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Editorial

JHK 2013 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite VII-VIII | Aufbau Verlag

Editorial

»Die revolutionären Umbrüche in Mittel-, Ost- und Südosteuropa 1989/90 und der durch sie eingeleitete Kollaps der kommunistischen Regime im Herrschaftsbereich der ehemaligen Sowjetunion markieren nach 1917 und 1945 eine der weltpolitisch und historisch wichtigsten Zäsuren des 20. Jahrhunderts. Dies gibt besonderen Anlass, einen kritischen Blick auf die Vergangenheit kommunistischer Herrschaft und ihre Hauptträgerinnen, die ›Parteien neuen Typs‹, zu werfen. […] Nun ist eine gründliche, quellengestützte Aufarbeitung der zahlreichen Forschungsfelder eine Aufgabe, die weder von Sachkundigen eines Landes noch etwa gar eines einzelnen Instituts geleistet werden kann. Nur die planvolle internationale Zusammenarbeit und der regelmäßige Meinungsaustausch einer möglichst großen Zahl von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern lässt Erfolge erwarten. Der jetzt erstmals vorgelegte Band des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung soll hierzu einen Beitrag leisten. Es versteht sich als ein regelmäßiges Forum, auf dem aktuelle Erträge der Forschung und Dokumente präsentiert, neu erschlossene Archivbestände und Projekte bekanntgemacht, Forschungskontroversen ausgetragen und Neuerscheinungen kritisch gewürdigt werden können.« So haben die Herausgeber der ersten Ausgabe des JHK vor nunmehr 20 Jahren den Anspruch ihres Jahrbuchs formuliert, der bis heute Gültigkeit besitzt. Tatsächlich hat sich das Jahrbuch seitdem zu der deutschsprachigen Plattform der internationalen Forschergemeinschaft entwickelt, die sich mit der Geschichte des Kommunismus in all seinen Erscheinungsformen beschäftigt. Rund 370 Autorinnen und Autoren haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten ihre Arbeiten im Jahrbuch veröffentlicht. Es wurde – zunächst im Akademie Verlag, seit 2001 unter dem Dach des Aufbau Verlags in Berlin – zu einem angesehenen Publikationsort. 2004 übernahm die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur die Redaktion des Jahrbuchs. Sein Inhalt wird allein von den Herausgebern verantwortet, die sich der Expertise namhafter internationaler Beiräte erfreuen. Seit 2001 informiert außerdem der International Newsletter of Communist Studies im Jahrbuch über Konferenzen, neu erschlossene Archivbestände, einschlägige Publikationen und Webressourcen. Wer sich mit der Geschichte des Kommunismus beschäftigt, kommt am JHK nicht vorbei.

Die aktuelle Ausgabe spiegelt die inhaltliche Breite der Fragestellungen und Forschungsinteressen. Der Band vereint gleichermaßen Studien zum vorrevolutionären Russland wie zum Charisma, das die Komintern in ihren Anfängen entfaltete oder zur Starnberger Kommune, die während der Bayerischen Räterepublik nur einige Wochen währte. Die Themen reichen von der Kollektivierung der weißrussischen Landwirtschaft über Edvard Beneš und die Sowjetisierung der Tschechoslowakei bis zu finnischen Bemühungen, 1953 ein neutrales Skandinavien zu schaffen. Erscheinungsformen des Kommunismus in Frankreich, konkret die Konversionen vom Linksradikalismus zum Judentum, sowie antikommunistische Untergrundarbeit in Dänemark weiten den Blick westwärts des Eisernen Vorhangs. Mit einem Beitrag zum DDR-Volksaufstand vom 17. Juni 1953 widmet das Jahrbuch einem Ereignis Aufmerksamkeit, das vor 60 Jahren Deutschland und die Welt erschütterte.

Fünf Beiträge gehen der Frage nach, aus welchen Motiven sich Forscher mit der Geschichte des Kommunismus in Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich und Dänemark befasst haben. Die Studien verdeutlichen, dass die Kommunismusforschung im 20. Jahrhundert vor allem von zwei Gruppen geprägt wurde: zum einen von Wissenschaftlern, die sich einst selbst als Teil der Bewegung verstanden hatten, aber mit ihr brachen, zum anderen von Autoren, die kommunistischen Parteien angehörten oder nahestanden und, wenngleich auch mit unterschiedlicher Intensität, parteiliche Geschichtsschreibung betrieben. Die Beiträge laden dazu ein, im Rahmen der historischen Kommunismusforschung weitere biografische Studien zu unternehmen.

Einen weiteren Schwerpunkt des Jahrbuchs bilden drei Texte zum Umgang mit sowjetischen Ehrenmalen in Litauen, Estland, Bulgarien, Österreich und Deutschland vor und nach 1990, die als steinerne Relikte der Vergangenheit vor allem in den baltischen Staaten Anlass für heftige gesellschaftliche Konflikte sind.

Die Herausgeber freuen sich, dass unter den 19 Beiträgen der aktuellen Ausgabe auch ein Beitrag des Begründers des Jahrbuchs, Hermann Weber, zu finden ist, der in diesem Jahr seinen 85. Geburtstag feiert. Der Nestor der historischen Kommunismusforschung rekapituliert die Geschichte der Zeitschrift »Der dritte Weg«, die in den Jahren 1959 bis 1964 in Westdeutschland erschienen ist. Zu ihren Autoren zählten neben Hermann Weber auch Heinz Lippmann, Wolfgang Leonhard, Gerhard Zwerenz und Jo Schölmerich, allesamt ehemalige Kommunisten, die mit dem Stalinismus gebrochen hatten. Sie wollten mit der Zeitschrift den Einfluss des SED-Regimes schmälern und bedienten sich – ohne dass dies allen Autoren bewusst war – der finanziellen Unterstützung durch den westdeutschen Verfassungsschutz.

Wie geht es weiter? Die Ausgabe 2014 des JHK wird u. a. der Erinnerung an den Kommunismus seit der Überwindung seiner Diktaturen in Europa gewidmet sein; ein Thema, das bereits im aktuellen Jahrbuch im »Forum« aufgegriffen wird. Das JHK 2015 soll die Rolle der Frauen in den kommunistischen und linkssozialistischen Bewegungen sowie in den kommunistischen Diktaturen in den Blick nehmen, ein Thema, das mehr Aufmerksamkeit als bisher verdient.

Mit Wehmut und Respekt gedenken die Herausgber des Jahrbuchs ihrem Mitherausgeber Horst Dähn, der im vergangenen Jahr im Alter von 71 Jahren verstorbenen ist. Ein Nachruf an anderer Stelle im Jahrbuch soll an ihn erinnern. Sie danken der Mannheimer Hermann-Weber-Stiftung sowie der Gerda-und-Hermann-Weber-Stiftung in Berlin für die Projektförderung sowie dem Bundessprachenamt für die Übersetzung einiger fremdsprachiger Beiträge. Ohne die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur hätte die aufwändige Redaktion der Beiträge nicht erfolgen können, die Birte Meyer wie stets versiert übernommen hat. Ebenso gilt der Dank der Herausgeber dem Aufbau Verlag und dort namentlich Maria Matschuk. Möge die aktuelle Ausgabe viele aufmerksame Leserinnen und Leser finden!

Berlin im Februar 2013 Die Herausgeber

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