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JHK 2014

Inhaltsverzeichnis

JHK 2014

Vier Möglichkeiten, die Geschichte der DKP zu erzählen: Politische Erinnerungen ehemaliger DKP-Funktionäre

Knud Andresen

Die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) war nach ihrer Gründung im September 1968 in Westdeutschland ein wichtiger Bestandteil des linken Milieus der alten Bundesrepublik. Organisiert von Mitgliedern der illegalen KPD,1 gewann sie viele Mitglieder vor allem aus der zerfallenden Außerparlamentarischen Opposition (APO). Zu ihren besten Zeiten waren rund 40 000 Parteimitglieder in der DKP aktiv.2 Die Partei kann als eine spezifische Ausprägung des linken Milieus der alten Bundesrepublik betrachtet werden, indem sie den orthodoxen Marxismus und das Erbe der KPD vertrat. Trotz parlamentarischer Bedeutungslosigkeit war die DKP nicht ohne Einfluss. Zwar erreichte sie bei Bundestagswahlen niemals mehr als 0,3 Prozent der Stimmen und gewann nur einige kommunale Mandate. Aber an den Universitäten fanden die DKP bzw. ihr Marxistischer Studentenbund (MSB-Spartakus) in den Siebzigerjahren regen Zuspruch. Das Gleiche galt für den Jugendverband Sozialistische Deutsche Arbeiter-Jugend (SDAJ), der sich erfolgreich in der Jugendarbeit engagierte. Für linke Intellektuelle war die DKP in ihren Anfangsjahren durchaus attraktiv.3 Als problematisch erwies sich allerdings die politische Fixierung auf die DDR und die Sowjetunion. Zwar ermöglichte der ressourcenträchtige, aus der DDR finanzierte Apparat mit bis zu 800 Hauptamtlichen eine hohe Kampagnenfähigkeit. Aber mit der dogmatischen Verteidigung der DDR verlor die DKP an Anziehungskraft in den linken Milieus. Sei es die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 oder die eigentümliche Argumentation, Atomkraftwerke seien in sozialistischen Ländern sicher – gegenüber den Neuen Sozialen Bewegungen war die DKP gewissermaßen hilflos. Dies änderte sich mit der Friedensbewegung Anfang der Achtzigerjahre nur scheinbar. Zwar konnte die DKP den Minimalkonsens der Verhinderung des NATO-Doppelbeschlusses durchsetzen und Kritik an sowjetischer Rüstung als »Antikommunismus« teilweise stigmatisieren. Nicht wenigen erschien daher die Friedensbewegung als größter politischer Erfolg der kleinen Partei.4 Der Einfluss der DKP in der Friedensbewegung, verbunden mit vielen Kontakten zu Nicht-Kommunisten, führte langfristig aber zu einer Destabilisierung der Partei. Für Georg Fülberth, als Politikprofessor in Marburg einer der intellektuellen Aushängeschilder der DKP, markierte die Friedensbewegung eher den Niedergang der DKP, da die Parteimitglieder in offenen Diskussionen neue intellektuelle Anregungen erhielten.5 Dadurch wuchs eine kritische Strömung in der Partei, die sich nach dem Parteitag 1986, als es unter dem Eindruck des Reaktorunglücks in Tschernobyl zu bisher ungewohnten Auseinandersetzungen kam, als »Erneuerer-Strömung« zu sammeln begann und sich 1989 organisierte. Damit kündigte sie das leninistische Fraktionsverbot in einer kommunistischen Partei auf. Ein wichtiger Impuls waren auch die im Zuge der Perestroika aufkommenden Diskussionen um stalinistische Verbrechen, die in der Partei lange Zeit als Propaganda abgetan wurden. Zwar behielten die dogmatischen Traditionalisten, meist als »Bewahrer« bezeichnet, die Mehrheit in den Gremien der Partei, aber Mitte 1989, als die Erneuerer verloren hatten, befand sich die DKP faktisch in der Auflösung. Der Todesstoß kam mit dem Zusammenbruch der DDR und den ausbleibenden finanziellen Transfers. Das Parteiimperium mit eigenen Druckereien, Buchhandlungen, Parteischulen und dem hauptamtlichen Parteiapparat zerfiel; übrig blieb ein Rest von rund zehn Prozent der früheren Mitglieder, häufig aus traditionell kommunistisch eingestellten Familien stammend. Die Begründung für ihren Fortbestand war, dass eine revolutionäre und marxistische Perspektive aus Prinzip aufrechtzuhalten sei.6 Historiografisch ist es ruhig um die Partei geblieben. Dies ist in zweierlei Hinsicht auffällig: zum einen, weil die DKP über Jahrzehnte zum prominentesten Beobachtungsobjekt des westdeutschen Verfassungsschutzes gehörte,7 und zum anderen, weil sie als »Interventionsapparat« der SED in der Bundesrepublik auch im breiten Strom der DDR-Forschung zu finden ist.8 Über die KPD gibt es Studien, die nach dem Parteimilieu fragen.9 Für die DKP ist diese Perspektive bisher kaum aufgegriffen worden, es dominieren politisch-ideologische Auseinandersetzungen. Aber dies ist nur eine Facette der DKP-Geschichte, denn sie ist auch eine der Nachfolgeparteien von 1968. Im Streit um die Folgen der Achtundsechziger-Bewegung hat die Neue Linke in ihren vielen Spielarten von K-Gruppen, Spontis und Alternativen inzwischen in der bundesdeutschen Erinnerungskultur ihren Platz gefunden. Dazu hat auch der Aufstieg der Partei Die Grünen beigetragen, die als mehr oder weniger legitime Erbin der Achtundsechziger-Bewegung gilt.10 Einen wichtigen Beitrag zu dieser Wahrnehmung hat Gerd Koenen mit seinem Buch Das rote Jahrzehnt geleistet. Hier findet die DKP ihren Platz als Teil der linken Gegenkulturen.11 Koenen hat sein Panorama der Linken als Familiengeschichte erzählt. Darin spiegelt sich auch seine eigene Biografie als Funktionär des Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW) wider: In seinem Großessay greift er durchaus auf Wahrnehmungsmuster der Siebzigerjahre zurück. Biografische Rückblicke von Mitgliedern ehemaliger K-Gruppen oder deren Umfeld sind allerdings eher selten. Teilweise fließen sie, wie bei Koenen, in historische Darstellungen ein,12 teilweise finden sich Beschreibungen der Siebzigerjahre in biografischen Erzählungen von Angehörigen der Achtundsechziger-Bewegung.13 Die meisten Rückblicke stammen von ehemaligen Anhängern terroristischer Gruppen wie der Bewegung 2. Juni oder der Roten Armee Fraktion, die vor allem als Rechtfertigungsschriften angelegt und häufig in Interviewform erfasst sind.14 In einem instruktiven Band sprechen 16 ehemalige Bremer Schülerinnen und Schüler, die zwischen 1950 und 1955 geboren sind, über ihre politische und persönliche Entwicklung. Diese Erzählgemeinschaft hatte sich auf einem gemeinsamen Treffen 2006 konstituiert. Neun der Beteiligten waren in der DKP oder dem MSB. Im gemeinsamen Sprechen über vergangene Zeiten wird die ehemalige Parteimitgliedschaft zu einer möglichen von mehreren Varianten, die ehemalige Achtundsechziger gewissermaßen wählen konnten. Doch am Ende überwiegen die gemeinsamen Erfahrungen.15 Dennoch gehört das Bekenntnis zu einer DKP-Vergangenheit zu den weniger verbreiteten biografischen Statements in bundesdeutschen Medien. Eine politische Scham über die Apologie der DDR scheint zu bewirken, dass ehemalige DKP-Mitglieder mit weniger Selbstbewusstsein als andere Neue Linke über ihre politische Vergangenheit erzählen. Autobiografien als Quelle Über die politische Bedeutung(slosigkeit) der DKP sind wir durch die Forschung zwar nicht erschöpfend, jedoch in Grundzügen gut informiert. Aber wie berichten ehemalige DKP-Funktionäre von ihrer Zugehörigkeit? Und wem erzählen sie ihre Lebensgeschichte? Im Sinne einer akteurszentrierten Sicht auf Politikgeschichte sind subjektive Zeugnisse eine hilfreiche Quelle. Warum entschieden sich nach 1968 junge Westdeutsche für die DKP? Was faszinierte sie, und was hielt sie viele Jahre in der Partei? Es gibt autobiografische Schriften, in denen ehemalige Funktionäre über ihre Entwicklung zum orthodoxen Kommunisten berichten. Die sechs hier besprochenen Werke sind zwischen 2000 und 2011 erschienen, bis auf zwei in kleineren linken Verlagen. Sie stammen – mit einer Ausnahme – von ehemaligen hauptamtlichen Funktionären. Die Autoren sind ausschließlich Männer, was insofern überrascht, da der Anteil von Frauen, auch in leitenden Funktionen, in der DKP hoch war.16 Autobiografische Rückblicke von weiblichen DKP-Mitgliedern sind bei den Recherchen aber nicht bekannt geworden. Die untersuchten Bücher sind keine Autobiografien im klassischen Sinn des Genres, sondern eher politische Erinnerungen mit biografischen Elementen. Vier Erzählstrategien werden darin deutlich: Die überindividuelle Erinnerung an die Partei als Lebensinhalt bei Herbert Mies und Richard Kumpf, zwei Funktionären der FDJ-Generation der DKP. Die schambesetzte Form der Erzählung bei Wilfried Reckert, die Einblicke in das Parteimilieu ermöglichende Erzählung bei Harald Werner und dem einzigen Nicht-Funktionär Richard David Precht und schließlich die Geschichte der DKP als Coming-of-Age-Erzählung bei Adrian Geiges. Bevor die einzelnen Werke genauer untersucht werden, noch einige Bemerkungen zu Autobiografien als historische Quelle. Sie sind nicht auf Wahrheitstreue hin zu lesen, denn Autobiografien zeichnet aus, dass sie Produkte der Schreibzeit sind, deren Quellenwert für die jeweils beschriebene Zeit prinzipiell kritisch einzuschätzen ist.17 Die gegenwärtige Erzählsituation prägt Darstellungen und Deutungen. Darin sind Erfahrungen im Sinne von gedeuteten Erlebnissen zwar »aufgeschichtet«, unterliegen aber auch beständigen Anpassungsprozessen.18 Autobiografien sind narrative Sinnkonstruktionen, die auch darüber Auskunft geben, was der Verfasser für sagbar hält. Unter Anpassungsprozess ist zu verstehen, dass vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Lebenssituation geschrieben wird, genauso wie vor einer gedeuteten politischen und gesellschaftlichen Situation. Bei Autobiografien ehemaliger Kommunisten in der alten Bundesrepublik sind zwei wichtige Merkmale beobachtet worden: Die sogenannte Renegatenliteratur unterscheidet zwischen zwei Gruppen von Adressaten. Zum einen wurde den ehemaligen Genossen versucht zu erklären, warum man nicht mehr in der Partei sei; zum anderen den Lesern in der Bundesrepublik, bei denen man um Verständnis warb, warum man überhaupt Kommunist geworden sei.19 Ein zweites, wichtiges Element war die Aufrechterhaltung der eigenen Identität gegenüber der Partei.20 Konflikte oder die Kindheit hatten die Funktion, »eine Geschichte der eigenen Individualität zu konstituieren, die über die Bindung der Partei hinausgeht und diese überwindet«.21 Für die hier behandelten Autobiografien trifft das erste Merkmal nur noch eingeschränkt zu. Nach dem Zusammenbruch der DDR fehlte die übermächtige Partei, gegenüber der sich die Autoren zu rechtfertigen gehabt hätten. In den Vordergrund rückte vielmehr, die eigene kommunistische Vergangenheit einem Publikum zu erklären, das sich immer weniger deren Bedeutung bewusst war. Bei allen Autoren spielt die eigene Individualität neben der Partei eine wichtige Rolle. Während die älteren Funktionäre Mies und Kumpf sich immer noch an die Partei klammern, entheben sich die jüngeren Funktionäre jeglicher Pathosformeln. Sie verfassen Selbstverständigungsschriften, in denen auch ein eigenes Erstaunen über die frühere Arbeit zum Ausdruck kommt. Überindividuelle Erinnerungen und die Partei als Lebensinhalt: Herbert Mies und Richard Kumpf Als Herbert Mies, Parteivorsitzender der DKP von 1973 bis 1990, 2009 seine Autobiografie veröffentlichte, waren die wenigen Rezensenten sich einig, dass er die »Parteibrille« nicht abgelegt habe.22 1929 in Mannheim geboren, war er nach dem Krieg Mitglied der KPD und der FDJ geworden. Von 1947 bis 1949 auf der Parteihochschule Karl Marx in der SBZ ausgebildet, wurde er Mitglied im Zentralbüro der westdeutschen FDJ und schließlich Vorsitzender der bereits 1951 in der Bundesrepublik verbotenen Organisation. Er siedelte in die DDR um und studierte von 1956 bis 1959 in Moskau. Seit 1954 Mitglied im Zentralkomitee der KPD, war Mies ab 1963 Kandidat und Sekretär des Politbüros der KPD und 1968 als leitender Funktionär an den Gründungen von SDAJ und DKP maßgeblich beteiligt. Zuerst als stellvertretender, ab 1973 dann als Vorsitzender prägte er die Politik der DKP. Bis heute hält Mies an der unverbrüchlichen Treue zur Sowjetunion fest. Deren Verschwinden lässt ihn aber nicht allein zurück. Zwar betont er, wie auch Egon Krenz, der das Vorwort zu Mies’ Autobiografie verfasste, dass die Beschäftigung mit der Vergangenheit nachfolgenden Generationen Anregungen geben soll.23 Aber vor allem hat Mies wohl für die wenigen noch verbliebenen orthodoxen Kommunisten im Land geschrieben. Dreh- und Angelpunkt von Mies’ Autobiografie Mit einem Ziel vor Augen (Verlag am Park in der edition ost) ist der Zusammenbruch der DDR 1989: Während die DKP ebenso wie die DDR auseinanderfielen, erlitt Mies Weihnachten 1989 einen Herzinfarkt. Mit dieser Parallelisierung von persönlichem und politischem Infarkt leitet er einen Abschnitt über sein Leben nach 1990 ein: Mies zog mit seiner Frau von Düsseldorf, dem Sitz des Parteivorstandes der DKP, in seine Geburtsstadt Mannheim. In die Stadt sei er zurückgekehrt, weil ein jeder seine Heimat brauche. Bei der Gelegenheit erwähnt Mies, dass Erich Honeckers Besuch seines Geburtsortes Wiebelskirchen 1987 auf eine Anregung von ihm zurückgegangen sei. Die Anekdote benutzt Mies nicht, um mit seinem Einfluss zu kokettieren. Vielmehr will er damit eine zu gering geachtete Heimatverbundenheit als einen politischen Fehler der DKP kritisieren.24 Die Rückkehr nach Mannheim habe ihn zu seinen Wurzeln geführt. Dieses Motiv greift er auch im letzten Satz des Buches wieder auf: »An der Basis setzte ich mich für meine Ideale ein. Hier wurde ich noch gebraucht.«25 Mies misst bei der Erzählung seiner Lebensgeschichte, die er nach der Einführung chronologisch erzählt, seiner Bindung an die Mannheimer Heimat eine besondere Bedeutung zu. Dadurch bringt er seine politische Arbeit in ein privates Kontinuum. Die Niederlage, die er analysieren möchte, wird durch diese Bindung relativiert, denn Mies beharrt damit auf seiner spezifischen Eigenständigkeit und zugleich auf der Eigenständigkeit der DKP gegenüber der SED. Der von ihm oft bemühte Heimatbegriff hat aber noch eine zweite Funktion: Er ist Metapher für die Partei und für die kommunistische Weltbewegung, und diese politische Heimat ist ihm im religiösen Sinne heilig. Die Passagen, in denen er seine Aktivitäten in der FDJ, KPD und in der Illegalität schildert, nehmen mit über zweihundert Seiten den größten Raum ein. Demgegenüber sind die Beschreibungen seiner Tätigkeiten als Vorsitzender der DKP eher knapp gehalten. Mies vermerkt, dass er zwei Kapitel mit den Überschriften »Streiflichter aus der Arbeit als Parteivorsitzender« und »Reisen in den Sozialismus und internationale Bekanntschaften« auf Empfehlung des Verlages gestrichen habe. Ob darin jedoch mehr als nur Anekdoten enthalten gewesen wären, muss offenbleiben. Mies legt Wert auf seine Verschwiegenheit. Er wolle nur Fakten darlegen, aber keine »Enthüllungen und Diffamierungen«.26 Folgt man seinem Verständnis von Fakten, bleibt er seiner Linie treu. Die finanzielle und politische Abhängigkeit der DKP von der SED bestreitet Mies und reduziert an vielen Stellen seine eigene Rolle: So sei die SDAJ im Mai 1968 auf Initiative Jugendlicher gegründet worden, denen er »beratend« zur Seite gestanden habe.27 Tatsächlich war Mies die operativ treibende Kraft und resümierte in einem Schreiben nach der Gründung, die Linie sei »im Wesentlichen richtig und so, wie von uns konzipiert«.28 Der alte Parteijargon und ein hölzerner Stil prägen seine Darstellung. Sein Erzählhorizont wird von der allmächtigen Partei beschränkt. Das Dilemma der DKP war nach Mies’ Ansicht, dass sie die DDR als den fortschrittlichen Teil Deutschlands ansah, aber die Bundesrepublik ihre Heimat gewesen sei.29 Seine Fiktion von der Eigenständigkeit der DKP unterstreicht Mies anhand einer weiteren Anekdote: Bei einem Besuch in Moskau 1986 habe Erich Honecker das Wort ergriffen und in Anwesenheit von Mies und dem Vorsitzenden der Berliner SEW (Sozialistische Einheitspartei West-Berlins), Horst Schmitt, betont, dass die deutschen Kommunisten mit einer Stimme sprächen und Herbert Mies dem ZK der SED angehören würde. Mies widersprach, und Generalsekretär Gorbačёv habe gelächelt.30 Mies versteht solche Anekdoten als Kritik an der SED. Aber sein eigentliches Erklärungsmuster der Niederlage ist das des Verrats, den er für den Untergang der sozialistischen Länder wie der DKP ausmacht. Der welthistorische Schurke ist dabei Gorbačёv, in den Mies anfänglich Hoffnung setzte, während er ihn heute als Totengräber des Sozialismus sieht. Dieses Denkmuster gilt auch für die innerparteilichen Kämpfe. Die Erneuerer wollten die Partei zerstören, während Mies von sich behauptet, immer auf Ausgleich bedacht gewesen zu sein. Anfang 1989, so behauptet er, habe die DKP die »politische Handlungsfähigkeit« zurückgewonnen – als Belege nennt er Demonstrationen für die 35-Stundenwoche und die anstehenden Ostermärsche –, wenn die Erneuerer nicht alles zerstört hätten.31 Ähnlich wie Mies entwirft Richard Kumpf seine Autobiografie Alarmtauchen im Krieg (Pahl-Rugenstein Verlag), die bereits im Jahr 2000 erschien. Kumpf, der 1922 in Ulm geboren wurde und im Januar 2013 verstorben ist, gehörte wie Mies der FDJ-Generation in der DKP an. Im Zweiten Weltkrieg Soldat bei der Kriegsmarine, trat er 1946 der KPD bei und wurde Kreisvorsitzender der FDJ in Hannover. Kumpf beginnt seinen Rückblick mit »Kindheit und Jugendjahre«. Aus sozial prekären Verhältnissen stammend, prägte ihn der Einfluss seiner Mutter und seines Stiefvaters, die, so Kumpf, NS-Gegner gewesen sind. Sein großer Bildungshunger führt ihn zum Marxismus. Die Vermischung von politischem und privatem Geschehen beschreibt Kumpf anschaulich anhand des Kennenlernens seiner ersten Ehefrau 1949. Er schreibt dabei weniger über seine Ehefrau selbst als vielmehr darüber, dass sie aus einer traditionell kommunistischen Familie stamme. Das Paar heiratet in FDJ-Uniform. Private Begebenheiten erwähnt Kumpf sonst kaum und wenn, sind sie mit politischen Ereignissen vermischt.32 1949 wurde Kumpf Landesvorsitzender der FDJ in Niedersachsen, später Mitglied im Zentralbüro und 1955 – als er bereits in Ost-Berlin lebte – Nachfolger von Herbert Mies als Vorsitzender der FDJ. 1959 – Gründe nennt Kumpf dafür nicht – beendete er die Jugendarbeit und studierte ab 1960 in Moskau. Allerdings bedeutete dies keinen Aufstieg im KPD-Apparat. Er wurde Abteilungsleiter und begann 1966 ein Philosophiestudium, das er 1970 mit einer Promotion abschloss. Während dieser Zeit muss Kumpf den Kontakt zum Führungszirkel der KPD verloren haben. Zumindest behauptet er, sich im Spätsommer 1968 auf einem Kongress in Offenbach für den Aufbau einer sozialistischen Partei ausgesprochen zu haben, bis andere Kader ihn mit der Sprengung des Treffens beauftragt hätten, da die Gründung der DKP vorbereitet werden sollte.33 An anderer Stelle beschreibt Kumpf, dass er bereits im Frühjahr 1968 von der Kaderabteilung gefragt worden sei, welche Funktion er in einer kommunistischen Partei in der Bundesrepublik übernehmen wolle, am Ende aber keine Funktion zugewiesen bekommen habe. Als Grund vermutet er, dass einige Genossen ihn nicht in einer führenden Funktion haben wollten. Dies ist für ihn zugleich ein Beleg, dass der Sozialismus am »menschlichen Faktor« zugrunde gegangen sei, denn Machtspielchen seien »eine der vielen subjektiven Erscheinungen in der Personalpolitik« gewesen.34 1970 erhielt Kumpf den Auftrag, den Vorsitz der in Wuppertal angesiedelten Marx-Engels-Stiftung zu übernehmen. Klaglos zog er mit seiner zweiten Ehefrau und deren Kindern in den Westen. Die Tätigkeit war offenbar eine Art »Abschiebeposten« für Kumpf. Die Passagen über die Marx-Engels-Stiftung sind knapp gegenüber den ausführlich beschriebenen Aktivitäten als FDJ-Kader. Als Höhepunkt nennt Kumpf den Besuch der sowjetischen Kosmonautin Valentina Tereškova 1976 neben dem des Sowjetpolitikers und ehemaligen Partisanengenerals Panteleimon K. Ponomarenko. Den Besuch Ponomarenkos 1981 nimmt Kumpf zum Anlass, seine angebliche Distanz zum Dogmatismus zu skizzieren. Er sei dafür angegriffen worden, dass es kritische Diskussionen über die Sowjetunion gab.35 Solch kleinere Absetzungen gegenüber dem Dogmatismus verteilt Kumpf an mehreren Stellen im Text und offenbart damit zugleich tiefsitzende stalinistische Vorstellungen. Die Verfolgung von KPD-Funktionären wie Kurt Müller 1950 erwähnt Kumpf, um ein »Demokratiedefizit« in der KPD auszumachen, gibt aber einschränkend zu bedenken, dass damals »äußerste Disziplin« erforderlich gewesen sei, um das Überleben der Partei zu sichern, dabei komme es eben zu »Ungerechtigkeiten«. Er bagatellisiert die Verfolgungsschicksale und bekennt seine eigene Hingabe an die Partei.36 Ausgeprägter als Mies verbindet Kumpf seine Erinnerungen mit Relativierungen der DDR. Beide deutschen Staaten versucht er gleichzusetzen. So erwähnt er die Erschießung des FDJ-Mitgliedes Philipp Müller bei einer Demonstration 1952 in Essen, um prinzipielle Unterschiede zwischen der DDR und der Bundesrepublik aufzuzeigen. Müller sei in den Rücken geschossen worden, ein »vorsätzliches Verbrechen«, so Kumpf. Dagegen sei an der DDR-Grenze jedem klar gewesen, dass Schusswaffengebrauch möglich sei, trotzdem seien Grenzsoldaten dafür verurteilt worden. Sein Resümee: »Braucht man noch mehr Unterricht, um den Klassencharakter der beiden deutschen Staaten zu begreifen?«37 Relativierungen und Rechtfertigungen prägen seine Lebensgeschichte. Als treue Parteisoldaten verteidigen Kumpf wie Mies ihre Identität als Kommunisten. Der Zusammenbruch der DDR sei für ihn ein »Schock« gewesen, so Kumpf. Jedoch sei diese Entwicklung für einen echten Kommunisten nur Ansporn, noch intensiver zu arbeiten.38 Es gelingt ihm und anderen, die Marx-Engels-Stiftung durch Spenden und Mieteinnahmen fortzuführen. Dabei zeigt sich, wie eng der Adressatenkreis von Kumpf ist. Er verwahrt sich gegen Vorwürfe, mit der Aufnahme eines PDS-Mitgliedes in den Vorstand der Stiftung sei der »einheitliche Charakter des Marxismus« zugunsten eines Pluralismus aufgegeben worden.39 Die Darstellung der DKP, wie sie durch Herbert Mies und Richard Kumpf erfolgt, sorgt für wenig Widerhall. Die von ihnen behauptete persönliche Integrität als standhafte Kommunisten geht mit Deutungsmustern des Kalten Krieges einher. Beide schreiben über ihre lebenslange Bindung an die Kommunistische Partei, aus der sich ihre Identität bis an ihr Lebensende speist. Diese Deutung wird marginal bleiben, denn Auslassungen, Verdrehungen und zuweilen Spott hervorrufende Relativierungen werden kaum Nachhall erzeugen. Die Vergangenheit als schambesetzte Erzählung – der erschütterte Rückblick von Wilfried Reckert Die hauptamtlichen Funktionäre, die nach 1968 der DKP beigetreten waren, schreiben über ihre Erfahrungen in einem gänzlich anderen Ton als Mies und Kumpf als Vertreter der FDJ-Generation. Keiner hält die Parteifahne hoch, allen geht es darum, sich selbst und anderen zu erklären, warum sie der Partei lange Zeit die Treue hielten. Ihr Adressat ist ein breiteres Publikum, vor allem aber wohl ihre politische Generationskohorte. Eine zuweilen quälende Inspektion seiner Vergangenheit unternimmt Wilfried Reckert in seinem 2006 erschienenen Rückblick Kommunismus-Erfahrung (LIT-Verlag).40 Reckert, 1949 in Koblenz geboren, wurde 1968 Mitglied der SDAJ und trat 1969 der DKP bei. Er stammt aus einem Beamtenhaushalt und politisierte sich in Abgrenzung zu seinen Eltern. Bald SDAJ-Vorsitzender in Koblenz, wurde er Mitglied der Landesgeschäftsführung der SDAJ in Rheinland-Pfalz. Seit 1969 studierte Reckert auf Lehramt zuerst in Bonn, dann in Koblenz. Nach dem Staatsexamen 1973 fand er aus politischen Gründen keine Anstellung. Reckert nennt dies als einen wichtigen Grund für den Schritt in die Hauptamtlichkeit und für eine weitere Radikalisierung.41 So wurde er Sekretär für internationale Beziehungen beim Bundesvorstand der SDAJ in Dortmund. 1977 war Reckert Delegationsleiter des Halbjahreslehrgangs an der Komsomolhochschule in Moskau und wurde 1982 Sekretär für Öffentlichkeitsarbeit beim Bezirkssekretariat der DKP Rheinland-Pfalz. 1986/87 besuchte er den Jahreslehrgang an der Parteischule Franz Mehring in Biesdorf (DDR). Zu diesem Zeitpunkt hatte jedoch bereits ein »Abnabelungsprozess« eingesetzt, er rechnete sich der Erneuerer-Strömung zu und wurde dennoch nach seiner Rückkehr 1987 Kreisvorsitzender der DKP in Mainz. 1989 habe er sich langsam aus der Hauptamtlichkeit gelöst, indem er private Deutschkurse anbot und in einer Kindertagesstätte arbeitete, so Reckert. Im Februar 1990 trat er zusammen mit dem Bezirkssekretariat Rheinland-Pfalz geschlossen aus der DKP aus. Danach begann sein »bürgerliches Leben«, wie Reckert es nennt. Er studierte Sozialpädagogik an der Fachhochschule in Bochum und promovierte 1996 an der Universität Bielefeld. Seit 1999 lebt er in Gelsenkirchen, wo er als Senioren- und Behindertenbeauftragter arbeitet.42 Im ersten Drittel schildert Reckert seine Entwicklung zum hauptamtlichen Funktionär, dann folgen die im Titel angegebenen analytischen Reflexionen. Darin – immer wieder mit Rückbindungen an sein eigenes Leben – versucht Reckert, Totalitarismus und die Gewalterfahrungen des 20. Jahrhunderts theoretisch und im letzen Abschnitt psychoanalytisch zu erklären. So ist er bestrebt, seine eigene Faszination und Hingabe zu rationalisieren, vor allem die »Entindividualisierung« in der Partei habe auch für ihn gegolten; sie nahm ihm Entscheidungen ab und stützte ihn psychisch.43 Die Aufarbeitung seiner DKP-Zugehörigkeit sei in mehreren Phasen verlaufen, so Reckert. Nach 1990 wollte er von Politik überhaupt nichts mehr wissen, dann folgte eine Phase voller »Hass« auf die DKP, der sich schließlich gegen ihn selbst richtete: »Wenn ich ein solcher Idiot war, bin ich es dann nicht auch geblieben?«, fragte er sich. In dieser Phase habe er das Manuskript begonnen, in dem es viel um Totalitarismus und ihn selbst als Versager ging. Diese Zeit sei für ihn wichtig gewesen, um die Vergangenheit hinter sich lassen zu können. Jene Passagen habe er später noch überarbeitet, aber das Motiv, über die theoretische Auseinandersetzung sich selbst zu suchen, findet sich im Text immer wieder.44 Für Reckert ist seine Tätigkeit in der DKP an vielen Stellen mit Scham besetzt. Er bezeichnet sich als »deformiert« durch die DKP, möchte über seine »Taten« schreiben. Er wirft sich eine Gläubigkeit vor, die sich durch Fundamentalismus und Totalitarismus auszeichnen würde. Da er kurze Zeit Mitglied der katholischen Jugend gewesen war, verortet er seine fundamentalistische Gläubigkeit noch vor seinen Parteieintritt. In dieser, auch gegen sich selbst gerichteten Schärfe ist sein Buch eine Ausnahme. Wilfried Reckert möchte seine früheren Aktivitäten, wie er schreibt, nicht denunzieren. Die Anlage seiner Arbeit zeigt vielmehr das Bemühen, über eine allgemeine Analyse auch sich selbst zu verstehen. Dabei nennt er das Schweigen über die NS-Verbrechen als wichtiges Motiv seiner politischen Sozialisation. Er wollte mit der DKP auf der richtigen Seite stehen. Aber Reckert gibt auch Hinweise, die helfen, das kommunistische Milieu der DKP über allgemeine Deduktionen zu verstehen. Seine SDAJ-Gruppe in Koblenz war auch eine jugendkulturelle Erscheinung: »Wir trafen uns an der Wende der 60er und 70er Jahre täglich und hörten Rockmusik, schmusten und tanzten miteinander, diskutierten, verteilten Pamphlete, tranken Lambrusco, sangen amerikanische Protestsongs und schauten, dass wir attraktive Partner(innen) fanden.«45 Die DDR wurde kritisch gesehen, was sich erst mit dem Aufstieg in höhere Funktionen und den damit verbundenen Schulungen änderte. Es galt ein simpler Klassenstandpunkt: »Bist du für die Arbeiterklasse oder für die Bourgeoisie?« Mit dieser Dichotomie sei er heute noch in der Lage, Artikel für das DKP-Zentralorgan Unsere Zeit (UZ) zu schreiben.46 Gleichzeitig war Politik ein Rausch, der ihn Entbehrungen hinnehmen ließ. Der Verdienst als hauptamtlicher Funktionär lag bei rund 1000 DM. Zum Schluss habe er etwa so viel wie ein Erzieher verdient. Dies entsprach kaum der Arbeitszeit: Erst 1987, nach siebzehn Jahren politischen Aktivismus, begann Reckert, sich einmal die Woche einen Abend und ein Wochenende im Monat freizunehmen. Neben der politischen Umorientierung war dieser Schritt in ein selbst gestaltetes Privatleben ein wichtiger Punkt der Abnabelung. Damit dürfte Reckert für viele ehemalige Funktionäre sprechen, die sich nach 1990 neue politische und soziale Bezüge suchten. Einblicke in das Parteimilieu – der distanzierte Blick bei Harald Werner und Richard David Precht Was bei Reckert eher nur angedeutet wird, steht bei Harald Werner im Vordergrund: die Deutung der DKP als ein Parteimilieu, dessen Angehörige um 1968 politisiert wurden, bald um die eigene Ideologie kreisten und schließlich nicht mehr in der Lage waren, neue Impulse aufzugreifen.47 Werner, 1940 in Berlin geboren, hatte Stahlbauschlosser gelernt und ließ sich zum Werbetexter umschulen. Er arbeitete als freier Journalist und zog 1965 mit seiner Familie ins niedersächsische Nordenham. Als Juso- und SPD-Mitglied rechnete er sich zur APO und gründete 1967 einen Kinderladen mit. Aufgrund politischer Differenzen wurde ihm 1970 von der Nordwest-Zeitung gekündigt. Daraufhin begann Werner an der Universität Oldenburg ein Studium der Sozialwissenschaften und promovierte 1977 in Soziologie. 1983 wurde ihm aus politischen Gründen der Lehrauftrag an der Universität Oldenburg entzogen. In der Folge gelang es ihm nicht, eine Anstellung als Wissenschaftler an einer anderen Universität zu bekommen. Werner war 1972 in die Partei eingetreten. Einige seiner DKP-Kontakte hatten ihn für die Partei gewonnen. Nach seinem »Berufsverbot« 1983 wurde Werner hauptamtlicher Kreisvorsitzender der DKP in Oldenburg, einer lokalen Hochburg mit rund 500 Mitgliedern; 1981 zog die DKP mit 7,1 Prozent in das Oldenburger Rathaus ein. 1987 für ein Jahr an die Parteischule in Biesdorf delegiert, bekam er anschließend nicht den versprochenen Posten. Stattdessen engagierte er sich als Erneuerer. Werner gehört zu den wenigen DKP-Funktionären, die sich noch 1990 der PDS anschlossen. Dort war er gewerkschaftspolitischer Sprecher und gehörte von 2007 bis 2012 dem Parteivorstand der Partei Die Linke an. Aus zwei Perspektiven blickt Werner auf sein Leben zurück. Der Titel seines Buches, Offene Fragen in der geschlossenen Abteilung (PapyRossa-Verlag), nimmt Bezug auf die Parteischule der DKP in Biesdorf in der Nähe von Ost-Berlin. Das Gebäude lag abgeschirmt auf dem Gelände einer Klinik für psychisch Kranke.48 Dorthin war Werner Ende 1986 delegiert worden, nachdem er als Kreisvorsitzender in Oldenburg abgelöst worden war. Er wurde also nicht, wie ursprünglich geplant, nach Moskau geschickt, sondern zur Bewährung, wie er vermutet, nach Biesdorf. Die Ereignisse und Diskussionen in diesem Jahr bilden den ersten Erzählstrang. Parallel dazu schildert er in biografischen Rückblicken seine politische Entwicklung. Kindheit und Jugend spielen bei ihm nur eine untergeordnete Rolle. Werner betont vor allem sein politisches Engagement in der Gewerkschaftsjugend, bei den Jusos und schließlich in der APO. Er ist Teil eines linken Milieus in Nordenham und Oldenburg, in dem zwar Offenheit gegenüber der DDR herrschte, aber auch viele Vorbehalte existierten. Werner thematisiert häufiger seine Distanz zur DDR. Diese hätten sie zwar politisch verteidigt, aber niemand aus seinem späteren Parteiumfeld hätte dort leben wollen. Das Parteimilieu in Oldenburg war akademisch geprägt. So sei auch die Betriebsgruppe bei der AEG intensiv betreut worden, aber als Kreisvorsitzender verfasste Werner überwiegend die Artikel der Betriebszeitung, da die wenigen Mitglieder im Betrieb nicht dazu kamen. Er und die anderen Mitglieder hätten auch Sozialarbeit in sozialen Brennpunktvierteln geleistet, Weihnachtsbäume verkauft oder Ferienfahrten in die DDR organisiert. Politischen Zuspruch erhielten sie aber kaum, die Mitglieder und Wähler »konzentrierten sich auf die Innenstadt mit ihren Szenevierteln, wo die Friedenstaube auf den Fenstern klebte und der Arbeiteranteil unter der Fünf-Prozent-Hürde lag«. Engagement zeigten vor allem diejenigen, die »wir großherzig ›lohnabhängige Mittelschichten‹ nannten: Lehrer vor allem, auch angestellte Ärzte und Juristen und jede Menge Beamte des Mittleren Dienstes«.49 Es war die Generation der Achtundsechziger, die das Parteileben prägte, so Werner. Mit Werners Interesse an den Neuen Sozialen Bewegungen begann ein Abrücken von der starren Konzentration auf die Arbeiterklasse. Als Grund für dieses neu entstandene Interesse nennt er sein Engagement gegen einen Autobahnzubringer in Oldenburg 1983. Es seien aber nur wenige gewesen, die sich mit Umweltschützern an der Besetzung des Bauplatzes beteiligten; für andere Kommunisten sei das Engagement nur eine »Spaßnummer« gewesen, da mit der Rettung der Rohrdommel nicht die Monopolbourgeoisie gefährdet werde.50 Das Jahr in Biesdorf schildert Werner als von harten Fraktionskämpfen und bizarren Unterwerfungsritualen geprägt. Er und andere Erneuerer plädierten dafür, die ökologische Bedrohung als den Beginn einer neuen Epoche zu sehen, während die Bewahrer an dem Primat des Klassenkampfes festhalten wollten. Die Maskerade der konspirativen Schulung im Osten – auch gegenüber Freunden waren die Kursteilnehmer gehalten, eine Legende über einen Auslandsaufenthalt zu erfinden – wurde konterkariert, als der Lehrgang geschlossen als Gruppe von Aufbauhelfern für das Pressefest der Parteizeitung Unsere Zeit 1987 nach Dortmund entsandt wurde. Sie erhielten Kontaktverbot gegenüber Bekannten und durften nur gemeinsam auftreten, was von den meisten nicht mehr ernst genommen wurde.51 Der von Werner beschriebene Verfall der Partei war nicht allein eine ideologische Frage. Es ging auch um offene Diskussionen und um individuelle Freiheiten in einem engen Milieu. Die Bewahrer hielten vor allem zur psychischen Stabilität an den dogmatischen Normen fest. Eine Tatsache, die sich sowohl bei Werner als auch bei Reckert als kennzeichnendes Motiv der zerfallenden Partei ausmachen lässt. Eine andere Perspektive, aber mit einer ähnlichen Grundaussage wie Werner, nimmt Richard David Precht in seinem Buch Lenin kam nur bis Lüdenscheid (Claassen Verlag) ein.52 Precht, 1964 geboren, war kein Mitglied der DKP, sondern schreibt aus der kindlichen und jugendlichen Perspektive in einer Familie, die zum DKP-Umfeld in Solingen gehörte. Seine Eltern, aus Hannover nach Solingen gezogen, waren Sympathisanten der APO. Zu ihren eigenen drei Kindern adoptierten sie 1969 und 1971 Waisenkinder aus Vietnam. Precht schildert seine kindliche Neugier auf die DDR, die antiautoritären Erziehungsmaßnahmen seiner Eltern und die Familienurlaube in Dänemark. 1974 besuchte er zusammen mit seiner Schwester ein Kinderlager der Jungen Pioniere in Lüdenscheid und andere Angebote für Kinder im Umfeld der DKP. Seine kindliche und jugendliche Begeisterung verbindet Precht mit politischen Situationsbeschreibungen. Vor allem aber faszinierten ihn der Zukunftsoptimismus und die rationale Gewissheit des DKP-Milieus. Der Bruch kam erst mit dem Aufschwung der Partei Die Grünen und der Friedensbewegung. Nicht mehr Rationalität und Überlegenheit, sondern Angst und düstere Zukunftsvisionen seien nun vorherrschend geworden, die Precht nicht ansprachen.53 Die Siebzigerjahre als abgeschlossene Epoche charakterisiert Precht anhand einer Begegnung mit dem ehemaligen amerikanischen Verteidigungsminister Alexander Haig 1997 in der Deutschen Botschaft in Washington. Precht weigerte sich, ihm die Hand zu geben, und Haig umarmte ihn freundschaftlich und sprach von den guten alten Zeiten. Haig »zementierte […] mit seiner Geste genau jene endgültige Historizität des politischen Widerstands, die er in seinen Worten so überschwänglich bedauerte«.54 Precht beschreibt sein Erwachsenwerden als Abgesang auf zwei politische Jahrzehnte, in denen das Milieu der DKP eine feste Größe darstellte. Sein Buch kam 2008 als Dokumentarfilm in die Kinos und hat die größte Wirkung aller hier behandelten Darstellungen gehabt. Sein unaufgeregter Stil und die jugendliche Perspektive machten dies möglich. Die DKP als Coming-of-Age-Erzählung – Adrian Geiges und seine Weltrevolution im Schwarzwald Eine gänzlich andere Coming-of-Age-Geschichte veröffentlichte 2007 Adrian Geiges mit Wie die Weltrevolution einmal aus Versehen im Schwarzwald begann (Eichborn Verlag). Hierbei handelt es sich um eine populäre Version der Lebensgeschichte. Geiges dankt seiner Literaturagentin, die ihm geholfen habe, das Buch so zu schreiben, dass es für »ein breites Publikum« interessant sei.55 Er betont, dass er Aspekte, die ihm nicht relevant erschienen, habe wegfallen lassen und manchmal »real existierende Personen zu einer« verdichtet habe.56 Damit ruft Geiges natürlich quellenkritische Skepsis hervor, da in vielen Passagen fiktive Elemente erkennbar sind. Geiges, 1960 geboren, gehört zu einer späten Nachfolgegeneration der Achtundsechziger, wenn man ihn überhaupt noch in diesen Zusammenhang stellen möchte. Aufgewachsen in Staufen im Breisgau, entwickelt er sich vom »schüchternen Außenseiter« zum Anführer der Linken in seiner Stadt. Bereits diese Stilisierung vermengt Geiges mit sexuellen Komponenten. Dass er als »Bürgerschreck« galt, hält er für ungerechtfertigt, da er »sexuell […] sehr zurückhaltend« gewesen sei.57 Mit zwölf las er die Mao-Bibel, wandte sich aber der Sowjetunion zu, die er für »[k]onsequent links« hielt. Er wurde Mitglied der SDAJ und trat mit 16 Jahren der DKP bei. Nach dem Abitur entschied er sich, Berufsrevolutionär zu werden. Er wurde an die Jugendhochschule der FDJ in Bogensee delegiert, danach begann er eine Lehre als Großhandelskaufmann bei dem DKP-Plattenverlag pläne in Dortmund. Schließlich arbeitete Geiges als hauptamtlicher Redakteur für Elan und reiste als eine Art Chefreporter häufiger nach Moskau. 1989 verließ er die SDAJ und arbeitete ab 1990 als Reporter für das RTL-Magazin Explosiv (im Buch: Knall). Während dieser Zeit erlebte er den Zusammenbruch der Sowjetunion mit; 1992 wechselte Geiges nach China, wo er zeitweilig als Geschäftsführer für den Bertelsmann-Verlag (im Buch: Elpermann) den chinesischen Markt zu erobern versuchte. Geiges’ Biografie erinnert an den linken Zeitgeist der Siebzigerjahre, der viele Jugendliche begeisterte. Berufsrevolutionär zu werden, hätte seine Fantasie beflügelt. Die Praxis war ärmer. Er beschreibt, wie er mit anderen im Wettbewerb ständig Abonnenten für die Elan oder Mitglieder für die SDAJ zu gewinnen versuchte.58 Diese Mitgliederkampagnen, von der SDAJ seit 1978 als Wettbewerbe organisiert, führten nur kurzzeitig zu einer Steigerung der Mitgliederzahlen, da viele Neuaufnahmen nur Karteileichen waren. Jedoch sind solche Hinweise auf das Parteimilieu der Hauptamtlichen vollständig überlagert von immer wiederkehrenden sexualisierten Beschreibungen, die dem Muster folgen, dass der schüchterne Geiges im Geschlechterkampf verliert. Dieses Motiv bestimmt auch die Darstellung der Zeit an der Jugendhochschule, politische Aspekte bleiben im Hintergrund. Es sei verboten gewesen, dass SDAJ-Mitglieder intime Kontakte mit anderen Kursteilnehmern eingingen. Außer ihm habe sich aber niemand daran gehalten. Mit der Figur der sächsischen FDJ-Sekretärin Sandy erfindet Geiges nicht nur eine unerfüllte Liebesgeschichte, sondern auch eine andere DDR: »Nicht die alten Herren im Politbüro repräsentierten die DDR, die SED. Die netten, kritischen Leute hier an der Jugendhochschule verkörperten die Zukunft der DDR. Und Sandy war die netteste, kritischste und schönste von ihnen. Ihr Körper verkörperte die DDR, von der ich träumte.«59 Sandy blieb die Achtzigerjahre hindurch seine Sehnsucht, verknüpft mit einer Dreiecksgeschichte: Sein Freund Kalle Maschmann aus Freiburger Tagen war mit ihm auf der Jugendhochschule und wurde später als Bewahrer sein erbitterter Gegner. Maschmann habe mit Sandy geschlafen und ihre späteren Briefe nie beantwortet. Aufgrund der Kontaktaufnahme in den Westen sei Sandy aus der FDJ ausgeschlossen worden und schließlich nach Moskau gezogen. Bevor es aber zu einem Treffen zwischen ihr und Geiges kommt, wird Sandy 1991 ermordet.60 Die Struktur der Erzählung ist symptomatisch für Geiges’ Erzählmuster. Die Geschichte von Sandy kann in ihrer symbolischen Überfrachtung nur als fiktiv verstanden werden: Sandy ist die von Geiges erträumte DDR, die sich in ihrem Körper manifestiert. Dieser Körper wird von dem Betonkopf Maschmann nicht nur geschändet, er ist auch verantwortlich für ihren sozialen Abstieg und der Versetzung nach Moskau und damit indirekt für ihre Ermordung. Der Betonkopf verrät nicht nur seine Liebe, sondern ist auch für das Ende des Sozialismus verantwortlich. Damit markiert Geiges seine eigene Position zugleich als die eines Zuschauers, der weiterhin der schüchterne Junge von einst bleibt. Im letzten Drittel seines Buches wendet sich Geiges seinen Aktivitäten in China zu. Das oben beschriebene Muster setzt er dabei fort, häufiger ins Pornografische abgleitend. Fast alle Beschreibungen sind mit sexuellen Aspekten angereichert, es geht um seine Besuche bei Prostituierten und Affären mit Töchtern des kommunistischen Adels. Das Buch bietet trotz seiner offensiv eingesetzten fiktionalen Elemente eine spezifische Deutung der DKP-Geschichte. Es ist eine Mischung aus politischer Pornografie und Verklärung, in der es allein um Geiges’ Selbstbewusstsein geht. Politische Diskussionen sind schematisch dargestellt. Die Mischung von sex and crime mag Verbreitung finden, aber die DKP ist hierfür nur eine Bühne. Fazit Autobiografien bleiben für die politische Geschichtsforschung eine ambivalente Quelle. Die vorgestellten Erinnerungen zeichnet aus, dass sie vor einer gewissen Leere rekapituliert werden – die frühere Partei mit spezifischen Verständigungsformen existiert nur noch als kleiner Rest, der nur noch für die Mies’ und Kumpfs eine Bedeutung hat. Harald Werner und Wilfried Reckert versuchen, sich selbst und anderen ehemals politisch Aktiven das Engagement zu erklären. Adrian Geiges zielt auf eine populäre Verbreitung, politisch nachvollziehbare Vermittlung ist nicht sein Anliegen. Richard David Precht hingegen versucht, ein Panorama des roten Jahrzehnts zu entfalten – weit über das frühere Milieu hinaus. Die Autoren bieten verschiedene Zugänge, um sich der DKP zu nähern. Mies und Kumpf bestätigen negativ die Zuschreibung der DKP als Interventionsapparat der DDR. Zwar versuchen sie, mit Distanzierungen und Absetzungen die DKP als eigenständige westdeutsche Partei zu präsentieren, aber widerlegen sich nahezu ständig selbst. Auch das Gegenstück, der schamvolle Rückblick von Wilfried Reckert, verblasst etwas. Die von Reckert bemühten »Taten« sind vor der kommunistischen Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts vergleichsweise bedeutungslos. Als hauptamtlicher Funktionär war er kein Agent im Geheimauftrag, sondern ein emsiger Parteiarbeiter, der fast zwanzig Jahre lang mit politischem Aktivismus andere Lebensbereiche überdeckte. Obwohl er es stets anklingen lässt, ist es weniger eine individuelle Schuld, die ehemalige DKP-Mitarbeiter abzutragen haben. Es erscheint wie ein später Versuch, gegen Deformationen nun in Wahrheit zu leben. Geiges’ Bemühen, sein Leben als Hauptamtlicher als Coming-of-Age-Geschichte zu erzählen, befreit ihn von politischen Dimensionen wie auch sozialen Verbindungen. Sein Versuch, das leninistische Taktieren mit einem enthemmten chinesischen Kapitalismus und dem Zynismus der westdeutschen Medienbranche als moralische Verkommenheit zu parallelisieren, erscheint eher wie eine spezifische Form von persönlicher Exkulpation. Harald Werner und Richard David Precht versuchen, weniger über sich selbst Rechenschaft abzulegen, als vielmehr die Umstände des Parteimilieus zu skizzieren. Werner kann dabei auf eine politische Prägung zurückgreifen, die älter als seine DKP-Mitgliedschaft ist. Er kommt als Gewerkschafter und APO-Aktivist bereits mit Skepsis zur DKP, die schließlich zum Bruch mit dem Dogmatismus führt. Precht, der die Gnade der späten Geburt besitzt, gelingt es, durch seine spezifische Perspektive nicht Verführung, sondern eine Faszination des Rationalen und des historischen Optimismus zu schildern. Das Bild von der DKP kann durch diese subjektiven Selbstzeugnisse erweitert werden. Neben politisch-ideologischen Deutungen wird erkennbar, dass es auch ein Parteimilieu war, dessen Angehörige eigene Gestaltungsräume hatten. Harald Werner vermutet, dass ein »illusionäre(s) Gemeinschaftsdenken« ihn so lange an die Partei gebunden habe.61 Dies trifft auch für die anderen jüngeren Autoren zu, die alle bis 1989 in der Partei blieben. Rudolf van Hüllen hat darauf hingewiesen, dass die Formung der Kader in der DKP immer nur in Teilen gelang.62 Zwar durchschritten alle Funktionäre die umfangreichen Schulungen, aber bei den jüngeren Funktionären werden schon vor 1990 Brüche und Zweifel deutlich, die oft durch die ironischen Wendungen über die eigene Parteiarbeit zum Ausdruck gebracht werden. Während van Hüllen dafür allgemein die »Prägekräfte freier Gesellschaften« annahm, verlegen die jüngeren Funktionäre ihre Zweifel in ihre eigene Biografie und greifen auf ihre Identität vor dem Parteieintritt zurück. Die Faszination der DKP speiste sich bei ihnen nur bedingt aus einer Faszination für die DDR als vielmehr aus einem Lebensumfeld, in dem die DKP eine politische und eine soziale Option war. Um dieses Umfeld tiefer zu erkunden, sollte sich der Blick auch auf ihre lokalen und betrieblichen Aktivitäten richten, um die Bindungen des Einzelnen besser verstehen zu können. 1 Es ist in der Literatur unstrittig, dass die DKP sich 1968 aus dem Personal der illegalen KPD – geschätzte 6000 bis 7000 Personen – zusammensetzte und die KPD nur aus taktischen Gründen bis 1971 existierte. Siehe Manfred Wilke/Hans-Peter Müller/Marion Brabant: Die Deutsche Kommunistische Partei (DKP). Geschichte, Organisation, Politik, Köln 1990, S. 75; Georg Fülberth: KPD und DKP 1945–1990. Zwei kommunistische Parteien in der vierten Periode kapitalistischer Entwicklung, 2. Aufl. Heilbronn 1992, S. 117–120. 2 Meist wird in der Literatur auf den Unterschied zwischen den Angaben der DKP und den Beobachtungen des bundesdeutschen Verfassungsschutzes hingewiesen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtete einen Höchststand von 42 000 Mitgliedern in den Jahren 1977 und 1978 sowie 1986; die DKP selbst informierte über ständig steigende Mitgliederzahlen: 57 802 Mitglieder im Jahr 1986; 1988 sei jedoch ein Rückgang auf 47 513 Mitglieder zu verzeichnen gewesen. Angaben nach: Wilke/Müller/Brabant: Deutsche Kommunistische Partei (Anm. 1), S. 75. Eine Mitgliederzahl von 40 000 nennt auch mit einem Beleg von Herbert Mies: Jürgen Schröder: Die Westarbeit der SED am Beispiel der DKP, in: Materialien der Enquete-Kommission Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland, Band V/3: Deutschlandpolitik, innerdeutsche Beziehungen und internationale Rahmenbedingungen, hg. vom Deutschen Bundestag, Baden-Baden 1995, S. 2294–2330, S. 2307. 3 Siehe für die Diskussion um linke Kultur Anfang der Siebzigerjahre Detlef Siegfried: Time is on my side. Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre, Göttingen 2006, S. 709–723. 4 Diese Deutung ist ausgeprägt bei Michael Roik: Die DKP und die demokratischen Parteien 1968–1984, Paderborn u. a. 2006, S. 15 f. 5 Siehe Fülberth: KPD und DKP (Anm. 1), S. 161. 6 Siehe dazu den programmatischen Sammelband von Heinz Stehr/Rolf Priemer (Hg.): 25 Jahre DKP. Eine Geschichte ohne Ende, Essen 1993. 7 Siehe Gerhard Hirscher/Armin Pfahl-Traughber (Hg.): Was wurde aus der DKP? Beiträge zur Geschichte und Gegenwart der extremen Linken in Deutschland, Brühl 2008. 8 Der Begriff Interventionsapparat bei Wilke/Müller/Brabant: Deutsche Kommunistische Partei (Anm. 1), S. 247; siehe auch Schröder: Westarbeit der SED (Anm. 2). 9 Siehe Till Kössler: Abschied von der Revolution. Kommunisten in Westdeutschland 1945–1968, Düsseldorf 2005; als lokale Studie Hendrik Bunke: Die KPD in Bremen 1945–1968, Köln 2001. 10 Eine frühe politologische Deutung hierzu: Andrei S. Markovits/Philip S. Gorski: Grün schlägt rot. Die deutsche Linke nach 1945, Hamburg 1997. 11 Siehe Gerd Koenen: Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967–1977, Köln 2001, S. 262–276. 12 So der deutliche, biografisch geprägte Furor bei Götz Aly: Unser Kampf. 1968 – ein irritierter Blick zurück, Frankfurt a. M. 2008. Zu verweisen ist auch auf die vielen Kommentare von Christian Semler in der Zeitung taz. die tageszeitung, in denen er immer wieder Bezug auf seine Zeit als Vorsitzender der KPD-AO nahm und seine totalitäre Täuschung betonte. 13 Siehe Dieter Kunzelmann: Leisten Sie keinen Widerstand! Bilder aus meinem Leben, Berlin 1998; Ulrike Heider: Keine Ruhe nach dem Sturm, Hamburg 2001. 14 Siehe das journalistisch aufgearbeitete Buch von Till Meyer: Staatsfeind. Erinnerungen, Hamburg 1998; Inge Viett: Nie war ich furchtloser. Autobiographie, Hamburg 1997. Als Gesprächsbände: Angelika Holderberg (Hg.): Nach dem bewaffneten Kampf. Ehemalige Mitglieder der RAF und Bewegung 2. Juni sprechen mit Therapeuten über ihre Vergangenheit, Gießen 2007; Ralf Reinders/Ronald Fritzsch: Die Bewegung 2. Juni: Gespräche über Haschrebellen, Lorenzentführung, Knast, Berlin 1995. 15 Siehe Irmela Hannover/Cordt Schnibben: I Can’t Get No. Ein paar 68er treffen sich wieder und rechnen ab, Köln 2007. 16 Zum Beispiel waren von 34 Führungskräften der DKP zwischen 1984 und 1989 zwölf weiblich. Eigene Auszählung nach: Wilke/Müller/Brabant: Deutsche Kommunistische Partei (Anm. 1), S. 102. 17 Siehe Dagmar Günther: ›And now for something completely different‹. Prolegomena zur Autobiographie als Quelle der Geschichtswissenschaft, in: Historische Zeitschrift 272 (2001), Heft 1, S. 25–61. 18 Siehe Ulrike Jureit: Erfahrungsaufschichtung: Die diskursive Lagerung autobiographischer Erinnerungen, in: Magnus Brechtken (Hg.): Life Writing and Political Memoir – Lebenszeugnisse und Politische Memoiren, Göttingen 2012, S. 225–242. 19 Siehe Hermann Kuhn: Bruch mit dem Kommunismus. Über autobiographische Schriften von Ex-Kommunisten im geteilten Deutschland, Münster 1990, S. 305. 20 Siehe ebd., S. 306 f. 21 Michael Rohrwasser: Der Stalinismus und die Renegaten. Die Literatur der Exkommunisten, Stuttgart 1991, S. 95. 22 Zitat bei Manfred Nabinger in: Szyllas Lesezeichen – Literatur in Mannheim, Heidelberg und der Kurpfalz, 20.12.2009, in: http://lesezeichen.szylla.net/herbert-mies-mit-einem-ziel-vor-augen/997, ges. am 4. Juni 2013. Siehe Christian Klemm: Zwischen allen Stühlen, in: Neues Deutschland vom 10. Dezember 2009. 23 Herbert Mies: Mit einem Ziel vor Augen. Vom Jung- zum Altkommunisten, Erinnerungen, Berlin 2009, S. 12. 24 Ebd., S. 19 f. 25 Ebd., S. 344. 26 Ebd., S. 11. 27 Ebd., S. 256. 28 Brief von Axel [d. i. Herbert Mies] an Arnold [d. i. Max Reimann] und Albert [d. i. Willi Mohn], Abschrift, 7. Mai 1968, in: Bundesarchiv, BY 1, 4061. 29 Mies: Mit einem Ziel (Anm. 23), S. 291. 30 Ebd., S. 298 f. Diese Anekdote hatte Mies bereits 1993 in einem Aufsatz beschrieben, aber eingeschränkt, Honecker habe gesagt, Mies würde dem Politbüro der SED »faktisch« angehören. Siehe Herbert Mies: Die DKP im Spannungsfeld von Unabhängigkeit und ›Abhängigkeit‹, in: Stehr/Priemer: 25 Jahre DKP (Anm. 6), S. 69–78, S. 75. 31 Mies: Mit einem Ziel (Anm. 23), S. 328. 32 Richard Kumpf: Alarmtauchen im Krieg. Untertauchen im Kalten Krieg. Ein Kommunist berichtet über sein Leben, Bonn 2000, S. 95. 33 Siehe ebd., S. 180. 34 Ebd., S. 184. 35 Ebd., S. 222. 36 Ebd., S. 93. 37 Ebd., S. 104. 38 Ebd., S. 241. 39 Ebd., S. 239. 40 Siehe Wilfried Reckert: Kommunismus-Erfahrung. Zwanzig Jahre als DKP-Funktionär. Analytische Reflexionen, Münster 2006. 41 Siehe ebd., S. 39. 42 Siehe ebd., S. 11. 43 Siehe ebd., S. 109. 44 Siehe ebd., S. 7. 45 Ebd., S. 51. 46 Ebd., S. 28. 47 Siehe Harald Werner: Offene Fragen in der geschlossenen Abteilung. Das erfolgreiche Scheitern einer Kaderperspektive, Köln 2011. 48 Die Franz-Mehring-Schule war 1969 als Schulungsort für die DKP ins Leben gerufen worden, die drei vorherigen KPD-Schulungsheime wurden aufgegeben. Exakte Teilnehmerzahlen sind nicht mehr zu ermitteln, der Verfassungsschutz vermutete bis zu 4000 Teilnehmer. Siehe zu den Angaben: Rudolf van Hüllen: Die mißlungene Aufzucht des Kaders. Das Scheitern der ideologischen Zurichtungsanstalten von KPD und DKP, in: Armin Pfahl-Traughber/Monika Rose-Stahl (Hg.): Festschrift zum 25-jährigen Bestehen der Hochschule des Verfassungsschutzes und für Andreas Hübsch, Brühl 2007, S. 143–176, S. 159 f. 49 Beide Zitate in: Werner: Offene Fragen (Anm. 47), S. 100 f. 50 Ebd., S. 103. 51 Siehe ebd., S. 108–110. 52 Siehe Richard David Precht: Lenin kam nur bis Lüdenscheid. Meine kleine deutsche Revolution, Berlin 2005; Zitiert nach der Taschenbuchausgabe, Berlin 2011. 53 Ebd., S. 309. 54 Ebd., S. 314. 55 Adrian Geiges: Wie die Weltrevolution einmal aus Versehen im Schwarzwald begann: Mein Leben zwischen Mao, Che und anderen Models, Frankfurt a. M. 2007, S. 315. 56 Ebd., S. 4. 57 Alle Zitate ebd., S. 9. 58 Siehe ebd., S. 69–75. 59 Ebd., S. 52. 60 Siehe ebd., S. 146–148; S. 186 f. und S. 189–193. 61 Werner: Offene Fragen (Anm. 47), S. 113. 62 Siehe van Hüllen: Die mißlungene Aufzucht des Kaders (Anm. 48), S. 148 f.

JHK 2014

Zwischen politischer Instrumentalisierung und Verdrängung: Die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus in Öffentlichkeit, Geschichtspublizistik und Historiografie im postkommunistischen Albanien

Idrit Idrizi

Ein Video erregte im Herbst 2012 die Aufmerksamkeit der albanischen Medien und der Öffentlichkeit: Ein Mann schüttet Benzin über seine Kleider, nimmt ein Feuerzeug und zündet sich an, während andere Menschen vergeblich versuchen, ihn davon abzuhalten. Kaum zwei Tage später zeigte ein zweites Video, wie ein anderer Mann sich auf ähnliche Weise in Brand setzt. Der erste, Gjergj Ndreca, überlebte trotz schwerer Verbrennungen, der zweite, Lirak Bejko, starb. Bei den Männern handelte es sich um zwei von rund zwanzig ehemaligen politischen Häftlingen im Kommunismus, die am 22. September 2012 in einen Hungerstreik getreten waren, um auf die Nichteinhaltung des Gesetzes zur materiellen Entschädigung der Opfer der kommunistischen Diktatur aufmerksam zu machen.1 Die Regierung hatte den Dialog mit den Demonstranten verweigert, den Hungerstreik als rein politisch motiviert und vom Oppositionsführer bezahlt kritisiert sowie die Demonstranten als »Trinker« und »Kriminelle« bezeichnet.2 Darüber hinaus »erinnerte« Ministerpräsident Sali Berisha, Vorsitzender der vermeintlich antikommunistischen Partia Demokratike [Demokratische Partei, DP], dass »wir« es waren, die »als Erste [...] die politischen Häftlinge aus den Gefängnissen befreit haben«.3 Seine Partei habe »alles« unternommen, um diesen Menschen Solidarität zu beweisen. Sie habe ausreichende Entschädigungszahlungen für sie vorgesehen.4 Die Reaktionen auf den Hungerstreik und die Selbstverbrennungen sind bezeichnend für die Art und Weise, wie mit den Opfern des Kommunismus und generell mit der kommunistischen Vergangenheit im heutigen Albanien umgegangen wird: Lediglich Sensationsnachrichten wie diese Verzweiflungstaten schaffen es, öffentlich Aufmerksamkeit zu erregen, um dann jedoch schnell wieder vom innenpolitischen Dauerkonflikt verdrängt zu werden. Menschen ohne Parteizugehörigkeit, die die kommunistische Vergangenheit öffentlich zum Thema machen, wie z. B. ehemalige politische Häftlinge oder Intellektuelle, sind in Albanien oft starken Anfeindungen ausgesetzt. Für einen gründlichen Aufarbeitungsprozess existiert kein klares Konzept. Dieser Beitrag liefert zunächst einen Überblick über den Stand der Aufarbeitung in Albanien, bevor anschließend die wissenschaftliche und publizistische Auseinandersetzung mit dem Kommunismus näher untersucht wird. Damit wird eine Zwischenbilanz der albanischen Kommunismusforschung (Themenspektrum, methodologische und theoretische Herangehensweisen bzw. Problematiken) gezogen. Ebenso werden Tendenzen und Argumentationslinien in der Publizistik aufgezeigt und anhand eines konkreten Beispiels, einer 2011 erschienenen Biografie über Enver Hoxha, illustriert. Der Aufarbeitungsprozess: Ausgangsbedingungen und Verlauf Das kommunistische System in Albanien gilt als eines der repressivsten seiner Zeit. Der albanische Diktator Enver Hoxha regierte das Land von 1945 bis zu seinem Tod 1985 mit eiserner Hand und führte es nach mehrfachen außenpolitischen Bündnissen und Brüchen in eine weitgehende außenpolitische und kulturelle Isolation und schließlich in den wirtschaftlichen Abgrund. Stalinismus und Nationalismus bildeten die ideologischen Grundlagen des Regimes, Paranoia und Fremdenfeindlichkeit die zentralen Merkmale der Propaganda. Hunderttausende Betonbunker wurden gebaut, um die »albanische Burg« des »wahren, reinen Marxismus-Leninismus-Stalinismus« vor den »Imperialisten« und »Revisionisten« sowie den »Chauvinisten« in den Nachbarländern zu verteidigen. Während Tausende politische Gefangene und Verbannte Zwangsarbeit in Straflagern unter schrecklichen Bedingungen leisteten und im Alltag allgemein großer Mangel herrschte, bejubelte die regimetreue Propaganda die angeblichen Erfolge, den Aufbau der Schwerindustrie und den Wohlstand unter der Parole: »Sich stützen auf die eigenen Kräfte«.5 Anspruch und Realität klafften dabei so weit auseinander wie selten in der europäischen Geschichte.6 Das kommunistische System mit seinem totalitären Anspruch von der vollständigen Durchdringung und gewaltsamen Umwälzung der Gesellschaft hat tiefe Spuren in der albanischen Gesellschaft hinterlassen.7 Dennoch verschwand der Kommunismus bald nach dem Zusammenbruch des Systems aus der öffentlichen Wahrnehmung, sodass eine gründliche Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit bis heute aussteht. Die Gründe dafür sind in der Verlaufsform der postkommunistischen Transition zu suchen.8 Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus war die politische Wende geprägt von massiven gesellschaftlichen Konflikten und Erschütterungen, chaotischen Auswanderungswellen, steigender Kriminalität, Unsicherheit, innenpolitischer Instabilität, Korruption und wachsendem Arm-Reich-Gefälle. 1997 befand sich das Land sogar am Rande eines Staatskollapses und Bürgerkrieges, als spekulative Anlagefonds, die sogenannten Pyramidensysteme, zusammenbrachen.9 Kennzeichnend für die albanische Transition ist die starke Polarisierung der Politik zwischen den zwei großen Parteien, einerseits der DP, die sich in der Tradition der konservativen Parteien Europas sieht, und andererseits der Nachfolgepartei der kommunistischen Partei, der Partia Socialiste [Sozialistische Partei, SP]. Der innenpolitische Dauerkonflikt wird in einer stark personalisierten Form zwischen den Parteiführern ausgetragen und hat gleichzeitig auch zu einer großen Politisierung und Polarisierung der Gesellschaft geführt. Den Anhängern beider Seiten geht es dabei kaum um ideologische Differenzen, sondern hauptsächlich um den eigenen Profit, der aus dem Bekenntnis zu den als Clan- und Klientelsystem funktionierenden Parteien geschlagen werden soll. Die beiden Parteien dominieren sowohl das politische System als auch die öffentliche Meinung. Die Zivilgesellschaft ist schwach, die Medien sind auf die finanzielle Unterstützung durch die politischen Parteien und Akteure angewiesen. Im Gegenzug unterstützen sie deren politische Agenden.10 Unter diesen Bedingungen ist eine gründliche Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit schwer möglich. Erstens blockiert der »lähmende Machtkampf in Tirana«11 zentrale Reformen in allen Bereichen, darunter auch die Verabschiedung eines umfassenden Lustrationsgesetzes und weiterer Maßnahmen zur Aufarbeitung des Kommunismus. Zweitens hat die politische Elite, die eine auffallend hohe personelle Kontinuität aus der kommunistischen Zeit aufweist, kaum ehrliches Interesse an einer Aufarbeitung,12 während für die einfachen Bürger der Kampf um das »tägliche Brot« und die individuelle Sicherheit in politisch und wirtschaftlich instabilen Zeiten im Vordergrund steht.13 Die Aufarbeitung konzentriert sich hauptsächlich auf zwei Bereiche: (Diskussionen um) die Verabschiedung von Lustrationsgesetzen und die materielle Entschädigung der Opfer. Auch wenn diese zwei Problematiken immer wieder Thema der politischen Auseinandersetzungen sind, sind sie weit davon entfernt, angemessen gelöst zu werden. Ulrike Stern und Sarah Wohlfeld sprechen von einer »Pseudo-Aufarbeitung«, da der Aufarbeitungsprozess lediglich als rhetorische Waffe zur Diffamierung politischer Gegner instrumentalisiert werde.14 Dieser Pseudo-Charakter zeigte sich bisher am deutlichsten in der selektiven Auswechslung unliebsamer Beschäftigter des Beamtenapparats unter dem Vorwand der angeblichen Verstrickung mit dem kommunistischen Regime15 sowie in den Versuchen zur Verabschiedung politisierter Lustrationsgesetze,16 die den Aufarbeitungsprozess als Waffe gegen politische Gegner diskreditierten. Zuletzt beschloss das Parlament Ende 2008 ein Gesetz zur Überprüfung hoher Beamter auf eine frühere Mitarbeit bei der Geheimpolizei, das heftige Kritik im In- und Ausland auslöste und später vom Verfassungsgericht für nichtig erklärt wurde. Der damalige Generalsekretär des Europarats, Terry Davis, kritisierte das Gesetz als mit den Europarat-Normen für Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit unvereinbar.17 Das grundlegende Problem ist, dass ein Lustrationsgesetz aufgrund der Abhängigkeit der Justiz von der Politik, d. h. aufgrund der herrschenden Einflussnahme von Politikern auf Richter, zu einem politischen Spiel zu werden droht.18 Die Befürchtung, die Öffnung der Geheimdienst-Archive würde zu einer politisch motivierten Hexenjagd führen, blockiert die juristische Aufarbeitung des Kommunismus zusätzlich: Die Täter bleiben unbestraft, und die Opfer erhalten auch 22 Jahre nach der politischen Wende keinen Zugriff auf die Akten des ehemaligen Geheimdienstes. Die finanzielle Entschädigung der Opfer ist ebenfalls problematisch und verläuft schleppend: »Die ganze Frage der Entschädigungszahlungen ist mehr eine Frage der Gegenwart als eine der Vergangenheit. Es geht darum, wer heute welches Geld für welche Zwecke nutzt«,19 so Fatos Lubonja, Intellektueller und ehemaliger politischer Häftling. Das 2007 verabschiedete Gesetz auf Entschädigung20 sieht Zahlungen von 2000 Lek (ungefähr 14 Euro) für jeden Tag in Haft vor. Bisher wurde lediglich ein Teil davon ausgezahlt. Bereits 2009 und 2011 wurde das Gesetz überarbeitet und ergänzt. Die Veränderungen sahen die Erweiterung des Kreises derjenigen vor, die Anspruch auf Entschädigungszahlungen haben sollten. Laut des Gesetzes von 2009 zählen dazu alle Angehörigen von Menschen, die ohne Gerichtsbeschluss hingerichtet worden sind, sowie weitere Familienangehörige und Verwandte von ehemaligen Gefangenen, sofern Letztere bereits gestorben sind und keine Kinder hinterlassen haben. Die Gesetzesänderung von 2011 sieht darüber hinaus Entschädigungszahlungen für diejenigen vor, die noch vor der offiziellen Machtübernahme der Hoxha-Regierung von den Kommunisten verurteilt worden sind. Die SP boykottierte 2009 die Abstimmung über das Gesetz im Parlament und warf der DP vor, die Gesetzesänderung als vorgezogene Wahlkampagne zu missbrauchen und damit auch Kriegsverbrecher und ehemalige Kollaborateure entschädigen zu wollen.21 Abseits von Diskussionen über Lustrations- und Opferentschädigungsgesetze findet in Albanien kaum eine öffentliche Auseinandersetzung mit der kommunistischen Vergangenheit statt. Ebenso scheinen fast alle Spuren, die daran erinnern, beseitigt. Die museale Aufarbeitung steckt ebenfalls noch in den Anfängen. Der bereits 1996 im Nationalen Geschichtsmuseum eingerichtete »Pavillon des kommunistischen Genozids« wurde 2012 als »Pavillon des kommunistischen Terrors« neu eröffnet. Ein Museum in einem ehemaligen Gefängnis in Shkodra soll demnächst eingeweiht werden. Darüber hinaus besteht jedoch ein eklatanter Mangel an Gedenkstätten, was bei ausländischen Beobachtern und Experten häufig für Erstaunen sorgt.22 Die Rolle der Zivilgesellschaft im Aufarbeitungsprozess In ihrer Analyse für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik aus dem Jahr 2012 bezeichnen Ulrike Stern und Sarah Wohlfeld die Zivilgesellschaft in Albanien als »abhängig und schwach«23 und konstatieren eine weitgehende Politisierung der Zivilgesellschaft, der die Bevölkerung nur wenig Vertrauen entgegenbringe.24 Die zivilgesellschaftlichen Defizite spiegeln sich in der schwachen Rolle der Zivilgesellschaft im Aufarbeitungsprozess wider. Zwischen 1992 und 1997 kann der Aufarbeitungsprozess als weitgehend unorganisiertes, politisiertes und letztendlich gescheitertes Unterfangen der regierenden DP charakterisiert werden, an dem lediglich ehemals politisch Verfolgte beteiligt waren, die der DP angehörten.25 Zivilgesellschaftliche Akteure spielten keine entscheidende Rolle, an den Entwürfen für die Lustrationsgesetze waren Nichtregierungsorganisationen nicht beteiligt.26 Der Diskurs über den Umgang mit der kommunistischen Vergangenheit fand somit weniger als öffentliche Debatte statt, sondern vielmehr als DP-internes Ringen zwischen ehemaligen politischen Gefangenen, die einen radikalen antikommunistischen Kurs forderten, und der Parteiführung nahestehenden Mitgliedern, die zum Teil Verbindungen zur alten Elite hatten und eine gemäßigte Position vertraten.27 Mit der Niederlage der DP bei den Wahlen im Jahr 1997 kam der Aufarbeitungsprozess zum Erliegen. Die sozialistische Regierung (1997–2005) konzentrierte sich fortan hauptsächlich darauf, die während der DP-Regierungszeit verabschiedeten Gesetze so weit zu überarbeiten, bis sie praktisch wirkungslos waren.28 Der politische Machtwechsel im Jahr 2005 brachte die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus erneut auf die politische Agenda. Seitdem lässt sich auch ein stärkeres Engagement der Zivilgesellschaft im Aufarbeitungsprozess feststellen. Im Unterschied zur ersten DP-Ära übernahm nach 2005 nur eine geringe Anzahl ehemaliger Verfolgter politische Ämter.29 Möglicherweise war dies ein Grund dafür, dass die Opferverbände öffentlich aktiver wurden und damit begannen, den Druck auf die politische Klasse zu erhöhen. Vertreter dieser Verbände melden sich seitdem immer wieder zu Wort und fordern unter anderem die Verabschiedung eines effektiven Lustrationsgesetzes, vollständige Öffnung der Archive, rasche und adäquate Entschädigung der Opfer der kommunistischen Diktatur, Verurteilung der kommunistischen Verbrechen, Bereitstellung eines Regierungsfonds zur Suche nach Überresten von hingerichteten Personen sowie ihre Bestattung auf dem »Friedhof der Märtyrer«, Bau von Museen und Denkmälern für die Opfer der kommunistischen Diktatur, Rücknahme aller Titel und Auszeichnungen Enver Hoxhas, Entfernung kommunistischer Symbole von öffentlichen Plätzen etc.30 Da weite Teile der Bevölkerung während der kommunistischen Herrschaft Opfer von Repressionen wurden, kommt den ehemaligen Verfolgten eine wichtige Rolle als Wählergruppe zu. Dass Opferverbände dennoch nur einen geringen politischen Einfluss haben, lässt sich größtenteils auf die Spaltung der Organisationen in viele kleinere sowie auf die Instrumentalisierung ihrer Forderungen durch die politischen Parteien zurückführen. Immer wieder kommt es zu Unstimmigkeiten zwischen den einzelnen Opferverbänden, die zuletzt in der sehr unterschiedlichen Beurteilung des eingangs erwähnten Hungerstreiks deutlich wurden.31 Darüber hinaus machte sich Unsicherheit unter den ehemaligen politisch Verfolgten hinsichtlich ihrer politischen Orientierung bei den Parlamentswahlen im Juni 2013 bemerkbar. Gleich mehrere politische Parteien versprachen ihnen die Lösung ihrer Probleme und warfen den politischen Gegnern vor, die Gruppe der Opfer bisher komplett vernachlässigt und betrogen zu haben.32 Einen wichtigen Beitrag zur Thematisierung der kommunistischen Vergangenheit in der Öffentlichkeit haben neben Opferverbänden auch einzelne Persönlichkeiten wie Intellektuelle, Künstler, Journalisten und Schriftsteller geleistet. Viele von ihnen gehören ebenfalls zur Gruppe der ehemals politisch Verfolgten. Zuletzt hat ein Mahnmal des albanischen Intellektuellen und ehemaligen Gefangenen Fatos Lubonja und des Künstlers Ardian Isufi medial große Aufmerksamkeit erregt. Das Kunstwerk, bestehend aus einem Stück der Berliner Mauer, Betonstützen aus den Bergwerkstollen eines Arbeitslagers im kommunistischen Albanien sowie einem Bunker, wurde am Haupteingang des ehemaligen Führerviertels Blloku in Tirana aufgestellt und soll an die Opfer der kommunistischen Diktatur erinnern.33 Die wöchentliche Sendung Histori me zhurmues34 [Geschichte mit »zhurmues«]35 vom nationalen Privatfernsehsender TV Klan, die unterschiedliche Facetten der kommunistischen Vergangenheit behandelt, erreicht weite Teile der Bevölkerung, bildet aber eine Ausnahme. Andere Sendungen mit ähnlich anspruchsvollem Inhalt und vergleichbar hohen Zuschauerzahlen gibt es nicht. Erwähnt sei auch der Beitrag der katholischen Kirche zur Aufarbeitung der kommunistischen Verbrechen am Klerus.36 Zur Auseinandersetzung mit dem Kommunismus in Historiografie und Geschichtspublizistik Der Verlauf der politischen Transition hat auch die Art und Weise der Auseinandersetzung mit dem Kommunismus in Wissenschaft und Gesellschaft wesentlich geprägt. Die Historiker spielen bisher eine sehr passive Rolle im Aufarbeitungsprozess. Drei Faktoren sind dafür entscheidend: personelle Kontinuität (auch) im Wissenschaftsbereich, hoher politischer und sozialer Druck auf Historiker, die sich mit zeitgeschichtlichen Themen beschäftigen, sowie unzureichende finanzielle Ressourcen für Historiker seit der Wende. Den Geistes- und Sozialwissenschaftlern und insbesondere den Historikern ist die Umorientierung nach der Wende schwergefallen. Die sehr kleine intellektuelle Elite, zum Großteil im kommunistischen System verankert37 sowie in freundschaftlichen und familiären Beziehungen mit der kommunistischen Elite eng verbunden,38 konnte den Sprung in den Postsozialismus zwar erfolgreich meistern, sah sich nach der Wende aber einem ständigen sozialen und politischen Druck ausgesetzt,39 was eine weitgehende Distanzierung von zeitgeschichtlichen Themen zur Folge hatte. Die Abhängigkeit der intellektuellen Elite von der Politik ist groß, die Verflechtung in Verwandtschafts- und Klientelverhältnissen überaus eng.40 Intellektuelle, die sich mit Kommunismus-Themen beschäftigen, sind oft starken persönlichen Anfeindungen ausgesetzt.41 Immer wieder melden sich einflussreiche Politiker zu Wort und fordern die Umschreibung der Geschichte nach ihren Vorstellungen. Damit tragen sie zur Verunsicherung und Einschüchterung der Historiker bei. Hinzu kommt, dass Historiker in Albanien mit enormen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Aufgrund der geringen Entlohnung gehen viele von ihnen zusätzlich einer Zweitbeschäftigung nach.42 Die Ressourcen (neue internationale wissenschaftliche Literatur, technische Ausstattung wie Computer, Scanner usw.) sind sehr knapp, die finanzielle Förderung ist sehr beschränkt. Manche Archivaufenthalte im Ausland finanzieren die Historiker deshalb sogar privat.43 Was die Lage und Zugänglichkeit der Archive in Albanien betrifft, gibt es große Unterschiede: Während das Staatsarchiv in Tirana, in dem auch das ehemalige Archiv der Kommunistischen Partei, der Partei der Arbeit Albaniens (PAA) und die Bestände vieler staatlicher Institutionen untergebracht sind, frei zugänglich und modern ausgestattet ist, ist das Archiv des Innenministeriums nur sehr beschränkt zugänglich und in einem für die Forschung weitgehend ungeeigneten Zustand. Das Archiv des Geheimdienstes ist, wie bereits erwähnt, für Forscher gänzlich unzugänglich. Diese sehr schwierigen Arbeits- und Forschungsbedingungen wirken sich auf die Zahl und die Qualität der wissenschaftlichen Publikationen aus. Es ist erstaunlich, wie wenig wissenschaftliche Studien es über die kommunistische Zeit gibt und wie begrenzt ihr Themenspektrum ist. Valentina Duka, Leiterin der Historischen Abteilung an der Universität von Tirana, begründet dies so: »The main reason lies in the fact that, beside the problem of access to archive sources, Albanian historians are not prepared or not willing to raise the issue of the communist regime. Their attitude is that the younger historians will, at a later stage, take on the issue.«44 Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Kommunismus fand bisher weniger in Form von Untersuchungen statt, die unterschiedliche Facetten der kommunistischen Vergangenheit analysieren, als vielmehr in Form einer grundsätzlichen Neubewertung der kommunistischen Phase sowie einzelner Ereignisse und Persönlichkeiten. Dies betraf vor allem Schulbücher, die entsprechend umgeschrieben wurden, und das von der Akademie der Wissenschaften herausgegebene prestigeträchtige Handbuch Historia e Shqipërisë [Geschichte Albaniens], das nun den Titel Historia e popullit shqiptar45 [Geschichte des albanischen Volkes] trägt. Die Umschreibung der im Kommunismus stark indoktrinierten Geschichts- und anderer Schulunterrichtstexte gehörte zu den dringendsten Maßnahmen nach der Wende und wurde zu einer umstrittenen und politisch umkämpften Angelegenheit. Zweimal wurden Unterrichtstexte zur Geschichte Albaniens unter dem Einfluss der jeweiligen regierenden Partei neu geschrieben.46 In der Zeit der konservativen Regierung kam es tendenziell zu einer völligen Abwertung der kommunistische Phase. Einzelne Ereignisse und Persönlichkeiten wurden in den Unterrichtstexten gänzlich neu bewertet. Die Autoren der Texte, die nach dem Sieg der SP 1997 entstanden, bemühten sich stattdessen um die »Rehabilitierung« der kommunistischen Phase und der Periode des Zweiten Weltkrieges, bedienten sich dabei jedoch nicht selten einer problematischen, aus der kommunistischen Historiografie stammenden Terminologie und Rhetorik.47 Der 2008 veröffentlichte vierte Band des Historia e popullit shqiptar versucht indessen einen Ausgleich zu schaffen bzw. »allen Standpunkten gerecht zu werden«.48 In Form einer Handbuchdarstellung ohne Fußnoten verfasst, werden die wichtigsten Grundzüge der politischen, ökonomischen und sozialen Entwicklung des sozialistischen Albaniens skizziert. Der kommunistischen Periode in Albanien wird dabei weniger als die Hälfte des Textes gewidmet. Stärker wird auf den Zweiten Weltkrieg, die Geschichte des Kosovo und der Çamëria in Griechenland im und nach dem Zweiten Weltkrieg eingegangen. Die Rolle und Frontstellungen der kommunistischen Partisanen und konservativen Kräfte der Balli Kombëtar im Zweiten Weltkrieg sind ein sehr umstrittenes Thema im postkommunistischen Albanien und stellen – was die öffentliche Aufmerksamkeit betrifft – die kommunistische Phase teilweise in den Schatten. Der Zweite Weltkrieg im Allgemeinen ist in der Literatur vergleichsweise überrepräsentiert. Das gilt für Monografien wie für wissenschaftliche Aufsätze, die in der Regel von den Autoren der Monografien in der vom Institut der Geschichte der Albanischen Akademie der Wissenschaften herausgegebenen Zeitschrift Studime Historike [Historische Studien] veröffentlicht werden.49 Daneben rücken häufig folgende Themen in den Mittelpunkt: Kalter Krieg, internationale Beziehungen Albaniens, Beziehungen zum ehemaligen Jugoslawien und zu Griechenland50 sowie die Kosovo-Frage in der Politik der PAA.51 Einzelne Historiker arbeiten auch an Themen wie Repression, innenpolitische Kämpfe in den ersten Nachkriegsjahren und Säuberungen innerhalb der PAA,52 Bodenkollektivierung und Agrarpolitik53 sowie Bildung/Bildungspolitik.54 Kastriot Dervishi, Direktor des Archivs des Innenministeriums, hat in den letzten Jahren damit begonnen, Quellen aus dem Archiv, die sich mit der Säuberung führender Regimevertreter beschäftigen, zu edieren.55 Bemerkenswert ist, dass sich die meisten Monografien über die sozialistischen Jahre speziell der Geschichte des Kosovo im sozialistischen Jugoslawien widmen.56 Die Zahl der Publikationen und Autoren, die sich mit dem Kommunismus beschäftigen, ist überschaubar. Hier handelt es sich vorwiegend um stark personen- und ereignisorientierte, auf positivistischer Quellenauslegung basierende, politikgeschichtliche Untersuchungen. Anhand von »Fakten« aus schriftlichen Dokumenten werden Ereignisse und Entwicklungen rekonstruiert und in deskriptiver Form als »die historische Wahrheit« dargestellt. Interdisziplinäre Studien sind ebenso wenig vorhanden wie wissenschaftliche Versuche, das albanische System in einem größeren Kontext einzuordnen bzw. in vergleichender Perspektive zu untersuchen. Alltags- und mentalitätsgeschichtliche sowie historisch-anthropologische Herangehensweisen gibt es nicht, sozialhistorische sehr selten. Bisher haben in Albanien auch keine umfassenden Oral History-Projekte stattgefunden, wie dies in vielen anderen ehemaligen sozialistischen Ländern nach der Wende der Fall war. Die Zurückhaltung der Historiker öffnete der Geschichtspublizistik genauso wie dem Boulevardjournalismus Tür und Tor. Letzterer ist hauptsächlich an Skandal- und Sensationsnachrichten (wie beispielsweise an Fragen nach der (homo)sexuellen Orientierung Enver Hoxhas, nach Mord oder Selbstmord des ehemaligen Ministerpräsidenten Mehmet Shehus) interessiert, die vorwiegend auf Gerüchten basieren. Von gegenseitigen Schuldzuweisungen geprägte Interviews und Memoiren ehemaliger führender, zum Teil später gesäuberter Regimevertreter geben diesen Gerüchten neue Nahrung. Die Opfer, die nicht zu den ehemals führenden, später in Ungnade gefallenen Regimevertretern gehören, haben im Vergleich dazu seltener ihre Memoiren vorgelegt und wenn doch – von wenigen Ausnahmen abgesehen – deutlich weniger Aufmerksamkeit erhalten. Ein zweites wichtiges Merkmal der für die breite Öffentlichkeit verfassten Publikationen ist ihre häufig klar erkennbare politische Motivation. Es überwiegen antikommunistische Publikationen, die basierend auf einem starren Konzept des Totalitarismus das Bild einer monolithischen, vom »barbarischen« Regime oder gar vom Diktator allein unterdrückten und terrorisierten Gesellschaft zeichnen. Diese Schriften werden häufig in Online-Foren kommentiert und heftig diskutiert, finden aber ansonsten wenig Verbreitung. Eine Ausnahme bildete eine 2011 von dem Journalisten Blendi Fevziu veröffentlichte Biografie über Enver Hoxha, die zu einem Bestseller wurde.57 Monatelang wurde das Buch in Internetforen, Zeitungsartikeln und TV-Sendungen diskutiert, oft in Form von persönlichen Angriffen bis hin zu Schimpftiraden gegen den Autor. In Ferizaj (Kosovo) und in einigen albanischen Städten wurde das Buch sogar öffentlich verbrannt. Fevziu wurde vorgeworfen, das Buch im Auftrag der demokratischen Regierung geschrieben und Enver Hoxha darin tendenziell in ein schlechtes Licht gerückt zu haben.58 Hoxhas Familienangehörige meldeten sich zu Wort und bezeichneten Fevziu als Betrüger. Andererseits erhielt Fevziu auch viel prominente Unterstützung. Zur Feier seiner Buchpräsentation erschienen der albanische und kosovo-albanische Premierminister und viele andere führende Persönlichkeiten, die mit Lob nicht sparten und das Buch vor allem als sehr gut und klar dokumentiertes und faktenreiches Werk hervorhoben.59 Einzig die Historiker hielten sich mit fachlichen Stellungnahmen weitgehend zurück. Das Buch stützt sich auf Archivunterlagen, größtenteils aber auf Hoxhas Memoiren sowie Erinnerungen ehemaliger Bekannter und Weggefährten Hoxhas, einschließlich Gerüchten über ihn. Der Autor ist um Unvoreingenommenheit bemüht, verfällt aber stellenweise in Vulgärpsychologie, beispielsweise wenn Hoxha als »Magier« und »eine Art Dämon«60 – bezogen auf sein »politisches Talent« – bezeichnet oder als Mensch beschrieben wird, dem die Beschäftigung mit den Problemen, Konflikten und Leiden der anderen eine unerklärliche Freude bereitet habe.61 Im Großen und Ganzen zeichnet Fevziu damit ein Bild Enver Hoxhas als »talentiertem Kriminellen«.62 Obwohl der Autor viele Fragen offenlässt und zahlreiche Aussagen nicht belegt, tritt er mit dem sowohl in der Wissenschaft als auch in der Geschichtspublizistik häufig anzutreffenden Anspruch auf, Enver Hoxhas »wahre«, auf »Fakten« basierende Biografie zu präsentieren. Der Ausdruck »në të vërtetë« [in Wahrheit/in Wirklichkeit] kommt über 30 Mal im Buch vor, die Formulierung »pa dyshim/pa asnjë dyshim/nuk ka asnjë dyshim që …« [zweifellos/ohne jeden Zweifel/es gibt keinen Zweifel darüber, dass …] mindestens 33 Mal. Wenngleich das Buch seinen Erfolg zum Teil einer groß angelegten Werbekampagne verdankt, zeigt die rege gesellschaftliche Beteiligung an den Diskussionen, die das Buch auslöste, dass die albanische Gesellschaft offenbar sehr wohl Interesse an der Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit hat. Die je nach Parteizugehörigkeit häufig sehr aggressiven Töne und emotional geführten Konflikte wirken sich aber hemmend auf den Aufarbeitungsprozess aus. Sie bringen die Diskussionen ins Stocken und führen dazu, dass große Teile der Bevölkerung sich rasch wieder davon distanzieren. Ausblick Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Thema Kommunismus aus der Öffentlichkeit überwiegend verdrängt und bei gelegentlichem Aufleben einer starken Politisierung unterworfen ist. Einzig für den Aufarbeitungsprozess irrelevanten oder gar negativen Sensationsnachrichten und politisch motivierten Stellungnahmen gelingt es, hin und wieder Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Der Aufarbeitungsprozess wird auf Diskussionen über die finanzielle Entschädigung der Opfer, Verabschiedung eines Lustrationsgesetzes und Umschreibung der Geschichtsbücher bzw. Umdeutung einzelner Ereignisse und Persönlichkeiten reduziert und in hohem Maß zu politischen Zwecken missbraucht. Die politische Instrumentalisierung verhindert die gründliche Aufarbeitung des Kommunismus entscheidend. Im Bereich der Forschung hat sie dazu geführt, dass Fachhistoriker dieses Thema zunehmend meiden. Große finanzielle Schwierigkeiten und personelle Kontinuität im Forschungsbereich haben außerdem die wissenschaftliche Untersuchung unterschiedlicher Facetten des Kommunismus maßgeblich behindert. 22 Jahre nach der Wende kann die albanische Historiografie kaum analytische Studien, allenfalls nur wenige ereignis- und personenorientierte Darstellungen vorweisen. Der bisherige Verlauf der Aufarbeitung zeigt, dass die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus in Albanien politisch dominiert wird, d. h. eine politische, (noch) keine gesellschaftliche Angelegenheit ist. Angesichts des fehlenden politischen Willens zur ernsthaften Aufarbeitung wird die Rolle der Zivilgesellschaft in Zukunft vermutlich von entscheidender Bedeutung für den Erfolg des Aufarbeitungsprozesses sein. 1* Der Autor ist Stipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (DOC) am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien. Siehe Thomas Fuster: Aufarbeit der Staatsgeschichte. Erinnerung und Amnesie in Albanien, in: Neue Zürcher Zeitung, 28. November 2012: http://www.nzz.ch/aktuell/international/erinnerung-und-amnesie-in-albanien-1.17852363, ges. am 18. Juni 2013; Adelheid Wölfl: Selbstverbrennung gegen das Vergessen in Albanien, in: Der Standard, 5. November 2012: http://derstandard.at/1350260363644/Albanien-Selbstverbrennung-gegen-das-Vergessen, ges. am 18. Juni 2013. 2 Berisha: Greva drejtohet nga pijanecë, bixhozxhinj e kriminelë. Skënder Tufa ngriti bordello në mes të Tiranës [Berisha: Der Streik wird von Trinkern, Glückspielern und Kriminellen geführt. Skënder Tufa [der Koordinator des Hungerstreikes; I. I.] errichtete ein Bordell inmitten von Tirana], in: Tema, 15. Oktober 2012: http://www.gazetatema.net/web/2012/10/15/berisha-greva-drejtohet-nga-pijanece-bixhozxhinj-e-kriminele-skender-tufa-ngriti-bordello-ne-mes-te-tiranes/, ges. am 18. Juni 2013. 3 Greva e ish-të burgosurve, Berisha: Është politike, udhëhiqet nga një kriminel ordiner [Der Streik der Exhäftlinge, Berisha: Er ist politisch, wird von einem ordinären Kriminellen geführt.], in: Shekulli, 15. Oktober 2012: http://shekulli.com.al/web/p.php?id=5901&kat=87, ges. am 18. Juni 2013. 4 Siehe ebd. 5 Einen sehr guten und umfangreichen Überblick über das kommunistische Albanien bietet: Klaus-Detlev Grothusen (Hg.): Albanien (= Südosteuropa-Handbuch, Bd. 7), Göttingen 1993. Zum Charakter der albanischen Diktatur sowie zur kommunistischen Propaganda in Albanien siehe vor allem Bernhard Tönnes: Sonderfall Albanien. Enver Hoxhas »eigener Weg« und die historischen Ursprünge seiner Ideologie (= Untersuchungen zur Gegenwartskunde Südosteuropas, Bd. 16), München 1980; ders.: Grundlagen der albanischen Isolationspolitik, in: Südosteuropa 31 (1982), H. 9, S. 443–458; Arshi Pipa: Albanian Stalinism. Ideo-Political Aspects (= East European monographs, Bd. 287), Boulder u. a. 1990; Pandeli Pani: »Wir tanzen sogar vor dem Maul des Wolfes«. Das kommunistische Albanien und seine kapitalistischen und revisionistischen Feinde, in: Silke Satjukow/Rainer Gries (Hg.): Unsere Feinde. Konstruktionen des Anderen im Sozialismus, Leipzig 2004, S. 525–542; Interview der »Deutschen Welle« mit Oliver Jens Schmitt: Forschung und Gesellschaft stehen am Anfang, 15. April 2010, in: http://www.dw.de/forschung-und-gesellschaft-stehen-am-anfang/a-5470339, ges. am 18. Juni 2013. 6 Siehe Klaus-Detlev Grothusen: Außenpolitik, in: Grothusen (Hg.): Albanien (Anm. 5), S. 86–156, hier S. 139. 7 Siehe Schmitt: Forschung (Anm. 5). 8 Siehe Daniel Ursprung: Albaniens blockierte Aufarbeitung der Geschichte. Die Auseinandersetzung mit dem kommunistischen Regime hat noch kaum begonnen, in: Neue Zürcher Zeitung, 5. Januar 2011: http://www.nzz.ch/aktuell/international/albaniens-blockierte-aufarbeitung-der-geschichte-1.8991179, ges. am 18. Juni 2013. 9 Zur Transformationsphase siehe Oliver Jens Schmitt: Albanien – zwischen Staatszerfall und hürdenreicher Annäherung an die Europäische Union, in: Iskra Schwarcz/Arnold Suppan (Hg.): Quo vadis EU? Osteuropa und die EU-Erweiterung (= Europa Orientalis, Bd. 5), Wien u. a. 2008, S. 435–446; Fabian Schmidt: Politische Transformation in Albanien, in: Peter Jordan u. a. (Hg.): Albanien. Geographie – Historische Anthropologie – Geschichte – Kultur – Postkommunistische Transformation (= Osthefte, Bd. 17), Wien u. a. 2003, S. 315–328. 10 Siehe Ulrike Stern/Sarah Wohlfeld: Albaniens langer Weg in die Europäische Union. Innenpolitischer Machtkampf blockiert zentrale Reformen (DGAPanalyse 11, September 2012), in: https://dgap.org/de/article/getFullPDF/22125, S. 7–12, ges. am 18. Juni 2013; für die Situation in der Medienlandschaft siehe Blendi Kajsiu: The Instrumentalisation of Media in Albania, in: Südosteuropa 60 (2012), H. 1, S. 31–52. 11 Stern/Wohlfeld: Albaniens langer Weg (Anm. 10), S. 7. 12 Siehe ebd., S. 13. 13 Siehe Peter Schubert: Albanische Identitätssuche im Spannungsfeld zwischen nationaler Eigenstaatlichkeit und europäischer Integration (= Strategische Kultur Europas, Bd. 4), Frankfurt a. M. u. a. 2005, S. 44 f. 14 Stern/Wohlfeld: Albaniens langer Weg (Anm. 10), S. 13. 15 Siehe ebd.; Ursprung: Albaniens blockierte Aufarbeitung der Geschichte (Anm. 8). 16 Für die englische Übersetzung der relevanten Gesetzestexte aus der Zeit zwischen 1991 und 2004 siehe http://www.lustration.net/albania_documentation.pdf, ges. am 18. Juni 2013. 17 Siehe Besar Likmeta: Albania High Court Suspends Lustration Law, in: BalkanInsight, 16. Februar 2009: http://balkaninsight.com/en/article/albania-high-court-suspends-lustration-law, ges. am 18. Juni 2013. 18 So die Einschätzung zweier albanischer Intellektueller, Artan Puto und Fatos Lubonja, in: Zoran Arbutina/Alexandra Scherle: Geheimdienst-Akten bleiben unter Verschluss, in: Deutsche Welle, 22. März 2012: http://www.dw.de/geheimdienst-akten-bleiben-unter-verschluss/a-15824738-1, ges. am 18. Juni 2013 und in: Wölfl: Selbstverbrennung (Anm. 1). 19 Ebd. 20 Zum vollständigen Gesetzestext siehe Link mit dem Titel »Ligji Për Dëmshpërblimin e ish të Dënuarve Politikë« [Das Gesetz zur Entschädigung der ehemals politisch Verurteilten] auf der Homepage des albanischen Justizministeriums: http://www.justice.gov.al/?fq=brenda&gj=gj1&kid=223, ges. am 19. Juni 2013. 21 Topi firmos, nga dje hyn ne fuqi ligji per demshperblimin e ish te denuarve [Topi unterzeichnet, seit gestern tritt das Gesetz zur Entschädigung der ehemals Verurteilten in Kraft], in: Koha Jonë, 18. April 2009: http://www.kohajone.com/artikull.php?idm=40952, ges. am 19. Juni 2013; Ndryshon ligji për ish të përndjekurit [Das Gesetz für die ehemals Verfolgten wird geändert], in: Top Channel, 31. August 2011: http://www.top-channel.tv/artikull.php?id=217874, ges. am 19. Juni 2013. 22 Siehe dazu die Stellungnahme von Anna Kaminsky von der »Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur«, in: Aida Cama/Mirjana Dikic: Albaniens schwieriger Umgang mit der Geschichte, in: Deutsche Welle, 27. Mai 2010: http://www.dw.de/albaniens-schwieriger-umgang-mit-der-geschichte/a-5610655, ges. am 19. Juni 2013. 23 Stern/Wohlfeld: Albaniens langer Weg (Anm. 10), S. 12. 24 Ebd. 25 Siehe Robert C. Austin/Jonathan Ellison: Post-Communist Transitional Justice in Albania, in: East European Politics and Societies 22 (2008), H. 2, S. 373–401, hier S. 374, online verfügbar unter: http://eep.sagepub.com/content/22/2/373.abstract, ges. am 19. Juni 2013; siehe Arolda Elbasani/Artur Lipinski: Public Contestation and Politics of Transitional Justice: Poland and Albania Compared, in: EUI Working Papers (02/2011), European University Institute Florence, online verfügbar unter: http://cadmus.eui.eu/bitstream/handle/1814/15805/SPS_2011_02.pdf?sequence=1, S. 7, ges. am 19. Juni 2013. 26 Siehe Magarditsch Hatschikjan/Dušan Reljić/Nenad Šebek (Hg.): Disclosing Hidden History: Lustration in the Western Balkans. A Project Documentation, Thessaloniki 2005, online verfügbar unter: http://www.lustration.net/, S. 41, ges. am 19. Juni 2013. 27 Siehe Elbasani/Lipinski: Public Contestation (Anm. 25), S. 7; Austin/Ellison: Post-Communist Transitional Justice (Anm. 25), S. 382. 28 Siehe ebd., S. 393–395; Elbasani/Lipinski: Public Contestation (Anm. 25), S. 9. 29 Siehe Agron Tufa: Kriza e kauzës zgjedhore dhe ish-të përndjekurit [Die Ursache für die Wahlkrise und die ehemals Verfolgten], in: Panorama, 16. Februar 2013: http://www.panorama.com.al/2013/02/16/kriza-e-kauzes-zgjedhore-dhe-ish-te-perndjekurit/, ges. am 19. Juni 2013. 30 Diese Forderungen wurden immer wieder von verschiedenen Opferverbänden und einzelnen ehemaligen politischen Gefangenen, meistens in Verbindung mit bestimmten Ereignissen und Anlässen, in den Medien artikuliert. Einige dieser Forderungen sind im folgenden Artikel zu finden: Reshat Kripa: Edhe një herë mbi dënimin e krimeve të komunizmit [Noch einmal über die Verurteilung der Verbrechen des Kommunismus], in: Tribuna Shqiptare, 22. August 2012: http://tribunashqiptare.net/?p=9130, ges. am 19. Juni 2013. 31 Siehe stellvertretend Eva Gjura: Te perndjekurit: Distancohemi, greva eshte politike [Die Verfolgten: Wir distanzieren uns, der Streik ist politisch motiviert], in: Koha Jonë: http://kohajone.com/zarticle.php?id=65466, ges. am 19. Juni 2013; Ish të përndjekurit e Korçës mbeshtesin grevën [Die ehemals Verfolgten von Korça unterstützen den Streik], in: Panorama, 12. Oktober 2012: http://www.panorama.com.al/2012/10/12/ish-te-perndjekurit-e-korces-mbeshtesin-greven/, ges. am 19. Juni 2013. 32 Siehe stellvertretend folgende Artikel: Topi takon ish të përndjekurit: PD iu mori votat dhe iu mashtroi! [Topi trifft die ehemals Verfolgten: DP hat eure Stimmen genommen und euch betrogen!], in: Tirana Observer, 29. September 2012: http://www.tiranaobserver.al/2012/09/29/topi-takon-ish-te-perndjekurit-pd-iu-mori-votat-dhe-iu-mashtroi/, ges. am 19. Juni 2013; AK te ish të përndjekurit: Berisha ju mashtroi [AK an die ehemals Verfolgten: Berisha hat euch betrogen], in: Panorama, 25. September 2012: http://www.panorama.com.al/2012/09/25/ish-te-perndjekurit-ak-enveri-ju-denoi-berisha-ju-mashtroi/, ges. am 19. Juni 2013; Rama: Vetëm është abuzuar ish të përndjekurit [Rama: Die ehemals Verfolgten wurden nur missbraucht], in: Top Channel, 2. März 2012: http://www.top-channel.tv/artikull.php?id=229899&ref=fp, ges. am 19. Juni 2013. 33 Siehe Mimoza Troni/Jana Illhardt: Stein als Freiheitssymbol. In Albanien wurde ein Stück Berliner Mauer eingeweiht, in: Der Tagespiegel, 26. März 2013: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/stein-als-freiheitssymbol-in-albanien-wurde-ein-stueck-berliner-mauer-eingeweiht/7989964.html, ges. am 19. Juni 2013. 34 Zahlreiche Folgen und eine Kurzbeschreibung der Sendung sind online verfügbar unter: http://www.tvklan.al/on_air_arkiv.php?id=23, ges. am 19. Juni 2013. 35 »Zhurmues« [Lärmmacher] war ein technisches Gerät im Kommunismus zur Störung des Empfangs ausländischer Sender in Albanien. 36 Siehe beispielswiese »Zyra per Martiret« [Das Büro für die Märtyrer] auf der Homepage der Katholischen Kirche Shkodër mit Informationen auf Albanisch/Englisch/Deutsch: http://kishakatolikeshkoder.com/Zyra%20per%20martiret.htm, ges. am 19. Juni 2013. Außerdem haben ehemalige im Kommunismus verfolgte und inhaftierte katholische Geistliche Memoiren verfasst und Interviews gegeben. 37 Siehe Robert Pichler: Die albanische Historiographie seit der Wende, in: Alojz Ivanišević u. a. (Hg.): Klio ohne Fesseln? Historiographie im östlichen Europa nach dem Zusammenbruch des Kommunismus (= Osthefte, Bd. 16), Wien u. a. 2002, S. 521–526, hier S. 522. 38 Siehe Schmitt: Forschung (Anm. 5). Zur Verbindung von Geschichtswissenschaft und Politik in kommunistischer Zeit siehe Oliver Jens Schmitt: Genosse Aleks und seine Partei oder: Zu Politik und Geschichtswissenschaft im kommunistischen Albanien (1945–1991), in: Markus Krzoska/Hans-Christian Maner (Hg.): Beruf und Berufung. Geschichtswissenschaft und Nationsbildung in Ostmittel- und Südosteuropa im 19. und 20. Jahrhundert (= Studien zur Geschichte, Kultur und Gesellschaft Südosteuropas, Bd. 4), Münster 2005, S. 143–166. 39 Siehe das Interview mit dem albanischen Zeithistoriker Demir Dyrmishi: Si e kam shkruar historinë e komunizmit dhe Enver Hoxhës [Wie ich die Geschichte des Kommunismus und Enver Hoxhas geschrieben habe], in: Shqip, 9. Januar 2009: http://www.gazeta-shqip.com/kulture/afd4b2a7de65509a494b7069c5928a79.html, ges. am 19. Juni 2013. 40 Siehe Ursprung: Albaniens blockierte Aufarbeitung der Geschichte (Anm. 8). 41 Siehe Schmitt: Forschung (Anm. 5). 42 Siehe Pichler: Die albanische Historiographie (Anm. 37), S. 523. 43 Siehe Valentina Duka: Reflections on the Past in Albania in the 1990s, in: Ulf Brunnbauer (Hg.): (Re)writing History. Historiography in Southeast Europe after Socialism (= Studies on South East Europe, Bd. 4), Münster u. a. 2004, S. 31–53, hier S. 34. 44 Ebd., S. 47. 45 Xhelal Gjeçovi (Hg.): Historia e popullit shqiptar. IV. Shqiptarët gjatë Luftës së Dytë Botërore dhe pas saj 1939–1990 [Geschichte des albanischen Volkes. IV. Die Albaner während des Zweiten Weltkriegs und danach 1939–1990], Tirana 2008. 46 Siehe Cama/Dikic: Albaniens schwieriger Umgang mit der Geschichte (Anm. 22). 47 Siehe Duka: Reflections (Anm. 43), S. 51 f. 48 Michael Schmidt-Nekes Rezension von: Gjeçovi u. a. (Hg.): Historia e popullit shqiptar (Anm. 45), in: Südost-Forschungen 69/70 (2010/2011), S. 453–455, hier S. 455. 49 Siehe stellvertretend folgende Monografien: Xhelal Gjeçovi: Pushtimi gjerman në Shqipëri. 8 shtator 1943–29 nëntor 1944 [Die deutsche Besatzung in Albanien. 8. September 1943 – 29. November 1944], Tirana 2004; Muharrem Dezhgiu: Shqipëria në luftë (1939–1944). Studime dhe refleksione [Albanien im Krieg (1939–1944). Studien und Reflexionen], Tirana 2001. Arben Puto: Nëpër analet e diplomacisë angleze. Politika e Britanisë së Madhe ndaj Shqipërisë gjatë Luftës së II Botërore [In den Annalen der englischen Diplomatie. Die Politik Großbritanniens gegenüber Albanien während des Zweiten Weltkriegs], Tirana 2001. Sehr große Bekanntheit hat auch Bernd Fischers Monografie erlangt: Bernd J. Fischer: Albania at War 1939–1945, West Lafayette/Indiana 1999. 50 Siehe folgende ausgewählte Publikationen: Hamit Kaba: Shqipëria në rrjedhën e luftës së ftohtë. Studime dhe dokumente [Albanien im Laufe des Kalten Krieges. Studien und Dokumente], Tirana 2007; ders.: UNRRA në Shqipëri 1944–1947 [UNRRA in Albanien 1944–1947], Tirana 2000; Paskal Milo: Të vërtetat e fshehura. Incidenti i Kanalit të Korfuzit [Die versteckten Wahrheiten. Der Zwischenfall vom Korfu-Kanal], Tirana 2010; Beqir Meta: Tensioni greko-shqiptar 1939–1949 [Die griechisch-albanische Spannung 1939–1949], Tirana 2002; ders.: Shqipëria dhe Greqia 1949–1990. Paqja e vështirë [Albanien und Griechenland 1949–1990. Der schwierige Frieden], Tirana 2007; Ndreçi Plasari/Luan Malltezi (Hg.): Marrëdhëniet shqiptaro-jugosllave 1945–1948 [Die albanisch- jugoslawischen Beziehungen 1945–1948], Tirana 1996. Ana Lalaj hat auch mehrere Aufsätze zu außenpolitischen Themen in »Studime Historike« verfasst. 51 Siehe Xhelal Gjeçovi: Shteti shqiptar dhe cështja e Kosovës [Der albanische Staat und die Kosovo-Frage], Tirana 1998; Plasari/Malltezi (Hg.): Marrëdhëniet shqiptaro-jugosllave (Anm. 50). 52 Siehe Demir Dyrmishi: Veprimtaria e bandave dhe e organizatave opozitare ilegale në Shqipëri (1944–1948) [Die Tätigkeit der oppositionellen illegalen Banden und Organisationen in Albanien (1944–1948)], Tirana 2003; ders.: Lufta politike në udhëheqjen e PKSH (PPSH) 1944–1960 [Der politische Kampf in der Führung der KPA (PAA) 1944–1960], Tirana 2011. Darüber hinaus siehe Aufsätze in »Studime Historike«. 53 Siehe Dilaver Sadikaj: Prona në fshat (1956–1976) [Das Eigentum auf dem Land (1956–1976)], Tirana 2000; sowie Aufsätze in »Studime Historike«. 54 Siehe Enriketa Kambo: Arsimi në Shqipëri 1945–1960. [Die Bildung in Albanien 1945–1960], Tirana 2005. Außerdem weitere Aufsätze in »Studime Historike«. 55 Siehe Kastriot Dervishi: Kadri Hazbiu, krimet dhe vrasja e tij. Dëshmi, fakte, plenumet e PPSH-së, hetuesia dhe procesi gjyqësor [Kadri Hazbiu, seine Verbrechen und seine Ermordung. Beweise, Fakten, die Vollversammlungen der PAA, Ermittlungs- und Gerichtsverfahren], Tirana 2011; ders.: E vërteta e fshehur e një procesi. Gjyqi i Koçi Xoxes dhe lidhjet e tij me Enver Hoxhën [Die versteckte Wahrheit eines Prozesses: Das Gericht gegen Koçi Xoxe und seine Verbindungen zu Enver Hoxha], Tirana 2009. 56 Siehe Duka: Reflections (Anm. 43), S. 46 f. 57 Siehe Blendi Fevziu: Enver Hoxha. E para biografi bazuar në dokumentet e arkivit personal dhe në rrëfimet e atyre që e njohën [Enver Hoxha. Die erste Biografie gestützt auf Dokumente aus dem Privatarchiv und Erzählungen von denen, die ihn kannten], Tirana 2011. Für eine Rezension dieses Buches siehe in: Südost-Forschungen 71 (2012), S. 627–631. 58 Siehe exemplarisch Në Ferizaj digjet »Enver Hoxha« i Blendi Fevziut [In Ferizaj wird »Enver Hoxha« des Autors Blendi Fevziu verbrannt], in: 24 Orë: http://www.24-ore.com/index.php/kronika/8478-n%C3%AB-ferizaj-digjet-%E2%80%9Cenver-hoxha%E2%80%9D-i-blendi-fevziut.html, ges. am 19. Juni 2013. 59 Siehe Libri për Hoxhën, Fevziu mbledh tetë kryeministra [Das Buch über Hoxha, Fevziu versammelt acht Ministerpräsidenten], in: Panorama, 20. Dezember 2011: http://www.panorama.com.al/kulture/libri-per-hoxhen-fevziu-mbledh-tete-kryeministra/, ges. am 19. Juni 2013. 60 Fevziu: Enver Hoxha (Anm. 57), S. 30 f. 61 Ebd., S. 267. 62 Siehe Fevziu: Hoxha, kriminel i talentuar [Fevziu: Hoxha, ein talentierter Krimineller], in: Zëri.Info: http://www.zeri.info/artikulli/4/22/39457/fevziu-hoxha-kriminel-i-talentuar/, ges. am 19. Juni 2013.

