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Konspiration als Selbst- und Fremdtäuschung. Das Netzwerk »Neu Beginnen« vor und nach 1945

JHK 2016 | Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung | Seite 149–162 | Metropol Verlag

Autor/in: Tobias Kühne

Zu den vielen linken Organisationen und Gruppen, die unter konspirativen Bedingungen Widerstand gegen den Nationalsozialismus leisteten, gehörte auch »Neu Beginnen«. Eine Besonderheit dieses Netzwerks liegt jedoch darin, dass die Beteiligten schon vor 1933 und auch nach 1945 konspirativ arbeiteten. Geheimhaltung war bei Neu Beginnen nicht nur eine organisatorische Notwendigkeit angesichts des nationalsozialistischen Verfolgungsdrucks, sondern vielmehr Teil der kollektiven und persönlichen Identität ihrer Mitglieder.

Ende des Jahres 1960 traf ein Informant der Sozialistischen Aktion (SDA, 1948 gegründet als Sozialdemokratische Aktion),[1] eine von der SED-Bezirksleitung Berlin gesteuerte sozialdemokratische »Oppositionsgruppe«, den Berliner Gewerkschaftsfunktionär Georg Müller, laut Bericht bekannt als »UGO-Müller«, und horchte ihn aus. Ziel des Gesprächs war es, die Stimmung in der Berliner SPD auszuloten und unzufriedene Parteimitglieder für eine innerparteiliche Opposition gegen den Regierenden Bürgermeister Willy Brandt zu gewinnen. Aber Müller hatte offenbar keine große Neigung mehr, sich parteipolitisch zu engagieren: »Heute ist das verwirklicht, wofür wir seit 1945 gekämpft haben, was soll deshalb noch eine große Aktivität in der Partei.« Damit aber gab sich der Informant nicht zufrieden und hakte nach. Ob er, Müller, denn mit der Politik Willy Brandts zufrieden sei? Antwort: »Im großen und ganzen ja«, aber das wäre nun auch nicht mehr sein Problem, »ich verdiene gut und fahre ab und zu in den Grunewald, bewundere die Natur und spiele Mundharmonika«.[2]

Dem Mitarbeiter der SDA war offenkundig nicht bewusst, dass er es mit einem der unerbittlichsten Antikommunisten in der Berliner SPD zu tun hatte. Gleichzeitig zeigte sein in konspirativen Techniken geschultes Gegenüber keine Neigung, sich zu erkennen zu geben. Georg Müller hatte als Betriebssekretär der Berliner SPD und Funktionär des FDGB maßgeblich an der Gründung der Unabhängigen Gewerkschaftsopposition/-organisation (UGO) mitgewirkt. Intern galt er sogar als »der eigentliche Schöpfer der UGO«.[3] Noch weniger bekannt war allerdings, dass Georg Müller bei der Abspaltung keineswegs als Einzelperson gehandelt hatte. In der Auseinandersetzung im Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) seien es, so die zeitgenössische Beobachterin Rita Sprengel, »gerade die Neubeginnenleute (auch Georg Müller), die alles tun, was in ihren Kräften steht, um die Spaltung [des FDGB] zur Wirklichkeit werden zu lassen«.[4] Dass dieser Sachverhalt bis heute kaum bekannt ist, liegt auch darin begründet, dass Georg Müller in der maßgeblichen Darstellung zur Geschichte der UGO nahezu unerwähnt bleibt.[5] Rückblickend betrachtet ist dies kaum verwunderlich, wurde das Buch doch von Otto Sperling geschrieben, einem Freund Georg Müllers. Wie Müller war Sperling in der Weimarer Republik politisch in der KPD aktiv und ebenfalls Mitglied von Neu Beginnen, in der Anfangszeit schlicht als Org bezeichnet.

Die Akteure von Neu Beginnen hatten auch nach 1945 gute Gründe, ihre Spuren zu verwischen und einen Schleier der Anonymität über das Netzwerk zu legen. Unter dem Regiment Kurt Schumachers waren innerparteiliche Fraktionsbildungen unerwünscht, insbesondere wenn diese noch aus den 1930er Jahren oder der Zeit im Exil herrührten. »Selbstverständlich«, so schrieb der im Exil von Neu Beginnen angeworbene Erwin Schoettle an Fritz Erler, »ist eine Fühlungnahme und ein Gedankenaustausch zwischen den alten Freunden immer wünschenswert, dagegen scheint es mir nicht erwünscht zu sein, irgend etwas zu tun, was den Eindruck der Fraktionsbildung erwecken könnte«.[6] Hinzu kam, dass prominente Genossen mit Neu-Beginnen-Hintergrund wie Schoettle und Waldemar von Knoeringen wegen ihrer politischen Arbeit im Exil sowohl von der SED als auch von Rechtsradikalen in Westdeutschland heftig angegriffen wurden. »Knoeringen und Schöttle«, so wurde es im Neuen Deutschland verbreitet, »schickten Lockspitzel in deutsche Kriegsgefangenenlager in England und in Nordafrika mit dem Auftrag, deutsche Antifaschisten ausfindig zu machen, die dann in besonders abgelegene Lager, zum Teil auch ausgesprochene SS-Lager, geschickt wurden, wo sie dem Terror faschistisch gesinnter Lagerleitungen ausgeliefert waren.«[7] Ein Funktionär der Deutschen Reichspartei hingegen hatte behauptet, Knoeringen und Schoettle hätten »als Agenten im Auftrage des englischen Geheimdienstes« gewirkt und seien »als Umerzieher im Auftrage der Siegermächte in die Heimat zurückgekehrt«. Beide hätten »deutsche Soldaten für die Pflichterfüllung an der Front ins Gefängnis« stecken wollen.[8]

Gerade weil so wenig über Neu Beginnen bekannt war, blieb Raum für Spekulationen bis hin zu Verschwörungstheorien. Ein groteskes Bild zeichnete der kommunistische Renegat William Schlamm 1972 in der Zeitschrift Zeitbühne: »Einige dieser Leute, wie Fritz Erler und Willy Brandt [sic], rückten bald in die Parteispitze vor […]. In recht genauer Kenntnis der Tatsache schätze ich, daß ein Viertel des deutschen ›Establishments‹ – Staatsapparat, Presse, Rundfunk, Universitäten, politische Parteien – das Erbgut von ›Neu Beginnen‹ geworden ist.«[9]

 

Konspiration als Selbst- und Fremdtäuschung

In Demokratien mit ihren weitgehend transparenten Strukturen ist Konspiration, verstanden als »Zusammenarbeit mehrerer Personen unter einheitlicher Zielsetzung und bewusster Ausschaltung fremden und öffentlichen Einblicks«,[10] sofern es sich um legale Gruppen handelt, obsolet. In Diktaturen hingegen ist Konspiration für Oppositionsgruppen eine schlichte Notwendigkeit und Überlebensstrategie, selbst die Sicherheitsinstanzen in Diktaturen arbeiten mit konspirativen Methoden.

