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JHK 2015

Inhaltsverzeichnis

JHK 2015

Gizella Sándor. Eine Frau und drei Geheimdienste

Zoltán Boér

Zumeist sind männliche Agenten in Unterlagen von Staatssicherheitsdiensten überrepräsentiert. Verweise auf die Beteiligung von Frauen, weibliche Decknamen und Personalakten von Frauen haben dagegen Seltenheitswert. Zwar sind Fälle berühmter Agentinnen von mehreren Autoren untersucht worden, jedoch standen dafür niemals komplette Aktensammlungen der beschäftigenden Staatssicherheitsorgane zur Verfügung. Im Folgenden wird der Lebensweg einer Frau, Gizella Sándor, geschildert, die sowohl in der Zeit vor 1944 als auch während der Pfeilkreuzlerdiktatur und schließlich im Stalinismus inoffizielle Mitarbeiterin der ungarischen Staatssicherheit und zeitweise eine führende Persönlichkeit im Machtgefüge der Staatspolizei war. Eine solche, über Diktaturen hinweg anhaltende »Karriere« einer Frau ist wahrscheinlich nicht nur in Ungarn ungewöhnlich. Der Fall von Gizella Sándor unterscheidet sich dabei wesentlich von denen anderer bekannter Agentinnen – wie zum Beispiel von Mata Hari –, weil er durch Primärquellen der Staatssicherheit sehr gut belegt ist. Heimkehr aus den Niederlanden Gizella Sándor wurde am 15. März 1915 in Budapest geboren.1 Weil ihr Vater, Kalman Sándor, aufgrund seines Verhaltens während der Räterepublik 1921 in die Niederlande emigrieren musste,2 folgte ihm Gizella 1924 nach. Ihre Mutter blieb mit ihrem Bruder in Ungarn. Als ihr Vater jedoch 1928 nach New York übersiedelte, kam sie in eine Pflegefamilie und lebte, bis sie die Schule beendet hatte, in Den Haag. Erst als 1932 ihr Bruder starb, kehrte sie nach Ungarn zurück. Dort nutzte die junge Frau den Ruf ihres Vaters, um Kontakte zu linksgerichteten Künstlern und Journalisten zu knüpfen, und wurde im Mai 1933 wegen illegaler kommunistischer Umtriebe angeklagt. Die Untersuchungen blieben jedoch ohne Ergebnis – sie war unschuldig und bezahlte dennoch einen hohen Preis: Gizella Sándor ließ sich anwerben und musste fortan über ihre ehemaligen Freunde Bericht erstatten. Bei der Polizei traf sie das erste Mal auf ihren zukünftigen Ehemann, den Ermittler Péter Hain,3 den sie im Januar 1940 heiratete. Durch die Ehe mit Hain war es ihr möglich, ein abwechslungsreiches gesellschaftliches Leben zu führen. Regelmäßig begleitete sie ihren Ehemann auf dessen Auslandsreisen, wo sie ihre Sprachkenntnisse bei Treffen mit den führenden Persönlichkeiten der damaligen Zeit aus Politik und Polizeiwesen, mit bekannten deutschen Unternehmern und Militärs gewinnbringend einsetzen konnte. Nach der deutschen Besetzung Ungarns am 19. März 1944 wurde Gizella Hain Péterné, wie sie nach ihrer Heirat hieß, von Franz-Josef Huber aufgesucht,4 der sie für die verdeckte Zusammenarbeit anwarb: Sie sollte Informationen über die Tätigkeit ihres Ehemannes liefern. Im Sommer 1944 geriet die Ehe kurzfristig in eine Krise, eine Zeit lang lebten beide getrennt. Als jedoch die Front näher rückte, kehrte Gizella zu ihrem Ehemann zurück. In ihrer gemeinsamen Wohnung empfingen sie des Öfteren Gäste, darunter Brigadeführer Huber nebst Gattin und mehrfach auch Gábor Vajna,5 noch bevor dieser zum Innenminister ernannt wurde. Das Verhältnis zwischen Gizella Sándor und Vajna kann als kompliziert bezeichnet werden. Aus späteren Zeugenaussagen geht hervor, dass sie eine intime Beziehung unterhielten. Am 23. Dezember 1944 verließ das Ehepaar Hain gemeinsam Budapest. Bei Győr trennte man sich jedoch: Gizella Sándor begleitete ihren Mann und dessen Eltern nicht in das niederösterreichische Kilb, sondern ließ sich gemeinsam mit Vajna in der Pető-Villa in Szombathely nieder.6 Beim Herannahen der Frontlinie Ende März 1945 musste sie nach Gmunden in Österreich fliehen, wo sie erneut auf ihren Ehemann traf. Beide konnten sich bis zum 3. Juni 1945 am Attersee verstecken, gerieten dann jedoch in Salzburg in militärische Gefangenschaft.7 Leidensweg Am 6. Dezember 1945 wurde Gizella Sándor, verheiratete Hain Péterné, mit der folgenden Begründung interniert: »War auch unabhängig von der politischen Funktion ihres Mannes für das faschistische System politisch aktiv. […] Unterstützte Péter Hain bei der Ausübung seines Dienstes. […] Stand in enger Beziehung zu dem späteren Pfeilkreuzler-Innenminister Gábor Vajna und zu dem deutschen Polizeigeneral und späteren Chef der Wiener Gestapo Huber. […] Vertiefte unter dem Regime der Pfeilkreuzler ihre Freundschaft zu Gábor Vajna weiter.«8 Die für die Internierung erforderlichen Beweise stammten überwiegend von den verhörten Zeugen. Der ehemals ihrem Ehemann unterstellte Ermittler István Cser war einer von ihnen.9 Am 15. November 1945 sagte er aus, dass Gizella Sándor mehrfach an offiziellen Empfängen ihres Mannes teilgenommen habe. In einem Fall, Cser war bei dieser Gelegenheit selbst in der Wohnung anwesend, habe sie unter konspirativen Umständen Vertraute ihres Mannes an einer Straßenbahnhaltestelle in Empfang genommen. Cser sagte weiterhin aus, dass Gizella Sándor bereits in den 1930er Jahren bei einer Aktion eingesetzt worden sei, bei der man unbedingt einen weiblichen Beobachter gebraucht habe.10 In der Aussage des Gendarmerieobersten László Hajnácskőy heißt es: »Ich habe mehrmals selbst miterlebt, dass Frau Hain im Raum anwesend war, während ich einen Vortrag hielt […]. Ich hatte den Eindruck, dass Frau Hain eine bestimmte politische Position innehatte. […] Noch in Buda habe ich – auch persönlich – erlebt, dass der Sekretär Vajna während des Vortrags telefonisch meldete, dass Frau Hain angekommen sei – und so wichtig der Vortrag auch war, er wurde sofort unterbrochen und Frau Hain wurde vorgelassen.«11 Vajna selbst konnte am 29. November 1945 verhört werden. Dabei berichtete er auch über die während der Flucht in Szombathely verbrachten Tage: »Péter Hain hielt sich nur wenig in Szombathely auf […] Er ließ […] mitteilen, dass er sich von seiner Frau scheiden lassen würde und ich sie heiraten solle. […] Das Ehepaar Hain hatte diese Mitteilung wahrscheinlich untereinander abgesprochen […]. Meiner Meinung nach hätte sich Frau Hain von ihrem Mann scheiden lassen […] und da ich Innenminister war, hätte sie mich auch geheiratet.«12 Im Internierungslager Kistarcsa stand Gizella Sándor anfänglich in ausgesprochen engem Kontakt mit der Witwe von Ferenc Szálasi, Gizella Lucz, und der Frau von Kálmán Hubay, Gizella Ischl.13 Die Beziehung verschlechterte sich jedoch mit der Zeit, und Gizella Lucz schrieb in ihren Memoiren über Gizella Sándor: »Sie war ein dreckiges Miststück und wir hassten sie wie die Pest.«14 1948 wurde Gizella Sándor von der Reviervorsteherin B. Varga in das Agentennetz eingeschleust, um erneut über Personen Bericht zu erstatten, die ihr Vertrauen schenkten.15 Wegen ihrer Schmuggelaktivitäten im Lager wurde Gizella Sándor im Jahr 1953 mehrfach verhört und regelmäßig mit dem Entzug von Vergünstigungen und mit Verboten bestraft. Ihre Lebensumstände waren alles andere als komfortabel, deshalb beantragte sie ihre Freilassung. Dabei stellte sie sich als unschuldiges Opfer dar. Sie habe lediglich ihren Ehemann begleitet. So auch am 7. August 1946: »Der ausschließliche Grund für meine Internierung ist, dass ich die Ehefrau von Péter Hain bin. Nachdem nun das Urteil an meinem Mann vollstreckt worden ist, erfüllt meine Internierung keinerlei Zweck mehr.«16 Sie war bemüht, ihre besondere Rolle im Kreise der Internierten aufrechtzuerhalten. Dabei half ihr ihr hoher Bildungsgrad. Zu mehreren weiblichen Internierten unterhielt sie auch intime Beziehungen.17 Einem Bericht vom 13. Oktober 1952 zufolge waren »ihre Laster: Sadismus, Homosexualität, sonstige sexuelle Perversionen, Alkohol«.18 Ein zwölf Monate zuvor, am 10. Oktober 1951, im Lager erstelltes Schreiben führt ihre wichtigsten Eigenschaften und ihr Verhältnis zum herrschenden System und zum Amt für Staatssicherheit (Államvédelmi Hatóság, ÁVH) in Form einer vollständigen Persönlichkeitsbeschreibung auf: »Ihr Verhalten ist vollkommen janusköpfig. Während sie einerseits bemüht ist, in Bezug auf eine Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit einen positiven Eindruck zu erwecken, wann immer sich dazu eine Gelegenheit ergibt, organisiert sie andererseits gleichzeitig die Faschisten und verbreitet von außen kommende Gräuelmärchen […]. Es ist kein Zufall, dass die Saboteure gerade unter ihren besten und zuverlässigsten Leuten zu finden sind. […] Liebt einzig und allein sich selbst und verkauft alles und jeden, um ihr eigenes Wohlergehen zu sichern. Sie hasst das System und das ÁVH als dessen Verkörperung – dies umso mehr, als sie gezwungen ist, dem System um ihrer [Selbst]Erhaltung willen zu Diensten zu sein. […] Sie ist tief religiös und betrachtet dies unverständlicherweise als vereinbar mit ihrem mörderischen Ehemann und dem gewissenlosen Sumpf, in dem sie gelebt hat und auch hier im Lager weiter-lebt.«19 Die Zeit und die stiefmütterlichen Umstände taten jedoch ihre Wirkung: »Sie beginnt zu feilschen und will um jeden Preis in Freiheit gelangen. Falls notwendig, will sie sich auch nützlich machen, wozu sie auch in jeder Hinsicht befähigt ist.«20 Aus einer kurzen Meldung geht allerdings hervor, dass die Staatssicherheitsoffiziere in Kistarcsa nicht unbedingt vom Erfolg ihrer Erziehungstätigkeit überzeugt waren: »Kluge, gerissene Gegnerin, suggestive Persönlichkeit. Tut so, als ob sie mit dem System Frieden schließen wollte und sich gebessert hätte. Ist sich darüber im Klaren, dass sie nur so weiterleben kann.«21 Am 22. Dezember 1953 fällte das Komitatsgericht Pest schließlich sein Urteil: Gizella Sándor, verwitwete Hain Péterné, wurde wegen des Kriegsverbrechens der Beihilfe zur Machtübernahme der Pfeilkreuzler zu zehn Jahren Gefängnis und zum Verbot der gesellschaftlichen Teilnahme sowie zur vollständigen Einziehung ihres Vermögens verurteilt. Die seit dem 3. Juli 1945 in Haft verbrachte Zeit wurde auf die Strafe angerechnet.22 Nach der Urteilsverkündung verlegte man Gizella Sándor zum Verbüßen ihrer noch verbleibenden Gefängnisstrafe nach Márianosztra. »Semsei« betritt die Bühne Vor ihrer Haftentlassung am 9. April 1955 wurde Gizella Sándor erneut verlegt. Dieses Mal nach Győr, wo sie mit dem Leiter der Hauptabteilung Untersuchung des Komitatspolizeipräsidiums, Oberleutnant József Németh, zusammentraf.23 Der ÁVH-Offizier brachte sie dazu, auch nach ihrer Freilassung weiter konspirativ mit den Staatssicherheitsorganen zusammenzuarbeiten. Bei der »Staatssicherheitstaufe« erhielt Gizella Sándor den Decknamen »Andrea Semsei«. Zwischen dem Führungsoffizier und der Agentin entwickelte sich rasch eine intime Beziehung. Németh bekannte sich öffentlich zu dieser Liaison und setzte damit seine Existenz und seine gesellschaftliche Reputation aufs Spiel – und verlor sie schließlich. In einem Bericht der Staatssicherheit heißt es: »Nach der Anwerbung der Agentin mit dem Decknamen Andrea Semsei ging er mit dieser eine sexuelle Beziehung ein und war auch trotz einer Verwarnung nicht bereit, die Beziehung mit der Agentin zu beenden.«24 Németh wurde schließlich im Januar 1956 aus dem ÁVH entlassen und aus der Staatspartei ausgeschlossen.25 »Semsei« zog nach Budapest, wo man am Újpest rakpart 7 eine Wohnung für sie gemietet hatte. Ihre Berichte lieferte sie im Allgemeinen mündlich; gelegentliche schriftliche Fassungen unterzeichnete sie mit »Frau L.«.26 Sie berichete in erster Linie über ehemalige Offiziere und über ihre deklassierten Bekannten. Am 14. November 1956, zehn Tage nach dem Angriff der zur Niederschlagung der Revolution und des Freiheitskampfes von 1956 entsandten sowjetischen Truppen, informierte »Semsei« darüber, dass sie Pál Demény, den Vater einer ehemaligen Mitinsassin im Internierungslager, aufgesucht habe.27 Am 28. November 1956 erstattete sie Bericht über ein Treffen mit dem ehemaligen Hauptmann der technischen Truppen István Szaniszló, der 1944 in den Westen gegangen war. Das Treffen wurde durch eine Bekannte der Agentin vermittelt. Ziel war der kontinuierliche Informationsfluss zwischen den ehemaligen Offizieren. Um ihre Hilfsbereitschaft unter Beweis zu stellen, übergab »Semsei« die Kontaktdaten von Hauptmann Elek Hajdú und dessen Schwiegersohn, Oberstleutnant Antal Jakab. Szaniszló bat die Agentin schließlich, ihm vertrauenswürdige Funktionsträger in Großbetrieben zu suchen.28 Am 3. Dezember berichtete »Semsei« handschriftlich über ein Gespräch mit Antal Jakab. Dieses Treffen sollte von entscheidender Bedeutung für ihre spätere Tätigkeit sein. Jakab und sein Mitbewohner Hajdú brachten ihre große Verwunderung darüber zum Ausdruck, dass »Semsei« nicht die Möglichkeit nutzte, Ungarn zu verlassen. Diese Bemerkung war während der darauffolgenden drei Wochen eines der schlagkräftigsten Argumente der Agentin gegenüber den Staatssicherheitsorganen: Es werde immer schwieriger, ihren Bekannten gegenüber Erklärungen dafür zu finden, dass sie in Ungarn bleibe.29 In einem Bericht vom 5. Dezember 1956 deutete die Agentin an, dass die einzige Lösung für sie die Emigration sei: »Ich muss darauf hinweisen, dass ich seit Monaten, seitdem ich ohne Stellung bin, unter extrem schwierigen finanziellen Bedingungen lebe und mich gegenwärtig nur durchschlagen kann, indem ich Tag für Tag einige meiner Kleidungsstücke verkaufe.« Abgesehen von ihren finanziellen Problemen führte sie auch ihre Motivation als Argument an: »Die Arbeit, die ich gegenwärtig verrichte, hat, gemessen an den Möglichkeiten, die ich im Ausland hätte, ein ausgesprochen niedriges Niveau. Aus diesem Grund ist mir der Gedanke gekommen, ins Ausland zu gehen.« Sie legte einen konkreten Plan für ihre Übersiedlung vor, in dem selbstverständlich auch József Németh auftauchte. In ihrer Begründung erläutert sie die dem ehemaligen Staatssicherheitsoffizier zugedachte Aufgabe: »Seine Rolle besteht im Kern darin, die Verbindung mit den Organen in Ungarn zu halten.« In Klammern fügte sie Folgendes hinzu: »Ich würde ihn – dauerhaft – bei den gegen Ungarn operierenden Nachrichtendiensten unterbringen, bei [Radio] Freies Europa usw.« Die Agentin erklärte sich bereit, die für diese Operation im Vorfeld notwendige Aufklärungsarbeit selbst zu leisten.30 Als Zielperson, über die sie Informationen sammeln und die geplante Unterbringung ihres Partners verwirklichen könne, gab die Agentin ihren in Westdeutschland lebenden Bekannten Walter Möllendorf an. Den deutschen Industriellen und seine Familie hatte sie 1938 während einer Reise nach Italien kennengelernt. Seit 1955 hatte Möllendorf sie mehrfach zu sich eingeladen und versprochen, sie zu unterstützen. Diese Zusage spielte auch eine Rolle bei ihrer späteren Übersiedlung.31 Am 10. Dezember 1956 meldete »Semsei« schriftlich, dass der in der Wohnung ihrer Mutter32 als Untermieter lebende Péter Korniss33 Flugblattaktionen durchführe und außerdem als Verbindungsmann zwischen Studenten und Arbeitern den Streik der Arbeiter in den Industriebetrieben organisiere. Der Führungsoffizier merkte an: »Péter Korniss ist radikal konterrevolutionär eingestellt und verbreitet feindliche Hetzpropaganda. An der Konterrevolution hat er bewaffnet teilgenommen. Er ist auch heute noch aktiv. […] Ich schlage vor, ihn noch heute Nacht in Gewahrsam zu nehmen und unverzüglich über seine Komplizen zu vernehmen und diese ebenfalls zuzuführen.«34 In ihrer zweiten Meldung vom selben Tag befasst sich die Agentin erneut mit ihrer Ausreise: »Was ist also der Grund dafür, dass ich das Land nicht verlasse? Es fällt mir immer schwerer, eine Erklärung zu geben. In meinem Falle ist es wirklich schwierig, eine Begründung zu finden, denn da ich weder Familie noch eine Arbeitsstelle habe, gibt es keinerlei Erklärung für irgendeine Art von Bindung. […] Auch meine Freunde im Ausland werden sich ohne Zweifel bereits wundern, und es wird immer schwieriger, zu erklären, warum ich nicht schon längst gekommen bin.« Abschließend schlägt sie sogar einen konkreten Zeitpunkt für ihre Ausreise vor: »Ich muss spätestens kommende Woche ausreisen, genauer gesagt zwischen dem 26. und dem 28. Dezember.«35 Die Umstände ihres Grenzübertritts können aus ihrer Anwerbeakte rekonstruiert werden. Laut einem am 21. Dezember 1956 erstellten zusammenfassenden Bericht wurden aufgrund ihrer Aufklärungstätigkeit unter anderem Péter Korniss, György O’sváth36 und Zoltán Csákányi verhaftet. Ihr Führungsoffizier »Keresztesi«, mit Klarnamen Oberleutnant László Kovács, beschrieb »Semsei« folgendermaßen: »Mittelgroße, hellblonde Frau von muskulöser, hagerer Statur mit länglichem Gesicht. Altersgemäßes Aussehen – 45 Jahre.37 Kleidet sich elegant. […] Mutig, erfinderisch, verfügt über eine sehr gute Kombinationsfähigkeit. Kann in einigen Angelegenheiten selbstständig entscheiden und bestimmen. Im Kreise der uns interessierenden Personen findet sie sich rasch zurecht. Kann mit jeder beliebigen Person auf beliebige Art und ohne moralische Skrupel Zweckbekanntschaften schließen.«38 Als einzige Bedingung für ihre Ausreise bat sich die Agentin aus, dass ihr Liebhaber sie begleiten dürfe. Ihrer eigenen Formulierung nach betrachtete sie es als ihre »moralische Pflicht«, den ehemaligen ÁVH-Mitarbeiter, der seit seiner Entlassung gezwungen war, als Polierer zu arbeiten, beruflich wieder auf die Beine zu bringen.39 Die Staatssicherheitsorgane zeigten sich als Partner: Németh wurde unter dem Decknamen »Győri«40 reaktiviert. »Semsei« erörterte am 21. Dezember 1956 ausführlich, welche Erklärung sie im Zusammenhang mit dem Grenzübertritt für zweckmäßig halte, und ging dabei auch auf Dinge wie einen fingierten Nervenzusammenbruch nach der Ankunft ein: »Ich hoffe, so auch dem ausufernden Stellen von Fragen zu entgehen. Einen kleinen Weinkrampf kann ich immer produzieren, und auch mein Puls schlägt mit 120, wann immer ich das will.«41 Am 23. Dezember 1956 unterzeichnete »Semsei« im Innenministerium eine Vereinbarung, in der sie als Gizella Hain Péterné die folgende Aufgabe übernahm: Eindringen in die Organisation des westdeutschen Geheimdienstes (Bundesnachrichtendienst, BND). Die Aktion wurde in mehreren Schritten vorbereitet. Erste Station sollte Wien sein, das darauffolgende Ziel West-Berlin. In der zweigeteilten Stadt war für die Zeit ab dem 25. März 1957 eine persönliche Kontaktaufnahme vor dem Restaurant Budapest geplant. Am 25. eines jeden Monats um 14 Uhr würde ein Offizier der ungarischen Staatssicherheit »Semsei« die folgende Frage stellen: »Sagen Sie, sind Sie nicht in Holland zur Schule gegangen?« Und die Antwort sollte lauten: »Nein, ich habe meinen Abschluss in Berlin gemacht.« Falls die Agentin nicht bei den vereinbarten Treffen erscheinen könnte, sollte sie ihren Aufenthaltsort, begleitet von einer wenige Zeilen langen Grußformel, auf einer offenen Postkarte mitteilen. Die Postkarte sollte sie an die Adresse István Angyal, Budapest, VI. Bezirk, Rudas László utca 27 (heute Podmaniczky utca), Erdgeschoss, schicken.42 Mithilfe der Postkarte musste auch der Ort des nächsten Treffens übermittelt werden: Treffpunkt würde der Haupteingang des auf der Postkarte abgebildeten Gebäudes sein. Die Vereinbarung schloss mit den folgenden zwei Punkten: Der Agentin wurde zum einen garantiert, dass sie jederzeit nach Ungarn zurückkehren könne, und zum anderen, dass ihr im Falle ihrer Rückkehr ein »sorgenfreies Leben« ermöglicht werde.43 Németh unterschrieb vor seiner Ausreise ebenfalls eine Vereinbarung und stimmte darin der gleichen Aufgabe zu: Nach dem Aufbau einer Existenz war das Ziel die Kontaktaufnahme mit den gegnerischen Nachrichtendiensten. Am Ende seiner Vereinbarung findet sich die Zusicherung: »Obwohl die Aufgabe freiwillig auf patriotischer Grundlage übernommen wurde, garantieren wir für den Erfolgsfall Folgendes: […] Die Ehefrau44 bzw. die Familie erhält monatlich 800–1000 Forint, und es wird dafür gesorgt, dass sie ihren Arbeitsplatz behält.« Selbstverständlich wurde auch Németh die Möglichkeit der Heimkehr garantiert.45 Am 25. Dezember 1956 um 8 Uhr morgens verließ der Zug mit dem Paar den Budapester Ostbahnhof. Unter Einhaltung der Regeln der konspirativen Tätigkeit schlossen sich ihnen in Kelenföld zwei Offiziere der Staatssicherheit an: Major Márton und Hauptmann József Dömény, aus deren Meldung hervorgeht, dass man in guter Stimmung bis Mosonmagyaróvár reiste. Als man sich der Grenze näherte, nahmen die beiden Staatssicherheitsoffiziere Kontakt mit der Grenzwache in Mosonszentjános auf, von wo zu ihrer Unterstützung ein Unterleutnant geschickt wurde, der sie weiterführte. Um 18.30 Uhr überquerten die Agenten die Grenze des Eisernen Vorhangs. Die anwesenden Offiziere beobachteten noch zwanzig Minuten lang den Abschnitt. Den an der Aktion beteiligten Grenzsoldaten aus Mosonszentjános gegenüber blieb der konspirative Charakter der Angelegenheit gewahrt, sie wussten nicht, wen sie begleiteten. Hauptmann Dömény wies in seiner Meldung darauf hin, dass an diesem Tag in demselben Grenzabschnitt noch ungefähr 50 bis 60 weitere Personen illegal die Grenze überschritten hätten, jedoch sei man aufgrund der Wichtigkeit der Mission nicht eingeschritten.46 Der ungarische Nachrichtendienst schätzte die Bedeutung, die »Semsei« für ihn haben könnte, sehr hoch ein. Laut einer Meldung im Objektdossier der Berliner Residentur vom 11. Januar 1957 bestand die in Richtung Bundesrepublik agierende Spionageabteilung aus fünf Personen. Nach der Revolution wurde die Abteilung um fünf zusätzliche Mitarbeiter erweitert, zu denen auch »Semsei« gehörte.47 Major Péter Palotás legte in seiner Anweisung vom 24. März 1957 über die generelle Mission der Agentin hinaus folgende Aufgaben fest: »Nimmt Verbindung mit dem deutschen Industriellen Möllendorf und dem ehemaligen SS-General Huber auf und bemüht sich, über diese beiden Personen möglichst breite gesellschaftliche Kontakte aufzubauen, teils zur Anbahnung neuer Anwerbungen, teils zur Gesprächsaufklärung. Macht die Personen ausfindig, die in Ungarn im Auftrag der Gestapo tätig waren und nimmt mit ihnen wiederholt Kontakt auf, um sie persönlich besser kennenzulernen.« Der Agent »Győri« wird im Arbeitsplan nicht gesondert genannt.48 Der Führungsoffizier mit dem Decknamen »Károlyi« berichtete am 27. März 1957 über das erste Treffen mit den Agenten, bei dem »Semsei« über die Umstände ihres Grenzübertritts berichtete. Sie hatte außerdem mitgeteilt, dass sie Kontakt mit Möllendorf aufgenommen habe, der einverstanden gewesen sei, dass sie »Győri« mitgebracht hatte und ihr auch Geld zur Milderung ihrer problematischen finanziellen Situation geschickt habe. Der Industrielle habe vorgeschlagen, dass sie zur Erleichterung ihrer Übersiedlung nicht in ein Hotel, sondern in ein Flüchtlingslager ziehen solle. Dies lehnte »Semsei« jedoch ab: »Ihre Person sei zu wichtig, um in ein Lager zu ziehen, und wenn sie andernfalls keine Unterstützung erhalte, dann verzichte sie dankend, aber sie sei nicht bereit, in ein Lager zu gehen.« Am Ende des Treffens begann »Semsei«, über ihre finanzielle Lage zu klagen. Daraufhin übergab ihr der Führungsoffizier 2000 Schilling – viel zu wenig aus Sicht der Agentin; sie erhob auf mindestens die doppelte Summe Anspruch. Nach eigener Aussage hatte sie ihre finanziellen Probleme durch den Verkauf ihres 1945 versteckten Schmucks gelöst. Vor dem darauffolgenden Treffen hob der Führungsoffizier hervor, dass man »Semsei« dazu bewegen müsse, sich möglichst schnell einen Arbeitsplatz in der Bundesrepublik zu suchen, um so ihre Lebensumstände zu legalisieren. Der Resident »Károlyi« berichtete in einer Meldung vom 24. April 1957 über ein Treffen mit der Agentin. »Semsei« teilte mit, dass sie, falls sich ihre Übersiedlung nicht kurzfristig bewerkstelligen lasse, einen Reisepass für einen zweiwöchigen Aufenthalt beantragen werde, um ihre Angelegenheit mithilfe ihrer anderweitigen Kontakte voranzubringen. Sie habe sich außerdem mit dem Wiener Mitarbeiter des Senders Radio Freies Europa (RFE), Gábor Tormai, getroffen, der ihr angeboten habe, für ein Honorar von 100 Dollar über ihre Erlebnisse in Ungarn zu berichten. Die Agentin sah diese Summe jedoch als zu niedrig an. Der Führungsoffizier teilte »Semsei« mit, dass man mit Einverständnis der Zentrale mit ihr in Österreich Kontakt halten werde, bis ihre Übersiedlung gelinge. Die für die zukünftige Kontaktaufnahme notwendige Information über ihren Aufenthaltsort könne sie den ungarischen Stellen per Postkarte übermitteln: »Das soll so ablaufen, dass sie in bestimmten Zeitabständen eine Postkarte an die Deckadresse schickt. Die erste Postkarte gibt sie in der Stadt auf, in der sie ihre Wohnung hat. In den Text der zweiten Postkarte arbeitet sie den Namen der Straße ein, in der sie wohnt, und in den Text der dritten Postkarte ihre Hausnummer. Die zweite und dritte Postkarte sollen möglichst nicht in der Stadt aufgegeben werden, in der sie wohnt. Wenn wir ein Treffen mit ihr anberaumen, schicken wir ihr eine Postkarte mit ungarischem Text und der Unterschrift /Kati/. Das Datum auf der Postkarte wird unterstrichen. 14 Tage nach dem unterstrichenen Datum erwarten wir sie zum Treffen am Kino ›Forum‹. Sicherheitstreffen um 15 und 16 Uhr bzw. an den darauffolgenden Tagen zur selben Zeit.« »Semsei« wurde die Aufgabe übertragen, herauszufinden, welche Angehörigen des ehemaligen Gestapo-Netzes für den deutschen Nachrichtendienst in Ungarn tätig waren. Falls »Győri« an interessante Informationen herankäme, dürften diese ebenfalls nur über »Semsei« an die ungarischen Stellen weitergegeben werden. Sie solle ihren Partner nicht über ihre Aufgabe informieren, sondern diese geheim halten. Sie wurde weiterhin beauftragt, mit einem befristet gültigen Reisepass in die Bundesrepublik zu reisen und außerdem Kontakte zum Wiener RFE-Büro aufzubauen. Zum Abschluss des Treffens erhielt die Agentin 3000 Schilling.49 Am 25. April 1957 trafen sich die Agentin und ihr Führungsoffizier erneut vor dem Wiener Kino »Forum«. »Semsei« hatte die Genehmigung zur Übersiedlung noch nicht erhalten, weshalb »Károlyi« ihr die Anweisung gab, mit dem befristet gültigen Reisepass auszureisen und mit der Erledigung ihrer Angelegenheiten zu beginnen. Am Ende des Berichts teilte »Károlyi« mit, dass »Semsei« im Vorfeld des Treffens die Konspiration ernsthaft kompromittiert habe, indem sie »Győri« mit nach Wien an den ursprünglich geplanten Ort des Treffens gebracht habe, sodass das Treffen nicht, wie gewöhnlich, im Café Elise stattfinden konnte, sondern an einen anderen Ort verlegt werden musste.50 Am darauffolgenden Tag erhielt »Semsei« einen Brief von Möllendorf, in dem er sie über den Stand ihrer Übersiedlung informierte. Es stellte sich heraus, dass die ins Ausland verbrachten ungarischen Agenten nicht den Anforderungen der Bundesrepublik entsprachen, da »Semsei« und »Győri« nicht der deutschen Minderheit in Ungarn entstammten und keine Verwandten mit deutscher Staatsangehörigkeit hatten. Möllendorf forderte sie auf, auf keinen Fall in der deutschen Botschaft in Wien vorzusprechen: Damit würden sie ihrer Sache nur schaden. Er wies darauf hin, dass man bei der Eröffnung des Übersiedlungsverfahrens Zeit verloren habe, weil Gizella Sándor den deutsch klingenden Namen ihres ehemaligen Gatten nicht erwähnt hatte. Außerdem bestätigte er, dass die Agentin richtig erkannt habe, dass sich das politische Klima gewandelt hatte: »Ich freue mich, dass auch du verstanden hast, dass die Freunde von damals heute überwiegend unauffindbar sind und dass man auch in Deutschland heute anders denkt.« Am Ende seines Briefes erwähnte er, dass er sowohl in Berlin als auch in Bonn die Antwort erhalten habe, dass sehr gründlich überprüft werden müsse, wem die deutsche Regierung Zuflucht gewähre, da viele Ungarn die Gastfreundschaft missbrauchten, weshalb diese Überprüfung längere Zeit in Anspruch nehme.51 Am 4. Juli 1957 kam es zu einem weiteren Treffen, bei dem »Semsei« über einen Brief berichtete, den sie an Möllendorf geschickt hatte, um die Dinge zu beschleunigen. Gemäß den ihr erteilten Anweisungen hatte sie ihren Antrag auf Ausstellung eines befristet gültigen Reisepasses bei der Polizei in Bruck eingereicht, wo man sie darüber informierte, dass sie den Pass bis zum 10. Juli erhalten werde. Für den Fall, dass ihre Übersiedlung in die Bundesrepublik nicht gelingen sollte, schlug die Agentin vor, in das an der österreichisch-deutschen Grenze gelegene Bregenz zu ziehen. Dort wolle sie ein Café betreiben, um so an interessante Informationen und Kontakte zu kommen. »Károlyi« reagierte inhaltlich nicht auf diesen Vorschlag, sondern trug der Agentin für den Fall, dass sie vor dem nächsten Treffen in die Bundesrepublik reisen könne, auf, eine Postkarte mit der Unterschrift »Ede Hoffmann« an die ungarische Botschaft zu schicken, auf der stand, dass Herr Hoffmann die Botschaft wegen seines Visums erst in der drauffolgenden Woche aufsuchen könne. Am dritten Tag nach dem Aufgabedatum dieser Mitteilung werde es zu einer Zusammenkunft kommen. Sollten sich die ungarischen Stellen mit ihr treffen wollen, könnten sie das mittels einer an die Anschrift Bruck, Kirchengasse 3, geschickten Grußkarte mitteilen. Am Ende des Treffens erhielt die Agentin 3000 Schilling. In den Zeilen zur Auswertung des Treffens am Ende seines Berichts bringt »Károlyi« zum Ausdruck, dass er den Umzug nach Bregenz für sinnvoll erachte, es jedoch für notwendig halte, dass die Agentin versuche, ihre Übersiedlung mit eigenen Kräften zu bewerkstelligen.52 Bei einem am 1. August 1957 durchgeführten Treffen wies der Führungsoffizier »Semsei« an, ihre weiteren Verbindungen zu nutzen, falls ihr Bekannter ihr nicht helfen könne.53 Die Agentin berichtete bei dieser Gelegenheit von einer Zusammenkunft mit einem Mann namens Ludvig Tichy, der die Wirtin der Agentin aufgesucht habe. Nachdem er sich wieder entfernt hatte, habe die Agentin von ihrer Freundin Kati erfahren, dass Tichy 1948 als Soldat aus der Tschechoslowakei in den Westen geflohen sei. Er habe in Frankfurt und später in Regensburg gelebt und in amerikanischen Diensten gestanden. Deshalb reise er häufig an die österreichisch-tschechoslowakische Grenze. Es war ihr gelungen, ein Foto von Tichy zu bekommen,54 das sie den ungarischen Stellen überab. Laut einer mit Bleistift verfassten Notiz ohne Unterschrift auf dem Bericht wurde eine Kopie der Meldung für die tschechoslowakischen Staatssicherheitsorgane angefertigt.55 Am 30. August 1957 erteilte Palotás dem in Wien eingesetzten Residenten »Károlyi« Anweisungen in Bezug auf die Agentin und listete folgende Aufgaben für sie auf: »Semsei reist unverzüglich nach Deutschland und nimmt persönlich Kontakt mit ihren alten Bekannten auf, um so die Genehmigung zur Übersiedlung zu erwirken. Sobald ihre Übersiedlung erfolgt ist, bemüht sie sich, Győri ebenfalls in die Bundesrepublik zu holen.«56 Loslösung Am 12. September 1957 trafen sich die Agentin und ihr Führungsoffizier erneut. »Semsei« berichtete über ein Treffen mit Möllendorf. Der Deutsche habe nun gesagt, dass er ihr bei ihrer Übersiedlung nicht behilflich sein könne, da die Behörden die Ausgabe von Einwanderungsgenehmigungen für ungarische Emigranten inzwischen rigoroser handhabten. Nachdem sie diese Informationen erhalten hatte, habe sie »Győris« Vergangenheit als Mitarbeiter der Staatssicherheit offengelegt. Daraufhin habe sich Möllendorfs Haltung mit Hinblick darauf, dass er über Verbindungen zu den deutschen innenpolitischen Stellen verfüge, geändert. Der Führungsoffizier »Károlyi« forderte die Agentin auf, ausführlich schriftlich über dieses Ereignis zu berichten. Davon zeigte sich die Agentin sehr überrascht und versuchte, sich dieser Aufgabe zu entziehen. Sie war besorgt, dass die Meldung in die falschen Hände gelangen könnte. Laut dem Bericht trat »Semsei« dem Führungsoffizier gegenüber aggressiv auf und brachte erneut ihre finanziellen Sorgen zur Sprache. Sie begann, mit »doppelter Buchführung« zu drohen, woraufhin ihr »Károlyi« entgegnete, dass derartige Betrügereien rasch auffielen. In seiner Beurteilung schätzte der Führungsoffizier die Zuverlässigkeit der Agentin als fragwürdig ein und bewertete ihre Ansprüche in Bezug auf finanzielle Angelegenheiten als unbegründet. Er schlug ein neues Treffen vor, und für den Fall, dass dieses Treffen nicht zustandekäme, empfahl er den Abbruch der Verbindung. Er ersuchte die Zentrale, die Agentin bis zur Klärung der Angelegenheit nicht an seinen Kollegen »Sárosi« übergeben zu müssen. »Károlyis« Vorgesetzter antwortete wie folgt: »Abbruch sämtlicher Kontakte zu Semsei, keinen Pfennig mehr für sie. Falls sie sich bei der Botschaft meldet, dann mitteilen, dass wir von nun an nichts mehr mit ihr zu tun haben.«57 Damit wurde praktisch der Verlust der Verbindung bestätigt. Am 26. November 1957 stellte Major Pál Stassák in einem Bericht fest, dass die Staatssicherheit aus der Tätigkeit »Győris« keinen Nutzen gezogen habe, und am 5. Dezember 1957 schreibt Palotás: »Obwohl Semsei mit vielversprechender Perspektive eingesetzt wurde und über ausgesprochen interessante Möglichkeiten zu verfügen schien, hat sie doch die in sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt.« Die Offiziere der Wiener Residentur bekamen Anweisung, jeglichen Kontakt zu der Agentin abzubrechen. Zum vereinbarten Treffen sollten sie nicht erscheinen, da vorstellbar sei, dass sie bereits beobachtet würden. Falls »Semsei« in der Botschaft nach »Károlyi« frage, solle ihr mitgeteilt werden, dass dieser nicht mehr dort arbeite, außerdem solle man auf keine Bitten ihrerseits eingehen.58 Zwischen dem 5. Dezember 1957 und dem 30. Januar 1959 erfolgte in der Führungsakte keine Eintragung. »Semsei« gab während dieser Zeit nur eine Postkarte auf. Am 4. Februar 1958 schrieb sie: »Viele Grüße aus dem schönen Wien!«59 Palotás übermittelte Oberleutnant László Sas am 30. Januar 1959 eine deutliche Anweisung, da sich »Semsei« fünf Tage vor Erteilung des Befehls erneut per Postkarte angemeldet hatte – eine Provokation. Nach dem alten erprobten System wurde nun auf der Grundlage des vorher abgesprochenen Austauschs der Codewörter ein Treffen für den 13. des folgenden Monats, 14 Uhr, geplant. Nach einer Pause von 15 Monaten hatte »Semsei« mitgeteilt, dass sie Zugang zu Kreisen erlangt habe, in denen sie für die ungarischen Organe zufriedenstellend tätig werden könne: »Baby, endlich kann ich eine positive Mitteilung machen […]: Es ist mir nun doch gelungen, mich mit dem Geschäftspartner zu treffen, den ich gesucht habe [Möllendorf] und mit dessen Hilfe ich das geplante Geschäft nun endlich in die Wege leiten kann. Jóskas Fachkenntnisse sind ein großes Glück, denn mein zukünftiger Partner weiß sie sehr zu schätzen. […] Er hat Geld und möchte ein ähnliches Geschäft beginnen. Ich möchte das natürlich auch mit Pali [Stassák] gründlich durchsprechen, schließlich hat er mehr Erfahrung als Geschäftsmann, und ohne seine Ratschläge möchte ich die Sache nicht angehen.«60 Palotás erstellte eine aus neun Punkten bestehende Anweisung. Sas sollte nach dem Treffen unverzüglich schriftlich Bericht erstatten. Ein Sicherheitstreffen drei bis vier Tage nach dem ersten Treffen würde die Erteilung der Aufgaben zum Inhalt haben, die nach Erhalt von Informationen der Zentrale ausgearbeitet werden sollten. Sas wurde insbesondere darauf hingewiesen, nicht auf finanzielle Forderungen der Frau zu reagieren, sondern ihre Leistung erst bei einem späteren Treffen zu honorieren. Palotás machte Sas außerdem darauf aufmerksam, dass er, falls das Treffen durch eine Provokation gestört würde, sagen solle, dass ihn eine ungarische Frau angesprochen und um Auskünfte gebeten habe.61 Das letzte Treffen fand schließlich am 13. Februar 1959 in Wien statt. Nach dem Austausch der Codewörter entfernten sich die beiden Partner anweisungsgemäß vom Theater, wobei die Agentin ihrem Führungsoffizier zu Fuß folgte.62 Laut dem Bericht des Führungsoffiziers Sas sei »Semsei« zu Beginn des Treffens aggressiv aufgetreten, worauf der Offizier jedoch angemessen habe reagieren können. Im Laufe des Gesprächs stellte sich heraus, dass Möllendorf inzwischen verstorben war. »Semsei« war danach jedoch zu dem Schluss gelangt, dass sie sich von dem ehemaligen SS-General Huber einladen lassen könnte, um herauszufinden, welche Chancen für eine Übersiedlung bestünden. Das Gespräch in München kam nicht wie geplant zustande. Glücklicherweise habe sie jedoch den RFE-Mitarbeiter Dr. Zoltán Benkő bzw., genauer gesagt, dessen Frau getroffen. Sie habe dem Ehepaar die Kenntnisse und das Vorleben ihres in Wien verbliebenen Partners offengelegt und sich darüber beklagt, dass ihnen die deutsche Seite nicht helfen wolle.63 Das Ehepaar Benkő habe die Gelegenheit genutzt und sie in das Hotel Löwen geschickt, wo sie mit einem Offizier der deutschen Spionageabwehr zusammengetroffen sei. Tags darauf habe sie einen weiteren Mitarbeiter des deutschen Inneministeriums namens Rudolph Walter kennengelernt, dem gegenüber sie ihre Geschichte und die ihres Partner ebenfalls ausführlich dargelegt habe. Der Grund für die vollkommene Offenheit sei gewesen, dass sie Angst davor gehabt habe, dass die deutschen Sicherheitsorgane ihre Geschichte mithilfe anderer ungarischer Emigranten überprüfen könnten. Sie habe ähnliche Bitten an die deutschen Stellen gerichtet wie zuvor an die ungarischen: Die Übersiedlung ihres Geliebten und eine gesicherte Existenz. Sie sei am 25. November 1958 nach Salzburg zurückgekehrt und habe ihren Partner sofort zu sich bestellt, damit sich beide mit dem deutschen Offizier treffen könnten. Zu Beginn der Vernehmung habe sie gedolmetscht, später habe man jedoch einen amtlichen Dolmetscher hinzugezogen, um den ehemaligen Staatssicherheitsoffizier über Funktion, Aufbau und Mittel der ungarischen Staatssicherheitsorgane berichten zu lassen. Zum Anfertigen des Berichts habe man ihm sogar eine Schreibmaschine mit ungarischer Tastatur zur Verfügung gestellt. »Győri« habe über zwanzig Personen berichtet. Dazu meinte Walter: »Scheint vielversprechend, es ist lediglich nötig, dass er so schnell wie möglich Deutsch lernt.«64 Man habe sich darauf geeinigt, dass sich »Győri« unter einer Münchener Adresse anmelden könne und einen ausführlichen Vorschlag liefern solle, wen er unter seinen ehemaligen Kollegen als geeignet für eine Zusammenarbeit ansehe. In den zwei Monaten, die zwischen diesen Ereignissen und der Kontaktaufnahme mit den ungarischen Stellen vergangen waren, habe das Paar ausreichend Zeit gehabt, die Geschehnisse zu besprechen. Zu dieser Schlussfolgerung gelangte auch Sas. »Semsei«, die den ungarischen Stellen gegenüber nach wie vor loyal sei, habe um Anweisungen hinsichtlich ihres Verhaltens gebeten.65 Gemäß den Vorgaben der Zentrale plante Sas für den 1. Februar ein weiteres Sicherheitstreffen mit der Agentin. Dieses Treffen kam jedoch nicht zustande.66 Sas schloss seinen Bericht mit Bemerkungen ab, die er in drei Abschnitte gliederte, und analysierte und bewertete die Ereignisse. Er stellte fest, dass »Semsei« während des Gesprächs nicht ehrlich gewesen sei, sondern eine gut einstudierte Rolle gespielt habe. So habe sie beispielsweise, abweichend von ihrer sonstigen Art und Weise, bei diesem Gespäch nicht sofort finanzielle Forderungen gestellt. Seiner Einschätzung nach strebe die Agentin an, die Kontakte weiterhin aufrechtzuerhalten, wodurch sich ihr bescheidenes Auftreten erkläre. Er erwähnte auch weitere ungewöhnliche Umstände: So habe sich die Agentin nicht an Einzelheiten aus »Győris« Vernehmung erinnern können, außerdem isoliere sie ihren Partner von den ungarischen Stellen und wolle ausschließlich eine Vermittlungsfunktion ausüben. Am Ende des Berichts zieht Sas Bilanz: Den ungarischen Stellen bleibe kaum eine Wahl. Falls sie »Győri« entsprechende Materialien lieferten, würden sie in eine passive, einseitige Rolle gedrängt und könnten selbst nicht an Informationen gelangen. Falsche Informationen konnte man nicht liefern, da eine ganze Reihe von Mitarbeitern übergelaufen war und die Informationen durch sie verifiziert werden konnten. Daraus schlussfolgerte der Führungsoffizier: »Es ist in keinem Falle zweckmäßig, die Verbindung aufrechtzuerhalten, da wir dadurch fast nichts gewinnen, aber wesentlich mehr verlieren können.«67 In Freiheit Nach dem Abbruch der Kontakte fertigte Major Gyula Rossz vor der Schließung des Arbeitsdossiers einen zusammenfassenden Bericht über die Agentin an:68 »Sie erklärte sich zur Zusammenarbeit bereit, weil sie eine operative Tätigkeit ausüben wollte. Während der Konterrevolution hielten wir mit ihr Verbindung, und auch während dieser Zeit erwies sie sich als ehrlich.«69 Laut den nach Ungarn geschickten Postkarten hielt sie sich am 22. Februar 1960 bereits in München auf, von wo aus sie sich am 5. und 19. März erneut meldete. Abgesehen von: »Es gibt viele Neuigkeiten.« und »Ich warte darauf, mich mit Pali treffen zu können.«, schickte sie keinerlei nützliche Informationen. Ihre letzte Meldung wurde am 17. April 1960 aufgegeben. Bei dieser Gelegenheit übersandte sie eine Postkarte von einem Ausflug und teilte ihre neue Anschrift und Telefonnummer mit.70 Die ungarischen Stellen reagierten nicht. Major Pál Stassák fertigte am 20. Juli 1963 die Entscheidung über den Abschluss der Dokumentation der Tätigkeit »Semseis« im Agentennetz aus und schlug vor, das Dossier zu archivieren.71 Vier Tage darauf wurde auf demselben Verfahrensweg eine Entscheidung über das Material zu József Németh getroffen. In seinem Falle wurde jedoch vorgeschlagen, das Arbeitsdossier zu vernichten.72 Was seitens des BND über die Spionageversuche der ungarischen Staatssicherheit registriert wurde, liegt noch im Dunkeln. Es ist unwahrscheinlich, dass der BND gar nichts über die Aktivitäten von »Semsei« und »Győri« wusste – schon allein, weil davon auszugehen ist, dass die beiden von Anfang an ein doppeltes Spiel mit den ungarischen Behörden gespielt haben. Fazit Gizella Sándor musste ihr Leben zwischen zwei Diktaturen und drei Geheimdiensten meistern. Dank ihrer skrupellosen Persönlichkeit gelang ihr dies mit Erfolg. Auch intellektuell war sie ihren Führungsoffizieren überlegen – in einer von Männern dominierten Welt der Politik und Geheimdienste, in der Frauen bestenfalls eine Nebenrolle spielten, in jedem Fall ein Vorteil. Bei Gizella Sándor veränderte sich die Machtposition von einem untergeordneten Mitglied in einem Agentennetz hin zu einer praktischen Führungsfigur. Die unterdrückende Staatsmacht wurde sowohl vor als auch nach 1945 von dieser Frau um den Finger gewickelt. Dass diese Manipulationen fortdauernd möglich waren, ist ein Beweis für die Schwachstellen der Diktaturen, die in der alltäglichen Praxis bei Weitem nicht so totalitär auftreten konnten, wie ihre Handlungsmaxime es erfordert hätte. Aus dem Ungarischen übersetzt von Wolfgang Rackebrandt 1∗ Dies ist eine gekürzte und überarbeitete Fassung des ungarischen Originaltextes mit dem Titel »Aki a magyar Gestapo-vezér felesége (is) volt …«, erschienen in: Betekintő – Online journal of the Historical Archives of the Hungarian State Security 2014, H. 1, http://betekinto.hu/2014_1_boer, ges. am 11. August 2014. 1 In den Archivquellen ist auch das deutsche Paderborn als Geburtsort aufgeführt. Siehe Állambiztonsági Szolgálatok Történeti Levéltára/Historisches Archiv der Staatssicherheitsdienste (im Folgenden: ÁBTL) 2.2.1. I/40.7/971-972, Gizella Marianna Sándor (Hain Péterné). 2 Siehe Lebenslauf, 10. Oktober 1952, in: ÁBTL 3.1.9. V-43464, Hain Péterné, S. 33. 3 Péter Hain (1895–1946), 1924 bis 1938 Leiter der politischen Ermittlungsgruppe, 1938 bis 1940 Leiter der für die persönliche Sicherheit des Reichsverwesers zuständigen Ermittlungsgruppe. Erster Leiter des am 28. März 1944 aufgestellten landesweit tätigen Staatssicherheitsdienstes (Állambiztonsági Rendészet); im Juni 1944 wegen rechtswidriger Vorkommnisse im Rahmen der Tätigkeit des Amtes abgelöst. Hain verfügte über hervorragende Kontakte zu den deutschen Sicherheitsorganen sowie, dank seiner Bekanntschaft mit Innenminister Vajna, zu den Pfeilkreuzlern. Auf diese Weise erhielt er nach dem Putsch der Pfeilkreuzler vom 16. Oktober 1944 die Möglichkeit, den Staatssicherheitsdienst neu zu organisieren. Am 27. Juni 1946 wurde er als Kriegsverbrecher hingerichtet. Eine ausführliche Darstellung seiner Tätigkeit während des Krieges findet sich bei Szita Szabolcs: A Gestapo Magyarországon [Die Gestapo in Ungarn], Budapest 2002. 4 Franz-Josef Huber (1902–1975), SS-Brigadeführer, nach dem Anschluss Leiter der Staatspolizei auf dem Gebiet Österreichs, der Gestapo im Reichsgau Wien und der von Wien aus geführten Gestapo in den Reichsgauen Nieder- und Oberdonau. Er gehörte seit 1939 dem engeren Kreis um Himmler und Heydrich an und war als politischer Berater des Kommandeurs der Wehrkreise XVII und XVIII des Großdeutschen Reiches außerdem auch Grenzinspekteur dieser Wehrkreise und mithin verantwortlich für die Sicherung der Grenzen zur Slowakei, zu Ungarn, Jugoslawien, Italien und der Schweiz. Als Inspekteur der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes der SS pflegte er mit Hain ein ausgeprochen gutes Verhältnis und hatte dadurch großen Einfluss auf die Entwicklungen in Ungarn. 5 Gábor Vajna (1891–1946) war seit 1939 Parlamentsabgeordneter der Pfeilkreuzler und Leiter des landesweit tätigen sozialen Dienstes der Partei (Országos Szociális Pártszolgálat). Nach der Machtübernahme durch die Pfeilkreuzler am 16. Oktober 1944 wurde er Innenminister. Am 15. Mai 1945 geriet er in amerikanische Gefangenschaft, wurde an Ungarn ausgeliefert und am 12. März 1946 als Kriegsverbrecher hingerichtet. 6 Wohnsitz von Dr. Ernő Pető (1886–1959), Gründer und erster Direktor des Krankenhauses Szombathely. Er wurde im April 1944 aus dieser Position entlassen, konnte jedoch nach Kriegsende an seinen Arbeitsplatz und in sein Haus zurückkehren. 1952 wurde Pető erneut entlassen und nach Sárvár umgesiedelt. In seinem ehemaligen Wohnhaus ist gegenwärtig das Ausbildungszentrum des Markusovszky-Krankenhauses des Komitats Vas untergebracht. Ausführlichere Angaben zu Pető finden sich bei Széll Kálmán: Dr. Pető Ernő (1886–1959), a szombathelyi kórház elfelejtett megalapítója [Dr. Ernő Pető (1886–1959), der vergessene Gründer des Krankenhauses Szombathely], in: Orvosi Hetilap 141 (2000), H. 18, S. 971–976. 7 Siehe Lebenslauf, 10. Oktober 1952, in: ÁBTL 3.1.9. V-43464, Hain Péterné, S. 35/a. 8 Beschluss, 6. Dezember 1945, ebd., S. 141. 9 István Huba Cser (1908–1947) war in seiner Funktion als Inspekteur der Ermittler ein Vertrauter Hains. Bei Gründung des Staatssicherheitsdienstes gehörte er zu den Ersten, die von Hain protegiert wurden und erhielt von ihm den Posten des Leiters der für die politische Linke zuständigen Unterabteilung. Von Ende Oktober 1944 an war er Leiter der Abteilung Sabotageabwehr. 1945 geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Auslieferung wurde er 1946 vom ungarischen Volksgerichtshof wegen Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt und am 4. Juni 1947 hingerichtet. 10 Die näheren Umstände der Aktion gehen aus der Zeugenaussage nicht hervor. 11 Protokoll der Zeugenvernehmung von László Hajnácskőy, 20. November 1945, in: ÁBTL 3.1.9. V-43464, Hain Péterné, S. 15. 12 Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Vajna bereits von seiner Ehefrau jüdischer Abstammung scheiden lassen, lebte jedoch nach wie vor gemeinsam mit ihr in einem Haushalt. Ausführlicher über Vajnas Ehefrau siehe http://www.huszadikszazad.hu/cikk/zsidoszarmazasu-a-kivegzett-nyilas-belugyminiszter-vajna-gabor-felesege, ges. am 8. Januar 2014. 13 Siehe Pál Zoltán: Internálások Magyarországon [Internierungen in Ungarn] (1945–1953), in: Kommentár 5 (2010), H. 2, S. 68. 14 Einzelheiten aus den Erinnerungen von Gizella Lucz finden sich bei Krisztián Ungváry: Szálasi Ferencné [Ferenc Szálasis Ehefrau], in: Múlt-Kor 3 (2012), H. 3, S. 68. 15 Siehe Umfeldstudie, 13. Oktober 1952, in: ÁBTL 3.1.9. V-43464, Hain Péterné, S. 32. 16 Am 27. Juni 1946 wurde ihr Ehemann hingerichtet. Siehe Zusammenfassender Bericht, 21. Dezember 1956, in: ÁBTL 3.2.1. Bt-589, »Andrea Semsei«, S. 7. 17 Siehe Bericht, 10. Oktober 1951, ebd., S. 38. 18 Bericht, 13. Oktober 1952, ebd., S. 32. 19 Bericht, 10. Oktober 1951, ebd., S. 38 f. 20 Umfeldstudie, 13. Oktober 1952, ebd., S. 32. 21 Charakterisierung, ohne Datum, in: ÁBTL 3.1.9. V-43464, Hain Péterné, S. 44. 22 Siehe Urteil, 22. Dezember 1953, ebd., S. 68. 23 József Németh (1926–?) arbeitete ab 1945 für zwei Spielzeiten als Schauspielpraktikant am Pécser Theater. Im Oktober 1948 wechselte er als operativer Mitarbeiter zum ÁVH. Er wurde in Pécs, Szekszárd und Kaposvár eingesetzt, später als Untersuchungsoffizier in Budapest und Győr. Zum ersten Mal heiratete er 1946, dann nach seiner Scheidung erneut 1949. Siehe Zusammenfassender Bericht, 23. April 1957, in: ÁBTL 3.2.1. Bt-586, »Győri«, S. 7. 24 Zusammenfassender Bericht, 23. April 1957, ebd., S. 15. 25 Bericht, 30. Oktober 1959, ebd., S. 7. 26 Siehe ÁBTL 3.2.3. Mt-474/1, »Semsei Andrea«, S. 17−123. 27 Pál Demény (1901–1991), während der Räterepublik Leiter der Arbeiterjugend im VII. Budapester Bezirk. Wurde 1919 verhaftet, kam jedoch nach zwei Monaten frei. 1938 wurde Demény wegen Verbreitung von Flugblättern mit Antikriegspropaganda angeklagt und zu zwei Jahren Haft verurteilt. Am 7. Juli 1946 verurteilte ihn der Budapester Volksgerichtshof wegen strafbarer Handlungen gegen das Volk zu vier Jahren und sechs Monaten Zwangsarbeit. 1950 wurde er in Kistarcsa interniert. 1953 wurde er wegen verschwörerischer Handlungen erneut zu zehn Jahren Haft verurteilt, kam jedoch am 13. Oktober 1956 frei. Das letzte Urteil wurde vom Obersten Gerichtshof Anfang 1957 aufgehoben, Deménys politische Rehabilitierung erfolgte jedoch erst 1989. 1990 wurde er zum Parlamentsabgeordneten gewählt. Siehe Bericht, 14. November 1956, in: ÁBTL 3.2.3 Mt-474/1, »Semsei Andrea«, S. 17. 28 Siehe Bericht, 28. November 1956, ebd., S. 14−16. 29 Siehe Bericht, 3. Dezember 1956, ebd., S. 20 f. 30 In ihrem Bericht erwähnt sie noch einen weiteren Mann, der im Ausland ebenfalls von Nutzen sein könnte: György Gábori, von dessen Übersiedlung die ungarischen Stellen jedoch absahen. Gábori war 1954 aus dem Agentennetz entfernt worden, was »Semsei« jedoch nicht wusste. 31 Siehe Zusammenfassender Bericht, 21. Dezember 1956, in: ÁBTL 3.2.1. Bt-589, »Semsei Andrea«, S. 8. 32 Die Wohnung befand sich im Zentrum von Budapest, Apponyi tér 1, III. Etage, Wohnung 20. 33 Péter Korniss (geboren 1937) zog 1949 mit seiner Familie aus Kolozsvár (Klausenburg, Rumänien) nach Budapest. 1955 legte er sein Abitur ab und begann danach, an der juristischen Fakultät der Lóránd-Eötvös-Universität Budapest zu studieren. Während der Revolution war er Mitglied des dortigen Revolutionskomitees der Universität und wurde deshalb relegiert. Danach arbeitete er verschiedentlich als Hilfsarbeiter. Von 1958 an war er bei der Budapester Genossenschaft der Fotografen beschäftigt, zunächst als Hilfsarbeiter, dann, seit 1958, als Fotograf. Von 1961 an arbeitete er in der Redaktion der Frauenzeitschrift »Nők Lapja«, von 1986 bis 1991 als künstlerischer Leiter des Blattes. Danach setzte er seinen Berufsweg als Bildredakteur der Theaterfachzeitschrift »Színház« fort. 34 Bericht, 10. Dezember 1956, in: ÁBTL 3.2.3. Mt-474/1, »Andrea Semsei«, S. 32 f. 35 Bericht, 18. Dezember 1956, ebd., S. 40 f. 36 György O’sváth (geb. 1931) wurde 1951 wegen verschwörerischer Aktivitäten und versuchten illegalen Grenzübertritts zu vier Jahren und acht Monaten Gefängnis verurteilt. 1954 wurde er freigelassen und beteiligte sich als einer der Führer des Christlichen Jugendbundes (Keresztény Ifjúsági Szövetség) und als Mitglied des Budapester Revolutionsrates aktiv an der Revolution von 1956. Vor den zu erwartenden Vergeltungsmaßnahmen floh er in den Westen. Er schloss sich der Ungarischen Christlich-Demokratischen Union (Magyar Kereszténydemokrata Unió) an und wurde deren Jugenddelegierter, später europäischer Hauptdelegierter. Von 1963 bis 1970 war er stellvertretender Vorsitzender der Europäischen Christlich-Demokratischen Jungen Union und von 1975 bis 1982 Mitglied des außenpolitischen, schließlich des europapolitischen Ausschusses der Christlich-Demokratischen Union. 1990 arbeitete er auf Ersuchen von Ministerpräsident József Antall als dessen persönlicher Berater. 37 In Wirklichkeit war sie damals 41 Jahre alt. 38 Zusammenfassender Bericht, 21. Dezember 1956, in: ÁBTL 3.2.1. Bt-589, »Andrea Semsei«, S. 8. 39 Zusammenfassender Bericht, 23. April 1957, ebd., S. 7. 40 Der Deckname verwies auf seinen ehemaligen Einsatzort. 41 Bericht, 21. Dezember 1956, in: ÁBTL 3.2.1. Bt-589, »Andrea Semsei«, S. 28–31. 42 Vom 5. Januar bis zum 18. März 1957 war der Adressat der Briefe István Angyal. Vom 18. Oktober 1957 an gingen die Briefe jedoch an Frau Z. Réti. 43 Siehe Vereinbarung, 23. Dezember 1956, in: ÁBTL 3.2.1. Bt-589, »Andrea Semsei«, S. 9 f. 44 Ilona Horváth war von 1947 bis 1952 Mitarbeiterin des ÁVH und später Staatsanwältin bei der Staatsanwaltschaft Budapest. Siehe Umfeldstudie, 22. Juli 1957, in: ÁBTL 3.2.1. Bt-586, »Győri«, S. 19. 45 Siehe Vereinbarung, 23. Dezember 1956, ebd., S. 11 f. 46 Siehe Bericht, 29. Dezember 1956, in: ÁBTL 3.2.1. Bt-589, »Andrea Semsei«, S. 11 f. 47 Siehe Arbeitsplan der Residentur Berlin, 11. Januar 1957, in: ÁBTL 3.2.6. 8-021/1, Residentur Berlin, operatives Organisationsdossier E., S. 9 f. 48 Siehe Arbeitsplan der Residentur für die zweite Jahreshälfte 1957, 25. Juni 1957, ebd., S. 67. 49 Siehe Bericht, 25. April 1957, ebd., S. 46−50. 50 Siehe ebd., S. 51 f. 51 Siehe Bericht, 26. April 1957, ebd., S. 56–61. 52 Siehe Bericht, 5. Juli 1957, ebd., S. 64 f. 53 Siehe Bericht, 7. August 1957, ebd., S. 66. 54 Siehe Foto in einem Umschlag, ohne Datum, ebd., S. 75/1. 55 Siehe Bericht, 7. August 1957, ebd., S. 76. 56 Anweisung, 30. August 1957, ebd., S. 77 f. 57 Bericht, 5. November 1957, ebd., S. 79–81. 58 Siehe ÁBTL 3.2.3. Mt-474/1. »Andrea Semsei«, Anweisung, 5. Dezember 1957, S. 82 f. 59 Postkarte, 4. Februar 1958, ebd., S. 75/2. 60 Postkarte, 30. Januar 1959, ebd., S. 84/10. 61 Siehe Anweisung, 30. Januar 1959, ebd., S. 116 f. 62 Siehe Bericht, 6. Februar 1959, ebd., S. 119. 63 Siehe ebd. 64 Ebd., S. 121. 65 »Semsei« hatte seit ihrer Ausreise ins Ausland keine schriftlichen Berichte geliefert, was ihr jedoch ohnehin untersagt war. 66 Siehe Bericht, 6. Februar 1959, in: ÁBTL 3.2.3. Mt-474/1, »Andrea Semsei«, S. 122. 67 Ebd., S. 123. 68 Siehe Bericht, 30. Oktober 1959, ebd., S. 99–104 bzw. Bericht, 30. Oktober 1959, in: ÁBTL 3.2.1. Bt-589, »Andrea Semsei«, S. 71–76. 69 Bericht, 30. Oktober 1959, in: ÁBTL 3.2.3. Mt-474/1, »Andrea Semsei«, S. 100. 70 Siehe Postkarten zwischen 1957 und 1960, ebd., S. 75/2−3. und S. 84/1−13; sowie Postkarten zwischen 1957 und 1960, in: ÁBTL 3.2.1. Bt-589, »Andrea Semsei«, S. 34/3–8. 71 Siehe Entscheidung, 20. Juli 1963, ebd., S. 85. 72 Siehe Entscheidung, 24. Juli 1963, in: ÁBTL 3.2.1. Bt-586, »Győri«, S. 23.

JHK 2015

Frauenschicksale am Eisernen Vorhang. Die tschechisch-österreichische Grenze zwischen 1948 und 1963

Dieter Bacher / Philipp Lesiak

Bei der wissenschaftlichen Betrachtung der Biografien von Menschen und Ereignisse beiderseits und entlang des 485 km langen Grenzabschnittes zwischen Österreich und der Tschechoslowakei in den ersten Jahren des Kalten Krieges wurde bisher kaum auf »weibliche« Aspekte eingegangen.1 Frauen und ihre Schicksale finden zwar immer wieder Eingang in die einschlägige Literatur zu Flüchtlingen, Schleppern, Agenten oder Opfern am Eisernen Vorhang,2 treten dabei aber nie wirklich aus dem Schatten der vorwiegend männlichen Protagonisten heraus. Meist rücken in der Darstellung bekannte weibliche Stereotype in den Vordergrund, die mitunter den zeitgenössischen Vorurteilen entsprechen, wie etwa der Einsatz der weiblichen Reize zur Gewinnung von Informationen oder als Mittel der Erpressung.3 Die bisherigen Forschungen der Autoren konzentrierten sich auf die Jahre zwischen 1948 und 1963, ein Zeitraum, der klar von der Phase der »Normalisierung« in der Tschechoslowakei nach 1968 zu unterscheiden ist.4 Anhand der Zusammenschau der mannigfaltigen Aspekte, unter denen Frauen ihre Spuren in der Geschichte des Kalten Krieges hinterlassen haben, versucht dieser Beitrag für das Thema zu sensibilisieren und zur Diskussion zu stellen, inwiefern es geschlechtsspezifische Unterschiede im Schatten des Eisernen Vorhangs gab. Denn auch der aktuelle Stand der Forschung zu den in dieser Region zwischen 1948 und 1963 aktiven Nachrichtendiensten vermochte bisher noch kein Licht ins Dunkel zu bringen. Der Eiserne Vorhang: Errichtung und Funktion des tschechoslowakischen Grenzregimes Unmittelbar nach der Machtergreifung der Kommunistischen Partei in der Tschechoslowakei im Februar 19485 flüchteten viele tschechoslowakische Staatsbürger über die noch weitestgehend ungesicherten Grenzen aus ihrer Heimat, entweder um politischer Verfolgung im kommunistischen System zu entgehen, aus Furcht vor erneuten Repressionen oder weil sie in diesem Staat einfach keine Zukunft mehr für sich sahen.6 Nicht zu vernachlässigen ist auch das Motiv, sich aus dem Ausland (weiterhin) aktiv im Kampf gegen das kommunistische Regime in der Heimat zu engagieren.7 Nachdem dieser Exodus im Laufe der späten 1940er Jahre dramatische Ausmaße erreicht hatte,8 begann das Regime der Tschechoslowakischen Republik (ČSR) ab 1950, die Grenzen zu Österreich, zu West-, aber zu einem gewissen Grad auch zu Ostdeutschland schrittweise mit verschiedenen Sperranlagen hermetisch abzuriegeln. Man folgte damit dem ungarischen Vorbild (Errichtung ab 1948) und war der DDR einen Schritt voraus, die erst ab 1952 eine fünf Kilometer breite Sperrzone errichtete.9 In der ČSR wurden ab 1951 teilweise mehrere Kilometer ins Landesinnere reichende Sperr- und Grenzzonen eingerichtet und die Sperranlagen systematisch ausgebaut: Zusätzliche Zäune, ein mit Starkstrom elektrifizierter mittlerer Hauptzaun, Minenfelder, Signalanlagen, Beobachtungstürme, Kfz-Sperrgräben, Hundelaufanlagen und Betonsperren sollten jeglichen illegalen Grenzübertritt unmöglich machen.10 Eine wichtige Voraussetzung für die Errichtung dieses Grenzregimes stellte die Vertreibung der deutschsprachigen Minderheit dar. Dutzende, weitestgehend verlassene Dörfer in der Schutzzone wurden in den 1950er Jahren kurzerhand geschleift.11 Diese Verschärfung des tschechoslowakischen Grenzregimes wurde auch in Österreich wahrgenommen,12 was nicht zuletzt aus zahlreichen zeitgenössischen und sehr kritischen Presseartikeln hervorgeht. Die technischen Sperranlagen wurden durch die 1949 neu aufgestellte Grenzwache (Ochrana státní hranice) komplettiert.13 Von den insgesamt bald 20 000 Männern und Frauen dieser Einheit des Innenministeriums wurden drei Grenzschutzbrigaden entlang der Grenze zu Österreich eingesetzt.14 Neben Berufsgrenzschützern wurden auch Grundwehrdienstleistende dazu herangezogen. Dass gerade für sie der Einsatz an der Grenze eine enorme psychische Belastung bedeutete, belegen zahlreiche, heute verfügbare Berichte.15 Rund 600 durch Unfälle, friendly fire und Selbstmorde im Dienst verstorbene Grenzschützer bis 1989 sind ein beredtes Zeugnis. Neben den Grenztruppen und den Grenzsperren spielte auch der tschechoslowakische Staatssicherheitsdienst (Státní bezpečnosti, StB) eine wesentliche Rolle. Er übernahm die Überwachung der verbliebenen Bevölkerung und warb Informanten an. Dieses Netz aus Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) war für den StB eine wichtige Stütze bei der Suche nach »illegalen Grenzgängern«.16 Dementsprechend groß war die Zahl der IMs – zwischen 1955 und 1962 beschäftigte der StB zwischen 30 000 und 41 000 IMs in der ganzen Tschechoslowakei, wobei nur ein relativ kleiner, für die angestrebte lückenlose Überwachung aber essenzieller Teil von diesen in den Grenzzonen aktiv war. Erst ab 1963 begann deren Zahl kontinuierlich zu sinken.17 Die IMs des StB spielten in erster Linie für die Überwachung der Grenzschutzzonen im Hinterland der Grenze eine wichtige Rolle. Rekrutiert aus der in den Grenzzonen lebenden Bevölkerung, hatten sie den Auftrag, verdächtige Personen an den StB zu melden und auf diese Weise potenzielle Flüchtlinge bereits im Vorfeld am Grenzübertritt zu hindern. Grenzschutz und StB gingen gegen illegale Grenzgänger mit allen Mitteln, bis zur tödlichen Gewalt, vor. Nicht nur, um sie an der Flucht zu hindern, sondern auch, weil man sie als Bedrohung für das eigene Land empfand. Man warf ihnen oftmals vor, sich als »Kuriere« und »Agenten« im Dienste feindlicher Nachrichtendienste zu betätigen und ihr eigenes Land zu verraten. Ein Vorwurf, der in den meisten Fällen völlig unbegründet war. Dennoch endete für Hunderte von Menschen der Versuch, den Eisernen Vorhang zwischen Österreich und der Tschechoslowakei zu überqueren, im Gefängnis oder mit dem Tod.18 Der Wettlauf um Wissen: Der Flüchtling als Informationsquelle Die Annahme der tschechoslowakischen Nachrichtendienste und Grenzschutzbehörden, viele der Flüchtlinge könnten von westlichen Nachrichtendiensten als Informationsquellen und Agenten oder Kuriere angeworben werden, war nicht ganz unbegründet, wie die Auswertung amerikanischer und britischer Nachrichtendienstquellen zu Österreich zeigt.19 So befragten die westalliierten Nachrichtendienste möglichst viele Flüchtlinge aus der ČSR, Männer wie Frauen, die in erster Linie durch die Überwachung von Flüchtlingslagern in der britischen und amerikanischen Besatzungszone Österreichs ausgewählt wurden.20 Neben der Befragung von österreichischen Kriegsgefangenen, die aus der Sowjetunion heimgekehrt waren, wurden Interviews mit den Illegal frontier crossers (IFCs)21 aus Osteuropa bald zu einer der Hauptaufgaben der britischen Dienste in Österreich.22 Die Befragungen lieferten neben militärischen Informationen und Angaben zu »sicheren« Wegen über die Grenze, Fluchtmethoden oder Schleppergruppen auch zahlreiche wirtschaftliche Informationen über die ČSR und ihre Handelsbeziehungen zum Großen Bruder UdSSR.23 Sie ermöglichten einen ersten »Blick über die Grenze« und halfen dabei, eine Vorstellung über die wirtschaftlichen und militärischen Kapazitäten des österreichischen Nachbarlandes im begonnenen Kalten Krieg zu bekommen. Diese Erhebungen waren für die westalliierten Nachrichtendienste vor allem aus zwei Gründen wichtig: Man befürchtete, dass sich unter die Flüchtlinge tschechoslowakische Agenten mischen und in Österreich »einsickern« könnten – was durch konkrete Fälle belegt ist24 und wovon auch die österreichischen Behörden Kenntnis hatten.25 Gleichzeitig wurden genau diese in den Interviews offenbarten Fluchtrouten für westalliierte Informanten und Agenten zur Überwindung des Eisernen Vorhangs in Richtung ČSR verwendet.26 Weibliche Flüchtlinge Wie viele Frauen in der Zeit von 1948 bis 1963 versuchten, über die Grenze nach Österreich zu flüchten, wie groß ihr Anteil an der Gesamtzahl der Flüchtlinge war, ist bis heute nicht bekannt und wird noch Gegenstand weiterer Erhebungen in den Unterlagen tschechoslowakischer Stellen, aber auch des österreichischen Innenministeriums sein.27 Möglich ist die Beschäftigung mit Einzelschicksalen, die in tschechoslowakischen Materialien dokumentiert sind und ein Schlaglicht auf die Herkunft, die Beweggründe und das weitere Schicksal zahlreicher weiblicher Grenzflüchtlinge zu werfen vermögen. Freilich lassen sich daraus keine allgemeinen Erkenntnisse über etwaige geschlechtsspezifische Muster oder Besonderheiten ableiten, sie zeigen aber, wie vielfältig die persönlichen Motive, Vorgehensweisen und auch die weiteren Schicksale der Frauen waren. Die meisten Frauen, die versuchten, während des Kalten Krieges die Grenze zwischen der Tschechoslowakei und Österreich zu überqueren, taten dies mit dem Ziel, in den Westen zu fliehen und sich dort ein neues Leben aufzubauen. Die Motivation zu diesem riskanten Schritt lag häufig in der mangelnden persönlichen Perspektive unter dem kommunistischen Herrschaftssystem in der ČSR und/oder in dem Bestreben, der politischen Repression zu entkommen. Vor allem im Fall von verheirateten Frauen, die gemeinsam mit ihren Ehemännern flohen, sind auch familiäre Gründe zu berücksichtigen. Ihre Strategien und ihre Schicksale unterschieden sich demnach nicht von denen männlicher Flüchtlinge; Frauen und Männer teilten auch das tödliche Risiko bei einer Flucht. Nur in seltenen Fällen konnte die Forschung bislang über Flucht und Tod weiblicher Flüchtlinge am Eisernen Vorhang aufklären. Ein solcher Fall ist der von Jarmila Pospíšilová. Laut den Akten der 11. Grenzschutzbrigade28 entschloss sich die damals Zwanzigjährige 1953 zur Flucht aus der Tschechoslowakei. Bereits in ihrer Heimatstadt Prag kontaktierte sie den erfahrenen Schlepper Gustav Polák, der sie am 3. Oktober 1953, kurz nach Mitternacht, bei Hochstetten/Vysoká pri Morave über die Staatsgrenze bringen sollte. Was Polák nicht wusste, war, dass der tschechoslowakische Grenzschutz auf diese von ihm schon mehrfach genutzte »Schwachstelle« aufmerksam geworden war und die Bewachung dieses Abschnitts kurz zuvor intensiviert hatte. Hinzu kam, dass Pospíšilová laut den Unterlagen des Grenzschutzes beim Überqueren des ersten Zaunes mit der Kleidung am Stacheldraht hängen blieb und von einer Patrouille des 6. Zuges der Grenzwache aus Vysoká pri Morave bemerkt wurde. Die Grenzschützer berichteten später, dass sie am Zaun ein Rasseln bemerkt und Alarm geschlagen hätten. Beim Abfeuern einer Signalpatrone wollte man einen gedämpften Schrei aus der Richtung des Zaunes vernommen haben, worauf die Grenzsoldaten die dortigen Personen aufgefordert hätten, sich zu stellen. Als sich nichts rührte, hätten sie in Richtung Zaun gefeuert. Pospíšilová wurde von mehreren Schüssen getroffen und verblutete zwischen den Stacheldrahtbarrieren. Polák wurde verletzt und verhaftet. Den Schusswaffengebrauch rechtfertigten die Soldaten in einem anderen Bericht damit, dass sie bei Pospíšilová eine geladene Maschinenpistole und eine Handgranate sichergestellt hätten.29 Jedoch finden sich in den Berichten weder Hinweise auf einen Schusswechsel, noch wird der Waffenfund in anderen Unterlagen, wie etwa der Liste der bei Pospíšilová und Polák gefundenen Gegenstände, erwähnt.30 Der Leichnam Pospíšilovás wurde auf dem Friedhof von Slávičie údolie (heute Karlova Ves in Bratislava) bestattet. Wie in ähnlichen Todesfällen am Eisernen Vorhang wurde dem Totengräber ausdrücklich untersagt, das Grab zu kennzeichnen. Auch eine Anfrage des Vaters von Pospíšilová zwei Jahre später an das tschechoslowakische Innenministerium mit der Bitte, ihm die Grablage mitzuteilen, erbrachte keine genaueren Informationen.31 Schlepperinnen – das Geschäft mit der Grenze Mit dem Entstehen der Fluchtbewegungen aus der Tschechoslowakei nahmen auch zahlreiche Schlepperinnen und Schlepper entlang der österreichisch-tschechoslowakischen Grenze ihre Tätigkeit auf. Hinter der Perspektivlosigkeit und Verzweiflung vieler Fluchtwilliger witterten sie die Chance auf ein ertragreiches Geschäft. Da das Überqueren der Grenze infolge verstärkter Sicherungsmaßnahmen und intensivierter Bewachung immer schwieriger und strapaziöser wurde, war das Know-how erfahrener Schlepper zunehmend gefragt. Für ein relativ hohes Einkommen während einer wirtschaftlich sehr angespannten Zeit riskierten sie ihr Leben oder zumindest hohe Gefängnisstrafen. Trotz der physischen und psychischen Belastung, die dieser »Beruf« mit sich brachte, waren auch einige Frauen als Schlepperinnen an der österreichisch-tschechoslowakischen Grenze tätig. Ihre Arbeit bestand zumeist darin, in den Grenzregionen beziehungsweise später an der Grenze zu den Grenzschutzzonen im tschechoslowakischen Hinterland potenzielle Flüchtlinge zu kontaktieren und ihnen ihre Dienste bei der Überquerung der Grenze anzubieten. Kamen sie miteinander ins Geschäft, sorgte die Schlepperin für ein Versteck nahe der Grenze und bereitete den Grenzübertritt vor. Meist wurde eine Nacht mit »idealen« Wetterbedingungen, etwa schlechter Sicht aufgrund von Nebel und/oder Regen, abgewartet. Dann brachte die Schlepperin ihren »Kunden« gegen den vereinbarten Preis über die Grenze nach Österreich. Manche Schlepper nutzten auch den Rückweg, indem sie etwa für westliche Dienste Nachrichten und Personen in umgekehrter Richtung oder technische Ausrüstung, wie etwa Funkgeräte, über die Grenze schmuggelten. Ein von tschechoslowakischer Seite gut dokumentierter Fall ist jener, der in Brünn/Brno geborenen Schlepperin Otilie Mücková.32 Wie auch andere in diesem Geschäft hatte sie die ČSR ursprünglich aus politischen Gründen verlassen. Eine wesentliche Rolle dürfte dabei ihr Lebensgefährte, ein Mitarbeiter des Korps für die Nationale Sicherheit (Sbor národní bezpečnosti, SNB), gespielt haben, der wenige Tage vor ihrer Flucht von seinem Dienstort Wien nach Bratislava kam. Gemeinsam mit ihm setzte sie ihr Vorhaben im Dezember 1949 um und flüchtete nahe Bratislava über die Grenze nach Wien.33 Anschließend lebte sie für ein Jahr in Österreich und ging verschiedenen Tätigkeiten nach. Die schwierige wirtschaftliche Lage scheint ihr aber ein Auskommen nahezu unmöglich gemacht zu haben. Will man die Motive, warum Menschen zu Schlepperinnen bzw. Schleppern wurden, verstehen, muss stets die Situation der Flüchtlinge nach ihrer Ankunft in Österreich berücksichtigt werden. Selbst nach gelungener Flucht standen sie vor dem Nichts, es war ihnen in der Regel nicht möglich, ihren Besitz mit nach Österreich zu bringen. Die prekäre wirtschaftliche Lage machte es für die »Neuankömmlinge« noch schwieriger, sich eine neue Existenz aufzubauen. Allerdings waren z. B. westliche Nachrichtendienste im Zuge der Verschärfung des Kalten Krieges an jeglichen Informationen über die ČSR interessiert und auch bereit, ansehnliche Summen dafür zu bezahlen. Entsprechend verlockend war das Angebot, gegen Entlohnung an den Befragungen der westlichen Nachrichtendienste in Österreich teilzunehmen. Genau deshalb dürfte Mücková das Angebot eines österreichischen Schleppers namens Josef Fuchshuber, der in Wien auf sie aufmerksam geworden war und sie als »Geschäftspartnerin« anwerben wollte, durchaus gelegen gekommen sein. Gemeinsam mit Eliška Wagnerová wollte Fuchshuber sie bei seinen Schleppertätigkeiten als Gehilfin einsetzen. Gemäß den verfügbaren Unterlagen dürfte er sie vor allem aufgrund ihrer Kenntnisse zur Umgebung von Bratislava und dem Grenzabschnitt zwischen Bratislava und Wien angeworben haben. Mücková ging auf das Angebot ein. Fortan arbeitete sie mit Fuchshuber und Wagnerová zusammen. Im Januar 1951 machte sie mit ihnen ihre erste Grenzquerung zurück in die ČSR. Im Auftrag von Fuchshuber schleuste sie Frau und Tochter eines Mitarbeiters des tschechoslowakischen Nachrichtendienstes, der mit seiner Familie nach Österreich flüchten wollte, nach Bratislava, von wo sie Fuchshuber nahe Engerau/Petržalka über die Grenze nach Wien brachte. Laut den tschechoslowakischen Unterlagen unternahm Mücková im ersten Halbjahr 1951 vier Reisen in die ČSR, um Nachrichten in die Tschechoslowakei zu schmuggeln (der »Auftraggeber« dieser Tätigkeiten ist in den tschechoslowakischen Unterlagen nicht genannt) und anschließend Flüchtlinge nach Österreich zu schleusen. Als sie im Juli desselben Jahres ein weiteres Mal versuchte, auf der schon mehrmals verwendeten, vermeintlich sicheren Schlepperroute bei Engerau/Petržalka die Grenze zu überqueren, wurde sie vom tschechoslowakischen Grenzschutz angehalten und festgenommen. Nach einem halben Jahr Untersuchungshaft und Befragungen durch den StB wurde sie am 5. Februar 1952 in Prag wegen Hochverrats zu 14 Jahren Haft verurteilt.34 Agentinnen – Kanonenfutter im Kalten Krieg Die sich entlang des tschechoslowakisch-österreichischen Eisernen Vorhangs belauernden Nachrichtendienste riskierten bei Operationen im »Feindesland« nur in den seltensten Fällen Leben und Freiheit eigener Mitarbeiter. Die besondere Gemengelage aus Flüchtlingen, nach wie vor existierenden familiären Banden zwischen Österreich und der Tschechoslowakei und der existenziellen Not vieler Menschen machte dies auch nicht notwendig. Viele Menschen hofften nach wie vor auf ein Wiedersehen mit Familienangehörigen, von denen man durch den Eisernen Vorhang getrennt worden war, andere gaben – oftmals sehr naiv – den finanziellen beziehungsweise materiellen Verlockungen nach.35 Gezieltes Erpressen ist, wenn auch mithilfe der Dokumente schwer nachweisbar, nie auszuschließen. Die als Gegenleistung erwarteten Aufträge wurden oft als harmlos und/oder einer höheren Sache dienend dargestellt. Die Methoden der einzelnen Nachrichtendienste unterschieden sich hier nicht voneinander. Auch Frauen wurden für konkrete Spionageaufgaben herangezogen – und das weit abseits des so oft in den Vordergrund gerückten Aushorchens männlicher Geheimnisträger im Verlauf amouröser Beziehungen. Vielmehr wurden sie für die gleichen Aufgaben eingesetzt wie Männer, erfüllten diese mindestens ebenso erfolgreich und hatten die gleichen Konsequenzen zu tragen. Wie aus dem Fall des österreichischen Außenministeriums zur 1911 in Dresden geborenen, aber in Oberösterreich an der Grenze zur Tschechoslowakei lebenden österreichischen Staatsbürgerin Olga Hellwanger hervorgeht,36 war die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit der in der Tschechoslowakei lebenden Mutter und Tante die entscheidende Motivation für ihre intensive Zusammenarbeit mit dem Nachrichtendienst der tschechoslowakischen Grenzwache. Zwischen 1951 und 1957 lieferte sie ihren Auftraggebern bei regelmäßigen »Besuchen« ihrer Verwandten in Südböhmen detaillierte Berichte und fotografische Aufnahmen von Flüchtlingslagern in Oberösterreich, der österreichischen Exekutive und Verwaltung, Einzelpersonen, Infrastruktur sowie amtlichen Zeitschriften des Bundesheeres und der Zollwache. Nach ihrer Enttarnung, die aufgrund einer Denunziation erfolgte, hatte sie in Österreich ein Strafmaß von maximal einem Jahr Haft zu befürchten. Allerdings liefern die eingesehenen Akten keinen Hinweis auf eine tatsächliche Verurteilung. Ganz anders sah es im Fall der Spionage gegen die Tschechoslowakei aus. Johanna Schlapper, 1914 im damaligen Böhmen und Mähren geboren und mit einem Österreicher verheiratet, hatte »Glück«, als sie 1963 in Prag in erster Instanz zu »lediglich« sechs Jahren Haft wegen Spionage für einen westlichen Nachrichtendienst verurteilt wurde, eine Strafe, die später zu vier Jahren Kerker abgemildert wurde.37 Man warf Schlapper vor, in Brno/Brünn militärische Geheimnisse ausgespäht und diese, eingenäht in ihrer Kleidung, außer Landes geschmuggelt zu haben. Bei ihrem Führungsoffizier soll es sich um den Österreicher Josef Auer gehandelt haben, ein ehemaliges NSDAP- und SS-Mitglied, österreichischer Legionär und mittlerweile deutscher Staatsbürger, der sie mit 4000 österreichischen Schilling anwarb. Zumindest die österreichischen Behörden schenkten all diesen Vorwürfen anscheinend Glauben, sahen sich aber nicht dazu veranlasst, selbst gegen Schlapper zu ermitteln, als diese schließlich schon 1964 aufgrund einer Amnestie freikam und nach Österreich zurückkehrte. Fazit Die Folgen des politischen Umsturzes in der ČSR betrafen Männer und Frauen in gleicher Weise. Auch zahlreiche Frauen sahen sich durch die Machtergreifung und das Regime der Kommunistischen Partei in der Tschechoslowakei zur Flucht veranlasst. Ihre Motive waren mit denen der Männer nahezu deckungsgleich: Angst vor politischen Repressionen, Flucht nach bereits erlittenen, politisch motivierten Strafmaßnahmen und/oder die Hoffnung auf ein besseres Leben im Westen. Aufgrund der Analyse sowohl tschechoslowakischer als auch westlicher nachrichtendienstlicher Unterlagen wird deutlich, dass Männer genauso wie Frauen nicht nur als reine »Flüchtlinge« in Erscheinung traten. Glückte ihnen die gefährliche Flucht nach Österreich, wurden dort häufig aktive Nachrichtendienste auf sie aufmerksam, die die Flüchtlinge als wertvolle Informanten und potenzielle Mitarbeiter für ihre Maßnahmen gegen die Dienste der ČSR betrachteten. Viele Flüchtlinge gaben Informationen an westliche Dienste weiter, manche von ihnen ließen sich auch von den Diensten rekrutieren und arbeiteten in deren Auftrag aktiv gegen ihre alte Heimat. Die heute verfügbaren Akten amerikanischer und britischer Dienste beweisen, dass die Befürchtungen tschechoslowakischer Sicherheitsbehörden, Flüchtlinge könnten als »westliche Agenten« der ČSR schaden, durchaus begründet waren. Um wirklich einschätzen zu können, wie viele Frauen als Schlepperinnen, Kurierinnen oder Agentinnen aktiv waren, sind noch weitere Forschungen notwendig. Fest steht, dass das dafür notwendige Aktenmaterial zweifellos sowohl auf tschechischer Seite als auch auf britischer und amerikanischer Seite bereits so weit zugänglich ist, dass eingehendere Forschungen möglich sind. So ist zu erwarten, dass sich unser Wissen in Bezug auf Österreich sowohl als Fluchtziel, nicht nur von Frauen aus der ČSR, sondern auch als Operationsgebiet ausländischer Nachrichtendienste im frühen Kalten Krieg weiter vertiefen wird. 1 Siehe zum Beispiel die Darstellung von Schicksalen am tschechoslowakischen Eisernen Vorhang bei Luděk Navara: Vorfälle am Eisernen Vorhang, Straubing 2006; Luděk Navara: Nové příběhy železné opony [Neue Vorfälle am Eisernen Vorhang], Brno 2007; oder auch die laufend aktualisierte Webapplikation Příběhy železné opony – cesty ke svobodě [Vorfälle am Eisernen Vorhang – Wege in die Freiheit], die in den verschiedenen App-Stores angeboten wird, zum Beispiel unter https://itunes.apple.com/us/app/pribehy-zelezne-opony/id900753018?ls=1&mt=8, ges. am 31. Oktober 2014. 2 Siehe etwa an verschiedenen Stellen in: Prokop Tomek: On the Cold War Front – Czechoslovakia 1948–1956, Prag 2009. 3 So etwa auch bei der sehr detaillierten Analyse der weiblichen Lebensrealitäten unter der sowjetischen Besatzung in Ostösterreich im Kapitel »Die Honigfalle: Spionage, Sabotage und Verhaftung«, in: Barbara Stelzl-Marx: Stalins Soldaten in Österreich. Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955, Wien/Köln/Weimar 2012, S. 487–495. 4 Seit 2010 forscht ein Team des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung zur Rolle der tschechoslowakischen Nachrichtendienste in Österreich. Dieses Projekt wird vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank gefördert (Projekt Nr. 15256). 5 Siehe dazu Igor Lukes: The Czech Road to Communism, in: Norman Naimark/Leonid Gibianskii (Hg.): The Establishment of Communist Regimes in Eastern Europe, 1944–1949, Boulder/Oxford 1997, S. 243–265; Gerhard Wettig: Stalin and the Cold War in Europe. The Emerge and Development of East-West Conflict, 1939–1953, Lanham 2008, S. 152 f. 6 Siehe Martin Pulec: Die Bewachung der tschechoslowakischen Westgrenze zwischen 1945 und 1989, in: Pavel Žaček/Bernd Faulenbach/Ulrich Mählert (Hg.): Die Tschechoslowakei 1945/48 bis 1989. Studien zu kommunistischer Herrschaft und Repression, Leipzig 2008, S. 131–152; Stefan Karner: HALT! Tragödien am Eisernen Vorhang. Die Verschlussakten, Salzburg 2013, S. 52–58; Petr Koura: Zwischen Einschüchterung und Exekution. Politische Verfolgung in der Tschechoslowakei der 1950er-Jahre, in: Stefan Karner/Michal Stehlík (Hg.): Österreich. Tschechien. geteilt – getrennt – vereint, Schallaburg 2009, S. 108–113. 7 Bekannte Beispiele hierfür sind etwa Emil Švec oder Jozef Vicen. Siehe Beata Katrebová-Blehová: Das slowakische politische Exil in Österreich, 1945–1955, in: Emilia Hrabovec/Beata Katrebová-Blehová (Hg.): Slowakei und Österreich im 20. Jahrhundert: eine Nachbarschaft in historisch-literarischer Perspektive (= Europa Orientalis, Bd. 3), Wien/Zürich 2008, S. 173–214; Matej Medvecký/Jerguš Sivoš/Peter Jašek: V stopách železného Felixa. Štátna bezpečnosť na Slovensku v rokoch 1945–1989 [Auf den Spuren des Eisernen Felix. Der Staatssicherheitsdienst in der Slowakei 1945–1989], Bratislava 2012. 8 Siehe u. a. Vít Smetana: Concessions or Conviction? Czechoslovakia’s Road to the Cold War and the Soviet Bloc, in: Mark Kramer/Vít Smetana: Imposing, Maintaining, and Tearing Open the Iron Curtain. The Cold War and East-Central Europe, 1945–1989, Lanham 2014, S. 55–85. 9 Siehe Koura: Zwischen Einschüchterung und Exekution (Anm. 6). 10 Siehe Tomáš Jílek/Alena Jílková: Železná opona. Československá státní hranice od Jáchymova po Bratislavu 1948–1989 [Der Eiserne Vorhang. Die tschechoslowakische Staatsgrenze von Joa-chimsthal bis Pressburg 1948–1989], Prag 2006; Tomek: On the Cold War Front (Anm. 2), S. 40; Karner, HALT! (Anm. 6), S. 27–30. 11 Siehe Jílek/Jílková: Železná opona (Anm. 10), S. 52–148; Karner: HALT! (Anm. 6), S. 28; Petr Mikšíček (Hg.): Zmizelé Sudety [Das verschwundene Sudetenland], 5. Aufl. Domažlice 2007. 12 Siehe Paul Ullmann: Eine schwierige Nachbarschaft. Die Geschichte der diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich und der Tschechoslowakei von 1945–1968, Wien 2006, S. 105–107. 13 Siehe Martin Pulec: Organisace a činnost ozbrojených pohraničních složek –Seznamy osob usmrcených na státních hranicích 1945–1989. Úřad dokumentace a vyšetřování zločinů komunismu [Organisation und Dienst der Grenztruppen – mit einer Auflistung der 1945–1989 entlang der Staatsgrenze getöteten Personen. Behörde zur Dokumentation und Aufarbeitung der kommunistischen Verbrechen], Prag 2006; Karner: HALT! (Anm. 6), S. 27–32; Pulec: Die Bewachung der tschechoslowakischen Westgrenze (Anm. 6), S. 133–140; Jílek/Jílková: Železná opona (Anm. 10). 14 Siehe hierzu etwa die Quellenedition von Pavel Vaněk: Vojenská kronika 4. znojemské pohraniční brigády 1945–1955 [Militärchronik der 4. Znaimer Grenzschutzbrigade 1945–1955], Prag 2009. 15 Siehe Karner: HALT! (Anm. 6), S. 30. 16 Siehe Jens Gieseke: Deutsche Demokratische Republik, in: Łukasz Kamiński/Krzysztof Persak/Jens Gieseke (Hg.): Handbuch der kommunistischen Geheimdienste in Osteuropa, Göttingen 2009, S. 240–246. 17 Siehe Petr Blažek/Pavel Žaček: Tschechoslowakei, in: ebd., S. 437–447. 18 Siehe Karner: HALT! (Anm. 6), S. 30; siehe auch Kateřina Lozoviuková: Tod am »Eisernen Vorhang«. Österreichische Opfer an der tschechoslowakisch-österreichischen Grenze ab 1948, in: Verein zur Dokumentation der Zeitgeschichte (Hg.): Schauplatz Eiserner Vorhang. Europa: gewaltsam geteilt und wieder vereint, Weitra 2012, S. 49–51. Laufende Forschungsarbeiten lassen die Zahl bestätigter Todesfälle am tschechoslowakisch-österreichischen Eisernen Vorhang laufend steigen. Insbesondere die Bürgerinitiative Paměť [Erinnerung] trägt hierbei stark zur Aufklärung bei. Siehe http://sdruzenipamet.cz/pamet/, ges. am 31. Oktober 2014. 19 Siehe Dieter Bacher/Philipp Lesiak/Kateřina Lozoviuková: Wissen ist (ökonomische) Macht. Aspekte der Wirtschaftsspionage in Österreich während der ersten Hälfte des Kalten Krieges 1945–1969, in: Gerald Schöpfer/Barbara Stelzl-Marx: Wirtschaft. Macht. Geschichte. Brüche und Kontinuitäten im 20. Jahrhundert. Festschrift Stefan Karner, Graz 2012, S. 419–435. Zum vergleichbaren Projekt »Wringer«, das von den westalliierten Nachrichtendiensten in Deutschland mit dem Ziel durchgeführt wurde, Informationen über die Sowjetunion von heimkehrenden Kriegsgefangenen zu erhalten, siehe Horst Boog: The WRINGER Project: German Ex-POWs as Intelligence Sources on the Soviet Union, in: Heide Bungert/Jan G. Heitmann/Michael Wala (Hg.): Secret Intelligence in the Twentieth Century, London/Portland 2003, S. 83–91. 20 Siehe Report on Intelligence Organisation, Allied Commission for Austria (British Element), 15. November 1950, in: The National Archives (im Folgenden: TNA), DEFE 21/33, S. 6; zu Flüchtlingslagern in der britischen Besatzungszone Österreichs siehe auch Gabriela Stieber: Nachkriegsflüchtlinge in Kärnten und der Steiermark, Graz 1997. Siehe auch Dieter Bacher/Harald Knoll: Nachrichtendienste und Spionage im Österreich der Besatzungszeit, in: Stefan Karner/Barbara Stelzl-Marx (Hg.): Stalins letzte Opfer. Verschleppte und erschossene Österreicher in Moskau 1950–1953, Wien/München 2009, S. 157–168; Siegfried Beer: Die Geheimdienste im besetzten Österreich, in: Gerhard Jagschitz/Stefan Karner (Hg.): Menschen nach dem Krieg – Schicksale 1945–1955, Schallaburg 1995, S. 40–44; Siegfried Beer: Nachrichten- und Geheimdienste in Österreich, 1945–1955, in: Stefan Karner/Gottfried Stangler (Hg.): »Österreich ist frei!« Der Österreichische Staatsvertrag 1955, Horn/Wien 2005, S. 221–226. 21 Die britische und die amerikanische militärische Spionageabwehr verwendeten in ihren Berichten für gewöhnlich diese Bezeichnung für die befragten Flüchtlinge aus der ČSR. 22 Siehe Report on Intelligence Organisation, in: TNA (Anm. 20). 23 Siehe Interrogations Austria: CSSR, in: National Archives and Records Administration (im Folgenden: NARA), RG 319, Box 2149. 24 Siehe dazu u. a. den Fall von Karel Dufek, in: Karner: HALT! (Anm. 6), S. 151–161. 25 Flüchtlinge aus der CSR. Information des Bundeskanzleramts, Auswärtige Angelegenheiten an Herrn Dr. Meinrad Falser, Gesandter in Prag, vom 31. Oktober 1955, in: Österreichisches Staatsarchiv, Archiv der Republik (im Folgenden: AdR), BMAA, 325781-Pol/55. 26 Dieses Phänomen der »zurückkehrenden Agenten« wäre ein besonders interessantes Thema zur weiteren Aufarbeitung, vor allem anhand »westlicher« Unterlagen, denn hier fehlt es bislang an tiefer gehenden Studien. 27 Vor allem in den Tages-, Wochen- und Monatsberichten der Generaldirektion für öffentliche Sicherheit des österreichischen Innenministeriums finden sich regelmäßige Beobachtungen zu Grenzübertritten. Bislang wurde diese Quelle nur für Studien zur südöstlichen Grenze Österreichs in Betracht gezogen. Siehe Edda Engelke: Wir sind durch die Mur geschwommen. Ein Fluss als Grenze zwischen zwei ideologischen Systemen in den Fünfzigerjahren (= Wissenschaftliche Schriftenreihe des Pavelhauses, Bd. 15), Graz 2013. 28 Siehe Archiv bezpečnostních složek/Archiv der Sicherheitsdienste Brno/Kanice (im Folgenden: ABS Brno/Kanice), F. 2357, kar. 27, č. j. PS-00 5449/11-OS-53. 29 Ebd. 30 Ebd. 31 Siehe ABS Brno/Kanice, F. 2357, kar. 82, č. j. PS-010234/11-OS-55. 32 Siehe Tomek: On the Cold War Front (Anm. 2), S. 36 f.; ein kurzer Überblick über ihre Tätigkeit findet sich auch in: Karner: HALT! (Anm. 6), S. 78 f. 33 Siehe Tomek: On the Cold War Front (Anm. 2), S. 36. 34 Siehe ebd. 35 Eine der wenigen Studien zu dieser Thematik findet sich in: Karner/Stelzl-Marx (Hg.): Stalins letzte Opfer (Anm. 20). 36 Siehe Olga Hellwanger (geb. 21. November 1911); Anzeige wegen Verdacht der Verbrechen nach § 67 StG. und § 17 Staatsschutzgesetz, in: AdR, BMAA, 554226-Pol/58. 37 Siehe Johanna Schlapper (geb. 9. Mai 1914); Entlassung aus csl. [tschechoslowakischer] Haft – Einreise, in: AdR, BMI, GÖS, 2359-16/66. In der Tschechoslowakei wurde der Tatbestand der Republikflucht in den Paragrafen 40, 95 und 108 der Strafgesetzbücher von 1948, 1950 und 1961 mit beträchtlichen Strafmaßen geahndet – und war das politische Delikt, aufgrund dessen tschechoslowakische Staatsbürger am häufigsten verurteilt wurden.

JHK 2015

»Es war mir nicht möglich, zu schweigen über das Erlebte.« Über die Bedeutung des Kravčenko-Prozesses 1949 in Paris für die politische Entwicklung Margarete Buber-Neumanns

