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Kuriere der Komintern – neue Zugänge zum Geheimapparat des Kommunismus

JHK 2016 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 39–56 | Metropol Verlag

Autor/in: Morten Møller

Wer waren die geheimen Kuriere der Komintern in den 1930er Jahren? Woher kamen sie? Was transportierten sie in Koffern mit doppeltem Boden, wenn sie regelmäßig die europäischen Grenzen überquerten?

Die illegalen Aktivitäten der kommunistischen Bewegung sowohl innerhalb als auch außerhalb Europas ziehen weiterhin die Aufmerksamkeit der Forschung auf sich. Mehr als 70 Jahre nach der Auflösung der Komintern ist das Wissen über die Arbeit im geheimen Verbindungsdienst OMS/S.S. der Komintern jedoch nach wie vor begrenzt.[1] Es fehlt bisher einfach an Material, um diesen Apparat im Detail beschreiben und analysieren zu können, denn solange das Archiv der OMS/S.S., das im Russischen Staatsarchiv für soziale und politische Geschichte (Rossijskij gosudarstvennyj archiv social’no-političeskoj istorii, RGASPI) verwahrt wird, nicht frei zugänglich ist, wird die zentrale Rolle des Dienstes im weltpolitischen Kampf der Zwischenkriegszeit in Europa nicht erzählt werden können.

Führt man jedoch Angaben aus den zahlreichen Personalakten im Komintern-Archiv in Moskau mit Informationen aus Unterlagen des britischen Nachrichtendienstes aus den National Archives in London zusammen, wird es möglich, einigen der treuesten OMS/S.S.-Mitarbeiter, die als Kuriere im Verbindungsdienst der Komintern tätig waren, hinsichtlich ihrer Person und ihrer Aktivitäten näherzukommen.

Einer Gruppe von dänischen Forschern ist es in Zusammenarbeit mit dem RGASPI gelungen, Kopien von dänischen Personalakten aus der Kaderabteilung der Komintern zusammenzustellen, die sich im Archiv des RGASPI, das heute etwa 93 000 Personalakten zu mehr oder weniger zentralen Figuren der kommunistischen Bewegung enthält, befinden. Das gesichtete Material umfasst gut 11 000 Seiten, verteilt auf mehr als 400 Personalakten. Dieses Quellenmaterial wird jetzt in der Bibliothek und im Archiv der Arbeiterbewegung (Arbejderbevægelsens Bibliotek og Arkiv) in Kopenhagen aufbewahrt und ist für weitere Forschungen zugänglich.[2] Darüber hinaus verfügt die dänische Königliche Bibliothek (Det Kongelige Bibliotek) in Kopenhagen über Kopien des sogenannten MASK-Materials aus den National Archives in London. Das Material (gut 8000 Seiten) ist das Ergebnis von Abhör- und Entschlüsselungsaktivitäten des britischen Nachrichtendienstes, die in den Jahren 1934 bis 1937 gegen den geheimen Apparat der Komintern gerichtet waren und Telegramme enthalten, die zwischen dem OMS/S.S. in Moskau und den geheimen Verbindungspunkten des Dienstes innerhalb und außerhalb Europas verschickt wurden. Dieses zentrale Quellenmaterial ist nun frei zugänglich und kann direkt von der Homepage der Bibliothek bezogen werden.[3]

Der vorliegende Beitrag konzentriert sich auf die Geldkuriere im OMS/S.S.-Apparat, die für das Jahr 1936 anhand des Materials des britischen Nachrichtendienstes identifiziert werden konnten. Untersucht wird der Devisentransfer, für den diese Kuriere zu fünf zentralen Verbindungspunkten in Europa (Paris, Prag, Basel, Stockholm und Kopenhagen) verantwortlich waren. Schließlich rücken zwei dieser Kuriere in den Mittelpunkt, die im gleichen Zeitraum eine wichtige Rolle bei den massiven Geldtransfers der OMS/S.S. zu den europäischen kommunistischen Parteien gespielt haben.

 

Britische Abhörmaßnahmen

Der Apparat der Komintern setzte in einigen Zweigen der Organisation Geheimboten ein. Dies gilt beispielsweise für die durch die Komintern kontrollierte »Internationale der Seeleute und Hafenarbeiter« (ISH), deren Mitglieder wiederholt für die Weiterleitung von Nachrichten und die Beförderung von Geld über die Landesgrenzen hinaus sorgten.

Die OMS/S.S. war in diesem Rahmen die wichtigste Abteilung, wenn es um internationale Kurieraktivitäten ging. Der Dienst bildete im Apparat der Komintern den Knotenpunkt der geheimen Verbindung zu den Genossen im Ausland und war aller Wahrscheinlichkeit nach auch der wichtigste Kontakt, wenn es darum ging, große Geldbeträge von Moskau aus zu den häufig finanziell schlecht ausgestatteten kommunistischen Parteien inner- und außerhalb Europas zu transferieren.[4]

Der Umfang dieses Kurierverkehrs war in den ersten Jahren im Ausland kaum bekannt. Zwischen 1934 und 1937 gelang es dem britischen Nachrichtendienst jedoch, eine umfassende geheime Operation durchzuführen. Ein »Maulwurf« in der britischen Kommunistischen Partei verriet den Code, den die Komintern bei ihrer geheimen Korrespondenz mit den Verbindungspunkten inner- und außerhalb Europas verwendete. Mithilfe dieses Codes waren die Briten in der Lage, Tausende verschlüsselte Telegramme aus und nach Moskau zu dechiffrieren, bevor das Hauptquartier der Komintern auf die Sicherheitslücke aufmerksam wurde und allem Anschein nach den Code änderte. Die drahtlose Information enthielt Mitteilungen sowohl über politische als auch wirtschaftliche und organisatorische Gegebenheiten.[5]

