JHK 2017

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Die Oktoberrevolution und die Gründung der Kommunistischen Internationale

Alexander Vatlin

»Russland geht nicht unter. Seine erlittene ungeheure Niederlage wird das Volk noch weiter aufwühlen. Wenn eine internationale Revolution nicht bald die gegen Russland zugelassene Ungerechtigkeit korrigiert, wird es sich, wenn die Zeit gekommen ist, selbst erheben.«             Jacques Sadoul, Vertreter der französischen Militärmission in Russland, von Petrograd nach Paris am 22. Januar (4. Februar) 1918[1]   Obwohl das »endgültige« Ende der kommunistischen Revolution im August 1991 ebenso konkret wie ihr Beginn war, hält der Streit über ihre Phasen, Etappen und Schattierungen sowohl in der russischen als auch in der weltweiten Geschichtsschreibung weiter an. Für den amerikanischen Historiker Martin Malia beginnt die Zeitrechnung der Revolution in Russland ab 1905, wobei er den Zeitraum von Oktober 1917 bis 1939 als Höhepunkt betrachtet.[2] Die Russische Revolution veränderte die Bewertung des historischen Begriffs an sich – fortan steht eine Revolution weniger für das Ereignis, als vielmehr für das daraus hervorgegangene politische Regime.[3] Nach diesem Verständnis hat sich die jakobinische Phase der Russischen Revolution über drei Jahrzehnte erstreckt, und ungefähr ebenso lange dauerte der poststalinistische »Thermidor« an. Dabei hatten es die Kommunisten mit einer sich schnell wandelnden Gesellschaft zu tun, die immer städtischer und homogener wurde und zugleich den Prozess der Befreiung von der stalinistischen Epoche verarbeitete. Irgendwann hörte die regierende Partei einfach auf, mit der neuen Tagesordnung Schritt zu halten. Sie hatte die Kontrolle über die Lage verloren und damit begonnen, allenfalls soziale und nationale Konflikte zu befrieden, die hier und dort auftraten. Im vorliegenden Artikel soll geklärt werden, welchen Einfluss das bolschewistische Regime in Russland in den ersten Monaten und Jahren seiner Existenz auf das Umfeld hatte. Dabei steht die Herausbildung der kommunistischen Bewegung, die ohne das Vorbild und die Unterstützung Sowjetrusslands lediglich ein amorphes Konglomerat linksradikaler Parteien und Gruppen geblieben wäre, im Vordergrund.[4] Obwohl die formelle Gründung des Führungszentrums dieser Bewegung im März 1919 stattfand, erwies sich der Erste Kongress der Kommunistischen Internationale lediglich als ein Absichtsprotokoll.[5] Vor allem der Zweite Kongress der Komintern (Juli – August 1920) verdient die Bezeichnung »Gründungskongress«, legten die von ihm verabschiedeten Dokumente doch die organisatorische und ideologische Basis für eine kommunistische Partei. Nach über einem Jahr, das zwischen dem Ersten und dem Zweiten Kongress verging, hatte sich vieles geklärt. Die revolutionäre Ungeduld Lenins und seiner Mitstreiter fand ihren Ausdruck nicht nur im Angriff der Roten Armee auf Warschau, sondern auch in der inneren Ordnung der von ihnen geschaffenen Organisation.   Die Ziele der Bolschewiki und die ersten Reaktionen auf ihren Sieg in Russland Sowohl vor als auch nach der Machtübernahme erklärte Lenin, dass die Russische Revolution weniger eine nationale als eine globale Erscheinung sei. Sie sollte den imperialistischen Krieg in einen Bürgerkrieg umwandeln, d.h. in die entscheidende Konfrontation zwischen dem europäischen Proletariat und der Bourgeoisie, die den weltweiten sozialistischen Veränderungen den Weg ebnen würde. Obwohl sich Russland am Rande Europas befand und von den führenden Ländern durch die Frontlinie getrennt war, fand derartige Propaganda bei den werktätigen Massen lebhaften Widerhall. »Der Internationalismus war am Ende des Ersten Weltkrieges eine der empfänglichsten Ideologien der Bolschewiki, die in der Lage war, selbst Soldaten aus der des Lesens und Schreibens unkundigen Bauernschaft (wenn auch in einer stark vereinfachten Form) zu politisieren.