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Archäologie der Erinnerung: Der Gedenkfriedhof und das sowjetische Ehrenmal Antakalnis in Vilnius

JHK 2013 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 247-262 | Aufbau Verlag

Autor/in: Ekaterina Makhotina

Am 9. Mai 2010, dem Tag, an dem Russland mit der größten Militärparade der russischen Geschichte besonders spektakulär den »Tag des Sieges« feierte, versammelten sich in der litauischen Hauptstadt Vilnius ein Dutzend Kriegsveteranen und Mitglieder der jüdischen und russischen Gemeinden zum »Marsch des Friedens«. Die Prozession auf der Hauptstraße, dem Gediminas-Prospekt, abzuhalten, hatte die Stadtverwaltung untersagt, weshalb die Teilnehmer auf Nebenstraßen ausweichen mussten. Mehrere Kriegsveteranen hatten ihre sowjetischen Kriegsorden angesteckt, mussten diese jedoch unter ihren Jacken verstecken: Das Tragen sowjetischer Symbolik in der Öffentlichkeit ist seit 2008 in Litauen per Gesetz verboten. Mit einer Kranzniederlegung am Ewigen Feuer des sowjetischen Ehrenmals Antakalnis im Nordosten von Vilnius wurden die Festlichkeiten zum Kriegsende abgeschlossen. Das Feuer am Ehrenmal als Ewige Flamme zu bezeichnen, trifft es allerdings nur bedingt, denn seit 1991 ist das Entzünden der Flamme nur mit ausdrücklicher Erlaubnis der lokalen Verwaltung gestattet. An diesem besonderen Tag brannte die Flamme jedoch – sichtlich zur Freude der Veteranen.

Doch die Kriegsveteranen und die übrige, festlich gestimmte Menschenmenge waren nicht die einzigen, die sich an diesem denkwürdigen Tag im Stadtzentrum versammelten. Zur gleichen Zeit fand eine Gegendemonstration statt, an der vor allem litauische Jugendliche teilnahmen. Verkleidet als litauische, antisowjetische Partisanen der Nachkriegsjahre, die Gesichter mit roter Farbe beschmiert, hielten sie Plakate hoch, auf denen zu lesen war: »Die Rote Armee hat mehr Verbrechen begangen, als die deutschen SS-Einheiten.«

Dies ist nur eines der aktuellen Beispiele für Erinnerungskonflikte im postsowjetischen Litauen oder für den clash of commemorations, wie es einer der bedeutendsten Erinnerungsforscher für den baltischen Raum, Alexander Astrov, zutreffend formulierte.1 Wenn hier eine Seite der anderen Geschichtsvergessenheit, Falsifizierung der Geschichte und Rehabilitierung des Faschismus vorwirft, antwortet die andere Seite mit der These vom Festhalten an Relikten der Sowjetideologie und von der Hartnäckigkeit der sowjetischen Mythen: Offenbar ist die Frage danach, ob die Kriegserinnerung der litauischen Erinnerungskultur »fremd« oder »eigen« ist, für beide Konfliktparteien ein wichtiger Teil der identitätsstiftenden Selbstdiskurse und des historischen Bewusstseins der sich erinnernden Wir-Gemeinschaften. Generationsunterschiede scheinen dabei eine eher untergeordnete Rolle zu spielen.

Erinnerungsdiskurse fallen in Litauen inhaltlich sehr unterschiedlich aus. Von den politischen Eliten wird diese Themenvielfalt gar als Störfaktor auf dem Weg zu einer harmonischen, identitätsstiftenden »brauchbaren Vergangenheit« – usable past (David Brandenberger) – wahrgenommen. Im Spannungsfeld nationaler und europäischer Erinnerungspolitik betrifft dies vor allem Folgendes: die (defizitäre) Auseinandersetzung mit der litauischen Mittäterschaft an Verbrechen der NS-Zeit, die Ambivalenz des »Krieges nach dem Krieg« – des antisowjetischen Widerstands – und die Frage nach der Beteiligung Litauens an der Etablierung der Sowjetmacht und der Sowjetisierung, um hier nur einige Beispiele für kontrovers diskutierte Themen zu nennen. Doch die meisten Emotionen sind mit der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg verbunden – speziell mit seinem Ende – sowie mit der normativen Bewertung des Kriegsendes. Wie soll sich die Vision vom 9. Mai – heute in Litauen als »Europa-Tag« gefeiert – im historischen Bewusstsein festsetzen: Als Tag der Befreiung oder als Tag des Wiederauflebens der sowjetischen Terrorherrschaft?

Erinnerungskonflikte werden von sämtlichen Erinnerungskollektiven an bestimmten Gedenktagen und in bestimmten Räumen, auf städtischen Plätzen, in Gedenkstätten, Museen und auf Kriegerfriedhöfen ausgetragen. Litauen ist hierfür ein besonders facettenreiches Beispiel: In unmittelbarer geografischer Nachbarschaft findet man widerstreitende und sich widersprechende Orte des Gedenkens, es herrscht ein Nebeneinander von Opfern sämtlicher Gewaltherrschaften des 20. Jahrhunderts.

Der folgende Beitrag greift aus der Vielfalt mehrschichtiger Erinnerungsorte einen zur näheren Betrachtung heraus: den sowjetischen Ehrenfriedhof und das Ehrenmal Antakalnis. An diesem Beispiel soll zuerst die Entwicklung der »sowjetischen« Erinnerungskultur in Bezug auf den Didysis Tevynes Karas [Großen Vaterländischen Krieg] erklärt und anschließend der erinnerungspolitische Stellenwert des Krieges in Litauen nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1990 diskutiert werden.

