowakei für nötig erachtete. Man dürfe die Erneuerung nicht der »alten Demokratie« überlassen, die »nicht lebensfähig« sei und »wegfallen« müsse. Stattdessen müsse man einen »Schritt nach vorn« tun, welcher »der neuen Entwicklung und dem neuen Sachstand« entspreche. Die Slowakei solle »fest an die Hand genommen« werden, um ihr keinen Separatismus mehr zu gestatten. Beneš erklärte, »unter wissenschaftlichem Gesichtspunkt« bestehe kein Unterschied zwischen der tschechischen und slowakischen Sprache, und versicherte, eine Selbstständigkeit der Slowaken komme nicht in Betracht, denn sie gehörten zur Tschechoslowakei. Weiter sprach man über die Politik Großbritanniens, der USA, des künftigen Deutschlands, Ungarns und Rumäniens, über eine Verbesserung der geheimdienstlichen Zusammenarbeit und über ein von der UdSSR unterbreites Memorandum über militärische und wirtschaftliche Kooperation.42 Die Vereinbarungen wurden in einem Protokoll festgehalten, das auf Entwürfen von Beneš beruhte, aus denen anschließend alles gestrichen worden war, was die sowjetischen Verpflichtungen klar umschrieben hätte.43 Der Pakt vom 12. Dezember solle eine genaue Abstimmung in allen beiderseitig interessierenden Angelegenheiten der internationalen Politik und eine enge militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit herbeiführen. Man stimme voll darin überein, dass neue deutsche Aggressionsversuche durch geeignete Maßnahmen verhindert werden müssten, unter anderem durch vollständige Entwaffnung und »entsprechende Veränderungen der inneren Struktur«. Der Schaden, den andere Länder erlitten hätten, sei voll zu ersetzen. Der vorgesehene Bevölkerungstransfer lasse der ČSR Gerechtigkeit zuteil werden und garantiere, dass die deutsche Minderheit nicht mehr zur »Vorbereitung aggressiver Pläne gegen den Frieden und das Slawentum« missbraucht werde. Er gewährleiste die militärische Sicherung der Grenzen, löse das Reparationsproblem und schaffe »Grundlagen für das große Programm der sozialen Reform«, das die Regierung der ČSR ins Auge fasse, »um die Aufgabe der nationalen, wirtschaftlichen und sozialen Konsolidierung der Republik zum endgültigen Abschluss zu bringen«.44 Außer Deutschland sei auch Ungarn zu bestrafen. Es müsse »primär durch die sowjetische Armee« besetzt werden, denn eine »friedliche Zusammenarbeit zwischen Ungarn und den demokratischen Ländern« wäre »ohne fundamentale Änderungen an Ungarns bestehendem Feudalsystem nicht möglich«. Die UdSSR sprach sich für »ein starkes und unabhängiges Polen« aus und fügte hinzu, »nur eine wahrhaft demokratische polnische Regierung in vollem Einvernehmen mit dem polnischen Volk« könne künftig eine »fruchtbare Zusammenarbeit« gewährleisten. Für Österreich sei eine Zukunft als »unabhängiger und wirtschaftlich voll lebensfähiger Staat« ohne Auflagen in Bezug auf die innere Ordnung vorgesehen.45 Es bestand auch Einvernehmen darüber, dass Polen für die Abtretung seiner Ostgebiete an die UdSSR mit der Übertragung ostdeutschen Territoriums – Oberschlesiens und der Gebiete bis zur Oder – entschädigt werden solle.46 Beneš sah seine Erwartungen durch die Resultate der Verhandlungen übertroffen und glaubte seine Ansicht bestätigt, dass die UdSSR die frühere Konzeption aufgegeben habe, »den Frieden zu untergraben« und »den Kommunismus in andere Staaten einzupflanzen«. Ihre Führer seien »sowjetische Patrioten«, die das Recht und den Willen zur Teilnahme an den Entscheidungen in der Welt hätten.47 Ihre Erklärungen über die Abkehr von der Komintern-Politik, über die positive Einstellung zur Religion und zur Zusammenarbeit mit dem Westen, über die slawische Idee und diese als bloße Taktik anzusehen, waren demnach ein fundamentaler Fehler. Die UdSSR sei unaufhaltsam und unumkehrbar auf das Ziel eines neuen dezentralisierten russischen Imperiums ausgerichtet, das allen anderen Völkern einen festen Platz im Geiste einer neuen Volksdemokratie einräume. Aus dem Krieg werde eine neue Sowjetunion hervorgehen. Diese werde ihr wirtschaftliches und gesellschaftliches System voll bewahren, politisch aber eine völlig neue Gestalt erhalten, die Führung der Slawen übernehmen und eine gänzlich neue Situation in der Welt herbeiführen. Der ČSR bringe man große Sympathie entgegen, und der Vertrag mit ihr sei der Anfang einer neuen, für alle Slawen sehr wichtigen Phase. Beneš war der Euphorie nahe. Wie er seiner Exilregierung in London mitteilte, seien alle Probleme »so klar, so entschieden und mit solcher Herzlichkeit und in so harmonischer Zusammenarbeit bezüglich der Zukunft« erörtert worden.48 Obwohl sich Beneš dezidiert um sowjetische Stellungnahmen zu inneren Problemen seines Landes bemüht hatte, war davon in den Vereinbarungen keine Rede. Im Kreml war man darauf bedacht, sich nicht dem Odium auszusetzen, die UdSSR nehme auf die Angelegenheiten eines befreundeten Staates Einfluss. Die Aufgabe, in diesen Fragen ihren Willen gegenüber der ČSR zur Geltung zu bringen, wurde dem Chef der tschechoslowakischen Kommunisten im Moskauer Exil, Klement Gottwald, zugewiesen. Durch ihn konnte die UdSSR Forderungen stellen, ohne nach außen gegen den vertraglichen Einmischungsverzicht zu verstoßen. Verhandlungen mit der kommunistischen Exilführung Auch Beneš wollte die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei (Komunistická strana Československa, KPČ) einbeziehen. Er brachte ihr zwar keine Sympathie entgegen, hielt aber die Zusammenarbeit mit ihr um des Verhältnisses zur UdSSR willen für angebracht. Dabei glaubte er, die Kommunisten durch die Bereitschaft zur Übernahme wichtiger Teile ihres Programms und die »Beschäftigung« ihrer Funktionäre in verantwortlichen Positionen »schlucken und verdauen« zu können. Durch seine guten Beziehungen zu ihren sowjetischen Mentoren werde er in der Lage sein, sie unter Kontrolle zu halten. Die KPČ bestärkte ihn in dieser Zuversicht, indem sie – gemäß Stalins Konzept – verbale Zurückhaltung übte und nichts über ihr Endziel verlauten ließ. Sie sprach nur von einer »neuen Demokratie«, die auch Wirtschaft und Gesellschaft erfassen müsse, und stellte kurzfristige Forderungen, ohne das Wort »Sozialismus« in den Mund zu nehmen. Das scheinbare Entgegenkommen überzeugte Beneš vollends von der Richtigkeit seiner Umarmungsstrategie. Als ihr Freund und Förderer erklärte er die Kommunisten, die nie mehr als 13 Prozent der Stimmen erhalten und bei den letzten Wahlen deutliche Verluste erlitten hatten, zur künftig stärksten Partei in der ČSR, aus deren Reihen er den Regierungschef ernennen werde.49 Beneš berichtete Gottwald und seinen Leuten zunächst mit sichtlicher Befriedigung von den Gesprächen mit Stalin und Molotov und zog das Fazit, das Problem der Deutschen werde in der künftigen Republik definitiv gelöst werden. Die Niederlage Deutschlands biete eine einzigartige Gelegenheit zur »radikalen Säuberung« des Staatsgebiets »vom deutschen Element«. Die ČSR werde »ein Nationalstaat, ein slawischer Staat« sein. Das deutsche Eigentum – Badeorte, Bergwerke, Fabriken und landwirtschaftliche Großbetriebe – werde in staatliche Verwaltung übernommen werden. »Es wird eine nationale Revolution sein, verbunden mit einer sozialen Revolution. Die Maßnahmen nationalen Charakters und die Maßnahmen gegen vermögende Deutsche werden den Weg für radikale wirtschaftliche Eingriffe und soziale Veränderungen in den tschechischen Gebieten öffnen.« Die ČSR müsse in jeder Hinsicht in die Hände des Volkes übergehen. Mit der ungarischen Bevölkerung sei ähnlich zu verfahren, doch bereite dies weniger Schwierigkeiten, weil man sie mit den Slowaken in Ungarn austauschen könne. Gottwald war mit dieser Ausrichtung einverstanden, hielt aber, was die Deutschen betraf, ein »stärker taktisches Vorgehen« und »größere Vorsicht« für richtig. Es sei etwa an ein Recht zur Option für die ČSR oder eine individuelle Überprüfung zu denken. Zur Begründung der Strafen gegen sie solle man nicht die Nationalität, sondern Schuld gegenüber der Demokratie, der Republik und dem Volk anführen. Beneš stimmte dieser Taktik zu.50 Der Präsident informierte die Kommunisten in allen Einzelheiten über seine Mitarbeiter und Weggenossen in London und verhehlte nicht, dass er die Ansichten der meisten als politisch rückständig ansah. Er forderte die KPČ, die bislang nur in seinem Staatsrat vertreten war, zur Beteiligung an der Exilregierung auf und erklärte, diese wolle bei Kriegsende zurücktreten, aber ihre Funktionen weiter ausüben, bis aufgrund der Parlaments- und Präsidentenwahlen eine neue Staatsspitze geschaffen sei. Gottwald erklärte, das Kabinett in London habe keine Legitimation und müsse seine Befugnisse sofort abgeben, wenn man wieder in der ČSR sei. Er setzte durch, dass sofort eine provisorische Regierung zu bilden sei, die bis zu den Wahlen und zur Konstituierung ordentlicher Verfassungsorgane amtieren werde. Dies werde etwa drei Monate dauern, so Beneš. Er selbst wolle erst zwei Wochen später zurückkehren, damit sich das Volk vorher gehörig »austoben« könne, ehe er dann für Ordnung sorge. Seiner Ansicht nach waren alle schuldig Gewordenen, alle Verräter sogleich aus dem Staatsapparat zu entfernen. Das Volk werde am besten wissen, wer zu bestrafen sei, und solle die Möglichkeit zur Abrechnung erhalten. Generell könne man den Beamtenapparat selbst in der Slowakei (wo 1939 das mit Hitler verbündete Tiso-Regime die Herrschaft übernommen hatte) nicht antasten, sondern müsse die Säuberung auf später verschieben, um sie dann systematisch durchzuführen. Die Kommunisten und Beneš stimmten darin überein, dass fundamentale Veränderungen an der Staatsstruktur erforderlich waren. In Böhmen und Mähren wurde eine »Revolution«, ein »Kampf« vorgesehen. Das »Volk« sollte »mit den Deutschen aus dem Reich und mit unseren Deutschen« gründlich abrechnen und so einer sowohl nationalen als auch sozialen Revolution den Weg bereiten. Dementsprechend wurde die Bildung von Nationalkomitees ins Auge gefasst, die als unmittelbare Organe des Volkes auf lokaler und regionaler Ebene die dortigen Behörden kontrollierten. Damit sollte eine zweite Exekutive neben der traditionellen staatlichen Macht entstehen, die dieser die Amtsgewalt streitig machte. Das lief auf jene Doppelherrschaft hinaus, derer sich Lenin 1917 in Russland als Sprungbrett zur Machtergreifung bedient hatte. Die Nationalkomitees sollten zusammen mit den Parteien, die noch im Untergrund existierten, und neuen »Parteikomplexen«, deren Entstehung man erwartete, Vorschläge hinsichtlich der Zusammensetzung der provisorischen Regierung machen. Beneš plädierte für eine sozialistische Einheitspartei aus Kommunisten, Sozialdemokraten und seinen Nationalen Sozialisten (als Partner, der die Unterstützung der bürgerlichen Kräfte gewährleisten würde). Das kam für die KPČ von vornherein nicht in Betracht, denn im Kreml hatte man festgelegt, dass es zunächst zu einer »Aktionseinheit der beiden Arbeiterparteien« kommen sollte, die gemeinsame Positionen gegenüber den bürgerlichen Parteien festlegen würde. Dabei hatten sich die Kommunisten mit den Sozialdemokraten lediglich zu einem Bündnis zusammenzuschließen, in dem ihre organisatorische Selbstständigkeit unbedingt gewahrt blieb, und eine Fusion erst dann zu vollziehen, wenn sie imstande waren, die in ihre Reihen aufzunehmenden anderen Sozialisten politisch zu »verdauen«, so dass die stalinistisch ausgerichtete Parteistruktur und Politiklinie sich voll durchsetzen ließ. Beneš schlug nun vor, ein Linksbündnis aus Kommunisten, Sozialdemokraten und Nationalen Sozialisten könne unter Führung der KPČ bis zu den Wahlen die Amtsgeschäfte übernehmen. Auch das war mit dem sowjetischen Konzept nicht zu vereinbaren, denn dieses sah vor, zunächst den Anschein zu erwecken, dass man auf eine alle Demokraten umfassende Ordnung hinarbeite. Aus diesem Grund lehnte es Gottwald auch ab, an die Spitze der provisorischen Regierung zu treten. Er forderte aber für seine Partei die Ministerien des Innern und der Verteidigung, also die Machtressorts, die über die Polizei und das Militär verfügten. Beneš stimmte persönlich zu, schränkte aber ein, die Regelung hänge nicht nur von ihm, sondern auch von den anderen Blockpartnern ab. Was das Parteiensystem betraf, setzte sich Gottwald, wie von Stalin vorgesehen, dafür ein, dass außer den Arbeitern auch die »bürgerlichen« Kreise, die Katholiken und Bauern eine Vertretung erhalten müssten. In dem Memorandum, das er den Beratungen zugrunde legte, hieß es weiter, der »führende Block der Arbeiterparteien« solle keine linke Politik betreiben, sondern als »Vertretung der ganzen Nation« auftreten. Die Agrarpartei, die vor 1938 die stärkste Kraft in der ČSR gewesen war und deswegen den Kommunisten als gefährlichster Rivale galt, wurde der »reaktionären« Orientierung beschuldigt. Darum sei ihr kein Recht zur Beteiligung am politischen Leben zuzubilligen. Eine neue Partei müsse die Bauern vertreten. Beneš erhob keinen Einspruch.51 Diese Abmachungen brachten die KPČ der angestrebten Macht entscheidend näher. Gottwald war sehr zufrieden. Abschließend erklärte er, man sei auf einem »guten Weg«, und fügte hinzu, die Fragen der künftigen Regierungsarbeit ließen sich am besten klären, wenn aus London eine Delegation nach Moskau komme. Die Vertreter der drei Linksparteien könnten dort die Zusammenarbeit im Block und das gemeinsame Programm besprechen und Entwürfe dazu formulieren. Deshalb sollte die Federführung bei der Planung des staatlichen Aufbaus nicht bei den Exilpolitikern, sondern bei der KPČ und dem sowjetischen Parteiapparat liegen. Die Abgesandten aus London würden sich lediglich an der Diskussion beteiligen können, nachdem die grundlegenden Konzepte und Papiere schon ausgearbeitet vorlagen. Beneš stimmte dem Verfahren zu. Sein Einverständnis ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass er durch den Vorwurf unter Druck gesetzt worden war, seine Pflicht als Präsident der ČSR verletzt zu haben, als er 1938 auf militärischen Widerstand gegen Hitler verzichtet habe. Auch rügten die Kommunisten, er ignoriere die Realität, indem er die Slowaken zusammen mit den Tschechen zu einem Volk erkläre. Sie besäßen jedoch eine eigene nationale Identität, die einen autonomen Status innerhalb des Staates erfordere. Bezüglich der Beratungen in Moskau benannte Beneš als seine Vertreter den stellvertretenden Vorsitzenden seines Staatsrates, den Kommunisten Václav Nosek, den Nationalen Sozialisten Josef David und den linken Sozialdemokraten Bohumil Laušman. Man könne eventuell auch einen von ihrem rechten Flügel und Pfarrer František Hála von der Slowakischen Volkspartei hinzuziehen. Dagegen erhob sich kein Widerspruch.52 Im ausgehenden Winter 1944 erhielt die Londoner Exilregierung aus den USA den Entwurf eines Abkommens über das Vorgehen der alliierten Truppen auf dem Gebiet der ČSR. Beneš und Gottwald lehnten jedoch eine mit den Verbündeten vereinbarte Regelung ab. Wie die Führung im Kreml gingen sie davon aus, dass ihr Land von der UdSSR befreit werden würde, und wollten verhindern, dass die Westmächte Einfluss nehmen könnten. Mit Unterstützung des Botschafters in Moskau, Zdeněk Fierlinger, verhinderte die UdSSR eine Regelung, bis ihre Streitkräfte tschechoslowakisches Gebiet erreicht hatten, und schloss dann mit dem Argument, dass es um das Vorgehen ihrer Truppen gehe, die anderen Staaten vom Abschluss des entsprechenden Abkommen mit der ČSR aus. Durch seine Mithilfe machte Beneš erneut deutlich, dass er sein Land allein in sowjetische Hände geben wollte. Die Westmächte sollten dort in keiner Weise mitzureden haben. Nur die UdSSR würde zuständig sein.53 Daraufhin sah sich der Oberbefehlshaber der anglo-amerikanischen Streitkräfte, General Eisenhower, im Frühjahr 1945 veranlasst, seine Truppen vom Vorstoß nach Prag abzuhalten. Er und seine Leute würden in der ČSR ohnehin nichts zu sagen haben. Daher hatte das Leben seiner Soldaten Vorrang.54 Zu Beginn des Jahres 1945 traten die Beratungen über die künftige Innenpolitik der ČSR in die entscheidende Phase. Am 23. Januar wies Stalin Gottwald in einem Gespräch nochmals darauf hin, dass der Umgang mit Beneš größte Behutsamkeit notwendig mache. Angesichts der Probleme im Verhältnis zu den USA und zu Großbritannien, die sich durch den Konflikt mit der polnischen Exilregierung ergeben hätten, sei es wichtiger denn je, Misshelligkeiten in den Beziehungen zu Beneš zu vermeiden, damit dem Bündnis eine weitere Belastung erspart werde. Welche konkrete Regelung deshalb im Kreml für richtig gehalten wurde, teilte der Leiter der zuständigen Abteilung des sowjetischen Zentralkomitees, Georgi Dimitrov, dem KPČ-Chef am 1. Februar mit. Daraufhin forcierten Gottwald und das ZK die Arbeit an dem Entwurf, der dem Exilpräsidenten bei den bevorstehenden Gesprächen in Moskau unterbreitet werden sollte.55 Auf eine Nachricht Fierlingers hin erklärte Beneš der Kremführung am 14. Februar, er stehe zur Abreise bereit. Zu diesem Zeitpunkt sah er den ins Auge gefassten Verhandlungen nicht länger mit dem gewohnten Optimismus entgegen. Angesichts des Verlaufs des Drei-Mächte-Gipfels in Jalta bezweifelte er erstmals, dass sich die UdSSR an demokratischen Zielen orientiere und dass Großbritannien und die USA die demokratischen Kräfte hinreichend unterstützten.56 Die Gespräche des tschechoslowakischen Präsidenten in Moskau begannen am 21. März mit Erörterungen über den Anschluss des ukrainisch besiedelten Karpatengebiets an die UdSSR. Das war eine herbe Enttäuschung, denn Beneš war bis dahin aufgrund der früheren Zusage der Kremlführung, die ČSR in den Grenzen von 1938 wiederherzustellen, von der Annahme ausgegangen, diese Region werde als autonome Region weiter dazugehören. Nach ihrer Eroberung durch die Rote Armee war aber unter geheimdienstlicher Regie eine »Volksbewegung« entstanden, welche die Eingliederung in die Ukrainische Sowjetrepublik forderte. Beneš sah sich dadurch genötigt, der Abtretung zuzustimmen. Um den Anschein der Freiwilligkeit zu wahren, wurde die Vereinbarung bis zur Durchführung des zur Rechtfertigung vorgesehenen Referendums geheim gehalten.57 Ab 24. März besprachen Beneš und Gottwald das künftige Regierungsprogramm. Der KPČ-Chef stützte sich auf das Memorandum, das seine Partei zusammen mit dem sowjetischen ZK-Apparat formuliert und danach mit Dimitrov besprochen hatte und das abschließend von Stalin und Molotov gebilligt worden war. Damit konnten sich die Kommunisten auf eine detailliert ausgearbeitete Verhandlungsgrundlage stützen, während Beneš ohne schriftliche Unterlagen dastand. Die Vorschläge des Kremls waren daher alleiniger Bezugspunkt der Diskussion; an ihnen wurde nur noch wenig geändert. Damit bestimmte das sowjetische Konzept die Entscheidungen über die innerstaatliche Ausrichtung der künftigen ČSR.58 Ihm lag die interne Anweisung zugrunde, die »Frage der Sowjetisierung der Tschechoslowakei« müsse zurückgestellt werden, um »das Volk selbst« aufgrund seiner eigenen Entwicklung auf den »Weg zur Sowjetmacht« zu bringen.59 Dimitrov hatte Gottwald schon im Dezember 1944 erklärt, seine Partei dürfe weder die Einführung des Sowjetsystems noch Maßnahmen fordern, die sich erkennbar gegen die bürgerlich-demokratische Ordnung richteten. Sie müsse sich ein nationales und patriotisches Aussehen geben und sich allein gegen den »Faschismus« der Deutschen und der »Verräter« im Lande wenden. Die »Frage der Sowjetisierung« sei erst zu stellen, wenn »die Zeit reif« sei. Die ČSR müsse »sich selber auf den Weg zur sowjetischen Macht durch eine systematische politische und ideologische Vorbereitung hinführen«. Dem sollten »unter anderem der [Parteien-]Block und die Zusammenarbeit mit demokratischen Elementen dienen«. Man müsse die Kräfte »mäßigen«, die sich stärker beeilen wollten.60 Demnach durfte es keine klassenkämpferischen Töne geben. Zwar sollten etwa Enteignungen vorgenommen werden, doch waren diese zu Strafen für die »[Nations-]Verräter aus den Reihen der Bank-, Industrie- und Agrarmagnaten« zu erklären. Als Begründung für Parteiverbote wurde Verrat am Staat vorgesehen. Nur den als Kooperationspartner betrachteten Mitgliedern der Nationalen Front – den Kommunisten, den zu enger Verbundenheit mit ihnen verpflichteten Sozialdemokraten, den Nationalen Sozialisten, den Katholiken und der Slowakischen Volkspartei – war das Recht zu politischer Betätigung einzuräumen. Alle anderen, vor allem die Agrarpartei, waren davon auszuschließen. Auf der Basis dieser Einschränkungen, vor allem des Verbots, erschienen Wahlen akzeptabel. Nationalkomitees sollten der Bevölkerung eine breite Beteiligung an den öffentlichen Angelegenheiten erlauben. Unter Hinweis darauf, dass darüber schon im Dezember 1943 ein grundlegendes Einvernehmen bestanden habe, setzten die Kommunisten alle Forderungen durch.61 Gemäß sowjetischer Instruktion lehnte Gottwald den ihm von Beneš angetragenen Vorsitz des Ministerrats ab mit der Begründung, er wolle den Eindruck des Strebens nach Parteidiktatur vermeiden. An seiner Stelle wurde der linke Sozialdemokrat Fierlinger vorgesehen, der stets die Positionen der UdSSR unterstützte und für viele Kenner der Verhältnisse faktisch ein Kommunist war. Als Verteidigungsminister wurde Svoboda nominiert, der die Aufnahme in die KPČ beantragt hatte, aber mit dem Argument abgewiesen worden war, er solle wegen des optischen Gleichgewichts als Parteiloser auftreten. An die Spitze des Innenressorts, dem vor allem die bewaffneten Polizeien unterstehen sollten, kam ein Kommunist – und zwar auf Dimitrovs »Empfehlung« nicht der allzu exponierte Generalsekretär der Partei, Rudolf Slánský, sondern der weniger bekannte Genosse Nosek. Auch die wegen ihres Einflusses auf die Öffentlichkeit wichtigen Ministerien für Information, Landwirtschaft sowie Arbeit und Fürsorge gingen an Kommunisten, während das Ressort für Schulwesen und Volksaufklärung der Leitung des ihnen nahe stehenden Schriftstellers, Historikers und Musikwissenschaftlers Zdene˘k Nejedlý anvertraut wurde. Nur in der Außenpolitik konnte Beneš seinen Kandidaten, Jan Masaryk, durchsetzen. Der andere ihm eng verbundene Parteifreund, Hubert Ripka, einige nicht an die UdSSR gebundene Sozialdemokraten sowie die Katholiken und die Slowakische Volkspartei wurden mit politisch marginalen Ministerien abgespeist. Um den Anschein von Ausgewogenheit zu wahren, verzichtete die KPČ auf die Mehrheit im Kabinett. Ihr genügte die Kontrolle über die entscheidenden Positionen.62 Die Besetzung der Regierungsposten zeigte Beneš, dass er eine politische Niederlage erlitten hatte. Dieses Ergebnis enttäuschte ihn zutiefst. Auch deprimierte es ihn, dass sich Stalin und Molotov nicht von der – ihren früheren Zusagen widersprechenden – Annexion der Karpato-Ukraine hatten abbringen lassen. Sein Vertrauen in die Kremlführung war erschüttert. Ihm kamen Zweifel, ob die Ausrichtung auf die UdSSR noch ihren Zweck erfüllte. Trotzdem hielt Beneš an der unbedingten Zusammenarbeit mit der Kremlführung fest und gab sich der Hoffnung hin, der schlechten Erfahrung werde künftig Besseres folgen.63 War er nicht bereit, sich sein Scheitern einzugestehen, oder sah er keine Möglichkeit, die beharrlich verfolgte Richtung zu ändern? Entwicklungen vor Ausbruch des Kalten Krieges Am 2. April 1945 fasste das Staatliche Verteidigungskomitee der UdSSR unter Stalins Vorsitz den Beschluss, eine NKVD-Einheit von 350 Mann zum Schutz von Beneš und der anderen Politiker der ČSR abzustellen.64 Drei Tage später gaben diese in Anwesenheit des künftigen sowjetischen Botschafters, Valerian Zorin, in Košice (Kaschau) die Zusammensetzung der provisorischen Regierung bekannt. In dem am Vortag verkündeten Aktionsprogramm hieß es, man werde »eine Wiederherstellung – in welcher Form auch immer – jener politischen Parteien nicht zulassen, die sich so schwer an den Interessen des Volkes und der Republik vergangen haben«. Das betraf nicht nur die Agrarpartei, sondern auch andere »bürgerliche« Gruppen, vor allem die Slowakische Volkspartei, die in diesem Landesteil früher die Mehrheit gehabt hatte. Die Kräfte, deren Tätigkeit erlaubt wurde, bildeten einen »Nationalen Block des arbeitenden städtischen und ländlichen Volkes«. Nach dessen Beschluss vom Juni wurden »sämtliche gewerkschaftlichen, genossenschaftlichen, kulturellen […] und anderen unabhängigen Organisationen sowie Jugendorganisationen« von Anfang an »als nationale Einheitsorganisationen« aufgebaut. Die Gerichte erhielten den Auftrag, die »Kollaborateure« und »Verräter« zu bestrafen.65 Von einem Gespräch mit Stalin im August 1946 brachte Gottwald die auch für die anderen sowjetisch eroberten Länder gültige Leitlinie mit, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg mehrere Wege zum Sozialismus gebe, mithin auch die ČSR bestimmen könne, wie sie vorgehen wolle. Die anderen Parteien nahmen das befriedigt zur Kenntnis, weil sie irrtümlich glaubten, die zugestandene Eigenentscheidung betreffe auch das Ziel.66 Den Slowaken war im Programm von Košice Gleichberechtigung mit den Tschechen und territoriale Autonomie zugestanden worden. Ihre Regierung konnte manche Entscheidungen selbstständig treffen. Die Regierung des Gesamtstaates amtierte als Organ der »nationalen Einheit«. Sie verhinderte, dass in Böhmen und Mähren Ersatz für die Agrarpartei geschaffen wurde, deren Wählerschaft die Kommunisten an sich zu binden hofften. Auf nachdrückliches Verlangen von Beneš beschloss sie, sowohl die totale Enteignung der »ausgesiedelten« Deutschen als auch die Verstaatlichung des Bankwesens und der Industrie. Die Gerichte sprachen Tausende von Todesurteilen und langen Haftstrafen aus. Wenn den Beschuldigten kein Fehlverhalten nachzuweisen war, genügte zumeist schon die Anklage, um sie aus dem öffentlichen Leben auszuschließen. Die Säuberungen betrafen gleichermaßen die Bereiche von Politik, Verwaltung und Wirtschaft. Die – weitgehend von KPČ-Kadern kontrollierten – Massenorganisationen, vor allem die Gewerkschaften, beanspruchten die Kompetenzen von Parteien und stärkten damit die Kommunisten in der Auseinandersetzung mit ihren politischen Konkurrenten. Die allgemeine Begeisterung über den Neuanfang im Zeichen der wiederhergestellten Eigenstaatlichkeit ließ den innenpolitischen Asymmetrien wenig Aufmerksamkeit zuteil werden. Auch waren die Zugehörigkeit der ČSR zum Einflussbereich der UdSSR und die starke Präsenz ihrer geheimdienstlichen Organe zu berücksichtigen. Fast generell stimmte man Beneš darin zu, dass der notwendige Schutz vor einer mutmaßlich erneut zu erwartenden deutschen Aggression das Risiko eines Konflikts mit dem Kreml und seinen Parteigängern verbiete.67 Die Kommunisten verschafften sich in den Nationalkomitees, die auf lokaler und regionaler Ebene die Kontrolle über die Industrie, die Politik und die Verwaltung übernahmen, eine beherrschende Stellung und etablierten damit eine Herrschaftsstruktur neben den staatlichen Hierarchien. Durch die Aneignung exekutiver Funktionen vor Ort unterminierten sie die Ministerien, von denen manche zudem so sehr auf die Gewerkschaften angewiesen waren, dass sie nur aufgrund des Einvernehmens mit diesen handeln konnten. Nur soweit die Ressorts über eigene Machtapparate – wie insbesondere Polizei oder Armee – verfügten, waren sie zur eigenständigen Wahrnehmung ihrer Aufgaben imstande. Die Nationalkomitees regelten im jeweiligen Gebiet Versorgung und Preise, unterstellten die Staatsorgane ihrer Aufsicht, instruierten die Verwaltung und erschütterten die Autorität der Beamten durch viele Interventionen. Zwar konnten sie nach eigener Angabe den »Einfluss der alten Demokratie« aus der Zwischenkriegszeit »nicht völlig« beseitigen, schränkten ihn aber »erheblich« ein. Die Verstaatlichung der Banken, Versicherungen und Industriefirmen ab 400, oft auch nur 250 Beschäftigten (66 Prozent der Betriebe mit 75 Prozent der Gesamtproduktion) erlaubte es den Komitees, administrative Positionen zu besetzen, Arbeitsplätze zu vergeben und die Ausrichtung der beginnenden sozialistischen Wirtschaftsplanung zu bestimmen. Die KPČ stellte 80 Prozent der Bezirks- und über 55 Prozent der Ortsvorsitzenden und dominierte die Einheitsgewerkschaften. Der Umstand, dass die bürgerliche Mittelklasse durch die Beseitigung des deutschen – wie zuvor schon des jüdischen – Elements und die zunehmende Abhängigkeit vom nationalisierten Wirtschaftssektor geschwächt war, stärkte die Macht der kommunistisch gesteuerten Organisationen weiter.68 »[D]ie Vertreibung der Deutschen, die Durchführung der Bodenreform und die Einführung der neuen Agrarpolitik« gaben den Nationalkomitees und damit weitestgehend der KPČ ein starkes materielles Fundament. Sie verfügten über die konfiszierten Vermögen und gaben die enteigneten Ländereien an Klienten weiter. Aus dem Besitz der Minderheiten und der »tschechische[n] und slowakische[n] Verräter« wurden 170 000 Familien mit insgesamt 1,7 Millionen Hektar ausgestattet. Aufgrund der für das Bodeneigentum festgelegten Obergrenzen wurden weitere 0,5 Millionen Hektar Gutsbesitzer- und Kirchenland verteilt. Die KPČ nutzte die Positionen, die sie auf diese Weise gewonnen hatte, um die »Differenzierung auf dem Dorf« voranzutreiben, das heißt die Wohlhabenden gesellschaftlich zu isolieren und so politisch zu entmachten. Insbesondere sollten damit von Anfang an die Bedingungen für eine Kollektivierung der Landwirtschaft geschaffen werden, die zu einem späteren Zeitpunkt vorgesehen war. Die Kommunisten stützten sich auf den »Verband der tschechoslowakischen Landwirte«, mit dessen Aufbau sie im Mai 1945 begonnen hatten und der statt der nicht zugelassenen Agrarpartei als Interessenvertretung der bäuerlichen Bevölkerung dienen sollte. Als die KPČ die Kontrolle über die Dörfer zu erringen versuchte, stieß sie auf den heftigen Widerstand der bürgerlichen Kräfte, die dort seit jeher ihre Hochburgen hatten. Es kam zu Mobilisierung und Gegenmobilisierung. Als der kommunistische Landwirtschaftsminister schließlich die Amtsgewalt für seine Partei einsetzte, erfolgte eine parlamentarische Rüge.69 Vor diesem Hintergrund fanden am 26. Mai 1946 landesweite Wahlen statt. Die KPČ erhielt mit 38 Prozent der Stimmen die relative Mehrheit. Damit hatte sie nun eine klare Legitimation für die Ernennung Gottwalds zum Regierungschef. Höchst ärgerlich war, dass in der Slowakei die meisten Wähler für die Demokratische Partei votiert hatten. Die Kommunisten waren mit ihrem Bemühen um die dort vorherrschende Landbevölkerung gescheitert. Sie hatten zwar im März 1945 gegen Beneš die Autonomie der Slowakei durchgesetzt, sahen diese aber jetzt als Hindernis auf dem Weg zur Macht. Gottwald versuchte die Demokratische Partei durch den Vorwurf zu diskreditieren, sie biete den Funktionären der früheren Slowakischen Volkspartei, also »reaktionären« Kräften der Vorkriegszeit, eine politische Plattform und stelle sich damit in Gegensatz zu der eingeleiteten demokratischen Erneuerung. Die Konsequenz, sie aus dem Amt zu jagen, verfolgte er wegen der Westmächte nicht weiter.70 Auch sonst war die KPČ vielfach unzufrieden, weil ihr autoritäres, die Interessen der anderen Parteien weithin missachtendes Vorgehen von Anfang an viele Widerstände hervorrief. Der Sozialistische Block, der die Sozialdemokratische Partei (SPČ) an die Kommunisten binden sollte, war schon Ende 1945 zerbrochen, weil seine Existenz von keiner Besatzungsmacht gewährleistet wurde. Weil es diese nicht gab, waren zudem die Mitglieder der Nationalen Front nicht so wie in den sowjetisch okkupierten Ländern zum Konsens mit den Kommunisten gezwungen. Diese konnten das politische Vorgehen nur dadurch teilweise ihrer Kontrolle unterwerfen, indem sie von den anderen Parteien ein unbedingtes Eintreten für die von ihnen durchgesetzten Beschlüsse verlangten. Mit dem Argument, es könne Misstrauensvoten nicht gegen einzelne Minister, sondern nur gegen die Regierung insgesamt geben, schützten sie aber ihre Ressortchefs vor parlamentarischen Misstrauensvoten. Diese prinzipiellen Differenzen führten zu ständigen Konflikten.71 Die Auseinandersetzungen verschärften sich, als die Kommunisten nach ihrem Erfolg bei den Wahlen von 1946 ihre Ansprüche erhöhten. Das Verhältnis zu den Sozialdemokraten geriet in eine akute Krise. Sogar der linke Fierlinger-Flügel verweigerte der KPČ die Gefolgschaft, als sie auf bedingungslose Unterordnung bestand. Die Mittelgruppe der SPČ war ohnehin zusammen mit den rechten Kräften nicht mehr zur gemeinsamen Frontstellung gegen die Bürgerlichen bereit. Die Kommunisten warfen der anderen Seite daraufhin vor, sie wolle mit den anderen Mitgliedern des Nationalen Blocks eine feindliche Gruppe bilden. Deshalb habe man alles darangesetzt, Fierlinger als Parteivorsitzenden abzulösen. Das Bemühen sei zwar erfolglos geblieben, werde aber fortgesetzt. Die Kommunisten wollten sich die Sozialdemokraten dadurch gefügig machen, indem sie mit Unterstützung durch deren – meist der Linie der KPČ folgenden – Gewerkschaftsfunktionäre nicht nur den linken Flügel, sondern auch die Mitte fest an sich binden wollten und die rechten Kräfte durch deren »Entlarvung« als »Reaktionäre« zu isolieren versuchten. Dem lag die Einschätzung zugrunde, dass sich die Konflikte zwischen den zwei Arbeiterparteien negativ auf die übrige Nationale Front und ihre Haltung zur kommunistischen Politik auswirke. Den Anhängern von Beneš, den Nationalen Sozialisten, wurde vorgeworfen, sie träten zwar nach außen hin für die Kooperation ein, blockierten diese aber faktisch zusammen mit den anderen bürgerlichen Kräften. Die KPČ griff zur Durchsetzung ihrer Politik zu ihrem gewohnten Mittel: der Spaltung der Gegner. So bemühten sie sich, gegen die »faschistische Clique« an der Spitze der Katholiken deren Gewerkschaftsfunktionäre und linken Geistlichen zu mobilisieren.72 Im Brennpunkt des Kampfes um die Macht standen von Anfang an die Sicherheitskräfte. Am 20. Juni 1945 löste der kommunistische Innenminister unter Berufung auf das Programm von Košice die Gendarmerie, die uniformierte Staatspolizei und die lokalen Polizeiorgane auf. An ihrer Stelle wurden als Instrumente der Zentralgewalt eine uniformierte allgemeine Polizei und ein mit Vorrechten ausgestatteter geheimer Staatssicherheits- und Nachrichtendienst geschaffen. Die Leitung lag jeweils bei kommunistischen Kadern. Diese übernahmen das frühere Personal nur so weit, wie sie nach sorgfältiger Loyalitätsprüfung dessen politische Zuverlässigkeit feststellten. Neu wurden nur die eigenen Leute eingestellt. Die Sicherheitskräfte, die Ermittlungen, Festnahmen und Hausdurchsuchungen nach eigenem Ermessen vornehmen konnten, wurden daher von der KPČ geführt. Sie befassten sich vornehmlich mit dem Kampf gegen die Widersacher ihrer Partei.73 Die Armee unterstand zwar rechtlich Präsident Beneš, der als Oberbefehlshaber über ihren Einsatz zu bestimmen hatte, doch die Entscheidung der Struktur- und Personalfragen lag in der Hand von Verteidigungsminister Svoboda, der, wie der tschechische Historiker Jan Kalous hervorhebt, den Kommunisten »bedingungslos ergeben« war.74 Zwei neue Organe mit zuverlässigen Kadern der KPČ an ihrer Spitze trieben den Veränderungsprozess in den Streitkräften voran, indem sie die militärischen Positionen mit ihren Leuten besetzten: die 5. Abteilung des Generalstabs und die Hauptverwaltung für Erziehung und Aufklärung. Erstere befasste sich vor allem mit der Sammlung von Informationen, die sich gegen politisch unerwünschte Militärs verwenden ließen, und führte aufgrund der so oder auf andere Weise gewonnenen Erkenntnisse Säuberungen durch. Die Hauptverwaltung baute ein Netz von Politoffizieren auf, die in der Truppe eine zweite Befehlskette neben den operativen Kommandeuren bildeten. Diese »Reformen« stärkten die Macht des Personals, das Svoboda in der UdSSR rekrutiert und geführt hatte, und drängten den Einfluss derer zurück, die während des Krieges in westlichen Streitkräften gedient hatten oder während der Protektoratszeit im Lande geblieben waren.75 Das Ausmaß, in dem sich die KPČ zu etablieren vermochte, wird an der Tatsache deutlich, dass ihr ein Drittel der Generäle angehörte. Im mittleren und unteren Offizierskorps war sie weniger stark vertreten. Die kommunistische Führung monierte, zwar sei Minister Svoboda ein Freund der UdSSR und stimme den Auffassungen der Partei meist zu, agiere aber »nicht fest genug« und weiche oft vor dem »Druck der rechten Kräfte« zurück.76 Die Führung der KPČ konstatierte voller Ärger, dass ihre Partei in den meisten Ministerien und den ihnen unterstehenden Zentralbehörden personell relativ schwach vertreten war. Weithin säßen dort die »Vertreter der alten reaktionären Bürokratie«. Außer im Verteidigungsressort hielt sie die Lage nur in den Ministerien für Landwirtschaft, Information, Inneres und Finanzen für befriedigend. Am schlechtesten schienen die Verhältnisse in Masaryks Außenministerium. Dort wende man sich sogar gegen das Bündnis der KPČ mit der sowjetischen Partei. Keines dieser Probleme erschütterte freilich die Siegesgewissheit der Kommunisten. Sie stützten sich nicht nur darauf, dass sie die UdSSR hinter sich wussten. Sie sahen ihre Chancen wesentlich auch dadurch gegeben, dass es ihnen die Doppelherrschaft und die vertreibungsbedingten Enteignungen erlaubten, ihre Macht gegenüber den »Reaktionären« in der Staatsbürokratie systematisch auszubauen.77 Ungeachtet aller Vorteile aufseiten der KPČ, war die sowjetische Führung wegen der »Verschärfung des Klassenkampfs« besorgt.78 Ihr entscheidendes Problem war, dass sie in der ČSR zwar viele Möglichkeiten zur Einflussnahme auf die innere Lage hatte, aber – anders als im besetzten Osteuropa79 – die Widerstände nicht einfach brechen und ausschalten konnte. Konfrontation, Krise und Umsturz in Prag Der amerikanische Außenminister George Marshall stellte am 6. Juni 1947 der Öffentlichkeit das seither mit seinem Namen verbundene europäische Hilfsprogramm vor. Dieses bot auch der UdSSR materielle Unterstützung an. Darauf hatte man im Kreml seit 1945 gehofft. Stalin dachte daher zunächst an eine Teilnahme seines Landes, machte dann aber einen Rückzieher, als er den Berichten seines Geheimdienstes und anderen Informationen entnahm, die Empfänger hätten ihre Wirtschaftspolitik aufeinander abzustimmen. Demnach würden die Mittel nicht frei verfügbar sein. Das lief nach sowjetischer Auffassung auf eine völlig unannehmbare ökonomische Fremdkontrolle hinaus, die umso schlimmer erschien, als sie mutmaßlich auch die Reparationslieferungen aus den besetzten Ländern umfassen würde. Dazu kam die Sorge, die sich bietenden materiellen Vorteile könnten dazu führen, dass die Gefolgschaftsstaaten dem sowjetischen Einfluss entglitten.80 So gesehen, war die amerikanische Offerte eine politische Kriegserklärung an die Adresse der UdSSR. Stalin ließ demgemäß seinen engsten Mitarbeiter, Andrej Ždanov, auf der Gründungstagung des Kommunistischen Informationsbüros (Kominform) am 25. September verkünden, die Lager des Sozialismus und Imperialismus stünden sich in unerbittlicher Feindschaft gegenüber. Die Kommunisten dürften keine Kompromisse mit dem westlichen Gegner schließen, sondern müssten ihn rücksichtslos bekämpfen.81 Zu Stalins Sorge gab es im Falle der ČSR konkreten Anlass. Ende Frühjahr 1947 waren dort Industrie und Landwirtschaft in eine schwere Krise geraten. Es kam zu Versorgungsengpässen, unter denen die Arbeiterschaft, die Klientel der Kommunisten, besonders zu leiden hatte. Als sich noch eine sowjetische Beteiligung abzuzeichnen schien, entschied sich Prag für die Annahme der amerikanischen Hilfe. Zu diesem Zeitpunkt, Anfang Juli, hatte es Stalin sich aber schon anders überlegt. Er bestellte Ministerpräsident Gottwald und Außenminister Masaryk nach Moskau. Dort machte er zunächst dem kommunistischen Regierungschef äußerst heftige Vorwürfe in einem Gespräch, das er mit ihm allein führte. Demnach hatte dieser sich von den Politikern der anderen Parteien, die im Kreml bereits als Verbündete der Feinde im Westen galten, ins Schlepptau nehmen lassen. Von dieser Seite, so erklärte der sowjetische Führer, seien Veränderungen in Vorbereitung, welche die ČSR aus dem Einflussbereich der UdSSR herausbrechen sollten. Er bezweifelte, dass die KPČ, wie geplant, bei der Wahl im kommenden Jahr den Sieg erringen könne, um so an die Macht zu kommen. Stattdessen drohe ihr das Schicksal der französischen und italienischen Kommunisten, die von der Macht ausgeschlossen worden waren. In einem weiteren Gespräch, zu dem Masaryk hinzugezogen wurde, machte Stalin klar, dass die ČSR ihre Bereitschaft zur Beteiligung am Marshall-Plan widerrufen musste.82 Zu Hause stellte die KPČ ihre Mitverantwortung dafür in Abrede; alle Schuld liege bei den anderen Parteien.83 Am 21. August legte Gottwald überdies dem Führungsgremium seiner Partei ein Konzept für eine politische Großoffensive im Herbst vor. Eingangs unterstellte er den anderen Parteien die Absicht, das Regierungsprogramm zu sabotieren und eine politische Krise vorzubereiten. Sie hätten eine Offensive eingeleitet; der entscheidende Zusammenstoß werde schon vor den Wahlen im nächsten Jahr erfolgen. Damit ergäben sich drei Möglichkeiten. Wenig wahrscheinlich seien vorverlegte Wahlen und die Einsetzung einer vorläufigen Beamtenregierung. Sollte es doch dazu kommen, werde die KPČ in bewährter Weise einen Generalstreik ausrufen. Auch mit der zweiten Eventualität, dem Auszug der Gegner aus der Regierung, sei kaum zu rechnen. Dem könne man zudem mit der Auflösung des Parlaments, der Ausschreibung von Neuwahlen und der Bildung einer Übergangsregierung mit Vertretern der Massenorganisationen begegnen. Gottwald sah weiterhin vor, die anderen Parteien durch den Aufbau von Linksgruppen in ihren Reihen zu spalten, ihre Führungen unter Druck zu setzen, den Sozialistischen Block zu erneuern und die Nationale Front »von der Reaktion« zu säubern. Die Durchsetzung des Machtmonopols sollte in Kürze erfolgen.84 Die Führung der KPČ versicherte auf der Kominform-Tagung im September, sie werde aus der sowjetischen Kritik am Kurs der kommunistischen Parteien die nötigen Lehren ziehen. Sie sei entschlossen, die schon eingeleitete »Gegenoffensive gegen die Reaktion« in der ČSR »zu verstärken und weiter zu entfalten«, und werde alles tun, um diese »aus ihren Positionen zu entfernen« und als [westliche] »Verräter-Agentur zu entlarven«. Sie beabsichtige, mithilfe der »breiten Volksmassen« die »Reaktion zu zerschlagen«, d. h., ganz zu vernichten. Vor allem in der Slowakei als Schwachstelle des volksdemokratischen Regimes müsse man die Feinde besiegen. Das werde sich auf das »Kräfteverhältnis zwischen den fortschrittlichen und reaktionären Kräften insgesamt« positiv auswirken und der KPČ »helfen, eine Reihe von Problemen in Böhmen und Mähren zu entscheiden«. Es sei vor allem erforderlich, die von Beneš unterstützten »reaktionären Cliquen der Nationalen Sozialisten und der Katholischen Partei« zu bekämpfen. Diese versuchten, die Orientierung der Außenpolitik »umzukehren« und den Marshall-Plan als vorteilhaft für die ČSR hinzustellen.85 Die lautstark propagierte Ablehnung der Marshall-Plan-Hilfe durch die KPČ stieß angesichts der Versorgungskrise bei der Bevölkerung auf Unverständnis. Auch aus anderen Motiven verringerte sich die Unterstützung für die Kommunisten erheblich. So stieß das Bemühen um Durchsetzung der Bodenreform (die für Stalin entscheidende Bedeutung hatte) auf unüberwindlichen Widerstand, als es nicht mehr um die Enteignung der Deutschen, sondern um die Beschränkung tschechischen und slowakischen Landbesitzes ging. Das vielfach eigenmächtige oder gar gesetzwidrige Vorgehen der KPČ, wenn die Zustimmung in der Nationalen Front ausblieb, rief weithin Ablehnung und Abwehr hervor. Durch ihre massive, auf Machterhalt und Alleinherrschaft ausgerichtete Propagandakampagne im Herbst konnten die Kommunisten den negativen Trend nicht wenden. Die anderen Parteien wurden in der allgemeinen Ablehnung bestärkt, mit der sie eine Machtergreifung verhindern und die Demokratie retten wollten. Dennoch unternahmen sie – anders als Gottwald erwartet hatte – nichts, um kommunistische Attacken und Übergriffe zunichte zu machen und deren Fortsetzung zu verhindern. Sie stellten sich auch nicht auf Auseinandersetzungen ein, die mit Mitteln der physischen Macht geführt werden würden, sondern konzentrierten sich allein auf das Bestreben, der KPČ in den Wahlen des kommenden Jahres eine Niederlage zu bereiten. Während die Kommunisten die Vorbereitungen für den Endkampf um die Macht einleiteten und mit Blick darauf die gesellschaftlichen Organisationen, vor allem die Gewerkschaften, zu mobilisieren begannen, blieben ihre Gegner – die Sozialdemokraten, Nationalen Sozialisten und slowakischen Demokraten – untätig. Sie wollten sich nicht dem Vorwurf aussetzen, dass sie entgegen den Abmachungen von 1945 über die Nationale Front Oppositionsbildung betrieben. Sie verzichteten darauf, sich gegen die ständigen Provokationen der Kommunisten energisch zur Wehr zu setzen, und gaben immer wieder nach, auch wenn es um wichtige Fragen ging. Beneš vermied mit Rücksicht auf die UdSSR klare Stellungnahmen. Er rief nur zu Toleranz und Verträglichkeit auf, ohne sich öffentlich zu den demokratischen Parteien zu bekennen. Deren Chefs berieten mit ihm, gewannen ihn aber nicht als Führer für ihre Sache. Seine Passivität trat eklatant zutage, als er einen Verfassungsbruch der KPČ widerstandslos hinnahm, der die politischen Verhältnisse im Land entscheidend veränderte: die aufgrund einer geheimen Anweisung Stalins von Anfang Oktober 1947 eigenmächtig durchgeführte Absetzung der slowakischen Regionalregierung und die damit verbundene Aufhebung der slowakischen Autonomie. Trotz aller Duldsamkeit galt Beneš den Prager Kommunisten und der Führung in Moskau als feindlicher »Agent des anglo-amerikanischen Imperialismus«.86 Im Kreml war man über die Lage in der ČSR sehr besorgt.87 Der angestrebte Sieg der KPČ war nicht mehr zu erwarten, wenn man das Land dem politischen Selbstlauf überließ. Eine Wende konnte nach amtlicher Einschätzung nur noch herbeigeführt werden, indem die UdSSR direkt eingriff. Es wurde eine für Sondereinsätze vorgesehene Geheimpolizeibrigade in Zivilkleidung mit 400 Mann nach Prag gebracht, die den Auftrag erhielt, den Umsturz vorzubereiten und Gottwald zu schützen. Anfang 1948 rief Molotov Pavel Sudoplatov, den Leiter der für die ČSR zuständigen Abteilung des Geheimdienstes, zu sich ins Außenministerium und befahl ihm, sich nach Prag zu begeben und dort eine geheime Zusammenkunft mit Beneš zu arrangieren, um ihm den Rücktritt und die Übergabe seiner Befugnisse an den KPČ-Chef nahezulegen. Falls er sich weigere, habe er damit zu rechnen, dass man der Öffentlichkeit die Quittung für die ihm 1938 gezahlten 10 000 US-Dollar, das Abkommen von 1935 über die geheimdienstliche Zusammenarbeit mit der UdSSR und die Vereinbarung über die Abtretung der Karpato-Ukraine von 1945 präsentiere. Damit würde er allen politischen Kredit verlieren. Das sei ohne Diskussion mitzuteilen. Einer der Mitarbeiter Sudoplatovs, der frühere Prager Resident Pëtr Zubov, der seitdem eine gute Beziehung zu Beneš hatte und daher am leichtesten geheimen Zugang erlangen konnte, führte den Auftrag aus. Er erklärte dem Präsidenten, nur sein Amtsverzicht könne unabsehbares Blutvergießen verhindern, das zudem völlig sinnlos wäre, weil der Sieg der neuen Ordnung unausweichlich sei. Er solle in Würde abtreten und der ČSR den Bürgerkrieg ersparen.88 In der Tat bestand nur wenig Aussicht, dass sich die kommunistische Machtergreifung noch abwenden ließ. Seit 1945 hatte die KPČ eine überaus starke Machtposition aufgebaut. Sie stützte sich – außer auf die Geheimdienste von ČSR und UdSSR – vor allem auf das Potenzial der Massenorganisationen, vor allem der Gewerkschaften, auf zentralisierte Polizeiorgane und auf erhebliche Teile der Armee. Der Präsident war zwar offiziell Oberkommandierender der Streitkräfte, doch würden seinem Befehl nur die alten Militärs folgen, während die Kader aus Svobodas Brigade in der UdSSR, das neu eingestellte Personal und die Politoffiziere auf der anderen Seite standen. Maßgebliche Ministerien waren in kommunistischer Hand, und die Nationalkomitees nahmen den Ressorts die Macht auf regionaler und lokaler Ebene aus der Hand, falls unerwünschte Weisungen erfolgten. Beneš kannte diese Sachlage nur teilweise. Er war lange Zeit nicht zum Rücktritt bereit, ohne jedoch zu versuchen, die Herausforderung mit konkreten Akten abzuwehren. Er blieb weiter passiv. Am 13. Februar leitete der kommunistische Innenminister die offene Krise ein, indem er die acht der KPČ noch nicht angehörenden Bezirkspolizeichefs entließ. Der Diskussion darüber entzog er sich, indem er den Kabinettssitzungen fernblieb. Die demokratischen Parteien boykottierten daraufhin ihrerseits die Regierungsarbeit und reichten, als das die KPČ nicht zum Einlenken veranlasste, bei Beneš ihren Rücktritt ein. Der Präsident nahm die Gesuche nicht an, lehnte Gottwalds Forderung nach Ernennung neuer Minister ab und versicherte immer wieder, er werde den Pressionen nicht nachgeben. Das veranlasste die Kommunisten dazu, mithilfe der Gewerkschaften einen allgemeinen Streik zu organisieren, ihre Gefolgschaft in den bewaffneten Organen in Kampfbereitschaft zu versetzen und Beneš massenhaft Telegramme und Resolutionen zuzuleiten. Auf dem Höhepunkt des Konflikts teilte Svoboda dem Präsidenten mit, er werde die Truppen nicht »gegen das Volk«, d. h. gegen die Streikenden, einsetzen. Der Kreml unterstrich durch die Entsendung des stellvertretenden Außenministers Valerian Zorin am 19. Februar sein Interesse am Geschehen. Auch erklärte in Prag ein General aus Moskau öffentlich, die ČSR müsse sich in einer Welt, in der die »imperialistischen Kräfte« im Kampf mit den »Kräften der Freiheit, des Fortschritts und der Volksdemokratie« lägen, mit der UdSSR so eng wie möglich zusammenschließen. Beneš blieb weiter untätig. Am 25. Februar kapitulierte er schließlich und übergab Gottwald die Präsidentschaft.89 Die uneingeschränkte Einführung des Sowjetsystems folgte auf dem Fuße. Fazit der Interaktion zwischen Beneš und Stalin Schon in den Dreißigerjahren hatte sich Beneš auf eine enge Zusammenarbeit mit der UdSSR festgelegt. Dabei ging er von der subjektiven Gewissheit aus, dass die Sowjetunion längst die revolutionären Anfänge hinter sich gelassen habe und keine Ausdehnung ihrer Herrschaft und ihres Systems anstrebe. Als Hitler den großen Bevölkerungsanteil der Deutschen zur Waffe machte, die er mit vollem Erfolg gegen die ČSR einsetzte, hielt Beneš die Bindung an die UdSSR vollends für unerlässlich. Als glühender Nationalist, dem der faktisch multiethnische Charakter des tschechoslowakischen Nationalstaates seit jeher ein Dorn im Auge gewesen war, kam er zu der Überzeugung, dass die Minderheiten, vor allem die Deutschen, unbedingt entfernt werden müssten. Gegen die Vertreibung einer Bevölkerung von mehreren Millionen hatte man in den westlichen Hauptstädten große Vorbehalte. Wie Beneš zu Recht vermutete, hatte Stalin keine solchen Hemmungen. Daher erschien er als besserer Ansprechpartner für das nationale Anliegen, die Deutschen aus der ČSR »auszusiedeln«. Das bestätigte sich in den Verhandlungen. Die Verwirklichung des Plans hing davon ab, dass die Tschechoslowakei nicht von westlichen Streitkräften, sondern von der Roten Armee befreit wurde. Deshalb setzte sich Beneš mit aller Energie auch dafür ein. Die Zusammenarbeit fand ihren Ausdruck in einer Übereinkunft über die Beziehung zwischen beiden Staaten und über den politischen Wiederaufbau in der ČSR. Stalin hatte ein klares Konzept über das Vorgehen in den Ländern, die sich bei Kriegsende in der Hand der Roten Armee befinden würden. Überall außer in Österreich, dem durch eine Vorzugsbehandlung die Vorteile der Trennung von Deutschland demonstriert werden sollten, war die Sowjetisierung das Endziel. Das machte im Normalfall ein Besatzungsregime von langer Dauer erforderlich. So verfuhr Stalin auch mit Polen, obwohl es Verbündetenstatus hatte, denn es war als Tor nach Deutschland und Westeuropa von entscheidender Bedeutung, und die UdSSR verfügte dort über keinen einheimischen Verbündeten mit Gewicht, der die Durchsetzung seines Systems und der damit verknüpften Oberherrschaft gewährleistet hätte. In der ČSR dagegen konnte sich Stalin auf Beneš stützen, der sich der UdSSR in allen Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik unterordnete und die Forderungen der sowjetisch gelenkten KPČ erfüllte. Ohne dass es eines Besatzungsregimes bedurfte, entstand die Ausgangslage für den Transformationsprozess, den Stalin ins Auge gefasst hatte. Der Präsident verschaffte den Kommunisten eine dominante politische Position hinter der Fassade einer Mehrparteiendemokratie westlichen Zuschnitts. Zugleich kamen die Mittel der physischen Gewalt in ihre Hand. Der Rückgriff darauf und die Aktionen des sowjetischen Geheimdienstes entschieden den Machtkampf in der ČSR, als sich zeigte, dass wichtige Instrumente von Stalins Konzept wie der Konsens im Parteienblock ohne den Zwang eines Besatzungsregimes nicht funktionierten, und der Sieg der KPČ daher auf andere Weise nicht mehr zuverlässig gewährleistet erschien. Beneš spielte im Vertrauen auf seine unfehlbare Urteilsfähigkeit, das durch den Schock nach dem voreiligen Siegesgefühl im September 1938 nicht erschüttert worden war,90 die ihm von Stalin zugewiesene Rolle in dem Glauben, dieser verfolge in der ČSR das gleiche Ziel wie er: die Verwirklichung eines demokratischen Sozialismus im ethnisch gesäuberten Nationalstaat. Diese Gewissheit schöpfte er daraus, dass in Moskau vom Aufbau einer »neuen Demokratie« die Rede war, die sich auch auf die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse erstrecken müsse. Seine Unkenntnis des Sowjetsystems und der operativen Vorstellungen des Kremls verhinderten die Erkenntnis, dass die von dieser Seite vorgesehenen Maßnahmen auf ein völlig anderes Ziel ausgerichtet waren. Als sich das Vorgehen der UdSSR und der KPČ konkret abzeichnete, kamen Beneš einige Zweifel daran, dass die eingeleitete Entwicklung seinen Vorstellungen entsprach. Zu diesem Zeitpunkt war er jedoch schon zu sehr auf den Kurs des Zusammengehens mit Stalin festgelegt, als dass ihm eine Umorientierung möglich erschienen wäre. Er hatte sein Schicksal und das seines Landes voll in sowjetische Hände gelegt und sah sich veranlasst, den eingeschlagenen Weg weiter zu beschreiten, bis die Rücktrittsforderung aus Moskau seiner Karriere und der Illusion einer nationalstaatlich-demokratischen Zukunft des Landes ein Ende setzte. 1* Dem Aufsatz liegt – neben in Übersetzung publizierten Archivalien – primär Sekundärliteratur zugrunde, die, auf tschechische, sowjetische, britische, polnische und weitere Primärquellen gestützt, einzelne Aspekte des Themas beleuchtet und auf dieser breiten Basis ein zusammenfassendes Urteil über die bislang noch nicht behandelte Gesamtfragestellung ermöglicht. 1 Näheres bei R. M. Douglas: »Ordnungsgemäße Überführung«. Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, München 2012, S. 21–28. 2 Siehe Istorija Kommunističeskogo Internacionala 1919–1943. Dokumentaľnye očerki [Die Geschichte der Kommunistischen Internationale. Dokumentarische Grundzüge], hg. von der Russischen Akademie der Wissenschaften und vom Institut für Allgemeine Geschichte, Moskau 2002, S. 67–71. 3 Boris Sokolov: Tuchačevskij, Moskau 2008, S. 390. 4 Jaroslav Papoušek: Dr. Edvard Beneš. Sein Leben, Prag 1937, S. 199; Karel Kaplan: Der kurze Marsch. Kommunistische Machtübernahme in der Tschechoslowakei 1945–1948, Wien 1981, S. 21. Im letztgenannten Buch wird der tschechische Begriff národní socialismu mit »Volkssozialismus« übersetzt. Korrekt ist aber allein »Nationaler Sozialismus«, andernfalls müsste im Tschechischen lidový socialismu stehen. 5 V.V. Mar’ina: Čechoslovacko-sovetskie otnošenija v diplomatičeskich peregovorach 1939–1945 gg. (Die tschechoslowakisch-sowjetischen Beziehungen in den diplomatischen Gesprächen 1939–1955, in: Novaja i novejšaja istorija, 2000, H. 4, S. 146, 149. 6 Siehe ebd., S. 146; Zbyne˘k Zeman/Antonín Klimt: The Life of Edvard Beneš 1884–1948. Czechoslovakia in Peace and War, Oxford 1997, S. 177 f. 7 Sokolov: Tuchačevskij (Anm. 3), S. 388–390. 8 Siehe Zeman/Klimt: The Life of Edvard Beneš (Anm. 6), S. 128. 9 Siehe Pavel Sudoplatov: Razvedka i Kreml’. Zapiski neželatel’nogo svidetelja [Die Aufklärung und der Kreml. Aufzeichnungen eines unerwünschten Zeugen], Moskau 1996, S. 265 f., 275; ders.: Specoperacii. Lubjanka i Kreml’ 1930–1950 gody [Sonderoperationen. Die Lubjanka und der Kreml] , Moskau 1998, S. 140 f.; Detlef Brandes: Die Exilpolitik von Edvard Beneš 1939–1945, in: Arnold Suppan/Elisabeth Vyslonzil (Hg.): Edvard Beneš und die tschechoslowakische Außenpolitik 1918–1948, Frankfurt a. M. 2002, S. 163; Chad Bryant: Prague in Black. Nazi Rule and Czech Nationalism, Cambridge, MA/London 2007, S. 129 f.; Zeman/Klimt: The Life of Edvard Beneš (Anm. 6), S. 84 f. 10 Siehe Igor Lukes: Czechoslovakia between Stalin and Hitler. The Diplomacy of Edvard Beneš in the 1930s, New York/Oxford 1996, S. 139–256; Hugh Ragsdale: The Soviets, the Munich Crisis and the Coming of World War II, Cambridge 2004, S. 134–137; Keith Neilson: Britain, Soviet Russia and the Collapse of the Versailles Order, 1919–1939, Cambridge/New York 2006, S. 212–317; Douglas: »Ordnungsgemäße Überführung« (Anm. 1), S. 20 f. 11 Der Einsatz sowjetischer Truppen zur Verteidigung der ČSR hätte die Nutzung polnischen und/oder rumänischen Territoriums erfordert. Weder in Warschau noch in Bukarest war man bereit, dies zu genehmigen, vor allem weil man fürchtete, die Rote Armee würde dem Kreml als Sowjetisierungsinstrument dienen. 12 Für Aussagen des NKVD-Generals, der die Übergabe auftragsgemäß veranlasste, siehe Sudoplatov: Razvedka (Anm. 9), S. 265 f.; ders.: Specoperacii (Anm. 9), S. 367; Pawel Anatoljewitsch Sudoplatow/Anatolij Sudoplatow: Der Handlanger der Macht. Enthüllungen eines KGB-Generals, Düsseldorf 1994, S. 101 f. Zur Glaubwürdigkeit siehe die einleitenden Ausführungen ebd., S. 7–25. 13 Siehe Neilson: Britain, Soviet Russia and the Collapse (Anm. 10), S. 31–38; Mar’ina: Čechoslovacko-sovetskie otnošenija (Anm. 5), S. 149. 14 Douglas: »Ordnungsgemäße Überführung« (Anm. 1), S. 31 f. 15 Ebd., S. 31–56. 16 Siehe Milan Hulik: Historie: Špion kteremu nelze ve˘řit [Geschichte: Der Spion, dem man nicht glauben kann], http://neviditelnypes.lidovky.cz/historie-spion-kteremu-nelze-verit-d64-/p_spolecnost.asp?c=A080311_173033_p_spolecnost_wag, ges. am 17. Oktober 2012; Bryant: Prague in Black (Anm. 9), S. 167–169. 17 Siehe Douglas: »Ordnungsgemäße Überführung« (Anm. 1), S. 38–41. 18 V.V. Mar’ina: Zakarpatskaja Ukraina (Podkarpatskaja Rus’) v politike Beneša i Stalins. 1939–1945 gg. Dokumentaľnyj očerk [Die Ukraine jenseits der Karpaten (die Karpaten-Rus’) in der Politik von Beneš und Stalin. 1939–1945], Moskau 2003, S. 26 f. 19 Zusammenfassende Darstellung bei Gerhard Wettig: Stalin and the Cold War in Europe. The Emergence and Development of East-West Conflict, 1939–1953, Lanham 2008, S. 12–23. 20 Istorija Kommunističeskogo Internacionala (Anm. 2), S. 71–73. Stalins Lagebeurteilung bei Abschluss des Pakts mit Hitler 1939 lässt sich seinen Ausführungen gegenüber leitenden Komintern-Funktionären am 7. September 1939 und Dimitrovs folgendem Instruktionsentwurf entnehmen, siehe die Wiedergabe in: Georgi Dimitroff: Tagebücher 1933–1943, hg. von Bernhard H. Bayerlein, Berlin 2000, S. 273–275; Krisztián Ungváry: Die Weisungen der Komintern nach dem Ribbentrop-Molotov-Pakt an die kommunistischen Parteien am 30. Dezember 1939 – die bisher unbekannten Aufzeichnungen von Zoltán Schönherz, in: Ulrich Mählert (Hg.) u. a.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2010, Berlin 2010, S. 267–274. Siehe die Äußerungen von Botschafter Majskij gegenüber Beneš, in: Zeman/Klimt: The Life of Edvard Beneš (Anm. 6), S. 135 f. 21 Äußerung Stalins gegenüber führenden jugoslawischen Kommunisten im März 1946 laut Milovan Djilas: Conversations with Stalin, New York 1962, S. 114. 22 Siehe Gerhard Wettig (Hg.): Der Tjuľpanov-Bericht. Sowjetische Besatzungspolitik in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg (Einleitung), Göttingen 2012, S. 12–16. 23 Siehe Stefan Creuzberger/Manfred Görtemaker (Hg.): Gleichschaltung unter Stalin? Die Entwicklung der Parteien im östlichen Europa 1944–1949, Paderborn 2002; Donal O’Sullivan: Stalins »Cordon Sanitaire«. Die sowjetische Osteuropapolitik und die Reaktionen des Westens 1939–1949, Paderborn 2003. 24 Siehe Wettig: Der Tjuľpanov-Bericht (Anm. 22), S. 16–20. 25 Gespräch Stalins am 24. Mai 1946 mit Bolesław Bierut und Edward Osóbka-Morawski, in: Vostočnaja Evropa v dokumentach rossijskich archivov 1944–1953 gg. [Osteuropa in den Dokumenten russischer Archive 1944–1953), hg. von der Russischen Akademie der Wissenschaften u. a., Band 1, Moskau 1997, S. 457 f. 26 Das Verhältnis zu Polen wurde nicht nur von der traditionellen russischen Feindschaft, sondern auch davon bestimmt, dass die UdSSR dieses Land als Tor nach Deutschland und Westeuropa unbedingt brauchte. 27 Siehe V.V. Mar’ina: Slavjanskaja ideja v gody vtoroj mirovoj vojny [Die slawische Idee in den Jahren des Zweiten Weltkriegs], in: Slavjanskij vopros: Vechi istorii [Die slawische Frage. Wegmarken der Geschichte], hg. von Rossijskaja Akademija nauk, Istitut slvajanovedenija i balkanistiki, Moskau 1997, S. 172. 28 Siehe ebd., S. 173; M. Ju. Dostaľ: Slavistika meždu proletarskim internacionalizmom i slavjanskoj ideej (1941–1948) [Slawistik zwischen proletarischem Internationalismus und slawischer Idee], in: Slavjanovedenie, 2007, H. 2, S. 18–27. Zur Vorgeschichte siehe M. Ju. Dostaľ: Slavistika meždu proletarskim internacionalizmom i slavjanskoj ideej (1917–1941) [Slawistik zwischen proletarischem Internationalismus und slawischer Idee (1917–1941)], in: Slavjanskij almanach, hg. vom Ministerium für Kultur und Massenkommunikation der Russländischen Föderation, Moskau 2007, S. 114–140. 29 Siehe Marek Kazimierz Kamiński: Edvard Beneš we współpracy z Kremlem. Polityka zagraniczna władz czechosłowackich na emigracji 1943–1945 [Edvard Beneš im Zusammenwirken mit dem Kreml. Die Außenpolitik der tschechoslowakischen Exilregierung 1943–1945] , Warschau 2009, S. 76; Mar’ina: Slavjanskaja ideja (Anm. 27), S. 174–177. 30 Siehe Mar’ina: Čechoslovacko-sovetskie otnošenija (Anm. 5), S. 146 f. 31 Siehe Berija an Stalin, 2. November 1940, in: V.N. Chaustov/V.P. Naumov/N.S. Plotnikova (Bearb.): Rossija XX vek. Dokumenty. Ljubjanka. Stalin i NKVD – IKGB – GUKR »Smerš« 1939 – mart 1946 [Russland im XX. Jahrhundert. Dokumente. Die Lubjanka. Stalin und das NKVD – das IKGB – die GUKR »Tod den Spionen« (= Geheimpolizeien der UdSSR) 1939 – März 1946] , Moskau 2006, S. 143. 32 Nach kurzer Tätigkeit im tschechischen Widerstand war Svoboda 1939 nach Krakau gegangen und hatte dort eine tschechoslowakische Einheit aufgebaut, die im September zunächst gegen die Deutschen kämpfte und nach dem sowjetischen Einmarsch in Ostpolen in die Hände der Roten Armee geriet. Svoboda veranlasste die ihn vernehmenden Smerš-Funktionäre zu einem Anruf in Moskau mit einer von ihm genannten Nummer. Während die mit ihm gefangenen polnischen Offiziere erschossen wurden, brachte man ihn in die sowjetische Hauptstadt, wo man ihm Privilegien gewährte. Siehe http://en.wikipedia.org/wiki/Ludv%C3%ADk_Svoboda, ges. am 17. Oktober 2012. 33 Siehe Kamiński: Edvard Beneš (Anm. 29), S. 32–75. 34 Vojtech Mastny: Moskaus Weg zum Kalten Krieg. Von der Kriegsallianz zur sowjetischen Vormachtstellung in Osteuropa, München/Wien 1980, S. 163–166. Vertragstext: Louise W. Holborn (Hg.): War and Peace Aims of the United Nations. From Casablanca to Tokyo Bay, Boston 1948, S. 761 f. 35 Siehe V.V. Mar’ina: Peregovory Ė. Beneša v Moskve (dekabr’ 1943 g.) [Die Verhandlungen von E. Beneš in Moskau (Dezember 1943)] , in: Voprosy istorii, 2002, H. 1, S. 6. 36 Ebd., S. 6 f.; Kamiński: Edvard Beneš (Anm. 29), S. 76; Mastny: Moskaus Weg (Anm. 34), S. 167 (Zitat). 37 Ebd., S. 78 f.; Mar’ina: Čechoslovacko-sovetskie otnošenija (Anm. 5), S. 149. 38 Ebd., S. 149 f.; Kamiński: Edvard Beneš (Anm. 29), S. 79–82; Minutes of a conversation with Stalin in the Moscow theater on December 12, 1943, in: Vojtech Mastny: The Beneš-Stalin-Molotov Conversations in December 1943. New Documents, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, Neue Folge 20 (1972), S. 376–380. Die Protokolle wurden in tschechischer Sprache von Beneš Kanzleichef Jan Smutný aufgezeichnet und von Mastny ins Englische übertragen. Diese Fassung der Smutný-Protokolle wird hier und im Folgenden zugrunde gelegt. 39 Minutes of a political conversation held on December 14, 1943, at 4:00 p.m., in Molotov’s office, ebd., S. 380–386, siehe Mastny: Moskaus Weg (Anm. 34), S. 168. Als Auszug aus der deutschen Übersetzung des Protokolls siehe Odsun – die Vertreibung der Sudetendeutschen, hg. vom Sudetendeutschen Archiv, Bd. 2 (1939–1946), München 2010, S. 425–428. Der von Beneš an Molotov übergebene Zehn-Punkte-Plan legte das Vorgehen in groben Zügen fest. Die Sudetendeutschen sollten als Staatsbürger des [Deutschen] Reiches (zu denen sie aufgrund der Abtretung des Sudetenlandes geworden waren) das Land verlassen. Das Eigentum, das sie bis auf noch festzulegende Teile zurückzulassen hätten, stehe als Reparation der ČSR zu. Deutschland sei zu Entschädigungszahlungen an die Betroffenen zu verpflichten (ebd., S. 428–430). 40 Minutes of a second conversation with Molotov held in Moscow on December 16, 1943, from 5:00 to 7:30 p.m., in: Mastny: The Beneš-Stalin-Molotov Conversations (Anm. 38), S. 388–398. Siehe die deutsche Übersetzung der Aufzeichnung des sowjetischen Diplomaten Viktor Lebedev in: Odsun (Anm. 39), S. 430–433. 41 Auszug aus den Smutný-Protokollen der Gespräche am 18. Dezember 1943, in: Mastny: The Beneš-Stalin-Molotov Conversations (Anm. 38), S. 433 f. 42 Siehe Mar’ina: Čechoslovacko-sovetskie otnošenija (Anm. 5), S. 150; Mar’ina: Peregovory (Anm. 35), S. 9; Kamiński: Edvard Beneš (Anm. 29), S. 91 f. 43 Siehe ebd., S. 90–92. 44 Text des Protokolls vom 18. Dezember 1943, in: Mastny: The Beneš-Stalin-Molotov Conversations (Anm. 38), S. 399–402. 45 Ebd., S. 400–402. 46 Zeman/Klimt: The Life of Edvard Beneš (Anm. 6), S. 188. 47 Ebd., S. 187 f.; Mar’ina: Peregovory (Anm. 35), S. 8. 48 Ebd., S. 9 f. 49 Mastny: Moskaus Weg (Anm. 34), S. 169 f.; Kaplan: Der kurze Marsch (Anm. 4), S. 24. 50 Siehe Douglas: »Ordnungsgemäße Überführung« (Anm. 1), S. 45, 49; Kamiński: Edvard Beneš (Anm. 29), S. 96 f.; Gottwald an die KPČ im Londoner Exil (Auszug, hier die Zitate), 21. Dezember 1943, in: Odsun (Anm. 39), S. 435 f. 51 Siehe Protokoll der Delegation der Moskauer Exil-KPČ über die Verhandlungen mit Beneš (Auszug), 13. bis 20. Dezember 1943, ebd., S. 424 f.; Zeman/Klimt: The Life of Edvard Beneš (Anm. 6), S. 189 f.; Kamiński: Edvard Beneš (Anm. 29), S. 93–98. 52 Siehe ebd., S. 97 f.; Zeman/Klimt: The Life of Edvard Beneš (Anm. 6), S. 189 f. 53 Siehe Kamiński: Edvard Beneš (Anm. 29), S. 133–144. 54 Analog dazu verzichtete Eisenhower in Deutschland darauf, über die Elbe nach Osten vorzustoßen, nachdem in einem Abkommen festgelegt worden war, dass diese Gebiete von der UdSSR besetzt werden würden. 55 Siehe Mar’ina: Zakarpatskaja Ukraina (Anm. 18), S. 134. 56 Siehe Kamiński: Edvard Beneš (Anm. 29), S. 250. 57 Siehe ebd., S. 251–253; Mar’ina: Zakarpatskaja Ukraina (Anm. 18), S. 136–145. 58 Siehe ebd., S. 145 f.; Kamiński: Edvard Beneš (Anm. 29), S. 256 f. 59 Ebd., S. 218. 60 Siehe Jiří Kocian: Vom Kaschauer Programm zum Prager Putsch. Die politischen Parteien in der Tschechoslowakei 1944–1948, in: Creuzberger/Görtemaker: Gleichschaltung unter Stalin? (Anm. 23), S. 304 f. (Fn. 8); Miroslav Bouček/Miloš Klimeš/Marta Vartíkova: Program revoluce [Das Programm der Revolution], Prag 1975, S. 234. Als deutsche Parallele zu dem Kurs, den Dimitrov der KPČ verordnet hatte, siehe den auf ihn und Stalin zurückgehenden Aufruf des ZK der KPD vom 11. Juni 1945, wiedergegeben in: Peter Erler/Horst Laude/Manfred Wilke (Hg.): »Nach Hitler kommen wir«. Dokumente zur Programmatik der Moskauer KPD-Führung 1944/45 für Nachkriegsdeutschland, Berlin 1994, S. 390–397. 61 Siehe Kamiński: Edvard Beneš (Anm. 29), S. 256 f.; Mar’ina: Slavjanskaja ideja (Anm. 27), S. 177 f.; Zeman/Klimt: The Life of Edvard Beneš (Anm. 6), S. 193–217. 62 Siehe Kamiński: Edvard Beneš (Anm. 29), S. 257 f. 63 Siehe ebd., S. 259 f. 64 Siehe ebd., S. 260. 65 Kocian: Vom Kaschauer Programm zum Prager Putsch (Anm. 60), S. 302–304, 307. 66 Siehe Kaplan: Der kurze Marsch (Anm. 4), S. 27 f. 67 Ebd., S. 35 f.; Kocian: Vom Kaschauer Programm zum Prager Putsch (Anm. 60), S. 307–309. 68 Siehe Bericht Slánskýs auf der Kominform-Gründungstagung, 23. September 1947, in: Giuliano Procacci (Hg.): The Cominform. Minutes of the Three Conferences 1947/1948/1949 (russ. Originaltext und engl. Übersetzung), Mailand 1994, S. 128–133 (Zitate stets nach dem russischen Originaltext); Bryant: Prague in Black (Anm. 9), S. 254 f. 69 Siehe Bericht von Slánský, 23. September 1947, in: Procacci (Hg.): The Cominform (Anm. 68), S. 134–137; Šárka Rokosová: Die Liquidierung der privaten Landwirtschaft auf dem Amtsweg, in: Pavel Žáček/Bernd Faulenbach/Ulrich Mählert (Hg.): Die Tschechoslowakei 1945/48 bis 1989. Studien zu kommunistischer Herrschaft und Repression, Leipzig 2008, S. 29–31; Kocian: Vom Kaschauer Programm zum Prager Putsch (Anm. 60), S. 313. 70 Siehe ebd., S. 312 f. 71 Siehe Kaplan: Der kurze Marsch (Anm. 4), S. 34–40. 72 Siehe Bericht von Slánský, 23. September 1947, in: Procacci (Hg.): The Cominform (Anm. 68), S. 142–145. 73 Siehe Jan Kalous: Der tschechoslowakische Sicherheitsapparat in den Jahren 1945 bis 1948, in: Žáček/Faulenbach/Mählert: Die Tschechoslowakei (Anm. 69), S. 87–97. 74 Ebd., S. 86. 75 Siehe ebd., S. 85 f.; I. Bilek: K voprosu o sovetizacii čechoslovackoj armii do fevralja 1948 g. [Zur Frage der Sowjetisierung der tschechoslowakischen Armee vor Februar 1948] , in: G.N. Sevostjanov (Hg.): Fevral’ 1948. Moskva i Praga. Vzgljad čerez polveka [Der Februar 1948. Moskau und Prag. Ansicht nach einem halben Jahrhundert], Moskau 1998, S. 110–117. 76 Bericht Slánskýs, 23. September 1947, in: Procacci: The Cominform (Anm. 68), S. 142 f. 77 Siehe ebd., S. 145 f. 78 Siehe V. Mar’ina: VKP(b) i KPČ: ot doverija do podozreditel’nosti. 1945–1948 gg. [Die VKP(B) und die KPČ: Vom Vertrauen zum Argwohn. 1945–1948], in: Sevostjanov: Fevral’ (Anm. 75), S. 34–39. 79 Die sowjetischen Truppen hatten Ende 1945 die ČSR als einen Staat geräumt, der im Gegensatz zu Ungarn, Rumänien und Bulgarien den Status eines Verbündeten hatte und im Gegensatz zu Polen im Kreml weder als ein zutiefst feindliches Land noch als ein für die Verbindung zur deutschen Sowjetzone unerlässliches Gebiet galt. 80 Siehe M.M. Narinskij: SSSR i plan Maršalla [Die UdSSR und der Marshall-Plan], in: M.M. Narinskij (Hg.): Cholodnaja vojna. Novy podchody, novye dokumenty [Der Kalte Krieg. Neue (Forschungs-)Ansätze, neue Dokumente], Moskau 1995, S. 172–181; Sudoplatov: Razvedka (Anm. 9), S. 276; Sudoplatov: Specoperacii (Anm. 9), S. 377–381. 81 Bericht von Andrej Ždanov »Über die internationale Situation«, 25. September 1947, in: Procacci: The Cominform (Anm. 67), S. 216–251. 82 Siehe Kaplan: Der kurze Marsch (Anm. 4), S. 120; Protokoll des Gesprächs Stalins mit Gottwald und Masaryk, 9. Juli 1947, in: Sovetskij faktor v Vostočnoj Evrope. Dokumenty [Der sowjetische Faktor in Osteuropa. Dokumente], Bd. I, hg. von Rossijskaja političeskaja ėncikopedija u. a., Moskau 1999, S. 462–465. 83 Kocian: Vom Kaschauer Programm zum Prager Putsch (Anm. 60), S. 313 f.; Zbyne˘k Zeman: The Declining Years. Beneš and Diplomacy after 1945, in: Suppan/Vyslonzil: Edvard Beneš (Anm. 9), S. 186 f. 84 Siehe Kaplan: Der kurze Marsch (Anm. 4), S. 120–122. 85 Stellungnahme Slánskýs auf der Kominform-Tagung, 26. September 1947, in: Procacci: The Cominform (Anm. 68), S. 280–287. 86 Vostočnaja Evropa (Anm. 25), S. 649–656, 661–664; Sovetskij faktor v Vostočnoj Evrope (Anm. 81), S. 496–503, 514–532; Kaplan: Der kurze Marsch (Anm. 4), S. 122–200; Mar’ina: VKP(b) i KPČ (Anm. 78), S. 39 f.; Zeman/Klimt: The Life of Edvard Beneš (Anm. 6), S. 263 f.; Kocian: Vom Kaschauer Programm zum Prager Putsch (Anm. 60), S. 311–315; Walter Ullmann: Beneš between East and West, in: H. Gordon Skilling (Hg.): Czechoslovakia 1918–1988. Seventy Years from Independence, Houndmills/London 1991, S. 59; O’Sullivan: »Cordon Sanitaire« (Anm. 23), S. 348 f.; Wettig: Stalin and the Cold War (Anm. 19), S. 152 f. 87 Siehe G.P. Muraško: Fevral’skij političeskij krizis v Čechoslovakii i sovetskij factor [Die Februar-Krise in der Tschechoslowakei und der sowjetische Faktor], in: Sevostjanov: Fevral’ (Anm. 75), S. 54–56. 88 Ebd., S. 56 f.; Sudoplatov: Razvedka (Anm. 9), S. 277 f.; Sudoplatov: Specoperacii (Anm. 9), S. 383–385, 478; P. Sudoplatow/A. Sudoplatow: Der Handlanger (Anm. 12), S. 268–270. 89 Siehe Zeman/Klimt: The Life of Edvard Beneš (Anm. 6), S. 264–268; Kaplan: Der kurze Marsch (Anm. 4), S. 201–242; Muraško: Fevral’skij političeskij krizis (Anm. 87), S. 56–58. 90 Siehe Ragsdale: The Soviets, the Munich Crisis and the Coming of World War II (Anm. 10), S. 22 f.