Sebastian Voigt

Am 23. Februar 1949 betrat Margarete Buber-Neumann den Gerichtssaal der 17. Strafkammer in Paris. Sie war geladen, um in einem Zivilverfahren für den Kläger auszusagen. Als Zeugen der Gegenseite traten unter anderem auf: der Chemie-Nobelpreisträger und Hochkommissar für Atomtechnologie Frédéric Joliot-Curie, der ehemalige Résistance-Kämpfer und Schriftsteller Jean Bruller, der unter dem Pseudonym Vercors mit seinem 1942 verfassten Roman Le silence de la mer (Das Schweigen des Meeres) international bekannt geworden war, sowie das Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Frankreichs Roger Garaudy. Im Vergleich zu diesen Persönlichkeiten schien Margarete Buber-Neumann eher eine Nebenrolle zuzukommen. Eine Annahme, die sich jedoch im Prozessverlauf als falsch herausstellen sollte. Ihre eindringlichen Schilderungen der Zustände in den sowjetischen Lagern, der stalinistischen Verbrechen, ihrer Auslieferung durch den NKWD an Deutschland im Rahmen des Hitler-Stalin-Pakts und der darauf folgenden fünfjährigen Haft im nationalsozialistischen Konzentrationslager Ravensbrück hinterließen einen bleibenden Eindruck bei den Anwesenden. Sowohl der Richter, die zahlreichen Pressevertreter als auch die Zuschauer – darunter Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Arthur Koestler – waren stark berührt. Bei dem Verfahren handelte es sich um eine Verleumdungsklage des ehemaligen sowjetischen Diplomaten Viktor Kravčenko gegen die beiden Redakteure der kommunistischen Zeitung Les Lettres françaises André Wurmser und Claude Morgan.1 In der Rückschau, so die hier vertretene These, erweist sich der Prozess als einschneidend für die politische Entwicklung Margarete Buber-Neumanns. Durch ihre Zeugenaussage kratzte sie am moralischen Nimbus, der der Sowjetunion aufgrund ihrer Rolle bei der Zerschlagung des Nationalsozialismus und der Befreiung von Konzentrations- und Vernichtungslagern seinerzeit weit über die kommunistischen Parteien hinaus in Westeuropa zugesprochen wurde. Dadurch erlangte Buber-Neumann internationale Bekanntheit. Seitdem intensivierte sie erfolgreich ihre Bemühungen, einer größeren Öffentlichkeit ihr Schicksal darzulegen, in dem sich viele Aspekte der Geschichte des Kommunismus spiegeln. Bis zu ihrem Tod im Jahre 1989 blieb Buber-Neumann eine engagierte Intellektuelle. Im Folgenden werden zunächst auf Basis des Nachlasses von Margarete Buber-Neumann im Frankfurter Exilarchiv der Hintergrund und die Bedeutung des Kravčenko-Prozesses erläutert. Ohne diese Gerichtsverhandlung und ihre Implikationen ist Buber-Neumanns Wandlungsprozess von einer linkssozialistischen zu einer rechtskonservativen Antikommunistin nicht zu verstehen. Die Forschung zu Margarete Buber-Neumann behandelt den Prozess bislang eher am Rande. Er markiert jedoch ein formatives Ereignis mit Blick auf die Quintessenz ihrer historischen Erfahrungen und selbst auferlegten Verpflichtungen: »Es war mir nicht möglich, zu schweigen über das Erlebte.«2 Der Kravčenko-Prozess bot Margarete Buber-Neumann erstmalig die Möglichkeit, ihr Schweigen öffentlichkeitswirksam zu brechen. Der Pariser Prozess Der eigentliche Protagonist des Prozesses, Viktor Kravčenko, war als Mitarbeiter der sowjetischen Botschaft in Washington D.C. für die sogenannte Einkaufskommission tätig gewesen, die sich im Zweiten Weltkrieg vor allem mit dem Erwerb von Waffen befasste. Am 1. April 1944 erläuterte er einem amerikanischen Journalisten seine Motivation zum Überlaufen. Wenige Tage später berichtete die New York Times auf der Titelseite über die Flucht und druckte die Erklärung Kravčenkos, sich von nun an unter den Schutz der öffentlichen Meinung in den Vereinigten Staaten von Amerika zu begeben.3 Das Überlaufen eines sowjetischen Beamten war 1944 eine äußerst heikle Angelegenheit, die zu einer Belastungsprobe im Verhältnis der beiden damals in der Anti-Hitler-Koalition verbündeten Staaten hätte werden können. Die sowjetische Botschaft gab zunächst für einige Tage keinerlei Stellungnahme ab. Die kommunistische Zeitung Daily Worker beschimpfte Kravčenko aber als »trotzkistischen Verräter«, der im Auftrag Hitlers handele.4 Nichtsdestotrotz gewährten die Vereinigten Staaten von Amerika Kravčenko politisches Asyl. Zwei Jahre später, 1946, rechnete er in Ich wählte die Freiheit mit der Sowjetunion ab.5 Als Ingenieur war er Zeuge der Hungersnot in der Ukraine geworden und hatte die Verhältnisse in den Arbeitslagern beobachtet. Die französische Übersetzung seines Buches erschien wenig später. Am 13. November 1947 veröffentlichte Les Lettres françaises schließlich auf der Titelseite das Pamphlet Comment fut fabriqué Kravchenko (Wie Kravcˇenko gemacht wurde) von Sim Thomas.6 Der Autor warf Kravčenko vor, das Buch nicht selbst verfasst zu haben, vielmehr ein Agent des amerikanischen Geheimdienstes, ein Vaterlandsverräter und Alkoholiker zu sein. Daraufhin strengte der Beschuldigte eine Verleumdungsklage an. Nach einigen Verzögerungen begann der gut zwei Monate dauernde Prozess Ende Januar 1949 in Paris.7 Die angeklagten Redakteure, Claude Morgan und André Wurmser, die statt des Autors vor Gericht erschienen, erfuhren nicht nur tatkräftige Unterstützung durch hohe Sowjetfunktionäre, sondern auch durch die frühere Ehefrau Kravčenkos. Sie prangerte die vermeintlichen charakterlichen Schwächen ihres Ex-Gatten an. Außerdem traten ehemalige Widerstandskämpfer und angesehene französische Intellektuelle für die Angeklagten auf. Kravčenko hingegen lud vor allem emigrierte Opfer des stalinistischen Terrors vor, die als Displaced Persons in Westeuropa lebten und äußerlich zumeist verwahrlost erschienen. Daneben hatten Kravčenkos Anwälte Margarete Buber-Neumann gebeten, als Zeugin nach Paris zu kommen. In einer nachträglichen Reflexion beschrieb sie die Situation folgendermaßen: »Als ich in Paris ankam, sah ich zu meinem Erstaunen, dass mich Kravčenko offensichtlich nicht erwartet hatte. Auf jeden Fall hatte er mich nicht nach dort rufen lassen. Auch war ich nicht aus eigener Initiative gefahren, sondern Freunde hatten meinen Namen an die Advokaten weitergegeben. Das ließ mich meine Aussage wesentlich unbeschwerter machen.«8 Das Buch Kravčenkos hatte Margarete Buber-Neumann bereits in Schweden gelesen, als sie gerade an ihrer Autobiografie Als Gefangene bei Stalin und Hitler arbeitete. Die Lektüre bewegte sie tief, hinterließ aber einen ambivalenten Eindruck.9 So sehr ihre eigenen Erfahrungen sich mit den Schilderungen des Autors deckten, so unzureichend erschienen ihr diese: »Denn Kravčenko konnte nur von den Leiden der russischen Bevölkerung berichten, die sich noch in zweifelhafter Freiheit befand. Den Augenzeugenbericht über die Sklavenlager des europäischen und asiatischen Russland konnte er nicht liefern. Über das Schicksal der unzähligen gläubigen ausländischen Kommunisten, die begeistert in das Paradies des Proletariats fuhren, um zu Tausenden in den Kellern der Gefängnisse oder in Sibirien zugrunde zu gehen, konnte er nichts aussagen. Seine Berührung mit dem komplizierten Apparat des NKWD war eine viel zu oberflächliche, um über dessen Wirksamkeit eine erschöpfende Aussage zu machen.«10 Um diesen Mangel zu beheben, habe sie ihr eigenes Buch zügig beendet und sei der Aufforderung zur Aussage in dem Prozess nachgekommen. Die Zeugenaussage Buber-Neumanns Im Zeugenstand am 23. Februar 1949 befragten die beiden Anwälte Kravčenkos Buber-Neumann zu ihren Erlebnissen in der Sowjetunion. Sie begann ihre Aussage mit folgenden Worten: »Ich bin als Zeugin hierher gekommen, weil ich fünf Jahre als deutsche Kommunistin in Sowjetrussland war und am eigenen Leib zu spüren bekam, wie das Stalinregime ist.«11 Sie schilderte ihren Werdegang als 1901 in Potsdam geborene Tochter aus gutbürgerlichem Hause, die über die Jugendbewegung zum Kommunistischen Jugendverband kam, dem sie von 1921 bis 1926 angehörte.12 Damals war sie noch mit Rafael Buber, dem Sohn Martin Bubers, verheiratet. Die Ehe, aus der auch zwei Töchter hervorgingen, wurde jedoch Ende der 1920er Jahre geschieden. Als Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) lernte sie bei ihrer Arbeit für Inprekorr, der Zeitschrift der Kommunistischen Internationale, Heinz Neumann kennen, Reichstagsabgeordneter und führendes Mitglied im KPD-Politbüro. Wenig später wurden sie ein Paar und heirateten kurz darauf. Als seine Ehefrau traf Margarete Buber-Neumann nahezu alle wichtigen Persönlichkeiten der internationalen kommunistischen Bewegung jener Jahre.13 Der rasante Aufstieg Heinz Neumanns in der KPD vollzog sich zur Zeit des sogenannten ultralinken Kurses. Sein bedingungsloses Vorgehen gegen parteiinterne Abweichler und seine kompromisslose Agitation gegen die als »Sozialfaschisten« diffamierten Sozialdemokraten machten ihn zum »Sprachrohr Stalins«.14 Darüber hinaus befürwortete Neumann die Politik der Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO), die auf die Spaltung des mehrheitlich sozialdemokratischen und reformorientierten Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) abzielte. Hierfür nahm die KPD auch eine Zusammenarbeit mit der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation (NSBO) in Kauf.15 Die Veränderung der sowjetischen Außenpolitik ließ Neumann schließlich in Ungnade fallen. Neben der Sozialfaschismustheorie hatte er nämlich auch den Kampf gegen den Nationalsozialismus propagiert und die Parole »Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft« geprägt. Die Haltung der Sowjetunion gegenüber dem Nationalsozialismus wurde aber zunehmend pragmatisch. So habe sich Stalin im Dezember 1931 mit den Worten an Neumann gerichtet: »Glauben Sie nicht, Genosse Neumann, dass der Nationalsozialismus, falls er in Deutschland die Macht übernimmt, so sehr mit dem Westen beschäftigt sein wird, dass wir in Ruhe den Sozialismus in Russland aufbauen können.«16 Die Komintern enthob Heinz Neumann zunächst aufgrund dieser Meinungsverschiedenheiten im April 1932 aller Funktionen und beorderte ihn nach Moskau zurück, sandte ihn dann 1933 für ein knappes Jahr nach Spanien und schließlich 1934 nach Zürich. Dort nahm die Polizei Neumann und seine Ehefrau fest. Sie liefen nun Gefahr, ins nationalsozialistische Deutschland abgeschoben zu werden.17 Die Schweizer Behörden verweigerten sich aber letztlich dem Gesuch des NS-Regimes. Das Ehepaar reiste daraufhin im Mai 1935 auf Anordnung der Komintern in die Sowjetunion, wo es zusammen mit vielen anderen ausländischen Kommunisten im Moskauer Hotel Lux logierte.18 Im Zuge der Großen Säuberung des Jahres 1937 wurde Heinz Neumann vom NKWD verhaftet und zum Tode verurteilt. Margarete Buber-Neumann bemühte sich, Informationen über den Verbleib ihres Mannes zu erhalten, war jedoch lange über sein Schicksal im Unklaren. Frühzeitig vermutete sie, dass er ermordet worden war.19 Sie selbst wurde im April 1938 vom Geheimdienst verhaftet und nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt in das Lager Karaganda nach Kasachstan deportiert. Als Grund für die Verhaftung nannte Buber-Neumann vor dem Pariser Gericht ihre »konterrevolutionären« Aktivitäten in der KPD 1931/32. Der Richter bohrte nach, worum es sich dabei genau gehandelt habe, schließlich sei es doch nicht möglich, ohne konkreten Vorwurf und spezifische Taten verhaftet zu werden. Buber-Neumann wiederholte daraufhin ihre Antwort: »Der Ermittlungsrichter hat mich niemals mit präzisen Tatsachen konfrontiert, sondern nur mit meiner oppositionellen Haltung in der Kommunistischen Partei Deutschland.«20 Mehrere Presseartikel zitierten diese Aussage als Beleg dafür, wie weit die westliche und die sowjetische Vorstellung von Gerechtigkeit auseinander lägen.21 Das Lager Karaganda sei doppelt so groß wie Dänemark gewesen, führte Margarete Buber-Neumann in der Vernehmung weiter aus. Sie habe dort die Zustände in den stalinistischen Arbeitslagern zwei Jahre lang am eigenen Leib erfahren. Maître Blumel, der einzige nicht-kommunistische Anwalt der Angeklagten und ehemalige Kabinettsleiter des sozialistischen Präsidenten Léon Blum, bezweifelte, dass es sich bei dieser Größe um ein Lager gehandelt habe: »Ich stelle eine Frage, um zu verstehen: Ist dieser Platz eingezäunt? Gibt es dort eine Mauer?« Buber-Neumann verneinte, wies aber darauf hin, dass sie in einer riesigen Steppe gelebt hätten, die von NKWD-Truppen durchgekämmt worden sei. »Also«, fuhr der Anwalt fort »[...] ist es kein Lager, im Französischen nennt man dies ein Gebiet. [...] Ein französisches Lager ist ein Ort, wo es Mauern gibt. Das nennt man in Frankreich einen Zwangsaufenthaltsort.«22 Der Anwalt intendierte, die Glaubwürdigkeit Buber-Neumanns zu untergraben. Deshalb hielt er ihr vor dem Hintergrund einer verbreiteten antinazistischen Stimmung in der Nachkriegsgesellschaft mehrmals vor, die Sowjetunion mit dem nationalsozialistischen Deutschland gleichzusetzen. Dadurch beschmutze sie die Rolle der Roten Armee bei der Zerschlagung des NS-Regimes und damit auch bei der Befreiung Frankreichs. Buber-Neumann hielt der konfrontativen Befragung stand. Mit der Schilderung ihres weiteren Schicksals schockierte sie das im Saal anwesende Publikum und die Anwälte. Nach zwei Jahren im kasachischen Lager lieferte die Sowjetunion sie im Rahmen des Hitler-Stalin-Pakts an das nationalsozialistische Deutschland aus. Zusammen mit einer Gruppe von circa 30 Personen wurde sie an einer Brücke bei Brest-Litowsk vom NKWD an die Gestapo übergeben.23 Drei Gefangene hätten sich der Abschiebung widersetzt, ein ungarischer Jude namens Bloch, ein junger Arbeiter aus Leipzig, der vom NS-Regime zum Tode verurteilt worden war, und ein deutscher Lehrer: Alle seien mit Gewalt über die Brücke getrieben worden. Die ebenfalls anwesenden SS-Männer hätten sie sofort ihre Wut und Brutalität spüren lassen. Als deutsche Soldaten die Identität der überstellten Personen überprüften und auf die Ehefrau von Heinz Neumann stießen, gingen sie davon aus, dass sie eine Agentin des NKWD oder der Komintern sein müsse. Deshalb verhörte die Gestapo Margarete Buber-Neumann tagelang im Berliner Hauptquartier, bevor sie ins Konzentrationslager nach Ravensbrück gebracht wurde. Dort war Buber-Neumann die nächsten fünf Jahre eingesperrt, bis ihr kurz vor der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee die Flucht gelang, die sie wagte, um nicht wieder den Sowjets in die Hände zu fallen.24 Buber-Neumann war der lebende Beweis dafür, dass Stalin aus machtpolitischen Gründen Hunderte deutscher Kommunisten an das NS-Regime und damit in ihren fast sicheren Tod hatte ausliefern lassen. Damit wurde das Image der antifaschistischen Sowjetunion grundlegend erschüttert. Die Zentralität dieses Aspekts belegen auch die Reaktionen der Presse nach Buber-Neumanns Zeugenaussage.25 So schrieb der Spiegel in einer längeren Reportage: »Es war einer der Höhepunkte des Prozesses, als Frau Neumann, die auch die Schwiegertochter des deutschen Philosophen Buber war und die heute in Stockholm lebt, am Abend des 14. Verhandlungstages ihre Aussage machte. [...] Sie enthüllte auch, wie die Bolschewiken sie 1940 – zur Zeit des deutsch-russischen Nichtangriffspaktes – zusammen mit anderen Kommunisten den Nazis auslieferten.«26 Die kommunistischen Zeitungen diskreditierten die Zeugin weiter, indem sie auf den vermeintlich fragwürdigen moralischen Lebensstil Buber-Neumanns verwiesen, die schon mehrmals verheiratet war. Außerdem wurde immer wieder angedeutet, dass sie wohl zu Recht in der Sowjetunion als Agentin inhaftiert gewesen sei und mit dem NS-Regime kooperiert habe. So druckte beispielsweise das Zentralorgan der Kommunistischen Partei Frankreichs, L’Humanité, nach der Befragung einen Artikel, in dem Buber-Neumann als Trotzkistin und antisowjetische Provokateurin beschrieben wird. Kravčenko hingegen wurde als Deserteur diffamiert.27 Wenig später, am 14. März 1949, schrieb die kommunistische Niedersächsische Volksstimme: »Heute setzt Frau Buber-Neumann, die in Wirklichkeit weder Buber noch Neumann heißt, ihre anti-sowjetischen Provokationen fort. Gestern stand sie im Dienste der amerikanischen Imperialisten. Immer arbeitet sie für die Feinde der Demokratie und des Sozialismus, für die Kriegshetzer. Das ist das Schicksal der Trotzkisten, das Schicksal aller Renegaten des Kommunismus.«28 Allerdings verfehlte die Verleumdungsstrategie ihr Ziel. Das Gericht sprach Viktor Kravčenko am 4. April 1949 letztlich eine Entschädigung von 150 000 Francs zu, wohingegen die Angeklagten André Wurmser und Claude Morgan jeweils zu einem Bußgeld von 5000 Francs verurteilt wurden. Diese Summe lag zwar weit unter der ursprünglichen Forderung des Klägers, aber dennoch markierte der Prozessausgang einen symbolischen Sieg: Ein Einzelner hatte das einflussreiche kommunistische Establishment in Frankreich herausgefordert und – trotz aller Unterstützung der Gegenseite durch die Sowjetunion – juristisch besiegt.29 Auch die zweite Strafkammer in Paris bestätigte das Urteil im Berufungsprozess Ende 1949. Es erwies sich für die weitere Entwicklung Margarete Buber-Neumanns als bedeutsam, dass sie durch ihre Zeugenaussage im Kravčenko-Prozess weltweit bekannt geworden war. Dadurch eröffneten sich ihr neue Möglichkeiten der politischen Tätigkeit. Ihr Auftritt in Paris verlieh ihren Aktivitäten große Aufmerksamkeit. Ihre Aussagen hatten enthüllt, dass das stalinistische Russland deutsche Kommunisten an das nationalsozialistische Deutschland ausgeliefert hatte. Ihre Schilderung schürte selbst bei einigen kommunistischen Intellektuellen Zweifel an der Richtigkeit ihrer Ideologie.30 In der ersten Ausgabe der von ihr neu gegründeten Zeitschrift Aktion beschrieb Buber-Neumann den Pariser Prozess als wichtige Motivation für ihr Engagement: »Die Kommunisten waren zahlreich erschienen. Sie empfingen jeden einzelnen der Zeugen Kravčenkos mit dem gleichen stereotypen Gebrüll: ›Kollaborateur! Spion! Vaterlandsverräter!‹ [...] Es war einer der schönsten Augenblicke meines Lebens, als den kommunistischen Zuhörern bei meiner Geschichte das Geschrei im Halse stecken blieb. Einige aus dieser ritterlichen Phalanx haben bald darauf die Konsequenzen gezogen. [...] Hier in Paris, angesichts der heulenden Derwische, angesichts der intelligenten, in ihrem Fach jeweils bedeutenden Europäer, die trotz aller Enthüllungen bereitwillig den Ungeist verteidigten, hier erkannte ich, dass ein Privatleben eine Vermessenheit wäre in dieser Zeit. Ich habe damals erlebt, dass Kommunisten ihre Parteibücher zerrissen, als sie hörten, Stalin habe politische Emigranten an Hitler ausgeliefert. Die Welt weiß immer noch zu wenig.«31 Margarete Buber-Neumann kam durch ihren Auftritt in engeren Kontakt mit anderen ehemaligen Kommunisten, allen voran Arthur Koestler, der dem Kravčenko-Prozess als Zuschauer beigewohnt hatte. So beteiligte sie sich auch an der Gründung des Kongresses für kulturelle Freiheit (KKF).32 Als Reaktion auf die Aktivitäten des prosowjetischen Kongresses der Kulturschaffenden zum Schutze des Friedens schlossen sich antitotalitäre Intellektuelle unterschiedlicher politischer Herkunft zu einer losen Bewegung zusammen. Eine wichtige Rolle spielten dabei frühere Kommunisten wie Arthur Koestler und Manès Sperber. Auch der Italiener Ignazio Silone, der Brite Stephen Spender und der Afro-Amerikaner Richard Wright waren entweder Mitglieder der Kommunistischen Partei oder Sympathisanten gewesen.33 Der erste KKF tagte Ende Juli 1950 in West-Berlin.34 Nicht wenige Teilnehmer waren in stalinistischen, faschistischen oder nationalsozialistischen Lagern inhaftiert gewesen. Diese Erfahrungen trugen auch zu dem sich zum ideologischen Kern verdichtenden, moralisch argumentierenden Antitotalitarismus bei.35 Zu Beginn des Kongresses schrieb Buber-Neumann: »Erst wenn die Menschen an ihrer eigenen Haut verspüren mussten, was der Verlust der Freiheit bedeutet, sind sie bereit, für deren Erhaltung mit allen Kräften zu kämpfen.«36 Im Kontext des KKF lernte sie auch David Rousset kennen, der den Kravčenko-Prozess ebenfalls intensiv verfolgt hatte. Die klare Stellungnahme Buber-Neumanns vor Gericht regte ihn im Oktober 1950 zur Gründung der Commission internationale contre le régime concentrationnaire (CICRC, Internationale Kommission gegen das Konzentrationslagerregime) an. Der ehemalige trotzkistische Widerstandskämpfer war nach seiner Verhaftung 1943 durch die Gestapo gefoltert worden und in den Konzentrationslagern Buchenwald und Neuengamme inhaftiert gewesen. Darüber hatte er bereits 1946 L’univers concentrationnaire (Das Konzentrationslager-Universum) und wenig später den Roman Les jours de notre mort (Die Tage unseres Todes) geschrieben.37 Die Kommission gegen die Konzentrationslager widmete sich den Zuständen in der Sowjetunion, aber auch in Jugoslawien, Spanien und Griechenland.38 Nachdem Rousset in Les Lettres françaises als »trotzkistischer Fälscher« verunglimpft worden war, strengte er ebenfalls einen Prozess an und gewann hauptsächlich mithilfe der Aussagen Alexander Weißberg-Cybulskis.39 Außerdem hatte Rousset Margarete Buber-Neumann als Zeugin nach Paris geladen.40 Somit hatte der Kravčenko-Prozess den Weg für eine verstärkte Auseinandersetzung mit dem Stalinismus in Frankreich bereitet. Er stellte einen frühen Markstein der Entwicklung dar, die in den 1970er Jahren zum massiven Bedeutungsverlust des Kommunismus bei französischen Intellektuellen und schließlich in den 1980er Jahren zum Niedergang des Einflusses der Kommunistischen Partei Frankreichs im politischen System führte.41 Die Auswirkungen des Prozesses in der Bundesrepublik Doch die Nachwirkungen des Kravčenko-Prozesses spürte Buber-Neumann nicht nur in Frankreich, sondern auch in der Bundesrepublik Deutschland. Besonders die KPD setzte die Diffamierungskampagne fort. Anlässlich der Verurteilung eines vermeintlichen früheren Gestapo-Spitzels in den Reihen der KPD hieß es in den parteieigenen Informationen vom 17. Juli 1949: »Seine Verurteilung als V-Mann hat jetzt die Legende von der Auslieferung durch die GPU zerstört und die Trotzkistin Grete Buber, die heute als amerikanische Agentin arbeitet, wird gut daran tun, in Zukunft andere Romane zu erzählen.«42 Deshalb reichte Buber-Neumann gegen den verantwortlichen Redakteur Ernst Eichelsdörfer vor dem Amtsgericht Frankfurt-Höchst eine Klage wegen übler Nachrede und Beleidigung ein.43 Der Prozess wurde jedoch auf unbestimmte Zeit vertagt, weil der eigentliche Verfasser des Artikels der KPD-Funktionär, Landtagsabgeordnete und jüdische Kommunist Emil Carlebach war.44 Die Angriffe auf Buber-Neumann verschärfte Carlebach in der Sozialistischen Volkszeitung noch weiter: »Aber das größte Pech hat die Dame Buber damit, dass sie in ihrem Buch [...] offen für die Clique um Tuchatschewski, Jakir, usw. Stellung nimmt, die als Spione und Putschisten für die Hitler-Spionage vor Gericht gestellt, verurteilt und erschossen wurden. [...] Die Sowjetregierung hat diese Bande und ihren gesamten Anhang unschädlich gemacht. Die Rädelsführer und Hauptverbrecher wurden an die Wand gestellt, der Rest dahin geschickt, wo er hingehörte.«45 Carlebach, der selbst jahrelang in Buchenwald inhaftiert gewesen war, rechtfertigte die stalinistischen Säuberungen und implizit die Deportation Buber-Neumanns nach Kasachstan. Die Hauptverhandlung fand im Januar 1951 vor dem Amtsgericht Frankfurt-Höchst statt.46 In dem Prozess trat als Zeuge für Buber-Neumann auch Alexander Weißberg-Cybulski auf, der bereits für David Rousset ausgesagt hatte. Er berichtete von seiner Inhaftierung in der Sowjetunion und der Auslieferung im Rahmen des Hitler-Stalin-Pakts in Brest-Litowsk 1940 an das NS-Regime. Den Verhandlungsverlauf kommentierte die damals bedeutende Neue Zeitung folgendermaßen: »Die Aussagen der Zeugen, die Frau Buber-Neumanns Buch in vollem Umfang unterstützten, zerstörten restlos das Bild der sogenannten fünften Kolonne.«47 Der Prozess machte deutlich, dass auch andere Personen ein ähnliches Schicksal wie Margarete Buber-Neumann durchlitten hatten und von der Sowjetunion an das nationalsozialistische Deutschland ausgeliefert worden waren. Sie war folglich keine subversive Agentin, die im Auftrag einer fremden Macht mithilfe von Lügen und Verleumdungen auf die Zerstörung der Sowjetunion hingearbeitet hat, wie das in der kommunistischen Presse oft verwendete Bild der »fünften Kolonne« suggerierte. Das Gericht verurteilte Emil Carlebach wegen übler Nachrede und Beleidigung zu 200 DM Strafe, ein Ausgang, der keine der beiden Parteien zufriedenstellte. Sowohl die Klägerin als auch der Angeklagte gingen in Revision. Buber-Neumann kritisierte besonders, dass der Richter die ganze Angelegenheit als Privatsache gewertet und den politischen Kontext ausgeblendet habe. Außerdem kontaktierte sie Benedikt Kautsky, den Sohn des bekannten sozialdemokratischen Politikers Karl Kautsky. Bevor er nach Auschwitz deportiert wurde, hatte er im Konzentrationslager Buchenwald Carlebach als Funktionshäftling erlebt. Trotz großer Bedenken, Wasser auf die Mühlen des reaktionären Antikommunismus zu kippen, erklärte sich Kautsky bereit, eine eidesstattliche Versicherung abzugeben.48 Er charakterisierte Carlebach als linientreuen Parteifunktionär, der gegen vermeintliche Abweichler mit aller Härte vorgegangen sei und an der Erstellung von Häftlingstransportlisten mitgewirkt habe, was faktisch einem Todesurteil für die Betroffenen gleichgekommen sei. Carlebachs Verleumdungen und Beschimpfungen Buber-Neumanns kommentierte Kautsky folgendermaßen: »Dass Emil Carlebach ohne weiteres imstande ist, die Unwahrheit zu sagen, falls er dies im Interesse seiner Partei für nötig findet, halte ich für absolut sicher. Wenn Carlebach behauptet, es seien aus Russland keine deutschen Kommunisten an die Gestapo ausgeliefert worden, so ist das nicht nur objektiv, sondern zweifellos auch subjektiv unwahr.«49 Doch weder Kautsky noch der ebenfalls als Zeugin geladenen Ex-Kommunistin Ruth Fischer wurde vor Gericht das Wort erteilt.50 Nachdem der ehemalige Buchenwald-Häftling und SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Brill bezeugt hatte, dass Carlebach andere Häftlinge geschlagen habe, wurde er von diesem als bezahlter Agent denunziert. Als der Richter Brill aufforderte, sich zu seiner Tätigkeit für die amerikanische Militärverwaltung zu äußern, fragte dieser empört zurück, ob er sich etwa vor einem sowjetischen Gericht befinde.51 Am 8. Mai 1951 wurde das Urteil aus erster Instanz bestätigt. Beide Parteien legten erneut Berufung ein, aber die nächsthöhere Instanz verwies das Verfahren zurück nach Frankfurt. Das dortige Gericht verurteilte Carlebach im Oktober 1952 doch noch wegen Beleidigung und übler Nachrede zu einer Gefängnisstrafe von einem Monat.52 Seinerzeit verstand sich Margarete Buber-Neumann noch als demokratische Sozialistin und Antikommunistin. Seit 1946 war sie mit führenden Sozialdemokraten in Kontakt.53 Unter anderem hatte sie Kurt Schumacher getroffen und neben Politikern der CDU und FDP sowohl Carlo Schmid als auch Willy Brandt und Otto Suhr als Unterstützer für ihr im Herbst 1951 gegründetes Institut für politische Erziehung in Jagsthausen/Odenwald gewinnen können.54 Bereits ein Jahr zuvor, im Oktober 1950, hatte sie die Gründung des Befreiungskomitees für die Opfer totalitärer Herrschaft angestoßen. Ihre politische Einstellung in den frühen 1950er Jahren brachte Buber-Neumann im Editorial der ersten Ausgabe der Aktion zum Ausdruck: »Ich hatte Zeit und Gelegenheit genug gehabt, den Verfall der kommunistischen Idee zu beobachten. [...] Ich lernte aber auch die Tragödie des gläubigen Kommunisten kennen, der sich gezwungen sieht, den endgültigen Bruch zu vollziehen. Er gehört dann meist – so wie ich – zur sogenannten heimatlosen Linken.«55 Zugleich lehnte Buber-Neumann jede Konzession an die Ostblockstaaten und die Anerkennung der DDR strikt ab. Jegliche Schwäche würde von den Kommunisten ausgenutzt. Deshalb wandte sich Buber-Neumann sowohl gegen einen Pazifismus, der die einseitige Abrüstung der westlichen Staaten forderte, als auch gegen einen Neutralismus des Dritten Weges, der die Bundesrepublik Deutschland zwischen dem kapitalistischen Westen und staatssozialistischen Osten verortete. Derartige Positionen vertrat sie in der Aktion und später in der von Paul Rütti gegründeten Zeitschrift Frei-Sein, die Buber-Neumann ab 1955 mit herausgab.56 Sie entfaltete eine rege Vortragstätigkeit, reiste durch das ganze Land und bald auch ins deutschsprachige Ausland, um über ihre Erfahrungen zu sprechen. Nicht zu schweigen, sondern über ihre eigenen Erlebnisse und sowohl die stalinistischen als auch die nazistischen Verbrechen aufzuklären, begriff sie als ihre eigentliche Aufgabe. Bald musste sie aber die Erfahrung machen, dass die meisten Menschen sich entweder nur für die Lager des Gulag oder nur für die nationalsozialistischen Konzentrationslager interessierten. Die Linke wollte den gesellschaftlich breit verwurzelten und politisch wirkmächtigen Antikommunismus nicht durch Gräuelgeschichten über den Stalinismus befeuern, und die Rechte nutzte die kommunistischen Verbrechen, um die Brutalität des NS-Regimes zu relativieren. Buber-Neumann saß folglich zwischen den Stühlen und war im wahrsten Sinne des Wortes politisch heimatlos. Zu ihrer zunehmenden Verbitterung dürfte beigetragen haben, dass sie über das weitere Schicksal ihres Ehemannes nach dessen Verhaftung nur Mutmaßungen anstellen konnte. Sie vermutete, dass Herbert Wehner, ehemals Kommunist und Mitglied des Zentralkomitees der KPD, indirekt für den Tod Heinz Neumanns verantwortlich war.57 Ferner witterte sie die Gefahr einer Unterwanderung in wichtigen gesellschaftlichen Organisationen, eine Taktik, die sie selbst in der internationalen kommunistischen Bewegung kennengelernt hatte und die nach 1945 von den realsozialistischen Staaten weiter betrieben wurde. So hielt sie beispielsweise Wehner für einen sowjetischen Agenten und sparte auch sonst nicht mit Kritik an der SPD. Diese Haltung führte bald zum Bruch.58 Auch viele kritische Sozialisten distanzierten sich von Buber-Neumann, als sich konservative und rechte Organisationen für ihre Erfahrungen im stalinistischen Gulag und ihre bedingungslose Opposition gegen den Kommunismus zu interessieren begannen und sie öfter zu Vorträgen einluden. Ebenso negierte Buber-Neumann selbst bald jede Differenz zwischen dem Nationalsozialismus und dem Stalinismus. Dabei hatte sie noch 1952 in einem Vortrag vor Studenten in Mainz die Spezifik der nationalsozialistischen Vernichtungslager hervorgehoben, indem sie ausführte, dass diese »obschon von furchtbarer Realität, doch so unvorstellbare Stätten des Grauens [sind], solche Grenzfälle menschlicher Möglichkeiten, dass sie nicht mehr gemessen werden können mit den Maßstäben des tatsächlichen Geschehens allein«.59 Nur einige Jahre später hingegen betonte sie die Identität beider totalitärer Regime. In einem Bericht des Hamburger Abendblatts über einen Vortrag Buber-Neumanns in Hamburg am 13. Juli 1960 wird sie mit folgenden Worten zitiert: »Aufs Haar gleicht der Kommunismus in seiner unmenschlichen Härte der Nazi-Diktatur – mit einem Unterschied: Das Hitlerreich ist vergangen, aber der Kommunismus ist drohende Gegenwart.«60 Die Einschätzung, dass der Kommunismus gefährlicher sei als der Nationalsozialismus, weil die Sowjetunion noch existiere, das NS-Regime aber untergegangen sei, sollte in den folgenden Jahren zu einer weiteren Annäherung Buber-Neumanns an (rechts-)konservative Positionen führen, die Ende der 1960er Jahre aufgrund der veränderten politischen Umstände noch beschleunigt wurde.61 Bereits zehn Jahre zuvor war Buber-Neumann vom KKF angefragt worden, ob sie bereit sei, Berichte über die interne Situation in der Bundesrepublik zu verfassen. Besonderes Augenmerk sollte sie dabei auf die neutralistischen Strömungen und Gruppen legen, die sich gegen die atomare Bewaffnung einsetzten.62 Seit dieser Zeit war Buber-Neumann auch mit dem ehemaligen Kommunisten Erich Wollenberg in Briefkontakt, der nach einer Kritik an der KPD und namentlich an Walter Ulbricht in den frühen 1930er Jahren in Ungnade gefallen war, nachdem Ulbricht zusammen mit Herbert Wehner eine interne Untersuchung gegen Wollenberg angestrengt hatte. Er war in den Besitz einer Rechtfertigungsschrift gelangt, die Wehner im Moskauer Exil angefertigt hatte. In einem Brief vom 17. Januar 1959 schrieb Wollenberg: »Liebe Grete, Ich lese gerade die ›vertrauliche‹ Denkschrift von Herbert Wehner mit den niederträchtigen Angriffen gegen Remmele, Neumann und alle anderen, die zu Wehners Regierungszeit im ZK der KPD von Ulbricht, ihm und der GPU verfolgt und liquidiert wurden.«63 Buber-Neumann sah sich dadurch in ihrer Annahme bestätigt, dass Wehner noch immer ein kommunistischer Agent sein müsse. Seine Befürwortung der Neuen Ostpolitik verstärkte ihre Skepsis. Sie sammelte Material über Wehner, um ihre Vermutung zu untermauern, dass er ein »gesamtdeutscher Ulbricht« werden wolle.64 Ihr kompromissloser Antikommunismus und ihre vehemente Kritik an jeder Annäherung an die DDR brachte Buber-Neumann mehrere Einladungen des überparteilichen Kuratoriums Unteilbares Deutschland. In einem Vortrag über die Auswirkungen von 1968 rechnete sie mit dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund und anderen Studentenorganisationen ab, die sie für Schrittmacher der kommunistischen Bestrebungen hielt. Wenn ihre Ideologie von dem »Marcuse-Wust« befreit werde, trete ihr marxistisch-leninistischer Kern zum Vorschein.65 Zur Distanzierung Buber-Neumanns von den Achtundsechzigern trugen sicherlich auch die unkritische Begeisterung nicht geringer Teile der Studentenbewegung für nationale Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt und die bisweilen ressentimentgeladene Kritik an den Vereinigten Staaten von Amerika bei, die Buber-Neumann als Garantiemacht der Freiheit und einzigen Schutz gegen die sowjetische Bedrohung begriff. Dass die Unterstützung der chinesischen Kulturrevolution oder gar der Roten Khmer in Kambodscha durch deutsche Studenten Buber-Neumann vor dem Hintergrund ihres Lebenswegs mehr als suspekt erschien, liegt auf der Hand. Sie hielt jedoch auch die Gewerkschaften für kommunistisch infiltriert und hegte den Verdacht, dass die Bundeswehr systematisch unterwandert werde, um die nationale Verteidigungsfähigkeit zu unterminieren. Letztlich mache die kommunistische Subversion auch vor den Kirchen nicht halt. Der Antikommunismus Buber-Neumanns barg bereits frühzeitig verschwörungstheoretische Tendenzen in sich, die sich aus ihren Erlebnissen in der Zwischenkriegszeit herleiteten. Sie wusste aus persönlicher Erfahrung, wie die Komintern agierte, und sie hatte die Skrupellosigkeit erlebt, wenn Menschen sich dem Dienst einer höheren Sache verschrieben. Diese nachvollziehbare Position steigerte sich bei Buber-Neumann aber im Laufe der Jahre zu einer geradezu paranoiden Sicht, die überall Feinde witterte und reale Gefahren für die bundesrepublikanische Gesellschaft nicht mehr von Übertreibungen und Einbildungen zu unterscheiden vermochte.66 Ihre Annäherung an revisionistische Positionen provozierte eine Auseinandersetzung mit Erich Wollenberg, der sich für die Anerkennung der politischen Realitäten und damit der Existenz der DDR aussprach. Eine kritische Haltung erfordere die Anpassung an neue Gegebenheiten. In einem Brief vom 27. März 1971 an Buber-Neumann formulierte er diese Position: »Damals, in den Jahren nach 1945, war es auch meiner jetzigen Meinung nach richtig, die Rückgabe der von Stalin und seinen Satelliten annektierten deutschen Ostgebiete zu verlangen. Jetzt leben und arbeiten in diesen Ostgebieten Millionen russische und polnische Menschen, von denen 60 % bereits dort geboren sind. Heute […] die Oder-Neiße-Grenze und die DDR nicht anzuerkennen, ist meines Erachtens eine verbrecherische Demagogie und gefährdet jede friedliche Regelung in unserem armen Europa ...«67 Er sei eben ein kritischer Kommunist und damit Antistalinist geblieben, während sich Buber-Neumann der CDU/CSU und den Vertriebenenverbänden angenähert habe. Von der KPD zur CDU Ihre Ablehnung gegenüber der sozial-liberalen Politik beabsichtigte Buber-Neumann noch öffentlichkeitswirksamer zum Ausdruck zu bringen. Im Jahre 1975 trat sie deshalb dem hessischen Landesverband der CDU bei, der unter dem Vorsitzenden Alfred Dregger als besonders rechts galt.68 Anfang der 1980er Jahre wurde sie auch Mitglied im Bund Freiheit der Wissenschaft und revidierte ihren Kirchenaustritt von 1926.69 Zu ihren Geburtstagen erhielt Buber-Neumann Ehrungen von CDU-Parteigremien und besonders von der Presse aus dem Springer-Verlag. 1981 wurde ihr das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen.70 Nach ihrer Einstellung gefragt, antwortete sie: »Ich bin konservativ und Mitglied der CDU.«71 Für die wenigen Linken, die sich überhaupt noch mit Buber-Neumann befassten, war ihr Engagement für den CSU-Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauß, den sie als Hauptantagonisten von Herbert Wehner sah, der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.72 Eine Annäherung an die CSU hatte sich bereits im Laufe der 1970er Jahre angebahnt, nachdem Buber-Neumann einen Artikel im Bayernkurier zu einer WDR-Dokumentation über das Hotel Lux in Moskau publiziert hatte, in der Wehner, aber nicht sie selbst zu Wort gekommen war.73 Aufgrund ihres politischen Wandels wurde Margarete Buber-Neumann von der Linken geschmäht. Eine Beschäftigung mit ihren doppelten Erfahrungen des Nationalsozialismus und des Stalinismus, also der Inhaftierung im kasachischen Gulag, der Auslieferung an das NS-Regime und der Haft in Ravensbrück, fand selbst bei Linksliberalen kaum noch statt.74 Buber-Neumanns Entwicklung von der linkssozialistischen Antikommunistin, die bereits unmittelbar nach 1945 eine Beschäftigung mit dem stalinistischen Totalitarismus forderte, hin zu einer rechtskonservativen Publizistin, die mit revisionistischen Organisationen kooperierte und anscheinend einer verschwörungstheoretischen Weltsicht verfallen war, machte es ihren Kritikern äußerst einfach, sie schlichtweg zu ignorieren. Diese Abkehr verhinderte eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Schicksal Buber-Neumanns in der Linken. Zugleich war jedoch die verbreitete Nichtthematisierung der stalinistischen Verbrechen in der unmittelbaren Nachkriegszeit ein Grund für Margarete Buber-Neumann gewesen, sich von ihrer politischen Herkunft zu entfernen. Ein nicht geringer Teil der westdeutschen Linken wollte im Kontext des Kalten Krieges nicht der hegemonialen antikommunistischen Stimmung in die Hände spielen und zog es vor, zu schweigen. Diese Haltung war für Buber-Neumann angesichts ihrer persönlichen Erlebnisse unmöglich. Sie erblickte in der schonungslosen Auseinandersetzung mit dem Stalinismus vielmehr eine Prämisse für die Erneuerung einer demokratisch-sozialistischen Position, unabhängig vom gesellschaftlich hegemonialen Antikommunismus. Diese Differenz hinsichtlich des Umgangs mit dem Stalinismus steigerte sich zu einer Entfremdung, die letztlich nicht mehr zu überbrücken war und zum endgültigen Bruch Buber-Neumanns mit der Linken führte.75 Ihre Verbitterung über die inkrementelle Annäherung der Bundesrepublik an die Staaten des Ostblocks, die Verständigungspolitik, aber auch die Liberalisierung der westdeutschen Gesellschaft im Zuge der Achtundsechzigerbewegung schlug sich in einer dogmatischen Verhärtung ihrer Haltung nieder. Bereits Anfang der 1950er Jahre wurde eine derartige Entwicklung ehemaliger Kommunisten als Möglichkeit antizipiert: »Der bekehrte Kommunist erliegt leicht der Gefahr, zu weit in die entgegengesetzte Richtung zu pendeln. Er neigt dazu, gerade die Dogmen zu übernehmen, um deren Zerstörung es ihm ehemals gegangen war. Seine Enttäuschung ist so groß, dass er bereit ist, seine Bundesgenossen da zu nehmen, wo sie sich ihm bieten. Das ist verhängnisvoll, wenn auch begreiflich.«76 Die Autorin dieser Zeilen ist Margarete Buber-Neumann. 1 Ihre eigene Sicht auf den Kravčenko-Prozess legte Margarete Buber-Neumann im dritten Teil ihrer Autobiografie dar: Margarete Buber-Neumann: »Freiheit, du bist wieder mein …«. Die Kraft zu überleben, München/Wien 1978, S. 241–255. Siehe auch Gisela Rassow: »Weil ich meine Erfahrungen nicht begraben konnte.« Margarete Buber-Neumann, Berlin 2004, S. 123–127. 2 Margarete Buber-Neumann: Mein Weg zur Aktion, in: Die Aktion 1 (1951), H. 1, S. 3–8, hier S. 4. 3 Siehe Soviet Official Here Resigns. Assails »Double-Faced« Policies. Red Official Here Denounces Stalin, in: New York Times vom 4. April 1944. 4 Daily Worker Scores Red for Resignation. Calls Kravchenko a »Petty Traitor« in »Hitler’s Nets«, in: New York Times vom 6. April 1944. Kurz darauf ließ die sowjetische Botschaft in Washington verlautbaren, dass Kravčenko ein Deserteur sei, der dem Dienst in der Armee entgehen wolle, und verlangte die Auslieferung. Siehe Kravchenko Denounced. Soviet Embassy Calls Accuser an Army Deserter, in: New York Times vom 7. April 1944. 5 Englische Originalfassung: Victor Kravchenko: I Chose Freedom, New York 1946. Deutsche Ausgabe: Wiktor Krawtschenko: Ich wählte die Freiheit. Das private und politische Leben eines Sowjetbeamten, Zürich 1947. Das Buch wurde in 22 Sprachen übersetzt. Allein in Frankreich verkauften sich 500 000 Exemplare. Siehe Louis Bodin: Autour de Kravchenko. Relectures [Rund um Kravčenko. Re-Lektüren], in: Politix 5 (1992), H. 18, S. 129–136. Kravčenko wurde 1966 in einem New Yorker Hotel unter ungeklärten Umständen erschossen aufgefunden. 6 Siehe Sim Thomas: Comment fut fabriqué Kravchenko [Wie Kravcˇenko gemacht wurde], in: Les Lettres françaises vom 13. November 1947, S. 1. Bereits vor dem Prozess wurden Zweifel an der Existenz von Sim Thomas geäußert, weil er nicht ausfindig zu machen war. Die Vermutung, dass es Sim Thomas gar nicht gibt, legte der ehemalige Zeitschriftenherausgeber nahe. Siehe Claude Morgan: Les »don Quichotte« et les autres [Die »don Quichotte« und die anderen], Paris 1979, S. 189. Später stellte sich heraus, dass André Ullmann den Artikel geschrieben hatte, der für den sowjetischen Geheimdienst arbeitete. 7 Der Prozess wurde stenografiert. Maurice Garçon (Hg.): Le procès Kravchenko. Compte rendu sténographique [Der Kravčenko-Prozess. Stenografischer Bericht], Paris 1949. Auszüge in deutscher Übersetzung finden sich in Nina Berberova: Die Affäre Krawtschenko, Hildesheim 1991 und Boris Nossik: Der seltsame Prozess oder ein Moskauer Überläufer in Paris, Berlin 1992. Nina Berberova war Prozessbeobachterin für eine russische Exilzeitschrift in Paris. 8 So Buber-Neumann in dem Manuskript »Warum ich auf dem Krawtschenko-Prozess aussagte«, das sich in ihrem Nachlass in der Deutschen Nationalbibliothek, Deutsches Exilarchiv 1933–1945, Frankfurt am Main (im Folgenden: DEA) befindet. Siehe DEA, Nachlass Buber-Neumann, EB 89/193, II. F. 001. Ich danke Karin Kokot für die hilfreiche Unterstützung bei der Archivrecherche. Mein besonderer Dank gebührt Judith Buber-Agassi, die mir die Erlaubnis zur Einsicht in den Nachlass ihrer Mutter gewährte. 9 Siehe Buber-Neumann: Freiheit (Anm. 1), S. 234. 10 Buber-Neumann: »Warum ich auf dem Krawtschenko-Prozess aussagte« (Anm. 8). 11 Zitiert nach Nossik: Der seltsame Prozess (Anm. 7), S. 292. Die gesamte Aussage von Buber-Neumann, die auf Deutsch ausgesagt hat, aber für das Gericht übersetzt wurde, findet sich auf Französisch hier: Déposition de Mme Margarete Buber-Neumann [Zeugenaussage von Frau Margarete Buber-Neumann], in: Garçon: Le procès Kravchenko (Anm. 7), S. 261–282. 12 Siehe Geburtsurkunde Anna Margarethe Thüring, Potsdam am 24. Oktober 1901, in: DEA, Nachlass Buber-Neumann, EB 89/193, II.A. 001. Später änderte sie die Schreibweise ihres Rufnamens in Margarete. 13 Siehe hierzu vor allem Margarete Buber-Neumann: Von Potsdam nach Moskau. Stationen eines Irrwegs, München 1957. 14 Biografie Heinz Neumanns, in: Hermann Weber/Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004, S. 531–533, hier S. 532. 15 Das prominenteste Beispiel für eine Zusammenarbeit zwischen KPD und NSDAP ist der Streik bei den Berliner Verkehrsbetrieben im November 1932. Damals war Neumann zwar innerparteilich bereits kaltgestellt, er hatte die Politik der RGO aber selbst jahrelang forciert. Siehe Margarete Buber-Neumann: Kriegsschauplätze der Weltrevolution. Ein Bericht aus der Praxis der Komintern 1919–1943, Stuttgart 1967, S. 188. 16 »Ne croyez-vous pas, camarade Neumann, que, si le national-socialisme prend le pouvoir en Alle-magne, il sera suffisamment occupé à l’Ouest de telle sorte que nous pourrions tranquillement construire le socialisme en Russie.« Déposition de Mme Margarete Buber-Neumann [Zeugenaussage von Frau Margarete Buber-Neumann], in: Garçon: Le procès Kravchenko (Anm. 7), S. 261–282, hier S. 262. Nossik übersetzt hier nicht »Nationalsozialismus«, sondern »Faschisten«, was einen nicht zu unterschätzenden inhaltlichen Unterschied darstellt. 17 Der bedeutende Funktionär der internationalen kommunistischen Bewegung Willi Münzenberg und Ehemann von Babette Gross, der Schwester Buber-Neumanns, initiierte eine Solidaritätskampagne gegen die Auslieferung. Münzenberg selbst verfasste den Aufruf »Die Auslieferung des Genossen Heinz Neumann an die faschistischen Henker muß verhindert werden!«, in: Rundschau, Nr. 1 vom 3. Januar 1935, S. 39 f. Dieser Artikel und andere Solidaritätserklärungen, etwa der Internationalen Roten Hilfe, finden sich in: DEA, Nachlass Buber-Neumann, EB 89/193, II.A. 013. Zu Münzenberg siehe Babette Gross: Willi Münzenberg. Eine politische Biographie, Stuttgart 1967. 18 Siehe Hermann Weber: Hotel Lux. Die deutsche kommunistische Emigration in Moskau, in: Die politische Meinung, Nr. 443 vom Oktober 2006, S. 55–61. Diese Stationen beschreibt Margarete Buber-Neumann auch in ihrem am 22. September 1936 in Moskau verfassten »Parteilebenslauf«, den der Historiker Reinhard Müller im Komintern Archiv gefunden, dokumentiert und kommentiert hat. Siehe Reinhard Müller: Linie und Häresie. Lebensläufe aus den Kaderakten der Komintern (II): Erich Birkenhauer, Otto Unger, Margarete Buber-Neumann, in: EXIL. Forschung, Erkenntnisse, Ergebnisse 11 (1991), H. 1, S. 46–69. 19 Auch nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte Margarete Buber-Neumann, Informationen über das Schicksal ihres Ehemannes herauszufinden. So wandte sie sich unter anderem 1959 an das Rote Kreuz, erhielt aber keine Auskunft über den Verbleib von Heinz Neumann. Das Antwortschreiben vom 18. Februar 1960 des Deutschen Roten Kreuzes mit einem Auszug aus der Antwort des Sowjetischen Roten Kreuzes vom 23. Juli 1959 findet sich in: DEA, Nachlass Buber-Neumann, EB 89/193, II.A. 013. 20 »Le juge d’instruction ne m’a jamais reproché de faits précis, mais seulement mon attitude d’opposition à l’intérieur du Parti communiste allemande.« Déposition de Mme Margarete Buber-Neumann, in: Garçon: Le procès Kravchenko (Anm. 7), S. 261–282, hier S. 266. 21 So hieß es in einem Bericht des Continental News Service vom 4. März 1949: »A brief exchange between President Durkheim an Frau Buber-Neumann, [...] the most impressive witness brought forward by Maître Izard for Kravchenko, epitomised the gulf between Soviet and Western justice, which has revealed before astonished French eyes. President Durkheim asked Mrs. Neumann why she was sentenced by Soviet authorities to the Karaganda Camp in Kazakhastan. She replied: ›Because of my oppositional activities in the German Communist Party in 1930–1931.‹ Durkheim was completely at a loss and explained: ›No, I am asking you what are the precise facts and activities with which you were reproached.‹ And Mrs. Neumann, half smiling, repeated: ›No other facts. My oppositional activities in the German Communist Party in Germany in 1930–1931.‹« 22 »Je pose une question pour comprendre: est-ce que cet espace est clos? Y a-t-il un mur? [...] Alors, monsieur le Président, ce n’est pas un camp en français, c’est ce qu’on appelle une zone. [...] Un camp français c’est un endroit où il y a des murailles. Cela s’appelle, en France, une résidence forcée.« Déposition de Mme Margarete Buber-Neumann, in: Garçon: Le procès Kravchenko (Anm. 7), S. 261–282, hier S. 268. 23 Generell zur Auslieferung deutscher und österreichischer Antifaschisten siehe Hans Schafranek: Zwischen NKWD und Gestapo. Die Auslieferung deutscher und österreichischer Antifaschisten aus der Sowjetunion an Nazideutschland, 1937–1941, Frankfurt/M. 1990. 24 Die Flucht aus Ravensbrück beschreibt sie in ihrer Autobiografie: Margarete Buber-Neumann: Als Gefangene bei Stalin und Hitler. Eine Welt im Dunkel, Stuttgart 1958, S. 295–308. Zur Interpretation der autobiografischen Schriften Buber-Neumanns siehe Hermann Kuhn: Bruch mit dem Kommunismus. Über autobiografische Schriften von Ex-Kommunisten im geteilten Deutschland, Münster 1990, S. 37–51. Generell zu Selbstdarstellungen von »Renegaten« siehe die allerdings stark psychologisch argumentierende Darstellung von Ernst-August Roloff: Exkommunisten. Abtrünnige des Weltkommunismus. Ihr Leben und ihr Bruch mit der Partei in Selbstdarstellungen, Mainz 1969. 25 Siehe auch Materialsammlung zum Kravčenko-Prozess, Paris 1949, in: DEA, Nachlass Buber-Neumann, EB 89/193 II.F. 001. Es berichteten nicht nur französische und deutschsprachige Zeitungen, sondern auch spanische, skandinavische und englischsprachige. Siehe zur französischen Berichterstattung etwa: Le coup de grâce. Mme Neumann démontre que c’est Staline qui livra les communistes allemands à la hache de Hitler [Der Todesstoß. Frau Neumann beweist, dass es Stalin war, der die deutschen Kommunisten an die Axt Hitlers auslieferte], in: L’Aurore. France Libre vom 24. Februar 1949; Des Bagnes de Sibérie à Ravenbruck. Dramatique déposition au procès Kravchenko [Von den Strafkolonien Sibiriens nach Ravensbrück. Dramatische Aussage im Kravčenko-Prozess], in: Figaro vom 24. Februar 1949; »J’ai été déportée en Russie puis livrée aux nazis« affirme Mme Neumann communiste allemande [»Ich wurde nach Russland deportiert und dann an die Nazis ausgeliefert«, behauptet die deutsche Kommunistin Frau Neumann], in: Combat vom 24. Februar 1949. 26 »Wenn meine Großmutter Räder hätte«, in: Der Spiegel vom 26. Februar 1949, S. 9–13, hier S. 12. In einem anderen Artikel hieß es: »Die eigentliche Sensation, die auch in der Auslandspresse unter stärksten Schlagzeilen hervorgehoben wurde, bildete aber die Aussage von Frau Buber-Neumann [...].« Der Gnadenstoß. Moralische Hinrichtung, in: Echo der Woche vom 4. März 1949. 27 Le clan kravchenkiste s’est servi hier d’un condamné à mort de trotzkystes et d’un déserteur [Die Kravchenko-Sippe bediente sich gestern eines zum Tode Verurteilten Trotzkisten und eines Deserteurs], in: L’Humanité vom 24. Februar 1949. 28 Auch dieser Artikel findet sich in: DEA, Nachlass Buber-Neumann, Materialsammlung zum Kravčenko-Prozess, EB 89/193 II.F. 001. 29 Zur Urteilsverkündung und den Reaktionen der Anwälte siehe Berberova: Affäre (Anm. 7), S. 313–319. 30 Siehe die Aussagen von Dominique Desanti, die für die kommunistische Presse über den Prozess berichtete, und von Edgar Morin – bis 1951 KPF-Mitglied – in der Fernsehdokumentation von Bernard George: L’affaire Kravchenko. La guerre froide à Paris [Die Kravčenko-Affäre. Der Kalte Krieg in Paris], 2012. 31 Margarete Buber-Neumann: Mein Weg zur Aktion, in: Die Aktion 1 (1951), H. 1, S. 3–8, hier S. 6. Zur Tiefenwirkung des Kravčenko-Prozesses siehe auch Wolfgang Kraushaar: Sonnenuntergang. Das Verhältnis europäischer Intellektueller zum Kommunismus im Spiegel dreier Prozesse (1993), in: ders.: Linke Geisterfahrer. Denkanstöße für eine antitotalitäre Linke, Frankfurt/M. 2001, S. 31–58. Eine linkssozialistische Zeitschrift gleichen Namens hatte Franz Pfemfert bereits 1911 gegründet. Auch die Zeitschrift von Buber-Neumann verstand sich bei ihrer Gründung als linkssozialistisch, rückte von dieser Linie jedoch mehr und mehr ab. Als Pfemfert im mexikanischen Exil erfuhr, dass die Zeitschrift von Buber-Neumann »Aktion« hieß, verfasste er einen erbosten Leserbrief: »Man will mir Die Aktion rauben! […] Die Frau des deutschen Stalinvertreters Heinz Neumann, den Stalin liquidieren ließ wie andere lästige Mitwisser, Frau Margarete Buber-Neumann beabsichtige, meine Zeitschrift ›Die Aktion‹ herauszugeben.« Franz Pfemfert, Leserbrief im »Aufbau« (New York) vom 13. April 1951, in: Margarete Buber-Neumann. Mit einem Essay von Michaela Wunderle (= Reihe apropos, Bd. 17), Frankfurt/M. 2001, S. 89 f. Pfemfert strengte einen Urheberrechtsprozess gegen Buber-Neumann an, den er allerdings 1952 in zweiter Instanz verlor. 32 Siehe Michael Hochgeschwender: Freiheit in der Offensive? Der Kongress für kulturelle Freiheit und die Deutschen, Oldenburg 1998; zur Bedeutung der ehemaligen kommunistischen Intellektuellen im KKF siehe Daniela Muraca: Die Rolle der exkommunistischen Intellektuellen beim Kongress für kulturelle Freiheit, in: Ulrich Mählert u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2011, Berlin 2011, S. 155–176. 33 Ihre Abrechnung mit dem Kommunismus sowie die Geschichten der früheren kommunistischen Weggefährten André Gide und Louis Fischer finden sich in: Richard Crossmann (Hg.): The God that failed. A Confession, New York 1949. 34 Zur Entwicklung des KKF siehe Peter Coleman: The Liberal Conspiracy. The Congress for Cultural Freedom and the Struggle for the Mind of Postwar Europe, New York/London 1989. Nachdem aufgrund eines Artikels in der »New York Times« die Finanzierung des KKF durch den amerikanischen Auslandsgeheimdienst Central Intelligence Agency (CIA) ruchbar geworden und die Reputation zerstört war, löste sich die internationale Gemeinschaft antikommunistischer Intellektueller 1967 auf. 35 In der wissenschaftlichen Debatte ist der Totalitarismusbegriff umstritten und sein Gebrauch vielfältig. Zu unterschiedlichen Totalitarismustheorien siehe Wolfgang Wippermann: Totalitarismustheorien. Die Entwicklung der Diskussion von den Anfängen bis heute, Darmstadt 1997 und Achim Siegel (Hg.): Totalitarismustheorien nach dem Ende des Kommunismus, Köln/Weimar 1998. Speziell zur linken Totalitarismuskritik siehe Mike Schmeitzner: Totalitarismuskritik von links. Deutsche Diskurse im 20. Jahrhundert, Göttingen 2007. 36 Siehe den Bericht des Magazins »Stern« über die Gründung des Kongresses für Kulturelle Freiheit, H. 28, 3. Jg. vom 9. Juli 1950, S. 28 f., hier S. 29. Dort ist auch ein Foto von Margarete Buber-Neumann abgedruckt. Zur Gründung des KKF aus Sicht Buber-Neumanns, siehe dies.: Freiheit (Anm. 1), S. 271–273. 37 Siehe David Rousset: L’univers concentrationnaire [Das Konzentrationslager-Universum], Paris 1946 und ders.: Les jours de notre mort [Die Tage unseres Todes], Paris 1947. 38 Zur Situation in der Sowjetunion siehe die von der Kommission erstellten Publikationen: David Rousset: Police-State Methods in the Soviet Union, Boston 1953; ders.: Coercion of the Worker in the Soviet Union, Boston 1953. 39 Alexander Weißberg-Cybulski wurde um 1900 in einer jüdischen Familie im Habsburgerreich in Krakau geboren. Er war Kommunist und wurde ein berühmter sowjetischer Physiker. Während des Großen Terrors wurde er verhaftet und 1940 vom NKWD an die Deutschen ausgeliefert. Bereits Anfang der 1950er Jahre schrieb er ein Buch, das maßgeblich den stalinistischen Terror in Westeuropa bekannt machte. Siehe Alexander Weißberg-Cybulski: Hexensabbat. Rußland im Schmelztiegel der Säuberungen, Frankfurt/M. 1951. Dass Arthur Koestler in der Neuauflage von 1977 das Vorwort verfasste, ist alles andere als zufällig. 40 Der entsprechende Brief vom 17. Juli 1950 ist enthalten in: DEA, Nachlass Buber-Neumann, EB 89/193, I.A. 591. Siehe außerdem das offizielle Schreiben des französischen Konsulats in Frankfurt am Main vom 7. November 1950, in: DEA, Nachlass Buber-Neumann, EB 89/193, I.B. 137. 41 Bedeutsam für die Entstehung einer antitotalitären Denkrichtung in Frankreich war die Gruppe der »Nouveaux Philosophes«, zu der unter anderem Bernard-Henri Lévy, André Glucksmann und Alain Finkielkraut zählten. Als Gründungstext gilt Bernard-Henri Lévy: Les Nouveaux Philosophes. Le dossier [Die Neuen Philosophen. Das Dossier], in: Les Nouvelles Littéraires vom 10. Juni 1976, S. 15–22. Die Neuen Philosophen forcierten auch die Auseinandersetzung mit Aleksandr Solženicyns »Archipel Gulag«. 42 Zitiert nach Kraushaar: Sonnenuntergang (Anm. 31), S. 47. 43 Frau Buber-Neumann verklagt kommunistischen Redakteur, in: Neue Zeitung vom 25. Mai 1950. 44 »Der kommunistische Landtagsabgeordnete und Chefredakteur der SVZ, Emil Carlebach, war von Eichelsdörfer als der Verfasser des von der Klägerin beanstandeten Artikels benannt worden. Carlebach hielt die darin aufgestellten Behauptungen auf Befragen vor Gericht aufrecht.« Zusammenarbeit NKWD – Gestapo? Vor dem Prozess Grete Buber-Neumann gegen Carlebach, in: Neue Zeitung vom 25. Mai 1950. 45 Emil Carlebach: Trotzkisten und Unternehmervertreter – die USA-Propagandakoalition gegen die Werktätigen, in: Sozialistische Volkszeitung, Nr. 119 vom 25. Mai 1950. 46 Auch hierzu sammelte Buber-Neumann Zeitungsartikel, siehe in: DEA, Nachlass Buber-Neumann, EB 89/193; IV. E. 001. 47 Lenin und der Codex Justinianeus. Prozeß Margarete Buber-Neumann contra Carlebach vor dem Amtsgericht Frankfurt-Höchst, in: Neue Zeitung vom 19. Januar 1951. 48 Die Verwendung des Begriffs Antikommunismus ist sehr vielfältig. Zur Genese und Differenzierung unterschiedlicher Konnotationen siehe Andreas Wirsching: Antikommunismus als Querschnittsphänomen politischer Kultur 1917–1945, in: Stefan Creuzberger (Hg.): »Geistige Gefahr« und »Immunisierung der Gesellschaft«. Antikommunismus und politische Kultur in der frühen Bundesrepublik, München 2014, S. 15–28. Außerdem Bernd Faulenbach: »Antikommunismus« als Problem der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Skizze über einen ungeklärten Begriff der Nachkriegsgeschichte, in: Hermann Weber u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2008, Berlin 2008, S. 231–238. 49 Zitiert aus: Um Recht und Wahrheit. Der Prozess Marg. Buber-Neumann gegen Carlebach, Aktion. Sonderdruck, Frankfurt/M. 1951, S. 4. Die gesamte eidesstattliche Versicherung vom 4. Mai 1951 von Benedikt Kautsky ist abgedruckt in: Schafranek: NKWD (Anm. 23), S. 201–208. Im Nachlass von Buber-Neumann finden sich auch insgesamt sechs Briefe dazu, die zwischen dem 14. Juli 1949 und dem 21. Mai 1951 verfasst wurden: DEA, Nachlass Buber-Neumann, EB 89/193, I.A. 324. 50 Mit Ruth Fischer war Buber-Neumann in Briefkontakt. Siehe die Korrespondenz in: DEA, Nachlass Buber-Neumann, EB 89/193, I.A. 189. 51 »Stehe ich vor einem sowjetischen Gericht?« Der Prozeß Buber-Neumann gegen Carlebach vor dem Landgericht Frankfurt, in: Neue Zeitung vom 9. Mai 1951. 52 Die Auseinandersetzung sollte über vierzig Jahre später noch ein Nachspiel haben. Als der österreichische Historiker Hans Schafranek den Prozess zwischen Buber-Neumann und Carlebach in seinem Buch »Zwischen NKWD und Gestapo« aufgriff, strengte Carlebach eine Zivilklage an, die er jedoch in den meisten Punkten verlor. Siehe hierzu Kraushaar: Sonnenuntergang (Anm. 31), S. 53–57. 53 Siehe die Beschreibung eines Treffens im Haus des ehemaligen deutschen Emigranten und jetzigen US-Leutnants Sigi Höxter, bei dem einige hohe Parteifunktionäre, darunter Kurt Schumacher, anwesend waren, in: Buber-Neumann: Freiheit (Anm. 1), S. 90–93. Darauf nimmt auch ein Brief des SPD-Parteivorstands vom 1. Dezember 1946 Bezug, der sich im Nachlass befindet: DEA, Nachlass Buber-Neumann, EB89/193, I.B. 315. 54 Siehe Ernst Cincera: Die Erfahrungen von Margarete Buber-Neumann mit der SPD, in: Konrad Löw (Hg.): Verratene Treue. Die SPD und die Opfer des Kommunismus, Köln 1994, S. 19–36, hier S. 33. 55 Buber-Neumann: Mein Weg zur Aktion (Anm. 2), S. 7. 56 Die erste Ausgabe von »Frei-Sein. Schweizerische Widerstandsschrift für Männer und Frauen, Jünglinge und Töchter« erschien im Januar 1951. Druckbelege der Zeitschrift in: DEA, Nachlass Buber-Neumann, EB 89/193 III.K. 001. 57 Zum Verhältnis von Buber-Neumann und Herbert Wehner siehe Bernd Faulenbach: Der Umgang mit den Emigrationserfahrungen ehemaliger Kommunisten in der bundesdeutschen Öffentlichkeit – die Beispiele von Margarete Buber-Neumann und Herbert Wehner, in: Horst Möller/Aleksandr Cubar’jan (Hg.): Mitteilungen der Gemeinsamen Historikerkommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen, Bd. 4, München 2010, S. 140–148. 58 Das zerstörte Verhältnis wurde schon in einem Brief des SPD-Parteivorstands vom 24. Mai 1952 deutlich: »Wir haben dagegen eine Reihe von Mitgliedern der SPD, die ursprünglich als Förderer Ihres Institutes genannt wurden, über die gegen die SPD gerichtete publizistische Tätigkeit informiert, für die Sie als Herausgeberin der Zeitschrift ›Aktion‹ verantwortlich sind. Wir glauben, dass die in Ihrer Zeitschrift veröffentlichten und zum Teil maßlosen Attacken Sozialdemokraten nicht die Möglichkeit geben, mit Ihnen zusammenzuarbeiten.«, in: DEA, Nachlass Buber-Neumann, EB 89/193, I.B. 315. Zum Verhältnis Buber-Neumanns zur SPD siehe Ernst Cincera: Die Erfahrungen von Margarete Buber-Neumann mit der SPD, in: Löw (Hg.): Verratene Treue (Anm. 54), S. 19–36. 59 Margarete Buber-Neumann: Versöhnung mit Israel. Ein Vortrag, gehalten am 24. Januar 1952 vor Studenten der Universität Mainz, in: Aktion 2 (März 1952), H. 13, S. 15–18, hier S. 15. 60 Der Artikel findet sich in: DEA, Nachlass Buber-Neumanns EB 89 /193, I.B. 216. 61 Siehe Eva Oberlosekamp: »Kalte Kriegerin« oder Kämpferin für Demokratie und Menschenrechte? Die Kommunismuskritik Margarete Buber-Neumanns und die Bundesrepublik der 1960er Jahre, in: Bernhard Gotto u. a. (Hg.): Krisen und Krisenbewusstsein in Deutschland und Frankreich in den 1960er Jahren, München 2012, S. 245–256. 62 Buber-Neumann erhielt für ihre Arbeit über mehrere Jahre für sich und ihre Schwester, Babette Gross, ein Stipendium von vierteljährlich 210 Dollar. Die Korrespondenz mit dem europäischen Hauptquartier des Kongresses in Paris befindet sich im Nachlass: DEA, Nachlass Buber-Neumann, EB 89/193, I.B. 076. 63 Erich Wollenberg an Margarete Buber-Neumann, Brief vom 17. Januar 1959, in: DEA, Nachlass Buber-Neumann, EB 89/193, I.A. 844. Zu Wehners Exil in Moskau, siehe Reinhard Müller: Die Akte Wehner. Moskau 1937–1941, Berlin 1993 und ders.: Herbert Wehner. Moskau 1937, Hamburg 2004. 64 So Buber-Neumann in einem nie veröffentlichten Manuskript, das unter dem Titel »Moskaus Mann in Bonn. Ist Wehner ein Sowjetagent?« als politische Biografie geplant war. Buber-Neumann war überzeugt, dass Wehner eine Mitschuld am Tod ihres Ehemannes trage, mehrmals zu Geheimtreffen nach Ost-Berlin gereist sei und auch den Sturz Willy Brandts als Bundeskanzler nach der Spionageaffäre um Günter Guillaume herbeigeführt habe. Über Wehners Charakter schreibt sie: »Er ist aggressiv, feige, verlogen, unsicher und voller Selbstmitleid, falls jemand wagt, ihn anzugreifen.« Das Manuskript und eine umfangreiche Materialsammlung über Wehner befinden sich ebenfalls in: DEA, Nachlass Buber-Neumann, EB 89/193 III.B. 006. 65 So wird aus einem Vortrag Buber-Neumanns bei der Jahresversammlung des »Kreiskuratoriums Waldeck. Unteilbares Deutschland« in einem Artikel der Waldeckischen Allgemeinen vom 30. April 1969 zitiert. Einladungen des Kuratoriums und Zeitungsberichte dazu in: DEA, Nachlass Buber-Neumann, EB 89/193, I.B. 226a. 66 Ein Beispiel dafür ist auch: Margarete Buber-Neumann: Der kommunistische Untergrund. Ein Beitrag zur Geschichte der kommunistischen Geheimarbeit, Mühlheim 1970. Darin finden sich Kapitel wie »Kirche und Unterwanderung«, »Infiltration der Gewerkschaften und Betriebe« und »Die Zersetzung der Bundeswehr«. Buber-Neumann ging davon aus, dass die kommunistische Taktik sich auch nach 1945 nicht geändert habe und das Ziel noch immer die Weltrevolution sei, wie sie es in ihrer aktiven Zeit in der Komintern erlebt hatte. Siehe hierzu Margarete Buber-Neumann: Kriegsschauplätze der Weltrevolution. Ein Bericht aus der Praxis der Komintern 1919–1943, Stuttgart 1967. 67 Brief von Wollenberg an Buber-Neumann, in: DEA, Nachlass Buber-Neumann, EB 89/193, I.A. 844. 68 Buber-Neumann erhielt die Mitgliedsnummer 10147 und ihr Ausweis trägt den Datumsstempel vom 15. September 1975, in: DEA, Nachlass Buber-Neumann, EB 89/193, II.A. 007. 69 Siehe die Urkunde über den Rücktritt zur Evangelischen Kirche vom 21. März 1982, in: DEA, Nachlass Buber-Neumann, EB 89/193, II.A. 008. 70 Aus diesem Anlass telegrafierte ihr Axel Springer persönlich: »Wie sollte man sich nicht herzlich freuen, wenn die tapferste der Tapferen, die geliebte Margarete Buber-Neumann öffentlich ausgezeichnet wird.« Zitiert nach: »Behüte Gott« die tapferste der Tapferen, in: Welt am Sonntag vom 15. Februar 1981. 71 Sie kennt das Geheimnis des Überlebens. Margarete Buber-Neumann sprach in der Frankfurter B’Nai-B’Rith-Loge, in: Frankfurter Neue Presse vom 27. März 1981. 72 Siehe Gabriele Schnell: Margarete Buber-Neumann. Ein Jahrhundertschicksal, in: dies. (Hg.): Potsdamer Frauen. Zehn Frauenschicksale vom Kaiserreich bis heute, Potsdam 1993, S. 99–108, hier S. 107. 73 Siehe Margarete Buber-Neumann: So verwischt man blutige Spuren. Wehner und die Sendung über das Hotel »Lux«, in: Bayernkurier vom 28. Juli 1973. 74 Eine Ausnahme ist Esther Schapira: Die ungeratene Tochter, in: Pflasterstrand, Nr. 215 vom 27. Juli–9. August 1985, S. 16–20. 75 Zum Bruch der Anti-Hitler-Koalition, der Ablösung des Antifaschismus durch den Antitotalitarismus in den westlichen Demokratien nach 1945 und der Instrumentalisierung des Antifaschismus als Staatsideologie in den realsozialistischen Ländern siehe Enzo Traverso: Im Bann der Gewalt. Der europäische Bürgerkrieg 1914–1945, München 2006, S. 298–303. Bei aller Kritik am Kommunismus und der Nutzung des Antifaschismus als stalinistische Legitimationsideologie wendet sich Traverso doch gegen den heutigen antitotalitären Konsens, der zu Unterscheidungen nicht mehr willens ist und ausblendet, welche Rolle der antifaschistische Kampf und auch die revolutionäre Gewalt für die Etablierung liberal-demokratischer Staaten gespielt haben. 76 Buber-Neumann: Mein Weg zur Aktion (Anm. 55), S. 7.

JHK 2015

Neues zum »Spiegel-Manifest« von 1977/78. Zwei Stasi-Dokumente werfen Fragen auf

Siegfried Suckut

Erweist sich der Versuch, einen Begriff klar zu definieren und operationabel zu machen, als aussichtslos, wird in den Sozialwissenschaften gern von dem Versuch gesprochen, einen Pudding an die Wand zu nageln.1 In der Geschichtswissenschaft geht es in der Regel um andere unüberwindbare Forschungsbarrieren, vorrangig um Informationsdefizite, die es trotz allen Bemühens nicht erlauben, Sachverhalte zu klären, sei es aus Quellenmangel, sei es, dass sich noch lebende Akteure widersprüchlich äußern, falsche Fährten legen oder beschlossen haben zu schweigen. Sich dennoch mit einem solchen Thema zu befassen, an dem sich schon andere vergeblich versucht haben, kommt mitunter der Absicht gleich, ein nasses Stück Seife in den Griff zu bekommen. Die Öffnung der DDR-Archive nach der Vereinigung hat es in vielen Fällen ermöglicht, Antworten auf offene Forschungsfragen zu geben und Hintergründe auszuleuchten, die bisher im Dunkeln geblieben sind – eine Sternstunde für die einschlägige Zeitgeschichtsschreibung. Die früher oft zur Spekulation verdammten Analytiker schwelgten in Informationen, die es jetzt zuweilen im Überfluss gab. Man denke nur an den riesigen Aktenbestand des früheren Ministeriums für Staatssicherheit, den ein mutiger Gesetzgeber ohne Sperrfrist zugänglich gemacht hatte. Doch schon bald wurde klar, dass manch bedauerliches Quellendefizit geblieben war. Die »Protokolle« der Sitzungen des SED-Politbüros etwa erwiesen sich weithin als bloße Auflistungen der Tagesordnungspunkte. Auch was der SED-Chef in den wöchentlichen Vieraugengesprächen mit Sicherheitsminister Mielke beriet, ist so unbekannt wie zuvor. Ganz zu schweigen von den Verhandlungen der DDR-Oberen mit den Vertretern der sowjetischen Führungsmacht, von denen nur wenig dokumentiert und zugänglich ist. Das Spiegel-Manifest – Inhalt, Informations- und Diskussionsstand vor 1990 Zu den Episoden deutscher Nachkriegsgeschichte, die vor der Vereinigung stets geheimnisumwittert waren, gehörte das vom Hamburger Nachrichtenmagazin Der Spiegel Ende 1977/Anfang 1978 veröffentlichte »Manifest« eines »Bundes Demokratischer Kommunisten Deutschlands« (BDKD) in der DDR. Dessen Endfassung hatte der Ost-Berliner Wirtschaftsprofessor Hermann von Berg formuliert und unter abenteuerlichen Umständen weitergeleitet: Rund um Weihnachten 1977 lud er den Spiegel-Korrespondenten Ulrich Schwarz zu sich nach Schöneiche bei Berlin ein und diktierte ihm etappenweise den umfangreichen Aufruf der bis dahin unbekannten Gruppe von oppositionellen SED-Mitgliedern. Schwarz erlebte vermutlich seine Sternstunde als Journalist und schrieb sich – nicht nur im übertragenen Sinne – die Finger wund.2 Die Veröffentlichung im Nachrichtenmagazin als »Manifest der ersten organisierten Opposition in der DDR« Anfang Januar 1978 schlug in der westdeutschen Öffentlichkeit hohe Wellen.3 In allen Medien, selbst in den Fernsehnachrichten, wurde spekuliert, wer wohl die anonymen Verfasser sein könnten, wer hinter ihnen stand und was der Aufruf einer SED-internen Oppositionsgruppe deutschlandpolitisch und in der SED bewirken könnte.4 Die Autoren des Papiers wandten sich an die »Öffentlichkeit Deutschlands«, speziell an die DDR-Bevölkerung, und hatten es als Aufruf zum Handeln formuliert: »Propagiert und organisiert!« Sie warben dafür, in ganz Deutschland eine »demokratisch-kommunistische Ordnung« zu schaffen, und sahen sich in der Tradition von August Bebel, Rosa Luxemburg, Wolfgang Harich, Robert Havemann und Rudolf Bahro, nur bedingt auch in der von Marx und Lenin. Als Vorbild nannten sie die »Eurokommunisten«. Wie diese lehnten sie eine Diktatur des Proletariats ab, versprachen Parteienpluralismus, freie Wahlen und Gewaltenteilung. Zusammen mit Sozialisten und Sozialdemokraten wollten sie auf die Wiedervereinigung Deutschlands hinarbeiten, das sie sich als entmilitarisierten, neutralen Staat, als »Brücke zwischen Ost und West« vorstellten. Es gelte, einen eigenen deutschen Weg zum Sozialismus zu suchen. Die Zustimmung ihrer Adressaten hofften sie offenbar vor allem mit einer schroffen, zum Teil ins Persönliche gehenden Kritik an den Machtträgern in der Sowjetunion und der DDR zu gewinnen. Die in Moskau titulierten sie als neofaschistische Machthaber, als »objektiv reaktionär« wirkende »parasitäre Bürokraten«, sie seien »korrupt bis auf die Knochen«. Ähnlich klang, wie sie die Situation in der DDR beschrieben. Unter Honecker habe sich das »organisierte Chaos« bis zur »Unerträglichkeit« vergrößert, noch nie seien die »Werktätigen« so intensiv ausgebeutet worden wie heute. Zwei Dutzend Familien verhielten sich wie in einem Selbstbedienungsladen. Korruption, Amtsmissbrauch, Schmarotzertum und Nepotismus seien an der Tagesordnung. Protest sei unter diesen Umständen »die erste Bürgerpflicht«. Nur unbestimmt äußerten sich die Autoren zur angestrebten demokratisch-kommunistischen Wirtschaftsordnung. Beeindrucken wollten sie mit Kritik am Bestehenden, nicht mit einem Entwurf des Zukünftigen. Deutlich wurde immerhin, dass sie Befürworter des Leistungsprinzips waren, »reale, kostendeckende Preise« befürworteten und die Einkommen von Funktionären auf die der Arbeiter begrenzen wollten. Im Durchschnitt seien das 600 DDR-Mark im Monat. Allerdings sollte die DDR-Währung zukünftig frei konvertierbar sein. Keine Frage, auf die Mitglieder im Bund Demokratischer Kommunisten wartete noch viel Programmarbeit. Dessen waren sie sich wohl auch bewusst, denn sie betonten, das Manifest sei erst der Beginn einer Verständigung und Diskussion. Über den West-Berliner Rundfunk war der Wortlaut auch in der DDR bekannt und mitgeschnitten geworden. Tonbänder seien dort mittlerweile Mangelware, behauptete eine westdeutsche Tageszeitung.5 Doch die Resonanz im Osten war verhalten. Eine oppositionelle Initialzündung blieb aus. Nach den Turbulenzen um die Ausbürgerung Wolf Biermanns und der Inhaftierung Rudolf Bahros in den Jahren zuvor begann für den Staatssicherheitsdienst eine eher ruhige Zeit. Umso heftiger waren die Reaktionen in Bonn. Selbst der Bundestag debattierte über das Papier, die politischen Hintergründe und möglichen Folgewirkungen.6 Skeptiker wie der SPD-Politiker Egon Bahr und der Publizist Peter Bender wunderten sich über die Wortwahl und bezweifelten, dass es sich um einen Text (allein) von SED-Funktionären handelte.7 Der ausgebürgerte Liedermacher Wolf Biermann dagegen glaubte, »klares DDR-Deutsch« gelesen zu haben. Inhaltlich decke sich das meiste mit seinen Erfahrungen und Ansichten.8 Er empfahl den Autoren, anonym zu bleiben,9 und widersprach Wolfgang Harich, dem SED-Oppositionellen früherer Jahre, als der in einem dpa-Interview die Überzeugung äußerte, Biermann sei der Verfasser des Manifests, denn »Einfälle, Vergleiche, Bilder und Formulierungen« seien typisch für dessen Sprache.10 Andere spekulierten über Machtkämpfe in der SED oder witterten eine Intrige aus den Reihen der KPdSU-Führung. Stellung beziehen musste nicht zuletzt die Bundesregierung, die deutlich zu erkennen gab, dass ihr diese ins Persönliche gehende Fundamentalkritik an der SED-Führung ungelegen kam, weil sie das noch zarte Pflänzchen Entspannungspolitik zu gefährden schien. In »stillschweigendem Einverständnis« mit den Machtträgern in Ost-Berlin sahen die Sozialdemokraten um Kanzler Schmidt darin ein »dubioses Machwerk«, wie der Spiegel zu seinem Bedauern feststellen musste.11 Die Regierung hielt eisern an ihrer Klarstellung fest, »dass der Bundesnachrichtendienst und andere Behörden der Bundesrepublik Deutschland« mit der Veröffentlichung »nicht das geringste« zu tun hätten.12 Das war glaubhaft, weil die sozialliberale Koalition kein Interesse hatte, im Zeichen einer seit Helsinki deutlich an Fahrt gewinnenden Entspannungspolitik die Position ihres Ost-Berliner Ansprechpartners zu untergraben. Dokumentiert findet man mittlerweile, zu welchen Einschätzungen die Analytiker im zuständigen Ressort, dem Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen (BMB) und dessen Forschungseinrichtung, dem Gesamtdeutschen Institut, Bundesanstalt für gesamtdeutsche Aufgaben, gelangten. Was sie zum Spiegel-Manifest erarbeitet und gesammelt hatten, fassten sie in einem aus zwei Bänden bestehenden »Sonderordner 3580« zusammen. Neben den Analysen der hauseigenen DDR-Forscher sind in einem Beihefter auch deren Arbeitsmaterialien, speziell die Presseveröffentlichungen von Januar 1978, aufgenommen worden. Der Ordner ist jetzt, noch unpaginiert, im Bundesarchiv Koblenz zugänglich.13 Schon am 2. Januar 1978 legten die Experten im Ministerium eine Kurzanalyse des Manifests vor, dessen erste Kapitel gerade im Spiegel veröffentlicht worden waren. Noch war nicht bekannt, wie der Text an das Hamburger Magazin gelangt war. Die Sprache, so ihr Befund, lasse »weniger auf Verfasser in der DDR schließen«, sie deute auf »westliche Autoren« hin, »beispielsweise aus dem Bereich der K-Gruppen«. Eine Annahme, die jedoch gleich wieder verworfen wurde, denn als Wortmeldung einer kommunistischen Splittergruppe sei das Manifest »zu knapp und präzise im Magazinstil formuliert«. Zumindest eine Überarbeitung durch den Spiegel sei »nicht auszuschließen«. Spürbar sei die unterschwellige Sorge der Autoren, die DDR könnte gegen Korrespondenten vorgehen.14 Den Hinweis auf den »gut lesbaren Magazinstil« übernahm die Bundesregierung in ihren Bericht an den Bundestagsausschuss für innerdeutsche Beziehungen »Über die aktuellen Ereignisse im Verhältnis zur DDR«, den sie gleich nach Erscheinen des zweiten Teils des Manifests am 9. Januar 1978 erstattete.15 Ähnliches war bereits in der öffentlichen Diskussion geäußert worden, am deutlichsten von Peter Bender, einem der profiliertesten deutschlandpolitischen Publizisten in der Bundesrepublik. In einem Interview mit dem Westdeutschen Rundfunk, gleich nach der Publikation des ersten Teils, stand für ihn fest: »So schreiben Leute, die für den Spiegel schreiben« und einen »flotten West-Journalisten-Ton« treffen wollen, nicht von der SED Ausgebildete. Aus westlicher Sicht befürchtete er einen »Flurschaden« für die Deutschlandpolitik und bedauerte, dass die »offenkundige Fragwürdigkeit« des Textes weder vom Spiegel noch von den meisten Kommentatoren »bemerkt oder beachtet« worden sei. Stattdessen kommentiere jeder »drauflos«. Den Hauptschaden werde Honecker haben.16 In einem internen Gutachten des Gesamtdeutschen Instituts vom 3. Januar wurde die Vermutung geäußert,17 der Text könnte auf Tonband aufgenommen und in West-Berlin abgeschrieben worden sein. Darauf deuteten stilistische und sprachliche Besonderheiten hin, die für eine westliche Autorenschaft sprächen. Diese semantischen Hinweise tauchten auch im BMB-Entwurf des Berichts der Bundesregierung an den Bundestagsausschuss wieder auf, mit der abschließenden Klarstellung, der Regierung lägen »keine Kenntnisse über die Existenz der vom Spiegel genannten Gruppe« vor.18 Das konnte nur bedeuten, dass auch der Bundesnachrichtendienst über keine entsprechenden Informationen verfügte. In den überlieferten Regierungspapieren wurde durchweg die zunehmende Gewissheit deutlich, es handele sich nicht um eine Initiative der Stasi oder des KGB.19 Fasste man den aus dieser Akte abzuleitenden Kenntnisstand der Bundesregierung zusammen, so handelte es sich vermutlich um eine Ausarbeitung westlicher Provenienz, die aber nicht von staatlichen Stellen der Bundesrepublik, also auch nicht vom BND, verfasst worden war. Eine mögliche Autorenschaft der westdeutschen Splitterpartei KPD/Aufbauorganisation spielte in der Diskussion bald keine Rolle mehr, nachdem deren Chef, Christian Semler, das dementiert und darauf hingewiesen hatte, seine Partei würde nie befürworten, am »bürgerlichen Parlamentarismus« festzuhalten und auf die Diktatur des Proletariats zu verzichten, wie es die Autoren des Manifests getan hätten.20 Vor diesem Hintergrund ist die Spiegel-Meldung vom 16. Januar 1978 nicht überzeugend, das Bundeskabinett sei sich einig gewesen, »dass an der Authentizität des Papiers kaum zu zweifeln sei«.21 Bestätigt fühlen durften sich dagegen die Skeptiker im BMB, als sie die Information des Bundespresseamtes über eine Rundfunkdiskussion britischer Journalisten auf die Schreibtische bekamen. Im deutschsprachigen Programm der BBC hatte deren früherer Berlin-Korrespondent Trehan Jones auf den Punkt gebracht, was ihm am Spiegel-Manifest aufgefallen war, und, ähnlich wie schon Peter Bender, befunden, es sei im »Ton eines westlichen Intellektuellen« formuliert. Die »leitenden Herren dieser Zeitschrift«, so sein Eindruck, wollten »etwas Politisches erreichen«. Ihre Absicht scheine gewesen zu sein, Honecker noch mehr »zum Wackeln« zu bringen. Die Veröffentlichung des Manifests stelle die Bemühungen der SED-Führung infrage, nach der Biermann-Ausbürgerung wieder »Herr im Haus« zu werden.22 Waren nicht Oppositionelle in der SED Initiatoren der Publikation, sondern »leitende Herren« des Spiegel? Leider ist dieser Hypothese bisher wissenschaftlich nicht nachgegangen worden. Wohl um solchen Vermutungen vorsorglich entgegenzutreten, betonten die Repräsentanten des Magazins früh und mit Nachdruck die Authentizität des von ihnen Veröffentlichten. Rudolf Augstein machte in seiner Einleitung zur hauseigenen Dokumentation zufrieden darauf aufmerksam, dass das westliche Ausland die Echtheit des Manifests »fast durchweg akzeptiert« habe, und versicherte, beim Spiegel hätten sie nie an selbiger gezweifelt.23 Am 2. Januar hatte Ulrich Schwarz im ZDF noch dementiert, das Manifest an sein Blatt weitergeleitet zu haben, gleichwohl aber betont, der Spiegel habe sich »sehr genau« davon überzeugt, dass das Dokument echt sei.24 Zwei Tage später versicherte Verlagsdirektor Becker fast wortgleich im Deutschlandfunk, sie überblickten »klar und genau den Übermittlungsweg«,25 und Schwarz wiederum ergänzte kurz darauf, der Spiegel wolle die Namen der Autoren nicht nennen, um dem Staatssicherheitsdienst »keine Hinweise« zu liefern. Es sei deren Sache, »ob sie anonym bleiben« oder sich »selbst öffentlich stellen« wollten.26 Kannte der Spiegel also die Namen der SED-Oppositionellen? Der Verfasser fragte bei Ulrich Schwarz nach. Er dementierte. Keinen Hehl machte der Spiegel aus den von Trehan Jones vermuteten weitreichenden politischen Absichten. Schon der Veröffentlichung des Manifests hatte das Blatt zusammenfassende Ausführungen zur politischen Lage in der DDR vorangestellt, die als Charakterisierung des Ist-Zustands daherkamen, mehr aber die Hoffnungen der für das Magazin Verantwortlichen benannten, was sich in naher Zukunft entwickeln könnte, wenn nur ein Funke zündend übersprang. Ihn hätte das Manifest auslösen können. Die Opposition innerhalb der SED, so klärte das Blatt seine westdeutschen Leser auf, sei »weder tot noch entmutigt«. Selbst in »Keimzellen der ostdeutschen Staatspartei« werde erstmals seit den 1950er Jahren Widerspruch laut. Mittlere und höhere Parteifunktionäre hätten sich »in kleinen Zellen und konspirativ« zusammengeschlossen. Mit dem Gang in die Öffentlichkeit gewinne der Widerstand gegen die SED-Führung eine »neue Qualität«. Anders als in Westdeutschland sei das Thema Wiedervereinigung im Osten nach wie vor virulent und die Abscheu vor allem, was aus Moskau komme, gewachsen.27 In der ARD-Tagesschau räumte Chefredakteur Erich Böhme ein, er wisse nicht, wie viele Autoren an dem Text beteiligt waren, sei aber zuversichtlich, dass noch »wesentlich mehr dahinter stehen werden«, wenn das Manifest erst in der DDR bekannt würde. Dass es folglich Zweck der Veröffentlichung sei, den Verfassern eine größere Gefolgschaft zu sichern, verneinte er, doch ging es offenbar genau darum. Optimistisch war Böhme, weil er im Text »ein paar ganz entscheidende Dollpunkte« sah, »die die Leute in der DDR wahnsinnig machen« müssten. Er dachte unter anderem an die Prärogative der Sowjetunion in Ideologie und Wirtschaft.28 Der eng mit dem Spiegel kooperierende Wolf Biermann unterstützte indirekt diese Zuversicht und betonte, in der DDR gebe es »Tausende von kleinen Gruppen miteinander befreundeter Kommunisten«, die »ähnlich denken und hoffen wie wir«.29 Das hatte offenbar auch die DDR-Führung erkannt. Das Gerücht gehe um, so Biermann, sie rechne jetzt mit einem »echten [!] oppositionellen Manifest«.30 Gemessen an den eigenen Erwartungen muss Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein enttäuscht gewesen sein, als er in einem Kanzler-Interview mit seiner These, im Zuge der Entspannungspolitik werde es »im Grunde zu einer immer stärkeren Destabilität des DDR-Systems« kommen, auf staatsmännische Zurückhaltung stieß.31 Doch er sollte recht behalten. Sein Blatt konstatierte in den folgenden Monaten trotz ausbleibender offener Resonanz auf die Publikation des Manifests im Osten eine »fortdauernde Unruhe« in der DDR und sprach sich selbst Mut zu: »Dass Honecker seine Herrschaft auf Dauer stabilisiert hat, scheint zweifelhaft. Denn seine Probleme sind geblieben.«32 Diese Einschätzung war, nicht nur im Hinblick auf das Ende der DDR, realistisch. Die Ausbürgerung Biermanns hatte die Macht der SED spürbar geschwächt. Erstmals übten selbst prominente Parteimitglieder offen Kritik an der Politik ihrer Führung: Was mit der Veröffentlichung des Manifests erreicht werden sollte, war bereits ein erstes Mal DDR-Wirklichkeit geworden. Die Ausbürgerung war auch machtpolitisch eine Fehlentscheidung, von der sich die Partei nicht mehr völlig erholen sollte. Bewirkt hatte sie ausgerechnet Sicherheitsminister Mielke, dem es nach langem Bemühen gelungen war, Honecker zu dem Beschluss zu bewegen.33 Zusammen mit der Verhaftung Bahros und der »Kaffeekrise« im September 1977 schien die Herrschaft der SED erschüttert, was sich auch den Stimmungsberichten aus der Bevölkerung entnehmen ließ.34 Der Bürgerrechtler Jens Reich fragte sich später, ob nicht schon im Herbst 1977 der Versuch, die SED-Herrschaft durch Bürgerinitiative zu beenden, eine Chance gehabt hätte.35 Nach der Vereinigung Erwartet werden durfte, dass sich alle Zweifel an der Echtheit des Aufrufs nach der Vereinigung leicht würden widerlegen lassen. Die BDKD-Mitstreiter würden sich der Öffentlichkeit präsentieren und über ihre abenteuerliche Aktion informieren. Das hätte eine viel beachtete Pressekonferenz werden können mit gebührendem Lob für den Mut namenloser Oppositioneller in der SED. Doch nichts geschah, was manchen Beobachter argwöhnen ließ, es spreche »alles dafür«, dass es sich beim Manifest um »eine Fälschung, von welcher Seite auch immer produziert«, handele.36 Diese These blieb unbewiesen, sie ist bislang aber auch nicht widerlegt worden. Zweifel an der Echtheit versuchte postwendend der Leipziger Historiker Heinz Niemann zu entkräften, der nach eigenen Angaben »Beteiligter« am »informellen Geflecht« war, aus dem die Informationen stammten, auf denen das Manifest basierte. Doch blieben seine Ausführungen wenig erhellend.37 Er glaubte zu wissen, dass die Stasi sich in einer Dissertation mit dem Wirken der Gruppe befasst und bestätigt gefunden habe, dass es sich beim Manifest um ein »authentisches DDR-Produkt« gehandelt habe, das von westlicher Seite lediglich »mitinitiiert« worden sei. In der Redaktion des Spiegel, so habe er gehört, kursiere eine Kopie der Arbeit.38 Die Recherche in den Verzeichnissen der Hochschulschriften des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) ergab jedoch, dass keine solche Untersuchung angefertigt worden war. Ulrich Schwarz teilte dem Verfasser auf Anfrage mit, er könne sich nicht daran erinnern, sie in der Redaktion gesehen zu haben. Einen weiteren Dämpfer erhielten Aufklärungshoffnungen, als Hermann von Berg 1994 mitteilte, seine schriftlichen Unterlagen umgehend verbrannt zu haben, nachdem er den Text weitergeleitet hatte.39 Das war plausibel, für jeden Rechercheur aber demotivierend: Mal wieder war das nasse Stück Seife weggeflutscht. Mit Bedauern wird dies damals vor allem der West-Berliner Historiker Dominik Geppert zur Kenntnis genommen haben, der etwa zeitgleich den Versuch startete, mehr Licht in diese Grauzone deutscher Nachkriegsgeschichte zu bringen, und die Entstehung des Manifests, die Ziele seiner Verfasser und die Reaktionen in Ost und West zum Forschungsthema machte.40 Gepperts Befunde sind widersprüchlich. Sein zentrales Untersuchungsergebnis fasst er einleitend in dem Satz zusammen: »Das ›Manifest‹ ist das authentische Dokument einer SED-internen Opposition gegen die Politik Erich Honeckers.«41 Es sei »das letzte wichtige Zeugnis innerparteilicher Opposition in der DDR« gewesen vor Beginn der Friedens- und Umweltschutzbewegung.42 Andererseits kommt er zu der Erkenntnis: »Ein BDKD hatte nie existiert.«43 Lediglich ein »Grüppchen kritischer Geister« habe es gegeben. Doch, dass die den »Schritt an die Öffentlichkeit beschlossen haben«, sei »unwahrscheinlich«.44 Nach diesem Zwischenbefund hätte es nahegelegen, mit neuen Fragen zu klären zu versuchen, wer das Manifest verfasst und die Veröffentlichung initiiert hatte. Leider unterblieb dies. In den SED-Archivalien hatte Geppert offenbar kaum Neues gefunden und stellte nach Durchsicht auch der einschlägigen Akten des MfS bedauernd fest, dass das vergebliche Bemühen der Stasi, den Fall aufzuklären, zwar ein »Glück« für die Autoren des Manifests, für die zeitgeschichtliche Forschung aber ein »Unglück« gewesen sei.45 Zwanzig Jahre später hat sich die Quellenlage in einem wichtigen Punkt gebessert. Gepperts Hoffnung auf Neuigkeiten aus den Stasi-Akten war nicht unberechtigt. Bei der Auswertung einer ungeordneten Sammlung vom MfS konfiszierter Schreiben stieß der Autor dieses Beitrages auf ein Papier, bei dem es sich inhaltlich offensichtlich um eine Vorfassung des später im Spiegel veröffentlichten Manifests handelt.46 Hermann von Berg, damals Professor an der Humboldt-Universität, war nach eigener Aussage kein Mitglied des BDKD, aber politischer Mitstreiter der Oppositionellen. Er stand in engem Kontakt zu dieser Gruppe und war beauftragt, deren Öffentlichkeitsarbeit wahrzunehmen. Er hatte nach seiner 1988 veröffentlichten Darstellung im November 1977 den Entwurf einer »Erklärung des Bundes demokratischer Kommunisten Deutschlands« von den Autoren in der DDR zur Stellungnahme erhalten.47 Inhaltlich könnte das der von der Stasi archivierte Text gewesen sein. Man findet ihn in vollem Umfang im Wortlaut des Aufrufs wieder, wie ihn von Berg Ende Dezember 1977, so der bisherige Informationsstand, in seinem Wohnzimmer dem Spiegel-Korrespondenten Ulrich Schwarz in die Feder diktiert hatte. Die dann veröffentlichte Endfassung ist lediglich um einzelne eingeschobene Absätze erweitert. Wie von Berg später betonte, hatte er den verlesenen Text allein formuliert. Es habe sich um eine »Zusammenfassung« von »vorher zur Diskussion verbreitet gewesenen Papieren« der oppositionellen Gruppe gehandelt.48 Gleich darauf habe der Spiegel ihn dann veröffentlicht.49 Eine Stasi-Unterlage wirft neue Fragen auf Bisher galt das Original des Manifests als verschollen. Auch Hermann von Berg verfügt über kein Exemplar mehr.50 Die äußerliche Beschaffenheit des unter den MfS-Archivalien überlieferten Papiers spricht für seine Authentizität. Wie die Autoren im Manifest einleitend mitteilten, hatten sie den Text hektografisch vervielfältigt.51 Wo der Apparat gestanden hat und wie viele Exemplare sie anfertigten, daran konnte sich Hermann von Berg auf Rückfrage des Verfassers nicht mehr erinnern. Bei der im Stasi-Archiv aufbewahrten Unterlage handelt es sich in der Tat um die Fotokopie eines Papiers, das als Abzug vorgelegen hatte.52 Wie im Spiegel wiedergegeben, endet das Dokument mit der Autorenangabe: »Berlin, Oktober 1977, BDKD Zentrale Koordinierungsgruppe«. Lediglich die Kommata sind zum Teil anders gesetzt. Gegen die Identität der Archivalie scheint dagegen auf den ersten Blick ihr Umfang zu sprechen: Nach den Angaben des Spiegel umfasste die Urfassung des Manifests »30 Schreibmaschinenseiten«53– die hier überlieferte aber nur 14. Jedoch lässt sich dieser Widerspruch leicht auflösen: Einzeilig geschrieben, hatte der Text auch auf knapp 14, in der Endfassung, wie noch zu erläutern, auf circa 15 Seiten Platz. Da Matrizen in der DDR ein rares Gut waren, wäre es nur logisch, wenn die Autoren versuchten, ihren Aufruf auf möglichst wenigen Seiten unterzubringen. Unerklärlich erscheint folglich, warum sie den Text auf 30 Manuskriptseiten ausgedehnt haben sollen. Gab es also noch ein ganz anderes, inhaltlich identisches, ebenfalls hektografiert vorliegendes Manuskript, das aufgrund eines anderen Layouts 30 Seiten umfasste? Das ist schwer vorstellbar. Möglicherweise hat Schwarz vom Umfang seiner Mitschrift auf den der Vorlage geschlossen. Wie er dem Verfasser mitteilte, hat er das verlesene Papier nicht persönlich in Augenschein nehmen können. Seine im Hause von Bergs angefertigten Aufzeichnungen, da war sich Schwarz sicher, habe er zum Schluss in die Dokumentationsstelle des Blattes gegeben. Eine Anfrage des Verfassers ergab dann leider, dass dort keine Unterlagen zur Entstehungsgeschichte des Spiegel-Manifests existieren.54 Das ist schwer zu verstehen und sehr zu bedauern, denn Ulrich Schwarz’ handgeschriebene Seiten wären es wert gewesen, im Haus der Geschichte der Bundesrepublik in Bonn ausgestellt zu werden. Das nasse Stück Seife … Augenfällig sind äußerliche Differenzen zwischen dem Stasi-Dokument und der publizierten Fassung. Der Spiegel hat den Text stärker gegliedert, Trennungen eingefügt, Schreibfehler vermieden, eine andere Interpunktion gewählt, eigene Abkürzungen eingefügt, andere aufgelöst: normale Abweichungen, wenn ein diktierter Wortlaut wieder verschriftlicht und in eine druckreife Fassung gebracht wird. Aus der Kapitelüberschrift »IV. Die innere Lage in der DDR« wird im Spiegel »IV. Zur inneren Situation der DDR«.55 Möglicherweise hat der Vorleser von Berg die Formulierung spontan oder unbewusst variiert. Im zweiten Teil des Manifests sind in der im Spiegel veröffentlichten Fassung verschiedentlich Sätze absatzweise eingefügt, die in dem vom MfS archivierten Papier noch nicht enthalten waren. Auffällig ist, dass diese Absätze aus den beiden letzten Kapiteln des Manifests stammen, jener Teil, über den von Berg, nach seinen Aussagen gegenüber Geppert, noch mit seinen Mitstreitern hatte diskutieren wollen, bevor er ihn Schwarz diktierte.56 Heinz Niemann, ein Vertrauter der Familie von Berg und der Einzige, der sich später als Mitdiskutant im BDKD zu erkennen gab, berichtete schon 1991, Hermann von Berg habe die Endfassung hergestellt und sie »in frustrierter Stimmung mit entsprechenden Ausführungen garniert«, die auf den »einfachen Bürger« zielten.57 Inhaltlich entsprachen die Einfügungen dieser Charakterisierung. Entschieden verwahrte sich von Berg gegen die Vermutung des Verfassers dieses Beitrages, er habe, vielleicht extemporierend, Schwarz den einen oder anderen Satz, abweichend von seiner Vorlage, in den Block diktiert. Auch die polemische Bezeichnung »Lüla« (Lügen-Lamberz) für den SED-Agitationsverantwortlichen habe so schon in der Vorlage gestanden.58 In dem von der Stasi archivierten Exemplar ist dagegen durchgängig der korrekte Name verwendet worden. Als der Verfasser bei seinem Besuch Hermann von Berg eine Kopie des MfS-Dokuments vorlegte, kam dieser schon nach oberflächlicher Sichtung zu dem Urteil, es könne sich bei dieser Fassung nicht um den Originalwortlaut des Manifests handeln, wie er ihn Ende 1977 Schwarz diktiert habe. Allein die Überschrift »Manifest« in der Stasi-Unterlage mache ihm das klar. Die Gruppe habe viel vorsichtiger argumentiert und sinngemäß vom Beginn einer Verständigung über bestimmte Forderungen und Festlegungen gesprochen. Diese Formulierung ist allerdings sowohl in den einleitenden Sätzen der MfS-Archivalie als auch in der im Spiegel publizierten Fassung enthalten. Verwechselt von Berg hier vielleicht Überschrift und vorangestellte Charakterisierung? Ulrich Schwarz bestätigte, eine Überschrift »Manifest« sei ihm nicht diktiert worden, die habe der Spiegel später selbst zur Charakterisierung des Textes gewählt.59 Auch das äußere Erscheinungsbild des Dokuments ließ von Berg stutzen: Er hatte den Text offenbar als voluminöser und heterogener in Erinnerung. Das könnte zusätzlich dafür sprechen, dass er die ergänzenden Absätze zum Schluss schriftlich vorformuliert und in die Vorlage eingefügt hatte. Aufgrund ihres Umfanges und ihrer Bedeutung wäre das ein plausibles Verfahren gewesen. Endgültig sicher war sich von Berg, als ihn der Verfasser auf die Schreibweise einzelner Wörter aufmerksam machte: Die SED-Wirtschaftsprogrammatik der 1960er Jahre, das »Neue Ökonomische System der Planung und Leitung« (NÖSPL) wird in der Stasi-Unterlage kontinuierlich mit NÖSPEL abgekürzt.60 Da lachte der frühere Ökonomieprofessor laut auf: Nein, der Text könne nicht von ihm stammen. Zwar war es Alltagspraxis in der DDR, die Abkürzung NÖSPL wie ein Wort auszusprechen, phonetisch war dann vor dem L auch ein E herauszuhören, in der schriftlichen Abkürzung selbst aber wäre es völlig deplatziert gewesen. Nur DDR-Unkundigen konnte eigentlich ein solcher Fehler unterlaufen – nicht gestandenen SED-Funktionären und -Ökonomen wie Hermann von Berg und seinen Mitstreitern im »Bund«. Auch der Spiegel hatte bei der Wiedergabe offenbar kein Problem. Er brachte die korrekte Abkürzung. Als ähnlich befremdlich empfand von Berg die Schreibweise von »Trabby-Fahrer«.61 Der Volkswagen der DDR, der Trabant, wurde umgangssprachlich als »Trabi« verniedlicht. Die anglizistisch gefärbte Schreibweise mit y aber war DDR-untypisch. In der Wiedergabe des Spiegels war vom »Trabbifahrer« die Rede.62 Dem im Archiv des MfS überlieferten Entwurf des Manifests ist leider nicht zu entnehmen, woher er stammte und wie er in den Besitz des Dienstes gelangte. Auch wie die Auswerter damit weiter verfuhren, ist nur andeutungsweise zu erkennen. Hatte die Stasi einen heimlichen Zuträger in den Reihen des BDKD? Verwunderlich wäre es nicht. Doch dann hätte es entsprechende Hinweise in der Akte geben müssen. Lediglich Hermann von Berg soll langjährige Kontakte zu der für Desinformation zuständigen Abteilung X der Hauptverwaltung Aufklärung des MfS unterhalten haben.63 Da kaum Namen von Mitstreitern bekannt sind, und diese sich, nach Darstellung von Hermann von Berg, abgesprochen hatten, auch zukünftig keine zu nennen,64 ist eine Recherche in den MfS-Unterlagen nicht möglich. Dieses Manko ist umso bedauerlicher, als die Existenz von Inoffiziellen Mitarbeitern der Stasi auch Hinweise hätte geben können, wer womöglich zugleich für einen westlichen Dienst arbeitete, denn vom BND ist bekannt, dass neun von zehn seiner »DDR-Quellen« Doppelagenten waren.65 Handschriftliche Anstreichungen am Rand der vorletzten Seite der MfS-Unterlage mit dem Vermerk »Spiegel« deuten darauf hin, dass die Offiziere im zahlenmäßig nur schwach besetzten Referat »Staatsfeindliche Hetze/Schriftenfahndung« in der Hauptabteilung XX bei einem Textvergleich festgestellt hatten, dass im letzten Teil nicht alles, was der Spiegel bereits veröffentlicht hatte, in diesem Papier nachzulesen war. Es konnte sich folglich nicht um eine bloße Abschrift aus dem Hamburger Nachrichtenmagazin handeln, von dem auch immer einige Exemplare offiziell, andere illegal, in die DDR gelangten und weitergegeben wurden.66 Das scheint die Auswerter eher beruhigt zu haben. Auf der Rückseite des letzten Blattes notierten sie Namen und dienstliche Telefonnummer des Leiters der Abteilung XXII (»Terrorabwehr«) sowie von einem seiner Mitarbeiter, möglicherweise die aus ihrer Sicht für die weitere Bearbeitung Zuständigen. Bei genauerer Analyse hätten sie durchaus auf Sachverhalte stoßen können, die sich im Sinne der DDR-offiziellen Bewertung so hätten deuten lassen, es habe sich bei der Veröffentlichung um eine vom Westen gesteuerte Aktion gehandelt. Noch bevor am 30. Dezember 1977 auch die DDR-Bevölkerung aus einer Vorabmeldung von ARD und ZDF vom Manifest erfuhr,67 warnte die Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG) des Staatssicherheitsdienstes Minister Mielke, es lägen Erkenntnisse vor, wonach »entspannungsfeindliche Kräfte« in der Bundesrepublik aktuell »umfangreiche Anstrengungen« unternähmen, um mithilfe des Bundesnachrichtendienstes die »angebliche Existenz von ›oppositionellen‹ Kräften in den Reihen der SED nachzuweisen«.68 Genannt wurden die Fragestellungen des Arbeitsauftrages und die Deckadresse der zuständigen BND-Verbindungsstelle in Berlin-Tegel, die mit der West-Berliner Dependance des »Gesamtdeutschen Instituts« kooperiere.69 Spiegel-Korrespondent Ulrich Schwarz wirke dabei als »Überbringer von Aufträgen, Instruktionen und Materialien« und wende »geheimdienstliche Mittel und Methoden« an. Am 31. Dezember 1977, als das Heft bereits zu kaufen war, informierte Mielke Honecker und Lamberz mit einer Kurzfassung des Berichts.70 Sie veranlassten offenbar, dass die Information des Sicherheitsdienstes (ohne Hinweis auf die Quelle) sogleich als ADN-Meldung in der Presse erschien und so der Bevölkerung bekannt wurde.71 Über den Inhalt des Manifests schwiegen sich die DDR-Medien aber aus. Erst zwei Wochen später gab das MfS eine inhaltlich ähnlich lautende Information an die befreundeten Dienste. Als Urheber des »antisozialistischen Pamphlets« wurde dort der Spiegel-Verlagsdirektor Hans Detlev Becker genannt, der aus dem »NS-Spionagedienst« stamme, jetzt Agent des BND sei und in dessen Auftrag die Redakteure Mettke und Schwarz »gesteuert« habe. Erweitert hatte das MfS seine Liste der inhaltlich mitverantwortlichen West-Berliner »Organe für Wühl- und Zersetzungsaktionen«: Zusätzlich erwähnt wurden jetzt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, die Forschungsstelle für gesamtdeutsche wirtschaftliche und soziale Fragen sowie die für Gesamtdeutsche Arbeit in Berlin zuständige Abteilung III des Bundesministeriums für innerdeutsche Beziehungen. Diese Institutionen, wie die Korrespondenten, stünden unter »strengster politisch-operativer Kontrolle« des Staatssicherheitsdienstes. Die Leser werden sich vermutlich gefragt haben, wie dann das Manifest in den Westen gelangen konnte, und dürften verwundert gewesen sein, dass die DDR-Kollegen nun baten, »weitere Erkenntnisse« an sie zu übermitteln.72 Obwohl der Staatssicherheitsdienst in seinem Bericht verblüffend konkrete Informationen weitergab und selbst Straßen und Hausnummern der angeblich beteiligten westlichen Institutionen nannte, erscheint es zweifelhaft, dass Mielkes Offiziere tatsächlich schon wussten, wie das Manifest zustande gekommen war, denn sie warteten nicht mit Beweisen und Hintergrundinformationen auf, sondern nur mit allgemeinen Feststellungen. Auch diese leiteten sie nicht im Voraus an die politische Führung weiter, sondern erst nachdem die Westmedien berichtet hatten. Welche Fragestellungen der BND seinen Agenten in der DDR mit auf den Weg gab, das konnte man ahnen. Dass Bundeseinrichtungen wie das Gesamtdeutsche Institut in West-Berlin mit dem BND zusammenarbeiteten, war gut vorstellbar, so allgemein behauptet aber nur eine bloße Unterstellung, die nicht an Überzeugungskraft gewann, wenn der Name des thematisch zuständigen Referates aus dem Geschäftsverteilungsplan angegeben werden konnte. Erst zu Beginn des neuen Jahres schien der DDR-Geheimdienst auf der Höhe der Entwicklungen angekommen zu sein. Mielke konnte Honecker, Agitationschef Lamberz und die sowjetischen Verbündeten vorab darüber informieren, dass nach »internen Hinweisen«, die offenbar aus der Redaktion des Spiegel stammten, im nächsten Heft der zweite Teil des Manifests erscheinen werde, mit »Angaben aus dem persönlichen Leben und Umgang von Persönlichkeiten der Partei- und Staatsführung«.73 Es gehe unter anderem um »Protektion« und »Begünstigung« sowie geforderte »Kaderveränderungen«. Den »Hinweisen der Quellen« zufolge sei die Veröffentlichung »bis in Kreise verantwortlicher Mitarbeiter des Spiegel hinein sehr umstritten«. Es bestünden »erhebliche gegensätzliche Auffassungen«. Mitarbeiter befürchteten, dass »die Sache in das Gegenteil umschlagen« und für »die journalistische Arbeit mehr Schaden als Nutzen« entstehen könne, denn die Formulierungen ließen erkennen, dass der Verfasser »kein Funktionär der DDR« sei. Es sei »leicht zu erkennen«, dass es sich um »unglaubwürdige und unhaltbare Darlegungen« handele. Sie gäben die Auffassungen von »Rechtsstehenden« wieder. Das »Machwerk« stamme von »alten engagierten Antikommunisten« oder sei unter deren »Mitwirkung« entstanden. Kein SED-Funktionär würde »ein derart wirres Pamphlet anerkennen und unterschreiben«. Es ziele eigentlich auf die Bundesrepublik, dort solle »Druck auf die innenpolitische Situation« erzeugt werden. Auf den SED-Generalsekretär dürften die Informationen seines Sicherheitsministers beschwichtigend gewirkt haben: Eigentlich ging es nicht um alarmierende Entwicklungen in der SED, sondern um ein westliches »Störmanöver«. So hatten führende Sozialdemokraten das Manifest eingestuft, allerdings in ganz anderer politischer Konnotation: als Versuch, die Entspannungspolitik der sozialliberalen Koalition zu hintertreiben. Der Begriff hatte Honecker offenbar gefallen. Er folgte dem telefonischen Ratschlag von Bundeskanzler Schmidt: »Je gelassener die DDR reagiere, umso wirksamer werde dies sein.«74 Honeckers mysteriöse Post aus Beckum, ein zweiter »komischer Findling«75 Kurz nach dem Telefonat von Honecker und Schmidt traf in Ost-Berlin ein an »Herrn DDR-Chef Honecker« adressierter, mysteriöser Brief aus der Bundesrepublik ein, der sich in seinem Grundanliegen wie die schriftliche Affirmation des von Kanzler Schmidt telefonisch Geratenen las.76 Er war laut Poststempel am 13. Januar im westfälischen Beckum aufgegeben worden und trug keinen Absender. Schon allein das garantierte, dass er von den Postkontrolleuren des DDR-Staatssicherheitsdienstes geöffnet und gelesen wurde. Mit ins Kindliche verstellter Handschrift, aber in der Diktion eines Erwachsenen, meldete sich ein Paul-Dimitrij Ohlrich, offenbar ein Pseudonym, zu Wort und tat so, als kenne er den Verfasser des Manifests und dessen Intention. Dessen Absicht sei nicht gewesen, Honecker »seelische Verletzungen« zuzufügen, es gehe um die Verbesserung des Systems. Der Verfasser habe nicht als »Racheengel«, sondern aus »Liebe« gehandelt. Brüder im politischen Geiste also? Nicht nur der Poststempel verwies darauf, dass es sich hier um eine Wortmeldung aus der »westlichen Hemisphäre« handelte. Der Verfasser dieses Beitrages stieß auf den Brief, als er nach seinem ersten Zufallsfund zum Spiegel-Manifest nach weiteren Nadeln im Heuhaufen der von der Stasi konfiszierten Papiere suchte. Die Offiziere der Staatssicherheit scheinen die Zuschrift aus dem Westen zwar einbehalten, aber nicht weiter beachtet zu haben. Honecker wird den Brief nicht zu Gesicht bekommen haben. Hermann von Berg versicherte, von einem Paul-Dimitrij Ohlrich nie etwas gehört zu haben, schon gar nicht im Zusammenhang mit der Entstehung des Manifests.77 Handelte es sich hier um den Versuch eines westlichen Geheimdienstes, mit den »Kollegen« von der anderen Seite zu kommunizieren? Hatten jene vielleicht recht, die vermuteten, ein westlicher Dienst habe das Manifest initiiert oder gar verfasst, vielleicht ohne Wissen der Bundesregierung, und müsse jetzt zurückrudern, nachdem die sich für eine Politik des Abwiegelns und der Schadensbegrenzung gegenüber der DDR entschieden hatte? Dem Verfasser war es allemal eine Anfrage wert. Er legte dem Bundesnachrichtendienst eine Kopie des Briefes aus Beckum vor und bat um Auskunft, ob es in dessen Unterlagen Hinweise auf die Entstehungsgeschichte und politische Zielsetzung des Schreibens gebe. Der BND teilte mit, dass die Recherche zu dem mit »Paul-Dimitrij Ohlrich« unterzeichneten Schreiben »negativ« verlaufen sei, das ergebe sich »aus dem derzeitigen Erschließungsgrad der Altunterlagen« des Dienstes.78 Der Brief aus Beckum ist folglich zunächst wenig erhellend, er regt zu weiteren Spekulationen an. Selbst Wolfgang Harich, der Einzige, der sich bei der Suche nach dem Verfasser des Manifests namentlich festgelegt hatte, wäre wohl bei seiner Überzeugung geblieben, bei dem »Kind«, das so scharf kritisierte, was es eigentlich »liebte«, handele es sich um Wolf Biermann. Zugleich hatte der Verfasser den Bundesnachrichtendienst gebeten, ihm in die Unterlagen Einsicht zu gewähren, die generell dokumentierten, was er über die Entstehungsgeschichte des Spiegel-Manifests wusste. Vorgelegt wurden schließlich Materialien zu zwei Signaturen: Unterlagen aus dem offenen Teil (OT) der auf das Manifest bezogenen Signatur 2226 und ein unter der Signatur 180-113 archivierter Tonbandmitschnitt einer Sendung des DDR-Hörfunks zum Manifest. Bei den aus der Signatur 2226 zugänglich gemachten Archivalien handelt es sich um eine Sammlung gedruckter Quellen, die zu den Arbeitsmaterialien des BND gehörten. Anstreichungen und Randnotizen lassen erkennen, was dem Dienst der besonderen Beachtung wert schien. Vermerkt ist etwa, wenn ein Zeitungsredakteur seinen geplanten Artikel zur inneren Lage in der DDR den BND-Spezialisten vorab zum »Gegen-Check« am Telefon vorgelesen hatte.79 Die Propaganda-Verantwortlichen in der DDR hätten das sicher als Beleg für eine zentrale Steuerungsfunktion des westlichen Dienstes gewertet. Doch ginge das schon allein aufgrund der Unabhängigkeit und Vielfalt der Medien in der Bundesrepublik an der Realität vorbei. Was der BND tatsächlich über die Entstehungsgeschichte wusste, was er dem Kanzleramt gemeldet hat, welche Rolle er in der Debatte um das Manifest spielte, wird man vermutlich erst erfahren, wenn im Jahr 2023, so der Vermerk in der Akte, auch die anderen Teile der Signatur deklassifiziert und für die Forschung zugänglich sind. Doch selbst dann werden sich die Verantwortlichen sicher mit personenbezogenen Informationen zurückhalten. So bleibt es bei dem bisherigen marginalen Kenntnisstand zur Rolle des BND. Festzuhalten ist die wiederholte Versicherung der Bundesregierung, staatliche Stellen hätten mit dem Manifest nichts zu tun und sie selbst habe, folgt man ihrem internen Eingeständnis, nichts von der Existenz dieser Gruppe DDR-Oppositioneller gewusst.80 Gewichtiger erscheinen politische Argumente, die gegen eine Eigeninitiative des Dienstes sprechen. Die Bundesregierung hatte rasch deutlich gemacht, dass sie nicht daran interessiert war, die Position Honeckers zu untergraben. Die Veröffentlichung des Manifests empfand sie deswegen als Aktion, die ihren deutschland- und entspannungspolitischen Zielen zuwiderlief. Ausgeschlossen werden kann, dass der BND dann heimlich eine entgegengesetzte »Neben-Deutschlandpolitik« betrieben und das oppositionelle Klima in der DDR anzuheizen versucht hat. Durchaus möglich erscheint jedoch, dass er über die Hintergründe der Aktion im Bilde war und wusste, wer das Manifest verfasst hatte. Fazit Bei der in den MfS-Archivalien aufgefundenen Ausarbeitung handelt es sich offenbar um eine Vorfassung des »Spiegel-Manifests«. Sie lässt Rückschlüsse auf dessen inhaltliche Entstehungsgeschichte zu und erkennen, welche Textpassagen zum Schluss, vor der Weiterleitung an das Magazin, eingefügt wurden – vermutlich vom Endredakteur Hermann von Berg, obwohl der sich nicht mehr daran erinnern kann. Wesentliche alte Fragen sind weiterhin unbeantwortet: Wer waren die Mitstreiter und Verfasser im BDKD, aus deren Federn der Text oder einzelne seiner Teile stammten? Ist es als Wortmeldung allein von Oppositionellen in der SED zu werten oder gab es westliche (Mit-)Initiatoren und Verfasser? Unwiderlegt bleibt sowohl Christoph Kleßmanns oben zitierte These, beim Manifest handele es sich um eine »Fälschung, von welcher Seite auch immer«,81 als auch Dominik Gepperts abschließende Einschätzung, der »Bund Demokratischer Kommunisten Deutschlands« habe »nie existiert«.82 Neue Fragen drängen sich auf: Wie kam die fehlerhafte Abkürzung »NÖSPEL« in die Ausgangsfassung, wie die DDR-untypische für den Trabant? Kann es sein, dass SED-Funktionäre das selbst formuliert oder überlesen hatten? Wer schrieb den mysteriösen Brief aus Beckum? Das vom MfS archivierte Papier geht inhaltlich vollständig in die Fassung ein, die Hermann von Berg nach eigener Aussage selbst schlussredigiert und Schwarz diktiert hat. Das veröffentlichte »Manifest« ist, so gesehen, sein Text. Wie ist es aber dann zu erklären, dass er aufgrund einzelner Schreibweisen spontan befindet, das Stasi-Dokument könne unmöglich von ihm stammen. Hatte er eine – ebenfalls hektografierte – 30 Schreibmaschinenseiten umfassende Ausgangsfassung in Händen ohne die Überschrift »Manifest«, eine Fassung, in der der Name des ZK-Sekretärs Lamberz bereits als »Lüla« verballhornt wurde? Wie verlässlich ist in diesen Punkten sein mitunter lückenhaftes Erinnerungsvermögen? Das Dokument aus dem Stasi-Fundus wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet. Bestätigt fühlen werden sich all jene, die von Anfang an überzeugt waren, das Manifest sei ein Papier westlicher Provenienz. Wer diese These jetzt umso entschiedener vertritt, ist aufgefordert, der frühen Vermutung nachzugehen, der Spiegel könnte womöglich nicht nur Verteiler, sondern Mitverfasser des Textes gewesen sein. Wer es als originäres Ost-Produkt gewertet sehen möchte, müsste mit Belegen dafür aufwarten, dass es den Bund Demokratischer Kommunisten in der DDR als Verfasser tatsächlich gegeben hat und die Annahme unzutreffend ist, es handele sich um eine bloße Fälschung. Unerfüllt bleibt die Hoffnung manch früherer SED-Mitglieder, wie Heinz Niemann, der Aufruf des BDKD könnte als Beleg dafür dienen, dass es mutige Oppositionelle nicht nur in den Reihen der DDR-Bürgerbewegung, sondern auch in denen der Staatspartei gegeben habe, um so dem »penetranten Alleinvertretungsanspruch ehemaliger Bürgerbewegter« entgegentreten zu können.83 Ohne Substanz ist sein Einwand dennoch nicht. Zahlreich sind die Schreiben, in denen SED-Mitglieder versuchten, ihren Generalsekretär auf die tatsächliche Lage im Land aufmerksam zu machen, mitunter heftige Kritik an seiner Politik übten und Reformen anmahnten – im Gegensatz zu den Autoren des Manifests zuweilen mit Namen und Adresse und inhaltlich sachlicher als das Papier des BDKD, das durch von Berg zu Recht zum bloßen »Pamphlet« abgewertet wurde.84 Die im Folgenden aufgeführten Passagen entstammen dem im Spiegel im zweiten Teil des Manifests abgedruckten Beitrag. Sie waren in dem vom MfS archivierten Papier noch nicht enthalten.85 Der Spiegel vom 9. Januar 1978, S. 26: »Warum ist der Datschismus zur Hauptform des Lebens geworden? Wir könnten weitere Fragen aus einzelnen Lebensbereichen stellen, deren Beurteilung für das Politbüro genauso niederschmetternd wäre, selbst, wenn es die Statistiken noch mehr fälschen ließe. Der letztliche Grund für diese deprimierenden, dem sozialistischen ›neuen Menschen‹ hohnsprechenden Tatsachen ist im politischen Überbau ohne demokratische Spielregeln, in der skandalösen Differenz zwischen der ethischen Theorie einerseits und der ahumanen Praxis andererseits, im Widerspruch zwischen PK [Produktivkräften] und PV [Produktionsverhältnissen] zu suchen. Die DDR ist der Abklatsch einer 16. Unionsrepublik [der Sowjetunion], wobei deren negative Seiten mit deutscher Gründlichkeit vergröbert sind.« S. 27: »Dafür, dass trotz alle Jahre wieder erfolgender Ministerratsbeschlüsse zur Reduzierung des Apparates auch die staatliche Verwaltung immer weiter wächst, wächst, wächst? Und das alles, obwohl ein Dutzend Computer in der Lage wäre, 100 000 Verwalter für die bitter benötigten Dienstleistungen freizusetzen?« »Wozu braucht die DDR ein Heer von Journalisten, die alle genau das wiedergeben, was Lülas [Werner Lamberz] Agitkommission per Fernschreiber dekretiert? Und ein Heer von ML-Leuten, vom Kindergarten bis zur Hochschule, die alle das gleiche lebensfremde Dogma sülzen?« »Drei weltfremde Leute, seit Jahrzehnten im Getto lebend, sorgfältig von jeder Regung des Volkes abgeschirmt, fachlich ungebildet, dekretieren Offenställe, die Sowjet-Wissenschaft ist schließlich führend. Der LPG-Bauer zahlt. Durch Überalterung auch in der politischen Urteilsfähigkeit gehemmt, kanalisieren sie den Fachverstand von Tausenden. Kein Wunder, dass Wirtschaft, Gesellschaft und Staat qualitativ absacken.« S. 28: »Schaut sie euch genau an: So etwas schafft ein politisch-ideologisches Klima, das dazu führt, dass der DDR-Bürger in einer halbschizophrenen Situation lebt: Öffentlich und verbal ist er für diesen seltsamen Sozialismus, privat und im Herzen träumt er, meist viel zu positiv, vom Westen und praktiziert täglich geistige und irgendwann reale Republikflucht. Diese Clique an der Spitze schadet der sozialistischen Idee in Deutschland und Europa mehr als alle sogenannte Feind-Propaganda. Sie verfahren nach dem Rezept aller Kurpfuscher, viel hilft viel, und erreichen durch die Überdosis den politischen Tod ihrer Klienten. Solche Zustände erklären, weshalb die Partei 1953 in der DDR, 1956 in Polen und Ungarn, 1968 in der CSSR über Nacht handlungsunfähig geworden war. Die angeführte Schizophrenie lebt auch unter den Kommunisten, die gegen besseres Wissen parieren müssen. Der undemokratische Zentralismus vernichtet sonst ihre politische, materielle und ökonomische Existenz. Sie können sich nicht wehren. In der Partei, in der Gewerkschaft, in der Konflikt-Kommission, beim Arbeitsgericht, bei der ABI [Arbeiter-und Bauern-Inspektion], in den Parlamentsausschüssen, kurz, wo immer sie auch Klage führen wollen, ertönt immer nur die eine Stimme der Nummer eins der jeweiligen Leitungsebene, des dazugehörigen Fachsekretärs und seines diensthabenden Apparatschiks. Wir sind unter die reaktionäre Feudalordnung zurückgeworfen. Wir haben vor-zaristische Zustände. Dies tötet jede Initiative, jedes Verantwortungsgefühl, öffnet den Weg für Schludrigkeit, Unordnung, Vergeudung, Diebstahl und stranguliert den gesellschaftlichen Fortschritt. Dies bringt zuwege, dass sich die DDR politisch, ökonomisch und national im Kreise dreht: Im Osten nichts Neues.« S. 29: »Wir erklären: Kein DDR-Bürger ist zur Einhaltung bestimmter politischer Gesetze verpflichtet, wenn die Führung ihre Verpflichtungen nicht einhält. Protest ist die erste Bürgerpflicht. Wir sind für Marx, nicht für Murx. Die Sekretärs-Diktatur versteift sich auf ihre verfälschenden Begriffe rechts und links. Wir sind dafür, zwischen oben und unten zuerst zu unterscheiden, und kein Übel währt ewig. Man kann nicht 17 Millionen lebenslänglich einsperren.« »Unterstellen wir, die Politbürokraten hätten zumindest die ersten Kapitel von Marx’ Hauptwerk, dem ›Kapital‹ gelesen. Sie wissen also was das Wertgesetz ist. Folglich wäre es sinnvoll, den ökonomischen Mechanismus zu nutzen und mit realen Preisen real zu planen. Dies geht aber nicht, weil sie stolz darauf sind, völlig unreale Preise zu haben, sogenannte stabile, die in Wirklichkeit seit Jahren überall anziehen, von Grundnahrungsmitteln abgesehen, was für die Landwirtschaft sehr schädlich ist, weil auch sie subventioniert werden muss und der Arbeiter aus der Industrie den Zuschuss zu erwirtschaften hat.« S. 30: »Wir fordern den Abbau der riesigen, altmodischen und unmodernen Verwaltungsapparate von SVK [Sozialversicherungskasse], DER [Staatliches Reisebüro], DSF [Deutsch-sowjetische Freundschaft] usw. Ferner der riesigen Kaderabteilungen in allen Betrieben und Einrichtungen, die genau gesehen nur Filialen der Staatssicherheit sind. Überall lassen sich hier Mittel und Arbeitskräfte freisetzen. Hier muss die Sparsamkeit ansetzen. Genosse Bahro hat das alles detailliert beschrieben.« »Wir fordern nachdrücklich die Beseitigung des Verbots, über Fragen der Lebensqualität, besonders über die ökologischen Probleme öffentlich zu diskutieren. Die Gefahren für die Gesundheit unserer Bürger müssen beim Namen genannt und abgewandt werden. Die Datschisten an den Seeufern sollten enteignet werden. Wir brauchen ruhige Erholungsplätze für überarbeitete Werktätige. Genossen, propagiert unsere Kritik, popularisiert das Ideengut der Reformkommunisten Europas und Japans, fordert die Veröffentlichung der grundsätzlichen Dokumente der westeuropäischen und japanischen Bruderparteien, entlarvt mit allen Mitteln die widerlichen Praktiken der selbsternannten Parteibürokraten auf Lebenszeit! Zeigt den moralischen Verfall der SED, beweist, wie widerlich Karrieristen, Zyniker, angepasste Apparatschiks mit den primitivsten Regeln menschlichen Anstandes unablässig auf Kriegsfuß leben! Propagiert und organisiert!« 1 Begriffsbildend wirkte in der jüngeren deutschen Literatur vor allem der Mannheimer Politikwissenschaftler Max Kaase, siehe ders.: Sinn oder Unsinn des Konzepts »Politische Kultur« für die Vergleichende Politikforschung; ders.: Der Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln, in: ders. (Hg.): Wahlen und politisches System: Analysen aus Anlass der Bundestagswahl 1980, Opladen 1983. 2 Siehe seine Ausführungen im Interview mit Horch und Guck (März 2010), H. 69, S. 17 und in Ulrich Schwarz: Gift und Galle, in: http://einestages.spiegel.de/static/authoralbumbackground/1106/gift_und_ galle. html., ges. am 17. Dezember 2014. Der Übermittlungsweg an den Spiegel war lange Zeit geheim gehalten worden. In einem Interview im ZDF heute-journal am 2. Januar 1978 legte Ulrich Schwarz noch Wert auf die Feststellung, er sei nicht der Überbringer gewesen, es gebe noch viele andere Wege, siehe ZDF heute-journal, 21.00 Uhr, Nachrichtendienst des Bundespresseamtes, Bundesnachrichtendienst, Akte 2226-OT. 3 Siehe »Wir sind gegen die Einparteien-Diktatur. Das Manifest der ersten organisierten Opposition in der DDR«, in: Der Spiegel Nr. 1 vom 2. Januar 1978, S. 21–24, online unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40693805.html, ges. am 22. Dezember 2014; sowie »Korruption, wohin man blickt. Das Manifest der ersten organisierten Opposition in der DDR – Zweiter Teil«, in: Der Spiegel Nr. 2 vom 9. Januar 1978, S. 26–30, online unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40693713.html, ges. am 22. Dezember 2014. 4 Siehe die hektografiert vorliegenden Mitteilungen der Nachrichtenabteilung des Bundespresseamtes. 5 Siehe Die Welt vom 10. Februar und 20. Januar 1978. 6 Siehe Deutscher Bundestag, 8. Wahlperiode, 65. Sitzung vom 19. Januar 1978, S. 4964–5041. 7 Siehe Die Welt vom 11. Januar 1978 zu Egon Bahr; den Vorwärts vom 5. Januar 1978 zu Peter Bender. Dem Zeit-Redakteur Theo Sommer war Ähnliches aufgefallen. Er gab aber zu bedenken, es könnte sich um die »Sprache einer jungen Generation« in der DDR handeln, siehe Die Zeit vom 13. Januar 1978, S. 1. 8 Die Zeit vom 27. Januar 1978, S. 29. 9 Siehe ebd., S. 30. 10 Süddeutsche Zeitung vom 14./15. Januar 1978, S. 6, auch zum Dementi Biermanns. Siehe zu den Reaktionen einzelner Politiker und Prominenter den Informationsdienst des Bundespresseamtes und die vom Spiegel erstellte, quellenkritisch zu nutzende Dokumentation: Günter Johannes/Ulrich Schwarz (Hg.): DDR – Das Manifest der Opposition. Eine Dokumentation. Fakten. Analysen. Berichte, mit einem Vorwort von Rudolf Augstein, München 1978. 11 Der Spiegel Nr. 2 vom 9. Januar 1978 (Anm. 3), S. 17. 12 Zwischen Bundeskanzleramt, Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen (BMB) und Bundespresseamt abgestimmte Leitlinien vom 6. Januar 1978 für die mündliche Demarche des Leiters der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin, Günter Gaus, am selben Tag im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR, Bundesarchiv Koblenz Akte B/137/9277, Akte noch ohne Paginierung. Siehe auch die gleichlautenden Ausführungen von Bundeskanzler Helmut Schmidt am 19. Januar 1978 im Bundestag, Deutscher Bundestag, 8. Wahlperiode (Anm. 6), S. 4964. 13 Siehe Bundesarchiv Koblenz, Akte B/137/9277. Der Verfasser dankt der Benutzer-Abteilung des Archivs, ihn auf diese Akte aufmerksam gemacht zu haben. 14 Gutachten Aktenzeichen II 1 – 3580, Bonn, 2. Januar 1978, hier insbesondere S. 4 f., Bundesarchiv Koblenz, Akte B/137/9277, Akte ohne Paginierung. 15 Siehe 2. Entwurf des BMB: Bericht der Bundesregierung über die aktuellen Ereignisse im Verhältnis zur DDR, Aktenzeichen: II 1 – 3580, Bonn, 10. Januar 1978, ebd. 16 WDR, Sendung »Politik heute« vom 2. Januar 1978, 19.10 Uhr, Informationsdienst des Bundespresseamtes, zitiert nach Bundesnachrichtendienst, Pullach, Akte 2226-OT, Paginierung 423. (Beim BND werden z. T. mehrere Seiten unter einer Paginierung subsumiert.) 17 Siehe Wortlaut des Gutachtens, Aktenzeichen II 1 – 19206 vom 3. Januar 1978, Bundesarchiv Koblenz, Akte B/137/9277. 18 Bericht der Bundesregierung (Anm. 15). 19 Siehe Gutachten vom 3. Januar, ebd., und den Anhang des zitierten Berichts der Bundesregierung in der Akte mit zusätzlichen »Bewertungen und Hintergrundüberlegungen«. Der Anhang war ausdrücklich nicht für den Bundestagsausschuss bestimmt. 20 Siehe Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3. Januar 1978. 21 »Deutschlandpolitik: Jetzt mal nachdenken«, in: Der Spiegel Nr. 3 vom 16. Januar 1978, S. 19–21, hier S. 19, online unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40693620.html, ges. am 22. Dezember 2014. 22 Sendung vom 12. Januar 1978, 20.30 Uhr MEZ, Nachrichtendienst des Bundespresseamtes, zitiert nach Bundesarchiv Koblenz, Akte B/137/9277. An dem Gespräch nahmen ferner Werner Kastor, BBC, und Leslie Collit, Financial Times, teil. 23 Johannes/Schwarz: DDR. Das Manifest der Opposition (Anm. 10), S. 7 f. 24 ZDF heute-journal vom 2. Januar 1978, 21.00 Uhr, Nachrichtendienst des Bundespresseamtes, zitiert nach Bundesnachrichtendienst, Akte 2226-OT, Paginierung 420. 25 Siehe Johannes/Schwarz: DDR. Das Manifest (Anm. 10), S. 88. 26 Interview mit Ulrich Schwarz im Deutschlandfunk, 7. Januar 1978, 12.05 Uhr, Nachrichtendienst des Bundespresseamtes, zitiert nach Bundesarchiv Koblenz, Akte B/137/9277. 27 Siehe »DDR-Widerstand: Sehnsucht nach Demokratie«, in: Der Spiegel Nr. 1 vom 2. Januar 1978, S. 19–21, online unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40693804.html, ges. am 12. Januar 2015. 28 Siehe zum Wortlaut des Interviews am 2. Januar 1978, ARD-Tagesschau, 22.30 Uhr, den Informationsdienst des Bundespresseamtes, zitiert nach Bundesnachrichtendienst, Akte 2226-OT, Paginierung 419. 29 Die Zeit vom 27. Januar 1978, S. 29. 30 Ebd. 31 »Gleiches nicht mit Gleichem vergelten. Bundeskanzler Helmut Schmidt über Ostpolitik, Konjunktur, Renten und die Wahlaussichten 1978«, in: Der Spiegel Nr. 3 vom 16. Januar 1978, S. 29–34, hier S. 30, online unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40693623.html, ges. am 22. Dezember 2014. 32 »Bei uns gilt die Diktatur des Proletariats«, in: Der Spiegel Nr. 11 vom 13. März 1978, S. 29–34, hier S. 29 bzw. 34, online unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40617146.html, ges. am 12. Januar 2015. 33 Siehe Siegfried Suckut (Hg.): Die DDR im Blick der Stasi 1976. Die geheimen Berichte an die SED-Führung, Göttingen 2009, S. 27–30. 34 Siehe dazu Jens Gieseke: Bevölkerungsstimmungen in der geschlossenen Gesellschaft. MfS-Berichte an die DDR-Führung in den 1960er- und 1970er-Jahren, in: Zeithistorische Forschungen 5 (2008), H. 2, S. 236–257, hier S. 253. Die »Kaffeekrise« war entstanden, weil aufgrund von Devisenmangel die preiswerteste Sorte aus dem Handel genommen und ein qualitativ schlechter Mischkaffee eingeführt worden war. 35 So Reich im Mai 1996 in einer mündlichen Stellungnahme auf der Jahrestagung der Abteilung Bildung und Forschung der Stasi-Akten-Behörde zum Themenfeld Staatspartei und Staatssicherheit. 36 So Christoph Kleßmann im Januar 1991: Opposition und Dissidenz in der Geschichte der DDR, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament (1991), B5, S. 52–62, hier S. 60. 37 Siehe Heinz F. Niemann: Der sogenannte »Bund Demokratischer Kommunisten Deutschlands« in der Opposition und Dissidenz der DDR. Zu einem Artikel von Christoph Kleßmann in Aus Politik und Zeitgeschichte, in: DeutschlandArchiv 24 (1991), H. 5, S. 533–538, hier S. 534. 38 Ebd., S. 538. 39 Siehe Hermann von Berg: Positionen der Linken zur nationalen Problematik in Deutschland, in: Konrad Löw (Hg.): Verratene Treue. Die SPD und die Opfer des Kommunismus, Köln 1994, S. 207–233, hier S. 209. 40 Dominik Geppert publizierte seine Ergebnisse später unter dem Titel Störmanöver: Das »Manifest der Opposition« und die Schließung des Ost-Berliner »Spiegel«-Büros im Januar 1978, Berlin 1996. Diese Arbeit prägte den bisherigen Forschungsstand. Geppert ist mittlerweile Professor für Geschichte an der Universität Bonn. 41 Ebd., S. 11. 42 Ebd., S. 12. 43 Ebd., S. 124. 44 Ebd., S. 125. 45 Ebd., S. 119. 46 Siehe Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (im Folgenden: BStU), Bestand Ministerium für Staatssicherheit (im Folgenden: MfS), Hauptabteilung (im Folgenden: HA) XX ,13080, Blatt 73-86. 47 Siehe Hermann von Berg: Vorbeugende Unterwerfung. Politik im realen Sozialismus, München 1988, S. 207. 48 Von Berg: Positionen (Anm. 39), S. 209. Diese Aussage von Bergs ist missverständlich. Dass er aus mehreren Papieren einen Entwurf fertigte und diesen dann Schwarz diktierte, dafür fehlt bisher jeder weitere Hinweis. Mit der Zusammenfassung ist vermutlich der Entwurf gemeint, den von Berg im November 1977 von den Mitstreitern im Bund vorgelegt bekommen hatte. Er basierte wahrscheinlich auf Einzelpapieren. Darauf deutet auch die Feststellung von Heinz Niemann hin, der davon ausgeht, dass dem Manifest ursprünglich mehrere Papiere zugrunde gelegen hatten, siehe Niemann: Der sogenannte »Bund Demokratischer Kommunisten Deutschlands« (Anm. 37), S. 534. 49 Nach diesem mehrere Jahre zurückliegenden Aktenfund in den Stasi-Unterlagen regte der Verfasser des vorliegenden Beitrages beim Spiegel an, in einem Eigenprojekt des Magazins die Entstehungsgeschichte und historische Relevanz des Dokuments zu klären, und teilte die Signatur mit. Der Vorschlag blieb ohne Resonanz. Er beschloss nunmehr, selbst nach einer Antwort zu suchen und weiter zu recherchieren. Einbezogen wurden auch die wenigen mittlerweile für die Forschung zugänglichen Unterlagen des Bundesnachrichtendienstes (BND) und die oben zitierte Akte des Bundesministeriums für innerdeutsche Beziehungen im Bundesarchiv Koblenz. Die Ergebnisse werden an dieser Stelle veröffentlicht und zur Diskussion gestellt. 50 So von Berg gegenüber dem Verfasser in einem Telefonat am 5. Februar 2013 und einem zweistündigen Gespräch in seiner Wohnung in Schöneiche am 19. Februar 2013. Mit Ulrich Schwarz sprach der Verfasser am Rande von Veranstaltungen und zu Einzelfragen telefonisch, zuletzt am 15. Juni 2014. Er dankt beiden für ihre Auskunftsbereitschaft, die geholfen hat, die Stasi-Unterlagen zu bewerten. 51 Siehe »Wir sind gegen die Einparteien-Diktatur«, in: Der Spiegel (Anm. 3), S. 21. 52 Das Dokument ist überliefert in der Akte BStU, MfS, HA XX 13080, Blatt 73-86. Die folgenden Angaben beziehen sich auf diese Unterlage. 53 Siehe »Wir sind gegen die Einparteien-Diktatur«, in: Der Spiegel (Anm. 3), S. 20. So auch Erich Böhme bereits am 2. Januar 1978 in der ARD, siehe Johannes/Schwarz (Hg.): DDR – Das Manifest (Anm. 10), S. 86. 54 Siehe schriftliche Anfrage des Verfassers vom 18. Juni 2014 und telefonische Antwort von Dr. Janssen, Leiter der Spiegel-Dokumentation, vom 3. Juli 2014. 55 Siehe BStU, MfS, HA XX 13080, Blatt 80 bzw. »Korruption, wohin man blickt«, in: Der Spiegel (Anm. 3), S. 26. 56 Siehe Geppert: Störmanöver (Anm. 40), S. 66. Siehe außerdem den Wortlaut der zusätzlichen Passagen am Ende dieses Beitrages. 57 Niemann: Der sogenannte »Bund Demokratischer Kommunisten Deutschlands« (Anm. 37), S. 536. 58 So von Berg auch bereits in: ders.: Vorbeugende Unterwerfung (Anm. 47), S. 208. 59 So auch der Spiegel-Chefredakteur Erich Böhme in einer ARD-Fernsehdiskussion am 11. Januar 1978, 23.00 Uhr und die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13. Januar 1978 sowie Schwarz in seinem Interview mit der Zeitschrift Horch und Guck (Anm. 2), S. 17. 60 Siehe BStU, MfS, HA XX 13080, Blatt 81 und 83. 61 Siehe ebd., Blatt 81. 62 »Korruption, wohin man blickt«, in: Der Spiegel (Anm. 3), S. 28. 63 So die Angaben von Dominik Geppert: Auf dem Dritten Weg zu einem sozialistischen Gesamtdeutschland: Revisionistische Opposition und nationale Frage in der DDR, in: ders./Udo Wengst (Hg.): Neutralität. Chance oder Schimäre? Konzepte des Dritten Weges für Deutschland und die Welt 1945–1990, München 2005, S. 79–95, hier S. 91. 64 So von Bergs wiederholter Hinweis, etwa auf einer Veranstaltung in Potsdam Anfang 2008, siehe den Konferenzbericht im Neuen Deutschland vom 9. Februar 2008. 1995 hatte von Berg die Namen von sechs Mitstreitern im »Bund« öffentlich gemacht. Wie Geppert feststellen musste, konnten vier von ihnen allerdings nicht mehr befragt werden. Sie waren bereits verstorben. Ein Fünfter war trotz intensiver Recherche nicht auffindbar, siehe Geppert: Störmanöver (Anm. 40), S. 123. 65 So Ullrich Wössner, Direktor beim BND, in seinem Tagungsbeitrag für die Abteilung Bildung und Forschung der Stasi-Unterlagen-Behörde: Angriffe des MfS auf den Bundesnachrichtendienst, in: Georg Herbstritt/Helmut Müller-Enbergs (Hg.): Das Gesicht dem Westen zu … DDR-Spionage gegen die Bundesrepublik Deutschland, Bremen 2003, S. 393–404, hier S. 401. 66 In einem Leserbrief schrieb der DDR-Historiker Karl-Heinz Gräfe, der offizielle DDR-Verteiler sei im Falle der ersten beiden Hefte des Jahres 1978 nicht beliefert worden. Einen Beleg dafür führt er nicht an. Siehe Neues Deutschland vom 2. August 1994, S. 2. Nach einem zusammenfassenden Bericht von Dominik Geppert wurde den Abteilungsleitern im ZK der SED die Lektüre der Zeitschrift »verboten«. Die Mitglieder des Politbüros seien verpflichtet worden, die Hefte mit dem Manifest »gleich nach der Lektüre zurückzugeben«. Siehe ders.: Aufstand gegen Honecker. Das »Manifest« der SED-Opposition und der SPIEGEL, in: Der Spiegel Nr. 38 vom 16. September 1996, S. 70–92, online unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-9092721.html, ges. am 22. Dezember 2014. Belege werden dort nicht angeführt. 67 Siehe Erich Böhme (Hg.): Deutsch-deutsche Pressefreiheit – Vom Grundlagenvertrag bis zur Schließung des Spiegel-Büros, Hamburg 1978, S. 49. 68 Bericht K 3/24a (o. D. BStU-Datierung: 28. Dezember 1977), in: Henrik Bispinck (Bearbeiter): Die DDR im Blick der Stasi. Die geheimen Berichte an die SED-Führung 1977 (elektronische Datei ohne Paginierung), Göttingen 2012, auch für die folgenden Angaben. 69 Wie Bispinck ermittelte, waren die Angaben zur Adresse der BND-Verbindungsstelle zutreffend, siehe ebd., Fußnote 1. 70 Siehe Bericht K 3/24b vom 31.12.1977, ebd. 71 Siehe Neues Deutschland vom 2. Januar 1978, S. 2. Dieser Argumentation folgte Honecker auch in einem vertraulichen Fernschreiben an die Ersten SED-Bezirkssekretäre am 10. Januar 1978, siehe zum Wortlaut: Dokumente zur Deutschlandpolitik, Band VI/5, 1977/78, München 2011, S. 481–483. 72 Information des MfS vom 13. Januar 1978, BStU, MfS, ZAIG 2789, Blatt 1-5. 73 Information über politisch bedeutsame Aspekte zur »Spiegel«-Veröffentlichung und damit zusammenhängenden beachtenswerten Reaktionen vom 6. Januar 1978, BStU, MfS, ZAIG 2787, Blatt 1-3, auch für die folgenden Zitate. 74 Siehe die Aufzeichnung des Telefonats vom 18. Januar 1978 von westlicher Seite: Dokumente zur Deutschlandpolitik (Anm. 71), S. 493–496, hier S. 495. Wie man der östlichen Wiedergabe des Gesprächs entnehmen kann, brachte Honecker den Begriff in das Gespräch ein, siehe ebd., S. 496–498, hier S. 497. Siehe ferner ausführlich zu den Reaktionen der Regierung und der Parteien in Bonn: Geppert: Störmanöver (Anm. 40), S. 92–109. 75 So hatte der SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner das Manifest in der Bundestagsdebatte am 19. Januar 1978 charakterisiert, siehe Deutscher Bundestag (Anm. 6), S. 4992. 76 Der Brief ist überliefert in der Akte BStU, MfS, HA XX 12746, Blatt 84, der Umschlag ebd., Blatt 85. 77 Telefonat des Verfassers mit Hermann von Berg am 16. Mai 2014 nach schriftlicher Anfrage vom 13. Mai 2014. 78 Antwort des BND vom 16. April 2014 auf die schriftliche Anfrage des Verfassers vom 20. Januar 2014. 79 Siehe Bundesnachrichtendienst, Akte 2226-OT, Paginierung 432. 80 Siehe Bericht der Bundesregierung (Anm. 15). 81 Siehe Kleßmann: Opposition und Dissidenz (Anm. 36). 82 Geppert: Störmanöver (Anm. 40), S. 124. 83 So Heinz Niemann im Neuen Deutschland vom 27. Juli 1994. 84 Siehe ders.: Positionen der Linken (Anm. 39), S. 222. Von Berg übernimmt dabei – wohl unbewusst – die Charakterisierung, die Honecker in seinem Rundschreiben an die Ersten SED-Bezirkssekretäre vom 10. Januar 1978 getroffen hatte, siehe Dokumente zur Deutschlandpolitik (Anm. 71), S. 481. 85 Siehe »Korruption, wohin man blickt. Das Manifest der ersten organisierten Opposition in der DDR – Zweiter Teil« (Anm. 3).