Die Vorstellung von straff organisierten und einheitlich handelnden konspirativen Organisationen entspringt allerdings häufig mehr der Selbst- und Fremdwahrnehmung der handelnden Akteure als der Wirklichkeit. Die einzelnen Konspirateure verfügen über ein hohes Maß an Autonomie und Entscheidungsspielraum, da Konspiration als stabiler sozialer Raum faktisch nicht existieren kann. Konspirative Zusammenhänge sind umso erfolgreicher und konsistenter, je stärker sie durch Vertrauen oder sogar Freundschaft zusammengehalten werden. So sollte in diesem Kontext auch weniger von konspirativen Organisationen als von Netzwerken gesprochen werden.[11]

Das Nebeneinander von Vertrauen und Misstrauen, von Organisation und Autonomie führt in konspirativen Netzwerken zu zwei Erscheinungen. Erstens entsteht für die Beteiligten aufgrund der permanenten Rollenwechsel ein hohes Maß an psychosozialer Belastung. Die strikte Trennung unterschiedlicher Identitäten ist in der Realität kaum durchzuhalten und gefährdet die konspirative Arbeit selbst. Ein Mitglied von Neu Beginnen beschrieb dieses Problem am Beispiel zwischenmenschlicher Beziehungen: »One had to do with the girlfriend of an Org member who tried to use her knowledge of his activities to hold him when he wanted to terminate their relationship. Another dealt with a new friend of a female Org member, who wanted her to drop all political work and used some dark threats in case she refused.« Aber auch Beziehungen unter den Mitgliedern des Netzwerkes waren risikobehaftet, denn viele »Org members were rather firmly paired, and regrouping within the organization often involved deep anguish, and sometimes severe depression«.[12] Schlussendlich sind konspirative Zusammenhänge für die Beteiligten mindestens genauso verwirrend wie für Außenstehende. Zwei Mitglieder von Neu Beginnen, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit der SED angehörten und später in den Westen flüchteten, fühlten sich, so berichtete es ein Freund, »in ihrer eigenen Haut nicht wohl und sind Gefangene ihrer eigenen Konspiration geworden«.[13]

Zweitens neigen konspirative Netzwerke zur Selbstüberschätzung, denn aufgrund der Geheimhaltung können »Erfolge« kaum verifiziert werden und Verbindungen oder Informationskanäle erscheinen häufig stabiler und breiter, als sie es in Wirklichkeit sind. So kam es etwa 1937 zu einer Zusammenarbeit zwischen Neu Beginnen und der Widerstandsgruppe »Deutsche Volksfront«. Die Akteure beider Seiten waren noch viele Jahre später davon überzeugt, die jeweils andere Gruppe »übernommen« zu haben. »Die Darstellung der Entstehung der Gruppe ›Neu Beginnen‹ und ihr Verhältnis zur Deutschen Volksfront in Berlin trifft nicht zu«, so Fritz Erler an Hermann Brill von der Deutschen Volksfront, als dieser auf seine Rolle als Mentor des Inlandsleiters von Neu Beginnen hinwies. »Ich darf Dir versichern, dass der Einfluss unseres Menschenkreises weit über den Rahmen der Deutschen Volksfront hinausging.«[14]

Konspiration ist also nicht nur hinsichtlich ihrer jeweiligen Organisationstechnik und politischen Auswirkungen von Interesse, sondern insbesondere auch mit Blick auf ihre innere Dynamik, Kohäsion und Selbstdeutung.

 

Gründung und Aufbau der Org 1929–1933

Im Jahr 1929 gründete der Kommunist Walter Loewenheim (»Miles«) eine zunächst namenlose konspirative Organisation in Berlin, intern als Org bezeichnet.[15] Die beiden großen Arbeiterparteien, so Loewenheim 1931, hätten auf ganzer Linie versagt. Die SPD könne nur noch »in kapitalistischen Formen […] denken«. Jede Maßnahme »zur Erschütterung des kapitalistischen Systems« und zur Förderung des »revolutionären Emanzipationskampf[es] des Proletariats« würde abgelehnt, damit sei sie »in einen unüberbrückbaren Gegensatz zu den allgemeinen Klassen- und den offensichtlich unmittelbaren Wirtschaftsinteressen ihrer eigenen Mitglieder« geraten. Die KPD hingegen sehe »die Welt stets durch die Brille ihrer eigenen subjektiven Vorstellungen, Dogmen, Theorien und neigt daher dazu, ihre eigenen Handlungen mit denen der Masse zu verwechseln«. Damit isoliere sie sich von großen Teilen des Proletariats. Es sei ein »SPD-KPD-System« entstanden, in dem die Antagonisten die Spaltung und Schwächung der Arbeiterbewegung immer weiter vorantrieben. Dieses System, so Loewenheim weitsichtig, könne »z.B. durch eine weiße Diktatur« gänzlich vernichtet werden. Aufgabe der Org sei es nun, in beiden Parteien konspirativ tätig zu werden und schließlich eine »Verschmelzung beider Parteien auf möglichst klarer, marxistischer, proletarisch-revolutionärer Grundlage« zu erreichen.[16]

Bis etwa 1931 stieg die Zahl der Mitglieder nur langsam auf rund vierzig »Proselyten« an,[17] aber unter enttäuschten Kommunisten mit gewerkschaftlichem Hintergrund und Mitgliedern linker Jugendverbände gab es doch Mobilisierungspotenzial. Der größte Erfolg gelang Walter Loewenheim 1932, als nahezu die gesamte Führung der Berliner Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) für die Org gewonnen werden konnte.[18] Zu diesem »Siebenerkopf« gehörten neben dem späteren Vorsitzenden der sozialdemokratischen Bundestagsfraktion Fritz Erler noch einige Funktionäre, die nach 1945 eine wichtige Rolle in der Berliner SPD spielen sollten: die Landessekretäre Theo Thiele und Eberhard Hesse, der früh verstorbene politische Sekretär Kurt Schmidt und schließlich der Bundestagsabgeordnete und Landesvorsitzende Kurt Mattick.