Der Beitrag stützt sich dabei auf die Gedächtnistheorie von Pierre Nora, gemäß dessen Denkmäler für Erinnerungskollektive von identitätsstiftender Bedeutung sind. Neben der identitäts- und solidaritätsstiftenden Funktion ist die politische Instrumentalisierung ein weiterer wesentlicher Punkt bei der Analyse der Kriegsdenkmäler: Errichtungen von Denkmälern genauso wie deren Sturz, aber auch Wandlungen der zeremoniellen Praktiken, sind eng an geschichtspolitische Konjunkturen gebunden, nach denen es im Folgenden zu fragen gilt.2

Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Sowjet-Litauen: Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich zur sowjetischen Erinnerungspraxis

Die Deutungshoheit in Bezug auf den Großen Vaterländischen Krieg lag von Anfang an bei der Kommunistischen Partei der Litauischen Sowjetrepublik (KPL) und deren für die Ideologiearbeit verantwortlichen Institutionen, wie dem Institut für Parteigeschichte, welches unmittelbar dem Zentralkomitee (ZK) der KPL unterstand und ihm zu Rechenschaft verpflichtet war. Seine enge Anbindung an Moskau war somit vorgegeben. Bereits während des Krieges wurden die Weichen für den offiziellen Kriegserinnerungsdiskurs gestellt. Dazu gehörte vor allem das Sammeln und Veröffentlichen von Dokumenten über NS-Gewaltaktionen in den besetzten Gebieten. Die 1942 vom Obersten Sowjet gegründete »Außerordentliche Kommission für die Feststellung und Untersuchung der Gräueltaten der deutsch-faschistischen Eindringlinge und ihrer Komplizen« war auch in Litauen vertreten und unterstützte aktiv die Sammlung von Dokumenten und Zeitzeugenaussagen. Die Ergebnisse ihrer Recherchen dienten später als Vorlage für Presseberichte und Ausstellungen. Die Gräueltaten der NS-Besatzungsmacht wurden dabei in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt, schließlich sollte der Sieg der Sowjetarmee über die deutschen Streitkräfte in Litauen als lang ersehnte Befreiung erscheinen, für die man dem sowjetischen Großen Bruder dankbar sein sollte. Gleichzeitig wurde das Motiv des gemeinsamen Kampfes von litauischem und russischem Volk gegen die »Hitler’schen Eroberer« hervorgehoben.

Die Ursprünge dieses gemeinsamen Kampfes verortete man in der fernen Vergangenheit. Die Ideologen der KPL versuchten sich an der Konstruktion der jahrhundertelangen litauisch-russischen Freundschaft, die vor allem im Zusammenhalt gegen den »ewigen historischen Feind« – »den eroberungslustigen Deutschen« – zum Ausdruck gekommen sei. Dieser gemeinsame Kampf während des Zweiten Weltkrieges sollte als eine Neuauflage der heroischen Abwehr von »Litauern« und »Slawen« gegen den mittelalterlichen »Drang nach Osten« des Deutschen Ritterordens gesehen werden.

Die Schlacht von Grunwald im Jahr 1410 – der »gemeinsame Sieg slawischer Völker und Litauer« über den Deutschen Ritterorden, mit Betonung der führenden Rolle des russischen Volkes – sollte in die Reihe der heldenhaften Siegeserzählungen aufgenommen werden. »Grunwald 1410 – Berlin 1945« – die beiden Erinnerungsorte wurden zum gefeierten Vorbild und zur historischen Begründung litauisch-russischer Freundschaft. So titelte die Zeitung Sovetskoe iskusstvo [Sowjetische Kunst] bereits 1941: »Es naht der Tag des neuen Grunwalds.«3 Die Siege über die »germanischen Barbaren« hatten das litauische und das russische Volk zusammengeschweißt. Der gemeinsame Widerstand gegen den deutschen Vernichtungswillen, hatte eine wichtige erinnerungspolitische Funktion – das Jahr 1945 sollte ausschließlich mit dem Motiv der Befreiung und die Sowjetarmee mit der Armee der Befreier assoziiert werden. In der Propaganda verwies man auf den Generalplan Ost und den darin enthaltenen Hinweis auf das Schicksal Litauens unter deutscher Besatzung – in der Tat wurde Litauern im Reichskommissariat »Ostland« die niedrigste rassenpolitische Stufe zugesprochen, das Gebiet sollte kolonisiert und die Bevölkerung germanisiert werden. Die kommunistischen Zeitungen propagierten entsprechend das Bild, dass Litauen wie »ein Wassertropfen auf dem heißen Stein« von der Weltkarte verschwinden solle.4 Der gemeinsame Kampf gegen Deutsche sollte sakralisiert werden, da man meinte, einer kulturellen und nationalen Auslöschung entkommen zu sein.

Dass die Aufgabe der Vermittlung dieses Geschichtsbildes für die eiligst zu diesem Zweck ausgebildeten Ideologen des Instituts für Parteigeschichte eine Herausforderung darstellte, bezeugt der verzweifelte Ton ihrer Korrespondenz an die Zentrale in Vilnius oder Moskau.5 Das 1940 von der Sowjetmacht annektierte Gebiet Litauens befand sich bis in die frühen Fünfzigerjahre in einem bürgerkriegsähnlichen Zustand, die Bewegung der antisowjetischen Partisanen war hier im Vergleich zu den zwei anderen baltischen Staaten am stärksten entwickelt, sodass die national-katholische, mehrheitlich traditionell-ländlich geprägte Gesellschaft Nachkriegslitauens weder für Russen noch für Kommunisten besondere Sympathien aufbringen konnte.