JHK 2013

Der Kampf gegen den Kommunismus im Norden. Die geheime Arbeit der dänischen Organisation »Die Firma«

Peer Henrik Hansen

Mehr als sieben Jahre lang wurde ein kommunistischer Abgeordneter des dänischen Parla­ments in seiner Privatwohnung mitten in Kopenhagen abgehört. Während dieser Zeit saß in den Räumen im Stockwerk unter ihm stets eine kleine Gruppe von Leuten und hörte die Ge­spräche mit, die eine Etage höher geführt wurden. Verantwortlich für diese Aktion war eine Gruppe aus Mitgliedern einer streng geheimen antikommunistischen Organisation, die den Namen the firm, »die Firma«, trug und ursprünglich aus einer Vereinbarung zwischen den Nachrichtendiensten Dänemarks und der USA hervorgegangen war. Über mehr als 15 Jahre waren die Mitglieder der Firma an verschiedenen antikommunistischen Aktivitäten beteiligt. 1963 beendete die Organisation ihre Arbeit, ohne dass die meisten Dänen überhaupt von ihrer Existenz wussten, bis der ehemalige dänische Ministerpräsident Jens Otto Krag die Abhöraktion ausplauderte. Plötzlich war die Firma in den Schlagzeilen, die Zeitungen waren Anfang 1976 voll mit Artikeln über die geheime Organisation. Basierend auf in den Vierziger- und Fünfzigerjahren entstandenen Originaldokumenten gibt dieser Artikel einen bisher einzigartigen Einblick in eine antikommunistische Organisation und ihre Aktivitäten. Die Geschichte der Firma handelt nicht nur von einer antikommunistischen Organisation. Sie ist auch die Ge­schichte einer geheimen Nachrichtenorganisation, die von dänischen und amerikanischen Nachrichtendiensten geschaffen wurde, die ein gemeinsames Ziel verband: Verfolgung, Studium und Schwächung der kommunistischen Parteien in Europa. Wenn es um nachrichtendienstliche Themen geht, neigen viele Wissenschaftler dazu, sich auf die spektakulären Details zu konzentrieren. Natürlich werden in diesem Artikel auch besonders bemerkenswerte Aktionen untersucht, aber es ist ebenso wichtig, nicht zu vergessen, dass die Firma genauso viel Routinearbeit erledigen musste, »dröge« harte Arbeit, die gemacht werden musste, um zu entscheiden, wie mit den Kommunisten zu verfahren sei. Wie ist es möglich, Zugang zur geheimen Welt der Firma zu erhalten? Im Laufe der Jahre haben einige Personen ihre Geschichte über die Firma und deren Aktivitäten erzählt. Darunter auch eine frühere Führungskraft, dank derer in den letzten dreizehn Jahren immer mehr Informationen öffentlich wurden. Daneben rückte eine umfassende Untersuchung des Inlandsgeheimdienstes der dänischen Polizei (Politiets Efterretningstjeneste, PET) und seiner Aktivitäten während des Kalten Krieges die Firma in ein neues Licht. Bislang hatte es keinen Zugang zu Archiven über die Firma gegeben, doch 2011 übergaben die Kinder von Arne Sejr, dem Leiter der Firma, die Reste seines per­sönlichen Archivs dem Museum Langelandsfort, dessen Ausstellung der Thematik des Kalten Krieges gewidmet ist. Dieses Archiv bildet gemeinsam mit dem von Niels Frommelt – ebenfalls einer der führenden Protagonisten der Firma – übergebenen Material die Grundlage für den vorliegenden Artikel.1 Startschwierigkeiten Vor der Gründung der Firma schlossen die Vertreter des dänischen militärischen Nachrichtendienstes (Forsvarets Efterretningstjeneste, FE) und dessen US-amerikanischem Pendant CIA im November 1946 eine streng geheime Vereinbarung. Etwa ein Jahr lang hatte man Verhandlungen geführt in der Hoffnung, eine Grundlage für eine engere Zusammenarbeit zwischen den beiden Diensten zu schaffen. In der nun getroffenen Vereinbarung ging es um Operationen hinter dem Eisernen Vorhang und die Entwicklung von Fernmelde- und elektronischer Aufklärung aber auch um die Schaffung einer antikommunistischen Organisation.2 Letztendlich wurde die Firma eingesetzt, um über kommunistische Aktivitäten informiert zu sein und antikom­munistische Propaganda zu betreiben. Später wurde die Angelegenheit von der CIA übernom­men und der US-Nachrichtendienst wurde intensiv in geheimdienstliche Tätigkeiten in Däne­mark eingebunden. In der ersten Hälfte des Jahres 1947 wurden in Kopenhagen mehrere Gespräche geführt. Während des Sommers fanden Mitarbeiter des dänischen Nachrichtendienstes heraus, dass der Vertreter des amerikanischen Nachrichtendienstes in Kopenhagen, Adolf Lium, zwei dänische Veteranen der Widerstandsbewegung ausfindig gemacht und sie zu Leitern einer geheimen amerikanischen Nachrichtenorganisation ernannt hatte; zwei Dänen, die eine geheime »Untergrund«-Organisation gründen wollten. Lium hatte seinen dänischen Kollegen über diese Kontaktaufnahme informiert, aber der Chef des dänischen Nachrichtendienstes, Oberst Nordentoft, hatte dabei nicht den Eindruck gewonnen, dass die Amerikaner planten, eine eigene nachrichtendienstliche Organisation in Dänemark aufzubauen. Umso mehr waren die Dänen überrascht, als sie erfuhren, dass die Amerikaner die Zusammenarbeit mit einem jungen dänischen Veteranen des Zweiten Weltkriegs namens Arne Sejr aufgenommen hatten. Zusammen mit einem anderen ehemaligen Freiheitskämpfer hatte Sejr seine Vorstellungen von einer neuen »Schläfer«-Widerstandsbewegung vorgebracht. Daraufhin wurde den Unterlagen in Arne Sejrs Privatarchiv zufolge tatsächlich Ende 1947/Anfang 1948 mit der Schaffung einer solchen Geheimorganisation begonnen. Zunächst hatte sich Sejr an die Amerikaner gewandt und um Unterstützung gebeten, dann begannen er und befreundete Veteranen, die das Projekt unterstützten, mit dem Aufbau der Organisation, die später als »die Firma« bekannt wurde. Die Aktivitäten der Firma umfassten 1. das Studium der kommunistischen Bewegungen, Ideologie und Methodik, 2. den Aufbau eines Stay-behind-Netzwerkes3 gemäß amerikanischen und britischen Erfahrungen und 3. die Einrichtung einer sogenannten Abteilung für psychologische »Verteidigung«, die den Fokus auf Kommunisten legte.4 Die Amerikaner hatten beschlossen, Sejr bei seinen Maßnahmen zur Schaffung einer geheimen »Schläfer«-Widerstandsbewegung in Friedenszeiten zu helfen und zu unterstützen. Offensichtlich hatten der dänische und der amerikanische Nachrichtendienst jedoch unterschiedliche Vorstellungen von der zwischen ihnen getroffenen Vereinbarung. Die Dänen dachten, dass sie selbst eine geheime Stay-behind-Organisation vorbereiten sollten, die im Falle eines Krieges oder einer sowjetischen Invasion aktiviert werden könnte, und waren daher sehr überrascht, als sie herausfanden, dass die Amerikaner beabsichtigten, die Organisation ohne Beteiligung ihrer dänischen Kollegen zu betreiben. Damit war die ursprüngliche Abmachung über die Schaffung einer gemeinsamen geheimen Organisation hinfällig. Um die Probleme zu lösen, wurden in der zweiten Hälfte des Jahres 1947 erneut Gespräche geführt. Commander P.A. Mørch und Per Winkel verlangten, dass ihnen für alle auf dänischem Boden geplanten Aktivitäten die Leitung übertragen werde: eine nicht verhandlungsfähige Forderung. Die Dänen würden niemals akzeptieren, dass die Amerikaner in Dänemark ihren eigenen Nachrichtendienst betrieben, ohne die Dänen über dessen Aktionen zu informieren. Alle US-Einsätze und -Aktivitäten in Dänemark sollten zumindest vom FE genehmigt werden. Man warnte die Amerikaner, dass außerhalb dänischer Kontrolle bzw. ohne dänische Genehmigung operierende Amerikaner und Dänen strafrechtlich verfolgt würden. Die Verhandlungen zwischen der CIA und dem FE wurden daraufhin abgebrochen, und der FE lieferte zunächst keine nachrichtendienstlichen Erkenntnisse mehr an die Amerikaner.5 »Stay-behind«-Maßnahmen Die Dänen akzeptierten schließlich, dass Arne Sejr und Erik Husfeldt, ein international anerkannter Chirurg, ehemaliger Anführer des Widerstands gegen die deutsche Wehrmacht während des Zweiten Weltkrieges und in der frühen Phase des Kalten Krieges für verschiedene US-Nachrichtendienste tätiger Geheimagent, die Stay-behind-Organisation leiten sollten, verlangten jedoch, dass dies in enger Zusammenarbeit mit dem dänischen Nachrichtendienstler Gustav Thomsen geschehe. Viel war während der dänisch-amerikanischen Verhandlungen passiert. Im Frühjahr 1948 stand Europa infolge der kommunistischen Machtergreifung in der Tschechoslowakei unter Schock: Es war das zweite Mal innerhalb von zwei Jahren, dass der Westen mit Gerüchten über eine sowjetische Offensive in Richtung Westen konfrontiert wurde. Schon im August 1946 hatte ein Mitarbeiter der US-Botschaft in Kopenhagen mit einem dänischen Widerstandskämpfer des Zweiten Weltkriegs namens Frode Jakobsen Verbindung aufgenommen. Der Amerikaner wollte wissen, ob die Dänen erneut zum Kampf bereit wären, wenn die Russen kämen. Die Antwort lautete Ja!6 Jakobsen kontaktierte Erik Husfeldt, einen Kameraden aus gemeinsamer Widerstandszeit, und Generalmajor Aage Højland Christensen vom dänischen Heer, um ihnen von dieser Begegnung zu berichten. Ende der Vierzigerjahre entstanden zahlreiche private und geheime Organisationen, offensichtlich als Reaktion auf geheime kommunistische Aktivitäten.7 Als Gerüchte aufkamen, die Russen könnten Gebietsansprüche gegenüber der Türkei geltend machen und würden einen Truppenaufbau innerhalb wie außerhalb Europas betreiben, wurden führende Politiker in Washington plötzlich von einer »Kriegsangst« ergriffen.8 Trumans Berater hatten erklärt: »Wenn Länder in Mittel- und Südeuropa dem Druck nicht standhalten und gegenüber dem Kommunismus nachgeben, wird dasselbe auch in Skandinavien passieren.«9 Die Anspannung der Amerikaner war nicht nur gespielt. »Wir wissen heute, dass die Kriegsängste in den Jahren 1946 und 1948 in der Tat echt und nicht künstlich von der Regierung Truman erzeugt worden waren und dass die Sowjetunion den kommunistischen Parteien in Italien und Frankreich vor den Wahlen von 1948 erhebliche Unterstützung angeboten hatte, den Angriff Nordkoreas auf Südkorea gebilligt hatte, die Chinesen davon überzeugt hatte, sich an diesem Krieg zu beteiligen, und dessen Fortsetzung gefordert hatte, noch lange nachdem beide Nationen den Konflikt zu beenden wünschten«, so das Fazit des US-Wissenschaftlers Gregory Mitrovich in seiner Untersuchung der amerikanischen Versuche, den sowjetischen Einfluss im Ostblock in den Nachkriegsjahren zu unterminieren.10 Ehemals als Verschlusssache klassifiziertes Material aus den CIA-Archiven lässt ebenfalls die echte Sorge der USA hinsichtlich der sowjetischen Absichten im Frühjahr 1948 erkennen.11 Bald gingen Gerüchte bezüglich einer Großoffensive der sowjetischen Roten Armee um, sodass die Kontakte zwischen US-amerikanischen und dänischen Nachrichtenkreisen während der ersten Sommermonate wieder aufgenommen wurden. Im Mai kam es zu einem Treffen, bei dem die von den Amerikanern unterstützte Stay-behind-Organisation erörtert wurde. Mitarbeiter des dänischen Nachrichtendienstes kritisierten die ausgewählten Leiter der US-Organisation. Erik Husfeldt und Arne Sejr waren beide während des Zweiten Weltkriegs im dänischen Widerstand aktiv gewesen, gehörten jedoch nicht zu den »Professionellen«, wie der FE betonte. Die Amerikaner würden nicht die Geeignetsten für die Organisation bekommen.12 Dennoch akzeptierten die Dänen die amerikanische Entscheidung zunächst. Jahrelang herrschte die Ansicht, die Firma operiere eigenständig, mit einigen verdeckten Kontakten zu Personen des etablierten Systems. Durch den Zugriff auf das Archiv von Arne Sejr müssen diese bisherigen Kenntnisse über die »offiziellen« Aktivitäten der Firma revidiert werden. Ein kleines aber wichtiges Puzzleteil zur Entwicklung einer neuen These über die Firma und ihren Status im etablierten System, ist der Dienstausweis ihres Leiters, Arne Sejr. Am 20. Dezember 1948 erhielt er einen Ausweis vom dänischen militärischen Nachrichtendienst, unterzeichnet von dessen Leiter Per Winkel als Bestätigung der Tätigkeit Sejrs für den Nachrichtendienst und mit der Bitte an jegliche Behörden oder Privatpersonen, ihn bei der Erfüllung seiner Pflichten zu unterstützen.13 Laut Arne Sejr begann der Aufbau der Geheimorganisation und des Stay-behind-Netzwerkes Ende 1947/Anfang 1948. Die Firma wurde beauftragt, die Schaffung einer Stay-behind-Organisation fortzusetzen und dabei den Schwerpunkt auf die Gewinnung nachrichtendienstlicher Erkenntnisse, Propagandamaßnahmen, Steuerhinterziehung und -flucht sowie Sabotage zu legen. Die Schaffung einer Stay-behind-Organisation erforderte umfangreiche Vorbereitungen. Landezonen mussten ausgewiesen, Flucht- und Ausweichrouten festgelegt und Codes erstellt werden. Die Firma bereitete auch einen Informationsdienst vor, damit die Dänen während einer sowjetischen Besetzung illegale Nachrichten empfangen könnten.14 Von 1948 bis 1951 war die Organisation auch damit beschäftigt, ausgewählte Mitarbeiter für diese neuartige Aufgabe im Fall einer sowjetischen Invasion in Dänemark auszubilden. Im Herbst 1951 traf der FE mit der CIA und dem britischen Geheimdienst MI-6 schließlich eine trilaterale Vereinbarung über nachrichtendienstliche Aktivitäten. Es wurde festgelegt, dass die Amerikaner keine eigene nachrichtendienstliche Organisation in Dänemark betreiben durften. Stattdessen sollten sie die Finanzierung einer derartigen Institution für Einsätze der Psychologischen Kriegsführung gegen die Kommunisten übernehmen. Damit endeten die Meinungsverschiedenheiten, die ehemals zu Problemen bei den amerikanisch-dänischen Aktivitäten geführt hatten. Man einigte sich darauf, dass die Amerikaner die Firma und ihre antikommunistischen Aktivitäten finanzieren sollten. Arne Sejr und Erik Husfeldt hatten bei den dänischen Stay-behind-Vorbereitungen bis 1951 eine wesentliche Rolle gespielt, im Rahmen der trilateralen Vereinbarung wurde jedoch nun beschlossen, dass sie ihre Stay-behind-Aktivitäten aufgrund der immer umfassenderen Einbeziehung Psychologischer Kriegsführung gänzlich dem FE überlassen sollten.15 Eine »neue« Firma Anfang der Fünfzigerjahre wurde die Firma aufgefordert, ihren Schwerpunkt von der Vorbereitung auf eine sowjetische Invasion in Dänemark auf die aktuelle kommunistische Bedrohung zu verlagern. Die Psychologische Kriegsführung wurde zum wichtigsten Werkzeug, mit dem die Firma versuchte, die Dänische Kommunistische Partei (Danmarks Kommunistiske Parti, DKP) zu destabilisieren. Viele der Tätigkeiten wirkten sich jedoch nur indirekt auf die Handlungen der Kommunisten aus. Die Firma begann damit, • kommunistische Ziele, Agenten, Methoden und Techniken zu studieren; • eine Organisation für Spezialeinsätze (nach dem Vorbild der britischen SOE (Special Operations Executive) und der amerikanischen S.O. (Special Operations unter der Leitung des Amtes für strategische Dienste, OSS) aufzubauen und auszubilden; • eine psychologische Verteidigung gegen den Kommunismus zu entwickeln. Sejr versuchte, von der dänischen Regierung Geldmittel für seine Arbeit im Bereich der Psy­chologischen Kriegsführung und Verteidigung zu erhalten. 1951/52 sandte er einen Plan für Aktivitäten der Psychologischen Kriegsführung an den dänischen Ministerpräsidenten Erik Eriksen, Außenminister Ole Bjørn Kraft, Verteidigungsminister Harald Petersen und einige führende Politiker der Sozialdemokratischen Partei. Die Politiker unterstützten seine Bemü­hungen, wollten diese Unterstützung jedoch nicht durch finanzielle Hilfen für Sejrs Organi­sation untermauern. Auch wenn Sejrs sich in den Fünfzigerjahren wieder und wieder um ihre Mitwirkung bemühte, sollte sich daran nichts ändern. Die Firma arbeitete eng mit der sozialdemokratischen Propagandaorganisation AIC zusammen, die die dänischen Kommunisten und ihre Aktivitäten seit 1944 überwacht hatte. Die AIC nutzte die sozialdemokratischen Vertreter in der Arbeiterbewegung zur Sammlung von Informationen über kommunistische Mitglieder und Aktivitäten am Arbeitsplatz. Sejr hielt engen Kontakt zu Urban Hansen, einem Sozialdemokraten in Schlüsselposition mit engen Beziehungen zum ehemaligen Ministerpräsidenten Hans Hedtoft und dem späteren Ministerpräsidenten HC Hansen. Urban Hansen half der Firma bei der Bewältigung verschiedener praktischer Probleme. Niels Frommelt, der den kleinen nachrichtendienstlichen Bereich der Firma leitete, bediente sich stets der Archive der AIC oder des militärischen Nachrichtendienstes, wenn er Informationen über einen bestimmten Kommunisten benötigte. Wahrscheinlich verfügte der AIC über die umfangreichsten und besten Kenntnisse bezüglich der kommunistischen Bewegung in Dänemark, und somit bestand zwischen der AIC und der Firma ein natürliches Interesse an einer engen Zusammenarbeit.16 Nach eigenen Angaben arbeitete Sejr in allen der drei anfangs genannten Themenbereiche eng mit dem FE zusammen.17 Eine im Archiv Arne Sejrs gefundene Liste zeigt, dass es in der Firma ein Gremium bestehend aus acht Personen gab, die zusammen die Führungsgruppe bildeten. Dazu gehörten Erik Husfeldt, Ebbe Munck (Journalist, Diplomat und früherer Verbindungsoffizier zwischen dänischen und alliierten nachrichtendienstlichen Organisationen im Zweiten Weltkrieg) sowie T. K. Thomsen (ein führender dänischer Geschäftsmann, der während des Krieges Widerstandsaktivitäten finanziert hatte). Zu den führenden Persönlichkeiten zählte laut der Aufzeichnungen auch Anker Olesen, ein früherer Kamerad aus dem Widerstand, der 1955 starb. Somit muss die Liste vor 1955 erstellt worden sein. Außerdem werden unterschiedliche Ausschüsse und Abteilungen der Firma beschrieben, wie z. B.: • »Psychologischer Ausschuss«, • »Informationsdienst«, • »Austauschbüro«, • »Studienbüro«, • »Organisation Kulturelle Front«.18 Von Anfang an studierte die Firma den kommunistischen Gegner. Mehrere Schriften waren Pflichtlektüre für die Mitglieder der Organisation. Bücher wie Lenins Staat und Revolution, John Somervilles Soviet philosophy: a study of theory and practice, Das Kommunistische Manifest und Stalin’s Slave Camps wurden gemeinsam mit verschiedenen dänischen Veröffentlichungen zur Weiterbildung der Firmenmitarbeiter eingesetzt. Dazu gehörte auch ein dänisches Buch über die Gusenko-Affäre in Kanada.19 Die genaue Beobachtung der Kommunisten 1953 begann die Firma mit einer wöchentlichen Auswertung der kommunistischen Zeitung Land og Folk [Land und Leute], und ordnete die Artikel verschiedenen »Linien« zu: Die Propagandalinie, die antiamerikanische Linie, die Antikriegslinie und die Antikapitalismuslinie waren nur einige der Kategorien, in die eingeteilt wurde, um einen Eindruck zu erhalten, wofür das kommunistische Blatt stand. Jeden dritten Monat wurde eine umfangreiche Propagandaanalyse aller Artikel in der Zeitung durchgeführt, die es ermöglichte, die Maßnah­men der kommunistischen Propaganda in Dänemark in einem größeren Zusammenhang zu sehen. An der Arbeit der wöchentlichen und vierteljährlichen Analyse, der Analyse der Fachzeitschriften und Magazine und der Erstellung von Sonderberichten waren zwölf Personen beteiligt. Sie erfolgte während der gesamten Fünfzigerjahre; die letzte bekannte Analyse stammt vom Juni 1961. Allerdings gibt es diesbezüglich kaum verlässliche Quellen, deshalb ist es möglich, dass die Arbeit auch noch nach diesem Datum fortgesetzt wurde.20 Aber: Wurden diese Analyseberichte jemals genutzt und wer erhielt sie? Es ist nicht möglich, eine umfassende Aufstellung aller Empfänger zu liefern, aber einige lassen sich feststellen, wie z. B. das dänische Außenministerium und die US-Botschaft in Dänemark. Gemäß den Unterlagen von Sejr erstellte die Firma in den ersten Jahren etwa 2300 Berichte und druckte ungefähr je 50 Exemplare. Diese Zahl stieg später auf 200 Exemplare an. In den Archiven des dänischen Außenministeriums finden sich neben anderen antikommu­nistischen Dokumenten auch Unterlagen des dänischen Sicherheitsdienstes. Das vielleicht Interessanteste daran ist, dass sich diese Berichte bis ins US-Nationalarchiv zurückverfolgen lassen. 1958 erhielt die US-Botschaft Berichte aus der Firma und sandte sie in die Heimat; heute befinden sie sich zwischen all den anderen Akten, die aus Kopenhagen in die Vereinigten Staaten zurückgebracht wurden: Ein klares Indiz für die enge Beziehung zwischen der Firma und der US-Botschaft.21 Neben dem Studium der kommunistischen Veröffentlichungen richtete die Firma ein Archiv, eine Bibliothek und eine biografische Abteilung ein. Letztere war eigentlich ein Archiv, in dem Namen kommunistischer Gegner und Informationen über sie zusammengestellt wurden. Alles, was über kommunistische Tätigkeiten bekannt war, musste gesammelt und archiviert werden, damit die Firma über umfassende Informationen hinsichtlich kommunistischer Delegationen, die in die Sowjetunion geschickt wurden, Gruppen junger Studenten, die in den Ostblock reisten, und natürlich hinsichtlich kommunistischer Aktivitäten in der Arbeiterbewegung verfügte. Was das Sammeln von Namen und persönlichen Daten betraf, war klar, welche Art von Informationen gesichert werden musste: • Alle Namen öffentlich bekannter Kommunisten und ihre Beziehung zur Partei, • alle in Verbindung mit kommunistischen Frontorganisationen erwähnten Namen, • alle Namen von Personen mit neutralistischen Ansichten, • alle Presseinformationen zu organisatorischen Änderungen, • Namen von Personen, die in ihren Schriften eine positive Haltung zur Demokratie zeigen. Ein Beispiel für die nachrichtendienstlichen Maßnahmen der Firma findet sich im Archiv Arne Sejr, das eine Liste der Mitglieder des Zentralkomitees der DKP mit biografischen Ein­zelheiten zu Personen enthält, zum Beispiel Beschreibungen zu deren politischer Vergan­genheit und zu den Abläufen ihrer Reisen nach Osteuropa.22 Um kommunistische Propaganda und Aktivitäten abwehren zu können, musste man wissen, wen man als Feind vor sich hatte. Deshalb führte die Firma Lehrgänge für Personen außerhalb der Organisation durch, in denen den Teilnehmern die Theorie und Praxis des Kommunismus präsentiert wurden. Welche Ideologie steckte hinter der kommunistischen Propaganda, und auf welche Zeichen sollte man bei Kollegen achten? All dies diente Bildungszwecken. Informationen waren das, worauf es ankam. In dem Versuch, die Kommunisten und ihre Propaganda zu bekämpfen, veröffentlichte die Firma mehrere Bücher, Broschüren und andere Publikationen. Die Organisation stand mit mindestens 28 Personen bei fast 20 dänischen Zeitungen und Presseagenturen in Kontakt. Ebenso unterhielt sie Beziehungen zu über 15 Organisationen und Verbänden, die auf die eine oder andere Art bei unterschiedlichen Aktivitäten und Operationen genutzt werden konnten.23 Übersetzungen und die internationale Perspektive Neben der Schaffung einer dänischen Sektion des Kongresses für Kulturelle Freiheit hatte die Firma verschiedene internationale Kontakte und war an der Arbeit des Koordinierenden Sekretariats der Nationalen Studentenvereinigungen (COSEC) in der niederländischen Stadt Leiden beteiligt.24 Offensichtlich war die Firma auch überaus aktiv, was ausländische Veröffentlichungen angeht. Die Sejr-Unterlagen deuten darauf hin, dass die Firma sieben bis acht Personen beschäftigte, die alle Arten von Material, das ursprünglich auf Französisch, Englisch, Deutsch, Italienisch, Polnisch und Russisch verfasst worden war, ins Dänische übersetzten. Das Studium der kommunistischen Presse erfolgte in vier Kategorien: 1. national, 2. europäisch, 3. Kominform und 4. sowjetisch. Die Akten von Arne Sejr enthalten mehrere Übersetzungen aus sowjetischen Zeitungen, Magazinen und amtlichen Texten. Eine junge Frau versorgte Sejr mit diesen Übersetzungen und Berichten über die Veränderungen in der sowjetischen Propaganda. Analysen über die politische Lage in der Sowjetunion wurden häufig erstellt.25 Bei einem Artikel aus der Komsomolskaja Prawda über »Kuba – ein Gefangenenlager« hob die Übersetzerin das »auffallende und zielstrebige Kopieren der westlichen Presse bei ihren Berichten über den Terror in Ungarn« hervor. Die Übersetzerin wies in diesem Beispiel auch auf die Tatsache hin, dass die verwendeten Bilder auf die übliche sowjetische Art und Weise gefälscht und manipuliert worden seien.26 Bei der Arbeit an den Übersetzungen analysierte die junge Frau auch die sowjetische Außenpolitik und die Gefahren der sowjetischen Jugendfeste in Moskau. Aus einem Briefwechsel im Jahre 1956 zwischen Sejr und der Frau geht hervor, dass beide Kontakt mit der russischen Emigrantenorganisation NTS (Nazionalno-trudowoj sojus rossijskich solidaristow/Nationaler Bund des Schaffens Russländischer Solidaristen) hatten und es anscheinend zu einem Treffen zwischen einem gewissen A. Konovetz und Sejr kam, als der Däne die NTS in Frankfurt besuchte.27 Laut Arne Sejr wurde die Firma in einem bestimmten Fall dazu eingesetzt, Informationen über das Militärrecht in der Sowjetunion zu erlangen, damit Ministerpräsident HC Hansen sie in einer politischen Debatte verwenden konnte. Das Archiv enthält Originaldokumente, die Sejrs spätere Schilderung stützen.28 Die antikommunistische Perspektive der Firma war weit und beinhaltete umfassende Studien über die Lage in der Sowjetunion, die Entwicklung der sowjetischen Kommunistischen Partei und Propagandamaßnahmen. Die Firma erstellte eine vierteljährliche Analyse mit Schwerpunkt auf der internationalen Arbeit der kommunistischen Bewegung. Sie berichtete auch über schwedische und dänische kommunistische Magazine und Zeitschriften und deren Darstellung des internationalen Geschehens. Die Firma nutzte ihre umfassenden Studien der dänischen kommunistischen Zeitung Land og Folk für eine vergleichende Studie zu den Übereinstimmungen und Unterschieden zwischen der dänischen Zeitung und ihrer schwedischen Entsprechung Ny Dag [Neuer Tag].29 Das Sammeln von Informationen, das Studium von Zeitungen und die Analyse der kommunistischen Position im In- und Ausland gehörten in der Firma zur täglichen Arbeit. Gelegentlich war die Firma auch an streng geheimen Operationen beteiligt, darunter zwei – »Operation Cage« [Operation Käfig] und »Black Letters« [Schwarze Briefe] –, die von ausgewählten Angehörigen der Firma initiiert und durchgeführt wurden. »Operation Cage« – Abhören des Kommunistenführers 1952 startete die Firma eine lange andauernde und gewagte Operation. Sie begann damit, dass die Wohnung von Alfred Jensen, Vizeparteivorsitzender der Dänischen Kommunistischen Partei und langjähriges Mitglied des dänischen Parlaments, verwanzt wurde. Wie es allerdings genau dazu kam, ist unklar. »An einem Tag im Frühjahr 1952 unterhielt ich mich mit Urban Hansen […] und er machte mir klar, wer über uns wohnte, was wir nicht gewusst hatten«, erinnert sich Sejr. Es war klar, dass ein solcher Zufall nicht ungenutzt bleiben durfte. »Uns bot sich die Möglichkeit, ein zum politischen Stab gehörendes Mitglied der DKP abzuhören. So würden wir etwas über den psychologischen Innenzustand der Partei und die Beziehung der Führungskräfte untereinander erfahren können. Wir könnten etwas über die Zusammenarbeit mit und den Einsatz von Front- und Deckorganisationen erfahren und darüber, inwieweit die DKP von der Mutterbasis Sowjetunion aus gesteuert wurde, sowie über die Kontakte zwischen ihnen«, führt Sejr aus.30 Ein paar Monate später lief die Maßnahme an. Mithilfe der CIA-Kontakte an der US-Bot­schaft wurden ein Mikrofon installiert und ein Tonbandgerät angeschlossen. Da die Amerikaner die Aktion bezahlten, war es möglich, Leute abzustellen, die das Tonbandgerät das ganze Jahr hindurch bedienten. Niels Frommelt übernahm die tägliche Leitung der Abhörmaßnahmen und stellte eine kleine Gruppe von Leuten zusammen, die dasaßen, die Gespräche im Stockwerk über ihnen abhörten und das Tonbandgerät einschalteten, sobald etwas Interessantes besprochen wurde. Im Laufe der Jahre wurden mehrere Personen im Schichtdienst in der unteren Wohnung eingesetzt, um das kommunistische Paar abzuhören. Alles, was oben passierte, wurde aufgeschrieben und in Journalen festgehalten, die neben den Tonbandaufnahmen geführt wurden und heute Einblicke in das Alltagsleben von Alfred Jensen und seiner Frau geben.31 Alfred Jensen gehörte zum harten Kern der DKP, und immer, wenn er bei einem geheimen Treffen mit anderen Mitgliedern, jedoch ohne den Vorsitzenden Aksel Larsen gewesen war, kam er nach Hause zurück und wurde von seiner Frau begrüßt, die schon mit Kaffee auf ihn wartete. Dann berichtete er ihr von dem Treffen und gab wieder, wer was gesagt hatte. Alle geheimen Gespräche wurden wiederholt, während sie Kaffee tranken, und ein Stockwerk tiefer lief das eingeschaltete Tonbandgerät. Die Dänische Kommunistische Partei wurde häufig von der sowjetischen Botschaft informiert, wenn etwas international Bedeutsames bevorstand, damit die Partei Vorkehrungen treffen konnte. Ein gutes Beispiel dafür ist die Warnung vor dem Einmarsch der Sowjetunion in Ungarn, über die Alfred Jensen und einige andere Angehörige des harten Kerns informiert wurden.32 Ebenfalls hatte man sie bezüglich des Ausschlusses von Molotov gewarnt. Am wichtigsten war aber, dass die Abhörmaßnahme eine schwerwiegende Spaltung innerhalb der Partei zwischen den Anhängern des harten Kerns und den Anhängern des Vorsitzenden Aksel Larsen enthüllte. In den nächsten acht Jahren verfolgte und meldete die Firma jede Bewegung in der oberen Wohnung. Abschriften der Gespräche wurden in dreifacher Ausfertigung erstellt: eine für Arne Sejr, eine für Niels Frommelt und eine für die Amerikaner, die in der US-Botschaft für die CIA übersetzt wurde.33 Operation »Black Letters« Nach einiger Zeit kam jemand in der Firma auf die Idee, die durch die Abhöraktion ge­wonnenen Informationen zu nutzen. Man fing an, Briefe zu schreiben, die vorgeblich von einem unzufriedenen Mitglied der Kommunistischen Partei stammten. Eine Mischung aus Tatsachen, Fiktion, Lügen und Gerüchten bildete den Inhalt der Briefe, und sie nahmen stets führende Personen der Partei zum Ziel. Etwa wurde angeprangert, dass die Führung der Partei keine Versuche dulden würde, den harten Kern zu kritisieren, oder dass einfache Parteimit­glieder nicht die Anerkennung bekämen, die sie aufgrund der ungeheuren Mühen verdient hätten, die sie auf sich nähmen, um die Partei am Laufen zu halten. In anderen Briefen wurde den führenden Parteimitgliedern vorgeworfen, sie würden mehr Zeit damit verbringen, sich gegenseitig zu bekämpfen, als damit, sich der Stärkung der Partei und der Belohnung der einfachen Parteimitglieder zu widmen, die die Partei zusammenhielten. Die Firma versuchte auch, den Graben zwischen dem Vorsitzenden Aksel Larsen und den Angehörigen des harten Kerns zu vergrößern. Die Briefe beruhten hauptsächlich auf Informationen, die durch die Abhöraktion in der Wohnung von Alfred Jensen gewonnen worden waren. Allerdings war die Firma höchstwahrscheinlich in der Lage, diese Informationen durch weitere aus anderen Teilen der kommunistischen Organisation zu ergänzen. Offensichtlich hatte die Firma Informanten in der Kommunistischen Partei. Das Material im Archiv Sejr bestätigt, dass die Firma in der Lage war, zusammenfassende Berichte darüber zu erstellen, was sich auf verschiedenen Konferenzen und Besprechungen ereignet hatte, die von – vielfach als kommunistische Frontorganisationen betrachteten – dänischen Friedensorganisationen durchgeführt worden waren.34 Niels Frommelt war an eine Liste mit Abonnenten der kommunistischen Zeitung Land og Folk gelangt, und so war es möglich, Hunderte von Kopien der Briefe an einfache Parteimitglieder der Kommunistischen Partei zu senden. Mehrere Zeitungen hörten von diesem merkwürdigen Brief, den einige Kommunisten im Briefkasten vorgefunden hatten.35 Offiziell nahm die kommunistische Führung die Briefe nicht ernst, aber durch die »Operation Cage« erfuhr die Firma, dass der harte Kern sie tatsächlich sehr ernst nahm, hatten sie für ihn doch einen hohen Wiedererkennungswert. Niels Frommelt erinnert sich, wie Alfred Jensen und seine Frau eines Nachts einen der Briefe lasen und Alfred Jensen plötzlich polterte: »Woher zum Teufel wissen die das?«36 Bis in die Fünfzigerjahre veröffentlichte die Firma zehn Briefe, die Paranoia und Misstrauen unter den Kommunisten bewirkten. Tatsächlich sorgten die Briefe für eine Verschärfung der an sich schon schlechten Situation. Die Partei hatte genug eigene Probleme, aber die internationale Lage machte es für die Kommunisten nicht gerade leichter. Sie verhielten sich Moskau gegenüber loyal und unterstützten den Kreml, wenn es notwendig war. Deshalb würde die dänische Partei Probleme bekommen, wenn sie sich dazu entschlösse, Maßnahmen der Sowjets zu unterstützen, die im Westen Proteste auslösten. »… wütend auf Chruščëv …« Auf dem XX. Kongress der KPdSU im Februar 1956 enthüllte Nikita Chruščëv einige von Stalins Verbrechen gegen das sowjetische Volk. Dies geschah hinter verschlossenen Türen, aber dennoch waren westliche Presseagenturen in der Lage, den sowjetischen Führer zu zitieren. In der Wohnung von Alfred Jensen traf sich eine Gruppe führender Parteimitglieder, um die Lage zu erörtern. Jensens Frau, Ragnhild Andersen, war zornig. »Ich bin wütend auf Chruščëv«, sagte sie und verlangte die Wahrheit zu erfahren, und nicht nur westliche Pressegerüchte und Propaganda. Später im selben Jahr stand Aksel Larsen im Mittelpunkt einer Unterhaltung in der Wohnung, wobei das Ehepaar darin übereinstimmte, die Partei sei so viel mehr als nur der Vorsitzende Aksel Larsen. Im Oktober 1956 hatten die Kommunisten schon genug Probleme, als die sowjetischen Streitkräfte in Ungarn einmarschierten, um den ungarischen Versuch, den Warschauer Pakt zu verlassen, im Keim zu ersticken. Der Einmarsch wurde in der ganzen Welt verurteilt, aber in der dänischen Kommunistischen Partei blieb die Loyalität gegenüber Moskau mehr oder weniger intakt. Ein Artikel in der Parteizeitung hatte die Führung in Moskau zwar beleidigt, weil er als Kritik an den sowjetischen Kommunisten verstanden werden konnte, aber nach diesem Zwischenfall verhielten sich die dänischen Genossen linientreu. Und sie zeigten ihre Loyalität gegenüber Moskau so unmissverständlich, dass es bei der DKP zu Parteiaustritten kam. Mehrere Mitarbeiter der Parteizeitung hatten aus Protest ihre Arbeit niedergelegt.37 Die Black Letters hatten es den Kommunisten schwer gemacht, aber ihre anhaltende Loyalität gegenüber Moskau hatte das Ganze noch verschlimmert. Sowohl der XX. Parteikongress in Moskau als auch der sowjetische Einmarsch in Ungarn hatten den Parteivorsitzenden Aksel Larsen auf eine neue Idee für die Partei gebracht. Er begann darüber zu sprechen, wie man neue Wege zur Schaffung einer neuen Parteilinie finden könnte, was aber dazu führte, dass der harte Kern der Partei Larsens Einfluss noch weiter minimierte, weshalb dessen Unzufriedenheit mit der Partei nur noch weiter wuchs. In den nächsten Jahren wurde Larsens Position in der Partei immer weiter geschwächt, und im Herbst 1958 wurde er aus der Partei ausgeschlossen. Während des Sommers hatte Niels Frommelt aus den Abhörmaßnahmen gewonnene Informationen heimlich an seinen persönli­chen Freund und Kontaktmann bei der Zeitung Information übergeben, der auf diesem Weg beinahe täglich neue Geheimnisse über die Kommunistische Partei enthüllen konnte. Die Zeitung druckte Berichte über heimliche Verhandlungen innerhalb des harten Kerns und über Entscheidungen, die definitiv eine Zeit lang hätten geheim bleiben sollen. Diese Enthüllungen hatten die Spannungen unter den Kommunisten unerträglich werden lassen: Das führte zu dem erwarteten Sturz Larsens. Das war, was die CIA wollte. Sie hatte schon vorher versucht, mit Aksel Larsen Kontakt aufzunehmen, und nach seinem Parteiausschluss begann er, sich regelmäßig mit Mitarbeitern der CIA zu treffen und sie über kommunistische Aktivitäten in Dänemark und im Ausland zu informieren. Das Ende der Operation – und der Firma Bis heute ist nicht klar, warum es dazu kam: Im Januar 1959 betrat Arne Sejr die Wohnung unter der Alfred Jensens und tauschte die Schlösser aus. Niels Frommelt war in der Firma nun Geschichte, und eine lange Freundschaft zwischen Sejr und Frommelt ging zu Ende. Als Sejr die Operation beendete, stellten die Amerikaner die finanzielle Unterstützung für die Firma ein – ein großer Rückschlag für die Organisation. Sejr versuchte, von dänischen Unternehmen finanzielle Unterstützung zu erhalten, konnte auch einige Spenden und Beiträge bekommen, jedoch nicht genug, um den früheren Umfang zu wahren.38 Seine Versuche hatten nur begrenzten Erfolg. Die Firma war im Laufe der Jahre groß geworden und hatte einen solchen Umfang angenommen, dass sie ohne die finanzielle Unterstützung der Amerikaner unmöglich überleben konnte. 1962 tauchte ein weiteres Problem auf. Der Leiter des dänischen militärischen Nachrichtendienstes, Oberst H. M. Lunding, erfuhr von der Abhöraktion Alfred Jensens, über die er durch seinen Stellvertreter, Commander P. A. Mørch, nicht informiert worden war. Jetzt wurde Frommelt einbestellt und aufgefordert, vor Lunding eine Erklärung abzugeben. Lunding war wütend und wandte sich an die sozialdemokratische Regierung, die eine heimliche Untersuchung anordnete. Der Inlandsgeheimdienst der dänischen Polizei wurde beauftragt, alle Beteiligten zu vernehmen und den Fall zu untersuchen, aber es war ihm nicht gestattet, die Verbindungen zwischen der Firma und führenden Politikern zu beleuchten. Dementsprechend wurden letztlich Arne Sejr und Commander Mørch als Hauptverantwortliche für die illegale Abhöraktion »Operation Cage« benannt. Strafrechtlich verfolgt wurde jedoch niemand.39 Nach Abschluss der Untersuchung im Jahre 1963 wurde Arne Sejr »gezwungen«, ein Dokument zu unterzeichnen und damit auf alle künftigen nachrichtendienstlichen Aktivitäten zu verzichten. Seine Tage als Leiter einer geheimen Nachrichtenorganisation waren vorbei, er musste ein neues Leben beginnen. Arne Sejr blieb politisch aktiv und war einer der führenden Köpfe hinter verschiedenen Fachzeitschriften. Daneben führte er Sicherheitslehrgänge für ver­schiedene Gruppen der dänischen Streitkräfte durch und verfolgte weiterhin die Entwicklung in der internationalen Szene. Sein Leben war gekennzeichnet vom Kampf zwischen Demokratie und Totalitarismus. Die Tochter von Arne Sejr erinnert sich, er sei zu Tode erschrocken gewesen, als er einen anonymen Telefonanruf erhielt, in dem die anrufende Person wiederholte: »Ich schicke Ihnen viele Grüße aus der DDR … Ich schicke Ihnen viele Grüße aus der DDR …« Sejr war so verstört, dass er versuchte, seiner Tochter eine Reise nach Berlin zu verbieten.40 Wie so viele andere nachrichtendienstlich tätige Personen nahm Sejr viele seiner Geheimnisse mit ins Grab. Daher bleibt zu hoffen, dass noch weitere persönliche Archive auftauchen und zugänglich gemacht werden, die es uns erlauben, ein klareres Bild des antikommunistischen Kampfes im Norden zu zeichnen. Aus dem Englischen übersetzt durch das Bundessprachenamt 1 Die Firma ist vom Autor dieses Beitrages in der auf Dänisch abgefassten Monografie Firmaets Største Bedrift [Die größte Leistung der Firma], Kopenhagen 2005, beschrieben worden. Für eine Charakterisierung in englischer Sprache siehe »›Upstairs and Downstairs‹ – The Forgotten CIA Operations in Copenhagen«, in: International Journal of Intelligence and Counter Intelligence 19 (Winter 2006/2007), H. 4. Zum PET und zur Firma siehe Morten Heiberg: Stay-Behind og Firmaet: Efterretningsvæsen og private antikommunistiske organisationer i Danmark 1945–1989 [Stay-behind und die Firma: Nachrichtendienst und private antikommunistische Organisationen in Dänemark 1945–1989], Kopenhagen 2009. 2 Siehe Rigsarkivet/Dänisches Staatsarchiv (im Folgenden: DSA), FE-Archiv, Archivboxen PA Mørch, Archivbox Nr. 2. Undatierte Kurzmitteilung von Oberst Einar M. Nordentoft an den FE. 3 »Stay-behind-Organisationen, teilweise auch Überrollgruppen genannt, sind militärische Widerstandsorganisationen, die für den Fall der Besetzung eines Staates oder von Teilen seines Territoriums durch feindliche Truppen nachrichtendienstliche Aufklärung in den besetzten Gebieten leisten und Sabotageakte im Hinterland verüben sollen.«, http://de.wikipedia.org/wiki/Stay-behind-Organisation, ges. am 8. Oktober 2012. 4 Siehe Cold War Museum Langelandsfort (im Folgenden: CWML), Privatarchiv Arne Sejr, Archivbox 1, undatierter vertraulicher Bericht (4 Seiten). 5 Siehe DSA, FE-Archiv, Archivboxen PA Mørch, Archivbox Nr. 2, undatierte Kurzmitteilung von Oberst Einar M. Nordentoft für den FE; Heiberg: Stay-Behind (Anm. 1), S. 63. 6 Siehe Land og Folk [Land und Leute] vom 29. November 1990 [dänische kommunistische Zeitung]. Information vom 30. November 1990 [dänische Zeitung]. 7 Zu Besatzungsvorbereitungen und Stay-behind siehe Wilhelm Christmas-Møller: Obersten og Kommandøren [Der Oberst und der Kapitän], Kopenhagen 1995, S. 99–103. Siehe auch Peer Henrik Hansen: Firmaets (Anm. 1), S. 32–34. Die Originalunterlagen befinden sich im Archiv des Dänischen Widerstandsmuseums. Siehe auch Weekendavisen vom 9. bis 15. August 2002 [dänische Zeitung]. 8 Zur Angst vor sowjetischen Aktivitäten siehe Eduard Mark: »The War Scare of 1946 and Its Consequences«, in: Diplomatic History 21 (Sommer 1997), H. 3; ders.: »The Turkish War Scare of 1946«, in: Melvyn P. Leffler/David S. Painter (Hg.): Origins of the Cold War – An international History, 2. Aufl. New York 2005, S. 112–133. 9 Melvyn P. Leffler: The Specter of Communism, New York 1997, S. 56–58. 10 Gregory Mitrovich: Undermining the Kremlin, Ithaca 2000, S. 177. 11 Siehe William R. Harris: »March Crisis 1948, act I«, in: Studies in Intelligence, Band 10, Herbst 1966; ders.: »March Crisis 1948, act II«, in: Studies in Intelligence, Band 11, Frühjahr 1967. 12 Siehe DSA, Archiv des dänischen Geheimdienstes, Archivboxen PA Mørch, Archivbox Nr. 2, Protokoll vom 26. Mai 1948. 13 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 3, Akte 9. Ausweis ausgestellt am 20. Dezember 1948. 14 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 3, Akte 11. Verschiedene Organisationsdokumente. 15 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 2. Undatierter vertraulicher Bericht über die Firma (29 Seiten). Heiberg: Stay-Behind (Anm. 1), S. 29, 41. 16 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 2. Undatierter vertraulicher Bericht über die Firma (29 Seiten), Seite 7. Außerdem Interview mit Niels Frommelt: Der Autor dieses Berichts interviewte Niels Frommelt mehrmals zwischen 1999 und 2005. Bei einem dieser Interviews zeigte Frommelt eines der Dokumente, die er vom Nachrichtendienst bekommen hatte. Dieses Dokument ist für den Autor die Bestätigung für die Behauptung Frommelts, er sei in der Lage gewesen, Informationen aus dem Archiv des Nachrichtendienstes zu bekommen. 17 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 2. Undatierter vertraulicher Bericht über die Firma (29 Seiten), S. 1. 18 CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 3, Akte 7: Die Organisation der Firma und verschiedene Berichte. 19 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 2, Anmerkungen zur Arbeit der Firma. 20 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 3, Akte 7: Die Organisation der Firma und verschiedene Berichte. Siehe auch Akte 15. 21 National Archives II, College Park, RG 58, entry UD 2386, Archivbox 43, undatierter Bericht aus dem dritten Quartal des Jahres 1958 mit dem Titel »Quarterly Analysis of Land og Folk«. 22 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 3, Akte 19. Undatierte Liste der Mitglieder des Zentral-komitees der DKP. [Wahrscheinlich aus dem Jahr 1953.] 23 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 3. Undatierter Bericht. 24 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 2. Undatierter vertraulicher Bericht über die Firma (29 Seiten), S. 13. Siehe auch Archivbox 3, Akte 27. 25 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 3, Akte 70. 26 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 3, Akte 4, Übersetzung und Analyse des Artikels in der Komsomolskaja Prawda vom 1. März 1957. 27 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 3, Akte 6, Schreiben vom 24. Oktober 1956. 28 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 2. Undatierter vertraulicher Bericht über die Firma (29 Seiten), S. 12. Archivbox 3, Akte 21, 26, 70. 29 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 3, Akte 62, 66. 30 CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 2. Undatierter vertraulicher Bericht über die Firma (29 Seiten), S. 9. 31 Siehe ebd., S. 9–11. 32 Siehe Freddy Madsen: Vilje til Forandring – Mit liv som kommunist [Der Wille zum Wandel – Mein Leben als Kommunist], Kopenhagen 2002, S. 72. 33 Interview mit Niels Frommelt. 34 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 3, Akte 69–70. Interview mit Niels Frommelt. 35 Siehe zum Beispiel Berlingske Aftenavis vom 19. Dezember 1953; Social-Demokraten vom 19. Dezember 1953, B.T. vom 19. Dezember 1953; Information vom 19. Dezember 1953; Land og Folk vom 8. März 1954; Social-Demokraten vom 8. März 1954; Information vom 11. März 1954; Land og Folk vom 12. März 1954; B.T. vom 15. Dezember 1954; Land og Folk vom 15. Dezember 1954. 36 CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 2. Undatierter vertraulicher Bericht über die Firma (29 Seiten), S. 14 f. Interview mit Niels Frommelt. 37 Siehe Kurt Jacobsen: Aksel Larsen – en politisk biografi [Aksel Larsen – ein politische Biografie], Kopenhagen/Valby 1993; Bent Jensen: De fremmede i dansk avisdebat – fra 1870’erne til 1990’erne [Die Ausländer in der dänischen Zeitungsdebatte – von den 1870er Jahren bis in die 1990er Jahre], Kopenhagen 2000. 38 Siehe CWML, Archiv Arne Sejr, Archivbox 3, Akte 31. 39 Siehe Heiberg: Stay-Behind (Anm. 1). 40 Interview, das der Autor dieses Beitrags mit Jørgen Sejr und Birgitte Sejr im August 2001 geführt hat.

JHK 2013

Die Kommunistische Partei Österreichs: Zum Stand der Forschung über die Geschichte der KPÖ