Darüber, wie die Anwerbung von Mitgliedern erfolgte, die »Fall-Bearbeitung« des »Menschenmaterials«, wie Walter Loewenheim es nannte,[19] gab ein Anhänger später Auskunft: »Mitglieder wurden nach bestimmten Prinzipien ›anvisiert‹, d.h. begutachtet und Kontakt mit ihnen aufgenommen. Wenn sie tauglich schienen, wurden sie in einen sogenannten F-Kurs […] aufgenommen und erhielten dort das Loewenheimische Konzept vorgetragen. Durch Unterhaltungen mit ihnen wurde festgestellt, wie weit sie für die Organisationszugehörigkeit in Frage kamen.«[20] Wer sich dieser mehrwöchigen Schulung und Begutachtung erfolgreich unterzog, wurde schließlich als Kadermitglied inauguriert. Dabei war die Org autoritär organisiert und ganz auf den charismatischen Loewenheim zugeschnitten. »Ein wirklicher Revolutionär hat kein Privatleben. Das heißt, er muß sein persönliches Leben völlig der revolutionären Arbeit unterordnen […]. Die Menschen, die zu uns kommen, sind noch keine solchen Revolutionäre, sie sollen erst in der Org dazu erzogen werden.«[21] Letztlich kann man die Leitung der Org als Konspiration in der Konspiration selbst bezeichnen, wie z.B. an der internen Psychoanalyse-Debatte gezeigt werden kann, in der ein Mitglied mit eigenen Ansichten gezielt isoliert wurde.[22]

Wirklich aktiv wurde die Org erst während des »Berliner Jugendkonflikts«, der im April 1933 zwischen den Führungen der Berliner SPD und der SAJ ausgetragen wurde. Schon nach dem »Preußenschlag« von 1932 hatte die Berliner SAJ auf Weisung Walter Loewenheims Vorbereitungen für den Gang in die Illegalität getroffen: »Ihr müßt Euch auch in der SAJ auf ein Verbot und die Illegalität vorbereiten. Du, Erich,[23] mußt die Leitung übernehmen, aber scharf in Deinem Kopf die Doppelrolle als Leiter der legalen Organisation und der illegalen Kader trennen. Im Prinzip sind wir gegen eine solche Funktionsidentität, doch deiner intimen Personenkenntnisse wegen müssen wir eine Ausnahme machen.«[24] Etwa zur Reichstagswahl vom 5. März 1933 waren die Vorbereitungen abgeschlossen: »Im März wurde schließlich der alte Gruppenbetrieb in den offiziellen Jugendheimen gänzlich eingestellt. Das Jugendsekretariat war nur noch eine Attrappe; alles wertvolle Material war sichergestellt, die der Jugend gehörenden Gelder in Höhe von 13 000 Mark waren unter Decknamen auf einer Staatsbank deponiert.«[25]

Diese Aktivitäten wurden von der SPD-Führung jedoch massiv bekämpft. Noch am 5. April 1933 drohte ein Parteifunktionär dem SAJ-Vorsitzenden damit, man würde ihn bei Nichtablieferung der versteckten Gelder »aus der Partei ausschließen und den Ausschlußgrund der Öffentlichkeit unterbreiten«.[26] Der Berliner Parteivorsitzende drohte mit einer Strafanzeige, was der Auslieferung seiner Genossen an den nationalsozialistischen Terrorapparat gleichkam. Der Jugendkonflikt sollte als Hebel für die Übernahme der gesamten SAJ und von Teilen der bald darauf in die Illegalität abgedrängten SPD durch die Org benutzt werden.[27] »Der leer gewordene Mantel der SPD«[28] sollte sich für Walter Loewenheim und seine Freunde allerdings nicht nur 1933, sondern auch in den folgenden Jahren und Jahrzehnten immer als zu groß erweisen.

Schließlich fand am 10. April eine gemeinsame Sitzung der Kontrahenten statt, ohne dass der Konflikt zwischen Partei und Berliner Jugendorganisation gelöst werden konnte. Da die Jugendfunktionäre nach wie vor nicht bereit waren, die illegale Arbeit einzustellen, verließ eine übergroße Mehrheit von ihnen am Ende einer turbulenten Sitzung den Saal, tags darauf wurden etliche, darunter auch die wichtigsten von Neu Beginnen erfassten Funktionäre, aus der SPD ausgeschlossen.

 

Im Widerstand und Exil 1933–1945

Im September 1933 richtete sich die Org mit der in Prag gedruckten, namensgebenden Schrift Neu Beginnen! Faschismus oder Sozialismus[29] erstmals an die Öffentlichkeit. Die von Walter Loewenheim verfasste Broschüre ist sowohl hinsichtlich ihrer inhaltlichen Tiefe als auch ihrer Breitenwirkung in der Geschichtsschreibung überschätzt worden. Dies nicht zuletzt, wie noch gezeigt wird, weil Mitglieder von Neu Beginnen vereinzelt Einfluss auf die Geschichtsschreibung zu nehmen versuchten. Die Schrift bestach zwar durch eine schonungslose Lageanalyse und Kritik an der Arbeiterbewegung, ebenso vermittelte sie eine kämpferische und revolutionäre Zukunftsperspektive, eine gänzlich neue und überlegene Faschismusanalyse lieferte sie aber eher nicht. Vielmehr knüpfte Loewenheim an August Thalheimers Faschismustheorie an,[30] wenn er davon ausging, dass vor allem mittelständische und kleinbürgerliche Kreise nach dem Diktator gerufen hätten, »um mit den bürgerlich-demokratischen Freiheiten, die nach ihrer Ansicht eine Lösung des gordischen Knotens verhindern, eine vermeintliche Ursache ihres Leidens zu vernichten«.[31] Mit seiner Analyse, dass der Aufstieg des Faschismus etwas mit dem »Eintritt der weltkapitalistischen Entwicklung in ihre Niedergangsperiode« zu tun habe, ging er jedoch wieder hinter Thalheimers Ansatz zurück.[32]

Es war bei Walter Loewenheim gerade nicht so, wie etwa Kurt Klotzbach annimmt, dass er »dem in der sozialistischen Bewegung seit vielen Jahrzehnten überlieferten Determinismusdenken, dem Glauben an die Zwangsläufigkeit der siegreichen proletarischen Revolution, eine deutliche Absage« erteilte.[33] Vielmehr sei nach dem Ende des Kapitalismus die »Umgestaltung der politischen Staatsorganisation der kapitalistischen Staaten zum zentralistischen Parteistaat […] auf die Dauer unvermeidlich, ob diese ›Parteistaaten‹ aber faschistisch oder sozialistisch sein werden […], diese Entscheidung ist in die Hand der sozialistischen Parteien der Welt gelegt«.[34] Dass Loewenheim den Faschismus letztlich für eine realisierbare und die einzig mögliche Alternative zum Sozialismus hielt, macht die Besonderheit seiner Faschismustheorie aus.