JHK 2015

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung 2015 und Danksagung

Jörg Baberowski Prof., Dr. phil., geb. 1961 in Radolfzell, 1982 bis 1988 Studium der Geschichte und Philosophie an der Universität Göttingen, 1989 bis 1994 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Osteuropäische Geschichte an der Universität Frankfurt/M., 1994 Promotion an der Historischen Fakultät der Universität Frankfurt/M., Titel der Dissertation: »Autokratie und Justiz. Zum Verhältnis von Rechtsstaatlichkeit und Rückständigkeit im ausgehenden Zarenreich 1864–1914«; September 2000 Habilitation, Universität Tübingen, 2001 bis 2002 Vertretung des Lehrstuhls für Osteuropäische Geschichte an der Universität Leipzig, seit Oktober 2002 Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. Veröffentlichungen u. a.: Verbrannte Erde. Stalins Diktatur der Gewalt, München 2012; Ordnung durch Terror. Gewaltexzesse und Vernichtung im nationalsozialistischen und im stalinistischen Imperium (mit Anselm Döring-Manteuffel), 2. Aufl. Bonn 2007; Der Feind ist überall. Stalinismus im Kaukasus, München 2003. Mithg.: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas; Kritika. Explorations in Russian and Eurasian History; Zeithistorische Forschungen; Journal of Modern European History; Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Dieter Bacher Mag. phil., geb. 1981 in Leoben, Österreich. 2000 bis 2005 Studium der Geschichte und der Slawistik (Russistik) an der Universität Graz. 2004 bis 2008 Mitarbeiter am Diözesanmuseum Graz. Seit 2006 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung in Graz. Seit 2006 Mitglied des Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies (ACIPSS). Publikationen u. a.: Mithg.: Zwangsarbeiter in Österreich 1939–1945 und ihr Nachkriegsschicksal, Innsbruck/Wien/Bozen 2013. Bernhard H. Bayerlein Dr. habil., geb. 1949 in Wiesbaden, Historiker und Romanist. Wissenschaftlicher Angestellter am Institut für soziale Bewegungen (ISB), Ruhr-Universität Bochum; Associate Fellow am Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF), Potsdam. Studium der Romanistik, Philosophie und Geschichte in Heidelberg, Toulouse, Coimbra und Bochum. Schwerpunkte: Vergleichende historische Kommunismus- und Sozialismusforschung, Europäische Archivprojekte und Digital Humanities (The International Comitee for the Computerization of the Komintern Archives/INCOMKA, Internationales Willi-Münzenberg Forum u. a.), portugiesische und spanische Studien. Autor/Hg.: Deutschland – Russland – Komintern 1918–1943, 3 Bde., Berlin 2013/2014, »Abschied von einem Mythos. Die UdSSR, die Komintern und der Antifaschismus«, in: Osteuropa 58 (2009), H. 7/8, S. 125–148; »Der Verräter, Stalin, bist Du!«. Vom Ende der internationalen Solidarität, Berlin 2008; Deutscher Oktober 1923, Berlin 2003; Der Thälmann-Skandal, Berlin 2003; Moscou – Paris – Berlin, 1939–1941, Paris 2003; Archives de Jules Humbert-Droz, IV, Zürich 2001; Georgi Dimitroff. Tagebücher, Berlin 2000; Entwaffnete Utopien. Utopies désarmées, Leipzig 1999; »Duverger’s Concept. Semi-Presidential Government Revisited«, in: European Journal of Political Research (1998); »Origens bonapartistas do semipresidencialismo português«, in: Análise Social, Lissabon 1996. Begründer und Herausgeber von The International Newsletter of Communist Studies; Mithg. u. a.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Zoltán Boér geb. 1984, seit 2012 Doktorand an der Universität Károli Gáspár Református Egyetem in Budapest. Spezialisiert auf die Erforschung der Aktivitäten der ungarischen Geheimdienste zwischen 1956 und 1990. Nach Abschluss des Studiums Teilnahme an einem Projekt zur Erforschung der Arbeit der Staatssicherheit in den Städten Eger und Hódmezővásárhely. Boér war Mitglied des Herausgebergremiums von www.szigoruantitkos.hu, das am 1. März 2011 eine Datenbank mit Informationen zu Mitarbeitern der Staatssicherheit veröffentlichte. Seit April 2011 ist er im Auftrag des historischen Untersuchungsausschusses der Reformierten Kirche an der Untersuchung und Erhebung unterschiedlicher Aufzeichnungen des Geheimdienstes in Bezug auf die ungarische Reformierte Kirche beteiligt. Bernd Faulenbach Prof. Dr., geb. 1943, Historiker an der Fakultät für Geschichtswissenschaft (Bereich Zeitgeschichte) der Ruhr-Universität Bochum, bis 2007 stellv. Direktor des Forschungsinstitutes Arbeit, Bildung, Partizipation, Vorsitzender der Historischen Kommission beim Parteivorstand der SPD, 1992 bis 1998 Mitglied der Enquetekommissionen des Bundestages zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und ihrer Folgen, seit 1998 stellv. Vorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Mitglied der wissenschaftlichen Leitung des Editionsprojektes Dokumente zur Deutschlandpolitik, Mitglied der deutsch-russischen Historiker-Kommission, Mitglied in einer Reihe von Fachgremien zur deutschen und europäischen Erinnerungskultur. Veröffentlichungen u. a.: Willy Brandt, München 2013; Das sozialdemokratische Jahrzehnt. Von der Reformeuphorie zur Neuen Unübersichtlichkeit. Die SPD 1969–1982, Bonn 2011; Mithg.: »Transformationen« der Erinnerungskulturen in Europa nach 1989, Essen 2006; Mithg.: Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn u. a. 2003; Mithg.: Die deutsche Sozialdemokratie und die Umwälzung 1989/90, Essen 2001. Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Thomas Wegener Friis Ph.D., geb. 1975, Associate Professor und Netzwerkkoordinator am Zentrum für das Studium des Kalten Krieges (Center for Koldkrigsstudier) an der Süddänischen Universität in Odense. 2003 Dissertation über den Militärischen Nachrichtendienst der DDR und Dänemarks. 2003–2005 Mitarbeiter der Kommission zum Thema »Dänemark im Kalten Krieg«, seit 2005 Mitarbeiter an der Süddänischen Universität, Mitglied des Vorstands der Gesellschaft zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung, der dänischen Militärhistorischen Kommission sowie von The Baltic Intelligence und Security Studies Association (BISSA); seit 2005 Redaktionsmitglied der Zeitschrift Arbejderhistorie, seit 2004 Mitinhaber des Friis Verlags; Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Claudia Christiane Gatzka M.A., geb. 1985 in Leipzig, 2004 bis 2011 Studium der Neueren und Neuesten Geschichte, Mittelalterlichen Geschichte, Politikwissenschaft und Europäischen Ethnologie. Seit 2011 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einem Dissertationsprojekt zur Alltagsgeschichte der Demokratie in lokalen Lebenswelten Italiens und Westdeutschlands nach 1945. Veröffentlichungen u. a.: Mithg.: Wahlen in der transatlantischen Moderne (= Comparativ. Zeitschrift für Globalgeschichte und vergleichende Gesellschaftsforschung 23/1), Leipzig 2013; »Der ›neue Mensch‹ auf ausgetrampelten Pfaden. Kommunistische Bewährung und politischer Massenmarkt im postfaschistischen Italien«, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2012, S. 145–157. Wladislaw Hedeler Dr. phil., geb. 1953 in Tomsk, UdSSR, 1973 bis 1978 Studium der marxistisch-leninistischen Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin, 1985 Promotion an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der KPdSU in Moskau über Nikolai Bucharin. Seit 1991 als Publizist und Übersetzer tätig. Veröffentlichungen u. a.: Nikolai Bucharin. Stalins tragischer Opponent, Berlin 2014; als Übersetzer: Alexander Vatlin: »Was für ein Teufelspack.« Die Deutsche Operation des NKWD in Moskau und im Moskauer Gebiet 1936 bis 1941, Berlin 2013; Hg.: Ich kam als Gast in euer Land gereist. Deutsche Hitlergegner als Opfer des Stalinterrors. Familienschicksale 1933–1956 (mit Inge Münz-Koenen), Berlin 2013. Natalia Jarska Ph.D., Mitarbeiterin am Institut des Nationalen Gedenkens in Warschau, Polen. 2014 Promotion am Institut für Geschichte der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Warschau; Thema: »Das professionelle Engagement der Arbeiterinnen in Polen 1945–1960«. Mitglied des Herausgebergremiums der Zeitschrift Pamięć i Sprawiedliwość [Erinnerung und Gerechtigkeit]. Forschungsschwerpunkt: Geschichte der kommunistischen Frauenbewegung in Polen; Genderfragen in Bezug auf die Polnische Kommunistische Partei. Publikationen u. a.: Hg.: Plec buntu. Kobiety w oporze społecznym i opozycji w Polsce w latach 1944–1989 na tle porównawczym [Das Geschlecht der Revolte. Frauen im bürgerlichen Widerstand und in der politischen Opposition in Polen 1944–1989: eine vergleichende Perspektive] (mit Jan Olaszek), Warschau 2014; »Idealne kobiety.« Sekcja kobieca Falangi 1934–1950 [»Die perfekten Frauen.« Die Frauenabteilung der spanischen Phalanx 1934–1950], Lublin 2011. Anna Kaminsky Dr., seit 2001 Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Studium der theoretischen und angewandten Sprachwissenschaft (Schwerpunkt romanische Sprachen) an der Karl-Marx-Universität in Leipzig; 1993 Promotion zum Dr. phil. Thema: »Sprache in der Politik. Die Analyse politischer Texte des katalanischen Nationalismus 1898–1917«; 1993 bis 1998 Mitarbeit in verschiedenen Forschungs- und Ausstellungsprojekten; von 1998 bis 2001 wissenschaftliche Mitarbeiterin der Bundesstiftung Aufarbeitung. Mitglied in den Beiräten der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, der Gedenkstätte Leistikowstraße Potsdam, im wissenschaftlichen Beirat der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt sowie im Beirat für Aufarbeitung der Stiftung Ettersberg. Publikationen zu Alltags- und Konsumkultur sowie zu Fragen der Erinnerungspolitik u. a. als Hg.: Erinnerungsorte für die Opfer von Katyń, Leipzig 2013; Erinnerungsorte an die Opfer des Kommunismus in Belarus, Berlin 2011; Die Berliner Mauer in der Welt, Berlin 2009, 2. erw. Aufl. 2014; Erinnerungsorte an den Holodomor 1932/33 in der Ukraine, Leipzig 2008; Erinnerungsorte an den Massenterror 1937/38 in der Russischen Föderation, Berlin 2007. Stefan Karner Univ.-Prof. Dr., geb. 1952, Historiker, Leiter des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, Graz – Wien – Klagenfurt; stellv. Vorstand des Instituts für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte der Universität Graz; österreichischer Vertreter in der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) des Europarates; Co-Vorsitzender der österreichisch-russischen sowie der österreichisch-slowenischen Historikerkommission; zahlreiche öffentliche Funktionen und Mitgliedschaften in internationalen wissenschaftlichen Vereinigungen, u. a. Österreichischer Wissenschaftler des Jahres 1995; wissenschaftlicher Leiter der Republiksausstellung im Parlament 2008/2009 (mit Lorenz Mikoletzky); wissenschaftlicher Leiter der NÖ Landesausstellung 2009 »Österreich – Tschechien«. Veröffentlichungen u. a.: Prager Frühling. Das internationale Krisenjahr 1968, 2 Bde., Köln u. a. 2008; Die Rote Armee in Österreich. Sowjetische Besatzung 1945–1955, 2 Bde., Wien/München 2005; Im Archipel GUPVI. Kriegsgefangenschaft und Internierung in der Sowjetunion 1941–1956, Wien/München 1995. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Mark Kramer Prof., Direktor des Cold War Studies Program an der Harvard University und Senior Fellow des dortigen Davis Center for Russian and Eurasian Studies. Lehrtätigkeit für vergleichende Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen an den Universitäten Harvard, Yale und Brown. Ehemals wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Harvard Academy of International and Area Studies sowie Rhodes-Stipendiat an der University of Oxford. Übersetzer und amerikanischer Herausgeber des Bandes Schwarzbuch des Kommunismus, Autor zahlreicher wissenschaftlicher Aufsätze und Bücher, u. a.: Imposing, Maintaining, and Tearing Open the Iron Curtain: The Cold War in East-Central Europe, 1945–1990, New York 2013; Crisis, Compromise, and Coercion in the Soviet Bloc, 1956: De-Stalinization, the USSR, and Upheavals in Poland and Hungary, Cambridge, MA 2008. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Norman LaPorte Ph.D. (Stirling), geb. 1964, Historiker, seit 2000 an der University of South Wales, Dozent (Reader) am Fachbereich Geschichte. Veröffentlichungen u. a.: Hg.: »Lives on the Left«, in: Moving the Social – Journal of Social History and the History of Social Movements, 51/2014; Friendly Enemies: Britain and the GDR, 1949–1989, Oxford 2010 (mit Stefan Berger); Hg.: Bolshevism, Stalinism and the Comintern. Perspectives on Stalinisation, Basingstoke 2008 (mit Matthew Worley und Kevin Morgan); Hg.: The Other Germany. Perceptions and Influences in British-East German Relations, 1945–1990, Augsburg 2005 (mit Stefan Berger); The German Communist Party in Saxony, Oxford/Bern 2003. Mitbegründer: Twentieth Century Communism: a journal of international history (seit 2009); Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Philipp Lesiak Mag. phil., geb. 1979 in Wien. 1997 bis 2004 Studium der Geschichte und klassischen Archäologie an der Universität in Graz und der Universidad de Salamca. 2004 bis 2006 Mitarbeiter an einem Forschungsfondsprojekt zur Geschichte des globalen Handels/Händlereliten der Universität Graz. Seit 2006 Mitarbeiter am Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung und seit 2014 zusätzlich Assistent am Institut für Wirtschafts-, Sozial,- und Unternehmensgeschichte der Universität Graz. Publikationen u. a.: Mithg.: Erster Weltkrieg. Globaler Konflikt – lokale Folgen. Neue Perspektiven, Innsbruck/Wien/Bozen 2014. Ulrich Mählert Dr. phil., geb. 1968 in Neckarsulm, 1987 bis 1992 Studium der Politischen Wissenschaft, Anglistik und Germanistik, 1994 Promotion und bis 1998 Mitarbeiter eines internationalen Forschungsprojekts an der Universität Mannheim zur Geschichte der Parteisäuberungen im Kommunismus. Seit 1999 Referent für Wissenschaftsförderung, Förderung der Archive und Internationale Zusammenarbeit bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Veröffentlichungen u. a.: Kleine Geschichte der DDR, 5. Aufl. München 2007; Mithg.: Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn u. a. 2003; Hg.: Vademekum DDR-Forschung, Berlin 2002; Die Freie Deutsche Jugend 1945–1949, Paderborn 1995. Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Svetlana Jurievna Malyševa Professorin des Lehrstuhls für Geschichtsschreibung und Quellenkunde am Institut für Internationale Beziehungen, Geschichte und Orientalistik an der Föderalen Universität des Wolgagebiets in Kazan. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören die Alltags- und Kulturgeschichte Russlands im 19. und 20. Jahrhundert; Historiografie und Quellenkunde; Der Tod in der sowjetischen Kultur; Prostitution im Freizeit- und Alltagsleben Kazans von 1850 bis 1914; Multikulturalität im Wolgagebiet vom 19. Jahrhundert bis heute. Zahlreiche Publikationen, darunter elf Monografien, wie z.B.: Prazdnij den’, dosuzhij wetscher. Kul’tura dosuga rossjskogo prowinzial’nogo goroda wtoroy polowiny XIX – natschala XX weka [Festtag, Feierabend. Freizeitkultur der russischen Provinzstadt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – Anfang des 20. Jahrhunderts], Moskau 2011, Sowetskaja prazdnitschnaja kul’tura w prowintsii: prostranstwo, simwoli, istoritscheskie mifi (1917–1927) [Sowjetische Festkultur in der Provinz: Raum, Symbole, historische Mythen (1917–1927)], Kazan 2005. Wilhelm Mensing Dr. jur., geb. 1935 in Werl/Westf., 1955 bis 1958 Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Münster/Westf. und München, Promotion 1963. 1964 bis 1997 im öff. Dienst; freier Mitarbeiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der FU Berlin bis 2006. Veröffentlichungen u. a.: SED-Hilfe für West-Genossen. Die Arbeit der Abteilung Verkehr beim Zentralkomitee der SED im Spiegel der Überlieferung des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (1946–1976), Berlin 2010; Von der Ruhr in den GULag. Opfer des Stalinschen Massenterrors aus dem Ruhrgebiet, Essen 2001; Nehmen oder Annehmen. Die verbotene KPD auf der Suche nach politischer Teilhabe und Wir wollen unsere Kommunisten wieder haben … Demokratische Starthilfen für die Gründung der DKP, Zürich 1989; Maulwürfe im Kulturbeet – DKP-Einfluß in Presse, Literatur und Kunst, Zürich 1983. Ehrhart Neubert Dr. phil., geb. 1940, Theologiestudium in Jena, 1964 bis 1984 Gemeinde- und Studentenpfarrer in Weimar, 1984 bis 1992 Referent in der Studienabteilung beim Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR; 1989 Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs und Mitglied am Zentralen Runden Tisch der DDR, von 1997 bis 2005 Fachbereichsleiter der Abteilung Bildung und Forschung der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU). Veröffentlichungen u. a.: Unsere Revolution. Die Geschichte der Jahre 1989/90, 2. Aufl. München 2009; Koautor: Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni in der deutschen Geschichte, Bremen 2004; Mithg.: Lexikon Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur, Berlin/München 2000; Geschichte der Opposition in der DDR, Berlin 1997. Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Andreas Pehnke Prof. Dr., geb. 1957 in Greifswald, 1977 bis 1981 Lehramtsstudium in Leipzig, 1984 ebendort Promotion (nach Forschungsstudium) mit einer Arbeit über den Bremer Reformpädagogen Heinrich Scharrelmann, sodann wissenschaftlicher Assistent, 1987 bis 1990 Habilitationsaspirantur am Institut für Theorie und Geschichte der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR, 1990 Habilitation zu Unterrichtsauffassungen in der Reformpädagogik, anschließend wissenschaftlicher Oberassistent in Halle/S. und 1993 Berufung auf die Gründungsprofessur für Allgemeine Erziehungswissenschaft (Systematische & Historische & Vergleichende Pädagogik) an die Universität Greifswald. Veröffentlichungen u. a.: seit 2000 Biografiereihe über Schulreformer, die in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts wiederholt gemaßregelt worden waren, im Sax-Verlag (Beucha bei Leipzig); Widerständige sächsische Schulreformer im Visier stalinistischer Politik (1945–1959), Frankfurt/M. 2008; Reformpädagogik aus Schülersicht, Baltmannsweiler 2002. Olena Petrenko M.A., geb. 1980 in Ternopil, Ukraine. 1996 bis 2001 Studium der Geschichte in Kiew, 2004 bis 2008 Studium der Geschichte in Bochum. Seit 2009 Doktorandin und Dozentin an der Ruhr-Universität Bochum. Veröffentlichungen u. a.: »Anatomy of the Unsaid: Along the Taboo Lines of Female Participation in the Ukrainian Nationalistic Underground«, in: Maren Röger/Ruth Leiserowitz (Hg.): Women and Men at War. A Gender Perspective on World War II and its Aftermath in Central and Eastern Europe, Osnabrück 2012, S. 241–262. »Zwischenpositionen. Frauen im ukrainischen bewaffneten Untergrund der 1940er–50er Jahre«, in: Klaus Latzel/Silke Satjukow/Franka Maubach (Hg.): Soldatinnen. Gewalt und Geschlecht im Krieg vom Mittelalter bis heute, Paderborn 2011, S. 257–278. Krzysztof Ruchniewicz Prof. Dr., geb. 1967 in Wrocław/Polen, Studium der Geschichte, osteuropäischen Geschichte an der Universität Wrocław, Universität des Saarlandes und der Philipps-Universität Marburg; 2000 Promotion zum Thema »Berlin – Warschau – Bonn. Die politischen Beziehungen in den Jahren 1949–1958«; 2007 Habilitation mit dem Thema »Die polnischen Bemühungen um die deutsche Wiedergutmachung in den Jahren 1944/45–1975«. Professor für Zeitgeschichte an der Universität Wrocław; Direktor des Willy-Brandt-Zentrums für Deutschland- und Europastudien der Universität Wrocław, gleichzeitig Lehrstuhlinhaber für Zeitgeschichte am selben Zentrum; Veröffentlichungen u. a.: Mithg.: Länderbericht Polen. Geschichte – Politik – Wirtschaft – Gesellschaft – Kultur, Bonn 2009 (mit Dieter Bingen); »Noch ist Polen nicht verloren«. Das historische Denken der Polen, Münster u. a. 2007; Zögernde Annäherung. Studien zur Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen im 20. Jahrhundert, Dresden 2005. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Hans Schafranek Dr., geb. 1951 in Schärding (Oberösterreich). Studium der Neueren Geschichte und Zeitgeschichte an der Universität Wien. Seit 1982 freier Mitarbeiter am Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. 1987 Promotion. Zahlreiche Forschungsprojekte zu folgenden Schwerpunkten: Nationalsozialismus, Stalinismus, Emigration UdSSR, Spanischer Bürgerkrieg, Nachrichtendienste im Zweiten Weltkrieg. 14 wissenschaftliche Buchpublikationen. Monografien u. a.: Söldner für den »Anschluss«. Die Österreichische Legion 1933 – 1938, Wien 2011; Sommerfest mit Preisschießen. Die unbekannte Geschichte des NS-Putsches im Juli 1934, Wien 2006; Kinderheim Nr. 6. Österreichische und deutsche Kinder im sowjetischen Exil, Wien 1998; Das kurze Leben des Kurt Landau. Ein Opfer der stalinistischen Geheimpolizei, Wien 1988. Birgit Schmidt geb. 1960 in Mülheim an der Ruhr, 1980 bis 1987 Studium der Literaturgeschichte, Deutschen Philologie sowie der Neueren und Neuesten Geschichte in Freiburg/Breisgau. 2002 Promotion im Fach Literaturgeschichte, Lehrerin in der Erwachsenenbildung. Journalistische Tätigkeit, Veröffentlichungen zum Thema Nationalsozialismus und Widerstand, kommunistische Literatur, DDR-Literatur, Antisemitismus der Linken, Frauengeschichte. Lebt in Berlin. Klaus Schönhoven Prof. Dr. phil., geb. 1942 in Würzburg, 1963 bis 1971 Studium der Geschichte, Germanistik und Politischen Wissenschaft, 1971 Promotion, 1979 Habilitation, 1984 bis 2007 Professor für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte an der Universität Mannheim. Veröffentlichungen u. a.: Mithg.: Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaften im 20. Jahrhundert; Hg.: Willy Brandt. Im Zweifel für die Freiheit. Reden zur sozialdemokratischen und deutschen Geschichte, Bonn 2012; Wendejahre. Die SPD in der Zeit der Großen Koalition 1966–1969, Bonn 2004; Arbeiterbewegung und soziale Demokratie in Deutschland, Bonn 2002; Reformismus und Radikalismus. Gespaltene Arbeiterbewegung im Weimarer Sozialstaat, München 1989; Die deutschen Gewerkschaften, Frankfurt/M. 1987. Nicola Spakowski Prof. Dr. phil., geb. 1966 in Stuttgart, 1985 bis 1991 Studium der Sinologie und Geschichte, 1997 Promotion im Fach Sinologie, 2006 Habilitation in den Fächern Sinologie und Geschichte, 1992 bis 2004 wissenschaftliche Mitarbeiterin und wissenschaftliche Assistentin im Fach Sinologie an der Freien Universität Berlin, 2004 bis 2010 Professorin für Außereuropäische Geschichte und China-Wissenschaften an der Jacobs University Bremen, seit 2010 Professorin für Sinologie an der Universität Freiburg. Veröffentlichungen u. a.: »Mit Mut an die Front«. Die militärische Beteiligung von Frauen in der kommunistischen Revolution Chinas (1925–1949), Köln 2009; seit 2006 Hg.: Women and Gender in Chinese Studies Review; Mithg.: Women in China. The Republican Period in Historical Perspective, Münster 2005; Helden, Monumente, Traditionen. Nationale Identität und historisches Bewußtsein in der VR China, Hamburg 1999; Mithg.: Frauenforschung in China. Analysen, Texte, Bibliographie, München 1995. Peter Steinbach Prof. Dr., geb. 1948 in Lage (Lippe), wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin und Professor emeritus für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Karlsruhe. Veröffentlichungen u. a.: Mithg.: Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur 1933–1945 (= Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 438), Bonn 2004; Mithg.: Der 20. Juli 1944. Gesichter des Widerstands, München 2004; Mithg: Opposition und Widerstand in der DDR. Politische Lebensbilder, München 2002; Widerstand im Widerstreit. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in der Erinnerung der Deutschen. Ausgewählte Studien, 2. Aufl. Paderborn u. a. 2001; Mithg.: Lexikon des Widerstandes 1933–1945, 2. Aufl. München 1998. Mithg.: Neue Politische Literatur (NPL), Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (ZfG) sowie Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Tanja Stern Dipl.-Theaterwissenschaftlerin, geb. 1952 in Berlin (Ost), 1971 bis 1975 Studium der Theaterwissenschaften in Leipzig, 1981 bis 1984 Fernstudium am Literaturinstitut Leipzig, 1984 literarisches Debüt mit dem Erzählband Fern von Cannes. Lebt als freie Autorin und Verlegerin in Berlin, schreibt Erzählungen, Essays, Reportagen, Kinderbücher und Filmscripts. In dem Erinnerungsbuch Der Apparat und die Seele (Berlin 2012) hat sie die Geschichte ihrer Familie aufgearbeitet. Brigitte Studer Prof. Dr., unterrichtete an den Universitäten Zürich, Genf, Bern sowie an der Washington University in St. Louis (USA). Seit 1997 Professorin für Schweizer und Neueste Allgemeine Geschichte an der Universität Bern. 2001 bis 2004 Gastprofessorin in Glasgow, 2013 Professeure invitée an der EHESS in Paris. 2001 bis 2007 Mitglied des Forschungsrates der Abteilung I (Sozial- und Geisteswissenschaften) des Schweizerischen Nationalfonds der wissenschaftlichen Forschung, 2001 bis 2005 ausländisches Mitglied des Conseil scientifique du departement des Sciences de l’Homme et de la Société (CNRS) in Paris. Zurzeit Leitung eines Forschungsprojekts zur Geschichte der Philanthropie. Veröffentlichungen u. a. zur historischen Kommunismusforschung und zur Sozial- und Kulturgeschichte des Stalinismus: Mithg.: Moscou – Paris – Berlin. Télégrammes chiffrés du Komintern, Paris 2003; Der stalinistische Parteikader, Köln 2001; Archives de Jules Humbert-Droz, Bd. V, Zürich 1996; Un parti sous influence, Lausanne 1994. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung, des Editorial Board von Twentieth Century Communism. A Journal of International History, der Österreichischen Zeitschrift für Geschichtswissenschaften. Siegfried Suckut Dr. rer. pol., geb. 1945, Politikwissenschaftler, 1978 Promotion, 1978 bis 1992 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich Geschichte und Politik der DDR an der Universität Mannheim; 1992 Fachbereichsleiter/stellvertretender Abteilungsleiter in der Abteilung Bildung und Forschung in der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Berlin, 1997 bis 2005 Leiter der Abteilung. Veröffentlichungen vor allem zur Betriebsrätebewegung in der Sowjetisch Besetzten Zone Deutschlands 1945–1948, zur DDR-Gründungsgeschichte sowie zur Geschichte der Blockparteien und des Staatssicherheitsdienstes in der DDR, zuletzt als Hg.: Die DDR im Blick der Stasi. Die geheimen Berichte an die SED-Führung 1976, Göttingen 2009. Stefan Troebst Prof. Dr., geb. 1955 in Heidelberg, Osteuropahistoriker und Slavist, Professor für Kulturstudien Ostmitteleuropas und Ko-Direktor des Global and European Studies Institute der Universität Leipzig sowie stellvertretender Direktor des Geisteswissenschaftlichen Zentrums für Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas ebendort. Studium in Tübingen, Berlin, Sofija, Skopje und Bloomington. Promotion 1984 und Habilitation 1995 an der Freien Universität Berlin. Veröffentlichungen u. a.: Hg.: West-östliche Europastudien. Rechtskultur, Kulturgeschichte, Geschichtspolitik, Leipzig 2015; Mithg.: Remembering Communism. Private and Public Recollections of Lived Experience in Southeast Europe, New York/Budapest 2015; Mithg.: Post-Panslavismus. Slavizität, Slavische Idee und Antislavismus im 20. und 21. Jahrhundert, Göttingen 2014; Mithg.: Ėnciklopedija izgnanij. Deportacija, prinuditel’noe vyselenie i ėtničeskaja čistka v Evrope v XX veke [Lexikon der Vertreibungen. Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts], Moskau 2013; Erinnerungskultur – Kulturgeschichte – Geschichtsregion. Ostmitteleuropa in Europa, Stuttgart 2013; Mithg.: Geschichtspolitik in Europa seit 1989. Deutschland, Frankreich und Polen im internationalen Vergleich, Göttingen 2013; Hg.: Postdiktatorische Geschichtskulturen im Süden und Osten Europas. Bestandsaufnahme und Forschungsperspektiven, Göttingen 2010; Kulturstudien Ostmitteleuropas, Frankfurt/M. u. a. 2006; Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Krisztián Ungváry Ph.D., geb. 1969, Studium in Budapest, Jena und Freiburg/Breisgau. Promotion 1998 zum Thema »Belagerung Budapests im Zweiten Weltkrieg«. Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für die Erforschung der ungarischen Revolution 1956/Ungarische Nationalbibliothek (Budapest); Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Stiftung »Flucht, Vertreibung, Versöhnung«. Veröffentlichungen u. a.: Verschwiegene Vergangenheit. Der Parteistaat und das Ministerium des Inneren. Die politische Polizei in Ungarn zwischen 1956 und 1990, Budapest 2008 (auf Ungarisch mit Gabor Tabajdi); Ungarn und der Zweite Weltkrieg (auf Ungarisch), Budapest 2005; Die Schlacht um Budapest, München 1999. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Alexander Vatlin Prof. Dr., geb. 1962 in Aschgabad/Turkmenien, 1979 bis 1984 Studium der Geschichte und 1987 Promotion am Lehrstuhl für Neue und Neueste Geschichte an der Moskauer Lomonossow-Universität zum Thema »Die Wiedergründung der SPD in Westdeutschland 1945–1949«. Seit 1991 Leiter des Programms »Moderne Geschichte« am Institut für Menschenrechte und demokratische Forschung. Seit 1997 Lehrtätigkeit am Lehrstuhl für Neue und Neueste Geschichte der Lomonossow-Universität; 1998 Habilitation zum Thema »KPdSU und Komintern in den Zwanzigerjahren. Probleme ihrer Wechselbeziehungen«. 2001 Mitbegründer und seitdem Koordinator der »Arbeitsgruppe zur Erforschung der neuesten Geschichte Deutschlands« an der Lomonossow-Universität (www.rusgermhist.ru). Seit 2006 dort Professor am Lehrstuhl für Neue und Neueste Geschichte. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Sebastian Voigt Dr. phil., M.A., seit 2013 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte, München – Berlin und Lehrbeauftragter an der Universität Leipzig. Stipendiat der Rosa-Luxemburg-Stiftung (2001–2004), der Fulbright-Kommission (2002–2003) und der Studienstiftung des deutschen Volkes (2003–2006). Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig. 2008 Promotionsstipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes. 2009 bis 2012 Promotionsstipendium der Hans-Böckler-Stiftung. Dissertation zum Thema »Zwischen Résistance und Holocaust. Zur politischen Erfahrungsgeschichte jüdischer Intellektueller im Nachkriegsfrankreich«. Veröffentlichungen u. a.: »Ungewöhnliche Konversionen? Von Mao zu Moses. Linksradikalismus und jüdische Zugehörigkeit im Frankreich der späten Siebzigerjahre«, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2013, Berlin 2013, S. 137–152; »Antisemiten als Koalitionspartner? Die Linkspartei zwischen antizionistischem Antisemitismus und dem Streben nach Regierungsfähigkeit«, in: Zeitschrift für Politik (2011), H. 3, S. 290–309 (mit Samuel Salzborn); »Pierre Goldmans Prozess. Literarische Interventionen von Hélène Cixous und Régis Debrais«, in: Jahrbuch des Simon-Dubnow-Instituts/Simon Dubnow Institute Yearbook X (2011), Göttingen/Oakville, Conn. 2011, S. 369–388. Hermann Weber Prof. Dr. Dr. h. c., geb. 1928, gest. am 29. Dezember 2014, 1945 KPD-Mitglied, 1947 bis 1949 SED-Parteihochschule Karl-Marx, Chefredakteur der westdeutschen FDJ-Zeitung bis zur Absetzung durch Erich Honecker, 1954 Ausschluss aus der KPD, seit 1955 Mitglied der SPD, 1968 Promotion, 1970 Habilitation, seit 1973 Professor, 1975 bis 1993 Ordinarius, Inhaber des Lehrstuhls für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte an der Universität Mannheim bis zur Emeritierung 1993, 1992 bis 1998 sachverständiges Mitglied der Enquetekommissionen des Bundestags zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und deren Folgen, seit 1981 Leiter des Forschungsschwerpunktes DDR-Geschichte an der Universität Mannheim; Ehrenmitglied der deutsch-russischen Historikerkommission; bis 2011 Mitglied des Stiftungsrates der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Veröffentlichungen u. a.: Mithg.: Deutschland – Russland – Komintern 1918–1943, 3 Bde., Berlin 2013/2014; Leben nach dem »Prinzip links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, Berlin 2006 (mit Gerda Weber); Mithg.: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004, erw. Aufl. 2008, Supplement-Band 2013; Damals, als ich Wunderlich hieß, Berlin 2002 (mit Gerda Weber); Geschichte der DDR, München 1985. Begründer und bis 2008 Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Manfred Wilke Prof. Dr., geb. 1941, 1976 Promotion zum Dr. rer. pol., 1976 bis 1980 wissenschaftlicher Assistent an der TU Berlin, 1981 Habilitation im Fach Soziologie an der Freien Universität Berlin, 1985 Professor für Soziologie an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin, 1992 Mitbegründer und bis 2006 Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der FU; 1992 bis 1998 sachverständiges Mitglied der Enquetekommissionen des Bundestags zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und deren Folgen; seit 2007 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Graz. Veröffentlichungen u. a.: Der Weg zur Mauer, Berlin 2011; Der SED-Staat. Geschichte und Nachwirkungen, Weimar 2006; Die Streikbrecherzentrale. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) und der 17. Juni 1953, Münster 2004; Hg.: Anatomie der Parteizentrale, Berlin 1998; Mithg.: Hart und kompromißlos durchgreifen. Die SED contra Polen 1980/81, Berlin 1995. Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Jan Zofka Dr. phil, geb. 1975 in München, 1997 bis 2005 Studium der Geschichte, Politikwissenschaft und Osteuropawissenschaften in Leipzig und St. Petersburg, 2013 Promotion in Leipzig, Dissertation zum Thema »Akteure (post-)sowjetischer Territorialkonflikte: Die separatistischen Bewegungen im Dnjestr-Tal und auf der Krim im Vergleich (1989–1995)«, 2010 bis 2013 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Global and European Studies Institute der Universität Leipzig und seit 2014 wissenschaftlicher Mitarbeiter am GWZO Leipzig. Veröffentlichungen u. a.: »›Russianness‹ als unsichtbare Norm. Mobilisierungsdiskurse des pro-russländischen Separatismus in Transnistrien im Zerfall der UdSSR«, in: Zaur Gasimov (Hg.): Kampf um Wort und Schrift: Russifizierung in Osteuropa im 19.–20. Jahrhundert, Göttingen 2012, S. 105–121; »Die ›Transnistrische Moldauische Republik‹ (PMR)«, in: Klaus Bochmann u. a. (Hg.): Die Republik Moldau – Republica Moldova. Ein Handbuch, Leipzig 2012, S. 201–212. Danksagung Ohne die Hauptpersonen – die Autorinnen und Autoren – würde es dieses Jahrbuch nicht geben. Ihnen gilt der Dank der Herausgeber und Beiräte, ebenso den externen Gutachterinnen und Gutachtern für die zur Verfügung gestellte Expertise sowie den Übersetzern, die Texte aus dem Polnischen, Russischen und Ungarischen übertragen haben. Die Hermann-Weber-Stiftung in Mannheim und die Gerda-und-Hermann-Weber-Stiftung in Berlin haben die Erarbeitung der Ausgabe 2015 des Jahrbuchs großzügig gefördert. Wir sind froh und dankbar, mithilfe dieser Förderung eine neue Ausgabe des Jahrbuchs vorlegen zu können, das der am 29. Dezember 2014 verstorbene Stifter selbst 1993 in Mannheim gegründet hat. Ebenso gilt der Dank der Herausgeber der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die den nötigen materiellen Rahmen für das Jahrbuch zur Verfügung stellt. Schließlich danken sie der Redakteurin Birte Meyer, ohne die das Jahrbuch nicht in dieser Qualität und Zuverlässigkeit erscheinen würde. Was bringt die Zukunft? Längst wird an den kommenden Ausgaben der Jahresschrift gearbeitet. 2016 wird sie dem Thema »Konspiration und Kommunismus« und 2017 dem Komplex der »Russischen Revolution«, ihren Folgen sowie Deutungen gewidmet sein. Den Call for Papers finden Sie auf der Website der Bundesstiftung Aufarbeitung.

JHK 2015

Statt eines Vorworts: Nachruf auf Hermann Weber

Ulrich Mählert

Am 29. Dezember 2014 ist der Begründer des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung Prof. Dr. Dr. h. c. Hermann Weber im Alter von 86 Jahren in Mannheim verstorben. Herausgeber, Beiräte und Redaktion trauern um einen Kollegen und Freund, der die Arbeit des Jahrbuchs bis zuletzt mit seinem Rat sowie als Autor begleitet hat. Es ist Hermann Weber zu verdanken, dass sich das Jahrbuch mit mittlerweile 22 Ausgaben zur wichtigsten deutschsprachigen Plattform der internationalen historischen Kommunismusforschung entwickelt hat. In Deutschland hat Weber diese Forschungslandschaft seit den 1950er Jahren mit seinen Publikationen und den von ihm angestoßenen und geleiteten Projekten geprägt – bis in die Gegenwart: In den Tagen vor seinem Tod erschien im De Gruyter Verlag die 1 840 Seiten umfassende Dokumentation Deutschland, Russland, Komintern – Dokumente 1918–1943, die er im Auftrag der Deutsch-Russischen Historikerkommission gemeinsam mit Bernhard H. Bayerlein und Jakov Drabkin herausgegeben hat. Bereits im Vorjahr war dazu der Analyseband veröffentlicht worden, in dem sich auch ein 130-seitiger Beitrag »Zum Verhältnis von Komintern, Sowjetstaat und KPD« von Hermann Weber findet. Am Ende seines Forscherlebens hatte er sich damit wieder verstärkt der Geschichte der KPD und des sowjetischen Kommunismus zugewandt, Themen, die seine Forschungen vor allem in den 1960er Jahren prägten. In den folgenden Jahrzehnten rückte die SED-Diktatur zunehmend ins Zentrum seiner Untersuchungen, die er bereits in den 1950er Jahren als Publizist kenntnisreich beschrieben und kommentiert hat. Sein Forschungsinteresse war nicht zuletzt biografisch begründet. 1945 hatte er sich der KPD angeschlossen. Damals für ihn ein folgerichtiger Schritt. 1928 geboren, wuchs Hermann Weber in einer Arbeiterfamilie auf. Sein Vater, ein Kommunist, war nach Hitlers Machtantritt mehrfach verhaftet worden. Webers anfängliche Überzeugung, dass nur eine radikale Umkehr der Verhältnisse für eine bessere und gerechtere Zukunft sorgen würde, sollte mit den Jahren zunehmend schwinden. Als Student an der SED-Parteihochschule wurde er zwischen 1947 und 1949 Zeuge der Stalinisierung der Partei. Mit wachsenden Zweifeln kehrte Weber anschließend nach Westdeutschland zurück, wo er als Funktionär der FDJ arbeitete. Mit ihm kam Gerda, seine große Liebe, mit der er über 60 Jahre seines Lebens teilen würde. Bald eckte er als Chefredakteur der westdeutschen FDJ-Zeitung an – 1953/54 kam es zum endgültigen Bruch mit der kommunistischen Bewegung. Die Eheleute fanden in der SPD und in der westdeutschen Gewerkschaftsbewegung eine neue politische Heimat. In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre erarbeitete sich Weber als freier Publizist mühselig einen Namen. Um den Lebensunterhalt zu sichern, reiste er als Referent von »Arbeit und Leben« in Sachen gewerkschaftlicher Bildungsarbeit durch die Bundesrepublik. 1958 stellte er 65 Fragen an die SED und entlarvte treffsicher Schein und Wirklichkeit in der DDR, so der Titel seines Buches. Als zweiter Autor war ein gewisser Lothar Pertinax genannt. Hinter diesem Pseudonym verbargen sich Koautor Heinz Lippmann sowie Jürgen Rühle und Jo Schölmerich, die am Manuskript mitgearbeitet hatten. In rascher Folge publizierte er danach Studien und Dokumentensammlungen zur Geschichte des deutschen Kommunismus sowie zu den Konflikten im Weltkommunismus. 1964 sorgte sein Buch Ulbricht fälscht Geschichte in der SED-Führung für Aufregung. Darin weist Weber akribisch systematische Geschichtsfälschungen im kurz zuvor erschienenen achtbändigen Werk Grundriss der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung nach, das in der DDR unter der Ägide und direkten Aufsicht des Staats- und Parteichefs erarbeitet worden war. In nur sechs Jahren absolvierte Weber zwischen 1962 und 1968 Studium, Promotion sowie Habilitation. Seine 1969 erschienene Dissertation Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik wurde zu einem viel beachteten Standardwerk, das dauerhaft Bestand haben sollte. Im selben Jahr veröffentlichte Hermann Weber in der Europäischen Verlagsanstalt in Frankfurt am Main den – wie er später sagte – »Quellenfund meines Lebens«: »Der Gründungsparteitag der KPD. Protokoll und Materialien«. Seit Jahrzehnten galt das Protokoll als verschollen. Weber hatte es im Nachlass des KPD-Mitbegründers Paul Levi in New York entdeckt. Die Erstveröffentlichung war eine Sensation. Drei Jahre später wollte die SED dieses Protokoll der DDR-Leserschaft nicht länger vorenthalten – und plagiierte Webers Buch: »Ein Raubdruck«, kommentierte das Nachrichtenmagazin Der Spiegel im September 1972. Fast nebenbei war im Vorjahr die Monografie Von der SBZ zur DDR. 1945–1968 erschienen, Webers erste große Studie zur DDR-Geschichte. Sie wurde Ausgangspunkt weiterer Bücher zur DDR, die Weber in unterschiedlichen Verlagen für unterschiedliche Zielgruppen verfasste und immer wieder überarbeitete: DDR. Grundriss der Geschichte (1976, vollständig überarb. Neuauflage 1991) im Fackelträger Verlag, die Kleine Geschichte der DDR (1980) in der Edition Deutschland Archiv, Geschichte der DDR (1985, aktualisierte und erweiterte Neuausgabe 1999) bei dtv sowie Die DDR (1988, 5. Auflage 2012) in der Reihe »Oldenbourg Grundriss der Geschichte«. Konsequenterweise wurde dieser Ausnahmehistoriker 1975 auf den Lehrstuhl für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte an der Universität Mannheim berufen, den er bis zu seiner Emeritierung 1993 innehatte. Hermann Weber entwickelte Mannheim rasch zu einem Zentrum der DDR-Forschung, das mit dem 1981 gegründeten Arbeitsbereich Geschichte und Politik der DDR auch einen institutionellen Rahmen fand. Trotz mannigfaltiger Aufgaben als Hochschullehrer und Leiter zahlreicher Projekte fand Weber stets Zeit für eigene Forschung und Publikationen. In immer neuen Auflagen erschienen seit 1970 bei Rowohlt sein Porträt Lenin in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, daneben Studien zur SED, zur Politik der KPD gegen die Sozialdemokratie oder zu den Ansätzen einer Politikwissenschaft in der DDR. In der Zeitschrift SBZ-Archiv, ab 1968 Deutschland Archiv, war er regelmäßiger Autor, ebenso in der Wochenzeitung Das Parlament und in deren Beilage Aus Politik und Zeitgeschichte. Webers Forschungsinteressen schlossen in den 1980er Jahren zunehmend auch die Gewerkschaftsgeschichte ein. Gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Klaus Schönhoven gab er 14 Bände in der Reihe »Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert« heraus. Im Auftrag der Industriegewerkschaft Chemie entstanden unter seiner Leitung umfängliche Publikationen zur Geschichte der Gewerkschaft und ihrer Vorläufer. Um die Weiterführung seiner Forschungen zu sichern, gründete er 1993 an der Universität Mannheim die Hermann-Weber-Stiftung und stattete diese großzügig mit Kapital aus. Hermann Weber war wissenschaftlich stets international vernetzt. Besonders enge Beziehungen pflegte er auch mit japanischen Historikern, die zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung und insbesondere zu Rosa Luxemburg forschten. Immer wieder waren japanische Wissenschaftler in Mannheim zu Gast. Hermann Weber war nicht nur Forscher, Wissenschaftsorganisator und Hochschullehrer. Er war ein politischer Mensch, der als überzeugter Sozialdemokrat auf kommunaler Ebene Stellung bezog, in der Historischen Kommission beim SPD-Parteivorstand mitarbeitete und sich bei vielen Kontroversen in den Medien zu Wort meldete. Aufmerksam verfolgte er die Entwicklungen in der DDR. Immer wieder prangerte er in Rezensionen und in Rundfunk- und Fernsehbeiträgen – u. a. bei der BBC in London – die Verlogenheit der SED-Diktatur im Umgang mit der eigenen Geschichte an. Dennoch setzte er sich stets für den Dialog »über die Mauer« ein. Vor 1989 zählte er zu den regelmäßigen Teilnehmern der »Internationalen Tagung der Historiker der Arbeiter- und anderer sozialer Bewegungen« im österreichischen Linz, eine der wenigen kontinuierlichen Plattformen des wissenschaftlichen Austauschs über den Eisernen Vorhang hinweg. Während die ostdeutschen Historiker den Kontakt mit ihm dort weitgehend vermieden, bildeten sich über das Jahr 1989 hinaus bestehende Freundschaften zu ostmitteleuropäischen Historikern. Im März 1989 erschien in dem kleinen trotzkistischen isp-Verlag in Frankfurt am Main ein schmales graues Bändchen, mit dem Hermann Weber die SED frontal herausforderte: Weiße Flecken in der Geschichte. Die KPD-Opfer der Stalinschen Säuberungen und ihre Rehabilitierung. Hier hat er Kurzbiografien von 242 deutschen Kommunisten zusammengetragen, die in den 1930er Jahren vor Hitler in die Sowjetunion geflohen und dort von Stalins Schergen umgebracht worden waren. Nicht zum ersten Mal hielt Weber der SED und ihren Historikern ihr völliges Versagen beim Umgang mit dem schwärzesten Kapitel der eigenen Geschichte vor. Während sich sowjetische Historiker und Medien unter Gorbačëv des Terrors im Stalinismus annahmen, »mauerten« die Ideologen in Ost-Berlin weiterhin. Der mediale Widerhall zu Webers Buch war auch jenseits von Mauer und Stacheldraht zu vernehmen und trug im Verlauf des Jahres 1989 zur Delegitimation des SED-Regimes bei. Deshalb erfüllte es ihn mit besonderer Genugtuung, dass dieses Werk bereits im Januar 1990 auch im neu gegründeten Chr. Links Verlag in Ost-Berlin erscheinen konnte. Mit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung brach am Lehrstuhl Hermann Webers sowie in seinem Arbeitsbereich DDR-Geschichte über Jahre größte Betriebsamkeit aus. Noch nie war die Expertise Webers und seiner Mitarbeiter so gefragt wie in den frühen 1990er Jahren. Vehement setzte er sich bereits vor der Wiedervereinigung für den Erhalt des SED-Archivs sowie der DDR-Archive insgesamt ein. Die Zahl der Beiräte und Gremien, von denen er zur Mitarbeit gebeten wurde, stieg rasant. Von 1992 bis 1998 war er sachverständiges Mitglied der beiden Enquetekommissionen des Bundestags zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und deren Folgen. Dort glänzte Weber nicht nur mit seiner profunden Kenntnis, sondern auch mit seiner ausgleichenden Art, die dabei half, so manchen politisch motivierten Streit zu schlichten. Das Angebot, seinen Lehrstuhl über das 65. Lebensjahr hinaus zu behalten, lehnte Weber dankend ab und wurde 1993 emeritiert – seiner Wirkungsmacht und Produktivität tat dies jedoch keinen Abbruch. Im Gegenteil, im selben Jahr hob er das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung aus der Taufe, das zunächst im Akademie Verlag, dann zeitweilig im Aufbau Verlag erscheinen sollte. Er schuf damit die deutschsprachige Plattform für die Erträge der damals boomenden historischen Kommunismusforschung. Nach der Überwindung der kommunistischen Diktaturen wurden in ganz Ostmitteleuropa endlich die Archive geöffnet und lange verschlossene Quellen erstmals – wenn auch in Russland nur zeitweilig – zugänglich gemacht. 2003 übertrug Weber die Verantwortung für das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung an die Bundesstiftung Aufarbeitung, der er in besonderem Maße verbunden war. Er hatte deren Errichtung in der zweiten Enquetekommission des Bundestags mit Verbündeten nach Kräften vorangetrieben und gehörte vom Zeitpunkt ihrer Gründung bis 2011 ihrem Stiftungsrat an. Fortan stand er der Stiftung stets mit seinem Rat und mit seinem Renommee zur Seite. Als deren unruhige Anfangszeit überwunden war, schenkten er und seine Frau ihr so viel Vertrauen, dass nicht nur das Jahrbuch, sondern auch die unselbstständige Gerda-und-Hermann-Weber-Stiftung unter dem Dach der Bundesstiftung Aufarbeitung verankert wurden. Die Gerda-und-Hermann-Weber-Stiftung wurde von den Eheleuten testamentarisch als Erbin eingesetzt, war sich Weber doch sicher, dass die Stiftung die Aufarbeitung der SED-Diktatur und des Kommunismus ganz in seinem Sinne fortsetzen würde. So begann er noch zu Lebzeiten, Schritt für Schritt, Teile seiner umfassenden Bibliothek und seines reichhaltigen Privatarchivs in die Bundesstiftung zu überführen. Hermann Weber blieb auch nach der Jahrtausendwende höchst produktiv. 2004 erschien im Karl Dietz Verlag das biografische Handbuch Deutsche Kommunisten, gemeinsam erarbeitet und herausgegeben mit dem Berliner Historiker Andreas Herbst. Bereits 2008 brachte der Verlag eine überarbeitete, auf 1 675 Biografien angewachsene zweite Auflage auf den Markt. Zu Ehren von Hermann Webers 85. Geburtstag ergänzten Andreas Herbst und der Karl Dietz Verlag die Ausgabe 2013 um einen Supplementband, der weitere 190 Lebenswege nachzeichnet sowie 40 vorhandene Biografien inhaltlich ergänzt. Im selben Zeitraum hatte Weber damit begonnen, das eigene Leben und das seiner Frau zu reflektieren. 2002 erschien die gemeinsame autobiografische Schrift Damals, als ich Wunderlich hieß. Vom Parteihochschüler zum kritischen Sozialisten (Aufbau Verlag). Darin beschreibt er seine Jugend, seinen Weg als Kommunist und die Loslösung vom Kommunismus. 2006 folgte Leben nach dem »Prinzip links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, wieder gemeinsam verfasst mit seiner Ehefrau Gerda, verlegt in dem von ihm sehr geschätzten Chr. Links Verlag. Für beide Rückblicke konsultierte er zahlreiche Archive. Es sind faktengesättigte, in der Subjektivität stets sympathische und spannend zu lesende Erinnerungen an den gemeinsamen Lebensweg, über den die Eheleute immer wieder aufs Neue ungläubig lachend den Kopf schüttelten. Nie hätten sie es sich in den 1950er Jahren vorstellen können, gemeinsam ein so hohes Alter, Wohlstand und so großes Ansehen zu erreichen. Sie, die in den 1950er Jahren von ihren einstigen Genossen verfemt und in Adenauers Deutschland mit Misstrauen bedacht worden waren, lange von der Staatsanwaltschaft verfolgt wurden und von der Hand in den Mund lebten. »Bin ich verrückt oder ist die Welt verrückt?« Dieser Satz war immer wieder aus Hermann Webers Mund zu hören – verbunden mit einem fröhlichen Lachen. Umso mehr wussten die beiden die Ehrungen zu würdigen, die ihnen bei runden Geburtstagen und anderen Gelegenheiten zuteil wurden. Hervorgehoben werden sollen an dieser Stelle nur zwei, denen stets die besondere Wertschätzung Hermann Webers galt: zum einen die Ehrendoktorwürde, die dem Historiker 2002 von der Universität Rostock verliehen worden ist – symbolträchtig am 7. Oktober, dem Jahrestag der DDR-Gründung; zum anderen der »Goldene Spargel«, den ihm die Mannheimer Karneval-Gesellschaft Die Löwenjäger 1994 überreichte. Diese Auszeichnung sagt viel über die Verwurzelung Hermann Webers in seiner Heimatstadt und seinen Humor, der ihn unvermutet Zeilen der von ihm so verehrten Dadaisten zitieren lassen konnte. Stets war Weber bodenständig geblieben, nach Maßstäben der Akademikerzunft praktisch uneitel. Gerda und Hermann Weber führten gemeinsam ein zufriedenes und vor allem auch bescheidenes Leben. Aber sie waren stets großzügig, wenn es darum ging, die eigene Bibliothek um seltene Publikationen zu erweitern oder einem vielversprechenden Projekt finanziell unter die Arme zu greifen. Auch für Verwandte, Freunde und Kollegen waren sie Retter in der Not. In Hermanns letzten Lebensjahren waren er und seine Frau gesundheitlich angeschlagen, immer jedoch im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten und, trotz mancher Einschränkung, voller Lebensfreude. Sein letzter Beitrag im Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung war 2013 eine akribische Studie über die Zeitschrift Der dritte Weg, die Hermann Weber in den 1950er Jahren mit verantwortet hatte. Ein Periodikum, herausgegeben von Dissidenten, die mit der SED gebrochen hatten und von der Bundesrepublik aus in beiden Teilen des Landes für einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Stalinismus warben. Webers Aktionsradius war in den letzten Jahren auf Mannheim beschränkt. Als Emeritus hatte er Anrecht auf die Nutzung eines Büros an seiner Fakultät, wovon er bis zuletzt Gebrauch machte. Erst vor Kurzem schied er aus dem Beirat der Mannheimer Volkshochschule aus, dem er Jahrzehnte angehörte. Wenn seine SPD ihn rief, stand er zur Verfügung, wie etwa im Spätsommer 2014, als er die Gäste einer Jubilarfeier mit einem fast einstündigen, frei gehaltenen Vortrag über die SPD als Arbeiterpartei, in dem er sich mit der Kapitalismuskritik von Thomas Piketty auseinandersetzte, erst überraschte und dann begeisterte. Zum letzten Mal sprach er 56 Tage vor seinem Tod vor Publikum: am 3. November 2014 bei einer Ausstellungseröffnung des Sozialdemokratischen Bildungsvereins Mannheim, zu dessen Mitbegründern er 1981 zählte und dessen Ehrenvorsitzender er blieb. Das Thema hätte symbolträchtiger nicht sein können: Deutsche Kommunisten im Stalinismus. Hermann Weber wird uns fehlen. Mit seiner Expertise. Seinem Humor. Und als Freund! Ulrich Mählert, für die Herausgeber, den Beirat und die Redaktion des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung, Berlin im Januar 2015

JHK 2015

Frauen als »Verräterinnen«. Ukrainische Nationalistinnen im Konflikt mit den kommunistischen Sicherheitsorganen und dem eigenen Geheimdienst

Olena Petrenko

Sie blieben zu dritt im Wald zurück. Die Kundschaftergruppe der Ukrainischen Aufstandsarmee (Ukrajinska Powstanska Armija, UPA),1 der sie angehörten, hatte im Sommer 1947 die polnisch-tschechoslowakische Grenze überquert, ohne die drei Frauen mitzunehmen. »Myroslawa«, »Sonja« und »Paranja« wurden auf Befehl der Organisationsleiterin der Ostkarpatengegend,2 »Chrystja«,3 auf dem polnischen Territorium ohne Geld oder Dokumente zurückgelassen. Sie zogen lange durch den Wald, nahmen Gelegenheitsarbeiten an, versteckten sich bei Verwandten; schließlich wurden sie, eine nach der anderen, vom polnischen Ministerium für Öffentliche Sicherheit (MBP, Ministerstwo Bezpieczeństwa Publicznego bzw. UB, Urząd Bezpieczeństwa)4 verhaftet: Als Erste traf es »Myroslawa« – Marija Ziok, Krankenschwester und Meldegängerin der UPA-Militäreinheit »Werchowyna«; »Paranja« (auch »Ptschilka«) – Paraskewia Rotko, die Verbindungsfrau von »Smyrnyj«, dem Leiter der Militäreinheit der UPA, wurde im Januar 1948 festgenommen und zu zehn Jahren Haft verurteilt.5 »Sonja« – Marija Schkyrpan, hauptsächlich Lebensmittellieferantin und Meldegängerin der UPA, wurde schließlich im April 1948 festgenommen. Sie unterschrieb das Protokoll zur Mitarbeit im polnischen Sicherheitsdienst und war fortan als Agentin tätig, bis sie 1949 illegal die deutsche Grenze passierte.6 Doch auch »Myroslawa« erwies sich als Spionin; sie galt sogar als eine der besten Agentinnen, die seit ihrer Anwerbung (unter dem UB-Pseudonym »Skala«) lange für den polnischen Nachrichtendienst tätig war.7 Über zehn Jahre lang nahm sie an verschiedenen Operationen des Sicherheitsdienstes sowohl gegen den ukrainischen als auch gegen den polnischen Untergrund teil.8 Ende der 1950er Jahre, d. h. in einer Zeit, in der die meisten Widerstandszellen in Polen aufgedeckt worden waren und eine Tätigkeit als Agentin kaum noch Sinn machte, erhielt Marija Ziok (inzwischen lebte sie unter einer neuen Identität als Marija Koslowska) einen Heiratsantrag aus Kanada.9 Schließlich gestattete man ihr zu emigrieren, forderte sie jedoch auf, von Toronto aus weiterhin im regelmäßigen Briefwechsel mit UB-Mitarbeitern zu bleiben und von den Stimmungen und Ereignissen in der ukrainischen Diaspora zu berichten. Marija Ziok verbrachte ein Leben auf der Flucht, zum einen vor dem ukrainischen aufständischen Sicherheitsdienst (SB), der sie aufgrund ihrer Agententätigkeit zum Tode verurteilte; zum anderen vor dem polnischen UB, auf dessen Briefe sie nach einem Jahr in Kanada nicht mehr reagierte, und schließlich vor ihrer eigenen Familie, die von ihrer doppelten Identität nichts ahnte. Ziok starb 1999 in Toronto und wurde auf dem ukrainischen St. Wolodymyr Friedhof in Oakville, Ontario, nicht weit von ihrem ebenfalls emigrierten UPA-Kommandeur »Smyrnyj« beigesetzt.10 Aufgrund von Publikationen polnischer Historiker sowie der Lustrationspolitik Polens erfuhren ihre Familie und die Öffentlichkeit erst einige Jahre später von der langjährigen Kooperation Marija Zioks mit dem MBP.11 Die drei Akteurinnen weigerten sich ihr Leben lang, über die Schatten ihrer Vergangenheit zu sprechen. Auch Zeugen aus ihrem Umfeld schwiegen. Die meisten versuchten, die Geschichte, die kein heroisches Narrativ aufbaute, für immer zu verdrängen. Nicht zuletzt sollten die eigenen Kinder nicht mit dem Makel aufwachsen, dass ihre Mütter Denunziantinnen und Verräterinnen waren. Die Frauen, die als Agentinnen für den Geheimdienst tätig wurden – und dies gilt sowohl für den ukrainischen SB, den polnischen UB und den sowjetischen NKWD – waren oftmals Täterinnen und Opfer zugleich, verstrickt in wechselhafte Kräfteverhältnisse, ideologische Konflikte und komplexe Identitätsmuster. Auf der Basis von Verhörprotokollen des ukrainischen nationalistischen Sicherheitsdienstes SB soll im Folgenden rekonstruiert werden, wie weibliche Mitglieder der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und der Ukrainischen Aufstandsarmee von den kommunistischen Sicherheitsorganen nach ihrer Verhaftung angeworben und für ihre Zwecke instrumentalisiert worden sind. Dabei geht es in erster Linie um die Zusammenhänge zwischen den Akteuren, Institutionen und den angewandten Praktiken. Außerdem stellt sich die Frage, inwiefern das denunziatorische Handeln und die Agentenanwerbung von den Sicherheitsdiensten beider Seiten als typisch »weiblich« verstanden und auch interpretiert wurde. Der Beitrag befasst sich sowohl mit dem Partisanenkampf der ukrainischen Nationalisten gegen die sowjetische und später polnische Obrigkeit als auch mit den UPA-Frauen, die von den eigenen Sicherheitsdiensten als Verräterinnen eingestuft wurden. In beiden Fällen geht es auch um die Dekonstruktion der dominanten Narrative in der sowjetischen und ukrainisch-nationalen Geschichtsschreibung. Die klaren Zuschreibungen und Wertungen, die hier angeboten werden, müssen anhand der Quellen einem Bild weichen, das von Ambivalenzen und Widersprüchen gekennzeichnet ist. Kommunistische Sicherheitsdienste gegen den Sicherheitsdienst der ukrainischen Aufständischen Die Aufgabe der »Bekämpfung des Banditentums« oblag primär dem sowjetischen Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten (NKWD) in der Ukraine sowie dem Volkskommissariat für Staatssicherheit (NKGB) und erfolgte hauptsächlich in der Zeit von 1944 bis 1956.12 Schnell hatten die internen Militäreinheiten des NKWD-NKGB mit der massiven Unterstützung der Roten Armee die meisten UPA-Einheiten entwaffnet und ihre Mitglieder verhaftet oder getötet.13 Die Aktionen des NKWD wurden als »tschekistisch-militärische Operationen« durchgeführt; in ihrem Verlauf wurden ganze Waldstücke und sogar Ortschaften blockiert. Wolodymyr Wjedjenejew, Autor mehrerer Monografien über Kampfstrategien der NKWD-NKGB in der Westukraine, identifiziert 1883 solcher Operationen im Jahr 1944 und sogar 6813 im Jahr 1945.14 Nach dem Krieg setzte die sowjetische Obrigkeit zusätzlich auf sogenannte Vernichtungsbataillone (istrebitelnye bataljony), die aus Mitläufern formiert wurden. Zusammen mit regulären Militärtruppen und NKWD-Einheiten bildeten sie eine starke Macht zur Unterdrückung der Aufständischen.15 Dieser militärische Druck zwang die aufständische Armeeleitung, die Strukturen der UPA zu überdenken und faktisch zu zersplittern. Die UPA agierte nach den verlustreichen Jahren immer mehr in Form lokaler Angriffe mit kleinen bewaffneten Gruppen. Viele Mitglieder erhielten den Auftrag, sich zu legalisieren, d. h., sie sollten den Untergrund verlassen, sich Papiere und eine Arbeit verschaffen. Verstecke zu finden, in denen man sich längere Zeit aufhalten könnte, schien kaum noch möglich zu sein. In diesem Sinne änderte sich auch die Taktik der kommunistischen Sicherheitsorgane: Die »Anwerbung« und darauffolgende Agententätigkeit der verhafteten Aktivistinnen und Aktivisten des Untergrunds gewannen immer mehr an Bedeutung. Der aufständische Sicherheitsdienst (Slushba bespeky, SB OUN (b)) agierte wie ein Kontrahent des sowjetischen NKWD. Eine seiner Besonderheiten war, dass er relativ autonom handelte. Offiziell ordnete er sich allerdings der OUN-Leitung unter, aus der er 1940 hervorgegangen war.16 Von seiner Gründung bis zu seiner faktischen Auflösung 1949 wurde der Sicherheitsdienst wie alle anderen Bereiche des Untergrunds (außer dem medizinischen Netzwerk) von Männern geleitet.17 1940 von Mykola Lebid’ geführt, gab dieser den SB OUN (b) 1941 an den langjährigen Leiter der Dienststelle, Mykola Arsenytsch, ab und emigrierte.18 Trotz praktisch immer schlechter werdender Bedingungen und einer wachsenden Zahl von Emigrationen unter den OUN-Mitgliedern wandelte sich die Organisation zu einer selbstständigen Militäreinheit. Zu ihren Kompetenzen gehörten vor allem das Aufspüren und die »Neutralisierung« sowjetischer Agentinnen und Agenten in der UPA, Bestrafungen, Liquidationen von Parteikadern, von Sympathisanten der Sowjetmacht oder von »internen Feinden« der Organisation. Der aufständische Sicherheitsdienst war für die meisten Gewaltakte gegenüber der Zivilbevölkerung verantwortlich; seine Mitarbeiter töteten ganze Familien, auch Kinder, Frauen und ältere Menschen. Doch trotz dieser Massensäuberungen und der schonungslos durchgeführten repressiven Maßnahmen – die Gewalt wurde jahrzehntelang tabuisiert und verleugnet – wurden und werden die SB-Mitglieder als Helden gefeiert. Das Problem einer aktiven Geheimpolizei in einem (noch) nicht existierenden Staat mit fragwürdigen repressiven Praktiken erkannten hochrangige Funktionäre der OUN wie Wasyl Kuk oder Danylo Janyschewskyj durchaus an, die in einem internen Briefwechsel oft Foltermethoden und willkürliche Tötungen verurteilten, jedoch ohne dass sie wirklich versucht hätten, daran etwas zu verändern. In diesem Sinne waren die SB-Strukturen nicht weit von denen der NKWD-NKGB-Organe entfernt. Dennoch wäre es falsch, die Maßstäbe und Möglichkeiten der kommunistischen Sicherheitsstrukturen und des aufständischen SB einfach gleichzusetzen. Der aufständische SB verlor schon in den ersten Nachkriegsjahren einen Großteil seiner Kader. Auch die Strukturen waren unzulänglich: Man hatte kaum Ressourcen, um die Personen, die der Agententätigkeit verdächtigt wurden, zu verhören und festzuhalten. Der Partisanenkampf der OUN und der UPA mit der sowjetischen Obrigkeit forderte unter der westukrainischen Bevölkerung mehrere Tausend Menschenleben. Im Beschluss des Zentralkomitees der KPdSU vom 26. Mai 1953 zog man eine traurige Bilanz des Widerstands: In den westukrainischen Gebieten wurden von 1944 bis 1952 rund 500 000 Personen Opfer von Repressionsmaßnahmen, über 134 000 von ihnen wurden verhaftet, 153 000 getötet und über203 000 verbannt.19 Dabei hatte die Mehrheit der Vertriebenen und Repressierten keinen unmittelbaren Bezug zur UPA – sie wurde in Sippenhaft genommen. Die Familienangehörigen wurden zu Opfern der von den Sicherheitsdiensten bevorzugten Erpressungsmethode. Immer wieder kam es vor, dass Verhaftete als Agentin oder Agent angeworben und erfolgreich bei einer Reihe von Spezialoperationen der kommunistischen Sicherheitsdienste eingesetzt wurden. Sowjetische Agentennetze in der OUN und der UPA Die Einbeziehung von Aufständischen und deren Familienangehörigen in die Netzwerke und Aktionen der sowjetischen und polnischen Sicherheitsdienste ist sicherlich einer der schwierigsten Punkte bei der biografischen Rekonstruktion. Die Problematik liegt vor allem in der Politisierung der Geschichte des Untergrunds und in der Instrumentalisierung der Fakten zugunsten verschiedener Interessengruppen. Dabei scheint das Eingeständnis der massiven Anwerbung und Mitarbeit ukrainischer Nationalisten sowohl für Staatspolizei und Apologeten der OUN und der UPA als auch für ihre Gegner »ungünstig« und unvorteilhaft zu sein. Auf der einen Seite überraschen Schilderungen von Verhaftung und darauf folgender Anwerbung, Mitarbeit, Denunziation und Lieferung von Informationen nicht. Auf der anderen Seite passen sie jedoch nicht zum Bild der makellosen Helden, das jahrelang vonseiten der Diaspora und teilweise noch heute in der Ukraine gezeichnet wird. Eine Bestätigung des ungeheuren Anwerbungsausmaßes würde für die Kritiker einer Heroisierung des Widerstands jedoch sowohl die Anerkennung der brutalen Arbeitsmethoden der Sicherheitsdienste als auch der ausweglosen Opferrolle der Untergrundaktivisten bedeuten. Dieser Opferstatus würde die Taten von OUN und UPA in gewisser Weise rechtfertigen und wäre schwerlich mit deren totaler Diffamierung zu vereinbaren. Dabei lässt sich jedoch feststellen, dass gerade die Erfolge der Agentenoperationen für den Sieg der sowjetischen Machthaber über die ukrainischen Nationalisten ausschlaggebend waren. Die Infiltration des Untergrunds durch zahlreiche Agenten gehörte zu den nicht zu leugnenden Realitäten des aufständischen Daseins. »In einigen Bezirken, wo wir die Agentennetze vorfanden, schwankt die Agentenzahl zwischen fünf bis sieben Personen. Wenn man beachtet, dass in einem Bezirk circa 20 bis 25 Aufständische tätig sind, ist die oben genannte Zahl der internen Agenten grauenvoll hoch […]«,20 konstatierte der Leiter des aufständischen Sicherheitsdienstes, Mykola Arsenytsch. Arsenytsch war für seine gnadenlosen Morde an den der Spionage verdächtigten Aufständischen berüchtigt; doch auch er konnte die Macht des NKGB nur erahnen: Sogar seine eigene Sekretärin »Natalka« wurde vom NKGB umworben und galt als zuverlässige sowjetische Agentin.21 In der Nachkriegszeit wuchs die Zahl der Agenten kontinuierlich. Neue Kräfte wurden vor allem unter ehemaligen oder verhafteten Aktivisten der OUN und UPA sowie den sogenannten Bandenhelfern (bandoposobniki), Sympathisanten der Bewegung und Verwandte der Aufständischen, rekrutiert. Eigene Agenten in den westukrainischen Untergrund einzuschleusen, erschien wesentlich schwieriger, weil die unbekannten Kader bei OUN und UPA kein Vertrauen genossen. Doch ein Risiko bestand auch bei den »umgedrehten« Personen, weil man nie sicher sein konnte, ob sie der unterschriebenen Verpflichtungserklärung »treu« blieben. Die Mitarbeiter der Sicherheitsdienste standen unter großem Leistungsdruck und wurden, wie zahlreiche Anordnungen zeigen, dazu aufgefordert, die Zahl der Agenten ständig zu steigern.22 Somit wurde in jeder verhafteten Person, unabhängig vom Geschlecht, ein potenzieller Agent vermutet. Vor allem gegen Kriegsende, und mit zahlreichen Verhaftungen von Frauen einhergehend, wuchs auch die Zahl weiblicher Agenten in den sowjetischen Sicherheitsdienstorganen. Die vielen Verhaftungen von Untergrundaktivistinnen sind vor allem durch gezielte Maßnahmen gegen die Widerstandsbewegung zu erklären, die die verstärkte Einbeziehung von Frauen in alle Tätigkeitsbereiche des Untergrunds gegen Ende des Krieges zur Folge hatten. Nach dem Einmarsch der Roten Armee in die westukrainischen Gebiete, der die Handlungsmöglichkeiten der Aufständischen eingrenzte und zur Massenflucht in die Wälder führte, wurden Frauen zu »Ersatzkräften« selbst im männlich dominierten Bereich des aufständischen Sicherheitsdienstes.23 Hauptsächlich rückten sie jedoch im Meldewesen, bei der Lebensmittelversorgung und im Nachrichtendienst auf. »Umworbene« Frauen. Historiografische Schablonen und Quellen Die hochkontroverse Wahrnehmung des ukrainischen nationalistischen Untergrunds lässt sich heute als eine Art Krieg der teils an-, teils aber auch abwesenden Quellen verstehen, dessen Beginn sich bis in die 1950er Jahre zurückdatieren lässt. Seit der mit Ende des Zweiten Weltkriegs einsetzenden großen Emigrationswelle veröffentlichten die ehemaligen Mitglieder von OUN und UPA etliche Publikationen zum ukrainischen nationalistischen Untergrund. Gleichzeitig gaben sowjetische Historiker zahlreiche Bücher und Broschüren zur Nationalismusfrage in den westukrainischen Gebieten heraus.24 Ersteren mangelte es einerseits an Archivmaterialien, sie hatten praktisch keinen Zugang zu anderweitigem Quellenmaterial.25 Andererseits ließen die Diaspora-Historiker nicht selten diejenigen Fakten und Materialien aus, die zu einer Kompromittierung der aufständischen Bewegung hätten führen können.26 Sowohl die zahlreichen UPA-Apologeten als auch ihre Gegner blieben ideologisch voreingenommen, indem sie vor allem eine hoch selektive Auswahl der Quellen betrieben. Beide Seiten bemühten sich um eine Nivellierung von Brüchen und eine Herstellung von größtmöglicher Kohärenz bezüglich der biografischen und faktologischen Angaben zu den Lebensschicksalen der damaligen Akteure. Die sowjetische Seite vermied in diffamierender Stilisierung eine Angabe des Geschlechts bei den Mitgliedern von OUN und UPA und verwendete Bezeichnungen wie »Banditen« und »bourgeoise Nationalisten«. Dabei wurde die tatsächliche Rolle der Frau im ukrainischen nationalistischen Untergrund im Mediendiskurs eher als unbedeutend eingestuft. Für gewöhnlich wurden sie als Opfer in den Händen der ukrainischen Nationalisten dargestellt. Gleichzeitig aber wurden Frauen in den Medien zur treibenden Kraft hinsichtlich des Umbaus der ehemaligen »rückständigen« Westgebiete der Ukraine stilisiert.27 Der Anschluss der Westukraine nach dem Zweiten Weltkrieg sowie die darauffolgende Sowjetisierung des Terrains samt entsprechender Transformationen wiederholte in dieser Hinsicht das Szenario der 1920er bzw. 1930er Jahre in der Sowjetunion: Die Frau als eine jahrelang unterdrückte Gestalt, kaum gebildet und ohne Handlungsmöglichkeiten, gewann nun dank der Sowjetmacht und der proklamierten Genderparität an Einfluss und Aufmerksamkeit. Die Autoren in der Diaspora interessierten sich kaum für die Geschlechterrollen in der OUN und der UPA. In ihrem ideologischen Kampf gegen die sowjetischen Historiker erschienen Frauen nur in Nebenrollen und wurden allenfalls sporadisch erwähnt. Beide Darstellungen dominierten jahrzehntelang den Erinnerungsdiskurs, der in der heutigen Historiografie in Teilen noch immer Bestand hat. Erst in der letzten Zeit gibt es unvoreingenommene Studien zum ukrainischen nationalistischen Untergrund. Auch rücken allmählich, vor allem auf Basis der Oral History-Quellen, Genderfragen in den Fokus der Historiker, die zur OUN und UPA forschen.28 Dennoch ist die Agententätigkeit von Frauen in kommunistischen Sicherheitsdiensten bisher kaum erforscht, obwohl Jeffrey Burds schon 2001 von einer weiter zu untersuchenden »Feminisierung des ukrainischen Untergrunds« gesprochen hat.29 Heute lässt sich aufgrund der Verhörprotokolle (die zumindest teilweise zugänglich sind) und anderer Geheimdienstunterlagen rekonstruieren, wie die Frauen umworben, abgeworben und angeworben wurden. Gerade die SB-Verhöre sind eine einzigartige, wenn auch problematische Quelle. Dadurch, dass die Verhafteten besonders zu Kontakten mit sowjetischen administrativen Organen und dem NKWD befragt wurden, halten die Protokolle oftmals den Ablauf der konspirativen Treffen und den Inhalt von Gesprächen fest – Einzelheiten, über die man in keiner anderen Quelle etwas erfährt. Die Protokolle sagen zum einen viel über das Spektrum der »Interessen« des NKWD-NKGB aus, zum anderen aber auch über Strategien des Sprechens bzw. Nichtsprechens der Verhafteten. Je nach den situativen Faktoren, etwa persönlicher Protektion oder einer hochrangigen Position im Untergrund, konnte ein Verhör zur Entlastung der befragten Personen führen; grundsätzlich haben die Verhöre beim SB aber dem Zweck gedient, die verhaftete Person dazu zu bringen, verräterische Aktivitäten zu gestehen. Die Verhöre fanden daher in der Regel nach der zweiten Verhaftung statt – jetzt von der ukrainischen Seite – und bedienten ein bestimmtes Narrativ, das durchaus genderspezifische Züge trug. So betonten die Frauen, um sich zu schützen oder sogar zu retten, dass sie beim NKWD sexueller Gewalt ausgeliefert waren, dass sie hilflos waren oder nur an ihre Kinder gedacht hätten. Doch dachten und handelten vor allem die Sicherheitsdienste genderspezifisch. Ihre Aktionen und Befragungen sind Lehrstücke der Befangenheit in den Kategorien von Macht und Sexualität. Dies zeigt der geschilderte Fall der drei im Wald zurückgelassenen Frauen. Agentinnen und der »weibliche Verrat« »Sie verhafteten mich […] keiner hat mich geschlagen, ich wusste aber, wie grausam sie sein können. Ich wusste, dass auf mich zehn bis fünfzehn Jahre Gefängnis warten. Sie [Mitarbeiter des polnischen Sicherheitsdienstes, O. P.] sagten, dass sie gar nicht vorhätten, mich zu schlagen. Danach schlossen sie mich zurück in die Zelle […]. Am siebten Tag haben sie mich wieder zum Verhör gerufen. [...] Sie wollten nicht mehr wissen, sondern fragten nur, ob ich in die Freiheit möchte. […] ›Obwohl du es verdient hast, dass du zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt wirst, geben wir dir das Dokument und lassen dich frei.‹ Sie gaben mir Papier und Stift und befahlen mir zu schreiben, was sie mir diktieren würden. [...] Ich kämpfte mit meinen Gedanken und wusste auch nicht, was genau mit mir los war. Heute weiß ich es auch nicht. Ich habe also unterschrieben […]. Mittags wurde ich freigelassen und fuhr zu ›Myroslawa‹, ich wusste, sie war auch aus dem Gefängnis raus.«30 Mit diesen Worten gestand »Sonja« bei ihrem Verhör durch den ukrainischen Sicherheitsdienst die Kooperation mit dem UB. Über ein Jahr kooperierte sie mit dem polnischen Geheimdienst, nachdem sie im Spätherbst 1949 mit »Myroslawa« und »Paranja« von »Smyrnyjs« Partisanengruppe an der polnisch-tschechoslowakischen Grenze zurückgelassen worden war.31 Das Zurücklassen, das unerwartet nachts ohne offizielle Vorwarnung der Frauen stattgefunden hatte, spielte bei ihrer späteren Anwerbung die entscheidende Rolle. Den Frauen wurde in den Verhören von den polnischen UB-Mitarbeitern nahegelegt, dass sie von ihren Gefährten verraten worden seien und sich rächen sollten. Dazu sollten sie zunächst den Briefwechsel mit ins Ausland gegangenen Aufständischen wieder aufnehmen und Informationen aus der Korrespondenz weiterleiten. Marija Ziok, »Myroslawa«, wurde dabei als wichtigste Verbindungsperson eingesetzt. Ausschlaggebend dafür waren vor allem ihre privaten Beziehungen zu einem der männlichen Mitglieder der Partisanengruppe. Auf diese Weise versuchte der Geheimdienst, die emotionale Bindung für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Der Plan ging auf: Zwar hatte ihr Geliebter »Bilyj« durchaus den Verdacht, dass seine Freundin und ihre Cousine »Sonja« inzwischen für die andere Seite arbeiten könnten, dennoch hielt er den Kontakt aufrecht und kehrte Anfang der 1950er Jahre im Auftrag der OUN in die Ukraine zurück, wo er sofort verhaftet wurde. Der UB erwies sich als »milde«: Da »Myroslawa« dem Geheimdienst einen so großen Dienst erwiesen hätte, kam es zu einer Kooperation zwischen dem polnischen und dem sowjetischen Geheimdienst. Der Agentin wurde sogar ein Treffen mit dem von ihr verratenen Geliebten gestattet, der inzwischen in der Verbannung in der Sowjetunion lebte. Die Briefe waren indes nur scheinbar privat. »Myroslawa« sollte immer wieder betonen, dass der Verrat nicht primär von ihr, sondern von der Gruppe begangen worden sei, die sie und die beiden anderen Frauen im Wald zurückgelassen hatte. An dieser Version hielten die drei Frauen fest und beschuldigten bis an ihr Lebensende die eigenen Leute (und nicht den polnischen Geheimdienst), sie in die prekäre Lage des »Verrats« gebracht zu haben. Umgekehrt verdächtigten die Mitglieder der Gruppe die drei Frauen, für die gegnerische Seite zu arbeiten, und bestätigten so permanent die geschlechtskonnotierte Figur des Verrats. »Sonja« wurde, als sie einige Jahre nach dem Vorfall im Wald illegal die Grenze überqueren konnte und nach Deutschland gelangte, vom aufständischen SB in der Emigration auf Anweisung der alten Kundschaftergruppe »festgenommen«. In einem in den 1990er Jahren aufgenommenen Gespräch mit ihrer Tochter, der einzigen Oral-History-Quelle, die heute noch etwas zur Geschichte der Gruppe von »Smyrnyj« beitragen kann, erzählt »Sonja«, wie sie in München von der ukrainischen Seite befragt wurde. Angeblich habe sie die Verhaftung nur überlebt, weil ihre Freundin, die zufälligerweise sah, wie sie eingesperrt wurde, die Polizei rief.32 Die sogenannten Zonja Folder, die die Akten und Verhörprotokolle der aus der Ukraine gekommenen Gruppe von »Smyrnyj« beinhalten und heute in Toronto im Petro Potitschnyj-Archiv aufbewahrt werden, sind voll von Beschuldigungen und zeugen von gegenseitiger Antipathie. Nach den Aussagen von »Sonja« hielt »Chrystja« – die damalige Kreisleiterin der UPA-Gruppe in dieser Region, auf deren Befehl die drei Frauen im Wald gelassen wurden – insgesamt Aufständische aus der Volksgruppe der Lemken für unzuverlässig und zu Verrat neigende Personen, die zudem unter polnischer Bevölkerung aufwuchsen.33 Auch mit der Arbeit der drei Frauen war »Chrystja« laut »Sonja« unzufrieden, da sie sie nicht für vertrauenswürdig hielt.34 Es sollen vor allem Eifersucht und persönliche Abneigung gegenüber »Myroslawa« bei der Entscheidung, die Frauen im Wald zurückzulassen, eine Rolle gespielt haben.35 Auch »Sonjas« Verhältnis zu »Myroslawa« war angespannt. Es wurde angenommen, dass sie und einige andere im Dorf verbliebene UPA-Angehörige höchstwahrscheinlich von »Myroslawa« denunziert worden waren. Trotzdem hielt »Sonja« im Unterschied zu den meisten anderen Aufständischen im Ausland den Kontakt zu »Myroslawa« aufrecht. »Sie [»Myroslawa«, O. P.] wollte vor allem für die Familie sorgen und hatte ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Vater, der ihretwegen nach Sibirien verschleppt wurde«, meinte »Sonja« entschuldigend. Durch ihre intensive Kommunikation, das Aufrechterhalten ihrer Freundschaft und gemeinsame Erinnerungsrituale in der Emigration entwickelte sich eine Art gemeinsames Gedächtnis, das stark zur Bildung eines monolithischen Erzählnarrativs beigetragen hat.36 Weder »Myroslawa« noch »Sonja« wurden physisch gefoltert. Eher spielten psychologische Gründe, die komplexe, vieldeutige Situation, die sich unmittelbar vor der Verhaftung entfaltete, eine Rolle. Die primäre Motivation der beiden Frauen dafür, in den Untergrund zu gehen, der ständige Identitätswechsel und die Enttäuschung über die eigenen Leute sind hier wahrscheinlich ausschlaggebend gewesen, dass sie sich anwerben ließen.37 Trotz allem waren »Myroslawa« und »Sonja« eher Ausnahmefälle eines gewaltfreien Umgangs mit den verhafteten Aufständischen. Zahlreiche Frauen, vor allem die verhafteten Aktivistinnen des Untergrunds, die eher lokal agierten, wurden brutal gefoltert und missbraucht, vornehmlich, um an Informationen zu kommen. Danach wurden viele von ihnen den Agentennetzwerken angeschlossen.38 Protokolle von Verhören vermeintlicher sowjetischer Agentinnen und Agenten zeigen die Interdependenz der vielschichtigen Angstzustände: von der Androhung bis zur Eskalation der Gewaltanwendung; auch mit der Bedrohung von Verwandten und Kindern wurden die Häftlinge erpresst. Die Angst, die die Überlebensstrategien bestimmte, brachte die Mehrheit der Frauen in verschwommene, immer wieder sich ändernde Zwischenrollen, die den Opfer-Täter-Rahmen sprengten. Oft war die Motivlage durchaus komplex, wie das folgende Beispiel zeigt: Stefanija Duleba, die Frau eines SB-Mitarbeiters, die unter Folter Informationen preisgab, unterschrieb schließlich die Anwerbung. Während des Verhörs durch den SB, das ein Jahr später stattfand, erklärte sie die Kooperation mit dem NKWD folgendermaßen: »Warum ich zu dem Treffen [mit dem NKWD-Major, O. P.] ging, kann ich selbst nicht sagen. Mich hat mit ihm verbunden, dass ich schon früher einige Menschen auslieferte und mich teilweise auf der Seite der Bolschewiki fühlte. Außerdem erinnerte ich mich immer wieder an die Warnung des Majors, der mein Foto hatte und mich überall finden konnte. Gleichzeitig wollte ich mich an den Menschen rächen, die meinen Bruder getötet haben.«39 Duleba wusste zu genau, dass allein die Verhaftung durch den NKWD einen Verdacht beim SB auslöste und praktisch als Agententätigkeit a priori galt. Was hier genau den Ausschlag gab, wird man wohl nie erfahren. Letztlich aber wurden ihr vermutlich ihre familiären Verhältnisse zum Verhängnis. Das Interesse des NKWD konzentrierte sich vor allem auf die Kontakte ihres Ehemannes: Sowohl dieser als auch ihr verstorbener Bruder standen in engem Kontakt zu Mykola Arsenytsch, dem Leiter des SB-West. Arsenytsch war einer der von den sowjetischen Geheimdiensten am meisten gesuchten Aufständischen. Stefanijas Bruder Petro wurde noch in der Kriegszeit vom ukrainischen SB, höchstwahrscheinlich auf Befehl von »Mychajlo« (Deckname von Arsenytsch), erschossen, wie Stefanija vermutete. Entweder wegen einer Frau, in die auch »Mychajlo« verliebt war, oder aufgrund von Rachegelüsten eines anderen SB-Mitarbeiters, dessen Bruder von Petro erschossen worden war. Als Ehefrau eines hochrangigen SB-Mitarbeiters, dessen Aufenthaltsort zur Zeit ihrer Festnahme durch die NKWD-Organe nicht bekannt war, wurde Stefanija grausam gefoltert. Sie wurde mehrfach geschlagen, bis zur Bewusstlosigkeit goss man ihr gleichzeitig Wasser in Nase und Mund.40 Parallel zur Folter spielten die NKWD-Mitarbeiter mit ihrer Trauer um den Bruder, der von seinen eigenen Leuten getötet worden sei, wie sie behaupteten. Nach mehrtägigen Verhören wurde sie zu einem anderen Untersuchungsrichter nach Bereshany gebracht, der mehr Mitleid und Zuneigung erkennen ließ. Neben den »Beweisen«, dass ihr Bruder von »Mychailo« getötet worden war, legte er ihr »Fakten« über zahlreiche Affären ihres Ehemannes vor: »[...] du solltest uns alles über sie [die UPA, O. P.] erzählen. Sie sind eure größten Feinde. Wenn du uns nicht bei ihrer Liquidation hilfst, werden sie eure Familie auslöschen. Für dich sind sie die größten Feinde. Sie haben deinen Bruder getötet und die Ehefrau und Kinder als Waisen zurückgelassen.«41 Neben derartigen Androhungen und »Plausibilitätsvorführungen« in Bezug auf die gewünschte Kooperation scheint es, dass auch finanzielle Anreize oftmals bei der Anwerbung helfen sollten. So sollte Stefanija Duleba, nachdem sie bei der erfolgreichen Suche nach dem ukrainischen Sicherheitsdienstsleiter Mykola Arsenytsch behilflich gewesen war, 2000 Rubel erhalten.42 Einer anderen Frau, Stefanija Lagojda, wurden sogar 5000 Rubel für die Mitarbeit versprochen, die sie allerdings nie erhielt.43 In vielen Fällen versprach man auch konkrete materielle Gegenstände, wie Stoff zum Nähen, Mäntel oder Stiefel.44 Beim Verhör durch den SB gestand Stefanija Duleba auch, dass es zu einer Liebesbeziehung mit dem verhörenden NKWD-Major Schwez gekommen sei. Der ukrainische SB vermerkte nach dem Verhör: »Während der Untersuchung und der Anwendung physischer Maßnahmen hielt sie bis zum Ende daran fest, dass die Beziehung zu dem Major sie von den Aktivitäten als Agentin abgehalten hätte. Sie hat immer wieder betont, dass ihr Ehemann nichts von ihrer Tätigkeit wusste und versuchte, sich und ihn von den Inkriminierungen zu befreien, indem sie gleichzeitig die Beschuldigung in Kauf nahm, amoralisch zu handeln.«45 Der Vermerk spiegelt offensichtlich die herrschende Meinung über Frauen im Untergrund wider, in der der demoralisierende Einfluss und die Amoralität von Frauen einen zentralen Platz einnahmen. Immer wieder wurden die Wellen der weiblichen Exklusion aus der OUN mit diesen Variablen in Verbindung gebracht. Bereits etwas später, Ende der 1940er Jahre, kritisierte der spätere letzte Kommandeur der UPA Wasyl Kuk, wie auch eine Reihe anderer hochrangiger Funktionäre der OUN, diese Einstellung.46 Inwiefern ihre Aussagen noch Wirkung hatten, bleibt unklar. Bekannt ist, dass Stefanija Duleba nach den Folterungen und den Verhören durch den SB höchstwahrscheinlich umgebracht wurde, weil sie Agentin war. Pseudogruppen der UPA Die Angst der Untergrundaktivisten gegenüber dem eigenen aufständischen Sicherheitsdienst wurde vom NKWD-NKGB raffiniert ausgenutzt: Man setzte sogenannte Pseudogruppen des Untergrunds ein, die aus »umgedrehten« UPA-Aktivisten gebildet wurden und unter anderem für das endgültige Geständnis und vor allem zur Einholung des Einverständnisses zur Mitarbeit der Aufständischen eingesetzt wurden. Den Untergrundaktivisten, die von den sowjetischen Behörden verhaftet worden waren, wurde ihre Befreiung durch den Untergrund vorgetäuscht. Ihnen wurde vorgespielt, sie befänden sich nun in den Händen der UPA, und sie wurden beschuldigt, Agenten des NKWD oder NKGB zu sein. Da die Häftlinge dachten, dass sie an einem Verhör durch die Spionageabwehr des Untergrunds teilnahmen, erzählten sie Einzelheiten über ihre Verhaftung und beschrieben detailliert ihre Funktionen und Beziehungen zum Untergrund, um ihr Gegenüber zu überzeugen, dass sie keine sowjetischen Agenten, sondern Sympathisanten oder Mitglieder des Untergrunds waren. Der ukrainische SB, berüchtigt wegen seiner schonungslosen Repressivmaßnahmen, hatte keine Möglichkeiten, Gefängnisse im Wald zu errichten – die meisten Verdächtigten wurden umgebracht, nachdem das Geständnis in der Regel mithilfe grausamer Folter erzwungen worden war. Somit versuchten die Verhafteten, den Pseudo-SB mit allen Mitteln zu überzeugen, dass sie keine sowjetischen Agenten waren. Nach dem Verhör wurde den Opfern wiederum eine Aktion vorgespielt, bei der es dem NKWD-NKGB gelang, der vermeintlichen UPA-Gruppe ihre Gefangenen wieder abzujagen. Dabei fiel den sowjetischen Behörden wie durch Zufall das Protokoll des Verhörs in die Hände. Damit war der Häftling in die Ecke gedrängt und genötigt, im Folgenden für die sowjetische Seite zu arbeiten. Eine solche Taktik wurde etwa im Fall von »Natalka« angewandt. Nach ihrer Verhaftung versuchte sie zu fliehen und schoss dabei einen Polizisten an. Major Sokolow, der sich durch die erfolgreiche Anwerbung von Aufständischen im Gebiet von Ternopil ausgezeichnet hatte, zog los, um diese »interessante Figur« kennenzulernen. In einem Bericht an seine Vorgesetzten schrieb er: »Ich entschied nach der Ankunft in Bereshany, eine Anwerbung vorzutäuschen und ihr den Auftrag zu geben, ›Nestor‹ zu töten [ihren Militärvorsitzenden, O. P.]. Ich hatte damit gerechnet, dass sie fliehen würde. Man musste ihr diese Gelegenheit geben und sie dann durch den Sicherheitsdienst unserer Spezialgruppe als Mitarbeiterin des [sowjetischen, O. P.] Geheimdienstes verhören. Etwas anderes konnte man mit ihr nicht machen.«47 Die Operation verlief glatt: »Natalka« ging zum Haus »Nestors« und floh dann durch den Hintereingang. Nach einer Stunde wurde sie von der Pseudogruppe gefasst und verhört. Durch das Spiel getäuscht, berichtete »Natalka« von einem wichtigen Treffen. Gegenüber dem sowjetischen Geheimdienst hatte sie dies ausgelassen. Schritt für Schritt gab sie Informationen preis, mit denen die sowjetischen Behörden schließlich das Versteck von »Natalkas« Führungsoffizier, einer regional sehr wichtigen Figur im Untergrund, finden konnten. Durch ihn gewonnene Informationen zogen eine Reihe weiterer Verhaftungen und die Entdeckung von Bunkern nach sich. Auf diese Weise wurde »Natalka« ungewollt Helferin des sowjetischen Geheimdienstes. Maria Lesejtschuk, die nach Informationen des Sicherheitsdienstes aktive Helferin der OUN im Gebiet Kolomyja war, wurde ebenfalls durch den aufständischen Pseudo-SB spontan verhört. Aufgrund der Tatsache, dass sie sich jede Woche beim lokalen NKGB melden musste, wurde ihr Agententätigkeit vorgeworfen. Aus Angst vor dem SB offenbarte Lesejtschuk, dass in ihrem Haus ein Bunker war und sie als Kundschafterin und Medikamentenlieferantin bei der Militärgruppe von »Skub« arbeite. Aufgrund dieser Angaben wurden siebzehn Aufständische festgenommen.48 Ähnliches widerfuhr der Ehefrau des UPA-Kommandeurs Roman Schuchewytsch. Natalja Schuchewytsch war schon wegen möglicher Provokationen vorgewarnt. Nach dem Überfall einer Pseudogruppe lieferte sie keine wertvollen Informationen (auch, weil sie kaum etwas wusste) und wurde dieser schnell wieder abgejagt.49 Solche Inszenierungen wurden in gleichem Maße bei Frauen und Männern durchgeführt. Nicht in die Hände des Feindes zu fallen, wurde einerseits als Pflicht eines jeden Aufständischen angesehen. Die nicht genutzte Möglichkeit zum Freitod wurde daher in diesem Zusammenhang als Verrat aufgefasst. Andererseits stellte die daraus resultierende Situation, Informationen liefern zu müssen, die Verhafteten vor die prekäre Situation, ein »weiteres Mal Verrat üben zu müssen«, was selbst nach der Freilassung die Angst vor der Rache durch den Untergrund nach sich zog. Die gelungene Täuschung und die darauffolgende Denunziation wurden oft genderspezifisch erklärt, zum Beispiel mit der »weiblichen Leichtgläubigkeit« und der »fehlenden Standhaftigkeit« der Frauen. Fazit Der Erfolg bei der Bekämpfung des ukrainischen Untergrunds seitens des sozialistischen Regimes basierte auf ausgedehnten Agentennetzwerken, in deren Zellen viele weibliche Akteure involviert waren. Die Frauen wurden massiv in den Spezialoperationen der Geheimdienste eingesetzt: Sie dienten als Spioninnen, Informantinnen und interne Agentinnen. Marija Koslowska-Ziok und viele andere weibliche NKWD-NKGB-UB-Kooperierende wurden zu einem gut durchdachten Teil des Systems, das sie geschickt mit ihren Nöten, Familienbindungen und Überlebensinstinkten anwarb. Die Dramatik der damaligen Lebensverhältnisse, die sich in den einzelnen Fallbeispielen so unterschiedlich und doch zugleich ähnlich präsentiert, findet heute ihre Fortsetzung in der pauschalen Stigmatisierung. Dieser schwierige Umgang mit dem jahrelang tabuisierten Thema der Agentennetze, der zu markanten Retuschen in den Biografien von zahlreichen Frauen führt, ist nur eins der vielen nicht zusammengefügten Puzzles der Geschichte des ukrainischen nationalistischen Untergrunds. Die Verhörprotokolle des SB zeigen die vielen Dimensionen der Anwerbung, deren Rekonstruktion in ihrer Komplexität und Vielschichtigkeit aufgrund fehlender oder gesperrter Archivdokumente sonst oftmals kaum möglich ist. In ihren Überlebensstrategien schufen zahlreiche Frauen frei erfundene Geschichten, in denen sie ihre Amoralität, ihr Nichtwissen oder ihre Ungebildetheit als Rechtfertigung ins Zentrum stellten. Die Einbeziehung der Genderaspekte dekonstruiert nicht nur die historische Meistererzählung der (post)sowjetischen und ukrainisch-nationalen Geschichtsschreibung. Solch eine plurale Sichtweise auf Handlungen, Erfahrungen und Darstellungen führt, wie gezeigt, zu einem nicht-einheitlichen Bild im Sinne der Historikerin Karin Hausen, die für »Nebeneinander, Ineinander oder Gegeneinander« plädiert hat.50 1 ∗ Mein herzlicher Dank gilt allen, die zum Entstehen dieses Artikels beigetragen haben: Alexandra Opar, die mir die Lebensgeschichte ihrer Mutter anvertraut und ihr privates Foto- und Dokumenten-archiv zur Verfügung gestellt hat; Petro Jacyk Visiting Scholar Program in Kanada, das mir erlaubt hat, die Recherchen in Toronto und Ottawa fortzusetzen; Anne Hartmann und Katharina Mohl sowie zwei anonymen Rezensenten. 1 Die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA) entstand offiziell im Oktober 1942 als Militärflügel der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN, Organizazija Ukrajinskych Nacionalistiw). Die 1929 in Wien gegründete OUN sah ihr Hauptziel in der Bildung einer unabhängigen Ukraine. Neben Sabotageakten und Dutzenden Fällen von »Expropriation« verübte die Organisation über 60 Attentate und Morde. Auf einem Kongress 1940 in Krakau spaltete sich die OUN in »Melnykisten« (OUN-M), meist ältere, konservativ gesinnte Emigranten, und in »Banderisten« (OUN-B). Zur OUN-B gehörte auch der spätere Kern der Ukrainischen Aufstandsarmee. Im Laufe ihrer Geschichte bekämpfte die UPA überwiegend die sowjetische Obrigkeit. Der letzte Kommandeur der UPA wurde 1954 verhaftet, einzelne kleine Gruppen agierten jedoch bis Ende der 1950er Jahre. Zum Thema siehe Litopys Ukrajinskoji Powstanskoji Armiji [Chronik der Ukrainischen Aufstandsarmee], Bde. 1–50, Toronto/Lemberg 1976–2013; Litopys UPA. Nowa Serija [Chronik der UPA. Neue Serie], Bde. 1–22, Toronto/Lemberg 1995–2013; Sergij Kudelja: Choosing Violence in Irregular Wars: The Case of Anti-Soviet Insurgency in Western Ukraine, in: East European Politics and Societies and Cultures 27 (February 2013), H. 1, S. 149–181; David R. Marples: Heroes and Villains: Creating National History in Contemporary Ukraine, Budapest 2007; Franziska Bruder: »Den ukrainischen Staat erkämpfen oder sterben!« Die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) 1929–1948, Berlin 2007. 2 Gebiet um Ternopil und an der Grenze zur Slowakei, das von der Volksgruppe der Lemken bewohnt wurde. 3 »Chrystja« – Irena Tymotschko-Kaminska (1923–2010) war 1947 die UPA-Leiterin in den Ostkarpaten. Im selben Jahr wurde sie vom polnischen Sicherheitsdienst verhaftet, verbrachte acht Jahre im Gefängnis und wohnte bis zu ihrer Emigration in die USA in Breslau. Siehe ihre Erinnerungen: Irena Tymotschko-Kaminska: Moja Odyseja [Meine Odyssee], Warschau 2005. Das Interview mit Tymotschko, das Anfang der 1990er Jahre aufgenommen wurde, ist im Ukrainischen Kanadischen Forschungs- und Dokumentationszentrum in Toronto zu finden. 4 Das MBP, das Ministerium für Öffentliche Sicherheit, war das Organ für Nachrichtendienst und Gegenspionage der polnischen Geheimpolizei in den 1940er und 1950er Jahren. 5 Paraskewia Rotko lebt heute in Toronto. Nach ihrer amnestiebedingten Freilassung Mitte der 1950er Jahre kehrte sie zu ihrer Mutter nach Westpolen zurück. 1956 lernte sie ihren zukünftigen Ehemann kennen, mit dem sie 1965 nach Toronto emigrierte. Zusammen mit ihrem inzwischen verstorbenen Ehemann veröffentlichte sie ihre Memoiren: A rany ne gojilysja: spomyny »Tschornoty« [Doch die Wunden heilten nicht: die Erinnerungen von »Tschornota«], Toronto/Lemberg 2001. 6 Marija Schkyrpan starb 2004 in Rochester, New York. Über ihre Anwerbungsgeschichte siehe im Petro Potitschnyj-Archiv in Toronto: The Peter J. Potichnyj Collection on Insurgency and Counter-Insurgency in Ukraine, Box 81 Tom XV, Folders: 2. Interrogation of »Zonja«, 3. Various reports on »Zonja«. 7 Im Warschauer Archiv des Instytut Pamięci Narodowej (Institut für Nationales Gedenken, im Folgenden: IPN) befinden sich mehrere Bände, die über ihre Tätigkeit als Agentin für den kommunistisch-polnischen Sicherheitsdienst UB Auskunft geben. Zum IPN siehe Pawel Machcewicz: Das Institut für Nationales Gedenken, in: Agnès Bensussan/Danuta Dakowska: Die Überlieferung der Diktaturen. Beiträge zum Umgang mit Archiven der Geheimpolizeien in Polen und Deutschland nach 1989, Essen 2004, S. 37–54; Bernadetta Groner: Das Archiv des Instituts für Nationales Gedenken. Ziele und Aufgaben. Das Problem der »Dossiers« – Tatsachen und Legenden, in: ebd., S. 71–81. 8 Zur Tätigkeit der Agentin »Skala« siehe im Warschauer IPN-Archiv: IPN BU 00169/15, Bde.1–6. 9 Marija Ziok antwortete auf eine Heiratsanzeige in der polnischen Presse. Ihr Mann, dessen Eltern aus der Ukraine stammten, wusste bis zum Ende seines Lebens nichts über die Agententätigkeit seiner Ehefrau. 10 Kurz vor ihrem Tod gab sie letzte Anordnungen für ihr Begräbnis: Auf dem Grabstein sollte nur stehen, wie viele Jahre sie gelebt hatte. Nach der Heirat hatte sie den Namen ihres Mannes, Osyp Opar, angenommen; daher steht auf ihrem Grabmal: »Marija Opar. 74 Jahre gelebt«. Auf diese Weise vermied sie, die Daten einer erfundenen Identität mit gefälschten Dokumenten einer Marija Koslowska, die am 31. August 1926 in Ternopil geboren sein sollte, für immer auf ihrem Grabstein einzugravieren. Die wahre Marija (Ziok), die am 31. August 1923 in Petna (Ostpolen) zur Welt kam, »starb« bereits wesentlich früher. 11 Siehe Igor Hałagida: Prowokacja »Zenona«. Geneza, przebieg i skutki operacji MBP o kryptonimie »C-1« przeciwko banderowskiej frakcji OUN i wywiadowi brytyjskiemu (1950–1954) [Die Provokation von »Zenon«. Genesis, Verlauf und Auswirkungen der MBP-Operation »C-1« gegen die Bandera-Fraktion der OUN und den britischen Geheimdienst (1950–1954)], Warschau 2005. 12 1944 wurde die Hauptabteilung für die Bekämpfung des Banditentums (Glawnoe uprawlenie po borbe s banditismom) gebildet. Ihr Ziel war vor allem die Vernichtung der aufständischen Gruppen im Baltikum, in der Ukraine und auch im Kaukasus. Allgemein zu der Konfrontation des sowjetischen NKWD-NKGB und zum ukrainischen aufständischen Sicherheitsdienst siehe Dmytro Wjedjenejew/Genadij Bystruchin: Metsch i tryzub. Rozwidka i kontrozwidka ruchu ukrajinskych nazionalistiw ta UPA (1920–1945) [Schwert und Dreizack. Nachrichtendienst und Gegen-Spionage der Bewegung der ukrainischen Nationalisten und der UPA (1920–1945)], Kiew 2006; dies.: Dwobij bes kompromisiv. Protyborstwo spezrozdiliw OUN ta radjanskych syl spezoperazij. 1945–1980-ti roky [Zweikampf ohne Kompromisse. Die Konfrontation der Spezialeinheiten der OUN und der sowjetischen Kräfte der Spezialoperationen.1945–1980], Kiew 2007. 13 Siehe ebd., S. 261. 14 Siehe ebd. 15 Auch andere Taktiken wurden zur Unterdrückung eingesetzt, die hier nicht näher behandelt werden: u. a. Deportationen der Familien und der »Bandenhelfer«, Volkszählung zwecks Findung der Untergetauchten, Amnestieeinführung, Aufbesserung der Kader des sowjetischen Sicherheitsapparats usw. 16 Aus dem KGB-Verhör von Wasyl Kuk vom 9. Juni 1954, in: Wjedjenejew: Metsch i trysub (Anm. 12), S. 195. 17 Siehe Galusewyj Dershawnyj archiv Slushby Bezbeky Ukrajiny/Staatliches Archiv des Geheimdienstes der Ukraine (im Folgenden: GDA SBU), f.13, spr.372, t.54, a.120. 18 Siehe ebd. 19 Siehe Jurij Schapowal: »Armija bez dershavy, dershava bes armiji« [Die Armee ohne Staat, der Staat ohne Armee], in: Den vom 12. Oktober 2002. 20 Brief von Mykola Arsenytsch an Roman Schuchewytsch vom 11. Januar 1947, GDA SBU, f.13, spr.372, t.23, a.118. Diese und weitere Übersetzungen stammen, sofern nicht anders vermerkt, von der Autorin des Textes. 21 Sie starb gemeinsam mit Arsenytsch bei der Entdeckung ihres Bunkers vom NKWD. Zu ihrer doppelten Identität siehe die Aussage von NKWD-Major Schwez, in: Borot’ba s agenturoju: Protokoly dopytiw Slushby Bezpeky OUN v Ternopilschtschyni 1946–1948, Litopys UPA [ Der Kampf mit den Agentennetzen: Die Verhörprotokolle des Sicherheitsdienstes der OUN im Gebiet Ternopil 1946–1948], Bd. 43, Toronto/Lemberg 2006, S. 98. Siehe auch Jeffrey Burds: Sowjetskaja agentura: ocherki istorii SSSR v poslewoennye gody, 1944–1948 [Die sowjetischen Agentennetze: Abrisse der Geschichte der UDSSR in den Nachkriegsjahren, 1944–1948], Moskau/New York 2006, S. 105. 22 Siehe IPN 00231/131, t.1, S. 66. Der Warschauer UB-Leiter der dritten Sektion der ersten Abteilung kritisierte den Leiter in Rzeszów, dass bei den relativ zahlreichen Verhaftungen immer noch zu wenig angeworben werde. Er führt Beispiele an, nennt Namen von Verhafteten, die aus seiner Sicht zur Anwerbung geeignet wären. Die überwiegende Mehrheit der erwähnten Namen ist weiblich. 23 Siehe Olena Petrenko: Zwischenpositionen. Frauen im ukrainischen bewaffneten Untergrund der 1940er–50er Jahre, in: Klaus Latzel/Franka Maubach/Silke Satjukow (Hg.): Soldatinnen: Gewalt und Geschlecht im Krieg vom Mittelalter bis heute, Paderborn 2011, S. 257–278. 24 Siehe Wolodymyr Samlynskyj: Schljach tschornoji srady [Der Weg des schwarzen Verrats], Lemberg 1969; Wolodymyr Tscherednychenko: Nazionalism proty naziji [Nationalismus gegen die Nation], Kiew 1970. Zur vollständigen Historiografie der Tätigkeit von OUN und UPA siehe Sergij Sdioruk/Ljudmyla Grynewytsch: Pokaschtschyk publikazij pro dijalnist OUN ta UPA (1945–1998) [Publikationen über die Tätigkeit der OUN und der UPA (1945–1998)], Kiew 1999. 25 Siehe Synowij Knysch: Duch, schtscho tilo rve do boju [Der Geist, der den Körper zum Kampf führt], Winnipeg 1951; Petro Mirtschuk: Narys istoriji Organizaziji Ukrajinskych Nazionalistiw [Zur Geschichte der Organisation Ukrainischer Nationalisten], München/London/New York 1968; Jurij Tys-Krochmaljuk: UPA Warfare in Ukraine. Strategical, Tactical and Organizational Problems of Ukrainian Resistance in World War II, New York 1972. 26 Die sowjetischen Publikationen »vergaßen« in gewohnter Manier der marxistisch-leninistischen Interpretation wiederum, den Verweisen auf Parteidokumente Quellenangaben hinzuzufügen. 27 Siehe Yoshi Mitsuyoshi: Public Representations of Women in Western Ukraine under Late Stalinism: Magazines, Literature, and Memoirs, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 54 (2006), H. 1, S. 20–36. 28 Zum bisherigen Forschungsdefizit siehe Bruder: »Den ukrainischen Staat« (Anm. 1), S. 53. Allgemeine Informationen zur Teilnahme von Frauen an OUN und UPA bietet Lesja Onyschko: Rol shinky v ukrajinskomu nazionalno-wyzvolnomu rusi seredyny XXst. [Die Rolle der Frau im ukrainischen nationalen Befreiungskampf in der Mitte des 20. Jh.], in: Ukrajinskyj wysvolnyj ruch 3 (2004), S. 30–38; dies.: Svjaskowi Romana Schuchevytscha u 1945–1947 rokach [Die Verbindungsfrauen von Roman Schuchewytsch in den Jahren 1945–1947], in: National’ni ruch y oporu v Schidniji Zentralnij Ewropi kinzja 1930-seredyny 1950 rokiw [Nationale Widerstandsbewegungen in Ost- und Zentraleuropa Ende der 1930er Jahre und Mitte der 1950er Jahre], Kiew 2005, S. 112–117. Siehe auch Oksana Kis: »Shinotschyj doswid utschasti u nazionalno-wysvolnyh smagannjach 1940–50-ch rokiw na zachidnoukrajinskych semljach« [Weibliche Erfahrung in der ukrainischen Befreiungsbewegung der 1940er Jahre und der 1950er Jahre auf den westukrainischen Gebieten], in: Schid-Sachid, Nr. 13/14, Charkiw 2009, S. 101–126. 29 Jeffrey Burds: Gender and Policing in Soviet West Ukraine, 1944–1948, in: Cahiers du Monde Russe 42 (April–December 2001), H. 2–4, S. 279–320. 30 Interrogation of »Zonja«, 2. Various reports on »Zonja«. The Peter J. Potichnyj Collection on Insurgency and Counter-Insurgency in Ukraine, Box 81 Tom XV, Folders, 2. 31 Siehe ebd., Folder 2, p. 24. 32 Das durch die Familie aufgenommene Interview mit Marija Schkyrpan, »Sonja«, befindet sich im Privatarchiv der Autorin. 33 Siehe »Sonjas« Brief vom 18. Juni 1948, in: The Peter J. Potichnyj Collection. 34 »Sonjas« Brief vom 22. Mai 1948, in: ebd. Siehe auch das Verhörprotokoll vom 1. März 1951. 35 Ebd. 36 Siehe Franka Maubach: Die Stellung halten. Kriegserfahrungen und Lebensgeschichten von Wehrmachthelferinnen, Göttingen 2009, S. 30–43. 37 Nach den Aussagen der zahlreichen Aufständischen waren die Männer für »Myroslawa« der entscheidende Grund, sich aktiv im Untergrund zu betätigen. »Sonja« diente eine Zeit lang als Köchin bei der deutschen Polizei, was beim Eintreffen der sowjetischen Armee zwangsläufig ihre Verhaftung bedeutet hätte. Einzig die Flucht in den Wald erschien als ein Weg, der Verhaftung zu entgehen. 38 Siehe Burds: Gender and Policing in Soviet West Ukraine (Anm. 29). 39 Verhörprotokoll vom 18. September 1947, in: Borot’ba s agenturoju (Anm. 21), Bd. 43, S. 94. 40 Siehe ebd., S. 75 f. 41 Ebd., S. 86. 42 Ebd., S. 98. 43 Siehe Verhörprotokoll des SB von Stefanija Lagojda vom 20. Februar 1949, in: ebd., Bd. 44, S. 200. 44 Siehe Zentralnyj Dershawnyj archiv wyschtschych organiv wlady Ukrajiny/Zentrales Staatsarchiv der obersten Machtorgane der Ukraine (CDAWOWU), f. 3833, op.1, sp. 226, a. 6, a. 23, Rückseite. 45 Ebd. 46 Siehe u. a. den Brief von Wasyl Kuk an Wasyl Galasa vom 9. September 1950, in: GDA SBU, f.13, spr.372, t.26, a.178-191. 47 Bericht von Major Sokolow an General Gorschkow vom 3. Januar 1945, in: Gosudarstwennyj Archiv Rossijskoj Federazii/Staatsarchiv der Russischen Föderation (GARF), f.9478, op.1, d.487, l.212-223. 48 Siehe »Bericht über die Ergebnisse des Kampfes der NKGB-Organe mit dem OUN-Untergrund und der Bandenformierungen der UPA auf dem Territorium von Stanislawer Gebiet. November – Dezember 1945«, in: Zentralnyj derschawnyj archiv gromadskych objednan Ukrainy/Zentrales Staatsarchiv der gesellschaftlichen Vereinigungen der Ukraine (ZDAGOU), f.1.op.46, sprava 387, a.255. 49 Siehe Wjedjenejew/Bystruchin: Dwobij bes kompromisiw (Anm. 12), S. 291. 50 Karin Hausen: Die Nicht-Einheit der Geschichte als historiographische Herausforderung. Zur historischen Relevanz und Anstößigkeit der Geschlechtergeschichte, in: Hans Medick/Anne-Charlott Trepp: Geschlechtergeschichte und Allgemeine Geschichte. Herausforderungen und Perspektiven, Göttingen 1998, S. 15–55.

JHK 2015

Konservative Frauenbewegung. Das »Frauenstreikkomitee« des postsowjetischen Separatismus im moldauischen Dnjestr-Tal

Jan Zofka

»Wir, die Frauen der Moldauischen Sozialistischen Sowjetischen Dnjestr-Republik, sind auf die Gleise gegangen und haben die Eisenbahn mit dem Ziel blockiert, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit aller Republiken und der Welt auf die Akte der Willkür und der Gesetzlosigkeit durch die Führung der Republik Moldova gegen das Volk und die Deputierten aller Ebenen der Dnjestr-Republik zu richten. Versteht, zum Protest hat uns der weibliche Instinkt geführt, der uns sagt, dass unsere Söhne, unsere Ehemänner in Gefahr sind. [...] Wir wollen leben, arbeiten, Kinder erziehen und unsere Ehemänner lieben – in einer freien Dnjestr-Republik!«1 So lautete eines von zahlreichen Telegrammen, die das »Frauenstreikkomitee Transnistrien« (Ženskij zabastovočnyj komitet Pridnestrov’ja) im September 1991 verschickte. Das Frauenstreikkomitee war Teil der separatistischen Bewegung, die während des Zerfalls der Sowjetunion für eine Abspaltung der Dnjestr-Region von der Republik Moldova, der vorherigen moldauischen Sowjetrepublik, kämpfte. Die Bewegung erreichte dieses Ziel mit der Souveränitätserklärung von 1990 und einem erfolgreichen Kurzkrieg mit russischer Unterstützung gegen die moldauische Zentralregierung im Frühjahr/Sommer 1992.2 Bis heute hat die »Moldauische Dnjestr-Republik« (Pridnestrovskaja Moldavskaja Respublika, PMR; in deutschsprachigen Medien meist als »Transnistrien« bezeichnet) Bestand. Das Gebiet befindet sich außerhalb der Kontrolle der moldauischen Regierung, auch wenn die De-facto-Republik international nicht anerkannt wird. Innerhalb der Bewegung, die diese Abspaltung durchsetzte, entstanden in mehreren Städten Organisationen, deren Mitglieder ausschließlich Frauen waren: »das Frauenstreikkomitee Transnistriens« und seine lokalen Ableger. Dieser Aufsatz will dem Charakter der Mobilisierung von Frauen innerhalb der Bewegung, die zwischen 1989 und 1992 die Abtrennung des östlichen Dnjestr-Tals von der Republik Moldova betrieb, auf den Grund gehen. Gefragt wird nach der Ideologie der Frauenstreikkomitees und nach der Rolle, die diese Organisationen in den Mobilisierungen und im Krieg zwischen der moldauischen Zentralregierung und der separatistischen Bewegung spielten. Die Ergebnisse sollen zu zwei übergeordneten Debatten beitragen: zum einen zur Diskussion um das Verhältnis von Geschlechterrollen und Gewalt, speziell in den Bürgerkriegen während der Zerfallsprozesse sozialistischer Staaten, und zum anderen zu der Frage nach den Spezifika der Geschlechterverhältnisse in der sowjetischen Gesellschaftsordnung.3 Wie das obige Zitat deutlich macht, setzte sich diese Mobilisierung von Frauen durch Frauen keineswegs für spezifische Fraueninteressen oder gar feministische Ideen ein, vielmehr folgte die Mobilisierung der für militärisch-nationalistische Mobilmachungen üblichen »Das-Vaterland-ist-in-Gefahr«-Rhetorik. Dabei hielt die Bewegung vom »weiblichen Instinkt« bis zur Liebe für Ehemann und Kinder in jeder Beziehung an tradierten weiblichen Rollenbildern fest. Diese implizieren auch, dass das Ausüben von Gewalt, die als Verteidigungsakt interpretiert wird, Aufgabe »der Männer« ist. Die Praxis des Frauenstreikkomitees relativierte aber das von den Aktivistinnen selbst entworfene Bild: Keineswegs waren sie nur passive Beobachterinnen des Konflikts und Objekte männlicher Schutztätigkeit. Die Bewegung übernahm bedeutende Aufgaben im Rahmen des Prozesses, in dem die Gewalt organisiert wurde. Die Beteiligung von Frauen an Kriegen wird häufig ausgeblendet. Beobachter und Akteure der Gewalt machen dieses Handeln unsichtbar, indem sie es in Berichterstattung und heroischen Erzählungen von (männlichen) Kampfhandlungen auslassen. Es wird »vergessen«, weil die Beteiligung von Frauen an Krieg und Gewalt nicht in das vorherrschende Bild eines männlichen Gewaltmonopols passt. Diese Vorstellungen, nach denen Frauen als friedliebend und hilfsbedürftig, Männer als stark und triebhaft gewaltbereit erscheinen, haben eine selbstverstärkende Funktion. Es sind gerade diese Diskurse der Geschlechterdichotomie, die Frauen den Zugang zu Gewaltmitteln und vor allem zu den Gewalt ausübenden Organisationen erschweren. Das Bild eines männlichen Gewaltmonopols ist also sehr wirkmächtig, aber es ist kein Abbild der Realität. Tatsächlich nehmen und nahmen Frauen aktive Rollen in Kriegen und Gewaltaus-einandersetzungen ein. Das gilt auch für die Kriege während des Zerfalls des osteuropäischen Staatssozialismus. In der Forschungsdebatte um die Rolle von Geschlechterverhältnissen in diesen Bürgerkriegen (vor allem im Bosnien-Krieg) wurden anfangs die frappierende sexistische Gewalt und die Kongruenz nationalistischer und militaristischer Ideologien mit dieser Gewalt betont. Nicht zuletzt die feministische Forschung identifizierte militärische Verbände als Männerbünde, für die der Ausschluss von Frauen konstitutiv ist. Studien mit einer solchen Perspektive machten darauf aufmerksam, dass ohne kriegerisch-gewaltvolle Männlichkeitsbilder die immense Bedeutung von Militär und Krieg in der Gesellschaft nicht zu erklären ist und dass die Vorstellung der Ethno-Natio-nalisten von einer »Wir-Gruppe« als einem auf Abstammung gründenden Kollektiv Frauen eine öffentliche Rolle als Gebärende zuweist. Besonders die als »den Anderen« zugehörig markierten Frauen werden so zu Feindinnen gemacht. In den Ideologien der Konfliktparteien war die Gewalt gegen Frauen also bereits angelegt.4 Ohne diesen Thesen zu widersprechen, nahmen spätere Beiträge eine andere Gewichtung vor: Sie warnten vor einer kollektiven Viktimisierung und forderten, Frauen als handelnde Subjekte sichtbar zu machen, sei es im politischen und privaten Widerstand gegen den nationalistischen Mainstream oder als Beteiligte an den bewaffneten Kämpfen.5 Die hier vorgenommene Untersuchung der Frauenorganisationen im Rahmen des Separatismus im Osten Moldovas soll dazu beitragen, die aktive Rolle von Frauen in den postsozialistischen Bürgerkriegen zu rekonstruieren. Misst man die Beteiligung von Frauen an den Kämpfen im Kurzkrieg am Dnjestr 1992 anhand der Kriegstoten, erscheint sie – wie in vielen anderen Kriegen6 – als eher marginal. Der einseitige Blick auf Schlachtfeld und Front ist aber zu eng. Bei strategischer kollektiver Gewalt, d. h. auch bei jeder Form der politischen Gewalt, handelt es sich um ein komplexes Phänomen, das zahlreiche Tätigkeiten einschließt. Die Akteure der strategischen Gewalt müssen Ressourcen beschaffen und diese in Gewaltmittel umsetzen – also Waffen kaufen, Personen rekrutieren und zu Soldaten ausbilden. Es müssen legitimierende Ideologien entworfen und verbreitet werden.7 An diesem gesamten Prozess nehmen Frauen sehr wohl in bedeutendem Ausmaß teil – im Falle des Sezessionskrieges im Dnjestr-Tal nicht nur als Einzelpersonen in Institutionen, sondern auch als explizite Frauenorganisationen, wie dem Frauenstreikkomitee. Die beschriebenen Prozesse, in deren Rahmen die Gewalt organisiert wird, sind gekennzeichnet von einem Kontrast zwischen der realen Beteiligung und der symbolischen Nicht-Repräsentation von Frauen. Die diskursive Verteidigung des Frontgebiets als männliches Terrain bringen die Sammelbandautoren Klaus Latzel, Franka Maubach und Silke Satjukow auf den Punkt: »Die Frage Who pulls the trigger? war kriegsfunktional komplett irrelevant, gendersymbolisch dagegen entscheidend.«8 Dieser Kontrast findet sich im Denken und Handeln der Dnjestr-Frauenbewegung wieder: Sie vertrat konservative Ideen von einer klaren Trennung von Geschlechterrollen, während sie in der Praxis die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung durchbrach. Mit diesem konservativen »Feminismus« war sie typisch sowjetisch. Das gilt auch für die dem Dnjestr-Separatismus zugrunde liegende ideologische Einstellung insgesamt. Die separatistische Bewegung schrieb die Regime-Diskurse des sowjetischen Staates unter Brežnev fort – Internationalismus und Völkerfreundschaft gehörten ebenso dazu wie die Liebe zum Vaterland, die Rechte der werktätigen Frauen genauso wie die Überhöhung der Rolle von Frauen als Ehefrau und Mutter.9 Diese Spannungen in den sowjetischen Regimediskursen spiegelten sich auch in der Entstehung und dem Handeln der konservativ-patriotischen und Gewalt mit-organisierenden Frauenbewegung im Dnjestr-Tal wider. I. Typisch sowjetisch – Rekrutierungsnetzwerke und Machtverhältnisse in der transnistrischen Frauenbewegung Bewaffnete Verbände sind nach wie vor der »exklusivste Männerklub der Welt«.10 Das gilt auch für den Kurzkrieg am Dnjestr 1992. Das auf Regierungsbeschluss herausgegebene Buch der Erinnerung an die Verteidiger des Dnjestr-Tals,11 das Kurzbiografien von 457 auf der Seite des Dnjestr-Separatismus Getöteten enthält, führt auch vier Biografien von Frauen auf. Von diesen waren jedoch nicht alle an den Kämpfen selbst beteiligt. Eine der getöteten Frauen war Lokalpolitikerin, eine weitere Betriebsleiterin in der Provinzstadt Dubossary. Beide wurden beim Verlassen einer Versammlung gemeinsam mit weiteren Mitgliedern der städtischen Elite durch Granatbeschuss getötet. Sie hatten also nicht direkt an den bewaffneten Auseinandersetzungen teilgenommen. Zwei weitere Frauen sind – dem Gedenkband nach zu schließen – im Rahmen von Kampfhandlungen ums Leben gekommen.12 Insgesamt erscheint der Anteil von Frauen, die sich an den bewaffneten Kämpfen auf PMR-Seite beteiligten, somit marginal. Festzuhalten bleibt jedoch auch: Es gab diese Beteiligung. Der geringen Zahl an getöteten Frauen unter den Kriegstoten steht eine bedeutende Beteiligung von Aktivistinnen in den politischen Mobilisierungen der separatistischen Bewegung gegenüber. Die transnistrische Bewegung begann im Sommer 1989 in den Industriestädten der moldauischen Sowjetrepublik mit einer Art Streik in Betrieben und öffentlichen Einrichtungen. Dieser Ausstand richtete sich vorrangig gegen die neue Sprachpolitik der Republikführung in Chişinău, die Moldauisch zur alleinigen Staatssprache machen wollte. Die Protestmobilisierung wurde von Betriebsleitungen und Teilen der Lokalpolitik in den Städten des Dnjestr-Tals unterstützt, wenn nicht organisiert. An den gegründeten Streikkomitees nahmen Frauen nicht nur als Mobilisierte teil, sondern hatten auch Funktionen inne. Im städtischen Zusammenschluss der Streikkomitees von Tiraspol’ saßen Kommunalbeamtinnen und Historikerinnen ebenso wie Direktorinnen und Ingenieurinnen aus den örtlichen Industriebetrieben. Die Tendenz zur gender-spezifischen Arbeitsteilung in der sowjetischen Wirtschaft spiegelte sich jedoch in der Zusammensetzung dieses Gremiums wider: Die Vertreter aus Schwerindustriebetrieben waren zum größten Teil Männer, während Frauen vorrangig aus den Leichtindustriebetrieben, nämlich der Textil- und Baumwollindustrie, in die Streikkomitees kamen. Insgesamt blieben die Führungsgremien der Organisationen der separatistischen Bewegung und dann der neu gegründeten Republik eine Männerdomäne – die engere politische Führung des Separatismus bildeten vorrangig männliche Fabrikdirektoren, Ingenieure und Mitarbeiter von Sicherheitsorganen.13 Eigenständige Frauenorganisationen entstanden erst im September 1991. Nach der Unabhängigkeitserklärung der PMR und der Republik Moldova im Gefolge des Moskauer August-Putsches14 verhaftete eine moldauische Spezialeinheit den Vorsitzenden des separatistischen Parlaments und späteren PMR-Präsidenten Igor’ Smirnov und weitere Spitzenfunktionäre (ausnahmslos Männer) der transnistrischen Bewegung. Als Reaktion darauf lancierten führende Aktivistinnen des »Vereinigten Rats der Arbeitskollektive« (Ob’’edinënnyj Sovet Trudovych Kollektivov, OSTK), der zentralen Organisationsplattform der separatistischen Bewegung, einen Appell »an die Frauen der Dnjestr-Republik« und riefen zum Protest auf. Daraufhin versammelten sich Unterstützerinnen der separatistischen Bewegung auf dem zentralen Platz der PMR-Hauptstadt Tiraspol’, gründeten das Frauenstreikkomitee und begannen an den folgenden Tagen die Eisenbahngleise der Strecke von Odessa nach Chişinău, die durch den abtrünnigen Landesteil führt, zu blockieren – so weit zumindest die Erzählung der Akteure.15 Eine Beteiligte erinnert sich folgendermaßen an diese Mobilisierung: »Es gab diese Andreeva, Migulja, Niteckaja [...] sie waren Deputierte des Stadtsowjets. Und wir hörten noch 1989 davon, als die Streiks begannen, sie waren im Radio, in der Presse, wir sahen ihre Artikel, wie sie auftraten, wie sie ihr Volk verteidigten, deshalb folgten wir dem ersten Aufruf. Sie waren auch alle zusammen mit den Männern im OSTK, wir kannten sie einfach als öffentliche Personen, als Politiker des Stadtsowjets. Und dann riefen sie die Frauen. Und auf ihre Aufrufe kamen am 1. September die Frauen.«16 Die Befragte interpretiert die Kundgebung als spezifische Mobilisierung von Frauen und kodiert auch die politische Sphäre jenseits der Frauenbewegung geschlechtsspezifisch. So erscheint der OSTK als Organisation, in der Männer agieren – und drei bekannte Frauen. Zudem deutet sie die Mobilisierung in einem hierarchischen Gefüge von Gefolgschaft. Die genannten Aktivistinnen erscheinen als bekannte Persönlichkeiten, die die öffentliche Meinung beeinflussen und sich damit vom Rest »der Frauen« abheben. Dass dieser Rest dem Aufruf als amorphe Masse von Einzelpersonen nachkam ist unwahrscheinlich, wenn man den Erkenntnissen der soziologischen Protestforschung folgt – vielmehr ist kollektives Handeln das Produkt einer Mobilisierung von Netzwerken durch Netzwerke.17 Diese werden bei näherer Betrachtung des betreffenden Interviewtextes deutlich. Die Befragte brachte durchaus politische Vorerfahrung mit, als sie dem Aufruf am 1. September 1991 folgte. Auch weitere Interviewpartnerinnen konnten auf Erfahrungen aus einem politischen Engagement in Gewerkschaftskomitee oder Frauenrat in Betrieb oder Kommune zurückgreifen. Daneben spielten auch rein betriebliche Strukturen eine Rolle bei der Mobilisierung. Einige der Befragten schildern die Teilnahme an den Mobilisierungsereignissen als Aktivität der gesamten Belegschaft ihrer Betriebseinheit. In einigen Fällen handelte es sich den Beschreibungen zufolge um reine Frauenbelegschaften.18 Die Mobilisierung erfolgte also zu erheblichen Teilen über (politische) Strukturen in Industriebetrieben und Einrichtungen der öffentlichen Daseinsvorsorge. Die Tragweite der Mobilisierungen durch die Frauenstreikkomitees lässt sich schwer bestimmen. Die Erinnerungsliteratur der Bewegung stellt sie als umfassenden Erfolg dar. Indizien deuten jedoch eher auf eine begrenzte Reichweite hin. Das Fotomaterial ist spärlich und nicht verifizierbar – auf den Fotos in einem Erinnerungsband, die Aktionen der Frauenorganisationen zu zeigen scheinen, sind jeweils nur einige Dutzend, im Höchstfall wenige Hundert Aktivistinnen zu sehen. Die Zeitung des OSTK schrieb in Bezug auf die ersten Aktionen der Frauenbewegung im September 1991 von »Hunderten« Beteiligten.19 Die Mobilisierungen der Frauenbewegung basierten auf den Netzwerken, die den Streik gegen die moldauischen Sprachgesetze vom Sommer 1989 getragen hatten. Die im obigen Zitat genannten »Anführerinnen« des Frauenstreikkomitees stehen beispielhaft dafür. Die Juristin Galina Andreeva war nach einer Karriere als Betriebsjuristin (zuletzt bei einer Möbelfabrik, deren Vizedirektor ebenfalls Mitglied des Streikkomitees war) im städtischen Exekutivkomitee, d. h. in der Stadtverwaltung, tätig. Quasi als deren Vertreterin beteiligte sie sich am Streikkomitee von 1989, in dem zwar auch Arbeiterinnen und Arbeiter saßen, dessen Spitze aber aus Führungspersonal von Betrieben und Stadtverwaltung bestand. Svetlana Migulja kam als Ingenieurin bei der »Produktionsvereinigung Baumwolle« (Proizvodstvennoe Chlopčato-Bumažnoe Ob’’edinenie, PChBO) in das Streikkomitee der Arbeitsniederlegungen im Sommer 1989. Die in Chişinău geborene Russin hatte vor ihrer Tätigkeit bei dem örtlichen Baumwollstoffproduzenten in Odessa am Wirtschaftsinstitut studiert und war KPdSU-Mitglied.20 Damit war sie eine »typische« Vertreterin der mittleren Führungsebene des Dnjestr-Separatismus: Dort dominierten parteinahe leitende Angestellte und Ingenieurinnen und Ingenieure aus den Industriebetrieben der Städte Tiraspol’, Rybnica, Bendery und Dubossary, die Ausbildung und berufliche Karriere vorrangig innerhalb der Region, also in der Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik (MSSR) und der südlichen Ukraine, absolvierten.21 Die Netzwerke kollektiven Handelns, die dem Frauenstreikkomitee zugrunde lagen, waren also eng mit der Streikbewegung von 1989 und somit mit den Grundlagen des Dnjestr-Separatismus insgesamt verbunden. Hier wie dort überlappten die Rekrutierungsnetzwerke stark mit Kommunalpolitik, den örtlichen Betrieben und insbesondere mit existierenden politischen Strukturen in diesen Betrieben, also dem Gewerkschafts- und Parteikomitee sowie dem Frauenrat. Lokalpolitikerinnen, Ingenieurinnen, leitende Angestellte der lokalen Industriebetriebe und Mitglieder der sowjetischen gesellschaftlichen Massenorganisationen dominierten das Frauenstreikkomitee Transnistriens. Wie der Dnjestr-Separatismus insgesamt, war auch die Frauenbewegung stark von der sowjetischen Sozialordnung geprägt. Die geschlechtsspezifischen Tendenzen der Arbeitsteilung des sowjetischen Regulationsmodus spiegelten sich in ihr wider. II. Gewalt organisieren – Aktionen des »Frauenstreikkomitees« Die transnistrische Frauenbewegung bzw. die Frauenstreikkomitees wurden nach der bereits beschriebenen Blockade der Gleise bei Bendery 1991 im Konflikt zwischen der separatistischen Bewegung und der moldauischen Zentralregierung noch mehrmals aktiv. In einzelnen Fällen gerierten sich die Organisationen zwar als Friedensbewegung, tatsächlich aber unterstützten sie mit zahlreichen Aktionen die militärischen und paramilitärischen Verbände der sich abspaltenden Republik. Mit Aktionen zur Waffenbeschaffung, Demonstrationen gegen Polizeibehörden, die sich weiterhin loyal gegenüber Chişinău verhalten hatten, und Tätigkeiten als Mittler zwischen PMR-Regierung und bewaffneten Verbänden übernahm das Frauenstreikkomitee Funktionen im Prozess der Gewaltorganisierung. Als größten Erfolg schreibt sich das Tiraspoler Frauenstreikkomitee auf die Fahnen, Waffen für die separatistischen Verbände erbeutet zu haben. In Telegrammen, auf Kundgebungen und Blockaden im Frühjahr 1992 behaupten die Aktivistinnen, die in der Region stationierten Einheiten der sowjetischen 14. Armee zur Übergabe von Kriegsmaterial gezwungen zu haben. Im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion war der Status dieser Armee im Winter 1991/1992 ungeklärt. Im Allgemeinen konnten die neuen unabhängigen Staaten die auf ihrem Gebiet stationierten sowjetischen Einheiten für sich reklamieren – auf dem von der Dnjestr-Bewegung kontrollierten Gebiet gelang das der moldauischen Regierung aber nicht. Während andere Teile der 14. Armee an Moldova und die Ukraine fielen, kamen die im Dnjestr-Tal stationierten Einheiten unter die neu gegründete Kommandostruktur der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS). Erst im April 1992 gelang es der Russischen Föderation, die Truppenteile am Dnjestr unter ihr Kommando zu bringen. Davor befanden sich diese in einem Schwebezustand. Neben der moldauischen Regierung und Russland meldeten auch die Dnjestr-Separatisten Ansprüche auf die Armee, oder wenigstens auf deren Material, an. Die Unklarheiten führten zu einer Art Ausfransungsprozess. Einige Offiziere und Einheiten liefen zu den Dnjestr-Separatisten über.22 Tatsächlich war es nicht zuletzt das Tiraspoler Frauenstreikkomitee, das den öffentlichen Druck auf die Armee, die separatistische Bewegung zu unterstützen, aufbaute. Nachdem die Armeeführung nicht auf schriftliche Aufforderungen zur Übergabe von Waffen reagiert hatte, blockierten – nach der Darstellung der besagten Anführerin der Frauenbewegung Galina Andreeva – mehr als tausend Frauen ein Ingenieurs-Pionier-Bataillon der Armee, nahmen einige der Offiziere in »Frauenhaft« (ženskij plen) und begannen, das zur Sicherung verminte Gelände vor der Kaserne zu durchqueren.23 Die nervös gewordenen Kommandeure gaben, so Andreeva, schließlich nach und überließen den Frauen Waffen aus den Arsenalen, welche diese schließlich paramilitärischen Verbänden der Separatisten (Andreeva nennt die Territoriale Rettungseinheit [Territorial’no-Spasatel’nyj Otrjad’, TSO], das »Heer der Schwarzmeerkosaken« und zwei russländische Kosakenverbände) übergaben.24 Der tatsächliche Ablauf dieser Aktionen lässt sich hier nicht abschließend klären. Aber auch wenn es sich nur um eine Begleitinszenierung eines anderweitig eingefädelten Transfers gehandelt haben sollte, war das Frauenstreikkomitee damit an der Beschaffung von Waffen beteiligt. Die Entwendung von Waffen war kein feindlicher Akt gegen die 14. Armee – vielmehr sah die Dnjestr-Bewegung die Aktionen als Einlösung ihres Anspruchs an die Armee an, dass diese – oder wenigstens ihr Material und ihre Soldaten – die »russischsprachige Bevölkerung« des Dnjestr-Tals gegen die »moldauischen Nationalisten« zu verteidigen hätte. Auch als die Armee endgültig dem Kommando Russlands unterstand, blieb das Verhältnis zwischen den Führungsebenen des Dnjestr-Separatismus und der Armee spannungsgeladen und kooperativ zugleich. Grundsätzlich sah die separatistische Bewegung die 14. Armee als eine verbündete, wenn nicht »ihre« Organisation an. So beteiligte sich das Frauenstreikkomitee im Frühjahr 1992 an der Suche nach »Deserteuren«, die sich dem Militärdienst in der 14. Armee entzogen hatten, und unterstützte damit die Rekrutierung von Soldaten.25 Die Frauenbewegung stand der 14. Armee und den bewaffneten Einheiten des Dnjestr-Separatismus derart nahe, dass politische Konflikte zwischen den Militärformationen auch zu einer Spaltung der Frauenbewegung führten. Der Streit in den Frauenstreikkomitees entzündete sich an der Person des russländischen Offiziers Alexander Lebed’, den das Moskauer Verteidigungsministerium auf dem Höhepunkt des Kurzkrieges am Dnjestr im Sommer 1992 zum Oberbefehlshaber der 14. Armee ernannt hatte. Dank seiner markigen Sprüche in Richtung Chişinău wurde er zunächst von der gesamten separatistischen Bewegung als Heilsbringer gefeiert. In dem Maße, in dem sich Lebed’ ab 1992 von den neu geschaffenen Sicherheitsstrukturen der PMR distanzierte,26 bezog auch die PMR-Führung ihrerseits Position gegen den Kommandeur der 14. Armee. Im Zuge dessen gingen die Meinungen in einigen Organisationen der PMR zu der Frage pro oder contra Lebed’ auseinander. Im Frauenstreikkomitee führte diese Auseinandersetzung zu einer Spaltung. Unter der Führung von Svetlana Migulja formierte sich der »Rat der Frauen des Dnjestr-Tals« (Sojuz ženščin Pridnestrov’ja) und vertrat eine Pro-Lebed’-Position. Die Teile der Frauenbewegung um Galina Andreeva, die weiter als Frauenstreikkomitee des Dnjestr-Tals firmierten, blieben dagegen auf der Seite der PMR-Führung. Sie erklärten sowohl Lebed’ als auch Migulja, die infolge der Spaltung nach Moskau zog, zu Gegnern.27 Im Allgemeinen unterhielt Andreeva als Vorsitzende des Frauenstreikkomitees intensive Beziehungen zu den bewaffneten Einheiten des Dnjestr-Separatismus. Insbesondere mit dem auch innerhalb der PMR-Führung berüchtigten Feldkommandeur Jurij Kostenko kooperierte sie eng, was sich in ihrer Erinnerung an die Geschehnisse ausdrückt: »Auf Anweisung von Igor’ N. Smirnov fuhr ich nach Bendery [die am stärksten umkämpfte Industriestadt am Dnjestr] und führte mit dem ›Kombat‹ Kostenko ein Vorgespräch durch. Bis heute verstehe ich nicht, warum sich die Mitglieder des Arbeiterkomitees [die lokale Organisation des Dnjestr-Separatismus in Bendery] nicht trauten, das zu tun. Ich konnte mit meinem alten ›Moskvič‹ jederzeit zu ihm fahren. Ja, er hatte einen Konflikt mit dem Arbeiterkomitee. Aber in diesem Moment, als Moldova die Entwaffnung der Gardisten von Bendery forderte, waren aus meiner Sicht andere Maßnahmen nötig. [...] Ich, Svetlana [Migulja], und Igor’ Nikolaevič [Smirnov] diskutierten zu dritt noch einmal dieses Problem. Und erneut warnte ich Kostenko bei einem Treffen, dass eine reguläre Armee formiert wird und dass er, als Offizier, kein Recht auf Eigensinnigkeit hat, und andernfalls bekommt er es mit unserem Frauen-Bataillon zu tun. Da hat er das dann mehr oder weniger kapiert ...«28 Nach der Darstellung Andreevas übergab das Frauenstreikkomitee also Waffen an paramilitärische Verbände, seine Führung war in die Entscheidung über den Abzug der bewaffneten Einheiten aus Bendery im Zuge eines Waffenstillstandsabkommen einbezogen, und es war Andreeva, die die beim Rest der Führungsriege ungeliebte Aufgabe, einen Feldkommandeur zur Räson zu bringen, übernehmen musste. Die Vorsitzende des Frauenstreikkomitees inszeniert sich also in ihrem Buch über die Dnjestr-Frauenbewegung als »Frau fürs Grobe«, die Ordnung in die Befehlsketten zwischen politischer Führung und militärischen Einheiten bringt. Insgesamt lässt sich festhalten, dass das Frauenstreikkomitee Aufgaben im Umfeld der bewaffneten Einheiten übernahm und sich an der Organisation der Gewalt beteiligte. Über diese praktische Mitarbeit hinaus wirkte die transnistrische Frauenbewegung auch an der ideologischen Legitimation der Gewalt mit. III. Konservative Frauenbewegung im postsowjetischen Separatismus: Mobilisierungsdiskurse Die transnistrische Frauenbewegung war keine vollständig eigenständige Bewegung, sondern ein Teil der separatistischen Bewegung im Dnjestr-Tal. Auch ihre Ideologie unterschied sich nicht von der der restlichen Bewegung. Sowjetkonservatismus, latenter Panslawismus bis hin zu großrussischem Nationalismus, diese Ideologeme des Separatismus vertraten auch die Frauenorganisationen. Ebenso stimmten die Frauenstreikkomitees bei den dominanten Vorstellungen zu Geschlechterrollen und -verhältnissen mit dem Konservatismus der Bewegung überein. Keineswegs profilierten sie sich als Verfechterinnen von Frauenrechten. »Danke, liebe Frauen«, rief der Direktor der Gussmaschinenfabrik Kirov, Anatolij Bol’šakov, eine der Führungspersönlichkeiten des Dnjestr-Separatismus, den Anwesenden bei einer Ehrung für Veteranen des Kurzkrieges im Sommer 1992 zu: »Als die Männer in den Krieg zogen [...]. Auch unsere Frauen blieben nicht tatenlos. Sie nahmen an Barmherzigkeitsveranstaltungen teil, sie besuchten Verwundete, unterstützten die Verteidiger, wo sie konnten, sie behüteten ihr Haus, sie retteten die Kinder, sie halfen Flüchtlingen.«29 In diesen Worten spiegelt sich die dichotome Vorstellung von männlichem Gewaltmonopol und der gewaltfernen Frau, die im zivilen Raum des Hinterlands für Haus, Kind und karitative Tätigkeiten zuständig ist. Bol’šakov bezog damit innerhalb der separatistischen Bewegung eine Mainstream-Position – und auch das Frauenstreikkomitee teilte diese Ansicht über die Richtigkeit und Unumstößlichkeit traditionaler Rollenverteilung. Explizit formulierten die Frauenverbände die Vorstellung, dass sich ausschließlich Männer an den Auseinandersetzungen zu beteiligen hätten, in ihrem Gründungsdokument. Bei der ersten Demonstration verabschiedeten die versammelten Frauen folgende Resolution: »Wir, die Frauen der zweihundertjährigen, ruhmreichen Stadt Tiraspol’, die wir uns versammelt haben in der für unsere Republik äußerst kritischen Stunde, wenden uns an alle Frauen der Dnjestr-MSSR und an euch, unsere teuren Männer, unsere Hoffnung und unsere Stütze! Wir wenden uns an die jungen Bürger der Stadt, an die Soldaten, Afghanistan-Veteranen, Soldaten der Reserve, an die Offiziere der sowjetischen Armee, an die städtische Abteilung des Innenministeriums, des KGB, der Staatsanwaltschaft, die Mitarbeiter von Sondereinheiten mit dem Aufruf: Steht alle – wie einer – zu unserer Verteidigung auf, zur Verteidigung eurer Mütter, Ehefrauen, Schwestern und Kinder!«30 Diese Position der klaren Rollenverteilung insbesondere in Fragen des Krieges entsprach auch den dominanten Geschlechterdiskursen in der Sowjetunion. Bereits im Bürgerkrieg nach der Oktoberrevolution fällten die von der Gleichheit aller Menschen überzeugten Revolutionäre die Entscheidung, die Wehrpflicht nur für Männer einzuführen. In der stalinistischen Umwälzung der 1930er Jahre und besonders im Zweiten Weltkrieg wurden frühe Reformen der Bol’ševiki, die auf soziale Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern abzielten, revidiert und die Vorstellungen von einer geschlechtsspezifischen Rollenverteilung verstärkt. Die Ideale der Gleichheit der Menschen und der Werktätigkeit der Frau konfligierten fortan mit Diskursen der Überhöhung einer weiblichen Rolle als Mutter und Ehefrau.31 Die Mobilisierungsdiskurse des Frauenstreikkomitees waren aber nicht nur im Hinblick auf Gender-Themen konservativ. Auch in den anderen Ideologiesegmenten vertrat die Frauenorganisation den Konservatismus des Dnjestr-Separatismus. Die transnistrische Bewegung ist als »reaktiver Nationalismus«32 ebenso wie als »konservativer Internationalismus«33 charakterisiert worden. Panslawistische und großrussische Ideologie-Elemente flossen in die Diskurse des Dnjestr-Separatismus ein. Wichtiger als der offene Nationalismus war jedoch die Sprache der sowjetischen Bürokratie: Begriffe wie Völkerfreundschaft und Internationalismus, Werktätige und Arbeiterklasse standen im Zentrum der Rhetorik der Separatistinnen und Separatisten. Hinter dieser inhaltlich entkernten Sprache verbargen sich konservative Werte: »Arbeiterklasse« bezeichnete im Sinne des sowjetischen Produktivismus nicht eine Position in einem gesellschaftlichen Verhältnis, sondern brachte vielmehr die Vorstellung von einem arbeitenden, produktiven Teil der Gesellschaft, dem ein unproduktiver Teil gegenübersteht, zum Ausdruck. »Völkerfreundschaft« und »Internationalismus« standen für ein ethnopluralistisches Weltbild, das eine Norm des Russisch-Seins (Russianness)34 mit einer institutionellen Festschreibung von Minderheiten verband.35 Befreit man diese Diskurse von der Arbeiterbewegungsrhetorik, bleibt ein Set an konservativen Grundideen und Werten: Fleiß, Disziplin, Patriotismus, Akzeptanz von Autoritäten und traditionellen Rollenbildern sowie eine zumindest implizite Annahme einer (primordialen) Ungleichheit zwischen den Menschen. Diese patriotisch-konservative Position drückte sich nicht zuletzt in der Flagge des Tiraspoler Frauenstreikkomitees aus. Auf die grün-rot-grüne Fahne der moldauischen Dnjestr-Republik nähten die Aktivistinnen einen goldbestickten Aleksandr Suvorov.36 Der General der Armee Katharinas der Großen, die am Westrand des russländischen Zarenreiches die osmanischen Truppen zurückdrängte und Ende des 18. Jahrhunderts das Dnjestr-Tal eroberte, avancierte (neben Lenin und dem damaligen Präsidenten Smirnov) als Gründer von Tiraspol’ zu einem von drei Nationalheiligen der PMR-Geschichtsschreibung und -Erinnerungskultur. Das dieser Figur gewidmete große Denkmal im Zentrum von Tiraspol’ wurde allerdings nicht unter der Ägide des Dnjestr-Separatismus aufgestellt, sondern bereits im Jahr 1977 – also im Rahmen der sowjetischen Geschichtspolitik. Schon damals war die Gegnerschaft zu Monarchie und zaristischem Imperialismus hinter das staatliche Interesse, das eigene Territorium zu markieren, zurückgetreten. Vor allem an diesen Teil der Diskurse der sowjetischen Staatslegitimation, der die Beherrschung des Territoriums und nicht die soziale Utopie des Kommunismus in den Vordergrund stellte, knüpfte der Dnjestr-Separatismus an. So taten es auch die Organisationen der transnistrischen Frauenbewegung.37 IV. Fazit Die transnistrische »Frauenbewegung« formierte sich im Rahmen der Mobilisierungen der separatistischen Bewegung im Dnjestr-Tal. Ihre Anführerinnen waren auch führende Aktivistinnen des Separatismus. Die von Frauen getragene Bewegung vertrat keine feministischen Standpunkte, sondern teilte in jeder Hinsicht den Konservatismus des Dnjestr-Separatismus – nicht zuletzt auch in Bezug auf Vorstellungen von einer Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern. Ideell dachte die transnistrische Frauenbewegung also nicht über die Normen geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung und des männlichen Gewaltmonopols hinaus, in der Praxis allerdings durchbrach sie diese Vorstellungen. Die Frauenstreikkomitees beteiligten sich an der Waffenbeschaffung, an der Rekrutierung von Kämpfern und an der Organisation der Streitkräfte. Ihre Führungsfiguren stellten Verbindungen zwischen Militär und Politikern her. Somit gehörten Frauen, über die direkte Teilnahme an den Kämpfen einiger weniger hinaus, zu den Akteuren des Krieges. Keineswegs blieben die Aktivistinnen der Frauenstreikkomitees passiv und ließen sich von »ihren Männern beschützen«, auch wenn sie diese in ihren Verlautbarungen dazu aufforderten. Dieser Widerspruch zwischen der Wahrnehmung und Reproduktion einer klaren Rollenverteilung und einer anders gearteten Realität ist typisch für die Funktionsweise des Geschlechter-Diskurses, der das Handeln von Frauen in Krieg und Gewalträumen systematisch ausblendet. Die Spezifika des sowjetischen Regimes und Regulationsmodus kamen in zweierlei Hinsicht bei der Entstehung dieser konservativen Frauenbewegung und der Ausprägung ihrer Ideologie zum Tragen. Zum einen kanalisierten geschlechtsspezifische Arbeitsteilungen die Rekrutierungsmechanismen des Dnjestr-Separatismus und damit auch der Frauenorganisationen im Speziellen. In die transnistrische Bewegung kamen Frauen wie Männer über die betrieblichen Ausstände im Sommer 1989. Von Frauen dominierte Fabriken und Einrichtungen der öffentlichen Daseinsvorsorge wurden in dem Streik zur Rekrutierungsbasis. Auch die quasi-staatlichen Frauenräte spielten eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Mobilisierungsnetzwerken, aus denen das Frauenstreikkomitee und seine Ableger hervorgingen. Die sowjetischen Strukturen und die auch für diese typische geschlechtsspezifische Arbeitsteilung bildeten deshalb eine zentrale Grundlage der Bewegung. Zum anderen schrieben die Diskurse der Frauenstreikkomitees den Geschlechterkonservatismus der (post-)stalinistischen Sowjetunion fort – nicht zuletzt in patriotischen Appellen an »die Männer« zur Verteidigung der Heimat (und der Frauen und Kinder). In der Bewegung spiegelten sich somit die Spannungen der sowjetischen Geschlechterordnung wider. In dieser standen sich die Proklamation der Gleichheit aller Menschen und ein relativ hoher Grad an Erwerbstätigkeit von Frauen auf der einen und traditionelle Rollenbilder, Mutterideal und rein männlich besetzte politische Leitungsorgane auf der anderen Seite gegenüber. 1 Galina Andreeva: Ženščiny Pridnestrov’ja [Die Frauen des Dnjestr-Tals], Tiraspol’ 2000, S. 20. Diese und weitere Übersetzungen wurden, sofern nicht anders gekennzeichnet, vom Autor des Artikels vorgenommen. 2 Nachdem sich bewaffnete Formationen der separatistischen Bewegung und des moldauischen Staates im Frühjahr 1992 im Dnjestr-Tal mehrere Monate sporadisch beschossen hatten, kulminierte der Krieg in einem fünftägigen Kampf um die Industriestadt Bendery im Juni 1992. Mit Unterstützung der in der Region stationierten Einheiten der russländischen Armee setzten sich die Kräfte der separatistischen Bewegung gegen den moldauischen Zentralstaat durch. Zu den Kriegshandlungen siehe beispielsweise Stefan Troebst: Separatistischer Regionalismus als Besitzstandswahrungsstrategie (post-)sowjetischer Eliten. Transnistrien 1989–2002, in: Philipp Ther/Holm Sundhaussen (Hg.): Regionale Bewegungen und Regionalismen in europäischen Zwischenräumen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, Marburg 2003, S. 185–214. 3 Die Ausführungen basieren auf der Auswertung einer Reihe von Publikationen der Akteure (Erinnerungs- und Gedenkbände), von lokalen und regionalen Zeitungen und zweier Interviews mit Beteiligten, welche der Autor im Rahmen der Recherche für seine Dissertation über post-sowjetische Separatismen geführt hat (siehe Anm. 21). 4 Siehe Maria B. Olujic: Embodiment of Terror: Gendered Violence in Peacetime and Wartime in Croatia and Bosnia-Herzegovina, in: Rajat Ganguly: Ethnic Conflict, London 2009, S. 268–288; Alexandra Stiglmayer (Hg.): Massenvergewaltigung: Krieg gegen die Frauen, Freiburg 1993; Julie Mostov: Sexing the nation/desexing the body. Politics of national identity in the former Yugoslavia, in: Tamara Mayer (Hg.): Gender Ironies of Nationalism. Sexing the Nation, London/New York 2000, S. 89–110. 5 Scharf kritisiert wurde in der deutschsprachigen feministischen Debatte der zitierte, von Alexandra Stiglmayer herausgegebene Band »Massenvergewaltigung« (Anm. 4). Linke Feministinnen befanden nicht nur die Darstellung von Frauen in Opferrollen für einseitig und reißerisch, sondern warfen den Autorinnen auch eine patriarchal-westliche Perspektive auf die Betroffenen und den als unzivilisiert konzipierten Balkan sowie eine Parteinahme für eine militärische Intervention vor. (Susanne Kappeler/Mira Renka/Melanie Beyer (Hg.): Vergewaltigung, Krieg, Nationalismus: Eine feministische Kritik, München 1994, darin u. a.: Susanne Kappeler: Patriarchaler, nationalistischer und rassistischer »Anti-Sexismus«, S. 54–63). Zur Kritik an der viktimisierenden Darstellung von Frauen in der Forschungsdebatte allgemein siehe auch Pascale R. Bos: Feministische Deutungen sexueller Gewalt im Krieg. Berlin 1945, Jugoslawien 1992–1993, in: Insa Eschebach/Regina Mühlhäuser (Hg.): Krieg und Geschlecht. Sexuelle Gewalt im Krieg und Sex-Zwangsarbeit in NS-Konzentrationslagern, Berlin 2008; S. 103–126; Asra Hromadžić: Kriegsvergewaltigungen in Bosnien: Alte und neue Erklärungsansätze, in: Ruth Seifert (Hg.): Gender, Identität und kriegerischer Konflikt. Das Beispiel des ehemaligen Jugoslawien, Münster 2004, S. 112–130. 6 Siehe Klaus Latzel/Franka Maubach/Silke Satjukow: Soldatinnen in der Geschichte: Weibliche Verletzungsmacht als Herausforderung, in: dies. (Hg.): Soldatinnen. Gewalt und Geschlecht im Krieg vom Mittelalter bis heute, Paderborn 2011, S. 11–49, hier S. 13. 7 Zur Bedeutung der Legitimation bei der Organisierung von Gewalt siehe Klaus Schlichte: In the Shadow of Violence. The Politics of Armed Groups, Frankfurt/New York 2009, S. 20. Zur Besonderheit strategischer Gewalt siehe Georg Elwert: Gewaltmärkte. Beobachtungen zur Zweckrationalität der Gewalt, in: Trutz von Trotha (Hg.): Soziologie der Gewalt, Opladen 1997, S. 86–102, hier S. 87. 8 Latzel/Maubach/Satjukow: Soldatinnen in der Geschichte (Anm. 6), S. 34. 9 Zu den Geschlechterverhältnissen und Regimediskursen in der späten Sowjetunion beispielsweise: Mary Buckley (Hg.): Perestroika and Soviet Women, New York 1992; Barbara Alpern Engel: Women and the State, in: Ronald Grigor Suny (Hg.): The Cambridge History of Russia, Bd. 3, Cambridge 2006, S. 468–494; Anna Köbberling: Das Klischee der Sowjetfrau: Stereotyp und Selbstverständnis Moskauer Frauen zwischen Stalinära und Perestroika, Frankfurt 1997; Britta Schmitt: Zivilgesellschaft, Frauenpolitik und Frauenbewegung in Russland: von 1917 bis zur Gegenwart, Königstein 1997. 10 Susan Brownmiller, zitiert nach Alexandra Stiglmayer: Vergewaltigungen in Bosnien-Herzegovina, in: dies. (Hg.): Massenvergewaltigung (Anm. 4), S. 109–215, hier S. 195. 11 Aleksandr Karaman u. a. (Hg.): Kniga pamjati zaščitnikov Pridnestrov’ja [Buch der Erinnerung an die Verteidiger des Dnjestr-Tals], Tiraspol’ 1995. 12 Eine der beiden, deren Tätigkeitsfeld mit »Hausfrau« angegeben wird, hat im September 1991 offenbar gemeinsam mit ihrem Ehemann bei den Freischärlern angeheuert (Karaman: Kniga pamjati [Anm. 11], S. 215). Für die verbleibende »Verteidigerin des Dnjestr-Tals« lassen sich die Umstände der Rekrutierung nicht aus den Angaben in dem Gedenkband erschließen. Die in Chişinău geborene Moldauerin starb nach dreimonatiger Mitgliedschaft in der Freischärler-Einheit vor der Vollendung ihres 18. Lebensjahres im umkämpften Grenzdorf Dorockoe (ebd., S. 113). 13 Zur Zusammensetzung des städtischen Streikkomitees von Tiraspol’ siehe Anna Volkova: Gorjačee leto 1989 [Der heiße Sommer 1989], Tiraspol’ 2004, S. 57. Zur geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung in der Sowjetunion siehe Engel: Women and the State (Anm. 8), S. 479. 14 Konservative Vertreter der Partei- und Staatsführung versuchten im August 1991 durch die Absetzung Gorbačëvs als Präsident der UdSSR die Reformpolitik der Perestroika zu beenden und das Auseinanderbrechen der Sowjetunion zu stoppen. Das Scheitern des Putsches beschleunigte den Zerfall jedoch rapide – an den folgenden Tagen Ende August/Anfang September 1991 erklärten alle Republiken, die es noch nicht getan hatten, ihre Unabhängigkeit. Dazu siehe z. B. Richard Sakwa: A Cleansing Storm. The August Coup and the Triumph of Perestroika, in: Journal of Communist Studies 9 (1993), Nr. 1, S. 131–149. 15 Ihre Sicht auf die Entstehung der transnistrischen Frauenbewegung legt die führende Aktivistin Galina Andreeva in ihrem eigenen Buch dar. Siehe Andreeva: Ženščiny Pridnestrov’ja (Anm. 1). 16 Interview mit N. E. [Initialen geändert], Tiraspol’, 20. Mai 2008. 17 Siehe Kai-Uwe Hellmann: Paradigmen der Bewegungsforschung. Forschungs- und Erklärungsansätze – ein Überblick, in: ders. (Hg.): Paradigmen der Bewegungsforschung. Entstehung und Entwicklung von neuen sozialen Bewegungen und Rechtsextremismus, Opladen 1998, S. 9–32, hier S. 18. 18 Interview mit N. E. [Initialen geändert], Tiraspol’, 20. Mai 2008; Interview mit E. I. [Initialen geändert], Tiraspol’, 19. Mai 2008. 19 Ženščiny borjutsja do pobedy [Die Frauen kämpfen bis zum Sieg], in: Trudovoj Tiraspol’ vom 19. September 1991, S. 1; Galina Andreeva u. a.: Ženščiny Pridnestrov’ja. Fotoal’bom [Die Frauen des Dnjestr-Tals. Fotoalbum], Tiraspol’ 1996. 20 Siehe die Biografie Miguljas, in: Gennadij Kodrjanu: Dnestrovskij razlom. Pridnestrovskij krizis i roždenie PMR: rol’ i mesto specslužb [Der Bruch am Dnjestr. Die transnistrische Krise und die Geburt der PMR: Rolle und Platz der Geheimdienste], Tiraspol’ 2002, S. 63. 21 Das zeigt die vom Autor dieses Artikels erarbeitete Kollektivbiografie für seine Dissertation »Akteure post-sowjetischer Territorialkonflikte. Die separatistischen Bewegungen im Dnjestr-Tal und auf der Krim im Vergleich«, die voraussichtlich im April 2015 unter dem Titel »Postsowjetischer Separatismus. Die pro-russländischen Bewegungen im Dnjestr-Tal und auf der Krim 1989–1995« erscheint. 22 Siehe Pål Kolstø/Andrej Mal’gin: The Transnistrian Republic: A Case of Politicized Regionalism, in: Nationalities Papers 26 (1998), H. 1, S. 103–127, hier S. 110–112. 23 Andreeva: Ženščiny Pridnestrov’ja (Anm. 1), S. 66. 24 Siehe ebd., S. 62–67. 25 Siehe ebd., S. 94. 26 Lebed’ beschuldigte die Führungsriege der PMR der Korruption und enttarnte den unter einem Decknamen fungierenden Minister für Staatssicherheit, der als ehemaliger Polizeioffizier vor Strafverfolgung aus Lettland geflüchtet war. (Anatolij Cholodjuk: O generale Aleksandre Lebede i o zabytoj vojne. Zapiski politėmigranta [Über General Lebed und den vergessenen Krieg. Aufzeichnungen eines Politemigranten], München 2005, S. 83 f. u. 101 f.; Natal’ja Prichodko: Rossijskie oficery razoblačajut rukovoditelej Pridnestrov’ja [Russländische Offiziere entlarven Anführer der Dnjestr-Region], in: Nezavisimaja Gazeta vom 9. Dezember 1992, S. 1 u. 3). 27 Siehe Andreeva: Ženščiny Pridnestrov’ja (Anm. 1), S. 113, 147 f., 195 u. 201 f.; Kodrjanu: Dnestrovskij razlom (Anm. 20), S. 63. 28 Andreeva: Ženščiny Pridnestrov’ja (Anm. 1), S. 96 f. Auch mit der als »Schwarzmeerkosakenheer« gegründeten paramilitärischen Einheit und den aus Russland angereisten Kosakenverbänden stand Andreeva nach eigener Darstellung in enger Verbindung (ebd., S. 55). 29 Anatolij I. Bol’šakov: Vo imja obščej celi [Im Namen des gemeinsamen Ziels], in: Kirovec vom 14. August 1992, S. 1. 30 Zitiert nach Andreeva: Ženščiny Pridnestrov’ja (Anm. 1), S. 7. 31 Dabei kollidierten diese Diskurse besonders im Zweiten Weltkrieg mit der Praxis: Sowohl in den Reihen der Armee als auch in Partisaneneinheiten waren Frauen in substanziellem Maß an den Kämpfen beteiligt. Engel: Women and the state (Anm. 9), S. 479–483; Beate Fieseler: Rotarmistinnen im Zweiten Weltkrieg. Motivationen, Einsatzbereiche und Erfahrungen von Frauen an der Front, in: Latzel/Maubach/Satjukow (Hg.): Soldatinnen (Anm. 6), S. 301–329, hier S. 301 f. 32 Jeff Chinn/Steven D. Roper: Ethnic Mobilization and Reactive Nationalism: The Case of Moldova, in: Nationalities Papers 23 (1995), H. 2, S. 291–325. 33 John A. Mason: Internationalist Mobilization during the Collapse of the Soviet Union: The Moldovan Elections of 1990, in: Nationalities Papers 37 (2009), H. 2, S. 159–176, hier S. 164. 34 Siehe Rogers Brubaker: Nationalism Reframed. Nationhood in the New Europe, Cambridge 1996, S. 48 f. 35 Zur sowjetischen Nationalitätenpolitik als institutionalisiertem Nationalitätenkonflikt siehe Terry Martin: Affirmative Action Empire. Nations and Nationalism in the Soviet Union, 1923–1939, Ithaca/London 2001, S. 73; Yuri Slekzine: The USSR as a Communal Apartment. Or How a Socialist State Promoted Ethnic Particularism, in: Slavic Review 53 (1994), H. 2, S. 414–452. 36 Siehe Andreeva: Ženščiny Pridnestrov’ja (Anm. 1), S. 14. 37 Zur Geschichtspolitik der PMR siehe Stefan Troebst: Staatlichkeitskult im Pseudo-Staat. Identitätsmanagement in Transnistrien, in: Osteuropa 53 (2003), H. 7, S. 963–983; Stefan Troebst: »Wir sind Transnistrier!« Geschichtspolitik im Ostteil Moldovas, in: Helmut Altrichter (Hg.): GegenErinnerung. Geschichte als politisches Argument im Transformationsprozess Ost-, Ostmittel- und Südosteuropas, München 2006, S. 277–302.