JHK 2014

Luise Schröter – Verräterin oder Sündenbock? Zur Gestapo-Mitarbeit der kommunistischen Kurierin im Jahr 1935

Udo Grashoff

Die Frau, die 1934/35 als Kurierin der illegalen KPD-Bezirksleitung Halle-Merseburg tätig war, galt nach Kriegsende als eine der schlimmsten Verräterinnen im kommunistischen Widerstand. Angeblich – die Schätzungen variieren – verursachte Luise Schröter im Jahr 1935 mehrere 100, mehr als 600 oder sogar 1000 Verhaftungen und lieferte damit große Teile der illegalen KPD Halle-Merseburg der Gestapo aus, wobei sie nicht nur Namen verraten, sondern Genossen in Fallen gelockt sowie bei Gestapo-Verhören Protokoll geführt haben soll.1 In Kiel, wo sie nach 1945 Funktionärin der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) wurde, wusste man davon nichts, und so reiste Luise Schröter beispielsweise im Jahr 1946 unter ihrem Mädchennamen Renneberg nach Thüringen, um bei einem SED-Hausfrauennachmittag gegen die Annahme zu argumentieren, im Westen lebe man besser.2 Die hallesche VVN, die zu dieser Zeit eine rege Suchtätigkeit nach NS-Verbrechern durchführte, fand erst im Juni 1948 heraus, wo sich Luise Schröter aufhielt, was daran lag, dass diese erneut geheiratet und den Nachnamen ihres Ehemannes, Siegert, angenommen hatte. Sofort begann der VVN-Landesvorstand Sachsen-Anhalt, belastende Zeugenaussagen zu sammeln, und forderte seine Mitglieder mit drastischen Worten auf, über die »Schandtaten« dieser Verräterin zu berichten: »Die Luise Schröder, die heute als Siegert in Kiel verheiratet ist, treibt dort an prominenter Stelle ihr Unwesen. Es wird höchste Zeit, dass wir dieses Krebsgeschwür endlich beseitigen.«3 Auf Grundlage der in Halle gesammelten Zeugenaussagen reichte die VVN Kiel im Oktober 1949 einen Strafantrag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit bei der dortigen Staatsanwaltschaft ein.4 Soeben waren die beiden deutschen Staaten gegründet worden – ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für die Einleitung eines deutsch-deutschen Gerichtsverfahrens. Angesichts dessen mögen die Versuche der ostdeutschen Kommunisten, Luise Siegert unter einem Vorwand in die Mecklenburger Gegend zu locken und dort zu verhaften bzw. den Prozess nach Halle zu verlegen, nicht verwundern.5 Aber entgegen allen Befürchtungen, die »westdeutsche Klassenjustiz« lasse NS-Täter ungestraft, stellte der Kieler Staatsanwalt Pries einen Haftbefehl gegen Luise Siegert aus, veranlasste Gegenüberstellungen, holte ein psychologisches Gutachten ein, führte zahlreiche Zeugenbefragungen durch und ließ keinen Zweifel aufkommen, dass er trotz deutscher Teilung ein normales Gerichtsverfahren durchzuführen gedachte. Als einige der kommunistischen Zeugen aus der DDR sich weigerten, nach Kiel zu kommen, organisierte Pries Zeugenvernehmungen in Braunschweig und später sogar am deutsch-deutschen Grenzübergang in Helmstedt (die dann jedoch durch die DDR untersagt wurden).6 Auch wenn es schließlich zu einem Urteil kam, das die Erwartungen der VVN enttäuschte, steht die Intention des Prozesses, einer Frau Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die sowohl Opfer als auch Täterin war, nicht infrage. Wer war diese Frau? 1904 geboren, im Süden von Halle in einer deutschnational orientierten Familie aufgewachsen, trat Luise Schröter mit 22 Jahren der KPD bei. Sie hatte zuvor eine kaufmännische Lehre absolviert, als Kontoristin gearbeitet, bereits mit 17 Jahren geheiratet und einen Sohn geboren. Die ehrgeizige Frau engagierte sich in der Arbeitersportbewegung und stieg zur Landesleiterin der »Roten Sporteinheit« im Bezirk Halle auf.7 Zudem war sie im proletarischen Freidenkerverband aktiv; ihr Mann war dort leitender Funktionär. Nach Absolvierung eines Fortbildungskurses wurde sie 1932 Referentin in der Frauenabteilung des KPD-Bezirks Halle-Merseburg und übernahm im Herbst des gleichen Jahres die Leitung der Abteilung. Abgeordnet zu einem Sondereinsatz, erlangte Luise Schröter zu dieser Zeit einen Überblick über die KPD-Organisation des Bezirks und lernte viele Funktionäre kennen.8 Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten arbeitete sie als Hauptkassiererin der Bezirksgeschäftsstelle der »Volkshilfe« – der Nachfolgeorganisation des verbotenen Freidenkerverbandes in Form einer Bestattungsfürsorge. Am 2. Juni 1933 durchsuchten Gestapo-Beamte das Büro der »Volkshilfe«, verfügten die Schließung und verhafteten Luise Schröter. Weil sie im Auftrag der Reichsleitung des illegalen Freidenkerverbandes den Mietvertrag für das Büro mit einem falschen Namen unterzeichnet hatte, musste sie eine einmonatige Haftstrafe wegen »Urkundenfälschung« verbüßen.9 Anschließend kam sie in das Konzentrationslager Moringen (Niedersachsen), wo sie bis zur Weihnachtsamnestie 1933 inhaftiert war. Danach kehrte sie zurück nach Halle. Im Sommer 1934 traf sie bei einem Volksfest im Kyffhäusergebiet einen ehemaligen Genossen, der ihr den Kontakt zur illegalen KPD des Bezirks vermittelte. Zu dieser Zeit erlebte die illegale Arbeit der KPD im Kontext der inneren Krise der NS-Herrschaft (»Röhm-Putsch«) einen neuen Aufschwung. Wie groß die Anhängerschaft der Kommunisten war, zeigen die Stückzahlen der gegen Entgelt verteilten illegalen Schriften. In Halle, Weißenfels, Zeitz und anderen Orten wurden über 1000 Exemplare abgesetzt.10 Anfang Januar 1935 erhielt die Bezirksleitung Halle-Merseburg erneut 2000 illegale Druckschriften mit der Anweisung zur Verteilung.11 Besonderes Aufsehen erregten zudem anonyme Briefe, die über Neujahr an zahlreiche NS-Funktionäre verschickt wurden. Luise Schröter wirkte zu dieser Zeit als Kurierin zwischen der Bezirksleitung und den Unterbezirken, ihr Deckname lautete »Fred«.12 Zu ihren Aufgaben gehörte die Verteilung des illegalen Propagandamaterials. Ende 1934 brachte sie größere Mengen nach Heldrungen, Nordhausen, Querfurt, Sangerhausen, Wittenberg und Wettin.13 Zudem beförderte sie Briefe und kannte sowohl die lokalen KPD-Funktionäre als auch die Treffpunkte, an denen sie ihre Sitzungen durchführten.14 Das Wiedererstarken der illegalen KPD in der zweiten Jahreshälfte 1934 blieb der Gestapo nicht verborgen. Zunächst trug sie Informationen zusammen, nahm einzelne Verhaftungen vor, um dann zum entscheidenden Schlag ausholen zu können. Am Sonnabend, den 26. Januar 1935, stürmten bewaffnete Gestapo-Beamte eine Sitzung von hochrangigen KPD-Funktionären, die in der Wohnung des halleschen Kommunisten Hans Lehnert stattfand.15 Verhaftet wurden der Oberberater für Mitteldeutschland, Albert Kayser, der politische Leiter des Bezirks Halle-Merseburg, Wilhelm Künzler, sowie die erst kurz zuvor von Dresden nach Halle geschickte neue Organisationsleiterin Helene Glatzer. Später wurde behauptet, dass Luise Schröter diese Versammlung organisiert hätte. Das war aber nicht der Fall, vielmehr hatte sie die Wohnung für eine andere Sitzung der genannten Funktionäre besorgt, die einen Tag zuvor in Halle stattgefunden hatte.16 Suche nach Verrätern Unmittelbar nach den Verhaftungen vom 26. Januar 1935 stellte der Hauptkassierer des Bezirks Otto Berger Ermittlungen an und schrieb in einem Bericht, dass eine Nachbarin zum Schein mit verhaftet worden sei, um zu kaschieren, dass sie die Sitzung an die Gestapo verraten hatte. Das wiederum sei möglich gewesen, weil Wohnungsinhaber Lehnert die Sitzung gegenüber Unbeteiligten erwähnt habe.17 Lehnert wiederum versuchte später, den Verdacht auf Berger zu lenken, der den Termin gekannt habe.18 Aber auch Luise Schröter konnte den Treff verraten haben. Ihr damaliger Ehemann gab bei einer Befragung im Jahr 1948 an, seine Frau sei am 26. Januar unterwegs gewesen und erst spät in der Nacht nach Hause zurückgekehrt.19 Der Verdacht, dass Luise Schröter bereits zu dieser Zeit »Spitzelin« der Gestapo war, kursierte schon wenige Tage nach dem Beginn der nun einsetzenden Verhaftungswelle20 und verdichtete sich bald zur (vermeintlichen) Gewissheit.21 »Die Verhaftung erfolgte durch Verrat des Chefkuriers Luise Schröder«,22 wurde in einem KPD-Bericht im April 1935 behauptet. Auch das Landgericht Kiel ging in dem Strafverfahren 1950/51 zunächst von dem Anfangsverdacht aus, »dass sich die Angeklagte bereits im Jahre 1934 und Anfang 1935 als Spitzel der Gestapo betätigt und bei den am 26. 1. 1935 beginnenden Verhaftungen von Funktionären mitgewirkt hat«.23 Das ließ sich jedoch nicht beweisen. Neben der Aussage Otto Bergers, der sie in diesem Punkt entlastete, überzeugte das Gericht der Umstand, dass Luise Schröter in einem Gesuch um Verlegung in eine andere Haftanstalt im Jahr 1936 herausgestellt hatte, nach ihrer Verhaftung Gestapo-Vertrauensperson geworden zu sein: »Wenn die Angeklagte sich bereits der Gestapo vor ihrer Verhaftung im Februar zur Verfügung gestellt hätte, hätte sie dies in dem Gesuch sicherlich nicht verschwiegen.«24 Die Verhaftung der drei Funktionäre war der Beginn einer lawinenartigen Verhaftungswelle im KPD-Bezirk Halle-Merseburg. Ein Bericht der Staatspolizei (Stapo) Halle wies vom 26. Januar bis zum 3. April 1935 insgesamt 458 Festnahmen von Kommunisten aus; zu diesem Zeitpunkt war die Aktion aber noch in vollem Gang.25 Ende Mai 1935 waren die Gerichtsgefängnisse in Mitteldeutschland derart überfüllt, dass die Stapo beantragte, 200 verhaftete Kommunisten im KZ Lichtenburg unterzubringen.26 Die überlieferten Quellen gehen übereinstimmend davon aus, dass die Kaskade der nach dem 26. Januar 1935 in Halle erfolgten Verhaftungen bei Hans Lehnert, zu dieser Zeit Kurier der illegalen KPD Halle-Süd, ihren Anfang nahm. Einem Tagesbericht der Gestapo zufolge hatte sich Lehnert »völlig geständig« gezeigt.27 Ob er gefoltert wurde, ist umstritten.28 Die schwerwiegendste Folge der Aussagen Lehnerts war die Festnahme des Hauptkassierers im KPD-Bezirk Halle-Merseburg Otto Berger, einer zentralen Figur des KPD-Widerstands. »Nach schweren Misshandlungen« soll er die ihm bekannten Namen und Adressen angegeben haben, sodass die Gestapo nun nach und nach den gesamten »technischen Apparat« ausfindig machen, etwa 25 Funktionäre verhaften und alle illegalen Abziehapparate und Schreibmaschinen sowie die Fahrräder der Kuriere beschlagnahmen konnte.29 Ein Mitverhafteter bescheinigte seinem Freund Berger zwar, keineswegs alles preisgegeben zu haben, was er wusste.30 Nichtsdestotrotz hat er »viele Verbindungen verraten« und der Gestapo als Lockspitzel gedient.31 Berger wirkte an der Festnahme von Minna Herm mit,32 die bis vor Kurzem Organisationsleiterin der KPD Halle-Merseburg gewesen war, und er führte die Gestapo auf die Spur des KJVD-Funktionärs Walter Schlag, dessen Verhaftung in Magdeburg allerdings misslang. Am 8. Februar half Berger der Gestapo, einen halleschen Kommunisten festzunehmen.33 Danach war er für die Gestapo offenbar »verbraucht«. Flucht und Verhaftung Luise Schröter spielte in dieser ersten Phase der Verhaftungswelle keine Rolle. Nachdem sie am 29. Januar noch vergeblich versucht hatte, Berger zu warnen,34 ließ sie sich von seiner Ehefrau 50 Mark aus der KPD-Kasse aushändigen und flüchtete. In einem Gestapo-Bericht hieß es: »Die Schröter hat bis zu ihrer Festnahme versucht, die Verbindungen nach Berlin abzuriegeln und sie vor dem Zugriff der Geheimen Staatspolizei zu schützen. Sie hat weiterhin bis zu ihrer Festnahme zwischenzeitlich die Funktion des bereits festgenommenen Oberberaters Kayser wahrzunehmen versucht und auch in Magdeburg und Hannover versucht, die KPD-Organisation vor dem Zugriff der Geheimen Staatspolizei zu bewahren.«35 Auf ihrem Weg über Querfurt und Nordhausen nach Hannover warnte sie die Unterbezirke. In Hannover nahm sie Kontakt zum dortigen Bezirksleiter Karl Adolphs auf.36 In Sangerhausen erfuhr sie, dass nach ihr gefahndet wurde. In Eisleben konnten durch ihre Warnung zwei Kuriere, die von Wittenberg nach Sangerhausen und Nordhausen unterwegs waren, vor der Verhaftung bewahrt werden.37 Die von ihr kontaktierten Kommunisten beschrieben Schröters seelische Verfassung in jenen Tagen als »ganz ängstlich«;38 weinend habe sie erzählt, dass »die Gruppen Halle, Sangerhausen und Nordhausen hochgegangen seien«.39 Um Luise Schröter aufzuspüren, deren zentrale Rolle in der illegalen KPD des Bezirks der Gestapo inzwischen bekannt geworden war, wurde ihr Ehemann verhaftet, gefoltert und zur Suche nach der Ehefrau in Sangerhausen und Eisleben gezwungen.40 In der Wohnung der Schröters in Halle warteten Polizisten Tag und Nacht auf das Eintreffen der gesuchten Kommunistin – vergeblich.41 Otto Berger fuhr mit der Gestapo nach Bockwitz, wo eine Bekannte von Luise Schröter wohnte – auch dort tauchte sie nicht auf.42 Wie die Gestapo Luise Schröter schließlich dennoch auf die Spur kam, darüber findet sich in den Akten nichts.43 Möglicherweise wurde ihr der Kontakt zum Leiter einer illegalen Nordhausener Gruppe zum Verhängnis. Mit diesem Kommunisten namens Kindervater hatte sie am 14. Februar 1935 ein Treffen in Hannover, bei dem sie verhaftet wurde. Schröter vermutete, Kindervater habe sie verraten und sei nur zum Schein mit verhaftet worden.44 Mit ihrem Verdacht war sie nicht allein: Zwei illegal in Nordhausen tätige Kommunisten machten Kindervater für Verhaftungen von Gruppenmitgliedern verantwortlich.45 In den Fängen der Gestapo Es bleibt festzuhalten, dass Luise Schröter bis zum 14. Februar 1935 nicht mit der Gestapo zusammengearbeitet hat. Das änderte sich jedoch rasch. Unmittelbar nach ihrer Verhaftung legte sie »ein lückenloses Geständnis«46 ab und erbrachte, so der Gestapo-Beamte Rost, einige »Beweise ihrer Ehrlichkeit«.47 Sie nannte alle 23 KPD-Unterbezirke, in denen sie als Instrukteurin, Kassiererin und Kurierin gewirkt hatte. Etwa die Hälfte davon war der Gestapo bereits seit der Verhaftung des halleschen Bezirksleiters Franz Urbansky im November 1934 bekannt; bei ihm waren verschlüsselte Notizen über Unterbezirke gefunden worden.48 Nun also komplettierte sich das Bild. Um die tatsächliche Rolle von Luise Schröter aber nicht überzubewerten, muss betont werden, dass die Verhaftungswelle schon in vollem Gang war, als sie festgenommen wurde. In Halle waren bis zum 12. Februar 1935 bereits 50 bis 80 Kommunisten in Haft, also etwa die Hälfte der insgesamt ca. 150 Festgenommenen in der Saalestadt.49 Im Tagesbericht der Stapo Halle vom 14. Februar 1935 hieß es, die Festnahmen der führenden Funktionäre in Weißenfels, Zeitz, Heldrungen, Berga-Kelbra und in Brücken im Kreis Sangerhausen seien »für den 15. 2. 35 in die Wege geleitet«.50 Diese Verhaftungen gingen also aller Wahrscheinlichkeit nach nicht auf das Konto der Bezirkskurierin. Welche Rolle Luise Schröter bei der am 15. Februar 1935 erfolgten Festnahme von zwei illegal tätigen Kommunisten in Heldrungen spielte, kann nicht eindeutig geklärt werden. Einem Gestapo-Bericht zufolge waren die beiden Kriminalbeamten, die Luise Schröter in Hannover verhaftet hatten, von dort sofort nach Heldrungen gefahren, um die Kommunisten festzunehmen.51 Offenbar war eine Gegenüberstellung geplant, zu der es aber nicht kam.52 Wie Luise Schröter nach ihrer Verhaftung durch die Gestapo behandelt wurde, ist schwer einzuschätzen. Anders als die in Moskau geschulte KPD-Spitzenfunktionärin Helene Glatzer, die mit schweren Folterungen zu Aussagen gezwungen werden sollte, hat Luise Schröter offenbar noch unter dem Schock der Verhaftung alles ausgesagt, was sie wusste. Im Gerichtsverfahren in Kiel schilderte sie 1950, »dass sie damals ununterbrochen verhört worden sei, wobei sie ohnmächtig geworden, mit kaltem Wasser übergossen und dann weiter vernommen wurde, dass sie die Schreie und Hilferufe der im Nebenzimmer misshandelten Häftlinge habe anhören müssen, dass sie in die Zelle, in der eine ihrer Bekannten [Helene Glatzer; U. G.] kurz vorher Selbstmord verübt hatte und in der noch die Blutflecke an der Wand zu sehen gewesen seien, gesperrt worden und dass sie durch die beständigen Hinweise auf die Bedrohung von Freiheit und Leben ihres Sohnes unter stärksten Druck gesetzt worden wäre«.53 Vorausgesetzt, dass ihre Schilderung des massiven Psychoterrors durch die Gestapo zutreffend war, würde das ihr rasches »Umfallen« verständlich machen. Ein Gerichtsmediziner, der Luise Siegert im Jahr 1950 begutachtete, stellte in diesem Sinne fest, dass »sie zweifellos unter dem Einfluss unvorhergesehener und neuartiger Situationen, die erhebliche Ansprüche an die geistige Elastizität und Anpassungsfähigkeit fordern, verhältnismäßig leicht in einen Zustand der Rat- und Hilflosigkeit gelangen kann«. Der Mediziner merkte zu ihren Aussagen unmittelbar nach der Verhaftung an, dass diese »Handlungen, bei denen es sich im Wesentlichen um Denunziationen handelt, in einem seelischen Ausnahmezustand begangen worden sind, der einer erheblichen Einschränkung der freien Willensbestimmung entsprochen haben könnte«.54 Luise Schröter hatte bereits vorher eingeräumt, dass sie durch die illegalen Aktivitäten und das Leben auf der Flucht zermürbt, in Sorge um ihre Familie »vollständig den Kopf verloren hatte«.55 Darüber hinaus scheint es aber ein zweites Moment gegeben zu haben, das Luise Schröter bewog, mehr für die Gestapo zu tun, als sie unbedingt musste. In den Gesprächen mit dem Gutachter in Kiel wies sie auch »immer wieder unter starkem Affekt auf das an ihr damals dadurch begangene ›größte Verbrechen‹ [hin], dass sie vor ihrer Verhaftung von der KPD-Landesleitung in Hannover wieder in ihren gefährdeten Bezirk zurückgeschickt, dass sie von Kindervater und Berger verraten und sogar von ihrem eigenen Mann im Dienste der Gestapo gesucht worden war«. Das veranlasste den Gutachter zu der Schlussfolgerung, dass »auch Gefühle der Rache und Abneigung gegenüber ihren eigenen Genossen in ihr erweckt worden und für ihr Handeln mitverantwortlich gewesen sein dürften«.56 Weniger differenziert, aber in gleicher Grundtendenz hieß es auch in einem Bericht der VVN Halle, dass »krankhafte Triebkraft der Rachedürstigkeit« ein Motiv gewesen sein könnte, wobei darauf verwiesen wurde, dass es in ihrer Ehe zu Eifersuchtsszenen gekommen sei und ihr Mann sie geschlagen habe.57 Inwiefern eine durch familiäre Gewalterfahrungen geschädigte Psyche die plötzlichen negativen Gefühle gegen die Genossen begünstigt hat, darüber kann man nur spekulieren.58 Drittens legte der zitierte Bericht der VVN Halle nahe, bei der Bewertung der Handlungen Luise Schröters auch ihr »drängendes Geltungsbedürfnis« zu berücksichtigen. Mitinhaftierte erinnerten sich, dass Luise Schröter nach ihrer Verhaftung nicht in einer Gefängniszelle, sondern »im Polizeipräsidium in einem Zimmer der Gestapo« geschlafen habe.59 Sie sei bei Verhören einstiger Genossen zugegen gewesen, habe mit Gestapo-Beamten gescherzt und sich Notizen gemacht. Das sofortige Umschlagen von illegaler Tätigkeit in die Bereitschaft zum Verrat könnte somit auch daher rühren, dass ihr im Extremfall die Bewahrung von Handlungsoptionen und die Möglichkeit, im neuen Umfeld der Gestapo sofort wieder Anerkennung zu erhalten, wichtiger waren als Treue zu Ideen und Personen. Diese Neigung zu opportunistischem Verhalten zeigte sich erneut nach 1945, als sie sich in der VVN in Kiel engagierte.60 Einsatz als Lockspitzel Am 19. Februar 1935, fünf Tage nach ihrer Verhaftung, fuhr Luise Schröter unter Gestapo-Bewachung nach Wittenberg, wo sie bei der illegalen KPD Gelder kassierte und bat, einen Abziehapparat und eine Schreibmaschine nach Halle abzugeben. Damit war der Coup für die Gestapo eingefädelt, die frohlockte: »Die Aushebung des Unterbezirks Wittenberg steht bevor.«61 Zwei Tage später kam Luise Schröter wieder und stellte einen neuen politischen Leiter des KPD-Bezirks vor, bei dem es sich in Wirklichkeit um einen speziell geschulten Gestapo-Mitarbeiter handelte. »Derselbe verlangte einen ausführlichen Organisationsbericht, den er auch bekam«,62 konstatierte später ein KPD-Bericht. Am 23. Februar griff die Gestapo zu. Neben zwei Funktionären verhaftete sie in der Gaststätte eines kommunistischen Wirtes alle 120 Anwesenden, darunter 30 Kommunisten.63 Ende Februar folgte ein zweiter Einsatz von Luise Schröter als Lockspitzel, diesmal in Zeitz. Dort nahm sie Kontakt zum Leiter der Zeitzer illegalen Gruppe Erich Wagenbreth auf und führte wiederum einen Gestapo-Mann als neuen Oberberater ein.64 Wenig später verhaftete die Gestapo drei führende Mitglieder der Zeitzer Gruppe, zu der auch Sozialdemokraten gehörten. Eine größere Verhaftungswelle in Zeitz und den umliegenden Dörfern schloss sich an. Es wäre überzogen, Luise Schröter für die etwa 200 Verhaftungen verantwortlich zu machen, wie dies einige KPD-Funktionäre taten. Schröters Rolle bestand darin, die führenden Männer der Widerstandsgruppe in eine Falle zu locken. Daraufhin wurden diese durch Folter zu Aussagen gezwungen, was weitere Festnahmen nach sich zog.65 Zudem machte sich die Gestapo zunutze, dass in illegalen Zeitschriften Angaben über die Unterstützung von Angehörigen politischer Gefangener gemacht worden waren. Gezielt suchten Gestapo-Mitarbeiter diese Familien auf und erpressten insbesondere von Frauen Geständnisse hinsichtlich ihrer Kontakte zur »Roten Hilfe« bzw. zur illegalen KPD.66 Luise Schröters bereitwillige Mitwirkung wurde honoriert. Schon vor Abschluss ihres zweiten »Einsatzes« in Zeitz kam sie wieder auf freien Fuß. Aber ihre Arbeit für die Gestapo war damit nicht beendet, im Gegenteil. Während die bisherige Mitwirkung an Gestapo-Aktionen unter Zwang und direkter Aufsicht erfolgte, scheint Luise Schröter sich zunehmend mit ihrer Rolle identifiziert zu haben und sogar selbst initiativ geworden zu sein. In den Überlieferungen findet sich kein Hinweis darauf, dass die Gestapo Luise Schröter als V-Person betrachtete, praktisch agierte sie nun jedoch in dieser Rolle. Ende April fuhr sie nach Heldrungen, wo sie vorgab, weiterhin für die illegale KPD tätig zu sein. Den Erinnerungen eines Zeitzeugen zufolge brachte sie Material und kassierte Parteibeiträge. Sie versicherte den Genossen, dass für eine illegale Weiterarbeit keine Gefahr bestünde.67 Ihr Chauffeur war ein Gestapo-Mitarbeiter, dessen Verhalten jedoch unverdächtig erschien.68 Und so klebte die illegale KPD Heldrungen am Vorabend des 1. Mai 1935 mit mehreren Fünfergruppen Plakate und malte »Kampflosungen gegen den Faschismus«.69 Eine Woche danach griff die Gestapo zu und verhaftete etwa zehn Widerstandskämpfer, die gleich danach Luise Schröter im Rathaus gegenübergestellt wurden. »Das Verhalten der Schröder mit den Gestapobeamten war ein sehr freundschaftliches und man konnte ganz klar erkennen, dass sie in Diensten der Gestapo steht«, erinnerte sich ein Betroffener.70 Im April 1935 gab die KPD eine Spitzelwarnung heraus,71 die aber durch die zu diesem Zeitpunkt stark beeinträchtigten Strukturen der illegalen Partei kaum verbreitet worden zu sein scheint. Auf jeden Fall war Luise Schröter weiter im Auftrag der Gestapo unterwegs und knüpfte Kontakte in mehreren Orten im Mansfelder Land. In Eisleben suchte sie den KPD-Unterbezirksleiter Emil Engelhardt auf und wurde zu einer Besprechung mit den Leitern der illegalen KPD-Untergruppen in Querfurt und Bischofsrode hinzugezogen.72 Dabei blieb es nicht: »Sie bemühte sich in dieser Zeit insbesondere auch, möglichst viele Angehörige der Gruppe kennenzulernen und regte zu diesem Zweck eine Mitgliederversammlung an.«73 Ein Treffen mit Engelhardt in Magdeburg führte, obwohl dieser Verdacht schöpfte, nicht dazu, dass Luise Schröter »abgehängt« wurde.74 Zunehmende Eigenaktivität Die Gestapo hatte Luise Schröter in Eisleben eine ähnliche Rolle zugedacht wie in Wittenberg und Zeitz; sie sollte einen Gestapobeamten als Vertreter des ZK der KPD einführen – dazu kam es jedoch nicht. Denn zur gleichen Zeit suchte Robert Büchner, ein Funktionär der Reichsleitung des Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD), der aufgrund der Verhaftung der illegalen Landesleitung aus Berlin zu seinen Eltern nach Eisleben geflohen war, Kontakt zur illegalen KPD. Büchner wurde mit Luise Schröter bekannt gemacht und gewann bei einem Waldspaziergang den Eindruck, sie sei »echt«.75 Jetzt begann Luise Schröter allem Anschein nach ohne Auftrag der Gestapo ihr eigenes Spiel.76 Sie bot an, einen Kontakt zu halleschen Kommunisten herzustellen, und organisierte ein Motorrad, das Büchner in ein Dorf bei Halle brachte – direkt in eine Falle der Gestapo.77 Die Verhaftung Büchners und weiterer Kommunisten aus Eisleben war aus der Perspektive der Gestapo ein Störfall, man hätte, wie Kriminalsekretär Rost bedauerte, »das Vogelnest wegen Büchner frühzeitig ausheben müssen«.78 Ob Luise Schröter noch in anderen Orten als Lockspitzel im Einsatz war und Gestapo-Beamte als vermeintliche Funktionäre der neuen KPD-Bezirksleitung an illegale Gruppen lancierte, ist nicht nachweisbar.79 Allerdings wurde Luise Schröter später noch auf die KPD-Zentrale in Berlin angesetzt. Sie gab sich als Abgesandte von Genossen aus, die dringend Verbindung wünschten. Inzwischen hatte sich aber die Spitzelwarnung herumgesprochen; sie wurde abgewiesen.80 Wie bei V-Leuten üblich, trat auch Luise Schröter nicht offen als Zeugin in den im Herbst 1935 durchgeführten Prozessen auf, ihre Aussagen wurden lediglich hier und da zitiert.81 In einem Fall beantragte der Angeklagte ausdrücklich die Vorladung von Luise Schröter zur Hauptverhandlung, weil er damit seine Verteidigung unterstützen wollte; das Gericht lehnte dies jedoch ab.82 Als Luise Schröters Ehemann im Mai 1935 aus der Haft entlassen wurde, erfuhr er von seiner hochbetagten Mutter, dass seine Frau »tagtäglich mit dem Auto der Gestapo unterwegs sei und schon mehrere Verhaftungen mit durchgeführt habe«.83 Schröter warnte seine Frau: »Wenn die Gestapo Dich nicht mehr gebrauchen kann, wird sie Dich genauso verurteilen wie die anderen.«84 Der Ehemann sollte mit seiner Bemerkung recht behalten. Gut ein Jahr blieb Luise Schröter noch auf freiem Fuß. Im Frühjahr 1936 kam sie in Untersuchungshaft. Das Kammergericht Berlin verurteilte sie am 3. Juli 1936 wegen »Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens« zu drei Jahren Haft, die sie zunächst im Zuchthaus Jauer in Schlesien, danach in Lübeck-Lauerhof verbüßte.85 Sie selbst schätzte ihr Urteil als milde ein und hoffte zudem, nach der Hälfte der Haftzeit entlassen zu werden.86 Doch dazu kam es nicht. Erst im Mai 1939 wurde sie zur Gestapo Halle überstellt und schließlich freigelassen.87 Im Jahr 1941 wurde die Ehe der Schröters geschieden, Luise Schröter siedelte zu einer ehemaligen Mitgefangenen nach Kiel um und heiratete deren Sohn Herbert Siegert. Fazit In der SED-Historiografie ebenso wie in publizierten Erinnerungen von Zeitzeugen wurde das klischeeartige Bild der Verräterin Luise Schröter fortgeschrieben und ein nahtloser Übergang von der KPD-Chefkurierin zur Gestapo-Agentin suggeriert.88 Auch bei Klaus-Michael Mallmann findet sich diese unpräzise Darstellung.89 Demgegenüber ist die harte Zäsur zu betonen, der abrupte Wechsel der Seiten. Erst nach der Verhaftung am 14. Februar 1935 gab Luise Schröter ihr Organisationswissen preis und wirkte an der Festnahme von Kommunisten mit.90 Zu ihrer KZ-Erfahrung und der psychischen Belastung durch Drohungen und Ängste kam wahrscheinlich hinzu, dass die Gestapo sie mit dem Verrat von Genossen konfrontiert und dadurch Gefühle der Hilflosigkeit, Enttäuschung und den Wunsch nach Vergeltung geweckt hat. Es mag der perfiden Täuschungsmethode der Gestapo, die sich Luise Schröters zunehmende Identifikation mit den Tätern zunutze machte, geschuldet sein, dass der KPD-Kurierin Hunderte Verhaftungen angelastet wurden. Nachweisbar wirkte sie an vier Orten als Lockspitzel und spielte der Gestapo etwa 20 KPD-Funktionäre in die Hände. An der 1951 in Kiel erfolgten Verurteilung wegen »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« zu einer milden Strafe von einem Jahr Haft ist bemerkenswert, dass sie überhaupt erfolgte und dass sie durch den Bundesgerichtshof in der Sache bestätigt wurde: Die Angeklagte hätte Kommunisten »in hinterlistiger Weise der Gestapo in die Hände gespielt«,91 weshalb auch nach deutschem Recht eine Bestrafung wegen Beihilfe zur Freiheitsberaubung und, angesichts der Folterpraxis der Gestapo, wegen Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung möglich gewesen wäre. Deshalb musste das Landgericht unter den neuen rechtlichen Bedingungen – eine Verurteilung nach alliiertem Strafrecht war deutschen Gerichten ab September 1951 nicht mehr möglich – nochmals prüfen. Trotz der Bemühungen des Kieler Staatsanwalts, unter den Bedingungen des Kalten Krieges einen regulären Prozess durchzuführen, wurde das Verfahren dann aber Ende 1952 eingestellt.92 Die ultimativen Aufforderungen ostdeutscher Kommunisten, den Prozess in die DDR zu verlagern, hatten schon zuvor eine Fortführung blockiert.93 Dass Luise Siegert nach der Versandung ihres Gerichtsverfahrens keinerlei Schuldbewusstsein zeigte und umgehend ihre Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus beantragte,94 schließt nicht aus, dass sie gleichzeitig Sündenbock war. Offenbar bot sie den traumatisierten Kommunisten die Möglichkeit zur Projektion negativer Gefühle. Darüber hinaus glaubten Männer wie Otto Berger die Chance nutzen zu können, von eigenem Versagen abzulenken. Für Berger hatte die erzwungene Dienstbarkeit für die Gestapo dann aber doch im Jahr 1952, nachdem er zunächst Karriere bei der Volkspolizei gemacht hatte und sogar Mitglied der Parteikontrollkommission geworden war, Konsequenzen: Er wurde »wegen Kapitulation vor dem Klassenfeind und Verrat von Genossen an die Gestapo im Jahre 1935« für vier Jahre aus der SED ausgeschlossen.95 Hans Lehnert hingegen wurde trotz Protestes der VVN im Jahr 1949 Volkspolizist und arbeitete als Abschnittsbevollmächtigter sowie Führungs-IM für die Staatssicherheit. Lediglich eine Übernahme als hauptamtlicher Mitarbeiter des MfS kam wegen seines Verrats von Genossen bei der Gestapo nicht zustande.96 1 Siehe Hallesche Gestapo-Agentin in Kiel verhaftet, in: Freiheit, 4. Oktober 1950, S. 4; 2/Bö [KPD Prag], o. D., in: Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (im Folgenden: SAPMO-BArch), RY 1/I 2/3/100, Bl. 44. 2 Siehe SED-Frauen sprechen sich aus, Zeitungsausschnitt, o. D. [1946], in: Landesarchiv Schleswig-Holstein (im Folgenden: LASH), Abt. 352 Kiel, Nr. 1122, Bd. I, Bl. 327a. 3 VVN-Landesvorstand Sachsen-Anhalt, Hamersky, an Prorektor der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Prof. Dr. Rudolf Agricola, 3. Juni 1949, in: SAPMO-BArch, DY 55/V 278/4/86, n. pag. Die Schreibweise des Nachnamens variiert in den Dokumenten und wurde hier und in den weiteren Zitaten jeweils wie im Original übernommen. Richtig ist Schröter. 4 Siehe VVN Kiel an Staatsanwaltschaft beim Landgericht Kiel, 19. Oktober 1949, in: SAPMO-BArch, DY 55/V 278/4/86, n. pag. 5 Siehe VVN-Landesvorstand Sachsen-Anhalt an Generalsekretariat des VVN, 30. Juni 1948, in: SAPMO-BArch, DY 55/V 278/4/86, n. pag.; Oberstaatsanwalt Halle an Oberstaatsanwalt Kiel, 20. Januar 1950, in: LASH, Abt. 352 Kiel, Nr. 1122, Bd. I, Bl. 29. 6 Siehe Landgericht Kiel, Zeugenvernehmungen, 10. November 1950, in: LASH, Abt. 352 Kiel, Nr. 1122, Bd. I, Bl. 229-236. 7 Siehe Vernehmung Luise Siegert, Kiel, 24. März 1950, in: LASH, Abt. 352 Kiel, Nr. 1122, Bd. I, Bl. 52-55, hier 52. 8 Siehe Betr. Luise Schröder, Spitzelin, 20. Mai 1935, in: SAPMO-BArch, RY 1/I 2/3/100, Bl. 20. 9 Siehe Lebenslauf Luise Schröter, 19. November 1936, in: LASH, Abt. 357.3, Nr. 4135, n. pag.; Verteidiger Paul Paulsen an Oberstaatsanwalt in Kiel, 14. Dezember 1949, in: LASH, Abt. 352 Kiel, Nr. 1122, Bd. I, Bl. 18-23, hier 19. 10 Siehe Tagesbericht Staatspolizeistelle (im Folgenden: Stapo) Halle, 4. Dezember 1934, in: Bundesarchiv (im Folgenden: BArch), R 58/2024, Bl. 109-116. 11 Siehe Tagesbericht Stapo Halle, o. D. [Anfang Januar 1935], in: BArch, R 58/2024, Bl. 162-166, hier 163. 12 Siehe Landgericht Kiel, Zeugenvernehmungen in Braunschweig, 10. November 1950 (Anm. 6), Bl. 230. 13 Siehe Kammergericht Berlin, Urteil gegen Luise Schröter, 3. Juli 1936, in: Landesarchiv Berlin (im Folgenden: LAB), C Rep. 375-01-14 Nr. 19328, Bl. 6-9. 14 Siehe Betr. Luise Schröder, Spitzelin, 20. Mai 1935 (Anm. 8), Bl. 20. 15 Siehe Bericht Hans Lehnert, Halle, 7. Juli 1949, Abschrift, in: SAPMO-BArch, DY 55/V 278/4/86, n. pag.; Bericht über die Vorgänge seit dem 26. 1. 35 in J.9, o. D., Posteingang Moskau 10. März 1935, in: SAPMO-BArch, RY 1/I 3/11/58, Bl. 109. 16 Siehe Robert Mühlpforte an VVN Sachsen-Anhalt, 7. Juni 1949, in: SAPMO-BArch, DY 55/V 278/4/86, n. pag. 17 Siehe Bericht über die Vorgänge seit dem 26. 1. 35 in J.9, o. D., Posteingang Moskau 10. März 1935 (Anm. 15), Bl. 109. 18 Siehe Bericht Hans Lehnert, Halle, 7. Juli 1949 (Anm. 15), S. 2. 19 VVN an Zentralsekretariat der SED, Abteilung Personalpolitik, 17. September 1948, in: SAPMO-BArch, DY 55/V 278/4/86, n. pag. 20 Siehe Walter Ellrich an VVN-Landesvorstand Sachsen-Anhalt, 27. Juni 1949, in: SAPMO-BArch, DY 55/V 278/4/86, n. pag. 21 Siehe Erich, Bericht über meine Tätigkeit im Bezirk Halle-Merseburg, 5. März 1936, Abschrift, in: SAPMO-BArch, RY 1/I 2/3/100, Bl. 22-26. 22 Betr. Lage in Halle-Merseburg in der Zeit vom 1.1. – 10.4.1935, 20. April 1935, in: SAPMO-BArch, RY 1/I 2/3/100, Bl. 14-19, zit. 14. 23 Landgericht Kiel, Urteil gegen Luise Siegert, 11. Juni 1951, in: LASH, Abt. 352 Kiel, Nr. 1122, Bd. I, Bl. 328-340, hier 331. 24 Ebd., Bl. 332. 25 Siehe Bericht Stapo Halle [unvollständig, nur S. 4–9, o. D., etwa April 1935], in: BArch, R 58/2024, Bl. 237-242, hier 242. 26 Siehe Stapo Halle an Kommandeur der Konzentrationslager in Berlin vom 28. Mai 1935, in: BArch, R 58/3158, Bl. 202 f. 27 Tagesbericht Stapo Halle, 29. Januar 1935, Abschrift, in: BArch, R 58/2195, Bl. 155 f. Siehe Otto Berger, Erinnerungen aus der Zeit der Widerstandsbewegung Mitteldeutschlands, Bezirk Halle-Merseburg, in: Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Abteilung Merseburg (im Folgenden: LHASA, MER), P 524, V/5/056, Bl. 1-6, hier 5. 28 Siehe Bericht über die Lage im Bezirk Halle-Merseburg Ende Januar 1935, in: SAPMO-BArch, RY 1/I 3/11/58, Bl. 110; Abt. Personalpolitik beim SED-Kreisvorstand Halle an Abt. Personalpolitik beim SED-Landesvorstand Sachsen-Anhalt, 29. Juli 1949, in: Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (im Folgenden: BStU), MfS, BV Halle, AIM 1923/89, Teil I, Bd. 1, Bl. 47 f.; Otto Berger, Erinnerungen aus der Zeit der Widerstandsbewegung Mitteldeutschlands, Bezirk Halle-Merseburg (Anm. 27), S. 5. 29 Siehe Bericht über die Lage im Bezirk Halle-Merseburg Ende Januar 1935 (Anm. 28), Bl. 110. 30 Siehe Zeugenaussage Willi Kunz, Braunschweig, 19. April 1950, in: LASH, Abt. 352 Kiel, Nr. 1122, Bd. I, Bl. 75-77. 31 2/Bö. [KPD Prag], in: SAPMO-BArch, RY 1/I 2/3/100, Bl. 44. Der Weißenfelser Kommunist Kotulla wird hier Guttella geschrieben. 32 Siehe ebd. sowie Wilhelm Künzler: Aus meinem Leben, Karlsruhe 1980, S. 57. Allerdings: Die Gestapo rechnete diese Verhaftung nicht Berger, sondern Alwin Richter als »Verdienst« an. Siehe Generalstaatsanwalt bei dem Kammergericht Berlin an Reichsminister der Justiz, 24. Dezember 1935, in: SAPMO-BArch, R 3001/179617, Bl. 20a-21. 33 Siehe Protokoll der 58. Sitzung der ZPKK am 24. Juli 1952, in: SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/4/443, Bl. 89 f. 34 Siehe Vernehmung Luise Siegert, Kiel, 24. März 1950 (Anm. 7), Bl. 52-55. 35 Stapo Halle an Gestapo Berlin, Tagesbericht, 16. Februar 1935, in: BArch, R 58/2024, Bl. 200-204, zit. 201 f. 36 Siehe Landgericht Kiel, Zeugenvernehmungen Kiel, 9. Juni 1951, in: LASH, Abt. 352 Kiel, Nr. 1122, Bd. I, Bl. 317 f. 37 Siehe Volkspolizeiamt Lutherstadt Eisleben, Zeugenvernehmung Emil Engelhardt, 10. März 1950, in: LASH, Abt. 352 Kiel, Nr. 1122, Bd. I, Bl. 91 f. Am gleichen Tag, als Otto Berger in Halle verhaftet wurde, wurden auch in Sangerhausen und Nordhausen zahlreiche Kommunisten festgenommen. Siehe Landgericht Kiel, Urteil gegen Luise Siegert, 11. Juni 1951 (Anm. 23), Bl. 329. 38 Fritz Mosch an VVN-Landesvorstand Sachsen-Anhalt, 28. Juni 1949, Abschrift, in: SAPMO-BArch, DY 55/V 278/4/86, n. pag. 39 Volkspolizeiamt Lutherstadt Eisleben, Zeugenvernehmung Emil Engelhardt, 10. März 1950 (Anm. 37), Bl. 91 f. 40 Siehe Erich, Bericht über meine Tätigkeit im Bezirk Halle-Merseburg, 5. März 1936, Abschrift (Anm. 21), Bl. 26. 41 Siehe VVN an ZK der SED, Abteilung Personalpolitik, 17. September 1948 (Anm. 19). 42 Siehe Vernehmung Luise Siegert, Kiel, 24. März 1950 (Anm. 7), Bl. 52-55. 43 Bereits Tage zuvor kündigte die Gestapo ihre bevorstehende Festnahme an. Siehe Tagesbericht Stapo Halle, 8. Februar 1935, in: BArch, R 58/2024, Bl. 181-184, hier 182 f. 44 Siehe Rechtsanwalt Paul Paulsen an Oberstaatsanwalt, Kiel, 14. Dezember 1949 (Anm. 9), Bl. 21; Tagesbericht Stapo Halle, 14. Februar 1935, in: BArch, R 58/2024, Bl. 196-198, zit. 196. 45 Siehe VVN-Fragenbogen Hermann Dahlmann, 21. Dezember 1950, in: SAPMO-BArch, DY 55/V 278/4/114, n. pag.; VVN-Fragenbogen Wilhelm Spangenberg, 28. April 1951, in: SAPMO-BArch, DY 55/V 278/4/136, n. pag. 46 Luise Schröter an Kammergericht Berlin, 17. September 1936, in: LASH, Abt. 357.3, Nr. 4135, Bl. 22. 47 Schreiben von Kriminal-Sekretär Rost, Berlin, 3. Oktober 1936, in: LASH, Abt. 357.3, Nr. 4135, Bl. 25. 48 Siehe Tagesbericht Stapo Halle, 16. Februar 1935 (Anm. 35), Bl. 202; Volksgerichtshof, 1. Senat, Urteil vom 2. August 1935 gegen Albert Kayser u. a., S. 19, in: BArch, NJ 1488, n. pag. 49 Siehe Betr. Lage in Halle-Merseburg in der Zeit vom 1. 1. – 10. 4. 1935, 20. April 1935 (Anm. 22), Bl. 14; Bericht über die Vorgänge seit dem 26. 1. 35 in J.9, o. D., Posteingang Moskau 10. März 1935 (Anm. 15), Bl. 109. 50 Tagesbericht Stapo Halle, 14. Februar 1935 (Anm. 44), zit. Bl. 197. 51 Siehe Landrat des Kreises Eckartsberga an Regierungspräsidium Merseburg, Ereignismeldung, 16. Februar 1935, in: LHASA, Abt. MER, C 48 Ie, Nr. 1188, Bl. 539. 52 Siehe Vernehmung Luise Siegert, Kiel, 24. März 1950 (Anm. 7), zit. Bl. 54. 53 Gutachten Dr. Illchmann-Christ, Institut für gerichtliche und soziale Medizin an der Universität Kiel, 19. September 1950, in: LASH, Abt. 352 Kiel, Nr. 1122, Bd. I, Bl. 155-185, zit. 178 f. 54 Ebd. 55 Aussage Luise Siegert, Kiel, 20. Oktober 1949, Abschrift, in: SAPMO-BArch, DY 55/V 278/4/86, n. pag. 56 Gutachten Dr. Illchmann-Christ (Anm. 53), S. 182. 57 VVN an Zentralsekretariat der SED, Abteilung Personalpolitik, 17. September 1948 (Anm. 19). 58 Aus psychoanalytischer Sicht ist die Suche nach anderen Opfern eine logische Konsequenz aus der Identifikation mit dem Aggressor. Siehe Arno Gruen: Der Fremde in uns, München 2002, S. 58. 59 Erich, Bericht über meine Tätigkeit im Bezirk Halle-Merseburg, 5. März 1936, Abschrift (Anm. 21), Bl. 25. 60 Siehe VVN Kiel an Rat der Stadt Halle, Abt. OdF, 8. Juni 1948, in: SAPMO-BArch, DY 55/V 278/4/86, n. pag. 61 Tagesmeldung Stapo Halle, 19. Februar 1935, in: BArch, R 58/3158, Bl. 52. 62 Betr. Lage in Halle-Merseburg in der Zeit vom 1. 1. – 10. 4. 1935, 20. April 1935 (Anm. 22), Bl. 15. 63 Siehe ebd. 64 Siehe Bericht Erich Wagenbreth an VVN-Landesvorstand Sachsen-Anhalt, 8. Juni 1949, in: SAPMO-BArch, DY 55/V 278/4/86, n. pag. 65 Siehe Betr. Verhaftungen, 20. Juni 1935, in: SAPMO-BArch, RY 1/I 2/3/100, Bl. 16-19, hier 18. 66 Siehe Bericht Kurt, 25. November 1935, in: SAPMO-BArch, RY 1/I 3/8-10/169, Bl. 148 f. Ein anderer Bericht sprach von ca. 80 Verhaftungen. Siehe Betr. Lage in Halle-Merseburg in der Zeit vom 1. 1. – 10. 4. 1935, 20. April 1935 (Anm. 22), Bl. 14. Laut Gestapo gab es 185 Festnahmen. Siehe auszugsweise Abschrift aus einem Gestapo-Bericht: II. Besonderes, Berlin, 20. Mai 1935, in: BArch, R 58/2025, Teil 2, Bl. 199. 67 Hugo Launicke, Bericht über die Widerstandsbewegung des Kreises Eckartsberga, o. D., in: SAPMO-BArch, RY 1/I 2/3/127, Bl. 51-53, zit. 52. 68 Hugo Launicke an VVN-Landesvorstand Sachsen-Anhalt, Kölleda, 22. Juli 1949, in: SAPMO-BArch, DY 55/V 278/4/86, n. pag. 69 Hugo Launicke, Bericht über die Widerstandsbewegung des Kreises Eckartsberga (Anm. 67), Bl. 52. 70 Vernehmung Fritz Traskowski, Halle, 30. November 1949, Abschrift, in: SAPMO-BArch, DY 55/V 278/4/86, n. pag. 71 Siehe Betr. Lage in Halle-Merseburg in der Zeit vom 1. 1. – 10. 4. 1935, vom 20. April 1935 (Anm. 22), Bl. 14. 72 Siehe Vernehmung Luise Siegert, Kiel, 24. März 1950 (Anm. 7), zit. Bl. 55. 73 Oberstaatsanwalt Kiel an Schwurgericht Kiel, Anklage, 16. Juni 1950, in: LASH, Abt. 352 Kiel, Nr. 1122, Bd. I, Bl. 110-122, zit. 118. 74 Siehe Volkspolizeiamt Lutherstadt Eisleben, Zeugenvernehmung Emil Engelhardt, 10. März 1950 (Anm. 37), Bl. 91 f.; Zeugenvernehmung Emil Engelhardt, Braunschweig, 1. Juni 1950, in: LASH, Abt. 352 Kiel, Nr. 1122, Bd. I, Bl. 100 f. 75 Zeugenvernehmung Robert Büchner, Braunschweig, 1. Juni 1950, in: LASH, Abt. 352 Kiel, Nr. 1122, Bd. I, Bl. 98 f. 76 Siehe Landgericht Kiel, Urteil gegen Luise Siegert, 11. Juni 1951 (Anm. 23), zit. Bl. 340. 77 Siehe Zeugenvernehmung Robert Büchner, Braunschweig, 1. Juni 1950 (Anm. 75), Bl. 98 f. 78 Zeugenvernehmung Friedrich Mosch, Braunschweig, 19. April 1950, in: LASH, Abt. 352 Kiel, Nr. 1122, Bd. I, Bl. 78-80, zit. 79. 79 Ein KPD-Bericht sprach davon, dass Genossen in »ca. 10 Fällen« auf diese Methode hereinfielen. Siehe Einige Fälle aus dem Jahre 1935, bei denen Schwächen in der Abwehr offen sichtbar wurden, 10. Januar 1936, in: BStU, MfS, HA IX/11, SV 1/81, Bd. 83, Bl. 40 f. 80 Siehe Betrifft: Luise Schröder, Halle, o. D., Posteingang Moskau 28. Januar 1936, in: SAPMO-BArch, RY 1/I 2/3/100, Bl. 21. 81 Siehe Volksgerichtshof, Urteil gegen Albert Kayser u. a., 2. August 1935 (Anm. 48); Kammergericht Berlin, Anklageschrift gegen Otto Berger u. a., 20. September 1935, in: SAPMO-BArch, DY 55/V 287/854, Bl. 1-11; Kammergericht Berlin, Anklageschrift gegen Karl Holleufer u. a., 23. September 1935, in: SAPMO-BArch, DY 55/V 287/857, Bl. 1, 7-13. 82 Siehe Landgericht Kiel, Zeugenvernehmungen in Braunschweig, 10. November 1950, (Anm. 6), Bl. 233 f. 83 VVN an Zentralsekretariat der SED, Abteilung Personal-Politik, 17. September 1948 (Anm. 19). 84 An Staatsanwaltschaft Kiel, Betr. Luise Siegert, 22. Juni 1950, in: SAPMO-BArch, DY 55/V 278/4/86, n. pag. 85 Siehe Kammergericht Berlin, Urteil gegen Luise Schröter, 3. Juli 1936 (Anm. 13), Bl. 6-9; Luise Schröter an Kammergericht Berlin, 15. September 1936, in: ebd., Bl. 22. 86 Siehe VPKA Weißenfels, Vernehmung Frieda König, 21. Dezember 1949, in: SAPMO-BArch, DY 55/V 278/4/86, n. pag. 87 Siehe Landgericht Kiel, Urteil gegen Luise Siegert, 11. Juni 1951 (Anm. 23), Bl. 330. 88 Siehe Autorenkollektiv (Leitung: Karl-Heinz Leidigkeit) (Hg.): Gegen Faschismus und Krieg – Die KPD im Bezirk Halle-Merseburg 1933 bis 1945, Halle 1983, S. 219 f. 89 Siehe Klaus-Michael Mallmann: Die V-Leute der Gestapo. Umrisse einer kollektiven Biographie, in: Gerhard Paul/Klaus-Michael Mallmann (Hg.): Die Gestapo. Mythos und Realität, Darmstadt 1995, S. 268–287, hier S. 278. 90 So auch die knappen Darstellungen in: Hermann J. Rupieper/Alexander Sperk (Hg): Die Lageberichte der Geheimen Staatspolizei zur Provinz Sachsen 1933 bis 1936, Halle 2004, S. 311; Joachim Scherrieble (Hg.): Der Rote Ochse Halle (Saale). Politische Justiz 1933–1945/1945–1989. Bearbeitet von Daniel Bohse und Alexander Sperk, Berlin 2008, S. 62. 91 Aufhebung des Urteils des Landgerichts Kiel durch den 5. Strafsenat des Bundesgerichtshofes, 10. April 1952, in: LASH, Abt. 352 Kiel, Nr. 1122, Bd. I, Bl. 362-364, zit. 364. 92 Siehe Landgericht Kiel, Urteil vom 11. November 1952, in: LASH, Abt. 352 Kiel, Nr. 1122, Bd. II, Bl. 38-56. 93 Siehe Paul Barthel, Heldrungen, an Landgericht Kiel, 6. September 1952, in: LASH, Abt. 352 Kiel, Nr. 1122, Bd. II, Bl. 21. 94 Siehe Innenministerium Schleswig-Holstein an Oberstaatsanwalt Kiel, 28. April 1953, in: LASH, Abt. 352 Kiel, Nr. 1122, Bd. III, Bl. 87. 95 Protokoll der 141. Sitzung der ZPKK am 22. Dezember 1956, in: SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/4/261, Bl. 92-219, hier 142 f. 96 Siehe MfS-Abt. Kader und Schulung, Ablehnungsvorschlag, 26. August 1957, in: BStU, MfS, BV Halle AIM 1923/89, T. 1, Bd. 1, Bl. 71.

JHK 2014

Parteifinanzierung oder Devisenerwirtschaftung? Zu den Wirtschaftsbeziehungen von KPÖ und SED, 1946–1989

Maximilian Graf

I. Mehr als die Prozesse um das Novum-Vermögen? Ende Oktober 2012 verstarb Rudolfine Steindling, besser bekannt als »rote Fini«, ehemalige Alleingesellschafterin der Novum Handelsgesellschaft mbH und langjährige Treuhänderin der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ). Anlässlich ihres Todes rückte ein für die KPÖ seit 2009 beendeter Rechtsstreit – wenn auch nur für kurze Zeit – wieder in den Fokus der medialen Aufmerksamkeit. Dabei ging es um die Frage, ob die Novum ein Unternehmen der KPÖ oder der SED war. Das Urteil der deutschen Gerichte gründete sich nach jahrelangen Prozessen schlussendlich auf die Tatsache, dass Steindling eine Treuhanderklärung zugunsten der SED-Holding »Zentrale Druckerei-, Einkaufs- und Revisionsgesellschaft« (Zentrag) der Abteilung Parteibetriebe und Finanzen des ZK der SED unterschrieben hatte. Man kam zu dem Ergebnis, das die Firma der SED gehörte und lediglich als KPÖ-Firma getarnt war. Diese Erkenntnis des Gerichts steht dem von der KPÖ in den Prozessen und bis heute vertretenen Standpunkt, der zeitgenössischen Wahrnehmung von Medien, Politikern, an den Wirtschaftsbeziehungen beteiligten Akteuren und Diplomaten sowie Dokumenten aus DDR-Provenienz (die als Beweismittel abgelehnt wurden) diametral entgegen. Bis 2013 wurde in der Schweiz darüber prozessiert, wer für die von 1989 bis 1992 verschwundenen und der Bundesrepublik Deutschland zustehenden Novum-Millionen aufzukommen hat.1 Die Erforschung von Wirtschaftsbeziehungen zwischen kommunistischen Parteien sowie der Finanzierung westlicher kommunistischer Parteien durch ihre östlichen »Bruderparteien« ist in der Regel eine höchst undankbare Aufgabe. Zumeist existieren diverse Mythen, zeitgenössische Einschätzungen (mitunter wie in diesem Fall auch Gerichtsurteile), aber zumeist wenige bis gar keine Archivquellen, die eine systematische Forschung ermöglichen würden.2 Dieser Beitrag prolongiert daher nicht die (durch die Urteile obsolete) Diskussion über den »wahren« Eigentümer der Novum, auch wenn Anmerkungen zu dieser Frage gemacht werden. Vielmehr werden die Wirtschaftsbeziehungen zwischen KPÖ und SED im historischen Kontext der Entwicklung der ökonomischen Beziehungen zwischen Österreich und der DDR im Zeitraum 1946 bis 1989 untersucht. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Frage, inwieweit diese der Finanzierung der KPÖ beziehungsweise der Devisenerwirtschaftung der DDR dienten. II. Forschungsstand und Quellenlage Auch wenn die DDR-Wirtschaftsgeschichte unter Berücksichtigung der Rolle der SED und des Bereichs Kommerzielle Koordinierung (KoKo) mittlerweile mehr als nur eine »Fußnote« darstellt, so ist der Forschungsstand im Vergleich zu anderen Bereichen dennoch überschaubar geblieben.3 Gleiches gilt für die Partizipation Österreichs am Ost-West-Handel im Kalten Krieg, wo insbesondere quellengestützte Forschungen weitestgehend ausstehen,4 und mit Ausnahmen5 auch für die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Österreich und der DDR.6 Noch unerfreulicher ist die Lage mit Blick auf den Wirtschaftsapparat der KPÖ. Die Ergebnisse der in den letzten Jahren erschienenen Arbeiten weisen zumeist kaum über den Kenntnisstand zeitgenössischer journalistischer Analysen ergänzt um die Memoirenliteratur hinaus.7 Mit Fokus auf die Rolle der Novum in diesem Beziehungsgeflecht existieren neben oftmals als Sensationsnachrichten aufgemachten Medienberichten eine primär auf Stasi-Akten gestützte Publikation des Journalisten Andreas Förster8 sowie ein insbesondere zur Geschichte der Gerichtsverfahren sorgfältig gearbeiteter Aufsatz von Malte Fischer.9 In Anbetracht der nur rudimentär verfügbaren und zumeist weit gestreuten Primärquellen mag es nicht verwundern, dass bisher kein quellengestützter erster Aufriss des Themenkomplexes vorliegt. Neue aus mehreren deutschen und österreichischen Archiven zusammengetragene Dokumente vermögen jedoch das Gesamtbild ein wenig zu vervollständigen und zu erhellen. Dazu tragen auch Quellen staatlicher Provenienz (aus Österreich und der DDR) bei, die jedoch oftmals eher einen Beitrag zur Erforschung der zeitgenössischen Perzeption der Wirtschaftsbeziehungen beider Parteien darstellen, als signifikante neue Erkenntnisse zu ihrer tatsächlichen Beschaffenheit zu liefern. III. Die Anfangsjahre: 1946 bis 1955 Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Österreich aus Sicht der Alliierten zum einen ehemaliger Bestandteil Hitlerdeutschlands, zum anderen aber auch ein befreites Land, dessen Wiedererrichtung ein Kriegsziel der Alliierten war. In Österreich, das wie Deutschland unter einer Viermächtebesatzung stand, vollzogen sich jedoch bald gänzlich andere Entwicklungen. Im Gegensatz zu Deutschland kam es in den Jahren 1945/46 zur Bildung einer provisorischen Regierung, zu freien Wahlen und zum Zweiten Alliierten Kontrollabkommen, das die Vetorechte der Alliierten reduzierte. Obwohl die sowjetische Österreich- und Deutschlandpolitik in den ersten Nachkriegsjahren durchaus Ähnlichkeiten aufweist, hat die sowjetische Aufmerksamkeit stets eindeutig Deutschland gegolten. Zudem bestand in Österreich kaum die reale Gefahr einer Zwangsvereinigung der KPÖ mit der Sozialistischen Partei Österreichs (SPÖ), wie sie in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands (SBZ) zwischen KPD und SPD 1946 erfolgt war. Dies lag nicht zuletzt an dem starken Abschneiden der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) und der SPÖ bei den freien Wahlen 1945, deren Ergebnis gleichzeitig die Westorientierung Österreichs absicherte. Österreich kam trotz einer sowjetischen Besatzungszone und auch in dieser beim Wiederaufbau in den Genuss der Marschallplan-Gelder, während die Sowjetunion eine Teilnahme der deutschen SBZ definitiv ausgeschlossen hatte. Österreich behielt seine staatliche Einheit, und auch Ost-Österreich, das unter sowjetischer Besatzung stand, wurde nicht sowjetisiert. Eine Teilung des Landes war nur ein Planspiel der KPÖ gewesen. Während 1949 schließlich die »doppelte Staatsgründung« in Deutschland erfolgte, zogen sich die Verhandlungen über einen Österreichischen Staatsvertrag bis 1955 hin. Dieser markierte schließlich das Ende der Ost-West-Besatzung und die Wiedererlangung der vollen Souveränität Österreichs, das sich noch im selben Jahr für immerwährend neutral erklärte.10 In Ost-Österreich hatte die sowjetische Besatzungsmacht ihren eigenen Wirtschaftskonzern etabliert. Dieser bestand aus der Sowjetischen Mineralölverwaltung (SMV), der sowjetischen Donaudampfschifffahrtsgesellschaft (DDSG) und der Verwaltung der Sowjetischen Vermögenswerte in Österreich (USIA). Nach 1955 übernahm Österreich diesen Wirtschaftskonzern gegen Ablösezahlungen. Der bis dahin durch die Besatzungsmacht in Richtung Satellitenstaaten abgewickelte Handel mit den Erzeugnissen aus diesen Bereichen entzog sich der Kontrolle der österreichischen Regierung.11 Naturgemäß war der Handlungsspielraum der KPÖ in der sowjetischen Besatzungszone größer als andernorts in Österreich. Es gelang ihr zwar nicht, in entscheidendem Maße innenpolitisch Einfluss zu gewinnen, sie verstand es aber, die Basis für ihr ökonomisches Überleben nach dem Ende der Besatzungszeit zu legen. Die KPÖ etablierte nach 1945 ein Netzwerk aus Dutzenden Firmen, das angeblich seinesgleichen in Europa suchte. Ein Grund für das Gelingen dieses Unterfangens lag mit Sicherheit in der Lage Österreichs an der Schnittstelle des Ost-West-Handels sowohl während der Besatzungszeit mit einer sowjetischen Zone als auch als neutraler Staat nach 1955. Das Grundkapital für die Aktivitäten stammte aus dem Vermögen des Westemigranten Stefan Kaufmann. Dieser leitete in den ersten Jahren auch den entstehenden Wirtschaftskomplex der KPÖ, dessen Firmen aber stets als »Tarnfirmen« fungierten, sodass der wahre Geschäftspartner nicht auf den ersten Blick zu erkennen war. Nach 1945 nahmen diese Firmen zunächst »nahezu konkurrenzlos eine Art Pionierrolle im Ost-West-Handel« ein. Sie hatten direkten Zugang zu den Handelspartnern jenseits des Eisernen Vorhangs und besaßen die Fähigkeit, zwischen diesen und westlichen Interessenten zu vermitteln. Im Falle Österreichs begegneten sie dadurch einem weiteren Rückgang der traditionellen Handelsgeschäfte mit dem Osten, und die politische Förderung dieser Wirtschaftsbeziehungen trug zugleich den Parteifinanzierungsinteressen Rechnung. Die gängige Vermutung, dass die USIA-Betriebe den Einstieg in den Osthandel erleichterten, wurde von ehemals der KPÖ nahestehenden Experten stets bestritten.12 Dem entgegen stehen aber bisher unberücksichtigte Quellen und Einschätzungen jüngeren Datums. Die Anfang 1949 gegründete »Intrac Gesellschaft für internationalen Warenaustausch und Großhandel mbH Ernst Fürst und Co. KG« wurde laut dem österreichischen Handelsministerium »nach absolut zuverlässigen Informationen vom Sowjetelement unterstützt«.13 Für Andreas Förster war die Intrac, der ein erheblicher Teil der USIA-Handelsorganisation übertragen wurde, ein zum Schein privatisiertes Unternehmen, das weiter in Diensten der Sowjets stand und sich gleichzeitig »zum Herzstück des sogenannten Wirtschaftsapparats« der KPÖ entwickelte.14 Der Wirtschaftssektor der KPÖ ist aufgrund der schlechten beziehungsweise in weiten Teilen inexistenten Quellenlage ein noch immer schwer zu erforschender Gegenstand. Der Rückgriff auf Memoirenliteratur bleibt daher unausweichlich. Der ausgeschlossene KPÖ-Funktionär Josef Meisel brachte in seinen Erinnerungen mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck, dass das Finanzgebaren der Partei selbst für Mitglieder des ZK gänzlich undurchsichtig war. Die Finanzkommission kam ihrer faktischen Rechenschaftspflicht – auch auf Nachfragen – nie nach. Es war aber offensichtlich, dass die aufwendige Arbeit der KPÖ nicht einmal ansatzweise durch die offengelegten Mittel aus den Mitgliedsbeiträgen bestritten werden konnte. Der umfangreiche Apparat soll stets durch die aus den Parteifirmen erzielten Einnahmen finanziert worden sein. Die abzudeckenden Defizite müssen erheblich gewesen sein. Eine direkte Unterstützung der KPÖ durch die sozialistischen Nachbarstaaten oder die Sowjetunion stellt Meisel in Abrede.15 Aus mittlerweile zugänglichen sowjetischen Quellen wissen wir heute, dass Beträge in Millionenhöhe aus Moskau direkt an die KPÖ flossen.16 Neben den Kompensationsgeschäften der sowjetischen Unternehmen existierte zwischen Österreich und der SBZ ein Warenaustausch auf quasi-privater Grundlage.17 Über die ersten Schritte in den Parteibeziehungen zwischen KPÖ und SED ist wenig bekannt. Ab 1946 wurden per Kurier Materialen der beiden Parteien und Briefe ihrer Spitzenfunktionäre ausgetauscht. Stets wurde um (auch finanzielle) Unterstützung des jeweiligen in die SBZ reisenden Kuriers, der in der Regel nicht näher definierten wirtschaftlichen Aufgaben nachging, ersucht – ein Wunsch, dem die SED stets nachkam.18 Im März 1947 reiste ein Kurier in die SBZ, um für die KPÖ »den Einkauf von Druckereimaschinen« abzuwickeln, der die Aufrechterhaltung des Zeitungswesens der KPÖ außerhalb der sowjetischen Besatzungszone Österreichs sicherstellen sollte.19 Anfang 1949, noch vor der Gründung der DDR ließ die Intrac beim österreichischen Handelsministerium anfragen, »ob es nicht möglich wäre, dass die österreichische Textilindustrie Lohnveredelungsgeschäfte mit der deutschen Ostzone abschliesse«. Das Ministerium »nahm diese Anregung mit grosser Zurückhaltung« auf.20 Bei einer Besprechung von Vertretern der USIA und der KPÖ »soll angeblich beschlossen worden sein, dass die ›Intrac‹ im stärkeren Umfange in den Warenverkehr zwischen Österreich und den Ost-Staaten eingeschaltet werden soll«. Konkret ging es dabei auch um den künftigen Warenverkehr mit der DDR. Ein Blick auf die Teilnehmer dieser Zusammenkunft macht deutlich, dass es erhebliche Überschneidungen zwischen dem österreichischen Personal der USIA und den Mitarbeitern des entstehenden KPÖ-Wirtschaftsapparats gegeben haben muss.21 Stellvertretend hierfür sei Hans Albin erwähnt, der zunächst für die USIA tätig war und Anfang April »die Leitung der neu gegründeten Handelsgesellschaft ›INTRAC‹ übernehmen« sollte. Im Handelsministerium ging man daher davon aus, dass die Intrac »vermutlich« über die USIA finanziert würde und die Aufgabe hätte, sich in einem stärkeren Ausmaß in den Warenverkehr zwischen Österreich und den Oststaaten einzuschalten. Zudem erwartete man, dass die Intrac eine Monopolstellung einzunehmen beabsichtigte.22 Inwieweit die Intrac bereits vor der Gründung der DDR an den Handelsbeziehungen mit der SBZ beteiligt war, erschließt sich aus den bisher zutage geförderten Materialen nicht. Ebenso wenig ist über die Geschäfte anderer KPÖ-Firmen und deren Volumen bekannt. Von größerem Umfang war mit Sicherheit der Warenaustausch zwischen der USIA beziehungsweise der SMV mit den entsprechenden sowjetischen Gegenstücken in der SBZ. Für die bisherige Forschung schien gesichert, dass die KPÖ-Firma Wagner & Co. im Handel mit der SBZ und der frühen DDR eine prägende Rolle spielte.23 Diese hatte laut Maren Seliger »lange Zeit im Handel mit der SBZ/DDR eine Art Monopolstellung«.24 Wie die Handelstätigkeit einer Firma in der SBZ zu erklären ist, die laut Recherchen von Gertrude Enderle-Burcel erst seit 1951 existierte,25 muss an dieser Stelle ungeklärt bleiben. Gegründet wurde sie von Kurt Menasse, der zuvor bei der Länderbank bis zu deren Rückzug aus diesem Geschäft für den Osthandels-Bereich zuständig war.26 Ab 1949 reisten Wirtschaftskader der KPÖ häufig »zur Erledigung wirtschaftlicher Angelegenheiten« in die DDR. In der entsprechenden Korrespondenz finden sich häufig die Namen Hans Albin, Erich Birnbach, Ignatz Blum, Stefan Kaufmann, Martin Maimann, Ernst Müller, Kurt Menasse, Oswald Rein27 und Otto Wantoch. Stets ersuchte die KPÖ um die nötige Unterstützung für diese Genossen.28 Ebenfalls dürften Heinz Kessler und Herbert Fürböck beteiligt gewesen sein. Im Dezember 1950 informierte die KPÖ die SED, dass Jenö Desser 29 »jetzt leitend im Wirtschaftssektor unserer Partei tätig ist«.30 Diese Position behielt er bis 1975/76 und hatte dafür zu sorgen, dass Gewinne an die Partei flossen.31 Desser wurde auch als »Personalchef der KP-Treuhänder« bezeichnet.32 Nachdem die SED 1954 den Ablauf der Visabewilligung geändert hatte und man seitens der KPÖ Schwierigkeiten erwartete,33 ersuchte man für die »Genossen, die in unseren Wirtschaftsapparaten arbeiten«, um die Erteilung von Dauervisa. Namentlich wurden Desser, Förster, Menasse, Müller und Kurt Bettelheim genannt.34 Im Februar 1952 wurden in Wien, im Beisein von Vertretern des österreichischen Handelsministeriums, Besprechungen zwischen Delegierten des Ministeriums für Außenhandel und Innerdeutschen Handel der DDR und dem Direktor von Wagner & Co. Menasse geführt. Warum die ostdeutsche Aufzeichnung über diese Gespräche neben der Bezeichnung der Firma Wagner & Co. den Namen der bereits erwähnten Intrac in Klammern anführt, erschließt sich aus den bisherigen Erkenntnissen über das KPÖ-Firmengeflecht nicht. Es scheint aber, als ob diese beiden Firmen für den Handel mit der SBZ/DDR verantwortlich zeichneten; welche Verbindungen und personellen Verschränkungen bestanden, ist bisher nicht bekannt. Die Vertreter des Handelsministeriums versicherten ihr Interesse am Handel mit der DDR, verwehrten sich aber dagegen, dass, »wie es den Anschein hat, die Firma Wagner & Co., Wien, eine Monopolstellung erhält«.35 Eine in Ost-Berlin erstellte Jahresanalyse für 1953 gibt Einblick in den Ablauf der frühen Geschäftsbeziehungen. Der Großteil des Handels wurde über Kompensationen abgewickelt. In geringem Maße wurden aber auch Import- und Exportgeschäfte gegen Bezahlung in freien Devisen durchgeführt. Den Schwerpunkt im Handel mit Österreich bildeten die Globalabkommen zwischen der direkt der SED unterstehenden Deutschen Warenvertriebsgesellschaft (DWV, zuvor DEAG) und der in Wien ansässigen Firma Wagner & Co. sowie der DWV und der USIA. Die Verrechnung erfolgte in Transferrubel. Von 1952 auf 1953 war beim realisierten Gesamthandelsvolumen eine Steigerung um gut 50 Prozent erfolgt. Der Hauptgrund für dieses erhebliche Wachstum war die »gute Handelstätigkeit der Firma Wagner & Co.«. Ihr war es durch eine »intensive Bearbeitung des österreichischen Marktes« gelungen, für die DDR wichtige »Engpassmaterialien« (wie Stähle, Bleche, Roheisen und Rohre) zu importieren und gleichzeitig den DDR-Export zu fördern.36 Zur Erleichterung und Erweiterung des Warenaustausches wurde Ende 1953 schließlich auch ein Abkommen zwischen der Kammer für Außenhandel der DDR (KfA) und der österreichischen Bundeskammer der gewerblichen Wirtschaft abgeschlossen. Das Abkommen sah ein Handelsvolumen von 18 Millionen Verrechnungsdollar vor. Im Oktober 1954 eröffnete die KfA eine Vertretung in Wien, die, wenn auch auf nichtstaatlicher Ebene, als Handelsvertretung der DDR fungierte. Zudem – und hierin liegt zweifelsohne die größere Bedeutung dieser Vertretung für die DDR – war diese bestrebt (wie auch in anderen Staaten), als eine Quasi-Botschaft der DDR im Gastland zu fungieren.37 Das Bonner Auswärtige Amt verfolgte die Aktivitäten der KfA-Vertretung aufmerksam. Man vermutete eine enge Beziehung zur USIA, die dabei helfen sollte, den Handel in Schwung zu bringen. Besonders gewarnt wurde auch vor der im DDR-Handel engagierten KPÖ-Firma Wagner & Co.38 Der Vertrag auf Kammerebene führte jedenfalls zu einer Formalisierung des bilateralen Handels. In diesem Umfeld einer engen wirtschaftlichen Kooperation auf Parteiebene erfolgte 1951 die Gründung der Handelsfirma Novum. Laut der in Österreich lange Zeit gängigen Interpretation bewirkten die von den Wirtschaftsreisenden der KPÖ mit der SED geführten Gespräche unter anderem die Gründung der Novum. Gemäß den Urteilen der Gerichte wurde die Novum aber im Auftrag der SED von Mitarbeitern des KPÖ-Wirtschaftsapparats geschaffen. Gründungsgesellschafter waren Rein und der Musikwissenschaftler Georg Knepler. Letzterer war nie in das operative Geschäft involviert. Woher das Gründungskapital stammte, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Die künftigen Novum-Gesellschafter von Robert Bondy über Richard Hör, Ernst Müller, Helmut Fürböck und Johann Hanzlicek bis hin zu Rudolfine Steindling, die ab 1983 sogar als Alleingesellschafterin fungierte, mussten jedoch ab 1953 jeweils einen Treuhandvertrag mit der SED-Holding Zentrag unterschreiben. Vorausgesetzt, die Novum war Eigentum der SED, gelang die Legendierung als KPÖ-Firma offenbar perfekt. In der Regel wussten nicht einmal diejenigen, die aufseiten der DDR mit der Novum zu tun hatten, dass es sich um eine SED-Firma handelte. Die oben erwähnten Gesellschafter besaßen alle die österreichische Staatsbürgerschaft und gehörten dem Wirtschaftsapparat der KPÖ an. Das Know-how und die westliche Staatsbürgerschaft der KPÖ-Wirtschaftstreibenden wurden von der SED demnach für ihre Zwecke genutzt. Die Aufgaben der Novum waren zunächst auf die Beschaffung möglichst günstiger Waren aus dem Westen beschränkt. Zudem konnten über die sowjetische Besatzungszone Österreichs – von der bisherigen Forschung nicht näher benannte – Embargowaren in die sozialistischen Staaten ausgeführt werden. Zwischengeschaltet wurde stets eine KPÖ-Firma, die eine Provision erhielt. Dennoch entfaltete die Novum bis zur Ausweitung des Handels zwischen Österreich und der DDR in den Siebzigerjahren kaum eine relevante eigenständige Aktivität.39 Ein bisher unbeachtetes Fallbeispiel vermag die Signifikanz der Mitarbeiter des KPÖ-Wirtschaftsapparats für den Außenhandel der DDR zu unterstreichen. Das ansonsten nach dem Bruch zwischen Tito und Stalin prinzipiell bestehende Verbot, nach Jugoslawien zu reisen, das bei Zuwiderhandeln zum Parteiausschluss führen konnte,40 dürfte für die Mitarbeiter des KPÖ-Wirtschaftsapparats nicht im vollen Umfang gegolten haben. Die KPÖ scheint in den Fünfzigerjahren bei der (Re-)Etablierung von Handelsbeziehungen zwischen der DDR und Jugoslawien vielmehr eine bedeutende Rolle gespielt zu haben. Im Spätsommer und Herbst 1954 brachten die österreichischen Mitarbeiter der Novum die ersten direkten Handelsgeschäfte zwischen der DDR und Jugoslawien auf den Weg, erst danach folgte das Handelsabkommen zwischen den beiden Staaten, welches die Lage erneut veränderte. Die Einschaltung der Novum zur Ankurbelung der Geschäfte war wegen der Erfahrungen der »Genossen« im Geschäft mit Jugoslawien dennoch weiterhin ausdrücklich erwünscht. Eine hervorragende, von Fürböck erstellte Einschätzung der Probleme, die im Handel mit Jugoslawien bestanden, zeugt von der Erfahrung der KPÖ-Wirtschaftsleute mit dem jugoslawischen Markt. Die Novum sollte eingeschaltet werden, ohne dem Handel den Charakter von Direktbeziehungen zu nehmen. Die Zusammenarbeit mit den Vertretern des Deutschen Innen- und Außenhandels (DIA) verlief aber keineswegs problemfrei. Faktisch beschwerten sich die Vertreter der Novum über deren Inkompetenz und Unerfahrenheit, welche die Geschäfte verteuerten.41 IV. Die Rolle der Parteifirmen in der Nichtanerkennungszeit bis 1972 Einblick in die veränderte Lage nach 1955 gibt eine Analyse des zuständigen Länderreferats des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten der DDR (MfAA) vom März 1956, die von einer klaren Sicht auf bestehende Probleme zeugt: »Um mit einflussreichen Wirtschaftskreisen in bessere direkte Berührung zu kommen, ist es notwendig, einen Teil des Handels direkt mit nationalen Firmen abzuwickeln, ohne dabei den bisher üblichen Weg des Handels über Parteifirmen zu vernachlässigen.« Aufgrund der neuen Lage nach dem Staatsvertrag hielt man »es für verfehlt, als Vermittler für unsere Waren nach dem österreichischen Markt und umgekehrt nur Parteifirmen einzuschalten«.42 Die KPÖ-Firmen dürften sich rechtzeitig vor dem Ende der Besatzungszeit durch den Abschluss von Verträgen und Generalvertretungen für die östlichen wie die westlichen Teilnehmer einen gewissen – vermutlich ziemlich hohen – Marktanteil am österreichischen Osthandel gesichert haben.43 Dies wurde in österreichischen Medien und auch im Parlament zur Sprache gebracht. Der Abgeordnete der Freiheitlichen Partei Österreichs Wilfried Gredler prangerte 1961 im Nationalrat die Machenschaften der »Kommerzkommunisten« an. Eine themenbezogene Diskussion entwickelte sich aufgrund seiner Ausführungen nicht.44 Auch das Schweizerische Ost-Institut widmete den wirtschaftlichen Aktivitäten der KPÖ eine schmale Publikation, die sich weitestgehend auf Medienberichte nach der Rede Gredlers stützte. Darin wurden Sorge über eine wachsende wirtschaftliche Abhängigkeit Österreichs vom Osten sowie der Verdacht, dass die Gewinne der »Tarnfirmen« auch der Finanzierung weiterer europäischer kommunistischer Parteien dienen würden, geäußert.45 Das mediale Bild war in der Regel negativ. Als es 1963 in Österreich zu Engpässen bei der Brennstoffversorgung kam, wurden diese in den Medien mit der »Nichterfüllung der Lieferverträge der sozialistischen Länder«, deren Wirtschaft »vor dem Zusammenbruch« stehe, erklärt. Die KPÖ-Firmen, die die Generalvertretung innehatten, sahen sich folglich zu Klarstellungen betreffend deren Verlässlichkeit genötigt.46 Die Monopolstellung der KPÖ-Firmen war ein Faktum, das sehr zum Ärger der Bundeskammer trotz regelmäßiger Interventionen unabänderlich blieb47 und sich auch in den Auftragsbüchern österreichischer Unternehmen auf den Leipziger Messen niederschlug.48 Laut eigener Aussagen wurden 1964 70 Prozent des DDR-Exports und 50 Prozent des Imports über »Parteibetriebe, genannt befreundete Firmen«, abgewickelt.49 1965, als es zu einer Ausweitung des Handels kam, wurden 70 Prozent des Handels über »befreundete Firmen« getätigt. Diese wurden auch in die Organisation von Gegengeschäften sowie die Entwicklung von Kooperationsbeziehungen einbezogen.50 Eine derartige Protektion der KPÖ-Firmen stieß natürlich besonders bei der Bundeskammer auf Unmut, da diese den Spielraum für Geschäftsanbahnungen der von ihr vertretenen Unternehmen erheblich erschwerte. Im Rahmen ihres Strebens nach internationaler Anerkennung hatte die DDR kontinuierlich auf die Eröffnung einer österreichischen Handelsvertretung in der DDR hingearbeitet. Als man seitens Österreichs 1970 diesen Schritt durch die Errichtung einer Vertretung der Bundeskammer in Ost-Berlin wagte, verärgerte man damit sowohl die Bundesrepublik Deutschland als auch andere neutrale Staaten. Die Monopolstellung der Parteifirmen blieb dennoch bestehen. Auffallend für österreichische Beobachter war offensichtlich nur, dass das Kontakt-Monopol nun bei der Novum lag.51 Daran änderte sich bis zur diplomatischen Anerkennung der DDR durch Österreich, die am 21. Dezember 1972 erfolgte, nichts. Dies bewirkte, dass der von der DDR so lange herbeigesehnte Kammervertreter in Ost-Berlin »in weitem Maße an die Wand gespielt« wurde.52 V. Provisionsritter zur Parteienfinanzierung? Nach der diplomatischen Anerkennung der DDR durch Österreich wurde 1973 der erste staatliche Handelsvertrag geschlossen, und es erfolgten die ersten wechselseitigen Besuche auf Ministerebene. Entsprechend den Vereinbarungen über die Zusammenarbeit zwischen KPÖ und SED weilte im Juni 1973 eine Delegation der KPÖ unter der Leitung des Parteivorsitzenden, Franz Muhri, in der DDR. Dieser Besuch war Ausdruck der nach dem XXI. Parteitag der KPÖ wieder gänzlich normalisierten Beziehungen zwischen den beiden Parteien. Mehrfach würdigte der KPÖ-Vorsitzende die »engen brüderlichen Beziehungen« zur SED. Während des Besuchs war der KPÖ ein Entwurf für eine »Vereinbarung über die Entwicklung der Zusammenarbeit auf ökonomischem Gebiet zwischen der SED und der KPÖ« übergeben worden. Dieser sollte der »weiteren Vertiefung der Zusammenarbeit der Wirtschaftsunternehmen beider Parteien« dienen und »in kürze abgeschlossen werden«.53 Die zu ergreifenden Maßnahmen wurden in der Sitzung des Politbüros vom 3. Juli 1973 bestätigt.54 Früh zeigte sich, dass die KPÖ danach trachtete, in die Entwicklung der nun offiziellen Beziehungen zwischen Österreich und der DDR mit eingebunden zu werden. Es handelt sich hierbei um einen der seltenen Aktenbelege für die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den beiden Parteien, der zudem zeigt, dass die KPÖ von der Ausweitung des Handels zwischen den beiden Staaten finanziell profitieren sollte. Die Schlüsselfigur in der Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen der DDR und Österreich war der spätere Außenhandelsminister, Staatsekretär Gerhard Beil, der im März 1974 Österreich besuchte. Neben Gesprächen mit Handelsminister Josef Staribacher, der verstaatlichten Industrie, der Industriellenvereinigung, der Bundeskammer, Generaldirektoren und Vorstandsmitgliedern österreichischer Banken und Finanzinstitutionen erfolgten auch Unterredungen mit den Geschäftsführern der Firmen der KPÖ, die am Handel mit der DDR beteiligt waren, sowie jenen, die die Außenhandelsbetriebe der DDR in Österreich vertraten.55 Die Umtriebigkeit Beils ließ Staribacher in seinem Tagebuch sogar von »ein bisschen Geheimdiplomatie« sprechen, da dieser gegenüber den Österreichern nicht zu erkennen geben wollte, mit wem er Gespräche geführt hatte.56 Auch die ostdeutschen Gesprächsvermerke geben keinen detaillierten Aufschluss über die Inhalte der Gespräche.57 Staribacher war zwar ob der Monopolstellung einiger »Tarnfirmen« »nicht gerade glücklich«, für ihn stand aber fest, dass dadurch gewisse Exporte in die DDR überhaupt erst möglich wurden. Ob und wie stark die KPÖ dadurch unterstützt wurde, wusste er nicht.58 Daher hielt er sich an den Grundsatz: »Für mich ist ausschliesslich entscheidend, dass es zur Abwicklung der Geschäfte kommt, wer dabei verdient, interessiert mich nicht.«59 Bereits im November 1974 kam Beil erneut zu Gesprächen nach Österreich. Hauptgrund war die Finalisierung einiger Verträge mit dem größten Unternehmen der österreichischen verstaatlichten Industrie, der VÖEST-Alpine, die das wenig später anlässlich des Besuchs von Außenhandelsminister Horst Sölle unterzeichnete Abkommen über wirtschaftliche, industrielle und technische Zusammenarbeit sogleich mit Leben erfüllen sollten.60 Wer von diesen Vereinbarungen ebenfalls profitieren sollte, wird aus dem Vermerk über die Zusammenkunft mit der VÖEST-Alpine, an der auch die Direktoren der Firma Novum, Fürböck, und der KPÖ-Firma Wagner, Hör & Co. KG, Müller, teilnahmen, klar: »Es wurde prinzipielle Übereinstimmung über den Gegenstand des zwischen der VÖEST-Alpine und der Fa. Novum abzuschließenden Vertretervertrages erzielt. Die detaillierten Festlegungen werden kurzfristig zwischen den Partnern unter Einbeziehung der Fa. Wagner, Hör & Co. vereinbart.«61 Die personellen Verschränkungen zwischen der Novum und dem KPÖ-Wirtschaftsapparat werden hier erneut überdeutlich. An dieser Stelle scheint es daher notwendig, noch einmal auf die Novum einzugehen. Erst mit dem sich intensivierenden Handel zwischen Österreich und der DDR konnte die Novum in den Worten Andreas Försters ihrer »wahren« Bestimmung nachkommen: »Sie sollte sich auf das Provisionsgeschäft konzentrieren und damit höhere Gewinne einfahren, um der SED zu zusätzlichen ›schwarzen Devisen‹ zu verhelfen.« Laut Förster – der nicht glauben will, dass auch nur ein noch so kleiner Teil der Erlöse der Novum an die KPÖ geflossen sei – wurde in den Jahren 1972/73 zwischen der Novum und der KoKo-Firma Transinter auf Weisung der SED vereinbart, dass die Hälfte der erwirtschafteten »Provisionen an die Vertreter-Holding aus dem Schalck-Imperium« abgeführt werden muss. Diese Erlösteilung stellte seines Erachtens aber auch keine Teilung zwischen SED und KPÖ dar, »sondern vielmehr zwischen dem DDR-Außenhandel und dem SED-Finanzbereich«.62 Ob und wie viel Geld die KPÖ durch Provisionen verdient hat, entzog sich – soweit bekannt – der Kenntnis der maßgeblichen politischen Akteure auf österreichischer Seite und ist aus den verfügbaren Akten nicht nachweisbar. Aber warum sollten beispielsweise, wie aus obenstehendem Zitat hervorgeht, die detaillierten Festlegungen unter Beteiligung einer KPÖ-Firma, nämlich der Wagner, Hör & Co. KG, erfolgen, wenn keine Geldflüsse an die KPÖ erfolgen sollten? Zu dieser Zeit klagte die KPÖ immer häufiger über ihre schwierige finanzielle Lage. 1975 hatte die SED von Erwin Scharf erfahren, dass »die politische Arbeit der Partei finanziell sehr aufwendig« sei. Besonders schwerwiegend waren die Millionenverluste des Zentralorgans der KPÖ.63 Als Beil im Oktober 1976 erneut zu Verhandlungen nach Österreich reiste, traf er auch mit Muhri zusammen. Hinsichtlich der Weiterentwicklung der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen sicherte dieser Beil die Unterstützung durch die »wirtschaftlichen Organe« der KPÖ zu und bedankte sich für »die konstruktive und effektive Haltung der DDR in der Zusammenarbeit mit den wirtschaftlichen Organen der KPÖ«. Muhri bezeichnete diese laut Gerhard Schramm, Botschafter der DDR in Österreich, zudem »als eine entscheidende Basis für die Lösung der finanziellen Probleme der Partei, insbesondere zur Aufrechterhaltung der Herausgabe der Tageszeitung. Die neuen Absichten der DDR hinsichtlich der nächsten Schritte zur Unterstützung der von der Partei kontrollierten Handelsgesellschaften wertete [er] als geeignet zur weiteren Vertiefung der Beziehungen.« Zudem informierte Muhri: »Gegenwärtig stelle die Parteiführung gewisse Überlegungen wegen einiger organisatorischer und personeller Veränderungen an. Vom Ergebnis werde die DDR zum geeigneten Zeitpunkt rechtzeitig informiert.«64 Was hinter diesen kryptischen Aussagen steckt, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Gesichert scheint jedenfalls, dass sich die anstehenden »Veränderungen« auf die Übernahme der Leitung des KPÖ-Wirtschaftsapparats durch Rudolfine Steindling bezogen. Ob die »neuen Absichten der DDR« ein Hinweis auf eine künftige stärkere Involvierung des Bereichs Kommerzielle Koordinierung in den bilateralen Handel waren, kann nur gemutmaßt werden. Ab 1977, in diesem Jahr noch auf Einladung der KPÖ, reiste der ZK-Sekretär für Wirtschaft, SED-Politbüromitglied Günter Mittag, nahezu jährlich nach Österreich.65 Seine Besuche wurden stets von Beil sorgfältig vorbereitet. Von nun an wurde auch die Involvierung des KoKo-Bereichs in den bilateralen Handel zwischen Österreich und der DDR immer stärker. Bereits im Juni 1977 hatte sich die »geschäftsführende Direktorin der österreichischen Parteibetriebe« Rudolfine Steindling mit der Bitte um einen Auftrag für den Import von Schuhen an Alexander Schalck-Golodkowski gewandt. Nach dem Rückgang von Aufträgen aus der Sowjetunion befürchtete man, die »gewisse Monopolstellung« im Handel mit den sozialistischen Staaten zu verlieren. Schalck-Golodkowski schlug daraufhin Mittag vor, »Gewinneinnahmen der Parteibetriebe in der BRD« für den Import von Schuhen aus Österreich zu gebrauchen und diese für »Exquisitversorgung« zu verwenden. Erich Honecker gab hierzu sein Einverständnis.66 Auch wenn Konsumgüterimporte der DDR von österreichischer Seite als wichtiger Bestandteil der Entwicklung des bilateralen Handels gesehen wurden, so lagen die Schwerpunkte doch in anderen Bereichen. Das bilaterale Handelsvolumen hatte bis 1970 unter zwei Milliarden Schilling stagniert und war nach der Anerkennung nur langsam auf drei Milliarden Schilling gestiegen. Den Durchbruch bei der Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen markierte der Besuch von Bundeskanzler Bruno Kreisky in der DDR 1978.67 Es handelte sich dabei um den ersten offiziellen Besuch eines westlichen Regierungschefs. Der Schlüssel zu Großaufträgen für Österreich war die vorherige Gewährung eines Kredits in Höhe der Auftragssumme. Zudem musste man das Kompensationsprinzip akzeptierten, das der DDR wiederum Exporte nach Österreich sicherte. Das mit Abstand größte Geschäft wurde 1980 fixiert. Honecker persönlich teilte im Gespräch mit Kreisky anlässlich seines ersten offiziellen Staatsbesuchs im Westen im November 1980 den Vergabeentscheid für den Auftrag zur Errichtung eines Konverterstahlwerks in Eisenhüttenstadt im Wert von 12 Milliarden Schilling mit.68 1981 hatte die österreichische Zeitschrift Trend Reportagen über das Wirtschaftsimperium der KPÖ veröffentlicht.69 Während Mitarbeiter des KPÖ-Wirtschaftsapparats die Veröffentlichung gegenüber dem österreichischen Handelsminister mit einem gewissen Sarkasmus kommentierten, zeigte sich Beil »überhaupt nicht aufgeregt«, und die DDR erwog »keinerlei Konsequenzen«. Auf die Behauptung des Trend, »daß damit die Kommunistische Partei Österreichs finanziert wird«, ging er gegenüber Staribacher »natürlich nicht ein«.70 Das bilaterale Handelsvolumen stieg infolge der Großaufträge und anderer kreditfinanzierter Geschäfte (darunter auch über KoKo abgewickelte Ölgeschäfte) bis 1984 auf über neun Milliarden Schilling an. Danach sackte es nicht zuletzt aufgrund des Ausbleibens neuer Großaufträge deutlich ab.71 Es ist anzunehmen, dass Provisionen mit der Auftragserteilung flossen. Die Kassen der KPÖ wurden jedenfalls bereits in der ersten Hälfte der Achtzigerjahre wieder klamm. Über ein Plenum der KPÖ im Mai 1983 vermerkte man, dass der offizielle »Apparat« weiter eingeschränkt werden müsse. Zudem gab es Überlegungen, die Volksstimme als Tageszeitung einzustellen und als Wochenblatt herauszugeben: »Die finanzielle Situation zwingt deshalb auch zu einem neuen Arbeitsstil und entsprechenden Änderungen.«72 Zu dieser Zeit dachte man bereits über den Verkauf von Parteifirmen nach. Die finanzielle Lage der KPÖ kam auch 1987 in einem Gespräch zwischen Muhri und dem SED-Delegierten Werner Eberlein am Rande des XXVI. Parteitags der KPÖ zur Sprache. Der KPÖ-Vorsitzende schätzte die Zusammenarbeit der beiden »Bruderparteien« insgesamt als »sehr gut« ein und betonte: »Das treffe auch auf die Beziehungen zwischen den Parteifirmen zu. Dies sei für die KPÖ wichtig, da der politische Kampf immer ›teurer‹ werde.« Er zeigte aber Verständnis dafür, »daß die Unterstützung nicht in unbegrenztem Umfang erfolgen könne«.73 Bei diesen Aussagen handelt es sich um einen weiteren Beleg für die wirtschaftliche Abhängigkeit der KPÖ von den Wirtschaftsbeziehungen zwischen den beiden Parteien. Zum größten Teil bestanden diese freilich darin, dass KPÖ-Firmen durch Vertreterverträge bei den bilateralen Handelsgeschäften Provisionen mitschnitten. Eine andere plausible Erklärung bietet sich jedenfalls nicht an. Der Bericht wurde vom Politbüro zustimmend zur Kenntnis genommen. Dem Wunsch Muhris, Ende 1987 zu einem Besuch in die DDR zu kommen und einen persönlichen Meinungsaustausch mit Honecker zu führen, wurde entsprochen.74 Dieser fand schließlich im Dezember statt. Im Gespräch mit Honecker drückte Muhri seine Wertschätzung für die gute Zusammenarbeit zwischen KPÖ und SED, die der KPÖ bei ihrem »Kampf sehr hilft«, aus und dankte »für das große Verständnis und die vielfältigen Formen der Unterstützung«. Das zentrale Anliegen hatte aber einen wirtschaftlichen Grund: »Große Bedeutung messen wir auch der Zusammenarbeit mit unseren Parteifirmen bei. Wir wünschen uns, daß die Firma ›Novum‹ ihre Vertretung in der DDR behalten kann und daß ihre Möglichkeiten im Handel mit der DDR im bisherigen Umfang weiter garantiert werden. Da wir unsere Massenorganisationen verstärken wollen, ist das auch mit erheblichen finanziellen Aufwendungen verbunden. Wir möchten also, daß die bisherigen Festlegungen nicht geändert werden.« Honecker sicherte dies zu: »Wir möchten die Beziehungen zu Eurer Partei weiter entwickeln und werden Euch wie bisher unterstützen. Das heißt auch, daß Eure Firma in der bisherigen Weise am Handel mit der DDR mitwirken soll.«75 In seiner Sitzung vom 8. Dezember 1987 beschloss das Politbüro, der Bitte Muhris, »die Zusammenarbeit mit der Firma der KPÖ ›Novum‹« weiterzuführen, nachzukommen. Die Vertretung in der DDR sollte bestehen bleiben.76 Vor Gericht wurde dieser Politbürobeschluss nicht als Beweismittel anerkannt. Die Legendierung der Novum als KPÖ-Firma war offenbar so perfekt, dass weder Muhri noch Honecker wussten, wem diese tatsächlich gehörte. Es ist aber in aller Deutlichkeit festzuhalten, dass, wenn das Thema Wirtschaft in den Parteibeziehungen oder, wie an obenstehenden Zitaten deutlich zu ersehen ist, zwischen den beiden Parteichefs angesprochen wurde, stets von einer Firma der KPÖ gesprochen wurde. Es handelte sich ihrer Ansicht nach um eine Firma, die am Handel zwischen Österreich und der DDR partizipierte und der Finanzierung des Apparates und der politischen Aktivitäten der KPÖ diente. Ob die erwirtschafteten (und bei der Novum verbliebenen) Provisionen zur Gänze oder nur zum Teil durch zusätzliche Einschaltung eindeutig der KPÖ zuzurechnender Firmen den österreichischen Kommunisten zugute kamen, kann aufgrund der verfügbaren Quellen nicht beantwortet werden. Dass die Parteifinanzierung aber über solche Konstruktionen und insbesondere durch die Geschäfte mit der DDR erfolgte, erscheint eindeutig. Seit der Einführung einer Gewinnteilung Anfang der Siebzigerjahre dienten 50 Prozent der Provisionseinnahmen jedenfalls zudem der Devisenerwirtschaftung durch den KoKo-Bereich. VI. Ein langes Nachspiel – kurz gefasst Mit Revolution und Vereinigung in den Jahren 1989/90 ging dieses Kapitel der Parteibeziehungen zu Ende. Die KPÖ war über die bevorstehende deutsche Einheit wie erwartet nicht erfreut, und auch retrospektiv wurde von der »Preisgabe der DDR« gesprochen.77 Im Juni 1990 besuchte der Vorsitzende der SED-Nachfolgepartei, Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS), Gregor Gysi, Österreich. Einen zeitnahen Besuch Gysis im Juli 1990 bei der »Bruderpartei« in Athen hatte Der Spiegel dahingehend gedeutet, dass es darum ging, Geld zu parken.78 Anzeichen über ein solches Ziel des Besuchs finden sich in dem ostdeutschen Bericht natürlich nicht. Jedoch wurde dort vermerkt: »Als ›größter Schock‹ in der Partei wirkt nach wie vor die Entwicklung in der DDR.«79 Im Rahmen dieses Beitrags wurde nicht nach den Spuren der verschwundenen Millionen gesucht. Die Mitarbeiter des Finanzapparates der KPÖ – allen voran Rudolfine Steindling – sollen tatkräftig bei der Verschiebung des SED- und KoKo-Vermögens mitgeholfen haben. Aber auch die Namen des österreichischen Unternehmers Martin Schlaff und des letzten Außenhandelsministers der DDR Gerhard Beil wurden in diesem Zusammenhang regelmäßig genannt.80 Bevor das Novum-Vermögen unter die Verwaltung der Treuhand gestellt werden konnte, wurden Millionen durch höchst verdächtige Transaktionen von Konto zu Konto verschoben und schließlich von der Österreichischen Länderbank in Wien in bar abgehoben beziehungsweise verschwanden sofort in anonymen Anlageformen. In den Neunzigerjahren schien es lange Zeit, als ob sich die deutsche Justiz aufgrund der hohen Übereinstimmung von Zeugenaussagen und zeitgenössischen Quellen dem Standpunkt der KPÖ anschließen würde, dass die Novum ihr Eigentum sei. Demgemäß entschied das Berliner Verwaltungsgericht im Dezember 1996. Nachdem neue Beweismittel aufgetaucht waren, die auf bewusste Manipulation von Beweisen hindeuteten, wurden in nächster Instanz im Jahr 2003 die Treuhanderklärungen stärker gewichtet. Das Urteil des Berliner Oberlandesgerichts sah nun den Beweis für die Eigentümerschaft der SED erbracht.81 2009 wurde der Rechtsstreit seitens der KPÖ endgültig beigelegt. Steindling zahlte im Rahmen eines Vergleichs 106 Millionen Euro an die Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS), die dafür ihre Ansprüche gegen Steindling fallen ließ. Aus dem Novum-Vermögen blieben 128 Millionen Euro plus Zinsen verschwunden. Wer für diesen Schaden aufkommen muss, darüber wurde bis 2013 in der Schweiz prozessiert. Im April 2013 fällte das Schweizer Obergericht des Kantons Zürich das rechtskräftige Urteil, dass die Länderbank die Behebung der Novum-Millionen nicht hätte zulassen dürfen. Während der zwanzig Jahre andauernden Prozesse wurde die damalige Länderbank längst von der Bank Austria übernommen, die inzwischen Teil der Uni Credit-Gruppe geworden ist und nun inklusive Zinsen 254 Millionen Euro an die BvS zahlen muss. Da die Bank Austria jetzt versuchen könnte, auf dem Gerichtsweg die von Steindling (aus Geldern der Bank Austria) an die BvS entrichteten 106 Millionen Euro zurückzubekommen, ist eine Fortsetzung dieser mittlerweile unendlich anmutenden Geschichte denkbar.82 1 Stellvertretend für die diversen Medienberichte siehe Andrea Hodoschek: »Tante Finis Millionen-Geheimnis«, in: Kurier vom 4. November 2012, S. 5. 2 Siehe Jan Foitzik: Aus der Buchhaltung der Weltrevolution. Finanzhilfen der »regierenden kommunistischen Parteien« für den internationalen Kommunismus. 1950–1958, in: Hermann Weber u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1994, Berlin 1994, S. 140–147; Marie-Pierre Rey: The Western European Communist Parties in the Cold War, 1957–68, in: Wilfried Loth (Hg.): Europe, Cold War and Coexistence 1953–1965, London 2004, S. 202–214. 3 Siehe zuletzt Matthias Judt: Der Bereich Kommerzielle Koordinierung. Das DDR-Wirtschaftsimperium des Alexander Schalck-Golodkowski – Mythos und Realität, Berlin 2013; als Überblick siehe André Steiner: Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR, München 2004. 4 Als Überblick siehe Andreas Resch: Der österreichische Osthandel im Spannungsfeld der Blöcke, in: Manfried Rauchensteiner (Hg.): Zwischen den Blöcken. NATO, Warschauer Pakt und Österreich, Wien/Köln/Weimar 2010, S. 497–556; siehe zudem Gertrude Enderle-Burcel u. a. (Hg.): Gaps in the Iron Curtain. Economic relations between neutral and socialist countries in Cold War Europe, Krakau 2009; Gertrude Enderle-Burcel/Dieter Stiefel/Alice Teichova (Hg.): »Zarte Bande«. Österreich und die europäischen planwirtschaftlichen Länder – »Delicate Relationships«. Austria and Europe’s Planned Economies (= Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs, Sonderband 9), Wien 2006. 5 Eine erste aktenbasierte Analyse der Wirtschaftsbeziehungen ist vor allem durch Christoph Boyer erfolgt. Er stützt sich allerdings ausschließlich auf DDR-Akten. Siehe Christoph Boyer: Economic relations between Austria and the Soviet zone of occupation of Germany/German Democratic Republic, 1945–1973, in: Enderle-Burcel u. a. (Hg.): Gaps in the Iron Curtain (Anm. 4), S. 191–205; sowie ders.: Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Österreich und der Sowjetischen Besatzungszone in Deutschland (SBZ) bzw. der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) (1945–1989/90), in: Enderle-Burcel/Stiefel/Teichova (Hg.): »Zarte Bande« (Anm. 4), S. 165–183. 6 Für eine ausführliche Darstellung siehe Maximilian Graf: Österreich und die DDR 1949–1989/90. Beziehungen – Kontakte – Wahrnehmungen, Dissertation Wien 2012, S. 41–49, 105–122, 325–382 u. 646–764. 7 Zum Engagement der »KPÖ-Firmen« siehe Maren Seliger: KPÖ-Firmen und Osthandel 1945–1989. Rahmenbedingungen und einige Aspekte der Außenhandelspraxis, in: Enderle-Burcel/Stiefel/Teichova (Hg.): »Zarte Bande« (Anm. 4), S. 107–129 und Roman Stolzlechner: Österreichs Wirtschaftsbeziehungen mit der DDR und die Bedeutung der KPÖ-Firmen, in: ebd., S. 153–163; sowie Gertrude Enderle-Burcel: Austrian business interests in socialist neighbouring countries: cloaked companies – CPA-related firms’ Eastern trade, in: Enderle-Burcel u. a. (Hg.): Gaps in the Iron Curtain (Anm. 4), S. 125–141. 8 Siehe Andreas Förster: Auf der Spur der Stasi-Millionen. Die Wien-Connection, Berlin 1998. 9 Fischer stützt sich primär auf die Urteile der Prozesse um das Novum-Vermögen sowie auf die Bundestagsberichte zum DDR-Vermögen. Siehe Malte Fischer: Die Novum Handelsgesellschaft mbH im Wirtschaftsgeflecht DDR-Österreich, in: Jochen Staadt (Hg.): Schwierige Dreierbeziehung. Österreich und die beiden deutschen Staaten (= Studien des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin, Bd. 18), Frankfurt a. M. 2013, S. 227–275. 10 Siehe Wolfgang Mueller: Sowjetische Deutschland- und Österreichpolitik 1941 bis 1955 im Vergleich: Die Frage der staatlichen Einheit und des Friedensvertrages, in: Michael Gehler/Ingrid Böhler (Hg.): Verschiedene europäische Wege im Vergleich. Österreich und die Bundesrepublik Deutschland 1945/49 bis zur Gegenwart. Festschrift für Rolf Steininger zum 65. Geburtstag, Innsbruck/Wien/Bozen 2007, S. 123–154. 11 Siehe zusammenfassend und auf dem Stand der neuesten verfügbaren Quellen: Otto Klambauer: Die sowjetische Wirtschaftspolitik in Österreich 1945–1955, in: Andreas Hilger/Mike Schmeitzner/Clemens Vollnhals (Hg.): Sowjetisierung oder Neutralität? Optionen sowjetischer Besatzungspolitik in Deutschland und Österreich 1945–1955 (= Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung, Bd. 32), Göttingen 2006, S. 435–450. Zur SMV siehe Walter M. Iber: Die Sowjetische Mineralölverwaltung in Österreich. Zur Vorgeschichte der OMV 1945–1955, Innsbruck/Wien/Bozen 2011. 12 Siehe Seliger: KPÖ-Firmen und Osthandel 1945–1989 (Anm. 7), S. 107–129, hier S. 107 f., 111–116. 13 Aktenvermerk, Gegenstand: »Intrac«; Warenverkehr mit der Sowjetzone Deutschlands, Wien, 2. März 1949, Österreichisches Staatsarchiv (im Folgenden: ÖStA), Wien, Archiv der Republik (im Folgenden: AdR), Bundeskanzleramt/Auswärtige Angelegenheiten (im Folgenden: BKA/AA), Wirtschaftspolitische Abteilung (im Folgenden: Wpol) 1949, Handel Deutschland, GZ. 112.723-Wpol/49, Karton 131. 14 Förster: Auf der Spur der Stasi-Millionen (Anm. 8), S. 56. 15 Siehe Josef Meisel: Die Mauer im Kopf. Erinnerungen eines ausgeschlossenen Kommunisten 1945–1970 (= Biografische Texte zur Kultur- und Zeitgeschichte 3), Wien 1986, S. 22, 59–61 u. 73–77. 16 Siehe Foitzik: Aus der Buchhaltung der Weltrevolution (Anm. 2), S. 140–147, hier S. 144; Rey: The Western European Communist Parties in the Cold War (Anm. 2), S. 202–214, hier S. 206. 17 Siehe Boyer: Economic relations (Anm. 5), S. 191–205, hier S. 193. 18 Siehe Pieck an Koplenig, Berlin, 4. Juni 1946, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der ehemaligen DDR im Bundesarchiv Berlin (im Folgenden: SAPMO-BArch), NY 4036/705, Bl. 32 f.; Pieck an Koplenig, Berlin, 22. November 1946, SAPMO-BArch, NY 4036/705, Bl. 34 f. 19 Koplenig an Pieck, Wien, 31. März 1947, SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/20/263 Bl. 5 f.; Pieck an Koplenig, Berlin, 14. April 1947, SAPMO-BArch, NY 4036/705, Bl. 37. 20 Aktenvermerk, Gegenstand: »Intrac«; Warenverkehr mit der Sowjetzone Deutschlands, Wien, 2. März 1949, ÖStA, AdR, BKA/AA, Wpol 1949, Handel Deutschland, GZ. 112.723-Wpol/49, Karton 131. 21 Amtsvermerk, Gegenstand: Warenverkehr mit den Oststaaten; »Intrac«, Wien, [o. D., nach dem 10.] März 1949, ÖStA, AdR, BKA/AA, Wpol 1949, Handel Deutschland, Gr.Zl. 112.723-Wpol/49, GZ. 114.852-Wpol/49, Karton 131. 22 Amtsvermerk, Gegenstand: »INTRAC«; Warenverkehr mit den Oststaaten, Wien, [o. D., vermutlich nach dem 22.] März 1949, ÖStA, AdR, BKA/AA, Wpol 1949, Handel Deutschland, Gr.Zl. 112.723-Wpol/49, GZ. 123.589-Wpol/49, Karton 131. 23 Siehe Boyer: Die Wirtschaftsbeziehungen (Anm. 5), S. 165–183, hier S. 167. 24 Seliger: KPÖ-Firmen und Osthandel 1945–1989 (Anm. 7), S. 107–129, hier S. 115. 25 Siehe Enderle-Burcel: Austrian business interests in socialist neighbouring countries (Anm. 7), S. 125–141, hier S. 135. 26 Siehe Förster: Auf der Spur der Stasi-Millionen (Anm. 8), S. 56; Stolzlechner: Österreichs Wirtschaftsbeziehungen mit der DDR und die Bedeutung der KPÖ-Firmen (Anm. 7), S. 153–163, hier S. 157 f. 27 In den bisherigen Publikationen wird von Oswald Rein gesprochen. In den KPÖ-Schriftstücken wird als Vorname »Oskar« bzw. »Ossi« angegeben. 28 Siehe Friedl Fürnberg an Grete Keilson, Wien, 20. Januar 1950, Zentrales Parteiarchiv (im Folgenden: ZPA) der KPÖ, Auslandskorrespondenz 1950; Fürnberg an Keilson, Wien, 17. März 1950, ZPA der KPÖ, Auslandskorrespondenz 1950; Fürnberg an Keilson, Wien, 11. Mai 1950, ZPA der KPÖ, Auslandskorrespondenz 1950; Sekretariat des ZK der KPÖ an Keilson, Wien, 17. Januar 1951, ZPA der KPÖ, Auslandskorrespondenz 1951; Sekretariat des ZK der KPÖ an Keilson, Wien, 1. Februar 1951, ZPA der KPÖ, Auslandskorrespondenz 1951. 29 Dessers Vorname wird sowohl in den Dokumenten als auch in der Literatur wahlweise mit »Jakob« oder »Jenö« angegeben. 30 Fürnberg an Keilson, Wien, 7. Dezember 1950, ZPA der KPÖ, Auslandskorrespondenz 1950. 31 Siehe Seliger: KPÖ-Firmen und Osthandel (Anm. 7), S. 107–129, hier S. 114–116. 32 Förster: Auf der Spur der Stasi-Millionen (Anm. 8), S. 56. 33 Siehe Fürnberg an ZK der SED, Wien, 19. Juni 1954, ZPA der KPÖ, Auslandskorrespondenz 1954. 34 Siehe Fürnberg an ZK der SED, Wien, 7. Juli 1954, ZPA der KPÖ, Auslandskorrespondenz 1954. 35 Bericht über Verhandlungen hinsichtlich von Handelsbeziehungen zwischen der DDR und Österreich, Streng vertraulich!, [Februar 1952], Politisches Archiv des Auswärtigen Amts (im Folgenden: PA AA), Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR (im Folgenden: MfAA), A 15.642, Bl. 216-220. 36 Jahresanalyse 1953 Österreich, Berlin, 17. Februar 1954, (Panzerschranksache), PA AA, MfAA, A 12814, Bl. 101-107, insbesondere Bl. 103-107. 37 Siehe Graf: Österreich und die DDR (Anm. 6), S. 115–120. 38 Siehe Abschrift. Neuinstallierung einer Handelsdelegation der DDR in Österreich, der Eingangsstempel des Auswärtigen Amts datiert das Dokument mit 31. Dezember 1954, PA AA, B 10, Bd. 296, Bl. 225 f. 39 Siehe Förster: Auf der Spur der Stasi-Millionen (Anm. 8), S. 61–70, 177–180; Fischer: Die Novum Handelsgesellschaft mbH (Anm. 9), hier S. 242–250. Die daraus resultierenden Widersprüche gehen besonders deutlich hervor aus: Abschlußbericht des 2. Untersuchungsausschusses. Deutscher Bundestag 13. Wahlperiode, S. 122 f. u. 130. An dieser Stelle ist anzumerken, dass selbst in einigen KoKo-Akten der BStU von der Novum als Firma der KPÖ gesprochen wird. Siehe z. B. BStU, MfS, AG BKK, Nr. 629, Bl. 81. 40 Siehe Meisel: Die Mauer im Kopf (Anm. 15), S. 110. 41 Siehe hierzu die entsprechenden Schriftstücke in: BArch, Abteilung DDR (im Folgenden: Abt. DDR), DL 202/128 (ohne Paginierung); Darstellung der Probleme des Handels mit Jugoslawien in Abschrift »zur gefälligen Bedienung« übersandt durch Fürböck (Novum Handelsgesellschaft m. b. H.) an DIA, z. Hd. Direktor Maier [sic!, recte: Meyer], datiert 17. Juli 1954, BArch, Abt. DDR, DL 202/128. 42 Aufzeichnung Länderreferat, 28. März 1956, PA AA, MfAA, A 12820, Bl. 39-50, 42. (Hervorhebung wie im Original.) 43 Siehe Seliger: KPÖ-Firmen und Osthandel 1945–1989 (Anm. 7), S. 107–129, hier S. 118 f. 44 Stenographisches Protokoll. 85. Sitzung des Nationalrates der Republik Österreich. XI. Gesetzgebungsperiode. Mittwoch, 6. Dezember 1961, S. 3676–3684. 45 Peter Sager: Getarnte Firmen. Der kommunistische Wirtschaftskrieg in Österreich (= Schweizerisches Ost-Institut Schriftenreihe Heft 11), Bern 1962. 46 Bernatek an Haupt, Wien, 13. Februar 1963, SAPMO-BArch, DY 30/IV A 2/20/523 Bl. 1-26. 47 Siehe Vermerk über ein Gespräch mit Vertretern der Bundeskammer der gewerblichen Wirtschaft Österreichs am 30. Mai 1961 in Wien, PA AA, MfAA, A 12851, Bl. 87-94, 93. 48 Siehe Protokoll der Sitzung des Messe- und Ausstellungsausschusses am 23. Juni 1961, ÖStA, AdR, Bundesministerium für Auswärtige Angelegenheiten (im Folgenden: BMfAA), Wpol, Ausstellungen 2 1960, Gr.Zl. 140.263-Wpol/61, GZ. 141.588-Wpol/1961, Karton 2/61. 49 Wirtschaftspolitische Direktive für Österreich (Entwurf), Berlin, 14. Januar 1964, PA AA, MfAA, A 12882, Bl. 11-42, 29. 50 Siehe Ausarbeitung zum Handel der DDR mit Österreich, erging per SED-Hausmitteilung vom 6. Mai 1965 an Günter Mittag, SAPMO-BArch, DY 30/IV A 2/20/523. 51 Siehe Generalkonsul Friedrich Höss an Außenminister Rudolf Kirchschläger, Berlin, 23. September 1971, Zl. 19-Pol/71, ÖStA, AdR, BMfAA, Sektion II-Pol (im Folgenden: II-Pol) 1971, DDR 2, Gr.Zl. 113.156-4/71, GZ. 119.224-4/71, Karton Pol-71-14; Staribacher-Tagebücher, 5. August 1971, Stiftung Bruno Kreisky Archiv (im Folgenden: StBKA), Wien. 52 Dienstzettel an die Sektion II, Zl. 132.467-8/72, gezeichnet Karl Fischer, 30. Oktober 1972, ÖStA, AdR, BMfAA, II-Pol 1972, DDR 2, Gr.Zl. 150.188-6/72, GZ. 165.621-Pol/72, Karton Pol-72-15. 53 Bericht über den Aufenthalt einer Delegation der KPÖ unter der Leitung von Muhri in der DDR vom 12. bis 15. Juni 1973, in: Arbeitsprotokoll der Sitzung des Politbüros des Zentralkomitees am 3. Juli 1973 (= Protokoll Nr. 28/73), SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/2A/1697, Bl. 52-60. Die erwähnte Vereinbarung konnte bisher nicht aufgefunden werden. 54 Siehe Sitzung des Politbüros des Zentralkomitees am 3. Juli 1973 (= Protokoll Nr. 28/73), SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/2/1456, Bl. 3, Anlage Nr. 5: Bl. 55 f. 55 Siehe Information über den Aufenthalt einer Delegation des Außenhandels der DDR unter Leitung von Staatssekretär Beil in Österreich vom 26.–29. März 1974, BArch, Abteilung DDR, DL 2/12452 (ohne Paginierung). 56 Staribacher-Tagebücher, 29. März 1974, StBKA. 57 Siehe die Gesprächsvermerke vom 27., 28. und 29. März 1974, in: BArch, Abteilung DDR, DL 2/12452 (ohne Paginierung). 58 Staribacher-Tagebücher, 29. März 1974, StBKA. 59 Staribacher-Tagebücher, 26. März 1974, StBKA. 60 Siehe Protokoll Arbeitsgespräch Staribacher – Beil am 11. November 1974, BArch, Abteilung DDR, DL 2/12452 (ohne Paginierung). 61 Vermerk über die Zusammenkunft mit dem Generaldirektor der VÖEST-Alpine AG, Herbert Koller am 12. November 1974, BArch, Abteilung DDR, DL 2/12452 (ohne Paginierung). 62 Förster: Auf der Spur der Stasi-Millionen (Anm. 8), S. 177–180. 63 Siehe Information über die 8. Tagung des ZK der KPÖ [am 22. Mai 1975], SAPMO-BArch, DY 30/IV B 2/20/226, Bl. 32-37. 64 Vermerk über das Gespräch Beil – Muhri [am 11. Oktober 1976], gezeichnet Botschafter Schramm, Wien, 13. Oktober 1976, PA AA, MfAA, C 132/78, Bl. 134 f. 65 Siehe Information für das Politbüro des ZK Nr. 28/1977, Betrifft: Reise einer Delegation des ZK der SED nach Österreich, gezeichnet Günter Mittag, Berlin, 7. März 1977, SAPMO-BArch, DY 30/13649. 66 Information, gezeichnet Alexander Schalck, Berlin, 1. Juni 1977, übersandt von Mittag an Honecker, 3. Juni 1977, Honecker zeichnete am selben Tag mit dem Vermerk »Einverstanden«, SAPMO-BArch, DY 30/2962 (Büro Mittag), Bl. 91 f. 67 Siehe Friedrich Bauer/Enrico Seewald: Bruno Kreisky in Ost-Berlin. Ein Besuch der besonderen Art, Innsbruck/Wien/Bozen 2011. 68 Zusammenfassend Maximilian Graf: Ein verdrängtes bilaterales Verhältnis: Österreich und die DDR 1949–1989/90, in: Zeitgeschichte 39 (2012), H. 2, S. 75–97, hier S. 85 f. 69 Siehe Peter Muzik/Michael Schano: »Das Wirtschaftsimperium der KPÖ: Die linken Kapitalisten«, in: Trend (1981), H. 3, S. 66–90. 70 Staribacher-Tagebücher, 15. März 1981, StBKA. 71 Siehe Graf: Österreich und die DDR (Anm. 6), S. 706–740. 72 Auswertung des Plenums des ZK der KPÖ vom 10. und 11. Mai 1983, gezeichnet Beuthin, Wien, 13. Mai 1983, SAPMO-BArch, DY 30/13652. 73 Vermerk über das Gespräch zwischen Eberlein und Muhri am 30. März 1987 in Wien, in: Arbeitsprotokoll der Sitzung des Politbüros des Zentralkomitees vom 7. April 1987 (= Protokoll Nr. 14/87), SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/2A/2998, Bl. 145-147. 74 Siehe Sitzung des Politbüros des Zentralkomitees vom 7. April 1987 (= Protokoll Nr. 14/87), SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/2/2213, Bl. 5 u. 40. 75 Niederschrift über das Gespräch Honecker – Muhri am 30. November 1987, in: Arbeitsprotokoll der Sitzung des Politbüros des Zentralkomitees vom 8. Dezember 1987 (= Protokoll Nr. 49/87), SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/2A/3085, Bl. 136-160. 76 Sitzung des Politbüros des Zentralkomitees vom 8. Dezember 1987 (= Protokoll Nr. 49/87), SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/2/2251, Bl. 9 u. 210-215. 77 Franz Muhri: Kein Ende der Geschichte, Wien 1995, S. 67. 78 Siehe Andreas Stergiou: Kommunistische Realpolitik. Das bizarre Verhältnis der SED zur Kommounistikó Kómma Elládas (1968–1989), in: Arnd Bauerkämper/Francesco di Palma (Hg.): Bruderparteien jenseits des Eisernen Vorhangs. Die Beziehungen der SED zu den kommunistischen Parteien West- und Südeuropas (1968–1989), S. 226–240, hier S. 239. 79 Zur Reise von Gregor Gysi in die Republik Österreich (5. bis 8. Juni 1990), Archiv des Parteivorstands Die Linke. 80 Für eine ausführliche Befassung mit diesem Komplex siehe Förster: Auf der Spur der Stasi-Millionen (Anm. 8), S. 185–251. 81 Siehe Fischer: Die Novum Handelsgesellschaft mbH (Anm. 9), S. 227–275, hier S. 260–271; für das bei Fischer ausgeklammerte Urteil aus dem Jahr 1996 siehe Peter Jochen Winters: Das Vermögen der Parteien und Massenorganisationen der DDR. Eine Bilanz nach acht Jahren, in: Deutschland Archiv 32 (1999), H. 1, S. 11–13. 82 Siehe Renate Graber: »Das teure Vermächtnis der ›roten Fini‹«, in: Der Standard vom 12. April 2013, S. 21; es handelte sich um die Berufungsverhandlung, die das Urteil bestätigte. Siehe zum Prozessausgang 2012: Renate Graber: »Schweiz: Bank Austria soll für Causa ›Rote Fini‹ zahlen«, in: Der Standard vom 21./22. April 2012, S. 21. Treffenderweise wurde unterhalb des Artikels angekündigt: »Fortsetzung folgt«.

JHK 2014

Editorial

Wie wird der Kommunismus ein Vierteljahrhundert nach der Überwindung seiner diktatorischen Regime in Europa erinnert? Dieser Frage ist der Schwerpunkt des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung 2014 gewidmet. Seit den friedlichen Revolutionen 1989 hat sich insbesondere in den Staaten Ostmitteleuropas eine disparate Erinnerungskultur herausgebildet. Deutschland stellt dabei einen Sonderfall dar. Mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten 1990 wurde die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur zu einer gesamtdeutschen Angelegenheit sowohl mit Blick auf Inhalte und Akteure als auch auf die beteiligten Institutionen. Auch wenn die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur insbesondere in den Neunzigerjahren in Deutschland mit manchmal harten, politischen Bandagen geführt worden ist, taten sich keine derart tiefen Gräben auf, wie sie für den Vergangenheitsdiskurs etwa in Polen, Tschechien oder Ungarn kennzeichnend sind. Dies mag auch daran liegen, dass es in Ostdeutschland einen weitaus stärkeren Elitenaustausch gegeben hat als in den anderen Staaten des einstigen Ostblocks. Anders als in Ostdeutschland mussten die ostmitteleuropäischen Transformationsgesellschaften die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Herausforderungen allein bewältigen, die mit dem Umbruch des Jahres 1989 einhergingen. Während die Geschichte des Ministeriums für Staatssicherheit am 15. Januar 1990 mit der Besetzung der Stasizentrale in Berlin endete, wurden die Sicherheitsapparate in Ostmitteleuropa ohne große personelle oder institutionelle Veränderungen fortgeführt. Während in Deutschland die Aufarbeitung der SED-Diktatur unabhängig von Wahlergebnissen in einem vergleichsweise großen Konsens betrieben wurde, wird die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Ostmitteleuropa vom beständigen Wechsel zwischen postkommunistischen und konservativen Mehrheiten bestimmt. Hinzu kommt, dass der Blick auf die Vergangenheit dort generell stark durch nationale Traumata geprägt ist, die die Gesellschaften seit dem Ersten Weltkrieg erlitten haben. Daraus resultiert eine große Unübersichtlichkeit, die es Außenstehenden oft schwer macht, geschichtspolitische Auseinandersetzungen in ostmitteleuropäischen Staaten einzuordnen. Das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2014 bietet mit neun Länderstudien Einblicke in die Erinnerungskulturen europäischer Staaten. Neben Ländern in Ostmitteleuropa werden auch Zentralasien und selbst Südtirol in der aktuellen Ausgabe in den Blick genommen. Vor allem die Beiträge zu Rumänien, Slowenien, Kroatien, Serbien und Bosnien wie auch zu Albanien machen deutlich, dass die Auseinandersetzung mit der kommunistischen Vergangenheit allzu oft Instrument politischer Lagerkämpfe ist. Zugleich wird die Geschichte der kommunistischen Herrschaft in vielen Ländern Ostmitteleuropas in einen nationalen Geschichtsdiskurs eingepasst, der Verantwortung externalisiert oder auf kleine Gruppen in der Gesellschaft fokussiert, um die Geschichte des eigenen Landes als Opfergeschichte zu schreiben. In Bezug auf den »Sonderfall« Deutschland wird in einem Beitrag die »Ambivalenz staatlicher Förderung« kritisch hinterfragt: Ist sie eine Chance für die zivilgesellschaftliche Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur oder gerät diese dadurch in eine »gefährliche Abhängigkeit«? Die Beiträge zum Schwerpunkt machen in ihrer Gesamtschau deutlich, dass es für eine kontinuierliche und erfolgversprechende Auseinandersetzung mit der Kommunismusvergangenheit der staatlichen Unterstützung bedarf, in ideeller wie materieller Hinsicht. Unverzichtbar sind daneben ein möglichst großer gesellschaftlicher Konsens sowie vor allem zivilgesellschaftliche Institutionen und Akteure. Neben den Schwerpunktthemen finden sich im Jahrbuch 2014 biografische Skizzen sowie Miszellen, die die Bandbreite der historischen Kommunismusforschung widerspiegeln: von der Rolle Stalins in der Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs über neue Einsichten in Anleitungsmechanismen der SED bis hin zur Geschichte der südindischen Region Telengana, in der die Kommunisten in den ersten Jahren nach der indischen Unabhängigkeit starken Widerhall fanden und an der Spitze einer großen Bauernerhebung standen. Für die Bundesstiftung Aufarbeitung, in deren Auftrag das JHK erscheint, ist ein Beitrag, der die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Kommunistischen Partei Österreichs und der SED von 1946 bis 1989 ausleuchtet, von besonderem Interesse. Schließlich finanziert sich die Bundesstiftung zu einem guten Teil aus Vermögen der SED. Ihr exorbitantes Devisenvermögen hatte die Partei 1989/1990 über Strohmänner und -frauen u. a. in Österreich in Sicherheit bringen wollen. Ein Teil der Mittel, die seit den Neunzigerjahren mit detektivischem Spürsinn und juristischen Mitteln sichergestellt werden konnten, war 2004/2005 dem Grundkapital der Stiftung zugeführt worden. Schließlich sei auch auf die XX. Ausgabe des International Newsletter of Communist Studies verwiesen, der im Anhang des JHK abgedruckt wird und über neue Forschungsprojekte, neu erschlossene Archivquellen, Konferenzen und Publikationen der interna-tionalen Kommunismusforschung informiert. Das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung erscheint mit seiner 20. Ausgabe nicht nur in neuer Aufmachung, sondern auch in einem neuen Verlag. Nachdem es von 1993 bis 1999 im Akademie Verlag und ab der Doppelnummer 2000/2001 unter dem Dach des Aufbau Verlags publiziert worden ist, sorgt ab 2014 der Berliner Metropol Verlag dafür, dass die Jahresschrift den Weg in die Universitätsbibliotheken, Forschungseinrichtungen sowie zu den Forscherinnen und Forschern findet, die sich mit der Geschichte des Kommunismus befassen. Wir hoffen, dass der Band auch mehr denn je von historisch interessierten Zeitgenossen gelesen wird, die sich im JHK über die Ergebnisse der deutschen und internationalen Kommunismusforschung informieren können. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit dem Verleger Fritz Veitl. Zugleich danken wir dem Aufbau Verlag für die mehr als ein Jahrzehnt währende verlegerische Betreuung. Dieser Dank gilt insbesondere Maria Matschuk, die dem Jahrbuch in der Zeit als Lektorin bei Aufbau mit Sachkunde und vor allem Herzblut zur Seite stand! Dank gebührt wie in jedem Jahr der Mannheimer Hermann-Weber-Stiftung sowie der Gerda-und-Hermann-Weber-Stiftung in Berlin für eine Sachbeihilfe, dem Bundessprachenamt für die Übersetzung eines Beitrags sowie schließlich der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die den nötigen materiellen Rahmen für das Jahrbuch zur Verfügung stellt. Schließlich danken die Herausgeber der Redakteurin Birte Meyer, ohne die das Jahrbuch nicht in dieser Qualität und Zuverlässigkeit erscheinen würde. Was bringt die Zukunft? Bei Erscheinen des JHK 2014 wird längst an den kommenden Ausgaben der Jahresschrift gearbeitet. 2015 wird sie dem Thema »Frauen im Kommunismus« und 2016 dem Komplex »Konspiration und Kommunismus« gewidmet sein. Zählen auch Sie zu den Autorinnen und Autoren einer unserer nächsten Ausgaben! Berlin im Januar 2014 Die Herausgeber

JHK 2014

Im regionalen Unterbewusstsein: Fragmente kommunistischer Erinnerung im ethnisch gespaltenen Gedächtnis Südtirols