«[6] Die Aufrufe zur Weltrevolution fielen gerade bei den unteren sozialen Schichten auf fruchtbaren Boden. In den Gesellschaftsschichten, die sich zur Intelligenz zählten, stieß eine derartige Verachtung gegenüber den nationalen Werten dagegen auf radikale Ablehnung. Im März 1918 betonte der den Sozialisten nahestehende Schriftsteller Maksim Gor’kij, dass die Hoffnungen der Bolschewiki auf eine globale Dimension der von ihnen eingeleiteten Veränderungen einfach naiv seien, da das russische Volk aufgrund seiner Ungebildetheit und Unkultur nicht befähigt sei, die Führungsrolle zu übernehmen. »Und nun wird dieses schwache, dunkle und organisch zum Anarchismus neigende Volk aufgerufen, der geistige Führer der Welt, der Messias Europas zu sein. Es hat den Anschein, dass diese kuriose und sentimentale Idee nicht in das tragische Spiel der Volkskommissare einbezogen werden sollte. Aber die ›Führer des Volkes‹ machen keinen Hehl aus ihrer Absicht, mit den unbearbeiteten russischen Holzscheiten ein Feuer zu entfachen, dessen Flamme die westliche Welt erleuchten soll, jene Welt, in der die Feuer des sozialen Schöpfertums heller und gescheiter brennen als bei uns in Russland.«[7] Der Hauptgrund dafür, dass Lenin und seine Partei an die Macht kamen, lag im »allgemeinen Streben nach sofortigem Frieden um jeden Preis«, so der Eindruck des französischen Offiziers Jacques Sadoul, der Anfang Oktober 1917 in Petrograd eingetroffen war. In seinem ersten Brief in die Heimat hob er hervor: »Alle Russen wollen Frieden, können ihn aber nicht organisieren.«[8] Buchstäblich zwei Wochen später fand sich ein derartiger Organisator. Mit dem berühmten »Dekret o mire« (»Dekret über den Frieden«) festigten die Bolschewiki ihre Macht, entschieden sich für das Ausscheiden aus dem Krieg »um jeden Preis« und stellten die Hoffnungen der in Soldatenmäntel gehüllten unteren sozialen Schichten über jegliche geopolitischen Beweggründe und Bündnisvereinbarungen. Das Dekret wandte sich nicht nur an die Russen, sondern auch »an die klassenbewussten Arbeiter der drei fortgeschrittensten Nationen der Menschheit und der größten am gegenwärtigen Krieg beteiligten Staaten: England, Frankreich und Deutschland.«[9] Sie sollten die Regierungen ihrer Länder zwingen, sich an den Verhandlungstisch zu setzen. Denn in den ersten Tagen nach der Machtergreifung mussten die Bolschewiki die ungezügelte Gewalt des Volkes bändigen. Man brauchte Zeit, hoffte, die Menschen würden irgendwann des »Fests des Ungehorsams« überdrüssig werden, aber man konnte unmöglich warten – jeder Tag bedeutete gewaltige menschliche und materielle Verluste. Lenin entschloss sich, dieser Gewalt mit härtesten Mitteln Einhalt zu gebieten, indem er sich der marxistischen These von der »Diktatur des Proletariats« bediente. Natürlich entsprach das nach der Oktoberrevolution errichtete Regime keineswegs dem Kanon des historischen Materialismus. Marx wäre sehr verwundert gewesen, wenn er sich ins Sowjetrussland des Jahres 1918 verirrt und vernommen hätte, dass gerade er dessen Taufpate sein sollte. Das zum damaligen Zeitpunkt errichtete politische Regime spiegelte die Fähigkeit Lenins und seiner Mitstreiter zur täglichen politischen Improvisation wider, die die Vergangenheit und die Zukunft des riesigen Landes zu einem Ganzen verschmelzen ließ. »Lenin hat gesiegt, weil er die Tradition der russischen revolutionären Intelligenz in ihren radikalsten Strömungen und die Tradition der russischen historischen Herrschaft in ihren despotischsten Erscheinungsformen zusammengeführt hat«, so der Philosoph Nikolaj Berdjaev.