JHK 2015

Der rote Thanatos: Nekrosymbolismus in der sowjetischen Kultur

Svetlana Malyševa

Seit Philippe Ariès haben Arbeiten zur historischen Thanatologie innerhalb der kulturhistorischen Forschung eigentlich einen festen Platz. Die Geschichte des Sterbens und des Todes im kommunistischen Russland wurde jedoch eher selten beleuchtet;1 wenn, dann nur hinsichtlich einzelner Aspekte.2 Dabei lassen sich aus der Geschichte des Sterbens sowie durch die Analyse des sich in Ritualen, Symbolen, offiziellen Narrativen, in der Alltagspraxis und den Verhaltensnormen manifestierenden Todesdiskurses Erkenntnisse für ein besseres Verständnis der sowjetischen Geschichte und Kultur ziehen. Eine für diesen Beitrag unternommene Untersuchung des Todesdiskurses offenbart die Bedeutung des Nekrosymbolismus für die Herausbildung der sowjetischen Kultur, insbesondere zwischen 1917 und Ende der 1930er Jahre: Ein gewisses Todesstreben war eines der Charakteristika dieser Kultur. Die Tendenz zur Lösung des Freud’schen Dilemmas zwischen Eros und Thanatos war in der russischen Kultur zugunsten von Letzterem bereits lange vor den Bolschewiki gegeben. Zuerst durch den düsteren revolutionär-radikalen Romantismus Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts mit seinem die Einstellungen eines beträchtlichen Teils der Bevölkerung beeinflussenden Pathos der Zerstörung und Selbstzerstörung,3 später durch den Ersten Weltkrieg, der Zerstörung und Dehumanisierung zu Grundprinzipien erhob4 und zur »sichtbaren und spürbaren Verkörperung der thanatologischen Bestrebungen« wurde.5 Die thanatologischen Bestrebungen der sowjetischen offiziellen Kultur erreichten in Form eines eigentümlichen romantischen Kultes um die gefallenen Revolutionäre und eines zynisch-pragmatischen Diskurses über die Aneignung des Todes in der frühsowjetischen Periode ihren Höhepunkt. Der Thanatologismus der frühsowjetischen Kultur schimmerte sowohl in der Blütezeit des bolschewistischen Eros der 1920er Jahre als auch in den Auseinandersetzungen über den Tod, den Selbstmord sowie die Unsterblichkeit stets durch. Die aus bestimmten bolschewistischen Kreisen hervorgehende »sexuelle Revolution« dieser Zeit, die damit verbundene »Glas-Wasser-Theorie« und die Theorie der »Liebe ohne Fliederbusch«,6 die Ideen, die »Früchte« dieser Liebe zur Erziehung dem Staat zu überlassen, und die weit verbreitete Praxis der offiziell gestatteten Abtreibungen stellten einen derart zynischen und leblosen Pragmatismus dar, dass diese »destruktive Sexualität« kaum als ernsthafte Alternative zum »roten Thanatos« betrachtet werden kann. Bemerkenswert ist auch die Einstellung, die in diesen Jahren zum Suizid herrschte. Hatte der (offiziell kriminalisierte) Selbstmord im revolutionären Diskurs und in der Tradition der politischen Märtyrerschaft des beginnenden 20. Jahrhunderts noch Symbolwert als höchst bedeutender politischer Akt, so ändert sich der Status des Suizids in der frühsowjetischen Zeit. Er wird nun zunehmend unter medizinischen Gesichtspunkten betrachtet und während der gesamten 1920er Jahre vorrangig von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus debattiert. Auf diese Weise verliert er nach und nach seinen symbolisch-heldenhaften Status. Die kategorische Ablehnung und Entthronung des Suizids aus ideologischen Gründen – seine Darstellung als antisowjetischer und unsozialer Akt – setzten sich in der sowjetischen Kultur jedoch erst ab Ende der 1920er Jahre durch.7 Dasselbe gilt für die äußert eigenartige Rezeption der Ideen des utopischen Kosmismus über die Überwindung des Todes in den 1920er Jahren. Das Interesse an der Idee der Auferstehung der Toten zeugte nicht unbedingt von einer Hinwendung zum existenziellen Sinn der Idee der Unsterblichkeit oder vom Wunsch, den lebensspendenden Eros zu bejahen,8 sondern vielmehr von einem krankhaften, vulgarisierten und pragmatischen Interesse an der »(Wieder)Belebung der Führer«. Eine ebenso vulgarisierte Aneignung der Ideen der Psychoanalyse fand im sowjetischen Russland der 1920er Jahre statt. Sie war ganz pragmatisch auf die »Umgestaltung des Menschen«, auf die »Erschaffung eines neuen Menschen« ausgerichtet und nahm dadurch misanthropische und selbstmörderische Formen an.9 Es sollte sich herausstellen, dass der nach außen demonstrierte »Lebenswille« der sowjetischen Kultur in den 1920er Jahren in Wirklichkeit auf paradoxe Weise von thanatologischen Absichten durchdrungen war. Mit der Änderung der politischen Doktrin (vom »Revolutionismus« hin zum »Staatstum«) und mit der »neuen Orientierung« im Alltagsleben, zu der es Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre kam (die faktische Abwendung von der revolutionären Askese), wurde der Todesdiskurs durch einen aufoktroyierten »Diskurs der Freude« überdeckt. Die thanatologische Ausrichtung blieb jedoch, wenn auch in latent verschwommener Form, ein der sowjetischen offiziellen Kultur auch zu dieser Zeit innewohnendes Merkmal. Im vorliegenden Beitrag werden die Besonderheiten der Darstellung, der Verbreitung und der Instrumentalisierung des Todes in der sowjetischen Kultur und die Rolle des Sterbediskurses bei der Herausbildung der Besonderheiten dieser Kultur aufgezeigt. Die Aufmerksamkeit richtet sich vor allem auf die ersten Jahrzehnte, in welchen sich der sowjetische Sterbediskurs herausbildete und am stärksten zutage trat. Von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs bis zum Marsfeld: die Ursprünge des sowjetischen Nekrosymbolismus Während des Ersten Weltkriegs bildeten sich zwei unterschiedliche Haltungen in Bezug auf das Sterben und die Verstorbenen heraus.10 Die erste, die stärker unter den Menschen auf den Schlachtfeldern und in den Frontgebieten zu finden war, zeichnete sich durch mangelnde Pietät und die emotionale und praktische Distanzierung von den Toten aus und äußerte sich auch in der Säkularisierung und Reduzierung der Bestattungsrituale. Eine andere Einstellung kennzeichnete das Verhalten der Bevölkerung in den Hauptstädten und den Städten des Hinterlandes. Sie entsprach dem Bedürfnis nach einem würdevollen Gedenken über den ehrenvollen »Tod für das Vaterland« hinaus und der Schaffung eines Gefallenenkultes. Dazu gehörten prunkvolle religiöse, militärische und gesellschaftliche Bestattungszeremonien und -rituale. Beide Herangehensweisen sollten später in der sowjetischen Kultur und im sowjetischen Todesdiskurs ihre Fortsetzung finden. Gewissermaßen einen Schlussakkord für diese in den Kriegsjahren bestehende Disproportion in Bezug auf den Tod setzten die feierlichen Massenbeisetzungen der Opfer der Februarrevolution 1917. Hier spiegelten sich die beschriebenen unterschiedlichen Haltungen wider. Zur Verbreitung dieser Rituale trug auch die Tatsache bei, dass die Beisetzungen bildlich festgehalten wurden – zum Beispiel in Form von Postkarten.11 Besonders charakteristisch ist dafür die Bestattung der Revolutionsopfer auf dem Marsfeld in Petrograd am 24. März 1917. Einerseits werden der Prunk und die Feierlichkeit des eingeführten Rituals deutlich – die tönenden Schüsse aus den Kanonen von der Peter-und-Paul-Festung, die Musik, die feierliche Prozession der Bürger, die den Gefallenen die letzte Ehre erweisen. Andererseits fanden die Bestattungen trotz eigener Särge (für jeden Gefallenen, mit Namensband) doch gewissermaßen in einem »Massengrab« statt, in das die Verstorbenen der Reihe nach gelegt wurden. Dadurch verlor die Beisetzung an sich ihren individuellen Charakter, der Ort wurde anonymisiert und seine symbolische und emotionale Bedeutung »herabgesetzt«. Nicht ohne Grund verzichteten die Verwandten einiger Gefallener auf diese scheinbar prunkvolle Beerdigung und setzten die Verstorbenen auf anderen Friedhöfen bei. Der Effekt dieser Entindividualisierung wurde durch die »Technisierung« der Beisetzung, die eigentlich dazu dienen sollte, das Ganze feierlicher und organisierter wirken zu lassen, noch verstärkt: Mit dem Hinablassen jedes einzelnen Sarges in das Grab wurde ein kompliziertes System von Signalen in Gang gesetzt – vom Fahnenschwenken bis hin zum Abschuss der Kanonen aus der Peter-und-Paul-Festung.12 Die Massenbeisetzung wurde zu einer Art Plattform für experimentelle Übungen für die von revolutionären Stimmungen eingenommenen politischen und künstlerischen Kreise. Die Verstorbenen spielten bei diesen Bestattungen zwar eine unerlässliche, ganz bestimmt aber nicht die Hauptrolle. Insofern kann die Beisetzung auf dem Marsfeld durchaus als Teil der Massenfeierlichkeiten zur Februarrevolution betrachtet werden.13 Zwischen Krematorium und Mausoleum: Pragmatismus der »neuen Lebensweise« und pathetischer Kult Jean Baudrillard hat die Spezifik dessen, wie der Tod im revolutionären Gedankengut wahrgenommen und von der revolutionären Macht instrumentalisiert wurde, überaus genau beschrieben. Er betonte, dass das Recht, Leben und Tod zu kontrollieren, in Lebende und Tote zu unterteilen und mit dem Tod zu manipulieren, die Grundlage jeder Herrschaft darstellt – »die Macht installiert sich auf dieser Barriere zum Tode«.14 Tatsächlich verfügte die revolutionäre Macht über die Entscheidungsgewalt (und zwar sowohl im realen als auch im symbolischen Sinne), wer zu sterben hatte und wer »lebendiger als alle Lebenden« blieb. Die Einteilung in Lebende und Tote stellt nach Baudrillard die erste Etappe der sozialen Hierarchisierung, ein Instrument der sozialen Diskriminierung dar. Deshalb waren für die Kultur des ersten sowjetischen Jahrzehnts auch die Rituale der symbolischen Beisetzung der »alten Welt« und ihrer Vertreter, der »Feinde«, oder die Rituale der symbolischen »Vernichtung« derselben so wichtig.15 Die Bedeutung dieses symbolischen Aktes der Einteilung in Lebende und Tote ebenso wie die Bedeutung des Todesdiskurses für die Formierung und Stabilisierung der Macht erklären die ernsthafte Fokussierung der bolschewistischen Machthaber des ersten Jahrzehnts auf die Errichtung eines »sowjetischen Todeskanons«. Das materialistische Verständnis, das die atheistischen Kommunisten von Leben und Tod hatten, führte, auch wenn die Äußerungen und Praktiken in dieser Hinsicht bis zu einem gewissen Grad variierten, zu einer relativ klaren Vorstellung von der »Endgültigkeit des Endes« und einer pragmatischen Sichtweise auf das Lebensende. Bekannt ist die wohlwollende Äußerung Lenins nach dem Selbstmord von Paul und Laura Lafargue, die im Jahr 1911 zu dem Schluss gekommen waren, dass das Alter ihnen die Möglichkeit auf ein vollwertiges Leben und den Dienst für den Sozialismus nehme: »Wenn man nicht mehr für die Partei arbeiten kann, dann muss man der Wahrheit ins Gesicht blicken und so sterben, wie es die Lafargues getan haben.«16 Dennoch lässt sich das Vorhandensein »romantisch-idealistischer« Elemente, die den Kommunisten aufgrund ihres deklarierten Atheismus eigentlich fremd waren, im sowjetischen Todeskanon erklären. Die Konstruktion des heldenhaften Märtyrertodes und eines Kultes um die gefallenen »Kämpfer« und »Führer« der Revolution wurde zu einer wichtigen Erscheinungsform des kommunistischen Todeskanons. Das Modell des Heldentodes wurde in den sowjetischen Nachrufen und Würdigungen der Verstorbenen sorgfältig reproduziert.17 In der diskursiven Praxis wurden darin sogar jene Kommunisten, die in den ersten Jahren der Sowjetherrschaft aufgrund von Krankheiten verstarben, nicht selten als »im Kampf Gefallene« dargestellt. Nach Lenins Tod wurde in einer Reihe von Publikationen auch folgende Formulierung verwendet: »Der proletarische Führer wurde im Feuer des grausamen Kampfes getötet […]«18 Die sowjetische Variante des kulturellen Helden, des Opferhelden,19 ging relativ klar sowohl auf die Tradition der radikalen Mythologie des beginnenden 20. Jahrhunderts20 als auch auf den nach der Revolution 1917 künstlich unterbrochenen Kult um die gefallenen Soldaten und Offiziere des Ersten Weltkriegs zurück.21 Der Kult um die gefallenen Krieger äußerte sich in der verbreiteten Praxis der Visualisierung »unserer Toten« in der Presse und Literatur in den ersten Jahren der sowjetischen Herrschaft. So nahmen zum Beispiel Zeitschriften die Tradition der Postmortem-Fotografie begeistert wieder auf22 und druckten Fotos von russischen und europäischen kommunistischen Führern »auf dem Totenbett«.23 Später wurden Postkarten mit der Abbildung des verstorbenen Lenin gedruckt, sein Grab (das Mausoleum) wurde auf Postkarten und anderen Druckerzeugnissen dargestellt.24 Die Fotos der Leichname der von den Feinden getöteten »Kämpfer« visualisierten die »Stigmata« der kanonisierten »Heiligen« des Revolutionspantheons und die Opfer, die sie für die Revolution gebracht hatten, aber auch die Grausamkeit der Feinde – genau deshalb wurden sie so umfassend und in allen Details dokumentiert.25 Als überaus bedeutend erwies sich auch die Darstellung der Gräber der »roten Helden«. Sie bildeten den Rahmen für feierliche Rituale: Der feierliche Gang zu den Gemeinschaftsgräbern war ein wesentlicher Teil der frühsowjetischen Festlichkeiten, welche oft direkt an den Gräbern der Gefallenen abgehalten wurden – rund um diese wurden Tribünen und Triumphbögen aufgebaut.26 Das Lenin-Mausoleum wurde als »Quelle der Energie und des Mutes, Quelle des unerschöpflichen Lebensmutes für die Werktätigen der ganzen Welt im Kampf für die Umsetzung des Vermächtnisses Il’ičs« betitelt.27 Die bolschewistische Art, mit dem Tod umzugehen, machte den wichtigsten Platz des Landes zu einem Friedhof, und der »nekrophile« Diskurs wies Lenins Grab die Funktion des geistigen Zentrums des Landes und der Quelle revolutionärer Energie zu. Es wurde zur »Wiege der Freiheit für die gesamte Menschheit«.28 Die Gräber der Gefallenen spielten somit eine wichtige Rolle bei den Ritualen, die die Grundlage für das symbolische Universum des Regimes bilden und festigen sollten. Der Kult um die gefallenen Kämpfer hatte aber auch eine kommunikative und stabilisierende Funktion. Er bildete das Verbindungsglied in der »genealogischen Linie« zwischen der westeuropäischen und der russischen Protestbewegung und verband so symbolisch die Generationen der alten und neuen Revolutionäre. Gleichzeitig begründete dieser Kult den Mythos über die Herkunft der bolschewistischen Herrschaft und legitimierte ihn. Charakteristisch für die frühsowjetische Presse war auch die ständige diskursive Einbeziehung der Toten in die Angelegenheiten der Lebenden. Die toten Genossen waren zwar tot, aber doch nicht ganz. Wie A. M. Lunačarskij es nach der Ermordung Volodarskijs ausdrückte: »Ich habe heute den Leichnam Volodarskijs gesehen, und auf mich machte er nicht den Eindruck eines Leichnams. Mir schien nicht, dass er einsam war, dass ihm kalt war, dass er gegangen ist. Ich habe gesehen: Er wurde von all jenen, die um ihn waren, mit einer unendlich warmen, ja feurigen Atmosphäre umgeben.«29 Als »lebendiger als alle Lebenden« erwies sich selbstverständlich der verstorbene Lenin: Denn »in Lenin war sehr wenig Sterbliches«,30 und »der physische Tod V. I. Lenins ist ein besonderer Tod, der der weltweiten Familie der Werktätigen den Körper ihres Führers genommen, jedoch den unauslöschlichen Geist des Leninismus nur noch weiter gehärtet hat […]«.31 In der sowjetischen Rhetorik zur Ehrung des verstorbenen Lenin klang eindeutig die bildliche Vorstellung von der Auferstehung Lenins mit: »Lenin ersteht in jedem Werktätigen auf, der sich den Reihen der RKP anschließt […]« Bei der feierlichen Inszenierung des Proletkultes 1926 wurde der Führer de facto in Gestalt der Heiligen Dreifaltigkeit dargestellt – als »Vater« und »Sohn« der Arbeiterklasse sowie als Heiliger Geist der Freiheit.32 Hinter der »Barriere des Todes« ging der Klassenkampf also weiter. Im Kontext des bolschewistischen »nekrophilen Diskurses« erschien die der Erinnerung an verblichene Genossen gewidmete Rubrik »Unsere Verstorbenen« (Naši mertveci«)33 in Kommunističeskij Internacional oder die Benennung eines biografischen Wörterbuchs der verstorbenen Mitglieder der Moskauer Stadtorganisation der RKP als »Gemeinschaftsgrab« (Bratskaja mogila) vollkommen alltäglich.34 Die Bewunderung für die Revolutionäre im Grab schloss jedoch die Kritik an ihren früheren Fehlern nicht aus: So wurde die Publikation des Allunionsbundes der Sträflinge und Verbannten Zuchthaus und Verbannung (Katorga i ssylka) 1929 für »unkritische Nekrologe« ehemaliger Mitglieder der Partei der sozialistischen Revolutionäre (ESER) und Menschewiken getadelt.35 Den stärksten Ausdruck fanden dieser Kult sowie die »diskursive Nekrophilie« in den Texten zum Tod Lenins. Zum Beispiel in dem begeisterten Bericht G. Zinov’evs (mit zahlreichen Ausrufezeichen) über den Säulensaal im Haus der Gewerkschaften, in dem der Leichnam Lenins aufgebahrt war: »Der wundervolle Saal im Haus der Gewerkschaften wurde zu einem Märchen. Dieser ganze Saal glich einer wundervollen, herrlichen, großen Trauersymphonie […]. Wer von uns wird diese sechs schlaflosen, beängstigenden, bleiernen, aber gleichzeitig auf unheimliche Weise wunderbaren Tage jemals vergessen?«36 Boris Volin stimmte mit ein: »Das Haus der Gewerkschaften, das Haus, das in diesen märchenhaften Tagen, diesen schweren Tagen, von ganz Moskau aufgesucht wurde, versinkt im frühmorgendlichen eisigen Nebel.«37 Die revolutionäre Idee schwanke, Baudrillard zufolge, »zwischen einer Dialektisierung des Todes als Negativität und dem rationalistischen Ziel einer Abschaffung des Todes: der am Ende im Kommunismus wie ein ›reaktionäres‹ Hindernis, das mit dem Kapital gekoppelt ist, dank Wissenschaft und Technik, die eine Unsterblichkeit des Gattungsmenschen erstreben, im Jenseits der Geschichte endet. Der Tod ist dann wie viele andere Dinge nur Überbau, dessen Schicksal durch die Revolutionierung der Basis geregelt wird.«38 In Zusammenhang mit dem zweifelhaften »Todeskämpfertum« der Bolschewiki stellt sich die Frage, welchen Einfluss die philosophischen Versuche des »russischen Kosmismus« auf sie hatten. Was den Verbreitungsgrad der Ansichten Nikolaj Fedorovs im Russland der 1920er Jahre betrifft, werden die Behauptungen über die »allgemeine Begeisterung« für diese Ideen, ihren Einfluss auf die sowjetische Kultur und das Einbringen der Ideen und Projekte Fedorovs in die offizielle Politik von Michael Hagemeister im Grunde widerlegt.39 In den ersten Jahren der Sowjetherrschaft war die stark vulgarisierte Idee Fedorovs von der künftigen Überwindung des Todes und der Auferstehung der Toten im Umlauf. Bei einigen wichtigen Bolschewiki und einem Teil der Bevölkerung rührte die Beliebtheit dieser Idee durchaus nicht von der eingehenden Beschäftigung mit dem Vermächtnis des Philosophen her, sondern war durch die allgemeine psychologische Haltung dieser Jahre bedingt, als die Euphorie um die möglichen sozialen Umwälzungen in Kombination mit der weltweiten rasanten Entwicklung der Naturwissenschaften und der Technik zu einer Illusion vom allmächtigen Menschen führte. Entsprechend dieser rationalistischen Aufgabe – »Abschaffung« des Todes bzw. seine Unterordnung unter die Aufgaben des revolutionären Wandels – wurde der Kanon des »sowjetischen Todes« im Laufe des ersten Jahrzehnts der Sowjetmacht in einem Raum der Konkurrenz zweier Haltungen konstruiert, die sich in den Jahren der militärischen und sozialen Katastrophen abgezeichnet hatten: Dies waren der »Immoralismus der totalen Pragmatik«40 und der pathetische Kult um »unsere Toten«. Diese beiden Einstellungen überschnitten sich fortwährend, bis sie im Zuge des wichtigsten nekrosymbolistischen Aktes – der Beerdigung V. I. Lenins – zur Stabilisierung des bolschewistischen Regimes miteinander verschmolzen. Die prunkvolle Beerdigung Lenins, die bis zum Zerfall der UdSSR zur Matrix für alle noch folgenden Beerdigungen der sowjetischen Staatsführer werden sollte,41 war nicht nur Vorbild und stellte den Höhepunkt des sowjetischen thanatologischen Pathos des Kultes um die »toten Genossen« dar, sie spiegelte außerdem unterschiedliche Eigenschaften des zweiten Extrems des sich herausbildenden sowjetischen Todeskanons wider: dessen zynisch-pragmatische Variante. Diese fand ihren Ausdruck sowohl in der Tatsache, dass die Intimsphäre, die Gefühle der Angehörigen und ihre Wünsche (und auch die der Verstorbenen selbst) bezüglich der Bestattung völlig ignoriert wurden, als auch in symbolischen Akten der »Aneignung« des Parteiführers. Dazu gehörten zum Beispiel seine Obduktion und die detaillierte Publikation der Ergebnisse, ebenso die Entnahme und öffentliche Zurschaustellung des Gehirns. Auch die Entscheidung, Lenin zu balsamieren und nicht zu bestatten, sondern öffentlich zugänglich im Mausoleum aufzubahren, welches direkt über den Massengräbern der gefallenen Kämpfer an der Kremlwand errichtet wurde, trägt dieser zynischen Variante Rechnung.42 Benno Ennker beurteilt die Entscheidung, Lenins Leichnam einzubalsamieren und nicht zu begraben, völlig zu Recht als Sieg des utilitaristisch-pragmatischen Diskurses, der sich auf den Willen des »Volkes« bezieht und auf das Hauptargument der Enttabuisierung (»Warum nicht?«) stützt.43 Die Fokussierung der Machthaber auf die Problematik des Todes und seine Repräsentation wurde auch bei der Erörterung der praktischen Probleme in Bezug auf die »Optimierung« der Beisetzung der Verstorbenen deutlich. Vladimir Papernyj hat in seinem Konzept der Zyklizität der russischen Kultur, die sich im Wechsel zweier Modelle (»kultura 1« und »kultura 2«) entwickelt, den »Verbrennungspathos« – die Propaganda der Feuerbestattung und die ständige Gegenüberstellung derselben und des Friedhofes – als Merkmal der frühsowjetischen Kultur, der »kultura 1«, dargestellt.44 Tatsächlich sahen sich die Bolschewiki in den ersten Jahren der Sowjetherrschaft, nach der durch ein Dekret vom 7. Dezember 1918 umgesetzten Überführung der Friedhöfe und aller Bestattungsangelegenheiten in das Eigentum und den Aufgabenbereich der Gemeinden, mit enormen Problemen konfrontiert. Das organisatorische und bürokratische Durcheinander, die schlechte Koordination der Zusammenarbeit der Stadt- und Bezirkssowjets und ihrer für Bestattungsangelegenheiten verantwortlichen Abteilungen, und die sehr hohe Sterblichkeit aufgrund von Epidemien und Hunger45 führten in den Jahren 1918/1919 zu einem Kollaps des Bestattungssektors in den Städten. Die Friedhöfe kamen mit den Beerdigungen nicht nach, es türmten sich die Leichname.46 Die Sowjets und ihre Abteilungen sowie Unterabteilungen verfügten nicht über genügend Kräfte und Mittel, um das Problem lösen zu können. Außerdem waren die städtischen Friedhöfe einfach überfüllt. So konnten die 33 Moskauer Friedhöfe Ende 1919 lediglich den Bestattungsbedarf für die kommenden eineinhalb Jahre gewährleisten.47 Die verlassenen, ungepflegten und verfallenen Friedhöfe boten 1927 ein schreckliches Bild, sie waren voller Müll, die Gruften und Kapellen wurden als Toiletten benutzt und waren Treffpunkte für Kriminelle.48 Vor dem Hintergrund dieser Probleme wirkten die Feuerbestattungs-Propaganda und die Aufrufe zum Bau von Krematorien, die sich in der sowjetischen Presse entfalteten, durchaus begründet und überzeugend. Sie gipfelten darin, dass Ende Mai 1927 die Gesellschaft zur Entwicklung und Verbreitung der Idee der Feuerbestattung in der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (Obšestvo razvitija i rasprostranenija idej kremazii v RSFSR, ORRIK) gegründet und mit dem Bau des Moskauer Krematoriums begonnen wurde, das bereits im Oktober desselben Jahres eröffnet werden konnte. Jedoch sollten die notwendigen Neuerungen nicht nur die Lösung der dringenden und kurzfristigen Aufgaben, sondern auch, und vor allem, einen starken propagandistischen und sogar sozialreformerischen Effekt mit sich bringen. Die Feuerbestattungs-Propaganda wurde von den Bolschewiki als angenehmes Instrument zur Säkularisierung des Alltags gesehen, als Instrument für den Aufbau der »neuen Lebensweise« und zur Verwurzelung einer utilitaristisch-pragmatischen Sichtweise auf alle Aspekte des menschlichen Lebens, einschließlich des Todes innerhalb der Bevölkerung. So sollten der Bruch mit der Vergangenheit erleichtert und jegliche Hindernisse auf dem Weg des kommunistischen Aufbaus beseitigt werden. Die Krönung dieses utilitaristischen Zugangs waren die vom ZK-Mitglied der Partei M. S. Ol’minskij im Juli 1924 geäußerten Vorstellungen: Er sprach sich für die »sinnvolle Nutzung« seines Körpers nach dem Tod aus – dieser sollte ohne jegliches Ritual zu einer Fabrik gebracht werden, wo man ihm das Fett für technische Zwecke und für die Herstellung von Düngemitteln entziehen sollte.49 Das Verhalten der Anhänger der Feuerbestattung war ein gutes Beispiel dafür, wie der »Immoralismus der totalen Pragmatik« im bolschewistischen Todesdiskurs zu etwas völlig Normalem wurde. Mit Wohlwollen konstatierten sie zwei Umstände, die die Umsetzung der Idee der Feuerbestattung im sowjetischen Russland sehr begünstigten. Zum einen die »außerordentliche Empfänglichkeit« der Massen »für alle Neuerungen, wenn sie nur praktisch, zielführend, angenehm und günstig sind«.50 Zum anderen führten die bolschewistischen Anhänger der Feuerbestattung zufrieden an: »Einerseits die seit einigen Jahren beobachtbare sinkende Pietät gegenüber den Toten unter der breiten Masse der Bevölkerung, mehr noch als ihre Gleichgültigkeit gegenüber der Erhaltung der Gräber; andererseits die Schwierigkeiten, die eine Minderheit bei dem Schutz der Gräber ihrer Angehörigen erlebt […] [Sie] schaffen eine günstige Konjunktur für die Propagierung der Kremation […]«.51 Auf diese Weise zeugten also die sich innerhalb der breiten Masse entwickelnde Gleichgültigkeit gegenüber den Verstorbenen und ihren Gräbern, aber auch ihr Enthusiasmus gegenüber allem Neuen und Bequemen vom Erfolg des pragmatischen bolschewistischen Todesdiskurses – eine wichtige Bedingung für dessen Weiterentwicklung war geschaffen. Die Anhänger der Feuerbestattung beeilten sich, diesen Erfolg zu festigen, und nahmen dem Tod noch die letzten Tabus, indem sie Beschreibungen des Verwesungsprozesses veröffentlichten. So wurde vorgeschlagen, für den größeren Erfolg der Feuerbestattungskampagne »auf den Friedhöfen […] eigene Vitrinen mit Fotoaufnahmen aufzustellen, auf welchen der Verwesungsprozess der Leichname mit den sie auffressenden Insekten dargestellt wird […]«.52 Dieser düstere Diskurs wurde auch von den in der Zeitschrift Kommunal’noe chozjajstvo befragten sowjetischen Wirtschaftsfunktionären unterstützt: »Die Arbeiter, Kommunisten, die kommunistisch eingestellte Jugend und die den Geist des Kommunismus aufsaugenden Pioniere pfeifen darauf, wo sie enden werden: ob sie in der Erde verfaulen oder im Feuer verbrennen […]. Wenn jedoch die Avantgarde sich verbrennen lässt – dann werden auch die anderen sich entzünden.« Ein anderer konstatierte zufrieden, dass die Feuerbestattung »ein enormer Schritt zur Trennung der derzeit bestehenden Verbindungen der lebenden Menschen mit den Verstorbenen, die unter der Erde vermodern, ist«.53 Durch diesen Zugang wurde dem Tod nach und nach alles Sakrale und Intime genommen, er wurde entweder zum Laborversuch oder zu einer Attraktion stilisiert – man denke nur an die Massenexkursionen zum Moskauer Krematorium, die auch eine Vorführung der Verbrennung der Leichname beinhalteten.54 Die Vulgarisierung und symbolische »Herabsetzung« des Todes verdrängten diesen jedoch nicht aus der sowjetischen Kultur. Im Gegenteil, wie schon in den Jahren des Weltkriegs, wurde die Kultur vom Tod durchdrungen, indem der thanatologische Diskurs auf alle Bereiche des Lebens ausgeweitet wurde. Vom »Todesdiskurs« zum »Diskurs der Freude« Die Pragmatik des offenen Immoralismus verblasste bereits gegen Ende der 1920er Jahre: Die Konfrontation zwischen »Krematorium« (als Idee der Pragmatisierung und Universalisierung; einer eigentümlichen »Demokratisierung« des Todes) und »Friedhof« (als Idee eines von der Welt der Lebenden getrennten, hierarchisierten und sakralen Raumes) endete mit einem Sieg des Friedhofs. Die Stabilisierung der Macht und die Neuorientierung der politischen Doktrin vom »Revolutionismus« hin zum »Staatstum« und auch die »Neuorientierung« der Machthaber, was das Streben der Menschen nach materiellen Gütern betraf (der Übergang »vom puritanischen Asketismus zur Toleranz gegenüber Menschen, die das Leben genießen«),55 machten das Unbehagen über den triumphierenden Diskurs des grausamen und krankhaften Thanatos der frühsowjetischen Epoche deutlich spürbar. Dies wurde noch dadurch verstärkt, dass im privaten Alltagsleben des »kleinen Menschen« das Todesstreben der sowjetischen Kultur durch die Neigung zu traditionellen Formen, Ritualen und Gewohnheiten aufgehoben wurde (und das trotz der oben beschriebenen Tendenz zur »Pragmatisierung« der Einstellung zum Tod). Diese Traditionen trugen – im Unterschied zur düsteren »Nekrophilie« der Revolutionszeit – zur Beibehaltung einer gesunden Balance zwischen Thanatos und Eros, den Grenzen zwischen dem Raum des Todes und jenem des Lebens, bei. Deshalb fanden viele Erinnerungsformen, darunter auch neue, die sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich praktiziert wurden, auf unterschiedliche Weise ihren Ausdruck in diesen Traditionen. So erfüllte die private sowjetische Tradition der Postmortem-Fotografie andere Funktionen als deren offizielle Ausformung: Man verstand darunter nicht die offene Demonstration der Postmortem-Fotografie im Alltagsleben.56 Der Raum des Todes wurde zwar nicht sakralisiert, man schuf aber nach und nach eine Distanz, eine Grenze zwischen ihm und der Welt der Lebenden – und zwar sowohl physisch (Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre machte man sich ernsthaft an die Aufräumarbeiten auf den Friedhöfen und errichtete Zäune) als auch symbolisch. So verschwanden die närrischen Inszenierungen von Begräbnisprozessionen, die für die frühsowjetische Zeit noch charakteristisch gewesen waren (die Beisetzung des »Kapitals« o. Ä.). Die diversen Feierlichkeiten kamen nun ohne Märsche zu den Gräbern der gefallenen Kämpfer und Trauerfeiern für diese aus – mit Ausnahme des Lenin-Mausoleums. Dieses blieb unerlässlicher Zeuge und Bestandteil aller feierlichen Umzüge. Die abgegrenzte Welt des Todes und des Friedhofes unterlag, wie auch die Gesellschaft der Lebenden, einer gewissen Ordnung, Individualisierung und Hierarchisierung. Dieser Umstand wurde durch normative Entwicklungen noch betont: Waren im Dekret des Rates der Volkskommissare vom 7. Dezember 1918 über die Friedhöfe und Bestattungsangelegenheiten noch das »gleiche Recht auf Bestattung« festgelegt, die Einteilung der Bestattungen nach Klassen aufgehoben und für alle Bürger gleiche Bestattungen eingeführt worden,57 und waren in den 1920er Jahren zur Verringerung der Bestattungskosten Beisetzungen in Gemeinschaftsgräbern zu drei, fünf, zehn oder fünfzehn Personen weit verbreitet gewesen,58 so wurden nach den Regeln des NKWD und des Volkskommissariats für Gesundheitswesen vom 7./11. Juni 1929 Bestattungen in Gemeinschaftsgräbern nicht mehr zugelassen (ausgenommen »in Momenten von Volkskatastrophen«). Außerdem wurden die Maße für die Gräber nun genau vorgeschrieben und eine Rangordnung für Bestattungen eingeführt – es gab unterschiedliche Tarife –, abhängig von den »materiellen Verhältnissen« des Verstorbenen und seiner Angehörigen.59 Die letzte Bestimmung legte den de facto bereits eingeführten »Klassenzugang« gesetzlich fest. Im Februar 1929 schrieb der Mossovet einheitliche Tarife für die Beerdigung auf dem Friedhof und die Feuerbestattung vor: einen Rubel für Arbeiter und Angestellte, fünf Rubel für Freiberufler und zwanzig Rubel für alle anderen Kategorien.60 1931 erfolgte dann eine Einteilung in vier Preisklassen von drei bis 35 Rubel: die erste Stufe für Arbeiter und Angestellte mit je drei Unterkategorien, abhängig vom Einkommen; die zweite für Handwerker, ebenfalls unterteilt in die Unterkategorien »selbständig« und »Lohnarbeit nutzend«; zur dritten Kategorie gehörten die Freiberufler, zur vierten die nicht arbeitende Bevölkerung.61 Abgesehen von den Verlusten, die ihm die »territoriale« Eingrenzung des Sterbens zufügte, wurde der frühsowjetische Todesdiskurs auch vom seit dem Ende der 1920er Jahre aktiv voranschreitenden »Diskurs der Freude« verdrängt. Dieser hatte die Funktion, eine emotionale Umkodierung der tragischen Ereignisse der Oktoberrevolution im kommunikativen und somit auch im historischen Gedächtnis der Menschen vorzunehmen – und zwar in die Kategorien der Freude und der Heiterkeit. Dadurch sollten die Umstände der »Geburt« des Regimes und seine aktuelle Politik legitimiert werden. Diese Tendenz hatte sich im Laufe der gesamten 1920er Jahre nach und nach entwickelt und kam im Zuge der Zehnjahresfeiern der Revolution schließlich überaus deutlich zum Vorschein. Die offiziellen Losungen für die Feierlichkeiten waren Musterbeispiele für den »Diskurs der Freude«: »Das zehnte Jubiläum des Oktobers vorzubereiten, bedeutet, sich selbst und alle anderen mit der hellen Freude der Oktobersiege zu durchdringen!« Oder: »Die Oktoberfeiern sind kein Feiertag für die Massen. Sie sind der Sieg der Massen selbst […]«.62 Die berühmte Äußerung Stalins aus dem Jahr 1935, »Das Leben ist besser geworden, das Leben ist fröhlicher geworden, Genossen«, war nur der Gipfel dieser Einstellung. Auch die ehemaligen utilitaristischen Anhänger der Feuerbestattung bemerkten den Trendwechsel – sie nahmen den »Diskurs der Freude« ganz ernsthaft auf, ohne dabei zu erkennen, in welch groteskem Widerspruch zum »Todesdiskurs«, der langsam verdrängt wurde, er stand. So äußerte Gvido Bartel’ 1932 seine ehrliche Freude darüber, dass die Zahl der eingeäscherten Kinder innerhalb der Gesamtzahl der eingeäscherten Personen anstieg, was seiner Meinung nach das Zeichen für einen Umbruch im Denken innerhalb des konservativen Lagers war, das sich bis dato gegen die Feuerbestattung ausgesprochen hatte.63 Jedoch konnten weder der ab Ende der 1920er Jahre aufoktroyierte und kultivierte »Diskurs der Freude« noch der in den 1930er Jahren aufblühende sowjetische sinnliche und lebensfrohe Eros64 die aus allen Ecken hervordringende Grabeskälte des Thanatos der sowjetischen Kultur überdecken. Der Todesdiskurs trat latent in Erscheinung – zum Beispiel wurde die thanatologische Pragmatik in den freudigen Mitteilungen über die Errichtung neuer Stadien, Plätze oder sogar Kinderspielplätze auf zerstörten Friedhöfen reproduziert oder auch in der nicht öffentlich gemachten, aber bis in die 1950er Jahre hinein weit verbreiteten Nutzung von Grabsteinen im Straßenbau und sogar als Fundament für neue Grabsteine.65 Die nicht offen verkündete thanatologische diskursive Pragmatik wurde stillschweigend umgesetzt – nicht nur durch die bürokratische Eingliederung der Bestattungsangelegenheiten in die sozialistische Planung,66 sondern auch durch die nackten Zahlen der geheimen Statistik über die Hungertoten der Jahre 1932/33, durch die unzähligen Todeslisten des Großen Terrors und durch die Art, wie mit dem Tod im Archipel Gulag umgegangen wurde. Der vom »Diskurs der Freude« aus dem offiziellen Gebrauch verdrängte Todesdiskurs materialisierte sich in der sowjetischen Realität der 1930er und 1940er Jahre. In eben diesem Zeitraum wurde auch der offiziell verlautbarte thanatologisch-pathetische Kult um »unsere Toten« aufgrund der neuen tragischen Ereignisse in der Geschichte – insbesondere aufgrund des Großen Vaterländischen Krieges – einer Erneuerung unterzogen.67 Es waren und sind eben diese Erinnerungen an die blutigen Opfer des sowjetischen Volkes im Großen Vaterländischen Krieg und an den Preis des Sieges sowie der damit verbundene heldenhafte Todesdiskurs, welche bis zum Ende der Sowjetära und zu einem beträchtlichen Ausmaß bis hinein in die postsowjetische Zeit zwei der wichtigsten Momente der sowjetischen (heute »russländischen«) Identität bilden. Die symbolische Reproduktion des Todes und das Ende der Sowjetzeit In den sowjetischen Nachkriegsjahrzehnten bis zum Ende der Sowjetunion trat die latente thanatologische Ausrichtung der sowjetischen Kultur nicht nur in Form der Exhumierungen in den 1960er Jahren (die Entfernung von Stalins Leichnam aus dem Mausoleum, die Öffnung des Grabes von Ivan dem Schrecklichen) zutage, die Vladimir Paperny als Beweis für die Rückkehr des »Pathos der Exhumierung« der »kultura 1« bezeichnete.68 Sie äußerte sich auch in der regelmäßigen Reproduktion nekrosymbolistischer Akte, wie der feierlichen Bestattung der Führer: 1953 Stalin, 1982 Brežnev und noch viele weitere. Es geschah also in Momenten, in denen aufgrund eines auftretenden Machtvakuums derartige nekrosymbolistische Akte besonders dringend zur Stabilisierung der Macht benötigt wurden, in denen man das Volk daran erinnern musste, wer »auf den Barrieren der Macht stand«. Die Bedeutung der nekrosymbolistischen Rituale für die Aufrechterhaltung der Ordnung sowie das Ansehen der Herrschenden wurden diesen umso bewusster, je schwächer ihre Macht in den Augen des Volkes wurde. Diese extrem in die Länge gezogenen und diskursiv entleerten Rituale, die sich ab Ende der 1970er Jahre oft wiederholten und nicht nur im ganzen Land, sondern auch im Ausland im Fernsehen gezeigt wurden, kompromittierten die Herrscher allerdings eher, boten sie doch eine possenhafte Darstellung des nekrosymbolistischen »Musterakts«: der Bestattung Lenins. Darüber hinaus konnten darin Anzeichen für die Degeneration der Herrschenden gefunden werden. Dazu gehörte auch der in der Öffentlichkeit bekannt gewordene Zwischenfall bei der Beerdigung Brežnevs, als der Sarg des Generalsekretärs zu schnell und von einem lauten Knall begleitet ins Grab hinabgelassen wurde. Dieser Zwischenfall wurde breit diskutiert und beinahe als Ausfall des Herrschaftssystems behandelt. Die Möglichkeiten des Nekrosymbolismus der sowjetischen Kultur, ihres Pragmatismus und ihres Pathos, die der Stabilisierung des neu entstehenden bolschewistischen Regimes hätten dienen sollen, waren bis zum Ende der Sowjetunion praktisch ausgeschöpft. Der zynische Pragmatismus – sowohl gegenüber den Lebenden als auch gegenüber den Toten – wurde zu einem der wichtigsten Punkte bei der Entlarvung der bolschewistischen Herrschaftspraktiken. Das thanatologische Heldenpathos aber funktionierte (mit einigen wenigen Ausnahmen, darunter der heldenhafte Tod der Gefallenen im Großen Vaterländischen Krieg) praktisch gar nicht. Es wurde vielmehr formalisiert, zu diskursiven Klischees umgewandelt und hatte keinerlei mobilisierende Funktion mehr. Mehr noch, die Gestalten der betagten und kränklichen »Führer« der »Kreml-Gerontokratie« dienten als Bestätigung der Schwäche des Regimes und stellten eine Karikatur des perversen thanatologischen Pathos dar. Aus dem Russischen von Julija Schellander-Obid 1 Die einzige Arbeit dazu stammt von Catherine Merridale: Steinerne Nächte. Leiden und Sterben in Russland, München 2001. 2 Zum Tod und zur Bestattung Lenins siehe Nina Tumarkin: Lenin Lives! The Lenin Cult in Soviet Russia, Cambridge (Mass.)/London 1983; Benno Ennker: Die Anfänge des Leninkults in der Sowjetunion, Köln/Weimar/Wien 1997; Olaf B. Rader: Grab und Herrschaft. Politischer Totenkult von Alexander dem Großen bis Lenin, München 2003; zum Kult der Gefallenen im Großen Vaterländischen Krieg und zur Erinnerung an den Krieg siehe Sabine Arnold: Stalingrad im sowjetischen Gedächtnis. Kriegserinnerung und Geschichtsbild im totalitären Staat, Bochum 1998; zu sowjetischen Nekrologen siehe G. A. Orlova: Biografija (pri)smerti: zametki o sovetskom političeskom nekrologe [Biografie des (Bei)Todes: Anmerkungen zum sowjetisch-politischen Nekrolog], in: Neprikosnovennyj zapas 64 (2009), H. 2, in: http://magazines.russ.ru/nz/2009/2/or11-pr.html, ges. am 23. September 2014; zur Postmortem-Fotografie siehe O. Bojcova: »Ne smotri ich, oni plochie«: fotografii pochoron v russkoj kulture [»Schau sie nicht an, sie sind böse«: Bestattungsfotografien in der russischen Kultur], in: Antropologičeskij forum 2010, H. 12, S. 327–352; zum politischen Kult der Gefallenen siehe Guido Hausmann: Politischer Totenkult im 20. Jahrhundert, in: Manfred Hettling/Jörg Echternkamp (Hg.): Gefallenengedenken im globalen Vergleich. Nationale Tradition, politische Legitimation und Individualisierung der Erinnerung, München 2013, S. 413–440. 3 Siehe dazu L. V. Fesenkova: Tema smerti v russkom mentalitete i utopičeskom soznanii [Das Thema Tod in der russischen Mentalität und im utopischen Bewusstsein], in: Ju. V. Chen (Hg.): Ideja smerti v rossijskom mentalitete [Die Idee des Todes in der russischen Mentalität], St. Petersburg 1999, S. 30–47; M. B. Mogil’ner: Mifologija »podpol’nogo čeloveka«: radikal’nyj mikrokosm v Rossii načala XX veka kak predmet semiotičeskogo analiza [Die Mythologie des »illegalen« Menschen: der radikale Mikrokosmos in Russland Anfang des 20. Jahrhunderts als Gegenstand einer semiotischen Analyse], Moskau 1999. 4 Siehe Ju. N. Solonin: Opyt vojny: ot vpečatlenija k metafizike [Kriegserfahrung: vom Eindruck zur Metaphysik], in: Pervaja mirovaja vojna. Istorija i psichologija. Materialy Rossijskoj naučnoj konferencii 29-30 nojabrja 1999 g. v Sankt Peterburge [Der Erste Weltkrieg. Geschichte und Psychologie. Materialien zur russischen wissenschaftlichen Konferenz am 29./30. November 1999 in St. Petersburg], St. Petersburg 1999, S. 7 f. 5 E. G. Sokolov: Technologija proizvodstva žizni (Pervaja mirovaja vojna i tanatologičeskij diskurs Z. Frejda) [Die Technologie der Reproduktion des Lebens (Der Erste Weltkrieg und der thana-tologische Diskurs S. Freuds)], in: Pervaja mirovaja vojna. Istorija i psichologija (Anm. 4), S. 19–23. 6 »Glas-Wasser-Theorie« (Teoriya »stakana vody«): Sexuelle Beziehungen sollen für die Menschen ebenso leicht, natürlich und einfach sein, wie ein Glas Wasser zu trinken; »Liebe ohne Fliederbusch« (Lyubov’ bez cheryemuhi): »freier Sex« ohne Bindung und tiefe Gefühle. 7 Siehe Susan K. Morrissey: Suicide and the Body Politic in Imperial Russia, Cambridge 2006, S. 14–16, 346, 349 f.; Kenneth M. Pinnow: Lost to the Collective: Suicide and the Promise of Soviet Socialism, 1921–1929, Ithaca/London 2010, S. 1 f. 8 Schließlich wurden die Freuden der Sexualität und des Gebärens in den relevanten philosophischen Arbeiten eher als Hindernis für die integrale Reinheit der Unsterblichkeit gesehen. Siehe Eric Naiman: Sex in Public: The Incarnation of Early Soviet Ideology, Princeton 1997, S. 28. 9 Siehe A. M. Etkind: Eros nevozmožnogo. Istorija psichoanaliza v Rossii [Der Eros des Unmöglichen: Die Geschichte der Psychoanalyse in Russland], St. Petersburg 1993, S. 420–424. 10 Siehe Svetlana Malysheva: Bereavement and Mourning (Russian Empire), in: 1914–1918-online. International Encyclopedia of the First World War, hrsg. von Ute Daniel u.a., Freie Universität Berlin, 8. Oktober 2014 Berlin; online: http://encyclopedia.1914-1918-online.net/article/Bereavement_and_Mourning_(Russian_Empire), ges. am 30. Oktober 2014. 11 Siehe zum Beispiel: Počtovaja otkrytka »Pochorony žertv Fevral’skoj revoljucii v Gelsingforse« [Postkarte »Beisetzung der Opfer der Februarrevolution in Helsingfors«], Helsingfors, 3. März 1917, in: Central’nyj gosudarstvennyj archiv istoriko-političeskoj dokumentacii Respubliki Tatarstan/Zentrales Staatsarchiv für historisch-politische Dokumentation der Republik Tatarstan (im Folgenden: CGAIPDRT), F. 8146, d. 3323, d. 2001. 12 Siehe Pochorony žertv revoljucii. Prazdnik vozroždenija [Die Beisetzung der Opfer der Revolution: Feiertag der Auferstehung], in: Novoe vremja, St. Petersburg vom 25. März (7. April) 1917. 13 Siehe O. Figes/B. Kolonitskii: Interpreting the Russian Revolution: The Language and Symbols of 1917, New Haven 1999, S. 33, 38, 43–47, 74, 81. 14 Jean Baudrillard: Der symbolische Tausch und der Tod, München 1982, S. 204. 15 Zum Beispiel das Verbrennen von Attributen der »alten Welt« und eines Modells der »eingenommenen Bastille« im Zuge der Feierlichkeiten zu Ehren der Oktoberrevolution im Jahr 1918. Siehe dazu Agitacionno-massovoe iskusstvo pervych let Oktjabrja. Materialy i issledovanija [Agitations- und Massenkunst der frühen Jahre nach der Oktoberrevolution. Materialien und Untersuchungen], Moskau 1971, S. 12, 44; O. Cechnovicer: Demonstracija i karnaval [Demonstration und Karneval], Moskau 1927, S. 80; oder die 1927 gezeigten Puppen der »Feinde des sowjetischen Landes«: Chamberlain, Poincaré, Piłsudski u.a. Siehe dazu O. Cechnovicer: Prazdnestva revoljucii [Die Feierlichkeiten zur Revolution], 2. Aufl. Leningrad 1931, S. 24. 16 N. K. Krupskaja: Vospominanija o Lenine [Erinnerungen an Lenin], Teil 2, in: Lenin. Revoljucioner. Myslitel’. Čelovek. [Lenin. Revolutionär. Denker. Mensch.], http://leninism.su/memory/1399-vospominaniya-o-lenine-chast-ii.html, ges. am 23. September 2014. 17 Nach G. Orlova spiegelten sie die »revolutionäre Biografie« wider. Siehe Orlova: Biografija (pri)smerti (Anm. 2). 18 V. Kolarov: U mogily tov. Lenina [Am Grab des Gen. Lenin], in: Pravda vom 24. Januar 1924. 19 Siehe Ch. Gjunter: Archetipy sovetskoj kultury [Archetypen der sowjetischen Kultur], in: Ch. Gjunter/E. Dobrenko (Hg.): Socrealističeskij kanon [Der sozrealistische Kanon], St. Petersburg 2000, S. 746. 20 Siehe Mogil’ner: Mifologija »podpol’nogo čeloveka« (Anm. 3), S. 41–60. 21 Zur Problematik der Kontinuität/Diskontinuität des militärisch-patriotischen Diskurses in Russland siehe Aaron J. Cohen: »Oh, That!« Myth, Memory, and the First World War in the Russian Emigration and the Soviet Union, in: Slavic Review 62 (2003), H. 1, S. 69–86; Karen Petrone: The Great War in Russian Memory, Bloomington 2011. 22 In Russland war die Tradition, Verstorbene zu fotografieren, bereits vor der Revolution verankert gewesen – sowohl in der öffentlichen als auch in der privaten Kultur. Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts tauchten Postmortem-Fotografien sowohl im öffentlichen als auch nach und nach im privaten Bereich auf. Siehe dazu Bojcova: »Ne smotri ich, oni plochie.« (Anm. 2), S. 328 f. Im öffentlichen Bereich existierten zwar gewisse, hauptsächlich von der Russisch-Orthodoxen Kirche ausgehende Verbote für das Fotografieren von Verstorbenen und von Bestattungen, der größte Teil der Fälle fiel jedoch nicht darunter. 23 Zum Beispiel »K. Libknecht v grobu« [»K. Liebknecht im Sarg«], »Ja. M. Sverdlov na smertnom odre« [»Ich. M. Sverdlov auf dem Totenbett«], »K. Libknecht na smertnom odre« [»K. Liebknecht auf dem Totenbett«]; »T. Samueli v grobu« [»T. Szamuely im Sarg«], in: Kommunističeskij Internacional, H. 1 vom 1. Mai 1919, S. 80 f., H. 5, September, S. 720 f.; H. 7/8, November/Dezember, S. 1128–1130 sowie »P. A. Kropotkin na smertnom odre« [»P. A. Kropotkin auf dem Totenbett«], in: Kommunal’nyj rabotnik 1921, H. 1/2 (70/71), S. 1. 24 Zum 10. Jahrestag der Oktoberrevolution bereitete die Bezirkskommission für Feiertage in Odessa eine Ausstellung vor, bei der ein ganzer Raum für ein großes Modell des Lenin-Mausoleums reserviert war. Siehe Gosudarstvennyj archiv Rossijskoj Federacii/Staatsarchiv der Russischen Föderation (im Folgenden: GARF), f. 3316, op. 42, d. 19, Bl. 322. 25 Zum Beispiel zeigt das Foto des getöteten ungarischen Volkskommissars für Militärangelegenheiten, Tibor Szamuely, dessen nackten Leichnam mit unnatürlich nach hinten gedrehtem Kopf (Kommunističeskij Internacional 1919, H. 7/8, November/Dezember, S. 1128–1130); oder die von Gabeln zerstochenen und von Äxten zerhackten Leichname der Mitglieder des Komsomol-Stadtkomitees von Bugulma, Chikmatov und M. Nabiullin und die Leichname der Kommunisten aus Zainsk, die bei antisowjetischen Bauernaufständen in der Wolgaregion 1920 getötet wurden. Siehe CGAIPDRT, f. 8146, d. 594; d. 2763. 26 Siehe Rossijskij gosudarstvennyj archiv social’no-političeskoj istorii/Russisches Staatsarchiv für sozialpolitische Geschichte (im Folgenden: RGA SPI), f. 17, op. 60, d. 676, Bl. 10ob.; d. 341, Bl. 9; d. 300, Bl. 33ob.-34ob. 27 L. Mitnickij: Mogila Il’iča [Das Lenin-Mausoleum], in: Pravda vom 27. Januar 1924. 28 »Das Grab Lenins ist die Wiege der Freiheit für die gesamte Menschheit« war eine der Losungen des Moskauer Komitees der KP nach Lenins Tod. Siehe Rabočaja Moskva, Sonderausgabe vom 22. Januar 1924. 29 [M.] V. Volodarskij (1891–1918), in: Kommunističeskij Internacional, H. 3 vom 1. Juli 1919, S. 349. 30 L. Sosnovskij: Ne stalo Lenina [Lenin ist verstorben], in: Bednota vom 24. Januar 1924. 31 A. Zorov: Černoe i krasnoe [Schwarz und Rot], in: Trud vom 24. Januar 1924. 32 Siehe Rossijskij gosudarstvennyj archiv literatury i iskusstva/Russisches Staatsarchiv für Literatur und Kunst (im Folgenden: RGALI) f. 1230, op. 1, d. 132, Bl. 34, 36, 41. 33 Kommunističeskij Internacional, Nr. 1, 1919. 34 Siehe V. Nevskij: Rec. Bratskaja mogila. Biografičeskij slovar umeršich i pogibšich členov Moskovskoj organizacii RKP [Rezension von Das Gemeinschaftsgrab. Biografisches Wörterbuch der verstorbenen und ums Leben gekommenen Mitglieder der Moskauer Organisation der RKP], 2. Aufl., Moskau 1923, in: Proletarskaja revoljucija, Bd. 1, 1924, S. 239. 35 Siehe Leserbrief von M. Ol’minskij, in: Proletarskaja revoljucija 1929, Bd. 12, S. 223. 36 G. Zinov’ev: Šest’ dnej, kotorych ne zabudet Rossija [Sechs Tage, die Russland nicht vergessen wird], in: Pravda vom 29. Januar 1924. 37 Boris Volin: U kryški groba (Poslednee utro) [Auf dem Sargdeckel (Der letzte Morgen)], in: Rabočaja Moskva vom 30. Januar 1924. 38 Jean Baudrillard: Der symbolische Tausch und der Tod (Anm. 14), S. 236. 39 Siehe Michael Hagemeister: Nikolaj Fedorov. Studien zu Leben, Werk und Wirkung, München 1989, S. 343. 40 Den Begriff prägte V. V. Gudkova: Roždenie sovetskich sjužetov: tipologija otečestvennoj drami 1920-ch – načala 1930-ch godov. [Die Geburt der sowjetischen Sujets: Typologie des vaterländischen Dramas der 1920er, Anfang der 1930er Jahre], Moskau 2008, S. 324. 41 Zum »Kanon des sowjetischen Bildschirmnekrologs« siehe Rašit Jangirov: Proščanie s mertvym telom. Ob odnom sjužete rossijskogo ekrannogo oficioza i ego podtekstach [Verabschiedung von einem toten Körper. Über ein Sujet der russischen Offiziösität und seine Subtexte], in: Otečestvennye zapiski 35 (2007), H. 2, http://strana-oz.ru/2007/2/proshchanie-s-mertvym-telom, ges. am 23. September 2014. 42 Zu diesen Aspekten siehe Ennker: Die Anfänge des Leninkults (Anm. 2), S. 71. 43 Ebd., S. 164. 44 Siehe Vladimir Paperny: Kultura Dva [Kultur Zwei], 2. Aufl. Moskau 2006, S. 42. 45 Im Jahr 1919 war die Mortalitätsrate in Moskau doppelt so hoch wie vor dem Krieg und sogar dreimal so hoch wie die Geburtenrate. Siehe Smertnost’ i roždaemost’ v Moskve [Sterblichkeit und Geburtenraten in Moskau], in: Kommunal’noe chozjajstvo, H. 1, Moskau 1924, S. 42. 46 Siehe A. Anserov: Etapy pochoronnogo dela v Moskve [Etappen der Bestattungsangelegenheiten in Moskau], in: Kommunal’noe chozjajstvo, H. 8/9, Moskau 1922, S. 9. 47 Siehe Moskovskoe kommunal’noe chozjajstvo za 4 goda revoljucii [Die Moskauer Kommunalwirtschaft vier Jahre nach der Revolution], in: Kommunal’noe chozjajstvo, H. 7, Moskau 1921, S. 41. 48 Siehe Člen sekcii Mossoveta Chal’nov. Kladbišča g. Moskvy [Sektionsmitglied des Mossovets Chal’nov. Die Friedhöfe der Stadt Moskau], in: Kommunal’noe chozjajstvo, H. 17/18, Moskau 1927, S. 26. 49 Siehe Merridale: Steinerne Nächte (Anm. 1), S. 196 f. 50 S. Anserov: Kremacija i ee osuščestvlenie [Die Feuerbestattung und ihre Umsetzung], in: Kommunal’noe chozjajstvo, H. 11, Moskau 1922, S. 7. 51 Sanvrač V. Fedynskij: Kladbiščenskij krizis v Moskve i kremacija [Die Friedhofskrise in Moskau und die Feuerbestattung], in: Kommunal’noe chozjajstvo, H. 9/10, Moskau 1926, S. 28–30. 52 F. Lavrov: K otkrytiju Moskovskogo krematorija [Zur Eröffnung des Moskauer Krematoriums], in: Kommunal’noe chozjajstvo, Nr. 11/12, Moskau 1927, S. 6. 53 Naša anketa o kremacii [Unsere Umfrage zur Feuerbestattung], in: ebd., S. 26 und 34. 54 Ein Jahr nach der Eröffnung des Moskauer Krematoriums waren bereits an die 2 000 Führungen mit insgesamt 90 000 Teilnehmern durchgeführt worden (siehe Godovščina kremacii [Der Jahrestag der Feuerbestattung], in: Kommunal’noe chozjajstvo, H. 19/20, Moskau 1928, S. 140), im Zuge derer »jedes Mitglied der Exkursionsgruppe die Möglichkeit hat, sich mit dem Ablauf des Einäscherungsprinzips vertraut zu machen«. (Godovoj otčet Obščestva razvitija i rasprostranenija idei kremacii v RSFSR [Jahresbericht der Gesellschaft zur Entwicklung und Verbreitung der Idee der Feuerbestattung in der RSFSR], 1. Oktober 1927 – 1. Oktober 1928, in: Kommunal’noe chozjajstvo, H. 23/24, Moskau 1928, S. 114. 55 Š. Ficpatrik: Povsednevnyj stalinizm. Social’naja istorija Sovetskoj Rossii v 30-e gody: Gorod. [Der alltägliche Stalinismus. Sozialgeschichte des sowjetischen Russlands in den 1930er Jahren: Die Stadt], Moskau 2001, S. 111–113. 56 Siehe Bojcova: »Ne smotri ich, ony plochie.« (Anm. 2), S. 340 f., 344–350. 57 Siehe A. Anserov: Etapy pochoronnogo dela v Moskve [Etappen des Bestattungsgeschäfts in Moskau], in: Kommunal’noe chozjajstvo, Nr. 12, Moskau 1922, S. 9. 58 Siehe z. B. die monatlichen Berichte der Friedhöfe in Kazan für die Jahre 1922–1926: Nacional’nyj archiv Respubliki Tatarstan/Nationalarchiv der Republik Tatarstan (im Folgenden: NART), f. R-1803, op. 1, d. 235, Bl. 1-155; f. R-1130, op. 1, d. 333, Bl. 5-12, 42-47, 53, 182, 198 u. a. 59 Siehe Regelung Nr. 198/B/197/mv des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten und des Volkskommissariats für Gesundheitswesen »Über die Organisation der Friedhöfe und die Bestattungsordnung«, 7./11. Juni 1929, in: Bjulleten’ NKVD [Bulletin des NKVD], 1929, Nr. 23/24, S. 459 f. 60 Siehe Gvido Bartel’: Značenie železnodorožnogo transporta v dele razvitija kremacii [Die Bedeutung des Eisenbahntransports für die Entwicklung der Feuerbestattung], in: Kommunal’noe chozjajstvo, Nr. 3/4, Moskau 1929, S. 26. 61 Siehe Gvido Bartel’: Razvitie kremacii v Moskve v 1930-1931 gg. [Die Entwicklung der Feuerbestattung in Moskau in den Jahren 1930–1931], in: Kommunal’noe chozjajstvo, Nr. 6, Moskau 1932, S. 63. 62 NART, f. R-732, op. 1, d. 1062, Bl. 78, 80, 81. 63 Siehe Bartel’: Razvitie kremacii v Moskve v 1930-1931 gg. (Anm. 61), S. 61. 64 Siehe C. Scheide: Kinder, Küche, Kommunismus: das Wechselverhältnis zwischen sowjetischem Frauenalltag und Frauenpolitik von 1921 bis 1930 am Beispiel Moskauer Arbeiterinnen, Zürich 2002; N. Černjaeva: Proizvodstvo materej v Sovetskoj Rossii: učebniki po uchodu za det’mi epochi industrializacii [Die Herstellung von Müttern im sowjetischen Russland: Lehrbücher zur Kindererziehung in der Epoche der Industrialisierung], in: Gendernye issledovanija 2004, H. 12, S. 120–138. 65 Zum Beispiel in Moskau 1936, siehe A. F. Rodin: Planirovka goroda i deti [Stadtplanung und Kinder], in: Stroitel’stvo Moskvy 1936, H. 17, S. 4. Das Fundament des 1956 vom Kulturministerium der Republik Tatarstan auf einem Friedhof in Kazan errichteten Denkmals für den tatarischen Dichter G. Tukaj bestand teilweise aus einem Grabstein aus dem 19. Jahrhundert. Als 2011 Restaurationsarbeiten am Denkmal durchgeführt wurden, konnte die Autorin des vorliegenden Artikels selbst die zerfallenen Teile des Denkmals mit ihren widersprüchlichen Aufschriften, welche die thanatologische Pragmatik ihrer Errichter entlarvten, sehen: »Gabdulla Tukaj. 1886-1913. Ot Ministerstva kul’tury TASSR« und »Marija Andrejevna Tolstaja. Rod. 17 aprelja 1827. Skonch. 9 fevralja 1893« [»Gabdulla Tukaj. 1886–1913. Vom Ministerium für Kultur der Tatarischen ASSR« und »Marija Andreevna Tolstaja. Geb. 17. April 1827, verstorb. 9. Februar 1893«]. 66 Siehe z. B. Pokazateli rosta proizvodstva, vypolnenija plana i sniženija sebestoimosti za 1935 g. (v rubljach) po kladbiščam Baumanskogo rajona [Kennzahlen des Produktionswachstums, der Planerfüllung und der Senkung der Selbstkosten für das Jahr 1935 (in Rubel) auf den Friedhöfen des Baumanskij-Bezirks], in: NART, f. R-1130, op. 2, d. 371, Bl. 10 u.a. 67 Siehe dazu Arnold: Stalingrad im sowjetischen Gedächtnis (Anm. 2); Hausmann: Politischer Totenkult im 20. Jahrhundert (Anm. 2). Dort betonen die Autoren die Unterschiede zwischen den privaten Ausformungen des Kults und der Erinnerung an die Verstorbenen gegenüber den offiziellen Ausformungen, die die Trauerveranstaltungen in einen Triumph der Ideen des Sozialismus verwandelten. 68 Paperny: Kultura Dva (Anm. 44), S. 116. 

JHK 2015

Gemeinsame Wurzeln und getrennte Wege. Zum historischen Selbstverständnis von SPD und Linkspartei

Klaus Schönhoven

Die Erkenntnis, dass man seine Vergangenheit nicht einfach abschütteln kann, dass sie immer ein Stück von einem bleiben wird, mit dem man leben muss, ist eine Binsenweisheit. Über die Nachwirkungen der Vergangenheit in unserem individuellen Bewusstsein und in unseren gesellschaftlichen Orientierungen, in unseren persönlichen Erinnerungen und Erfahrungsbildern gibt es mittlerweile eine breit gefächerte Forschungsliteratur. Die von Marcel Proust in seinem siebenbändigen Romanwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit vermittelte Einsicht, dass die Vergegenwärtigung der Vergangenheit aus sehr unterschiedlichen Deutungsperspektiven erfolgt, in denen sich Geschichte und Gegenwart gleichermaßen widerspiegeln, gilt nicht nur für die Spurensuche in der eigenen Biografie. Sie gilt auch für Parteien und Nationen. Sobald Parteien ein bestimmtes Alter erreicht haben, gehört die historische Selbstvergewisserung durch Rückblicke auf die eigene Geschichte zur Substanz ihrer Identität und ihres Werteverständnisses. Insbesondere für die aus der Arbeiterbewegung hervorgegangenen Parteien mit einer mehr als hundertjährigen Geschichte hat der Blick zurück eine wichtige Orientierungsfunktion für die Gegenwart und die Zukunft. Diese Auffassung vertritt auch der Ältestenrat der Linkspartei in einer Grundsatzerklärung, in der es heißt, die Partei Die Linke solle sich »zu einem ihrem politischen Profil entsprechenden Geschichtsverständnis bekennen«, weil sich darin »stets ihre politische Positionierung zur Gegenwart und Zukunft« widerspiegele. Denn in jeder Partei gebe es »unverkennbar ein enges Wechselverhältnis zwischen ihrem vorherrschenden und in die Öffentlichkeit getragenen Geschichtsverständnis und ihrer aktuellen Politik«.1 Nicht anders definiert man auch in den Führungsgremien der Sozialdemokratie den Zusammenhang von Geschichtsverständnis und aktueller Politik für die eigene Partei. Nicht zufällig verfügen deshalb auch beide Parteien über von ihren Vorständen berufene historische Kommissionen, die den Prozess ihrer geschichtlichen Selbstvergewisserung als Experten begleiten sollen. Ohne Zweifel hat der derzeit viel diskutierte politisch-programmatische Klärungsprozess zwischen Linkspartei und Sozialdemokratie auch eine historische Dimension, wie man aus den geschichtspolitischen Veröffentlichungen ersehen kann. Diese besitzen bei allen mit Blick auf die nächste Bundestagswahl angestellten Koalitionsüberlegungen eine eigene, nicht zu unterschätzende Bedeutung, weil sich in ihnen die kollektive Seelenlage der beiden Parteien in ihren verschiedenen historischen Facetten widerspiegelt. Bilanziert man heute, also ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der DDR, die geschichtspolitischen Standpunkte und Sichtweisen der Linkspartei und der Sozialdemokratie, so findet man eine Reihe von interpretatorischen Übereinstimmungen, vor allem wenn es um die politischen und programmatischen Anfänge der deutschen Arbeiterbewegung als proletarische Emanzipationsbewegung in den Revolutionsjahren von 1848/49 oder um den Aufstieg der Sozialdemokratie zur proletarischen Massenpartei bis zum Ersten Weltkrieg geht. Doch für die dann folgenden Jahrzehnte, die das 20. Jahrhundert zu einem Zeitalter der Extreme werden ließen, kann man nicht mehr von einem gemeinsamen Geschichtsbild der beiden Parteien sprechen. Denn die mit der Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung im und nach dem Ersten Weltkrieg aufgebrochenen prinzipiellen Unterschiede zwischen dem revolutionären Radikalismus der kommunistischen Linken und dem parlamentarischen Reformismus der Sozialdemokratie wirken bis heute nach. Dieses programmatische Erbe hat in den aktuellen politischen Kontroversen zwischen Linkspartei und SPD immer noch ein nicht zu unterschätzendes Eigengewicht. Da für beide Parteien der Zusammenhang zwischen Vergangenheitsdeutungen, Gegenwartsanalysen und Zukunftsperspektiven einen besonderen Stellenwert besitzt, ist für sie die Diskussion über historische Streitfragen mehr als nur ein rechthaberischer Rückblick auf die Welt von gestern. Denn sie wissen, dass ihre politische und moralische Glaubwürdigkeit auch aus dem selbstkritischen Umgang mit der eigenen Geschichte und aus dem Dialog mit Andersdenkenden erwachsen muss. Hierzu gehört für beide Parteien die Rückbesinnung auf die gemeinsamen Wurzeln in der Ära der frühen Arbeiterbewegung, als diese das »Banner der Brüderlichkeit« entfaltete.2 Hierzu gehört aber auch eine umfassende und fundierte Analyse der Spaltung der Sozialdemokratie im Ersten Weltkrieg und der darauf folgenden besonders konfrontativen Ära der Weimarer Republik, die mit der Zerschlagung von KPD und SPD durch den Nationalsozialismus endete. Hierzu gehört ferner die Aufarbeitung der Geschichte des geteilten Deutschland zwischen 1945 und 1989. Schließlich gehört hierzu insbesondere eine prinzipielle Auseinandersetzung mit der kommunistischen Erblast des Leninismus und des Stalinismus sowie eine prägnante Definition der programmatischen Substanz des demokratischen Sozialismus, der heute auch von der Linkspartei als Fundament ihres Selbstverständnisses bezeichnet wird. Dass die SPD für die Programmatik des demokratischen Sozialismus die historischen Urheberrechte besitzt, wird von der Linkspartei dabei allerdings verschwiegen. Die Linkspartei wurde im Sommer 2007 als ein Zusammenschluss der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS), der ostdeutschen Nachfolgepartei der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), mit heterogenen politischen und fundamentalistischen Randgruppen aus Westdeutschland gegründet. Wohl auch deshalb gab sie sich mit ihrem plakativen Namen »Die Linke« ein vieldeutiges Label. Diese Vieldeutigkeit spiegelt sich auch in ihren geschichtspolitischen Positionen wider. Das Spektrum reicht von apologetischen Kernsätzen, die an parteikommunistische Auffassungen nahtlos anknüpfen, bis hin zu selbstkritischen Abgrenzungen von diesem Erbe. Die Linkspartei betont ihre Verwurzelung in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung und beruft sich dabei auf Karl Marx, Friedrich Engels, August Bebel und Wilhelm Liebknecht. Zugleich will sie sich auch an Traditionen orientieren, für die Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg als revolutionäre Kronzeugen stehen. In dieser Ahnengalerie fehlen nicht zufällig Ferdinand Lassalle, Karl Kautsky oder Eduard Bernstein, obwohl mit deren Namen die Programmatik des demokratischen Sozialismus untrennbar verbunden ist. Analysiert man die historische Selbstverortung der Linkspartei in ihrem Programm von 2011, dann stößt man auf ein geschichtspolitisches Denken, das an die Argumentationsmuster der klassischen Arbeiterbewegung anknüpft. Prinzipiell orientiert sich die Partei an der Vorstellung, »in einem großen transformatorischen Prozess gesellschaftlicher Umgestaltung« zu stehen, dessen Verlauf von vielen Reformschritten, aber auch »von Brüchen und Umwälzungen mit revolutionärer Tiefe« geprägt werde.3 Es handelt sich hierbei also – zugespitzt formuliert – um eine Interpretation, die sich stark an überkommenen linken Utopien sowie an der zukunftsgewissen Selbstgewissheit der Sozialdemokratie im späten 19. Jahrhundert orientiert, also an einem sozialistischen Fortschrittsglauben, der wie eine säkulare Heilslehre auftrat, als die SPD im Kaiserreich prophetisch verkündete, mit ihr ziehe die neue Zeit. Dieser auf einen sozialistischen »Zukunftsstaat« hinführende Optimismus der Linkspartei ist der Sozialdemokratie im Laufe ihrer Geschichte mehr und mehr abhanden gekommen. Die im Erfurter Programm von 1891 noch formulierte Prognose von einer sich »mit Naturnotwendigkeit« vollziehenden Spaltung der modernen Industriegesellschaft in »zwei feindliche Heerlager« wurde schon wenige Jahre später von den Parteitheoretikern Kautsky und Bernstein infrage gestellt. Beide wandten sich entschieden gegen deterministische Festlegungen und gegen die visionäre Vorwegnahme künftiger Entwicklungen, wie sie beispielsweise der Parteivorsitzende Bebel immer wieder ausgemalt hatte, wenn er den »großen Kladderadatsch« der bürgerlichen Gesellschaft für die nahe Zukunft vorhersagte. Die von Bernstein entwickelten programmatischen Leitlinien verabschiedeten sich von der Vorstellung, dass der Geschichtsprozess gesetzmäßig ablaufe und von revolutionären Schüben stetig vorangetrieben werde. Bernstein setzte vielmehr auf eine Strategie, die den Kapitalismus durch Reformen humanisieren wollte. Für ihn war die Republik der einzig denkbare politische Handlungsraum, in dem sich Staat und Gesellschaft in freier Selbstbestimmung entwickeln konnten. Bernsteins evolutionäres Modernisierungskonzept, in dem der demokratische Sozialismus sich Schritt für Schritt verwirklichen sollte, markierte eine klare Gegenposition zu Auffassungen, die auf einen revolutionären Sprung in das Reich der Freiheit setzten und den von ihm analysierten widerspruchsvollen und von Rückschlägen geprägten Weg des Reformismus vermeiden wollten.4 Bis heute spiegeln sich diese Unterschiede zwischen einem parteimarxistisch inspirierten Utopismus und einem reformistischen Pragmatismus in den Geschichtsbildern der Linkspartei und der Sozialdemokratie noch deutlich wider, wenn es darum geht, das eigene Selbstverständnis und die eigenen programmatischen Sichtweisen historisch zu legitimieren. Wo diese Bruchstellen zwischen Linkspartei und Sozialdemokratie liegen, kann man an ihren Diskussionen über Streitfragen in der deutschen Geschichte besonders gut erkennen. Hier reicht das Themenspektrum von der Bewilligung der Kriegskredite durch die Reichstagsfraktion der SPD im August 1914 und der von ihr dann im Ersten Weltkrieg verfolgten Burgfriedenspolitik über die unterschiedliche Beurteilung des revolutionären Umbruchs von 1918/19 bis zur kampflosen Kapitulation der Arbeiterbewegung in der Endphase der Weimarer Republik. Auch die Geschichte des geteilten Deutschland in der Ära des Kalten Krieges bietet eine Vielzahl von Ansatzpunkten für geschichtspolitische Kontroversen, beispielsweise bei der Bewertung des Gründungsprozesses der SED oder der Charakterisierung des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 in der DDR. Bei der Interpretation des Mauerbaus von 1961 setzen Linkspartei und Sozialdemokratie ebenfalls unterschiedliche Akzente. Auch die Antworten auf die Frage, warum ausgerechnet in der sich als »realsozialistisch« bezeichnenden DDR eine erfolgreiche friedliche Revolution stattfand, in der die Menschen sich ihre individuelle Freiheit gegen einen sie bevormundenden Überwachungsstaat erkämpften, fallen in der Linkspartei anders aus als in der SPD. Setzt man sich mit den wissenschaftlichen Maßstäben und inhaltlichen Bewertungen in der Geschichtspolitik der Linkspartei und der Sozialdemokratie auseinander, stößt man immer wieder auf nicht miteinander vereinbare Deutungsperspektiven, die sich auch auf ein unterschiedliches Demokratieverständnis zurückführen lassen. Das historische Gedächtnis der beiden Parteien orientiert sich nämlich an demokratietheoretischen Richtmarken, die nur selten oder gar nicht deckungsgleich sind. Als exemplarisch hierfür kann der Umgang mit der Geschichte der Weimarer Republik gelten. Immer noch wird die Sozialdemokratische Partei in Grundsatzerklärungen der Historischen Kommission der Linkspartei als eine Partei charakterisiert, deren Führung in den Revolutionsmonaten 1918/19 »mit dem Geld der Wirtschaft und der Waffengewalt des weißgardistischen Militärs« die Republikgründung »auf ungehemmt bürgerlich-kapitalistische Strukturen und Ziele« begrenzt und mit dieser Politik die »maximal-demokratischen Möglichkeiten der Revolution« verfehlt habe.5 Die Linkspartei hält also im Kern an der Verratsthese der SED und damit an einer dogmatisch fixierten marxistisch-leninistischen Forschungsposition fest, die differenzierte Analysen zum Revolutionsverlauf, zu den Entscheidungsalternativen und zu den konkreten Kräfteverhältnissen bei der Gründung der Weimarer Republik weitgehend ausblendet oder völlig ignoriert. Auch wenn man nach den in der Umbruchzeit von 1918/19 verpassten Chancen fragen muss und darüber diskutieren kann, ob die sozialdemokratischen Staatsgründer über einen breiteren, von ihnen nicht genutzten Handlungsspielraum verfügten, um der Republik ein krisenfesteres Fundament zu geben, wird man nicht um den zentralen Befund herumkommen, dass es das Verdienst der sozialdemokratischen Revolutionsregierung war, in Deutschland eine parlamentarische Demokratie zu begründen. Welche »maximal-demokratischen Möglichkeiten« sie dabei verfehlt hat, erläutert der Sprecherrat der Historischen Kommission der Linkspartei in seiner Erklärung vom 30. Oktober 2008 jedoch nicht. Weder diskutiert er die keineswegs triviale Frage, wo die Möglichkeiten und Grenzen eines revolutionären Umbruchs in hochindustrialisierten Gesellschaften liegen, noch würdigt er den von der SPD vorangetriebenen fundamentalen Verfassungswandel, mit dem diese den Systemwechsel vom kaiserlichen Obrigkeitsstaat zur parlamentarischen Republik verwirklichte und legitimierte.6 Die Behauptung von prominenten Historikern der Linkspartei, dass für die Gründer der KPD »die Grund- und Freiheitsrechte nicht weiter zu hinterfragende Standards« gewesen seien,7 wird man mit Blick auf die Entstehung und die Geschichte der Kommunistischen Partei in der Weimarer Republik mit Fug und Recht anzweifeln können. Beleuchtet man nämlich den militanten antirepublikanischen Aktivismus der KPD, der das Kennzeichen der Partei von ihrer Gründung bis zu ihrer Zerschlagung durch den Nationalsozialismus blieb, dann kommt man zu anderen Befunden. Zwischen der Umsturzstrategie der Kommunisten, die sich die russische Oktoberrevolution von 1917 zum Vorbild nahmen und ein Sowjetdeutschland schaffen wollten, und der auf einen schrittweisen Ausbau der sozialen Demokratie setzenden Politik der SPD ließ sich während der Weimarer Republik keine tragfähige Brücke bauen. Zu dieser Einsicht kommt übrigens mittlerweile auch eine Stellungnahme des Sprecherrates der Historischen Kommission der Linkspartei vom Januar 2013, in der es heißt, die KPD habe in der Weimarer Republik eine »fehlgeleitete Strategie« verfolgt und an »falschen Fronten« gekämpft.8 Merkwürdigerweise fehlt in dieser aktuellen Erklärung zur Machtauslieferung an die Nationalsozialisten jedoch die Auseinandersetzung mit der verhängnisvollen Sozialfaschismusdoktrin der KPD. Diese Doktrin, von der sich die PDS als Nachfolgepartei der SED in ihrer Gründungsphase noch eindeutig distanziert hatte, lieferte nämlich die ideologische Begründung für die programmatisch und politisch folgenreiche falsche Frontstellung der KPD in der Endphase der Weimarer Republik.9 Der vom Sprecherrat der Historischen Kommission der Linkspartei ebenfalls angesprochene »Zustand der Selbstblockade und der Lähmung« der deutschen Arbeiterbewegung im Kampf gegen den Nationalsozialismus wird nun zwar nicht mehr einseitig auf dem Schuldkonto der SPD verbucht. Aber immer noch heißt es, die »rechte Führung der SPD« habe, »geblendet durch ihren Antikommunismus, wichtige Errungenschaften der Weimarer Demokratie preisgegeben«. Was damit eigentlich gemeint ist und für welche »Errungenschaften« die KPD in der Weimarer Republik kämpfte, bleibt ausgeklammert.10 Für die sozialdemokratische Geschichtsschreibung ist die kampflose Kapitulation der eigenen Partei vor dem Nationalsozialismus ebenfalls eine historische Last. Man diskutiert darüber, warum die Kraft der SPD unter dem Doppeldruck von politischer Radikalisierung und Wirtschaftskrise ab 1930 immer mehr erlahmte und fragt, weshalb ihre auf Zeitgewinn setzende Ermattungsstrategie gegen die autoritär regierenden Präsidialkabinette ebenso erfolglos blieb wie ihr defensiver Legalismus in den ersten Monaten nach der Machtauslieferung an den Nationalsozialismus. Die in der SPD zeitweise auf Resonanz stoßende These, die sozialdemokratische Arbeiterbewegung hätte dem Nationalsozialismus nicht nur mit Worten, sondern auch mit Waffen gegenübertreten müssen, hat in der Hausgeschichtsschreibung der Partei heute keine namhaften Anhänger mehr. Zweifellos mangelte es der Sozialdemokratie in der Endphase der Weimarer Republik aber nicht nur an Bündnispartnern, die es links von ihr auch nicht gab, sondern auch an innovativen eigenen Gestaltungsideen, mit denen sie mehr Menschen zum Widerstand gegen die Zertrümmerung der Demokratie hätte mobilisieren können. In den Geschichtsbildern, die von der Linkspartei und der SPD für die Zeit der deutschen Zweistaatlichkeit gezeichnet wurden, spiegeln sich oft persönliche Prägungen der Autoren durch ihre politische Sozialisation in West- oder Ostdeutschland wider. Während die SPD-nahe Geschichtsschreibung in der Bundesrepublik den Wandel der Sozialdemokratie zur Volkspartei nach der programmatischen Neuorientierung von Godesberg und ihre Reformerfolge als Regierungspartei in den 1960er und 1970er Jahren mit selbstbewusstem Stolz präsentiert, haben sich die zumeist in der DDR groß gewordenen Historiker der Linkspartei mit der Erblast der SED-Herrschaft und den Ursachen ihres Scheiterns auch aus persönlicher Betroffenheit auseinanderzusetzen. Ihre postkommunistische Fehleranalyse hat deshalb oft eine historiografische Grundierung, in der sich Selbstkritik und Selbstrechtfertigung miteinander vermischen. Dies ist jedoch auch darauf zurückzuführen, dass in der Linkspartei programmatisch sehr unterschiedlich orientierte Diskursgruppen um die Deutungshoheit über die Parteigeschichte kämpfen. Die ideologische Bandbreite dieser Gruppen reicht organisatorisch von der marxistisch-orthodoxen Kommunistischen Plattform bis zum reformorientierten Forum Demokratischer Sozialismus. In der Geschichtspolitik der Linkspartei steht deshalb immer wieder die Grundsatzfrage im Mittelpunkt, inwieweit eine Distanzierung von der kommunistischen Vergangenheit für die eigene Glaubwürdigkeit dringend erforderlich ist. Zugleich streitet man aber auch darüber, wo die politischen und ideologischen Grenzen für eine rigorose Abrechnung mit der eigenen Geschichte liegen, wenn man die programmatische Identität der Partei nicht infrage stellen will. Wie weit die Meinungen hier voneinander abweichen, kann man an den immer wieder aufbrechenden innerparteilichen Kontroversen über die Bewertung des Leninismus,11 die emanzipatorische Ausstrahlung der russischen Oktoberrevolution12 oder die prinzipiell als »unwiderruflich« bezeichnete Absage an den Stalinismus erkennen.13 Hinzu kommt ein oft nur »halbherziger Revisionismus«, wenn es darum geht, sich von der SED als der eigenen Vorgängerpartei und von den mit ihrem Namen verbundenen politischen und ideologischen Altlasten zu distanzieren.14 Die Neigung, für alle Strömungen in der Partei ein konsensfähiges Geschichtsbild zu zeichnen, lässt sich in den um den innerparteilichen Frieden bemühten Stellungnahmen des Sprecherrates der Historischen Kommission der Linkspartei immer wieder deutlich erkennen. Dass die dort vertretenen Positionen sich allenfalls partiell mit den Positionen der sozialdemokratischen Geschichtsschreibung decken können, liegt auf der Hand. Dies könnte man beispielsweise ausführlich an den kontroversen Diskussionen zwischen den Historikern der beiden Parteien über die Gründungsgeschichte der SED beleuchten. Aus der Sicht der Sozialdemokratie ist die gezielte Ausschaltung der SPD in der Ostzone als eine »Zwangsvereinigung« mit der von Moskau aus gelenkten KPD zu bewerten, während diese Charakterisierung des Zusammenschlusses in der Linkspartei immer noch als ein Kampfbegriff aus dem Kalten Krieg zurückgewiesen wird. Bis heute besteht hier zwischen den Interpretationen beider Parteien eine erinnerungspolitische Kluft. Sind für die SPD die massiven Repressions- und Verfolgungsmaßnahmen gegen ihre Mitglieder in der Ostzone ein Beleg für den dort grenzenlosen kommunistischen Herrschaftsanspruch, so verweist die Linkspartei auf die hier im Frühjahr 1946 vielerorts unter der Parole der Einheit vollzogene freiwillige Verschmelzung von KPD und SPD. Fraglos wurden dabei aber auch massive politische Druckmittel eingesetzt und stalinistische Terrorpraktiken angewandt, die im historischen Gedächtnis der Sozialdemokratie fest verankert sind.15 Der von Historikern der Linkspartei mittlerweile als »undemokratischer Geburtsfehler«16 charakterisierte Gründungsprozess der SED überschattete die Beziehungen der SPD zur Staatspartei der DDR bis zu deren Ende. Dieser »Geburtsfehler« gehört bis heute zur historischen Last der Linkspartei und ist zugleich ein erinnerungspolitischer Markstein im historischen Gedächtnis der SPD. Aber auch bei der Bewertung anderer Schlüsselsituationen in der Geschichte der DDR weichen die Interpretationen der Historiker der beiden Parteien voneinander ab. Die Erforschung des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 in der DDR wird von der Historischen Kommission der Linkspartei immer noch »im Bannkreis politischer Interessen« verortet, weil die Einordnung der Massenproteste gegen die SED-Herrschaft in der Erinnerungskultur nach wie vor von Deutungsmustern des Kalten Krieges überformt sei. Dass es mittlerweile sehr umfassende zeithistorische Analysen der Vorgänge im Juni 1953 gibt, die man nicht mehr mit dem Etikett Konfrontationshistoriografie des Kalten Krieges abwerten kann, verschweigt diese Stellungnahme der Historischen Kommission der Linkspartei aus dem Jahr 2013. Indem ihre Autoren »den sowjetischen Truppen ein maßvolles Vorgehen bescheinigen«17 und kein Wort über die Todesopfer, Hinrichtungen und Massenverhaftungen im Juni 1953 verlieren, dokumentieren sie zudem noch eine deprimierende Geschichtsvergessenheit. Natürlich ist auch der Mauerbau von 1961 buchstäblich ein Stein des Anstoßes für die Historiker in West und Ost geblieben. Hier kam die Historische Kommission der Linkspartei fünfzig Jahre später zu eindeutigen Befunden,18 als sie betonte, mit den Grenzsicherungsmaßnahmen sei die Idee des Sozialismus missbraucht und diskreditiert worden. Daraus zieht die Kommission dann die auf die Zukunft zielende Schlussfolgerung: »Sozialismus braucht Mehrheiten und kann nicht erzwungen werden.« Diese einleuchtende programmatische Position wird anschließend mit einem Zitat Rosa Luxemburgs aus dem Spartakusprogramm vom Dezember 1918 in absurder Weise »untermauert«. Die Kronzeugin der Linkspartei betont in diesem Zitat nämlich, man brauche keine Partei, »die über die Arbeitermasse oder durch die Arbeitermasse zur Herrschaft gelangen will«. Die Regierungsgewalt dürfe nie anders übernommen werden »als durch den klaren, unzweideutigen Willen der großen Mehrheit der proletarischen Masse in Deutschland«. Ihre im Dezember 1918 eingenommene Haltung war aber die revolutionäre Absage Rosa Luxemburgs an die parteienstaatliche Demokratie und an die Suche nach parlamentarischen Mehrheiten jenseits von Klassengrenzen. Diese eindeutige Gegenposition zum republikanischen Pluralismus und zu Koalitionen und Kompromissen mit bürgerlichen Parteien markierte in der Revolution von 1918/19 die entscheidende Bruchstelle zwischen dem sozialdemokratischen und dem kommunistischen Demokratieverständnis. Wenn die Linkspartei sich heute immer noch auf Rosa Luxemburg beruft, um den »selbstbestimmten und demokratischen Sozialismus« der Partei historisch zu legitimieren, dann orientiert sie sich an einer zweifelhaften Ratgeberin, wenn es um Regierungsbündnisse mit der Sozialdemokratie geht. Die Turmwächter der radikal-marxistischen Tradition, unter denen Rosa Luxemburg einen der prominentesten Plätze in der Linkspartei einnimmt, eignen sich also nicht unbedingt als Vordenker für die aktuelle Politik der Partei. Ganz generell gilt für die Linkspartei und auch für die Sozialdemokratie beim Umgang mit der eigenen Geschichte die Einsicht: Verantwortliches politisches Handeln in der Gegenwart, das dem Postulat der Aufklärung verpflichtet ist, sollte sich nicht nur an historischen Lehrmeistern orientieren. 1 »Anregungen zum Umgang mit der Geschichte. Erklärung des Ältestenrats der Partei Die Linke« vom 16. Juli 2008. Zitiert nach: www.die-linke.de/partei/geschichte/anregungen-zum-umgang-mit-der-geschichte, ges. am 11. November 2014. 2 Siehe dazu die umfassende Darstellung von Thomas Welskopp: Das Banner der Brüderlichkeit. Die deutsche Sozialdemokratie vom Vormärz bis zum Sozialistengesetz, Bonn 2000. 3 »Programm der Partei Die Linke. Beschluss des Parteitags der Partei Die Linke vom 21./22./23. Oktober 2011 in Erfurt.« Zitiert nach: www.die-linke.de/partei/dokumente/programm-der-partei-die-linke, ges. am 24. November 2014. 4 Siehe dazu Thomas Meyer: Bernsteins konstruktiver Sozialismus. Eduard Bernsteins Beitrag zur Theorie des Sozialismus, Bonn 1982. 5 »Die revolutionäre Geburtsstunde der deutschen Demokratie. Erklärung des Sprecherrates der Historischen Kommission der Linken zum 90. Jahrestag der deutschen Revolution von 1918/19« vom 30. Oktober 2008. Zitiert nach: www.die-linke.de/partei/weitere-strukturen/berufene-gremien/historische-kommission/erklaerungen-und-stellungnahmen/die-revolutionaere-geburtsstunde-der-deutschen-demokratie/, ges. am 24. November 2014. 6 Zum aktuellen Forschungsstand in der Revolutionsforschung siehe Eberhard Kolb/Dirk Schumann: Die Weimarer Republik, 8. überarb. und erw. Aufl., München 2013, S. 166–179. 7 Klaus Kinner/Elke Reuter: Der deutsche Kommunismus als Quelle emanzipatorischer Politik, in: Klaus Kinner (Hg.): Die Linke – Erbe und Tradition. Teil 1: Kommunistische und sozialdemokratische Wurzeln (= Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus, Bd. XI), Berlin 2010, S. 171–188, Zitat S. 172. 8 So der Sprecherrat der Historischen Kommission der Linkspartei in: »Zum 80. Jahrestag der Machtübernahme des Hitlerfaschismus. Erklärung der Historischen Kommission beim Vorstand der Partei Die Linke« vom 22. Januar 2013. Zitiert nach: www.die-linke.de/partei/weitere-strukturen/berufene-gremien/historische-kommission/erklaerungen-und-stellungnahmen/zum-80-jahrestag-der-machtuebernahme-des-hitlerfaschismus/, ges. am 24. November 2014. 9 Siehe dazu Hermann Weber: Hauptfeind Sozialdemokratie. Strategie und Taktik der KPD 1929–1933, Düsseldorf 1981. 10 Siehe zu den unterschiedlichen Positionen beider Parteien in der Weimarer Republik Klaus Schönhoven: Reformismus und Radikalismus. Gespaltene Arbeiterbewegung im Weimarer Sozialstaat, München 1989. 11 Der Ältestenrat der Linkspartei betont in seinen »Anregungen zum Umgang mit der Geschichte« (Anm. 1) die Bedeutung der Traditionspflege auch mit Blick auf Lenin, »der entgegen allen Verleumdungen einen bleibenden Beitrag zum heute nicht minder aktuellen wissenschaftlichen Sozialismus geleistet« habe. 12 In »Verzicht auf Borniertheit. Nachdenken über den Umgang mit der Oktoberrevolution« spricht Stefan Bollinger, ein führender Historiker der Linkspartei, in der Mitgliederzeitschrift »Disput« einerseits die Opfer und Verbrechen in der Sowjetunion an und betont andererseits, man müsse aber auch »die zumindest zeitweise wirksame Vorbildfunktion« und die »praktischen Verbesserungen im Leben unterm Roten Stern« im Ostblock im Auge behalten. Dieses Leben habe »zivilisatorische Leistungen« hervorgebracht und eine »Fern- und Beispielwirkung auch auf die westlichen Länder und ihre Arbeiterbewegung wie auf die Befreiung der Kolonien dieser Welt« entfaltet. Zitiert nach: www.die-linke.de/politik/disput/archiv/detail/archiv/2007/oktober/browse/2/zurueck/archiv-1/artikel/verzicht-auf-borniertheit/, ges. am 24. November 2014. 13 Siehe hierzu die Auseinandersetzungen über die Anbringung einer Gedenktafel an der Parteizentrale der Linkspartei im Berliner Karl-Liebknecht-Haus, mit der die Partei an die Verfolgung und Ermordung von zahlreichen Kommunisten in der Sowjetunion während der stalinistischen »Säuberungen« erinnern wollte. Vor der offiziellen Enthüllung dieser Gedenktafel im Dezember 2013 bezeichnete Hans Modrow, der letzte Vorsitzende des Ministerrates der DDR und Vorsitzende des Ältestenrates der Linkspartei, die Anbringung dieser Tafel als die Errichtung einer »Klagemauer gegen die Sowjetunion« und monierte, dass die Erinnerungskultur der Linken sich immer mehr dem »antikommunistischen Zeitgeist« anpasse. Siehe dazu die scharfe Gegenposition von Michael Brie, der als theoretischer Vordenker der Linkspartei in den innerparteilichen Debatten viele Akzente gesetzt hat: Stalins kommunistische Opfer, in: Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte 61 (2014), H. 4, S. 41–44. 14 Der Ältestenrat der Linkspartei hält »es für erforderlich, eine bisher oftmals noch vorherrschende Konzentration auf eine Distanzierung von der Politik sozialistischer Führungskräfte im 20. Jahrhundert, von damaligen Unzulässigkeiten, Fehlern, sonstigen negativen Handlungen und ihren nachwirkenden Folgen zu überwinden«. Er spricht sich ebenfalls für eine »Verurteilung von Untaten, die im Namen des Sozialismus begangen wurden«, aus. Aber diese Aussage relativiert er sogleich mit der Feststellung: »Nur sollte man nach unserer Auffassung nicht der Benennung von Fehlern den dominierenden Platz einräumen.« »Anregungen zum Umgang mit der Geschichte« (Anm. 1). Siehe dazu grundsätzlich die Beiträge in dem von Rainer Eckert und Bernd Faulenbach hrsg. Sammelband: Halbherziger Revisionismus. Zum postkommunistischen Geschichtsbild, München 1996. 15 Siehe dazu Bernd Faulenbach/Heinrich Potthoff (Hg.): Sozialdemokraten und Kommunisten nach Nationalsozialismus und Krieg. Zur historischen Einordnung der Zwangsvereinigung, Essen 1998. 16 So Stefan Bollinger: Erbe und Tradition der SED für die Linke, in: Kinner: Die Linke (Anm. 7), S. 230–282, Zitat S. 237. 17 Siehe »Der 17. Juni 1953 im Bannkreis politischer Interessen. Stellungnahme des Sprecherrates der Historischen Kommission« vom 14. Mai 2013, in: www.die-linke.de/partei/weitere-strukturen/berufene-gremien/historische-kommission/erklaerungen-und-stellungnahmen/der-17-juni-1953-im-bannkreis-politischer-interessen/, ges. 24. November 2014. Zum aktuellen Forschungsstand siehe Ilko-Sascha Kowalczuk: 17. Juni 1953. Geschichte eines Aufstands, München 2013. 18 Siehe hierzu »Zum 50. Jahrestag des Baus der Berliner Mauer. Erklärung der Historischen Kommission der Partei Die Linke.« vom 14. Juni 2011. Zitiert nach: www.die-linke.de/partei/weitere-strukturen/berufene-gremien/historische-kommission/erklaerungen-und-stellungnahmen/zum-50-jahrestag-des-baus-der-berliner-mauer/, ges. am 24. November 2014.