Manfred Mugrauer

In der historischen und politikwissenschaftlichen Literatur über die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ) wird allgemein ihr geringer politischer Stellenwert betont. So hebt etwa Anton Pelinka die Außenseiterrolle und »faktische Bedeutungslosigkeit« der KPÖ als eine der »auffallenden Besonderheiten des österreichischen Parteiensystems« hervor.1 Verglichen mit den großen kommunistischen Parteien (KP) Westeuropas war der Einfluss der KPÖ tatsächlich eher gering, sie zählte stets zu den schwächsten KPen in Europa und spielt auch heute im politischen Leben Österreichs eine untergeordnete Rolle. Ungeachtet dieses allgemeinen Befunds war die KPÖ in drei Perioden der neueren österreichischen Geschichte ein durchaus bedeutender historischer Faktor: 1.) Im Jahr 1919, als die im November 1918 gegründete Partei einen raschen Aufschwung nahm, dem ein ebenso rapider Niedergang folgte. 2.) In den Jahren 1934 bis 1945, als die KPÖ zur wichtigsten Kraft der illegalen Arbeiterbewegung wurde und Triebkraft des antifaschistischen Widerstands war. 3.) Im ersten Nachkriegsjahrzehnt, als sie – auch aufgrund der Präsenz der sowjetischen Besatzungsmacht – über ihren größten Einfluss auf die innenpolitische Entwicklung verfügte: 1945 zählte die KPÖ zu den Gründerparteien der Zweiten Republik und gehörte bis 1947 der Regierung an. Bis 1959 waren Kommunisten im österreichischen Parlament vertreten, in einigen Landtagen bis 1969/70. Auf gewerkschaftlicher, betrieblicher und kommunaler Ebene war sie eine prägende Kraft, die auch im intellektuellen Leben über Ausstrahlungskraft verfügte und in Kultur und Sport in der Lage war, einen gewissen Einfluss auszuüben. Auch nach Abschluss des Staatsvertrags im Jahr 1955 und dem Niedergang der Partei besetzte sie bis in die jüngere Vergangenheit Positionen in Betriebs- und Gemeinderäten. Als Teil der kommunistischen Weltbewegung blieb die KPÖ trotz ihres Schrumpfungsprozesses ein politischer Faktor, der beachtet werden musste. In der österreichischen Geschichtswissenschaft erregte die KPÖ nur wenig Aufmerksamkeit. Ihre relative Bedeutungslosigkeit ist der Hauptgrund dafür, dass Forschungen über die Parteigeschichte überschaubar geblieben sind und sich an ihrem Beispiel aktuelle Trends der internationalen Kommunismusforschung nur bedingt widerspiegeln. Die Parteigeschichtsschreibung der KPÖ Für die akademische Geschichtswissenschaft war die Geschichte der KPÖ über Jahrzehnte kein Thema. Bis in die Sechzigerjahre hinein liegen keine wissenschaftlichen Veröffentlichungen über sie vor. Bis zu diesem Zeitpunkt blieb die Historiografie über die Partei auf die Geschichtsschreibung der KPÖ selbst beschränkt. Das allgemein enge Verhältnis der marxistischen Arbeiterbewegung zur Geschichte kam am Beispiel der KPÖ vor allem in Veröffentlichungen über diverse Jubiläen zum Ausdruck. Zu solchen Anlässen erschienen kleinere Broschüren und Gedenk- und Erinnerungsbeiträge im Theorieorgan Weg und Ziel, etwa über den Jännerstreik 1918, die Juli-Ereignisse 1927, die Februarkämpfe 1934, den »Anschluss« 1938, über Widerstand und Befreiung sowie über den Oktoberstreik des Jahres 1950. Als Autoren traten hier zunächst weniger akademisch ausgebildete Historiker, sondern Parteifunktionäre in Erscheinung. Neben ihrer Funktion als Mittel zur Selbstvergewisserung und Identitätsstiftung strahlten diese an der Schnittstelle von Wissenschaft und »Geschichtspolitik« angesiedelten Veröffentlichungen auch in die akademische Zeitgeschichtsforschung aus. Obwohl die Geschichte der Arbeiterbewegung fixer Bestandteil der kommunistischen Gedenkkultur und Erinnerungspolitik wurde und die KPÖ insgesamt als geschichtsbewusste Partei einzuschätzen ist, schenkte sie nach 1945 der systematischen Erforschung ihrer eigenen Geschichte wenig Aufmerksamkeit. Selbst der kommunistische Widerstand wurde nur bruchstückhaft dokumentiert. Sowohl im Vorfeld des Parteijubiläums im Jahr 1958 als auch 1968 scheiterte die von der Parteiführung beabsichtigte Ausarbeitung einer Parteigeschichte. Als »Verlegenheitslösung« wurde 1958 zum 40. Jahrestag der Gründung der Partei der Rohentwurf von Hermann Mitteräcker als Manuskriptdruck veröffentlicht, der nur organisationsintern verbreitet wurde. 1966 wurde neben der bereits seit 1955 bestehenden Historischen Kommission beim ZK der KPÖ eigens eine »Kommission zum Studium der Parteigeschichte« eingerichtet, die zum 50. Jahrestag mehrere Monografien über verschiedene Perioden der Parteigeschichte veröffentlichen sollte. 1968 musste man diese Pläne als nicht realisierbar begraben. Zuletzt scheiterte auch die Absicht, alternativ dazu einen von Friedl Fürnberg verfassten Grundriss für eine Geschichte der KPÖ herauszubringen.2 Es waren wohl vor allem die »Problemzonen« der kommunistischen Geschichte und die Identifikation mit dem Geschichtsbild der sozialistischen Länder dafür verantwortlich, dass sich die entsprechenden Planungen stets verzögerten und schließlich ganz ad acta gelegt werden mussten. Einen frühen Hinweis darauf geben die drei vor 1955 herausgegebenen Lehrhefte der Partei Zur Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung, die mit dem Jahr 1934 enden. Ein bereits angekündigter vierter Band über die Periode bis 1945 wurde nicht mehr publiziert. Die Entstehungsgeschichte der Studie von Franz West Die Linke im Ständestaat3 verdeutlicht beispielhaft, warum die für die Parteigeschichte so wichtige Periode von 1934 bis 1938 in der KPÖ-Historiografie unterbelichtet blieb: Nachdem West als Chefredakteur des Zentralorgans abgelöst worden war, sollte er im Zeitraum der Fortzahlung seines Gehalts eine Studie über den illegalen Kampf der Partei in den Jahren 1934 bis 1938 schreiben. Im April 1971 wurde West jedoch mitgeteilt, dass die Partei an seiner Arbeit nicht mehr interessiert sei, weil er auch zwei Tabuthemen, das Schicksal der in die Sowjetunion emigrierten österreichischen Schutzbündler und die Kampagne gegen den »Trotzkismus« aufrollen wollte. Dies wurde seitens der KPÖ als öffentliche Stellungnahme zu innerparteilichen Fragen bzw. zur Haltung der KPdSU angesehen.4 Eine erste geschlossene Darstellung der Parteigeschichte seitens der KPÖ erschien 1976 als Broschüre im Manuskriptdruck. Ein Jahr später wurde auf dieser Grundlage die (aufgrund der Farbe ihres Einbands) in Parteikreisen sogenannte rote Parteigeschichte als Gemeinschaftswerk von Parteiveteranen und jungen Historikern herausgegeben.5 Studien über die Februarkämpfe 1934 mit de facto »parteioffiziellem« Charakter wurden zu den Jahrestagen 1974 und 1984 vom in der DDR wirkenden österreichischen Historiker Arnold Reisberg bzw. von Winfried R. Garscha und Hans Hautmann vorgelegt.6 Ab den späten Siebzigerjahren wurde die Parteigeschichtsschreibung von »professionellen«, der Partei angehörenden Historikern geprägt. Dies spiegelt sich auch in der 1987 von der Historischen Kommission beim ZK der KPÖ herausgegebenen »grauen« Parteigeschichte wider,7 deren einzelne Abschnitte über die Zeit bis 1955 von Josef Ehmer, Garscha, Hautmann, Rupert Herzog und Willi Weinert verfasst wurden. Allein der Schlussteil über die jüngere Vergangenheit wurde von Ernst Wimmer ausgearbeitet, der in der medialen und politischen Öffentlichkeit gerne als »Chefideologe« apostrophiert wurde. Gegenüber der »roten« Parteigeschichte, die mit Abschluss des Staatsvertrages im Jahr 1955 endet, wurde die »graue« Parteigeschichte bis in die Achtzigerjahre fortgeführt, womit auch das Krisenjahr 1956 sowie Ursachen, Verlauf und Folgen der »Parteikrise« 1968/69 behandelt wurden. Während erstere als traditionelle »Hausgeschichtsschreibung« anzusehen ist, deren Hauptzweck vor allem darin bestand, die durch den Verlauf der Geschichte im Wesentlichen als »richtig« eingeschätzte Linie der Partei in Abgrenzung zum »falschen«, reformistischen Kurs der österreichischen Sozialdemokratie nachzuweisen, arbeitet die Neufassung quellenbezogen und problemorientiert und verzahnt die Politik- und Organisationsgeschichte der Partei mit der politischen und sozialökonomischen Entwicklung Österreichs. Obwohl diese 600 Seiten starke Publikation ohne Moskauer Quellen auskommen musste, vom marxistischen Verständnis von »Wissenschaftlichkeit und Parteilichkeit« geprägt und insgesamt dem Geschichtsbild vor 1990 verhaftet ist, ist sie in ihrer Gesamtheit weder als hagiografisch noch apologetisch einzuschätzen. Keine andere Partei in Österreich hat ein ähnliches Werk vorzuweisen, das derart selbstkritisch Fragen an die eigene Geschichte richtet. Während vergleichbare parteioffizielle Veröffentlichungen beispielsweise über die KPdSU- oder die SED-Geschichte heute in der Geschichtswissenschaft als reine Legitimationswissenschaft keine Beachtung mehr finden, gilt die »graue« Parteigeschichte immer noch als Standardwerk über die Geschichte der KPÖ. Die KPÖ in der österreichischen Zeitgeschichtsforschung Ein gewichtiger Faktor für die fehlende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der KPÖ ist das Fehlen einer institutionalisierten Zeitgeschichtsforschung in Österreich bis in die Sechzigerjahre. Erst die Errichtung der ersten Institute für Zeitgeschichte an den österreichischen Universitäten und die vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) ausgehenden Impulse führten zu intensiveren Forschungen über die Erste Republik bzw. über Widerstand und Verfolgung in der NS-Zeit. Bis in die Achtzigerjahre stand die Zwischenkriegszeit ganz im Mittelpunkt der österreichischen Zeitgeschichtsforschung. Erst nach der »Waldheim-Debatte« wurde der Zweiten Republik verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt. Verknüpft mit dem allgemeinen Aufschwung der Zeitgeschichte wurde die sich in den Sechzigerjahren etablierende Arbeiterbewegungsgeschichte zum wichtigsten Bezugspunkt der Forschungen über die KPÖ. Dafür stehen neben dem DÖW auch das 1968 gegründete und im Hochschulbereich verankerte Ludwig Boltzmann-Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung in Linz mit seinen Publikationsreihen, sowie die seit 1965 stattfindenden »Linzer Konferenzen« der Internationalen Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung (ITH). Die Geschichte der Arbeiterbewegung wurde in den Siebzigerjahren zu einer akademischen Disziplin, als (sozialgeschichtlich orientierte) »Arbeitergeschichte« erlangte sie bis 1990 eine geradezu dominierende Stellung in der österreichischen Zeitgeschichtsforschung. Diese veränderte Situation schlug sich auch an den Universitäten entsprechend nieder, wo nun die ersten Dissertationen über die Geschichte der KPÖ entstanden. In den Siebzigerjahren erschienen die ersten von Nicht-Kommunisten verfassten wissenschaftlichen Monografien über die KPÖ. Bis zu diesem Zeitpunkt waren Monografien nur von zwei kommunistischen Historikern vorgelegt worden: die als Bibliographische Bemerkungen untertitelte Dokumentation der KPÖ-Geschichte bis 1933 von Herbert Steiner,8 sowie eine Studie von Hautmann über die Gründungsphase der Partei.9 Von Steiner, Gründer des DÖW und in den Fünfziger- und Sechzigerjahren Sekretär der 1955 gebildeten Historischen Kommission beim ZK der KPÖ, der sich weit über die Partei hinaus breiter Anerkennung erfreute, stammt auch ein Handbuchbeitrag über die KPÖ in der Ersten Republik.10 Hautmann stieg in späteren Jahren zum Vorstand des Instituts für Neuere und Zeitgeschichte der Universität Linz auf und ist damit ein seltenes Beispiel einer akademischen Karriere eines Historikers mit kommunistischem Hintergrund. Die erste politikwissenschaftliche Beschäftigung mit der Politik der KPÖ leistete 1972 Pelinka in einem Handbuchbeitrag unter dem Blickwinkel innenpolitischer Differenzierungen nach 1945.11 Maßgeblich für die Interpretation der Politik der KPÖ seit ihrer Hinwendung zur Strategie der Volksfront war lange die ideengeschichtlich ausgerichtete Studie von Heinz Gärtner aus dem Jahr 1979,12 der seine Analyse vor allem auf die Abhängigkeit der Partei von der sowjetischen Politik und auf die Außenbindung der KP-Politik konzentrierte. Während Veröffentlichungen über die KPÖ bis in die Sechzigerjahre vor allem durch die Atmosphäre des Kalten Krieges und einen vorurteilsbeladenen Blick geprägt waren, zeichnen sich diese Studien durch eine größere Sachlichkeit und Professionalität aus. Ungeachtet dieses im Vergleich zu den Vorjahren zu beobachtenden Aufschwungs fällt auf, dass selbst in der Boom-Zeit der Arbeitergeschichte in den Siebziger- und Achtzigerjahren insgesamt nur wenige Studien über die KPÖ vorgelegt wurden. Trotz der institutionellen Nähe der Zeitgeschichtsforschung zur Arbeiterbewegung schafften nur wenige kommunistische Historiker den Sprung an die Universitäten. Die KPÖ-Forschung blieb selbst im Rahmen dieses in Österreich wie kaum in einem anderen Land dominierenden »alternativen Wissenschaftsparadigmas«13 Arbeitergeschichte eine Randerscheinung. Während etwa die Zahl an Veröffentlichungen über die großen westeuropäischen kommunistischen Parteien in Frankreich und Italien oder jene über die KPD in der Weimarer Republik schwer zu überblicken ist, ist es möglich, für die KPÖ eine Gesamtbibliografie zu erstellen, von deren Vollständigkeit auszugehen ist. Eine solche Auflistung enthält aktuell etwa 700 Veröffentlichungen.14 Erfasst sind Monografien und Sammelbände sowie Beiträge in Sammelschriften und wissenschaftlichen Zeitschriften, die sich zumindest in einem wesentlichen Aspekt mit der Geschichte der KPÖ auseinandersetzen. Auffälligster Gesichtspunkt ist die geringe Anzahl von Monografien und Gesamtdarstellungen über die Geschichte der Partei und einzelne Perioden. Insgesamt wurden bisher an die 160 selbstständige Veröffentlichungen vorgelegt, davon etwa 100 mit (auto)biografischem Hintergrund. Von den übrigen 60 Einzelstudien beschäftigen sich nur knapp 20 im engeren Sinn mit der Geschichte der KPÖ. Die mangelnde Aufmerksamkeit für die Geschichte der KPÖ spiegelt sich auch im weitgehenden Fehlen von Beiträgen in den wenigen einschlägigen zeitgeschichtlichen und politikwissenschaftlichen Fachzeitschriften in Österreich wider. Gesamtdarstellungen liegen im Grunde nur drei vor: die offizielle »Parteigeschichte« von 1987 (Vorläuferstudien bleiben unberücksichtigt), die erwähnte Arbeit von Gärtner aus dem Jahr 1979, sowie neuerdings eine populär gehaltene Arbeit aus der Feder des ehemaligen KPÖ-Vorsitzenden (1994–2006) Walter Baier. Es handelt sich dabei weniger um eine geschichtswissenschaftliche Studie, sondern vielmehr um eine Darstellung der Parteigeschichte unter politischen Gesichtspunkten. Bemerkenswert ist, dass sich Baier als erster führender KPÖ-Exponent über die der Partei nahestehenden Firmen äußert und dabei auch auf den Rechtsstreit der KPÖ mit der deutschen Treuhand über das Parteivermögen eingeht, der mit der »Enteignung« der Partei endete. Gemindert wird der wissenschaftliche Wert dieser Arbeit durch ihren Analyserahmen, entwickelt er doch einleitend die abwegige forschungsleitende These, wonach die gesamte Parteigeschichte von »zwei einander […] ausschließenden Tendenzen« geprägt sei, einer autoritären und einer »emanzipatorisch demokratische(n)«.15 Vor diesem Hintergrund konstruiert Baier beispielsweise einen Gegensatz zwischen der im Moskauer Exil entwickelten Linie und den jüdisch-intellektuellen, antistalinistischen Parteikadern in Großbritannien und anderen Exilländern. Die Parteigeschichte erscheint ihm als permanenter Widerstreit von stalinistischer Dogmatik und humanistisch-demokratischer Tendenz. Von dieser generalisierenden Warte aus kann jedoch weder die politische Geschichte der Partei in den verschiedenen Perioden ihrer Existenz noch ihre politische Kultur hinreichend erfasst werden. Die legitimatorischen Absichten dieses Ansatzes werden spätestens dann sichtbar, wenn es Baier in seiner – auf die internen Auseinandersetzungen fokussierten – Darstellung der jüngeren Geschichte der Partei um die Abrechnung mit seinen innerparteilichen Kontrahenten geht. Erste Republik und antifaschistischer Widerstand Zwar liegen über die KPÖ in der Ersten Republik zahlenmäßig wenige Veröffentlichungen vor, die Gründungsgeschichte der Partei ist jedoch gut erforscht. Mit der bereits Anfang der Siebzigerjahre veröffentlichten Verlorenen Räterepublik von Hautmann über die Gründungs- und Frühphase der KPÖ liegt ein breit rezipiertes Standardwerk vor,16 an das der Autor 1987 mit seinem monumentalen Werk über die österreichische Rätebewegung anknüpfte.17 Ergänzende Forschungen erfolgten in der jüngeren Vergangenheit durch Hannes Leidinger und Verena Moritz, die u. a. mit einer Arbeit über die Kriegsgefangenenproblematik einen wichtigen Beitrag zur Kommunismusforschung geliefert haben.18 Die Periode der Fraktionskämpfe und »Bolschewisierung« der Partei in den Zwanzigerjahren, in der die KPÖ zu einer wenig einflussreichen, nahezu aktionsunfähigen Kraft schrumpfte, ist die insgesamt am wenigsten erforschte. 1978 hat Fritz Keller eine Organisationsgeschichte der trotzkistischen Gruppen, die sich in den Jahren 1919 bis 1945 in Fraktionskämpfen von der KPÖ ablösten, vorgelegt.19 Heute ist die Geschichte der KPÖ in der Ersten Republik nur unter Berücksichtigung des Komintern-Archivs zu bearbeiten. Eine erste Verwertung fanden diese Unterlagen in einer 2009 herausgegebenen umfangreichen Studie von Barry McLoughlin, Leidinger und Moritz.20 Im Mittelpunkt von Kommunismus in Österreich 1918–1938 stehen die sowjetischen Aktivitäten und die Rolle der Kommunistischen Internationale in Österreich. Hauptthema ist Wien als Stützpunkt und Operationsbasis der Kominternpolitik, während der im Titel formulierte monografische Anspruch hinsichtlich der KPÖ-Geschichte nicht eingelöst wird. Der Band lässt insofern Raum für vertiefende Studien bzw. für eine systematische Erforschung der Beziehungen der Partei zur Komintern. Für die KPÖ liegt somit nach wie vor kein mit Hermann Webers Wandlung des deutschen Kommunismus vergleichbares Werk vor, das die Tauglichkeit des Weber’schen »Stalinisierungsansatzes« am österreichischen Beispiel überprüft. Ebenso steht die – von Weber für die Kommunismusforschung insgesamt eingeforderte – Erforschung der Parteigeschichte der Ersten Republik als »radikale soziale Bewegung« noch aus. Einen ersten Ansatz stellt ein Beitrag von mir über die sozialökonomische Politik der KPÖ in den Jahren der Weltwirtschaftskrise dar, der die Betriebs-, Gewerkschafts- und Arbeitslosenpolitik ab 1929 bis zum Verbot der Partei im Mai 1933 zum Inhalt hat. Im Mittelpunkt stehen jene Streikbewegungen, in die die KPÖ maßgeblich eingreifen konnte.21 Infolge des massenhaften Übertritts enttäuschter Sozialdemokraten entwickelte sich die KPÖ nach den Februarkämpfen des Jahres 1934 von einer kleinen und wenig einflussreichen Partei zu einer maßgeblichen Kraft innerhalb der österreichischen Arbeiterbewegung. Angesichts ihres gestiegenen realpolitischen Gewichts in den Jahren 1933/34 bis 1938 überrascht es, dass bislang keine monografische Studie über den Widerstandskampf der KPÖ gegen die austrofaschistische Diktatur vorliegt.22 Eine ähnliche Lücke besteht in der Historiografie über die Jahre 1938 bis 1945: Obwohl die österreichischen Kommunisten im Kampf gegen den Hitlerfaschismus die stärkste Kraft darstellten, ist auch diese für die Parteigeschichte so bedeutungsvolle und identitätsstiftende Periode wenig bearbeitet. Das Fehlen einer Gesamtdarstellung über den antifaschistischen Widerstand und das kommunistische Exil in den Jahren 1933 bis 1945 kann als größtes Forschungsdesiderat gelten. Auch in der Zeitgeschichtsforschung war der Widerstandskampf der KPÖ lange kein Thema. In der ersten quellengesättigten Darstellung von Maria Szecsi und Karl Stadler23 fand der kommunistische Anteil wegen politischer Vorgaben durch führende sozialdemokratische Politiker wie den damaligen Justizminister Christian Broda wenig Berücksichtigung.24 In Reaktion darauf ließ der KPÖ-Funktionär Hermann Mitteräcker eine erste Darstellung des kommunistischen Widerstandes folgen, die 1963 zwar nicht »parteioffiziell«, aber im Parteiverlag erschien.25 Die in den Sechzigerjahren beginnende nähere Beschäftigung mit dem antifaschistischen Widerstand der Jahre 1934 bis 1945 ist vor allem mit der Gründung des DÖW im Jahr 1963 verknüpft. Erst das Vorhandensein der dort gesammelten umfangreichen Quellenbestände ermöglichte breitere Forschungen über Widerstand und Exil. 1964 beschäftigte sich auch die erste Dissertation an einer österreichischen Universität, die sich einem Aspekt der Parteigeschichte widmete, mit dem Widerstand der KPÖ von 1938 bis 1945.26 Insgesamt ist die Widerstands- und Exilforschung jener Bereich, in dem das Wirken von Kommunisten am stärksten zu einem anerkannten akademischen Forschungsgegenstand wurde. Die Ergebnisse seiner Dissertation über die österreichischen Freiheitsbataillone hat Willibald Holzer im Rahmen mehrerer Aufsätze veröffentlicht.27 Helmut Konrad widerlegte in seiner Dissertation über den KPÖ-Widerstand in der Zeit des Hitler-Stalin-Paktes die häufig geäußerte Behauptung, wonach die KPÖ in der Paktperiode ihren Widerstand eingestellt habe.28 Die österreichische Widerstandsforschung hat den dominierenden Anteil des Arbeiterwiderstandes, insbesondere den Widerstand der Kommunisten nachgewiesen. Beleg dafür ist sowohl die Zahl der von der NS-Justiz Hingerichteten, als auch jene der Verfahren vor dem Volksgerichtshof und Oberlandesgericht.29 Umfangreiches Quellenmaterial findet sich in den DÖW-Editionen Widerstand und Verfolgung, die zwischen 1975 und 1991 für sechs der neun österreichischen Bundesländer vorgelegt worden sind. In diesem Kontext sind auch ein vom DÖW herausgegebener Interviewband, Erzählte Geschichte, und ein Dokumentenband über Österreicher im Spanischen Bürgerkrieg sowie mehrere Beiträge von Hans Landauer über dieses Thema in den Jahrbüchern des DÖW zu nennen. Im Zuge einer Schwerpunktverlagerung des Forschungsinteresses hin zu NS-Tätern, Holocaust, KZ-Forschung, »Arisierung«, NS-Euthanasie usw. ist die Erforschung des kommunistischen Widerstands heute weitgehend zum Erliegen gekommen. Mit Ausnahme von Heimo Halbreiner, der mehrere Beiträge über die Steiermark veröffentlicht hat, und Hans Schafranek, der u. a. die Rolle von Konfidenten der Gestapo untersucht hat, wurden zu diesem Thema in den letzten Jahren kaum neue Forschungsergebnisse vorgelegt. Im Bereich der Exilforschung erschienen Monografien über das Exil in Großbritannien und Frankreich,30 in denen die kommunistische Exilpolitik und Widerstandstätigkeit breit dargestellt werden. Im Rahmen des DÖW-Editionsprojekts Österreicher im Exil entstanden Dokumentationen über sechs Exilländer: Belgien, Frankreich, Großbritannien, Mexiko, die Sowjetunion und die USA. Jüngst hat Simon Loidl das kommunistische Exil in den USA erforscht.31 Es fehlen Monografien über das kommunistische Exil in Belgien, Mexiko, China und Skandinavien. Die Exilforschung ist das einzige Themenfeld, in dem ausländische Forscherinnen und Forscher maßgebliche Beiträge zur KPÖ-Forschung geliefert haben: So wurde 2004 am Londoner Research Centre for German and Austrian Exile Studies ein Sammelband ausgearbeitet, der die Aktivitäten des Londoner »Austrian Centre« umfassend beleuchtet.32 Kürzlich erschien zudem eine aus einer privaten Initiative resultierende Dokumentation mit reichem Fotomaterial über die Jugendorganisation Young Austria im englischen Exil.33 Ein Desiderat der Forschung ist dagegen immer noch die Remigration österreichischer Kommunisten nach 1945. Exil in der Sowjetunion und österreichische Opfer des Stalin-Terrors Von der »archivalischen Revolution« profitierte die KPÖ-Forschung vor allem insofern, als die Erforschung der Repressalien gegen österreichische Emigranten in der Sowjetunion auf eine neue Grundlage gestellt wurde. Hinsichtlich dieses Themas ist der Erkenntniszuwachs über die KPÖ-Geschichte seit Öffnung der Moskauer Archive 1990 am größten. KPÖ-intern war das Schicksal der österreichischen »Stalin-Opfer« bis in die Achtzigerjahre weitgehend tabuisiert. Abgesehen von einer kurzen Phase der offenen Diskussion 1956/57 blieb dieses Thema nach 1945 unangetastet. Als Karl R. Stadler, Vorstand des Linzer Boltzmann-Instituts für Geschichte der Arbeiterbewegung, im Jahr 1974 ein Buch über die österreichische Schutzbundemigration in der Sowjetunion herausbrachte,34 war dies für die KPÖ zwar ein Anlass für Angriffe auf den Autor, nicht aber für eine eigene Behandlung dieses Themas. Erst im Zuge der sowjetischen Geschichtsdiskussion mit Beginn der »Perestroika« wurde auch in der KPÖ dieses Tabuthema aufgegriffen. Zu dieser Zeit begann auch eine neue Phase der Rehabilitierung österreichischer Stalin-Opfer, die vor allem mit den Bemühungen des langjährigen Parteivorsitzenden Franz Muhri verknüpft ist.35 Als erstes wissenschaftliches Ergebnis der neuen Schwerpunktsetzung nach 1990 erschienen 1991 eine Broschüre mit biografischen Angaben über 150 rehabilitierte Stalin-Opfer, die auf einen Forschungsauftrag des Arbeitsausschusses (so hieß ab 1990 das Politbüro) der KPÖ an McLoughlin und Walter Szevera zurückging. Eine für 1992 geplante, ebenfalls auf diesem Forschungsauftrag basierende umfangreichere Publikation zum Thema konnte vor dem Hintergrund parteiinterner Auseinandersetzungen jedoch nicht realisiert werden. McLoughlin setzte seine Studien über die Schutzbundemigration außerhalb der KPÖ fort und ist heute einer der anerkanntesten Experten der Erforschung des Stalin-Terrors. Insgesamt war die erste Phase der Auseinandersetzung mit dem Stalin-Terror ab 1990 von der biografischen Forschung geprägt: Es ging vorwiegend um Opferzahlen und Opferlisten. Eine solche Namensliste enthielt auch die 1990 von Schafranek vorgelegte Studie über jene Österreicher (und Deutsche), die von den sowjetischen Stellen ausgewiesen und an die Behörden Hitlerdeutschlands übergeben wurden.36 1990/91 erschienen zwei von Memorial bzw. Schafranek herausgegebene Sammelbände mit Einzelschicksalen. Aus einer Kooperation von McLoughlin, Schafranek und Szevera resultierte eine 1997 vorgelegte Gesamtdarstellung des österreichischen Exils in der Sowjetunion in den Jahren 1925 bis 1945, in der die Themenkomplexe Arbeiterdelegationen, Facharbeiteremigration in den Dreißigerjahren, Schutz-bundemigration, Leninschule und Terror abgehandelt werden.37 1999 wurde von McLoughlin und Schafranek im Rahmen der DÖW-Editionsreihe Österreicher im Exil der Band über die Sowjetunion herausgegeben.38 Demnächst wird McLoughlin ein aus einem DÖW-Projekt hervorgegangenes Gedenkbuch der österreichischen Stalin-Opfer publizieren, das Aufschluss über die Opferzahlen bringen soll und darüber, wie viele KPÖ-Mitglieder dem Terror zum Opfer fielen. Die KPÖ in der Zweiten Republik Neben dem bisherigen Tabu-Thema »Stalin-Opfer« fanden weitere »heikle Themen« und »weiße Flecken« der KPÖ-Geschichte die Aufmerksamkeit von Historikern. In diesem Bereich sind die Forschungen Fritz Kellers zu verorten, der Aufsätze über Versuche der KPÖ, mittels der »Nationalen Liga« ehemalige NSDAP-Mitglieder in ihre Bündnispolitik einzubeziehen, über die Reaktionen der Partei auf die Schauprozesse in Osteuropa zwischen 1948 und 1953 und über die KPÖ der Jahre zwischen 1945 und 1955 vorgelegt hat. 39 Ungeachtet der Tatsache, dass jeder wissenschaftliche Text – zumal solche über die Geschichte des Kommunismus – von einer unterschiedlichen Gewichtung von »Sachlichkeit« und »Emotionalität« geprägt ist, wird man auf diese Beiträge nicht zu sprechen kommen können, ohne auf deren polemische Note und pauschalisierende Kritik hinzuweisen. Insgesamt liegen zur Nachkriegsgeschichte der KPÖ kaum umfassende Darstellungen vor. Noch Ende der Neunzigerjahre bescheinigte der Grazer Historiker Siegfried Beer in einem Zeitschrifteninterview der wissenschaftlichen Forschung »einen gewissen Nachholbedarf, bestimmte Leistungen der Kommunisten und der KPÖ während des Krieges, aber auch in der antifaschistischen Arbeit danach, einfach anzuerkennen«. Dies werde durch »so etwas wie einen bürgerlich-sozialdemokratischen Konsens« verhindert.40 Insgesamt war es der sogenannten Koalitionsgeschichtsschreibung geschuldet, dass der Anteil der KPÖ am Wiederaufbau der Zweiten Republik lange kein Thema wissenschaftlicher Auseinandersetzung war. Maßgeblicher Interpretationsrahmen für die Analyse der KPÖ-Politik der unmittelbaren Nachkriegszeit war in den ersten – vom Kalten Krieg geprägten – Jahrzehnten die Sowjetisierungsthese, die in der KPÖ einen Hebel für die angeblichen Sowjetisierungsabsichten der Roten Armee sah. Die Absichtserklärungen der KPÖ zur demokratischen Zusammenarbeit wurden als taktisch motiviertes Manöver, als Tarnung für die in Wahrheit versuchte Machtübernahme interpretiert. Wichtig für diesen Zugang ist der mit dem Opfermythos korrespondierende »Aufbaumythos«, der die Zweite Republik als eine großkoalitionäre »Erfolgsgeschichte« deutet. Die Nachkriegsgeschichte erschien hier als Abwehrkampf gegen kommunistische Umsturzversuche. Erste ausgewogenere wissenschaftliche Untersuchungen der KPÖ-Politik der unmittelbaren Nachkriegszeit in den Siebzigerjahren wiesen nach, dass die KPÖ zu keinem Zeitpunkt ein Instrument von Machtergreifungsplänen der Sowjetunion war und deuteten die Strategie der Partei als Anpassung an genau gegenläufige sicherheitspolitische Interessen der Sowjetunion, als Verzicht auf sozialistische Zielstellungen und im Grunde konservative Konzeption. Für diesen Zugang steht neben der erwähnten Studie von Gärtner auch Wilfried Aichinger, der im Rahmen seiner Analyse der sowjetischen Österreichpolitik eine Interpretation der KPÖ-Politik liefert.41 Neuere, differenziertere Forschungen interpretieren die Politik der KPÖ weder als Tarnungsmanöver auf dem Weg zur Machtübernahme noch als defensiven Verzicht auf revolutionäre Zielsetzungen, sondern deuten ihre Volksfrontkonzeption – im Einklang mit den außenpolitischen Zielen der Sowjetunion – als mehrstufige, auf den »friedlichen Übergang zum Sozialismus« abzielende Strategie. Hierzu zählen mehrere Beiträge von Wolfgang Mueller, u. a. seine Monografie über die sowjetische Besatzungsmacht in Österreich,42 sowie meine Monografie über die Regierungspolitik der KPÖ im Jahr 1945.43 Die Quellenlage über die Nachkriegsgeschichte der KPÖ wurde wesentlich durch zwei 2005 erschienene Quelleneditionen über die sowjetische Österreichpolitik und Besatzungspraxis bereichert, die aus Großprojekten an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und am Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung resultierten.44 Auf die dort veröffentlichten Dokumente aus Moskauer Archiven stützen sich neben Mueller auch Stefan Karner und Peter Ruggenthaler,45 die der KPÖ vor allem im Zusammenhang mit den »sowjetischen Absichten« Aufmerksamkeit schenken. Neue Erkenntnisse wurden dabei u. a. über die propagandistische und materielle Unterstützung für die KPÖ gewonnen. Weitere Forschungen über die KPÖ in der Zweiten Republik sind überschaubar: Anfang der Neunzigerjahre hat Ehmer einen Beitrag über ihre Beziehungen zur SED vorgelegt,46 wobei er sich auf die nun zugänglichen Dokumente aus dem ZPA der SED stützen konnte. Ehmer, heute Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien, leitete die im Februar 1990 aus der Historischen Kommission hervorgegangene »Arbeitsgemeinschaft der KPÖ für Geschichte«, die bereits im November desselben Jahres unmittelbar nach seinem Ausscheiden zerbrach. Ende der Neunzigerjahre zog er sich ganz aus der Kommunismusforschung zurück. Mueller geht auf das Verhältnis der KPÖ zur KPdSU und zur sowjetischen Besatzungsmacht anhand von Fallbeispielen ein.47 Hautmann widmete sich in zwei Beiträgen einem in der westlichen Welt in dieser Form einzigartigem Spezifikum der unmittelbaren Nachkriegsgeschichte: der starken Präsenz von Kommunisten in der Wiener Polizeidirektion.48 Die Finanzierungsgrundlage der KPÖ war lange Zeit ein weitgehendes Desiderat. Erste Ansätze zu einer wissenschaftlichen Erforschung des Wirtschaftsapparats der Partei, die sich aber aufgrund der schwierigen Quellenlage weiter vor allem auf ältere journalistische Veröffentlichungen stützen, finden sich in einem 2006 herausgegebenen Sammelband.49 Zwei Beiträge von mir behandeln die Krisenjahre 1956/57 bzw. 1969 bis 1971 aus politikgeschichtlicher Perspektive. Der Wert dieser Untersuchungen besteht vor allem in der erstmaligen Auswertung von Quellen aus dem Parteiarchiv, u. a. auch aus den zentralen Leitungsgremien. Sowohl die Enthüllungen des XX. Parteitags der KPdSU als auch die Ereignisse in Ungarn führten in der KPÖ zu tiefen Erschütterungen und einer schweren Vertrauenskrise. Mein Beitrag zeigt, dass sich in den Parteistrukturen zunächst eine breit angelegte, offene Diskussion, auch über Fehler der Vergangenheit, entwickelte, die vor dem Hintergrund des äußeren Drucks nach der Intervention Ungarns wieder verengt und schließlich abgebrochen wurde.50 Über die durch den Einmarsch der Warschauer Vertragsstaaten in Prag im August 1968 ausgelöste krisenhafte Entwicklung der KPÖ lag bisher eine Studie von Leopold Spira aus dem Jahr 1979 vor.51 Von diesem Band unterscheidet sich mein Beitrag neben der erweiterten Quellenlage durch seinen Interpretationsansatz. Erscheint die »Parteikrise« in den meisten Darstellungen als Fraktionskampf zwischen orthodox-stalinistischen »Dogmatikern« und progressiv-reformorientierten »Revisionisten«, ging es mir darum, zu zeigen, dass die zunächst mit der Verurteilung des Einmarsches eingeschlagene Linie in einem über mehrere Bruchlinien vermittelten Differenzierungsprozess von verschiedenen Seiten unter Druck geriet, bis zur Eskalation der Auseinandersetzungen in der zweiten Jahreshälfte 1969. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie die von einer breiten Mehrheit getragene »mittlere« Linie letztlich marginalisiert werden konnte.52 Regionalgeschichte und biografische Forschungen Während die regional- und lokalgeschichtlichen Veröffentlichungen über die KPD kaum mehr zu überblicken sind, fehlt in der Geschichtsschreibung über die KPÖ die regionale Perspektive beinahe völlig. Neben kleineren Beiträgen liegt hier bislang nur eine Monografie über Vorarlberg vor, wo die Partei traditionell schlecht verankert war.53 Vor allem über Wien, Niederösterreich und Burgenland, wo die KPÖ als »Macht im Schatten der Besatzungsmacht«54 den größten Einfluss auszuüben in der Lage war, ist der Forschungsstand unbefriedigend. Mein Text über die KPÖ in Niederösterreich für die von der Landesregierung beauftragte Landesgeschichte war der erste Beitrag zu diesem Thema.55 Darüber hinaus gibt es keine traditionelle Politik- und Organisationsgeschichte auf Länderebene. In Bezug auf Oberösterreich ist auf die einzige bisher vorliegende Bezirksgeschichte von Christian Hawle über die KPÖ Vöcklabruck hinzuweisen, sowie auf mehrere als Manuskriptdruck erschienene Materialsammlungen des kommunistischen Arbeiterhistorikers Peter Kammerstätter. Angesichts der lange problematischen Quellenlage kam der kommunistischen Memoirenliteratur von Beginn an ein großer Stellenwert zu. Seit den Siebzigerjahren erschien eine große Zahl an Lebenserinnerungen von ausgeschlossenen und ausgetretenen Kommunisten. Aufschlussreich sind die Erinnerungen des intellektuellen »Aushängeschildes« der Partei Ernst Fischer,56 der 1969 infolge seiner Kritik am »Panzerkommunismus« ausgeschlossen wurde, sowie jene des langjährigen niederösterreichischen Landessekretärs Josef Meisel,57 durch deren Insiderkenntnisse manches sonst unzugängliche Wissen über interne Funktionsmechanismen der KPÖ erschlossen werden konnte. Auffällig ist nicht nur das Fehlen von Memoiren, sondern auch von Biografien der prominentesten Parteiführer. Sieht man von einem von Erwin Zucker-Schilling im Parteiauftrag verfassten Buch über Johann Koplenig ab, gibt es bis heute weder eine wissenschaftliche Studie über den Parteivorsitzenden, der der KPÖ von 1924 bis 1965 vorstand, noch über den langjährigen Generalsekretär Friedl Fürnberg. Ein Beschluss der Parteiführung, als Ersatz für die zu dieser Zeit fehlende »Parteigeschichte« anhand der Memoiren Franz Honners die wichtigsten Knotenpunkte der KPÖ-Geschichte nachzuzeichnen, musste 1958 aufgehoben werden, weil Honner ihm aus Zeitgründen nicht nachkommen konnte bzw. wollte. Kleinere Arbeiten beschäftigen sich mit Alfred Klahr, der in den Dreißigerjahren die Theorie einer eigenständigen nationalen Entwicklung der Österreicher wissenschaftlich begründete. Erinnerungen führender Parteifunktionäre liegen von Erwin Scharf und Franz Muhri vor.58 Der Mangel an »offiziöser« biografischer Literatur wurde durch eine seit Ende der Achtzigerjahre im parteieigenen Globus Verlag erscheinende Reihe teilweise kompensiert, in der in sechs Bänden die Erinnerungen und Biografien »mittlerer« Parteifunktionäre veröffentlicht wurden. Seit 1990 ist kein qualitativ neues Interesse an Biografien kommunistischer Persönlichkeiten festzustellen. Von den autobiografischen Neuerscheinungen sind vor allem die 2008 erschienenen Erinnerungen des Betriebsratsobmanns der Firma Goerz in Wien-Favoriten Walter Stern hervorzuheben,59 handelt es sich dabei doch um die einzigen bislang vorliegenden Memoiren eines kommunistischen Betriebs- und Gewerkschaftsfunktionärs. Der Trend zu kollektivbiografischen Forschungen spiegelt sich in der Dissertation von Julia Köstenberger über die Internationale Leninschule wider, in deren Rahmen sie den weiteren politischen Werdegang der österreichischen Leninschüler beleuchtet.60 2008 erschien in zweiter Auflage das von Hans Landauer herausgegebene Lexikon der österreichischen Spanienkämpfer. Lisl Rizy und Willi Weinert haben eine Namensliste über die Remigration aus der Sowjetunion vorgelegt, basierend auf der sogenannten Blauen Kartei der Gestapo. Verdienstvoll sind zwei Publikationen Weinerts über den antifaschistischen Widerstand: In einer Dokumentation über die »Gruppe 40« am Wiener Zentralfriedhof finden sich Kurzbiografien der in Wien hingerichteten kommunistischen Widerstandskämpfer. 2005 publizierte er darüber hinaus eine Liste mit etwa 2200 Namen jener Kommunisten, die in Österreich oder im Ausland als Opfer des Faschismus ums Leben kamen.61 Forschungen über die KPÖ seit 1990 Von der »Forschungskonjunktur«, den der internationale Kommunismus seit Anfang der Neunzigerjahre erlebt, wurde die österreichische KP bisher allenfalls gestreift. Während selbst kleine kommunistische Parteien wie die KP der USA oder jene Großbritanniens infolge der veränderten Situation nach 1990 einen Forschungsboom erlebten, sind die Veröffentlichungen über die Geschichte der KPÖ überschaubar geblieben. Auch die KPD im Westen Deutschlands nach 1945, deren Stellung im Parteiensystem bis zu ihrem Verbot durchaus mit der KPÖ vergleichbar ist, stößt in der Forschung auf ein weitaus größeres Interesse. Für diese Unterschiede gibt es drei Erklärungsfaktoren: Zum einen die Archivsituation, zum anderen der veränderte gesellschaftliche Stellenwert der Arbeitergeschichte insgesamt, sowie die Tatsache, dass die Historiografie über die KPÖ kaum an die Theorie- und Methodendiskussion der internationalen Kommunismusforschung angebunden ist. Zunächst zum aus der Archivsituation resultierenden Materialproblem: Vor 1990 war das Parteiarchiv der KPÖ nur eingeschränkt der Forschung zugänglich. Auch reduzierten sich die dort vorhandenen Bestände auf historische Dokumente, die erst seit den Sechzigerjahren gesammelt wurden. Hier ging es vor allem um Flugschriften, Periodika, Protokolle und weitere die Geschichte der KPÖ betreffende Materialien, schwerpunktmäßig aus der Zeit der Ersten Republik und des antifaschistischen Widerstandes. 1945 war nur eine Dokumentationsstelle für die laufende politische Arbeit der Funktionäre und Abgeordneten und kein parteigeschichtliches Archiv eingerichtet worden. Unterlagen der leitenden Parteiinstanzen, der Parteitage und alles weitere nach 1945 produzierte Organisationsmaterial wurden in der Organisationsabteilung des ZK aufbewahrt bzw. nach 1955 ins Ausland verlagert und gingen erst infolge der Räumung des ZK-Hauses im Jahr 1991 in das Archiv ein.62 Im Unterschied zum ZPA der SED gab es keinen Archivplan, der die einzelnen Abteilungen des ZK zur Abgabe von Material verpflichtete. Es gibt vor diesem Hintergrund – mit Ausnahme der Ebene des Zentralkomitees und Politbüros – kaum geschlossene Bestände und keine systematische Überlieferung einzelner Abteilungen und Kommissionen des Parteiapparats. Dasselbe gilt für die meisten Landes-, Bezirks- und Nebenorganisationen. Als Folge des Auszugs der KPÖ aus dem ZK-Gebäude am Wiener Höchstädtplatz stellte sich auch die Frage nach der Zukunft des Parteiarchivs. 1993 wurde sämtliches Archivgut der KPÖ in die neu gegründete Alfred Klahr Gesellschaft (AKG) eingebracht, womit das Parteiarchiv für die Forschung zugänglich wurde. Aufgrund des Urteils gegen die KPÖ im deutschen Treuhandprozess wurden aber seitens der Partei die Subventionen an die AKG eingestellt, weshalb sich diese 2005 gezwungen sah, die Betreuung des Archivs einzustellen. Seither wurde keine tragfähige Lösung zur weiteren Verwaltung und Erschließung des Archivs gefunden. Während etwa die Archive von KPD und SED der Forschung heute umfassend zur Verfügung stehen, ist jenes der KPÖ nur eingeschränkt benutzbar. Ein weiterer Faktor für das Zurückbleiben der KPÖ-Forschung ist darin zu sehen, dass dem ehemals dominierenden Kontext »Arbeiterbewegungsgeschichte« heute im Wissenschaftsbetrieb kaum noch Aufmerksamkeit geschenkt wird: Der internationale Leitbegriff »Kommunismusforschung« wiederum hat sich mit seinen theoretischen und methodologischen Implikationen nur in Teilbereichen zu einem Bezugspunkt entwickelt. Konnten Forschungen über die KPÖ bereits vor 1990 nur bedingt vom Aufschwung der Arbeitergeschichte profitieren, änderte sich deren gesellschaftlicher Stellenwert seither grundlegend. Es folgten der völlige Niedergang der Arbeitergeschichtsschreibung und die Auflösung ihrer institutionellen Strukturen. Der Zusammenbruch der Staaten des realen Sozialismus ist dafür gleichermaßen ausschlaggebend wie innerwissenschaftliche Veränderungen, die mit dem Übergang zur Sozial- bzw. Kulturgeschichte verknüpft sind. Arbeitergeschichte ist heute in Österreich weitgehend obsolet bzw. in der »neuen« Kulturgeschichte aufgegangen.63 Während im internationalen Rahmen die Kommunismusforschung durch den cultural turn, neue Ansätze und Fragestellungen befruchtet wurde und die Geschichte des Kommunismus heute als Sozial- und Kulturgeschichte geschrieben wird, führte diese Verschiebung des historiografischen Mainstreams in Österreich eher zu einer weiteren Marginalisierung des Forschungsgegenstandes KPÖ in der akademischen Landschaft. Auch wenn man bedenkt, dass sich die österreichische Kommunismusforschung nicht in der Beschäftigung mit der KPÖ erschöpft, lässt sich auf der Ebene der Institutionen und Akteure in Österreich schwer von einer etablierten »Kommunismusforschung« sprechen. Bei großzügiger Schätzung stößt man hierzulande auf knapp 20 Forscherinnen und Forscher, die sich zumindest in Teilaspekten mit der Geschichte der KPÖ auseinandersetzen. Auffällig ist dabei die Dominanz von Männern, Frauen sind nach wie vor in der Minderheit. Zwischen diesen Forschern gibt es kaum vernetzte Strukturen, es existieren keine spezielle wissenschaftliche Zeitschrift oder andere Foren fachwissenschaftlicher Diskussion, keine Kongresse und Tagungen, d. h. insgesamt gibt es keine scientific community, die sich über Fragen der Parteigeschichte, ja insgesamt über die Geschichte der Arbeiterbewegung und des Kommunismus austauscht. Auch akademische Karrieren sind in Österreich in den allerseltensten Fällen mit dem Bezugsrahmen Arbeiterbewegung oder Kommunismusforschung verknüpft. Grob gesprochen lassen sich die Wissenschaftler, die sich mit der KPÖ beschäftigen, in drei Gruppen zusammenzufassen: Wie in den meisten anderen Ländern auch, sind zahlreiche KPÖ-Forscher lebensgeschichtlich mit ihrem Forschungsgegenstand verbunden, sie sind Teil oder ehemaliger Teil dieser Bewegung. Historiker, die der Partei angehören oder ihr zumindest nahestehen, agieren im Umfeld der Alfred Klahr Gesellschaft (u. a. Garscha, Hautmann, Oberkofler, Weinert und der Autor dieses Beitrags), die ein vierteljährlich erscheinendes Periodikum herausgibt. Forschungsgelder und Förderungen stehen dieser Gruppe in der Regel nicht zur Verfügung. Bezugspunkt der in diesem Kontext entstehenden Forschungen ist nach wie vor die »Geschichte der Arbeiterbewegung«, wobei zu berücksichtigen ist, dass die AKG kein Forschungsinstitut, sondern ein gemeinnütziger Verein ohne wissenschaftsorganisatorischen Hintergrund ist. In einem eindeutig definierten Verhältnis zur Partei stehen auch jene Historiker, die entweder der KPÖ in der Vergangenheit angehört und mit ihr gebrochen haben (Ehmer, McLoughlin) oder solche, die ihrem Selbstverständnis nach trotzkistisch orientiert sind (Keller). Eine dritte Gruppe agiert in der akademischen Sphäre ohne einer der beiden zuvor genannten Bezugsgruppen zugeordnet werden zu können (etwa Leidinger, Karner, Köstenberger, Moritz, Mueller und Ruggenthaler). Aus den einzelnen Forscherbiografien ergeben sich naturgemäß unterschiedliche Perspektiven, es gibt in Österreich gegenwärtig jedoch weder ausgesprochene Gegnerschaften und Forschungskontroversen noch fruchtbare Kooperationen zwischen den wenigen Akteuren. Dem entspricht auch, dass heute die Resonanz von Forschungen über die KPÖ im politi-schen und medialen Raum gering ist. Dies liegt zum einen darin begründet, dass die Parteigeschichte als Projektionsfläche aktueller Auseinandersetzungen aufgrund der weltpolitischen Veränderungen nach 1990 und der politischen Schwäche der Partei kaum noch Bedeu-tung hat, zum anderen liefert die wissenschaftliche Beschäftigung mit der KPÖ auch nach Öffnung der Moskauer Archive wenig Sensationspotenzial. Fundamental neue Einsichten sind aufgrund der nun zugänglichen Materialien nicht zu erwarten. Nur in einem Punkt, dem Oktoberstreik des Jahres 1950, blieb die KPÖ Gegenstand tagespolitischer Auseinander-setzung. 2010 schaffte es die große Streikbewegung vom September/Oktober 1950 zu ihrem 60. Jubiläum erneut vom zeithistorischen Diskurs zur tagesaktuellen Kontroverse. Die Langlebigkeit österreichischer Geschichtsmythen zeigte sich bereits im Jahr des Republik-jubiläums 2005, war doch die KPÖ im öffentlichen Diskurs nicht als eine der Gründerparteien und als konstruktive Kraft des demokratischen Wiederaufbaus präsent, sondern vor allem im Zusammenhang mit angeblichen Putschabsichten und Machtergreifungsplänen. Seitens der Geschichtsforschung wird dafür ein Ende der Achtzigerjahre von Günter Bischof im Pariser Militärarchiv gefundener angeblicher Putschplan der KPÖ vom November 1948 angeführt,64 der sich bei näherem Hinsehen als Fälschung entpuppt, nichtsdestotrotz von seriösen Historikern für echt befunden wird. Hochgespielt wurden in diesem Zusammenhang auch Überlegungen der engsten Parteiführung über eine Teilung Österreichs, die in einem Gespräch mit Andrej Ždanov, dem für außenpolitische Fragen zuständigen Politbüromitglied der KPdSU, im Februar 1948 in Moskau geäußert, von diesem aber zurückgewiesen wurden.65 Galt die »Putschlegende« in der zeitgeschichtlichen Literatur eigentlich seit den Siebzigerjahren als überwunden, hat sich in den letzten Jahren die neue Sprachregelung durchgesetzt, wonach diese Frage unter Historikern zumindest umstritten sei. Selbst ein sonst unvoreingenommen und ausgewogen argumentierender Historiker wie Mueller, der in Moskauer Archiven keine Hinweise zutage förderte, die auf Putschabsichten hindeuten, gelangt nun zu der Einschätzung, die KPÖ habe »die Regierung wiederholt durch putschartige Unruhen zu stürzen versucht«.66 Als 2010 in der politischen und medialen Öffentlichkeit über den »Oktoberstreik« diskutiert wurde, wurde dieser zwar nicht mehr zum versuchten Staatsstreich umgedeutet, sichtbar wurde jedoch die politische Funktion dieser Debatte: Im Grunde ging es um die Legitimität sozialer Proteste vor dem Hintergrund laufender Budgetkürzungen. Desiderata der KPÖ-Forschung Als Bilanz der bisherigen Forschung über die KPÖ lassen sich drei miteinander verflochtene Mängel feststellen: Klassische Politik- und Organisationsgeschichte ist zwar in den letzten Jahren ins Gerede gekommen, sie gehört aber nach wie vor zu den größten Defiziten der KPÖ-Forschung. Zweitens trifft auf die KPÖ der Befund Webers in vollem Umfang zu, wonach (gegenüber Veröffentlichungen über den Terror im Kommunismus) die Geschichte der kommunistischen Organisationen als radikale soziale Bewegung unterbelichtet ist.67 Drittens fällt auf, dass die KPÖ-Forschung vom Paradigmenwechsel zur Sozial- und Kulturgeschichte kaum berührt wurde. Studien über soziokulturelle Aspekte der KPÖ-Geschichte, Parteigeschichte »von unten« und Milieustudien fehlen beinahe völlig. 1.) Parteiengeschichte ist vor allem politische Geschichte und Ideengeschichte. Wie die Geschichte der Arbeiterbewegung insgesamt, war auch die Geschichtsschreibung über die KPÖ stark politik- und organisationsgeschichtlich sowie ideologiekritisch orientiert. Dessen ungeachtet, sind viele Aspekte und Perioden der Parteigeschichte auch politik-, organisations- und ideologiegeschichtlich wenig erforscht. Dies betrifft sowohl die politische Geschichte, die Theorie- und Ideengeschichte, als auch die organisatorische Seite und parteiinterne Entwicklung der KPÖ. Es liegen keine detaillierten Studien über die Zusammensetzung der Parteiführung, über Aufbau und Struktur des zentralen Parteiapparats, seiner Abteilungen und Kommissionen, über die Organisationsentwicklung, das Netz der Parteiorganisationen, die Funktionärsebene, die Mitgliederbewegung usw. vor. Einblick in diese Fragen gewähren bisher allein die Handbuchbeiträge von Ehmer.68 Es fehlt ferner an neueren politologischen Untersuchungen, die die Geschichte der Partei unter dem Gesichtspunkt des Rückgangs ihres politischen Einflusses nach 1955 betrachten. Auch hierin spiegelt sich der allgemeine Mangel an zeitgeschichtlicher Literatur über die KPÖ, auf der politologische Generalisierungen aufbauen könnten. Ein solches Defizit betrifft die österreichische Parteienforschung im Ganzen, führt diese doch trotz Jahrzehnte langer Dominanz politischer Geschichte in der Zeitgeschichtsforschung ein Nischendasein. Ein interessantes, politologisch noch nicht untersuchtes Phänomen ist die KPÖ im österreichischen Bundesland Steiermark, die trotz des Schrumpfungsprozesses der Bundespartei im Jahr 2005 den Wiedereinzug in den Landtag geschafft hat und in den Jahren 2003 und 2012 in Graz, der zweitgrößten Stadt Österreichs, mit 20 Prozent der Wählerstimmen Sensationserfolge erzielte. Erklärungsfaktoren für diese Entwicklung könnten auch aus einer vergleichenden Perspektive gewonnen werden, die die Stellung der KPÖ im österreichischen Parteiensystem mit jener von anderen kommunistischen und linken Partei in anderen Ländern Europas in Bezug setzt. 2.) Wie andere kommunistische Parteien auch, ist die KPÖ nicht auf eine auf die Sowjet-union und die sozialistischen Länder fixierte politische Kraft zu reduzieren. Sie ist eine revolutionäre, antikapitalistische Bewegung, die ihre Impulse nicht nur aus der Oktoberrevolution, sondern auch aus der österreichischen Arbeiterbewegung bezog und in sozialen Auseinandersetzungen eine prägende Rolle spielte. Dies gilt auch auf theorie- und ideologiegeschichtlicher Ebene: Erst jüngst hat Thomas Kroll in seiner bemerkenswerten Studie über kommunistische Intellektuelle in Westeuropa die Verankerung der KPÖ im österreichischen Kontext herausgearbeitet. Er kommt zu dem Schluss, dass die KPÖ-Intellektuellen sich nicht am Vorbild des sowjetischen Kommunismus orientierten, sondern auf »Grundlage ihrer nationalen Traditionsbildung […] die Utopie eines kommunistischen Österreichs« entwickelten.69 Für die nichtkommunistische akademische Geschichtswissenschaft war die KPÖ als soziale Bewegung bisher kein Thema. Insgesamt lässt sich der kommunistische Einfluss in Österreich nicht allein aus bundespolitischen Wahlergebnissen ablesen, war doch die KPÖ vor allem auf betrieblicher, kommunaler sowie auf bündnispolitischer Ebene ein nicht zu unterschätzender Faktor. Nach 1945 gelang es der Partei als Mitbegründerin des einheitlichen Gewerkschaftsbundes nicht nur, im Gewerkschaftsapparat maßgebliche Positionen zu besetzen. In zahlreichen industriellen Großbetrieben bestanden kommunistische Mehrheiten bei Betriebsratswahlen, u. a. im größten Industriebetrieb Österreichs, der Alpine Montan in Donawitz. Nach dem Ausscheiden aus der Regierung im Jahr 1947 konzentrierte sich die KPÖ ganz auf außerparlamentarische Aktivitäten und konnte sich in diesen sozialen Kämpfen als Oppositionspartei profilieren. Auch nach 1955 ging der kommunistische Einfluss in der Industriearbeiterschaft und im gewerkschaftlichen Bereich weit über das Stimmengewicht der KPÖ bei allgemeinen Wahlen hinaus.70 Wenig untersucht sind ferner die breit gefächerten kommunistischen Aktivitäten in den Gemeinderäten, in der Friedensbewegung, im Sport, an den Hochschulen und in intellektuellen Kreisen, in der Frauen- und Jugendbewegung, in Bündnissen, Initiativen und »neuen sozialen Bewegungen«, etwa in der antiimperialistischen Solidaritätsarbeit oder im Kampf gegen neofaschistische Tendenzen. Es mangelt nicht nur an einer systematischen Untersuchung einzelner Politikfelder, auch die Neben- und Vorfeldorganisationen als Themen- und Handlungsfelder jenseits der engeren Partei- und Organisationspolitik waren bisher kaum Gegenstand der Forschung. So liegt etwa über die Rote Hilfe, die wichtigste kommunistische Massenorganisation bis 1945, keine größere Studie vor. Selbst in der Untersuchung des antifaschistischen Widerstandes der KPÖ besteht ein entscheidender Mangel darin, dass die konkreten Politikfelder kommunistischer »Massenarbeit«, z. B. die ab 1935/36 forcierte Ausnutzung der halblegalen und legalen Möglichkeiten etwa in den Bereichen Gewerkschaft, Jugend, Sport usw., noch kaum erforscht sind. Zwar hat sich das Themenspektrum der KPÖ-Forschung in der jüngeren Vergangenheit erweitert, etwa hinsichtlich der Kultur-, Verlags- und Medienpolitik der Partei, jedoch ist auch in diesem Bereich die Liste der Desiderata lang. Bereits in den Siebzigerjahren, als das Interesse an der Arbeiterbewegung als Bildungs- und Kulturbewegung wuchs, wurde eine Studie über das von der KPÖ initiierte Neue Theater in der Scala vorgelegt.71 Mehrere Beiträge beschäftigten sich mit der Kultur- und Intellektuellenzeitschrift Tagebuch, die insgesamt als ausgezeichnete Quelle für die österreichische Kulturpolitik nach 1945 anzusehen ist. Neuere Arbeiten widmen sich dem Globus Verlag oder etwa dem proletarischen Theater in der Ersten Republik. Nicht hoch genug einzuschätzen ist eine Pionierstudie von Peter Grabher über die Filmpolitik der KPÖ in der Ersten Republik.72 Es fehlen Studien über weitere mit der KPÖ verbundene kulturelle Aktivitäten, etwa über die Arbeiterkultur im Umfeld der Partei nach 1945, über die kulturtheoretische Ausrichtung der Partei, eine Gesamtdarstellung der kommunistischen Presse sowie eine systematische Untersuchung der Ausgrenzung der Kommunisten aus dem Kulturbetrieb am Höhepunkt des Kalten Krieges. Symptomatisch dafür sind neben dem bis in die Sechzigerjahre währenden Brecht-Boykott die politisch motivierte Abwertung kommunistischer Künstler, wie etwa die »schwarzen Listen« gegen KP-nahe Schauspieler und der Boykott der Scala. Ein wichtiges kulturpolitisches Thema ist ferner die Linkswende in der österreichischen Literatur in den Siebzigerjahren, als – um zwei Beispiele zu nennen – Autorinnen und Autoren wie Elfriede Jelinek und Michael Scharang in der KPÖ aktiv wurden. 3.) Insgesamt fällt im Vergleich mit Trends der internationalen Kommunismusforschung auf, dass auch bei neueren Forschungen zur Geschichte der KPÖ jene innovativen Fragestellungen, die im Zuge der Weber/Mallmann-Kontroverse am Beispiel der KPD aufgeworfen worden sind, kaum eine Rolle spielen. Der allgemeine Paradigmenwechsel in der Historiografie hin zur Sozialgeschichte wurde in der österreichischen Geschichtsschreibung der Arbeiterbewegung schon in den Siebzigerjahren diskutiert. »Arbeitergeschichte« als Geschichte »von unten« wurde zum neuen Leitbegriff, der auch mit einer Ausweitung des Themenspektrums hin zur Regionalgeschichte, zur Alltagsgeschichte und zur Kulturgeschichte, mit neuen methodischen Ansätzen und Fragestellungen verbunden war. Spielten sozialgeschichtliche Zugänge in der Historiografie über die KPÖ bereits in den Siebziger- und Achtzigerjahren eine marginale Rolle, so wurde seither auch jene Erweiterung des Forschungshorizonts, die mit Mallmanns sozialhistorischer Kritik an Webers »Stalinisierungsthese« einherging, kaum rezipiert. Ein Grund für die fehlende Hinwendung zu einer Sozial- und Kulturgeschichte des Kommunismus besteht darin, dass die organisationsgeschichtlichen Vorarbeiten, die sozialgeschichtliche Analysen erst ermöglichen, für die KPÖ noch nicht geleistet sind. Der österreichische Kommunismus als radikale soziale Bewegung ist so nicht nur hinsichtlich der oben genannten Politikfelder wenig erforscht, sondern auch hinsichtlich der Akteure in diesen Aktionsfeldern, hinsichtlich der sozialen Basis der Partei. Während sich ein ganzer Strang der KPD-Historiografie herausgebildet hat, der die Partei unter dem Gesichtspunkt der Autonomie ihrer Gliederungen und ihrer lokalen Milieuverwurzelung untersucht, gab es in Österreich noch keinen Impuls, die KPÖ mit Fragestellungen, die Milieus, Mentalitäten usw. betreffen, zu bearbeiten. Zunächst fehlen Studien über die soziale Zusammensetzung der Parteibasis, über geschlechtsspezifische Differenzierungen, familiäre Verankerungen, berufliche Qualifikationen der Parteimitglieder usw. Neben einer Mitglieder- und Organisationssoziologie stehen auch Untersuchungen über politische Kultur, Organisationsalltag und Traditionspflege der KPÖ aus. Mentalitätsgeschichtliche Fragen nach den Prägungen und Erfahrungen der Parteimitglieder müssten auch die »feindliche Umwelt« in den Blick nehmen, in der die KPÖ agierte. Kommunisten wurden im Zuge des Kalten Krieges aus der aktiven Gestaltung der Zweiten Republik, aus der staatlichen Verwaltung sowie aus ihren Positionen in Gewerkschaften, Kultur und Sport hinausgedrängt. Nicht nur auf den einzelnen Parteimitgliedern, auch auf Sympathisanten und Verbündeten der Partei lastete ein enormer sozialer und wirtschaftlicher Druck. 1956 ging das Abgrenzungsbedürfnis der österreichischen Sozialdemokratie so weit, dass in der Arbeiter-Zeitung gefordert wurde, keinem Kommunisten die Hand zu reichen. Zu untersuchen wäre, wie diese politische Diskriminierung und gesellschaftliche Isolierung und die damit verknüpfte Selbstausgrenzung auf die politische Kultur der Partei zurückwirkten. Anknüpfungspunkte für eine sozialgeschichtliche Perspektive »von unten«, für alltagskulturelle und mentalitätsgeschichtliche Fragen bestehen vor allem auf regional- und lokalgeschichtlicher sowie auf betrieblicher Ebene. Insgesamt ist von einer Milieuverwurzelung der Partei vor allem dort auszugehen, wo ihre betrieblichen Positionen stark waren, etwa in den Industrieregionen Niederösterreichs und hier wiederum vor allem in den sowjetisch verwalteten Betrieben, die ab 1946 zu einem Hauptzentrum der Parteiarbeit wurden. In den Fünfzigerjahren betrug der Anteil der Kommunisten an den dortigen Arbeitern und Angestellten knapp 50 Prozent, was bedeutete, dass ein Fünftel der Gesamtmitgliedschaft der Partei in einem sowjetischen Betrieb arbeitete. Arbeitsplatzmöglichkeiten und damit zusammenhängende Bindungskräfte bot die KPÖ auch im Parteiapparat, in den Massenorganisationen und Freundschaftsgesellschaften, sowie in Sektoren der Kultur- und Informationspolitik. Die Frage nach der Stabilität der damit verbundenen Milieus seit dem Abzug der sowjetischen Besatzungsmacht, nach milieubedingten Kontinuitäten bis in die jüngere Vergangenheit, auf die Betriebsratswahlresultate in vielen dieser Betriebe hindeuten, wurde bisher noch nicht gestellt. Auch die von der KPÖ propagierte Politik der »Aktionseinheit« wurde auf der Ebene des Arbeitermilieus noch nicht untersucht. Ein Zusammenhang zwischen traditionellem politischen Milieu und industrieller Struktur besteht auch in der Industrieregion der Obersteiermark, außerhalb der sowjetischen Besatzungszone, wo die KPÖ in der Arbeiterschaft stark verankert war. Auch hier sind die Lebensverhältnisse, Erfahrungen und Interessen der Parteimitglieder, die Milieuverortung und konkrete Praxis der Partei vor Ort kaum erforscht. Während es der Partei insgesamt nicht gelang, die Stabilität der österreichischen Lagerstrukturen zu erschüttern bzw. selbst milieu- und lagerbildend zu wirken, ließe sich an den genannten Beispielen der Milieuansatz auch an der KPÖ erproben. Während das Potenzial sozialhistorischer Untersuchungen für die Zeit der Zweiten Republik schon allein daran sichtbar wird, dass die KPÖ nach 1945 zu einer Massenpartei mit über 150 000 Mitgliedern wuchs, sind dem Milieuansatz für die Zeit der Ersten Republik gewisse Grenzen gesetzt, war doch die KPÖ in diesen Jahren in der österreichischen Arbeiterklasse vergleichsweise schwach verankert: Im Jahr 1919 stieg ihre Mitgliederzahl binnen Wochen auf 40 000, um nach dem Fall der ungarischen Räterepublik innerhalb weniger Monate auf 10 000 zurückzugehen. Die KPÖ war in dieser Zeit vor allem die Partei der Kriegsheimkehrer und Arbeitslosen, ihre Position in den Betrieben war schwach. In der ersten Hälfte der Zwanzigerjahre war die Partei durch Fraktionskämpfe zermürbt und weitgehend aktionsunfähig. Infolge der ultralinken Wende der Komintern geriet sie in die völlige Isolation, ihre Mitgliederzahl sank 1929/30 auf ca. 2000 bis 3000. Im ersten Quartal 1930 wurden gar nur 1571 Mitglieder abgerechnet. Zieht man noch die enorme Fluktuation in Betracht, so wird deutlich, wie instabil die Parteiorganisation in diesen Jahren war. Auch kulturwissenschaftliche Konzepte wie »Erinnerung«, »Gedächtnis« usw. wurden bisher noch nicht systematisch auf die KPÖ angewendet. Allein über den antifaschistischen Widerstand im Vergangenheitsnarrativ der Partei liegt ein Beitrag von Garscha vor.73 Vor allem der Stellenwert von Antifaschismus und Antikommunismus in der politischen Kultur der Zweiten Republik wäre geeignet, um unter diesem Gesichtspunkt diskutiert zu werden. Oliver Rathkolb, bis 2012 Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien, hat erst kürzlich in seiner Geschichte der Zweiten Republik auf die wesentliche Bedeutung des Antikommunismus im kollektiven Gedächtnis hingewiesen und ihn als »eine verdrängte Komponente der österreichischen Identität« charakterisiert.74 Mehrfach wurde in der Forschungsliteratur herausgearbeitet, dass der antifaschistische Grundkonsens des Jahres 1945 einem antikommunistischen Konsens Platz machte. Der Antikommunismus wurde zum Minimalkonsens der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) und der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ), zur Integrationsideologie der Wiederaufbauperiode, die Kritik an der kapitalistischen Restauration als »kommunistisch« diskreditierte und in die Sozialpartnerschaft mündete. Die Hegemonie des Antikommunismus verdrängte auch die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Die KPÖ wurde so zu einer Kommunikationsplattform jener, die die Erinnerung an die Opfer des NS-Regimes wachhielten. In diesem politischen Klima kam der Antifaschismus in den Verruf, »ein Trojanisches Pferd der Kommunisten«75 zu sein. Ähnliches gilt für politische Bewegungen bzw. Haltungen wie die Friedensbewegung und den Linkssozialismus, die gemeinsam mit der KPÖ gettoisiert wurden. Bilanziert man die vorhandenen Studien über die KPÖ, die zuletzt geleisteten Forschungen, das wissenschaftliche Feld und daraus abzuleitende Perspektiven, so muss festgestellt werden, dass noch wenig Grundlagen dafür bestehen, um der größten Herausforderung der Kommunismusforschung, der Zusammenführung von Politik-, Organisations- und Sozialgeschichte gerecht zu werden. Die politische Geschichte der sozialen Bewegung KPÖ muss erst noch geschrieben werden. 1 Anton Pelinka: Vorwort, in: Heinz Gärtner: Zwischen Moskau und Österreich. Die KPÖ – Analyse einer sowjetabhängigen Partei (= Studien zur österreichischen und internationalen Politik, Bd. 3), Wien 1979, S. 5–6, hier S. 5. 2 Siehe dazu: Protokolle der Sitzungen des Politischen Büros des ZK der KPÖ und Unterlagen der Historischen Kommission beim ZK der KPÖ, in: Zentrales Parteiarchiv (im Folgenden: ZPA) der KPÖ. 3 Franz West: Die Linke im Ständestaat. Revolutionäre Sozialisten und Kommunisten 1934–1938 (= Schriftenreihe des Ludwig Boltzmann-Instituts für Geschichte der Arbeiterbewegung, Bd. 8), Wien/München/Zürich 1978. 4 Siehe Erwin Scharf an Franz West, 25. Mai 1971, in: ZPA der KPÖ. 5 Geschichte der Kommunistischen Partei Österreichs. 1918–1955. Kurzer Abriß, Wien 1977. 6 Arnold Reisberg: Februar 1934. Hintergründe und Folgen, Wien 1974; Winfried R. Garscha/Hans Hautmann: Februar 1934 in Österreich, Wien 1984. 7 KPÖ. Die Kommunistische Partei Österreichs. Beiträge zu ihrer Geschichte und Politik, 2. Aufl. Wien 1989. 8 Herbert Steiner: Die Kommunistische Partei Österreichs von 1918–1933. Bibliographische Bemerkungen (= Marburger Abhandlungen zur Politischen Wissenschaft, Bd. 11), Meisenheim am Glan/Wien 1968. 9 Hans Hautmann: Die verlorene Räterepublik. Am Beispiel der Kommunistischen Partei Deutsch-österreichs, Wien/Frankfurt a. M./Zürich 1971. 10 Herbert Steiner: Die Kommunistische Partei, in: Erika Weinzierl/Kurt Skalnik (Hg.): Österreich 1918–1938. Geschichte der Ersten Republik, Bd. 1, Graz/Wien/Köln 1983, S. 317–329. 11 Anton Pelinka: Auseinandersetzung mit dem Kommunismus, in: Erika Weinzierl/Kurt Skalnik (Hg.): Österreich. Die Zweite Republik, Bd. 1, Graz/Wien/Köln 1972, S. 169–201. 12 Gärtner: Zwischen Moskau und Österreich (Anm. 1). 13 Rudolf Ardelt: Perspektiven der Geschichte der Arbeiterbewegung oder Der »enge Blick« und die »Wende«, in: Christine Schindler (Hg.): Die Internationale der »Labour Historians«. Stand und Perspektiven der Arbeiter/innen/geschichtsschreibung im 30. Jahr der ITH (= ITH-Tagungsberichte, Bd. 30a), Wien 1995, S. 36–44, hier S. 37. 14 Die von mir erstellte und laufend aktualisierte Bibliografie über die Geschichte der KPÖ ist abrufbar unter www.klahrgesellschaft.at/Bibliographie.html. 15 Walter Baier: Das kurze Jahrhundert. Kommunismus in Österreich. KPÖ 1918 bis 2008, Wien 2009, S. 13 (Hervorhebung im Original). 16 Hautmann: Räterepublik (Anm. 9). 17 Hans Hautmann: Geschichte der Rätebewegung in Österreich 1918–1924, Wien/Zürich 1987. 18 Hannes Leidinger/Verena Moritz: Gefangenschaft – Revolution – Heimkehr. Die Bedeutung der Kriegsgefangenenproblematik für die Geschichte des Kommunismus in Mittel- und Osteuropa 1917–1920, Wien/Köln/Weimar 2003. 19 Fritz Keller: Gegen den Strom. Fraktionskämpfe in der KPÖ – Trotzkisten und andere Gruppen 1919–1945 (= Materialien zur Arbeiterbewegung, Bd. 10), Wien 1978. 20 Barry McLoughlin/Hannes Leidinger/Verena Moritz: Kommunismus in Österreich 1918–1938, Innsbruck/Wien/Bozen 2009. 21 Manfred Mugrauer: »Rothschild saniert – das Volk krepiert«. Die sozialökonomische Politik der KPÖ zur Zeit der Weltwirtschaftskrise, in: ders. (Hg.): Wirtschafts- und Finanzkrisen im Kapitalismus. Historische und aktuelle Aspekte (= Quellen & Studien, Sonderband 13), Wien 2010, S. 45–100. 22 Zum Forschungsstand siehe Manfred Mugrauer: Die KPÖ im Kampf gegen die austrofaschistische Diktatur, in: Florian Wenninger/Lucile Dreidemy (Hg.): Das Dollfuß/Schuschnigg-Regime 1933–1938. Vermessung eines Forschungsfeldes, Wien/Köln/Weimar 2013, S. 41–69. 23 Maria Szecsi/Karl Stadler: Die NS-Justiz in Österreich und ihre Opfer (= Das einsame Gewissen. Beiträge zur Geschichte Österreichs 1938 bis 1945, Bd. 1), Wien/München 1962. 24 Siehe Gerhard Oberkofler: Das Regierungsprojekt einer Dokumentation über den Beitrag Österreichs zu seiner Befreiung, in: Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft 10 (2003), H. 3, S. 7–17, hier S. 9 f. 25 Hermann Mitteräcker: Kampf und Opfer für Österreich. Ein Beitrag zur Geschichte des österreichischen Widerstandes 1938 bis 1945, Wien 1963. 26 Magdalena Koch: Der Widerstand der Kommunistischen Partei Österreichs gegen Hitler von 1938 bis 1945, Diss. Univ. Wien 1964. 27 Willibald Ingo Holzer: Die österreichischen Bataillone im Verbande der NOV i POJ. Die Kampfgruppe Avantgarde/Steiermark. Die Partisanengruppe Leoben-Donawitz, Diss. Univ. Wien 1971. 28 Helmut Konrad: Widerstand an Donau und Moldau. KPÖ und KSČ zur Zeit des Hitler-Stalin-Paktes, Wien/München/Zürich 1978. 29 Siehe dazu zusammenfassend Wolfgang Neugebauer: Der österreichische Widerstand 1938–1945, Wien 2008, S. 66–103. 30 Siehe Helene Maimann: Politik im Wartesaal. Österreichische Exilpolitik in Großbritannien 1938–1945 (= Veröffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs, Bd. 62), Wien/Köln/Graz 1975; Ernst Schwager: Die österreichische Emigration in Frankreich 1938–1945 (= Veröffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs, Bd. 74), Wien/Köln/Graz 1984. 31 Simon Loidl: Österreichische KommunistInnen im Exil in den USA 1938–1945, Dipl. Univ. Wien 2004. 32 Marietta Bearman u. a.: Wien – London, hin und retour. Das Austrian Centre in London 1939 bis 1947, Wien 2004. 33 Sonja Frank (Hg.): Young Austria. ÖsterreicherInnen im britischen Exil 1938–1947. Für ein freies, demokratisches und unabhängiges Österreich, Wien 2012. 34 Karl R. Stadler: Opfer verlorener Zeiten. Die Geschichte der Schutzbund-Emigration 1934, Wien 1974. 35 Franz Muhri: Die Rehabilitierung österreichischer Opfer des Stalinismus, in: Walter Baier/Franz Muhri: Stalin und wir. Stalinismus und die Rehabilitierung österreichischer Opfer, Wien 2001, S. 33–52. 36 Hans Schafranek: Zwischen NKWD und Gestapo. Die Auslieferung deutscher und österreichischer Antifaschisten aus der Sowjetunion an Nazideutschland 1937–1941, Frankfurt a. M. 1990. 37 Barry McLoughlin/Hans Schafranek/Walter Szevera: Aufbruch – Hoffnung – Endstation. Österreicherinnen und Österreicher in der Sowjetunion 1925–1945 (= Österreichische Texte zur Gesellschaftskritik, Bd. 64), Wien 1997. 38 Österreicher im Exil – Sowjetunion 1934–1945. Eine Dokumentation, hg. vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien 1999. 39 Fritz Keller: Die KPÖ 1945–1955, in: Hermann Weber u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (im Folgenden: JHK) 1994, Berlin 1994, S. 104–121. 40 Codename Lindley!, in: Zoom. Zeitschrift für Politik und Kultur (1998), H. 5, S. 10–15, hier S. 12. 41 Wilfried Aichinger: Sowjetische Österreichpolitik 1943–1945 (= Materialien zur Zeitgeschichte, Bd. 1), Wien 1977, S. 45–56, 86–91 u. 175–186. 42 Wolfgang Mueller: Die sowjetische Besatzung in Österreich 1945–1955 und ihre politische Mission, Wien/Köln/Weimar 2005. 43 Manfred Mugrauer: Die Politik der KPÖ in der Provisorischen Regierung Renner, Innsbruck/Wien/Bozen 2006. 44 Siehe Wolfgang Mueller u. a. (Hg.): Sowjetische Politik in Österreich 1945–1955. Dokumente aus russischen Archiven, Wien 2005; Stefan Karner/Barbara Stelzl-Marx/Alexander Tschubarjan (Hg.): Die Rote Armee in Österreich. Sowjetische Besatzung 1945–1955. Dokumente (= Veröffentlichungen des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, Sonderband 5), Graz/Wien/München 2005. 45 Stefan Karner/Peter Ruggenthaler: Stalin und Österreich. Sowjetische Österreich-Politik 1938 bis 1953, in: Ulrich Mählert u. a. (Hg.): JHK 2005, Berlin 2005, S. 102–140; Wolfgang Mueller: Die gescheiterte Volksdemokratie. Zur Österreich-Politik von KPÖ und Sowjetunion 1945 bis 1955, in: ebd., S. 141–170. 46 Josef Ehmer: KPÖ und SED. Ein ambivalentes Verhältnis, in: Wolfgang Neugebauer (Hg.): Von der Utopie zum Terror. Stalinismus-Analysen (= Österreichische Texte zur Gesellschaftskritik, Bd. 59), Wien 1994, S. 171–181. 47 Wolfgang Mueller: »Genosse Filippov« und seine österreichischen »Freunde«. Fallstudien zur »Macht der Schwachen« im Verhältnis zwischen der KPdSU und einer Bruderpartei, in: ders./Michael Portmann (Hg.): Osteuropa vom Weltkrieg zur Wende (= Zentraleuropa-Studien, Bd. 10), Wien 2007, S. 133–160. 48 Hans Hautmann: Der Polizeiliche Hilfsdienst für die Kommandantur der Stadt Wien im Jahr 1945, in: ders. (Hg.): Die Alfred Klahr Gesellschaft und ihr Archiv. Beiträge zur österreichischen Geschichte des 20. Jahrhunderts (= Quellen & Studien 2000), Wien 2000, S. 277–346; ders.: Kommunisten und Kommunistinnen in der Wiener Polizei, in: Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft 19 (2012), H. 2, S. 11–25. 49 Maren Seliger: KPÖ-Firmen und Osthandel 1945–1989. Rahmenbedingungen und einige Aspekte der Außenhandelspraxis, in: Gertrude Enderle-Burcel/Dieter Stiefel/Alice Teichova (Hg.): »Zarte Bande«. Österreich und die europäischen Länder (= Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs, Sonderband 9), Innsbruck/Wien/Bozen 2006, S. 107–129. 50 Manfred Mugrauer: Zwischen Erschütterung, neuer Offenheit und »Normalisierung«: Die KPÖ, der 20. Parteitag der KPdSU und die Ungarn-Krise 1956, in: Mueller/Portmann (Hg.): Osteuropa vom Weltkrieg zur Wende (Anm. 47), S. 257–297. 51 Leopold Spira: Ein gescheiterter Versuch. Der Austro-Eurokommunismus, Wien/München 1979. 52 Manfred Mugrauer: »Oft setzte man sich über vernünftige Argumente hinweg …«. Die krisenhafte Entwicklung der KPÖ in den Jahren 1968 bis 1971, in: ders. (Hg.): 90 Jahre KPÖ. Studien zur Geschichte der Kommunistischen Partei Österreichs (= Quellen & Studien, Sonderband 12), Wien 2009, S. 261–318. 53 Jürgen Weber/Wolfgang Weber: »Jeder Betrieb eine rote Festung!« Die KPÖ in Vorarlberg 1920–1956 (= Schriftenreihe der Rheticus-Gesellschaft, Bd. 32), Feldkirch 1994. 54 Protokoll des 11. Plenums des Zentralkomitees der KPÖ am 24./25. Mai 1956, Beilage 1: Referat von Johann Koplenig, S. 9, in: ZPA der KPÖ. 55 Manfred Mugrauer: Die Kommunistische Partei in Niederösterreich, in: Stefan Eminger/Ernst Langthaler (Hg.): Niederösterreich im 20. Jahrhundert, Bd. 1: Politik, Wien/Köln/Weimar 2008, S. 535–564. 56 Ernst Fischer: Erinnerungen und Reflexionen, Reinbek 1969; ders.: Das Ende einer Illusion. Erinnerungen 1945–1955, Wien/München/Zürich 1973. 57 Josef Meisel: »Jetzt haben wir Ihnen, Meisel!« Kampf, Widerstand und Verfolgung eines österreichischen Antifaschisten (1911–1945) (= Biographische Texte zur Kultur- und Zeitgeschichte, Bd. 2), Wien 1985; ders.: Die Mauer im Kopf. Erinnerungen eines ausgeschlossenen Kommunisten 1945–1970 (= Biografische Texte zur Kultur- und Zeitgeschichte, Bd. 3), Wien 1986. 58 Erwin Scharf: Ich hab’s gewagt mit Sinnen ... Entscheidungen im antifaschistischen Widerstand. Erlebnisse in der politischen Konfrontation, Wien 1988; Franz Muhri: Kein Ende der Geschichte, Wien 1995. 59 Walter Stern: Das Überleben hat gelohnt. Erinnerungen eines Metallarbeiters und Betriebsrates, Wien 2008. 60 Julia Köstenberger: Die Geschichte der Internationalen Leninschule in Moskau (1926–1938). Unter besonderer Berücksichtigung des deutschen und österreichischen Sektors, Diss. Univ. Wien 2010. 61 Siehe Willi Weinert: »Ich möchte, dass sie Euch immer nahe bleiben ...« Biografien kommunistischer WiderstandskämpferInnen in Österreich. Mit Anmerkungen zum Widerstandskampf der Kommunistischen Partei Österreichs und einer Opferliste, 2. Aufl. Wien 2005. 62 Siehe ders.: Archive und Bibliothek der KPÖ, in: Hautmann (Hg.): Alfred Klahr Gesellschaft (Anm. 48), S. 25–93, hier S. 41–44. 63 Siehe Helmut Konrad: Österreichische Geschichtspolitik in den 1970er und 1980er Jahren: Historio-grafische Anmerkungen und persönliche Beobachtungen, in: Jürgen Mittag/Berthold Unfried (Hg.): Arbeiter- und soziale Bewegungen in der öffentlichen Erinnerung. Eine globale Perspektive (= ITH-Tagungsberichte, Bd. 45), Leipzig 2011, S. 111–119, hier S. 117 f. 64 Günter Bischof: »Austria looks to the West«. Kommunistische Putschgefahr, geheime Wiederbewaffnung und Westorientierung am Anfang der fünfziger Jahre, in: Thomas Albrich u. a. (Hg.): Österreich in den Fünfzigern, Innsbruck/Wien 1995, S. 183–209, hier S. 187. 65 Wolfgang Mueller: Die Teilung Österreichs als politische Option für KPÖ und UdSSR 1948, in: Zeitgeschichte 32 (2005), H. 1, S. 47–54; Manfred Mugrauer: »Teilungspläne« und »Putschabsichten«. Die KPÖ im Gedenkjahr 2005, in: Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft 12 (2005), H. 4, S. 8–15. 66 Wolfgang Mueller: Kalter Krieg, Neutralität und politische Kultur in Österreich, in: Aus Politik und Zeitgeschichte Nr. 1–2 vom 29. Dezember 2008, S. 11–19, hier S. 14. 67 Hermann Weber: Zehn Jahre historische Kommunismusforschung. Leistungen, Defizite, Perspektiven, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 50 (2002), H. 4, S. 611–633, hier S. 627–630. 68 Josef Ehmer: Die Kommunistische Partei Österreichs, in: Emmerich Tálos u. a. (Hg.): Handbuch des politischen Systems Österreichs. Erste Republik 1918–1933, Wien 1995, S. 218–230; ders.: Die Kommunistische Partei Österreichs, in: Herbert Dachs (u. a.): Handbuch des politischen Systems Österreichs. Die Zweite Republik, 3. Aufl. Wien 1997, S. 323–332. 69 Thomas Kroll: Kommunistische Intellektuelle in Westeuropa. Frankreich, Österreich, Italien und Großbritannien im Vergleich (1945–1956) (= Industrielle Welt, Bd. 71), Köln/Weimar/Wien 2007, S. 243–357, hier S. 243. 70 Siehe den ersten Überblick: Manfred Mugrauer: Partei der ArbeiterInnenklasse. Zur gewerkschaftlichen und betrieblichen Verankerung der KPÖ in den Jahren 1945–1955, in: Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft 18 (2011), H. 4, S. 1–12. 71 Wilhelm Pellert: Roter Vorhang. Rotes Tuch. Das Neue Theater in der Scala (1948–1956) (= In Sachen, Bd. 5, Ausgabe 8), Wien 1979. 72 Peter Grabher: Sowjet-Projektionen. Die Filmarbeit der kommunistischen Organisationen in der Ersten Republik (1918–1933), in: Christian Dewald (Hg.): Arbeiterkino. Linke Filmkultur der Ersten Republik, Wien 2007, S. 221–303. 73 Winfried R. Garscha: Der Umgang der KPÖ mit dem kommunistischen Widerstand. Zur Rolle der antifaschistischen Traditionen in der Politik der KPÖ nach 1945, in: Weg und Ziel 51 (1993), H. 5, S. 13–21. 74 Oliver Rathkolb: Die paradoxe Republik. Österreich 1945 bis 2005, Wien 2005, S. 31. 75 Gerhard Botz: Erstarrter »Antifaschismus« und »paranazistisches Substrat«: Zwei Seiten einer Medaille, in: ders./Gerald Sprengnagel (Hg.): Kontroversen um Österreichs Zeitgeschichte. Verdrängte Vergangenheit, Österreich-Identität, Waldheim und die Historiker (= Studien zur Historischen Sozialwissenschaft, Bd. 13), Frankfurt a. M./New York 1994, S. 452–464, hier S. 454.

JHK 2013

Das Sowjetische Ehrenmal in Berlin-Tiergarten

Steffi Töpfer

Zur prekären Lage eines prominenten sowjetischen Erinnerungsortes im geteilten Berlin 1945–1990 Auf dem Gebiet der ehemaligen DDR befinden sich ungefähr 850 sowjetische Gedenkstätten und Friedhöfe. Neben der zweifellos bekanntesten Anlage dieser Art, dem Sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow,1 ist nach der Friedlichen Revolution von 1989 und der Wiedervereinigung Berlins auch ein anderes Monument der ehemaligen sowjetischen Besatzer wieder verstärkt in das öffentliche Bewusstsein gerückt. Das bereits im November 1945 in unmittelbarer Nähe des Brandenburger Tores eingeweihte Ehrenmal im Berliner Tiergarten wurde zwar bewusst im Zentrum der ehemaligen Reichshauptstadt errichtet. Nach der faktischen Teilung der Stadt in die sowjetische und die drei westlichen Besatzungszonen und endgültig nach dem Mauerbau geriet die Anlage am östlichen Rand des britischen Sektors aber in Vergessenheit. Der folgende Beitrag beleuchtet die Entstehung des Ehrenmals sowie seine Wirkungsgeschichte zwischen 1945 und 1990 als Denkmal der sowjetischen Besatzer in West-Berlin und untersucht damit einen interessanten Aspekt der Teilungsgeschichte der Stadt. Es wird zu zeigen sein, dass dieses Denkmal – ungeachtet verschiedener Bemühungen der sowjetischen Besatzer – von Anfang an ein sowjetisches war und weder in der Erinnerungslandschaft der DDR noch West-Berlins einen Platz finden konnte. * Der »unbekannte Soldat« der Kriegsdenkmäler bleibt stets an eine im Kern monarchische Denkmaltradition zurückgebunden, so die bekannte These Reinhart Kosellecks.2 Illustriert wird dieser Befund durch die Tatsache, dass sich in vielen europäischen Hauptstädten der »unbekannte Soldat« in der Nähe von bzw. unmittelbar zusammen mit alten monarchischen Denkmalorten nachweisen lässt. Auch der Standort des Sowjetischen Siegesdenkmals im Tiergarten ist dafür exemplarisch. 1945 wurde es im zerstörten Tiergarten exakt an der Kreuzung der durch die nationalsozialistische Stadtplanung ausgebauten Ost-West- und Nord-Süd-Achse erbaut. Die Ost-West-Achse – die heutige »Straße des 17. Juni« – führte dabei vom Brandenburger Tor Richtung Charlottenburg, während die nie fertig gestellte und heute gänzlich verschwundene Nord-Süd-Achse als verbreiterte und umgestaltete ehemalige »Siegesallee« geplant war. Diese als persönlicher Ausdruck dynastischer Repräsentation maßgeblich durch Kaiser Wilhelm II. selbst konzipierte und finanzierte Allee säumten bis zur Umgestaltung 1938 32 Denkmäler, welche die Fürsten Brandenburgs und Preußens von Markgraf Albrecht dem Bären (1134–1170) bis Kaiser Wilhelm I. (1861–1888) sowie bedeutende Zeitgenossen darstellten. Der Standort des Sowjetischen Ehrenmals nahm diese ältere Denkmaltradition wieder auf, die durch die Nähe des Brandenburger Tores und des niedergebrannten Reichstages – einem der wichtigsten Symbole für den Sieg der Sowjetunion – aus Sicht der Roten Armee zusätzliche Plausibilität gewann. Hierzu trug auch die bereits von den Zeitgenossen verbreitete Legende bei, das Ehrenmal sei zum Teil aus dem Marmor der Neuen Reichskanzlei, dem Regierungssitz Hitlers in der Voßstraße erbaut worden. Aussagekräftige Belege existieren hierüber jedoch nicht.3 Genaue Aussagen über Motivation und Entscheidungsfindung bei der Wahl des Standortes sind ebenfalls nicht möglich, da weder der Befehl zur Erbauung der Anlage auffindbar ist, noch Verhandlungen zwischen der sowjetischen und britischen Militärregierung über die Wahl des Standortes dokumentiert sind. Der Befehl wurde wahrscheinlich noch im Mai 1945 von Marschall Georgij K. Žukov gegeben, noch bevor die sowjetischen Truppen den für die Briten vorgesehenen Sektor zu räumen begannen. Als Architekt des Denkmals fungierte Nikolaj V. Sergievski, als Bildhauer waren Lev E. Kerbel und Vladimir E. Zigal beteiligt. Die Errichtung selbst übernahmen in erster Linie deutsche Arbeiter, wobei der Erbauungszeitraum mit gut zwei Monaten äußerst knapp bemessen und bei der Einweihung des Ehrenmals am 11. November 1945 die Anlage folglich noch nicht fertig war. Vor allem die zentrale Denkmalsfigur fehlte, weshalb zunächst nur eine bronzierte Gipsfigur des Soldaten aufgestellt wurde und die gärtnerischen Arbeiten erst im November 1946 abgeschlossen werden konnten. Die gesamte Anlage umfasst ungefähr 27 000 Quadratmeter. Das Hauptmonument – ein ungefähr acht Meter hoher bronzener Soldat der Roten Armee, der auf einem erhöhten Pfeiler steht – ist von einer durch Treppenstufen ebenfalls erhöhten Kolonnade umrahmt. Auf den sechs Pfeilern der Kolonnaden sind die Namen von gefallenen Soldaten sowie die Embleme der Waffengattungen der Roten Armee in vergoldeten Lettern angebracht. Dem Monument vorgelagert sind zwei Kenotaphe, auf denen ebenfalls in vergoldeten Buchstaben die Namen von gefallenen Offizieren zu lesen sind, die 1945 als »Helden der Sowjetunion« geehrt wurden. Synchron vor dem Hauptmonument stehen links und rechts je zwei sowjetische »T 34-Panzer« sowie Geschütze. Die Panzer sollen in den Endkämpfen um Berlin die Stadt als erste erreicht haben. Geht man unter den Kolonnaden des Hauptmonuments hindurch, sind die ehemaligen Unterkunftshäuschen der von 1945 bis 1990 dort postierten sowjetischen Wachmannschaften sichtbar, an deren Außenwänden seit 2001 Informationstafeln über das Ehrenmal und den historischen Kontext seiner Entstehung angebracht sind. Zudem befinden sich – abgetrennt durch hohe Hecken und ebenfalls synchron links und rechts hinter dem Hauptmonument – zwei Wasserfontänen. Wie alle Ehrenmale der Sowjetunion lässt auch die Anlage im Tiergarten nur ein weitgehend anonymes und per se heroisches Gedenken an die Gefallenen des Großen Vaterländischen Krieges zu. So sind von den wahrscheinlich im hinteren Teil der Anlage bestatteten 2000 bis 2500 Soldaten der Roten Armee nur ungefähr 100 namentlich auf den Säulen der Kolonnaden sowie auf den Kenotaphen vermerkt. Auch fehlt ein expliziter Hinweis auf die ethnische Vielfalt der Roten Armee, zumal wenn man bedenkt, dass hauptsächlich Soldaten der Ukrainischen und Belorussischen Front bei der Einnahme Berlins kämpften. Hier zeigt sich, dass das individuelle Gedenken an die Gefallenen gegenüber der Monumentalität der Stalin-Architektur völlig in den Hintergrund trat. Über die Wahrnehmung der Erbauung und Einweihung dieses Siegesdenkmals im Herbst 1945 in der deutschen Bevölkerung existieren kaum Quellen. Der Tiergarten war stark vom Krieg zerstört, der ausgebrannte Reichstag befand sich in unmittelbarer Sichtweite der Baustelle und die Deutschen waren den täglichen Übergriffen der Roten Armee schutzlos ausgesetzt. Allein der Umstand, dass ausschließlich die Tägliche Rundschau, das Sprachrohr der sowjetischen Politik, ausführlich über die Einweihung des Ehrenmals sowie über Sinn und Symbolik der Anlage berichtete, zeigt die ambivalente Resonanz in der Öffentlichkeit. Bei der Einweihung wurde die Sowjetunion durch ihre ranghöchsten Vertreter repräsentiert, allen voran Marschall Žukov. Die Amerikaner, Briten und Franzosen entsandten dagegen nur Vertreter der »Unterabteilungen der alliierten Garnison Berlins«.4 Lediglich der sowjetische Generalleutnant Konstantin F. Telegin, welcher angeblich für die Wahl des Standortes des Ehrenmals und für die Einleitung der Baumaßnahmen verantwortlich gewesen war, hielt eine Ansprache. Immer wieder verweist er darin auf die »entscheidende Rolle der Roten Armee beim Erringen des Sieges«.5 Die Grundtendenz der Rede ist eindeutig: Die Rotarmisten sind die herausragenden Sieger, die Deutschen sind die Besiegten, die übrigen alliierten Truppen haben die Rolle von Zaungästen. Die Anlage wurde seit 1945 vor allem von Mitgliedern der östlichen Besatzungstruppen ausschließlich an sowjetischen Feiertagen genutzt, etwa dem Jahrestag der Sozialistischen Oktoberrevolution am 7. November, dem Tag der Sowjetarmee am 23. Februar sowie am 9. Mai, dem sowjetischen Tag des Sieges. Der 8. Mai, als deutscher Gedenktag an das Ende des Zweiten Weltkrieges, wurde bei der Nutzung des Ehrenmals bis 1990 kontinuierlich umgangen. Seit der politischen Teilung Berlins und endgültig nach dem Mauerbau beschränkte sich der Teilnehmerkreis der sowjetischen Gedenkveranstaltungen von deutscher Seite auf die Mitglieder des West-Berliner Ablegers der SED (SEW). Die allenfalls punktuelle Berücksichtigung des Denkmals in den ost- und westdeutschen Medien, die sich in der Regel auf den Vermerk von Kranzniederlegungen mit ausschließlich sowjetischen und osteuropäischen Teilnehmern beschränkte, unterstreicht, dass die Anlage als ein ausschließlich sowjetischer Ort wahrgenommen wurde. Ungeachtet der von Beginn an klaren symbolischen Konnotierung als wichtigstes Siegesdenkmal durch sowjetische Vertreter war die administrative Zuständigkeit von Anfang an unübersichtlich. Zwar war der Berliner Magistrat faktisch bereits seit 1946 für den finanziellen Unterhalt der Anlage verantwortlich, aber erst zum 1. April 1948 wurde den deutschen Behörden von der sowjetischen Zentralkommandantur die Administration für das Ehrenmal formal übertragen. Als sich wenige Wochen später mit der Abriegelung der Westsektoren und der Berliner Luftbrücke die Teilung der Stadt abzuzeichnen begann, wurde auch die Stellung des Sowjetischen Ehrenmals prekär. Es lag, bewacht von den Soldaten der Roten Armee im britischen Sektor, während – nach der Teilung der Stadtverwaltung – der Magistrat Ost-Berlins für den finanziellen Unterhalt aufkommen und die Pflege organisieren sollte. Hier wechselte die administrative Zuständigkeit für das Ehrenmal anfangs zwischen Abteilungen des Magistrats sowie dem Rat des Stadtbezirks Mitte, lag jedoch seit 1967 kontinuierlich beim Stadtgartenamt, das dem Magistrat der Stadt unterstellt war. Die Mittel für den laufenden Unterhalt wurden seit 1968 aus dem Haushalt des Stadtgartenamtes gedeckt und waren – gemessen an der seltenen Nutzung des Denkmals durch Vertreter der DDR – vergleichsweise hoch.6 Nach dem Mauerbau vom 13. August 1961 gestaltete sich vor allem die regelmäßige Pflege der Anlage durch Ost-Berliner Betriebe als überaus schwierig. Für die Arbeiten wurden stets bestimmte Personen ausgewählt, die als Reisekader eingestuft waren. Konkret bedeutete dies, dass die vor Ort tätigen Gärtner mit Reisepapieren ausgestattet waren, die bei Nicht-Nutzung im Stadtbezirksamt Mitte abgegeben werden mussten. Erste große Sanierungsarbeiten an der Anlage konnten – wahrscheinlich aufgrund der politischen Verhältnisse – erst nach 1967 durchgeführt werden, obwohl sie bereits in den Fünfzigerjahren als notwendig erachtet wurden. Zudem zeigt eine Vielzahl der administrativen Entscheidungen über die Pflege und Sanierung des Ehrenmals, dass sich auch nach 1945 nichts an der faktischen Abhängigkeit der ausführenden deutschen Behörden von sowjetischen Dienststellen änderte. Diese Abhängigkeit wurde vor allem dadurch begünstigt, dass, wie bereits erwähnt, sowjetische Ehrenwachen am Denkmal postiert und in einem Gebäudekomplex unmittelbar hinter dem Hauptmonument untergebracht waren. Die sowjetischen Militärs hatten somit unmittelbare Kenntnis über die Arbeiten ostdeutscher Betriebe vor Ort und gaben dementsprechend konkrete Anweisungen für die Pflege der Anlage. Zudem war das Ehrenmal im Tiergarten Bestandteil von Kontrollen durch die britische Militärpolizei, da sich dessen Umfeld in britischer Obhut befand. Insgesamt betrachtet nahm das Ehrenmal im Tiergarten innerhalb der Arbeit der zuständigen ostdeutschen Behörden eine quantitativ nachgeordnete, dafür aber politisch-administrativ hoch sensible Stellung ein. Während der unmittelbare Nutzen für das politische Regime der SED aufgrund der beschränkten Zugänglichkeit bis auf wenige Ausnahmen gering ausfiel, war die Anwesenheit der Sowjetunion vor Ort durch Wachmannschaften und sowjetische Kommandeure ein Grund, weshalb selbst unter den Bedingungen der sozialistischen Mangelwirtschaft verstärkt auf die Pflege der Anlage geachtet werden musste. Ein weiterer Aspekt, der die eigentümliche Stellung des Sowjetischen Ehrenmals im Berliner Tiergarten unterstreicht, ist die Tatsache, dass dieses nicht in die Denkmalliste der DDR aufgenommen wurde. Obgleich die Zuständigkeit formal bei den Behörden der DDR lag, wurde damit wohl Rücksicht auf die Lage des Ehrenmals im britischen Sektor genommen. Daran wird deutlich, dass sich das Ehrenmal nicht nur aus Sicht der westlichen Sektoren, sondern ebenso aus der Perspektive der DDR in einer peripheren Randlage befand, die zwar eine ganze Reihe von Verpflichtungen, aber nur einen geringen öffentlichkeitswirksamen Nutzen mit sich brachte. Eine entscheidende Ausnahme in der insgesamt betrachtet marginalen Berichterstattung über das Ehrenmal im Tiergarten bildet der 7. November 1970. In der Nacht vor dem Jahrestag der Sozialistischen Oktoberrevolution verübte ein der West-Berliner Neonaziszene angehörender Mann ein Attentat auf die Wachposten am Ehrenmal, bei dem einer der sowjetischen Soldaten lebensgefährlich verletzt wurde. Der durch zwei Schüsse getroffene Wachposten wurde von einem britischen Krankenwagen in ein sowjetisches Militärkrankenhaus im Osten Berlins gebracht und erfolgreich operiert. Der Täter konnte bereits kurz nach der Tat festgenommen werden. Die Kranzniederlegung am Vormittag des 7. November durch Vertreter der Sowjetunion fand trotz des Vorfalls wie geplant statt. Das Attentat wurde durch die Bundesregierung und den Regierenden Bürgermeister von Berlin verurteilt, ein Vertreter der britischen Militärregierung suchte zudem die sowjetische Botschaft in Ost-Berlin auf, um das »Mitgefühl der britischen Behörden« zu bekunden.7 In der DDR rückte das Denkmal damit schlagartig in den Fokus der Öffentlichkeit. Das Attentat wurde als ein »Anschlag auf Frieden und Entspannung« gewertet, welcher der neonazistischen Szene zuzuordnen war.8 Dem spontanen Zusammenschluss verschiedener Ost-Berliner Bauarbeiter zu einem »Protestmeeting« folgten – wie das Neue Deutschland berichtet – zahlreiche Bekundungen von »Abscheu« gegen die Tat aus allen Bevölkerungsschichten.9 Neben der in ost- und westdeutscher Presse einsetzenden wochenlangen Berichterstattung über diesen politisch hoch brisanten Vorfall und seine Folgen, wurden im Ministerium für Staatssicherheit umfangreiche Akten über den »Mordanschlag« angelegt.10 Auch noch zehn Jahre später hatte das Attentat einen hohen Stellenwert und wurde politisch instrumentalisiert, wie die Veröffentlichung einer Broschüre des Militärverlages der DDR zeigt.11 Nach diesem Vorfall wurde die gesamte Anlage auf Befehl der britischen Militäradministration auf einem 400 Meter langen Abschnitt durch Eisengitter bis zur gegenüberliegenden Straßenseite abgesperrt und erst im April 1987 wieder freigegeben. * Das Ehrenmal an der »Straße des 17. Juni« nahm nach der Teilung Berlins eine politisch äußerst prekäre Stellung ein. Es stand im britischen Sektor der Stadt als ein genuin sowjetischer Ort der Erinnerung, an einer Hauptstraße, deren Name an die Niederschlagung des größten Volksaufstandes in der DDR durch die Truppen der östlichen Besatzungsmacht erinnert. Was sich seit 1949 hinsichtlich der gesellschaftlichen Nutzung durch die West- und Ost-Berliner Bevölkerung bereits abzeichnete, wurde durch die politischen Ereignisse zusätzlich manifestiert – das Denkmal stand im Schatten der Mauer. Nach der Friedlichen Revolution im November 1989 kehrte das Ehrenmal gleichsam wieder an den bei der Errichtung 1945 intendierten Standort im Zentrum Berlins »zurück«. Der rechtliche Status der Anlage wurde analog zu allen anderen sowjetischen Ehrenmalen im vereinigten Deutschland in den Jahren 1990 und 1992 durch den Zwei-plus-Vier-Vertrag, den »Nachbarschaftsvertrag« sowie das »Kriegsgräberabkommen« festgelegt. Zugleich konnte aufgrund des Einigungsvertrages der Denkmalstatus des Ehrenmals erhalten werden. Die Vielzahl und Verflechtung dieser gesetzlichen Grundlagen ist jedoch für die zum Teil bis heute andauernden Kompetenzstreitigkeiten hinsichtlich der Deckung von Unterhalts- und Sanierungskosten verantwortlich. Erst nach Interventionen von Vertretern der Russischen Föderation, waren der Bund und das Land Berlin schließlich zur gemeinsamen Übernahme der Sanierungskosten bereit. Bezüglich seiner Nutzung bleibt es ein genuiner sowjetischer Erinnerungsort, der vor allem von russischen Staatsbürgern für Gedenkveranstaltungen aufgesucht wird. Für die Mehrheit der Tiergartenbesucher ist das Ehrenmal hingegen aufgrund seiner militärischen Attribute und triumphalen Formensprache eine Sehenswürdigkeit und ein Fotomotiv wie viele andere in Berlin. 1 Von 1947 bis 1949 erbaut, wurde der größte Denkmalskomplex außerhalb der damaligen UdSSR am 8. Mai 1949 eingeweiht und war in der DDR das Symbol der »Befreiung Hitlerdeutschlands vom Faschismus durch die Sowjetunion«. Siehe dazu Steffi Töpfer: Das Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park in Berlin. Anlage, Formensprache und ikonographische Tradition, in: Stefan Troebst/Johanna Wolf (Hg.): Erinnern an den Zweiten Weltkrieg. Mahnmale und Museen in Mittel- und Osteuropa, Leipzig 2010, S. 127–135. 2 Siehe Reinhart Koselleck: Die Transformation der politischen Totenmale im 20. Jahrhundert, in: transit 22 (2001), S. 59–86, hier S. 68. 3 Siehe Helga Köpstein: Die sowjetischen Ehrenmale in Berlin, Berlin 2006, S. 37–39, sowie Hans-Ernst Mittig: Marmor der Reichkanzlei, in: Dieter Bingen/Hans-Martin Hinz (Hg.): Die Schleifung. Zerstörung und Wiederaufbau historischer Bauten in Deutschland und Polen, Wiesbaden 2005, S. 174–187, hier S. 177. 4 Berliner Zeitung vom 14. November 1945. 5 Tägliche Rundschau vom 13. November 1945. 6 Verglichen mit den Anlagen in Treptow und der Schönholzer Heide wurde für den Unterhalt des Ehrenmals im Tiergarten beispielsweise zwischen 1968 und 1970 der größte Teil der zur Verfügung stehenden Mittel aufgewendet. Siehe Schreiben der Bezirksplankommission an das Bezirksbauamt Berlin vom 29. Juni 1967. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin Abt. I Stadt- und Freiraumplanung. 7 Siehe Der Tagesspiegel vom 8. November 1970 sowie vom 10. November 1970; Berliner Telegraf vom 8. November 1970; Berliner Morgenpost vom 8. November 1970. 8 Neues Deutschland vom 8. November 1970. 9 Publik gemacht wurde vor allem der Protest prominenter Repräsentanten des Kulturbereichs, wie z. B. von Schauspielern des Deutschen Theaters, des Präsidenten der Deutschen Akademie der Wissenschaften Professor Dr. Hermann Klare sowie des Rektors der Humboldt-Universität Professor Dr. Karl-Heinz Wirzberger, siehe Neues Deutschland vom 8. November 1970. Auch noch Tage später wurden Protestnoten namhafter ostdeutscher Künstler – wie Helene Weigel oder Bruno Apitz – veröffentlicht, siehe Junge Welt vom 12. November 1970. 10 Siehe Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU), MfS, ZAIG, Nr. 10412. 11 In der Reihe »Tatsachenbericht« werden auf fünfzig Seiten die Tat, das Gerichtsverfahren gegen den Attentäter sowie das Leben des Wachsoldaten im erzählerischen Duktus und mit Fotos illustriert wiedergegeben. Das Heft erschien in einer sehr großen Auflage von mehreren tausend Exemplaren und verkaufte sich bei einem Preis von 0,50 DDR-Mark entsprechend gut. Leontij M. Krjučkov: Schüsse im Tiergarten, Berlin 1980.