[10] Sowohl die eine als auch die andere Tradition wurde internationalistisch interpretiert, was zu einer schroffen Ablehnung durch die regierenden Kreise der führenden Länder der Welt führen musste. Obwohl die Versuche der Entente, eine internationale Koalition gegen das bolschewistische Regime zu schmieden, erfolglos blieben, gehört die These von der »Intervention der vierzehn Mächte« zum Kanon der offiziellen sowjetischen Geschichtsschreibung. Der Stalinʼsche »Kratkij kurs« (»Kurzer Lehrgang«) machte gerade die internationale Einmischung als Hauptgrund für den in Russland begonnenen Bürgerkrieg aus; innere Kräfte (für diese galt eine strikte Hierarchie: Gutsbesitzer und Kapitalisten, zerschlagene Parteien, bürgerliche Nationalisten und weißgardistische Offiziere) traten lediglich als Handlanger des Weltimperialismus auf.[11] Die Auffassung der linken Sozialisten, dass der 1914 ausgebrochene Krieg ein weltweiter sozialer Konflikt sei, implizierte, dass sich die gegen ihn kämpfenden Kräfte ebenfalls im internationalen Maßstab zusammenschließen müssten. Erster ausländischer Adressat der Wahrheit über die bolschewistische Revolution sollten die deutschen Soldaten werden, die in den Schützengräben des Weltkrieges umkamen. Am zweiten Tag nach der Erstürmung des Winterpalais erzählte Lev Trockij, der Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten geworden war, Sadoul, dass »bereits jetzt einige Millionen Flugblätter mit diesem Appell [»Dekret über den Frieden« – A.V.] und dem Aufruf an die deutschen Werktätigen, den Aufstand zu beginnen, vorbereitet werden; die Flugblätter werden von Flugzeugen an der Frontlinie und im Hinterland des Feindes abgeworfen.«[12] Während die Länder der Entente jegliche Kontakte mit den Führern der Bolschewiki ablehnten, stimmte Deutschland, das mit jedem Tag den Glauben an den Sieg verlor, Gesprächen zu. Am 15. Dezember 1917 wurde in Brest ein Waffenstillstand unterzeichnet, und es begannen die Verhandlungen zum Abschluss eines Friedensvertrages. Die Einstellung der Kampfhandlungen an der Ostfront stärkten die Positionen Deutschlands und seiner Verbündeten. Beträchtliche militärische Kräfte wurden von der Front abgezogen, das Verbot ihrer Verlegung, das mit dem Waffenstillstand festgelegt wurde, damit ignoriert. Die sowjetische Delegation in Brest hatte ihre internationalen Verpflichtungen nicht vergessen. Sie trat für die »Befreiung aller wegen ihres Kampfes für den Frieden Verfolgten« sowie für die freie Verbreitung von Agitationsliteratur in Russland und Deutschland ein.[13] Der die kaiserliche Regierung vertretende General Max Hoffmann wich direkten Antworten aus, sagte aber zu, dass die Beförderung derartiger Literatur nach England und Frankreich von den deutschen Behörden gestattet werde. Die Agitation der Bolschewiki bei den Verbrüderungen in den Schützengräben rief regelmäßige Proteste der deutschen Seite hervor, führte aber trotzdem nicht zum Scheitern der Verhandlungen – Deutschland brauchte Frieden im Osten, um eine letzte Anstrengung zur Erringung des Sieges im Westen zu unternehmen. Sobald klar geworden war, dass die sowjetische Delegation in Brest eine Taktik zur Verzögerung der Verhandlungen verfolgte, indem sie jede Möglichkeit für die revolutionäre Agitation an der Front nutzte, stellten die Deutschen rücksichtslose Bedingungen für den künftigen Frieden auf. Die folgende Diskussion darum ist weithin bekannt, die bolschewistische Partei führte den politischen Kampf damals noch mit offenem Visier. Die herkömmlichen Interpretationen dieser Auseinandersetzung durch sowjetische und westliche Historiker rücken ein Motiv der sowjetischen Seite bei den Verhandlungen besonders in den Vordergrund: das Voranbringen der Weltrevolution.