Wie überall in der Sowjetunion, brauchte es einige Zeit, ehe es zur Errichtung von Kriegsdenkmälern kam: Bis in die späten Fünfzigerjahre waren es lediglich Massengräber und schlichte Symbole des militärischen Totengedenkens wie Betonpfähle und Obelisken, die an die gefallenen Soldaten erinnerten. Den zivilen Opfern des Krieges gedachte man auf Friedhöfen oder an Orten der Massenvernichtung, an den von den lokalen Aktivisten aufgestellten Denkmälern, die üblicherweise die Inschrift »Den Opfern Hitler’scher Gräueltaten« trugen. Gleichzeitig hatte man in der hauptstädtischen Topografie dem Motiv der Befreiung durch die Sowjetarmee bereits in den frühen Fünfzigerjahren einen wichtigen Platz zugewiesen. So wurde durch das Denkmal für den »Anführer der Befreierarmee«, dem General der 3. Weißrussischen Front, Ivan Černjachovski (1906–1945), das Stadtzentrum von Vilnius symbolisch markiert. Einer der zentralen Plätze der Hauptstadt sollte dadurch zum Hauptgedenkort für die Kriegsveteranen avancieren. Die Bronzeplastik wurde von Nikolaj Tomskij gestaltet, dem Schöpfer der Gedenkanlage »Grab des Unbekannten Soldaten« in Moskau. Durch die Relieftafel auf dem Denkmalsockel sollte das Motiv der Dankbarkeit für die Befreiung mit der Inschrift »Für General Černjachovski von den Bürgern Vilnius’« unmissverständlich deutlich werden. 1951 wurden die Gebeine des Massengrabes, demgegenüber das Černjachovski-Denkmal errichtet worden war, auf den Militärfriedhof Antakalnis umgebettet. Dadurch, dass sie nun neben den anderen Kriegern der litauischen Geschichte ihren Platz fanden, wurden sie zu »Toten der Stadt«.

In Litauen lassen sich neben der unionsweit üblichen Form und Ikonografie der Kriegsdenkmäler allerdings auch einige bemerkenswerte Besonderheiten der Gedenkkultur finden. Die Litauische Monumentalskulptur »Mutter von Pirčiupis« war das erste Denkmal landesweit (erbaut bereits 1960), das dem Schicksal des zivilen, passiven Opfers Ausdruck verlieh.6 Die Erinnerungsstätte entstand zum Gedenken an die Opfer eines SS-Racheaktes, bei dem das gesamte Dorf in Brand gesteckt worden war und 119 Einwohner den Tod fanden. In der gesamten Sowjetunion wurde Pirčiupis zum Symbol für die Trauer um die zivilen Opfer des Großen Vaterländischen Krieges und zum Besuchsziel ausländischer Gäste. Die Figur der trauernden Mutter wurde zum meistzitiertesten Motiv, welches den Verlust und den Schmerz der Litauer während des Krieges in Erinnerung rufen sollte.

Hier finden sich keine Attribute des sowjetischen Heldenkanons: keine stilisierten Waffen, keine roten Sterne, keine Heldenparolen. Die Gedenktafel am Mahnmal mit der Inschrift »Die Tragödie von Pirčiupis darf sich nicht wiederholen!« bringt den Erinnerungsimperativ »Nie wieder!« zum Ausdruck. An diesem Beispiel lassen sich auch einige traditionelle Elemente der folkloristischen Gedenkkultur Litauens als Formen des Kriegsgedenkens erkennen: beispielsweise Holzkreuze mit Ornamenten aus der traditionellen, litauischen Holzschnittkunst. Diese religiöse Form des Gedenkens war bemerkenswerterweise im sowjetischen Litauen erlaubt.

Auch das Gedenkareal an der Stelle des vernichteten Dorfes Aiblinga im Süden von Litauen besteht schlicht und ergreifend aus Holzfiguren: Die Opfer des deutschen Angriffs – Kinder, Alte, Frauen und Familien – sind durch individuelle Holzskulpturen, angefertigt von den lokalen Holzschnittkünstlern, verewigt. Die Gedenkrituale werden von Volksliedern begleitet und in Volkstrachten abgehalten.

Die Frage, inwieweit die Duldung ebenjener besonderen Formen des Gedenkens ein erinnerungspolitisches Zugeständnis Moskaus an Vilnius waren bzw. ob die künstlerische Freiheit in Litauen auf der lokalen Ebene größer war, erfordert weitere historische Untersuchungen. Es könnte von Moskau als Chance verstanden worden sein, die den Litauern als fremdes sowjetisches Erziehungsprojekt vorkommende Erinnerung doch in gewisser Weise zum Ausdruck zu bringen, andererseits aber auch als Strategie, den sowjetischen Erinnerungskanon in eine nationale Form zu überführen, sie zu »lituanisieren«.

Jedenfalls kann man in den späten Vierziger-, frühen Fünfzigerjahren auf der lokalen Ebene sehr gut die Materialisierung von »Gegengeschichten« – counter memories (Michel Foucault) – in Denkmalform beobachten: Den Nachkommen der jüdischen Opfer war es zum Teil gelungen, in ihren Heimatorten Gedenksteine aufzustellen, die jiddische Inschriften, Daten nach der jüdischen Zeitrechnung sowie David-Sterne aufwiesen und somit explizit von der jüdischen Identität der Opfer zeugten. Auch die Rituale entsprachen traditionellen Formen – an den Massengräbern wurde Kaddisch verlesen. Einige dieser Gedenksteine gibt es bis heute, andere, vor allem in großen Städten wie Vilnius und Kaunas, wurden beseitigt. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die sowjet-litauische Gedenkkultur innerhalb der sowjetischen Kriegserinnerungslandschaft einen Sonderfall darstellte, was den lokalen Künstlern ermöglichte, ihre Ideen in einer für die sowjetische Ästhetik eher ungewohnten Form umzusetzen.