JHK 2015

Die Frauenpolitik der Kommunistischen Partei Chinas und das Problem der »Frauenbefreiung« (1920er bis 1940er Jahre)

Nicola Spakowski

Die Frauenpolitik der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) zwischen Parteigründung (1921) und Staatsgründung (1949) wird in der feministischen Forschung bis heute mehrheitlich negativ beurteilt. In China selbst wird dabei vergleichsweise konkret – oft auch im Rückblick auf die eigene Erfahrung – die von der Partei vorgenommene Gleichsetzung von »Frauenbefreiung« und Teilhabe an der Produktion hinterfragt.1 Westliche Forscherinnen und Forscher gehen auf das grundsätzliche Spannungsfeld zwischen Feminismus und Sozialismus bzw. Nationalismus ein und werfen der Partei vor, die Interessen der Frauen stets den generellen Zielen der Revolution untergeordnet zu haben.2 Diese Einschätzung kann sich nicht zuletzt auf Parteidokumente stützen, in denen unter »Frauenbefreiung« (funü jiefang) ein Prozess verstanden wird, im Rahmen dessen die Frauenfrage nur im Gesamtkontext einer sozialistischen Revolution gelöst werden kann und der Status von Frauen vorrangig über ihre Klassenzugehörigkeit und nicht über ihr Geschlecht definiert wird. »Frauenbefreiung« steht dabei im Gegensatz zu anderen zeitgenössischen Begriffen, die Geschlecht als Kategorie privilegieren und die Interessen und Rechte von Frauen absolut setzen: funüzhuyi, das wörtlich bedeutet: die auf Frauen (funü) bezogene Ideologie (zhuyi); und nüquanzhuyi: die auf Frauenrechte (nüquan) bezogene Ideologie.3 Auch die Unterordnung von Frauen unter die Befehlsgewalt der KPCh, die Frauen zu bloßen Objekten der Revolution degradiert habe, anstatt ihnen ein Mitbestimmungsrecht über den Prozess der Frauenbefreiung einzuräumen, wird negativ vermerkt.4 Wollte man diese an den zeitgenössischen Begriffen ansetzende Kritik vertiefen, so könnte man den Begriff der »Frauenarbeit« (funü gongzuo) einbeziehen, der zunächst konkret auf die Tätigkeit weiblicher Kader im Rahmen der Frauenbewegung abzielte, seit ca. 1930 aber zunehmend den Begriff der »Frauenbewegung« (funü yundong) ersetzte. Während die Formulierung »Frauenbewegung« in den 1920er Jahren dominierte, in denen Frauen »von unten« ihre Interessen artikulierten und im Rahmen eines verschiedene Interessen einschließenden Revolutionskonzeptes auch einbringen konnten,5 zeugt »Frauenarbeit« eher von einer Mobilisierung der Frauen »von oben« und insgesamt von einem instrumentellen Charakter der frauenpolitischen Maßnahmen der Partei.6 Die genannten Vorwürfe sind angesichts der Vielzahl der Quellenbelege, auf die sie sich stützen können, zwar schwer von der Hand zu weisen. Gleichzeitig sind sie dort, wo sie zu pauschal sind oder auf der rein präskriptiven Ebene verbleiben, aber auch problematisch. Verschiedentlich wurde deshalb eine Differenzierung der kommunistischen Frauenpolitik nach Zeit, Raum und spezifischen weiblichen Subgruppen angemahnt sowie auf die Diskrepanz zwischen den Direktiven der Parteizentrale und der politischen Praxis in den lokalen kommunistischen Stützpunktgebieten verwiesen. Letztere waren oftmals über lange Zeit von der Kommunikation mit der Parteizentrale abgeschnitten bzw. neigten in einem Kontext von Krieg und Umsturz ohnehin zu pragmatischen, an lokalen Gegebenheiten orientierten Entscheidungen.7 Auch die Tatsache, dass viele Akteurinnen der damaligen Frauenbewegung ihre Erfahrungen in Oral History-Interviews rückblickend durchaus positiv dargestellt und beurteilt haben, macht es notwendig, die Frage der Bewertung dieser Bewegung zu überdenken.8 Der vorliegende Beitrag stellt den Versuch dar, die Ausrichtung der Frauenpolitik der KPCh in der Phase vor der Staatsgründung in ihren Grundzügen nachzuzeichnen und zu problematisieren. Das Gebot der Differenzierung wird dabei ernst genommen, ohne aber einer restlosen Individualisierung von Erfahrungen das Wort zu reden und damit der Bewertungsproblematik aus dem Weg zu gehen. Vielmehr werden im ersten Teil des Beitrages Entwicklungslinien und Marksteine der Frauenpolitik benannt und zu grundsätzlichen strategischen Wenden der kommunistischen Bewegung in Beziehung gesetzt.9 Im zweiten Teil geht es um die Differenzierung von sozialen Gruppen unter den Frauen, die je eigene Interessen aufwiesen, welche im Prozess der Revolution in unterschiedlichem Maße Berücksichtigung fanden. Abschließend wird das Problem der Bewertung nochmals direkt aufgegriffen und abgewägt, mit welchen Begrifflichkeiten die Leistungen und Probleme der Frauenpolitik vor 1949 am besten erfasst werden können. Die Entwicklung der Frauenpolitik der KPCh im Kontext wechselnder Revolutionsstrategien Die Frauenfrage war seit Gründung der KPCh eine feste Größe im politischen Horizont der Parteiführung. Diese stand ganz allgemein in einer ins späte 19. Jahrhundert zurückreichenden Tradition fortschrittlicher Eliten, die im Zuge einer Überwindung konfuzianisch geprägter, hierarchischer Gesellschaftsstrukturen und der Gründung eines Nationalstaates Frauen einen legitimen und gleichberechtigten Platz in der Gesellschaft verschaffen wollten. Speziell die späten 1910er und frühen 1920er Jahre, die kulturgeschichtlich unter dem Begriff der »Neuen Kulturbewegung« firmieren, waren dabei durch ein besonders frauenfreundliches Klima gekennzeichnet, das auch die frühe (männliche) Parteiführung geprägt hat. So konnte Christina Gilmartin ein geradezu feministisches Profil unter den männlichen Parteigründern ausmachen: »The founders of the Chinese Communist party were strongly influenced by the blossoming of feminist thought during the May Fourth era (1915–1921) and by the countless instances of female activism that ripped through the political and social fabric of China in the 1920s. Under their auspices women’s emancipatory issues were integrated into the political action program of the new party, and women were given command of this area of work.«10 Dieser feministische Zug in der frühen Phase der Partei bis 1927 kommt besonders dort deutlich zum Ausdruck, wo in den Dokumenten der KPCh und dem weiteren Umfeld eines linken Aktivismus der Frauenfrage ein eigenständiger Stellenwert in der Gesamtproblematik der Revolution zugestanden wurde. So traf der linksgerichtete Schriftsteller Shen Yanbing, besser bekannt unter seinem späteren Pseudonym Mao Dun, im August 1921 die Unterscheidung zwischen zwei Gruppen von Frauen, die unterschiedlichen Formen der Unterdrückung ausgesetzt seien und dabei beide das Ziel der ökonomischen Unabhängigkeit als Voraussetzung ihrer Gleichstellung noch nicht erreicht hätten: Die Frauen auf dem Land arbeiteten bereits an der Seite ihrer Männer außerhalb des Hauses, hätten aber den »Status eines Sklaven« (nuli de shenfen), wenn es um die Verfügung über das von ihnen erwirtschaftete Einkommen gehe: »Derartige Beziehungen zwischen Herren und Sklaven unter den Bauern sind natürlich das Ergebnis des Patriarchats [nanxizhi].« Die städtischen Frauen wiederum seien aufgrund der »wirtschaftlichen Strukturen der Gesellschaft«, speziell des Kapitalismus, noch nicht ökonomisch unabhängig, da die knappen Arbeitsplätze in den Städten vorrangig an Männer vergeben würden.11 Hier wird also für das ländliche China Geschlecht – und nicht Klasse – zur fundamentalen, strukturierenden Kategorie erklärt. Ähnlich sprach Mao Zedong in seinem berühmten Bericht zur Lage der Bauernbewegung in Hunan vom März 1927 von den drei auf dem Feudalsystem beruhenden Arten der Unterdrückung der Männer (politisch, durch die Sippe und durch die Religion) und einer zusätzlichen, vierten Unterdrückung der Frauen: derjenigen durch das Patriarchat (fuquan).12 Beide zitierten Texte spiegeln ein Verständnis für die besondere – und äußerst repressive – Lage der Frauen wider. Ein breiteres Korpus von Quellen, das Parteidirektiven, zeitgenössische Berichte der Frauenbewegung und nachträgliche Erinnerungstexte einschließt, zeigt darüber hinaus, dass die konkrete Frauenpolitik der Kommunistischen Partei in den gesamten Revolutionsprozess eingebettet war und strategische Wenden mit vollzog, deren Ausgangspunkt bei übergeordneten – internen und externen – politischen Konstellationen lag. Intern entscheidend war dabei das Verhältnis zur Nationalen Partei (Guomindang oder GMD) unter der Führung Chiang Kai-sheks, wobei Phasen einer sogenannten nationalen Einheitsfront (1924 bis 1927, 1937 bis ca. 1940) von Phasen des Bürgerkriegs (1927–1937, 1946–1949) abgelöst wurden. Extern war das Verhältnis zu Japan maßgeblich, dessen Expansionspolitik bereits seit den 1910er Jahren immer stärkere nationalistische Reaktionen in China hervorrief. Der offene Krieg zwischen China und Japan zwischen 1937 und 1945, der zu den einschneidendsten Ereignissen der chinesischen Geschichte im 20. Jahrhundert gehört, versetzte China dann in eine Notlage, angesichts derer viele gesellschaftliche Probleme der Frage des bloßen Überlebens untergeordnet wurden. Die größte Offenheit gegenüber Fraueninteressen bewies die KPCh, wie von Christina Gilmartin bereits dargelegt, zweifelsohne in ihren ersten Jahren bis zur Auflösung der ersten Einheitsfront mit der GMD im Jahr 1927. Diese Phase war von einem extrem regen Aktivismus der Frauenbewegung gekennzeichnet, und die KPCh duldete unter der Maßgabe einer inklusiven Gesamtbewegung auch sehr diverse – auch »feministische« – Ansätze in der damaligen Frauenbewegung. Die Kündigung der Einheitsfront durch Chiang Kai-shek und sein brutales Vorgehen gegen die Kommunisten und andere linke Kräfte im April 1927 lösten einen zehnjährigen Bürgerkrieg aus, in dem die Kommunisten auf programmatischer Ebene die Klassenbasis ihrer Revolution auf die Arbeiter und Bauern einengten. Frauenpolitisch wurde dieser tiefe Einschnitt mit vollzogen, was sich in dem großen Bedürfnis der Abgrenzung von »bürgerlichen« und der Relativierung »kleinbürgerlicher« Interessen in Dokumenten zur Frauenfrage ausdrückt. Typisch hierfür ist der »Beschlussentwurf zur Frauenbewegung«, der am 10. Juli 1928 auf dem VI. Parteitag vorgelegt wurde. Insgesamt deklariert die Partei hier die besagte Notwendigkeit der Einbettung der Frauenfrage in die sozialistische Revolution: »… nur mit der Kommunistischen Partei, nur mit einer proletarischen Revolution, nur mit dem vollständigen Sieg des Sozialismus kann die Frauenbefreiung vollendet werden.«13 Im Einzelnen war die Partei um eine Abgrenzung von der bisherigen, inklusiven Politik bemüht und rechnete die »feministische Frauenbewegung« ausdrücklich zum »reaktionären« Flügel der Frauenbewegung – hier unter dem Begriff »Frauenrechtsbewegung« (nüquanzhuyi funüyundong).14 Dieses Bedürfnis der Abgrenzung und die seither immer wieder lancierten Angriffe auf eine reine »Frauenrechtsbewegung« oder »feministische« Positionen können deshalb nicht losgelöst von der strategischen Wende des Jahres 1927 betrachtet werden. Damit wiederholt sich ein Muster, das auch für andere sozialistische Frauenbewegungen und ihren Umgang mit »bürgerlichen« Feminismen festgestellt wurde.15 Mit dem Rückzug der Kommunisten in die ländlichen Gebiete Südchinas und der Gründung von Sowjets seit den späten 1920er Jahren wurden Frauen auf dem Land zur Hauptzielgruppe der Frauenpolitik der KPCh. Auch und gerade in Bezug auf das ländliche China blieb der Rechtsbegriff aber virulent. So forderte Deng Yingchao, 1927 bis 1928 Sekretärin des Frauenbüros der Partei und danach in der Parteizentrale tätig, im Mai 1930 in Bezug auf die neu gegründeten Sowjetgebiete: »Am ersten Tag der Gründung einer Sowjetregierung müssen Gesetze erlassen werden zur Befreiung und zum Schutz der Frauen. Frauen muss in den Bereichen Politik, Ökonomie, Recht und Bildung eine Gleichbehandlung mit Männern gewährt werden. Die Frauen unter der politischen Macht der Sowjets (dies betrifft nur die Dorffrauen und schließt nicht die Elemente der reichen Bauern ein) müssen das Recht auf Boden, das aktive und passive Wahlrecht, das Recht auf Heirat und auf Scheidung usw. erhalten. Außerdem müssen die Aktivistinnen unter den bäuerlichen Frauen für die Arbeit in der Sowjetregierung gewonnen werden.«16 Wie im nächsten Teil darzulegen sein wird, standen bis in die 1940er Jahre hinein in Bezug auf die Lage der Frauen im ländlichen China die von Mao Dun festgestellten »patriarchalischen Strukturen« und insbesondere die repressiven Verhältnisse in den ländlichen Familien im Zentrum der kommunistischen Frauenpolitik. Allein das 1931 für die Sowjetgebiete erlassene Ehegesetz zeugt davon, dass der Rechtsbegriff in der Frage der Frauenbefreiung nie ganz aufgegeben wurde. Ein zweites Mal erfolgten einschneidende Veränderungen in der Frauenpolitik in den frühen 1940er Jahren. Sie fanden ebenfalls im Kontext einer umfassenden strategischen Wende statt, die mit dem Aufstieg Mao Zedongs als Führungsfigur der KPCh in Verbindung steht und für gewöhnlich mit Yan’an assoziiert wird. Als »Yan’an-Phase« oder »-Dekade« der kommunistischen Revolution (1936–1947) tituliert, wird Yan’an dabei mit einem neuen, ideologiegeleiteten und ideologische Konformität erzwingenden Ansatz der Revolution assoziiert.17 Konkret beherbergte der im Nordwesten Chinas gelegene Ort die Parteizentrale und war Hauptstadt des weiteren Shaan-Gan-Ning-Stützpunktgebietes18 als einem von mehreren Gebieten revolutionärer Politik. In diesem weiter gefassten geografisch-politischen Sinne kommt Yan’an bzw. Shaan-Gan-Ning eine doppelte Bedeutung zu. Einerseits stellte es als relativ konsolidiertes Gebiet eine Ausnahmesituation dar: Die kommunistische Bewegung war in dieser Zeit höchst fragmentiert, verstreut und operierte in weiten Teilen im Untergrund. Shaan-Gan-Ning dürfte die einzige Region gewesen sein, die so stabil war, dass eine Umsetzung zentraler Beschlüsse in Angriff genommen werden konnte. Gleichzeitig war Shaan-Gan-Ning seit 1939 einer Wirtschaftsblockade durch die GMD ausgesetzt, die das durch den hohen Anteil »unproduktiven« Personals (Kader und Soldaten) bereits belastete Gebiet in erhebliche ökonomische Schwierigkeiten brachte. Die KPCh versuchte zunächst, diese mit einer höheren Abgabenlast der Bauern zu lösen – ein Ansatz, der kaum den revolutionären Enthusiasmus dieser Gruppe fördern konnte. In einem zweiten Schritt wurde eine Produktionsbewegung ausgerufen, die seit 1939 Kader und Soldaten als Zielgruppe hatte, 1943 dann aber ausgeweitet wurde und gerade auch Frauen für die Produktion mobilisierte.19 Diese Wende zur ökonomischen Produktion, die sowohl auf allgemeiner als auch auf frauenpolitischer Ebene die Konzentration auf politische Fragen ablöste,20 war somit auf den ersten Blick die pragmatische Antwort auf eine ökonomische Notlage. Bei genauerer Untersuchung der diesbezüglichen Anordnungen selbst sowie mit Blick auf den weiteren Verlauf der kommunistischen Revolution wird aber eine weitere Dimension deutlich, nämlich der Übergang in die Friedensordnung nach 1949.21 Die Brücke hierfür bildete der Begriff des »Aufbaus« (jianshe), der sich auf die Errichtung neuer staatlicher und gesellschaftlicher Strukturen sowohl in den Stützpunktgebieten der Kriegsphase als auch im »Neuen China« der Nachkriegszeit bezog.22 Yan’an bzw. Shaan-Gan-Ning stellten in den frühen 1940er Jahren also eine Ausnahme dar, bereiteten längerfristig aber die Strukturen vor, die die Politik und insbesondere die Frauenpolitik der KPCh in den 1950er und 1960er Jahren prägen sollten. Der Übergang zur Produktion erzeugte allerdings erheblichen Erklärungsbedarf. Mao Zedong hob verschiedentlich den »revolutionären« Charakter der ökonomischen Arbeit hervor, was darauf schließen lässt, dass dieser nach einer Phase der Konzentration auf die Schaffung demokratischer politischer Strukturen für viele Kader nicht auf der Hand lag.23 Im Dezember 1942 erklärte er: »Würde man von ›Revolution‹ reden und sich dabei von der ökonomischen Arbeit entfernen, so hieße dies, das Leben der Finanzabteilung abzuschneiden [ge caizhengting de ming] und unser eigenes Leben abzuschneiden [ge ziji de ming].«24 Und eine zentrale Parteidirektive vom Mai 1941 erklärte: »Ökonomische und technische Arbeit jeglicher Art […] ist konkrete revolutionäre Arbeit.«25 In Bezug auf die Frauenbewegung sind zwei Parteidokumente zentral, die eine grundsätzliche Wende einleiteten: Eine Parteiresolution vom Februar 1939 hob die zentrale Bedeutung der Frauen »für den Widerstandskrieg, den Aufbau des [neuen] Staates [kangzhan jianguo] 26 und den zukünftigen sozialistischen Aufbau« hervor und mahnte an, die Frauenarbeit nicht länger zu vernachlässigen, sondern »in allen Orten des gesamten Landes zu entfalten«.27 Mao Zedong setzte sich persönlich für eine Stärkung der Frauenarbeit ein und äußerte im Kontext der Eröffnung der Frauenuniversität28 Yan’an am 20. Juli 1939 den später viel zitierten Satz: »Der Tag, an dem sich die Frauen des gesamten Landes erheben, ist der Tag des Sieges der chinesischen Revolution.«29 Die nächste zentrale Direktive zur Frauenarbeit wurde im Februar 1943 erlassen und spiegelt die Bedürfnisse der Produktionsbewegung wider: Frauen sollten fortan für die Produktion mobilisiert werden. Diese neue Politik wurde als Abkehr von früheren Verfehlungen ausgegeben, zu denen zum einen die Vernachlässigung der Produktion allgemein gezählt wurde, zum anderen eine falsche diesbezügliche Einschätzung der Frauenfrage: »Wir haben die ökonomische Arbeit nicht als diejenige Arbeit erkannt, die den Frauen am besten liegt. Wir haben nicht erfasst, dass die Mobilisierung der Frauen für die Teilnahme an der Produktion das zentralste Kettenglied zum Schutz ihrer vitalen Interessen ist.«30 Hinwendung zur Produktion bedeutete aus Sicht der Parteizentrale die Abwendung von einer überzogenen und formalistischen Mobilisierung von Frauen, die deren besondere Lebenslage vernachlässigt habe: »Wir wissen nicht viel über ihre geistig-seelische Verfassung, wir haben ihrer Belastung durch die Hausarbeit, ihren physischen Beschränkungen [shengli de xianzhi] und ihren Lebensnöten keine Beachtung geschenkt.«31 Der weitere Kontext dieser Direktive macht deutlich, dass sie sich gegen radikalere Gruppierungen innerhalb der kommunistischen Frauenbewegung richtete, die von Cai Chang, der damaligen Vorsitzenden des Frauenkomitees der Partei, als »feministisch« (nüxingzhuyi) identifiziert wurden und konkret als »diejenigen weiblichen Kader mit einem intellektuellen Hintergrund, die den führenden Organen der Frauenarbeit angehören«.32 Ganz generell wurde dabei eine frühere Überpolitisierung der ländlichen Frauen beklagt33 – eine Stoßrichtung, die besonders deutlich in der Diffamierung der sogenannten Selbstverteidigungsgruppen von Frauen (funü ziweidui oder funü ziweijun) zum Ausdruck kam. Diese nach Zeit und Raum unterschiedlich relevante Form der dörflichen Verteidigung war typisch für die Politik der frühen Kriegsphase, in der Frauen direkter in die Verteidigung einbezogen wurden, indem sie dörfliche Wachposten besetzten und eine Vielzahl von Hilfsdiensten wie Transport, Versorgung von Verwundeten, Mobilisierung von Spendengeldern usw. verrichteten.34 Einige frühe Quellen hatten die ländlichen, den Verteidigungsgruppen angehörenden Frauen als Verkörperung »eines neuen Typus« ausgegeben, »mutig, kühn und entschlossen, verwegen im Kampf wie die Männer [...].«35 Mit der Direktive von 1943 gerieten diese Gruppen aber unter »Feminismusverdacht«: »Feminismus zeigt sich auch in der übertriebenen Betonung der Eigeninitiative der Frauen und der Erhebung zu hoher Forderungen. Beispielsweise wurde 1940 überall vorgebracht, dass sich die Frauenverbände innerhalb der landwirtschaftlichen Arbeit an der kollektiven Rodung, dem Straßenbau, der Schaffung von Frauenwäldern und Frauengärten beteiligen sollten. Es wurde die Arbeit der Selbstverteidigungstruppen von Frauen und das militärische Training von Frauen betont.«36 Insgesamt vollzog die Partei 1943 eine konservative Wende, indem sie in zentralen Dokumenten die Frauenfrage noch deutlicher der Klassenfrage unterordnete: Sie wurde als »Widerspruch zwischen Männern und Frauen« (nan nü maodun) definiert und als »untergeordnet« (fushu) unter den Klassenkonflikt als Hauptwiderspruch der Klassengesellschaft.37 Mit dem Übergang in den Bürgerkrieg 1946 und der Wiederaufnahme der radikalen Linie der Bodenreform erlangte der Klassenkonflikt einen noch zentraleren Stellenwert. Der Konflikt zwischen den Geschlechtern nahm demgegenüber nur noch den Status eines »relativen Widerspruchs« (xiangdui maodun) ein.38 Spezifische weibliche Interessengruppen: Das Beispiel der Frauen auf dem Land und der städtischen gebildeten Frauen Der chronologische Überblick über die kommunistische Frauenpolitik der 1920er bis 1940er Jahre und die Hervorhebung der Wendepunkte von 1927 und 1943 haben die Notwendigkeit einer zeitlich differenzierten Diskussion offensichtlich gemacht. Das Gebot der Differenzierung reicht aber weiter. So hat Gail Hershatter in ihrem Überblick über die chinabezogene Frauenforschung festgestellt: »One could say that the initial question animating much early feminist scholarship on twentieth-century China – Was the revolution good or bad for women? – no longer compels attention. It has been replaced by inquiries that are more localized (where?), more segmented (which women?), and more attentive to the multiple, contradictory levels of state activity and the unintended but often powerful consequences of state policies.«39 Die Frage nach dem »wo« wurde in eine Lokalstudie aufgenommen und ergab – in Übereinstimmung mit Einschätzungen des Gesamtprozesses der Revolution – eine hohe Variabilität der kommunistischen Politik.40 So stellt David Goodman in Bezug auf die frühen 1940er Jahre fest: »In some places, at some times, und under certain conditions women did enjoy opportunities for greater participation in social and political activities.«41 Goodman verweist in der Frage der Faktoren solcher Variabilität auf die Vorgeschichte bestimmter Gebiete und ein allgemeines »climate of social change«, in dem Frauen neue Möglichkeiten der Partizipation erkannten und wahrnahmen.42 Noch wichtiger scheint mir aber eine Differenzierung nach sozialen Gruppen und hier speziell den Interessenlagen der auf dem Land lebenden Frauen auf der einen und junger, gebildeter Frauen in der Stadt auf der anderen Seite.43 Die Lage der Frauen auf dem Land war mit den bereits zuvor zitierten Verweisen auf die patriarchalischen Strukturen der ländlichen Familien recht realistisch getroffen. Die Direktive zur Frauenbewegung vom Juli 1928 konkretisierte die Lage dieser Frauen wie folgt: »Was die Arbeit der Propaganda und der Mobilisierung der ländlichen Frauen für den Aufstand anbelangt, müssen direkt die konkreten Forderungen vorgebracht werden, welche die eigenen Interessen der ländlichen Frauen betreffen, wie z. B. das Erbrecht, das Recht auf Boden, die Ablehnung der Polygamie, die Ablehnung der Verheiratung von zu jungen Frauen (Kindsbräute), die Ablehnung der Zwangsheirat, das Scheidungsrecht, die Ablehnung des Frauenhandels, den Schutz der Arbeit der Landarbeiterinnen.«44 In der Tat zogen Frauen auf dem Land nach der Heirat zur Familie des Ehemannes, wo sie in der Regel vorrangig als Arbeitskräfte fungierten und von Ehemännern und Schwiegermüttern kontrolliert, dirigiert und ausgebeutet wurden. Der Ehemann war nicht frei gewählt, und das Spektrum an Praktiken der Eheschließung, welche die Würde und Freiheit von Frauen verletzte, umfasste neben der arrangierten Ehe die Verheiratung von Kindern – sogenannten Kindsbräuten, die bereits vor dem offiziellen Vollzug der Ehe in der Schwiegerfamilie lebten und als Arbeitskräfte ausgebeutet wurden – und das Konkubinat. Ein Recht auf Scheidung hatten Frauen nicht.45 Es war deshalb nur konsequent, dass die Partei in den neu errichteten Sowjetgebieten 1931 ein neues Eherecht erließ, welches diese »feudalen« Praktiken unterband und Frauen das Recht auf Scheidung einräumte.46 Hier setzten sich Rechts- und Freiheitsgedanke47 durch und blieben – trotz aller Aufweichung in der Praxis und gewissen späteren Einschränkungen48 – über die Jahre erhalten. Das für das ganze Land gültige Eherecht von 1950 gehörte zu den ersten Gesetzen, welche in der neu gegründeten Volksrepublik erlassen wurden, und es wurde von in der Stadt lebenden Frauen, vor allem aber von jenen auf dem Land erfolgreich genutzt, um ihre Interessen in Familienfragen durchzusetzen.49 Aus den Quellen der Zeit vor der Staatsgründung ist bekannt, dass besonders für junge Frauen vom Land das Eherecht ausschlaggebend dafür war, sich der kommunistischen Bewegung anzuschließen.50 Unter denjenigen Frauen, die der Roten Armee beitraten, befanden sich viele Kindsbräute, die auf diese Weise den repressiven Familienstrukturen entkamen und in der Armee eine »Ersatzfamilie« fanden, welche ihnen Würde und Anerkennung verlieh.51 Aus Oral History-Interviews wissen wir zudem, dass Frauen, die Kader in Partei, Armee oder der Frauenbewegung wurden und hier vielleicht sogar Führungspositionen erlangten, die Anerkennung, welche mit der neuen öffentlichen Rolle einherging, höher werteten als Erfahrungen von Repression und Erlebnisse von Diskriminierung, wie sie auch im Kontext der kommunistischen Revolution vorkommen konnten.52 Wang Quanyuan beispielsweise, die während des Langen Marsches ein Frauenregiment geleitet und mit ihren Genossinnen die Gefahren und Nöte des Marsches und später auch politisches Unrecht erlitten hatte,53 antwortete auf die Frage, ob sie ihre Zeit in der Armee bereut habe: »No, I have no regrets. It is the greatest honour of my life that I was able to go on the Long March. I am very content just to have been a part of it.«54 Waren die Frauen auf dem Land von den späten 1920er Jahren bis 1949 in der fast ausschließlich im ländlichen Raum agierenden Bewegung Hauptzielgruppe der Mobilisierung von Frauen, so treten die in der Stadt lebenden, gebildeten Frauen eher nur punktuell in Erscheinung: zur Zeit der nationalen Revolution zwischen 1925 und 1927, an der auch die GMD beteiligt war, und als eigene Gruppe der revolutionären Gesellschaft Yan’ans in den späten 1930er und den 1940er Jahren, das zum Zielort einer patriotischen städtischen Jugend wurde, welche sich der KPCh als wahrhaft patriotischer Kraft des damaligen China anschließen wollte. Die erste Kohorte hatte im Rahmen einer Frauenbewegung agiert, in der – wie bereits gezeigt wurde – der Rechtsbegriff, der Gedanke der Gleichberechtigung und Begriffe, mit denen der Anspruch auf Teilhabe absolut gesetzt wurde, zum selbstverständlichen politischen Repertoire gehörten.55 Die zweite Kohorte stammte vorwiegend aus städtischen Familien, die ihren Töchtern bereits Chancengleichheit einräumte.56 Feminismus war für diese Frauen zwar kein explizites Thema oder Interessenfeld; aus vielen Quellen der Frauenbewegung und aus autobiografischen Berichten geht aber sehr wohl ein Empfinden für einen Anspruch auf Gleichberechtigung im Rahmen der kommunistischen Bewegung hervor. Dieser sich auf die weitere Parteirhetorik der »Gleichberechtigung von Männern und Frauen« (nan nü pingdeng) beziehende Anspruch wurde dort geltend gemacht, wo symbolisch herausgehobene Tätigkeitsfelder – für Patriotinnen waren dies vor allem frontnahe Dienste oder gar der Einsatz im Kampf – diesen ambitionierten Frauen weitgehend verschlossen blieben.57 Dass die Partei nicht bereit war, Frauen aktiv für diese Felder zu mobilisieren, und dem Wunsch von Frauen, sich hier zu beteiligen, selten nachgab, lag zum einen daran, dass sie diese jungen, gebildeten Frauen als prädestiniert für die »Frauenarbeit« unter den auf dem Land lebenden Frauen ansah.58 Zum anderen waren Partei und Armee schlichtweg männlich dominiert – ein Zug, der vor allem seit den späten 1930er Jahren zutage trat und sich von der Praxis in den früheren Sowjetgebieten unterschied, wo Frauen noch selbstverständlicher Aufnahme in die Armee fanden und eher Führungspositionen einnehmen konnten.59 Paradoxerweise wurde der Rechtsgedanke also dort durchgesetzt, wo die betroffene Klientel in ihrer Unbildung gar nicht in der Lage war, ihn selbst zu artikulieren – mit dem Eherecht im ländlichen China.60 In Bezug auf die Interessen der Gruppen in der Stadt, die einen Anspruch auf Gleichberechtigung bereits internalisiert hatten, wurde er dafür abgewehrt. Die kommunistische Frauenpolitik zwischen Frauenrechten und einer umfassenden gesellschaftlichen Transformation Ausgangspunkt der Diskussion der kommunistischen Frauenpolitik in den Dekaden vor der Gründung der Volksrepublik China war die Spannung zwischen Frauenrechten als absolutem Anspruch und dem Parteiverständnis von »Frauenbefreiung« als Teil einer umfassenden gesellschaftlichen Umwälzung. Der vorliegende Beitrag folgte dabei dem Gebot der Differenzierung und zeichnete zunächst die Entwicklung der Frauenpolitik der KPCh im Kontext wechselnder Revolutionsstrategien nach. Dabei wurde die Parallelität und enge Verknüpfung von strategischen Wenden allgemeiner Natur und einem Wechsel der Frauenpolitik herausgehoben und insbesondere die Bedeutung der Yan’an-Phase als Übergang in eine Friedensordnung betont, in der die Aufgabe des »Aufbaus« für Frauen bedeutete, sich an der Produktion zu beteiligen. Im zweiten Teil des Beitrags wurde die Differenzierung der Frauenfrage hinsichtlich der Interessenlage spezifischer Gruppen von Frauen fortgesetzt. Dabei konnte gezeigt werden, dass der Rechtsbegriff in isolierten, gleichwohl aber bedeutenden Bereichen, nämlich vor allem im Eherecht, Bestand hatte und bis heute gültig ist, in anderen Bereichen dafür aber eher zurückgewiesen wurde. Welches könnte vor diesem Hintergrund eine Begrifflichkeit sein, mit der die Frauenpolitik angemessen dargestellt und bewertet werden kann? Der Rechtsbegriff ist insofern problematisch, als er damals zwar von einigen – aber nicht allen – Frauen und in Bezug auf einige, aber nicht alle Problembereiche artikuliert wurde. Eine Verabsolutierung der Frauenrechte wäre deshalb zwar nicht ganz ahistorisch, aber angesichts der sehr diversen Erwartungshorizonte der Zeitgenossen doch auch verzerrend. Ganz grundsätzlich erscheint die Frage nach der Existenz eines individuell einklagbaren Rechtes im Kontext der Revolution und des späteren sozialistischen Staates auch insofern wenig sinnvoll, als die kaum überraschende Antwort (»nein«) doch wenig darüber aussagt, in welcher Hinsicht und mit welchen Instrumenten die Geschlechterbeziehungen de facto am Ende doch grundsätzlich neu geordnet wurden. Der Begriff der »Frauenbefreiung« auf der anderen Seite ist insofern nicht angebracht, als er dem Diktum der Partei von einer erfolgreichen Befreiung der Frauen in China folgen würde.61 Gibt es begriffliche Alternativen? Ich schlage hier den wertneutralen Begriff der »Transformation« vor, verstanden als »bewussten und intendierten Versuch einer radikalen, systemisch gesteuerten gesellschaftlichen Umwälzung«.62 Der Vorteil von »Transformation« liegt in der Inklusivität des Begriffes, der die kommunistische Frauenbewegung neutral als Teilprozess der Revolution erscheinen lässt, ohne dabei der Parteipropaganda einer gelungenen Integration der beiden Ebenen das Wort zu reden.63 Somit erklären sich die Wendepunkte in der Frauenpolitik nicht vorrangig mit einer immer konservativeren Mentalität der Parteiführer, sondern mit übergeordneten strategischen Entscheidungen, die als Reaktionen auf neue interne und externe Kontexte zu verstehen sind. Der Verweis auf die Abhängigkeit der Frauenpolitik von diesen kontextuellen Beschränkungen und übergeordneten Strategien der Revolution ist dabei nur realistisch, denn eine isolierte Bewegung für Frauenrechte hätte im Kontext fortdauernder Kriege keinerlei Chance der Verwirklichung gehabt. Hier sei auf das Schicksal der politischen Richtung des Liberalismus im damaligen China hingewiesen, der die nationale Notsituation verkannte und sich damit selbst ins politische Abseits katapultierte.64 Die Inklusivität des Transformationsbegriffes hilft überdies, die Revolution, ihre Teilprozesse und die Institutionen, von denen diese geformt wurden, in ihrer jeweiligen Komplexität abzubilden. So hebt Joseph Esherick für die Partei hervor: »The CCP was a social construct of considerable internal complexity, not an organizational weapon of obedient apparatchiks commanded by the Party Center.«65 Und Neil Diamant bezeichnet den Staat der Nachkriegszeit als »composite creature«, der in Fragen des Eherechtes nach 1949 sehr wohl Impulse von unten zuließ.66 Ähnlich kann von der Frauenbewegung unter dem Dach der KPCh gesagt werden, dass sie komplex war und verschiedene Interessen vereinigte, die von Feminismus bis zur dezidierten Frauenverachtung reichen konnten. Dabei führten die Offenheit der revolutionären Situation insgesamt sowie die unzureichende Regulierung der Frauenfrage zu relativ großen Entscheidungsspielräumen der lokalen Parteiführer und einer gewissen Verhandelbarkeit von Einzelentscheidungen zwischen Parteiführern und den betroffenen Frauen.67 Im Prozess dieser breiteren Transformation ist dann nicht mehr einfach zwischen aktiven und passiven Anteilen von Frauen zu unterscheiden, zwischen Frauen als Subjekten und Objekten der »Befreiung« oder überhaupt zwischen befreienden und repressiven Aspekten der kommunistischen Frauenpolitik. Und schließlich wären auch indirekte Faktoren der Veränderung der Lage der Frauen wie z. B. die (in diesem Beitrag nicht näher behandelten) Bemühungen der Partei um Alphabetisierung und Bildung sowie die von Hershatter erwähnten, nicht intendierten Konsequenzen bestimmter Maßnahmen im Begriff der Transformation berücksichtigt.68 1 Siehe den Beitrag zur kommunistischen Frauenpolitik vor 1949 von Wang Jianhua: Geming shiyu xia de xiangcun funü jiefang – yi kang zhan shiqi Shaan Gan Ning bianqu wei li [Die Befreiung der auf dem Land lebenden Frauen aus der Sicht der Revolution – das Beispiel des Grenzgebietes Shaan-Gan-Ning zur Zeit des Widerstandskrieges], in: Tianfu xin lun 1 (2010), S. 130 f. Zum Problem der Frauenbefreiung nach 1949 siehe Wang Jimang: Huigu yu fansi – Gaige kaifang hou guanyu Zhongguo funü jiefang de yanjiu wenxian zongshu [Rückblick und nochmalige Betrachtung – Ein Überblick über Forschungen zur Frauenbefreiung in China seit dem Beginn von Reform und Öffnung], in: Zhonghua nüzi xueyuan xuebao 6 (2008), H. 20, S. 50–54. 2 Siehe den Forschungsüberblick von Gail Hershatter: Women in China’s Long Twentieth Century, Berkeley u. a. 2007, S. 88–93 und speziell das Werk von Judith Stacey: Patriarchy and Socialist Revolution in China, Berkeley u. a. 1983; Kay Ann Johnson: Women, the Family and Peasant Revolution in China, Chicago/London 1983; Yihong Pan: Feminism and Nationalism in China’s War of Resistance against Japan, in: The International History Review 19 (1997), H. 1, S. 115–130. 3 Siehe Harriet Evans: The Language of Liberation. Gender and Jiefang in early Chinese Communist Party Discourse, in: Intersections. Gender, History and Culture in the Asian Context 1 (1998), online unter: http://intersections.anu.edu.au/issue1/harriet.html, ges. am 13. Mai 2014. 4 Ebd. 5 Siehe zu dieser Phase Christina K. Gilmartin: Engendering the Chinese Revolution. Radical Women, Communist Politics, and Mass Movements in the 1920s, Berkeley u. a. 1995. 6 Untersuchungen zur Genese des Begriffs »Frauenarbeit« liegen bisher nicht vor. Die hier getroffene Aussage stützt sich auf die Durchsicht der Quellenbände zur Frauenbewegung, die für diesen Beitrag herangezogen und in den folgenden Fußnoten zitiert wurden. 7 Zu Differenzierungsgeboten siehe die Teile 2 und 3 dieses Beitrages. Der pragmatische Ansatz gehört zu den grundsätzlichen Einsichten von Nicola Spakowski: Mit Mut an die Front. Die militärische Beteiligung von Frauen in der kommunistischen Revolution Chinas (1925–1949), Köln 2009. 8 Siehe Helen Praeger Young: Choosing Revolution. Chinese Women Soldiers on the Long March, Urbana/Chicago 2001. 9 Vor allem der erste Wendepunkt von 1928 steht dabei mit der China-Politik der Kommunistischen Internationale in Verbindung. Siehe hierzu Wang Tao: Shixi gongchan guoji dui Zhongguo funü yundong de yingxiang [Versuch einer Analyse des Einflusses der Komintern auf die chinesische Frauenbewegung], in: Dangdai shijie yu shehuizhuyi 1 (2012), S. 64–68. Eine umfassende Untersuchung des Einflusses der Sowjetunion und der Komintern auf die Frauenpolitik der KPCh liegt bisher nicht vor. 10 Gilmartin: Engendering the Chinese Revolution (Anm. 5), S. 4. Im Schlusskapitel des Buches zeichnet Gilmartin dann die konservative Wende nach 1927 nach (ebd., S. 215 f.). Die weitere Entwicklung zwischen 1927 und 1949 wird in diversen Arbeiten thematisiert. Siehe hierzu die Hinweise in Anm. 2 sowie Astrid Lipinsky: Der chinesische Frauenverband. Eine kommunistische Massenorganisation unter marktwirtschaftlichen Bedingungen, Bonn 2006. 11 Shen Yanbing: Funü jingji duli taolun [Eine Diskussion der ökonomischen Unabhängigkeit von Frauen], 1921, reproduziert in: Zhonghua quanguo funü lianhehui funü yundong lishi yanjiushi [Forschungsbüro zur Geschichte der Frauenbewegung beim Allchinesischen Frauenverband] (Hg.): Zhongguo funü yundong lishi ziliao (1921–1927) [Quellen zur Geschichte der chinesischen Frauenbewegung, 1921–1927], Beijing 1986, S. 2 f. Diese und folgende Übersetzungen aus dem Chinesischen wurden von der Autorin vorgenommen. 12 Mao Zedong: Hunan nongmin yundong kaocha baogao [Untersuchungsbericht über die Bauernbewegung Hunans], März 1927, in: Mao Zedong xuanji [Ausgewählte Werke Mao Zedongs], Beijing 1967, S. 31. 13 Zhongguo gongchandang di liu ci quanguo daibiao dahui funü yundong jueyian [Beschlussentwurf des VI. Parteikongresses der KPCh zur Frauenbewegung], 10. Juli 1928, reproduziert in: Zhonghua quanguo funü lianhehui funü yundong lishi yanjiushi [Forschungsbüro zur Geschichte der Frauenbewegung beim Allchinesischen Frauenverband] (Hg.): Zhongguo funü yundong lishi ziliao (1927–1937) [Quellen zur Geschichte der chinesischen Frauenbewegung, 1927–1937], Beijing 1991, S. 12. 14 Ebd. 15 Siehe zum Konzept des »bourgeoisen Feminismus« allgemein und speziell zu Clara Zetkin: Marilyn J. Boxer: Rethinking the Socialist Construction and International Career of the Concept »Bourgeois Feminism«, in: American Historical Review 112 (2007), H. 1, S. 131–158, hier S. 136. 16 Deng Yingchao: Suweiai quyu de nongfu gongzuo [Die Arbeit unter Frauen auf dem Land der Sowjetgebiete], Mai 1930, reproduziert in: Zhongguo funü yundong lishi ziliao (1927–1937) (Anm. 13), S. 79. Die Fortdauer einer Idee des Anspruchs auf Gleichbehandlung spiegelt sich in vielen Quellen wider, siehe Spakowski: Mit Mut an die Front (Anm. 7), Kap. 5.4. bis 5.9., wo es um die Konflikte zwischen gebildeten Frauen aus der Stadt und der Partei- und Armeeführung geht. 17 Siehe David E. Apter/Tony Saich: Revolutionary Discourse in Mao’s Republic, Cambridge/London 1994. 18 Die Stützpunktgebiete dieser Zeit wurden nach den Provinzen benannt, in deren Grenzgebieten sie angesiedelt sind, hier: Shaanxi, Ningxia und Gansu. 19 Zur Produktionsbewegung allgemein siehe Song Jinshou: Mao Zedong zhidao Shaan Gan Ning bianqu jingji gongzuo de jige zhongda sixiang zhuanzhe [Einige große ideologische Wendepunkte in Mao Zedongs Anleitung der ökonomischen Arbeit im Shaan-Gan-Ning-Grenzgebiet], in: Zhong Gong dangshi yanjiu 4 (1998), S. 24–30; zur Mobilisierung von Frauen siehe Wang: Geming shiyu xia de xiangcun funü jiefang (Anm. 1), S. 129 f. 20 Siehe Song: Mao Zedong zhidao (Anm. 19), Wang: Geming shiyu xia de xiangcun funü jiefang (Anm. 1). 21 Siehe auch zur Bedeutung der 1940er Jahre allgemein Joseph W. Esherick: War and Revolution: Chinese Society during the 1940s, in: Twentieth-Century China 27 (2001), H. 1, S. 1–37: »During the 1940s, the basic structures of the PRC order were being forged in the rapidly expanding Communist base areas.« (S. 25). 22 Zu Shaan-Gan-Ning siehe Song: Mao Zedong zhidao (Anm. 19), S. 26. Nach 1949 ist der Begriff ubiquitär. 23 Siehe ebd., S. 26 f. 24 Zitiert nach Song: Mao Zedong zhidao (Anm. 19), S. 27. Es handelt sich hier um ein Wortspiel, denn der Begriff für »Revolution« (geming) bedeutet wörtlich, das Leben (ming) von etwas entfernen (ge). 25 Zitiert nach ebd., S. 29. 26 Gemeint ist der Staatsaufbau in den Stützpunktgebieten der Kriegsphase. 27 Zhonggong zhongyang shujichu guanyu kaizhan funü gongzuo de jueding [Beschluss des Sekretariats des ZK der KPCh zur Entfaltung der Frauenarbeit], in: Xin Zhonghua bao vom 6. März 1939, reproduziert in: Zhonghua quanguo funü lianhehui funü yundong lishi yanjiushi [Forschungsbüro zur Geschichte der Frauenbewegung beim Allchinesischen Frauenverband] (Hg.): Zhongguo funü yundong lishi ziliao (1937–1945) [Quellen zur Geschichte der chinesischen Frauenbewegung, 1937–1945], Beijing 1991, S. 136. 28 Die Frauenuniversität war eine Ausbildungsstätte für weibliche Kader, siehe Spakowski: Mit Mut an die Front (Anm. 7), S. 295–301. 29 Mao Zedong zai Yan’an Zhongguo nüzi daxue kaixue dianli shang de jianghua (jielu) [Rede Mao Zedongs auf der Eröffnungszeremonie der Chinesischen Frauenuniversität in Yan’an (Auszug)], in: Xin zhonghua bao vom 25. Juli 1939, reproduziert in: Zhongguo funü yundong lishi ziliao (1937–1945) (Anm. 27), S. 149 f. 30 Zhongguo gongchandang zhongyang weiyuanhui guanyu ge kangRi genjudi muqian funü gongzuo fangzhen de jueding [Beschluss des Zentralkomitees der KPCh zur gegenwärtigen Ausrichtung der Frauenarbeit in den Stützpunktgebieten des antijapanischen Widerstandes], 26. Februar 1943, reproduziert in: Zhongguo funü yundong lishi ziliao (1937–1945) (Anm. 27), S. 647. 31 Ebd. 32 Cai Chang: Yingjie funü gongzuo de xin fangxiang [Die neue Richtung der Frauenarbeit begrüßen], in: Jiefang ribao vom 8. März 1943, reproduziert in: Zhonghua quanguo funü lianhehui funü yundong lishi yanjiushi [Forschungsbüro zur Geschichte der Frauenbewegung beim Allchinesischen Frauenverband] (Hg.): Zhongguo funü yundong lishi ziliao (1945–1949) [Quellen zur Geschichte der chinesischen Frauenbewegung, 1945–1949], Beijing 1991, S. 650. 33 Spakowski: Mit Mut an die Front (Anm. 7), S. 231–233. 34 Siehe hierzu ebd., S. 248–257. 35 Xi Yan (Pseud.): »Laiyuan liu qu de funü pojiaodui« [Die weiblichen Gruppen zur Zerstörung der Verkehrslinien im sechsten Bezirk (des Kreises) Laiyuan], in: Jin-Cha-Ji ribao vom 3. August 1941, reproduziert in: Jin-Cha-Ji bianqu Beiyue qu funü kangRi douzheng shiliao bianji zu [Redaktionsgruppe für historische Materialien zum antijapanischen Kampf der Frauen im Beiyue-Gebiet des Jin-Cha-Ji-Grenzgebietes] (Hg.): Jin-Cha-Ji bianqu funü kangRi douzheng shiliao [Historische Materialien zum antijapanischen Kampf der Frauen im Jin-Cha-Ji-Grenzgebiet], Beijing 1989, S. 535. 36 Pu Anxiu: Wu nian lai Huabei kangRi minzhu genjudi funü yundong de chubu zongjie [Vorläufige Bilanz der Frauenbewegung der vergangenen fünf Jahre in den antijapanischen, demokratischen Stützpunktgebieten Nordchinas], in: Dang de shenghuo 3 vom 16. Juli 1943, reproduziert in Zhongguo funü yundong lishi ziliao (1937–1945) (Amn. 27), S. 701. 37 Peng Dehuai: Zai Jin Ji Lu Yu si qu dangwei fuwei lianxi huiyi bimu shi de jiangyan [Ansprache zum Abschluss der gemeinsamen Konferenz der Parteikomitees und der Frauenkomitees der vier Gebiete Jin Ji Lu Yu], 22. April 1943, reproduziert in: Zhongguo funü yundong lishi ziliao (1937–1945) (Anm. 27), S. 677. 38 Jin-Cha-Ji bianqu funü lianhehui di yi ci kuoda zhiweihui jueyi [Beschluss des ersten erweiterten Exekutivkomitees des Frauenverbandes im Jin-Cha-Ji-Grenzgebiet], 19. Februar 1946, reproduziert in: Zhongguo funü yundong lishi ziliao (1945–1949) (Anm. 32), S. 15 f. 39 Hershatter: Women in China’s Long Twentieth Century (Anm. 2), S. 5 f. Im Gegensatz zu Hershatter halte ich allerdings die Frage der Bewertung, besonders mit Blick auf chinesische Beiträge, weiterhin für relevant. 40 Siehe David S. Goodman: Revolutionary Women and Women in the Revolution. The Chinese Communist Party and Women in the War of Resistance to Japan, 1937–1945, in: The China Quarterly 164 (2000), S. 915–942. Die Notwendigkeit der lokalen Differenzierung kommunistischer Politik wurde auch im Bereich der Forschungen zu den kommunistischen Stützpunktgebieten während der Zeit des Antijapanischen Widerstandskrieges angemahnt, siehe David S. Goodman: Social and Political Change in Revolutionary China, Lanham 2000, S. 4 und Jeffrey N. Wasserstrom: Toward a Social History of the Chinese Revolution. A Review, in: Social History 17 (1992), H. 2, S. 289–317, hier S. 301 f. Wasserstrom spricht von »multiple local rural revolutions« (ebd., S. 302, Hervorhebung im Original). Siehe auch Joseph W. Esherick: Deconstructing the Construction of the Party-State. Guilin County in the Shaan-Gan-Ning Border Region, in: The China Quarterly 140 (1994), S. 1052–1079, Spakowski: Mit Mut an die Front (Anm. 7). 41 Goodman: Revolutionary Women (Anm. 40), S. 922. 42 Ebd., S. 941. 43 Eine dritte Hauptgruppe wären die städtischen Arbeiterinnen. Die Ausführungen dieses Teils stützen sich vorwiegend auf meine Studie zur militärischen Partizipation von Frauen im Rahmen der kommunistischen Revolution. Auf die Wiederholung von Verweisen auf Primärquellen wird im vorliegenden Beitrag verzichtet. 44 Zhongguo gongchandang di liu ci quanguo daibiao dahui funü yundong jueyian [Beschlussentwurf des VI. Parteikongresses der KPCh zur Frauenbewegung], 10. Juli 1928, reproduziert in: Zhongguo funü yundong lishi ziliao (1927–1937) (Anm. 13), S. 17. 45 Siehe ebd. 46 Siehe Zhonghua suwei’ai gongheguo hunyin tiaoli [Ehebestimmungen für die chinesischen Sowjetrepubliken], 28. November 1931, reproduziert in: Zhongguo funü yundong lishi ziliao (1921–1927) (Anm. 11), S. 151–154. 47 Siehe den ersten Paragrafen ebd., S. 152: »Es wird festgelegt, dass die Ehe zwischen Mann und Frau die Freiheit zum Prinzip hat.« 48 Das Eherecht war problematisch, da es vielfach die Interessen der männlichen Bauern verletzte – diese waren an der Bodenreform interessiert, nicht aber am Verlust ihrer Ehefrauen als Arbeitskraft. In Parteidirektiven wird deshalb teilweise ausdrücklich betont, dass die Unterstützung der Frauen nur so weit gehen dürfe, wie die Interessen der Männer nicht verletzt würden, siehe z. B. Hunan shengwei tonggao (di shisi hao) – Guanyu Hunan funü de xianzhuang ji jin hou yundong de fang-zhen [Zirkular Nr. 14 des Provinzkomitees Hunan – Zur aktuellen Lage der Frauen Hunans und zur zukünftigen Richtung der Bewegung], 25. November 1927, reproduziert in: Zhongguo funü yundong lishi ziliao (1927–1937) (Amn. 12), S. 9. Aus Arbeitsberichten der Frauenbewegung ist zudem bekannt, dass Kader auf dem Land sich oft nicht an die Bestimmungen des Eherechtes hielten. Dies ist eine zentrale Feststellung in kritischen Einschätzungen der kommunistischen Frauenpolitik, siehe z. B. Judith Stacey: Patriarchy and Socialist Revolution in China, Berkeley u. a. 1983, S. 160–169; Delia Davin: Woman-Work. Women and the Party in Revolutionary China, Oxford 1976, S. 28. 49 Siehe Neil J. Diamant: Revolutionizing the Family. Politics, Love, and Divorce in Urban and Rural China, Berkeley u. a. 2000. 50 Siehe z. B. den Bericht in Li Xiaojiang (Hg.): Rang nüren ziji shuohua – qinli zhanzheng [Lasst die Frauen selbst reden – Kriegserfahrungen], Beijing 2003, S. 15 f. 51 Spakowski: Mit Mut an die Front (Anm. 7), S. 142–147. 52 Siehe Young: Choosing Revolution (Anm. 8). 53 Siehe Spakowski: Mit Mut an die Front (Anm. 7), Kap. 4.4. 54 Zitiert nach Lily Xiao Hong Lee/Sue Wiles: Women of the Long March, St Leonards 1999, S. 217. 55 Siehe Gilmartin: Engendering the Chinese Revolution (Anm. 5). 56 Siehe zu dieser Gruppe Spakowski: Mit Mut an die Front (Anm. 7), Kap. 5.4 sowie Kap. 5 allgemein zu den Konflikten um die Einsatzfelder dieser Gruppe. 57 Siehe hierzu Gilmartin: Engendering the Chinese Revolution (Anm. 5); Spakowski: Mit Mut an die Front (Anm. 7), Kap. 2. Die Begrifflichkeiten sind diskutiert in Gilmartin: Engendering the Chinese Revolution (Anm. 5), S. 7 und Evans: The Language of Liberation (Anm. 3). 58 Dies gilt besonders für die Phase nach 1939, als die Partei sich auf die Mobilisierung auf dem Land lebender Frauen für die Produktion konzentrierte, Spakowski: Mit Mut an die Front (Anm. 7), Kap. 5.2.1. 59 Siehe Spakowski: Mit Mut an die Front (Anm. 7), Kap. 3.5., zu den Sowjetgebieten ebd., Kap. 5, zu den Jahren ab 1937 ebd., Kap. 6. Die Tendenz, die fortschrittlichen Prinzipien in der Frauenfrage nicht auf die Strukturen der kommunistischen Bewegung anzuwenden, bestand allerdings bereits vor 1927: »However, at the same time that a radical program to transform the dominant culture was pursued, we can discern the infusion of traditional organizing principles into many facts of the revolutionary movement«, Gilmartin: Engendering the Chinese Revolution (Anm. 5), S. 207. 60 Siehe auch Diamant: Revolutionizing the Family (Anm. 49) zu dem Paradox, dass das Eherecht gerade im ländlichen Raum und unter Frauen, die in der Stadt lebten, aber ländliche Wurzeln hatten, besonders aktiv genutzt wurde. 61 Dies geschieht in parteinahen Darstellungen, z. B. Zhonghua quanguo funü lianhehui [Allchinesischer Frauenverband] (Hg.): Zhongguo funü yundong shi (xinminzhuzhuyi shiqi) [Geschichte der chinesischen Frauenbewegung (neudemokratische Phase)], Beijing 1989. 62 Rej Kollmorgen: Gesellschaftstransformation als sozialer Wandlungstyp. Eine komparative Analyse, Sozialwissenschaftlicher Fachinformationsdienst, Politische Soziologie 2006, H. 1, S. 1–30, hier S. 19, online unter: http://www.raj-kollmorgen.de/_upload/documents/polSoziologie_2006-11.pdf, ges. am 13. Mai 2014. Kollmorgen wendet den Begriff der Transformation – zur Trennung von abgegrenzten politischen Wandlungsprozessen auch als »Gesellschafts-« oder »Systemtransformation« bezeichnet – auf Prozesse der nachholenden Entwicklung eurasischer Gesellschaften seit Mitte des 19. Jahrhunderts an. Zur weiteren Differenzierung des Begriffes siehe ebd. 63 Siehe auch Kollmorgens Verweis auf die »gesamtgesellschaftliche Dimension« von Transformationen, ebd., S. 14. 64 Siehe Jerome Grieder: Hu Shih and the Chinese Renaissance. Liberalism in the Chinese Tradition, 1917–1937, Cambridge 1970. 65 Joseph W. Esherick: Ten Theses on the Chinese Revolution, in: Modern China 21 (1995), H. 1, S. 61. 66 Diamant: Revolutionizing the Family (Anm. 49), S. 10. Zur kreativen Nutzung des Eherechts gegenüber dem Staat seitens der Frauen siehe ebd., S. 11. 67 Siehe das Beispiel der militärischen Partizipation von Frauen bei Spakowski: Mit Mut an die Front (Anm. 7). 68 Siehe auch Diamant: Revolutionizing the Family (Anm. 49) zur Komplexität der Folgen des Eherechtes nach 1950.

JHK 2015

Frauen in den kommunistischen Parteien PPR/PZPR – die Paradoxe der Frauenpolitik in Polen 1945–1960

Natalia Jarska

Im Jahr 1918 erhielten Frauen in Polen das Wahlrecht, das ihnen – so das allgemeine Empfinden – angesichts ihres erheblichen Anteils an den Unabhängigkeitsbewegungen, die zur Wiederherstellung der Staatlichkeit geführt hatten, zustand. In den zwei folgenden Jahrzehnten der Zwischenkriegszeit blieb das politische Engagement von Frauen hingegen bescheiden. Zwar erlebten die den politischen Lagern zugehörigen Frauenorganisationen eine Blüte, aber die Erfahrung einer direkten politischen Beteiligung machten nur wenige.[ftnref]1[/ftnref] 2 Die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Situation bot die Chance, traditionelle Muster des politischen Engagements von Frauen zu verändern. Der Krieg hatte, so empfanden es viele Zeitgenossen, die gesellschaftliche Ordnung und damit auch die traditionellen Rollen von Frauen und Männern erschüttert.3 Die politische Realität der Nachkriegszeit hatte außerdem neue Formen des Engagements der politischen Parteien unter Einbezug breiter Bevölkerungsteile entstehen lassen. Darüber hinaus brachten die an die Macht gekommenen Kommunisten emanzipatorische Losungen und Gleichstellungsprogramme mit, die der politischen Aktivität von Frauen einen wichtigen Platz einräumten. Ziel des Artikels ist es, die Geschlechterverhältnisse in der Polnischen Arbeiterpartei (Polska Partia Robotnicza, PPR) bzw. in der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (Polska Zjednoczona Partia Robotnicza, PZPR) nach dem Zweiten Weltkrieg zu skizzieren. Wie haben sich die Mitgliederzahlen von Frauen in der Partei entwickelt? Was hat diese Entwicklung beeinflusst? Welche Stellung hatten Parteifunktionärinnen inne und welchen politischen Einfluss übten sie aus? Ein wichtiger Bezugspunkt dafür ist die damalige offizielle Politik des Zentralkomitees (ZK) der Partei zur politischen Mobilisierung von Frauen. Die Ausgestaltung des frauenpolitischen Programms der Partei war vielschichtig, unterlag einem ständigen Wandel und stützte sich in gewissem Maße auch auf traditionelle Geschlechtervorstellungen. In der täglichen Parteiarbeit traf die Geschlechterpolitik zudem auf die verinnerlichten Geschlechterstereotype der Funktionärinnen und Funktionäre. Um die Dynamiken des Prozesses berücksichtigen zu können, werden vier Phasen chronologisch getrennt voneinander dargestellt, im Mittelpunkt das jeweils aktuelle frauenpolitische Konzept sowie die Präsenz und Aktivität von Frauen in der Partei. Die erste Phase umfasst die Nachkriegsjahre, die von gesellschaftlichen Umbrüchen und heftigen Machtkämpfen geprägt waren, die sich auf das Engagement von Frauen auswirkten. Die darauffolgenden Jahre des Stalinismus (1948–1956), gekennzeichnet durch eine Totalisierung der Macht und eine nie wieder erreichte ideologische Aufmerksamkeit für die Gleichstellung der Frau, führten trotz der Versuche, die Geschlechtergrenzen zu verschieben, paradoxerweise nicht zu einer erfolgreichen politischen Emanzipation der Frauen. Dieser Zeitraum ist durch eine innere Zäsur geprägt: Im Jahr 1953 wurden die Frauenabteilungen aufgelöst (Phase zwei und drei). Nach dem Stalinismus brach die Zeit des politischen Tauwetters an (Phase vier), die sich verheerend auf die Situation der Frauen in Polen auswirkte, insbesondere auf das Verhältnis zwischen Geschlecht und Macht. Ein Symbol dieser Phase ist die Entfernung der Kategorie »Frau« aus den Statistiken der Parteifunktionäre. 1945–1948: Die unpolitische Offensive der »PPR-Kommunistinnen« Ein halbes Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fand der erste Nachkriegsparteitag der Polnischen Arbeiterpartei, PPR, statt. Die dort verabschiedete Resolution, die sich unter anderem den »wichtigsten Organisationsaufgaben« der Partei widmete, enthielt folgende frauenpolitische Vision: »Die Aufnahme einer massenbasierten Parteiarbeit unter Frauen, die die Mehrheit der werktätigen Bevölkerung stellen, durch aktiven Anteil unserer Partei an der Organisation der Frauenliga und anderer Frauen-Massenorganisationen, durch eine breite Werbung für die Partei unter Frauen, durch das Aufstellen von Frauen, ob Parteimitglied oder parteilos, für verantwortungsvolle staatliche, gesellschaftliche und gewerkschaftliche Positionen. Die Partei sollte auf die Errichtung von Kinderkrippen und Kindergärten hinwirken und Frauen, Arbeiterinnen, Bäuerinnen und ihren Kindern vielfältig Hilfestellung erweisen.«4 Das frauenpolitische Programm verband die politische mit der gesellschaftlichen Dimension. Die vier erwähnten Ziele, nämlich Anreize zum Parteieintritt zu schaffen, die Frauenorganisationen auszubauen – in der Praxis betraf dies die Gesellschaftlich-Staatsbürgerliche Frauenliga (Społeczno-Obywatelska Liga Kobiet, SOLK) –, den gesellschaftlichen Fortschritt voranzutreiben und Maßnahmen der Sozialfürsorge blieben seitdem in der Frauenpolitik des ZK stets präsent.5 Jedoch verloren einzelne Elemente des Programms in den folgenden Jahren an Bedeutung – während andere wichtiger wurden. In den Jahren 1945 bis 1948 war die Partei vor allem an weiblichen Mitgliedern und sozialpolitischen Maßnahmen interessiert, die zum Teil von der Frauenliga übernommen wurden. Diese Aufgaben vertraute die PPR den Frauenabteilungen an, die im Jahr 1946 ins Leben gerufen wurden.6 Diese institutionelle Abtrennung gründete sich nicht nur auf die sowjetische Tradition, sondern auch auf die heimische. Durch die Errichtung von Frauenabteilungen auf der zentralen Ebene, auf Wojewodschafts-, Kreis- und sogar auf Stadtbezirksebene (in Łódź und Warschau) schuf die Partei einen wirksamen Rahmen für die Frauenpolitik. Sie betonte damit die Sonderstellung von »Frauenangelegenheiten«, verlieh dem Geschlecht eine politische Bedeutung und wies nicht zuletzt den Parteifunktionärinnen einen bestimmten Platz zu. Weitere frauenpolitische Verlautbarungen der Partei betonen ihre Wichtigkeit für bevorstehende Wahlen.7 Dass die Anwerbung von Frauen für die Partei zu einem der wichtigsten Ziele der Frauenabteilungen wurde, hatte auch pragmatische Motive. Die PPR musste in kurzer Zeit ihre Position ausbauen und legte daher einen Schwerpunkt auf die organisatorische Entwicklung. In den ersten Jahren nach dem Krieg gingen in offiziellen Verlautbarungen der Partei linke emanzipatorische Forderungen mit der Betonung der Besonderheit von Frauen einher. Für die auf Frauen als Zielgruppe gerichtete Wahlpropaganda hielt man spezielle Parolen für nötig, die »der weiblichen Psyche« entsprechen würden, wie zum Beispiel »Kampf für Frieden und Wohlstand im Staat, für Ruhe im Land und Glück in der Familie«.8 Die politische Mobilisierung von Frauen – die vor allem im Sinne der Gewinnung einer breiten Unterstützung der Partei durch die Frauen verstanden wurde – erfolgte in großem Maße mithilfe sozialer Maßnahmen. Dies wurde insbesondere durch die Frauenliga, eine vorgeblich politisch neutrale Organisation, die in der Praxis jedoch von der Frauenabteilung der PPR kontrolliert wurde, verstärkt, die sich in diesen Jahren vor allem auf soziale Aktivitäten konzentrierte.9 Seit der Gründung der Frauenabteilungen und ihrer Mitwirkung an der Wahlpropaganda stieg der Frauenanteil in der Partei deutlich. Im Jahr 1946 waren nur 36 000 Frauen in der PPR und stellten damit etwa zehn Prozent der Mitglieder.10 Im Januar des folgenden Jahres waren es bereits 94 000, im Juni 160 000 Frauen (19 Prozent). 1948 überstieg die Zahl der weiblichen PPR-Mitglieder 190 000. Auch wenn diese Zahlen kritisch betrachtet werden müssen, da spätere Überprüfungen zeigten, dass weibliche Mitglieder zuweilen doppelt registriert waren, war der Zuwachs dennoch zweifellos rasant. Vor allem Arbeiterinnen zog es in die Partei; in einigen Betrieben überstieg die Zahl der weiblichen PPR-Mitglieder ihren Anteil an der Zahl der Gesamtbeschäftigten.11 Warum traten Frauen der PPR bei? Die fehlende Forschung zur Motivation von Parteieintritten in diesen Jahren erschwert den Versuch, die Motive der Frauen genauer zu beschreiben. Falls es einen geschlechtsspezifischen Grund gab, dann war es die Arbeitslosigkeit, von der nach dem Krieg möglicherweise sogar einige hunderttausend Frauen betroffen waren. Frauen hatten deutlich größere Probleme, Arbeit zu bekommen als Männer.12 Der Parteieintritt erhöhte die Chancen auf eine Beschäftigung.13 Die Frauenstrukturen innerhalb der Partei kämpften energisch gegen die Frauenarbeitslosigkeit, die sie als wesentliches Hindernis ansahen, wenn es darum ging, die volle Unterstützung der Frauen für das neue politische Regime zu erlangen.14 Einen Einfluss auf den steigenden Zustrom von Frauen in die PPR hatte ganz sicher auch die Sozialpolitik, die von den Funktionärinnen der PPR, der von ihr abhängigen Polnischen Sozialistischen Partei (Polska Partia Socjalistyczna, PPS) sowie von der Frauenliga vorangetrieben wurde. Der Arbeitsschutz von Frauen, der Ausbau von Betreuungseinrichtungen (Kinderkrippen, Kindergärten) sowie weitere soziale Maßnahmen, die auf eine Verbesserung der Lebenssituation von Frauen und Kindern ausgerichtet waren, brachten zwar keine völlig zufriedenstellenden Resultate, konnten in der Not der Nachkriegszeit aber eine wesentliche Hilfe darstellen.15 Nicht selten wurden die lokalen Frauenabteilungen zu Stützpunkten der Sozialfürsorge, die Hilfsgüter der UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) austeilten.16 »Die konkrete Auseinandersetzung mit den alltäglichen Ärgernissen bringt die besten Resultate für die Popularität der Partei und den Zustrom von Frauen.« Mit diesen Worten wurde die Strategie zusammengefasst.17 Gleichzeitig vermieden PPR und Frauenliga unpopuläre Parolen, die – wie vermutet und in der Praxis auch bestätigt – die Frauen abschrecken könnten. Aus diesem Grund verwarf man im Jahr 1946 zum Beispiel die Idee, zum Abschluss der Frauentagsfeierlichkeiten die »Internationale« singen zu lassen.18 Im Herbst 1947 kamen Funktionärinnen auf einer Sitzung der Frauenabteilung der PPR zu dem Schluss, dass »wir nicht über Politik sprechen können, ohne sie mit den Angelegenheiten des täglichen Daseins zu verbinden«.19 Ein Rundschreiben des ZK der PPR vom Juli 1946 betonte die Wichtigkeit, »angesichts des großen politischen Rückzugs von Frauen und der durch eine reaktionäre Agitation vermittelten Angst vor der Politik« mittels Organisationen auf die Frauen einzuwirken.20 Man kann also sagen, dass sich die Tätigkeit der Frauenabteilungen in der PPR für die Partei auszahlte. Die sozialpolitische Strategie zur Gewinnung von Frauen, verbunden mit dem Fokus auf der Erhöhung der Mitgliederzahlen, brachte Resultate. Die Frauenabteilung war indes stets unzufrieden mit den Ergebnissen der Anwerbung, obwohl die Zahl von fast 200 000 weiblichen Mitgliedern gemessen am bisherigen Engagement von Frauen in politischen Parteien enorm war. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatten Frauen fünf Prozent der PPS-Mitglieder gestellt, in der illegalen Kommunistischen Partei Polens (KPP) erreichten sie zehn Prozent der Gesamtmitgliederzahl.21 Die Ausgestaltung der Frauenpolitik wirkte sich allerdings nicht positiv auf die Karrieren von Frauen im Parteiapparat aus. Die PPR stellte das Geschlecht der weiblichen Parteimitglieder, von denen im Übrigen ein Beitritt zur Frauenliga erwartet wurde, stark in den Vordergrund, was dazu führte, dass vielen Frauen »Frauenarbeiten« zugewiesen wurden.22 Im Herbst 1946 gelangte Edwarda Orłowska, die vorher die Funktion des Ersten Parteisekretärs der Wojewodschaft Białystok eingenommen hatte, an die Spitze der Frauenabteilung des ZK der PPR.23 Izolda Kiryluk-Kowalska, die in der PPR-Führung in Warschau gearbeitet hatte, erhielt die Aufgabe, die Frauenliga zu organisieren.24 Auch auf Wojewodschaftsebene wurden Vorkriegskommunistinnen für die Frauenpolitik verantwortlich, was viele Funktionärinnen in einem »Geschlechtsbiotop« einschloss. Diese Situation sollte sich bis zur Auflösung der Frauenabteilungen im Jahr 1953 nicht mehr ändern. Gleichzeitig war der Bereich der Frauenpolitik innerhalb der Partei von Beginn an marginalisiert. Bereits im Jahr 1945 stellte ein hoher Funktionär auf einer landesweiten Parteiversammlung fest, dass eine abschätzige Einstellung zur Frauenpolitik, selbst unter den weiblichen Parteiaktiven, verbreitet sei.25 Der Arbeit der Frauenabteilungen wurde keine Anerkennung gezollt; sie traf von Anfang an auf Unverständnis bei den übrigen Funktionären. Selbst die Gründung der Abteilungen verlief mühsam.26 »Man müsste einen Umbruch in den Köpfen der Ersten Sekretäre bewirken«, urteilte Orłowska.27 Der Versuch, durch Rundschreiben und Instruktionen diesen »Umbruch« voranzutreiben, scheiterte. Sie waren wenig geeignet, einen Wandel in der Realität herbeizuführen. Nach Ansicht von Orłowska interessierte sich sogar in den Führungsorganen der Partei nur eine Handvoll Funktionäre für Frauenpolitik.28 Im Jahr 1947, als sich die Zahl der Frauen in den Reihen der Partei erheblich vergrößert hatte, verwies ein Beschluss des ZK der PPR auf die Notwendigkeit, Frauen auch innerhalb der Partei einen Aufstieg zu ermöglichen.29 Dieser zeigte jedoch keine Wirkung auf die Postenverteilung für Funktionärinnen. Die Frauen verloren sogar an Einfluss. In den Jahren 1945/46 gehörte Helena Kozłowska, die zu den Spitzenfunktionären der PPR gezählt wurde, zum engen Führungskreis der Partei.30 Direkt nach dem Krieg führten Frauen die PPR-Strukturen in sechs Wojewodschaften an. Zum Zeitpunkt der Vereinigung von PPR und PPS zur Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, PZPR, im Dezember 1948 gab es bereits keine einzige Frau mehr in einer vergleichbaren Position. Je mehr Macht sich die PPR im Land erkämpfte, desto geringer wurde der Anteil der Frauen an dieser Macht. In den Jahren zwischen 1945 und 1948 bekleideten elf Frauen Leitungs- und Stellvertreterposten innerhalb der Abteilungen des ZK der PPR (einige mehrmals in verschiedenen Abteilungen), was 18 Prozent der insgesamt 60-köpfigen Gruppe ausmachte.31 Die »graue Eminenz« der Personalabteilung war die Frau des Ersten Sekretärs: Zofia Gomułka.32 Die Frauen, die im zentralen Parteiapparat und auf Wojewodschaftsebene arbeiteten, rekrutierten sich aus »alten KPP-Strukturen«33 – sie waren Vorkriegskommunistinnen, von denen viele während der Zweiten Republik im Gefängnis gesessen hatten. Dass sie auf Machtpositionen gelangt waren, kann daher kaum als Effekt der Frauenförderung der Nachkriegszeit gewertet werden. Der festangestellte Parteiapparat unterhalb der zentralen Ebene war noch stärker männlich besetzt. Anfang Januar 1948 waren unterhalb des Zentralkomitees nur 177 Frauen bei der PPR angestellt (sieben Prozent).34 Im Jahr 1948 waren in ganz Polen sieben Frauen Sekretäre von Bezirks- oder Stadtkomitees.35 Die lokalen Parteiapparate, die sich in den Nachkriegsjahren herausbildeten und vor allem neue Parteimitglieder rekrutierten, nahmen – außer für »Frauenarbeiten« – keine Frauen auf. Trotz der zahlreichen Parteieintritte von Frauen wurden diese verhältnismäßig selten auf ideologische Schulungen geschickt, die eine wichtige Stufe auf der Karriereleiter im Apparat bedeuteten. In den Jahren 1944/45 stellten Frauen zehn Prozent der Absolventen der Zentralen Parteischule in Łódź (die von Frauen geführt wurde).36 Doch auch nach Teilnahme an den Kursen in den Parteischulen wurden die Absolventinnen nur selten an der politischen Arbeit der Partei beteiligt und übernahmen weiterhin eher organisatorische Aufgaben.37 Die geschlechterpolitischen Aktivitäten der PPR in der Nachkriegszeit kann man also als ambivalent zusammenfassen. Einerseits strebte die PPR von Beginn an eine politische Mobilisierung von Frauen an und warb systematisch um Parteieintritte. Diese Politik ergab sich aus ideologischen Prämissen, aber auch aus pragmatischen Gründen. Die Furcht vor den »politisch zurückgezogenen« Frauen veranlasste sie zu speziellen frauenpolitischen Maßnahmen, die darauf ausgerichtet waren, den Zuspruch zu vergrößern. Diese Sicht gründete auf der Wahrnehmung von Unterschieden zwischen den Geschlechtern. Das darauf ausgelegte Programm stellte sich als zumindest teilweise wirksam heraus. Trotzdem standen die Parteifunktionäre der Frauenpolitik fortwährend ablehnend gegenüber. Unter diesen Bedingungen konnte das postulierte Vorhaben, den Aufstieg von Frauen innerhalb des Apparates zu fördern, nicht realisiert werden. Obwohl gewisse Grundlagen gelegt wurden, gab es in den ersten Nachkriegsjahren keine Anzeichen dafür, dass sich eine Geschlechterrevolution bei der Postenverteilung ankündigte. Auf dem Höhepunkt des Stalinismus: Mobilisierung und ihre ambivalenten Effekte Der Beginn des Stalinismus in Polen, der allgemein auf Dezember 1948 datiert wird,38 brachte eine Propagandaoffensive bezüglich Gleichberechtigung und Frauenemanzipation mit sich. In der neuen politischen und wirtschaftlichen Situation – zu dieser Zeit nahm der Plan zur beschleunigten Industrialisierung Gestalt an – änderten sich die Grundlagen für die Frauenpolitik. Dennoch war die Politik der zentralen Parteiorgane zunächst wechselhaft. Von Herbst 1948 bis März 1950 änderten sie mehrmals die Ziele der Frauenpolitik und formulierten fortwährend Beschlüsse, die niemals herausgegeben wurden. Noch im Herbst 1949 betonte eine Beschlussvorlage die Notwendigkeit, Frauen für die Partei zu gewinnen. Das letztendlich verabschiedete Dekret vom März 1950 ordnete zwar an, die Beteiligung von Frauen in den Parteiorganen zu erhöhen sowie den festangestellten Parteiapparat für Frauen auszubauen; von der Anwerbung neuer weiblicher Parteimitglieder war aber keine Rede mehr – das entsprach dem allgemeinen Trend, die Partei für neue Mitglieder weniger zugänglich zu machen. Es wurde nicht mehr zum Eintritt ermuntert – Kandidaten mussten sich von nun an selbst für ein Parteibuch verdient machen. Ende 1950 zählte die PZPR die wenigsten Mitglieder und Kandidaten in ihrer Geschichte.39 Im Gegensatz dazu vermerkte der März-Beschluss von 1950 das Ziel, den Aufstieg von Frauen im Parteiapparat zu erleichtern und unterstrich, dass dies der Stärkung der Parteiarbeit unter den Frauen dienen würde. Mit anderen Worten: Frauen im Parteiapparat seien nötig, um alle Frauen politisch zu aktivieren, sich »für die Volksherrschaft und die Aufgaben des sozialistischen Aufbaus« einzubringen.40 Eine Vorlage von Ende 1949 definierte die Frauenpolitik als »Mobilisierung immer weiterer Kreise von Frauen zur schöpferischen Arbeit im Dienste Volkspolens, zur breiten Front des Kampfes für Frieden und Fortschritt«.41 Unter den Bedingungen des Stalinismus umfasste dies auch Bereiche, die bisher als unpolitisch betrachtet wurden. Somit erweiterte sich der Rahmen dessen, was als politische Mobilisierung von Frauen verstanden wurde. Es war eine Abkehr von einer eng verstandenen Politik, die die Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Parteizugehörigkeit gerichtet hatte. Die politische Mobilisierung sollte sich nun von der Partei zu den Frauenorganisationen verschieben und auf diese Weise alle Frauen erfassen. Seit 1949 konzentrierte sich die Frauenliga (jetzt nicht mehr unter der Bezeichnung »sozial-staatsbürgerlich«) auf politische Ziele und wurde zum Transmissionsriemen zwischen der PZPR und den Frauen. Die Frauenabteilungen der Partei erhielten die Aufgabe, die »Frauenbewegung« anzuführen. Gleichzeitig akzentuierten Beschlussvorlagen (und ein herausgegebener Beschluss) sehr viel stärker als bisher das politische Desinteresse der Frauen, ihre ideologische Unreflektiertheit und ihre Neigung, den Einflüssen der »Reaktion« zu verfallen (hier vor allem in Gestalt der katholischen Kirche). Möglicherweise hatten die Ereignisse des Jahres 1949 zu dieser Wahrnehmung geführt, als sich während des vermeintlichen »Lubliner Wunders«42 auch Parteifunktionärinnen aus Łódź, der Hauptstadt der polnischen Textilindustrie, als religiös erwiesen. Gleichzeitig könnte die Wahrnehmung von Frauen als »rückwärtsgerichtet« auch aus der UdSSR übernommen worden sein.43 Dies alles trug nicht unbedingt zur Erhöhung der Zahl der weiblichen Mitglieder und Kandidatinnen der Partei bei; es kam sogar zu einem Abfall des absoluten und prozentualen Frauenanteils in der PZPR. Während der größten Offensive der Gleichberechtigungsideologie verringerte sich die Zahl der Frauen in der Partei um fast ein Fünftel. Zum Zeitpunkt der Vereinigung von PPR und PPS hatten 250 000 Frauen einer der beiden Parteien angehört; Mitte 1952 waren es nur noch 205 000. Der Frauenanteil in der Partei sank damit unter 18 Prozent. Ein Teil der Mitgliederverluste war den Säuberungen des Jahres 1949 geschuldet. Diese waren jedoch nicht geschlechtsspezifisch – weibliche und männliche Mitglieder verloren ihr Parteibuch aus ähnlichen Gründen. Wie aus einer im Jahr 1951 von der Frauenabteilung der PZPR erstellten Analyse hervorgeht, quittierten Frauen ihre Parteimitgliedschaft bei Umzug an einen neuen Wohnort, bei Beendigung der Berufstätigkeit und nach Heirat mit einem Nichtparteimitglied. »Wenn Frauen auf ihre ersten Lebensschwierigkeiten stoßen, fallen sie von der Partei ab«, so eine Bemerkung.44 Einige erklärten ihren Parteiaustritt mit häuslichen Pflichten; die ungünstigen Öffnungszeiten von Krippen und Kindergärten und der Mangel an Dienstleistungseinrichtungen mache eine politische Aktivität unmöglich. In der für Parteischreiben charakteristischen Art verweist die Analyse auf die unzureichende »Parteiarbeit« als Hauptgrund für das beschriebene Phänomen und übergeht die Gründe für die Unlust der Frauen, in die Partei einzutreten. Warum traten Frauen nicht mehr in die Partei ein? Wenn man sich die spezifischen Beweggründe erneut vor Augen führt, die die PPR für Frauen attraktiv gemacht hatten, kann man feststellen, dass diese Motivationen während des Stalinismus eine deutlich geringere Rolle spielten. Sowohl die Frauenabteilungen als auch die ihnen unterstehende Frauenliga interessierten sich nicht mehr für die alltäglichen Probleme der Frauen. In der neuen wirtschaftlichen Situation drohte den Frauen auch keine Arbeitslosigkeit mehr. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen hatten sich hingegen sehr verschlechtert, was aber die Funktionärinnen, die von der politischen Mobilisierung absorbiert waren, nicht wahrnahmen. Obwohl der Staat offiziell niemals aufhörte, sich um »Mutter und Kind« zu kümmern, waren Frauenliga und Partei in der Praxis in diesem Bereich nicht sehr aktiv.45 Eine weitere Erklärung für die geringen PZPR-Beitritte von Frauen in dieser Zeit könnte die fehlende Akzeptanz für die politischen Praktiken der Partei in den Jahren des Stalinismus sein. Im Fall der Frauen war der stärkste Grund für diese Abneigung die Religiosität. Dass die Frauen als der Kirche besonders verbunden betrachtet wurden, war nicht nur ein Stereotyp. Es finden sich viele Beispiele, die auf einen Zusammenhang zwischen Religiosität und Ablehnung des Kommunismus verweisen. Der Kampf gegen die Kirche und die Atheisierung weckten Widerwillen und oft sogar offenen Widerspruch von Frauen, darunter auch Arbeiterinnen, die die Mehrzahl der weiblichen Partei-mitglieder stellten. Dies wirkte sich auf die Bereitschaft zum Parteieintritt aus: »Frauen aus dem Bezirk Iława wollen nicht in die Partei eintreten, da sie nicht einer Partei angehören möchten, die gegen die Religion kämpft.«46 Ebenso zeigen Beispiele von weiblichem Widerstand in diesen Jahren die Bedeutung der Anbindung an die Kirche.47 Möglicherweise lässt sich der Abfall der Mitgliederzahlen von Frauen in der PZPR mit der Steigerung der kirchenfeindlichen Politik nach Gründung der Partei in Verbindung bringen. In den Jahren zwischen 1945 und 1948 war diese Politik noch nicht derart ausgeprägt. Nach den verbitterten Briefen zu urteilen, die 1949 an die Frauenzeitschrift Przyjaciółka gesandt wurden, verloren die Leserinnen aufgrund des Kampfes gegen die Kirche das letzte Vertrauen in die Machthaber.48 Andererseits ist auch bekannt, dass ihre Religiosität viele nicht daran hinderte, in die Partei einzutreten und dort aktiv zu sein. Dies zeigt das Verhalten der Lodzer Fabrikarbeiterinnen während des »Lubliner Wunders« im Sommer 1949. Während dieser Ereignisse stellte sich heraus, dass sowohl die Partei- als auch die Gewerkschaftsfunktionärinnen aus Łódź und Umgebung mit der Kirche verbunden waren: »Unter ihnen gibt es viele praktizierende Katholikinnen, die seit 1945 Parteimitglieder sind. Die Genossinnen nahmen teil am Verkauf von Kreuzen, Medaillons und anderen Devotionalien […] Die Frauen fragen auf den Versammlungen, was sie tun sollen, wenn ihnen nicht mehr erlaubt sei, zur Kirche zu gehen.«49 In Śrem »wurde eine Genossin zu einer 12-tägigen Parteischulung nach Poznań geschickt, die nach Beendigung des Kurses die Arbeit [in der Partei] aufgab, weil sie, wie sie selbst sagte, zu sehr mit der Kirche verbunden sei«.50 Die in den Jahren 1949/50 vorbereiteten Beschlüsse zur Frauenpolitik sagten den Aufstieg von Frauen in allen Bereichen voraus: in der Berufstätigkeit, aber auch innerhalb der Partei. Die höchsten Parteigremien befanden die bisherige Aktivität von weiblichen Parteimitgliedern als nicht ausreichend. Jedoch revolutionierte der Stalinismus keineswegs die Präsenz und Aktivität von Frauen auf den verschiedenen Ebenen des Parteiapparats. Nur wenige Frauen drangen in die zentralen und lokalen Parteieliten vor, die als entscheidende Posten in den Komitees angesehen wurden. Es gab in diesen Jahren keine Frau, die zum engen Führungskreis der PZPR gehörte. An den Sitzungen des Politbüros nahm nur eine verdiente kommunistische Funktionärin teil: Maria Rutkiewicz,51 die als Büroleiterin des Sekretariats des Zentralkomitees der PZPR das Protokoll führte. Funktionärinnen traten hier in traditionellen Frauenrollen auf: als Protokollantinnen und Stenotypistinnen. Ende 1950 stellten 77 Frauen ein Drittel der angestellten politischen Mitarbeiter des ZK. In den folgenden Jahren stieg ihre Zahl, während ihr prozentualer Anteil etwas sank, da sich der Apparat stark erweiterte. Generell war der Frauenanteil unter den Angestellten des Zentralorgans der PZPR (im Jahr 1953: 26 Prozent) aber höher als der durchschnittliche Frauenanteil in der Partei (etwa 18 Prozent). Unter den Funktionärinnen, die hohe Posten bekleideten, tauchten kaum neue Namen auf. Zu den »alten KPP-lerinnen« gesellten sich lediglich einige PPS-Sozialistinnen. Im Zentralapparat wurden Frauen Leitungsfunktionen eher in den traditionellen Frauenbereichen anvertraut – im Bereich Personal, interne Verwaltung, Kultur, Bildung und natürlich Frauenpolitik. Die Präsenz von Frauen in Leitungspositionen in den Bereichen Parteischulung, Lehre und Parteigeschichte ist auffällig. Das Personal dieser Abteilungen war ebenfalls verhältnismäßig stark feminisiert. In den wichtigen Bereichen wie der landesweiten Parteiorganisation und -verwaltung, Ökonomie, Landwirtschaft und sogar Leichtindustrie (obwohl die Mehrzahl der dort Beschäftigten weiblich war), Handel und Propaganda arbeiteten nur wenige Frauen. Andererseits gab es durchaus Frauen wie Helena Kozłowska und Zofia Staros, die auch in diesen Bereichen Leitungs- oder Stellvertreterfunktionen bekleideten.52 Im Zentralapparat der PZPR nahmen Frauen mehrheitlich untergeordnete Posten ein. Mit großer Sicherheit diente ein Teil dieser Positionen eher der Anerkennung einer revolutionären Biografie (man nannte diese Funktionärinnen übrigens abschätzig »Revolutionstanten«), als dass man diese Frauen mit realen Machtbefugnissen ausstattete. Dennoch konnten einige aufgrund ihrer Posten und persönlichen Stellung wichtige Positionen im Machtsystem einnehmen. Politikerinnen wie Teodora Feder und Julia Brystygier hatten tatsächlich Einfluss auf die Entscheidungsprozesse der Führung und gestalteten selbstständig Politikbereiche. Julia Brystygier leitete zum Beispiel eine der wichtigsten Abteilungen des Ministeriums für öffentliche Sicherheit und war maßgeblich für die staatliche Anti-Kirchen-Politik zuständig. Die Macht dieser Frauen war größer als die der Vorkriegspolitikerinnen und hielt sich bis spätestens Mitte der 1950er Jahre. Vor dem Hintergrund der männlichen Machteliten blieben sie aber eine Ausnahme. Je weiter weg von der Zentrale in Warschau, desto seltener waren Frauen in Leitungspositionen vertreten.53 Dies ist mit der Kluft zu erklären, die den vergleichsweise großen Kreis der verdienten Funktionärinnen innerhalb der ZK-Strukturen, die teilweise höhere Posten bekleideten, von der sogenannten Fläche trennte, in der Frauen während des Stalinismus nur selten aufstiegen. Der Anteil an Arbeiterinnen im Parteiapparat stieg um einige Prozentpunkte (auf etwa 14 Prozent im Jahr 1953), aber in Leitungsfunktionen befanden sich nach wie vor kaum Frauen. Dazu kam, dass jede zehnte Arbeiterin in den Wojewodschaftskomitees mit Frauenpolitik befasst war. Die einzige Ausnahme war die extra zu diesem Zweck ins Leben gerufene Position des 3. Sekretärs (für Propaganda) in den Kreiskomitees.54 Im Jahr 1953 war ein Drittel dieser festangestellten Posten von Frauen besetzt – weit weniger als ursprünglich vorgesehen. In den Komitees der mittleren und unteren Ebenen arbeiteten zunehmend mehr Frauen. Sie stellten bis zu einem Drittel der Instrukteure und Referenten in den Wojewodschaftskomitees und über die Hälfte in den Kreiskomitees. Die »politische Arbeit« im Angestelltenstatus wurde im Stalinismus für Frauen allgemein zugänglich – auch für junge Frauen, die vorher nicht mit der Politik verbunden waren. Dieses Phänomen kann man als gewisse Verschiebung der Geschlechtergrenzen in der Welt der aktiven Politik interpretieren. Andererseits war dieser Aufstieg begrenzt: Die mehreren Hundert Referentinnen und Instrukteurinnen waren nicht mehr und nicht weniger als Parteibeamte. Weibliche Staatsbeamte stellten jedoch eine ohnehin seit dem Ende des Ersten Weltkriegs kontinuierlich gewachsene Berufsgruppe dar.55 Im bürokratisierten Apparat der herrschenden Partei, die im Grunde das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben parallel zur staatlichen Verwaltung bestimmte, nahmen die Frauen also lediglich einen für sie ziemlich typischen Platz ein. Der Stalinismus brachte keine neuen Funktionärinnen hervor, die real Macht ausübten. Fast alle Frauen, die in dieser Zeit wichtigere Posten bekleideten, hatten bereits vor dem Krieg der KPP angehört. Natürlich gab es einzelne Karrieren von »neuen Menschen«: So war beispielsweise im Jahr 1952 Petronela Waszkiewicz (Jahrgang 1908, einfache soziale Herkunft) Kandidatin für die zweijährige ZK-Parteischule. Sie besuchte einen sechsmonatigen Kurs der Zentralen Schule der PPR, danach war sie Sekretär eines Stadtbezirkskomitees, um dann 1950/51 zur Vorsitzenden der Organisationsabteilung im Wojewodschaftskomitee Krakau aufzusteigen.56 Den Frauen war ein gewisser, wenn auch begrenzter Aufstieg, möglich: Sie übernahmen Vorsitze in lokalen Strukturen der Frauenliga oder führten Frauenabteilungen. In der Regel gingen die Frauen, die solche Funktionen während des Stalinismus erhielten, in den Bereich der Exekutive, zu den ausführenden Organen der Partei, die über die laufende Politik bestimmten und in wichtigen Fragen Entscheidungen trafen. Stellte die »Frauenarbeit« auf der zentralen Ebene, wie bereits gezeigt, einen fraglichen Aufstieg dar, so wurde sie auf der niederen Ebene zum Passierschein für Entscheidungsgremien. Die Analyse der Sitzungsprotokolle der Exekutive zeigt jedoch, dass sich die Aktivität etlicher Funktionärinnen schlicht auf ihre Anwesenheit während der Sitzungen beschränkte. Der in diesen Jahren erhöhte ideologische Druck führte dazu, dass die Frauenpolitik bei den Funktionären der unteren Ebenen populärer wurde. Man übertrug den Beschluss des ZK vom März 1950, besprach ihn auf den Sitzungen der Exekutive, manchmal gab es lokale Beschlüsse ähnlichen Inhalts.57 Dies trug zum Teil Früchte – so hatten Frauen nun beispielsweise Zugang zu Schulungen, die auf eine Arbeit in den sogenannten neuen (als männlich angesehenen) Berufen vorbereiteten. Einige stiegen in der Parteihierarchie auf. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich der »Unterbau« der Partei nun mit den Zielen der Frauenpolitik identifiziert hatte: Nicht selten wurden die Beschlüsse rein mechanisch umgesetzt, oftmals offen geringgeschätzt.58 Halina Węgrowska, Aktivistin der Arbeit und im Stadtkomitee der PZPR in Żyrardów frauenpolitisch engagiert, wurde »als Läuferin benutzt«, das heißt lediglich zu niederen Arbeiten eingesetzt.59 Vielen lokalen Funktionären erschien die Vorstellung gar abwegig, dass eine Frau Leitungsfunktionen übernehmen könnte; in Grodków reagierte »der Zweite Bezirkssekretär unwillig auf den Umstand, dass eine Frau der Organisationsabteilung beitrat, und begründete dies damit, dass eine Frau schließlich nicht das tun sollte, was ein Mann macht«.60 Dass die Gender-Revolution innerhalb der Parteigremien begrenzt blieb, lässt sich jedoch nicht nur mit einem kulturellen Widerstand erklären. Nicht selten ließ sich trotz der Bemühungen lokaler Funktionäre einfach keine geeignete Kandidatin für einen Posten finden. Das war ein größeres Problem, betraf jedoch nicht nur Frauen. Die Arbeit im Parteiapparat gehörte in diesen Jahren eher zu den undankbaren Beschäftigungen, die Bezahlung war schlecht und man verlangte von den Apparatschiks ständige Einsatz- und Opferbereitschaft.61 Deshalb verließen Angestellte in Scharen die unteren Ebenen des Parteiapparats oder lehnten die Aufnahme solcher Tätigkeiten von vornherein ab. Das Stadtkomitee in Bydgoszcz stellte verhältnismäßig viele Frauen für Parteiposten auf, von denen etliche die Aufgabe »aufgrund des geringen Niveaus der Arbeit wie auch aus Mangel an Lust auf eine Arbeit im Apparat« nicht annahmen.62 Zusammenfassend kann man für den Zeitraum von 1948 bis 1953 sagen, dass der Wandel von Inhalt und Methoden der Frauenpolitik nicht zur Steigerung der Zahl von Genossinnen führte, sondern sogar indirekt dazu beitrug, dass das Interesse der Frauen an der Parteizugehörigkeit sank. Die Bemühungen um einen Aufstieg von Frauen machten auch um die Partei selbst keinen Bogen, sodass man in den Jahren 1949 bis 1953 auf der mittleren und unteren Ebene eine Erhöhung der Frauenpräsenz beobachten konnte. Die Funktionärinnen – übrigens nicht nur der Partei, sondern zum Beispiel auch ihres Jugendverbands Związek Młodzieży Polskiej (ZMP) – wurden in der politischen Landschaft sichtbar. Jedoch war dieser Wandel begrenzt und, wie sich herausstellen sollte, nicht von Dauer. Auf dem Höhepunkt der Herrschaft des Stalinismus änderte sich aus der Geschlechterperspektive nichts. 1953–1956: Der Niedergang der Frauenpolitik Seit Juni 1952 erarbeitete die Frauenabteilung der PZPR Programme zur Änderung der bisherigen Frauenpolitik. Anfang 1953 schließlich beantragte sie ihre eigene Auflösung. Um die Beseitigung dieser seit 1946 bestehenden Struktur in der Partei zu rechtfertigen, bediente man sich optimistischer Rückschlüsse auf Zahlen, die belegen sollten, dass in der Partei ein Bewusstsein für die Frauenpolitik eingezogen sei und die Frauen für den »Aufbau des Sozialismus« mobilisiert seien. Diese Schlussfolgerungen waren ganz klar übertrieben, obwohl es tatsächlich scheinen konnte, als seien die Ziele der Frauenpolitik in einigen Bereichen umgesetzt (wenn auch nicht unbedingt als Ergebnis der Frauenpolitik). Die meisten Frauen waren berufstätig, zum Teil in den sogenannten neuen Berufen, viele wurden Aktivistinnen der Arbeit. Der Aufstieg von Frauen in der Partei wurde hingegen – wahrheitsgemäß – als nicht erfolgreich angesehen.63 Gemäß dieser Argumentation gab das Sekretariat im Februar 1953 einen Beschluss heraus, der die Frauenpolitik in die Hände der Organisationsabteilung übergab.64 In der Praxis widmete die Partei seitdem diesen Fragen deutlich weniger Aufmerksamkeit, obwohl das ZK der PZPR nach wie vor Leitlinien für die Frauenliga erstellte. Einige Komitees nutzten die Gelegenheit, sich des Problems der »Frauenarbeit« komplett zu entledigen.65 Es ist nur schwer vorstellbar, dass den Funktionärinnen die Konsequenzen des Beschlusses nicht bewusst waren. Angesichts dessen ist die in den offiziellen Dokumenten präsentierte Begründung nicht überzeugend. Eine gewisse Rolle könnte das sowjetische Vorbild spielen – dort war die Frauenabteilung in der Partei ebenfalls nach einigen Jahren aufgelöst worden. In der kommunistischen Ideologie und politischen Praxis existierte immer eine Spannung zwischen dem Kampf für die Emanzipation der Frauen und der Priorität des Klassenkampfes, zwischen der Überzeugung, Frauen seien politisch desinteressiert und erziehungsbedürftig auf der einen, und dem Glauben an die emanzipatorische Macht, die das System selbst entfalte, auf der anderen Seite. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass der Zentralapparat der PZPR tatsächlich an der politischen Mobilisierung von Frauen interessiert war. Doch fielen nicht wenige Entscheidungen, die dieser Intention Form verleihen sollten, mechanisch und aus einer bürokratischen Mentalität heraus. So beschloss das ZK der PZPR im Juni 1953 beispielsweise, die Betriebszirkel der Frauenliga aufzulösen, die damals das wichtigste Tätigkeitsfeld der Organisation darstellten. Auf diese Weise sollte sich die Liga auf die Agitation bei den Hausfrauen konzentrieren.66 Die Folge war jedoch eine starke Schwächung der Organisation. Etwa 200 Stellen wurden gestrichen, und Hausfrauen konnten auch nicht mobilisiert werden. Unabhängig von den eigentlichen Motiven hatte die Auflösung der Frauenabteilungen weitere Konsequenzen. Erstens degradierte sie einen Teil der Funktionärinnen oder warf sie gleich aus dem Parteiapparat. Edwarda Orłowska wurde Vorsitzende der Gesellschaft für Polnisch-Sowjetische Freundschaft. Ihre Stellvertreterin gab die Parteiarbeit auf, obwohl sie 1954 in das ZK gewählt wurde. Eine andere Funktionärin schickte man zur Frauenliga. Auf Wojewodschaftsebene hingegen wurden die ehemaligen Vorsitzenden der Frauenabteilungen nicht immer auf schlechtere Posten abgeschoben; einige von ihnen erhielten Leitungsposten in erheblich wichtigeren Abteilungen (Verwaltung, Propaganda). Diese Frauen profitierten von der Auflösung der Frauenabteilungen. Die Lektüre von ZK-Dokumenten, die der Frauenpolitik gewidmet sind, zeigt, dass die Arbeit in diesem Feld immer stärker ritualisiert wurde und sich zunehmend von der Realität entfernte. Gleichzeitig nahmen in der Partei interessante Entwicklungen ihren Lauf. Seit der zweiten Jahreshälfte 1953 traten Frauen wieder bereitwilliger in die Partei ein. Im Jahr 1954 kamen über 30 000 weibliche neue Mitglieder, sodass sich die Zahl der Frauen in der PZPR wieder dem Ausgangsniveau (von Ende 1948) näherte. Zum ersten Mal nahm man eine erhebliche Zahl von Bäuerinnen in die Partei auf.67 Der Zustrom von Frauen in die Partei entsprach einer allgemeinen Tendenz. Im Zusammenhang mit dem II. Parteitag der PZPR 1954 unternahm man wieder Anstrengungen zur Erhöhung der Mitgliederzahlen. Das zeigt, dass die Ausgestaltung der Frauenpolitik in bestimmten Phasen nur sehr begrenzten Einfluss auf das Engagement von Frauen in der Partei hatte. Leider kann man die Gruppe der neu aufgenommenen Frauen in der PZPR nur schwer charakterisieren. Waren es Nutznießerinnen des neuen Systems und der Aufstiegsmöglichkeiten, die der Stalinismus den Frauen geboten hatte? Die Hälfte der neuen PZPR-Mitglieder entstammte dem Jugendverband ZMP und bekannte sich mit Engagement zum Kommunismus; unter ihnen viele Mädchen.68 In den Jahren zwischen 1953 und 1956 änderte sich die Position der Frauen im Parteiapparat nicht. Allerdings stand zum ersten Mal in der Geschichte der PZPR eine Frau an der Spitze einer Wojewodschaftsparteiorganisation. Michalina Tatarkówna-Majkowska, Textilarbeiterin und Vorkriegskommunistin, übernahm im Jahr 1953 die Funktion des Erstens Sekretärs im Wojewodschaftskomitee in Łódź (dies blieb sie bis 1955 und war danach bis 1964 Erster Sekretär des Stadtkomitees Łódź, das dem Wojewodschaftskomitee gleichrangig war). Łódź war in Bezug auf die Geschlechterverhältnisse ein besonderer Ort. Die Hauptstadt der von Frauen dominierten Textilindustrie besaß eine lange Tradition gewerkschaftlicher und politischer Aktivität von Frauen. Diese stellten dort ein Drittel der Parteimitglieder, nur etwas geringer war der Anteil an Arbeiterinnen im Parteiapparat, auch auf Entscheidungsposten.69 Tatarkówna war zweifellos eine wichtige Persönlichkeit, obwohl ihre Karriere auf dem Posten des Ersten Sekretärs stagnierte (sie trat aufgrund eines Konfliktes mit Władysław Gomułka ab). In der gleichen Weise, wie sie den Aufstieg symbolisiert, bildet sie auch eine extreme Ausnahme. In der Provinz begannen sich die stalinistischen Experimente zu erschöpfen. Der Versuch, den Aufstieg von oben einzuführen, endete mit einem Misserfolg. Im Jahr 1955 arbeiteten nur noch 20 Frauen als Propagandasekretäre (nicht einmal acht Prozent).70 Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte sich allerdings niemand im ZK mit diesem Debakel – zumindest nicht mit der Ursachenanalyse. Die »Tauwetter«-Periode deutete sich an, die sich für die Frauen als besonders nachtteilig erweisen sollte. Entstalinisierung: Die Funktionärinnen verschwinden Das politische »Tauwetter« brachte eine kritische Diskussion zur Frauenemanzipation mit sich, insbesondere zur Emanzipation durch die Aufnahme einer Berufstätigkeit. Die Politik der »Produktivierung« von Frauen wurde infrage gestellt. In der Arbeitswelt kam es zu einer Wende zurück zur traditionellen Aufteilung der Geschlechterrollen.71 Auch die politische Arbeit der Frauenliga wurde allgemein kritisiert. Die Funktionärinnen der Organisation versuchten damals, ihre Ziele neu zu formulieren und sich wieder verstärkt Alltagsproblemen zuzuwenden. Dadurch festigten sie die traditionellen Frauenrollen. Die Liga wurde nicht entpolitisiert, musste aber nun typische Rituale der politischen Mobilisierung (z. B. das Begehen von Jahrestagen) mit Beratung und der Organisation von Koch- und Nähkursen verbinden.72 Die Frauenpolitik wurde – infolge der organisatorischen Änderungen von 1953 – ein absolut nachrangiges Thema in der PZPR. Ähnlich wie in den 1940er Jahren konzentrierten sich frauenpolitische Maßnahmen auf unpolitische Bereiche wie die Organisation von Handarbeitskursen. Zwar wurde die politische Aktivität von Frauen nicht offen infrage gestellt. Niemand forderte öffentlich, dass die weiblichen Beschäftigten im Parteiapparat »an den heimischen Herd« zurückkehren sollten. Von der Intention, die traditionelle Rollenverteilung in der Partei zu durchbrechen, blieb allerdings nichts übrig. Dies spiegelt möglicherweise eine breitere konservative Kehrtwende von Partei und Staat in dieser Zeit wider. Symbolisiert wird die neue Herangehensweise an den politischen Aufstieg von Frauen dadurch, dass die Kategorie Geschlecht nach 1956 aus den Statistiken des Parteiapparats verschwand.73 Daten über die Zahl der Frauen im Parteiapparat gegen Ende des Jahrzehnts kann man aus diesem Grund nur später entstandenen Dokumenten entnehmen. 1962 arbeiteten zwei Frauen auf dem Posten des Ersten Sekretärs des Komitees auf Kreisebene (0,5 Prozent); zehn Jahre zuvor waren es 19. Auch unter den Instrukteuren und Referenten – ein im Stalinismus stark feminisierter Bereich in der Partei – verringerte sich die Zahl der Frauen erheblich. Im Jahr 1953 waren 17 Prozent der Instrukteure Frauen, die Referentinnen stellten 60 Prozent; 1962 war die Gruppe auf ein Drittel geschrumpft und stellte lediglich 12 Prozent.74 In den lokalen Parteikomitees arbeiteten weniger Frauen als in Hütten und Bergwerken. Auf den höheren Ebenen konnten die meisten der altgedienten Funktionärinnen ihre Positionen halten. Im ZK, in der Zentralen Parteikontrollkommission und in den zentralen Instituten bekleideten sie nach wie vor wichtige Funktionen. Nur wenige von ihnen fielen den Säuberungen der Entstalinisierung zum Opfer, da die meisten nicht zum engen Entscheidungskreis in der stalinistischen Phase gehört hatten. Mitte der 1960er Jahre gingen jedoch viele in Rente oder traten aus politischen Gründen, z. B. aufgrund von Konflikten mit der Parteiführung um Władysław Gomułka, ab.75 An ihre Stelle rückten keine Neuen. Einen Leitungsposten im ZK nahm erst 1972 wieder eine Frau ein. In den letzten zwei Jahrzehnten der Existenz der Volksrepublik Polen gab es insgesamt nur fünf. Männer übernahmen dafür sogar Arbeiten, die als »Frauenarbeit« betrachtet wurden – sie führten die Kanzlei des Sekretariats des ZK. Seit Ende der 1950er Jahre (der III. Parteitag der PZPR hatte im Jahr 1959 stattgefunden) kann man beobachten, dass Frauen entsprechend einem ideologischen Schlüssel in Parteigremien verschiedenster Ebenen aufgenommen wurden. 1959 saßen im ZK unter anderem ein Professor der Warschauer Universität und eine Näherin – die Sekretärin der Grundorganisation der Partei in einer Fabrik. In der Praxis führte ihre politische Rolle nicht über die lokale Dimension hinaus. Frauen sollten sich immer in wichtigen Gremien und Instituten (zum Beispiel im Sejm) befinden, um durch ihre Anwesenheit zu beweisen, dass die Emanzipation vollzogen sei. Darum waren die Positionen der weiblichen ZK-Mitglieder Mitte der 1950er und in den 1960er Jahren nicht vergleichbar. Allgemein gehaltene emanzipatorische Parolen blieben bis zum Ende der Volksrepublik präsent. Seit Ende der 1950er Jahre funktionierten sie nur noch in ritualisierter Form und hatten keine Beziehung zur politischen Praxis mehr.76 Die Reaktion der Frauen auf das Desinteresse der Partei folgte prompt. Seit 1956 verringerte sich ihr absoluter und ihr prozentualer Anteil an den Parteimitgliedern erheblich. Gab es im Januar 1956 noch eine Viertelmillion weibliche Parteimitglieder (fast genauso viele wie im Jahr 1949), waren es im Januar 1958 nur noch 160 000. Innerhalb von drei Jahren hatten 100 000 Frauen die Partei verlassen. Viel deutet darauf hin, dass die während des Tauwetters erneuerten kulturellen Barrieren diesen Mitgliederschwund erklären können. Die politische Aktivität, aber auch die einfache Parteizugehörigkeit, die den Zugang zu verschiedenen Waren erleichterte, wurde wieder zur Männerdomäne. Zu Beginn der 1960er Jahre führte die Partei in ihren Statistiken die Kategorie Geschlecht wieder ein. Teilweise nahm sie auch die Rhetorik von der Steigerung des Frauenanteils in ihr Propaganda-Arsenal wieder auf. 1960 verordnete eine Instruktion, »den Anteil von Frauen und Jugendlichen in den Parteiorganen zu erhöhen, der im Verhältnis zu ihrer sozialen Aktivität im Parteileben unverhältnismäßig niedrig ist«.77 Instruktionen dieser Art hatten jedoch keinen größeren Einfluss auf die Realität. Gleichzeitig betonten offizielle Parteiverlautbarungen im Laufe der Zeit zunehmend die traditionelle Rolle der Frau und integrierten sie in das Projekt der sozialistischen Gesellschaft.78 Man wandte sich an die Frauen als Mütter, als Kindergärtnerinnen – auf dem Feld der Familienrhetorik fand der reale Kampf um die »Seelen« zwischen den Machthabern und der katholischen Kirche statt. Fokussiert auf diese Front, legten die Machthaber keinen besonderen Wert auf eine rein politische Aktivierung von Frauen. Die Partei führte die »Frauenbewegung« weiterhin an, aber immer weniger auf direktem Wege. Sie vertraute die Aufsicht außerparteilichen Körperschaften wie der Frauenliga und einer speziell ins Leben gerufenen Struktur an, dem Landesrat der Polnischen Frauen (Krajowa Rada Kobiet Polskich). Auf die nächste Verlautbarung der Partei zur Frauenpolitik musste man bis zum Jahr 1966 warten; die damals herausgegebene Instruktion äußerte sich allerdings nicht näher zur Aktivität von Frauen innerhalb der Partei.79 Auch in den folgenden Jahrzehnten änderte sich die Position von Frauen in den Parteiorganen nicht grundlegend. Zwar vergrößerte sich die Gruppe der politisch aktiven Frauen, aber sie übernahmen keine Leitungsfunktionen.80 Erst Mitte der 1970er Jahre stand wieder eine Frau an der Spitze einer Wojewodschaftsorganisation – allerdings erst nach der Verwaltungsreform, die die Zahl der Wojewodschaften deutlich erhöht und damit die Bedeutung der Wojewodschaftskomitees herabgesetzt hatte. In den 1980er Jahren nahm das Politbüro zwei Frauen auf. Die erste war im Jahr 1981 Zofia Grzyb: Arbeiterin und Mitglied der Gewerkschaft Solidarność. Ihre Aufnahme in das höchste Entscheidungsgremium war zweifellos eine Propagandageste; reale Macht wurde ihr nicht übertragen. Auf ähnliche Weise wurde sie einige Jahre später von einer weiteren Arbeiterin, Maria Milczarek, abgelöst, die den Vorsitz der Familienkommission des ZK der PZPR übernahm.81 Fazit Die Geschichte des Engagements von Frauen in der PPR und PZPR weist einerseits gewisse Dynamiken in Fragen der Parteizugehörigkeit und politischen Aktivität auf, andererseits eine grundsätzliche qualitative Unveränderlichkeit der Geschlechterverhältnisse. Der Ausgangspunkt ist gekennzeichnet durch einen hohen Anteil von Frauen in der Machtelite bei einem verschwindend geringen Anteil unter den normalen Parteimitgliedern und einer fehlenden Tradition von weiblichem Engagement in politischen Bewegungen. Im Jahr 1960 befinden sich kaum noch Frauen in der Parteielite, ihr Anteil an den Parteimitgliedern schwächelt, während gleichzeitig die Propaganda zu Emanzipation und politischer Mobilisierung von Frauen in den Kanon aufgenommen wird. Dieses Paradox ergibt sich aus der Wirkung der von den höchsten Parteigremien formulierten offiziellen Gleichberechtigungspolitik auf der einen und der Kraft der traditionellen Geschlechterstereotype auf der anderen Seite. Erstere war inkonsequent, und ihre Ergebnisse waren den Zielen zum Teil diametral entgegengesetzt. Die Frauenpolitik schaffte es nicht, den Frauen ein reales politisches Engagement zu erleichtern. Sie enthielt ausgesprochen stark geschlechtsunterscheidende Elemente und wies vielen Funktionärinnen spezifische und prestigelose Positionen zu. Letztendlich war sie eher Ausdruck für die Vorstellungen der Machthaber über Frauen und ihre nützliche Verwendung, als dass sie Frauen Werkzeuge zur Erlangung von Gleichstellung an die Hand gab. Von den traditionellen Vorstellungen, die einen Einfluss auf die Aktivität von Frauen in der Partei hatten, dominierte die Überzeugung, dass der Bereich der Macht den Männern gehört. Es gab sehr viele Frauen in der Partei, Tausende arbeiteten als Angestellte in politischen Positionen, aber die Grenze ihres Engagements war stets die Grenze tatsächlicher Macht. Eine Ausnahme stellten die langgedienten kommunistischen Funktionärinnen dar, deren Position noch aus einer Zeit stammte, als die KPP nicht an der Macht war. Zweitens platzierten traditionelle Vorstellungen die Frauen in »Frauenberufen« und in Bereichen, die als »frauengemäß« angesehen wurden. Der offiziellen Ideologie der Frauenemanzipation, die besonders im Stalinismus in konkrete politische Schritte umgesetzt wurde, gelang es, das Bild weiblicher Aktivität im begrenzten Maße zu verändern (jedoch lediglich zahlenmäßig). Doch auch diese kleinen Änderungen stellten sich als nicht dauerhaft heraus. Nach 1956 wurde die Partei zunehmend konservativer. Aus dem Polnischen von Andrea Rudorff [ftntext]Die wortwörtliche Übersetzung der Originalüberschrift lautet: Frauen in den kommunistischen Parteien PPR/PZPR – die Paradoxe der »Arbeit unter Frauen«. Zur besseren Verständlichkeit wird dieser Slogan in Zukunft mit Frauenpolitik übersetzt [Anm. der Übers.].[/ftntext] 2 Siehe Anna Żarnowska/Andrzej Szwarc (Hg.): Równe prawa i nierówne szanse. Kobiety w Polsce międzywojennej [Gleiche Rechte und ungleiche Chancen. Frauen im Polen der Zwischenkriegszeit], Teil 1: W polityce [In der Politik], Warszawa 2000. 3 Siehe Małgorzata Fidelis: Czy nowy matriarchat? Kobiety bez mężczyzn w Polsce po drugiej wojnie światowej [Ein neues Matriarchat? Frauen ohne Männer in Polen nach dem Zweiten Weltkrieg], in: Anna Żarnowska/Andrzej Szwarc (Hg.): Kobieta i rewolucja obyczajowa: społeczno-kulturowe aspekty seksualności. Wiek XIX i XX [Frau und Sittenrevolution: gesellschaftskulturelle Aspekte der Sexualität im 19. und 20. Jahrhundert], Warszawa 2006. 4 Resolution vom I. Parteitag der PPR zu organisatorischen Fragen, in: Władysław Góra/Ryszard Halaba/Norbert Kołomejczyk (Hg.): PPR. Rezolucje, odezwy, instrukcje i okólniki Komitetu Centralnego VIII 1944 – XII 1945 [Die PPR. Resolutionen, Aufrufe, Instruktionen und Rundschreiben des Zentralkomitees von August 1944 bis Dezember 1945], Warszawa 1959, S. 214 f. 5 Daran knüpfte auch das Statut der PPR an, das auf dem I. Parteitag verabschiedet wurde. 6 Zur Tätigkeit der Frauenabteilungen der PPR und PPS nach dem Krieg siehe Małgorzata Fidelis: Women, Communism, and Industrialization in Postwar Poland, Cambridge 2010. 7 Siehe Rundschreiben des ZK der PPR zur Arbeit unter Frauen, Instruktion des ZK der PPR zur Frauenpolitik und die Organisation von Frauenabteilungen innerhalb der Wojewodschaftskomitees der PPR, in: Władysław Góra/Ryszard Halaba/Norbert Kołomejczyk (Hg.): PPR: rezolucje, odezwy, instrukcje i okólniki Komitetu Centralnego I 1946-I 1947 [Die PPR: Resolutionen, Instruktionen und Rundschreiben des Zentralkomitees von Januar 1946 bis Januar 1947], Warszawa 1961. 8 Instruktion des ZK der PPR (Anm. 7). 9 Siehe Dariusz Jarosz: Idee, programy i realia: funkcje Ligi Kobiet w porządku instytucjonalnym Polski Ludowej (1945–1957) [Ideen, Programme und Realitäten: Die Funktionen der Frauenliga in der institutionellen Ordnung der Volksrepublik (1945–1957)], in: Agnieszka Janiak-Jasińska/Katarzyna Sierakowska/Andrzej Szwarc (Hg): Działaczki społeczne, feministki, obywatelki … Samoorganizowanie się kobiet na ziemiach polskich po 1918 roku (na tle porównawczym) [Gesellschaftliche Aktivistinnen, Feministinnen, Staatsbürgerinnen ... Die Selbstorganisation von Frauen in Polen nach 1918 (im Vergleich)], Bd. 2, Warszawa 2009. 10 Die Zahl der Frauen in der Partei, Juli und September 1946, in: Archiwum Akt Nowych/Zentralkomitee der Polnischen Arbeiterpartei (im Folgenden: AAN), 295/XVI-3, Bl. 20. 11 Siehe Jędrzej Chumiński: Aktywność polityczna kobiet w zakładach przemysłowych w latach 1945–1956 [Die politische Aktivität von Frauen in Industriebetrieben 1945–1956], in: E. Kościk/T. Głowiński (Hg.): Gospodarka i społeczeństwo w czasach PRL-u [Wirtschaft und Gesellschaft in der VRP], Wrocław 2007, S. 235–240. 12 Siehe Natalia Jarska: Praca zawodowa robotnic w Polsce w latach 1945–1960 [Die Berufstätigkeit von Arbeiterinnen in Polen in den Jahren 1945–1960], Dissertation The Tadeusz Manteuffel Institute of History. Polish Academy of Sciences 2013. 13 Siehe z. B. Bericht der Wojewodschafts-Frauenabteilung der PPR für den Monat September 1947, in: AAN, KC PPR, 295/XVI-7, Bl. 48. 14 Siehe Bericht der Wojewodschafts-Frauenabteilung der PPR [in Bydgoszcz] für den Monat September 1947, in: AAN, KC PPR, 295/XVI-6, Bl. 40. 15 Siehe z. B. Sitzungsprotokoll der Frauenabteilung des ZK der PPR vom 29. August 1946, in: AAN, KC PPR, 295/XVI-2. 16 Siehe Bericht der Frauenabteilung der PPR in Białystok, November/Dezember 1946, in: AAN, KC PPR, 295/XVI-6, Bl. 18. 17 Bericht der Frauenabteilung beim ZK der PPR, Juli 1946, in: AAN, KC PPR, 295/XVI-3, Bl. 12. 18 Siehe Bericht der Organisationsabteilung der Stadtverwaltung der Frauenliga vom 1. März bis 11. März [1946], in: AAN, KC PPR, 295/XVI-14, Bl. 1. 19 Sitzungsprotokoll der Frauenabteilung des ZK der PPR vom 18. Oktober 1947, in: AAN, KC PPR, 295/XVI-2, Bl. 93. 20 Instruktion des ZK der PPR (Anm. 7). 21 Siehe Maria Nartonowicz-Kot: Socjalistki w życiu politycznym i społecznym Polski lat międzywojennych. Łódź i okręg łódzki [Sozialistinnen im politischen und gesellschaftlichen Leben im Polen der Zwischenkriegszeit in Łódź und Umgebung], in: Anna Żarnowska/Andrzej Szwarc (Hg.): Kobieta i świat polityki. W niepodległej Polsce [Die Frau und die Welt der Politik im unabhängigen Polen], Warszawa 1994, S. 104. 22 Siehe Zum Stand der Frauenpolitik am 25. Oktober 1946, in: AAN, KC PPR, 295/XVI-3, Bl. 18. 23 Siehe Zentralkartei der PZPR (ZK), AAN, 22328. 24 Siehe AAN, CK, 5979, 21312. 25 »Die Genossinnen werden in den Parteiorganisationen allgemeine Arbeiten verrichten, aber vor der Frauenpolitik fürchten sie sich, die wollen sie nicht.« Protokoll der ersten landesweiten Beratung der PPR in Warschau, 27. und 28. 5. 1945, in: Norbert Kołomejczyk (Bearbeiter): Archiwum Ruchu Robotniczego [Archiv der Arbeiterbewegung], Bd. 7, S. 63 f. 26 Siehe Versammlungsprotokoll der Frauenabteilung beim ZK der PPR, 15. Mai 1946, in: AAN, KC PPR, 295/XVI-2, Bl. 4. 27 Sitzungsprotokoll der Frauenabteilung beim ZK der PPR, 7. Juni 1946, in: AAN, KC PPR, 295/XVI-2. 28 Siehe Rede von Edwarda Orłowska, 1947, in: AAN, KC PPR, 295/XVI-27, Bl. 1 f. 29 Siehe Beschluss des Sekretariats des ZK der PPR zur Frauenpolitik, in: Władysław Góra/Ryszard Halaba/Norbert Kołomejczyk (Hg.): PPR: rezolucje, odzewy, instrukcje i okólniki Komitetu Centralnego I 1947-XII 1948 [Die PPR: Resolutionen, Aufrufe, Instruktionen und Rundschreiben des Zentralkomitees von Januar 1947 bis Dezember 1948], Warszawa 1973, S. 61–65. 30 Siehe Spitzenfunktionäre der PPR, in: AAN, KC PPR, 295/VII-79, Bl. 102; AAN, 237/XXIII-406; CK, 21214. Siehe Celina Budzyńska/Helena Kozłowska, in: Żanna Kormanowa/Feliks Tych (Hg.): Słownik biograficzny działaczy polskiego ruchu robotniczego [Biographisches Wörterbuch der Funktionäre der polnischen Arbeiterbewegung], Bd. 3, Warszawa 1992, S. 391 f. Siehe auch Aleksandra Domańska: Ulica cioci Oli [Die Straße von Tante Ola], Warszawa 2013. 31 Eigene Auszählung auf Grundlage von Polska Partia Robotnicza. Zjazdy, posiedzenia plenarne KC, władze centralne i wojewódzkie, przedstawicielstwo w parlamencie i rządzie 1944–1948 (informator) [Die Polnische Arbeiterpartei. Parteitage und Plenarsitzungen des ZK, der Zentral- und Wojewodschaftsorgane sowie die Vertretung im Parlament und in der Regierung 1944–1948] in: Kołomejczyk: Archiwum Ruchu Robotniczego, Bd. 7 (Anm. 25). 32 Siehe Protokolle der Plenarsitzungen des ZK der PPR vom 11. bis 12. Juli und 3. bis 4. Oktober 1945, in: ebd. 33 Die Kommunistische Partei Polens (Komunistyczna Partia Polski, KPP) existierte seit 1918 und wurde im Jahr 1938 durch die Komintern aufgelöst. 34 Siehe Statistische Aufstellung der Parteifunktionäre, in: AAN, KC PPR, 295/XXI-11, Bl. 2. 35 Siehe Statistische Aufstellung der Parteifunktionäre auf Wojewodschaftsebene, in: AAN, KC PPR, 295/XXI-11, Bl. 3-18. 36 Siehe Norbert Kołomejczyk: PPR 1944–1945 (Studia nad rozwojem organizacyjnym partii) [Die PPR 1944–1945 – Untersuchungen zur organisatorischen Entwicklung der Partei], Warszawa 1965, S. 298. 37 Siehe Tätigkeitsbericht der Frauenabteilung des Wojewodschaftskomitees der PPR für den Zeitraum Mai 1947 bis Februar 1948, in: AAN, KC PPR, 295/XVI-6. 38 In diesem Monat vereinigten sich die PPR und die PPS zur Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (Polska Zjednoczona Partia Robotnicza, PZPR). 39 Siehe Leszek Gilejko: Członkowie PZPR – próba typologii [Die Mitglieder der PZPR – Versuch einer Typologie], in: Dariusz Stola/ Krzysztof Persak (Hg.): PZPR jako machina władzy [Die PZPR als eine Maschine der Macht], Warszawa 2012, S. 123. 40 Zur Frauenpolitik. Beschluss des Politbüros des Zentralkomitees der PZPR, Warszawa 1950. 41 Beschluss des Politbüros zur Frauenpolitik, in: AAN, ZK der PZPR, 237/XV-8Bl. 16 f. 42 Am 3. Juli 1949 erschienen auf einem Bild der Gottesmutter in der Lubliner Kathedrale Tränen. Aus ganz Polen strömten daraufhin Pilger nach Lublin. Dies wurde von den Behörden mit scharfen Maßnahmen unterbunden. 43 Siehe E. A. Wood: The Baba and the Comrade. Gender and Politics in Revolutionary Russia, Bloomington 1997. 44 Notiz zum Mitgliederverlust von Frauen in der Partei, in: AAN, ZK der PZPR, 237/XV-4, Bl. 30-32. 45 Siehe Jarosz: Idee, programy, realia (Anm. 9), S. 324. 46 Besprechungsprotokoll von weiblichen Führungskräften der Frauenabteilungen auf Wojewodschafts-ebene, 12. August 1949, in: AAN, KC PZPR, 237/XV-1, Bl. 32. 47 Siehe den Artikel von Grzegorz Miernik und Ryszard Gryz, in: Natalia Jarska/Jan Olaszek (Hg.): Płeć buntu. Kobiety w oporze społecznym i opozycji w Polsce w latach 1944–1989 na tle porównawczym [Das Geschlecht der Revolte. Frauen im gesellschaftlichen Widerstand und in der Opposition in den Jahren 1944–1989 in vergleichender Perspektive], Warszawa 2014. 48 Die Zeitschrift »Przyjaciółka« [Freundin] erschien seit 1948 und hatte eine Auflage von einer Million Exemplaren. Viele Leserbriefe wurden von der Redaktion veröffentlicht, jedoch nicht jene mit politischem Inhalt. Diese sind teilweise noch in Archiven erhalten. Siehe Berichte zu den Briefen an die »Przyjaciółka«, in: AAN, KC PZPR, 237/XV-31. 49 Sitzungsprotokoll der Exekutive des PZPR-Komitees in Łódź, 11. August 1949, in: AAN, KC PZPR, 237/VII-1421, Bl. 212. 50 Bericht vom Aufenthalt in der Wojewodschaft Poznań, Analyse zur Umsetzung des Beschlusses des Politbüros zur Frauenpolitik, 19. bis 23. Oktober 1950, in: AAN, KC PZPR, 237/XV-7, Bl. 11. 51 Rutkiewicz war Mitglied einer der Initiativgruppen der PPR, die noch während der deutschen Besatzung aus der Sowjetunion nach Polen versetzt wurden. In den Jahren 1945/46 leitete sie die Frauenabteilungen der PPR in Krakau, danach arbeitete sie im Zentralkomitee. Seit Dezember 1948 bis Dezember 1949 war sie Büroleiterin im Sekretariat des Zentralkomitees; seit 1951 Instrukteurin in der Kaderabteilung des ZK. Sie war eine der jüngsten Frauen im Leitungsapparat des ZK (Jahrgang 1917). AAN, CK, 21427. Die nächste Protokollantin wurde Eugenia Kubowska, die vor dem Krieg der KPP angehört hatte. Die Jahre von 1937 bis 1945 verbrachte sie in einem sowjetischen Lager. Siehe Aleksander Kochański: Obsada personalna kierownictw wydziałów KC PZPR 1948–1990 [Das Leitungspersonal der Abteilungen des ZK der PZPR 1948–1990], in: Włodzimierz Janowski/Aleksander Kochański/Krzysztof Persak (Hg.): Informator o strukturze i obsadzie personalnej centralnego aparatu PZPR 1948–1990 [Struktur und personelle Besetzung des zentralen Parteiapparats der PZPR 1948–1990], Warszawa 2000, S. 101–144. 52 AAN, CK, 22770, 6256, 10743. Zofia Staros ist das einzige Beispiel für eine Frau, die, vergleichsweise jung und ohne vor 1945 mit der Politik verbunden gewesen zu sein, in die Elite vordrang. 53 Ähnlich bei Andrzej Friszke: Próba portretu zbiorowego aparatu partyjnego [Versuch eines Kollektivportraits des Parteiapparats], in: Stola/Persak (Hg.): PZPR jako machina władzy (Anm. 39), S. 73. 54 Siehe Notiz zur Berufung von 150 Dritten Sekretären in den Stadt- und Kreiskomitees, in: AAN, KC PZPR, MF 50141, Bl. 18 f. 55 Siehe Janusz Żarnowski: Praca zawodowa kobiet w Polsce międzywojennej [Die Berufstätigkeit von Frauen in Polen während der Zwischenkriegszeit], in: Anna Żarnowska/Andrzej Szwarc (Hg.): Kobieta i praca. Wiek XIX i XX [Frau und Arbeit. 19. und 20. Jahrhundert], Warszawa 2000. 56 Siehe Statistische Aufstellung der Kandidaten für die zweijährige Parteischule beim ZK im Jahr 1952, in: AAN, KC PZPR, 237/VII-164, Bl. 91. 57 Siehe z. B. den Entwurf für einen Beschluss des Stadtkomitees Łódź der PZPR zur Frauenpolitik, in: AAN, KC PZPR, 237/XV-17, Bl. 203 f. 58 Ein Beispiel ist das Verhältnis der PZPR-Betriebsgruppe zur Frauenpolitik im Textilwerk in Żyrardów (mit sehr vielen weiblichen Beschäftigten), siehe Bericht der Kommission des Zentralkomitees zur Parteiarbeit im Werk Żyrardów, in: AAN, KC PZPR, 237/X-39, 1951, Bl. 31. 59 Siehe Analyse der Frauenarbeit in Żyrardów, in: AAN, KC PZPR, 237/X-39, Bl. 71. 60 Sitzungsprotokoll der Frauenabteilung unter Beteiligung der Leiter der Wojewodschaftsfrauenabteilungen und der Vorsitzenden und Sekretäre der Wojewodschaftsabteilungen der Frauenliga, in: AAN, KC PZPR, 237/XV-2. 61 Siehe Benon Dymek: Geneza i działalność Polskiej Zjednoczonej Partii Robotniczej 1948–1954 [Entstehung und Tätigkeit der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei 1948–1954], Warszawa 1988, S. 427. 62 Beschlüsse des Stadtkomitees in Bydgoszcz, 1950, in: AAN, KC PZPR, B49079. 63 Siehe Beschluss über die Änderung der Ausgestaltung der Frauenpolitik, 26. Januar 1953, AAN, KC PZPR, 237/VIII-76, Bl. 2. 64 Über den weiteren Verlauf der Diskussion auf der Sitzung des Sekretariats des Organisationsbüros des ZK der PZPR, auf dem die Entscheidung zur Herausgabe des Beschlusses getroffen wurde, ist nichts bekannt. Fest steht aber, dass die Endredaktion drei sehr wichtigen Mitgliedern der Parteielite anvertraut wurde. AAN, KC PZPR, 1657, Sitzungsprotokoll des Sekretariats des Organisationsbüros vom 26. Januar 1953. 65 Siehe Notiz des Frauensektors zur Realisierung des Beschlusses des Sekretariats des ZK vom Februar 1953, AAN, KC PZPR, 237/VII-151, Bl. 16 f. 66 Siehe Zur Verstärkung der Organisierung unter Frauen, in: AAN, KC PZPR, 237/VII-151, Bl. 7. 67 Siehe Neumitglieder der PZPR, Januar bis März 1954, in: AAN, ZK der PZPR, 237/VII–3993, Bl. 32. 68 Siehe Dymek: Geneza (Anm. 61), S. 320. 69 Mehr zu den regionalen Unterschieden siehe Natalia Jarska: Kobiety w PZPR 1948–1956 [Frauen in der PZPR 1948–1956], in: Agnieszka Klarman/Ewa Chabros (Hg.): Kobiety »na zakręcie« 1933–1989 [Frauen »an der Schwelle« 1933–1989], Wrocław 2014. 70 Siehe Statistische Aufstellung der Sekretäre für Propaganda der Kreis-, Stadt- und Stadtteilkomitees, 1955, in: AAN, KC PZPR, 237/VII-2739, Bl. 41. 71 Siehe Fidelis: Women, Communism (Anm. 6). 72 Siehe Barbara Nowak: Serving Women and the State: the League of Women in Communist Poland, Dissertation, Ohio State University, 2004; Natalia Jarska: Liga Kobiet w terenie. Działalność Zarządu Dzielnicowego Poznań-Wilda 1956–1966 [Die Frauenliga in der Provinz. Die Tätigkeit der Stadtteilverwaltung in Poznań-Wilda 1956–1966], in: Łukasz Kamiński/Tomasz Kozłowski (Hg.): Letnia Szkoła Historii Najnowszej 2009. Referaty [Sommerschule zur Neuesten Geschichte 2009. Vorträge], Warszawa 2010. 73 Siehe z. B. AAN, KC PZPR, B 54097 [Daten nach 1959]. 74 Siehe Statistik der Beschäftigten im politischen Apparat, 1963, in: AAN, KC PZPR, B54167. 75 Viele Funktionärinnen wurden der Politik überdrüssig und entschieden sich in den Umbruchsjahren 1968 und 1970, aus der Partei auszutreten. 76 Siehe Natalia Jarska: Obchody Dnia Kobiet w Polsce Ludowej 1945–1989 [Die Frauentagsfeiern in der Volksrepublik Polen 1945–1989], in: Dzieje Najnowsze (2010), H. 4. 77 AAN, KC PZPR, 237/VII-15, Instruktion zu Versammlungen und Konferenzen mit Berichterstattungs- und Wahlcharakter, Bl. 283. 78 Siehe Padraic Kenney: The Gender of Resistance in Communist Poland, in: American Historical Review (1999), H. 4. 79 Siehe Instruktion des Sekretariats des ZK »Über die Parteiarbeit unter Frauen« 1966, in: AAN, KC PZPR, 237/VII-23, Bl. 274-287. 80 Siehe Daniel N. Nelson: Women in local politics. Poland and Romania, in: Sharon L. Wolchik/Alfred G. Meyer (Hg.): Women, State, and Party in Eastern Europe, Durham 1985, S. 152–167. 81 Siehe Tadeusz Mołdawa: Ludzie władzy 1944–1991. Władze państwowe i polityczne Polski według stanu na dzień 28 II 1991 [Die Menschen der Macht 1944–1991. Staats- und Parteieliten, Stand 28.2.1991], Warszawa 1991.