[14] In aktuellen Arbeiten russischer Historiker, die sich an die breite Öffentlichkeit richten, erscheint Lenin derweil in einem anderen Licht – als Anhänger der Realpolitik und »demokratischer Etatist«, den ausschließlich Aufgaben zur Erhaltung Russlands als Weltmacht interessierten.[15] Anfang 1918 räumte Lenin im Verlauf erbitterter Auseinandersetzungen mit seinen Mitstreitern ein: Man könne nicht sicher sein, dass die Weltrevolution in den kommenden Wochen beginne, und ein ernsthafter Widerstand gegen die deutschen Truppen stehe außer Frage. Seine Widersacher – die »linken Kommunisten« – waren der Ansicht, dass man weiterhin zu seinen Prinzipien stehen und sich für einen Revolutionskrieg gegen das Deutsche Kaiserreich entscheiden müsse. Beide Seiten sahen eine Gefahr darin, dass sich die Imperialisten der kämpfenden Mächte auf Kosten Russlands einigen könnten und »das Beutemachen im Osten den deutschen Imperialismus im Westen nachgiebiger machen wird«.[16] Für Lenins Gegner ging es jedoch hauptsächlich darum, dass das internationale Ansehen der Oktoberrevolution nach der Unterzeichnung eines Friedensvertrages leiden und zunichte gemacht würde – die Sowjetmacht würde als Geisel des österreichisch-deutschen Imperialismus »dem gepeinigten Proletariat des Westens keinerlei Hoffnungen mehr machen können«.[17]   Vom Brester Frieden zum Waffenstillstand von Compiègne Entgegen den Befürchtungen der »linken Kommunisten« veränderte sich das internationale Kräfteverhältnis nach Abschluss des sowjetisch-deutschen Friedensvertrages nicht grundlegend. In Europa wurde der Krieg fortgesetzt und wirkte als Hauptagitator zugunsten des »russischen Vorbildes«. Die Bolschewiki rechneten weiterhin damit, dass diese Agitation die Proletarier aller Länder dazu bringen werde, sich im Kampf gegen ihre Ausbeuter und gegnerischen Kriegsparteien zu verbünden. Der Brester Frieden zerstörte das Russische Reich endgültig und begrub die Hoffnungen der Führung der Entente, die russischen Soldaten auf die Schlachtfelder zurückholen zu können. Für sie waren die Bolschewiki nicht mehr einfach nur Geheimagenten, sondern Vasallen des Kaisers. Nachdem Lenin und seine Anhänger nach außen verschnaufen konnten, konzentrierten sie sich auf die Probleme im Innern. »Ihr mystischer Glaube an die Weltrevolution und an eine sofortige soziale Revolution ist sichtlich erschüttert«, berichtete Jacques Sadoul am 29. März 1918 nach Paris.[18] Unter dem Deckmantel des Kampfes gegen Anarchie und Chaos rechneten die Bolschewiki mit den oppositionellen Kräften ab und errichteten eine brutale Diktatur, die sich auf Soldatenbajonette stützte. Auf dem Land wurden die Lebensmittelvorräte reicher Bauern mit Waffengewalt konfisziert, um damit die hungernde Bevölkerung in den Städten zu versorgen. Es ist paradox, aber derselbe Verzicht auf die Fortführung der Kampfhandlungen an der deutschen Front, der im Oktober 1917 die Bolschewiki an die Macht gebracht und Russland den Ausstieg aus dem weltweiten Gemetzel ermöglicht hatte, wurde ein halbes Jahr später zum Katalysator für die Entfesselung des groß angelegten Bürgerkriegs im Land. Für die »Weißen« war er ein nationaler Befreiungskrieg, und in ihrer Propaganda war die bolschewistische Regierung Erfüllungsgehilfe sowohl Deutschlands als auch des »Weltjudentums«. Einhergehend mit Repressalien, Krankheiten und Hunger hatte der Bürgerkrieg mehr menschliche Opfer gefordert als alle vorangegangenen Kriegsjahre. Nach Schätzungen starben bis Ende 1920 insgesamt acht Millionen Menschen.