Die Ergebnisse der Abhör- und Entschlüsselungsarbeit, die die Codebezeichnung MASK trug, befinden sich heute in den National Archives in London.[6] Das Material ist überwiegend in Englisch abgefasst und schließt Telegramme zwischen Moskau und den geheimen Verbindungspunkten der OMS/S.S. in den USA, in China, Österreich, der Tschechoslowakei, Griechenland, der Schweiz, Großbritannien, Frankreich, Holland, Schweden und Dänemark ein.[7] Das MASK-Material ist allerdings nicht vollständig, der Telegrammverkehr war deutlich umfangreicher als die Zahl der Seiten, die erhalten geblieben sind. Außerdem scheinen die britischen Abschriften nicht immer ganz exakt zu sein, so treten beispielsweise laufend Abweichungen in der Schreibweise der Kuriernamen auf. Dennoch ist das Material nützlich. Die Funktelegramme enthalten grundlegende Informationen bezüglich der Kommunikation zwischen dem Hauptquartier der Komintern und Parteien und Verbindungspunkten in den einzelnen Ländern. Außerdem geben sie Auskunft über die Kuriere, die von Moskau aus mit Geld, Informationen und gefälschten Pässen ausgestattet wurden. Diese Kuriere waren die Voraussetzung dafür, dass das weltweite Netzwerk der Bewegung funktionieren konnte. Sie wurden vom NKWD sorgfältig ausgewählt und kontrolliert, ihre Arbeit wurde vor weniger stark sicherheitsüberprüften Teilen des gewaltigen Komintern-Apparats so weit wie möglich geheim gehalten.[8]

Aus den Telegrammen geht nicht immer eindeutig hervor, ob es sich bei einer erwähnten Person um einen Kurier handelt oder ob der/die Betreffende andere Funktionen im Geheimapparat ausübte. Nimmt man jedoch das Jahr 1936, das durch die britischen Abhöraktionen am besten dokumentiert ist, als Ausgangspunkt und schränkt darüber hinaus den Begriff des Kuriers auf die häufig identifizierbaren Geldkuriere ein, ist es möglich, aus den Unterlagen wesentliche und neue Informationen über Zahl, Staatsangehörigkeit und Geschlecht der Kuriere zu gewinnen. Gleichzeitig erhält man eine Vorstellung vom Umfang der Geldüberweisungen der OMS/S.S. Mitte der 1930er Jahre an kommunistische Parteien in großen Teilen Europas.

Eine Durchsicht aller von den Briten entschlüsselten Telegramme des Jahres 1936, die zwischen Moskau und den Verbindungspunkten in Paris, Stockholm, Kopenhagen, Prag und Berlin übermittelt wurden, offenbart Geldüberweisungen zu den fünf Verbindungspunkten in einer Höhe, die heute einem Betrag von mehr als 11 Millionen Euro entsprechen würde (siehe Tabelle 1). Berücksichtigt man die mangelnde Vollständigkeit des britischen Materials sowie die Tatsache, dass weitere Geldbeträge außerhalb des Kurierdienstes an die einzelnen kommunistischen Parteien überwiesen wurden, ist der Gesamtbetrag allem Anschein nach sogar noch wesentlich höher gewesen.[9]

Für das Jahr 1936 können im britischen Nachrichtendienstmaterial insgesamt 51 »Geldreisen« zu den fünf Städten nachverfolgt werden. Die Währung und die Beträge im Gepäck der Kuriere variieren zwischen wenigen tausend holländischen Gulden und mehreren Millionen französischen Francs. Wie aus der Tabelle ersichtlich, ging der Großteil der Mittel an den wichtigsten OMS/S.S.-Verbindungspunkt in Paris. Im Laufe des Jahres 1936 wurden hier mindestens acht Koffer mit Geldbeträgen unterschiedlicher Höhe abgeliefert. Die Telegramme dokumentieren, dass in jedem Fall ein Teil des Betrages an die bedürftigen Kommunisten in Spanien weitergeschickt wurde, wo im gleichen Jahr der Bürgerkrieg ausgebrochen war. Die beiden Einzelreisen, bei denen es um die größten Geldbeträge geht, erfolgen den MASK-Telegrammen zufolge beide von Moskau nach Paris und werden beide von dänischen Kurieren ausgeführt. Die Koffer der beiden Dänen enthielten eine Menge an Devisen (200 000 schwedische Kronen und gut zwei Millionen französische Francs), die nach heutigem Wert jeweils etwa einer Million Euro entsprechen. Der gesamte von Moskau an den Verbindungspunkt in Paris überwiesene Betrag, der in den Telegrammen dokumentiert wird, beläuft sich nach heutigem Wert auf etwa 4,5 Millionen Euro. Auch Stockholm (ca. 2,8 Millionen Euro) ist ein für die Geldüberweisungen der Komintern zentraler Verbindungspunkt.[10]

Das britische Nachrichtenmaterial gibt jedoch nicht nur Informationen über Umfang und Häufigkeit dieser Überweisungen preis. Dokumentiert wird auch, welche Kuriere bei dieser wichtigen Arbeit eingesetzt wurden. Während in anderen Teilen des geheimen Apparats der Komintern häufig Decknamen verwendet wurden, scheint dies bei den verschlüsselten Telegrammen nicht der Fall gewesen zu sein, in denen zumindest die dänischen Kuriere mit ihren Klarnamen verzeichnet sind. Die OMS/S.S. konnte sich anscheinend nur schwer vorstellen, dass die verschlüsselte Kommunikation durch den Feind geknackt würde.

Die entschlüsselten Telegramme legen offen, dass skandinavische Kommunisten – nicht zuletzt Schweden – im Mitarbeiterstab des Kurierdienstes stark vertreten waren. Acht der 27 Geldkuriere, die identifiziert werden konnten, sind in den Telegrammen als Schweden ausgewiesen. Damit ist das Land die unter den Kurieren am stärksten vertretene Nation (siehe Tabelle 2).

Auch sechs Amerikaner und fünf Engländer befinden sich unter den identifizierten Kurieren, und es ist bezeichnend, dass der bei Weitem größte Teil der Kuriere aus westlichen Demokratien (USA, Großbritannien und Skandinavien) kam, während Kuriere aus Staaten mit faschistischen oder stark antikommunistischen Regimen im Großen und Ganzen fehlen. Eine eindeutige Erklärung für dieses Phänomen lässt sich aus dem Quellenmaterial nicht herleiten, aber die Tendenz ist zu deutlich, als dass von einem Zufall die Rede sein kann. Es scheint klar zu sein, dass die OMS/S.S. bei der Auswahl der Kuriere auch die Konsequenzen im Fall einer Verhaftung im Blick hatte. Als kommunistischer »Agent« mit Geheimbotschaften in der Zahnpastatube oder gesetzeswidrigen Geldbeträgen im Koffer enttarnt zu werden, hätte für einen deutschen, italienischen oder chinesischen Kurier verhängnisvoll sein können, wenn die Enttarnung zu einer Auslieferung an das Heimatland geführt hätte. Ebenso waren die Verhörmethoden beispielsweise der schwedischen Polizei denen der Gestapo vorzuziehen.