Würde man nach einem in Denkmalform manifestierten Beleg für das Argument der Kriegserinnerung als »sowjetischem Projekt« suchen, könnte das sowjetische Kriegsdenkmal Antakalnis als ein typisches Beispiel hierfür gelten: In seiner heroisierenden Ausgestaltung richtet es das Hauptaugenmerk auf den militärischen Ruhm und weist Elemente des symbolischen Repertoires auf, das mit der »sowjetischen« Symbolik der Kriegsdenkmäler assoziiert wird.

Allein schon die Idee der Errichtung eines sowjetischen Ehrenmals an diesem bestimmten Ort ist von erinnerungspolitischer Bedeutung. Der Friedhof ist bereits zweihundert Jahre alt. Die ersten Begräbnisse des Militärs fanden hier während des Ersten Weltkrieges statt, als Wilno/Wilna, eine eher periphere Stadt des Russischen Imperiums, in deutsche Hände fiel und schließlich im Zuge des polnisch-sowjetischen Krieges Polen zugeschlagen wurde. Die Spuren des deutschen Gefallenenkultes aus dem Ersten Weltkrieg sind hier nach wie vor deutlich sichtbar: ein deutsches Ehrenmal mit Eisernem Kreuz und der Inschrift »Deutsche Helden« sowie ein gemeinsames Grab für Deutsche und Russen mit einer Inschrifttafel aus grauem Beton »Den Deutschen und Russischen Kriegern 1914–1915 / errichtet von der Etappen-Inspektion der 10. Armee 1918«. Da hier allerdings keine sozialen Praktiken des Gedenkens stattfinden, handelt es sich bei den Denkmälern für den Ersten Weltkrieg eher – mit Robert Musil gesprochen – um »unsichtbare Denkmäler«.

Nicht weit davon entfernt befindet sich die Anlage mit den polnischen Gräbern. Hier wurden Soldaten beigesetzt, die in den Kämpfen um Vilnius während des polnisch-sowjetischen Krieges 1919 bis 1921 gefallen sind. Einige der polnischen Grabtafeln wurden als Baumaterial für die Treppe der später entstandenen sowjetischen Kriegsgedenkstätte eingesetzt. Trotz starker Vernachlässigung sind die polnischen Gräber noch erhalten: Zumindest an den polnischen Nationalfeiertagen werden sie besucht und gepflegt.

Elemente der sowjetischen Ästhetik in der Gestaltung des Ehrenmals von Antakalnis

Der Antakalniser Militärfriedhof wurde nach der Übernahme der Sowjetmacht 1944 zum zentralen Ort des militärischen Gedenkens an die gemeinsame litauisch-russische Befreiung Litauens. Bis zum sowjetischen Ehrenmal in seiner heutigen Form war es ein langer Weg. Wie bereits erwähnt, wurden die sterblichen Überreste der gefallenen Soldaten 1951 vom Massengrab auf dem Černjachovski-Platz auf den Friedhof Antakalnis umgebettet. Die Grabstätten wurden um die sterblichen Überreste jener ergänzt, die an den Folgen ihrer Kriegsverletzungen in den Krankenhäusern von Vilnius gestorben waren. Somit besteht das heutige Gedenkareal vorwiegend aus Massengräbern, in denen 3086 Sowjetsoldaten der 3. Weißrussischen Front beigesetzt sind. 7 Am Ende der Gedenkanlage befand sich bis zur Rekonstruktion des Ehrenmals ein Obelisk, an dem auch Gedenkrituale abgehalten wurden.

Die Präsenz der Toten in Form ihrer sterblichen Überreste war, wie in der Kultur des Weltkriegsgedenkens allgemein, auch in der sowjetischen Gestaltungspraxis von Gedenkstätten ein wichtiges Symbol. Durch die ästhetische und rituelle Ausgestaltung sollte die Inszenierung der Kriegserinnerung der Charakter des Numinosen, Erhabenen, Geheiligten verliehen werden – unbewusst wurde auf das zum Grab gehörige Denkmal die Komponente des »Göttlichen« übertragen.

Im Laufe der Zeit wurde das Kriegsehrenmal von Antakalnis durch eine weitere Denkmal-
anlage zu Ehren der Vordenker der revolutionären Bewegung Litauens ausgeweitet. Auf dem »Hügel der Revolutionskämpfer« wurden litauische Sozialisten als »Revolutionäre der ersten Stunde«, später dann Mitglieder der Kommunistischen Partei Litauens sowie die wichtigsten Kulturschaffenden der Litauischen Sowjetrepublik beigesetzt. Hier sollte das »Pantheon« der Republik Litauen entstehen – nach sowjetischem Vorbild.8 Die symbolische Verknüpfung des Kriegsgedenkens mit den Grabstätten für herausragende Persönlichkeiten war unionsweit eine übliche Praxis. Hier hatte es die explizite Funktion, zu suggerieren, dass der Fortbestand der litauischen Heimat und der nationalen Kultur auf die Befreiung durch die Sowjetarmee zurückzuführen sei.

Die Tatsache, dass die Ewige Flamme des Gedenkens in Antakalnis mit einer Fackel vom St. Petersburger (damals Leningrader) Marsfeld, der zentralen Gedenkstätte für die Helden der Revolution, entzündet wurde, unterstreicht die Funktion und den Charakter des litauischen Ehrenmals als Projekt der Sowjetunion. Antakalnis steht damit in einer Reihe mit den zentralen, unionsweit wichtigsten Kriegsgedenkstätten, wie z. B. dem Grab des Unbekannten Soldaten in Moskau oder dem Piskarevo Friedhof für die Opfer der Blockade in St. Petersburg. An der Gedenkstätte auf dem St. Petersburger Marsfeld wurde zu Ehren des 40. Jahrestages der Oktoberrevolution 1957 das erste Ewige Feuer der Sowjetunion entzündet. Durch das symbolische Weiterreichen der Flamme an die Ehrenmale zum Großen Vaterländischen Krieg wurde eine sinnstiftende Kontinuität zwischen den »alten« bolschewistischen Helden und den »neuen« Kriegshelden suggeriert: Den Gefallenen im Krieg sollte zusammen mit den Gefallenen für die sozialistische Revolution gedacht werden.9

Das Hauptgestaltungsmotiv des Ehrenmals, beginnend am Eingang – als ein symbolisches »Tor« fungiert das Ziffernpaar 1941–1945 rechts und links – entlang der Massengräber und endend beim Ewigen Feuer und der Skulpturengruppe, ist das der Treppe. Sie trennt das sowjetische Ehrenmal vom gesamten Grabensemble: Es lässt sich ausschließlich über einen aus Granitstein gelegten Weg und die anschließende monumentale Treppe erreichen.