[19] Aktuelle Forschungen zeigen, dass vor allem die Angst vor der möglichen Gewalt des Gegners dazu führte, dass der Bürgerkrieg das bekannte Ausmaß angenommen hat, und dass weniger der Konflikt zwischen den sozialen Schichten als Ursache gesehen werden kann. Obwohl diese Angst eine typische Phobie war, die auf Gerüchten basierte, war gerade sie es, die an vielen Orten den Vernichtungswillen schürte. So zeigt der amerikanische Historiker Peter Holquist, dass es am Don im Frühjahr 1918 keineswegs um einen Aufstand des Kosakenstandes gegen die Bauern ging, die sich unter dem Einfluss der Bolschewiki befanden.[20] Es handelte sich um einen politischen, weniger um einen sozialen Konflikt. Am Don sollte die »alte Ordnung« in Person der Kosakenatamane wiederhergestellt werden, die von den deutschen Truppen, die trotz der im Brester Friedensvertrag festgelegten Demarkationslinie in die Region gekommen waren, unterstützt wurden. Die Entwicklung der revolutionären Ereignisse in Russland wurde in Deutschland sehr unterschiedlich bewertet. Während die Führer der radikalen Sozialisten davon träumten, das »Licht aus dem Osten« auch in ihrem eigenen Land zu sehen, fürchteten sich die gemäßigten liberalen Kräfte vor einer »zweiten Völkerwanderung«, die diesmal keine geografische, sondern eine soziale sein würde. Im Verlauf des Jahres 1918 setzte die deutsche Diplomatie weiterhin auf die Aufrechterhaltung und Vertiefung der revolutionären Anarchie in Russland. Dafür sollten vor allem die sozialen Utopien der an die Macht gekommenen Bolschewiki sorgen.[21] Zu diesem Zeitpunkt verspürte man im deutschen Auswärtigen Amt keinerlei Furcht vor dem »Weltbolschewismus« und seinem möglichen Auftreten in Deutschland. Man betrachtete die Ereignisse in Russland im Sinne der Realpolitik vielmehr als isolierte Erscheinung, als ein Ergebnis des Zusammenbruchs der morschen Staatsmaschinerie und zugleich als sinnentleerten Aufruhr der russischen Seele, die nicht zu nutzen eine Schande wäre. Diese Haltung kam nicht nur bei den Brester Friedensverhandlungen klar zum Tragen, sie hielt sich auch – mit geringen Modifikationen – bis Herbst 1918.[22] Die Artikel in der sowjetischen Presse ließen keinen Zweifel daran, welche der kämpfenden Koalitionen als erste den Geist aufgeben würde. Jeder Tag, den die Kämpfe länger anhielten, spielte Sowjetrussland in die Hände, denn das nahende Ende des Weltkrieges ließ das Land dem Sieger allein gegenüberstehen. Es war auch kein Geheimnis, dass die Beendigung des Krieges den Nimbus der Russischen Revolution verblassen lassen würde. »Nach dem Krieg wird es zu spät sein«, bemerkte Trockij gegenüber seinem französischen Gesprächspartner in den ersten Tagen der bolschewistischen Diktatur und spielte damit auf die Chancen an, die europäische Arbeiterklasse für den Kampf für den Sozialismus zu gewinnen.[23] Insofern ist es bemerkenswert, dass die Zusatzverträge zum Brester Friedensvertrag, die im Sommer 1918 unterzeichnet wurden, auf Initiative Lenins zustande kamen, der damit die Chancen der kämpfenden Koalitionen ausgleichen wollte.[24] Möglichkeiten, direkt auf die europäischen Proletarier Einfluss zu nehmen, hatte Russland, das blockiert wurde, praktisch nicht. Der Strom an Propagandamaterial floss durch die sowjetischen Botschaften in Berlin, Bern und Stockholm, und im Sommer 1918 wurde das Büro für sowjetische Propaganda beim Allrussischen Zentralen Exekutivkomitee eingerichtet. Aktive Agitation wurde in den Gefangenenlagern betrieben; dafür war die Zentrale Föderation ausländischer Gruppen beim ZK der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki) zuständig.