JHK 2013

The International Newsletter of Communist Studies

Bernhard H. Bayerlein und Gleb J. Albert

VOL. XIX (2013), NO 26. Edited by Bernhard H. Bayerlein and Gleb J. Albert Published by The European Workshop of Communist Studies. With support of The Centre for Contemporary History (ZZF), Potsdam. Executive Editor Bernhard H. Bayerlein, Potsdam/Cologne, bayerlein@zzf-pdm.de Junior Editor Gleb J. Albert, Bielefeld, gleb.albert@uni-bielefeld.de Unter Mitarbeit von Véronique Mickisch, Berlin Board of Correspondents Lars Björlin (Stockholm)Kasper Braskén (Åbo)Cosroe Chaqueri (Paris)Sonia Combe (Paris)Mathieu Denis (Montréal)Jean-François Fayet (Geneva)Jan Foitzik (Berlin)José Gotovitch (Bruxelles)Sobhanlal Datta Gupta (Calcutta)Gabriella Hauch (Linz)John Haynes (Washington)Victor Heifets (St. Petersburg)Gerd-Rainer Horn (Coventry)Jesper Jørgensen (Copenhagen)Dainis Karepovs (São Paulo)Kostis Karpozilos (Athens)Fritz Keller (Vienna)Todor Kuljic (Belgrade)Norman LaPorte (Pontypridd)Ottokar Luban (Berlin)Kevin McDermott (Sheffield)Brendan McGeever (Glasgow)Kevin Morgan (Manchester)Manfred Mugrauer (Wien)Timur Mukhamatulin (Moscow)José Pacheco Pereira (Lisbon)Fredrik Petersson (Åbo/Stockholm)Aleksandr Reznik (St Petersburg)Tauno Saarela (Helsinki)Wolfgang Schlott (Bremen)Uwe Sonnenberg (Potsdam)Daniela Spenser (México DF)Jérémie Tamiatto (Paris)Carola Tischler (Berlin)Reiner Tosstorff (Mainz)Berthold Unfried (Vienna)Raquel Varela (Lisbon)Gerrit Voerman (Groningen)Rolf Wörsdörfer (Darmstadt)Frank Wolff (Osnabrück) Advisory Board: Prof. Dr. Aldo Agosti, Torino; Dr. Jürgen Danyel, Potsdam; Prof. Dr. Marc Ferro, Paris; Prof. Dr. Dietrich Geyer, Tübingen; Dr. Jens Gieseke, Potsdam; Prof. Dr. Lazar Heifets, St. Petersburg; Prof. Dr. Charles Kecskeméti, Paris; Prof. Dr. André Lasserre, Lausanne; Prof. Dr. Avgust Lešnik, Ljubljana; Prof. Dr. Thomas Lindenberger, Vienna; Prof. Dr. Richard Lorenz, Kassel; Prof. Dr. Jutta Scherrer, Paris/Berlin; Prof. Dr. Feliks Tych, Warsaw; Prof. Dr. Marcel van der Linden, Amsterdam; Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Weber, Mannheim; Prof. Dr. Holger Weiss, Åbo; Prof. Dr. Serge Wolikow, Dijon. Founding Members: Dr. Bernhard H. Bayerlein (Aachen/Lausanne); Prof. Dr. Marjan Britovsek † (Ljubljana); Prof. Dr. Pierre Broué † (Grenoble); Dr. Putnik Dajic (Belgrade); Gérard Donzé (La Chaux-de-Fonds); Prof. Dr. Fridrich Firsov (Moscow); Dr. Jan Foitzik (Berlin); Dr. Peter Huber (Basel); Prof. Dr. Avgust Lešnik (Ljubljana); Aurelio Martin Najera (Madrid), Dr. Jürgen Mothes † (Leipzig); Prof. Dr. Vera Mujbegovic (Belgrade); Dr. Alexander Pantsov (Moscow), Dr. Dubravka Stajic (Belgrade); Prof. Dr. Brigitte Studer (Berne); Dr. Frantisek Svátek (Prague); Prof. Dr. Aleksandr Vatlin (Moscow); Dr. Zdeněk Vašíček † (Prague); Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Weber (Mannheim). Editorial Address: Dr. Bernhard H. Bayerlein, Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF), Am Neuen Markt 9d, 14467 Potsdam, Germany. 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News on Archives, Holdings and Institutions • New Declassifications in Russian Archives, 2011 • Stanford: »Dissertation Reviews« Website • Teramo: L’Ordine Nuovo Digitized • Amsterdam: New Dan Goulooze Papers at the IISH • Manchester: PSA Communism Specialist Group Formed • Moscow: Website Relaunch of the RGASPI & International Brigades Digital Archive • Amsterdam: Ngo Van Papers at the IISH • Coventry, UK: Internet Project »Trabajadores: The Spanish Civil War Through the Eyes of Organised Labour« • Budapest: New Sources on the 1956 Revolution at OSA • Washington, D.C.: Jacques Rossi Memorial Gulag Research Fund • Neue Informationen zur Biographie von Voldemārs Roze • Potsdam-Berlin: Internet-Portalprojekt DDR-Presse • Andreas Peglau, Berlin: Bericht über einen Besuch im Wilhelm-Reich-Archiv, Boston, USA III. Research Projects and Dissertations – Work in Progress • David Broder (London, UK): Bandiera Rossa, Communism and the Working Class during the German Occupation of Rome, 1943–44. PhD Project • Serhiy Hirik (Kyiv, Ukraine): The Ideology of the Ukrainian Party of Socialists-Revolutionaries (Borotbists) / The Ukrainian Communist Party (Borotbists), 1918–1920. PhD Project • Jonathan Waterlow (Oxford, UK): The Soviet ›Nuremberg‹: Forging the Postwar World Beyond the Iron Curtain, 1945–1953. Research Project • Florian Wilde (Hamburg, Germany): Ernst Meyer (1887–1930). Vergessene Führungsfigur des deutschen Kommunismus. Eine politische Biographie. Dissertation • Dissertations Reviewed at »Dissertation Reviews« IV. Studies and Materials V. New Publications – Reports, Presentations and Reviews V.1 Reviews V.2 Presentations and Announcements. • Carlos Nelson Coutinho: Gramsci’s Political Thought, Leiden-Boston, Brill, 2012. XVI, 198 pp. (Historical Materialism Book Series. 38). – ISBN 978-9-00422-866-5. • Walter Thys (ed.): Vom Wandervogel zum »Compañero«. Jan Andries Jolles. 1906–1942. Soldat der Weltrevolution. Dokumente zu einer Biographie [From »Wandervogel« to »Compañero«. Jan Andries Jolles, 1906–1942. Soldier of World Revolution. Materials for a Biography], Leipzig, Leipziger Universitäts-Verlag, 2012. 393 pp. – ISBN 978-3-86583-531-4. • Jacob A. Zumoff: The Communist International and US Communism. 1919–1929, Leiden, Brill, 2013. Approx. 600 pp. • Nicholas John Williams: Das Gedächtnis Kubas. Die Revolution im Interview, Marburg, Tectum-Verlag, 2011. 304 pp. – ISBN 978-3-8288-2663-2. • Kevin Morgan: Bolshevism, Syndicalism and the General Strike. The Lost Internationalist World of A. A. Purcell, London, Lawrence & Wishart, 2013. 480 pp. (Bolshevism and the British Left. 3). – ISBN 978-1-90710-354-4. • Andreas Petersen: Deine Schnauze wird dir in Sibirien zufrieren. Ein Jahrhundertdiktat. Erwin Jöris [Your Gob Will Freeze in Siberia! The Dictation of a Century. Erwin Jöris], Wiesbaden, marixverlag, 2012. 520 pp. ISBN 978-386-539284-8. • John Eric Marot: The October Revolution in Prospect and Retrospect. Interventions in Russian and Soviet History, Leiden-Boston, Brill, 2012. X, 273 pp. (Historical Materialism Book Series. 37). – ISBN 978-9-00422-865-8. • Ludmila Thomas: Georgi Tschitscherin. »Ich hatte die Revolution und Mozart« [Georgii Chicherin. »I Had the Revolution and Mozart«], Berlin, Karl Dietz Verlag, 2012. 287 pp.ISBN 978-332-002275-4. • Gertrud Lenz: Gertrud Meyer. Ein politisches Leben im Schatten Willy Brandts. 1914–2002, Paderborn, Schöningh, 2013. 252 pp. ISBN 978-350-677569-6. • David King: Russische revolutionäre Plakate. Bürgerkrieg und bolschewistische Periode, sozialistischer Realismus und Stalin-Ära. Übersetzt von Peter Sondershausen, Essen, Mehring, 2012. 144 pp. – ISBN 978-3-88634-098-9. • Wolfgang Hesse (ed.): Die Eroberung der beobachtenden Maschinen. Zur Arbeiterfotografie der Weimarer Republik [The Conquest of the Observing Machines. Workers’ Photography in the Weimar Republic], Leipzig, Leipziger Universitäts-Verlag, 2012. 491 pp. (Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde. 37). – ISBN 978-3-86583-616-8. • Doris Danzer: Zwischen Vertrauen und Verrat. Deutschsprachige kommunistische Intellektuelle und ihre sozialen Beziehungen. 1918–1960 [Between Trust and Treason. German-language Communist Intellectuals and Their Social Relations. 1918–1960], Göttingen, V&R Unipress, 2012. 576 pp. (Freunde – Gönner – Getreue. 5). – ISBN 978-3-89971-939-0. V.3 Books Sent in for Review VI. Meetings and Conferences Concerning Communist Studies 2012–2013 VI.1 Conference List • Past Meetings and Conferences 2012 • Meetings and Conferences 2013 VI.2 Conference Reports and Announcements • 9th Historical Materialism Conference, 8–11 November 2012, London VII. The International Bibliography of Communist Studies. Issue 2012. Books and Journal Articles on Communism VIII. Periodicals/Serials on Communist Studies VIII.1 Directory of Periodicals on Communist Studies and Connected Areas: Conventional and Online Journals, Newsletters and Bulletins VIII.2 Announcements and Calls for Papers • Announcement: Workers of the World. International Journal of Strikes and Social Conflict • Announcement: Archivos de historia del movimiento obrero y la izquierda, año 1, n° 1 IX. Internet Resources. Websites Relevant for Communist Studies X. Communism in Culture, Art and Media • Some Exhibitions on the History of Communism, 2012 • Berlin: Ausstellung und Tagung über Willi Münzenberg • Tatlin-Ausstellungen in Moskau und Basel • Die Tochter des Generals: Verschollener Roman von Arkadij Maslow veröffentlicht XI. Discussions, Debates, Historical Controversies • William A. Booth (London, UK): Mid-Century Communisms: A Schematic Approach? • Controversy around the Trotsky Biography by Robert Service • Russia: »Commission against Falsification« Dissolved • Debatte um neues Buch von Jörg Baberowski XII. Miscellanea • Historical Materialism Book Series: Selected Works of Amadeo Bordiga. Call for Donations • Wilhelm Reich und Willy Brandt – ein Nachtrag • Helmut Fleischer (1927–2012) • Eric J. Hobsbawm (1917–2012) • Carlos Nelson Coutinho (1943–2012) • Horst Dähn (1941–2012) • Harmut Mehringer (1944–2011) • Klaus Tenfelde (1944–2011) • Jorge Semprún (1923–2011) • Sergei Alekseevich Pavliuchenkov (1960–2010) Section IThe Newsletter of the Newsletters:Communist Studies Newsletters and Web Services – New Issues. Selected Items. Aufarbeitung Aktuell. Ein Newsletter der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin, Germany. Redaktion: Ulrich Mählert. » www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/newsletter-aufarbeitung-aktuell-1171.html Bis 2010 unter dem Namen »Neues aus der DDR-Forschung« erschienen, informiert der Newsletter weiterhin über neue Forschungen, aktuell erschienene »graue Literatur«, Veranstaltungen und Ausstellungen aus dem Bereich der DDR-Geschichte. Die regulären Rubriken sind »Neues aus Forschung und Wissenschaft«, »Ausstellungen«, »Museen und Gedenkstätten«, »Archive und Bibliotheken«, »Publikationen«, »Termine«, »Multimediales«, »Personen und Institutionen«, »Sonstiges«, »Projektmeldungen«. Alle Ausgaben können online eingesehen werden. NewsNet. News of the American Association for Slavic, East European and Eurasian Studies, Philadelphia, USA. » www.aseees.org/publications/newsnetmain.html NewsNet, a newsmagazine of the Association for Slavic, East European, and Eurasian Studies (ASEEES), is published five times a year and includes information in the field of Slavic, Russian, Central European, and Eurasian studies. It is distributed to all ASEEES members, recent issues are also available for download. Apart from the items listed below, each issue carries the following standard rubrics: News from ASEEES, Affiliates and Institutional Members [and various other ASEEES-internal topics] • Personages • In Memoriam • Publications • Library and the Internet News • Publications • Index of Advertizers • Calendar. 2012/1, January: Bruce Grant: »We are All Eurasian«, 2011 Presidential Address to the Convention • 2011 Executive Director’s Report. 2012/2, March: Peter Rutland: Through a Glass Darkly: Academic Reflections on the 20th Anniversary of the Soviet Collapse • Alexei Lalo: From the US with Lust: Russia as an Object of Sex (Studies) with a Response by Eliot Borenstein. 2012/3, May/June: Kim Lan Scheppele: Goulash Post-Communism • Evgenii Ishmenev (transl. by Wendy Goldman): The Ural Working-Class Movement Seen Through the Discourse of Russian Mass Media • Sean Guillory: Rampaging Through RuNet • Lily Lynch: Bturn Magazine: Reinventing the Balkans • Josh Wilson: Building Niche Communities Online. 2012/4, August: Irena Grudzińska-Gross: The Year of Czesław Miłosz • Joyce Warner: 10 Tips for Writing a Successful International Research Fellowship Proposal • Choi Chatterjee Accidental Transnationalism: A Global State of Mind • Ksenya Kiebuzinski: Émigré Digital Collection at the Center for Research Libraries. 2012/5, October: Jane Sharp: The State of Research in Russian and Soviet Art: an Interview of Matthew Jesse Jackson, University of Chicago • Announcement of the 2012 ASEEES Prize Winners • Marshall Poe: Getting the Word Out 2.0 • Susanne Schattenberg: A ›Safe Haven‹ for Dissidents’ Documents: The Research Center for East European Studies • Wookjin Cheun: Peter Czap Gagarin Archive Materials Collection at Indiana U • Call for Proposals for the 2013 ASEEES Convention. Alfred Klahr Gesellschaft Mitteilungen, Vienna, Austria. » www.klahrgesellschaft.at 2012/1, März: Gerhard Oberkofler: Ein rassistisches Laboratorium des Deutschen Imperialismus in der Tschechoslowakei vor 1938 • Helmut Rizy: Karl Wiesinger (1923–1991) • Peter Goller: Walter Benjamins Studium der Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung (1933–1940) • Martin Krenn: Bundesgesetz über die Aufhebung und Rehabilitierung (Aufhebungs- und Rehabilitierungsgesetz 2011) beschlossen • Rezension: Christine Axer: Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. Deutschland und Österreich im Vergleich und im Spiegel der französischen Öffentlichkeit (Claudia Kuretsidis-Haider) • Nachruf Hans Heinz Holz (1927–2011) (Martin Krenn) 2012/2, Juni: Martin Krenn/Michael Tatzber-Schebach: Alfred Klahr (1904–1944) – Neue Forschungen zu seiner Biographie • Hans Hautmann: Kommunisten und Kommunistinnen in der Wiener Polizei • Personenverzeichnis von KPÖ-Angehörigen in der Wiener Polizei • Helmut Rizy: Erinnern an Henriette Haill • Gerhard Oberkofler: Das Sonderpostwertzeichen der Deutschen Demokratischen Republik für Julius Fucík • Rezension: Hans Mikosch/Anja Oberkofler (Hg.): Gegen üble Tradition, für revolutionär Neues. Festschrift für Gerhard Oberkofler (Martin Krenn) • Rezension: Sonja Frank (Hg.): Young Austria. ÖsterreicherInnen im britischen Exil 1938–1947. Für ein freies, demokratisches und unabhängiges Österreich. (Michael Graber) • Rezension: Gerhard Feldbauer: Wie Italien unter die Räuber fiel. Und wie die Linke nur schwer mit ihnen fertig wurde. (Alexander Dinböck) 2012/3, September: Gerhard Oberkofler: Bemerkungen zur Wahlpolitik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften nach 1945 • Manfred Mugrauer: »Genosse Eisler«. Über den Versuch Hanns Eislers, Mitglied der KPÖ zu werden • Lutz Holzinger: Die Linkskurve in der österreichischen Literatur der 1970er Jahre • Bericht: Die Geschichte des Grauen Hauses und die österreichische Strafgerichtsbarkeit (Claudia Kuretsidis-Haider) • Bericht: Die Zeitton-Edition (Hannes Heher) • Rezension: Das deutsche Volk klagt an. Hitlers Krieg gegen die Friedenskämpfer in Deutschland. Ein Tatsachenbericht (Florian Schwanninger) • Rezension: Brigitte Halbmayr: Zeitlebens konsequent. Hermann Langbein. Eine politische Biografie (Alexander Dinböck) Mitteilungen des Förderkreises Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Berlin, Germany. » www.fabgab.de N° 41, März 2012: Außerordentliche Sitzung des Kuratoriums der SAPMO-BArch • Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung Wien • Der Duncker-Nachlass und die Überlieferung des Briefwechsels • Brief von Heinrich Brandler an Wolfgang Abendroth vom 14. Juli 1964 • Archiv der BVVdN e.V. und des DRAFD e.V. • Findmittel von Archiven der neuen Bundesländer und des Bundes • 47. Konferenz der ITH • 42. Tagung der IALHI • Personalia • Aktivitäten unserer Vereinsmitglieder • Vorträge N° 42, September 2012: Digitalisierung und Bestandszugänge in der SAPMO-BArch • Archiv der Münchner Arbeiterbewegung e.V. • Bibliotheksfundus Ostdeutschland • Internationales Online-Archiv: Workscontrol.net • 100 Jahre Unabhängigkeit Albaniens: Dokument aus dem Jahre 1923 • BBC-Rede von Heinz Kundel am 4. Januar 1945 • Findmittel von Archiven der neuen Bundesländer und des Bundes • 22. Sitzung des Kuratoriums der SAPMO-BArch • Konferenz anlässlich des 140. Geburtstags von Rosa Luxemburg • Promotionsprojekt zum Kulturbund der DDR 1945–1990 • Promotionsprojekt zur Internationale der Seeleute und Hafenarbeiter 1930–1937 • Protokoll der 21. Jahresversammlung des Förderkreises • Personalia • Aktivitäten unserer Vereinsmitglieder • Vorträge • Buchbesprechungen Section IINews on Archives, Holdings and Institutions New Declassifications in Russian Archives, 2011. Volume 12 (2011) of the declassification bulletin issued by Russia’s Federal Archival Agency gives an overview of a multitude of declassified files in Russian state archives. The following declassifications might be of interest for studies on communism and the Soviet Union: • Archive of the President of the Russian Federation (AP RF): documents on early Soviet statistics and healthcare; the repression of geologists in 1949; Politburo documents on the industry in Magnitogorsk, Soviet spacecrafts, and the Worker-Peasant Inspection. • Russian State Archive on Recent History (RGANI): several holdings on post-War CPSU history, including Politburo documents on the temperance movement under Gorbachev. • Russian State Archive of Social and Political History (RGASPI): selected holdings of the State Defense Committee (1941–1945); materials on international relations of the post-War Komsomol; selected holdings of the Komsomol’s Central School; secret materials of the Institute of Social Sciences of the CC CPSU. • State Archive of the Russian Federation (GARF): holdings of the secretariats of several Soviet state, party and military leaders (K. Voroshilov, L. Beriia, V. Malyshev, A. Protasov, A. Mikoian, M. Pervukhin, N. Bulganin, L. Kaganovich) between 1938 and 1945; diverse holdings of the Supreme Council and the Council of People’s Commissars of the USSR; documents of the Ministery of Internal Affairs (MVD) on the suppression of the Ukrainian nationalist underground; holdings of the Extraordinary State Commission founded to estimate the damage done by German occupation, 1943–1951. • Russian State Military Archive (RGVA): diverse holdings related to Soviet military history, including numerous holdings on prisoners of war in several parts of USSR after World War 2. • Russian State Archive of Economy (RGAE): documents on the »Lend-Lease« programme during World War 2; holdings of the Ministery of Aviation Industry (1965–1975). • Russian State Archive of Scientific and Technical Documentation (RGANTD): Materials on Soviet post-War aviation and space research. The Russian-language newsletter, including very detailed information on the declassified holdings, can be read online at www.rusarchives.ru/secret/bul12/index.shtml Stanford: »Dissertation Reviews« Website Dissertation Reviews (http://dissertationreviews.org/) was launched already in 2010. It features friendly overviews of recently defended and unpublished dissertations, as well as articles on archives and libraries around the world. The Editor-in-Chief is Thomas S. Mullaney, Associate Professor of History at Stanford University. Its section of archive and library reviews features many institutions in Russia, China, and the West that are relevant for communist studies, as you can see at http://dissertationreviews.org/archives/category/fresh-from-the-archives. Teramo: L’Ordine Nuovo Digitized The Centro Gramsci di Educazione in Teramo, Italy, has scanned and put online the L’Ordine Nuovo, the Communist newspaper edited by Antonio Gramsci between 1919 and 1921. For scanned issues from 1919 to 1925 in PDF format, visit www.centrogramsci.it/riviste/riviste.htm. Amsterdam: New Daan Goulooze Papers at the IISH Daniël (Daan) Goulooze (1901–1965), a key figure of the Communist Party in the Netherlands and the Comintern, grew up as an Amsterdam worker in construction, he was active in the Nationaal Arbeids-Secretariaat (NAS) and then in the Sociaal-Anarchistische Jeugd Organisatie (SAJO) subsequently joining the CPN. Since 1935 Goulooze led Comintern work for Georgi Dimitrov. As member of the Comintern liason office (OMS) during the occupation, he maintained contact with Moscow via radio. Arrested in 1943, he was later transferred to the Sachsenhausen concentration camp, after the liberation he got into conflict with CPN-frontman Paul the Groot, in 1948 he was expelled as a party member. The Archief Daan Goulooze at the International Institute of Social History, Amsterdam, has now been enriched by a donation from the family, consisting of documents relating to the return of Goulooze from Sachsenhausen to the Netherlands in 1945, membership booklets of the CPN 1945–1948, correspondence on to the suspension of Goulooze as CPN member in 1948, documents concerning the death of Goulooze in 1965, typescripts concerning the communist Resistance a.o. See: http://search.socialhistory.org/Record/ARCH03343/Description Manchester: PSA Communism Specialist Group Formed A Communism Specialist Group of the Political Studies Association of the United Kingdom has been launched with the aim of promoting the study of communism and facilitating scholarly exchanges across both national and disciplinary boundaries including work in the fields of political ideology, social and political movements, comparative party politics, the politics of collective memory and totalitarian studies. The group’s activities will include a blog providing news of current events, publications and work in progress and a register of members and their research interests. It will also organise panels at the PSA Annual Conference as well as occasional seminars and an annual day conference. The first conference was held on the theme of ›A century of anti-communisms‹ in Manchester in September 2012 and a selection of the papers will be published in the journal Twentieth Century Communism. There is no membership fee although there will be a small charge to non-PSA members wishing to attend events and only PSA members are entitled to the group’s reduced rate subscription to Twentieth Century Communism. For further information contact the convenors kevin.morgan@manchester.ac.uk or Gidon.cohen@durham.ac.uk or go to http://psacommunism.wordpress.com/ Moscow: Website Relaunch of the RGASPI & International Brigades Digital Archive The Russian State Archive of Social and Political History (RGASPI) in Moscow has relaunched its website. The new, Russian-language website is reachable at www.rgaspi.su/ and features detailed information on the archive and its services. Probably the most important new feature is a detailed list of all fondy and opisi of the archive’s holdings. Furthermore, linked to the website is a prototype of RGASPI’s new webportal for digitised documents. At http://interbrigades.inforost.org/ one can see the archive’s International Brigades collection. Only a preview version is visible yet. Amsterdam: Ngo Van Papers at the IISH In 2011, the International Institute of Social History (IISH) in Amsterdam acquired the papers of the French-Vietnamese Trotskyist Ngo Van (1913–2005). A metal worker born near Saigon, Ngo Van was active in the Indochinese revolutionary movement from the 1930s onwards. In 1948, he moved to Paris, where he became a prolific writer and painter. He published several books on the history of the Indochi-nese revolutionary movement as well as his autobiography. The papers at the IISH contain correspondence, working materials, typescripts and other documents. Access is unrestricted. Detailed information on the holdings can be found at http://hdl.handle.net/10622/ARCH03247. For more materials on Ngo Van, including his paintings, see http://chatquipeche.free.fr/. Coventry, UK: Internet Project »Trabajadores: The Spanish Civil War Through the Eyes of Organised Labour« The Modern Records Centre at the University of Warwick (Coventry, UK) has launched a webportal presenting over 4.000 documents (more than 13.000 pages) on the involvement of the British labour movement in the Spanish Civil War. The bulk of the scanned documents originates from the UK Trade Union Congress archives, complemented by documents from other holdings and over 100 publications. Containing correspondence, minutes, visual propaganda materials, reports, leaflets and pamphlets, the digital collection constitutes an invaluable source on the history of the Spanish Civil War and international solidarity with Republican Spain. The webportal is being constantly updated with new materials and can be accessed with-out any restrictions at www.warwick.ac.uk/go/scw. Budapest: New Sources on the 1956 Revolution at OSA The Open Society Archives (OSA) in Budapest, Hungary, has recently acquired two collections of major importance for the history of the 1956 Hungarian Revolution. The first collection was donated to the OSA by Professor Gary L. Filerman, who in 1956–57 was the director of the student reception center at Camp Kilmer, New Jersey – a point of arrival for Hungarian refugees after the crushed uprising. Filerman’s task was to process Hungarian refugee students and to find places and scholarships for them. His papers contain reports about the camp, interviews with refugees, correspondence with students and officials, and photos of the revolution in Budapest as well as of everyday life in the refugee camp. Details on the contents can be found at http://osaarchivum.org/db/fa/412.htm. The second collection acquired consists of the personal papers of Gábor Magos (1914–2000), an agricultural engineer and politician who belonged to the circle around Imre Nagy during the Hungarian Revolution. In late 1956, after having organised underground work against the Kádar regime, Magos fled to Vienna and later testified before the United Nations about the situation in Hungary. The collection was donated to the OSA by Magos’ widow, Judit Gimes-Magos. An online inventory is not available yet. For general information, visit http://osaarchivum.org. Washington, D.C.: Jacques Rossi Memorial Gulag Research Fund Georgetown University has announced the creation of a research fund that will support conferences, speakers, and (under)graduate research on the history of the Gulag. The fund will be launched in spring 2013 with an international conference on Gulag history. Starting in 2013, up to $20,000 per academic year will be available to fund Gulag-related student research on the doctoral, MA, or undergraduate level. The fund is named after Jacques Rossi, a Polish-French writer and Comintern courier who was arrested in 1937 and spent the subsequent 19 years in Soviet prisons and camps; after migrating to the West, he wrote a Gulag encyclopedia and several autobiographical works. For information about the Memorial Fund, see the complete announcement at http://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl?trx=vx&list=H-Russia&month=1202&week=a&msg=2tPpxREViQY8xZJTN3oVPg. Neue Informationen zur Biographie von Voldemārs Roze Unter dem Decknamen Peter Skoblewski war der lettischstämmige Revolutionär Voldemārs Roze maßgeblich an der Vorbereitung des gescheiterten »Deutschen Oktober« 1923 beteiligt. Jacques Mayer (HU Berlin), der bereits vor drei Jahren einen grundlegenden, auf Archivquellen basierenden Artikel zur Biographie der mythenumwobenen Gestalt vorgelegt hatte (siehe Meldung in INCS (2010), Nr. 23) hat nun eine erweiterte Version publiziert. Darin findet sich unter anderem die Übersetzung einer offiziellen Auskunft des FSB über das Schicksal von Roze im Stalinschen Terror – eine, wie Mayer schreibt »möglicherweise [...] erste offizielle Auskunft über Roze«, sowie ein Anhang mit erstmals publizierten Briefen und Kassibern Rozes aus der Untersuchungshaft in Leipzig 1924–1925. Der Artikel ist online unter http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:11-100199945 abrufbar. Potsdam-Berlin: Internet-Portalprojekt DDR-Presse Das Portal zur DDR-Presse, ein Kooperations-Projekt des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) mit der Staatsbibliothek zu Berlin, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), widmet sich den DDR-Tageszeitungen als historischen Medien und macht diese als Recherche-Material durch eine vollständige Digitalisierung im Netz frei zugänglich. Dabei wird durch die umfassende Digitalisierung der Zeitungen »Neues Deutschland«, »Berliner Zeitung« und »Neue Zeit« in Hinblick auf die derzeitige Auseinandersetzung mit DDR-Medien eine bedeutende Präsenz der DDR-Tageszeitungen als recherchierbares Material im Internet für die Forschung bereitgestellt. Neben der Relevanz der digitalen Erschließung von zeithistorischem Quellenmaterial verlangt der Umgang mit diesen gleichzeitig eine komplexe medienhistorische Einordnung. Eine wissenschaftliche Forschungsumgebung redaktionell betreuter Beiträge wird die digitalisierten Zeitungen durch einen wachsenden Umfang an methodischen Einführungstexten begleiten, um die Spezifik der Medienstrukturen in der DDR verständlich darzulegen. Mit Betrachtungen zu den strukturellen und institutionellen Bedingungen, wie sie an den Funktionsweisen der Abteilung Agitation und Propaganda und deren Direktiven nachzuvollziehen sind, aber auch die Ausbildung der Journalisten betreffen, wird die DDR-Presse vorrangig als Handlungsspielraum der SED-Diktatur zur Diskussion gestellt. Zudem wird die Bedeutung der gesellschaftlichen Aspekte in den Blick genommen, die die DDR-Presse als komplexes, diskursives Mediensystem (im deutsch/deutschen Diskurs) verdeutlichen und sich u. a. der Konstruktion von Medien-Öffentlichkeit in der DDR widmen. Den Bedingungen für die besondere, schwierige Lesbarkeit der Pressetexte widmet sich eine Analyse der Zeitungssprache. Ebenso ist die Presse-Fotografie der DDR als wichtiger Untersuchungsbereich zu betonen, da die politische Bildsprache den besonderen inszenatorischen Charakter der DDR-Presse zum Ausdruck bringt. Quelle: www.zzf-pdm.de/site/mid__3321/ModeID__0/EhPageID__806/741/default.aspx Andreas Peglau (Psychoanalytiker, Berlin, Germany): Bericht über einen Besuch im Wilhelm-Reich-Archiv, Boston, USA Am 3.11.1957 starb in den USA Wilhelm Reich: Arzt, ehemaliger Freud-Schüler, -Mitstreiter und -Antipode, bedeutender Psychoanalytiker, Vater der Körperpsychotherapie, Lebensenergieforscher, vormaliger Sozialdemokrat, Kommunist, Antifaschist, späterer Antistalinist. Testamentarisch hatte er festgelegt, dass seine Hinterlassenschaft erst 50 Jahre nach seinem Tode der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll. Im November 2007 war es soweit. Im Rahmen meines Dissertations- und Buchprojektes mit dem Arbeitstitel »Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus« habe ich im Januar 2012 dieses sich nun in der Medical School der Bostoner Harvard University befindliche Archiv besucht. Mein Ziel war nicht nur, bislang unbekannte Details zur Psychoanalysegeschichte zu finden. Ich wollte auch mehr Licht bringen in das Zusammenwirken und die Konflikte zwischen Reich und der KPD bzw. der europäischen Linken. Beides war mir möglich, auf Letzteres möchte ich hier anschließend noch einmal eingehen. [...] Siehe den vollen Text des Beitrags in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2012), no. 25, http://newsletter.icsap.de/home/data/pdf/INCS_25_ONLINE.pdf. Section IIIResearch Projects and Dissertations – Work in Progress David Broder, London School of Economics (London, UK): » Bandiera Rossa, Communism and the Working Class during the German Occupation of Rome, 1943–44. PhD Project. In 1939, figures from French Ambassador to Berlin Robert Coulondre to Leon Trotsky and Friedrich Adler expressed the idea that, much as World War I had ended in revolutionary explosions, a still-more disastrous war would challenge the bases of international capitalism. However, in almost all countries the Communist Parties restricted their strategy – and their members – to national unity against fascism, in conformity with the future spheres of influence designed by Churchill and Stalin. As these anti-fascist fronts came to power, capitalism was restabilised with the granting of limited concessions to the working class. The Western country where the pro-Moscow Communist leaders had the greatest difficulty imposing this anti-fascist popular front line on the working class was Italy. The mass partisan and workplace strug-gle was, for many, not only a fight against Germany or even against fascism, but the beginnings of a socialist revolution. Indeed, even before the March 1944 ›Salerno Turn‹ – whereby Palmiro Togliatti committed his party to unity with the monarchy and ex-fascist general Pietro Badoglio, in the interests of the Allied war effort – the largest formation in the Roman Resistance, the Movimento Comunista d’Italia (MCd’I; often known after its paper, Bandiera Rossa) posed a significant revolutionary alternative to the cross-class Comitato di Liberazione Nazionale. Bandiera Rossa is something of a case study in what Pierre Broué called »the party that had survived Fascism«, insofar as many of its militants had been members of the pre-1926 Communist Party of Italy and drew greatly on its politics as they began to organise again during World War II. Having heard close to nothing from the exiled Communist leadership during almost twenty years of Fascist repression, and thus isolated from the degeneration of the Comintern, these rank-and-filers had never been trained in the substitutionism and popular frontism at the heart of Stalinist resistance strategies. Moreover, as well as regrouping members of various tendencies from the pre-Fascist years – from anarchists and Bordigists to ›maximalist‹ Socialists – Bandiera Rossa was notable for mobilising new forces from the borgate, the slums largely populated by migrants from central Italy and workers forced out of the centre of Rome by Fascist city planners. My PhD dissertation is a social history of Bandiera Rossa, whose (albeit often eclectic) politics represent the clash between revolutionary perspectives based on a workers’ united front, and the essential conservatism of Stalinist anti-fascism. However, my study of this ephemeral formation and its militants – who have argely been buried or maligned by the Stalino-liberal mainstream of resistance historiography – will explore not only the dialectical relationship between communist partisans and Stalinism, but also look at how the class composition of Rome helped preserve revolutionary traditions and cultivated rebellion against both Fascism and bourgeois-institutional politics in general. Contact: Davidbr1988@gmail.com Serhiy Hirik, The M. Hrushevsky Institute of Ukrainian Archeography and Source Studies of the National Academy of Sciences of Ukraine (Kyiv, Ukraine): » The Ideology of the Ukrainian Party of Socialists-Revolutionaries (Borotbists)/The Ukrainian Communist Party (Borotbists), 1918–1920. PhD Project.1 The subject of my research is the ideology of the Borotbists – the most influential national communist movement operating in Ukraine during the revolutionary period of 1917–1920. The party was created after the Ukrainian Party of Socialists-Revolutionaries split in May 1918 during its Fourth Congress. Its left wing (also known as »Borotbists« by the name of the newspaper »Borot’ba« [»The Struggle«] issued by its leaders) gained control over the party’s Central Committee and began to call for cooperation with the Bolsheviks. At the Fifth (First)2 Congress (March 1919) the name of the party was changed into »Ukrainian Party of Socia-lists-Revolutionaries (Communists-Borotbists)« (UPSR-CB). On August 6, 1919, the UPSR (CB) unified with the left wing of the Ukrainian Social-Democratic Labour Party (Independentists). The new party was given the name »Ukrainian Communist Party (Borotbists)«. In August and November-December 1919 the UCP(B) made an effort to join the Comintern, but its application was rejected twice. After a session of the Bureau of the Executive Committee of the Comintern in December 1919, which was attended by representatives of the UCP(B) and the Communist Party (Bolsheviks) of Ukraine (CP(B)U), the Borotbists decided to merge with the Bolsheviks. After the Fourth Conference of the CP(B)U in March 1920, about 4,000 former Borotbists (less than a third of their total membership) became members of the Bolshevik party. At the same time, a number of former Borotbists joined the Ukrainian Communist Party (Ukapists). The ideology of the party of Borotbists was based on the old »narodnik« tradition. Great attention was paid to the peasant question that was especially acute in the Ukrainian territories of the former Russian Empire. Borotbists called for the socialization of agrarian property. Besides that, among the main items of their unofficial program were the creation of a separate Ukrainian Red Army (closely allied with the Russian one), the protection of the Ukrainian language through cultural and educational policy, and the creation of the World Federation of Soviet Republics on the principles of equal rights of all its members. The history of this party and particularly the development of its ideology are not properly studied in both Ukrainian and Western historiography. The most important works on this subject in the Soviet period3 were written by authors who did not have access to Soviet state and party archives. The works of Soviet Ukrainian historians4 were based on a narrow base of non-classified documents, and their authors could not study a large number of extremely important aspects of Borotbist history, such as its role in the Revolution and its relations with the CP(B)U, the Russian Bolsheviks and the Comintern in the years 1919–1920. Ukrainian historians who published their works after 19915 used the wide complexes of declassified documents from Ukrainian archives,6 but at the same time neglected crucial Russian archival materials.7 A study dedicated to the ideology of the Borotbists is to be published yet. Making use of previously unexplored Ukrainian and Russian archival sources, my project aims to recon-struct the ideology of the Borotbist party in the process of its development from the first days of its activity until the time of its liquidation. Contact: conservator.1985@gmail.com Jonathan Waterlow, Oxford University (UK): » The Soviet ›Nuremberg‹: Forging the Postwar World Beyond the Iron Curtain, 1945–1953. Research Project. The war crimes trials of the defeated Nazi leadership and their subordinates, synonymous with Nuremberg (although not confined to that city), could be considered a foundation-stone of the modern Western order. These trials established international laws and practices now taken for granted, not least the notion of judicial redress for state crimes. Moreover, they were a symbolic and consciously didactic transitional process from war into peace, reasserting the rule of law and interpreting the reasons for its earlier suspension. Despite their undeniable importance, however, we still know only half the story: the trials of German soldiers and civilians conducted under Soviet authority, both in cooperation with the other victors at Nuremberg itself (the trials of the ›major war criminals‹) and thereafter autonomously in the nascent East Germany (then the Soviet Occupied Zone, SBZ), have received almost no attention from scholars. Yet the Soviet trial narrative was no less foundational for the world east of the Iron Curtain. This project will examine the construction of that narrative, and how it was received and responded to by both Soviet public and German citizens in the SBZ. In doing so, it will contribute a comparative study of the establishment of the postwar order in eastern Europe that takes developing, contemporary interpretations of war, militarism, ›civilisation‹ and peace as seriously as they have been in studies of western Europe. These issues all helped to shape the initial trajectory of international politics and eastern European societies thereafter, but they have generally been neglected in the comparative literature on communist regimes, which has been more concerned with issues of ›totalitarianism‹, support and resistance. As in the West, an essential function of the trials was their didactic value; they therefore provide an effective vector by which to examine the official imposition of a new status quo in all spheres of political, economic and social life. Accordingly, in order to understand the significance and meaning of these changes in practice, we must assess how those lessons were received. My DPhil highlighted how official narratives can always be reinterpreted, and I shall use that experience of studying popular ›reclamations‹ of ideology to examine how ordinary citizens understood, shared, and potentially appropriated official narratives of the postwar moment to better reflect and interpret their own experiences. Moreover, due to the risk entailed by openly communicating confusion, doubts and criticisms (the key mechanisms of interpretation and adaptation to new societal norms), we can begin to trace the principal relational structures – the ›trust groups‹ which I examined in my previous research – that were developing after the destruction and vicissitudes of war. Of course, broader, more wide-ranging social ties certainly evolved over time as the new political and social norms stabilised and citizens acclimatised to them; to use Bourdieu’s term, new ›habitus‹ were forming in the rubble-strewn aftermath of war. It is the aim of my project to examine these habitus and how they developed: in short, what were postwar society and its social structures and how did they emerge East of the Iron Curtain? Florian Wilde, Universität Hamburg (Germany): » Ernst Meyer (1887–1930). Vergessene Führungsfigur des deutschen Kommunismus. Eine politische Biographie. Dissertation.8 Ernst Meyer (1887–1930) ist als führende Figur des frühen deutschen Kommunismus weitgehend in Vergessenheit geraten. Dabei spielte Meyer zwei Jahrzehnte lang eine herausragende Rolle auf dem linken Flügel der deutschen Arbeiterbewegung. Bereits als junger Mann war er als Redakteur des sozialdemokratischen Zentralorgans »Vorwärts« tätig. 1914 zählte er zu den Gründern und bald auch Leitern der Spartakusgruppe. Als Gründungsmitglied der KPD gehörte er der zentralen Leitung der Partei von 1919 bis Anfang 1923 fast ununterbrochen an und war 1921/22 faktisch Parteivorsitzender. 1924/25 wurde er zu einer zentralen Figur der Opposition gegen den damaligen ultralinken Kurs der KPD und kehrte 1927 in die engere Parteiführung zurück. Auch in der internationalen Arbeiterbewegung spielte er eine wichtige Rolle. So nahm er während des Ersten Weltkrieges an den internationalen Konferenzen sozialistischer Kriegsgegner in Zimmerwald und Kienthal teil, war Delegierter auf dem II. und IV. Weltkongress der Kommunistischen Internationale und nahm an verschiedenen Plena und Sitzungen des Erweiterten Exekutivkomitees der Komintern (EKKI) in Russland teil. Meyer war Fraktionsvorsitzender der KPD im preußischen Landtag. Als Autor und Herausgeber wichtiger historischer Arbeiten und Quelleneditionen über die Geschichte des Spartakusbundes und der KPD war er zugleich einer der bedeutendsten zeitgenössischen Parteihistoriker. Er gehörte zu den führenden Figuren der »Mittelgruppe« in der KPD, die in den späten 1920er Jahren – als »Versöhnler« geschmäht – in Opposition zur Stalinisierung der kommunistischen Bewegung stand. Diesen verhängnisvollen Prozess nicht aufhalten könnend, wurde er mit dessen Abschluss 1929 an den Rand der Partei gedrängt. Auch als viele seiner engsten Fraktionsgenossen vor der Thälmann-Führung kapitulierten, blieb Meyer bis zuletzt seiner Linie treu und starb, innerparteilich isoliert, Anfang 1930. Das von der Rosa-Luxemburg-Stiftung geförderte und mittlerweile abgeschlossene Dissertationsprojekt stellte sich die Aufgabe, den politischen Lebensweg Meyers detailliert nachzuzeichnen und damit die wohl wichtigste biographische Forschungslücke der KPD-Geschichte zu schließen. Zugleich versucht es, mit Hilfe eines biographischen Blickes auf eine führende Figur der KPD einen Beitrag zur Aufarbeitung der zentralen Fragen zu leisten, vor denen die frühe KPD stand: Zur Frage nach der Rolle der innerparteilichen Demokratie, und zum Verhältnis der KPD zu SPD und Gewerkschaften sowie zur Kommunistischen Internationale. Die Dissertation positioniert sich auch in den aktuellen Kontroversen der KPD-Forschung. Sie kommt zu dem Schluss, dass Hermann Webers Stalinisierungs-These – bei gewissen Modifikationen – weiterhin einen unverzichtbaren Analyserahmen bietet, um die Wandlung der KPD in den 1920er Jahren und die Rolle ihres Führungspersonals in diesem Prozess zu verstehen. Die mit ca. 650 Seiten und rund 2300 Fußnoten sehr umfangreiche Dissertation wird in Kürze bei der Universität Hamburg vollumfänglich online und 2013 als gekürzte Printfassung in der Reihe »Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus« des Dietz-Verlages Berlin veröffentlicht. Contact: wilde@rosalux.de Dissertations Reviewed at »Dissertation Reviews« The following dissertations have been reviewed at Dissertation Reviews (http://dissertationreviews.org/, see above) that might be of interest for our readers: • Sarah Isabel Cameron, »The Hungry Steppe: Soviet Kazakhstan and the Kazakh Famine 1921–1934« (Yale University 2010), reviewed by Jeremy Friedman (Yale University), http://dissertationreviews.org/archives/2038. • Margaret Clinton, »Fascism, Cultural Revolution, and National Sovereignty in 1930s China« (New York University 2009), reviewed by Kristin Mulready-Stone (Kansas State University), http://dissertationreviews.org/archives/301. • Matthew David Johnson, »International and Wartime Origins of the Propaganda State: The Motion Picture in China, 1897–1955« (University of California 2008), reviewed by Kevin Carrico, Cornell University, http://dissertationreviews.org/archives/271. • Christopher Russall Leighton, »Capitalists, Cadres, and Culture in 1950s China« (Harvard University 2010), reviewed by J. Brooks Jessup (University of Minnessota), http://dissertationreviews.org/archives/796. • Kristin Mulready-Stone, »Organizing Shanghai’s Youth: Communist, Nationalist, and Collaborationist Strategies, 1920–1942« (Yale University 2009), reviewed by Maggie Clinton (Middlebury College), http://dissertationreviews.org/archives/277. • Oscar Sanchez-Sibony, »Red Globalization: The Political Economy of Soviet Foreign Relations in the 1950s and 1960s« (University of Chicago 2009), reviewed by Elizabeth McGuire (San Francisco State University), http://dissertationreviews.org/archives/1851. • Victoria Smolkin-Rothrock, »›A Sacred Space is Never Empty‹: Soviet Atheism, 1954–1971« (University of California, Berkeley 2010), reviewed by Margaret Peacock (University of Alabama), http://dissertationreviews.org/archives/1857. • Gleb Tsipursky, »Pleasure, Power, and the Pursuit of Communism: Soviet Youth and State-Sponsored Popular Culture during the Early Cold War, 1945–1968« (University of North Carolina at Chapel Hill 2011), reviewed by Sean Guillory (University of Pittsburgh), http://dissertationreviews.org/archives/1581. Section IVStudies AND Materials Materials and studies will be published in The International Newsletter of Communist Studies Online (2013). Section VNew Publications – Reports, Presentations and Reviews V.1 Reviews The following reviews will be presented in The International Newsletter of Communist Studies Online (2013): • Sammelrezension zur neuen Thälmann-Literatur: Czichon, Eberhard; Marohn, Heinz: Thälmann. Ein Report. I: 1886–1933. II: 1933–1944, Berlin, Heinen, 2010 / Fuhrer, Armin: Ernst Thälmann. Soldat des Proletariats, München, Olzog, 2011 / Paschen, Joachim: »Wenn Hamburg brennt, brennt die Welt«. Der kommunistische Griff nach der Macht im Oktober 1923, Frankfurt am Main, Peter Lang, 2010 / Lemmons, Russell: Hitler’s Rival. Ernst Thälmann in Myth and Memory, Lexington, University Press of Kentucky, 2013. • Augstein, Franziska: Von Treue und Verrat. Jorge Semprún und sein Jahrhundert, München, Beck, 2008. • Brie, Michael; Haug, Frigga (eds.): Zwischen Klassenstaat und Selbstbefreiung. Zum Staatsverständnis von Rosa Luxemburg, Baden-Baden, Nomos, 2011. (Staatsverständnisse. 43). • Budnitskii, Oleg: Russian Jews Between the Reds and the Whites, 1917–1920, Philadelphia, Pa., University of Pennsylvania Press, 2012. • Callahan, Kevin J.: Demonstration Culture. European Socialism and the Second International. 1889–1914, Leicester, Troubador, 2010. • Cattaruzza, Marina. Sozialisten an der Adria. Plurinationale Arbeiterbewegung in der Habsburgermonarchie, Berlin, Duncker & Humblot, 2011. (Schriften des Italienisch-Deutschen Historischen Instituts in Trient. 24). • Coppi, Hans; Heinz, Stefan (eds.): Der vergessene Widerstand der Arbeiter. Gewerkschafter, Kommunisten, Sozialdemokraten, Trotzkisten, Anarchisten und Zwangsarbeiter, Berlin, Dietz, 2012. • Engel, Gerhard: Johann Knief. Ein unvollendetes Leben, Berlin, Karl Dietz Verlag, 2011. (Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus. 15). • Frölich, Paul: Autobiographie. Parcours d’un militant internationaliste allemand. De la social-démocratie au Parti communiste 1890–1921, Montreuil-sous-Bois, Éditios Science Marxiste, 2012. • Fülberth, Johannes: » ...wird mit Brachialgewalt durchgefochten«. Bewaffnete Konflikte mit Todesfolge vor Gericht. Berlin 1929 bis 1932/1933, Köln, PapyRossa-Verlag, 2011. (PapyRossa-Hochschulschriften. 87).  • Genevée, Frédérick: La fin du secret. Histoire des archives du parti communiste français, Paris, Atelier, 2012. • Gutjahr, Wolf-Dietrich: Revolution muss sein. Karl Radek. Die Biographie, Köln e.a., Böhlau, 2012. • Halfin, Igal: Red Autobiographies. Initiating the Bolshevik Self, Seattle, University of Washington Press, 2011. • Kemper, Dirk: Heinrich Mann und Walter Ulbricht. Das Scheitern der Volksfront. Briefwechsel und Materialien, München, Fink, 2012. • Kuckuk, Peter (ed.): Die Revolution 1918/19 in Bremen. Aufsätze und Dokumente. Mit 70 Abbildungen, Bremen, Temmen, 2010. (Beiträge zur Sozialgeschichte Bremens. 27). • Kramer, Hilde: Rebellin in München, Moskau und Berlin. Autobiographisches Fragment 1900–1924, Berlin, BasisDruck, 2011. (Pamphlete. 27). • Kropachev, Sergei: Von der Lüge zur Aufklärung. Verluste durch »Großen Terror« und Krieg in der sowjetischen und russischen Historiografie, Berlin, Metropol, 2011. • Law, Ian: Red Racisms. Racism in Communist and Post-Communist Contexts, Basingstoke, Palgrave Macmillan, 2012. (Mapping Global Racisms). • Pons, Silvio; Service, Robert (eds.): A Dictionary of 20th-Century Communism, Princeton-Oxford, Princeton University Press, 2010. • Schmeitzner, Mike: Doppelt verfolgt. Das widerständige Leben des Arno Wend, Berlin, Vorwärts-Buch, 2009. V.2 Presentations and Announcements Carlos Nelson Coutinho: » Gramsci’s Political Thought, Leiden-Boston, Brill, 2012. XVI, 198 pp. (Historical Materialism Book Series. 38). – ISBN 978-9-00422-866-5. In »Gramsci’s Political Thought«, Carlos Nelson Coutinho offers an analysis of the evolution of the political thought of Antonio Gramsci. Focusing on central concepts of the Prison Notebooks and relating them to the history of modern political ideas, the book also demonstrates that Gramsci’s ideas continue to be relevant resources for understanding the controversies of our present time. Written by a leading Brazilian Marxist theorist, »Gramsci‘s Political Thought« provides one of the most succinct and theoretically focused introductions to the thought of Antonio Gramsci available internationally. (Publisher’s announcement) Walter Thys (ed.): » Vom Wandervogel zum »Compañero«. Jan Andries Jolles. 1906–1942. Soldat der Weltrevolution. Dokumente zu einer Biographie [From »Wandervogel« to »Compañero«. Jan Andries Jolles, 1906–1942. Soldier of World Revolution. Materials for a Biography], Leipzig, Leipziger Universitäts-Verlag, 2012. 393 pp. – ISBN 978-3-86583-531-4. Soweit zu sehen, sind die lebensgeschichtlichen Spuren von Jan Jolles (1906–1942) hierzulande restlos verweht. Selbst sorgfältig recherchierte Nachschlagewerke führen seinen Namen nicht. Wer nach ihm fragt, erntet zumeist ungläubiges Kopfschütteln. Das erstaunt umso mehr, als Jan Jolles während der dreißiger Jahre für die Kommunistische Internationale in einflussreichen Funktionen vor allem in Lateinamerika tätig war und damit in der politischen Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen herausgehobenen Platz beanspruchen kann. Zieht man die komplizierte individuelle Biographie hinzu, erregt diese Veröffentlichung noch größere Aufmerksamkeit: Jan Jolles entstammte der Ehe des noch heute dank seiner »Einfachen Formen« wirkungsmächtigen Germanisten André Jolles (1874–1946) mit der Tochter des prominenten Hamburger Bürgermeisters Johann Georg Mönckeberg Mathilde (1879–1958), die erahnen lässt, welch ein Spannungsbogen zwischen Herkunft und politischem Bekenntnis sich hier auftat. Die von Walter Thys in jahrelanger Arbeit mit gleichsam detektivischem Spürsinn zusammengetragenen Resultate einer Spurensuche, die weit über eine alleinige Dokumentation hinausragen, fesseln den Leser angesichts der Intensität, in der diese Biographie noch einmal lebendig wird. Gleichsam im Buch des 20. Jahrhunderts blätternd, eröffnet sich ein ganz besonderer Zugang zu dessen Brüchen und Verwerfungen, die sich letztlich auch im Schicksal von Jan Jolles widerspiegeln. (Verlagsankündigung) Jacob A. Zumoff: » The Communist International and US Communism. 1919–1929, Leiden, Brill, 2013. Approx. 600 pp. This work examines the first decade of the American Communist Party, from the formation of the Left Wing in 1919 to the expulsion of Jay Lovestone in 1929. Using sources, including party press and archives in the United States and the former Soviet Union, this work examines the development of the party’s interaction with American society. In contrast to standard historiography, it argues that the Communist International in the early 1920s helped American Communists understand American society. Early chapters examine debates over legality and the labor movement. By the middle and late 1920s, the Comintern’s intervention changed, reflecting the rise of Stalin and his perspective of »socialism in one country«. Factionalism within the American party became more intense, and not anchored in fundamental political differences. The next chapters analyze this combination, including fights between factions led by William Z. Foster and James P. Cannon on one side and that led by C.E. Ruthenberg and Lovestone on the other. In 1928, Cannon’s faction was expelled for support to Trotsky’s Left Opposition; the following year, Lovestone’s pro-Bukharin faction was expelled. By 1929, the leadership of the American Party was solidly pro-Moscow, and Comintern intervention helped to eliminate any dissident views. The final portion examines the development of the Communist position on black oppression. The Comintern forced the Communists to fight racial oppression, even if the specific program prescribed by the Comintern – the black belt thesis – did not reflect American reality. (Information by the author) Nicholas John Williams: » Das Gedächtnis Kubas. Die Revolution im Interview, Marburg, Tectum-Verlag, 2011. 304 pp. – ISBN 978-3-8288-2663-2. Als einer der wenigen sozialistischen Staaten beruft sich Kuba ungeachtet leichter Öffnungstendenzen immer noch auf »den Sozialismus« als Staatsdoktrin. Trotz der autoritären Überformung Kubas durch den immer noch allgegenwärtigen Castroismus und trotz zahlreicher ökonomischer Krisen der letzten Jahre bleibt die relative Stabilität des Inselstaats ungeachtet zahlreicher wissenschaftlicher Analysen erklärungsbedürftig. Nicolas Williams gibt in seiner Studie eine interviewgestützte und kulturhistorisch inspirierte Antwort auf die Frage, warum der kubanische Inselstaat auf einem breiten Konsens beruht und nicht bereits im Jahr 1989 in sich zusammengebrochen ist. Der Autor legt wichtige Facetten einer kubanischen Mentalitätsgeschichte offen und identifiziert unterschiedliche identitätsstiftende Erinnerungsfolien der kubanischen Gesellschaft. Zur Offenlegung dieses gesellschaftlichen Konsenses hat Williams 32 qualitative Interviews durchgeführt. Im Rahmen seiner Auswertung wird die Herrschaft Batistas zur Kontrastfolie der heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen, die die Interviewpartner vor allem aus der Perspektive des offiziellen kubanischen Geschichtsdiskurses deuten. Darüber hinaus zeichnet sich in den Interviewtexten ein tieferliegender Konflikt zwischen der Gründergeneration des sozialistischen Kuba und der ausschließlich unter dem Regime Fidel Castros sozialisierten Generation ab. Williams ergänzt die derzeitige Forschungsperspektive um einen sensiblen Blick auf die konsensstiftenden, geschichtspolitischen Narrative, die sich aus den spezifischen »Erinnerungsprofilen« der kubanischen Gesellschaft speisen. Allen denjenigen, die sich auf die Suche nach solchen temporalen Tiefenstrukturen des kubanischen Gedächtnisses machen wollen, sei seine Studie empfohlen. (Kurzrezension von Jens Hildebrandt, Mannheim. Eine ausführliche Rezension wird in der Online-Ausgabe des International Newsletter of Communist Studies publiziert). Kevin Morgan: » Bolshevism, Syndicalism and the General Strike. The Lost Internationalist World of A. A. Purcell, London, Lawrence & Wishart, 2013. 480 pp. (Bolshevism and the British Left. 3). – ISBN 978-1-90710-354-4. The third and final volume of Kevin Morgan‘s widely acclaimed series Bolshevism and the British Left centres around the figure of Alf Purcell (1872–1935), who between the wars was one of the leading personalities in the British and international labour movement. A long-term member of the TUC General Council, Purcell became chairman of the general strike committee in 1926 – and this could have been his hour of glory. But when it was called off ignominiously he experienced the obloquy of defeat. Purcell was most famous as one of TUC ›lefts‹ of the 1920s. But he was also Labour MP for both the Forest of Dean and Coventry, as well as being the founder of a working guild in the spirit of guild socialism, the controversial president of the International Federation of Trade Unions and the man who moved the formation of the British communist party. A sometime syndicalist and associate of Tom Mann, his experiences in the militant Furnishing Trades gave rise to the uncompromising trade-union internationalism which features so centrally in these chapters. But with the squeezing of his syndicalist approach, as the labour movement polarised into Labour and communist currents, Purcell died a politically broken figure. Morgan also deploys the life of Purcell as a biographical lens, a way of exploring wider controversies – among them the rival modernities of Bolshevism and Americanism; the reactions to Bolshevism of anarchists like Emma Goldman (who called Purcell ›that damn fake‹); and the roots of political tourism to the USSR in the British labour delegations in which Purcell featured so prominently. The volume also includes a major challenge to existing interpretations of the general strike, which it compellingly presents, not as the last fling of the syndicalists, but as a first and disastrously ill-conceived imposition of social-democratic centralism by Ernest Bevin. (Publisher’s announcement) Andreas Petersen: » Deine Schnauze wird dir in Sibirien zufrieren. Ein Jahrhundertdiktat. Erwin Jöris [Your Gob Will Freeze in Siberia! The Dictation of a Century. Erwin Jöris], Wiesbaden, marixverlag, 2012. 520 pp. ISBN 978-386-539284-8. Was blieb vom politischen Widerstand, von den Hoffnungen und Ideen der großen Umbrüche des 20. Jahrhunderts? Was erinnert ein Arbeiter aus Lichtenberg vom Zeitalter der Extreme? Wie spiegelt sich große Geschichte im Leben eines Einzelnen? Der im Jahr 2012 100-jährige Erwin Jöris wurde als Sohn eines spartakistischen Schlossers in Berlin-Lichtenberg geboren. Als charismatischer KPD-Jugendführer prügelte er sich durch die Straßenschlachten der untergehenden Republik, tauchte 1933 in die Illegalität ab und fand sich in Sonnenburg, einem der frühesten deutschen KZs, zusammen mit der linken Politprominenz seiner Zeit wieder. Im Moskauer Hotel Lux traf er die Größen der kommunistischen Internationale und erlebte ihren Untergang. Er schuftete in der Zeit der sowjetischen Aufbau-Euphorie im Uralmasch, einem gigantischen Schwerindustriekombinat hinterm Ural und lebte dort mit russischen Arbeitern. 1937 wurde er in Swerdlowsk Zeuge des Großen Terrors. 1938 verschleppte ihn der NKWD in die berüchtigte Lubjanka. Von dort wurde er nach einem Jahr an die deutsche Gestapo ausgeliefert. 1941 bekam er als Soldat eines Sanitätszuges der deutschen Wehrmacht den Marschbefehl Richtung Osten. Im Endkampf um Berlin geriet er in sowjetische Kriegsgefangenschaft und kam im Nachkriegsjahr in ein Waldarbeiterlager vor Moskau. Zurück im zerstörten Lichtenberg befragten ihn seine alten KPD-Kameraden nach der Sowjetunion des Großen Terrors, während sie zeitgleich die zweite deutsche Diktatur installierten. 1951 verhafteten ihn die NKWD-Häscher erneut. Das Fernurteil: 25 Jahre Workuta, das berüchtigte Bergwerklager im ewigen Eis. Fünf Jahre überlebte er im Gulag, in einer Arbeitsbrigade zusammen mit einem seiner nationalsozialistischen KZ-Bewacher. Zurück in Ost-Berlin floh er 1956 in den Westen. Als Zeitzeuge, Idealist und politischer Akteur schildert ein Hundertjähriger sein Jahrhundert der Lager. Der Historiker Andreas Petersen hat das Leben von Erwin Jöris in die Zeit eingebettet, seine Aussagen in vielen Archiven von Berlin, Moskau bis Swerdlowsk gegenrecherchiert, Weggefährten interviewt und den Stoff mit der neueren Forschungsliteratur gegengelesen. Entstanden ist ein Jahrhundertdiktat, in dem sich das Schicksal einer prägenden Zeit in unerwarteten Facetten eröffnet. (Verlagsankündigung) John Eric Marot: » The October Revolution in Prospect and Retrospect. Interventions in Russian and Soviet History, Leiden-Boston, Brill, 2012. X, 273 pp. (Historical Materialism Book Series. 37). – ISBN 978-9-00422-865-8. In a series of probing analytical essays, John Marot tracks the development of Bolshevism through the prism of pre-1917 intra-Russian Social Democratic controversies in politics and philosophy. For 1917, the author presents a critique of social historical interpretation of the Russian Revolution. Turning to NEP Russia, the author applies Robert Brenner‘s analysis of pre-capitalist modes of production and concludes that neither Bukharin nor Trotsky‘s NEP-premised programs of economic transformation and advance toward socialism were feasible. At the same time, he rejects the view that Stalinism was pre-destined to supplant NEP. Instead, he hypothesises that the superior alternative to Stalinism was NEP without collectivization and the Five-Year Plans – an outcome that would have been possible had Bukharin and Trotsky joined forces to stop Stalin. (Publisher’s announcement) Ludmila Thomas: » Georgi Tschitscherin. »Ich hatte die Revolution und Mozart« [Georgii Chicherin. »I Had the Revolution and Mozart«], Berlin, Karl Dietz Verlag, 2012. 287 pp. ISBN 978-332-002275-4. Wie ist es zu erklären, dass im zaristischen Russland ein homosexueller Adliger, Spross einer Familie, aus der Diplomaten, Heerführer und Wissenschaftler hervorgingen, zum Revolutionär und führenden Bolschewik wurde? Wie bewältigte er das jahrelange Exil sowie im ersten und zugleich kompliziertesten Jahrzehnt des Sowjetstaates die schwierige Tätigkeit eines Diplomaten und Außenministers? Wie fand er schließlich seine Alternative zur Unterwerfung unter die Allmacht des heraufziehenden Stalinschen Regimes?Georgi Tschitscherin gelang eine Symbiose aus Ideen, die er auf der Grundlage eines revolutionären Marxismus und liberalen Ansichten seines Verwandten und Förderers Boris Tschitscherin (1828–1903) entwickelte, eines Schriftstellers und Staatswissenschaftlers, der für einige Zeit zu den ranghöchsten Politikern Russlands gehört hatte. Als Berufsdiplomat bewahrte sich Tschitscherin die Überzeugung, dass zur Überwindung einer menschenfeindlichen Weltordnung revolutionäre Methoden unabdingbar seien. Von Mozart, dessen Musik er liebte und als Pianist pflegte, übernahm er das Streben nach einer immer wieder herzustellenden Harmonie zwischen Humanität und Vernunft. »Ich hatte die Revolution und Mozart« so resümierte er den ungewöhnlichen Lauf seines Lebens. (Verlagsankündigung) Gertrud Lenz: » Gertrud Meyer. Ein politisches Leben im Schatten Willy Brandts. 1914–2002, Paderborn, Schöningh, 2013. 252 pp. ISBN 978-350-677569-6. Dies ist die Biographie Gertrud Meyers, der ersten Lebens- und Kampfgefährtin Willy Brandts im Widerstand gegen den Nationalsozialismus und während seiner Zeit im Exil. Gertrud Meyer stand als Funktionsträgerin der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands im Brennpunkt zentraler politischer Geschehnisse des linkssozialistischen Exils der 1930er und 1940er Jahre. Während dieser Zeit arbeitete sie als enge Mitarbeiterin des antiautoritären Psychoanalytikers und Mediziners Wilhelm Reich. Weit davon entfernt, nur eine Hilfe für Willy Brandt zu sein, leistete Gertrud Meyer – auch unter Einsatz ihres Lebens – in enger politischer Zusammenarbeit mit ihm und Jacob Walcher, dem Kopf der SAP, einen wichtigen eigenständigen Beitrag im Kampf gegen den Nationalsozialismus. Das Leben und politische Wirken Gertrud Meyers findet in dieser auf langjährigen Recherchen beruhenden, spannend zu lesenden Darstellung erstmals eine angemessene Würdigung. (Verlagsankündigung) David King: » Russische revolutionäre Plakate. Bürgerkrieg und bolschewistische Periode, sozialistischer Realismus und Stalin-Ära. Übersetzt von Peter Sondershausen, Essen, Mehring, 2012. 144 pp. – ISBN 978-3-88634-098-9. »Russische revolutionäre Plakate« zeigt die Entwicklung der sowjetischen Plakatkunst von der revolutionären Periode bis zum Tode Stalins. Zu sehen ist, wie gewaltige Veränderungen in der Sowjetunion zu einem dramatischen Wechsel in Kunst und Gestaltung führen. Das Buch ist chronologisch angelegt. Bildunterschriften erläutern den historischen und künstlerischen Hintergrund zu jedem Plakat. Konstruktivistische Plakate, sozialistische Werbung, Filmplakate der 20er-Jahre, klassische Fotomontagen, die heroischen Plakate aus der Kriegszeit mit dem Personenkult um Stalin sind in diesem Buch zusammengetragen. (Verlagsankündigung) Wolfgang Hesse (ed.): » Die Eroberung der beobachtenden Maschinen. Zur Arbeiterfotografie der Weimarer Republik [The Conquest of the Observing Machines. Workers’ Photography in the Weimar Republic], Leipzig, Leipziger Universitäts-Verlag, 2012. 491 pp. (Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde. 37). – ISBN 978-3-86583-616-8. Die organisierte Arbeiterbewegung der Weimarer Republik entdeckte für die Propagierung ihrer gesellschaftspolitischen Ziele die Fotografie. In Konkurrenz zur sich etablierenden bürgerlichen Bildpolitik entstanden so am Beginn der Medienmoderne Dokumente eines nicht-bürgerlichen Umgangs und Einsatzes von Bildern in der Öffentlichkeit. Der vorliegende Band präsentiert die Vorträge einer vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde (ISGV) in Kooperation mit der Deutschen Fotothek im Jahr 2010 ausgerichteten Tagung. Sie ist hervorgegangen aus dem DFG-Projekt »Das Auge des Arbeiters«, das seit Februar 2009 am ISGV durchgeführt wird. Hier werden die Entwicklungsbedingungen dieser proletarischen Amateurfotografie in ihrer Verbindung zur popularen Kultur ebenso untersucht wie ihre Funktionalisierung für die Propaganda. Als Zeugnisse der Arbeiterbewegung erfuhren sie nach 1945 eine Historisierung, die im Rahmen des DFG-Projekts ebenfalls erforscht wird. Die Beiträge behandeln aus verschiedenen Blickwinkeln die historische Aussagekraft dieser Bildproduktion, deren Ästhetik angesichts der spätmodernen Bildkultur neu zu erfassen ist. (Verlagsankündigung) Doris Danzer: » Zwischen Vertrauen und Verrat. Deutschsprachige kommunistische Intellektuelle und ihre sozialen Beziehungen. 1918–1960 [Between Trust and Treason. German-language Communist Intellectuals and Their Social Relations. 1918–1960], Göttingen, V&R Unipress, 2012. 576 pp. (Freunde – Gönner – Getreue. 5). – ISBN 978-3-89971-939-0. Brüderlichkeit, Solidarität und Freundschaft sind ebenso Schlüsselbegriffe in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung wie Feindschaft und Verrat. Den Ursachen dieses Paradoxes und seinen Auswirkungen auf die sozialen Beziehungen zwischen Mitgliedern kommunistischer Parteien geht diese zeithistorische Langzeitstudie nach. Dabei wird insbesondere die unter Kommunisten viel gerühmte Solidarität in Krisenzeiten vor dem Hintergrund des Zwangs zu absoluter Gefolgschaft und Parteidisziplin hinterfragt. Am Beispiel ausgewählter deutschsprachiger kommunistischer Intellektueller der Geburtsjahrgänge um 1900 versucht die Autorin herauszufinden, ob und wie sie soziale Beziehungen in Zeiten widerstreitender Ideologien und politischer Umbrüche pflegten. Die Protagonisten sind der Arbeiterschriftsteller und Kulturfunktionär Willi Bredel, der Verleger Wieland Herzfelde und die Schriftstellerin Anna Seghers. Um sie lässt sich ein Beziehungsnetz knüpfen, dessen Kohärenz und Brüchigkeit im Zeitraum zwischen 1918 und 1960 an wichtigen Stationen ihres Lebens nachgezeichnet wird: während der literarischen und politischen Sozialisation in der Weimarer Republik, im Exil in den Zentren der kommunistischen Emigration und nach der Remigration nach Deutschland, in der DDR. Ziel dieser Kollektivbiografie ist, die in der historischen Kommunismus- und Intellektuellenforschung bis heute diskutierten Fragen zu klären, warum sich Intellektuelle lebenslang dem Kommunismus verschrieben und ob bzw. wann parteigebundene Intellektuelle autonom agierten oder sich der Parteiräson unterordneten. Briefwechsel aus den Nachlässen Willi Bredels, Wieland Herzfeldes und Anna Seghers’ bilden neben Personalakten aus den Archiven von KPD und SED sowie des Staatssicherheitsdienstes der DDR die Quellengrundlage. Neu ist der Zugriff, unter dem die Quellen analysiert werden: Über die Kategorie Freundschaft wird die Bedeutung sozialer Beziehungen für Identität, politische Sozialisation und Bewältigung des Alltags kommunistischer Intellektueller ermittelt. Denn die Verfasserin interpretiert die Bindung an den Kommunismus weder als ideologische Blindheit noch als Ersatzreligion, sondern sieht darin eine Gesinnung, die die Lebenswelt ihrer Anhänger prägte und sich damit auch auf ihre sozialen Beziehungen auswirkte. Daher geht sie davon aus, dass soziale Beziehungen eine erhebliche Rolle für den Eintritt und die lebenslange Zugehörigkeit von Intellektuellen zur KPD spielten. Ihre Analyse lässt Rückschlüsse auf den persönlichen Charakter von Intellektuellen, auf ihr Verhältnis zur Partei sowie auf ihre individuellen Handlungsspielräume zu. (Autoreninformation) V.3 Books Sent In For Review The following books have reached our office, sent in by publishing houses and authors. For many of them, we have already found reviewers. Some, however, are still available for review. If you are interested to review any of the titles – or any other relevant titles – in the International Newsletter, please contact the editors first, including some information about yourself. Also feel free to contact us if you have review suggestions for books that are not listed here, or if you are an author/publisher and want the International Newsletter to review your publication. Please note that unsolicited reviews will not be published. • Augstein, Franziska: Von Treue und Verrat. Jorge Semprún und sein Jahrhundert, München, Beck, 2008. • Brie, Michael; Haug, Frigga (eds.): Zwischen Klassenstaat und Selbstbefreiung. Zum Staatsverständnis von Rosa Luxemburg, Baden-Baden, Nomos, 2011. (Staatsverständnisse. 43). • Budnitskii, Oleg: Russian Jews Between the Reds and the Whites, 1917–1920, Philadelphia, Pa., University of Pennsylvania Press, 2012. • Bürgi, Markus; König, Mario (eds.): Harry Gmür. Bürger, Kommunist, Journalist. Biographie, Reportagen, politische Kommentare, Zürich, Chronos, 2009. • Callahan, Kevin J.: Demonstration Culture. European Socialism and the Second International. 1889–1914, Leicester, Troubador, 2010. • Cattaruzza, Marina: Sozialisten an der Adria. Plurinationale Arbeiterbewegung in der Habsburgermonarchie, Berlin, Duncker & Humblot, 2011. (Schriften des Italienisch-Deutschen Historischen Instituts in Trient. 24). • Coppi, Hans; Heinz, Stefan (eds.): Der vergessene Widerstand der Arbeiter. Gewerkschafter, Kommunisten, Sozialdemokraten, Trotzkisten, Anarchisten und Zwangsarbeiter, Berlin, Dietz, 2012. • Croft, Andy: After the Party. Reflections on Life Since the CPGB, London, Lawrence & Wishart, 2012. • Czichon, Eberhard; Marohn, Heinz: Thälmann. Ein Report. I: 1886–1933. II: 1933–1944, Berlin, Heinen, 2010. • Dahmer, Helmut: Divergenzen. Holocaust, Psychoanalyse, Utopia, Münster, Westfälisches Dampfboot, 2009. • Frölich, Paul: Autobiographie. Parcours d’un militant internationaliste allemand. De la social-démocratie au Parti communiste 1890–1921, Montreuil-sous-Bois, Éditions Science Marxiste, 2012. • Fuhrer, Armin: Ernst Thälmann. Soldat des Proletariats, München, Olzog, 2011. • Genevée, Frédérick: La fin du secret. Histoire des archives du parti communiste français, Paris, Atelier, 2012. • Griesse, Malte: Communiquer, juger et agir sous Staline. La personne prise entre ses liens avec les proches et son rapport au système politico-idéologique, Frankfurt am Main e.a., Lang, 2011. • Gutjahr, Wolf-Dietrich: Revolution muss sein. Karl Radek. Die Biographie, Köln e.a., Böhlau, 2012. • Hedeler, Wladislaw: Die Ökonomik des Terrors. Zur Organisationsgeschichte des Gulag 1939 bis 1960, Hannover, Offizin, 2010. • Huber, Peter; Hug, Ralph (eds.): Die Schweizer Spanienfreiwilligen. Biografisches Handbuch, Zürich, Rotpunktverlag, 2009. • Iber, Walter M.: Die sowjetische Mineralölverwaltung in Österreich. Zur Vorgeschichte der OMV 1945–1955, Innsbruck e.a., Studien-Verlag, 2011. (Veröffentlichungen des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung. 15). • John, S. Sándor: Bolivia’s Radical Tradition. Permanent Revolution in the Andes, Tucson, University of Arizona Press, 2009. • Karner, Stefan; Stelzl-Marx, Barbara; Natalja Tomilina, Alexander Tschubarjan e.a. (eds.): Der Wiener Gipfel 1961. Kennedy – Chruschtschow, Innsbruck e.a., StudienVerlag, 2011. • Keep, John L. H.; Litvin, Alter L.: Epocha Iosifa Stalina v Rossii. Sovremennaja istoriografija, Moskva, ROSSPEN, 2009. (Istorija stalinizma). • Kemper, Dirk: Heinrich Mann und Walter Ulbricht. Das Scheitern der Volksfront. Briefwechsel und Materialien, München, Fink, 2012. • Keßler, Mario: Kommunismuskritik im westlichen Nachkriegsdeutschland. Franz Borkenau, Richard Löwenthal, Ossip Flechtheim. Berlin, Verlag für Berlin-Brandenburg, 2011. • Kramer, Hilde: Rebellin in München, Moskau und Berlin. Autobiographisches Fragment 1900–1924, Berlin, BasisDruck, 2011. (Pamphlete. 27). • Kropachev, Sergei: Von der Lüge zur Aufklärung. Verluste durch »Großen Terror« und Krieg in der sowjetischen und russischen Historiografie, Berlin, Metropol, 2011. • Law, Ian: Red Racisms. Racism in Communist and Post-Communist Contexts, Basingstoke, Palgrave Macmillan, 2012. (Mapping Global Racisms). • Middell, Matthias; Wemheuer, Felix (eds.): Hunger and Scarcity under State-Socialism, Leipzig, Leipziger Universitätsverlag, 2012. (Global History and International Studies. 3). • Oberloskamp, Eva: Fremde neue Welten. Reisen deutscher und französischer Linksintellektueller in die Sowjetunion 1917–1939, München, Oldenbourg, 2011. • Paschen, Joachim: »Wenn Hamburg brennt, brennt die Welt«. Der kommunistische Griff nach der Macht im Oktober 1923, Frankfurt am Main, Peter Lang, 2010. • Pons, Silvio; Service, Robert (eds.): A Dictionary of 20th-Century Communism, Princeton-Oxford, Princeton University Press, 2010. • Schmeitzner, Mike: Doppelt verfolgt. Das widerständige Leben des Arno Wend, Berlin, Vorwärts-Buch, 2009. • Seifert, Roger; Sibley, Tom: Revolutionary Communist at Work. A Political Biography of Bert Ramelson, London, Lawrence & Wishart, 2011. • Van der Grift, Liesbeth: Securing the Communist State. The Reconstruction of Coercive Institutions in the Soviet Zone of Germany and Romania, 1944–1948, Lanham e.a., Lexington Books, 2012. Section VIMeetings and Conferences Concerning Communist Studies 2012–2013 VI.1 Conference List9 Past Meetings and Conferences 2012 • Glasgow, UK, 5–7 January 2012: XXXVIII Conference of the Study Group on the Russian Revolution, Glasgow University. www.basees.org.uk/sgrusrev.shtml • Milwaukee, USA, 17–18 February 2012: Power & Struggle. 