Joachim Gatterer

»Geschichten, welche im Geschichtsbuch fehlen, sind immer die, um die sich alles dreht.«Erich Kästner1 Am Wochenende des 21. Januar 1956 organisierte der Partito Comunista Italiano [Kommunistische Partei Italiens, PCI] anlässlich seines 35-jährigen Bestehens eindrucksvolle Massenkundgebungen. In allen größeren Städten des Landes erinnerten hochrangige Repräsentanten an die Gründung der Partei im Jahr 1921, an die schwere Verfolgung ihrer Mitglieder im antifaschistischen Untergrund, aber auch an die führende Beteiligung der Kommunisten am Befreiungskampf gegen die nationalsozialistische Okkupation der Jahre 1943 bis 1945. In Bozen, der nördlichsten Provinzhauptstadt des Landes, referierte Senator Mauro Scoccimarro zum Thema: »Die Kommunistische Partei und die Südtirolfrage«.2 Der regionale Bezug im Titel des Vortrags war dabei kein Zufall.3 Knapp acht Jahre zuvor, als sich der Beginn des Kalten Krieges abzuzeichnen begann, waren die Kommunisten auf nationaler Ebene aus der Koalitionsregierung gedrängt worden. Als zweitstärkste Kraft, aber im römischen Parlament dauerhaft isoliert, versuchten sie seither konsequent, in Regionen und Kommunen Gegenpole zur regierenden Democrazia Cristiana [Christdemokratische Volkspartei, DC] aufzubauen. Jede lokalpolitische Krise, die sich jenseits der kommunistischen Hochburgen in Nord- und Mittelitalien ereignete, eröffnete der Partei dabei günstige Gelegenheiten, um aus der politischen Isolation herauszutreten.4 Auch in Bozen, wo der akute Streit um die Umsetzung verfassungsrechtlich garantierter Sonderrechte für die deutsch- und ladinischsprachige Bevölkerung gerade in eine heiße Phase mündete, versuchte der PCI durch öffentliche Vermittlung von Sachkompetenz und Lösungsstrategien politisch an Boden zu gewinnen. Der 35. Jahrestag der Parteigründung bot nun die Gelegenheit, den kommunistischen Standpunkt zur Südtirolfrage medienwirksam zu präsentieren. Scoccimarros historisch untermauerter Vortrag zielte dabei in erster Linie darauf ab, die dominante ethnische Sammelpartei der deutsch- und ladinischsprachigen Südtiroler, die Südtiroler Volkspartei (SVP), von deren bestehendem Bündnis mit der DC abzubringen und eine Partnerschaft mit den »besseren Autonomisten«, den Kommunisten, einzugehen.5 Silvio Flor, ehemals kommunistischer Landessekretär im antifaschistischen Untergrund, übte Tage später in einem persönlichen Brief Kritik an der kommunizierten Parteilinie. Er sei darüber verwundert, schrieb Flor an Scoccimarro, dass in Bozen explizit nur ein zehnjähriges Bestehen der Provinzorganisation gefeiert wurde – immerhin habe es in den Zwanzigerjahren eine Südtiroler Landessektion gegeben, von deren Existenz auch die Senatoren Flecchia und Polano zu berichten wüssten. Im Übrigen sei es auch politisch bedenklich, die eigene Parteigeschichte zu verkürzen, denn es würde der Südtiroler Volkspartei nunmehr leicht gemacht, den PCI als landesfremden, italienischen Regionalimport der Nachkriegszeit abzustempeln. »Ich denke es wäre sinnvoller, die historische Wahrheit zu bestätigen, dass nur die Existenz einer totalitären Partei faschistischen Typs gerade die Entwicklung der Arbeiterbewegung in dieser Nachkriegszeit behindert hat, ganz abgesehen von den Ursachen für die groben Fehler, die von ungeschulten wie zwielichtigen Personen in den Arbeiterparteien dieser Provinz gemacht wurden, und deren Hinterlassenschaft auf jenen lastet, die heute dafür die Verantwortung tragen.«6 Die Gründung einer kommunistischen Landessektion Südtirols (»Federazione dell’Alto Adige«) lässt sich für den Januar 1925 anhand eines Berichts in der Mailänder Parteizeitung L’Unità mittlerweile nachweisen7 – aber wie ist die Entstehung der Gedächtnislücken im Selbstverständnis des PCI zu erklären? Die Assmann’sche Gedächtnistheorie liefert für die Beantwortung dieser Frage nützliche Anhaltspunkte, denn im Gegensatz zur landläufigen Unterscheidung zwischen »Erinnern« und »Vergessen« erfasst sie historisches Denken als fließenden Prozess des Bewusstwerdens, was temporäres Abgleiten in Stadien der Bewusstlosigkeit sowie potenzielles Wiedererwachen daraus – wie im Brief Flors an Scoccimarro geschehen – mit einschließt.8 Den Grad an Bewusstheit eines historischen Ereignisses in den Windungen kollektiver Gedächtnisse beeinflussen dabei zwei wesentliche Faktoren. Zum einen bestimmt die materielle Beschaffenheit von Speichermedien (z. B. das Papier eines Briefs) die zeitliche Haltbarkeitsdauer historischer Tatsachen. »Kommunikative Gedächtnisse«, in denen Erfahrungen ausschließlich mündlich weitergegeben werden, sind dabei auf die stetige Aufrechterhaltung sozialer Kontakte angewiesen, während materiell gesicherte Erinnerung grundsätzlich ohne menschliches Zutun über Generationen erhalten bleiben kann.9 Zum anderen unterliegt kollektive Erinnerung zu jedem Zeitpunkt praktizierter »Gedächtnispolitik«. Sie umfasst die notwendigen Bearbeitungs- und Selektionsverfahren, die sowohl die Speicherung von Erlebtem als auch die Aktivierung ausgewählter Erinnerungen erst ermöglichen. In »Speichergedächtnissen« (Archiven) können historische Bruchstücke (Quellen) passiv strukturiert und als Geschichte haltbar gemacht werden. Gedenkfeiern, Schulunterricht und andere massenmediale Formatierungen ermöglichen darauf aufbauend die punktuelle Aktivierung ausgewählter Erzählungen an der geistigen Oberfläche, im »Funktionsgedächtnis« einer Gemeinschaft.10 Historisches wird dabei genaugenommen niemals direkt aus der Vergangenheit in die Gegenwart geholt; jede Geschichtserzählung ist – wie auch Scoccimarros Darstellung aus dem Jahr 1956 – letztlich Produkt ihrer Zeit, in dem sich Fragmente aus der Vergangenheit mit den Geschichtsdeutungen der Gegenwart vermischen.11 Im Folgenden wird es darum gehen, den Bewusstseinsstand der kommunistischen Regio-nalerinnerung in Südtirol für den Verlauf des 20. Jahrhunderts umfassender zu erörtern. Eine grobe Skizze, in der zentrale Ereignisse kommunistischer Regionalgeschichte benannt und die Dichte der Quellenbestände dargestellt werden, soll einen Eindruck vom Umfang des kommunistischen Regionalgedächtnisses vermitteln und seine Verflechtung mit anderen Erinnerungsstrukturen im regionalen wie überregionalen Rahmen offenlegen. Daran anschließend zeigt eine Darstellung praktizierter Erinnerungsstrategien, mit welchen Methoden die Kommunistische Partei vor Ort am Aufbau ihres kollektiven Gedächtnisses arbeitete. Dabei wird auch zu klären sein, wie stark antikommunistische Erinnerungspolitik die Entwicklung eines kommunistischen Geschichtsbewusstseins in der Region behinderte. Bausteine der Erinnerung: Weitverstreutes Sediment mit tiefen Schleifspuren Die Biografie des kommunistischen Landessekretärs Flor, der 1903 als Sohn eines Gewerkschaftsfunktionärs in der Südtiroler Kleinstadt Meran geboren wurde, führt zurück an die Anfänge der Arbeiterbewegung des habsburgischen Kronlandes Tirol, wo sich Sozialdemokraten 1890 erstmals als Partei konstituierten.12 Auf diese periphere Organisation trafen von Beginn an jene historiografischen Defizite in verstärktem Ausmaß zu, die der Wiener Parteivorsitzende Victor Adler noch 1906 für die gesamte sozialistische Arbeiterbewegung der Monarchie formuliert hatte: Vorarbeiten zum Abfassen einer eigenen Parteigeschichte, das Sammeln, Ordnen und Konservieren von Quellen und nicht zuletzt die Arbeit der Verschriftlichung waren für eine kleine Regionalpartei nicht zu leisten, deren Aktivisten sich intensiv den tagespolitischen Auseinandersetzungen zu widmen hatten.13 Bis weit in die Zwanzigerjahre hinein kann die stark agrarisch-handwerklich geprägte Tiroler Arbeiterbewegung wohl auch deshalb weniger als Reservoir für aktiv praktizierte Erinnerung betrachtet werden (der bescheidene Umfang einer vermutlich ersten historischen Abhandlung aus dem Jahr 1924 mag es verdeutlichen),14 vielmehr waren Tiroler Sozialdemokraten in größerem Ausmaß geistesgegenwärtige Akteure, die im politischen Alltag bessere Lebensbedingungen und somit Grundlagen für zukünftige Erinnerung schaffen wollten. Trotz allem konnten in den Jahren um die Jahrhundertwende lokal begrenzte Streiks und Arbeitskämpfe,15 aber auch der Einzug der ersten Sozialdemokraten in den österreichischen Reichsrat und den Tiroler Landtag in diverse Gedächtnisformationen eingeprägt werden. Während vor allem Polizeiprotokolle eine Außensicht auf die Partei und die Unterdrückung ihrer Mitglieder dauerhaft konservierten, musste vieles an originär sozialdemokratischer Erinnerung (etwa an die Ereignisse der ersten Maikundgebung im Jahr 1890)16 demgegenüber auf die flüchtige, kommunikative Erinnerung der unmittelbar Beteiligten beschränkt bleiben. Zieht man Wahlergebnisse als Gradmesser für die gesellschaftliche Reichweite dieses sozialen Kurzzeitgedächtnisses heran, so kann davon ausgegangen werden, dass bis Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Tirol rund 15 bis 20 Prozent der städtischen Bevölkerung mit der sozialistischen Arbeiterbewegung in latenter gedanklicher Verbindung standen.17 Aus diesem bescheidenen Umfeld konnte entsprechend nur eine geringe Anzahl an zeitbeständigen Geschichtsmedien in den Gesamttiroler Kontext gestellt werden. Neben der eigenen Parteipresse, die seit 1892 in Innsbruck erschien (und heute an der Universitätsbibliothek Innsbruck als fragmentarische Sammlung abgelagert ist),18 ist hier speziell für die Südtiroler Arbeiterbewegung der Bezug eines eigenen Gewerkschaftshauses von Bedeutung. Es fungierte in Bozen ab dem Jahr 1909 nicht nur als organisatorisches Zentrum und Wissensspeicher, sondern verkörperte im öffentlichen Raum vor allem die symbolische Konstitution der Arbeiterbewegung im kollektiven Bewusstsein der Stadt.19 Von Anfang an stand die sozialistische Traditionsbildung »von unten« jedoch einem bereits existierenden, sehr viel massiver kommunizierten Tiroler Geschichtsbild katholisch-antiaufklärerischen Zuschnitts gegenüber, das stark von der habsburgischen Erinnerungspolitik der Restaurationszeit beeinflusst und gestützt wurde. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten sich vor dem Hintergrund des italienischen Risorgimento und der deutschen Reichsgründung zudem starke nationalistische Färbungen darin einprägen können, die nicht zuletzt das internationalistische Selbstverständnis der deutsch- und italienischsprachigen Arbeiterbewegung Tirols überlagerten, um es im politischen Wettstreit am Vorabend des Ersten Weltkriegs aggressiv zu zersetzen.20 Auch diesbezüglich bildete die Tiroler Sozialdemokratie jedoch kein wesentliches regionales Spezifikum, sondern muss vielmehr im Trend des ideologischen Zerfalls betrachtet werden, von dem die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Österreichs (SDAP) als sprichwörtliche »Kleine Internationale« auch in anderen nationalen Grenzräumen der Monarchie wie etwa Böhmen und Triest betroffen war.21 Bemerkenswert scheint hingegen die intensive »Schleifung« des sozialdemokratischen Regionalgedächtnisses, welche nach der Teilung Tirols im Jahr 1919 vor allem im südlichen, nunmehr italienischen Landesteil einsetzte. Sie ist auf mehrere überregionale Faktoren zurückzuführen, die sich in Südtirol punktuell zu einer vernichtenden Kraft vereinten. Bereits in den ersten Nachkriegsmonaten verhinderte die starke italienische Militärpräsenz in den ehemals österreichischen Gebieten eine umfangreiche Reaktivierung der sozialdemokratischen Parteitätigkeit und nicht zuletzt das Knüpfen intensiver Kontakte zu revolutionären Zentren in Wien, Bayern und Oberitalien.22 Den Südtiroler Sozialdemokraten gelang es in dieser Umbruchphase jedoch noch, Parteipresse und Wahllisten für die italienischen Parlaments- und lokalen Gemeindewahlen der Jahre 1921 bzw. 1922 zu aktivieren. Vor allem die genannte Gründung der Landessektion des Partito Comunista d’Italia [Kommunistische Partei Italiens, PCd’I] um zwei ehemalige Sozialdemokraten (den genannten Flor und den Arzt Gebhard Haslinger) unterstreicht dabei das Vorhandensein sozialistischer Aktivitäten in der Region und deren Anbindung an überregionale Entwicklungen.23 Die Speicherung dieser Ereignisse im kommunikativen Gedächtnis der Beteiligten wurde jedoch durch die Zerstörung dafür notwendiger Personennetzwerke erschwert. Neben den Kriegsereignissen und der bald darauf einsetzenden faschistischen Verfolgung hatte vor allem die 1920 eingeführte Regelung von Staatsbürgerschaftsrechten dabei negative Konsequenzen erwirkt, zumal sie ehemals österreichische Arbeiter und Eisenbahner in überproportionalem Ausmaß zur Abwanderung nach Norden gezwungen hatte.24 Der Bevölkerungsrückgang wurde in den Dreißigerjahren unter faschistischen Vorzeichen durch staatlich forcierte Zuwanderung italienischer Arbeiter mehr als ausgeglichen;25 damit waren allerdings auch neuerliche Umschichtungen des kommunikativen Gedächtnisses verbunden, die letztlich mit dazu führten, dass die 1945 gegründete, zweite Landessektion des Südtiroler PCI über keine bedeutenden Bezugspunkte mehr zur Vorgängerorganisation verfügte: Gebhard Haslinger hatte sich 1928 im Exil das Leben genommen; Silvio Flor war nach Jahren in Wien, Paris und einer abgebrochenen Schulung an der Moskauer Lenin-Schule zwar zurückgekehrt, aus dem rundum erneuerten PCI aber bereits nach wenigen Monaten wieder ausgetreten. Neben persönlichen Auseinandersetzungen vor Ort hatte ihn die kommunistische Kehrtwende in der Nationalitätenpolitik zu diesem Schritt bewogen.26 Der Beschluss des IV. Parteikongresses aus dem Jahr 1931, mit dem die Kommunisten den Kampf der Südtiroler um nationale Selbstbestimmung »bis zur Loslösung vom italienischen Staat« ausdrücklich unterstützt hatten, war von den Kriegsereignissen der Folgejahre schlichtweg überrollt worden. Nach den Erfahrungen der deutschen Besatzung, so Parteisekretär Palmiro Togliatti im September 1945, müsse Italien großdeutschen Einfällen in die Poebene am strategisch bedeutenden Brennerpass um jeden Preis einen Riegel vorschieben.27 Auch ein materialisiertes, geordnetes »Speichergedächtnis« der Südtiroler Arbeiterbewegung, welches den jüngeren Genossen jenseits der mündlichen Überlieferung mögliche Anknüpfungspunkte geboten hätte, existierte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Das Bozner Gewerkschaftshaus war von den italienischen Faschisten bereits 1923 im Zuge der staatsweiten Zerschlagung sozialistischer Organisationen beschlagnahmt worden. Bald darauf wurde es zum Sitz der faschistischen Freizeitorganisation Dopolavoro umfunktioniert und durch einschneidende bauliche Umgestaltungen Mitte der Dreißigerjahre aus dem Stadtbild getilgt.28 1945, als der PCI nunmehr als Volkspartei des italienischen Widerstands gegen die deutsche Okkupation auch in Bozen in eine neue Ära startete29 (deren Geschichte im römischen Parteiarchiv fortan genau dokumentiert wurde),30 bestand die Erinnerung an die ersten Jahre der kleinen Südtiroler Landessektion insgesamt betrachtet aus weit verstreuten »Splittern« und »Schleifspuren«. Sie hatten sich über die Jahre der Diktaturen in staatliche Geheimdienstprotokolle und menschliche Erinnerungen eingeprägt und kamen vielfach erst Jahrzehnte später als singuläre Fragmente ans Tageslicht – etwa 1969, als sich eine Bürgerin der Nordtiroler Gemeinde Bad Häring auf Anfrage dazu bereit erklärte, weiterhin kostenlos das Grab des Dr. Haslinger zu pflegen, weil ihr Mann seinen ehemaligen Arzt in guter Erinnerung behalten habe.31 Erinnerungsstrategien: Ausgrenzen, vereinnahmen oder umdeuten? Die sozialistischen Parteien blieben im kollektiven Erinnerungsdiskurs Südtirols nicht ausschließlich aufgrund ihrer geringen Mitgliederzahl langfristig marginalisiert. Ein wesentlicher Grund ihres Verschwindens im kollektiven Unterbewusstsein liegt auch darin, dass sie in zentralen Konflikten um Zusammensetzung und Ausdeutung öffentlicher Erinnerung eigene Erlebnisse nicht thematisieren und nicht zuletzt eigene Sichtweisen auf regionale Geschichte gegen die erzeugten Geschichtserzählungen ihrer politischen Konkurrenten nicht durchsetzen konnten. Der italienische Sozialist Cesare Battisti, 1916 als »Vaterlandsverräter« in Trient hingerichtet (weil er als Irredentist gegen Österreich in den Krieg gezogen war), wurde nicht zuletzt aufgrund der Monumente, die ihm die Faschisten postum errichteten, jahrzehntelang als italienischer Nationalheld verehrt, ohne dass sein Scheitern am sozialistischen Internationalismus kritisch hinterfragt worden wäre.32 Das erste Todesopfer der faschistischen Gewaltübergriffe in Südtirol, den 1921 ermordeten Lehrer Franz Innerhofer, stilisierten die deutschnationalen Südtiroler ihrerseits zum »jüngsten Märtyr[er] der Tiroler Heimat«33 und lieferten dadurch vielen lokalen Wählern kurz vor den ersten italienischen Parlamentswahlen ein eindringliches Argument, um deutsch bzw. antiitalienisch abzustimmen. Demgegenüber stellten die geschlagenen Sozialdemokraten die Ermordung Innerhofers ein Jahr nach ihrer verheerenden Wahlniederlage (sie hatten nur zehn Prozent der Stimmen gegen die 90 Prozent des Deutschen Verbandes [DV] mobilisieren können) in den gesamtstaatlichen Kontext. Sie gedachten »auch jener Parteigenossen in Italien, die seit seinem [Innerhofers] Tode den faschistischen Gewalttaten zum Opfer gefallen sind«.34 Die Auseinandersetzungen um Geschichtsdeutungen mussten speziell in den Zwanziger- und Dreißigerjahren für Südtiroler Sozialdemokraten und Kommunisten verloren gehen, weil beide Parteien in dieser Zeit de facto über keinen Zugriff auf strategische Ressourcen zur Geschichtsvermittlung mehr verfügten. Mussolinis Faschisten praktizierten hingegen bald nach ihrer Machtergreifung über staatliche Institutionen eine geistige Kolonialpolitik, die darauf abzielte, das ehemals österreichische Gebiet und dessen Bevölkerung als Alto Adige gewaltsam zu assimilieren. Über staatlich finanzierte Presse (die u. a. auf der beschlagnahmten Druckerpresse aus dem Bozner Gewerkschaftshaus gedruckt wurde)35 und italienischen Sprachunterricht in sämtlichen Pflichtschulen vermittelten sie jene Geschichtsinhalte, die der Geograf, Sprachwissenschaftler und glühende Nationalist Ettore Tolomei in seinem 1906 gegründeten Archivio per L’Alto Adige systematisch gesammelt, teils schlichtweg erfunden hatte.36 Im Gegensatz zu den sozialistischen Organisationen konnten die verwurzelten bürgerlichen Parteien aus altösterreichischer Elitentradition im Schutz der katholischen Kirche ein Mindestmaß an politischer Tätigkeit aufrechterhalten und im Athesia-Verlag mit Einschränkungen bis ins Jahr 1943 auch eine eigene Zeitung publizieren.37 Hochkarätigen deutschnationalen Exilanten, wie dem DV-Parlamentarier Eduard Reut-Nicolussi, bot nicht zuletzt die Tiroler Landesuniversität Innsbruck ein geistiges Rückzugsgebiet, zumal sie jenseits der Staatsgrenze in Österreich lag. Als Universitätsprofessor (und nach 1945 als Rektor) konnte Reut-Nicolussi weiterhin politisch Einfluss nehmen, auch wenn er sich dafür bald mit den Nationalsozialisten arrangieren musste.38 Die Südtiroler Bevölkerung prägten in dieser Zeit vor allem jene illegalen »Katakombenschulen«, die von katholischen Honoratioren, bald auch von Südtiroler Nationalsozialisten mit deutscher Auslandshilfe organisiert wurden.39 Hinsichtlich ihrer politischen Bedeutung sind diese Bildungsinitiativen durchaus mit den erfolgreichen Alphabetisierungskampagnen vergleichbar, die in Lateinamerika und Südostasien nationalen Befreiungsbewegungen Jahrzehnte später eine kommunistische Prägung verleihen sollten.40 Als einige Südtiroler in einem Rundschreiben an UNO-Delegierte noch Anfang der Sechzigerjahre afrikanische Nationen als »Negerstaat[en]« bezeichneten, musste auch der damalige österreichische Außenminister Bruno Kreisky konsterniert feststellen: »Sie haben gar nicht gemerkt, wie sehr sie durch nazistisches Gedankengut verdorben waren.«41 Den Südtiroler Kommunisten gelang es hingegen zu keinem Zeitpunkt, eine breit angelegte Bildungspolitik zu betreiben. Im Innsbrucker Universitätsbetrieb hatte die Arbeiterbewegung traditionell keine Sympathisanten unter der Professorenschaft; in der Zwischenkriegszeit wurden kommunistische Studenten wie der Eisenbahnersohn Emmerich Übleis im Verdachtsfall vielmehr »auf ewig« vom Studium suspendiert.42 Kommunistische Propaganda zur Südtirolfrage beschränkte sich in einer Zeit des europaweiten Zusammenbruchs demokratischer Rechtsstaaten im Wesentlichen auf Silvio Flors sporadisch verfasste Flugschriften und Pressebeiträge aus dem Pariser Exil, in denen er ein antifaschistisches Bündnis der Südtiroler Bauern mit den italienischen Arbeitern einforderte, um über den revolutionären Kampf auch das nationale Selbstbestimmungsrecht für die Südtiroler zu erreichen. Als illegale Schmuggelware mit bescheidener Auflage fanden diese Schriften aber nicht den Weg an eine breite regionale Öffentlichkeit.43 Demgegenüber hatte Hitler mit dem Anschluss Österreichs spätestens 1938 konkrete Tatsachen geschaffen, die unter vielen Südtirolern eine trügerische Hoffnung auf baldige Befreiung vom italienischen Faschismus nährten. Die anschließende Initiative zur Umsiedlung in das Deutsche Reich, Ereignisse des Krieges und die deutsche Okkupation Norditaliens verursachten in den Folgejahren jene schweren Traumata, die im Täter-Opfer-Diskurs der Nachkriegsjahrzehnte als zentrale Bezugspunkte fungieren sollten.44 Charismatische Ereignisse des kommunistischen Widerstands – etwa die Teilnahme einiger Südtiroler am Spanischen Bürgerkrieg aufseiten der Republikaner45 – blieben hingegen stets auf den Erfahrungshorizont von Einzelpersonen beschränkt, deren Geschichten zu keinem Zeitpunkt in einer breiten Öffentlichkeit artikuliert werden konnten. Mit dem Aufbau des PCI als neuer Massenpartei (partito nuovo) konnten die italienischen Kommunisten ab 1945 zwar auch in Südtirol öffentliche Kommunikationskanäle öffnen (wobei das Zentralkomitee zum Teil erhebliche Summen in kurzlebige deutschsprachige Periodika investierte);46 die Partei blieb in der Region aber letztlich vor allem aufgrund historischer Hypotheken über Jahre »eine Pflanze ohne Wurzeln«, wie der römische Parteiinspektor Cesare Colombo in einem seiner Berichte aus dem Jahr 1949 schonungslos feststellte.47 In Südtirol wurden unter Einfluss des breiten westeuropäischen Entlastungsdiskurses der ersten Nachkriegsjahrzehnte die ethnozentrischen Erinnerungsstrategien fortgeschrieben. Im deutschsprachigen Regionalgedächtnis blieben dabei Italiener als Faschisten pauschal in der Täterrolle; im italienischen Äquivalent begriff man sich mit umgekehrten Vorzeichen als Opfer der Südtiroler Nazikollaborateure.48 Beide Gedächtnisformationen waren dabei essenziell aufeinander bezogen und entwickelten ein entsprechend dominantes, phasenweise neurotisches Bezugsverhältnis, das sämtlichen Diskussionsraum in der regionalen Öffentlichkeit beanspruchte.49 Dem PCI gelang es in diesem Kontext nicht, sich als fortschrittliche, sprachgruppenübergreifende Alternative zwischen den dominanten Gegenpolen durchzusetzen; vielmehr blieb die Partei langfristig zwischen den ethnischen Stühlen sitzen. Auf italienischer Seite schuf der Gründungsmythos des nationalen Widerstands (Resistenza) den Kommunisten unter der Arbeiterschaft in Bozen zwar eine bescheidene Ausgangsbasis, die dauerhaft größer blieb als jene der Zwanzigerjahre. Die Resistenza wurde in Bozen aber letztlich in starkem Ausmaß im gesamtstaatlichen Kontext erinnert, weil die Lebenswelt der meisten italienischen Arbeiter ihre ursprünglichen Heimatorte außerhalb Südtirols mit einschloss. Gleichzeitig war gerade der italienische Regionalcharakter Südtirols in den vorangegangenen Jahrzehnten entscheidend von den Faschisten, nicht vom Widerstand geprägt worden, was ein Anknüpfen an lokale italienische Traditionen erschwerte.50 Nicht zuletzt aus strategischen Überlegungen investierten die Kommunisten ihrerseits einen Großteil der lokalen Ressourcen, um sich in das umfangreichere Regionalgedächtnis der deutschsprachigen Mehrheitsbevölkerung einzuschreiben. Wie in der gesamtstaatlichen Auseinandersetzung mit der Democrazia Cristiana versuchten sie sich den Südtirolern dabei als »bessere« Volkspartei zu präsentieren.51 Cesare Colombo hatte diesbezüglich bereits 1953 auf historische Bildungslücken unter den Parteigenossen hingewiesen und einen beachtlichen Katalog an Themenschwerpunkten für eine regionalgeschichtliche Abhandlung formuliert.52 Seine fundierten, 1981 postum veröffentlichten Ausführungen53 atmen nicht von ungefähr den Geist jenes Interesses für die ländliche Volkskultur, wie er auch in Arbeiten der bekannten Kommunisten Pier Paolo Pasolini, Bernardo Bertolucci oder des Verlegers Giangiacomo Feltrinelli spürbar ist.54 Gerade die Lebenswelt der italienischen Arbeiter der Bozner Industriezone tangierte dieses Geschichtsbild jedoch nur am Rande.55 Als die Umsetzung der Südtirolautonomie Anfang der Achtzigerjahre für sie nachweisbar den Verlust von Arbeitsplätzen bedeutete, wollten viele Kommunisten vom Dialog mit den Südtirolern endgültig nichts mehr wissen. Die antiautonomistischen Neofaschisten erzielten bei Wahlen in Bozen von nun an landesweite Spitzenergebnisse.56 Auch auf deutschsprachiger Seite zeitigten die ambitionierten Projekte des PCI langfristig keine durchschlagenden Erfolge. Über gewerkschaftliches Engagement gelang es zwar seit Kriegsende, vereinzelt Arbeiter, Kleinbauern und Intellektuelle aus den Randschichten der deutsch-katholischen Dorfmilieus zu rekrutieren. Diesen Genossen, die in ihren Heimatgemeinden erheblichen Anfeindungen ausgesetzt waren, konnte der oppositionelle PCI aber nur bedingt soziale Aufstiegschancen bieten, weshalb langfristige Parteibindungen – wie jene des kommunistischen Landtagsabgeordneten Josef Stecher – Ausnahmefälle blieben.57 Engagierte Basisarbeit von Funktionären scheiterte dabei seltener an vordergründigen Sprachbarrieren; häufiger versandete sie in unproduktiven Theoriedebatten, in denen mitunter ungewollt auch manch übersteigerte Selbstwahrnehmung »moderner« italienischer Arbeiter gegenüber »rückständigen« Tirolern zum Vorschein kam.58 In der politischen Öffentlichkeit nahm die Südtiroler Volkspartei Bekenntnisse der Kommunisten zum ethnischen Minderheitenschutz wiederum bestenfalls wohlwollend zur Kenntnis, ohne den PCI jedoch in regionale Regierungsbündnisse einzubeziehen. Die Macht, staatliche Zugeständnisse an die Provinz abzutreten, hielten in Rom auf Dauer die regierenden Christdemokraten in Händen – und letztlich standen bei der Ausgestaltung der Südtirolautonomie vor allem gesellschaftliche Einflusssphären auf dem Spiel, die sich die konservativen Schwesterparteien DC und SVP entlang ethnischer Demarkationslinien untereinander aufteilten.59 Die kategorische Ausgrenzung der Kommunisten rechtfertigte dabei der westeuropäische Antikommunismus des Kalten Krieges, der im fortschrittsskeptischen Klerus und unter alteingesessenen Bauern- und Bürgerfamilien ohnehin seit Generationen fest verwurzelt war. Besonders in den Siebzigerjahren, als sich die Lebenswelt vieler deutschsprachiger Südtiroler im Zuge der wirtschaftlichen Veränderungen allmählich zu öffnen begann, steigerte die SVP ihre aggressive Abwehrrhetorik, zumal der PCI auf Basis des italienweiten Trends kurzzeitig auch in Bozen in neue Wählerschichten vordrang. Im 365 Seiten starken Pamphlet Eurokommunismus. Der große Bluff aus der Feder des SVP-Parlamentariers Hans Benedikter sollten 1978 vor allem jüngere Südtiroler vor einem »tödliche[n] Bazillus« gewarnt werden.60 Eine politische Partnerschaft mit den italienischen Sozialisten, wie sie der Journalist und Historiker Claus Gatterer den führenden Regionalpolitikern bereits 1962 nahegelegt hatte (»Der Freund stand links«), blieb weitgehend auf Formalitäten beschränkt, die die Koalitionsstrategien der DC zu keinem Zeitpunkt durchkreuzten. Aus dem kommunistischen Umfeld konnten dementsprechend erst die Nachfolgeparteien des PCI in regionale Regierungsbündnisse eintreten, als sich die politischen Rahmenbedingungen Anfang der Neunzigerjahre in Europa, in Rom und in Bozen in mehrfacher Hinsicht gewandelt hatten.61 Eine Aufarbeitung kommunistischer Regionalgeschichte hatte in Ansätzen etwas früher, Ende der Siebzigerjahre begonnen, auf Eigeninitiative engagierter Jungakademiker und Gewerkschafter, die sich an den Arbeiten Gatterers und am zeitgenössischen Trend einer »Geschichtsschreibung von unten« orientierten. In teilweise überdimensionalen Abschlussarbeiten konnten erstmals zahlreiche Quellen der kommunistischen Regionalgeschichte gesammelt und in universitäre Gedächtnisspeicher eingearbeitet werden.62 Ihre Rezeption blieb aber auf ein regionales Fachpublikum beschränkt; Anschlüsse an überregionale Netzwerke (etwa das damalige Ludwig-Boltzmann-Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung) kamen nicht zustande, und die wenigsten der Autoren konnten langfristig im universitären Umfeld Fuß fassen.63 Die Veröffentlichung einer Biografie des 1974 verstorbenen Silvio Flor erfolgte im Jahr 2007 – zu einem Zeitpunkt, als das Forschungsinteresse an der Geschichte der Arbeiterbewegung bereits seit geraumer Zeit auch im überregionalen Rahmen schon wieder stark abgeklungen war.64 Fazit: Ausgeblendet, aber nicht vergessen Die Erfahrungen von Kommunisten blieben in der kollektiven Erinnerung Südtirols über den gesamten Verlauf des 20. Jahrhunderts weitgehend unberücksichtigt. Die nummerische Schwäche der Tiroler Arbeiterschaft im 19. Jahrhundert und ihre Bindung an überschaubare, kleinstädtische Lebenswelten kann die überproportionale Marginalisierung im kollektiven Gedächtnis der Region jedoch nur ansatzweise erklären. Eine erinnerungsgeschichtliche Beobachtungsperspektive zeigt vielmehr, dass die kategorische Ausgrenzung sozialistischer Arbeiterparteien in Südtirol wesentlich von den Auswirkungen praktizierter Erinnerungspolitik beeinflusst wurde. Ein Zusammenwirken mehrerer überregionaler Trends begünstigte dabei bereits im 19. Jahrhundert eine dominante Ausbildung nationalkonservativer deutsch- bzw. italienischsprachiger Regionalgedächtnisse bei gleichzeitiger Zersetzung sich entwickelnder sozialistischer Gedächtnisstrukturen. Faschismus und Nationalsozialismus erreichten in den Zwanziger- und Dreißigerjahren schließlich die nahezu vollständige Zerstörung sozialdemokratisch-kommunistischer Erinnerungsnetzwerke. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges konnte der Partito Comunista Italiano in Südtirol eigenmächtig Akzente in der regionalen Gedächtnispolitik setzen, blieb dabei aber von historischen Hypotheken belastet. Die stärker verwurzelten bürgerlichen Parteien konnten über ihren Zugriff auf solide nationale Geschichtsfundamente auch nach 1945 konstant aktive Erinnerung generieren. Demgegenüber scheiterte die kommunistische Strategie, regionale Erinnerungskultur über kritische Ausdeutung nationaler Gedächtnisse aktiv mitzugestalten, an den internationalen Rahmenbedingungen des Kalten Krieges und einer Reihe regional verwurzelter Ressentiments (gegen Italien, gegen besitzlose Arbeiter, gegen die fortschrittlich-säkulare Tradition der Aufklärung). Eine kritische Reflexion der kommunistischen Regionalgeschichte begann Ende der Siebzigerjahre in ersten Ansätzen. Über wissenschaftliche Arbeiten wurden verstreute, unbewusste Erinnerungen erstmals gesammelt, strukturiert und in passive regionale »Speichergedächtnisse« eingeschrieben, wo sie heute fragmentarische Anknüpfungspunkte für künftige aktive Erinnerung bieten. 1 Erich Kästner: Ein alter Herr geht vorüber, in: ders.: Werke. Band II, München u. a. 1998, S. 364. 2 Die Südtirolfrage entsprang analog zu den prägenden Entwicklungen im Baskenland, in den Sudeten und anderen europäischen Grenzregionen dem Prozess der Nationalstaatsbildung des 19. und 20. Jahrhunderts. Infolge des Ersten Weltkrieges wurde der südliche Teil des habsburgischen Kronlandes Tirol an das Königreich Italien angeschlossen. Mit der Machtergreifung der italienischen Faschisten erlebte das mehrheitlich deutschsprachig (in zwei Talschaften ladinisch/rätoromanisch) besiedelte Südtirol ab Mitte der Zwanzigerjahre gewaltsame Italianisierungsmaßnahmen. 1939 gipfelte diese Politik in einem Umsiedlungsabkommen der beiden Diktatoren Hitler und Mussolini. Die staatlich forcierte Abwanderung der rund 250 000 Südtiroler in das Deutsche Reich endete 1943 vorzeitig mit der deutschen Besetzung Norditaliens. 1946 garantierte die Republik Italien gegenüber Österreich erstmals besondere Rechte zum Schutz der kulturellen Eigenart der Südtiroler. Nachdem die konkrete Umsetzung der zugesicherten Maßnahmen von der italienischen Regierung über Jahre verzögert worden war, unternahm Österreich 1960 auf Ebene der Vereinten Nationen entscheidende diplomatische Initiativen. Daran anschließende Verhandlungsetappen mündeten Anfang der Siebzigerjahre in die Verabschiedung eines erweiterten Autonomiestatuts für Südtirol im italienischen Parlament. Separatistische Bombenanschläge deutschnationaler, zum Teil neonazistischer Inspiration beeinflussten das politische Klima in der Region zeitgleich bis in die späten Achtzigerjahre. Ebenso wie die neofaschistische Fundamentalopposition gegen die Autonomie Südtirols blieben sie langfristig erfolglos. Siehe Thomas Benedikter: Autonomien der Welt, Bozen 2007, S. 80–83. 3 Siehe L’Unità [Roma, edizione nazionale], 22. Januar 1956, S. 1 u. 24. Januar 1956, S. 2. 4 Siehe Aldo Agosti: Storia del Partito comunista italiano 1921–1991 [Die Geschichte der Kommunistischen Partei Italiens 1921–1991], Bari 1999, S. 54–62. Zur Rolle des PCI im Kalten Krieg informieren ausführlich Elena Aga Rossi/Victor Zaslavsky: Stalin and Togliatti. Italy and the Origins of the Cold War, Stanford 2011. 5 Mauro Scoccimarro: Die kommunistische Politik in Südtirol. Rede gehalten am 22. Januar 1956 in Bozen, Bozen 1956, 48 Seiten. 6 Brief von Flor an Scoccimarro vom 1. Februar 1956, in: Südtiroler Landesarchiv, Nachlass Silvio Flor, lfd. Nr. 122. 7 Siehe L’Unità [Milano, edizione nazionale], 28. Januar 1925, S. 4. 8 Siehe Aleida Assmann: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, 4. Aufl. München 2009, S. 409. 9 Siehe Gerald Echterhoff: Das kommunikative Gedächtnis, in: Christian Gudehus/Ariane Eichenberg/Harald Welzer (Hg.): Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart 2010, S. 102–108. 10 Siehe Helmut König: Das Politische des Gedächtnisses, in: Gudehus/Eichenberg/Welzer (Hg): Gedächtnis und Erinnerung (Anm. 9), S. 115–118. 11 Siehe Siegfried Kracauer: Geschichte – Vor den letzten Dingen. Werke. Band 4, Frankfurt a. M. 2009, S. 103–110. 12 Siehe Klara Rieder: Silvio Flor. Autonomie und Klassenkampf. Die Biografie eines Südtiroler Kommunisten, Bozen 2007, S. 17 u. 25. 13 Zum Briefwechsel Adlers mit Andreas Scheu siehe Peter Goller: »Während der Schlacht ist es schwer, Kriegsgeschichte zu schreiben ...«. Geschichtsschreibung der österreichischen Arbeiterbewegung bis 1934, Wien 2009, S. 19–26. 14 Siehe Martin Rapoldi: Unser Aufstieg. Dreißig Jahre Arbeit auf steinigem Boden. Die Entwicklung der Sozialdemokratischen Partei in Tirol, achtseitige Broschüre, bearbeitet von A. Aricochi, Innsbruck 1924, S. 1–7. 15 Siehe Werner Hanni: Zur Geschichte der Arbeitskämpfe in Tirol und Vorarlberg von 1870–1918, unveröffentlichte Dissertation, Innsbruck 1983, S. 569. 16 Siehe Gerhard Oberkofler: Die erste internationale Arbeiterkundgebung zum 1. Mai 1889 [sic!, 1890] in Tirol, in: Südtiroler Panorama [Bozen], Juli-Ausgabe 1978, S. 4. 17 Siehe ders.: Die Tiroler Arbeiterbewegung, 2. Aufl. Wien 1986, S. 146 f. Horst Schreiber: Die Geschichte der Tiroler Sozialdemokratie im Überblick, in: Rainer Hofmann/ders. (Hg.): Sozialdemokratie in Tirol. Die Anfänge, Krailing 2003, S. 24. 18 Zur sozialdemokratischen »Volkszeitung« in Tirol siehe Zeitungsbestände der Universitätsbibliothek Innsbruck. 19 Siehe Günther Rauch: Die schwarzen Jahre (1920–1923), Bozen 1978, S. 7. 20 Siehe Eric Hobsbawm: Mass-Producing Traditions: Europe, 1870–1914, in: ders./Terence Ranger (Hg.): The Invention of Tradition, 8. Aufl. Cambridge 2000, S. 264 f. Laurence Cole: Vom Sonderfall zum europäischen Normalfall? Zur kollektiven Identitätsbildung in Tirol um 1809, in: Marco Bellabarba u. a. (Hg.): Eliten in Tirol zwischen Ancien Régime und Vormärz, Innsbruck u. a. 2010, S. 139–141. Hans Heiss: La Nazione lontana. Tirolo e Trentino di fronte all’unità d’Italia [Die weit entfernte Nation. Tirol und Trentino vor dem Hintergrund der Einigung Italiens], in: Studi Trentini. Storia 90 (2011), H. 2, S. 349–360. 21 Siehe Raimund Löw: Der Zerfall der »Kleinen Internationale«. Nationalitätenkonflikte in der Arbeiterbewegung des alten Österreich (1889–1914), Wien 1984, S. 177–182. Marina Cattaruzza: Sozialisten an der Adria. Plurinationale Arbeiterbewegung in der Habsburgermonarchie, Berlin 2011, S. 170–176. 22 Siehe Claus Gatterer: Innsbruck wird das Herz und Hirn Tirols bleiben, in: Michael-Gaismair-Gesellschaft (Hg.): Claus Gatterer. Aufsätze und Reden, Bozen 1991, S. 120. 23 Siehe L’Unità [Milano, edizione nazionale], 28. Januar 1925, S. 4 u. 14. April 1926, S. 2. Zu bestehenden Ortsgruppen in Meran und Bozen mit jeweils 18 Mitgliedern im Jahr 1923 siehe Palmiro Togliatti: La formazione del gruppo dirigente del Partito comunista italiano nel 1923–24 [Die Zusammensetzung der Führungsgruppe der Kommunistischen Partei Italiens 1923–24], Roma 1971, S. 367. 24 Siehe Stefan Lechner: Die Erste Option. Die Vergabe der italienischen Staatsbürgerschaft an die Südtiroler in Folge der Annexion 1920, in: Hannes Obermair/Stephanie Risse/Carlo Romeo (Hg.): Regionale Zivilgesellschaft in Bewegung, Wien u. a. 2012, S. 232. 25 Siehe Hermann Atz: Verschobene Grenzen. Strukturwandel und ethnische Arbeitsteilung, in: Anton Holzer u. a. (Hg.): Nie nirgends daheim. Vom Leben der Arbeiter und Arbeiterinnen in Südtirol, Bozen 1991, S. 155–164. 26 Siehe Leopold Steurer: I Flor. Approccio biografico tra scienza e utopie concrete [Die beiden Flor. Eine biografische Annäherung zwischen Wissenschaft und konkreten Utopien], in: Quinto Antonelli/Diego Leoni (Hg.): Se non c’è Amore che Storia è? [Wenn keine Liebe dabei ist, welche Geschichte ist es dann?], Rovereto 2008, S. 207–210. Joachim Gatterer: »Alles geben, nichts erwarten!«. Die Kommunistische Partei Italiens in der Provinz, in: Obermair/ Risse/ Romeo (Hg.): Regionale Zivilgesellschaft (Anm. 24), S. 304 f. 27 Edizioni di Coltura Sociale (Hg.): Il IV congresso del Partito comunista d’Italia [Der IV. Kongress der Kommunistischen Partei Italiens], Paris 1931, S. 15 u. 81 f. L’Unità [Milano, edizione settentrionale], 14. September 1945, S. 1. Zur militärstrategischen Bedeutung Tirols lieferte Friedrich Engels bereits 1859 eine ausführliche Analyse. Friedrich Engels: Po und Rhein, in: Karl Marx/ders.: Werke. Band 13,7, Berlin 1961, S. 225–268. Einen Überblick über die marxistische Theoriedebatte zur Nationalitätenfrage gibt John Schwarzmantel: Marxist Theories on Nation Building and the Collapse of Communism, in: Winfried R. Garscha/Christine Schindler (Hg.): Arbeiterbewegung und nationale Identität (= ITH-Tagungsberichte, Bd. 30), Wien 1994, S. 35–54. 28 Siehe Rauch: Die schwarzen Jahre (Anm. 19), S. 28–30 u. 33. 29 Siehe Bruno Groppo/Filippo Focardi: The Changing Memories of World War II and the Resistance in Italy and France: A Comparative View, in: Jürgen Mittag/Berthold Unfried (Hg.): Arbeiter- und soziale Bewegungen in der öffentlichen Erinnerung. Eine globale Perspektive (= ITH-Tagungsberichte, Bd. 45), Wien 2011, S. 80. 30 Der Nachlass der PCI-Landessektion Südtirol für die Jahre nach 1945 ist heute im Besitz der Stiftung Fondazione Istituto Gramsci in Rom (im Folgenden: FIG). Für die Zwischenkriegszeit finden sich Überwachungsakten zu Südtiroler Kommunisten im Bestand Casellario Politico Centrale des Archivio Centrale dello Stato in Rom. Zu Silvio Flor existieren Akten in Moskauer Kominternbeständen. Hierzu Michael Buckmiller/Klaus Meschkat (Hg.): Biographisches Handbuch zur Geschichte der Kommunistischen Internationale, Berlin 2007, beiliegende CD-ROM. 31 Brief von Hans Exenberger an Emmy Haslinger vom 10. Oktober 1969, in: Gemeindeamt Bad Häring, Friedhofsverwaltung. Grab Gebhard Haslinger. 32 Siehe Claus Gatterer: Unter seinem Galgen stand Österreich. Cesare Battisti. Portrait eines Hochverräters, Wien u. a. 1967, S. 106–110. 33 Michael Gehler: Eduard Reut-Nicolussi und die Südtirolfrage 1918–1958, Bd. 1, Innsbruck 2007, S. 50 f. 34 Volksrecht [Bozen], 26. April 1922, S. 1. 35 Siehe Rauch: Die schwarzen Jahre (Anm. 19), S. 33. 36 Zur Italianisierungspolitik siehe Stefan Lechner: Die Eroberung der Fremdstämmigen. Provinzfaschismus in Südtirol, Innsbruck 2005, S. 388–404. 37 Siehe Leo Hillebrand: Getrennte Wege. Die Entwicklung des ethnischen Mediensystems in Südtirol, in: Günther Pallaver (Hg.): Die ethnisch halbierte Wirklichkeit. Medien, Öffentlichkeit und politische Legitimation in ethnisch fragmentierten Gesellschaften, Innsbruck u. a. 2006, S. 41. 38 Siehe Peter Goller/Georg Tidl: »Jubel ohne Ende ...!« Die Universität Innsbruck im März 1938, Wien 2012, S. 125 f. 39 Die »Katakombenschulen« entstanden unmittelbar nach Verbot des deutschsprachigen Schulunterrichts im Jahr 1923. Der Begriff wurde von ihrem Hauptinitiator, dem Geistlichen Kanonikus Michael Gamper, in Anlehnung an die antiken Christenverfolgungen geprägt. Schulunterricht erhielten Kinder dabei illegal, in privaten Verstecken, ergänzend zum italienischen Pflichtschulunterricht. Materielle und didaktische Hilfestellung boten deutschnationale Schulvereine, vor allem der »Verein für das Deutschtum im Ausland (VDA)«. Ab Mitte der Dreißigerjahre unterhielt der nationalsozialistische »Völkische Kampfring Südtirols (VKS)« eigene illegale Deutschkurse, die 1939, mit Abschluss des Umsiedlungsabkommens zwischen Hitler und Mussolini, für Auswandererkinder legalisiert wurden. 1943 führte die nationalsozialistische Besatzung deutschen Schulunterricht wieder flächendeckend ein; die italienische Schule faschistischen Typs blieb formal bestehen, geriet bis Kriegsende aber ins Hintertreffen. Siehe Rolf Steininger: Südtirol im 20. Jahrhundert. Vom Leben und Überleben einer Minderheit, 3. Aufl. Innsbruck u. a. 2004, S. 144–150. Rainer Seberich/Claus Conrad: Das Südtiroler Schulwesen im Schatten des Großdeutschen Reiches, in: Gerald Steinacher (Hg.): Südtirol im Dritten Reich 1943–1945, Innsbruck u. a. 2003, S. 61–72. 40 Siehe Thomas Hugh: Cuba. A History, London u. a. 2010, S. 908 f. Seberich/Conrad: Das Südtiroler Schulwesen im Schatten des Großdeutschen Reiches (Anm. 39), S. 79. 41 Kreisky zitiert nach Günther Pallaver: Bruno Kreisky, Pate der Südtirolautonomie, in: Frank Deppe/Wolfgang Meixner/ders. (Hg.): Widerworte. Festschrift für Jörg Becker, Innsbruck 2011, S. 169. Siehe auch Bruno Kreisky: Im Strom der Politik. Der Memoiren zweiter Teil, Wien 1988, S. 152. 42 Goller/Tidl: »Jubel ohne Ende ...!« (Anm. 38), S. 13 u. 204. 43 Siehe S. Gassmayer [Pseud. Silvio Flor]: La Questione del Tirolo Meridionale [Die Südtirolfrage], in: Lo Stato Operaio. Rassegna di politica proletaria 3 (1929), H. 2, S. 132–146. Junius [Pseud. Silvio Flor]: Um Südtirols Befreiung, in: Günther Pallaver/Gerhard Oberkofler (Hg.): Für Brot, Arbeit und Freiheit. Dokumente zur Zeitgeschichte Südtirols, Bozen 1985, S. 50–79. 44 Siehe Martha Verdorfer: Geschichte und Gedächtnis. Die Erinnerung an die Option von 1939, in: Günther Pallaver/Leopold Steurer (Hg.): Deutsche! Hitler verkauft euch! Das Erbe von Option und Weltkrieg in Südtirol, Bozen 2011, S. 376–380. 45 Siehe Friedrich Stepanek: Südtiroler im Kampf für die Spanische Republik, in: Der Schlern 86 (2012), H. 12, S. 4–25. 46 Die ersten fünf Ausgaben der Zeitschrift »Der Südtiroler« (1951–1953) kosteten die Partei »beinahe eine Million Lire«. Ispezione a Bolzano per l’esame della situazione del Suedtiroler (10–11 dicembre 1951) [Inspektion in Bozen zur Prüfung der Situation rund um den »Südtiroler« (10. bis 11. Dezember 1951)], in: FIG, Fondo PCI, Regioni e Province, Anno 1951, MF 0335, Pagg. 1191–1193. 47 Ispezione Federazione Bolzano [Inspektion der Provinzsektion Bozen]. Dokument vom Juni 1949, in: FIG, Fondo PCI, Regioni e Province, Anno 1949, MF 0301, Pag. 0893. 48 Siehe Verdorfer: Geschichte und Gedächtnis (Anm. 44), S. 368–371. 49 Siehe Siegfried Baur: Ethnische Sprech- und Argumentationsmuster, in: Günther Pallaver (Hg.): Die ethnisch halbierte Wirklichkeit. Medien, Öffentlichkeit und politische Legitimation in ethnisch fragmentierten Gesellschaften, Innsbruck u. a. 2006, S. 115. 50 Siehe Giorgio Delle Donne: Storiografia in lingua italiana ed uso pubblico della storia in Alto Adige/Südtirol [Geschichtsschreibung in italienischer Sprache und öffentlicher Umgang mit Geschichte in Alto Adige/Südtirol], in: La Fabbrica del Tempo (Hg.): Il contributo italiano alla storiografia altoatesina [Der italienische Beitrag zur Südtiroler Geschichtsschreibung], Bozen 1998, S. 41. Carlo Romeo: Anerkennung nach langer Zeit. Die schwierigen Beziehungen zwischen dem deutschen und italienischen Widerstand in Südtirol, in: Pallaver/Steurer (Hg.): Deutsche! Hitler verkauft euch! (Anm. 44), S. 281–306. 51 Claudia Christiane Gatzka: Der »neue Mensch« auf ausgetrampelten Pfaden. Kommunistische Bewährung und politischer Massenmarkt im postfaschistischen Italien, in: Ulrich Mählert u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2012, Berlin 2012, S. 39. 52 Siehe Alcune note su Bolzano [Einige Notizen zu Bozen]. Dokument vom 23. November 1953, in: FIG, Fondo PCI, Regioni e Province, Anno 1953, MF 0403, Pagg. 3198–3200. 53 Siehe Cesare Colombo: Notizie su una provincia di frontiera. L’Alto Adige dal 1918 al 1945 [Aufzeichnungen über eine Grenzregion. Südtirol von 1918 bis 1945], in: Federazione autonoma altoatesina [del PCI] (Hg.): La questione altoatesina ieri e oggi [Die Südtirolfrage gestern und heute], Rom 1981, S. 11–72. 54 Exemplarisch Pier Paolo Pasolini: Canzoniere italiano. Antologia della poesia popolare [Italienische Gedichtsammlung. Eine Anthologie der Volksdichtung], 2. Aufl. Mailand 2006. Feltrinelli hegte Sympathien für die separatistischen Attentäter der Sechzigerjahre, von denen einige vom Kommunisten Sandro Canestrini vor Gericht verteidigt wurden. Giambattista Lazagna brachte 1975 den Justizskandal um den Südtiroler Hans Pircher ins Rollen, der wegen antinazistischer Widerstandsaktionen noch 1954 zu 30 Jahren Haft verurteilt worden war. Nach medialem Aufsehen wurde Pircher vom ital. Staatspräsidenten ein Straferlass gewährt. Gerald Steinacher: Giangiacomo Feltrinelli, ein Flugblatt und Südtirols Bombenjahre, in: Skolast. Zeitschrift der Südtiroler Hochschülerschaft 45 (2003), H. 2, S. 74–80. Sandro Canestrini: Plädoyer. Allgemeiner Teil. Vor dem Ersten Schwurgericht von Mailand, in: Der Mailänder Prozeß. Plädoyers der Verteidigung, Wien u. a. 1969, S. 305–396. Giambattista Lazagna: Der Fall des Partisanen Pircher, Innsbruck 1985. 55 Eine italienische Sozialgeschichte jüngeren Datums verfasste Paolo Valente: Sinigo. Con i piedi nell’acqua. Storia di un insediamento italiano nell’Alto Adige degli anni Venti [Sinich. Mit den Füßen im Wasser. Geschichte einer italienischen Ansiedlung im Südtirol der Zwanzigerjahre], Meran 2010. 56 Vor allem die neu geregelte Zuteilung von öffentlichen Geldmitteln und Beamtenstellen nach »ethnischem Proporz« benachteiligte die nummerisch schwächere italienische Regionalbevölkerung, während sich für deutschsprachige Südtiroler vormals verschlossene Erwerbsbranchen öffneten. Steininger: Südtirol im 20. Jahrhundert (Anm. 39), S. 515–525. 57 Exemplarisch die Geschichte des Josef Gamper aus Lana, der aufgrund seines Engagements in der kommunistisch dominierten Gewerkschaft vom örtlichen Pfarrer öffentlich diffamiert und aus der Dorfgemeinschaft ausgegrenzt worden war. Othmar Kiem: Harte Arbeit – karger Lohn. Lebensgeschichten von »Fabriklern« und anderen Lananern, Lana 1995, S. 44. Zu Josef Stecher siehe Gatterer: »Alles geben, nichts erwarten!« (Anm. 26), S. 316 u. S. 324. 58 Cesare Colombo bemängelte 1960 in einem Bericht das »Desinteresse« der italienischen Genossen an den sozialen Problemen vor Ort, stellte aber gleichzeitig fest, dass sich die Südtiroler Genossen nicht für die Herausforderungen des PCI im restlichen Italien interessierten. Cesare Colombo: Riunione C.F. Bolzano, 29 Novembre 1960 [Versammlung Landesleitung Bozen, 29. November 1960], in: FIG, Fondo PCI, Regioni e Province, Anno 1960, MF 0470, Pagg. 2352–2353. Siehe auch Alexander Langer: Wie ich kein Kommunist wurde, in: ders.: Die Mehrheit der Minderheiten, Berlin 1996, S. 32 f. 59 Siehe Günther Pallaver: Südtirol, die Südtiroler Volkspartei und der Kalte Krieg, in: Hans Mikosch/Anja Oberkofler (Hg.): Gegen üble Tradition, für revolutionär Neues, Innsbruck u. a. 2012, S. 174–182. 60 Siehe Flavia Pristinger: Ethnic conflict and modernization in the South Tyrol, in: Charles R. Foster (Hg.): Nations without a State, New York 1980, S. 166–185. Hans Benedikter: Eurokommunismus. Der große Bluff, Bozen 1978, S. 6. Zum Eurokommunismus in Italien siehe Silvio Pons: Berlinguer e la fine del comunismo [Berlinguer und das Ende des Kommunismus], Turin 2006. 61 Siehe die vierteilige Artikelserie von Claus Gatterer: Der Freund stand links (I–IV), in: Forum IX (1962), H. 101–105. Lucio Giudiceandrea: Spaesati. Italiani in Südtirol [In der Fremde. Italiener in Südtirol], Bozen 2006, S. 57–59. 62 Exemplarisch Heinz-Rudolf Othmerding: Sozialistische Minderheitenpolitik am Beispiel Südtirol, unveröffentlichte Dissertation, Hamburg 1984. Für eine umfassende Auflistung der Arbeiten siehe Gatterer: »Alles geben, nichts erwarten!« (Anm. 26), S. 318–321. 63 Siehe Gerhard Oberkofler: Erfahrungen mit der Regionalgeschichtsschreibung der Arbeiterbewegung in Österreich, in: Internationale Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung 1981 (= ITH-Tagungsberichte, Bd. 16), bearbeitet von Reinhard Kannonier, Wien 1983, S. 531. 64 Siehe Rieder: Silvio Flor (Anm. 12), S. 5. Das Buch basiert auf einer akademischen Abschlussarbeit aus dem Jahr 1989.

JHK 2014

Im Spannungsfeld von »nationalen« und »europäischen« Ansprüchen? Eine Betrachtung des Nationalen Rates für das Studium der Securitate-Archive in Rumänien

Carola Söller

Am 20. Oktober 1999 verabschiedeten Abgeordnetenkammer und Senat in einer gemeinsamen Sitzung das »Gesetz bezüglich des Zugangs zum eigenen Dossier und der Enthüllung der Securitate als politische Polizei« (Lege privind accesul la propriul dosar şi deconspirarea securităţii ca poliţie politică).12 Infolge dieser Regelung wurde der »Nationale Rat für das Studium der Securitate-Archive« (Consiliul Național pentru Studierea Arhivelor Securitaˇții, CNSAS) gegründet. Er sollte Privatpersonen und Forschern Zugang zu den Dokumentenbeständen der Securitate (Direcţia Securităţii Statului, Direktion für Staatssicherheit, DSS) ermöglichen und Privatpersonen, falls erwünscht, die Identität der Offiziere und Informanten der DSS, die mit ihrem Fall befasst waren, offenlegen. Darüber hinaus sollte der Rat überprüfen, ob Inhaber von und Kandidaten für Ämter in Politik, Medien, Wirtschaft und Kultur, die im Gesetz in großer Zahl aufgelistet wurden, als offizielle Mitarbeiter oder Informanten mit der Securitate kooperiert hatten. Forschungen zur Vergangenheit des rumänischen Staates zwischen 1945 und 1989 mit besonderem Schwerpunkt auf der Struktur und Tätigkeit der DSS gehörten ebenso zu den Aufgaben des Rates. Rumänien reihte sich somit neben Deutschland, Ungarn und Polen in die Gruppe der Länder Mittel-, Ostmittel- und Südosteuropas ein, in welchen sich die politischen Eliten noch in den Neunzigerjahren für eine institutionelle Lösung zur Auseinandersetzung mit der jüngsten nationalen Vergangenheit entschieden und zu diesem Zweck die Verwaltung von Unterlagen der ehemaligen kommunistischen Staatssicherheitsdienste in die Hände neu geschaffener Einrichtungen legten.3 Dieser Trend zur Institutionalisierung setzte sich in anderen Ländern Ostmittel- und Südosteuropas im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts fort. Bezugspunkt war bei der Gründung jeder neuen Einrichtung stets die älteste vergleichbare Institution: der deutsche BStU. Mit der Entstehung weiterer ostmittel- und südosteuropäischer Institutionen wurden jedoch auch diese sukzessive zum Vergleich in die Debatte um eine institutionelle Lösung im eigenen Land einbezogen. Die Institute standen somit bereits während ihres Entstehungsprozesses in einem potenziellen Spannungsverhältnis zwischen nationalem, regionalem oder gar gesamteuropäischem Anspruch. Schließlich sollten sie einerseits einen zentralen Beitrag zur Aufarbeitung der nationalen Vergangenheit ihres Landes leisten und wurden durch politische Entscheidungsträger auf nationaler Ebene gegründet. Andererseits waren bereits die Debatten um ihre Gründung von regionalen mittel-, ostmittel- bzw. südosteuropäischen Spezifika einer Auseinandersetzung mit der nationalen Vergangenheit geprägt. Europäische Zusammenhänge konnten zudem aus dem Tätigkeitsbereich der Institute, der die Beschäftigung mit den totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts und den damit verbundenen Geschehnissen umfassen sollte, schwerlich ausgeklammert werden. Auch im rumänischen Fall wurde mit den Größen »national« und »europäisch« argumentiert. Bei der Analyse von Entstehung und Ausgestaltung des CNSAS soll auf die mögliche Instrumentalisierung des Begriffspaars »national vs. europäisch« somit ein besonderes Augenmerk gelegt werden. Bei der Entstehung des Rates wird dabei zunächst die Ausgangssituation in Rumänien nach dem Systemwechsel 1989 skizziert, die mit ihrer politischen Konstellation, gesetzlichen Regelungen zur Auseinandersetzung mit dem vergangenen System sowie dem Umgang mit der Securitate und deren Dokumentenbeständen die Handlungsspielräume für spätere institutionelle Regelungen prägte. In Bezug auf die Debatte um eine institutionelle Lösung ist außerdem von Bedeutung, welche Akteure in Rumäniens parlamentarischer und öffentlicher Auseinandersetzung um den CNSAS Stellung bezogen und welche Argumentationsstrategien und Interessen hierbei verfolgt wurden. In einem dritten Schritt wird die Frage nach Kompetenzen und Selbstverständnis des Nationalen Rates für das Studium der Securitate-Archive bei über die Jahre mehrfach auftretenden Krisen aufgeworfen. Auf Basis dieser Ausführungen sollen Gründung und Ausgestaltung des CNSAS abschließend in den europäischen Zusammenhang eingeordnet und so die Frage nach der Vergleichbarkeit und Beispielhaftigkeit des rumänischen Falls gestellt werden: Wie »europäisch« kann eine Einrichtung zur Aufarbeitung der nationalen Vergangenheit in Rumänien sein? Die Ausgangssituation – Verschweigen, Verschluss, Skandal Während sich im Sommer und Herbst des Jahres 1989 die politischen Systeme in anderen Ländern des östlichen Europa bereits im Umbruch befanden, kam es in Rumänien erst gegen Ende des Jahres zum Sturz Nicolae Ceauşescus. Nach der rumänischen Dezember-Revolution4 sowie der Exekution von Staatsoberhaupt und Parteichef Ceauşescu und seiner Frau Elena wurde das Ende der Einparteienherrschaft eingeläutet, freie Wahlen wurden anberaumt und am 30. Dezember 1989 die Securitate offiziell aufgelöst.5 Die DSS hatte im Dezember 1989 über 15 300 Personen beschäftigt6 und verfügte über circa 130 000 aktive informelle Mitarbeiter.7 Rumänien wies vor 1989 unter den mittel- und osteuropäischen Ländern zudem formal die höchste Bindung der Bevölkerung an die Kommunistische Partei auf. Im Jahr 1989 waren 16 Prozent der rumänischen Staatsbürger Mitglieder der Kommunistischen Partei Rumäniens (Partidul Comunist Român, PCR), was den rumänischen Historiker Daniel Barbu zu der Schätzung veranlasste, dass mit den Familienmitgliedern der Parteiangehörigen direkt oder indirekt drei Viertel der rumänischen Gesellschaft institutionell mit dem kommunistischen Staat verbunden waren.8 Die Bewegung »Front zur nationalen Rettung« (Frontul Salvării Naţionale) unter dem Vorsitz von Ion Iliescu,9 welche in der Umbruchszeit die zentrale Position in der politischen Landschaft Rumäniens einnahm, engagierte sich kaum für eine umfassendere Auseinandersetzung mit dem vergangenen Regime. Auch die Koalitionsregierung, die unter Iliescus Führung von 1992 bis 1996 regierte, stand in Bezug auf die jüngste rumänische Vergangenheit für eine »Politik des Vergessens«.10 Prägend für ihre Amtszeit war das weitgehende Unterverschlusshalten der Dokumentenbestände von DSS und PCR sowie die Begrenzung von Verantwortlichkeit für vergangene Straftaten auf einen beschränkten Kreis ehemals führender Persönlichkeiten. So wurde die Einsichtnahme in die durch Vernichtungsaktionen und Entwendung dezimierten Materialbestände von DSS und PCR in den Neunzigerjahren für Forscher und Privatpersonen durch restriktive Zugangsregelungen erschwert.11 Es kam hinzu, dass die Materialien bereits im Jahr 1990 auf sechs unterschiedliche Einrichtungen, nämlich Rumänischen Nachrichtendienst (Serviciul Român de Informaţii, SRI), Rumänischen Auslandsgeheimdienst (Serviciul de Informaţii Externe), Verteidigungsministerium, Innenministerium, Justizministerium und Generalstaatsanwaltschaft aufgeteilt worden waren.12 Insbesondere der SRI stand in den folgenden Jahren immer wieder wegen seiner personellen und organisatorischen Kontinuitäten mit der Securitate im Fokus der Öffentlichkeit.13 Der Zugang zu den durch den SRI verwalteten Beständen der DSS war in dieser Zeit teilweise gegeben, was zu einigen Publikationen führte.14 Eine umfassende und nicht willkürlich genehmigte Einsichtnahme und somit eine strukturierte wissenschaftliche Arbeit in den Archiven war jedoch nicht möglich. Trotz der weitgehenden Unzugänglichkeit der Bestände kam es in dieser Zeit zu Skandalen um politische Persönlichkeiten, nachdem Informationen aus den Archiven der ehemaligen DSS über deren persönliche Verstrickungen mit der Securitate an die Presse gelangt waren.15 In strafrechtlicher Hinsicht wurde zwar der enge Personenkreis der tatsächlichen ehemaligen Machtelite »physisch eliminiert, strafrechtlich verfolgt oder politisch marginalisiert«,16 bei der darüber hinausgehenden Aufdeckung von Verbrechen aus der Zeit vor dem Systemwechsel auf gerichtlichem Wege waren Privatpersonen jedoch nur aufgrund größter Hartnäckigkeit erfolgreich.17 Beweismaterial wurde offenbar gezielt unter Verschluss gehalten.18 Politische Konjunkturen spielten bei der Strafverfolgung kommunistischer Verbrechen in Rumänien ebenfalls eine große Rolle, was Stagnation oder neuen Elan bei den jeweiligen Ermittlungen betraf.19 Angesichts des mangelnden Engagements eines Großteils der politischen Elite wurden Transparenz, Aktenöffnung und die Übernahme persönlicher Verantwortung für die eigene Vergangenheit zu den zentralen Zielsetzungen einer Reihe zivilgesellschaftlicher Initiativen und Organisationen. So forderten die Unterzeichner der »Proklamation von Timişoara« bereits im Frühjahr 1990 den Ausschluss »ehemaliger kommunistischer Aktivisten und Securitate-Offiziere« aus dem öffentlichen Leben.20 Die Assoziation ehemaliger politischer Gefangener Rumäniens (Asociaţia foştilor deţinuţi politici din România, AFDPR) setzte sich für einen »Kommunismusprozess« ein. Die Bukarester Gruppe für gesellschaftlichen Dialog (Grupul pentru dialog social, GDS), die Bürgerallianz (Alianţa Civica) sowie die Stiftung Bürgerakademie (Fundaţia Academia Civică), die die »Gedenkstätte – Memorial Sighet – für die Opfer des Kommunismus und des Widerstands« initiierte, riefen in Publikationen, offenen Briefen und Diskussionsrunden zur Auseinandersetzung mit der jüngsten rumänischen Vergangenheit auf. Immer wieder wurde bei diesen Forderungen auch auf die Frage nach einer Integration in Europa und einem europäischen Wertekonsens Bezug genommen, der gleichzeitig als deutliche Abgrenzung von den Gegnern eines Bruchs mit der rumänischen Vergangenheit vor 1989 diente.21 Die politische und öffentliche Debatte um Aktenöffnung und die Gründung des CNSAS Mit dem Regierungswechsel von Iliescus Sozialdemokratischer Partei in Rumänien (Partidul Democraţiei Sociale in România) zur sogenannten Demokratischen Konvention (Convenţia Democrată din România, CDR)22 nach den Parlamentswahlen im Jahr 1996 standen die Zeichen für eine Initiative zur Aktenöffnung besser. Die CDR und der Präsidentschaftskandidat Emil Constantinescu hatten sich im Wahlkampf für das Thema ausgesprochen.23 Der AFDPR-Vorsitzende Constantin »Ticu« Dumitrescu24 widmete sich daraufhin dem Projekt mit einem derartigen Engagement, dass das Gesetz in der Öffentlichkeit bald nur noch »Ticu-Gesetz« genannt wurde. Dumitrescu suchte dabei auch Anregungen in anderen europäischen Ländern, war bereits Mitte der Neunzigerjahre zu Besuch in der deutschen BStU gewesen und hatte danach an seinem bereits zuvor existierenden Gesetzesentwurf Änderungen in Anlehnung an das deutsche Beispiel vorgenommen.25 Es sollte sich jedoch herausstellen, dass auch in den Reihen der neuen politischen Mehrheiten keine uneingeschränkte Unterstützung für seine Pläne vorhanden war. Dies zeigte sich zum einen daran, dass Dumitrescus Entwurf einen äußerst langwierigen, von emotionalen Wortwechseln, Zwischenrufen, ständigen Verzögerungen und mangelndem Arbeitsquorum geprägten Gesetzgebungsprozess durchlief, der erst nach über zwei Jahren im Oktober 1999 zum Abschluss kam. Zudem wurde sowohl um zentrale Aspekte des Projekts als auch um Formulierungen bis hin zur Kommasetzung scheinbar endlos gerungen. Die Atmosphäre während der parlamentarischen Debatten war infolgedessen äußerst gespannt und immer wieder von dem Vorwurf geprägt, durch das lange Debattieren solle der Erlass des Gesetzes verzögert und durch das Einbringen immer neuer Änderungsanträge das Gesetz verwässert werden.26 Für November 2000 standen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen an, für deren Kandidaten im Falle des rechtzeitigen Erlasses des Gesetzes bereits eine Überprüfung auf Verbindungen zur Securitate hätte durchgeführt werden können. Diese fand trotz der Verzögerungen auch statt. Als Grund für das Verhalten der Parlamentarier lässt sich eine Mischung aus Widerwillen gegen das Projekt, schlichter Inkompetenz und anderweitigen Prioritäten vermuten.27 Deutlich wurde in jedem Fall, dass die zentralen Zielsetzungen der Initiative, nämlich das Recht des Bürgers auf seine eigene Akte, Erkenntnisgewinn über die Vergangenheit aktueller und künftiger Würdenträger und die Enttarnung von Informanten und Mitarbeitern der Securitate, bei vielen der beteiligten Akteure auf Widerstand stießen. Und dies, obwohl aus Regierung und teilweise auch aus der Opposition grundsätzliche Zustimmung für das Gesetz signalisiert wurde. Gerade die Grundlage dieser Regelungen, d. h. die Übergabe der Archivbestände der früheren Securitate aus der Verwaltung der aktuellen Nachrichtendienste in die Obhut des neu zu gründenden CNSAS, rief jedoch Gegner auf den Plan. Dumitrescu nahm als Initiator des Gesetzes in der Debatte zudem eine schwierige Position ein, da er nach zunehmender Kritik an seinen Parteifreunden wegen ihrer mangelnden Unterstützung für sein Vorhaben 1998 aus der Partei PNŢCD (Partidul Național Țărănesc Creștin Democrat, Nationale Christdemokratische Bauernpartei) ausgeschlossen worden war. Im Gegenzug versuchte er im gesamten Verlauf der Debatte, durch umfassende Medienpräsenz gerade auf die Regierungskoalition beträchtlichen Druck auszuüben. Deutlicher Gegenwind schlug dem Projekt durch die Berufung auf die »nationale Sicherheit« Rumäniens und die Arbeitsbefähigung des SRI entgegen. Nicht alle Parlamentarier gingen so weit wie eine Vertreterin der Partei Großrumänien (Partidul România Mare, PRM), der einzigen Partei im Parlament, die sich offen gegen das Projekt stellte. Sie sprach davon, dass durch das Gesetz antinationale Kräfte versuchten, die aktuellen Nachrichtendienste in den Augen der Öffentlichkeit zu diskreditieren.28 Die Enttarnung von Mitarbeitern der aktuellen Dienste durch eine Überprüfung sah jedoch nicht nur sie als mögliche Gefahr für die Interessen Rumäniens. Die Diskussion kreiste im Folgenden immer wieder um den Unterschied von Securitate zu aktuellen, demokratisch legitimierten rumänischen Nachrichtendiensten sowie insbesondere um die Möglichkeit einer Unterscheidung zwischen der nationalen Sicherheit vor 1989 und den Sicherheitsinteressen des aktuellen rumänischen Staates. Bei letzterem Aspekt standen sich Konzepte einer in erster Linie aktualitätsbezogenen »nationalen Sicherheit« und einer »nationalen Sicherheit ohne Unterbrechung über Systemwechsel hinweg« auch innerhalb der Regierungskoalition gegenüber.29 Der Leiter des SRI, Costin Georgescu, ließ es sich überdies nicht nehmen, in der letzten Sitzung des Parlaments vor der Endabstimmung persönlich aufzutreten.30 Er führte aus, dass alle SRI-Mitarbeiter von Enttarnung bedroht seien, wenn das Gesetz, wie geplant, eine allgemeine Überprüfung der Mitarbeiter des Dienstes auf eine Zusammenarbeit mit der DSS durchsetze. In einem, wie er selbst eingestand, pathetischen Tonfall sprach er sich unter tosendem Applaus der Parlamentarier »in diesem Schlüsselmoment für den SRI« mit Erfolg gegen die allgemeine Überprüfung und gegen die »Zerstörung des Dienstes und Rumäniens aus«.31 Während die Kritiker des Gesetzes folglich mit einer meist nicht näher spezifizierten Gefährdung der »nationalen Sicherheit« argumentierten, waren auch die Ausführungen der Befürworter des Projekts von normativen Größen wie Wahrheit, Moral, Vertrauen, Verantwortung, Gerechtigkeit und Schuld geprägt. Zentrales Argument der Unterstützer des Gesetzes war jedoch auch der Nachholbedarf in Bezug auf andere postkommunistische Länder, die bereits derartige Regelungen erlassen hätten.32 Deutschland und die deutsche BStU stellten dabei für den Initiator des Gesetzes, aber auch für alle an der Debatte beteiligten Parteien die primäre Referenzgröße dar, auf welche auch in Bezug auf konkrete Regelungen verwiesen wurde. Vereinzelt wurden zudem Vergleiche zu Tschechien, Bulgarien, Ungarn oder den baltischen Staaten gezogen. Der Erlass des Gesetzes wurde in der politischen Debatte, aber auch im zivilgesellschaftlichen Diskurs von seinen Befürwortern als erster Schritt für eine erfolgreiche europäische Integration und die Entwicklung Rumäniens hin zu einer fortschrittlichen Demokratie dargestellt.33 Angesichts der vielfältigen Verweise auf die Regelungen in anderen Ländern wurden jedoch auch kritische Stimmen laut, die betonten, dass die historischen und politischen Umstände in Rumänien von anderen Ländern abwichen und das Gesetz nicht der deutschen, sondern der aktuellen rumänischen Gesellschaft entsprechen solle.34 Diese Argumentation spezifischer rumänischer Realitäten und einer spezifisch rumänischen Mentalität in Bezug auf eine Aufarbeitung der Vergangenheit machte sich auch ein Teil der Presse zu eigen.35 Auffallend ist, dass eine direkte Einschätzung der Volksrepublik Rumänien und der Sozialistischen Republik Rumänien in der sonst so ausführlichen Debatte wenig diskutiert wurde. Gerade im Konzept einer über den Systemwechsel hinweg reichenden »nationalen Sicherheit« zeigte sich aber dennoch eine implizite Einschätzung der Vergangenheit, stand sie doch auch für eine positiv gefärbte Bewertung der Tätigkeit der Securitate, indem sie dieser bewahrenswerte Ergebnisse und Methoden bescheinigte. Mit einer Entlastung des zentralen Verfolgungs- und Repressionsinstruments bis 1989 ging jedoch auch eine positivere Sicht des hinter ihr stehenden Systems und Staates einher. Schließlich wurden dem damaligen und dem aktuellen Staat, der damaligen und der aktuellen Bevölkerung gemeinsame nationale Interessen unterstellt. Die eindeutigen Äußerungen des PNŢCD-Senators Dobrescu, in denen er sowohl Securitate als auch dem kommunistischen Regime absprach, im Sinne nationaler rumänischer Interessen gehandelt zu haben, waren trotz Applaus aus der Koalition der einzige derartige Beitrag in der Parlamentsdebatte.36 In der Diskussion um eine rumänische Aktenöffnung zeigte sich somit deutlich die Verquickung einer Bewertung der Vergangenheit mit gegenwartsbezogenen Interessen im Sinne von Inklusion oder Exklusion bestimmter Bevölkerungsgruppen sowie der Frage nach Bruch oder Kontinuität mit dem alten Regime. Die Inklusion ehemaliger Mitarbeiter der Securitate in die rumänische Gesellschaft mittels des Konzepts einer »ununterbrochenen nationalen Sicherheit« dominierte die Debatte. Das Ergebnis war ein Gesetz, das trotz Regelungen zu Akteneinsichtnahme, Überprüfung und zur Gründung des CNSAS nur eingeschränkt den Vorstellungen seines Initiators Dumitrescu entsprach. Dieser hatte bereits während des Gesetzgebungsprozesses verkündet, dass er aufgrund der vielfältigen Änderungen an seinem ursprünglichen Entwurf offiziell von der Funktion des Initiators »zurücktrete«. Das Gesetz sei, so Dumitrescu, nun nur mehr ein Gesetz zur »Konspiration«, also zur Verschleierung der Tätigkeit der Securitate, und nicht zu deren Offenlegung.37 Der CNSAS – gegen »nationale Sicherheit« und »nationale Mentalität«? Der CNSAS wurde Ende 1999 als nationale Einrichtung mit Sitz in Bukarest ohne regio-nale Außenstellen ins Leben gerufen und der Kontrolle des rumänischen Parlaments unterstellt. Im Jahr 2011 beschäftigte er rund 230 Mitarbeiter und verfügte über ein Budget von umgerechnet rund 3 Millionen Euro.38 Der CNSAS ist in mehrere Abteilungen untergliedert. Darunter die Abteilung Archiv, mit einem kleineren Ableger am Sitz des Rates im Zentrum von Bukarest sowie dem Zentralarchiv in Popeşti-Leordeni außerhalb der rumänischen Hauptstadt, die Abteilung für Untersuchung zur Durchführung der Überprüfungen, die Abteilung für Forschung, Ausstellungen und Veröffentlichungen sowie die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit und eine Rechtsabteilung. Die Leitung des CNSAS obliegt dem elfköpfigen »Kollegium« (Colegiul), dessen Mitglieder durch das Parlament jeweils für sechs Jahre ernannt werden.39 Das Kollegium war von Beginn an für zentrale Aufgaben und die Beschlussfassung innerhalb des CNSAS zuständig, beispielsweise für die Einschätzung, ob und inwiefern eine Person in die Tätigkeit der Securitate verstrickt war. Der Besetzung des Gremiums wurde deshalb in allen politischen Lagern große Bedeutung beigemessen, und es wurde hartnäckig versucht, Einfluss auf dessen Zusammensetzung zu nehmen. Bei der Wahl des ersten Kollegiums missachtete die regierende Koalition aus Christdemokraten, Demokraten, Liberalen und ungarischer Partei sogar wissentlich das gerade erst erlassene Gesetz: Sie berief die früheren Dissidenten und Intellektuellen Andrei Pleşu und Mircea Dinescu in das Gremium, obwohl diese als ehemalige Mitglieder einer Partei – und zwar der PCR – laut Art. 8 (8) des Gesetzes nicht Teil des Gremiums hätten sein dürfen. Ein Abgeordneter der Liberalen fühlte sich im Anschluss an die Wahl somit auch bemüßigt zu erklären, seine Fraktion habe »im Geiste und nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes«40 abgestimmt. Als Produkt des Gesetzgebungsprozesses positionierte sich der CNSAS nach seiner Gründung unweigerlich im Spannungsfeld zwischen seinen ihm gesetzlich zugestandenen Aufgabenbereichen und den Erwartungen von Zivilgesellschaft, Presse und Wissenschaft an eine möglichst umfassende Tätigkeit im Bereich der Öffnung der Archive sowie der Offenlegung der Vergangenheit rumänischer Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Die beteiligten zivilgesellschaftlichen Organisationen erlebten das Ergebnis der Debatte dabei als verlorene Schlacht und verpasste Gelegenheit.41 Tatsächlich zeigte sich, dass der CNSAS in den ersten Jahren seiner Tätigkeit gerade mit Blick auf die »nationale Sicherheit« Rumäniens an der Realisierung seiner gesetzlichen Aufgaben beinahe völlig gehindert wurde. Andrei Pleşu, wie bereits erwähnt Mitglied im ersten Leitungsgremium des CNSAS, äußerte sich dazu im Jahr 2001: »Mit diesem Begriff [der nationalen Sicherheit] werden wir in Schach gehalten, seit wir unser Amt angetreten haben.«42 Im Gesetz war entgegen Dumitrescus ursprünglicher Initiative keine Übergabe der kompletten Archivbestände an die neue Einrichtung vorgesehen. Der SRI und die die weiteren Bestände verwaltenden Einrichtungen sollten vielmehr solche Dokumente an den Rat übergeben, die keine Relevanz für die nationale Sicherheit Rumäniens aufwiesen.43 Eine im konkreten Fall anwendbare Definition »nationaler Sicherheit« war jedoch nicht gesetzlich festgelegt. So kam es bis ins Jahr 2005 zu keiner größeren Aktenübernahme durch den CNSAS. Der ehemalige Dissident und Politologe Gabriel Andreescu kritisierte zu dieser Zeit jedoch auch das Leitungskollegium des Rates dafür, dass es seinen vorhandenen Spielraum bewusst nicht eingesetzt habe, um sowohl eine umfassende Aktenübernahme als auch -einsichtnahme zu gewährleisten, und somit selbst zur Blockade des Gesetzes beigetragen habe.44 Erst im Jahr 2005 beendete die Intervention von Präsident Traian Băsescu die Blockade des Rates, der bis zum jetzigen Zeitpunkt über 24 Kilometer an Dokumenten verwaltet. »Man kann behaupten, dass die Institution erst ab Anfang des Jahres 2006 wirklich in der Lage war, an der Erfüllung der ihr übertragenen Aufgabe zu arbeiten […]«,45 wird somit unumwunden in einer offiziellen Stellungnahme des CNSAS resümiert. In Bezug auf eine Akteneinsicht ließ die umfangreiche Dokumentenübernahme durch den CNSAS das Interesse in der Bevölkerung ab 2006 dauerhaft leicht steigen, hält sich jedoch bis heute nur auf einem niedrigen Niveau.46 Insbesondere eine fundierte Überprüfung von Anwärtern und Inhabern öffentlicher Posten auf eine frühere Verbindung zur Securitate, ob als offizieller oder inoffizieller Mitarbeiter, musste zudem unter der zunächst beschränkten Aktengrundlage leiden.47 Dies war umso problematischer, als das CNSAS-Kollegium dabei die Rolle eines moralisch-historischen Entscheidungsgremiums über den Status einer Person als Täter bzw. Nicht-Täter im vergangenen Regime einnahm. Welche Personengruppen als Täter eingestuft werden konnten und wie eine individuelle Schuldzuweisung zu erfolgen hatte, war in der Folgezeit jedoch heftig umstritten. Stimmen aus Medien und Zivilgesellschaft kritisierten, dass der CNSAS sein Hauptaugenmerk beinahe ausschließlich auf die Securitate richtete, während andere verantwortliche Institutionen, wie die PCR, ausgeklammert würden, sodass ein grundlegend verfälschtes Bild der kommunistischen Vergangenheit gezeichnet werde.48 Der Gesetzestext fällte in Bezug auf eine Einstufung der DSS in seiner Gesamtheit überdies kein eindeutiges Urteil, sondern sprach von den »Organen der Staatssicherheit als politische Polizei«.49 Als solche wurden die Strukturen der Securitate verstanden, welche geschaffen worden waren, um die Einsetzung und Aufrechterhaltung der totalitären kommunistischen Macht zu ermöglichen und grundsätzliche Menschenrechte und -freiheiten zu unterdrücken und einzuschränken. Logische Konsequenz dieser Formulierung war somit, dass die Securitate nicht explizit als Einheit verurteilt, sondern nur ein Teil der Institution für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich gemacht wurde. Auch die Enttarnung von Offizieren und Informanten der DSS unterlag somit Auflagen. So galt jemand als offizieller Mitarbeiter oder Informant der Securitate, wenn seine Handlungen zur Verletzung fundamentaler Menschenrechte und Freiheiten geführt hatten.50 Konnten einem Betroffenen derartige Menschenrechtsverletzungen nachgewiesen werden, sah das Gesetz jedoch keine rechtlichen Konsequenzen vor. Das Ziel bestand vielmehr darin, die Vergangenheit bestimmter Personengruppen für die Bürger transparent zu machen und diese im Falle einer belasteten Vorgeschichte moralisch zu verurteilen. Wurde eine Person durch das Leitungsgremium des CNSAS als Informant oder offizieller Mitarbeiter der DSS eingestuft, zeigte sich häufig, dass die Grenzen zwischen Opfern und Tätern in der öffentlichen Wahrnehmung offenbar fließender waren als in der Einschätzung der CNSAS-Mitglieder. »Politicians of questionable past […] did not necessarily underst[and] the concept of shame«, resümiert die Politologin Lavinia Stan und weist darauf hin, dass belastete Persönlichkeiten, anstatt einen Rücktritt in Erwägung zu ziehen, juristische Prozesse gegen den CNSAS anstrengten.51 Auch in der Bevölkerung wurden, so die Wahrnehmung von Kollegiumsmitgliedern des CNSAS, NGO- und Medienvertretern, Informanten der Securitate als deren Opfer betrachtet, wohingegen explizit von der DSS verfolgte Persönlichkeiten oder Personen, die sich gegen Anwerbungs- oder Erpressungsversuche erfolgreich zur Wehr gesetzt hatten, im öffentlichen Bewusstsein kaum eine Rolle spielten. Als Erklärungsmodell für die mangelnde Durchschlagskraft der Enthüllungen des CNSAS in der öffentlichen Wahrnehmung wurde die nationale Mentalität der rumänischen Bevölkerung ins Feld geführt, die eine Neigung zur Vergebung umfasse, welche auch mit einem gleichzeitigen Gefühl der Mitschuld an vergangenen Unrechtstaten in Zusammenhang stehe.52 Angesichts dessen, dass der PCR bei der Aufarbeitung kaum Bedeutung zukam, Teile der Securitate von ihrer Schuld freigesprochen wurden und darüber hinaus, wie eingangs geschildert, ein Großteil der rumänischen Bevölkerung direkt oder indirekt mit dem vergangenen System in Verbindung stand, lässt sich tatsächlich vermuten, dass der Wille zur Abrechnung mit Einzelpersonen in der Gesellschaft gering war. Auch der CNSAS sah sich zu diesem Zeitpunkt offenbar nicht in der Lage, die vielfach geforderten europäischen, demokratischen Werte in Form eines kritischeren Umgangs mit der Vergangenheit in die rumänische Bevölkerung zu tragen. Die Tatsache, dass auch innerhalb des CNSAS-Kollegiums immer wieder erbitterte Debatten über die Einstufung einzelner Personen als belastet geführt wurden und interner Zwist die Arbeit des Gremiums phasenweise völlig lahmlegte, machte eine klare Positionierung der Institution über längere Zeit unmöglich. Erst nach der erneut heiß debattierten Neubesetzung des Kollegiums im Jahr 2006 scheint eine zielgerichtete Tätigkeit im Kollegium gewährleistet.53 Der Anspruch des CNSAS, die Gesellschaft durch Wissen und Transparenz über die Vergangenheit zu prägen, kam erst mit der umfassenderen Aktenübernahme ab 2005 klar zum Ausdruck. Am Vorabend des rumänischen EU-Beitritts fiel die Übernahme in einen Zeitraum, in dem sich die europäischen Bezüge in der öffentlichen und politischen Debatte um die Aufarbeitung der jüngsten rumänischen Vergangenheit auffällig mehrten. Politiker des Regierungslagers hatten zu diesem Zeitpunkt das Thema Aufarbeitung für sich entdeckt. Während Präsident Băsescu im Jahr 2006 mit der Einberufung einer Kommission zur Analyse der kommunistischen Diktatur in Rumänien nach Jahren den Forderungen aus der Zivilgesellschaft nach einem »Kommunismusprozess« nachzukommen versuchte, gründete Premier Tăriceanu das »Institut für die Untersuchung der Verbrechen des Kommunismus in Rumänien«.54 In der Presse wurde sogar von einem Wettbewerb zwischen Präsident und Premier im Bereich Aufarbeitung gesprochen. In dieser Zeit der Konsolidierung der CNSAS-Tätigkeit wurde der Rat dennoch von seinem Platz an »vorderster Front« in der Debatte um die individuelle Schuldeinschätzung verdrängt. Das rumänische Verfassungsgericht erklärte im Jahr 2008 das Gesetz von 1999 und die darin festgeschriebene Tätigkeit des Rates in der Einstufung von Personen als Mitarbeiter oder Informanten der DSS als »parallele rechtsprechende Gewalt« für verfassungswidrig.55 Dies stürzte den CNSAS in eine mehrmonatige Krise, die erst im November 2008 durch die Bestätigung einer Dringlichkeitsverordnung der Regierung durch das Parlament endgültig beendet wurde. Die Entscheidung des Verfassungsgerichts wurde durch einige gesellschaftliche Gruppierungen deutlich kritisiert und als Zeichen des nach wie vor großen Widerstands der alten Nomenklatur gegen die Auseinandersetzung mit der kommunistischen Vergangenheit gewertet.56 Nach dem Urteil des Verfassungsgerichts ist der CNSAS gegenwärtig lediglich für die Weiterleitung von Informationen an das prüfende Gericht, jedoch nicht mehr für die tatsächliche Entscheidungsfindung, ob eine Person mit der Securitate kooperierte, zuständig. Die Identifizierung und öffentliche Enttarnung hauptamtlicher Mitarbeiter der Securitate soll laut CNSAS dabei nun im Fokus seiner Verifizierungstätigkeit stehen; die inhaltlich und zeitlich aufwendigen Prüfungsverfahren begrenzen die Zahl der auf diese Weise demaskierten Mitarbeiter jedoch deutlich. Die durch das Gerichtsurteil notwendige Veränderung der Schwerpunktsetzung in der CNSAS-Tätigkeit wird von den Mitgliedern des Rates gleichwohl auch als Chance begriffen.57 Mit einem Zentrum für Oral History, das im März 2010 offiziell gegründet und nach dem im Jahr 2008 verstorbenen Constantin »Ticu« Dumitrescu benannt wurde, versucht der Rat zudem, nun offenbar andere Akzente bei der Zuweisung von Kategorien der Täter, Opfer und Helden zu setzen und so das individuelle wie kollektive Gedächtnis zu prägen.58 Als eines der zentralen Ziele wird dabei auch der Erfahrungsaustausch zwischen den Bürgern Europas mit totalitären Erfahrungen und demokratischen Länder angeführt. Die Einreihung der Auseinandersetzung mit der autokratischen Vergangenheit in eine europäische, demokratische Traditionslinie, wie es bereits im Entstehungsprozess von den Befürwortern des Gesetzes getan wurde, zeigt sich nun auch deutlich in der Außenpräsentation des CNSAS. So endet die Selbstdarstellung des Rates in der Broschüre des »Europäischen Netzwerkes der für die Geheimpolizeiakten zuständigen Behörden«, in welchem der CNSAS seit dessen Gründung im Jahr 2008 Mitglied ist, mit dem Verweis darauf, »dass der CNSAS […] von dem Teil der politischen Gesellschaft nachdrücklich unterstützt wird, der eine völlige Integration in die EU und eine Aussöhnung mit der Vergangenheit befürwortet […]«.59 Der CNSAS – Eine »europäische« Institution im nationalen und regionalen Kontext Die Entstehung und Entwicklung des rumänischen CNSAS stellen sich über weite Strecken als Geschichte der Verzögerung und Blockade einer tatsächlich wirkmächtigen institutionellen Lösung dar. Die Problematik der umfassenden Vernichtung von Aktenbeständen der ehemaligen kommunistischen Staatssicherheitsdienste in der Umbruchzeit der Jahre 1989/1990, das anschließende Unterverschlusshalten der Materialien durch die neuen verwaltenden Institutionen bei gleichzeitiger Skandalisierung des Themas und Nutzung der Informationen für die nationale Innenpolitik sind Phänomene, die in unterschiedlicher Intensität auch in allen anderen Ländern Ostmittel-, Südost- und Osteuropas zu beobachten sind. Ebenso sind nach der Gründung neuer Akten verwaltender Einrichtungen für die Dokumentenbestände der ehemaligen Staatssicherheitsdienste auch in anderen Ländern des östlichen Europa Verzögerungstaktiken und Auseinandersetzungen bezüglich der Dokumentenübergabe an die neuen Institute zu beobachten. In Ungarn wurde dem 1996 gegründeten Historischen Amt (Történeti Hivatal) mit dem Verweis auf die »Erforderlichkeit« der Dokumente für die »Erfüllung der gesetzlichen Aufgaben von Innenministerium, Verteidigungsministerium und der nationalen Sicherheitsdienste« zunächst die umfassende Übernahme von Dokumentenbeständen der ehemaligen ungarischen Staatssicherheitsdienste verwehrt. In Polen musste das 1998 gegründete Institut für Nationales Gedenken (Instytut Pamięci Narodowej, IPN) sein Recht auf Dokumentenübernahme erst in der Praxis durchsetzen. In der Slowakei verweigerte der die Akten verwaltende Slowakische Informationsdienst (Slovenská informačná služba) unter Berufung auf Geheimhaltungsklauseln und die Zugehörigkeit der Materialien zum eigenen Dokumentenbestand zunächst die Kooperation mit dem 2002 ins Leben gerufenen Institut für das nationale Gedächtnis (Ústav pamäti národa). In allen diesen Ländern war die grundsätzliche Verpflichtung zur Aktenübergabe zuvor in die gesetzlichen Regelungen zur Gründung der Institute aufgenommen worden. Die rumänische Situation vor und nach der Gründung des CNSAS stellt somit keinen Einzelfall im mittel- und osteuropäischen Kontext dar. Eine Besonderheit sind jedoch die Vehemenz und Langwierigkeit der Blockade, die in vergleichbaren Fällen in Polen oder der Slowakei durch Abkommen zwischen den alten und neuen Akten verwaltenden Einrichtungen innerhalb von ein bis zwei Jahren nach Gründung der neuen Institutionen beendet wurde. In Rumänien war dagegen ein Eingriff aus der Politik notwendig, um die Aktenübergabe durch den SRI einzuleiten und dem CNSAS ab dem Jahr 2005, beinahe sechs Jahre nach seiner Gründung, die Möglichkeit zur tatsächlichen Erfüllung seiner Aufgaben zu geben. Die Berufung auf die »nationale Sicherheit«, die bereits in der Parlamentsdebatte einen zentralen Platz einnahm, wurde somit auch in der Praxis des Institutsalltags gezielt als »letztes Wort« gegen eine Öffnung der Bestände eingesetzt.60 Auch die Tatsache, dass die praktische Arbeit des CNSAS in der Öffentlichkeit in erster Linie an seinem Umgang mit der Kategorisierung von Tätern gemessen und Kritik an seinen Urteilen geübt wurde, stellt sich im Vergleich mit anderen Ländern des östlichen Europa, die eine vergleichbare institutionelle Lösung gewählt haben, als typisch dar. Handelt es sich doch bei der Festlegung persönlicher wie gesellschaftlicher Verantwortlichkeiten durch Institute und Öffentlichkeit um eine der zentralen erinnerungskulturellen Konfliktlinien in der Auseinandersetzung mit der jüngsten nationalen Vergangenheit. Der umfassende Kompetenzverlust des CNSAS im Jahr 2008 im Bereich der Überprüfung nach neun Jahren seiner Arbeit unterstreicht jedoch noch einmal, wie wenig selbstverständlich sich die Aktivitäten des Rates in der rumänischen Gesellschaft gestalteten und wie stark der Widerstand gewisser Entscheidungsträger weiterhin war. Umso augenfälliger wird dies durch einen Blick auf das polnische IPN, welches im Jahr 2007 nach mehreren Jahren seiner Tätigkeit zusätzlich zu seinen bereits umfassenden Kompetenzbereichen die Aufgabe der polnischen Variante der Überprüfung übernahm.61 In Rumänien beruht die nun relativ ungestörte Erfüllung der Aufgaben des CNSAS offenbar vor allem auf dem Verlust seiner kontroversen Rolle als Entscheidungsinstanz bei individueller Schuldzuweisung. Und dies, obwohl weder von Initiator Dumitrescu noch von Mitarbeitern des Rates in Erwägung gezogen wurde, über eine moralische Verurteilung belasteter Personen hinaus auch auf strafrechtliche Aufarbeitung der Vergangenheit abzuzielen, wie sie vergleichbare Institutionen, beispielsweise in Polen oder der Slowakei, anstreben. Wiederkehrende regionale Problematiken bei der Durchsetzung einer institutionellen Lösung entfalten im rumänischen Fall folglich deutlich mehr Durchschlagskraft als in vergleichbaren Fällen in anderen Ländern. Gründe für den mangelnden Willen des Großteils politischer Entscheidungsträger und die daraus folgende unsichere gesetzliche Basis für das Wirken des CNSAS können sicher auch in personellen Kontinuitäten belasteter Personenkreise in Politik und Öffentlichkeit gesucht werden. So führte das jahrelange hartnäckige Engagement einzelner Politiker sowie von Teilen der Zivilgesellschaft gemeinsam mit Druck aus den Medien nur zu einer institutionellen Lösung mit »Blockade-Vorbehalt«. »Europa« wirkte in der Debatte um Aktenöffnung und Überprüfung als symbolische Bezugsgröße im Sinne von Fortschritt und Demokratie. Gerade die immer wiederkehrende, explizite Gegenüberstellung einer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit im Kontext von Demokratisierung und Europäisierung im Gegensatz zu einer nationalen Komponente ist dabei in Rumänien besonders stark unter den Befürwortern einer Aufarbeitung ausgeprägt. So reiht sich auch der CNSAS gegenwärtig in diese Deutungslinie ein und positioniert sich klar auf der »pro-europäischen« Seite. Europäische Vorbilder, ob in Bezug auf Regelungen zur Aktenöffnung oder institutionelle Referenzlösungen, wurden auch in Rumänien in bestimmten Kreisen umfassend rezipiert. Nicht zuletzt die nahende EU-Integration gab der Auseinandersetzung mit der jüngsten nationalen Vergangenheit phasenweise einen weiteren Schub. Umfassende Wirkmächtigkeit als prägende Kraft für ein nationales und dennoch in den europäischen Kontext eingegliedertes rumänisches Gedächtnis konnte der CNSAS bisher jedoch kaum erreichen. Zwar hat sich der Rat als Archiv etabliert und stellt so unterschiedlichen Akteuren mit seinen Dokumenten die Grundlage für eine Auseinandersetzung mit der Securitate und der kommunistischen Vergangenheit Rumäniens zur Verfügung. Grundsätzlich ist das Interesse in der Bevölkerung in Bezug auf eine Akteneinsichtnahme jedoch gering. Die Entscheidungen des CNSAS-Kollegiums sowie später des zuständigen Gerichts führten und führen zudem nur eingeschränkt zum Rückzug von als belastet eingestuften Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben. In den Medien überwogen skandalisierende Enthüllungsgeschichten zur Tätigkeit bekannter Persönlichkeiten als Mitarbeiter und Informanten der DSS. In der gesellschaftlichen Wahrnehmung dominierte somit in allen Bereichen des öffentlichen Lebens ein Generalverdacht auf Verstrickungen mit der Securitate, der auch durch die Tätigkeit des CNSAS nicht ausgeräumt werden konnte. In den letzten Jahren bringt der Rat jedoch gerade in seiner Forschungs- und Bildungsarbeit einen gewissen Anspruch zum Ausdruck, prägend auf gesellschaftliche Erinnerungsprozesse einzuwirken, und möchte hierbei besonders die junge Generation ansprechen. Die finanziellen Mittel hierfür sind jedoch beschränkt und schließen allein durch den CNSAS getragene Großprojekte aus. Ein umfassendes, zielgerichtetes und konsequentes sowie weniger deutlich von politischen Konjunkturen geprägtes staatliches Konzept einer Auseinandersetzung mit der kommunistischen Vergangenheit scheint in Rumänien weiterhin zu fehlen. 1 Die Abhandlung basiert auf dem vergleichend angelegten Dissertationsprojekt der Autorin: »Erinnerungsverwaltung, Vergangenheitspolitik und Erinnerungskultur nach 1989 – Institute für nationales Gedenken im östlichen Europa«. 2 Lege privind accesul la propriul dosar şi deconspirarea securităţii ca poliţie politică [Gesetz bezüglich des Zugangs zum eigenen Dossier und der Enthüllung der Securitate als politische Polizei], Nr. 187, 7. Dezember 1999. 3 In Deutschland erließ der Bundestag 1991 die gesetzliche Regelung zur Einrichtung des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU). In Ungarn wurde im Jahr 1996 das Historische Amt (Törtenéti Hivatal) als erste derartige ungarische Einrichtung durch Beschluss des Parlaments gegründet. In Polen wurde 1998 das Institut für Nationales Gedenken (Instytut Pamięci Narodowej) durch den polnischen Sejm ins Leben gerufen. 4 Anneli Ute Gabanyi beschreibt die »Revolution« als Staatsstreich, der von Ceauşescu-feindlichen Eliten in Partei, Armee und Geheimdiensten provoziert und für die eigenen Ziele instrumentalisiert wurde. Anneli Ute Gabanyi: Die rumänischen Eliten in der Systemtransformation, in: Hans-Jo-achim Veen (Hg.): Alte Eliten in jungen Demokratien? Wechsel, Wandel und Kontinuität in Mittel- und Osteuropa, Köln 2004, S. 313–331, hier S. 324. 5 Siehe Stejărel Olaru: The communist regime and its legacy in Romania, in: Stejărel Olaru/Georg Herbstritt (Hg.): Vademecum Contemporary History Romania. A Guide through Archives, Research Institutions, Libraries, Societies, Museums and Memorial Places, Berlin/Bukarest 2004, S. 11–49, hier S. 35. 6 Siehe Marius Oprea: Das Erbe der Securitate, in: Veen: Alte Eliten (Anm. 4), S. 345–361, hier S. 345. 7 Siehe Dennis Deletant: Rumänien, in: Łukasz Kamiński/Krzysztof Persak/Jens Gieseke (Hg.): Handbuch der kommunistischen Geheimdienste in Osteuropa 1944–1991, Göttingen 2009, S. 341–393, hier S. 374 f. Deletant führt aus, dass von den nach seinen Angaben rund 450 000 zum Zeitpunkt der Dezember-Revolution registrierten Informanten 130 000 aktiv waren. 8 Siehe Daniel Barbu: Die abwesende Republik, Berlin 2009, S. 73. 9 Ion Iliescu gehörte Anfang der Siebzigerjahre zu den wichtigsten jüngeren Spitzenkadern der PCR und galt als potenzieller Nachfolger Ceauşescus. In den Folgejahren wurde er jedoch, wie viele andere jüngere Technokraten der Partei, in immer unbedeutendere Positionen abgedrängt. Da er im In- und Ausland als innerparteilicher Gegner Ceauşescus wahrgenommen wurde, konnte Iliescu als »wohl geschickteste[r] ›Kommunikator‹ in Rumänien vor der Wende« seine vielfältigen Seilschaften nach 1989 erfolgreich für eine politische Karriere nutzen und hatte mehrmals das Amt des rumänischen Präsidenten inne. Für eine Analyse der rumänischen Elitenentwicklung vor und nach 1989 sowie für den Beispielfall Ion Iliescu siehe Gabanyi: Die rumänischen Eliten (Anm. 4). 10 Ruxandra Ivan: Der Stellenwert totalitärer Erfahrungen im aktuellen politischen Diskurs Rumäniens, in: Thomas Großbölting/Dirk Hofmann (Hg.): Vergangenheit in der Gegenwart. Umgang mit Diktaturerfahrungen in Ost- und Westeuropa (= Genshagener Gespräche, Bd. 12), Göttingen 2008, S. 75–82, hier S. 77. 11 Auch ein im Jahr 1996 verabschiedetes Archivgesetz enttäuschte aufgrund einer Reihe weiterhin bestehender Restriktionen viele Forscher. Siehe Marius Oprea: Ghidul Arhivelor Comunismului [Führer für die Archive des Kommunismus], in: Revista de istorie militară 66 (2001), H. 2, S. 5–12, hier S. 7. 12 Für eine detaillierte Darstellung, welche Dokumentenbestände an welche Einrichtung übergeben wurden, siehe ebd., S. 10–12. 13 Siehe Olaru: Communist regime and legacy (Anm. 5), S. 35. Im Jahr 1999 besaßen laut dem damaligen Leiter des SRI, Costin Georgescu, circa 20 Prozent der SRI-Mitarbeiter einen Securitate-Hintergrund. Georgescu betonte jedoch gleichermaßen, dass es keinerlei weitere Kontinuitäten zwischen Securitate und SRI gebe und es sich bei den Mitarbeitern primär um kompetente Mitarbeiter aus dem Bereich Gegenspionage und Terrorismusbekämpfung sowie um Techniker und Ingenieure handele. Wortbeitrag Costin Georgescu (Leiter des SRI), Debatte in der rumänischen Abgeordnetenkammer am 9. Juni 1999, in: http://www.cdep.ro/pls/steno/steno.stenograma?ids=3701&idm=2&idl=1, ges. am 16. Juli 2013. 14 Im Umfeld des SRI entstand so beispielsweise 1996 das »Weißbuch der Securitate. Literarische und künstlerische Geschichten (1969–1989)« (Cartea albă a securităţii. Istorii literare şi artistice [1969–1989]) des Publizisten Mihai Pelin, in dem er die rumänische Kulturszene ab Ende der Sechzigerjahre und ihre Verbindungen zur Securitate beleuchtet. 15 Siehe Lavinia Stan: Spies, files and lies. Explaining the failure of access to Securitate files, in: Communist and Post-Communist Studies 37 (2004), S. 341–359, hier S. 350. 16 Gabanyi: Die rumänischen Eliten (Anm. 4), S. 326 f. 17 Der Fall des Ingenieurs Gheorghe Ursu, der 1985 aufgrund von Misshandlungen in Securitate-Haft starb, zeigt dies beispielhaft. Das Engagement seiner Verwandten, insbesondere seines Sohnes Andrei, führte erst 14 Jahre nach dem Systemwechsel im Juli 2003 zur Verurteilung zweier Securitate-Offiziere für die Tat. Andrei Ursu erhielt im Jahr 2000 den Preis der Gruppe für sozialen Dialog (GDS), der jährlich für die Verbreitung von Werten der Zivilgesellschaft und des Rechtsstaates verliehen wird. Siehe Premiul GDS [Der GDS-Preis], in: http://www.gds.ong.ro/?page_id=11, ges. am 11. September 2013. 18 Siehe Olaru: Communist regime and legacy (Anm. 5), S. 42. Der Historiker Olaru zieht im Jahr 2004 aufgrund der Langwierigkeit des Falles Ursu das Fazit, dass der Versuch einer Abrechnung mit den Verbrechen des Kommunismus in Rumänien vergeblich sei. 19 Siehe Julie Trappe: Rumäniens Umgang mit der kommunistischen Vergangenheit. Eine Untersuchung aus strafrechtlicher Perspektive, Göttingen 2009, S. 67 und S. 231. 20 Revista 22, Nr. 10 vom 23. März 1990, S. 22 f. Die Proklamation wurde in den kommenden Jahren der Ausgangs- und Bezugspunkt für Forderungen nach einer Lustration in Rumänien, konnte sich jedoch nie durchsetzen. 21 Siehe Julie Trappe: Kollektive Unschuld und die Rückkehr nach Europa. Rumäniens Umgang mit dem Unrecht der kommunistischen Vergangenheit, in: Carola Sachse/Edgar Wolfrum/Regina Fritz (Hg.): Nationen und ihre Selbstbilder. Postdiktatorische Gesellschaften in Europa, Göttingen 2008, S. 193–210, hier S. 204 f. 22 Die CDR war ein Parteienbündnis um die Christdemokratische Nationale Bauernpartei (Partidul Naţional Ţărănesc Cresţin Democrat, PNŢCD), welche in der Legislaturperiode zwischen 1996 und 2000 mit der Demokratischen Partei (Partidul Democrat, PD), der Nationalliberalen Partei (Partidul Naţional Liberal) und dem Demokratischen Verband der Ungarn Rumäniens (Uniuni Democrate Maghiare din România) eine Koalition bildete. 23 Siehe Lavinia Stan: Access to Securitate Files: the Trials and Tribulations of a Romanian Law, in: East European Politics and Societies 16 (2002), H. 1, S. 145–181, hier S. 153. 24 Dumitrescu, geboren 1928, wurde als Jurastudent in den frühen Fünfzigerjahren als politischer Gefangener inhaftiert und Mitte der Sechzigerjahre aus der Haft entlassen. Nach 1989 wurde er Senator der PNŢCD. In den frühen Neunzigerjahren war Dumitrescu überdies Mitbegründer des AFDPR und im Anschluss, bis zu seinem Tod im Dezember 2008, dessen langjähriger Vorsitzender. Er sorgte bereits in den frühen Neunzigerjahren immer wieder mit Gesetzesinitiativen zur Aktenöffnung und Überprüfung politischer Amtsträger für Aufmerksamkeit. 25 Siehe BStU/Goethe Institut Inter Nationes (Hg.): Împovăraţi de moştenirea Securităţii şi Stasi. Răspunsuri germane, române şi maghiare la o provocare istorică/Die Erblast von Stasi und Securitate. Eine Debatte mit deutschen, rumänischen und ungarischen Antworten. Simpozion/Symposium 6.–8. Juni 2001, Bukarest 2002, S. 190. 26 Wortbeitrag Constantin Ticu Dumitrescu (parteilos), Debatte in der rumänischen Abgeordnetenkammer am 11. Mai 1999, in: http://www.cdep.ro/pls/steno/steno.stenograma?ids=3441&idm=3&idl=1, ges. am 16. Juli 2013. 27 So die Politologin Lavinia Stan: Access to Securitate Files (Anm. 23), S. 153. 28 Wortbeitrag Daniela Buruiană (PRM), Debatte in der rumänischen Abgeordnetenkammer am 11. Mai 1999, in: http://www.cdep.ro/pls/steno/steno.stenograma?ids=3441&idm=3&idl=1, ges. am 16. Juli 2013. 29 Siehe Wortbeiträge Mihai Grigoriu (PNŢCD) und George Şerban (PD), Debatte in der rumänischen Abgeordnetenkammer am 25. Mai 1999, in: http://www.cdep.ro/pls/steno/steno.stenograma?ids=3561&idm=2&idl=1, ges. am 16. Juli 2013. 30 Siehe Wortbeitrag Costin Georgescu, Leiter des SRI, Debatte in der rumänischen Abgeordnetenkammer am 9. Juni 1999, in: http://www.cdep.ro/pls/steno/steno.stenograma?ids=3701&idm=2&idl=1, ges. am 16. Juli 2013. 31 Ebd.: »[...] nu distrugeţi un serciviu, nu distrugeţi România! (Aplauze puternice.) [...] Poate sunt puţin patetic, dar nu găsesc alt ton pentru momentul crucial, pentru momentul crucial care este pentru Serviciul Român de Informaţii.« [»[…] zerstört nicht einen Dienst, zerstört nicht Rumänien! (Tosender Applaus) […] Vielleicht bin ich ein wenig pathetisch, aber ich finde keinen anderen Ton in diesem Schlüsselmoment, diesem Schlüsselmoment für den Rumänischen Nachrichtendienst.«] 32 So führte Dumitrescu neben Rumänien als Ausnahmen Russland, Belarus und Jugoslawien an, und der PNŢCD-Vertreter Lepşa nannte Rumänien das letzte Land in Südosteuropa, das noch kein entsprechendes Gesetz besitze. Wortbeiträge Constantin Ticu Dumitrescu (parteilos) und Sorin Victor Lepşa (PNŢCD), Debatte in der rumänischen Abgeordnetenkammer am 11. Mai 1999, in: http://www.cdep.ro/pls/steno/steno.stenograma?ids=3441&idm=3&idl=1, ges. am 11. September 2013. 33 Wortbeitrag Mihai Drecin (Partei der Rumänischen Nationalen Einheit; Partidul Unităţii Naţionale Române, PUNR), Debatte in der rumänischen Abgeordnetenkammer am 11. Mai 1999, in: http://www.cdep.ro/pls/steno/steno.stenograma?ids=3441&idm=3&idl=1, ges. am 16. Juli 2013 und Wortbeitrag Gheorghe Dan Nicolae Ceauşescu (PNŢCD), Debatte in der rumänischen Abgeordnetenkammer am 20. Oktober 1999, in: http://www.cdep.ro/pls/steno/steno.stenograma?ids=4381&idm=3&idl=1, ges. am 11. September 2013. Revista 22 plus Nr. 74 vom 17. November 1998, S. 1 u. 3. In der Zeitschrift Revista 22 der GDS erschien im November 1998 die »Revista 22 plus« als Sondernummer zur Regelung von Archiven und Archivzugang in Europa mit mannigfaltigen Verweisen auf mögliche Referenzfälle für Rumänien. Die Autoren des genannten Artikels waren Dragoş Petres-cu, aktueller Präsident des CNSAS-Leitungsgremiums, sowie Cristina Petrescu. 34 Wortbeiträge George Şerban (PD) und Vasile Matei (unabhängig, bis Februar 1998 PUNR), Parlamentsdebatte am 18. Mai 1999, in: http://www.cdep.ro/pls/steno/steno.stenograma?ids=3501&idm=2&idl=1, ges. am 16. Juli 2013. 35 Siehe Adevărul vom 17. September 1997, S. 2 sowie vom 11. November 1997, S. 1. 36 Siehe Wortbeitrag Răzvan Dobrescu (PNŢCD), Debatte in der rumänischen Abgeordnetenkammer am 20. Oktober 1999, in: http://www.cdep.ro/pls/steno/steno.stenograma?ids=4381&idm=3&idl=1, ges. am 11. September 2013. 37 »Ofiţerii acoperiţi ai fostei Securităţi fac şi desfac jocurile politice şi economice« [Verdeckte Offiziere der ehemaligen Securitate treiben politische und ökonomische Spiele], Constantin Ticu Dumitrescu, interviewt von Ileana Lucaciu, România liberă vom 28. Oktober 1999, S. 2. 38 Siehe CNSAS: Raport de activitate privind anul 2011 [Tätigkeitsbericht für das Jahr 2011], Bukarest 2012, S. 47 u. 49. Im ersten Jahr der CNSAS-Tätigkeit umfasste das Budget des Rates umgerechnet knapp 2 Millionen Euro und erreichte in den Folgejahren bis zu umgerechnet beinahe 3,7 Millionen Euro. Seit 2009 verringerte sich das jährliche Budget, was der CNSAS scharf kritisiert. Alle jährlichen Tätigkeitsberichte des CNSAS sind einsehbar auf der Homepage des Rates, in: http://www.cnsas.ro/rapoarte.html, ges. am 16. Juli 2013. 39 Neun dieser elf Mitglieder werden dabei von den Fraktionen im Parlament gemäß deren Mehrheiten gewählt, je ein weiteres Mitglied wird durch Premier und Präsident ernannt. 40 »[...] în spiritul, şi nu în litera legii«, Revista 22 vom 4.–10. Januar 2000, S. 3 f., hier S. 3. Im Jahr 2006 wurde bei einer der mehrfachen Überarbeitungen des Gesetzes der Text schließlich dem angeblichen »Geiste des Gesetzes« angeglichen und für Mitglieder des Kollegiums nur noch während ihrer Amtszeit eine Parteimitgliedschaft ausgeschlossen. 41 So die Einschätzung von Gabriela Adameşteanu, GDS-Mitglied und Herausgeberin von Revista 22. Siehe BStU: Împovăraţi de moştenirea (Anm. 25), S. 93. 42 Ebd., S. 167. 43 Siehe Lege privind accesul la propriul dosar (Anm. 2), Art. 20 (1). 44 Gabriel Andreescu: Landesrat erweist sich als Mittel zur Verschleierung und nicht zur Enttarnung der Securitate. Das Gesetz 187/1999 und das erste Tätigkeitsjahr des Landesrats für die Einsichtnahme in die Unterlagen der ehemaligen Securitate (CNSAS), in: Halbjahresschrift für südosteuropä-ische Geschichte, Literatur und Politik 14 (2002), H. 1, S. 5–26, hier S. 15. 45 Der Nationale Rat zur Aufarbeitung der Securitate-Akten. Rumänien, in: BStU (Hg.): Das »Europäische Netzwerk der für die Geheimpolizeiakten zuständigen Behörden«. Ein Reader zu ihren gesetzlichen Grundlagen, Strukturen und Aufgaben, Berlin 2010, S. 62–73, hier S. 73. 46 Insgesamt kann aus den CNSAS-Jahresberichten geschlossen werden, dass im Zeitraum zwischen den Jahren 2000 und 2011 mindestens 28 530 Anträge auf Einsichtnahme in die Archivbestände des Rates gestellt wurden. Im Jahr 2010 erreichte die Antragszahl mit über 5180 Anträgen ihren bisherigen Höhepunkt. CNSAS: Raport de activitate privind anul 2010 [Tätigkeitsbericht für das Jahr 2010], Bukarest 2011, S. 37. 47 Eine äußerst kritische Bestandsaufnahme der damaligen Überprüfungsverfahren bietet Stan: Spies, files and lies (Anm. 15), S. 346–349. Die Autorin listet bezüglich der mangelhaften Verifizierungen in Zusammenhang mit den Wahlen der Jahre 2000 und 2004 auch konkrete Vorwürfe gegen den Rat auf, die nicht allein auf die ungünstige Dokumentenlage zurückzuführen waren. 48 So Cristian Tudor Popescu, der Chefredakteur der Zeitung »Adevărul« im Jahr 2001, siehe BStU: Împovăraţi de moştenirea (Anm. 25), S. 45. 49 So beispielsweise in der Präambel des Gesetzes von 1999: »organele securităţii statului, ca poliţie politica«. 50 Siehe Lege privind accesul la propriul dosar (Anm. 2), Art. 5. 51 Stan: Spies, files and lies (Anm. 15), S. 344. 52 So Gabriela Adameşteanu sowie die Mitglieder im ersten CNSAS-Leitungsgremium Mircea Dinescu und Andrei Pleşu, BStU: Împovăraţi de moştenirea (Anm. 25), S. 147, 154 f. u. 196. 53 Dagegen verliefen die Wahlen des gegenwärtigen CNSAS-Kollegiums im März 2012 offenbar ohne Skandale und Eskapaden. Das neue Leitungsgremium nahm umgehend seine Tätigkeit auf. 54 Die Mitglieder der präsidentiellen Kommission nahmen für die Erstellung ihres Abschlussberichts in die durch den CNSAS verwalteten Aktenbestände Einsicht. Mitarbeiter des Rates wirkten an der Arbeit der Kommission mit. 55 Decizia Nr. 51 din 31 ianuarie 2008 referitoare la excepţia de neconstituţionalitate a dispoziţiilor Legii nr.187/1999 privind accesul la propriul dosar şi deconspirarea poliţiei politice comuniste [Entscheidung Nr. 51 vom 31. Januar 2008 bezüglich der Verfassungswidrigkeit der Bestimmungen des Gesetzes Nr. 187/1999 bezüglich des Zugangs zum eigenen Dossier und der Enthüllung der kommunistischen politischen Polizei]. 56 Siehe Ziua vom 2.–3. Februar 2008, S. 5. 57 Siehe Interview der Verfasserin mit Virgiliu Ţârău, stellvertretender Vorsitzender des CNSAS-Kollegiums, 23. November 2011, Bukarest. 58 Siehe Centrul de Istorie Orală – C. N. S. A. S. [Zentrum für Oral History – CNSAS], in: http://www.cnsas.ro/documente/Centrul%20de%20istorie%20orala%20FINAL.pdf, ges. am 16. Juli 2013. 59 Der Nationale Rat (Anm. 45), S. 73. 60 Auch in Ungarn gestaltete sich der Prozess des Aktenzugangs vergleichsweise langwierig. Erst im Jahr 2003 wurde mit einem neuen Gesetz und der Gründung des Historischen Archivs der Staatssicherheitsdienste (Állambiztonsági Szolgálatok Történeti Levéltára, ÁBTL) als Nachfolgeeinrichtung des Historischen Amtes der Großteil der Akten zur Einsichtnahme freigegeben. Im Anschluss verzögerte sich jedoch auch die Aktenübergabe an das ÁBTL. 61 Dieser Kompetenzzuwachs des IPN rief in der politischen und öffentlichen Debatte in Polen gleichwohl auch deutliche Kritik hervor.

JHK 2014

Zur Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs: Welche Rolle spielte Stalin?