[25] Viele Deutsche, Österreicher und Ungarn, die sich zum Programm und zur Praxis der Bolschewiki bekannten, schlossen sich später den ausländischen kommunistischen Parteien an. Ausländische Beobachter, die weit entfernt von kommunistischen Idealen waren, fühlten sich nicht nur von den »grandiosen Plänen« (V.V. Majakovski) der neuen Macht angezogen, sondern auch von deren Offenheit gegenüber den Volksmassen: ständige Neuwahlen der Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten, Veröffentlichung von Geheimverträgen der Regierung des Zaren mit den Mächten der Entente, regelmäßige Auftritte von Partei- und Staatsführern bei großen Versammlungen. Die Bolschewiki verheimlichten nicht, dass es heftige Diskussionen in ihrem Umfeld gab, traten aber nach außen hin als geschlossene Gemeinschaft Gleichgesinnter auf. Im Tagebuch des deutschen Korrespondenten Alfons Paquet, der einen Großteil des Jahres 1918 in Moskau verbrachte und ständigen Kontakt zu Karl Radek und anderen Führern der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki) pflegte, fand die »Faszination, die von der bolschewistischen Führungsspitze ausging und deren Anziehungskraft er immer stärker verspürte«, ihren Niederschlag.[26]   »Nach dem Krieg wird es zu spät sein«. Die Gründung der Komintern Im Herbst 1918 war die Niederlage des Viererbundes nicht mehr von der Hand zu weisen. Lenin, der nach dem Attentat ans Bett gefesselt war, begann mit der Erarbeitung einer Strategie zur Rückkehr des Landes auf die europäische Bühne – diesmal im revolutionären Gewand. Die Bolschewiki waren sich dessen bewusst, dass sie dem Druck der militärischen Kräfte der Entente, die nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandes freigesetzt würden, nicht standhalten könnten. Es blieb nur die Flucht nach vorn: Angriff als die beste Verteidigung. Der Beschluss des Allrussischen Zentralen Exekutivkomitees vom 3. Oktober 1918 rief alle Partei- und Staatsorgane dazu auf, die Rote Armee zu stärken und Getreidevorräte für die deutschen Proletarier anzulegen.[27] Die sowjetische Bevollmächtigte Vertretung in Berlin, die der Bolschewik Adolf Joffe leitete, intensivierte ihre Propaganda. Der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Sowjetrussland und Deutschland fiel mit dem Beginn der letzten demokratischen Revolution zusammen. Am 9. November 1918 fiel die Monarchie der Hohenzollern, zwei Tage später, am 11. November, wurde der Waffenstillstand von Compiègne geschlossen. Hier erwartete Lenin eine herbe Enttäuschung – die gemäßigten Sozialisten, die die Revolutionsregierung Deutschlands anführten, verzichteten auf jegliche Kontakte mit den russischen Bolschewiki. Die Mitglieder des Rates der Volksbeauftragten, die sich von der Logik des »geringeren Übels« leiten ließen, richteten sich lieber nach der Entente, als eine Wiederaufnahme des Revolutionskrieges gegen den Westen im Bündnis mit Russland zu riskieren.[28] Einen Tag nach dem Fall der Monarchie gab der linke Sozialist Oskar Cohn, der die Interessenvertretung der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) in Berlin übernommen hatte, zu verlockenden Hoffnungen Anlass: »Jetzt sind alle Grenzen für aufklärerische Literatur offen, die früher als gefährliche Propaganda galt. Das Wissen um den realen Verlauf des revolutionären Prozesses in Russland wird für uns alle eine wichtige Grundlage für den Erfolg unseres eigenen Befreiungskampfes sein.«[29] Bereits Ende November 1918 wurde offensichtlich, dass zwischen beiden Staaten eine Informationsblockade herrschte – als ob sie in den Zustand des Krieges zurückgekehrt seien. Die Forderung Joffes nach seiner schnellstmöglichen Rückkehr nach Berlin, die er an den Rat der Arbeiter- und Soldatendeputierten sandte, landete im Außenministerium, wo sie Bürokraten der kaiserlichen Schule zunächst nicht weiter bearbeiteten.