2012 Midwest Labor and Working-Class History (MLWCH) Graduate Student Colloquium. University of Wisconsin. gradconferenceMKE@gmail.com • London, UK, 17–18 February 2012: Trust/Distrust in the Soviet Union. University College London. http://trustconference.eventbrite.com/ • Nottingham, UK, 16–17 March 2012: PhD Colloquium »Cultural Construction in the USSR and States of the Former Soviet Bloc«. School of History at the University of Nottingham. ahxss2@nottingham.ac.uk • Amsterdam, The Netherlands, 23–25 March 2012: Quo vadis, Exile Studies? Status and perspectives. The challenge of »Globalization«. Gesellschaft für Exilforschung e.V. in co-operation with the International Institute for Social History, Amsterdam. ula@iisg.nl • Newcastle upon Tyne, UK, 30–31 March 2012: Solidarities that know no boundaries? Transnational Advocacy in Historical Perspective. ›Histories of Activism‹ Research Group, Northumbria University. AZ.TransnationalSolidarities@northumbria.ac.uk • Warsaw, Poland, 31 March – 1 April 2012: Drugi obieg wydawniczy w PRL na tle historii samizdatu w państwach bloku sowieckiego po 1956 roku [Second Circulation of Publications in the Polish People’s Republic (PRL) Compared to the History of Samizdat in the Countries of the Soviet Bloc after 1956]. Biuro Edukacji Publicznej Instytutu Pamięci Narodowej. anna.piekarska@ipn.gov.pl • Cambridge, UK, 31 March – 2 April 2012: Annual Conference of the British Association of Slavonic and East European Studies, Fitzwilliam College, Cambridge. www.basees.org.uk/conference.shtml • Glasgow, UK, 11–14 April 2012: European Social Science History Conference 2012. www.iisg.nl/esshc/ • Cambridge MA, USA, 13–14 April 2012: »How to End a Revolution?« The Annual Interdisciplinary Humanities Graduate Student Conference. Harvard University. http://isites.harvard.edu/revolution2012 • Berlin, Germany, 18–20 April 2012: Region – State – Europe. Regional Identities under Dictatorship and Democracy in East Central Europe. European Network Remembrance and Solidarity Warsaw, Federal Institute for Culture and History of Germans in Eastern Europe Oldenburg e.a. Embassy of the Slovak Republic. freitag@dgo-online.org • Moscow, Russia, 19–21 April 2012: Im Schatten des urbanen Sozialismus – Ländliches Leben und Migration in der Sowjetunion der Nachkriegsjahrzehnte. Deutsches Historisches Institut Moskau www.dhi-moskau.de/veranstaltungen/konferenzen/ • Regensburg, Germany, 19–21 April 2012: First Annual Conference. Physical Violence in Late Socialism. (Dis-)Entangling Statehood, Labor, and the Nation. Institute for East and South East European Studies (IOS). www.physicalviolence.eu/ • Toronto, Canada, 11–13 May 2012: Spaces of Capital – Spaces of Resistance. Historical Materialism Conference. York University. www.yorku.ca/hmyork/index.html • Helsinki, Finland, 18–19 May 2012: Spinoza in Soviet Thought. Aleksanteri Insitute, University of Helsinki. http://filosofia.fi/node/6101 • Santiago de Chile, Chile, 5–6 June 2012: Tercera Jornada de Historia de las Izquierdas en Chile. Seminario Internacional. 1912–2012, El Siglo de los Comunistas chilenos y las Izquierdas en la hora actual, Instituto de Estudios Avanzados, Universidad de Santiago de Chile. elsiglodeloscomunistas@gmail.com • Bahia, Brazil, 12–14 June 2012: 90 anos dos comunistas no Brasil. UFBA – FFCH (São Lázaro), Auditório Pavilhão Raul Seixas. www.ufrb.edu.br/cmpc/index.php/eventos/11-memoria-conferencia-mesas-redondas-comunicacoes • Paris, France, 14.6.2012: Communismes et Circulations transnationales. Acteurs, pratiques et institutions. Centre de recherches sociologiques et politiques de Paris-Équipe CSU; Centre d’histoire sociale du XXe siècle. • Potsdam, Germany, 14 June 2012: Unrechtstaat DDR? Sichtweisen in europäischen Nachbarländern. Rosa Luxemburg Stiftung Brandenburg, Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, Potsdam. www.rosalux.de/event/45924/unrechtsstaat-ddr.html • Jyväskylä, Finland, 14–16 June 2012: East-West Cultural Exchanges and the Cold War. University of Jyväskylä. http://culturalcoldwar.blogspot.com/ • Berlin, Germany, 15–18 June 2012: Dissens und Literatur in der Sowjetunion. Deutsch-Russisches Symposium. Heinrich-Böll-Stiftung, Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Lew-Kopelew-Forum, Gesellschaft Memorial Moskau. www.boell.de/presse/presse-deutsch-russisches-symposium-boell-kopelew-14783.html • Cambridge, UK, 29–30 June 2012: The Gulag Unbound. Remembering Soviet Forced Labour. Cambridge University. • Gijón, Spain, 4–6 July 2012: Sindicalismo en España: Del franquismo a la estabilidad democrática (1970–1994). Universidad de Oviedo, campus de la Universidad Laboral en Gijón. congresogijon@cec.ugt.org • Warsaw, Poland, 15–18 July 2012: 9th Annual Warsaw East European Conference. Centre for East European Studies, University of Warsaw. http://www.studium.uw.edu.pl/weec • Sydney, Australia, 20–21 July 2012: Historical Materialism Australasia conference. Sydney Mechanical School of Arts. http://historicalmaterialism2012.files.wordpress.com/2012/07/hm-australasia-final-program4.pdf • São Paulo, Brazil, 10–13 September 2012: The Left in Latin America: an International Symposium. University of São Paulo – FFLCH – History Department. www.esquerdaamlatina.fflch.usp.br • Cheliabinsk, Russia, 13–18 September 2012: »Rabota nad proshlym«. XX vek v pamiati I kommunikatsii poslevoennykh pokolenii Germanii i Rossii. Center for Culture-Historical Research of the South Ural State University, German Historical Institute Moscow, Moscow Dependency of the Konrad Adenauer Foundation. http://kulthist.ru/novosti_23.html • Cambridge, UK, 20–21 September 2012: Design without Frontiers. Interdisciplinarity and Collaboration in Soviet Art, Architecture and Design. Centre for Research in the Arts, Social Sciences and Humanities. www.crassh.cam.ac.uk/events/1683/ • Bonn, Germany, 21 September 2012: Max Diamant. Sozialist, Exilant, Gewerkschafter. Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung. • Manchester, UK, 21 September 2012: A Century of Anti-Communisms. Inaugural conference of PSA Communism Specialist Group, University of Manchester. http://psacommunism.wordpress.com • Odense, Denmark, 3–4 October 2012: Mass Crimes of the Bolshevik and Soviet State. University of Southern Denmark. www.diis.dk/sw122153.asp • Berlin, Germany, 12–13 October 2012: Europäische Willi-Münzenberg-Arbeitstagung. Internationalismus, transnationale Solidaritätsnetzwerke, Antifaschismus und Antistalinismus in den 1920er und 30er Jahren. Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, Universität Abo-Akademie (UAA), Finnland, Institut für Soziale Bewegungen (ISB), Ruhr-Universität Bochum, Grundstückverwertungsgesellschaft Franz-Mehring-Platz 1, Berlin. Münzenberg-Saal im Bürogebäude am Franz-Mehring-Platz 1, Berlin. Kontakt: bayerlein@zzf-pdm.de; Uwe.Sonnenberg@web.de; holger.weiss@abo.fi • Berlin, Germany, 12–13 October 2012: Die Zweite Generation. Kinder von antifaschistischen Widerstandskämpfern und Emigranten, Helle Panke e.V., Haus der Demokratie und Menschenrechte. www.helle-panke.de/topic/3.html?id=1142&context=0 • London, UK, 18 October 2012: The Cuban Missile Crisis – regional perspectives 50 years on. IDEAS Cold War Studies Programme, Transatlantic Programme and Latin American Programme. http://www2.lse.ac.uk/IDEAS/events/events/2012/The-Cuban-Missile-Crisis-regional-perspectives-50-years-.aspx • Eichstätt, Germany, 18–20 October 2012: Research on Totalitarianism - Quo vadis? Institute for Central and Eastern European Studies (ZIMOS), Catholic University Eichstätt-Ingolstadt. www.ku.de/en/forschungseinr/institute-for-central-and-eastern-european-studies/workshop-research-on-totalitarianism/ • Detroit, US, 18–20 October 2012: North American Labor History Conference. Wayne State University, http://nalhc.wayne.edu/ • Weimar, Germany, 19–20 October 2012: Kommunismusforschung und Erinnerungskulturen. 11. Internationales Symposium der Stiftung Ettersberg. .www.stiftung-ettersberg.de/html/img/pool/Programm_11._Symposium.pdf • Saint-Petersburg, Russan Federation, 19–20 October 2012: Istoriia Stalinzma. Zhizn’ v Terrore. kuvaldina@lfond.spb.ru • Wuhan, PR China, 20–22 October 2012: Lenin’s Thought in the 21st Century: Interpretation and Its Value. The Rosa Luxemburg Foundation; the School of Philosophy, Wuhan University; the Institute of Marxist Philosophy, Wuhan University; and the Institute of Western Marxist Philosophy, Wuhan University. www.internationale-rosa-luxemburg-gesellschaft.de/html/ankundigungen.html • Rio de Janeiro, Brazil, 22–26 October 2012: The Collapse of Dictatorships: Southern Europe, Latin America, Eastern Europe and South Africa – History and Memory. O colapso das ditaduras: Sul da Europa, América Latina, Leste Europeu e África do Sul – História e Memória. Universidade Nova de Lisboa, Universidade Federal do Rio de Janeiro. Paper submission: 10.5. – 10.8.2012. http://coloquiocolapsoditaduras.blogspot.com.br/ • Tallinn, Estonia, 26 October 2012: Art and Political Reality. Art Museum of Estonia. www.h-net.org/announce/show.cgi?ID=196517&keyword=socialist • Kochel am See, Germany, 26–28 October, 2012: Auf unsicherem Terrain. Briefeschreiben im Exil. Arbeitsgemeinschaft »Frauen im Exil« in der Gesellschaft für Exilforschung e.V., Georg-von-Vollmar-Akademie e.V. hansen.schaberg@t-online.de • Berlin, Germany, 31 October – 2 November 2012: Schöner Schein und Wirklichkeit. Die SED-Diktatur zwischen Repression, Anpassung und Widerstand, Bundesstiftung Aufarbeitung, www.stiftung-aufarbeitung.de/uploads/2012-pdf/2012-10-31-flyer.pdf • Erfurt, Germany, 5–6 November 2012: 60 Jahre Stasi-(U-)Haft. 3. Workshop Stasi-(U-)Haft. Thüringer Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen (Erfurt), Gedenkstätte Museum in der »Runden Ecke« (Leipzig), Gedenkstätte ROTER OCHSE Halle/Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt, Zentrum für Zeithistorische Forschung (Potsdam), Gedenkstätte Bautzen (Bautzen)/Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Gedenkstätte Bautzner Straße (Dresden) Gedenkstätte Lindenstraße 54/55 für die Opfer politischer Gewalt im 20. Jahrhundert (Potsdam), Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (Dresden). www.zzf-pdm.de/Portals/_Rainbow/images/home/2012_08_14_Programm_Dritter_Workshop_Stasi_U-Haft_Erfurt%20FINAL.pdf • São Paulo, Brazil, 5–9 November 2012: Educação Libertária: 100 anos da Escola Moderna de São Paulo. Faculdade de Educação da Universidade de São Paulo. http://coloquioeducacaolibertaria.wordpress.com/ • London, UK, 8–11 November 2012: »Weighs Like a Nightmare« – 9th Annual Historical Materialism Conference. School of Oriental and African Studies, University of London. www.historicalmaterialism.org • Bordeaux, France, 17–18 November 2012: »Que reste-t-il de l’Union soviétique dans la Russie d’aujourd’hui ?«. L’Association Française des Russisants, www.afr-russe.fr/spip.php?article26 • Jena, Germany, 4 December 2012: Political Violence in East Central and Southeastern Europe, 1945–1989. Imre Kertész Kolleg at the Friedrich Schiller University Jena. Proposal deadline: 31.8.2012. www.imre-kertesz-kolleg.uni-jena.de/index.php?id=16 • Manchester, UK, 7 December 2012: Twentieth Century Communism day conference, University of Manchester. http://socialisthistory.wordpress.com/2012/08/02/twentieth-century-communism-day-conference/ • Basel, Switzerland, 7 December 2012: Russland in Bildern. Photographiegeschichte vom Zarnreich bis zur Sowjetunion. Lehrstuhl für osteuropäische Geschichte, Universität Basel. • Paris, France, 13–14 December 2012: Visions of Socialism(s) in Eastern Europe: Visual Cultures and the Writing of History. CERI Sciences Po. • London, UK, 14 December 2012: The Philosophy of Walter Benjamin. Goldsmith’s Continental Philosphy Research Group, Goldsmith College, University of London. Abstract deadline: 30.9.2012. http://walterbenjamin2012.blogspot.co.uk/ Meetings and Conferences 2013 • Norwich, UK, 4–6 January 2013: XXXIX Conference of the BASEES/Study Group of the Russian Revolution. University of East Anglia, Norwich. www.basees.org.uk/sgrusrev.shtml • New Orleans, Louisiana, US, 4–6 January 2013: Fourth Annual North American Anarchist Studies Network Conference. www.naasn.org/ • London, UK, 28–29 January 2013: Radical Americas. Institute of the Americas, University College London. www.community-languages.org.uk/radical-americas/ • Amsterdam, The Netherlands, 22–24 February 2013: International Conference »Crisis and Mobilization since 1789«. International Scholars’ Network »History of Societies and Socialisms« (HOSAS)/H-Socialisms, International Institute of Social History. • Nottingham, UK, 25–26 March 2013: War and Culture in Russia and Eastern Europe. Russian and Slavonic Studies, University of Nottingham. • Cambridge, UK, 5–8 April 2013: BASEES / ICCEES European Congress »Europe: Crisis and Renewal«. British Association for Slavonic and East European Studies (BASEES), International Council for Central and East European Studies (ICCEES), Fitzwilliam College. www.euroiccees2013.org/ • Manchester, UK, 13 April 2013: 50 Years of EP Thompson’s »The Making of the English Working Class«. A Day Conference. People’s History Museum, Working Class Movement Library. www.phm.org.uk/whatson/the-making-of-the-english-working-class/ • Princeton, NJ, USA, 19–20 April 2013: Assessing the Impact of World War II on Eastern Europe and the Soviet Union, Princeton University. Deadline: 15.01.2013. http://impactofwarconference.wordpress.com/ • Washington D.C., USA, 25–27 April 2013: 2013 International Graduate Student Conference on the Cold War. The George Washington University Cold War Group (GWCW), The Center for Cold War Studies (CCWS) of the University of California at Santa Barbara, the LSE IDEAS Cold War Studies Programme of the London School of Economics and Political Science (CWSP). www.gwu.edu/~ieresgwu/assets/docs/2013CFP.pdf • Dijon, France, 15–18 May 2013: II International Conference »Strikes and Social Conflicts«. International Association Strikes and Social Conflicts, Maison des Sciences de L’Homme. Jean-marc.bourgeon@u-bourgogne.fr • St. Petersburg, Russia, 30–31 May 2013: Russian Statehood: The Authorities and Society during the Twentieth Century. History Faculty of the St. Petersburg State University. http://iassc-mshdijon.in2p3.fr/spip.php?article16&lang=fr • Victoria, Canada, 5–8 June 2013: Congress of the Humanities and Social Sciences. Society for Socialist Studies. www.socialiststudies.ca. Submission of abstracts for paper proposals: January 30, 2013. • Paris, France, 12–14 June 2013: From one revolution to another: Revolutionary circulations, 18th–21st centuries. Paris-Est Marne-la-Vallée University. • Chemnitz, Germany, 13 June 2013: Der 17. Juni 1953 in Sachsen. Ursachen, Ereignis, Wirkung und Rezeption, BStU-Außenstellen Chemnitz, Dresden und Leipzig; Sächsische Landeszentrale für politische Bildung; Technische Universität Chemnitz, Professur für politische Systeme, politische Institutionen, Contact: Clemens.Heitmann@bstu.bund.de and thomas.schubert@phil.tu-chemnitz.de • Linz, Austria. 12–15 September 2013: 49th Linz Conference. Towards a Global History of Domestic Workers and Caregivers. International Conference of Labour and Social History (ITH). www.ith.or.at • Massachusetts, US, 19–22 September 2013: The Eigth International Conference: Rethinking Marxism 2013: Surplus, Solidarity, Sufficiency, www.rethinkingmarxism.org/sss, deadline for proposal submission: July 1, 2013 • Boston, US, 21–24 November 2013: 45th Annual Convention of the Association for Slavic, East European, and Eurasian Studies (ASEEES). Convention Theme: »Revolution«. Boston Marriott Copley Place. www.aseees.org/convention.html VI.2 Conference Reports and Announcements 9th Historical Materialism Conference, 8–11 November 2012, London The following papers relevant to the history of communism have been presented at the Historical Materialism Conference 2012 in London: • Andre Mommen: Eugen Varga and the Hungarian Councils‘ Republic of 1919 • Paul Kellogg: Lost in Translation: explaining the tragedy of Germany’s 1921 ›March Action‹ • Florian Wilde: The origins of united front strategy: The KPD 1921/22 • Miguel Cardina: Portuguese Maoism in the »long Sixties« • Dhruv Jain: Charu Mazumdar and Contested Legacies: Indian Maoisms from 1971–1984 • Jukka Gronow: The two Marxist »orthodoxies«: Comparing Kautsky’s Marxism with Marxism-Leninism • Ben Lewis: ›Baron‹, ›Ede‹ and the politics of correspondence • John Rose: In the shadow of October, Lenin’s ›Left Wing‹ Communism, its misunderstood significance, then & now • Rebecca E. Karl: Chinese feminist encounters with Anarchism and Marxism at the turn of the twentieth-century: He-Yin Zhen and her theories of female labor • Lin Chun: Socialist Feminism in the Maoist Period • Kevin Morgan: Germany and the absent revolution 1848–1948: British Marxist Historians and the Irrweg • Gleb J. Albert: ›World Revolution is a Lovely Thing‹: Internationalism and Rank and File Communists in Early Soviet Russia • Ian Birchall: Le sou du soldat, 1900–1914 • Dan La Botz: The Mexican Revolution and the American Left: 1910–1928 • Donny Gluckstein: A People’s History of the Second World War: Resistance versus Empire • Craig Brandist: Metamorphoses of Hegemony Each Side of the Russian Revolution • Lori Turner: On ›Homogeneous, Empty Time‹: Walter Benjamin’s Polemic Against German Social Democracy’s False Historical Premises • Mark A. Lause: The Red and the Black: The Diverse Roots of the First International in the US • Jacob Zumoff: The Communist International, the Communist Party, and the Fight for Black Liberation in the United States during the 1920s • Todd Chretien: Anti-Racism, Anti-Colonialism and U.S. Communism in the 1920s • Pierre Rousset: Revolutionary Politics and Solidarities in the Phillipines: From the Central Mindanao Region of the CPP to the Revolutionary Workers Party – Mindanao (RPM-M) • Maurice Andreu: What was Bolshevism? The Case of Bukharin • John Marot: Stopping Stalin • Philippe Bourrinet: Council Communism • Todd Gordon: The Overthrow of a Moderate and the Birth of a New Resistance: The Coup Against Manuel Zelaya and the History of Imperialism and Popular Struggle in Honduras • Ricardo Pagliuso Regatieri: State Capitalism, Monopoly Economy, Civilizational Critique: The Institute of Social Research in Exile in the United States in the 1940s • Luca Basso: History and Revolution in 1848: From the Manifesto to the 18th Brumaire • Martyn Hudson: Trotsky, the 18th Brumaire, and the Thermidorian reaction • Lev Centrih: The Historical Significance of the Partisan Solidarity: The Case of National Liberation Committees in Slovenia, 1943‒1945 • Jan Mervart: Robert Kalivoda’s Philosophy of History. Czech Marxism and the Avant Garde • Bill Bowring: Spinoza in Soviet Philosophy: What if Evald Ilyenkov had known Marx’s Notes on Spinoza? • Catherine Samary: 1968 : the »concrete utopia« of an organic self management socialist system in Yugoslavia and Czechoslovakia • Sjaak van der Velden: The Dutch union movement and the Social pact (1950–2011) • Rianne Subijanto: A Communication History of Indonesian Communism: On Method • Sai Englert: »Grains of Sand in a Bloc of Granite?«: the Contradictions of the Jewish Labour Bund • Daria Dyakonova: Canadian communists and the USSR : interaction or domination? • George Paizis: Victor Serge, Memoirs of a Revolutionary • Wictor Marzec: The Peripheral Political and Lateral Marxism – the case of Kazimierz Kelles-Krauz Section VIIThe International Bibliography of Communist Studies. Issue 2012. BOOKS AND JOURNAL ARTICLES ON COMMUNISM The International Bibliography of 2012 will be presented in The International Newsletter of Communist Studies Online (2013). Section VIIIPeriodicals/Serials on Communist Studies VIII.1 Directory of Periodicals on Communist Studies and Connected Areas Conventional and Online Journals, Newsletters and Bulletins This directory lists periodical publications from all over the world relevant for studies on Communism in a broad sense. It aims to provide access to these sometimes disperse and ephemere sources of contemporary history including all periods, regions and fields of speciality. Suggestions for amending and updating this directory are always welcome. For further investigation, it is recommended to visit the IALHI Serials Service (http://serials.labourhistory.net), which covers diverse serials in the field of labour history and Communist studies and offers a Labour History Serials Alerting Service (http://serials.labourhistory.net/alerting_services.asp). Ressource Title and URLCountryCategoryA Contracorriente.www.ncsu.edu/acontracorriente/USAJournalA nemzetközi munkásmozgalom történetéböl.HungaryJournalAb Imperio. Studies of New Imperial History and Nationalism in the Post-Soviet Space.www.abimperio.net/Russia/USAJournalActa Slavica Iaponica.http://src-home.slav.hokudai.ac.jp/publictn/acta/a-index-e.htmlJapanJournalActuel Marx.http://actuelmarx.u-paris10.fr/FranceJournalAden. Paul Nizan et les années trente.www.paul-nizan.fr/FranceJournalAlfred Klahr Gesellschaft Mitteilungen.www.klahrgesellschaft.atAustriaNewsletterAmerican Communist History.www.tandf.co.uk/journals/titles/14743892.htmlUSAJournalAnarchist Studies.www.lwbooks.co.uk/journals/anarchiststudies/current.htmlUKJournalAnnali Fondazione Giangiacomo Feltrinelli.www.fondazionefeltrinelli.it/en/publications/annali-annalsItalyJournalAnthropology of East Europe Review.http://scholarworks.iu.edu/journals/index.php/aeer/USAJournalArbeiderhistorie. årbok for Arbeiderbevegelsens Arkiv og Bibliotek.www.arbark.no/Arbeiderhistorie.htmNorwayJournalArbeiterbewegung und Sozialgeschichte.www.sozialgeschichte-bremen.de/GermanyJournalArbejderhistorie. Tidsskrift for historie, kultur og politik.www.sfah.dk/default.aspx?pageid=14DenmarkJournalArbejdermuseet Årbog.www.arbejdermuseet.dkDenmarkJournalArbetarhistoria. Meddelande från Arbetarrörelsens Arkiv och Bibliotek.www.arbetarhistoria.se/SwedenJournalArchiotaxio.www.askiweb.eu/index.php?lang=enGreeceJournalArchiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit.Kontakt: wobarchiv@gmx.deGermanyJournalArchiv für Sozialgeschichte.www.fes.de/afs-online/GermanyJournalArchivar. Zeitschrift für Archivwesen.www.archive.nrw.de/archivar/GermanyE-JournalArchivos de historia del movimiento obrero y la izquierda.www.archivosrevista.com.ar/ArgentinaJournalAriadne. Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte.www.addf-kassel.de/publikationen/ariadne.htmlGermanyJournalArkiv för studier i arbetarrörelsens historia.www.arkiv.nuSwedenJournalAspasia. The International Yearbook of Central, Eastern, and Southeastern European Women‘s and Gender History.http://journals.berghahnbooks.com/asp/HungaryJournalAufarbeitung Aktuell, Newsletter der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.www.bundesstiftung-aufarbeitung.deGermanyE-NewsletterBeiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung [ceased publication].www.trafoberlin.de/geschichte-der-arbeiterbewegung/GermanyJournalBeiträge zur Marx-Engels-Forschung.www.marxforschung.deGermanyJournalBelgisch Tijdschrift voor Nieuwste Geschiedenis.www.flwi.ugent.be/btng-rbhc/en/BelgiumJournalBerlin-Brandenburger Forum Osteuropa. Rundbrief.www.gesis.org/Kooperation/Information/Osteuropa/newslist.htm#bbGermanyE-NewsletterBibliotheksbrief. Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv.www.bundesarchiv.de/GermanyE-NewsletterBlätter für deutsche und internationale Politik.www.blaetter.de/GermanyJournalBohemia. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der böhmischen Länder.www.oldenbourg-wissenschaftsverlag.de/olb/de/1.c.335309.deGermanyJournalBoletín Electrónico. Centro de Documentación e Investigación de la Cultura de Izquierdas en Argentina.www.cedinci.org/ArgentinaE-NewsletterBollettino dell’Archivio per la storia del movimento sociale cattolico in Italia.www.vponline.it/riviste/000072/ItalyJournalBrood & Rozen. Tijdschrift voor de Geschiedenis van Sociale Bewegingen.www.broodenrozen.be/BelgiumJournalBulletin des Deutschen Historischen Instituts Moskau.www.dhi-moskau.deRussiaJournalBulletin du CEGES / SOMA Berichtenblad.www.cegesoma.beBelgiumE-NewsletterBulletin du Centre d’Histoire et de Sociologie des Gauches.www.ulb.ac.be/is/chsg/BelgiumNewsletterBulletin für Faschismus- und Weltkriegsforschung.www.edition-organon.de/bulletin_fuer_faschismusforschung.htmGermanyJournalBulletin de l’Association Etudes Jean-Richard Bloch.www.etudes-jean-richard-bloch.org/FranceJournalCahiers Charles Fourier.www.charlesfourier.fr/FranceJournalLes Cahiers d’ADIAMOS.www.codhos.asso.fr/dossiers/dossiers.php?id_dossier=2FranceJournalCahiers d’histoire. Revue d’histoire critique.http://chrhc.revues.org/FranceJournalCahiers d’histoire du mouvement ouvrier.www.aehmo.org/cahiersdhistoireSwitzerlandJournalCahiers d’Histoire du Temps présent. Bijdragen tot de Eigentijdse Geschiedenis.www.cegesoma.beBelgiumJournalLes Cahiers du C.E.R.M.T.R.I.www.trotsky.com.fr/FranceJournalCahiers du monde russe.http://monderusse.revues.orgFranceJournalCahiers du mouvement ouvrier.www.trotsky.com.fr/FranceJournalCahiers Jaurès.www.cahiers.jaures.infoFranceJournalCahiers Léon Trotsky [ceased publication].Kontakt: l.aujame@chello.frFranceJournalCahiers Marxistes.www.ulb.ac.be/socio/cmarx/BelgiumJournalCahiers Simone WeilFranceJournalCaietele Echinox.www.phantasma.roRomaniaJournalCanadian Slavonic Papers.www.ualberta.ca/~csp/CanadaJournalThe Carl Beck Papers in Russian and East European Studies.http://carlbeckpapers.pitt.eduUSAWorking PapersČasopis za suvremenu povijest.www.isp.hr/CroatiaJournalCentral Asian Survey.www.tandf.co.uk/journals/carfax/02634937.htmlUKJournalCentral Europe.http://maney.co.uk/index.php/journals/ceu/UKJournalCentral European History.http://journals.cambridge.org/action/displayJournal?jid=CCCUKJournalThe China Quarterly.www.journals.cambridge.org/jid_CQYUKJournalCold War History.www.tandf.co.uk/journals/fcwhUK/USAJournalCold War International History Project Electronic Bulletin.www.wilsoncenter.orgUSAE-JournalCold War International History Project Working Papers.www.wilsoncenter.orgUSAJournalCommunisme.FranceJournalCommunist and Post-communist Studies.www.elsevier.com/locate/postcomstudUSAJournalCommunist History Network Newsletter [ceased publication].www.socialsciences.manchester.ac.uk/chnn/UKE-NewsletterComparativ. Zeitschrift für Globalgeschichte und vergleichende Gesellschaftsforschung.www.comparativ.net/GermanyJournalComparative Studies in Society and History.http://journals.cambridge.org/jid_CSSUKJournalContemporanea.www.mulino.it/edizioni/riviste/scheda_rivista.php?issn=1127-3070ItalyJournalContemporary British History.www.tandf.co.uk/journals/journal.asp?issn=1361-9462USAJournalContemporary European History.http://journals.cambridge.org/action/displayJournal?jid=CEHUKJournalCritica marxista. Analisi e contribuzioni per ripensare la sinistra.www.criticamarxista.net/ItalyJournalCrítica Marxista.www.unicamp.br/cemarx/criticamarxista/BrazilJournalCritique. Journal of Socialist Theory.www.critiquejournal.net/UKJournalCritique Sociale.www.critique-sociale.info/FranceJournalCuadernos de historia contemporánea.http://dialnet.unirioja.es/servlet/revista?codigo=1526SpainJournalDebatte. Journal of Contemporary Central and Eastern Europe.www.tandf.co.uk/journals/carfax/0965156x.htmlUKJournalDeutschland Archiv. Zeitschrift für das vereinigte Deutschland.www.wbv.de/deutschlandarchiv/GermanyJournalDie Aktion. Zeitschrift für Politik, Literatur, Kunst.www.edition-nautilus.de/news/news.htmlGermanyJournalDissidences [former Bulletin de liaison des études sur les mouvements révolutionnaires].www.dissidences.netFranceJournalDivinatio.http://mshs-sofia.comBulgariaJournalDzieje Najnowsze.www.dig.com.pl/index.php?s=wyniki&rodz=9&id=5PolandJournalEast European Jewish Affairs.www.tandf.co.uk/journals/titles/13501674.aspUKJournalEast European Politics & Societies.http://eep.sagepub.comUSAJournalEast European Quarterly [ceased publication].Kontakt: eepublications@msn.comUSAJournalEbre 38. Revista internacional de la Guerra Civil, 1936–1939.www.raco.cat/index.php/ebreSpainJournalEm Debate.www.incubadora.ufsc.br/index.php/emdebateBrazilJournalEstudos sobre o Comunismo [ceased publication].http://estudossobrecomunismo2.wordpress.com/PortugalE-NewsletterEurope Asia Studies.www.tandf.co.uk/journals/carfax/09668136.htmlUKJournalEuropean History Quarterly.http://ehq.sagepub.comUKJournalEuropean Review of History / Revue Européenne d‘Histoire.www.tandf.co.uk/journals/titles/13507486.htmlUK/FranceJournalExilforschung. Ein Internationales Jahrbuch.www.exilforschung.de/GermanyJournalExilios y migraciones ibéricas en el siglo XX. Éxils et migrations ibériques au XXe siècle.SpainJournalEXIT! Krise und Kritik der Warengesellschaft.www.exit-online.orgGermanyJournalFilm History.http://muse.jhu.edu/journals/film_history/USAJournalFilmblatt.www.filmblatt.deGermanyJournalForschungen zur baltischen Geschichte.www.balt-hiko.de/publikationen/forschungen-zur-baltischen-geschichte/EstoniaJournalForum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte.http://www1.ku-eichstaett.de/ZIMOS/forum/index.htmGermanyJournalGeorgian Archival Bulletin.http://archive.security.gov.ge/en/GeorgiaNewsletterGerman Studies Review.www.people.carleton.edu/~dprowe/GSR.index.htmlUSAJournalGeschichte und Gesellschaft.www.v-r.de/de/magazine-1-1/geschichte_und_gesellschaft-500007/GermanyJournalGlobKult.www.globkult.deGermanyE-JournalGodišnjak za društvenu istoriju.www.udi.rs/annual.aspSerbiaJournalGrundrisse. 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Lietuvos aukštųjų mokyklų mokslo darbai.www.istorijoszurnalas.lt/LithuaniaJournalIstorija 20. vekaSerbiaJournalIstorika.GreeceJournalIzquierdas.www.izquierdas.clChileE-JournalIzvestija vysšych učebnych zavedenij. 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Anuário de investigación del Centro de Documentación e Investigación de la Cultura de Izquierdas en Argentina.www.cedinci.org/ArgentinaJournalPolitics, Religion & Ideology [formerly: Totalitarian Movements and Political Religions].www.tandfonline.com/action/aboutThisJournal?journalCode=ftmp21UKJournalPost-Soviet Affairs.www.bellpub.com/psa/USAJournalPotsdamer Bulletin für Zeithistorische Studien [ceased publication].www.zzf-pdm.de/site/332/default.aspxGermanyJournalProblemy Dal’nego Vostoka.www.ifes-ras.ru/publications/pdvRussiaJournalPROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft.www.prokla.de/GermanyJournalPrzegląd Historyczny.www.dig.com.pl/index.php?s=wyniki&rodz=9&id=15PolandJournalQuaderno di storia contemporanea. 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Entre Histoire et Mémoire.http://auschwitz.be/index.php?option=com_content&view=article&id=61&Itemid=402BelgiumJournalTempos Históricos.http://e-revista.unioeste.br/index.php/temposhistoricos/indexBrazilJournalTerritoires contemporains. Bulletin de l’ICH Dijon.FranceNewsletterThesis Eleven. Critical Theory and Historical Sociology.http://the.sagepub.com/AustraliaJournalTijdschrift voor Sociale en Economische Geschiedenis.www.tseg.nl/BelgiumJournalTokovi Istorije.www.inisbgd.co.rs/celo/publikacije.htmSerbiaJournalTotalitarismus und Demokratie / Totalitarianism and Democracy.www.hait.tu-dresden.de/tdGermanyJournalTransit. 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Serija 2: Istorijahttp://history.spbu.ru/index.php?chpu=rus/9/21/24RussiaJournalVestnik Tomskogo gosudarstvennogo universiteta. Istorija.http://vestnik.tsu.ru/history/RussiaJournalVierteljahrshefte für Zeitgeschichte.www.vierteljahrshefte.deGermanyJournalVingtième siècle. Revue d’histoire.www.pressesdesciencespo.fr/revues/vingtimesiclerevuedhist/FranceJournalVlaams Marxistisch Tijdschrift.www.imavo.be/vmt/index.htmlBelgiumJournalVoenno-istoričeskij žurnal.http://history.milportal.ru/RussiaJournalVoprosy istorii.RussiaJournalvorgänge. Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik.http://vorgaenge.humanistische-union.de/GermanyJournalWiderspruch. Beiträge zu sozialistischer Politik.www.widerspruch.ch/SwitzerlandJournalWorkingUSA. The Journal of Labor & Society.http://onlinelibrary.wiley.com/journal/10.1111/%28ISSN%291743-4580USAJournalZ. Zeitschrift Marxistische Erneuerung.www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/GermanyJournalZeithistorische Forschungen.www.zeithistorische-forschungen.deGermanyJournal/E-JournalZeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat.www.cms.fu-berlin.de/v/fsed/zdf/index.htmlGermanyJournalZeitschrift für Geschichtswissenschaft.www.metropol-verlag.de/pp/zfg/zfg.htmGermanyJournalZeitschrift für Ideengeschichte.www.z-i-g.de/GermanyJournalZeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.www.herder-institut.de/startseite/verlagsprogramm/zfo.htmlGermanyJournalZeitschrift für Slavistik.http://tu-dresden.de/die_tu_dresden/fakultaeten/fakultaet_sprach_literatur_und_kulturwissenschaften/slavistik/zfsl_ordnerGermanyJournalZeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft.www.spw.de/GermanyJournalZentrum für Zeithistorische Forschung Newsletter.www.zzf-pdm.de/site/650/default.aspxGermanyE-NewsletterŽurnal issledovanij social’noj politiki.www.jsps.ru/RussiaJournal VIII.2 ANNOUNCEMENTS AND CALLS FOR PAPERS Announcement – New Journal: » Workers of the World – International Journal of Strikes and Social Conflict Workers of the World – International Journal of Strikes and Social Conflict www.workeroftheworldjournal.net/ is a peer-reviewed academic journal in the English language, for which manuscripts may be submitted in Spanish, French, English, Italian and Portuguese. Workers of the World publishes original articles, interviews and book reviews in the field of labour history and social conflicts in an interdisciplinary, global, long term historical and non Eurocentric perspective. It publishes articles about crisis, working classes, internationalism, unions, organization, peasants, women, memory, propaganda and media, methodology, theory, protest, strikes, slavery, comparative studies, statistics, revolutions, cultures of resistance, race, among other subjects. The journal is an important step to consolidate the initiative, decided on at the Lisbon Labour Conference in March 2011, of creating an international association of researchers and institutions involved in the study of this subject. Despite numerous attempts to theoretically declare the end of social classes, strikes, and social movements, the inherent social contradictions in society and workers’ own actions constitute imposing evidence to the contrary. Industrial conflicts repeatedly have intersected with other social conflicts and ethnic, gender and generational issues complexity and renew interest in collective action, bringing in new theoretical and analytical challenges to researchers. The editors of the journal are: Alvaro Bianchi – Arquivo Edgard Leuenroth, UNICAMP (Brazil), Andreia Galvão – Arquivo Edgard Leuenroth, UNICAMP (Brazil), agalvao@unicamp.br, Marcel van der Linden – International Institute of Social History, Amsterdam, (The Netherlands), Raquel Varela – Instituto de História Contemporânea, Universidade Nova de Lisboa (Portugal), Serge Wolikow – Maison des Sciences de l’Homme, Université de Bourgogne, Dijon, (France), Sjaak van der Velden – Independent researcher, Rotterdam, (The Netherlands), Xavier Domènech Sampere – Centre d’Estudis sobre les Èpoques Franquista i Democràtica, Universitat Autònoma de Barcelona (Spain). Announcement – New Journal: » Archivos de historia del movimiento obrero y la izquierda, año 1, n° 1 Buenos Aires, septiembre de 2012. Director: Dr. Hernán Camarero El movimiento obrero y la izquierda, en la Argentina y en el mundo, tienen una historia extensa y variada. El proceso de su conformación y desarrollo hunde sus raíces más de un siglo y medio atrás. El análisis de sus recorridos permite la comprensión de una expresión significativa de la sociedad contemporánea, en donde se entrelazan múltiples planos de la experiencia humana colectiva. Por la vastedad y complejidad que presentan como objeto de estudio, incluso en el nivel mismo de su definición, la tarea de investigarlos implica un reto. Archivos de historia del movimiento obrero y la izquierda se propone asumir este desafío. Lo hace desde la propuesta de una publicación científica de historia social, política, cultural e intelectual, de carácter interdisciplinario, cuyo radio de interés posee límites conceptuales, temporales y espaciales amplios. En cada número Archivos ofrecerá uno o dos dossiers sobre cuestiones significativas de la historia del movimiento obrero y la izquierda del país y/o del exterior. El objetivo es lograr una reflexión plural y a la vez integrada, a partir de diversas contribuciones referidas a un mismo problema histórico o debate teórico-historiográfico. En este primer número, el »Dossier«, titulado »Movimiento obrero e izquierda en la Argentina (1880–1950)«, está conformado por cinco textos que comparten una misma finalidad: proporcionar una visión específica y actualizada en torno al tema, sostenida en una crítica historiográfica y originales hipótesis, fruto de investigaciones propias. Bajo el título de »Perfiles« buscamos realizar una recuperación crítica de autores/as que, en el exterior y/o en el país, constituyen un punto de referencia en el despliegue de una historia social, política, teórica y cultural orientada a la comprensión del pasado y el presente del movimiento obrero y la izquierda. Por otra parte, dos textos de Karl Marx de 1850 (traducidos de los originales en alemán y francés), en donde éste inicia el uso de los conceptos »dictadura del proletariado« y »revolución en permanencia«, son los que inauguran la sección »Documentos«, en la que procuramos rescatar, contextualizar y reflexionar acerca de algunas fuentes o testimonios que nos parecen relevantes de la historia del socialismo y los trabajadores. Finalmente, en »Crítica de libros« sometemos a un análisis, que va más allá de una mera y rutinaria reseña, a volúmenes recientemente aparecidos que aluden a la materia, tanto en su esfera nacional como internacional. Archivos de historia del movimiento obrero y la izquierda no aparece en respuesta a necesidades coyunturales. Anuncia sus pretensiones de recorrer un camino largo, aunque no pueden desestimarse las características del clima que la circunda: la crisis capitalista mundial y la potencial reconstrucción de la clase obrera como sujeto y alternativa histórica. Section IXInternet Resources. Websites Relevant for Communist Studies Online Newsletters, Discussion Groups and Blogs. TitleURLAlfred Klahr Gesellschaft Mitteilungen, Vienna, Austria.www.klahrgesellschaft.atAnarchists in the Gulag.http://gulaganarchists.wordpress.com/Aufarbeitung Aktuell, Newsletter der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.www.bundessstiftung-aufarbeitung.de/newsletter-aufarbeitung-aktuell-1171.htmlBoletín Electrónico. Centro de Documentación e Investigación de la Cultura de Izquierdas en Argentina, Buenos Aires, Argentina.www.cedinci.org/Estudos sobre o Comunismo, Portugal [not updated anymore].http://estudossobrecomunismo2.wordpress.com/H-Net Discussion Network: H-HOAC. History of American American Communism.www.h-net.org/~hoac/H-Net Discussion Network: H-Labor.www.h-net.org/~labor/H-Net Discussion Network: H-Russia.www.h-net.org/~russia/H-Net Discussion Network: H-Socialisms.www.h-net.org/~socialisms/Historical Brochures of the Political Left, Bielefeld, Germany.http://brochures.blogsport.eu/International Council for Central and East European Studies (ICCEES) Newsletter, Münster, Germany.www.iccees.org/newsletter.htmlThe International Newsletter of Communist Studies Online, Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam, Germany.http://newsletter.icsap.euJohn Riddell, Toronto, Canada. Marxist Essays and Commentary.http://johnriddell.wordpress.com/Labnet List. Labour Movement.www.iisg.nl/labnet/LAWCHA. 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Yale University Press.Contains online document publications.www.yale.edu/annals/Archive.orgFeatures immense amounts of digitised Communist brochures.www.archive.orgAssociation Atelier André Breton, Archigny, France.www.andrebreton.frArbeiteraufstand des 17. Juni 1953 in der DDR.Enthält Tageschroniken, Karten, Materialien, ein Forum, Veranstaltungen, Dokumentationen (Videoclips u. a.) sowie einen Newsletter.www.17juni53.deArcheoBiblioBase: Archives in Russia, IISG, Amsterdam.English-language repository of central and local archives, libraries and museums in Russia, maintained by Patricia Grimsted. 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Rezensionsplattform für die europäische Geschichtswissenschaft, Bayerische Staatsbibliothek, München, Germany.www.recensio.netRossijskie socialisty i anarchisty posle Oktjabrja 1917 goda, Memorial, Moscow, Russia.http://socialist.memo.ru/Russian and East European Network Information Center, University of Texas, Austin, US.http://reenic.utexas.edu/Seventeen Moments in Soviet History, James von Geldern & Lewis Siegelbaum, St. Paul, US.An on-line archive of primary source materials on Soviet history, including video and audio.www.soviethistory.org/Soviet Jewish Culture. 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An international gateway to information for archivists and archives users.http://portal.unesco.org/ci/en/ev.php-URL_ID=5761&URL_DO=DO_TOPIC&URL_SECTION=201.htmlUngarn 1956 – Geschichte und Erinnerung, Berlin, Germany.www.ungarn1956.deVerzeichnis der Mikroformen zur Geschichte in der Bayerischen Staatsbibliothek, Freddy Litten, Munich, Germany.www.bsb-muenchen.de/mikro/litten.htmVirtual Gulag Museum.Multilanguage resource on all museums and collections featuring Gulag history, including photos of exhibits.http://gulagmuseum.orgVirtual Library Labor History, IISG, Amsterdam, The Netherlands.http://socialhistory.org/en/collections/libraryVirtuelle Fachbibliothek Osteuropa, Bayerische Staatsbiliothek, Munich, Germany.www.vifaost.de/Vospominaniia o Gulage, Sakharov Center, Moscow, Russian Federation.Digitised memoirs of GULag survivors.www.sakharov-center.ru/asfcd/auth/Yale Russian Archive Project, Yale University, US.www.yale.edu/rusarch/archive.htmlZeitgeschichte-online, Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam, Staatsbibliothek zu Berlin, Germany.www.zeitgeschichte-online.de/Žurnal’nyj zal.Online archive of Russian humanities periodicals.http://magazines.russ.ru Section XCommunism in Culture, Art and Media Some Exhibitions on the History of Communism, 2012. • Madrid, Spain, 24 November 2011 – 26 February 2012: El Socialista 1886–2011. Prensa y compromiso político. Fundación Pablo Iglesias, Museo de História. • Berlin, Germany, from 27 February 2012 onwards: Vom Verschwinden des Willi Münzenberg. Erste Fundstücke einer Freilegung, Münzenbergsaal, Franz-Mehring-Platz 1. • Berlin, Germany, 5 April – 9 July 2012: Baumeister der Revolution. Sowjetische Kunst und Architektur 1915–1935. Martin-Gropius-Bau. www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/gropiusbau/programm_mgb/veranstaltungsdetail_mgb_ausstellungen_28822.php • Neuhardenberg, Germany, 1 May – 24 June 2012: Gulag. Spuren und Zeugnisse 1929–1956. Gesellschaft »Memorial« Moskau, Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Stiftung Schloss Neuhardenberg. www.ausstellung-gulag.org • Budapest, Hungary, 31 May – 29 July 2012: Kádár 100 – In His Own Words. Galeria Centralis, OSA Archivum. http://osaarchivum.org • Basel, Switzerland, 6 June – 14 October 2012: »Tatlin – New Art for a New World«. Museum Tinguely. www.tinguely.ch/en/ausstellungen_events/austellungen/2012/Tatlin.html152066 • Lisbon, Portugal, 28 June – 29 September 2012: Jorge Amado em Portugal. Biblioteca Nacional de Portugal. www.bnportugal.pt/index.php?option=com_content&view=article&id=716%3Aexposicao-jorge-amado-em-portugal-28-jun-29-set • Weimar, Germany, 20 August – 21 October 2012: Gulag. Spuren und Zeugnisse 1929–1956. Gesellschaft »Memorial« Moskau, Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Schiller-Museum Weimar. www.ausstellung-gulag.org • Berlin, Germany, 7 June – 25 November 2012: Fokus DDR. Aus den Sammlungen des Deutschen Historischen Museums. Deutsches Historisches Museum. www.dhm.de/ausstellungen/fokus-ddr/ • Mons, Belgium, 27 October – 01 December 2012: Regards militants sur le XXe siècle. Affiches communistes en Belgique. Centre d’Histoire et de Sociologie des Gauches de l’ULB et du CARCOB, IHOES, le Mundaneum. http://expositions.mundaneum.org/fr/expositions/regards-militants-sur-le-xxe-siecle-affiches-communistes-en-belgique » Berlin: Ausstellung und Tagung über Willi Münzenberg Eine Ausstellung über Willi Münzenberg (1889–1940) entsteht gegenwärtig im Bürogebäude am Franz-Mehring-Platz 1, unterstützt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. In zehn Etappen sollen bis Oktober 2012 Spuren vom Leben, Wirken und »Verschwinden« des einstigen KPD-Reichstagsabgeordneten, Verlegers und Leiters der Internationalen Arbeiterhilfe freigelegt werden. Weitere Informationen zur Ausstellung finden sich unter www.rosalux.de/news/38274/medien-fuer-die-massen.html. Darüber hinaus fand am 12. und 13. Oktober ebendort ein europäischer Workshop statt, bei dem Historikerinnen und Historiker, Literatur- und Sozialwissenschaftler in sechs Panels über Antifaschismus, Stalinismus, transnationale Solidaritätsbewegungen, Mediengeschichte und die Rolle Münzenbergs debattierten. Die Arbeitstagung wurde unter anderem vom Institut für soziale Bewegungen (Bochum), der Åbo Akademi (Finnland) und dem Zentrum für Zeithistorische Forschung (Potsdam) unterstützt. Kontakt kann unter bayerlein@zzf-pdm.de und uwe.sonnenberg@web.de aufgenommen werden. Für einen Tagungsbericht, siehe http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4469. » Tatlin-Ausstellungen in Moskau und Basel Vladimir Tatlin (1885–1953), Maler, Designer, Bühnenbildner und Architekt, war eine Schlüsselfigur der frühsowjetischen Avantgarde. Wohl am bekanntesten ist Tatlins »Entwurf für ein Denkmal der 3. Internationale«, ein nie erbauter 400-Meter-Turm, der zugleich Monument und Hauptquartier der Komintern werden sollte. Doch hat der Avantgarde-Künstler, der die Stalin-Zeit als Buchgestalter überleben konnte, ein viel breiteres Oeuvre hinterlassen. Um zum 125. Geburtstag Tatlins das Erbe des Künstlers angemessen zu repräsentieren, fanden 2011–2012 gleich zwei Ausstellungen statt. Vom 5.10.2011 bis zum 26.2.2012 lief in der Moskauer Tretjakov-Galerie unter maßgeblicher Mitwirkung des Staatlichen Literatur- und Kunstarchivs (RGALI) die Ausstellung »Tatlin – Beskonečnaja čaša velikogo« (»Tatlin – der unendliche Kelch des Großen«), die auch Rekonstrutionen vieler verschollener von ihm entworfener Theaterkostüme beinhaltete. Einige Monate später würdigte das Museum Tinguely in Basel den Künstler vom 6.6. bis 14.10.2012 mit der Ausstellung »Tatlin – New Art for a New World«. Informationen zu den Ausstellungen: – www.tretyakovgallery.ru/ru/calendar/exhibitions/exhibitions2334/ – www.rgali.ru/object/235227308?lc=ru – www.tinguely.ch/en/ausstellungen_events/austellungen/2012/Tatlin.html152066 » Die Tochter des Generals: Verschollener Roman von Arkadij Maslow veröffentlicht Der brilliante Publizist, linke Dissident und ehemalige KPD-Führer Arkadij Maslow (1891–1941) verfasste zahlreiche publizistische Texte, jedoch nur ein literarisches Werk, das zudem lange Zeit als verschollen galt: 1935, im Pariser Exil, schrieb er den Roman »Die Tochter des Generals«. Vor dem Vordergrund eines realen Spionagefalls der frühen NS-Zeit (eine Generalstochter, die als polnische Spionin vor Gericht gestellt wird) zeichnet Maslow ein lebhaftes Bild der deutschen Gesellschaft kurz vor und unmittelbar nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten. Der Autor wollte nach eigenem Bekunden »in diesem Deutschland der genannten Jahre das Negative, das Kranke, Faule, Abstoßende zeigen. Da es dem Autor nicht gegeben war, in diesem Land und in dieser Zeit Positives zu sehen, fehlen positive Züge.« Das Manuskript wurde von der Germanistin Berit Balzer (Universität Madrid) in den USA ausfindig gemacht und in einer ausführlich kommentierten und annotierten Edition im be.bra-Verlag herausgegeben. Weitere Informationen sind unter www.bebra-wissenschaft.de/verzeichnis/titel/471-Die_Tochter_des_Generals abrufbar. Section XIDiscussions, Debates, Historical Controversies William A. Booth (Institute for the Study of the Americas, University of London, UK): » Mid-Century Communisms: A Schematic Approach? In this project presentation I will set out the fundamental discussion points raised in my paper »The Mexican Communist Party in Comparative Perspective: Towards a Schema for the Postwar Conjuncture«, delivered at the European Social Science History Conference in Glasgow in April 2012. I do so in order to invite comments and interventions relating to my central contention: that we cannot speak meaningfully of one ›mid-century communism‹, only of several (or perhaps even many) ›mid-century communisms‹. To challenge the partial revival of the monolithic conception of communism, I offer a tentative and non-exhaustive schematic of varying (and in some cases, contradictory) ›types‹ of mid-century communism. See the full text in: The International Newsletter of Communist Studies Online (2012), no. 25, http://newsletter.icsap.de/home/data/pdf/INCS_25_ONLINE.pdf. » Controversy around the Trotsky Biography by Robert Service Robert Service, Oxford historian and Senior Fellow at the Hoover Institution at Stanford University, and well-known for his biographies of Lenin and Stalin, released a biography of another prominent Bolshevik leader in 2009: the one of Lev Trotsky.10 Service claimed to having released the first impartial biography of Trotsky, and in fact neither the book nor the author himself can be suspected of any sympathies towards the Bolshevik. At a book presentation in London, he was reported saying: »There’s life in the old boy Trotsky yet – but if the ice pick didn’t quite do its job killing him off, I hope I’ve managed it.«11 While the biography at first was positively received in the daily press (including enthusiastic commentaries by Tristram Hunt and Simon Sebag Montefiore),12 the reaction from the political Left as well as from the academic press was mixed. The US Trotskyist David North, chairman of the Socialist Equality Party, published a book-length defense of Trotsky, in which he accused Service not only of ideological distortions, but also of a large number of severe factual errors.13 North’s critique was echoed by several reviewers in academic journals. Bertrand M. Patenaude of Stanford University, a Trotsky biographer himself without any political leanings towards the Left, checked Service’s biography against North’s criticism and concluded that the latter was »entirely justified«, while Service’s book »fails to meet the basic standards of historical scholarship«.14 Alex Marshall of Glasgow University also examined the book and came to the conclusion that it is an »unbelievably lengthy, but simultaneously deeply shallow work« written by a »historian who too often comes across as basically tired and disinterested in his whole subject matter«.15 In Germany, Reiner Tosstorff (University of Mainz) also has written a lengthy and thorough critique of Service’s monograph.16 Not only did these historians criticise Service’s sensationalism and his questionable interpretations, they also pinpointed several factual errors concerning the history of the Russian Civil War, the revolutionary movement and so on. None of this, however, was noticed by Andreas Oberender (Humboldt University of Berlin), who, in a review, was fully convinced by the monograph and praised Service as the »ideal Trotsky biographer«. The fact criticised by other reviewers about Service mostly disregarding Trotsky’s ideological and theoretical heritage is seen by Oberender as an advantage: »Service is considerate enough not to confront the reader with the worst excrescenses of Trotsky’s thought«, he claims, while referring to Trotsky’s »Terrorism and Communism« and »Literature and Revolution«.17 The academic criticism notwithstanding, Service’s book eventually was translated in several European languages. In Germany it was surprisingly Suhrkamp, a publishing house with a rich scholarly and Left tradition, which announced to release a translation of the controversial Trotsky biography. As a reaction to this, fourteen prominent German-language historians, some of them Suhrkamp authors themselves, sent a letter to the publishing house in July 2011. It was made public by the authors in November 2011, after Suhrkamp failed to respond to this initially private inquiery. The authors, including the doyen of German communist studies Hermann Weber, pinpointed many problematic aspects of Service’s book, including his uncritical reproduction of antisemitic stereotypes, and appealed to Suhrkamp to reconsider the publication.918 Two of the signees, Weber and Mario Keßler from the Center of Contemporary History (ZZF) and the University of Potsdam, also gave extensive interviews to the World Socialist Website (run by David North), highlighting their opposition to Service’s book from a scholarly point of view.1019 As a reaction to the academic protest, Suhrkamp has announced to put the book publishing plans on hold in order to evaluate the critical points raised in the open letter. Instead of the originally announced publication date in 2011, the German translation was launched in July 2012.1120 However, in most cases it left the errors untouched that have been pinpointed by earlier criticism.1221 The German editors of the WSWS have compiled an English-language list of blunders that have been left untouched (or even made worse) in the German translation.1322 Unlike in the anglophone world, the monograph was met with criticism not only within the Left, but also in the mainstream daily and weekly press. Gerd Koenen, one of the most prolific German historians of communism and not a political adherent of Trotsky, reviewed the book for the German weekly Die Zeit, where he compared the book to »an endless PowerPoint presentation. In this biography, there is no psychological development, no dramaturgy […]. There is nothing of the historic tension in which the [historic] agents operated. One does hardly dare to say it, but: [in this book] there is no history in the true sense of the word.«1423 Reactions of other central German newspapers such as Süddeutsche Zeitung and Frankfurter Rundschau were also rather unfavourable to Service’s book.1524 Some of it is to be seen how this controversy will further develop, but the lively discussion shows that the history of communism still can cause historical debates even outside the narrow circles of academia.1625 » Russia: »Commission against Falsification« Dissolved The controversial »Commission of the Russian Federation to Counter Attempts to Falsify History to the Detriment of Russia’s Interests«, founded by the Russian president in 2009 and causing wide discussions about scholarly freedom (see INCS (2009), pp. 287–288), has been now silently dissolved in February 2012. In the three years of its existence, the commission has made no notable appearance in academia or the media public. After the dissolution, members of the commission are quoted stating that the commission has fulfilled its role. Some members of the Russian academia, however, call the commission a stillborn untertaking which has failed to prevent concrete cases where forged archival documents were published. For a detailed report with statements by participants and members of the Russian academia, see: Iuliia Kantor: Bez fal’sifikatsii. »Istoricheskaia« kommissiia pri prezidente raspushchena. In: Moskovskie novosti, 19 March 2012. URL: http://mn.ru/society_history/20120319/313741427.html [Last accessed 19 August 2012]. » Debatte um neues Buch von Jörg Baberowski Die Veröffentichung des jüngsten Buches von Prof. Dr. Jörg Baberowski, Inhaber des Lehrstuhls für osteuropäische Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin, hat eine Debatte innerhalb der Osteuropahistoriker und Kommunsimusforscher ausgelöst. In »Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt« (München, C.H. Beck, 2012), für das der Autor den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse erhielt, sieht Baberowski weiterhin die exzessive Gewalt als zentrales strukturelles Moment der sowjetischen Geschichte, revidiert jedoch seinen früheren modernisierungstheoretischen Interpretationsrahmen und verortet die Gewalt zum einen stärker im Vormodernen, zum anderen in der Person des Diktators Stalin. In der April-ausgabe 2012 der Zeitschrift Osteuropa wurde das Buch von sieben der acht beteiligten Historiker kritisch gesehen. In der Rubrik »Stalins Herrschaft der Gewalt. Jörg Baberowskis ›Verbrannte Erde‹ – eine Debatte« äußern sich dazu in ausführlicheren Beiträgen Gerd Koenen, Ulrich Schmid, Stefan Plaggenborg, Benno Ennker, Jürgen Zarusky, Marc Junge und Friedrich Pohlmann. Grosso modo moniert die Kritik die Tendenz, die Geschichte der Sowjetunion und des Boschewismus »allein auf einen Punkt hin, den Stalinschen Massenterror zulaufen zu lassen« (Benno Ennker). Auch die Rezensionen in der Tagespresse zeugen von einer lebhaften Debatte. Siehe: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/zeitschriften/ausgabe=6850; vgl. u. a. www.perlentaucher.de/buch/joerg-baberowski/verbrannte-erde.html. SECTION XIIMISCELLANEA » Historical Materialism Book Series: Selected Works of Amadeo Bordiga. Call for Donations Comrades and friends, Historical Materialism are excited to be preparing the first ever English-language volume of Amadeo Bordiga’s writings, as part of our Book Series. Though a major figure of the Third International, the political strug-gle of this co-founder of the Communist Party of Italy is little-known in the Anglophone world, while in his own country, his legacy has often been neglected. We believe that the publication of an English-language Selected Works can do much to combat the ignorance and misrepresentation surrounding Bordiga, whose journey is undoubtedly of great significance to understanding the history of the Comintern. This ambitious collection will amount to around 180,000 words, covering his whole political trajectory from his articles in Il Soviet during the working-class insurgency of the 1919–20 biennio rosso to his factional battles within the Communist Party of Italy; his struggle against encroaching Stalinism in the Third International; and his post-WWII writings on the restructuring of a resurgent capitalism and on anti-colonial movements. This volume, edited by Pietro Basso and translated by Giacomo Donis, will thus give a strong sense of the range of his work and his reactions to the great social upheavals through which he lived. However, though our Book Series is very keen to make such classic texts of the workers’ movement available to a wider public – as with previous translations of Comintern documents and forthcoming anthologies of the writings of revolutionaries such as Evgeny Preobrazhensky and Andreu Nin – we do not have the same funds as commercial publishers. Nor can we rely on institutional backing, given both the parlous state of education funding in Italy and the political anathema against Bordiga. While Historical Materialism can soak up some of the associated costs by providing our labour-power for free, we cannot ask the same of the translator, and therefore have to call on those sympathetic to our Book Series and this translation project to help us. We need to raise a further £4,000, which is around a third of the total cost of the translation. We hope that you, like us, will recognise the importance of making these texts available to an Anglophone audience, as well as the value of the Historical Materialism Book Series, and thus may be willing to draw on your own resources to assist the publication of this volume. No donation too small (or too large) – we would much appreciate any support you can offer to this very worthy initiative. We welcome donations by PayPal, visiting www.historicalmaterialism.org/book-series/swabordiga. If you are interested in our Book Series and would like to help us fund the translation of more such ›lost texts‹, we would also welcome a regular donation via Direct Debit. If you would like details for how to donate by bank transfer or cheque, please contact us at historicalmaterialism@soas.ac.uk. Your help and interest much appreciated, Regards The Editors » Wilhelm Reich und Willy Brandt – ein Nachtrag Zu seinem Beitrag »Wilhelm Reich und Willy Brandt als ›Hochverräter‹« (INCS Online [2012], 25, S. 74–78) sandte Andreas Peglau folgenden Nachtrag: Eine soeben erschienene Sammlung von Briefen Reichs und anderen von ihm in den Jahren 1948 bis 1957 verfassten Dokumenten macht eine Ergänzung zum Verhältnis zwischen Reich und Brandt möglich. Trotz der Differenzen bezüglich politischer Detailfragen, die schon 1938, bei der Feier zu Brandts 25. Geburtstag deutlich wurden,26 blieben sie offenbar in Kontakt. Noch am 30.1.1948 schrieb Reich in einem Brief an den deutschen Psychoanalytiker Werner Kemper: »We sent you a fourth food parcel last week and likewise a parcel of books was sent to you via Willi [sic] Brandt in Berlin.«27 Nachruf: » Helmut Fleischer (1927–2012) Prof. Dr. Helmut Fleischer ist am 12. Oktober 2012 gestorben. Der am 8. November 1927 geborene bekannte Philosoph war von 1945 bis 1947 noch in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Dort lernte er die Ideologie des Marxismus-Leninismus kennen. Von nun an beschäftigte ihn die Theorie von Marx. Nach seiner Rückkehr befasste er sich mit der Kritik am Stalinismus, dessen Politik und Philosophie. In seinen Erinnerungen von 2010, »Aus Hitlers Krieg durch Stalins GULag«, beschrieb er seinen Lebensweg. Durch viele Bücher wurde er bekannt, vor allem durch sein Werk »Marxismus und Geschichte« (1969), das sehr weit verbreitet wurde. Nach seiner Berufung zum Ordinarius für Philosophie 1972 (Emeritierung 1995) an die Technische Universität Darmstadt blieb er als Philosoph in Lehre und Forschung diesem Thema treu. Seit der Gründung des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung war er von Anfang an zehn Jahre lang (bis 2003) ein wichtiger und sehr geschätzter Mitarbeiter. Er hat sich um die Erforschung des Marxismus und des Kommunismus verdient gemacht. Nachruf: » Eric J. Hobsbawm (1917–2012) Am 1. Oktober 2012 verstarb der britische Historiker Eric J. Hobsbawm im Alter von 95 Jahren. Mit seinen Pubikationen zur Geschichte des Nationalismus, der Industrialisierung, des Imperialismus und seinen Großdarstellungen zum »langen« 19. und »kurzen« 20. Jahrhundert galt Hobsbawm als einer der herausragendsten britischen und europäischen Historiker. Geboren im ägyptischen Alexandria, aufgewachsen in Deutschland und nach Hitlers Machtantritt nach Großbritannien gezogen, schloss er sich dort der KP Großbritanniens an, deren Mitglied er trotz seiner zahlreichen Kritiken an der Parteilinie bis 1991 blieb. Er war, gemeinsam u. a. mit E. P. Thompson und Christopher Hill, an der Gründung der einflussreichen »Communist Party Historians Group« beteiligt. Von 1947 bis 1982 lehrte er an der University of London und erfreute sich vor allem ab den 1980er Jahren steigender Anerkennung. Hobsbawms letzte Veröffentlichung erschien unter dem Titel »Wie man die Welt verändert: Über Marx und den Marxismus« (München, Hanser, 2012). Nachruf: » Carlos Nelson Coutinho (1943–2012) Am 20. September 2012 verstarb in Rio de Janeiro Professor Carlos Nelson Coutinho. Er war Politkwissenschaftler an der Escola de Serviço Social der Staatlichen Universität von Rio de Janeiro. Er übersetzte »Das Kapital« ins Portugiesische und war Herausgeber der Werke Gramscis (u. a. der brasilianischen Ausgabe seiner Gefängnishefte – Cadernos do cárcere, 6 vols., Rio de Janeiro, Civilização Brasileira, 1999–2002). Viel Beachtung fand sein Artikel »A Democracia como Valor Universal« (1979) mit dem Bekenntnis, dass es Sozialismus ohne Demokratie nicht geben könnte. Aus der kommunistischen Bewegung kommend, wurde er nach einer eurokommunistischen Phase und längeren Aufenthalten in Italien und Frankreich in den 1980er Jahren Mitglied der Partido dos Trabalhadores (PT) des späteren Präsidenten Lula und war bis zum Schluss aktives Mitglied der Linksabspaltung »Partido Socialismo e Liberdade«. Coutinhos grundlegende Studie zu Gramscis politischem Denken ist soeben in englischer Sprache erschienen (Gramsci’s Political Thought, Leiden 2012). Nachruf: » Horst Dähn (1941–2012) Prof. Dr. Horst Dähn ist am 21. August 2012 gestorben. Der am 15. Juli 1941 geborene Politikwissenschaftler und Historiker war von 1995 bis zu seinem Tod Mitherausgeber des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Bekannt wurde er als Forscher vor allem durch seine Untersuchungen zum Verhältnis von Staat und Kirche in der DDR. In den Siebziger- und Achtizigerjahren lehrte er als Professor an der Universität Stuttgart und am Arbeitsbereich Geschichte und Politik der DDR der Universität Mannheim. Das politische System der DDR war ebenso sein Forschungsfeld wie die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. 1993 wurde er Begründer und dann langjähriger Leiter des Berliner Instituts zur vergleichenden Staat-Kirche-Forschung. Der Wissenschaftler Dähn hinterlässt große Lücken. Nachruf: » Hartmut Mehringer (1944–2011) Am 17. Oktober 2011 verstarb der Historiker Hartmut Mehringer. Mehringer wurde 1976 an der Universität Erlangen mit einer Arbeit zur Theorie der »Permanenten Revolution« promoviert. Er war langjähriger Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) München, zeitweise Leiter der IfZ-Außenstelle Berlin des Instituts und zuletzt Archivleiter des IfZ in München. Am IfZ arbeitete Mehringer am »Biographischen Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933« sowie an der Edition der Tagebücher von Joseph Goebbels. Darüber hinaus forschte Mehringer, der sich als langjähriger SPD-Vorsitzender im Münchener Vorort Krailing engagierte, zur Geschichte des sozialdemokratischen Widerstandes in NS-Deutschland. Nachruf: » Klaus Tenfelde (1944–2011) Am 1. Juli 2011 verstarb der Historiker und langjährige Leiter des Instituts für Soziale Bewegungen in Bochum, Klaus Tenfelde. Der Sozialhistoriker Tenfelde, einer der prominentesten Vertreter der vergleichenden Geschichte der Arbeiterbewegung, hatte unter anderem zum Arbeiterwiderstand in der NS-Zeit geforscht. Im von ihm geleiteten Institut, das neben der Bibliothek des Ruhrgebiets auch einen Bibliotheksbestand zur Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung beherbergt, entstanden darüber hinaus zahlreiche Arbeiten zu Teilbereichen der historischen Kommunismusforschung. Einen Nachruf der Ruhr-Universität Bochum, siehe http://aktuell.ruhr-uni-bochum.de/pm2011/pm00212.html.de. Nachruf: » Jorge Semprún (1923–2011) Der am 10. Dezember 1923 in Madrid geborene spanische Intellektuelle, Kämpfer in der Résistance und im spanischen Widerstand gegen das Franco-Regime, Buchenwald-Häftling und Politbüro-Mitglied der Kommunistischen Partei Spaniens, Schriftsteller und Drehbuchautor, verstarb am 7. Juni 2011 im Alter von 87 Jahren in Paris. Der u. a. in Spanien, Frankreich und Deutschland Hochgeehrte verkörperte bis zum Schluss die Hoffnungen auf eine reichere und freiere Gesellschaft, die seine Generation im »kurzen Jahrhundert« zwischen 1914 und 1989 beseelten. Als Kommunist ein Teilhaber der »Illusion der Zukunft« und später überzeugter Antistalinist, verarbeitete er seine Trauerarbeit über Nationalsozialismus und Stalinismus glaubhaft literarisch und filmisch. Sein Ausschluss aus der KP Spaniens im Jahre 1964 zusammen mit Fernando Claudín war ein historischer Wendpunkt der kommunistischen Bewegung. Buchenwald symbolisiert die doppelte Aufgabe, der er sich stellte, am besten: die der Trauerarbeit und die der »Ausarbeitung von Grundsätzen für eine europäische Zukunft, damit die Irrtümer der Vergangenheit vermieden werden können«, wie Semprún selbst es bekundete. Beides hat er in einer selbstkritischen Realitätsprüfung nicht nur literarisch verarbeitet, sondern damit auch das Recht erworben, dies von allen zu fordern, die die Erfahrung von Nationalsozialismus und Stalinismus und die »Albtraum-Welt des Kalten Krieges« (Helmut Dahmer) mitgemacht haben. Nachruf: » Sergei Alekseevich Pavliuchenkov (1960–2010) As the editors of the International Newsletter got to know just now, the Russian historian Sergei Pavliuchenkov passed away on January 9, 2010. Pavliuchenkov, professor at Moscow State Pedagogical University, has extensively written on early Soviet history, mostly on the Civil War period and on the NEP; according to his friends and colleagues, his latest project that remained unfinished was a book on the famine of 1921–1922. His last monograph, »Orden mechenostsev« (»The Order of Swordbearers«) deals with the history of the Bolshevik party as a state institution from the revolution to the establishment of Stalin’s rule. Published in 2008, the book was received rather critically by the scholarly community, particularly due to its »statist« bias and its uncritical appropriation of modernisation theory; nevertheless it has been recognised, due to its meticulous archival work and its thorough and daring analysis, as one of the most important contributions to Soviet Communist party history after the opening of the Soviet archives. For an essay volume published in honor of Sergei Pavliuchenkov, including many of his unpublished texts, see: V. L. Telitsyn (ed.): Istorik i ego vremia. Vospominaniia, publikatsii, issledovaniia. Pamiati S.A. Pavliuchenkova, Moskva, Sobranie, 2010. Table of contents available at http://m-rus-1861-1991.livejournal.com/16925.html. 1 Supervisor: Ihor Hyrych, kandydat istorychnykh nauk (eq. PhD in history), Head of the Department of the Sources on the History of Ukraine of the late 19-early 20 centuries (The M. Hrushevsky Institute of Ukrainian Archeography and Source Studies, National Academy of Sciences, Ukraine). 2 Borotbists used a double numbering of their congresses in the party materials. 3 Ivan Maistrenko: Borotbism. A Chapter in the History of Ukrainian Communism, New York, Research Program on the USSR, 1954 (2 ed.: Borot’bism. A Chapter in the History of Ukrainian Revolution, Stuttgart, Ibidem-Verlag, 2007); James Mace: Communism and the Dilemmas of National Liberation. National Communism in Soviet Ukraine, 1918–1933, Cambridge MA, Harvard University Press, 1983. 4 Ivan Kuras: Torzhestvo proletarskogo internatsionalizma i krakh melkoburzhuaznykh partii na Ukraine, Kiev, Naukova dumka, 1978; Iu. Klintukh: Krakh ideologii i politiki melkoburzhuaznoi partii borotbistov, Kiev, 1971 et al. 5 O. Liubovets’: Partiia borot’bystiv v ukrains’kii revoliutsii 1917–1920 rr. Avtoref. dys. ... kand. ist. nauk, Kyiv, 1993; Id.: Ukrains’ki partii i politychni al’ternatyvy 1917–1920 rokiv, Kyiv, 2005; V. Ohiienko: Diial’nist’ ukrains’kykh natsional-komunistiv (1918–1920). Avtoref. dys. ... kand. ist. nauk, Kyiv, 2008 et al. 6 The Central State Archive of Civic Organizations of Ukraine (TsDAHOU, former Central Party Archive of the CPU), the Central State Archive of the Supreme Bodies of Authority of Ukraine (TsDAVOVU, former State Archive of the October Revolution of the Ukrainian SSR), regional archives etc. 7 The Russian State Archive of Social-Political History (RGASPI) and the State Archive of the Russian Federation (GARF). 8 Erstgutachter: Prof. Dr. Norbert Angermann. Zweitgutachter: PD Dr. Reiner Tosstorff. 9 Additional information and links may be consulted through specific and thematical websites, as for example: Calenda (http://calenda.revues.org). French and other social science conference announcements. H-Net Academic Announcements (www.h-net.msu.edu/announce/). Academic conferences, calls for papers in the humanities and social sciences. • History Conferences Worldwide from Conference Alerts (www.conferencealerts.com). • News and Events List of upcoming events, International Institute of Social History. • WWW Virtual Library Labour History (www.iisg.nl/~w3vl/) • H-Soz-u-Kult (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/). 10 Robert Service: Trotsky. A Biography, London, Macmillan, 2009. 11 Londoner’s Diary. In: London Evening Standard, 23 October 2009. URL: http://londonersdiary.standard.co.uk/2009/10/bonding-with-my-mirror.html [Last accessed 20 August 2012]. 12 For an overview over English-language non-academic press reviews on the book, see http://www.theomnivore.co.uk/book/4935-Trotsky/Default.aspx [Last accessed 20 August 2012]. 13 David North: In Defense of Leon Trotsky, Oak Park, Mehring Books, 2010. Deutsche Ausgabe: Verteidigung Leo Trotzkis, Essen, Mehring Verlag, 2012². 14 Bertrand M. Patenaude, in: American Historical Review 116 (2011), 3, pp. 900–902. 15 Alex Marshall, in: Critique 38 (2010), 4, pp. 687–689. 16 Reiner Tosstorff: Trotzki-Biografien. Ein Streifzug. In: Mittelweg 36. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozial-forschung 19 (2010), 1, pp. 33–43. An extended version of the review is available online at www.rosalux.de/news/38247/zur-trotzki-biographie-von-robert-service.html [Last accessed 3 September 2012]. 17 Andreas Oberender, in: H-Soz-u-Kult, 17 June 2010. URL: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2010-2-208 [Last accessed 20 August 2012]. 18 9 Letter from Historians to German Publisher Suhrkamp on Robert Service’s Biography of Trotsky. In: World Socialist Web Site, 23 November 2011. URL: www.wsws.org/articles/2011/nov2011/lett-n23.shtml [Last accessed 20 August 2012]. 1910 »Robert Service has written a diatribe, not a scientific polemic!« A Conversation with Professor Hermann Weber. In: World Socialist Web Site, 28 November 2011. URL: www.wsws.org/articles/2011/nov2011/webe-n28.shtml [Last accessed 20 August 2012]; »Of course, Trotsky was an alternative to Stalin«. An Interview with Professor Mario Kessler on the Trotsky Biography by Robert Service. In: World Socialist Web Site, 21 May 2012. URL: www.wsws.org/articles/2012/may2012/kess-m21.shtml [Last accessed 20 August 2012]. 2011 Robert Service: Trotzki. Eine Biographie. Aus dem Englischen von F. Giese, Berlin, Suhrkamp, 2012. 2112 See: Wolfgang Weber: Germany. Suhrkamp Verlag publishes Robert Service’s diatribe against Leon Trotsky. In: World Socialist Web Site, 2 August 2012. URL: www.wsws.org/articles/2012/aug2012/suhr-a02.shtml [Last accessed 20 August 2012]. 2213 »Blunders, falsifications, fake references, distortions. The Trotsky-Biography of Robert Service in its German Suhrkamp edition compared to the English original.« URL: http://trotzki.gleichheit.de/sites/default/files/blunders_service.pdf [Last accessed 2 September 2012]. 2314 Gerd Koenen: Mit dem Eispickel. In: Zeit Online, 22 July 2012. URL: www.zeit.de/2012/29/L-P-Trotzki [Last accessed 20 August 2012]. 2415 For an overview, see: www.perlentaucher.de/buch/robert-service/trotzki.html. The controversy is also documented in parts at www.trotzki.de. [Last accessed 20 August 2012]. 2516 The Mehring publishing house has organised a discussion panel at the 49th German Historians Assembly (Deutscher Historikertag) in Main on 27 September 2012. David North and Mario Kessler spoke on the controversy at Johann-Gutenberg-University, Room N1. For a report, see https://www.wsws.org/de/2012/sep2012/hist-s29.shtml [Last accessed 1 November 2011]. 26 Siehe Willy Brandt: Links und frei. Mein Weg 1930–1950, Hamburg, Hoffmann und Campe, 1982, S. 116 f. 27 Wilhelm Reich: Where is the Truth? Letters and Journals, 1948–1957, New York, Farrar, Strauss and Giroux, S. 5.