Gerhard Wettig

Stalins prinzipielle Einstellung zur Frage von Krieg und Frieden 1923 war das sowjetische Bemühen um Ausdehnung von Macht und System auf andere Länder gescheitert. Stalin ersetzte auf der 14. Parteikonferenz der Kommunistischen Allunions-Partei (VKP[b]) vom 27. bis 29. April 1925 Trockijs Konzept der »permanenten Revolution« durch das Bekenntnis zum »Sozialismus in einem Lande«. Damit gab er die Hoffnung auf, ein Revolutionsexport werde in naher Zukunft nicht nur die Gefahr der Liquidierung der UdSSR durch die – ihr weit überlegenen – auswärtigen Mächte beseitigen, sondern auch deren kapitalistisches Regime vernichten. Die Frage, wie der Sozialismus trotzdem durchzusetzen sei, beantwortete Stalin mit dem Rückgriff auf Lenin. Demnach erzeuge der Kapitalismus im aktuellen »imperialistischen« Stadium unter den Staaten zwangsläufig innere Konflikte. Diese »zwischenimperialistischen Widersprüche« hätten zum Ersten Weltkrieg und der daraus entstandenen sozialistischen Revolution in Russland geführt. Stalin erklärte, dieses Geschehen werde sich wiederholen. Die Gegensätze würden erneut heranreifen und ein weiteres Mal die imperialistischen Mächte in einen Weltkrieg treiben. Nachdem sie sich gegenseitig geschwächt und im Zuge der militärischen Anstrengungen das Proletariat ins Elend gestürzt hätten, werde dieses aufstehen und mithilfe der sowjetischen Klassenbrüder der Ursache der Not, dem Kapitalismus, ein Ende machen. Die Rote Armee, die in dieser Schlussphase zur Tat schreite, werde durch ihr Eingreifen den Sieg des Sozialismus gewährleisten.1 Schon unter Lenin hatte sich die UdSSR Konflikte der Außenwelt zunutze gemacht. Das Bemühen um den Export der Revolution war aber gescheitert. Nur die Schritte auf dem Feld der herkömmlichen zwischenstaatlichen Beziehungen waren erfolgreich gewesen. Der junge Sowjetstaat durchbrach 1922 seine anfängliche Isolation durch den Vertrag von Rapallo mit dem ebenfalls isolierten Deutschland. Eine wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit begann, die sich auch fortsetzte, als es der Regierung in Berlin Mitte der Zwanzigerjahre gelang, im Westen Anschluss zu finden. Stalin wollte an der Verbindung mit den Deutschen auch dann noch festhalten, als Hitler an die Macht kam, die Kommunisten verfolgte, gegen die Sowjetunion Position bezog und keine Rücksicht auf ihre Interessen nahm. Das lange fortgesetzte Bemühen um Beibehaltung der Kooperation blieb jedoch ohne Erfolg. Dies wurde endgültig klar, als Deutschland 1934 einen Nichtangriffspakt mit Polen schloss und damit den revisionistischen Kurs gegenüber diesem Land aufgab, der bis dahin eine wichtige Gemeinsamkeit mit der UdSSR gebildet hatte. Stalin befürchtete zudem einen Schulterschluss beider Länder gegen die Sowjetunion und versuchte, sich durch eine Verständigung mit den Westmächten dagegen abzusichern. Trotzdem vermied er den offenen Bruch mit Hitlers Reich – die Tür dorthin wollte er offenhalten. Interne Stellungnahmen lassen die Hoffnung auf Wiederherstellung des früheren Verhältnisses und den Wunsch nach Fortsetzung der Kooperation mit dem Deutschen Reich erkennen.2 Noch vor seiner Entscheidung, sich dem Westen anzunähern, analysierte Stalin auf dem XVII. Parteitag der VKP(b) am 26. Januar 1934 die Lage unter grundsätzlichen Aspekten und definierte die generellen Kriterien für seine Politik. Die kapitalistische Welt befinde sich in einer Krise. Daher seien »die Beziehungen zwischen den Ländern aufs Äußerste zugespitzt«, der »Boden für kriegerische Zusammenstöße geschaffen und der Krieg als Mittel zur Neuaufteilung der Welt und der Einflusssphären zugunsten der stärkeren Staaten auf die Tagesordnung gesetzt«. Man gehe »einem neuen imperialistischen Krieg entgegen, der als Ausweg aus der jetzigen Lage dienen soll«. Die Bourgeoisie wähle »den Weg des Krieges«, während »die Arbeiterklasse, die durch die vierjährige Krise und die Arbeitslosigkeit zur Verzweiflung gebracht ist, den Weg der Revolution« beschreite. Mithin reife »die revolutionäre Krise heran« und werde »weiter heranreifen«. Sie werde »umso schneller heranreifen, je mehr sich die Bourgeoisie in ihre Kriegskombinationen verstrickt«.3 Die beharrliche Zurückweisung Berlins nötigte Stalin, sich so eng wie möglich mit dem Westen zu verbinden. Am 2. Mai 1935 schloss er ein Bündnis mit Frankreich. Zwei Wochen später folgte ein Pakt mit der Tschechoslowakei (ČSR), der jedoch nur dann zum Beistand verpflichtete, wenn auch Paris militärische Hilfe leistete. Stalin rief auf dem VII. Weltkongress der Komintern vom 25. Juli bis 20. August 1935 die Kommunisten im Westen auf, zusammen mit den demokratischen Parteien eine »Volksfront« gegen den gemeinsamen faschistischen Feind zu bilden.4 Mit diesen Schritten wollte er sich nicht dauerhaft festlegen und ließ daher Molotov eine Alternativoption ausarbeiten, denn er ging davon aus, Hitler betreibe eine aggressive Politik. Dieser werde früher oder später die UdSSR benötigen, die dann für ihre Bereitschaft zur Unterstützung einen hohen Preis verlangen könne. Deshalb gingen der deutschen Seite wiederholt Hinweise zu, man wäre zur Zusammenarbeit bereit.5 Die UdSSR in der Sudetenkrise 1938 Als Hitler drei Jahre später Front gegen die ČSR machte, hatte sich das Kräfteverhältnis entscheidend verändert. Während die bewaffnete Macht Deutschlands außerordentlich gewachsen war, hatte die Stärke der Roten Armee aufgrund der Liquidierung fast aller höheren Kommandeure einen Tiefstand erreicht und damit die Fähigkeit eingebüßt, einer aktiven Außenpolitik Rückhalt zu bieten. Stalin war sich dessen bewusst und ließ es daher nicht auf einen Krieg ankommen, verbarg dies jedoch hinter markigen Versicherungen, zum bewaffneten Einsatz für die ČSR bereit zu sein. Vor der Verlegenheit, ernstlich mit dieser Frage konfrontiert zu werden, schützte die Klausel des Bündnisvertrags, welche die UdSSR nur dann zum Eingreifen verpflichtete, wenn auch Frankreich Hilfe leiste – ein Engagement, das man im Kreml für äußerst unwahrscheinlich hielt. Überdies hing der sowjetische Beistand von der Überquerung polnischen und/oder rumänischen Territoriums ab. Die Aufforderung an die Westmächte, dafür Genehmigungen in Warschau und Bukarest zu erwirken, ließ keinen Erfolg erwarten. Polen stand der UdSSR, die sich das Land 1920 mit militärischer Gewalt hatte einverleiben wollen, feindlich gegenüber, hatte 1934 mit Hitler einen Nichtangriffsvertrag geschlossen und erhob Anspruch auf das überwiegend von Polen bewohnte Teschener Gebiet der ČSR. Die rumänische Ablehnung war vor allem darauf zurückzuführen, dass Bessarabien, das früher Teil des Russischen Reiches gewesen war, nach sowjetischer Ansicht von Rechts wegen wieder dorthin gehörte. In Moskau war man zwar daran interessiert, dass die ČSR nicht in Hitlers Hände fiel und so dessen expandierende Macht nicht verstärkte, wollte sich aber unbedingt aus einem Krieg heraushalten. Deshalb entzog sich der Kreml den Aufforderungen aus Prag und Paris zu Gesprächen darüber, wie die Bündnispflichten militärisch zu konkretisieren seien. Bei der diplomatischen Erörterung der politischen Fragen blockierte die UdSSR die Übereinkunft mit der Forderung, ihre Truppen müssten, weil es keine gemeinsame Grenze mit der ČSR gebe, Zugang zu den dazwischen liegenden Gebieten haben, auch wenn die dortigen Regierungen dem nicht zustimmten. Als Länder, die das betreffe, nannte die sowjetische Seite nicht nur Polen und Rumänien, sondern auch die abseits gelegenen baltischen Staaten.6 Frankreich und Großbritannien, so hieß es weiter, müssten eine feste Haltung gegenüber Hitler einnehmen, denn nur die Bildung einer starken Gegenfront könne seine Aggressivität zügeln.7 Die Erkenntnis, nicht die zur Beteiligung an einer bewaffneten Auseinandersetzung nötige Stärke zu besitzen, schloss nicht aus, dass sich Stalin von einem Krieg Vorteile versprach, die über die Verhinderung des Machtzuwachses hinausgingen, die Hitler von einem Sieg erwarten konnte. Wenn sich nämlich die »zwischenimperialistischen Widersprüche« zum militärischen Kampf unter den kapitalistischen Staaten zuspitzten, mochte eine revolutionäre Lage entstehen, auch wenn die UdSSR vorerst nicht eingreifen konnte. Daher erscheinen die – nur teilweise sicher belegten – Berichte glaubwürdig, denen zufolge die sowjetische Seite die Genossen in der ČSR dazu aufforderte, einen Kompromiss ihrer Regierung mit Hitler zu verhindern, und ihnen dabei in Aussicht stellte, dass es zu einer heftigen Entladung der bestehenden Spannungen komme, die eine kommunistische Offensive in Europa ermöglichen würde. Sie sollten daher im Kampf gegen den faschistischen Aggressor die zu erwartende wirtschaftliche und politische Krise zur Mobilisierung der Massen nutzen und auf diese Weise in ihrem Land die Beseitigung des Kapitalismus vorantreiben.8 Die für sowjetische Militärs bestimmte Zeitschrift Voennaja mysl’ argumentierte ähnlich. Den Briten und Franzosen wurde Untätigkeit vorgeworfen, was die Hilfe für die ČSR betraf. Sie hätten Angst, sich gegen Hitler zu wenden, weil ein Krieg zu Aktionen der arbeitenden Massen führe mit der Folge, dass die herrschenden Klassen zur Kapitulation genötigt würden. Die Revolutionen, die der imperialistische Krieg von 1914 bis 1918 in einigen europäischen Ländern hervorgebracht habe, seien den bürgerlichen Führern in London und Paris noch frisch im Gedächtnis. Deshalb wolle der britische Premierminister Chamberlain den Krieg vermeiden. Österreich und die ČSR seien der Preis, den er für den Status quo der bürgerlichen Herrschaft in der Welt zu zahlen bereit sei. Der Ausgang der Krise lasse sich noch nicht genau vorhersehen, doch würden die Franzosen und Briten mit ihrem Verhalten die sozialistischen Revolutionen herbeiführen, die sie so sehr scheuten. Sie würden irgendwann erkennen, dass ihre Politik die Selbstzerstörung zur Folge habe, und sich um die Hilfe der UdSSR als »mächtigste[r] Friedensmacht« bemühen. Sie stünden dann vor der Wahl, entweder ein politisches Bündnis mit ihr zu schließen, um Druck auf das Hitlerreich zur Erzielung einer für sie vorteilhaften Übereinkunft auszuüben, oder immerfort nachgeben zu müssen, was die Forderungen des deutschen Führers erhöhen würde. In beiden Fällen werde es zum Krieg kommen, der als Kampf gegen den Nationalsozialismus beginne und mit einer Serie kommunistischer Revolutionen ende.9 Frankreich war zu militärischer Hilfe für die verbündete ČSR nur dann bereit, wenn sich der britische Partner beteiligte. Daher hatte dessen Haltung zentrale Bedeutung. In London hatte man aber viel Verständnis für das Verlangen der deutschen Minderheit in der ČSR nach nationaler Selbstbestimmung, nachdem sie 1919 gegen ihren ausdrücklichen Willen von den Siegern im Ersten Weltkrieg dem tschechoslowakischen Nationalstaat einverleibt worden war. Es wurde verkannt, dass es Hitler nicht um nationale Ziele, sondern um imperialistische Expansion durch Unterwerfung der gesamten ČSR ging. Die aggressive Aktivität Berlins rief zwar Ablehnung hervor, änderte aber die grundlegende Einschätzung nicht. Die Kriegsscheu der westlichen Öffentlichkeit bestärkte ebenso wie das Urteil der französischen Militärs, man könne die ČSR im Kriegsfall nicht retten, den Willen in London und Paris, sich um ein friedliches Einvernehmen mit der deutschen Seite zu bemühen. Nachdem man die Besetzung des entmilitarisierten Rheinlands und den »Anschluss« Österreichs widerstandslos hingenommen hatte und vom NS-Regime mit forcierter Aufrüstung und dem Bau des Westwalls konfrontiert worden war, erschien es – zumal angesichts der defensiven Ausrichtung der französischen Armee und der feindlichen Haltung Polens gegenüber der ČSR – als das Beste, Hitler entgegenzukommen und im Zusammenwirken mit ihm die Neuordnung Europas vermeintlich langfristig zu sichern.10 Die britische Regierung ließ die zahlreichen – für die deutschen Informanten mit höchstem Risiko verbundenen – Mitteilungen darüber außer Betracht, dass in Berlin maßgebliche Militärs sowie der Staatssekretär im Auswärtigen Amt den Krieg verhindern wollten. Sie beschworen die Politiker in London, Entschlossenheit zur Abwehr der Aggression zu bekunden, um Hitler klarzumachen, er könne sich einen Angriff auf die ČSR nicht leisten. Auch als sich die Regierungsgegner zum Widerstand und zum Sturz des deutschen Diktators bereit zeigten, ging die britische Seite nicht darauf ein. Sie wollte kein Kriegsrisiko um einer Sache willen herbeiführen, die unsicher erschien, fühlte sich zudem an die üblichen Regeln des zwischenstaatlichen Umgangs gebunden und war der Ansicht, dass Patrioten sich prinzipiell mit ihrem Land zu identifizieren hätten. Sie verstand nicht, dass die traditionellen Wertmaßstäbe keine geeignete Richtschnur für die Auseinandersetzung mit Hitler waren. Die Kriegsgegner an der Spitze der Wehrmacht wurden von wichtigen Truppenkommandeuren und dem Polizeipräsidenten von Berlin unterstützt und wollten losschlagen, sobald der Befehl zum Kampf erfolge. Als sie darauf warteten, ließen die Westmächte jedoch die ČSR fallen und einigten sich mit Hitler.11 Aus dessen Sicht war es ein Entgegenkommen, dass er auf das militärische Vorgehen und die Unterwerfung der gesamten ČSR verzichtete. Weil er nicht zugleich gegen Feinde im Westen kämpfen wollte, begnügte er sich zunächst mit der Annexion des Sudetenlandes. Der Umstand, dass er sich dazu genötigt gesehen hatte einzulenken, blieb der Öffentlichkeit verborgen. Er stand als der strahlende Sieger da, der sich wieder einmal gegen alle Widerstände durchgesetzt hatte. Mit seinem – wie es schien – herausragenden Geschick hatte er die Warner Lügen gestraft und Zeit gewonnen, um sich auf die nächste Aggression vorzubereiten, der dann keine Hemmnisse mehr entgegenstehen würden. Die letzte Chance zur Verhinderung des Krieges war vertan. Währenddessen glaubte Chamberlain, durch das Eingehen auf ein national begründetes Verlangen »den Frieden in unserer Zeit« gerettet und damit den Grundstein für eine dauerhafte Neuordnung Europas gelegt zu haben. Das Münchener Abkommen vom 29. September 1938, dem sich Präsident Beneš entgegen dem Votum seiner Militärs widerstandslos fügte, verbesserte die Voraussetzungen für Hitlers weitere Expansionspläne erheblich. Die ČSR verlor, als sie das Sudetenland abtrat, damit zugleich ihre geografischen Verteidigungspositionen und war fortan dem totalen Zugriff ausgeliefert. Sie fiel nun nicht nur als Machtfaktor aus, sondern war auch mit ihrer hoch entwickelten Rüstungsindustrie von entscheidender Bedeutung, die das NS-Regime für seine Zwecke ausnutzte. Schon bald, am 25. Oktober 1938, ließ Hitler Vorbereitungen für einen weiteren Krieg, diesmal gegen die Westmächte, einleiten. In Anbetracht der Tatsache, dass es dazu großer Anstrengungen bedurfte, rechnete er mit einer Reihe von Jahren bis zur Verwirklichung des Vorhabens. Nach seinen Überlegungen sollte Polen ihm den Rücken für den Westfeldzug freihalten und benötigte Lieferungen gewährleisten. Schon bei den ersten Gesprächen zeigte sich allerdings, dass man in Warschau wenig Neigung hatte, die vorgesehene Rolle des abhängigen Juniorpartners zu übernehmen.12 Sowjetische Suche nach Neuorientierung Stalin war aufgebracht, weil die Westmächte nicht bereit gewesen waren, für die ČSR zu kämpfen. Durch ihr Zurückweichen hatte sich das Kräfteverhältnis in Europa zu Hitlers Gunsten verändert, der Krieg zwischen den kapitalistischen Staaten war nicht ausgebrochen, und die UdSSR war international isoliert. Das schrieb er der Angst der Westmächte vor der Revolution zu. Von ihnen versprach er sich nichts mehr und suchte den »antifaschistischen« Kurs durch den Schulterschluss mit Hitler zu ersetzen. Wenn er diesen ermutigte, konnte er am ehesten auf einen militärischen Konflikt zwischen den auswärtigen Mächten hoffen.13 Bislang war jedoch auf deutscher Seite keine Neigung zum Zusammengehen zu erkennen. Trotzdem hielt Stalin an seinem Konzept fest. Zwei Tage nach dem Münchener Abkommen erklärte er intern, die Bolschewiki müssten den »Unterschied« »zwischen unterschiedlichen Kriegen« erkennen und »unter bestimmten Bedingungen« mit dem Angriff beginnen. Lenin habe »direkt gesagt, dass das Proletariat, wenn es in einem Land die Macht ergriffen und den sozialistischen Staat organisiert hat, durch die Macht der Umstände gezwungen sein wird, einen Feldzug gegen die anderen zurückgebliebenen, reaktionären kapitalistischen Staaten zu unternehmen, um dem Proletariat dieser Staaten zu helfen, sich von der Bourgeoisie zu befreien.«14 Zunächst aber ging es darum, die Gefahr zu bannen, die mit der internationalen Isolation entstanden war. Dabei ließ Stalin Skepsis gegenüber den Briten und Franzosen erkennen, deren Kurs das Regierungsorgan Izvestija sarkastisch »Friedenspolitik« nannte. Um die Bedrohung zu verschleiern, die durch die westliche Abkehr vom Widerstand gegen Hitler entstanden war, hieß es in Moskau öffentlich, das nächste Aggressionsopfer werde Polen sein – also nicht das eigene Land, wie man intern befürchtete, sondern der Staat, der bislang mit dem Deutschen Reich kooperierte und eine antisowjetische Haltung einnahm. Als Hitler von den Briten und Franzosen die Rückgabe der Kolonien forderte, war man im Kreml erleichtert und erklärte der Öffentlichkeit, jetzt beginne eine neue, gegen den Westen gerichtete Phase der Aggression. Der Faschismus sei zwar voller Hass gegen die Sowjetunion, wende sich aber jetzt gegen kapitalistische Länder. Diese stünden vor der Frage, ob sie fatalistisch ihr Schicksal erwarten oder sich doch noch zur Abwehr aufraffen wollten. Im letzteren Fall benötigten sie Moskauer Hilfe, durften also die UdSSR nicht länger ignorieren. Als das in London und Paris keinen Eindruck machte, deutete der Kreml an, er könne sich auch mit Berlin in Verbindung setzen.15 Zwar lotete Stalin mehrere Optionen aus, gab aber der Kooperation mit Deutschland den Vorzug und ließ in Berlin sondieren, ob man sich nicht verständigen könne. Dahinter stand die Hoffnung, Hitler lasse sich zur Wendung gegen Polen bewegen. Deshalb lockte er mit »Freundschaft«, die »mit Blut besiegelt« werden solle, verzichtete einseitig auf jede Polemik und bemühte sich um Verhandlungen. Das Motiv war – außer der Frustration über die westliche Politik – das Kalkül, dass sich Hitler mit einem Angriff auf Polen von sowjetischer Mitwirkung abhängig machen würde.16 Am 10. März 1939 wandte sich Stalin auf dem XVIII. Parteitag der VKP(b) unverkennbar gegen die Westmächte. Sie hätten die »Politik der kollektiven Sicherheit« aufgegeben und wollten Deutschland zum Krieg gegen die Sowjetunion anstacheln. Ihre Politik, die Dinge sich selbst zu überlassen, nannte er ein »gefährliches Spiel«. Sie waren auch gemeint, als er vor »Kriegsprovokateuren« warnte, »die es gewohnt sind, sich von anderen die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen«. Ihnen dürfe man nicht erlauben, »unser Land in Konflikte hineinzuziehen«. Dagegen blieb die deutsche Seite von Kritik verschont. Das Angebot »geschäftsmäßiger« Beziehungen an alle Staaten war faktisch an sie gerichtet.17 Molotov, der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare und Stalins außenpolitischer Berater, fasste die »Möglichkeit anderer, nichtfeindlicher, gutnachbarlicher Beziehungen zwischen Deutschland und der UdSSR« ins Auge.18 Westliches Bemühen um Zusammenarbeit gegen Hitler Kurz danach kam ohne Stalins Zutun eine Entwicklung in Gang, welche die internationale Szene grundlegend veränderte. Am 15. März 1939 ließ Hitler seine Truppen in die »Rest-Tschechei« einmarschieren. Die sowjetische Führung war nicht überrascht.19 In London und Paris sah man bestürzt, dass man bislang von falschen Voraussetzungen ausgegangen war: Hitler verfolgte nicht nationale Interessen, sondern imperialistische Machtziele. Chamberlain antwortete am 31. März mit einer Garantie-Erklärung für Polen als mutmaßlich nächstem Aggressionsopfer. Vor allem nach französischer Einschätzung war ein bedrohlicher deutscher Machtzuwachs eingetreten, der Gegenschritte erforderte. Im Einvernehmen mit den Briten beschloss die Regierung, einen Gegenblock zu bilden, beschleunigt aufzurüsten und außer Polen auch noch Rumänien und Griechenland Garantien zu geben für den Fall, dass sie von Deutschland angegriffen würden.20 Etwa gleichzeitig sah sich Hitler durch die Weigerung Polens, die Rolle des von Deutschland abhängigen Juniorpartners zu spielen, daran gehindert, das Vorhaben des Krieges gegen die Westmächte weiter zu verfolgen. Er kündigte am 28. April den Nichtangriffsvertrag mit Warschau. Intern erläuterte er, die ablehnende Haltung der Polen gegenüber der angebotenen Zusammenarbeit lasse keine andere Wahl, als sie »bei erster passender Gelegenheit« anzugreifen.21 Anders als die Westmächte erwartet hatten, ließ sich Hitler durch die Garantie für Polen nicht abschrecken. Er wandte sich vielmehr gegen das Land, das dadurch geschützt werden sollte. Dadurch gerieten sie in eine missliche Lage. Mit der Schutzzusage hatten die Westmächte die Konfliktkontrolle aus der Hand gegeben, denn sie waren nun zur unbedingten Verteidigung Polens verpflichtet, wie immer es sich verhalten würde, und mussten so für die Konsequenzen einer Politik einstehen, die sie nicht bestimmten. Zudem standen sie wie im Vorjahr vor dem Problem, wie sie dem bedrohten Land, das von ihnen durch deutsches Gebiet getrennt war, wirksam beistehen könnten. Dazu bedurfte es sowjetischer Mithilfe. Andernfalls konnten die Westmächte nur versuchen, Polen durch energische Angriffe von Frankreich zu entlasten, und hoffen, dass diese zum Sieg führten, ehe der polnische Widerstand erlahmte. Aber eine solche Offensive kam wegen der Ausrichtung der französischen Armee auf Defensivoperationen kaum in Betracht. Demnach konnten sie das Land nur dann vor der deutschen Eroberung schützen, wenn sie Stalin dazu bewegen konnten, ebenfalls für dessen Unabhängigkeit und Integrität einzutreten. Von ihm, dem Feind Polens, hing es also ab, ob das militärische Engagement der Westmächte dem bedrohten Land im Kriegsfall wirklich half oder nur der eigenen Glaubwürdigkeit diente, indem die gegebene Zusage eingehalten wurde. Frankreich war zwar mit der UdSSR verbündet, traute ihr aber nach den Erfahrungen der Volksfront-Zeit nicht. Zugleich war man allgemein der Ansicht, die UdSSR sei nach der physischen Ausschaltung fast der gesamten militärischen Führung durch Stalin kaum mehr zur Führung eines Krieges in der Lage. Daher wurde von Anfang an nicht erwartet, dass die UdSSR Deutschland von Osten her angreifen könnte. Wichtig schien nur, dass sie sich der politischen Abwehrfront anschloss oder zumindest ihre Neutralität zusicherte.22 Diesbezüglich war man in London und Paris recht zuversichtlich, weil man den Gegensatz zwischen der UdSSR und Nazi-Deutschland für unveränderlich hielt. Demnach musste Stalin daran interessiert sein, Polen vor einer Eroberung zu schützen. Die jahrhundertealte russisch-polnische Feindschaft und die Umsturzabsichten des Kremls blieben dabei außer Betracht. In Warschau freilich war man sich dessen sehr wohl bewusst. Man fürchtete die Rote Armee und wollte sie auf keinen Fall ins Land lassen. Das westliche Bemühen um sowjetische Hilfe stieß auf heftige Ablehnung. Zugleich fehlte es an Überlegungen, wie man der bedrängten Lage zwischen Hitlers Reich und der UdSSR entgehen könnte. Man verließ sich darauf, dass die sowjetischen Streitkräfte schwach seien und dass die eigene Militärmacht die Stellungen gegen die Wehrmacht wenigstens so lange halten könne, bis diese an der Westfront in Not gerate. Ganz anders lauteten die Einschätzungen in Berlin und Moskau. Beide Seiten gingen von einem raschen Zusammenbruch der polnischen Verteidigung aus. Im Einvernehmen mit London, nicht aber mit Warschau und Bukarest sprach die französische Seite in Moskau unter Hinweis auf die Konsultationsklauseln im Bündnisvertrag von 1935 die Frage der möglichen Unterstützung für Polen und Rumänien an, falls diese in einen Krieg mit Deutschland gerieten. Nach britischer Ansicht sollte die UdSSR auch für die baltischen Staaten und Finnland eintreten. Die sowjetische Antwort war der Vorschlag eines fünf- oder zehnjährigen Drei-Mächte-Pakts mit fester Verpflichtung zu gegenseitigem Beistand und mit entsprechenden militärischen Vereinbarungen. Zugleich wurde eine gemeinsame Garantie für den Schutz aller Länder von Finnland bis zum Schwarzen Meer vor deutscher Aggression verlangt. Ihnen sei auf jede Weise Hilfe zu gewähren; die Entscheidung über deren Art und Umfang würde der sie jeweils unterstützenden Seite – unausgesprochen also der regional präsenten UdSSR – überlassen sein. Stalin rechnete nicht mit der Annahme des Vorschlags. Ihm ging es um ein Alibi, denn er wollte sich nicht auf den »Kampf gegen den Faschismus« festlegen.23 Seine Präferenz für die Verständigung mit Hitler zeigte sich, als er am 3. Mai Außenkommissar Litvinov, der mit den Westmächten kooperiert hatte, durch Molotov, den Exponenten der »deutschen Linie«, ersetzte. Nach dem sowjetischen Vorschlag sollten die Westmächte nicht nur gegebenenfalls der UdSSR gegen Deutschland Beistand leisten, sondern von vornherein auch jedes Vorgehen des Kremls gegenüber den osteuropäischen Staaten akzeptieren. Beides kam für Paris und London nicht in Betracht. Auf Stalins Geheiß hielt Molotov aber uneingeschränkt an dem Verlangen fest. Als die westliche Seite trotzdem weiterverhandelte, kam es zu ausgedehnten Auseinandersetzungen. Strittig waren vor allem die sowjetischen Forderungen nach Durchmarschrechten ohne Zustimmung des betreffenden Landes, nach einem davon ebenfalls unabhängigen Charakter der Garantien und nach deren Geltung auch für den Fall einer »indirekten Aggression« Deutschlands. Was darunter zu verstehen sei, ließ Molotov offen. Aus den folgenden Erörterungen ergab sich der Eindruck, dass damit alle aus Moskauer Sicht unerwünschten innenpolitischen Veränderungen gemeint waren. Auch wollte sich Moskau bei seinem Vorgehen weder an die Normen des Völkerbunds binden noch den Vollzug der Garantien für die baltischen Staaten auf irgendeine Weise mit den Westmächten abstimmen. Insgesamt ging es offenbar darum, die UdSSR in Osteuropa zu Eingriffen nach freiem Ermessen zu ermächtigen. Damit waren die Verhandlungspartner nicht einverstanden.24 Ihre Ablehnung quittierte Molotov mit dem Vorwurf, sie wollten nur endlos reden und seien an konkreten Ergebnissen nicht interessiert. Zugleich vermied er jede Kritik an Deutschland und erklärte, diesem stehe die Tür jederzeit offen.25 Er machte nirgendwo Abstriche und sorgte mit weiteren Forderungen für zusätzliche Schwierigkeiten, etwa mit dem Verlangen nach Verzicht auf die Option eines separaten Waffenstillstands oder Friedens. Die Westmächte hielten den Abschluss eines Bündnisses mit der UdSSR trotzdem für das geringere Übel im Vergleich zu der Gefahr, die von Hitler ausging, und waren daher nach langem Hin und Her zu Zugeständnissen bereit. So erkannten sie das sowjetische Interesse an den baltischen Staaten an, obwohl sich dort das Durchmarschproblem nicht stellte, und erklärten sich damit einverstanden, dass militärische Aktionen auch gegen den Willen des betroffenen Landes durchgeführt würden. Molotov bemängelte daraufhin, dass sie den Fall einer indirekten Aggression nicht berücksichtigten. Das dafür angeführte Beispiel einer Kabinettsumbildung führte zu der Antwort, von einer Aggression könne nur die Rede sein, wenn dieser Kurswechsel mittels Gewalt erfolge. Der Kreml lehnte diese Einschränkung ab und verlangte, die Frage der Garantien für die Länder der Zwischenzone müsse unbedingt geregelt werden.26 Diese Streitpunkte waren nicht das einzige Problem, das der Übereinkunft im Wege stand. Die sowjetische Seite machte den Bündnisvertrag auch vom Abschluss einer ins Einzelne gehenden Militärkonvention abhängig. Das Aushandeln von deren Details benötigte Zeit und machte damit ein baldiges Ergebnis illusorisch. Als die Westmächte schließlich darauf eingingen, aber nicht die gewünschten hochrangigen Unterhändler nach Moskau schickten, wurde ihnen fehlende Ernsthaftigkeit vorgeworfen. In den anschließenden Verhandlungen, die parallel zur Einleitung der Übereinkunft mit den Deutschen stattfanden, forderte die UdSSR unter anderem das Recht zur Besetzung der baltischen Häfen und Inseln im Kriegsfall.27 Als der Abschluss des Pakts mit Hitler endgültig feststand, beendete der Kreml die Gespräche abrupt: Verteidigungskommissar Kliment Vorošilov erhielt während einer Zusammenkunft mit den westlichen Militärs einen Zettel mit dem Hinweis: »Klim! Koba [Deckname für Stalin] sagt, du sollst mit diesem Quatsch Schluss machen!« Daraufhin schloss er sofort die Sitzung.28 Nach dem Urteil von Aleksandr Čubar’jan waren die Bemühungen der Westmächte von vornherein zum Scheitern verurteilt, denn die Sowjetunion war kaum zu Vereinbarungen bereit, die mögliche Operationen gegen Deutschland konkret vorsahen, mit dem sie schon vor dem Pakt aktive wirtschaftliche und kommerzielle Kontakte hatte. Das »Eiltempo«, das dann die Verhandlungen mit Hitler bestimmte, lässt erkennen, wie anders Stalin sein Interesse in diesem Fall beurteilte, das ihn weit gespannte Ziele ohne militärischen Einsatz erreichen ließ.29 Der Weg zum Hitler-Stalin-Pakt Stalin war schon im April darüber informiert, dass Hitler die Polenfrage militärisch lösen wollte. Das hatte ihn darin bestärkt, sich von den Westmächten keinesfalls in einen Krieg gegen Deutschland hineinziehen zu lassen. Der sowjetische Geschäftsträger in Berlin sagte am 17. Mai einem leitenden Beamten des Auswärtigen Amtes, es gebe wechselseitig keine Gegensätze, also auch keine Gegnerschaft. Da sich aber die UdSSR von Deutschland bedroht fühle, sei es Sache der Reichsregierung, ihr dieses Gefühl zu nehmen. Am 20. Mai erklärte Molotov dem deutschen Botschafter in Moskau, man solle doch darüber nachdenken, wie sich der Erfolg der – bislang unentschlossen geführten – Gespräche über wirtschaftliche Fragen durch eine politische Grundlage gewährleisten lasse. Mehr als zwei Monate lang kam aus Berlin keine Antwort.30 Im Kreml war bekannt, dass die deutschen Militärs nach der Erfahrung der Niederlage im Ersten Weltkrieg keinesfalls einen Zwei-Fronten-Krieg riskieren wollten.31 Folglich musste sich Hitler darüber klar sein, dass er in einem Krieg gegen Polen die Zusage der UdSSR brauchte, nicht gegen ihn zu kämpfen. Nur dann würde die Wehrmacht nach dem erwarteten raschen Sieg über Polen sich nur noch an einer Front, im Westen, zu engagieren haben. Auch benötigte er wegen der schmalen Rohstoff- und Lebensmittelbasis seines Reiches Importe aus dem Ausland. Wenn die Briten erst einmal eine Seeblockade verhängt hätten, kam vor allem die Sowjetunion als Lieferant in Betracht. Für Stalin bot die Zusammenarbeit mit Hitler nicht nur die Möglichkeit, Herrschaft und System auf andere Länder auszudehnen, sondern ließ auch den Ausbruch eines Krieges zwischen den kapitalistischen Mächten erwarten, welcher der Revolution in Europa insgesamt zum Sieg verhelfen sollte. Die UdSSR würde zunächst Zuschauer sein und zuletzt mit ihrem Gewicht die Entscheidung herbeiführen.32 Erst Ende Juli 1939 zeigte man in Berlin Interesse an Verhandlungen mit der UdSSR. Molotov reagierte sofort positiv. Stalin rechnete damit, dass Hitler – anders als die westlichen Regierungen – ihm in Osteuropa, vor allem im Baltikum, freie Hand lassen würde.33 Er ließ diesen am 12. August darüber unterrichten, er sei zur Diskussion nicht nur wirtschaftlicher Fragen, sondern auch des Polenproblems und früherer politischer Verträge bereit. Hitler bekundete rasch Interesse an einer ernstlichen Verbesserung der Beziehungen und schickte Außenminister Joachim von Ribbentrop zu Verhandlungen nach Moskau. Dieser warnte nach seiner Ankunft die UdSSR vor einem Militärbündnis mit dem Westen, das sie in einen Krieg mit Deutschland hineinziehen würde. Diese Gefahr lasse sich durch Verständigung mit Berlin abwenden. Über alle territorialen Fragen zwischen dem Schwarzen Meer und der Ostsee könne man sich ohne Mühe einigen. Das entsprach Stalins Wünschen: Sicherheit vor deutscher Aggression, Neutralität im kommenden Krieg und die Möglichkeit zur Expansion nach Osteuropa. Molotov stimmte dem Abschluss eines derartigen Nichtangriffsvertrags zu.34 Der am 16. August unterbreitete deutsche Entwurf, der 25 Jahre lang unkündbare Verpflichtungen vorsah, fand sofort grundsätzliche Billigung. Das Einvernehmen wurde am 19. August durch ein Wirtschaftsabkommen über kriegswichtige Rohstofflieferungen an Deutschland und die Gewährung von Krediten an die UdSSR bekräftigt. Im Regierungsorgan Izvestija war die Rede vom »Wendepunkt« im beiderseitigen Verhältnis. Der politische Vertrag solle bald folgen.35 Noch am gleichen Tag legte Molotov den im Kreml vorbereiteten Entwurf des Nichtangriffspakts vor, der Hitlers Wünschen voll entsprach: uneingeschränkte sowjetische Neutralität, die den Deutschen das Vorgehen gegen Polen gestatten würde, und eine Definition des Nichtangriffs, die den wechselseitigen Handel gewährleistete und jedes Zusammenwirken mit anderen Staaten gegen den Vertragspartner ausschloss. Dieser Pakt sollte nur in Kraft treten, wenn zugleich ein gesondertes Protokoll zu außenpolitischen Fragen – gemeint waren Regelungen in Bezug auf die Länder der Zwischenzone – unterzeichnet würde.36 Hitler hatte den 1. September als Angriffstermin ins Auge gefasst. Deswegen ging man im Kreml auf den deutschen Wunsch ein, die abschließenden Verhandlungen schon etwas früher als zunächst geplant, am 23. August, zu führen und am Abend zu beenden. Wegen einer territorialen Nachforderung Stalins, die eine Rückfrage bei Hitler in Berlin nötig machte, wurde der Nichtangriffsvertrag erst am frühen Morgen des nächsten Tages unterzeichnet, doch blieb der 23. August das amtliche Datum. Im beigefügten Geheimen Zusatzprotokoll wurden der UdSSR Lettland, Estland und Finnland sowie das rumänische Bessarabien als Interessensphären zugesprochen, während Deutschland Litauen einschließlich der bislang zu Polen gehörenden Stadt Wilna erhalten sollte. Zugleich vereinbarte man eine Teilung Polens entlang der Flüsse Narew, Weichsel und San.37 Der am 28. September nach dem Sieg der Wehrmacht über Polen und der Besetzung seiner Ostgebiete durch die Rote Armee abgeschlossene Grenz- und Freundschaftsvertrag zwischen der UdSSR und dem Deutschen Reich bestimmte davon abweichend, dass die deutsche Seite das polnische Kerngebiet bis zum Fluss Bug in Besitz nahm und die Sowjetunion Litauen mit Ausnahme eines kleinen, Ostpreußen angegliederten Teils erhielt.38 Der Hitler-Stalin-Pakt schockierte die Kommunisten im Ausland. Sie waren auf den »Kampf gegen den Faschismus« eingeschworen und hatten ihn – aus ideologischem Motiv und angesichts der Verfolgung der Genossen durch das NS-Regime – mit voller Überzeugung geführt. Jetzt aber stand die UdSSR im Bund mit dem Erzfeind und trat bei der Beurteilung der internationalen Lage für ihn gegen die Westmächte ein.39 Das führte zu einer schweren Vertrauenskrise; Stalin erschien vielen als Verräter an der sozialistischen Sache. Es bedurfte einer längeren Zeit, bis es dem Kreml gelang, die auswärtigen Parteien auf seine Linie zu bringen.40 Wie Stalin seine Motive für den Pakt mit Hitler intern erklärte Nach einem Bericht, dessen Authentizität zweifelhaft ist, dessen Inhalt aber mit allen folgenden Stellungnahmen voll übereinstimmt,41 legte Stalin seine Beweggründe erstmals auf einer Sitzung des Politbüros am 19. August 1939 dar. Demnach war die Frage von »Krieg oder Frieden in ein kritisches Stadium getreten« und hing vollständig »von der Haltung der Sowjetunion« ab. Schließe man stattdessen einen »Bündnisvertrag mit Frankreich und England«, wäre »Deutschland genötigt, vor Polen zurückzuweichen und mit den Westmächten einen modus vivendi zu suchen«. Dann könnte »der Krieg vermieden werden«, doch »die spätere Entwicklung der Dinge« würde für die UdSSR »einen gefährlichen Charakter annehmen«. Der »Nichtangriffspakt mit Deutschland« dagegen veranlasse es mit Gewissheit zum Angriff auf Polen und führe den Kriegseintritt Frankreichs und Englands herbei. Dann habe man gute »Aussichten, abseits des Konflikts zu bleiben«, und könne abwarten. Nach diesem Bericht, der zwar nicht sicher zu belegen ist, aber angesichts seines mit allen Informationen übereinstimmenden Inhalts plausibel erscheint, hielt es Stalin für vorteilhaft, dass Polen am Boden liegen werde, ehe ihm die Westmächte zu Hilfe kommen könnten. Zudem überlasse Deutschland der UdSSR einen Teil Polens, räume ihr im Baltikum volle Handlungsfreiheit ein, sei mit der »Rückkehr Bessarabiens nach Russland« einverstanden und stimme zu, dass Rumänien, Bulgarien und Ungarn sowjetische Einflusszonen würden.42 Völlig unstrittig ist die Authentizität der Ausführungen, die Stalin am 7. September 1939 im Beisein von Molotov und Ždanov vor leitenden Komintern-Funktionären machte. Der begonnene Krieg, so erklärte er, werde »zwischen zwei Gruppen von kapitalistischen Staaten geführt«. Auf sowjetischer Seite habe man »nichts dagegen, dass sie kräftig aufeinander einschlagen und sich schwächen«. Es wäre »[n]icht schlecht, wenn Deutschland die Lage der reichsten kapitalistischen Länder (vor allem Englands) ins Wanken brächte«. »[O]hne es zu verstehen und zu wollen«, zerrütte und untergrabe Hitler das kapitalistische System. Die UdSSR könne »manövrieren, eine Seite gegen die andere aufbringen, damit sie sich noch stärker in die Haare kriegen«. Stalin legte weiterhin dar, wie sich die »Kommunisten der kapitalistischen Länder« zu verhalten hätten. »Bis zum Krieg« sei es »völlig richtig« gewesen, »dem Faschismus das demokratische Regime [im Westen] entgegenzusetzen.« Das sei aber »[w]ährend des Krieges zwischen den imperialistischen Mächten« inzwischen »nicht mehr richtig«. Nachdem früher die »Einheitsvolksfront« (in westlichen Ländern) dazu gedient habe, »die Lage der Sklaven im kapitalistischen Regime zu erleichtern«, stelle sich »[u]nter den Bedingungen des imperialistischen Krieges« nunmehr »die Frage nach der Vernichtung der Sklaverei«. Stalin begründete ebenfalls sein Vorhaben, Polen zu beseitigen und zu teilen. Dieses Land sei heute »ein faschistischer Staat, der Ukrainer, Weißrussen usw. knechtet«. Seine Vernichtung »würde einen bourgeoisen faschistischen Staat weniger bedeuten«. Und was sei denn »Schlechtes daran, wenn wir im Ergebnis der Zerschlagung Polens das sozialistische System auf neue Territorien und die Bevölkerung ausdehnen«.43 Auf Befehl Stalins formulierte das Exekutivkomitee der Komintern eine Instruktion an die kommunistischen Parteien im Ausland. Darin hieß es zwar, dass der derzeitige Krieg »ein imperialistischer, ungerechter Krieg« sei, »an dem die Bourgeoisie aller kriegführenden Staaten gleich schuldig« sei, und dass dieser Krieg daher nirgends unterstützt werden dürfe. Faktisch jedoch kam diese Stellungnahme Hitler zugute, denn nur in den westlichen Ländern konnten die Kommunisten politisch agieren, und so beeinflusste ihre Kriegsgegnerschaft nur dort die innenpolitische Situation. Den Kommunisten im Westen wurde zudem erklärt, ihre Staaten kämpften »nicht gegen den Faschismus«, wie »Chamberlain und die Führer der Sozialdemokratie behaupten«. Die UdSSR habe gegen den Kurs des Münchener Abkommens Position bezogen, um »eine wirkliche antifaschistische Front mit Teilnahme der Sowjetunion« zu schaffen, »aber die Bourgeoisie Englands und Frankreichs« habe »die Sowjetunion zurückgestoßen, um einen räuberischen Krieg zu führen«. Weiter hieß es, die »internationale Arbeiterklasse« könne »in keinem Fall das faschistische Polen verteidigen, das die Hilfe der Sowjetunion zurückgewiesen hat und die anderen Nationalitäten unterdrückt«. Die »Kommunistischen Parteien, besonders Frankreichs, Englands, Belgiens und der Vereinigten Staaten Amerikas«, müssten daher, so das abschließende Fazit, »sofort ihre politische Linie korrigieren«.44 Am 30. Dezember 1939 wurde auf einer Komintern-Sitzung die neue Linie bekräftigt und als Richtlinie für die Kommunisten im Ausland präzisiert. Nach den Aufzeichnungen des ungarischen Delegierten Zoltán Schönherz hieß es, die »Zeit der Defensive« sei jetzt »vorbei«; das Proletariat übernehme »wieder die Rolle des Angreifers«. Auch die UdSSR habe »sich aus ihrer abwartenden Haltung erhoben«, und es gebe »Kriege in Polen und in Finnland«. Das zeige, »dass eine neue revolutionäre Krise bevorsteht«. Die kapitalistischen Staaten hätten zwar »stets einen gemeinsamen Interventionskrieg gegen die Sowjetunion« gewollt, doch sei dies dadurch verhindert worden, dass »die Gegensätze zwischen den Kapitalisten inzwischen größer« seien als dieses Interesse. Der Krieg zwischen ihnen sei »nichts anderes als ein Selbstmord der imperialistischen Staaten«. Während »die sogenannten demokratischen Staaten« zu Instrumenten der Repression greifen müssten und damit so wie ihre Kriegsgegner reaktionär geworden seien, habe die UdSSR enorm an politischer Stärke gewonnen. »Aus einer aus Osteuropa verdrängten Macht« sei eine »mitteleuropäische Macht« geworden, mit der die kapitalistischen Staaten rechnen müssten und die sich »zu einer revolutionären Kraft in der Masse der kapitalistischen Staaten« entwickelt habe. Gemäß den beigefügten Weisungen galt es, »die Friedenswünsche der Massen in Richtung des Kampfes gegen den Kapitalismus umzulenken«. Die Kommunisten sollten die Möglichkeit nutzen, nach dem Vorbild Lenins, der auf diese Weise den Sowjetstaat geschaffen hatte, den Krieg zwischen den Imperialisten »in bestimmten Staaten zu einem Bürgerkrieg« werden zu lassen, »dessen Ziel im Sturz des Kapitalismus besteht«. Der »[a]ls Folge der Genialität Stalins« ausgebrochene englisch-deutsche Krieg werde zur »Schwächung beider Länder führen«. Dann könne »die Sowjetunion über beide einen leichten Sieg erringen«. Bis dahin hielt man weder eine »Übereinkunft zwischen Deutschland und England« noch »Hitlers Sieg« für wahrscheinlich. Am ehesten werde England Deutschland besiegen, es zerstückeln und ihm »eine englandfreundliche Regierung« geben, die zum gemeinsamen Krieg gegen die UdSSR bereit wäre. Um das zu verhindern, müsse das Proletariat in Deutschland sowohl gegen »Hitler und die NS-Regierung« als auch gegen deren Gegner im Lande kämpfen, um das Regime zu stürzen und keine neue Macht entstehen zu lassen.45 Fazit Stalin war zutiefst davon überzeugt, dass sich die UdSSR und die kapitalistischen Staaten grundsätzlich in unausweichlicher Feindschaft gegenüberstanden. Als Hort des Sozialismus, der die innere Ordnung der anderen Länder infrage stellte, hatte die Sowjetunion keine wahren Bundesgenossen. Sie war zwar zum Zusammengehen mit anderen Mächten bereit und schloss sogar Bündnisverträge, wenn die Umstände dies zweckmäßig erscheinen ließen, doch lag dem nie die Vorstellung einer echten Interessengemeinschaft zugrunde. Stets handelte es sich um taktische Schritte, die sowohl das eigene Überleben in der so gesehenen Welt übermächtiger Feinde als auch langfristig den geschichtlich vorherbestimmten Sieg des Sozialismus über den Kapitalismus gewährleisten sollten. Deshalb wurde dieser zugleich sowohl defensive als auch offensive Zweck maßgebend für jede außen- und sicherheitspolitische Zusammenarbeit, die damit den Charakter eines letztlich gegen das Interesse der anderen Seite gerichteten Ausnutzungsverhältnisses annahm. Stalin wollte 1938/39 die anderen Mächte zum Krieg gegeneinander ermuntern und zugleich den eigenen Staat heraushalten, um so die Voraussetzungen für eine spätere offensive Eroberungspolitik zu schaffen. Als Ansatzpunkt betrachtete er seit jeher den Gegensatz zwischen den Siegern des Ersten Weltkriegs und dem besiegten Deutschen Reich, das die Friedensbedingungen als ungerecht ansah. Die dadurch geschaffene revisionistische Neigung führte zu wechselseitiger Konfrontation, als Hitler zu aggressiver Expansion überging. Die Absicht dazu hatte er schon früh angedeutet, was Stalin darin bestärkt haben dürfte, der Zusammenarbeit mit Deutschland grundsätzlich den Vorzug zu geben. Der Umstand, dass die Nazis – anders als die Demokraten im Westen – die Kommunisten verfolgten, war für ihn kein Hinderungsgrund. Trotzdem hielt Hitler an seiner feindlichen Haltung gegenüber der UdSSR fest und paktierte mit Polen, das bis dahin der gemeinsame Gegner gewesen war. Daher blieb Stalin vorerst keine andere Möglichkeit, als sich dem Westen zuzuwenden. Durch die Weigerung der Westmächte 1938, gegen Hitler in den Krieg zu ziehen, und die damit verbundene Konsequenz, die ČSR preiszugeben, wurde Stalin dazu gedrängt, sich trotz aller Vorbehalte erneut um ein Zusammengehen mit Deutschland zu bemühen. Davon rückte er nicht ab, als man in London und Paris gegen Hitlers Gewaltpolitik Position bezog und deswegen sogar zum Krieg bereit war. Die Aggressionslust des deutschen Führers bot bessere Möglichkeiten sowohl für das sowjetische Streben nach Expansion als auch für die kriegerische Entfaltung der »zwischenimperialistischen Widersprüche«, von der sich Stalin eine Erschütterung des kapitalistischen Systems und den Aufstand der proletarischen Massen versprach. Auch die Tatsache, dass Polen für die Russen der Erbfeind und seit Lenin für die Bolschewiki das Tor nach Europa war, das man in die Hand bekommen wollte, machte den westlichen Versuch von vornherein aussichtslos, die UdSSR zum Engagement für dieses Land zu bewegen. Hitler sah sich nur dann zum Angriff auf Polen in der Lage, wenn der Kreml militärisch stillhielt und wirtschaftliche Hilfe anbot. Wie Stalin zu Recht annahm, war Hitler ohne alle Ängste und Skrupel bereit, dafür einen hohen Preis zu zahlen. Das begründete die Interessengemeinschaft gegenüber den Westmächten, die in dem Pakt vom 23. August 1939 ihren Ausdruck fand und den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nach sich zog. 1 Iosif Vissarionovič Stalin: Sočinenija [Werke], Bd. 7, Moskau 1954, S. 11–14; ebd., Bd. 6, S. 72 f.; ebd., Bd. 10, S. 48–50, 249 f. 2 Siehe Bianka Pietrow: Stalin-Regime und Außenpolitik in den dreißiger Jahren. Eine Zwischenbilanz des Forschungsstandes, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, N. F. 33 (1985), H. 4, S. 495–517, hier S. 507–509; Geoffrey Roberts: The Soviet Union and the Origins of the Second World War, 1933–1941, London 1995, S. 147; S. Z. Sluč: Germansko-sovetskie otnošenija. Motivy i posledstvija [Die deutsch-sowjetischen Beziehungen. Motive und Folgen], in: Slavjanovedenie (1995), H. 6, S. 82–109; Stefan Creuzberger: Stalin. Machtpolitiker und Ideologe, Stuttgart 2009, S. 224–228. 3 Stalin: Sočinenija (Anm. 1), Bd. 13, S. 291–306. Siehe auch Zitat und Darstellung bei Bianka Pietrow: Stalinismus, Sicherheit, Offensive. Das »Dritte Reich« in der Konzeption der sowjetischen Außenpolitik 1933–1941, Melsungen 1983, S. 92–95. 4 Siehe Creuzberger: Stalin (Anm. 2), S. 227–229; Istorija Kommunističeskogo Internacionala 1919–1943. Dokumentaľnye očerki [Die Geschichte der Kommunistischen Internationale. Umrisse in Dokumenten], hg. von der Russischen Akademie der Wissenschaften und vom Institut für Allgemeine Geschichte, Moskau 2002, S. 67–71. 5 Ebd., S. 105–126; M. I. Semirjaga: Sovetskij Sojuz i predvoennyj krizis [Die Sowjetunion und die Vorkriegskrise], in: Voprosy istorii (1990), H. 9, S. 51. 6 Siehe Jonathan Haslam: The Soviet Union and the Struggle for Collective Security in Europe, 1933–1939, London 1984, S.162–183; Igor Lukes: Czechoslovakia between Stalin and Hitler. The Diplomacy of Edvard Beneš in the 1930s, New York/London 1996, S. 177–190; Keith Neilson: Britain, Soviet Russia and the Collapse of the Versailles Order, 1919–1939, New York 2006, S. 212–253. 7 Sergej Slutsch: Die Sowjetunion und die Sudetenkrise. Aspekte einer Appeasement-Politik, in: Jürgen Zarusky/Martin Zückert (Hg.): Das Münchener Abkommen in europäischer Perspektive, München 2013, S. 179–210, hier S. 179–209; Vít Smetana: Die Tschechoslowakei und ihre Verbündeten in der Krise des September 1938. Wie man sich gegenseitig sah und missverstand, in: ebd., S. 97–116, hier S. 108–114; Hugh Ragsdale: The Soviets, the Munich Crisis, and the Coming of World War II, Cambridge 2004, S. 111–126, 180–182. Der Auffassung, Stalin sei zu militärischem Eingreifen nicht imstande gewesen und habe sich daher passiv verhalten, widersprechen Haslam: The Soviet Union and the Struggle for Collective Security (Anm. 6), S. 183–194 sowie Lukes: Czechoslovakia between Stalin and Hitler (Anm. 6), S. 197. Slutsch hat die – nur lückenhaft zugänglichen – sowjetischen Quellen am umfassendsten untersucht und legt überzeugend dar, dass der Kremlherrscher von vornherein nicht die Absicht hatte, sich an dem bevorstehenden Krieg zu beteiligen. 8 Siehe Semirjaga: Sovetskij Sojuz i predvoennyj krizis (Anm. 5), S. 198 f. Die Echtheit des Berichts über einen Geheimbesuch von Andrej Ždanov in Prag und dabei gemachte Ausführungen, auf den sich Semirjaga und Lukes in dem Band Czechoslovakia between Stalin and Hitler (Anm. 6), S. 198–201, teilweise stützen, wird angezweifelt von Smetana, in: Die Tschechoslowakei und ihre Verbündeten (Anm. 7), S. 108 f. 9 Semirjaga: Sovetskij Sojuz i predvoennyj krizis (Anm. 5), S. 199 f. 10 Siehe Georges-Henri Soutou: Die Westmächte und die Septemberkrise unter besonderer Berücksichtigung Frankreichs, in: Zarusky/Zückert: Das Münchener Abkommen (Anm. 7), S. 159–178, hier S. 160–174; Zdenko Maršálek: Aus dem Blickwinkel einer Schießscharte oder aus der Perspektive der »großen« Strategie betrachtet? Ein polemischer Blick auf die Problematik der militärischen Verteidigung der Tschechoslowakei im September 1938, in: ebd., S. 117–144, hier S. 142 f. 11 Siehe Jürgen Zarusky: Der deutsche Widerstand gegen den Nationalsozialismus und das Münchener Abkommen, in: Zarusky/Zückert: Das Münchener Abkommen (Anm. 7), S. 217–248, hier S. 231–242; Christian Hartmann: Halder. Generalstabschef Hitlers 1938–1942, 2. erw. Aufl. Paderborn 2010, S. 99–116; Gerhard Ritter: Lebendige Vergangenheit, München 1958, S. 197–202; Helmut Krausnick: »Vorgeschichte und Beginn des militärischen Widerstandes gegen Hitler«, in: Die Vollmacht des Gewissens, hg. von der Europäischen Publikation e. V., München 1956, S. 302–389. 12 Siehe Sergej Slutsch: Wofür brauchte Hitler einen Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion? Einige Aspekte des Problems, in: Die Tragödie Europas: Von der Krise des Jahres 1939 bis zum Angriff auf die UdSSR, hg. im Auftrag der Gemeinsamen Kommission [für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen] von Horst Möller und Aleksandr Čubar’jan, München 2013, S. 45–56, hier S. 47; Aleksandr Čubar’jan: Die außenpolitische Strategie der sowjetischen Führung in den Jahren 1939–1941, in: ebd., S. 9–17, hier S. 10 f.; Marie-Luise Recker: Der Hitler-Stalin-Pakt aus deutscher Sicht, in: ebd., S. 35–44, hier S. 37 f. 13 Dazu näher Pietrow: Stalinismus, Sicherheit, Offensive (Anm. 2), S. 59–61. 14 I. V. Stalin o »kratkom kurse istorii VKP(b)«. Stenogramma vystuplenija na soveščanii propagandistov Moskvy i Leningrada [1 oktjabrja] 1938 g. [I. V. Stalin über den »Kurzen Lehrgang der Geschichte der Allrussischen Kommunistischen Partei (Bolschewiki)«. Stenogramm der Stellungnahme auf der Konferenz der Propagandisten von Moskau und Leningrad 1938], in: Istoričeskij archiv (1994), H. 5, S. 13. 15 Haslam: The Soviet Union and the Struggle (Anm. 6), S. 195–203. 16 Siehe Sluč: Sovetsko-germanskie otnošenija (Anm. 2), S. 109–112. 17 God krizisa, 1938–1939. Dokumenty i materialy [Das Krisenjahr 1938/39], Bd. 1, Moskau 1990, S. 258–264. 18 Ingeborg Fleischhauer: Der Pakt. Hitler, Stalin und die Initiative der deutschen Diplomatie, Berlin/Frankfurt a. M. 1990, S. 96. 19 Siehe Haslam: The Soviet Union and the Struggle (Anm. 6), S. 205 f. 20 Siehe Georges-Henri Soutou: Die Politik Frankreichs am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, in: Die Tragödie Europas (Anm. 12), S. 68–78, hier S. 69–73. 21 Slutsch: Wofür brauchte Hitler einen Nichtangriffspakt (Anm. 12), S. 47–49. 22 Siehe Soutou: Die Politik Frankreichs (Anm. 20), S. 69 f., 74 f. 23 Ebd., S. 73 f.; Semirjaga: Sovetskij Sojuz i predvoennyj krizis (Anm. 5), S. 52; Geoffrey Swain: Stalin’s Wartime Vision of the Postwar World, in: Diplomacy and Statecraft 7 (März 1996), H. 1, S. 77 f.; Sluč: Sovetsko-germanskie otnošenija (Anm. 2), S. 110; Pietrow: Stalinismus, Sicherheit, Offensive (Anm. 2), S. 64; Antonjis Zunda: Zur Problematik der Garantien für die baltischen Staaten bei den Moskauer Drei-Mächte-Verhandlungen im Frühjahr/Sommer 1939, in: Die Tragödie Europas (Anm. 12), S. 95–103, hier S. 96 f. 24 Siehe ebd., S. 97; Soutou: Die Politik Frankreichs (Anm. 20), S. 74; Pietrow: Stalinismus, Sicherheit, Offensive (Anm. 2), S. 64 f.; Anthony Read/David Fisher: The Deadly Embrace. Hitler, Stalin, and the Nazi-Soviet Pact 1939–1941, London 1988, S. 92–94. 25 Ebd., S. 93 f. 26 Ebd., S. 94–133; M. I. Semirjaga: Tajny stalinskoj diplomatii 1939–1941 [Die Geheimnisse der Diplomatie Stalins], Moskau 1992, S. 16–18; Čubar’jan: Die außenpolitische Strategie (Anm. 12), S. 11; Zunda: Zur Problematik der Garantien (Anm. 23), S. 97–102. 27 Siehe ebd., S. 102 f. 28 Michael Voslensky: Der Hitler-Stalin-Pakt: Auf dem Weg zum Kriegsbündnis, in: Gerhard Bisovsky/Hans Schafranek/Robert Streibel (Hg.): Der Hitler-Stalin-Pakt, Wien 1990, S. 47–51, hier S. 48 f. 29 Siehe Čubar’jan: Die außenpolitische Strategie (Anm. 12), S. 11. 30 Siehe Semirjaga: Tajny (Anm. 26), S. 18 f.; Sluč: Sovetsko-germanskie otnošenija (Anm. 2), S. 113; Pietrow: Stalinismus, Sicherheit, Offensive (Anm. 2), S. 67. 31 Siehe Robert Gellately: Stalin’s Curse. Battling for Communism in War and Cold War, Oxford/GB 2013, S. 47 (unter Hinweis auf ein Dokument des Moskauer Außenministeriums mit der Signatur AVPRF, fond 06, opis’ 1, papka 8, delo 77, Bl. 4). 32 Siehe Fritz Keller: Die Achse Hitler-Stalin, in: Bisovsky/Schafranek/Streibel: Der Hitler-Stalin-Pakt (Anm. 28), S. 25–27; Sergej Slutsch: Warum brauchte Hitler einen Nichtangriffspakt mit Stalin?, in: ebd., S. 69–87, hier S. 60–62; Voslensky: Der Hitler-Stalin-Pakt (Anm. 28), S. 47–49. 33 Siehe Semirjaga: Tajny (Anm. 26), S. 19 f. 34 Siehe Pietrow: Stalinismus, Sicherheit, Offensive (Anm. 2), S. 70; Gellately: Stalin’s Curse (Anm. 31), S. 47. 35 Pietrow: Stalinismus, Sicherheit, Offensive (Anm. 2), S. 70 f.; Sluč: Sovetsko-germanskie otnošenija (Anm. 2), S. 114 f. Zur Bedeutung der materiellen Unterstützung der deutschen Kriegsmaschinerie durch die UdSSR siehe Slutsch: Warum brauchte Hitler (Anm. 32), S. 62–64. 36 Inesis Feldmanis: Das Münchener Abkommen und der Molotov-Ribbentrop-Pakt, in: Die Tragödie Europas (Anm. 12), S. 57–67, hier S. 60 f. 37 Siehe Faksimile der Texte (deutsche Fassung) bei Jan Lipinsky: Das Geheime Zusatzprotokoll zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag vom 23. August 1939 und seine Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte von 1939 bis 1999, Frankfurt a. M. 2004, S. 632–641. 38 Siehe ebd., S. 642–657. 39 Zum Beispiel schickte die Komintern bei Beginn des Angriffs auf Polen sofort ein Telegramm an den französischen KP-Chef Thorez mit einer detaillierten Anweisung, wie sich seine Partei in diesem Sinne zu äußern habe. Siehe Notiz Dimitrovs, 1. September 1939, in: Bernhard H. Bayerlein (Hg.): Georgi Dimitroff. Tagebücher 1933–1943, Berlin 2000, S. 272. 40 Siehe Darstellung und Dokumente in: Bernhard A. Bayerlein/Mikhaïl Narinski/Brigitte Studer/Serge Wolikow (Hg.): Moscou – Paris – Berlin 1939–1941. Télégrammes chiffrés du Komintern [Moskau – Paris – Berlin 1939–1941. Chiffrierte Komintern-Telegramme], Paris 2003, S. 45–190. 41 Der Text wurde von der französischen Nachrichtenagentur Havas am 28. November 1939 ohne Angaben über dessen Herkunft veröffentlicht. Ein hieb- und stichfestes Urteil, ob Stalin die Stellungnahme abgegeben hat, ist wegen des fehlenden Archivzugangs nicht möglich. Die von T. Bušueva publizierte russische Fassung (in: Novyj mir (1994), H. 12, S. 232 f.) stammt zwar aus einem Moskauer Archiv (Signatur: Centr chranenija istoriko-dokumental’nych kollekcij, byvšij Osobyj archiv SSSR, fond 7, opis’ 1, delo 1223), doch legt die wörtliche Übereinstimmung mit dem Havas-Text die Annahme nahe, dass es sich um dessen Übersetzung aus dem Französischen handelt. Sie könnte aber auch ein Auszug aus dem Protokoll der Politbürositzung sein, der von informierter Seite, etwa einem über Stalins Vorgehen empörten ausländischen Komintern-Kader, weitergegeben worden ist. Robert Gellately hält das für sehr wahrscheinlich: Stalin’s Curse (Anm. 31), S. 47, 404 (Fn. 9). Laure Castin-Chaparro ist nach ausgiebigen Recherchen in Moskau der Ansicht, dass der Bericht zumindest inhaltlich zutrifft: Puissance de l’URSS, misères de l’Allemagne. Staline et la question allemande, 1941–1955 [Macht der UdSSR, Nöte Deutschlands. Stalin und die deutsche Frage 1941–1955], Paris 2002, S. 40 (Fn. 14). Für Sergej Slutsch dagegen ist der Bericht eine Fälschung: Stalins »Kriegsszenario 1939«: Eine Rede, die es nie gab, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (2004), H. 4, S. 597–635. Ihm widersprechen mit großem Nachdruck Viktor Dorošenko, Irina Pavlova und Richard Raack: Ne mif: reč’ Stalin 19 avgusta 1939 goda [Kein Mythos: Die Rede Stalins am 19. August 1939], in: Voprosy istorii (2005), H. 8, S. 3–11. 42 Wiedergabe des Havas-Berichts (damals in Moskau archivierter Text), in: ebd., S. 15 f. (frz. Original), 13–15 (dt. Übersetzung). 43 Notiz Dimitrovs, 7. September 1939, in: Bayerlein: Georgi Dimitroff. Tagebücher (Anm. 39), S. 273 f. Russischer Originatext bei F. I. Firsov: Archivy Kominterna i vnešnjaja politika SSSR v 1939–1941 gg. [Die Archive der Komintern und die Außenpolitik der UdSSR 1939–1941], in: Novaja i novejšaja istorija (1992), H. 6, S. 13. Aus dieser Zeit sind weiterhin Äußerungen Stalins bekannt geworden, denen zufolge er in der Roten Armee ein Instrument nicht nur der Verteidigung, sondern auch der Revolution sah, siehe Gellately: Stalin’s Curse (Anm. 31), S. 47, 405 (Fn. 10). 44 Notiz Dimitrovs, 8. September 1939, in: Bayerlein: Georgi Dimitroff. Tagebücher (Anm. 39), S. 274 f. 45 Aus dem Ungarischen übersetzter Text bei Krisztián Ungvarý: Die Weisungen der Komintern nach dem Molotov-Ribbentrop-Pakt an die kommunistischen Parteien am 30. Dezember 1939 – die bisher unbekannten Aufzeichnungen von Zoltán Schönherz, in: Ulrich Mählert u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2010, Berlin 2010, S. 267–274, hier S. 270–274.

JHK 2014

Deutscher oder sozialistischer Raum? Bildbände in der DDR

Henrik Nitsche

Die Bildbände, die in diesem Aufsatz vorgestellt und analysiert werden sollen, enthalten mit informativen Texten und Fotografien angereicherte Beschreibungen des Staates und lassen sich grob dem weitverzweigten Feld der Heimat- und Volkskundebücher zuordnen. Die ursprüngliche Intention war es, dem im Hinblick auf den nationalen Raum unwissenden Leser genau diesen mithilfe der Bildbände näherzubringen, seien es Touristen oder Bürger des Landes. Entwickelt hat sich diese Gattung aus Volks- und Heimatkundebüchern des 19. Jahrhunderts zu einer Zeit, in der der nationale Raum und sein Einfluss auf den Menschen zu einer wissenschaftlichen Disziplin aufsteigen konnten. Die Geschichtswissenschaft schenkte diesen Bänden als Quellentypus bisher nur wenig Beachtung. Bei ihnen trifft in ähnlicher Komplexität zu, was Mathias Beer über den artverwandten Bereich der Heimatbücher geschrieben hat, nämlich dass sie ein »weites, weitestgehend unbeackertes und noch junges Forschungsfeld«1 darstellen. Ihre Besonderheit liegt darin begründet, dass in ihnen Texte, Karten und Bilder, die jeweils auf ihre eigene Art Räume beschreiben, in einzigartiger Weise zu einem Gesamterscheinungsbild des Raums zusammengefügt werden. Dieser Raum ist immer ein nationaler Raum. Er ist nicht regional begrenzt, obwohl das Regionale durchaus Teil des Nationalen sein kann. Auch das Soziale tritt hinter dem Nationalen zurück, mit dem immer eine politische Aussage verbunden ist: Wird der deutsche Raum als sozialistisch beschrieben, so ist dies immer als Abgrenzung zum System im Westen zu verstehen. Das besondere Zusammenspiel verschiedener Medien in einem Band ermöglicht es, die Frage nach der nationalen räumlichen Wahrnehmung aus verschiedenen Blickwinkeln zu diskutieren. Jüngere Studien belegen, dass eine Beschränkung auf ein einziges Medium, wie beispielsweise die Karte, zur Beschreibung komplexer Raumverhältnisse oft nicht ausreicht: »Da diese nicht alleine diesen Prozess in seiner Gesamtheit erfassen können, ist es notwendig, auch auf andere visuelle Medien zurückzugreifen, die einen Raumbezug erzeugen.«2 In diesem Artikel werden drei Bände aus dem weitgehend noch unerschlossenen Quellenfundus vorgestellt und analysiert: Deutschland. Schöne Heimat, herausgegeben 1955 von Paul Beyer; Landschaften unserer Heimat aus dem Jahr 1973 des Autors und Fotografen Hans-Jochen Knobloch sowie Im Flug über die DDR von Lothar Willmann, erschienen 1983. Diese Bände stehen exemplarisch für die Gesellschaft und Politik der Zeit, in der sie verlegt wurden. In den Fünfzigerjahren war die Vereinigung der beiden deutschen Staaten zumindest zeitweise eine außenpolitische Option für die SED. Nach Mauerbau und zunehmender Abgrenzung der beiden deutschen Staaten voneinander veränderten sich die Inhalte der Bildbände. Nun galt es, die Eigenheit der DDR stärker in den Vordergrund zu rücken, die sich mittlerweile immer mehr von der Bundesrepublik entfernte und auch ihre Verfassung entsprechend korrigierte. Neben diesen inhaltlichen Veränderungen sind es die in den Büchern benutzten Visualisierungsstrategien und die Verwendung von geschichtlich so bedeutsamen Vokabeln wie Raum, Heimat, Landschaft und Nation, die das Interesse des Historikers wecken. Der Gebrauch solcher Vokabeln in sozialistischen Quellen überrascht hierbei keineswegs. Alon Confino führte bereits aus, dass zumindest der Heimatbegriff ohne größere Probleme auch unter einer sozialistischen Regierungsform überleben konnte. Die ostdeutschen Kommunisten mussten demnach nur daran arbeiten, »to redfine it, to fit socialism to the Heimat system of knowledge and sensibilities«.3 Das spezifische Problem in der DDR sei es jedoch gewesen, »to reduce the spatial extent of its national identity conception to the confines of the GDR state territory«.4 Folglich war Heimatkunde in der DDR in den Fünfzigerjahren ein geachtetes Arbeitsgebiet, nachdem es den sozialistischen Vorstellungen angeglichen worden war.5 Heimatbücher erschienen weiterhin in großer Zahl, ehe sich Ende der Fünfzigerjahre die Kulturpolitik änderte und die Heimatkunde als »reaktionär« eingestuft wurde.6 Der vorhandene lokale Charakter der Heimatkunde sollte durch den sozialistischen Raum, der wiederum als Großraum nach sowjetischem Vorbild gedacht war, ersetzt werden.7 Dies hatte zur Folge, dass in der DDR die Begriffe Heimat und Vaterland gleichgesetzt wurden, um die Bürger enger an den Sozialismus zu binden.8 Parallel wurde dieser Raum von der Bundesrepublik immer weiter abgegrenzt. In Lehrplänen für das Fach Erdkunde wurde darauf verwiesen, »daß dort die Bergwerke und Fabriken sowie die großen landwirtschaftlichen Betriebe einigen Großkapitalisten und Großgrundbesitzern gehören«.9 Solche und ähnliche Äußerungen sollten dazu führen, dass »[d]ie Schüler erkennen, daß dort nicht die Arbeiter und Bauern die Macht ausüben«.10 Bildbände der Nachkriegszeit: Zwischen Einheitsrhetorik und Eigenständigkeit Da in der DDR die Frage nach einer eigenen Identität im Schatten des Ost-West-Konflikts eine große Rolle spielte, überrascht es nicht, dass kurz nach der Gründung der DDR Bücher auf den Markt kamen, die über die Merkmale und die Gestalt des Landes aufklären sollten. Diese in ihrem Wesen auf ein breites Publikum zielenden Bücher hatten eine lange Tradition, die bis in das Kaiserreich zurückführte und deren Wurzeln in der frühen Heimatkunde des 19. Jahrhunderts liegen.11 Im Sinne dieser Tradition wurde, ähnlich wie später auch in der Bundesrepublik, auf den Begriff Heimat gesetzt. Die Bedeutung von Heimat im deutschen Nationaldiskurs ist außerordentlich groß, sie stand über 200 Jahre »at the center of German moral – and by extension political – discourse about place, belonging and identity«.12 Daraus musste aber, wie zuvor bereits angedeutet, nicht zwangsläufig ein Konflikt mit der Ideologie des Sozialismus entstehen. Ein erster großer Kontrastpunkt zu den westdeutschen Quellen ergibt sich aus dem außenpolitischen Handeln und der Zugehörigkeit der DDR zum sowjetischen Machtsystem in Europa. Da die DDR die Oder-Neiße-Grenze ab 1950 anerkannte, galt der Raum östlich davon offiziell als polnisches Staatsgebiet und wurde folgerichtig auch nicht mehr als deutscher Raum dargestellt. Hinweise auf die frühere Zugehörigkeit dieser Gebiete zum Deutschen Reich oder eine Benennung von Vertriebenen verschwanden in der DDR mit dem Görlitzer Abkommen vom 6. Juli 1950 endgültig aus allgemein zugänglichen Publikationen.13 Als Konsequenz aus diesen außenpolitischen Zwängen ergab sich, dass der nationale Raum zumindest auf politischer und territorialer Ebene von Anfang an in anderer Form beschrieben wurde als in westdeutschen Quellen, wo sich die Debatten um die Fortdauer des Deutschen Reiches und die Zugehörigkeit der Ostgebiete noch bis in die Siebzigerjahre fortsetzten. Diese einseitige Behandlung der Grenzfrage kam vor allem durch einen staatlichen Eingriff zustande. Wo in der Bundesrepublik offen revisionistische Positionen, etwa von Vertriebenenverbänden, publiziert werden konnten,14 verhinderte der Zugriff der SED auf die Verlage das Erscheinen solcher Werke. In der DDR wurde das Verlagswesen von 1949 an unter die Kontrolle der SED gestellt,15 alle Verlage unterstanden dem Kulturministerium. Zudem wurde von staatlicher Seite das Profil der einzelnen Verlage bestimmt, sodass Konkurrenz ein Fremdwort blieb, obwohl es immerhin fast 80 Verlage gab, die jährlich 6000 Bücher herausgaben.16 Offiziell konnten keine Bücher erscheinen, die nicht vorher mit den Richtlinien der SED abgestimmt worden waren. Hierfür gab es eigene Druckgenehmigungsverfahren, mit denen auf institutioneller Ebene Einfluss auf Verlage und Autoren ausgeübt wurde.17 Bildbände und landeskundliche Darstellungen in der DDR gaben somit auch immer ein Stück »Parteilinie« wieder. Daraus folgt jedoch nicht, dass die ostdeutschen Quellen wie ein monolithischer Block das immer gleiche Bild von Deutschland zeichneten. Räumlicher Wandel und Wahrnehmung können sich jenseits der Zugehörigkeit zu bestimmten Territorien und nationalen Diskursen vollziehen. Wie bereits in anderen Untersuchungen dargelegt wurde, bietet zudem der Blick auf den Wandel einer festgelegten Grenze neue Erkenntnisse.18 Der Propagandacharakter vieler offizieller Fotografien aus der DDR muss auch für Bildbände und Heimatbücher berücksichtigt werden. Er drückte sich in einer oft stereotypen Darstellung der Menschen aus, beispielsweise von dem Bauern auf dem Feld oder dem Arbeiter in der Fabrik.19 Doch diese Bilder allein erzeugten kein Abbild des sozialistischen Raumes. Auch im Westen waren Bauern ein häufiges und beliebtes Motiv.20 Dies zeigt, dass das Bild des Bauern auf dem Feld erst im Gesamtbetrachtungskontext mit einer bestimmten Textbotschaft seinen Mehrwert im sozialistischen Sinne erhielt. Abgesehen von diesen markanten Unterschieden in Bezug auf das Staatsterritorium und die Staatsform lassen sich in Aufbau und Inhalt der untersuchten Bände im Unterschied zu früheren Publikationen aus den Fünfzigerjahren keine großen Unterschiede zwischen Ost und West feststellen. Beispielhaft sei hier der Band Deutschland. Schöne Heimat vorgestellt, der 1955 in Leipzig erschienen ist. Inhaltlich war dieser ein für Bildbände typisches Bündel aus Fotografien von Landschaften, Siedlungen, Denkmälern und Kulturgütern. Der gängigen Praxis für solche Bücher folgend, wurde in dem Band das Vorwort von einem bekannten Literaten verfasst. In diesem Fall war es Lion Feuchtwanger, der vor den Nationalsozialisten in die USA geflohene jüdische und in der DDR hoch angesehene Autor. Für einen Literaten nicht unüblich, verwies Feuchtwanger in seinem Vorwort zunächst auf die Besonderheit einer gesamtdeutschen Kultur. Er bezeichnete die deutsche Sprache als etwas »[O]ffenes, über die Jahre starken Einflüssen von außen [A]usgesetztem«.21 In diesen Worten kommt das Verständnis des Autors von einer offenen Kultur zum Ausdruck, die, anders als beispielsweise im Nationalsozialismus, nicht in strikter Abgrenzung zu fremden Einflüssen betrachtet wird. Stattdessen hatte diese deutsche Kultur ihre Eigenheit gerade durch die Vermischung mit anderen Einflüssen erhalten. In diesem Sinne war auch der deutsche Kulturraum kein abgeschottetes Reservat, sondern bezog seine zugeschriebene Stärke aus dem Austausch mit anderen Nationen. Der Offenheit der Sprache stellte Feuchtwanger nichtsdestotrotz eine genau auszumachende Lokalisierung des deutschen Raumes gegenüber, für den er die Bezeichnung Landschaft wählte. Wird diese als ein »Geschlossenes betrachtet und aus einiger Distanz, nimmt sie ihre besondere Physiognomie an, gleich wie ein Menschenantlitz einmalig wird, erst wenn man es als ein Ganzes anschaut«.22 Diese Geschlossenheit bezieht Feuchtwanger nicht nur auf natürliche Merkmale, sondern auch auf die politische Ebene, wenn er an anderer Stelle schreibt: »Die deutsche Landschaft ist eins und unteilbar.«23 Dieses auf einen einheitlichen nationalen Rahmen abzielende Raumbild stimmt mit der offiziellen Linie der SED in den Fünfzigerjahren überein. Auch die Herausgeber des Buches griffen die Vorgabe Feuchtwangers auf und urteilten etwas lyrischer als der Literat selbst, »daß unser deutsches Land unendlich schön ist und daß es nur ein Deutschland gibt, ein unteilbar Ganzes, zu dem die deutsche Ostseeküste genauso wie die deutschen Alpen oder Franken genauso wie Thüringen gehören«.24 Die Teilung des Landes wurde vonseiten der Verfasser als »willkürlich«25 abgewertet, die deutsche Kultur dagegen als etwas, das sich eben durch eine solche Teilung nicht zerreißen lasse.26 Das Primat einer übergeordneten räumlich zueinander gehörenden Kulturnation gegenüber der Grenzziehung der Nachkriegsära blieb auch im Osten zunächst ein Element von Gewicht. Ähnlich wie im Westen setzten die Medien zusätzlich auf eine Art »Befreiungsrhetorik«. Der Westen Deutschlands müsse von seinem kolonialen Status befreit und als voller Bestandteil in die sozialistische Nation integriert werden.27 Da sich um Berlin bereits einer der ersten Brennpunkte des Kalten Krieges entwickelt hatte, der Status der Stadt auch nach der Krise von 1948/49 ein immerwährender Konfliktherd blieb, bot gerade die Darstellung dieser Stadt besonders viel Raum für Einheitsbotschaften. Berlin galt als alte »Brückenstadt«, die nur durch die »Überwindung der Spaltung Deutschlands die Voraussetzung für eine neue Blüte«28 erhielte. Natürlich konnten die Autoren davon ausgehen, dass die soziale und räumliche Verbindung der beiden Staatsgebiete sehr groß und das Gefühl der Menschen für einen gemeinsamen Raum und eine gemeinsame Nation in den Fünfzigerjahren noch immer ein stabiles Element waren. Auf diese Gefühle wurde daher, wie im Falle Berlins, intensiv eingegangen. Der Appell an die Einheit Deutschlands unterschied sich jedoch in einem wichtigen Punkt von westdeutschen Büchern der damaligen Periode: Es fehlten die Gebiete östlich der Oder-Neiße, die im Westen gerade den wichtigsten und elementarsten Bestandteil derartiger Bände im Zeitraum der Fünfziger- und Sechzigerjahre ausmachten. Was die physischen Kriegsfolgen, die Zerstörung der Städte angeht, so bot der Band Deutschland. Schöne Heimat auch dafür Platz, was ungewöhnlich für Bücher aus dieser Periode war, da Kriegszerstörungen in Ost wie West eher ausgeblendet und der Blick auf die Zukunft gerichtet wurde. Dementsprechend war der Anteil solcher Fotografien sehr gering, dennoch wurden beispielsweise die zerstörten Städte Nürnberg und Dresden abgebildet. Im Falle Dresdens wurde als exemplarisches Bild die Ansicht der zerstörten Frauenkirche gewählt, eine Abbildung, die in den folgenden Jahren in Deutschland und weltweit Bekanntheit erlangte. Verwiesen wurde auch auf den Wiederaufbau Dresdens. »Aber Dresden entsteht aufs neue«,29 hieß es. Das neue Dresden erweckte beim Leser das Bild eines Ortes, an dem sowohl die alten Bauten wieder errichtet wurden als auch neue Wohnanlagen, die den Menschen Platz zum Leben gaben. Die Gesamtauswahl der Bilder in den hier vorgestellten Publikationen zeigt zumeist Stätten, die einen direkten Bezug zum kommunistischen System hatten. Im Buch Deutschland. Schöne Heimat sind im Kapitel Berlin zwei Bilder der durch Fußgänger belebten Berliner Stalinallee zu sehen. Eine andere Bildserie zeigt das frühere Stalinstadt bei Fürstenberg. Das Abbilden dieser Musterprojekte der frühen DDR ist ein deutlicher Hinweis auf die damaligen Versuche, das Land nach sowjetischem Vorbild umzugestalten. Die Hervorhebung der sozialistischen Eigenheiten in der DDR unterschied diesen Raum damit klar vom kapitalistischen Westen. Das wirklich Interessante an diesen Bildern ist aber, dass sie dabei scheinbar mühelos neben ebenfalls abgebildeten alten deutschen Geistesgrößen wie Goethe oder Luther bestehen konnten und Schloss Sanssouci als Beleg für die »aus der Kraft des deutschen Volkes herauswachsende reiche deutsche Architektur« gelten konnte. 30 Auf visueller und räumlich-mentaler Ebene fand somit eine Verknüpfung der alten deutschen Kulturlandschaft mit einem neuen, sozialistisch geprägten Raum statt. Kennzeichen dieses neuen sozialistischen Raumes war seine urbane und industrielle Prägung. So mangelte es in dem Band Deutschland. Schöne Heimat nicht an Verweisen auf die industrielle Leistungsfähigkeit der DDR, welche zusammen mit den alten Kulturbauten das Bild eines neuen, kraftvollen und zukunftsorientierten Deutschland ergab. Bei genauer Betrachtung fällt auch auf, dass sich, obwohl der Band West- wie Ostdeutschland zeigte, also einen gesamtdeutschen Anspruch besaß, die Nachkriegsbauten vor allem auf dem Gebiet der DDR befanden. Die Fotos der größeren Städte in der DDR wurden zum überwiegenden Teil nach dem Krieg aufgenommen, als diese bereits eine Phase des planmäßigen Wiederaufbaus hinter sich hatten. Besonderes Merkmal von Deutschland. Schöne Heimat ist die Einbeziehung der sorbischen Minderheit. Mehrere Fotos zeigen Frauen in der traditionellen Tracht der Sorben, jedoch keine als sorbisch ausgewiesenen Bauwerke. Der Text verweist auf die Anerkennung der Sorben als »nationale Minderheit […] bereits seit 1945« und deren »eigenständige Sprache«.31 Der Raum wurde damit in diesem Band nicht ausschließlich als rein von Deutschen bewohnter Raum ausgewiesen, was ihn damit deutlich von damaligen westdeutschen Pendants unterschied, die nicht weiter auf die in der BRD und der DDR lebenden Minderheiten eingingen. Abgegrenzter Raum ohne sichtbare Grenze. Die DDR von 1962 bis 1989 Die Veränderungen in den deutsch-deutschen Beziehungen, bedingt durch Mauerbau, westdeutsche Ostpolitik und den damit einhergehenden Wandel durch Annäherung und die KSZE-Konferenz in Helsinki,32 hatten dazu geführt, dass sich die DDR auf internationaler Ebene über zunehmende Anerkennung freuen und somit darauf hoffen konnte, als eigenständiger Staat auftreten zu können. Der gesamtdeutsche Anspruch der ersten Verfassung von 1949 wurde durch den Begriff der »sozialistischen Nation« ersetzt. Bleibt die Frage, ob sich dieses neue Selbstbewusstsein auch in den landeskundlichen Darstellungen widerspiegelt und wie andere gesellschaftliche Veränderungen aufgenommen wurden. 1973 erschien im VEB Fotokino Verlag Leipzig das Werk Landschaften unserer Heimat, für das Fotografien aus allen Landesteilen der DDR zusammengetragen worden waren. Dementsprechend fällt auch das Verhältnis Text – Bild aus. Die Fotografien nehmen 90 Prozent der Seiten ein, die Texte den Rest, Karten gibt es nicht. Der Band wirkt sehr bemüht, einen fortschrittlichen Eindruck zu machen. Dazu gehört der Verweis auf die Nutzung von Farbfotografien zur Darstellung der Heimat. In der Einleitung heißt es dazu: »Heute, in der Epoche des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, sind es die Mittel moderner Fotografie, die eindrucksvoll die Vielgestaltigkeit und Schönheit unserer Umwelt festhalten und weitervermitteln.«33 Die DDR war damit ein Raum, in dem sich der menschliche Fortschritt endgültig durchgesetzt hatte. Das Raumbild, welches der Band vermitteln wollte, war nicht allein rückwärtsgewandt, sondern sollte seine Ausgestaltung im zukunftsorientierten sozialistischen Sinne erfahren. Ähnlich zentral wurde die Aufnahmetechnik auch in einem weiteren Werk, dem Band Im Flug über die DDR aus dem Jahr 1983, behandelt. Der Fortschritt in der Betrachtung des Raumes bestand in der Perspektive, konkret: dem Luftbild. Wie in ähnlichen Publikationen aus dem Westen34 rühmten die Verfasser die Bedeutung dieser Technik für die Raumwahrnehmung, dank der sich ein »Rückblick auf eine vergangene Zeit, die ihre baulichen und landschaftlichen Zeugen hinterlassen hat, mit der Sicht auf das Gegenwärtige und dem Ausblick auf künftig Werdendes« ermöglichen ließe.35 Dies bot den Autoren auch Platz für Kritik am Raum. In scheinbar völliger Offenheit gegenüber den Mängeln der Staatsform gaben etwa die Autoren des Bandes Im Flug über die DDR zu, dass das Luftbild »unbestechlich und ungeschminkt« zeige, »was bereits gelungen ist und wo es noch Probleme zu lösen gilt«.36 Diese Kritik zielte nicht fundamental auf das System, sondern zeichnete die DDR als einen werdenden Raum, der erst in der Zukunft zu seiner optimalen Beschaffenheit gelange. Dies zeigt, dass die DDR nach wie vor als Raum mit einer großen heimatlichen Komponente gedacht wurde. Jedoch hatte diese Heimat weniger mit den Konzepten, wie sie im Westen vertreten wurden, zu tun. Heimat wurde daher auch nicht auf einen vereinten deutschen Raum bezogen. Stattdessen erfolgte die Verwendung von Raum und Heimat in einem völlig anderen Kontext, wie beispielsweise im Werk Landschaften unserer Heimat: »Die Heimat, wie viele andere Begriffe in ihrem Inhalt abhängig von den gesellschaftlichen Verhältnissen, hat in der Deutschen Demokratischen Republik eine neue Bedeutung erlangt. Die sozialistische Heimat ist der Raum, in dem wir leben, arbeiten und uns erholen, den wir kennen und lieben und den wir aktiv mitgestalten und weiterentwickeln.«37 Diese Zeilen deuten eine neue Verwendung des Heimatbegriffs an. Den Autoren war bewusst, dass gegenüber dem Heimatbegriff mittlerweile ein gewisses Misstrauen bestand, da er für ein Überbleibsel aus Zeiten des Bürgertums und des Natio-nalsozialismus gehalten wurde.38 Der marxistischen Theorie folgend, nach der die Verhältnisse das Bewusstsein bestimmen, konnte der Begriff jedoch in einer engen Kopplung an sozialistische Lebensverhältnisse überleben, nicht aber in seiner älteren bürgerlichen Form. Somit bestätigt sich die These von Alon Confino, dass der Heimatbegriff sein Überleben seiner enormen Anpassungsfähigkeit verdankt. Urbane Räume Der städtische Raum nahm im Referenzrahmen sozialistische Heimat eine zentrale Rolle ein. Dies lag darin begründet, dass die Arbeiterbewegung vor allem ein urbanes Milieu war und viele ältere Protagonisten noch wussten, wie das Leben in Elendsquartieren von Großstädten aussah. Eine Veränderung dieser schlechten Verhältnisse gehörte zu den Hauptzielen in der Gestaltung des sozialistischen Raumes, wobei »bauliche Eingriffe und die gestalterische Formulierung städtischen Raums« vor allem eine konkrete Möglichkeit der Machtentfaltung boten.39 Für viele Autoren der Bildbände lag es auf der Hand, den Wandel der Städte nach dem Krieg abzubilden, um damit auch den gesellschaftlichen und öffentlichen Fortschritt zu dokumentieren. Dem Sprachduktus des Kalten Krieges folgend, demzufolge die Städte der DDR durch »anglo-amerikanische Terrorangriffe« zerstört wurden,40 sei es gelungen, »die Kriegszerstörungen unserer Städte schon in wenigen Jahren zu beseitigen und zu sichern, daß neues Leben aus den Ruinen blüht«.41 Lag der eigentliche Ursprung des Raumwandels nach sozialistischer Art demnach in der kriegsbedingten Zerstörung der Städte, bot dies den Städteplanern zugleich die Grundlage für neue Praktiken und Modelle des Städtebaus. Die Autoren der Bildbände griffen diesen städtebaulichen Wandel als dankbares Motiv auf, um die Eigenheiten der DDR besonders zu veranschaulichen. Aus dem Blickwinkel der Achtzigerjahre, also nach vierzig Jahren SED-Herrschaft, galt das staatliche Programm zum Wohnungsbau und zur Neugestaltung der Städte den Autoren als entscheidende Stufe in der Entwicklung des sozialistischen Raumes. Das im Band Im Flug über die DDR abgedruckte Zitat aus einem Bericht über den Wohnungsbau in Halle-Neustadt bringt diese Hoffnung zum Ausdruck: »Hier wird Zukunft ermöglicht, indem Gegenwart bewältigt wird; hier verändert der Mensch sich selbst, indem er Gesellschaft und Natur verändert zu seinen Gunsten; hier wird Welt an sich verwandelt in Welt für uns. Eine Stadt wird zweimal gebaut: von den Architekten und den Bauarbeitern, die Häuser, Schulen, Kindergärten und so weiter errichten – und von den vielen tausend Einwohnern, die ihr Leben darin formen.«42 Demnach ermöglichten es die Städte, die »materiellen und kulturellen Bedürfnisse der Menschen in Übereinstimmung mit den volkswirtschaftlichen Möglichkeiten zu vervollkommnen«.43 Der Verweis auf den gesellschaftlichen Wandel, der in Städten schneller zu spüren sei, sollte auch dank der neuen Technik, dem Luftbild, besser erfahrbar gemacht und dem Leser vermittelt werden. Aufnahmen aus der Vogelperspektive ermöglichten es dem Leser, die ganze Bandbreite des staatlichen Neu- und Aufbauprogramms nachzuvollziehen, dessen Ziel es sei, »[s]chöne Städte für ein schönes Leben« zu erschaffen.44 Im Sinne einer Neugestaltung des Raumes sollten diese Städte zu Orten werden, in denen das Leben und Arbeiten so unkompliziert wie möglich waren, der Mensch also ganz im sozialistischen Sinne funktionieren und seine Freizeit verbringen konnte. Beim großen Vorbild Sowjetunion wurden solche sozialgeografischen Vorstellungen verwirklicht, indem gänzlich neue Städte auf dem Reißbrett geplant und schließlich gebaut wurden. Doch das Erschaffen neuer Städte in der DDR war im Angesicht ihrer territorialen Ausdehnung und Bevölkerungsentwicklung kein wirklich praktikables Modell. Dies war auch den Verfassern bewusst. Sie sahen sich daher zu einer Abgrenzung zur Sowjetunion gezwungen und verwiesen darauf, dass es in dieser dank riesiger unerschlossener Territorien größeres Potenzial für solche Vorhaben gäbe.45 Trotz der in den Quellen dargestellten Umgestaltung der räumlichen Verhältnisse zum Wohl der Menschen kam es vor Ort nie zu einer wirklichen Veränderung im Sinne eines aktiv durch die Bürgerinnen und Bürger mitgestalteten urbanen Raumes. Denn dieses Konzept hätte auch einer wirklichen Mitsprache auf allen politischen Ebenen bedurft. Eine kommunale Selbstverwaltung wie im Westen gab es nicht, zudem waren die lokalen Verwaltungen gegenüber der SED-Zentralregierung zu schwach, auch wenn sie sich auf vielen informellen Wegen um die Belange der Menschen kümmerten.46 Die sozialistische Heimat blieb ein zu starres Korsett, das die Menschen zum Leben im sozialistischen Sinne zwang. Nur in den Bildbänden nahm der Raum scheinbar die Form einer gelungenen Einheit von Mensch und Raum an. Kulturlandschaften und Umweltschutz Auch wenn der Fokus stark auf der Betonung des städtischen Lebens lag, blieb die Verbindung von Natur und Mensch ein gewichtiges Element in den untersuchten Bildbänden. Altbekannte Konzepte von Kulturräumen und Kulturlandschaften behielten ihre Aktualität.47 Starke Bezüge zu einer von den Menschen geprägten Natur, die sich nach und nach in einen deutschen Kulturraum umformte, finden sich an vielen Stellen, so beispielsweise in dem Band Im Flug über die DDR: »Durch das aktive Einwirken des Menschen auf die Ausprägung der Landschaft widerspiegelt sie heute weitgehend den auf ökonomischem und kulturellem Gebiet erreichten Entwicklungsstand, ist sie für uns sowohl ein Ausdruck unserer Kultur als auch ein lebendiges Geschichtsbuch.«48 Mit Verweis auf die »Geisteshaltung der jeweils herrschenden Klasse«,49 die sich an den Anlagen ablesen ließe, konnte das geschichtliche und landschaftliche Erbe ohne Probleme in den sozialistischen Raum integriert werden. Aus den Beschreibungen lässt sich nun ein gewisser Stolz auf die Bauten der Vergangenheit ablesen. So ist die Rede davon, dass die Landschaft ihre Gestalt »progressiven Veränderungen auf geistigem und ökonomischem Gebiet« und dem »Einfluss des aufstrebenden Bürgertums« zu verdanken habe.50 Der bürgerlich-konservativen Deutung von Landschaft wurde die nun progressive Formel von der Gestaltung der Landschaft durch den Menschen und deren Wandel im Laufe der Zeit entgegengesetzt.51 So wird der Bau von Straßen, die das Bild der Landschaft massiv verändern, derart dargestellt, dass sie »eine enge Verflechtung von Neubau, Modernisierung und Werterhaltung, […] eine sinnvolle Bewahrung des in Jahrhunderten entstandenen baulichen Erbes unseres Landes bei gleichzeitiger Bereicherung und Vervollkommnung« gewährleisten.52 Die enge Verknüpfung von Natur und Mensch blieb in diesem Kontext erhalten, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Die SED übernahm zunächst bereits vorhandene Positionen. Beispielsweise wurde das Reichsnaturschutzgesetz von 1935 in abgewandelter Form in der Verfassung verankert. Nachdem in den Siebzigerjahren weltweit der Umweltschutz zu einer gesellschaftlich wichtigen Thematik wurde und sich auch in der Verfassung von 1974 widerspiegelte,53 änderte sich auch in den Büchern der Blickwinkel. Erstmalig wurde auf die Zerstörung der Umwelt hingewiesen, nicht ohne zu betonen, dass in der DDR die Vereinbarkeit von Industrie und Umwelt gelungen sei: »In unseren Tagen erst ist es möglich, die unvermeidlichen ökologischen Interessen so zu verwirklichen, daß dem hier lebenden Menschen die Landschaft vielseitig erhalten bleibt mit reiner Luft und Wasser, in dem einer baden möchte. Ganze Dörfer sind von der Erdoberfläche verschwunden, unter der die Braunkohle lag. Und als der Tagebau die Vorkommen erschöpft hatte, ließen die Abraumbagger nicht öde Halden in trostlos brauner Unfruchtbarkeit zurück, sondern beizeiten durchdachte Kultivierungsobjekte schaffen eine völlig neue, hier zuvor nicht dagewesene Landschaft mit Seen und Wäldern. Erholungsgebiete, weitläufig und grün.«54 Diese Textpassage hatte wenig von einem vor allem durch den einzelnen Bürger getragenen Naturschutzgedanken, sondern spiegelte vielmehr den fundamentalen Glauben von der planmäßigen Nutzbarmachung der Natur durch den Menschen wider, wie er zuvor schon in der Sowjetunion populär war.55 Die durch den Menschen entstandenen Schäden an der Natur konnten demnach durch optimale Planung problemlos beseitigt werden, wie etwa im Bergbau. Im Band Im Flug über die DDR waren die Argumente ähnlich. Zunächst wurden negative Effekte des Abbaus der für die auf Autarkie angelegten DDR-Volkswirtschaft so lebensnotwendigen Braunkohle bedauert, um im selben Satz auf die eingeleiteten, aber nicht näher beschriebenen Renaturierungsmaßnahmen hinzuweisen: »Große Flächen verlieren in diesem Prozess die Fähigkeit, Bäume und Sträucher, Getreide und Gras zu tragen, nehmen kein Wasser mehr auf und wären für unsere Ernährung, für die Forstwirtschaft und auch die Erholung verloren, wenn nicht bedeutende Aufwendungen für deren Rekultivierung vorgesehen würden.«56 Der Band weist im Folgenden auf die guten Ergebnisse in der Entwicklung der Bergbaufolgelandschaft hin57 und schließt den Abschnitt mit der Aussage: »Nach vielen Jahren der Braunkohlegewinnung mit ihren negativen Auswirkungen auf die Wohnbedingungen der dort ansässigen Bevölkerung werden Senftenberg und viele andere Städte und Gemeinden des ehemaligen Kohlereviers nun zu Zentren der Erholung der Bevölkerung – ein wahrhaft gewaltiger Wandel!«58 Der angesprochene Wandel vollzog sich tatsächlich, aber erst nach der Wende von 1989/90. In der DDR selbst kamen aufgrund einer ungenauen Gesetzgebung, nach der umweltpolitische Ziele eng an das Wachsen der Volkswirtschaft geknüpft waren und Letzterer im Zweifel der Vorzug gegeben wurde,59 keine wirksamen Renaturierungsmaßnahmen zustande. Das auf diese Weise gezeigte Raumbild ließ das Wirtschaftssystem der DDR auf sämtliche Probleme der Energiegewinnung klug und besonnen reagieren. Der Sozialismus beeinflusste den Raum schlussendlich nur im positiven Sinne. Der Faktor Umweltschutz wurde zu einem integralen und bedeutenden Merkmal der neuen Gesellschaftsstruktur, die sich konsequent von einem marktwirtschaftlichen System abgrenzt: »Der Raubbau an der Natur erlischt wie die alte Gesellschaftsordnung.«60 Das ökonomische Handeln im sozialistischen Block konnte immer nur umweltschützend wirken, während in anderen, also westlichen und kapitalistischen Gesellschaften, die Zerstörung der Umwelt zu den Eigenheiten des dortigen Systems gehörte. Doch dieses eigenkonstruierte Image einer ökonomisch erfolgreichen DDR, deren Wirtschaft die Natur schont und ihr zu neuer Blüte verhilft, hatte mit der Wirklichkeit wenig gemein. So zerstörte der Uran-Abbau der SDAG Wismut mehrere Dörfer und damit auch die Natur. Renaturiert wurde aber, wie bereits erwähnt, nicht zu DDR-Zeiten, sondern erst nach der Wende. Das Areal wurde anschließend unter anderem 2007 für die Bundesgartenschau genutzt. Aus dieser offensichtlichen Diskrepanz zwischen offiziellem Bild und tatsächlicher Lage vor Ort erwuchs ein nicht unbedeutender Teil der DDR-Oppositionsbewegung. Bücher wie Landschaften unserer Heimat zeigen dagegen Bilder, die belegen sollten, dass auch die DDR ein »grüner« und »gesunder« Raum war. Aus heutiger Sicht muten diese Fotografien, die eine umweltfreundliche und zugleich industriell fortschrittliche DDR zeigen sollten, befremdlich an. Fabrikschlote, die schwarzen Rauch in die Umwelt abstoßen, Braunkohlebagger, welche die Erde aufwühlen, und Erdölleitungen sollten Beispiele für die »eigenartige Schönheit«61 von Industriekomplexen sein, die »selbst wieder zu einer ästhetisch reizvollen Landschaft werden«.62 Bilder, die aus heutiger Sicht das Urteil bestätigen würden, dass die DDR vor allem ein verschmutzter Raum war, belegten aus damaliger Sicht von Verlagen und Staatsführung deren Leistungsfähigkeit und Kompetenzen. Fazit Raumbeschreibungen in der DDR waren zu jeder Zeit vor allem Beschreibungen des sozialistischen Wandels und menschlichen Lebens. Der früheren konservativen Deutung von der Prägung des Menschen durch die Natur wird die »Machbarkeit von Umwelt« gegenübergestellt. Jedoch blieben hierbei konservative Deutungsmuster und Begriffe wie Heimat durchaus erhalten. Während sich in den Bildbänden der Fünfzigerjahre noch ein gesamtdeutscher Anspruch wiederfindet, änderte sich mit der Neuausrichtung der Innen- und Außenpolitik ab 1960 die Raumsicht. Der Fokus lag nun auf der DDR, deren Wandel zur sozialistischen Nation das Hauptaugenmerk galt. Während es in westdeutschen Publikationen lange um den Versuch einer Inklusion der DDR und der Ostgebiete ging, verstanden sich die Bildbände in der DDR ab den Sechzigerjahren als Vorkämpfer einer gesonderten DDR-Identität, wofür beispielsweise die Betonung sozialistischer Musterprojekte spricht. Grenzdarstellungen waren in diesem Prozess des Identitätsaufbaus Tabu, weder die innerdeutsche noch die Grenze zu Polen wurden in irgendeiner Form dargestellt. Die DDR präsentierte sich mitunter als grenzenloses Land, wobei damit vor allem die Grenzen der sozio-ökonomischen Entwicklung gemeint waren. Offen trat dieser Widerspruch spätestens in der Endphase der DDR zutage, in welcher der ökonomische Niedergang und die Umweltzerstörung zum Anwachsen der Opposition führten. 1 Mathias Beer: Das Heimatbuch als Schriftklasse, in: ders.: Das Heimatbuch. Geschichte – Methodik – Wirkung, Göttingen 2010, S. 9–39, hier S. 13. 2 Anja Kempe: Die Ordnung des Raumes – die Aneignung Schlesiens in den visuellen Medien nach 1945, in: Dieter Bingen/Peter Oliver Loew/Dietmar Popp (Hg.): Visuelle Erinnerungskulturen und Geschichtskonstruktionen in Deutschland und Polen seit 1939, Warschau 2009, S. 69–84, hier S. 70. 3 Alon Confino: Germany as a culture of remembrance. Promises and limits of writing history, Chapel Hill 2006, S. 100. 4 Guntram Herb: Double Vision: Territorial Strategies in the Construction of National Identities in Germany, 1949–1979, in: Annals of the Association of American Geographers 94 (2004), S. 140–164. 5 Siehe Dieter Riesenberger: Heimatgedanke und Heimatgeschichte in der DDR, in: Edeltraud Klueting: Antimodernismus und Reform. Beiträge zur Geschichte der deutschen Heimatbewegung, Darmstadt 1991, S. 320–343, hier S. 322 ff. 6 Jutta Faehndrich: Entstehung und Aufstieg des Heimatbuchs, in: Beer: Heimatbuch (Anm. 1), S. 55–84, hier S. 64. 7 Ein Beispiel für die Zentralisierung in der DDR ist die Auflösung der Länder 1952 und die Schaffung von kleinen Bezirken nach französischem Vorbild. 8 Siehe Riesenberger: Heimatgedanke (Anm. 5), S. 330. Eine Beschreibung der Transformation zum sozialistischen Großraum am Beispiel Thüringens bietet Barbara Happe: Das Ende der Gutswirtschaft. Der Wandel der ländlichen Kultur nach 1945 in Thüringen, in: Silke Göttsch/Christel Köhle-Hezinger (Hg.): Komplexe Welt: Kulturelle Ordnungssysteme als Orientierung, Münster 2003, S. 453–462. 9 Ministerium für Volksbildung (Hg.): Lehrplan für das Fach Erdkunde. Klassen 6 bis 10, Berlin 1966, S. 4. 10 Ebd. 11 Die Heimatkunde sollte den »Kontakt ›des Deutschen‹ zu seiner – wie man glaubte – wahren völkisch substantiell bestimmenden Kultur« stärken. Zitiert nach Willi Oberkrome: »Gesundes Land – gesundes Volk.« Deutsche Landschaftsgestaltung und Heimatideologie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie 53 (2005), S. 26–38, hier S. 31. 12 Celia Applegate: A Nation of Provincials. The German Idea of Heimat, Oxford 1990, S. 4. 13 Siehe Beate Ihme-Tuchel: Die DDR und die Deutschen in Polen. Handlungsspielräume und Grenzen ostdeutscher Außenpolitik 1948–1961, Berlin 1997; Heike Amos: Die Vertriebenenpolitik der SED 1949 bis 1990, München 2009, S. 56–59. Bis 1949 waren in der SED noch Stimmen laut, welche die Verschiebung der Grenzen kritisch betrachteten. Auch später gab es immer wieder Publikationen, die einen Austausch von Gebieten zwischen der DDR, Polen und der Sowjetunion begrüßten. 14 Siehe etwa den Band von Karl Hermann Böhmer, »Deutschland hinter dem Eisernen Vorhang«, der 1955 in Essen erschien. In ihm wurde besonders die »Unnatürlichkeit« der sowjetischen Herrschaft in Deutschland kritisiert. 15 Siehe dazu Bettina Jütte: Verlagslizensierungen in der sowjetischen Besatzungszone (1945–1949), Berlin 2010, S. 127. Bereits kurz nach ihrer Gründung versuchte die SED, auf die Volksbildung einzuwirken. Bis 1949 hatte sie bereits einen erheblichen Einfluss auf die Verlagspolitik. 16 Siehe Sendung »Schlimmes Ende« vom 31. August 2009 im Deutschlandfunk, in: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/1025795. Siehe auch Christoph Links: Das Schicksal der DDR-Verlage. Die Privatisierung und ihre Konsequenzen, Berlin 2009; Mathias Judt (Hg.): DDR-Geschichte in Dokumenten. Beschlüsse, Berichte, interne Materialien und Alltagszeugnisse, 2. Aufl. Berlin 1998, S. 313. 17 Siehe ebd., S. 313. 18 Siehe Christina Bötcher: Die (Un)möglichkeit Grenzen auf Karten zu verstehen, in: http://www.edumeres.net/publikationen/details/d/die-macht-der-karten-oder-was-man-mit-karten-machen-kann/p/die-un-moeglichkeit-grenzen-auf-karten-zu-verstehen.html, ges. am 16. September 2013. 19 Siehe Stefan Wolle: Die Welt der verlorenen Bilder, in: Gerhard Paul: Visual History, Göttingen 2006, S. 333–352, hier S. 343. 20 Vor allem bei der Darstellung der Ostgebiete war die Verbundenheit des Bauern mit der Scholle auch in westdeutschen Bänden ein beliebtes Motiv. Siehe dazu Harald Busch: Deutschland. Mitteldeutschland und der Osten, wie er war. Ein Bildband von deutscher Landschaft, ihren Städten, Dörfern und Menschen, Frankfurt a. M. 1955, S. 147. 21 Paul Beyer (Hg.): Deutschland. Schöne Heimat, Leipzig 1955, S. V. 22 Ebd., S. V. 23 Ebd., S. VI. 24 Ebd., S. VIII. 25 Ebd., S. VII. 26 Siehe ebd. 27 Siehe dazu auch Michael Lemke: Einheit oder Sozialismus. Die Deutschlandpolitik der SED 1949–1961, Köln u. a. 2001, S. 29–35. 28 Beyer: Deutschland (Anm. 21), S. 206 f. 29 Ebd., S. 176. 30 Ebd., S. 200. 31 Ebd., S. 187. 32 Siehe dazu Katarzyna Stokłosa: Polen und die deutsche Ostpolitik, Göttingen 2011. Die Autorin beschreibt darin die Aufwertung sowohl der DDR als auch Polens. 33 Hans-Jochen Knobloch: Landschaften unserer Heimat, Leipzig 1973, S. 10. 34 Siehe Bernd Lohse (Hg.): Deutschland im Luftbild. Süden, Westen, Norden, Frankfurt a. M. 1959. 35 Lothar Willmann: Im Flug über die DDR, 2. Aufl. Leipzig 1984, Klappentext. 36 Ebd., S. 13. 37 Knobloch: Landschaften (Anm. 33), S. 10. 38 Confino: Germany as a culture (Anm. 3), S. 92. 39 Monica Rüthers: Moskau bauen von Lenin bis Chruščev. Öffentliche Räume zwischen Utopie, Terror, Alltag, Wien 2007, S. 77. 40 Willmann: Im Flug (Anm. 35), S. 25. 41 Ebd., S. 26. 42 Ebd. Das Zitat aus dem Band von Willmann ist wiederum dem Bildband von Werner Bräunig: Städte machen Leute. Streifzüge durch eine neue Stadt, Halle (Saale) 1969, S. 235 entnommen. Für dieses Buch besuchten vier Schriftsteller und zwei Fotoreporter Halle-Neustadt und berichteten vom Leben in diesem »Wohnungsbauplatz«. 43 Willmann: Im Flug (Anm. 35), S. 26. 44 Ebd., S. 28. Die Losung stammt aus der direkten Nachkriegszeit, siehe dazu: Werner Durth/Niels Gutschow: Eisenhüttenstadt. »Schöne Städte für ein schönes Leben«, in: Brandenburgische Denkmalpflege 4 (1995), S. 31–39. 45 Willmann: Im Flug (Anm. 35), S. 26. 46 Siehe Carsten Benke: Am Ende der Hierarchie: Grenzen und Spielräume der Kommunalpolitik in der DDR – mit Beispielen aus der der Industriestadt Ludwigsfelde, in: Christoph Bernhardt/Heinz Reif (Hg.): Sozialistische Städte zwischen Herrschaft und Selbstbehauptung. Kommunalpolitik, Stadtplanung und Alltag in der DDR, Stuttgart 2009, S. 21–46, hier S. 26–28. 47 Siehe Willmann: Im Flug (Anm. 35), S. 81. 48 Ebd. 49 Ebd. 50 Ebd., S. 87. 51 Nach Gerhard Hard ist der Begriff Landschaft »noch immer der wirkungsvollste Raumverklärungsmythos des deutschen Sprachraums«. Siehe Gerhard Hard: Der Spatial Turn – von der Geographie her betrachtet, in: Jörg Döring/Tristan Thielmann (Hg.): Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften, Bielefeld 2008, S. 263–316, hier S. 279. Schon frühe landeskundliche Publikationen versuchten, eine Art »essence of national character« zu belegen. Siehe Jens Jäger: Picturing Nations. Landscape Photography and National Identity in Britain and Germany in the Mid-Nineteenth Century, in: Joan Schwartz/James Ryan: Picturing place. Photography and the Geographical Imagination, London 2003, S. 117–140, hier S. 117. 52 Willmann: Im Flug (Anm. 35), S. 144. 53 Die Verfassung vom 7. Oktober 1974 zählt den Boden der DDR zu den »kostbarsten Naturreichtümern«, der »geschützt und rationell genutzt« werden muss. 54 Knobloch: Landschaften (Anm. 33), S. 46. 55 Siehe hierzu Evgenij Dobrenko (Hg.): The landscape of Stalinism. The art and ideology of Soviet space, Seattle 2003. Siehe auch Vadim Birstein: The perversion of knowledge. The true story of Soviet science, Boulder 2001. 56 Willmann: Im Flug (Anm. 35), S. 80. 57 Demnach wurden, so die Angaben, 7500 Hektar ehemalige Bergbaufläche für Forst- und Landwirtschaft wieder nutzbar gemacht. 58 Willmann: Im Flug (Anm. 35), S. 80. 59 Siehe Jörg Lücke: Das Umweltschutzrecht der DDR, in: Werner Thieme (Hg.): Umweltschutz im Recht, Berlin 1988, S. 165–196, hier S. 168 f. 60 Knobloch: Landschaften (Anm. 33), S. 105. 61 Ebd., S. 58. Es muss darauf verwiesen werden, dass solche Bilder in der Bundesrepublik ebenfalls eine Zeit lang vorherrschten. Mit dem Aufkommen der Umweltbewegung verschwanden diese aber aus den Publikationen. 62 Ebd., S. 46.

JHK 2014

Die Ambivalenz staatlicher Förderung. Eine Chance für die DDR-Aufarbeitung oder »gefährliche Abhängigkeit«?

Markus Goldbeck

Dass die Historie der Geschichtsaufarbeitung reich an Konflikten ist und es dabei oft um Geld geht, ist kein Geheimnis. Paradoxerweise resultieren in Deutschland viele Auseinandersetzungen um die Aufarbeitung aus der Tatsache, dass sich der Staat in hohem Maße im Bereich der Vergangenheitsaufarbeitung engagiert – einem Feld, das ohne staatliches Geld kaum im jetzigen Ausmaß existieren würde. Dies gilt auch für den Bereich der DDR-Aufarbeitung. Einerseits ergeben sich für zivilgesellschaftliche Initiativen hervorragende Arbeitsmöglichkeiten. Doch geraten diese nicht andererseits in eine »gefährliche Abhängigkeit«1 von staatlichen Zuwendungen und passen sich über kurz oder lang geschichtspolitischen Vorgaben an? Fraglos hat das staatliche Engagement den »Streitwert« der Konflikte merklich erhöht. Inhaltliche Differenzen werden nun von finanziellen Bindungen begleitet und auch verstärkt – Mitarbeiterstellen, Ausstellungen und Buchprojekte hängen von den Finanzmitteln ab. Sprudelnde Fördergelder symbolisieren darüber hinaus Anerkennung für die Empfänger und sind daher auch prestigeträchtig. Die Konfliktkonstellation lässt sich indes nicht auf einen Streit zwischen »der Zivilgesellschaft« und »dem Staat« reduzieren, und ebenso wenig geht es nur um Geld – es ist komplizierter. Die Akteure im Bereich Geschichtsaufarbeitung, Erinnerung, Gedenken sowie Geschichtspolitik sind in ein Beziehungsgeflecht zwischen Politik bzw. Staat, Medien und Wissenschaft eingebunden. Diese Beziehungen sind durch teils übereinstimmende, öfter jedoch durch divergierende oder gar antagonistische Interessen gekennzeichnet sowie durch (idealtypische) strukturelle Widersprüche. Wissenschaftliche Zeitgeschichte orientiert sich beispielsweise zeitlich, strebt eine kognitive Problemdurchdringung an und hinterfragt dabei ihren Untersuchungsgegenstand. Gedenken orientiert sich dagegen räumlich, nähert sich seinem Gegenstand emotional und versucht diesen Gegenstand, wie z. B. die Erfahrungen politischer Verfolgung, nicht zu hinterfragen.2 Ähnlich widersprüchlich ist das Verhältnis zwischen parlamentarischen Akteuren und »Geschichtsaufarbeitern«. Kurzfristig sind oft beide am konfliktbehafteten Aufdecken oder gar am Skandal interessiert: parlamentarische Akteure, um im politischen Tageskampf punkten zu können, und Aufarbeiter, um Aufmerksamkeit für die eigenen Anliegen zu erregen. Langfristig streben Erstere aber tendenziell den Ausgleich, die Einbindung, den Kompromiss an, während Aufmerksamkeit und Konflikt die dauerhafte Grundlage für die Arbeit der Aufarbeiter bilden. Die Liste der Gegensätze ließe sich mühelos erweitern. Wie kompliziert diese Beziehungen sein können, zeigen Untersuchungen zu Interessenvertretungen von Opfern: Bei ihnen überlagern sich die Ziele von Individuen, Organisationen, Dachverbänden, Parlamenten, Parteien, Massenmedien, Verwaltung, Fachwissenschaft etc. zu einem kaum durchschaubaren Gewirr aus Absichten und Ansprüchen, Abhängigkeiten und Widersprüchen.3 Doch damit nicht genug: Kein Akteur darf als monolithischer Block gesehen werden, da es eben nicht den fördernden, normierenden oder (un)engagierten Staat und den aufrechten oder rückwärtsgewandten Aufarbeiter gibt. Will man die Aufarbeitung der realsozialistischen Diktatur in Deutschland, besonders aber die aus ihrer Finanzierung resultierenden Konflikte und Normierungen verstehen, muss diese Komplexität stets mitbedacht werden. Um die Widersprüchlichkeit des bundesdeutschen Aufarbeitungsfeldes zu erkunden, werden in diesem Aufsatz schlaglichtartig drei relevante Akteursebenen in den Blick genommen.4 Zunächst gilt die Aufmerksamkeit der politischen Ebene mit ihrem geschichtspolitischen Ehrgeiz und ihren spezifischen Strategien, um ihre Gestaltungsansprüche durchzusetzen. Welche Folgen hat ein solches Interesse der Politik für die Aufarbeitung? Dann soll mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (Stiftung Aufarbeitung) eine zentrale Organisation deutscher DDR-Aufarbeitungsförderung im Mittelpunkt stehen. Von Interesse sind hier vor allem die Muster der Förderpraxis zwischen 2002 und 2010. Ein dritter Punkt beleuchtet den Streit um die Zeitschrift Horch und Guck in den Jahren 2006 und 2007, der einige Konflikte erhellt, die im Zuge der Geschichtsaufarbeitung zwischen Staat und Zivilgesellschaft entstehen können – einschließlich der Gegensätze aufseiten der »Geschichtsaufarbeiter«. Ohne den Anspruch, das Thema auch nur annähernd erschöpfend behandeln zu können, gilt das Interesse einer Aufarbeitungspraxis, die »konkurrierende Vergangenheiten«5 aushalten und Akteure mit unterschiedlichen Handlungsrahmen und je unterschiedlichen »Freiheiten und Beschränkungen«6 integrieren muss. Kulturpolitik – Geschichtspolitik – staatliche Förderung: Ein Politikfeld und seine Auswirkungen auf die Geschichtsaufarbeitung Haben sich Politiker oder staatliche Institutionen mit Problemen der Geschichte zu befassen? Diese Frage wird kontrovers diskutiert. Während etwa Eric Hobsbawm die Ansicht vertrat, Politiker sollten sich von Geschichte fernhalten,7 ist im wiedervereinigten Deutschland eher die gegenteilige Meinung verbreitet. Da Erinnerungskultur eine stark identitätsbildende Kraft innewohne, so der CDU-Politiker Norbert Lammert in einem im Jahr 2009 erschienenen und vom Bundesbeauftragten für Kultur und Medien geförderten Band zu Erinnerungskulturen und Geschichtspolitik, gebe es eine »unmittelbare staatliche Verantwortung«.8 An gleicher Stelle beschreibt die CDU-Abgeordnete Monika Grütters die Ansprüche des Staates: »Nationales Gedenken« lasse sich zwar »weder amtlich formulieren, noch behördlich regeln«, es könne als öffentliche Angelegenheit aber nicht rein bürgerschaftlich bewältigt werden.9 Der hier aufscheinende Gegensatz zwischen dem Gestaltungsanspruch des Staates einerseits und der Vorstellung von einer pluralen Ausgestaltung von Aufarbeitung andererseits ist in gewisser Weise typisch für den Umgang mit Geschichtsaufarbeitung in Deutschland. Eine einheitliche Position der Politik gab und gibt es aber nicht. Obwohl unter den etablierten Parteien ein gewisser Konsens über Geschichtsaufarbeitung als gesellschaftlicher Aufgabe besteht, gehen die Meinungen etwa über die Gewichtung von NS- und DDR-Aufarbeitung sowie über die jeweils zu beschreitenden Wege auseinander.10 Umstritten war beispielsweise seit jeher, wie stark die Rolle des Staates sein sollte. Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt sprach sich in dem bereits erwähnten Band Erinnerungskulturen und Geschichtspolitik gegen eine paternalistische Aufarbeitung aus, da eine »lebendige Erinnerungskultur« von unten komme und »nicht vom Staat verordnet und reguliert werden« solle.11 Staatliche Regulative in Sachen Vergangenheitsaufarbeitung wurden allerdings auch durch abweichende »Geschichtsgefühle« der Zivilgesellschaft herausgefordert.12 Das »spannungsreiche Konkurrenzverhältnis von offiziellem Gedenken einerseits und zeitgenössischer [...] Erinnerung andererseits«13 gilt nämlich nicht nur für die jeweiligen Differenzen zwischen »Diktaturgedächtnis«, »Arrangementgedächtnis« und »Fortschrittsgedächtnis«, wie sie Martin Sabrow skizziert hat.14 Auch innerhalb des »Diktaturgedächtnisses«, also zwischen jenen, die sich beispielsweise über den diktatorischen Charakter der DDR prinzipiell einig sind, ist die Spannung zwischen staatlichem und zivilgesellschaftlichem Zugriff auf die Vergangenheit unschwer auszumachen. Ein wichtiges geschichtspolitisches Ziel staatlicher, parlamentarischer oder parteipolitischer Initiativen im Bereich historischer Aufarbeitung war daher die Erhöhung der Legitimation mittels wissenschaftlicher Expertise und die Objektivierung durch »historische Fakten«.15 So sollte einer »missbräuchlichen Funktionalisierung«16 entgegengetreten werden, während zugleich die offizielle Gedenkpolitik »ihren rational-moralischen Anspruch gegebenenfalls auch gegenüber einem emphatischeren Geschichtsgefühl behaupten« wollte.17 Die starke Rolle des Staates in der Geschichtsaufarbeitung war indes zunächst nur zum Teil intendiert – sie ergab sich vor allem aus der Situation nach der deutschen Wiedervereinigung. Schon zuvor war das Feld des Erinnerns Teil politischer Auseinandersetzungen und Geschichtspolitik das Mittel parteipolitischer Profilbildung gewesen.18 Das institutionelle und finanzielle Engagement in Sachen Aufarbeitung der Vergangenheit war vor 1990 aber noch überschaubar. Ein wichtiges Folgeproblem der Wiedervereinigung war zunächst der Umgang mit den KZ-Gedenkstätten, doch bald wurde die Diskussion auch auf Gedenkstätten für die SBZ- und DDR-Zeit ausgeweitet. Der bis weit in die Neunzigerjahre reichende Diskussionsprozess brachte »nicht nur eine neue politische, sondern auch administrative Konstellation« mit sich.19 Es wurden Relevanzkriterien für förderwürdige Projekte festgelegt: Neben einem Mindestmaß an fachlicher Qualität sollte die gesamtstaatliche Bedeutung und die enge Beteiligung vor allem der Bundesländer im Vordergrund stehen. Um das in Sachen Gedenkstätten überproportional »betroffene« Berlin finanziell nicht zu überlasten, bedurfte es einer Sonderregelung. Der Bund erklärte sich deshalb zur Unterstützung bereit. Diese leitete allerdings eine Entgrenzung bundesdeutscher Kulturförderung im Bereich Gedenkstätten ein, da sich auch andere Länder mit dem Unterhalt ihrer Gedenkstätten stark belastet sahen. Letztlich nahm die Bedeutung des Bundes auf diesem Feld erheblich zu. Die Folgen für die Geschichtsaufarbeitung waren ambivalent. Das finanzielle Engagement des Staates führte einerseits zu einem regelrechten Aufarbeitungsboom.20 Andererseits rückten Mechanismen und Prinzipien der politischen Auseinandersetzung näher an das Feld der Aufarbeitung heran – und damit auch unterschiedliche Interessen und die daraus erwachsenden Konflikte. Wenn beispielsweise Politiker das »notwendige Miteinander gesellschaftlicher Kräfte« im Auge behalten und nach »ein[em] parteiübergreifende[n] Ausgleich der Interessen«21 suchen, verstehen sich Aufarbeitungsinitiativen als »zivilgesellschaftliches Gewissen«22 – Konfliktfälle waren also lediglich eine Frage der Zeit. Daneben wurde mit der Ernennung eines Beauftragen der Bundesregierung für Kultur und Medien im Jahr 1998 eine Art »partizipative[r] Politikberatung« verstetigt, wie sie in den Enquetekommissionen zur DDR praktiziert worden war, um eine höhere Legitimation für die geschichtspolitischen Vorhaben zu erlangen. Mit der Etablierung des Kulturressorts auf Bundesebene wurde auch ein eigener Parlamentsausschuss geschaffen. Auf diese Weise rückte nicht nur die Regierung, sondern auch das Parlament näher an kulturpolitische Problemlagen heran und schuf damit mehr Einflussmöglichkeiten für parlamentarische wie außerparlamentarische Akteure.23 Unmittelbare Auswirkungen ergaben sich auch aus der Definitionsmacht der Geldgeber: Wenn der Staat Geld zur Aufarbeitung bereitstellt, dann kann er auch Vergabekriterien festlegen – darin liegt, intendiert oder nicht, erheblich normierendes Potenzial. Die »Stiftung Aufarbeitung« und die Pflege einer »Aufarbeitungslandschaft« Ein Blick auf den finanziellen Umfang bundesrepublikanischen Engagements in Sachen DDR-Aufarbeitung beeindruckt: Seit 1991 wurden allein der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen mehr als zwei Milliarden Euro zugewiesen – jährlich meist zwischen 90 und 100 Mio. Euro.24 Angesichts solcher Zahlen erscheint die finanzielle Ausstattung der Stiftung Aufarbeitung eher bescheiden, doch auch hier finden sich immer noch respektable Summen: Der Etat der Stiftung Aufarbeitung für 2011 belief sich auf 5,6 Mio. Euro und von 1998 bis 2011 wurden 31,6 Mio. Euro an Fördermitteln ausgeschüttet.25 Die Stiftung, die 1998 nach Abschluss der Enquetekommission »Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit« als unabhängige Fördereinrichtung gegründet worden war, betrachtet sich vor allem als Dienstleister und versucht unterschiedliche Aufarbeitungsansätze zu vernetzen sowie Beratungsangebote zu erfassen. Recht schnell sah sie sich einem großen Ansturm auf die Fördergelder ausgesetzt. Obwohl nicht als reine Finanzierungsinstitution gedacht, wurde doch versucht, die zum Teil massiven finanziellen Probleme vorhandener Aufarbeitungsinitiativen abzufangen.26 Wenngleich die Stiftung Aufarbeitung keine Monopolstellung auf dem Feld der DDR-Aufarbeitung hat und auch andere Organisationen Projektförderung betreiben, avancierte die Stiftung für viele zivilgesellschaftliche Initiativen zur wichtigsten Anlaufstelle in Sachen Finanzierung. Dies verdeutlicht eine Rundschau über die Förderpraxis der Stiftung in der Zeit zwischen 2002 und 2010: In dem genannten Zeitraum entfielen über die Hälfte der Fördermittel auf die im engeren Sinne mit der DDR-Aufarbeitung befassten Betroffenenverbände, auf Vereine, Aufarbeitungsinitiativen und Gedenkstätten.27 Ein knappes Drittel der Gelder floss an Organisationen, die sich in einzelnen Projekten, nicht aber permanent mit der DDR-Aufarbeitung befassten. Etwa ein Sechstel der Mittel ging an Organisationen aus dem Bereich Kunst und Kultur, Verlage, Museen, Bildungseinrichtungen u. a. (siehe Diagramm 1). Ein detaillierter Blick offenbart zudem, dass die Förderung in dem betrachteten Zeitraum auf einen konstanten Empfängerkern konzentriert war. Fast ein Zehntel der knapp 400 Organisationen wurde in sieben bis neun Jahren unterstützt, knapp 80 Prozent waren dagegen in höchstens einem bis drei Jahren unter den Geförderten. Daneben ist auch die Zahl der vergebenen Projekte beachtenswert: Knapp 46 Prozent der über 1500 geförderten Projekte entfielen auf die häufig Geförderten und nur ein knappes Drittel auf diejenigen, die nur selten unterstützt wurden. Ähnliches gilt für die Verteilung der Fördersummen (siehe Diagramm 2). Die Förderung der Aufarbeitung war zudem auch räumlich konzentriert. Blickt man auf die Standorte der Geförderten, so zeigt sich die große Bedeutung Berlins: 37 Prozent der Organisationen kamen aus Berlin, und auf sie entfielen mehr als zwei Fünftel (41,7 Prozent) der bewilligten Projekte und sogar über die Hälfte (knapp 55 Prozent) der bewilligten Fördergelder (siehe Diagramm 3). Noch ausgeprägter war dieses Muster unter den jährlich Geförderten: 44 Prozent der Organisationen stammten aus Berlin, und diese erhielten über 52 Prozent der Projekte und fast 75 Prozent der Fördermittel (siehe Diagramm 4). Ursache dieses Phänomens war zwar nicht die Fördertätigkeit der Stiftung, sie wurde aber durch dieselbe unzweifelhaft verstärkt oder zumindest fortgeschrieben.28 Die Förderung der DDR-Aufarbeitung konzentrierte sich zwischen 2002 und 2010 also auf relativ wenige Schlüsselorganisationen. Allerdings gab es hier erhebliche Unterschiede hinsichtlich der Höhe der Fördersummen und der Zahl der bewilligten Projekte. Die Empfänger mit den meisten Zuwendungen waren Interessenvertretungen, wie die Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft e. V. (UOKG), der Bund der Stalinistisch Verfolgten e. V. (BSV) und die Vereinigung der Opfer des Stalinismus e. V. (VOS). Daneben finden sich vor allem Aufarbeitungsinitiativen, die im Kontext der friedlichen Revolution von 1989/90 entstanden waren, wie das Archiv Bürgerbewegung Leipzig e. V., das Bürgerkomitee Leipzig e. V., das Bürgerkomitee »15. Januar« e. V., die Robert-Havemann-Gesellschaft e. V. sowie die Antistalinistische Aktion Berlin Normannenstraße e. V. (ASTAK). Eine wichtige Rolle in der Förderpraxis der Stiftung Aufarbeitung spielten Organisationen, die den DDR-Bürgerrechtlern und -Oppositionellen sowie den Aktivisten der Jahre 1989/90 nahestehen bzw. Betroffenenverbände. Initiativen in und um Berlin erhielten dabei einen beachtlichen Anteil der finanziellen Mittel. Neben universitären Akteuren und Instituten wie dem Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam profitierten besonders Organisationen wie das Robert-Havemann-Archiv oder die ASTAK. Diese Konstellation ist zu berücksichtigen, wenn im Folgenden der Fall Horch und Guck näher betrachtet wird. »Horch und Guck in Not«: Eine Diskussion um Selbstbestimmung und Qualität Im Januar 2007 war die Aufregung nicht nur in der Berliner Aufarbeitungsszene groß: Die aufarbeitungsorientierte Zeitschrift Horch und Guck sollte die finanzielle Unterstützung der Stiftung Aufarbeitung verlieren.29 Die Zeitschrift existierte seit 1992 und war aus dem Umfeld der DDR-Bürgerbewegung und der Stasi-Auflöser des Jahres 1990 hervorgegangen.30 Seit 1998 hatte die Stiftung Aufarbeitung die Zeitschrift gefördert und auch für das Jahr 2007 hatte der Trägerverein, das Berliner Bürgerkomitee »15. Januar«, knapp 59 000 Euro beantragt. Mit der Nichtbewilligung dieser Mittel stand Horch und Guck vor schweren Zeiten.31 Die sich im Laufe des Jahres 2007 entwickelnde Debatte über den »wirklichen« Grund für die Ablehnung offenbarte einige Widersprüche der Aufarbeitungsförderung und der Aufarbeitungsszene. Im Folgenden soll der Konflikt daher kurz nachgezeichnet werden. Kritik an der Nichtbewilligung kam von den Redakteuren,32 den Herausgebern und auch von Unterstützern der Zeitschrift. Ihr Widerspruch bezog sich vor allem auf die Begründung der Ablehnung durch die Stiftung Aufarbeitung: Dort war der Verlust an »Qualität, Themenvielfalt, Pluralität, Relevanz und Verbreitung« bemängelt worden.33 Die Kritik war nicht neu. Schon zuvor hatte die Stiftung Ähnliches vorgebracht, und man hatte sich zunächst auf die Einrichtung eines Beirats geeinigt, der die Redaktion von Horch und Guck qualitativ beaufsichtigen und beraten sollte. Vonseiten der Stiftung waren Ehrhart Neubert und Hans-Georg Golz, von der Redaktion Edda Ahrberg, Renate Hürtgen, Ilko-Sascha Kowalczuk, Tobias Hollitzer und Carlo Jordan als Mitglieder benannt worden.34 Die Beziehung zwischen Beirat und Redaktion erwies sich aber als schwierig. Ende 2006 trat die Mehrzahl der Beiräte zurück – der Beirat war gescheitert.35 Es folgte die Ablehnung einer weiteren Förderung durch die Stiftung. Aufseiten von Horch und Guck wurde das Argument mangelnder Qualität vor allem als Vorwand gesehen. Der Vereinsvorsitzende Stefan Wolle mutmaßte, die Geldgeber würden sich an der politischen Ausrichtung des Blattes stören – »Linkslastigkeit« sei ihnen vorgeworfen worden – oder aber an der pazifistischen und generell geheimdienstkritischen Grundorientierung. Das seit 1989 gepflegte Prinzip der Selbstbestimmung sei mit inhaltlicher Bevormundung nicht zu vereinbaren. Die Stiftung Aufarbeitung bestritt derartige Vorwürfe und verwies erneut auf qualitative Mängel. Die Stiftung sei verpflichtet, »angesichts der Vielzahl von Anträgen verantwortungsbewusst mit den ›begrenzten Steuergeldern‹ umzugehen«.36Andere Beobachter kamen zu einem abgewogeneren Urteil. Obgleich »manch krudes Pamphlet aus der Aufarbeitungsszene« veröffentlicht worden war, galt hier die Qualität der Zeitschrift nicht als Hauptproblem. Johannes Beleites hielt beispielsweise die »innere Stagnation des Blattes« und vor allem eine gewisse Abwehrhaltung gegenüber dem eigenen Geldgeber für die größte Schwierigkeit: Einwände der Stiftung Aufarbeitung seien nicht als konstruktive Kritik, sondern als Bevormundung und Gängelei aufgefasst worden. Dies habe vor allem daran gelegen, dass sich »in den ehemals oppositionellen Zirkeln [...] eine Weltsicht des Kampfes von David gegen Goliath gehalten« hätte und man Außenstehenden ein latentes Misstrauen entgegenbringe.37 Dieses ambivalente Meinungsbild legt den Schluss nahe, dass es sich um eine Auseinandersetzung zwischen der zivilgesellschaftlichen Aufarbeitungsszene und den staatlichen Förderern gehandelt habe. Bei genauerer Betrachtung fällt aber eine zweite Konfliktlinie innerhalb der Aufarbeitungsszene auf. Die Ablehnungsbegründung der Stiftung wurde nämlich auch unter ehemaligen Bürgerrechtlern durchaus unterschiedlich bewertet. Dies zeigte sich auf einer Versammlung am 7. Februar 2007, auf der über weitere Maßnahmen zur Rettung von Horch und Guck beraten werden sollte. Anders als manche Stiftungskritiker erwartet hatten, wollten viele Anwesende keineswegs »solidarisch nach Wegen zum Erhalt ihrer Zeitung suchen« und »sich klar und eindeutig zur Stiftungslinie äußern«. Im Gegenteil: Die Mehrzahl der Anwesenden nahm den Konflikt zum Anlass, um ihrerseits die Redaktion der Zeitschrift und den Vorstand des Bürgerkomitees zu kritisieren. Auch die Bewertungen des Stiftungsbescheids lagen entsprechend weit auseinander. Die Mehrheit beschied den Stiftungskritikern: »Dass ein staatlicher Geldgeber in seinem pflichtgemäßen Ermessen Forderungen gestellt habe«, sei ein »erwartbarer« Umstand, auf den »man sich einstellen« müsse.38 Diese Vielfalt der früheren Bürgerbewegung war schon im Zuge der schrittweisen Eskalation des Konflikts Ende 2006 zutage getreten. Die Qualitätsdebatte hatte sich da schon längst mit Diskussionen über Personen und die Art und Weise gemeinsamer Zusammenarbeit vermischt. Beklagten einige Beiräte die Weitergabe von Informationen aus Sitzungen, so sahen andere dies als Zeichen der Transparenz und als Erbe der friedlichen Revolution.39 Sahen einige kapitalismus- und militärkritische Artikel als Zeichen der Pluralität, da sie frühere linksorientierte bzw. pazifistische Oppositionsgruppen integrierten, galt dies der Stiftung Aufarbeitung als »für eine ›historisch-literarische Zeitschrift‹ eher untypisch«.40 Die dezidiert subjektive sowie staats- und regierungskritische Art der Geschichtsbetrachtung, die von manchen angestrebt wurde, lief gewiss dem geschichtspolitischen Ziel einer Professionalisierung und Objektivierung entgegen und evozierte daher Kritik. Auf beiden Seiten standen Mitglieder der früheren Bürgerbewegung, die schon immer heterogen gewesen war.41 Ohne Zwischentöne zu nivellieren, kann man den Fall Horch und Guck auch als einen Konflikt zwischen jenen Vertretern der Bürgerbewegung sehen, die dem Aufarbeitungssystem skeptisch gegenüberstanden, und jenen, die in diesem System »angekommen« waren. Der Konflikt drehte sich damit auch um Werte und Maßstäbe: Während sich die »Skeptischen« auf die Ideale der Oppositionsgruppen, der Bürgerbewegung und vor allem auf die Ideen von 1989 beriefen und damit in vielen Fällen versuchten, eine ostentativ ostdeutsche Identität zu beschwören, handhabten die »Angekommenen« den Umgang dieser Werte pragmatischer und auf die Verhältnisse des vereinigten Deutschlands bezogen. Die Gegensätze innerhalb der Gruppe der vormaligen Bürgerrechtler bzw. Oppositio-nellen spiegelten manche der bundesdeutschen geschichtspolitischen Auseinandersetzungen des neuen Jahrtausends wider, und doch handelte es sich auch um einen separaten Schauplatz, auf dem sich bundesdeutsche und ostdeutsche Konflikte überlagerten. Auch unter den Stiftungskritikern hatte sich beispielsweise die Einsicht durchgesetzt, dass ein Großteil der vormaligen DDR-Bürgerbewegung die von den Kritikern abgelehnte staatliche Geschichtspolitik keineswegs nur aus opportunistischen Gründen tolerierte oder gar vertrat.42 Trotzdem beklagte man fortwährend den Verlust alter Ideale und appellierte an einen gemeinsamen Erfahrungshintergrund, den es in dieser Form nicht mehr gab, den man aber konservieren, vielleicht auch reaktivieren wollte. Die Ursache für dieses Bestreben ist wohl in der Umbruchzeit 1989/90 zu suchen. Viele Bürgerrechtler hatten im Laufe der friedlichen Revolution die frustrierende Kluft zwischen »revolutionärer Legitimität« und »administrativer Legalität« erfahren und die Nichtdurchsetzung ihrer Ideale als Niederlage erlebt.43 Die Berufung auf die Ideale der Bürgerbewegung bzw. der friedlichen Revolution war der erneute Versuch, in die Definition der »Spielregeln« einzugreifen. Auf der einen Seite wurde von den Skeptikern eine Aufarbeitung ohne Hierarchien, im Verbund mit »Transparenz, Öffentlichkeit und demokratische[n] Spielregeln« imaginiert.44 Dem gegenüber wurden bundesrepublikanisch geprägte politische, wissenschaftliche und auch bürokratische Traditionen gesehen, von denen sich die Skeptiker qualitativ abgrenzen wollten – oder an die man sich – wie die »Angekommenen« – anpassen konnte. Gerade die Debatte um die Qualität einer Zeitschrift führte letztlich zu der Frage, wer Qualität definieren dürfe und was unter Qualität zu verstehen sei. Die Stiftung Aufarbeitung orientierte sich an den Maßstäben Professionalität und Objektivität. Verfechter der Traditionen von 1989 sahen von dem Streben nach zunehmender Professionalisierung aber die von ihnen propagierte »Geschichte von unten« bedroht. Daher wehrte man sich auch dagegen, »das Profil der Zeitschrift zu Ungunsten der bürgerbewegten ›Nichtstudierten‹ hin zu mehr Wissenschaftlichkeit zu ändern«.45 Dieser Widerstand war durchaus verständlich: Die eingeforderte Professionalisierung konnte – ob nun intendiert oder nicht – als Bedrohung der Ideen der Bürgerbewegung gesehen werden, denn hinter dem »Anspruch auf eine ›selbstverwaltete Vergangenheit‹« stand immerhin die »Utopie einer basisdemokratisch verfassten Gesellschaft« – ein Kernelement bürgerbewegten Denkens.46 Mit dem Verschwinden einer »Geschichte von unten« drohte aber noch ein weiterer unangenehmer Nebeneffekt für die »Skeptischen« einzutreten: Der Verlust einer – vielleicht der letzten – öffentlichen Plattform könnte den Verlust von Deutungsmacht nach sich ziehen.47 Der »Fall Horch und Guck« beschränkte sich indes nicht nur auf ostdeutsche Befindlichkeiten. Die Skepsis manch eines Bürgerbewegten gegenüber den geschichtspolitischen Initiativen seit 2005 war grundsätzlicher Natur. Einigen galt der von der Stiftung Aufarbeitung ausgerufene Förderschwerpunkt für die Jahre von 2008 bis 2010 als eigentlicher Auslöser des Konflikts um Horch und Guck, der wiederum als Teil eines konservativen Neuordnungsversuchs der Geschichtspolitik verstanden wurde. Die Stiftung hatte die Fördermittel anlässlich der in den Jahren 2009 und 2010 anstehenden Jahrestage von friedlicher Revolution und deutscher Wiedervereinigung vor allem auf solche Projekte konzentrieren wollen, »die besonders dazu geeignet waren, das gesamtdeutsche Bewusstsein für die epochale historische Bedeutung der friedlichen Revolution in der DDR und der Wiederherstellung der deutschen Einheit zu stärken«.48 Sebastian Gerhardt beispielsweise interpretierte dies als »hegemoniale Geschichtspolitik nationalen Zuschnitts«, da »Projekte von überregionaler und/oder gesamtstaatlicher Bedeutung, die über eine möglichst große Reichweite verfügen«, angestrebt würden und die dezentrale Arbeit »kleiner und zumeist regionaler Aufarbeitungsinitiativen mit dem Ausschluß aus dem Kernbereich der Förderung« bedroht würde.49Auch der Förderpolitik des Staates an sich stand manch einer skeptisch gegenüber, da sie die Geförderten korrumpiere. Der aus den staatlichen Fördermechanismen resultierende Opportunismus gebe sich zwar als »Pragmatik« oder »Realismus« gegenüber der Stiftung Aufarbeitung aus, in Wahrheit gehe es den meisten Akteuren aber lediglich um ihren Vorteil und die persönliche Absicherung. Dieser korrumpierende Effekt schlage sich in Form massiver Entsolidarisierung auch bei den Aufarbeitungsinitiativen insgesamt nieder. Im Fall von Horch und Guck hätten beispielsweise andere Initiativen geschwiegen, um die eigene Förderwürdigkeit nicht zu gefährden. In gleicher Weise sei die zunehmend dialogorientierte Haltung des Trägervereins »15. Januar« gegenüber der Stiftung Aufarbeitung unsolidarisch gegenüber kleineren Initiativen, weil egoistisch versucht worden sei, die eigene Förderungsfähigkeit wiederherzustellen.50 Diese Vorbehalte wurden nicht zuletzt durch einen Umstand verstärkt: Ein Teil der DDR-Aufarbeiter mit bürgerbewegtem Hintergrund fühlte sich nicht ernst genommen und kaum geschätzt. Die Stiftungsentscheidung im Fall Horch und Guck etwa wurde als willkürlich empfunden – der Wunsch nach partnerschaftlicher und transparenter Zusammenarbeit, der von bürgerbewegten Akteuren oft geäußert wurde, war auch ein Wunsch nach Interaktion auf Augenhöhe. In der Praxis sah man sich aber – schon wieder – in der Defensive. Auch für Horch und Guck brachte das Jahr 2007 einen erheblichen Umbruch. Mit der Berufung einer neuen Redaktion sollten die inhaltlichen Streitpunkte aufgegriffen und auch die Aufmachung der Zeitschrift modernisiert werden. Gerade das veränderte Layout wurde dabei von der neuen Redaktion auch explizit als Zeichen einer Weiterentwicklung verstanden.51 Dies schien Horch und Guck nicht geschadet zu haben: War die Auflage zwischen 2004 und 2007 von 1200 auf 800 gefallen, so stabilisierte sie sich in der Folgezeit bei etwa 1000 Exemplaren pro Ausgabe.52 Die Aufarbeiter, der Staat und das Geld – ein Dilemma? Wie ist staatliche Aufarbeitungsförderung zu beurteilen? Werden Aufarbeitungsinitiativen durch finanzielle Förderung normiert und korrumpiert, oder ist die »ordnende Hand« des Staates unabdingbar? Eine intensive Beschäftigung mit problematischer Vergangenheit benötigt unbestreitbar materielle Ressourcen, etwa um Zeitschriften zu verlegen, Rechercheprojekte zu realisieren oder um Sammlungen anzulegen und zu verwalten. Ohne die finanzielle Beteiligung des Staates wäre dies kaum vorstellbar. Die Aktivität des Staates hat aber auch Folgen für das Feld der Aufarbeitung: Sobald sich der Staat finanziell engagiert, muss er festlegen, welche Voraussetzungen für die Empfänger gelten sollen. Ohne entsprechende Anforderungen wäre eine Förderung entweder willkürlich oder uferlos – beides kann nicht Ziel einer Politik sein, die den Umgang mit begrenzten finanziellen Mitteln verantworten können sollte. Wenn politische Entscheidungsträger zusätzlich (legitime) geschichtspolitische Gestaltungsansprüche haben, sind Rahmenvorgaben ohnehin unausweichlich. Indes können jedwede Auswahlkriterien mit den Ansätzen zur Geschichtsaufarbeitung oder (geschichts-)politischen Ideen der Geförderten in Konflikt stehen. Daher waren die Kriterien Professionalität und Qualität in Deutschland umstritten, erscheinen derzeit aber auch aus Mangel an Alternativen unverzichtbar. Welche Kriterien auch gefunden werden, in jedem Falle hätten sie strukturelle Auswirkungen auf die Aufarbeitung. Es ist zu vermuten, dass sowohl die derzeit vorhandenen (partei-)politischen Einflüsse53 als auch die selektierende und damit letztlich marginalisierende Wirkung bei der Verwendung anderer Förderkriterien kaum abnehmen würden, denn Organisationen, die gefördert werden wollen, müssten weiterhin diesen Kriterien entsprechen oder auf die Förderung verzichten. Für die Aufarbeitungsförderung ergibt sich daraus die paradoxe Situation, dass die Konflikte, die sich aus den skizzierten Zwängen ergeben, dem eigentlich identitätsstiftenden und integrierenden Moment des Geschichtsaufarbeitungsprozesses zuwiderlaufen. Der hier betrachtete Fall deutet aber auch an, dass nicht nur der Staat normierend wirkt. Das Konfliktpotenzial im Fall Horch und Guck war insbesondere deshalb hoch, weil die Aufarbeitungsförderung der Stiftung Aufarbeitung aus unterschiedlichen Gründen stark auf Organisationen von Diktaturbetroffenen und/oder DDR-Bürgerrechtlern bzw. »Aktivisten« der friedlichen Revolution ausgerichtet ist. Bei diesen überlagern sich teilweise – wie bei den Vertretern der Parteien auch – Aufarbeitungsimpetus und politischer Gestaltungsanspruch (z. B. in der Orientierung an den »Idealen von 1989«). Daher wirkten neben dem Staat auch einzelne Gruppen der Aufarbeitungsszene normierend, indem sie versuchten, eigene Deutungsangebote festzuschreiben. Für den Staat macht die große Verschiedenheit der Vertreter dieser Organisationen eine Einbeziehung aller Gruppen unmöglich – Selektion ist auch aus diesem Grund unausweichlich. Für politische Entscheidungsträger ergibt sich hieraus ein Zielkonflikt: Das Ziel »Pluralität in der Aufarbeitung« und die konsequente Umsetzung eines geschichtspolitischen Anspruchs sind zumindest mit der gegenwärtigen Förderpraxis kaum zu vereinbaren. Doch nicht nur die staatliche Seite steht vor Dilemmata: Auch für die Geförderten – das hat das Beispiel Horch und Guck anschaulich gezeigt – treten entscheidende Probleme auf. Für Initiativen der Aufarbeitungsszene ist oft unklar, ob auch im nächsten Jahr Fördermittel erfolgreich eingeworben werden. Diese Ungewissheit erzeugt nicht nur erheblichen Anpassungsdruck, sondern mitunter auch prekäre Arbeitsbedingungen. Zwar sind in dieser Hinsicht auch die Initiativen in der Pflicht, sich selbst um langfristige Perspektiven zu bemühen. Doch die Suche nach alternativen Geldgebern neben den verschiedenen staatlichen Quellen dürfte für die Mehrzahl der Aufarbeitungsprojekte ergebnislos bleiben. Bund, Länder und Kommunen können nur eine begrenzte Anzahl von Aufarbeitungsinstitutionen langfristig unterhalten – eine ganze »Aufarbeitungslandschaft« ist nicht zu finanzieren. Eine private Finanzierung scheint indes noch unwahrscheinlicher, und welche Zwänge und Abhängigkeiten würde dies schaffen? Auch dies ist letztlich eine politische Frage. Betrachten wir Aufarbeitung als Angelegenheit des Gemeinwesens, und wenn ja, wie viel Geld wollen wir in welcher Form dafür aufwenden? Oder ist dies ein Anliegen der Zivilgesellschaft und wir streben eine Aufarbeitung an, die vielleicht »bunt«, dafür aber kaum politisch steuerbar ist? All dies sind Fragen, die im politischen Rahmen diskutiert und entschieden werden müssen. So gesehen richtete sich im Fall Horch und Guck der Unmut der Stiftungskritiker gegen die »falsche« Stelle. Wie die angesprochenen Widersprüche entschärft werden können, muss zukünftig weiter diskutiert werden. In der praktischen geschichtspolitischen Arbeit wie auch der Aufarbeitungspraxis wird es auch in Zukunft auf die richtige Mischung zwischen dem Aushalten abweichender Meinungen, auf die Fähigkeit zum Kompromiss und auf hinreichende Sensibilität der verschiedenen Akteure ankommen. 1 Thomas Moser: Gefährliche Abhängigkeit, in: Publik-Forum vom 28. Juli 2006, S. 26. 2 Siehe Martin Sabrow: Das Unbehagen an der Aufarbeitung. Zur Engführung von Wissenschaft, Moral und Politik in der Zeitgeschichte, in: Thomas Schaarschmidt (Hg.): Historisches Erinnern und Gedenken im Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert, Frankfurt a. M. 2008, S. 11–20, hier S. 18. Diese Gegenüberstellung bedeutet nicht, dass die Erfahrungen politisch Verfolgter infrage gestellt werden sollen. Die Unterscheidung zielt vor allem auf die strukturelle Differenz zwischen einem analytischen und einem emotionalen Zugriff auf diese Erfahrungen ab. 3 Exemplarisch Jörg Siegmund: Opfer ohne Lobby? Ziele, Strukturen und Arbeitsweise der Verbände der Opfer des DDR-Unrechts, 2. Aufl. Berlin 2003. 4 Zu den Ebenen der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit siehe: Bernd Faulenbach: Acht Jahre deutsch-deutsche Vergangenheitsdebatte – Aspekte einer kritischen Bilanz, in: Christoph Kleßmann/Hans Misselwitz/Günter Wichert (Hg.): Deutsche Vergangenheiten – eine gemeinsame Herausforderung. Der schwierige Umgang mit der doppelten Nachkriegsgeschichte, Berlin 1999, S. 15–34, hier S. 15 f. 5 Bernd Faulenbach: Konkurrierende Vergangenheiten? Zu den aktuellen Auseinandersetzungen um die deutsche Erinnerungskultur, in: Deutschland Archiv 37 (2004), H. 4, S. 648–659. 6 Günter Nooke: Staatsziel Aufarbeitung oder Menschenrecht auf Wahrheit? Anmerkungen zu heiklen Debatten und Kriterien, in: Katrin Hammerstein u. a. (Hg.): Aufarbeitung der Diktatur – Diktat der Aufarbeitung? Normierungsprozesse beim Umgang mit diktatorischer Vergangenheit, Göttingen 2009, S. 277–296, hier S. 278. 7 Siehe Matthias Hannemann: Verordnetes Gedenken führt zu nichts, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 2. Dezember 2008, S. 36. 8 Norbert Lammert: Bikini-Verkäufer am FKK-Strand? Der Staat und die Erinnerungskultur, in: Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft (Hg.): Erinnerungskulturen und Geschichtspolitik (= Jahrbuch für Kulturpolitik 2009, Bd. 9), Bonn 2009, S. 33–39, hier S. 33. 9 Monika Grütters: Das Gedächtnis der Deutschen. Erinnerungsarbeit – zentral für das Selbstverständnis deutscher Kulturpolitik, in: Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft (Hg.): Erinnerungskulturen (Anm. 8), S. 67–73, hier S. 68. 10 Exemplarisch siehe Erik Meyer: Die Gedenkstättenkonzeption des Bundes als Instrument zur geschichtspolitischen Steuerung, in: Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft (Hg.): Erinnerungskulturen (Anm. 8), S. 101–108. 11 Katrin Göring-Eckardt: Für ein kritisches Geschichtsbewusstsein, in: Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft (Hg.): Erinnerungskulturen (Anm. 8), S. 95–99, hier S. 95 f. 12 Siehe Lammert: Bikini-Verkäufer (Anm. 8), S. 36 f. 13 Ebd., S. 37. 14 Martin Sabrow: Die DDR erinnern, in: ders. (Hg.): Erinnerungsorte der DDR, München 2009, S. 11–27. 15 So zuletzt im Bericht der Bundesregierung zum Stand der Aufarbeitung der SED-Diktatur, in: http://www.bundesregierung.de/Content/DE/_Anlagen/BKM/2013-01-08-bericht-aufarbeitung-sed-diktatur.pdf?__blob=publicationFile, ges. am 24. September 2013, S. 15. 16 Grütters: Das Gedächtnis (Anm. 9), S. 68. 17 Siehe Lammert: Bikini-Verkäufer (Anm. 8), S. 35 f., Zitat S. 36. 18 Siehe ebd., S. 34. 19 Meyer: Die Gedenkstättenkonzeption des Bundes (Anm. 10), S. 103. 20 Siehe Ralph Jessen: Alles schon erforscht? Beobachtungen zur zeithistorischen DDR-Forschung der letzten 20 Jahre, in: Deutschland Archiv 43 (2010), H. 6, S. 1052–1064. 21 Grütters: Das Gedächtnis (Anm. 9), S. 68. 22 Faulenbach: Acht Jahre (Anm. 4), S. 21. 23 Siehe Meyer: Die Gedenkstättenkonzeption des Bundes (Anm. 10), S. 104–107, Zitat S. 107. Für derartige politische Einflussnahme lassen sich unzählige Beispiele finden. Exemplarisch außerhalb der Geschichtsaufarbeitung: Philipp Lichterbeck/Kai Müller: Zankapfel Migration. Es gilt das gesprochene Wort, in: Der Tagespiegel vom 12. November 2009. 24 Berechnet nach den Angaben aus den Tätigkeitsberichten der/des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik aus den Jahren 1993–2011. 25 Tätigkeitsbericht der Stiftung Aufarbeitung 2011, Klappentext. 26 Siehe Rainer Eppelmann: Die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, in: Wolfgang Thierse/Ilse Spittmann-Rühle/Johannes Kuppe (Hg.): Zehn Jahre deutsche Einheit. Eine Bilanz, Opladen 2000, S. 229–235. 27 Diese und alle nachfolgenden Zahlen entstammen den Tätigkeitsberichten der Stiftung Aufarbeitung aus den Jahren 2002 bis 2010 und eigenen Berechnungen. Die Tätigkeitsberichte sind verfügbar unter: https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/taetigkeitsberichte-2001-2009-2484.html, ges. am 24. September 2013. Um eine bessere Vergleichbarkeit der Zahlen zu gewährleisten, setze ich erst mit der Einführung des Euro im Jahr 2002 ein. Der Überblick beschränkt sich dabei auf die geförderten Organisationen. Einzelpersonen werden nicht berücksichtigt. 28 Zu den Spezifika der Entwicklung Berliner Gedenkstätten siehe Alfons Kenkmann: Fokussierung oder Vielfalt? Aktuelle Diskussionen um die Struktur der NS-Gedenkstätten – Berlin und Nordrhein-Westfalen im Vergleich, in: Hammerstein u. a. (Hg.): Aufarbeitung der Diktatur (Anm. 6), S. 59–69. 29 Horch und Guck in Not, in: Der Tagesspiegel vom 9. Januar 2007. 30 Siehe Johannes Beleites: Man schlägt den Sack und meint den Esel. Zum Konflikt um die Zeitschrift Horch und Guck, in: Deutschland Archiv 40 (2007), H. 2, S. 205–209, hier S. 206. 31 Horch und Guck in Not (Anm. 29). 32 Die Mitglieder der Redaktion waren Ende 2006 Uwe Boche, Werner Kiontke, Stephan Konopatzky, Dirk Moldt und Erhard Weinholz. 33 Zitiert nach Horch und Guck in Not (Anm. 29). 34 Siehe Beleites: Man schlägt (Anm. 30), S. 207. Neubert war von 1997 bis 2005 Fachbereichsleiter in der Abteilung Bildung und Forschung der BStU und seit 1998 auch Vorstandsmitglied der Stiftung Aufarbeitung. Siehe Wer war wer in der DDR?, in: http://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/wer-war-wer-in-der-ddr-%2363%3B-1424.html?ID=2485, ges. am 24. September 2013. Golz war Mitarbeiter der Bundeszentrale für politische Bildung. Edda Ahrberg war von 1994 bis 2005 Landesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes in Sachsen-Anhalt, siehe http://www.volksstimme.de/nachrichten/sachsen_anhalt/719542_Edda-Ahrberg.html, ges. am 24. September 2013. Renate Hürtgen war Historikerin am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, siehe http://www.dr-huertgen.de/person.htm, ges. am 24. September 2013. Ilko-Sascha Kowalczuk war Mitglied der Enquetekommission »Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit«, danach Mitarbeiter der Stiftung Aufarbeitung und schließlich der BStU, siehe http://www.bstu.bund.de/DE/Wissen/Forschung/Mitarbeiter/kowalczuk.html, ges. am 24. September 2013. Tobias Hollitzer war Mitarbeiter der Außenstelle der BStU in Leipzig sowie im Bürgerkomitee Leipzig und im Museum in der »Runden Ecke« aktiv, siehe http://www.chronikderwende.de/lexikon/biografien/biographie_jsp/key=hollitzer_tobias.html, ges. am 24. September 2013. Carlo Jordan stand der DDR-Umweltbewegung nahe, siehe http://bundesstiftung-aufarbeitung.de/wer-war-wer-in-der-ddr-%2363%3B-1424.html?ID=1595, ges. am 24. September 2013. 35 Wer die Verantwortung dafür trug, ist nicht klar. Beleites vermutete, dass die Redaktion den Beirat eher als Zugeständnis an die Stiftung verstanden habe, selbst aber keine drängenden qualitativen Probleme sah. Siehe ders.: Man schlägt (Anm. 30), S. 208. Die Redakteure Moldt und Weinholz widersprachen dieser Sichtweise. Siehe Dirk Moldt/Erhard Weinholz: Für eine Aufarbeitung ohne Schläge, Esel, Säcke und Igel!, in: Deutschland Archiv 40 (2007), H. 3, S. 407–409, hier S. 408. 36 Alle Zitate aus: Horch und Guck in Not (Anm. 29). 37 Alle Zitate: Beleites: Man schlägt (Anm. 30), S. 206. 38 Diese und die vorangegangenen Zitate: Thomas Klein: Eine Leserversammlung gibt Auskunft, in: Stiftung Haus der Demokratie und Menschenrechte (Hg.): hauspost, August 2007, o. S. 39 Siehe Ilko-Sascha Kowalczuk/Edda Ahrberg/Hans-Georg Golz: Anmerkungen zu: Johannes Beleites, »Man schlägt den Sack und meint den Esel.« Zum Konflikt um die Zeitschrift Horch und Guck (DA, 2/2007, S. 205–209), in: Deutschland Archiv 40 (2007), H. 3, S. 406. Die gegenteilige Ansicht vertritt: Renate Hürtgen: Zu dem Beitrag von Johannes Beleites und zur vorstehenden Anmerkung, in: Deutschland Archiv 40 (2007), H. 3, S. 407. 40 Beleites: Man schlägt (Anm. 30), S. 206 f. 41 Programmatische und strategische Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppierungen hatten 1989 kaum eine Rolle gespielt – in gewisser Weise wurden sie auch später wenig thematisiert. Exemplarisch Caroline Fricke: Gründungsfieber – neue politische Vereinigungen. Motive, Ziele, Wirkung. Stationen der Revolution 1989/90, Diskussionsveranstaltung in Berlin, 10. September 2004, in: Deutschland Archiv 37 (2004), H. 6, S. 1063–1065. 42 Siehe Sebastian Gerhardt: Der Fall von Horch und Guck. Zur politischen Ökonomie der Aufarbeitung der SED-Diktatur, in: Stiftung Haus der Demokratie und Menschenrechte (Hg.): hauspost, August 2007, o. S. 43 Diese Erfahrung wurde schon früh beschrieben und als ein wichtiger Grund für die hartnäckige Beschäftigung der Bürgerrechtler mit dem MfS angeführt. Siehe dazu Bernhard Gill: Alle Staatsgewalt geht von den Akten aus. Stasi-Auflösung zwischen demokratischem Neubeginn und bürokratischer Kontinuität, in: Berliner Debatte Initial (1993), H. 2, S. 29–38, Zitat S. 29. 44 Renate Hürtgen: Offener Brief An die Mitglieder des Bürgerkomitees 15. Januar e. V., in: Stiftung Haus der Demokratie und Menschenrechte (Hg.): hauspost, August 2007, o. S. 45 Moldt/Weinholz: Für eine Aufarbeitung (Anm. 35), S. 408. 46 Reiner Merker: Spannungsfeld zwischen »Aufarbeitungsinitiative« und »klassischem Archiv«. Arbeitsbedingungen und Bedeutung der DDR-Oppositionsarchive, in: Deutschland Archiv 41 (2008), H. 2, S. 295–301, hier S. 297. 47 Siehe Uwe Boche/Werner Kiontke/Erhard Weinholz: Offener Brief an den Vorstand des »Bürgerkomitees 15. Januar«, in: Stiftung Haus der Demokratie und Menschenrechte (Hg.): hauspost, August 2007, o. S.; Hürtgen: Offener Brief, in: ebd.; Thomas Klein: »Eine Zensur findet nicht statt.«, in: ebd. 48 Dokumentation: Ausschreibung für die Förderjahre 2008–2010, in: http://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/foerderschwerpunkt-2008-2010-1903.html, ges. am 24. September 2013. 49 Gerhardt: Der Fall von Horch und Guck (Anm. 42). 50 Hürtgen: Offener Brief (Anm. 44); dies.: Wie steht es jetzt um Horch und Guck? , in: ebd. sowie Klein: »Eine Zensur findet nicht statt.«, in: ebd. 51 In diesem Sinne äußerte sich die Redaktion im Editorial für das zweite Heft im Jahr 2007, siehe in: http://www.horch-und-guck.info/hug/archiv/2004-2007/heft-58/05801/, ges. am 24. September 2013. 52 Siehe Beleites: Man schlägt (Anm. 30), S. 206 und die Mediadaten des Jahres 2013 von Horch und Guck, in: http://www.horch-und-guck.info/hug/service/mediadaten/, ges. 24. September 2013. 53 Zur Politisierung der derzeitigen Aufarbeitungspraxis siehe Thomas Großbölting: Eine zwiespältige Bilanz. 20 Jahre Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit im wiedervereinigten Deutschland, in: ders. u. a. (Hg.): Das Ende des Kommunismus. Die Überwindung der Diktaturen in Europa und ihre Folgen, Essen 2010, S. 61–74, hier S. 71 f.