[30] In Moskau musste man feststellen, dass es in Deutschland zwar eine Februarrevolution gegeben hatte, es aber bis zum Oktober noch sehr weit war. Obwohl am 1. Januar 1919 die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) gegründet wurde, vermochten es weder ihre Führer noch die linken Sozialisten, die Massendemonstrationen Berliner Arbeiter gegen den Rat der Volksbeauftragten, die als »Spartakusaufstand« in die Geschichte eingehen sollten, zum Sieg zu nutzen. Der Tod von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sowie auch die spätere Verhaftung Karl Radeks, der sich in Berlin aufhielt, lähmten nicht nur die Aktivitäten der Kommunisten der »ersten Stunde«, sondern auch ihre ohnehin schon dürftigen Kontakte mit Moskau. Der erste Versuch, Deutschland in einen Schauplatz der Weltrevolution zu verwandeln, war misslungen. Nicht besser sah es in den anderen Ländern Mitteleuropas aus, die entweder zu den Verlierern gehörten oder im Ergebnis der politischen Umgestaltung erst entstanden waren. Schicksalsergeben richtete sich ihr Blick mehr nach Paris als nach Moskau. Die Zusage des US-Präsidenten Woodrow Wilson, Nationalstaaten anstelle der europäischen Imperien zu schaffen, untergrub den Einfluss der internationalistischen Losungen der extrem linken Kräfte. Schließlich gab auch die Zweite Internationale, die Lenin für tot erklärt hatte, Lebenszeichen von sich. Im Februar 1919 fand in Bern eine Konferenz gemäßigter Sozialisten statt, die den Kurs auf die Wiederherstellung der zerstörten internationalen Verbindungen festlegte. Ab Ende 1918 versuchte Lenin, seine ausländischen Anhänger zu vereinigen. Dazu gehörten in einzelnen Ländern auch Gruppen linker Sozialisten. Weiterhin legte er den Schwerpunkt auf eine revolutionäre Perspektive: Aufstellung von Arbeiterräten und Erringung der vollständigen politischen Macht – für ihn eine »welthistorische Fragestellung«.[31] Vom 2. bis 6. März 1919 fand in Moskau der Erste Kongress der Kommunistischen Internationale statt, auf dem die überwiegende Mehrheit der Delegierten Emigranten waren, die in Sowjetrussland lebten. Für Lenin war der propagandistische Effekt des Kongresses wichtig – ihn vermochte selbst die bürgerliche Presse nicht zum Schweigen zu bringen; jetzt nahm das »Licht aus dem Osten« konkrete Gestalt an. Das Manifest des Ersten Kongresses spiegelte den revolutionären Enthusiasmus der siegreichen Partei wider, die von ihrer historischen Legitimität überzeugt war. In diesem Dokument, das von Trockij verfasst worden war, wurde die politische Demokratie als ein »Werk von künstlichen und fiktiven Regeln [...], die vom Gegner aufgestellt wurden, aber von diesem nicht beachtet werden«, zusammengefasst. An ihre Stelle sollte das sowjetische System treten, »das vor allem der Aufrechterhaltung der Beziehungen innerhalb der Arbeiterklasse dient und die Möglichkeit ihres revolutionären Eingreifens in die weitere Entwicklung der Menschheit gewährleistet«.[32] Die radikale Pathetik Trockijs stand in deutlichem Gegensatz zur realen Lage in Russland, wo die Räte bereits Anfang 1919 um die letzten Attribute der Macht gebracht worden waren und sich einer Parteidiktatur ergeben hatten. Die Erfolge der Propaganda der Komintern hingen auch von der Situation im Ausland ab. Im Frühjahr 1919 hatte sich die außenpolitische Lage für Deutschland merklich verschlechtert. Die deutschen Truppen zogen sich aus dem Baltikum zurück, und die nachrückende Rote Armee näherte sich den Grenzen Ostpreußens. In Bayern und Ungarn entstanden Räterepubliken; ihre Führer verhehlten nicht, dass sie ihr Handeln am »russischen Vorbild« orientieren. Die Nervosität innerhalb der