JHK 2013

Das radikale Milieu im vorrevolutionären Russland

Stephan Rindlisbacher

Nikolaj Gorinovič war einer von zahlreichen jungen russischen Radikalen, die in den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts davon träumten, die traditionellen gesellschaftlichen Verhältnisse neu zu gestalten. 1874 wurde er Mitglied einer Wohnkommune von Radikalen in Kiew und war danach als Propagandist »im Volk« aktiv. Doch Gorinovič und viele seiner Genossen hatten kaum Erfolge zu verzeichnen; jederzeit mussten sie mit Repressionen des Staates rechnen. 1875 wurde Gorinovič in Kiew verhaftet, weil er im Besitz verbotener Bücher war. Wenig später kam er aber wieder frei. Im Mai 1876 befürchtete er, erneut verhaftet zu werden. Deshalb beschloss er, bei bekannten Genossen in Elizavetgrad (heute Kirovgrad) unterzutauchen. Dort, beim Zirkel der Južnye Buntari [Süd-Rebellen], hoffte er, Hilfe zu finden. Doch seine Genossen waren misstrauisch. Sie fanden es verdächtig, dass er 1875 – im Gegensatz zu vielen anderen Verhafteten – nach so kurzer Zeit wieder freigekommen war. Gorinovič, so waren sie sich sicher, hatte mit der Polizei zusammengearbeitet. Lev Dejč, ein Mitglied des Zirkels, erinnerte sich später: »So beschloss Gorinovič, sich erneut dem revolutionären Milieu [revoljucionnaja sreda] anzuschließen, weil er fürchtete, wieder im Gefängnis zu landen, und weil er annahm, dass niemand von seinem Verrat während der Verhöre wisse. Dazu suchte er seine ›alten Genossen‹ auf. Diese Absicht erschien in unseren Augen höchst gefährlich – angesichts seiner offensichtlichen Feigheit und Mutlosigkeit. Wenn er sich wieder ins revolutionäre Milieu einschleichen würde, dann könnte Gorinovič bei einer erneuten Verhaftung der Sache [delo] und den Menschen wahrscheinlich in einem viel größeren Umfang schaden als beim ersten Mal. Die Umstände sprachen augenscheinlich für die Notwenigkeit, ihn aus dem Weg zu räumen, oder jedenfalls wollten wir sie so sehen, weil wir nach einer Tat [delo] lechzten und die Hände uns juckten.«1 Lev Dejč und Viktor Malinka, ein anderes Mitglied der Južnye Buntari, lockten Gorinovič daraufhin mit falschen Versprechungen nach Odessa, wo sie versuchten, ihn zu Tode zu prügeln. Anschließend übergossen sie sein Gesicht mit Säure, um die Identifizierung zu erschweren, und stellten ein Schild neben ihrem Opfer auf, auf dem stand: »So ergeht es allen Verrätern.« Doch Gorinovič überlebte schwer verletzt. Sein Gesicht war entstellt und er war fortan blind. Dieser brutale Anschlag war ein Skandal, der für einige Zeit die ganze radikale Bewegung zu diskreditieren schien.2 Angesichts dieser erschütternden Brutalität ist zu fragen, weshalb junge russische Revolutionäre wie Lev Dejč geradezu nach solchen »Taten« »lechzten«. Welche Werte, moralischen Vorstellungen und Gruppendynamiken standen hinter einem solchen Akt? Der folgende Aufsatz versucht Antworten darauf zu finden, indem er sich eingehend mit dem »revolutionären Milieu« in Russland vor 1917 auseinandersetzt. Allerdings wird bei der Beschreibung des Gegenstandes der Begriff radikales Milieu bevorzugt. Mit diesem Ansatz wird an die bestehende Forschung angeknüpft.3 Der im Kontext der revolutionären Bewegung in Russland bisher diffus verwendete Milieubegriff wird dabei analytisch weiterentwickelt, um die idealtypischen Strukturmerkmale, welche die Radikalen miteinander verbanden, genauer zu erfassen. Wichtig erscheinen dabei die folgenden Fragen: Unter welchen Bedingungen ist das radikale Milieu in Russland entstanden? Welchem sozialen Umfeld entstammten seine Mitglieder? Welche Werte, Überzeugungen und Erwartungen teilten sie? Welche Hierarchien bildeten sich unter den Radikalen heraus? Wie hat sich das Milieu reproduziert? Welche Möglichkeiten gab es auszusteigen? Diese Fragen sollen auf Grundlage der Erinnerungen von Teilnehmern der radikalen Bewegung und Dokumenten der zaristischen Untersuchungsbehörden einerseits, sowie den Ergebnissen aus der sozial- und kulturgeschichtlichen Forschung andererseits erörtert werden. Radikales Milieu als idealtypischer Begriff Im Zuge des gesellschaftlichen und politischen »Tauwetters« unter Aleksandr II. nach der Niederlage im Krimkrieg 1856 entspann sich ein breiter öffentlicher Diskurs über die Zukunft des Landes. Besonders junge Menschen, zunächst vor allem Studenten, nahmen diese öffentliche Debatte zum Anlass, immer weitergehende Veränderungen zu fordern.4 Sie begannen außerdem, sich zu vernetzen. Mit dem Begriff radikales Milieu werden im Folgenden ebendiese sozialen Netzwerke bezeichnet,5 in denen Männer und Frauen verkehrt haben, die ab den Sechzigerjahren des 19. Jahrhunderts in einen eskalierenden Konflikt mit dem autokratischen Regime geraten sind. Diese Netzwerkstrukturen hatten – wenn auch in sich wandelnder Form – bis 1917 und darüber hinaus Bestand. Das radikale Milieu war der Ort, wo sich die Menschen trafen, die sich zunächst als »junge Intelligencija« oder »revolutionäre Intelligencija« bezeichneten. Diese Menschen lehnten väterliche Autorität, die traditionelle Religion sowie die Gliederung der Gesellschaft in verschiedene Stände und nach Geschlechtern ab. Sie beabsichtigten, die sozialen Beziehungen von ihren Wurzeln (lat. radix) her nach wissenschaftlichen Kriterien neu zu überdenken und entsprechend zu gestalten.6 Der Milieubegriff von Mario R. Lepsius aus seiner Untersuchung zu den Parteien im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik eignet sich auch zur Untersuchung dieses russischen Phänomens. Lepsius definiert Milieu »[…] als Bezeichnung für soziale Einheiten, die durch eine Koinzidenz mehrerer Strukturdimensionen wie Religion, regionale Tradition, wirtschaftliche Lage, kulturelle Orientierung, schichtspezifische Zusammensetzung der intermediären Gruppe gebildet werden. Das Milieu ist ein soziokulturelles Gebilde, das durch eine spezifische Zuordnung solcher Dimensionen auf einen bestimmten Bevölkerungsteil charakterisiert wird.«7 Obwohl das radikale Milieu in Russland zwischen 1860 und 1917 durchaus heterogen war, lassen sich doch folgende idealtypische Merkmale benennen, die mehr oder weniger ausgeprägt bei allen radikalen Gruppen zu beobachten waren: a) Intellektuelle, meist »privilegierte«, städtische Mitglieder. 8 b) Eine dezentrale Organisation in Zirkeln. c) Eine Identität als Gegengesellschaft mit Gegenwerten, die eine Gegenrealität aufbaute. d) Zugehörigkeit durch Kooptation. Diese Charakteristika werden nun genauer ausgeführt. Zunächst sollen die soziale Zusammensetzung und die Organisationsstruktur dieser Gegengesellschaft betrachtet und dann ausführlich auf die Aspekte Gegenrealität und Gegenwerte sowie auf die Frage der Kooptation der Mitglieder eingegangen werden. Organisationsstruktur und soziale Zusammensetzung der radikalen Gegengesellschaft Der Begriff Milieu (sreda), der wie oben gezeigt, auch von den Radikalen selbst verwendet wurde, besitzt eine gewisse Unschärfe. Diese ist bei der Beschreibung des Phänomens nicht von Nachteil, denn damit wird die grundsätzliche Offenheit und Durchlässigkeit der sozialen Beziehungen dieser Netzwerke unterstrichen. Die Grundstruktur bildeten Zirkel, die sich in Städten organisierten. Die Mitglieder kamen zu regelmäßigen Treffen – zu sogenannten schodki – zusammen, bei denen über politische Themen diskutiert, aber auch gefeiert und gesungen wurde. Die überwiegende Mehrheit kannte sich in den »kanonischen« Werken der radikalen Literatur aus. Dazu gehörten unter anderem Texte von Ferdinand Lassalle, John Stuart Mill, Nikolaj Černyševskij, Dmitrij Pisarev, Nikolaj Dobroljubov und Nikolaj Nekrasov.9 Im Zentrum des radikalen Milieus standen die »Illegalen«. Dieser harte Kern setzte sich hauptsächlich aus ehemaligen Studierenden zusammen, die sich gegen eine traditionelle und für eine revolutionäre Karriere entschieden hatten.10 Sie lebten mit falschen Papieren im Untergrund und engagierten sich von dort für ihre politischen Ziele. Illegalität war ein Charakteristikum des radikalen Milieus ab den Sechzigerjahren des 19. Jahrhunderts. Somit gab es in Russland Untergrundstrukturen, die den notwendigen konspirativen Schutz boten, um terroristische oder revolutionäre Pläne in die Praxis umzusetzen.11 Die Funktionsträger der Autokratie, die »offizielle Gesellschaft«, und das radikale Milieu als »Gegengesellschaft« bildeten zwei gegensätzliche Pole in der russischen städtischen Gesellschaft, zwischen denen jedoch ein gewisser Austausch herrschte. Ärzte, Anwälte oder Journalisten die innerhalb der »offiziellen Gesellschaft« tätig waren, unterhielten trotz der drohenden Repression rege Kontakte mit radikalen Zirkeln. Zahlreiche Menschen aus dieser »liberalen«, städtischen Gesellschaft – auch sie verstanden sich als Intelligencija12 – zeigten Sympathie und versuchten, die Radikalen im Untergrund in vielfältiger Art und Weise zu unterstützen.13 So wurden Sympathisanten häufig gebeten, konspirative Wohnungen für die Radikalen anzumieten14 oder Geld für deren konspirative Tätigkeit zu spenden. Darüber hinaus stammten – von den Sechzigern bis in die Neunzigerjahre des 19. Jahrhunderts – viele Radikale selbst aus den privilegierten Ständen und konnten über ihre Familien, sofern sich diese ihnen gegenüber weiterhin solidarisch verhielten, den Kontakt zur »offiziellen Gesellschaft« halten.15 Zum Überleben im Untergrund trug also die Sphäre von Sympathisanten, die das radikale Milieu umhüllte, entscheidend bei. Die Sympathisanten führten weiterhin ein legales Leben und unterstützten die »Illegalen« entsprechend den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Sowohl Frauen als auch Männer, die für bestimmte Werte und Ziele eintraten und über die nötigen Kontakte verfügten, konnten in diese Sphäre um die Radikalen herum eintreten und später zu Vollmitgliedern in den radikalen Zirkeln aufsteigen.16 Die wichtigsten Orte zur Begegnung und Anwerbung von potenziellen Sympathisanten waren von prominenten Vertretern der liberalen Gesellschaft organisierte private Zusammenkünfte sowie die Hochschulen und Universitäten. Außerdem kam den familiären Verbindungen bei der Kontaktaufnahme zu radikalen Netzwerken eine große Bedeutung zu. Ein weiteres Begegnungsfeld war Westeuropa, wo russische Touristen oder Studierende leicht von radikalen Emigranten angesprochen und angeworben werden konnten. Von den Sechzigern bis in die Achtzigerjahre des 19. Jahrhunderts bestand eine mehr oder weniger einheitliche radikale Gegengesellschaft, die sich aus einzelnen Zirkeln und Netzwerken zusammensetzte (Čajkovcy,17 Južnye Buntari, Zemlja i Volja [Land und Freiheit] etc.). Die Anzahl der Menschen im radikalen Milieu kann nur grob geschätzt werden. Ende der Siebzigerjahre verkehrten mehrere Tausend meist junge Menschen in der Sympathisantensphäre.18 Etwa 1200 Menschen nahmen zwischen 1870 und 1879 aktiv am politischen Leben des radikalen Milieus teil und bildeten damit seinen harten Kern. Der Frauenanteil unter ihnen betrug etwa 18 Prozent.19 In den Siebziger- und Achtzigerjahren dominierten junge Adlige, Intellektuelle und Stadtbewohner die radikalen Zirkel. Besonders stark waren Männer und Frauen aus dem Südwesten des Reiches vertreten.20 Mit der Spaltung von Zemlja i Volja in die zwei Nachfolgeorganisationen Narodnaja Volja [Volkswille] und Čërnyj Peredel [Schwarze Umverteilung] nahm ab 1879 trotz anfänglich gegenteiliger Bemühungen der Beteiligten eine längerfristige Spaltung des radikalen Milieus in zwei Submilieus ihren Lauf. Die Spitze von Čërnyj Peredel – Georgij Plechanov, Vera Zasulič und Lev Dejč – setzte sich 1880 ins Ausland ab. Nach heftigen persönlichen Konflikten mit anderen Emigranten begannen sie, ein sozialdemokratisches Netzwerk aufzubauen, das sich ideologisch von den bisherigen Überzeugungen der Radikalen, dem narodničestvo [»Volkstümlertum«], unterschied. Gemäß den Ideen des narodničestvo war die russische Bauerngesellschaft dank ihrer Gemeinden (obščiny), die keinen Privatbesitz an Land kannten, in der Lage, direkt in den Sozialismus zu springen, ohne einen kapitalistischen Entwicklungsprozess zu durchlaufen. Die Sozialdemokraten hingegen sahen die revolutionäre Klasse Russlands nun nicht mehr in der Bauernschaft, sondern im wachsenden Fabrikproletariat. Die kapitalistische Entwicklung Russlands betrachteten sie als historisch unumgänglich.21 Doch zunächst verfügten die Sozialdemokraten kaum über Einfluss im radikalen Milieu.22 Daran änderte sich erst in den Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts etwas. Damals begannen angesichts des rasanten Wachstums der russischen Industrie immer mehr Radikale, das narodničestvo infrage zu stellen. Ab 1893/94 war es dann entscheidend, ob jemand sich als Narodnik oder Sozialdemokrat begriff. Zunehmend standen sich damit zwei Lager gegenüber, die sich ideologisch gegeneinander abgrenzten.23 Diese beiden Hauptnetzwerke lassen sich ab 1900 grob unter den Namen Sozialrevolutionäre (SR) und Sozialdemokraten (SD) subsumieren. Daneben existierten noch kleinere anarchistische »Splitternetzwerke«.24 Bei den SD kam ab 1903 die sich vertiefende Spaltung zwischen Bol’ševiki und Men’ševiki hinzu. Die einzelnen Lager trennten aber nicht nur wachsende ideologische Gegensätze, sondern auch persönliche Rivalitäten. Dennoch konnten einzelne Personen von einem ins andere Netzwerk wechseln,25 und unabhängig von der jeweiligen Richtung blieb unter den Radikalen ein gewisses Band der Solidarität angesichts des gemeinsamen Gegners erhalten.26 Obwohl zwischen den SD und SR ideologisch begründetes Misstrauen bestand, kam es doch in praktischen Fragen wie bei Bank- und Raubüberfällen – sogenannten Expropriationen –, Gefangenenbefreiungen oder beim Aufstand in Moskau Ende 1905 zur Zusammenarbeit.27 Während der Revolution von 1905 bis 1907 gelang den beiden großen radikalen Netzwerken zeitweise der Durchbruch zur »Massenbewegung« – die Mitgliederstärke wurde nicht mehr in Hunderten, sondern in Zehntausenden gemessen.28 Daneben wurde auch die soziale Basis des radikalen Milieus breiter. Durch den Zustrom von neuen Mitgliedern drehte sich das Verhältnis zugunsten der Meščane [»Kleinbürger«] und Bauern. Bei den Men’ševiki war der Anteil an Juden besonders hoch. Bildung blieb der entscheidende Faktor für den Aufstieg im jeweiligen Netzwerk. Dies galt aber nur noch in eingeschränktem Maß für die radikalen Frauen. Obwohl sie durchschnittlich einem höheren Stand angehörten und gebildeter waren als ihre Genossen, blieben sie ab den Neunzigerjahren in den höheren Führungspositionen unterrepräsentiert.29 Dazu kam eine zunehmende Schichtung nach Alter der Mitglieder. Während von den Sechzigern bis in die Achtzigerjahre im radikalen Milieu jugendliche Mitglieder dominierten, stiegen danach die Veteranen der Bewegung zu geachteten und einflussreichen Funktionären in der jeweiligen Hierarchie auf.30 Die meisten dieser Veteranen blieben dem narodničestvo treu und entschieden sich später für die SR. Die Führung der SR war daher älter als die der SD. Dieser Gegensatz an der Spitze der Netzwerke wurde an der Basis jedoch ins Gegenteil verkehrt: Die einfachen Mitglieder der SR waren im Schnitt jünger als diejenigen der SD.31 Gegenrealität Innerhalb der radikalen Gegengesellschaft entwickelte sich mit der Zeit eine eigene Auffassung von Realität, die nur durch die Kooperation und Interaktion aller Mitglieder errichtet und aufrechterhalten werden konnte. Sobald die sozialen Netzwerke, sei es durch Verhaftungen oder durch Emigration, auseinanderfielen, begann auch die Gegenrealität sich aufzulösen. Letztere wurde im radikalen Milieu bereits dadurch geschaffen, dass sich die meisten Mitglieder ein Pseudonym oder einen Spitznamen zulegten. Angesichts einer drohenden Infiltration durch die politische Polizei wollten die »Illegalen« verhindern, dass eventuelle Überläufer oder Spione den bürgerlichen Namen eines Genossen verraten konnten. Daneben unterstrichen Pseudonyme den Bruch mit der offiziellen Gesellschaft und deren Konventionen.32 Die Radikalen versuchten darüber hinaus, im Verkehr mit Behörden ihre Identität zu verbergen und Pässe zu fälschen. Die Urkundenfälschung stellte eine Notwendigkeit dar, weil damals in Russland keine Wohnung vermietet werden konnte, wenn nicht ein Inlandspass vorgelegt wurde. Zudem war eine Registrierung beim Einwohnermeldeamt (Adresnyj stol) unumgänglich.33 Die Organisation Zemlja i Volja gründete zu diesem Zweck eine besondere Abteilung, die sogenannte Himmelskanzlei (Nebesnaja kanceljarija). Dort konnten die Revolutionäre gefälschte Dokumente in annehmbarer Qualität erhalten.34 Auch später gehörte die Infrastruktur zur Fälschung von Dokumenten für die SD und SR zu den Grundlagen der Konspiration.35 Nicht nur falsche Papiere und Pseudonyme, sondern auch Kostüme spielten bei der praktischen Arbeit der Radikalen eine entscheidende Rolle. In der damaligen Gesellschaft galt die Kleidung als wichtiger Hinweis auf die jeweilige Standeszugehörigkeit. Am Kleidungsstil fiel ein Stadtbewohner, der auf dem Land öffentlich auftrat und Propaganda betreiben wollte, sofort auf. Aus diesem Grund verkleideten sich die Radikalen, um auf Propagandamissionen wie Bauern oder Arbeiter auszusehen.36 Neben gefälschten Identitäten und Kostümen etablierte sich seit den Sechzigerjahren eine weitere Form der Gegenrealität: die fiktive Ehe. Der Grund für diese Art von Fiktion lag in der Rechtslage: Eine Frau konnte nur als Witwe als Rechtssubjekt auftreten, ansonsten war sie entweder von ihrem Vater oder von ihrem Ehemann abhängig.37 Junge Frauen, die sich aus den engen traditionellen Strukturen lösen wollten, standen also vor großen institutionellen, persönlichen und familiären Hürden. Nikolaj Čenyševskij machte in seinem Roman Was tun? (Čto delat’?) die fiktive Ehe einem breiten Publikum bekannt.38 Ein Mann aus dem radikalen Milieu solle sich dazu bereit erklären, eine Frau, die in Konflikt mit ihrer Familie geraten war, zu heiraten, um sie damit (legal) zu befreien. Probleme tauchten auf, wenn einer der Partner in der Ehe schließlich doch mehr zu sehen begann als nur eine Fiktion.39 Allerdings konnten fiktive Beziehungen auch Ausgangspunkt einer realen Partnerschaft sein.40 Ein weiteres wichtiges Element zur Schaffung einer Gegenrealität war die Fähigkeit der Radikalen, innerhalb von Russland selbst Druckerzeugnisse herzustellen und so ihre Ideen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Damit durchbrachen sie – für alle sichtbar – das Meinungsmonopol des Staates. Allein der Besitz dieser Schriften konnte jedoch zur Verhaftung führen.41 Die Fähigkeit, nach der Aushebung einer Druckerei durch die Polizei möglichst schnell wieder Druckerzeugnisse herstellen zu können, wurde als Beweis für die logistische Stärke des jeweiligen Netzwerkes gesehen.42 Im radikalen Milieu wurde außerdem mit neuen Wohnformen experimentiert. Radikale mieteten Wohnungen oder Häuser und gründeten Wohnkommunen.43 Aleksandra Kornilova, ein Mitglied der Čajkovcy und deren Kommune in St. Petersburg, erinnerte sich später an die Bedeutung dieser Wohnform bei der Verwirklichung des »neuen Lebens«: »Das Hauptprinzip eines solchen Lebens war die gegenseitige Hilfe, so wie es die Ethik unserer Generation verlangte. Im Allgemeinen haben diese Kommunen die Lebenshaltungskosten bedeutend reduziert und waren Zentren für die Interaktion der Jugend untereinander. Sie haben den Einfluss der Fortgeschrittenen und Reiferen auf die neu Eingetretenen verstärkt und ermöglichten den Erfolg bei der Propaganda sozialistischer Ideen. Daneben eröffneten sie die Möglichkeit, bei der Beschäftigung mit dem Sozialismus die Prinzipien ohne Umwege in die Praxis des persönlichen Lebens zu übernehmen, wirklich allen Gütern der ›alten Welt‹ zu entsagen und in einer Umgebung zu wohnen, die nicht besser – ja sogar schlechter – war als die der Fabrikarbeiter. Man unterschied nicht mehr zwischen ›Mein‹ und ›Dein‹ und entsagte dem persönlichen Nutzen des Reichtums, um ihn für gemeinschaftliche Dinge und Ziele zu verwenden.«44 In ihrer »kleinen Welt« versuchten die Radikalen, bereits die zukünftige sozialistische Gesellschaft zu antizipieren. Die Bewohner verzichteten auf ihr Eigentum zugunsten der Gruppe. Mahlzeiten wurden gemeinsam organisiert und eingenommen.45 Die bekanntesten Kommunen waren diejenige der Čajkovcy in St. Petersburg, die Kiewer-Kommune zu Beginn der Siebzigerjahre des 19. Jahrhunderts und die Kommune der Iskra-Redaktion von 1900 bis 1905.46 Ein weiteres Beispiel für das Streben der Radikalen, ihre Vorstellungen im Kleinen zu realisieren, war die Aufhebung der Standesunterschiede und die Gleichberechtigung von Männern und Frauen, indem ein »genderloser« »neuer Mensch« geschaffen werden sollte.47 Frauen konnten alle Funktionen im radikalen Milieu übernehmen. Ihnen standen grundsätzlich alle Türen offen. Aus der Sicht bekannter radikaler Frauen wie Vera Figner oder Vera Zasulič war deshalb die Geschlechterfrage im radikalen Milieu seit den Sechzigerjahren gelöst.48 Gegenwerte Eine charakteristische Haltung für die Radikalen war die Orientierung an der konkreten Tat oder Sache (delo). Beeinflusst von den Diskursen der frühen Sechzigerjahre war das aktive Streben nach etwas und dessen unmittelbare Umsetzung identitätsstiftend.49 Wie in der Einleitung gezeigt, erinnerten sich Radikale wie Lev Dejč, in ihrer Jugend geradezu nach revolutionären »Taten« »gelechzt« zu haben. Im radikalen Milieu gab es trotz der egalitären Ideologie eine sich im Laufe der Zeit verfestigende Hierarchie unter den Mitgliedern. Das Ansehen einer Person stieg, je höher ihre »revolutionäre Erfahrung« war. Diese hing vor allem davon ab, ob jemand sich schon bei einer direkten Konfrontation mit der Staatsmacht bewährt hatte, sei es im Gefängnis, in der Verbannung, während der Verhöre oder bei der Flucht vor der Polizei.50 Personen, die sich im Sinne der Sache besonders hervortaten, genossen innerhalb des radikalen Milieus kultische Verehrung. Ein solcher Status konnte auf verschiedene Arten erlangt werden, beispielsweise indem man eine überzeugende revolutionäre Rede vor Gericht hielt, wie Ippolit Myškin während des »Prozesses der 193«,51 oder indem man wie Vera Zasulič durch ihren Schuss auf den Stadtkommandanten Trepov 1878 bewies, dass man sich vollkommen zugunsten der Sache aufopfern wollte. Im radikalen Milieu wurde zum Ausdruck dieser Einstellung häufig der Begriff samootveržennost’ verwendet, was im Deutschen so viel wie »Selbstaufopferung« bedeutet. Personen, die ihre samootveržennost’ zugunsten der Sache unter Beweis gestellt hatten, wurden im radikalen Milieu und in den sympathisierenden Kreisen zu nachahmenswerten Vorbildern. Die kultische Verehrung solcher Vorbilder zeigte sich unter anderem darin, dass Radikale und Sympathisanten versuchten, Bilder von diesen Personen zu sammeln.52 Dieser Bilderkult erinnert dabei an die Verehrung von Heiligenbildern oder an die Poster von Popstars. Untergrundpublikationen versuchten, dieses Verlangen nach Bildern zu befriedigen.53Besonders beliebt waren Porträts von Aleksandr Gercen, Nikolaj Ogarëv, Nikolaj Černyševskij, Nikolaj Dobroljubov und Dmitrij Pisarev.54 Dazu kamen die »heroischen Figuren« der Siebziger- und Achtzigerjahre, wie Andrej Željabov, Sof’ja Perovskaja oder Aleksandr Michajlov. Sie alle wurden zu Vorbildern für die heranwachsenden Revolutionäre.55 Neben den Repressionen durch den Staat und den verheißungsvollen Versprechen von einer besseren Zukunft war noch ein anderer Faktor für den Zusammenhalt der Menschen im radikalen Milieu entscheidend. Die Zugehörigkeit zum radikalen Zirkel gab dem Individuum eine neue (Gegen-)Identität, wenn es innerhalb der Gruppe neu sozialisiert wurde. Es wurde ein neues Lebensgefühl geschaffen.56 Viele Radikale, die untergetaucht waren, konnten die Beziehungen zu ihren Familien aus konspirativen Gründen nicht aufrechterhalten. Sie fanden unter ihren Genossen eine Ersatzfamilie.57 Die auserwählte Gemeinschaft von Virtuosen Wie konnte eine Person ins radikale Milieu eintreten? Genügte es radikale Überzeugungen zu haben, um von den anderen akzeptiert zu werden? Oder wurden zusätzliche Bedingungen gestellt? Im Allgemeinen kann man ab den Sechzigerjahren des 19. Jahrhunderts eine Schranke erkennen, welche die »gewöhnlichen Menschen« in der Sympathisantensphäre von den »auserwählten Mitgliedern« in den radikalen Zirkeln trennte. Die Čajkovcy waren gegenüber Neulingen sehr streng. Sie nahmen nur solche Sympathisanten in ihren Zirkel auf, die mit der Gruppe in Harmonie standen und ihre Ziele vorbehaltlos teilten.58 Für die Južnye Buntari in Kiew Mitte der Siebzigerjahre war es dagegen ausschlaggebend, dass ein Neumitglied mit seiner legalen Existenz brach. Dadurch zeigte es den übrigen Mitgliedern die Ernsthaftigkeit seines Handelns.59 Die »Illegalen« bildeten unter sich eine verschworene Gemeinschaft. Innerhalb der Netzwerke ersetzte der revolutionäre Ruf die persönliche Bekanntschaft. Vera Figner schrieb später dazu: »Wie haben wir uns damals alle kennengelernt? Wenn ein Mensch erst einmal eine revolutionäre Reputation hatte – weil er gesucht wurde, weil er in der Verbannung war oder weil er einem bestimmten Parteigenossen bekannt war –, dann war das genug.«60 Wenn jemand über keine eigene Reputation verfügte, konnten ihm Empfehlungsschreiben von bekannten Radikalen die Türen zu den einzelnen Zirkeln öffnen. Daneben konnte es auch genügen, wenn eine Person aus der Familie des Neulings über einen solchen Ruf verfügte.61 Um die Inklusions- und Exklusionsmechanismen in den radikalen Zirkeln besser nachvollziehen zu können, ist der Begriff »Sekte«, wie ihn Max Weber definiert hat, hilfreich. Weber fasst eine Sekte im Gegensatz zu einer Kirche als »exklusiven Verein religiöser Virtuosen« auf.62 Virtuosen als Idealtypen zeichnen sich durch eine Lebensführung aus, bei der sie die Befriedigung körperlicher und geistiger Bedürfnisse auf ein Minimum reduzieren, um damit einem bestimmten übergeordneten Zweck besser dienen zu können. Dabei entwickeln sie ein soziales Selbstverständnis, das sie von »gewöhnlichen Menschen« abhebt und auszeichnet.63 Bei einer Sekte kann nur jemand mittels seiner von der Gruppe überprüften Eigenschaften zu einem Mitglied werden. Sympathisanten mussten ihre »richtige« Gesinnung und Tatkraft unter Beweis stellen, bevor sie wirklich in die Gruppe aufgenommen wurden.64 Beim Eintritt ins radikale Milieu Russlands stellten die »revolutionären Erfahrungen« – sei es in Form von Flucht vor der zaristischen Polizei oder in Form erfolgreicher Propagandaarbeit – die entscheidenden Qualifikationen dar.65 Innerhalb der Gruppe sollte bedingungslose Solidarität herrschen. Jedes Mitglied sollte bereit sein, sich angesichts der drohenden Repression für das Wohl der anderen bis zum Letzten aufzuopfern. In diesen Gemeinschaften von Virtuosen sollten die Mitglieder brüderlich untereinander verbunden sein, wobei die Gruppe aber gleichzeitig Verhaltensnormen definierte. Mitglieder konnten sich bei Differenzen mit der Gruppe grundsätzlich aus den Zirkeln zurückziehen.66 Wer allerdings mit den Behörden kooperierte oder aus dem Exil Begnadigungsgesuche stellte, wurde zum Ausgestoßenen.67 »Verräter«, die erneut den Kontakt mit dem radikalen Milieu suchten, mussten mit der Rache ihrer einstigen Genossen rechnen.68 Dies zeigt besonders deutlich eine Notiz aus dem Polizeidossier des in der Einleitung erwähnten Nikolaj Gorinovič. Dieser wurde, wie erwähnt, 1875 erstmals verhaftet, weil bei ihm verbotene, radikale Literatur gefunden worden war. Beim anschließenden Verhör nannte er auf Druck der Beamten die Namen der Buchhändler, woraufhin er aus der Haft entlassen wurde, da sich die Behörden gegenüber »reuigen« Radikalen meist »gnädig« zeigten.69 Der zuständige Offizier aber notierte, dass Gorinovič einige Tage später erneut bei ihm vorsprach: »Er bat mich inständig, ihn erneut zu verhaften. Dies erklärte er damit, dass sein Leben in Freiheit fast unerträglich geworden sei, weil er ein Denunziant geworden sei. Schließlich drückte Gorinovič direkt seine Angst vor den Personen aus, die er [zuvor] angezeigt hatte.«70 Vor dem Hintergrund dieser Akten wird deutlich, dass die Verdächtigungen der Južnye Buntari begründet waren. Durch seine Aussage beging Gorinovič in den Augen der Radikalen ein Sakrileg. Er verriet Informationen an den Feind, was eine Schwächung der Gemeinschaft bewirkte. Dem radikalen Kodex entsprechend hätte er in der Haft alle Entbehrungen auf sich nehmen und jede Kooperation mit den Organen des Staates ablehnen sollen. Hielt er sich aber nicht daran, so galt er als geächtet und als existenzielle Gefahr für die radikale Gemeinschaft. Deshalb scheint es nun, als habe Nikolaj Gorinovič grob fahrlässig oder in Verzweiflung gehandelt, als er im Mai 1876 erneut den Kontakt zu den »alten Genossen« bei den Južnye Buntari suchte. Mit ihrer gewaltsamen Reaktion auf das erneute Erscheinen des »Verräters« wollten diese sich und ihre Gemeinschaft schützen, ihre revolutionäre Tatkraft unter Beweis stellen und als Abschreckung für zukünftige »Verräter« ein Exempel statuieren. An Vergeltungsmaßnahmen gegenüber »Verrätern« hielten auch nachfolgende radikale Zirkel fest.71 Doch trotz dieser wiederkehrenden exemplarischen Bestrafungen und aller konspirativen Vorsicht, kam es immer wieder zu spektakulären Fällen, bei denen einzelne Radikale mit der Polizei kooperierten und sich als Doppelagenten anwerben ließen. Besonderes Aufsehen erregten Sergej Degaev, der durch seinen Verrat 1883 entscheidend zum Untergang der Terrororganisation Narodnaja Volja beitrug,72 oder Evno Azef, der ab 1893 als Doppelagent unter den Radikalen tätig war, und der es schließlich bis an die Spitze der Kampforganisation der Sozialrevolutionäre schaffte.73 Fazit Jenseits von allen ideologischen Streitigkeiten verband die Mitglieder des radikalen Milieus das Bewusstsein, einer auserwählten Elite anzugehören. Sie organisierten sich in sektenartigen Zirkeln, die durch eine Sphäre von Sympathisanten erhalten wurden, und waren überzeugt, durch individuelle Willenskraft und kollektive Kooperation die künftige Ordnung im Kleinen bereits antizipieren zu können. So bildete sich im radikalen Milieu eine eigene Gegenrealität heraus. Die Radikalen lebten aber in ständiger Furcht, von Agenten des Regimes unterwandert zu werden. In diesen geschlossenen Kreisen reiften Ideen heran, dass der revolutionäre Zweck alle für die Realisierung der angestrebten Ziele notwendigen Mittel heiligen könne. »Verräter« mussten mit unbarmherzigen Racheaktionen rechnen, denn in diesem Milieu war die latente Bereitschaft vorhanden, zum Erreichen der eigenen Ziele Gewalt einzusetzen. Narodnaja Volja (1879 bis 1884) oder die Kampforganisation der SR (1902 bis 1907) sind hierfür die besten Beispiele. In diesem Milieu bewegten sich spätere Bol’ševiki wie Lenin, Trockij oder Stalin über Jahrzehnte. Mit seinem starken Zusammenhalt im Innern, seinem Misstrauen gegenüber der Außenwelt und der allgegenwärtigen Furcht vor »Verrätern« prägte dieser revolutionäre Mikrokosmos Werte, Möglichkeitserwartungen sowie Mentalität der späteren Führer der Oktoberrevolution entscheidend mit. 1 Lev Dejč: Za polveka [Für ein halbes Jahrhundert], 3. Aufl. Moskau 1926, S. 274. Übersetzung der fremdsprachigen Quellen hier und im Weiteren S. R. 2 Siehe Ob ubijstve v gorode Odesse dvorjanina Gorinoviča i meščanina Taveleeva [Zum Mord(versuch) am Adelsmann Gorinovič und am Kleinbürger Taveleev in der Stadt Odessa], in: Gosudarstvennyj Archiv Rossijskoj Federacii/Staatsarchiv der Russischen Föderation (im Folgenden: GARF), f. 109, 3-ja ėkspedicija, op. 159, 1874 g., ed. chr. 144, č. 136, A. 3 Siehe Daniel R. Brower: Training the Nihilists. Education and Radicalism in Tsarist Russia, London 1975, S. 190–230; Alain Besançon: Les origines intellectuelles du Léninisme [Die intellektuellen Ursprünge des Leninismus], Paris 1977, S. 12 u. 162–164; Anna Geifman: Thou Shalt Kill. Revolutionary Terrorism in Russia 1894–1917, Princeton 1993, S. 48; S. V. Kalinčuk: Psichologičeskij faktor v dejatel’nosti ›Zemli i voli‹ 1870-ch godov [Der psychologische Faktor in der Tätigkeit von Zemlja i Volja in den 1870er Jahren], in: Voprosy istorii 3 (1999), S. 46–58; Laura Polexe: Netzwerke und Freundschaft. Sozialdemokraten in Rumänien, Russland und der Schweiz an der Schwelle zum 20. Jahrhundert, Göttingen 2011, S. 130 u. 235; mit Fokus auf die radikalen Frauen: Bianka Pietrow-Ennker: Russlands »neue Menschen«. Die Entwicklung der Frauenbewegung von den Anfängen bis zur Oktoberrevolution, Frankfurt a. M. 1999, S. 220 u. 358–361. 4 Siehe Franco Venturi: Roots of Revolution. A History of the Populist and Socialist Movements in Nineteenth Century Russia, 2. Aufl. London 2001, S. 187–203 sowie Peter C. Pozefsky: The Nihilist Imagination. Dmitrii Pisarev and the Cultural Origins of Russian Radicalism, New York 2003. 5 Zum Netzwerkbegriff siehe Polexe: Netzwerke und Freundschaft (Anm. 3), S. 48–52. 6 Siehe Brower: Training the Nihilists (Anm. 3), S. 34 f.; Otto Wilhelm Müller: Intelligencija. Untersuchungen zur Geschichte eines politischen Schlagworts, Frankfurt a. M. 1971, S. 328–332. 7 Mario R. Lepsius: Demokratie in Deutschland. Soziologisch-historische Konstellationsanalysen. Ausgewählte Aufsätze, Göttingen 1993, S. 38. 8 Meistens fanden sich die Menschen in Städten zu Gruppen zusammen. Die Mitglieder konnten jedoch auch vom Land kommen. 9 Siehe Petr Kropotkin: Zapiski revoljucionera [Notizen eines Revolutionärs], London 1902, S. 284 u. 307; Kalinčuk: Psichologičeskij faktor (Anm. 3), S. 47; Leopold H. Haimson (Hg.): The Making of Three Russian Revolutionaries, Cambridge 1987, S. 60–64; Richard Pipes: Social Democracy and the St. Petersburg Labour Movement 1885–1897, Cambridge (MA) 1963, S. 5; Dmitrij Ul’janov: Vospominanija o Kokuškine [Erinnerungen an Kokuškino], in: Georgij Golikov u. a. (Hg.): Vospominanija o Vladimire Il’iče Lenine [Erinnerungen an Vladimir Il’ič Lenin], Bd. 1, Moskau 1969, S. 93; Pozefsky: The Nihilist Imagination (Anm. 4), S. 200 f. u. 209. 10 Siehe Brower: Training the Nihilists (Anm. 3), S. 227–230. 11 Siehe Stepnjak [Sergej Kravčinskij]: Der Terrorismus in Russland und in Europa, in: Die Neue Zeit 9 (1890), S. 281. 12 Siehe Müller: Intelligencija (Anm. 6), S. 252 f. 13 Siehe Stepnjak [Sergej Kravčinskij]: Das Unterirdische Russland. Revolutionäre Porträts u. Skizzen aus der Wirklichkeit, Bern 1884, S. 135 f. 14 Siehe Ot [...] tipografii ›Narodnoj voli‹, obnaružennoj v g. Odesse v kvartire suprugov Degaevych [Zur … Druckerei von Narodnaja Volja, die in der Stadt Odessa in der Wohnung des Ehepaares Degaev entdeckt worden ist], in: GARF, f. 102, 7-oe deloproizvodstvo, 1884 g., op. 181, ed. chr. 747, č. 10, ll. 45f. 15 Familie Figner als Beispiel für Familiensolidarität: Nikolaj Figner, bekannter und von Nikolaj II. geschätzter Opernsänger, setzte sich mehrmals bei offiziellen Stellen für seine radikale Schwester Vera ein. Margarita Figner: Brat i sestra. Konec odnoj legendy [Bruder und Schwester. Das Ende einer Legende], in: Teatr 1 (1964), S. 104–108. 16 Siehe Stat’ja Figner V.N. ob otnošenii revoljucionerov k Saltykovu-Ščedrinu M.E. [Aufsatz von V. N. Figner über das Verhältnis der Revolutionäre zu M. E. Saltykov-Ščedrin], in: Rossijskij gosudarstvennyj archiv literatury i iskusstva/Russisches Staatsarchiv für Literatur und Kunst (RGALI), f. 1185, op. 1, ed. chr. 167, l. 24. 17 Diese Gruppe wurde nach einem ihrer Initiatoren – Nikolaj Čajkovskij – benannt. 18 Siehe Nikolaj Troickij: ›Narodnaja volja‹ pered carskim sudom [›Narodnaja Volja‹ vor dem zaristischen Gericht], Saratov 1983, S. 355–357; Norman M. Naimark: Terrorists and Social Democrats. The Russian Revolutionary Movement under Alexander III, Cambridge 1983, S. 42. 19 Siehe L. M. Ljašenko/P. Ju. Savel’ev: Russkij revoljucioner na fone 1870-ch godov [Der russische Revolutionär vor dem Hintergrund der 1870er Jahre], in: L. M. Ljašenko (Hg.): Dejateli revoljucionnogo dviženija v Rossii. Vtoraja polovina 1850-ch – konec 1890-ch gg. [Träger der revolutionären Bewegung in Russland. Zweite Hälfte der 1850er Jahre bis Ende der 1890er Jahre], Bd. 2: 1870-e gody [1870er Jahre], Moskau 2009, S. 692. 20 Siehe ebd., S. 694. 21 Dazu ausführlich Thies Ziemke: Marxismus und Narodničestvo. Entstehung und Wirken der Gruppe »Befreiung der Arbeit«, Frankfurt a. M. 1979; sowie Naimark: Terrorists and Social Democrats (Anm. 18). 22 Siehe V. V. Starkov: Vospominanija o V.I. Lenine (Ul’janove) [Erinnerungen an V. I. Lenin (Ul’janov)], in: Krasnaja nov’ 8 (1925), S. 107. 23 Siehe A. A. Kizevetter: Na rubeže dvuch stoleti [An der Grenze zweier Jahrhunderte], Prag 1929, S. 211–214; Pipes: Social Democracy (Anm. 9), S. 12 f. u. 49; Manfred Hildermeier: Die Sozialrevolutionäre Partei Russlands. Agrarsozialismus und Modernisierung im Zarenreich, Köln 1979, S. 35 f. 24 Siehe Michaël Confino: Organization as Ideology. Dilemmas of the Russian Anarchists (1903–1914), in: Russian History 37 (2010), H. 3, S. 179–207; Hildermeier: Die Sozialrevolutionäre Partei (Anm. 23), S. 126–140. 25 Siehe Geifman: Thou Shalt Kill (Anm. 3), S. 183; Hildermeier: Die Sozialrevolutionäre Partei (Anm. 23), S. 112. Als Beispiele lassen sich Lidija Kočetkova, Marija Škol’nik oder Boris Savinkov nennen, die alle von den SD zu den SR wechselten. Dazu Karin Huser: Eine revolutionäre Ehe in Briefen. Die Sozialrevolutionärin Lidija Petrowna Kotschetkova und der Anarchist Fritz Brupbacher, Zürich 2003, S. 144–146; Eva Broido: Wetterleuchten der Revolution, Berlin 1929, S. 117. 26 Siehe Robert C. Williams: The Bolsheviks, in: Anna Geifman (Hg.): Russia under the Last Tsar. Opposition and Subversion 1894–1917, Oxford 1999, S. 42; Michael Melancon: Neo-Populism in Early Twentieth-Century Russia. The Socialist-Revolutionary Party from 1900 to 1917, in: Geifman (Hg.): Russia under the Last Tsar, S. 86. 27 Siehe Geifman: Thou Shalt Kill (Anm. 3), S. 188–192 u. 206; Hildermeier: Die Sozialrevolutionäre Partei (Anm. 23), S. 150, 179, 181, 244 u. 256; konkretes Beispiel bei Vera Figner: Polnoe sobranie sočinenij [Vollständig gesammelte Werke], Bd. 7, 2. Aufl. Moskau 1932, S. 201 f. 28 Siehe Hildermeier: Die Sozialrevolutionäre Partei (Anm. 23), S. 215 u. 267–269; David Lane: The Roots of Russian Communism, Assen 1969, S. 12 f. 29 Siehe Hildermeier: Die Sozialrevolutionäre Partei (Anm. 23), S. 292; Beate Fieseler: Frauen auf dem Weg in die russische Sozialdemokratie, 1890–1917. Eine kollektive Biographie, Stuttgart 1995, S. 42–49. Fieseler meint auf S. 24, dass sich die SD und SR bezüglich der Geschlechterzusammensetzung kaum unterschieden. 30 Siehe Hildermeier: Die Sozialrevolutionäre Partei (Anm. 23), S. 290 f. Beispiel von Vera Zasulič: K. I. Zacharova-Cederbaum/S. I. Cederbaum: Iz ėpochi ›Iskry‹. 1900–1905 gg. [Aus der Epoche der ›Iskra‹ 1900–1905], Moskau/Leningrad 1926, S. 11; Haimson (Hg.): The Making (Anm. 9), S. 110. 31 Siehe Fieseler: Frauen (Anm. 29), S. 32 f.; Hildermeier: Die Sozialrevolutionäre Partei (Anm. 23), S. 291; Lane: Russian Communism (Anm. 28), S. 20–39. 32 Beispiel zu den Pseudonymen bei den Južnie Buntari: Dejč: Za polveka (Anm. 1), S. 159–180. 33 Siehe Rozalija Plechanova: Naša žizn’ do ėmigracii. Otryvok iz vospominanij [Unser Leben vor der Emigration. Ein Ausschnitt aus den Erinnerungen], in: Lev Dejč (Hg.): Gruppa ›Osvoboždenie truda‹ [Gruppe ›Befreiung der Arbeit‹ ], Moskau 1928, Bd. 6, S. 89–91. 34 Siehe Lev Dejč: Černyj peredel [Čërnyj peredel], in: Vladimir Nevskij (Hg.): Istoriko-revoljucionnyj sbornik [Historisch-revolutionärer Sammelband], Bd. 2, Moskau/Leningrad 1924, S. 314 f. 35 Siehe Nadežda Krupskaja: Vospominija o Lenine [Erinnerungen an Lenin], in: Golikov u. a. (Hg.): Vospominanija (Anm. 9), Bd. 1, Moskau 1969, S. 256 f. 36 Siehe Lynne Patyk: Dressed to Kill and Die. Russian Revolutionary Terrorism, Gender, and Dress, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 58 (2010), H. 2, S. 193–196. 37 Siehe Jessica Tovrov: Mother-Child Relationships among the Russian Nobility, in: David L. Ransel (Hg.): The Family in Imperial Russia, Chicago 1976, S. 30 f. 38 Siehe Richard Stites: The Women’s Liberation Movement in Russia. Feminism, Nihilism and Bolshevism 1860–1930, 2. Aufl. Princeton 1990, S. 91. 39 Siehe Pietrow-Ennker: Russlands »neue Menschen« (Anm. 3), S. 221–227. 40 Siehe Michail Frolenko: Tat’jana Ivanovna Lebedeva-Frolenko, in: Katorga i ssylka 9 (1924), S. 224–230. 41 Siehe Figner: Polnoe (Anm. 27), Bd. 5, S. 307; O prestupnom pokušenii na žizn’ Gosudarja Imperatora posredstvom vzryva v Zimnem dvorce [Zum verbrecherischen Anschlag auf seine Majestät den Kaiser mittels einer Explosion in Winterpalast], in: GARF, f. 109, 1880 g., ed. chr. 168, č. 1, ll. 88–90. 42 Siehe Krupskaja: Vospominanija (Anm. 35), S. 220–222. 43 Siehe Kalinčuk: Psichologičeskij faktor (Anm. 3), S. 47 f. 44 Aleksandra Kornilova-Moroz: Perovskaja i osnovanie kružka čajkovcev [Perovskaja und die Gründung des Zirkels der Čajkovcy], in: Katorga i ssylka 22 (1926), S. 17. 45 Siehe Vera Zasulič: Le mouvement révolutionnaire en Russie [Die revolutionäre Bewegung in Russland], in: La Commune Nr. 43 vom 2. November 1880, S. 1 f.; Lev Gartman: Iz vospominanij L’va Gartmana [Aus den Erinnerungen von Lev Gartman], in: Byloe 3 (1903), S. 181. 46 Siehe B. S. Itenberg (Hg.): Revoljucionnoe narodničestvo [Revolutionäres narodničestvo], Bd. 1, Moskau 1965, S. 220 (Čajkovcy) u. S. 270 (Kiewer Kommune); Lev Trockij [Bronštejn]: Mein Leben, Berlin 1930, S. 138 (Iskra). 47 Siehe Marija Cebrikova: Vospominanija Marii Konstantinovny Cebrikovoj [Erinnerungen von Marija Konstantinovna Cebrikova], in: Zvezda 6 (1935), S. 198; Hilde Hoogenboom: Vera Figner and Revolutionary Autobiographies. The Influence of Gender and Genre, in: Rosalind Marsh (Hg.): Women in Russia and Ukraine, Cambridge/New York 1996, S. 82–85. 48 Siehe Vera Zasulič: Die Frauen in der russischen Arbeiterbewegung, in: Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen, Nr. 9 vom 24. April 1901, S. 68; Figner: Polnoe (Anm. 27), Bd. 5, S. 77. 49 Siehe Ljašenko/Savel’ev: Russkij revoljucioner (Anm. 19), S. 680 f; Hildermeier hat später den Aktionismus und Voluntarismus als Charakteristikum der SR dargestellt: Die Sozialrevolutionäre Partei (Anm. 23), S. 82. Doch auch bei den SD lassen sich voluntaristische Züge erkennen, wenn es darum ging, den eigenen Mikrokosmos neu zu gestalten. Das Zusammenleben in der Iskra-Kommune ist dafür ein Beispiel: N. A. Alekseev: Lenin v Londone. 1902–1903 gg. Otryvki iz vospominanij [Lenin in London 1902–1903. Auszüge aus der Erinnerung], in: Proletarskaja revoljucija 3 (1924), S. 149 f. 50 Siehe Dejč: Za polveka (Anm. 1), S. 146–148 u. 186–189. 51 Mitte der Siebzigerjahre versuchte die zaristische Regierung, mit öffentlichen Massenprozessen die radikale Bewegung zu bekämpfen. Der größte dieser Prozesse war derjenige der »193«, der von Oktober 1877 bis Januar 1878 stattfand. Allerdings gelang es der Regierung in vielen Fällen nicht, den einzelnen Angeklagten konkrete Vergehen nachzuweisen. Viele wurden deshalb am Ende des Prozesses freigesprochen. Die Angeklagten nutzten ihrerseits die ihnen gebotene Bühne, um für sich und ihre Sache zu werben. Siehe Ekaterina Breško-Breškovskaja: Hidden Springs of the Russian Revolution, London 1931, S. 148–160; Venturi: Roots of Revolution (Anm. 4), S. 588–596. 52 Siehe Rozalija Plechanova: Stranica iz vospominanij o V.I. Zasulič [Eine Seite aus den Erinnerungen an V. I. Zasulič], in: Dejč (Hg.): Gruppa (Anm. 33), Bd. 3, Moskau 1925, S. 82–84. Anatolij Koni: Sobranie sočinenij v vos’mi tomach [Gesammelte Werke in acht Bänden], Bd. 2, Moskau 1966, S. 17; I. P. Juvačev: Vospominanija narodovol’ca [Erinnerungen eines Mitglieds von Narodnaja Volja], in: Morskoj sbornik 10 (1927), S. 75. 53 Beispiel für eine Untergrundpublikation mit Porträts: Kalendar’ Narodnoj voli na 1883 god [Kalender von Narodnaja Volja für das Jahr 1883], Genf 1883, Umschlagseiten. Siehe dazu die Abbildungen auf den beiden folgenden Seiten dieses Beitrags. 54 Siehe Pozefsky: The Nihilist Imagination (Anm. 4), S. 196. 55 Siehe Geifman: Thou Shalt Kill (Anm. 3), S. 102; Krupskaja: Vospominanija (Anm. 35), S. 220; Trockij: Mein Leben (Anm. 46), S. 96. 56 Siehe Kalinčuk: Psichologičeskij faktor (Anm. 3), S. 48 f. 57 Siehe Barbara A. Engel: Mothers and Daughters. Women of the Intelligentsia in Nineteenth-Century Russia, Cambridge 1983, S. 106; Dejč: Za polveka (Anm. 1), S. 186–189; Nikolaj Morozov: Povesti moej žizni [Geschichten aus meinem Leben], Bd. 1, 2. Aufl. Moskau 1965, S. 114 f. 58 Siehe Kornilova-Moroz: Perovskaja (Anm. 44), S. 23; Kropotkin: Zapiski (Anm. 9), S. 289–293. 59 Siehe Dejč: Za polveka (Anm. 1), S. 186–189; Kalinčuk: Psichologičeskij faktor (Anm. 3), S. 49. 60 Figner: Polnoe (Anm. 27), Bd. 6, S. 397. 61 Siehe M. A. Sil’vin: K biografii V.I. Lenina. Iz vospominanij [Zur Biographie von V. I. Lenin. Aus den Erinnerungen], in: Proletarskaja revoljucija 7 (1924), S. 66 f. 62 Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 2, 8. Aufl. Tübingen 1988, S. 6. 63 Siehe Max Weber: Religiöse Gemeinschaften (= Wirtschaft und Gesellschaft, Bd. 2), Tübingen 2001, S. 318. 64 Siehe Max Weber: Herrschaft (= Wirtschaft und Gesellschaft, Bd. 4), Tübingen 2001, S. 668 f. u. 671; Klaus Georg Riegel: Konfessionsrituale im Marxismus Leninismus, Graz 1985, S. 37. 65 Siehe Broido: Wetterleuchten (Anm. 25), S. 45; Huser: Eine revolutionäre Ehe (Anm. 25), S. 144. 66 Siehe Perepiska Figer V.N. s Morozovym N.A. [Korrespondenz von V.N. Figner mit N. A. Morozov], in: GARF, f. 1762, op. 4, ed. chr. 625, ll. 1–21. 67 Siehe Dejč: Za polveka (Anm. 1), S. 271. 68 Siehe N. I. Šebeko: Chronika socialističeskogo dviženija v Rossii 1878–1887. Official’nyj otčet [Chronik der revolutionären Bewegung in Russland von 1878–1887. Offizieller Bericht], Moskau 1906, S. 352; Boris Savinkov: Erinnerungen eines Terroristen, Berlin 1929, S. 126 u. 133. 69 Beispiel für selektive Bestrafung von verhafteten Radikalen: O 142 licach obvinjaemych v gosudarstvennych prestuplenijach [Zu 142 Personen, die wegen Staatsverbrechen angeklagt werden], in: GARF, f. 102, 7-oe deloproizvodstvo, 1884 g., op. 181, ed. chr. 747, č. 21, l. 32–34. 70 Ob ubijstve (Anm. 2), in: GARF, f. 109, 3-ja ėkspedicija, op. 159, 1874 g., ed. chr. 144, č. 136, A, ll. 13f. 71 Siehe Savinkov: Erinnerungen eines Terroristen (Anm. 68), S. 119–134. 72 Siehe Richard Pipes: The Degaev Affair, London 2003. 73 Siehe Anna Geifman: Entangled in Terror. The Azef Affair und the Russian Revolution, Wilmington 2000; Aleksandr Gerasimov: Der Kampf gegen die erste russische Revolution, Frauenfeld/Leipzig 1934, S. 205.

JHK 2013

Im Schatten der Stalin-Note. Der Kreml und Kekkonens Initiative für ein neutrales Skandinavien

Peter Ruggenthaler

Nach 1945 sah sich die sowjetische Führung unter Stalin bis zu dessen Tod mehrmals mit Neutralitätsinitiativen konfrontiert. Die Amerikaner boten 1946 einen Plan zur Entmilitarisierung Deutschlands (Byrnes-Plan) an, der in Moskau auf Ablehnung stieß und intern als Untergrabung sowjetischer Positionen in Europa gesehen wurde: In Konsequenz würde er nicht nur zur Aufgabe Ostdeutschlands führen, sondern generell die sowjetische Truppenpräsenz in Mittelosteuropa infrage stellen.1 1947 ergriffen die Schweden die Initiative und propagierten mittels Schaffung einer Nordischen Verteidigungsunion die Ausdehnung der Neutralität auch auf Norwegen und Dänemark. Auch dazu verhielt man sich im Kreml ablehnend. Die Praxis zeige, so die Analysten des sowjetischen Außenministeriums, dass von »Neutralität keine Rede sein kann«. Die Debatten wurden vielmehr als schwedischer Versuch gewertet, den sowjetischen Einfluss in Finnland zu neutralisieren.2 1952 wurde hinsichtlich dreier Schauplätze über die Neutralität und Neutralisierung debattiert: Die Westmächte schlugen Moskau zur Beendigung der Vier-Mächte-Besatzung Österreichs eine Neutralisierung des Landes vor (mit künftiger freier Bündnisoption),3 und der finnische Ministerpräsident startete eine Offensive und propagierte die Verbreitung der Idee der Neutralität auf die nordischen Staaten. Dies alles geschah im Schatten des in die Geschichtsbücher als »Stalin-Note« eingegangenen sowjetischen »Angebots« vom 10. März 1952, Deutschland wiederzuvereinen, wenn es fortan einen neutralen Kurs zwischen West und Ost verfolgen würde. Sowjetische Akten haben in den letzten Jahren deutlich gezeigt, dass Stalin 1952 keineswegs dazu bereit war, die DDR zu opfern, sondern mit seinem »Neutralitätsangebot« für Deutschland genau das Gegenteil verfolgte, nämlich die Erlangung einer Art Legitimierung für eine festere Anbindung der DDR an den Ostblock.4 Jegliche Schuld für die Manifestierung der deutschen Teilung wurde den Westmächten in die Schuhe geschoben und die Unterzeichnung des Generalvertrages mit der BRD im Mai 1952 als Anlass genommen, die innerdeutsche Demarkationslinie abzuriegeln. Mit dem »Kampf gegen die Remilitarisierung« traf die sowjetische Propaganda zudem auch in weiten westdeutschen Bevölkerungskreisen auf Verständnis, mithilfe derer man sich in Moskau (und Ost-Berlin) ein Aufbegehren gegen Bundeskanzler Konrad Adenauer erhoffte. Doch hinter der Stalin-Note stand noch viel mehr.5 Auf alle Aspekte kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden. In der Folge soll vielmehr ein weiterer zentraler, bislang in der deutschen Historiografie völlig vernachlässigter Aspekt im Historikerstreit rund um die Stalin-Note behandelt werden: die sowjetische Haltung zu Urho Kekkonens Aufruf am 23. Januar 1952 (also ca. sieben Wochen vor der Stalin-Note) zur Schaffung eines neutralen Skandinaviens, der als »Nachthemdenrede«6 in die finnische Geschichte einging. In der New York Times wurde die Rede gerade einmal in einem kurzen Einspalter erwähnt.7 Eine Interpretation der Hintergründe blieb auch in der Folge aus. In Washington war man zu dieser Zeit nicht daran interessiert, eine Neutralitätsdiskussion aufkommen zu lassen. Eine solche wäre der US-Politik, die mangels sowjetischer Gesprächsbereitschaft zu Deutschland in den Jahren davor endgültig auf Westintegration der Bundesrepublik und Wiederbewaffnung ausgerichtet war, zuwider gelaufen. Von diesem Kurs ließ man sich nicht mehr abbringen. Kekkonens Rede stufte man als »sowjetisch inspiriert« ein. Die Times charakerisierte Kekkonens Vorschlag als unrealistisch und interpretierte ihn als an die Sowjetunion gerichtet.8 Sowjetische Propaganda über vermeintliche Neutralitätsangebote konnten daher nur schädlich sein. Ob – wie auch der Spiegel vermutete – die »russische Außenpolitik den finnischen Ministerpräsidenten Kekkonen« inspirierte, »neue Vorschläge zur skandinavischen Blockpolitik der Öffentlichkeit vorzulegen«9 bzw. ob auch andere Beweggründe dahinterstanden, wird auf der Basis sowjetischer Quellen und der bislang in der deutschen Historiografie kaum beachteten russischen und finnischen Forschungsliteratur nachgegangen. Zum besseren Verständnis der Folgen der Kekkonen-Rede 1952 ist es nötig, einen kurzen Blick auf die »Sonderstellung« Finnlands zwischen Ost und West im beginnenden Kalten Krieg zu werfen und die »Jahre der Gefahr« nach Ende des Zweiten Weltkrieges, als sich in Finnland eine politische Entwicklung wie in den osteuropäischen Staaten ergab, zu beleuchten. Zum sowjetisch-finnischen Verhältnis nach dem Zweiten Weltkrieg Finnland stand nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf der Seite der militärischen Verlierer. Für die Finnen war die Beteiligung am Krieg gegen die Sowjetunion 1941 eine Fortsetzung des Winterkrieges von 1939/40, mit dem Ziel, die aus ihrer Sicht ungerechten Bedingungen des Friedensvertrages vom März 1940 zu revidieren. Nach den ersten Niederlagen der Deutschen Wehrmacht formierte sich in den finnischen Parlamentsfraktionen 1942 aber eine Opposition, die einen Separatfrieden mit der UdSSR forderte. Mit der Zeit erfuhr diese stark fraktionsübergreifende Tendenzen und konnte später als Alternative zum Kriegskabinett auftreten. In einem entscheidenden Punkt verkalkulierte sie sich allerdings: Sie sah nicht, dass Finnland bei einem Friedensschluss allein auf die UdSSR angewiesen sein würde und hoffte zu sehr darauf, dass die Westmächte als Fürsprecher und Garant für die Bewahrung der Unabhängigkeit Finnlands auftreten würden. Die Niederlage der Wehrmacht in Stalingrad und die Forderung der Alliierten nach bedingungsloser Kapitulation der Achsenmächte (Casablanca 1943) führten zu einem Umdenken innerhalb der finnischen Regierung, die durch die Neubesetzung des Außenministerpostens mit dem anglophilen Henrik Ramsay ein neues Gesicht erhielt. Fortan hielt man den Abschluss eines Separatfriedens mit der UdSSR für erstrebenswert. Oberstes Kriegsziel blieb der Erhalt der finnisch-sowjetischen Vorkriegsgrenze. Finnland befand sich aber nichtsdestotrotz weiter in einer schwierigen Situation, hatte das Land doch nach wie vor mit einer deutschen Großmacht in unmittelbarer Nachbarschaft zu leben. Die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Deutschen Reich lag mittlerweile bei neunzig Prozent. Ein separater Friedensschluss mit der Sowjetunion war für Helsinki solange unmöglich, wie Skandinavien nicht von deutschen Truppen befreit war und Finnland nicht vom Westen versorgt worden konnte.10 Alle finnischen Bemühungen, von den USA oder Großbritannien im Falle eines Kriegsaustritts Zusicherungen für die Bewahrung der Unabhängigkeit Finnlands zu erhalten, verliefen im Sand, ebenso wenig fruchteten Vorschläge an Schweden, ein gemeinsames Verteidigungsbündnis zu schließen, da dieses Vorhaben aus schwedischer Sicht zu offensichtlich gegen die Sowjetunion gerichtet war. Bemühungen, 1943 einen separaten Friedensvertrag abzuschließen, verliefen erfolglos. Für die Beteiligung am Krieg gegen die Sowjetunion musste Finnland teuer bezahlen. So befand sich das Land im Herbst 1944 in einer komplexen Lage: Helsinki hatte mit harten Waffenstillstandsforderungen zu kämpfen, musste ein gravierendes Umsiedlungsproblem infolge der Gebietsabtretungen an die UdSSR (zwölf Prozent des finnischen Staatsgebiets) auf sich nehmen, 300 Millionen Dollar Reparationen (statt der ursprünglich geforderten 600; in Form von Gütern dennoch eine kaum verkraftbare wirtschaftliche Belastung) bezahlen und eine »alliierte«, de facto aber eine sowjetische Kontrollkommission mit Stalin-Intimus Andrej Ždanov als Vorsitzendem, dulden.11 Um den Schein zu wahren, erhielt diese aus Moskau immer wieder Anweisungen, sich zurückzuhalten. Der finnischen Regierung sollte kein Anlass gegeben werden, »die Maßnahmen der Alliierten Kontrollkommission als Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Landes erscheinen zu lassen«.12 Außerdem hatte Helsinki dafür Sorge zu tragen, das in Finnland befindliche deutsche Eigentum entsprechend dem Potsdamer Abkommen an die Sowjetunion zu übergeben.13 Finnland war damit in allen Lebensbereichen von der Sowjetunion abhängig, sein Handlungsspielraum war äußerst begrenzt, die finnische Souveränität bis zum Pariser Friedensvertrag 1947 erheblich eingeschränkt. Sowjetische Truppen waren zwar kurzfristig in Nordfinnland einmarschiert, jedoch war ihr Aufenthalt dort nicht von langer Dauer, obwohl die Einbeziehung Finnlands in die sowjetische Einflusssphäre (nicht wie 1939 als Sowjetrepublik in die UdSSR selbst) auch nach dem sowjetisch-finnischen Winterkrieg ein Ziel blieb. Dennoch fanden in der Folge keine konkreten Unternehmungen, die auf eine Besetzung hindeuteten, statt.14 Bereits Ende 1941 hatte Stalin gegenüber dem britischen Außenminister Anthony Eden keinen dezidierten Anspruch mehr auf ganz Finnland erhoben, sehr wohl aber auf die bereits 1940 der Sowjetunion angegliederten Gebiete Finnlands (einschließlich des nickelreichen Gebietes um den Eismeerhafen Petsamo). Die Forderung nach einer territorialen Ausdehnung der UdSSR entsprechend den alten Grenzen des Zarenreiches war fallengelassen worden. Stalin war in dieser Frage bereit, Konzessionen zu machen, forderte aber den Abschluss von Beistandsverträgen mit Finnland (und auch Rumänien) mit dem Recht der Errichtung militärischer Stützpunkte.15 Nach dem Vorrücken der Roten Armee 1944 ging es den Finnen daher um das nationale Überleben.16 Den finnischen Politikern war in dieser Phase klar, dass alle Versuche, Sicherheitsprobleme Finnlands ohne Berücksichtigung der sicherheitspolitischen Interessen der Sowjetunion lösen zu wollen, zum Scheitern verurteilt sein mussten. Helsinki musste die politischen Realitäten anerkennen und die Beziehungen zu Moskau möglichst reibungslos gestalten. Juho Kusti Paasikivi (bis 1946 Ministerpräsident, danach Staatspräsident) war davon überzeugt, dass das Interesse der UdSSR an Finnland »ausschließlich militärstrategischer und damit defensiver Art war«.17 Die in der Folge überaus geschickte Politik ermöglichte es Finnland, seine gesellschaftlichen Strukturen aufrechtzuerhalten und seine staatliche Unabhängigkeit zu bewahren,18 obwohl die Alliierte Kontrollkommission ähnlich wie ihre Pendants in Osteuropa agierte. Sie und die sowjetische Gesandtschaft standen in engem Kontakt mit der Kommunistischen Partei Finnlands (Suomen Kommunistinen Puolue, SKP). Sie überwachten die finnischen Kommunisten und gaben ihnen Richtlinien, Anweisungen und Ratschläge,19 ebenso mit ihrem Partner in der Linksregierung, den »Volksdemokraten« der Demokratischen Union des Finnischen Volkes (Suomen Kansan Demokraattinen Liitto, SKDL). Mit der Unterzeichnung des sowjetisch-finnischen Freundschafts- und Beistandspaktes im März 1948 blieb Finnland zwar weiterhin von der Sowjetunion in hohem Maße abhängig, doch gingen damit »die Jahre der Gefahr«, in denen die alleinige Machtübernahme der Kommunisten befürchtet und vielfach erwartet worden war, zu Ende. Der im Frühsommer 1948 unternommene Putschversuch seitens finnischer Kommunisten war mehr »apologetisch als revolutionär«. Stalin sah davon ab, zugunsten der finnischen Genossen stärker auf den Plan zu treten. Aus Moskauer Sicht war es, so der finnische Historiker Kimmo Rentola, solange »für eine Machtergreifung der finnischen Kommunisten zu früh, bis es letztlich zu spät war«.20 Die sowjetische Devise lautete ab 1948, ihre Positionen zu sichern und nichts zu riskieren, auch zu dem Preis einer bürgerlichen Regierung. Nach der Niederlage der kommunistisch angeführten, seit 1945 amtierenden Regierung unter Mauno Pekkala im Sommer 1948, und der Vereidigung der aus der Sicht Moskaus rein pro-westlichen sozialdemokratischen Regierung unter Karl August Fagerholm reduzierte der Kreml die bilateralen Beziehungen zu Finnland auf ein Minimum. Letztlich war man im Kreml erleichtert und froh, dass nach kurzer Zeit die traditionelle finnische bürgerliche Elite wieder an die Macht kam, denn letzten Endes schätzte die sowjetische Führung den realpolitischen Kurs Paasikivis und Kekkonens, der den Grundinteressen der UdSSR in und an Finnland Rechnung trug.21 Kekkonens »Nachthemdenrede« Mit der Gründung der NATO hatte sich die geopolitische Lage in Nordeuropa grundlegend verändert. Die einstigen kriegsverbündeten und durch die Rote Armee von der NS-Herrschaft mitbefreiten Länder Norwegen und Dänemark traten der NATO bei, ebenso Island. Stockholm blieb bei seiner Neutralitätspolitik, die man in Moskau äußerst skeptisch einschätzte. Schweden betrachtete man als geheimes NATO-Mitglied.22 Lediglich durch die Unterzeichnung des Freundschafts- und Beistandsvertrages mit Finnland 1948 hatte sich die Sowjetunion ihren Minimaleinfluss in Nordeuropa gesichert. Man traute keiner Option eines wirklich bündnisfreien und neutralen Skandinaviens, wie es seit 1947/48 weithin diskutiert wurde.23 Dennoch, Anfang 1951 hatte der sowjetische Botschafter in Schweden, K. K. Rodionov, die Anweisung aus Moskau erhalten,24 inoffiziell auf den Plan zu treten und die Schweden (auch gemeinsam mit den Finnen) zu animieren, Norwegen und Dänemark zum Verlassen der NATO zu bewegen. Die Sowjetunion nahm damit die »1949 zu Grabe getragene Idee einer nördlichen neutralen Verteidigungsunion«25 auf, um diese für ihre Zwecke einzusetzen. Kekkonen erfuhr über die Schweden von dem sowjetischen Vorstoß und teilte Präsident Paasikivi daraufhin mit, dass Schweden angeblich Informationen darüber hätte, dass die Sowjetunion nichts gegen die Einbeziehung Finnlands in eine neutrale Union einzuwenden hätte. Kekkonen erklärte sich dies mit dem möglichen Wunsch der UdSSR, im Kriegsfall nicht einer Front im Norden gegenüberzustehen. Paasikivi gewann der Idee Positives ab, meldete allerdings seine Zweifel an, ob es realistisch sei, Norwegen und Dänemark auf diese Weise aus der NATO »rauszureißen«.26 Ein Artikel in der Izvestija, demzufolge die Formation eines neutralen Blocks in Skandinavien sowjetischen Interessen entgegenkäme, inspirierte Kekkonen weiter. Der schwedische Ministerpräsident, Tage Fritiof Erlander, schlug Kekkonen vor, er möge doch das Thema einer nordischen Neutralität aufgreifen. Am 4. Januar 1952 suchte Kekkonen den sowjetischen Gesandten in Helsinki, V. Z. Lebedev, auf – mit einem Redeentwurf. Lebedev wiederum berichtete im Anschluss an das Gespräch nach Moskau, dass Kekkonen hoffte, mit dieser Rede die anderen nordischen Staaten »zum Konzept der Neutralität, wie sie in Finnland verstanden wurde, zurückzubringen«.27 Die sowjetische Führung wurde sofort hellhörig. Am 9. Januar 1952 informierte der stellvertretende Außenminister Andrej Gromyko den im Kreml nach wie vor wichtigen Organisator in Sachen Außenpolitik, Vjačeslav Molotov, über Kekkonens Besuch bei Lebedev.28 Er legte Molotov einen Entwurf einer Direktive an Lebedev bei, die Molotov umformulierte und ergänzte.29 Am nächsten Tag, dem 10. Januar 1952, bestätigte das Politbüro die von Molotov überarbeitete Beschlussvorlage und wies den sowjetischen Botschafter in Finnland an, einen Vorwand für eine Unterredung mit Kekkonen zu suchen und »in der Form einer zweitrangigen Frage« das »Thema der Neutralität« anzuschneiden. Der sowjetische Gesandte sollte Kekkonen klar zu verstehen geben, dass er sich positiv zum »Zusammenschluss der nördlichen Staaten rund um die Idee der Neutralität« verhalte. So heißt es in der Direktive: »Sagen Sie, dass Sie die von ihnen [gemeint vermutlich den Finnen] berührte Frage über die Neutralität im von Kekkonen dargelegten Plan überdacht haben und dass Sie zu den von ihnen dargelegten Gedanken über den Zusammenschluss der nördlichen Staaten rund um die Idee der Neutralität zum Zwecke der Festigung des Friedens und der nationalen Unabhängigkeit dieser Länder positiv eingestellt sind. Eine Initiative solcher Art könnte der Verbreitung des Ruheherdes im Norden, über die Kekkonen gesprochen hat, dienlich sein und würde einer Politik der Unterstützung und Festigung des Friedens entsprechen, die im Vertrag über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand zwischen der UdSSR und Finnland [von 1948] zum Ausdruck kommt.«30 Zeitgleich mit der internen Vorbereitung des vermeintlichen Neutralitätsangebots für Deutschland im Kreml gab Moskau damit in Bezug auf Skandinavien Helsinki zu verstehen, dass Kekkonen seinen eigenen Vorschlag, eine Neutralisierung skandinavischer Länder zu propagieren, in die Tat umsetzen solle.31 Am 23. Januar 1952 sollte Kekkonen seine Rede vor seiner Partei halten, erkrankte aber und entschied sich dann, diese in der Maakansa32 zu veröffentlichen. In seiner damit nie öffentlich gehaltenen Rede – daher der Name »Nachthemdenrede« – bedauerte Kekkonen, dass in den Jahren zuvor die Diskussionen über eine neutrale Allianz der skandinavischen Staaten verebbten. Kekkonen vermied, die von Finnland im Vertrag von 1948 eingegangenen Verpflichtungen gegenüber der Sowjetunion infrage zu stellen. Eine Erweiterung der Neutralität auf Norwegen, Dänemark und Island hätte einen NATO-Austritt dieser Länder bedingt und folglich auch eine Rücknahme des sowjetischen Einflusses in Finnland bewirken müssen. Indem er darauf nicht einging bzw. sogar bekräftigte, dass der finnisch-sowjetische Vertrag Finnlands speziellen Status »in einer solchen Kooperation« zwischen den »neutralen nordischen Ländern« bestimme, gelang Kekkonen der diplomatische Spagat, einerseits die Schaffung einer neutralen Zone in Nordeuropa zu befürworten, ohne andererseits die Einbeziehung seines Landes in einen nordischen Block zu fordern. Die Wortwahl der Rede war so offen gehalten, dass es unklar blieb, ob auch Finnland Platz in einem skandinavischen neutralen Block gefunden hätte. Indem er dies unterließ, stellte er auch nicht den Vertrag von 1948 mit der Sowjetunion infrage. Kekkonen verwies aber weise darauf, dass Finnland quasi schon neutral sei. Er sprach von der »bestimmten Neutralität«. Dies war eine klare Anspielung auf die von der UdSSR im Beistandspakt von 1948 zum Ausdruck gebrachte Zusicherung des finnischen Wunsches »außerhalb der Auseinandersetzungen zwischen den Großmächten verbleiben zu können«.33 Er widersprach auch der, wie er sich ausdrückte, »vorherrschenden Auffassung in westlichen Ländern, die UdSSR werde einen offensiven Krieg beginnen und auf diese Weise den Kommunismus gewaltsam in die ganze Welt tragen«. Stalin selbst habe wiederholt dargelegt, dass Kommunismus und Kapitalismus nebeneinander existieren können. Finnland sei hierfür quasi ein gutes Beispiel. Kekkonen wurde damals vorgeworfen, im Namen »seines Herrn« (Stalins) zu sprechen, doch zeigen, wie oben dargelegt, die sowjetischen Quellen, dass die Initiative von Kekkonen ausging. Gleichzeitig aber hatten sich weder Kekkonen noch Paasikivi Illusionen hingegeben. Ihnen war klar, dass für Stalin der Vertrag von 1948 nicht verhandelbar war. Selbst eine Teilnahme am Nordischen Rat war für Finnland aus Moskauer Sicht unmöglich. Das hatte Lebedev bereits vor der »Nachthemdenrede« klar gemacht. Finnland hätte sich ja, so der sowjetische Gesandte, im Beistandspakt verpflichtet, keinen gegen die Sowjetunion gerichteten Bündnissen beizutreten.34 In Moskau sah man jede Vereinigung als gegen sich gerichtet an. Diese klare Vorgabe für Finnland durch Lebedev unterstreicht, dass die Kekkonen-Rede für die Sowjetunion nur propagandistischen Wert haben konnte. In Washington wiederum waren die Finnen bemüht, hervorzuheben, dass man nicht von den Sowjets inspiriert worden sei. Wichtig sei den Finnen vor allem die Kontinuität der schwedischen Neutralität gegenüber Finnland gewesen. Man verstand zumindest in Washington die finnischen Motive, alles unternehmen zu wollen, um von einem künftigen Krieg verschont zu bleiben. Neutralität schien der skeptischen US-Administration jedoch kein geeignetes Mittel zu sein.35 Die Haltung der Kommunistischen Partei Finnlands zu Kekkonens Rede Die finnischen Kommunisten sind wahrscheinlich nicht darüber unterrichtet worden, dass sich Kekkonen im Vorfeld seiner Rede an die sowjetische Gesandtschaft gerichtet hatte. Dies implizieren die zugänglichen sowjetischen Quellen. Daher dürfte sie die Rede überrascht haben. In einem Bericht an Stalin brachten die finnischen Kommunisten dennoch ihre Anerkennung für Kekkonen zum Ausdruck und erkundigten sich, wie sie sich in Zukunft in Bezug auf die Neutralität verhalten sollten: »Im Januar veröffentlichte Kekkonen eine bedeutsame außenpolitische Erklärung, in der er betonte, dass ein Angriff auf Finnland nur über Skandinavien möglich sei und dass die Mitgliedschaft Norwegens und Dänemarks im Atlantischen Verband die Bedrohung im Hinblick auf Finnland verschärfen würde. Diesem Umstand Rechnung tragend erklärte er, dass aus der Sicht Finnlands eine Neutralität Skandinaviens wünschenswert wäre, was eigentlich ein Austritt Norwegens und Dänemarks aus dem Atlantischen Verband [NATO] bedeuten würde. Kekkonen betonte gleichzeitig die Notwendigkeit einer klaren Einhaltung des zwischen Finnland und der Sowjetunion geschlossenen Vertrages über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand. Diese Erklärung beunruhigte die proamerikanische Presse in der ganzen Welt. Sie verschärfte die Lage innerhalb der Regierung Finnlands und brachte die Regierungsfrage auf die Tagesordnung. Die rechten Zeitungen Finnlands und vor allem die Zeitungen der rechten Sozialdemokraten haben offen erklärt, dass sie Einwände gegen Kekkonens Thesen erheben, obwohl die sozialdemokratischen Führer im Vorfeld mit der Erklärung bekannt gemacht wurden und diese vom Präsidenten gut geheißen wurde. Der Parlamentsvorsitzende Fagerholm sagte in seiner Rede zur Eröffnung des Parlaments demonstrativ, dass Finnland ein zu kleines Land sei, um anderen Ratschläge geben zu können.« 36 Auch wenn sich, so die finnischen Kommunistenführer, auf diese Weise die Widersprüche innerhalb der Regierung in Helsinki verschärfen würden, würde sich keine Regierungskrise ergeben, die für die Kommunisten von Vorteil wäre; im Gegenteil, die Gefahr sei groß, dass daraus »eine noch reaktionärere Außen- und Innenpolitik resultieren würde«.37 Nicht nur der finnischen Sozialdemokratie und ihren Propagandamühlen versetzte Kekkonen mit seiner Rede einen herben Schlag, sondern auch den Kommunisten, denen in den Jahren zuvor von Moskau die generelle Linie vorgegeben worden war, Kekkonen zu unterstützen.38 Ganz klar war aber auch ihnen nicht, wie sie sich nach Kekkonens Rede nunmehr verhalten sollten. Sie warnten Stalin jedoch, dass allein schon das Beispiel Schwedens zeige, dass eine neutrale Verteidigungsunion in Nordeuropa nicht realistisch sei: »An erster Stelle steht die Arbeit zur Festigung der Freundschaft zwischen den Völkern Finnlands und der Sowjetunion. […] Die zweite außenpolitische Frage ist jene über die Beziehungen Finnlands zu seinen westlichen Nachbarn, zu Skandinavien. In dieser Frage unterscheiden sich unsere Ansichten von jener Kekkonens. […] Wir schließen uns jenem Teil der Erklärung Kekkonens über eine Neutralisierung Skandinaviens an, in der Kekkonen unter Berücksichtigung der Notwendigkeit der Gewährleistung der Sicherheit Finnlands Norwegen und Dänemark aufruft, eine Neutralitätsposition einzunehmen. Gleichzeitig aber betonen wir, dass die Politik Schwedens weder während des Zweiten Weltkrieges noch gegenwärtig wirklich neutral war und nicht ist und sie deshalb nicht als Beispiel dienen darf, wie von Kekkonen vorgemacht. Wir nehmen eine ablehnende Haltung zur Schaffung einer Verteidigungsunion des Nordens ein, über welche die reaktionäre Presse in ihren Kommentaren zur Erklärung Kekkonens geschrieben hat.«39 Dennoch, die Rede Kekkonens schien den finnischen Kommunisten und »Volksdemokraten« unter der offensichtlichen Führung der SKP dafür prädestiniert, die Widersprüche innerhalb der Regierung zu vertiefen: Sie liefere die »Basis zur Zusammenarbeit der Volksdemokraten [der SKDL] mit Mitgliedern der Agrarunion, die gegen die bedingungslos die amerikanische Kriegspolitik unterstützenden rechten Kreise gerichtet ist«.40 Wenige Tage, nachdem die Anfrage der finnischen KP-Führung Moskau erreicht hatte, legte Vagan Grigor’jan, der Leiter der Außenpolitischen Kommission des Politbüros, Stalin bereits einen Antwortentwurf vor.41 In der zentralen Frage, der Propagierung der »Idee einer nordischen Neutralität«, sollten die finnischen Kommunisten inaktiv bleiben: »Wir denken, dass der von Kekkonen vorgebrachte Gedanke über den Zusammenschluss der nördlichen Länder rund um die Idee einer Neutralität Anerkennung verdient, da ein solcher Zusammenschluss der Festigung des Friedens und der nationalen Unabhängigkeit dieser Länder zuträglich ist. Die Rede Kekkonens dient der Stärkung der Stimmung in Norwegen und Dänemark für einen Austritt dieser Länder aus dem aggressiven Nordatlantikblock, in Finnland und Schweden untergräbt sie die Positionen der Befürworter einer Einbeziehung dieser Länder in die aggressiven Pläne der Amerikaner. Es wäre wünschenswert, eine weitere Erörterung der Rede Kekkonens in den Kreisen der finnischen Gesellschaft auf Kosten von Auftritten von Vertretern bourgeoiser Kreise und Parteien zu entfachen. Was konkrete Formen einer Vereinigung der nördlichen Länder auf der Grundlage einer echten Neutralität betrifft, so steht es der Kommunistischen Partei Finnlands unserer Meinung nach gegenwärtig nicht zu, mit eigenen Vorschlägen in dieser Frage aufzutreten.«42 Ähnliche Anweisungen wurden auch für die Kommunistische Partei Schwedens vorbereitet. Nach Kekkonens Rede hatte sich auch die Führung der KP Schwedens unsicher über die weitere Vorgehensweise an Stalin gewandt.43 Hilding Hagberg und Sven Linderot fragten, ob sie die »Idee eines skandinavischen oder möglicherweise eines nördlichen neutralen Blocks« unterstützen sollten, wenn das »dem Kampf der dänischen und norwegischen kommunistischen Partei für einen Austritt aus dem Atlantischen Pakt hilft?«. Sie erkundigten sich, ob die dänischen und norwegischen Kommunisten »die Propaganda der Neutralitätsbefürworter zur Verteidigung der Neutralität« anstelle einer NATO-Mitgliedschaft unterstützen sollten.44 Neben den allgemeinen Hinweisen, dass die Kekkonen-Rede jene Kräfte stütze, die den NATO-Austritt Norwegens und Dänemarks forderten, sollte die schwedische KP-Führung in ihrer Agitation gebremst werden: »Es ist unserer Meinung nach gegenwärtig zu früh, darüber zu reden, wie eine solche [nordische] Zusammenarbeit aussehen kann, wenn sie überhaupt praktisch möglich wird.«45 Die nordischen KPen sollten nicht »mit gemeinsamen Unterstützungserklärungen für Kekkonens Rede auftreten«. Begründet wurde dies damit, dass »dies den Feinden des Friedens« Anlass geben würde, »zu betonen, dass die Rede Kekkonens nur den linken demokratischen Kreise nützlich ist«.46 Ob die nordischen KPen diese Anweisungen allerdings offiziell erhielten, bleibt unklar. In den deklassifizierten Unterlagen des Politbüros finden sich keine in diesem Zeitraum gefällten Beschlüsse. Dem Lauf der Ereignisse nach zu urteilen, wurde die diskutierte Taktik aber umgesetzt. Die dänische KP begrüßte zwar die Rede Kekkonens.47 In der Folge war die von ihm propagierte Neutralität aber kein großes Thema mehr in Skandinavien.48 In Norwegen und Schweden bewirkte die Rede anscheinend nicht viel.49 Die sowjetische Führung verhielt sich nach Kekkonens Rede ebenfalls passiv. Letztlich wurden keine konkreten Maßnahmen ergriffen, um der Kekkonen-Rede konkrete Schritte hin zu einem neutralen Nordeuropa folgen zu lassen. Die Propagandaschlacht zwischen Ost und West über Deutschland nahm nach der Stalin-Note ihren Lauf. Der sowjetischen Führung ging es wohl auch in hohem Maße darum, sich als Friedensstifterin in der Welt zu präsentieren, vor allem innerhalb des eigenen Imperiums. Dieses Image hatte infolge des Ausbruchs des Korea-Krieges einen hohen Schaden erlitten. Finnland als Nutznießer? Kekkonens Initiative wurde vom Kreml geschickt genutzt. Seine Rede bildete die ideale Grundlage für den im sowjetischen Außenministerium gerade vorbereiteten neuen Schachzug in der Deutschlandpolitik, die wenige Wochen später mit dem Neutralitätsangebot für Deutschland ihren propagandistischen Höhepunkt fand. Für die Finnen war es wiederum – aus Eigeninteressen – allemal wert, in der Weltöffentlichkeit als sowjetischer Propagandist dazustehen. Hoffnung auf eine neue Sicherheitsordnung in Nordeuropa auf der Basis einer Neutralität aller skandinavischen Länder und letztlich damit auf ein Ausklinken aus der Blockkonfrontation im frühen Kalten Krieg hegten weder Kekkonen noch Paasikivi. Beide schätzten die sowjetische Skandinavienpolitik realistisch ein. Dem Historiker Jussi Hanhimäki zufolge war Kekkonens »Nachthemdenrede« aber auch, trotz der Gefahr, in den Augen Washingtons noch mehr als sowjetischer Handlanger dazustehen, »ein Versuch, öffentlich Finnland an seine westlichen Nachbarn anzubinden, ohne eine kritische Stellung gegenüber der UdSSR einzunehmen«.50 Helsinki konnte also nur gewinnen. Aus Moskauer Sicht stellte die Rede aber auch eine Unterstützung für die finnische Kommunistische Partei dar. Dem Hauptfeind, der verhassten Sozialdemokratie, meinte man damit den Wind aus den Segeln nehmen zu können. Letztlich führte Kekkonens Rede auch zu einer (erwünschten) Annäherung der Kommunisten an die bürgerliche Regierung in der zentralen außenpolitischen Frage über Finnlands Verhältnis zur Sowjetunion. Ende 1952 wurde der finnischen Kommunistischen Partei im ZK in Moskau diesbezüglich ein positives Zeugnis ausgestellt: »Die Führung der Kommunistischen Partei Finnlands verfolgt den richtigen politischen Kurs. Sie kämpft konsequent für eine Freundschaft zwischen den Völkern Finnlands und der UdSSR, für Frieden und Demokratie, gegen die reaktionäre Innenpolitik und die proamerikanische Orientierung der finnischen Bourgeoisie. […] Die Kommunistische Partei nutzte die Tribüne des Parlaments zur Entlarvung der rechten soz[ial]dem[okratischen] Führer als Feinde des finnischen Volkes.«51 Im Kreml war man 1952 – trotz vieler Schwächen und Fehler – mit den finnischen Kommunisten zufrieden. Die Außenpolitik Finnlands schätzte man in Moskau kurz vor Stalins Tod sehr realistisch ein: »Der außenpolitische Kurs der Regierung Finnlands [der Paasikivi-Kekkonen-Kurs] spiegelt die Interessen jenes Teils der finnischen Bourgeoisie wider, der auf den kapitalistischen Westen ausgerichtet und unfreundlich gegenüber der UdSSR eingestellt ist, berücksichtigt aber die reale Lage, die sich für Finnland nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ergeben hat, und ist an einem Handel mit der Sowjetunion interessiert. Dieser Teil der herrschenden Kreise Finnlands wartet ab, manövriert und ist gezwungen, normale Beziehungen mit der UdSSR aufrechtzuerhalten.«52 Zwar hätten sich die finnischen Handelsbeziehungen mit der Sowjetunion ausgeweitet, ebenso mit den Ländern der »Volksdemokratie«, doch auch der US-Einfluss in Finnland sei drastisch angestiegen. Die finnische Regierung würde immer mehr amerikanische Kredite annehmen und die kulturellen Beziehungen vertiefen. »Die USA«, so die außenpolitische Kommission, »finanzieren die Tätigkeit der finnischen Rechtsparteien und Organisationen«. Vor Wahlen ließen sie ihnen Geschenke zukommen, deren Verkauf den Parteien Millionen Finnmark einbringen würde. Zudem »üben die USA direkten Druck auf die herrschenden Kreise Finnlands aus, wovon insbesondere die ›Reorganisation‹ der finnischen Regierung im November 1952 und die Einschleusung eines Schützlings der Amerikaner, des Generalsekretärs der Sozialdemokratischen Partei, [Väinö Olavi] Leskinen, zeugt«.53 Dem wachsenden »Vertrauen der finnischen Werktätigen in die Politik der Sowjetunion« und der »Stärkung des demokratischen Lagers im Land« sei es aber zu verdanken, dass die antisowjetischen Pläne der »finnischen Reaktion« auf Widerstand stießen, so die Einschätzungen Moskaus.54 * * * 1951/52 hatte man im Kreml die Bedeutung der Neutralität als Propagandamittel nicht nur erkannt, sondern sie auch gezielt eingesetzt, um – wie im Falle Skandinaviens – Stimmung gegen die NATO zu machen. Unter Nikita Chruščev sollte dies zum täglichen Geschäft gehören.55 Kurzum, die Neutralität wurde zu einem Propaganda-Lockmittel für einen Austritt aus der NATO, im Wissen, dass dies nicht nur unrealistisch war, sondern bekräftigt von der Einschätzung der schwedischen Neutralität, die in den Augen der sowjetischen Führung nur auf dem Papier existierte. »In der Stalin-Zeit«, so der russische Historiker Maxim Korobochkin, »hatte eine flexible Haltung kaum eine Chance tonangebend zu werden.« Die Haltung zur Neutralität wurde in Moskau nach dem Zweiten Weltkrieg zeitweise positiver, was aber nicht hieß, dass sich die traditionelle Einstellung der sowjetischen Führung zu Neutralen, die als »nichts besseres als Feinde«, angesehen wurden, grundsätzlich geändert hätte.56 Nicht einmal im Falle Schwedens hatte die Sowjetunion die Möglichkeit, ausreichend Druck auszuüben, um einen in ihren Augen wirklich neutralen Kurs zu erzwingen. Umso weniger wäre sie in der Lage gewesen, Garantien eines wiedervereinten neutralen Deutschland einfordern zu können. Eine derartige Blauäugigkeit kann Stalin, dem es um die Sicherung der sowjetischen Machtpositionen in Mitteleuropa ging, nicht unterstellt werden. Die Rede Kekkonens fügte sich in die außenpolitischen Leitlinien der Sowjetunion, im Hinblick sowohl auf Finnland und Nordeuropa als auch auf den Hauptschauplatz Deutschland. Daher ging der Kreml auch auf seinen Vorschlag ein. Eine Diskussion in Nordeuropa über ein neutrales Skandinavien schien eine ideale propagandistische Begleiterscheinung für die Stalin-Note, die in diesen entscheidenden Wochen Anfang 1952 im Kreml intensiv vorbereitet wurde. 1* Der Beitrag entstand im Rahmen der Forschungsarbeiten des Autors am Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Graz-Wien, einem Institut der Ludwig Boltzmann Gesellschaft. 1 Siehe  Jochen P. Laufer/Georgij P. Kynin (Hg.): Die UdSSR und die deutsche Frage 1941–1948. Dokumente aus dem Archiv für Außenpolitik der Russischen Föderation, Bd. 2: 9. Mai 1945 bis 3. Oktober 1946, Berlin 2004, S. LX; Vladislav Zubok: A Failed Empire. The Soviet Union from Stalin to Gorbachev, Chapel Hill 2007, S. 66. 2 Auf der Basis ausführlicher Studien im Archiv des russischen Außenministeriums siehe Maxim Korobochkin: Soviet views on Sweden’s neutrality and foreign policy, 1945–50, in: Helene Carlbäck/Alexey Komarov/Karl Molin (Hg.): Peaceful Coexistence? Soviet Union and Sweden in the Khrushchev Era (= Baltic and East European Studies, Bd. 10), Moskau 2010, S. 81–112, hier S. 102; A. A. Komarov: SSSR i Skandinavskij oboronitel’nyj sojuz (1948–1949) [Die UdSSR und die Skandinavische Verteidigungsunion (1948–1949), in: O. V. Černyševa (Hg.): Severnaja Evropa. Problemy istorii [Nordeuropa. Probleme der Geschichte], Bd. 4, Moskau 2003, S. 90–101, hier S. 97. [Diese und folgende Übersetzungen von Zitaten erfolgten durch den Autor dieses Beitrags.] 3 Siehe Peter Ruggenthaler: A New Perspective from Moscow Archives: Austria and the Stalin Notes of 1952, in: Günter Bischof/Fritz Plasser (Hg.): The Changing Austrian Voter (= Contemporary Austrian Studies, Bd. XVI), New Brunswick 2008, S. 199–227; Günter Bischof: »Recapturing the Initiative« and »Negotiating from Strength«. The hidden agenda of the »Short Treaty« episode – The militarization of American foreign policy and the un/making of the Austrian Treaty, in: Arnold Suppan/Gerald Stourzh/Wolfgang Mueller (Hg.): Der österreichische Staatsvertrag 1955. Internationale Strategie, rechtliche Relevanz, nationale Identität. The Austrian Treaty 1955. International Strategy, Legal Relevance, National Identity (= Archiv für österreichische Geschichte, Bd. 140), Wien 2005, S. 217–247. 4 Chronologisch zurückgehend seien an dieser Stelle stellvertretend nur die folgenden Werke genannt: Peter Ruggenthaler: The 1952 Stalin Note on German Unification. The Ongoing Debate, in: Journal of Cold War Studies 13 (2011), H. 4, S. 172–212; Jürgen Zarusky: Die historische Debatte über die Stalin-Note im Lichte sowjetischer Quellen, in: Nikolaus Lobkowicz u. a. (Hg.): Die deutsche Frage im Ost-West-Geflecht – zum 20. Jahrestag der Öffnung der Berliner Mauer (= Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte, Bd. 1), Köln/Weimar/Wien 2010; Peter Ruggenthaler: Stalins großer Bluff. Die Geschichte der Stalin-Note in Dokumenten der sowjetischen Führung (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Bd. 95), München 2007; Gerhard Wettig: Stalin and the Cold War in Europe. The Emergence and Developement of East-West Conflict (= Harvard Cold War Studies Book Series), Boulder 2008; Jürgen Zarusky (Hg.): Die Stalin-Note vom 10. März 1952. Neue Quellen und Analysen. Mit Beiträgen von Wilfried Loth, Hermann Graml und Gerhard Wettig, München 2002. 5 Zuletzt Ruggenthaler: The 1952 Stalin Note (Anm. 4). 6 Siehe Text der Rede in englischer Übersetzung in: Tuomas Vilkuna (Hg.): Neutrality: The Finnish Position. Speeches by Dr. Urho Kekkonen. President of Finland, London 1970, S. 53–56. 7 Siehe New York Times vom 24. Januar 1952. 8 Siehe Jussi M. Hanhimäki: Containing Coexistence, America, Russia, and the »Finnish Solution«. 1945–1956. Kent 1997, S. 123. 9 Der Spiegel Nr. 12 vom 19. März 1952, S. 14–16. 10 Dazu grundlegend Ruth Büttner: Sowjetisierung oder Selbständigkeit? Die sowjetische Finnlandpolitik 1943–1948, Hamburg 2001, S. 57–60. 11 Siehe Stefan Troebst: Warum wurde Finnland nicht sowjetisiert?, in: Osteuropa, 48 (1998), H. 2, S. 187; Dörte Putensen: Im Konfliktfeld zwischen Ost und West. Finnland, der Kalte Krieg und die deutsche Frage (1947–1973) (= Schriftenreihe der Deutsch-Finnischen Gesellschaft e.V., Bd. 3), Berlin 2000, S. 26–28; Büttner: Sowjetisierung oder Selbständigkeit? (Anm. 10), S. 94. 12 Maxim Korobochkin: Soviet policy toward Finland and Norway, 1947–1949, in: Scandinavian Journal of History 20 (1995), H. 3, S. 185–207, hier S. 188. 13 Siehe Niklas Jensen-Eriksen: Die Ursprünge der »Kreml-AG«: Die Beschlagnahmung des Deutschen Eigentums in Finnland durch die Sowjetunion 1945–1948, in: Walter M. Iber/Peter Ruggenthaler (Hg.): Stalins Wirtschaftspolitik an der sowjetischen Peripherie. Ein Überblick auf der Basis sowjetischer und osteuropäischer Quellen (= Veröffentlichungen des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, Bd. 19), Innsbruck 2012, S. 175–186. 14 Siehe Büttner: Sowjetisierung oder Selbständigkeit? (Anm. 10), S. 227, 348. 15 Ebd., S. 53. 16 Siehe Putensen: Im Konfliktfeld (Anm. 11), S. 28. 17 Ebd., S. 29. 18 Siehe Jukka Nevakivi (Hg.): Finnish-Soviet Relations 1944–1948. Papers of the Seminar Organized in Helsinki, March 21–25, by the Department of Political History, University of Helsinki, in Cooperation with the Institute of Universal History, Russian Academy of Sciences, Moskau/Helsinki 1994; Dörte Putensen: »Rezensionen«, in: Nordost-Archiv. Zeitschrift für Regionalgeschichte. Osteuropaforschung in der nordeuropäischen Historiographie (2000), H. 1, S. 291–295. 19 Maxim Korobochkin: Soviet policy toward Finland and Norway, 1947–1949, in: Scandinavian Journal of History 20 (1995), H. 3, S. 185–207, hier S. 188. 20 Kimmo Rentola: 1948: Which Way Finland?, in: Hermann Weber (Hg.) u. a.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung (1998), Berlin 1998, S. 99–124, hier S. 118 f. 21 Siehe im Detail Peter Ruggenthaler: The Concept of Neutrality in Stalin’s Foreign Policy 1945–53 (in Vorbereitung). 22 Siehe Korobochkin: Soviet views (Anm. 2), S. 108. 23 Siehe Komarov: SSSR i Skandinavskij oboronitel’nyj sojuz (Anm. 2), S. 97; Korobochkin: Soviet views (Anm. 2), S. 102. Die Überlegungen zu einer Nordischen Verteidigungsunion waren zumindest für Finnland von Vorteil und bedeuteten einen gewissen Rückenwind für seinen »Balanceakt gegenüber der Sowjetunion«. Siehe Gero von Gersdorff: Die Gründung der Nordatlantischen Allianz (= Entstehung und Probleme des Atlantischen Bündnisses, Bd. 7), München 2009, S. 333. 24 Siehe Korobochkin: Soviet views (Anm. 2), S. 111. 25 O. Ken/A. Rupasov/L. Samuel’son (Hg.): Švecija v politike Moskvy 1930–1950-e gody [Schweden in Moskaus Politik von den Dreißiger- bis in die Fünfzigerjahre], Moskau 2005, S. 395. Im Vorfeld des militärischen Zusammenschlusses unter dem Dach der NATO war der künftige Weg der skandinavischen Länder nicht automatisch vorgegeben. Schwedens Angst, Dänemark und Norwegen könnten Teil des Nordatlantikpaktes werden, brachte es auf den Plan, eine nordische Verteidigungsunion zu initiieren, da, so die schwedische Befürchtung, ein NATO-Beitritt die sicherheitspolitische Lage Schwedens ernsthaft schädigen würde. Siehe Ulf Bjereld/Ann-Marie Ekengren: Cold War Historiography in Sweden, in: Robert Bohn/Thomas Wegener Friis/Michael F. Schulz (Hg.): Østersøområdet fra Anden Verdenskrig til den Kolde Krig [Der Ostseeraum vom Zweiten Weltkrieg bis zum Kalten Krieg], Middelfart, o. J., S. 143–175, hier S. 153. 26 Korobochkin: Soviet views (Anm. 2), S. 111. 27 Jukka Nevakivi: Kekkonen, the Soviet Union and Scandinavia – Aspects of policy in the years 1948–1965, in: Scandinavian Journal of History 22 (1997), H. 2, S. 65–81, hier S. 67 f. 28 Siehe A. Gromyko an V. Molotov, 9.1.1952, in: Rossijskij gosudarstvennyj archiv social’no-političeskoj istorii/Russisches Staatliches Archiv für sozial-politische Geschichte (im Folgenden: RGASPI), f. 82, op. 2, d. 1340, Bl. 183. Kopien ergingen an G. Malenkov, A. Mikojan, N. Bulganin und N. Khruščev. 29 Siehe Entwurf eines Politbürobeschlusses über Anweisungen an Gen. Lebedev, 9.1.1952, in: RGASPI, f. 82, op. 2, d. 1340, Bl. 184–185. 30 Politbürobeschluss Prot. 86 (240-op), »Frage des MID [über Finnland]«, 10.1.1952, in: RGASPI, f. 17, op. 162, d. 48, Bl. 12, 60. Der Beschluss ist auszugsweise zitiert in Ken/Rupasov/Samuel’son (Hg.): Švecija (Anm. 25), S. 395 f. 31 Siehe ebd. 32 Die zunächst vier Mal in der Woche erscheinende Zeitung wurde 1908 zur Unterstützung der Agrarunion gegründet. 1965 wurde sie in Suomenmaa umbenannt. 33 Nevakivi: Kekkonen (Anm. 27), S. 68 f. 34 Siehe ebd., S. 69. 35 Zur US-Finnlandpolitik und zu den unterschiedlichen Perzeptionsmustern der finnischen Neutralität siehe Jussi M. Hanhimäki: Containing Coexistence (Anm. 8); Agilolf Keßelring: Die Nordatlantische Allianz und Finnland 1949 bis 1961. Perzeptionsmuster und Politik im Kalten Krieg. Entstehung und Probleme des Atlantischen Bündnisses, München 2009. 36 V. Pessi u. I. Lehtinen an Stalin, 18.2.1952, in: RGASPI, f. 82, op. 2, d. 1345, Bl. 78–95. 37 Ebd., Bl. 80. 38 Siehe Ruggenthaler: The Concept (Anm. 21). 39 V. Pessi u. I. Lehtinen an Stalin, 18.2.1952, in: RGASPI, f. 82, op. 2, d. 1345, Bl. 78–95, hier Bl. 80. 40 Ebd., hier Bl. 82. 41 Siehe V. Grigor’jan an Stalin, 23.2.1952, in: RGASPI, f. 82, op. 2, d. 1345, Bl. 100–110; V. Grigor’jan an Stalin, 25.2.1952, in: RGASPI, f. 82, op. 2, d. 1345, Bl. 111–121. 42 Ebd., Bl. 113. 43 Siehe V. Grigor’jan an Stalin, 16.2.1952 mit beiliegender Berichterstattung H. Hagbergs u. S. Linderots, in: RGASPI, f. 82, op. 2, d. 1366, Bl. 124–146. 44 Ebd., Bl. 127–128. 45 V. Grigor’jan an Stalin, mit beiliegenden Antwort- und Politbürobeschlussentwürfen, 29.2.1952, in: RGASPI, f. 82, op. 2, d. 1366, Bl. 151–153. Ein erster, geringfügig geänderter Antwortentwurf findet sich in ebd., Bl. 147–150. 46 Ebd., Bl. 153. 47 Siehe Bent Jensen: Bjørnen og Haren. Sovjetunionen og Danmark 1945–1965 [Der Bär und der Hase. Die Sowjetunion und Dänemark 1949–1965], Odense 1999, S. 400 f. 48 Siehe Poul Villaume/Torsten Boring Olesen: I blokopdelingens tegn. 1945–1972 [Im Zeichen der Blockspaltung], Kopenhagen 2005; dies.: Danmark under den Kolde Krig [Dänemark im Kalten Krieg], Bd. 1, Kopenhagen 2005; Poul Villaume: Allieret med forbehold. Danmark, NATO og den Kolde krig. En studie i dansk sikkerhedspolitik 1949–1961 [Alliierter mit Vorbehalt. Dänemark, NATO und der Kalte Krieg. Eine Studie über die dänische Sicherheitspolitik 1949–1961], Kopenhagen 1995. Thomas Wegener Friis, Odense, danke ich für diese und folgende Hinweise. 49 Sie findet nicht einmal Erwähnung in der als Standardwerk geltenden Studie des norwegischen Historikers Sven Holtsmark. Dieser hatte Anfang der Neunzigerjahre umfangreichen Zugang zu sowjetischen Quellen, vor allem im Archiv des Außenministeriums der Russischen Föderation. Siehe Sven G. Holtsmark: A Soviet Grab for the High North? USSR, Svalbard, and Northern Norway 1920–1953, Oslo 1993. Ebenso unerwähnt in Knut Einar Eriksen/Helge Øysten Pharo: Kald Krig og internationalisering 1949–1965 [Der Kalte Krieg und Internationalisierung 1949–1965], Oslo 1997. Auch für die schwedische Politik hatte die Rede Kekkonens keine Folgen. Sie findet ebenso keine Erwähnung bei Juhana Aunesluoma: Britain, Sweden and the Cold War, 1945–54. Understanding Neutrality, Basingstoke/Oxford 2003. 50 Jussi M. Hanhimäki: The Lure of Neutrality: Finland and the Cold War, in: Klaus Larres/Kenneth Osgood (Hg.): The Cold War after Stalin’s Death. A Missed Opportunity for Peace? (= Harvard Cold War Book Series), Lanham u. a. 2006, S. 257–276, hier S. 261. 51 V. Grigor’jan an V. Molotov, 19.12.1952, in: RGASPI, F. 82, op. 2, d. 1345, Bl. 125–133, hier Bl. 131. Teilweise wörtlich übernommene Formulierungen auch in: »Über die Lage in der Kommunistischen Partei Finnlands«, V. Grigor’jan an Stalin, 23.1.1953, in: RGASPI, F. 82, op. 2, d. 1166, Bl. 116–119. 52 »Über die Innen- und Außenpolitik der Regierung Finnlands«, V. Grigor’jan an Stalin, 23.1.1953, in: RGASPI, F. 82, op. 2, d. 116, Bl. 111–115, hier Bl. 113. 53 Ebd., Bl. 114. 54 Ebd., Bl. 115. 55 Zu den sowjetischen Versuchen, die Ostsee zum »Meer des Friedens« zu machen siehe u. a. Vojtech Mastny: Die NATO im sowjetischen Denken und Handeln 1949 bis 1956, in: Vojtech Mastny/Gustav Schmidt: Konfrontationsmuster des Kalten Krieges 1946 bis 1956 (= Entstehung und Probleme des Atlantischen Bündnisses bis 1956, Bd. 3), München 2003, S. 383–471, hier S. 455. Zur Propagierung der schwedischen und österreichischen Neutralität für (vor allem kleinere) NATO-Staaten durch Chruščev siehe Peter Ruggenthaler/Harald Knoll: Nikita Chruščev und Österreich. Die österreichische Neutralität als Instrument der sowjetischen Außenpolitik, in: Stefan Karner u. a. (Hg.): Der Wiener Gipfel 1961. Kennedy – Chruschtschow, Innsbruck/Wien/Bozen 2011, S. 759–807. 56 Korobochkin: Soviet views (Anm. 2), S. 110 f.