JHK 2015

Die Schwestern Gehrmann. Zwei deutsche Kommunistinnen zwischen Engagement und Resignation

Tanja Stern

Die Schwestern Magdalena (1899–1969) und Charlotte (1901–1985) Gehrmann gehörten zum Fußvolk der Geschichte. Weder beruflich noch politisch hatten sie je bedeutende Positionen inne; doch ihre Biografien als Frauen und als Kommunistinnen der ersten Stunde spiegeln über das Individuelle hinaus fast lehrbuchhaft all das wider, was deutschen Kommunisten im 20. Jahrhundert widerfahren konnte.1 Die beiden Schwestern wachsen in einer Berliner Arbeiterfamilie auf. Die resolute Mutter Berta Gehrmann sorgt dafür, dass sie nach der Schule, genau wie ihre Brüder, eine Berufsausbildung absolvieren. Sie sollen keine »Dienstbolzen« werden oder auf die Versorgung durch einen Ehemann angewiesen sein. Magda und Charlotte belegen Steno- und Schreibmaschinenkurse, verdienen sich ihr erstes Geld im Büro. Schon als sehr junge Mädchen treten sie der Roten Arbeiterjugend bei – wahrscheinlich noch ohne weitergehende ideologische Ambitionen: Sie wollen mit Gleichaltrigen zusammen sein, gemeinsam etwas Schönes, Spannendes erleben. Bei der Roten Arbeiterjugend gibt es Ausflüge an den Wannsee, Gesang am nächtlichen Lagerfeuer und hitzige philosophische Debatten darüber, wie die Welt besser werden kann. Es ist die Zeit, in der sich die deutsche Arbeiterbewegung zu spalten und zu radikalisieren beginnt. Das von Marx und Engels entwickelte Modell einer gesellschaftlichen Umverteilung ist in diesen Kreisen höchst populär, und mit dem Fortschreiten des Ersten Weltkriegs, der ganz Europa ins Elend stürzt, wächst unter der Arbeiterschaft die Bereitschaft zur gewaltsamen Selbstbefreiung, die dieses Modell verwirklichen soll. Insbesondere die revolutionär gesinnte Jugend blickt 1917 bewundernd nach Russland, wo Lenins Partei im radikalen Handstreich die überkommene bürgerliche Demokratie hinweggefegt hat. Könnte das doch in Deutschland auch geschehen! Im Herbst 1918 scheint sich die ersehnte Gelegenheit zum Umsturz zu bieten. Das Land steht vor der militärischen Niederlage. Überall brodeln Unruhen, das Staatsgefüge wankt. Dies ist die große Stunde der Linken, deren Parteien, Bünde und Räte jetzt nur so aus dem Boden schießen. Dies ist auch die erste politische Hoch-Zeit im Leben der beiden Gehrmann-Schwestern. Wie im Sommer an den Wannsee ziehen sie im Spätherbst mit ihren Freunden in die Lehrter Straße, um das dortige Gefängnis zu stürmen und ihre Genossen zu befreien. Auch beim Sturm auf die Maikäferkaserne in der Chausseestraße am 9. November 1918 sind die Gehrmann-Mädchen dabei. Hier gibt es die ersten Opfer der deutschen Novemberrevolution, darunter Erich Habersaath, der erst 25-jährige Gruppenführer der Berliner Arbeiterjugend, der dem Demonstrationszug voranmarschiert. Herzschuss, der junge Mann ist sofort tot. Er war ein Freund der Gehrmann-Schwestern. Spätestens jetzt ist die Zeit der netten Landausflüge und der theoretischen Debatten vorbei. Mit einem Schlag erwachsen geworden, finden sich Magda und Charlotte Gehrmann mitten in den Wirren einer aus den Fugen geratenen Welt. Die dramatischen Novembertage des Jahres 1918 werden ihr weiteres Leben prägen: Ihre Arbeitsstellen, ihre Männer – jeder Schritt, den sie tun, wird fortan ideologisch dominiert sein. Unversehens sind sie in die kommunistische Bewegung hineingeraten wie in einen reißenden Strudel, aus dem es kein Zurück mehr gibt in die seichten Gewässer der Normalität. Auf die Höhe der Revolution folgen bald die Niederungen des Alltags, und die Gehrmann-Mädchen tun weiterhin das, wofür sie ausgebildet sind: Sie nehmen Steno-Diktate auf und tippen Texte in die Maschine, aber jetzt in den Büros der neu gegründeten USPD und im Auftrag ihrer Genossen. Die berühmten Hauptakteure der Geschichte sind ihre Kampfgefährten und zugleich ihre Chefs, deren Reden und Manifeste sie in lesbare Form zu bringen haben. Zu ihnen gehört auch Viktor Stern (1885–1958), Rabbinersohn aus Mähren, promovierter Philosoph und seit Kriegsende hauptamtlicher Kommunist – ein Parteiarbeiter mit Leib und Seele. Er schreibt Artikel für die Partei, organisiert Versammlungen oder zieht als kommunistischer »Wanderprediger« durch das Land. Natürlich nimmt er auch aktiv an den Kämpfen teil, die Anfang der 1920er Jahre die junge Weimarer Republik erschüttern. Beim kommunistischen Ruhr-Aufstand, der 1920 auf den Kapp-Putsch folgt, wird er in den Zentralrat gewählt. In Leuna, einem Kerngebiet der kommunistischen Bewegung, ist er als Leiter des dortigen USPD-Blatts einer der Lokalmatadoren. Als er vom Polizeichef ausgewiesen wird, reagieren die Arbeiter der Region mit einem machtvollen Generalstreik.2 Viktor Stern ist der Mann, in den sich Magda um das Jahr 1920 verliebt. Er ist fünfzehn Jahre älter als sie und ihr an Bildung und Erfahrung weit überlegen. Anfangs blickt sie zu ihm auf wie zu einem Lehrer. Natürlich wollen beide eine unkonventionelle, eine wahrhaft kommunistische Ehe führen, fest vereint im Kampf um die große Sache. 1921 kommt ihr gemeinsamer Sohn Heinz zur Welt. Im selben Jahr wird Viktor Stern aufgrund kommunistischer Aktivitäten aus Deutschland ausgewiesen – er ist tschechischer Staatsbürger. Mit seiner Familie geht er nach Wien, wo er als Chefredakteur der Roten Fahne arbeitet. Das tschechische Reichenberg und Prag sind weitere Stationen des Wanderlebens, das die Eheleute Stern in den nächsten Jahren führen – er als Propagandist, Redakteur und Abgeordneter der tschechischen Kommunistischen Partei (KPTsch), sie als seine Sekretärin. Doch die 1922 geschlossene Ehe hält im Alltag ihren Ansprüchen nicht stand. Bald empfindet Magda Viktors Lehrer-Attitüde nicht mehr als Ausdruck eines großen Geistes, sondern als verbohrte Rechthaberei. In diesen Jahren wird die KPTsch, die Viktor Stern im Parlament vertritt, auf stalinistischen Kurs gebracht, sodass er von Berufs wegen ständig in hysterischen Fraktionskämpfen gegen »Revisionisten« und »Abweichler« wettert. Auch im häuslichen Bereich wittert er hinter jedem Widerspruch Defätismus und verteidigt seine Position mit einem Pathos, als gelte es, das letzte Gefecht der Internationale zu bestehen. Die ehelichen Streitigkeiten häufen sich, 1928 kommt es zur Trennung der Eheleute. Viktor Stern wird später im sowjetischen Exil zum fanatischen Stalinisten mutieren und es als solcher in der frühen DDR zum Dekan an der Zentralen SED-Parteihochschule Kleinmachnow bringen.3 Magda kehrt 1928 mit ihrem Sohn nach Berlin zurück, wohnt wieder bei ihren Eltern und findet Arbeit bei der Roten Fahne. Ihre Schwester Charlotte Gehrmann, die gleichfalls in der elterlichen Wohnung lebt, hat mittlerweile Karriere gemacht und bekleidet eine Vertrauensstellung im Büro Ernst Thälmanns, des Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD); später wird sie die Sekretärin Wilhelm Piecks. Ihr Lebensgefährte ist Leo Flieg (1893–1939), rechte Hand Ernst Thälmanns und zu jener Zeit einer der wichtigsten Männer der Partei, auch wenn er sich als graue Eminenz gewöhnlich klug im Hintergrund hält. In erster Linie leitet er das sogenannte Technische Zentralkomitee, das für hochsensible, auch konspirative Bereiche des Parteiapparats zuständig ist, von der Verwaltung der Finanzen bis hin zur berühmten Passfälscherabteilung, die Kommunisten aus ganz Europa mit gefälschten Papieren versorgt.4 Wie die Beziehung zwischen Magda und Viktor Stern steht auch diejenige zwischen Charlotte Gehrmann und Leo Flieg ganz im Zeichen der politischen Arbeit für die Sache des Kommunismus. Für die beiden scheint es völlig normal zu sein, dass die Partei sich das Recht nimmt, nach Belieben in ihr Privatleben einzugreifen, jahrelange Trennungen zu verfügen oder Schwangerschaften zu untersagen. So werden beide Gehrmann-Schwestern in den 1920er Jahren wiederholt von der Komintern-Zentrale als Stenotypistinnen für Monate nach Moskau beordert. Charlotte Gehrmann nimmt darüber hinaus an Auslandseinsätzen von weitaus gefährlicherem Charakter teil, denn über Leo Flieg wird sie auch in die streng geheime konspirative Arbeit der KPD bzw. der Komintern einbezogen. Belegt ist etwa eine Reise nach China, bei der Charlotte 1932 im Auftrag der Moskauer Komintern-Zentrale als Geldkurierin fungierte – sicher kein Einzelfall. Doch niemand, nicht einmal die eigene Familie, weiß über solche Aktionen Bescheid. Es sind dies vergleichsweise gute Jahre im Leben der beiden Gehrmann-Schwestern, denn bei aller Strenge der politischen Arbeit bleibt ihnen immer noch Zeit, das Leben auch ganz unpolitisch zu genießen, von der Kulturvielfalt im Berlin der späten Weimarer Republik bis hin zu anregenden Abenden im gleichgesinnten Freundeskreis. Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten hat dies gleichsam über Nacht ein Ende. Das Zentralkomitee der KPD, Charlottes langjähriger Arbeitgeber, wird ebenso in die Illegalität verbannt wie die Zeitschrift Rote Post, für die Magda zuletzt tätig war – auf Arbeitslosigkeit folgt soziale Isolation. Die Schwestern haben fast ausschließlich in kommunistischen Kreisen verkehrt, ihr alltägliches Leben ist so stark mit der Marx’schen Ideologie verwoben, dass deren Verbot und Niederlage für sie einer Katastrophe gleichkommt. Innerhalb von wenigen Wochen gehen fast alle ihre Freunde ins Exil oder werden Opfer der ersten Verhaftungswelle nach dem Reichstagsbrand. Auch Leo Flieg, Charlottes Lebensgefährte, dessen Name auf der Fahndungsliste steht, hat sich nach Frankreich abgesetzt. Die Gehrmann-Schwestern setzen ihre Arbeit für die KPD in der Illegalität fort. Über eine Deckadresse unterhält Charlotte Kontakt zu Leo Flieg, tauscht mit ihm Nachrichten aus dem In- und Ausland. Sie verwaltet Gelder für die KPD, reist wiederholt im Komintern-Auftrag nach Litauen und verwahrt in der Gehrmann’schen Wohnung Leo Fliegs Bibliothek, deren bloßer Besitz unter Strafe steht – »etwa 15 Zentner kommunistische Bücher«, wie es später in dem Urteil gegen sie heißt.5 Die ganze Familie Gehrmann wird an der illegalen Arbeit der Schwestern beteiligt: Die Mutter befördert geheime Briefe und verhilft Charlotte zu ihrer Deckadresse; selbst Magdas Sohn, der damals gerade zwölfjährige Heinz, wird als Kurier eingesetzt. Vielleicht ist Magda und Charlotte das Ausmaß der Gefahr, in die sie sich begeben, anfangs gar nicht bewusst – vielleicht teilen sie die damals weitverbreitete Ansicht, das Hitlerregime sei bald am Ende, und nehmen den Kampf mit dem neuen Gegner als ein Katz-und-Maus-Spiel, wie sie es in der Weimarer Republik oft genug mit der Obrigkeit gespielt hatten. Aber diesmal ist es kein Spiel. Die Gehrmann-Schwestern sind als aktive Kommunistinnen bekannt und wahrscheinlich schon seit Längerem unter Beobachtung. Nachdem in Kassel eine Deckadresse aufgeflogen ist, die auch einen Hinweis auf Charlottes Tarnung liefert, findet bei den Gehrmanns im November 1933 eine Hausdurchsuchung statt. Dabei wird eine Fülle von belastendem Material konfisziert. Beide Gehrmann-Schwestern und ihre Mutter werden von der Gestapo verhaftet. Glücklicherweise haben die Gehrmanns einen Rechtsanwalt in der Familie: Dr. Imanuel Stern (1882–1960). Der Bruder von Magdas Ex-Ehemann Viktor Stern ist ebenfalls Kommunist und versteht seine Anwaltstätigkeit auch als ideologischen Dienst. Aus Brünn, wo er praktiziert, reist er umgehend nach Berlin und übernimmt die Verteidigung der Frauen. In Bezug auf seine Ex-Schwägerin Magda macht er geltend, dass sie aufgrund ihrer Heirat tschechische Staatsbürgerin sei und nicht der deutschen Justiz unterstehe. Dass die Stern’sche Ehe längst geschieden ist, brauchen Magdas Ankläger nicht zu wissen. Der Coup gelingt: Nach drei Wochen Haft wird Magda auf freien Fuß gesetzt. Eine Beteiligung an kommunistischen Aktivitäten kann ihr ohnehin nicht nachgewiesen werden. Gleich nach ihrer Freilassung verlässt sie das Land und reiht sich in das gewaltige Heer der deutschen Exilanten ein. Für Charlotte kann Imanuel Stern dagegen wenig tun; sie bleibt in Untersuchungshaft und wird nach eigenen Angaben in der Prinz-Albrecht-Straße, der berüchtigten Zentrale der Gestapo, im Lauf der Verhöre geschlagen und misshandelt.6 Im Frühjahr 1934 findet vor dem Kammergericht Berlin die Verhandlung gegen sie und ihre Mutter statt; die Anklage lautet auf Vorbereitung zum Hochverrat. Die Richter sehen es als erwiesen an, dass die Gehrmanns mit ihren Aktivitäten »das hochverräterische Unternehmen, die Verfassung des Deutschen Reiches gewaltsam zu ändern«,7 vorbereitet und gefördert haben. Während man die Mutter Berta Gehrmann als Helferin ihrer Tochter einstuft und »nur« zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, bekommt Charlotte die volle Härte des Gesetzes zu spüren: Ihr Urteil lautet auf drei Jahre Zuchthaus. In der Urteilsbegründung wird betont, dass Charlotte insbesondere aufgrund ihrer Auslands-tätigkeit als »besonders gemeingefährlich« anzusehen sei und dass daher die gesetzliche Höchststrafe »eher zu niedrig als zu hoch« erscheine.8 Charlotte wird zur Verbüßung ihrer Strafe ins schlesische Frauenzuchthaus Jauer verlegt. Die Haftbedingungen sind hart: grimmige Winter in ungeheizten Zellen, schwere Arbeit und Schikanen der Aufseherinnen. Bleibende gesundheitliche Schäden werden Charlotte lebenslang daran erinnern. Aber sie ist nicht allein; viele der in Jauer inhaftierten Frauen sind Kommunistinnen wie sie und aufgrund politischer Delikte verurteilt. Es herrscht eine starke Solidarität, die Charlotte hilft, die Leidenszeit zu ertragen.9 Als die dreijährige Haftzeit vorüber ist, wird Charlotte Gehrmann nicht in die Freiheit entlassen, sondern, wie es in Nazideutschland mittlerweile üblich ist, in ein Konzentrationslager überstellt. Sie hat noch Glück im Unglück, denn sie kommt ins Konzentrationslager Moringen, wo sie die Gefangenschaft in relativ milder Form erlebt. Sie muss Näharbeiten verrichten und wird einigermaßen menschlich behandelt. Doch nach einem halben Jahr muss sie ins sächsische Lichtenburg wechseln, wo ein weitaus schärferer Wind weht: schwere Feldarbeit, rücksichtslose, entwürdigende Behandlung, Hunger. Aber auch hier erlebt sie die Solidarität der gefangenen Frauen, die wie Schwestern füreinander einstehen. Im Juni 1938 besucht Heinrich Himmler das Lichtenburger Lager und lässt mit großer Geste eine Gruppe inhaftierter Kommunistinnen amnestieren, auch Charlotte Gehrmann zählt dazu; Grund ist der Hitler-Stalin-Pakt, der vorübergehend eine Kursänderung des nationalsozialistischen Regimes bewirkt.10 Nach viereinhalb Jahren hinter Gittern ist Charlotte nun also wieder frei, aber die Welt um sie herum erscheint ihr vollkommen fremd. Nur ihre alten Eltern sind noch für sie da; die Schwester und der Neffe leben weit entfernt in der Emigration, ihre Freunde sind in alle Winde verstreut. Leo Flieg, ihr einstiger Lebenspartner, sitzt zu dieser Zeit in einem Moskauer Gefängnis und wird absurderweise beschuldigt, eine trotzkistische Verschwörung geplant zu haben. Er gehört zu den Hunderttausenden von Kommunisten aus aller Welt, die Stalins Großer Säuberung zum Opfer fallen: Im März 1939 wird er in Donskoje hingerichtet.11 Zumindest zu diesem Zeitpunkt kann Charlotte eigentlich noch nichts davon wissen; dennoch scheint sie relativ früh, über welche Kanäle auch immer, von Leo Fliegs Tod und den Verbrechen des Stalinismus zu erfahren. Dies mag einer der Gründe für die politische Enthaltsamkeit sein, die sie fortan praktizieren wird. Gewichtiger dürfte aber der rein persönliche Faktor gewesen sein: Die lange Haft- und Lagerzeit hat in Charlotte einen Hunger nach gewöhnlichem Leben hervorgerufen, nach Hochzeitsglocken, Küchendunst und Kindergeschrei, nach all den bürgerlichen Werten, auf die sie einst mit ihren Genossen spöttisch herabsah: Sie will ein Heim, sie will einen Mann, und vor allem will sie, obwohl nun schon fast vierzig, unbedingt noch Mutter werden. Schon wenige Monate nach ihrer Entlassung aus dem Lager nimmt sie den Heiratsantrag eines langjährigen Verehrers an: Albert Schaer (1898–1981) hat bei Weitem nicht das intellektuelle und menschliche Format eines Leo Flieg, doch auch er ist Kommunist und hat für seine Überzeugung im Gefängnis gesessen, 21 Monate lang. Schon seit Jahren schwärmt er für Charlotte, und nun, da sie frei ist, in jeder Beziehung, bemüht er sich um sie mit einer Fürsorge, der sie die Dankbarkeit nicht versagen kann. Nach der Hochzeit im September 1938 beziehen die Schaers eine kleine Wohnung im Nordwesten Berlins. Der Neuanfang ist für Charlotte nicht leicht. Sie muss sich zweimal pro Woche polizeilich melden und kann keine Arbeit finden: Man hat ihr die Auflage erteilt, bei jeder Bewerbung den potenziellen Arbeitgeber von ihrer Vorstrafe zu unterrichten, was einer Einstellung nicht gerade förderlich ist. Endlich bekommt sie eine schlecht bezahlte Stelle als Schreibkraft beim Berliner Tierschutzverein. Als sich der Krieg dem Ende nähert, erfüllt sich auch noch ihr größter Wunsch: 1944 bringt sie im Alter von 43 Jahren ihren ersten Sohn auf die Welt, der zum neuen Mittelpunkt ihres Lebens wird. Während sich Charlotte mitten im Krieg ein privates kleines Glück aufbaut, treibt ihre Schwester Magda Stern in zielloser Flucht durch die halbe Welt. Nach ihrer Ausreise aus Deutschland lässt sie sich zunächst in Frankreich nieder – ohne ihren Sohn, der diese Jahre in Brünn bei seinem Onkel Imanuel Stern verlebt. In Paris geht es Magda relativ gut, zumindest im Vergleich zu anderen Emigranten, denn ihre Ausbildung als Sekretärin sichert ihr auch jetzt das Überleben. Sie arbeitet für mehrere deutschsprachige Verlage, lernt Französisch, später auch Spanisch, und findet einen neuen Lebenspartner: Heinz Renner (1892–1964) stammt aus Essen und war dort ein bekannter KPD-Funktionär, bis die »Machtergreifung« der Nationalsozialisten auch ihn ins Exil gezwungen hat. Später wird er als kommunistischer Störenfried in die Parlamentsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland eingehen.12 1940 hat der Zweite Weltkrieg auch Frankreich erreicht, und wieder bricht alles zusammen, was Magda sich mühsam aufgebaut hat. Wie die meisten in Frankreich lebenden Ausländer wird sie verhaftet und interniert. Es folgt eine turbulente Zeit der Fluchten und wechselnden Aufenthalte: Magda versucht, illegal in die Schweiz einzureisen – im Parteiauftrag, wie sie später erklärt –, wird aber gleich an der Grenze verhaftet und nach Frankreich zurückgebracht, wo man sie für ihren Fluchtversuch zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Nachdem sie ihre Strafe abgesessen hat, lebt sie monatelang illegal in Marseille und versucht, auf eines der rettenden Schiffe nach Südamerika zu kommen. Tatsächlich gehört sie zu den wenigen, denen das gelingt; doch von ihrem Lebensgefährten Heinz Renner wird sie durch die Wirren der Flucht getrennt. Im Mai 1942 erreicht Magda Stern Mexiko. Auch hier gibt es eine starke deutsche Emigrantenszene, zu der viele namhafte Autoren zählen. Der Verleger Walter Janka gibt ihre Bücher im Verlag »El libro libre« heraus. Dort wird Magda als Sekretärin eingestellt, wahrscheinlich auf Empfehlung von Anna Seghers, mit der sie gut befreundet ist. Wieder bringt Magda für berühmte Akteure die Manuskripte in Form: für Seghers, Egon Erwin Kisch, Paul Merker und Ludwig Renn. Es gibt Bücher und Bilder mit herzlichen Widmungen, die bezeugen, dass Magda in diesem Kreis so etwas wie die gute Seele gewesen ist. 1945 kann sich Walter Jankas Verlag nicht mehr halten, und Magda verliert ihre Arbeitsstelle. Der Kampf ums Überleben beginnt aufs Neue. Weil sie keine Arbeit mehr als Sekretärin findet, verdingt sie sich als Köchin im Haushalt eines Arztes; später leitet sie eine Fabrikkantine. Finanziell hält sie sich gerade so über Wasser, doch Einsamkeit und Heimweh machen ihr schwer zu schaffen. Sie weiß, dass Heinz Renner von den Franzosen nach Deutschland ausgeliefert worden ist, und befürchtet das Allerschlimmste. Auch über das Schicksal ihres Sohnes Heinz, der jetzt bei seinem Vater Viktor Stern im sowjetischen Exil lebt, ist sie jahrelang im Ungewissen. Sie ist gerettet, aber mutterseelenallein. Ende 1945 bekommt sie über eine Suchanzeige endlich Nachricht von ihrem Sohn. Er ist inzwischen Journalist und rüstet sich in Moskau gerade zur Rückkehr in die sowjetische Besatzungszone Berlins. Auch Heinz Renner hat den Krieg überlebt. Er ist wieder in seiner Heimatstadt Essen und engagiert sich in der Kommunalpolitik. Magda hält es nicht mehr aus, sie will nur noch heim nach Deutschland. Alles, was die Welt an Freude und Geborgenheit zu bieten hat, hofft sie jenseits des Atlantiks zu finden. Aber die Ausreiseformalitäten ziehen sich quälend lange hin. Noch über ein Jahr kämpft Magda mit den Behörden; ihre Briefe werden immer verzweifelter. Erst im Frühjahr 1947 hat sie endlich die nötigen Papiere beisammen und besteigt ein Schiff nach Deutschland. In Berlin hat Charlottes Familie inzwischen das Kriegsinferno überstanden, aber die Schrecken noch nicht vergessen: die Bomben, den ständigen Hunger, den Zuammenbruch der bürgerlichen Ordnung. Die alten Eltern Gehrmann sind gestorben, ohne ihre Tochter Magda und ihren Enkel Heinz noch einmal wiederzusehen. Nach dem Krieg schöpft die Familie dennoch neuen Mut. Albert Schaer schlägt sich als Vertreter durch. Charlotte handelt auf dem Schwarzmarkt mit Stoffen, treibt unter schwierigsten Bedingungen die nötigen Nahrungsmittel auf und findet nebenbei noch die Zeit, sich in einem lokalen Frauenausschuss für die Kinderhilfe zu engagieren. Ihrem Sohn geht es trotz dürftiger Ernährung gut; und 1947 wird Charlotte, nunmehr 46 Jahre alt, zum zweiten Mal Mutter eines Sohnes – das Leben zeigt seine unbesiegbare Kraft. Für Magda jedoch, die sich von ihrer Heimkehr ein Übermaß an Glück versprach, hält die Nachkriegszeit nur Enttäuschungen bereit: in der Familie, in der Liebe, im Beruf und in der Politik. Unmittelbar nach ihrer Ankunft trifft sie die Nachricht vom Tod der Mutter, der erst wenige Wochen zurückliegt. Das Wiedersehen so knapp verpasst zu haben, ist ein Schlag, der Magda zeitlebens schmerzen wird. Dann die Enttäuschung in der Liebe: Magda war überzeugt, dass sie ihr Leben in Deutschland wieder mit Heinz Renner teilen würde, ihrem Pariser Lebensgefährten, von dem der Krieg sie vor Jahren trennte. Doch Heinz Renners Treue hat der langen Trennung nicht standgehalten. Längst lebt er in Essen mit einer anderen Frau zusammen. Magda bleibt für den Rest ihres Lebens allein. Ihr Sohn Heinz, dem nun ihre ganze Liebe gilt, nimmt sie zwar in seiner Wohnung auf und bemüht sich redlich, sie nicht zu enttäuschen; doch er ist inzwischen ein erwachsener Mann und lebt sein eigenes Leben: Er studiert, arbeitet, geht auf Reisen, heiratet, lässt sich scheiden, heiratet wieder … Für die Mutter ist bei alldem nur am Rande Platz. Zweifellos hatte Magda auch auf eine gute Arbeitsstelle gehofft. Zeit und Ort sind immerhin günstig für Menschen mit ihrer politischen Gesinnung. In der Sowjetischen Besatzungszone, alsbald DDR, stehen alle Zeichen auf Neuanfang, unbelastete Arbeitskräfte werden händeringend gesucht; und Magda ist nach den jetzt geltenden Maßstäben als »alte Genossin«, als Ex-Emigrantin und als Widerstandskämpferin gegen den Faschismus geradezu prädestiniert für eine späte Karriere. Ihre erste Anstellung scheint die Erwartungen zu erfüllen: Magda bekommt einen guten Posten bei der »Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft«, einer Organisation, die in der DDR hoch angesehen ist. Ihre Aufstiegschancen stehen zunächst recht gut. Doch als SED-Mitglied gehört Magda zur Gruppe der sogenannten Westemigranten. Als 1949 der US-amerikanische Kommunist Noel H. Field, der während des Krieges eine internationale Hilfsorganisation geleitet hatte, von Stalin der Spionage für den Westen bezichtigt wird, geraten alle Mitglieder dieser Gruppe unter Generalverdacht. Zwar hat Magda nie einen bedeutenden Posten im Parteiapparat der KP bekleidet, aber sie ist auch keine x-beliebige Westemigrantin, bewegte sie sich doch während ihrer Zeit in Mexiko und im Verlag »El libro libre« genau in der Szene, die jetzt im Fokus der Ermittlungen steht. Auch in Frankreich hatte sie Umgang mit Menschen, die neuerdings als Verfemte gelten, traf dort sogar die Frau von Field. Das bedarf einer gründlichen Klärung. Im Juni 1950 muss sich Magda der Parteikontrollkommission des SED-Zentralsekretariats stellen. In der Befragung geht es hauptsächlich um zwei Punkte: erstens um die Auslandsverbindungen Magdas, die aktuellen wie auch diejenigen aus den Jahren der Emigration; zweitens um die Offenlegung aller, selbst der flüchtigsten Kontakte aus dem Umfeld Noel Fields. Magda erklärt hierzu mündlich und schriftlich, dass sie zwar einmal der Frau Noel Fields, ihm selbst aber nie begegnet sei und dass sie auch sonst keine suspekten Auslandskontakte pflege. Sie geht scheinbar ungeschoren aus der Parteikontrolle hervor; doch eineinhalb Jahre später räumt sie ihren Posten bei der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft – »krankheitshalber«, wie sie in ihrem Lebenslauf schreibt. In der Tat steht es nicht gut um ihre Gesundheit; während der Emigration hat sie sich ein schweres Bronchialleiden zugezogen. Doch das scheint nicht der einzige Grund für ihr vorzeitiges Ausscheiden aus dem Berufsleben gewesen zu sein. Fest steht, dass Magda erhebliche Probleme im Umgang mit ihren Kollegen hatte,13 wahrscheinlich ist sie infolge ihrer Erfahrungen in anderen Ländern und ihrer langen Wanderjahre einfach ungeeignet für das Leben in der zunehmend reglementierten und kleinkarierten DDR. Inwieweit auch der Status als Westemigrantin ihrer Position geschadet hat, lässt sich aus heutiger Sicht nicht mehr feststellen. Fortan wird Magda nur noch gelegentlich als Dolmetscherin eingesetzt. Außerdem tippt sie weiterhin, wie schon in den Zeiten des gemeinsamen Exils in Mexiko, die Manuskripte von Anna Seghers ab. Keine dieser Arbeiten füllt Magda aus – de facto ist sie mit Anfang fünfzig schon zur Frührentnerin geworden. Als anerkannte »Verfolgte des Naziregimes« (VdN) erhält Magda vom DDR-Staat eine lebenslange Rente, die sie vor materiellen Sorgen bewahrt – nur eine Aufgabe hat ihr die DDR nicht zu bieten. Ihre letzten Jahre verbringt sie in einer kleinen Ost-Berliner Einraumwohnung. Zwar pflegt sie regen Kontakt zur Familie ihres Sohnes und hat auch einen kleinen Freundeskreis. Doch sie leidet stark unter der Zurückgezogenheit und Tristesse des Alltags, nachdem sie so viel von der Welt gesehen und so viele Berühmtheiten gekannt hat. Nur in der Erinnerung lebt sie auf und verklärt die Jahre, die sie in Paris und Mexiko verbrachte, zu einer großen Zeit. Ende der 1960er Jahre verschlimmert sich ihr Bronchialleiden zusehends. Mehrere Krankenhausaufenthalte bringen keine Besserung. Am 1. Januar 1969 stirbt Magda Stern, geborene Gehrmann, in einem Ost-Berliner Krankenhaus. Ihre Schwester Charlotte überlebt sie noch um viele Jahre; doch auch für sie nimmt das Leben in der Nachkriegszeit eine schlimme Wendung. Zwar scheint ihr Plan, sich ins Private zurückzuziehen, zunächst aufzugehen. Die nunmehr vierköpfige Familie Schaer bewohnt ein kleines Haus im West-Berliner Stadtteil Hermsdorf, die Söhne wachsen gesund heran, und in den 1950er Jahren kann auch Albert Schaer, dessen beruflicher Weg bis dahin ziemlich unstet verlief, vom Wirtschaftswunder profitieren: Er bekommt eine Festanstellung bei der West-Berliner Stadtverwaltung und sichert der Familie damit ein solides Auskommen. Doch in den 1960er Jahren erkrankt er schleichend an einer manisch-depressiven Störung, dominiert von manischen Phasen. In regelmäßigen Abständen läuft er zu euphorischer Hochform auf, eilt kreuz und quer durch die ganze Stadt, tätigt Großeinkäufe, die sich die Familie gar nicht leisten kann, und redet, redet, redet ohne Unterlass. Da er überzeugter Kommunist ist, bestehen seine Tiraden zumeist aus antikapitalistischen Parolen, was den Auswüchsen seiner Krankheit zusätzlich eine groteske Note verleiht. Im Familienkreis kommt es zu lautstarken Streitereien. Albert Schaer reagiert aggressiv auf jeden Widerspruch und jede kleinste Störung im Haushalt, er brüllt, wird bisweilen sogar handgreiflich und macht seiner Familie das Leben zur Hölle. In den depressiven Phasen liegt er dann tagelang apathisch im Bett und ist nicht ansprechbar – bis die Euphorie wieder Besitz von ihm ergreift. Charlotte Schaer und ihre Söhne können das Krankheitsbild lange Zeit überhaupt nicht als solches erkennen und halten Albert einfach für einen hirnlos-cholerischen Tyrannen. Die Söhne raten ihrer Mutter, sich von ihm scheiden zu lassen; doch Charlotte kann auch jetzt nicht vergessen, wie viel sie ihm zu verdanken hat: die Fürsorge, mit der er sie in der düstersten Zeit ihres Lebens umgab, die ersten hoffnungsvollen Jahre ihrer Ehe, das Glück der späten Mutterschaft. Vielleicht spürt sie jenseits aller klinischen Befunde, dass ihr Mann sie gerade jetzt am allermeisten braucht. So harrt sie bei ihm aus, Tag für Tag, Jahr für Jahr, bis irgendwann eine Diagnose erfolgt, die ärztliche und menschliche Hilfe ermöglicht. Albert Schaer wird für mehrere Wochen in die Psychiatrie eingewiesen. Später versucht man mit wechselndem Erfolg, seine Schübe mithilfe von Medikamenten zu dämpfen. Schließlich verliert er seine sicher geglaubte Beschäftigung bei der Stadtverwaltung und findet nie wieder eine neue. Was er an Krankengeld beziehungsweise Rente bezieht, reicht jedoch nicht aus, um die Familie über Wasser zu halten. Zum Glück ist Charlotte, genau wie Magda, als »Verfolgte des Naziregimes« anerkannt und hat damit einen Anspruch auf Renten- und Entschädigungszahlungen, den sie jetzt voll ausreizt – ihre wichtigste Einnahmequelle, zeitweise wohl sogar die einzige. Doch was der Ost-Berliner Schwester anstandslos bewilligt wird, muss sich die West-Berlinerin hart erstreiten. In den Jahren des Kalten Krieges ist alles, was auch nur entfernt den Anschein einer kommunistischen Gesinnung erweckt, für die Behörden ein rotes Tuch. Im Landesverwaltungsamt Berlin, bei dem Charlotte ihre Anträge einreicht, will man alles ganz genau wissen und häuft vor jeder Bearbeitung einen Wust an Formularen und Belegen an. Immer wieder muss Charlotte über Zeugen und Atteste den Nachweis führen, dass sie aus politischen Gründen inhaftiert war und aus ihrer Haftzeit gesundheitliche Schäden davongetragen hat. Jahrelang beschäftigt sie sogar einen Anwalt, der die ergangenen Bescheide anficht und höhere Beträge fordert als die vom Amt bewilligten. Immerhin wird ihren Forderungen prinzipiell entsprochen, was zur damaligen Zeit keineswegs selbstverständlich ist. Kommunistische Widerstandskämpfer, die Entschädigungen verlangen, werden meist von den Behörden abgewiesen, besonders dann, wenn sie bekennen, auch gegenwärtig in einer kommunistisch ausgerichteten Partei aktiv zu sein. Aber das trifft auf Charlotte ohnehin nicht zu: Sie ist und bleibt politisch völlig untätig. Es scheint, als hüte sie sich, das »gewöhnliche Leben«, das sie nach ihrer Haftzeit kultiviert hat, irgendeiner Erschütterung auszusetzen. Sie will für nichts mehr streiten als für ihre Rente. Sie will sich für niemanden mehr aufopfern als für ihren Mann und ihre Söhne. Sie will die Welt nicht mehr verbessern – mit der Verbesserung des eigenen Familienlebens hat sie mehr als genug zu tun. Es gibt keine folgsamere Bürgerin, keine liebevollere Mutter als sie. Ihren Nachbarn in Hermsdorf muss sie geradezu als Muster der Biederkeit erschienen sein. Die Gründe für ihre politische Abstinenz mögen mehrschichtig sein. Sicherlich hat Charlotte ihren naiven Glauben an den Kommunismus irgendwann verloren; insbesondere das Schicksal ihres früheren Lebensgefährten Leo Flieg dürfte sie entsetzt und abgestoßen haben. Gleichwohl hat sie sich nicht hinter ihrem Dasein als Hausfrau und Mutter verschanzt. Bis ins hohe Alter verfolgt sie mit regem Interesse das politische Leben und bewahrt sich zeitlebens ihre kapitalismuskritische Gesinnung. Die Schaers wählen links und schalten zu Hause gern das Ostfernsehen ein; doch sie geben Acht, dass nichts von ihren Ansichten je nach außen dringt. Die Wahrheit ist, dass Charlotte nie mehr ihre Furcht vor dem Staat verliert, dass sie ihn auch jenseits des Dritten Reiches als eine zerstörerische Macht ansieht, die Ungehorsam drakonisch bestraft. Nie hört sie auf, sich bedroht und verfolgt zu fühlen, nie findet sie den Mut und den Kampfgeist wieder, der sie einst angetrieben hat. Als ihr jüngerer Sohn sich der Achtundsechzigerbewegung anschließt, kann sie nachts vor Angst kaum schlafen, wenn sie ihn auf einer Demonstration, einer Flugblattaktion oder einer hitzigen Versammlung weiß. Sie stellt sich vor, er werde zusammengeschlagen, verhaftet, womöglich gar umgebracht – Szenarien, die sie selbst in jungen Jahren oft genug erlebt hat. Am Ende schlägt ihre Angst in Verfolgungswahn um. In dem Maße, wie ihre Geisteskraft nachlässt, gewinnen die Schrecken der Vergangenheit Raum. Erinnerungen an ihre Zuchthaus- und Lagerzeit werden wieder lebendig: Sie hört die Stimmen der Toten, sieht sich mit ihnen in den eisigen Zellen von Jauer. Irgendwann kann sie nicht mehr für sich selbst sorgen. Die beiden Söhne bringen ihre Mutter in einem Pflegeheim bei Hannover unter. Dort lebt sie zuletzt in völliger geistiger Umnachtung, ist zu keinem sinnvollen Gespräch mehr fähig und ihren Ängsten hilflos ausgeliefert. Charlotte Schaer stirbt am 1. Februar 1985. Beide Gehrmann-Schwestern enden als unglückliche Frauen. Jenseits aller Zufälle hat dies auch historische Gründe. Sie wachsen in einer extrem politisierten Zeit auf und stellen ihr Leben von Jugend an unter ein strikt politisches Regiment. Der reißende Strudel der Politisierung, in den sie hineingerissen werden, verleiht ihrem Leben Größe und Besonderheit, ist zugleich aber auch die Quelle ihrer Leiden und ihres Scheiterns. Am Ende müssen sie erkennen, dass die »große Sache«, an die sie glaubten und von der sie sich Erfüllung versprachen, sie genarrt und betrogen hat. Für Magda bleibt eine enge Wohnung in einem geistig engen Land, wo sie nostalgisch von ihrer großen Zeit träumt. Charlotte will sich aus dem reißenden Strudel der Politisierung befreien und ein bürgerliches Leben führen, doch die Geister der Vergangenheit lassen sie nicht los. Magda und Charlotte Gehrmann, zwei Frauen aus dem Fußvolk der Geschichte. Doch in ihren Schicksalen spiegelt sich der Lauf der kommunistischen Bewegung: Aufstieg und Niedergang, Hoffnung und Enttäuschung, Engagement und Resignation. 1 Siehe Tanja Stern: Der Apparat und die Seele, Berlin 2012. Der vorliegende Aufsatz ist ein Teil der dort ausgeführten Gehrmann-Stern’schen Familiengeschichte. Sie wurde überwiegend aus nachgelassenen familieninternen Informationen und Dokumenten – Briefen, Lebensläufen, Berichten u. Ä. – recherchiert, die hier nicht näher spezifiziert sind. Weiteres Material zu den genannten Personen fand sich im Berliner Bundesarchiv, im Brandenburgischen Landeshauptarchiv, im Archiv des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Stattssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU), in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und im Museum Neukölln. Eine Auswahl der ergänzenden Quellen wird im Folgenden angegeben. 2 Siehe u. a. Hermann Weber/Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004, S. 763 f. 3 Siehe u. a. Hans-Christoph Rauh: Stern, Victor, in: Helmut Müller-Enbergs u. a. (Hg): Wer war wer in der DDR?, Bd. 2, 5. aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, Berlin 2010, S. 1276. 4 Siehe u. a. Siegfried Grundmann: Richard Großkopf und die kommunstische Passfälscherorganisation, in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 40 (2004), H. 4, S. 423–464. 5 Urteil des Berliner Kammergerichts zum Az. O. J. 966/33 vom 16. Mai 1934, S. 2, Bundesarchiv, R 3018 (alt NJ)/10208. 6 So schildert sie es u. a. in einem Schreiben vom 15. Juni 1953 an das Entschädigungsamt Berlin-Wilmersdorf, wo sie Entschädigungszahlungen als Verfolgte des Naziregimes beantragt. 7 Urteil des Berliner Kammergerichts (Anm. 5), S. 7. 8 Ebd. 9 Siehe u. a. Hans-Rainer Sandvoß: Widerstand in Prenzlauer Berg und Weißensee (= Schriftenreihe über den Widerstand in Berlin von 1933 bis 1945, Bd. 12, hrsg. von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand), Berlin 2000. 10 Siehe u. a. Was ist denn mit der Frau los. Erlebnisbericht von Lisa Ullrich, in: Junge Welt, Wochenendbeilage, 16. August 2014, S. 6. 11 Siehe u. a. Ulla Plener/Natalia Mussienko (Hg.): Verurteilt zur Höchststrafe: Tod durch Erschießen, (= Rosa-Luxemburg-Stiftung, Texte 27), Berlin 2006, S. 34 f. 12 Siehe u. a. Günter Gleising: Heinz Renner – eine politische Biografie, Köln 1997. 13 In Magdas Kaderakte bei der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, die im Archiv des BStU verwahrt wird, findet sich eine interne »Charakteristik« der SED-Betriebsgruppe vom 21. Februar 1950, die Magdas Charakter und Verhalten äußerst kritisch bewertet.

JHK 2015

Wilhelm Lamszus’ Reflexionen über die Ursachen kommunistischer Gewaltherrschaft

Andreas Pehnke

Wilhelm Lamszus engagierte sich über ein halbes Jahrhundert hinweg als Schriftsteller und Schulreformer für Frieden, Völkerverständigung sowie pädagogischen Fortschritt. Dennoch ist er weitgehend in Vergessenheit geraten. Verantwortlich für die begrenzte Rezeption seines Werkes ist vor allem der Ost-West-Konflikt. Das Aufkommen des Kalten Krieges seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, als sich mit den vormalig Alliierten nun – geführt von den USA auf der einen und der Sowjetunion auf der anderen Seite – die Supermächte als erbitterte Feinde gegenüberstanden, und dessen Zuspitzung im Zuge der Wiederbewaffnung ließen für Persönlichkeiten wie Lamszus wenig Chancen auf Öffentlichkeit. Dieser sah sich selbst in diesen gesellschaftspolitischen Konfliktlagen des geteilten Deutschland als Vermittler zwischen den Fronten. Biografische Vorbemerkungen Wilhelm Lamszus wurde am 13. Juli 1881 im damals noch eigenständigen Altona geboren. Der Reformpädagoge, der 1902 in den Hamburger Schuldienst eintrat, wurde in der Wilhelminischen Ära vor allem durch seine – gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Adolf Jensen1 – herausgegebenen Streitschriften Unser Schulaufsatz ein verkappter Schundliterat (1910), Der Weg zum eigenen Stil (1912) und Poesie in Not (1913) zur Reform des Deutschunterrichts überregional bekannt. Ihre polemische Kraft und Emphase unterscheidet diese Titel grundlegend von ähnlicher Literatur der Zeit.2 Namhafte Schriftsteller wie Carl und Gerhart Hauptmann, Heinrich und Thomas Mann, Richard Dehmel, Arno Holz, Erich Mühsam und Herbert Eulenberg begrüßten dieses reformpädagogische Engagement. Als es in der Weimarer Republik erstmals möglich wurde, staatliche Modellschulen zu gründen, avancierte Lamszus 1920 zum kreativen Versuchsschullehrer in Tieloh-Süd, einem Arbeiterviertel in Hamburg-Barmbek, darüber hinaus betreute er weitere Versuchsschulgründungen zunächst in Gera sowie später in Braunschweig. 1930 wechselte er, nachdem sich seine Berufung zum Professor für Didaktik des Deutschunterrichts an der Technischen Hochschule Braunschweig zerschlug, weil dort in den Septemberwahlen 1930 der Übergang der Regierungsgewalt an eine nationalsozialistische Koalitionsregierung eingeleitet worden war, an die neu eröffnete Meerweinschule, eine reformpädagogisch inspirierte Gemeinschaftsschule in der Hamburger Jarrestadt. Noch viel größere Aufmerksamkeit erlangte Wilhelm Lamszus jedoch als Autor massenwirksamer Antikriegsliteratur. Denn keiner der großen Dichter des beginnenden 20. Jahrhunderts schrieb wie er gegen die Gefahr des drohenden Weltkrieges an. Zwar gab es um die Jahrhundertwende einiges an allgemein pazifistischer Literatur, wie Bertha von Suttners bekannten Roman Die Waffen nieder! (1889), Leonid N. Andrejews Das rote Lachen (1904) oder die Schrift Die Vergangenheit des Krieges und die Zukunft des Friedens (1907), die der französische Mediziner Charles R. Richet veröffentlichte. Doch für die Exponenten der hohen Literatur schien der moderne Krieg kein Thema zu sein. So war es am Ende ein Volksschullehrer, der die große Warnung aussprach: Lamszus’ Roman, seine Prophezeiung Das Menschenschlachthaus – Bilder vom kommenden Krieg, die im Sommer 1912 erschien, löste einen Skandal aus. Es ist in der deutschsprachigen Literaturgeschichte der einzige Versuch, einen zukünftigen Krieg auf der Basis der technologischen Veränderungen seit dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 zu imaginieren. Das Antikriegsbuch gibt mit seiner eindringlichen Sprache schon einen Ausblick auf die großen Erlebnisbücher des Ersten Weltkrieges, auf Henri Barbusse’ Feuer (1916), auf Arnold Zweigs Der Streit um den Sergeanten Grischa (1927), auf Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues (1929) oder auf Gabriel Chevalliers Heldenangst (1930). Das Menschenschlachthaus erschien bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges in 70 Auflagen und wurde in sieben Sprachen übersetzt. Es spricht für seine Bedeutung, dass beispielsweise Alfred Noyes zu der englischen, Ryokuyo Sato zu der japanischen oder Henri Barbusse zu der französischen Übersetzung das Vorwort schrieben. Alfred Hermann Fried und Martin Andersen Nexø zählten zu den bekanntesten Rezensenten. Auch Carl von Ossietzky steuerte zu einer späteren deutschen Ausgabe ein Vorwort bei. 1933 wurde Lamszus von den neuen Machthabern sogleich aus dem Schuldienst entlassen und mit Schreib- sowie Aufführungsverbot belegt. Seine geistige Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, Der große Totentanz, erschien 1946 und enthält u. a. seinen Prosatext »Der Forscher und der Tod«, in dem Lamszus als erster deutschsprachiger Autor unter dem Eindruck der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki die Erfahrung des Atomkrieges thematisiert. Daneben engagierte er sich nach dem Krieg wieder in der Deutschen Friedensgesellschaft und als Rundfunkpädagoge. Schließlich forcierte er mit schulreformerischen Publikationen in Ost und West einen deutsch-deutschen Dialog zu Fragen einer Demokratiepädagogik und pflegte enge Kontakte zum 1952 gegründeten »Schwelmer Kreis«, dem gesamtdeutschen Forum von Reformpädagogen, das auf gemeinsamen Treffen gedanklich und programmatisch ein wiedervereintes Deutschland vorbereiten wollte. In seinen letzten Lebensmonaten meldete er sich 1964 mit Der Präsident wollte auf den Atomknopf drücken zu Wort, weil die bedrohliche Situation infolge der Kubakrise die Gefahren eines möglichen Atomkriegs heraufbeschwor. Am 18. Januar 1965 erfüllte sich ein bis in das hohe Alter hinein dem Friedensengagement und konsequenten Schulreformen gewidmetes Leben. Wilhelm Lamszus verstarb mit 83 Jahren in Hamburg. Die Haltung zum Krieg als Basis politischer Orientierungen Weil es Pädagogen im Kaiserreich verboten war, Mitglied der SPD zu sein, trat Lamszus, Sohn eines in der SPD aktiven Schuhmachermeisters, mit Beginn seines Schuldienstes 1902 der »Sozialwissenschaftlichen Vereinigung« bei, hinter deren unverfänglichem Namen sich der erste sozialdemokratische Lehrerverein Deutschlands verbarg. Als ihn aber im August 1914 die Nachricht von der Mobilmachung in seinem Ferienort im Rhöngebirge ereilte, traf ihn dies aus zweierlei Gründen wie aus heiterem Himmel. Einerseits enttäuschte ihn die Haltung der Sozialdemokratie zum Krieg. Andererseits hatte er nicht wahrhaben wollen, dass es je so weit kommen würde, weil er sich der unsagbaren Schrecken dieses Krieges im Voraus bewusst geworden war und diese in seinen literarischen Bildern vom kommenden Krieg in den Mittelpunkt gestellt hatte.3 Noch im Frühjahr 1913 erlebte Lamszus in Florenz eine ihn nachhaltig beeindruckende Mai-Demonstration, bei der er die zunehmende Stärke der internationalen »Nie wieder Krieg«-Bewegung zu erblicken glaubte, die ebenso wie in England, Holland, Deutschland und den skandinavischen Staaten Hunderttausende auf die Straße rief.4 Lamszus konstatierte zu Beginn des Krieges: »In Deutschland, England und Frankreich, in allen zivilisierten Ländern marschierten sie, grimmig entschlossen, sich niemals wieder gegeneinander auf die Schlachtfelder treiben zu lassen. – Dieser beglückenden Gewissheit wurde ein jähes Ende bereitet. Die deutsche Sozialdemokratie, die noch eben gemeinsam mit den französischen Sozialdemokraten den Völkermord verurteilt hatte, schwenkte in die patriotische Front ein und bewilligte im Reichstag die Kriegskredite. Ludwig Frank, der jüngste ihrer Abgeordneten und bis dahin leidenschaftlicher Kriegsgegner, meldete sich freiwillig zu den Fahnen und gab das begeisternde Beispiel für die deutsche Jugend.5 Alle Dichter, die wir ihrer Völker umfassenden Menschlichkeit wegen liebten und verehrten, verfassten flammende Kriegsgedichte.«6 Während des Ersten Weltkrieges blieb das Generalkommando stets darum bemüht, den Antikriegsschriftsteller so schnell wie möglich an die vorderste Front zu befehlen. Aber aus gesundheitlichen Gründen nur als »kriegsverwendungsunfähig« eingestuft, diente der lediglich »garnisonsdienstfähige« Lamszus vom Sommer 1915 bis zum Frühjahr 1916 im Ersatzbataillon in Rendsburg. Auch der Protest von Offizieren des Altonaer Generalkommandos gegen das medizinische Gutachten der Rendsburger Militärmediziner und die Anordnung fachärztlicher Untersuchungen sollten letztendlich für Lamszus folgenlos bleiben.7 In den Kriegsjahren war ihm zumute, als wäre die Welt zu einem »Irrenhaus« geworden.8 In immer neuen Gedichten hatte Lamszus seiner Verzweiflung über diesen Krieg Ausdruck gegeben. Diese gelangten unter gleichgesinnten Freunden von Hand zu Hand. Nach dem Krieg stellte er seine Antikriegslyrik in einem Buch zusammen, das unter dem Titel Der Leichenhügel – Gedichte während des Krieges 1921 in Leipzig erschien. Sodann folgte Lamszus immer der Partei, die sich am konsequentesten gegen Militarismus und Krieg zu artikulieren wusste: »Die von stürmischem Leben erfüllten Revolutionsjahre veranlassten mich auch zur politischen Betätigung. Gleich nach dem Ersten Weltkrieg war ich Mitglied der USPD geworden. Diese Partei, die sich während des Krieges von der SPD trennte, hatte nach einiger Zeit im Reichstag die weiteren Kriegskredite abgelehnt. Sie war auch jetzt zu durchgreifenden sozialistischen Maßnahmen bereit. Als die USPD sich bald darauf spaltete und der größte Teil zur SPD zurückkehrte, blieb ich bei dem radikalen Flügel, der mit der KPD verschmolz. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg waren ihre Führer. Liebknecht hatte schon Ende 1914 im Deutschen Reichstag als einziger Abgeordneter gegen die Kriegskredite gestimmt. Er hatte 1916 in Berlin auf der Straße Flugblätter verteilt, in denen das deutsche Volk aufgefordert wurde, gegen den Massenmord zu protestieren. Er war dafür ins Zuchthaus gekommen. Seine und Rosa Luxemburgs unversöhnliche Feindschaft gegen den Krieg war es, die mich zu ihrem Gefolgsmann machte.«9 Lamszus wollte sich als KPD-Mitglied in der Kulturarbeit engagieren. Gemeinsam mit einem kommunistisch organisierten Vater, dessen zwölfjährigen Sohn Lamszus unterrichtete, organisierte er im Hamburger Gewerkschaftshaus kulturelle Großveranstaltungen. So lud er zunächst Mary Wigman ein, vor Hamburger Arbeitern einen Tanzabend zu veranstalten. Sie machte damals den rhythmisch-expressiven Ausdruckstanz als »New German Dance« international bekannt und galt als erfolgreichste deutsche Tänzerin. Lamszus erinnert sich: »Mit tiefer Ergriffenheit saßen die Zuschauer, die den großen Saal des Gewerkschaftshauses bis auf den letzten Platz füllten, vor den bisher noch nie gesehenen künstlerischen Darbietungen. Sie unterließen es vor lauter Ehrfurcht sogar, wie es sonst bei solchen Veranstaltungen üblich war, nach jedem Tanz ihrer Ergriffenheit durch Beifallklatschen Ausdruck zu geben. Erst ganz zum Schluss brachten sie der Künstlerin eine lang anhaltende Ovation.«10 Auch Lamszus’ nächste Veranstaltung, für die er den französischen Dichter Henri Barbusse gewinnen konnte, war ein großer Erfolg. Barbusse hatte, wie bereits erwähnt, das Vorwort zu der französischen Ausgabe von Lamszus’ Menschenschlachthaus geschrieben. Er berichtete den Hamburger Arbeitern, dass er seinen berühmten Antikriegsroman Das Feuer (1916) im Schützengraben verfasst habe. Barbusse war seit Beginn des Ersten Weltkrieges, für den er sich zunächst noch freiwillig gemeldet hatte, bis August 1916 Soldat, davon elf Monate an der Front. Durch die erlebte Kriegsrealität gelangte er zu einer konsequent kriegsgegnerischen Haltung und engagierte sich fortan in vielfältiger Weise pazifistisch. Nachdem er aus seiner Antikriegsschrift, die in mehr als sechzig Sprachen übersetzt worden war, in Hamburg vorgelesen hatte, trug Lamszus eines seiner Gedichte vor, »in dem das stürmische Zueinanderdrängen zweier Völker durch Bergleute veranschaulicht wurde, die von beiden Seiten her einen Tunnel durch das trennende Gestein bohrten, bis sie in der Mitte freudig bewegt einander finden. Als ich geendet hatte, stand Barbusse auf und umarmte mich unter dem jubelnden Beifall der Zuschauer im Saal. Es war ein symbolischer Akt für die Verbrüderung zweier ehemals auf Leben und Tod sich bekriegender Völker.«11 Als Lamszus für seine dritte kulturelle Großveranstaltung seinen reformpädagogischen Mitstreiter Adolf Jensen bat, über Erziehungsfragen zu referieren, fand auch dieser großen Beifall für seine sehr humorvoll präsentierten Schulreformgedanken. Aber weil Jensen als aktives SPD-Mitglied bekannt war, hatte seine Einladung im kommunistischen Parteivorstand bedenkliches Kopfschütteln hervorgerufen. Nachdem Lamszus schließlich Heinrich Vogeler als vierten Vortragenden angekündigt hatte, wurde er zu einer Aussprache vor den Parteivorstand zitiert, für die sogar ein Mitglied des Zentralkomitees aus Berlin angereist war. In seinen Erinnerungen schreibt Lamszus darüber: »Dieser noch ziemlich junge Mann zog eine von jenen Broschüren aus der Tasche, in denen Vogeler seine revolutionären Gedanken veröffentlicht hatte. Mit gerunzelter Stirn las er einige Sätze vor. ›Ein einziger Rotfrontkämpfer ist mehr wert als ein Dutzend solcher intellektueller Wirrköpfe!‹, sagte er und warf das Heft verächtlich auf den Tisch.«12 Über diese Schlüsselszene, die Lamszus’ Kulturarbeit in der KPD beenden sollte und auch seinen Parteiaustritt einleitete, resümiert er in seiner Autobiografie weiter: »Vergeblich versuchte ich dem Parteivorstand klar zu machen, dass Heinrich Vogeler, wenn auch kein eingeschriebenes Mitglied der kommunistischen Partei, so aber doch seiner ganzen Haltung nach ein wahrer Kommunist wäre. Ich hatte ihn ja selber 1922 in Worpswede besucht und gesehen, welch vorbildliches Gemeinschaftsleben er auf seinem Barkenhoff mit den zu ihm geflüchteten politisch verfolgten Bremer Arbeitern führte.13 Es käme mir bei meinen Veranstaltungen darauf an, auch Redner zu Worte kommen zu lassen, die nicht der Partei angehörten. Sie böten die beste Gewähr für eine fruchtbare Aussprache. Zudem wollte ich meinen Hörern keine fertigen Meinungen übermitteln, sondern sie zum Denken anregen und sich ihr Urteil selber bilden lassen. Dieser Appell an die pädagogische Vernunft war vergeblich. Man gab mir auf, künftig nur noch Parteigenossen als Referenten zu nehmen. Damit war meine Kulturarbeit im Rahmen der KPD zu Ende. Und bald darauf auch meine Mitgliedschaft in ihr. Ich eignete mich auch im politischen Bereich nicht zum gehorsamen Befehlsempfänger.«14 Nachdem Vogeler mit seiner Ehefrau Sonja Marchlewska, der Tochter des europaweit agierenden polnischen Kommunisten Julian Marchlewski, die er 1926 geheiratet hatte, und dem gemeinsamen Sohn Jan 1931 in die Sowjetunion übergesiedelt war, pflegten er und Lamszus bis zum Kriegsausbruch eine regelmäßige Korrespondenz. Während Vogeler in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre zunehmend nach ideologischen Grundmustern suchte, sie mithilfe seiner Frau Sonja im Marxismus fand und ihm jede – wenn auch nur als Regulativ gedachte – Vorstellung von Autonomie fehlte,15 war es für Lamszus zeitgleich die Idee der Freiheit geworden, die sich eben nicht in einer Zentralgewalt, sondern in Vielfalt und Weite realisiert. Den kommunistischen Aufstand in Hamburg vom Oktober 1923 bewertete Lamszus als ein sichtbares Ergebnis »politischer Verbohrtheit«. Am frühen Morgen des 23. Oktober stürmten Rotfrontkämpfer die ihnen als geeignet erscheinenden 24 Polizeiwachen, davon 17 in Hamburg und sieben in der preußischen Provinz Schleswig-Holstein, und bemächtigten sich der dort lagernden Waffen: »Es war ein völlig aussichtsloses Unternehmen, das durch eine falsche Meldung über eine gleichzeitige Erhebung der kommunistischen Arbeiterschaft im ganzen Reich hervorgerufen wurde. Zwar gelang es den todesmutigen Kämpfern, sich einige Tage hinter rasch errichteten Barrikaden zu verschanzen. Aber ihr Widerstand war bald gebrochen. Die Opfer, mehr als 100 Tote, waren umsonst gebracht.«16 Zugleich engagierte sich Lamszus in der »Freideutschen Jugend« und wurde 1923 zu einem der Hauptredner auf der zweiten Tagung auf dem Hohen Meißner und »geriet dabei vor 3.000 Teilnehmern geradezu in eine rednerische Ekstase«, wie er es seinem Tagebuch anvertraute.17 Nachdem Lamszus seine Kulturarbeit für die KPD beendet hatte, kam er einer Bitte der Organisation »Freie Proletarische Jugend« nach und leitete ihre Hamburger Gruppierung, die auch als »Lamszus-Kreis« bezeichnet wurde. Die Jugendlichen, zu denen beispielsweise der spätere Schriftsteller Willi Bredel oder der Journalist und Autor Gustav Leuteritz zählten,18 gehörten keiner politischen Partei an. Sie wollten mit ihrer politischen Entscheidung so lange warten, bis sie reifer wären. Die abendlichen Zusammenkünfte, die allwöchentlich in einer Schule stattfanden, begannen zumeist damit, dass die schreibenden 16- bis 20-Jährigen Skizzen, Erzählungen und auch Gedichte vorlasen, die sie im Laufe der Woche geschrieben hatten. Anschließend gab es eine Aussprache über Form und Inhalt der gehörten Arbeiten. Auch aktuelle Probleme, die damals im Blickpunkt der Jugend standen, wurden erörtert und leidenschaftlich diskutiert. Des Weiteren organisierten sie thematische Abende, die zum Beispiel sexuellen Fragen oder Fragen zur Freikörperkultur gewidmet waren. Namhafte Gäste wie Heinrich Vogeler, der Schriftsteller und Orgelbauer Hans Henny Jahnn, der Schauspieler Hans Otto, die Aktivistin für die Rechte der Prostituierten Ketty Guttmann, oder die Pioniere der Jugendstrafvollzugsreform um den Kriminologen und Sozialpädagogen Walter Herrmann auf der Hamburger Gefängnisinsel Hahnöfersand wurden als kompetente Diskussionspartner für die Jugendlichen eingeladen. Lamszus’ ureigenes Interesse an diesen Gästen verband sich beispielsweise bei Jahnn mit dessen 1915 vollzogener Flucht nach Norwegen, um dem Dienst im Ersten Weltkrieg zu entgehen. Bei Otto gab die enge persönliche Freundschaft zwischen seiner und dessen Familie den Ausschlag, an Guttmann interessierte ihn ihr Ausschluss aus der KPD im August 1924. Guttmann hatte die Politik der KPD und der Kommunistischen Internationale als opportunistisch und konterrevolutionär kritisiert und sich sodann rätekommunistisch in der Allgemeinen Arbeiter-Union engagiert.19 Im Kontext der Strafvollzugsreform für jugendliche Häftlinge war Lamszus selbst als pädagogischer Berater tätig. Leider findet sich in den vor Kurzem erstmals erschlossenen autobiografischen Aufzeichnungen von Lamszus keine detaillierte Zeitangabe zu seinem Austritt aus der KPD. Zeitzeugen und Erben geben einhellig das Jahr 1927 an.20 Enttäuschte Hoffnungen So wie viele Schriftsteller, Künstler und andere Intellektuelle hatte auch Lamszus die russische Oktoberrevolution des Jahres 1917 als einen Aufbruch in ein neues Zeitalter der Geschichte der Menschheit freudig begrüßt. Mit höchster Spannung verfolgte er ihren weiteren Verlauf. Arthur Holitscher, der als erster deutscher Schriftsteller nach Sowjetrussland gereist war, berichtete 1921 in Drei Monate in Sowjet-Rußland begeistert von dem neuen Werden. Aber auch aus dem Land selbst vernahm Lamszus durch Filme wie Panzerkreuzer Potemkin (1925) von Sergej M. Eisenstein oder Die Mutter (1926) von Wsewolod I. Pudowkin Kunde von dem revolutionären Schwung: »Wir lasen die Gedichte und Romane der kommunistischen Dichter, die von dem Marsch in eine neue Zukunft kündeten. Und auch russische Menschen kamen zu uns. Marie Steinhaus, eine Moskauer Lehrerin, die von der Regierung auf eine Studienreise geschickt worden war, erschien in unserer Schule und erzählte von der neuen Erziehung in ihrem Lande, die auf staatlichem Geheiß denselben Weg einschlug, den wir in unseren Versuchsschulen beschritten hatten.«21 In der jungen Sowjetpädagogik der vorstalinistischen Entwicklungsphase war eine sehr nachhaltige Rezeption der angelsächsischen Reformpädagogiken nach John Dewey, Helen Parkhurst und Carleton Washburne erfolgt. Dewey und Washburne selbst erlebten und begleiteten die praxiswirksame Anwendung ihrer Reformkonzepte während ihrer einjährigen Studienreisen »vor Ort«. Dewey registrierte dabei 1928 den beginnenden spannungsgeladenen Übergang von der Renaissance demokratischer Reformpädagogiken hin zu ihrer administrativen Ausgrenzung, die in der stalinisierten Sowjetpädagogik zu Beginn der 1930er Jahre ihren Abschluss finden sollte, und berichtete darüber in seinem Buch Impressions of Soviet Russia and the Revolutionary World (1929). Lamszus selbst war mit diesen international geführten Debatten um reformpädagogische Bestrebungen vertraut; sowohl basispädagogisch als Hamburger Versuchsschullehrer als auch durch den 1921 gegründeten Weltverband »New Education Fellowship«, an dessen internationalen Kongressen er aktiv teilnahm, so mit einem der Hauptreferate 1925 in Heidelberg oder durch seine Teilnahme 1929 in Helsingør, Dänemark.22 Es hat jedoch geraume Zeit gedauert, bis Lamszus bemerkte, dass nach Wladimir I. Lenins Tod ein anderes Regiment in der Sowjetunion seinen Einzug hielt. Den entscheidenden Anstoß zum Zweifeln gab ihm Franz Pfemfert, den er – neben Erich Mühsam – in den 1920er Jahren in Berlin persönlich kennenlernen konnte. In der von Pfemfert herausgegebenen Zeitschrift Die Aktion las Lamszus, dass David B. Rjazanov als Direktor des Moskauer Marx-Engels-Instituts, als der er noch 1930 anlässlich seines 60. Geburtstages überschwänglich gefeiert wurde, im Folgejahr abgesetzt worden war, weil er sich geweigert hatte, anstelle seiner bewährten Mitarbeiter die ihm von Josef W. Stalin empfohlenen Funktionäre aufzunehmen. Dieselben Zeitungen, die ihn noch kurz zuvor in den Himmel gehoben hatten, verdammten ihn nun als einen charakterlosen Schurken, der zudem jeder wissenschaftlichen Kenntnis des dialektischen Materialismus ermangele. Das war ein Widerspruch, der Lamszus entscheidend zu denken gab. Dann fiel ihm ein Buch in die Hand, in dem ein russischer Ingenieur, der aus einem sibirischen Arbeitslager geflohen war, von seinen Erlebnissen berichtete. Es waren empörende Tatsachen, die da zur Sprache kamen. »Das ist Propaganda«, sagte seine Frau, die an dem politischen Geschehen regen Anteil nahm und das Buch auch gelesen hatte. Schließlich las man seinerzeit in der Zeitschrift Das neue Russland, wie es auf allen Gebieten der Wirtschaft und der Kultur unaufhaltsam voranging.23 Außerdem berichteten die Delegationen, die in die Sowjetunion eingeladen waren, nach ihrer Rückkehr von den erstaunlichen industriellen und kulturellen Schöpfungen, die sie mit eigenen Augen gesehen hatten.24 Aber bereits in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre wurde es für Lamszus immer klarer, was Stalins Diktatur bedeutete: 1927 reiste Panait Istrati, einer der bedeutendsten rumänischen Dichter, nach Russland. Er wollte das Land, das seine revolutionären Träume verwirklicht hatte und dem seine ganze Liebe galt, mit eigenen Augen sehen. Da er von den bolschewistischen Führern als Freund betrachtet wurde und seine Bücher auch in der Sowjetunion erschienen waren, nahm Istrati die Gelegenheit wahr, 18 Monate lang ohne amtliche Begleitung durch das ganze Land zu reisen und das neue Leben gründlich kennenzulernen. Das Buch Auf falscher Bahn (1929), das er nach seiner Rückkehr schrieb, war ein Aufschrei aus tief empörter Seele. Der Protest, den Istrati in die Welt hinausrief, sollte den bolschewistischen Machthabern das Gewissen schärfen. Aber er verhallte ungehört. »Nur Dummköpfe können erwarten«, so hielt man ihm entgegen, »dass zehn Jahre sozialistischer Aufbau eine jahrhundertlange bourgeoise Misswirtschaft beseitigen können.«25 Ein knappes Jahrzehnt später, im Jahre 1936, reiste André Gide, der namhafte französische Dichter, der 1947 mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde, als gläubiger Wallfahrer nach Russland und kehrte tief bestürzt und völlig desillusioniert nach Hause zurück. Sein Rechenschaftsbericht Zurück aus der Sowjetunion schloss mit folgenden Worten: »Die Sowjetunion hat unsere teuersten Hoffnungen enttäuscht, sie hat uns gezeigt, wie eine ehrliche Revolution von trügerischem Flugsand zugeschüttet werden kann. Ein neuer furchtbarer Despotismus erdrückt den Menschen und beutet ihn aus, die ganze niedrige, verächtliche Mentalität, die für das Verhältnis zwischen Sklavenhalter und Sklave typisch ist, ist wieder auferstanden.«26 Tiefer noch als diese politischen Abrechnungen mit dem korrumpierten kommunistischen System erregten Lamszus die Berichte jener Menschen, welche die Zwangsarbeitslager, die Gefängnisse und die Terrormaßnahmen selbst erlebt hatten und der kommunistischen Hölle entronnen waren: »Sie führten dem Leser Schreckensbilder vor Augen, die an Grausamkeit und Barbarei nur in den düstersten Kapiteln der Weltgeschichte ihresgleichen finden.«27 Aber Lamszus genügte es nicht, die schauerliche Wirklichkeit in ihrem ganzen Ausmaß zu ermessen. Er wollte wissen, warum eine so großartige Idee, die der Menschheit Glück und Frieden versprach, sich so grauenhaft in ihr Gegenteil verkehren konnte: Er fand die Antwort auf diese schicksalsschwere Frage bei dem geistigen Urheber der Weltrevolution, bei Karl Marx: »Eine seiner lapidaren Maximen besagt, dass nicht das Bewusstsein des Menschen das gesellschaftliche Sein erzeuge, sondern das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein schaffe. – Das gesellschaftliche Sein des kommunistischen Staates ist auf Macht gegründet, die von den führenden Persönlichkeiten diktatorisch ausgeübt wird. Wer in einer in Machtkategorien funktionierenden Gesellschaft eine führende Rolle spielen will, der muss vor allem über ein ungewöhnliches Maß an Energie verfügen. Er muss auch scharfsinnig, geistesgegenwärtig, robust und skrupellos sein, um sich im Kampf um die Machtpositionen nach vorn zu spielen.«28 In dem Weg Stalins zum Alleinherrscher der sowjetischen Völker sah Lamszus das psychologische Schulbeispiel dafür, nach welchen Gesetzen sich die kommunistische Entwicklung vollzogen hatte. Lamszus fragte in diesem Zusammenhang, warum nach Lenins Tod nicht Leo Trotzki an die Macht gelangte, der Stalin geistig weit überlegen und zudem als Schöpfer der Roten Armee seine organisatorische Befähigung bewiesen hatte? Warum nicht Nikolai I. Bucharin, der Lieblingsschüler Lenins, der das klassische ABC des Kommunismus mitverfasst hatte und von allen Kampfgefährten Lenins den gesündesten Menschenverstand besaß? Ihnen fehlte, so Lamszus’ Schlussfolgerung, der verzehrende Wille zur Macht, der die Dominante in Stalins Charakter war. Darum war es ihm im politischen Schachspiel gelungen, seine Rivalen aus dem Felde zu schlagen und seine Gegner der Reihe nach zu erledigen, indem er die eine Gruppe geschickt gegen die andere ausspielte. Aber stählerne Willenskraft und intrigante Künste genügen nicht, um eine revolutionäre Bewegung in die richtigen Bahnen zu lenken, wenn sie nicht mit schöpferischer Kraft verbunden sind. Ebenso wenig wie ein Mensch, der sich die Theorie der Kunst zu eigen macht, imstande ist, ein wirkliches Kunstwerk zu schaffen, wenn er nicht von Haus aus künstlerische Begabungen mitbekommen hat. Ebenso wenig vermag der politische Diktator trotz aller marxistischer Studien ein wahres sozialistisches Reich zu schaffen, wenn ihm die schöpferischen Kräfte fehlen. »Er bleibt«, wie Lamszus resümiert, »ein blutiger Dilettant, nur dass er seine Stümpereien nicht an Leinwand, Marmor oder anderem toten Material ausübt, sondern an lebendigen Menschen.«29 Dieser für Lamszus nicht zu widerlegende psychologische Sachverhalt besiegelte das weitere Schicksal des revolutionären Umsturzes. Es hatte sich nach demselben Gesetz vollzogen, aufgrund dessen Stalin an die Macht gelangte. Der Diktator, der von sich selbst glaubte, dass das Wissen um den Marxismus ihn dazu befähigte, diesen auch zu verwirklichen, war fest davon überzeugt, dass auch jeder gut geschulte Kommunist die ihm gestellten Aufgaben auf das Beste erfüllen konnte. Darum ließ er alle neu geschaffenen Ämter und irgendwie verantwortliche Posten mit ihm genehmen Parteigenossen besetzen. »Nun liegt es aber im Wesen der menschlichen Natur«, gab Lamszus zu bedenken, »dass, wenn einflussreiche und einträgliche Posten zu vergeben sind, auch die Postenjäger in hellen Scharen nach der Futterkrippe drängen.«30 Schon der alte Bolschewistenführer Leonid B. Krassin hatte in einer Rede im kommunistischen Zentralkomitee gesagt: »Alle Übel, die wir zurzeit erleiden, sind durch die Tatsache bedingt, dass die kommunistische Partei zu zehn Prozent aus überzeugten Idealisten besteht, die bereit sind, für die gute Sache zu sterben, aber unfähig, für sie zu leben. Und zu neunzig Prozent aus gewissenlosen Mitläufern, die in die Partei eingetreten sind, um Posten zu ergattern.«31 Auch Grigor K. Ordschonikidse, der mit Stalin befreundete Organisator der Schwerindustrie, war sich dieses Missstandes bewusst: »Nehmen Sie unseren Sowjetapparat, und Sie werden darin eine kolossale Menge solcher finden, die zu nichts nutze sind. Solche, mit denen man nichts anzufangen weiß, und deren niemand bedarf, platziert man in die Kontrollkommissionen.«32 Dieser verhängnisvolle Trugschluss Stalins, dass die zur Schau getragene Gesinnung das geeignete Ausleseprinzip sei, hatte dazu geführt, dass die gesellschaftlichen Produktivkräfte, anstatt, wie Marx es erwartete, sich stürmisch zu entfalten, in eine rückläufige Bewegung gerieten. Das zwangsläufige Ergebnis war die staatlich konzessionierte Bürokratie, sodass zielbewusste Konjunkturisten, die ihre Ellenbogen gut zu gebrauchen wussten, die aber nirgendwo den Nachweis erbracht hatten, dass sie den nötigen Sachverstand oder auch nur die geringste organisatorische Fähigkeit besaßen, in die Amtsstuben eingezogen waren. Sie saßen in den Büros der Industriebetriebe und brachten, so Lamszus’ tiefe Überzeugung, mit ihren diktatorischen Maßnahmen die schöpferische Initiative zum Erliegen. Lamszus beruft sich auf Grigori J. Sinowjews treffende Erkenntnis, dass »schlimmer als Pest und Cholera die Bürokratie wütete, der es zu verdanken sei, dass ehemals landwirtschaftliche Erzeugnisse ausführende Sowjetrepubliken nun nicht mehr die eigene Bevölkerung ernähren konnten und blühende Industrierepubliken an den Bettelstab gerieten«.33 Die zu Amt und Würden gelangte schöpferische Unfähigkeit hatte für Lamszus auch den katastrophalen Verfall der Kunst auf dem Gewissen, weil Menschen, denen jegliches Kunstverständnis fehlte, sich als Exerziermeister betätigten und die Künstler auf Vordermann brachten. Auf welches Gebiet des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens Lamszus auch blickte, überall herrschte dasselbe psychologische Gesetz: Das Unvermögen Stalins, die von ihm in Angriff genommene Aufgabe mit staatsmännischer Kunst zu lösen, zwang ihn zur Gewaltanwendung. Der von ihm ausgeübte Zwang wirkte sich wie eine Kettenreaktion immer weiter nach unten aus und führte zu jenem barbarischen Zustand, wo nicht der Geist, sondern die nackte Gewalt regierte. Doch was ließ Stalin zu so einem Monstrum werden, fragte sich Lamszus, das in der Weltgeschichte kaum seinesgleichen findet? Er gelangte zu folgender Antwort: »Das von Karl Marx und Friedrich Engels 1848 verkündete Kommunistische Manifest war ihm zu Fleisch und Blut geworden. Wer die Macht der kommunistischen Ideologie an sich selber erfahren hat, der weiß, welch eine unheimliche Kraft ihr innewohnt. Sie vollbringt an dem Menschen, der von ihr ergriffen wurde, das Wunder der Transsubstantiation. Sie schafft einen neuen Menschen aus ihm, der die Welt und alles, was in ihr geschieht, mit völlig neuen Augen sieht. Er sieht das Tun und Trachten der Menschen auf dieser Erde von der Gier erfüllt, so viel Geld und Gut wie möglich zu erraffen. Er sieht in diesem ungezügelten Streben nach Besitz die Menschen zu Raubtieren entarten und die größten Raubtiere des Grund und Bodens, der Bodenschätze und der Produktionsmittel sich bemächtigen. Das politische Ergebnis dieses hemmungslosen Kampfes aller gegen alle sind die blutigen Kriege, welche die Völker in immer größerem Ausmaß miteinander führen. Wie einleuchtend und einfach ist der Weg, um dieser mörderischen Selbstzerfleischung zu entrinnen! Man enteigne die Besitzenden und führe, was sie dem Volke geraubt haben, wieder in den Besitz des Volkes zurück! Dann nimmt man den Kapitalisten, wie es im Kommunistischen Manifest heißt, die Möglichkeit, den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter zu verwandeln, die nur so weit geduldet werden, wie ihre Tätigkeit der Aufrechterhaltung der bestehenden Gesellschaftsordnung dient. Die Abschaffung der Ausbeutung macht der Selbstentfremdung des Menschen und damit der Barbarei der Kriege für immer ein Ende und führt zu jener von dem Christentum vergeblich angestrebten bürgerlichen Menschengemeinschaft auf Erden.«34 Lamszus verdeutlichte in seinen Reflexionen über Stalin, inwiefern diesem der Kapitalismus als ein satanischer Feind erschien, den es mit allen Mitteln zu vernichten galt. Die Umwertung aller menschlichen Werte war für ihn nicht überraschend: Lüge, Täuschung und Verstellung waren in den Augen des klassenkämpferischen Revolutionärs keine moralischen Defekte, sondern klug geübte Kriegslist. Der organisierte Menschenraub, das Abschieben missliebiger Personen oder gar ihre Ermordung waren in den Augen des Diktators eine patriotische Tat. Auch die Aufhebung all jener bürgerlichen Grundrechte, der Presse-, Versammlungs- sowie Meinungsfreiheit, für die die Völker jahrhundertelang gekämpft hatten, wurde für die Stalinisten zur notwendigen Maßnahme, um der kommunistischen Wirtschaftsordnung den Weg zu bahnen. »Was will es schon besagen«, so die bittere Quintessenz von Lamszus, »dass auf dem Vormarsch der Weltrevolution auch manchen Menschen Unrecht geschieht, wo doch das Schicksal der ganzen Menschheit auf dem Spiele steht!« In seinen psychologischen Schlussfolgerungen zum Diktator Stalin betont Lamszus, dass dieser sich als der von der Geschichte beauftragte Vollstrecker der Weltrevolution fühlte. Das ließ ihn nach Ansicht Lamszus’ jeden Widerstand gegen seine Maßnahmen als einen Angriff auf den Kommunismus empfinden und zu einem der größten Massenmörder aller Zeiten werden. Aber es war nicht diese Erkenntnis, die Lamszus zutiefst erschrecken ließ, sondern die Art und Weise, in der das Morden vor sich ging: »Während im ganzen Land die schrecklichsten Tragödien geschahen, saß ihr Urheber in seinem Kremlpalast, genoss Essen und Trinken, vollführte allmorgendlich seine gymnastischen Übungen, scherzte mit seinem Töchterchen Swetlana und legte sich nach vollbrachter Blutarbeit in dem Bewusstsein, der menschlichen Entwicklung den größten Dienst geleistet zu haben, seelenruhig schlafen. Während in den Dörfern die Leichen der infolge der überstürzten gewaltsamen Entkulakisierung verhungerten Bauern unbestattet herumlagen und die Überlebenden nach Sibirien abtransportiert wurden, versicherten die stündlich einlaufenden Telegramme dem Wohltäter des Volkes, wie glücklich er auch die Menschen auf dem Land durch seine väterliche Fürsorge gemacht habe, während in den Kerkern die Gefangenen Tag und Nacht gefoltert wurden, um ihnen Geständnisse von nie begangenen Verbrechen zu entreißen. Während in den Straflagern die Menschen schlimmer gehalten wurden als jemals auf der Welt die Sklaven und zu Hunderttausenden starben, schritt der Urheber dieser Gräuel in einer Wolke von Weihrauch durch das Leben, völlig überzeugt von seiner alles überragenden säkularen Größe. Er wies die Dichter an, wie sie zu dichten, die Maler und Baumeister, wie sie zu malen und zu bauen, die Lehrer, wie sie zu unterrichten, die Wissenschaftler, was sie zu denken hatten. Alle priesen ihn, den selbsternannten Generalissimus, mit überschwänglichen Worten als das größte Genie, das die Menschheit jemals hervorgebracht hätte. Auch nach Stalins Tod dauerte es noch fast drei Jahre, dass seinem Andenken noch immer göttliche Ehren dargebracht wurden.«35 Der 25. Februar 1956, jener denkwürdige Tag, an dem Nikita S. Chruschtschow die Welt mit seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU überraschte, in der er den Stalinmythos schonungslos zerfetzte, wurde von Lamszus begrüßt. Es folgte die Tauwetterperiode, in der eine ganze Reihe von Schriftstellern, unter ihnen auch Wladimir D. Dudinzew mit seinem berühmt gewordenen Roman Der Mensch lebt nicht vom Brot allein (1956), plötzlich mit neuen Dichtungen hervortraten. Sie hatten es sich zur Aufgabe gemacht, die gesellschaftlichen Zustände im eigenen Lande zu kritisieren. Es waren erstaunliche Dinge, von denen die Zeitzeugen damals erfuhren. Die Autoren, die sich mit dem Leben auf dem Lande befassten, schilderten in ihren Dorfromanen die grenzenlose Armut der Kolchosbauern und ihre Erbitterung über das herrschsüchtige Gebaren der sie drangsalierenden Staatsfunktionäre. Einige Schriftsteller führten dem Leser sogar Staatsminister und andere gewichtige Personen vor Augen, die durch die Verlockungen der Macht und durch das verschwenderische Leben, das sie führten, charakterlich entarteten. Sie wurden als Verbrecher entlarvt, die, um ihre gesellschaftliche Stellung zu behalten, vor keiner Schandtat zurückschreckten. Ein stinkender Sumpf von Korruption wurde sichtbar, wo bisher alles in bester Ordnung schien. Die Rebellion der Schriftsteller fand einen enormen Widerhall. Sie brachte in Ungarn, wie gleichzeitig auch in Polen, das ganze Staatsgebäude ins Wanken. Der Schock, den die kommunistische Welt davontrug, bewog Chruschtschow schließlich, dem Tauwetter schleunigst Einhalt zu gebieten. Aber auch, wenn man dem revolutionären Ungetüm ein Ende machte, war dennoch für Lamszus sichtbar geworden, dass sich der Mensch hinter dem Eisernen Vorhang keineswegs zur Marionette hatte machen lassen. Das Denken, das man der Jugend auf den Hochschulen beibrachte, hatte nicht bei Physik, Chemie und anderen Wissenschaften haltgemacht. Die rebellierenden jungen Schriftsteller in der Sowjetunion waren, wie Lamszus erkannte, keine Antikommunisten. Sie wollten die Lehren von Marx, Engels und Lenin sinngemäß verwirklichen und dem schamlosen Machtmissbrauch der Nutznießer ein Ende bereiten. Auf der ganzen Linie entbrannte ein erbitterter Kampf zwischen den Funktionären, die ihre einflussreiche Stellung nur dem Parteiapparat verdankten, und dem gefesselten, nun aufstrebenden Menschengeist. In Jugoslawien und in Polen erhielt die freiheitliche Entwicklung größere Spielräume. Dass dabei auch Chruschtschow begriffen hatte, dass das Gedeihen seines Staatswesens von der Entfesselung der schöpferischen Kräfte abhängig war, wurde für Lamszus offenbar, als er anfing, unfähige Funktionäre mit bitterer Kritik zu bedenken und selbst hohe Würdenträger davonjagte, wenn sie sich ihren Aufgaben nicht gewachsen zeigten.36 Fazit Wilhelm Lamszus hegte lange Sympathien für die Ideale des Kommunismus, aber er konnte zu keinem Zeitpunkt dessen Methoden begreifen, geschweige denn gutheißen. Was hier für die Politik im Allgemeinen gilt, ist für Lamszus auch für die Pädagogik mit ihren Erziehungsidealen im Besonderen kennzeichnend: »Die Problematik beginnt bei den Methoden, mit denen man dieses Erziehungsziel verwirklichen will. Die theoretische Belehrung, die mit nicht zu übersehendem Eifer geübt wird, vermag zwar sozialistisches Wissen zu übermitteln. Aber wie weit kann sie auch menschliche Tugenden entwickeln? Man fordert das unbedingte Bekenntnis zu der als unantastbares Dogma verabreichten Lehre. Jeglicher Zweifel gilt als fluchwürdige Ketzerei und bringt den Zweifler in ernste Gefahr. Verführt nicht eine solche unerbittliche Praxis den Schüler dazu, die vorgeschriebene Gesinnung zu heucheln, auch wenn er, wie es bei jungen Menschen von jeher üblich war, opponierende Gedanken hegt? Und ruft nicht eine solche staatspolitische Methodik vor allem jene auf den Plan, die glauben, mit lautstarkem Lippenbekenntnis sich irgendwelche Vorteile verschaffen zu können? Auf die Täter des Wortes kommt es an, die ohne viel Aufhebens davon zu machen, das verwirklichen, was jene Wichtigmacher nur im Munde führen. Wie will man diesen charaktervollen jungen Menschen den ihnen gebührenden Platz verschaffen, damit nicht zu guter Letzt die skrupellosen Ehrgeizlinge das Rennen machen und auch später im Leben die Führung übernehmen? Von der Beantwortung dieser Frage hängt es ab, wie weit im kommunistischen Reich von Erziehung zu wahrer Humanität gesprochen werden kann.«37 Die Wissenschaft, die der Menschheit einerseits die todbringenden Atombomben bescherte, zeigte ihr andererseits den Ausweg aus den gesellschaftspolitischen Spannungen auf, so Lamszus. Für den bedrohlichen Ost-West-Konflikt sah er – nun aus kosmischer Perspektive betrachtet – folgende Lösungsstrategie: »Mit jedem Satelliten, den sie [die Wissenschaft, A. P.] in das Weltall schickt, lässt sie die Erde, die einst der Mittelpunkt der Welt im menschlichen Bewusstsein war, immer mehr zu einem winzigen Planeten zusammenschrumpfen, der als eines der kleinsten unter Milliarden anderer Gestirne im unermesslichen Weltall kreist. Das planetarische Gefühl erwacht in den Menschen. Der Mensch, der von ihm ergriffen ist, betrachtet sein Leben aus kosmischer Schau. Er wird zum Weltbürger. – In diesem kosmopolitischen Geist wächst heute die Jugend der ganzen zivilisierten Welt heran. So sehr sich auch unverbesserliche Nationalisten hüben und drüben bemühen, die jungen Menschen zu gehorsamen Gefolgsleuten zu erziehen, sie können die Uhr der Weltgeschichte nicht zum Stillstand bringen. Die Entwicklung schreitet über sie hinweg. Wie zu allen Zeiten die junge Generation gegen die alte aufbegehrt, wenn diese in veralteten Vorstellungen steckengeblieben war, so greifen auch heute die von idealem Streben erfüllten jungen Menschen über die weltanschauliche Konzeption ihrer Väter hinaus. Sie werden mit unverbrauchten Kräften die Welt in ihrem Sinne neu gestalten und ihr Genüge nicht mehr darin finden, in großen weltanschaulich ausgerichteten Machtblöcken vereinigt zu sein. Sie werden sich zu den Vereinigten Staaten der Erde zusammenschließen und eine Weltregierung schaffen. Sie werden auch jene Probleme tatkräftig zur Lösung bringen, an denen ihre Väter nur notdürftig herumstümpern konnten: wie die drohende Übervölkerung der Erde infolge der explosiven Geburtenraten, die gemeinsame planvolle Verwaltung der noch übrig gebliebenen Rohstoffe unserer Erde, die Abschaffung der Not, des Hungers und der Krankheit in weltweitem Maßstab sowie die Erziehung der Menschheit und ihre Befreiung aus den Ketten primitiver Barbarei.«38 Wilhelm Lamszus war bis etwa zur Mitte der 1920er Jahre zweifellos von der Illusion beseelt, dass die Kommunisten dazu in der Lage wären, eine bessere, gerechtere und humanere Welt zu schaffen, was ihn dann – in einem langwierigen Erkenntnisprozess – dazu bewegte, sich endgültig von der KPD zu lösen. Später, mit dem Bekanntwerden der Grausamkeiten und Schrecken der Diktatur Stalins, wurde ihm seine ursprüngliche Sicht auf den Kommunismus als grundlegender Irrtum bewusst. Lamszus’ ablehnende Haltung gegenüber Vorstellungen einer Zentralgewalt und seine Hochschätzung von Autonomie, Vielfalt und Weite führten ihn zu kosmischen Perspektiven und ließen ihn schließlich zu einem kosmopolitisch denkenden Weltbürger werden. 1 Adolf Jensen (1878–1965), seit 1905 im Hamburger Schuldienst, trat 1907 der SPD bei. Bis 1914 wurde er wegen seines reformpädagogischen Engagements durch die Hamburger Schulbürokratie 14 Mal gemaßregelt und schließlich entlassen. In den Jahren 1920 bis 1929 war er Lehrer und seit 1924 Rektor an der Berlin-Neuköllner Versuchsschule (heutige Rütli-Schule), die er zum Modellschultyp einer Lebensgemeinschaftsschule profilierte, anschließend lehrte er als Professor für Methodik und Didaktik an der Technischen Hochschule Braunschweig. Die Nazis hatten ihn 1932 aus dem Braunschweigischen Staatsdienst entlassen. Von 1947 bis 1951 war der nach Kriegsende rehabilitierte Jensen in der ersten Wahlperiode Mitglied des Niedersächsischen Landtages. 2 Vor allem »Unser Schulaufsatz ein verkappter Schundliterat« wurde als Klassiker der Reformpädagogik national und international gefeiert. Siehe beispielsweise in: Nord und Süd – Eine deutsche Monatsschrift, 36 (1912), S. 341–344 oder The School Review 20 (1912), S. 117–120. 3 Siehe Wilhelm Lamszus: Antikrieg, in: Neue Deutsche Literatur, 10 (1962), H. 10, S. 157–160, hier S. 159. 4 Vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges gehörten etwa 10 000 Menschen in Deutschland pazifistischen Organisationen an; bis zum Ende der Weimarer Republik stieg diese Zahl reichsweit auf 70 000 (siehe Dieter Riesenberger: Geschichte der Friedensbewegung in Deutschland von den Anfängen bis 1933, Göttingen 1985). 5 Der jüdische Rechtsanwalt Ludwig Frank vertrat seine Partei, die SPD, im Badischen Landtag sowie im Reichstag. Noch am Vorabend des Ersten Weltkrieges bemühte er sich um eine Verständigung von Parlamentariern aus Frankreich und Deutschland. Auf seine Anregung luden schweizerische Parlamentarier zu einer deutsch-französischen Verständigungskonferenz nach Bern ein, die im Mai 1913 stattfand. Bereits am 3. September 1914 ist der Kriegsfreiwillige Frank gefallen. 6 Wilhelm Lamszus: »Begrabt die lächerliche Zwietracht unter euch!« Erinnerungen eines Schulreformers und Antikriegsschriftstellers (1881–1965). Herausgegeben, eingeleitet und erläutert von Andreas Pehnke, Markkleeberg 2014, S. 77. Siehe auch Steffen Bruendel: Zeitenwende 1914. Künstler, Dichter und Denker im Ersten Weltkrieg, München 2014. 7 Unmittelbar nach Kriegsende erhielt Lamszus Kenntnis von einem sogenannten Uriasbrief des Generalkommandos an das Rendsburger Ersatzbataillon; so wie es in der Bibel steht: »Stellet Urias an einen Platz, damit er falle!« Siehe dazu ausführlich Lamszus: Erinnerungen (Anm. 6), S. 83–85. 8 »Das Irrenhaus – Visionen vom Krieg« ist der Titel des Fortsetzungsbandes von »Das Menschenschlachthaus«. Er lag bereits 1914 druckfertig vor, konnte aber zensurbedingt erst 1919 in Hamburg erscheinen. Beide Teile wurden als Bd. 23 der Schriftenreihe »Geschichte & Frieden« im Bremer Donat Verlag 2014 von Andreas Pehnke neu herausgegeben und eingeleitet. 9 Lamszus: Erinnerungen (Anm. 6), S. 123. 10 Ebd. 11 Ebd., S. 123 f. Siehe auch Wilhelm Lamszus: Barbusse, der Soldat der Menschheit. Zu seinem Besuch in Hamburg, in: Carl Thinius (Hg.): Der Pionier – Das Blatt der Unterdrückten und Totgeschwiegenen, Hamburg, 2 (1923), H. 8, S. 12 f. 12 Siehe Lamszus: Erinnerungen (Anm. 6), S. 124. 13 Lamszus bezieht sich mit diesem Hinweis auf die politisch verfolgten Bremer Arbeiter, die nach der Zerschlagung der Bremer Räterepublik am 4. Februar 1919 verfolgt wurden und fliehen mussten. Dieser Konflikt forderte 75 Todesopfer. 14 Lamszus: Erinnerungen (Anm. 6), S. 124. Der in den Augen der Apparatschiks als »intellektueller Wirrkopf« geltende Vogeler sollte bekanntlich 1925 doch der KPD beitreten. Siehe zu Heinrich Vogeler im Allgemeinen und seiner räte-republikanischen Muster-Kommune Barkenhoff in Worpswede im Besonderen Johannes Bilstein: Jugendstil, Kommunismus, Reformpädagogik. Zur Analogie künstlerischer und pädagogischer Motive bei Heinrich Vogeler, in: Jahrbuch für Historische Bildungsforschung, Bd. 7, Bad Heilbrunn/Obb. 2001, S. 7–38. 15 Siehe ebd. S. 34. 16 Siehe Lamszus: Erinnerungen (Anm. 6), S. 125. 17 Ebd., S. 114. 18 Das Schicksal von Leuteritz als Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft ist bis heute nicht aufgeklärt. Lediglich sein früherer Kollege Rudolf Reinhardt, der mit Leuteritz bei der sowjetischen »Tageszeitung für Dresden« und danach bei der sowjetischen »Täglichen Rundschau« in Berlin zusammengearbeitet hatte, berichtete, dass Leuteritz Chef des Feuilletons beider Zeitungen war, bis er 1946 plötzlich aus seiner Wohnung verschwand (siehe Rudolf Reinhardt: Zeitungen und Zeiten. Journalist im Berlin der Nachkriegszeit, Köln 1988, S. 18 f. und 82 f.). Lamszus berichtet in seiner Autobiografie (siehe Lamszus: Erinnerungen (Anm. 6), S. 128), wie Leuteritz einem Hamburger Freund anvertraut habe, dass er politisch und beruflich kaltgestellt worden sei. Schließlich las Lamszus in der Tageszeitung »Die Welt« eine Todesanzeige, in der die Familie der Öffentlichkeit mitteilte, dass Gustav Leuteritz in Workuta gestorben sei. 19 Siehe Lamszus: Erinnerungen (Anm. 6), S. 126–128. In diesem Zusammenhang ist zugleich die Information interessant, die ich im Interview mit Roswitha Paula Görner 2004 erfuhr, der Tochter des Chemnitzer Reformpädagogen Otto Rötzscher. Lamszus und Rötzscher waren durch ihre Tätigkeit als Versuchsschullehrer bekannt geworden. Lamszus hatte sich in seinen mir zur Einsichtnahme übergebenen Briefen an Rötzscher besonders für den am 1. April 1929 verfügten Ausschluss Rötzschers aus der KPD und seinen Wechsel in die Kommunistische Partei-Opposition (KPO) interessiert, für die Rötzscher noch im gleichen Jahr bei den sächsischen Wahlen als Abgeordneter kandidierte. Allerdings erhielt die KPO bei diesen Wahlen kein Mandat. 20 Siehe sowohl Wilhelm Lamszus: Das Menschenschlachthaus. Bilder vom kommenden Krieg (1912). Neu herausgegeben von Johannes Merkel und Dieter Richter, München 1980 als auch Andreas Pehnke: Der Hamburger Schulreformer Wilhelm Lamszus (1881–1965) und seine Antikriegsschrift »Giftgas über uns«. Erstveröffentlichung des verschollen geglaubten Manuskripts von 1932, Beucha bei Leipzig 2006. 21 Siehe Lamszus: Erinnerungen (Anm. 6), S. 172. 22 Siehe ebd., S. 103–108. Siehe auch Steffi Koslowski: Die New Era der New Education Fellowship. Ihr Beitrag zur Internationalität der Reformpädagogik im 20. Jahrhundert, Bad Heilbrunn 2013. 23 »Die Gesellschaft der Freunde des neuen Russland« fungierte als Herausgeber der illustrierten Zeitschrift »Das neue Russland«. Die Organisation war vornehmlich von bürgerlichen Intellektuellen am 1. Juni 1923 in Berlin gegründet worden, nachdem Russland und Deutschland – beide wurden seit dem Ende des Ersten Weltkrieges von den westeuropäischen Siegermächten ausgegrenzt – am 16. April 1922 mit dem Vertrag von Rapallo eine Friedensregelung zum gegenseitigen Vorteil und zur Normalisierung der bilateralen staatlichen Beziehungen vereinbart hatten. Zu den Mitgliedern zählten: der Reichstagspräsident Paul Löbe, der Verleger Ernst Rowohlt, der Naturwissenschaftler Albert Einstein, der Ökonom und Soziologe Franz Oppenheimer und die Schriftsteller Heinrich und Thomas Mann, Arnold Zweig sowie Egon Erwin Kisch. Die Gesellschaft und ihre Zeitschrift wurden im April 1933 von den Nationalsozialisten verboten. 24 Beispielsweise war vom 11. August bis 9. September 1925 die erste westeuropäische Lehrerdelegation mit 15 deutschen, 12 belgischen und elf französischen Pädagogen unterschiedlicher politischer Orientierung in die Sowjetunion gereist. Der mit Lamszus bekannte und bereits erwähnte Chemnitzer Reformpädagoge Otto Rötzscher zählte dazu. Später reiste eine zweite Lehrerdelegation mit 14 Lehrern aus sechs Ländern dorthin, zu ihnen gehörte der Berliner Schulreformer Fritz Karsen, ein enger Vertrauter von Lamszus. 25 Zit. nach Lamszus: Erinnerungen (Anm. 6), S. 173. 26 Zit. nach ebd. 27 Ebd. Siehe auch stellvertretend Julius Margolin: Überleben ist alles. Aufzeichnungen aus sowjetischen Lagern, Paris 1949 und München 1965 sowie Joseph Scholmer: Die Toten kehren zurück. Bericht eines Arztes aus Workuta, Köln 1954. 28 Siehe Lamszus: Erinnerungen (Anm. 6), S. 173. 29 Ebd., S. 174 (siehe diese Quellenangabe auch für den vorstehenden Abschnitt). 30 Ebd. 31 Zit. nach ebd. 32 Zit. nach ebd. 33 Zit. nach ebd. 34 Ebd., S. 175. 35 Ebd., S. 175 f. 36 Siehe ebd., S. 176. 37 Ebd., S. 100. 38 Ebd., S. 177.

JHK 2015

DDR-Geschichte als Kommunismusgeschichte begreifen: Plädoyer für eine Perspektiverweiterung

Anna Kaminsky

25 Jahre nach der Friedlichen Revolution hat sich im vereinten Deutschland eine hoch differenzierte »Aufarbeitungslandschaft« herausgebildet. Vielerorts informieren Museen und Gedenkstätten über Opposition und Repression im SED-Staat sowie über das DDR-Grenzregime. Nach einem Boom in den 1990er Jahren ist die Forschung zur DDR-Geschichte im Gegensatz dazu jedoch stark rückläufig. Dies hat unmittelbare Auswirkungen auf die Hochschullehre, die stets ein Spiegelbild aktueller Forschungsinteressen ist. Mittel- und langfristig wird diese Entwicklung auch Konsequenzen für den Schulunterricht haben: In dem Maße, in dem Lehrangebote zur SED-Diktatur reduziert werden, steigt die Zahl der angehenden Geschichtslehrerinnen und -lehrer, die die Universitäten verlassen, ohne mit dem Thema in der eigenen akademischen Ausbildung in Berührung gekommen zu sein. Ein solcher Trend könnte die in den letzten Jahren zu verzeichnenden Bemühungen der Kultusverwaltungen konterkarieren, der SED-Diktatur im Schulunterricht mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Positiv wirkt sich die dennoch anhaltende Präsenz des Themas in den Medien, in Dokumentar- und Spielfilmen, aber auch auf dem Buchmarkt aus. Dies spiegelt sich nicht nur in steigenden Besucherzahlen der einschlägigen Museen und Gedenkstätten wider, sondern auch in der Nachfrage nach Zeitzeugenangeboten und Lehrerfortbildungen, etwa der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Auch niedrigschwellige Angebote wie die zeithistorischen Ausstellungen in Plakatform, die die Bundesstiftung seit 2009 regelmäßig anbietet, belegen das steigende Interesse an der jüngsten deutschen Geschichte. So wurde 2014 eine Ausstellung zur Geschichte von Diktatur und Demokratie in Europa im 20. Jahrhundert bundesweit in über 1 000 Kommunen gezeigt und vielerorts von Veranstaltungen begleitet. Während in den 1990er Jahren Verantwortliche der SED-Diktatur in den Medien und insbesondere in Talkshows viel Raum zur Selbstdarstellung erhielten, sind es mittlerweile ehemalige Oppositionelle und Opfer der Diktatur, denen wachsende öffentliche Aufmerksamkeit widerfährt. Dazu haben nicht zuletzt die seit 2003 von wachsendem öffentlichen Interesse begleiteten Jahrestage des 17. Juni 1953, des Mauerbaus, der Friedlichen Revolution sowie der deutschen Einheit beigetragen. Obwohl die Opfer der SED-Diktatur und deren Verbände heute mehr Gehör finden, gibt es im Bereich der Anerkennung von Haftfolgeschäden und damit der Entschädigung weiterhin beklagenswerte Defizite. Dass sich der Prozess der Aufarbeitung der SED-Diktatur im 25. Jahr der deutschen Einheit insgesamt positiv entwickelt hat, ist nicht zuletzt dem Bund zu verdanken. Seit 1990 erfreut sich eine wachsende Zahl an Gedenkstätten und Museen zur NS- wie auch zur SED-Diktatur einer institutionellen Förderung des Bundes, der damit, gemeinsam mit den Ländern, wesentlich zur Ausgestaltung der gesamtdeutschen Erinnerungskultur beiträgt. Durch die Arbeit der Stasi-Unterlagenbehörde gelang es in den 1990er Jahren, die geheimen Zuträger des Regimes zu identifizieren, auf Antrag Auskunft zu erhalten, ob und in welchem Maße das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) auf das eigene Leben Einfluss genommen hat, sowie die Rolle des MfS in der DDR zu erforschen und zu dokumentieren. Schließlich leitete die Gründung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur 1998 eine neue Etappe ein: Einerseits bekräftigte der Bundestag mit der Stiftungsgründung die andauernde gesellschaftliche Relevanz des Themas. Andererseits hatten schon die beiden Enquetekommissionen des Bundestages zwischen 1992 und 1998 öffentlich dokumentiert, dass sich die Geschichte der DDR nicht auf ihre Geheimpolizei reduzieren lässt. Diesen von den Enquetekommissionen begonnenen Weg der umfassenden Aufklärung setzt die Stiftung bis heute fort. Auftrag der Bundesstiftung Aufarbeitung ist es, die umfassende Auseinandersetzung mit den Ursachen, der Geschichte und den Folgen der SED-Diktatur und der deutschen Teilung zu fördern. Mit bislang fast drei Millionen Euro an alljährlich bewilligten Projektmitteln ist die Bundesstiftung die wichtigste Fördermittelgeberin für eine bundesweite, multiperspektivische und vor allem dezentrale Aufarbeitung der DDR-Geschichte. Zu den Akteuren auf diesem Gebiet gehören darüber hinaus die Bundes- und Landeszentralen für politische Bildung, die Stasi-Landesbeauftragten, die parteinahen Stiftungen, die großen Museen und Gedenkstätten des Bundes und der Länder sowie vielfältige Träger der außerschulischen Bildungsarbeit. Daneben leisten die Archive, Gedenk- und Geschichtswerkstätten, die in den 1990er Jahren von DDR-Bürgerrechtlern gegründet wurden, wichtige Beiträge zur politischen Bildungsarbeit. Aber auch Defizite und Fehlentwicklungen müssen benannt werden. Die Aufarbeitung konzentrierte sich in den Jahren nach 1989/90 aus guten Gründen vor allem auf die Geschichte des Regimes, das von ihm begangene politische Unrecht, dessen Opfer sowie auf jene, die Widerstand leisteten oder in der Opposition aktiv waren. Der Horizont der Aufarbeitung war zeitlich auf die Jahre zwischen 1945 und 1990 und geografisch auf die SBZ/DDR beschränkt. Die im doppelten Wortsinn geteilte deutsche Nachkriegsgeschichte geriet allenfalls bei den Themen Deutschlandpolitik und SED-Grenzregime in den Blick. Eine gesamtdeutsche Perspektive auf die Nachkriegsentwicklung, wie sie etwa von Christoph Kleßmann konzipiert wurde, bleibt in Forschung und historischer Bildung bis heute die Ausnahme – die Teilungsgeschichte setzt sich in der Geschichtsschreibung fort. Noch schlechter bestellt ist es um die Einordnung der Diktatur in SBZ und DDR in die langen Linien des 20. Jahrhunderts einerseits sowie in die Entwicklung Nachkriegseuropas andererseits. Weder in der Forschung und in der Hochschullehre noch in der historisch-politischen Bildung gibt es nennenswerte Angebote, die SED-Diktatur in das »Zeitalter der Extreme« im Allgemeinen oder in die Geschichte des Ostblocks im Besonderen einzuordnen. Nicht minder problematisch ist der Umstand, dass die bis heute spürbaren Folgen der Diktatur in Ostdeutschland nur selten Thema der Aufarbeitung sind. Die thematische Engführung schränkt sowohl die Forschung als auch die historisch-politische Bildung in ihren Erkenntnismöglichkeiten ein. Mit der Einordnung der DDR-Geschichte in ihre historischen Kontexte kann gleichermaßen Tendenzen der Verharmlosung als auch der Dämonisierung des SED-Regimes vorgebeugt werden. Denn wer etwa Aussagen über den repressiven Umgang des SED-Regimes mit politisch Andersdenkenden treffen will, mit sozial unangepassten Kindern und Jugendlichen, Heimkindern, Alten oder politischen Häftlingen, gewinnt an Urteilskraft, wenn der Blick mindestens die jeweilige zeitgenössische Praxis in der Bundesrepublik berücksichtigt. Nur so können zeittypische Handlungsweisen von systembedingter Praxis unterschieden werden. Aber auch die vergleichende europäische Perspektive zu Polen oder der Tschechoslowakei oder anderen Staaten des Ostblocks würde Gemeinsamkeiten und Unterschiede kenntlich machen, die bislang ausgeblendet werden. Letzteres verweist auf ein Kardinalproblem der DDR-Aufarbeitung. Diese wird, von wenigen Ausnahmen abgesehen, zu wenig als Teil einer notwendigen Aufarbeitung der kommunistischen Nachkriegsdiktaturen verstanden: Es ist einer Mischung aus fehlender Zuordnung der DDR zum sowjetischen Machtbereich und den Staaten Mittel- und Osteuropas, mangelndem Interesse sowie Sprachbarrieren geschuldet, dass die Geschichte der ostmitteleuropäischen Volksdemokratien (von der Geschichte einiger Aufstände bzw. sowjetischer Interventionen abgesehen) bislang kaum zum Thema geworden ist. Die Engführung der Perspektive spiegelt sich auch in der Begrifflichkeit »SED-Aufarbeitung« wider. Diese enstand Anfang der 1990er Jahre während des Vereinigungsprozesses und sollte auch dazu beitragen, deutlich zu machen, dass es eine Unterscheidung zwischen Regime und Gesellschaft gibt. Inhaltlich lässt der Begriff jedoch vergleichsweise viel Raum für Interpretation, was denn eigentlich genau hier aufgearbeitet werden soll. Anders verhält es sich in den ostmitteleuropäischen Staaten. Dort käme niemand auf die Idee, von der Notwendigkeit zu sprechen, sich mit der Geschichte der PVAP-Diktatur in Polen oder der KPTsch-Diktatur in der Tschechoslowakei auseinanderzusetzen. Hier ist mit einer großen Selbstverständlichkeit von der Aufarbeitung der kommunistischen Diktaturen die Rede. Eine solche nicht nur sprachliche Einordnung der DDR-Diktatur in die Kommunismusgeschichte des 20. Jahrhunderts ist auch für die deutsche Aufarbeitungsdebatte erforderlich. Wer von der kommunistischen Diktatur in Deutschland spricht, wird gerne belehrt, dass sich Ulbricht und Honecker allenfalls auf dem Weg zum Kommunismus wähnten und man daher doch besser etwa von parteidiktatorischen Regimen sowjetischen Typs sprechen sollte. Oder es steht der Vorwurf im Raum, man würde rein ideologisch, weil antikommunistisch argumentieren. Hier wirken auch politische Kontroversen nach, die seit den 1930er und 1940er Jahren virulent sind. Diese haben dazu geführt, dass in Deutschland die Geschichte des Kommunismus im 20. Jahrhundert bislang nur unzureichend diskutiert und bewertet worden ist. Vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Diktatur und dem verbrecherischen Eroberungs- und Vernichtungskrieg hatte Thomas Mann den Antikommunismus 1943 im US-amerikanischen Exil zur »Grundtorheit unserer Epoche« erklärt. Zu diesem Zeitpunkt war es auf dem europäischen Kontinent vor allem die Sowjetunion, die sich unter unvorstellbaren Verlusten dem unaufhaltsam scheinenden Vormarsch der Wehrmacht und dem nationalsozialistischen Deutschland entgegenstellte. So gesehen erschienen die Verbrechen nachrangig, die das sowjetische Regime in den 1920er und 1930er Jahren im eigenen Land begangen hatte. Der antifaschistische Abwehrkampf der Sowjetunion verhalf ihren Parteigängern, die die nationalsozialistischen Lager und Gefängnisse überlebt hatten, in den ersten Nachkriegsjahren zu einem moralischen Kredit. Auch wenn sie diesen als Vasallen sowjetischer Macht- und Sicherheitspolitik alsbald wieder verspielten, wurde der »Große Vaterländische Krieg« zum Mythos, der bis heute selbst in Westeuropa fortwirkt. So erinnert beispielswise die Rue de Stalingrad in Paris daran, dass sowjetische Soldaten auch für die Befreiung Frankreichs von deutscher Besatzung gestorben sind. Die Bezeichnung suggeriert, die Menschen in der Sowjetunion hätten damals weniger ums nackte Überleben als vielmehr für Stalin und die kommunistische Ideologie gekämpft. Der Anteil der deutschen Kommunisten an der Instabilität und am Untergang der Weimarer Demokratie, die politischen Massenverbrechen in der Sowjetunion der 1930er Jahre, der Hitler-Stalin-Pakt und seine Folgen wie auch die Verbrechen, die die Rote Armee auf ihrem Vormarsch nach Berlin und nach ihrem Sieg begangen hatte, werden dagegen bis heute kaum thematisiert. Vor allem in den 1970er Jahren hatten Publikationen Konjunktur, in denen die im Ersten Weltkrieg entstandene Spartakus-Bewegung verklärt und die Sozialdemokratie diskreditiert wurden. Die Rolle der KPD in der Revolution 1918 und der Weimarer Republik wurde romantisiert und deren Beitrag zum Untergang der Weimarer Demokratie negiert. Besondere Aufmerksamkeit fand nun auch der kommunistische Widerstand gegen den Nationalsozialismus, der in der Bundesrepublik wegen seiner antidemokratischen Intention lange Zeit aus der Geschichte ausgegrenzt und gering geschätzt wurde. Der Trend, dem kommunistischen Widerstand einen herausgehobenen Platz einzuräumen, wurde aus Ost-Berlin nach Kräften lanciert. Kritische Kommunismusforscher wie der Mannheimer Historiker Hermann Weber sahen sich in dieser Zeit dem Vorwurf ausgesetzt, dem Antikommunismus Vorschub zu leisten. Damals bildete sich eine lange Zeit gültige »Arbeitsteilung« heraus, in der die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus vor allem von politisch links denkenden Menschen befördert und die Kommunismuskritik vor allem von konservativen Gruppen betrieben wurden. Wer diese Logik durchbrach und sich als Linker für die ostmitteleuropäische Dissidenz einsetzte, stieß in beiden Lagern auf Misstrauen, wenn nicht Feindseligkeit. Autoren wie Aleksandr Solženicyn, die die sowjetischen Massenverbrechen zum Thema machten, wurden von Konservativen gefeiert und von vielen Linken ignoriert. Der Historikerstreit in den 1980er Jahren verhärtete die Fronten. Die These Ernst Noltes, der sowjetische Terror und die Bedrohung durch den Kommunismus seien ursächlich für den nationalsozialistischen Judenmord und den von Deutschland entfesselten Rassen- und Vernichtungskrieg gewesen, wurde zu Recht zurückgewiesen. Gleichwohl zementierte die Debatte eine Hierarchisierung des historischen Gedenkens, das neben der erklärten Singularität des Holocaust aus Furcht vor dem Vorwurf der Relativierung der NS-Verbrechen kaum Raum für die sowjetischen Massenverbrechen ließ. Daran änderte auch die Debatte um das Schwarzbuch des Kommunismus nichts, die Ende der 1990er Jahre im vereinten Deutschland kurz, aber heftig geführt wurde. Rasch wurde den Autoren des Buches unterstellt, sie würden die Gleichsetzung von Kommunismus und Nationalsozialismus betreiben und Letzteren relativieren. Damit einher ging der Vorwurf, die Diktatur in der DDR werde dämonisiert. Deren Aufarbeitung hatte damals einen ersten Höhepunkt erreicht und zu einem erinnerungskulturellen Konflikt geführt, der oft verkürzt mit dem Begriff der »Opferkonkurrenz« beschrieben wurde. Der Bochumer Historiker Bernd Faulenbach hat im Rahmen der Debatten bei den Enquetekommissionen des Deutschen Bundestages zur DDR-Aufarbeitung eine Formel geprägt, die den Konsens in der Kommission im Hinblick auf die Behandlung beider Diktaturen aufgreift und mittlerweile den größten gemeinsamen Nenner der beiden Aufarbeitungslandschaften beschreibt: »Die NS-Verbrechen dürfen nicht mit Hinweis auf das Nachkriegsunrecht relativiert, dieses Unrecht darf aber auch nicht angesichts der NS-Verbrechen bagatellisiert werden.« Erstaunlicherweise war es der Streit um die SED-Diktatur nach 1990, der die NS-Aufarbeitung in die Mitte der Gesellschaft rückte. Heute zählt die Erinnerung an die NS-Diktatur und deren Opfer zum Konsens der Demokraten. Dafür steht symbolisch der von Roman Herzog 1996 proklamierte »Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus« am 27. Januar und materiell die Förderung der NS-Gedenkstätten durch den Bund, an die vor der Wiedervereinigung nicht zu denken war. Zwischenzeitlich hat sich nun auch in Bezug auf die SED-Diktatur ein mit unterschiedlicher Empathie getragener Konsens herausgebildet. Die eingangs beschriebene Aufarbeitungslandschaft sowie die Ausgestaltung herausragender Jahrestage sind dafür beredtes Beispiel. Diesem Konsens war die hier konstatierte Engführung der Perspektive sogar dienlich. Die Loslösung der SED-Diktatur aus dem historischen Kontext des Jahrhunderts der Diktaturen im Allgemeinen und der Kommunismusgeschichte im Besonderen wurde zum kleinsten gemeinsamen Nenner der gesamtdeutschen Erinnerungskultur. Dieser bietet selbst im erinnerungskulturellen Milieu der Postkommunisten Anschlussmöglichkeiten. So können dort die verinnerlichten Klischees von der guten kommunistischen Bewegung, die tragischerweise zeitweilig von Stalinisten usurpiert worden sei, weiter gepflegt und entwickelt werden. Sie entfalten eine Wirkungsmacht, die weit über dieses Milieu hinausreicht. So kommt es zu Bonmots der Art, dass die NS-Diktatur »Leichenberge«, die SED-Diktatur indes nur »Aktenberge« (Egon Bahr) hinterlassen habe. Solche Reduktionen befördern die Schwierigkeiten, die nicht nur junge Menschen haben, die SED-Diktatur zu bewerten. Ihnen sollte nicht dadurch begegnet werden, dass vor allem die Gemeinsamkeiten mit der NS-Diktatur beschworen werden. Diese sind in einigen Bereichen offenkundig und bieten dort sowohl für die Forschung als auch für die historisch-politische Bildung Potenzial. Mit einem weitaus größeren Erkenntnisgewinn wäre die Verortung der SED-Diktatur in der Geschichte des Kommunismus im 20. Jahrhundert verbunden. Doch diese Geschichte wird in der historischen Forschung sowie in der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit stiefmütterlich behandelt. Auch heute noch wird die Geschichte des Kommunismus nicht selten mit bewussten oder unbewussten politischen Zielstellungen thematisiert. Auf der einen Seite zur Delegitimierung dieser Bewegung und auf der anderen Seite zur eigenen historischen Legitimation. Es ist bemerkenswert, dass derzeit die meisten Forschungen zur Geschichte etwa der KPD oder ihrer Protagonisten von Autoren verfasst werden, die im weitesten Sinne dem Umfeld der Linkspartei zuzuordnen sind. Einen besonderen Stellenwert haben dabei Forschungen zu Protagonisten der Bewegung, die in Konflikt zur Parteilinie geraten waren oder dritte Wege beschreiten wollten. Hier zeichnet sich eine neue Perspektive ab, die sich vom Stalinismus abgrenzt und nach den »guten Anfängen« im Kommunismus sucht. In der Mitte der Forschungslandschaft werden diese Themen – nach einem kurzen Boom in den 1990er Jahren – kaum noch aufgegriffen. Im 25. Jahr der deutschen Einheit ist es an der Zeit, die SED-Diktatur unter einer doppelten Perspektive zu betrachten: für die Zeit nach 1945 als Teil der deutschen und europäischen Teilungsgeschichte sowie als Teil der Kommunismusgeschichte. Eine solche Erweiterung der Perspektive wird den Blick nicht nur auf das gesamte 20. Jahrhundert, sondern auch über die Grenzen der SBZ/DDR hinaus lenken. Wer den Aufbau und den Charakter der kommunistischen Diktatur in Ostdeutschland begreifen will, darf erstens das Jahr 1945 nicht als Zäsur behandeln, an der Forschungsinteressen enden oder beginnen. Die SED-Diktatur war von Menschen aufgebaut worden, die in der KPD Weimars, im Widerstand, in NS-Zuchthäusern und KZs oder als Emigranten von den stalinistischen Säuberungen in der Sowjetunion geprägt worden waren. Diese Säuberungen hatten auch jene Besatzungsoffiziere verinnerlicht, die nach 1945 die Errichtung der kommunistischen Diktaturen sowjetischen Typs in ganz Ostmitteleuropa angeleitet hatten. Schon in den 1960er Jahren hat Hermann Weber die Betrachtung der KPD und der kommunistischen Bewegung insgesamt in zwei Phasen unterteilt: die KPD ohne staatliche Macht und die KPD als Staatspartei. So gilt es zweitens, die DDR als Teil dieser Diktaturen zu verstehen, deren politische und soziale Geschichte in Deutschland weithin unbekannt ist. Eine vergleichende Perspektive auf die DDR und Ostmitteleuropa erfordert somit zunächst einmal die Beschäftigung etwa mit der Geschichte Volkspolens oder der ČSSR, was aus Gründen der guten Nachbarschaft schon längst hätte passieren müssen. Schließlich muss die Geschichte der SED-Diktatur drittens mehr denn je mit der der Bundesrepublik in Beziehung gesetzt werden. Eine solche gesamtdeutsche Perspektive würde aufzeigen, wie die kommunistische Diktatur der DDR und die demokratische Bundesrepublik auf die sich wandelnden politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Herausforderungen der Nachkriegsjahrzehnte reagierten. Diese Herausforderungen waren trotz Mauer und Stacheldraht vielfach dieselben. Auf diese Weise könnten die Unterschiede zwischen einem demokratischen und einem diktatorischen System weitaus deutlicher herausgearbeitet werden, als wenn die SED-Diktatur weiterhin allein Gegenstand der Betrachtung bliebe. Der Bund und die Länder, aber ebenso die Wissenschaft sowie die Institutionen der historisch-politischen Bildung sind aufgefordert, einen solchen Perspektivwechsel einzuleiten und die dafür notwendigen Mittel zur Verfügung zu stellen. Die Zeit drängt. 2017 wird sich die Oktoberrevolution zum 100. Mal jähren. Es ist absehbar, dass dieses Ereignis viel Aufmerksamkeit finden wird. Es wäre eine vertane Chance, wenn dieser Jahrestag den Blick vor allem auf das Ereignis selbst und nicht auf dessen Folgen lenken würde. Und es wäre höchst bedauerlich, wenn 2017 vor allem zu postkommunistischen Vergangenheitskonstruktionen einerseits sowie einem neuen politischen Lagerkampf andererseits führen würde. Das Jahr 2017 sollte Anstoß dafür sein, mit der Kommunismusgeschichte endlich ein zentrales, bislang stark vernachlässigtes Kapitel der deutschen, europäischen und internationalen Geschichte des 20. Jahrhunderts in den Blick zu nehmen; mit langem Atem und über 2017 hinaus. 

JHK 2015

Frauen im Widerstandsnetzwerk um Karl Hudomalj. Die »Anti-Hitler-Bewegung Österreichs« 1942–1944