Es ist auch charakteristisch, dass Kuriere aus zentralen Staaten wie Frankreich und Spanien, in denen die kommunistischen Parteien 1936 parteiübergreifende Volksfrontregierungen unterstützten, im Großen und Ganzen durch Abwesenheit glänzen. Als Grund kann dafür wohl die gleiche Erklärung angeführt werden, die für die konsequente Abwesenheit von sowjetischen Kurieren gilt: Die Kosten bei einer Enttarnung sollten minimiert werden. Die Kuriere sollten möglichst nicht mit dem sowjetischen Regime oder kommunistischen Parteien in Ländern in Verbindung gebracht werden können, in denen die Kommunisten eine starke Stellung hatten oder die amtierende Regierung unterstützten.

Ein anderes markantes Ergebnis der Untersuchung ist die ungleiche Geschlechterverteilung. Die kommunistische Welt wurde überwiegend von Männern dominiert. So waren beispielsweise etwa 80 Prozent der Mitglieder in der Kommunistischen Partei Dänemarks Ende der 1930er Jahre Männer.[11] Doch bei den Geldkurieren, die 1936 für die OMS/S.S. arbeiteten, verhält es sich genau umgekehrt. 16 der 20 in der Untersuchung identifizierten Kuriere waren Frauen – hauptsächlich amerikanischer (5) und britischer (4) Staatsangehörigkeit. Jedes Mal, wenn der operative Leiter der OMS/S.S., Boris Melnikow, beispielsweise einen koffertragenden Mann nach Basel schickte, sandte er vier koffertragende Frauen nach Kopenhagen, Stockholm, Prag und Paris.

Das Material bietet keine Erklärung für die ungleiche Geschlechterverteilung. Auch in den Bereichen Verschlüsseln und Übersetzen war die Konzentration von Frauen im Geheimapparat der Komintern relativ hoch, während in anderen Teilen des Apparats z.B. männliche Seeleute dominierten, die in der geheimen Kommunikation über Ländergrenzen hinweg eingesetzt wurden. Dennoch scheint die unterschiedliche Geschlechterverteilung unter den Kurieren im Jahr 1936 signifikant zu sein. Möglicherweise sind die verstärkten Bestrebungen der Komintern, eine Aufdeckung ihres Geheimapparats zu vermeiden, ein Grund. Es kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass man es in einer Situation, in der sich der politische Kampf in Europa zuspitzte und antikommunistische Regime mit zunehmender Intensität auf der Hut vor kommunistischen Agenten waren, seitens der Komintern für weniger wahrscheinlich hielt, dass eine Frau mit einem schwedischen, britischen oder amerikanischen Pass an den europäischen Grenzübergängen einer Kontrolle und eingehenden Leibesvisitation ausgesetzt sein würde.

Insgesamt betrachtet, steuert das britische Nachrichtendienstmaterial zentrale Informationen über die Zusammensetzung des Kurierdienstes sowie über die Häufigkeit der Dienstreisen der Kuriere bei. Jedoch geben die entschlüsselten Telegramme keine Auskunft darüber, wer diese Kuriere waren, wie sie rekrutiert wurden und wie lange sie im Dienst aktiv waren. Solche Angaben finden sich vor allem in den Personalakten der betreffenden Kuriere aus der Komintern-Kaderabteilung in Moskau.  

 

Dänische Kuriere in Moskau

Unter den Geldkurieren der OMS/S.S. des Jahres 1936 finden sich zwei dänische Kommunisten, deren Lebensläufe sich anhand ihrer Personalakten im Komintern-Archiv sowie aus Dokumenten, Briefen und Tagebüchern rekonstruieren lassen, die heute bei den Nachkommen der Kuriere in Dänemark aufbewahrt werden.

Im Sommer 1934 wurden der 25-jährige Gottlieb Japsen und seine gleichaltrige Parteigenossin Ellen Schou von Kopenhagen nach Moskau gesandt, um eine bessere Abstimmung zwischen den Verlagsaktivitäten der Komintern und der Dänischen Kommunistischen Partei zu erreichen. Ihre Aufgabe bestand u.a. darin, mehrere der deutschsprachigen Bücher, die in dem von der Komintern kontrollierten Verlag VEGAAR erschienen, für eine Herausgabe in Dänemark zu übersetzen. Nichts im vorliegenden Quellenmaterial deutet darauf hin, dass die beiden Dänen zu diesem Zeitpunkt zum Geheimapparat der Komintern gehörten.[12]

Gottlieb Japsen war der Sohn eines Fabrikanten aus Apenrade in Süddänemark; nach dem Abitur war er nach Kopenhagen gezogen, um Deutsch und Geschichte zu studieren. Während eines Studiensemesters in Hamburg Ende der 1920er Jahre trat er der Deutschen Kommunistischen Partei bei, und nach einem kurzen Abstecher zur sozialdemokratischen Jugendbewegung wurde er im Februar 1932 Mitglied der Dänischen Kommunistischen Partei. Bald danach schloss er sein Studium ab, und schon im Herbst 1933 »war die Rede davon, dass die Partei mich in die Sowjetunion senden wollte ...«, so Japsen einige Jahre später in einer Autobiografie für die Kaderabteilung der Komintern.[13]

Japsens Verlagskollegin Ellen Schou war die Tochter eines Sparkassendirektors von der Insel Falster südlich von Kopenhagen. Auch sie machte Abitur, arbeitete einige Zeit als Haustochter in einer bürgerlichen Familie in Cambridge und fand nach ihrer Heimkehr nach Dänemark verschiedene Anstellungen als Buchhalterin und Schreibkraft. In Kopenhagen gehörte Ellen Schou schließlich zum Umfeld einer Gruppe emanzipierter und rebellischer Frauen und trat im Dezember 1931 der Dänischen Kommunistischen Partei bei. Im folgenden Jahr fand sie eine Beschäftigung im Büro der sowjetischen Handelsvertretung in Kopenhagen, und als die Partei sie 1934 bat, in die Sowjetunion zu reisen, um gemeinsam mit Gottlieb Japsen der kommunistischen Sache zu dienen, zögerte sie nicht, dem Vorhaben zuzustimmen.[14]

Die beiden jungen Dänen fuhren über den Öresund nach Schweden, reisten mit dem Zug von Malmö nach Stockholm, weiter mit dem Schiff nach Turku in Finnland, über Helsinki zum Grenzort Rajakoki (heute Sestrorezk) und mit einem russischen Reiseleiter das letzte Stück zum Hotel Europa in Leningrad. Sie wurden der VEGAAR-Abteilung in der Stadt zugeordnet und lebten sich im internationalen Umfeld Leningrads schnell ein. Doch im Herbst 1935 reiste zuerst Ellen Schou und dann auch Gottlieb Japsen weiter nach Moskau. Zumindest Ellen Schou wurde im Mutterhaus des Verlags angestellt. Quellen in ihren Personalakten belegen zudem, dass zu diesem Zeitpunkt auch die Rekrutierung für den Kurierdienst in der OMS/S.S. stattfand. 

