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Editorial

JHK 2014 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite VII-IX | Metropol Verlag

Wie wird der Kommunismus ein Vierteljahrhundert nach der Überwindung seiner diktatorischen Regime in Europa erinnert? Dieser Frage ist der Schwerpunkt des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung 2014 gewidmet. Seit den friedlichen Revolutionen 1989 hat sich insbesondere in den Staaten Ostmitteleuropas eine disparate Erinnerungskultur herausgebildet. Deutschland stellt dabei einen Sonderfall dar. Mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten 1990 wurde die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur zu einer gesamtdeutschen Angelegenheit sowohl mit Blick auf Inhalte und Akteure als auch auf die beteiligten Institutionen. Auch wenn die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur insbesondere in den Neunzigerjahren in Deutschland mit manchmal harten, politischen Bandagen geführt worden ist, taten sich keine derart tiefen Gräben auf, wie sie für den Vergangenheitsdiskurs etwa in Polen, Tschechien oder Ungarn kennzeichnend sind. Dies mag auch daran liegen, dass es in Ostdeutschland einen weitaus stärkeren Elitenaustausch gegeben hat als in den anderen Staaten des einstigen Ostblocks. Anders als in Ostdeutschland mussten die ostmitteleuropäischen Transformationsgesellschaften die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Herausforderungen allein bewältigen, die mit dem Umbruch des Jahres 1989 einhergingen.

Während die Geschichte des Ministeriums für Staatssicherheit am 15. Januar 1990 mit der Besetzung der Stasizentrale in Berlin endete, wurden die Sicherheitsapparate in Ostmitteleuropa ohne große personelle oder institutionelle Veränderungen fortgeführt. Während in Deutschland die Aufarbeitung der SED-Diktatur unabhängig von Wahlergebnissen in einem vergleichsweise großen Konsens betrieben wurde, wird die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Ostmitteleuropa vom beständigen Wechsel zwischen postkommunistischen und konservativen Mehrheiten bestimmt. Hinzu kommt, dass der Blick auf die Vergangenheit dort generell stark durch nationale Traumata geprägt ist, die die Gesellschaften seit dem Ersten Weltkrieg erlitten haben. Daraus resultiert eine große Unübersichtlichkeit, die es Außenstehenden oft schwer macht, geschichtspolitische Auseinandersetzungen in ostmitteleuropäischen Staaten einzuordnen.

Das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2014 bietet mit neun Länderstudien Einblicke in die Erinnerungskulturen europäischer Staaten. Neben Ländern in Ostmitteleuropa werden auch Zentralasien und selbst Südtirol in der aktuellen Ausgabe in den Blick genommen. Vor allem die Beiträge zu Rumänien, Slowenien, Kroatien, Serbien und Bosnien wie auch zu Albanien machen deutlich, dass die Auseinandersetzung mit der kommunistischen Vergangenheit allzu oft Instrument politischer Lagerkämpfe ist. Zugleich wird die Geschichte der kommunistischen Herrschaft in vielen Ländern Ostmitteleuropas in einen nationalen Geschichtsdiskurs eingepasst, der Verantwortung externalisiert oder auf kleine Gruppen in der Gesellschaft fokussiert, um die Geschichte des eigenen Landes als Opfergeschichte zu schreiben.

In Bezug auf den »Sonderfall« Deutschland wird in einem Beitrag die »Ambivalenz staatlicher Förderung« kritisch hinterfragt: Ist sie eine Chance für die zivilgesellschaftliche Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur oder gerät diese dadurch in eine »gefährliche Abhängigkeit«? Die Beiträge zum Schwerpunkt machen in ihrer Gesamtschau deutlich, dass es für eine kontinuierliche und erfolgversprechende Auseinandersetzung mit der Kommunismusvergangenheit der staatlichen Unterstützung bedarf, in ideeller wie materieller Hinsicht. Unverzichtbar sind daneben ein möglichst großer gesellschaftlicher Konsens sowie vor allem zivilgesellschaftliche Institutionen und Akteure.