JHK 2014

Europa statt Sozialismus - Strategien der Aneignung der sozialistischen Vergangenheit in Slowenien

Matej Kralj

»Die ganze Zeit [vor der Unabhängigkeit] hielten wir an derhistorischen Erkenntnis fest, dass wir Jugoslawien, sowohl das erste wie das zweite, mitgestaltet haben, dass uns niemand ›annektiert‹ hatte. Als wir aber ausgetreten waren, gab es keinen Satz mehr darüber ... Und zwar deswegen, weil wir es selbst nicht glaubten und weil die slowenische Geschichtsschreibung (auch ich) bemüht war zu beweisen, dass es keine andere Möglichkeit gegeben hat …«1Božo Repe Mit diesen Aussagen zielt der slowenische Historiker Božo Repe auf eine teleologische Geschichtsverklärung, die aus Sicht der Gegenwart die jüngste Geschichte erklären will – und zwar durch eine grundlegende Negativsetzung des überlebten Staates und allem, was mit ihm in Verbindung gebracht wird.2 Dass auch die Slowenen Jugoslawien aufbauten und dort möglicherweise gut lebten, stört dieses Bild. Repe kritisiert wie kein anderer im Land diesen historischen Blick, der mit dem neuen postsozialistischen Jetzt nach 1991 einhergeht. Trotz des Vorwurfs, dass die Geschichtsschreibung im Sozialismus »sehr einseitig und [politisch] kontrolliert war«, wie es Vasko Simoniti gleich nach Gründung des neuen Staates formulierte,3 fragt Repe, ob nicht auch die postsozialistische slowenische Geschichtsschreibung ideologisch eingefärbt sei. Beruht sie wirklich auf neuen historischen Erkenntnissen, über die es früher möglicherweise verboten war zu schreiben?4 Die Soziologin Elena Esposito beschäftigt sich mit dem »Gedächtnis der Gesellschaft«, das sie in deren kommunikativen Strukturen ausmacht, und legt dar, dass die gesellschaftliche Erinnerung nicht nur auf die Vergangenheits-, sondern auch auf eine Zukunftskonzeption bezogen ist, die der jeweiligen Gegenwart eigen ist. Sie beschreibt die »Projektionen in die Vergangenheit und in die Zukunft« lediglich als »›Modi‹ des Umgangs mit Daten aus der Gegenwart«.5 Demzufolge kann man davon ausgehen, dass die Negativsetzung der sozialistischen Vergangenheit für die neue gesellschaftspolitische Ausrichtung eine wichtige Funktion erfüllte: die Legitimation des postsozialistischen Jetzt. So erschließt sich, dass es gerade die Zukunftskonzeption ist, d. h. die Ausrichtung auf ein neu entdecktes Europa, die für einen selektiven und fragwürdigen Geschichtsblick verantwortlich ist. Als Beleg dafür kann die folgende Bilanz der geschichtspolitischen Diskussionen in Slowenien dienen. Ich stelle drei Strategien der Aneignung der sozialistischen Vergangenheit vor: Zunächst (Teil I) gehe ich von der angesprochenen Negativsetzung im Namen der europäischen Zukunft aus, wenige Jahre vor und nach der Ausrufung der Unabhängigkeit. Die weitere Entwicklung (Teil II) zeigt, dass etwa ab der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre positiver über den Sozialismus geschrieben wurde, was zu einer konfrontativen Politisierung der Diskussion führte. Die letzte Strategie (Teil III), ungefähr mit dem EU-Beitritt im Jahr 2004 auftretend, ist ein antitotalitäres Narrativ, das jedoch die nationalen Spezifiken der slowenischen sozialistischen Geschichte vernachlässigt. Den Abschluss bildet ein Resümee, wieso die mehr als zwei Jahrzehnte alten historischen Synthesen – ganz im Sinne Repes – heute neu zu überdenken sind. I. Strategie der negativen Aneignung der sozialistischen Vergangenheit – die frühe Phase Es ist nicht die Ausrufung der Selbstständigkeit im Jahr 1991, die in der slowenischen Historiografie einen Bruch darstellt.6 Dieser erfolgte bereits in den Achtzigerjahren, als sich im Rahmen der jugoslawischen Wirtschaftskrise die Vorstellungen über die jugoslawische Zukunft zwischen den politischen Führungen einzelner Teilrepubliken zu unterscheiden begannen und als nationale Forderungen bzw. Zukunftsperspektiven formuliert wurden. In der Geschichtswissenschaft, deutlich in Verbindung zum politischen Geschehen stehend, ging dies zunächst mit der Dekonstruktion des Mythos Josip Broz Titos und der nationalen Interpretation des Befreiungskampfes im Zweiten Weltkrieg einher.7 Es folgten neue Erkenntnisse über die dunkle Seite der sozialistischen Ära: über die massenhaften Tötungen der slowenischen Landwehrverbände (der Domobranci, die mit deutschen Besatzern kollaborierten) nach dem Zweiten Weltkrieg, über die Inhaftierung von politischen Gegnern und die (Neu-)Entdeckungen von Massengräbern. Am Ende stand das Postulat, dass es sich bei Jugoslawien um einen totalitären Staat nach sowjetischem Muster gehandelt habe, was zu einer überwiegend negativen Beurteilung der sozialistischen Vergangenheit führte, sowohl seitens der Historiker als auch der Politiker und der Bevölkerung. Veranschaulichen lässt sich diese negative Konzeption mithilfe eines Zitats aus einem Bestseller zur Geschichte des Landes: Slowenien – ein Abriss seiner Geschichte von Janko Prunk. Das Buch wurde in viele Sprachen übersetzt, mehrmals aufgelegt, erweitert und vom staatlichen Pressedienst als Werbematerial an Journalisten verteilt. Darin äußert sich der Autor zur Entstehung des slowenischen Staates u. a. wie folgt: »Da das slowenische Volk seine nationalpolitische Autonomie innerhalb der Habsburgermonarchie nicht realisieren konnte, glaubte es, zwecks besserer Perspektiven für die nationale Entwicklung, am Ende des Ersten Weltkriegs die Habsburgermonarchie verlassen und sich gemeinsam mit den Serben und Kroaten an der Errichtung eines südslawischen Staates beteiligen zu müssen. In ihm festigte es durch ein Dreivierteljahrhundert seine Existenz und sein politisches Bewusstsein hinsichtlich der Notwendigkeit eines eigenen Nationalstaates. In der neuen gesellschaftspolitischen Konstellation im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts entschloss sich das slowenische Volk, Jugoslawien zu verlassen, das zum Hemmschuh der weiteren zivilisatorischen Entwicklung und zum Hindernis einer unmittelbaren Verbindung mit der Europäischen Union geworden ist. Es proklamierte die selbstständige Republik Slowenien (Republika Slovenija).«8 Es war also ein historischer Irrtum der Slowenen, so Prunk weiter, zu denken, sie hätten in Jugoslawien eine nationale Perspektive gehabt. Dieses Narrativ geht von der postsozialistischen Gegenwart aus und konstruiert Geschichte wie Zukunft, getragen von dem Wunsch nach Zugehörigkeit zum europäischen Raum. Noch deutlicher wird dies in der Einleitung zur slowenischen Ausgabe, in der Prunk schreibt, die Slowenen hätten sich entschieden, Jugoslawien zu verlassen, um sich »in ihrem ursprünglichen westeuropäischen Inkulturationsrahmen, welchen die Europäische Union darstellt, zu entfalten«.9 Eine derart simplifizierende Darstellung hat mit dem Wesen und der politischen Funktion der nationalen Geschichtsschreibung zu tun. Diese ist ein typisches Beispiel für eine nachträgliche Konstruktion, wird sie doch vom jeweils heutigen Standpunkt aus beinahe wie eine menschliche Lebensgeschichte verfasst. Dass die slowenische nationale Entstehungsgeschichte nicht nur einen hohen Stellenwert hatte, sondern von Anfang an wie ein stimmiges Drehbuch konzipiert wurde, ist auch darauf zurückzuführen, dass im Jahr 1991 zum ersten Mal ein eigenständiger slowenischer Staat entstand. Vereinzelt gab es durchaus Gegenstimmen, die aber keinen Eingang in die dominante Synthese fanden,10 weil auch die kommunistische Führung des Landes maßgeblich daran beteiligt war, die politische Wende herbeizuführen. Dafür gab sie freiwillig ihre Machtstellung auf, bekannte sich zum politischen Pluralismus und trat 1990 bei den ersten demokratischen Parlamentswahlen als eine Partei unter vielen an. In großen Fragen der Einführung eines pluralistischen politischen Systems, der kapitalistischen Wirtschaftsform und der Loslösung von Jugoslawien war man sich mit der bürgerlichen Opposition einig. Deshalb wurde die Strategie der negativen Aneignung der sozialistischen Vergangenheit sowohl von linken wie rechten Politikern und der Mehrheit der Wissenschaftler vertreten. Abweichende Positionen waren automatisch vom Diskurs ausgeschlossen. Selbst »Konvertiten«, dem Regime ehemals nahestehende Historiker und reformierte Kommunisten, haben dieser Deutung nicht widersprochen, sondern, wie Repe schreibt, selbst an sie geglaubt. Das verhalf den reformierten Kommunisten dazu, das Land – nachdem sie zunächst die ersten Parlamentswahlen gegen eine breite Koalition der früheren demokratischen Opposition verloren – von 1992 bis 2004 beinahe durchgehend zu regieren. Die Diskussionsdynamik hatte aber auch zur Folge, dass die neuen bürgerlichen Kreise im Gegenzug mit ihrer Forderung nach einer radikaleren Abrechnung mit dem alten System, d. h. nach der politischen Lustration, nicht erfolgreich waren. Esposito beschreibt das Gedächtnis der Gesellschaft als Differenz zwischen dem, was gesellschaftlich erinnert, und dem, was vergessen wird.11 Verbindet man das Erinnern und Vergessen mit dem einfachen linearen Schema der bösen kommunistischen Vergangenheit auf der einen und der guten europäischen Zukunft auf der anderen Seite, dann ist anzunehmen, dass im Namen der neuen Gegenwart einiges aus der sozialistischen Vergangenheit in Vergessenheit gerät und einiges neu erinnert wird. Tatsächlich war das, bezogen auch auf die allerjüngste Vergangenheit, der Fall. So erwähnt die Forschung kaum, dass es bereits in dem sich im Reformprozess befindlichen Jugoslawien der Achtzigerjahre eine politische Tendenz zur Europäisierung gab. Die Kommunistische Partei Sloweniens (Komunistična Partija Slovenije, KPS) veröffentlichte im Jahr 1989 ein Programm mit dem Titel »Europa jetzt! Mit Jugoslawien nach Europa«, in dem sie für einen europäischen Weg plädierte.12 Der kommunistische Parteiveteran France Klopčič formulierte bereits im Jahr 1983 ein von der politischen Elite diskutiertes Programm, in dem er für mehr nationale Unabhängigkeit und eine Neuverhandlung des finanziellen Ausgleichs zwischen den Republiken eintrat.13 Diese Sachverhalte fügten sich zehn Jahre später nicht in die vorherrschende Deutung ein, nach der das rückständige Jugoslawien zu verlassen war. So blieb die Rolle der reformierten Kommunisten in den historischen Synthesen häufig unerwähnt. Was aber wurde neu erinnert oder sogar neu entdeckt? Die Geschichte, die mit der gewählten Zukunftskonzeption im Einklang steht und die Hinwendung zu Europa vorwegnimmt. Das Schema von Gut und Böse wurde dabei noch weiter in die Vergangenheit projiziert. Prunk beschreibt die Idee eines südslawischen Verbunds bereits am Ende des 19. Jahrhunderts, zu Zeiten der k.u.k. Monarchie, als etwas, das »den Sinn und die Notwendigkeit des slowenischen Staates und manchmal auch die Perspektive des slowenischen Volkes negiert hat«.14 Die Monarchie erlebte im Rahmen des Systemwechsels ohnehin ein Revival.15 Dieses Phänomen war auch im kulturellen Bereich zu beobachten. Alma Karlin z. B. war eine Reiseschriftstellerin, die zwischen den Weltkriegen einen hohen Bekanntheitsgrad erreichte und in Celje – heute slowenisches Territorium – lebte. Dass sie eigentlich aus einer deutschsprachigen Familie stammte und zahlreiche ihrer Bücher erst im neuen Staat ins Slowenische übersetzt wurden, war kein Hinderungsgrund, sie als slowenische Schriftstellerin neu zu entdecken, Denkmal in Celje inklusive. Vergleichbar ist auch die Ernennung des auf dem heutigen slowenischen Gebiet geborenen Erfinders und Industriellen Janez Puh bzw. Johann Puch zum Nationalhelden. Nach 1991 wurden ihm Ausstellungen und Bücher gewidmet. Obwohl er auf dem Gebiet des heutigen Österreich sowohl seine Ausbildung absolvierte als auch die Puch-Werke gründete und seine Fabrik Lieferant des Heeres der Habsburger war, wird ihm heute zugutegehalten, dass er sich seine slowenische Identität stets bewahrt habe.16 II. Strategie der positiven Aneignung der sozialistischen Vergangenheit – die Kämpfe um deren Deutung Ab etwa Mitte der Neunzigerjahre ist ein Bruch mit der dominanten negativen Bewertung des Sozialismus zu beobachten. Gehörte es, wie gezeigt, zunächst zum »Nicht-Sagbaren«, wurden nach einigen Jahren des Postsozialismus auch positive Bezüge zum ehemaligen Jugoslawien samt seinen Symbolen zulässig. Leicht ablesbar ist dieser Trend an Meinungsumfragen. Nach der Unabhängigkeit bewertete ein Fünftel der Bevölkerung die Rolle der Domobranci-Landwehr während des Zweiten Weltkriegs positiv. Ende der Neunzigerjahre ist jedoch ein Absinken der Zustimmung auf rund ein Achtel der Bevölkerung zu verzeichnen. War in den Umfragen während der Anfangsjahre des Staates die jugoslawische Ära vermehrt als eine Zeit der Repression bewertet worden, sank auch dieser Wert einige Jahre später. Ein Anstieg hingegen war bei der Bewertung Jugoslawiens als einem Land, in dem es sich gut leben ließ, festzustellen; und auch Tito wurde mit der Zeit positiver eingeschätzt.17 Es handelt sich hier um weitverbreitete Nostalgie-Phänomene, wie sie in postsozialistischen Staaten typisch sind. Doch sollten diese nicht lediglich als sentimentale Realitätsflucht missverstanden werden. Sie stehen in Verbindung zum allgemeinen gesellschaftlichen Umgang mit der politischen Geschichtsschreibung.18 Daher ist es kein Zufall, dass parallel dazu auch Historiker anfingen, positive Bezüge zum Sozialismus herzustellen. Einen ersten Höhepunkt erreichte die geschichtspolitische Diskussion 1998 mit der Ausstellung des Museums für neuere Geschichte »Die dunkle Seite des Mondes – eine kurze Geschichte des Totalitarismus in Slowenien 1945–1990«. Obwohl die Ausstellung die massenhaften Exekutionen der Domobranci nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs thematisierte,19 spitzte sich die Debatte zunächst entlang der Totalitarismus-These zu. Denn auf Grundlage des Nachkriegsgeschehens wurde – ganz im Sinne der negativen Aneignung der sozialistischen Geschichte – das gesamte Jugoslawien als Unrechtsstaat negativ beurteilt und z. B. mit dem Pol-Pot-Regime in Kambodscha verglichen. In den darauffolgenden Jahren änderte das Museum die geschichtspolitischen Leitbilder weiter, aus denen Jugoslawien seine Legitimität schöpfte. So gab es eine neue historiografische Periodisierung: Die Abkehr von der Sowjetunion wurde nicht mehr als Trennlinie in der politischen Geschichte angesehen. Dadurch wurden die Unterschiede Jugoslawiens zu anderen sozialistischen Staaten verwischt.20 Es blieb aber vor allem die Bewertung von Kollaboration und Widerstand im Zweiten Weltkrieg, die regelmäßig für Streit sorgte. Auf Widerspruch stieß eine Verschiebung der Rollen von Tätern und Opfern. Durch die Überbetonung der Morde und des von Kommunisten begangenen Unrechts sei nämlich, so die Kritik, nicht nur alles Kommunistische (einschließlich des gesamten Jugoslawiens) delegitimiert, sondern die Kollaboration (Kampf gegen den Kommunismus) entschuldbar und als »funktionelle Kollaboration«21 nachvollziehbar geworden. Im Kern lautete der Vorwurf also, dass es sich um eine ideologische Mythenbildung22 und revisionistische Reinterpretation23 handelte. Solche Darstellungen weisen in der Regel erhebliche fachliche Mängel auf, denn sie arbeiten mit historischen Auslassungen. So wird beispielsweise gerne vergessen, dass die Domobranci nicht nur gegen die Kommunisten gekämpft hatten, sondern Antisemiten in ihren Reihen hatten, Hitler die Treue schworen und gelobten, gegen die Alliierten zu kämpfen. Die Gründung der antifaschistischen, erst viel später kommunistisch dominierten Widerstandsbewegung war die Antwort auf Besatzung und Kollaboration und nicht umgekehrt.24 Die Politikwissenschaftlerin Sabrina Ramet stellt fest, dass historische Fakten bei dieser stark politisch motivierten Diskussion ohnehin keine Rolle spielen.25 Die Trennlinie verläuft zwischen den reformierten Kommunisten und den neuen bürgerlichen Parteien. Die Frage der Diffamierung des Partisanenkampfes und der moralischen Rehabilitierung der Domobranci ist für politische Akteure auf beiden Seiten auch deswegen so emotional aufgeladen, weil sie häufig eng mit der eigenen Familiengeschichte verbunden ist. Die zwei Lager stimmen zwar darin überein, dass es sich um Unrecht gehandelt hat, auch teilen sie die Ansicht, dass dieses untersucht werden soll. Doch nach Jahren der politischen Vormachtstellung der reformierten Kommunisten ist bei diesen ein Fehlen des politischen Willens zur Aufarbeitung feststellbar.26 Es war die bürgerliche Opposition, die es wagte, in den Achtzigerjahren an das Schicksal der Domobranci zu erinnern. Bis heute sind mehr als 400 Massengräber bekannt. Der Vorwurf der Verharmlosung des Nachkriegsgeschehens, der sich an das linke politische Lager richtet, ist deshalb nachvollziehbar. Ab 2004, unter der ersten konservativen Regierung, die nach der Unabhängigkeit eine Parlamentswahl gewonnen hatte, eskalierte der Streit zu einem »kulturellen Bürgerkrieg«.27 Welche Seite dabei die Deutungshoheit gewinnt, ist bisher keineswegs ausgemacht, Repe sieht im aktuellen slowenischen Geschichtsbild jedenfalls eine Rechtsorientierung.28 Exemplarisch lässt sich das am 20. Jahrestag der Ausrufung der slowenischen Souveränität zeigen. Zu diesem Jubiläum schrieb das Schulministerium – geleitet durch den Minister der Sozialdemokraten (Socialni demokrati, SD), der Partei, die sich aus der ehemaligen KPS entwickelte – einen Wettbewerb für Schüler aus, die aufgefordert waren, über die Entstehung des Staates nachzudenken, zu forschen und zu schreiben. »Ereignisse, die unsere Zukunft veränderten« hieß es auf dem Plakat zu dieser Ausschreibung,29 das für Aufregung sorgte. Denn als zukunftsverändernd wird neben dem 20. Jahrestag der Unabhängigkeit Sloweniens auch der 70. Jahrestag der Gründung der antifaschistischen Befreiungsfront aufgeführt. Die öffentliche Diskussion darüber ging so weit, dass einige der bedeutendsten Vertreter der demokratischen Opposition der Achtzigerjahre – darunter auch der erste demokratisch gewählte Ministerpräsident Lojze Peterle – ihre Teilnahme am zentralen Staatsakt zum Unabhängigkeitstag absagten.30 Bemängelt wurde, dass es sich bei dem Plakat aufgrund der Aufwertung der Befreiungsfront um eine Abwertung des neuen Staates handele. Die Gegner stützten sich auf eine Geschichtssynthese des slowenischen Staates, zu der die mit dem Sozialismus identifizierte Befreiungsfront aufgrund des Nachkriegsgeschehens nicht zählen durfte. Reformierte Kommunisten und Historiker setzten ihre Bemühungen fort, sich positiv auf den Sozialismus und auf seine historiografischen Paradigmen zu beziehen. Diese Hinwendung zur sozialistischen slowenischen Vergangenheit fand auch auf höchster staatlicher Ebene statt, indem z. B. ein Leiter der Staatssicherheit vom slowenischen Staatspräsidenten eine hohe Auszeichnung für seine Verdienste im Rahmen der Unabhängigkeitsbestrebungen erhielt.31 Gerade deshalb wird aber in regelmäßigen Abständen von der früheren bürgerlichen Opposition auch das noch wenig aufgearbeitete Nachkriegsgeschehen thematisiert und wiederholt mit politischen Forderungen versehen, z. B. nach einer umfassenden Verurteilung des Systems. III. Strategie der allgemeinen Verurteilung der totalitären Systeme – Herstellung von europäischen Bezügen Einen Verbündeten fanden die Gegner der positiven Aneignung der sozialistischen Vergangenheit in der europäischen Erinnerungspolitik, in der jegliche Totalitarismen verurteilt werden. So erreichte die Diskussion zum 60. Jahrestag des Sieges über den Faschismus einen weiteren Höhepunkt, als die konservative Regierung im Rahmen der Jubiläumsfeier auch die Opfer der Nachkriegsverbrechen bedachte. Kritiker machten erneut auf die Täter-Opfer-Umkehr aufmerksam. Der Deutungskampf wurde auch an anderen Fronten weitergeführt. Nachdem z. B. 1991 »Titos Straße« in Ljubljana symbolischerweise in »Wiener Straße« und später in »Slowenische Straße« umbenannt wurde, beschloss der Stadtrat 2009 eine neu gebaute Straße wiederum nach Tito zu benennen. Konservative Politiker und Kulturschaffende verabschiedeten eine Erklärung dazu und schrieben, dass sich das Land mit seiner neuen Verfassung für europäische Grundsätze ausgesprochen habe – Grundsätze, die in Titos Jugoslawien missachtet worden seien.32 Nachdem das Verfassungsgericht in der Sache angerufen worden war, erklärte dieses die Benennung 2011 für verfassungswidrig, da sie die Menschenwürde verletze. Die Richter begründeten ihre Entscheidung mit der Resolution des Europarates zur Verurteilung der Verbrechen von totalitären kommunistischen Regimen von 2006, in der die Achtung der einzelnen Schicksale der Menschen, die unter dem System gelitten haben, in den Vordergrund gestellt wird. Auch auf die »Entschließung des Europäischen Parlaments zum Gewissen Europas und zum Totalitarismus« von 2009 beriefen sich konservative Politiker, um erneut darauf hinzuweisen, dass der jugoslawische Kommunismus nicht weniger totalitär gewesen sei als derjenige in anderen Staaten und dass er sich nicht wesentlich von dem sowjetischen System unterschieden habe. Da jedoch die Gegner der Totalitarismus-These stets über ausreichend politischen Einfluss verfügten, ergaben sich daraus keine weiteren Konsequenzen. So hat sich das slowenische Parlament zwar über die europäische Entschließung informieren lassen, selbst aber keinen symbolisch unterstützenden Beschluss gefasst. Öffentlich diskutiert wurde in Slowenien auch eine Studie der Europäischen Kommission von 2010 zum Bewusstsein in der EU über die Verbrechen der totalitären Regime.33 Die Autoren der Studie gehen davon aus, dass die Aufarbeitung aller totalitären Regime, zu denen sie auch Jugoslawien zählen, nach denselben Kriterien erfolgt. Für Slowenien bemängeln sie die Tatsache, dass es – im Gegensatz zum Umgang mit den faschistischen Verbrechen – keine Verurteilung der kommunistischen Verbrechen gab; 34 und ebenso, dass politische Funktionäre des alten Systems, darunter auch Richter, ihre Positionen behalten durften und dass für sie eine informelle »De facto-Amnestie« bestehe.35 Die Studie berücksichtigt jedoch nicht die Besonderheit, dass ein Teil der slowenischen Kommunisten schon früh einen Reformprozess durchlaufen und eine positive Rolle in der Demokratisierung des Landes gespielt hat. Eine allgemeine politische Verurteilung von Personen ist tatsächlich schwer umzusetzen, denn selbst Ministerpräsidenten und Staatspräsidenten des demokratischen Sloweniens bekleideten zum Teil schon im alten System hohe Ämter und Funktionen. Die Studie wurde auch von Historikern als vereinfachend kritisiert; das an ihr mitwirkende »Studienzentrum für nationale Versöhnung« hingegen nahm sie in Schutz und nutzte die Gelegenheit, um öffentlich anzuprangern, dass die europäische Resolution vom slowenischen Parlament nicht bestätigt worden ist.36 Obwohl die europäische Integration erfolgreich abgeschlossen wurde und daher eine negative Verurteilung der sozialistischen Vergangenheit keine Funktion über die tagespolitische Auseinandersetzung hinaus mehr erfüllte, gewann das Konzept durch die europäische Dimension wieder an Bedeutung. So wurde 2008 das oben genannte Studienzentrum durch die konservative Regierung gegründet, welches den kommunistischen Totalitarismus in Slowenien wissenschaftlich untersuchen soll und sich vor allem mit den Nachkriegsverbrechen beschäftigt. 2011 hat dieselbe Regierung die allgemeine Begehung des europaweiten Tages des Gedenkens für die Opfer aller totalitärer Regime in Slowenien beschlossen. In den Jahren zuvor, seit seiner europäischen Einführung, wurde der Tag nur vereinzelt begangen, z. B. durch öffentliche Veranstaltungen seitens des Studienzentrums. Der vollzogene Beitritt Sloweniens zur EU als nationale Erfolgsgeschichte und Realisierung des wichtigsten gesellschaftlichen Ziels wäre an sich Grund genug, dass die Geschichtswissenschaft erneut nach europäischen Bezügen in der nationalen Geschichte sucht. Es überrascht daher nicht, dass von den Wissenschaftlern z. B. eine paneuropäische Idee beschrieben wird, die die Slowenen bereits vor der jugoslawischen Ära unterstützt hätten.37 Dazu wird eine Deutung der Nationalgeschichte vorgenommen, die die Erfüllung des historischen Wunsches nach der Vereinigung aller Slowenen (auch derjenigen, die Jugoslawien aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen verließen) in einem Staat mit der europäischen Integration vollzogen sieht.38 Doch wird dadurch, gestärkt durch die europäische antitotalitäre Erinnerung, auch die sozialistische Zeit mitverhandelt. Der slowenische Unabhängigkeitsweg mit der Abkehr vom Sozialismus wird rückwirkend als richtig bestätigt und absolut gesetzt. IV. Zusammenfassende Betrachtung der Aneignung der sozialistischen Geschichte Nicht nur politisch, sondern auch historiografisch waren das Ende der Achtziger- und der Anfang der Neunzigerjahre die Hochzeit des Antikommunismus. Im Sinne einer Affirmation des neuen unabhängigen Staates und seiner europäischen Ausrichtung wurde das sozialistische Jugoslawien grundlegend negativ beurteilt (Teil I). Dem widersprochen haben nicht einmal die dem System früher nahestehenden Historiker und Politiker. Damit wurde in der geschichtspolitischen Debatte eine Norm gesetzt, die bis heute ihre Wirkung zeigt. Gestärkt wird sie von der aktuellen Entwicklung der europäischen anti-totalitären Gedenkkultur, die in den nationalen Diskurs Sloweniens als Gedenken an die massenhaften Exekutionen nach dem Zweiten Weltkrieg übersetzt wird (Teil III). Jeglicher positive Bezug zum Sozialismus wird dadurch undenkbar. Infolgedessen bleiben spezifische historische Besonderheiten der slowenischen sozialistischen Geschichte in der Debatte ausgespart, etwa dass der Reformprozess, den die slowenischen Kommunisten vollzogen, die politische Wende maßgeblich bestimmte und dass die Totalitarismus-These in der ihr eigenen Totalität auf Jugoslawien nicht zutrifft. Somit ist die Frage, ob auch die postsozialistische Geschichtsschreibung als ideologisch zu bezeichnen ist, zu bejahen. Dabei gab es in Slowenien bereits vor dem Europäisierungsprozess die Tendenz, diese Auslassungen zu revidieren, indem positive Bezüge zur sozialistischen Vergangenheit hergestellt wurden (Teil II). Sie erscheinen als Abwehrreaktion auf die geschichtsrevisionistischen Umdeutungen; sie werden der historischen Komplexität zwar gerechter, erfuhren aber im Rahmen der Deutungskämpfe eine Überbetonung und erweisen sich so als nicht weniger ideologisch eingefärbt als ihre Gegenpositionen. Natürlich ist die Kritik an der These der funktionellen Kollaboration der slowenischen Landwehr berechtigt. Durch den gleichzeitigen Mangel der Auseinandersetzung mit den Nachkriegsverbrechen entwertet sie sich jedoch diskursiv selbst. Repe ist daher recht zu geben, wenn er die frühe Phase der negativen Beurteilung des Systems hinter sich lässt und sie kritisch hinterfragt. Stellvertretend bietet er der slowenischen historischen Debatte einen wichtigen Anstoß: Der Widerspruch zwischen dem antifaschistischen Kampf und den Nachkriegsverbrechen muss ausgehalten werden. Der erste Schritt zu einer ausgewogeneren Geschichtsschreibung besteht darin, deren antagonistische historische Rollen zu thematisieren und auf deren Unterscheidung zu beharren. Genau das wird aber durch die europäische antitotalitäre Erinnerungspolitik, die Unterschiede zwischen den Systemen verwischt und eine Tendenz zu einer einheitlichen Opfererzählung hat, erschwert. Ob diese daher (nicht nur) in Slowenien einen einseitigen Geschichtsblick fördert und das sozialistische Jugoslawien allzu pauschal verurteilt, ist von der Forschung zu diskutieren. Die historischen Synthesen von vor 20 Jahren können jedenfalls nicht unrevidiert bleiben. Denn schließlich war – genauso wie das postsozialistische Europa – auch Jugoslawien, nach zwei Kriegserfahrungen, einst eine »Chiffre für ein besseres Leben in Würde, Frieden, Freiheit und Wohlstand«, wie es Marie-Janine Calic schreibt.39 Eine These, die im slowenischen geschichtspolitischen Diskurs eine Überprüfung vertragen könnte. 1 Božo Repe: Pozabljena dejstva [Vergessene Fakten], in: Mladina Nr. 11 vom 18. März 2010, S. 30. Diese und folgende Übersetzungen wurden vom Autor des Beitrags vorgenommen. 2 Für einen allgemeinen historischen Überblick zur Geschichte des heutigen slowenischen Territoriums in deutscher Sprache siehe Božo Repe/Dušan Nečak: Slowenien, Klagenfurt 2006; Peter Štih/Vasko Simoniti/Peter Vodopivec: Slowenische Geschichte: Gesellschaft – Politik – Kultur, Graz 2008; Oto Luthar (Hg.): The land between. A history of Slovenia, Frankfurt a. M. 2008. 3 Zur These Vasko Simonitis, Historiker und konservativer Politiker, zwischenzeitlich auch Kulturminister, siehe Vasko Simoniti: O slovenskem zgodovinopisju 1945–1990 ali kako je na zgodovinopisje vplivalo staranje oblasti [Über die slowenische Geschichtsschreibung 1945–1990 oder wie die Alterung der Obrigkeit die Geschichtsschreibung beeinflusste], in: Zgodovinski časopis [Zeitschrift für Geschichte] 46 (1992), H. 3, S. 387–392. 4 Siehe Božo Repe: Veränderte Sichtweisen auf die neuere slowenische Geschichte: eine wissenschaftliche oder eine ideologische Revision?, in: http://www.ff.uni-lj.si/oddelki/zgodovin/wwwrepe/Repe_Vergangenheitsdiskussion.pdf, ges. am 2. Juli 2013. 5 Elena Esposito: Soziales Vergessen – Formen und Medien des Gedächtnisses der Gesellschaft, Frankfurt a. M. 2004, S. 31. 6 Siehe Peter Vodopivec: Slovensko zgodovinopisje med tradicijo in inovacijo [Slowenische Geschichtsschreibung zwischen Tradition und Innovation], in: Prispevki za novejšo zgodovino [Beiträge zur Zeitgeschichte] XLIV (2004), H. 2, S. 21. 7 Eine Interpretation, derzufolge jede Nation ihre eigenen politischen Ziele im Krieg verfolgt habe, die von den Kommunisten lediglich für die Vorbereitung der Revolution missbraucht wurden. 8 Janko Prunk: Slowenien – ein Abriß seiner Geschichte, Ljubljana 1996, S. 11. 9 Ders.: Kratka zgodovina Slovenije [Ein Abriß der Geschichte Sloweniens], 3. erw. Aufl. Ljubljana 2008, S. 7. 10 Zum Beispiel von Janko Pleterski, der in einem Zeitungsartikel, erschienen kurz nach der kriegerischen Auseinandersetzung mit der jugoslawischen Armee, betonte, Jugoslawien sei für das slowenische Volk eine gute Entscheidung gewesen, ohne die es letztendlich keine Unabhängigkeit gegeben hätte. Er wendet sich vehement gegen die Deutung, dass der jugoslawische Verbund ein historischer Irrtum war. Siehe Janko Pleterski: Kontinuiteta slovenskih narodnih odločitev [Die Kontinuität der slowenischen nationalen Entscheidungen], in: Delo Nr. 293 vom 14. Dezember 1991, S. 20 f. 11 Siehe Esposito: Soziales Vergessen (Anm. 5), S. 24 f. 12 Es handelte sich zu diesem Zeitpunkt weniger um eine konkrete politische Forderung nach einem Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, sondern vielmehr um eine »europäische« Entwicklungsrichtung der Parteireformen. Siehe Milan Balažic: Evropa zdaj [Europa jetzt], in: Teorija in praksa [Theorie und Praxis] 39 (2002), H. 4, S. 559–578. Die KPS behielt jedoch auch nach den ersten demokratischen Wahlen und ihrer Umbenennung in die Partei der demokratischen Erneuerung (Stranka demokratične prenove) den Slogan bei und übersetzte ihn in ein politisches Programm der europäischen Annäherung. Siehe Abbildungen. 13 Siehe Peter Vodopivec: Od Pohlinove slovnice do samostojne države [Von der Grammatik Pohlins zum eigenständigen Staat], Ljubljana 2006, S. 472 f. Siehe auch ein Interview mit Klopčič, in: Sodobnost 32 (1984), H. 12, S. 1113–1116, in: http://www.dlib.si/?URN=URN:NBN:SI:DOC-7I6S6OV6, ges. am 10. Juli 2013. 14 Janko Prunk: Nova slovenska samozavest [Das neue slowenische Selbstbewusstsein], Ljubljana 1991, S. 10. 15 Bezeichnend ist auch die Tatsache, dass Otto von Habsburg (in seiner Funktion als langjähriger Europapolitiker) bereits im Jahr 1990 die (neue konservative) politische Führung besuchte. 16 Es werden ihm jedoch offensichtlich auch eine österreichische Identität und Bedeutung für Österreich zugeschrieben, denn im (heute österreichischen) Graz ist ihm genauso wie in seinem (heute slowenischen) Geburtsort Sakušak ein Museum gewidmet. Siehe Kristina Šamperl-Purg: Janez Puh – Johann Puch, človek, izumitelj, tovarnar, vizionar [Janez Puh – Johann Puch, Mensch, Erfinder, Industrieller, Visionär], Ptuj 1998. 17 Siehe Božo Repe: Between Myths and Ideology – Some Views on Slovene Contemporary Historiography, Ljubljana 2010, S. 38–44. Statistische Daten zu Umfragen in Niko Toš u. a. (Hg.): Vrednote v prehodu II. Slovensko javno mnenje 1990–1998 [Werte im Wandel II. Slowenische öffentliche Meinung 1990–1998], Ljubljana 1999. 18 Postsozialistische Nostalgie wird häufig missverstanden und verrät viel über die Verbindung Geschichte – Gegenwart – Zukunft. Obwohl sie sich auf den Sozialismus positiv bezieht, stellt sie keine konkreten politischen Forderungen an die Gegenwart. Wie es der Soziologe Mitja Velikonja schreibt, widerspricht sie nicht der Transformation, sondern legitimiert sie vielmehr. Denn sie ist auch als eine Strategie des Umgangs mit dem Schmerz und der Leere des postsozialistischen Neoliberalismus und Neokonservatismus zu deuten. Die postsozialistische Nostalgie erleichtert die emotionale Anpassung daran, dass die postsozialistischen Versprechen nach einer zufriedeneren und wohlhabenderen Zukunft für die meisten Menschen nicht eingetreten sind. Siehe Mitja Velikonja: Titostalgia. A Study of Nostalgia for Josip Broz, Ljubljana 2008, S. 126 f. 19 Die Zahl der Opfer ist schwer zu ermitteln und wird zwischen 40 000 und 90 000 geschätzt. Sicher ist, dass nach Kriegsende mehr Slowenen ums Leben kamen als während des Krieges (ungefähr 40 000). Siehe Joachim Hösler: Sloweniens historische Bürde, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (2006), H. 46, S. 37. 20 Durch die Aufrechterhaltung dieser Periodisierung kann man den Totalitarismus-Vorwurf nur für die Nachkriegsjahre gelten lassen, wie es Repe tut. Seiner Meinung nach kann spätestens ab den Sechzigerjahren nach soziologischen Kriterien von Totalitarismus in Jugoslawien keine Rede sein. Siehe Repe: Veränderte Sichtweisen (Anm. 4), S. 21, Anm. 38. 21 Für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff siehe Oto Luthar/Breda Luthar: Historische Darstellung oder/als Vergangenheitspolitik? Zur Entstehung einer radikalen Umdeutung der Kriegs- und Nachkriegsgeschichte Sloweniens, in: Zeitgeschichte 33 (2006), H. 3, S. 135–146. 22 Siehe Repe: Between Myths (Anm. 17), S. 61–86. 23 Siehe Oto Luthar/Breda Luthar: Von der Ideologie zur Mythologie? Historischer Revisionismus im postsozialistischen Slowenien, in: Thomas Flierl/Elfriede Müller (Hg.): Osteuropa – Schlachtfeld der Erinnerungen, Berlin 2010, S. 119. 24 Darüber hinaus waren ohnehin zunächst nur 15 Prozent ihrer Mitglieder Kommunisten. Ebd., S. 127. 25 Siehe Sabrina Ramet: Confronting the past: The Slovenes as subjects and as objects of history, in: Družboslovne razprave [Sozialwissenschaftliche Diskussionen] XXIV (2008), H. 58, S. 42. 26 Siehe Mitja Ferenc: Absent from Public Memory. Hidden Grave Sites in Slovenia 60 Years After the End of World War Two, in: Zdenko Čepič (Hg.): 1945 – A Break with the Past. A History of Central European Countries at the End of World War Two, Ljubljana 2008, S. 263–274. 27 Bojan Godeša: Revizija in odpiranje novih obzorij – priložnost za »drugačno« zgodovino? [Revision und die Eröffnung anderer Perspektiven – die Gelegenheit für eine »andere« Geschichte?], in: Zgodovinski časopis [Zeitschrift für Geschichte] 63 (2009), H. 3–4, S. 440–458. 28 Siehe Repe: Veränderte Sichtweisen (Anm. 4), S. 2 u. 22. 29 Siehe Abbildung auf dieser Seite. 30 Letztendlich nahmen an der staatlichen Feier aber auch die Kritiker des Plakats teil, lehnten jedoch die eigene Ernennung zu Ehrenmitgliedern des Organisationskomitees ab und organisierten am selben Tag noch eine eigene Veranstaltung. 31 Geehrt wurde Tomaž Ertl, letzter Innenminister des sozialistischen Sloweniens, da er 1989 eine von der serbischen Seite angekündigte Großkundgebung verhinderte und für Demonstranten die innerjugoslawische Grenze zu Slowenien schloss. Siehe Vodopivec: Od Pohlinove slovnice (Anm. 13), S. 497. 32 Mit dem erneuten Verweis auf die Nachkriegsverbrechen. Siehe »Poveličevanje in čaščenje Tita je v nasprotju s slovensko ustavo« [»Die Verherrlichung und die Ehrung Titos stehen im Widerspruch zur slowenischen Verfassung«], in: http://www.rtvslo.si/slovenija/povelicevanje-in-cascenje-tita-je-v-nasprotju-s-slovensko-ustavo/241507, ges. am 2. Juli 2013. 33 Siehe Study on how the memory of crimes committed by totalitarian regimes in Europe is dealt with in the Member States, in: http://www.ipp.csic.es/sites/default/files/IPP/proyectos/pdf/STUDY.pdf, ges. am 2. Juli 2013. 34 Ebd., S. 24 u. 227. 35 Ebd., S. 192 u. 195. Slowenien verabschiedete eine einzige indirekte Lustrationsmaßnahme: Diejenigen, die an Verbrechen gegen die Menschenrechte beteiligt waren, dürfen nicht als Richter arbeiten. 36 Pismo predsedniku vlade RS in ministroma [Ein Brief an den Regierungschef der R[epublik] S[lowenien] und an zwei Minister], in: http://www.scnr.si/sl/sporocila-za-javnost/pismo-predsedniku-vlade-rs-in-ministroma/, ges. am 10. Juli 2013. 37 Siehe Andrej Rahten: Slovensko osamosvajanje in evropska ideja [Die slowenische Verselbstständigung und die europäische Idee], in: Studia Historica Slovenica 7 (2007), H. 1–2, S. 393–406. 38 Siehe Matjaž Klemenčič: Ideja Zedinjene Slovenije do vstopa Slovenije v šengenski prostor in položaj Slovencev v sosednjih državah [Die Idee eines vereinigten Slowenien bis zum Beitritt Sloweniens zum Schengenraum und die Lage der Slowenen in den Nachbarländern], in: Časopis za zgodovino in narodopisje [Zeitschrift für Geschichte und Ethnografie] 27 (2008), H. 1–2, S. 54–70. 39 Marie-Janine Calic: Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert, München 2010, S. 82. Ähnlich beschreibt die Autorin auch den europäischen Wunsch der Nachfolgestaaten Jugoslawiens als einen Gedanken, der mit Hoffnungen und Emotionen verbunden ist, siehe S. 331 f.

JHK 2014

Entsowjetisierung und Erinnerungspolitik in Zentralasien

Sergej Abašin

Am 31. August 2008, am offiziellen Tag des Gedenkens an die Opfer der Repressionen, eröffnete der Präsident Usbekistans, Islom Karimov, in Taschkent feierlich eine neue Ausstellung im Gedenkmuseum, das den Opfern der Repressionen im Russischen Reich und in der UdSSR gewidmet ist. Am darauffolgenden Tag, dem 1. September, wurde der 17. Jahrestag der Unabhängigkeit (Mustaqillik Kuni) und des Austritts aus der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) begangen. Das Aufeinandertreffen der Erinnerungen an durchlittenes Leid mit der Freude über die errungene staatliche Eigenständigkeit bestimmt die emotionale Stimmungslage, die die Bürger Usbekistans an diesen zutiefst symbolischen Daten erleben. In seinem Artikel In Search of Lost Genocide schreibt Evgeny Finkel, Politikwissenschaftler der Yale University: »Ich behaupte, dass nach 1989 die Länder Zentral- und Osteuropas, insbesondere die ehemalige UdSSR, zu dem Raum geworden sind, wo hier und da eine dauerhafte Suche nach dem ›verlorenen Genozid‹ stattfindet.«1 An den Beispielen von Aserbaidschan, Georgien, der Ukraine sowie den baltischen Staaten Lettland, Litauen und Estland zeigt Finkel, wie sich eine nationale Identität aus der Beschäftigung mit den Leiden der Vergangenheit in den postsowjetischen Staaten formiert. Die Regierungen dieser Staaten verfolgen eine nachhaltige Geschichtspolitik mit dem Ziel, »ein ihnen notwendiges historisches Narrativ zu konstruieren, in dessen Zentrum der Genozid und die Vorstellung des eigenen Volkes als Opfer stehen«. Dieser Beitrag geht der Frage nach, welche Geschichtspolitik in einem anderen postsowjetischen Land, genauer in Usbekistan, praktiziert wird. Wie setzt die usbekische Staatsführung das Thema Opfer und Repressionen ein, um einen Nationalstaat zu schaffen, und auf welche Schwierigkeiten und Widersprüche stößt sie dabei? Wie setzt die Regierung Akzente im historischen Narrativ? Was nimmt sie im Zuge der Reproduktion des Geschichtsbildes zur Kenntnis und was ignoriert sie? Im Mittelpunkt der Betrachtungen steht das eingangs erwähnte Gedenkmuseum für die Opfer der Repressionen in Taschkent. Mithilfe einer Analyse seiner Ausstellungskonzeption soll die »Ideologie der Unabhängigkeit« Usbekistans und die darin eingebettete Bewertung der Geschichte untersucht werden. Unter Einbeziehung entsprechender Ausstellungen in Kasachstan, der Kirgisischen Republik und Tadschikistan kommt es schließlich zu einer vergleichenden Analyse der Erinnerungspolitik in Usbekistan und den Nachbarstaaten in Zentralasien, die ursprünglich der UdSSR angehörten.2 Die lang ersehnte Unabhängigkeit Der Zerfall der UdSSR zwang die Staatsmacht Usbekistans, mit der Konstruktion einer Ideologie der Unabhängigkeit (Mustaqillik) zu beginnen, die einerseits dem neuen postsowjetischen Regime Legitimität verschaffen und andererseits die der usbekischen Elite vertrauten sowjetischen Verwaltungspraktiken in die neuen, postsowjetischen Rahmenbedingungen integrieren sollte. Geschichtsbezüge nehmen in dieser Ideologie einen zentralen Platz ein. Unterschiedlichste Symbole aus ferner Vergangenheit werden in den Vordergrund gestellt und verweisen auf die Kontinuität und Verwurzelung der usbekischen Staatlichkeit. Eine Vorrangstellung in der Historiografie wird der Herrschaft Timurs und dessen Nachfolgern zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert zuteil – eine Zeit, in der der usbekische Staat, nach offizieller usbekischer Auffassung, den Höhepunkt seiner kulturellen Blüte erreichte. Das Amir Timur Museum im Zentrum von Taschkent, das Grab des berühmten Eroberers in Samarkand sowie andere Architektur- und Literaturdenkmale jener Zeit wurden Bestandteile einer »Timur-Industrie«, die den symbolischen Raum des postsowjetischen Usbekistans3 neu entstehen lässt. Während das Verhältnis zur fernen Vergangenheit in der neuen Ideologie in einer Fülle von narrativen und rituellen Formen deutlich wird, herrschte um die jüngste Vergangenheit – in erster Linie die Zeit der Zugehörigkeit zur UdSSR – eine Zeit lang Stillschweigen und Ungewissheit. Grund dafür ist die Tatsache, dass der Zerfall der UdSSR 1991 ohne Beteiligung der usbekischen Bevölkerung am Unabhängigkeitskampf erfolgte. Sieht man von einigen lokalen, blutigen Zusammenstößen und Störungen der öffentlichen Ordnung ab, denen kein klar definiertes Ziel zugrunde lag,4 dann gab es, z. B. im Unterschied zu den baltischen Republiken und Georgien, in Sowjet-Usbekistan keinen öffentlich ausgetragenen Kampf der örtlichen Elite gegen die Herrschaft Moskaus. Im Gegenteil, die usbekische Führung, an deren Spitze Islom Karimov 1989 trat, brachte ihre uneingeschränkte Loyalität gegenüber der sowjetischen Gesellschaftsordnung zum Ausdruck und war nicht an ihrer Änderung interessiert. Denn man war sich der eigenen, hochgradigen wirtschaftlichen Abhängigkeit von der Planwirtschaft des sowjetischen Wohlfahrtsstaates bewusst. Während des Referendums, das 1991, kurz vor dem Auseinanderfallen der UdSSR, durchgeführt wurde, stimmten 93,7 Prozent der Bevölkerung getreu für den Erhalt der Sowjetunion.5 Somit fehlten bedeutsame Ereignisse oder Persönlichkeiten, um die herum man Narrative und Rituale des Widerstandes, des Kampfes und der Befreiung hätte ranken können, um so die Idee der Unabhängigkeit unmittelbar aus der spätsowjetischen Zeit ableiten zu können. In dieser Situation entschieden sich die usbekischen Begründer der Ideologie der Unabhängigkeit für eine zentrale Strategie, die vorsah, jegliche Erinnerung an die Sowjetepoche aus dem offiziellen Gedächtnis zu tilgen. In der Zeit von 1991 bis 2011 erfolgten eine komplette, landesweite Umbenennung und Umwidmung des Lebensraums, die sowjetischen Symbole wurden entweder vernichtet oder an entlegene Orte gebracht, aus dem öffentlichen Sprachraum wurden sämtliche Hinweise auf die Sowjetzeit verbannt. Aber dabei blieb es nicht. Neben der Auslöschung der Erinnerung an die Sowjetzeit erprobte die Staatsmacht die Strategie des Umschreibens der sowjetischen Geschichte in eine Geschichte der Unterdrückung. Ein Ort, an dem diese Strategie sichtbar umgesetzt wurde, ist das Gedenkmuseum für die Opfer der Repressionen in Taschkent. Vergleichbare Einrichtungen gibt es auch in den drei baltischen Staaten: das Okkupationsmuseum in Tallin (Okupatsiooni Muuseum), das Museum der Okkupation Lettlands in Riga (Latvijas Okupācijas muzejs), das Museum der Opfer des Genozids (Genocido aukų muziejus) in Vilnius sowie seit 2006 auch die Museen der sowjetischen Okkupation in Kiew in der Ukraine sowie in Tbilisi in Georgien.6 Der ideologische Subtext, vor dem diese Museen errichtet wurden, liegt auf der Hand: Sie sind Symbole für den absoluten Bruch mit der sowjetischen Vergangenheit. Aber es gibt auch einen politischen Aspekt: Einerseits ist man bestrebt, die kommunistischen Parteien an die Peripherie des öffentlichen Lebens zu verdrängen, andererseits ist man bemüht, sich von Russland zu distanzieren, das als Nachfolger der UdSSR angesehen wird. Anfang 2000 wurde der Gedenkkomplex Schachidlar Chotirasi [Märtyrergedächtnis] zum Andenken an die Opfer der Stalin’schen Repressionen in Taschkent errichtet, in dessen Zentrum sich eine symbolische Grabstätte, überdacht von einer 27 Meter hohen türkisfarbenen Kuppel im landesüblichen Stil, befindet.7 In seiner Rede während des Treffens mit »Vertretern aus Wissenschaft, Kunst und Kultur« am 6. April 2000 sagte der Präsident mit Blick auf die »grundlegenden Prinzipien der Ideologie der nationalen Unabhängigkeit«: »Wenn es uns heute gelingt, den Menschen die Unsinnigkeit, die Verderbnis der alten Ordnung im Hinblick auf die Politik, Wirtschaft und Moral zu erläutern, ihnen zu erklären, warum sie unseren nationalen Interessen von Grund auf widerspricht, dann werden die Menschen den richtigen Weg finden.«8 2001 wurde der Erlass des Präsidenten zum Tag des Gedenkens an die Opfer der Repressionen veröffentlicht, der seitdem immer am 31. August begangen wird. 2002 wurde dann neben dem Gedenkareal das Gedenkmuseum für die Opfer der Repressionen eröffnet. Ursprünglich ein kleines landestypisches Gebäude mit einem Kuppeldach, wurde es 2008 nach umfangreichen Renovierungs- und Erweiterungsarbeiten wiedereröffnet. Es entwickelte sich zu einem der wichtigsten Elemente des ideologischen Systems und zu einem der zentralen Symbole der Unabhängigkeit Usbekistans. Das Museum entstand im Auftrag der Staatsmacht, die auch für dessen Konzeption verantwortlich war. Gleichwohl bringt das Ausstellungskonzept auch die Haltung und die Vorstellungen der hauptstädtischen Eliten als Ganzes zum Ausdruck, die danach streben, ihren symbolischen Status unter den neuen Bedingungen zu überdenken und zu behaupten. Jedes Jahr am 31. August findet hier das offizielle rituelle Gedenken statt, an dem die Führung des Landes und Vertreter unterschiedlicher Organisationen teilnehmen. Der Besuch des Museums ist obligatorischer Bestandteil des Ausbildungsprogramms an Schulen und Hochschulen in Taschkent, Informationen über das Museum finden sich in allen Tourismusbüros. Das Sowjetimperium und die usbekische Nation Welche Botschaft wollte die Staatsmacht mit dem Bau des Museums in Taschkent aussenden? Welche direkten und indirekten Signale gab sie damit an die Gesellschaft? Das Narrativ der Entsowjetisierung fußt auf der Opposition zweier geschichtlicher Akteure – jener, die leiden, und jener, die Leid bringen. Erstere werden mit der »Nation« identifiziert, die anderen mit dem »Imperium« (oder dem »totalitären Regime«). Jegliche innere Widersprüchlichkeit zwischen »Nation« und »Imperium« wird ausgeklammert, da sonst die Gegenüberstellung aufgehoben und die Ausstellung sinnlos würde. Das Imperium ist in dieser Konstellation das grundsätzlich Böse, es nimmt der Nation den eigenständigen Willen, unterjocht sie, unterdrückt Volkserhebungen, bringt Massenrepressalien und Ausbeutung auf den Weg, setzt die Würde der Bevölkerung herab und vernichtet ihre Kultur und Sprache. In der im Museum gezeigten Ausstellung ist meistens nicht direkt vom »Imperium« die Rede. Stattdessen werden Synonyme wie »Zarismus«, »Zarenregime« oder »zaristisches Russland« verwendet, die den monarchischen Charakter des Imperiums unterstreichen. Diese Formulierungen wurden von der frühsowjetischen Sprache zur Beschreibung des Russischen Reichs übernommen. In den sowjetischen Publikationen der Zwanziger- und Dreißigerjahre wurde das »zaristische Russland« als »Völkergefängnis« dargestellt, als Staat, der die einfachen Menschen ausbeutet und in dem jedwede gesellschaftlichen Protestaktionen und nationalen Bewegungen unterdrückt werden.9 Seit Mitte der Dreißigerjahre wurde eine derartige antikoloniale Kritik einer Revision unterzogen und Anfang der Fünfzigerjahre eine Konzeption vorgelegt, derzufolge der »Anschluss« an das Russische Reich für die Randgebiete von Vorteil war. Die sowjetische Geschichtsschreibung verzichtete jedoch nicht völlig auf die antikoloniale Rhetorik, die für die Kritik am Kapitalismus und Imperialismus unerlässlich war. Die Schöpfer der usbekischen Unabhängigkeitsideologie distanzierten sich ausdrücklich vom Marxismus, in dessen Geist sie erzogen worden waren, lehnten das Konzept des »vorteilhaften« Anschlusses ab und griffen die Kritik am Russischen Reich als einem »Völkergefängnis« wieder auf. Dies wurde zum wichtigsten Argument ihrer historischen Narrative. Die Tatsache, dass im Taschkenter Museum dem Russischen Reich viel Beachtung geschenkt wird, unterscheidet es von ähnlichen Museen in anderen postsowjetischen und osteuropäischen Staaten, in denen der Schwerpunkt eher auf der Betrachtung und Kritik der UdSSR liegt. In der Taschkenter Ausstellung wird der Unterschied zwischen imperialer und sowjetischer Epoche gleichwohl nicht problematisiert – erscheinen doch die sowjetischen Repressionen als gesetzmäßige Fortsetzung der Repressionen im Russischen Reich: Die UdSSR wird als eine Fortsetzung des Russischen Reiches betrachtet. An die Stelle des »zaristischen« Regimes tritt ein »totalitäres« Regime, an die Stelle des »Zarismus« der »Totalitarismus«. Auch die Darstellung der »Nation« in der Ausstellung weist einige Besonderheiten auf. Das Bild der »Nation« wird mithilfe russischer und sowjetischer Quellen reproduziert – die meisten Fotos, Zeichnungen, Texte, die dem Museumsbesucher gezeigt werden, sind Archivdokumenten, Büchern und Zeitungen jener entnommen, die man der Logik der Entkolonialisierung folgend als »Kolonialherren« bezeichnen könnte. Authentische, von Kolonialisierung und sowjetischer Einflussnahme und »Verzerrung« freie Stimmen der »Kolonialisierten« gibt es in der Ausstellung dagegen kaum. Dies spricht für die Schlussfolgerung einiger Historiker, dass die Nationalisten im Grunde die Sprache des Imperiums übernehmen, von der sie sich befreien wollen.10 Der immanente Widerspruch des nationalen Narrativs in Usbekistan wird noch dadurch verschärft, dass sämtliche Merkmale der Nation wie Territorium, Sprache und Kultur nur in sowjetischer Zeit mit dem Namen »Usbeke« verbunden waren.11 Bis zum Eintreffen der Russen in der Region zur Zeit des Zaren setzte sich die einheimische Bevölkerung aus zahlreichen Gruppen mit spezifischer Kultur und Selbstbezeichnungen zusammen, deren eigentliche Klammer die Identität als Muslime war. Die imperiale Macht vereinigte einen Großteil dieser Gruppen zur administrativen Einheit Turkestan (einschließlich der Protektorate Buchara und Chiwa), wobei es ihr nicht gelang (und sie hatte es damit auch nicht besonders eilig), eine einheitliche nationale Klassifizierung der Völker zu schaffen.12 Die Bolschewiki hingegen, die vor allem religiösen Widerstand fürchteten, setzten auf eine rasche nationale Rekonfiguration der Region, indem sie mehrere unterschiedliche Gruppen zu einer politischen Gemeinschaft zusammenfassten und dieser den Namen »Usbeken« gaben.13 Der sowjetische Ursprung der Nation wurde für die moderne usbekische Elite, die danach strebt, sich von der sowjetischen Geschichte zu befreien, zu einem ernsthaften ideologischen Problem. In der im Museum in Taschkent gezeigten Ausstellung gibt es keine Bewertung der nationalen Neugliederung Zentralasiens durch die Bolschewiki Mitte der Zwanzigerjahre, als die administrative durch eine nationale Gliederung ersetzt wurde. Dieses Thema wird in der usbekischen Geschichtsschreibung überhaupt nicht behandelt, weder positiv noch negativ, obwohl gerade aufgrund dieser Neugliederung die Usbekische Sozialistische Sowjetrepublik geschaffen worden ist, deren Nachfolger das heutige Usbekistan ist – in den aktuellen Grenzen, mit derselben politischen Elite, mit denselben institutionellen Grundlagen für die Kultur und die Sprache (Institute, Verlage, Museen) und sogar mit derselben nationalen Selbstbezeichnung – Usbeken.14 Dieses »Schweigen« um die nationale Neugliederung Zentralasiens zeigt, dass die Konstrukteure der Ideologie der Unabhängigkeit bislang keine Lösung dafür haben, wie dieses Sujet in das Narrativ des nationalen Leidens integriert werden kann. Traumata der Geschichte Parallel zur Wiederbelebung des Gedenkens an Repression und Leid und zum Prozess der Abschaffung von Zensur vollzieht sich der Prozess der Konstruktion des Gedenkens, indem u. a. neue Fragen und Probleme aus der heutigen Diskussion ausgeschlossen werden. Für die neue Ideologie der Unabhängigkeit unbequeme Tatsachen und Materialien werden dabei ignoriert und sogar tabuisiert, Zusammenhänge und Widersprüchlichkeiten der Vergangenheit werden nicht diskutiert, herangezogen werden dagegen Illustrationen und Texte, in denen Beschreibungen über den Schrecken und das Leiden im Mittelpunkt stehen. Die Ausstellungsmacher erweitern skrupellos die Liste der Opfer, indem sie jene der Bürgerkriege, der Entkulakisierung, der Verfolgung von Politischen und Kriminellen sowie die Opfer von schwierigen Umweltbedingungen und wirtschaftlicher Ausbeutung einbeziehen. Kaum oder keine Berücksichtigung finden dagegen jene Opfer, die nicht der Titularnationalität angehörten oder Assoziationen zur heutigen usbekischen Opposition wachrufen könnten. Zu den wichtigsten Ereignissen, die in der Ausstellung im Gedenkmuseum in Taschkent thematisiert werden, gehören die Geschichte der Unterwerfung der mittelasiatischen Staaten zwischen 1860 und 1870 und Beispiele für antikoloniale Aufstände und deren brutale Unterdrückung in den Jahren 1890 bis 1910. Diese Ereignisse, in deren Verlauf die Konfrontation der Kolonisatoren und der Kolonisierten besonders offenkundig wurde, werden in den Vordergrund gerückt und bilden den roten Faden der Ausstellung. Der der UdSSR gewidmete Teil der Ausstellung schließt die Geschichte der »Widerstandsbewegung«, d. h. der Basmatschen gegen die Bolschewiki, die Stalin’sche Entkulakisierung und die politischen Repressionen der Dreißigerjahre ein. Letzteren ist der größte Teil der Ausstellung gewidmet. Viele erschütternde Fotos von Opfern und einige persönliche Gegenstände, darunter solche, die vom Leben in den über die ganze Sowjetunion verstreuten Arbeitslagern des Gulag künden, werden gezeigt. Die Opfer werden als eine Art Gemeinschaft Gleichgesinnter dargestellt, die unter dem »totalitären« Regime gelitten haben.15 Dabei wird die Tatsache verschwiegen, dass viele der späteren Opfer zuvor treue Diener dieses Regimes waren und selbst zu den Tätern gehörten. Die Opfer der Repressionen zu Beginn der Dreißigerjahre standen den zwischen 1937 und 1938 Verfolgten oft antagonistisch gegenüber. Nun hängen ihre Fotos nebeneinander, ihre zusammen in einer Liste aufgeführten Namen sind Beleg für die Gräueltaten des Imperiums. Die Ausstellungsmacher erklären diese komplizierte Wendung der sowjetischen Geschichte nicht, denn würden sie es tun, würde das Konstrukt der unter fremdländischem Totalitarismus leidenden Nation in sich zusammenbrechen. Schließlich war der Gedanke des »Imperialismus« in den Köpfen und Herzen vieler, die nun posthum zu »Nationalhelden« stilisiert werden, tief verankert. Weiterhin ist auffällig, dass die Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit den Stalin’schen Repressionen im Wesentlichen auf die Vertreter der politischen und kulturellen Eliten gelenkt wird. Eine Ausnahme bildet das Thema Entkulakisierung, dem eine eigene Vitrine gewidmet ist. Dabei war das Spektrum der Repressionen und der Gewalt in Usbekistan breiter. Besonders stark war die religiöse Elite betroffen.16 Verfolgungen waren aber auch jene ausgesetzt, die unter dem Zaren in der lokalen Administration tätig gewesen sind. Ebenso gehört zum Thema Gewalt und Leiden die Kampagne, die es den Frauen verbot, einen Gesichtsschleier zu tragen.17 Genauso könnten auch die zwangsweise Ansiedlung der Nomaden und die Umsiedlung der Bevölkerung aus einer Region in die andere dazugerechnet werden. Unter den Stalin’schen Zwangsmaßnahmen und Repressionen litten auch Vertreter zahlreicher anderer Nationalitäten, wie z. B. die Kosaken, aber auch Bauern, Geistliche und Intellektuelle. Die Tatsache, dass diese Ereignisse in der Ausstellung »vergessen« worden sind bzw. nicht aufgearbeitet werden, deutet auf eine »usbekische« Ausrichtung des Narrativs der Entsowjetisierung. Auffällig ist auch die »elitäre« Sicht auf die Geschichte: Der sowjetischen Tradition folgend, betrachtet sich die usbekische Elite als weltlich und fortschrittlich. Die Epoche Chruščevs und Brežnevs, also fast 30 von 70 Jahren sowjetischer Geschichte, sind in der Ausstellung nicht präsent. Eindeutige Belege für den massenhaften Widerstand der usbekischen Bevölkerung gegen die Sowjetmacht, genauso wie Beweise für deren Taten, gibt es nicht. Es hat kleine Gruppen Andersdenkender gegeben, eventuell gab es auch Muslime, die von der Wiederbelebung des Islam träumten, nur waren sie marginal, sowohl im Hinblick auf die Bevölkerung des Landes als auch auf die Elite Usbekistans. Überzeugend wäre es gewesen, den Ersten Sekretär der Kommunistischen Partei Usbekistans, Šaraf Rašidov, als heimlichen Opponenten der Zentralmacht zu präsentieren, denn ein bedeutender Teil der postsowjetischen usbekischen Elite hält ihn für eine der wichtigsten Gestalten ihrer politischen Vergangenheit. Der zweimal als »Held der sozialistischen Arbeit« ausgezeichnete Rašidov hat es vermocht, unterschiedliche Gruppierungen innerhalb der usbekischen Elite zu verankern und folgende Abmachung mit der Zentralmacht auszuhandeln: Für die Zusage absoluter Loyalität und die Steigerung der Baumwollproduktion gewährte Moskau ihm Autonomie in inneren Angelegenheiten und beträchtliche Investitionen in die Wirtschaft der Unionsrepublik. Hinweise auf Repressionen gegen den erfolgreichen kommunistischen Führer der Usbekischen Sozialistischen Sowjetrepublik gibt es noch keine. Somit steht die Geschichtsschreibung vor dem Dilemma, die Kritik am sowjetischen Totalitarismus mit der Lobpreisung eines Spitzenfunktionärs in Einklang bringen zu müssen. Die 1982 unter Andropov einsetzenden Veränderungen in der politischen Ordnung, in der Ideologie und in der Praxis der Führung des Landes mündeten in ernst zu nehmende Konflikte in der sowjetischen politischen Elite. Mitte der Achtzigerjahre wurde in Usbekistan die sogenannte Baumwoll-Strafsache eingeleitet. Es kam zu Massenverhaftungen, Gerichtsurteilen und Selbstmorden.18 Die damals erlebte Angst und das Gefühl der Erniedrigung hat die postsowjetische usbekische Führungsspitze nicht vergessen. Das erklärt auch, weshalb diese Ereignisse in der Ausstellung des Museums als Repressionen des totalitären Regimes gegen die Nation und deren Führer dargestellt werden. Ob Strafverfolgung wegen Wirtschaftsverbrechen als Repression ausgelegt werden kann, verdient, diskutiert zu werden. Auf jeden Fall aber hilft es zu verstehen, wie Gedenkpolitik heute in Usbekistan gestaltet wird. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass die usbekische Elite ihr Gruppentrauma hier als Trauma der gesamten Nation ausgibt, die im Zuge der »Baumwoll-Strafsache« scheinbar zum Opfer sowjetischer Gewaltanwendung geworden ist. Ein gemeinsames Gedenken oder unterschiedliche Arten des Gedenkens? Jene Version der sowjetischen Vergangenheit, die heute im Museum zum Gedenken an die Opfer der Repressionen in Taschkent gezeigt wird, geht weitgehend auf die Ideologie und die Interessen der herrschenden Elite zurück. Doch neben dem offiziellen Gedenken gibt es verschiedene Formen des individuellen Gedenkens, die keineswegs einfache Ableitungen der staatlichen Geschichtspolitik sind. Dennoch lässt das System der ideologischen Indoktrination kaum Spielraum für die öffentliche Artikulation alternativer Formen des Gedenkens an die sowjetische Vergangenheit. Die Vielfalt der postsowjetischen Gedenkformen tritt deutlich zutage, wenn man sich den anderen Staaten Zentralasiens zuwendet und untersucht, wie sie ihre Version dieser Geschichte konstruieren. So gibt es in der Ausstellung des Staatlichen Historischen Museums der Kirgisischen Republik in Bischkek nur eine einzige Vitrine, in der von einer »Zunahme des totalitären Regimes« die Rede ist. An dieser Stelle wird über die Repressionen gegen kirgisische Politiker und Kulturschaffende in den Dreißigerjahren informiert. In allen anderen Vitrinen werden die Errichtung der Macht der Bolschewiki und die Errungenschaften auf den Gebieten Kultur und Wirtschaft in der Sowjetepoche gelobt. Das Trauma der Repressionen steht nicht im Mittelpunkt und beeinflusst nicht das generelle Geschichtsbild. Im Zentralen Staatlichen Museum der Republik Kasachstan in Almaty werden sowjetische Repressionen oder Errungenschaften überhaupt nicht behandelt. Der Raum, der dem 20. Jahrhundert gewidmet ist, heißt doppeldeutig »Saal der Geschichte und Diasporalogie«. Die Ausstellung besteht aus gut zwei Dutzend Vitrinen, jede Vitrine stellt ein Volk (die Kasachen ausgenommen) vor, das heute auf dem Territorium Kasachstans lebt. Hierbei geht es nicht ausschließlich um Ethnografie. Das Wort »Diaspora« im Namen des Saals gibt einen bestimmten Blickwinkel der Geschichtsbetrachtung vor. In den Vitrinen, die Russen und Ukrainern gewidmet sind, finden sich Fotos und der Hinweis, dass diese Völker an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in die Region umgesiedelt worden sind. Die Information geht mit einer Kritik an der zaristischen Politik einher. Im Falle der Umsiedlung der Deutschen und der Koreaner ist selbstverständlich von Stalins Deportationspolitik die Rede. Hier ist die Geschichte in der Ethnografie versteckt, sie stellt kein entfaltetes Narrativ dar. Ein Fünftel des Saals nimmt die ständige Ausstellung über die Helden des Zweiten Weltkriegs, des »Großen Vaterländischen Krieges«, die aus Kasachstan stammen, ein. Einen anderen Teil der Ausstellung bilden Fotografien und Biografien von Personen, die für die Entwicklung Kasachstans im 20. Jahrhundert stehen, wobei diese Erzählungen als heroische Erfolgsgeschichten abgefasst sind. Hier wird die sowjetische Geschichte nur versteckt gewertet, sie erscheint nicht als offizielles Narrativ, ist verklausuliert formuliert und kann je nach Wunsch übersehen oder unterschiedlich ausgelegt werden. Im Historischen Museum in Chudschand, in der Republik Tadschikistan, gibt es weder eine offene noch eine versteckte Kritik an der Sowjetepoche. Sie erscheint als durchaus positive Etappe in der Geschichte des Landes. Ermöglicht wird dies vor allem durch die Darstellung fast ausschließlich tadschikischer Helden und Funktionäre. Die sowjetische Zeit wird aus dem Blinkwinkel der Entwicklung des tadschikischen Staates dargestellt. So ist es möglich, jener Zeit aus heutiger Sicht ohne Schmerzen zu gedenken. Diese Beispiele zeigen, dass in diesen drei Ländern, im Unterschied zu Usbekistan, traumatische Ereignisse der sowjetischen Geschichte nicht zu einem Instrument der Konstruktion der nationalen Identität geworden sind. Dafür sind eine Reihe von Ursachen verantwortlich: z. B. die Existenz einer großen russischstämmigen Bevölkerungsgruppe in der Kirgisischen Republik oder Tadschikistan und das Bestreben, Streitigkeiten und Konflikte über die Geschichte zu vermeiden. Im Falle der Kirgisischen Republik und Tadschikistans kommt die Angst vor dem Nachbarn Usbekistan und die damit verbundene Hoffnung auf die Unterstützung Russlands hinzu. Die Beziehungen zu Russland sollen daher nicht durch eine antikoloniale Kritik der Vergangenheit belastet werden. Aber auch diese Einstellung kann sich mit der Zeit ändern, genauso wie das Verhältnis der zentralasiatischen Länder zu ihrer sowjetischen Vergangenheit nicht unveränderbar ist. Fazit Die Vorstellung von der Nation als Opfer, davon war einleitend die Rede, ist eine politische Strategie, die vielen postsowjetischen und postsozialistischen Staaten gemeinsam ist. Sie hat zum Ziel, den 1991 erfolgten Bruch mit der sowjetischen Vergangenheit unumkehrbar zu machen und das Gefühl der nationalen Einheit mithilfe der Erinnerung an gemeinsames Leid zu stärken. Eine derartige Politik birgt Defizite und Risiken, die sowohl mit innenpolitischen Spaltungen als auch mit komplizierten internationalen Beziehungen zusammenhängen, im Rahmen derer verschiedene Vorstellungen von historischer Gerechtigkeit aufeinandertreffen. Unterschiedliche Staaten formulieren daher den symbolischen Status dieser Thematik auf unterschiedliche Weise und stellen sie in den Kontext der inneren Mobilisierung und Legitimation.19 In Staaten wie z. B. Lettland war die Frage der »sowjetischen Okkupation« Teil der Begründung der Staatlichkeit und von großer Bedeutung für die Idee der »Rückkehr nach Europa«.20 In anderen Staaten, z. B. in Weißrussland, spaltet das Thema der »sowjetischen Repressionen« die Gesellschaft, ein offizieller Konsens ist nicht gefunden.21 In einer dritten Staatengruppe, zu der z. B. Tadschikistan, die Kirgisische Republik und Kasachstan gehören, spielt die Frage der »sowjetischen Okkupation« in öffentlichen Geschichtsdebatten überhaupt keine Rolle. Die usbekische Version der Geschichtspolitik nähert sich im Hinblick auf die Sowjetzeit, wie das Beispiel des Gedenkmuseums in Taschkent zeigt, damit den radikalsten Formen der Kritik an der Vergangenheit an. Die Einbeziehung des Narrativs Entsowjetisierung und Entkolonialisierung in die Ideologie der Unabhängigkeit erlaubt es der postsowjetischen usbekischen Elite, eine Reihe von Aufgaben zu lösen. Erstens: Sie wurde zur Grundlage der Legitimierung des neuen politischen Regimes in Usbekistan. Zweitens: Das kollektive Trauma soll für den Zusammenhalt der Gesellschaft sorgen und die nationale Identität stärken. Drittens: Das Russische Reich und die UdSSR können nun für alle gesellschaftlichen Probleme in der Vergangenheit und Gegenwart verantwortlich gemacht werden. Man kann den »Fremden« den Vorwurf machen, dass sie den richtigen Weg der Entwicklung abgebrochen und diese in eine falsche Richtung gelenkt haben. Viertens: Der Narrativ der Entsowjetisierung ist ein Mittel der symbolischen Distanzierung vom postsowjetischen Russland, eine Möglichkeit der Demonstration eines unabhängigen außenpolitischen Kurses und der Suche nach neuen Partnern im Weltmaßstab. Der narrative Bruch Usbekistans mit der sowjetischen Vergangenheit zeichnet sich durch Besonderheiten und Unterschiede im Vergleich zu anderen postsowjetischen Ideologien aus. Zu diesen gehört, dass der Begriff »Genozid« als eine der radikalsten Anklagen der ehemaligen politischen Ordnung im offiziellen Sprachgebrauch gar nicht, die Begriffe »Kolonialisierung« und »Okkupation« nur vorsichtig und in erster Linie hinsichtlich des Russischen Reichs verwendet werden. Mit Blick auf die sowjetische Periode ist von »Totalitarismus« und »Repression« die Rede. Die Ideologie der Unabhängigkeit basiert auf vagen Andeutungen, sie erlaubt es, einzelne Fakten breiter auszulegen und Unzufriedenheit unterschiedlicher Art zu kompensieren. Ein anderer Wesenszug dieses Narrativs ist der elitäre Blick auf das erfahrene Leid. Die Aufmerksamkeit liegt – wenn es um die Sowjetzeit geht – in erster Linie auf den Schicksalen von Menschen in hohen politischen Funktionen und von Intellektuellen. Das führt zur eingeschränkten Radikalisierung der Erinnerungskultur, denn die Elite ist nicht bereit, Gruppen aufzunehmen, die in der Emigration waren oder in Opposition zum sowjetischen Staat standen. Auf paradoxe Art und Weise beschützt die usbekische Macht, indem sie die Sowjetzeit kritisiert, ihre sowjetischen Wurzeln vor möglichen Konkurrenten und versucht dabei, sich einen Sonderstatus in der Gestaltung der Erinnerungspolitik zu sichern. Die genannten Besonderheiten spiegeln sich in einer Reihe von Kompromissen bzw. im Verschweigen einzelner Themen oder in ihrer Vermischung wider. Das im Museum zum Gedenken an die Opfer der Repressionen in Taschkent geschaffene Narrativ ist widersprüchlich und inkonsequent und vor allem ein Beweis für die fehlenden politischen Zielvorgaben durch die gegenwärtige usbekische Regierung. Es handelt sich um ein pragmatisches Instrumentarium zur Ausnutzung der Ideologie, um anstehende Aufgaben zu lösen. Aus dem Russischen von Wladislaw Hedeler 1 Evgeny Finkel: In Search of Lost Genocide, in: Pro et Contra 15 (2011), H. 3/4, S. 123–143, hier S. 139. 2 Der Autor hat das Gedenkmuseum in Taschkent 2009 und 2010 besucht und Gelegenheit gehabt, mit der Museumsleitung und Mitarbeitern der Akademie der Wissenschaften der Republik Usbekistan zu sprechen, die an der Ausstellung beteiligt waren. Zwischen 2010 und 2013 besuchte er die Museen in Almaty, Bischkek und Chudschand. 3 Annette Bohr: The Central Asian States as Nationalising Regimes, in: Graham Smith u. a. (Hg.): Nation-building in the Post-Soviet Borderlands. The Politics of National Identities, Cambridge 1998, S. 139–166; Andrew F. March: The Use and Abuse of History: »National Ideology« as Trans-cendental Object in Islam Karimov’s »Ideology of National Independence«, in: Central Asian Survey 21 (2002), H. 4, S. 371–384; Laura Adams: The Spectacular State: Culture and National Identity in Uzbekistan, Durham 2010. 4 Hier sind die Pogrome im Jahre 1989 zu nennen, die gegen die 1944 aus Georgien umgesiedelten Türk-Mescheten gerichtet waren und in einige spontane regierungsfeindliche Aktionen mündeten. 5 Soobwenie Central´noj komisii referenduma SSSR ob itogax referenduma SSSR, sostoåvπegoså 17 marta 1991 goda. Pravda. 27 marta 1991 g. [Information der Zentralen Kommission für die Durchführung des Referendums am 27. März 1991]. 6 Museen, die den Repressionen gewidmet sind, gibt es auch in anderen Staaten der ehemaligen UdSSR. Zum Beispiel in Kasachstan und in Russland. Doch ihnen kommen kein bedeutender symbolischer Stellenwert und ideologischer Status zu. 7 Siehe dazu auch Bachtijer Chassanow und Alischer Sabirow (Hg.): Zeugen der Stalinschen Repressionen in Taschkent: Architektur und Menschen. Führer, Taschkent 2011, S. 10 f. 8 Karimov I. Sobranie sohinenij. T. 8. Na˚a celæ ‒ nezavisimostæ i procvetanie Rodiny, svoboda i blagopoluhie naroda [Islom Karimov: Unser Ziel – Unabhängigkeit und Wohlstand der Heimat, Freiheit und Wohlergehen für das Volk (= Gesammelte Werke, Bd. 8)], Taschkent 2000, S. 454. 9 Siehe z. B. Safarov G. Kolonialænaå revolüciå (Opyt Turkestana) [G. Safarov: Koloniale Revolution (Die Erfahrungen Turkestans)], Moskau 1921; Fedorov E. Oherki nacionalæno-osvoboditelænogo dviøeniå v Srednej Azii. [E. Fjodorow: Skizzen der nationalen Befreiungsbewegung in Zentralasien], Taschkent 1925; Galuzo P.G. Turkestan-koloniå (Oherk istorii Turkestana ot zavoevanie russkimi do revolücii 1917 g.) [P. G. Galuzo: Turkestan als Kolonie (Essay über die Geschichte Turkestans von der russischen Eroberung bis zur Revolution 1917)], Moskau 1929. 10 Siehe Partha Chatterjee: The Nation and Its Fragments: Colonial and Postcolonial Histories, Princeton/New Jersey 1993. 11 Siehe Ilæxamov A. Arxeologiå uzbekskoj identihnosti/Qtnografiçeskoe obozrenie. 2005, No. 1. [A. Il’chamov: Die Archäologie der usbekischen Identität, in: Ethnografičeskoe obozrenie (2005), H. 1.]. 12 Siehe Sergej Abašin: »Les Sartes, un peuple d’avenir«: l’ethnographie et l’Empire au Turkestan russe, in: Svetlana Gorshenina und Sergej Abašin (Hg.): Le Turkestan russe: Une colonie comme les autres? [Russisch-Turkistan: Eine Kolonie wie jede andere?], Cahiers d’Asie Centrale (2009), H. 17/18, S. 353–379. 13 Siehe Olivier Roy: The New Central Asia: The Creation of Nations, London 2000. 14 Siehe Arne Haugen: The Establishment of National Republics in Soviet Central Asia, New York 2003; Roy: The New Central Asia (Anm. 13); Aba˚in S. Nacionalizmy v Srednej Azii: v poiskax identiçnosti [Sergej Abašin: Nationalismen in Zentralasien: Auf der Suche nach Identität], St. Petersburg 2007. 15 Siehe auch Sm. takøe: Tragediå sredneaziatskogo kiπlaka: kollektivizaciå, raskulaçivanie, ssylka. 1929–1955 gg. Materialy i dokumenty. T. 1-3/R.T. ¤amsutdinov, B.M. Rasulov (sostav.), D.A. Alimova (red.). Taπkent: ¤ark, 2006. [R. T. Shamsutdinov/B. M. Rasulov/D. A. Alimov (Hg.): Die Tragödie des zentralasiatischen Kischlak: Kollektivierung, Entkulakisierung, Verbannung. 1929–1955, 3 Bde.], Taschkent 2006. 16 Siehe Shoshana Keller: To Moscow, Not Mecca: The Soviet Campaign Against Islam in Central Asia, 1917–1941, London 2001. 17 Siehe Douglas Northrop: Veiled Empire: Gender and Power in Stalinist Central Asia, Ithaca/NY 2004. 18 In der Baumwoll-Strafsache ging es um Korruption und gefälschte Angaben und Berichte bei der Erfüllung des Plansolls in Zusammenhang mit der Baumwollernte. Siehe James Critchlow: Prelude to »Independence«: How the Uzbek Party Apparatus Broke Moscow’s Grip on Elite Recruitment, in: William Fierman (Hg.): Soviet Central Asia: The Failed Transformation, Boulder/Colo. 1991, S. 131–156. 19 Siehe Finkel: In Search (Anm. 1), S. 127–129. Siehe auch Taras Kuzio: History, Memory and Nation Building in the Post-Soviet Colonial Space, in: Nationalities Papers 30 (2002), H. 2, S. 241–264. 20 Platt K. Okkupaciå vs. kolonizaciå: istoriå, postkolonialænostæ i geografiçeskaå identiçnostæ [K. Platt: Besetzung vs. Kolonialisation: Geschichte, Postkolonialität und geografische Identität], in: Neprikosnovennyj zapas 71 (2010), H. 3, S. 49–62. Eine vergleichbare Logik weisen Narrative in Litauen, Estland, Georgien und in der Ukraine, dort in der Amtszeit von Präsident Juščenko, auf. 21 Siehe Uπakin S. V poiskax mesta meødu Stalinym i Gitlerom: O postkolonialænyx istoriåx socializma [S. Uschakin: Auf der Suche nach einem Platz zwischen Stalin und Hitler. Über postkoloniale Geschichten des Sozialismus.], in: Ab Imperio (2011), H. 1, S. 209–233. Ein ähnliches Bild bietet sich in Kasachstan.

JHK 2014

Mündigkeit und Messianismus: Zur Reichweite kommunistischer Befreiung im südindischen Telengana, 1946–1951

Patrick Hesse

Obwohl die Republik Indien nie kommunistisch regiert wurde und sie in Zeiten der Blockkonfrontation stets den blockfreien Staaten angehörte, zählt die kommunistische Bewegung im Land zu den meistbeachteten der »Dritten Welt«.1 Die Kommunistische Partei Indiens (Communist Party of India, CPI) war nicht nur eine der ersten kommunistischen Parteien in einem nicht-westlichen Land, sondern stellte 1957 auch die weltweit erste demokratisch gewählte kommunistische Regierung im südindischen Bundesstaat Kerala. In Westbengalen, einem weiteren Bundesstaat, hielt sich die größte kommunistische Partei des Landes über mehr als drei Jahrzehnte an der Regierung. Im südindischen Bundesstaat Andhra Pradesh sind kommunistische Parteien heute zwar marginalisiert, jedoch standen sie bei den ersten Wahlen nach der indischen Unabhängigkeit 1947 der siegreichen Kongresspartei an Stimmen kaum nach. Dies war eine direkte Folge eines Bauernaufstandes oder vielmehr einer ländlichen Revolution, die mehrere Bezirke des damaligen Fürstenstaates Hyderabad ergriffen hatte. Die Region Telengana, heute das nordwestliche Andhra Pradesh, war zwischen 1946 und 1951 Schauplatz einer groß angelegten Bauernerhebung, der Telengana-Rebellion (»Telangana Raithanga Sayudha Poratam«), die in ihrer Hochphase 1947/48 mehrere tausend Dörfer ergriffen hatte. Dieses Ereignis, das das Ende des feudalen Hyderabads und sein Aufgehen in der Republik Indien erheblich beschleunigte, ist von Margrit Pernau treffend als »largest successful upheaval of Asian peasants under the leadership of the Communist Party in the immediate postwar years after the Chinese revolution« verortet worden.2 Dieser Beitrag will sich dem Charakter des Emanzipationsprojekts annähern, das die Kommunisten in den maßgeblich von ihnen erkämpften »befreiten« Gebieten anstießen. Vorrangig gilt das Augenmerk dabei der »kulturellen« oder »lebensreformerischen« Dimension der Emanzipation. Sie sollte keineswegs nur im ökonomischen Sinn von Verhältnissen befreien, in denen nach Marx die Menschen ihre eigene Geschichte »nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen [gestalten]. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.«3 Im vorliegenden Kontext bezieht sich dies auf das Verhältnis eines revolutionären Entwurfs, der vom bürgerlichen Zeitalter als historischer Voraussetzung ausging, zur Wirklichkeit des Dorflebens, das aus dem Blickwinkel des »Ausgangs der Menschen aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit« als hoffnungslos rückständig erscheinen musste. Denn wenn marxistische Theorie sich auf die Ökonomie festlegte und andere Kategorien des Gesellschaftslebens tendenziell als zweitrangige, durch die ökonomische Basis bedingte Erscheinungen abtat, so geschah dies im Fall von religiöser und lebensweltlicher Tradition vor allem deshalb, weil sie durch die bürgerliche Epoche bereits als erledigt angesehen wurde. In Telengana, wo das bürgerliche Zwischenstadium fehlte, trafen vorbürgerliche Lebenswelt und kommunistisches Emanzipationsprojekt unvermittelt aufeinander. Im Folgenden soll daher versucht werden, die praktische Dimension kommunistischer Befreiung von jenen Zwängen zu ermessen, die nicht in ökonomischen Verhältnissen aufgingen. Religiöse Gebräuche und kulturelle Tradition waren den zu befreienden »Massen« nicht von einer Schicht von »Ausbeutern« auferlegt, sondern reproduzierten sich aus ihrer eigenen Lebenswelt heraus. Die Schwierigkeiten, auf die die Kommunisten stießen, gründeten nicht zuletzt in ihrer eigenen widersprüchlichen Haltung zum Charakter der angestrebten Emanzipation. Diese wollte sowohl die Kultur der Subalternen erhalten als auch religiösen und feudalen Diskriminierungen (besonders von Frauen und Unberührbaren) ein Ende bereiten. Verkompliziert wurde die »Erziehung zur Mündigkeit« durch das passiv-eschatologische Verhältnis von Teilen der Bevölkerung zur neuen Ordnung ebenso wie durch verwandte Heilserwartungen der Kommunisten. In ihnen sollte der gordische Knoten der festgefahrenen traditionellen Verhältnisse durch den erlösenden »finalen Kampf« gegen Unterdrückung zerschlagen werden. Darüber hinaus wurden Versatzstücke dieser traditionellen Verhältnisse von den Kommunisten stillschweigend geteilt, vor allem in Geschlechterfragen. Einschränkend sei gesagt, dass die resultierenden Einschätzungen keinen erschöpfenden Einblick in die Verhältnisse vor Ort liefern können. Ihr Charakter wird fragmentarisch bleiben, da das vorhandene Quellenmaterial nahezu ausschließlich kommunistischer Provenienz ist (in Form von internen Berichten nach Telengana entsandter Parteifunktionäre). Zudem befasst es sich hauptsächlich mit den für die Genossen drängendsten Problemen – der Umsetzung der Landreformen und der Organisation des Guerillakampfes. Im Übrigen war den kommunistischen Funktionsträgern vor Ort bei aller Selbstkritik einerseits daran gelegen, ihr Wirken auch in Bezug auf den Fortschritt des sozialen Lebens als dienlich erscheinen zu lassen. Daher sind ihre in die Berichte einfließenden Einschätzungen mit Vorsicht zu genießen. Andererseits verfielen sie leicht darauf, offensichtliche Defizite auf die »Rückständigkeit der Bevölkerung« zurückzuführen und auf diese Weise Mängel und blinde Flecken in der eigenen Herangehensweise zu externalisieren. Dennoch sind die spärlichen Details aus dem Leben in den Aufstandsgebieten oft mit überzeugender Nüchternheit festgehalten worden. Zusätzlich ist das Primärquellenmaterial nach Bedarf um Zeitzeugenberichte erweitert worden, wie sie im Buch des feministischen Autorinnenkollektivs Stree Shakti Sanghatana versammelt sind. Diese sind von einem erheblich kritischeren Tenor gekennzeichnet. Mitunter stellen sie jeglichen Emanzipationserfolg insbesondere im Hinblick auf Geschlechterrollen in Abrede. Dies wird zwar weder der Praxis noch dem Anspruch der Kommunisten gerecht, als Kontrastfolie zur beschönigenden Tendenz der Berichte der Kommunisten sind sie allerdings brauchbar. Trotz des lückenhaften Charakters der Quellengrundlage können daher einige zentrale Charakteristika des Handelns der Kommunisten herausgestellt werden. Zunächst wird ein einleitendes Kapitel die Hintergründe des Aufstandes und seiner kommunistischen Protagonisten erfassen. Anschließend werden das Projekt kommunistischer Ermächtigung zur Mündigkeit (verstanden als Überwindung überkommener Formen gesellschaftlicher Organisation) und seine messianische Dimension in zentralen Elementen der Gesellschaft Telenganas analysiert: politische Vertretung, Geschlechterverhältnisse und Unberührbarkeit als eminenteste Ausschlusskategorien hinduistischer Alltagskultur. I. Kommunismus, Alltagskultur und der indische Subkontinent Das sowjetische Muster Die eindeutige Abgrenzung zu Erscheinungsformen »präkommunistischer« und auch präbürgerlicher Kultur stellte, gerade wenn Letztere eine populäre Dimension besaß, kein Problem nur des indischen Kommunismus dar. Schon die Sowjetunion, das unmittelbare historische Vorbild, gab keineswegs eine einheitliche Linie vor. Zwar hatte die Kommunistische Partei Russlands/Bolschewiki KPR[B]) kurz nach der Revolution offen das Ziel erklärt, moralingetränkte christliche Sitten aus dem öffentlichen Leben zu entfernen. Während die libertären Reformen aber schon im revolutionären Kernland wenig fruchteten, galten außerhalb durchaus andere Maßstäbe für Emanzipation.4 Gerade der Islam des Riesenreiches verfiel zunächst nicht dem atheistisch-progressiv inspirierten Verdikt des Arbeiterstaats. Vielmehr galt er als vom russischen Imperialismus unterdrückte Entität, deren patriarchalische Rückständigkeit der verhängnisvollen zaristischen Politik zuzuschreiben sei.5 Entsprechend begegneten die Bolschewiki islamischer Kultur auch infolge des Prinzips der »korenisazija« [Verwurzelung] vorerst mit integrativem Wohlwollen.6 Vom Aufruf an die »Muslimischen Arbeiter des Ostens« vom Dezember 1917 und der Gründung eigenständiger muslimischer Organisationen inklusive einer muslimischen KP im darauffolgenden Jahr bis hin zur offiziellen Tolerierung der Sharia in Dagestan durch Stalin 1920 zieht sich eine Tradition der Kooperation mit dem, was als »Volkskultur« und »Volksreligiosität« vermeintlich fremdbeherrschter Bevölkerungen verstanden wurde, durch die Anfänge der Sowjetunion.7 Diese Anfänge sind insofern von besonderer Bedeutung, als es vielen am Sowjetstaat orientierten Revolutionären zwar langfristig darum ging, einen entwickelten Sozialismus nach seinem Vorbild zu schaffen (wie er in der sowjetischen Verfassung von 1936 als erreicht erklärt wurde). Dennoch darf seine »reife«, d. h. mitunter intolerante Ausformung keineswegs als prägender für kommunistische Epigonen verstanden werden als seine Genese.8 Die ab den späten Zwanzigerjahren unter Stalin zunehmend angezogenen Daumenschrauben auch hinsichtlich »volkskultureller« Elemente waren eher für das Ziel der Revolution denn für die unmittelbare Aufgabe ihrer Durchführung und Stabilisierung von Belang. Zudem stimmen die international verbreiteten programmatischen Schriften insbesondere Lenins in Kultur- und Nationalitätenfragen mit der toleranten Praxis der ersten Revolutionsjahre weitgehend überein.9 Dagegen entstammt keiner der »Klassiker« kommunistischer Literatur den repressiven Phasen sowjetischer Kulturpolitik. Auch im für die Internationalisierung der Revolution zuständigen Organ, der Kommunistischen Internationale, überwog die Kooptation religiöser, als volksnah begriffener antiimperialistischer Strömungen und Organisationen. Auf dem III. Kongress der Kommunistischen Internationale 1921 konnte Machul Bey vom »Komitee des revolutionären Muselmanentums« unwidersprochen behaupten, der Hauptgrundsatz des Islams sei die Freiheit, und er hoffe, die Sowjetregierung werde der muslimischen Bevölkerung beistehen, die »unter dem Zarenregime Unsagbares zu erdulden hatte«, nämlich nicht etwa Patriarchat und Vernachlässigung, sondern die Beherrschung durch Ungläubige.10 Schon auf dem II. Kongress war die indonesische Sarekat Islam-Bewegung dafür gelobt worden, gegen den »sündigen Kapitalismus« zu kämpfen. Auf dem IV. Kongress 1922 forderte der indonesische Delegierte Tan Malaka, offen mit ihr zusammenzuarbeiten. Nicht nur verkörpere der von der Bewegung vertretene Islam den nationalen Freiheitskampf, sondern streite auch gegen den Kapitalismus schlechthin. Offenen Widerspruch erfuhr er nicht.11 Überhaupt war die Mentalität der Subalternen Gegenstand besonderer Rücksichtnahme. Zwar betonte Grigorij Zinov’ev auf dem II. Kominternkongress, dass die Aufgabe des Kommunismus nicht darin bestehe, sich an die »zurückgebliebenen Teile der Arbeiterklasse« anzupassen, »sondern darin, die gesamte Arbeiterklasse bis zum Niveau des kommunistischen Vortrupps zu heben«. Dennoch sei die »wichtigste Aufgabe einer wirklich kommunistischen Partei […], immer in engster Fühlung mit den breitesten Schichten der Proletarier zu bleiben«.12 Und Lenin stellte in seiner Ansprache klar: »Wir müssen […] die Räteorganisation den vorkapitalistischen Verhältnissen anzupassen suchen.« Die Räteidee sei der werktätigen Bevölkerung überall gleichermaßen zugänglich.13 Diese Beispiele stellen nicht den grundsätzlichen Impuls auch der sowjetischen Kommunisten in Abrede, für die sozialistische Emanzipation als hinderlich wahrgenommene gesellschaftliche Faktoren zu beseitigen. Sie verdeutlichen jedoch, dass sie sich auch im Namen kommunistischen »Fortschritts« keineswegs konsequent gegen volkstümliche religiös-kulturelle Traditionen wandten. Auch fiel die Frontstellung gegen Fremdherrschaft und »äußerlich« bedingte Ausbeutung stets leichter als gegen die »indigenen« Traditionen des prospektiven revolutionären Subjekts, mochten sie auch noch so sehr dem kategorischen Imperativ Marx’ widersprechen. Wie Stalins Proklamation zeigte, war sogar eine Koexistenz mit kulturellen Formen denkbar, die Lichtjahre von einem aufgeklärten Egalitarismus trennten. Die historische Botschaft der sowjetischen Praxis lautete, dass die Kultur gerade der Unterdrückten tendenziell vor Fremdbestimmung in Schutz zu nehmen sei. Als derartige unzulässige Einmischung galten mitunter auch »progressive« Interventionen auf kultureller Ebene. Die Anfänge der indischen kommunistischen Bewegung Während das britisch beherrschte Indien in Form des 1885 entstandenen Indian National Congress (INC) als eine der ersten Kolonien eine organisierte bürgerliche Nationalbewegung hervorgebracht hatte, entwickelte sich im Land bis nach dem Ersten Weltkrieg keine nennenswerte sozialistische Tradition. Daher ging die CPI auch nicht aus einer bestehenden sozialistischen Strömung hervor, sondern wurde 1920 von indischen Exilrevolutionären im sowjetischen Taschkent gegründet.14 Schon die Anfänge der Partei verweisen darauf, dass sie der traditionell verhafteten, religiös-kulturellen Prägung der subkontinentalen politischen Landschaft nicht nur nicht fernstand,15 sondern ihren radikalen Erscheinungsformen unmittelbar entsprang. Die beiden wichtigsten Gruppen, aus denen die Partei hervorging, waren exilierte nationalrevolutionäre Terroristen mit extremistisch-hinduistischem Hintergrund (zu ihnen zählte auch Parteigründer Manabendra Nath Roy) und radikale Muslime. Letztere hatten Indien verlassen, um für den Erhalt des osmanischen Kalifats am Bosporus zu kämpfen, und wählten dafür den Weg über das sowjetische Turkestan. Während die Nationalrevolutionäre den Leninismus zunächst hauptsächlich als Vehikel zur Verwirklichung (hinduistisch-)nationalistischer Träume begriffen, spielten im Fall der radikalen Muslime diffuse Vorstellungen über eine Fusion von Islam und Kommunismus eine gewichtige Rolle.16 Das bedeutet durchaus nicht, dass es dem indischen Kommunismus unmöglich gewesen wäre, sich aus seinem auch religiös-kulturellen Hintergrund zu lösen und einen kritischen Blick auf die Verhältnisse auf dem Subkontinent zu werfen. Doch war die Verstrickung von traditionellen lebensweltlichen Voraussetzungen und kommunistischen Aspirationen nicht auf den Telengana-Aufstand beschränkt, sondern der entstehenden Bewegung selbst von vornherein inhärent. Dafür steht beispielhaft der bengalische Kommunist Muzaffar Ahmad, dessen politische und literarische Betätigung sich nie vom Islam abgrenzte. Santokh Singh, in den Zwanzigerjahren Herausgeber der kommunistischen Zeitung Kirti [Arbeiter] im Punjab, sah keinen Widerspruch im täglichen Gebet und der Lektüre des Kapitals.17 Die Geschichte der indischen Kommunisten ist durchzogen vom wechselvollen Bemühen, in der durch religiös-kulturelle Idiome und Referenzrahmen bestimmten politischen Landschaft eine eigenständige, wirkmächtige Position und eine dazugehörige Sprache zu finden.18 Die Organisation der Partei bereitete kaum weniger Probleme. Unter beständigen Nachstellungen des britischen Sicherheitsapparats etablierten sich ab Beginn der Zwanzigerjahre in mehreren Städten kommunistische Zellen, vorrangig im Textilindustriezentrum Mumbai und in den Jutefabriken entlang des Hooghly in Bengalen. Durch ein groß angelegtes antikommunistisches Gerichtsverfahren ab 1929 lahmgelegt, konnte sich die Partei trotz Illegalität in den Dreißigerjahren unter dem Schirm des INC und angeschlossener Organisationen wie der Congress Socialist Party rekonstituieren. In dieser Phase gelang es der CPI auch, in begrenztem Umfang an einigen Flecken auf dem flachen Land Fuß zu fassen. In Bengalen, an der Malabarküste und in Teilen der Madras Presidency (etwa im britisch verwalteten Andhra, das unmittelbar im Osten an Telengana angrenzte) konnte sich die Partei erfolgreich etablieren.19 Auch erschwerten die großen Distanzen und die Notwendigkeit des Operierens im Untergrund die Abstimmung der verschiedenen Gruppen untereinander. Zusammen mit den erheblichen soziologischen, kulturellen und religiösen Unterschieden der lokalen Bedingungen führte dies von Anfang an zu internen Differenzen. Sie betrafen vor allem das Verhältnis zur nationalen Bourgeoisie – ein letztlich ungeklärtes Thema auch in der Komintern.20 Jedoch gewann auch die Erkenntnis an Gewicht, dass der auf die Revolution des städtischen Proletariats geeichte kommunistische Katechismus in einer weitgehend agrarischen Gesellschaft wie der subkontinentalen nur über eine begrenzte Reichweite verfügte. Schon ehe diese Divergenz zwischen ländlichen und städtischen Parteiorganisationen sich mit dem Aufkommen des Maoismus auch konzeptionell niederschlug, war die Aktivität ländlicher Kommunisten von eigenen Erfahrungshorizonten geprägt. Da diese jedoch nicht über eine stringente Revolutionstheorie verfügten,21 war es an ihnen zu improvisieren. Die Überforderung der CPI in Telengana zu Beginn der Erhebung reproduzierte sich in der späteren Überforderung der gesamtindischen Partei angesichts des Aufstandes, den man zwar begrüßte, dessen Mechanismen man aber nur begrenzt verstand.22 Das Fürstentum Hyderabad im spätkolonialen Indien Obwohl die Briten ihre Herrschaft bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts auf den gesamten indischen Subkontinent ausgedehnt hatten, war ungefähr die Hälfte des Territoriums außerhalb ihrer Verwaltung verblieben. Es wurde von einer Vielzahl kleiner und einigen größeren Fürstenstaaten regiert, die von der Kolonialmacht politisch abhängig waren. Mit dem Ende der britischen Herrschaft und der Unabhängigkeit Indiens und Pakistans 1947 wurden diese sukzessive den neuen Staaten angegliedert. Der mit Abstand größte und bedeutendste dieser Fürstenstaaten war Hyderabad, das sich über einen beträchtlichen Teil des südlichen Dekkan-Plateaus erstreckte. Beherrscht wurde es vom Nizam, der einen ausgesprochen feudalen Staat regierte, in dem der Ausbeutung der Bauern durch die Grundherren keine Grenzen gesetzt waren. Noch in den Vierzigerjahren lag die Analphabetenrate bei über 90 Prozent, Industrie war praktisch nicht vorhanden. Trotz einiger Reformanstrengungen wurde Hyderabad auch nach subkontinentalen Standards feudaler Herrschaft repressiv regiert und zeichnete sich durch die »vollständige Abwesenheit bürgerlicher Freiheiten« aus. Erst 1918 wurde ein Ableger des INC eröffnet, dessen politische Aktivität jedoch streng limitiert wurde.23 Die Verbreitung kommunistischer Ansichten ließ in Hyderabad daher auf sich warten. 1940 hatte sich aus dem linken Flügel des INC heraus eine kommunistische Zelle von Studenten um Raj Bahadur Gour konstituiert, die zunächst in der Illegalität operierte. Nachdem die CPI 1942 von der britischen Kolonialregierung legalisiert worden war (auch in Hyderabad), entwickelte sich die Bewegung schnell. Dabei kam ihr entgegen, dass der INC nach einer fehlgeschlagenen Protestkampagne 1938 verboten worden war und als politisches Sprachrohr ausfiel. Anders als andere linke Gruppen Hyderabads hatten die kommunistischen Studenten auch gute (familiäre) Kontakte ins telenganische Hinterland. Diese sollten sich für die Verbindung von städtischer Parteielite und ländlicher Agitation als unschätzbar erweisen.24 Die kleine und ganz überwiegend städtische CPI vervielfachte ihre Schlagkraft durch die erfolgreiche Beeinflussung der Andhra Mahasabha. Diese war 1930 als kulturelle Organisation der Telugu sprechenden Bevölkerung gegründet worden und stellte zunächst sehr moderate politische Forderungen, etwa nach gleicher Repräsentation aller Religionsgemeinschaften im muslimisch regierten Hyderabad. Der Beitritt kommunistischer Studenten von der Osmania Universität Hyderabads bewirkte eine rasche Politisierung und Polarisierung der Mahasabha. Während große Teile sich der – für die Kriegsdauer deutlich gemäßigten – Agitation der CPI öffneten, trennte sich ein moderater Flügel 1944 von der Hauptströmung und vereinigte sich später mit dem INC. Die verbliebene Mahasabha wurde zu einer Massenorganisation unter kommunistischer Ägide, die ein verhältnismäßig breites ideologisches Spektrum bediente. Dieses umfasste den originären Telugunationalismus und das Eintreten für die Rechte der Bauern ebenso wie die Zusammenarbeit mit linken INC-Anhängern.25 Die sozialen Verhältnisse auf dem Land waren desolat und hatten sich durch die Weltwirtschaftskrise weiter verschlechtert. Ein Drittel der Landbevölkerung bestand aus landlosen Feldarbeitern, ein weiteres Drittel aus mehr oder weniger prekär wirtschaftenden Pächtern. Den Rest bildeten Bauern aller Besitzstufen. An der Spitze der Gesellschaft standen die Deshmukhen (ursprünglich Steuerbeamte des Nizams) und Jagirdaren (der eigentliche Landadel), die zum Teil riesige Ländereien angehäuft hatten. Kriegsbedingter Mangel und die Auswirkungen der Hungersnot in Bengalen 1943/44 ließen die Lebensmittelpreise 1945 Rekordhöhen erreichen. Da sich der Regierungsapparat des Nizams als unfähig erwies, Maßnahmen zur Linderung der grassierenden Not zu ergreifen, verschaffte sich der Unmut der Bevölkerung vor allem in den beiden Bezirken Nalgonda und Warangal immer deutlicher Luft.26 Diese Entwicklung traf die Kommunisten zunächst unvorbereitet. Seit 1942 waren sie darauf konzentriert gewesen, soziale Unruhen einzudämmen, um die Kriegsproduktion zu maximieren. Auch artikulierte sich die unter der Landbevölkerung gärende Unzufriedenheit vorerst defensiv. Immerhin hatte die nunmehr kommunistische Andhra Mahasabha schon 1945 offen das Ende der Herrschaft des Nizams und des Feudalsystems gefordert. 1947 waren die besser aufgestellten CPI und Mahasabha schließlich in der Lage, der Repression der erneuten Bauernunruhen in Telengana bewaffneten Widerstand zu leisten und sich an die Spitze der Erhebung zu stellen. Die CPI wurde erneut verboten, verlagerte ihr Hauptquartier ins britisch-indische Vijayawada und schickte ihre durch tamilische Genossen verstärkten Kader in den Untergrund.27 Zunächst kooperierten CPI und INC und stritten gemeinsam für die Auflösung Hyderabads, dessen Nizam sich im Zuge der indischen Unabhängigkeit seinerseits für unabhängig erklärt hatte. Spätestens nachdem im Herbst 1948 die indische Armee die Existenz Hyderabads beendet hatte und das Gebiet nunmehr vom ehemaligen INC regiert wurde, kam es zum Bruch, sodass die CPI den Kampf um die Revolutionierung der ländlichen Gesellschaft allein weiterführte. II. Aufstand und Lebensreform. Emanzipation im kulturellen Kontext Telenganas War die Bewegung 1946 noch defensiv geblieben, ergriffen die Kommunisten im folgenden Jahr die Initiative. Großgrundbesitzer wurden enteignet, Schuldbriefe vernichtet, Viehbestände aufgeteilt und die Privilegien der Deshmukhen abgeschafft. Zur Absicherung der Aufstandsgebiete wurden Dorfmilizen rekrutiert, die bald durch mobile Guerillaeinheiten (die Dalam) ergänzt wurden. Zunächst schlecht ausgerüstet, konnten sie durch Überfälle auf Einheiten des Nizams an Waffen und Munition gelangen und waren so in der Lage, in begrenztem Umfang militärische Erfolge zu erringen. Der indischen Armee, mit der sie es ab 1948 zu tun hatten, konnten sie allerdings wenig entgegensetzen.28 Neben unmittelbar militärischen Aufgaben bestand ihre Tätigkeit als kommunistischer »Mustertrupp« auch in der Überwachung der Durchführung der gesellschaftlichen Umgestaltung, die zuallererst auf Landreformen zielte. Um eine möglichst breite Front unter Einschluss der reichen Bauern zu schaffen, wurde die Obergrenze für Landbesitz in den befreiten Dörfern anfangs recht hoch angesetzt: 500 Morgen waren zu Beginn der Herrschaft des Sangham (Sanskrit für »Gemeinschaft«, gemeint ist hier das Rätesystem) erlaubt.29 Nachdem die Bundes-CPI 1948 auf den Kurs eines landesweiten bewaffneten Aufstands gegen die bürgerliche Kongressregierung eingeschwenkt war, wurde diese Grenze deutlich abgesenkt. Immerhin gehörten die reichen Bauern zum Klientel der Kongresspartei, die aus dem INC hervorgegangen war. Dies entfremdete die wohlhabenderen Schichten der ländlichen Gesellschaft und entzog dem Aufstand längerfristig seine wichtigste Basis. Zudem sorgte die Deckelung für endlose Diskussionen der Verteilungsmodalitäten in den Dorfräten. Dennoch war die Linie der Partei in sozialer Hinsicht immerhin eindeutig und ihre Umsetzung nur durch taktische Erwägungen eingeschränkt. Hinsichtlich des nichtökonomischen Lebens der Bevölkerung war das Programm jedoch ganz im Geiste des bolschewistischen Vorbildes widersprüchlich. Die politische Resolution der CPI zur Lage in Telengana forderte den Schutz von Religion und Kultur. Zugleich aber sah sie ein Ende der Diskriminierung von Frauen und Unberührbaren vor. Wie beides zusammengehen bzw. wie Emanzipation und Mündigkeit der benachteiligten Gruppen erreicht werden sollten, wenn ihre Diskriminierung Bestandteil der zu erhaltenden Kultur war, vermochten die Verfasser nicht zu beantworten. Konzeptionell vermieden sie den Widerspruch, indem die unschönen Seiten des Alltagslebens der breiten Masse auf die sozialen Verhältnisse zurückgeführt wurden. Bei ihnen lag die Verantwortung, nicht bei der Bevölkerung, die ja im Sinne der Kommunisten mobilisiert werden sollte.30 Puchalapalli Sundarayya, einer der führenden Köpfe der Erhebung, hatte Stalins Lektion verstanden, wenn er retrospektiv einräumte, dass im Zweifel von Eingriffen in populäre Lebensweisen abzusehen war: »Keine Entscheidung sollte getroffen werden, die die vorherrschende Meinung gegen uns aufbringen würde.«31 Oktroyierte Mündigkeit Wo die Vertreter der alten Ordnung vertrieben worden waren, wurden Dorfräte eingesetzt, die die Verwaltung übernahmen. Sie sollten die Anliegen der Einwohner diskutieren und demokratisch lösen. Sie wurden von allen erwachsenen Dorfbewohnern gewählt, »außer den Volksfeinden«, und waren vorwiegend mit Landstreitigkeiten befasst. Oft wurde Land, das armen Familien zugeteilt worden war, von diesen nicht bestellt, aus Angst, es würde ihnen wieder weggenommen. Vielerorts stellten reiche oder mittelständische Bauern auch die Mehrheit im Sangham, was viele der auf Landumverteilung zielenden kommunistischen Reformprojekte ummöglich machte. So überstanden die alten Strukturen den Systemwechsel: »Rich peasants would get elected because of the position they usually held in the villages before, being literate, clever etc. […] In some cases the poor themselves would propose their names.«32 Neben dem Fortbestand sozialer Hierarchien schränkten weitere immanente Faktoren die Selbstverwaltung ein. So wurde beispielsweise schon bald der für ein Gebiet zuständige und von den Kommunisten bestimmte Organizer anstelle des Dorfrates zur faktischen Quelle politischer Autorität. Gedacht als beratende und nur in Sonderfällen eingreifende Instanz, wurde er zum eigentlichen Anlaufpunkt für Beschwerden und Anliegen der Bevölkerung. Ein Bericht beklagte, dass seine Stellung der Basisdemokratie schadete: »[V]illage committee decisions do not become effective till the organiser says that they are O.K.«33 Diese Aufmerksamkeit verdankte der Organizer nicht nur seiner tonangebenden Stellung in Parteigremien und seiner Verfügungsgewalt über Guerillatruppen, sondern auch der Tatsache, dass in den Augen der Bevölkerung die Modalitäten der Emanzipation unmittelbar an ihm hafteten: »If someone is ill and needs medicine, he or she will ask the organizer. If someone has no grain, he would go to the village committee or the organizer. If there is no school in the village, the Balsangam [Kinderrat] will go to the village committee and then to the organizer and demand one. When the organizer comes to a particular village […] people will go to him with all their complaints and grievances. […] Even people from nearby villages would come with their complaints […] Party’s word is law in the villages.«34 Der letzte Satz verrät gemischte Gefühle angesichts der Schilderungen. Auch hinsichtlich des Austauschens von Dorfräten: »[A]s yet initiative comes from the organisers and not from the people of the village themselves. This is the result of the political and cultural backwardness of the people.«35 Aus diesen wenig schmeichelhaften Einschätzungen spricht mehr Ernüchterung über das erforderliche autoritäre Eingreifen als die Suche nach einem geeigneten Vorwand, um die Zügel selbst in der Hand zu behalten. Die Notwendigkeit der Lenkung politischer Emanzipation durch die Kommunisten stellte sich bald als umfassend heraus. Ein reisender Berichterstatter der CPI beschrieb eine typische Begegnung mit Dorfbewohnern, die zu Protokoll gaben, dass sie die Grundherren und die Agenten der Regierung vertrieben hätten. Dennoch, so klagten sie, sei der Sangham noch nicht in ihr Dorf gekommen, um das Land umzuverteilen und sie von ihrem Elend zu erlösen. Ein mitreisender Genosse versicherte ihnen daraufhin, dass der Sangham bald zu ihnen kommen werde. Im nächsten Dorf wurde die Gruppe begeistert empfangen und eine Prozession zu ihren Ehren veranstaltet, da sie für Überbringer des Sanghams gehalten wurden: »At last the Sangham has come!«36 Die Befreiung von der alten Gesellschaftsform wurde von der breiten Bevölkerung unübersehbar eschatologisch gefasst und die Ankunft des mystischen, erlösenden Sanghams mit messianischen Qualitäten versehen. Dies wird im Ausmaß der Heilserwartung sichtbar, die mit den Vorstellungen über den Sangham als Erlöser aus aller Not verknüpft war. Diesen entsprach die Passivität, mit der ein solch einschneidendes, gewissermaßen auf göttlicher Sendung beruhendes Ereignis erwartet wurde. Bei allem aufklärerischen Impetus begriffen die Kommunisten diese Einstellung auch als Chance, das Prestige der neuen Ordnung durch entsprechende Repräsentation zu erhöhen und ihr einen den Erwartungen gemäßen Platz in den Köpfen der Menschen zu verschaffen. Zugleich lag ihnen daran, die messianische Komponente des Rätesystems durch Ermunterung zur profanen Selbsthilfe in engen Grenzen zu halten. Der Auftritt eines Genossen aus besagter Reisegruppe vor dem Dorf (die Aufstellung einiger Dorfräte war Teil ihrer Mission) gibt beides beispielhaft wieder: »You wanted the Sangham to come. It has come now. Now you will be able to distribute land among yourselves.« Die Botschaft traf offenbar auf Zustimmung: Erst hellten sich die Gesichter der Bauern auf, und bald waren die Anwesenden glücklich, dass das Land gerechter verteilt und Demokratie – was auch immer darunter verstanden wurde – eingeführt werden würde.37 Wie angedeutet, waren die Schwierigkeiten damit aber keineswegs zu Ende. Auf ihrem weiteren Weg durch Telengana wurde die Gruppe häufig gefragt, wann der Sangham zurückkommen werde, da der örtliche Organizer von Regierungstruppen getötet worden sei. Der Enthusiasmus der Bevölkerung wurde von einem Mangel an Selbstständigkeit und Eigenorganisation begleitet: »[H]ence they have not been [able] to achieve much so far.«38 Auch die große Popularität der Dalam, häufige Zwischenstopps von Guerilleros oder die Umsetzung der Selbstverwaltung in benachbarten Dörfern allein bewirkten wenig. Offenbar wurde stets aufs Neue eine Art Zeremonie benötigt, mit der die neue Ordnung »geweiht« wurde. Diese Zeremonie bestand darin, dass eine Guerillaschwadron ein Dorf aufsuchte und ihr Kommandant in einer Rede vor den versammelten Einwohnern Art und Charakter der zu schaffenden Institutionen genau beschrieb. Im Anschluss an die folgende Wahl des Dorfrates stand es der Truppe frei, das Dorf wieder zu verlassen.39 Ohne Eingreifen der Partei oder der Dalam fanden im Dorfleben wieder die alten Kategorien Anwendung. Ein Rundschreiben der CPI in der Spätphase des Aufstands, das zum Durchhalten aufrief, brachte die Mentalität unfreiwillig auf den Punkt: Das Volk Telenganas »wartet auf die Führung der Partei« im »heiligen Befreiungskrieg« gegen den Nizam und den INC, ihre Schergen sowie Grundherren und Kapitalisten.40 Die Rückgewinnung der Berührbarkeit Die meisten Themen abseits ökonomischer Probleme und der militärischen Absicherung des Aufstandes firmierten ganz offen unter »ferner liefen«, wie das Beispiel eines Berichts zeigt, dessen Verfasser einen Organizer interviewt hatte. Dieser widmete sich auch geplanten oder bereits umgesetzten »sonstigen Reformen«. Dazu zählten die Abschaffung von Zwangsehen, Analphabetismus, Mangel an medizinischen Einrichtungen und Unberührbarkeit. Probleme, die jedoch allesamt nicht »im großen Stil« angegangen worden seien. Zwar würden seltener Opfer zur Linderung von Krankheiten gebracht, und in den Dalam sowie den »people’s comitees« sei die Unberührbarkeit praktisch verschwunden, im normalen Alltagsleben jedoch nach wie vor präsent.41 Ein möglicher Grund dafür könnte im Erklärungsmuster liegen, mit dem die Kommunisten der Unberührbarkeit begegneten und ihre Praxis so weit wie möglich von der breiten Bevölkerung trennten. Eine Ansprache eines Kommunisten vor einer Dorfversammlung unmittelbar vor der Wahl des Sanghams charakterisierte Unberührbarkeit als jahrhundertelange ökonomische Ausbeutung einer Sklavenkaste durch die Grundherren (!). Damit war die Einwohnerschaft von der Reproduktion der Unberührbarkeit entschuldigt. Weil aber die Grundbesitzer bereits vertrieben worden waren, fristete die fortwährende Praxis der Unberührbarkeit nun ein eigenartig substanz- und körperloses Dasein. Da laut dem Redner Unberührbare nun zu Eigentümern ihrer Arbeitskraft geworden seien, müssten sie auch dem Dorfrat angehören und Mitglieder in ihn entsenden. Die Realität der Gleichberechtigung sah anders aus: »The whole Harijan [unberührbare] population of the village was sitting together at a distance«, abseits der übrigen Einwohner. Dem Bericht zufolge freuten sie sich darüber, dass sie formell in einen ehrbaren Status erhoben worden waren – wozu es der Intervention eines kommunistischen Messias bedurft hatte, dem es allerdings fernlag, die Dorfgemeinschaft über generelle politische Teilhabe hinaus gegenüber den Unberührbaren in die Pflicht zu nehmen.42 Ein anderer Genosse brüstete sich damit, dass ein grundlegender Wandel in Form »des Verschwindens der Unberührbarkeit« eingesetzt habe. Alle Dörfler lebten zusammen und gäben dem Rest Indiens so ein Beispiel praktizierter Emanzipation der Unberührbaren. Nicht nur seien sie in den Räten vertreten, es gebe auch immer öfter gemeinsame Mahlzeiten.43 Die skeptischeren Stimmen zeigten allerdings die Grenzen auf. Obwohl Tabus und die rituelle Reinigung nach der Berührung eines Unberührbaren verschwunden seien und »selbst [!] Frauen nichts dagegen einzuwenden haben, dass unberührbare Guerilleros in ihren Häusern schlafen und speisen, gibt es in den Dörfern nach wie vor keinen wirklichen Umgang miteinander«.44 Ein anderer Kommunist, sich des »körperlosen« Weiterbestehens der Unberührbarkeit offenkundig bewusst, vertrat die Ansicht, dass sie in kürzester Zeit abgeschafft werden könne. Dazu müsse sie lediglich mit einem »wirklich revolutionären« Ansatz bekämpft werden. Darunter verstand er den vereinten Kampf aller Bevölkerungsschichten gegen die Grundbesitzer – und sprach damit vielen Kommunisten aus der Seele, die sich an die eschatologische Vision eines kathartischen »großen Kampfes« klammerten. Denn dieser würde die offenkundigen Schwierigkeiten bei der Umsetzung ihrer Vorstellungen durch eine Generalläuterung ihrer heiligen Kuh, also des revolutionären Subjekts, einfach hinwegfegen.45 Die (Ohn-)Macht der Geschlechter Dass der »wirkliche«, finale und vereinte Kampf der Bevölkerung gegen »die Unterdrücker« die ihm zugeschriebene messianische Funktion der nachhaltigen Reinigung seiner Träger nicht verdiente, kann an einem anderen Beispiel abgelesen werden, in dem die nahezu gleichberechtigte Teilhabe am Kampf schon verwirklicht worden war: Die weibliche Bevölkerung Telenganas brauchte sich hinsichtlich ihrer Einsatzbereitschaft nicht hinter den Männern zu verstecken. Von Frauen durchgeführte Angriffe auf Polizeieinheiten und die Befreiung von Gefangenen sowie Kämpferinnen in den Dalam gehörten zum Alltag der Revolution. Verhaftungslisten nannten zahlreiche Frauennamen. All das versteckten die Kommunisten nicht in internen Berichten, sondern publizierten es stolz.46 Der Alltag sah jedoch anders aus. Institutionell ließ die Gleichstellung auf sich warten. Zwar war Frauen der Weg in die leitenden Gremien der neuen Landarbeitergewerkschaften geebnet worden, jedoch nicht dorthin, wo die tatsächlichen Entscheidungen getroffen wurden – in den Sangham. Auch Berichte, die sich insgesamt optimistisch über den bevorstehenden Untergang der »zahlreichen Diskriminierungen, unter denen Frauen seit jeher zu leiden hatten« äußerten, mussten dies eingestehen.47 Fortschritte blieben meist lokal begrenzt, wie im Fall des Wandels der Erbschaftsregelungen. Hier war mancherorts damit begonnen worden, Eigentum nicht länger dem nächsten männlichen Verwandten eines verstorbenen Familienvorstands zu übertragen, sondern seinen Töchtern, so sie keine Brüder hatten.48 Auch körperlicher Misshandlung von Frauen wurde zu Leibe gerückt. Der größte Teil der nicht mit Landbesitz in Verbindung stehenden Fragen, die vor den Dorfräten verhandelt wurden, betraf häusliche Gewalt. Dabei zeigten sich die Gremien häufig dazu bereit, den Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Die Strafe bestand aus einer Verwarnung, im Wiederholungsfall aus »the drawing of lines on the ground with one’s nose in the presence of others«. In diesem Kontext wurden auch Scheidungen gewährt, ein zuvor undenkbarer Vorgang: »In one of these cases, the illiterate husband used to beat his literate wife and would not mend himself […] Then the wife asked for divorce and got it.«49 Dabei hatte der Anstand gewahrt zu bleiben, denn es musste dargelegt werden, wie eine solche Entscheidung zu einem »reineren und freieren Leben« beitragen würde.50 Moralische Erwägungen, vor allem gegenüber der Frau, spielten eine große Rolle. Falls einer Scheidung wegen zu großen Altersunterschieds zugestimmt wurde, wurde die Frau ermahnt, nur mit demjenigen jungen Mann im Dorf ein neues Verhältnis zu beginnen, der auch bereit sei, sie zu heiraten: »To keep relations with more than one and to marry anyone has bad influence upon other women in the village.«51 Insgesamt waren sich die Kommunisten ihrer positiven Wirkung sicher. Ein langsamer, doch stetiger Wandel habe die befreiten Gebiete erfasst. Kinderehen seien verboten worden, und einige Frauen, die durch sie schon im Kindesalter zu Witwen geworden seien, hätten wiederverheiratet werden können (ein weiteres Tabu in traditionell hinduistischen Gesellschaften). Der Bericht gestand jedoch auch zu, dass dies die Bevölkerung Telenganas nicht grundsätzlich überzeugt habe. Die Menschen hatten sich nach dem Einmarsch der indischen Armee zu großen Teilen auf die Seite der Kongresspartei geschlagen und vielerorts die von den Kommunisten initiierten sozialen Reformen rückgängig gemacht.52 Barry Paviers Einschätzung, dass die überkommenen sozialen Beziehungen durch »außerordentlich schnelle Bewusstseinsfortschritte« infolge der Erhebung von selbst zusammenbrachen und die Emanzipation »von unten« die Kommunisten überholte, ist daher nicht nachvollziehbar.53 Grenzen der Aufklärer Ein die Vorstellungen der kommunistischen Agitatoren übersteigendes Befreiungsmoment hat jedoch nicht zwangsweise außerhalb des Denkbaren gelegen. Denn gerade in Geschlechterfragen ließen die Kommunisten erkennen, dass sie sich bei allem Einsatz für Gleichstellung in ihrer Mentalität nur graduell von den herrschenden Mustern unterschieden. Das fing schon beim bewaffneten Kampf an. Zwar rühmte sich die Partei, diesbezüglich Geschlechtergleichheit hergestellt zu haben, jedoch enthielten zeitgenössische Auflistungen der Kommunisten der »Märtyrer« ausschließlich Männernamen.54 Laut den Anweisungen an die Dorfbevölkerung, wie man sich im Falle eines Überfalls der Truppen des Nizams zu verhalten habe, sollten Frauen niemals allein sein, sondern »bei den Männern bleiben und ihre Ehre verteidigen«.55 Zentral ist hier nicht die Vermeidung individuellen und kollektiven Leids. Die weibliche »Ehre« hat mit ihren empirischen Trägerinnen unmittelbar nichts zu tun, sondern ist eine von Familie und Gesellschaft auferlegte Kategorie. Dieser hatten Frauen offenbar auch in den Augen der Kommunisten gerade im Ausnahmefall so gut wie möglich gerecht zu werden. Stree Shakti Sanghatana kommentieren, dass die Überzeugung der Feudalgesellschaft, die Frau sei »Trägerin von Tugend und Tradition, in der Partei zu tief verankert war, um radikal infrage gestellt zu werden«.56 Eine Aktivistin namens Koteswaramma fragte sich rückblickend, wie weit die materialistische Überzeugung der Parteimitglieder tatsächlich reichte und wie viel Erfolg sie bei der Verbreitung ihrer Philosophie hatten. Frauen hätten wiederum selbst einen Anteil an der Entwicklung gehabt, da sie nicht primär soziale, sondern ökonomische Forderungen gestellt hätten.57 Es sollte jedoch hinzugefügt werden, dass sich der kommunistische Konservatismus in Fragen der Geschlechtermoral nicht allein auf Frauen konzentrierte. Alle Mitglieder der Partei hatten ein »moralisches Leben« zu führen, »das dem Ansehen der Partei nicht abträglich ist«. Das war keine taktische Maßnahme, um äußeren Maßstäben von Respektabilität zu genügen. Vielmehr wurden Letztere nicht nur für richtig, sondern auch für essenziell unverwirklicht befunden: Die kommunistische Utopie sah nicht vor, dass dergleichen Rigidität irgendwann nicht mehr notwendig sein sollte. Im Gegenteil, sie verlangte nach deren Vervollkommnung. Da die Voraussetzungen für ein »ideales Leben« noch nicht geschaffen worden seien, müssten gewisse Abweichungen wie »gelegentlicher Alkoholgenuss und sexuelle Fehltritte« toleriert werden, doch gebe es »in der Partei keinen Platz für Trunkenbolde und Lüstlinge«.58 Der Selbstbestimmung und Ermächtigung zu einem von traditionellen moralischen Zwängen freien Privatleben waren auch in der Vorstellung der Kommunisten enge Grenzen gesetzt. Die »extreme Rückständigkeit«59 in Sachen Mündigkeit, die die Kommunisten ihren unaufgeklärten revolutionären Subjekten als notwendige Konsequenz der Herrschaft des Nizams attestierten und die sie gut paternalistisch durch geduldige Erziehung zu beheben gedachten, war somit kein Alleinstellungsmerkmal des »Volkes«. Vielmehr wurde sie von seinen »Emanzipatoren« mitunter geteilt.60 Das wird auch an anderer Stelle deutlich, etwa am Umgang mit denjenigen, die gegen die Regeln der Gemeinschaft verstoßen hatten. Traditionell praktizierten, auch öffentlich demütigenden Formen der Bestrafung wurde der Beifall der Kommunisten zuteil. Das Ziehen einer Linie auf dem Erdboden mit der Nase des Übeltäters im Falle häuslicher Gewalt ist bereits erwähnt worden. Niederen Beamten des Nizams wurde der Schnurrbart abgenommen, dann wurden sie auf Eseln durch die Dörfer geführt und zur Schau gestellt. Auch legten Dorfräte die Kompensation in Fällen von Ehebruch fest, »in manchen Gegenden gemäß der herrschenden Sitte«.61 Andere Maßnahmen beinhalteten die Anwendung körperlicher Gewalt bis hin zur Todesstrafe. Dies fand die Zustimmung der Kommunisten, solange die Dorfgemeinschaft demokratisch über die Strafe entschieden hatte und sie Teil der »traditionellen und überkommenen Lebensweise unseres Volkes« war.62 III. Schlussbetrachtung Infolge des Einmarsches der indischen Armee im Herbst 1948 wurde das sich in Auflösung befindliche Fürstentum Hyderabad in die Indische Union eingegliedert. Die »Polizeiaktion« wurde von Vizepremier Vallabhbhai Patel auch damit begründet, dass nicht zugesehen werden dürfe, wie die Kommunisten ihre Herrschaft auf ganz Telengana ausdehnten.63 Offenbar wurde der Aufstand durchaus ernst genommen, und man traute ihm zu, sich weiter auszubreiten. Seine Unterdrückung forderte einen hohen Blutzoll, der vorwiegend von kommunistischen Kadern und Angehörigen der Dalam entrichtet wurde. Angesichts von Tausenden Opfern, ausbleibenden Erfolgen und mit Rücksicht auf die bevorstehenden Parlamentswahlen, zu denen sie zugelassen werden wollte, blies die CPI den Guerillakampf 1951 schließlich ab. Sundarayyas retrospektive Beurteilung des Aufstands klingt ernüchternd. Für ihn bestand seine wichtigste Errungenschaft darin, dass die Bevölkerung für ungefähr zwei Jahre in den Genuss der Landumverteilung kam. Auch inspirierte er in den folgenden Jahrzehnten viele von den Kommunisten angestoßene Kampagnen. Abseits davon sei nicht viel bewegt worden: »Unfortunately, we could not develop a proper revolutionary consciousness among the masses nor could we improve the maturity and understanding of the leaders […] [T]here was not much change in either the material or the objective conditions of the region.«64 Wen Sundarayya mit »wir« meint, kann nur vermutet werden. Möglicherweise die von den Geschehnissen räumlich isolierte, jedoch im Besitz der »Wahrheit« befindliche Parteiführung, die nicht zu den Akteuren vor Ort durchdringen konnte. Vielleicht aber auch im metaphysischen Sinn den kommunistischen Weltgeist, der es nicht vermocht hatte, sich unter den gegebenen Bedingungen in notwendigem Maße zu entäußern. Die Enttäuschung der messianischen Hoffnungen wohl auch Sundarayyas mündete in Resignation. Die entscheidende Transformation, die die Bevölkerung zusammenschweißen, ihre Mentalität umkrempeln und den Triumph über die alte Ordnung vollbringen sollte, blieb aus. Im Gegenteil: Im selben Maße, wie ihre eigene Heilserwartung die Telenganer empfänglicher für den Wandel hin zum neuen Leben machte, verhinderte eine einhergehende rezeptiv-passive Haltung die tatsächliche Umsetzung dieses Wandels. Dies ist anhand der Praxis der Selbstverwaltung deutlich geworden. Da sich die Emanzipation demnach nicht von selbst vollbrachte, waren die Kommunisten vor die Aufgabe gestellt, ihre eigenen widersprüchlichen Imperative der Befreiung mit den Aspirationen ihres revolutionären Subjekts zu versöhnen. Dieses stellte sich vor allem abseits ökonomischer Klassifikationen schnell als keineswegs homogen dar. Da die Kommunisten jedoch nicht imstande waren, Unterdrückte als eigenständige Teilhaber an Unterdrückungsmechanismen zu kritisieren, musste ihnen das langsame Fortschreiten sozialer Emanzipation rätselhaft erscheinen. In Reaktion darauf entstand eine kommunistische Eschatologie des kathartischen »Endkampfs«, der es schon richten werde. Dabei rangen die Kommunisten ebenso sehr mit sich selbst: Es erwies sich als unmöglich, das Bekenntnis zum Respekt vor Kultur und Lebensweise mit demjenigen zur umfassenden Emanzipation zu harmonisieren. Dazu konnte sich die wenig metaphysischen Schwung versprühende, sondern reichlich profane und alltägliche Umsetzung der Gleichbehandlung von Geschlechtern und Kasten weitaus weniger auf stete Intervention der CPI oder der Dalam stützen als im Fall formal-institutioneller Angelegenheiten (wie der Aufstellung von Dorfräten). Derlei Intervention stieß darüber hinaus an ihre eigenen Grenzen. Über taktische und strategische Rücksichtnahme hinaus war der Befreiungshorizont der Kommunisten immanent beschränkt. Zugespitzt formuliert liegt der Schluss nahe, dass wenigstens teilweise statt einer Befreiung von der Tradition die Befreiung und Vervollkommnung der Tradition den Antrieb kommunistischer Tätigkeit bildeten. Dies trifft sowohl auf Vorstellungen von einer moralisch »anständigen« Lebensführung zu als auch auf Formen der Bestrafung von Abweichlern. Die Wertschätzung traditioneller Vermittlungsformen war bereits im Rückgriff auf einen traditionellen Ausdruck als Bezeichnung für die neue Gesellschaftsform – Sangham – angedeutet. In all diesen Fällen bezogen sich die Revolutionäre positiv auf traditionelle Vorstellungen und Praxen. Wie deren Verhältnis zu einem sich als libertär begreifenden kommunistischen Projekt einzuschätzen ist, war indes kaum je Bestandteil kommunistischer Reflexion. Zwar ist das Kapitel des kommunistischen Telengana eine Episode geblieben, doch liefert es bedeutende Einsichten über einen »Kommunismus unter erschwerten Bedingungen«. Niemals zuvor oder danach hatte die CPI in Südasien eine ähnliche Gelegenheit zur Umgestaltung der Gesellschaft. Ihre Praxis unter diesen Umständen, die aufgrund der anhaltenden Kämpfe zugleich sehr bedrängend waren, lässt wertvolle Rückschlüsse auf die südasiatische kommunistische Vision zu. Sie ist sowohl spezifisch, da sie sich unter besonderen regionalen Umständen entfaltete, als auch ein Stück universeller Kommunismusgeschichte, da es den Kommunismus nie gegeben hat und zudem das Muster, nach dem mit populären Lebensweisen verfahren wurde, keine Besonderheit südindischer Kommunisten gewesen ist. Ebenso wenig wie die Erfahrung der Gegensätzlichkeit von messianischer Erwartung und Mündigkeit. Wie beides sich wiederum in nominell kommunistischen Gesellschaften darstellte, ist eine lohnende Perspektive für die weitere Forschung. 1 Siehe Literatur (Auswahl): Mit Schwerpunkt auf die Anbindung der Partei an den internationalen Kommunismus John Kautsky: Moscow and the Communist Party of India. A Study in the Postwar Evolution of International Communist Strategy, New York 1956; Sobhanlal Datta Gupta: Komintern und Kommunismus in Indien 1919–1943, Berlin 2013. Umfassende Parteigeschichte politikhistorischen Zuschnitts bei Gene Overstreet/Marshall Windmiller: Communism in India, Berkeley 1960. Neuere Forschungen setzen meist regionale Schwerpunkte, so Thomas Nossiter: Marxist State Governments in India: Politics, Economics and Society, London 1988; eher historisch-soziologisch Paul Brass/Marcus Franda (Hg.): Radical Policies in South Asia, Cambridge (Mass.) 1973. Seit der Jahrtausendwende hat sich auch die Biografieforschung im indischen Kommunismus etabliert, so Suchetana Chattopadhyay: An early Communist. Muzaffar Ahmad in Calcutta 1913–1929, Delhi 2011 und Kris Manjapra: Marxism and Colonial Cosmopolitanism: An Intellectual Biography of M. N. Roy, Delhi 2010. 2 Margrit Pernau: The Passing of Patrimonialism: Politics and Political Culture in Hyderabad 1911–1948, Delhi 2000, S. 312. 3 Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in: Marx Engels Werke Bd. 8, Berlin 1960, S. 115. 4 Siehe David Priestland: Weltgeschichte des Kommunismus. Von der Französischen Revolution bis heute, München 2009, S. 132. 5 Josef Stalin: Die Politik der Sowjetmacht in der nationalen Frage in Rußland, in: Stalin Werke Bd. 4, Berlin 1951, S. 314 f. 6 Zur wechselvollen, beileibe nicht durchgängig toleranten Geschichte der Umsetzung der »korenisazija« und damit der sowjetischen Nationalitätenpolitik, auf die hier aus Platzgründen nicht weiter eingegangen werden kann, siehe zusammengefasst Uwe Halbach: Das sowjetische Vielvölkerimperium. Nationalitätenpolitik und nationale Frage, Mannheim u. a. 1992, S. 33–41. 7 Siehe Times of India vom 18. März 1921; Josef Stalin: Kongreß der Völker Daghestans, in: Stalin Werke (Anm. 5), S. 348 f.; Edward Carr: The Bolshevik Revolution. 1917–1923, Bd. 1, London 1954, S. 317. Nur phasenweise wurde versucht, den Islam offen zu bekämpfen: ebd., S. 321. 8 Es soll nicht verschwiegen werden, dass der Akkommodation volksnaher Religion und Kultur zeitweilig enge Grenzen gesetzt wurden. Siehe hinsichtlich der Repressionen gegen den sowjetischen Islam Yaacov Ro’i: Islam in the Soviet Union. From the Second World War to Gorbachev, London 2000, S. 712–715 und Azade-Ayse Rorlich: Islam under Communist Rule: Volga-Ural Muslims, in: Central Asian Survey 1 (1982), S. 5–42, hier S. 20 f. Der Zweite Weltkrieg leitete eine neuerliche Phase der Toleranz ein, wohingegen unter Chruščëv die antireligiöse Propaganda wieder verstärkt wurde. Insgesamt war die Herangehensweise der Sowjetführungen an Volksreligion und -kultur von sich mit Inaktivität abwechselnden Kampagnen geprägt: Bohdan Bociurkiw: The Shaping of Soviet Religious Policy, in: Problems of Communism 22 (Mai–Juni 1973), S. 37–51, hier S. 40. 9 Siehe v. a. Vladimir Lenin: Über das Selbstbestimmungsrecht der Nationen, in: Lenin Werke Bd. 20, 3. Aufl. Berlin 1968, insbes. S. 398 f. 10 Protokoll des III. Kongresses der Kommunistischen Internationale. Moskau, 22. Juni bis 12. Juli 1921, Hamburg 1921, S. 1003 f. u. 1007 f. 11 Der zweite Kongress der Kommunistischen Internationale. Protokoll der Verhandlungen vom 19. Juli in Petrograd und vom 23. Juli bis 7. August 1920 in Moskau, Erlangen 1971, S. 192; Tan Malaka: Communism and Pan-Islamism. Siehe http://www.marxists.org/archive/malaka/1922-Panislamism.htm, ges. am 10. Juni 2013. Zu den Reaktionen siehe Carr: The Bolshevik (Anm. 7), S. 480 f. 12 Der zweite Kongress (Anm. 11) [Hervorhebung wie im Original], S. 115, 118 f. 13 Ebd., S. 142. 14 Siehe Rajnarayan Chandavarkar: From Communism to »Social Democracy«: The Rise and Resilience of Communist Parties in India, 1920–1995, in: Social Science 61 (1997), H. 1, S. 99–106, hier S. 100. 15 Beispielhaft dafür stehen Gandhis durch Anleihen in hinduistischer Mystik gekennzeichnetes Politikverständnis, wie es z. B. in der Kampagne des passiven Widerstands von 1920 bis 1922 zum Ausdruck kam, sowie die zeitgleiche Khilafat-Bewegung, mit der die Muslime des Subkontinents gegen die Zerschlagung des osmanischen Kalifats nach dem Ersten Weltkrieg protestierten. Zu Letzterer siehe M. Naeem Qureshi: Pan-Islam in British Indian politics: A study of the Khilafat Movement, 1918–24, Leiden 1999; zu Gandhi Mohit Chakrabarti: Gandhian Mysticism, Delhi 1989, bes. S. 36–40 u. 105–111. 16 Zur Gründung der CPI siehe (Auswahl) Gene Overstreet/Marshall Windmiller: Communism in India, Berkeley 1960, S. 24–34; Jyoti Basu u. a.: History of the Communist Movement in India. The Formative Years 1920–1933. Bd.1, Delhi 2005, S. 33 f. Speziell zum Sozialismus der muslimischen Emigranten Khizar Ansari: Pan-Islam and the Making of the Early Indian Muslim Socialists, in: Modern Asian Studies 20 (1986), S. 509–537, hier S. 519–530; ders.: The Emergence of Socialist Thought among North Indian Muslims (1917–1947), Lahore 1990, S. 57–59. Zum Exodus siehe M. Naeem Qureshi: The Ulama of British India and the Hijrat of 1920, in: Modern Asian Studies 13 (1979), S. 41–59. Eine weitere für den Aufbau des subkontinentalen Kommunismus wichtige Strömung, die Gadar-Partei, wird behandelt in: Sohan Singh Josh: Hindustan Gadar Party. A Short History, 2 Bde., Delhi 1977/78. 17 Siehe Bhagwan Josh: Communist Movement in Punjab (1926–1947), Delhi 1979, S. 77. Zu Ahmad siehe seine Autobiografie Muzaffar Ahmad: Myself and the Communist Party of India, 1920–1929, Kolkata 1970, S. 77–82, 194 u. 299 f.; des Weiteren einen Bericht über seine Ansprache auf einer Konferenz der East Pakistan Renaissance Society in People’s War vom 7. November 1943 sowie die umfassende detaillierte Biografie Chattopadhyay: An early Communist (Anm. 1). 18 Dies wird in der entstehenden Dissertation des Autors eingehender behandelt werden. Dass sich die CPI auch fast drei Jahrzehnte nach ihrer Gründung nicht über den Charakter der indischen Gesellschaft einig war, belegt die anhaltende Diskussion, zusammengefasst in: Report of the Discussion on the PB Documents of Andhra Prov. Committee vom 28. Februar 1949. CPI Library, Ajoy Bhavan New Delhi (im Folgenden: CPIL-AB) SN 367. 19 Für einen Abriss der Aktivitäten der CPI in der zweiten Hälfte der Zwanzigerjahre siehe Shoke Kumar Mukhopadhyay (Hg.): India and Communism. Secret British Documents, Kolkata 1997, S. 101–113, sowie Overstreet/Windmiller: Communism (Anm. 16), S. 74–108. 20 So wurde die moderate Linie ab 1920, die die bedingte Kooperation mit bürgerlichen Nationalisten vorsah, 1928 durch einen strikten Konfrontationskurs ersetzt. Unter dem Eindruck des Erfolgs des Faschismus schwenkte man 1935 schließlich auf die Volksfronttaktik ein, die eine sehr weitgehende Zusammenarbeit beinhaltete. 21 Eine kurze Übersicht über die Geschichte der Etablierung maoistischer Positionen in Indien bei Mohan Ram: Maoism in India, Delhi 1971, S. 39 f. 22 Abgesehen von einigen Landarbeitergewerkschaften war die kommunistische Bewegung auf dem Land kaum vertreten. Später bewirkte die Radikalisierung der Führung der CPI in Telengana während des Aufstands eine Öffnung von Teilen der Partei zum Maoismus, welcher treibende Kraft bei den Parteispaltungen von 1964 und insbesondere 1967 war. 23 Siehe Stree Shakti Sanghatana: »We Were Making History …«. Life Stories of Women in the Telangana People’s Struggle, Delhi/London 1989, S. 5 (Zitat) u. 7. Für einen Abriss der ökonomischen Entwicklung Hyderabads im 20. Jh. siehe Pernau: The Passing (Anm. 2), S. 316 f.; zum Analphabetismus K. V. Narayana Rao: Telangana. A Study in the Regional Committees in India, Kolkata 1972, S. 69. 24 Siehe Stree Shakti Sanghatana: »We Were Making« (Anm. 23), S. 9 u. 11; Barry Pavier: The Telengana Movement, 1944–51, Delhi 1981, S. 113; Peasants in Revolt – The Background, in: CPIL-AB, ohne SN und Seitenzählung. 25 Siehe Stree Shakti Sanghatana: »We Were Making« (Anm. 23), S. 11; Pernau: The Passing (Anm. 2), S. 317–319; Peasants in Revolt – The Background, in: CPIL-AB, ohne SN und Seitenzählung. Zum politischen Programm der frühen Andhra Mahasabha siehe Puchalapalli Sundarayya: An Autobiography. Herausgegeben, aus dem Telugu übersetzt und gekürzt von Atlury Murali, Delhi 2009, S. 185. 26 Margit Pernau sieht eine weitere Konfliktebene: Die Konkurrenz der aufstrebenden reichen Bauern, die ihre politische und wirtschaftliche Zukunft in einem demokratisch regierten Indien sahen, mit der Schicht feudaler Grundbesitzer, die am Status quo festzuhalten gedachten. Pernau: The Passing (Anm. 2), S. 314–319. Zur Ökonomie Hyderabads siehe auch Pavier: The Telengana (Anm. 24), S. 183. Zur wachsenden Verschuldung der Bauern Telenganas siehe Ginjala Yadava Reddy: Indebtedness in Rural Telangana – A Study 1900–1945, unveröffentl. Dissertation an der Kakatiya University, Warangal 2000, bes. Kap. 5 und 6; eine detaillierte Studie des Wirtschaftssystems in Warangal findet sich bei V. Ramakrishna Reddy: Economic History of Warangal Suba 1911–1950, Dissertation an der Osmania University, Hyderabad 1983. 27 Siehe Pernau: The Passing (Anm. 2), S. 319 f.; Stree Shakti Sanghatana: »We Were Making« (Anm. 23), S. 12. 28 Eine umfangreiche Beschreibung der Dalam und ihrer Tätigkeiten findet sich in: IV The Dalam, in: CPIL-AB, SN 358. 29 Siehe Pernau: The Passing (Anm. 2), S. 319 f. Siehe auch Reddy: Economic History (Anm. 26), S. 52–55 und Puchalapalli Sundarayya: Telangana People’s Struggle and its Lessons, Kolkata 1972, S. 57–59. 30 Siehe Political Resolution on Present Situation in Hyderabad State – Our Tasks, in: CPIL-AB, SN 386, S. 13 f. 31 Sundarayya: Telangana People’s (Anm. 29), S. 351. 32 II. Village Commitees, in: CPIL-AB, SN 358, S. 2 f.; Jagmohan’s Report on Telangana, in: CPIL-AB, SN 358, S. 4. 33 II. Village Commitees, in: CPIL-AB, SN 358, S. 4. 34 Party As The Leader Of The People, in: CPIL-AB, SN 358, ohne Seitenzählung. 35 II. Village Commitees, in: CPIL-AB, SN 358, S. 5. 36 Report on Telangana, in: CPIL-AB, SN 359, S. 4 f. 37 Ebd., S. 5 f. 38 Ebd., S. 11. 39 Siehe ebd., S. 20. 40 Introduction, in: Andhra Communist Committee’s Letter to Telangana Heroes, in: CPIL-AB, S. 2–4. Wenig überraschend kam es durch die Konzentration politischer Autorität bei den Kommunisten und Dalam auch zu Übergriffen: Regarding Raids, in: CPIL-AB, SN 358, S. 3 f. 41 CPIL-AB, SN 361, S. 4. [Ohne Titel] 42 Report on Telangana, in: CPIL-AB, SN 363, S. 6. 43 Ebd., S. 15 f. 44 Ebd. siehe auch New Life, in: CPIL-AB ohne SN, S. 4 f. 45 Jagmohan’s Report on Telengana, in: CPIL-AB, SN 358, S. 9. 46 Siehe People’s Age vom 14. Dezember 1947 sowie 1. und 11. April 1948. 47 New Life, in: CPIL-AB ohne SN, S. 4 f. Siehe auch Organisations in Villages, in: CPIL-AB, SN 358, S. 30. 48 Siehe II. Village Commitees, in: CPI-AB, SN 358, S. 7. 49 Ebd., S. 9. 50 Sundarayya: Telengana People’s (Anm. 29), S. 351. 51 Report on Telengana, in: CPI-AB, SN 359, S. 21. 52 Siehe The Victorious Fight – The Dalam, in: CPIL-AB, ohne SN, ohne Seitenzählung. 53 Pavier: The Telengana (Anm. 24), S. 137. 54 Dabei gab es natürlich auch zahlreiche Frauen unter den Todesopfern. Siehe Our Martyrs, in: CPIL-AB, SN 368. 55 Organisations in Villages, in: CPIL-AB, SN 358, S. 43 f. Siehe auch People’s Age vom 14. Dezember 1947. 56 Sanghatana: »We Were Making« (Anm. 23), S. 268. 57 Ebd., S. 123, 130 u. 254. 58 Organisations in Villages, in: CPIL-AB, SN 358, S. 31. Kritik an solchem mitunter puritanische Züge annehmenden Konservatismus war selten und wurde auch innerhalb der Partei kaum diskutiert. Die Intervention On Letter from Balai, in: CPIL-AB, SN 367, bes. S. 2 steht allein auf weiter Flur. 59 CPIL-AB, SN 361, S. 4. [Ohne Titel, Hervorhebung wie im Original]. 60 Ebd. 61 Sundarayya: Telengana People’s (Anm. 29), S. 126 f. 62 People’s Age vom 14. Dezember 1947. 63 CPIL-AB, SN 368, S. 10. [Ohne Titel] 64 Sundarayya: An Autobiography (Anm. 25), S. 282 f.