Zunächst erkundigte sich die OMS/S.S. sowohl bei der Dänischen Kommunistischen Partei als auch bei der Kaderabteilung der Komintern nach der Zuverlässigkeit der beiden Dänen. Niemand hatte etwas einzuwenden. »Wir empfehlen Ellen Schou als Kurierin, wenn sie dazu bereit ist«, antwortete die Parteileitung in Kopenhagen.[15] »Die Kaderabteilung des Exekutivkomitees teilt mit, dass keine kompromittierenden Zeugnisse vorliegen ...«, ergänzte der stellvertretende Leiter der Kaderabteilung, Moisej Chernomordik. Wenige Tage später war Ellen Schou bereit für ihre erste Kurierreise.[16]

Die Personalakten der dänischen Kuriere enthalten kurzgefasste Übersichten zu deren Reisen in Europa, in der Regel mit Angabe von Zeitpunkt, Ziel, Hotelanschrift, Codewort und Deckname. Der Zweck der Reise und der genaue Inhalt des Gepäcks der Kuriere werden jedoch nicht näher beschrieben. Mithilfe der MASK-Telegramme können jedoch in einer Reihe von Fällen Reisezweck und Kontext der Kurierreise spezifiziert werden.

Aus den Reiseübersichten in der Personalakte Ellen Schou geht hervor, dass sie am 11. Dezember 1935 eine Geheimmission nach Prag übernahm. Ein »G« beim Reiseziel zeigt wahrscheinlich an, dass sie »Geld« im Gepäck hatte. »Die Dänin Ellen ist schon abgereist ... Telegrafiert Ankunft. Kehrte zurück mit Post«, lautet die decodierte Meldung aus dem Komintern-Hauptquartier in Moskau an den Verbindungspunkt in Prag. Ellen Schou hielt sich fast zwei Wochen in Prag auf, und dreizehn Tage später heißt es kurz in einem Telegramm aus Prag: »Cartney [eine Engländerin] ist heute mit neun Büchern abgereist und Schou mit Aktenmappe.« Wie viel Geld die neue Kurierin in die Tschechoslowakei gebracht hat und was ihre »Aktenmappe« – wahrscheinlich ist damit eine Aktentasche oder ein Koffer gemeint – für Moskau enthalten hat, geht aus dem Bescheid nicht hervor.[17]

Am 16. Januar 1936 ist Ellen Schou wieder unterwegs, wie die Reiseübersichten dokumentieren. Dieses Mal führt sie ihre Reise über die finnisch-russische Grenze bei Leningrad. Sie macht Halt in Stockholm und reist von dort weiter zum Hotel Suisse in der Kalverstraat in Amsterdam. Aus den Reiseberichten in ihrer Personalakte geht hervor, dass sie unter dem Decknamen »Karin« aufgetreten ist. Die abgefangenen Telegramme von Moskau nach Amsterdam belegen, dass sie dieses Mal 21 000 Schweizer Franken im Gepäck mit sich führte. Fünf Monate später lieferte sie am selben Ort noch einmal 20 000 US-Dollar ab.[18]

Ellen Schou ist zu diesem Zeitpunkt mittlerweile regelmäßig für die OMS/S.S. unterwegs, geht daneben jedoch auch weiter ihrer Arbeit bei VEGAAR nach, wie privaten Briefen zu entnehmen ist.[19] Im August 1936 ist sie wieder unterwegs, dieses Mal nach Paris mit 200 000 schwedischen Kronen im Gepäck. Ende September fährt sie erneut nach Paris. Im Februar 1937 besucht sie auf einer Kurierreise Stockholm, von wo aus ihr Gepäck nach Oslo weitergeschickt wird, und im April desselben Jahres ersucht der operative Leiter der OMS/S.S., Boris Melnikow, um ein neues Visum für »unsere Kurierin Ellen Marie Schou«. Melnikow weist gleichzeitig die sowjetischen Grenz- und Inlandstruppen an, Ellen Schou, die dieses Mal mit ihrem dänischen Originalpass reist, den Grenzübergang Belostrow an der finnisch-russischen Grenze »ohne Personenkontrolle« passieren zu lassen. Das Ersuchen ergeht im Zusammenhang mit einer erneuten Kurierreise nach Stockholm und Paris. Wieder einmal wird Schous Gepäck von Stockholm nach Oslo weitergeschickt, doch zu diesem Zeitpunkt hat die Komintern das Codesystem ihrer Telegrammkommunikation geändert. Ab dem Frühjahr 1937 liegen deshalb keine neuen Informationen im britischen Material über den Inhalt des Gepäcks der Kuriere mehr vor.[20]

Ellen Schous Kollege Gottlieb Japsen wird im Frühjahr 1936 auf seine konspirative Jungfernreise geschickt. Am 14. April bricht er nach Stockholm und Kopenhagen auf. Im Laufe des folgenden Jahres unternimmt Japsen mindestens zwölf Reisen, die ihn auch nach Prag, Zürich und Paris führen. In seiner Personalakte im Komintern-Archiv wird Gottlieb Japsen als »ständiger Kurier« bezeichnet.[21]

Im Mai 1936 heißt es in einem Telegramm von Moskau nach Kopenhagen: »Der Däne Jensen [Japsen] […] überbringt 20 000 holländische Gulden.«[22] Knapp zwei Monate später fängt der britische Nachrichtendienst eine neue Meldung aus Moskau an Stockholm ab: »Der Kurier Japsen ist am 15. Juli mit dem Flugzeug abgereist. Er bringt 20 000 US-Dollar mit.«[23] Im Monat darauf liefert Japsen gut zwei Millionen Francs in Paris ab,[24] im Oktober reist er mit 5000 holländischen Gulden nach Prag, im November liefert er dort noch einmal 20 000 Dollar ab, und im Januar 1937 hat er 110 000 Schweizer Franken für Stockholm im Gepäck.[25]

Während der Zeit, in der beide Kuriere ihren Personalakten zufolge für die OMS/S.S. tätig sind (Ellen Schou: Dezember 1935 bis April 1937, Gottlieb Japsen: April 1936 bis März 1937), transferieren sie insgesamt einen Betrag aus Moskau, der heute einer Summe von mehr als drei Millionen Euro entspräche. Dieser Betrag bezieht sich wohlgemerkt lediglich auf die Reisen, für die Angaben zum Gepäck der Kuriere im britischen Nachrichtenmaterial zu finden sind. Vier Reisen sind in den Reiseübersichten in Japsens und Schous Personalakten mit »G« gekennzeichnet, ohne dass zu den überbrachten Mitteln genauere Angaben gemacht werden können. Mit anderen Worten: Der tatsächliche Betrag aus den gesamten Reiseaktivitäten von Japsen und Schou war sicherlich noch höher. Neben Geld wurden auch Post, gefälschte Pässe und andere Dinge vom Sohn eines Fabrikanten und der Tochter eines Direktors geschmuggelt.