JHK 2013

Wissenschaft und biografische Erfahrung: Franz Borkenau, Richard Löwenthal und Ossip K. Flechtheim – Mitbegründer der westdeutschen Kommunismusforschung

Mario Keßler

Die kritische Analyse kommunistischer Ideologie und Herrschaftspraxis, aber auch des Alltagslebens im sowjetischen Machtbereich gehört heute zum Kanon der politischen und der Wissenschaftskultur der Bundesrepublik. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges befassten sich mehrere Generationen mit diesem großen Themenkomplex. Die Vertreter der ersten Generation der Kommunismusforscher (von Forscherinnen lässt sich nur in einem Ausnahmefall reden) entstammten oft selbst der Arbeiterbewegung, meist deren kommunistischem Zweig, in manchen Fällen auch der SPD. Dazu zählen Franz Borkenau (1900–1957), Arkadij Gurland (1904–1979), Wolfgang Abendroth (1906–1985), Richard Löwenthal (1908–1991) und Ossip K. Flechtheim (1909–1998). Auch Fritz Sternberg (1895–1963), obgleich amerikanischer und österreichischer Staatsbürger, ist hier zu nennen. Einen Platz ganz eigener Art kann Ruth Fischer (1895–1961) beanspruchen: Zwar lebte sie seit 1941 in den USA, doch war ihr Wirkungsfeld durch Publikationen und Vorträge spätestens seit ihrer Übersiedlung nach Paris 1956 vorrangig die Bundesrepublik. Bindeglied zwischen ihnen und der nachfolgenden Generation ist Theodor Bergmann (geb. 1916), einst Mitglied der KPD-Opposition. Ursprünglich Agrarökonom, wandte er sich nach 1980 intensiv der Kommunismusforschung zu und publiziert auch als fast Hundertjähriger unermüdlich. Mit Ausnahme Abendroths, der als Hitlergegner unter größter Gefahr in Deutschland überlebte, wurden alle ins Exil gezwungen, aus dem sie nach 1945 zurückkehrten, so dass diese erste Generation der Kommunismusforscher durchaus als Remigranten-Generation zu bezeichnen ist. Einer zweiten Generation sind Wolfgang Leonhard (geb. 1921), Werner Hofmann (1922–1969), Iring Fetscher (geb. 1922), Siegfried Bahne (1928–2004), Hermann Weber (geb. 1928) und auch Karl Hermann Tjaden (geb. 1935) zuzuordnen. Von ihnen gehören der Exilant Leonhard und der politisch wie »rassisch« verfolgte Hofmann zu den Opfern des Nazismus. Mindestens Fetscher und Weber waren Söhne von Antinazis. Sie alle erlebten den Zweiten Weltkrieg (Leonhard in der Sowjetunion) und wurden durch dessen Folgen tief geprägt, so dass diese zweite Generation als die Kriegsgeneration bezeichnet werden kann. Unter ihnen ist besonders Hermann Weber hervorzuheben, weil er wie kein anderer dafür verantwortlich war, die Kommunismusforschung als akademische Teildisziplin an den Hochschulen zu verankern. Durch sein Wirken entwickelte sich die Universität Mannheim nach 1973 zu einem Zentrum dieser Forschungsdisziplin, nicht zuletzt mit Blick auf Entwicklungen in der DDR.1 Der Abendroth-Schüler Tjaden schlägt den Bogen zu einer dritten Generation, die im Kontext von »1968« sozialisiert wurde, und die mit Fug und Recht als Achtundsechziger-Generation der Kommunismusforscher bezeichnet werden darf, deren Vertreter aber politisch sehr unterschiedliche Wege gingen. Es genügt, Georg Fülberth (geb. 1939), der sich der DKP anschloss, Manfred Wilke (geb. 1941), jetzt CDU, die linksorientierten Klaus Meschkat (geb. 1935) und Alexander von Plato (geb. 1942), aber auch Bernd Rabehl (geb. 1938) zu erwähnen, der sich inzwischen im völkisch-nationalen Spektrum tummelt. Diese Generation wendet sich verstärkt methodisch unterschiedlichen Disziplinen von der politischen Parteienforschung (Fülberth) bis zur Oral History (von Plato) zu. Eine vierte Generation der »Nach-Achtundsechziger« wurde zwar nur zum Teil politisch im damals modischen Milieu der »K-Gruppen« sozialisiert, blieb aber meist nahe am Puls der Neuen Sozialen Bewegungen, im Umfeld der Grünen oder zum Teil auch der SPD, und die Prägung durch die Auseinandersetzungen um das Für und Wider des Kalten Krieges zwischen Hochrüstung und Entspannung gilt auch für die (wenigen) liberal-konservativ Orientierten unter ihnen. Zu dieser Forschergeneration gehören Gerd Koenen (geb. 1944), Klaus-Michael Mallmann (geb. 1948), Karl Schlögel (geb. 1948), Bernhard H. Bayerlein (geb. 1949), Reiner Tosstorff (geb. 1949), Sigrid Koch-Baumgarten (geb. 1955) und sogar schon Andreas Wirsching (geb. 1959), dessen Forschung aber weit über das Thema Kommunismus hinausreicht, sowie Jörg Baberowski (geb. 1961). Ebenso sind zu dieser Kohorte inzwischen auch jene ostdeutschen Forscherinnen und Forscher zu rechnen, die trotz der »Abwicklung« ihrer Institutionen die wissenschaftliche Tätigkeit fortsetzen, wie Annette Leo (geb. 1948), Wladislaw Hedeler (geb. 1953), der Verfasser dieser Zeilen (geb. 1955), Elke Scherstjanoi (geb. 1956), aber ebenso der in der »zweiten Wissenschaftskultur« ostdeutscher Vereine tätige Stefan Bollinger (geb. 1954).2 Die fünfte Generation, für die eine spezifische Bezeichnung noch auf sich warten lassen sollte, trat um das Jahr 2000 mit ersten Publikationen auf den Plan, schreibt zum Teil noch an Dissertationen. Aus der großen Schar junger Talente seien – stellvertretend für viele – die zumeist zwischen 1970 und 1980 geborenen Gleb J. Albert, Jens Becker, Marcel Bois, Ralf Hoffrogge, Harald Jentsch, Christoph Jünke, Uwe Sonnenberg, Florian Wilde und Sebastian Zehetmair genannt. Till Kössler, der ebenso zu dieser Generation gehört, hat bereits eine Professur in Bochum inne. Manche von ihnen taten sich innerhalb der Partei Die Linke oder ihrem Umfeld als Sprecher eines dezidiert antistalinistischen und radikaldemokratischen Sozialismus-Verständnisses hervor und leisteten (und leisten noch immer) damit einen über die reine Forschungsarbeit hinaus reichenden Beitrag zur Demokratisierung der politischen Kultur im Spektrum jenseits von SPD und Grüner Partei. Sie bestimmen auch zunehmend das Profil des von Hermann Weber 1993 begründeten Jahrbuches für Historische Kommunismusforschung, dessen jetzt maßgeblicher Herausgeber Ulrich Mählert (geb. 1968) gewissermaßen ein Bindeglied zwischen der vierten und der fünften Generation der Kommunismusforscher darstellt. Jede Generation oder Alterskohorte ist von spezifischen Erfahrungen geprägt, die Vor- oder Nachgeborene nicht teilen, die deutschen Kommunismusforscher bilden keine Ausnahme. Die folgenden Zeilen sollen zu einer Diskussion über den Zusammenhang von generationeller Erfahrung und den Prioritäten in der wissenschaftlichen Arbeit auf dem Feld der Kommunismusforschung anregen. Die Ausführungen konzentrieren sich, um nicht jedes Maß zu überschreiten, auf die Gründer-Generation (west-)deutscher Kommunismusforscher. Pars pro toto seien drei wichtige Protagonisten aus ihr ausgewählt, die ab 1933 aus Deutschland flüchten mussten und nach 1945 zurückkehrten, die zudem eine gemeinsame (wenn auch parteipolitisch unterschiedliche) Sozialisation in der Arbeiterbewegung der Weimarer Republik aufwiesen: Franz Borkenau, Richard Löwenthal und Ossip K. Flechtheim. Eine weitere Gemeinsamkeit war ihre (ganz oder teilweise) jüdische Herkunft und die daraus erwachsende doppelte Erfahrung an Verfolgung: als politisch aktive Hitlergegner wie als rassistisch Ausgegrenzte.3 In der Forschung zur Arbeiterbewegung (wie auch zum Antisemitismus) wird zunehmend nach dieser doppelten Gewalterfahrung gefragt. Franz Borkenau (1900–1957) Der aus Wien stammende Franz Borkenau trat bereits in der Weimarer Republik als Reichsleiter des KPD-Studentenbundes politisch hervor. 1929 wurde er als »Rechtsabweichler« aus der KPD ausgeschlossen und arbeitete danach an Max Horkheimers Frankfurter Institut für Sozialforschung. Seine Habilitation über den Übergang vom feudalen zum bürgerlichen Weltbild wurde durch die Errichtung der Nazidiktatur vereitelt. Bereits 1933 musste Borkenau Deutschland verlassen und verbrachte die nächsten zwölf Jahre zumeist als Lehrer an einer Abendschule in London, aber auch als Universitätsdozent in Panama sowie als Reporter im Spanischen Bürgerkrieg und in Australien. 1946 erhielt er eine außerordentliche Professur für neuere Geschichte in Marburg, ließ sich jedoch 1949 beurlauben und arbeitete fortan als Herausgeber der Zeitschrift Ost-Probleme sowie für den Kongress für kulturelle Freiheit, der vom amerikanischen Geheimdienst mitfinanziert wurde. In seinen Schriften behandelte Borkenau den Zusammenhang zwischen Geschichtsschreibung und Moral. Nur derjenige könne ein wahrer Wissenschaftler sein, der sich für die Verteidigung der Freiheit einsetze. Aus dieser Perspektive gelang ihm eine Anzahl bedeutsamer Bücher. In englischer Sprache debütierte er 1936 mit einer Biografie des Soziologen Vilfredo Pareto. International bekannt wurde Borkenau mit seinem Bericht über den Spanischen Bürgerkrieg, der 1938 unter dem Titel The Spanish Cockpit, aber erst 1986 in deutscher Übersetzung (Kampfplatz Spanien) erschienen ist. Ebenfalls 1938 publizierte Borkenau The Communist International, eine bemerkenswerte Geschichte der Kommunistischen Internationale. 4 Daran schlossen sich Bücher über die Entstehung und Zerstörung der österreichischen Republik (Austria and After, 1938) sowie über die Außenpolitik Nazideutschlands (The New German Empire, 1939) an. Mit seinen Arbeiten über The Totalitarian Enemy (1940) und Socialism, National or International (1942) rückte Borkenau, der sich bis dahin als linker Kritiker des Stalinismus verstanden hatte, deutlich nach rechts. Seine Rückkehr nach Deutschland erfolgte auf ausdrücklichen Wunsch der amerikanischen Militärverwaltung. Borkenaus wissenschaftliche und publizistische Arbeiten waren seitdem nur schwer von seiner Propagandatätigkeit im Kalten Krieg zu trennen. Sein Buch Der europäische Kommunismus, das 1952 erschien, hatte nicht mehr die analytische Überzeugungskraft früherer Werke, bediente stattdessen alle antikommunistischen Klischees. In seinem Nachwort des Buches Ein Gott, der keiner war, der Textsammlung ehemaliger Kommunisten von Arthur Koestler bis Ignazio Silone, kritisierte Borkenau, dass manche Ex-Kommunisten »still verschwunden sind«, ohne ihren Bruch mit der Partei öffentlich zu machen. Ihm und anderen literarisch aktiven Ex-Kommunisten gehe es jedoch darum, zu zeigen, dass der Kommunismus »sich von den Zielen und Überzeugungen des westeuropäischen Sozialismus so weit entfernt [habe], dass ihn so gut wie nichts vom Faschismus und Nazismus mehr trennt; wir erleben in Russland gerade jetzt einen Übergang zur Blut-und-Boden-Ideologie, zum Kampf gegen die ›entartete Kunst‹, zum ausgeprägten Nationalismus und zum Antisemitismus.« Der Kommunismus sei Ausdruck der »äußersten Barbarei, die vom Abendland nichts als seine Technik übernommen hat«. Gerade die innere Kenntnis der kommunistischen Partei hebe den Ex-Kommunisten von Mitgliedern anderer Strömungen ab. »Man muss [...] dem totalitären Ungeheuer von ganz nahe in den Rachen geblickt haben, um die tödliche Gefahr seiner Fangzähne richtig einzuschätzen. Vielleicht ist nur der imstande, den Umfang der kommunistischen Bedrohung und ihre Eigenart ganz klar zu erkennen, der selbst einmal im Banne des Basilisken stand und sich aus ihm befreit hat.«5 Eine ausführliche Analyse der Schriften Borkenaus kann hier nicht geleistet werden, doch sei festgehalten, dass er in seinen publizistischen Texten nur in Ausnahmefällen (wie in seinem Nachwort zu Ein Gott, der keiner war) diesen Emotionen nachgab, sich jedoch bisweilen ungehemmt in politischen Spekulationen erging. Er selbst verstand dies freilich als eine Methode der Gehaltsanalyse (content-analysis), die von einer Kenntnis der strukturellen Eigenheiten der Sowjetunion ausgehe. Borkenau interpretierte den Verlauf und die Besonderheiten der sowjetischen Geschichte »von oben«, als Produkt parteiinterner Machtkämpfe. Der Historiker, schrieb er, »muss die Geschichte der zahllosen Parteistreitigkeiten der Vergangenheit so gut kennen wie ein studierter Theologe die endlosen Disputationen, die das christliche Dogma bestimmten«.6 Er betonte, dass genau jene Methode ihn befähigte, zu Beginn des Jahres 1953 festzuhalten, dass Stalin entweder bereits verstorben oder doch todkrank sei. Er begründete diese Annahme wie folgt: »Am 4. Januar 1953 verabschiedete das Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands einen Beschluss, der die ›Lehren‹ aus dem ›Fall Slánský‹ zog und der breite Aufmerksamkeit hervorrief, zum einen, weil er in einer extrem antisemitischen Tonart gehalten war, die an die Goebbels-Propaganda erinnerte, zum anderen, weil er auf eine unmittelbar bevorstehende Entscheidung im innerparteilichen Kampf zwischen Ulbricht und Dahlem hinwies. Zwei andere bedeutsame Gesichtspunkte dieses berüchtigten Beschlusses wurden indes kaum bemerkt. Malenkow wurde in übermäßiger Länge zitiert und dadurch mit der antisemitischen Kampagne in Verbindung gebracht, die ihren ersten Höhepunkt soeben in den Prager Prozessen erreicht hatte. Indem Ulbricht ihn so ausführlich zitierte und selbst in den antisemitischen Chor einstimmte, gab er, der die treibende Kraft dieses Beschlusses war, sich als ein Schützling Malenkows zu erkennen. Was aber noch wichtiger ist: Während Malenkow ausführlich zitiert wurde, kam Stalin nur mit einem Halbsatz aus dem Jahre 1910 zu Wort. Eine solch vorsätzliche Beleidigung konnte sich nur leisten, wer sich des Sturzes des Tyrannen sicher war oder aber außer Reichweite seiner Vergeltung stand. Sonst wäre es glatter Selbstmord gewesen. Es war in erster Linie aufgrund dieses Beweises, der sich in jenem Beschluss fand, dass ich damals Stalins bevorstehenden Tod voraussagte, der auch wirklich sieben Wochen darauf eintrat.«7 Borkenaus »Gehaltsanalyse« sei noch immer von Interesse, schrieb John Tashean 1962.8 Für Walter Laqueur war Borkenau fünf Jahre später hingegen das Paradebeispiel eines Kreml-Astrologen, dessen Informationen nicht immer auf solider Quellengrundlage beruhten, allerdings manchmal ins Schwarze trafen, so die 1952 getroffene und 1954 wiederholte Voraussage eines künftigen Konfliktes zwischen der Sowjetunion und der Volksrepublik China. Doch selbst Borkenaus überzogene und falsche Prophezeiungen boten, wie Laqueur zugestand, »gewöhnlich Stoff zum Nachdenken, denn sie beruhten auf Logik wie auch auf Einfallsreichtum; Borkenaus Fehler waren häufig fruchtbarer und anregender als die weniger irrigen Analysen anderer Autoren.«9 Borkenau selbst bezeichnete die Art seiner Prognostik als eine »neugeborene Wissenschaft«, deren Inhalt die »Erforschung der innerpolitischen und innerparteilichen Kämpfe im Kommunismus« sei.10 Die heutige westliche Kommunismus-Forschung sieht diese Vorgehensweise als antiquiert an. »Die historische Analyse wurde damals einfach darauf reduziert, die Veränderungen in der Partei und der Komintern der persönlichen oder kollektiven Laune der sowjetischen Führung zuzuschreiben«, wie Eric Weitz mit Hinweis auf Borkenau und Ruth Fischer betont.11 Zwischen Paris, Zürich, Rom, Düsseldorf und München unstet hin- und herreisend, verbrachte Borkenau seine letzten Jahre. Politisch entdeckte er (als einziger der hier Behandelten) seine Sympathien für den Zionismus. Doch gedachte er nicht, nach Israel überzusiedeln. Vielmehr, so schrieb er 1955 in einer Rezension zu Arnold Toynbee, sei auch die Judenheit in der Diaspora für das Überleben des jüdischen Volkes notwendig. Borkenau, einst katholisch getauft, dann zur evangelisch-reformierten Kirche übergetreten, schließlich Marxist und Atheist, sah sich nunmehr als säkularen Juden, obgleich seine Mutter keine Jüdin gewesen war (der Vater war jüdischer Herkunft). Sehr scharf wies er Toynbees Ansicht zurück, wonach »die ungeheuerlichen Verbrechen, die von den Deutschen an den europäischen Juden begangen wurden, mit dem gleich[zusetzen seien], was die Israelis den Arabern Palästinas antaten […]«.12 Wenn, so fuhr er fort, »der Zionismus in Israel weiterhin militant ist, so weitgehend deshalb, weil die Bedrohung, die er 1948 mit der Waffe abzuwehren suchte, noch weiterbesteht«. Doch sogar unter diesen Umständen habe der Zionismus »doch gewisse sozialistische Ideale« wie nirgendwo sonst in der Welt verwirklicht.13 Die Menschen machen ihre Geschichte selbst, aber nicht frei von ihren gesellschaftlichen Umständen – an dieser Erkenntnis des Marxismus hielt Borkenau auch fest, als er sich von Marx gelöst hatte und strebte die Darstellung weitgespannter Entwicklungslinien an, die die Fülle der Einzelheiten in große Zusammenhänge stellt. Zuletzt bemühte er sich bei fortdauernder Gegnerschaft zum Marxismus wieder um ein stärkeres Verständnis von Marx.14 Richard Löwenthal (1908–1991) Richard Löwenthal stammte aus Berlin. Bereits als Student betätigte er sich in seiner Heimatstadt und in Heidelberg, wo er u. a. Geschichte und Nationalökonomie studierte, politisch: 1926 wurde er Mitglied, 1928 Reichsleiter des KPD-Studentenbundes. Das politische Engagement blieb für ihn wichtig, auch wenn er seine politische Heimat mehrfach wechselte. Nach seinem Ausschluss aus der KPD, gegen deren Sozialfaschismus-These und deren Unterordnung unter Stalin er opponiert hatte, schloss sich Löwenthal bis 1931 der KPD-Opposition um Heinrich Brandler und August Thalheimer an. Bereits 1931/32 nahm Löwenthal Kontakte zur Gruppe Neu Beginnen auf. Diese Gruppierung bemühte sich ab 1933 um eine Neuformierung der durch die epochale Niederlage gelähmten deutschen Linken. 1933/34 schrieb Löwenthal unter Pseudonym wichtige Beiträge für die Karlsbader Zeitschrift für Sozialismus, in denen er den Hitlerfaschismus analysierte. Obgleich als Jude und Marxist doppelt gefährdet, war er in Deutschland im Widerstand aktiv. Im August 1935 musste Löwenthal Deutschland verlassen. Er ging zuerst nach Prag, dann zwischenzeitlich nach Paris, bevor er sich im Sommer 1939 in London niederließ. An all diesen Orten war er in leitender Funktion im Auslandsbüro von Neu Beginnen tätig. Ab 1941 setzte sich Löwenthal für eine Mitwirkung der Sowjetunion an der Neuordnung Europas ein. Er entwickelte das Konzept einer deutschen Demokratie, in der eine Restauration des deutschen Kapitalismus verhindert würde. 1945 wurde er britischer Staatsbürger und trat im gleichen Jahr der Exil-SPD bei. Die folgenden anderthalb Jahrzehnte arbeitete er als Journalist für die Nachrichtenagentur Reuter und für den Observer. In den politischen Kontroversen bezog er nunmehr Positionen, die denen des SPD-Parteivorstandes nahe kamen, in denen sich aber auch Erfahrungen des englischen Labour-Milieus niederschlugen. In seinem bekanntesten Buch Jenseits des Kapitalismus übte er (unter dem Pseudonym Paul Sering) 1946 scharfe Kritik am Parteimodell Lenins. Er befürwortete für Deutschland die Ergänzung der parlamentarischen Demokratie durch eine zentrale, an den Interessen der arbeitenden Bevölkerung orientierte Investitionslenkung. Er sah ein sozialistisches und demokratisches Europa als eine mögliche dritte Kraft zwischen dem kapitalistischen Nordamerika und der kommunistischen Sowjetunion und hoffte auf eine Vorreiter-Rolle von Englands neuer Labour-Regierung, die damals unter Clement Attlee das Kriegskabinett Winston Churchills abgelöst hatte.15 In England wurde Löwenthal zum Sozialdemokraten, wie er später betonte. Dies zeigt sich auch in der Biografie Ernst Reuters, die er 1957 gemeinsam mit Willy Brandt publizierte. In der Beurteilung Reuters und insbesondere seines Schrittes, der KPD nach deren sektiererischer Politik im Januar 1922 den Rücken zu kehren, hielten sich beide mit vorschnellen Etikettierungen zurück. »Der Bruch mit dem Kommunismus ist für jeden, der jahrelang seine besten Kräfte der revolutionären Bewegung gegeben hat, eine schmerzliche Operation – für manchen die Amputation eines Teils seiner Persönlichkeit«, schrieben Brandt und Löwenthal. »Der Exkommunist verlässt nicht einen Verein – er bricht mit einer Glaubens- und Lebensgemeinschaft. Er fällt aus einer vertrauten Welt heraus und muss sich in der fremden Welt des bürgerlichen Alltags neu orientieren. Er fühlt statt der emotionalen Treibhauswärme der ›Bewegung‹ die kühle Luft der Vereinzelung und des Existenzkampfes, doch es ist die frische Luft der Wirklichkeit. Der Entschluss ist schwer, aber einmal wirklich erkämpft, schenkt er ein Gefühl der Erleichterung und Befreiung.«16 Als das Buch kurz nach den dramatischen Ungarn-Ereignissen herauskam, schien der Sowjetkommunismus von den kurz zuvor angekündigten inneren Reformen gänzlich abzurücken und wieder zu erstarren. 1961 kehrte Löwenthal auf Initiative von Ossip K. Flechtheim nach Deutschland zurück, um eine Professur für Außenpolitik an der Freien Universität Berlin zu übernehmen. In seiner wichtigsten Schrift zur Kommunismusforschung, Chruschtschow und der Weltkommunismus, legte Löwenthal 1963, ungleich der gröberen Variante der Totalitarismus-Theorie, Wert auf eine immanente, ideologiekritische Interpretation der Sowjetgesellschaft. »So hat die Ideologie selbst sich bei aller Kontinuität der Zielsetzung wieder und wieder gewandelt, und dieser Prozess ist oft schmerzlich und krisenhaft verlaufen. Die Transformation des rückständigen Agrarlands Russland zur heutigen Sowjetgesellschaft und ihren noch immer rückständigen Kollektivgütern ist gewaltig, aber grundverschieden von der Schaffung einer klassenlosen Gesellschaft auf der Grundlage freier Assoziation der Produzenten und aktiver Massenkontrolle der Verwaltung, die den Gründern vorschwebte; und die Diskrepanz zwischen Lenins Idee der Weltrevolution und der wirklichen Entwicklung der sowjetischen Weltpolitik ist nicht geringer.«17 Auf längere Sicht könne sich der Weltkommunismus soweit ausdifferenzieren, dass ein Teil, nämlich die nur von der Sowjetunion geschaffenen Staaten und Parteien, im Falle einschneidender sozialer Erschütterungen sogar wieder verschwänden, ein anderer Teil sich hingegen der Sozialdemokratie annähern könne, ein dritter Teil in Ländern, die eine eigenständige »totalitäre Revolution« hervorgebracht hatten oder noch hervorbringen würden, auch langfristig die Macht behalten würde. Die Gründungsmitglieder der Komintern, »jene kommunistischen Parteien des industriellen Europa, die einst durch die Transformation kleiner demokratisch-revolutionärer Gruppen unter bolschewistischem Einfluss entstanden, mögen wohl den Kreis ihres Lebens vollenden, in dem sie, sei es zur Bedeutungslosigkeit von Sekten, sei es zu demokratischer Unabhängigkeit, zurückkehren«.18 Gegenwärtig müsse jedoch auch im Hinblick auf die osteuropäischen Länder mit einem noch lange spürbaren Willen der Sowjetunion gerechnet werden, ihre Machtposition in Mitteleuropa zu behaupten. In dieser Konsequenz entsagte Löwenthal dem Totalitarismus-Paradigma vollends. Sogar die ČSSR-Krise 1968 brachte ihn nicht mehr von der Auffassung ab, auch in Zukunft würde »eine Tendenz zum Pendeln« zwischen einer Einmannherrschaft und einer institutionell-autoritären Herrschaft weit mehr in der Natur kommunistischer Regime liegen, als eine totalitäre Herrschaft alten Schlages.19 Die tschechoslowakischen Reformkommunisten hätten keineswegs die Vorherrschaft der KP beseitigen wollen – »sie wollten es nicht und konnten im Gegenteil auf die dramatische Zunahme ihrer Popularität aufgrund der begonnenen Reformen verweisen [...]«.20 Doch erwäge die Sowjetunion unter Brežnev bei aller Brutalität weder in Prag noch im ständig gärenden Polen die Rückkehr zum Stalinschen Massenterror. Dies zeige deutlich die »Grenzen der Vormachtkontrolle« an.21 Ossip K. Flechtheim (1909–1998) Ossip Kurt Flechtheim wurde in Nikolajew in der Ukraine geboren, wuchs jedoch in Münster und Düsseldorf auf. Von 1927 bis 1933 war er Mitglied der KPD und schloss sich danach der Gruppe Neu Beginnen an. 1935 emigrierte Flechtheim nach Genf und von dort 1939 in die USA. 1951 kehrte er – auch vom Antikommunismus der McCarthy-Ära direkt betroffen – nach Berlin zurück und lehrte zunächst an der Deutschen Hochschule für Politik, dann an der Freien Universität. Er verband zeitgeschichtliche Forschung mit der Begründung der Futurologie, der Zukunftswissenschaft, als Fachdisziplin, die auch versuchte, Entwicklungstrends der kommunistischen Welt zu analysieren. 1934 hatte Flechtheim in Köln noch über Hegels Strafrechtstheorie promovieren können, die Buchausgabe der Arbeit konnte jedoch nur noch in der Tschechoslowakei erscheinen. Sein Referendariat bei einer Düsseldorfer kommunistischen Anwaltskanzlei musste er abbrechen. Einer kurzen, gefahrvollen Phase der illegalen Arbeit für Neu Beginnen folgte die Emigration in die Schweiz. Flechtheim gelang es, ein Stipendium am Institut de hautes études internationales in Genf zu erhalten; dem Graduiertenkolleg des Völkerbundes, das vom Schweizer Wirtschaftswissenschaftler William Rappard geleitet wurde. Hier ging Flechtheim den Ursachen der Stalinisierung der kommunistischen Bewegung nach. 1937 schrieb er, dass »in Ländern mit noch nicht abgeschlossener bürgerlicher Revolution wie Russland [...] der Weg zum ›Sozialismus‹ der der Machteroberung durch eine ›jakobinisch-blanquistische‹ Minderheit, die sich auf relativ primitiv-fortschrittliche Tendenzen im Proletariat und der Bauernschaft stützt, zu sein [scheint]. Dieser Weg führt zur Errichtung einer zentralistisch-terroristischen Parteidiktatur, wobei die Partei wieder zentralistisch-terroristisch von einer kleinen Clique beherrscht wird. Diese Clique scheint imstande zu sein, eine der bürgerlichen überlegene kollektivistische Wirtschaft zu schaffen, die viel mehr einer Technokratie als einer klassenlosen Gesellschaft zu entsprechen scheint.«22 Für dieses düstere Bild sollte Flechtheim später den Terminus Neo-Cäsarismus prägen. Seine Kritik am Stalinismus ließ Anklänge an den frühen wie den späten Trockij erkennen, an dessen Warnungen vor einer Parteidiktatur 1904 wie an seine Analyse der Verratenen Revolution 1936. Nach dem Zusammenbruch des Völkerbundes zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde die Arbeit am Genfer Institut ungleich komplizierter als bisher. Flechtheim ging in die USA. Dort lernte er seine Frau Lili Faktor kennen, die wie er aus Europa hatte fliehen müssen. In New York kam Flechtheim zunächst am Institute of Social Research unter. Als Assistent unterstützte er die Forschungsarbeit von Franz Leopold Neumann, aus der die berühmte Gesamtdarstellung des »Dritten Reiches«, der Behemoth, erwuchs. Zwischen 1941 und 1951 unterrichtete Flechtheim an verschiedenen US-Hochschulen Politische Wissenschaft: an der damaligen Atlanta University in Georgia, am Bates College in Lewiston, Maine, und am Colby College in Waterville, Maine. Die amerikanischen Jahre waren wissenschaftlich für Flechtheim in dreierlei Hinsicht prägend: in seiner intensiven Beschäftigung mit der Politikwissenschaft, der Zukunftsforschung sowie der Geschichte und Politik des deutschen Kommunismus. Zum einen formulierte Flechtheim sein spezifisches Verständnis von Politischer Wissenschaft, zusammengefasst in dem von ihm herausgegebenem Band Fundamentals of Political Science (1952, deutsche Ausgabe 1958). Politikwissenschaft war für Flechtheim nicht nur Wissenschaft von der politischen Macht. Er schrieb: »Der Politologe mag sehr wohl von einer Untersuchung der politischen Macht ausgehen, aber er muss sich ebenso bemühen, die Ziele von Politikern, politischen Institutionen und politischen Bewegungen zu verstehen, die über den Erwerb und Gebrauch der Macht hinausgehen.«23 Die Politische Wissenschaft solle nicht nur beschreiben und analysieren, sondern auch Wegweiser sein für eine humane Demokratie. Dem stehe, so Flechtheim, das Interesse der jeweiligen Machthaber gegenüber. Diese würden ihre Interessen mit denen der Gesamtgesellschaft gleichsetzen; die daran geknüpften Verschleierungsmechanismen bezeichnete er als das Wesen von Ideologie: die Notwendigkeit, irrationales, fehlerhaftes staatliches Handeln als rational zu legitimieren.24 Dem setzte Flechtheim seine eigene Vorstellung von der Utopie entgegen. Utopisches Denken war für ihn das Vordenken in Richtung auf eine rationale, gewalt- und machtarme Gesellschaft. Flechtheims zweite Forschungsrichtung mündete somit in die Forderung nach einer kritischen und systematischen Beschäftigung mit der Zukunft. Mit 1945 erschienenen Aufsätzen25 wurde Flechtheim, gemeinsam mit einem anderen deutschen Exilanten, Robert Jungk,26 in den Vierzigerjahren zum Begründer der »Futurologie«. Warum klafften die kommunistische Utopie und die Realität kommunistischer Politik so stark auseinander? Die Beschäftigung mit dieser Frage führte Flechtheim zum dritten großen Arbeitsgebiet seines Lebens: der historischen Kommunismusforschung, speziell der Geschichte und Politik von KPD, KPdSU und Komintern. 1947 legte er den wichtigsten Ertrag seiner diesbezüglichen Anstrengungen vor: seine Arbeit über Die KPD in der Weimarer Republik, mit der er an der Universität Heidelberg zum Dr. phil. promoviert wurde und die im folgenden Jahr in Buchform erschien. Diese groß angelegte Gesamtdarstellung, in der Flechtheim historische und organisations-soziologische Fragestellungen gekonnt miteinander verband, sollte zu einem Standardwerk der Forschung werden. Es erlebte zahlreiche Neuauflagen und ist, trotz des seitdem so stark angewachsenen Fundus an neuerer Literatur, auch heute noch nicht veraltet. Die fortdauernde Wirkung des Buches beruht vor allem auf dem methodischen Herangehen Flechtheims und der kritisch-historischen Darstellungsweise. Ungleich der Literatur des Kalten Krieges, die die Geschichte des Kommunismus verschwörungstheoretisch ausdeutete, untersuchte Flechtheim die qualitativen Wandlungsprozesse, die die KPD zwischen 1919 und 1933 durchlaufen hatte – von der Partei Rosa Luxemburgs und Paul Levis bis hin zur stalinisierten Kaderpartei. An der Freien Universität Berlin entfaltete Flechtheim eine produktive Publikationstätigkeit. Hier entstanden Arbeiten wie sein Buch Weltkommunismus im Wandel (1965) oder Bolschewismus 1917–1967. Von der Weltrevolution zum Sowjetimperium (1967). In beiden Büchern plädierte Flechtheim bei der Analyse des Welt- und besonders des Sowjetkommunismus für die »immanente historische Kritik« oder »ideologiekritische« Methode. Sie operiere, betonte er, nicht mit einem Schwarz-Weiß-Schema, sondern beschränke »sich darauf, das Bewusstsein einer Zeit, einer sozialen Formation, einer Nation, einer Klasse, so wie es von seinen Trägern verkündet, ausgesprochen, urbi et orbi demonstriert wird, mit dem Bewusstsein und Sein der entsprechenden Zeit, Formation, Nation oder Klasse so, wie es im Geschichtsprozess wirksam wird, zu vergleichen«.27 Zwar neige die gesellschaftliche Oberschicht der Sowjetunion in der Tendenz dazu, sich als Klasse zu konsolidieren. Doch sei dieser Prozess keineswegs abgeschlossen, und gegenläufige Tendenzen, die sich in einem steigenden Maß an Freiheit – verglichen mit dem Stalinismus – z. B. im kulturellen Bereich zeigten, könnten auch zu einer Aushölung des autoritären politischen Systems und einer Entwicklung hin zu mehr Pluralismus führen.28 1970 publizierte Flechtheim als Quintessenz seiner Arbeiten zur Zukunftsforschung sein Buch Futurologie. Der Kampf um die Zukunft, in dem das Projekt eines radikalen Reformweges in Richtung eines demokratischen Sozialismus aufschien. Für Flechtheim gewann ein »›Dritter Weg‹ zwischen revolutionärer Gewalttätigkeit und quitistischem Legalismus« als »Politik der ›Permanenten Reform‹ mittels direkter gewaltfreier Massenaktionen an Bedeutung«. Aber: »Angesichts der Perfektionierung der Manipulation der Massen, wird man sich auch weniger denn je auf legale Aktionen beschränken können.«29 In seiner letzten, 1987 erschienenen Monografie kam Flechtheim auf das Thema wiederum zurück. Falls die Menschheit den möglichen Dritten Weg zwischen etatistischem Kommunismus und Privatkapitalismus in Richtung hin zu einem libertären Sozialismus nicht beschreiten werde, könne sie ihre sieben dringendsten Gegenwartsaufgaben (challenges) nicht bewältigen: Rüstungswettlauf und Krieg, Hunger und Bevölkerungsexplosion, Bedrohung und Zerstörung der Umwelt, Wirtschaftskrise und Überplanung, Demokratie- und Kulturkrise, Verlust des Individuums und Krise der Familie – dies waren für Flechtheim die Hauptgefahren der Gegenwart. Diesen Gefahren könne nur ein demokratischer Sozialismus begegnen, der zugleich global, human und ökologisch sei. Flechtheim hoffte dabei – mit allen Vorbehalten – auch auf eine fortschreitende Demokratisierung in der sowjetischen Welt.30 Nach dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus stellte sich Flechtheim den Fragen nach ausgeschlagenen Alternativen. »Hätte man die Prager Reformer nicht vernichtet, wäre die Sowjetunion nicht einmarschiert, sondern diese Impulse wären aufgenommen worden, dann hätte es einen humanen Sozialismus geben können«, sagte er dem Neuen Deutschland im November 1991 in einem Interview. Doch diese Art Sozialismus sei nicht als gesellschaftliche Möglichkeit verschwunden, sondern bleibe bestehen »als Fernziel, als Utopie, als eine Möglichkeit, der man sich annähern kann, die ständig revidiert werden muss«.31 Flechtheims Auffassung vom Sozialismus brachte ihn bereits Ende der Fünfzigerjahre in Gegensatz zur SPD, der er 1952 beigetreten war. Doch das Godesberger Programm eines, wie er später sagte, »Kapitalismus mit sozialen Modifikationen«,32 rief seinen Widerspruch hervor. Als Flechtheims Freund Wolfgang Abendroth – ihm ist das Buch Futurologie. Der Kampf um die Zukunft gewidmet – aus der SPD ausgeschlossen wurde, da er den Sozialistischen Deutschen Studentenbund unterstützte, trat Flechtheim 1962 aus der Partei aus. Seit 1981 gehörte er der Alternativen Liste an, für die er auch politisch tätig war. Ein kurzes Fazit Die öffentliche Wirksamkeit der ersten Generation der Kommunismusforscher war durch die Erfahrung einer dreifachen Katastrophe geprägt: durch die kampflose Kapitulation der deutschen Arbeiterbewegung vor Hitler, den Aufstieg des Stalinismus und den Holocaust. Ihre Vertreter, von denen hier Franz Borkenau, Richard Löwenthal und Ossip K. Flechtheim vorgestellt wurden, suchten (unterschiedlich lange) zuerst den Anschluss an die organisierte Arbeiterbewegung, deren Probleme sie später wissenschaftlich reflektierten. Zwar fanden sie in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft Anerkennung, doch darf die Frage gestellt werden, inwieweit diese Integration mit ihrer – auch so empfundenen – Identifikation mit der deutschen Arbeiterbewegung vor 1933 vergleichbar ist. Dies gilt ebenfalls mit Blick auf Wolfgang Abendroth, Theodor Bergmann, Fritz Sternberg oder auch Ruth Fischer.33 Besonders Richard Löwenthal stellte sich dem auch öffentlich und betonte am Ende seines Lebens: »Meine Heimat ist die deutsche Arbeiterbewegung.«34 Diese Erfahrungen, ohne die die wissenschaftlichen Leistungen nicht verstanden werden können, machen das Besondere der Kommunismusforscher Borkenau, Löwenthal und Flechtheim und der anderen Vertreter ihrer Generation aus und unterscheiden sie damit vom Gros »typischer« westdeutscher Wissenschaftler ihrer Altersjahrgänge. Borkenau, Löwenthal und Flechtheim suchten im Spannungsverhältnis zwischen prinzipieller Abgrenzung vom Kommunismus sowjetischen Typs und kritischem Engagement für eine Demokratie westlichen Musters, deren historische Belastungsfaktoren in Deutschland ihnen aber bewusst blieben, ihre eigene Position zu bestimmen. Sie bemaßen die Entwicklung der kommunistischen Welt zunehmend am politischen Standard der liberalen Demokratien, doch weiterhin – und dies gilt besonders für Löwenthal und Flechtheim – auch am sozialen Auftrag der Arbeiterbewegung. Sie hatten einen wichtigen, wenngleich sich voneinander unterscheidenden Anteil an der Ausprägung der modernen Kommunismusforschung als Wissenschaftsdisziplin. War Borkenaus Arbeitsweise teilweise von spekulativen Elementen durchzogen, gab er doch mit dem bereits 1938 publizierten Buch zur Politik der Komintern wichtige Denkanstöße in Richtung einer ideologiekritischen Geschichtsschreibung des Kommunismus. Löwenthal und Flechtheim legten ein stärkeres Gewicht auf die inneren Wandlungsprozesse der Sowjetgesellschaft bzw. der KPD und ihres Milieus als Borkenau. In je spezifischer Weise dürfen die drei hier untersuchten Wissenschaftler als Wegbereiter einer sozialgeschichtlichen Kommunismusforschung gelten. Die Fachdisziplin, die sie in der Bundesrepublik entscheidend mit konstituieren halfen, hat das scheinbare Ende ihres Untersuchungsgegenstandes überlebt. Zwar gibt es die Sowjet-union nicht mehr, doch ist ihr höchst zwiespältiges Erbe im öffentlichen Leben ihrer Nachfolgestaaten wie in ihrem gesamten ehemaligen Machtbereich – auch in Ostdeutschland – noch heute spürbar. Mit ihren präzisen Fragen nach dem Modernisierungspotenzial kommunistischer Gesellschaften, aber auch nach deren Grenzen, warfen Löwenthal, Flechtheim und in seiner Frühzeit auch Borkenau wichtige Probleme auf, die z. B. auch die Diskussion hinsichtlich der heutigen Transformationsforschung beleben mögen. Sie legten, hier einer traditionellen marxistischen Lesart folgend, weniger Wert auf Fragen, die ethnisch-kulturelle Problemlagen und Konflikte betreffen und die heute in den Gebieten des früheren sowjetischen Machtbereiches einen so entscheidenden Stellenwert einnehmen. Auch ihre Beurteilung von Nationalismus, Faschismus und Antisemitismus speiste sich aus ihrer frühen marxistischen Prägung, in der die Schlüsselkategorie des historischen Fortschritts eine stärkere Rolle spielte als die Brüche im Geschichtsprozess. Borkenau zeitweise, weit mehr aber Löwenthal und Flechtheim spürten den Wandlungen im Kommunismus nach, um darin noch so vage Anzeichen eines historischen Fortschritts zu erblicken, den sie dem Nazistaat nirgendwo attestierten. Sie waren Kinder ihrer Zeit und von deren Geist geprägt, doch prägten sie auch selbst das geistige und kulturelle Klima ihrer Zeit mit. Sie stellten Fragen nach dem Stellenwert von Kommunismus und Kapitalismus, Faschismus und Antifaschismus im 20. Jahrhundert, sie suchten ihren Platz in den großen sozialen und geistigen Bewegungen ihrer Zeit, und zugleich versuchten sie den Platz dieser Bewegungen in der Geschichte zu bestimmen. Diese Suche ist noch immer nicht abgeschlossen, sondern ein fortwährender Denkprozess, bei dem uns Leben und Werk von Franz Borkenau, Richard Löwenthal und Ossip K. Flechtheim Anregung – und manchmal auch Mahnung – sein können. 1 Hierüber hat Hermann Weber selbst berichtet. Siehe den gemeinsam mit seiner Frau und wichtigsten Unterstützerin Gerda Weber verfassten Band: Leben nach dem »Prinzip links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, Berlin 2006. 2 Auch ältere, 1990 aus Lehr- und Forschungseinrichtungen unfreiwillig ausgeschiedene Forscher aus der DDR bewiesen Anschlussfähigkeit an den internationalen Standard – von Günter Benser (geb. 1931) und Wilfriede Otto (geb. 1933) bis zum jüngeren Klaus Kinner (geb. 1946). Sie verabschiedeten sich von der Legitimationswissenschaft, wie sie in der DDR betrieben worden war. 3 Siehe zu den Biografien und zur Literatur Mario Keßler: Ossip K. Flechtheim. Politischer Wissenschaftler und Zukunftsdenker (1909–1998), Köln 2007; ders.: Kommunismuskritik im westlichen Nachkriegsdeutschland. Franz Borkenau – Richard Löwenthal – Ossip Flechtheim, Berlin 2011; ders./Axel Fair-Schulz (Hg.): German Scholars in Exile. New Studies in Intellectual History, Lanham/MA 2011, mit Kapitelbeiträgen von Mario Keßler zu Borkenau und Flechtheim. Außer ihnen und Löwenthal gehört auch der in seiner Bedeutung als Kommunismusforscher nicht vergleichbare, aber eine ähnliche Lebensbahn aufweisende Arkadij Gurland in diese Gruppe. Siehe zu ihm Mario Keßler: Arkadij Gurland – Sozialdemokrat und Politologe zwischen Weimarer Republik, Exil und westlichem Nachkriegsdeutschland, in: Klaus Kinner (Hg.): Die Linke – Erbe und Tradition, Teil 2: Wurzeln des Linkssozialismus, Berlin 2010, S. 77–96. 4 Die amerikanische Ausgabe von 1939 sowie ein Nachdruck von 1962 erschienen unter dem Titel: World Communism: A History of the Communist International. 5 Franz Borkenau: Nachwort zu: Richard Crossman (Hg.): Ein Gott der keiner war, Köln 1952, S. 255 f., 261. In diesem Kontext sei nicht verschwiegen, dass Borkenau im Mai 1951 in fälschlicher Weise den österreichischen Emigranten und mittlerweile zum US-Besatzungsoffizier aufgestiegenen Joseph von Franckenstein, den Ehemann der Schriftstellerin Kay Boyle, gegenüber dem FBI der kommunistischen Sympathien bezichtigte. Von Franckenstein verlor daraufhin seine Stelle im State Department, seine Frau ihre Anstellung als Auslandskorrespondentin des New Yorker. Lange gerichtliche Auseinandersetzungen folgten, die schließlich die Haltlosigkeit von Borkenaus Behauptung zeigten. Siehe William David Jones: The Lost Debate. German Socialist Intellectuals and Totalitarianism, Urbana/Chicago 1999, S. 185, unter Bezug auf US-Regierungsakten. 6 Franz Borkenau: Getting at the Facts Behind the Soviet Facade, in: Commentary 17 (1954), H. 4, S. 398. 7 Ebd., S. 400 [Hervorhebung wie im Original]. 8 John E. Tashean: Franz Borkenau. A Study of his Social and Political Ideas, Ph.D. Thesis, Georgetown University, Washington, D.C. 1962, S. 130. 9 Walter Laqueur: Mythos der Revolution. Deutungen und Fehldeutungen der Sowjetgeschichte, Frankfurt a. M. 1967, S. 198 f. Siehe auch Franz Borkenau: The Chances of a Mao-Stalin Rift: Will China’s Communists Take the Tito Road?, in: Commentary 14 (1952), H. 2, S. 117–123; ders.: Getting at the Facts (Anm. 6). 10 Franz Borkenau: Was ist Kreml-Astrologie?, in: Der Monat 7 (1955), H. 79, S. 34. 11 Eric D. Weitz: Creating German Communism, 1890–1990. From Popular Protests to Socialist State, Princeton, NJ 1997, S. 12. 12 Franz Borkenau: Toynbee und die Zukunft der Juden, in: ders.: Ende und Anfang. Von den Generationen der Hochkulturen und der Entstehung des Abendlandes, hg. von Richard Löwenthal, Stuttgart 1984, S. 538. 13 Ebd., S. 546. 14 Siehe Franz Borkenau: Praxis und Utopie, in: Karl Marx. Auswahl und Einleitung von Franz Borkenau, Frankfurt a. M. 1956, S. 7–37. 15 Im Vorwort zur Neuausgabe des Buches bezeichnet Löwenthal seine frühere Erwartung im Sinne jener »Dritten Kraft« als realitätsfern. Siehe Richard Löwenthal: Nach dreißig Jahren. Vorwort zur Neuausgabe von »Jenseits des Kapitalismus«, in: ders.: Jenseits des Kapitalismus, Berlin 1977, S. XIII f. 16 Willy Brandt/Richard Löwenthal: Ernst Reuter. Ein Leben für die Freiheit, München 1957, S. 207. 17 Richard Löwenthal: Chruschtschow und der Weltkommunismus, Stuttgart 1963, S. 8. 18 Ebd., S. 224. 19 Nachlass Richard Löwenthal, Box Nr. 49: Richard Löwenthal an Erik von Groeling, Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien, Brief vom 4. Juni 1970, in: Archiv der sozialen Demokratie, Bonn-Bad Godesberg. 20 Richard Löwenthal: Vormachtkontrolle und Autonomie in der Entwicklung des Sowjetblocks, in: ders./Boris Meissner (Hg.): Der Sowjetblock zwischen Vormachtkontrolle und Autonomie, Köln 1984, S. 33. 21 Ebd., S. 36. 22 Ossip K. Flechtheim: Der Weg zum Sozialismus, oder: Ethik und Politik (1937), Wiederabdruck in: ders.: Vergangenheit im Zeugenstand der Zukunft, Berlin 1991, S. 281. 23 Ossip K. Flechtheim (Hg.): Grundlegung der Politischen Wissenschaft, Meisenheim 1958, S. 70 f. 24 Siehe ebd., S. 66, und Hans K. Rupp/Thomas Noetzel: Macht, Freiheit, Demokratie. Anfänge der westdeutschen Politikwissenschaft, Marburg 1991, S. 47. 25 Sie wurden unter dem Titel »History and Futurology« (Meisenheim 1966) wiederveröffentlicht. 26 Siehe Robert Jungk: Die Zukunft hat schon begonnen, Stuttgart 1952. 27 Ossip K. Flechtheim: Weltkommunismus im Wandel, Köln 1965, S. 221. 28 Siehe Ossip K. Flechtheim: Bolschewismus 1917–1967. Von der Weltrevolution zum Sowjetimperium, Wien 1967, S. 178 f. 29 Ossip K. Flechtheim: Futurologie. Der Kampf um die Zukunft, Frankfurt a. M. 1972, S. 270. 30 Siehe Ossip K. Flechtheim: Ist die Zukunft noch zu retten?, Hamburg 1987. 31 Neues Deutschland vom 23./24. November 1991. 32 Ossip K. Flechtheim, in: Hajo Funke: Die andere Erinnerung. Gespräche mit jüdischen Wissenschaftlern im Exil, Frankfurt a. M. 1989, S. 463. 33 Von Abendroth und Bergmann liegen längere autobiografische Texte vor. Siehe Wolfgang Abendroth: Ein Leben in der Arbeiterbewegung. Gespräche, aufgezeichnet und hg. von Barbara Dietrich und Joachim Perels, Frankfurt a. M. 1976; Theodor Bergmann: Im Jahrhundert der Katastrophen. Autobiographie eines kritischen Kommunisten, Hamburg 2001. Während Abendroth Gegenstand mehrerer Forschungsarbeiten wurde, ist Bergmanns Wirken vor allem im Kontext der KPD-Opposition und der von ihm nach 1945 mit geleiteten Gruppe Arbeiterpolitik behandelt worden. Über Sternberg und Gurland fehlen noch ausführliche biografische Studien, hingegen erscheint über Ruth Fischer demnächst eine Biografie vom Verfasser dieser Zeilen. Bergmann, dessen Biografie ebenfalls noch geschrieben werden muss, kommt in einem Film aus dem Jahr 2007 (auf DVD erhältlich) ausführlich zu Wort: »Dann fangen wir von vorne an«. Fragen des kritischen Kommunismus. 34 Ossip K. Flechtheim, in: Funke: Die andere Erinnerung (Anm. 32), S. 402.