Wie immer man die Analysen von Neu Beginnen bewerten mag, in ihrer Widerstandsarbeit gegen den Nationalsozialismus war die Gruppe zunächst erfolgreich. Ihre konspirative Struktur und Technik mit Decknamen, isolierten Fünfergruppen und geheimen, wechselnden Treffpunkten hatte sich bewährt. Neu Beginnen unterließ spektakuläre Aktionen, von Berlin aus wurden in erster Linie Verbindungen ins Reich und vor allem ins Exil auf- und ausgebaut, insbesondere um das Ausland und die Exilorganisation mit Lageberichten zu versorgen.[35] Mit der Gründung des Auslandsbüros von Neu Beginnen in Prag wurde Karl Frank alias Paul Hagen beauftragt – eine schillernde Persönlichkeit. Schon der Titel seiner Dissertation ist vielsagend: Beiträge zur Psychologie der Lüge. Frank war, wie ein Freund ironisch schrieb, »an extremely complex person«.[36]

1919 schloss sich Karl Frank in Wien der KPÖ an und arbeitete später als Journalist für die KPD in Berlin. Dort organisierte er 1928 unter anderem im Vorfeld einer Rundfunkdiskussion zum »Panzerkreuzer A« die Entführung eines sozialdemokratischen Teilnehmers, sodass der kommunistische Diskutant der Sendung freie Bahn hatte.[37] Ein Jahr später gehörte er zu den ersten Mitgliedern der Org, die über den Gründungskreis hinaus angeworben wurden. Mit dem Aufbau des Auslandsbüros wurde Frank vor allem deswegen betraut, weil man den umtriebigen Genossen in Berlin loswerden wollte. Im Jahr 1935 gehörte er dann zu denjenigen, die die Spaltung von Neu Beginnen betrieben.

Die zahlreichen konspirativen Aktivitäten und Verbindungen von Neu Beginnen im In- und Ausland hätten beinahe zu einer Auflösung der Organisationsstruktur geführt. In den Jahren 1934/35 war Neu Beginnen »zu einem eng verfilzten Knäuel geworden, in dem alle Fäden sich kreuzten und wild durcheinander liefen«.[38] Oder wie Walter Loewenheim meinte: »ein ›demokratischer Sauhaufen‹«.[39] Darüber hinaus hatten die konspirativen Aktivitäten in Prag, der Versuch der Durchdringung des Exilvorstands der SPD (Sopade) und Überlegungen über den Aufbau einer Volksfront zu einer massiven Verschlechterung des Verhältnisses zur Sopade geführt,[40] auf deren Ressourcen und Verbindungen auch Neu Beginnen angewiesen war. In dieser kritischen Situation begann Walter Loewenheim mit der Planung einer Leitungsverlegung ins Ausland, die letztlich nahezu die Aufgabe der Inlandstätigkeit bedeutet hätte. Diese Entscheidung war schlüssig und realistisch, aber nur schwer zu begründen, wie Loewenheim selbst erkannte: »Daß die Klassenentwicklung in Deutschland nicht so ging, wie wir es uns gedacht hatten, wurde uns schon um die Jahreswende 1933/1934 immer klarer und fand in den Thesen vom Mai 1934 bereits theoretischen Ausdruck. Aber man war sich über den provisorischen Charakter dieser Thesen völlig klar.«[41] Jan Foitzik hebt zu Recht hervor, dass »die Radikalität der Thesen […] die elitäre Illusionslosigkeit ahnen [lässt], die von den Illegalen in ihrem realen Alltagsbezug als Bedrohung der politischen und psycho-sozialen Identität empfunden werden mußte«.[42]

In dieser Situation formierte sich eine oppositionelle Gruppe um den bereits genannten Karl Frank, der auch die ehemaligen KPD-Mitglieder Werner Peuke und Richard Löwenthal angehörten. »Wir warben«, so beschrieb es später Richard Löwenthal, »unsere Anhänger auch wieder streng konspirativ – Konspiration innerhalb der Konspiration –, und es kam dazu, daß wir die Leitung Ende Juni 1935 absetzten«.[43] Kurz nach der Spaltung mussten aber beide konkurrierenden Gruppen ihre Aktivitäten ins Exil verlegen. Letztlich provozierten die genannten Ereignisse Verwerfungen zwischen der alten Leitung um Walter Loewenheim und der neuen um Richard Löwenthal und Karl Frank, welche die Geschichte von Neu Beginnen bis zu ihrem Ende prägen sollten.

Nach 1935 wurden die in Deutschland verbliebenen Zellen von Neu Beginnen aufgrund konspirativer Nachlässigkeiten von der Gestapo teilweise zerschlagen, anschließend wieder aufgebaut und neu vernetzt.[44] Aber dank der über Jahre geleisteten konspirativen Arbeit konnte die Gestapo Neu Beginnen nie vollständig aufrollen, und die verhafteten Mitglieder wurden häufig, da auch der Umfang ihrer Widerstandsarbeit unklar blieb, zu vergleichsweise milden Haftstrafen verurteilt. Über die Aktivitäten der einzelnen Zellen nach 1938 ist wenig bekannt, aber noch Anfang 1941 konnte die Berliner Organisation eine Nachricht über Japan an die Auslandsorganisation schicken und vermelden, dass man »weiterarbeitet und eine Reihe Provinzverbindungen aufrechterhaelt«.[45]

Es sind auch zwei Fälle überliefert, in denen Mitglieder ihre konspirative Arbeit unter ungewöhnlichen Bedingungen fortführten. Der bereits genannte Werner Peuke wurde 1936 verhaftet und in das KZ Sachsenhausen eingeliefert. Dort baute er eine exakte Kopie von Neu Beginnen auf: »Unsere NB-Leitung bestand aus 4 Genossen, drei ehm. Spitzenfunktionären der KPD u einem SPD-Funktionär aus Hamburg. Die Diskussionsgruppe bestand aus 6 Gen. davon 3 ehm. KPD u 3 ehm. SPD-Funktionären. Die Verbindungs-Vertrauensleute von uns betrugen etwa 15–20 NB-Anhänger. Die Gesamtgruppe bestand aus etwa 60–80 Kumpels, alles Träger des ›Roten Winkel‹.«[46] Bis auf Werner Peuke und Karl Elgaß, einen früheren Reichstagsabgeordneten der KPD und nach 1945 Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin für die SPD, scheint niemand aus der Gruppe die Haft oder den Krieg überlebt zu haben. Ein weiteres Beispiel ist Eberhard Hesse. Er wurde zur Wehrmacht eingezogen und mit seiner Einheit an die Ostfront verlegt. Von dort aus hielt er brieflich Kontakt zu Kurt Mattick und Theo Thiele und spornte sie zu weiteren Widerstandsaktivitäten an. Darüber hinaus begann er zusammen mit einem anderen ehemaligen SAJ-Funktionär, innerhalb seiner Einheit agitatorisch tätig zu werden: »Wir bemühten uns in den späteren Jahren des Krieges, in Kreisen unserer Kameraden agitatorisch und aufklärend zu wirken. Zeitweilig war es uns möglich, im Rundfunk Auslands-Nachrichten abzuhören und diese zu verbreiten.« Schließlich gelang es der mittlerweile auf rund zehn Mann angewachsenen Gruppe »am 16.4.1945, die gesamte Batterie, von einigen Ausnahmen abgesehen, zur Übergabe zu bewegen und weiteres Blutvergießen zu verhindern«.[47] Selbst in der russischen Kriegsgefangenschaft führte Hesse seine konspirative Arbeit fort. »Dass ich dem Straflager entgangen bin«, so umschrieb er später sein konspiratives Naturell, »verdanke ich der politischen Wendigkeit und der Fähigkeit fraktionell zu arbeiten, die ja nicht meinem hohlen Bauch entsprungen sind«.[48]