JHK 2014

The International Newsletter of Communist Studies

Bernhard H. Bayerlein und Gleb J. Albert

Der Internationale Newsletter der Kommunismusforschung La Newsletter Internationale des Recherches sur le Communisme MEØDUNARODNYJ BÜLLETENÆ ISTORIHESKIx ISSLEDOVANIJ KOMMUNIZMA La Newsletter Internacional de Estudios Sobre el Comunismo a Newsletter Internacional de Estudos Sobre o Comunismo VOL. XX (2014), NO 27. Edited by Bernhard H. Bayerlein and Gleb J. Albert Published by The European Workshop of Communist Studies. With support of The Centre for Contemporary History (ZZF), Potsdam, Germany. For the comprehensive online version see: http://newsletter.icsap.eu ISSN Y503-1060 (for this abbreviated edition) ISSN 1862-698X (for the online edition) Executive Editor Bernhard H. Bayerlein Senior Researcher, University of Bochum, Germany, Institute of Social Movements (ISB) Associate, Center of Contemporary History Potsdam (ZZF), Germany bayerlein@zzf-pdm.de Junior Editor Gleb J. Albert, Bielefeld/Mainz gleb.albert@uni-bielefeld.de Assisted by Véronique Mickisch, Berlin Board of Correspondents: Lars Björlin (Stockholm); Kasper Braskén (Åbo); Cosroe Chaqueri (Paris); Sonia Combe (Paris); Mathieu Denis (Montréal); Jean-François Fayet (Geneva); Jan Foitzik (Berlin); José Gotovitch (Bruxelles); Sobhanlal Datta Gupta (Calcutta); Gabriella Hauch (Linz); John Haynes (Washington); Victor Heifets (St. Petersburg); Serhyi Hiryk (Kyiv); Gerd-Rainer Horn (Coventry); Jesper Jørgensen (Copenhagen); Dainis Karepovs (São Paulo); Kostis Karpozilos (Athens); Fritz Keller (Vienna); Todor Kuljič (Belgrade); Norman LaPorte (Pontypridd); Ottokar Luban (Berlin); Kevin McDermott (Sheffield); Brendan McGeever (Glasgow); Kevin Morgan (Manchester); Manfred Mugrauer (Wien); Timur Mukhamatulin (Moscow); José Pacheco Pereira (Lisbon); Fredrik Petersson (Åbo/Stockholm); Aleksandr Reznik (St Petersburg); Tauno Saarela (Helsinki); Wolfgang Schlott (Bremen); Uwe Sonnenberg (Potsdam); Daniela Spenser (México DF); Jérémie Tamiatto (Paris); Carola Tischler (Berlin); Reiner Tosstorff (Mainz); Berthold Unfried (Vienna); Raquel Varela (Lisbon); Gerrit Voerman (Groningen); Rolf Wörsdörfer (Darmstadt); Frank Wolff (Osnabrück). Advisory Board: Prof. Dr. Aldo Agosti, Torino; Dr. Jürgen Danyel, Potsdam; Prof. Dr. Marc Ferro, Paris; Prof. Dr. Dietrich Geyer, Tübingen; Dr. Jens Gieseke, Potsdam; Prof. Dr. Lazar Heifets, St. Petersburg; Prof. Dr. Charles Kecskeméti, Paris; Prof. Dr. André Lasserre, Lausanne; Prof. Dr. Avgust Lešnik, Ljubljana; Prof. Dr. Thomas Lindenberger, Vienna; Prof. Dr. Richard Lorenz, Kassel; Prof. Dr. Jutta Scherrer, Paris/Berlin; Prof. Dr. Feliks Tych, Warsaw; Prof. Dr. Marcel van der Linden, Amsterdam; Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Weber, Mannheim; Prof. Dr. Holger Weiss, Åbo; Prof. Dr. Serge Wolikow, Dijon. Founding Members: Dr. Bernhard H. Bayerlein (Aachen/Lausanne); Prof. Dr. Marjan Britovšek † (Ljubljana); Prof. Dr. Pierre Broué † (Grenoble); Dr. Putnik Dajič (Belgrade); Gérard Donzé (La Chaux-de-Fonds); Prof. Dr. Fridrich Firsov (Boston); Dr. Jan Foitzik (Mannheim); Dr. Peter Huber (Basel); Prof. Dr. Avgust Lešnik (Ljubljana); Aurelio Martin Najera (Madrid), Dr. Jürgen Mothes † (Leipzig); Prof. Dr. Vera Mujbegovič (Belgrade); Dr. Aleksandr Pantsov (Moscow), Dr. Dubravka Stajič ( Belgrade); Prof. Dr. Brigitte Studer (Berne); Dr. Frantisek Svátek (Prague); Prof. Dr. Aleksandr Vatlin (Moscow); Dr. Zdeněk Vašíček † (Prague); Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Weber (Mannheim). Editorial Address: Dr. Bernhard H. Bayerlein, Institut für Soziale Bewegungen, Ruhr-Universität Bochum, Clemensstrasse 17–19, 44789 Bochum, Germany. Phone: 0049 (0)221 42 27 06 E-Mail: dr.bayerlein@uni-koeln.de – bayerlein@zzf-pdm.de Homepage: http://newsletter.icsap.eu / Communist Studies Newsletter/Mailinglist: https://lists.uni-koeln.de/mailman/listinfo/communist-studies-newsletter Table of Contents I. The Newsletter of the Newsletters: Communist Studies Newsletters and Web Services – New issues. Selected items Aufarbeitung Aktuell (Berlin)NewsNet (Philadelphia)Alfred Klahr Gesellschaft Mitteilungen (Vienna)Mitteilungen des FABGABNeuer Nachrichtenbrief der Gesellschaft für Exilforschung II. News on Archives, Holdings and Institutions Moscow: Stalin and Politburo Fonds OnlineMoscow: New Issue of Stalin’s Shooting Lists CDMarxists Internet Archive: »The Spanish Revolution« P.O.U.M. Bulletin OnlineEarly American Marxism: Proletarian Party of America Internal Bulletin OnlineRecent Articles by Lars T. LihDresden: Online-Bildatlas »Kunst in der DDR«Paris: Opening of the Fonds Jean Longuet (1865–1995) at the Archives NationalesFreddy Litten: New Microforms from Ukraine and Russia at the Bavarian State Library in Munich III. Research Projects and Dissertations – Work in Progress Jesper Jørgensen: Danish-Russian Archive Project: The Danish Personal Files in the Comintern ArchivesBernhard H. Bayerlein, Uwe Sonnenberg, Holger Weiss: Das Willi-Münzenberg-Projekt: Aktuelles zum Aufbau eines Internationalen Willi-Münzenberg-Forums/Aufruf zur Vorbereitung eines Internationalen KongressesThe Alexander Bogdanov LibraryDissertations Reviewed at »Dissertation Reviews« IV. Studies and Materials V. New Publications – Reports, Presentations and Reviews V.1 Reviews V.2 Presentations and Announcements V.3 Books Sent in for Review Hermann Weber, Jakov Drabkin, Bernhard H. Bayerlein, Aleksandr Galkin: Deutschland, Russland, Komintern. I. Überblicke, Analysen, Diskussionen. Neue Perspektiven auf die Geschichte der KPD und die Deutsch-Russischen Beziehungen (1918–1943), Berlin-Boston, De Gruyter, 2014. 477 S. (Archive des Kommunismus – Pfade des XX. Jahrhunderts. 5). ISBN 978-3-11-030098-7.Andreas Peglau: Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Gießen, Psychosozial-Verlag, 2013. 635 pp. – ISBN 978-3-8379-2097-0.Frederick C. Corney (ed.): Trotsky’s Challenge. The »Literary Discussion« of 1924 and the Fight for the Bolshevik Revolution, Leiden-Boston, Brill, 2014. Approx. 500 pp. (Historical Materialism Book Series).Richard B. Day, Mikhail M. Gorinov (eds.): The Preobrazhensky Papers. Archival Documents and Materials. Volume I: 1886–1920, Leiden-Boston, Brill, 2014. Approx. 960 pp. (Historical Materialism Book Series. 47). – ISBN 9789004245211.Jack M. Bloom: Seeing Through the Eyes of the Polish Revolution. Solidarity and the Struggle Against Communism in Poland, Leiden-Boston, Brill, 2013. XI, 428 pp. (Historical Materialism Book Series. 50). – ISBN 978-9-0042-3180-1.S. A. Smith (ed.): The Oxford Handbook of the History of Communism, Oxford e.a., Oxford University Press, 2014. 672 pp. (Oxford Handbooks in History). – ISBN 978-0-1996-0205-6.Mario Kessler: Ruth Fischer. Ein Leben mit und gegen Kommunisten. 1895–1961, Köln e.a., Böhlau, 2013. 750 pp. (Zeithistorische Studien. 51). – ISBN 978-3-4122-1014-4.Karl Steinhardt: Lebenserinnerungen eines Wiener Arbeiters, hg. und eingel. von Manfred Mugrauer, Wien, Alfred Klahr Gesellschaft, 2013. 320 pp. (Biografische Texte zur Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung. 7). – ISBN 978-3-9503-1372-7.Fredrik Petersson: Willi Münzenberg, the League against Imperialism, and the Comintern, 1925–1933, Lewiston, Edwin Mellen Press/Queenston Press, 2013. 1152 pp. – ISBN 978-0-7734-4298-6.Wolfgang Hesse: Körper und Zeichen. Arbeiterfotografien aus Dohna, Heidenau und Johanngeorgenstadt 1932/33, Dresden, Thelem 2013. 269 pp. (Bausteine aus dem Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde. 24). – ISBN 978-3-9424-1170-7.Lazar S. Jeifets, Víctor L. Jeifets: El Partido Comunista de Argentina y la III Internacional. La misión Williams y los orígenes del Penelonismo, México, Nostromo Ediciones, Instituto de Latinoamérica, Facultad de Relaciones Internacionales, Universidad Estatal de San Petersburgo, 2013. 333 pp. – ISBN 978-607-00-2438-2. VI. Meetings and Conferences Concerning Communist Studies 2013–2014 VI.1 Conference List Past Meetings and Conferences 2013Meetings and Conferences 2014 VI.2 Conference Reports and Announcements Rory Castle: International Conference on Rosa LuxemburgMadrid: Symposium »Europa del Este durante el comunismo: aportaciones desde la historiografía española« VII. The International Bibliography of Communist Studies. Issue 2013. Books and Journal Articles on Communism VIII. Periodicals/Serials on Communist Studies VIII.1 Directory of Periodicals on Communist Studies and Connected Areas VIII.2 Announcements and Calls for Papers Moving the Social – Journal of Social History and the History of Social Movements (ISB Bochum) IX. Internet Resources. Websites Relevant for Communist Studies X. Communism in Culture, Art and Media Some Exhibitions on the History of Communism, 2013Bielefeld: »Briefe an Trotzki« – eine szenische KollageBozen: Erzählung von Egon Erwin Kisch wiederveröffentlichtBerlin: »Das Ende der SED« als BühnenstückNeuer Dokumentarfilm zum Volksaufstand vom 17. Juni 1953Andreas Peglau: Rezension zu Antonin Svobodas Film »Der Fall Wilhelm Reich« XI. Discussions, Debates, Historical Controversies XII. Miscellanea 13. Wissenschaftspreis der Rosa Luxemburg Stiftung Sachsen 2013Anton Vladimirovich Antonov-Ovseenko (1920–2013) Section I The Newsletter of the NewslettersCommunist Studies Newsletters and Web Services – New Issues. Selected Items. Aufarbeitung Aktuell. Ein Newsletter der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin, Germany. Redaktion: Fanny Heidenreich. » www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/newsletter-aufarbeitung-aktuell-1171.html Bis 2010 unter dem Namen »Neues aus der DDR-Forschung« von Ulrich Mählert herausgegeben, informiert der Newsletter weiterhin über neue Forschungen, aktuell erschienene »graue Literatur«, Veranstaltungen und Ausstellungen aus dem Bereich der DDR-Geschichte. Die regulären Rubriken sind »Neues aus Forschung und Wissenschaft«, »Ausstellungen«, »Museen und Gedenkstätten«, »Archive und Bibliotheken«, »Publikationen«, »Termine«, »Multimediales«, »Personen und Institutionen«, »Sonstiges«, »Projektmeldungen«. Alle Ausgaben können online eingesehen werden. NewsNet. News of the American Association for Slavic, East European and Eurasian Studies, Philadelphia, USA. » www.aseees.org/publications/newsnetmain.html NewsNet, a newsmagazine of the Association for Slavic, East European, and Eurasian Studies (ASEEES), is published five times a year and includes information in the field of Slavic, Russian, Central European, and Eurasian studies. It is distributed to all ASEEES members, recent issues are also available for download. Apart from the items listed below, each issue carries the following standard rubrics: News from ASEEES, Affiliates and Institutional Members [and various other ASEEES-internal topics] • Personages • In Memoriam • Publications • Library and the Internet News • Index of Advertizers • Calendar. 2013/1, January: Judith Deutsch Kornblatt: Borders, Boundaries, Place and Space 2012. Presidential Address • Lewis Siegelbaum: The Fetishism of Commodities Revisited • Venelin Ganev: The Havighurst Center. The First Dozen Years • Sang Hyun Kim: Asia-Pacific Research Center. 2013/2, March: Laura L. Adams: The Crisis of US Funding for Area Studies • Kate Brown: Portrait of a Russian Province. Interview of Catherine Evtuhov • Tsypylma Darieva: A View from the East? Central Asian Studies in Japan. 2013/3, June: Joshua Sanborn: Open Access. Is it a Revolution? • Carolyn J. Pouncy: The Panacea of Open Access? • Michael Biggins: Slavic Studies, Libraries, and the Crisis in Academic Journal Costs • Steven A. Barnes: Open Access. An Argument in Favor • Gleb Tsipursky: Class-sourcing Slavic and Eurasian Studies: Teaching Students, Serving the Public and Staying Relevant. 2013/4, August: Libora Oates-Indruchova: The Local and the Global in Czech Gender Studies • Dan Healey: Other Scholars. LGBT Scholars in Russia • Jennifer Long: Beyond ›Publish or Perish‹. The Many Paths to Administrative Careers for Academics • Zbigniew Wojnowski: ›We are in for a Shock‹. Teaching Soviet History at Nazarbayev U. 2013/5, October: Andrew Konitzer: An Ambiguous End of a Long Road. Croatia Joins the EU • Marijeta Božović: From YU to EU in the Language Classroom. Teaching Bosnian/Croatian/Serbian in a Time of Accession • Wookjin Cheun: Gubernskie vedomosti. An Inventory of the North American Holdings. Alfred Klahr Gesellschaft Mitteilungen, Vienna, Austria. » www.klahrgesellschaft.at 2013/1, März: Gerhard Oberkofler: Neubeginn an der Österreichischen Akademie? Kontinuität in einer Welt im Kriegszustand • Manfred Mugrauer: »Staatsgefährliche und umstürzlerische Wühlarbeit«. Zum Verbot der Kommunistischen Partei Österreichs am 26. Mai 1933 • Martin Krenn: Das KPÖ-Verbot 1933 im Burgenland. Eine Notiz zu seinen politischen Rahmenbedingungen • Simon Loidl: Ende der Einheit. Die Auflösung des KZ-Verbandes vor 65 Jahren • Peter Goller: Walter Benjamins Marx-Engels-Studium • Rezensionen: Lukas Sainitzer: Ich trauere nicht um die Jahre. Dokumentation (Willi Weinert) • Hanno Wisiak: »Wenn man eine richtige Haltung hat, ist immer Platz für Optimismus«. Willi Gaisch 1922–2009 (Lisl Rizy) • Stéphane Hessel: Empört Euch! (Gerhard Oberkofler) • Terry Eagleton: Warum Marx recht hat, Eric Hobsbawm: Wie man die Welt verändert (Simon Loidl). 2013/2, Juni: Martin Krenn: Die KPÖ im burgenländischen Landtag • Manfred Mugrauer: Genosse Wildgans. Der Komponist Friedrich Wildgans und die Kommunistische Partei Österreichs • Manfred Stern: Ein Nachtrag zu Leo Stern in der DDR. Bemerkungen über zwei »Mathematikerfälle« an der Martin-Luther-Universität Halle • Michael Graber: Franz Marek (1913–1979) • Gerhard Oberkofler: Karl Rankl als österreichischer »Musikbolschewist« • Rezensionen: Lilli Beer-Jergitsch (1904–1988). Lebenserinnerungen (Christine Kanzler) • Heimo Halbrainer/Michael Schiestl (Hg.): Adolfburg statt Judenburg. NS-Herrschaft, Verfolgung und Widerstand in der Region Aichfeld-Murboden; Werner Anzenberger/Christian Ehetreiber/Heimo Halbrainer (Hg.): Die Eisenstraße 1938–1945. NS-Terror – Widerstand – Neues Erinnern (Karl Wimmler) • Domenico Losurdo: Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende (Karl Wimmler). Mitteilungen des Förderkreises Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Berlin, Germany. » www.fabgab.de N° 43, März 2013: »Bremer Arbeiterbiographien« im Archiv der Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts • Exil-Archiv • Müncheberg – eine kleine Reminiszenz • Erstes gedrucktes Bebel-Dokument • Der Alldeutsche Verband und die Nazis 1932/1933 • Findmittel von Archiven der neuen Bundesländer und des Bundes • 48. Konferenz der ITH • 43. Tagung der IALHI • Promotionsprojekt: Streikbewegungen in Italien und der BRD, 1968–1978 • Geschäftsbericht für das Vereinsjahr 2012 • Aktivitäten unserer Vereinsmitglieder • Personalia • Vorträge • Buchbesprechungen • Andere über uns. N° 44, September 2013: Erschließungsarbeiten, Internetpräsentation und Beständezugänge in der SAPMO-BArch • Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte • Archiv der Berliner SPD • Intelligenz am 17. Juni 1953 • Brief von Irene Giersch an ihren damaligen Lebensgefährten Wolfgang Harich • Findmittel von Archiven der neuen Bundesländer und des Bundes • Festveranstaltung zum 20. Jahrestag der SAPMO-BArch • Konferenz anlässlich der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins 1863 • Promotionsprojekt: Marxistische Postwachstumsutopien der DDR-Opposition (Rudolf Bahro, Wolfgang Harich, Robert Havemann im Vergleich) • Protokoll der 23. Jahresversammlung des Förderkreises • Geschichts-Basar verschiedener Vereine der Region Berlin/Brandenburg • Personalia • Aktivitäten unserer Vereinsmitglieder • Vorträge • Buchbesprechungen. Neuer Nachrichtenbrief der Gesellschaft für Exilforschung e. V., Bonn, Germany. » www.exilforschung.de N° 41, Juni 2013: In eigener Sache • In eigener Sache (2) • Jahrestagung 2013 • Protokoll Mitgliederversammlung • Verabschiedung Ulla Langkau-Alex • Gedanken zur GfE • Doktoranden-Workshop • Call for Papers 2014 • Tagung »Frauen im Exil« 2013 • Call for Papers »Frauen im Exil« 2014 • Tagungsbericht Erinnerungskultur der Okkupation Griechenlands • Hommage an Diethart Kerbs • Ausstellung Osnabrück • Orpheus Trust • Armin Reinert • Ausstellung FES-Bibliothek • Neuerscheinungen • Call for Papers Everyday Life in Emigration • Suchanzeigen. Section IINews on Archives, Holdings and Institutions » Moscow: Stalin and Politburo Fonds Online The Russian Federal Archives Agency in cooperation with several Russian state archives has launched a new internet portal dedicated to documents of Soviet history. Dokumenty Sovetskoi epokhi (»Documents of the Soviet Era«) will host digital copies of several Russian holdings crucial to Soviet and communist studies and is accessable free of charge. Currently it is hosting roughly 300.000 images from the holdings of the Politburo of the Central Committee of the CPSU and from Stalin’s personal papers, both held at the Russian State Archive of Social and Political History (RGASPI). The digitised Politburo holdings encompass the protocols of the Politburo sessions (f. 17, op. 3 and 163) from 1919 to 1932 (the subsequent years are scheduled to be put online in the future), as well as the Politburo’s so-called »special folder« (osobaia papka, f. 17, op. 162) from 1923 into the early 1940s. The digitised Stalin holdings include, most importantly, the dictator’s correspondence (f. 558, op. 11). The interface is in Russian only, many images are »not available«, and many crucial documents, especially on the Great Terror, still remain classified and thus are not included in the project, nevertheless the new portal is a groundbreaking opportunity (not only) for historians abroad to work with some of the most important Russian archival holdings for Soviet history. The portal is accessible at http://sovdoc.rusarchives.ru. » Moscow: New Issue of Stalin’s Shooting Lists CD The human rights NGO »Memorial«, in cooperation with the Russian State Archive of Social and Political History (RGASPI), has issued a new version of the compact disk containing digitised versions of Stalin’s »shooting lists«, supplied by additional documents. During the Great Terror in the Soviet Union, these lists were compiled by regional NKVD branches and sent to Stalin for his approval. The CD is an update for the first release of the disk in 2002. For an official statement of Memorial, see www.memo.ru/d/149069.html. For an English language article in The Moscow News, see http://themoscownews.com/arts/20130401/191398004-print/Stalins-secret-kill-lists-.html. » Marxists Internet Archive: »The Spanish Revolution« P.O.U.M. Bulletin Online In cooperation with the Riazanov Library Project, the Marxists Internet Archive hosts scans of The Spanish Revolution, the English-language bulletin of the P.O.U.M. (Partido Obrero de Unificación Marxista), the independent communist party that played a prominent role in the Spanish Civil War. 28 issues of the bulletin from 1936 and 1937 are available online at www.marxists.org/history/spain/poum/spanishrevolution/. » Early American Marxism: Proletarian Party of America Internal Bulletin Online The Early American Marxism website has digitised, in cooperation with the Holt Labor Library, San Francisco, and the Riazanov Digital Archive Project, five issues of the extremely rare internal bulletin of the Proletarian Party of America (PPA) from the first half of 1933. The PPA was a small independent communist party founded in 1920 in Detroit and dissolved in 1971. It was most known for operating the Charles H. Kerr publishing house, the United States’ oldest Marxist publisher. The digitised bulletins, along with a paper on the history of the PPA by Tim Davenport, are available at www.marxisthistory.org/subject/usa/eam/13-13.html » Recent Articles by Lars T. Lih Lars T. Lih, a Canadian scholar of communism and revolutionary Russia, probably best known for his groundbreaking study »Lenin Rediscovered. What Is to Be Done? In Context« (Leiden 2005), has published several smaller studies over the past years in online magazines and blogs. John Riddell’s blog has compiled these contributions, which deal with the Bolsheviks, Lenin, and Kautsky: http://johnriddell.wordpress.com/2013/04/16/lars-lih-online-nine-recent-studies-on-bolshevism-lenin-and-kautsky/ » Dresden: Online-Bildatlas »Kunst in der DDR« Die Technische Universität Dresden, die Staatliche Kunstsammlung Dresden, das Kunstarchiv Beeskow und das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam haben mit Förderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ein Internet-Portal ins Leben gerufen, das Kunstwerke aus der DDR verzeichnet und in Form einer teilweise bebilderten Datenbank verfügbar macht. Derzeit sind 20.400 Werke aus 162 Sammlungen erfasst. Das Portal ist abrufbar unter www.bildatlas-ddr-kunst.de. » Paris: Opening of the Fonds Jean Longuet (1865–1995) at the Archives Nationales A detailed inventory of this rich fund has been completed. The International Newsletter will publish in its Online Edition the introduction to the inventary of the French Socialist leader by Anne Longuet Marx. Freddy Litten (Munich/Germany) » New Microforms from Ukraine and Russia at the Bavarian State Library in Munich During the past couple of years the Bayerische Staatsbibliothek (Bavarian State Library; abbreviated as »BSB«) has continued to acquire microform collections on Ukrainian and Russian history. In some cases, in fact, the BSB seems to be the only library holding such a collection. The largest part of these records comes from the »State Archives of Kyiv Oblast« and concerns three topics: a) Jewish history in Ukraine/Russia in the 19th and early 20th century, including emigration up to the end of the 1920s; b) the situation in Ukraine around 1917/18; c) the German occupation of the Kiev region, and resistance to it during World War II. The collections on c) are especially large and can be used, not just as sources on political and military history, but also for social history. You can find the titles of these collections plus details, including online guides and call numbers, in the »Verzeichnis der Mikroformen zur Geschichte in der Bayerischen Staatsbibliothek« (»Directory of microforms on history at the BSB«): www.bsb-muenchen.de/mikro/litten.htm. There is also a special »update« page: www.bsb-muenchen.de/mikro/littenup.htm. Not yet listed are some collections we expect to receive this year (in total running to about 250.000 pages): a) again from the »State Archives of Kyiv Oblast« some smaller collections on the situation in 1917/18, as well as two larger collections, one on the town of Belaia Tsrkov during the German occupation in the early 1940s, the other on resistance to the German occupation in Ukraine; b) from the Russian State Library a collection of documents on the »German front« in World War I. As can be seen, there is quite some material here that might also be of interest for studies of the Communist era. Please note that the microfilm collections can be sent out on loan to all German libraries connected to the German interlibrary-loan network, which includes university libraries. For further information, please feel free to contact me at freddy.litten@bsb-muenchen.de. Section IIIResearch Projects and Dissertations – Work in Progress Jesper Jørgensen, The Workers’ Museum and the Labour Movement’s, Library and Archives (Copenhagen, Denmark): » Danish-Russian Archive Project: The Danish Personal Files in the Comintern Archives As it is well known, the collapse of the Soviet Empire gave historians working with communism and the Soviet Bloc countries an abundance of new possibilities. Especially the early 1990s were an era of great optimism. Even in the centre of the empire it was suddenly permitted to look into some of the most secret documents of the fallen communist regime. In Denmark the former chairman of the Danish Communist Party, Ole Sohn, and a former Moscow correspondent of the Danish communist daily newspaper Land og Folk, Kurt Jacobsen, were among the first to use the new Russian sources. They began writing biographies on Arne Munch-Petersen, a Danish parliamentarian who disappeared in Stalin’s purges in 1937, and on Aksel Larsen, the chairman of the Danish Communist Party through the 1930s, 40s and 50s. Because of their positions as trusted communists, they started their research as early as in the late 1980s under influence of Gorbachev’s Glasnost policy. In the early 1990s, however, access to archives was very good for all scholars, and Danish researchers saw this as an opportunity to obtain copies from the Comintern Archives. Most of these have been transferred to The Labour Movements Libary and Archives (ABA) and are now, alongside the archive of the Danish Communist Party, the most important resources to research on Danish communism. However there was one category of Comintern documents which was not accessible for researchers in the 1990s – the Danish personal files (Opis 208, in Fund 495: The Archive of the Comintern’s Executive Committee). Later with the INCOMKA Project – The International Committee for the Computerization of the Komintern Archives which created the Comintern online database – we found out that there was 466 folders (dela) on a variety of persons, from volunteers in the Spanish civil war and cadres of the Danish Communist Party to leading Danish politicians and personalities such as Social-democratic Prime Ministers during the Cold War era. Nowadays we know that while some files are very thin, containing only basic personal data and in some cases TASS telegrams, other files are larger dossiers with a wide range of different kind of materials: autobiographies, authorized biographies, party school evaluations, letters, questionnaires (»Fragenbogen«), couriers’ report schedules etc. Altogether the documents amount to more than 11,000 pages. The biggest file within these holdings is on the chairman Aksel Larsen. It contains nearly 1,000 pages and covers the period from 1925 to 1972. The end year is somewhat surprising as Comintern was disbanded in 1943, but evidently the personal files continued to be in use up to at least 1989. In the last 10 years we have had several requests on the personal files, especially from biographers on Danish communists. Without contacts in Russia and without experience with the Russian archival system or the Russian language many researchers find it difficult to include theses documents in their research, and some give up before even trying, while others have been in Moscow to see the files. Overall there have been a lot of expectations in regard to the files, for instance concerning information on underground activities in the 1930s. On that background a Danish project group with participants from the Centre for Cold War Studies, University of Southern Denmark (Thomas Wegener Friis), Roskilde University (Chris Holmsted Larsen), The Royal Library (Morten Møller), and The Workers’ Museum & ABA (Jesper Jørgensen) in 2010 prepared a collecting and research project on the Danes in the Comintern. Fortunately, the project was granted economic support from the Danish Carlsberg Foundation. Yet we could not have started without some indications about a chance to realise the project – which we got through the help from the Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung in Graz, Austria. Since many years the institute maintains a close cooperation with the Russian State Archive of Social and Political History (RGASPI) which mainly holds pre-1952 archives of the Communist Party of the Soviet Union, including the Comintern Archives, and with the Russian State Archive of Contemporary History (RGANI), which mainly holds post-1952 communist archives. In the beginning of 2012 an agreement with RGASPI was signed, and the scanning of the files and the transfer of copies of 402 personal files began (the rest of the 466 dela is either at RGANI or are »svobodnyi«, meaning the numbers are not assigned to real files). In the end of the year the process was successfully brought to an end. The Danish-Russian Archive Project also includes publishing a primary source collection based on the personal files. The publication will include the documents in facsimile, consequently mainly in Russian, German and Danish, and will be published in 2013. As an early result of the project the first Danish-Russian conference on contemporary history since many years was held in September 2011 at the University of Southern Denmark. Researchers from leading archives and universities in Russia and Denmark participated with presentations concerning the Comintern and Danish-Soviet relations. An anthology with the same title based on the conference papers and edited by Jesper Jørgensen, Alexander Chubaryan, Andrei Sorokin and Thomas Wegener Friis was published in December 2012. Bernhard H. Bayerlein (Bochum, Germany), Uwe Sonnenberg (Potsdam, Germany), Holger Weiss (Åbo, Finland): » Das Willi-Münzenberg-Projekt (Berlin/Bochum/Potsdam/Åbo): Aktuelles zum Aufbau eines Internationalen Willi-Münzenberg-Forums/Aufruf zur Vorbereitung eines Internationalen Kongresses Die Europäische Willi-Münzenberg-Tagung und die Berliner Ausstellung »Vom Verschwinden Willi Münzenbergs – Fundstücke einer Freilegung« bildeten im Oktober 2012 ein Forum, auf dem erstmals in Deutschland die Person und das Wirken des 1889 in Erfurt geborenen Sozialisten und Kommunisten Willi Münzenberg wissenschaftlich gewürdigt wurden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung waren sich einig in der Notwendigkeit, diese Initiative weiter auszubauen und gemeinsam einen größeren internationalen Kongress vorzubereiten. Statt der Herausgabe eines klassischen Tagungsbandes wurde im Anschluss ein integriertes transdisziplinäres Webportal aufgebaut, das die Tagung dokumentiert, die Kongressvorbereitung begleitet und über die audiovisuelle Tagungsdokumentation hinaus eine ständig aktualisierte und erweiterte Internetpräsenz schafft. Ziel des Portals ist es, wissenschaftliche Forschung Öffentlichkeitsarbeit und politisch-kulturelle Bildung miteinander zu verbinden. Eine spannende Übersetzung erfuhr dieses Vorhaben mit der Veranstaltungsreihe »Münzenberg-Lektionen«, in der über das Jahr 2013 verteilt Lesungen, Podiumsdiskussionen und sogar Theaterabende und Konzerte ausgerichtet wurden. Das Webportal wird im Dezember 2013 unter www.muenzenbergforum.de online gestellt. Eine multimediale Chronik gibt darin umfassenden Einblick in das Leben Münzenbergs als eine Geschichte der sozialen, politischen und kulturellen Bewegungen und Solidaritätsnetzwerke der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wie sonst niemandem gelang es Münzenberg, weltweit Massenpropaganda, Avantgarde und Kulturschaffende zusammenzubringen. Mit dem Webportal kann die Erinnerung an den zur »Unperson« gemachten Koordinator der internationalen antimilitaristischen Jugendbewegung im 1. Weltkrieg bewahrt werden. Münzenberg war Beauftragter Lenins für die Internationale Hungerhilfe für die Sowjetunion, er initiierte die Internationale Arbeiterhilfe (IAH) und begründete die Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit (LAI) sowie eine Vielzahl internationaler und regionaler Initiativen gegen Rassismus und gegen die Unterdrückung der Frauen. Seine Periodika, Verlage und Filmunternehmungen sind heute historisch-kulturelle Referenzmuster. Münzenberg initiierte Kampagnen für Sacco und Vanzetti, 1933 den Gegenprozess zum Leipziger Reichstagsbrandprozess und 1936 den deutschen Volksfrontausschuss. Zunächst ein Anhänger Stalins, wurde er zu einem seiner Hauptfeinde. Nach Abschluss des »Hitler-Stalin-Paktes« 1939 kämpfte Münzenberg entschlossen für die Vereinigung aller europäischen, politischen und kulturellen Strömungen gegen das NS-Regime zur Verhinderung des Kriegsausbruchs und warnte zugleich vor dem »Verräter Stalin«. Seine Basis waren kurzzeitig die »Freunde der Sozialistischen Einheit Deutschlands« – den Namen usurpierte Ulbricht später für die SED – und die »Deutsch-Französische Union«, die sich um die Zeitschrift »Die Zukunft« gruppierten. Das Münzenberg-Forum will damit auch das »Gedächtnis des Exils« und des Widerstands in europäischer Perspektive neu erinnern und fokussieren, dabei zeit- und konjunkturbedingte ideologisch-verzerrte Sichtweisen überwinden und die hier skizzierte historische Leistung aufarbeiten und kritisch würdigen. Über 70 Jahre nach Münzenbergs Tod ist es die ehrwürdige Aufgabe des Forums, Publikationen, Quellen und in aller Welt verstreute Dokumente, Medien und Ressourcen in Wort, Bild, Ton und Film zu sichten, zu sichern und im Rahmen eines Erinnerungsfundus als online-Repositorium der Öffentlichkeit zu Verfügung zu stellen. So kann das Forum mit seinem Webportal längerfristig als Ausgangspunkt für den Aufbau eines Archivs der internationalen Solidaritätsbewegungen dienen. Als offene Recherche-, Archiv- und Diskussionsplattform geht es auch darum, den Anspruch der »Digital Humanities« einzulösen und sowohl die international vergleichende wissenschaftliche Erforschung globaler sozialer, politischer und kultureller Bewegungen des 20. Jahrhunderts zu fördern als auch, Anlaufstelle für die historisch interessierte Öffentlichkeit zu werden. Die konzeptionelle Entwicklung und die redaktionelle Gestaltung des Portals erfolgten mit Unterstützung der Berliner Grundstücksgesellschaft Franz-Mehring-Platz 1, der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Universität Akademie Åbo, Finnland durch die Projektkoordinatoren Bernhard H. Bayerlein und Uwe Sonnenberg. Technik und Design wurden in anspruchsvoller Weise durch die Firma Keksbox (Berlin) realisiert. Zum weiteren Ausbau des Internationalen Willi-Münzenberg-Forums und zur Vorbereitung des Internationalen Kongresses kann und soll bei einer weiteren finanziellen Projektförderung für 2014/2015 die internationale Vernetzung, besonders für Lateinamerika, Asien und Afrika, ausgebaut werden. Interessierte wenden sich hierzu bitte an Bernhard H. Bayerlein (Institut für soziale Bewegungen, Ruhr-Universität Bochum, bayerlein@zzf-pdm.de), Uwe Sonnenberg (Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam, uwe.sonnenberg@web.de) oder Holger Weiss (Åbo University Academy, Finland, holger.weiss@abo.fi). Nach Freischaltung der Webportals unter www.muenzenbergforum.de wird der Call for Papers für den Internationalen Münzenberg-Kongress veröffentlicht. » The Alexander Bogdanov Library The Historical Materialism Book Series at Brill has initiated a project to publish ten volumes of English translations of the major theoretical and polemical works of the Russian Social-Democrat, A. Bogdanov (Alexander A. Malinovsky, 1873–1928). Alexander Bogdanov was a co-founder, with Lenin, of the Bolshevik fraction of the Russian Social-Democratic Labour Party, and he played a leadership role in the RSDLP during the Revolution of 1905. After the revolution, he split with Lenin over both theoretical and practical issues, and his polemics with Lenin provide a fascinating glimpse into Russian Social Democracy between the Revolutions of 1905 and 1917. Bogdanov played no political role in the October Revolution, but afterwards he was an influential figure in Soviet culture. He founded and led the »Proletarian Culture« movement from 1918–20; he helped found and was a member of the Socialist (later Communist) Academy; he was a faculty member in Moscow State University’s Institute of Scientific Philosophy; and he was the director of Russia’s first institute for blood transfusion in the last two years of his life. Bogdanov was first and foremost a historical materialist. His life project was to express the fundamental principles of historical materialism in what he felt was the most up-to-date scientific terms. He believed that the task of philosophy was not to contemplate the world, but to change it. He believed that the motive force of historical evolution originated in labour. He looked forward to a collectivist society and a culture created by the working class. Early in his writing career, he believed that the empiricist philosophy of Ernst Mach and Richard Avenarius – reinterpreted from the standpoint of labour collectivism – best served as the foundation of a materialist view of the world. Later, as his political activity subsided, he attempted to develop a scientific approach toward understanding the nature of future collectivist society and the necessary cultural, social, economic and political changes involved in any attempt to bring about such a society. His contribution to the analysis of culture, long before »cultural studies« came into existence, was enormous and his influence in articulating the new approach of »ideological science« was significant. Finally, Bogdanov’s idea of tektology, later discovered in the theory of systems, was a bold attempt to theorize organizational structures as such, ultimately resulting in the theorization of socialism as the ultimate goal of human collective existence. The General Editors of the Bogdanov Library are John Biggart, Evgeni V. Pavlov, and David G. Rowley, and the Advisory Board includes Craig Brandist, Georgi Gloveli, McKenzie Wark, and James White. The projected volumes are as follows: Volume 1: Empiriomonism This volume will contain all three volumes of Bogdanov’s Empiriomonism, a collection of essays which express his first fully developed reformulation of historical materialism on the basis of Richard Avenarius’s Empirio-criticism. Volume 2: Essays in Social Psychology (1901–1906) This is a collection of essays originally published in 1904 and revised and enlarged in 1906. Among the key ideas that Bogdanov develops is the principle of ›socio-morphism‹ – that forms of thought are modeled on forms of labour and economic relationships. He also carries on polemics with other philosophical trends. Volume 3: Political Writings (1904 to 1928) This volume will include some of Bogdanov’s general writings on liberalism and Menshevism, but will be primarily devoted to tracing the divergence between Lenin and Bogdanov which culminated in the formation of the »Vpered« (»Forward«) group of the RSDLP which contested Lenin’s claim to be the standard bearer of true Bolshevism. Materials will include Bogdanov’s analysis of the split within Bolshevism; his writings on the First World War (where he provided the first definition of »War Communism«); his commentaries on the February Revolution and on Lenin’s seizure of power and his interpretation of social and political developments after October 1917, notably his writings on the emergence in Soviet Russia of a »new class«. Volume 4: Our Disagreements: Against Plekhanov and Lenin This volume will provide the philosophical aspect of Bogdanov’s break with Lenin. It will contain The Adventures of a Certain Philosophical School, The Fall of the Great Fetishism (which includes Bogdanov’s response to Lenin’s Materialism and Empiriocriticism), and a selection of shorter essays on philosophy. Volume 5: The Cultural Tasks of Our Time: Essays on Proletarian Culture Bogdanov’s key writings on Proletarian Culture, including The Cultural Tasks of Our Time, selections from On Proletarian Culture, 1904–1924, and various articles from the journal Proletarian Culture and elsewhere. Volume 6: The Science of Social Consciousness The basis of this volume will be the 1914 short book called The Science of Social Consciousness: A Short Course of Ideological Science in Questions and Answers that lays the foundation for Bogdanov’s theory of ideology (or »spiritual culture«). This will be a companion volume to the volume on »cultural tasks«. Volume 7: The Tenth Anniversary of Excommunication from Marxism This volume will include: Selections from The Tenth Anniversary of Excommunication from Marxism (1914), selections from Bogdanov’s unpublished autobiographical manuscripts, from his biographical observations concerning other revolutionary figures, and from unpublished letters and communications. Volume 8: Philosophy of Living Experience The Philosophy of Living Experience. Materialism, Empiriocriticism, Dialectical Materialism, Empiriomonism, the Science of the Future. Popular Outlines (1913; 1923) with the appendix to the 1923 edition, »From Religious to Scientific Monism«. This is Bogdanov’s summative statement of his philosophy that anticipates his ultimate philosophical achievement: universal organisational science. Volume 9: Tektology: Universal Organisational Science This will contain all three parts of Tektologiia: Vseobshchaia organizatsionnaia nauka, a pioneering work in systems theory, in which Bogdanov proposed that all physical, biological, and human sciences could be unified by treating them as systems of relationships and by seeking the organisational principles that underlie all such systems. Volume 10: Writings on Socialism This volume will contain a variety of articles and books on socialism and political economy, including ›On Socialism‹, New World, ›Socialism in the Present‹, Problems of Socialism, The Socialism of Science: The Scientific Tasks of the Proletariat, selections from A Short Course of Economic Science, and economic essays from the 1920s. The translation of Volumes One, Three, Five, Seven, and Eight are already in progress. The editors are eagerly seeking volunteers to translate the remaining volumes. Potential translators should contact any of the General Editors: John Biggart (john_biggart@hotmail.com), Evgeni Pavlov (epavlov@msudenver.edu), or David Rowley (rowleyd@uwplatt.edu). For news about the Bogdanov Library and to follow its progress, please visit: http://bogdanovlibrary.org. » Dissertations Reviewed at »Dissertation Reviews« The following dissertations have been reviewed at Dissertation Reviews (http://dissertationreviews.org/, see above) that might be of interest for our readers: Marko Dumančić, »Rescripting Stalinist Masculinity: Contesting the Male Ideal in Soviet Film and Society, 1953–1968« (University of North Carolina at Chapel Hill 2010), reviewed by Anatoly Pinsky (European University at Saint Petersburg), http://dissertationreviews.org/archives/4636.Jeffrey S. Hardy, »Khrushchev’s Gulag: The Evolution of Punishment in the Post-Stalin Soviet Union, 1953–1964« (Princeton University 2011), reviewed by Wilson T. Bell (Thompson Rivers University), http://dissertationreviews.org/archives/2273Cheehyung Kim, »The Furnace is Breathing: Work and the Everyday Life in North Korea, 1953–1961« (Columbia University 2010), reviewed by Tae-Ho Kim (Seoul National University Hospital), http://dissertationreviews.org/archives/3323.Jeremy Andrew Murray, »Culturing Revolution: the Local Communists of China’s Hainan Island« (University of California San Diego 2011), reviewed by Toby Lincoln (University of Leicester), http://dissertationreviews.org/archives/1980.Jenifer Parks, »Red Sport, Red Tape: The Olympic Games, the Soviet Sports Bureaucracy, and the Cold War, 1952–1980« (University of North Carolina at Chapel Hill, 2009), reviewed by Miriam Dobson (University of Sheffield), http://dissertationreviews.org/archives/3656.Anatoly Pinsky, »The Individual after Stalin: Fedor Abramov, Russian Intellectuals, and the Revitalization of Soviet Socialism, 1953–1962« (Columbia University 2011), reviewed by Marko Dumančić (Western Kentucky University), http://dissertationreviews.org/archives/4362.Kyung Deok Roh, »Stalin’s Think Tank: The Varga Institute and the Making of the Stalinist Idea of World Economy and Politics, 1927–1953«, (University of Chicago 2010), reviewed by Ethan Pollock (Brown University), http://dissertationreviews.org/archives/2982.Oscar Sanchez-Sibony, »Red Globalization: The Political Economy of Soviet Foreign Relations in the 1950s and 1960s« (University of Chicago 2009), reviewed by Elizabeth McGuire (San Francisco State University), http://dissertationreviews.org/archives/1851.Benno Ryan Weiner, »The Chinese Revolution on the Tibetan Frontier: State Building, National Integration and Socialist Transformation, Zeku (Tsékhok) County, 1953–1958« (Columbia University 2012), reviewed by Scott Relyea (Hamline University), http://dissertationreviews.org/archives/3578.Emily Elissa Wilcox, »The Dialectics of Virtuosity: Dance in the People’s Republic of China, 1949–2009« (University of California Berkeley 2011), reviewed by Chris Vasantkumar (Hamilton College), http://dissertationreviews.org/archives/3888.Benjamin Zajicek, »Scientific Psychiatry in Stalin’s Soviet Union: The Politics of Modern Medicine and the Struggle to Define ›Pavlovian‹ Psychiatry, 1939–1953« (University of Chicago 2009), reviewed by Simon Pawley (University College London), http://dissertationreviews.org/archives/2315. Section IVStudies and Materials Materials and studies will be published in The International Newsletter of Communist Studies Online (2014), No. 27. Section VNew Publications – Reports, Presentations and Reviews V.1 Reviews The following reviews will be featured, amongst others, in the International Newsletter of Communist Studies Online (2014): Franziska Augstein: Von Treue und Verrat. Jorge Semprún und sein Jahrhundert, München, C.H. Beck, 2008.Jack M. Bloom: Seeing Through the Eyes of the Polish Revolution. Solidarity and the Struggle Against Communism in Poland, Leiden-Boston, Brill, 2013.Eberhard Czichon, Heinz Marohn: Thälmann. Ein Report. I: 1886–1933. II: 1933–1944, Berlin, Heinen, 2010; Armin Fuhrer: Ernst Thälmann. Soldat des Proletariats, München, Olzog, 2011; Joachim Paschen: »Wenn Hamburg brennt, brennt die Welt«. Der kommunistische Griff nach der Macht im Oktober 1923, Frankfurt am Main, Peter Lang, 2010; Russell Lemmons: Hitler’s Rival. Ernst Thälmann in Myth and Memory, Lexington, University Press of Kentucky, 2012.Marina Cattaruzza: Sozialisten an der Adria. Plurinationale Arbeiterbewegung in der Habsburgermonarchie, Berlin, Duncker & Humblot, 2011.David Featherstone: Solidarity. Hidden Histories and Geographies of Internationalism, London-New York, Zed Books, 2012.Wolf-Dietrich Gutjahr: Revolution muss sein. Karl Radek – die Biographie, Köln, Böhlau, 2012.Chang-tai Hung: Mao’s New World. Political Culture in the Early People’s Republic, Ithaca, Cornell University Press, 2011; Barbara Mittler: Continuous Revolution, Malden, Wiley, 2013.Philippe Kellermann (Hg.): Begegnungen feindlicher Brüder. Zum Verhältnis von Anarchismus und Marxismus in der Geschichte der sozialistischen Bewegung. Bd. 1 u. 2, Münster, Unrast, 2011–2012.Dirk Kemper: Heinrich Mann und Walter Ulbricht. Das Scheitern der Volksfront. Briefwechsel und Materialien, München, Fink, 2012.Ilko-Sascha Kowalczuk: Stasi konkret. Überwachung und Repression in der DDR, München, C.H. Beck, 2013.Ian Law: Red Racisms. Racism in Communist and Post-Communist Contexts, Basingstoke, Palgrave Macmillan, 2012.Kevin Morgan: Bolshevism, Syndicalism and the General Strike. The Lost Internationalist World of A. A. Purcell, London, Lawrence & Wishart, 2013.Wolfgang Niess: Die Revolution von 1918/19 in der deutschen Geschichtsschreibung. Deutungen von der Weimarer Republik bis ins 21. Jahrhundert, Berlin, DeGruyter, 2012.Andreas Peglau: Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Gießen, Psychosozial-Verlag, 2013.Silvio Pons, Robert Service (eds.): A Dictionary of 20th-Century Communism, Princeton-Oxford, Princeton University Press, 2010.Mike Schmeitzner: Doppelt verfolgt. Das widerständige Leben des Arno Wend, Berlin, Vorwärts-Buch, 2009.Christian Twardowski: Weiblichkeit unter der Gewalt des bayerischen Sowjets. Verstöße gegen die Sittlichkeit als Mittel der Stigmatisierung der Linksextremen im Bayern des Frühjahrs 1919, Hamburg, Kovač, 2011.Liesbeth van de Grift: Securing the Communist State. The Reconstruction of Coercive Institutions in the Soviet Zone of Germany and Romania, 1944–1948, Lanham, Lexington Books, 2012. V.2 Presentations and Announcements Hermann Weber, Jakov Drabkin, Bernhard H. Bayerlein, Aleksandr Galkin: » Deutschland, Russland, Komintern. I. Überblicke, Analysen, Diskussionen. Neue Pers-pektiven auf die Geschichte der KPD und die Deutsch-Russischen Beziehungen (1918–1943), Redaktion: Bernhard H. Bayerlein, Gleb Albert, Berlin-Boston, De Gruyter, 2014. 477 S. (Archive des Kommunismus – Pfade des XX. Jahrhunderts. 5). ISBN 978-3-11-030098-7. Das eBook ist frei zugänglich unter http://www.degruyter.com/view/product/186108?result=4&rskey=LIVUYv »Deutschland, Russland, Komintern« – der Titel weckt Assoziationen zu den revolutionären Novembertagen in Deutschland, dem Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, Karl Radeks Verhandlungen mit Walther Rathe­nau, Lenins Schwur, auch für die Revolution in Deutschland zu sterben, aber auch zu den geheimen Netzwerken und Instrukteuren zwischen Moskau und Berlin, Terror, Widerstand und innerem Verrat des Stalinismus. Dank der Archivrevolution ist es gelungen, das für die europäische und Weltgeschichte im 20. Jahrhundert zentrale, schillernde Beziehungsgeflecht von Sowjetunion, Komintern und KPD systematisch zu erfassen und darzustellen. Wichtige Lücken in der Grundlagenforschung zu den deutsch-sowjetischen Beziehungen und zur Geschichte des deutschen Kommunismus konnten auf diese Weise erstmals übergreifend für das Vierteljahrhundert von 1918 bis 1943 geschlossen werden. Die frühe Orientierung auf eine Revolution in Deutschland wird genauso thematisiert wie die Zweigleisigkeit der sowjetischen Politik und ihre Folgen, die zunehmende Instrumentalisierung der KPD und die Rolle des Stalinismus für die deutsch-sowjetischen Beziehungen und die KPD. Deutlich werden die Abkehr von einer Strategie der internationalen Revolution, die Orientierung auf einen Status quo mit Hitlerdeutschland und die Schonung des NS-Regimes durch die sowjetische Politik mit den bekannten katastrophalen Folgen für die KPD, der Terror und die Selbstzerstörung der kommunistischen Bewegung von innen heraus in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre bis zum Hitler-Stalin-Pakt und der Auflösung der Komintern im Zweiten Weltkrieg. Deutlicher wird auch die Rolle der einzelnen Akteure, von Lenin und Stalin über Radek, Sinowjew, Molotov zu Ulbricht, Pieck und Münzenberg, den Mitarbeitern und Funktionären der Komintern und den Vertretern der unterschiedlichen Oppositionsgruppen deutscher Kommunisten. Die drei Bände erlauben somit die transnationale Einordnung und Konzeptualisierung der Rolle des deutschen Kommunismus im europäischen Kontext auf dem Hintergrund des Wandels der Rolle der Sowjetunion im Weltsystem. Im Frühsommer 2014 wird die dazugehörige Quellenedition vorliegen, deren parallel erscheinendes eBook ebenfalls frei zugänglich sein wird: Hermann Weber, Jakov Drabkin, Bernhard H. Bayerlein: Deutschland, Russland, Komintern. II. Dokumente (1918–1943). Nach der Archivrevolution: Neuerschlossene Quellen zur Geschichte der KPD und den Deutsch-Sowjetischen Beziehungen. Editorische Bearbeitung: Bernhard H. Bayerlein und Gleb J. Albert. Unter Mitarbeit von Gleb J. Albert, Mariana Korcˇagina und Natal’ja Lebedeva. Übersetzungen aus dem Russischen, Französischen und Englischen von Gleb J. Albert und Bernhard H. Bayerlein, 2 vols., ca. 1900 S., Berlin-Boston, De Gruyter, 2014 (Archive des Kommunismus – Pfade des XX. Jahrhunderts. 5, 1/2). ISBN 978-3-11-033976-5. Das eBook wird frei zugänglich sein: www.degruyter.com/view/product/212875?format=EBOK Die Edition präsentiert über 500 Dokumente, darunter zum Teil ca. 300 spektakuläre deutsche Erstveröffentlichungen. In der ausführlich annotierten Edition zeigen sich die Beziehungen der 1919 gegründeten und 1943 von Stalin aufgelösten Kommunistischen Internationale sowohl zur sowjetischen politischen Führung als auch zur KPD. Die Sicht auf das Verhältnis zwischen Komintern und Deutschland im strategischen Kräftedreieck wird neu beleuchtet. Die drei umfangreichen Einführungen des ersten Bandes stellen die Dokumente auf der Höhe des gegenwärtigen Forschungsstandes in ihren historischen Kontext. Ca. 1000 deutschlandrelevante Beschlüsse des Politbüros, dem obersten politischen Gremium der Sowjetunion, ergänzen die Dokumente. Alle drei Bände erscheinen in der Reihe Archive des Kommunismus – Pfade des XX. Jahrhunderts bei De Gruyter. In Kooperation mit russischen und internationalen Archiven publiziert die Reihe Studien und thematische Editionen. Ihr Ziel ist es, Erträge der seit dem Ende des 20. Jahrhunderts andauernden Archivrevolution für die transnationale historisch-politische Forschung, die historische Kommunismus- und Sozialismusforschung und die interessierte Öffentlichkeit, zu präsentieren. Die Reihe leistet damit einen wichtigen Beitrag zu dem Perspektiven- und Paradigmenwechsel, der mit der weitreichenden Öffnung der Archive in Ost und West verbunden ist. (Bernhard H. Bayerlein/Julia Brauch) Andreas Peglau: » Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im National-sozialismus, Gießen, Psychosozial-Verlag, 2013. 635 pp. – ISBN 978-3-8379-2097-0. Von der Krankenbehandlung ausgehend, entwickelte sich Freuds Lehre zu einer Möglichkeit, sich selbst und die Welt zu erkennen – und zu verändern. Dieser gesellschaftskritische Anspruch wurde während des Nationalsozialismus weitestgehend in den Hintergrund gedrängt. Die nachhaltigsten Weichenstellungen zu einer »unpolitischen« Psychoanalyse erfolgten in den 1930er Jahren und waren eng verbunden mit dem Versuch, Konfrontationen mit dem NS-Regime zu vermeiden. Dass die Alternative einer aufklärerischen Psychoanalyse weiter bestand, zeigt das Wirken Wilhelm Reichs, der 1933/34 aus den analytischen Organisationen ausgeschlossen wurde. Anhand von teils erstmalig veröffentlichtem Archivmaterial geht der Autor Reichs Schicksal nach und folgt den Entwicklungen im analytischen Hauptstrom während der NS-Zeit. Dabei beantwortet er auch die Frage, ob die Psychoanalyse jemals eine unpolitische Wissenschaft war. (Verlagsinformation) Frederick C. Corney (ed.): » Trotsky’s Challenge. The »Literary Discussion« of 1924 and the Fight for the Bolshevik Revolution, Leiden-Boston, Brill, 2014. Approx. 500 pp. (Historical Materialism Book Series). In late 1924, Leon Trotsky wrote The Lessons of October, a critique of the October Revolution and its significance for the early Soviet state. It elicited an outpouring of harsh criticism from his fellow Bolsheviks that was known as the »literary discussion«. Lasting for barely three months, this officially orchestrated polemic around Trotsky’s writings bore implications far beyond its immediate context, entailing severe personal, political, and ideological ramifications for subsequent Soviet political culture. In this treatment, Corney provides new, fully annotated translations of the major contributions of the »literary discussion«, from Trotsky, Stalin, Bukharin, Zinoviev, Kamenev, Molotov, Krupskaia, Rykov, and Kun, among others, an extensive glossary, and an extended introduction contextualising its personal, political, and ideological effects. (Information by the author) Richard B. Day, Mikhail M. Gorinov (eds.): » The Preobrazhensky Papers. Archival Documents and Materials. Volume I: 1886–1920, Leiden-Boston, Brill, 2014. Approx. 960 pp. (Historical Materialism Book Series. 47). – ISBN 978-9-00424-521-1. Historians generally recognise E. A. Preobrazhensky as the most famous Soviet economist of the 1920s. English-language readers know him best as author of The New Economics and co-author (with N. I. Bukharin) of The ABC of Communism. The documents in this volume, many newly discovered and almost all translated into English for the first time, reveal a Preobrazhensky previously unknown, whose interests ranged far beyond economics to include not only party debates and issues affecting the lives of workers and peasants, but also philosophy, world events, and Russian history, culture and politics. Including moments of triumph and tragedy, they tell an intimate story of political awakening and of commitment to socialist revolution as the path to human dignity. (Information by the publisher) Jack M. Bloom: » Seeing Through the Eyes of the Polish Revolution. Solidarity and the Struggle Against Communism in Poland, Leiden-Boston, Brill, 2013. XI, 428 pp. (Historical Materialism Book Series. 50). – ISBN 978-9-0042-3180-1. In 1980 Polish workers astonished the world by demanding and winning an independent union with the right to strike, called Solidarity – the beginning of the end of the Soviet empire. Jack M. Bloom’s Seeing Through the Eyes of the Polish Revolution explains how it happened, from the imposition to Communism to its end, based on 150 interviews of Solidarity leaders, activists, supporters and opponents. Bloom presents the perspectives and experiences of these participants. He shows how an opposition was built, the battle between Solidarity and the ruling party, the conflicts that emerged within each side during this tense period, how Solidarity survived the imposition of martial law and how the opposition forced the government to negotiate itself out of power. (Information by the publisher) S. A. Smith (ed.): » The Oxford Handbook of the History of Communism, Oxford e. a., Oxford University Press, 2014. 672 pp. (Oxford Handbooks in History). – ISBN 978-0-1996-0205-6. Until the fall of the Soviet Union in 1991, historians knew relatively little about the secretive world of communist states and parties. Since then, the opening of state, party and diplomatic archives of the former Eastern Bloc has released a flood of new documentation. The thirty-five essays in the Handbook, written by a highly international team of scholars, draw on this new material to offer a global history of communism in the twentieth century. In contrast to many histories that concentrate on the Soviet Union, it is genuinely global in its coverage, paying particular attention to the Chinese Revolution. It is »global«, too, in the sense that the essays seek to integrate history »from above« and »from below«, to trace the complex mediations between state and society, and to explore the social and cultural as well as the political and economic realities that shaped the lives of citizens fated to live under communist rule. The essays reflect on the similarities and differences between communist states in order to situate them in their socio-political and cultural contexts and to capture their changing nature over time. Where appropriate, they also reflect on how the fortunes of international communism were shaped by the wider economic, political and cultural forces of the capitalist world. The Handbook provides an informative introduction for those new to the field and a comprehensive overview of the current state of scholarship for those seeking to deepen their understanding. (Editor’s information) Mario Kessler: » Ruth Fischer. Ein Leben mit und gegen Kommunisten. 1895–1961, Köln e. a., Böhlau, 2013. 750 pp. (Zeithistorische Studien. 51). – ISBN 978-3-4122-1014-4. Ruth Fischer (1895–1961) war 1924/25 weltweit die erste Frau an der Spitze einer Massenpartei: der Kommunistischen Partei Deutschlands. Wie niemand sonst stand sie für die Angleichung der KPD an das autoritäre sowjetische Parteimodell. Später wurde sie – von Hitler und Stalin verfolgt – zur leidenschaftlichen Antikommunistin, die in den USA sogar gegen ihre Brüder Gerhart und Hanns Eisler sowie gegen Bertolt Brecht aussagte. Zuletzt suchte sie wieder Anschluss an eine undogmatische Linke. Ruth Fischers bewegtes Leben wird in dieser Biographie auf der Grundlage bisher unerschlossener Archivquellen, darunter FBI-Akten, erstmals ausführlich dargestellt. Das Buch zeigt exemplarisch, wie Kommunismus und Antikommunismus im Kalten Krieg als aufeinander bezogene Glaubensbekenntnisse wirkten. (Verlagsankündigung) Karl Steinhardt: » Lebenserinnerungen eines Wiener Arbeiters, hg. und eingel. von Manfred Mugrauer, Wien, Alfred Klahr Gesellschaft, 2013. 320 pp. (Biografische Texte zur Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung. 7). – ISBN 978-3-9503-1372-7. Im Jänner 2013 jährte sich zum 50. Mal der Todestag von Karl Steinhardt (1875–1963), einer bedeutenden Persönlichkeit der österreichischen und internationalen ArbeiterInnenbewegung. Als Buchdruckerlehrling gehörte Steinhardt zu den Pionieren der österreichischen ArbeiterInnen- und Gewerkschaftsbewegung. Er war Teilnehmer an der ersten Maidemonstration in Wien im Jahr 1890 und am großen Buchdruckerstreik des Jahres 1891. Im November 1918 war er einer der Mitbegründer der Kommunistischen Partei Österreichs, am 12. November 1918 trat er vor dem Parlament bei der Proklamierung der Republik prominent in Erscheinung. Nach der Befreiung Wiens im April 1945 amtierte er bis zum Februar 1946 als Wiener Vizebürgermeister und Stadtrat für das Wohlfahrtswesen. Bis 1949 war er Mitglied des Wiener Gemeinderates. International ist Karl Steinhardt vor allem durch sein Auftreten am Gründungskongress der Kommunistischen Internationale im März 1919 in Moskau bekannt, als auf seinen Antrag hin die Komintern ins Leben gerufen wurde. 1920 und 1921 war er Delegierter am 2. und 3. Weltkongress und zwischen diesen beiden Kongressen als Parteivertreter der KPÖ in Moskau auch Mitglied des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale. Anlässlich seines 50. Todestages veröffentlicht die Alfred Klahr Gesellschaft Steinhardts im Jahr 1950 geschriebene »Lebenserinnerungen eines Wiener Arbeiters« als Band 7 der Reihe »Biografische Texte zur Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung«. Ihnen vorangestellt ist ein einleitender biographischer Abriss von Manfred Mugrauer. Abgerundet wird der Band durch zahlreiche erstmals veröffentlichte Fotos (u. a. von Steinhardt und W. I. Lenin) und durch den Abdruck mehrerer lebensgeschichtlicher Dokumente. (Information des Herausgebers) Fredrik Petersson: » Willi Münzenberg, the League against Imperialism, and the Comintern, 1925–1933, Lewiston, Edwin Mellen Press/Queenston Press, 2013. 1152 pp. – ISBN 978-0-7734-4298-6. On 10 February 1927, the »First International Congress against Imperialism and Colonialism« in Brussels marked the establishment of the anti-imperialist organisation, the League against Imperialism and for National Independence (LAI, 1927–37). The complex preparations for the congress were though initiated already in 1925 after the successful propaganda campaign Hands off China in Germany, under the personal supervision by Willi Münzenberg, the German communist and General Secretary of the communist mass organisation, Internationale Arbeiterhilfe (IAH, 1921–35), together with the Communist International (Comintern, 1919–43). Berlin functioned as the operative and symbolic centre for the LAI and its International Secretariat (1927–33), a city that housed about 5,000 colonial émigrés after the Great War, and therefore answered to the intentions of the communists to find willing and capable anti-colonial activists in the Weimar capita. With the ascendancy to power of the Nazi Party (NSDAP) on 30 January 1933, the LAI reached an abrupt, but nonetheless, expected end in Berlin. This book is the published version of the doctoral thesis (»We Are Neither Visionaries Nor Utopian Dreamers«. Willi Münzenberg, the League against Imperialism, and the Comintern, 1925–1933, defended at Åbo Akademi University, 3 May 2013) which examines the role, purpose and functions of a sympathising organization (LAI) rallying for a specific cause: to act as an intermediary for the Comintern to the colonies. The analysis focus on evaluating the structure and activities of the LAI, and by doing so, establishes a complex understanding on one of the most influential communist organisations active during the interwar period, which, despite its short existence, assumed a nostalgic reference and historical bond for anti-colonial movements during the transition from colonialism to post-colonialism after the Second World War, e.g. the Afro-Asian Conference in Bandung, Indonesia in 1955. While the study essentially is a political history of the dynamics and shortcomings of the Comintern and the international communist movement (organisations and national parties) to gain a foothold within the anti-colonial movements’ characteristic of the interwar years, the book pays equal attention to the individuals that devoted all of their attention to building up and sustaining anti-imperialism in theory and practice. The book, which covers two volumes (1,131 pages) includes an appendix (Dramatis Personae) which concisely introduces these individuals, e.g. the Indian nationalist Virendranath Chattophadyaya, the Hungarian communist Louis Gibarti, the Chinese nationalist revolutionary Hansin Liau, the British socialist Reginald Bridgeman, the Czechoslovakian communist Bohumil Šmeral, the Turkish communist Bekar Ferdi, the émigré Malian nationalist Garan Tiemoko Kouyaté, alongside the cadre of prominent Comintern functionaries and secretaries such as Otto W. Kuusinen, Ludwig Magyar from Hungary, Osip Piatnitsky, Dmitri Manuilsky to mention a few. All of the above were in some way involved in guiding and steering the direction of the LAI. Aside from this biographical information, the book includes 17 images of importance linked to the history of the LAI, and a »Commendatory Foreword« by Robert J.C. Young, Professor of English, Comparative Literature, New York University. The study is based on documents located in archives in Moscow (Rossiiskii gosudarstvennyi arkhiv sotsial’no-politicheskoi istorii, RGASPI), Berlin (Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv, SAPMO-BArch), Amsterdam (Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis, IISG), London (National Archives, NA), and Stockholm (Riksarkivet, RA; Stockholm City Archive, SCA), uncovers why the Comintern established and supported the LAI and its anti-imperialist agenda, disclosing a complicated undertaking, characterised by conflict and the internal struggle for power, involving structural constraints and individual ambitions, defined by the twist and turns of interwar communist ideology and strategy. (Information by the author) Wolfgang Hesse: » Körper und Zeichen. Arbeiterfotografien aus Dohna, Heidenau und Johanngeorgenstadt 1932/33, Dresden, Thelem 2013. 269 pp. (Bausteine aus dem Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde. 24). – ISBN 978-3-9424-1170-7. Die Arbeiterfotografie der Weimarer Republik hat nicht allein Szenen proletarischer Alltags- und Festkultur, Zeugnisse von Armut, Aufbegehren und Niederlage der Arbeiterbewegung hinterlassen. Die in Archiven und Museen überlieferten und in Zeitschriften wie der Arbeiter Illustrierten Zeitung gedruckten Fotografien sind vor allem Dokumente der sich entwickelnden visuellen Massenkultur. Sie stellen einzigartige Quellen des spannungsreichen Verhältnisses zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, von sozialem Handeln und Bildlichkeit dar, welches unsere Gesellschaft seither prägt. Ausgangspunkt der vorliegenden Untersuchung sind Fotografien des Amateurs Kurt Burghardt (1910–1990) aus Dohna bei Dresden, welche er 1933 verborgen hatte und die Ende 2010 entdeckt wurden. Sie zeigen Ereignisse kurz vor der »Machtergreifung« der NSDAP. Die Analyse verbindet diese Dokumente der Selbstfeier der Arbeiterbewegung mit den Totenbildern kommunistischer »Märtyrer« in Johanngeorgenstadt zu einem komplexen mentalitäts- und zeitgeschichtlichen Zeugnis. Denn die im Umfeld der KPD organisierten Arbeiterfotografen der Weimarer Republik zeichneten ihre Lebenswelt nicht allein für die eigene Erinnerung auf, sondern auch für propagandistische Veröffentlichungen in der Parteipresse. Damit sind ihre Fotografien Zeugnisse des sozialen Handelns wie seiner medialen Transformation. Die Publikation entstand innerhalb des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Projekts »Das Auge des Arbeiters« (2009–2012) am Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e. V., Dresden. (Information by the author) Lazar S. Jeifets, Víctor L. Jeifets: » El Partido Comunista de Argentina y la III Internacional. La misión Williams y los orígenes del Penelonismo, México, Nostromo Ediciones, Instituto de Latinoamérica, Facultad de Relaciones Internacionales, Universidad Estatal de San Petersburgo, 2013. 333 pp. – ISBN 978-607-00-2438-2. El libro que presentamos aborda, a través del relato y análisis de un proceso político complejo y hasta ahora mal conocido, aspectos fundamentales de los primeros años de la Internacional Comunista en América Latina. El episodio sobre el que se construye el argumento de los autores es la novedosa descripción y análisis de la crisis en el Partido Comunista Argentino en los años 1927 y 1928, que fracturó su dirección y puso en dura conmoción los fundamentos de la base de acción de la Internacional en América del Sur – el Secretariado Sudamericano creado en Buenos Aires en 1925, y el concepto de construcción de una fuerza orgánica comunista en esa región basado en la centralidad del Partido Comunista Argentino. La pormenorizada descripción de las diversas instancias, actores, ideas políticas e intereses personales e institucionales de esta dura controversia alimenta una trama notablemente narrada, con una solvencia documental estupenda, que proviene de los acervos del archivo de la IC, y también del manejo de bibliografía secundaria especializada, mucha de ella escrita en ruso y no traducida al castellano. El libro establece el principio metodológico de tomar en cuenta la importancia de la Internacional Comunista en la construcción de los partidos comunistas latinoamericanos. En segundo lugar, verifica la importancia de los fondos documentales del archivo de la Internacional, y subraya la colaboración entre historiadores rusos y latinoamericanos en la empresa de una »nueva historia« del comunismo. Finalmente, dilucida del episodio constitutivo más importante del comunismo argentino, remarca la significación del Partido Comunista Argentino en la construcción del temprano comunismo latinoamericano y explora los aspectos menos glamorosos de la biografía política de José Penelón, el líder histórico del primer comunismo en el país del Plata, así como una aproximación sofisticada y poco complaciente del papel y la figura de dos protagonistas esenciales del comunismo sudamericano: Rodolfo Ghioldi y Victorio Codovilla. (From the preface by Horacio Crespo, Universidad Autónoma del Estado de Morelos, México) V.3 Books Sent In For Review The following books have reached our office, sent in by publishing houses and authors. For many of them, we have already found reviewers. Some, however, are still available for review. If you are interested to review any of the titles – or any other relevant titles – in the International Newsletter, please contact the editors first, including some information about yourself. Also feel free to contact us if you have review suggestions for books that are not listed here, or if you are an author/publisher and want the International Newsletter to review your publication. Please note that unsolicited reviews will not be published. Augstein, Franziska: Von Treue und Verrat. Jorge Semprún und sein Jahrhundert, München, Beck, 2008.Bloom, Jack M.: Seeing Through the Eyes of the Polish Revolution. Solidarity and the Struggle Against Communism in Poland, Leiden-Boston, Brill, 2013. (Historical Materialism Book Series. 50).Boxer, Marilyn J.; Partington, John S. (eds.): Clara Zetkin: National and International Contexts, London, Socialist History Society, 2013. (SHS Occasional Papers Series. 31).Brie, Michael; Haug, Frigga (eds.): Zwischen Klassenstaat und Selbstbefreiung. Zum Staatsverständnis von Rosa Luxemburg, Baden-Baden, Nomos, 2011. (Staatsverständnisse. 43).Bürgi, Markus; König, Mario (eds.): Harry Gmür. Bürger, Kommunist, Journalist. Biographie, Reportagen, politische Kommentare, Zürich, Chronos, 2009.Cattaruzza, Marina: Sozialisten an der Adria. Plurinationale Arbeiterbewegung in der Habsburgermonarchie, Berlin, Duncker & Humblot, 2011. (Schriften des Italienisch-Deutschen Historischen Instituts in Trient. 24).Croft, Andy: After the Party. Reflections on Life Since the CPGB, London, Lawrence & Wishart, 2012.Czichon, Eberhard; Marohn, Heinz: Thälmann. Ein Report. I: 1886–1933. II: 1933–1944, Berlin, Heinen, 2010.Dahmer, Helmut: Divergenzen. Holocaust, Psychoanalyse, Utopia, Münster, Westfälisches Dampfboot, 2009.Fuhrer, Armin: Ernst Thälmann. Soldat des Proletariats, München, Olzog, 2011.Griesse, Malte: Communiquer, juger et agir sous Staline. La personne prise entre ses liens avec les proches et son rapport au système politico-idéologique, Frankfurt am Main e.a., Lang, 2011.Gutjahr, Wolf-Dietrich: Revolution muss sein. Karl Radek. Die Biographie, Köln e.a., Böhlau, 2012.Hedeler, Wladislaw: Die Ökonomik des Terrors. Zur Organisationsgeschichte des Gulag 1939 bis 1960, Hannover, Offizin, 2010.Huber, Peter; Hug, Ralph (eds.): Die Schweizer Spanienfreiwilligen. Biografisches Handbuch, Zürich, Rotpunktverlag, 2009.Iber, Walter M.: Die sowjetische Mineralölverwaltung in Österreich. Zur Vorgeschichte der OMV 1945–1955, Innsbruck e.a., Studien-Verlag, 2011. (Veröffentlichungen des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung. 15).John, S. Sándor: Bolivia’s Radical Tradition. Permanent Revolution in the Andes, Tucson, University of Arizona Press, 2009.Karner, Stefan; Stelzl-Marx, Barbara; Natalja Tomilina, Alexander Tschubarjan e.a. (eds.): Der Wiener Gipfel 1961. Kennedy – Chruschtschow, Innsbruck e.a., StudienVerlag, 2011.Keep, John L. H.; Litvin, Alter L.: Epocha Iosifa Stalina v Rossii. Sovremennaja istoriografija, Moskva, ROSSPEN, 2009. (Istorija stalinizma).Kellermann, Philippe (ed.): Begegnungen feindlicher Brüder. Zum Verhältnis von Anarchismus und Marxismus in der Geschichte der sozialistischen Bewegung, Münster, Unrast, 2011.Kellermann, Philippe (ed.): Begegnungen feindlicher Brüder 2. Zum Verhältnis von Anarchismus und Marxismus in der Geschichte der sozialistischen Bewegung, Münster, Unrast, 2012.Kemper, Dirk: Heinrich Mann und Walter Ulbricht. Das Scheitern der Volksfront. Briefwechsel und Materialien, München, Fink, 2012.Keßler, Mario: Kommunismuskritik im westlichen Nachkriegsdeutschland. Franz Borkenau, Richard Löwenthal, Ossip Flechtheim. Berlin, Verlag für Berlin – Brandenburg, 2011.Law, Ian: Red Racisms. Racism in Communist and Post-Communist Contexts, Basingstoke, Palgrave Macmillan, 2012. (Mapping Global Racisms).Lemmons, Russall: Hitler’s Rival. Ernst Thälmann in Myth and Memory, Lexington, University Press of Kentucky, 2012.Middell, Matthias; Wemheuer, Felix (eds.): Hunger and Scarcity under State-Socialism, Leipzig, Leipziger Universitätsverlag, 2012. (Global History and International Studies. 3).Morgan, Kevin: Bolshevism, Syndicalism and the General Strike. The Lost Internationalist World of A.A. Purcell, London, Lawrence & Wishart, 2013.Neumann, Matthias: The Communist Youth League and the Transformation of Soviet Union, 1917–1932, London, Routledge, 2011.Oberloskamp, Eva: Fremde neue Welten. Reisen deutscher und französischer Linksintellektueller in die Sowjetunion 1917–1939, München, Oldenbourg, 2011.Paschen, Joachim: »Wenn Hamburg brennt, brennt die Welt«. Der kommunistische Griff nach der Macht im Oktober 1923, Frankfurt am Main, Peter Lang, 2010.Pons, Silvio; Service, Robert (eds.): A Dictionary of 20th-Century Communism, Princeton-Oxford, Princeton University Press, 2010.Schmeitzner, Mike: Doppelt verfolgt. Das widerständige Leben des Arno Wend, Berlin, Vorwärts-Buch, 2009.Seifert, Roger; Sibley, Tom: Revolutionary Communist at Work. A Political Biography of Bert Ramelson, London, Lawrence & Wishart, 2011.Twardowski, Christian: Weiblichkeit unter der Gewalt des bayerischen Sowjets. Verstöße gegen die Sittlichkeit als Mittel der Stigmatisierung der Linksextremen im Bayern des Frühjahrs 1919, Hamburg, Kovac, 2011. (Schriften zur Kulturgeschichte. 21).Van der Grift, Liesbeth: Securing the Communist State. The Reconstruction of Coercive Institutions in the Soviet Zone of Germany and Romania, 1944–1948, Lanham e.a., Lexington Books, 2012. Section VIMeetings and Conferences Concerning Communist Studies 2013–2014 VI.1 Conference List1* Past Meetings and Conferences 2013 Norwich, UK, 4–6 January 2013: XXXIX Conference of the BASEES/Study Group of the Russian Revolution. University of East Anglia, Norwich. www.basees.org.uk/sgrusrev.shtmlNew Orleans, Louisiana, US, 4–6 January 2013: Fourth Annual North American Anarchist Studies Network Conference. www.naasn.org/London, UK, 28–29 January 2013: Radical Americas. Institute of the Americas, University College London. www.community-languages.org.uk/radical-americas/Amsterdam, The Netherlands, 22–24 February 2013: International Conference »Crisis and Mobilization since 1789«. International Scholars’ Network »History of Societies and Socialisms« (HOSAS)/H-Socialisms, International Institute of Social History.Berlin, Germany, 23 February 2013: Demokratie – Wirtschaft – Staat: Demokratische Transformation als Strategie der Linken. Colloquium zum 80. Geburtstag von Ulla Plener. Förderverein für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Rosa-Luxemburg-Stiftung. www.linksnet.de/de/termin/28194Manchester, UK, 2 March 2013: George Orwell’s »Homage to Catalonia« 75 Years On. International Brigade Memorial Trust, Manchester Conference Centre.Sheffield, UK, 15–16 March 2013: Socialist Realism in Central and Eastern European Literatures: Origins, Institutions, Discourses. Humanities Research Institute, The University of Sheffield. http://socialist-realism-in-eceu.blogspot.de/Hamburg, Germany, 21–22 March 2013: Doktoranden-Workshop »Exil und Exilforschung«. Gesellschaft für Exilforschung e. V. www.exilforschung.de/index.php?p=36Hamburg, Germany, 22–24 March 2013: »Dinge des Exils« – Jahrestagung der Gesellschaft für Exilforschung e. V. www.exilforschung.de/index.php?p=36Nottingham, UK, 25–26 March 2013: War and Culture in Russia and Eastern Europe. Russian and Slavonic Studies, University of Nottingham.Cardiff, UK, 28 March 2013: One-day Communist Studies Seminar. Berlin, Paris, London and beyond – ongoing projects, forthcoming events and future publications. University of Glamorgan, Atrium Campus, Cardiff. norman.laporte@southwales.ac.ukMoscow, Russian Federation, 28 March 2013: Roundtable »Anarkhisty v Rossii. Istoriia I sovremennost’«. NIPTs »Memorial«. www.memo.ru/d/151511.htmlCambridge, UK, 5–8 April 2013: BASEES / ICCEES European Congress »Europe: Crisis and Renewal«. British Association for Slavonic and East European Studies (BASEES), International Council for Central and East European Studies (ICCEES), Fitzwilliam College. www.euroiccees2013.org/Manchester, UK, 13 April 2013: 50 Years of EP Thompson’s »The Making of the English Working Class«. A Day Conference. People’s History Museum, Working Class Movement Library. www.phm.org.uk/whatson/the-making-of-the-english-working-class/Warwick, UK, 19 April 2013: Living in Violent Times – One-day Conference. University of Warwick. http://www2.warwick.ac.uk/insite/events/events/?calendarItem=094d43a23d3fbe05013d63979a8e2217Princeton, NJ, USA, 19–20 April 2013: Assessing the Impact of World War II on Eastern Europe and the Soviet Union, Princeton University. Deadline: 15.01.2013. http://impactofwarconference.wordpress.com/Washington D.C., USA, 25–27 April 2013: 2013 International Graduate Student Conference on the Cold War. The George Washington University Cold War Group (GWCW), The Center for Cold War Studies (CCWS) of the University of California at Santa Barbara, the LSE IDEAS Cold War Studies Programme of the London School of Economics and Political Science (CWSP). www.gwu.edu/~ieresgwu/assets/docs/2013CFP.pdfDijon, France, 15–18 May 2013: II International Conference »Strikes and Social Conflicts«. International Association Strikes and Social Conflicts, Maison des Sciences de L’Homme. Jean-marc.bourgeon@u-bourgogne.frParis, France, 16–17 May 2013: Témoigner sur la Shoah en URSS. L’université Paris 8, le Labex Arts-H2H. www.memorialdelashoah.org/index.php/fr/programme-des-activites/colloques/colloque-temoigner-sur-la-shoah-en-urssSt. Petersburg, Russia, 30–31 May 2013: Russian Statehood: The Authorities and Society during the Twentieth Century. History Faculty of the St. Petersburg State University. http://iassc-mshdijon.in2p3.fr/spip.php?article16&lang=frBerlin, Germany, 31 May 2013: Das historische Gedächtnis und der 17. Juni 1953. Deutsche Gesellschaft e. V., Gesellschaft für Deutschlandforschung e. V., Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt beim Bund.Victoria, Canada, 5–8 June 2013: Congress of the Humanities and Social Sciences. Society for Socialist Studies. www.socialiststudies.caParis, France, 6–7 June 2013: La guerre froide vue d’en bas. Institut d’histoire du temps présent. www.ihtp.cnrs.fr/spip.php%3Farticle1377&lang=fr.htmlParis, France, 7–8 June 2013: L’antifascisme en question 1922–1945. Nouveaux objets, nouveaux débats. Université Paris 8, Colegio de España. www.ufr-langues.univ-paris8.fr/L-antifascisme-en-question-7-et-8Marienborn, Germany, 7–8 June 2013: Der 17. Juni 1953 und der Westen. Der Aufstand in der DDR als transnationale Herausforderung. Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn. www.iges.ovgu.de/Paris, France, 12–14 June 2013: From one revolution to another: Revolutionary circulations, 18th–21st centuries. Paris-Est Marne-la-Vallée University.Chemnitz, Germany, 13 June 2013: Der 17. Juni 1953 in Sachsen. Ursachen, Ereignis, Wirkung und Rezeption, BStU-Außenstellen Chemnitz, Dresden und Leipzig; Sächsische Landeszentrale für politische Bildung; Technische Universität Chemnitz, Professur für politische Systeme, politische Institutionen, Contact: Clemens.Heitmann@bstu.bund.de and thomas.schubert@phil.tu-chemnitz.deBerlin, Germany, 14–15 June 2013: Silence et prise de parole. Les intellectuels communistes dans les sociétés de type soviétique. Centre Marc Bloch; Institut des sciences sociales du politique, Paris; Ludwig Boltzmann Institut, Vienne; EHESS (CERCEC), Paris. www.cmb.hu-berlin.de/events/archive/internationale-tagung-silence-et-prise-de-parole-les-intellectuels-communistes-dans-les-societes-de-type-sovietiquePetrozavodsk, Russia, 18–19 June 2013: Belomorsko-Baltiiskii kanal. 80 let v istorii. Natsional’nyi muzei Respubliki Kareliia, Memorial e.a. www.gov.karelia.ru/gov/News/2013/06/0614_01.htmlMadrid, Spain, 27–28 June 2013: E.P. Thompson y la formación de la clase obrera en Inglaterra. Fundación 1 de Mayo, Fundación de Investigaciones Marxistas. www.pce.es/agenda/pl.php?id=1829Sydney, Australia, 26–27 July 2013: Historical Materialism Australasia Conference 2013. Sydney Mechanics’ School of Arts. http://hmaustralasia.com/Linz, Austria. 12–15 September 2013: 49th Linz Conference. Towards a Global History of Domestic Workers and Caregivers. International Conference of Labour and Social History (ITH). www.ith.or.atParis, France, 4–5 October 2013: Rosa Luxemburg’s Concepts of Democracy and Revolution. International Rosa Luxemburg Society, University of Paris I Panthéon – La Sorbonne/Centre d’histoire des systèmes de pensée moderne. www.internationale-rosa-luxemburg-gesellschaft.de/html/_english_papers.htmlPerm’, Russia, 5–6 November 2013: Povsednevnost’ rossiiskoi provintsii. XIX-XX vv. Permskii gosudarstvennyi gumanitarno-pedagogicheskii universitet, Tsentr ustnoi istorii.London, UK, 7–10 November 2013: 10th Annual Historical Materialism Conference: Making the World Working Class. SOAS, London. www.historicalmaterialism.org/conferences/annual10Boston, US, 21–24 November 2013: 45th Annual Convention of the Association for Slavic, East European, and Eurasian Studies (ASEEES). Convention Theme: »Revolution«. Boston Marriott Copley Place. www.aseees.org/convention.html Meetings and Conferences 2014 Norwich, UK, 3–5 January 2014: XL Conference of the Study Group on the Russian Revolution. University of East Anglia. Paper proposal deadline: 1 September 2013. p.waldron@uea.ac.ukParis, France, 23–25 January 2014: France, the USSR and the end of the Cold War, 1975–1991. Sorbonne Cold War History Project in partnership with the Gorbachev Foundation (Moscow) and the François Mitterrand Institute (Paris). Paper proposal deadline: 30 August 2013. celine.marange@univ-paris1.frNorwich, UK, 15–16 February 2014: Workers’ Internationalism before 1914. School of History, University of East Anglia, Norwich. Paper proposal deadline: 1 October 2013. www.socialisthistorysociety.co.uk/cfp.htmVienna, Austria, 28–30 March 2014: »Kometen des Geldes. Ökonomie und Exil« – Jahrestagung der Gesellschaft für Exilforschung e. V., Literaturhaus Wien. www.exilforschung.de/index.php?p=36Cambridge, UK, 5–7 April 2014: Annual Conference of the British Association for Slavonic and East European Studies (BASEES). www.basees2014.org/ VI.2 Conference Reports and Announcements Rory Castle, Swansea University: » International Conference on Rosa Luxemburg Paris, University of Sorbonne, 4–5 October 2013 The 17th International Conference on Rosa Luxemburg, held in Paris, brought together scholars from France, Germany, Poland, the United Kingdom, Argentina, Brazil, Canada, Russia, Japan and India, along with around two hundred participants. Discussions centred on Luxemburg’s important contributions to Marxist thought on the subjects of democracy and revolution, which were brought to life by a variety of original papers and thought-provoking questions and discussion from participants. Rosa Luxemburg (1871–1919) is remembered for her belief that »freedom is always the freedom of the dissenter« and had much to say about democracy and revolution in her lifetime, both in criticism of moderates and reformists with the labour movement and of Lenin and the Bolsheviks. Today, in the midst of an international crisis, her writings continue to have a great deal to teach us, as was made clear by many of the speakers, who drew inspiration from Luxemburg’s words nearly a century after her death. The Conference neatly coincided with two upcoming publications; the sixth volume of Luxemburg’s Gesammelte Werke in German and the first volume of her Collected Works in English. Series editor Annelies Laschitza and Sébastien Budgen of Verso Books explained the significance of the new publications in making the breadth of Luxemburg’s writings available to readers in both languages. Conference speakers included Annelies Laschitza, Narihiko Ito, Rory Castle, Isabel Loureiro, Mylene Gaulard, Michael Löwy, Claudie Weill, Michael Brie, Jean-Numa Ducange, Ottokar Luban, Pablo Slavin, Feliks Tych, Sobhanlal Datta Gupta, Michael Krätke, David Muhlmann, Ingo Schmidt, Jörg Wollenberg, Philippe Courcuff, Frigga Haug, Alexey Gusev, Ben Lewis and Sandra Rein. For a full programme and more information, see: www.internationale-rosa-luxemburg-gesellschaft.de/ The Conference was organised and/or supported by: • International Rosa Luxemburg Society • University of Paris I Panthéon-La Sorbonne / Centre d’Histoire des Systèmes de Pensée Moderne (CHSPM) • Regional Council Ile-de-France • Espaces Marx • Rosa Luxemburg Foundation • Gerda-und-Hermann-Weber-Stiftung • transform! europe • Collectif Smolny • Revue internationale »Actuel Marx« • Revue critique »Contremps« » Madrid: Symposium »Europa del Este durante el comunismo: aportaciones desde la historiografía española«, 25–26 October 2012 The Universidad Complutense de Madrid has conducted a two-day symposium on the history of East Europe in the times of communism. With mostly young scholars presenting their ongoing research, the conference was considered a big success by the organisers. Following presentations have been made: Ángel Luis Encinas (UCM): El renacimiento de la vida judía en Polonia (Opening lecture)Carlos González Villa (UCM): Ayuda envenenada: las implicaciones del apoyo de Estados Unidos a la unidad e independencia de YugoslaviaCristina Álvarez González (UCM): Pasado y presente de Polonia vistos desde la oposición al régimen comunista (1976–1989)Enrique Uceda (Universidad de Alicante): Los nacionalismos encubiertos en la República Socialista Federativa de YugoslaviaAlfredo Sasso (Institut Català de la Pau, UAB): La derrota de los partidos no-nacionalistas en la transición del comunismo al pluripartidismo en Bosnia-HerzegovinaMagdalena Garrido (Universidad de Murcia): Relaciones Este-Oeste durante el comunismo: La imagen de la Unión Soviética en EspañaCarlos Domper Lasús (UZ): Urnas sin democracia. Los casos español y húngaro desde una perspectiva transnacionalFrancisco José Rodrigo Luelmo (UCM): La disidencia en el Este y el Acta Final de Helsinki: ¿transferencias, redes y conexiones?Amelia Serraller Calvo (UCM): La jungla polaca: viaje a la Polonia comunista de la mano de Ryszard KapuścińskiVerónica Gama (UCM): Museos del recuerdo: la articulación de una memoria pública en la Europa post-comunistaCarolina Rodríguez (UCM): Nacionalismo y reconstrucción en dictaduras: la España franquista y la Polonia socialista en comparación (1939/1945–1956) (con visionado de No-Dos y PKF) For any inquieries, please contact José M. Faraldo at jose.faraldo@ymail.com. Section VIIThe International Bibliography of Communist Studies. Issue 2013. Books and Journal Articles on Communism The International Bibliography of Communist Studies, Issue 2013, containing round about 800 titles from over 60 countries, will be published in The International Newsletter of Communist Studies Online (2014), no. 27. Section VIIIPeriodicals/Serials on Communist Studies VIII.1 Directory of Periodicals on Communist Studies and Connected Areas This directory lists periodical publications from all over the world relevant for studies on Communism in a broad sense. It aims to provide access to these sometimes disperse and ephemere sources of contemporary history including all periods, regions and fields of speciality. Suggestions for amending and updating this directory are always welcome. For further investigation, it is recommended to visit the IALHI Serials Service (http://serials.labourhistory.net), which covers diverse serials in the field of labour history and Communist studies and offers a Labour History Serials Alerting Service (http://serials.labourhistory.net/alerting_services.asp). Title and URLCountryA Contracorriente.www.ncsu.edu/acontracorriente/USAA nemzetközi munkásmozgalom történetéböl.HungaryAb Imperio. Studies of New Imperial History and Nationalism in the Post-Soviet Space.www.abimperio.net/Russia/USAActa Slavica Iaponica.http://src-home.slav.hokudai.ac.jp/publictn/acta/a-index-e.htmlJapanActuel Marxhttp://actuelmarx.u-paris10.fr/FranceAden. Paul Nizan et les années trente.www.paul-nizan.fr/FranceAl’ternativy.www.alternativy.ru/alternativyRussiaAmerican Communist History.www.tandf.co.uk/journals/titles/14743892.htmlUSAAnarchist Studies.www.lwbooks.co.uk/journals/anarchiststudies/UKAnnali Fondazione Giangiacomo Feltrinelli.www.fondazionefeltrinelli.it/en/publications/annali-annalsItalyAnthropology of East Europe Review.http://scholarworks.iu.edu/journals/index.php/aeer/USAArbeiderhistorie. årbok for Arbeiderbevegelsens Arkiv og Bibliotek.www.arbark.no/Arbeiderhistorie.htmNorwayArbeiterbewegung und Sozialgeschichte.www.sozialgeschichte-bremen.de/GermanyArbejderhistorie. Tidsskrift for historie, kultur og politik.http://sfah.dk/tidsskrift/DenmarkArbejdermuseet Årbog.www.arbejdermuseet.dkDenmarkArbetarhistoria. Meddelande från Arbetarrörelsens Arkiv och Bibliotek.www.arbetarhistoria.se/SwedenArchiotaxio.www.askiweb.eu/index.php?lang=enGreeceArchiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit.Kontakt: wobarchiv@gmx.deGermanyArchiv für Sozialgeschichte.www.fes.de/afs-online/GermanyArchivar. Zeitschrift für Archivwesen.www.archive.nrw.de/archivar/GermanyArchivos de historia del movimiento obrero y la izquierda.www.archivosrevista.com.ar/ArgentinaAriadne. Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte.www.addf-kassel.de/publikationen/ariadne.htmlGermanyArkhiv evreiskoi istorii.RussiaArkiv för studier i arbetarrörelsens historia.www.arkiv.nuSwedenAspasia. The International Yearbook of Central, Eastern, and Southeastern European Women‘s and Gender History.http://journals.berghahnbooks.com/asp/HungaryAvtobiografija. Journal on Life Writing and the Representation of the Self in Russian Culture.http://journals.padovauniversitypress.it/avtobiografija/ItalyBeiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung [ceased publication].www.trafoberlin.de/geschichte-der-arbeiterbewegung/GermanyBeiträge zur Marx-Engels-Forschung.www.marxforschung.deGermanyBlätter für deutsche und internationale Politik.www.blaetter.de/GermanyBohemia. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der böhmischen Länder.www.oldenbourg-wissenschaftsverlag.de/olb/de/1.c.335309.deGermanyBollettino dell‘Archivio per la storia del movimento sociale cattolico in Italia.www.vponline.it/riviste/000072/ItalyBrood & Rozen.Tijdschrift voor de Geschiedenis van Sociale Bewegingen.www.broodenrozen.be/BelgiumBulletin des Deutschen Historischen Instituts Moskau.www.dhi-moskau.deRussiaBulletin für Faschismus- und Weltkriegsforschung.www.edition-organon.de/bulletin_fuer_faschismusforschung.htmGermanyBulletin de l’Association Etudes Jean-Richard Bloch.www.etudes-jean-richard-bloch.org/FranceCahiers Charles Fourier.www.charlesfourier.fr/FranceLes Cahiers d’ADIAMOS.www.codhos.asso.fr/dossiers/dossiers.php?id_dossier=2FranceCahiers d‘histoire. Revue d‘histoire critique.chrhc.revues.org/FranceCahiers d’histoire du mouvement ouvrier.www.aehmo.org/cahiersdhistoireSwitzerlandLes Cahiers du C.E.R.M.T.R.I.www.trotsky.com.fr/FranceCahiers du monde russe.monderusse.revues.orgFranceCahiers du mouvement ouvrier.www.trotsky.com.fr/FranceCahiers Jaurès.www.cahiers.jaures.infoFranceCahiers Léon Trotsky [ceased publication].Kontakt: l.aujame@chello.frFranceCahiers Marxistes.www.ulb.ac.be/socio/cmarx/BelgiumCahiers Simone WeilFranceCaietele Echinox.www.phantasma.roRomaniaCanadian Slavonic Paperswww.ualberta.ca/~csp/CanadaThe Carl Beck Papers in Russian and East European Studies.http://carlbeckpapers.pitt.eduUSAČasopis za suvremenu povijest.www.isp.hr/CroatiaCentral Asian Survey.www.tandf.co.uk/journals/carfax/02634937.htmlUKCentral Europe.http://maney.co.uk/index.php/journals/ceu/UKCentral European History. http://journals.cambridge.org/action/displayJournal?jid=CCCUKThe China Quarterly.www.journals.cambridge.org/jid_CQYUKCold War History.www.tandf.co.uk/journals/fcwhUK/USACommunisme.FranceCommunist and Post-communist Studies.www.elsevier.com/locate/postcomstudUSAComparativ. 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Entre Histoire et Mémoire.http://auschwitz.be/index.php?option=com_content&view=article&id=61&Itemid=402BelgiumTempos Históricos.http://e-revista.unioeste.br/index.php/temposhistoricos/indexBrazilThesis Eleven. Critical Theory and Historical Sociology.http://the.sagepub.com/AustraliaTijdschrift voor Sociale en Economische Geschiedenis.www.tseg.nl/BelgiumTokovi Istorije.www.inisbgd.co.rs/celo/publikacije.htmSerbiaTotalitarismus und Demokratie/Totalitarianism and Democracy.www.hait.tu-dresden.de/tdGermanyTransit. 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Editor-in-chief: Stefan Berger, Director of the Institute. Moving the Social – Journal of Social History and the History of Social Movements is a multi-disciplinary, international and peer-reviewed journal. It focuses on transnational and comparative perspectives on the history of social movements set in a wider context of social history. It appears twice yearly. During the last evaluation of the ESF Standing Committee for the Humanities (2011), the Journal was ranked INT2 (international with significant visibility). Moving the Social publishes research at the cutting edge of social history, broadly defined. This involves in particular the analysis of the diversity of economic, social, political and mental structures of social movements, from historical and social science perspectives, and the introduction of new research that is relevant to the field of social movement studies. Moving the Social is published by Klartext publishers, one of the foremost academic publishers in Germany. The journal is the continuation of the Mitteilungsblatt des Instituts für soziale Bewegungen, which has been successfully published for many years. The new title indicates a desire to internationalise the journal’s profile. However, the editors recognise that in the medium term, the journal will continue to publish also articles in German – despite its declared preference for English-language publications. The editors welcome articles on the »old« labour movements, »new« social movements, regional and global perspectives on social history, as well as the history and theory of historiography, especially where historiographies of social movements and theoretical perspectives on social history are concerned. For any enquiries please contact: Christian.Wicke@rub.de Section IXInternet Resources. Websites Relevant for Communist Studies Online Newsletters, Discussion Groups and Blogs. TitleURL»Aufarbeitung Aktuell«, Newsletter der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/newsletter-aufarbeitung-aktuell-1171.htmlAlfred Klahr Gesellschaft Mitteilungen, Vienna, Austria.www.klahrgesellschaft.atAnarchists in the Gulag.http://gulaganarchists.wordpress.com/Boletín Electrónico. Centro de Documentación e Investigación de la Cultura de Izquierdas en Argentina, Buenos Aires, Argentina.www.cedinci.org/Estudos sobre o Comunismo, Portugal [not updated anymore].http://estudossobrecomunismo2.wordpress.com/H-Net Discussion Network: H-HOAC. History of American American Communism.www.h-net.org/~hoac/H-Net Discussion Network: H-Labor.www.h-net.org/~labor/H-Net Discussion Network: H-Russia.www.h-net.org/~russia/H-Net Discussion Network: H-Socialisms.www.h-net.org/~socialisms/Historical Brochures of the Political Left, Bielefeld, Germany.http://brochures.blogsport.eu/International Council for Central and East European Studies (ICCEES) Newsletter, Münster, Germany.www.iccees.org/newsletter.htmlThe International Newsletter of Communist Studies Online, Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam, Germany.http://newsletter.icsap.euJohn Riddell, Toronto, Canada. Marxist Essays and Commentary.http://johnriddell.wordpress.com/Labnet List. Labour Movement.www.iisg.nl/labnet/LAWCHA. 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Yale University Press.Contains online document publications.www.yale.edu/annals/Archive.orgFeatures immense amounts of digitised Communist brochures.www.archive.orgAssociation Atelier André Breton, Archigny, France.www.andrebreton.frArbeiteraufstand des 17. Juni 1953 in der DDR.Enthält Tageschroniken, Karten, Materialien, ein Forum, Veranstaltungen, Dokumentationen (Videoclips u. a.) sowie einen Newsletter.www.17juni53.deArcheoBiblioBase: Archives in Russia, IISG, Amsterdam.English-language repository of central and local archives, libraries and museums in Russia, maintained by Patricia Grimsted. 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Bonn, Germany, 9–28 January 2013: 150 Jahre deutsche Sozialdemokratie. Friedrich-Ebert-Stiftung.Trier, Germany, 17 March – 18 October 2013: Ikone Karl Marx. Kultbilder und Bilderkult. Stadtmuseum Simeonstift Trier. www.museum-trier.de/ausstellungen/vorschau/ikone-karl-marx.htmlLa Habana, Cuba, 7–28 May 2013: Verdad, Memoria y Dignidad. Historia Contemporánea de Guatemala, Perú, Nicaragua y El Salvador. Fotografías de Jonathan »Jonás« Moller. Biblioteca Nacional de Cuba José Martí.Lübeck, Germany, 14 June – 3 November 2013: Traumland und Zuflucht. Heinrich Mann und Frankreich. Buddenbrookhaus Lübeck. http://buddenbrookhaus.de/ » Bielefeld: »Briefe an Trotzki« – eine szenische Kollage Das »Theaterlabor im Tor 6« in Bielefeld brachte Anfang 2013 die Produktion »Briefe an Trotzki« unter der Regie von Yuri Birte Anderson auf die Bühne. Die »szenische Collage« basiert auf Briefen, die an Lev Trockij während seiner Zeit als Militärkommissar gerichtet waren. Die Dokumente wurden von Gleb J. Albert in den Beständen des Moskauer Russländischen Staatlichen Militärarchivs (RGVA) eruiert, der die Produktion als Historiker begleitete. Unter den Verfassern dieser Briefe waren – so der Pressetext – »verzweifelte Bauern aus der tiefsten Provinz, flüchtige Bekannte aus der Exilzeit, treu ergebene Rotarmisten, ausländische Revolutionäre.« Auf der Bühne gezeigt werden sollen »die menschlichen Schicksale, die sich hinter diesen Texten verbergen – Geschichten, die sich in der Geschichte verstecken.« Während der Adressat der Briefe unsichtbar bleibt, ist die zentrale Bühnenfigur Trockijs Sekretär, Michail Glazman, der 1924 aus Protest gegen seinen Parteiausschluss Selbstmord beging. Das Stück feierte am 14. März 2013 Premiere. Informationen und Pressestimmen finden sich unter www.theaterlabor.de/index.php?option=com_content&view=article&id=210&Itemid=200 » Bozen: Erzählung von Egon Erwin Kisch wiederveröffentlicht 1938 schrieb der kommunistische Schriftsteller und »rasende Reporter« Egon Erwin Kisch die Geschichte von Max Bair auf, eines Tiroler Spanienkämpfers, der als Kleinbauer seine Kühe verkauft hatte, um nach Spanien zu gelangen. Ursprünglich in Madrid im Exil-Verlag »Amalien« erschienen, wurde »Die drei Kühe: Eine Bauerngeschichte zwischen Tirol und Spanien« von der kommunistischen Presse in vielen Ländern, darunter in der Sowjetunion, übersetzt und nachgedruckt. Der Bozener Raetia-Verlag hat nun die Erzählung Kischs in einer wissenschaftlichen Edition wiederveröffentlicht, versehen mit einem ausführlichen Nachwort des Herausgebers Joachim Gatterer und einem Dokumentenanhang, der die Beziehung zwischen Kisch und seinem Protagonisten beleuchtet, sowie ein Licht auf das abenteuerliche Leben Bairs nach dem Spanischen Bürgerkrieg wirft. Bair kehrte zunächst in seine Heimat zurück, wo er mit mäßigem Erfolg am Wiederaufbau der KP beteiligt war, als Protagonist einer Spionage-Affäre elf Monate in US-Haft verbrachte, und schließlich in die DDR emigrierte, wo er als Planungsfunktionär tätig wurde. Die Neuausgabe beinhaltet darüber hinaus die Original-Illustrationen des spanischen Künstlers Amado Oliver Mauprivez. Für Informationen zur Veröffentlichung siehe www.raetia.com/de/shop/item/1666-die-drei-k%C3%BChe.html. » Berlin: »Das Ende der SED« als Bühnenstück Das Berliner »theater 89« inszeniert unter der Regie von Hans-Joachim Frank anhand der Original-Tonbandmitschnitte die letzten Sitzungen des ZK der SED im Herbst 1989 vor dem Untergang des SED-Regimes. Wissenschaftliche Beratung leistete Hans Hermann Hertle, der Mitherausgeber der SED-Protokolle (5. Aufl. Berlin 2012). Die Premiere fand am 11. März 2012 im Auswärtigen Amt statt. Photos und aktuelle Aufführungstermine finden sich unter www.theater89.de/das-ende-der-sed-die-letzten-tage-des-zentralkomitees/. » Neuer Dokumentarfilm zum Volksaufstand vom 17. Juni 1953 Zum 60. Jahrestag des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 in der DDR entstand der Dokumentarfilm »Wir wollen freie Menschen sein! Volksaufstand 1953« von Freya Klier, der am 14. Mai 2013 in Leipzig seine Uraufführung hatte. Der Film wurde von Provobis GmbH für den Fernsehsender RTL produziert und von der Bundesstiftung Aufarbeitung mit Fördermitteln unterstützt. In Leipzig gingen in den Tagen um den 17. Juni 1953 mehr als 40.000 Menschen auf die Straße. Der Film zeigt die Dynamik des Volksaufstandes in der sächsischen Großstadt und dessen Niederschlagung durch sowjetische Panzer. Im Mittelpunkt steht das Schicksal des 15-jährigen Paul Ochsenbauer, dem wohl jüngsten Todesopfer des Volksaufstandes. Der Film schildert auch das knappe Überleben eines zehnjährigen Schülers, der am 17. Juni einen schweren Bauchschuss erlitt. (Quelle: www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/pressemitteilungen-2013-4073,509,18.html) Andreas Peglau (Berlin, Germany): » »Der Fall Wilhelm Reich« (Österreich 2012). Regie: Antonin Svoboda. Mit Klaus Maria Brandauer, Birgit Minichmayr, Julia Jentsch, Gary Lewis, David Rasche u. a. Rezension zum Film: Dieser Film ist nicht gut, aber wichtig. Insofern halte ich es für gut, dass es ihn gibt – auch so, wie er ist. Denn er verschafft einem zu Unrecht weitgehend unbekannt Gewordenen wieder mehr – verdiente – öffentliche Aufmerksamkeit und gibt ihm mit Klaus Maria Brandauer zudem ein nachhaltig wirkendes Gesicht. Wilhelm Reich (1897–1957) war eine der herausragenden Gestalten der Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts. In den 1920er Jahren in Wien einer der wichtigsten Mitstreiter Sigmund Freuds geworden, vertiefte er insbesondere die psychoanalytische Gesellschaftstheorie und Therapiemethodik, entwickelte Letztere zur Körperpsychotherapie. Später wandte er sich biologischen, physikalischen, ökologischen und psychiatrischen Forschungen zu, engagierte sich für nicht-autoritäre Erziehung und nahm vorweg, was heute als »natürliche Geburt« bezeichnet wird. Reichs Lebenslauf spiegelt zugleich viele politische Kämpfe des letzten Jahrhunderts wider. 1927 trat er der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ) bei, spätestens 1930 der Kommunistischen Partei (KPÖ). Er bemühte sich schon in Wien um eine »linke« Einheitsfront gegen den aufkommenden Faschismus, gründete die Zeitschrift »Der revolutionäre Sozialdemokrat«, hielt öffentliche Vorträge, ließ sich – erfolglos – als KPÖ-Kandidat für den österreichischen Nationalrat aufstellen. 1930 nach Berlin gezogen, wurde er umgehend KPD-Mitglied, bald einer der besten Dozenten der bekannten Marxistischen Arbeiterschule, engagierte sich gegen den Abtreibungsparagraphen 218, gehörte zum Leitungsgremium einer KPD-nahen sexualreformerischen Massenorganisation und war – nach Freud – der wohl erfolgreichste psychoanalytische Autor im deutschen Sprachraum. Im Herbst 1933 – bereits im skandinavischen Exil – veröffentlichte er mit der Massenpsychologie des Faschismus eine erstaunlich hellsichtige Analyse des Hitler-Regimes, die bis heute unter psychoanalytischen Publikationen Ihresgleichen sucht. Im selben Jahr wurde er von den kommunistischen Organisationen ausgeschlossen, weil er zu eigenständig und zu psychoanalytisch argumentierte. Ein Jahr später verbannte ihn die Internationale Psychoanalytische Vereinigung aus ihren Reihen, weil er zu eigenständig und zu »links« argumentierte – und weil er die geplante Anpassung der Psychoanalytiker an das NS-Regime empfindlich behinderte. 1933 war er einer von nur vier Analytikern, deren Bücher nachweislich verbrannt wurden; gegen ihn und seine Schriften sollten sich alsbald mehr Maßnahmen der braunen Machthaber richten als gegen sämtliche andere seiner Kollegen. Und er war bis 1941 der einzige Psychoanalytiker weltweit, der offen und tiefgründig sowohl gegen den Faschismus wie auch gegen den Stalinismus Stellung bezog. Nach diversen – letztlich scheiternden – Neuanfängen in verschiedenen Exilländern wanderte er 1939 in die USA aus. Zuvor war er aus Deutschland ausgewiesen worden, hatte der Volksgerichtshof ein Verfahren gegen ihn und den späteren Bundeskanzler Willy Brandt wegen Hochverrats eingeleitet; kurz danach wurde er aus Deutschland ausgebürgert. Etwa zeitgleich begann seine Observierung durch US-Geheimdienste, mit Kriegseintritt der USA wurde er als vermeintlich feindlicher und kommunistischer Ausländer inhaftiert. Wieder in Freiheit, setzte er seine Forschungen fort, die nun einen neuen Schwerpunkt hatten: Die Erforschung von ihm »Orgon« genannter Lebensenergie – ein Phänomen, das Parallelen aufweist zu dem, was in China als Chi, in Indien als Prana und in der voreinsteinschen Physik als Äther bezeichnet wurde. Mittels »Orgon« bemühte er sich, Krankheiten bis hin zu Krebs zu heilen, aber ebenso in erstarrte klimatische Verhältnisse »energetisierend« einzugreifen, unter anderem: Regen zu machen. Bei Radium-Experimenten erkannte er, wie gefährlich auch die friedliche Nutzung von Atomenergie ist. Wie viele damalige US-Bürger meinte er, UFOs zu sichten, die er freilich überdies mit seinen Lebensenergiestrahlern zu bekämpfen suchte. Zu dieser Zeit wurden nicht nur seine cholerischen und rigiden Züge immer stärker, auch paranoide Tendenzen traten deutlich hervor – ohne allerdings jemals völlig von ihm Besitz zu ergreifen. Freunden, Kollegen und Angehörigen machte er es zusehends schwerer, im Kontakt mit ihm zu bleiben. Bereits jahrelang bespitzelt und erneut wiederholt öffentlich diffamiert, wurde ihm 1954 wegen angeblicher Scharlatanerie in den USA der Prozess gemacht; 1956 musste er zum zweiten Mal miterleben, dass seine Bücher auf staatliche Anordnung verbrannt wurden. Wegen Missachtung des Gerichts wurde er zu zwei Jahren Haft verurteilt. Am 3.11.1957 starb Reich im Gefängnis, vermutlich an Herzversagen. Was für ein Leben! Und: Was für ein Stoff für einen Film! Aber leider ist davon in Antonin Svobodas »Der Fall Wilhelm Reich« wenig übrig geblieben. Nicht nur ist die Handlung des 110-minütigen Films auf die letzten Lebensjahre Reichs fixiert – eine Begrenzung, die durch weitergehende Rückblenden, beispielsweise eingebaut in das Gerichtsverfahren, leicht zu überwinden gewesen wäre. Das Weglassen unnötiger Längen und Nebenhandlungen hätte dafür zudem ausreichend Platz geboten. Darüber hinaus verdreht und beschneidet der Film die historische Wahrheit mehrfach in einer Weise, die sich nicht mit künstlerischer Freiheit begründen lässt – schon deshalb, weil dadurch kein ästhetischer oder sonstiger Mehrwert entsteht. Beispielsweise hielt es Regisseur und Drehbuchschreiber Svoboda für nötig, Atomtests in der Nähe von Reichs Wohnort in Maine zu erfinden oder eine mit dem Vornamen von Reichs letzter Ehefrau Aurora versehene Judasfigur zu konstruieren – als wäre Reichs reales Leben nicht genug gefüllt mit dramatischen Verstrickungen. Zudem verwendet der Film ein oberflächliches Gut-und-Böse-Schema. Einer von brutalen Psychiatern, zynischen Agenten, verräterischen (Ex-)Kollegen und miesen Kleinbürgern dominierten Welt steht ein fast durchweg warmherziger, verständnisvoller, kluger, feinsinniger, unbeirrbarer (gelegentlich sturer – aber doch für eine gute Sache!) Reich gegenüber. Den gab es mit Sicherheit auch – und Klaus Maria Brandauer verkörpert diese Seite Reichs so überzeugend, dass Reich durch den Film wenigstens ein Teil jener Sympathie und jenes Respekts zufließen dürfte, die er tatsächlich verdient. Aber wer idealisiert wird, auf einen Thron gestellt, der wird in Wirklichkeit kleiner gemacht als er ist: Einer solchen Lichtgestalt, wie sie Brandauer regiegemäß hier gibt, musste ja diese Unbeugsamkeit ein Leichtes sein! Svoboda bezeichnete seinen Film in einem Rundfunk-Interview als Liebeserklärung an Reich. Wenn jemand das Objekt seiner vermeintlichen Liebe jedoch rosarot anmalt, ist es bestenfalls Verliebtheit, Verklärung. Gerade weil Reich ein Mensch war mit Macken und Grenzen – wie wir alle –, gerade weil er nachvollziehbarerweise seelisch ein Stück kaputt ging unter der jahrzehntelangen Verfolgung und Ausgrenzung, ist es umso bewunderungswürdiger, zu welchen außergewöhnlichen Fragestellungen und Leistungen er fähig war und blieb. Klaus Maria Brandauer – der entscheidende Pluspunkt dieses Films – hätte die Vielschichtigkeit des realen Reich gewiss glaubhaft spielen können, man denke nur an seine Darstellung von Klaus Manns »Mephisto«. Aber diese Vielschichtigkeit stand eben nicht im Drehbuch. Und das heißt in meinen Augen: Hier wurde eine große Chance vertan. Wer weiß, wann wieder jemand die Zähigkeit haben wird – Zähigkeit muss man Svoboda, der lange um dieses Projekt gekämpft hat, zweifellos bescheinigen – einen Spielfilm über den unbequemen Außenseiter Reich in Angriff zu nehmen. Mein Vorschlag ist also: Schauen Sie sich diesen Film an – es ist zu hoffen, dass er auch auf DVD erscheint – und machen Sie sich anschließend auf, sich dem realen Reich anzunähern. Dazu stehen neben Reichs Schriften von Bernd A. Laska eine kompetente Kurzbiografie zur Verfügung, von Myron Sharaf oder David Boadella umfangreichere Darstellungen. Oder lesen Sie den ebenso informativen wie berührenden Briefwechsel, den Reich über mehrere Jahrzehnte mit Summerhill-Gründer Alexander Neill führte. Wie auch immer: Machen Sie sich ein eigenes Bild von Wilhelm Reich – es lohnt sich. Section XIDiscussions, Debates, Historical Controversies Discussions, Debates, Historical Controversies will be published in The International Newsletter of Communist Studies Online (2014), no. 27. Section XIIMiscellanea » 13. Wissenschaftspreis der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen 2013 Der Wissenschaftspreis gründet sich auf eine Stiftung des deutsch-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers und Publizisten Günther Reimann. Junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden mit diesem Preis für originelle Überlegungen zu gravierenden gesellschaftlichen Problemen in ihren Forschungsarbeiten ausgezeichnet. In diesem Jahr teilen sich zwei junge WissenschaftlerInnen den ersten Preis. Sophie Dieckmann wurde für ihre Arbeit »Das Wiedererstarken des traditionellen Klansystems im ländlichen China seit der Reform- und Öffnungsperiode 1978« geehrt und Florian Wilde für seine Dissertation »Ernst Meyer (1887–1930) – vergessene Führungsfigur des deutschen Kommunismus. Eine politische Biographie«. Die Arbeit von Florian Wilde ist vollständig auf der Homepage der Universität Hamburg unter http://ediss.sub.uni-hamburg.de/volltexte/2013/6009/pdf/Dissertation.pdf veröffentlicht und erscheint in einer gekürzten Version demnächst im Dietz Verlag, Berlin. Quelle: www.sachsen.rosalux.de/news/39053/verleihung-des-wissenschaftspreises-2013.html Nachruf: » Anton Vladimirovich Antonov-Ovseenko (1920–2013) The Gulag Museum in Moscow has announced the death of one of its founding members, Anton Antonov-Ovseenko, who passed away on 9 July 2013. Born in Moscow as the son of the famous Bolshevik revolutionary Vladimir Antonov-Ovseenko and having graduated in history in 1939, he was arrested in 1940, shortly after the arrest and the killing of his father. After spending about 13 years in camps and prisons, he was rehabilitated in 1956–1957 and had the possibility to publish two books about his father under the pen name of »Anton Rakitin« – at the same time, he was secretly collecting materials for a more thorough study on Stalinism, which was confiscated by the KGB in 1980. However, his major work »The Time of Stalin« was smuggled out of the Soviet Union and was published in New York in 1980. During late Perestroika and after the fall of the Soviet Union, he was finally able to publish freely, and besides publishing several works on the Great Terror and a biography of Lavrentii Beriia, he involved himself in commemoration work for its victims. It was due to his efforts that the Gulag Museum in Moscow (ul. Petrovka, 16) could open in 2001, of which he was the director until 2011. For an obituary in the New York Times by Michael Schwartz, see: www.nytimes.com/2013/07/11/world/europe/anton-antonov-ovseyenko-who-exposed-stalin-terror-dies-at-93.html?_r=0 1* Additional information and links may be consulted through specific and thematical websites, as for example: Calenda (http://calenda.revues.org). French and other social science conference announcements. H-Net Academic Announcements (http://www.h-net.msu.edu/announce/). Academic conferences, calls for papers in the humanities and social sciences. • History Conferences Worldwide from Conference Alerts (http://www.conferencealerts.com). • News and Events List of upcoming events, International Institute of Social History. • WWW Virtual Library Labour History (http://www.iisg.nl/~w3vl/) • H-Soz-u-Kult (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/).