Das Hinaufsteigen der Treppe kann als Akt der Sakralisierung des Gedenkens an die Gefallenen interpretiert werden und stellt eine direkte Anlehnung an die übliche Ausgestaltung wichtiger Kriegsgedenkstätten im gesamten (ehemals) sozialistischen Raum dar (z. B. Mamaev-Hügel in Wolgograd oder das Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park in Berlin). Das »Tor« zum Pantheon, das durch das Ziffernpaar 1941 und 1945 gebildet wird, ist wiederum ein verbreitetes Phänomen einer universell geltenden Kriegsgedenkkultur, die aus den lokalhistorischen Kontexten (für Vilnius endete die NS-Besatzung bereits 1944) herausgelöst erscheint.

Im Jahr 1984 wurde das Gedenkareal rekonstruiert und der Obelisk durch eine Skulpturengruppe von J. Burneika und R. Dicius ersetzt. Sie besteht aus sechs Figuren aus grauem Granit, die den gemeinsamen Kampf der Soldaten der Sowjetarmee an der Seite der einheimischen Partisanen symbolisieren sollen. Diverse Militäreinheiten werden dargestellt: Luftstreitkräfte, Heer, Marine. Der Gestus der Figuren drückt Entschlossenheit, Tapferkeit, Mut und Zusammenhalt im Kampf gegen den Feind aus. Das heroische Pathos kommt hier durch die Figur des maskulinen, aktiven (Front-)Kämpfers deutlich zum Ausdruck. Die Skulpturengruppe samt der Anlage der Ewigen Flamme unmittelbar davor war und bleibt, zumindest bei bestimmten Erinnerungskollektiven, der zentrale Ort jährlicher Gedenkzeremonien – hier finden die wichtigsten offiziellen politischen Zusammenkünfte am 9. Mai, 23. Februar (Tag der Vaterlandsverteidiger) und 13. Juli (Tag der Befreiung Vilnius’ von der deutschen Okkupation) statt. Zu Zeiten der Sowjetherrschaft fand hier außerdem die Pionierweihe statt.

Denkmalsturz 1989–1991: Kommunismus im Panoptikum

Die Fotoaufnahme von der Demontage des Lenindenkmals 1990 am Lukiskiu-Platz (ehemals Lenin-Platz) in Vilnius wurde zum Symbol für den politischen Umbruch in Litauen, das am 11. März 1990 seine staatliche Souveränität zurückgewann. Die Geschwindigkeit, mit der alle Denkmäler für sowjetische und litauische Kommunisten von öffentlichen Plätzen beseitigt wurden, war außerordentlich. Der radikale Ikonoklasmus leitete die Veränderungen in der Erinnerungspolitik ein, wies letztlich allerdings doch bedenkliche Ähnlichkeiten zum sowjetischen Umgang mit den nationalen Denkmälern in der unmittelbaren Nachkriegszeit auf.

Einige Jahre vorher, zu Beginn der Perestroika, erfuhr die litauische Unabhängigkeitsbewegung Sajudis mit dem Slogan »Gebt dem Volk seine Geschichte zurück!« mehrheitliche Unterstützung aus der litauischen Gesellschaft. Das Umdenken und die Neubewertung historischer Ereignisse bildeten den inhaltlichen Schwerpunkt auf dem Weg zur Wiedererlangung staatlicher Souveränität: Die Sowjetzeit wurde nun ausschließlich als Gewalterfahrung und unter dem negativen Vorzeichen der illegitimen Okkupation gedeutet.

Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt vom 23. August 1939, dessen geheime Zusatzprotokolle in Litauen bereits 1988 veröffentlicht worden waren, avancierte zum negativen Gründungsmythos, die entschiedene Betonung seines unrechtmäßigen Charakters sollte der Litauischen Sowjetrepublik die ideologische Existenzgrundlage entziehen. Die Protestplakate mit dem Gleichheitszeichen zwischen Sowjetstern und Hakenkreuz sollten dies in einer aufsehenerregenden, ja provozierenden Form zum Ausdruck bringen – derart gestaltet, offerierten sie die Deutung des Sowjetsystems als totalitär, verbrecherisch, menschenvernichtend. Es war eine allumfassende Kritik, die sich bis zur Genozidthese zuspitzte.10 In diesem Rahmen bewegt sich der geschichtspolitische Umgang mit der Sowjetepoche in Litauen größtenteils bis heute.