Die Genossen im Exil gingen im Prinzip drei unterschiedliche Wege. Richard Löwenthal, Erwin Schoettle und Waldemar von Knoeringen näherten sich in London wieder der Sopade an, bis sie schließlich als Gruppe in der SPD aufgingen. Karl Frank baute eine Auslandsorganisation in New York auf und machte sich durch seine konspirativen Neigungen fast überall Feinde. Seine Kontrahentin Ruth Fischer wähnte sich in einem »Guerillakrieg gegen eine so schädliche und üble Figur wie Hagen [d.i. Karl Frank]«, dieser aber habe das Talent, »um sich lauter Leute zu sammeln, denen er an Manövrierkunst hundertfach überlegen ist«.[49] Ende der 1940er Jahre war Frank politisch vollständig isoliert und zog sich auf seine Tätigkeit als Psychoanalytiker zurück. Walter Loewenheim und seine Getreuen schließlich zogen in London einen Kreis nach altem Muster auf: »Die Gebrüder Menz, Schleiter, Rahmer, Jakubowicz, Gertrud (Weigels Frau) sind alle hier und halten ihren Kreis aufrecht, streng ›konspirativ‹ natürlich. Sie sind alle seit Jahren in der SP[D], haben aber keinen Einfluss.«[50]

 

Politische Arbeit in Berlin nach 1945

Jene Mitglieder von Neu Beginnen, die den Krieg in Berlin überlebt hatten oder aus den Konzentrationslagern und Zuchthäusern zurückgekehrt waren, begannen sich sofort nach Kriegsende wieder als konspiratives Netzwerk zu organisieren und Kontakte ins Exil aufzunehmen. Sie traten sowohl der SPD und der KPD bei und gründeten eine »Arbeitsgemeinschaft«, mit der zeitweilig auch Robert Havemann in Verbindung stand.[51] Zum engeren Leitungskreis dieser rund 30 Personen zählenden Gruppe gehörten insbesondere Georg Müller, Kurt Schmidt, Theo Thiele und nach seiner Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft auch Eberhard Hesse sowie der ehemalige Kommunist und spätere Gewerkschaftsfunktionär Ernst Jegelka. Müller und Jegelka formulierten 1947 ein vorläufiges Programm, in dem unter anderem folgende Punkte vorkamen: »Zusammenstellung und Gruppierung der Menschen, die zu uns gehoeren, Aufnahme von Verbindungen und deren Erhaltung und Ausbau«; »Ausarbeitung einer vorlaeufigen schriftlichen Konzeption«; »Aufstellung eines politischen Programms, das offiziell in der SP[D] vertreten wird. Klarstellung der Punkte der Konzeption, ueber die in der Oeffentlichkeit nicht gesprochen werden darf«; Feststellung »eines Arbeitsprogramms fuer die K-Gruppe (Kern mit hoechstem Bewusstsein) und fuer die P-Gruppen (Peripherie mit SP[D] Programm oder anderen Teil-Bewusstseinen)«; »Gewinnung neuer Anhaenger fuer die Konzeptionen und Auffassungen; Durchsetzen von praktischen politischen Entscheidungen in den SP[D]-Organen bzw. in anderen gesellschaftlich wirksamen Organisationen«.[52]

Ideologisch orientierten sich die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft an ihren Vordenkern im Londoner Exil, insbesondere an Walter Loewenheim. Aber dieser hatte in den 1940er Jahren eine gedankliche Kehrtwende vollzogen, die bis nach Berlin ausstrahlte. Er war nunmehr zu der Erkenntnis gelangt, dass moderne Gesellschaften zwangsläufig auf die »faschistische Revolution« zusteuerten, die vor allem auf planwirtschaftlichen Elementen in der Wirtschaftsordnung beruhe. Diese radikale Theorie dachte er konsequent zu Ende: »Wir sagen uns, dass heute Revolution nur faschistische Revolution sein kann oder zu ihr führen muss […]. Wir sagen uns also, dass die Aufgabe denkender, verantwortungsbewusster, geschichtsbewusster Menschen in der heutigen Periode nur darin bestehen kann, die bestehende freie Gesellschaft gegen den Angriff der totalitären Barbarei zu verteidigen. Umstürzler, Revolutionäre arbeiten heute objektiv (d.h. unabhängig von ihren subjektiven Vorstellungen) für den Sieg der faschistischen Revolution. Die wirklichen Fortschrittler, Sozialisten im besten Sinne des Wortes, sind heute gesellschaftlich konservativ, sie wollen die bestehende freie Gesellschaft verteidigen, erhalten und vorwärts-entwickeln.«[53] Diese Thesen veröffentlichte er später auch noch in Buchform, konnte aber an den Erfolg der Schrift Neu Beginnen! Faschismus oder Sozialismus nicht mehr anknüpfen.[54]

Für die sich neu formierende Gruppe in Berlin bedeutete diese ideologische Neuausrichtung, sich konsequent gegen »den Kommunismus« zu stemmen – oder was man dafür hielt. Das betraf insbesondere den Kampf gegen die Zwangsvereinigung von SPD und KPD und später die SED, aber auch innerhalb der SPD wurde der »linke Flügel« scharf angegriffen.

Im Berliner Fusionskampf von 1945/46 versuchten die Mitglieder von Neu Beginnen, in den Bezirken gegen die Zwangsvereinigung vorzugehen.[55] Dabei waren sie zunächst bemüht, Einfluss auf befreundete Genossen zu nehmen und möglichst unauffällig zu bleiben: »A. [d.i. vermutlich Ernst Moewes] directed the campaign in the Berlin-Mitte district. The great majority of the rank and file and the leading members accepted our position. K.M. [d.i. vermutlich Karl Müller] took on the Prenzlauer Berg district with the same result. Z[ech, d.i. Georg Müller]. and H[eims, Georg]. (not a member of our group but leading in the Weissensee district) achieved the same results in this district. Th[eo Thiele]., secretary in the Lichtenberg district and helped by Z[ech]., opened up the political offensive there.«[56] Nur in Ausnahmesituationen bekannten sie sich offen gegen die Zwangsvereinigung, insbesondere Kurt Schmidt: »Dass wir durch dieses Auftreten«, so Schmidt am 10. Februar 1946 an Richard Löwenthal, »auch persönlich gefährdet sind, ist mir bewusst. […] Für einen Teil unserer Leute, die sich nicht exponieren sollen, bereiten wir die kon[spirations]mäßige Weiterarbeit vor.«[57] Selbst in der KPD setzte Neu Beginnen die politische Arbeit zunächst fort, aber die Mitglieder waren »nach dem April 1946 nicht mehr in der Lage, offen gegen die […] Verschmelzung wirksam zu werden«.[58]