JHK 2014

Erinnerung an die DDR. Zwischen (N)Ostalgie und Totalverdammung

Elke Sieber

Im Jahr 2014 feiert Deutschland 25 Jahre Mauerfall. Wieder ziehen Politiker, Wissenschaftler und Bundesbürger Bilanz über die letzten 25 Jahre Deutsche Einheit. Ihre Prioritäten sind jedoch unterschiedlich verteilt. Während in der DDR-Forschung immer noch Erkenntnisse über Opposition, Herrschaftssystem und die diktatorische Durchdringung der Gesellschaft als vorrangig angesehen werden,1 kämpft die deutsche Öffentlichkeit weiterhin um die Einheit in den Köpfen. Viele Ostdeutsche verlangen die Einbeziehung ihrer eigenen Erfahrungen in die Erinnerungskultur und Wissenschaft und erwarten dabei insbesondere einen differenzierteren Blick auf die DDR und den Alltag ihrer Bürger. Der öffentliche Diskurs um die DDR spaltet die Gesellschaft im Allgemeinen sowie die ostdeutsche Erfahrungsgemeinschaft und westdeutsche Zeithistoriker im Besonderen. Viele ehemalige DDR-Bürger wollen ihre Biografie nicht auf diese Weise entwertet sehen und betonen häufig, keinerlei Repressionen erfahren, sich in der Diktatur eingerichtet und ein ganz normales Leben geführt zu haben.2 Gemeinsam mit anderen Faktoren bereitet diese Situation seit 25 Jahren den Boden für (N)Ostalgie. Dieses Phänomen soll hier genauer untersucht werden: Was versteht man unter (N)Ostalgie und wie ist sie entstanden? Warum ist sie auch 25 Jahre nach dem Mauerfall noch zu finden? Gibt es Hinweise auf eine Trendwende? Schadet diese (N)Ostalgie der deutschen Einheit? Und wie soll die Geschichtswissenschaft mit der besonderen Erinnerung vieler Zeitzeugen umgehen? Der folgende Beitrag hat das Ziel, die (N)Ostalgie vieler Ostdeutscher3 von der Ostalgie abzugrenzen und deren verklärende Aspekte zu identifizieren. Danach werden Gründe für diese idealisierenden Rückblicke untersucht, die einerseits die Situations- und andererseits die Sozialisationshypothese stützen. Beide Ansätze liefern jedoch keine vollständige Erklärung für die nachträglichen Idealisierungen, sondern erfordern die Suche nach weiteren Faktoren. Zuletzt sollen die Chancen und Probleme des Phänomens sowie eine Möglichkeit der Integration der ostdeutschen Sichtweise in die Zeitgeschichte beleuchtet werden. Der Begriff der DDR-Nostalgie oder (N)Ostalgie Die Wiederbelebung der DDR-Zeit und ihrer Symbole, Alltagsgegenstände und Werte in den Neunzigerjahren – aus ganz unterschiedlichen Bedürfnissen heraus und durch verschiedene Akteure – wird häufig als Ostalgie bezeichnet. Für die einen ist sie eine verurteilenswerte Renaissance von DDR-Symbolik und Verharmlosung eines Unrechtsstaates. Andere verstehen darunter eine berechtigte und für die deutsche Einheit produktive Erinnerung, die ein neues Selbstbewusstsein in Ostdeutschland entstehen lässt; oder auch nur eine gewinnbringende Geschäftsidee.4 Nostalgisch ist die Rückbesinnung auf die DDR, wenn negative Aspekte des Regimes, wie der Repressions- und Überwachungsapparat oder die Mangelwirtschaft, verdrängt werden und ein affektives, idealisiertes Bild der Diktatur geschaffen wird.5 Katja Neller unterscheidet beim Begriff der Ostalgie zwischen einer Makroperspektive, die sich im Kauf von Ostprodukten oder der Organisation von Ostalgieparties zeigt und als gesamtdeutsche Erscheinung auftritt, und einer Einstellungs- oder Mikroperspektive, die sich auf ehemalige DDR-Bürger und ihre Erinnerungen beschränkt. Die positiven Orientierungen der früheren DDR-Bürger gegenüber der DDR nennt sie deshalb DDR-Nostalgie.6 Oft wird betont, dass es sich beim Phänomen der (N)Ostalgie keinesfalls um eine Totalverklärung der DDR handele, die sich, wie empirische Daten belegen, kaum einer zurückwünscht,7 sondern um die Sehnsucht nach einzelnen Teilaspekten der DDR. Außerdem ist festzuhalten, dass diese Form der Nostalgie keine rein deutsche Erscheinung ist, auch in anderen einstigen Ostblockländern finden sich diese Laiendiskurse in Bezug auf die ehemaligen kommunistischen Regime, die als Angelegenheit von Amateuren »ungenau, indirekt, in sich widersprüchlich, ironisch und unernst« sind.8 Auffällig an den ostdeutschen Äußerungen über die DDR ist, dass die eigene Lebenswelt und der Alltag im Mittelpunkt der Erzählungen stehen, der Machtapparat und die Repressionen häufig nur am Rande erwähnt und als schmerzliche, aber effektive Maßnahmen verteidigt werden: »Die Mauer war zwar schmerzlich, aber sie hat unsere heile Welt geschützt.« »Wir hatten zwar die Stasi, aber konnten uns abends auf die Straße trauen.«9 Aspekte der (N)Ostalgie Vergleicht man die Aussagen vieler Ostdeutscher, so werden immer die gleichen Alltags-aspekte positiv erinnert. Häufig wird beispielsweise die Mangelsolidarität der DDR-Bevölkerung zu einem Ausdruck von sozialer Eintracht stilisiert. Ferner werden der Zustand von Ordnung und Sicherheit, Vollbeschäftigung und die umfassenden sozialen Absicherungen sowie das besondere Interesse des Regimes an der Jugend hervorgehoben.10 Insbesondere das Sozialsystem oder die soziale Grundsicherung, die mit einer lebenslangen Grundversorgung und dem Recht auf Arbeit einherging, gilt als eine der positiven Errungenschaften des SED-Regimes. Daneben werden die relativ homogene Einkommensverteilung sowie die Möglichkeit der Aneignung von beruflichen Grundqualifikationen als Erfolge der DDR angeführt. Außerdem erfahren die Gleichberechtigung der Frau, die umfangreichen Kinderbetreuungsangebote und eine kostenfreie und universelle Gesundheitsversorgung große Anerkennung, genauso die preiswerten Wohnungsmieten, Kultur-, Ferien- und Freizeitangebote. Überdies wird die niedrige Kriminalitätsrate hervorgehoben, aber auch die Solidarität innerhalb der Nischengesellschaft.11 Diese Errungenschaften der »Fürsorgediktatur«12 sind nicht zu bestreiten, allerdings hatten auch sie ihre Kehrseiten – beispielsweise in der ständigen Kontrolle und Überwachung des privaten Lebens durch den Staat. Nicht zu vergessen ist allerdings, dass sich Erinnerungen aus den Alltagserfahrungen der Menschen speisen und viele die Ausmaße der Diktatur nicht zu spüren bekamen, sondern im Gegenteil ein weitgehend »normales Leben« in der DDR führten. Viele hatten die »Spielregeln« des Staates verinnerlicht und lebten nicht nur unbehelligt von staatlicher Unterdrückung, sondern hatten sich mit den allgemeinen Lebensbedingungen arrangiert. Die DDR-Vergangenheit wird also ganz unterschiedlich erinnert, es gab ebenso begeisterte Regimebefürworter und Opfer des Unterdrückungsapparates wie eine breite Masse, die in dieser Dichotomie keinem Extrem zuzuordnen ist.13 (N)Ostalgie ist zwar eine Beschönigung der Verhältnisse in der DDR, die jedoch keineswegs unkritisch vorgenommen wird. So bleiben die politischen und wirtschaftlichen Bereiche meistens außen vor, während die sozialen Nahbereiche den Kern der verklärenden Rückschau bilden. Auffällig ist, dass diese Tendenz zur Verklärung auch bei ostdeutschen Jugendlichen der Neunzigerjahre bestand, was zeigt, dass (N)Ostalgie generationenübergreifend tradiert wird. So betonten auch sie »das Soziale« in der DDR, während sie die damit einhergehende staatliche Bevormundung und die Unzulänglichkeiten der Versorgung nicht thematisierten. Darüber hinaus herrschte auch bei ihnen das Stereotyp vor, dass die DDR sich durch eine besondere soziale Gemeinschaft und Solidarität der Bürger untereinander auszeichnete. Dass beide aus den Nöten der Mangelwirtschaft geboren wurden oder teilweise staatlich verordnet waren, wurde dabei vernachlässigt.14 Gründe und Wandel der DDR-Nostalgie Die besondere Wahrnehmung, Bewertung und Erinnerung der DDR durch ihre ehemaligen Staatsbürger lässt sich auf ganz unterschiedliche Gründe zurückführen. Folgt man der Sozialisationshypothese, ist davon auszugehen, dass die Sozialisation in der DDR Einfluss auf die heutige Sichtweise der DDR hat. Hingegen spielen auch viele situative Faktoren eine Rolle. Der zweite Ansatz, die Situationshypothese, betont deshalb die Bedeutung der sozialen und wirtschaftlichen Probleme in den neuen Bundesländern und den Vergleichsdiskurs mit den alten Bundesländern für die Entstehung der DDR-Nostalgie. Beide Ansätze sind dabei nicht als umfassend anzusehen, sie ergänzen sich vielmehr gegenseitig. Neller geht anhand der Resultate empirischer Studien sogar davon aus, dass sie um weitere Erklärungsfaktoren ergänzt werden müssen, wie etwa die Entstehung einer ostdeutschen Identität und eines damit verbundenen neuen Selbstbewusstseins.15 Die Sozialisationshypothese basiert auf der Annahme, dass eine ideologische Erziehung im Sinne sozialistischer Werte und Lebensweisen wesentlich vollständiger geglückt ist als angenommen. Seit 1990 bestätigen empirische Studien, dass spezifisch ostdeutsche Einstellungen, Werte und Verhaltensweisen weiter bestehen, ohne dass sie mit den neuen gesellschaftlichen Verhältnissen übereinstimmen. So rechnete sich über die Hälfte der Ostdeutschen bis 2002 immer noch der Unter- und Arbeiterschicht zu, während sich die Westdeutschen verstärkt in der Mittelschicht lokalisierten. Tatsächlich unterschieden sich die realen Schichtungen in Ost und West jedoch nicht in dieser Weise. Daran wird deutlich, wie stark die tradierten Wertvorstellungen in der Bevölkerung präsent waren: Die Menschen ordneten sich mehrheitlich den Schichten zu, die in ihren Gesellschaftsstrukturen als maßgebend galten.16 Dies ist jedoch nicht das Resultat einer erfolgreichen sozialistischen Erziehung durch den SED-Staat, sondern vielmehr eine DDR-spezifische Sozialisation, die sich teils im Konsens mit dem von der SED propagierten Sozialismus, teils in Abgrenzung dazu entwickelte und auch demokratisches Wissen beinhaltete. Es handelte sich dabei also weder um die politische Bildung noch um Indoktrination »von oben«, sondern um den Einfluss des Lebensumfeldes, das latent sozialisierend wirkte17 und nach dem Mauerfall in Form einer »Erfahrungsgesellschaft DDR«, die »erst jetzt als solche überhaupt formulierbar« wurde,18 fortbestand. Diese Wertorientierungen und Mentalitäten wurden im Transformationsprozess ganz plötzlich mit neuen Institutionen konfrontiert, welchen die Ostdeutschen durch mangelnde Angepasstheit an die westdeutschen Einstellungen und Verhaltensweisen nicht gerecht werden konnten.19 Es kam zu einem regelrechten Kulturschock, der zusätzlich die Kommunikation und das Zusammenleben der beiden deutschen Gesellschaften erschwerte.20 Denn als Folge wurden alle bisherigen Fähigkeiten und das angeeignete Wissen entwertet, die Grundlage für das eigene Selbstbewusstsein waren. Die ostdeutsche Bevölkerung musste demzufolge einen enormen Verlust verarbeiten, während sie gezwungenermaßen wieder zu einem Volk der Lernenden wurde.21 Dennoch orientierten sich die Ostdeutschen rasch in der für die Leistungsgesellschaft und Marktwirtschaft passenden Wertestruktur. Die in Studien ermittelten gesellschaftsbezogenen Werte belegten jedoch eine größere ostdeutsche Distanz und kritischere Reflexion gegenüber bundesrepublikanischen Gegebenheiten. So fiel schon 1997 die Beurteilung des gesamtdeutschen Wirtschaftssystems und der Demokratie ernüchternd aus. Nur noch 22 Prozent der Ostdeutschen bewerteten die Marktwirtschaft positiv. 1990 waren es noch 77 Prozent gewesen. Im Hinblick auf die Demokratie vermissten viele Ostdeutsche direktdemokratische Einflussmöglichkeiten der Bürger, aber auch soziale Rechte nahmen in ihrem Demokratieverständnis einen höheren Stellenwert ein.22 Die rückläufigen Zufriedenheitswerte zur bundesdeutschen Demokratie sind jedoch nicht mit deren Ablehnung gleichzusetzen, sondern gerade durch eine demokratische Einstellung »skeptische[r] Demokraten« bedingt.23 Überdies kam es durch den Transformationsprozess zum Verlust des wichtigsten Elements der Sozialintegration der DDR: Der soziale Raum der Arbeit war plötzlich nicht mehr Dreh- und Angelpunkt des ganzen Lebens.24 Aber auch die unklare Zukunft im Gegensatz zu den relativ standardisierten Lebensverläufen in der DDR sorgte besonders bei Jugendlichen für Verunsicherung.25 DDR-Nostalgie bot in diesem rasanten Kulturwandel eine Möglichkeit, erlerntes Wissen und Werte wieder aufzuwerten, sich in der Gegenwart neu zu verorten und gleichzeitig soziale Anerkennung durch die Erinnerungsgemeinschaft zu erfahren. Die von vielen heraufbeschworene Gefahr für das vereinte Deutschland kann der (N)Ostalgie nicht attestiert werden, da Umfragen zeigen, dass politischer Einfluss kaum nachzuweisen ist. So ist die Identifikation mit der DDR 2008 weniger bedeutend für das Vertrauen in die Demokratie als die Beurteilung der wirtschaftlichen Lage. Dass Deutschland in eine Existenzkrise stürzen könnte, ließ sich ebenfalls nicht bestätigen. Es zeigte sich vielmehr, dass sich auch (N)Ostalgiker stark mit Gesamtdeutschland identifizieren. Da besonders bei älteren Ostdeutschen DDR-Nostalgie zu entdecken ist, erwartet Paul Kubicek sogar, dass die Verklärung mit den Jahren wie auch die Erinnerung an die DDR nachlassen werden.26 Jedoch unterschätzt er hier die Auswirkungen der indirekten, generationsübergreifenden Sozialisation durch das soziale Umfeld und die Medien.27 Trotz allem fühlten sich auch 2012 70 Prozent der Ostdeutschen ziemlich stark oder stark mit ihrem »Sozialisationsgebiet« Ostdeutschland verbunden, die Verbundenheit mit der Bundesrepublik lag demgegenüber bei 58 Prozent und verweist darauf, dass eine Integration und Identifikation der Ostdeutschen zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig erreicht ist. Aber die Aufsplittung nach Altersstufen lässt einen Wandel erkennen, denn die unter 25-Jährigen fühlten sich 2012 bereits zu 70 Prozent ziemlich stark oder stark mit der Bundesrepublik verbunden.28 Weiterhin belegt der Sozialreport 2012, dass sich die Lebensbedingungen in Ost und West noch immer nicht angeglichen haben, aber über die Hälfte der Ostdeutschen zufrieden mit ihrer Lebenslage ist. Darin zeigt sich, dass sich die Idealvorstellung von 1989/90 mittlerweile modifiziert hat. Überdies wird vermutet, dass staatliche Krisenbewältigungsmaßnahmen seit 2009 zu einer positiven Bewertung der Lebensverhältnisse beitrugen. Dazu gehörten die Schaffung von Arbeitsplätzen, wenn auch teilweise in atypischen Beschäftigungsverhältnissen, sowie Maßnahmen in der Sozial- und Rentenpolitik (Rentenerhöhung).29 Die immer noch unterschiedlichen Lebensbedingungen in Ost und West sind von großer Bedeutung für die Vertreter der Situations- bzw. Erfahrungshypothese. Denn sie gehen davon aus, dass die verklärende Rückschau auf die DDR aus der strukturellen Ungleichheit der Bedingungen beider Teilgesellschaften und einigen weiteren situativen Faktoren resultiert. Sie nehmen an, dass das bestehende System vorrangig an der Wahrnehmung der eigenen, alltäglichen Erfahrungen, wie an der Lebenssituation, der wirtschaftlichen Stellung oder den politischen Erfolgen, gemessen wird. Überwiegen im Transformationsprozess negative Erfahrungen, erfolgt häufig eine Rückbesinnung auf die ehemalige Ordnung.30 Die (N)Ostalgie entwickelte sich deshalb nicht sofort. Beschäftigt mit der Bewältigung des neuen Alltags, blieb zunächst kein Raum für die Besinnung auf die Vergangenheit.31 Doch schon nach kurzer Zeit machte Lothar Fritze eine »Stoßseufzer-Nostalgie« aus,32 die sich aus der Frustration über die unerfüllt gebliebenen Erwartungen der Ostdeutschen speiste und Vergleiche mit der überschaubaren Welt in der DDR anstellte. Der Stoßseufzer signalisiert jedoch, dass man sich bewusst darüber war, dass die Vergangenheit nicht zurückkehren würde und auch nicht sollte.33 Dennoch markiert dies den Beginn der Ernüchterung über die neue Realität. Arbeitslosigkeit, ökonomische Probleme und der Abbau von Sozialleistungen verstärkten die sozialen Unsicherheiten noch.34 Die Verluste wurden bald gegen die Gewinne durch die Wiedervereinigung aufgerechnet. Zwar konnten die Ostdeutschen häufig eine Verbesserung ihrer Lebenssituation gegenüber dem Leben in der DDR feststellen, dennoch fühlte sich nur eine Minderheit als Gewinner der Einheit.35 Ebenso empfanden die ehemaligen DDR-Bürger ihre Erfahrungen und Problemsichten in der gesamtdeutschen Öffentlichkeit als zu wenig beachtet. Allgemein entstand durch diese Wahrnehmung von Unterlegenheit das Gefühl, im vereinigten Deutschland nur Bürger zweiter Klasse zu sein.36 Im Wesentlichen bestimmten Intellektuelle, Journalisten und Politiker der alten Bundesrepublik einerseits und Oppositions- und Opfergruppen der SED-Herrschaft andererseits die öffentliche Diskussion und das kollektive Gedächtnis. Diese hoben besonders zwei Merkmale der DDR hervor: den verbrecherisch-diktatorischen Unrechtscharakter und das marode Wirtschaftssystem mit verschwenderischen Subventionen und Konsumgütermangel. Auch die Tatsache, dass viele DDR-Bürger sich in der Diktatur einrichteten, fand Aufmerksamkeit und führte zur Verurteilung des Lebens im falschen System, während die alltäglichen Erfahrungen und kleinen Verweigerungen unerwähnt blieben. Auch diese »Diskurs-Lücken«37 verursachten einen Diskurs »von unten«, der sich in einer verklärenden Rückbesinnung auf ostdeutsche Werte, Traditionen und Alltagserfahrungen manifestierte.38 Viele Ostdeutsche haben zudem Schwierigkeiten mit den öffentlichen Diskursschwerpunkten, die die DDR als Unrechtsstaat oder sogar totalitäres System (dis-)qualifizieren, da es für DDR-Bürger schier unmöglich ist, die eigene Lebensgeschichte klar vom System zu trennen. Autonome Subsysteme gab es in der Diktatur nicht. Das Ausmaß der Überwachung und Kontrolle durch den Staatsapparat wurde vielen Ostdeutschen jedoch erst nach dem Zusammenbruch des Regimes bewusst, da die Methoden der Staatssicherheit subtiler geworden waren. So wirkte es auf viele zunächst befremdlich, »ihre« DDR mit Begriffen wie totalitär, willkürlich oder verbrecherisch in Verbindung zu bringen.39 Darüber hinaus wurden frühere Lebensformen plötzlich unbrauchbar, und ehemalige soziale Netzwerke brachen zusammen, wie zum Beispiel die nun nutzlos gewordene Mangelsolidarität. Mit den neuen Institutionen und anerkannten Lebensformen noch nicht vertraut, empfanden sich viele als »Fremde im eigenen Land«40 und zur Assimilierung gezwungen.41 Denn sie verbanden keine Erinnerungen oder Assoziationen mit den neuen Vorschriften und Institutionen, die durch Erlebnisinhalte von Generationen in einer anderen Welt entstanden waren. Ein Zugehörigkeitsgefühl konnten die neuen Bundesbürger somit nicht unvermittelt ausbilden.42 Überdies sahen sich viele in ihrer Heimat von Westdeutschen »unterwandert«. So entstand der Vorwurf der Kolonisierung des Ostens durch die Westdeutschen und einer gelebten Siegermentalität des Westens. Man fand sich letztlich erneut in einer Abhängigkeits- und Bevormundungssituation wieder.43 Insbesondere eine Beurteilung des eigenen Lebens durch Westdeutsche wurde als anmaßend empfunden, hatten doch nur ehemalige DDR-Bürger die Doppelerfahrung aus zwei Gesellschafts- und Wirtschaftsordnungen.44 Diese Gesamtsituation wurde von vielen Ostdeutschen als Diskriminierung empfunden und führte zur Solidarisierung mit der Eigengruppe wie zur Abgrenzung von der Fremdgruppe, die in der Ausbildung einer spezifischen ostdeutschen Identität gipfelte.45 Mehrfach wird hierbei von einer Trotzidentität gesprochen, die sich aus den Enttäuschungen über die Situation im wiedervereinigten Deutschland formierte. Statt einer rein negativen Identitätsbildung erfolgte aber eine trotzige Rückbesinnung auf die positiven Eigenschaften des ostdeutschen Erbes.46 Die Einbindung des Konzepts der Trotzidentität in die Situationshypothese kann dennoch nur als erster Ansatz gewertet werden, die Bedeutung der Identitätsbildung für die Erinnerung zu würdigen. Denn weder die Situations- noch die Sozialisationshypothese kann die Entstehung von nostalgischen Erinnerungen und eines Selbstbewusstseins der Ostdeutschen vollständig klären. Auch eine Kombination beider Ansätze wird dem Phänomen nicht ganz und gar gerecht. Gerade sozialpsychologische Faktoren, wie etwa die Ansätze zur Gruppen- oder nationalen Identität, spielen eine weitere wichtige Rolle, die über eine reine Trotzreaktion weit hinausgeht.47 Mit dem Mauerfall erfolgte in allen sozialen Schichten eine Identitätskrise und Entwertung aller bisher vorgenommenen Anpassungsleistungen, Abwehrmechanismen und Bemühungen, in der DDR leben und überleben zu können.48 Um ein individuelles Grundbedürfnis nach Selbstvergewisserung und sozialer Bindung zu erfüllen und um sich zugleich innerhalb einer Gesellschaft zu orientieren, streben Menschen schnell eine Identitätsbildung an, die von den sozialen Gruppen beeinflusst wird, denen sie angehören. Die »Theorie der sozialen Identität« betont, dass neben der Binnendefinition der Gruppe auch eine Abgrenzung nach außen über Stereotypisierung der Eigen- und Fremdgruppe erfolgt.49 So reagierten die neuen Bundesbürger auf das Klischee der kulturell minderbemittelten Ostdeutschen mit dem Stereotyp der berechnenden Westdeutschen, die Menschen auf ihr wirtschaftliches Potenzial reduzierten.50 In Anbetracht dessen ist es für Menschen von großer Bedeutung, dass sie sich mit der richtunggebenden politischen Gemeinschaft und der Gruppe, die diese nach subjektiver Einschätzung repräsentiert, identifizieren können, um ihr loyal gegenüberzustehen. Jedoch galten die Westdeutschen als traditionelle Vertreter des neuen Systems. Bestärkt dadurch, dass sich die Ostdeutschen von dieser Gruppe abgelehnt fühlten, erfolgte eine deutliche Abgrenzung.51 Da aus gruppenpsychologischer Sicht dafür eine positive Binnendefinition nötig war, entwickelte sich das kommunikative Gedächtnis in der eigenen Erfahrungsgemeinschaft in Richtung DDR-Nostalgie. Außerdem mussten die Ostdeutschen erkennen, dass es für das Selbstbild von Bedeutung ist, eine für sich akzeptable Eigengeschichte zu konstruieren, auf der die eigene Identität gründen kann. Auch deshalb verlangte die Identitätsbildung eine Retrospektive auf DDR-Traditionen und ihre Kultur, die immer differenzierter, aber auch positiver wahrgenommen wurde.52 Denn der Nachwende-Diskurs über den DDR-Unrechtsstaat und seine opportunistischen, schuldbeladenen Bürger bot kaum Anknüpfungspunkte für Selbstnarrationen, die eine identitätsstiftende biografische Kontinuität ermöglichten. Die früheren Selbstnarrationen verloren dadurch ihre kommunikative Funktion, die es dem Subjekt eigentlich ermöglichen soll, sein Bedürfnis nach sozialer Anerkennung zu befriedigen.53 Die positiv kommunizierten Alltagserinnerungen in der Erinnerungsgemeinschaft boten hier jedoch Abhilfe. Trotzdem fand auch eine Art Trauer- oder Trennungsarbeit statt, die ehemalige DDR-Bürger dazu zwang, die eigene Beteiligung an Wegen und Fehlern in der Vergangenheit zu reflektieren und emotional zu verarbeiten.54 Hierbei wurde ihr Selbstbild erneut bedroht und Bewältigungsstrategien wurden mobilisiert, die von der Verdrängung der Vergangenheit bis hin zu ihrer Glorifizierung reichten. Oft setzte sich aber die Selbstbehauptungsstrategie durch, die ein ostdeutsches Selbstbewusstsein hervorbrachte, indem die ehemaligen DDR-Bürger nur auf selektive Teile der DDR-Realität rekurrierten, die dann nachträglich aufgewertet erinnert wurden. Im Gegensatz zu Rechtfertigungsstrategien war diese Reaktion jedoch entpolitisiert und kritischer, da nicht alle Aspekte der Vergangenheit positiv erinnert wurden.55 Fazit Einige Wissenschaftler mahnen, die (N)Ostalgie nicht als Bedrohung für das vereinte Deutschland anzusehen, da die positive Rückbesinnung nicht gleichzusetzen sei mit dem Wunsch der Wiederherstellung der DDR. (N)Ostalgie sollte vielmehr als Reaktion der Ostdeutschen auf den nun praktisch erfahrenen Systemvergleich sowie die dadurch erlebten Enttäuschungen im Hinblick auf das kapitalistische System sowie auf die Erwartungen an die Demokratie verstanden werden. Ferner könnten sich eine solch selbstbewusste Identitätsbildung sowie die Auseinandersetzung mit der Alltagserinnerung geradezu förderlich auf eine selbstbewusste und zur Normalität findende Nation auswirken.56 Gerade der Bereich des Alltags barg viele Identifikationsmöglichkeiten für ein Selbstbild fern von Repression und staatlicher Herrschaft. Er bot Einflussmöglichkeiten und Chancen, eigensinnig zu handeln. Hier finden sich Grenzen der Diktatur, die der Einzelne zu nutzen wusste, um eigene Interessen und Bedürfnisse zu befriedigen. Diese sollten deshalb heute auch erinnert und geschichtswissenschaftlich aufgegriffen werden. Dennoch war auch der Alltag kein herrschaftsfreier Raum, sondern bis in kleinste Einheiten staatlich durchdrungen. Dies zeigt der Blick auf einzelne Bereiche wie Arbeit, Freizeit, Wohnen oder soziale Einrichtungen. Eine Alltagsgeschichte der DDR verspräche so neben ihrer Anerkennung politischer Gegebenheiten auch wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn.57 Mary Fulbrook warnt jedoch davor, das Alltagsleben allein im Schatten der negativen Aspekte des antidemokratischen Systems zu betrachten. Sie sieht die westliche Perspektive von einem »Kontaminationseffekt« beeinflusst, der es verhindere, positive Seiten des DDR-Sozialismus zu würdigen, sondern im Gegenteil sofort zu einem »Ja, aber« anheben lasse.58 Die Zeitgeschichte sollte deshalb die derzeitige Täter-Opfer-Erinnerungskultur,59 die für viele Ostdeutsche keine Anknüpfungspunkte bietet, kritisch hinterfragen und versuchen, Spannungen zwischen der historischen Deutung und den unmittelbaren Erinnerungen der Zeitzeugen abzumildern, indem sie die Struktur- mit der Erfahrungsgeschichte verknüpft. Nur so gelingt es, die Kerne der Diktatur herauszuheben, ihrer Verharmlosung entgegenzuwirken und gleichzeitig bei den Ostdeutschen einen Wiedererkennungseffekt zu erzielen, indem die Nahbereiche des eigenen Lebens in der Historiografie berücksichtigt werden.60 Der Wissenschaftsdiskurs soll hier lediglich das Leben der Menschen aus der ehemaligen DDR würdigen, nicht aber die Vergangenheit relativieren. Das Ziel sei »gegenseitiges Zuhören – auch wechselseitige Kritik auf Augenhöhe – [...] nicht tatsächliche oder eingebildete einseitige Zurücksetzung«.61 Ein Wandel in der Geschichtswissenschaft ist hier durchaus bereits zu erkennen.62 Zudem läuft die Bundesrepublik durch die Verweigerung der positiven Erinnerung an das individuelle Leben in der DDR Gefahr, den Ostdeutschen ein Geschichtsbild aufzuzwingen, das als Sieg der anderen über das eigene Modell wahrgenommen wird und somit eine gemeinsame Staatsbürger-Kultur im vereinten Deutschland stark belastet.63 Das Abtun der Erinnerungen der Ostdeutschen als Ostalgie könnte sie sogar zu einer »Solidar- und Opfergemeinschaft [machen], [...] [die sich] noch stärker von ihren westdeutschen Landsleuten entfernen würde, als es ohnehin geschieht«.64 Somit ist es auch 25 Jahre nach dem Mauerfall noch ein langer Weg bis zum vollständigen Zusammenwachsen der beiden Teilgesellschaften. Die (N)Ostalgie ist dabei jedoch nur eine Reaktion der ehemaligen DDR-Bürger auf den noch andauernden Transformationsprozess, die heilsam auf die Verlusterfahrungen, Probleme mit neuen Gegebenheiten und das Selbstwertgefühl wirkt. Damit hat die positive Rückbesinnung auf die DDR durchaus ihre Daseinsberechtigung, insbesondere da ihr keine Gefahr für das wiedervereinigte Deutschland nachgewiesen werden kann. 1 Siehe Mary Fulbrook: Ein ganz normales Leben. Alltag und Gesellschaft in der DDR, Darmstadt 2008, S. 16 f. 2 Siehe ebd., S. 16–18. 3 Diese Formulierung soll keine Verallgemeinerung darstellen. Der Begriff »Ostdeutsche« gilt im Folgenden nur zur Vereinfachung für jene, die die DDR nostalgisch erinnern. 4 Siehe Thomas Ahbe: Ostalgie. Zum Umgang mit der DDR-Vergangenheit in den 1990er Jahren, Erfurt 2005, S. 7. 5 Siehe Katja Neller: DDR-Nostalgie. Dimensionen der Orientierungen der Ostdeutschen gegenüber der ehemaligen DDR, ihre Ursachen und politischen Konnotationen, Diss. Wiesbaden 2006, S. 83. 6 Siehe ebd., S. 43 u. S. 51. 7 Siehe Volkssolidarität Bundesverband e. V. (Hg.): Sozialreport 2010. Daten und Fakten zur sozialen Lage 20 Jahre nach der Vereinigung, Berlin 2010, S. 28. 8 Neller: DDR-Nostalgie (Anm. 5), S. 24 f.; Ahbe: Ostalgie (Anm. 4), S. 44. 9 Siehe Annette Leo: Nicht vereinigt. Studien zum Geschichtsbewusstsein Ost- und Westdeutscher, in: Heidi Behrens/Andreas Wagner (Hg.): Deutsche Teilung. Repression und Alltagsleben. Erinnerungsorte der DDR-Geschichte. Konzepte und Angebote zum historisch-politischen Lernen, Leipzig 2004, S. 58–68, hier S. 60. 10 Siehe Erhard Crome/Bernhard Muszynski: Politikbedingungen und politische Bildung in Ostdeutschland, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (im Folgenden: APuZ) 50 (2000), H. 25, S. 21–29, hier S. 24. 11 Siehe Monika Deutz-Schroeder/Klaus Schroeder: »In der DDR war jeder Mensch eine Persönlichkeit: Mit 19 schon Tizian-Maler [...]«. Zum DDR-Bild der ostdeutschen Bevölkerung, in: Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat (im Folgenden: ZdF) (2008), H. 24, S. 96–109, hier S. 103. 12 Konrad H. Jarausch: Realer Sozialismus als Fürsorgediktatur. Zur begrifflichen Einordnung der DDR, in: APuZ 48 (1998), H. 20, S. 33–46. 13 Siehe Fulbrook: Ein ganz normales Leben (Anm. 1), S. 18–20. 14 Siehe Thomas Rausch: Zwischen Freiheitssuche und DDR-Nostalgie. Lebensentwürfe und Gesellschaftsbilder ostdeutscher Jugendlicher, in: APuZ 49 (1999), H. 45, S. 32–38, hier S. 38. 15 Siehe Neller: DDR-Nostalgie (Anm. 5), S. 64 u. S. 70. 16 Siehe Thomas Ahbe: Die DDR im Alltagsbewusstsein ihrer ehemaligen Bevölkerung. Die Ostdeutschen als Produkt der DDR und als Produzenten von DDR-Erinnerungen, in: Jens Hüttmann/Ulrich Mählert/Peer Pasternack (Hg.): DDR-Geschichte vermitteln. Ansätze und Erfahrungen in Unterricht, Hochschullehre und politischer Bildung, Berlin 2004, S. 113–138, hier S. 113–117; Volkssolidarität Bundesverband e. V. (Hg.): Sozialreport 2002. Daten und Fakten zur sozialen Lage in den neuen Bundesländern, Berlin 2002, S. 48. 17 Siehe Bettina Westle: Kollektive Identifikation und Orientierungen gegenüber Demokratie und Sozialismus, in: Rüdiger Schmitt-Beck/Martina Wasmer/Achim Koch (Hg.): Sozialer und politischer Wandel in Deutschland. Analysen mit ALLBUS-Daten aus zwei Jahrzehnten, Wiesbaden 2004, S. 261–301, hier S. 265–269. 18 Andreas Ludwig: Alltag, Geschichte und Erinnerung. Bemerkungen zur Konzeption eines Museums der Alltagskultur der DDR, in: Gerd Kuhn/Andreas Ludwig (Hg.): Alltag und soziales Gedächtnis. Die DDR-Objektkultur und Musealisierung, Hamburg 1997, S. 61–86, hier S. 61. 19 Siehe Detlef Pollack: Wirtschaftlicher, sozialer und mentaler Wandel in Ostdeutschland. Eine Bilanz nach zehn Jahren, in: APuZ 50 (2000), H. 40, S. 13–21, hier S. 16. 20 Siehe Ahbe: Ostalgie (Anm. 4), S. 31; Wolf Wagner: Kulturschock Deutschland. Der zweite Blick, Hamburg 1999, S. 139–144. 21 Siehe Ahbe: Ostalgie (Anm. 4), S. 34. 22 Siehe ders.: Die DDR (Anm. 16), S. 120–124. 23 Pollack: Wandel (Anm. 19), S. 16 f. 24 Siehe ebd., S. 28; Elmar Brähler/Horst-Eberhard Richter: Deutsche – zehn Jahre nach der Wende. Ergebnisse einer vergleichenden Ost-West-Untersuchung, in: APuZ 49 (1999), H. 45, S. 24–31, hier S. 25. 25 Siehe Robert Hettlage/Karl Lenz: Deutschland nach der Wende. Eine Zwischenbilanz, München 1995, S. 194 f. 26 Siehe Paul Kubicek: The Diminishing Relevance of Ostalgie 20 Years after Reunification, in: Katharina Gerstenberger/Jana Evans Braziel (Hg.): After the Berlin Wall: Germany and beyond, New York 2011, S. 85–103, hier S. 97–99. 27 Siehe Neller: DDR-Nostalgie (Anm. 5), S. 66–68. 28 Siehe Volkssolidarität Bundesverband e. V. (Hg.): Sozialreport 2012. Daten und Fakten zur sozialen Lage in den neuen Bundesländern, Berlin 2012, S. 110 f. 29 Siehe ebd., S. 9 f., S. 34 u. S. 46–50. 30 Siehe Neller: DDR-Nostalgie (Anm. 5), S. 68 f. 31 Siehe Frank-Michael Kirsch: Ostalgie oder die Metamorphosen eines Prügelknaben, in: Jan T. Schlosser/Erich Unglaub (Hg.): Europäische Lichtblicke. Festschrift für Ernst-Ullrich Pinkert, Frankfurt a. M. u. a. 2010, S. 193–220, hier S. 194. 32 Lothar Fritze: Die Gegenwart des Vergangenen. Über das Weiterleben der DDR nach ihrem Ende, Köln/Weimar/Wien 1997, S. 105. 33 Siehe ebd., S. 94 f. 34 Siehe Florian Schramm: Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland: Wie betroffen sind die Nichtbetroffenen?, in: Maria Hildegard Nickel/Jürgen Kühl (Hg.): Erwerbsarbeit und Beschäftigung im Umbruch, Berlin 1994, S. 55–74, hier S. 59–63. 35 Siehe Brähler/Richter: Deutsche (Anm. 24), S. 26–28. 36 Siehe Ahbe: Ostalgie (Anm. 4), S. 37–39. 37 Ders.: Die diskursive Konstruktion Ostdeutschlands und der Ostdeutschen seit dem Beitritt der DDR. Medienbilder, Ostalgie und Geschichtspolitik, in: Ute Dettmar/Mareille Oetken (Hg.): Grenzenlos. Mauerfall und Wende in (Kinder- und Jugend-)Literatur und Medien, Heidelberg 2010, S. 97–123, hier S. 101. 38 Siehe Carola S. Rudnick: Die andere Hälfte der Erinnerung. Die DDR in der deutschen Geschichtspolitik nach 1989, Bielefeld 2011, S. 56 f. 39 Siehe Bernd Faulenbach: Zum Wandel des Umgangs mit der SBZ- und DDR-Geschichte, in: Deutsche Teilung. Repression und Alltagsleben. Erinnerungsorte der DDR-Geschichte. Konzepte und Angebote zum historischen Lernen, Leipzig 2004, S. 31–43, hier S. 40. 40 Cortina Gaumann: Ost-Identität: Mehr als Trotznostalgie?, in: Heiner Timmermann (Hg.): Die DDR in Deutschland. Ein Rückblick auf 50 Jahre (= Dokumente und Schriften der evangelischen Akademie Otzenhausen e. V., Bd. 93), Berlin 2001, S. 763–779, hier S. 770. 41 Siehe Rudolf Woderich: Ost-Identität – Residuum der Vereinigung oder Phänomen der »langen Dauer«?, in: UTOPIE kreativ 9 (1999), H. 105, S. 51–60, hier S. 52–54. 42 Siehe Dietrich Mühlberg: Vom langsamen Wandel der Erinnerung an die DDR, in: Konrad H. Jarausch/Martin Sabrow (Hg.): Verletztes Gedächtnis. Erinnerungskultur und Zeitgeschichte im Konflikt, Frankfurt a. M. 2002, S. 217–251, hier S. 226. 43 Siehe Thomas Lindenberger: Die Diktatur der Grenzen. Zur Einleitung, in: Thomas Lindenberger (Hg.): Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur. Studien zur Gesellschaftsgeschichte der DDR (= Zeithistorische Studien, Bd. 12), Köln/Weimar/Wien 1999, S. 13–44, hier S. 13 f.; Lesli Bodi: Woran erinnert sich wer und warum? Literatur, Gedächtnis und DDR-Vergangenheit, in: ZdF (2000), H. 9, S. 3–13, hier S. 4. 44 Siehe Gaumann: Ost-Identität (Anm. 40), S. 774. 45 Siehe Woderich: Ost-Identität (Anm. 41), S. 56. 46 Siehe Anna Saunders: »Normalizing« the Past: East German Culture and Ostalgie, in: Stuart Taberner/Paul Cooke (Hg.): German Culture, Politics, and Literature into the Twenty-First Century. Beyond Normalization, Rochester 2006, S. 89–103, hier S. 90. 47 Siehe Neller: DDR-Nostalgie (Anm. 5), S. 69 f. u. S. 76–80. 48 Siehe Hans-Joachim Maaz: Die psychologischen Folgen der »Wende« in der DDR, in: Psychosozial 14 (1991), H. 45/I, S. 58–63, hier S. 62. 49 Siehe Neller: DDR-Nostalgie (Anm. 5), S. 76 f.; Henri Tajfel/John C. Turner: The Social Identity Theory of Intergroup Behavior, in: Stephen Worchel/William G. Austin (Hg.): Psychology of Intergroup Relations, Chicago 1986, S. 7–24, hier S. 15–19. 50 Siehe Michael Simon: »Stolpersteine« der DDR-Vergangenheit, in: Andreas Hartmann/Silke Meyer/Ruth-E. Mohrmann (Hg.): Historizität. Zum Umgang mit Geschichte. Hochschultagung »Historizität als Aufgabe und Perspektive« der deutschen Gesellschaft für Volkskunde vom 21.–23. September 2006 in Münster (= Europäische Ethnologie, Bd. 13), Münster u. a. 2007, S. 131–137, hier S. 133. 51 Siehe Neller: DDR-Nostalgie (Anm. 5), S. 77 f.; Kirsch: Ostalgie (Anm. 31), S. 202. 52 Siehe Mühlberg: Wandel (Anm. 42), S. 249. 53 Siehe Thomas Ahbe: Ostalgie und die Lücke in der gesellschaftlichen Produktion von Erinnerungen, in: hochschule ost. Leipziger Beiträge zu Hochschule und Wissenschaft 1 (2001), S. 143–156, hier S. 153. 54 Siehe Harry Schröder: Zur psychologischen Vergangenheitsbewältigung der DDR-Bürger nach der Wende, in: Psychosozial 14 (1991), H. 45/I, S. 23–33, hier S. 26 f. 55 Siehe Gaumann: Ost-Identität (Anm. 40), S. 772 f. 56 Siehe Saunders: »Normalizing« (Anm. 46), S. 101 f. 57 Siehe Konrad H. Jarausch: Zeitgeschichte und Erinnerung. Deutungskonkurrenz oder Interdependenz?, in: Jarausch/Sabrow (Hg.): Verletztes Gedächtnis (Anm. 42), S. 9–37, hier S. 28. 58 Siehe Fulbrook: Ein ganz normales Leben (Anm. 1), S. 130. 59 Siehe Jarausch: Zeitgeschichte (Anm. 57), S. 28. 60 Siehe Hans Günter Hockerts: Zugänge zur Zeitgeschichte: Primärerfahrung, Erinnerungskultur, Geschichtswissenschaft, in: Jarausch/Sabrow (Hg.): Verletztes Gedächtnis (Anm. 42), S. 39–73, hier S. 50. 61 Bodo von Borries: Zwischen »Katastrophenmeldungen« und »Alltagsernüchterungen«? Empirische Studien und pragmatische Überlegungen zur Verarbeitung der DDR-(BRD-)Geschichte, in: Deutschland Archiv 42 (2009), H. 4, S. 665–677. 62 Siehe Jarausch: Zeitgeschichte (Anm. 57), S. 28. 63 Siehe Lindenberger: Die Diktatur (Anm. 43), S. 14. 64 Mitchell D. Ash: Geschichtswissenschaft, Geschichtskultur und der ostdeutsche Historikerstreit, in: Geschichte und Gesellschaft 24 (1998), H. 2, S. 283–304, hier S. 301.

JHK 2014

Die Vergangenheit nationalisieren: Kroatien, Serbien und Bosnien schreiben die gemeinsame Geschichte des sozialistischen Jugoslawien neu

Tea Sindbæk

Als Reaktion auf die Abschaffung des Kommunismus in Jugoslawien im Jahr 1990 erfolgte kurz nach dem Zerfall des jugoslawischen Bundesstaates die Gründung neuer Staaten auf der Grundlage der früheren jugoslawischen Teilrepubliken. Diese Errichtung von formal demokratischen Nationalstaaten stellte neue Anforderungen an die Geschichtswissenschaft: Die auf Klassentheorien gestützten Geschichtsdarstellungen der kommunistischen Ära wurden abgelehnt, neue Nationalgeschichten mussten geschrieben werden. Doch wie sollte in diesen Geschichtsdarstellungen die gemeinsame jugoslawische sozialistische Vergangenheit behandelt werden? Eine heikle Frage, denn bei manchen der Republiken lag die staatliche Unabhängigkeit lange zurück. Umso mehr bildet der Zeitraum, in dem diese Republiken innerhalb Jugoslawiens ein gewisses Maß an Unabhängigkeit besaßen, einen wesentlichen Teil ihrer Geschichte als Staaten. Die neuen Nationalgeschichten sollten nunmehr zur Konsolidierung der neuen Staaten beitragen, indem sie die Einführung ideologisch neu ausgerichteter Regierungsformen sowie die Festlegung neuer nationaler Grenzen legitimierten. Jugoslawiens Auflösungsprozess wurde von jahrelangen Kriegen in verschiedenen Teilen der ehemaligen Föderation begleitet. Die Gründung von Nationalstaaten als Ersatz für die jugoslawische Föderation kam die meisten postjugoslawischen Republiken teuer zu stehen. Die neuen Geschichtsdarstellungen mussten also Erklärungen für die unstete und schwierige jüngste Vergangenheit liefern. In dem vorliegenden Artikel wird untersucht, wie der gemeinsame jugoslawische sozialistische Staat Ende des 20., Anfang des 21. Jahrhunderts in den neuen kroatischen, serbischen und schließlich auch bosnischen Geschichtsdarstellungen beschrieben wurde. Der Artikel beruht auf der Analyse von Schulbüchern zur Zeitgeschichte und geschichtlichen Überblicksdarstellungen, die in Kroatien, Serbien und Bosnien herausgegeben wurden. Es wird die Ansicht vertreten, dass die frühen postjugoslawischen Darstellungen der jugoslawischen Geschichte hinter Beschreibungen interner Konflikte verschwanden, während Phasen friedlicher Koexistenz und relativen Wohlstands heruntergespielt wurden. Sowohl die Geschichtsschreibung als auch der Geschichtsunterricht trugen somit zur Erklärung und Legitimation des Zerfalls der jugoslawischen Föderation und zur Festlegung neuer nationaler Grenzen bei. Die Geschichte Jugoslawiens in der Krise In den letzten Jahren der jugoslawischen Föderation wurde der Grundstein für die Darstellungen der Geschichte des jugoslawischen Kommunismus in den neuen Republiken gelegt. Seit den frühen Achtzigerjahren durchlebte Jugoslawien eine tief greifende politische und wirtschaftliche Krise. Dadurch wurden einige der wesentlichen Quellen, mit denen der jugoslawische Staat seine Legitimität sicherstellte, ausgehöhlt, nämlich die relative wirtschaftliche Freiheit und der Wohlstand der Bürger dieses Landes (consumer socialism).1 Im Verlauf der Achtzigerjahre deckten jugoslawische Historiker, Autoren und Künstler einige der dunklen Seiten der Geschichte des jugoslawischen Kommunismus auf. Sie enthüllten u. a. bis dahin unbekannte Details zur Person des verstorbenen Marschalls Tito, untersuchten eingehend die brutale und undemokratische Machtübernahme durch die Kommunisten im Jahr 1945, berichteten ausführlich über die Gefangenenlager, in denen nach dem Bruch Jugoslawiens mit dem Sowjetblock 1948 mutmaßliche politische Gegner inhaftiert wurden, und sie beschrieben den unmenschlichen und von Willkür geprägten Charakter der politischen Unterdrückung dieser Jahre.2 Diese Enthüllungen hatten Konsequenzen: Sie führten dazu, dass die Legitimität des jugoslawischen Staates und der jugoslawischen Führung noch stärker infrage gestellt und weiter ausgehöhlt wurde. Des Weiteren führten sie zu der Erkenntnis, dass die Geschichte in erheblichem Maße manipuliert worden war und dass man der offiziellen kommunistischen Geschichtsschreibung nicht trauen konnte.3 Diese Erkenntnisse ebneten den Weg für massive Neuinterpretationen der Geschichte, die oftmals von Sensationslust und Nationalismus dominiert wurden. In den späten Achtzigerjahren war Jugoslawien zunehmend von Spannungen zwischen den Teilrepubliken und den nationalen Gruppierungen geprägt, die nicht zuletzt durch die aggressive zentralistische und nationalistische Politik der serbischen Führung unter Slobodan Milošević gefördert wurden. Die zunehmende nationale Polarisierung der jugoslawischen Politik verlief Hand in Hand mit einer nationalen Polarisierung in den Reihen jugoslawischer Historiker aus verschiedenen Republiken, vor allem aus Serbien und Kroatien, sowie mit scharfen und konfrontativen Geschichtsdebatten über die nationalen Grenzen hinaus. Besonders in Serbien konzentrierten sich diese Debatten auf nationale Klagen. Der während des Zweiten Weltkriegs von der faschistischen Ustascha-Bewegung verübte Völkermord an den Serben wurde ein vorherrschendes Thema, das zuweilen von der Behauptung begleitet wurde, diese Verbrechen seien von kroatischen Politikern bewusst verschwiegen worden. In Kroatien wurde die Fokussierung auf die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs zunächst begrüßt, gegen Ende der Achtzigerjahre wurde die Betonung der Opferrolle der Serben und der Schuld der Kroaten jedoch zunehmend als »Auswuchs« einer nationalistischen Politik gesehen.4 Die Wahl nationalistischer Parteien im Jahr 1990 u. a. in Kroatien, Bosnien und Serbien, der Zusammenbruch des Bundesstaates und die dann folgenden Kriege führten dazu, dass sich die Feindschaft zwischen den Nationen weiter verschärfte und die Diskussionen um Schuld und Opferrollen noch stärker in den Mittelpunkt rückten. Die Etablierung neuer Nationalgeschichten Im Gegensatz zur Populärkultur, die durch weitverbreitete nostalgische Gefühle für das kommunistische Regime Jugoslawiens gekennzeichnet war, war man im Bildungs- und Wissenschaftsbereich weniger geneigt, die Geschichte des Titoismus und des jugoslawischen Sozialismus zu erörtern.5 Während es bereits Mitte der Achtzigerjahre zur Auseinandersetzung mit problematischen Fragen zur Geschichte des jugoslawischen Kommunismus kam, fanden in den Neunzigerjahren Diskussionen über die kommunistische Vergangenheit im Allgemeinen vor dem Hintergrund nationaler Missstände und zuweilen sogar des nationalen Überlebens statt. Obwohl die Ära des Kommunismus bei aller Unterdrückung und Gewalt auch von wirtschaftlichem Wachstum, relativer Offenheit und weitgehend friedlicher Koexistenz der Nationen geprägt war, konzentrierten sich die neuen Nationalgeschichten auf Beispiele der Konfrontation und der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen den nationalen Gruppen Jugoslawiens. Außerdem bestand die Tendenz, kommunistische Verbrechen, wenn sie ernsthaft thematisiert wurden, im Rahmen nationalen Leidens zu sehen. Drei Aspekte scheinen die neuen Darstellungen der jugoslawischen Geschichte in Serbien, Kroatien und Bosnien, wenn auch in unterschiedlichem Maße, zu kennzeichnen: Die Interpretationen konzentrierten sich zunächst auf die jeweils eigene Nation und ließen das, was man als »nationale« Elemente der Geschichte ansehen könnte, wiederaufleben. Sie neigten dazu, interne jugoslawische Konflikte zu thematisieren, und rückten die Verfolgung der jeweils eigenen Nation in den Vordergrund. Im Vergleich zu den vorherrschenden nationalen Themen wurde der Ära Tito wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Gleichwohl wurde die Geschichte dieser Zeit im Rahmen neuer historischer Untersuchungen interpretiert und dargestellt, auch – was vielleicht am wichtigsten ist – in den Materialien für den Geschichtsunterricht. Die Geschichtslehrbücher, die in den post-jugoslawischen Republiken in der Regel vom Staat genehmigt und für jedes Schuljahr neu aufgelegt werden, bieten einen guten Einblick in die offiziellen Prioritäten und Entwicklungen der Historiografie.6 Die allgemeine Bedeutung der Lehrbücher für die Bildung »genehmer« Bürger in modernen Nationalstaaten ist schon längst erkannt worden. In mehreren Studien wurde die Verwendung von Schulbüchern für politische Zwecke in Jugoslawien und seinen Nachfolgestaaten hervorgehoben.7 Seit den frühen Neunzigerjahren haben Historiker in Serbien und Kroatien darüber hinaus das heftig kritisiert, was sie als ideologischen Missbrauch des Geschichtsunterrichts durch die neuen Regime ansahen.8 Auch als Reaktion auf den dominierenden nationalen Interpretationsrahmen in den Geschichtslehrbüchern erstellte eine Gruppe von Historikern aus Serbien, Kroatien, Bosnien und anderen Ländern Südosteuropas in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts gemeinsam eine Reihe von Lehrbüchern, die dazu dienen sollten, die Grenzen der nationalen Geschichtsschreibungen zu überschreiten und die Geschichte Südosteuropas als eine gemeinsame und regionale Geschichte, die eine Vielzahl von Perspektiven bietet, zu betrachten.9 Trotz der enormen Bedeutung, die das sozialistische Jugoslawien für die Entwicklung der postjugoslawischen Nationalstaaten hat, gibt es über die Narrative der kommunistischen Ära bisher nur wenige Untersuchungen. Nachstehend folgt deshalb ein Überblick über einige Darstellungen der Geschichte des kommunistischen Jugoslawien in Schulbüchern und geschichtlichen Abhandlungen, die zwischen 1990 und den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts in Kroatien, Serbien und Bosnien herausgegeben wurden. Darstellungen der sozialistischen jugoslawischen Vergangenheit in der kroatischen Historiografie Das Projekt zur Bildung eines Staates, das Anfang der Neunzigerjahre in Kroatien gefördert wurde, war eindeutig nationalistisch ausgerichtet. Es definierte die Republik Kroatien als einen Staat, in dem die kroatische Nation an erster Stelle steht.10 Man begann, die kommunistischen Direktiven aus den historischen Narrativen zu entfernen. Stattdessen wurde die Geschichtsschreibung oftmals den neuen politischen Projekten zum Aufbau eines kroatischen Staates und einer kroatischen Nation untergeordnet und war größtenteils »kroatozentrisch« geprägt. Im Mittelpunkt standen die Republik Kroatien und ihre Regionen, nur selten eine jugoslawische Gemeinschaft oder eine gemeinsame jugoslawische Perspektive.11 Nach 1990 wurden zahlreiche geschichtliche Abhandlungen über Kroatien auch aus jugoslawischer Perspektive verfasst. Dies kann als Beleg für ein in der kroatischen Gesellschaft bestehendes Bedürfnis gewertet werden, die neue nationale Einheit fest zu etablieren und zu erklären, warum es sich dabei um eine natürliche und wünschenswerte Entwicklung handelt. In vielen dieser Bücher wird nachdrücklich betont, dass Kroaten im sozialistischen Jugoslawien im Zuge des Zentralismus und der großserbischen nationalistischen Hegemonie der Unterdrückung ausgesetzt waren. Laut eines umfassenden Werks zur Geschichte Jugoslawiens von Hrvoje Matković, das 1998 veröffentlicht wurde, prägte der Kampf mit der großserbischen Hegemonie das innenpolitische Leben des jugoslawischen Staates.12 Auch in anderen Büchern wird die Meinung vertreten, dass der unitaristische und zentralistische Aufbau des Staates die großserbische Dominanz sicherstellte und die Ausbeutung der Wirtschaftssysteme der nicht-serbischen Nationen erleichterte.13 Dragutin Pavličević behauptet, die Geschichte Kroatiens könne auch als ewiger Kampf gegen die serbische Dominanz gesehen werden, der sich im 20. Jahrhundert in vier Phasen manifestierte: im jugoslawischen Staat in der Zeit zwischen den Weltkriegen, während des Zweiten Weltkriegs, im sozialistischen Jugoslawien und in den Kriegen der Neunzigerjahre.14 Zwei im Jahr 1999 veröffentlichte Bücher bieten dagegen eine weniger kroatozentrische Sicht der Geschichte des sozialistischen Jugoslawien. Sie verweisen auf die positiven Aspekte der Föderation, wobei vor allem in Ivo Goldsteins Croatia. A History auch nachdrücklich auf die Verbrechen hingewiesen wird, die vom kommunistischen Regime begangen worden sind. Laut Goldstein bestand das Hauptproblem Jugoslawiens in einem Mangel an Demokratie, die es hätte ermöglichen können, die Herausforderungen der multiethnischen Gemeinschaft zu bewältigen.15 In Dušan Bilandžićs Werk, einer genauen Beschreibung der jugoslawischen Geschichte mit zusätzlichen Kapiteln über Kroatien, wird Jugoslawien als der am stärksten durch Konflikte bedrohte europäische Staat beschrieben. Zudem bietet es ein Narrativ Jugoslawiens, das durch eine andauernde Krise gekennzeichnet ist.16 In kroatischen Schulbüchern wurde die Betonung der Unterdrückung und der nationalen Diskriminierung zunächst übernommen. Überschriften, die auf die untergeordnete Stellung der Kroaten und Kroatiens innerhalb der Föderativen Volksrepublik Jugoslawien (FNRJ) oder auf die immer größer werdende Belastung durch Zentralismus und Unitarismus hinweisen, verdeutlichen diese Sicht auf den jugoslawischen Staat.17 In den Büchern wird eindringlich beschrieben, wie sich der verkündete Föderalismus als Betrug herausstellte und durch eine Zentralregierung ersetzt wurde. Ebenso wird darauf eingegangen, wie die Kroaten unterdrückt wurden, in administrativen und einflussreichen Positionen unterrepräsentiert waren und am beruflichen Aufstieg im Verwaltungs- und Staatsapparat gehindert wurden.18 An die Stelle von Behauptungen, dass Kroatien eine untergeordnete Stellung einnehme, treten Ende der Neunzigerjahre, Anfang des 21. Jahrhunderts Klagen über Zentralismus, Druck, Missbrauch, Ausbeutung der kroatischen Wirtschaft und Unterdrückung der nationalen Gefühle und der nationalen Kultur.19 Seit 1990 ist die sogenannte Tragödie von Bleiburg ein vorherrschendes Thema in kroatischen Debatten über das sozialistische Jugoslawien. Es geht dabei um die Massaker, die am Ende des Krieges von Mitgliedern der von Kommunisten geführten Partisanenarmee an Kriegsgefangenen verübt wurden. Diese Massaker und ihre Opfer, hauptsächlich Angehörige der Ustascha-Miliz und der kroatischen Heimatschutzkräfte, aber möglicherweise auch zivile Flüchtlinge, stellten das letzte bislang totgeschwiegene Thema der Kriegsgeschichte dar. Die Geschichte von Bleiburg eröffnete eine neue Perspektive, die die Brutalität der Kommunisten betonte und es ermöglichte, im Zusammenhang mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs den Schwerpunkt auf die Opferrolle der Kroaten zu legen.20 Neben der weit reichenden Thematisierung von Bleiburg und der damit verbundenen Verfolgung der Gegner der Partisanen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die politische Unterdrückung durch das kommunistische Regime Jugoslawiens und die von den Machthabern an den Bürgern begangenen Verbrechen in den kroatischen Geschichtslehrbüchern in unterschiedlichem Maße beschrieben. In den Büchern der Tuđman-Ära ging es hauptsächlich um das nationale kroatische Leid. Die Verfolgung politischer Gegner durch das Regime wurde nur oberflächlich behandelt und vor allem nur dann, wenn es sich bei den Opfern um Kroaten handelte.21 In den neueren Schulbüchern gibt es jedoch ausführlichere Beschreibungen politischer Verfolgung, die auch die parteiinternen Säuberungsaktionen nach dem Bruch mit dem Kominform im Jahr 1948 berücksichtigen.22 In den meisten Büchern wird jedoch noch größeres Gewicht auf die kommunistische Unterdrückung der katholischen Kirche und den 1946 durchgeführten Prozess gegen den Erzbischof von Zagreb, Alojzije Stepinac, sowie die anschließend gegen ihn verhängte Gefängnisstrafe gelegt. Der Erzbischof wurde – den Angaben in den Schulbüchern zufolge zu Unrecht – wegen Zusammenarbeit und Konspiration mit der Ustascha verurteilt.23 Die katholische Kirche steht in enger Verbindung zum kroatischen Nationalismus, da Katholizismus und katholische Tradition zu den wesentlichen Merkmalen zählen, die die Kroaten von den Serben, die hauptsächlich orthodoxen Glaubens sind, sowie von den muslimischen Bosniern unterscheiden. Demzufolge stellen auch diese Bücher die nationale Opferrolle in Bezug auf den zentralistischen jugoslawischen Staat in den Vordergrund. Kritik richtet sich, das ist vor allem vor dem Hintergrund von Untersuchungen über die Verwendung und Umschreibung von Geschichte interessant, gegen die stete Behauptung, dass das kommunistische Jugoslawien die Geschichte der Kriegszeit missbrauchte, um die kroatische Nation in Misskredit zu bringen. In Schulbüchern wie auch in akademischen Schriften wird betont, dass den Kroaten im Zuge der Verbrechen der Ustascha ein Schuldkomplex aufgezwungen wurde und dass diese Verbrechen wiederum massiv übertrieben dargestellt wurden.24 Der nationale Groll wird noch durch die Ansicht verstärkt, dass die Verbrechen der Tschetniks demgegenüber während der gesamten kommunistischen Ära verschwiegen worden seien.25 Die Opferrolle der kroatischen Nation im Hinblick auf die Verwaltung und die Geschichtspolitik des kommunistischen Jugoslawien wird somit betont und dieses selbst als offen antikroatisch beschrieben. Dies bestärkt die Notwendigkeit, die »alte« jugoslawische Geschichtsschreibung zu verwerfen und eine neue auszuarbeiten. Zwar ist es sicherlich richtig, dass das sozialistische Jugoslawien die Zahl der jugoslawischen Opfer des Zweiten Weltkriegs zu hoch einschätzte, aber es kann kaum nachgewiesen werden, dass dies in der Absicht geschah, das kroatische Volk als solches mit einem Schuldkomplex zu belasten. In Schriften, Diskussionen und Schulbüchern zur Geschichte lag der Schwerpunkt oftmals mehr auf den gewalttätigen jugoslawischen Konflikten als auf der eigentlichen Geschichte des sozialistischen Jugoslawien. Der Zweite Weltkrieg, der den Kommunisten den Weg zum Aufbau eines sozialistischen Jugoslawien ebnete, und die Kriege der Neunzigerjahre, die diesen Staat wieder zerstörten, wurden erheblich öfter thematisiert als die dazwischen liegende Zeit des Friedens. Es bestand eine deutliche Tendenz, das, was als »kroatische« Verbrechen betrachtet werden konnte, herunterzuspielen und gleichzeitig die Opferrolle der Kroaten in den Vordergrund zu rücken. In den Beschreibungen des Zweiten Weltkriegs wurden die Verfolgung und die massenhafte Ermordung der Serben durch die kroatische Ustascha nur oberflächlich behandelt, während das Leid, das die Kroaten durch nationalistische serbische Kräfte oder kommunistische Partisanen erfuhren, erheblich empathischer geschildert wurde.26 Der Krieg in Kroatien in den Neunzigerjahren, der auch als Vaterländischer Krieg bezeichnet wird, nahm in den kroatischen Schulbüchern eine herausragende Stellung ein. Über die Kriegsverbrechen der jugoslawischen Armee und der serbischen paramilitärischen Kräfte in den Neunzigerjahren wurde ausführlich berichtet. In einigen Büchern wurden eine direkte Verbindung und ein Vergleich zwischen den Kriegen der Neunzigerjahre und dem Leiden der Kroaten im Zweiten Weltkrieg hergestellt.27 Vor allem Publikationen, die während der Tuđman-Ära erschienen sind, benutzten die jugoslawischen Konflikte der Vergangenheit als Quelle für Metaphern zur Erklärung der damaligen Situation. Das sozialistische Jugoslawien in der serbischen Geschichtsschreibung In vielerlei Hinsicht fiel der Wandel, den Serbien während der Neunzigerjahre erlebte, geringer aus als bei den meisten anderen Staaten des ehemaligen Jugoslawien. Der serbische Präsident und ehemalige Kommunistenführer Slobodan Milošević und seine Sozialistische Partei Serbiens bewiesen eine erstaunliche Fähigkeit, an der Macht zu bleiben, indem sie mittels nationalistischer Symbole und Programme Unterstützung mobilisierten und auch zahlreiche antidemokratische Mittel anwandten.28 Auch wenn Serbien in der ersten Hälfte der Neunzigerjahre offiziell nicht an den Kriegen beteiligt war, unterstützte es die in Kroatien und Slowenien kämpfende jugoslawische Volksarmee sowie die serbischen Aufstände in Kroatien und die bosnisch-serbische Armee mit Eliteeinheiten und paramilitärischen Kräften. Das öffentliche Leben in Serbien war in den Neunzigerjahren weitgehend der Kriegführung und nationalistischen Programmen untergeordnet. Die Entwicklungen, die Ende der Achtzigerjahre die serbische Geschichtsschreibung kennzeichneten, setzten sich auch in den Neunzigerjahren fort. Die Ustascha-Massaker und die nationale Opferrolle Serbiens blieben sowohl in den akademischen Schriften zur Geschichte als auch in den Lehrbüchern vorherrschende Themen.29 In den Medien wurden die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und das Leiden der Serben zur Beschreibung aktueller Ereignisse, so auch des Krieges in Kroatien, herangezogen.30 Auch in Lehrbüchern wurden diese beiden Konflikte miteinander in Beziehung gesetzt. So hieß es in einem Lehrbuch für Gymnasien aus dem Jahr 1994: »Vergleicht man die Ereignisse der Kriegszeit [...] mit den Ereignissen von 1991 in den gleichen Bereichen, kommt man zwangsläufig auf den Gedanken, dass Akteure, Verbrechen und Anstifter die gleichen sind.«31 Folglich wurde – wie in Kroatien – die Darstellung der Geschichte des sozialistischen Jugoslawien von Erzählungen über gewaltsame innerjugoslawische Konflikte bestimmt, die als ein wiederkehrender oder sogar dauerhafter Zustand gesehen wurden. Der fehlende Wandel in Serbien spiegelte sich im Allgemeinen auch in den Geschichtslehrbüchern wider, die in den Neunzigerjahren herausgegeben wurden. Die Texte folgten meist dem Hauptnarrativ aus der Ära Tito, allerdings mit zahlreichen Ergänzungen, die die serbisch-nationalen Missstände in den Vordergrund stellten. So fand in den Lehrbüchern keine Auseinandersetzung mit der kommunistischen Vergangenheit statt, vielmehr wurde diese Vergangenheit leicht aus dem serbisch-nationalen Blickwinkel heraus korrigiert. Der Partisanenkrieg war nach wie vor ein Hauptthema in den Lehrbüchern, wurde aber nun auch als gegen die Tschetniks gerichtet gesehen, d. h. als ein Bürgerkrieg, der das serbische Volk spaltete. Einige von kommunistischer Seite begangene Verbrechen wurden ebenfalls erwähnt: Ein neues, bis dahin in serbischen Schulbüchern nicht behandeltes Thema waren die Verfolgung und Tötung von Kriegsgegnern und mutmaßlichen Klassenfeinden durch Partisanen während der sogenannten Linksabweichungen Anfang 1942.32 Aber die Massaker von Bleiburg, ein Hauptthema in kroatischen Schulbüchern, wurden nicht erwähnt. Die einfache Erklärung, die erneut die Vorrangstellung nationaler Themen unterstreicht, liegt wahrscheinlich darin, dass es sich bei den meisten Opfern dieser Ereignisse um Kroaten handelte, die für die Serben schlicht nicht interessant waren. Die Beschreibungen der kommunistischen Ära entsprachen ebenfalls teilweise den Darstellungen aus der Tito-Ära. Verglichen mit der Art und Weise, wie die Einparteienherrschaft und die politische Unterdrückung in kroatischen Geschichtsbüchern geschildert wurden, waren die serbischen Bücher aus der Milošević-Ära in ihrer Bewertung des kommunistischen Jugoslawien eher positiv, zumindest im Hinblick auf die früheren Jahre. Die Anstrengungen, das Land nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufzubauen, wurden begeistert gelobt und die Reaktion auf den Angriff seitens der Komintern im Jahre 1948 als ehrenhaft und Achtung gebietend betont.33 Die massivsten öffentlichen Verurteilungen der kommunistischen Geschichte scheinen ihren Ursprung in der nationalen Unzufriedenheit zu haben. Eine wirkliche Verdammung des Titoismus findet sich in den Kapiteln über das Treffen auf Brioni im Jahr 1966, als Aleksandar Ranković, ein Serbe, Leiter der Sicherheitsdienste und Hauptverfechter einer zentralistischen Politik in der Föderation, entmachtet wurde: »Dann begannen die Prozesse, die die separatistischen Kräfte nutzen würden, um die Föderation zu zerschlagen.«34 Diese Prozesse führten zur Verfassung von 1974, die als Grund für die Auflösung Serbiens dargestellt wurde. Laut eines Schulbuchs wurde Serbien unter dieser Verfassung unterdrückt und um den ihm zustehenden Anteil betrogen. Im Kosovo litten die Serben unter einer albanischen Verwaltung, die das Gebiet »ethnisch vollkommen rein« machen wollte.35 Darstellung der Geschichte Jugoslawiens im Serbien der Post-Milošević-Ära Nach dem Sturz von Slobodan Milošević und seiner sozialistischen Partei im Oktober 2000 begann Serbien, im Hinblick auf den Übergang zur Demokratie umfassende Maßnahmen zu ergreifen. Dadurch wurde der Weg für eine offene Auseinandersetzung mit der sozialistischen Vergangenheit Jugoslawiens in historischen Abhandlungen und Geschichtslehrbüchern geebnet. Nach Meinung von Momčilo Zečević wurden die serbischen Historiker von nationalem Größenwahn angetrieben und überschätzten deshalb das nationale Element der Geschichte, während sie zugleich die historische Realisierbarkeit der jugoslawischen Idee und des jugoslawischen Staates in Abrede stellten.36 Diese Tendenz dominierte schließlich auch die Darstellungen in den serbischen Geschichtsbüchern. In den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts leitete Serbien Reformen des Bildungssystems ein: Es wurden Maßnahmen zur Liberalisierung des Lehrbuchmarktes getroffen.37 Auch wenn die Veränderungen noch nicht sofort spürbar waren, da einige der älteren Bücher auch über das Jahr 2000 hinaus noch benutzt wurden, wurde in den nach dem Sturz von Milošević verfassten Lehrbüchern doch ein deutlich anderer Ansatz zur Darstellung der jugoslawischen Geschichte und vor allem der Ära des Kommunismus gewählt. Die neuen Werke waren streng serbisch-national ausgerichtet. Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs wurde nicht länger als ein prächtiges Epos über die Partisanensiege geschildert. In diesem Krieg, der weitgehend als ein serbischer Bürgerkrieg zwischen den kommunistischen Partisanen und den konservativen und nationalistischen Tschetniks dargestellt wurde, wurden nun die Partisanen als die Grausameren beschrieben, die für ihre sofortigen Hinrichtungen berüchtigt waren.38 Die Tschetniks, die man in anderen Teilen des ehemaligen Jugoslawien mit exzessiven Kriegsverbrechen in Verbindung brachte, wurden als mindestens ebenso rechtschaffen dargestellt wie die ehemals so bevorzugten Partisanen. Das stand absolut in Einklang mit der offiziellen serbischen Rehabilitierung von Mihailović und seinen Tschetniks, die im Jahr 2004 durch entsprechende Gesetze endgültig bestätigt wurde.39 Der Kommunismus galt als das Hauptübel in den neuen Darstellungen der Geschichte des sozialistischen Jugoslawien, und kommunistische Verbrechen wurden umfassend thematisiert, nicht zuletzt in Verbindung mit der Gründung des sozialistischen Jugoslawien.40 In einem Lehrbuch wird – was im Hinblick auf die Geschichtspolitik interessant ist – dargelegt, wie die Kommunisten die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg gezielt verfälschten, den national begründeten Hass herunterspielten und ein künstliches nationales Gleichgewicht des Leidens und des Heldentums in der Kriegsgeschichte durchsetzten.41 Auch wenn den Kommunisten in den neuen Lehrbüchern Anerkennung für die bedeutende Entwicklung des Landes und das Anheben des Lebensstandards gezollt wird, so ist darin doch im Allgemeinen nur wenig Positives enthalten, was den sozialistischen jugoslawischen Staat, der als ein unter der Kontrolle der Sicherheitspolizei und des Militärapparats stehender zentralisierter Einparteienstaat beschrieben wird, betrifft.42 Außerdem wird dieser als ein nicht überlebensfähiges Gebilde dargestellt, dessen Zerfall bereits 1966 begann, als Slowenien und Kroatien die Unabhängigkeit anstrebten, und dessen Zusammenbruch durch die politische Krise der späten Achtzigerjahre nicht ausgelöst, sondern nur beschleunigt wurde.43 Milošević wird jedoch für eine Politik verantwortlich gemacht, die zu Feindseligkeit gegenüber anderen Republiken sowie zu langen Kriegsphasen führte und die sogar die bloße Existenz des serbischen Volkes bedrohte.44 Auf diese Weise wurde die Verurteilung von Milošević Teil einer allgemeinen Auseinandersetzung mit der kommunistischen Vergangenheit. Anfang des 21. Jahrhunderts wurden nur wenige Überblicksdarstellungen zur jugoslawischen Geschichte Serbiens publiziert. Es dürfte symptomatisch sein, dass es sich bei einer dieser Darstellungen um die Übersetzung von Holm Sundhaussens 2007 auf Deutsch erschienener Geschichte Serbiens handelt, die 2009 in Belgrad veröffentlicht wurde. In diesem, verglichen mit Kroatien, geringen Interesse an einer neuen nationalen Geschichtsschreibung kommt die Tatsache zum Ausdruck, dass Serbien ideologisch wie auch institutionell keine klare Trennung von Jugoslawien erfahren hat. Bis Anfang 2003 blieb Serbien gemeinsam mit Montenegro Teil Rest-Jugoslawiens. Die von Cedomir Antić verfasste Kurze Geschichte Serbiens ist der Versuch einer historischen Analyse, in der sowohl das kommunistische Regime als auch Miloševićs »postmoderne Diktatur« verurteilt werden.45 In diesem Buch stehen der serbische Staat sowie Not und Leid der serbischen Nation im Mittelpunkt. Kritik am serbischen Nationalismus und an den in seinem Namen begangenen Verbrechen wird kaum geäußert. Antić steht dem kommunistischen Regime Jugoslawiens sehr skeptisch gegenüber und verweist auf den Terror, die Verbrechen und die Unterdrückung, die für die ersten zehn Jahre dieses Regimes kennzeichnend waren. In den Geschichten über das sozialistische Jugoslawien geht es im Allgemeinen um Krise und Scheitern, aber auch um Modernisierung und eine gewisse öffentliche Unterstützung für Tito. Das Scheitern führte jedoch zu Milošević, dessen Regime nach Meinung von Antić aufgrund der »Misshandlung« des jugoslawischen Systems, des »Missbrauchs« der demokratischen Strukturen Serbiens und der Ausbeutung der serbischen Gesellschaft noch weniger Legitimität besaß als das Jugoslawien unter Tito.46 Obwohl Antićs Buch bereits zweimal neu aufgelegt wurde, fand es in Fachkreisen nur mäßige Resonanz: In einer Rezension hieß es, die zweite Hälfte des Buches enthalte eher eine politische Stellungnahme als eine geschichtliche Abhandlung. Der Rezensent konnte jedoch nicht umhin, Antićs Mut zu loben, eine Analyse über einen so langen historischen Zeitraum zu erstellen; er musste bis in die Achtzigerjahre zurückgehen, um erfolgreiche Versuche von vergleichbaren Untersuchungen serbischer und jugoslawischer Geschichte zu finden.47 Die Geschichte Jugoslawiens aus Sicht der Bosniaken Der Krieg von 1992 bis 1995 und das Friedensabkommen von Dayton Ende 1995 festigten die nationalistische Teilung der multiethnischen bosnischen Gesellschaft. Kennzeichnend für die bosnische Politik nach 1995 war das Bemühen, aus einem vom Krieg verwüsteten, ethnisch geteilten und oftmals von außen regierten Bosnien nach Dayton einen lebensfähigen Staat aufzubauen. Während des Krieges und in den Jahren danach identifizierten sich die Kroaten und Serben Bosniens oft mit den Republiken von Kroatien und Serbien, nicht aber mit dem multiethnischen Bosnien. Das wirkte sich auch auf die Geschichtsschreibung und das Bildungssystem aus. Die Tendenz, die Ethnizität bei der Interpretation der Geschichte als dominierenden Faktor zuzulassen, setzte sich in Bosnien und Herzegowina in der Nachkriegszeit fort. Die muslimisch-kroatische Föderation innerhalb Bosniens wurde in Kantone mit ausdrücklicher Selbstverwaltung unterteilt. In Gebieten mit kroatischer Mehrheit wurden die Lehrpläne für den Geschichtsunterricht von der Republik Kroatien übernommen. Analog folgte der Geschichtsunterricht in der bosnisch-serbischen Entität, der Republika Srpska, den serbischen Vorgaben, wobei oftmals serbische Lehrbücher verwendet wurden.48 Für Muslime blieb jedoch der bosnische Staat das Land, mit dem sie sich identifizierten. Die bosnischen Muslime starteten daher das Projekt einer nationalen muslimischen Geschichtsschreibung, parallel zu der allgemeinen Nationalisierung der Geschichte in den anderen Republiken des ehemaligen Jugoslawien. Im Mittelpunkt dieser Geschichte standen natürlich die bosnisch-muslimische Gemeinschaft bzw. die Bosniaken, wie sie immer öfter genannt wurden. Tendenziell wurde den Muslimen eine positive Rolle zugeschrieben und zugleich die nationale Opferrolle der Muslime betont. In den Neunzigerjahren war der Zweite Weltkrieg genauso wie in Kroatien und Serbien ein vorherrschendes Thema. In den Schilderungen des Zweiten Weltkriegs lag der Schwerpunkt auf der Unschuld der muslimischen Gemeinschaft und deren Leid, für das vor allem die serbischen Tschetniks verantwortlich waren.49 Auch in den Geschichtslehrbüchern gab es die Tendenz, die bosnischen Muslime aus dem Kreis der Haupttäter der Verbrecher auszuschließen, während die Schikanen, denen die Muslime vor allem durch den Terror der Tschetniks ausgesetzt waren, betont wurden.50 Durch die Verbrechen, die serbische paramilitärische Einheiten in den Neunzigerjahren in Bosnien begingen, wurde auch das Interesse an den Massakern wieder geweckt, die die Tschetniks während des Zweiten Weltkriegs an den Muslimen begangen hatten. Es stand in enger Verbindung mit der Wahrnehmung, dass die Massaker des Zweiten Weltkriegs in den Neunzigerjahren ihre Fortsetzung fanden.51 Die Vergangenheit wurde als Schlüssel zum Verstehen der Gegenwart genutzt, und wie im Falle Serbiens und Kroatiens trat die sozialistische jugoslawische Vergangenheit hinter den komplexen Geschichten jugoslawischer Konflikte zurück. Gleichwohl zeichneten die bosniakischen Geschichtslehrbücher der ersten Jahre des 21. Jahrhunderts – im Gegensatz zu den serbischen und kroatischen Lehrbüchern aus dieser Zeit – ein positives Bild der Kommunisten und der Partisanenbewegung des Zweiten Weltkriegs. Es wurde betont, dass die Partisanen gegen nationale Intoleranz und den Bruderkrieg kämpften, während ihre Kriegsverbrechen oder die Massaker von Bleiburg unerwähnt blieben.52 Das sozialistische Jugoslawien wurde zwar als ein Einparteiensystem beschrieben, das anfangs durch Totalitarismus und eine Regierung der starken Hand gekennzeichnet war, aber die berüchtigte Sicherheitspolizei oder die Gefangenenlager für mutmaßliche politische Gegner wurden in den Lehrbüchern nicht ausdrücklich erwähnt.53 Vielmehr gab es positive Berichte über die Selbstverwaltung und vor allem über die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Bosniens während der Zeit des Titoismus.54 In einem Bericht über Titos Tod im Mai 1980 heißt es in einem Lehrbuch der Sekundarstufe aus dem Jahr 2004: »Tito, Sohn eines Bauern, Kriegsheld und Friedensstifter, wurde wie ein König zu Grabe getragen.«55 Die Ära Tito wird als die einzige friedliche Zeit in der Geschichte Jugoslawiens gefeiert und Tito selbst als ein Mensch gepriesen, der stets gegen den Nationalismus kämpfte und es den Muslimen ermöglichte, den ihnen zustehenden Status als eine Nation zu erreichen.56 Offensichtlich spiegeln sich in dieser Sichtweise die besonderen Erfahrungen wider, die die bosnischen Muslime im Lauf der jugoslawischen Geschichte gemacht haben. Diese positive Sicht des Kommunismus ist wahrscheinlich Ausdruck dafür, dass die Errichtung einer bosnischen Republik sowie die Anerkennung einer muslimischen nationalen Gemeinschaft innerhalb dieser Republik eng mit dem Tito-Kommunismus verbunden sind. In serbischen oder kroatischen Geschichtslehrbüchern dürften sich kaum Lobeshymnen auf Tito für seinen Einsatz für den Frieden und seinen Kampf gegen den Nationalismus finden. In zwei Versuchen, eine allgemeine bosnische Geschichte zu schreiben, konzentriert sich die vorherrschende narrative Linie in den Schilderungen der Ära Tito auf den Kampf der muslimischen Gemeinschaft, als eine Nation innerhalb des jugoslawischen Staates anerkannt zu werden.57 Beide Verfasser erkennen an, dass das Tito-Regime der Gemeinschaft der bosnischen Muslime Sicherheit und Entwicklungsmöglichkeiten geboten hat. Aber beide äußern auch Kritik: Der eine weist auf Jugoslawiens unüberwindbare strukturelle und wirtschaftliche Probleme und die serbische Dominanz hin, während der andere den Titoismus im Grunde als eine Reihe »gescheiterter Korrekturen« des sowjetischen Systems betrachtet.58 Fazit In den neuen Geschichtsdarstellungen, die nach dem Zerfall des sozialistischen Jugoslawien in Kroatien, Serbien und der muslimischen Gemeinschaft in Bosnien geschrieben wurden, sind drei deutlich national geprägte Sichtweisen der gemeinsamen kommunistischen Vergangenheit erkennbar. Selbst die Darstellungen der staatlichen Repression und der an den eigenen Bürgern verübten Verbrechen wurden oftmals aus dem Blickwinkel des nationalen Leidens verfasst. In allen drei Fällen stand die Geschichte der gemeinsamen sozialistischen Vergangenheit, die sowohl durch ein suppressives und zuweilen gewalttätiges Regime als auch durch eine überwiegend friedliche Koexistenz der Nationen Jugoslawiens gekennzeichnet war, weitgehend im Schatten der sich auf nationale Bedrohungen und Konflikte konzentrierenden Geschichtsdarstellungen. Wenn es auch voneinander abweichende Ansichten gab, so wurde die 45 Jahre andauernde friedliche Koexistenz in Jugoslawien in den vorherrschenden narrativen Linien doch meist heruntergespielt, sodass der Eindruck entstand, es habe sich um einen unwahrscheinlichen Zwischenfall innerhalb einer im Allgemeinen von nationalen Konflikten geprägten Geschichte gehandelt. Vor allem in Kroatien und Serbien änderten sich die postjugoslawischen Darstellungen der jugoslawischen Geschichte entsprechend den jeweiligen politischen Entwicklungen, auch wenn der Hauptinterpretationsrahmen überwiegend national blieb. Während die positiven Beiträge des sozialistischen Jugoslawien zur Entwicklung der nationalen Republiken zwar in gewisser Weise anerkannt wurden, schien die Geschichte des innerjugoslawischen Konflikts doch besser geeignet, um Argumente für die Differenzierung der neuen nationalen Einheiten und ihre Distanzierung von ihren früheren jugoslawischen Nachbarn zu liefern. So trugen die neuen Geschichtsschreibungen dazu bei, die Auflösung Jugoslawiens zu rechtfertigen und die nationalen Grenzen auch auf der geistigen Ebene zu festigen. Aus dem Englischen übersetzt durch das Bundessprachenamt 1 Duško Doder führt in diesem Zusammenhang den Begriff des »consumer socialism« ein: The Yugoslavs, New York 1978, S. 131. Siehe auch Branislav Dimitrijević: Socialist consumerism: Images of transition in Titoist Yugoslavia, nicht veröffentlicher Vortrag, gehalten auf der BASEES-Konferenz 2004. 2 Siehe Pedro Ramet: Apocalypse Culture and Social Change in Yugoslavia, in: ders. (Hg.): Yugoslavia in the 1980s, Boulder 1985. 3 Siehe auch Predrag J. Marković/Nataša Milićević: Serbian historiography in the time of transition. A struggle for legitimacy, in: Istorija 20 veka [Geschichte des 20. Jahrhunderts], (2007), H. 1, S. 145 f. 4 Siehe Tea Sindbæk: Usable History? Representations of Yugoslavia’s difficult past – from 1945 to 2002, Aarhus 2012, S. 161–188. 5 Zum Thema Sehnsucht nach Jugoslawien und Tito siehe zum Beispiel Mitja Velikonja: Titostalgia – a study of nostalgia for Josip Broz, Ljubljana 2008, in: http://mediawatch.mirovni-institut.si/eng/Titostalgia.pdf, ges. am 26. November 2013. 6 Im kommunistischen Jugoslawien und in den postjugoslawischen Republiken wurde Zeitgeschichte systematisch in der 8. Klasse sowie in der 11. und 12. Klasse unterrichtet. Auch wenn der Lehrbuchmarkt zunehmend liberalisiert wird, entscheidet der Staat nach wie vor über die Zulassung der Lehrbücher für die Verwendung im Unterricht. 7 Siehe Radina Vučetić: ABC Textbooks and Ideological Indoctrination of Children: »Socialism Tailor-made for Man« or »Child Tailor-made for Socialism«?, in: Slobodan Naumović/Miroslav Jovanović (Hg.): Childhood in South East Europe: Historical Perspectives on Growing Up in 19th and 20th Century, Belgrad 2001, S. 249–263; Wolfgang Höpken: Geschichte und Gewalt. Geschichtsbewußtsein im jugoslawischen Konflikt, in: Internationale Schulbuchforschung, 15 (1993), H. 1, S. 55–74; ders.: Von der Mythologisierung zur Stigmatisierung: »Krieg und Revolution« in Jugoslawien 1941–1948 im Spiegel von Geschichtswissenschaft und historischer Publizistik, in: Eva Schmidt-Hartmann (Hg.): Kommunismus und Osteuropa. Konzepte, Perspektiven und Interpretationen im Wandel, München 1994, S. 165–201; Heike Karge: Geschichtsbilder im postjugoslawischen Raum: Konzeptionen in Geschichtslehrbüchern am Beispiel von Selbst- und Nachbarschaftswahrnehmung, in: Internationale Schulbuchforschung/International Textbook Research, 21 (1999), S. 315–337; Wolfgang Höpken: History Education and Yugoslav (Dis-)Integration, in: ders. (Hg.): Öl ins Feuer?, Braunschweig 1996, S. 99–124; ders.: War, Memory, and Education in a fragmented Society: The case of Yugoslavia, in: East European Politics and Societies, 13 (1999), H. 1, S. 190–227; Pilvi Torsti: How to deal with a difficult past? History textbooks supporting enemy images in post-war Bosnia and Herzegovina, in: Journal of Curriculum Studies, 39 (2007), H. 1, S. 77–96. 8 Siehe Ružica Rosandić/Vesna Pešić (Hg.): Ratništvo, patriotizam, patrijarhalnost: analiza udžbenika za osnovne škole [Kriegführung, Patriotismus, Patriarchat: Eine Analyse der Schulbücher der Grundschule], Belgrad 1994; Ivo Goldstein: O udžbenicima povijest u Hrvatskoj [Über Geschichtslehrbücher in Kroatien], in: Hans Georg Fleck/Igor Graovac (Hg.): Dijalog povjesničara – istoričara [Historiker im Gespräch], Bd. 3, Zagreb 2001, S. 15–28; Dubravka Stojanović: Konstrukcija prošlosti – slučaj srpskih udžbenika istorije [Konstruktion der Vergangenheit – der Fall der serbischen Geschichtslehrbücher], in: Hans-Georg Fleck/Igor Graovac (Hg.): Dijalog povjesničara – istoričara [Historiker im Gespräch], Bd. 4, Zagreb 2001, S. 31–44. 9 Siehe http://www.cdsee.org/projects/jhp/publications, ges. am 26. November 2013. 10 Siehe Robert M. Hayden: Constitutional Nationalism in the Formerly Yugoslav Republics, in: Slavic Review, 51 (1992), H. 4, S. 657 ff. 11 Siehe auch Damir Agičić: (Re)Konstrukcija Savremena Hrvatske/Jugoslovenske povijest u pregledima/sintezama nakon 1991 [(Re)Konstruktion einer kroatischen/jugoslawischen Zeitgeschichte in Überblicken/Synthesen nach 1991], in: Vera Katz (Hg.): Revizija Prošlost na Prostorima bivše Jugoslavije [Revision der Vergangenheit in den Gebieten des ehemaligen Jugoslawien], Zbornik Radova, Institut za Istoriju u Sarajevu [Sammelband, Institut für Geschichte in Sarajevo], Sarajevo 2007, 59. 12 Hrvoje Matković: Povijest Jugoslavije (1918–1991) Hrvatski Pogled [Geschichte Jugoslawiens (1918–1991) Die kroatische Sicht], Zagreb 1998, S. 421. 13 Ebd., S. 422. Siehe auch Hrvoje Matković: Suvremena Politička Povijest Hrvatske (Priručnik za studente) [Politische Zeitgeschichte Kroatiens (Handbuch für Studenten)], Zagreb 1993, S. 157, 164 f. und Dragutin Pavličević: Povijest Hrvatske [Geschichte Kroatiens], Zagreb 2007, 478 f., 483 f. 14 Ebd., S. 420. 15 Ivo Goldstein: Croatia. A History, London 2004 (Erstveröffentlichung: 1999), S. 154–156, 187. 16 Siehe Dušan Bilandžić: Hrvatska Moderna Povijest [Moderne Geschichte Kroatiens], Zagreb 1999, S. 204. 17 Siehe Ivan Vujčić: Povijest. Hrvatska i Svijet u XX. stoljeću. Udžbenik za četvrti razred gimnazije [Geschichte. Kroatien und die Welt im 20. Jahrhundert. Schulbuch für die vierte Klasse des Gymnasiums], Zagreb 1998, S. 198; Ivo Perić: Povijest za IV razred gimnazije [Geschichte für die vierte Klasse des Gymnasiums], Zagreb 2003 (3. Aufl., Erstveröffentlichung: 1997, angenommen für die Nutzung in kroatischen Gymnasien vom kroatischen Ministerium für Bildung und Sport, März 1997), S. 202, 205. 18 Ebd., S. 202–206; Vujčić: Povijest. Hrvatska i Svijet (Anm. 17), S. 198–202. 19 Siehe Suzana Leček/Magdalena Najbar-Agičić/Damir Agičić/Tvrtko Jakovina: Povijest 4. Udžbenik za četvrti razred (opće) gimnazije [Geschichte 4. Lehrbuch für die vierte Klasse des (allgemeinen) Gymnasiums] (6. Aufl., angenommen für die Nutzung in kroatischen Gymnasien vom kroatischen Ministerium für Bildung und Sport, Juli 1999), Zagreb 2004, S. 241 f.; Mira Kolar-Dimitrijević/Hrvoje Petrić/Jakša Raguž: Povijest 4. Udžbenik iz povijest za 4. razred gimnazije [Geschichte 4. Geschichtslehrbuch für die vierte Klasse des Gymnasiums], Samobor 2004, S. 194, 197, 209, 211; Hrvoje Matković/Franko Mirošević: Povijest 4. Za četvrti razred gimnazije [Geschichte 4. Für die vierte Klasse des Gymnasiums], Zagreb 2001, S. 224 f., 235, 239. 20 Siehe Marko Grčić: Umjesto uvoda [Anstelle einer Einleitung], in: ders. (Hg.): Otvoreni dossier Bleiburg [Offenes Dossier Bleiburg], Zagreb 1990; Želimir Žanko/Nikola Šolić: Jazovka, Zagreb 1990. 21 Siehe vor allem Vujčić: Povijest. Hrvatska i Svijet (Anm. 17), S. 195. Auch Perić: Povijest za IV (Anm. 17), S. 199, 205. 22 Siehe Leček u. a.: Povijest 4 (Anm. 19), S. 232 f., 241 f.; Kolar-Dimitrijević u. a.: Povijest 4 (Anm. 19), S. 195, 204. 23 Vujčić: Povijest. Hrvatska i Svijet (Anm. 17), S. 196–198; Perić: Povijest za IV (Anm. 17), S. 200–202; Leček u. a.: Povijest 4 (Anm. 19), S. 235–237. 24 Siehe Perić: Povijest za IV (Anm. 17), S. 202; Vujčić: Povijest. Hrvatska i Svijet (Anm. 17), S. 198; Kolar-Dimitrijević u. a.: Povijest 4 (Anm. 19), S. 209. 25 Siehe zum Beispiel Vujčić: Povijest. Hrvatska i Svijet (Anm. 17), S. 179; Zdravko Dizdar/Mihael Sobolevski: Prešućivani četnički zločini u Hrvatskoj i u Bosni i Hercegovini 1941–1945. [Verschwiegene Verbrechen der Tschetniks in Kroatien und in Bosnien-Herzegowina 1941–1945], Zagreb 1999, S. 21. 26 Siehe Matković: Suvremena Politička Povijest Hrvatske (Anm. 13), S. 131 f., 136, 154 f.; Matković: Povijest Jugoslavije (1918–1991) (Anm. 12), S. 245, 254, 269 f. Weniger unverblümt in Bilandžić: Hrvatska Moderna Povijest (Anm. 16), S. 124 f., 186 ff. Hinsichtlich einer kritischen Betrachtung siehe Ivo Goldstein und Goran Hutinec: Neki Aspekti Revizionizma u Hrvatskoj Historiografiji Devedesetih Godina XX. Stoljeća – Motivi, Metode i Odjeci [Einige Aspekte des Revisionismus in der kroatischen Historiografie der Neunzigerjahre des 20. Jahrhunderts], in: Katz (Hg.): Revizija Prošlost (Anm. 11), S. 189. 27 Vujčić: Povijest. Hrvatska i Svijet (Anm. 17), S. 228 f.; Perić: Povijest za IV (Anm. 17), S. 237. 28 Siehe Eric Gordy: The Culture of Power in Serbia, Pennsylvania 1999, S. 8, 21 ff. 29 Zu akademischen Arbeiten: Rad Instituta za savremenu istoriju u periodu od 1991. do 1995. Godine [Arbeit des Instituts für Zeitgeschichte im Zeitraum 1991 bis 1995], in: Istorija 20. Veka [Geschichte des 20. Jahrhunderts], 13 (1995), H. 2, S. 171–175; Genocid nad Srbima u Drugom svetskom ratu [Völkermord an den Serben im Zweiten Weltkrieg], in: Istorija 20. Veka, 9 (1991), H. 1–2, S. 224–227; Antonijević Nenad: Jasenovac-sistem ustaških logora smrti [Jasenovac – das System der Ustascha-Todeslager], in: Istorija 20. Veka, 16 (1998), H. 2, S. 211 f. Zu veröffentlichten Büchern siehe: Jovan Mirković: Objavljeni izvori i literatura o Jasenovačkim Logorima [Veröffentlichte Quellen und Literatur zu den Jasenovac-Lagern], Belgrad 2000, S. 297, 323. 30 Siehe Jazmina Kuzmanović: Media: The Extension of Politics by Other Means, in: Sabrina P. Ramet/Ljubiša S. Adamovich (Hg.): Beyond Yugoslavia. Politics, Economics and Culture in a Shattered Community, Boulder 1995, S. 95; Milan Milošević: The Media Wars, in: Jasminka Udovički/James Ridgeway (Hg.): Burn this House. The Making and Unmaking of Yugoslavia, Durham 1997, S. 112 f. 31 Nikola Gačeša/Dušan Živković/Ljubica Radović: Istorija 3/4 za III razred gimnazije prirodno-matematičkog smera i IV razred gimnazije opšteg i društveno-jezičkog smera [Geschichte 3/4 für die dritte Klasse des naturwissenschaftlich-mathematischen Zweiges des Gymnasiums und die vierte Klasse des allgemeinen und gesellschaftlich-sprachlichen Zweiges des Gymnasiums]. (3. Ausgabe, Erstveröffentlichung: 1992), Belgrad 1994, S. 173, sowie S. 265. 32 Siehe ebd., S. 203–205; Nikola Gačeša/Dušan Živković/Ljubica Radović: Istorija 2 za II razred četvorogodišnjih stručnih škola [Geschichte 2 für die zweite Klasse der vierjährigen Fachschule], 14. überarb. Aufl. Belgrad 2003, S. 192 f. 33 Siehe Gačeša u. a.: Istorija 3/4 (Anm. 31), S. 251; Gačeša u. a.: Istorija 2 (Anm. 32), S. 229. 34 Ebd., S. 238. 35 Ebd., S. 245 f. 36 Siehe Momčilo Zečević: O uzrocima jugoslovenske krize u istoriji i istoriografiji [Über die Ursachen der jugoslawischen Krise in der Geschichte und der Geschichtsschreibung], in: Prošlost i Vreme [Vergangenheit und Zeit], Belgrad 2003, S. 253. 37 Siehe Sabine Rutar: Bildungsreform in der Republik Serbien, in: Internationale Schulbuchforschung, 24 (2002), H. 3, S. 315–321, hier S. 316 f. 38 Siehe Suzana Rajić/Kosta Nikolić/Nebojša Jovanović: Istorija 8. za 8. razred osnovne škole [Geschichte 8. Für die achte Klasse der Grundschule], Belgrad 2008 (4. Aufl., Erstveröffentlichung: 2005), S. 136, 145 f. 39 Siehe Tea Sindbæk: The Fall and Rise of a National Hero: interpretations of Draža Mihailović and the Chetniks in Yugoslavia and Serbia since 1945, in: Journal of Contemporary European Studies, 17 (2009), H. 1, S. 47–59. 40 Siehe Rajić/Nikolić/Jovanović: Istorija 8 (Anm. 38), S. 152, 172, 174, 177; außerdem Kosta Nikolić/Nikola Žutić/Momčilo Pavlović/Zorica Špajijer: Istorija 3/4 za III razred gimnazije prirodno-matematičkog smera i IV razred gimnazije opšteg i društveno-jezičkog smera [Geschichte 3/4 für die dritte Klasse des naturwissenschaftlich-mathematischen Zweiges des Gymnasiums und die vierte Klasse des allgemeinen und gesellschaftlich-sprachlichen Zweiges des Gymnasiums], Belgrad 2002, S. 217. 41 Siehe ebd., S. 217. 42 Ebd., S. 235 f. 43 Siehe Rajić u. a.: Istorija 8 (Anm. 38), S. 172; Nikolić u. a.: Istorija 3/4 (Anm. 40), S. 239 f. 44 Rajić u. a.: Istorija 8 (Anm. 38), S. 181 f.; Nikolić u. a.: Istorija 3/4 (Anm. 40), S. 239 f. 45 Siehe Cedomir Antić: Kratka Istorija Srbije [Kurze Geschichte Serbiens], Belgrad 2004, S. 200. (Neuveröffentlichungen: 2005 und 2009). 46 Ebd., S. 177 f., 190–192; 195; 197; 200–204. 47 Siehe Dalibor Denda: Čedomir Antić, Kratka istorija Srbije 1804–2004 [Čedomir Antić, Kurze Geschichte Serbiens], in: Tokovi Istorije [Lauf der Geschichte] (2005), H. 3–4, S. 305–309, hier S. 308 f. 48 Siehe Falk Pingel: Einigung auf ein Minimum an Gemeinsamkeit. Schulbuchrevision in Bosnien und Herzegowina, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 57 (2006), H. 9, S. 524 ff.; Branislava Baranović: History Textbooks in Postwar Bosnia and Herzegovina, in: Intercultural Education, 12 (2001), H. 1, S. 16 ff. 49 Siehe zum Beispiel Mustafa Imamović: Historija Bošnjaka [Geschichte der Bosniaken], 2. Aufl. Sarajevo 1998, S. 537 ff.; Mehmedalija Bojić: Historija Bosne i Bošnjaka [Geschichte Bosniens und der Bosniaken], Sarajevo 2001, S. 205 ff. 50 Zijad Šehić/Indira Kučuk-Sorguč: Historija 4. Udžbenik za četvrti razred gimnazije [Geschichte 4. Lehrbuch für die vierte Klasse des Gymnasiums], Sarajevo 2004, S. 120 f., 124; Zijad Šehić/Zvjezdana Marčić-Matošović: Historija 8. Udžbenik za osmi razred osnovne škole [Geschichte 8. Lehrbuch für die achte Klasse der Grundschule], Sarajevo 2004, S. 95 f. 51 Siehe zum Beispiel Šemso Tucaković: Srpski zločini nad Bošnjacima-Muslimanima 1941–1945 [An den bosnischen Muslimen verübte serbische Verbrechen 1941–1945], Sarajevo 1995, vor allem S. 174; Faruk Muftić: Foča. Ponovljeni zločin i hronologija zločina 1941/1945–1992/1995. godina [Foča. Erneute Verbrechen und Chronologie der Verbrechen 1941/1945 – 1992–1995], Sarajevo 2001, S. 180–182; zur Fortsetzung der serbischen Verbrechen: Imamović: Historija Bošnjaka (Anm. 49), S. 571; Ibrahim Pašić: Od Hajduka do Četnika (stradanje i genocid nad glasinačkim Bošnjacima od najstarijih vremena do 1994. godina) [Von den Heiducken zu den Tschetniks (Das Leiden der Bosniaken von Glasinac und der an ihnen verübte Völkermord von frühester Zeit bis 1994)], Sarajevo 2000, S. 19, passim. Um die Vorstellung von der Wiederholung der Verbrechen des Völkermords und der ethnischen Säuberung geht es auch in dem bosnisch-französischen Film »Remake«, der abwechselnd in einem Ustascha-Gefängnis der Vierzigerjahre und in einem Internierungslager der Tschetniks der Neunzigerjahre spielt und das Morden im Ustascha-Lager Jasenovac und in einem Konzentrationslager der Tschetniks in der Nähe von Sarajevo zeigt. 52 Siehe Šehić/Kučuk-Sorguč: Historija 4. (Anm. 50), S. 123 ff.; Šehić/Marčić-Matošović: Historija 8. (Anm. 50), S. 96 ff. 53 Siehe Šehić/Kučuk-Sorguč: Historija 4. (Anm. 50), S. 156 f. 54 Šehić/Marčić-Matošović: Historija 8. (Anm. 50), S. 124–127; Šehić/Kučuk-Sorguč: Historija 4. (Anm. 50), S. 158–161. 55 Ebd., S. 162. 56 Ebd. 57 Siehe Imamović: Historija Bošnjaka (Anm. 49), S. 547 f., 562–564; Bojić: Historija Bosne i Bošnjaka (Anm. 49), S. 226 f., 245–250. 58 Ebd., S. 245 f., 260, 263 sowie Imamović: Historija Bošnjaka (Anm. 49), S. 562–564.