Die anti-sowjetische Symbolpolitik hinterließ auch auf dem Friedhof Antakalnis ihre Spuren. Die Ewige Flamme wurde 1991 gelöscht und seitdem erstmals wieder am 9. Mai 2005, zur Feier des 60. Jahrestages des Sieges, für einen Tag angezündet. Nachdem die litauische Staatsführung ihre Teilnahme an den Feierlichkeiten zu »60 Jahre Kriegsende« in Moskau abgesagt hatte, besuchte sie stattdessen die Kriegsgedenkstätten in Litauen – neben Antakalnis auch die Gedenkstätte des verbrannten Dorfes Pirčiupis sowie die Holocaust-Gedenkstätte Ponary. Zu den Paradoxien der aktuellen symbolischen Handlungen der politischen Elite gehört allerdings, dass neben dem Ehrenmal für die Sowjetsoldaten, im Rahmen derselben offiziellen Zeremonie der antisowjetischen Aufständischen gedacht wurde. So besuchte der Sprecher des Sejmas, Arturas Paulauskas, das Grab der »Märtyrer des 23. Juni«, jener Litauer also, die am ersten Tag des Krieges gegen die zurückweichende Rote Armee eine bewaffnete Rebellion anstifteten: Prekär an diesem erinnerungspolitischen Statement war, dass der Aufstand am ersten Kriegstag zugleich den Beginn der anti-jüdischen Pogrome markierte.

Die während spontaner Aktionen gestürzten Denkmäler für Kommunisten und Sowjetsoldaten wurden bis in die Nullerjahre auf den Höfen und in Depots von Museen, Kunstakademien und Stadtverwaltungen gelagert, bis sie von dem findigen Geschäftsmann Viliumas Malinauskas, dem Gründer des Freilichtmuseums des Kommunismus »Gruto Parkas«, aufgekauft wurden. Die Ära des Kommunismus wird in seinem Museum, ähnlich wie im ungarischen Szobor-Park, auf eine groteske – mit einer Prise Nostalgie gewürzte –, aber auch etwas abschreckende Art und Weise dargestellt. Die Denkmäler aus der Sowjetzeit sind Exponate, Erinnerungsobjekte und Zeitzeugnisse. Sie können aber auch als »Insassen« dieses Panoptikums gesehen werden: »Grutas« ist wie ein GULAG-Lager gestaltet, mit Viehwaggons, Stacheldraht und Wachtürmen. Im Rahmen der Enteignung und Darstellung der sowjetischen Vergangenheit als einer »fremden« Geschichte, wird auch der Zweite Weltkrieg durch eine sarkastisch anmutende Inszenierung in »Grutas« »entsorgt«.

Auch Kriegsdenkmäler finden im Park ihren Platz. Neben den Skulpturen für die »Helden der Sowjetunion« findet man hier sogar Grabplatten von sowjetischen Militärfriedhöfen, was bei der Botschaft der Russländischen Föderation häufig für Aufregung und offensive Kritik sorgt.

Symptomatisch und zeittypisch für die Umkehr des Bildes von »Helden« zu »Tätern«, in Bezug auf die litauischen Soldaten in der Sowjetarmee, ist folgende Meinung aus der litauischen Presse von 1993: »Und wo ist die historische Beschreibung der beschämenden 16. Litauischen Division, die, bestehend aus 5000 Juden und 300 Litauern [die Hervorhebung der jüdischen Nationalität scheint für den Kontext wichtig zu sein!], während des Zweiten Weltkrieges auf ihrem Weg nach Berlin vergewaltigt, gefoltert, vernichtet und gar die Toten entehrt haben? Zu hören ist, dass sie nun schamlos die Anerkennung ihres militärischen Ruhmes fordert [...]. Und zur gleichen Zeit ist uns doch allen bekannt, dass [während der NS-Besatzung] lediglich die Kommunisten erschossen wurden, weil diese unmittelbar davor in die gleichen Erdgruben die Leichen der Litauer gestapelt hatten.«11

Dieses Zitat spiegelt in seiner Radikalität die wichtigsten Tendenzen im Umgang mit den Kriegsteilnehmern auf der sowjetischen Seite wider: Zum einen hebt die Autorin die Zeit 1944/45 hervor und entwirft ein ausschließlich negatives Bild derselben, indem sie ausschließlich die Verbrechen der Sowjetsoldaten thematisiert; zum anderen erwähnt sie ausdrücklich den »jüdischen« Charakter der Division und betont, dass die Litauer in der Minderheit waren; des Weiteren unterstreicht sie, dass die Forderungen nach öffentlicher Anerkennung in der neuen litauischen Gesellschaft nicht haltbar sind; und schließlich stellt sie die Behauptung auf, dass die (vereinzelte) Mittäterschaft von Litauern an NS-Verbrechen als Revanche für den »sowjetischen Genozid« davor gewertet werden kann. Die Gleichsetzung von Juden mit Kommunisten kommt hier gleichermaßen suggestiv zum Ausdruck.

Erinnerungskollektive und Gedenkpraktiken im heutigen Litauen

Die noch lebenden Veteranen der 16. Litauischen Division der Sowjetarmee, unter ihnen Litauer jüdischer und nicht-jüdischer Herkunft, müssen sich heute stark gegen ihre Stigmatisierung als »Helfer der Okkupanten« wehren, aber auch dagegen, dass sie nach der neuen gesetzlichen Regelung in die Kategorie der »Opfer der totalitären Systeme« eingeordnet wurden. Die politische Vorsicht spiegelt sich auch in der Änderung des Namens des Veteranenvereins im Jahr 1993 wider, seitdem trägt er als Bezeichnung den etwas sperrigen offiziellen Titel »Verein der in Litauen lebenden Teilnehmer des Zweiten Weltkrieges, die an der Seite der Anti-Hitler-Koalition gekämpft haben«. So wird versucht, die nun zur counter memory gewordene Erinnerung an den globalen Diskurs des Weltkriegsgedenkens anschlussfähig zu machen und ihn dadurch positiv zu normieren.