Der Kampf gegen die Zwangsvereinigung verlief wenigstens in den West-Sektoren erfolgreich, und die politische Lage in Berlin konsolidierte sich trotz der immer wieder aufflackernden Berlin-Krisen. In diesem Umfeld nahm die Arbeit von Neu Beginnen innerhalb der SPD einen halb-konspirativen Charakter an. Man blieb sowohl mit den Genossen in Berlin als auch in Westdeutschland und im Ausland in Kontakt – noch in den 1960er Jahren gab es Zusammenkünfte von 10 bis 20 Mitgliedern einschließlich Walter Loewenheims in Berlin.[59] Politisch agierten die Anhänger von Neu Beginnen weiter im Hintergrund, als politische Sekretäre, Landesgeschäftsführer oder Kreisvorsitzende. In diesen Funktionen waren sie allerdings maßgeblich daran beteiligt, den Machtanspruch Willy Brandts und des »rechten Flügels« in der Berliner SPD zu befördern.[60] Nach der Konsolidierung der »rechten« Mehrheit wurden, nicht unwesentlich von den Funktionären mit Neu-Beginnen-Hintergrund koordiniert, regelrechte Parteisäuberungen durchgeführt, denen neben einfachen Mitgliedern auch Prominente wie Willy Kressmann oder Max Köhler zum Opfer fielen. »Ich glaube, nicht der Landesvorstand ist es, der uns bekämpft«, so der Parteilinke Harry Ristock, »sondern die Herren Parteisekretäre«.[61] Im Laufe der 1960er Jahre allerdings hatte sich der von den Mitgliedern von Neu Beginnen verfochtene radikale Antikommunismus, der sich nicht zuletzt gegen innerparteiliche Gegner und Achtundsechziger richtete, so weit abgenutzt, dass ihr Einfluss in der SPD abnahm und schließlich verschwand.

 

Konspirative Geschichtsschreibung

Die Geschichtsschreibung kann bei konspirativen Organisationen eigentlich nur auf zwei Arten von Quellen zurückgreifen: auf Akten von Verfolgungsorganen und Selbstzeugnisse der Akteure. Unterlagen der Gestapo und Gerichtsakten bezüglich Neu Beginnen sind wenig erhellend, da die Struktur des Netzwerks niemals aufgedeckt werden konnte und die Akteure ihre Spuren meisterlich verwischten. So war die Forschung eng mit den Mitgliedern selbst verwoben, und diese hatten ein großes Interesse daran, die Leistung ihrer Organisation bei gleichzeitiger Anonymität der Akteure hervorzuheben. Nicht zuletzt deshalb, weil es schon frühzeitig, wie Fritz Erler anmerkte, »Eseleien« gegeben habe, »die geeignet sind, uns in Misskredit zu bringen«.[62] Es erwies sich allerdings als problematisch, dass die unterschiedlichen Fraktionen ihre Streitigkeiten in die Forschung selbst trugen.

Kurt Kliem konnte für seine Dissertation vor allem mit der Unterstützung von Richard Löwenthal und Fritz Erler rechnen.[63] Vor der Drucklegung wurde Kliem aber von Walter Loewenheims Vertrautem Heinrich Hellmann mit Drohungen überzogen, da er die Kontinuität der Gruppe nach der Spaltung von 1935 vollkommen falsch eingeschätzt habe.[64] Nach Berlin wurde wiederum über einen weiteren Mittelsmann Loewenheims die Bitte verschickt, Kurt Kliem die Unterstützung zu entziehen: Wenn »Fritz Erler sich missbrauchen lassen will, so ist das seine Sache«.[65]

Die Studie von Hans J. Reichhardt hingegen war im Umfeld Walter Loewenheims als eine Art Gegendarstellung geplant, [66] und als Fritz Erler dies erfuhr, intervenierte er sofort. Er müsse verhindern, schrieb Erler an Heinrich Albertz, »daß Geschichte falsch geschrieben wird«.[67] Aber auch mit Reichhardts Ergebnissen war man in London gänzlich unzufrieden. »Seitdem«, so Walter Loewenheim, »habe ich alle Bitten der ›Historiker‹ und wissenschaftlichen Institute, die mich von Zeit zu Zeit heimsuchen strict abgelehnt.«[68]

Die Differenzen kamen dann noch über Jahrzehnte in zahlreichen Korrespondenzen und Veröffentlichungen zum Ausdruck, zum Teil wurden sie unter Pseudonym zur Sprache gebracht.[69] Den fast fünfzigjährigen Disput brachte Heinrich Hellmann in einem Brief an Mitarbeiter der Zeitschrift IWK auf den Punkt. »Will Löwenthal überflüssigerweise beweisen, […] daß er selber ein Sozialdemokrat von echtem Schrot und Korn ist, während ein Mann [gemeint ist Walter Loewenheim], der dies ebenfalls nie bestritten hat, dies nicht gewesen sei?«[70]

Die konspirative Arbeit hatte die Akteure von Neu Beginnen über die Jahrzehnte hinweg verwirrt und zum Teil verbittert. Viele schienen nicht mehr recht zu wissen, wo sie selbst oder andere zu unterschiedlichen Zeitpunkten politisch gestanden oder wie sie gehandelt hatten. Was war Wirklichkeit, was Täuschung? Daher ist es auch heute noch die Aufgabe der Geschichtsschreibung, die konspirativen Fäden bei Neu Beginnen mühsam zu entwirren.

 


[1] Siehe Siegfried Heimann: Die Sozialdemokratische Aktion (SDA) in Ostberlin, in: Gerd-Rüdiger Stephan u.a. (Hg.): Die Parteien und Organisationen der DDR. Ein Handbuch, Berlin 2002, S. 426–448.

[2] Bericht, 28.12.1960, Landesarchiv Berlin (im Folgenden: LAB), C Rep. 905-02, Nr. 66.

[3] Brief von Otto Sperling an Eberhard Hesse vom 31. Mai 1967, Privatarchiv Brunhilde Hesse (im Folgenden: PABH), NL Eberhard Hesse, Korrespondenz Lipschitz, Mautner, Neu Beginnen.

[4] Undatierter Brief von Rita Sprengel an Karl Frank (1947), Institut für Zeitgeschichte (im Folgenden: IfZ), ED 213, Bd. 32.