Hans Schafranek

Der Widerstand gegen das NS-Regime nach der Annexion Österreichs im März 1938 wies eine Reihe von Besonderheiten auf, die seine Ausgangsbedingungen im Vergleich mit anderen besetzten europäischen Ländern unter der NS-Herrschaft erheblich erschwerten. Erstens war dem »Anschluss« Österreichs 1938 die fünfjährige Diktatur des »Austrofaschismus« vorangegangen, ein Regime, das nach der militärischen Niederschlagung des Republikanischen Schutzbundes (Wehrformation der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs, SDAPÖ) im Februar 1934 ausnahmslos alle Arbeiterorganisationen illegalisierte bzw. teilweise zerstörte und die sozialpolitischen Errungenschaften der Ersten Republik zunichte machte. Nicht einmal am Vorabend der deutschen Annexion erklärte sich das dem Untergang geweihte Schuschnigg-Regime bereit, auch nur ein taktisches Aktionsbündnis mit den illegalen Gewerkschaften einzugehen, um die österreichische Unabhängigkeit zu verteidigen oder zumindest gegenüber der Weltöffentlichkeit ein symbolisches Zeichen des Widerstandes zu setzen. Zweitens konnte sich der Widerstand gegen die NS-Herrschaft, von der letzten Phase abgesehen, nicht auf eine nationale Grundlage stützen, denn das Bewusstsein einer nationalen Identität Österreichs war nur rudimentär entwickelt. Die österreichische Sozialdemokratie hatte nach dem Machtantritt Hitlers 1933 zwar den »Anschluss« an Deutschland aus ihrem Parteiprogramm gestrichen, hielt aber gleichwohl an einer »großdeutschen« Orientierung fest. Darüber hinaus war unter vielen Repräsentanten des früheren »Ständestaates« eine starke »Deutschtümelei« festzustellen, die vor 1938 in der Formel von »Österreich als dem zweiten deutschen Staat« ihren Ausdruck fand. Lediglich die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ) propagierte seit März 1938 die Wiederherstellung einer unabhängigen, demokratischen Republik Österreich als strategisches Ziel. Dieses wurde jedoch in der Periode des Hitler-Stalin-Paktes durch die Komintern-Linie kompromittiert, nach der jene Forderung als »Losung des britischen Imperialismus« abzulehnen sei. Drittens war der Widerstand in Österreich in organisatorischer Hinsicht parteipolitisch überaus stark fragmentiert und konnte sich zwar auf verschiedene Exilvertretungen, jedoch nicht auf eine von der Anti-Hitler-Koalition anerkannte Exilregierung stützen. Nichtsdestotrotz ist es gerechtfertigt, von einem spezifisch österreichischen Widerstand zu sprechen, weil Verbindungslinien zu deutschen Gruppen, sofern vorhanden, nur sehr lose waren und in keinem Fall eine organisatorische Verschmelzung stattfand bzw. angestrebt wurde. Der Terminus »überparteilich« genießt im Kontext der Geschichte kommunistischer Organisationsstrukturen keinen allzu guten Ruf. Insbesondere im Zusammenhang mit dem antifaschistischen deutschsprachigen Exil von 1933 bis 1945 stand dieser Begriff häufig als Synonym für kommunistische Propagandastrategien, die den Zweck verfolgten, sozialdemokratische oder bürgerliche Intellektuelle, Künstler und Politiker auf vielfältige Weise zu vereinnahmen und zu instrumentalisieren, ohne die machtpolitischen Hebel kommunistischer Apparate in den Blick zu nehmen. Allerdings weist die Geschichte des Widerstands gegen den Nationalsozialismus – sowohl im »Altreich« als auch in Österreich nach 1938 – eine Reihe von bemerkenswerten Beispielen auf, die den Begriff »überparteilich« trotz kommunistischer Dominanz durchaus gerechtfertigt erscheinen lassen. Die 1942 von der Berliner Gestapo zerschlagene Schulze-Boysen-Harnack-Gruppe, besser bekannt unter der Bezeichnung »Rote Kapelle«, kann hier etwa als bedeutendstes Netzwerk angeführt werden.[ftnref]1[/ftnref] [ftnref]2[/ftnref] Über einen weitaus geringeren Bekanntheitsgrad verfügt das von dem slowenischen KP-Aktivisten Karl Hudomalj 1942 in Wien gegründete »Anti-Hitler-Komitee« und die darauf basierende »Anti-Hitler-Bewegung«, obwohl die politischen Auswirkungen dieser Initiative, Kommunisten, Sozialisten und Christlichsoziale für einen gemeinsamen Widerstandskampf zu gewinnen, nach dem Urteil des bekannten Historikers Radomir Luža »gar nicht hoch genug eingeschätzt werden« können.3 Neben dem bereits genannten Spezifikum der Überparteilichkeit fällt bei der Erforschung des genannten Widerstandsnetzwerkes ein ungewöhnlich hoher Frauenanteil auf. Er betrug etwa 55 Prozent und lag damit beträchtlich über dem aller anderen bekannt gewordenen Widerstandsgruppen, die in Österreich nach dem »Anschluss« 1938 gegen das NS-Regime aktiv wurden. Die vorliegende Untersuchung zielt nicht nur darauf ab, neben der organisatorisch-politischen Entwicklung der »Anti-Hitler-Bewegung« insgesamt die in ihr tätigen Frauen in den Fokus zu nehmen. Zwangsläufig rückt auch die Frage nach den Gründen für den außergewöhnlich hohen Anteil an Widerstandskämpferinnen in den Vordergrund. Die naheliegende Vermutung ideologisch-politischer Motivationsstränge würde als Erklärungsfaktor indes in die Irre führen: Alle Aktivistinnen der »Anti-Hitler-Bewegung«, über die jeweils zumindest einige biografische Eckdaten bekannt sind, hatten organisatorisch oder zumindest im Hinblick auf ihr politisches Nahverhältnis einen sozialistischen oder kommunistischen Sozialisationshintergrund, während die nach 1938 im Untergrund agierenden sozialistischen und kommunistischen Widerstandsgruppen in Österreich einen Frauenanteil aufwiesen, der sehr weit unterhalb jenem in der »Anti-Hitler-Bewegung« lag (s. u.). Deshalb werden zur Klärung jener Fragestellung die spezifischen Betätigungsfelder der involvierten Frauen eingehend behandelt. Hier fällt auf, dass sich neben der regen illegalen Propaganda und der Bildung von betrieblichen Kampfkomitees ein erheblicher Teil der Aktivitäten der »Anti-Hitler-Bewegung« auf die Schaffung einer Infrastruktur für Aktivistinnen und Aktivisten konzentrierte, die nicht »nur« illegal tätig waren, sondern ausschließlich im Untergrund lebten, wie z. B. sowjetische Funk- und Fallschirmagenten oder entflohene sowjetische Zwangsarbeiter bzw. Kriegsgefangene. Die Sicherung dieser Untergrundtätigkeit erforderte in einem weit stärkeren Ausmaß die Einbindung ganzer Familien und von zahlreichen, oftmals weiblichen Verwandten, als dies etwa bei einer illegalen Propagandatätigkeit einzelner Männer in einem Betrieb der Fall gewesen wäre. Dies führt zu der weitverbreiteten Annahme, Frauen hätten im Widerstand zumeist »nur« untergeordnete, gleichwohl mit hoher Zuchthaus- oder Todesstrafe bedrohte Hilfsdienste geleistet. Aus der Untersuchung geht klar hervor, dass jene Annahme zumindest im Fall der »Anti-Hitler-Bewegung« nicht zutrifft. Eine Frau war im vierköpfigen Leitungsgremium tätig, andere spielten eine initiative Rolle bei der Vorbereitung und Durchführung von betrieblichen Sabotageakten. Auch die Etablierung von Kurierlinien nach Slowenien erfolgte durch eine Widerstandskämpferin. Schwerpunkte der politisch-organisatorischen Tätigkeit und Anteil der Frauen am Widerstandsnetzwerk Der slowenische Kommunist Karl Hudomalj hatte bereits eine bewegte politische Vergangenheit aufzuweisen,4 als er – so die späteren Erkenntnisse der Gestapo – im Februar 1942 nach Wien kam. Dort lebte er im Untergrund unter den Decknamen »Juri« und »Kerner«.5 Als eine der ersten Anlaufstellen diente ihm Ottilie Schörg, eine Schneiderin, die er von früheren Aufenthalten in Wien kannte. Sie brachte ihn zunächst bei ihrer Mutter unter und vermittelte dann den Kontakt zu Johann Rothfus, einem Kommunisten aus dem Wiener Bezirk Hernals.6 Zur Existenzsicherung Hudomaljs trug in einem erheblichen Ausmaß auch Otto Steindl bei, ein Buchdruckereibesitzer, mit dem der slowenische Kommunist seit 1936 politisch in Verbindung stand. Schon zu dieser Zeit hatte Steindl größere Mengen illegaler kommunistischer Zeitungen und Flugblätter in serbokroatischer Sprache hergestellt.7 Seine Buchdruckerei befand sich in einem städtischen Gemeindebau in Hernals (Zeillergasse 63), und Franz Burda (geb. 1919), ein damals zur Wehrmacht eingezogener KP-Sympathisant und Aktivist der Hudomalj-Gruppe, betonte später in einem Interview den bemerkenswerten Umstand, dass auch nach fast fünf Jahren NS-Herrschaft die Solidarität vieler Hausbewohner gegenüber politisch Verfolgten nicht gebrochen werden konnte: »Zu derselben Zeit – ohne dass ich es gewusst habe – muss es in dem Bau mit 16 Stiegen mindestens auf jeder Stiege irgendwelche Vertrauensleute von uns gegeben haben, weil nachher unsere illegalen U-Boote […] alle dort Unterschlupf gefunden haben. Von einer Wohnung gewissermaßen in die andere haben wandern können.«8 Tatsächlich konnten zahlreiche Personen – 11 Frauen und 10 Männer – aus dem Umfeld Hudomaljs identifiziert werden, die 1942/43 unter dieser Adresse oder in der näheren Umgebung wohnten.9 Unter den 70 namentlich eruierten Personen, die der »Anti-Hitler-Bewegung« nach bisherigen Recherchen zugeordnet werden können, fanden sich 39 Frauen – ein in der Geschichte des österreichischen Widerstandes gegen das NS-Regime sehr ungewöhnlicher Befund.10 Radomir Luža untersuchte anhand eines Samples von 2795 Personen die organisatorische Zugehörigkeit, die Altersstruktur, das Geschlecht, den Familienstand und andere wichtige Merkmale von neun Gruppen des österreichischen Widerstandes: Kommunistische Partei, Revolutionäre Sozialisten und Sozialdemokraten, Fabrikszellen, Legitimisten, Traditionalisten, Militär, Zeugen Jehovas, Allösterreicher und ehemalige Heimwehr-Angehörige.11 Diese Zuordnung erscheint in mancherlei Hinsicht fragwürdig.12 Trotzdem darf man davon ausgehen, dass die geschlechtsspezifische Verteilung insgesamt eine halbwegs zuverlässige Annäherung an die historische Realität enthält. Von den 2795 Personen, über die entsprechende Daten vorlagen, waren 2452 Männer (87,7 Prozent) und 338 Frauen (12,1 Prozent). Den höchsten Frauenanteil finden wir – allerdings auf Grundlage eines sehr kleinen Samples – bei den Zeugen Jehovas (42 Prozent), gefolgt von Revolutionären Sozialisten und Legitimisten (jeweils 16,5 Prozent), den niedrigsten bei den Fabrikszellen (1,3 Prozent). Beim kommunistisch orientierten Widerstand lag – etwas überraschend – der weibliche Anteil mit 11,5 Prozent knapp unterhalb des österreichischen Durchschnitts. Insbesondere die zuletzt genannte Zahl scheint mit der gängigen Annahme einer beträchtlichen Anzahl kommunistischer Widerstandskämpferinnen und auch einem gewissen Bekanntheitsgrad von etlichen politisch verfolgten Frauen aus diesem Milieu zu kollidieren. In absoluten Zahlen ergibt sich tatsächlich eine ganz andere Verteilung: Von den 338 politisch verfolgten Frauen, deren Daten erhoben wurden, kamen 143 (42,2 Prozent) aus kommunistischen Widerstandsgruppen.13 In der frühen Phase seines politischen Wirkens (Sommer/Herbst 1942) konnte Hudomalj vor allem mit der Unterstützung einer Reihe von KP-Aktivistinnen und Aktivisten rechnen, die infolge konspirativer Umsicht oder einer gewissen Isolierung den bisherigen Verhaftungswellen der Gestapo entgangen waren. Dazu gehörten: die Postsparkassenangestellte Irma Machalek, Leopoldine Flandera,14 Wilma Trawnitschek, der Bäckergehilfe Johann Rothfus sowie der Schlossergehilfe Gustav Schwella und dessen Ehefrau Marie, geb. Freismuth.15 Hinzu kamen eine Reihe von ehemaligen sozialistischen Parteifunktionären, etwa der Mittelschulprofessor Karl Suchanek sowie das Ehepaar August und Marie Kamhuber.16 Letztere stellte eine Verbindung mit Dr. Alfred Migsch her, einem ehemaligen Spitzenfunktionär der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), der im Herbst 1942 eine »Bestandsaufnahme« unter seinen früheren Genossen machte, um festzustellen, »wer noch da ist, nicht umgefallen war und für den Aufbau neuer politischer Beziehungen in Betracht kommt«.17 Im November 1942 konstituierte sich das Initiativkomitee der »Anti-Hitler-Bewegung«, dessen Leitung zunächst aus Hudomalj, Karl Suchanek sowie August und Marie Kamhuber bestand. Es fanden wöchentliche Zusammenkünfte statt, auf denen vor allem über die neuesten Nachrichten des Moskauer und Londoner Rundfunks debattiert und über die Stimmung unter der Wiener Bevölkerung berichtet wurde.18 Über Irma Machalek dehnte Hudomalj seinen Bekanntenkreis nach Graz aus. Ende November 1942 stellte sie ihm Willibald Wallner vor, einen KP-Sympathisanten, der in der Wehrmacht diente und sich gerade auf Heimaturlaub befand. Hudomalj schlug ihm vor, zu desertieren, was dieser nach Rücksprache mit seinen Grazer Genossen jedoch ablehnte. Wallner war mit einer NS-Parteigängerin verheiratet, und man befürchtete, bei der zu erwartenden Fahndung nach ihm würde die Frau seinen ganzen Bekanntenkreis der Gestapo preisgeben. Allerdings erklärte sich Wallner bereit, bei einer sich bietenden Gelegenheit zur Roten Armee überzulaufen und nach Möglichkeit unter dem Decknamen »Peter Münzer« über Radio Moskau eine Nachricht mitzuteilen. Dazu kam es nicht – Wallner fiel am 22. März 1943.19 Trotz seines ambitionierten Programms, das neben einer regen publizistischen Tätigkeit vor allem auf die Bildung von »Anti-Hitler-Komitees« als einheitliche Kampforgane in Betrieben und Kasernen abzielte, mied Hudomalj jeglichen Kontakt mit der von Gestapo-Spitzeln infiltrierten Stadtleitung, aber auch mit den Bezirksleitungen der illegalen KPÖ. Stattdessen versuchte er, auf direktem Weg eine Verbindung mit der Moskauer Exilparteiführung bzw. der Kommunistischen Internationale (Komintern) herzustellen. Dabei sollten ihm Wehrmachtsangehörige helfen, die an der russischen Front überlaufen und der Parteileitung Informationen übermitteln bzw. Instruktionen entgegennehmen sollten. Im früheren Schutzbundlokal des Gemeindebaus in der Zeillergasse 63 hielt er kurz vor Weihnachten 1942 eine Besprechung ab, an der Franz Burda (Obergefreiter der Wehrmacht) sowie dessen spätere Ehefrau, Friederike Stolba, und Schwiegermutter, Josefa Stolba, teilnahmen. Der junge Soldat erklärte sich bereit, Instruktionen entgegenzunehmen und zur Roten Armee überzulaufen, um eine Verbindung mit Johann Koplenig, dem KPÖ-Vorsitzenden im Moskauer Exil, herzustellen. Hudomalj verfasste auf Leinen in winziger Schrift zwei in russischer Sprache geschriebene Briefe – einen, den Burda bei der Gefangennahme einem sowjetischen Offizier übergeben sollte, und einen zweiten für Georgi Dimitroff (Vorsitzender der Kommunistischen Internationale), mit dem der Verfasser persönlich bekannt war. Diese brisanten Schriftstücke nähte der deutsche Soldat in seinen Uniformrock ein, zahlreiche inhaltliche Details lernte er zudem auswendig. Nach wochenlangen Vorbereitungen an der russischen Front gelang es Burda im Februar 1943 tatsächlich, im Kessel von Demjansk seine gefährliche Mission zu erfüllen und zur Roten Armee überzulaufen.20 Ein von ihm im Kriegsgefangenenlager verfasster, 21-seitiger Bericht stellt ein in seiner Art einzigartiges Dokument dar, das nicht nur exakte Informationen über die bis Ende 1942 geleistete Arbeit enthält, sondern vor allem die Perspektiven der zukünftigen Aktivitäten sehr genau umreißt. Sie sahen u. a. den Einsatz von sowjetischen Funk- und Fallschirmagenten vor, mit genauer Beschreibung der infrage kommenden Absprungzonen und Ausrüstungsgegenstände. Hudomaljs Vorschläge und Instruktionen dokumentieren deutlich, dass er weitaus umsichtiger operierte als die meisten der vor ihm aus Moskau entsandten Emissäre, die zur Reorganisation der illegalen KPÖ nach Österreich eingeschleust worden waren. Darüber hinaus zeigen sie aber auch, dass sich Hudomalj frühzeitig auf eine enge Kooperation mit französischen und russischen »Fremdarbeitern« hin orientierte. Interessanterweise lässt sein Konzept in einem Teilbereich auch eine als erforderlich erachtete geschlechtsspezifische Arbeitsteilung erkennen, und zwar im Zusammenhang mit dem geplanten Absetzen einer Reihe von Fallschirmagenten in Österreich: »4–6 Teilnehmer, darunter der eine oder zwei französische Genossen, die Genossen, die die Organisation in Linz und der Obersteiermark aufbauen sollen, werden ausgesucht und kehren auf die besprochene Art unter meiner [d. h. Burdas, H. S.] Führung, da ich mit den örtlichen Lebensverhältnissen, Kontrollen, Reisebestimmungen usw. am besten vertraut bin, nach Österreich zurück. Dieser Rückkehr soll vorangehen: eine ausreichende Ausbildung im Funken, um in Österreich in der Lage zu sein, das Wissen und Können an dort lebende Genossinnen weitergeben zu können, da die Genossen anderweitig verwendet werden sollen.«21 Auf dem Territorium des Deutschen Reiches handelte es sich hierbei um den einzigen bekannten Fall, bei dem ein Unternehmen dieser Art nicht von Moskau aus, sondern »im Land« konzipiert wurde. Im Januar 1943 erschien die erste von Hudomalj und Suchanek verfasste Nummer der Zeitschrift Wahrheit. Organ des Initiativ-Komitees der Anti-Hitler-Bewegung Österreichs, von der Hudomalj Franz Burda vor Beendigung seines Fronturlaubs noch einige Manuskripte zeigte. Heinrich Klein, ein Jugendfreund Burdas, stellte Friederike Stolba (geb. 1923, später Burdas Ehefrau) eine Schreibmaschine zur Verfügung. Zur Vervielfältigung wurde ein Handabziehapparat verwendet, der von einem Mitarbeiter aus dem achten Bezirk stammte. Das nötige Papier und die Farbe besorgte der Druckereibesitzer Otto Steindl. Die Matrizen wurden anfangs von Stolba geschrieben, auch das Abziehen, Kuvertschreiben und teilweise die Beförderung der Zeitungen waren ihre Aufgabe.22 Die Auflage der bis November 1943 monatlich erscheinenden23 illegalen Zeitung betrug anfänglich etwa 100, in der Folge 250 Exemplare.24 Einen Teil des Vertriebes übernahm auch Wilma Trawnitschek, die Zeitungen an Frontsoldaten verschickte oder – in mehreren Wiener Bezirken – Personen, die ihr als Antifaschisten bekannt waren, sich aber nicht direkt im Widerstand engagierten, in den Briefkasten steckte. Allmonatlich warf sie auch ein Exemplar in das Postfach des Schweizer Konsulats. So machte die Gruppe auch im neutralen Ausland auf ihre Existenz und den Widerstand in Österreich aufmerksam. Als erhofftes, wenn auch nicht wirklich erwartetes Resultat veröffentlichten die Basler Nachrichten im September 1943 einen Auszug aus der Wahrheit,25 woraufhin im Völkischen Beobachter eine wütende Replik erschien.26 Etwa 20 bis 30 Exemplare jeder Ausgabe der Wahrheit verteilte Irma Machalek, die die hektografierten Schriften teils in Wien und Umgebung, teils in Graz verbreitete.27 Außergewöhnlichen Mut bewies auch Marianne Kühnlein, eine Mitarbeiterin von Dr. Alfred Migsch, der als Beamter beim sogenannten Familienunterhalt (Fürsorgestelle für die Familien von eingezogenen Wehrmachtsangehörigen) ein Büro im Wiener Rathaus unterhielt und für Hudomalj einen Teil der von ihm erhaltenen Manuskripte für die Wahrheit redigierte. Kühnlein sorgte für die maschinenschriftliche Abschrift der Texte und half auch bei der Verteilung einiger Nummern der illegalen Zeitung.28 Von den vielfältigen sonstigen Aktivitäten der Frauen in der österreichischen »Anti-Hitler-Bewegung« seien hier nur einige wenige genannt. So etablierte Wilma Trawnitschek eine Kurierlinie nach Slowenien, um Kontaktmöglichkeiten mit Partisanen zu organisieren: »In dieser Partisanenangelegenheit fuhr ich im Auftrag von Hudomalj nach Zagorje [Hudomaljs Heimatort, H. S.], dem damaligen Edlingen, zu Frau Eli Mann, die dann auch später nach Wien zu einer Besprechung bezüglich Gründung einer Auffangs- und Weiterleitungsstelle in Zagorje [kam], um Wehrmachtsangehörige zu den Partisanen weiterzuleiten. Auch mit Max Gersak aus Crno, einem alten illegalen Mitarbeiter von Hudomalj in Jugoslawien, hatte ich in Klagenfurt einige Zusammenkünfte in gleicher Angelegenheit. So hatte ich schon zwei Verbindungsmänner in Jugoslawien, die mir dann auch sehr zu Hilfe kamen, als ich aus Österreich flüchten musste.«29 Der Bereich »Sabotage« ist vor allem mit der Tätigkeit von Friederike Burda verknüpft, die Franz Burda in erster Linie heiratete, weil sie eigentlich als Nachrichtenhelferin nach Saloniki versetzt werden sollte und nicht für die Wehrmacht arbeiten wollte. Tatsächlich konnte sie daraufhin in Wien bleiben und wurde bei den Optischen Werken Reichert dienstverpflichtet. Der auf Rüstungsproduktion umgestellte Betrieb erzeugte u. a. Fernwinkelrohre für die Wehrmacht und beschäftigte vor allem französische, griechische und jugoslawische Arbeiter. Friederike Burda fand hier relativ günstige Bedingungen für die Vorbereitung und Durchführung von Sabotageakten vor, weil der Werkstättenleiter Willy Horwath und mehrere österreichische Arbeiter sie deckten,30 obwohl sie nicht mit der »Anti-Hitler-Bewegung« in Verbindung standen. Hudomalj bewies seine organisatorischen Fähigkeiten auch durch die Gründung und den Ausbau einer Parallelorganisation von sowjetischen Zwangsarbeitern bzw. Kriegsgefangenen, die nach Wien oder Niederösterreich deportiert worden waren. Unter Hudomaljs Leitung waren Michail Zenenko und der aus einem deutschen Kriegsgefangenenlager geflüchtete Oberleutnant Michail Iwanow für die Organisation verantwortlich. Von der Existenz dieser »Anti-Hitler-Bewegung der Ostarbeiter« erfuhr die Gestapo erstmals Ende Oktober 1943.31 In zahlreichen Rüstungsbetrieben wurde ein Netz von Kampfkomitees errichtet, das sich über fast alle Wiener Bezirke spannte.32 Die strikte organisatorische und personelle Trennung zwischen der Hudomalj-Gruppe und den Mitgliedern der »Ostarbeiter-Bewegung« konnte nicht aufrechterhalten werden, auch deshalb nicht, weil eine Reihe von russischen Kriegsgefangenen bzw. Zwangsarbeitern flüchtete und mit Quartieren und Lebensmitteln versorgt wurde. Dadurch erweiterte sich der Kreis von mehr oder weniger eingeweihten Kontaktpersonen erheblich. Auch in diesem Bereich der Widerstandsaktivitäten waren Frauen maßgeblich beteiligt, wie im September 1945 Jakob Halir berichtet: »Am 27. September 1943 lernten meine Frau und meine Tochter den sowjetrussischen Fliegeroffizier Mischa Bogdanow aus Leningrad […], mit illegalem Namen genannt ›Peter‹, bei der Genossin Schwella kennen: Genossin Schwella trat an uns heran, ob wir nicht den Russen ins Quartier nehmen möchten? Meine Frau kam nach Hause und gab mir das Ansuchen der Genossin Schwella bekannt, das ich sofort bejahte.33 Bis zur Verhaftung der Familie Schwella und (des) Genossen Rothfus,34 welche nach 7 Wochen erfolgte, war Peter 5 Wochen bei mir. […] Nach der Verhaftung der Genossen übernahm ich Peter ganz in unsere Obhut (gemeinsam mit Genossin Zamis, wohnhaft: Wien 9., Alserstrasse 59), welche 13 Monate dauerte. Während dieser Zeit verschaffte ihm meine Tochter Leopoldine eine Pistole und auch Quartiere.«35 Die praktischen Vorbereitungen der »Anti-Hitler-Bewegung« für den Widerstand gegen das NS-Regime lassen erkennen, dass sie eines der militantesten Netzwerke im Untergrund darstellte und im Herbst 1943 den Status einer bloßen Propagandagruppe längst hinter sich gelassen hatte. So wurden nicht nur Vorbereitungen für die Durchführung von größeren Sabotageaktionen gegen die NS-Kriegsmaschinerie getroffen; darüber hinaus sind im Kern die Konturen einer im Aufbau begriffenen Stadtguerilla zu erkennen, d. h. die Orientierung auf den bewaffneten Kampf wird deutlich. Hans Steykal etwa, ein Wehrmachtsangehöriger aus Stadlau, »organisierte« im Arsenal ein Maschinengewehr, ein zweites wurde in der Wohnung von Irma Machalek versteckt.36 Die Mission der Fallschirmagenten-Gruppe aus Moskau Erst viele Jahre nach seiner Rückkehr aus der UdSSR erfuhr Franz Burda, dass seine gefährliche Mission – das Überlaufen im Kessel von Demjansk und die Übermittlung des Berichts von Hudomalj – nicht vergebens gewesen war. Tatsächlich billigten die Komintern und die KPÖ-Exilleitung die Vorschläge einer Kurierverbindung mittels Funk- und Fallschirmagenten, wenn auch mit erheblichen Modifikationen. Im Mai/Juni 1943 bereiteten sich in Moskau Gregor Kersche (geb. 1892), Hilde Mraz (geb. 1911) und Aloisia Soucek (geb. 1908) auf ihren bevorstehenden Einsatz in Österreich vor. Kersche, ein Mitbegründer der KPÖ in Kärnten und langjähriges ZK-Mitglied, lebte seit 1935 in der Sowjetunion, Hilde Mraz37 und Aloisia Soucek waren 1934 bzw. 1931 emigriert. Hilde Mraz, die Funkerin, erhielt vor dem Abflug aus Moskau Personaldokumente, die sie als »Margarete Buchgraber« auswiesen, aus der Reservefunkerin Soucek wurde »Ernestine Andechsner«, und Kersches Papiere lauteten auf den Namen »Johann Pirker«. Außerdem erhielten sie Parteinamen, mit denen die Funktelegramme unterzeichnet werden sollten: »Peter« (Kersche), »Susi« (Mraz), »Luci« (Soucek). Kersche, der »Resident«, sollte nicht nur, wie dies bei früheren Fallschirmagenten-Unternehmen der Fall war, militärisch und politisch wichtige Informationen sammeln und auswerten. Koplenig schärfte ihm ein, seine Anstrengungen besonders auf die Arbeit unter antifaschistisch gesinnten Wehrmachtsoldaten zu konzentrieren und die Grundlagen für eine breite Partisanenbewegung zu schaffen. Die letzten praktischen Anweisungen erhielt das Trio von Morosow (Leiter der operativen Abteilung), der Geld, Funkgerät und Dokumente aushändigte. Am 27. Juni 1943 setzte ein sowjetisches Bombenflugzeug die drei Österreicher per Fallschirm bei Rikki, in der Nähe von Warschau, ab, wo sie von polnischen Partisanen in Empfang genommen wurden. Die zwei Frauen blieben zunächst bei den Partisanen, während Kersche nach Warschau fuhr, eine konspirative Wohnung bezog und dort zusätzliche Papiere und Informationen erhielt. Eine Woche später folgten ihm die beiden Frauen.38 Am 15. Juli 1943 telegrafierte Pawel Finder39 nach Moskau: »Die österreichischen Genossen Peter, Luci und Susi befinden sich in Warschau, fahren dieser Tage weg.«40 Aus Sicherheitsgründen fuhr das Dreierteam nicht gemeinsam nach Wien, die beiden Funkerinnen verblieben vorläufig noch in Warschau. Auch das Fehlen einer vorbereiteten Basis in Wien führte dazu, dass Kersche, der zum Auskundschaften und zur Vorbereitung eines Quartiers für die zwei Frauen am 16. Juli vorausfuhr, zunächst Anna Schmidgunst (Schwester von Aloisia Soucek) aufsuchte und anschließend die Schwiegermutter von Hilde Mraz.41 Diese Vorgehensweise war zwar angeblich schon in Moskau vereinbart worden,42 widersprach aber den elementarsten Regeln der Konspiration. Die Angehörigen der beiden Frauen verhielten sich – wohl aufgrund der verständlichen Angst vor einer Gestapo-Provokation – überaus abweisend. In der zweiten Julihälfte fanden Aloisia Soucek und Hilde Mraz jedoch einen vorläufigen Unterschlupf bei Sophie und Friedrich Exter,43 anschließend bei Eduard Freisinger, der allerdings – ebenso wie seine Frau – erst bei den brutalen Gestapo-Verhören im Januar 1944 erfuhr, wen er beherbergt hatte.44 Auch Leo Mistinger (nach 1945 SPÖ-Nationalrat und Vorsitzender des Bundes Sozialdemokratischer Freiheitskämpfer) und seine Schwester Anna, zwei weitere Quartiergeber, dürften über die Identität der zwei Funkerinnen im Unklaren gewesen sein. Kersche selbst konnte zunächst bei dem Schneider Franz Konrad (1944 hingerichtet) untertauchen,45 anschließend fand er eine Unterkunft bei Irma Machalek (Wien 12., Koppreitergasse 11).46 Die äußerst umtriebige Aktivistin organisierte auch eine erste Zusammenkunft zwischen Hudomalj und Kersche, und zwar im Fotostudio von Monika Pölzl, einer Freundin Machaleks.47 Nachdem sich der KPÖ-Emissär überzeugt hatte, dass der »Kleine« (so die Bezeichnung Hudomaljs in den KGB-Berichten) mit dem in Moskau beschriebenen Mann identisch war, stellte Hudomalj in Aussicht, eine Verbindung mit August Suchanek herzustellen. Des Weiteren wurde Kersche zum Verfasser der zukünftigen Leitartikel in der Wahrheit bestimmt. Er beauftragte Hudomalj, den Kontakt zu einem ZK-Mann zu knüpfen, weitere Quartiere und Lebensmittel zu besorgen sowie einen Radiofachmann zur Unterstützung heranzuziehen. Kersche legte dem Leiter der »Anti-Hitler-Bewegung« eine in Moskau erstellte »Plattform«, d. h. politische Leitlinien vor, die im Wesentlichen folgende Punkte umfassten: 1. Herausbildung eines Blocks der antifaschistischen Kräfte bei führender Rolle der Arbeiterklasse. 2. Vorbereitung eines Volksaufstandes gegen die deutschen Okkupanten. 3. Schaffung von Bürgerkomitees zur Leitung der Sabotage, der Streiks und anderer Formen des Kampfes. 4. Darauf aufbauend: Vorbereitungen zur Errichtung einer provisorischen Regierung. Die »Plattform« wurde von den Mitgliedern der Hudomalj-Gruppe diskutiert, und einen Monat später fand – unter Teilnahme des Redakteurs Suchanek – ein Treffen statt, auf dem Kersches Konzeption zugestimmt wurde.48 Kersche sammelte alle politisch und militärisch relevant scheinenden Informationen und kümmerte sich auch um die Fälschung von Personaldokumenten. So ließ er Monika Pölzl den Wehrunfähigkeitspass von Rudolf Mekiskas fotografieren, um durch dessen Weiterbearbeitung sechs Deserteuren einen Ausweis zu verschaffen. Eine der wichtigsten Aufgaben – die Herstellung einer Funkverbindung mit Moskau – scheiterte jedoch an unüberwindlichen technischen Schwierigkeiten bei der Reparatur des Funkgeräts. Gestapo-Aktionen gegen die »Anti-Hitler-Bewegung« Die Entlarvung und Zerschlagung der »Anti-Hitler-Bewegung« durch die Gestapo erfolgte in drei Etappen. Am 15. Oktober 1943 wurde der Buchdrucker Ilja Kirnosow als erstes Mitglied der »Ostarbeiter«-Organisation festgenommen.49 Durch die erprügelten Geständnisse kam die Gestapo weiteren Mitarbeitern auf die Spur und resümierte zwei Wochen später: »Zum Zwecke der Durchführung dieser Punkte sollen in verschiedenen Wiener Bezirken Komitees gebildet werden, die Terror- und Sabotagetrupps zu errichten haben. Die terroristischen Trupps haben die Aufgabe, hervorragende Führer in Politik und Wirtschaft zu beseitigen sowie die Sprengung von kriegswichtigen Objekten durchzuführen, während die letzteren durch entsprechende Aktionen den Arbeitsprozess und die Kriegsproduktion zu hemmen und lahmzulegen haben. Das zentrale Anti-Hitler-Komitee übernimmt die Verantwortung der Ausstattung mit Sprengmitteln der terroristischen Trupps. Es sind in diesem Zusammenhang Namen von Ostarbeitern bekannt geworden, die einer eingehenden Beobachtung unterzogen werden.«50 Eine zweite Verhaftungsaktion betraf vor allem die Kontaktpersonen aus dem »Anti-Hitler-Komitee«. Zwischen dem 27. und 29. November wurden neben weiteren sowjetischen Zwangsarbeitern ebenso festgenommen: Gustav Schwella, Marie Schwella, Eleonore Schwella, Karl Rimmer, Marie Kamhuber, August Kamhuber, Johann Hobl, Johann Rothfus sowie Tatjana Rothfus.51 August Suchanek befürchtete, ebenfalls ins Visier der Verfolger zu geraten und verübte gemeinsam mit seinen Eltern Selbstmord. In den innersten Kreis vermochte die Gestapo erst um die Jahreswende 1943/44 einzudringen und zwar durch den Einsatz von V-Leuten.52 Aus Sicht des KGB (im Kontext des Rehabilitierungsverfahrens von Kersche) stellte sich die Endphase folgendermaßen dar: »Kersche warf vor dem ›Kleinen‹ die Frage der Notwendigkeit einer zeitweiligen Einstellung der Tätigkeit und der Überlassung einer verlässlicheren konspirativen Wohnung für sich auf. Der ›Kleine‹ erzählte Kersche, er habe vor kurzer Zeit Verbindung mit einem Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Österreichs aufgenommen und er werde versuchen, über ihn eine Wohnung außerhalb Wiens ausfindig zu machen. Dabei sprach er von seiner Absicht, das Mitglied des ZK als Vertreter der KP in seine Gruppe aufzunehmen. Kurz darauf erhielt Kersche über einen Verbindungsmann die Mitteilung, eine Wohnung sei gefunden. Am 2. Jänner 1944 stellte der ›Kleine‹ dem Kersche den Verbindungsmann des erwähnten ZK-Mitglieds der KP Österreichs vor, der ihn zur konspirativen Wohnung bringen sollte. Damit gingen sie auseinander, und da es zu spät war, um zur eigentlichen Wohnung zu gelangen, brachte der Verbindungsmann den Kersche kurzfristig für eine Nacht bei einem Bewohner des 10. Bezirks in Wien unter. Am nächsten Tag, dem 3. Jänner, kam der Verbindungsmann in die Wohnung, um Kersche abzuholen, und sie gingen zur Straßenbahnhaltestelle, wo Kersche von als Gaswerksarbeitern verkleideten Gestapoleuten verhaftet wurde.«53 Das vermeintliche »ZK-Mitglied« war Georg Weidinger (geb. 1907),54 ein ehemaliger Kommunist, der 1941 von der Gestapo »umgedreht« worden war und sich als V-Mann besonders beim Aufspüren von Fallschirmkundschaftern und deren Unterstützern hervortat.55 Auch der angebliche »Verbindungsmann« konnte identifiziert werden. Es handelte sich um Josef Lochmann, einen weiteren Gestapo-Spitzel, der eng mit Weidinger kooperierte.56 Unter den geschilderten Umständen wäre es demnach für die Gestapo ein Leichtes gewesen, einen bereits anderweitig »bewährten« Spitzel in einer organisatorisch exponierten Position zu platzieren und die »Anti-Hitler-Bewegung« von oben nach unten stark zu infiltrieren. Frühere kommunistische Leitungsgremien wurden auf diese Weise über viele Monate kontrolliert, zersetzt und systematisch unterwandert. Einige legitimistische Gruppierungen standen sogar über Jahre hindurch unter Beobachtung, um alle Verbindungen aufzudecken. Dass die Gestapo im Fall des Hudomalj-Netzwerkes anders verfuhr und bereits wenige Tage nach der Ausforschung Hudomaljs eine große Verhaftungswelle auslöste, kann als Indiz für die Stärke und Militanz dieser Bewegung angesehen werden, die sich zu einem »unkontrollierbaren« Faktor entwickelt hatte und – vor allem in Verbindung mit den »Ostarbeiter«-Komitees – bereit war, binnen kurzer Zeit den bewaffneten Kampf gegen die NS-Staatsmacht zu eröffnen. Zwischen dem 4. und 11. Januar 1944 verhaftete die Gestapo Karl Hudomalj, Alfred Migsch, das Ehepaar Pirker, Irma Machalek, Aloisia Soucek, Hilde Mraz sowie zahlreiche weitere Mitglieder der »Anti-Hitler-Bewegung«, ebenso eine Reihe von Personen, die den beiden Fallschirmspringerinnen Unterschlupf gewährt oder sie mit Geld und Lebensmitteln versorgt hatten.57 Hudomalj widersetzte sich der Festnahme, indem er einen Schuss aus seiner Pistole abfeuerte, durch den jedoch niemand verletzt wurde. Seine Lage war völlig aussichtslos, zumal bei ihm Adressmaterial und eine Reihe von Manuskripten gefunden wurden, die für die Januar-Ausgabe 1944 der Wahrheit bestimmt waren.58 Die »Untersuchungen« teilten sich das »Ostarbeiter-Referat« (Rudolf Hitzler) und das von Kriminalrat Johann Sanitzer geleitete Referat IVA2 (Sabotage, Funk- und Fallschirm-agenten). Hitzler und Sanitzer gehörten zu den brutalsten Schlägern am Morzinplatz (Wiener Gestapo-Zentrale) – einige Inhaftierte wurden zu Tode gefoltert – und erhielten 1948 bzw. 1949 eine lebenslange Haftstrafe, die sie jedoch nicht bis zum Ende verbüßen mussten.59 Sanitzers Prozess vor dem Wiener Volksgericht (Januar 1949) sorgte in der Öffentlichkeit für großes Aufsehen und enthüllte einige der Qualen, die seine zahlreichen Opfer erleiden mussten, etwa Anna Mistinger60 oder Kersche. Letzterer war während der Verhöre so schwer misshandelt worden, dass Irma Machalek ihn bei einer Gegenüberstellung zunächst nicht wiedererkannte.61 Der Leiter des Referats IVA2 trug bei den Verhören gelegentlich einen Wachstuch-Umhang, um seine Kleidung nicht mit dem Blut der Häftlinge zu bespritzen.62 Nach dem Abschluss der »Untersuchungen« zwang Sanitzer Kersche und die beiden Funkerinnen zur Durchführung eines sogenannten Funkspiels, d. h., nach der durch brutale Gewalt erzwungenen Preisgabe des Funkschlüssels und sonstiger Unterlagen eröffnete die Gestapo im Februar 1944 den Funkverkehr mit der Komintern bzw. ihren Nachfolge-Institutionen.63 Dieses Funkspiel erhielt von der Gestapo den Codenamen »Lindwurm«. Zwischen Februar 1944 und April 1945 sandte das Referat IVA2 in Kersches Namen 86 Funksprüche nach Moskau. Ob die dortige Zentrale von deren Authentizität überzeugt war oder das »Funkspiel« durchschaute, vermochte Jahrzehnte später auch der KGB nicht mehr zu ermitteln. Dafür, dass der Täuschungsversuch gelang, sprachen die lange Dauer des Funkverkehrs und die große Anzahl der Funktelegramme. Andererseits wurde z. B. der Forderung, weitere Kundschafter nach Österreich zu entsenden, ebenso wenig entsprochen wie dem Ansinnen, »Anlaufadressen« oder sonstige Informationen zu übermitteln, die österreichischen Widerstandskämpfern zum Verhängnis hätten werden können.64 Eine Reihe von Aktivistinnen konnte sich dem Zugriff der Gestapo entziehen. Im Falle Wilma Trawnitscheks bewährte sich nun die von ihr selbst aufgebaute Kurier- und Verbindungslinie nach Slowenien: »Ich entging meiner Verhaftung nur dadurch, dass ich […] einen Krankenurlaub in Klein-Reifling verbrachte, weil ich damals durch die aufreibende illegale Arbeit gesundheitlich nicht auf der Höhe war […]. Bei meiner Rückkehr aus Kl. Reifling schlich ich nachts unvorsichtigerweise in meine Wohnung, niemand [einige Worte im handschriftlichen Text unleserlich, H. S.] zum Glück und am nächsten Morgen um 5h früh war die Gestapo an meiner Tür. Ich hörte, wie meine Nachbarin sagte, ich sei auf Erholung und so hat die Gestapo meine Wohnungstür nicht aufgebrochen und [die Gestapo-Leute] sind wieder weggefahren. Ich schlich mich sofort in den Keller, blieb den ganzen Tag unten und abends, als es dunkelte, verließ ich das Haus. Ich trieb mich noch 4 Tage in Wien herum. Während die Gestapo in meiner Wohnung auf meine Rückkehr wartete, versuchte ich noch, die vereinbarten Treffs einzuhalten – aber leider ist niemand mehr gekommen; so hatte ich die Gewissheit, dass alle Kameraden der Gestapo in die Hände gefallen sind. Ich stand plötzlich ganz allein auf mich angewiesen da. Ich überlegte aber nicht lange, denn mir blieb sowieso nur der eine Weg zu den Partisanen offen […]. Die Reise nach Jugoslawien war für mich als Frau leichter, weil nur Männer kontrolliert wurden und nur Schnellzüge, also fuhr ich mit dem Personenzug und kam auch unbehelligt durch. Sehr beschwerlich war dann der Weg zu den Partisanen, weil es nicht leicht war, die Verbindung zu bekommen, da doch gerade Zagorje schwer besetzt [sic] war. […] Nach etlichen vergeblichen Versuchen, gelang es dann Max Gersak am 10. März 1944, mich zu den Partisanen zu bringen. Trotz der großen Strapazen, die ich durchmachen musste, fühlte ich mich frei mit der Genugtuung […] mithelfen zu können, Hitlers Kriegsmaschine zum Stehen zu bringen. Zuerst war ich eine Zeitlang im II. slowenischen Batt. [Bataillon, H. S.], dann kam ich zum österr. Batt., wo ich bis Kriegsende verblieb.«65 Die SS ermordete Hudomalj am 27. September 1944 im KZ Mauthausen, ebenso seinen Mitkämpfer Hans Rothfus. Einige weitere Widerstandskämpfer wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet bzw. starben in anderen Konzentrationslagern (Dachau, Flossenbürg).66 Nach bisherigen, noch nicht abgeschlossenen Forschungen ließ die Wiener Gestapo mindestens 23 Frauen aus der »Anti-Hitler-Bewegung« in das KZ Ravensbrück überstellen, zumeist zwischen Juli und Oktober 1944. Die Verfolgungsgeschichte dieser Frauen ist in der Historiografie bisher unbeachtet geblieben,67 obwohl von etlichen Überlebenden Erinnerungsberichte und Opferfürsorgeakten vorliegen. Kersche, Soucek und Hilde Mraz blieben bis zum 5. April 1945 im Gewahrsam der Wiener Gestapo, dann ergriffen sie – ebenso wie einige andere zum Funkverkehr gezwungene Fallschirmkundschafter – die Flucht. Die Kersche-Gruppe konnte sich nur wenige Tage der wiedererlangten Freiheit erfreuen. Der vormalige »Resident« und die beiden Funkerinnen schlugen sich zu einem Stab der Roten Armee durch, erstatteten Bericht über ihre fehlgeschlagene Mission und wurden vom SMERSCH (militärische Spionageabwehr) in Haft genommen.68 Lebenswege Im Folgenden werden drei biografische Skizzen von Frauen präsentiert, deren Lebenswege bis zur Tätigkeit in der »Anti-Hitler-Bewegung« und auch nach der Verhaftung durch die Gestapo teilweise recht unterschiedlich verliefen. Deshalb knüpfen die Biografien von Marie Kamhuber und Aloisia Soucek zwar an den Textteil an, jedoch mit einer Fokussierung auf biografische Aspekte, die den Rahmen der allgemeinen Darstellung gesprengt hätten. Anders verhält es sich mit der ebenfalls porträtierten Sophie Leifheim, die im vorhergehenden Text keine Erwähnung fand. Im Gegensatz zu den allermeisten Protagonistinnen der »Anti-Hitler-Bewegung« war sie nicht durch einen proletarischen Hintergrund geprägt, sondern entstammte einem bürgerlichen Milieu. Zudem steht Sophie Leifheim exemplarisch für den Grazer »Ableger« des thematisierten Widerstandsnetzwerkes; ihre Aufnahme erfolgte auch deshalb, weil über diesen steirischen Zweig ansonsten sehr wenig bekannt ist. Marie Kamhuber Marie Marchhardt (auch: Marchart) entstammte einer kinderreichen Bauernfamilie aus dem Waldviertel (Niederösterreich) und wurde am 21. Juli 1893 in Weitersfeld geboren, wo sie sieben Jahre lang die Volksschule besuchte. Trotz geringer Schulbildung interessierte sie sich als Kind sehr für Geografie und Geschichte: »Ich hatte da immer die Gespräche meiner Großmutter vor Augen, die mir von der 1848er-Revolution, vom Preußen-Krieg und von den Bauernkriegen erzählte«, schrieb sie 1945 in einem Lebenslauf. 1911 starb der Vater, die Mutter blieb mit sieben unversorgten Kindern zurück. Karl Marchhardt (geb. 1898), der einzige Bruder von Marie, wurde 1916 zum Militär eingezogen und kehrte, auf Krücken gehend, zwei Jahre später aus dem Krieg zurück. Wenig später starb er an den Folgen seiner schweren Verletzungen. Marie Marchhardt und zwei ihrer Schwestern verließen den elterlichen Bauernhof und gingen nach Wien. Als Stubenmädchen in einer Pension beschäftigt, kam sie in Wien erstmals mit sozialistischen Studentinnen in Berührung und lernte schon bald August Kamhuber (geb. 1896) kennen, ihren späteren Ehemann, der damals Funktionen in der sozialistischen Jugendbewegung innehatte. Nach der Heirat im Jahr 1920 trat Marie Kamhuber der SDAPÖ bei und war zunächst als »Sektions-Vertrauensmännin« (sic!) sowie als zweite »Obmännin« tätig, später als Mitglied des Parteivorstandes von Hernals. Sie besuchte Rednerschulen für Funktionärinnen und die Parteihochschule. Nach der Niederlage des Republikanischen Schutzbundes im Kampf gegen das »austrofaschistische« Regime und dem Verbot aller sozialdemokratischen Organisationen (Februar 1934) wandte sie sich den Revolutionären Sozialisten zu und war am Vertrieb illegaler Zeitungen beteiligt. Nach dem »Anschluss« Österreichs (März 1938) sympathisierten Maria Kamhuber und ihr Ehemann mit der kommunistischen Bewegung; ob sie der KPÖ beitraten, ist jedoch ungewiss. 1942 wandte sich Hans Rothfus mit der Bitte an sie, einen »Emigranten« aufzunehmen. Auf diese Weise kam Maria Kamhuber mit Karl Hudomalj in Kontakt, dessen richtigen Namen sie erst viel später, bei den Gestapo-Verhören erfuhr. Über diese Verbindung sagte sie: »Es entspann sich sehr bald eine ideologische Gemeinschaft, bestehend aus mehreren Genossen, an der auch ich, als gleichberechtigtes Mitglied, teilnahm. Es war dies vorerst das Initiativ-Komitee der Anti-Hitler-Bewegung, vertreten durch Sozialisten und Kommunisten, späterhin das Anti-Hitler-Komitee der Anti-Hitler-Bewegung Österreichs. Die Besprechungen wurden in unserer Wohnung abgehalten und führten zu dem Beschluss, eine eigene Zeitung herauszugeben.« Am 27. November 1943 wurde das Ehepaar Kamhuber festgenommen, allerdings wurde bei der Hausdurchsuchung nichts Belastendes gefunden, die sonstigen Verdachtsmomente waren in dieser Phase recht vage und verdichteten sich erst Anfang 1944, als Hudomalj, Kersche und andere der Gestapo in die Hände fielen. Im Zusammenhang mit der Entlarvung des Widerstandsnetzwerkes wurde am 1. Januar 1944 auch Viktor Bergner verhaftet, der Schwager Marie Kamhubers. Viktor Bergner war Polizeimeister (Schutzpolizei), deshalb verhandelte man seinen Fall vor dem SS- und Polizeigericht in München. Das Verfahren endete mit dem Todesurteil. Am 30. August 1944 wurde Bergner im KZ Dachau erschossen. Marie Kamhuber hatte von ihrem Schwager die Adressen von neun sympathisierenden Polizeiangehörigen erhalten, welche die Wahrheit zugesandt erhielten. Da von weiteren Verfahren gegen Schutzpolizisten in diesem Kontext nichts bekannt ist, kann mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass Marie Kamhuber und Viktor Bergner deren Namen nicht preisgaben. Bis Anfang Oktober 1944 verblieb Marie Kamhuber im Untersuchungsgefängnis an der Wiener Elisabethpromenade – allen politischen Häftlingen des »austrofaschistischen« wie auch des NS-Regimes unter der Bezeichnung »auf der Liesl« ein vertrauter Begriff. Am 8. Oktober 1944 erfolgte ihre Überstellung ins KZ Ravensbrück, laut Schutzhaftbefehl wegen »Unterkunftgewährung eines kommunistischen Funktionärs der österr. Widerstandsbewegung (Anti-Hitler-Bewegung) und Abhören von Moskauer Rundfunksendungen in Gemeinschaft mit mehreren Personen«. In Ravensbrück war sie als Wäscheverwahrerin im Krankenblock eingesetzt. Nach der Befreiung des KZs kehrte Marie Kamhuber am 20. Juli 1945 nach Wien zurück, stellte sich der KPÖ zur Verfügung und wurde zur Frauenleiterin der Bezirksorgansation Wien XVII (Hernals) bestellt, eine Funktion, von der sie 1947 aus gesundheitlichen Gründen zurücktrat.69 Sophie Leifheim Sophie Hennicke war die Tochter von Malvine und Dr. Adalbert Hennicke und kam am 30. November 1890 in Graz zur Welt, wo sie die Volksschule und das Mädchenlyzeum besuchte. Anschließend studierte sie vier Semester an der Universität Graz (Kunstgeschichte). Bis 1917 lebte sie bei ihren Eltern und bei Verwandten in Deutschland. Sophie Hennicke war schriftstellerisch tätig und heiratete 1917 den deutschen Lyriker Hans Leifheim, mit dem sie die folgenden Jahre in Berlin verbrachte. 1923 zog das Ehepaar nach Graz. 1926 trat Sophie Leifheim der SDAPÖ bei und war hauptsächlich in der Bildungsarbeit sowie in der Fürsorge tätig. Nach dem Schutzbund-Aufstand im Februar 1934 bemühte sie sich intensiv um Rechtshilfe für angeklagte Sozialdemokraten, die sie u. a. aus dem Fürsorgeverein kannte. Die von Sophie Leifheim eingerichtete Rechtshilfestelle kooperierte eng mit der Liga für Menschenrechte in Paris. 1934 zerbrach die Ehe aufgrund des starken sozialistischen Engagements von Sophie Leifheim – das Paar ließ sich scheiden. Schon 1923 war sie eng mit Dr. Albert (»Axl«) Leskoschek befreundet, dem Redakteur der sozialdemokratischen Zeitung Arbeiterwille. Leskoschek wirkte auch als vielseitig begabter Künstler, der Leifheim in die Kunstszene einführte (u. a. in die Künstlervereinigung »Freiland«). Nach dem Verbot der SDAPÖ trat Leskoschek der bereits seit 1933 illegalen KPÖ bei. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit war es auch Leskoschek, auf dessen Initiative Leifheim der KPÖ beitrat. Weil sie Leskoschek in der Illegalität unterstützt hatte, bestritt Leifheim gegenüber der Polizei jegliche kommunistische Tätigkeit, als sie im März 1936 in Graz verhaftet wurde. Nach dreimonatiger Haft verlieren sich Leifheims Spuren für etliche Jahre. 1943 trat sie in Graz der »Anti-Hitler-Bewegung« bei, wahrscheinlich zählte sie zu den Kontaktpersonen Irma Machaleks. Anfang 1944 geriet sie in die Fänge der Gestapo. Trotz eines schweren Herzleidens wurde sie mit einem Sammeltransport im Sommer 1944 ins KZ Ravensbrück deportiert, wofür Kriminalrat Sanitzer verantwortlich war. In Ravensbrück erhielt Sophie Leifheim keine Medikamente und verstarb schon nach kurzer Zeit.70 Aloisia Soucek Aloisia Jarosch war das zwölfte Kind einer Arbeiterfamilie und wurde am 8. Februar 1908 in Wien als Tochter eines Schlossers und einer Wäscherin geboren. Sieben Geschwister starben noch im Kindesalter. Aloisias Schwester Johanna und deren Mann, der Radiotechniker Alois Peismann, gehörten bereits seit 1919 der KPÖ an und lebten seit 1923 in Moskau. Einer ihrer Brüder war Sozialdemokrat. Nach dem Abschluss der achtjährigen Volksschule besuchte Aloisia Jarosch die Handelsschule und arbeitete zugleich als Laufmädchen, später als Buchhalterin in der AEG-Union. 1929 fuhr sie in die UdSSR, um ihre Schwester zu besuchen, und wurde nach ihrer Rückkehr »wegen sowjetischer Propaganda« fristlos entlassen. Von kurzfristigen Gelegenheitsarbeiten abgesehen, blieb sie in der Folge bis 1931 beschäftigungslos. 1929 heiratete sie den Elektriker Josef Soucek (seit 1930 Mitglied in der KPÖ), der gleichfalls einer Arbeiterfamilie entstammte. Hatte sie von 1926 bis 1930 der SDAPÖ angehört, ohne dort jedoch Funktionen auszuüben, trat sie 1930 oder 1931 der KPÖ bei.71 In der Stadlauer KPÖ-Zelle fungierte sie als Frauenleiterin sowie als – wie sie selbst sagte – »Agitpropmann und Schriftführer«. Im Oktober 1931 fuhr sie auf der Suche nach Arbeit via »Intourist« in die UdSSR und erhielt im Moskauer Marx-Engels-Lenin-Institut eine Beschäftigung als Stenotypistin.72 Ihr Mann, der ihr etwas später nachfolgte, fand im Moskauer Kugellagerwerk »Kaganowitsch« als »Brigadier« in der Elektrowerkstätte eine Beschäftigung. 1933 wurde Aloisia Soucek von der Komintern an die KUNMZ (Kommunistische Universität der nationalen Minderheiten des Westens) »kommandiert« und erhielt den Decknamen »Aloisia Kurz«. Ihr Studium musste sie jedoch schon im November 1934 wieder aufgeben, nachdem ihr Sohn kurz nach der Geburt im August 1934 schwer erkrankt war. Von Oktober 1935 bis zur Auflösung der KUNMZ im Mai 1936 war sie dort als Stenotypistin beschäftigt, anschließend als Sekretärin im österreichischen Sektor der Internationalen Lenin-Schule. Als diese nach einer umfassenden Dezimierung des Lehrpersonals durch den stalinistischen Terror im April 1938 ebenfalls »liquidiert« wurde, fand Soucek eine Beschäftigung als Sekretärin im Verlag für fremdsprachige Literatur.73 Im September 1941 wurde Aloisia Soucek auf Vorschlag der Vertretung des ZK der KPÖ und auf Beschluss des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI) in die »Spez-Schule« der Komintern geschickt, an der Funk- und Fallschirmagenten ausgebildet wurden, die in den NS-besetzten europäischen Ländern zum Einsatz kommen sollten. Infolge der akuten militärischen Bedrohung Moskaus im Herbst 1941 wurden alle staatlichen Institutionen evakuiert, die »Spez-Schule« nach Kuschnarenkowo bei Ufa verlegt. Im März 1942 kehrte Aloisia Soucek nach Moskau zurück und setzte ihre funktechnische Ausbildung fort (Deckname »Michajlowa Kurz«). Im Mai 1943 übermittelte V. Jegorow die Testergebnisse bei den Kontrollübungen.74 Diesen Angaben folgte das knappe Fazit: »Gen. Michajlowa kann selbständig als Funkerin arbeiten.« Wenige Tage später folgte die nominelle Auflösung der Komintern, was jedoch an den organisatorischen Strukturen ebenso wenig änderte wie an den konkreten Arbeitsbedingungen. Lediglich die Bezeichnung der Institution war neu, die für den Auslandseinsatz vorgesehenen Funk- und Fallschirmagenten unterstanden nun dem NII 100 (Wissenschaftliches Forschungsinstitut 100). Neun Tage vor ihrem Abflug aus Moskau, am 18. Juni 1943, richtete sie einen persönlichen Brief an Georgi Dimitroff, den Vorsitzenden der Komintern: »In der Zeit meiner Abwesenheit – falls Sie es als notwendig erachten, meinen Sohn Erich Soucek (er befindet sich im Lesnij-Kurort) wegzubringen, dann bitte ich Sie, ihn meiner sehr nahen Genossin Stolz Ruth zu geben, die sich derzeit an der Front befindet, sie wird ihn erziehen, ich gebe ihr alle Rechte einer Mutter für die Erziehung. Sie bitte ich inständig, meinen Buben materiell abzusichern […] Falls sich meine Schwester Peismann Johanna finden sollte, die sich an einem mir unbekannten Ort befindet,75 kann man ihr auch meinen Sohn zur Erziehung übergeben, ebenfalls mit materieller Unterstützung.« Der Vater des Kindes, Josef Soucek, war seit 1941 Angehöriger der Roten Armee und befand sich während der gesamten Kriegsdauer im Fronteinsatz. Aloisia Soucek sollte weder ihren Mann noch ihr Kind je wiedersehen. Die dramatische Entwicklung zwischen dem Fallschirmabsprung in Polen und der Verhaftung durch die sowjetische Spionageabwehr in Wien wurde bereits dargestellt. Nach einigen Wochen Haft erfolgte die Deportation von Kersche, Mraz und Soucek in die UdSSR. Am 8. August 1945 verurteilte ein OSO-Tribunal (Sonderberatung) des NKWD in Moskau Aloisia Soucek in einem Schnellverfahren wegen »Vaterlandsverrats« zu einer achtjährigen Lagerhaft, die sie im GULag-Komplex SZDL (Nördliches Eisenbahnlager) der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Komi verbrachte. Gregor Kersche und Hilde Mraz wurden am selben Tag zu zehn bzw. acht Jahren Lagerhaft verurteilt. Von der kräftezehrenden Zwangsarbeit bereits sehr geschwächt, verfasste Soucek im September 1947 im Lazarett »Ropca« einen Bittbrief an die Auslandsabteilung des ZK der KPdSU, in dem sie nochmals ihre Situation nach der Verhaftung durch die Gestapo beschrieb: »Am 6. Januar [1944] gab mir der Leiter der Gestapo das Protokoll, das Kersche schon unterschrieben hatte, zum Lesen. In diesem Protokoll waren alle Angaben über unsere Arbeit und Aufträge schon von Kersche gemacht. Außerdem machte man eine Gegenüberstellung zwischen Kersche und mir. Mein Schweigen nützte nichts. Durch mich ist ein Mann verhaftet worden. Auf die Frage der Gestapo nach den Namen aller, die mit mir gelernt haben,76 sagte ich, dass ich nur Vornamen wie Wasja, Wanja, Myra, Sonja usw. wüsste. Anfang Mai stellte mich der Leiter der österr. Gestapo vor die Alternative, entweder mit der Gestapo zu arbeiten, d. h. die Radioverbindung mit Moskau aufzunehmen, oder es würden alle, die mit unserer Sache in Verbindung waren, erschossen. Nach 3 Tagen reiflicher Überlegung gab ich meine Einwilligung, aber keine Unterschrift. Ich habe auf alle mögliche Art u. Weise versucht, Moskau in Kenntnis zu setzen, dass nicht wir arbeiten, sondern die Gestapo.77 Und meiner Meinung nach ist es auch gelungen, denn das Resultat war gleich Null. Man hatte uns keine Leute aus Moskau geschickt u. die Antworttelegramme gaben keine Angaben. Dies ist alles kontrollierbar.« Das MGB (Ministerium für Staatssicherheit) sah jedoch laut einer Mitteilung vom 22. Oktober 1947 »keine Grundlagen für eine Revidierung des Beschlusses« in der Causa Soucek. Am 7. März 1948 verstarb sie im Nördlichen Eisenbahnlager des GULag. 17 Jahre später, am 27. Januar 1965, hob das Militärtribunal (MVO) den OSO-Beschluss aus dem Jahr 1945 auf und stellte »wegen des Fehlens des Tatbestands eines Verbrechens« das Verfahren ein.78 [ftntext] Der vorliegende Text ist das erste Zwischenergebnis eines Forschungsprojektes (Überparteilich. Patriotisch. Transnational. Die »Anti-Hitler-Bewegung Österreichs« im Widerstand gegen das NS-Regime 1942–1944), das vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank, dem Kulturamt der Stadt Wien (MA 7) und der Hochschuljubiläumsstiftung der Stadt Wien (MA 8) gefördert wird. Der Verfasser möchte sich an dieser Stelle bei den genannten Institutionen für die Förderungen bedanken.[/ftntext] [ftntext]Die Rezeptionsgeschichte der »Roten Kapelle« war jahrzehntelang von einer Traditionslinie dominiert, die publizistisch durch frühere Mitarbeiter der Gestapo oder der militärischen Abwehr geschaffen bzw. befördert wurde. Politisch »seitenverkehrt«, entwickelten hagiografische und heroisierende Darstellungen in der DDR eine ebenso verzerrte Sicht auf dieses Widerstandsnetzwerk. Es gehört zu den Verdiensten der Gedenkstätte Deutscher Widerstand (Berlin), dieser doppelten Mystifizierung und Legendenbildung eine differenzierte Sichtweise entgegengesetzt zu haben. Siehe etwa Hans Coppi/Jürgen Danyel/Johannes Tuchel (Hg.): Die Rote Kapelle im Widerstand gegen den Nationalsozialismus (= Schriften der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Bd. 1), Berlin 1994.[/ftntext] 3 Radomir Luža: Der Widerstand in Österreich 1938–1945, Wien 1985, S. 172. 4 Geb. 18. Oktober 1905 in Zagorje (Edlingen) als Sohn einer Arbeiterfamilie. Schlossergehilfe, seit 1923 Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes. 1924 in bewaffnete Auseinandersetzungen mit der Organisation jugoslawischer Nationalisten (Organizacija Jugoslavenskih Nacionalista, ORJUNA) involviert, einer frühfaschistischen, zwischen 1921 und 1929 existierenden Bewegung in Jugoslawien. 1924 Mitglied der Kommunistischen Partei Jugoslawien (KPJ), 1929 bis 1931 Studium an der Kommunistischen Universität der nationalen Minderheiten des Westens (KUNMZ) in Moskau. Seit 1934 Mitglied des ZK der KPJ, 1936/37 illegale Tätigkeit in Wien. 1937 bis 1941 Instrukteur des ZK für die Arbeit unter den jugoslawischen Emigranten in Frankreich, Belgien und den Niederlanden. 1941 in einem deutschen Rüstungsbetrieb. Siehe France Filipic: Slovenci v Mauthausnu [Slowenen in Mauthausen], Ljubljana 1998, S. 431; Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (im Folgenden: DÖW), 1.080, Franz Kloper (Ljubljana), einige Angaben über Karl Hudomalj, November 1962. 5 Siehe DÖW, 8.478, Staatspolizeileitstelle Wien, Tagesbericht Nr. 2, 7.–10. Januar 1944. 6 Siehe ebd., Staatspolizeileitstelle Wien, Tagesbericht Nr. 9, 1.–3. Februar 1944. 7 Siehe Herbert Exenberger/Heinz Riedel: Militärschießplatz Kagran (= Schriftenreihe des DÖW zur Geschichte der NS-Gewaltverbrechen, Bd. 6), Wien 2003, S. 26. 8 DÖW, Sammlung »Erzählte Geschichte«, Interview mit Franz Burda, 25. Juli 1984, Transkript (Interviewer Hans Safrian). 9 In der Zeillergasse 63: Josefa Stolba, Friederike Burda (geb. Stolba), Franz Burda, Emma Mayerhofer, Karl Suchanek sowie dessen Eltern; in der Zeillergasse 74: Gustav Schwella, Marie Schwella, Eleonore Schwella, Karl Rimmer; in der Pretschgogasse 3: August Kamhuber, Marie Kamhuber, Viktoria Chmel; in der Ferchergasse 11: Johann Rothfus; in der Wattgasse 88: Dr. Alfred Migsch; in der Wattgasse 98: Jakob Halir, Leopoldine Halir; in der Wurlitzergasse 87: Magdalene Onigas; in der Rötzergasse 31: Therese Pleschko. 10 Irma Machalek, Leopoldine Flandera, Marie Schwella, Eleonore Schwella, Katharina Rothfus, Tatjana Rothfus, Marie Kamhuber, Marie Pirker, Leopoldine Veit, Sophie Leifheim, Risa Roschitz, Margarete Snitily, Ottilie Schörg, Magdalena Onigas, Josefa Stolba, Friederike Burda (geb. Stolba), Wilma Trawnitschek, Rosl Mekiska, Johanna Pleschko, Therese Pleschko, Dora Hofmann, Else Hofmann, Anna Slivka, Erna Vachal, Johanna Kloc, Monika Pölzl, Hedy Grusch, Hilde Mraz, Luise Soucek, Emma Mayerhofer, Maria Freisinger, Sophie Exter, Frau Büchler, Marianne Kühnlein, Hilde Hasenauer, Anna Wagner, Viktoria Chmel, Julianne Rappold, Leopoldine Halir. 11 Siehe Luža: Widerstand (Anm. 3), S. 327–329. 12 Es fehlt z. B. der wichtige Bereich des individuellen, nicht organisierten Widerstandes, worauf bereits Wolfgang Neugebauer (Der österreichische Widerstand 1938–1945, Wien 2008, S. 16 f.) hingewiesen hat. Wodurch sich die »Allösterreicher« definierten bzw. von den NS-Verfolgungsinstanzen definiert wurden, bleibt unklar. Schließlich wird nicht ausgewiesen, ob bei den Kommunisten die Angehörigen des Kommunistischen Jugendverbandes inkludiert sind – ein Manko, das eventuelle Verzerrungen bei der Berechnung der Altersstruktur impliziert. 13 Siehe Luža: Widerstand (Anm. 3), S. 331. Eine jüngst erschienene Untersuchung über Widerstand und Verfolgung in Österreich unter dem NS-Regime differenziert nach anderen Kriterien die einzelnen Kategorien von Opfern aus dem Widerstand und basiert mit annähernd 8000 Personen auch auf einem wesentlich breiteren Sample. Siehe dazu Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.): Opferschicksale. Widerstand und Verfolgung im Nationalsozialismus. Jahrbuch 2013, Wien 2013. Siehe besonders die Beiträge von Brigitte Bailer: Zur Frage nach Quantifizierungen der NS-Opfer, S. 89–100; Wolfgang Form/Ursula Schwarz: Österreichische Opfer der NS-Justiz, S. 137–161; außerdem Neugebauer: Der österreichische Widerstand (Anm. 12), S. 233–272. Im Hinblick auf die geschlechtsspezifische Zusammensetzung kommt diese Studie jedoch zu ähnlichen Ergebnissen. Siehe dazu Neugebauer, ebd., S. 236 ff. 14 Archiv Hans Schafranek, Nachlass Irma Machalek. Gedächtnis-Protokoll zum Fall Gregor Kersche, Louise Soucek, Hilde Mraz und Karl Hudomalj, o. D. 15 Siehe DÖW, 329, Bericht Wilma Trawnitschek, 19. November 1963; 8.477, Staatspolizeileitstelle Wien, Tagesbericht Nr. 1, 1.–3. Dezember 1943. 16 Siehe DÖW, 5.934, Bericht Maria Kamhuber, 28. Februar 1963. Siehe auch die ausführliche Biografie von Marie Kamhuber am Ende dieses Beitrags. 17 Siehe DÖW, 5.934, Bericht Dr. Alfred Migsch, 10. November 1969. 18 Siehe ebd., Bericht Marie Kamhuber: Die Tätigkeit der österreichischen Antihitlerbewegung. 19 Siehe Nachlass Irma Machalek (Anm. 14), Gedächtnis-Protokoll, S. 2. 20 Siehe DÖW, Sammlung »Erzählte Geschichte«, Interview mit Franz Burda (Interviewer: Hans Safrian), 25. Juli 1984, Transkript S. 10–24. 21 DÖW, 879, Bericht des Gen. Franz Burda an das Z. K. der Komm. Partei Österreichs. Kriegsgefangenenlager Nr. 87, 5. 4. 1943 (Ms. Abschrift). 22 Siehe DÖW, 329, Bericht Friedl Burda, o. D. 23 Siehe DÖW, 8.476, Staatspolizei-Leitstelle Wien, Tagesbericht Nr. 23, 16.–18. November 1943. 24 Siehe DÖW, 5.934, Bericht Marie Kamhuber: Die Tätigkeit der »Antihitlerbewegung«. 25 Siehe DÖW, 329, Bericht Wilma Trawnitschek, 19. November 1963. 26 Siehe Völkischer Beobachter (Wiener Ausgabe) vom 13. November 1943 (»Basler Giftmischer«). 27 Siehe Nachlass Irma Machalek (Anm. 14), Gedächtnis-Protokoll, S. 2. 28 Siehe DÖW, 5.934, Bericht Dr. Alfred Migsch, 10. November 1969. 29 DÖW, 329, Bericht Wilma Trawnitschek, 19. November 1963. 30 Siehe DÖW, 3.424, Namensliste. 31 Siehe DÖW, 8.476, Staatspolizei-Leitstelle Wien, Tagesbericht Nr. 19, 1.–4. November 1943. 32 Siehe ebd., Staatspolizei-Leitstelle Wien, Tagesbericht Nr. 25, 23.–25. November 1943. 33 In diesem Kontext sei auf einen vergleichbaren Fall im Ruhrgebiet hingewiesen. Von März bis August 1943 war hier ein aus der Sowjetunion kommender Fallschirmagent (Franz Zielasko) illegal tätig, nach dessen Verhaftung 56 seiner Mitarbeiter und Unterstützer der Gestapo in die Hände fielen. Der Volksgerichtshof (VGH) verhängte 17 Todesurteile, von denen 14 vollstreckt wurden. Anders als bei der Hudomalj-Gruppe ging bei jenen Unterstützungsaktionen die Initiative ausnahmslos von den (Ehe)-Männern aus, was einigen angeklagten Frauen das Leben rettete, da ihnen der VGH zugute hielt, sie hätten nicht aus eigenem »Täterwillen« gehandelt. Siehe dazu Hans Schafranek: Inseln der Solidarität. Lebens- und Überlebensbedingungen im antifaschistischen Untergrund am Beispiel eines kommunistischen Widerstandsnetzes im Bergarbeitermilieu des Ruhrgebiets 1943, in: Alfred Ableitinger/Martin Moll (Hg.): Licence to detect. Festschrift für Siegfried Beer zum 65. Geburtstag, Graz 2013, S. 371–397. Ein Vergleich der justiziellen Praxis ist allerdings nicht möglich, da die verhafteten Frauen aus dem Hudomalj-Komplex nicht vor Gericht gestellt, sondern in Konzentrationslager überstellt wurden. 34 Eleonore Schwella (Tochter von Gustav und Marie Schwella) war mit Rudolf Rothfus verheiratet. DÖW, 3.424, Namensliste lt. Angabe von Friedl Burda, Frühjahr 1965. 35 DÖW, 5.934, Bericht Jakob Halir, 20. September 1945. 36 Siehe Nachlass Irma Machalek (Anm. 14), Gedächtnis-Protokoll, S. 9. 37 Zur Biografie von Hilde Mraz siehe Barry McLoughlin/Josef Vogl: »… Ein Paragraf wird sich finden«. Gedenkbuch der österreichischen Stalin-Opfer (bis 1945), Wien 2013, S. 379–381. 38 Siehe Zentralarchiv des russischen Inlandsgeheimdienstes (Federalnaja sluschba besopasnosti Rossijskoi Federazii, FSB), Moskau, Straf- und Ermittlungsakte Gregor Kersche und andere, Vernehmungsprotokoll Aloisia Soucek (SMERSCH, militärische Spionageabwehr), 19. April 1945, Bl. 124 ff. Alle hier und im Folgenden angeführten Dokumente wurden aus dem Russischen übersetzt. 39 Pawel (urspr.: Pinkus) Finder (geb. 1904) war ein prominenter polnischer KP-Führer, der Ende 1941 als Fallschirmagent in Polen abgesetzt wurde, um die fast völlig zerschlagene polnische KP wiederaufzubauen. Er wurde am 26. Juli 1944 im Warschauer Pawiak-Gefängnis ermordet. 40 Rossijskij gosudarstvennyj archiv social’no-političeskoj istorii/Russländisches Staatsarchiv für Soziale und Politische Geschichte (im Folgenden: RGASPI), 495/187/2.911, Kaderakte Aloisia Soucek, Telegramm Finder, 15. Juli 1943. 41 Siehe Wiener Stadt- und Landesarchiv (im Folgenden: WStLA), Vg 11c Vr 586/47, Protokoll der Hauptverhandlung gegen Johann Sanitzer, 14. Januar 1949, Zeugenaussagen Anna Schmidgunst und Sophie Exter. 42 Siehe Zentralarchiv des FSB, Straf- und Ermittlungsakte Gregor Kersche und andere, Bericht des KGB: Die Tätigkeit der Einsatzgruppe des »Peter« in Österreich, o. D. [ca. 1965]. 43 Siehe Nachlass Irma Machalek (Anm. 14), Gedächtnis-Protokoll, S. 7, 15. Friedrich Exter wurde 1944 in Torgau hingerichtet. 44 Siehe WStLA, Vg 11c Vr 586/47, Protokoll der Hauptverhandlung gegen Johann Sanitzer, 14. Januar 1949. Eduard Freisinger sagte dazu aus: »Ich wurde am 12. 1. 1944 verhaftet, mein Sohn hatte mir zwei Mädel gebracht mit dem Bemerken, sie hätten Hunger und ich solle sie schlafen lassen. Dass sie Fallschirmspringerinnen und Agentinnen einer ausländischen Macht seien, sagte er nicht. Er gab sie als Verwandte oder Bekannte seiner Schwiegereltern aus, ohne die Namen zu nennen. Ich fragte die Mädchen nie aus, da ich zeitig in der Früh in die Arbeit ging und erst abends heimkam.« 45 Siehe Zentralarchiv des FSB, Straf- und Ermittlungsakte Gregor Kersche und andere, Bericht des KGB: Die Tätigkeit der Fallschirm-Agentengruppe »Peter« in Österreich (1944–1945), o. D. [ca. 1945]. 46 Nachlass Irma Machalek (Anm. 14), Gedächtnis-Protokoll, S. 4. 47 Siehe ebd., S. 5. Nach den bereits mehrfach zitierten KGB-Berichten soll diese Zusammenkunft Mitte September 1943 stattgefunden haben. Dies ist jedoch unwahrscheinlich, da sich Kersche zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Monate in Wien aufhielt. 48 Siehe Zentralarchiv des FSB, Straf- und Ermittlungsakte Gregor Kersche und andere, Bericht des KGB: Die Tätigkeit der Fallschirm-Agentengruppe »Peter« in Österreich (1944–1945). 49 Siehe DÖW, 8.476, Staatspolizei-Leitstelle Wien, Tagesbericht Nr. 6, 19.–21. Oktober 1943. 50 DÖW, 8.477, Staatspolizei-Leitstelle Wien, Tagesbericht Nr. 1, 1.–4. November 1943. 51 Siehe ebd., Tagesbericht Nr. 1, 1.–3. Dezember 1943. 52 Siehe DÖW, 5.080, Bericht der Gestapo Wien über die Tagung der N-Referenten, 28. März 1944. 53 Zentralarchiv des FSB, Straf- und Ermittlungsakte Gregor Kersche u. a., KGB-Bericht: Die Tätigkeit der Einsatzgruppe des »Peter« in Österreich; ähnlich, jedoch ausführlicher im Vernehmungsprotokoll (SMERSCH) von Gregor Kersche, 29. September 1945. 54 Tatsächlich existierte zu dieser Zeit in Österreich weder ein ZK noch eine sonstige Inlandsleitung der KPÖ. Auch die von der Gestapo stark infiltrierte Wiener Stadtleitung war bereits im Frühjahr 1943 zerschlagen worden. 55 Siehe Zentralarchiv des FSB, Straf- und Ermittlungsakte Georg Weidinger, Vernehmungsprotokoll (Ministerstwo Gossudarstwennoi Besopasnosti/Ministerium für Staatssicherheit, MGB) Georg Weidinger, 17. September 1948. 56 Siehe dazu Hans Schafranek: Wiener Gestapo-Spitzel im Umfeld sowjetischer Funk- und Fallschirm-agenten und als Mitbegründer der 4. illegalen Inlandsleitung der KPÖ (1942), in: Zeitgeschichte, 40 (November/Dezember 2013), H. 6, S. 323–337. 57 Siehe DÖW, 8.478, Staatspolizeileitstelle Wien, Tagesberichte, Nr. 2, 7.–10. Januar 1944; Nr. 3, 11.–13. Januar 1944; WStLA, Vg 11c Vr 586/47, 11.–14. Januar 1949. 58 Siehe DÖW, 8.478, Staatspolizeileitstelle Wien, Tagesberichte, Nr. 2, 7.–10. Januar 1944. 59 Hitzler wurde 1955 aus der Haft entlassen, Sanitzer wenige Wochen nach seiner Verurteilung in die UdSSR deportiert, von wo er 1955 nach Österreich zurückkehrte. Trotz rechtskräftiger Verurteilung zu lebenslanger Haft am 14. Januar 1949 verblieb er, ohne jegliche Auflagen, in Freiheit, was einen monatelangen Proteststurm in der antifaschistischen Öffentlichkeit bewirkte. 60 Siehe WStLA, Landesgericht Wien, Volksgerichtsverfahren gegen Johann Sanitzer, Vg 4c Vr 586/47, Bd. 1, Polizeidirektion Wien, Abt. I, Protokoll der Niederschrift Anna Mistinger, 17. Dezember 1946. Ähnlich im Protokoll der Hauptverhandlung: ebd., Bd. 3, Zeugeneinvernahme Anna Mistinger, 12. Januar 1949. 61 Siehe ebd., Zeugeneinvernahme Irma Machalek, 12. Januar 1949. 62 Siehe ebd., Zeugeneinvernahme Hans Veit, 14. Januar 1949. 63 Die Komintern wurde offiziell am 10. Juni 1943 aufgelöst, jedoch blieben zahlreiche technische und andere Einrichtungen bestehen. 64 Siehe Zentralarchiv des FSB, Straf- und Ermittlungsakte Gregor Kersche, KGB-Bericht: Die Tätigkeit der Einsatzgruppe des »Peter« in Österreich. 65 DÖW, 329, Bericht Wilma Trawnitschek, 19. November 1963. 66 Siehe Filipic: Slovenci (Anm. 4), S. 432; DÖW, 3.424, Namensliste von Angehörigen der Hudomalj-Gruppe. 67 So enthält z. B. das zweibändige Werk von Amesberger und Halbmayr über Österreicherinnnen im KZ Ravensbrück keinerlei Hinweise auf die zahlreichen Frauen aus der »Anti-Hitler-Bewegung«. Siehe Helga Amesberger/Brigitte Halbmayr: Vom Leben und Überleben – Wege nach Ravensbrück. Das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück in der Erinnerung. Bd. 1: Dokumentation und Analyse, Wien 2001; Bd. 2: Lebensgeschichten, Wien 2001. 68 Siehe Zentralarchiv des FSB, Vernehmungsprotokolle Gregor Kersche, 8. Juni 1945, 29. September 1945. 69 Siehe DÖW, 8.477, Gestapoleitstelle Wien, Tagesbericht Nr. 1, 1.–3. Dezember 1943; 50.104/13, Bestand Ravensbrück, Berichte über das KZ Ravensbrück, geschrieben von Frauen, die dort inhaftiert waren und überlebten. Lebensläufe Marie Kamhuber, 20. Oktober 1945, 6. Januar 1948; 50.104/433, Eidesstattliche Erklärung Marie Kamhuber, 15. September 1945; 20.000/k 67, Opferfürsorgeakte Marie Kamhuber. 70 Siehe Landesgericht Wien, 26 Vr 5.431/36, Strafsache gegen Dr. Albert Leskoschek und Sophie Leifheim; DÖW, 50.104/359, Sammlung Ravensbrück. Emma Mayerhofer. 71 Die entsprechenden Angaben in der Komintern-Kaderakte sind unterschiedlich. In Lebensläufen und Mitteilungen diverser sowjetischer Dienststellen wird stets 1931 als Beitrittsjahr angeführt, während das von der Bezirksorganisation Wien-Stadlau ausgestellte Mitgliedsbuch den 3. August 1930 als Tag des Beitritts zur KPÖ ausweist. RGASPI, 495/187/2.911, Kaderakte Aloisia Soucek. 72 In der Kaderakte Aloisia Souceks wird dafür stets der Begriff »Maschinistin« verwendet, auch in Dokumenten, die in deutscher Sprache verfasst wurden. 73 Über Souceks Staatsbürgerschaft in der UdSSR liegen unterschiedliche Angaben vor. Am 26. April 1936 richtete Aloisia Soucek an die Auslandsabteilung des Präsidiums des Moskauer Gebietskomitees (Mosoblispolkom) ein Ansuchen um die sowjetische Staatsbürgerschaft. In einem Bittgesuch aus der Haft (1947) führte sie an, seit 1941 Sowjetbürgerin zu sein. Einer Auskunft der Kaderabteilung (5. März 1943) war jedoch zu entnehmen: »Ohne Staatsbürgerschaft, ehemalige österreichische Staatsangehörige«. RGASPI, 495/187/2.911, Kaderakte Aloisia Soucek. 74 Diese lauteten wie folgt: 1. Übermittlung von Ziffern – 14 Gruppen pro Min.; 2. Übermittlung eines Textes – 105 Zeichen pro Min.; 3. Empfang von Ziffern – 18 Gruppen pro Min.; 4. Empfang eines Textes – 110 Zeichen pro Min.; 5. Theorie – Zufriedenstellend; 6. Kenntnis der Codes und des Jargons – Zufriedenstellend; 7. Praxis der Arbeit mit Rundfunksendern – Zufriedenstellend. V. Je-gorow an I. A. Morosow, 31. Mai 1943. RGASPI, 495/187/2.911, Kaderakte Aloisia Soucek. 75 Johanna Peismann wurde 1941 in die Udmurtische ASSR evakuiert. Nach der »Proverka« (Überprüfung der Parteidokumente) 1935 wurde sie aus der KPdSU ausgeschlossen, weil sie ihr Mitgliedsbuch verloren hatte. 76 Gemeint ist die Funkausbildung in der Sowjetunion. 77 Alle alliierten Auftraggeber und Leitstellen mussten damit rechnen, dass ihre Funk- und Fallschirm-agenten von den Deutschen gefasst und gezwungen würden, unter der Kontrolle des Feindes zu funken, d. h. an einem »Funkspiel« teilzunehmen. Deshalb wurden gelegentlich vor dem Einsatz »security checks« vereinbart, um sicherzustellen, dass der Funkverkehr »sauber« war. Auch durch leicht verstümmelte Telegramme konnten die Adressaten der Funksprüche gewarnt werden. Die einfachste Variante bestand darin, einen bestimmten Satz leicht zu variieren. Als »security check« 78 konnte z. B. der Satz »Freund Pedro gut angekommen« fungieren, während »Freund Peter gut angekommen« eine Überwachung des Funkverkehrs signalisierte. Im Grunde genommen befanden sich inhaftierte Funkagenten in einem ausweglosen Dilemma, da gerade die erfolgreiche Täuschung des Gegners ein lebensbedrohliches Risiko für sie schuf. In solchen Fällen mussten sie darauf vertrauen, dass die gewarnte Leitstelle sich entschloss, ein »triple play« zu eröffnen, was nicht sehr häufig vorkam. Eher wurde unter solchen Vorzeichen der Funkverkehr eingestellt, was mitunter einem Todesurteil gleichkam. Die meisten funktechnischen Warnungen gefangener alliierter Agenten, die zu »Funkspielen« gezwungen wurden, dürften in London bzw. Moskau nicht erkannt worden sein. Verheerende Konsequenzen aus dem mehrfachen Ignorieren solcher Warnungen ergaben sich für die niederländische Widerstandsbewegung, als die deutsche Abwehr mehr als zwei Jahre hindurch ein »Funkspiel« mit der britischen SOE (Special Operations Executive) durchführte. Siehe dazu Hans Schafranek: Unternehmen »Nordpol«. Das »Englandspiel« der deutschen militärischen Abwehr in den Jahren 1942–1944, in: Hans Schafranek/Johannes Tuchel (Hg.): Krieg im Äther. Widerstand und Spionage im Zweiten Weltkrieg, Wien 2004, S. 247–291.

JHK 2015

Anders unter Gleichen. Frauen, Männer und Weiblichkeit im italienischen Kommunismus der Nachkriegszeit

Claudia Christiane Gatzka

In der Filmsaga Don Camillo und Peppone, die in den 1950er und 1960er Jahren das italienische Kinopublikum begeisterte, wendet sich der verzweifelte Ehemann einer Kommunistin hilfesuchend an Don Camillo. Er droht damit, seine Frau umzubringen, wenn der Geistliche, der die beiden einst traute, keinen Rat weiß, um ihn aus seiner Unterdrückung zu befreien. Die »verdammte Politik« habe ihm die Frau verdorben, früher sei sie nicht so gewesen. »Sie war ein tüchtiges Mädchen, fleißig und sehr häuslich. Und was hab ich jetzt?« Durch das offene Fenster sieht man die burschikose, schlichte Hosen und kurze Haare tragende Ehefrau Gisella in der Mittagssonne eifrig Parteiplakate kleben. Ihr Ehemann entrüstet sich indes: »Was sagen Sie dazu, ist das vielleicht ’ne Frau, hm?« – »Dafür bin ich nicht zuständig, mein Lieber«, erwidert der Priester, doch dann entfährt auch ihm ein anfangs noch zögerliches, dann bestimmtes: »Nein!« – »So sieht sie immer aus«, fährt der Ehemann fort, »und immer unterwegs! Sie klebt Plakate an, muss zu Versammlungen, zu irgendeiner Demonstration gegen die Neofaschisten ...« Weil auch Don Camillo noch eine Rechnung mit Gisella offen hat, hecken die beiden einen Plan aus: Der Priester überfällt Gisella und zerrt sie in ein Gebüsch, wo der gedemütigte Ehemann ihr Hinterteil mit rotem Lack beschmiert. Im Ort wird »die Superkommunistin«, wie sie genannt wird, daraufhin zum Gespött der Menge. Als Don Camillo dem kommunistischen Dorfhäuptling Peppone verrät, dass Gisellas Ehemann die Schandtat begangen hat, verflucht der cholerische Peppone diesen »Reaktionär« von Ehemann und sinnt auf Rache. Der Priester aber wendet ein: »Das ist eine reine Privatangelegenheit zwischen Mann und Frau und keine Sache der Partei.« – »Ein Mann, der das seiner Frau antut, ist ein Verbrecher. Lächerlich hat er sie gemacht, die arme Person wagt sich ja gar nicht mehr aus dem Haus«, entgegnet Peppone. »Das«, so Don Camillo süffisant, »wollte der Mann damit erreichen.«[ftnref]1[/ftnref] Das kommunistische Flintenweib, das den Mann unterdrückt, ihm zu Hause – sofern sie denn dort weilt – das Leben zur Hölle macht und obendrein noch optisch vermännlicht, sodass der arme Ehemann seine Ehre nur noch durch Mord oder List retten kann: Dies war ein überspitztes, aber populäres Bild der kommunistischen Frau im Italien des Kalten Krieges. Doch wie nah kam dieser Typ Frau der sozialen Realität in der kommunistischen »Subkultur«? Der folgende Beitrag geht den Dimensionen von Frau-Sein und den Vorstellungen von Weiblichkeit im kommunistischen Milieu Italiens nach – einem Milieu, das einerseits dem Ideal einer sozialistischen Gesellschaft mit all ihren emanzipatorischen Versprechen entgegenstrebte, andererseits den kulturellen Traditionen Italiens verhaftet blieb.2 Er akzentuiert die Widersprüche und Grenzen weiblicher Emanzipation,3 unterstreicht dabei aber die innere Logik und die Funktionalität dieser Weiblichkeitskonzepte für den Erfolg des Partito Comunista Italiano (Kommunistische Partei Italiens, PCI) als stärkster kommunistischer Partei Westeuropas. Frauen auf dem politischen Massenmarkt Italiens Die politischen Geschicke der neu gegründeten Italienischen Republik lagen in besonderer Weise in weiblicher Hand. Frauen waren die Neuankömmlinge auf dem politischen Massenmarkt, der sich nach 1945 ausdifferenzierte. Sowohl die faschistische Inklusionsmaschinerie aus Partei- und Fürsorgeinstitutionen als auch die massive zivile Dimension des Zweiten Weltkriegs und die Resistenza-Erfahrung hatten die italienischen Frauen massenhaft mit Politik und Staat in Berührung gebracht.4 Damit gleichsam als politische Subjekte »aktiviert«, avancierten sie, als ihnen 1946 das volle Wahlrecht zuteilwurde, zum entscheidenden politischen Machtfaktor in der jungen Republik, stellten sie doch stets die Mehrheit der Wahlberechtigten und erwiesen sich als noch diszipliniertere Wählerinnen als die Männer. Schon unmittelbar nach dem Ende des Faschismus war daher vielen Kommunisten klar: Wer die Frauen gewinnt, gewinnt auch die Regierungsmacht.5 Im Vergleich zu ihren Landsmännern die weitaus frommeren Katholiken, neigten Frauen jedoch an der Wahlurne eher den Christdemokraten zu.6 Diese Affinität bestätigte das kommunistische Bild der italienischen Frau: Mit ihrem regelmäßigen Kirchgang unterwarf sie sich der sozialen Kontrolle der örtlichen Priester und trug damit zur Stabilität der hegemonialen katholischen Moral bei, die der Frau ihren »natürlichen« Platz im Haus, bei den Kindern und unter Führung des Ehemannes zuwies.7 Für den PCI war die Frau mithin nicht »unbeschrieben«: Wollte er sie politisch erobern, musste er sie als Frau, die sich im katholischen Wertekosmos und den parochialen Strukturen der Kirche und der patriarchalischen Familie bewegte, ansprechen. Dabei bewegte er sich auf dünnem Eis, denn im Kalten Krieg war die Frau als Sinnbild der Familie, als Protagonistin der (amerikanisierten) Konsumgesellschaft8 und als moralische Institution9 die wichtigste Projektionsfläche für die in Italien so heftigen Propagandaschlachten zwischen Katholizismus und Kommunismus. Besonders effizient ließen sich die gesellschaftlichen Umbaupläne des PCI gerade mit Verweis auf ihre grundstürzenden Auswirkungen auf Weiblichkeit und Familie verteufeln. Die Frauen bildeten so in vielerlei Hinsicht die Achillesferse des PCI auf dem Weg zur sozialistischen Umgestaltung der italienischen Gesellschaft. Umgekehrt kann man die Geschichte von Frauen im italienischen Kommunismus auch als Erfolgsgeschichte erzählen. Keiner anderen italienischen Partei gelang es in den 1950er Jahren, derart viele Frauen an sich zu binden wie dem PCI. In absoluten Zahlen war der Höhepunkt 1954 erreicht, als über 575 000 Frauen im Besitz eines PCI-Parteibuchs waren. Schon 1950 besaß die kommunistische Vorfeldorganisation Unione Donne Italiane (Union italienischer Frauen, UDI) über eine Million Mitglieder. Die absoluten Zahlen gingen im Laufe der Dekade zurück, doch der relative Anteil der Frauen im PCI pegelte sich bei circa 25 Prozent ein.10 Ebenso wenig überließen andere Parteien derart viele Führungspositionen und Mandate weiblichen Politikerinnen – dass mit Nilde Jotti ausgerechnet eine Kommunistin 1979 als erste Frau in das Amt der Parlamentspräsidentin gewählt wurde, war nur der sinnfälligste Ausdruck dafür, dass der PCI den italienischen Frauen vergleichsweise gute Karrierechancen eröffnete. Begleitet waren diese Erfolge nicht nur von der erklärten Absicht der Parteiführung, der Motor weiblicher Emanzipation zu sein, wobei stets vage blieb, was der Terminus »Emanzipation« im Hinblick auf Kommunistinnen bedeuten sollte.11 Die Mobilisierung von Frauen hatte vor allem zum Ziel, sie ideologisch und kulturell zu schulen (häufig auch: zu alphabetisieren) und zum demokratischen Engagement anzuleiten.12 Erziehung zur Demokratie bedeutete im kommunistischen Verständnis freilich zugleich die Erziehung zum Klassenbewusstsein: Die Partei wollte Frauen dazu befähigen, selbstbewusst für ihre Rechte zu kämpfen, doch diese definierten sich nicht in erster Linie über das Geschlecht, sondern über die Klassenzugehörigkeit und mithin über Arbeit.13 Das Emanzipationsversprechen der italienischen Kommunisten an die Frau band sich an die Emanzipation der gesamten Arbeiterklasse. Dies stand ganz im Einklang mit den Gedanken Antonio Gramscis, der zwar für die Unabhängigkeit der Frau vom Mann eingetreten war, um die sexuellen Umtriebe, die er der italienischen Gesellschaft attestierte, einzudämmen. Zugleich aber hatte er angemerkt, der »Maskulinismus« sei nur in einem bestimmten Sinne mit »Klassenherrschaft« vergleichbar und die Frauenfrage sei eher für die »Sittengeschichte«, weniger für die politische Geschichte von Belang.14 Subalterne versus herrschende Klassen – dies war im gramscianischen Denken der geschichtsmächtige und dabei geschlechtslose Antagonismus. Unter Gleichen bewegte sich die kommunistische Frau also insofern, als die Partei sie – die so häufig Hausfrau war – unumwunden der Arbeiterklasse zuordnete und ihr dieselbe strukturelle Problemlage zuschrieb wie den männlichen Genossen. Zugleich aber galt sie als anders, denn die Kommunisten meinten, dass der weibliche Teil des Volkes in der Praxis auf spezifische Art und Weise zum Fortschritt geführt werden müsse. Das gleiche Ziel auf unterschiedlichen, ja komplementären Wegen zu erreichen – das war der Kern dieser genderspezifischen Strategie im italienischen Kommunismus. Sie lag nicht nur begründet in der kalkulierten Rücksichtnahme auf die Traditionen des Landes und die Stärke der katholischen Hegemonialkultur,15 sondern war auch intrinsisch motiviert: Kommunisten und Kommunistinnen glaubten mehrheitlich an eine essenzielle Geschlechterdifferenz und waren selbst Träger jener moralischen Codes der italienischen Gesellschaft, die Männer und Frauen traditionsgemäß räumlich separierten. Der Revolutionär ist männlich. Vom Anderssein der Frau und weiblichem (Un-)Vermögen Als der Eiserne Vorhang gerade gefallen war, ließ der italienische Publizist Marcello Venturi in dem autobiografischen Roman Sdraiati sulla linea [Der Linie folgend] sein früheres Leben als kommunistischer Funktionär wieder aufleben. Das Buch handelt von Männern – ihren politischen Prinzipien, Werdegängen und Netzwerken. Die einzige Frau, der Venturi eine nennenswerte Rolle im Roman einräumt, ist eine fromme Hausfrau: seine Mutter. Als ihr Sohn während der finalen Befreiungskämpfe des Zweiten Weltkriegs in den PCI eintritt, ist sie fassungslos. Wenn er aus Mailand, wo er für die kommunistische Tageszeitung L’Unità arbeitet, zu Besuch kommt, kann sie ihre Sorge ob seines Parteilebens nicht verbergen. Venturi nennt sie eine Mutter, die nie auf Gehör und nie auf Gehorsam stieß. Doch am Ende des Romans wird sie die moralische Siegerin sein. Denn 1956 tritt Venturi, der kommunistischen Disziplin überdrüssig, aus der Partei aus. Die Figur der Mutter in Venturis Roman ist emblematisch für die Rolle der Frau in der italienischen Gesellschaft. Sie erscheint nicht als »politisches« Wesen, sondern als Allegorie für das Andere, für die Alternative zum Parteileben. Dieses andere Dasein ist beseelt von territorial verwurzelter Volksfrömmigkeit (im Kontrast zur ständigen Reiserei und dem intellektuellen Schweben der kommunistischen Funktionäre) und hat seinen Mittelpunkt in der häuslichen Lebenswelt. Die Szenen des Romans verorten die Mutter immer im selben Raum: Wenn sie sich mit dem Sohn unterhält, sitzt sie am Küchentisch, wenn er zu Hause ankommt, steht sie am Herd, und eines der typischen Geräusche, die er mit seinem Zuhause verbindet, ist das klappernde Hantieren der Mutter in Küche und Speisekammer. Die Küche erscheint als ihr naturgegebener Handlungsraum – und Venturi stellte dies keineswegs infrage, als er sich für die vermeintlich »fortschrittlichste« Kraft seines Landes verdingte. Vielmehr erfährt die traditionelle häusliche Lebenswelt – und mit ihr die Figur der Frau – im Laufe des Romans sogar eine Aufwertung, insofern Venturis Mutter dort instinktiv schon weiß, was der Sohn erst nach zehnjährigen Ausflügen in die abstrakten Weiten kommunistischer Funktionärskultur erkennt: dass das Parteileben nichts für ihn ist.16 Die beinahe völlige Absenz von Frauen auf dem politischen Feld, wie sie in der Autobiografie Venturis zutage tritt, stellte zwar nicht die Regel, aber eine denkbare (männliche) Realität im kommunistischen Milieu dar. Weiblichkeit blieb in diesem Fall eine familiäre, private Dimension im Leben des Genossen, die sein Parteileben nicht berührte oder gar im Widerspruch zu ihm stand. Zum einen lag dies in den Traditionen der sozialistischen Arbeiterbewegung selbst begründet, denen der PCI auch nach 1945 verpflichtet blieb. Dem Genossen legte die Partei bestimmte Werte, Normen und Lebensformen nahe, welche die moralische Überlegenheit des Proletariats gegenüber der »Dekadenz« des Bürgertums demonstrieren sollten, ihn zugleich aber auch unverkennbar als männlichen Genossen markierten: Gute Physis und kräftiger Körperbau (als Symbole für Heterosexualität und Reproduktivität), Monogamie, Strebsamkeit und Disziplin waren gängige Beschreibungen des idealen kommunistischen Genossen der frühen Nachkriegszeit.17 Das Bild, das die Partei in ihren Anleitungen und Geboten von sich selbst generierte, war ein viriles. Damit stellte sie sich nicht zuletzt auch in die Tradition des faschistischen »neuen Menschen«.18 Zum anderen teilten viele Männer an der PCI-Basis die traditionelle Haltung, dass Frauen in der Politik nichts verloren hätten. Selbst lokale Parteifunktionäre, die im Hinblick auf die von Parteisekretär Palmiro Togliatti geforderte Beteiligung der Frauen eine Vorbildrolle übernehmen sollten, zeigten sich – ob nun im südlichen Brindisi oder im roten Bologna – nicht willens, ihre politische Aktivität auch auf Frauen auszurichten oder weibliche Kommissionen zu bilden. Skepsis gegenüber dem politischen Vermögen von Frauen beherrschte vielerorts die Szenerie im jungen kommunistischen Milieu.19 So konnte es sich zutragen, dass die junge kommunistische Gewerkschaftsfunktionärin Nella Marcellino in der frühen Nachkriegszeit aus Bologna nach Sardinien beordert worden war, um auf einer Kundgebung zum 1. Mai zu sprechen, und die ansässigen Genossen bass erstaunt waren, als sie auftauchte. Sie hatten nämlich gedacht, »Marcellino« sei der Vor- und »Nella« der Nachname, und so hatten sie auch ihre Ankündigungsplakate gedruckt. Nun teilten sie ihr unumwunden mit, es sei undenkbar, dass eine Frau die Kundgebung zum 1. Mai abhalte. Die resolute Marcellino griff dennoch zum Mikrofon und sprach mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch.20 Führende Funktionäre in PCI und Gewerkschaft setzten in Frauen als Rednerinnen durchaus Vertrauen – an der Basis und an der Peripherie aber blieben die Widerstände stark und der öffentlich-politische Raum männlich kodiert. So mag es kaum überraschen, dass sich kommunistische Frauen selbst im Modus der Unvollkommenheit wahrnahmen. Die Schwierigkeit, mutige und geeignete Rednerinnen zu finden, stellte ein permanentes Problem dar. Auch Funktionärinnen sahen sich mit ihrer beschränkten Ausdrucksfähigkeit konfrontiert, die sie sowohl in den Parteiversammlungen als auch bei Kundgebungen verunsicherte. Männer galten ihnen ganz natürlich als Vorbilder, von denen sie lernten.21 Mitunter aber stilisierten Kommunistinnen die mangelnde rhetorische Kompetenz der Frau zu einer anthropologischen Konstante. Noch Ende der 1970er Jahre erklärte die kommunistische Funktionärin Laura Conti: »Die Frau ist nicht dafür gemacht, auf der Piazza zu sprechen. [...] Eine Menschenmasse zu beeindrucken, hat etwas mit Erotik und Faszination zu tun. Und eine Frau, die eine Kundgebung hält, ist absolut unerotisch. Ein Mann hingegen ist erotisch.«22 Dass die Rolle des Revolutionärs ihnen nicht auf den Leib geschrieben sei, hatte sich mithin auch unter Kommunistinnen mental gefestigt. Bei aller Gewöhnung an die politische Tätigkeit verharrten sie stets in einer geschlechterspezifischen Schüchternheit. Zwar trauten sich auch viele männliche Genossen nicht, auf den Parteiversammlungen das Wort zu ergreifen. Doch ein Blick auf die Diskussionsbeteiligung in den Sektionsversammlungen der 1970er Jahre in Bologna, wo Frauen im Verhältnis zum nationalen Schnitt überrepräsentiert waren, erhellt, dass sich in den Sektionsaussprachen selbst bei so wichtigen Themen wie der Kandidatenliste für die kommenden Parlamentswahlen nur sehr selten Frauen zu Wort meldeten. Konnten Funktionärinnen das Redenschreiben und Redenhalten auch lernen – die offene politische Diskussion blieb eine Männerdomäne.23 Nicht nur die Praxis, auch die von der Parteiführung ventilierten Leitbilder hatten nach 1945 nichts mit dem Typus der Berufsrevolutionärin zu tun. Das war umso seltsamer, als die Resistenza der Frau erstmals den Nimbus der bewaffneten Kämpferin und Märtyrerin hatte zuteil werden lassen, die auf den urbanen Plätzen gehenkt worden war.24 Diese öffentliche Codierung des weiblichen Körpers als eines politischen Körpers bedeutete einen eklatanten Bruch mit alten Geschlechterordnungen in Nord- und Mittelitalien, weil sie die Fähigkeit der Frau zu politischer Aktivität aufzeigte. Die Kommunisten kreierten daraus einerseits das Konzept einer »donna nuova« [»neuen Frau«], die nun moralisch so stark gewachsen sei, dass sie am gesellschaftlichen Fortschritt hin zum Sozialismus aktiv mitarbeiten könne.25 Andererseits aber passten sie sich in die allgemeine Tendenz der Nachkriegszeit ein, Frauen wieder in ihre herkömmlichen Tätigkeits- und Alltagsbereiche zurückzuschicken. Die (bewaffnete) Resistenza wurde bald schon unter dem alleinigen Rubrum männlichen Heldentums erinnert, was auch einen Reflex auf das aufgrund militärischer Niederlagen und massenhafter Kriegsgefangenschaft beschädigte italienische Männlichkeitsbild nach 1945 darstellte.26 Der Einsatz der Ex-Partisaninnen und überhaupt der Frauen in Krieg und Bürgerkrieg wurde sowohl in den Erinnerungsstrategien der Partei als auch in jenen der Protagonistinnen in eine Semantik von Mütterlichkeit gekleidet; damit knüpften sie an die starke italienische Kultur der maternage an, die im Faschismus perpetuiert worden war. Und tatsächlich hatten die Partisaninnen vordergründig ihren männlichen Genossen im Untergrund soziale Hilfestellung gegeben, ihnen Kleidung, Unterschlupf und Nahrung bereitgestellt oder sich um ihre Familien und Kinder gekümmert. Als Meldegängerinnen hatten sie zudem als Knotenpunkte im Informationsnetz des Untergrunds fungiert: allesamt Funktionen, die Anna Bravo symbolisch als Massen-maternage im öffentlichen Raum gedeutet und damit auf die kulturelle Bedeutsamkeit der Mutterschaft in Italien rekurriert hat, die sich aber in gleicher Weise auch im Falle der französischen Kommunistinnen in der Résistance beobachten lassen.27 Spezifisch italienisch erscheint daher nicht so sehr die Arbeitsverteilung innerhalb des Widerstandskampfes, sondern der retrospektive Umgang mit seiner Geschlechterdimension. Wenn etwa in der Resistenza-Stadt Bologna in der kommunistischen Wochenzeitung La Lotta jeweils ein Genosse und eine Genossin, die im Widerstand ums Leben gekommen waren, mit Bild und kurzer Biografie bedacht wurden, ging es dabei genauer besehen nicht um die »symmetrische« Erinnerung an einen gleichberechtigten Kampf, sondern um die Stilisierung komplementär zueinander in Beziehung stehender Geschlechterrollen. Während die Männer in erster Linie als Kämpfer und durch Attribute wie »fähig« und »bescheiden« beschrieben wurden, zeichneten sich die gefallenen Kommunistinnen häufig durch ihr »großes Herz« oder ihre Mutterschaft aus. Das Muttersein fungierte aus kommunistischer Perspektive geradezu als Grundmotiv weiblicher Partizipation, denn, wie es La Lotta ausdrückte: »Wenn sie ihre Kinder leiden sieht, wird die Mutter zur Löwin.«28 Diese Verbindung von Mutterschaft und Partizipation hatte einen strategischen Wert im Kampf um die Regierungsmacht im Nachkriegsitalien: Wenn sie Kinder zu ernähren hatte, war die Frau in diesen von Inflation und Unterversorgung geprägten Jahren schneller zu mobilisieren. Mutterschaft erschien so als ein Vektor der Kampfeslust, und indem die kommunistischen Märtyrerinnen zu einfachen Müttern stilisiert wurden, die letztlich im Kampf für ihre Kinder gefallen waren, holte man sie einerseits zurück in den Kreis »ganz normaler Italienerinnen« (in Absetzung vom Flintenweib), und versuchte andererseits, den italienischen Frauen zu sagen: Gerade wenn ihr gute Mütter sein wollt, müsst ihr euch uns anschließen. Noch auf eine andere Art knüpften die kommunistischen Deutungsangebote weiblicher Militanz geschickt an die herkömmliche Alltagswelt italienischer Frauen an. Im »partito nuovo« [»neue Partei«] der Nachkriegszeit entwickelte sich ein Idealbild kommunistischer Partnerschaft, das auf den Mann als den eigentlichen Revolutionär fokussiert war. In Abgrenzung zu den materiell begründeten bürgerlichen Ehen war das kommunistische Paarsein von wahrer Freundschaft, ehrlicher Zuneigung und gegenseitigem Respekt getragen.29 Eine Vorzeigegenossin leistete ihrem Ehemann, den sie im besten Falle mit »Genosse« ansprach, bei seiner Tätigkeit für die Partei moralische Unterstützung. Sie hielt ihm den Rücken frei und war ihm in seiner Rolle als Revolutionär in tiefer Liebe verbunden. Dieses Konzept der kommunistischen Ehefrau, das im Tagebuch Marina Serenis – ein Klassiker im Kanon kommunistischer Erziehung der 1950er Jahre – auflebt, verband auf geschickte Weise die häusliche Liebe mit dem Dienst an der Partei: Für Sereni ist es ihr Mann Emilio, der sie von einem unwissenden egoistischen Mädchen in eine aufopferungsvolle Frau verwandelt hat, deren Lebensaufgabe darin besteht, die edle Mission ihres Mannes zu unterstützen. Für Sereni verkörpert ihr Ehemann die Partei, und ihre Zuneigung zu ihm mündet gleichsam in der Zuneigung zum Kommunismus. Aus Liebe und in der Liebe zum Mann Kommunistin zu sein, formte das Leitbild der kommunistischen Frau im Nachkriegsitalien und integrierte so das traditionelle Stereotyp weiblicher Gefühligkeit in das kommunistische Wertesystem.30 Diese Ausrichtung war die einzig logische Konsequenz aus dem Wandel des PCI zur Massenpartei: Die Frauen, die nun zu Hunderttausenden ins kommunistische Milieu hineinwuchsen, taten dies in aller Regel nicht in Eigenregie, sondern als Partnerinnen von Genossen.31 Der Eintritt in die kommunistische »Subkultur« bedeutete aber nicht, dass die Frauen ihre Rolle als Hausfrauen und Mütter ablegen wollten oder sollten – übrigens ebenso wenig wie in der kommunistischen Subkultur Frankreichs jener Zeit.32 Gerade im Südteil des Landes, aber nicht nur dort, musste der PCI Modelle entwickeln, die es Frauen erlaubten, sowohl Teil der Partei zu sein als auch in ihrem gewohnten Alltag zu verbleiben.33 Zudem ermöglichte das Konzept der kommunistischen Ehe, den Mann zum Erzieher seiner Frau zu bestimmen und somit einerseits die Parteimission der »Demokratisierung« (im oben beschriebenen Sinne der Entwicklung von Klassenbewusstsein) innerhäuslich durchgesetzt zu wissen und zugleich die patriarchalische Familienstruktur zu bestätigen. Die außerhäusliche Aufgabe der Partei, die den Genossen zu einem besseren und klassenbewussten Menschen erzog, duplizierte sich so in der Sphäre des Privaten, wo der Mann als Verkörperung der Partei seine Frau erzog.34 Mit der Betonung weiblicher Diversität und dem Rekurs auf Mutterschaft, eheliche Liebe und Unterordnung baute der PCI den Frauen einen Weg in die kommunistische Welt, ohne dass sie zwangsläufig Haus und Familie verlassen mussten. Dies rettete in aller Regel ihre Ehe. Denn die kommunistischen Genossen waren selbst oft alles andere als offen für emanzipatorische Ideen, die das traditionelle Geschlechterverhältnis infrage stellten. Separierte Räume, eingeübte Rollen. Die (kalkulierte) Konformität der kommunistischen Geschlechterordnung Mit der Zentralität der Familie, die im Nachkriegsitalien erneut einen Boom erfuhr, war die Verortung der Frau im häuslichen Bereich aufs Engste verknüpft.35 Die Kommunisten erwiesen sich in dieser Hinsicht als außerordentlich konform. Schon Gramsci hatte implizit die Frau an Haus und Familie gebunden, als er in den Gefängnisheften – mit Blick auf die »totalitäre« Gesellschaftsordnung des Faschismus – von einer »Krise der Familieninstitution« gesprochen hatte, die sich in einer gewandelten Stellung der Frau in der Gesellschaft manifestiere. Dass die Kindererziehung laut Gramsci mehr und mehr dem Staat überlassen werde, lasse die Kinder gefühlsmäßig verarmen und führe zu einer »Mechanisierung des Lebens«. Gute Argumente für die außerhäusliche Tätigkeit von Frauen waren beim Vordenker des italienischen Kommunismus nicht zu finden.36 Zu Hause erwies sich der kommunistische pater familias kaum als progressive Alternative zum Nichtkommunisten. Noch in den 1970er Jahren erklärte die 1924 geborene Kommunistin Cecilia Pron, die Genossen ihrer Generation führten sich »nicht anders als irgendein Bürgerlicher« auf. »Wenn es gilt, zu einer Versammlung zu gehen, dann geht der Mann dorthin und die Frau, auch wenn sie Genossin ist, bleibt zu Hause, um sauber zu machen, und soll den Ehemann verehren und ihm dienen. [...] Offiziell und in der Theorie akzeptiert man den Fakt, dass die Frau gleichgestellt ist, aber nur solange es sich nicht um die eigene Schwester, die eigene Frau oder die eigene Tochter handelt.«37 Die hybride kommunistische Moralwelt der 1950er und 1960er Jahre brachte vor allem für Töchter und junge Frauen Regelkonfusionen mit sich. Zwar stellten Genossen der inkriminierten bürgerlichen Spießbürgerlichkeit eine nicht weiter definierte »Fortschrittlichkeit« etwa im Hinblick auf die kommunistische Liebe entgegen. Doch konkret bedeutete dies meist nichts anderes, als dass lediglich das Explizieren von Tabus, nicht aber ihre Wirkmächtigkeit ein Ende fand. So fiel die 18-jährige Tochter eines kommunistischen Vaters aus allen Wolken, als sie zu Hause ihren Freund präsentierte, der noch verheiratet war und von seiner Frau getrennt lebte, und der moralisch empörte Vater sie daraufhin ins Erziehungsheim und den Ehebrecher ins Gefängnis schicken wollte.38 Auch verheiratete Frauen führten im kommunistischen Milieu selten ein Leben im Zeichen der Emanzipation. Häusliche Gewalt und mangelnder Respekt gegenüber der Frau waren in linken Haushalten ebenso wenig untypisch wie anderswo.39 Die von der Partei gewünschten Erziehungsleistungen ließen da zu wünschen übrig, wo der Ehemann kaum mit seiner Frau sprach und sich erst recht weigerte, politische Probleme – gar in der Öffentlichkeit – mit ihr zu diskutieren.40 Im von der UDI vertriebenen Frauenmagazin Noi Donne wurden die häuslichen Probleme der kommunistischen Frau zwar beherzt aufgegriffen und diskutiert, etwa in Artikeln über den »idealen Ehemann« und die vermeintliche Fortschrittlichkeit der Sowjetunion in Sachen weiblicher Gleichberechtigung.41 Doch die gleich auf der ersten Seite des Wochenmagazins eingerichtete Seelsorgerspalte, wo Leserinnen Lebensberatung erhielten, verdeutlicht, dass die Sorgen kommunistischer Frauen sich in nichts von denen der Leserinnen anderer Frauenmagazine unterschieden.42 Die paradiesischen sowjetischen Frauenwelten, wie sie die kommunistische Parteipresse suggerierte, vermochten die Moral italienischer Kommunistinnen kaum zu stärken. Selbst im roten Bologna war es unüblich, in den weiblichen Versammlungen über die Sowjetunion zu sprechen. Anlässlich des »Monats der italienisch-sowjetischen Freundschaft« monierten Bologneser Funktionäre 1949, die Genossinnen interessierten sich nicht für die russischen Frauen und dafür, wie sie lebten und was sie erreicht hätten.43 Auch ohne die bewusste Referenz auf die Sowjetunion fanden sich Frauen durch Initiativen des PCI zweifellos in einem Maße auf den Straßen und Plätzen ein, das neuartig war und der Öffentlichkeit sukzessive die Politisierung der Frau vorführte.44 Dass Frauen öffentlich meist im Zusammenhang mit familienpolitischen Themen in Erscheinung traten und vor allem für die Friedenskampagne demonstrierten, vermittelte aber zugleich, dass sie als politische Akteurinnen weiblichen Sujets verpflichtet blieben. Nicht immer jedoch reichte die Toleranz der kommunistischen Ehemänner aus, um ihre Frauen und Töchter im Dienste der Partei tätig werden zu lassen – dies galt vor allem für Süditalien. Doch wie sollte der Kommunismus die führende gesellschaftliche Kraft des Landes werden, wenn nicht einmal die eigenen Genossen in ihren Familien neue Mitglieder rekrutierten?45 In den lokalen PCI-Führungskomitees des Mezzogiorno stand diese »südliche Mentalität«46 daher in der Kritik und wurde als regelrechte Sabotage des Parteifortschritts angesehen. Viele Funktionäre beklagten die weibliche Lebenswelt im süditalienischen Milieu: ohne Kontakte zur proletarischen Welt der Fabrik und in dem schier »unabwendbaren Unglück, lediglich den Strumpf und den Kochtopf zu kennen«.47 Doch sie waren gegenüber der PCI-Basis in der Minderheit. Selbst bereits rekrutierte Arbeiterinnen waren im Süden eigentlich nur in der Fabrik zu erreichen. An Parteiversammlungen konnten sie nicht teilnehmen, hatten sie sich doch außerhalb der Arbeitszeit um ihre Familie zu kümmern oder dem Ehemann gehorsam zu sein, der nicht goutierte, dass seine Frau in der PCI-Sektion oder im Casa del popolo [Volkshaus] auf fremde Männer traf.48 Es wäre jedoch übertrieben, diese Probleme nur unter dem Rubrum patriarchalischer Unterdrückung zu verhandeln – häufig war die Bedürfnislage der Ehefrauen aufgrund der geschlechterübergreifenden Konformität gegenüber den Normen der lokalen Gesellschaft nicht weit von der ihrer Ehemänner entfernt.49 Die einzige Lösung schien daher die Separierung der Frauenarbeit. Die Initiative zu den weiblichen Parteizellen und -kommissionen, die auch in den Fabriken eingerichtet wurden, wurzelte aber nicht nur in der Sittenwelt des Mezzogiorno, sondern stellte sich auch in die Tradition katholischer Organisationen. Unbenommen der Kritik einiger alter Berufsrevolutionärinnen kam die getrennte Frauenarbeit auch bei den Norditalienerinnen gut an, denn ihre Erfahrung hatte gezeigt, dass die Frauen sich vor Männern nicht trauten, mitzudiskutieren.50 Insofern der Zweck der separierten Frauenarbeit aber darin bestand, dass sich Frauen unter ihresgleichen spezifisch frauenpolitischen Problemen widmeten, musste sie die Geschlechterdifferenz im kommunistischen Milieu noch vertiefen. Zudem trug sie kaum dazu bei, dass sich Frauen in den nach wie vor gemischten Sektionsversammlungen sicherer fühlten, das Wort zu ergreifen. Dennoch verhalf die Geschlechtertrennung dem PCI gerade unter den Frauen des Mezzogiorno erst zu seiner Attraktivität – die Sozialistische Partei, die sich gegen eine separierte Frauenarbeit entschieden hatte, war von den weiblichen Rekrutierungserfolgen der Kommunisten weit entfernt.51 Das Problem der Außerhäuslichkeit von Parteiaktivitäten blieb aber trotz der Einrichtung weiblicher Sektionen bestehen. Wo die Frau nicht auf die Straße gelockt werden konnte, kam der PCI zu ihr nach Hause. In Süditalien brüsteten sich die Genossen damit, dass die Frauen, die in die Partei eintraten, gerade »nicht mit ihrem gewohnten Leben brechen« mussten. Die Frau, die etwa in Bari in den PCI eintrat, blieb zur Zufriedenheit der lokalen Funktionäre Hausfrau, Gemahlin und liebevolle Mutter, »die Partei wirft sie nicht in ein neues Leben hinein«.52 Möglich wurde dies dadurch, dass die weiblichen Zellen ihre Versammlungen in der Nachbarschaft durchführten, sodass die Genossinnen buchstäblich nur um die Ecke zu gehen brauchten und ihre Kinder mitnehmen konnten: Sie gingen zur Versammlung, »so als gingen sie zu ihrer Freundin, zu einer Nachbarin«. Zu den Kongressen der Frauenzellen, die im geschmückten häuslichen Wohnzimmer mit anschließendem Tanz stattfanden, wurde dann gleich die ganze weibliche Nachbarschaft eingeladen, und man nahm zufrieden zur Kenntnis, dass sich die eine oder andere nach diesem fröhlichen Fest in die Partei einschrieb, obwohl ihr Ehemann Christdemokrat, Neofaschist oder Monarchist war.53 Auf diese Weise gelang es dem PCI, sich die Frau in ihrer Häuslichkeit und ihrer traditionellen Funktion als Knotenpunkt sozialer Netze zunutze zu machen – eine Strategie, die auch im Norden des Landes griff.54 Gabriella Gribaudi hat darauf hingewiesen, dass die Rolle der Frau innerhalb der Familie und der italienischen Gesellschaft keineswegs nur in Kategorien patriarchalischer Subalternität gelesen werden darf. Die Frau kontrollierte die sozialen Beziehungen in Familie und Nachbarschaft, auf die auch der Mann angewiesen war, sie war für die Kindererziehung verantwortlich, sie hatte eine wichtige ökonomische Funktion für die Familie, und aus ihr erwuchs im Land des Marienkults auch eine Art mythische Macht, die zum Motiv der italienischen Literatur und des Theaters wurde und die bei Männern häufig zu Ängsten und Obsessionen führte.55 Die Partei nutzte diese Potenz der Frau, die sich gerade aus ihrer Differenz zum Mann ergab, und gewissermaßen wollte sie ihr diese Macht erhalten. In all den traditionellen weiblichen Funktionen erblickten PCI und UDI Kanäle, die kommunistische Wertewelt aus dem öffentlichen Bereich hinein in die häusliche Sphäre zu tragen, und erst dadurch entfaltete sich der Kommunismus zu einem sozialmoralischen Milieu, das nicht nur das politische Denken, sondern auch die Lebensweise beeinflusste. Die regelmäßigen Rubriken des Frauenmagazins Noi Donne machen deutlich, wie gut sich die Frau als »Einfallstor« kommunistischer Kultur in Haus und Familie eignete. Hier konnten die Kommunisten – mit Werbung für spezifische Produkte, Reisereportagen aus dem Osten und typisch italienischen Kochrezepten – die Frau als Hüterin des Familieneinkommens ansprechen und somit die Konsumgewohnheiten der kommunistischen Familie beeinflussen. Hier hatten sie – mit Schmink- und Modetipps – Gelegenheit, den westlichen Werbeikonen eine gemäßigt amerikanisierte, als spezifisch »italienisch« markierte Ikonografie weiblicher Schönheit entgegensetzen.56 Hier konnten sie zudem Erziehungstipps geben und damit die kulturelle Bildung des kommunistischen Nachwuchses beeinflussen. Tipps zur richtigen Hauspflege und Hygiene rundeten das Angebot kommunistischer Lebens- und lifestyle-Beratung für die italienische Hausfrau ab und waren, ebenso wie die anderen Ru-briken, auf die spezifischen Bedürfnisse der Leserinnen in einem umkämpften Presse-markt abgestimmt. Auch in der Praxis politischer Aktivität wurden kommunistische Frauen am ehesten in ihren angestammten gesellschaftlichen Rollen sichtbar – und das war wichtig, denn es demonstrierte der Öffentlichkeit stets, dass die Partei von der Züchtung kommunistischer Flintenweiber weit entfernt war. Wie im Faschismus, in den Weltkriegen und in der frühen Feminismusbewegung um 1900 waren kommunistische Frauen in erster Linie auf dem Feld der assistenza [Fürsorge] tätig.57 Insbesondere bei der Kinderbetreuung in Partei-Ferienlagern und -Kindergärten bewährten sie sich als Ersatzmütter, und symbolisch stand dies ebenfalls für die Einpassung des PCI in die Traditionen des Landes: Wie die Frau für die Deszendenz der Familie, so war die Genossin für die Nachkommenschaft der Partei verantwortlich. Auch den Einsatz der Frau für die von den Feministinnen der 1970er Jahre verurteilten Sekretärinnenaufgaben in den Sektionsbüros – während die Männer die inhaltlichen Aufgaben übernahmen – kann man als Reminiszenz an die herkömmliche Funktion der Frau als Knotenpunkt sozialer Netze deuten. Und die alljährlichen kommunistischen Volksfeste zu Ehren des Parteiblattes, die Feste dell’Unità, waren auch deshalb ein beliebtes Familienspektakel, weil die Genossinnen hier ihre Kochkünste unter Beweis stellen konnten.58 Feste wie diese waren ebenso wie der samstägliche Tanz in der Casa del popolo Gelegenheiten für Ausgelassenheit, Partnersuche und die Lust am Sehen und Gesehen-Werden, die sich nach 1945 in der Jugend- und Freizeitkultur ausbildeten und welche die Kommunisten mit ihrer im Vergleich zu den katholischen Organisationen (wo Tanz verboten war) weniger rigiden Freizeitpolitik ein Stück weit mit vorantrieben. Einerseits lag gerade hierin das Problem für viele kommunistische Männer, die in der Partei nicht ganz zu Unrecht eine Ermöglichungsstruktur für amouröse Abenteuer ihrer Ehefrauen und Töchter sahen. Andererseits bot die Fest- und Tanzkultur die Chance, die kommunistische Frau in ihrer Körperlichkeit für die Selbstverständigung im Milieu und die Selbst-repräsentation nach außen zu nutzen. Dies war notwendig in einer Zeit, in der auch der physische Aspekt der Frau, wie bei Don Camillo und Peppone, Eingang in die Propagandaschlachten Italiens fand. So ereiferte sich im Wahlkampf 1948 die rechte Zeitschrift Oggi unter der Überschrift »Le Reginette del Cominform« [»Die Schönheitsköniginnen der Kominform«] über das vermeintlich maskuline und darin ganz und gar »unitalienische« Aussehen einiger führender Kommunistinnen, darunter Rita Togliattis, der Ehefrau des Parteisekretärs.59 Dergestalt unter öffentlichem Druck, erwies sich der PCI als überaus zugänglich für die Mystik der bellezza [Schönheit], die aus dem italienischen Weiblichkeitsdiskurs nicht wegzudenken ist und in der Nachkriegszeit zur Konstruktion der nationalen Identität beitrug.60 Auch die kommunistischen Männer antworteten 1954 auf die Frage des Emanzipationsorgans Noi Donne, was eine gute Ehefrau ausmache, mit: Schönheit.61 Und während des Wahlkampfes 1946, als die Italiener zwischen Republik und Monarchie zu entscheiden hatten und Frauen erstmals das volle Wahlrecht ausüben durften, prämierte die Partei auf dem römischen Palatin die »schöne Republikanerin«. Für die Jury war sich selbst eine Urahnin des italienischen Feminismus, die kurz zuvor dem PCI beigetretene Schriftstellerin Sibilla Aleramo, nicht zu schade – die im Übrigen selbst glücklich in ihrem Tagebuch vermerkte, wenn in kommunistischen Magazinen Fotos von ihr erschienen, die ihre Attraktivität unterstrichen.62 Zur Tradition entwickelten sich kommunistische Schönheitswettbewerbe seit den 1950er Jahren einerseits durch die Wahl der »Miss Vie Nuove« (einem kommunistischen Freizeitmagazin), andererseits als Höhepunkte der Feste dell’Unità, wo die hübschesten Frauen des Ortes in offenkundiger Anlehnung an die Hollywood-Kultur zu den Stelline [Sternchen] gekürt wurden und ihr Foto anschließend im kommunistischen Lokalblatt bewundern durften.63 Im Einklang mit Gramsci stand diese Entwicklung keineswegs, denn für ihn galten Schönheitswettbewerbe, Kino und andere amerikanische Kulturformen, welche »die weibliche Schönheit der Welt [...] unter den Hammer [bringen]«, als Zeichen des moralischen Verfalls und darin eigentlich als ein Phänomen der Oberschichten.64 Für eine Partei, die Massenpartei sein wollte und mithin auf eine weite Umwelt attraktiv wirken musste, war es jedoch unumgänglich, sich anzupassen. Mit der Teilnahme am Schönheitskult und der Betonung der Attraktivität der eigenen Frauen stellte sie den amerikanisch geprägten Schönheitsidealen eine eigene Ästhetik entgegen, die sehr weiblich und sehr italienisch war. Im Medium der kommunistischen Frau versicherte sich das italienische Parteimilieu seiner eigenen italianità [Italianität]. Fazit Keine Partei zog im Nachkriegsitalien so viele Frauen an wie der PCI, und keine Partei brachte so viele Frauen als politische Aktivistinnen nach außen hin sichtbar auf die Straßen und Plätze. Die kommunistische Mobilisierung der Frau erfolgte unter der Prämisse, dass sie einerseits Teil der Arbeiterklasse war, andererseits aber aufgrund geschlechtsspezifischer Eigenschaften auf besondere Art und Weise politisch sozialisiert werden müsse. Wie in der traditionellen Gesellschaftsordnung kursierten auch im kommunistischen Feld Weiblichkeitsvorstellungen, welche die Frau im häuslichen Bereich verorteten und ihre Funktionen als Mutter und Ehefrau betonten. Die ihr zugeschriebene Rolle in der kommunistischen Familie wie in der kommunistischen Parteiorganisation kreiste um die Funktion der Unterstützung, der assistenza, und war darin komplementär zu den Funktionen männlicher Genossen, denen der eigentliche Kampf für den Sozialismus überantwortet wurde. Aufgrund dieser konformen Vorstellungswelt italienischer Kommunisten wie Kommunistinnen gleichermaßen segregierte der PCI die männliche und die weibliche Parteiarbeit an der Basis wie innerhalb des Parteimilieus und seiner familiären Strukturen. Dahinter verbarg sich jedoch nicht kruder Patriarchalismus, sondern eine funktionale Differenzierung entlang der Geschlechter, die dem PCI vor allem in Süditalien den Zugriff auf die Gesellschaft erleichterte und seine Milieuwerdung förderte, namentlich indem die Frau – wie im Faschismus – als Kanal diente, die häusliche Welt, die Freizeit- und Konsumkultur sowie die Felder der Fürsorge und Erziehung zu erobern. Auf diese Weise und im Medium des bellezza-Kults, den die Kommunisten in Anlehnung an die Hollywood-Kultur ausbildeten, diente die Frau der Selbstvergewisserung des Milieus nach außen und innen, »italienisch« zu sein und nicht der innere Feind im Kalten Krieg. Mit dieser weiblichen Rolle der bezaubernden Assistentin des männlichen Revolutionärs erwies sich der PCI einerseits als anschlussfähig an eine Gesellschaft, die auf klaren Rollenzuweisungen beruhte – und dieser Konservatismus war Teil seines Erfolgs. Andererseits machte er sich damit aber angreifbar für die Kritik des Neofeminismus: Erst mit dem allgemeinen gesellschaftlichen Wertewandel der späten 1960er und 1970er Jahre und seiner Trägerin, der jüngeren Generation, kamen die im Milieu herrschenden Geschlechterrollen explizit aufs Tapet – erwiesen sich jedoch darüber hinaus als überaus persistent.65 [ftntext] Don Camillo monsignore ma non troppo [dt. Fassung: Hochwürden Don Camillo], Italien/Frankreich 1961. Für den Hinweis danke ich Thomas Mergel. [/ftntext] 2 Siehe Claudia Christiane Gatzka: Der »neue Mensch« auf ausgetrampelten Pfaden. Kommunistische Bewährung und politischer Massenmarkt im postfaschistischen Italien, in: Ulrich Mählert u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2012, Berlin 2012, S. 145–157. 3 Einschlägige Studien arbeiten die kulturellen Widersprüche im PCI-Milieu gut heraus. Siehe Sandro Bellassai: La morale comunista. Pubblico e privato nella rappresentazione del PCI (1947–1956) [Die kommunistische Moral. Das Öffentliche und das Private in der Vorstellung des PCI (1947–1956)], Rom 2000; Maria Casalini: Le donne della sinistra (1944–1948) [Die Frauen der Linken (1944–1948)], Rom 2005; dies.: Famiglie comuniste. Ideologie e vita quotidiana nell’Italia degli anni Cinquanta [Kommunistische Familien. Ideologien und Alltagsleben im Italien der Fünfzigerjahre], Bologna 2010. Siehe auch Pamela Schievenin: Italian communism and the »woman question« in post-war Italy: from memory to history, in: Twentieth Century Communism 4 (2012), S. 189–199. 4 Für einen konzisen Überblick siehe Perry Willson: Women in Twentieth-Century Italy, Basingstoke 2010. 5 Siehe Miriam Mafai: L’apprendistato della politica. Le donne italiane nel dopoguerra [Das Praktikum der Politik. Die italienischen Frauen in der Nachkriegszeit], Rom 1979, S. 67. 6 Siehe Mario Caciagli: Erosioni e mutamenti nell’elettorato democristiano [Erosionen und Wandlungen in der christdemokratischen Wählerschaft], in: ders./Alberto Spreafico (Hg.): Vent’anni di elezioni in Italia, 1968–1987 [Zwanzig Jahre Wahlen in Italien, 1968–1987], Padova 1990, S. 3–30, hier S. 26 f. 7 Siehe Per chi voterà tua moglie? [Für wen wird deine Ehefrau wählen?], in: Quaderno dell’attivista Nr. 8 vom 16. April 1953, S. 239. Siehe Marina D’Amelia: La mamma [Die Mama], Bologna 2005. 8 Siehe Luisa Passerini: The Ambivalent Image of Women in Mass Culture, in: Françoise Thébaud (Hg.): Toward a Cultural Identity in the Twentieth Century (= A History of Women in the West, Bd. 5), Cambridge/MA 1996, S. 324–342. 9 Siehe Mariolina Graziosi: La donna e la storia. Identità di genere e identità collettiva nell’Italia liberale e fascista [Die Frau und die Geschichte. Geschlechteridentität und kollektive Identität im liberalen und im faschistischen Italien], Neapel 2000. 10 Siehe Agopik Manoukian u. a.: La presenza sociale del PCI e della DC [Die soziale Präsenz des PCI und der DC], Bologna 1968, S. 220; Gianfranco Poggi u. a.: L’organizzazione partitica del PCI e della DC [Die Parteiorganisation des PCI und der DC], Bologna 1968, Kap. 3. 11 Siehe Palmiro Togliatti: Problemi dell’emancipazione della donna [Probleme der Emanzipation der Frau], Rom 1955; Maria Casalini: Il dilemma delle comuniste. Politiche di genere della sinistra nel secondo dopoguerra [Das Dilemma der Kommunistinnen. Geschlechterpolitiken der Linken in der Nachkriegszeit], in: Nadia Maria Filippini/Anna Scattigno (Hg.): Una democrazia incompiuta. Donne e politica in Italia dall’Ottocento ai nostri giorni [Eine unvollendete Demokratie. Frauen und Politik in Italien vom 19. Jahrhundert bis in unsere Tage], Mailand 2007, S. 131–153. 12 Die Forschung würdigt inzwischen die realen Erfolge in der Erziehung zur Demokratie durch den PCI. Speziell zu den Frauen siehe Edda Guerra: Modelli sociali di genere e cittadinanza politica [Soziale Modelle von Geschlecht und Staatsbürgerschaft], in: Mariuccia Salvati (Hg.): La fondazione della repubblica. Modelli e immaginario repubblicani in Emilia e Romagna negli anni della Costituente [Die Gründung der Republik. Republikanische Modelle und Vorstellungen in Emilia und Romagna in den Jahren der Verfassunggebenden Versammlung], Mailand 1999, S. 124–142; Willson: Women (Anm. 4), S. 142. 13 Auch die Vertreterinnen der UDI setzten Emanzipation in erster Linie mit dem »Recht auf Arbeit« gleich. Siehe Documento per la preparazione del VI° Congresso Nazionale dell’UDI [Dokument für die Vorbereitung des VI. Nationalen Kongresses der UDI], Februar 1959, in: Fondazione Gramsci Emilia-Romagna, Archivio PCI, Federazione provinciale di Bologna/Stiftung Gramsci Emilia-Romagna, Archiv des PCI, Provinzverband Bologna (im Folgenden: FGER-PCI), s.: Commissioni, sezioni di lavoro e dipartimenti [Kommissionen, Arbeitssektionen und Abteilungen], ss.: Commissione femminile [Frauenkommission], ss.: Unione Donne Italiane (UDI), f. 1952–1960, Bl. 1. Siehe auch Mafai: L’Apprendistato (Anm. 5). 14 Siehe Antonio Gramsci: Heft 1 § 62. Gefängnishefte, Bd. 1, hg. von Klaus Bochmann und Wolfgang Fritz Haug, Hamburg 1991, S. 133 f.; ders.: Heft 3 § 18. Gefängnishefte, Bd. 2, hg. von Klaus Bochmann und Wolfgang Fritz Haug, Hamburg 1991, S. 347. 15 Siehe Casalini: Le donne (Anm. 3). 16 Siehe Marcello Venturi: Sdraiati sulla linea. Come si viveva nel PCI di Togliatti [Der Linie folgend. Wie man im PCI Togliattis lebte], Mailand 1991, insb. S. 1 f., 7, 106 u. 108 f. 17 Siehe dazu umfassend Bellassai: La morale comunista (Anm. 3). 18 Siehe Sandro Bellassai: Mascolinità e relazioni di genere nella cultura politica comunista (1947–1956) [Maskulinität und Geschlechterbeziehungen in der kommunistischen politischen Kultur (1947–1956)], in: ders./Maria Malatesta (Hg.): Genere e mascolinità. Uno sguardo storico [Geschlecht und Maskulinität. Ein historischer Blick], Rom 2000, S. 265–301; Gigliola Gori: Model of Masculinity: Mussolini, the »New Italian« of the Fascist Era, in: James A. Mangan (Hg.): Superman Supreme. Fascist Body as Political Icon – Global Fascism, Portland 2000, S. 27–61. 19 Siehe Verbale della riunione del Comitato Regionale delle Puglie [Protokoll der Sitzung des Regionalkomitees Apuliens] vom 20. Januar 1948, in: Fondazione Gramsci di Puglia, Archivio PCI, Comitato regionale della Puglia/Stiftung Gramsci Apulien, Archiv des PCI, Regionalkomitee Apulien (im Folgenden: FGPU-PCI-CR), S. 1, ua. 1, Bl. 7. Zu Bologna, wo selbst 1952 noch keine weibliche Kommission existierte, weil die führenden Bologneser Genossen von einer generellen »Minderwertigkeit« der Frau ausgingen, siehe Bellassai: Mascolinità (Anm. 18), S. 284 f. Siehe auch Nella Marcellino: Le tre vite di Nella [Die drei Leben der Nella], hg. von Maria Luisa Righi, Mailand 2009, S. 159. 20 Siehe Marcellino: Le tre vite (Anm. 19), S. 175. 21 Siehe ebd., S. 166. 22 Interview mit Laura Conti, in: Erica Scroppo: Donna, privato e politico. Storie personali di 21 donne del PCI [Frau, Privates und Politisches. Persönliche Geschichten von 21 Frauen des PCI], Mailand 1979, S. 115. 23 Siehe dazu die Protokolle in FGER-PCI, s.: Elezioni e referendum [Wahlen und Referenden], ss.: Elezioni politiche [Parlamentswahlen], ua.: Elezioni politiche del 20 e 21 giugno 1976 [Parlamentswahlen vom 20. und 21. Juni 1976], b. 1, f. 1, sf. 2. 24 Siehe La Lotta [Bologna] vom 16. Juni 1945. 25 Siehe Bellassai: La morale comunista (Anm. 3), S. 254. 26 Siehe Willson: Women (Anm. 4), S. 111. 27 Siehe Anna Bravo: Simboli del materno [Symbole des Mütterlichen], in: dies. (Hg.): Donne e uomini nelle guerre mondiali [Frauen und Männer in den Weltkriegen], Rom/Bari 1991, S. 96–134. Zu den Französinnen siehe Cristina Léon: Zwischen Paris und Moskau. Kommunistische Vorstadtidentität und lokale Erinnerungskultur in Ivry-sur-Seine, München 2012, S. 108 f. 28 La Lotta [Bologna] vom 2. Juni 1945 u. 9. Juni 1945. 29 Siehe die für Jugendschulungen eingesetzte Broschüre von Edoardo D’Onofrio: Una famiglia di comunisti. Commento a »I giorni della nostra vita« di Marina Sereni [Eine Familie aus Kommunisten. Kommentar zu »Tage unseres Lebens« von Marina Sereni], Rom [1955], S. 8–11. Siehe auch Casalini: Famiglie comuniste (Anm. 3), S. 146. 30 Siehe Marina Sereni: Tage unseres Lebens, Berlin 1958. Siehe dazu Casalini: Famiglie comuniste (Anm. 3), S. 38 f. 31 Siehe ebd., S. 152 f. 32 Siehe Gérard Vincent: Die Kommunisten: Eingriff und Realitätsverleugnung, in: Antoine Prost/ders. (Hg.): Vom Ersten Weltkrieg zur Gegenwart (= Geschichte des privaten Lebens, Bd. 5), Frankfurt/M. 1993, S. 381–411, hier S. 396–399. Auch die Wahlkampfaktivitäten der UDI richteten sich vornehmlich auf die Frauen in ihrer Rolle als Mütter. Siehe Patrizia Gabrielli: Educare alla democrazia: donne alla prova del voto [Erziehung zur Demokratie: Frauen haben abgestimmt], in: Piergiovanni Genovesi/Giuseppe Papagno (Hg.): Educazione e politica in Italia (1945–2008) [Bildung und Politik in Italien (1945–2008)], Bd. I: Identità e legittimazione politica [Identität und politische Legitimität], Mailand 2009, S. 87–104, hier S. 96 f. 33 Zur Strategie des PCI, eine »Familienpartei« zu sein, um die ganze Familie der Genossen in die Partei integrieren zu können, siehe Renzo Martinelli/Guido Gozzini: Storia del partito comunista italiano. Dall’attentato a Togliatti all’VIII congresso [Geschichte der Kommunistischen Partei Italiens. Vom Attentat auf Togliatti bis zum 8. Kongress], Turin 1998, S. 287. 34 Siehe Casalini: Famiglie comuniste (Anm. 3), S. 40 f. 35 Zur Bedeutsamkeit der Familie im Nachkriegsitalien siehe Paul Ginsborg: Family, Culture and Politics in Contemporary Italy, in: Zygmunt G. Baranski/Robert Lumley (Hg.): Culture and Conflict in Postwar Italy. Essays on Mass and Popular Culture, Basingstoke 1990, S. 21–49. 36 Siehe Gramsci: Heft 3 § 61 (Anm. 14), S. 380. 37 Interview mit Cecilia Pron, in: Scroppo: Donna (Anm. 22), S. 133. 38 Siehe Casalini: Famiglie comuniste (Anm. 3), S. 148 f. 39 Siehe Bellassai: La morale comunista (Anm. 3), S. 209–213. 40 Siehe Bellassai: Mascolinità (Anm. 18), S. 277 f. u. 290. 41 Siehe Noi Donne vom 4. Januar 1953, 23. Januar 1955, 17. April 1955, 1. Mai 1955. In der Literatur wird der Beitrag von Noi Donne zur sukzessiven »Modernisierung« kommunistischer Geschlechterordnungen betont. Siehe Casalini: Le donne (Anm. 3); dies.: Famiglie comuniste (Anm. 3). 42 Siehe Gabriella Parca: Le italiane si confessano [Die Italienerinnen erklären sich], Florenz 1959. 43 Siehe Verbale di riunione del Comitato esecutivo [Protokoll der Versammlung des Exekutivkomitees des PCI Bologna] vom 30. September 1949, in: FGER-PCI, S. Comitato Esecutivo. Verbali [Exekutivkomitee. Versammlungsprotokolle], Bl. 15. 44 Siehe Wendy Pojmann: Italian Women and International Cold War Politics, 1944–1968, New York 2013. 45 Siehe Verbale della riunione del Comitato Regionale delle Puglie [Protokoll der Sitzung des Regionalkomitees Apuliens] vom 20. Januar 1948, in: FGPU-PCI-CR, S. 1, ua. 1, Bl. 7. 46 Verbale del Congresso d’organizzazione delle sezioni del Partito Comunista della Provincia di Bari [Protokoll des Organisationskongresses der Sektionen der Kommunistischen Partei der Provinz Bari] vom 23.–25. Oktober 1944, in: FGPU, Archivio PCI, Federazione provinciale di Bari, s. 2, ss. 1, ua. 36, Bl. 46. 47 Ebd., Bl. 41. 48 Siehe ebd., Bl. 40. Zur Eifersucht der Genossen und ihrem Unwillen, auf die Kinder aufzupassen, während die Frau in eine Parteiversammlung ging, siehe Interview mit Giorgina Levi, in: Scroppo: Donna (Anm. 22), S. 66; Bellassai: Mascolinità (Anm. 18), S. 282 f. u. 290. 49 So argumentiert auch Casalini: Famiglie comuniste (Anm. 3). 50 Siehe Marcellino: Le tre vite (Anm. 19), S. 163. 51 Zu den Sozialisten siehe Casalini: Le donne (Anm. 3), Kap. 7. 52 Brief von D. Ciufoli an die Direktion des PCI, Organisationskommission, vom 6. April 1947, in: FGPU-PCI-CR, s. 1, ua. 1, Bl. 4. 53 Siehe ebd. 54 Siehe Claudia Christiane Gatzka: Klassenkampf am Küchentisch. Weibliche Handlungsräume im kommunistischen Milieu Italiens der frühen Nachkriegszeit, in: Ariadne. Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte 61 (2012), S. 48–53. 55 Siehe Gabriella Gribaudi: Donne. Ritratti letterari e storie di vita [Frauen. Literarische Porträts und Lebensgeschichten], in: dies.: Donne, uomini, famiglie. Napoli nel Novecento [Frauen, Männer, Familien. Neapel im 20. Jahrhundert], Neapel 1999, S. 41–56. 56 Siehe Stephen Gundle: Between Hollywood and Moscow. The Italian Communists and the Challenge of Mass Culture, 1943–1991, Durham/London 2000. 57 Siehe Willson: Women (Anm. 4). 58 Siehe Anna Tonelli: Falce e tortello. Storia politica e sociale delle Feste dell’Unità (1945–2011) [Sichel und Tortello. Politik- und Sozialgeschichte der Feste dell’Unità (1945–2011)], Rom/Bari 2012, S. 94. 59 Siehe Luciano Cheles: Picture battles in the piazza, in: Luciano Cheles/Lucio Sponza (Hg.): The art of persuasion. Political communication in Italy from 1945 to the 1990s, Manchester/New York 2001, S. 124–179, hier S. 173, Anm. 27. 60 Siehe Stephen Gundle: Bellissima: Feminine Beauty and the Idea of Italy, New Haven/London 2007. 61 Siehe Noi Donne vom 21. Februar 1954. 62 Siehe Sibilla Aleramo: Tagebuch einer Frau, hg. von Alba Morino, Frankfurt/M. 1991, S. 82 u. 171. 63 Siehe Gundle: Hollywood (Anm. 56), S. 67 f.; Tonelli: Falce e tortello (Anm. 58), S. 35–38. 64 Siehe Antonio Gramsci: Heft 4 § 52. Gefängnishefte, Bd. 3, hg. von Klaus Bochmann und Wolfgang Fritz Haug, Hamburg 1992, S. 532. 65 Siehe Fiammetta Balestracci: Il PCI, il divorzio e il mutamento dei valori nell’Italia degli anni Sessanta e Settanta [Der PCI, die Scheidungsdebatte und der Wertewandel im Italien der Sechziger- und Siebzigerjahre], in: Studi storici 54 (2013), H. 4, S. 898–1022. Zur Persistenz siehe etwa Adele Grisendi: La famiglia rossa. Una donna racconta il suo sindacato: passioni, contrasti, vendette [Die rote Familie. Eine Frau erzählt von ihrer Gewerkschaft: Leidenschaften, Kontraste, Vergeltungen], Mailand 2003.