Dank des Erinnerungskollektivs der Veteranen der Anti-Hitler-Koalition – heute zählen ca. 600 in ganz Litauen dazu – ist der sowjetische Soldatenfriedhof und das Ehrenmal Antakalnis immer noch ein »lebendiger«, an menschliche Erinnerung angebundener Erinnerungsort. Den heutigen, staatlich geförderten erinnerungspolitischen Diskurs, in welchem die 16. Division keinen Platz auf den Seiten der Lehrbücher findet und der 9. Mai oft als erinnerungsunwürdiger Tag gilt, nehmen sie mit Verbitterung als Marginalisierung ihres Lebensweges wahr, in welchem sie sich selbst als »Bekämpfer des Faschismus« sehen. Es ist die Botschaft der Russischen Föderation, die ihre Interessen vertritt und den Erinnerungsdiskurs fördert: Vor allem seit 2005 kümmert sie sich um den Erhalt sowjetischer Gräber, das Auffinden alter Grabstätten und die Verankerung des Gedenkens an die gefallenen Sowjetsoldaten in Litauen. Damit fühlen sich die litauischen Veteranen des Zweiten Weltkrieges eher den Erinnerungsdiskursen, die in Moskau vertreten werden, als jenen in Vilnius verbunden. Die Gedenkveranstaltungen zum »Tag des Sieges« finden weiterhin auf dem Gelände von Antakalnis statt und werden von den Veteranen und der russisch-sprachigen Minderheit mitgetragen.

Die national-konservativen politischen Eliten Litauens möchten das historische Selbstbild der eigenen Nation als eines der vielen Bloodlands zwischen Hitler und Stalin (Timothy Snyder) verankert sehen. Diese Selbstviktimisierungs-Strategie dominiert bis heute, ist jedoch durch die Hierarchie und Konkurrenz der Opfergruppen geprägt. Als die für die Erinnerungs- und Identitätspolitik wichtigste Opfergruppe erscheint dabei die eigene, nationallitauische. Davon zeugt nicht nur der Gedenkkalender, der fast ausschließlich aus Trauertagen zu Ehren der Opfer des »sowjetischen Genozids« besteht, sondern auch die Transformation des Geländes des Friedhofs Antakalnis. Zum zentralen Erinnerungsort und Hauptdenkmal für die offizielle Trauerarbeit auf dem Friedhofsgelände wurde die Figur der Pieta, die aus der christlichen Ikonografie bekannte Mater Dolorosa. Die 1995 entstandene ausdrucksvolle Plastik erinnert an die Opfer der Januarereignisse 1991: Bei der Zuspitzung der Konflikte zwischen Moskau und Vilnius stürmten am 13. Januar 1991 sowjetische Spezialtruppen den Fernsehturm. Während der Zusammenstöße – Panzer gegen Menschenkette – kamen 14 Litauer ums Leben. Ihre Gräber mit der Pieta bilden nun den symbolischen und inhaltlichen Mittelpunkt des Gedenkfriedhofs Antakalnis. Dass ihr Tod nicht sinnlos war, bringt die Grabtafel mit der Inschrift »Gefallen für die Unabhängigkeit« zum Ausdruck. Der Friedhof Antakalnis erscheint somit umso mehr aus dem Kontext des Zweiten Weltkrieges herausgelöst und ist in seiner erinnerungspolitischen Funktion nunmehr ein Ort des Gedenkens an die litauischen Opfer. Gegenwärtig finden an dem Pieta-Mahnmal Gedenkzeremonien an allen offiziellen litauischen Gedenk- und Trauertagen statt.

Die Gedächtnislandschaft Litauens ist durch einen hohen Grad an disparaten Erinnerungsdiskursen gekennzeichnet: Neben den bereits aufgeführten litauischen und russischen Vergangenheitsbildern finden sich auch jüdische, polnische und weißrussische. Sie agieren parallel, aber auch zum Teil gegeneinander, ihnen gemeinsam ist dennoch die Konzentration auf die Kriegserinnerung. Für die jüdische Gemeinde Litauens ist es die Erinnerung an den Holocaust auf litauischem Boden. Die Gedenkzeremonien finden an den entsprechenden Gedenkstätten statt und zeichnen sich durch die Internationalität der Teilnehmer aus (Besuchergruppen v.a. aus dem westlichen Europa, Israel und den USA). Die jüdische Erinnerungspraxis wird gegenwärtig durch transnationale Akteure und Netzwerke sowie durch die »globale Erinnerungskultur« an den Holocaust (Levy/Sznaider) gestützt und gefördert. Die wichtigsten Gedenkstätten wie Ponary und das IX. Fort Kaunas werden an den nationalstaatlichen Gedenktagen des Holocaust wie dem 23. September und den internationalen Gedenktagen, wie dem 27. Januar, aber auch an den europäischen Tagen des Weltkriegsgedenkens, wie dem 8. Mai, durch offizielle Delegationen besucht. Dass es gerade die Gedenkstätten für jüdische Opfer sind, die als Austragungsorte für die offiziell-staatlichen Zeremonien am 8. Mai fungieren, kann als Beleg dafür gelten, dass der Zweite Weltkrieg auf staatlicher Ebene gegenwärtig vor allem im Kontext des Holocaust-Gedenkens thematisiert wird.