 

Die Kuriere und der »Große Terror«

Die Tätigkeit der Kuriere war in einem immer stärker faschistisch dominierten Europa selbstverständlich nicht ohne Risiko. In mehreren Ländern war es verboten, größere Mengen Devisen ohne Genehmigung der Behörden über die Grenzen zu befördern, und wenn die Koffer auf dem Rückweg nach Moskau Spionagematerial oder Material mit subversivem Charakter enthielten, konnten die Konsequenzen gravierend sein.

Doch die bei Weitem größte Gefahr für die Kuriere der Komintern lauerte zu dieser Zeit gar nicht außerhalb der Sowjetunion, sondern im Gegenteil innerhalb der Landesgrenzen. Denn die Geheimtätigkeit von Ellen Schou und Gottlieb Japsen fand ausgerechnet in jener Zeit statt, in der die sowjetische Führung die gewaltsamen »Säuberungen« einleitete. Aus früheren Forschungen ist bekannt, dass der OMS/S.S.-Apparat eine derjenigen Komintern-Abteilungen war, die von den stalinistischen »Säuberungen« besonders stark betroffen waren, u.a. weil die Führung der Sowjetunion befürchtete, dass gerade diese Abteilung aufgrund ihrer starken Verbindungen zum Ausland in besonderem Maß von fremden Nachrichtenorganisationen infiltriert worden sei.[26]

In welchem Umfang diese Verhaftungen auch die Kuriere der Abteilung trafen, ist noch nicht ausreichend untersucht. Doch Ellen Schous Personalakte aus der Kaderabteilung der Komintern enthält Quellen, die darauf hindeuten, dass auch sie im Visier des NKWD war. Mehrere Dokumente erwähnen den bedenklichen bürgerlichen Hintergrund der jungen Dänin und insbesondere die Tatsache, dass ihr Bruder Offizier in der dänischen Flotte war. Ein Dokument aus dem Jahr 1936 gibt an, dass sie entgegen allen Regeln das Verschwiegenheitsversprechen des Kurierdienstes gebrochen und gegenüber einer Freundin »unbekümmert über ihre Dienstreisen geplappert« habe. In einem späteren Schreiben der Sekretariatsleiterin der Kaderabteilung, der Estin Hilda Zonberg, wird die Zuverlässigkeit von Ellen Schou mit einem Fragezeichen versehen und nachdrücklich darauf hingewiesen, dass die Kurierin einer »genauen Untersuchung« unterzogen werden solle. Entsprechende Ermittlungen wurden offenbar nach 1937 vom NKWD durchgeführt. Einige Monate später, im Juni 1937, wird Ellen Schou aus dem Kurierdienst entlassen und bekommt eine neue Tätigkeit bei VEGAAR zugeteilt.[27] Zu diesem Zeitpunkt waren sowohl der operative Leiter der OMS/S.S., Boris Melnikow, als auch die Leiterin des Kurierdienstes, Berta Zimmermann, sowie die Leiterin des geheimen Verbindungspunktes in Paris, Lydia Dübi, zusammen mit mehreren anderen Mitarbeitern der Abteilung verhaftet und des Verrats angeklagt worden. Im Monat nach Ellen Schous Entlassung wird auch ihr engster dänischer Kontakt in Moskau, der offizielle Repräsentant der Dänischen Kommunistischen Partei in der Komintern, Arne Much-Petersen, in seinem Zimmer im Hotel Lux aus dem Schlaf gerissen und von der Geheimpolizei verhaftet. Doch die dänische Kurierin blieb verschont.[28]

Ellen Schous Akten beim NKWD, dessen Archiv heute vom russischen Nachrichtendienst FSB verwaltet wird, sind nicht zugänglich, jedoch findet sich in ihrer Akte bei der Kaderabteilung der Komintern kein Hinweis darauf, dass die Geheimpolizei erwogen hat, sie zu verhaften. In ihren zahlreichen Briefen an ihre Eltern in Dänemark wird Schous Begeisterung und Optimismus bezüglich ihres Lebens in Moskau deutlich. Im Mai 1937 heiratete Ellen Schou den Sohn des norwegischen Parteivorsitzenden Adam Egede-Nissen, der ebenfalls in Moskau lebte, Anfang 1938 kam die gemeinsame Tochter zur Welt. Im Sommer desselben Jahres reiste die kleine Familie anscheinend unbehelligt aus der Sowjetunion aus, um ein neues gemeinsames Leben in Oslo zu beginnen. Einige Jahre später zog Ellen Schou zurück nach Kopenhagen, wurde geschieden und lebte unter der deutschen Besatzung sowie später während der Nachkriegszeit ein nach außen unauffälliges Leben als alleinerziehende Mutter mit wechselnden Büroanstellungen. Bis zum Mauerfall 1989 blieb sie Mitglied der Dänischen Kommunistischen Partei. 1997 starb Ellen Schou im Alter von 88 Jahren.[29] 

Gottlieb Japsen wurde im Juli 1937 von der Arbeit als Kurier abgezogen, angeblich, um an der Übersetzung mehrerer Werke von Lenin und Stalin bei VEGAAR mitzuwirken. Kurz danach bat die Dänische Kommunistische Partei um seine Rückkehr nach Dänemark zur Fortsetzung seiner politischen Arbeit; bevor Gottlieb Japsen jedoch gemeinsam mit seiner Frau und seinem Sohn die Genehmigung zum Verlassen der Sowjetunion erhielt, musste er gegenüber dem Komintern-Apparat die obligatorische Verschwiegenheitserklärung unterschreiben. Hier verpflichtete er sich, »nirgendwo und in keiner Weise irgendetwas über die Staats- und Parteigeheimnisse preiszugeben, die mir durch den Dienst bekannt geworden sind«, und »niemandem etwas über meine dienstlichen Treffen und Gespräche oder über Genossen zu erzählen, mit denen ich zusammengearbeitet habe oder denen ich bei der Arbeit begegnet bin«. Die Erklärung lautete weiter: »Ich weiß, dass ich aufs Schärfste zur Verantwortung gezogen werde, wenn ich die vorliegende Verpflichtung nicht erfülle. Ich weiß, dass ein Verstoß gegen diese Verpflichtung Verrat an der Arbeiterklasse mit allen Konsequenzen bedeutet.«