JHK 2013

Dänemark: Historiker des Kommunismus auf Wahrheitssuche

Anne-Mette Anker Hansen / Thomas Wegener Friis

Die Kommunistische Partei Dänemarks (KPDä) war ein realpolitisches Randphänomen des 20. Jahrhunderts. Nur einmal, im Sommer 1945, war sie Mitglied der sogenannten Befreiungsregierung, einer Einheitsregierung mit Vertretern der großen traditionellen Parteien sowie der Widerstandsbewegung der Besatzungszeit. Ansonsten war die parlamentarische Vertretung der Kommunisten sehr begrenzt. Trotz Weltwirtschaftskrise und hoher Arbeitslosigkeit schaffte die KPDä erst 1933 den Sprung in das dänische Parlament, das Folketing. Sie war jedoch immer nur mit zwei bis drei Abgeordneten vertreten, von denen einer 1937 während eines Aufenthalts in Moskau sogar verschwand: Der Abgeordnete und ausgesprochen parteitreue Genosse Arne Munch-Petersen starb im November 1940 im Zuge der stalinistischen Säuberungen.1 Durch ihre Rolle als eine der treibenden Kräfte in der dänischen Widerstandsbewegung erlebte die KPDä in der unmittelbaren Nachkriegszeit einen kurzlebigen Aufschwung, aber schon Mitte der Fünfzigerjahre kam es aufgrund ihrer Loyalität zur Sowjetunion, innerer Spannungen und äußeren Drucks zum Bruch. Nach den Wahlen 1960 schaffte die Partei es nicht mehr ins Parlament. Obwohl ihr in den Siebziger- und Achtzigerjahren kurze parlamentarische Gastauftritte von der Wählerschaft gewährt wurden, kann die KPDä nicht an ihrer politischen Bedeutung im Parlament gemessen werden. Die Partei verfügte nie über größeren Einfluss und wurde argwöhnisch von den Nachrichtendiensten überwacht. Jede andere Partei hätte sich unter diesen Umständen aufgelöst, doch nicht zuletzt dank intensiver Unterstützung durch die Sowjetunion und der osteuropäischen Bruderparteien hatte die kleine, aber linientreue und zuverlässige dänische Partei Bestand. Sie unterhielt einen professionellen Parteiapparat und brachte sogar eine eigene kommunistische Tageszeitung heraus.2 Die engen Beziehungen zu den Staatsparteien im real existierenden Sozialismus und damit zu den de facto-Feinden des dänischen Staates, machten die KPDä zu etwas Besonderem. Außerdem stellte sie die einzige kontinuierliche Alternative zur kapitalistisch-demokratischen Gesellschaftsordnung im 20. Jahrhundert dar. Zwar existierten zeitweise auch andere Alternativen, rechts in Gestalt von Nationalsozialisten und links in Form von Extremisten maoistischer oder trotzkistischer Prägung, aber dies waren eher Modephänomene und daher zeitlich begrenzt. Die Kommunisten lieferten eine Art Gesamtpaket: Utopie gepaart mit Apparat und Tradition. All dies führte dazu, dass die Kommunisten auch in der dänischen Geschichtsschreibung eine besondere Rolle spielen. Dies gilt insbesondere für die Zeit nach 1990, die ökonomische und moralische Stunde null der Kommunisten. Als der ökonomische Tropf aus Moskau versiegte, brach die Partei innerhalb kürzester Zeit zusammen. In den Wirren des Auflösungsprozesses konnte das Archiv der KPDä jedoch gerettet werden und in Archiv und Bibliothek der Arbeiterbewegung untergebracht werden. 900 Umzugskisten mit Material kamen 1991 aus dem zwangsversteigerten Parteihaus in die Dronningens Tværgade; dazu noch die Archive des Kommunistischen Jugendverbandes, der Freundschaftsorganisation Dänemark-Sowjetunion, des Komitees für Frieden und Sicherheit, des dänischen Komitees zu Vorbereitung der Arbeiterkonferenzen der Ostseestaaten, sowie Personenarchive führender Kader, wie der beiden Parteivorsitzenden Knud Jespersen (1958–1977) und Ole Sohn (1987–1991).3 Neben den eigenen Akten waren mittlerweile auch die Archive der einstigen Partner, der KPdSU und der SED zugänglich. Aus den russischen Archiven RGASPI4 und RGANI5 überführte eine staatliche Archivkommission deshalb etwa 12 000 Kopien, und gründete damit den Bestand Danica in Russland.6 Eine dauerhafte Kooperation mit russischen Historikern konnte zum damaligen Zeitpunkt noch nicht etabliert werden, sondern entstand erst in den letzten Jahren im Rahmen des Projekts »Danskere i Komintern« [Dänen bei der Komintern].7 Die Akten der SED wurden dagegen nie ähnlich komplett nach Dänemark geholt, aber sowohl von Historikern als auch von Journalisten in den deutschen Archiven eingesehen.8 Mit den umfassenden Archivöffnungen liegt die Organisation und Funktionsweise der früher extrem geschlossenen und Geheimnis umwobenen Partei offen, was in den letzten zwei Jahrzehnten zahlreiche wissenschaftliche Publikationen zur Geschichte der dänischen KP zur Folge hatte.9 Damit stellt die dänische Kommunistische Partei eines der am gründlichsten erforschten Gebiete der dänischen politischen Zeitgeschichte dar. Kaum eine andere Partei ruft ähnliches Interesse hervor. Darüber hinaus ist die Geschichte der KPDä sogar immer noch ein aktuelles Thema, das erneut politische Brisanz erfuhr, nachdem der letzte Vorsitzende der KPDä, Ole Sohn, 2011 nach seinem Parteiwechsel zur Sozialistischen Volkspartei zum Wirtschaftsminister bestellt wurde. Die dänische Kommunismusforschung 2013 ist von einer regen wissenschaftlichen und öffentlichen Diskussion geprägt, aufbauend auf einem starken Fundament kritischer und intensiver Forschung. Vor 1990 war das noch ganz anders. Die Gruppe der dänischen Historiker, die sich in dieser Zeit mit dem Thema beschäftigte, war ausgesprochen überschaubar und lässt sich in drei Kategorien einteilen: 1. KPDä-Parteimitglieder, 2. linksextreme Kritiker und 3. »rechte Kritiker«. Größtenteils bestand die Geschichtsschreibung der KPDä aus der Traditionspflege einer Partei, die sich ihrer »historischen Rolle« durchaus bewusst war. Ende der Achtzigerjahre erschienen jedoch die Werke des Kommunisten und Historikers Kurt Jacobsen, die sich durch selbstkritische Reflexion deutlich von denen seiner Vorgänger unterschieden. Schon als Dozent an der Roten Hochschule erforschte er die frühe Geschichte der KPDä, bevor er ab 1989 als vom ZK der KPdSU bezahlter Auslandskorrespondent der dänischen Parteizeitung Land og Folk in Moskau arbeitete. Diese Position und seine Beziehungen zum ZK-Apparat nutzte Jacobsen, um als erster dänischer Historiker Zugang zum Archiv der KPdSU zu erlangen.10 Seine Bücher von 1987 und 1989 über die Grabenkämpfe in der jungen dänischen Partei und die Rolle Moskaus sind heute noch lesenswert, während andere frühere Werke, die im Zeichen der KP-Traditionspflege entstanden, in Vergessenheit geraten sind.11 Die Qualität der Forschung von Jacobsen mag auch daran gemessen werden, dass er sie auch nach 1990 fortsetzte und eine umfassende Biografie des langjährigen Vorsitzenden der KPDä (1932–1958) und späteren Gründers der Sozialistischen Volkspartei Aksel Larsen veröffentlichte.12 Auch der letzte ordentliche Vorsitzende der KPDä, Ole Sohn, konnte seine Beziehungen in der Sowjetunion dazu nutzen, historische Akten einzusehen. Sowohl das Archiv der KPdSU als auch des KGB lieferten wichtige Informationen für ein Buch über den in Moskau verschollenen kommunistischen Abgeordneten Arne Munch-Petersen. Auch mithilfe dieses Buches gelang es Sohn, sich als selbstkritisch darzustellen und seine politische Karriere fortzusetzen.13 Fast in Vergessenheit geraten sind die Verfasser aus anderen linksextremen Gruppen. Unter linken Splittergruppen wurde es quasi zur Gewohnheit, die moskautreue KPDä als reformistisch oder rechtsopportunistisch zu brandmarken. Etliche Bücher dienten dazu, diese Auffassung zu verbreiten.14 Nur ein dänischer Kommunismusforscher aus diesem Kreis ist zu nennen: Morten Thing von der Universität Roskilde. Anfang der Neunzigerjahre setzte auch er seine Forschungen weiter fort und habilitierte mit einem Werk über die KPDä und die Linksintellektuellen in den Jahren von 1918 bis 1960.15 In der Folge widmete er sich mit Erfolg der Frage der KPDä-Parteiförderung durch die KPdSU. Die Auffassung linksextremer Gruppen, sie seien »die besseren Kommunisten« gewesen, sorgten nach 1990 nur gelegentlich für Aufmerksamkeit. Im Standardwerk zur dänischen Geschichte des dänischen Professors Poul Villaume, eines ehemaligen Maoisten, der von einem seiner Schüler in der Historiografie als Revisionist – wenn auch gemäßigter – bezeichnet wird, wird diese Auffassung deutlich zum Ausdruck gebracht.16 Villaume weist auf einen deutlichen Unterschied zwischen der KPDä und Antidemokraten anderer Prägungen hin und unterstellt, dass Letztere im Falle einer sowjetischen Invasion Widerstand geleistet hätten.17 Die dritte und letzte Gruppe der »rechten Kritiker« unterscheidet sich von den beiden anderen nur dadurch, dass ihre Anhänger sich selbst nicht als Kommunisten oder Linksextremisten definieren. Zu ihnen gehört zum Beispiel der sozialdemokratische Abgeordnete Hartvig Fritsch. Er war kein Wissenschaftler im strengen Sinn, aber mit seinem wegweisenden Buch Pest over Europa [Pest über Europa] von 1933 machte er klar Front gegen die beiden totalitären Weltanschauungen.18 Der wohl namhafteste, aber auch umstrittenste Kommunismusforscher Bent Jensen von der ehemaligen Universität Odense,19 ist eine der schillerndsten Gestalten der dänischen Kommunismusforschung. Sein Name mag im deutschsprachigen Raum vermutlich nur wenigen bekannt sein, in Dänemark ist das Gegenteil der Fall. Der gebürtige Jütländer habilitierte 1979 mit einer Arbeit über Dänemark und die Russische Frage 1917–1924. Zu größerer Bekanntheit verhalf ihm 1984 sein heftig umstrittenes Werk Stalinismens fascination [Die Faszination des Stalinismus]. Im Weiteren soll auf Jensens Werk und seine Person näher eingegangen werden. Faszination des Stalinismus »Mein Interesse für die Haltung der dänischen Intellektuellen zum Stalinismus besteht seit 1978, als ich durch Zufall über eine Zeitschrift stolperte, die voller Lob für Stalin war. Ich startete daraufhin eine eigene kleine Untersuchung, getrieben von Skepsis und Neugierde: Konnte das tatsächlich stimmen? Während meiner Arbeit wandelte sich meine Neugier in verblüfftes Staunen: Es war weitaus schlimmer als ich gedacht hatte. Letztendlich musste mein Staunen einem Gefühl von Trübsinn weichen: Wie konnte das möglich sein?«20 So beginnt das Buch Faszination des Stalinismus, das sich der Haltung der dänischen KP sowie sympathisierender Intellektueller zur Sowjetunion der Dreißiger-, Vierziger- und Fünfzigerjahre widmet. Bent Jensen verfasste es auf der Grundlage öffentlicher Aussagen und anderer Publikationen, denn sie waren das einzige, was der Kommunismusforschung zu jener Zeit zur Verfügung stand. Der Autor skizziert zuerst das Schreckensregime der Sowjetunion, bevor er die folgenden Fragen stellt: Hätten die Kommunisten es besser machen können? Und warum haben sie diesem Regime zur Seite gestanden? Im Wesentlichen aber beschäftigt sich das Buch damit, wie die dänischen Kommunisten, wie die zuverlässigen dänischen Genossen der Sowjetunion bereitwillig mit Wort und Tat zur Seite standen. Aus heutiger Sicht erscheint der Band nicht kontrovers. Dass die KPDä sehr linientreu war und bis zum allerletzten Generalsekretär im Kreml auch der sowjetischen Bruderpartei ergeben blieb, ist mittlerweile allgemein bekannt. Aber gerade deshalb ist die damalige Reaktion auf das Buch interessant, denn im Jahr 1984 waren solche Fakten noch nicht weithin anerkannt. Das Buch polarisierte die dänische Öffentlichkeit von Beginn an. Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens lobten das Buch als mutig und unterstrichen seine Bedeutung als »Augenöffner«.21 Aber es gab auch vehemente Kritik aus Politik, Wissenschaft und Kultur. Die Wiedergabe der Positionen von Kommunisten und sogenannten progressiven Intellektuellen zur Zeit Stalins wurde häufig als persönlicher Angriff empfunden. »Ein Pharisäer auf einem Kreuzzug mit 30 Jahren Verspätung«, unter diesem Titel beschrieb der bekannte Autor David Jens Adler in einer Rezension in einer der größten Landeszeitungen den Inhalt als »selbst für Propaganda mehr als armselig«, als »hilflose Laberei«, »manischen Antikommunismus« und »Unsinn«.22 Ähnlich lautete auch das Urteil der kommunistischen Tageszeitung Land og Folk, die Jensen zum »anti-marxistischen Chefideologen« ernannte und das Werk als »pseudowissenschaftlich« abtat.23 Als »Amokläufer« der Rechten beschimpfte ihn die linke Tageszeitung Arbejderen.24 »Bent Jensen fehlt, was man an den modernen Universitäten Perspektivierung und Relativierung nennt«, schrieb der Historiker Ole Lange in seiner Rezension »Das Besserwissen der Neunmalklugen«.25 Und in der dänischen Historischen Zeitschrift erlebte das Buch einen Verriss durch den bekannten Maoisten und Historiker von der Universität Kopenhagen, Benito Scocozza, weil Jensen in seinem Buch u. a. nicht bereit sei, zu erklären, warum es Menschen gab, die die Moskauer Schauprozesse befürworteten. Ein anderer Fachkollege hegte entsprechende Kritik am Werk mit den Worten: »… anachronistische Beschreibungen von der politischen und sozialen Lage«.26 Die Debatte über das Buch hielt den Winter 1984/85 über an. Die Kritiker entstammten einer breiten Gruppe unterschiedlichster Prägungen von Kommunisten, über Maoisten, Linkssozialisten, Sozialdemokraten bis hin zu Sozialliberalen. Ihre Einstellung zu Stalins Sowjetunion war entsprechend vielfältig. Die nicht KP-gebundenen Linksextremen waren zum Beispiel grundsätzlich zufrieden mit der Kritik an der Sowjetunion, aber unzufrieden mit Werk und Verfasser, wie es im Hauptorgan der linken Szene Politisk Revy hieß: »Die Beschreibung der Sowjetunion ist gut (aber er versteht sie eigentlich nicht).«27 Trotz aller Unterschiede lässt sich die scharfe Kritik an Jensens Buch auf drei Kernaussagen reduzieren: Erstens, dass der Verfasser ein »kalter Krieger« sei; zweitens, dass das Werk eine Hexenjagd darstelle, und drittens, dass Jensen wissenschaftlich unzuverlässig sei. »Soll Faszination nun ein Verbrechen sein?«, fragte der populäre Historiker Paul Hammerich im staatlichen Monopolfernsehen. Wie konnte Jensen es wagen, ehrenhafte Bürger wie den ehemaligen Rektor der Universität Kopenhagen und Helden aus dem Widerstand, Mogens Fog, durch Zitate aus der Stalinzeit zu verunglimpfen?28 Fast alle Kritiker hatten gemeinsam, dass die Person Bent Jensens für sie im Mittelpunkt stand. Dieser Umstand verlieh ihm schon zu diesem Zeitpunkt die Rolle eines ganz besonderen Übeltäters – sein Spitzname »Schwarzer Bent« war in der wissenschaftlichen Szene geboren. Die Kritik an Jensen hielt sich noch über Jahrzehnte und zwar nicht nur im kleinen Kreis der Historiker. So schrieb ein ehemaliger Professor der Universität Aarhus noch 2007 unter dem Titel »Kopfnussmimose« in der sozialliberalen Tageszeitung Politiken: »Kein anderer Historiker in diesem Land ist dermaßen unverschämt, perfide und wird so persönlich.«29 Die verbitterte Diskussion der Achtzigerjahre führte dazu, dass Jensen in Historikerkreisen immer stärker isoliert wurde, ließ ihn aber auch als eine Art wissenschaftlichen Märtyrer erscheinen, wenn viele Persönlichkeiten des bürgerlichen Dänemarks das Buch von vornherein lobten. 30 Während Politik und Wissenschaft versuchten, die Diktaturen Osteuropas zu verstehen und dafür den Dialog suchten, galt Jensen in den entsprechenden Kreisen als verpönt und bekam keine Einladung zu den Empfängen der Botschafter osteuropäischer Länder. Dieses Verhalten kam dem jungen Professor jedoch vermutlich nicht ganz ungelegen, denn letztlich gründete sich darauf sein Leitmotiv. In den Debatten identifizierte er sich wiederholt mit einem Zitat des norwegischen Dichters und Schriftstellers Arnulf Øverland: »Es muss harte und einfache Menschen geben, die im Interesse der Wahrheit klar ihre Meinung zum Ausdruck bringen.«31 Insofern scheint Øverland mit Hinblick auf eine kompromisslose Darstellung der Realität ein Vorbild für Jensen gewesen zu sein. Obwohl Jensen mit Professoren- und Doktortitel Teil der dänischen Kulturelite war, fiel es ihm aufgrund seines biografischen Hintergrunds leichter, sich mit den einfachen Leuten und den »einfachen Wahrheiten« zu identifizieren.32 Persönlicher Werdegang Bent Jensen wurde 1938 geboren. Sein Elternhaus in der jütländischen Kleinstadt Kjellerup gehörte der streng evangelischen Glaubensrichtung der Inneren Mission an. Für sie bestand die Welt aus zwei Gruppen: den Brüdern und Schwestern der Mission sowie denjenigen »außerhalb«.33 Jensen selbst beschrieb sein Elternhaus als von Geborgenheit geprägt. Dennoch sei es schwierig für einen neugierigen Jungen gewesen, nur mithilfe des starken Glaubens der Eltern, genügend konkrete Antworten zu finden. »In der Bibel steht die ganze Wahrheit. Und was nicht da steht, braucht man nicht zu wissen. Jedes Wort in der Bibel ist wahr«, erklärte ihm seine Mutter.34 Hatte die Bibel einmal keine Antwort, könne man sich nach Jesus richten, der nicht ins Kino gegangen wäre und deshalb ginge die Familie auch nicht dorthin. Die Antwort des Sohnes war, dass Jesus wohl auch kein Fahrrad gefahren wäre und es dennoch nicht verboten war.35 In Jensens Elternhaus gab es nur wenige Bücher, weshalb er seine Neugier als Kind in der örtlichen Stadtbibliothek befriedigen musste, wo sich für ihn gänzlich neue Welten auftaten, gepaart mit einem Drang nach mehr Wissen, um die Rätsel der Welt lösen zu können.36 Nach seiner Schulzeit machte Jensen eine Lehre als Elektriker, die ihm aber weder das gewünschte Wissen vermittelte, noch die Möglichkeit eröffnete, aus »dem furchtbaren Schwarzen Loch« zu flüchten, als das er seine Heimat beschrieb. Während der Lehre lebte er ein Doppelleben mit seinem Zuhause, den Eltern und der Mission auf der einen Seite und auf der anderen mit den Kollegen und der Arbeit.37 Nach der Lehre absolvierte Jensen nachträglich sein Abitur, um so Antworten auf die großen Fragen zu finden. In dieser Zeit entfremdete er sich zunehmend von seinem Elternhaus: »Ich wurde zu einem dieser schrecklichen jungen Leute, die alles wissen. Mein Vater konnte sich schlecht wehren, und ich war gemein und niederträchtig ihm gegenüber. Ich nutzte aus, dass ich ihm überlegen war«, gestand Jensen später in einem Zeitungsinterview. Dass er die Eltern als Jugendlicher als kleinlich und eingeschränkt empfand und deshalb nicht zu ihrer silbernen Hochzeit ging, vergab er sich nie.38 Nach seiner Wehrpflicht begann Bent Jensen ein Geschichtsstudium in Dänemarks zweitgrößter Stadt Aarhus. Auch hier erhoffte er wieder Antworten auf alle Fragen. Stattdessen bekam er die Erklärung, dass es Geschichte gar nicht gab, sondern nur noch Konstruktionen; historische Fakten hätte es auch nie gegeben.39 In Aarhaus bekam Jensen Kontakt zu politischen Studentenvereinigungen, die in diesem Fall, wo auch Rudi Dutschke eine Zeit lang in Aarhaus aktiv gewesen war, politisch besonders links eingestellt waren. Er wurde Mitglied im Sozialistischen Studentenverein, wo er von der »Entwicklung der Produktivkräfte, die die Geschichte vorwärts treiben« erfuhr. Kurz: Hier bekam Jensen endlich klare und einfache Antworten auf seine großen Fragen, und er empfand es als »heilend, eine solche Einsicht in schwierige Zusammenhänge zu bekommen und aufgeklärt zu werden, wie alles miteinander verbunden ist«. 40 Der Marxismus bot dem Studenten eine klare Weltanschauung, die er schon aus der Mission kannte, jedoch diesmal vermeintlich auf wissenschaftlichem Boden basierend. Seine »Romanze« mit dem Marxismus endete jedoch schon nach wenigen Jahren wieder, ohne dass Jensen dies jemals detailliert kommentiert hat. Als Ursache führte er lediglich an, dass er eine kluge Frau getroffen habe, die sich von den Klischees und großen Worten nicht überzeugen ließe. 41 Eine andere Inspirationsquelle sei für ihn der russische Emigrant Boris Weil gewesen, der in Dänemark lebte und bei ihm eine Antipathie gegenüber der Sowjetunion habe wachsen lassen.42 Gerade die Frage nach einer »historischen Wahrheit« taucht in Jensens Forschung wiederholt auf. Für ihn ist diese Suche nach Fakten, die die Aufarbeitung voranbringen, immer wichtiger gewesen, als sich in die Beweggründe irgendwelcher historischen Akteure zu versetzen. Besonders sein Werk Faszination des Stalinismus sowie das Buch Gulag og Glemsel [Gulag und Vergessen] von 2002 sind Beispiele für diese Suche nach historischen Wahrheiten.43 Aus diesem Grund enthalten beide Werke zahlreiche Beispiele und Zitate. Im zuletzt genannten Buch weist Jensen darauf hin, dass das Leid des Kommunismus mit dem Leid des NS-Regimes zu vergleichen sei, wobei die Erinnerung an die NS-Zeit Europa mahne, dass der Gulag im Westen und insbesondere in Dänemark nicht aufgearbeitet würde, und daher in Vergessenheit geriete.44 Beide Bände dienten anderen Zwecken als »nur« neues Wissen zu präsentieren. Dies wird zum Beispiel in der Charakterisierung von Stalins dänischen Anhängern deutlich: »Die intellektuellen Stalinisten waren von einer Dämonie besessen, die die Welt auf den Kopf stellte. Mittelalterliche Beschreibungen von Dämonie gleichen jenen von Stalin-besessenen Menschen im 20. Jahrhundert. Die besessenen Menschen werden schrill, realitätsfern und gefährlich.«45 In Gulag und Vergessen setzt Jensen diese Linie im Kapitel »Die Cheerleader der Henker« fort. Dort stellt er fest: »Die Massenvernichtung von Unsauberen wurde von dänischen und anderen westlichen Intellektuellen unterstützt.«46 Es besteht mit anderen Worten kein Zweifel, wer die Sündigen in Jensens Erzählung sind, und dass die Wahrheitssuche eine Auseinandersetzung mit ihnen unumgänglich macht. Die moralische Aufarbeitung darf hier nicht Halt machen. Gerade im Buch über den Gulag offenbart Jensen seine moralische Ader. In der Einleitung diskutiert er, wie ein Historiker Völkermord beschreiben kann: »Es ist schon richtig, dass der Historiker vor allem analysieren und erklären muss. Aber darf er auch indifferent bei der Beschreibung von Massenverbrechen sein? Und falls die Beschreibung von Massenmord Ausdruck des Moralisierens ist, was ist, wenn man es nicht beschreibt oder gar darüber schweigt? Massenmord nicht zu beschreiben oder ihn in einer Art und Weise zu beschreiben, als würde man Insekten sezieren oder eine chemische Substanz analysieren, wird in diesem Fall leicht amoralisch oder gar unmoralisch.«47 Aus diesem Grund existiert eine klare Trennung zwischen Gut und Böse, richtig und falsch, Wahrheit und Lüge in den Publikationen Jensens, die wenig Platz für akademisches Zweifeln lässt. Ein Vorwurf, der Jensen häufiger gemacht wurde. Er bleibt bei seinen Überzeugungen und seinen Zielen, auch wenn ihm jemand auf dem Weg in die Quere kommt. Und wenn es hart auf hart kommt, sucht er Trost bei Arnulf Øverland, den er in der Neuauflage von Stalinismus und Faszination erneut zitiert, wenn es um die Notwendigkeit von »harten und einfachen Menschen« im Dienste der Wahrheit geht. Dabei verleiht er einem Wunsch Ausdruck: »Ich hoffe, ich bin solch ein harter und einfacher Mensch.«48 Polarisierung und Rechtsrevisionismus Ab 1969 unterrichtete Bent Jensen an der Universität Kopenhagen, bevor er 1980 Professor am Lehrstuhl für Russische Geschichte der Universität Odense wurde. 2006 wurde er dann zum Leiter eines Sonderinstituts zur Erforschung des Kalten Krieges berufen, das die damalige dänische bürgerliche Regierung und die rechtspopulistische Dänische Volkspartei unter dem Dach des Verteidigungsministeriums ins Leben gerufen hatten.49 Um dieses »Institut-zur-besonderen-Verwendung« entspann sich sogleich eine lebendige Debatte, da es für viele so aussah, als wäre damit die unabhängige Forschung an der Universität auf Wunsch der Rechtspopulisten unterlaufen worden. Weiterhin wurde auch die Befürchtung laut, dass dieses Jensen-Zentrum im Wesentlichen als ein Racheakt gegen Persönlichkeiten aus dem linken Spektrum zu bewerten sei. Diese Sorge war unmittelbar mit dem Image Jensens verknüpft, das sich in den Achtzigerjahren gefestigt hatte, und erweckte prompt auch alte Feindschaften wieder zum Leben. Kritiker fühlten sich bestätigt, als Jensen als eine seiner ersten Amtshandlungen gegen einen linken Journalisten aus den Achtzigerjahren den Verdacht der Spionage äußerte.50 Diese Anschuldigung hatte einen sich über Jahre hinziehenden Prozess zur Folge, den Jensen in der ersten Instanz verlor.51 Doch der Prozess führte dazu, dass ehemalige Kämpfer aus den Zeiten des Kalten Krieges erneut Stellung bezogen und sich auf beiden Seiten solidarisch zusammenschlossen. So gelang es Jensen erneut, die Öffentlichkeit zu spalten und für einen Teil der Gesellschaft wie schon einmal als Verfechter einer gerechten Sache zu erscheinen, die hohen persönlichen Einsatz verlangte.52 Auch in der Wissenschaft polarisierte Jensen erneut. So machte der Aarhuser Staats- und Politikwissenschaftler, Nikolaj Petersen, an Jensen eine neue Tendenz in der dänischen Forschungslandschaft fest, den sogenannten Rechtsrevisionismus. Petersen hatte sich bereits 1985 als moderater Kritiker von Jensens Kommunismusforschung hervorgetan.53 Jetzt bezog er in einem großangelegten Artikel der dänischen Historischen Zeitschrift klar Stellung gegen dessen bisherige und noch zu erwartende Forschung.54 Der umfassende Beitrag war das Resultat einer verbitterten Zeitungsdebatte zwischen Petersen und Jensen, und deutete eine Verflechtung zwischen Regierungsspitze und dem Historiker an.55 Im Wesentlichen ging es jedoch um Jensens Interpretation der dänischen Außenpolitik im Kalten Krieg, denn jetzt gelang es ihm endlich, auch in diesem Punkt eine Sonderposition einzunehmen und sich damit im Gegensatz zu denjenigen zu positionieren, die Petersen als »Mainstream-Gruppe« bezeichnete, was in diesem Zusammenhang durchaus als positiv zu bewerten ist. Petersens Hauptkritik galt Jensens Forschung über die dänisch-sowjetischen Beziehungen. 1987 publizierte Jensen diesbezüglich Tryk og Tilpasning [Druck und Anpassung], 1996 Den lange befrielse [Die lange Befreiung], und 1999 Bjørnen og Haren [Der Bär und das Häschen]. Das grundlegende Argument in diesen Büchern war, dass sich die sowjetische Außenpolitik auf eine Mischung von Drohgebärden auf der einen und Sirenengeheul von Friedensversprechen auf der anderen Seite stützte. Die dänische Reaktion sei von den Fünfzigerjahren bis in die Achtzigerjahre von Angst und Zurückweichen geprägt gewesen. Diese Forschung positionierte sich kritisch gegenüber den marginalisierten dänischen Kommunisten, gegenüber dem Außenministerium und sogar gegenüber der staatstragenden Sozialdemokratie. Besonders für die Kritik an letzterer erntete Jensen schon beim ersten Buch starke Kritik, sowohl von Petersen als auch vom Kopenhagener Professor Villaume.56 Die harte Linie gegenüber der Sowjetunion, die mit Kritik an historischen und aktuellen Verbrechen des Kommunismus nicht sparte, und an ihrer Außenpolitik als Triebkraft für den Kalten Krieg, waren ganz offensichtlich unerwünscht. Führende dänische Politiker suchten im Kalten Krieg den Dialog mit den Regimen Osteuropas. Diese Dialogpolitik wird heute noch von revisionistischen Historikern als systemfeindlicher Aktivismus beschrieben, der letztlich die kommunistischen Regime mit Gesprächen in die Knie zwang.57 Dazu brauchte man weder in der Wissenschaft noch in der Politik »Kalte Krieger« wie Jensen. Das Werk Bent Jensens befasste sich mit einer Reihen von Aspekten der Sowjetunion, des Kommunismus sowie der Bedeutung beider für das kleine Dänemark. Mit seinem stets kritischen Blick auf die Sowjetunion und Fragen der Aufarbeitung, war und ist er kein bequemer Zeitgenosse, weder für »Mainstreamhistoriker« noch für die Politik. Seine Überzeugung und sein Glaube an die Richtigkeit der eigenen Position scheinen in dem Maße zu wachsen, in dem der Widerstand zunimmt. Auf diese Weise hat sich Jensen über die Jahre selbst immer wieder Aufmerksamkeit verschafft, weswegen die Diskussion oft bei seiner Person anfängt und auch endet. Dies mag aber auch darauf zurückzuführen sein, dass die dänische historische Aufarbeitung zumeist national beschränkt verlaufen ist. Auf dem Gebiet der Kommunismusforschung scheint sich dies in den letzten Jahren durch intensivierte internationale Kooperationen zu ändern. 1 Siehe Ole Sohn: Fra Folketinget til celle 290 [Vom Folketing in Zelle 290], Kopenhagen 1992. 2 Siehe Morten Thing (Hg.): Guldet fra Moskva. Finansiering af de nordiske kommunistiske partier 1917–1990 [Das Gold aus Moskau. Finanzierung der nordischen kommunistischen Parteien 1917–1990], Kopenhagen 2012. 3 Siehe Jesper Jørgensen: »Arkiver og litteratur til studiet af dansk kommunismes historie« [Archive und Literatur zum Studium der Geschichte des dänischen Kommunismus], Kopenhagen 2012; Jesper Jørgensen/Andrei Sorokin/Aleksander Chubaryan/Thomas Wegener Friis: Komintern og de dansk-sovjetiske relationer [Die Komintern und die dänisch-sowjetischen Beziehungen], Kopenhagen 2012. 4 Rossijskij Gosudarstvennyj Archiv Social’no-Političeskoj Istorii/Russisches Staatsarchiv für Sozial-Politische Geschichte. 5 Rossiiskii Gosudarstvennyi Arkhiv Noveishei Istorii/Russisches Staatsarchiv für Zeitgeschichte. 6 Rigsarkivet: Danica i Rusland. Kilder til Danmark historie efter 1917 i russiske arkiver [Danica in Russland. Quellen zu der Geschichte Dänemarks nach 1917 in russischen Archiven], Kopenhagen 1994. 7 Siehe Jørgensen u. a.: Komintern (Anm. 3). 8 Siehe Thomas Wegener Friis: »Tysk glasnost, der holder – et overblik over DDR-arkiverne«, [Deutsches Glasnost, was bleibt – ein Überblick über die DDR-Archive], Arbejderhistorie (2006), H. 1, S. 55–69. 9 Siehe Jesper Jørgensen: »Introduktion til dansk og international kommunismeforskning« [Einführung in die dänische und internationale Kommunismusforschung], Arbejderhistorie (2009), H. 2, S. 112–121. 10 Siehe Kurt Jacobsen: »Som første dansker i Komintern Arkivet« [Als erster Däne im Komintern-Archiv], in: Jørgensen u. a.: Komintern (Anm. 3), S. 25–42. 11 Siehe Kurt Jacobsen: Moskva som medspiller [Moskau als Mitspieler], Kopenhagen 1987; ders.: Mellem Moskva og København [Zwischen Moskau und Kopenhagen], Kopenhagen 1989. 12 Siehe ders.: Aksel Larsen. En politisk biografi [Aksel Larsen. Eine politische Biografie], Kopenhagen 1993. 13 Siehe Sohn: Fra Folketinget (Anm. 1). 14 Siehe Kommunistisk Forbund: Kritik af DKP [Kritik an die KPDä], Aarhus 1974; Steen Bille Larsen: Kommunisterne og arbejderklassen 1945–1975 [Die Kommunisten und die Arbeiterklasse 1945–1975], Kopenhagen 1977; Morten Thing/Jørgen Bloch Poulsen: Danmarks Kommunistiske Parti 1918–1941 [Die Kommunistische Partei Dänemarks 1918–1941], Kopenhagen 1977; Lars Ege/Niels Henrik Hansens: DKP 1945–1946. For grundlov – og arbejdsro [Die KPDä 1945–1946. Für Verfassung und Arbeitsruhe], Kopenhagen 1978; Bjørn Meidell: DKP og storstrejkerne i 1956 [Die KPDä und die großen Streiks 1956], Kopenhagen 1976. 15 Siehe Morten Thing: Kommunismens kultur. DKP og de intellektuelle 1918–60 [Die Kultur des Kommunismus. KPDä und die Intellektuellen 1918–60], Kopenhagen 1993. 16 Siehe Rasmus Mariager: »Den kolde krig i international og dansk historieforskning« [Der Kalte Krieg in der internationalen und dänischen Geschichtsforschung], in: Poul Villaume/Rasmus Mariager u. a. (Hg.): Den Kolde Krig og Danmark [Der Kalte Krieg und Dänemark], Kopenhagen 2011, S. 720–746, hier S. 727. 17 Siehe Poul Villaume: Danmarks Historien [Die Geschichte Dänemarks], Kopenhagen 2005, S. 67. 18 Siehe Hartvig Frisch: Pest over Europa [Pest über Europa], Kopenhagen 1933. 19 Heute ein Teil der Süddänischen Universität. 20 Bent Jensen: Stalinismens fascination og de danske venstreintellektuelle [Die Faszination des Stalinismus und die dänischen Linksintellektuellen], Kopenhagen 1984 [diese und folgende Übersetzungen erfolgten durch die Autoren]. 21 Siehe u. a. Ina Rohde: »Lenins nyttige idioter« [Lenins nützliche Idioten], in: Jyllands-Posten vom 19. November 1984; Knud Leif Thomsen: »Angsten for Friheden« [Angst für die Freiheit], in: Jyllands-Posten vom 18. Dezember 1984; Per Stig Møller: »Af Per Stig Møller« [Von Per Stig Møller], in: Berlingske Tidende vom 27.November 1984; Henrik Stangerup: »Stalins danske venner« [Stalins dänische Freunde], in: Ekstra Bladet vom 16. November 1984; Bertel Haarder: »Sovjets taktik lykkes alt for godt.« [Die Taktik der Sowjetunion gelang nur allzu gut], in: Jyllands-Posten vom 15. Januar 1985. 22 David Jens Adler: »En farisæer på korstog med 30 års forsinkelse« [Ein Pharisäer auf einem Kreuzzug mit 30 Jahren Verspätung], in: BT vom 14. November 1984. 23 Michael Seidelin: »Stalin op af skuffen« [Stalin aus der Schublade], in: Land og Folk vom 17./18. November 1984. 24 »Det nye højres amokløb« [Der Amokläufer der neuen Rechten], in: Arbejderen vom 20. November 1984. 25 Ole Lange: »Bagklogskabens bedreviden« [Das Besserwissen der Neunmalklugen], in: Information 16. November 1984. 26 Henrik Scriver: »En højreintellektuels fjendebillede« [Das Feindbild der Rechtsintellektuellen], in: Praksis (1987), H. 5, S. 32–35. 27 Hans Jørgen Vodsgaard: »Lover Stalin, han er nær« [Gelobet sei Stalin, er ist euch nah], in: Politisk Revy vom Dezember 1984. 28 Siehe »Stalinisme« [Stalinismus], in: Information vom 16. November 1984. 29 Curt Sørensen: »Skallesmækkermimosen« [Kopfnussmimose], in: Politiken vom 23. Mai 2007. 30 Siehe Niels Barfoed: »Den polemiske martyr« [Der polemische Märtyrer], in: Politiken vom 20. Juni 2002. 31 Bent Jensen »Hvad de skrev om Stalin« [Was sie über Stalin schrieben], in: Jyllands-Posten vom 20. November 1984. 32 »Bent Jensen og armslængdeprincippet« [Bent Jensen und der Fremdvergleichsgrundsatz], in: Politiken vom 22. November 2003; »Et totalitært styres sammenbrud« [Zusammenbruch eines totalitären Systems], in: Tidsskriftet Sappho vom 3. Dezember 2012, online: www.sappho.dk/et-totalitart-styres-sammenbrud.htm, ges. am 16. Januar 2013. 33 Olaf Hergel: »Historikeren der kom ind fra kulden« [Der Historiker der aus der Kälte kam], in: Berlingske Tidende vom 26. Januar 2003. 34 Bent Jensen: I begyndelsen. Livsstykker [Anfangs. Ausschnitte eines Lebens], Kopenhagen 2004, S. 34. 35 Ebd., S. 18. 36 Siehe ebd., S. 79. 37 Siehe ebd., S. 129. 38 Siehe Hergel: Historikeren (Anm. 33). 39 Jensen: I begyndelsen (Anm. 34), S. 166 f. 40 Ebd., S. 168. 41 Hergel: Historikeren (Anm. 33). 42 Lars Henriksen: »Mild mand i modvind« [Ein sanfter Mann mit Gegenwind], in: Kristeligt Dagblad vom 20. Januar 2007. 43 Siehe Jensen: Gulag og Glemsel [Gulag und Vergessenheit], Kopenhagen 2002. 44 Ebd., S. 411–420. 45 Bent Jensen: Stalinismens (Anm. 20), S. 214. 46 Ders.: Gulag (Anm. 32), S. 449. 47 Ebd., 15. 48 Ders.: Stalinismens fascination [Die Faszination des Stalinismus], Kopenhagen 2002, S. 218. 49 Siehe Center for Koldkrigsforskning 2006–2010. Siehe Jørgen Granum-Jensen: »Historikeren Bent Jensen« [Der Historiker Bent Jensen], in: Lars Hedegaard (Hg.): Kampen om den Kolde Krig. Festskrift til Bent Jensen [Der Kampf um den Kalten Krieg. Festschrift für Bent Jensen], Kopenhagen 2008, S. 27–44. 50 Siehe »De kaldte ham nr. 1« [Sie nannten ihn Nr. 1], in: Jyllands-Posten vom 14. Januar 2007. 51 Siehe Ole Hasselbalch: Dragsdahl-Sagen. KGB og historieforskningen [Der Fall Dragsdahl. KBG und historische Forschung], Odense 2010. 52 Siehe »Koldkrigsforsker får brug for mere støtte« [Kalter Krieg-Forscher braucht mehr Unterstützung], in: Jyllands-Posten vom 2. Juli 2010, online: http://jyllands-posten.dk/indland/article4348591.ece, ges. am 16. Januar 2013. 53 Siehe Nikolaj Petersen: »Bent Jensen: Stalinismens fascination og danske venstreintellektuelle.« [Die Faszination des Stalinismus und die dänischen Linksintellektuellen], in: Politica (1985), H. 17, S. 442–444. 54 Siehe ders.: »Kampen om den Kolde Krig i dansk politik og forskning« [Der Kampf um den Kalten Krieg in der dänischen Politik und Forschung], in: Historisk Tidsskrift 109 (2009), H. 1, S. 154–204. 55 Siehe Bent Jensen: »Køterpis« [Rüdenpisse], in: Weekendavisen vom 9. Februar 2007. 56 Siehe Nikolaj Petersen: »Bent Jensen: Tryk og Tilpasning. Sovjetunionen og Danmark siden 2. Verdenskrig« [Bent Jensen: Druck und Anpassung. Die Sowjetunion und Dänemark seit dem 2. Weltkrieg], in: Historie (1989/91), H. 18, S. 330–332; Poul Villaume: »Bent Jensen: Tryk og Tilpasning. Sovjetunionen og Danmark siden 2. Verdenskrig«, Historisk Tidsskrift (1988), H. 2, S. 393–396. 57 Siehe Poul Villaume: »Dansk avspänningspolitik – utrikespolitisk aktivism under kalla kriget« [Dänische Entspannungspolitik – außenpolitischer Aktivismus während des Kalten Krieges], in: Kurt Almqvist/Kristian Gerner (Hg.): Kalla kriget. Sverige – En stormakt utan vapen? [Schweden und der Kalte Krieg – Eine Großmacht ohne Waffen?], Stockholm 2012, S. 57–65.

JHK 2013

Die Starnberger Kommune. Eine unbekannte Episode aus der Geschichte der Bayerischen Räterepublik

Alexander Vatlin

Deutschlands Niederlage im Ersten Weltkrieg bedeutete nicht nur das Ende des Kaiserreiches, sondern bot gleichzeitig die Chance für einen politischen Neubeginn des Landes. Für die sozialistische Arbeiterbewegung war damit auch die Perspektive der sozialistischen Umgestaltung verbunden. Die Geschehnisse der Deutschen Revolution sind gut erforscht. Das gilt auch für ihre regionalen Besonderheiten, wie z. B. die Ereignisse in Bayern, das als erstes den Sturz des eigenen Herrscherhauses verwirklichte – und als letztes die Räterepublik verkündete. Die Darstellung dieser Ereignisse beschränkt sich in der Regel allerdings auf München, obwohl die Räterepublik (im Unterschied zur Pariser Kommune 1871) nicht auf eine Stadt begrenzt war, sondern fast ganz Oberbayern unter ihrer Kontrolle hatte. Die politisch aktiven Kräfte »vor Ort«, d. h. in kleinen Städten und Gemeinden konnten dadurch eigene Vorstellungen von Demokratie und Sozialismus verwirklichen – wenn auch nur für relativ kurze Zeit. Der vorliegende Beitrag konzentriert sich in seiner Analyse auf die Ereignisse im Frühjahr 1919 in der Kreisstadt Starnberg, die heute kaum mit Begriffen wie Revolution oder politischer Radikalismus in Verbindung gebracht wird. Die Begebenheiten rund um die Rätemacht in Starnberg zu rekonstruieren, die wie in München drei Wochen währte, ist aufgrund der soliden Quellenbasis durchaus möglich. Die Führer der Starnberger Kommune wurden in einem Schauprozess verurteilt, die Verhöre der Angeklagten und die Vernehmungen der Zeugen, die Berichte in den Zeitungen und die offiziellen Dokumente der Rätemacht in diesem Städtchen sind überliefert.1 Die Regierungstruppen und die Freikorps, die München von Süden her angriffen und dabei praktisch kaum auf Widerstand stießen, haben ihren Weg, der über Starnberg führte, detailliert dokumentiert. In den Jahren der Naziherrschaft war das die Grundlage für den Mythos, demzufolge die der Demokratie verpflichtete Armee in den Jahren des Ersten Weltkrieges Deutschland vor der »roten Pest« gerettet hat.2 Anfang des 20. Jahrhunderts lebten ca. 10 000 Menschen in Starnberg, von denen die meisten Handwerker waren oder mit dem Kurbetrieb ihr Geld verdienten. Die Auswirkungen des Weltkrieges waren auch in Starnberg zu spüren: Die Touristen blieben aus, viele Städter wurden zu Selbstversorgern und bauten rund um ihre Häuser Gemüse an, um dem drohenden Hunger zu begegnen. Einzig die Eisenbahner und die örtlichen Beamten, die die Waren verteilten, die die Bauern aus der Umgebung lieferten, mussten nicht um ihre Arbeit bangen. Starnberg hatte einen eigenen Magistrat, einen Bürgermeister und war gleichzeitig Bezirkszentrum, dem ein Bezirksamtmann vorstand. Zu Beginn der Revolution hatte Wilhelm Freiherr von Stengel dieses Amt bereits seit 15 Jahren inne. Im Laufe dieser Zeit wurden ihm von der Münchner Presse immer wieder Korruption und sein autoritärer Herrschaftsstil vorgeworfen. Nach dem Sturz der Wittelsbacher entwickelte sich Bayern unabhängig vom übrigen Deutschland. Die Eisner-Regierung reduzierte die Kontakte mit Berlin auf ein Minimum. Die Ermordung von Kurt Eisner am 21. Februar 1919 bedeutete den Beginn einer Doppelherrschaft – neben den Räten bestanden die alten Machtorgane weiter, die sich an der vom Landtag gewählten Hoffmann-Regierung orientierten. Ihre keineswegs friedliche Koexistenz endete jedoch am 7. April 1919, als die Führer der Arbeiter- und Soldatenräte die gesamte Macht im Land übernahmen und die Hoffmann-Regierung unter dem Schutz der Armee in Bamberg Zuflucht suchte. Die Konfrontation zwischen den Räten und der parlamentarischen Republik fand ihre geografische Entsprechung. Südbayern war »rot«, der Norden »weiß«. Die bis dahin funktionierenden Mechanismen der Leitung brachen zusammen, die Flut der Dekrete und Verordnungen aus München und Bamberg hatte keine Entsprechung in den real existierenden, lokalen Machtorganen. Die Vertreter des aktiven Teils der Gesellschaft bekamen eine Chance, in den politischen Prozess einzugreifen, eigene Vorstellungen von einer gerechten, von unten kontrollierten Macht durchzusetzen. In der Regel waren dies Vertreter der Intelligencija, Funktionäre von Arbeiterparteien und demobilisierte Armeeangehörige. Die Funktionäre, die unter der Bedingung des vollständigen Zerfalls der Machtvertikale handelten, taten dies auf eigenes Risiko. So auch in der Starnberger Räterepublik unweit der bayerischen Hauptstadt. Hier nahmen die Ereignisse einen ganz anderen Verlauf als im revolutionären München. Alle Macht den Räten! Auf dem Gautag der SPD am Morgen des 6. April 1919 erfuhren die Starnberger Sozialdemokraten Karl Schleussinger und Michael Burgmeyer, dass in München die letzten Vorbereitungen zur Ausrufung der Rätemacht getroffen wurden. Nach der Flucht der Regierung nach Bamberg hatte ein Teil der Parteiführer seine Bereitschaft erklärt, die Rätemacht zu unterstützen, wenn sich alle drei Arbeiterparteien – die SPD, die USPD und die KPD – sofort zusammenschlössen. Der Gautag entschied, Vertreter in alle wichtigen Städte Bayerns zu entsenden, um die Räterepublik im ganzen Land gleichzeitig zu verkünden. Die Idee der Vereinigung aller bayerischen Sozialisten blieb jedoch ein frommer Wunsch, und die SPD-Führer verzichteten letztlich darauf, die Räterepublik zu unterstützen. Das alles konnten die Delegierten, die auf dem Weg in ihre Heimatorte waren, aber nicht wissen. Karl Schleussinger und Michael Burgmeyer entwickelten nach ihrer Ankunft in Starnberg eine rege Aktivität. Schon am Abend beriefen sie eine Funktionärsversammlung im Hotel »Deutscher Kaiser« ein, auf der beschlossen wurde, dass die Macht in Starnberg in die Hände des revolutionären Arbeiterrates überginge. Diesem Rat, der den seit November 1918 existierenden Bürgerrat ersetzte, gehörten 15 Mitglieder an, darunter auch drei Linkssozialisten aus der USPD: Wilhelm Siebert, Arthur Mayer und Andreas Graf. Den Vorsitz des neuen Rates übernahm Karl Schleussinger. Er war 26 Jahre alt und stammte aus einer begüterten Starnberger Familie. Als Jurist absolvierte er gerade ein Praktikum in der Bezirksbehörde und unterstand damit genau der Macht, die er zu stürzen gedachte. Am Morgen des 7. April erklärte er den versammelten Mitarbeitern der Administration, dass sie von nun an unter der Kontrolle des Revolutionsrates arbeiten würden. Wer damit nicht einverstanden sei oder die Arbeit sabotiere, würde auf der Stelle entlassen und aus Starnberg ausgewiesen.3 Es war nicht nötig, die Beamten extra zu überzeugen, waren sie es doch gewohnt, weisungsgebunden zu handeln. Außerdem war bereits ein Telegramm aus München mit der Mitteilung über die Ausrufung der Räterepublik eingetroffen. Es wurde beschlossen, dieses Ereignis durch das Läuten der Kirchenglocken um die Mittagsstunde zu würdigen.4 Wie die Beamten die neue Macht im Vergleich zur alten einschätzten, sei dahingestellt, Hauptsache, sie blieben im Amt. Doch es ging nicht nur um den Wechsel von Namen und Bezeichnungen. Die erste Proklamation des Revolutionsrates informierte die Starnberger Bürger über die Vereinigung der Ortsgruppen der sozialistischen Parteien. Die Eroberung der Macht in der Stadt wurde als Ausdruck des Willens der Werktätigen gedeutet, dass ihre Vertreter den Forderungen des Proletariats Gesetzeskraft verliehen. Der Revolutionsrat distanzierte sich sowohl von der kapitalistischen Vergangenheit als auch von den eigenen Parteiführern in Berlin: »Die Vergangenheit hat der Kapitalismus beherrscht, die Gegenwart die vom Blute der Arbeiter befleckte Dynastie Ebert-Scheidemann-Noske. Die Zukunft gehört den revolutionären Arbeitern.«5 Die Bevölkerung wurde aufgerufen, Ruhe zu bewahren, den Bauern im Umland mitgeteilt, dass keine Vergesellschaftung ihres Eigentums geplant sei. Die Mitglieder des Revolutionsrates gingen ihrer Arbeit in den Organen der Ortsverwaltung nach, die meisten beschränkten sich jedoch darauf, nur an den Sitzungen teilzunehmen. Allein Karl Schleussinger und Arthur Mayer, der an die Stelle des Bürgermeisters Tresch getreten war, hatten das Recht, Dekrete zu unterschreiben. Meistens erließ der Rat Beschlüsse, die in München bereits angenommen worden waren. Alle – bis auf die Arbeiter – mussten die Waffen abgeben. Eine Ausnahme wurde bei Jägern, Ärzten und Gendarmen gemacht. Jeder, der die Befugnisse der neuen Macht in Zweifel stellte, war sofort zu verhaften. Sämtliche Kommunalräte mussten neu gewählt werden. Die Kaiser-Wilhelm-Straße wurde in Kurt-Eisner-Straße umbenannt. In den Cafés war es untersagt, Milchkaffee anzubieten, Milch war Kindern vorbehalten; in den Gasthäusern durfte nur ein Essen pro Gast ausgegeben werden.6 Die Preise für Rindfleisch wurden gesenkt, nachdem sie in den Kriegsjahren um ein Vielfaches gestiegen waren. Ernstzunehmender waren die Festlegungen, die Bankoperationen und Geldgeschäfte betrafen. Um die laufenden Ausgaben der Industrie- und Landwirtschaftsbetriebe zu decken, konnte unbegrenzt Geld abgehoben werden. Die Konten der Kapitalisten und die in den Banken deponierten Wertgegenstände wurden hingegen gesperrt. Die Presse berichtete nur über einen einzigen Fall von Beschlagnahmung, der in den ersten Tagen der sozialistischen Regierung erfolgte. In der Fabrik von Wi[e]dermann wurde Leder konfisziert und unter den ansässigen Schustern verteilt. Der Revolutionsrat war mit verdeckter Sabotage durch den Apparat der Bezirksverwaltung konfrontiert. In einer gemeinsamen Sitzung am 10. April wurden die Zuständigkeiten neu festgelegt. Von nun an unterzeichneten Karl Schleussinger und Arthur Mayer die Dokumente, welche dann von den Beamten gegengezeichnet wurden.7 Die Beamten hatten auf diese Weise einen Doppelsieg errungen: Sie waren für die radikalen Maßnahmen in der Revolutionszeit nicht verantwortlich, blieben aber, was die aktuellen Ereignisse betraf, stets auf dem Laufenden. Stengel argumentierte später: »Wenn das Schlimmste verhütet werden konnte, so ist es nur dem pflichtgetreuen Ausharren der Beamten zuzuschreiben, die längere Zeit über das Fortbestehen und die Übersiedlung der Regierung und des Landtages nach Bamberg nichts wussten, da Starnberg vom Postverkehr vollständig abgesperrt war.«8 Der Bezirksamtmann log wissentlich. Dass Johannes Hoffmann die Amtsgeschäfte weiterführen wollte, war kein Geheimnis, es stand auf den Flugblättern, die von Flugzeugen über dem von der Räteregierung kontrollierten Gebiet abgeworfen wurden. Damals war etwas anderes wichtig: Bamberg war weit weg, München aber nur einen Katzensprung entfernt. Ungeachtet der Eigenständigkeit existierte der Starnberger Revolutionsrat nur, weil er sich im Schatten der bayerischen Räterepublik befand. Als die Gerüchte Starnberg erreichten, dass die hoffmantreuen Truppen München am Palmsonntag, den 13. April, besetzt hatten, strömte die aufgebrachte Menge auf den Rathausplatz und forderte die sofortige Verhaftung von Karl Schleussinger. Doch die Arbeiter aus den Großbetrieben der bayerischen Hauptstadt leisteten den Putschisten Widerstand. Im Stadtzentrum, rund um den Hauptbahnhof kamen Maschinengewehre und Artillerie zum Einsatz. Die von Eugen Leviné angeführten Kommunisten waren besonders aktiv und mussten die Macht in München übernehmen. Die einzige Alternative wäre die Rückkehr der ruhmlosen Hoffmann-Regierung gewesen. Über den Sieg der Kommunisten waren Schleussinger und dessen Anhänger nicht erfreut. Der Revolutionsrat distanzierte sich von den neuen Machthabern in München, gab seine Befugnisse aber nicht auf. Am 14. April fand eine Konferenz der Ortsgruppen der SPD und der USPD statt, deren Teilnehmer die Vereinigung zu einer revolutionär-sozialistischen Einheitspartei erklärten. Burgmeyer wurde als Vorsitzender, Siebert als sein Stellvertreter gewählt. Die Führungspositionen der neu gegründeten Partei wurden allesamt paritätisch besetzt. Unter den neuen Bedingungen begannen die Starnberger Sozialisten damit, sich auf die Oppositionsrolle vorzubereiten. Sie wollten zwischen den Münchner Radikalen und dem örtlichen Beamtenapparat lavieren. Letzterer ging lange vor den Kommunisten zum Angriff über. Unter Hinweis auf eine Mitteilung aus Bamberg, dass die Hoffman-Regierung die einzige legitime Macht in Bayern sei, kappte von Stengel alle Kontakte zum Revolutionsrat. Die Antwort von Schleussinger ließ nicht lange auf sich warten: »Auch wenn man uns dazu zwingt, unsere Vollmachten niederzulegen, werden wir nicht auf die Kontrolle der Macht verzichten.«9 Damit war man politisch wieder beim Ausgangspunkt angelangt. Die Starnberger Beamten hätten ihren Sieg feiern können, wären da nicht die Münchner Ereignisse gewesen, die sich nach dem denkbar radikalsten Szenario entwickelten. Freiherr von Stengel war klug genug, seinen einstigen Praktikanten zu bitten, den Revolutionären Arbeiterrat nicht aufzulösen und sich so Handlungsfreiheit zu bewahren. Die rotgardistische Attacke auf Starnberg Die Gerüchte über die im Bezirk agierenden »Spartakistischen Abteilungen« raubten den Starnberger Bürgern den Schlaf. Völlig haltlos waren sie nicht. In Oberbayern kam es zu Ereignissen, die in der Geschichtsschreibung der UdSSR als »Triumphzug der Sowjetmacht« bezeichnet worden sind. Hier wie dort wurde die Diktatur der Kommunisten errichtet. Der Bericht eines Kommandeurs einer solchen Abteilung, des Sekretärs der bayerischen KPD, Hans Kain, über die »Sowjetisierung« des an Starnberg grenzenden Landkreises Wolfratshausen ist überliefert. Kain traf dort am 15. April mit einem bewaffneten Trupp ein, dem ein Dutzend Arbeiter aus dem Münchner Maffei-Werk und demobilisierte Soldaten angehörten. Die Truppe wurde sogar von den Sozialisten und den wenigen Arbeitern vor Ort eher frostig empfangen. Hans Kain erkannte das für ihn ungünstige Kräfteverhältnis und verzichtete daher auf den Versuch, die Gendarmen zu entwaffnen. Auch seine Idee, den Rat neu wählen zu lassen, und nur »proletarische Elemente« aufzunehmen, ging nicht auf. Die neue Zusammensetzung unterschied sich nicht von der vorhergehenden.10 Die Vertreter des Rates forderten die sofortige Befreiung des verhafteten Bezirksamtmannes und besetzten die öffentlichen Gebäude in Wolfratshausen, damit diese nicht den extremistisch eingestellten Elementen in die Hände fallen konnten. Der Lokalpatriotismus erwies sich in der patriarchalisch geprägten Voralpenregion als Sieger über Klassensolidarität oder politische Sympathien. Die Kommunisten konnten nur auf nackte Gewalt setzen und schickten eine Depesche nach München, mit der Bitte, umgehend Verstärkung zu schicken.11 Am 17. April traf die Truppe von Hans Kain in Starnberg ein. Die »Münchner Matrosen«, wie sie in der Stadt genannt wurden, beschlagnahmten einige Zimmer im »Bayerischen Hof«, dem besten Hotel der Stadt, und brachten auf der Terrasse ein Maschinengewehr in Stellung, um den Bahnhof zu kontrollieren. Zuerst wurden die Polizisten, dann die Gendarmen entwaffnet und in der Nacht auf den 18. April drei Geiseln, ein Richter, ein Lehrer und ein Beamter der Pensionskasse in das Stadtgefängnis gebracht und eingesperrt.12 Bereits am nächsten Morgen hingen in der ganzen Stadt Plakate, auf denen über die sofortige Neuwahl des örtlichen Rates informiert wurde. Die Beamten, die sich noch nicht von ihrem Schock erholt hatten, luden Schleussinger zu ihrer Versammlung ein und flehten ihn geradezu an, wieder die Macht zu übernehmen, denn sonst würde die »Stadt in die Hände der Kommunisten fallen«.13 Am Abend wurde im Wirtshaus, in dem sich gewöhnlich die Sozialisten trafen, eine Vollversammlung aller Arbeiter aus Starnberg einberufen. Hans Kain stellte die Frage, ob der Revolutionsrat bereit sei, mit den Kommunisten zusammenzuarbeiten. Die Antwort fiel negativ aus. Daraufhin verlangte er Neuwahlen, deren Ergebnis eigentlich vorhersagbar war: Wie schon in Wolfratshausen änderte sich die Zusammensetzung des Rates nicht, sieht man von den fünf Mitgliedern ab, die nicht wieder kandidierten. Die Leitung hatte erneut Schleussinger inne, der erklärte, dass das neu gewählte Organ bereit sei, die Macht in der Stadt und im Bezirk zum zweiten Mal zu übernehmen. Jedes Mitglied des Revolutionären Arbeiterrates erhielt einen Revolver und Munition ausgehändigt – wohl als Symbol dafür, dass es mit der Kompromissbereitschaft und Weichherzigkeit der ersten Tage vorbei sein sollte. Die Starnberger Vertreter der Rätemacht wiesen auf die »militärische Besetzung« der Stadt hin. Unter diesen Bedingungen konnten sie nur kollaborieren, was wiederum nicht dazu beitrug, die Sympathien der Ortsbevölkerung zu erlangen. Jetzt war es an den Beamten, die selbsternannten Revolutionäre zu verteidigen – die allgemeine Bedrohung schweißte die einstigen Gegner zusammen. Der immer noch amtierende Bürgermeister Tresch appellierte an die Bürger, Ruhe zu bewahren. »Vonseiten des Arbeiterrates, zu dessen Besonnenheit wir volles Vertrauen haben können, geschieht alles, um die Gegensätze zu mildern und ohne verderbliche Weiterungen und ohne Blutvergießen aufgrund gegenseitiger Anpassung und gegenseitigen Vertrauens wieder geordnete Zustände herzustellen.«14 In der Regionalzeitung Land- und Seebote musste sich Schleussinger, der am 17. April in die Hauptstadt gefahren war, rechtfertigen. Die »Münchner Matrosen« hätten ohne sein Wissen und ohne von ihm dazu aufgefordert worden zu sein, die Stadt besetzt.15 Eine solche Wendung der Ereignisse sei nicht auszuschließen gewesen, der Chef der Rätemacht in Starnberg war ein ebenso junger wie unerfahrener und ehrgeiziger Mann. Hans Kains Blitzbesuch – er verließ Starnberg bereits nach einem Tag wieder – hinterließ keine tiefen Spuren im Leben der Stadt. Es handelte sich eher um eine Machtdemonstration der Münchner Kommunisten, die es aber dennoch nicht vermochten, die zerstörte Machtvertikale wieder herzustellen. Kain ließ in Starnberg einige Kämpfer zurück, die unter dem Kommando des Matrosen Seffert standen. Ihre Saufgelage und Plünderungen (»Die Anarchie ist die Mutter der Ordnung«) riefen den Unmut der ortsansässigen Arbeiter hervor. Es kam fast zu einer Schießerei zwischen den »Ortsansässigen« und den »Landfremden«, doch schließlich gelang es, Letztere friedlich aus der Stadt zu drängen. Auch sie fuhren zurück nach München. Um sich vor einer Wiederholung derartiger Willkürakte zu schützen, fasste der Revolutionsrat den Beschluss, eine eigene Arbeiterwehr aufzustellen. Am 24. April wurden alle ledigen Arbeiter aus Starnberg zusammengerufen, die ihren Armeedienst geleistet hatten, und man versprach jedem, der der Arbeiterwehr beiträte, einen Sold von zwölf Mark täglich. Sie liefen Streife in der Stadt, nahmen an Durchsuchungen und Konfiskationen teil, verhafteten Plünderer. Sozialismus in einem Landkreis Während der Debatten in den Zwanzigerjahren erklärte der für seinen Sarkasmus bekannte Karl Radek mehrfach, dass die Stalinfraktion in der Führung der KPdSU (B) nach ihrem Verzicht auf die Weltrevolution, »den Sozialismus in einem Straßenzug« aufbauen würde. Der Starnberger Arbeiterrat, der es ablehnte zu weit vorzupreschen,16 wurde durch die Logik der Ereignisse gezwungen, den Sozialismus – was das auch immer war – in einem kleinen Kurort zu errichten. Eine neue Phase in der Tätigkeit des Revolutionsrates, die mit der Errichtung der kommunistischen Macht in München zusammenhing, begann mit der Umbenennung der Hotels und Dampfer, die immer noch die Namen bayerischer Könige und deutscher Kaiser trugen. Am 23. April trat das Revolutionstribunal von Starnberg, dem alle Ratsmitglieder angehörten, zu einer Sitzung zusammen. »Das Gesetzbuch mit seinen starren Paragraphen ist ersetzt worden durch das natürliche Rechtsempfinden, das sich bei allen Volksgenossen herausbildet […]«17 Die zweite, für den 29. April angesetzte Sitzung versprach interessanter zu werden. Neben Bürgern, denen kleine Vergehen vorgeworfen wurden, wie dem Gastwirt Bockberg, der seinen Gästen auch weiterhin Milchkaffee anbot, sollte der ehemalige Bürgermeister Tresch vor Gericht erscheinen. Er wurde des Amtsmissbrauchs in den Jahren des Weltkrieges angeklagt: Ihm wurde vorgeworfen, er hätte seine Stellung ausgenutzt, um mit Lebensmitteln zu spekulieren. Alle Städter interessierten sich aber besonders für einen ganz bestimmten Tätigkeitsbereich des Revolutionsrates. Die Reichen versetzte er in Panik, die Armen begegneten ihm mit Sympathie. Es ging um Requisitionen, die regelmäßig durchgeführt wurden, um der Bevölkerung Grundnahrungsmittel zur Verfügung zu stellen. Während des anschließenden Verfahrens wurden die Vertreter der Rätemacht in Starnberg hierzu besonders befragt, und im Laufe der Vernehmungen zeichnete sich das folgende Vorgehen ab: Anfangs inspizierten die Ratsmitglieder persönlich die Betriebe, Gasthäuser und Häuser der Reichen und protokollierten den Überfluss. Dann wurden bewaffnete Abordnungen losgeschickt, die die Lebensmittel beschlagnahmten. Diese wurden unter den Bedürftigen verteilt oder zu festgelegten Preisen verkauft. Voller Entrüstung reagierten die Guts- und Villenbesitzer auf die Konfiskation ihrer Weinkeller. Es bedurfte einer speziellen Klarstellung durch Schleussinger: Der Wein, auch wenn er von den Besitzern ursprünglich im freien Verkauf erworben worden sei, gehöre zu den Waren des täglichen Bedarfs und dürfe daher nicht von Konfiskationen ausgenommen werden. »Das betrifft auch die Obstkonserven. Die leeren Konservengläser werden selbstverständlich den Eigentümern zurückgegeben.«18 Ein weiteres Betätigungsfeld des Revolutionsrates war die propagandistische Arbeit. Durch Flugblätter und Zeitungsanzeigen sollten die Bürger davon überzeugt werden, dass es niemand auf ihre Ersparnisse abgesehen hatte. Den Bauern wurde versprochen, dass ihr Vieh und ihr Land nicht vergesellschaftet würden. Die Sozialisten verteidigten darüber hinaus die Führer der Bayerischen Räterepublik und die örtliche Garnison der Roten Armee. »Gegenüber den laut gewordenen Stimmen, dass die Münchner Besatzung von den Lebensmitteln der Stadt Starnberg zehre, wird mitgeteilt, dass die Verpflegung für beide Mannschaften von München geliefert wird.« 19 Nicht der Mangel an Lebensmitteln, sondern der Geldmangel schadete dem Prestige der Rätemacht in Bayern erheblich. Die finanziellen Sorgen waren in Starnberg nicht geringer als in München. Die Beamten lehnten es ab, Geld aus der Stadtkasse zu nehmen, dagegen wollte Schleussinger nicht angehen. Sein Mitstreiter Arthur Mayer, der sich als Dr. ausgab, fand indes einen Ausweg aus der finanziellen Misere, indem er den Aristokraten Bescheinigungen verkaufte, die sie vor Konfiskationen schützten oder ihnen das Recht gaben, Waffen zu tragen.20 Diese Einnahmen wurden sofort in Form von Gehältern ausgezahlt. Am 28. April fuhr Arthur Mayer nach München und brachte 4000 Mark mit, um den Sold für die »Rotarmisten« der Arbeiterwehr zu bezahlen. An diesem Tag wurde in der Bank auch ein Konto des Revolutionären Arbeiterrates eingerichtet, auf das die vom Tribunal verhängten Bußgelder eingezahlt wurden, es handelte sich um 13 000 Mark. Doch verwenden konnten die Führer der Starnberger Kommune dieses Geld nicht mehr. Die Verteidigung der Stadt und das Ende der Rätemacht Um den 20. April herum begann die Führung der Roten Armee, der der Matrose Rudolf Eglhofer vorstand, einen Plan zur Verteidigung von München auszuarbeiten, das von Regierungstruppen umstellt war. Im Süden sollte im Unterschied zum Norden keine durchgängige Frontlinie geschaffen werden. Vielmehr sollte im Süden ein Netz von Garnisonen entstehen. Am 23. April wurde der Reservist Josef Winkler als Kommandant des Starnberger Frontbezirks eingesetzt. Er hatte zuvor zwei Tage lang als Adjutant im Stab von Eglhofer gearbeitet. Ihm unterstand ein Trupp von 30 Männern, einige davon mit Maschinengewehren. In Starnberg wurde eine gemeinsame Erklärung von Winkler und Schleussinger plakatiert, aus der hervorging, dass die Arbeiterwehr und die Rote Armee gemeinsam für Ruhe und Ordnung in der Stadt sorgen würden. Jede Weigerung, den Weisungen des Militärs Folge zu leisten, würde streng bestraft. Doch der Einzug der Abteilung der Roten Armee sorgte nicht für Ruhe. Als Basis wurde ein von seinem Besitzer Metz verlassenes Anwesen in Niederpöcking, südlich von Starnberg gelegen, ausgewählt. Die Rotarmisten machten sich zunächst über die Vorratskammern her und veranstalteten ein Gelage. Am darauf folgenden Tag traf die Abordnung aus der Stadt mit einem Fuhrwerk ein, um wenigstens einen Teil der Lebensmittel zu retten. Winkler ließ eine Bekannte aus München kommen, die er als seine Schwester ausgab und als Schreibkraft anstellte. Sie bezogen das Schlafzimmer, richteten sich häuslich ein und bedienten sich aus der reichhaltigen Garderobe.21 Winklers Stab war jedoch nicht der einzige Stützpunkt der Roten Armee im Starnberger Umland. Abteilungen mit je zehn bis 30 Männern gab es in Pöcking, Berg und Schäftlarn, an der Nordspitze des Starnberger Sees gelegen.22 Es entstand ein Netz von Garnisonen der Roten Armee, die fünf bis 20 Kilometer voneinander entfernt waren und die vom Südwesten nach München führenden Zugangsstraßen kontrollierten. Sie befanden sich in Klöstern oder Gutshäusern, was zur Lösung der Versorgungsfrage beitrug und mögliche Konflikte mit der Ortsbevölkerung auf ein Minimum reduzierte. Das führte dazu, dass sich südlich von München einzelne rote Stützpunkte auf traditionell schwarzem – katholisch-patriarchalisch geprägtem – Grund befanden. Städte wie Starnberg hätten zu Keimzentren revolutionärer Stimmungen werden können, wenn zwei Bedingungen erfüllt gewesen wären: 1. Bereitschaft zum toleranten Dialog zwischen dem roten München und den gewählten örtlichen Räteorganen. 2. Zeit für die Stabilisierung dieses Dialogs. Doch den kommunistischen Führern fehlte es an beidem, an Toleranz und an Zeit. Die letzte Ausgabe des Land- und Seeboten, die während der Räteherrschaft gedruckt wurde, erschien am 28. April mit dem Aufruf, den 1. Mai zu feiern. Aus Anlass des Feiertages sollte im Rathaus beschlagnahmter Wein verkauft werden. Doch die Ereignisse nahmen einen ganz anderen Verlauf. Um bis Bayerns Hauptstadt zu kommen, mussten die »Weißen« dutzende Städte und Vororte entlang der Eisenbahnlinien und Chausseen passieren. Diese Orte traf der erste sorgfältig geplante Schlag, der den »revolutionären Wirren« ein Ende machen sollte. Nach der Niederlage auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges nahmen sich die Generäle und Offiziere der Reichswehr das eigene Volk vor, um als Sieger in die Geschichte einzugehen. Die Führer der Starnberger Kommune waren sich darüber im Klaren, dass die Stationierung von Einheiten der Roten Armee in der Stadt und im Umland die Vernichtung der Stadt bedeutete. Schleussinger befahl der Arbeiterwehr, den anrückenden Truppen keinen Widerstand zu leisten und begab sich nach München. Laut seiner Aussagen vor Gericht hatte Eglhofer ihm in die Hand versprochen, keine Kampfhandlungen aufzunehmen, um Verluste unter der friedlichen Bevölkerung zu vermeiden.23 Doch derartige Zusagen konnte der Oberkommandierende der Roten Armee nicht für alle Stützpunkte seiner Einheiten machen. Am 28. April kam es zu den ersten Zusammenstößen als die Einheiten von Epp mit ihrer Artillerie auf dem Bahnhof in Tutzing eintrafen.24 Die Rotarmisten aus Winklers Garnison hatten die Eisenbahngleise auf der Strecke von Tutzing nach München gesprengt und Verteidigungsstellungen bezogen. Als Winkler von den anrückenden »Weißen« erfuhr, begab er sich sofort zu Eglhofer, um Unterstützung zu holen. Seine Männer überließ er ihrem Schicksal. Diese kämpften tapfer, doch die materielle Überlegenheit und auch die Kampferfahrungen waren auf der Seite des Gegners. Vor Pöcking wurden die anrückenden Freikorps mit Maschinengewehren unter Beschuss genommen, doch schon am Abend gelang es unter Einsatz der Artillerie, die »Roten« bis Possenhofen zurückzudrängen. Elf Rotarmisten fielen im Kampf, drei wurden gefangen genommen und am nächsten Tag erschossen.25 In den Abendstunden kontrollierten die Kämpfer der Roten Armee noch die Zugänge nach Starnberg. Dann brachte ein Zug in der Nacht Verstärkung. Winkler kam mit 100 Männern, zwei Geschützen und einem Dutzend Maschinengewehren zurück. Aus den Gerichtsakten geht hervor, dass er verbot, die Waffen abzuladen und sich stattdessen sofort zum Anwesen von Metz begab, wo er ein Bild völliger Verwüstung vorfand. Der »Kommandeur des Starnberger Frontabschnitts« nahm einige Gemälde, Kleidung und einen Anzug mit und kehrte um sieben Uhr morgens zu seinen Truppen zurück. In Anbetracht der feindlichen Übermacht fuhr er mit seiner Garnison nach München zurück, versteckte das Diebesgut, kassierte im Ministerium seinen Sold und verschwand aus der Stadt.26 In den Berichten der »Weißen«, die am 29. April die Befreiung Starnbergs meldeten, ist davon die Rede, dass die aus Württemberg stammenden Truppen im Verlauf der Kampfhandlungen 27 »Spartakisten« erschossen hatten, eigene Verluste gab es keine.27 Aus einem anderen Bericht von Freikorpstruppen, die Starnberg einnahmen, geht hervor, dass in der Stadt 37 gefangene Kämpfer der Roten Armee an Ort und Stelle erschossen worden waren.28 Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass diese Berichte oft übertrieben sind, gibt es keinen Grund, daran zu zweifeln, dass die »Weißen« mit besonderer Brutalität vorgingen. Am gleichen Tag kam es auch zu Kampfhandlungen in Schäftlarn. Die erste Attacke konnten die Kämpfer der Roten Armee, die sich im Kloster verschanzt hatten, erfolgreich abwehren. Erst unter Einsatz der Artillerie wurde ihr Widerstand gebrochen, wurden die Kämpfer überwältigt. Zu den zehn Gefallenen kamen neun Gefangene, die an Ort und Stelle erschossen wurden.29 Und wieder konnten die Regierungstruppen voller Stolz vermelden, dass sie keine Verluste zu beklagen hatten.30 Die »Befreiung« von Starnberg war das Vorspiel zu dem Gemetzel, das Anfang Mai in München folgen sollte. Schon in den Morgenstunden des 30. April erfuhr die Führung Rätebayerns, was in den südlichen Vororten Münchens geschehen war. In der Hauptstadt wurden Plakate geklebt, auf denen mal die Ermordung von vier, ein andermal von 15 unbewaffneten Sanitätern der Roten Armee und die Erschießung eines 68-jährigen Mannes mitgeteilt wurde, der den »Weißen« die Ehrenbezeigung verweigert hatte.31 In den letzten Tagen ihrer Existenz war die bayerische Räterepublik durch inneren Zerfall geprägt. Am 27. April verließen die Kommunisten den Vollzugsrat der Betriebs- und Soldatenräte Münchens. Doch vollkommen am Ende war die Räterepublik deshalb noch nicht. Patriotische Losungen wurden verbreitet, darunter die Aufforderung, sich von der preußischen Herrschaft zu befreien. Die Veröffentlichungen über die Gräueltaten der »Weißen« sollten unterstreichen, dass es keinen Ausweg gab und bis zur letzten Patrone gekämpft werden musste. Auch wenn es in Starnberg nicht zu Erschießungen gekommen war, war der Name des Kurortes in aller Munde. Die Plakate und Flugblätter blieben nicht ohne Wirkung. Der Justizminister der Räterepublik Max Strobl, er stammte aus Starnberg, verlangte 100 Geiseln zu verhaften. »Für jeden ermordeten Sanitäter unserer Roten Armee wird eine Geisel sterben«, versprach er und verkündete, dass jede Geisel von zwei Russen erschossen würde.32 Bitterkeit und Hass nahmen auch von den einfachen Kämpfern der Roten Armee Besitz. Ohne Befehl von oben wurden Wortführer der rechtsradikalen Thule-Gesellschaft erschossen, die in einer Kaserne der Arbeiterwehr gefangen gehalten worden waren.33 Gerüchte gaben auf beiden Seiten der Barrikade den Ton an. Aus den im Luitpold-Gymnasium erschossenen Konterrevolutionären wurden unschuldige Geiseln, ihre Körper seien zudem von den schrecklichen »Spartakisten« geschändet worden. Die ehrwürdigen Bürger weigerten sich zu glauben, dass Bayern zu derartigen Untaten in der Lage wären und schoben alles den Preußen, Juden und Russen in die Schuhe. Thomas Mann, der sich in jenen Tagen in München aufhielt, notierte in seinem Tagebuch: »Die Mehrzahl der komm. Arbeiter habe mit der Hoffnung auf den ›Einmarsch der Russen‹ resigniert. Der Geiselmord soll von russischen Gefangenen oder mithilfe von solchen ausgeführt worden sein.«34 An der Säuberung in Starnberg waren sowohl Militärangehörige als auch junge Männer aus ehrbaren Familien, die der Bürgerwehr angehörten, beteiligt. Sie kannten die Revolutionäre sehr gut. Noch vor Tagen hatten sie diese unterwürfig gegrüßt. Folgt man der offiziellen Version, verhafteten die vorrückenden Truppen in der Stadt »25 ortsansässige Kommunisten«.35 Unter ihnen waren auch die Mitglieder des Arbeiterrates Arthur Mayer und Karl Schleussinger. Vor Gericht sagten beide aus, sich freiwillig in den Stab der Truppe begeben zu haben. Am 30. April fand eine Kundgebung statt, die von den Führungsmitgliedern der bürgerlichen Parteien organisiert worden war. Seit Wochen hatten sie stillgehalten. Neben Lobeshymnen auf die Befreier waren Forderungen zu hören, die »roten Banden« gnadenlos auszurotten, die es gewagt hatten, das Heiligste anzutasten. Sie waren »von Fanatikern und Fremdlingen aufgehetzt, von Unreifen geführt, vernichteten Spartakisten, Kommunisten und wie sie sich sonst alle nennen, Leben und Eigentum ihrer Volksgenossen, so das heute die Waffen gegen sie geführt werden müssten«.36 Während der Kundgebung wurde der Beschluss gefasst, eine spezielle Kommission zur Untersuchung der revolutionären Ereignisse in der Stadt einzusetzen, die paritätisch aus Vertretern der bürgerlichen und Arbeiterparteien zusammengesetzt sein sollte. Eigentlich erübrigt es sich, darauf hinzuweisen, dass die Beamten, mit Freiherr von Stengel und Bürgermeister Tresch an der Spitze, ihren ersten Arbeitstag mit einer Danksagung an das Militär begannen, das nun für einige Wochen die Herrschaft in Starnberg übernahm. Untersuchung und Gerichtsverfahren Die ersten Vernehmungen der verhafteten Mitglieder des Revolutionsrates fanden im Gebäude des Starnberger Gerichts am 3. Mai statt. Dann wurde die Angelegenheit zur Verhandlung an die Münchner Staatsanwaltschaft übergeben. Da sich Bayern immer noch im Kriegszustand befand, wurden die Untersuchungsmaterialien im Eilverfahren zur Übergabe an das Standgericht vorbereitet. Die Verteidigungsstrategie der Angeklagten war nicht überraschend. Schleussinger und seine Genossen erklärten, dass sie die Räterepublik auf nachdrücklichen Wunsch der örtlichen Beamten ausgerufen und im Hinblick auf die Kommunisten eher eine Minierarbeit geleistet hätten, denn sie hätten ja die ganze Zeit über mit dem Magistrat und der Bezirksverwaltung in Verbindung gestanden.37 Bürgermeister Tresch erklärte im Brief vom 10. Mai, dass der Revolutionsrat der Stadt durch seine Aktivitäten keinerlei Schaden zugefügt habe. Dieser Aussage schloss sich von Stengel an. Dieser hob zudem hervor, dass Schleussinger den Eigentümern ihre konfiszierten Sachen stets zurückgegeben, und, was am wichtigsten war, den Polizisten ihre Waffen ausgehändigt habe.38 Das Gerichtsverfahren gegen die Führer der Starnberger Räterepublik dauerte vom 11. bis zum 14. Juni 1919. Auf der Anklagebank saßen alle 15 Mitglieder des Arbeiterrats. Unter ihnen auch eine Frau, Walburga Reitmeyer. Sie war für die Verteilung der Milch an die Kinder zuständig gewesen. Die meisten der Angeklagten waren jünger als vierzig Jahre, seit Ende 1918 Reservisten und hatten vor der Wahl in den Arbeiterrat von Gelegenheitsarbeiten gelebt. Wilhelm Walcher, Mitglied der SPD und vor der Einberufung als Konditor tätig, arbeitete seit Januar 1919 auf dem Bau. Seine Entscheidung, in die Politik zu gehen, erklärte er wie folgt: »Die körperlichen Arbeiten waren mir zu streng; ich hatte erfahren, dass die Leute des Arbeiterrates bezahlt werden, dachte mir, dass ich eine ruhigere und nicht mehr so anstrengende Tätigkeit brauche und habe mich deshalb in den Arbeiterrat wählen lassen.«39 Die Münchner, die anfangs nach dem Blut der Kommunisten lechzten, hatten nun genug von der Besetzung der Stadt durch das Militär. In der Presseberichterstattung über den Prozess gab es erste, wenn auch vorsichtige Sympathieerklärungen an die Adresse von Schleussinger. Das ein so junger Mann eines Staatsverbrechens angeklagt wird, könne man nur unter Hinweis auf die stürmischen Ereignisse Anfang Mai erklären, war u. a. zu lesen.40 Der Staatsanwalt zitierte wörtlich aus den Berichten der Starnberger Gutsbesitzer über die Erniedrigungen und Plünderungen, zählte die ihnen auferlegten Geldstrafen auf, konnte aber nicht beweisen, dass sich die Mitglieder des Revolutionsrates irgendetwas davon angeeignet hatten. Karl Schleussinger wurde zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt. Das Gericht berücksichtigte die Aussagen der Beamten, die für Schleussinger eintraten, seine Jugend, hob aber als belastendes Moment hervor, dass der angehende Jurist sich der Ungesetzlichkeit seiner Handlungen hätte bewusst sein müssen. Arthur Mayer wurde zu sechs Jahren verurteilt. Man warf ihm vor, dass er Geld für die Arbeiterwehr aufgetrieben hatte. Weitere sechs Angeklagte wurden zu Haftstrafen zwischen einem und drei Jahren verurteilt, alle anderen wurden freigesprochen. In der Gerichtsverhandlung wurde die Frage nach der Rolle der örtlichen Beamten in den Revolutionstagen aufgeworfen. Stengel musste deshalb vor Gericht auch als Zeuge aussagen, seine Beteiligung an der Ausrufung der Räterepublik gab er nicht zu. Die Verteidigung warf dem Bezirksamtmann vor, er habe den jungen und unerfahrenen Schleussinger ins Verderben laufen lassen. Der Freiherr konnte sich dennoch aus der Affäre ziehen und behielt seinen Posten bis zu seinem Tod im Jahr 1925. Nach der Urteilsverkündung ging er zum Angriff über und gab in der Presse folgende Erklärung ab: »Hätten wir als Antwort auf die Willkür der Revolutionäre feige unsere Einrichtungen verlassen, wäre das Chaos vollkommen gewesen und hätte irreparable Schäden für die Stadt und den Bezirk nach sich gezogen.«41 Fazit Die revolutionäre Welle, die den malerischen Kurort erreicht hatte, weckte die Diener des »alten Regimes«. Sie hatten eine Strategie zum eigenen Überleben parat, doch völlig kampflos wollten auch sie nicht weichen. Sie verzichteten auf eine direkte Konfrontation mit der neuen Macht, setzten auf den Lokalpatriotismus und darauf, die »Landfremden« wieder zu verdrängen. Die Ausrufung der Räterepublik wurde vom Läuten der Kirchenglocken begleitet, die Straßen wurden, wie aus München gefordert, umbenannt. Doch genau genommen lief alles darauf hinaus, dass sich Stadt und Landkreis vom »Chaos in München« abschotteten. Die Handlungen der Mitglieder des Starnberger Revolutionsrates ähneln denen kleiner Kinder, die man hinter das Steuer setzt. Sie hatten alles zu bieten, nur fehlte es ihnen an Kompetenz und Überzeugung. Dass Akademiker an der Spitze standen, war kaum von Bedeutung. In den ersten zehn Tagen seiner Existenz war der Rat eher eine Marionette in den Händen der alten und erfahrenen Beamten, doch die Ratsmitglieder fanden schnell Gefallen an der Machtausübung. Bereits um den 20. April herum gab es eine Doppelherrschaft in der Stadt. Von entscheidender Bedeutung war jedoch der Einzug der Rotarmisten in Starnberg. Jetzt erkannten die wohlhabenden Bürger, was sie an ihren Revolutionären hatten. Sie waren wie Lämmer, verglichen mit den Kommunisten aus München. Doch auch die Kommunisten unternahmen während ihres Feldzuges nichts, um die Arbeiterräte in Organe der revolutionären Macht zu verwandeln. In der Hauptstadt, in Starnberg, in Wolfratshausen – überall wurde gewählt, sogar mehrmals, doch die Wahlen führten nicht zum angestrebten Ergebnis. Es blieb nur der Weg der schroffen Parteidiktatur, deren proletarischer Charakter in Bayern nicht stärker zutage getreten wäre als in Sowjetrussland. Die Entwicklung der Ereignisse in Starnberg wurde nicht nur durch den Radikalismus der Revolutionsführer geprägt, sondern auch durch den Widerstand auf den die Ortsansässigen und Landfremden in ihren eigenen Milieus stießen. Historiker, die die deutsche oder die russische Revolution untersuchen, stehen weiterhin unter dem Einfluss tradierter Konzeptionen. Sie wären gut beraten, die räumliche Komponente genauer zu untersuchen. Das Zentrum tritt nicht immer als Subjekt, die Peripherie nicht immer als Objekt in Erscheinung. Die zahlreichen Kommunen und Republiken, die im Kreismaßstab entstanden, waren nicht so sehr Ausdruck des Zerfalls der alten Macht. Sie waren vielmehr Ausdruck der Suche nach möglichen Alternativen, die nur von unten erfolgen konnte. Im Rahmen dieser Suche ist die Gründung der revolutionär-sozialistischen Einheitspartei zu erwähnen. Die Funktionäre hatten die Spaltung der Arbeiterbewegung als eigentliche Achillesverse der deutschen Revolution erkannt und sahen in deren Überwindung die Chance auf einen Sieg. Es war kein Zufall, dass die Kommunisten in Ostdeutschland 1945 Kurs auf die Vereinigung nahmen. Die Durchsetzung in der sowjetisch besetzten Zone wurde zu einem Stützpfeiler der 40-jährigen Existenz der DDR. Die Schöpfer der »Rätemacht« in Starnberg und in anderen Städten Bayerns wollten sich auf Elemente der direkten Demokratie stützen, auf eine Demokratie, die in Deutschland schon lange existierte und eine kurzzeitige Renaissance während der friedlichen Revolutionen 1989/90 erlebte.42 Doch die neuen Selbstverwaltungsorgane waren ein schwacher Ersatz für den im Kaiserreich geschaffenen Beamtenapparat. Die Herstellung einer stabilen Verbindung mit München, wo die Kommunisten herrschten, war nicht nur aufgrund ideologischer Überlegungen ausgeschlossen. Starnberg musste sich in die »Vertikale der Rätemacht« einpassen, was dem Traum der ortsansässigen Aktivisten von eigenständigem politischen Schöpfertum ein Ende bereitete. Soziale Maßnahmen riefen nicht nur den Unmut der Reichen hervor, sie stießen auch auf Sympathien bei den Armen. Während über die Reaktionen der Reichen in den Gerichtsakten gelesen werden kann, sind die Reaktionen der Armen nicht belegt. Doch um aus diesen Sympathieerklärungen eine stabile politische Unterstützung zu formen, hätte es weitaus mehr bedurft, als nur die Schaffung einer »Einheitspartei«. Man hätte einen radikalen Bruch mit dem traditionellen System der Verwaltungen vor Ort in Angriff nehmen, oder darauf verzichten müssen, sich als Revolutionär zu bezeichnen. Für einen »dritten Weg der deutschen Revolution«, über den in den Sechziger- und Siebzigerjahren in der westdeutschen Geschichtsschreibung lebhaft diskutiert wurde, war angesichts des Verhältnisses zwischen alten und neuen Machthabern in Starnberg kaum Platz.43 Der Blick von unten auf die Ereignisse zeigt, dass die Beamten weder mit der neuen Macht zusammenarbeiten, noch die Rolle von »revolutionären Angestellten« spielen wollten. Sie griffen zu ausgeklügelten Formen von Sabotage, gegen die die »Revolutionäre wider Willen« weder vorgehen wollten noch konnten. Später berücksichtigte das Standgericht ihre »gemäßigte Haltung« und verurteilte sie nur zu geringen Haftstrafen, obwohl der Prozess als Schauprozess angelegt war und in der Presse umfassend behandelt wurde. Die Vereinigung der ortsansässigen Sozialisten und Beamten, ihr Zusammenschluss gegen die landfremden Radikalen bewahrte Starnberg auch vor der Anarchie des revolutionären Bodensatzes und der Zerstörung durch die Regierungstruppen. Es ist schon seltsam, dass sich die Behörden heute nur ungern daran erinnern. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass die Starnberger Kommune und Rätebayern als eine Art Sackgasse der Entwicklung angesehen werden, die keinerlei Spuren in der Gegenwart hinterlassen haben. Hinweise auf die Räterepublik oder Erwähnungen sucht man heute in den Starnberg-Reiseführern vergeblich. Doch die Hotels, in denen die von Kain angeführten »Rotarmisten« kampierten, stehen noch, es gibt die Protokolle des Revolutionären Arbeiterrates und die Erfahrungen, die auf der Suche nach alternativen Formen der politischen Macht gemacht wurden und in die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts eingeflossen sind. Aus dem Russischen übersetzt von Wladislaw Hedeler 1 Die Gerichtsakten befinden sich im Staatsarchiv München-Staatsanwaltschaft [im Folgenden: StAM-Staatsanwaltschaft], die Berichte über die militärischen Operationen im Bayerischen Haupt-staatsarchiv-Kriegsarchiv [im Folgenden: BayHStA-KA]. 2 Siehe Die Niederwerfung der Räteherrschaft in Bayern 1919. Im Auftrage des Oberkommandos der Wehrmacht, hg. vom Kriegsgeschichtlichen Forschungsamt des Heeres, Berlin 1939. 3 StAM-Staatsanwaltschaft, 2899/1, Bl. 98. 4 Siehe ebd., Bl. 132. 5 Siehe Land- und Seebote [Starnberger Zeitung] vom 8. April 1919. 6 Siehe ebd. vom 9. April 1919. 7 Siehe ebd. vom 12. April 1919. 8 Erklärung von von Stengel an die Münchner Staatsanwaltschaft vom 12. Mai 1919, StAM-Staatsanwaltschaft, 2899/1, Bl. 99. 9 Land- und Seebote vom 17. April 1919. 10 Siehe Brief von Kain an den Vollzugsrat der Bayerischen Räterepublik vom 20. April 1919, StAM-Staatsanwaltschaft, 2066, Bl. 49-50. 11 Das Telegramm war an Rudolf Eglhofer adressiert, der damals Oberkommandierender der bayerischen Roten Armee war: »Sei so gut und schick uns sofort 8 Mann Verstärkung hierher, denn das ist eine sehr kleinbürgerlich patriotische Bevölkerung, Hoffmann-Auer-Anhänger. Sonst ist die Lebensmittelversorgung gefährdet, die Bevölkerung ansässig«, ebd. 12 Siehe StAM-Staatsanwaltschaft, 2899/1, Bl. 5. Die Geiseln wurden auf Drängen des neuen Revolutions-rates am nächsten Morgen befreit. 13 Verhör von Schleussinger am 21. Mai 1919, ebd. Bl. 137. 14 Land- und Seebote vom 22. April 1919. 15 Ebd., vom 19./20. April 1919. 16 »Eine den Wünschen des Proletariats entsprechende Vollsozialisierung Bayerns wird unverzüglich, jedoch auf Grund von einheitlichen, für das ganze Land geltenden Normen durchgeführt werden. Eigenmächtiges und voreiliges Handeln ist Verrat am werktätigen Volk«, Land- und Seebote vom 8. April 1919. 17 Ebd., vom 26./27. April 1919. 18 Ebd. vom 28. April 1919. Der Wein wurde für eine Mark pro Flasche im Rathaus verkauft. Die 300 Mark aus dem Weinverkauf wurden unter den Witwen an der Front gefallener Soldaten verteilt, StAM-Staats-anwaltschaft, 2899/1, Bl. 28. 19 Land- und Seebote, vom 26./27. April 1919. 20 Siehe StAM-Staatsanwaltschaft, 2899/1, Bl. 266. 21 Siehe ebd., 3064/1. 22 Siehe Land- und Seebote vom 3./4. Mai 1919. 23 Siehe StAM-Staatsanwaltschaft, 2899/1, Bl. 138. 24 Die Niederwerfung (Anm. 2), S.103 f. 25 Siehe Land- und Seebote vom 3./4. Mai 1919. 26 Winkler wurde später festgenommen. Im Verlauf der Untersuchung stellte sich heraus, dass er einige Straftaten begangen hatte und in psychiatrischer Behandlung war. Er wurde zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, StAM-Staatsanwaltschaft, 3064/1, Bl. 74, 88. 27 Siehe BayHStA-KA, RWGrKdo 4, Akte 27. 28 Siehe ebd., Akte 461. Diese Angaben werden in anderen Quellen bestätigt. Daniel Ritter von Pitrof: Gegen Spartakus in München und im Allgäu, München 1937, S. 83. 29 Die Niederwerfung (Anm. 2), S. 111. 30 Siehe BayHStA-KA, RWGrKdo 4, Akte 27. 31 StAM-Staatsanwaltschaft, 2899/4. 32 Aus Zeugenaussagen im Fall Strobl, StAM-Staatsanwaltschaft, 2234. Strobl meinte mit »Russen« russische Kriegsgefangene, die in der bayerischen Roten Armee Dienst taten. 33 Unter den Erschossenen waren eine Frau und ein Unbeteiligter. Joachim Fest, dem man wohl kaum Sympathie für die Linken unterstellen kann, äußerte sein Erstaunen darüber, dass die Willkürmaßnahmen der Regierungstruppen vergessen wurden, während die erschossenen Geiseln ihren Platz im gesellschaftlichen Bewusstsein bewahrt haben. (Фест И. Гитлер. Биография. Путь наверх. М. 2009. С.178) [dt. Ausgabe: Joachim Fest: Hitler. Eine Biographie, Neuausgabe, Berlin 1998]. 34 Thomas Mann: Tagebücher 1918–1921, Frankfurt a.M. 1979, S. 221. »Einmarsch der Russen« meint das Vorrücken der Roten Armee nach Zentraleuropa. Gerüchte darüber kursierten unter Münchner Arbeitern auch noch nach der Niederschlagung der Räterepublik, BayHStA-KA, RWGrKdo 4. Akte 252. 35 Die Niederwerfung (Anm. 2), S. 105. 36 Land- und Seebote vom 3./4. Mai 1919. 37 StAM-Staatsanwaltschaft, 2899/1, Bl. 39. 38 Ebd., Bl. 91, 98–100. 39 Ebd, Bl. 14. Walcher war im Starnberger Revolutionsrat für das Altersheim und den Friedhof zuständig. Er wurde freigesprochen. 40 Siehe Münchner Nachrichten vom 16. Juni 1919. 41 Land- und Seebote vom 16. Juni 1919. 42 Siehe Francesca Weil: Räte im Deutschen Reich 1918/19 – Runde Tische in der DDR 1989/90, in: Deutschland Archiv (2011), H. 2, S. 261–268. 43 Eberhard Kolb: Die Arbeiterräte in der deutschen Innenpolitik 1918–1919, Frankfurt a.M. 1978.

JHK 2013

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung 2013

Gleb J. Albert M.A., geb. 1981, Studium in Köln und Krakau, 2005–2009 wissenschaftliche Hilfskraft am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (Universität Mannheim). Zurzeit Promotion an der Bielefeld Graduate School in History and Sociology (Universität Bielefeld) zum Thema »Repräsentationen und Praktiken des revolutionären Internationalismus in der frühen Sowjetgesellschaft, 1917–1927« (Betreuer: Prof. Dr. Thomas Welskopp, Prof. Dr. Klaus Gestwa). Mitherausgeber des International Newsletter of Communist Studies. Jüngste Veröffentlichung: »›German October is Approaching‹. Internationalism, Activists, and the Soviet State in 1923«, in: Revolutionary Russia 24 (2011), H. 2, S. 111–142. Anne-Mette Anker Hansen M.A., geb. 1964, Studium der Informatik und osteuropäischen Geschichte an der Universität Kopenhagen, 2007–2011 wissenschaftliche Mitarbeiterin an einem Forschungsprojekt zur Geschichte Dänemarks während des Kalten Krieges, 2011 Lehrbeauftragte am dänisch-amerikanischen Institut (Danish Institute for Studies Abroad), 2012 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Kopenhagener Arbeitermuseum an dem Projekt »Dänen bei der Komintern«. Jörg Baberowski Prof., Dr. phil., geb. 1961 in Radolfzell, 1982–1988 Studium der Geschichte und Philosophie an der Universität Göttingen, 1989–1994 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Osteuropäische Geschichte an der Universität Frankfurt a. M., 1994 Promotion an der Historischen Fakultät der Universität Frankfurt a. M., Titel der Dissertation: »Autokratie und Justiz. Zum Verhältnis von Rechtsstaatlichkeit und Rückständigkeit im ausgehenden Zarenreich 1864–1914.« September 2000 Habilitation, Universität Tübingen, 2001–2002 Vertretung des Lehrstuhls für Osteuropäische Geschichte an der Universität Leipzig, seit Oktober 2002 Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. Veröffentlichungen u. a.: Ordnung durch Terror. Gewaltexzesse und Vernichtung im nationalsozialistischen und im stalinistischen Imperium (mit Anselm Döring-Manteuffel), 2. Aufl. Bonn 2007; Der Feind ist überall. Stalinismus im Kaukasus, München 2003; Verbrannte Erde. Stalins Diktatur der Gewalt, München 2012; Mithg.: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas; Kritika. Explorations in Russian and Eurasian History; Zeithistorische Forschungen; Journal of Modern European History; Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Bernhard H. Bayerlein Dr. phil., geb. 1949, Historiker und Romanist am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES), seit 2009 Fellow am Zentrum für Zeithistorische Forschungen (ZZF), Potsdam; tätig u. a. für transnationale Projekte der Archiverschließung und Vernetzung, z. B. The International Committee for the Computerization of Comintern Archives (INCOMKA); Veröffentlichungen u. a.: Hg.: Archives de Jules Humbert-Droz, Amsterdam 1983–2001; Hg.: Ge