Neben den Schwerpunktthemen finden sich im Jahrbuch 2014 biografische Skizzen sowie Miszellen, die die Bandbreite der historischen Kommunismusforschung widerspiegeln: von der Rolle Stalins in der Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs über neue Einsichten in Anleitungsmechanismen der SED bis hin zur Geschichte der südindischen Region Telengana, in der die Kommunisten in den ersten Jahren nach der indischen Unabhängigkeit starken Widerhall fanden und an der Spitze einer großen Bauernerhebung standen. Für die Bundesstiftung Aufarbeitung, in deren Auftrag das JHK erscheint, ist ein Beitrag, der die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Kommunistischen Partei Österreichs und der SED von 1946 bis 1989 ausleuchtet, von besonderem Interesse. Schließlich finanziert sich die Bundesstiftung zu einem guten Teil aus Vermögen der SED. Ihr exorbitantes Devisenvermögen hatte die Partei 1989/1990 über Strohmänner und -frauen u. a. in Österreich in Sicherheit bringen wollen. Ein Teil der Mittel, die seit den Neunzigerjahren mit detektivischem Spürsinn und juristischen Mitteln sichergestellt werden konnten, war 2004/2005 dem Grundkapital der Stiftung zugeführt worden.

Schließlich sei auch auf die XX. Ausgabe des International Newsletter of Communist Studies verwiesen, der im Anhang des JHK abgedruckt wird und über neue Forschungsprojekte, neu erschlossene Archivquellen, Konferenzen und Publikationen der interna-
tionalen Kommunismusforschung informiert.

Das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung erscheint mit seiner 20. Ausgabe nicht nur in neuer Aufmachung, sondern auch in einem neuen Verlag. Nachdem es von 1993 bis 1999 im Akademie Verlag und ab der Doppelnummer 2000/2001 unter dem Dach des Aufbau Verlags publiziert worden ist, sorgt ab 2014 der Berliner Metropol Verlag dafür, dass die Jahresschrift den Weg in die Universitätsbibliotheken, Forschungseinrichtungen sowie zu den Forscherinnen und Forschern findet, die sich mit der Geschichte des Kommunismus befassen. Wir hoffen, dass der Band auch mehr denn je von historisch interessierten Zeitgenossen gelesen wird, die sich im JHK über die Ergebnisse der deutschen und internationalen Kommunismusforschung informieren können. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit dem Verleger Fritz Veitl. Zugleich danken wir dem Aufbau Verlag für die mehr als ein Jahrzehnt währende verlegerische Betreuung. Dieser Dank gilt insbesondere Maria Matschuk, die dem Jahrbuch in der Zeit als Lektorin bei Aufbau mit Sachkunde und vor allem Herzblut zur Seite stand!

Dank gebührt wie in jedem Jahr der Mannheimer Hermann-Weber-Stiftung sowie der Gerda-und-Hermann-Weber-Stiftung in Berlin für eine Sachbeihilfe, dem Bundessprachenamt für die Übersetzung eines Beitrags sowie schließlich der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die den nötigen materiellen Rahmen für das Jahrbuch zur Verfügung stellt. Schließlich danken die Herausgeber der Redakteurin Birte Meyer, ohne die das Jahrbuch nicht in dieser Qualität und Zuverlässigkeit erscheinen würde.

Was bringt die Zukunft? Bei Erscheinen des JHK 2014 wird längst an den kommenden Ausgaben der Jahresschrift gearbeitet. 2015 wird sie dem Thema »Frauen im Kommunismus« und 2016 dem Komplex »Konspiration und Kommunismus« gewidmet sein. Zählen auch Sie zu den Autorinnen und Autoren einer unserer nächsten Ausgaben!

Berlin im Januar 2014 Die Herausgeber

Inhalt – JHK 2014

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