Bei der Heimkehr nach Dänemark nutzte Gottlieb Japsen seine Verlagserfahrung aus der Sowjetunion und trat eine Stelle als Redakteur beim größten dänischen Verlag Gyldendal an. Über seine weitere Parteiarbeit – der offizielle Grund für seine Rückberufung aus Moskau – gibt es keine klaren Erkenntnisse. Während der deutschen Besetzung Dänemarks engagierte er sich in der illegalen Pressearbeit der kommunistischen Widerstandsbewegung, wurde von der Gestapo verhaftet, überlebte den Krieg jedoch in einem dänischen Gefängnis. Später wurde Japsen ein anerkannter Historiker, Dr. phil. und Dozent an der Universität Aarhus. Er starb 1981. Zu diesem Zeitpunkt war er immer noch einfaches Mitglied der Dänischen Kommunistischen Partei.[30]

Sind die Schicksale von Schou und Japsen einmalig oder stehen sie stellvertretend für eine Tendenz? Stimmt es, dass der Großteil der Komintern-Kuriere nach beendeter Tätigkeit lediglich in die Reihen der einfachen Mitglieder der nationalen kommunistischen Parteien zurückkehrte und im Übrigen keine weitere Rolle in dem Geheimapparat spielte, der sie rekrutiert und in konspirativer Arbeit ausgebildet hatte? Ist es richtig, dass die einfachen Kuriere der OMS/S.S. im Gegensatz zu ihren Vorgesetzten nicht in nennenswertem Maß Opfer der Säuberungen während des »Großen Terrors« wurden? Um auf diese Fragen Antworten zu finden, muss den Schicksalen weiterer ausländischer Mitarbeiter des Apparats nachgespürt werden. Solange der Zugang zu russischen Archiven mit Material sowohl der OMS/S.S. als auch des NKWD weiterhin nicht gewährt wird, muss dafür auf andere Quellen zurückgegriffen werden, um Einblick in den Geheimapparat des Kommunismus zu gewinnen. Die MASK-Telegramme und die vielen tausend Personalakten aus dem Komintern-Archiv in Moskau eröffnen Möglichkeiten für weitere biografische Studien zu Kurieren der Komintern. Diese Quellen vermitteln neue Kenntnisse über die Akteure, die sich in einem Europa am Rande eines Krieges aus lauteren Motiven in den weltpolitischen Kampf stürzten.

Aus dem Dänischen übersetzt durch das Bundessprachenamt

 

Tabelle 1:

Geldkuriere 1936 zwischen Moskau und Verbindungspunkten der Komintern in Paris, Prag, Stockholm, Kopenhagen und Basel. Die Liste basiert auf sämtlichen abgefangenen Telegrammen des betreffenden Jahres sowie einer MASK-Übersicht über Kurieraktivitäten (HW17/37). Möglicherweise sind einige Schreibweisen von Kuriernamen falsch. Beispielsweise erwähnt Fridrich Firsov in seiner Darstellung die amerikanischen Kuriere Emma Richter und Isaiah Litvakov, die gegebenenfalls mit den Kurieren identisch sind, die im MASK-Material als »Edna Richter« und »Litvakova« erwähnt werden. 

 

 

Name

Staatsangehörigkeit

Entspricht

2015 EURO

 

 

 

Paris 1936

 

 

[Simon] Feldman

Amerikaner

 

[Simon] Feldman

Amerikaner

 

Gottlieb Japsen

Däne

 

Jenny Feldman

Amerikanerin

 

Edna Richter

Amerikanerin

 

Ellen Schou

Dänin

 

Simon Feldman

Amerikaner

 

Ida Cohen

Amerikanerin

 

Insgesamt

 

ca. 4,5 Mio.

 

 

 

Prag 1936

 

 

Ida Cohen

Amerikanerin

 

Winter

Deutsche/-r

 

Selma Klasse

?

 

Wooley

Brite/Britin

 

Sandberg (Frau)

Deutsche

 

Burke (Frau)

Amerikanerin

 

Taylor (Frau)

Britin

 

Okerlund

Schwede/-in

 

Feldman

Amerikaner/-in

 

Japsen

Däne

 

Wooley (Frau)

Britin

 

Insgesamt

 

ca. 1,3 Mio.

 

 

 

Stockholm 1936

 

 

Hill

Brite/Britin

 

Quint

Österreicher/-in

 

Anderson

Schwede/-in

 

Söderberg

Schwede/-in

 

Södermann

Schwede/-in

 

Södermann (Paul)

Schwede

 

Japsen

Däne

 

Okerlund (Mann)

Schwede

 

Blank

Schwede/-in

 

Anderson

Schwede/-in

 

Peterson

Schwede/-in

 

Litvakova

?

 

»Der/Die Amerikaner/-in«

Amerikaner/-in

 

Treier

Schwede/-in

 

Hill

Brite/Britin

 

Richter

Amerikaner/-in

 

Insgesamt

 

ca. 2,8 Mio.

 

 

 

Kopenhagen 1936

 

 

Wagner (Frau)

Schwedin

 

Karlson

Schwede/-in

 

Blank

Schwede/-in

 

Anderson

Schwede/-in

 

Anderson

Schwede/-in

 

Japsen

Däne

 

Winter

Deutsche/-r

 

Karlson (Frau)

Schwedin

 

Karlson

Schwede/-in

 

Richter

Amerikaner/in

 

Renshaw (Frau)

Britin

 

Anderson

Schwede/-in

 

Insgesamt

 

ca. 1,7 Mio.

 

 

 

Basel 1936

 

 

Urquart (Frau)

Britin

 

Eisenberg (Frau)

Amerikanerin

 

Bordasch (Frau)

Französin

 

Japsen

Däne

 

Insgesamt

 

ca. 1,2 Mio.

 

 

 

Dokumentierte Überweisungen an die fünf Städte im Jahr 1936 insgesamt

ca. 11,5 Mio.