[5] Siehe Deutscher Gewerkschaftsbund, Landesbezirk Berlin (Hg.): Berliner Gewerkschaftsgeschichte von 1945 bis 1950. FDGB, UGO, DGB, Berlin 1971.

[6] Brief von Erwin Schoettle an Fritz Erler vom 15. Oktober 1947, Archiv der sozialen Demokratie (im Folgenden: AdsD), NL Erwin Schoettle, Nr. 16.

[7]»»Zur Lage in der SPD«, in: Neues Deutschland (Berliner Ausgabe) vom 6. Mai 1948.

[8] Brief von Gerhard Jahn an den Vorstand der SPD, Erwin Schoettle und Waldemar von Knoeringen vom 1. Oktober 1964, Anlage, AdsD, NL Waldemar von Knoeringen, Nr. 536.

[9] Zit. nach William S. Schlamm: Zorn und Gelächter. Zeitgeschichte aus spitzer Feder. Ausgewählt von Kristin von Philipp, München 1977, S. 324–328.

[10] Bodo Hechelhammer (Hg.): Nachrichtendienstliche Begriffsbestimmungen der »Organisation Gehlen« und des frühen Bundesnachrichtendienstes, Berlin 2012 (= Mitteilungen der Forschungs- und Arbeitsgruppe »Geschichte des BND«, Bd. 4), S. 22.

[11] Zum Potenzial der Netzwerkanalyse in der Geschichtswissenschaft siehe Wolfgang Neurath/Lothar Krempel: Geschichtswissenschaft und Netzwerkanalyse: Potentiale und Beispiele, in: Berthold Unfried/Jürgen Mittag/Marcel van der Linden (Hg.): Transnationale Netzwerke im 20. Jahrhundert. Historische Erkundungen zu Ideen und Praktiken, Individuen und Organisationen, Leipzig 2008 (= ITH-Tagungsberichte, Bd. 42), S. 59–79.

[12] Gerhard Bry: Resistance. Recollections from the Nazi Years, West Orange (N. J.) 1979, S. 104.

[13] Brief von Fritz Brandt (d.i. Kurt Schmidt) an Paul (Hagen, d.i. Karl Frank) vom 14. April 1946, Robert Havemann Gesellschaft (im Folgenden: RHG), Privatarchiv Harold Hurwitz 108.

[14] Brief von Fritz Erler an Hermann L. Brill vom 11. November 1947, AdsD, NL Richard Löwenthal, Nr. 4.

[15] Siehe vor allem Kurt Kliem: Der sozialistische Widerstand gegen das Dritte Reich. Dargestellt an der Gruppe »Neu Beginnen«, Phil. Diss. Marburg 1957; Hans J. Reichhardt: Neu Beginnen. Ein Beitrag zur Geschichte des Widerstandes der Arbeiterbewegung gegen den Nationalsozialismus, Berlin 1963 (= Sonderdruck aus dem Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands, Bd.12, 1963); Jan Foitzik: Zwischen den Fronten. Zur Politik, Organisation und Funktion linker politischer Kleinorganisationen im Widerstand 1933 bis 1939/40, Bonn 1986 (= Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung, Reihe: Politik- und Gesellschaftsgeschichte, Bd. 16); Tobias Kühne: Das Netzwerk »Neu Beginnen« und die Berliner SPD nach 1945, Phil. Diss. TU Berlin 2014.

[16] Kurt Menz (d.i. Walter Loewenheim): Die Proletarische Revolution. Allgemeine Grundzüge ihrer Theorie und ihrer Besonderheiten in Deutschland, Berlin 1931, in: Walter Loewenheim: Geschichte der Org [Neu Beginnen] 1929–1935. Eine zeitgenössische Analyse. Hrsg. von Jan Foitzik, Berlin 1995 (= Schriften der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Reihe B: Quellen und Berichte, Bd. 1), S. 35–67, hier S. 40–42, 53.

[17] Jan Foitzik: Einleitung, in: Loewenheim: Geschichte der Org (Anm. 16), S. 12–24, hier S. 16.

[18] Siehe Erich R. Schmidt: Meine Jugend in Groß-Berlin. Triumph und Elend der Arbeiterbewegung 1918–1933, Bremen 1988.

[19] Loewenheim: Geschichte der Org (Anm.16), S. 129.

[20] Brief von Karl Frank an Kurt Kliem vom 26. Mai 1956, zit. nach Kliem: Der sozialistische Widerstand gegen das Dritte Reich (Anm. 15), S. 14.

[21] Loewenheim: Geschichte der Org (Anm. 16), S. 203.

[22] Siehe ebd., S. 116 f.

[23] Erich Schmidt war Bezirksleiter der SAJ und flüchtete 1933 zunächst in die Schweiz, 1940 ließ er sich dauerhaft in New York nieder.

[24] Schmidt: Meine Jugend in Groß-Berlin (Anm. 18), S. 151 f.

[25] Ebd., S. 156.

[26] Ebd., S. 158.

[27] Siehe Loewenheim: Die Geschichte der Org (Anm. 16), S. 166.

[28] Ebd., S. 162.

[29] Miles (d.i. Walter Loewenheim): Neu Beginnen! Faschismus oder Sozialismus. Als Diskussionsgrundlage der Sozialisten Deutschlands, o.O. o.J. [Karlsbad 1933] (= Probleme des Sozialismus, Sozialdemokratische Schriftenreihe, Bd. 2), in: Kurt Klotzbach (Hg.): Drei Schriften aus dem Exil, Berlin/Bonn 1974 (= Internationale Bibliothek, Bd. 76), S. 1–88.

[30] Siehe Peter Ruben: August Thalheimers Faschismusanalyse nach Marxʼ 18. Brumaire, in: Carl-Erich Vollgraf/Richard Sperl/Rolf Hecker (Hg.): Klassen – Revolution – Demokratie. Zum 150. Jahrestag der Erstveröffentlichung von Marxʼ Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte, Berlin/Hamburg 2003 (= Beiträge zur Marx-Engels-Forschung, Neue Folge 2002), S. 113–130.

[31] Miles: Neu Beginnen! (Anm. 29), S. 17 f.

[32] Ebd., S. 16.

[33] Kurt Klotzbach: Einleitung, in: ders. (Hg.): Drei Schriften aus dem Exil (Anm. 29), S. IX–XXI, hier S. XII.

[34] Miles: Neu Beginnen! (Anm. 29), S. 33.

[35] Siehe Bernd Stöver: Berichte über die Lage in Deutschland. Die Meldungen der Gruppe Neu Beginnen aus dem Dritten Reich 1933–1936, Bonn 1996 (= Archiv für Sozialgeschichte, Beiheft, Bd. 17).

[36] Bry: Resistance (Anm. 12), S. 217.

[37] Siehe Reinhard Müller: Karl B. Frank alias Paul Hagen (1893–1969), in: Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich, Newsletter Nr. 12, S. 11–18, hier S. 13, agso.uni-graz.at/webarchiv/agsoe02/publ/nlfiles/nl12.pdf, ges. am 11. August 2015.