JHK 2014

»In einem Vorleben war ich Europäer« – Melvin J. Lasky als transatlantischer Mittler im kulturellen Kalten Krieg

Maren Roth

»In einem Vorleben war ich Europäer«1  »[My mother] told me that, long before my memory began to register, I had been taken on a grand tour of Europe. In the summer of 1922, as a two-year-old, I with my parents passed through Berlin. One day, in the heart of Alexanderplatz, as the family album embarrassingly records, I threw myself on to the Pflaster of the grand East Berlin square, refused to budge an inch, and shouted my head off. This, in my mother’s partisan theory, was the symbol of the child’s early commitment to protest, to stubborn dissidence, to speaking one’s mind in the heart of Europe.«2Melvin J. Lasky Dieser kindliche Trotzanfall mitten im Zentrum Berlins, den Melvin J. Lasky viele Jahre später in Skizzen zu seinen Memoiren so anschaulich beschrieb, ereignete sich auf der großen transatlantischen Reise der Familie Lasky von New York nach Łódź im Jahr 1922. Nachdem die Eltern einige Jahre zuvor in die USA ausgewandert waren, wollten sie nun den Verwandten in der alten Heimat ihren erstgeborenen Sohn präsentieren. Auch wenn Familienanekdoten in der Regel im Laufe der Zeit inhaltliche Änderungen oder Ausschmückungen erfahren, ist dieser Wutanfall des kleinen Melvin gerade in Berlin vor dem Hintergrund seines späteren Lebensweges durchaus interessant. So bildete die erste Reise Laskys über den Atlantik nicht nur den Auftakt zu einem durch und durch transatlantischen Leben. Es war zudem – was 1922 noch keiner ahnen konnte – genau 25 Jahre später eine klare Meinungsäußerung Laskys auf dem Ersten Deutschen Schriftstellerkongress in Berlin im Oktober 1947, die ihm »in the heart of Europe« eine gewisse Berühmtheit einbrachte und seinem Leben eine entscheidende Wendung gab. Lucius D. Clay, der Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone, wollte Lasky – der in seiner kurzen Rede die sowjetische Besatzungsmacht in scharfen Worten kritisiert hatte, und das zu einer Zeit, in der die westlichen Alliierten noch auf Ausgleich mit der Sowjetunion bedacht waren – zunächst noch aus Berlin ausweisen. Da sich die politische Lage zwischen den USA und der Sowjetunion jedoch schon in den nächsten Monaten zuspitzte, erhielt Lasky, dessen vehement antikommunistische Ansichten nun auf Regierungslinie lagen, eine Stelle in der Kulturabteilung der amerikanischen Militärregierung. In dieser Funktion konzipierte er eine intellektuelle Zeitschrift, die mit ihren literarischen und kulturellen Beiträgen vor allem zwei Ziele haben sollte: Zum einen sollten der deutschen Bevölkerung Artikel bekannter deutscher und internationaler Autoren präsentiert werden, die im Dritten Reich verboten bzw. schwer zugänglich gewesen waren, und zum anderen sollte die intellektuelle Elite Deutschlands mithilfe der qualitativ hochwertigen sowie streng antitotalitär argumentierenden Artikel politisch und kulturell in das westliche antikommunistische Lager eingebunden werden. Mit der Herausgabe der ab Oktober 1948 erscheinenden Zeitschrift Der Monat erfüllte sich Lasky nicht nur seinen Jugendtraum von einem eigenen »little magazine«. Als Herausgeber des Monat sowie als Mitbegründer des Congress for Cultural Freedom (CCF)3 gehörte er – so Michael Hochgeschwender – zu den zentralen Akteuren »gleich an zwei bedeutsamen Schnittpunkten der kulturellen Entwicklungen im Kontext des Kalten Krieges«.4 Im Rahmen des ambitionierten Unterfangens eines kulturellen und ideellen Transfers, den die amerikanische Regierung in Deutschland nach 1945 erreichen wollte, erwies sich Lasky aufgrund seiner Biografie als idealer transatlantischer Mittler. Er wurde als talentierter Netzwerker mit seinen zahlreichen amerikanischen und europäischen Kontakten zu einem der am besten vernetzten intellektuellen Agenten der USA im kulturellen Kalten Krieg. Während Laskys durchaus umstrittene Rolle im »war of ideas« zwischen den USA und der Sowjetunion, einem Krieg also, in dem sich Werte, Ideologien und Gesellschaftssysteme diametral gegenüberstanden, bereits in Ansätzen untersucht und auch kritisch beleuchtet worden ist, fehlt eine Auseinandersetzung mit seiner frühen persönlichen und intellektuellen Entwicklung nahezu gänzlich. Aus diesem Grund soll es im Folgenden zum einen darum gehen, Laskys Kindheit und Jugend im New York der Dreißiger- und frühen Vierzigerjahre zu untersuchen. Mit Blick auf seinen familiären Hintergrund, auf seine Persönlichkeit, seine Interessen und Pläne sowie seine politischen Ansichten soll erkundet werden, wer eigentlich dieser junge Amerikaner war, der 1947 einen derart beachteten Auftritt hatte, sich anschließend in Berlin etablieren und als wichtiger Akteur im kulturellen Kalten Krieg fungieren konnte. Zum anderen ist genau diese transatlantische Komponente in Laskys Leben von Interesse. Als »so-called ›New York intellectual‹ who managed to become part of the cultural life of the European continent with noticeable success«,5 der selbst später von »meine[r] besondere[n] Beziehung zu Deutschland«6 sprach, hatte er eine besondere Affinität zur deutschen Sprache und Kultur. Woher kommt dieses Interesse und wie manifestiert es sich in seiner Jugend in New York und gerade auch im Kontext seines Einmarsches nach Deutschland als amerikanischer Soldat? Während Deutschland und besonders Berlin lebenslang von großer Bedeutung für Lasky waren, spielte er selbst eine ebenso wichtige Rolle in der journalistischen und literarischen Entwicklung Deutschlands. Durch seine Tätigkeit als Herausgeber des Monat griff er – zusätzlich zu der im Kontext des kulturellen Kalten Krieges von ihm angestrebten Ideologievermittlung – aktiv in das intellektuelle Leben Nachkriegsdeutschlands ein und prägte es wesentlich mit. Hierin liegt wohl auch einer der wesentlichen Unterschiede zu seiner späteren Tätigkeit in London als Herausgeber des Encounter, des 1953 gegründeten und vom CCF finanzierten britischen Kulturmagazins mit gleichfalls antikommunistischer Stoßrichtung. Der geborene Netzwerker Melvin Jonah Lasky wurde als Matthes Jonah Chernilowski am 15. Januar 1920 als erstes Kind polnisch-jüdischer Einwanderer in New York geboren. Seine Eltern Samuel und Esther Chernilowski, die den Familiennamen nach der Rückkehr von der oben erwähnten Reise nach Łódź offiziell ändern ließen, besaßen in Manhattan einen kleinen Textilbetrieb mit ungefähr 40 Mitarbeitern.7 Die Familie, zu der noch die jüngeren Schwestern Floria und Joyce sowie die nur Jiddisch sprechenden Eltern der Mutter gehörten, wohnte, wie zahlreiche jüdische Familien aus Osteuropa, im New Yorker Stadtteil Bronx. Laskys Kindheit und Jugend waren geprägt von mehreren Konstanten des Familienlebens, die nachhaltigen Einfluss auf seine weitere Entwicklung hatten: Erstens spielte die Lektüre von Büchern sowie zahlreicher Tageszeitungen eine zentrale Rolle im Alltagsleben der Familie. Die politisch links orientierte Familie nahm, zweitens, regen Anteil am politischen Geschehen. Die Großfamilie führte mitunter heftige Diskussionen, deren Thema immer wieder die politischen Entwicklungen in Europa und speziell in Deutschland nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 waren. Die dritte Konstante seiner familiären Sozialisation war die grundsätzliche Wertschätzung der deutschen Kultur und Sprache, die – wie sich Laskys Schwester Joyce erinnerte – in erster Linie vom Vater ausging: »My father was a great lover of German culture and at that point to be living in Poland there was your choice between the barbarian Russians and the höfliche Deutsche and they infinitely preferred the Germans and besides that my father read German. [...] [The] cultural orientation was very German, father was one of the rare Jews that never held Naziism against German culture.«8 So standen in der elterlichen Bibliothek nicht nur wie selbstverständlich Werke deutscher Autoren im Original; Laskys Vater war zudem mit den Dramen Schillers und Goethes ebenso vertraut wie mit den Opern Richard Wagners. Schließlich war es Bildung an sich, die für die Familie Lasky einen sehr hohen Stellenwert hatte. Da Esther Lasky selbst keine höhere Schule hatte besuchen und Samuel Lasky sein gerade aufgenommenes Studium durch die Einberufung in den Ersten Weltkrieg nicht hatte beenden können, lag ihnen sehr daran, ihren Kindern die allerbeste Ausbildung zu ermöglichen. Diese frühe Prägung und intellektuelle Stimulation sowie die Bedeutung, die die Eltern der Bildung und damit auch dem sozialen Aufstieg ihrer Kinder beimaßen, ergänzten sich in idealer Weise mit dem Charakter und den Interessen des jungen Lasky. Schon früh neugierig, wissbegierig und ehrgeizig, faszinierten ihn Bücher ebenso wie Menschen, interessierten ihn zahlreiche Themengebiete, von der Geschichte und Politik über Literatur und Theater bis hin zu Kino und Sport. Nach seinen Tagebüchern zu urteilen, las er sich quer durch die amerikanische und europäische, hier vor allem deutsche Literatur. Er bewältigte sein umfangreiches Lesepensum fast wie ein Getriebener – an einer Stelle im Tagebuch ermahnte er sich selbst: »[M]ust read like a machine«9 – und kommentierte seine Lektüre in Form von Minirezensionen. Abgesehen von Büchern las er einige Tageszeitungen, hier mitunter eine deutsche Zeitung, sowie intellektuelle und literarische Zeitschriften, wie zum Beispiel die linke Zeitschrift Partisan Review, das publizistische Organ und Sprachrohr der antistalinistischen New York Intellectuals. Laskys Tagebücher zeigen auch, dass er sehr kontaktfreudig war und viel mit seinen Freunden unternahm. Häufig besuchte er Vorträge und Diskussionen mit prominenten Wissenschaftlern und Intellektuellen. Dort meldete er sich kritisch aus dem Publikum zu Wort und bemühte sich darüber hinaus, die Vortragenden auch persönlich kennenzulernen. Sein Kommentar über einen Vortrag im Oktober 1941 ist ein guter Beleg für Laskys ausgeprägtes Selbstbewusstsein: »Heard [James] Burnham + [Sidney] Hook at N[ew].Y[ork].U[niversity], – challenged both and found both lacking in genuine depth and personality.«10 Auf Veranstaltungen wie diesen, aber auch auf zahlreichen Partys seiner Freunde und Kommilitonen sowie bei regelmäßigen Treffen mit den Mitarbeitern und dem Kreis um Partisan Review, die sich durch seine Bekanntschaft mit Dwight Macdonald, einem der Herausgeber, ergaben, begann Lasky sich ein Netzwerk an Kontakten zu schaffen, das er im Laufe der Zeit wesentlich ausbaute und auf das er auch später, gerade während seiner frühen Zeit in Berlin direkt nach dem Krieg, immer wieder zurückgriff. Was seine Persönlichkeit und seinen Charakter betrifft, zeichnen die Tagebücher und Gespräche mit Zeitzeugen ein durchaus ambivalentes Bild: Auf der einen Seite war er fleißig, intelligent, belesen, diskussionsfreudig, sozial sehr aktiv und – vor allem was die Beziehung zu seiner Familie angeht – liebevoll. Auf der anderen Seite verhielt er sich mitunter etwas altklug, eigensinnig und dominierend, in seinem Auftreten wirkte er sehr selbstsicher und zum Teil auch recht forsch. Was seine berufliche Zukunft und seine Karrierepläne anging, so wollte Lasky sich schon früh durch das Verfassen von Artikeln und Rezensionen am intellektuellen Diskurs beteiligen. Lange wusste er nicht, ob er dies als Historiker an der Universität oder als Journalist einer intellektuellen Zeitschrift tun wollte. Auch wenn er sich letztlich für den Journalismus entschied, war sein grundlegendes Interesse an Geschichte sowie das Interesse am einzelnen Menschen und seiner individuellen Geschichte in seinen späteren Aufzeichnungen und Veröffentlichungen immer spürbar. Erste journalistische Erfahrungen sammelte Lasky als Schüler der DeWitt Clinton High School in New York, wo er für Schülerzeitungen berichtete und mit »the elementary journalistic rules of how to write a lead [...], and where to cut a story« vertraut gemacht wurde.11 Im Juni 1935 immatrikulierte er sich am renommierten und unter den Söhnen jüdischer Einwanderer beliebten City College of New York. Während seines Studiums der Sozialwissenschaften setzte Lasky den Deutschunterricht fort, den er in der Schule begonnen hatte. Er belegte zudem Kurse zur deutschen Literatur, in denen er nicht nur »Novalis to Nietzsche« las, sondern auch die Sütterlinschrift erlernte.12 Des Weiteren beteiligte er sich intensiv an den politischen Diskussionen, die am City College in und zwischen den berühmten »alcoves« 1 und 2, den kleinen Nischen in der Cafeteria der Universität, stattfanden. Während sich im Alkoven 2 die Stalinisten trafen, versammelten sich im Alkoven 1 die Anhänger antistalinistischer Gruppen, wie zum Beispiel der Trotzkisten, mit denen Lasky in dieser Zeit stark sympathisierte. Irving Howe, ein Kommilitone Laskys, beschrieb die Atmosphäre im Alkoven 1 in seinen Memoiren sehr anschaulich: »You could walk into the thick brown darkness of Alcove 1 at almost any time of day or evening and find a convenient argument about the Popular Front in France, the New Deal in America, the civil war in Spain, the Five-Year Plan in Russia, the theory of permanent revolution and ›what Marx really meant‹.«13 In dieser Atmosphäre ideologischer Diskussion und Konfrontation war es wenig verwunderlich, dass Lasky mit seinen antistalinistischen Ansichten in engen Kontakt mit den New York Intellectuals kam. Er wurde nicht nur zu deren Veranstaltungen und Partys eingeladen, sondern schrieb ab Ende 1938 auch erste Rezensionen und Artikel für Partisan Review. Wie bedeutend für ihn die Anerkennung durch diese Gruppe aus renommierten Literaten und Intellektuellen und damit ein gewisses Gefühl der Dazugehörigkeit für ihn war, zeigt der Umstand, dass er genau am Tag des Erscheinens seines ersten größeren Artikels in Partisan Review überhaupt erst begann, Tagebuch zu führen. In die letze Phase seines Studiums, das er im Juni 1939 mit dem Bachelor of Social Sciences abschloss, fiel eine Veröffentlichung Laskys, deren Zustandekommen eine gute Vorstellung von seiner Art, Kontakte zu knüpfen und Netzwerke zu schaffen, gibt. Als Herausgeber des Chronicle, des Undergraduate Journal of History am City College, hatte er für ein Symposium mit dem Titel »Books that shaped historical thinking« bekannte Wissenschaftler und Intellektuelle um einen Beitrag gebeten. Wie ungewöhnlich und dennoch erfolgreich sein Vorgehen war, beschrieb Daniel Bell, Kommilitone Laskys und selbst ein New York Intellectual, im Interview: »Mel edited a magazine on history and he wrote out a very famous issue. A brand issue called ›Books that changed our mind‹. And in that he asked a lot of people outside of City College to write articles on what books changed your mind. And these were rather well known names. [...] And it created a huge degree of excitement because it was a brilliant thought to ask people like Sidney Hook [...]. They were intrigued. It was a great idea. They had never been asked something like that before. And Mel had the chutzpa as we say to go and see them. [...] That [special issue] got him a lot of attention and made Mel very well known at City College and even outside.«14 Im September 1939 begann Lasky sein Studium der Geschichte an der University of Michigan in Ann Arbor und verließ damit zum ersten Mal in seinem Leben New York für längere Zeit. Er war weiterhin politisch sehr engagiert, diskutierte auf studentischen Veranstaltungen und legte dabei in seinem Bestreben, stalinistische »fellow traveller« unter seinen Kommilitonen »umzudrehen« und ins trotzkistische Lager herüberzuziehen, einen gewissen missionarischen Eifer an den Tag.15 Mit einem abgeschlossenen Geschichtsstudium kehrte Lasky Ende 1940 nach New York zurück und stürzte sich erneut in ein äußerst dynamisches soziales und intellektuelles Leben. Er schrieb sich an der Columbia University zur Promotion ein und dachte wohl – mit der Aussicht auf eine Stelle am City College – an eine Universitätskarriere. Aus finanziellen Gründen absolvierte er dann jedoch eine Aufnahmeprüfung für den öffentlichen Dienst und arbeitete für ein Jahr als »Junior Historical Aide« in der Funktion eines Fremdenführers an der Freiheitsstatue. Da ihn die festen Arbeitszeiten aber davon abhielten, weiter zu lesen und zu schreiben, kam ihm das Angebot von Daniel Bell, ab Herbst 1942 als Redakteur bei der sozialdemokratischen und antikommunistischen Wochenzeitung The New Leader zu arbeiten, sehr gelegen. In diese Zeit fiel auch Laskys Bruch mit dem Trotzkismus, eine Entwicklung, die sich gut sowohl anhand seiner zeitgenössischen als auch seiner späteren autobiografischen Aufzeichnungen verfolgen lässt. Der Krieg in Europa, dessen Entwicklung er intensiv verfolgte, hatte einen wesentlichen Einfluss auf sein politisches Denken und seine Überzeugungen. Während er im November 1939 schon recht ernüchtert in sein Tagebuch schrieb: »If nothing else turns up, I really think that socialism is thru for our time – even intellectually«, war er noch in den frühen Vierzigerjahren Anhänger der Socialist Workers Party.16 So diskutierte er in einem Brief an sein Vorbild und seinen Mentor Dwight Macdonald im März 1940 die aktuelle Lage der Partei und forderte eine gründliche Analyse der politischen Situation, »if we actually want to beat the Stalinists to the anti-war sentiment«.17 Die dramatischen Ereignisse in Europa, vor allem das Schicksal der Juden, führten aber letztlich dazu, dass er seine radikalen Ansichten und somit auch die Opposition gegen den Kriegseintritt der USA aufgab. Eine zentrale Rolle in diesem Transformationsprozess spielte für ihn – wie er später selbstkritisch zugab – der Philosoph Sidney Hook. »It is no exaggeration when I attribute to him the historic act of saving a whole New York generation, gifted local youngsters (mostly Jewish) who had fallen into the trap of ideology which locked us mindlessly and a-morally into attitudes which were, as he insisted, unsound, illogical, and shamefully wrong.«18 Als er dann im Herbst 1942 seine Stelle beim New Leader »[a]s something of a social Democrat« antrat, war er mental bereits vollkommen auf seinen baldigen Einsatz im Krieg vorbereitet.19 So schrieb er mit großem Pathos einem engen Freund: »When the long hands of the destiny which is wrapping itself around our generation grabs out at me, there’ll be little enough I can do then. [...] One reason why I particularly welcome the change is that [I] feel myself in the war now, sharing its impact, facing its meaning.«20 Als Armeehistoriker über den Atlantik nach Berlin Tatsächlich wurde Lasky ein Jahr später, im November 1943, einberufen und in verschiedenen Camps innerhalb der USA auf seinen Kriegseinsatz als combat historian in Europa vorbereitet. Im Januar 1945 wurde er nach Europa verschifft und marschierte mit der 7. US-Armee im Rang eines Oberleutnants in Frankreich und Deutschland ein. Als Armeehistoriker, der mit der Dokumentation von Kämpfen betraut war und zu diesem Zweck amerikanische Soldaten und die Zivilbevölkerung befragen musste, konnte er sich relativ frei bewegen. Er nutzte dieses Privileg vor allem auf zweierlei Weise: Zum einen besichtigte er die zerstörten Städte sowie – fast schon in der Art einer Grand Tour – zahlreiche historische und kulturelle Stätten in Deutschland. Zum anderen suchte er deutsche Schriftsteller und Intellektuelle wie Karl Jaspers, Martin Heidegger und Ernst Jünger auf, deren Werke er bereits in New York gelesen hatte.21 Diese Besuche, die er wie seine sonstigen Erlebnisse und Eindrücke in seinem Kriegstagebuch beschreibt, belegen Laskys Drang, weitere Kontakte zu knüpfen, sein Netzwerk an Intellektuellen auszubauen und somit von den USA nach Europa zu spannen.22 Die zum Teil recht langen und detailreichen Aufzeichnungen geben einen guten Einblick in Laskys Arbeit und Alltag als Soldat, ebenso aber auch in seine persönliche Gemütslage sowie seine Einstellung zu den Ereignissen während des Krieges und der direkten Nachkriegszeit. Interessant ist hier zum Beispiel seine wiederholte Kritik an der frühen amerikanischen Besatzungspolitik. Zudem fällt seine grundsätzlich positive Einstellung gegenüber der deutschen Bevölkerung auf. Trotz des in dieser Zeit herrschenden Fraternisierungsverbots führte er – ganz Journalist – lange Gespräche mit Deutschen aller Altersklassen und befragte sie zu deren Schicksal während des Krieges und ihrer aktuellen Situation. Wie sehr ihn diese Gespräche berührten, aber auch wie hoffnungsvoll und optimistisch er im Grunde der Zukunft Deutschlands gegenüberstand, macht sein Brief an Dwight Macdonald kurz vor Kriegsende sehr gut deutlich: »There was a doctor in Frankfurt who helped me find the old museum at Goethe’s birthplace [...]; for an hour on the rubble we talked, and his earnestness and passion (and broken heart) touched me more than perhaps anything I have ever known. But then he was something of a political or developed person. There were two simple fellows in Darmstadt who understood little beyond the outline and substance of the events which had rained in on them; but the events themselves had been instructive and tragic enough. Even they, non-Nazi and petty-bourgeois, left me full of hope – not perhaps for a new Germany or a healthier European order, but for something much more practical and even immediate: a returning sense of the dignity of people, of the independence and honesty and character of a human being.«23 Laskys Briefe an seine Familie, aber auch an Bekannte in New York sind Beleg nicht nur für seine intensive Beobachtung der Entwicklungen und Stimmungen vor Ort; dem Kunsthistoriker und New York Intellectual Meyer Shapiro schildert er zum Beispiel auf dessen Wunsch hin die aktuelle Situation einiger Professoren der Universität München.24 Ihre Darstellungen offenbaren genauso wie das Kriegstagebuch, wie stark ihn das Kriegserlebnis geprägt hat. Nach einer kurzen Phase der Sinnsuche und der Unklarheit über seine Ziele und seine Zukunft orientierte sich Lasky im besetzten Deutschland recht schnell. Im Juli 1946 beendete er seinen Dienst in der Armee und entschied sich, in Berlin zu bleiben. Er war fasziniert von der Stadt und hatte dort im Sommer 1945 Brigitte Newiger, seine zukünftige Frau, kennengelernt. Abgesehen aber von dem, wie er selbst formulierte, »persistent emotional pull towards Berlin«,25 gab es laut Harold Hurwitz, einem engen Freund Laskys und späteren Mitarbeiter des Monat, auf die Frage, warum dieser in Berlin geblieben sei, noch eine weitere, Laskys Beweggründe vermutlich recht treffend beschreibende Antwort: »Hier war er im Mittelpunkt. Wo [sonst] sollte er im Mittelpunkt sein? … [Und] dieses Kulturleben in Berlin mit den Russen, den Franzosen, alles das war einmalig.«26 Beruflich knüpfte Lasky an seine journalistische Arbeit in New York an und berichtete ab Herbst 1946 als Korrespondent für Partisan Review und New Leader. Diese Tätigkeit erlaubte ihm nicht nur, seine Kontakte zu deutschen und westeuropäischen Schriftstellern, Intellektuellen und Politikern weiter auszubauen, sondern auch den Kontakt nach New York zu halten und somit nun endgültig seinem intellektuellen Netzwerk eine transatlantische Komponente hinzuzufügen. Als er ein Jahr später den Ersten Deutschen Schriftstellerkongress besuchte, kam es – anscheinend war er von Günter Birkenfeld, einem der Vorsitzenden, auf die Rednerliste »geschmuggelt« worden – zu seiner eingangs erwähnten Rede, in der er sich vehement für die kulturelle Freiheit aussprach.27 Kurz nach seinem viel beachteten Auftritt berichtete er, nicht ohne Stolz, Dwight Macdonald von dem Wirbel um seine Person, der nach dem Kongress einsetzte: »You know, ever since that matter of the German Writer’s Congress – I suppose you saw the dispatches in the NY papers – my name has suddenly become a war cry and my telephone a national headquarter. At any rate, the NL [New Leader], PR [Partisan Review] and MJL [Melvin J. Lasky] got a measure of notoriety out of the affair. But what has happened since that press controversy – in which Katayev called me a Kriegsbrandstifter, and the other Russians worse than that – is that I have suddenly become the representative of Western culture in these parts – publishers beat a path to my door demanding advice on political, historical, literary, psychological issues of every variety.«28 Unabhängig davon, wie spontan, zufällig oder eventuell doch geplant Laskys provokante Intervention war, sie machte ihn auf jeden Fall zum zentralen Protagonisten einer Veranstaltung, die später als »the first major event in th[e] battle for the hearts and minds that has become known as the ›Cultural Cold War‹« bezeichnet worden ist.29 Seit Beginn der Vierzigerjahre und seinem Bruch mit dem Trotzkismus hatte sich Lasky – wie viele seiner intellektuellen Freunde auch – zu dem liberalen Antikommunisten entwickelt, als der er als Gründer des Monat und Mitbegründer des CCF bekannt wurde. Es war vor allem sein Glaube an die Bedeutung von Kultur und sein Einsatz für die kulturelle Freiheit, die seine Arbeit im Nachkriegseuropa prägten und ihn mit einem ähnlich missionarischen Eifer agieren ließen wie zuvor, als es darum gegangen war, stalinistische Kommilitonen »umzudrehen«. »It is apparent that, through the late 1940s, Lasky’s notion of an activist role for culture in the organization of society, fuelled originally by Trotzky’s writings and the inspirational anti-Stalinism of figures such as Sidney Hook and those gathered around Partisan Review, hardened into an ideological crusade aligned with the basic goals of American foreign policy.«30 Die Verschlechterung der Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion im beginnenden Kalten Krieg wurde im Herbst 1947 vor allem auch in der klar antiamerikanisch ausgerichteten Propagandapolitik des sowjetischen Kominform sichtbar. Als Gegenreaktion initiierte Clay, der noch bis zuletzt gerade in Berlin auf einen Ausgleich mit den Russen bedacht gewesen war, die Operation »Talk Back«. Diese sollte »koordiniert und unter strikt anti-kommunistischen Vorzeichen die wesentlichen Inhalte des amerikanisch liberaldemokratischen Konsenses in Deutschland vermitteln« und dabei vor allem die Verankerung demokratischer Prinzipien in der deutschen Gesellschaft im Blick haben.31 Lasky, der in einem Memorandum an Clay im Dezember 1947 die dringende Notwendigkeit einer »new overt publication, effectively American-oriented, on the cultural front« angemahnt hatte und damit ganz im Sinne der Operation »Talk Back« argumentierte, erhielt nun im März 1948 in seiner neuen Funktion als Kulturoffizier der amerikanischen Militärregierung genau diese Aufgabe: die Gründung eines Kulturmagazins. Das Kulturmagazin Der Monat Als »Kind der Lüftbrücke«32 erschien die erste Ausgabe des Monat am 1. Oktober 1948. Zielgruppe der fortan monatlich erscheinenden Zeitschrift, die im deutschsprachigen Raum vertrieben und heimlich auch in der Ostzone verteilt wurde, war die intellektuelle Elite, vor allem auch Studenten. Für die publizierten Artikel gab es – so Hochgeschwender – ganz klare Kriterien. »Die Artikel mussten durch intellektuelle Qualität, sprachliche Brillanz und antitotalitäre Gesinnung bestechen. Waren die ersten beiden Aspekte nicht immer durchzuhalten, der dritte sollte stets ausschlaggebend bleiben.«33 Lasky und der deutsche Mitherausgeber Hellmut Jaesrich, die sich gegenseitig sehr schätzten und sich auch in ihrer Arbeitsweise ideal ergänzten, veröffentlichten zum einen Artikel von Laskys intellektuellen Weggefährten aus New York, die – wie zum Beispiel Sidney Hook oder Daniel Bell – mit ihrer antikommunistischen Einstellung genau in das Profil der Zeitschrift passten. Zum anderen druckten sie Artikel westeuropäischer Schriftsteller und Intellektueller wie Raymond Aron, George Orwell, Arthur Koestler und Thomas Mann, bekannte Namen, die die deutschen Leser nach zwölfjähriger intellektueller Isolation unglaublich beeindruckten. Durch die sorgfältig komponierte Zusammenstellung von Artikeln so unterschiedlicher Herkunft und Thematik gab der Monat »literarischen, künstlerischen und auch politischen Diskussionen einen breiten, antinationalsozialistischen und zunehmend antikommunistischen Raum [und] war in den frühen 1950er Jahren in Deutschland qualitativ ohne Beispiel«.34 Die Bedeutung Laskys als transatlantischer Mittler und Netzwerker, eine Rolle, die er ab Ende der Vierzigerjahre in Berlin endgültig konsolidierte, zeigte sich hier ganz deutlich. Auf der einen Seite war er mit der intellektuellen Szene in den USA und hier vor allem mit den New York Intellectuals weiterhin gut vernetzt. Sein Kommilitone vom City College und Freund Nathan Glick, der im New Yorker Büro des War Department arbeitete und das Material für Publikationen der amerikanischen Militärregierung liefern musste, informierte ihn über den neuesten Stand der intellektuellen Diskussion in den USA und schickte ihm relevante Publikationen.35 Auf der anderen Seite erwies sich Berlin in dieser Zeit für Lasky nicht nur als ein aufregender politischer und kultureller Ort, sondern auch als ein ideales Zentrum, von dem aus er dieses Netzwerk pflegen und ausbauen konnte. Durch eine Anfrage per Brief, anlässlich eines persönlichen Besuchs, auf einer Party oder durch Empfehlung seiner Freunde oder Kollegen knüpfte er Kontakte zu deutschen Literaten, Intellektuellen und Politikern, denen er durch seine deutschen Sprachkenntnisse, aber vor allem aufgrund seiner Vertrautheit mit der deutschen Geschichte und Kultur sowie mit der aktuellen Situation als informierter und glaubwürdiger amerikanischer Gesprächspartner erschien. Einträge in den Tagebüchern der frühen Fünfzigerjahre wie zum Beispiel: »Long evening at Rathaus – West German journalists – sat at table with [Ernst] Reuter«, »Boat across Wolfgangsee to Appenbach, Thomas Mann waiting at the pier«, »nice letter from Erich Maria Remarque« oder »Lunch with Hermann Kesten – planning series on Joseph Roth, Heinrich Mann, Carl v. Ossietzky et al.« vermitteln einen guten Eindruck von Laskys beruflichem Alltag und seiner Umtriebigkeit.36 Zwischen der täglichen intensiven Lektüre zahlreicher amerikanischer und europäischer Tageszeitungen, der Redaktionsarbeit, dem Verfassen eigener Texte, den Diskussionen mit Kollegen und Autoren, den Ortsterminen, den Abendessen, den Theaterbesuchen und den Partys schien ihm kaum eine freie Minute geblieben zu sein. Brigitte Lasky erinnerte sich sehr gut an die Intensität, mit der sie und ihr Mann am Berliner Gesellschaftsleben teilnahmen, sowie an die Besuche zahlreicher bekannter Persönlichkeiten aus aller Welt in der Villa in der Zehlendorfer Kleiststraße, in der die Familie mit den beiden 1949 und 1952 geborenen Kindern Vivienne und Oliver wohnte.37 Auch wenn Der Monat im Kontext der amerikanischen Propagandapolitik mit einem konkreten ideologischen Auftrag gegründet worden war und sich dies in der Auswahl der Autoren niederschlug, so nahm er mit seinen auf hohem Niveau geführten politischen und literarischen Diskussionen eine wichtige Position in der Medienlandschaft der Nachkriegszeit ein und war »[b]is in die späten 1950er Jahre [...] mit einer Auflage von rund 20 000 die einflussreichste intellektuelle Zeitschrift des deutschen Sprachraums«.38 Lasky, der nicht nur internationale Autoren erstmals publizierte, sondern gerade durch die Auswahl von Artikeln bestimmter deutscher Autoren maßgeblichen Einfluss auf die Literaturlandschaft Nachkriegdeutschlands nahm, positionierte den Monat in seinen Memoiren selbstbewusst in einem europäischen intellektuellen Kontext und offenbart damit einen in gewissem Sinne transatlantischen Kreislauf von Vorbildern und Ideen: »I had been editing and publishing an intellectual review which was considered in a half-dozen Western capitals to be in the great tradition of European journals. I had, thus, fulfilled a school-boy’s dream of consorting with the likes of T. S. Eliot’s Criterion, Andre Gide’s Nouvelle Revue Francaise, Ortega y Gasset’s Revista de Occidente. Indeed much of the last works of Eliot, Gide, and Ortega, first reached German-language readers in the pages of Der Monat.«39 Der Kongress für Kulturelle Freiheit Laskys persönliche Kontakte und verschiedene Netzwerke diesseits und jenseits des Atlantiks waren es auch, die ihn zu einer zentralen Figur bei der Gründung des CCF machten. Während die Idee, auf eine Reihe sehr erfolgreicher sowjetischer Propagandainitiativen im kulturellen Bereich mit einer antikommunistischen Gegenveranstaltung zu reagieren, ihren Ursprung in Diskussionen zwischen Antistalinisten, Gewerkschaften und Regierungsorganisationen – hier vor allem der 1947 gegründeten Central Intelligence Agency (CIA) – in den USA hatte, war es Lasky, der als Generalsekretär vor Ort zusammen mit seinem Team vom Monat zuständig für die Organisation des Kongresses war, der vom 16. bis zum 30. Juni 1950 in Berlin stattfand.40 Der Kongress, der mit einem nachdrücklichen Bekenntnis der 121 teilnehmenden Schriftsteller, Wissenschaftler, Journalisten und Politiker aus aller Welt zur geistigen Freiheit abschloss, erwies sich als so erfolgreich, dass die CIA – der geheime Hauptsponsor der Veranstaltung – beschloss, den CCF als feste Institution gleichen Namens mit Sitz in Paris zu etablieren. Michael Josselson, wie Lasky Kulturoffizier in der amerikanischen Militärregierung und mit diesem sehr eng befreundet, wurde mit der administrativen Leitung des nun institutionalisierten CCF betraut. Während Josselson, der, wie sich später herausstellte, seit 1948 CIA-Agent war, damit rechnete, dass auch Lasky in leitender Funktion für den CCF tätig sein würde, entschied die CIA genau das Gegenteil. Erzürnt über Laskys öffentliche und prominente Rolle während des Kongresses in Berlin, die sich die CIA im Vorfeld ausdrücklich verbeten hatte, um den Verdacht der geheimen amerikanischen Finanzierung gar nicht erst aufkommen zu lassen, bestand Frank Wisner, der Leiter der verdeckten CIA-Operation, darauf, »dass Lasky außen vor gehalten werden müsse, wenn die CIA den Congress for Cultural Freedom in Zukunft weiter unterstützen sollte«.41 Auch wenn sich Josselson zunächst querstellte und gegenüber Wisner zugunsten Laskys argumentierte – »… no other person here [...] could have achieved such success« –, nahm der CCF als »Amerikas Hauptwaffe« im kulturellen Kalten Krieg seine Arbeit in Paris ohne die Beteiligung Laskys auf – zumindest offiziell.42 Laskys formelle Verbindung zum CCF im Sommer 1950 mag insofern in der Tat, wie er später schrieb, eine »one-shot affair« gewesen sein; seine nachfolgende Aussage: »I played no role [in the CCF] that amounted to anything for many years to come« entspricht jedoch schlicht nicht den Tatsachen.43 Er nahm an zahlreichen weiteren Veranstaltungen des CCF teil sowie an den Treffen der Herausgeber der CCF-Magazine, eines internationalen Netzwerks an intellektuellen Zeitschriften wie Der Monat, Preuves in Paris, Tempo Presente in Rom und Encounter in London, an dessen Schaffung er maßgeblich beteiligt gewesen war.44 Aufgrund seiner engen Freundschaft mit Josselson wurde er zur grauen Eminenz hinter dem CCF. Daniel Bell, der in den Fünfzigerjahren selbst kurze Zeit für den CCF in Paris gearbeitet hatte, betonte dies ganz ausdrücklich: »Mel always advised Mike [Josselson]. And Mike depended, no question on Mel’s ideas, names of people because Josselson himself was a brilliant person but never intellectual.«45 Lasky mit seinen zahlreichen Kontakten und seiner intimen Kenntnis der intellektuellen und literarischen Szene sowohl in den USA als auch in Europa war, wie Hochgeschwender überzeugend argumentiert, einer der wenigen, der mit den politisch und weltanschaulich so unterschiedlichen Intellektuellen im CCF kommunizieren konnte und von diesen zudem auch respektiert wurde.46 Diese unbestritten wichtige Rolle Laskys darf jedoch nicht dahingehend interpretiert werden, er habe den CCF nach seinem Belieben und seinen Interessen lenken können. Er war selbst Teil eines Netzwerks hochqualifizierter, internationaler, kosmopolitischer, oft multikultureller und zumeist jüdischer Akteure wie Michael Josselson, Nicholas Nabokov oder François Bondy, von denen er genauso abhängig war wie sie von ihm in ihrem gemeinsamem Kampf um »the hearts and minds» der westeuropäischen Intellektuellen im kulturellen Kalten Krieg.47 Von Berlin nach London – Encounter und die CIA Als Irving Kristol, Laskys Kommilitone im City College, der zusammen mit dem englischen Dichter Stephen Spender in London den Encounter herausgab, 1958 in die USA zurückkehren wollte und Josselson sich daher nach einem Ersatz für den Posten des amerikanischen Herausgebers umschauen musste, fiel die Wahl recht schnell auf Lasky. Nach zwölf Jahren in Berlin war es mit Sicherheit auch die Aussicht, wieder in der eigenen Sprache arbeiten zu können, die Lasky bewog, das Angebot anzunehmen und mit seiner Familie Ende 1958 nach London zu ziehen. Nun konnte Lasky seinem transatlantischen Netzwerk nach New York und Berlin noch London als dritte Basis hinzufügen und seine Kontakte zur kulturellen und politischen Elite Englands ausbauen. Dank dieses Netzwerks und auch der Kontakte Spenders vor allem im literarischen Bereich sowie Laskys Gespür für Trends und Themen gelang es dem kleinen Redaktionsteam, die Position von Encounter als einflussreichstem intellektuellen Magazin in Europa zu festigen. Diese Reputation erlitt allerdings einen gewaltigen Schaden, als im Frühjahr 1967 amerikanische Zeitungen berichteten, dass der CCF und somit auch Encounter und die anderen CCF-Magazine heimlich von der CIA mittels eines Systems amerikanischer Scheinstiftungen finanziert worden waren. Zwar hatte Lasky, als Anfang der Sechzigerjahre erste Gerüchte diesbezüglich zirkulierten, einen neuen Geldgeber gesucht und diesen Anfang 1964 auch gefunden; dennoch wurden er und seine Kollegen zur Zielscheibe heftiger Vorwürfe und teils sehr boshafter Attacken. Zahlreiche Autoren und Leser des Encounter fühlten sich betrogen und warfen seinen Machern vor, durch die Verbindung zur CIA nicht unabhängig gewesen und zum Zweck amerikanischer Propaganda ins-trumentalisiert worden zu sein. Die Frage, was genau Lasky ab wann gewusst hat, kann noch nicht abschließend geklärt werden. Allerdings gibt es durchaus Hinweise darauf, dass er schon lange vor den Enthüllungen von der Finanzierung des CCF durch die CIA gewusst hat. Faktoren wie seine enge Freundschaft mit Josselson, seine, wenn nicht offizielle, so doch wichtige Rolle innerhalb des CCF sowie eine Aussage des für die verdeckten Operationen der CIA seinerzeit zuständigen Geheimdienstmitarbeiters Thomas Braden, dem zufolge Lasky »not an unwitting man« gewesen sei, scheinen in diese Richtung zu deuten.48 Das Thema ist jedoch, wie Wilford zeigt, wesentlich komplexer, als die immer wieder diskutierte Frage »War er nun CIA-Agent oder nicht?« vermuten lässt. »Melvin Lasky, for nearly twenty years of his career, moved constantly in an intellectual environment heavily conditioned by the covert patronage of the CIA, eventually himself becoming one of the U.S.’s most effective combatants in the Cultural Cold War. Merely to dismiss him as CIA agent, though, would be to overlook a number of important considerations, including his prior involvement in the American Non-Communist Left’s battle with Stalinism, other calls on his political loyalty which, at least early on, made him more of a liability than an asset in the eyes of the CIA and, finally, evidence of active and deliberate collaboration by those foreign intellectuals whom the Agency supposedly was hoodwinking. Ultimately, Lasky’s relationship with the secret U.S. state serves as further proof, if any were needed, of the profoundly complex nature of the Cultural Cold War.«49 Irritierend, wenn nicht sogar skandalös, war für viele die Tatsache, dass Lasky nach den Enthüllungen stur seine Arbeit fortsetzte, öffentlich nie zu den Vorwürfen Stellung bezog und sich offensichtlich keiner Schuld bewusst war. Wenn man sich allerdings Laskys recht dominanten, meinungsstarken und unabhängigen Charakter vor Augen führt, dem jede Art der Vereinnahmung durch andere widerstrebte, sowie seine streng antikommunistische Grundhaltung, die der aller am CCF beteiligten Personen entsprach, kann man wohl in der Tat davon ausgehen, dass Lasky immer das getan hat, was er selbst für richtig hielt. Auch wenn Lasky also hartnäckigen Forderungen nach seinem Rücktritt nicht nachkam und die Krise letztlich überstand, markierte das Jahr 1967 dennoch eine Zäsur in der Geschichte von Encounter. Zum einen trat Stephen Spender, seit 1953 der britische Mitherausgeber, aus Protest zurück. Zum anderen hatte das Renommee von Encounter stark gelitten, und die Zeitschrift schien – wie zwei ehemalige Mitarbeiter Laskys es später frustriert ausdrückten – für viele Leute nur noch in ihrer Verbindung zur CIA anstatt für ihre durchaus intellektuell hochwertigen Inhalte interessant zu sein.50 Als im September 1990 die letzte Ausgabe des Encounter erschien, lag dies nicht nur an der desolaten finanziellen Lage der Zeitschrift; mit dem Ende des Kalten Krieges hatte sie ihre ursprüngliche Mission letztlich auch erfüllt. Lasky zog mit seiner zweiten Frau zurück nach Berlin, wo er an seinen – nicht mehr fertiggestellten – Memoiren arbeitete und schließlich als einer der letzten kulturellen Kalten Krieger am 19. Mai 2004 starb. Der ideale transatlantische Mittler Bauerkämper, Jarausch und Payk haben auf die Bedeutung transatlantischer Mittler im Kontext der kulturellen Demokratisierung Westdeutschlands nach 1945 hingewiesen. Sie seien durch ihre Sprachkenntnisse und das Verständnis beider Kulturen hervorragend für die angestrebte Vermittlung von Werten und Verhaltensweisen geeignet gewesen. »Dabei müssen die Vermittelnden gleichermaßen das Vertrauen der Bevölkerung und der externen Akteure gewinnen [...]. Andererseits können diese Zwischenträger Konflikte reduzieren und potenzielle Bruchzonen stabilisieren, zumal wenn sie zwar auf der einen Seite fest verankert sind, auf der anderen Seite aber hinreichend Gehör finden, um Anliegen weiterzugeben und Interessen vertreten zu können.«51 Lasky erscheint hier mit seiner Tätigkeit sowohl als Herausgeber des Monat als auch als wichtiger Akteur im CCF als ein nahezu idealer transatlantischer Mittler. Durch die Prägung seiner Familie sowie eines insgesamt sehr europäisch orientierten intellektuellen Milieus in New York war er mit der deutschen Sprache und Kultur bereits gut vertraut, bevor er als amerikanischer Soldat überhaupt deutschen Boden betrat. Diese Prägung, gepaart mit seinen intellektuellen Interessen, seiner ideologischen Ausrichtung sowie seiner Fähigkeit, Netzwerke zu knüpfen und zu operationalisieren, bildete grundlegende – und in gewissem Sinne ideale – Voraussetzungen für seine spätere Karriere. Eine Mischung aus privaten Gründen, beruflichem Ehrgeiz, ideologischem Eifer und mit Sicherheit auch Elementen des Zufalls ließ ihn 1946 in Berlin bleiben. Als er dann infolge seines Auftritts auf dem Schriftstellerkongress und des Richtungswandels in der amerikanischen Propagandapolitik den Posten in der amerikanischen Militärregierung erhielt, konnte er sich als Herausgeber des Monat erfolgreich in Berlin etablieren. In dieser Position war es ihm nun möglich, zwei für ihn zentrale Anliegen geschickt zu verbinden: Ideologisch in den USA – um das Zitat von Bauerkämper aufzunehmen – »auf der einen Seite fest verankert« und überzeugt von der Bedeutung der kulturellen Freiheit, setzte er sich mit missionarischem Eifer mittels Monat und CCF für die Schaffung und Festigung antikommunistischer und antitotalitärer Werthaltungen innerhalb der westeuropäischen intellektuellen Elite ein. Aufgrund seines Talents als Herausgeber eines Kulturmagazins, einer Tätigkeit, auf die er – unabhängig von jeglicher ideologischen Komponente – schon viele Jahre hingearbeitet hatte, aufgrund seiner Sprachkenntnisse und seines Verständnisses der deutschen Kultur sowie aufgrund seiner umfassenden Kontakte gerade in der deutschen intellektuellen und literarischen Szene konnte er aber gleichfalls »auf der anderen Seite [...] hinreichend Gehör finden, um Anliegen weiterzugeben und Interessen vertreten zu können«, und so als kompetenter und glaubwürdiger Mittler fungieren. Die Rolle als Mittler konnte Lasky aus verschiedenen Gründen, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann, in London als Herausgeber von Encounter in dieser Form nicht spielen. Ein Grund lag mit Sicherheit darin, dass seine persönliche Reputation im Kontext der CIA-Enthüllungen ab Mitte der Sechszigerjahre zunehmend infrage gestellt wurde und, wie Wilford schreibt, »bis zu seinem Tod [...] Laskys Ruf in den intellektuellen Kreisen Großbritanniens und Amerikas ein gewisser Makel [anhaftete]«.52 Den Umstand, dass Lasky in Deutschland auch in späteren Jahren einen sehr guten Ruf als ehemaliger Herausgeber des Monat und regelmäßiger Teilnehmer in Werner Höfers Internationalem Frühschoppen genoss, erklärte Harold Hurwitz wie folgt: »Melvin wurde hier geliebt, in London wurde er bestenfalls respektiert, aber ungern.«53 Abschließend bleibt die Frage nach dem Erfolg von Laskys Tätigkeit im Kontext des kulturellen Kalten Krieges. Gefragt nach Laskys Lebensleistung antwortete einer seiner früheren Kollegen: »Nothing Mel left is going to stand as a permanent monument.«54 Dies ist eine interessante, zugleich aber auch irreführende Antwort, da Botsford wohl meinte, Lasky habe nichts von bleibendem literarischen oder künstlerischen Wert hinterlassen. In gewissem Sinne mag dies sogar zutreffen, da Laskys Bedeutung im kulturellen Kalten Krieg nicht an seinen Büchern und »nicht notwendig in der Tiefe seiner Analysen oder der Wortmacht seiner Artikel« festgemacht werden kann.55 Seine Stärken und Verdienste lagen stattdessen in seiner Arbeit als gut informierter und neugieriger Herausgeber und in seinen Fähigkeiten als Netzwerker und Organisator, als jemand, der Ideen und Entwicklungen antizipierte, der seine transatlantischen Kontakte pflegte, intellektuellen Austausch ermöglichte, eine disparate Gruppe an Intellektuellen zusammenhielt und der nicht zuletzt durch seine Magazine Einfluss nahm. Insofern ist die Aussage, Lasky habe nichts Bleibendes hinterlassen, wiederum nicht zutreffend. Sowohl Der Monat als auch Encounter sind als die besten intellektuellen Zeitschriften ihrer Zeit bezeichnet worden. Und während seine wichtigsten Fähigkeiten als Netzwerker, Organisator und »Ermöglicher« tatsächlich wenig greifbar sind, hätten ohne sie viele Dinge – der Meinungsaustausch unter Intellektuellen, die Veranstaltung einer Konferenz, die Publikation eines Artikels – nicht stattgefunden in einer Zeit, in der die dringende Notwendigkeit, auf die allumfassende sowjetische Propaganda angemessen zu reagieren, als sehr real und essenziell für das Überleben des Westens im »war of ideas« gesehen wurde. Die Tatsache, dass Lasky mit seiner durchaus dominierenden und selbstgerechten Art vor allem nach den CIA-Enthüllungen zu einer viel kritisierten und kontroversen Figur wurde, kann seine Leistungen in dieser Hinsicht nicht schmälern. Allerdings muss in der Tat danach gefragt und auch weiter untersucht werden, warum Lasky als public intellectual in seinem lebenslangen Kampf für die kulturelle Freiheit und intellektuelle Unabhängigkeit offensichtlich kein Problem – in welchem Ausmaß auch immer er informiert oder involviert war – mit der geheimen Finanzierung des CCF durch die CIA hatte. Da er sein Verhalten bis zu seinem Tod in keiner Weise erklärte und damit nicht wenige seiner Freunde und Kollegen tief verletzte, schädigte er letztlich nicht nur seine eigene Reputation, sondern riskierte damit zudem, seine moralische Glaubwürdigkeit im kulturellen Kalten Krieg rückblickend einzubüßen. 1 Elisabeth Binder: »In einem Vorleben war ich Europäer«, in: Der Tagesspiegel vom 5. Februar 1992. 2 Manuskript »Ein Amerikaner in Berlin (im Jahre Null)«, ca. 1990, in: Nachlass Melvin J. Lasky, Lasky Center for Transatlantic Studies, München (im Folgenden: Nachlass Lasky), Memoiren Box 1. 3 Eine von amerikanischer Seite finanzierte Organisation, die sich nach der mit zahlreichen Intellektuellen prominent besetzten Auftaktveranstaltung im Sommer 1950 in Berlin weltweit antikommunistischer Propaganda auf höchstem intellektuellen Niveau verschrieb. 4 Michael Hochgeschwender: Die Mission der Kultur im Zeitalter der Extreme: Melvin J. Lasky, Der Monat und der Kongress für kulturelle Freiheit, in: Charlotte Lerg/Maren Roth (Hg.): Melvin Lasky. New York – Berlin – London, München 2010, S. 18. 5 Giles Scott-Smith: »A Radical Democratic Political Offensive«: Melvin Lasky, Der Monat, and the Congress for Cultural Freedom, in: Journal of Comparative History 35 (April 2000), H. 2, S. 264. 6 Hellmut Jaesrich: Den Großschriftstellern Paroli geboten. Demokrat aus Überzeugung, Berliner aus Leidenschaft – Melvin J. Lasky wird heute 65 Jahre alt, in: Die Welt vom 15. Januar 1985, S. 17. 7 Siehe E-Mail von Joyce Lasky Reed an die Autorin vom 29. Juni 2009; Interview mit Joyce Lasky Reed vom 19. März 2009. 8 Interview mit Joyce Lasky Reed vom 18. März 2009. 9 Lasky New York Tagebuch I (8. Mai 1939 – September 1941), S. 24, in: Nachlass Lasky, New York Box 1, Mappe 1. 10 Lasky New York Tagebuch II (10. Oktober 1941 – Oktober 1943), S. 3, in: Nachlass Lasky, New York Box 1, Mappe 1. 11 Melvin J. Lasky: The Newspaper Culture (= The Language of Journalism, Bd. 1), New Brunswick u. a. 2002, S. xiv. 12 Siehe Inhaltsverzeichnis der geplanten Memoiren »Journey to the Year Zero. An American in Berlin«, S. 2, in: Nachlass Lasky, Memoiren Box 1. 13 Irving Howe: A Margin of Hope. Intellectual Autobiography, San Diego 1982, S. 64. 14 Interview mit Daniel Bell vom 10. November 2009. Was den Titel des Symposiums betrifft, irrte Bell sich leicht. 15 Siehe Brief von Melvin Lasky an seine Eltern, undatiert [Dezember 1939?], in: Nachlass Lasky, Korrespondenz vor 1945, Sam und Esther Lasky, Mappe 2. 16 Siehe Lasky New York Tagebuch I (Anm. 9), S. 32. 17 Brief von Melvin Lasky an Dwight Macdonald vom 29. März 1940, in: Yale University, Macdonald Papers (im Folgenden: Nachlass Macdonald), MS 730, Box 27, Mappe 706. 18 Manuskript »Remembering Sidney Hook« vom 22. September 1989, in: Nachlass Lasky, Lasky Box 3, Mappe 21. 19 Brief von Melvin Lasky an Alan Wald vom 2. Dezember 1982, in: Nachlass Lasky, Korrespondenz Wald. 20 Brief an Marvin Kent, in: Lasky New York Tagebuch II (Anm. 10), S. 81. 21 Siehe Jaesrich: Den Großschriftstellern Paroli geboten (Anm. 6), S. 17. 22 Siehe Melvin J. Lasky: »›First Indorsement‹ Journal of a Conscript.« 1944–45, in: Nachlass Lasky. New York Box 1. 23 Brief von Melvin Lasky an Dwight Macdonald vom 20. April 1945, in: Nachlass Lasky, Korrespondenz Macdonald. 24 Siehe Brief von Melvin Lasky an Meyer Shapiro vom 19. Juli 1945, in: Nachlass Lasky, Korrespondenz Shapiro. 25 Brief von Melvin Lasky an Ed Mooney vom 16. Juli 1946, in: Nachlass Lasky, Korrespondenz Mooney. 26 Interview mit Harold Hurwitz vom 1. Mai 2009. 27 Siehe Ursula Reinhold/Dieter Schlenstedt/Horst Tanneberger (Hg.): Erster Deutscher Schriftstellerkongreß. Protokoll und Dokumente, Berlin 1997, S. 49 f. 28 Brief von Melvin Lasky an Dwight Macdonald vom 10. Oktober 1947, in: Nachlass Macdonald, MS 730, Box 27, Mappe 707. 29 Scott-Smith: »A Radical Democratic Offensive« (Anm. 5), S. 266. 30 Ebd., S. 279. 31 Michael Hochgeschwender: Freiheit in der Offensive? Der Kongreß für Kulturelle Freiheit und die Deutschen, München 1998, S. 145. 32 Hellmut Jaesrich: Manuskript ohne Titel, Januar 1980, S. 6, in: Nachlass Lasky. Berlin Box. 33 Hochgeschwender: Die Mission der Kultur (Anm. 4), S. 19. 34 Ebd., S. 20. 35 Siehe Interview mit Nathan Glick vom 16. März 2009. Siehe Hochgeschwender: Freiheit in der Offensive? (Anm. 31), S. 152. 36 Lasky Berlin Tagebuch I (11. Juli 1951 – 2. Januar 1953), S. 7, 68, 75, 78, in: Nachlass Lasky, Berlin Box. 37 Siehe Interview mit Brigitte Lasky vom 10. April 2010. 38 Hochgeschwender: Die Mission der Kultur (Anm. 4), S. 20. 39 Entwurf des Memoiren-Kapitels »The Cardinal«, August 1989, S. 4, in: Lasky Nachlass, Memoiren Box 1. 40 Siehe Hochgeschwender: Freiheit in der Offensive? (Anm. 31), S. 204 ff. 41 Hugh Wilford: Melvin J. Lasky und die CIA, in: Lerg/Roth (Hg.): Melvin Lasky (Anm. 4), S. 27. 42 Ebd., S. 26 f. 43 Brief von Melvin Lasky an Dwight Macdonald vom 12. April 1967, in: Nachlass Macdonald, MS 730, Box 27, Mappe 707. 44 Der CCF übernahm die Finanzierung des Monat 1958, nachdem dieser bis 1954 von der amerikanischen Militärregierung und dann von der Ford Foundation unterstützt worden war. Siehe Hochgeschwender: Die Mission der Kultur (Anm. 4), S. 20. 45 Interview mit Daniel Bell vom 19. November 2009. 46 Siehe Hochgeschwender: Die Mission der Kultur (Anm. 4), S. 22. 47 Nabokov war Generalsekretär des CCF von 1951 bis 1967, Bondy Herausgeber des CCF-Magazins Preuves von 1951 bis 1969. 48 Siehe Interview von Frank Tichy mit Thomas Braden vom 9. September 1986. Ich möchte mich bei Frank Tichy für den Zugang zu diesem Interview herzlich bedanken. 49 Wilford: Melvin J. Lasky und die CIA (Anm. 41), S. 30. 50 Siehe Interview mit Tony Robinson vom 5. Dezember 2009; Interview mit Bryan Healing vom 3. Juli 2010. 51 Arnd Bauerkämper/Konrad Jarausch/Marcus Payk (Hg.): Demokratiewunder. Transatlantische Mittler und die kulturelle Öffnung Westdeutschlands 1945–1970, Göttingen 2005, S. 26. 52 Wilford: Melvin J. Lasky und die CIA (Anm. 41), S. 25. 53 Interview mit Harold Hurwitz vom 1. Mai 2009. 54 Interview mit Keith Botsford vom 12. Juni 2009. 55 Hochgeschwender: Die Mission der Kultur (Anm. 4), S. 18.

JHK 2014

Das System der Anleitung und Kontrolle der Parteileitungen in der SED

Mario Niemann

Der »demokratische Zentralismus« als oberstes leninistisches Organisations- und Leitungsprinzip der SED galt allen Parteiorganen als »unerläßliche Bedingung für die richtige Leitung der sozialistischen Gesellschaft, für die volle Entfaltung ihrer Vorzüge und Triebkräfte«.1 Bereits das vom III. Parteitag der SED im Juli 1950 beschlossene Parteistatut verankerte im Punkt 23, »daß alle Beschlüsse der höheren Parteiorgane für jede untere Organisation verbindlich sind und straffe Parteidisziplin zu üben ist und sich die Minderheit der Mehrheit unterordnet«.2 Dieser Passus findet sich auch nahezu unverändert im 1976 beschlossenen Statut der SED wieder, das bis 1989 Gültigkeit besaß.3 Die Grundaufgabe der Parteileitungen in den Bezirken, Kreisen und Grundorganisationen bestand demnach darin, die Beschlüsse der Parteizentrale durchzuführen. In den auf dem 35. Plenum des ZK im Februar 1958 beschlossenen »Richtlinien für die Verbesserung des Arbeitsstils der Partei« heißt es hierzu kurz und bündig: »Die Kreis- und Bezirksleitungen sind in ihrem Tätigkeitsbereich voll verantwortlich für die Erfüllung aller Partei- und Staatsaufgaben.«4 Die SED-Führung bediente sich vielfältiger Methoden zur Anleitung und Kontrolle nachgeordneter Parteiinstanzen. Neben der Übermittlung bzw. Veröffentlichung der schriftlichen Beschlüsse und persönlichen, informellen Kontakten zwischen Mitgliedern der Parteiführung und den Funktionären in den Bezirken und Kreisen wurden hauptsächlich zehn Wege beschritten, die im Mittelpunkt dieses Beitrages stehen. Erstens dienten die Parteitage und die Tagungen des Zentralkomitees zur Anleitung und Kontrolle der Parteileitungen. Auf den seit 1950 alle vier bis fünf Jahre stattfindenden Parteitagen erstattete der Generalsekretär Bericht und wies die Delegierten in die zu lösenden Aufgaben ein. Funktionäre der regionalen Leitungen sprachen in der Diskussion und berichteten über die laufende Parteiarbeit. Das Zentralkomitee (bis 1950 Parteivorstand) war laut dem Statut der SED zwischen den Parteitagen »das höchste Organ der Partei«. Es war verantwortlich für die Durchführung der Beschlüsse des Parteitages und leitete »zwischen den Parteitagen die gesamte Tätigkeit der Partei«.5 Daran änderte sich bis 1989 nichts.6 Zur Leitung der laufenden Parteiarbeit wurden in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen Tagungen des ZK anberaumt, zu denen sich dessen Mitglieder und Kandidaten in Berlin versammelten. Mit den 1. Sekretären der Bezirksleitungen (BL) sowie mehreren Fachsekretären der Bezirksleitungen, 1. Sekretären von Kreisleitungen (KL) und von Betriebsparteiorganisationen waren ebenso Vertreter der regionalen Ebenen als Mitglieder oder Kandidaten des ZK vertreten. Die Plenartagungen des ZK dienten damit auch der Anleitung und Kontrolle der Parteileitungen. Diesen Aspekt hebt Gerda Meschter mit folgenden Worten hervor: »Zunächst war das allerwichtigste für uns, wenn es ZK-Plenen gab, daß wir uns da herausgesucht haben, was wir zu machen hatten und wie wir das umzusetzen hatten.«7 Auch nicht im ZK vertretene leitende Funktionäre erhielten von den Inhalten der Plenen Kenntnis: »Von den Tagungen des ZK wurde ein ›Rotes Protokoll‹ herausgegeben, welches nicht in der Presse veröffentlichte Passagen der Referate und Diskussionsreden enthielt und das auch den Sekretären der Bezirksleitungen und den 1. Sekretären der Kreisleitungen der SED zu ihrer Information und Auswertung zur Verfügung stand.«8 Eine zweite Methode zur Anleitung der Bezirks- und Kreisleitungen bestand in regelmäßigen Treffen mit dem Generalsekretär der SED. Unter Walter Ulbricht hatten Zusammenkünfte mit den 1. Bezirkssekretären noch selten und in unregelmäßigen Abständen stattgefunden, »aber wenn sie stattfanden, gab es eine ziemlich intensive Aussprache, wo wirklich nur Probleme behandelt wurden. Diese Treffen waren nicht regelmäßig. Ich kann mich eigentlich nur an ganz wenige erinnern, meistens waren sie auch nur aus bestimmten politischen Anlässen.«9 Erich Honecker hatte dann eingeführt, dass im Anschluss an eine Tagung des Zentralkomitees auch eine Zusammenkunft der 1. Bezirkssekretäre stattfand. Die direkte Anleitung durch ihn wird allerdings als unzureichend und unbefriedigend beschrieben. Sie erfolgte »regelmäßig nach den Plenartagungen des ZK, also zweimal im Jahr. Er monologisierte dann, äußerte mehr oder weniger aus seiner aktuellen Gefühlslage heraus seine Meinung zu verschiedenen aktuellen Fragen.«10 Ein echter Meinungsaustausch über aktuelle Probleme, eine profunde Beratung mit den Vertretern der Bezirke fanden nicht statt. »Auch im Kreis der 1. Bezirkssekretäre ließ er eine realitätsbezogene, offene Diskussion nicht zu.«11 Wie solche Zusammenkünfte mit Honecker abliefen, berichtet Johannes Chemnitzer: »Nach jeder Plenartagung gab Erich Honecker eine Einschätzung, wie er das Plenum beurteilte, das heißt, wie sehr er mit der Diskussion zufrieden war. Danach gab es noch die Frage: ›Gibt es noch Fragen?‹, und ganz selten fand eine direkte Aussprache zu Problemen statt. Ich muß ehrlich sagen, wir waren so daran gewöhnt, daß dann auch von unserer Seite kein großes Interesse vorhanden war. Die Beratungen fanden ja auch nicht ganztägig statt, sondern immer im Anschluß an die Plenartagung, so daß jeder das Ziel hatte, wieder nach Hause zu kommen.«12 Ähnliches schildert Werner Eberlein: »Honecker hatte die Bezirkssekretäre jeweils zu den Tagungen des Zentralkomitees zweimal im Jahr versammelt. Wenn die Tagung des Zentralkomitees war, hat er sie anschließend zusammengerufen. Eine Stunde hat er was vorgelesen. ›Habt ihr Fragen?‹ Es war spät. ›Ja, ihr müßt nach Hause! Also ist gut.‹« Zu einem Meinungsaustausch ist es dabei laut Eberlein nicht gekommen: »Manchmal gab es ein, zwei Fragen, aber eine Diskussion gab es im Grunde genommen nicht.«13 Die fehlende Wirksamkeit dieser Form der Anleitung bestätigt auch Hans Modrow, von 1973 bis 1989 1. Sekretär der BL Dresden. »Ab 1973 entwickelte es sich dahin, daß eine wirkliche Debatte nicht zustande kam. Im Wesen wurde sie, wenn es um wirkliche Probleme ging, nicht gewünscht.« Die Zusammenkünfte beinhalteten letztlich nur eine »Wertung der Sitzung des Zentralkomitees durch den Generalsekretär. Mehr war es nicht.«14 Die Beratungen mit den 1. Sekretären der Kreisleitungen waren »eine eigenständige Führungsgröße des Sekretariats des ZK. Sie fanden unter W. Ulbricht häufig statt, dienten der Erläuterung von Beschlüssen und dem Erfahrungsaustausch über deren Durchführung. Sie waren meist ein- bis zweitägig. Nach dem VII. Parteitag fand ein Lehrgang von einer Woche (in Brandenburg) statt, auf dem Mitglieder des Politbüros die Politik ihrer Bereiche erläuterten. Sie wurden in Seminaren diskutiert. Das Schlußreferat hielt Walter Ulbricht. Ein solcher Lehrgang fand 1971 auch nach dem VIII. Parteitag statt.«15 In den späteren Jahren trafen sich die 1. Sekretäre der Kreisleitungen nur einmal im Jahr zu einer Aussprache mit dem Generalsekretär. Der Ablaufplan für das Treffen am 12. Februar 1988 im Haus des ZK sah eine insgesamt sechsstündige, von zwei halbstündigen Pausen unterbrochene Rede des Generalsekretärs zum Thema »Die Aufgaben der Partei bei der weiteren Verwirklichung der Beschlüsse des XI. Parteitages der SED« vor. Zugegen waren dabei auch die 1. und 2. Bezirkssekretäre, Abteilungsleiter und weitere leitende Genossen des Zentralkomitees. Anschließend gab es ein Kulturprogramm im Palast der Republik. Eine Diskussion oder eine Beratung waren nach dem Ablaufplan nirgends vorgesehen. Da die Rede zudem »als vertrauliches Material gedruckt, den Teilnehmern der Beratung übermittelt und auszugsweise im Zentralorgan der SED ›Neues Deutschland‹ veröffentlicht« werden sollte,16 ist der Sinn des ganzen Aufwandes fragwürdig. Diese Einschätzung teilt auch ein Teilnehmer des Treffens, der frühere 1. Sekretär der KL Bad Salzungen: Honeckers Rede wurde den 1. Kreissekretären »am Ende der Beratung großzügigerweise schriftlich zur Verfügung gestellt. Die Parteiführung hatte sich aus ihrem Verständnis heraus damit eine der Voraussetzungen geschaffen, daß die Auswertung dieser Beratungen in der Partei einheitlich vorgenommen wurde.« Aussprachen und Diskussionen fanden in diesem Kreis nicht statt. »Offensichtlich sollte die ›Harmonie‹, die Atmosphäre der Einheit und Geschlossenheit nicht durch unbequeme Fragestellungen und Lageberichte von vor Ort gestört werden.«17 Die Zentrale hätte sich also die ganze Veranstaltung sparen und Honeckers Text den Kreisleitungen schriftlich zukommen lassen können. So sind denn auch die Ausführungen des 1. Sekretärs der KL Eisenhüttenstadt, Siegfried Uhlig, auf dem XI. Parteitag der SED im April 1986 nicht als reale Zustandsbeschreibung, sondern als eine der Choreografie des Parteitages und den Erwartungen geschuldete Übertreibung zu werten. Uhlig lobte »die ständige Fürsorge, konkrete Anleitung und große Hilfe des Zentralkomitees, wie das in einem ganz besonderen Maße in den seit vielen Jahren zur Tradition gewordenen Beratungen des Sekretariats des Zentralkomitees mit den 1. Sekretären zum Ausdruck kommt«.18 Die direkte Anleitung durch Walter Ulbricht und vor allem durch Erich Honecker scheint insgesamt nicht sonderlich intensiv gewesen zu sein. Werner Eberlein schätzt ein, »daß Honecker sich im Grunde genommen nicht gekümmert hat um die Anleitung. Er ist viel ins Ausland gefahren und hatte in Berlin seine Probleme.«19 Im Bezirk Magdeburg war Honecker während der Amtszeit Eberleins außer zur Jagd nicht ein einziges Mal, Eberlein erhielt »keine Anregung, keine inhaltlich wirklich belangvolle Anfrage, keinen mich fordernden Impuls«.20 Johannes Chemnitzer resümiert: »Eine direkte persönliche Anleitung und Beratung über Probleme des Bezirkes gab es mit diesen beiden Generalsekretären nicht.«21 Andere Methoden zur Anleitung und Kontrolle der Parteileitungen waren demnach wichtiger. Dazu zählten drittens die Beratungen der Sekretäre des Zentralkomitees mit den Sekretären der Bezirksleitungen. Nach einem Politbüro-Beschluss vom November 1952 sollten solche Beratungen monatlich erfolgen.22 Das wurde in den späteren Jahren aber nicht umgesetzt. Die persönliche Anleitung durch verantwortliche ZK-Sekretäre und leitende Mitarbeiter war Anfang der Fünfzigerjahre noch nicht gut eingespielt und gab zu Klagen Anlass. Heinz Bendig, 2. Sekretär der BL Schwerin, sprach dazu in der 2. Organisationsberatung des ZK im April 1953: »Es kann nicht ausreichend sein, wenn ein Mitglied des Sekretariats des Zentralkomitees in der Bezirksleitungssitzung in der Diskussion spricht. Ich arbeite z. B. seit Januar 1951 im Sekretariat der damaligen Landesleitung und der jetzigen Bezirksleitung. Wir sind in Landwirtschaftsfragen sehr oft heftig und mit Recht kritisiert worden. Bis heute hat sich weder der Sekretär Landwirtschaftsfragen noch der Abteilungsleiter einmal bei uns sehen lassen. Ähnlich steht es auch noch mit anderen Abteilungsleitern.«23 Im gleichen Jahr stellte das Sekretariat der BL Neubrandenburg fest, »daß die Anleitung durch das ZK – Abt. Agitation und Propaganda – viel zu wünschen übrig lässt«.24 Diese Form der Anleitung ist dann derart institutionalisiert worden, dass die Ressortsekretäre der Bezirksleitungen mehr oder weniger regelmäßig zu Beratungen mit den verantwortlichen ZK-Sekretären nach Berlin zitiert wurden. »Neben der Erläuterung von Beschlüssen der Zentrale durch den Sekretär des ZK dienten sie vor allem dem Erfahrungsaustausch. Ihre Einberufung bedurfte eines Beschlusses des Sekretariats oder des Politbüros des ZK.«25 Die Anleitung der 2. Sekretäre erfolgte durch den für die Abteilung Parteiorgane zuständigen Sekretär des ZK in der Regel zwei- bis dreimal im Jahr. In der Ära Honecker war das Horst Dohlus. Dieser hielt zunächst ein Referat, in dem er »sich zu den wichtigsten Fragen der aktuellen Parteipolitik äußerte, Beschlüsse des ZK erläuterte und wichtige Erfahrungen der Bezirks- und Kreisleitungen weitergab. Großen Raum nahmen natürlich Fragen zu den Arbeitsbereichen der 2. Sekretäre ein. Anschließend gab es eine Diskussion, bei der jeder seine Meinung sagen konnte. Es waren in der Regel keine kontroversen Debatten. Im Kern war es ein Erfahrungsaustausch über die besten Wege zur Realisierung der Parteibeschlüsse.«26 Allerdings ließ die konkrete Anleitung offenbar zu wünschen übrig: »Dohlus hat sich da nicht reingekniet. Er hat mehr verwaltet und nicht geleitet, in keiner Weise. Ich war 19 Jahre sein Stellvertreter. Ich kann das schon beurteilen.«27 Die Sekretäre für Wirtschaft trafen sich einmal im Quartal mit dem zuständigen ZK-Sekretär Günter Mittag. Die Beratungen bei Mittag waren »von ihm einseitig vorgetragene Monologe. Er brachte manchmal ganz spezifische Fragen zu Leipzig und so weiter. Dann wurden die Wirtschaftssekretäre aufgefordert, die dort verantwortlich waren, ihre Meinung zu sagen.«28 Mitunter ließ sich Mittag auch von einigen Wirtschaftssekretären »Bericht erstatten. Anschließend wurde über die Berichterstattung und die Zusammenarbeit mit den Abteilungen diskutiert. Oben gab es auch Abteilungen, z. B. Außenhandel, Bauwesen, Industrie, in denen jeweils ein Abteilungsleiter und Sektorenleiter arbeiteten. Die haben bereits eine ganze Reihe von Entscheidungen getroffen, bis hin zu Kaderfragen, die nicht erst an Mittag weitergeleitet wurden.«29 Zusätzlich dazu gab es regelmäßige Kontakte zu dessen Abteilungsleitern im Apparat des ZK. »Mit denen hatten wir die konkreten Kontakte. Mit denen haben wir die konkreten Fragen, die uns bewegten, immer abgestimmt.«30 Es gab noch weitere Treffen. »Von zentraler Bedeutung war die zweimal jährlich erfolgende Vergatterung der Generaldirektoren auf den sogenannten Leipziger Seminaren, an denen die Sekretäre für Wirtschaftspolitik der Bezirksleitungen und die Parteiorganisatoren des ZK teilnahmen. Sie dienten der Darlegung der Wirtschaftspolitik und der Erpressung hoher zusätzlicher Verpflichtungen zur Untersetzung des nicht bilanzierten Volkswirtschaftsplanes.«31 Die Sekretäre für Landwirtschaft kamen regelmäßig mit dem zuständigen ZK-Sekretär für Landwirtschaft, seinem Abteilungsleiter und den Sektorenleitern zusammen. »Die Beratungen in Berlin fanden in einem festen Rhythmus statt, in der Regel mit Jahresaufgabenstellungen zum Volkswirtschaftsplan, dort wurden die Grundsätze zum Volkswirtschaftsplan erörtert. Weiterhin vor wichtigen Kampagnen in der Landwirtschaft: Vor der Frühjahrsbestellung, vor der Ernte, vor den Herbstarbeiten fanden Beratungen statt, um die Lage oder auch schwierige Situationen zu erörtern. […] Wenn wir eine schlechte Getreideernte hatten, wurde uns in Berlin schon vorgerechnet, was wir zu importieren hatten, was das kostete, um dann jedes Gramm Getreide zu retten und verlustarm zu ernten.«32 Die Anleitung der Sekretäre für Agitation und Propaganda durch Joachim Herrmann, von 1978 bis 1989 der zuständige ZK-Sekretär, wird als »sehr schlecht« beschrieben. In seiner Amtszeit hat es nur rund zehn Treffen gegeben. Herrmann »hat bei Beratungen Monologe gehalten, denn er wollte keine Diskussionen. Ich habe einmal eine Diskussion zum Preissystem geführt, das ist mir nicht gut bekommen.«33 Die Sekretäre für Wissenschaft, Volksbildung und Kultur trafen sich »ungefähr einmal im Vierteljahr« mit Kurt Hager und den zuständigen Abteilungsleitern zu Dienstberatungen. Hager »hat die Abteilungsleiter beauftragt, die Aufgaben zu erläutern, hat dann in der Diskussion die Stellungnahme der Sekretäre zu diesen Aufgaben oder Aufgabenkomplexen abverlangt und schließlich das Schlußwort einer solchen Beratung gehalten«.34 Der vierte Weg der Anleitung und Kontrolle beinhaltete die Beorderung ganzer Leitungen nach Berlin. In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen hatten jeweils vorab bestimmte Bezirks- und Kreisleitungen zur Parteiarbeit Bericht zu erstatten. In den Achtzigerjahren mussten in der Regel zwei Bezirksleitungen pro Jahr im Politbüro über ihre Arbeit berichten und Rede und Antwort stehen. So hatte beispielsweise im November 1986 die Bezirksleitung Potsdam ihre »Erfahrungen und Ergebnisse der Führungstätigkeit bei der Verwirklichung der Beschlüsse des XI. Parteitages« vorzustellen.35 Die Kreisleitung Dessau informierte im Februar 1989 »über die Auswertung der 7. Tagung des ZK der SED und die Vorbereitung der Kommunalwahlen am 7. Mai 1989«.36 Die Berichterstattung wurde von der Parteiführung penibel vorbereitet. So entsandte das ZK zur Vorbereitung der Aussprache mit der BL Schwerin am 15. November 1977 über »Die Verwirklichung des Beschlusses des Politbüros vom 18. 05. 1977 über ›Die weiteren Aufgaben der politischen Massenarbeit der Partei‹« eine Arbeitsgruppe in den Bezirk. Die BL Berlin sollte das Politbüro im April 1979 über die Vorbereitung des 30. Jahrestages der Gründung der DDR informieren. Auch hier wurde nichts dem Zufall überlassen: Bereits im Februar 1979 erstellte die Abteilung Parteiorgane des ZK eine »Konzeption zur Vorbereitung der Berichterstattung der Bezirksleitung Berlin«, in der sie Ziele und Gesichtspunkte, die »besonders in den Blickpunkt zu stellen« sind, formulierte. Die Berichterstattung wurde durch fünf Genossen der Abteilungen Parteiorgane, Agitation und Propaganda und zwei Genossen der Parteihochschule vorbereitet.37 Die fünfte Methode war der umgekehrte Weg, der Besuch von Mitgliedern der Parteiführung in den Bezirken. Zwischen den Bezirksleitungen und denjenigen Mitgliedern des Politbüros, die sich im jeweiligen Bezirk als Spitzenkandidat zur Wahl der Volkskammer stellten, existierten besonders enge Verbindungen. »Sie stellten sich vor den Wahlen auf verschiedenen Veranstaltungen der Bevölkerung vor und suchten dann natürlich auch regelmäßig den Kontakt mit der Bezirksleitung. In der Regel waren dies auch die Leiter der Delegationen des ZK zu den Bezirksdelegiertenkonferenzen der SED, die laut Statut zweimal in fünf Jahren stattfanden. Es waren oft über mehrere Wahlperioden die gleichen Personen, so dass sich zwischen ihnen und dem Bezirk ein gutes Vertrauensverhältnis entwickelte.« Für die Bezirke bestand neben der Anleitung die Möglichkeit, ökonomische Verbesserungen oder zusätzliche wirtschaftliche Unterstützung zu erreichen. »Sich an den Spitzenkandidaten der Volkskammer zu wenden war schon insofern effektiv, weil er natürlich den Bezirk besser kannte als jedes andere PB-Mitglied und als Abgeordneter eine zusätzliche Verpflichtung für die und ein zusätzliches Interesse an der Entwicklung der Region besaß. Er erhielt ja auch Eingaben und Bitten aus der Bevölkerung, bei deren Erledigung er wertvolle Hilfe leisten konnte. Die Kontakte und diese Verantwortlichkeit der Politbüromitglieder wurde[n] natürlich auch genutzt, um zu sagen: ›Wir müssen im Bezirk dieses und jenes machen, die Bilanzen sind aber nicht vorhanden. Könntest Du nicht helfen?‹ Derlei Beratung und Absprache erfolgte[n] fast immer durch den 1. Sekretär der Bezirksleitung.«38 Für den Bezirk Neubrandenburg war Gerhard Grüneberg, der ZK-Sekretär für Landwirtschaft, Beauftragter des Politbüros. In dieser Funktion hat er den Bezirk geprägt. »Grüneberg kümmerte sich sehr, sehr intensiv um die Entwicklung des Bezirkes, wobei das sehr einseitig nur auf die Landwirtschaft bis hin zur Nahrungsgüterindustrie und darüber hinaus bezogen war. Grüneberg vertrat hier sozusagen den Instruktionsgeber und sagte uns, wo es lang ging.«39 Die Besuche von Mitgliedern des Politbüros in den Bezirken waren für die regionalen Parteileitungen sehr wichtig, aber »verliefen sehr unterschiedlich. Die sind teilweise in die Betriebe gegangen, in Kreisen gewesen, dann bloß mal schnell bei uns vorbeigekommen, oder sie waren zu einer Bezirksleitungssitzung und sind dann rausgefahren.«40 Erich Apel, Leiter der Wirtschaftskommission beim Politbüro, nahm sein Mandat für den Bezirk Erfurt offenbar ernst. Im April 1959 schrieb er an den 1. Sekretär der BL, Alois Bräutigam, er könne seine Verpflichtungen als Abgeordneter der Volkskammer wegen Arbeitsüberlastung nicht so wahrnehmen, »wie ich das gern möchte«, und bat, »dafür Verständnis zu haben, daß es mir in der nächsten Zeit nicht möglich ist, besonders aktiv im Bezirk Erfurt mitzuhelfen«. Daher versuchte Bräutigam auf schriftlichem Wege, Apel für seinen Bezirk einzuspannen. Nachdem er sich erfolglos an das Ministerium für Bauwesen und die Staatliche Plankommission wegen der Bereitstellung zusätzlicher Baumaterialien gewandt hatte, bat er Apel in einem Brief im Juni 1959, »schnellstens auf die Staatsorgane dahingehend einzuwirken, daß dem Bezirk […] mit den erforderlichen Materialien geholfen wird«.41 Sechstens ist der Einsatz von Parteiorganisatoren und Instrukteuren aus dem Apparat des ZK in den Bezirken, Kreisen und Betrieben zu nennen. Deren Einsatz war bereits 1950 mit folgenden Worten im Statut der SED geregelt: »Zur Verstärkung der politischen Massenarbeit und zur Erfüllung volkswirtschaftlich wichtiger Aufgaben hat das Zentralkomitee das Recht, in den Parteiorganisationen der entsprechenden Betriebe oder ganzer Arbeitszweige Parteiorganisatoren des Zentralkomitees bzw. Parteisekretariate zu organisieren.«42 Neben den Parteiorganisatoren in Betrieben und Kombinaten spielten die Operativinstrukteure des Zentralkomitees, im Parteijargon »Bezirksbeschleuniger«43 genannt, eine wichtige Rolle. Für jeden Bezirk gab es einen solchen Beauftragten, der Mitarbeiter im operativen Sektor der ZK-Abteilung Parteiorgane war und ihr Bericht erstattete. Die Tätigkeit der Instrukteure regelte eine Direktive des Zentralkomitees vom Februar 1952. Sie sollten hiernach »operativ zur allseitigen Beschäftigung mit der gesamten Arbeit einer oder mehrerer Parteileitungen und zur Anleitung der leitenden Parteiorgane eingesetzt« werden und »an Ort und Stelle« die Durchführung der zentralen Beschlüsse untersuchen. Die Parteileitungen unterwiesen sie, »indem sie diese auf Fehler, etwaige unzulängliche Beschlüsse usw. aufmerksam machen« und durch »Ratschläge und Empfehlungen helfen, die Arbeit zu verbessern«. Über ihre Arbeit sollten die In-strukteure das Sekretariat des ZK informieren und »Vorschläge zur Verbesserung der Arbeit« unterbreiten.44 Es dauerte eine Zeit, bis sich das System einspielte. Heinz Bendig äußerte auf der 2. Organisationsberatung des ZK im April 1953 deutliche Kritik: »Mit den Instrukteuren des Zentralkomitees sieht es in der Regel bei uns so aus, dass sie kommen und entweder Kader haben wollen usw., aber man kann nicht sagen, dass es eine qualifizierte Hilfe gibt. Aber diese Hilfe ist für uns sehr notwendig.«45 In den nächsten Jahren baute Berlin das System der Instrukteure aus. Anfang 1954 wurde ihre Zahl von bislang zehn auf nunmehr 16 erhöht. Damit stand für jeden Bezirk (einschließlich der Gebietsleitung Wismut) ein Instrukteur zur Verfügung. Begründet wurde das so: »Die bestehenden Aufgaben, die von der Partei zu lösen sind, verlangen die verstärkte Anleitung der Bezirksleitungen der Partei durch das Zentralkomitee.«46 Die Instrukteure »verstanden sich als Beauftragte des zuständigen Sekretärs des Zentralkomitees, der sie auch persönlich informierte und anleitete. Dafür gab es einen festen Wochenrhythmus. Die Beratungen im Politbüro und im Sekretariat des ZK waren am Dienstag bzw. Mittwoch. In den Bezirken fanden in der Regel am Freitag die Sekretariatssitzungen statt. So wurde am Montag in Berlin die Beratung der Beauftragten des ZK zur Information und Anleitung durchgeführt. Danach schwärmten die ›Beschleuniger‹ in ihre Bezirke aus.«47 Die Instrukteure nahmen vor Ort an den Leitungssitzungen teil, konnten beratend das Wort ergreifen und übermittelten Aufträge und Anforderungen der Parteiführung. Sie besaßen »einen sehr exakten Überblick über das, was in den Bezirken los war«.48 Ihre Anwesenheit konnte einerseits als hilfreich, andererseits aber auch als störend empfunden werden. Mit manchen Instrukteuren war es »möglich, Probleme zu diskutieren, ohne daß der Beauftragte das bei der nächsten Berichterstattung im ZK weitergab. Die Gespräche dienten allein dem Austausch von Erkenntnissen und Überlegungen für die Führungsarbeit im Bezirk.«49 Erich Postler hebt die positiven Seiten dieses ständigen Kontakts zwischen Zentrale und Bezirk hervor. Der Operativinstrukteur »kannte die zentralen Beschlüsse sehr gut und wusste auch, wie sich die Zentrale deren Umsetzung vorstellte. Da er meist langjährig für ein- und denselben Bezirk zuständig war, kannte er auch den Bezirk gut und hatte somit ein Gefühl dafür, was zu realisieren möglich war und was nicht.« Die Instrukteure »waren fachlich und politisch gut ausgebildete Kader. Die meisten von ihnen waren vorher erfolgreiche l. oder 2. Kreissekretäre der SED gewesen, also mit Parteierfahrung und realistischem Blick für das Machbare ausgestattete Menschen. […] Dass die Beschlüsse der Parteitage und des ZK im Bezirk möglichst effektiv umgesetzt werden, das wurde als gemeinsame Aufgabe betrachtet.«50 Es gab jedoch auch solche Instrukteure, die sich »vor allem in den Kreisen sehr unbeliebt« machten. »Wenn sie kamen, dann haben immer einige versucht, schnell das Büro zu verlassen.«51 Für Johannes Chemnitzer überwog der Aspekt der Kontrolle den der Anleitung, da »die Instrukteure mehr eine Kontrollfunktion hatten als daß sie irgendwelche Instruktionen überbrachten.«52 Da die Operativinstrukteure in Berlin »Rechenschaft über die Leistungen der von ihnen betreuten Bezirke« ablegen mussten, »ergab sich eine eigenartige Situation: Wollte der Beauftragte gut dastehen, mußte sein Bezirk Gutes aufweisen. So gab es eine gewisse Interessenübereinstimmung zwischen dem Beauftragten und der Bezirksleitung, für die er zuständig war.«53 Eine Steigerung des Einsatzes von Operativinstrukteuren war siebtens die Entsendung von aus zahlreichen Funktionären bestehenden Instrukteurgruppen und Komplexbrigaden des ZK. Diese reisten, vor allem bei zutage getretenen Problemen, zur operativen Arbeit in die Bezirke und Kreise, hielten sich dort mehrere Tage bis zu mehreren Wochen auf, kontrollierten die Durchführung der zentralen Beschlüsse, leiteten an und meldeten der Parteiführung Vollzug. Der Einsatz solcher Brigaden bedurfte eines Beschlusses der Parteiführung und wurde gründlich vorbereitet. Dazu gab es einen ausführlichen Arbeitsplan und konkrete Aufgabenstellungen. So sah sich eine ZK-Brigade vom 25. März bis zum 9. Mai 1957 in den Kreisen Bitterfeld und Bernburg des Bezirkes Halle um, um die »politische Führungstätigkeit der BL Halle zu untersuchen«.54 Im ersten Quartal 1958 hielt sich eine Brigade des ZK mit dem »Auftrag, den Parteiorganen im Bezirk bei der Durchführung des Gesetzes zur Vervollkommnung und Vereinfachung der Arbeit des Staatsapparates zu helfen«, erneut im Bezirk Halle auf.55 Im Juli 1959 wurde von der Organisationsabteilung des ZK ein »Plan für den Einsatz einer Komplexbrigade im Bezirk Dresden« entworfen. Die allgemeine Zielsetzung lautete: »Die Brigade hilft der Bezirksleitung bei der Verbesserung der Arbeit mit den Beschlüssen und der Parteierziehung mit dem Ziel, die Kampfkraft der Bezirksleitung zu erhöhen, um maximale ökonomische Ergebnisse durch eine breite politische Massenarbeit zu erreichen.« Die zu bildende Brigade sollte in drei Arbeitsgruppen aufgeteilt werden, die in der Stadt Dresden und in den Kreisen Pirna und Bautzen einzusetzen waren, und aus insgesamt 24 Genossen bestehen. Darunter waren Mitarbeiter mehrerer ZK-Abteilungen, der Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe, des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes und der Freien Deutschen Jugend.56 Am 23. Januar 1962 legte die Abteilung Parteiorgane einen Arbeitsplan für Brigaden des ZK vor, die vom 29. Januar bis zum 20. Februar in den Bezirken Halle und Neubrandenburg eingesetzt werden sollten. Hierin waren bereits die Termine für den Entwurf des Berichtes an das Politbüro (4. März 1962) und die Berichterstattung vor dem Politbüro (13. März 1962) fixiert. Das Papier listete akribisch auf mehreren Seiten die Fragen auf, denen die Brigade nachzugehen hatte. Anhand dieser Fragestellungen war zu untersuchen, »wie die Bezirksleitungen und die Kreisleitungen in Durchführung der Beschlüsse des 14. ZK-Plenums ihre Führungstätigkeit verbessern«.57 Die Komplexbrigaden hatten während und nach ihrer Arbeit Zwischen- und abschließende Berichte vorzulegen, auf deren Grundlage dann Beschlüsse für den jeweiligen Bezirk gefasst wurden. Diese Rapporte konnten einen großen Umfang einnehmen. Im September 1955 lag ein solcher über einen Einsatz im Bezirk Dresden vor, der 103 Seiten umfasste. Auf seiner Grundlage erfolgte ein Beschluss des ZK »zur Änderung der Arbeit der Partei im Bezirk Dresden bei der Auswahl, Erziehung und Verteilung der Kader«.58 In Schwerin endete im gleichen Jahr ein Brigadeeinsatz damit, dass die Bezirksleitung beauftragt wurde, eine Agitationskonferenz zu veranstalten und eine Broschüre propagandistischen Inhalts herauszugeben.59 Im April 1958 bestätigte das Politbüro den Zwischenbericht einer ZK-Brigade, die im Bezirk Erfurt tätig war, und beauftragte die BL, auf dessen Grundlage »eine Entschließung auszuarbeiten, in der die Vorschläge und die Kritik des Politbüros enthalten sind«. Weiter wurde »empfohlen«, eine »außerordentliche erweiterte Bezirksleitungssitzung einzuberufen«.60 Der Einsatz von Komplexbrigaden des ZK diente nicht nur der Anleitung und Kontrolle, sondern auch der Disziplinierung der regionalen Parteikader. Ihr Einsatz endete in mehreren Fällen mit der Ablösung von Funktionären. In Reaktion auf einen Brigadebericht über die Lage im Bezirk Neubrandenburg im Oktober 1960 erteilte die Parteiführung z. B. dem 1. Sekretär Max Steffen eine Rüge und veranlasste seine Ablösung aus der Funktion, da sie ihm »die Hauptverantwortung für das Zurückbleiben des Bezirks auf politisch-ideologischem, wirtschaftlichem und kulturelle[m] Gebiet« zumaß. Auch der 2. Sekretär Bruno Erdmann musste seinen Hut nehmen.61 Im Februar 1979 endete die über ein Vierteljahrhundert währende Amtszeit des 1. Sekretärs der BL Magdeburg, Alois Pisnik, nachdem eine Arbeitsgruppe des ZK unter Leitung von Günter Mittag im Bezirk tätig gewesen war und massive Kritik an seiner Leitungstätigkeit geübt hatte. Ausgangspunkt hierfür war die von Pisnik in seinen monatlichen Berichten an den Generalsekretär vorgenommene detaillierte Schilderung von Problemen der Versorgung und der Baukapazität im Bezirk.62 Glimpflicher kam Hans Modrow in Dresden davon. Seine in einem Bericht an die Parteiführung geäußerte Kritik an der Wirtschaftspolitik in der DDR führte zu einem Einsatz einer wieder von Günter Mittag geleiteten Arbeitsgruppe. »Mit weit über 100 Mitarbeitern des Zentralkomitees, von Ministerien, des Zentralrates der FDJ und des Bundesvorstandes des FDGB durchforschte sie etwa zehn Tage den Bezirk, in allen nur möglichen Bereichen wurden Überprüfungen vorgenommen. Die dabei nicht zu übersehenden Probleme im Gesundheitswesen, bei der Versorgung der Bevölkerung und auf anderen Gebieten wurden als ›Schwächen und Rückstände im Bezirk‹ gewertet. Als Hauptursache wurde ›mangelnde politisch-ideologische Arbeit‹ entdeckt. […] Der über achtzigseitige Bericht wurde allen Bezirksleitungen zur Auswertung übergeben.«63 Modrow selbst konnte seine Funktion behalten. Die Parteiführung der SED wirkte achtens durch häufige Rund- und Fernschreiben und direkte, oft als »Vorschläge« und »Hinweise« bezeichnete Handlungsanweisungen und Argumentationshilfen sowie durch Informationen auf die regionalen Parteileitungen ein.64 Diese Form der Anleitung zog sich durch alle Jahre der DDR, wie folgende Beispiele zeigen: Am 29. April 1953 verpflichtete Walter Ulbricht die 1. Sekretäre der Bezirksleitungen in einem Rundschreiben, »eine breite Aufklärungsarbeit unter der Jugend und der Bevölkerung über den wahren Charakter der illegalen Jungen Gemeinde zu organisieren«. Das Schreiben listete nachfolgend nicht weniger als 16 Maßnahmen auf, deren Durchführung »sicherzustellen« sei, darunter eine ausgedehnte Kampagne in der Bezirkspresse.65 Durch ein »vertrauliches Fernschreiben« vom 9. Januar 1959 wurden die 1. Bezirkssekretäre angehalten, »sofort eine große Kampagne für den Abschluß eines Friedensvertrages mit Deutschland durchzuführen«.66 Am 4. Juli 1959 wandte sich Ulbricht mit Hinweisen zur Durchführung der Ernte an die Bezirksleitungen.67 Erich Honecker empfahl als Mitglied des Politbüros den 1. Bezirks- und Kreissekretären, den sowjetischen Spielfilm Schlacht unterwegs in die »tägliche Leitungsarbeit einzubeziehen und für die politische Massenarbeit allseitig zu nutzen«, und schlug am 26. April 1962 vor, »diesen Film auch auf den Kreisdelegiertenkonferenzen unserer Partei zu zeigen«. Über die Durchführung ließ sich die Parteiführung Bericht erstatten.68 Am 30. Juni 1966 ging es wieder um einen Film, die DEFA-Produktion Spur der Steine, über den »in den Bezirkszeitungen […] keine Rezensionen erscheinen« sollten.69 Durch ihre zahlreichen Fernschreiben konterkarierte die Parteiführung eigene Beschlüsse wie den des Politbüros »zur Verbesserung der Parteiarbeit im Bezirk Magdeburg« vom Dezember 1956, in dem es hieß: »Es muß aber der Zustand überwunden werden, daß die Büros zahlreiche Einzelfragen, wie Erntepläne, Arbeitseinsätze u. ä. behandeln, die von den Staatsorganen gelöst werden müssen.«70 Die Kehrseite dieser schriftlichen Anleitung bestand in einem regelrechten Papierkrieg, der kaum zu bewältigen war. Dies kritisierte der 1. Sekretär der BL Erfurt Hans Kiefert auf dem IV. Parteitag der SED im April 1954 mit folgenden Worten: »Arbeitspläne, Rundschreiben und Anweisungen haben einen geradezu erdrückenden Umfang angenommen! Fragt die Genossen Kreissekretäre, wie viel papierenes Material sie erhalten, dann findet ihr auch den Schlüssel, warum die umfangreichen Beschlüsse nicht genügend beachtet werden.«71 Die Fernschreiben behielten bis zum Ende der SED ihre Bedeutung als Mittel zur Anleitung und Kontrolle. Mit ihrer Hilfe versuchte der Generalsekretär auch die erstarkende oppositionelle Bewegung einzudämmen. So teilte Erich Honecker am 22. September 1989 seinen 1. Bezirkssekretären mit: »In letzter Zeit haben auf verschiedenen Ebenen Aktivitäten unserer Feinde stattgefunden, die darauf gerichtet sind, entsprechend der bundesdeutschen Propaganda konterrevolutionäre Gruppen zu organisieren. Diese Fragen haben wir auf der letzten Beratung mit den 1. Sekretären der Bezirksleitungen besprochen. Es bestand Übereinstimmung, daß diese feindlichen Aktionen im Keim erstickt werden müssen. Da in einigen Kreisen nicht rechtzeitig die politisch-organisatorischen Maßnahmen getroffen wurden, ist es erforderlich, die bisher geleistete Arbeit zu überprüfen.«72 Doch die oppositionellen Bestrebungen ließen sich so nicht verhindern. Noch am 8. Oktober 1989, zehn Tage vor seiner Ablösung als Generalsekretär, verpflichtete Honecker die Bezirksleitungen telegrafisch, Demonstrationen »von vornherein zu unterbinden«.73 Neben den Fernschreiben gab das Sekretariat des ZK »Informationen« zu »aktuellen außen- und innenpolitischen Fragen« heraus. Diese »erhielten alle Leitungen bis zu den Sekretären der Grundorganisationen der SED«. Die letzte Ausgabe vom Oktober 1989 befasste sich mit dem »Neuen Forum« und trägt die Nummer 261.74 Die neunte Möglichkeit der Anleitung und Kontrolle von Parteikadern bestand in deren Schulung, Weiterbildung und Qualifizierung. Die SED-Führung verlangte »hohe politische und fachliche Kenntnisse«75 ihrer leitenden Genossen. Zu diesem Zweck wurden eigene Bildungseinrichtungen geschaffen. An erster Stelle ist hier die Parteihochschule »Karl Marx« zu nennen. Sie bildete im Direktstudium in Einjahr- und Dreijahrlehrgängen sowie im mehrjährigen Fernstudium Diplom-Gesellschaftswissenschaftler aus. Daneben existierten Landes- bzw. Bezirks- und Kreisparteischulen. Der Besuch der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED und der Parteihochschule der KPdSU in Moskau war ebenfalls besonders prestigeträchtig. Zur ökonomischen Qualifizierung standen unter anderem die Hochschule für Ökonomie in Berlin-Karlshorst und Institute des ZK in Schwerin, Pillnitz und Liebenwalde zur Verfügung. Hier wurden Sonderklassen für Parteifunktionäre eingerichtet und Lehrgänge zur Weiterbildung abgehalten. Am Zentralinstitut für sozialistische Wirtschaftsführung beim ZK gab es einjährige Sonderlehrgänge zur Qualifizierung leitender Parteikader. Vor allem für Funktionäre auf der staatlichen Ebene wurden Kurse und Lehrgänge an der Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft »Walter Ulbricht« in Potsdam-Babelsberg eingerichtet. Mitglieder der Parteiführung ließen es sich nicht nehmen, durch Redebeiträge an der Parteihochschule die anwesenden Genossen auch persönlich anzuleiten. Beispielsweise hielt Kurt Hager im Mai 1987 einen Vortrag über »Aktualität und Lebenskraft des Hauptwerkes von Karl Marx«, und Günter Mittag bot im Juli 1987 seinen Zuhörern eine Vorlesung über die ökonomische Strategie der SED.76 Die Anleitung durch politische Qualifizierung hatte 1986 auf Bezirksebene fast alle Mitglieder der Sekretariate erreicht. In diesem Jahr verfügten 98,4 Prozent der hier vertretenen Funktionäre über eine gesellschaftswissenschaftliche Ausbildung ab einem Jahr.77 Die Parteiführung sorgte schließlich dafür, dass die leitenden Funktionäre ihre politischen Kenntnisse regelmäßig aufbesserten. Die Sekretäre für Wissenschaft, Volksbildung und Kultur zum Beispiel »waren in der Weiterbildungsnomenklatur der Akademie für Gesellschaftswissenschaften des ZK der SED« und nahmen alle zwei Jahre an entsprechenden Lehrgängen teil.78 Seit dem XI. Parteitag der SED 1986 »fanden an der Parteihochschule ›Karl Marx‹ vierwöchige Lehrgänge für die 1. und 2. Sekretäre der Kreisleitungen zur Auffrischung ihrer früher erworbenen Kenntnisse«, eine »Runderneuerung«, statt.79 Zu den vielfältigen Methoden der Anleitung und Kontrolle nachgeordneter Parteiinstanzen zählte schließlich zehntens die Parteiinformation.80 Der Abteilung Parteiorgane des ZK, insbesondere ihren Sektoren Parteiorgane und Information, kam hier eine Schlüsselrolle zu. Dort, so der frühere Abteilungsleiter Karl Schirdewan, »lief alles zusammen, was an speziellen Informationen und an regelmäßigen Arbeitsberichten aus den verschiedenen Leitungsebenen im Parteiaufbau von ›unten‹ kam«.81 Im Dezember 1952 legte das Sekretariat des ZK die Aufgaben und Arbeitsweise der Parteiinformation konkret fest. Demzufolge hatte sie die Aufgabe, »die Parteiführung sofort über alle wichtigen Ereignisse« zu informieren und so als »Hilfsmittel der Führung der Partei bei der operativen Kontrolle der Durchführung der Beschlüsse der Partei, der Gesetze und Verordnungen der Regierung« zu dienen. An den Sektor Parteiinformation waren ein Monatsbericht »über die politische Lage im Kreis bzw. Bezirk« und einer »über die Tätigkeit der eigenen Leitung und der untergeordneten Parteiorganisationen und Organe« zu übermitteln. Hinzu kamen periodische Berichte zu bestimmten Themen, die »auf eigenen Beschluß bzw. auf Anforderung einer übergeordneten Leitung ausgearbeitet« werden sollten. Bei »wichtigen Ereignissen und Erscheinungen« waren »sofort und auf dem schnellsten möglichen Wege die übergeordneten Organe« zu informieren. Schließlich mussten dem ZK die Protokolle der Sekretariats- und Leitungssitzungen, der Parteiaktivtagungen und der Delegiertenkonferenzen zugeleitet werden. Dem Sektor Parteiinformation fiel dann die Aufgabe zu, diese Berichte auszuwerten, einzuschätzen und zusammenzufassen und die Parteiführung in einem eigenen, monatlich zu erstellenden Bericht zu informieren. Insbesondere »Mängel und Fehler in der Arbeit« der regionalen Leitungen sollten rechtzeitig angezeigt werden.82 1954 verankerte die Parteiführung die Monatsberichte im Parteistatut: »Die Bezirksleitung informiert systematisch das Zentralkomitee über die politische und wirtschaftliche Lage im Bezirk, über die Entwicklung der Partei und erstattet dem Zentralkomitee zu den festgelegten Terminen über ihre Tätigkeit Bericht.«83 Darüber hinaus waren generell alle Bezirks- und Kreisleitungen nach einem Beschluss des Sekretariats des ZK vom Oktober 1955 »verpflichtet, das ZK in allen wichtigen Fragen sofort zu informieren«.84 Neben den Bezirksleitungen hatten auch einige vorab ausgewählte Kreise und Grundorganisationen direkt an das Zentralkomitee zu berichten. Ende 1974 sind insgesamt 25 Kreisleitungen und 45 Grundorganisationen »direktberichtspflichtig« gewesen.85 Das System der Parteiinformation wurde bis zum Herbst 1989 beibehalten und ausgebaut. Nach einer Direktive vom November 1974 galt sie als »Instrument der Führungstätigkeit«, »Mittel der Erziehung« und »Instrument der Kontrolle der Durchführung der Beschlüsse der Partei«.86 Die Berichte aus den Bezirks- und Kreisleitungen wurden von der Parteiführung ausgewertet. Die Abteilung Parteiorgane erstellte Fassungen, die allen Mitgliedern und Kandidaten des Politbüros zur Auswertung in ihrem Verantwortungsbereich zugingen. In den monatlichen Berichten geäußerte Kritik konnte, wie oben geschildert, zu den unter siebtens genannten Brigadeeinsätzen führen. Fazit Die SED-Führung war stets sehr darauf bedacht, das Funktionieren ihrer Funktionäre in den Bezirks- und Kreisleitungen sicherzustellen. Dazu entwickelte sie ein vielgliedriges und umfassendes System der Anleitung und Kontrolle der Parteileitungen. Direkte, nach einem festen Schema ablaufende Kontakte zwischen Vertretern der Parteiführung und Funktionären der Bezirks- und Kreisleitungen ergaben sich auf Parteitagen und ZK-Tagungen sowie durch regelmäßig anberaumte Treffen mit dem Generalsekretär und den Sekretären des Zentralkomitees. Auch die Berichterstattung im Politbüro stellte eine Möglichkeit des direkten Kontaktes mit der Zentrale dar. Das gilt ebenfalls für die Besuche von Mitgliedern der SED-Führung in den Bezirken und Kreisen, allerdings mit dem Unterschied, dass diese einen informelleren Charakter annehmen konnten und keinem festen Schema folgten. Die indirekte Anleitung und Kontrolle erfolgte über den Einsatz von Funktionären in den Regionen. Dazu zählten Instrukteure des ZK und, gewissermaßen als deren Vervielfältigung, aus mehreren Apparaten zusammengesetzte, vielköpfige Komplexbrigaden. Die vielen Rund- und Fernschreiben können dagegen als unpersönliche Form der Anleitung charakterisiert werden. Verschiedene Schulungs- und Qualifizierungsmaßnahmen, in deren Rahmen Mitglieder des Politbüros und des Sekretariats des ZK mitunter selbst tätig waren, sollten ebenfalls die Durchführung der zentral gefassten Beschlüsse sicherstellen. Durch die umfangreiche Parteiinformation schließlich schufen die Bezirks- und Kreisleitungen selbst Voraussetzungen für ihre Anleitung und Kontrolle. Die insgesamt zehn aufgezeigten Methoden waren miteinander verflochten und stellten für die regionalen Parteileitungen ein zweischneidiges Schwert dar. Sie dienten hauptsächlich der Durchführung der in Berlin beschlossenen Politik und damit der Verhinderung regionaler Eigenständigkeiten im Sinne einer von der Generallinie abweichenden Politik, konnten aber auch bei der Bewältigung von Problemen im Bezirk oder Kreis helfen. Das weit gespannte System der Anleitung und Kontrolle der Parteileitungen in der SED brach im Herbst 1989 zusammen. Das zeigte sich deutlich an den im November 1989 in den Bezirken und Kreisen vorgenommenen Kaderveränderungen, auf die Berlin kaum noch Einfluss nehmen konnte. Es war weder der Parteiführung in Berlin noch den umfassend angeleiteten Bezirks- und Kreisleitungen der SED möglich, den Niedergang nicht nur der eigenen Partei, sondern der DDR insgesamt aufzuhalten. 1 Kleines Politisches Wörterbuch, Neuausgabe 1988, Berlin (Ost) 1989, S. 179. 2 Statut der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, in: Protokoll der Verhandlungen des III. Parteitages der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, 20. bis 24. Juli 1950 in der Werner-Seelenbinder-Halle zu Berlin, Bd. 2, Berlin (Ost) 1951, S. 307–321, hier S. 313. 3 Siehe Statut der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, in: Protokoll der Verhandlungen des IX. Parteitages der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands im Palast der Republik in Berlin, 18. bis 22. Mai l976, Bd. 2, Berlin (Ost) 1976, S. 267–298, hier S. 279. 4 Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (im Folgenden: SAPMO-BArch), DY 30/IV 2/5/118. 5 Statut der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, in: Protokoll der Verhandlungen des III. Parteitages (Anm. 2), S. 315 und S. 316. 6 Siehe Statut der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, in: Protokoll der Verhandlungen des IX. Parteitages der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands im Palast der Republik in Berlin, 18. bis 22. Mai 1976, Bd. 2, Berlin (Ost) 1976, S. 267–298, hier S. 283. 7 Protokoll des Gesprächs mit Gerda Martens-Meschter (1952 bis 1961 2. Sekretär der BL Chemnitz/Karl-Marx-Stadt), Rostock, 7. November 2002, S. 6. Die zitierten Gesprächsprotokolle und schriftlichen Mitteilungen befinden sich sämtlich im Privatarchiv des Verfassers. Zu den Biografien der im Text genannten Funktionäre siehe Helmut Müller-Enbergs u. a. (Hg.): Wer war wer in der DDR? Ein Lexikon ostdeutscher Biographien, 2 Bde., Berlin 2010 und Mario Niemann/Andreas Herbst (Hg.): SED-Kader: Die mittlere Ebene. Biographisches Lexikon der Sekretäre der Landes- und Bezirksleitungen, der Ministerpräsidenten und der Vorsitzenden der Räte der Bezirke 1946 bis 1989, Paderborn u. a. 2010. 8 Schriftliche Mitteilung von Helmut Müller (1971 bis 1989 2. Sekretär der BL Berlin), Berlin, 11. 8. 2012. Die Bezeichnung dieser Protokolle »ergab sich aus dem roten Umschlag.« Ebd. 9 Protokoll des Gesprächs mit Johannes Chemnitzer (1963 bis 1989 1. Sekretär der BL Neubrandenburg), Lichtenberg, 7./8. Mai 2003, S. 19. 10 Otfrid Arnold/Hans Modrow: Das Große Haus. Struktur und Funktionsweise des Zentralkomitees der SED, in: Hans Modrow (Hg.): Das große Haus. Insider berichten aus dem ZK der SED, Berlin 1995, S. 11–70, hier S. 43. 11 Ebd. 12 Gesprächsprotokoll Chemnitzer (Anm. 9), S. 19. 13 Protokoll des Gesprächs mit Werner Eberlein (1983 bis 1989 1. Sekretär der BL Magdeburg), Berlin, 4. September 2002, S. 2. 14 Protokoll des Gesprächs mit Dr. Hans Modrow (1973 bis 1989 1. Sekretär der BL Dresden), Berlin, 6. September 2002, S. 3. 15 Schriftliche Mitteilung Müller (Anm. 8). 16 Sitzung des Sekretariats des ZK vom 21. Oktober 1987, in: SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/3/4174, Bl. 11. 17 Hans-Dieter Fritschler: Die Kreisleitung – verlängerter Arm des Politbüros?, in: Hans Modrow (Hg.): Das Große Haus von außen. Erfahrungen im Umgang mit der Machtzentrale in der DDR, Berlin 1996, S. 39–53, hier S. 44 und S. 45. 18 Protokoll der Verhandlungen des XI. Parteitages der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands im Palast der Republik in Berlin, 17. bis 21. April 1986, Berlin (Ost) 1986, S. 270. 19 Gesprächsprotokoll Eberlein (Anm. 13), S. 4. 20 Interview von Brigitte Zimmermann und Hans-Dieter Schütt mit Werner Eberlein vom 17. Dezember 1991, in: Hans-Dieter Schütt/Brigitte Zimmermann (Hg.): ohnMacht. DDR-Funktionäre sagen aus, Berlin 1992, S. 44–65, hier S. 46. 21 Gesprächsprotokoll Chemnitzer (Anm. 9), S. 19. 22 Siehe Beschluss des Politbüros vom 11. November 1952 »Über die Verbesserung der Arbeit der leitenden Organe und des Apparates des Zentralkomitees der SED«, in: SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/11/120. 23 SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/1.01/218. 24 Protokoll der 34. Sitzung des Sekretariats der BL Neubrandenburg vom 18. August 1953, in: Landeshauptarchiv Schwerin (im Folgenden: LHAS), BPA Neubrandenburg, IV/2/003/238. 25 Protokoll des Gesprächs mit Erich Postler (1981 bis 1989 2. Sekretär der BL Schwerin), Berlin, 12. März 2003, S. 4. 26 Ebd., S. 5. 27 Gesprächsprotokoll Eberlein (Anm. 13), S. 4. 28 Protokoll des Gesprächs mit Dr. Eberhardt Denner (1963 bis 1986 Sekretär für Wirtschaft der BL Suhl), Berlin, 13. März 2003, S. 8. Siehe auch Gesprächsprotokoll Eberlein (Anm. 13), S. 2. 29 Protokoll des Gesprächs mit Rudi Gröbel (1963 bis 1975 Sekretär für Wirtschaft der BL Schwerin), Berlin, 23. Juli 2003, S. 12. 30 Gesprächsprotokoll Denner (Anm. 28), S. 8. 31 Schriftliche Mitteilung Müller (Anm. 8). 32 Protokoll des Gesprächs mit Dr. Siegfried Schmolinsky (1974 bis 1989 Sekretär für Landwirtschaft der BL Frankfurt [Oder]), Frankfurt (Oder), 20. März 2003, S. 5. 33 Protokoll des Gesprächs mit Siegfried Unverricht (1967 bis 1989 Sekretär für Agitation und Propaganda der BL Rostock), Hohenfelde, 26. Juni 2003, S. 5 f. 34 Protokoll des Gesprächs mit Dr. Helmuth Winnig (1967 bis 1988 Sekretär für Wissenschaft, Volksbildung und Kultur, 1988/89 Sekretär für Wissenschaft und Volksbildung der BL Magdeburg), Magdeburg, 9. Juli 2003, S. 10. 35 Siehe SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/2/2191 und 2192: Bericht der Bezirksleitung der SED Potsdam über Erfahrungen und Ergebnisse der Führungstätigkeit bei der Verwirklichung der Beschlüsse des XI. Parteitages der SED, besonders bei der Durchführung der ökonomischen Strategie, 4. November 1986. 36 SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/3/4357. 37 SAPMO-BArch, DY 30/vorl. SED/33.934. 38 Gesprächsprotokoll Postler (Anm. 25), S. 5. 39 Gesprächsprotokoll Chemnitzer (Anm. 9), S. 20. 40 Gesprächsprotokoll Martens-Meschter (Anm. 7), S. 6. 41 SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/2.029/128, Bl. 46 und Bl. 81. 42 Statut der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, in: Protokoll der Verhandlungen des III. Parteitages (Anm. 2), S. 316. 43 Otfrid Arnold/Hans Modrow: Außenansichten, in: Modrow (Hg.): Das Große Haus von außen (Anm. 17), S. 9–38, hier S. 32. 44 SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/11/120. 45 SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/1.01/218. 46 SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/5/20. Zur besonderen Stellung der SED-Organisation Wismut siehe Lutz Sartor: Die Gebietsparteiorganisation Wismut der SED und die SAG/SDAG Wismut im Thüringer Raum, in: Heinrich Best/Heinz Mestrup: Die Ersten und Zweiten Sekretäre der SED. Machtstrukturen und Herrschaftspraxis in den thüringischen Bezirken der DDR, Weimar 2003, S. 174–204. 47 Arnold/Modrow: Außenansichten (Anm. 43), S. 32. 48 Gesprächsprotokoll Eberlein (Anm. 13), S. 17. 49 Arnold/Modrow: Außenansichten (Anm. 43), S. 32. 50 Gesprächsprotokoll Postler (Anm. 25), S. 4. 51 Gesprächsprotokoll Schmolinsky (Anm. 32), S. 6. 52 Gesprächsprotokoll Chemnitzer (Anm. 9), S. 20. 53 Arnold/Modrow: Außenansichten (Anm. 43), S. 32. 54 SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/5/9. 55 SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/5/1332. 56 SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/13/181. 57 LHAS, BPA Neubrandenburg, IV/1.00/006. 58 SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/5/6. 59 Siehe ebd. 60 SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/2/590. 61 SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/2A/780. Das Zitat befindet sich auf Bl. 126. 62 Siehe Mario Niemann: Die Sekretäre der SED-Bezirksleitungen 1952–1989, Paderborn u. a. 2007, S. 233–252. 63 Arnold/Modrow: Außenansichten (Anm. 43), S. 37. Siehe auch Niemann: Die Sekretäre der SED-Bezirksleitungen (Anm. 62), S. 325–336. 64 Eine Auswahl solcher Rundschreiben für den Zeitraum 1953 bis 1962 befindet sich in: SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/5/188. 65 LHAS, 10.34-3: BL Schwerin (1952–1967), Nr. 384, Bl. 141–144, Zitat auf Bl. 141. 66 LHAS, BPA Neubrandenburg, IV/1.00/004. Hintergrund war der Vorschlag der Sowjetunion an die Westmächte, eine Friedenskonferenz einzuberufen. Siehe Hans Georg Lehmann: Deutschland-Chronik 1945 bis 1995, Bonn 1996, S. 131 f. 67 Siehe LHAS, BPA Neubrandenburg, IV/1.00/004. 68 LHAS, BPA Neubrandenburg, IV/1.00/006. 69 Siehe LHAS, BPA Neubrandenburg, IV/1.00/004. Tags zuvor hatte das Sekretariat des ZK »Maßnahmen der Leitung des Ministeriums für Kultur zur kurzfristigen Beendigung des Einsatzes des Spielfilmes ›Spur der Steine‹ in Lichtspieltheatern und zur sofortigen Einstellung der Werbung für diesen Film« bestätigt und beschlossen, die 1. Sekretäre der Bezirksleitungen von diesen Maßnahmen zu informieren. SAPMO-BArch, DY 30/J IV2/3/1194, Bl. 6. 70 SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/2/519. 71 Protokoll der Verhandlungen des IV. Parteitages der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, 30. März bis 6. April 1954 in der Werner-Seelenbinder-Halle zu Berlin, Bd. 1, Berlin (Ost) 1954, S. 557. Diese Ausführungen Kieferts wurden vom Plenum mit Beifall quittiert. 72 Zit. in: Egon Krenz: Herbst ’89, Berlin 1999, S. 80 f. 73 Zit. in: Hans-Hermann Hertle: Der Fall der Mauer. Die unbeabsichtigte Selbstauflösung des SED-Staates, Opladen 1999, S. 114. 74 Siehe Schriftliche Mitteilung Müller (Anm. 8). 75 »Beschluß des Sekretariats des ZK der SED über die Arbeit mit den Kadern«, 7. Juni 1977, in: Dokumente der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Beschlüsse und Erklärungen des Zentralkomitees sowie seines Politbüros und seines Sekretariats, hrsg. vom Zentralkomitee der SED, Bd. XVI, Berlin (Ost) 1980, S. 481–488, hier S. 483. 76 Siehe Kurt Hager: Aktualität und Lebenskraft des Hauptwerkes von Karl Marx. Vortrag zu den Karl-Marx-Tagen der Parteihochschule »Karl Marx« am 4. Mai 1987, Berlin 1987; Günter Mittag: Die Arbeit der Partei zur Verwirklichung der vom XI. Parteitag der SED beschlossenen ökonomischen Strategie. Vortrag an der Parteihochschule »Karl Marx« beim ZK der SED am 6. Juli 1987, Berlin 1987. 77 Siehe »Information über die kadermäßige Zusammensetzung der im Februar 1986 neugewählten Bezirksleitungen und ihrer Sekretariate«, 19. Februar 1986, in: SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/50/28. 78 Gesprächsprotokoll Winnig (Anm. 34), S. 13. 79 Schriftliche Mitteilung Müller (Anm. 8). 80 Siehe dazu ausführlich Mario Niemann: »Schönfärberei und Schwarzmalerei«. Die Parteiinformation der SED, in: Detlev Brunner/Mario Niemann (Hg.): Die DDR – eine deutsche Geschichte. Wirkung und Wahrnehmung, Paderborn u. a. 2011, S. 159–185. 81 Karl Schirdewan: Aufstand gegen Ulbricht. Im Kampf um politische Kurskorrektur, gegen stalinistische, dogmatische Politik, Berlin 1994, S. 39. 82 SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/11/120. Siehe auch DY 30/J IV 2/3/345, Bl. 17–25. 83 Statut der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, in: Protokoll der Verhandlungen des IV. Parteitages der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (Anm. 71), S. 11l5–1141, hier S. 1132. 84 Beschluss des Sekretariats des ZK vom 12. Oktober 1955, in: SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/3/490. 85 Siehe SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/3A/2604, Bl. 29–31. 86 SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/3A/2604.

JHK 2014

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung 2014

Sergej Abašin Prof. am Fachbereich für Anthropologie an der European University in St. Petersburg mit dem Schwerpunkt Migrationsforschung. Veröffentlichungen: Nationalismen in Zentralasien: Auf der Suche nach Identität, St. Petersburg 2007 (bisher nur auf Russisch); Die Sartenproblematik in der russischen Geschichtsschreibung des 19. und des ersten Viertels des 20. Jahrhunderts, hg. von Jürgen Paul und Ingeborg Baldauf (= ANOR 18), Halle/Berlin 2007. Im Rahmen seines aktuellen Forschungsprojekts untersucht Abašin die gesellschaftlichen Transformationen in Zentralasien im 20. Jahrhundert. Knud Andresen Dr. phil., geb. 1965 in Bargteheide, 1990–1998 Magisterstudium der Politischen Wissenschaften und der Geschichte, 1999–2003 Promotionsstipendiat der Hans-Böckler-Stiftung, 2005 Promotion; 2003–2006 Referent des Betriebsrates der Volkswagen AG Braunschweig, seit 2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg sowie Lehrbeauftragter der Universität Hamburg. Veröffentlichungen u. a.: »Wandel einer sozialen Bewegung. Gewerkschaftliche Mai-Kundgebungen in Hamburg. Stichtag: 1. Mai 1969«, in: Forschungsstelle für Zeitgeschichte (Hg.): 19 Tage Hamburg. Ereignisse und Entwicklungen der Stadtgeschichte seit den fünfziger Jahren, Hamburg 2012, S. 145–159; Mithg.: Nach dem Strukturbruch? Kontinuität und Wandel von Arbeitsbeziehungen und Arbeits(welten) seit den 1970er Jahren, Bonn 2011 (mit Ursula Bitzegeio und Jürgen Mittag); Widerspruch als Lebensprinzip. Der undogmatische Sozialist Heinz Brandt (1909–1986), Bonn 2007. Jörg Baberowski Prof., Dr. phil., geb. 1961 in Radolfzell, 1982–1988 Studium der Geschichte und Philosophie an der Universität Göttingen, 1989–1994 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Osteuropäische Geschichte an der Universität Frankfurt a. M., 1994 Promotion an der Historischen Fakultät der Universität Frankfurt a. M., Titel der Dissertation: »Autokratie und Justiz. Zum Verhältnis von Rechtsstaatlichkeit und Rückständigkeit im ausgehenden Zarenreich 1864–1914«; September 2000 Habilitation, Universität Tübingen, 2001–2002 Vertretung des Lehrstuhls für Osteuropä-ische Geschichte an der Universität Leipzig, seit Oktober 2002 Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. Veröffentlichungen u. a.: Verbrannte Erde. Stalins Diktatur der Gewalt, München 2012; Ordnung durch Terror. Gewaltexzesse und Vernichtung im nationalsozialistischen und im stalinistischen Imperium (mit Anselm Döring-Manteuffel), 2. Aufl. Bonn 2007; Der Feind ist überall. Stalinismus im Kaukasus, München 2003. Mithg.: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas; Kritika. Explorations in Russian and Eurasian History; Zeithistorische Forschungen; Journal of Modern European History; Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Bernhard H. Bayerlein Dr. phil., geb. 1949 in Wiesbaden, Historiker und Romanist. Wissenschaftlicher Angestellter am Institut für soziale Bewegungen (ISB), Ruhr-Universität Bochum; Associate Fellow am Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF), Potsdam. Studium der Romanistik, Philosophie und Geschichte in Heidelberg, Toulouse, Coimbra und Bochum. Schwerpunkte: Vergleichende historische Kommunismus- und Sozialismusforschung, Europäische Archivprojekte und Digital Humanities (The International Comitee for the Computerization of the Komintern Archives/INCOMKA, Internationales Willi-Münzenberg Forum u. a.), portugiesische und spanische Studien. Autor/Hg.: Deutschland – Russland – Komintern 1918–1943, 3 Bde., Berlin 2013/2014, »Abschied von einem Mythos. Die UdSSR, die Komintern und der Antifaschismus«, in: Osteuropa 58 (2009), H. 7/8, S. 125–148; »Der Verräter, Stalin, bist Du!«. Vom Ende der internationalen Solidarität, Berlin 2008; Deutscher Oktober 1923, Berlin 2003; Der Thälmann-Skandal, Berlin 2003; Moscou – Paris – Berlin, 1939–1941, Paris 2003; Archives de Jules Humbert-Droz, IV, Zürich 2001; Georgi Dimitroff. Tagebücher, Berlin 2000; Entwaffnete Utopien. Utopies désarmées, Leipzig 1999; »Duverger’s Concept. Semi-Presidential Government Revisited«, in: European Journal of Political Research (1998); »Origens bonapartistas do semipresidencialismo português«, in: Análise Social, Lissabon 1996. Begründer und Herausgeber von The International Newsletter of Communist Studies; Mithg. u. a.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Bernd Faulenbach Prof. Dr., geb. 1943, Historiker an der Fakultät für Geschichtswissenschaft (Bereich Zeitgeschichte) der Ruhr-Universität Bochum, bis 2007 stellv. Direktor des Forschungsinstitutes Arbeit, Bildung, Partizipation, Vorsitzender der Historischen Kommission beim Parteivorstand der SPD, 1992–1998 Mitglied der Enquetekommissionen des Bundestages zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und ihrer Folgen, seit 1998 stellv. Vorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Mitglied der wissenschaftlichen Leitung des Editionsprojektes Dokumente zur Deutschlandpolitik, Mitglied der deutsch-russischen Historiker-Kommission, Mitglied in einer Reihe von Fachgremien zur deutschen und europäischen Erinnerungskultur. Veröffentlichungen u. a.: Willy Brandt, München 2013; Das sozialdemokratische Jahrzehnt. Von der Reformeuphorie zur Neuen Unübersichtlichkeit. Die SPD 1969–1982, Bonn 2011; Mithg.: »Transformationen« der Erinnerungskulturen in Europa nach 1989, Essen 2006; Mithg.: Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn u. a. 2003; Mithg.: Die deutsche Sozialdemokratie und die Umwälzung 1989/90, Essen 2001. Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Thomas Wegener Friis Ph.D., geb. 1975, Associate Professor und Netzwerkkoordinator am Zentrum für das Studium des Kalten Krieges (Center for Koldkrigsstudier) an der Süddänischen Universität in Odense. 2003 Dissertation über den Militärischen Nachrichtendienst der DDR und Dänemarks. 2003–2005 Mitarbeiter der Kommission zum Thema »Dänemark im Kalten Krieg«, seit 2005 Mitarbeiter an der Süddänischen Universität, Mitglied des Vorstands der Gesellschaft zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung, der dänischen Militärhistorischen Kommission sowie von The Baltic Intelligence und Security Studies Association (BISSA); seit 2005 Redaktionsmitglied der Zeitschrift Arbejderhistorie, seit 2004 Mitinhaber des Friis Verlags; Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Joachim Gatterer Mag. phil., geb. 1980 in Bruneck/Italien, 2000–2007 Studium der Politikwissenschaft an den Universitäten Innsbruck und Bologna. 2007/2008 Unterrichtstätigkeit an der Fachoberschule für Soziales in Meran. Seit 2010 Forschungsstipendiat am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie an der Universität Innsbruck. Veröffentlichungen u. a.: Hg.: Egon Erwin Kisch: Die drei Kühe. Eine Bauerngeschichte zwischen Tirol und Spanien, Bozen 2012; »rote milben im gefieder«. Sozialdemokratische, kommunistische und grün-alternative Parteipolitik in Südtirol, Innsbruck u. a. 2009. Markus Goldbeck Geb. 1984, 2004–2009 Studium der Geschichte und Wirtschaftswissenschaft, seit 2010 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Münster. Dissertationsprojekt zu Geschichte und Funktion der BStU im wiedervereinigten Deutschland. Maximilian Graf Dr. phil., geb. 1984 in Wien/Österreich, 2004–2012 Studium der Geschichte an der Universität Wien, 2012 Promotion mit der Dissertation Österreich und die DDR 1949–1989/90. Beziehungen – Kontakte – Wahrnehmungen. Seit 2010 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ehemalige Historische Kommission). Veröffentlichungen u. a.: »Ein verdrängtes bilaterales Verhältnis: Österreich und die DDR 1949–1989/90«, in: Zeitgeschichte 39 (2012), H. 2, S. 75–97; Mithg.: Das Burgenland als internationale Grenzregion im 20. und 21. Jahrhundert, Wien 2012; Mithg.: From the Austrian Empire to Communist East Central Europe, Wien 2010. 2008 Würdigungspreis des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung. Udo Grashoff Dr. phil., geb 1966 in Halle (Saale), 1986–1992 Studium der Biochemie, 1993–1999 Studium der Geschichte, Germanistik und Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft, konzeptionelle Mitarbeit an vier zeitgeschichtlichen Ausstellungen, zahlreiche Radiofeatures für öffentlich-rechtliche Sender, 2006 Promotion, seit 2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere und Zeitgeschichte der Universität Leipzig, derzeit Arbeit an Habilitation zum Thema »Verrat im kommunistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus 1933–45«. Veröffentlichungen u. a.: Schwarzwohnen. Die Unterwanderung der staatlichen Wohnraumlenkung in der DDR, Göttingen 2011; »In einem Anfall von Depression ...« Selbsttötungen in der DDR, Berlin 2006. Patrick Hesse M.A., geb. 1980 in Berlin, 2000–2007 Studium der Englischen Philologie sowie der Neueren und Neuesten Geschichte in Freiburg und Neu-Delhi. Seit 2009 Promotionsstudent an der Humboldt-Universität zu Berlin. Veröffentlichung: »Grenzgänge zwischen Marxismus und Religion: Die Anfänge der Kommunistischen Partei Indiens«, in: Freiburger Universitätsblätter, 188 (Juni 2010), S. 119–134. Idrit Idrizi Mag. phil., geb. 1986 in Shkodra/Albanien, 2005–2010 Studium der Geschichte (Wahlfach: Politikwissenschaften) an der Universität Wien, 2008 Erasmus-Aufenthalt an der Freien Universität Berlin; seit Oktober 2010 Doktorand am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien, seit Februar 2012 Stipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (DOC-Stipendium). Veröffentlichung: »Der ›Neue Mensch‹ in der Politik und Propaganda der Partei der Arbeit Albaniens in den 1960er Jahren«, in: Südost-Forschungen, 69/70 (2010/2011), S. 252–283. Stefan Karner Univ.-Prof. Dr., geb. 1952, Historiker, Leiter des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, Graz – Wien – Klagenfurt; stellv. Vorstand des Instituts für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte der Universität Graz; österreichischer Vertreter in der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) des Europarates; Co-Vorsitzender der österreichisch-russischen sowie der österreichisch-slowenischen Historikerkommission; zahlreiche öffentliche Funktionen und Mitgliedschaften in internationalen wissenschaftlichen Vereinigungen, u. a. Österreichischer Wissenschaftler des Jahres 1995; wissenschaftlicher Leiter der Republiksausstellung im Parlament 2008/2009 (mit Lorenz Mikoletzky); wissenschaftlicher Leiter der NÖ Landesausstellung 2009 »Österreich – Tschechien«. Veröffentlichungen u. a.: Prager Frühling. Das internationale Krisenjahr 1968, 2 Bde., Köln u. a. 2008; Die Rote Armee in Österreich. Sowjetische Besatzung 1945–1955, 2 Bde., Wien/München 2005; Im Archipel GUPVI. Kriegsgefangenschaft und Internierung in der Sowjetunion 1941–1956, Wien/München 1995. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Matej Kralj Dipl.-Soz., geb. 1980 in Maribor/Slowenien, 1999–2006 Studium der Soziologie in Slowenien und Deutschland. 2006–2008 Referent der Botschaft der Republik Slowenien in Berlin während der Trio-Ratspräsidentschaft der EU. Seit 2008 Promotion zum Wandel der Wahrnehmung von politischen Räumen im slowenischen Postsozialismus, Universität Erfurt, Mitglied der Forschungsgruppe Offenes Europa, Erhalt des Martin-Wieland-Stipendiums. Veröffentlichungen: »Schnell unter Europas Schirm – Vor 20 Jahren wurde Slowenien unabhängig«, in: Berliner Zeitung vom 25. Juni 2011; »Abtreibung des Sozialismus: Die Identitätsfindung im slowenischen Verfassungsdiskurs«, JOE-Tagungsreader 2009, (= Arbeitspapier 104 der Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen). Mark Kramer Prof., Direktor des Cold War Studies Program an der Harvard University und Senior Fellow des dortigen Davis Center for Russian and Eurasian Studies. Lehrtätigkeit für vergleichende Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen an den Universitäten Harvard, Yale und Brown. Ehemals wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Harvard Academy of International and Area Studies sowie Rhodes-Stipendiat an der University of Oxford. Übersetzer und amerikanischer Herausgeber des Bandes Schwarzbuch des Kommunismus, Autor zahlreicher wissenschaftlicher Aufsätze und Bücher, u. a.: Imposing, Maintaining, and Tearing Open the Iron Curtain: The Cold War in East-Central Europe, 1945–1990, New York 2013; Crisis, Compromise, and Coercion in the Soviet Bloc, 1956: De-Stalinization, the USSR, and Upheavals in Poland and Hungary, Cambridge, MA 2008. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Norman LaPorte Ph.D. (Stirling), geb. 1964, Historiker, seit 2000 an der University of South Wales. Veröffentlichungen u. a.: Friendly Enemies: Britain and the GDR, 1949–1989, Oxford 2010 (mit Stefan Berger); Hg.: Bolshevism, Stalinism and the Comintern. Perspectives on Stalinisation, Basingstoke 2008 (mit Matthew Worley und Kevin Morgan); Hg.: The Other Germany. Perceptions and Influences in British-East German Relations, 1945–1990, Augsburg 2005 (mit Stefan Berger); The German Communist Party in Saxony, Oxford/Bern 2003. Mitbegründer: Twentieth Century Communism: a journal of international history (seit 2009); Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Ulrich Mählert Dr. phil., geb. 1968 in Neckarsulm, 1987–1992 Studium der Politischen Wissenschaft, Anglistik und Germanistik, 1994 Promotion und bis 1998 Mitarbeiter eines internationalen Forschungsprojekts an der Universität Mannheim zur Geschichte der Parteisäuberungen im Kommunismus. Seit 1999 Referent für Wissenschaftsförderung, Förderung der Archive und Internationale Zusammenarbeit bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Veröffentlichungen u. a.: Kleine Geschichte der DDR, 5. Aufl. München 2007; Mithg.: Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn u. a. 2003; Hg.: Vademekum DDR-Forschung, Berlin 2002; Die Freie Deutsche Jugend 1945–1949, Paderborn 1995. Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Ehrhart Neubert Dr. phil., geb. 1940, Theologiestudium in Jena, 1964–1984 Gemeinde- und Studentenpfarrer in Weimar, 1984–1992 Referent in der Studienabteilung beim Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR; 1989 Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs und Mitglied am Zentralen Runden Tisch der DDR, seit 1997 Fachbereichsleiter der Abteilung Bildung und Forschung der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU), seit 2005 in Pension. Veröffentlichungen u. a.: Unsere Revolution. Die Geschichte der Jahre 1989/90, 2. Aufl. München 2009; Koautor: Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni in der deutschen Geschichte, Bremen 2004; Mithg.: Lexikon Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur, Berlin/München 2000; Geschichte der Opposition in der DDR, Berlin 1997. Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Mario Niemann Prof. Dr. phil. habil., geb. 1971 in Parchim, 1991–1996 Studium der Geschichtswissenschaften, der Ur- und Frühgeschichte und der Politischen Wissenschaft in Rostock, 1999 Promotion, 1999–2005 wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Zeitgeschichte des Historischen Instituts der Universität Rostock, 2006 Habilitation, seit 2006 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut der Universität Rostock, seit 2012 Außerplanmäßiger Professor. Veröffentlichungen u. a.: Mithg.: Die DDR – eine deutsche Geschichte. Wirkung und Wahrnehmung, Paderborn u. a. 2011 (mit Detlev Brunner); Mithg.: SED-Kader: Die mittlere Ebene. Biographisches Lexikon der Sekretäre der Landes- und Bezirksleitungen, der Ministerpräsidenten und der Vorsitzenden der Räte der Bezirke 1946 bis 1989, Paderborn 2010 (mit Andreas Herbst); Die Sekretäre der SED-Bezirksleitungen 1952–1989, Paderborn 2007. Henrik Nitsche Geb. 1981 in Werther (Westf.), 2003–2008 Studium der Sozial- und Geschichtswissenschaft in Bielefeld und Basel. 2009–2012 wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Europastudien in Dresden. Seit 2013 Redakteur im Walhalla Verlag. Maren Roth Dr. phil., geb. 1971 in Freiburg, 1990–1996 Studium der Amerikanischen Kulturgeschichte, Politischen Wissenschaft und Betriebswirtschaftslehre in München, Berkeley und Orléans, Promotion 2003. Seit 2003 am Amerika-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität tätig. 2008–2011 als Mitarbeiterin im Projekt »Amerikanische Europakonstruktionen und Transatlantische Politik 1945 bis zur Gegenwart« zuständig für die Sortierung und Auswertung des Nachlasses von Melvin J. Lasky sowie Arbeit an einer Biografie Laskys. Seit 2011 Direktorin des Lasky Archivs und Research Associate am Lasky Center for Transatlantic Studies. Veröffentlichungen u. a.: Mithg.: Melvin Lasky. New York – Berlin – London, München 2010 (mit Charlotte Lerg); »Erziehung zur Demokratie«. Amerikanische Demokratisierungshilfe im postsozialistischen Bulgarien, Münster 2005. Krzysztof Ruchniewicz Prof. Dr., geb. 1967 in Wrocław/Polen, Studium der Geschichte, osteuropäischen Geschichte an der Universität Wrocław, Universität des Saarlandes und der Philipps-Universität Marburg; 2000 Promotion zum Thema »Berlin – Warschau – Bonn. Die politischen Beziehungen in den Jahren 1949–1958«; 2007 Habilitation mit dem Thema »Die polnischen Bemühungen um die deutsche Wiedergutmachung in den Jahren 1944/45–1975«. Professor für Zeitgeschichte an der Universität Wrocław; Direktor des Willy-Brandt-Zentrums für Deutschland- und Europastudien der Universität Wrocław, gleichzeitig Lehrstuhlinhaber für Zeitgeschichte am selben Zentrum; Veröffentlichungen u. a.: Mithg.: Länderbericht Polen. Geschichte – Politik – Wirtschaft – Gesellschaft – Kultur, Bonn 2009 (mit Dieter Bingen); »Noch ist Polen nicht verloren«. Das historische Denken der Polen, Münster u. a. 2007; Zögernde Annäherung. Studien zur Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen im 20. Jahrhundert, Dresden 2005. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Elke Sieber M.A., geb. 1984 in Heilbronn, 2004–2010 Studium der Mittleren und Neueren Geschichte, des Öffentlichen Rechts und der Psychologie, seit 2011 Promotion am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam bei Prof. Dr. André Steiner zur Werbung in der DDR von 1948–1975. Seit 2012 freiberufliche Führungsreferentin im DDR Museum Berlin. Tea Sindbæk Assistenzprofessorin am Institut für Interkulturelle und Regionalforschung, Universität Kopenhagen. 2009–2011 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichte und Landeskunde in Aarhus, 2011–2012 am Zentrum für Europäische Studien in Lund. 2010 als Gastwissenschaftlerin am Institut für Public Understanding of the Past in York/GB. Forschungsschwerpunkte: Zeitgeschichte Südosteuropas, insbesondere Fragen zum Umgang mit Geschichte, kultureller Erinnerung, Identitätspolitik und Volkskultur. Veröffentlichungen: Usable History? Representations of Yugoslavia’s difficult past from 1945 to 2002, Aarhus 2012; Mithg.: Images of Imperial Legacy: Modern discourses on the social and cultural impact of Ottoman and Habsburg rule in Southeast Europe, Berlin 2011 (mit Maximilian Hartmuth); Autorin zahlreicher Artikel über den Umgang mit Geschichte und Volkskultur in Südosteuropa. Carola Söller Diplom-Kulturwirtin, geb. 1981 in Buchen (Odenwald), 2001–2007 Studium der Sprachen, Wirtschaft und Kulturraumstudien mit Schwerpunkt auf dem ostmitteleuropäischen Kulturraum, 2007–2009 Projektkoordination der Initiative Perspektive Osteuropa an der Universität Passau, seit 2010 Doktorandin an der Universität Passau mit dem vergleichenden Dissertationsprojekt »Erinnerungsverwaltung, Vergangenheitspolitik und Erinnerungskultur nach 1989 – Institute für nationales Gedenken im östlichen Europa«. Veröffentlichungen u. a.: »Möglichkeiten einer zivilgesellschaftlichen Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Polen, Rumänien und Ukraine«, in: Serhij Lukanjuk/Carola Söller/Thomas Wünsch (Hg.): Die Ukraine und die Entwicklung ihrer Zivilgesellschaft nach 2004. Beiträge zu einer ukrainisch-deutschen Tagung, Ternopil 2010; Carola Söller/Thomas Wünsch (Hg.): Korruption in Ost und West. Eine Debatte. Kritische Positionen 1, Passau 2008. Peter Steinbach Prof. Dr., geb. 1948 in Lage (Lippe), wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin und Professor emeritus für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Karlsruhe. Veröffentlichungen u. a.: Mithg.: Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur 1933–1945 (= Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 438), Bonn 2004; Mithg.: Der 20. Juli 1944. Gesichter des Widerstands, München 2004; Mithg: Opposition und Widerstand in der DDR. Politische Lebensbilder, München 2002; Widerstand im Widerstreit. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in der Erinnerung der Deutschen. Ausgewählte Studien, 2. Aufl. Paderborn u. a. 2001; Mithg.: Lexikon des Widerstandes 1933–1945, 2. Aufl. München 1998. Mithg.: Neue Politische Literatur (NPL), Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (ZfG) sowie Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Brigitte Studer Prof. Dr., unterrichtete an den Universitäten Zürich, Genf, Bern sowie an der Washington University in St. Louis (USA). Seit 1997 Professorin für Schweizer und Neueste Allgemeine Geschichte an der Universität Bern. 2001–2004 Gastprofessorin in Glasgow, 2013 Professeure invitée an der EHESS in Paris. 2001–2007 Mitglied des Forschungsrates der Abteilung I (Sozial- und Geisteswissenschaften) des Schweizerischen Nationalfonds der wissenschaftlichen Forschung, 2001–2005 ausländisches Mitglied des Conseil scientifique du departement des Sciences de l’Homme et de la Societe (CNRS) in Paris. Zurzeit Leitung eines Forschungsprojekts zur Geschichte der Philanthropie. Veröffentlichungen u. a. zur historischen Kommunismusforschung und zur Sozial- und Kulturgeschichte des Stalinismus: Mithg.: Moscou – Paris – Berlin. Télégrammes chiffrés du Komintern, Paris 2003; Der stalinistische Parteikader, Köln 2001; Archives de Jules Humbert-Droz, Bd. V, Zürich 1996; Un parti sous influence, Lausanne 1994. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung, des Editorial Board von Twentieth Century Communism. A Journal of International History, der Österreichischen Zeitschrift für Geschichtswissenschaften. Stefan Troebst Prof. Dr., geb. 1955 in Heidelberg, Professor für Kulturstudien Ostmitteleuropas und Ko-Direktor des Global and European Studies Institute der Universität Leipzig sowie stellvertretender Direktor des Geisteswissenschaftlichen Zentrums für Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas ebendort. Veröffentlichungen u. a.: Hg.: Europastudien. Historische Sozialwissenschaft, Area Studies, Kulturgeschichtsschreibung, Leipzig 2014; Erinnerungskultur – Kulturgeschichte – Geschichtsregion. Ostmitteleuropa in Europa, Stuttgart 2013; Mithg.: Geschichtspolitik in Europa seit 1989. Deutschland, Frankreich und Polen im internationalen Vergleich, Göttingen 2013; Hg.: Postdiktatorische Geschichtskulturen im Süden und Osten Europas. Bestandsaufnahme und Forschungsperspektiven, Göttingen 2010; Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Krisztián Ungváry Ph.D., geb. 1969, Studium in Budapest, Jena und Freiburg/Breisgau. Promotion 1998 zum Thema »Belagerung Budapests im Zweiten Weltkrieg«. Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für die Erforschung der ungarischen Revolution 1956 (Budapest); Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Stiftung »Flucht, Vertreibung, Versöhnung«. Veröffentlichungen u. a.: Verschwiegene Vergangenheit. Der Parteistaat und das Ministerium des Inneren. Die politische Polizei in Ungarn zwischen 1956 und 1990, Budapest 2008 (auf Ungarisch mit Gabor Tabajdi); Ungarn und der Zweite Weltkrieg (auf Ungarisch), Budapest 2005; Die Schlacht um Budapest, München 1999. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Alexander Vatlin Prof. Dr., geb. 1962 in Aschgabad/Turkmenien, 1979–1984 Studium der Geschichte und 1987 Promotion am Lehrstuhl für Neue und Neueste Geschichte an der Moskauer Lomonossow-Universität zum Thema »Die Wiedergründung der SPD in Westdeutschland 1945–1949«. Seit 1991 Leiter des Programms »Moderne Geschichte« am Institut für Menschenrechte und demokratische Forschung. Seit 1997 Lehrtätigkeit am Lehrstuhl für Neue und Neueste Geschichte der Lomonossow-Universität; 1998 Habilitation zum Thema »KPdSU und Komintern in den Zwanzigerjahren. Probleme ihrer Wechselbeziehungen«. 2001 Mitbegründer und seitdem Koordinator der »Arbeitsgruppe zur Erforschung der neuesten Geschichte Deutschlands« an der Lomonossow-Universität (www.rusgermhist.ru). Seit 2006 dortiger Professor am Lehrstuhl für Neue und Neueste Geschichte. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Hermann Weber Prof. Dr. Dr. h. c., geb. 1928, 1945 KPD-Mitglied, 1947–1949 SED-Parteihochschule Karl-Marx, Chefredakteur der westdeutschen FDJ-Zeitung bis zur Absetzung durch Erich Honecker, 1954 Ausschluss aus der KPD, seit 1955 Mitglied der SPD, 1968 Promotion, 1970 Habilitation, seit 1973 Professor, 1975–1993 Ordinarius, Inhaber des Lehrstuhls für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte an der Universität Mannheim bis zur Emeritierung 1993, 1992–1998 sachverständiges Mitglied der Enquetekommissionen des Bundestags zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und deren Folgen, seit 1981 Leiter des Forschungsschwerpunktes DDR-Geschichte an der Universität Mannheim; Ehrenmitglied der deutsch-russischen Historikerkommission; bis 2011 Mitglied des Stiftungsrates der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Veröffentlichungen u. a.: Mithg.: Deutschland – Russland – Komintern 1918–1943, 3 Bde., Berlin 2013/2014; Leben nach dem »Prinzip links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, Berlin 2006 (mit Gerda Weber); Mithg.: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004, erw. Aufl. 2008, Supplement-Band 2013; Damals, als ich Wunderlich hieß, Berlin 2002 (mit Gerda Weber); Geschichte der DDR, München 1985. Begründer und bis 2008 Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Gerhard Wettig Dr. phil., geb. 1934 in Gelnhausen, 1966–1999 zunächst Referent, dann Leiter des Forschungsbereichs Außen- und Sicherheitspolitik am Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln, 1990–1999 Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift Außenpolitik, 1998–2003 Mitglied der Gemeinsamen Kommission zur Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen. Zahlreiche Veröffentlichungen über die sowjetische Deutschland-Politik, die innerdeutschen Beziehungen während der Spaltung und Probleme des Kalten Kriegs in Europa, zuletzt: Hg.: Der Tjuľpanov-Bericht: Sowjetische Besatzungspolitik in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, Göttingen 2012; Hg.: Chruschtschows Westpolitik 1955 bis 1964. Bd. 3: Kulmination der Berlin-Krise 1960 bis 1962, München 2011; Sowjetische Deutschland-Politik 1953 bis 1958, München 2011; Stalin and the Cold War in Europe 1939–1953, Lanham/New York 2008. Manfred Wilke Prof. Dr., geb. 1941, 1976 Promotion zum Dr. rer. pol., 1976–1980 wissenschaftlicher Assistent an der TU Berlin, 1981 Habilitation im Fach Soziologie an der Freien Universität Berlin, 1985 Professor für Soziologie an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin, 1992 Mitbegründer und bis 2006 Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der FU; 1992–1998 sachverständiges Mitglied der Enquetekommissionen des Bundestags zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und deren Folgen; seit 2007 wissenschaftlicher Mitarb