 

 

Tabelle 2: Geldkuriere 1936 - Staatsangehörigkeit und Geschlecht

Staatsangehörigkeit

 

8 Schweden (2 Frauen, 2 Männer, bei 4 Personen ist das Geschlecht nicht bekannt)

 

6 Amerikaner (5 Frauen, 1 Mann)

 

5 Briten (4 Frauen, bei 1 Person ist das Geschlecht nicht bekannt)

 

2 Dänen (1 Frau, 1 Mann)

 

2 Deutsche (1 Frau, bei 1 Person ist das Geschlecht nicht bekannt)

 

1 Französin

 

1 Österreicher/in (Geschlecht nicht bekannt)

 

Selma Klasse (Staatsangehörigkeit nicht bekannt)

 

»Litvakova« (Staatsangehörigkeit nicht bekannt)

 

Geschlecht

 

Frauen

16

Männer

4

Nicht bekannt

7

Geldkuriere insgesamt

27

 


[1] Dieser Zweig der Komintern-Organisation wurde 1921 eingerichtet und hieß bis zum Jahr 1936 »Abteilung für Internationale Verbindungen« (Otdel mezhdunarodnoi svyazi, OMS), danach wurde der Name in »Verbindungsdienst« (Sluzhba svyazi, S.S.) geändert. Da sich der vorliegende Artikel auf den Zeitraum von 1934 bis 1937 konzentriert, wird für die Organisation die Bezeichnung OMS/S.S. verwendet.

[2] Zur Gruppe der Forscher gehörten Thomas Wegener Friis (Syddansk Universitet), Jesper Jørgensen (Arbejderbevægelsens Bibliotek og Arkiv), Chris Holmsted Larsen (Roskilde Universitet) und Morten Møller (Det Kongelige Bibliotek). Die vorläufigen Forschungsergebnisse der Gruppe wurden u.a. veröffentlicht in Jesper Jørgensen u.a. (Hg.): Komintern og de dansk-sovjetiske relationer [Die Komintern und die dänisch-sowjetischen Beziehungen], Kopenhagen 2012; sowie ders. u.a. (Hg.): Датские кадры Москвы в сталинское время. Избранные документы из личных дел датчан в архиве Коминтерна [Dänische Moskau-Kader in der Stalinzeit. Ausgewählte Dokumente aus den dänischen Personalakten im Archiv der Komintern], Kopenhagen 2014. Zur Anzahl der Personalakten im Archiv der Kaderabteilung siehe Svetlana Rosental: Danmark og danskere i Kominterns arkiv [Dänemark und die Dänen im Archiv der Komintern], in: Jørgensen u.a. (Hg.): Komintern og de dansk-sovjetiske relationer (s.o.).

[3] Siehe Materialverzeichnis in Morten Møller/Niels Erik Rosenfeldt: Koder, kapital og kurerer. Nye vinkler på Kominterns hemmelige apparat [Codes, Kapital und Kuriere. Neuer Blick auf den Geheimapparat der Komintern], in: Fund og Forskning, Bd. 53, Kopenhagen 2014, S. 340.

[4] Der Schweizer Historiker Peter Huber hat in seinem Werk die Organisation der OMS/S.S. – hauptsächlich mit dem Schwerpunkt auf Schweizer Kommunisten – untersucht und mehrere der zentralen Personen des Dienstes porträtiert. Siehe Peter Huber: Berta Zimmermann – eine Schweizer Kommunistin im Geheimapparat der Komintern, in: Hermann Weber u.a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1993, Berlin 1993, S. 261–275. Außerdem Peter Huber: Stalins Schatten in die Schweiz. Schweizer Kommunisten in Moskau. Verteidiger und Gefangene der Komintern, Zürich 1994, S. 28–37 und S. 257–274. Siehe auch ders.: The Cadre Department, the OMS and the ›Dimitrov‹ and ›Manuilsky‹ Secretariats during the Phase of Terror, in: Mikhail Narinsky/Jürgen Rojahn: Centre and Periphery – the History of the Comintern in the Light of New Documents, International Institute of Social History, Amsterdam 1996. Der russische Historiker Fridrich Firsov war durch Zugang zu Teilen des sonst verschlossenen Archivs des Dienstes auch in der Lage, die Methoden des Apparats zu analysieren, und hat Übersichten über mehrere der Mitarbeiter des Dienstes veröffentlicht. Siehe Fridrich Firsov: Sekretnyje kody istorii Kominterna 1919–1943 [Die Geschichte der Geheimcodes in der Komintern], Moskau 2007 sowie ders. u.a.: Secret Cables of the Comintern 1933–1943, New Haven/London 2014. Schließlich hat der dänische Historiker Niels Erik Rosenfeldt im Rahmen seiner langjährigen Forschungen zum Geheimapparat des Sowjetkommunismus die Arbeit der OMS/S.S. ausführlich behandelt. Siehe vor allem Niels Erik Rosenfeldt: The ›Special‹ World. Stalin’s power apparatus and the Soviet system’s secret structures of communication, Kopenhagen 2009, Bd. 2, S. 220–308.

[5] Siehe Nigel West: MASK. MI’5’s Penetration of the Communist Party of Great Britain, London 2006, S. 1 f.; Barry McLoughlin u.a.: Kommunismus in Österreich 1918–1938, Wien 2009, S. 394; Rosenfeldt: The ›Special‹ World (Anm. 4), S. 239; Møller/Rosenfeldt: Koder, kapital og kurerer (Anm. 3), S. 287 f. Der britische Nachrichtendienst hatte bereits 1930 in kleinerem Umfang mit dem Abhören des Funkverkehrs der Komintern begonnen, doch deckte dies nur einzelne Großstädte wie London, Stockholm und Berlin ab. Siehe das entsprechende Material in: Comintern messages, HW17/69-81, The National Archives, Kew, Großbritannien.

[6] Kopien des Materials finden sich außerdem in der Bibliothek des National Cryptologic Museum in den USA und wie erwähnt auch in der Königlichen Bibliothek in Kopenhagen.

[7] Die Korrespondenz zwischen Moskau und Amsterdam war zum Zeitpunkt der Kopienerstellung nicht zugänglich.

[8] Siehe Møller/Rosenfeldt: Koder, kapital og kurerer (Anm. 3), S. 303.