[38] Kliem: Der sozialistische Widerstand gegen das Dritte Reich (Anm. 15), S. 138.

[39] Loewenheim: Die Geschichte der Org (Anm. 16), S. 195.

[40] Siehe Foitzik: Zwischen den Fronten (Anm. 15), S. 130–140.

[41] Loewenheim: Die Geschichte der Org (Anm. 16), S. 194.

[42] Foitzik: Zwischen den Fronten (Anm. 15), S. 79.

[43] Richard Löwenthal: Die Widerstandsgruppe »Neu Beginnen«, 2. Aufl. Berlin 1985 (= Beiträge zum Widerstand 1933–1945, Bd. 20), S. 8 f.

[44] Siehe Hans-Rainer Sandvoß: Die »andere« Reichshauptstadt. Widerstand aus der Arbeiterbewegung in Berlin von 1933–1945, Berlin 2007, S. 232–240.

[45] Bericht ueber die »Neu Beginnen«-Gruppe, IfZ, ED 213.

[46] Ergänzung zum Bericht von Werner P[euke]., 18.3.1981, AdsD, NL Karl Elgaß, Nr. 8.

[47] Gutachten über die politische Haltung des Herrn Eberhard Hesse, Berlin-Wannsee, während seiner Militärdienstzeit im letzten Weltkrieg vom 30. Dezember 1949 [Siegfried Link], PABH, NL Eberhard Hesse, Zeugnisse, Lebenslauf, Bewerbungen.

[48] Brief von Eberhard Hesse an Hans [vermutlich Braun] vom 26. Oktober 1947, PABH, NL Eberhard Hesse, Korrespondenz von 1947–1951.

[49] Brief von Ruth Fischer an Arkadij Gurland vom 24. Januar 1944, zit. nach Ruth Fischer/Arkadij Maslow: Abtrünnig wider Willen. Aus Briefen und Manuskripten des Exils, München 1990, S. 157.

[50] Brief von Richard Löwenthal an Lieber Freund (vermutlich Kurt Schmidt) vom 10. August 1946, AdsD, NL Richard Löwenthal, Nr. 4. Gemeint sind Walter und Ernst Loewenheim, Franz Schleiter, Bernd Rahmer, Heinrich Hellmann und Vicky Abrams.

[51] Siehe Harold Hurwitz: Robert Havemann als Mitglied der Widerstandsgruppe »Neu Beginnen«, o.O. o.J., RHG.

[52] Brief von Ernst Kramer (d.i. Ernst Jegelka) und Zech (d.i. Georg Müller) an Fred (d.i. Karl Frank) vom 5. Oktober 1947, IfZ, ED 213, Bd. 31.

[53] Brief von Walter Loewenheim an Georg Müller vom 18. Februar 1947, RHG, NL Robert Havemann 004 Bd. 11 D.

[54] Siehe Miles (d.i. Walter Loewenheim): Eine Welt im Umbruch. Zur Auseinandersetzung um die Krise unserer Zeit, Bremen 1961.

[55] Siehe Harold Hurwitz: Demokratie und Antikommunismus in Berlin nach 1945, Bd. 4: Die Anfänge des Widerstands, Teil 1: Führungsanspruch und Isolation der Sozialdemokraten, Teil 2: Zwischen Selbsttäuschung und Zivilcourage: Der Fusionskampf, Köln 1990.

[56] Brief von Z[ech, d.i. Georg Müller]. an P[aul Hagen, d.i. Karl Frank]. vom 24. April 1946, IfZ, ED 213, Bd. 18.

[57] Brief von Fritz Brandt (d.i. Kurt Schmidt) an Rix (d.i. Richard Löwenthal) vom 10. Februar 1946, Internationales Institut für Sozialgeschichte (im Folgenden: IISG), Neu Beginnen Archives, Nr. 25.

[58] Brief von Karl Elgaß an den Gen. Klein vom 29. Oktober 1981, AdsD, NL Karl Elgaß, Nr. 8.

[59] Siehe Ergänzung zum Bericht von Werner P[euke]., 18.3.1981, AdsD, NL Karl Elgaß, Nr. 8.

[60] Siehe Hans-Jürgen Heß: Innerparteiliche Gruppenbildung. Macht und Demokratieverlust einer politischen Partei am Beispiel der Berliner SPD in den Jahren von 1963 bis 1981, Bonn 1984 (= Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung, Reihe: Politik und Gesellschaftsgeschichte, Bd. 13).

[61] Sitzung des MAK [Marxistischen Arbeitskreises] am 15.III.1956, 20 Uhr, LAB, C Rep. 905-02, Nr. 24.

[62] Brief von Fritz Erler an Hans Waldmann vom 20. Juli 1956, AdsD, NL Fritz Erler, Nr. 3. Er bezog sich dabei insbesondere auf Johannes Carl Maier-Hultschin: Struktur und Charakter der deutschen Emigration, in: Politische Studien 6 (1955), H. 67, S. 6–22.

[63] Siehe Kliem: Der sozialistische Widerstand gegen das Dritte Reich (Anm. 15).

[64] Siehe Brief von Heinrich Hellmann an Manfred Heckenauer vom 5. Dezember 1958, in: Auszüge aus einem Brief von H. Hellmann über die Doktordissertation von Kurt Kliem, Marburg […], PABH, NL Eberhard Hesse, SAJ, NB.

[65] Brief von Walter Dupré an Theo Thiele vom 18. Juni 1956, PABH, NL Eberhard Hesse, Korrespondenz zu Neu Beginnen.

[66] Siehe Reichhardt: Neu Beginnen (Anm. 15).

[67] Brief von Fritz Erler an Heinrich Albertz vom 22. Oktober 1962, NL Fritz Erler, Nr. 129 A.

[68] Brief von Walter Loewenheim an Eberhard Hesse vom 6. Februar 1975, PABH, NL Eberhard Hesse, Korrespondenz zu Neu Beginnen.

[69] Siehe Ernst Schlosser (d.i. Heinrich Hellmann): Fünfzig Jahre »Neu Beginnen«, in: IWK 19 (1983), H. 3, S. 491–493; ders.: Wendepunkt vor fünfzig Jahren, in: Neue Gesellschaft 30 (1983), H. 10, S. 924–928; Richard Löwenthal: Die Schrift »Neu Beginnen!« – 50 Jahre danach, in: IWK 19 (1983), H. 4, S. 561–570.

[70] Brief von Henry (d.i. Heinrich) Hellmann an Henryk Skrzypczak und Gunter Krüschet vom 20. Februar 1983, AdsD, Sammlung Personalia, Nr. 6307.

Inhalt – JHK 2016

Kurzbiografie

Abstract

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