Schlussbemerkung

Die Tatsache, dass in Litauen zwischen 1941 und 1944 ca. 220 000 Menschen und somit 95 Prozent der Bevölkerung jüdischer Herkunft ermordet worden sind, ist überwältigend, schmerzhaft und wird als »Schandfleck« in der Biografie der Opfer totalitärer Systeme betrachtet. Die Frage, inwieweit die Erforschung und die Erinnerung an den Holocaust als contemporary European entry ticket (Tony Judt) [ftnref]12[/ftnref] in die EU gesehen werden kann, ist sicherlich zugespitzt, kann jedoch angesichts aktueller Debatten problematisiert werden. Die größte Konkurrenz der Erinnerungsdiskurse sowie die Frage nach den »eigenen« und »fremden« bzw. »mehr« oder »minder wichtigen« Opfern wird gegenwärtig zwischen den jüdischen und den nationallitauischen Erinnerungskollektiven ausgetragen. Nicht zuletzt flammen diese Debatten gerade an den Jahrestagen, die unmittelbar mit dem Anfang und dem Ende des Großen Vaterländischen Krieges in Verbindung stehen, auf, wenn Menschen unterschiedlicher Generationen zum Friedhof Antakalnis ziehen: die einen, weil die Kriegserinnerung ein Teil ihrer eigenen Biografie ist (Veteranen), die anderen, um sich zur Erinnerungsgemeinschaft der Sieger oder zu ihrer Sympathie zu Russland zu bekennen (russischsprachige Minderheit), und wieder andere, weil der Krieg einen Teil ihres sozialen Gedächtnisses ausmacht, indem er mit dem eigenen Leid und der Angst vor Vernichtung in Zusammenhang gebracht wird (jüdische Überlebende und deren Nachkommen).

Am Beispiel der Kriegserinnerung und des Kriegsgedenkens und deren Widerspiegelung in der Gestaltung mehrschichtiger Erinnerungsorte wird deutlich, dass die Jan Assmann’sche analytische Kategorie des kollektiven Gedächtnisses nur begrenzt angewendet werden kann. Die litauische Erinnerungslandschaft ist nur ein Beispiel der erinnerungskulturellen Vielfalt in Europa, in der die nationalethnischen Gruppen jeweils »eigene« Gedächtnisse haben und nach ihrer materiellen Manifestierung streben. Aufschlussreich erscheint somit die analytische Differenzierung der Gedächtnisse sozialer Gruppen, die mit-, neben- oder gegeneinander agieren – wie man es am Gedenkfriedhof Antakalnis beobachten kann.


1 Alexander Astrov: The Return of History or Technocratic Administration? The Effects of Depolitization in Estonian-Russian Relations, in: Eiki Berg/Piret Ehin (Hg.): Identity and Foreign Policy. Baltic-Russian Relations and European Integration, Ashgate 2009, S. 85–100, hier S. 97.

2 Siehe Pierre Nora: Zwischen Geschichte und Gedächtnis, Berlin 1990, S. 17; zur Argumentation Denkmal als »Nobilitierungsgeste« siehe Gert Mattenklott: Denkmal, in: Daidalos 49 (1993), S. 27–29 sowie Reinhart Koselleck: Zur politischen Ikonologie des gewaltsamen Todes, Basel 1998; ders.: Einleitung, in: ders./Michael Jeismann (Hg.): Der Politische Totenkult. Kriegerdenkmale in der Moderne, München 1994, S. 9–20. Zur politischen Kunst an öffentlichen Denkmälern siehe Sergiusz Michalski: Public Monuments, London 1998.

3 Sovetskoe iskusstvo vom 25. September 1941, S. 1.

4 Pravda vom 10. Juli 1944.

5 Siehe Bericht des Lektors zum Zustand der politischen Aufklärung im Gebiet von Kaunas an das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Litauens, Lietuvos ypatingasis archyvas/Litauisches Spezialarchiv, LYA, 1771 – 147 – 12, S. 29–31 von 1953. Bemängelt wird die mäßige Qualität der politischen Aufklärungsarbeit, der Unwillen der lokalen Kader zur Durchführung der Lesungen sowie das Desinteresse der Bevölkerung.

6 Das Mahnmal für die Opfer des KZ Salaspils (Lettland) und die Gedenkstätte zu Erinnerung an die Opfer des verbrannten Dorfes Chatyn (Weissrussland) entstanden 1967 bzw. 1969.

7 Diese Massengräber sind Hauptbestandteil des auf einer Fläche von zwei Hektar verteilten Gedenkareals, das von den sowjetrussischen Architekten Lew Kasarinski und Anatoli Kolosow entworfen wurde. Historische Informationen zur Gestaltung des sowjetischen Ehrenfriedhofs siehe Antakalskij Memorial’nyj Ansambl’, in: Pribaltijskie Russkie: Istorija v pamjatnikach kul’tury 1710–2010 [Antakalniser Gedenkensemble, in: Baltische Russen: Geschichte in Kulturdenkmälern 1710–2010], Riga 2010, S. 639–641 und Lietuva Atsimena [Litauen erinnert sich], Vilnius 2010, S. 12–39.

8 Laut dem litauischen Schriftsteller Tomas Venclova kann das Gesamtareal von Antakalnis als eine Art Pantheon der litauischen Nation gesehen werden. Siehe Tomas Venclova: Vilnius. Eine Stadt in Europa, Frankfurt a.M. 2006.

9 Zum Symbol der Ewigen Flamme im Rahmen des sowjetischen Kriegsgedenkens siehe Ekaterina Makhotina: Symbole der Macht, Orte der Trauer: Die Entwicklung der rituellen und symbolischen Ausgestaltung von Ehrenmalen des Zweiten Weltkriegs in Russland, in: Monika Heineman u.a. (Hg.): Medien zwischen Fiction-Making und Realitätsanspruch. Konstruktion historischer Erinnerungen, München 2011, S. 279–306, hier S. 293–295.

10 Siehe Dovilé Budryté: »›We Call it Genocide‹: Soviet Deportations and Repressions in the Memory of Lithuanians«, in: Robert Seitz Frey (Hg.): The Genocidal Temptation: Auschwitz, Hiroshima, Rwanda, and Beyond, New York 2004, S. 79–101.

11 Elena Lomsargiene, in: Voruta vom 7.–13. Oktober 1993, Nr. 138, S. 1.

[ftntext]Tony Judt: From the House of the Dead. An Essay on Modern European Memory, in: ders.: Postwar. A History of Europe Since 1945, New York 2005, S. 803–831, Zitat S. 803.[/ftntext]

Inhalt – JHK 2013

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