[9] Zu Geldtransfers der Komintern in dieser Zeit siehe auch Firsov: Sekretnyje kody istorii Kominterna 1919–1943 (Anm. 4), S. 38 ff. Fridrich Firsov hatte Zugang zum OMS/S.S.-Archiv im RGASPI (Russisches Staatsarchiv für soziale und politische Geschichte) (f. 495, op. 184) und erwähnt u.a. auf S. 41 mehrere Überweisungen nach Paris im Frühjahr 1936, die aus dem MASK-Material nicht hervorgehen. Diese Überweisungen sind in Tabelle 1 nicht erwähnt, die nur die MASK-Telegramme einbezieht; die Überweisungen unterstreichen jedoch, dass MASK kein vollständiges Bild der zugeführten Mittel gibt. Wie Firsov feststellt, haben die Geldüberweisungen aus Moskau in den 1930er Jahren offensichtlich auch außerhalb des Kurierdienstes der OMS/S.S. stattgefunden – u.a. über sowjetische Nachrichtenorgane im Ausland –, jedoch ist der Umfang dieser Überweisungen zum jetzigen Zeitpunkt schwer zu beziffern.

[10] Siehe Møller/Rosenfeldt: Koder, kapital og kurerer (Anm. 3), S. 304 ff. Die fünf ausgewählten Städte spielten insgesamt eine dominierende Rolle für die Geldverteilung im größten Teil Europas. Der Verbindungspunkt in Kopenhagen versorgte somit nicht nur die Dänische Kommunistische Partei, sondern überwies insbesondere auch die notwendigen Mittel an die illegalen polnischen und estnischen kommunistischen Parteien, deren illegale Parteiführungen sich u.a. in Kopenhagen aufhielten. Der Verbindungspunkt in Stockholm war für Geldüberweisungen sowohl an die schwedische als auch die norwegische und die britische kommunistische Partei zuständig. Paris kümmerte sich um Frankreich und das Nachbarland Spanien. Prag hatte die Tschechoslowakei, Österreich, Teile der illegalen Deutschen Kommunistischen Partei und mehrere der übrigen osteuropäischen Parteien unter sich, während Basel – über Geldlieferungen an die Schweizer Kommunisten hinaus – wahrscheinlich auch für Geldflüsse zu Kommunisten weiter im Süden zuständig war.

[11] Zur Konzentration männlicher Mitglieder in der Dänischen Kommunistischen Partei siehe Parteiübersicht des dänischen Kominternmitarbeiters Georg Moltke, 26.4.1940, abgedruckt in Hans Kirchhoff/Aage Trommer (Hg.): Vor Kamp vil vokse og styrkes [Unser Kampf wird wachsen und Stärkung erfahren], Kopenhagen 2001, S. 129.

[12] Siehe Morten Møller: Ellen og Adam – en fortælling om kærlighed og terror i Stalins Moskva [Ellen und Adam – eine Erzählung von Liebe und Terror in Stalins Moskau], Kopenhagen 2014, S. 87 ff. VEGAAR war die Abkürzung für »Verlagsgenossenschaft ausländischer Arbeiter in der UdSSR«. 1938 änderte sich der Name in »Verlag für fremdsprachige Literatur«. Siehe Simone Barck u.a. (Hg.): Lexikon sozialistischer Literatur, Stuttgart 1994, S. 487 f.

[13] Gottlieb Japsens Autobiografie, Herbst 1935, Japsens Personalakte, Arbejderbevægelsens Bibliotek og Arkiv/Bibliothek und Archiv der Arbeiterbewegung, Kopenhagen, Sign. 495-208-264.

[14] Siehe Møller: Ellen og Adam (Anm. 12), S. 26–32 und S. 56–64.

[15] MASK, Det Kongelige Bibliotek/Die Königliche Bibliothek, HW17/10: 4.12.1935.

[16] Schreiben von Chernomordik an »Rylskij« (Deckname des polnischen OMS/S.S.-Mitarbeiters Jan Ljubinetskij), 10.12.1935, Personalakte von Ellen Schou, Arbejderbevægelsens Bibliotek og Arkiv, Kopenhagen, Sign. 495-208-266.

[17] MASK, Det Kongelige Bibliotek, HW17/6: 11.12 und 24.12.1935. Siehe auch Møller: Ellen og Adam (Anm. 12), S. 130 ff.

[18] Siehe MASK, Det Kongelige Bibliotek, HW17/37: Dokument 141.

[19] Siehe Briefe von Ellen Schou an ihre Eltern in Dänemark 1936/37, Privatbesitz.

[20] Siehe diverse Dokumente, Frühjahr 1937, Ellen Schous Personalakte, Arbejderbevægelsens Bibliotek og Arkiv, Kopenhagen, Sign. 495-208-266.

[21] Diverse Reiseberichte und mit »Geheim«-Stempel versehenes Schreiben an den Leiter der NKWD-Auslandssektion Abram Slutsky, 19.1.1937, Gottlieb Japsens Personalakte, Arbejderbevægelsens Bibliotek og Arkiv, Kopenhagen, Sign. 495-208-264.

[22] MASK, Det Kongelige Bibliotek, HW17/11: 26.5.1936.

[23] MASK, Det Kongelige Bibliotek, HW17/31: 15.7.1936.

[24] Siehe MASK, Det Kongelige Bibliotek, HW17/14: 4.8.1936. In diesem Fall ist die Währung nicht im Telegramm angegeben, doch ist aller Wahrscheinlichkeit nach von französischen Francs die Rede.

[25] Siehe MASK, Det Kongelige Bibliotek, HW17/8: 3.10 und 10.11.1936. Zu Japsens Reise nach Stockholm, siehe MASK, HW17/31: 17.1.1937.

[26] Siehe u.a. William J. Chase: Enemies Within the Gates? The Comintern and the Stalinist Repression 1934–39, Yale 2001.

[27] Siehe diverse Dokumente, 1936/37, Ellen Schous Personalakte, Arbejderbevægelsens Bibliotek og Arkiv, Kopenhagen, Sign. 495-208-266.

[28] Siehe Møller: Ellen og Adam (Anm. 12), S. 218–222.

[29] Diverse Dokumente aus dem Leben und dem privaten Nachlass Ellen Schous befinden sich im Besitz von Ellen Schous Tochter Gerd Egede-Nissen.

[30] Siehe diverse Dokumente in Gottlieb Japsens Personalakte, Arbejderbevægelsens Bibliotek og Arkiv, Kopenhagen, Sign. 495-208-264. Außerdem Porträt Japsens in »Dansk Biografisk Leksikon«, unter www.denstoredanske.dk/Dansk_Biografisk_Leksikon/Historie/Historiker/Gottlieb_Japsen, ges. am 23. November 2015.

Inhalt – JHK 2016

Kurzbiografie

Abstract

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