JHK 2015

Edith Anderson, die Frauen und die Kommunistische Partei der USA

Birgit Schmidt

Zu einem literarischen Geheimtipp wurden die 2007 vom Basisdruck Verlag erstmals herausgegebenen Erinnerungen der amerikanischen Schriftstellerin und Journalistin Edith Anderson. In Liebe im Exil beschreibt sie ihr Leben in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ), wohin sie ihrem Ehemann, dem deutschen Kommunisten Max Schroeder, 1947 gefolgt war, und in der DDR. Aber Anderson war nicht allein aus Liebe nach Ostdeutschland gegangen. Sie wollte arbeiten. Und auch sie war Kommunistin, Mitglied der Kommunistischen Partei der USA (KPdUSA). Es ist schwierig, genaue und vor allem richtige Angaben über die Mitgliederzahlen der KPdUSA zu finden, die unter allen anderen – von der Komintern geleiteten bzw. kontrollierten – kommunistischen Parteien eine Sonderstellung einnahm. Die französische Historikerin Marianne Debouzy geht davon aus, dass sich die im Jahr 1921 gegründete Partei nach zahlreichen Spaltungen und Wiedervereinigungen immer durch eine starke Fluktuation ihrer Mitglieder ausgezeichnet hat.1 Während sie in dem traditionell durch den Syndikalismus geprägten Land anfangs nur 5000 bis 6000 Mitglieder habe mobilisieren können, sei es ab 1922 zu einem Aufschwung gekommen; Debouzy schreibt: »Von Anfang 1922 bis Mitte 1925 schlossen sich 20 000 neue Mitglieder der Partei an, 6000 blieben, etwa 14 000 traten wieder aus. Mit einem Wort, auf jedes neu gewonnene Mitglied kamen zwei verlorene.«2 Im Jahr 1934 habe die Parteispitze angegeben, dass der Partei mehr als 23 000 Mitglieder angehörten, 1938 habe sie die Zahl der Mitglieder auf 75 000 beziffert, 1939 sei gar von 100 000 die Rede gewesen, und 1944, als der Generalsekretär der Partei, Earl Browder, der Partei ein anderes Gesicht geben wollte, seien 80 000 Genossinnen und Genossen schockiert gewesen.3 Marianne Debouzy legte ihren Zahlenangaben Material zugrunde, das von der Parteiführung der KPdUSA selbst stammte, realistischer dürfte also die Einschätzung des ehemaligen marxistischen DDR-Historikers Wolfgang Kießling sein, der 1994 zu dem Schluss kam: »Der Partei gelang es nie, wie vorher schon den Sozialdemokraten, in der nordamerikanischen Gesellschaft wirklich Fuß zu fassen. Die Zahl ihrer eingetragenen Mitglieder lag in diesem großen Land mit einer in die Millionen gehenden Arbeiterschaft zu keiner Zeit über 50 000. Andere Angaben waren geschönt. Trotz aller krassen sozialen Probleme in den hochindustrialisierten USA brachte keine noch so gut gemeinte Propaganda für die Sowjetunion der KPUSA einen nennenswerten Zulauf an Mitgliedern.«4 Dass die Kommunistische Partei niemals zu einer wirklichen Kraft innerhalb des politischen Spektrums der USA werden konnte, hatte mehrere Gründe: Zum einen standen zahlreiche Einwanderinnen und Einwanderer, insbesondere aus Osteuropa und Russland, der syndikalistischen Organisationsform näher. Auch aus anderen sozialen Gruppen entstanden Konkurrenzbewegungen zur KP wie beispielsweise aus der La Follette-Bewegung, die ihren Höhepunkt im Jahr 1924 hatte.5 Darüber hinaus erfasste mit dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg im Dezember 1941 eine patriotische Welle das Land, vor deren Hintergrund sich auch die KPdUSA Arbeitskämpfe und Streiks verbot. So hieß es am 18. März 1944 im Wirtschaftsblatt Business Week über die Kommunisten, sie »[...] achten von allen Arbeiterorganisationen am besten darauf, dass nicht gestreikt wird. Sie sind die aktivsten Befürworter einer Kooperation zwischen Arbeit und Management und die einzigen, die ernsthaft für leistungsbezogene Löhne eintreten.«6 Der damalige Generalsekretär Earl Browder vertrat vor dem Hintergrund des Krieges tatsächlich die Auffassung, dass vor diesem alles andere zurückstehen müsse. Da die Partei sich 1940 unter dem Druck der entsprechenden amerikanischen Gesetzgebung aus der Umklammerung der Komintern gelöst hatte, konnte er mit ihr einen Sonderweg beschreiten, dem die Erkenntnis zugrunde lag, dass die überwältigende Mehrheit der Amerikanerinnen und Amerikaner keine sozialistische Gesellschaft wünschte. Browders Vorschlag, die Partei in eine demokratisch organisierte Assoziation zu überführen, wurde auf dem Parteitag im Mai 1944 angenommen. Doch im April 1945 wurde Browder von dem französischen Kommunisten Jacques Duclos, einem Mitglied des Exekutivkomitees der Komintern, scharf angegriffen und als Generalsekretär der Assoziation abgewählt. Im Juli 1945 wurde die KPdUSA schließlich erneut als marxistisch-leninistische Partei aus der Taufe gehoben. Doch sie konnte – auch vor dem Hintergrund der sich verschärfenden Konflikte zwischen den Blöcken – den Niedergang nicht mehr aufhalten, der zeitgleich mit den Prozessen in Moskau, Mitte/Ende der 1930er Jahre eingesetzt hatte.7 Nach dem Tod Roosevelts und dem Beginn des Kalten Krieges waren weder die amerikanische Regierung noch zahlreiche Bürgerinnen und Bürger gewillt, die Kommunisten weiterhin zu tolerieren. Dass die Hinrichtung der KPdUSA-Mitglieder Ethel und Julius Rosenberg im Jahr 1953 trotz einer breiten internationalen Protestkampagne möglich war, der sich sogar der Papst angeschlossen hatte, zeigt, dass die US-amerikanische Regierung auf die Kommunisten und ihre Sympathisanten keinerlei Rücksicht zu nehmen brauchte. Im weiteren Verlauf dieses Textes wird jedoch deutlich werden, dass nicht nur die genannten Gründe, sondern auch der mangelnde Wille der Parteispitze, den Bedürfnissen der schwarzen Bevölkerung und denen der Frauen Rechnung zu tragen, maßgeblich zu ihrer Nichtrelevanz beigetragen hatte. Eine herausragende Zeugin dafür ist die 1915 in New York geborene Schriftstellerin und Journalistin Edith Anderson, die sich der KPdUSA angeschlossen hatte, noch bevor sie zwanzig war, weil sie sich, wie sie schrieb, »[...] eine Welt wünschte, in der ich nie wieder, wie 1930 und 1931, an rotgesichtigen Obdachlosen vorbeigehen müsste, die im Laufe der Nacht in den Hauseingängen erfroren waren, oder an kleinen Kindern, die in der U-Bahn Zeitungen verkauften und eigentlich in ein warmes Bett gehörten«.8 Edith Anderson arbeitete als Redakteurin für das Parteiorgan Daily Worker und nahm im Jahr 1942 einen Job als Zugschaffnerin in New York an. Bis zu diesem Zeitpunkt war Frauen diese Tätigkeit untersagt, doch die kriegsbedingte Abwesenheit von Männern und die Erfordernisse der Kriegsindustrie hatten nicht nur eine ökonomische Krise beendet, sondern auch das Berufsleben in den USA komplett umgestaltet: »Zum Zeitpunkt des Eintritts der USA in den Krieg gegen den Faschismus«, schreibt der Historiker Philip S. Foner, »gab es noch mehr als fünf Millionen erwerbslose Arbeiter. Mitte 1943 waren es nur noch 600 000. Mit einem Wort, die große Wirtschaftskrise fand erst durch einen Krieg ihr Ende.«9 Bisher benachteiligte Bevölkerungsgruppen, insbesondere die Schwarzen und die Frauen, hatten auf Arbeitsplätze gehofft, doch der schwarzen Bevölkerung verschaffte der gewaltige Bedarf an Arbeitskräften nur sehr langsam einen besseren Zugang auch zu qualifizierteren Arbeitsplätzen, Rassismus und Abwehr überwogen lange. In einigen Städten kam es nach der Einstellung von schwarzen Arbeitern sogar zu sogenannten Hate Strikes vonseiten der weißen Belegschaft gegen ihre schwarzen Kollegen. Auch bei der Eisenbahn nahm man nur deshalb Frauen, weil man keine Schwarzen wollte. So stellt Anderson einen Dialog zwischen einem Gesellschafter und einem Angehörigen der Eisenbahner-Bruderschaft an den Anfang ihres Romans Liebe im Exil: »›Ich mache gar keinen Spaß‹, sagte Marshall. ›Von unserem Standpunkt aus sind Neger viel wertvollere Arbeitskräfte als Frauen. Wir brauchen uns keine grauen Haare wachsen lassen, wenn sie sich auf dem Gepäckwagen oder beim Rangierdienst mal weh tun. Sie werden nicht immerzu krank feiern wie die Frauen …‹ Hall sprang auf. ›Sie haben effektiv die Absicht …?‹, rief er. Larkins Fröhlichkeit war verflogen. ›Mr. Marshall will Mord und Totschlag bei der Bahn!‹, sagte er. ›Glauben Sie, jemand aus der Bruderschaft wird neben einem Nigger arbeiten?‹ ›Das wird er, wenn es seine patriotische Pflicht ist‹, erklärte Marshall. ›Wir haben Krieg. Arbeitskräfte sind knapp.‹ Hall tobte. ›Wissen Sie nicht, dass es nichts Fauleres gibt als einen Nigger?‹, schrie er. ›Nein‹, erwiderte Marshall ruhig. ›Davon ist mir nichts bekannt. Ich glaube, wenn man Negern solche Stellungen gibt, werden sie so eifrig versuchen, sich zu bewähren, dass sie mehr leisten als die Weißen.‹ Marshall spielte nur mit den Vertretern der Bruderschaft. Er hatte ihr Zögern und ihre Bedingungen hinsichtlich der Einstellung von Frauen satt. Die Gesellschaft dachte nicht im Traum daran, Neger einzustellen. Das war ihre Politik, seit die ersten Schienen gelegt wurden. […] Hall und Larkin jedoch, wild gemacht von ihren blinden Vorurteilen, hüpften wie Marionetten verrückt hin und her. Ihre Hirngespinste vom Sturm der Frauenhorden gegen die Bahn wurden verdrängt von dem viel schrecklicheren Bild anstürmender Neger.«10 Weil Arbeitskräfte gebraucht wurden, diese aber keine Schwarzen sein sollten, zogen zwischen 1941 und 1944 fünf Millionen Frauen als Arbeiterinnen in die Betriebe, über 250 000 von ihnen fanden einen Job in der Schwerindustrie. Rosie the Riveter, Rosie die Nieterin, zierte am 29. Mai 1943 das Titelbild der Saturday Evening Post, eine kräftige junge Frau mit muskulösen Oberarmen und in einem blauen Overall, die gerade Pause macht. Auf ihren Beinen liegt schweres Arbeitsgerät, unter ihren Füßen zerbröselt ein Exemplar von Hitlers Mein Kampf. Für einige Jahre wurden sie geduldet, Rosie die Nieterin, ihre zahlreichen Kolleginnen und Edith Anderson, die sich in einer Umgebung behaupten musste, von der sie sagt: »Als Gruppe waren die Eisenbahner bösartig antikommunistisch, ausländerfeindlich, anti-schwarz, antisemitisch und frauenfeindlich. Auf einfache Arbeiter sahen sie hinab, sie hielten sich für etwas Besseres.«11 Anderson wusste, wovon sie sprach: Lokführer, Heizer, Weichensteller und das Zugpersonal hatten sich bereits im 19. Jahrhundert als Arbeiteraristokratie bezeichnet und in sogenannten Brotherhoods, Bruderschaften, organisiert. 1893 war unter der Ägide des Sozialisten Eugene Debs die American Railway Union gegründet worden, von der – gegen den erklärten Willen von Debs – Schwarze ausgeschlossen blieben.12 Mit dem Kriegseintritt der USA aber sahen sich die Bruderschaften mit weiblichen Arbeitskräften konfrontiert, die Aufnahme begehrten. Für Edith Anderson wurde die Tatsache, dass sie für eine Weile einen vorgeblichen Männerberuf hatte ausüben dürfen, zum Thema ihres Lebens; immer wieder ist die spätere Schriftstellerin darauf zurückgekommen: So erinnert sie sich in der Kurzgeschichte Eine Laterne, die 1969 in der DDR veröffentlicht wurde, wie während eines Aufenthaltes in dem Städtchen South Lehigh eine ältere Frau reagierte, als sie sie als Schaffnerin erkannte. Die Frau war begeistert: »Sie betrachtete meine Uniform von oben bis unten und las beschwörend laut die Aufschrift auf meiner Mütze: ›Schaffner … Schaffner.‹ Langsam zog ein Lächeln über ihr Gesicht, als sie träumerisch sagte: ›Ach, das ist großartig – eine Schaffnerin! Ja, Schaffnerin! Frauen können alles!‹ Ihre Stimme wurde lauter. ›Die Männer sagen nein, ich sage doch. Meinen Sie nicht auch?‹«13 Doch aller Euphorie zum Trotz: Der Arbeitsalltag einer Schaffnerin war hart. Er bedeutete Arbeitszeiten von mindestens 14 Stunden, in der Regel bis zu 18. Dann war man abgerädert, wie es – in der deutschen Übersetzung – in dem Roman Gelbes Licht heißt, in dem Edith Anderson die Erfahrungen, die sie als Schaffnerin gemacht hatte, literarisch verarbeitet hat. Darüber hinaus waren die Arbeitszeiten unregelmäßig, und man hatte in manchen Städten Wartezeiten von bis zu acht Stunden zu überbrücken. Anspruch auf einen regulären Dienstplan hatte man erst nach einigen Arbeitsjahren, mit der sogenannten Seniorität – die aber konnten Frauen, da sie von vornherein nur für die Kriegsdauer eingestellt worden waren, gar nicht erreichen. Und obwohl die Männer behaupteten, Frauen könnten die anstrengende Arbeit körperlich und psychisch nicht bewältigen, schanzten sie ihnen für gewöhnlich die aufreibenden und sich selbst die guten Strecken zu. Dazu kamen die stetigen Ausbrüche sexuell-aggressiver Heiterkeit, die die Schaffnerinnen über sich ergehen lassen mussten: »›Die Fahrkarten bitte!‹ sagte Toby. Sofort ließen die Soldaten, die noch wach waren, ein Geheul los wie ein Zoo zur Fütterungszeit. ›Hoho! Ah! Mädchen spielen Schaffner! Mädchen! Ein Mädchen! Komm doch mal her, Süße! Willste nich auf meinen Schoß kommen? Ich sammle dir auch die Fahrkarten ein! Brauchste keinen zum Helfen? Sieht sie nicht flott aus? Hei, die ist aber oho! Guck mich an, Süße, ich bin dein Typ. Hör nicht auf den da, das ist ein Schürzenjäger. Hoho!‹«14 Gegen Übergriffe und Regelverletzungen konnte sich nur wehren, wer Mitglied der Bruderschaft war. Die jedoch lehnte Frauen – vorerst – ab, bis sich, zumindest im Roman, einige von ihnen den Zugang erkämpften, wobei die Hauptperson Jessie Lamb eindeutig mit autobiografischen Zügen Andersons unterlegt ist. Edith Anderson hat unmittelbar nach ihrer Ankunft in der SBZ, wo sie sich nach anfänglichen Schwierigkeiten in der Intellektuellensiedlung in Berlin-Grünau etabliert hatte, mit dem Schreiben an Yellow Light begonnen. 1956 beendete sie die Arbeit an dem Roman, der unter dem Titel Gelbes Licht noch im selben Jahr beim Aufbau Verlag erschien, in dem Max Schroeder 1946 die Aufgaben des Cheflektors übernommen hatte. Erst kurz vor ihrem Tod 1999 kam hingegen das literarisch gearbeitete Tagebuch Love in Exile in den USA heraus (2007 auf Deutsch unter dem Titel Liebe im Exil), in dem sie insbesondere über ihr Leben in der SBZ und der DDR berichtet. Darin und in Gelbes Licht erzählt Anderson aber auch von der Zeit, als der Bedarf an weiblichen Arbeitskräften obsolet geworden war, weil der Krieg beendet war: »Im Oktober«, heißt es in Gelbes Licht über das Jahr 1947 und die Protagonistinnen, »nahmen die noch Überlebenden ihre Lohntüten in Empfang und räumten ihre Spinde aus – zum letzten Mal. Zum ersten Mal seit 1943 fuhren in dieser Nacht die Züge der Hudson & Potomac Railroad nur mit männlichem Personal, und bis in die Betten hörten die Mädchen das Pfeifen der Züge.«15 So weit der Roman. Im realen Leben suchte Edith Anderson Rat bei Elizabeth Gurley Flynn, eine der namhaftesten Kommunistinnen, die 1937 aus der syndikalistischen Bewegung zur KPdUSA gestoßen war.16 »Das Problem war«, konstatiert Anderson in Liebe im Exil in Erinnerung an jenen Zeitpunkt, als ihr die Gefahr der Entlassung bewusst wurde, »an wen sonst konnten wir arbeitenden Frauen uns denn wenden? Es musste etwas getan werden für die dringend erforderliche Gründung einer Frauengewerkschaft, um zu gewährleisten, dass wir unsere sogenannten kriegsbedingten Jobs auch nach Kriegsende behielten. Kriegsbedingt hießen die traditionell Männern vorbehaltenen Arbeiten, doch dieser Begriff hatte sich wie Mehltau auch auf Arbeiten gelegt, die vor dem Krieg keine Männerdomäne gewesen waren.«17 Anderson musste jedoch feststellen, dass Gurley Flynn kein Interesse daran hatte, sich mit Andersons Anliegen zu identifizieren: »›Glauben Sie, weil ich eine Frau bin, müsste ich mich für Frauenfragen interessieren?‹, unterbrach sie mich empört, als hätte ich sie zu Mode- und Kosmetikfragen konsultieren wollen, als ob jeder sowieso wüsste, dass es sich bei Frauenfragen nur um dummes Zeug handeln kann. Sie dachte, sie könne sich nach Belieben vom weiblichen Geschlecht lossagen. Ich bin vielen Frauen begegnet, die so dachten, aber die standen nicht an der Spitze einer kommunistischen Partei. ›Mein besonderes Interesse gilt den Bergarbeitern‹, knurrte Flynn.«18 Flynn war mit ihrer Haltung nicht allein: Die wenigen Kommunistinnen bzw. Frauen, die der KPdUSA nahestanden oder ihr angehörten, weigerten sich, einen Frauenstandpunkt einzunehmen, und konzentrierten sich auf andere Gebiete: Auch Ella Reeve Bloor, zwischen 1932 und 1948 Mitglied des ZK der KPdUSA, war stolz darauf, insbesondere mit Minenarbeitern zu tun zu haben: »My years in the Communist Party«, schreibt sie in ihrer Autobiografie, »have been years of closest association with the workers and farmers of our country, years of great privilege, because I have learned far more from the workers than I have ever tought them.«19 Reeve Bloor agitierte nach dem Ersten Weltkrieg unter den Minenarbeitern in Colorado, reiste 1921 als Delegierte in die Sowjetunion, widmete sich nach ihrer Rückkehr der Verteidigung politischer Gefangener, arbeitete danach unter den Minenarbeitern in Illinois und schloss sich 1927 der Sacco-Vanzetti-Verteidigung an.20 Danach kehrte sie wieder zu den Minenarbeitern zurück: »[...] I turned to the struggles of the miners.«21 Was aber wäre ein Frauenstandpunkt? Welches sind die Interessen, die Frauen allein deshalb unter den Nägeln brennen, weil sie Frauen sind? In erster Linie sind natürlich diejenigen Forderungen zu nennen, die auf der gegebenen biologischen Differenz basieren, Forderungen nach Mutterschutzgesetzen und nach Möglichkeiten, Berufstätigkeit mit der Betreuung kleiner Kinder zu verbinden. Dazu kamen diejenigen, die aus der Tatsache resultieren, dass Frauen als bürgerliche Individuen nicht mit den gleichen Rechten ausgestattet waren wie Männer; sie wurden auf allen Gebieten des Lebens diskriminiert.22 Den amerikanischen Frauen wurde gar bis in die 1930er Jahre hinein das Recht auf ihren eigenen Namen verwehrt; auch Ella Reeve Bloor schreibt beispielsweise von einer »Mrs. Harry Pollitt«.23 In einer Lage, die mit der der Frauen vergleichbar war, befanden sich die Schwarzen. Beide Bevölkerungsgruppen sahen sich in ihren Bürgerrechten stark eingeschränkt, hatten nicht den gleichen Zugang zu Bildungsinstitutionen und Arbeitsplätzen wie weiße Männer, und beide Gruppen waren damit konfrontiert, dass man ihnen im alltäglichen Umgang im günstigsten Fall mit wohlwollender Herablassung begegnete und sie für bestimmte Tätigkeiten und Leistungsanforderungen nicht für geeignet hielt. Auch seinen schwarzen Mitgliedern gegenüber hat die KPdUSA versagt: Edith Anderson hatte 1939 den schwarzen Schriftsteller Richard Wright kennengelernt, einen der wenigen schwarzen Intellektuellen in der Partei. Wright war mit einer weißen Frau verheiratet – ein Umstand, von dem Anderson wusste, dass er die Vorstellungskraft auch der Mehrheit der damaligen Kommunisten überstieg.24 Über Wright und sein Verhältnis zur Partei schreibt sie: »Während des Krieges hatte ihn die Zögerlichkeit der Partei, mehr Rassenfragen zu behandeln, tief verstört. Von Negern25 wurde erwartet, für ein Land zu kämpfen, das ihnen nicht einmal erlaubte, Offizier zu werden, und die Partei sah dem nachsichtig zu. Sogar die Blutbanken waren getrennt, ein Neger mit einer geringfügigen Wunde konnte verbluten, wenn kein ›schwarzes‹ Blut zur Verfügung stand, aber als die ausschließlich schwarze Bruderschaft der Bahnhofsgepäckträger zu einem Protestmarsch nach Washington gegen die Praktiken aufrief, weigerte sich die Partei, sie zu unterstützen. Dick ging ins Nationalkomitee, und ihm wurde erklärt, die ›Kriegsanstrengung‹ habe Vorrang.«26 Der schwarzen Bevölkerung blieb nichts anderes übrig, als sich ihre Emanzipation außerhalb der Kommunistischen Partei zu erkämpfen.27 Auch die Fortschritte, die die amerikanischen Frauen errangen, gingen auf das Konto anderer. Bereits die Einführung des Frauenwahlrechts in den USA und in Kanada 1920 war in erster Linie von Feministinnen aus dem bürgerlichen Lager erstritten worden. Margaret Sanger, die zeitweise den Anarchisten nahestand und niemals mit der KPdUSA sympathisierte, hatte den Kampf gegen das Verbot von Verhütungsmitteln auch für verheiratete Paare, das erst 1965 aufgehoben werden sollte, aufgenommen.28 Als Erste auf die Problematik der Prostitution hingewiesen zu haben, die damals weißer Sklavenhandel genannt wurde, konnte mit Emma Goldman eine Anarchistin für sich beanspruchen.29 Insofern verwundert es wenig, dass Edith Anderson, als sie zuerst 1967 und noch einmal 1968 für einen begrenzten Zeitraum in die Staaten zurückging, von ihrer ehemaligen Partei nur noch kümmerliche Überreste vorfand. Auch über diese beiden Aufenthalte hat sie ein literarisches Tagebuch geführt, doch während sich Liebe im Exil an das US-amerikanische und später an das gesamtdeutsche Publikum richtete, hatte sie Der Beobachter sieht nichts. Ein Tagebuch zweier Welten explizit für die Leser in der DDR geschrieben und bedient darin die damaligen Klischees über einen angeblich dekadenten Westen, übersteigertes Konsumverhalten, Kriminalität und Ausbeutung. Tatsächlich jedoch war die US-amerikanische Gesellschaft Ende der 1960er Jahre angesichts des Krieges in Vietnam und dem gespalten, was noch immer als Rassenfrage bezeichnet wurde. Die Kommunistische Partei befand sich währenddessen, nach jahrelangen Verfolgungen während der 1940er und 1950er Jahre, in einem halblegalen Zustand, der – das schreibt Edith Anderson – erst von Angela Davis beendet worden sei: »Um die Wirkung zu verstehen, die Angela Davis auf das Bewusstsein der Amerikaner ausübte«, heißt es im Vorwort der zweiten Auflage von Der Beobachter sieht nichts aus dem Jahr 1975, »muss man in Betracht ziehen, dass es den Mitgliedern der Partei in nahezu zwanzig Jahren ungewohnt geworden war, sich öffentlich als solche zu bekennen. Während der McCarthy-Ära hatte ein Kommunist drei Alternativen: sich als ›ausländischer Agent‹ registrieren zu lassen (was niemand tat); die Mitgliedschaft unter Meineid (Mindeststrafe fünf Jahre) zu leugnen oder das ›Fifth Amendment‹ in Anspruch zu nehmen, nämlich das nach der Verfassung der Vereinigten Staaten garantierte Recht, Aussagen gegen sich selbst zu verweigern. […] Im Jahre 1969 wurde Angela Davis als Professor der Philosophie an die Universität von Kalifornien berufen. Von einem Geheimagenten des FBI auf den Zahn gefühlt, antwortete sie in aller Ruhe: ›Ja, ich bin Kommunistin. Und das Fifth Amendment will ich nicht in Anspruch nehmen. Meine politischen Überzeugungen belasten mich nicht.‹«30 Diese Darstellung ist in der Sache korrekt. Angela Davis, die 1968 der KPdUSA beigetreten war, wurde kurz darauf, als sie eine Stellung an der Universität von Los Angeles angetreten hatte, vom Kanzler befragt. Darüber schreibt sie in ihren Erinnerungen: »Ich beantwortete den Brief des Kanzlers mit einer eindeutigen Bestätigung, dass ich der Kommunistischen Partei angehörte. Ich protestierte scharf dagegen, dass die Frage überhaupt gestellt worden sei, aber machte ihnen klar, dass ich offen, als Kommunistin zu kämpfen gedächte.«31 Tatsächlich erregte Angela Davis mit diesem Vorgehen ein ungeheures Aufsehen – was mit großer Wahrscheinlichkeit der Grund war, warum sie im Januar 1971 vom Staat Kalifornien zu Unrecht wegen Mord, Entführung und Verschwörung angeklagt wurde. Ihre Verhaftung und die Anklage hatten eine breite Solidaritätskampagne zur Folge. Nach ihrem Freispruch wegen erwiesener Unschuld nutzte Davis ihre große Popularität, um sich als Kandidatin der KPdUSA um das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten zu bewerben. Doch wie ihre Vorgängerin Charlene Mitchell kämpfte Angela Davis in erster Linie für die Emanzipation der schwarzen Bevölkerung; frauenspezifische Forderungen spielen in ihrer Autobiografie genauso wenig eine Rolle wie in der von Ella Reeve Bloor.32 Erst Edith Anderson hat sowohl in ihrem Roman als auch in ihren beiden literarischen Tagebüchern darauf bestanden, dass diese weder lächerlich noch unwichtig seien. Ihrem Roman Gelbes Licht stellte sie die Zeichnung von drei Signalen voran: Stellung eins, rotes Licht: Halt. Stellung zwei, grünes Licht: Weiterfahren. Stellung drei, gelbes Licht: Nächstes Signal anfahren, auf Halt einstellen. Indem sie dem Roman den Titel Gelbes Licht gab, formulierte sie das Prinzip, dem sie sich als feministische Kommunistin unterworfen sah: Es geht zwar immer ein Stück voran, dann aber müssen die Frauen sich wieder auf Halt einstellen. 1 Die Sozialistische Partei spaltete sich im Jahr 1919, also im Gründungsjahr der Komintern. Die Linksabspaltung teilte sich wiederum in die Communist Party und in die Communist Labor Party. Beide Parteien vereinigten sich 1920 wieder zur United Communist Party, spalteten sich erneut und wiedervereinigten sich ein zweites Mal im Mai 1921 zur Communist Party of America. Siehe dazu Marianne Debouzy: Das Scheitern des Sozialismus in den Vereinigten Staaten von Amerika, Frankfurt/M./Berlin/Wien 1984. 2 Ebd., S. 67. 3 Ebd., S. 69. 4 Wolfgang Kießling: Partner im »Narrenparadies«. Der Freundeskreis um Noel Field und Paul Merker, Berlin 1994, S. 96 f. 5 Robert La Follette, ehemaliger Gouverneur von Wisconsin, trat 1924 mit der Progressiven Partei als Präsidentschaftskandidat auf. Als Liberaler, der sich gegen den Kriegseintritt der USA im Jahr 1917, für Meinungsfreiheit trotz Krieg, gegen Großkonzerne und Trustbildung engagiert hatte, genoss er hohes Ansehen und hatte eine große Gefolgschaft. 6 Philip Yale Nicholson: Geschichte der Arbeiterbewegung in den USA, Berlin 2006, S. 264. 7 Dazu schreibt Maria Diedrich: »Die entscheidende Schwächung der KPUSA, von der sie sich bis heute nicht erholen konnte, erfolgte mit den Moskauer Prozessen zu einem Zeitpunkt, als sich die Partei infolge der Welle antifaschistischen Engagements breiter Kreise der Bevölkerung, entfacht durch die Ereignisse des Spanischen Bürgerkrieges, auf dem Höhepunkt ihres Einflusses auf amerikanische Intellektuelle befand.« Maria Diedrich: Kommunismus im afroamerikanischen Roman. Das Verhältnis afroamerikanischer Schriftsteller zur Kommunistischen Partei der USA zwischen den Weltkriegen, Stuttgart 1979, S. 117. 8 Edith Anderson: Liebe im Exil, München 2010, S. 292. 9 Philip S. Foner: Die amerikanische Arbeiterbewegung von der Kolonialzeit bis 1945, Berlin 1990, S. 331. 10 Anderson: Liebe (Anm. 8), S. 60 f. 11 Ebd., S. 38. 12 Siehe Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (Hg.): Das andere Amerika. Geschichte, Kunst und Kultur der amerikanischen Arbeiterbewegung. Katalog zur Ausstellung Staatliche Kunsthalle Berlin 1983, S. 155. 13 Edith Anderson: »Eine Laterne«, in: dies.: Leckerbissen für Doktor Faustus, Berlin/Weimar 1969, S. 51 f. 14 Dies.: Gelbes Licht, Berlin 1956, S. 38. 15 Ebd., S. 383. 16 Elizabeth Gurley Flynn (1890–1964) war eine irischstämmige Syndikalistin, eine bekannte Rednerin der Gewerkschaft I. W. W. (Industrial Workers of the World), die 1937 in die Kommunistische Partei der USA eintrat. 17 Anderson: Liebe (Anm. 8), S. 337 f. 18 Ebd., S. 338. 19 Ella Reeve Bloor: We are many. An Autobiography, London 1941, S. 160 f. 20 Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti waren zwei italienische Einwanderer, die 1921 wegen Raubmord vor Gericht gestellt und in einem sich bis 1927 hinziehenden Indizienprozess zum Tode verurteilt wurden. Der Fall löste eine internationale Solidaritätsbewegung aus, die davon ausging, dass man die beiden angeklagt hatte, um sie für ihr anarchistisches Engagement zu bestrafen. Dennoch wurden sie hingerichtet. 21 Ebd., S. 217. 22 Als Syndikalistin hat Elizabeth Gurley Flynn sich noch für die Lage der Frauen interessiert. »Die Frauen hatten kein Wahlrecht«, schreibt sie in ihren Erinnerungen über die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, »und besaßen kein Entscheidungsrecht über ihre Kinder, ihr Heim und ihr Eigentum. Viele Schulen, führende Hochschulen und Berufe waren ihnen praktisch verschlossen. […] Die Frauen in der Industrie arbeiteten dort, wo sie zugelassen waren, bis zur Erschöpfung und wurden in schändlicher Weise unterbezahlt – sie erhielten für die gleiche Arbeit stets weniger Lohn als die Männer. Man verweigerte ihnen jede Möglichkeit, qualifizierte Berufe zu erlernen, und von den Arbeiterorganisationen erhielten sie nur geringen Schutz. […] Väter und Ehemänner ließen sich den Lohn der Frauen aushändigen, manchmal sogar von der Kasse des Betriebs.« Elizabeth Gurley Flynn: Das Rebellenmädchen. Eine Autobiographie, Berlin 1963, S. 59 f. 23 Bloor: We are many (Anm. 19), S. 254. 24 Siehe Anderson: Liebe (Anm. 8), S. 47. 25 Der Begriff »Neger«, der aus heutiger Sicht rassistisch konnotiert ist, wird nur im Zitat benutzt und muss historisch eingeordnet werden. Edith Anderson, der man keinerlei rassistischen Dünkel vorwerfen kann, hat ihn im Kontext ihrer Zeit benutzt. 26 Anderson: Liebe (Anm. 8), S. 50. 27 »Wir hatten der kommunistischen Partei vorgeworfen,« schreibt auch die Kommunistin Angela Davis für den Zeitraum vor ihrem Parteieintritt 1968, »dass sie den nationalen und rassistischen Aspekten bei der Unterdrückung der schwarzen Menschen nicht genügend Beachtung schenke und daher die besonderen Kennzeichen unserer Unterdrückung in der allgemeinen Ausbeutung der Arbeiterklasse untergehen lasse.« Angela Davis: Mein Herz wollte Freiheit. Eine Autobiographie, München/Wien 1975, S. 177. 28 Margaret Sanger (1879–1966) begründete im Jahr 1921 die »American Birth Control League«. 29 Siehe Emma Goldman: »Der Frauenhandel«, in: dies.: Das Tragische an der Emanzipation der Frau, Berlin 1987. 30 Edith Anderson: Der Beobachter sieht nichts. Ein Tagebuch zweier Welten, Berlin 1976, S. 11 f. 31 Davis: Mein Herz (Anm. 27), S. 206. 32 Reeve Bloor, die vier Kinder hatte, konnte ihr großes Pensum an politischer Arbeit nur bewältigen, weil sich eine schwarze Bedienstete um ihre Kinder kümmerte.

JHK 2015

Sowjetbürger werden oder packen – Stalin und der Exodus der Russlanddeutschen im Spiegel der Akten des Auswärtigen Amts

Wilhelm Mensing

Mit den großen Zwangsumsiedlungen beginnen 1941 für die in der Sowjetunion ansässigen Deutschen die Repressionen – so stellt es nicht nur die Geschichtsschreibung dar, so hält es auch die deutsche Erinnerungskultur fest. Noch im Sommer des Jahres 2011 formulierte die damalige bayerische Sozialministerin, Christine Haderthauer, bei einer Veranstaltung zum Gedenken an »70 Jahre Deportation der Deutschen aus Russland«: »Für die Russlanddeutschen ist der 28. August 1941 ein tragischer Einschnitt in ihrer Geschichte – an diesem Tag begann für viele von ihnen ein schrecklicher Leidensweg. Sie wurden aus ihrer Heimat vertrieben, nach Sibirien verschleppt und waren schlimmsten Repressionen ausgesetzt.«1 Das ist richtig, dennoch bleibt bei dieser Betrachtung die Vorstufe von Stalins Massendeportationen ausgespart. Diese forderte »nur« etliche Tausend Vertriebene und traf – anders als die späteren Massendeportationen – »nur« diejenigen, deren deutsche Staatsangehörigkeit die Sowjetregierung, trotz aller Bemühungen um staatsbürgerliche Vereinnahmung möglichst vieler Bewohner, anerkennen musste. Auch hat sie für weitaus weniger Menschen den Tod bedeutet. Dennoch sollte nicht vergessen werden, dass die Massendeportationen ein schlimmes Vorspiel hatten, das für die Betroffenen kaum weniger leidvoll war als der Hauptakt der Repressionen durch Stalin.2 Vor einigen Jahren hat Bernd Bonwetsch zusammen mit Larissa und Sergej Belkowez die Ereignisse im Vorfeld der Massendeportationen bereits untersucht und dabei gerade die Vereinnahmungspolitik gegenüber den deutschen Kolonisten deutlich gezeigt;3 ebenso tat dies Ingeborg Fleischhauer.4 Daneben existieren Darstellungen des Erlittenen aus der Feder Betroffener.5 Aber niemand hat bis heute die Berichte der Rückkehrer selbst untersucht, von denen es um die tausend gibt, festgehalten von der Geheimen Staatspolizei. Sie befinden sich im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts.6 Eine erste Annäherung an eine systematische Auswertung dieses Quellenmaterials soll hier unternommen werden. Dabei wird zunächst auf das Zustandekommen und die Grundlagen für diese Quellensammlung eingegangen. Anschließend wird versucht, typische Erfahrungen der Rückkehrer aus verschiedenen Sowjetrepubliken und mit sehr unterschiedlicher Ansiedlungsgeschichte – bisweilen schon seit dem 18. Jahrhundert ansässige Kolonistenfamilien, aber auch im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert nach Russland ausgewanderte Kaufleute, Handwerker und Beamte – und ihre jeweilige Vertreibungsgeschichte darzustellen. Betrachtet wird der russische bzw. sowjetische Teil ihrer Geschichte. Anders als bei den aus der Sowjetunion zurückgekehrten, von dort ausgewiesenen oder zuletzt – seit der Besetzung Polens – ausgelieferten Arbeits- und Politemigranten gibt es hier praktisch keine sich anschließende Gestapo- oder KZ-Geschichte.7 Der Beginn der »Rückwanderung« nach Deutschland Schon bevor die Parole »Heim ins Reich« nach ihnen rief, gab es eine nicht unerhebliche Zuwanderung Deutscher und Deutschstämmiger, von denen manche, wie schon ihre Vorfahren, lange im Ausland gelebt hatten. 1927 jedoch, bald, nachdem Stalin mit dem XV. Parteitag der Neuen Ökonomischen Politik ein Ende gesetzt, stattdessen die Kollektivierung forciert, den ersten Fünfjahrplan aufgestellt und mit Blick auf die Sowjetisierung nationaler Minderheiten für wachsenden Druck gesorgt hatte, stieg die Zahl der Rückkehrer deutlich.8 Otto Auhagen, damaliger Mitarbeiter der deutschen Botschaft Moskau für Landwirtschaftsfragen, beschrieb die Situation der deutschen Kolonisten später wie folgt: »Fast überall ist die deutsche Bevölkerung von dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit beherrscht, das meist an Verzweiflung grenzt.«9 Die Sowjets hätten sie zu Leibeigenen gemacht, denen Besitz, Familie und Glaube zu nehmen versucht wurde. Während die Rückwanderer bis zum Ende der Weimarer Republik in Deutschland politisch unbehelligt blieben, waren die Nationalsozialisten gegenüber Remigranten aus aller Welt, vor allem gegenüber denjenigen, die erst vor Kurzem emigriert waren, skeptisch. Sie nahmen sie – oft in Umerziehungslagern – genau in Augenschein, ehe sie sich in das Alltags- und Arbeitsleben in Deutschland eingliedern durften.10 Nachdrücklich beigetragen zum misstrauischen Umgang mit den Rückwanderern aus der Sowjetunion hat auch Fritz Dittloff. Der Kriegsfreiwillige des Ersten Weltkriegs war 1915 zum ersten Mal als Soldat und Kriegsgefangener in Russland und lernte dort auch die russische Sprache. 1917 gelang ihm die Flucht. Nach dem Krieg absolvierte er ein Doppelstudium als Land- und Betriebswirt, promovierte und sammelte Erfahrungen als Gutsinspektor. 1926 hielt ihn das Auswärtige Amt deshalb für geeignet, ein Gutachten über zwei deutsche landwirtschaftliche Konzessionen in der Sowjetunion zu verfassen. Die Vergabe solcher Konzessionen hatte der Rat der Volkskommissare der jungen Sowjetmacht im November 1920 ermöglicht. Anlass war das dringende Bedürfnis, technische Arbeitskräfte und materielle Mittel industriell entwickelter Länder für die Beseitigung der Kriegsschäden und die Wiederherstellung der Bedeutung Russlands als einer der Hauptrohstoffbasen der Weltwirtschaft heranzuziehen.11 Zu diesen im Bergbau und in der Land- und Forstwirtschaft vertraglich eingeräumten Konzessionen gehörte ein von der Deutsch-Russischen Saatbau AG (DRUSAG) im Kuban-Schwarzerde-Gebiet geführter Landwirtschaftsbetrieb mit ungefähr 7000 Hektar Betriebsfläche. Das seit 1923 zunächst mit privatem Kapital betriebene Unternehmen war bereits 1926 insolvent. Gestützt auf eine dringende Empfehlung des deutschen Botschafters in Russland, Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau,12 und aufgrund von Dittloffs Gutachten übernahm das Deutsche Reich die Konzession. Dittloff wurde schließlich auch Vorstandsvorsitzender der Aktiengesellschaft und Leiter des Betriebs. 1933 verlangte die Sowjetunion, die – nach Änderung ihrer politökonomischen Linie – längst fühlbaren Widerwillen gegen die auf 30 Jahre eingeräumten Konzessionen entwickelt hatte, jedoch deren vorzeitige Rückgabe.13 Dittloff musste im Dezember desselben Jahres die Sowjetunion verlassen. Der frühe Anhänger des Nationalsozialismus war schon während seiner Zeit in der Sowjetunion für den NS-Parteiideologen Alfred Rosenberg tätig gewesen.14 Damals war er noch kein Mitglied der Partei, weil das – so seine eigene Begründung – »mit meiner damaligen dortigen Aufgabe schlecht zu verbinden war«.15 In Berlin gründete Dittloff jedoch in Abstimmung mit dem inzwischen zum Reichsleiter ernannten Rosenberg16 ehrenamtlich eine Auffangstelle für die Rückwanderer aus der Sowjetunion und betätigte sich nach eigener Aussage »politisch sofort mit der Überwachung der Russlandrückkehrer«.17 Die Auffangstelle für Rückwanderer hätte auch als Einrichtung der Fürsorge erscheinen können,18 hätte Dittloff nicht sogleich von deren »Überwachung« gesprochen. Mangels weiterer Quellen lässt sich nur mutmaßen, was Dittloff dazu bewog, die politische Überwachung von Russlandrückkehrern für geboten zu halten. Sehr nahe liegen die Motive, die später Reinhard Heydrich, den Leiter des Reichssicherheitshauptamts (RSHA), und dessen Nachfolger veranlassten, vorsorglich jeden Deutschen, der aus der Sowjetunion ins Reich zurückkam, erst einmal für einen gefährlichen Marxisten zu halten und ihn damit der Weltanschauung zuzuordnen, als deren Todfeind die Nationalsozialisten sich sahen. Dittloff ist bei seiner Arbeit in der UdSSR nicht nur sowjetrussischen, sondern auch deutschen Kommunisten begegnet.19 Er wird von der Rückkehr mancher deutscher Wirtschaftsemigranten mit kommunistischer Orientierung gewusst haben, die zwar von den in der Sowjetunion vorgefundenen Verhältnissen enttäuscht gewesen sein mochten, ohne deshalb aber dem Kommunismus den Rücken gekehrt zu haben. Er lieferte Beispiele emigrierter deutscher Kommunisten, die in deutsch besiedelten Dörfern für die Partei und für ihre Ziele aktiv gewesen seien und mitgewirkt hätten, meist unpolitische deutsche Familien zu drangsalieren und zu repressieren.20 Die Überwachung von »Russlandrückkehrern« durch das NS-Regime – die Vernehmungen der Gestapo Die Überwachung der Rückkehrer übernahm seit 1935 die – damals noch Preußische – Geheime Staatspolizei.21 Sie gab dazu im Januar einen Erlass über »Maßnahmen gegen zurückkehrende Emigranten« heraus und ging zunächst davon aus, dass es sich bei diesen überwiegend um jüdische Rückwanderer handele. Ein ergänzender Erlass vom März 1935 zeigte, dass als Emigranten (nur) solche Personen angesehen wurden, »die das Reich nach der nationalsozialistischen Erhebung aus politischen Gründen verlassen haben«.22 Russland bzw. die Sowjetunion als Herkunftsland der Remigranten wurden noch nicht erwähnt. Erst die Erfahrung, dass aus der Sowjetunion besonders viele Menschen ins Deutsche Reich kamen, von denen ursprünglich ein beträchtlicher Anteil aus »politischen oder wirtschaftlichen und beruflichen Gründen« dorthin ausgewandert war, veranlasste die Gestapo, im Juni 1937 einen eigenen Erlass über den Umgang mit Russlandrückkehrern herauszugeben. Der bezog zugleich auch die Zeit vor der »nationalsozialistischen Erhebung« ein. Jeden dieser Rückkehrer betrachtete die Gestapo zunächst als politisch verdächtig und hielt es deshalb für geboten, »ihm besonders sorgfältige Beachtung zu schenken«. Dazu entwarf sie ein spezielles Klassifizierungssystem. Zur Gruppe A rechnete sie diejenigen Rückwanderer, die der NSDAP im Ausland angehört hatten und für sie tätig gewesen waren oder als Nicht-Mitglieder nationalsozialistische, wertvolle Arbeit geleistet hatten. Die Gruppe B umfasste die in »politischer und sonstiger Hinsicht unbelastet« erscheinende große Mehrzahl der Rückkehrer. In die Gruppe C ordnete sie diejenigen ein, »die politisch belastet erscheinen«, weil sie Kommunisten waren oder wurden oder »erkennen ließen, daß sie Feinde der nationalsozialistischen Bewegung« waren.23 Der Erlass wurde später noch vielfach überarbeitet. In einer Neufassung vom 5. August 1939 wurden die »in der Zwischenzeit über Rußlandrückkehrer gesammelten Erfahrungen bezüglich der zu ergreifenden Maßnahmen bei ihrer Einreise ins Reichsgebiet, ihrer späteren Erfassung nebst Vernehmung durch die Staatspolizei(leit)stellen und insbesondere ihrer strafrechtlichen und politischen Überprüfung sowie sozialen Behandlung« berücksichtigt.24 Offenbar galt der Erlass der Gestapo – ohne zeitliche Begrenzung – für Maßnahmen gegen alle Rückwanderer, die nach dem Ersten Weltkrieg in die Sowjetunion gegangen waren. Wirtschaftsemigranten bis hin zu hochqualifizierten Spezialisten aus Industrie und Hochschulen gehörten dazu, darunter nicht wenige Architekten und Naturwissenschaftler; auch Unternehmensrepräsentanten, die nach einigen Jahren der Landeserfahrung von sowjetischen Volkskommissariaten angeworben worden waren. Nicht zuletzt zählten dazu Politemigranten, ganz überwiegend kommunistischer, gelegentlich auch sozialdemokratischer Herkunft, und – aus Österreich kommend – die Gruppe der Schutzbündler, die nach dem Aufstand im Februar 1934 meist über die Tschechoslowakei in die Sowjetunion geflüchtet waren;25 sie waren durch den »Anschluss« im März 1938 ohne ihr Zutun deutsche Staatsbürger geworden.26 Zwar wurde bei der »strafrechtlichen Behandlung« der Rückkehrer nach Auswanderung vor oder nach der Machtübernahme unterschieden. Aber im Kontext wird deutlich: Stets waren nur das dritte und vierte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts im Blick. So zu verfahren, lag nicht fern. Schließlich gab es gleitende Übergänge: Etwa solche Personen, die in Russland geboren waren, aber in Deutschland Wehrdienst geleistet oder auch studiert hatten und dann zur Berufsausübung, bisweilen im Dienst deutscher Unternehmen, wieder nach Russland oder in andere Republiken der Sowjetunion gegangen waren. Die Vernehmungen der Russlandrückkehrer dienten nach den Vorgaben des Erlasses nicht nur dazu, einen Eindruck von der »nationalen Zuverlässigkeit« der Vernommenen im Sinne der Nationalsozialisten zu gewinnen. Vielmehr sollten auf diese Weise auch nachrichtendienstlich wichtige Erkenntnisse gesammelt werden: über die Rote Armee, die Zivilverteidigung, die sowjetische Rüstungsindustrie, die gesamte Infrastruktur, aber auch über gesellschaftliche Verhältnisse, von der Stellung der Frau bis zu den Preisen für Lebensmittel und Kleidung.27 Außerdem holte die Gestapo mit den Vernehmungen sowohl Informationen über Deutsche ein, die noch in der Sowjetunion lebten, als auch über Personen, die bereits früher ins Deutsche Reich zurückgekehrt waren. So gelang es, selbst schon vor fünf und mehr Jahren aus der Sowjetunion eingereiste Personen ausfindig zu machen und zu vernehmen. Die Befragungen wurden auch genutzt, um die »Sonderfahndungsliste UdSSR«28 zu ergänzen, in der die Gestapo persönliche Daten in der Sowjetunion lebender Personen – nicht nur Deutscher, sondern auch sowjetischer Partei- und Staatsfunktionäre – zusammenstellte, derer sie zu gegebener Zeit habhaft werden wollte.29 Es versteht sich, dass Vernehmungsniederschriften der Gestapo aufgrund der Vernehmungsmethoden und des Rufes, den diese allmächtig erscheinende Geheimpolizei hatte, kritisch zu betrachten sind.30 Verfälschungen durch Vernehmer oder auch Vernommene sind dennoch bei den Vernehmungen der Russlanddeutschen eher unwahrscheinlich, einerseits, weil der Gestapo klar war, dass sie es bei ihnen eher mit Antikommunisten als mit Kommunisten zu tun hatte; andererseits waren viele der aus abgelegenen Dörfern gekommenen bäuerlichen Rückkehrer intellektuell gar nicht in der Lage, ihr Vorleben und ihre Erlebnisse im Sinne (vermeintlicher) Wünsche und Erwartungen der Gestapo gezielt zu verfälschen. Nicht wenige Russlanddeutsche waren allerdings auch im öffentlichen Dienst tätig. Eine bemerkenswerte Laufbahn gelang der in Minsk aufgewachsenen Alice Dörwald, geborene Moldenhauer. Die Krankenschwester und alleinerziehende Mutter arbeitete während der Revolution abwechselnd für »Rote« und »Weiße«, je nachdem, in wessen Hände sie eben gefallen war. 1920 holte die Tscheka sie als Pflegerin für Häftlinge, um diese wieder vernehmungsfähig zu machen. Ein Jahr darauf wurde sie ins Vorzimmer von Kliment Efremovič Vorošilov geschickt, ab 1925 Volkskommissar für Armee und Marine. Dort blieb sie in der Umgebung hoher Chargen von Roter Armee und KPdSU bis 1934, obwohl sie den Beitritt zur Partei ablehnte.31 Gegen Ende 1933 begann sie offenbar mit den Planungen, die Sowjetunion zu verlassen. Sie besorgte sich einen Heimatschein und einen Pass. Womöglich erfuhr das NKWD durch die Überwachung der deutschen Botschaft von diesen Bemühungen, denn bevor Alice Dörwald ihre Reisepläne realisieren konnte, forderte Michail Ivanovič Kalinin, Chef des Zentralen Exekutivkomitees der UdSSR, sie Anfang Februar 1934 auf, Sowjetbürgerin zu werden. Sie weigerte sich. Bereits am folgenden Tag wurde sie festgenommen, durfte aber, mit Unterstützung ihrer Tochter, drei Wochen später ausreisen. Obwohl sie sich 1935 beim NSDAP-Ausländeramt meldete, bestellte die Gestapo sie erst 1938 zum Verhör.32 Josefine Burghardt aus Miropol, nicht weit von Charkov gelegen, war Dozentin an der Polytechnischen Hochschule in Kiew in der Sprachabteilung.33 Professorin konnte sie als Deutsche nicht werden. Sie war später der Meinung, dass ihr Plan, 1937 auszureisen, verraten worden sei. Im Sommer 1937 wurde sie verhaftet und ihr Vermögen beschlagnahmt. Im Gefängnis unterzog man sie zahllosen Vernehmungen, begleitet von wüsten Beschimpfungen. Gefoltert wurde sie nicht. Im November 1937 wurde ihr schließlich das Ausweisungsurteil verkündet und im Dezember vollzogen. Als Burghardt im März 1938 von der Staatspolizei in Berlin vernommen wurde, präsentierte sie dort ein Vortragsmanuskript über die »Wandlungen in den Hochschulen der Sowjet-Ukraine«. Darin beschrieb sie das Polytechnische Institut in Kiew als eine der besten technischen Schulen der Vorkriegszeit. Bis 1933 habe es sich auf insgesamt 15 Institute vergrößert; Schwerpunkte seien Maschinenbau, Chemie, Verkehr und Landwirtschaft gewesen. Bis 1937 erlebte Burghardt danach jedoch einen merklichen zahlenmäßigen Abbau und eine fatale Qualitätsminderung bei den Studenten, die nicht mehr aufgrund ihrer Leistungen, sondern nach den Kriterien der Partei an die Hochschule gekommen seien. Ihr Vortrag bot umfangreiche Informationen, inklusive zahlreicher statistischer Angaben. Über eine Auswertung des Vortrags durch das NS-Regime ist der Vernehmung Josefine Burghardts nichts zu entnehmen. Erschreckend ist allerdings der ausgeprägte Antisemitismus, den sie mit ihrer Darstellung zum Ausdruck bringt. Er scheint gewachsen und nicht nur als vermeintlich gern gehört bei der Gestapo. Die Schicksale deutscher Kolonisten Unter den Vernehmungsprotokollen der Gestapo sind Zeugnisse der Repression von Landwirten, Handwerkern, Staatsangestellten, Intellektuellen; Zeugnisse der Verfolgung aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, Zeugnisse von Drangsalierten bis hin zu Gefolterten, Zeugnisse aus Leningrad und Moskau ebenso wie aus ländlichen Gegenden Georgiens und der Ukraine, Zeugnisse von der Vertreibung vielköpfiger Familien und hilfloser, alleinstehender alter Menschen. Über einem Großteil von ihnen könnte stehen, was der im April 1933 nach Enteignung des Familiengutes in Klembusch in der Ukraine mit Frau und sechs Kindern ausgereiste Gustav Classen, Angehöriger einer in der vierten Generation dort lebenden deutschstämmigen Familie, den Gestapo-Vernehmer niederschreiben ließ: »Ich verließ Rußland, das mir Heimat war, weil ich mich nicht mit den Verhältnissen und Zuständen abfinden konnte und weil mir das Leben dort unerträglich gemacht wurde.«34 Peter Dieck gehörte zu den Vernommenen, die früh nach Deutschland gekommen waren. Als die Gestapo ihn 1938 in Münster/Westfalen ausfindig machte, gab er als Beruf Straßenhändler für Speiseeis an. 1932 war er aus Persien ins Land gekommen. Dorthin war er ein Jahr zuvor gemeinsam mit einem anderen Deutschen über die grüne Grenze gelangt und aufgegriffen worden. Er hatte Grenzpolizisten bestochen, damit sie ihn nicht zurück in die Sowjetunion schickten, und konnte schließlich Verbindung mit der deutschen Botschaft aufnehmen. Deren Mitarbeiter befreiten ihn aus der Abschiebehaft und halfen ihm, nach Deutschland zu gelangen. Vor der Flucht nach Persien hatte sich Dieck ein Jahr illegal in Bessabotowka im Verwaltungsbezirk Charkov aufgehalten. Als er im März 1931 der Gewerkschaft hätte beitreten sollen, drohte seine Illegalität aufzufliegen; ihm blieb nur die Flucht. Nach Bessabotowka war er aus seiner Heimatstadt Halbstadt in der sibirischen Region Altai gekommen, die er 1930 innerhalb von drei Tagen hatte verlassen müssen. Dort war er als Sohn einer im 18. Jahrhundert aus dem Danziger Raum eingewanderten mennonitischen Gutsbesitzerfamilie mit mehreren Brüdern aufgewachsen.35 Dem erst 19-Jährigen hatte der Vater 1913 das Gut übertragen; es blieben noch eine Zementfabrik und ein kleineres Gut für einen weiteren Sohn. Der Dritte arbeitete bei der deutschen Bank in Halbstadt. Lenins Revolution veranlasste zwei der Brüder Dieck, mit den »Weißen« gegen die Rote Armee zu kämpfen. Der in Halbstadt verbliebene Bruder wurde nach Sibirien verbannt. Von den Kämpfern fiel der Jüngste. Der Gutserbe Peter Dieck kam nach der Niederlage der »Weißen« zurück nach Halbstadt; er war jedoch enteignet. Nach einiger Zeit erhielt er zur Bewährung einige Morgen Land aus seinem aufgeteilten Gut. Sogar in den Dorfrat wurde er wegen seiner Kenntnisse und Fähigkeiten zeitweise gewählt, was – bis zur endgültigen Vertreibung – das »Privileg« bedeutete, in Geiselhaft genommen zu werden, wenn die Abgaben des Dorfes nicht pünktlich oder nicht vollständig geleistet wurden. Bekannt und beschrieben ist, dass die russische Regierung während des Ersten Weltkriegs deutsche Kolonisten enteignet hat und dass das erste Dekret der jungen Sowjetregierung der Enteignung und Umverteilung von Grund und Boden galt. Dieser Beschluss betraf auch deutsche Landwirte, die in Russland um die zwölf Millionen Hektar Land bewirtschafteten, eine Fläche weit größer als die heutigen Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg zusammen.36 Deutsche Landwirte wurden nicht grundsätzlich in das Kollektiv genötigt, verfügten sie jedoch über größeren Besitz, wurden sie enteignet oder durch übermäßige Abgaben an Geld und Produkten in den wirtschaftlichen Ruin getrieben.37 Fast gleichzeitig mit dem erzwungenen Weggang Peter Diecks aus Halbstadt begann der Exodus von Teilen der Allmendinger-Sippe aus Katharinenfeld in Georgien. Der Ort war im frühen 19. Jahrhundert von württembergischen Kolonisten gegründet worden.38 Die Ersten, die dem Druck durch die in Katharinenfeld 1929 einsetzende Kollektivierung nachgaben, waren im April 1930 Eduard und Ella Allmendinger mit ihren drei Kindern. Im Sommer des gleichen Jahres folgte die Familie von Gottlob Allmendinger; zur gleichen Zeit endete auch die Führung der 1908 gegründeten Weinbrennerei der örtlichen Winzergenossenschaft durch Emmanuel und dann Ernst Allmendinger.39 Diejenigen aus der Familie Allmendinger, die trotz allem durchgehalten hatten, mussten schließlich 1937 während der »deutschen Operation« weichen.40 Der 1866 geborene Senior Gottlieb Allmendinger wurde im November mit seiner Ehefrau Anna ausgewiesen. Den Familien der Söhne Ernst, Franz und Imanuel war schon im Oktober 1937 die Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung41 verweigert und damit ihre Ausreise erzwungen worden.42 Unter den insgesamt um die 5000 Katharinenfeldern befanden sich 347 deutschstämmige Bewohner, darunter 16 Mitglieder der Allmendinger-Sippe, die bis 1940 »verhaftet und verschickt« wurden, wie der Orts-Chronist Ernst Allmendinger berichtet.43 Bisweilen erscheint die Vertreibung deutscher Landwirte jedoch erstaunlichlicherweise wenig konsequent. So konnte der in Klinkenthal, im Verwaltungsbezirk Donezk in der Ukraine aufgewachsene Eduard Classen dort noch im Jahre 1930 einen eigenen kleinen Landwirtschaftsbetrieb erwerben. Er klagte zwar in seiner Vernehmung über die schlechten Preise, für die er sein Jungvieh abgeben musste, bezeichnete aber insgesamt die Belastung durch Abgaben und Steuern bis 1934 noch als erträglich. Im folgenden Jahr musste er den Betrieb allerdings verkaufen, um seine Steuern bezahlen zu können. Kaum hatte er den Verkauf abgewickelt, erhielt er die Ausweisungsverfügung. Ein solcher Fall wie der von Eduard Classen ist umso bemerkenswerter, als er exakt die Jahre der großen ukrainischen Hungersnot, des Holodomor, umfasst, die Kurt Krupinski 1942 propagandistisch ausgeschlachtet und Otto Wenzel vor einigen Jahren unter Auswertung zahlreicher Akten des Auswärtigen Amts dargestellt hat. Zwar ist von Hungersnot mit grausamsten Folgen bis hin zum Kannibalismus und zum Verzehr von Leichenfleisch in den Jahren 1932/33 bei einigen Rückkehrern aus der Ukraine die Rede,44 aber nur bei wenigen in der Dramatik, die die tatsächliche Not nahegelegt hätte, und anscheinend ganz überwiegend in Berichten aus zweiter Hand; und fast gar nicht bei Rückkehrern aus anderen Republiken der Sowjetunion. In keiner Vernehmung findet sich bisher ein Hinweis auf den Reichsausschuss »Brüder in Not«, den Zusammenschluss der großen volksdeutschen und kirchlichen Hilfsorganisationen, und dessen Aktionen zur Unterstützung notleidender Deutscher im Ausland oder auf den Erhalt von im Rahmen dieser Aktion verschickter »Torgsin«-Pakete.45 Zahlreiche Rückkehrer berichten von der Inanspruchnahme des deutschen Generalkonsulats in Charkov für die Beschaffung von Dokumenten und den Transfer von Verkaufserlösen für ihren – legal oder illegal – verkauften Besitz. Aber die vom deutschen Botschafter in Moskau Herbert von Dirksen erwähnten Tausende von Hilferufen hungernder Russlanddeutscher finden im Gegensatz zu den sowjetischen Klagen über antisowjetische Propaganda in den Vernehmungsprotokollen kein Spiegelbild. Zwar beschreibt Wenzel eingehend das Hungerszenario, erwähnt aber nicht die vielen aufgenötigten oder erzwungenen Ausreisen deutscher Kolonisten, die sich allerdings nicht auf die Hungerregionen der Ukraine beschränkten. So bitter die Schicksale der Familien aus dem Land gedrängter deutscher Landwirte waren, es fällt dennoch auf, dass nicht wenige von ihnen Verhaftung und Freiheitsstrafen entgehen konnten. Einzelne traf es allerdings ähnlich hart wie die Verbannten: Der Vater der Winzerfamilie Bech aus Berdjansk in der Ukraine durfte zwar nach seiner Enteignung noch eine Weile als Weinbergsarbeiter in der Kollektivwirtschaft tätig sein. Doch schließlich wurden er und sein Sohn, der als gelernter Schlosser wegen seiner deutschen Herkunft schon zwei Mal entlassen worden war, im August 1937 im Zuge der »Deutschen Operation« verhaftet. Unter Folter wurden sie zu Geständnissen gezwungen und genötigt, für den NKWD Spionage zu betreiben. Im November erhielten sie und mit ihnen die Ehefrau bzw. Mutter Bech die Ausweisungsverfügung.46 Den deutschstämmigen Arbeitern, Gewerbetreibenden und Kleinunternehmern sowie den Angestellten oder Selbstständigen mit höherer Bildung erging es häufig noch schlechter. Allerdings ist kein Muster zu erkennen. Franz Appenrodt, 1906 in Chortitza in der Ukraine geboren, war Kaufmann und Immobilienbesitzer in der dortigen mennonitischen Kolonie.47 Im Juli 1936, vor dem Großen Terror, wurde er verhaftet, am 24. September 1937 zum Tode verurteilt. Während deutsche Politemigranten nach einem solchen Urteil in der Regel sogleich erschossen wurden,48 gab es für Appenrodt eine Strafumwandlung in zehn Jahre Lager.49 Zwei davon musste er ableisten. Dann wurde er – nach Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts – nach Moskau transportiert, um dort im Dezember 1939 von einer weiteren Umwandlung seiner Strafe zu erfahren: dem Ausweisungsurteil.50 Wie viele Russlanddeutsche kamen ins Reich? Es ist nicht leicht, die Zahl der Russlanddeutschen zu schätzen, die zwischen 1930 und 1940 in das Deutsche Reich gekommen sind. Von denen, die vor 1935 eintrafen, wurden viele, wie bereits dargestellt, nicht zentral erfasst. Viele dürften von Verwandten oder Freunden in Deutschland aufgenommen worden sein. Sie kamen als Familien, nicht in größeren Gruppen, die nach Auffanglagern oder ähnlichen Einrichtungen verlangt hätten. Zwar sind etliche Rückkehrer noch Jahre nach ihrer Ankunft vernommen worden, aber es findet sich kein Ansatz, den Anteil derer, die vor 1935 kamen, an den insgesamt Eingereisten zuverlässig zu ermitteln. Auch der Anteil der Russlanddeutschen an den von der Gestapo nach den Vorgaben des RSHA-Erlasses Vernommenen lässt sich derzeit nicht sicher bestimmen.51 Eine Hochrechnung auf der Grundlage der bisher durchgesehenen Vernehmungsprotokolle lässt eine Größenordnung von annähernd 1000 Protokollen annehmen; bisweilen entfallen auf eine Familie drei oder gar vier Vernehmungsprotokolle, manchmal wurde nur der Familienvater vernommen. So kann auch die Zahl der hinter den Vernehmungsprotokollen stehenden Familienangehörigen wiederum nur geschätzt werden. Die Kolonisten kamen oft mit fünf und mehr Kindern; unter den übrigen waren häufig Ehepaare ohne Kinder, auch Alleinstehende.52 Die Mehrheit der zurückgekehrten Russlanddeutschen waren wohl bäuerliche Kolonisten, zahlenmäßig gefolgt von kleinen Gewerbetreibenden und Immobilienbesitzern sowie den in den unterschiedlichsten Bereichen des öffentlichen Dienstes Beschäftigten. Selten findet man angestellte Arbeitnehmer; es sei denn, diese waren nach Enteignung ihrer Betriebe dazu geworden. Da all diese Rückkehrer wohl ausnahmslos Reichsangehörige waren, lässt sich ihre Zahl zu der Gesamtzahl von Angehörigen des Deutschen Reiches in der Sowjetunion in Relation setzen, die der Botschafter Dirksen 1930 hatte ermitteln lassen: 11 327 Personen, unter ihnen etwa 9500 Altsiedler, also Russlanddeutsche in der hier im Text verwendeten Terminologie.53 Wenn die Schätzung einigermaßen zutreffend ist, würde das bedeuten, dass über 40 Prozent der Russlanddeutschen bis 1940 die Sowjetunion verlassen hatten.54 Der zur Prüfung der Niederlassungssituation der Reichsdeutschen nach Moskau abgeordnete Gesandte Otto Göppert resümierte im April 1934: »Die Tendenz der Sowjetbehörden geht offenbar dahin, die [deutschen] Bauern zu nötigen, entweder das Land zu verlassen oder die Sowjetstaatsangehörigkeit anzunehmen. Ein großer Teil ist schon abgewandert. Es ist zweifelhaft, ob sich die übrigen noch lange werden halten können.«55 Unübersehbar ist, dass der erzwungene Weggang von Russlanddeutschen zwischen 1930 und 1940 für die Sowjetunion einen beträchtlichen Verlust von Intelligenz und Erfahrung bedeutet hat, der schleichend vonstatten gegangen ist, da viele der Ausgewiesenen längst zuvor enteignet oder aus ihren Beschäftigungen entlassen worden waren. Auch mag er in einem Land mit derart großer Bevölkerungszahl, Fläche und vielfältigem Reichtum außerhalb der Landwirtschaft kaum spürbare Auswirkungen gehabt haben. Gewiss aber treten diese hinter dem zurück, was die Massendeportationen seit 1941 an menschlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Werten zerstört haben. Zur Auswertung der Vernehmungsniederschriften Von wissenschaftlichen Auswertungen der Vernehmungen unter sozialen, soziografischen oder demografischen Aspekten während der NS-Zeit ist nichts bekannt. Eine quantitative Auswertung der Protokolle, etwa nach sozialen oder politischen Kriterien, hat es offenbar auch nicht gegeben. Bei der Botschaft Moskau und in der Zentrale des Auswärtigen Amts scheinen die Niederschriften überhaupt nur in Ausnahmefällen, wenn etwa die Botschaft oder das Amt mit den betroffenen Personen früher Kontakt gehabt hatte, gelesen worden zu sein. Im Übrigen wurden sie, mit einer Journal-Nummer versehen, archiviert. Beim Reichspropagandaministerium gab es, wie aus veröffentlichten Schriften bekannt, eine Auswertung unter dem Gesichtspunkt antisowjetischer Propaganda. Die (militärische) Abwehr scheint weniger die Protokolle ausgewertet, als vielmehr die ihr interessant erscheinenden Rückkehrer selbst befragt zu haben. Das geht aus eher beiläufig gemachten Bemerkungen einzelner Rückkehrer hervor. So zu verfahren lag nahe, weil die Angaben im Zweifel bei der Gestapo aus Sicht der Abwehr nicht hinreichend konkret oder spezifisch gewesen sein dürften. Die intensivste Auswertung betrieb demnach anscheinend die Gestapo selbst, die bei den Befragungen der Rückkehrer auf Auskünfte über emigrierte oder unbemerkt heimgekehrte deutsche Kommunisten hoffte oder auch auf solche über die sowjetischen Untersuchungsorgane und Nachrichtendienste. Ganz offensichtlich waren besonders diejenigen kommunistischen Rückkehrer von Interesse, die vor ihrer Emigration in Deutschland (zum Beispiel der hochrangige AM-Funktionär von der Ruhr Arnold Klein, alias Hans Bloch)56 oder danach in der Sowjetunion (wie die langjährige Komintern-Mitarbeiterin Edith Just aus Berlin)57 wichtige Aufgaben wahrgenommen hatten. Bis heute ist schwer nachvollziehbar, warum die Sowjets Träger solch wichtiger Informationen aus dem Land gelassen oder sogar ausgewiesen haben. Doch die meisten Vernehmungen der russlanddeutschen Rückkehrer lieferten für die Gestapo keine nennenswerten Ergebnisse. Meist kannten die Rückkehrer überhaupt keine Politemigranten; häufig hatten sie nur zu den örtlichen und untergeordneten Sowjetorganen Kontakt gehabt und waren nicht im Lande herumgekommen; sie waren konservativ, oft national gesinnt. Somit scheint der hohe Verwaltungsaufwand, der hinter den Vernehmungen steckt, in keinem Verhältnis zum offensichtlich geringen Nutzen zu stehen. Allerdings ging es den Nationalsozialisten wohl auch eher darum, einerseits Systemfeinde ausfindig zu machen und sich ihrer zu bemächtigen und andererseits den Bolschewismus propagandistisch anzugreifen. Der dafür zu treibende Aufwand ließ sich nicht im Sinne von Verwaltungsrationalität messen. Der historische Wert dieser Vernehmungsprotokolle ist dank ihres Erhalts im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts58 aus heutiger Sicht jedoch nicht zu unterschätzen. Sie können – bei gehöriger Quellenkritik – zahlreiche, sicher sehr kleinteilige, aber in ihrer Vielzahl insgesamt wertvolle Auskünfte über die beiden benachbarten und – bis auf eine kurze Zeit der »Freundschaft« – einander bekämpfenden totalitären Systeme im Europa des 20. Jahrhunderts geben. Es ist davon auszugehen, dass die weitere systematische Erschließung der Vernehmungsprotokolle eher kleinere als größere Überraschungen birgt.59 Diese Erschließung ist aber als Voraussetzung für systematische Forschungsarbeiten unbedingt erforderlich, da das bisher existierende alphabetische Namensverzeichnis nur rudimentäre Auskünfte (Namen, Vornamen, Geburtsdatum) gibt und obendrein unvollständig und gelegentlich ungenau ist. 1 www.bayern.de/Pressemitteilungen-.1255.10352516/index.htm, ges. am 19. Mai 2014. Russlanddeutsche: Der Begriff wurde nie gesetzlich definiert. In diesem Beitrag wird er durchgehend für Personen, die heute der Art. 116 GG als Deutsche ansieht, ohne Rücksicht auf den jeweiligen Wohnsitz der Betroffenen in einer der Republiken oder autonomen Gebiete der Sowjetunion, verwendet. Dabei wird nicht versucht zu ermitteln, ob die Voraussetzungen des Art. 116 GG in den angeführten Einzelfällen tatsächlich gegeben wären. Die Satzung der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e. V. vom 1./2. April 1989, § 4 Abs. 1 definiert: Russland-Deutscher ist ein Deutscher, der in Russland in den Grenzen der UdSSR von 1937 geboren ist (http://lmdr.de/bundesverband/satzung, ges. am 19. Mai 2014). 2 Fast alle Facetten des Schicksals der Russlanddeutschen im 20. Jahrhundert hat Viktor Krieger in seiner Aufsatzsammlung beschrieben. Siehe Viktor Krieger: Bundesbürger russlanddeutscher Herkunft. Historische Schlüsselerfahrungen und kollektives Gedächtnis, Münster u. a. 2013. 3 Siehe Bernd Bonwetsch (Hg.)/Larissa Belkowez/Sergej Belkowez: Gescheiterte Hoffnungen. Das deutsche Konsulat in Sibirien 1923–1938, Essen 2004, v. a. S. 51–55. Zum Einbürgerungsdruck siehe ebd., Anm. 62. Dazu gehörte auch die Anordnung der Registrierung aller in der Sowjetunion lebenden Deutschen im Jahre 1934; ihr folgte im November desselben Jahres der Beschluss des ZK der KPdSU über den »Kampf gegen das konterrevolutionäre, faschistische Element in den deutschen Kolonien«. Die Abläufe finden sich dargestellt bei Lydia Klötzel: Die Russlanddeutschen zwischen Autonomie und Auswanderung. Die Geschicke einer nationalen Minderheit vor dem Hintergrund des wechselhaften deutsch-sowjetischen/russischen Verhältnisses (= Osteuropa Studien, Bd. 3), Diss. München 1997, insbes. S. 107–109. 4 Siehe Ingeborg Fleischhauer: Das Dritte Reich und die Deutschen in der Sowjetunion (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Nr. 46), Stuttgart 1983. 5 Siehe Ernst Allmendinger: Katharinenfeld – ein deutsches Dorf im Kaukasus, Neustadt a.d.W. 1989, Selbstverlag. Aus jüngerer Zeit gibt es eine vergleichbare Darstellung zum Dorf Helenendorf/Kaukasus (heute Göygöl). Diese bezieht sich zwar explizit auf die dort über fünf Generationen ansässige Familie Vohrer, geht aber weit über eine nur familiengeschichtliche Darstellung hinaus. Die Hauptperson dieser Darstellung, Julius Vohrer, wurde im Herbst 1935 nach etwa halbjähriger Haft nach Deutschland ausgewiesen; ein Vernehmungsprotokoll von Vohrer oder einem Mitglied seiner Familie gibt es nicht. Siehe Gebrüder Vohrer. Deutsche Winzer im multikulturellen Umfeld Aserbaidschans. Erinnerungsbericht des Julius Vohrer (1887–1979), herausgegeben und kommentiert von Eva-Maria Auch (= Schriftenreihe des Kultur- und Wissenschaftsvereins EuroKaukAsia e. V., Bd. 1), Berlin [2011]. Seit einigen Jahren gibt es offenbar Bemühungen, die deutsche Vergangenheit von Helenendorf wieder in Erinnerung zu bringen. Siehe dazu Jacqueline Grewlich-Suchet: Wine and Wagons – Helenendorf: Azerbaijan’s First German Settlement, in: Azerbaijan International (2004), S. 70–75, online unter: www.azer.com/aiweb/categories/magazine/ai122_folder/122_articles/122_helenendorf_khanlar.html, ges. am 19. Mai 2014. 6 Der Verfasser plant die vollständige Durchsicht; bisher ist er bis zum Buchstaben »H« gelangt. 7 Die Ansiedlung und Eingewöhnung der Russlanddeutschen in Deutschland zu erkunden, haben sich schon lange andere zur Aufgabe gemacht. Siehe etwa Krieger: Bundesbürger (Anm. 2). Zur Ansiedlungsgeschichte von »Heimkehrern ins Reich« siehe auch Gerhard Wolf: Ideologie und Herrschaftsrationalität. Nationalsozialistische Germanisierungspolitik in Polen, Hamburg 2012. Zur Auswertung der Rückkehreraussagen siehe Anm. 23. 8 Früh wurde die Bedeutung, die das Jahr 1927 für die Deutschen in der Sowjetunion hatte, auch in Deutschland erkannt. Siehe dazu die Schrift von Otto Auhagen: Die Schicksalswende des russlanddeutschen Bauerntums in den Jahren 1927–1930, Leipzig 1942. 9 Ebd., S. 76, zit. nach Krieger: Bundesbürger (Anm. 2), S. 106. 10 Mit seiner Untersuchung zur Auslieferung deutscher und österreichischer Antifaschisten aus der Sowjetunion machte Hans Schafranek wohl erstmals darauf aufmerksam, dass die Gestapo spätestens seit 1937 dafür gesorgt hatte, alle Remigranten aus der Sowjetunion als »Russlandrückkehrer« schon bald nach ihrer Einreise ins Deutsche Reich nach einem vorgegebenen Schema umfassend zu ihrem bisherigen Leben zu vernehmen. Siehe Hans Schafranek: Zwischen NKWD und Gestapo. Die Auslieferung deutscher und österreichischer Antifaschisten aus der Sowjetunion an Nazideutschland 1937–1941, Frankfurt/M. 1990. 11 Siehe Sammlung der Gesetze der Sowjetunion, 1920, Nr. 91, Kap. 481. Eine ausführliche Erklärung und Rechtfertigung dieser Konzessionen als Instrument des Klassenkampfes lieferte Lenin in seinem Referat über die Konzessionen, gehalten in der Sitzung der KPR(B)-Fraktion des VIII. Sowjetkongresses am 21. Dezember 1920, siehe Lenin: Werke, Bd. 31, 8. Aufl. Berlin 1983, S. 459–482. 12 Dazu und zur Geschichte der DRUSAG siehe sozialdemokratischer Pressedienst vom 27. Februar 1930, S. 1 f. Mitarbeiter der DRUSAG schilderten als Rückkehrer einerseits die Grausamkeiten der Hungersnot im Umfeld des Betriebes, andererseits den Ärger der Sowjets darüber, dass eine erhebliche Zahl deutschstämmiger Kolonisten, die ihre eigenen Betriebe hatten aufgeben müssen, durch ihre Beschäftigung bei der DRUSAG dem Einfluss der Sowjetorgane entzogen wurden. Siehe dazu Politisches Archiv des Auswärtigen Amts (im Folgenden: PA AA), Otto Schmitz R 104.562 B, Richard Weimert R 104.564 B, Waldemar Such R 104.562 A. 13 Zur Geschichte der »Deutsche[n] Agrarkonzessionen in der Sowjetunion 1922–1934« hat Marina Schmieder, Universität Vechta, eine vor der Veröffentlichung stehende Dissertation verfasst. Zusammenhänge zwischen der Deutschland eher abgenötigten Rückgabe dieser Konzession und massivem deutschen Druck auf die Deutsche Vertriebsgesellschaft für russische Ölprodukte AG, Berlin (Derop) sind deutlich. Siehe dazu die zahlreichen Dokumente zur Derop, abgedruckt in: Sergej Slutsch/Carola Tischler (Hg.): Deutschland und die Sowjetunion 1933–1941 – Dokumente aus russischen und deutschen Archiven, Bd. 1: 1933–1934, Teilbände 1 und 2, München 2014. 14 Fritz Dittloff hinterließ keine Beschreibung dieser Arbeit. Dass sie (auch) eine Tätigkeit nachrichtendienstlicher Art einschloss, kann nur vermutet werden. Mindestens aus den USA ist belegt, dass die Nationalsozialisten solche Auslandstätigkeit betrieben. Siehe Cornelia Wilhelm: Bewegung oder Verein? Nationalsozialistische Volkstumspolitik in den USA, Stuttgart 1998, S. 69. Auch bei den Russlanddeutschen hatten die Nationalsozialisten offenbar frühe Freunde: Der Buchhalter J. B. aus Alexanderfeld/Nikolajew war im Zusammenhang mit den Kollektivierungen wiederholt in Konflikte mit den Organen geraten und in Haft genommen worden. Im Januar 1931 verließ er mit seiner Familie illegal das Land Richtung Rumänien. Dort trat er der eben gegründeten NSDAP-Auslandsorganisation (AO) bei; Anfang 1935 gelangte er nach Deutschland, PA AA, R 104.551 B. 15 PA AA, R 104.552 B, S. 3. 16 Rosenberg, der selbst im zaristischen Russland aufgewachsen war, wurde von Hitler im Juni 1933 zum Reichsleiter ernannt. Seit Anfang 1934 war er »Beauftragter des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP«. 17 PA AA, R 104.552 B, S. 3 f. Dittloff rühmte sich auch seiner Beiträge zur Antikomintern-Propaganda-Publikation von A[lfred] Laubenheimer: Und du siehst die Sowjets richtig, Berichte von deutschen und ausländischen »Spezialisten« aus der Sowjetunion, Berlin/Leipzig 1935. Nach Kriegsende war Dittloff zeitweise Mitglied des Niedersächsischen Landtags für den Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE). Zu seiner Mandatsniederlegung schon 1952 dürfte seine verschwiegene SS-Mitgliedschaft beigetragen haben; siehe Stephan A. Glienke: Die NS-Vergangenheit späterer niedersächsischer Landtagsabgeordneter – Abschlussbericht zu einem Projekt der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen im Auftrag des Niedersächsischen Landtages, durchgesehener Nachdruck der ersten Auflage, Hannover 2012, S. 100 u. 102. 18 Die Nachfolgeeinrichtung dieser Auffangstelle, das Rückwandereramt der NSDAP-AO, wird später im Erlass des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) tatsächlich als Einrichtung zur »fürsorgliche[n] Betreuung der Rückwanderer« bezeichnet. 19 Bei der Botschaft Moskau beklagte er sich 1930 über den DRUSAG-Angestellten Gustav Druff, Reichsdeutscher und WKP-Mitglied, der Unruhe in den Betrieb bringe. Siehe PA AA, R 9215.324, Bl. 105/105 R. 20 So nennt Dittloff einen aus Essen/Ruhr stammenden gelernten Dreher namens Baumgarten, der als Richter in Nowo Iwanowka viele deutsche Kolonisten im Nordkaukasus durch Willkürurteile ins Gefängnis oder vor Erschießungskommandos gebracht habe. Der russlanddeutsche Rückkehrer Peter Dieck, PA AA, R 104.552 B, berichtet von einem 1923 aus Hannover gekommenen Vorsitzenden des kommunistischen Jugendverbands in Halbstadt/Ukraine, der sich aktiv bei Zwangsaussiedlungen und Verbannungen Deutschstämmiger beteiligt habe. 21 Die früheste bisher gefundene Vernehmung im PA AA trägt das Datum vom 14. Januar 1936 (H. Fleischer, R 104.553 B); das Geheime Staatspolizeiamt (Gestapa) nahm spätestens im April 1935 Berichte auf, siehe die Vernehmung von Paul Fromholz, PA AA, R 104.554 A. 1935 wurde auch in Österreich eine Meldepflicht für Russlandrückkehrer eingeführt. Die Bundespolizei vernahm die Rückkehrer. Siehe Barry McLoughlin/Josef Vogl: … Ein Paragraf wird sich finden. Gedenkbuch der österreichischen Stalin-Opfer (bis 1945), Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien 2013, S. 24, mit weiteren Nachweisen. 22 Erlasse vom 28. Januar 1935, II 1 B 2 – 60159/59/35 – Geheim und vom 9. März 1935, II 1 B 2 – 60159/462/35, Bundesarchiv (im Folgenden: BArch) R 58 269, Bl. 167-170 u. 171 f. 23 Siehe Gestapa vom 22. Juni 1937, Nr. 7358/37g – II A 3, BArch R 58 269, Bl. 58. Der Erlass ist abgedruckt in JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung (2003), H. III, S. 165–170, als Anhang zu: Wilhelm Mensing: Die Vernehmungsprotokolle der Rußlandrückkehrer – eine unausgeschöpfte Fundgrube im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts, S. 154–164. 24 BArch R 58 269, Bl. 119-132. 25 Siehe dazu Otto Naderer: Der bewaffnete Aufstand. Der Republikanische Schutzbund der österreichischen Sozialdemokratie und die militärische Vorbereitung auf den Bürgerkrieg 1923–1934, Graz 2004. 26 Zu diesen Schutzbündlern siehe McLoughlin/Vogl: ... Ein Paragraf wird sich finden (Anm. 21). 27 Dabei herrschte zwischen dem Auswärtigen Amt und der Gestapo Einigkeit darüber, Informationen keinesfalls von noch in der Sowjetunion lebenden Deutschen einzuholen, um diese nicht zu gefährden. So hielt das Generalkonsulat Kiew einen Brief des Rückkehrers Georg Arnhold an seinen noch in der Sowjetunion lebenden Bruder Alexander zurück, mit dem Georg ihn bat, bei seiner Ausreise Stadt- und Fahrpläne mitzubringen, BArch R 58 269 Bl. 54 f. 28 Siehe Werner Röder: Sonderfahndungsliste UdSSR – Dokumente der Zeitgeschichte, Bd. 1, Erlangen 1977, sowie seinen Beitrag »Sonderfahndungsliste UdSSR«, in: Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch, Bd. 8, 1990, S. 92–105. Röder verweist als Entstehungszeit für die Liste auf das Frühjahr 1941, also unmittelbar vor dem Überfall auf die Sowjetunion. Der Vergleich zwischen Nennungen in den Vernehmungsprotokollen und der Liste zeigt aber deutlich, dass (auch) wesentlich früher gewonnene Personeninformationen darin eingingen. Im Übrigen ist belegt, dass die Gestapo schon im Sommer 1937 über eine Zusammenstellung von über 3500 in die Sowjetunion ausgereister Personen verfügte, deren Überprüfung und Ergänzung, auch um Namen sowjetischer Funktionäre, sie von der Botschaft Moskau forderte, siehe dazu Bonwetsch (Hg.)/Belkowez: Gescheiterte Hoffnungen (Anm. 3), S. 102. 29 Eine propagandistische Auswertung von Teilen der Rückkehrervernehmungen präsentierte in seiner »Bücherei des Ostraumes« der aus einer deutschen Kolonie im Raum Odessa stammende Rosenberg-Mitarbeiter und Ostexperte der NSDAP Georg Leibbrandt in dem von Kurt Krupinski zusammengestellten Band »Rückkehrer berichten über die Sowjetunion«, Berlin 1942. Hier wurde allerdings der gesamte im engeren Sinne nachrichtendienstlich verwertbare Stoff (wie Informationen über Rüstungsindustrie, über Militär und Zivilverteidigung, über sowjetische Behörden und deren Mitarbeiter) ausgespart. Krupinski erwähnt ausdrücklich die Ausweisungen »reichsdeutscher Kolonisten« und verwendet deren Aussagen. Leibbrandt war selbst als Besucher bei deutschen Kolonisten in Helenendorf; er galt den Sowjets (später) als Spion, Kontakt mit ihm als Beleg für Spionage; siehe Auch (Hg.): Gebrüder Vohrer. Deutsche Winzer (Anm. 5), S. 175. 30 Darauf hat der Verfasser schon früher in seinem Beitrag »Die Vernehmungsprotokolle der Rußlandrückkehrer im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts« (Anm. 23), S. 164, aufmerksam gemacht. 31 Es gibt nur wenige vergleichbare Fälle solch einer langen Tätigkeit im Staatsdienst ohne Annahme der Sowjetbürgerschaft. Wilhelm Lobkowitz (hochadlige böhmische Familie) machte nach dem Ersten Weltkrieg sogar Karriere bei Militär und Geheimdienst, ehe er endlich im August 1937 Sowjetbürger wurde, um dann alsbald verhaftet und im Februar 1938 erschossen zu werden; siehe McLoughlin/Vogl: … Ein Paragraf wird sich finden (Anm. 21), S. 120 f. u. 353 f. 32 Vernehmungsprotokoll vom 7. Juli 1938, PA AA, R 104.552 B. Passregister der Botschaft Moskau im PA AA. Im Verhör wurden ihr dann kritische Fragen zu ihrer Tätigkeit gestellt, die der Gestapo anscheinend suspekt erschien; sie sagte zu, bei der Abwehrstelle III (ab März 1939 »Fremde Heere Ost«) Auskünfte über ihre militärischen Kenntnisse zu geben. 33 Siehe PA AA, R 104.552 A. 34 PA AA, R 104.552 B. Gustav Classen hatte sich nach der Enteignung noch einige Jahre als Landarbeiter durchgeschlagen. Im Frühjahr 1933 gab er auf und reiste mit Unterstützung des Generalkonsulats Charkov aus. Dort formulierte man schon in einem Bericht an die Botschaft Moskau vom 25. September 1930 in diplomatischer Tonlage so: »Die Abwanderung der seit langem hier ansässigen Reichsdeutschen ist somit […] lediglich auf die wenig entgegenkommende, oft auch unnötig rigorose und unkluge Art und Weise, in der die Sowjetbehörden die kommunistischen Grundsätze praktisch handhaben, zurückzuführen.« PA AA, Botschaft Moskau Bd. 387 (nicht pag.). Ein Rechenschaftsbericht des Auswärtigen Amts für das Jahr 1933 vom 20. Februar 1934 beschrieb »Die Lage der Reichsangehörigen in der Sowjetunion« eingehend mit zahlreichen Belegen ungerechtfertigter Repressionen, z. T. anhand von Fällen, die auch aus Rückkehrerprotokollen bekannt sind; PA AA, R 83.397, Bl. H 046861-046880. Zum Ort Klembusch: Leider finden sich keine Belege für einen Ort mit diesem Namen, auch nicht in der Liste deutscher Bezeichnungen ukrainischer Orte bei Wikipedia. C. liefert in seiner Vernehmung keinen Anhaltspunkt für die Lokalisierung. 35 Das Schicksal der Mennoniten in der Sowjetunion, insbesondere die nach demonstrativen Protesten in Moskau genehmigte Ausreise etlicher Tausend von ihnen 1929 nach Nord- und Südamerika, wird, mit zahlreichen Belegen, im Lexikon der Mennoniten in Paraguay dargestellt: www.menonitica.org/lexikon unter den Stichworten »Brüder in Not« und »Flucht über Moskau«, ges. am 19. Mai 2014. 36 Dekret des II. Allrussländischen Sowjetkongresses über den Grund und Boden vom 26. Oktober/8. November 1917. Siehe dazu etwa Ingeborg Fleischhauer: »Unternehmen Barbarossa« und die Zwangsumsiedlung der Deutschen in der UdSSR, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 30 (1982), S. 299–321, dort insbes. Anm. 5. Fleischhauer konzentriert sich auch in ihrer Arbeit »Das Dritte Reich und die Deutschen in der Sowjetunion« (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Nr. 46), Stuttgart 1983, ganz auf die »Russlanddeutschen«. Auf die Erlasse des RSHA zur Vernehmung der Russlandrückkehrer und deren antikommunistischen Ansatz geht sie nicht ein. 37 Siehe Allmendinger: Katharinenfeld (Anm. 5), S. 110 f. 38 Zur Geschichte der Kolonie siehe den Wikipedia-Artikel »Bolnissi« unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Bolnissi, ges. am 19. Mai 2014. Auch hier wird nichts zur Vertreibung deutscher Familien in den Dreißigerjahren angemerkt. 39 Siehe www.uniondistillery.com/general.php?page=contacts, ges. am 19. Mai 2014. Allerdings gab es mit Rudolf Huttenlocher bis 1941 noch einen offenbar deutschstämmigen Nachfolger. 40 Siehe dazu zuletzt Alexander Vatlin: »Was für ein Teufelspack«. Die Deutsche Operation des NKWD in Moskau und im Moskauer Gebiet 1936 bis 1941, Berlin 2013. 41 Solch eine förmliche Aufenthaltsgenehmigung war erst zusammen mit der Passportisierung durchgehend eingeführt und allmählich auf immer kürzere Zeiträume beschränkt worden. 42 Alle Allmendinger-Vernehmungsprotokolle siehe PA AA, R 104.551 A. 43 Ebd. S. 201. Leider sind Allmendingers Angaben wenig detailliert. In den Opferlisten von Memorial finden sich keine Allmendingers, aber etliche andere Personen aus Katharinenfeld. Einige von den Verhafteten müssen Kinder Ausgereister gewesen sein, wie z. B. Sohn und Tochter von Johannes Allmendinger. 44 So in den Vernehmungen von Ottilie Fischer (hier die eingeschlossene Vernehmung des Neffen Wilhelm Fischer, der ausdrücklich aus zweiter und dritter Hand berichtet), PA AA, R 104.553 B; Maria Lautenbacher (Bericht vom Hörensagen), PA AA, R 104.558 A; Konstantin Roll (Bericht der Ehefrau Marianne R. vom Hörensagen), PA AA, R 104.561 B; Ernst Schandert (anscheinend miterlebter Fall von Nekrophagie), PA AA, R 104.562 B. Siehe außerdem Otto Wenzel: Holodomor. Stalins Genozid in der Ukraine 1932–1933 in Berichten der Deutschen Botschaft Moskau und des Generalkonsulats Charkov, in: Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat (2010), H. 28, S. 5–24. 45 Siehe die 1933 in Berlin erschienene Broschüre des Ausschusses »Brüder in Not«, zusammengestellt von Adolf Ehrt; dieser war damals Leiter der Informationsabteilung des Evangelischen Presseverbandes für Deutschland, Berlin-Steglitz, und später im Nibelungen Verlag, Berlin, verantwortlich für dessen Anti-Komintern-Schriften. Bei Ehrt wird auch von grausamer Hungersnot unter den Deutschen an der Wolga und im Nordkaukasus berichtet; unerwähnt bleibt die Hungersnot im damals wenig von Deutschen besiedelten Kasachstan und Westsibirien. Außerdem Julia Landau: Wir bauen den großen Kuzbass, Stuttgart 2012, S. 264, Anm. 153. Sie stellt dort fest, dass die Hungersnot in diesen Gebieten bisher unzulänglich erforscht sei. Zum Begriff Torgsin: Torgsin war eine russische Außenhandelskette, bei der »Westwaren« erworben werden konnten, vergleichbar mit den späteren Exquisit- und Delikat-Läden der DDR. 46 Siehe Vernehmungsprotokolle Hermann sen. und jun. und Christine Bech, PA AA, R 104.551 B. 47 Zur Geschichte dieser Kolonie siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Kolonie_Chortitza, ges. am 19. Mai 2014. 48 Siehe im einzelnen Wilhelm Mensing: Von der Ruhr in den GULag. Opfer des Stalinschen Massenterrors aus dem Ruhrgebiet, Essen 2001, und zu den Quellen des Buches ebenso: http://www.nkwd-und-gestapo.de/quellen-gulag-buch.html, ges. am 19. Mai 2014. 49 Solche Umwandlungen waren nicht ungewöhnlich; sie finden sich mehrfach bei verurteilten »Spezialisten«, siehe z. B. die Fälle Friedrich Bösherz (PA AA, R 104.552 A), Wilhelm Gesthuysen (PA AA, R 104.554 A) und Emil Stickling (PA AA, R 104.563 A). 50 Siehe PA AA, R 104.551 A. Ein ähnliches Schicksal erlitt Gustav Buchholz aus Dunajewoj (wohl identisch mit Dunajiwzi im Verwaltungsbezirk Chmelnyzkyj: de.wikipedia.org/wiki/Dunajiwzi, ges. am 19. Mai 2014), PA AA, R 104.552 A. Nur mit längerer Haft, ohne Verurteilung, kamen die Mitglieder der ukrainisch-deutschen, 1924 nach Solikamsk umgezogenen Arbeiterfamilie Kluge davon. Die meisten von ihnen wurden 1937 verhaftet und 1940 ausgewiesen, PA AA, R 104.557 A, Eduard Kluge. 51 1939 schätzte die Gestapo die Gesamtzahl der bis dahin seit 1930 aus der Sowjetunion nach Deutschland Zurückgekehrten auf etwa 8500; siehe Gestapa B.-Nr. II A 1- 5827/38 g vom 5. August 1939, BArch R 58 269, Bl. 120 f. 52 Dagegen waren unter den von der Gestapo vernommenen Polit- und Wirtschaftsemigranten nur wenige Ehepaare, noch weniger Familien mit Kindern. Bei ihnen stimmt deshalb die Zahl der Vernehmungsprotokolle fast mit der Zahl der Rückkehrer überein. 53 Siehe Dirksen-Bericht vom 18. Dezember 1930, PA AA, Band Moskau 387 (nicht paginiert). Die Zahl der vorübergehend Ansässigen, unter ihnen fast ausschließlich Spezialisten und Facharbeiter, ist nicht exakt angegeben und offenbar auch nicht genau bekannt; sie dürfte zwischen 1500 und 1800 Personen gelegen haben. 54 Angesichts der Konsequenz, mit der selbst alleinlebende alte und kranke Deutsche ausgewiesen wurden, wird man annehmen müssen, dass zu Beginn der Massendeportationen nur noch sehr wenige deutsche Reichsangehörige in der Sowjetunion lebten, wahrscheinlich mehrheitlich Politemigranten, während die Deportierten so gut wie ausnahmslos Sowjetbürger geworden waren. 55 Darstellung »Zum Niederlassungsabkommen«, dem Auswärtigen Amt übersandt mit Bericht der Botschaft vom 23. April 1934, PA AA, Botschaft Moskau, Bd. 387 (nicht pag.). 56 Siehe PA AA, R 104.557 B und BArch ZC 12065, Bde. 1-4. 57 Siehe PA AA, R 104.556 A. 58 Es fehlen hauptsächlich Protokolle aus der Zeit des Beginns der systematischen Vernehmungen und diejenigen aus dem letzten Rückkehrerjahr (Frühjahr 1940 bis Frühsommer 1941). Andernorts – vor allem in den Düsseldorfer Gestapoakten – haben sich bisher nur vereinzelte Protokolle gefunden. 59 Immerhin finden sich immer wieder auch Vernehmungen historisch interessanter Personen, wie die des Physikers und Kernforschers Friedrich Georg Houtermans, des Musikers und Eisler-Freundes Hans Hauska oder des Physikers und Philosophen Gerhard Harig.

JHK 2015

Neue Untersuchungen über Linke Kommunisten in der KPD

Wladislaw Hedeler

Marcel Bois: Kommunisten gegen Hitler und Stalin. Die linke Opposition der KPD in der Weimarer Republik. Eine Gesamtdarstellung, Essen: Klartext Verlag 2014, 614 S., ISBN 978-3-8375-1282-3 Ralf Hoffrogge: Werner Scholem. Eine politische Biographie (1895–1940), Konstanz: UVK  Verlagsgesellschaft 2014, 496 S., ISBN 978-3-86764-505-8 Mario Keßler: Ruth Fischer. Ein Leben mit und gegen Kommunisten (1895–1961) (= Zeithistorische Studien, Bd. 51), Wien/Köln/Weimar: Böhlau Verlag 2013, 759 S., ISBN 978-3-412-21014-4 In ihrem 2010 im Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung veröffentlichten Artikel weisen Marcel Bois und Florian Wilde auf »ein kleines Revival der KPD-Forschung« seit der Öffnung der Archive hin.1 Der von Marcel Bois (MB) unternommene Versuch einer Gesamtdarstellung des Kampfes der Linkskommunisten gegen Hitler und Stalin, die Studie von Mario Keßler (MK) über Ruth Fischers Leben mit und gegen Kommunisten sowie die von Ralf Hoffrogge (RH) vorgelegte politische Biografie von Werner Scholem können zweifellos als Belege für diesen anhaltenden »Boom« gelten. Dass eine Untersuchung des Linkskommunismus und der Wortführer dieser Strömung Archivrecherchen nötig macht, die über Deutschland hinausgehen, haben die Autoren der hier rezensierten Bücher erneut unter Beweis gestellt. An der Förderung der Drucklegung der drei Bände war neben anderen Einrichtungen die Rosa-Luxemburg-Stiftung beteiligt. Mario Keßler, der zuvor über Arkadij Maslov publizierte, und Michael Buckmiller, Herausgeber der Karl-Korsch-Gesamtausgabe, fungierten zudem als Erst- und Zweitgutachter der von Hoffrogge im September 2013 an der Philosophischen Fakultät der Universität Potsdam verteidigten Dissertation über Werner Scholem. Auch der Studie von Bois liegt eine Dissertation zugrunde. Er verteidigte sie 2014 an der Technischen Universität Berlin. Mit ihren Maßstäbe setzenden Publikationen tragen die drei Autoren Bois, Hoffrogge und Keßler dazu bei, »das verworrene Geflecht des deutschen Linkskommunismus« (MB, S. 10) mit allen seinen »Welten, Teil- und auch Halbwelten« (MK, S. 8) zu entwirren. Aufwendige Archivrecherchen Infolge aufwendiger Recherchen in Stadt- und Landesarchiven der Bundesrepublik, im Amsterdamer Internationalen Institut für Sozialgeschichte (IISG) und in Harvard in den USA ist es Bois gelungen, über 1260 Biografien (MB, S. 396) von Linkskommunisten, die in 15 (MB, S. 611) Gruppen organisiert waren, zu ermitteln. Er zeichnet ein Bild der organisatorischen Zentren, der nationalen Hochburgen der Linken (wie der Pfalz, Westsachsen und Berlin) und deren Wortführer, darunter Iwan Katz, Karl Korsch und Werner Scholem. Der Erkenntnisgewinn über den Linkskommunismus als Bewegung ist, verglichen mit den Vorarbeiten von Wolfgang Alles, Hans Schafranek oder Rüdiger Zimmermann, immens. Leider konnten scheinbar weder Bois noch Keßler mit vergleichbarer Intensität in Russland recherchieren. Angesichts der überwältigenden Quellenmenge in den von ihnen genutzten Archiven verzichteten sie auf dortige Forschungsaufenthalte. Die im Kominternbestand des Russischen Staatsarchivs für sozio-politische Geschichte (RGASPI) überlieferten Akten und die Bestände der Moskauer Rjazanov-Bibliothek, in der zahlreiche Publikationen der »abtrünnigen Linken« aufbewahrt werden, harren weiter ihrer Aufarbeitung. So wichtig die abrufbaren Online-Ressourcen des RGASPI sind, Recherchen vor Ort können sie nicht ersetzen. Ralf Hoffrogge, der im RGASPI recherchierte, hätte die Konterpropaganda durch die Komintern, das ZK der KPdSU oder die Nachrichtenagentur TASS (RH, S. 330–333) noch detaillierter darstellen sowie die Sachkompetenz der Linkskommunisten bei der Beurteilung der Lage in der Sowjetunion, um nur zwei in der Kommunismusforschung unterbelichtete Themen zu nennen, herausarbeiten können. Mangelnde Sprachkenntnisse mögen ein Grund für die fehlende Analyse der Bewertung innerrussischer Entwicklungen durch die linkskommunistischen Protagonisten sein – eine Schwachstelle aller hier vorgestellten Bücher. Bei Hoffrogges Scholem-Biografie fällt das weniger ins Gewicht; Keßler kompensiert dies durch eine gründliche Auswertung der nunmehr zugänglichen amerikanischen Archive, die Geheimdienstarchive eingeschlossen, die er über zwei Jahre lang im wahrsten Sinne des Wortes durchforstete; Bois nennt in seiner Studie einige Kontaktleute, die über gute Informationen aus Sowjetrussland verfügten, denen weiter nachzugehen wäre. So war der in Russland geborene Alexander Müller, der der Weddinger Opposition angehörte, sowohl als Übersetzer als auch in der sowjetischen Handelsvertretung in Berlin tätig. Franz Pfemferts Frau korrespondierte mit Lev Trockij und übersetzte dessen Schriften ins Deutsche. Die Genossen der Opposition in der Pfalz hielten den Kontakt zu Christian Rakovskij2 bis zu dessen Absetzung als Botschafter der UdSSR in Paris aufrecht. Der Linkskommunismus und seine Wortführer Typisch für den untersuchten Personenkreis in der KPD ist laut Bois »eine radikale, kompromisslose, gelegentlich sektiererische und putschistische Haltung« (MB, S. 105). Hoff-rogge ergänzt die Charakteristik durch den Hinweis auf die Prägung der jungen Radikalen durch den Krieg (RH, S. 119). Für ihn ist Scholem ein »sozialistischer Politiker« (RH, S. 135), der vom Sieg der Räte über den Parlamentarismus überzeugt war (RH, S. 142). Keßler kennzeichnet die ultralinke Ruth Fischer als »Mensch der Extreme, nicht des vermittelnden Denkens […]. In ihr brechen sich alle politischen Strömungen, Tendenzen und Gegentendenzen ihrer Zeit mit oft ungezügelter Leidenschaft Bahn.« (MK, S. 16.) Bois’ Nachweis, dass es sich bei den Kleingruppen nicht um kleine Sekten handelte, überzeugt. Es waren die Linken um die Parteivorsitzende Ruth Fischer, die jene Strukturen in der KPD durchsetzten und verankerten, die später ihren eigenen Untergang bedeuteten. Was in der Amtszeit von Fischer, Maslov oder Scholem mit den von ihnen ausgegrenzten Rechten, die eine weitaus realistischere Politik vertraten, geschah, widerfuhr den Linken dann vonseiten des Thälmann’schen ZK. Keßler verfolgt Ruth Fischers Lebensweg in den neun Kapiteln seines Buches minutiös. Er untersucht die Hinwendung der durch den Weltkrieg entbürgerlichten Frau zur KPD, ihre Karriere im Apparat bis 1925 (MK, S. 175). »Mit solchem Wunschdenken stand sie nicht allein, ihre militante Diktion verschaffte ihr aber auch unter Gleichgesinnten nicht nur Freunde. […] sie war unduldsam gegenüber denen, auf deren Kooperation sie angewiesen war. Zudem verfestigte sich ihr politischer Linksradikalismus.« (MK, S. 73.) Im Weiteren skizziert Keßler Fischers Bruch mit Stalin und dem Parteikommunismus, das Zwischenspiel im Leninbund (MK, S. 268–282) und diskutiert schließlich ihre – unter dem Einfluss des unter Nikita Chruščëv einsetzenden Tauwetters – Rückkehr zum Kommunismus (MK, S. 575–620). Bei Ruth Fischer endete die Auseinandersetzung, anders als bei Franz Borkenau oder Richard Löwenthal, nicht mit dem Bruch mit der Idee, sondern mit der erneuten Annäherung an diese. Ruth Fischer, die 1961 im Alter von 65 Jahren starb, hat das Jahr 1968 nicht erlebt. Diese Erfahrung blieb ihr, die von den roten 1960er Jahren träumte und »nach Anzeichen der Entstalinisierung oder zumindest Liberalisierung« (MK, S. 581) in den osteuropäischen Staaten suchte, erspart. Entdemokratisierung und Fremdbestimmung der KPD Wie ein roter Faden zieht sich bei Bois die Frage durch die fünf chronologisch (1919–1933) bzw. thematisch untergliederten Kapitel, ab wann von der KPD als einem entdemokratisierten und fremdgesteuerten Apparat gesprochen werden kann. Entdemokratisierung, hebt Bois hervor, war jedoch kein Alleinstellungsmerkmal der KPD, verglichen mit den anderen deutschen Parteien war die innerparteiliche Demokratie in der KPD anfangs stark ausgeprägt (MB, S. 93). Der Autor folgt Hermann Webers These von der Existenz einer durch Rosa Luxemburg geprägten Frühphase. Was 1919 innerhalb der KPD bereits angelegt, aber nicht dominant war und vom Thälmann’schen ZK umgesetzt wurde, erwies sich im zehnten Jahr der Russischen Revolution als unumkehrbar. Die Parteilinke war seit 1926 in der Minderheit und nicht in der Lage, eine Einigung innerhalb der zerstrittenen Gruppen, von einer Verständigung mit der KPD-Opposition ganz zu schweigen, herbeizuführen. Keßler weist in seinem Band auf die »zwei ehrwürdigen Sichtweisen der Forschung« hin: »Nach der einen lief die Geschichte des deutschen Kommunismus von Anbeginn auf einem falschen Gleis unter russischer Ägide, nach der anderen unterwarf allein der Kreis um Ernst Thälmann die Partei dem Willen Moskaus; die letztere Deutung propagierte Ruth Fischer […]. Die Sache ist jedoch komplizierter.« (MK, S. 15.) Keßlers Doktoranden Bois und Hoffrogge (RH, S. 312) folgen ihm auch in dem Punkt, dass bereits 1925 (MK, S. 245) und nicht erst 1928, wie u. a. Klaus Kinner meint,3 für die KPD die Frage »Stalin oder Luxemburg?« entschieden war. Laut Hoffrogge herrschte in den Jahren zwischen 1921 und 1924 noch parteiinterne Demokratie in der KPD, die KPD-Zentrale war zu schwach, die Komintern durch den Tod Lenins gelähmt (RH, S. 264, 284). Lenin als Berufungsinstanz und die Kritik am Stalinismus Mit Blick auf die von Wolfgang Ruge in seinem Buch über Lenin4 zur Diskussion gestellten Überlegungen nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden in Lenins und Stalins politischen Auffassungen oder Alexander Vatlins Untersuchungen zur Komintern5 könnte man fragen, warum Lenin nicht nur für die im Leninbund organisierten Linken in der KPD stets eine Berufungsinstanz blieb, nie zum Objekt der Kritik, sondern als »revolutionärer Mythos« behandelt wurde. »Ihre Analysen nahmen Lenins Theorie als Maßstab für Stalins Praxis«, schreibt Hoffrogge (RH, S. 331). Lohnend wäre gewesen, herauszuarbeiten, worauf sie Lenins Theorie zurechtgestutzt hatten. Keßlers Untersuchung zur Rezeptionsgeschichte von Ruth Fischers Buch Stalin und der deutsche Kommunismus (MK, S. 467–491) gehört in diesen Kontext.6 Die Rezensenten waren sich damals darin einig, dass es sich hierbei um ein antistalinistisches, aber kein antileninistisches Werk handele. Nur in der Beantwortung der Frage, von welchen parteipolitischen Positionen sich die Autorin leiten ließ, gingen die Meinungen auseinander. Vertrat sie als Kritikerin eine originäre Position, folgte sie Zinov’ev oder gar der rechten Sozialdemokratie? Die Antwort steht noch aus. Für die antistalinistische linke Sammlungsbewegung in der Bundesrepublik war Ruth Fischer, die in Frankreich lebte, nicht verloren, hebt Keßler hervor (MK, S. 603). Bois weicht einer Diskussion hinsichtlich Gemeinsamkeiten in den Auffassungen von Lenin und Stalin aus und zitiert nicht aus den posthum, sondern aus den in der »Wendezeit« von Ruge publizierten Schriften. Hinweise auf Lenins ignorante Haltung gegenüber westeuropäischen linken Traditionen finden sich in seiner »Gesamtdarstellung« nicht. Aus Vatlins Publikationen entnimmt Bois einige Fakten, umgeht aber auch hier die von Vatlin vertretene These, dass die Komintern nicht sowjetisiert werden musste, weil sie es von Geburt an war. Bois datiert den Beginn der Entartung der »Weltpartei aus Moskau« mit der im Sommer 1924 eingeläuteten Bolschewisierung der kommunistischen Parteien (MB, S. 79), ein Prozess, der von den Linken um Ruth Fischer mitgetragen worden ist. »Noch bevor das Wort zur offiziellen Parole wurde, forderte Werner Scholem eine ›Bolschewisierung‹ der KPD«, konstatiert Hoffrogge (RH, S. 268). Dies ging mit einer Absage an das von Rosa Luxemburg vertretene Konzept einher (MK, S. 196). Heinrich Brandler und August Thalheimer wurden für das Scheitern des »Deutschen Oktober« verantwortlich gemacht (MK, S. 188).7 Zinov’ev nutzte die Möglichkeit, Karl Radek »kaltzustellen«.8 Gemeinsamkeiten und Bruchlinien in den Auffassungen von Lenin und Stalin Nach Lenins Tod rückte die Kritik am Stalinismus in den Fokus – dies unterstreichen Bois und Hoffrogge zu Recht. Wie aber steht es um die Kontinuität in der politischen Ausrichtung von Lenin und Stalin? Im Hinblick auf die Partei neuen Typs, die Kriminalisierung und Verfolgung von Mitgliedern nichtbolschewistischer Parteien durch die Tscheka bzw. die Staatliche politische Verwaltung (GPU) und die Instrumentalisierung der Komintern überwogen die Gemeinsamkeiten, auch die Erfindung von Rosa Luxemburg als Menschewikin gehört in diese Aufzählung. Leider hat Bois die in Russland veröffentlichten Editionen, in denen neue Dokumente aus der Feder von Lenin aus den Jahren 1921 bis 1923 9 oder Feliks Dzeržinskij von 1917 bis 192610 veröffentlicht sind, ebenso wenig ausgewertet wie die neueste Dokumentation der Auseinandersetzung innerhalb der KPR(B)11 und die Publikationen von Reinhard Müller über das Moskauer Exil.12 Stalinismuskritik meint genau genommen die Kritik an der Verkrustung des Apparates. Das Festhalten an Kampfbegriffen »trübte Scholems Sicht auf die russischen Fraktionskämpfe«, notiert Hoffrogge (RH, S. 301). Doch die Niederlage erklärt sich nicht allein aus dem Fehler, zu vergessen, dass »die demokratische Form der kommunistischen Bewegung einen Eigenwert und eine Eigendynamik hatte«. (RH, S. 305.) Die Unkenntnis der Entwicklung im »Vaterland der Werktätigen« ist das Kernproblem. Die sowjetische KP hatte kein Interesse an einer Information der ausländischen Genossen über die reale Situation im Land. Die Ausführungen über Scholems veränderte Sicht auf den Stalinismus seit 1925 (RH, S. 325) sind nicht überzeugend. Wie fundiert kann eine Stalinismuskritik sein, wenn die Linkskommunisten Stalins Kurs gegen die »Diktatur der Kulaken«, gegen die »Gefährdung des Sowjetstaates durch den Staatskapitalismus« aufgreifen und auf die »Rechten« einschlagen? Bereits an dieser Stelle – und nicht erst im Zusammenhang mit der Faschismusanalyse – wäre in den Biografien von Hoffrogge und Keßler sowie in der Studie von Bois ein Exkurs über die »Rechten« in der KPD notwendig gewesen. Da auch die »Rechten« und die sogenannte Mittelgruppe in der KPD die Entartung der Diktatur der Arbeiterklasse ausblendeten, ist danach zu fragen, welche politischen Kräfte außerhalb Russlands mit der treffendsten Kritik hervortraten und ob diese in den Presseorganen der Linken ihren Niederschlag fand. Die Auslandsorganisation der Menschewiki als Lieferant authentischer Information Georgij Plechanov hatte den Bolschewiki nicht die Propagierung eherner, absoluter und unerschütterlicher Prinzipien vorgeworfen, sondern Unfähigkeit, auf einmal formulierte Prinzipien zu verzichten. Hierin sah er einen Rückfall in die Geisteshaltung der utopischen Sozialisten, die von sich behaupteten, Bauplan und Parameter einer idealen Gesellschaftsordnung zu kennen. In Hegels Dialektik, den Erfahrungen der Französischen Revolution, dem Umgang mit Blanquismus und Terror und in Engels Vorstellungen über den Weg zum Sozialismus sah er Kronzeugen gegen die Theorie und Praxis der Bolschewiki. Das betraf insbesondere das Verhältnis Demokratie und Diktatur.13 Plechanov ist in seiner Polemik gegen Lenins Aprilthesen mit einer theoretisch fundierten, auf Engels fußenden Kritik an der Politik der Bolschewiki hervorgetreten, Iraklij Cereteli hat diese in der einzigen Sitzung der von den Bolschewiki auseinandergejagten Konstituierenden Versammlung aufgegriffen und vertieft.14 Plechanov schrieb, »dass es für diese Klasse kein größeres historisches Unglück geben könne als die Machteroberung zu einem Zeitpunkt, da das Endziel wegen unüberwindlicher objektiver Bedingungen unerreichbar bleibt«.15 Lenins Antwort ist bekannt: Nie würde er die Errungenschaften der Revolution auf dem Altar der Weltrevolution opfern. In diesen Chor stimmten die linken Bolschewiki – unter ihnen Nikolaj Bucharin – mit ein. Erst unter dem Eindruck der von Cereteli vorausgesagten Krise änderte Bucharin in den Jahren der Neuen Ökonomischen Politik (NÖP) seine Meinung und entwickelte sich nach »rechts«, was ihm den Vorwurf einbrachte, den Kapitalismus restaurieren zu wollen. Andere russische Linke – stellvertretend sei Bucharins Mitautor des ABC des Kommunismus Evgenij Preobraženskij genannt – blieben ihren linken Prinzipien treu und gehörten in den Jahren der NÖP zu den vehementesten Kritikern der »Rechten«. Es ist zu kurz gegriffen, die NÖP auf »Zugeständnisse an den Kleinkapitalismus« (RH, S. 245) zu reduzieren. Eine Kritik an der von Stalin praktizierten Innenpolitik war für die »Rechten« – sie hatten das Schicksal Trockijs vor Augen – nur aus der KP heraus denkbar. Den Linken in der KPD waren im Unterschied zu den verfolgten und ins Ausland abgeschobenen Menschewiki die Hände gebunden. Hinzu kam der von Ossip Flechtheim dargestellte Versuch, das in der westeuropäischen Arbeiterbewegung verankerte Denken auszumerzen (MK, S. 193). Das mit Zugeständnissen an die KPD einhergehende Absterben des Leninbundes 1928 spricht Bände. Nur wenige vermochten, eine Neubestimmung marxistischer Theorie jenseits und außerhalb der Sektionen der Komintern zu wagen. Karl Korsch oder Arthur Rosenberg wirkten daran mit, Werner Scholem nicht. Zu den am besten informierten Kritikern bolschewistischer Politik gehörte die Auslandsorganisation der Menschewiki. Das lässt sich anhand der Berichte der Vereinigten staatlichen politischen Verwaltung (OGPU) an Stalin, in denen minutiös die zahlreichen Protestaktionen der Arbeiter in Sowjetrussland festgehalten wurden, belegen. Das Zentrale Archiv des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation gibt seit 2001 eine Edition unter dem Titel »Streng geheim« – Die Lubjanka an Stalin über die Situation im Land 1922 bis 1934 heraus.16 Sie dokumentiert die bis auf den heutigen Tag deklassifizierten, von den Informationsabteilungen der OGPU bis zur Gründung des NKWD 1934 erarbeiteten Stimmungsberichte. Anhand dieser Informationen lässt sich die Authentizität der von den Menschewiki im Sozialistischen Boten veröffentlichten Beiträge überprüfen. In der Presse der Linken wurden einige wenige nachgedruckt.17 Trockij war nicht die einzige, aber die »ideologisch sichere« Quelle, aus der die deutschen Linkskommunisten schöpften. Er war der »Orientierungspunkt« schlechthin. Alles in allem – Hoffrogge nennt die Belege – sahen die deutschen Linkskommunisten in den Vertretern der Menschewiki (Martov auf dem Hallenser Parteitag 1920) und der anderen nichtbolschewistischen Parteien nur Konterrevolutionäre. Den menschewistischen Plattitüden stellten sie Lenins Lehre gegenüber (RH, S. 330). Anders ist es nicht zu erklären, dass die Schauprozesse gegen die Menschewiki und die Sozialisten-Revolutionäre, die in den 1920er und 1930er Jahren in Sowjetrussland stattfanden, nur in Hoffrogges Scholem-Biografie eine Rolle spielen (RH, S. 322). Geld aus Moskau für den Parteiapparat und für die Revolution In dem Band Das Politbüro des ZK der KPR(B)-KPdSU(B) und die Komintern finden sich Antworten auf die von Bois aufgeworfene, aber unbeantwortete Frage nach der Finanzierung der KPD durch die KPR(B) im Jahre 1923 (MB, S. 137). Allein im August unterstützte sie die Vorbereitung des »Deutschen Oktober« mit einer Million Goldmark.18 Hoffrogge belässt es in diesem Zusammenhang bei der Erwähnung der Zusammenarbeit mit der als Richter und Schlichter agierenden Komintern in Vorbereitung auf den »verantwortungslosen Putsch« (RH, S. 229). »Selbstkritik war seine Sache nicht. Scholem kannte entweder abgrundtiefen Pessimismus, wie er ihn in den Schützengräben des Weltkrieges erlebt hatte, oder gipfelhohen Optimismus, wie er ihn 1923 erlebte. Dieser Optimismus sollte in den nächsten zwei Jahren das Geheimnis seines Erfolgs werden. Scholems Flucht nach vorne war genau das Programm, das die geschlagene und verun-sicherte Partei gerne hörte. […] Scholem versprach den Mitgliedern die Revolution, und dies war das Geheimnis seines Aufstiegs.« (RH, S. 233.) Als Mitglied des Sekretariats des Politbüros hatte Scholem mit der Aufgabenverteilung in der KP ein mächtiges Druckmittel zur Verfügung. Ein besseres Mittel zur Disziplinierung der Funktionäre als ihre finanzielle Abhängigkeit ist kaum denkbar (MK, S. 250). In kurzer Zeit wurden 22 der insgesamt 27 Bezirksleitungen »umgestellt« (RH, S. 233). Hoffrogge weist überzeugend nach, dass die KPD durch den »nicht abreißenden Führungsstreit mehr und mehr zum Pfand im sowjetischen Machtspiel« wurde (RH, S. 292). Gescheiterte Kontaktversuche Bois’ Buch ist eine Fundgrube für Detailinformationen über die kleinen und großen Gruppen und ihre Aktivisten. Anders wäre dem Untersuchungsgegenstand kaum nahe zu kommen. Wer an Vergleichen oder Verallgemeinerungen interessiert ist, der konzentriere sich auf die Kapitel fünf und sechs. Ausgesprochen informativ sind die Ausführungen des Autors über den Brief der 700 (siehe dazu auch RH, S. 307), über Stalins Aufstieg zum Alleinherrscher und die Situation in der KPD Ende 1926. Zwischen 1927 und 1929 gab es in der Sowjetunion mehrere Versuche rechter und linker Oppositioneller, aufeinander zuzugehen. Der Suhler Volkswille berichtete zum Beispiel ausführlich über das »Geheimtreffen« zwischen Bucharin und Kamenev 1928.19 Doch diese Bemühungen scheiterten. Gab es vergleichbare Initiativen in Deutschland? So vielfältig die Gruppierungen waren, ähnelten sie untereinander zerstrittenen Traditionsvereinen ohne Einfluss auf das politische Leben. Die Moskauer Forderung nach Verstärkung der Betriebszellenarbeit zog 1924 das noch größere Problem der Gewerkschaftsarbeit nach sich. Wie sollte dieser Prozess unter Abgrenzung von »Rechten« und Versöhnlern in der KPD vor sich gehen? Da Scholem Kompromisse ablehnte, versuchte er diese Opportunisten per Fraktionsverbot kaltzustellen (RH, S. 282). Eine Bestätigung sah er in Stalins vergleichbarer Politik. Diesen Irrtum bezahlte er nach Ruth Fischers Rückkehr aus Moskau mit dem Verlust seines Postens im ZK und dem darauf folgenden Ausschluss aus der KPD. Damit stand er außerhalb der KPD und begann, seine eigene Partei – den Leninbund – zu schaffen. So aufschlussreich die Analyse der Sozialstruktur der Linken Opposition ist, so ernüchternd ist die Einschätzung der theoretischen Hilflosigkeit und politischen Handlungsunfähigkeit der Vereinigten Linken Opposition nach 1930. Bei aller Selbstkritik der Linken Opposition und der Abkehr von tradierten linksradikalen Positionen, die nun die Politik der moskautreuen KPD-Führung prägten, konnte die innere Zerrissenheit bezüglich der theoretischen Auffassungen nicht überwunden werden. Am Ende waren es dennoch die aus der KP verdrängten Linken, die für die Einheitsfront mit den Sozialdemokraten plädierten, während die Parteiführung die Sozialfaschismus-Keule schwang. Die Ausgrenzung der Abweichler aus der KPD Die KPD-Führung hat das Fraktionsverbot geschickt ausgenutzt, um die Gruppierungen gegeneinander auszuspielen und nacheinander zu zerschlagen oder zu diskreditieren (RH, S. 236). Linkskommunistische Aktionen waren nur noch außerhalb der KPD möglich, die Apparat-Kader durch Finanzen an die Partei gebunden, die Mitgliedschaft der KPD taub für die Argumente der »Abweichler«, egal welcher Couleur. Hoffrogge zeigt am Beispiel des Buchenwaldhäftlings Scholem, dass der innerparteiliche Streit zwischen linientreuen Kommunisten und dem Trotzkisten auch in den Konzentrationslagern weitergeführt worden ist. Kollektiver Widerstand gegen die SS und Gruppenegoismus, schreibt Hoffrogge unter Verweis auf Lutz Niethammers »gesäuberten Antifaschismus«, waren zwei Seiten einer Medaille. »Wenn die SS das Lagerregime verschärfte […] schwankte das Pendel vom Widerstand hin zum kommunistischen ›Gruppenegoismus‹« (RH, S. 440). Werner Scholem wurde nach einer Denunziation im KZ Buchenwald in den Steinbruch versetzt. Hier wurde er von dem für seine sadistischen Morde gefürchteten SS-Mann Johannes Blank am 17. Juli 1940 erschossen. Matriarchat – Patriarchat – Sekretariat Nach Gesellschaftstypen befragt soll Karl Radek, der die deutschen Linken sehr gut kannte, mit dem Hinweis auf die Abfolge Matriarchat – Patriarchat – Sekretariat geantwortet haben. Das, was die Anekdote einfängt, ist ebenfalls Gegenstand der hier vorgestellten Bücher. Die junge Elfriede Friedländer (Ruth Fischer) sah in der bürgerlichen Ehe »nichts weiter als ein Popanz der Religionen und Ethiken«, erst die ökonomische Befreiung der Arbeiterin eröffne die Chancen auf ein »Leben in inniger Gefühls- und Geistesgemeinschaft« (MK, S. 53). Warum sie gegen ihren Willen das mit Paul Friedländer gezeugte Kind abtreiben ließ, wissen wir nicht (MK, S. 38). Durch die Scheinehe (1922–1928) mit Gustav Golke wurde sie deutsche Staatsbürgerin. Ihren Lebensgefährten Arkadij Maslov heiratete Ruth Fischer nicht, auch wenn die beiden in der Öffentlichkeit als Eheleute auftraten. Scholems Frau Emmy hatte anders als ihr Mann einen Beruf gelernt und ausgeübt: »[…] auch gegen Werners Willen« (RH, S. 343). Ihr Gehalt reichte, um Wohnung und Lebensstandard zu halten. Über den bürgerlichen Lebensstil »verlor Werner kein Wort«. Er sah seine Familie in der Regel nur »im Rückspiegel« (RH, S. 344). Hoffrogges Kommentar dazu: »Das damalige Männerbild verlangte nicht nach teilhabenden Vätern.« (RH, S. 350.) Die Differenzen zwischen den Eheleuten Scholem, ihre Ablehnung bzw. das Festhalten an überkommenen Konventionen, liegen auf der Hand; der Streit zwischen Ruth Fischer und Clara Zetkin über den Inhalt der frauenspezifischen Bildungsarbeit in der KPD gehört ebenfalls in diesen Kontext (MK, S. 214). Der Direktivbrief zum Geheimbefehl der »Deutschen Operation des NKWD« Dem von Ežov, Volkskommissar für Innere Angelegenheiten, am 14. Februar 1937 unterzeichneten Direktivbrief »Über die terroristische, Diversions- und Spionagetätigkeit der deutschen Trotzkisten im Auftrag der Gestapo auf dem Territorium der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken« war eine Anlage mit dem Titel »Orientierung über die Tätigkeit der ausländischen Organisationen deutscher Trotzkisten« angefügt.20 Reinhard Müller, der diese Dokumente zugänglich gemacht und kommentiert hat, wies seinerzeit auf Herbert Wehner als Informanten hin. Da weder die Deutsche Operation des NKWD noch die in den Kontext gehörenden Dokumente in den hier vorgestellten Büchern Erwähnung finden, ist auf die in der Anlage genannten Namen der deutschen Kommunisten, die als »Trotzkisten« in das Fadenkreuz des NKWD geraten sind, hinzuweisen. Im Direktivbrief wird zunächst auf vier außerordentlich aktive Zentren hingewiesen: a) die Gruppe Internationale unter der Leitung von Ruth Fischer und Maslov, b) die Sozialistische Arbeiterpartei, c) die Milles-Gruppe und d) die Gruppe Urbahns (früher Führer des Leninbundes).21 »Bis auf den heutigen Tag«, heißt es unter Punkt 10, »ist die terroristische Agentur der deutschen Trotzkisten, die 1931–1933 in unser Territorium eingeschleust wurde, noch nicht entlarvt und liquidiert.«22 Vergleichbare Mängel der »operativen tschekistischen Arbeit« wurden auch im Hinblick auf die »Brandlerianer« und »Versöhnler« konstatiert. Der Befehl lautete, sich nicht mehr ausschließlich auf die Arbeit mit der politischen Emigration in der UdSSR zu konzentrieren, sondern in kürzester Zeit »die Agentur in ausländische trotzkistische Zentren einzuschleusen«.23 Für die operativen, mit der Umsetzung des Befehls beauftragten Mitarbeiter wurde eine Orientierung, die im ersten Teil u. a. detaillierte Angaben über a) die Tätigkeit der deutschen Trotzkisten und b) des Leninbundes vor 1933 präsentierte, angefügt. Darin ist eine ausführliche Passage enthalten, die Fritz Schimanski betrifft: »1) 1936 wurde in Moskau Schimanski, Fritz (ehem. Mitglied des ZK der KPD) verhaftet. Im ›Leninbund‹ gehörte Schimanski F. neben Urbahns, Grilewitsch, Bartel u. a. der Reichsleitung an. (Schimanski verschwieg während der Untersuchung seine Zugehörigkeit zum ›Leninbund‹ und zur Reichsleitung dieser Organisation.) Als Mitglied der Reichsleitung des ›Leninbundes‹ erhielt Schimanski ein Gehalt von dieser Organisation und leitete systematisch die Arbeit im Büro des ›Leninbundes‹, das sich in der Adalbertstrasse 16 befand. 1928 oder etwas später trat Schimanski zusammen mit Maslow aus dem ›Leninbund‹ aus und wurde in die KPD wiederaufgenommen. Die konterrevolutionäre Arbeit Schimanskis 1928–1934 wurde durch die Untersuchung bisher nicht aufgedeckt, nach allen Angaben war aber seine Tätigkeit analog zur Tätigkeit Kunts […]. In diesem Zusammenhang verdient der enge Kontakt von Schimanski mit Deutschmann Artur, dem ehemaligen Mitglied der Berliner Leitung des ›Leninbundes‹, Aufmerksamkeit.«24 Abschließend ist es erforderlich, noch einige fehlerhafte Angaben bei der Datierung von Verhaftungen und Verurteilungen in den hier rezensierten Bänden zu korrigieren. Es trifft nicht zu, dass Heinz Epe,25 Heinrich Süßkind26 und Leo Roth27 in Schauprozessen, sondern nach einem Schnellverfahren zum Tode verurteilt wurden; Josef Erdmann, verhaftet am 30. Oktober 1936 und am 23. Juli 1937 zu acht Jahren Gefängnis verurteilt, verstarb nicht in NKWD-Haft (MB, S. 420), sondern wurde am 11. September 1941 im Polit-Isolator von Orel erschossen.28 Seit Alexander Vatlins Was für ein Teufelspack29 sollte bekannt sein, dass Fritz Schimanski am 17. August 1936 verhaftet und am 1. Juni 1937 zu zehn Jahren Gulag verurteilt wurde. Die Angaben über dessen Schicksal, die Bois (MB, S. 420), Hoffrogge (RH, S. 340) und Keßler (MK, S. 319/320) unter Verweis auf Reinhard Müllers Menschenfalle anführen,30 sind seit dessen Buch über Herbert Wehner korrekturbedürftig. Das trifft auch auf weitere biografische Angaben in Keßlers exzellenter Studie zu. Im Kapitel V »Ausgestoßen und gejagt (1933–1941)« (MK, S. 315–392) ist u. a. von Marcel Rosenberg (am 26. Dezember 1938 verhaftet, am 8. April 1938 erschossen)31 und Artemij Chalatov die Rede (MK, S. 343). Chalatov wurde bereits am 26. September 1937 erschossen,32 Wolfgang Duncker kam 22. November 1942 im Loktschimlag ums Leben.33 Robert Hauschild (RH, S. 117) wurde am 31. August 1936 verhaftet, am 28. Mai 1937 zu fünf Jahren Gulag verurteilt und verstarb am 15. Juli 1938 in Workuta.34 1 Marcel Bois/Florian Wilde: Ein kleiner Boom: Entwicklungen und Tendenzen der KPD-Forschung seit 1989/90, in: Ulrich Mählert u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2010, Berlin 2010, S. 309–322. 2 Die in Russland erschienene Rakovskij-Biografie ist bisher in keiner deutschen Fachbibliothek verfügbar. Georgij Černjavskij/Michail Stančev/Marija Tortika (Lobanova): Žiznennyj put’ Christiana Rakovskogo. 1873–1941. Evropieizm i bol’ševizm: neokončennaja duel’ [Der Lebensweg von Christian Rakovskij. 1873–1941. Europäismus und Bolschewismus. Ein unvollendetes Duell], Moskau 2014. 3 Siehe Klaus Kinner: In Hass und Liebe zum Kommunismus. Mario Keßler hat eine kritische Biografie über Ruth Fischer verfasst, in: Neues Deutschland vom 21. März 2013, S. 17. 4 Siehe Wolfgang Ruge: Lenin. Vorgänger Stalins. Eine politische Biografie. Bearbeitet und mit einem Vorwort von Eugen Ruge, herausgegeben von Wladislaw Hedeler, Berlin 2010. 5 Siehe Alexander Vatlin/Wladislaw Hedeler (Hg.): Die Weltpartei aus Moskau. Der Gründungskongress der Kommunistischen Internationale 1919. Protokoll und neue Dokumente, Berlin 2008. 6 Nur am Rande sei erwähnt, dass in Stalins Besucherjournal kein Aufenthalt von Ruth Fischer (MK, S. 257) in Stalins Kabinett verzeichnet ist. Siehe Na prieme u Stalina. Tetradi (žurnaly) zapisej lic, prinjatych I. V. Stalinym (1924–1953). Spravočnik Naučnyj redaktor A. A. Černobaev [Zur Audienz bei Stalin. Besucherbuch der von J. W. Stalin (1924–1953) empfangenen Personen. Handbuch, wiss. Redakteur A. A. Černobaev], Moskau 2010. 7 Auf diesen Konflikt geht Jens Becker ausführlich ein, in: ders.: Heinrich Brandler. Eine politische Biographie, Hamburg 2001. 8 Die entsprechenden Belegstellen hat Wolf-Dietrich Gutjahr referiert, in: »Revolution muss sein«. Karl Radek – Die Biographie, Wien/Köln/Weimar 2012. 9 Siehe A. N. Artizov u. a (Hg.): »Očistim Rossiju nadolgo …« V. Lenin (Ul’janov). Repressii protiv inakomysljaščich konec 1921 – načalo 1923 g. Dokumenty [»Wir säubern Russland für lange Zeit …« V. Lenin (Ul’janov). Repressalien gegen Andersdenkende, Ende 1921 – Anfang 1923. Dokumente], Moskau 2008. 10 A. A. Plechanov/A. M. Plechanov (Hg.): F. Ė. Dzeržinskij. Predsedatel’ VČK-OGPU. 1917–1926 [F. Ė. Dzeržinskij. Vorsitzender der Tscheka/OGPU. 1917–1926], Moskau 2007. 11 Siehe RKP(b) vnutripartijnaja bor’ba v dvadcatye gody. Dokumenty i materialy. 1923 g. [Die KPR(B) und der innerparteiliche Kampf in den zwanziger Jahren. Dokumente und Materialien. 1923], Moskau 2004. 12 Siehe Reinhard Müller: Menschenfalle Moskau. Exil und stalinistische Verfolgung, Hamburg 2001; ders.: Herbert Wehner. Moskau 1937, Hamburg 2004. 13 Siehe G. W. Plechanow: Grundlagen politischer Taktik, in: ders.: 1917 – zwischen Revolution und Demokratie. Eine Auswahl von Artikeln und Reden aus den Jahren 1917 und 1918. Berlin 2001, S. 101. 14 Aus den stenografischen Aufzeichnungen über die Tagung der Konstituierenden Versammlung, 5. bis 6. Januar 1918, in: Die Russische Revolution 1917. Wegweiser oder Sackgasse, Berlin 1997, S. 412–414. 15 Gemeint ist die zwischen V. I. Lenin und I. G. Cereteli seit April 1917 geführte Auseinandersetzung über die Aktualisierung einer Äußerung von Friedrich Engels. Engels schrieb: »Es ist das Schlimmste, was dem Führer einer extremen Partei widerfahren kann, wenn er gezwungen wird, in einer Epoche die Regierung zu übernehmen, wo die Bewegung noch nicht reif ist für die Herrschaft der Klasse, die er vertritt, und für die Durchführung der Maßregeln, die die Herrschaft dieser Klasse erfordert.« Siehe Friedrich Engels: Der deutsche Bauernkrieg, in: MEW, Bd. 7, Berlin 1967, S. 400. 16 Siehe N. E. Bystrova u. a (Hg.): »Soveršenno sekretno«: Lubjanka – Stalinu o položenii v strane (1922-1934 gg.) [»Streng geheim« – Die Lubjanka an Stalin über die Situation im Land 1922 bis 1934], Teil 1: 1922–1923, Moskau 2001, Teil 2: 1924, Moskau 2001; Teil 3: 1925, Moskau 2002; Teil 4: 1926, Moskau 2001; Teil 5: 1927, Moskau 2008; Teil 6: 1928, Moskau 2002; Teil 7: 1929, Moskau 2007; Teil 8: 1930, Moskau 2008; Teil 9: 1931, Moskau 2014. 17 Siehe hierzu Z. Galili/A. Nenarokov (Hg.): Men’ševiki v bol’ševistskoj Rossii 1918–1924 [Menschewiki im bolschewistischen Russland 1918–1924], Moskau 2004; A. Libich/A. Nenarokov (Hg.): Men’ševiki v emigracii. Protokoly Zagraničnoj Delegacii 1922–1951 [Menschewiki in der Emigration. Protokolle der Auslandsorganisation 1922–1951], Teil 1: 1922–1938, Moskau 2010. 18 Siehe Iz protokola zasedanija PB CK RKP(b), 21 avgusta 1923 g. [Aus dem Protokoll der Sitzung des Politbüros des ZK der KPR(B) vom 21. August 1923], in: G. M. Adibekov u. a (Hg.): Politbjuro CK RKP(b)-VKP(b) i Komintern. 1919–1943. Dokumenty [Das Politbüro des ZK der KPR(B)-KPdSU(B) und die Komintern. 1919–1943. Dokumentation], Moskau 2004, S. 166. 19 Siehe hierzu den Anhang in: Nikolai Bucharin: 1929 – Das Jahr des großen Umschwungs, Berlin 1991, S. 111–153. Jürg Ulrich verzichtet auf eine Analyse der Dokumente, in: ders.: Kamenev: Der gemäßigte Bolschewik. Das kollektive Denken im Umfeld Lenins, Hamburg 2006, S. 219–224. 20 Müller: Herbert Wehner (Anm. 12), S. 362–397. 21 Siehe ebd., S. 363 f. 22 Ebd., S. 366. 23 Ebd., S. 368. 24 Ebd., S. 371 f. 25 Siehe Hermann Weber/Andreas Herbst (Hg.): Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945. Berlin 2008, S. 228 f. 26 Siehe L. S. Eremina/A. B. Roginskij (Hg.): Rasstrel’nye spiski. Moskva 1935–1953. Donskoe kladbišče (Donskoj krematorij). Kniga pamjati žertv političeskich repressij [Erschießungslisten. Moskau 1935–1953. Donskoje Friedhof (Donskoje-Krematorium). Gedenkbuch für die Opfer politischer Repressalien], Moskau 2005, S. 189. 27 Siehe dies.: Rasstrel’nye spiski. Moskva 1937–1941. Kommunarka. Butovo. Kniga pamjati žertv političeskich repressij [Erschießungslisten. Moskau 1937–1941. Kommunarka. Butovo. Gedenkbuch für die Opfer politischer Repressalien], Moskau 2000, S. 102. 28 2614978 Žertvy političeskogo terrora v SSSR. Izd-4-e. [2614978 Opfer des politischen Terrors in der UdSSR. 4. Aufl.], CD-ROM, Moskau 2007. 29 Siehe Alexander Vatlin: »Was für ein Teufelspack.« Die Deutsche Operation des NKWD in Moskau und im Moskauer Gebiet 1936 bis 1941, Berlin 2013, S. 320. Die russische Originalausgabe ist 2012 erschienen. 30 Siehe Müller: Menschenfalle Moskau (Anm. 12), S. 133. 31 Siehe Eremina/Roginskij (Hg.): Rasstrel’nye spiski. Moskva 1937–1941 (Anm. 27), S. 349. 32 Siehe Eremina/Roginskij (Hg.): Rasstrel’nye spiski. Moskva 1935–1953 (Anm. 26), S. 487. 33 Siehe Carola Tischler: Mersus. Der Filmkritiker Wolfgang Duncker, München 2007, S. 45 f. Carola Tischler stützt sich auf die im SAPMO (Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv) überlieferten Kaderakten. 34 2614978 Žertvy političeskogo terrora v SSSR (Anm. 28).