deutschen politischen Elite stieg. Die Nationalversammlung in Weimar befasste sich mehrfach mit der drohenden Bolschewisierung des Landes, und die deutsche Presse versuchte die Weltöffentlichkeit davon zu überzeugen, dass das Land bereits zur Hälfte von den »Roten« eingenommen sei und sie bald mit der Vorbereitung auf einen Angriff über den Rhein beginnen würden. Die Verkündung der Bedingungen für einen künftigen Frieden bei der Pariser Konferenz Anfang Mai 1919 milderte die Sorgen der deutschen Regierung vor der sowjetischen Bedrohung. Ihre Hoffnungen jedoch, dass Deutschland an seinen Ostgrenzen gewichtige Zugeständnisse gemacht würden, wenn es die Funktion eines Schutzwalls gegen den Bolschewismus übernehme, lösten sich in Nichts auf. Bei der Erläuterung der deutschen Position während der Konferenz setzte Außenminister Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau deshalb neue Schwerpunkte: »Deutschland steht vor der Wahl, entweder als Vermittler zwischen Ost und West aufzutreten oder das Feld für deren Entscheidungsschlacht zu sein.«[33] Das war der erste Schritt in Richtung politischer Realismus, der seinen praktischen Niederschlag im Vertrag von Rapallo finden sollte, der von den Regierungen Russlands und Deutschlands im Frühjahr 1922 geschlossen wurde.   Vor und nach dem Zweiten Kongress der Komintern Die Erfahrung aus dem misslungenen »Spartakusaufstand« hatte die russischen Emissäre in Berlin gelehrt, dass vor ihnen keine kurze, sondern eine lange Phase lag, in der sie den deutschen Arbeitern das Abc des illegalen Kampfes beibringen mussten. »Es ist komisch, aber in der Tat so, dass wir den Deutschen das Organisieren predigen müssen«, schrieb Radek Ende Januar 1919 aus Berlin an die Führung der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki).[34] Im Verlauf dieses Jahres reifte bei Lenin der Gedanke, dass die proletarische Weltrevolution ohne die Gründung von Parteien analog zur bolschewistischen keine Chance auf Erfolg haben würde, was eine organisatorische Spaltung innerhalb der europäischen sozialistischen Bewegung unausweichlich machte. Die Gründe für eine derartige Entwicklung lagen auf der Hand. Die Kommunistische Partei Russlands (Bolschewiki) allein verfügte über die gesamte staatliche Macht, nachdem sie eine brutale Diktatur errichtet hatte. Außerdem kamen ihre historischen Erfahrungen zum Tragen: Stets hatte sie den Kampf in der Illegalität führen müssen und war ständigen Repressalien seitens des Zarenregimes ausgesetzt gewesen. Im revolutionären Russland wurden die Institutionen und Praktiken der totalen Mobilisierung auch nach dem Ende des Weltkrieges beibehalten: Sie »dienten als Material für den Aufbau sowohl eines neuen Staates als auch einer neuen sozialen und wirtschaftlichen Ordnung«.[35] Die Atmosphäre des Bürgerkrieges in Russland trug schließlich entscheidend dazu bei, dass die Komintern die militärischen Führungsmethoden übernahm. Sie machte die allgemeine Militarisierung und Zentralisierung, die Klärung von Problemen auf Befehl oder die Entsendung von Emissären mit Sondervollmachten an »Schwachstellen« erst möglich. Auch wenn sich die Hoffnung der Führer der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki), der Weltkrieg werde mit der sozialistischen Revolution in den europäischen Ländern zu Ende gehen, nicht erfüllte, begann die mit dieser Hoffnung geborene »Weltpartei des Proletariats« selbständig zu existieren. In den Jahren 1919 und 1920 wurden bei den Sitzungen des ZK und des Politbüros der bolschewistischen Partei regelmäßig die Finanzierung der Komintern und ausländischer kommunistischer Parteien erörtert und die Grundsätze ihrer gegenseitigen Beziehungen festgelegt.[36] Letztere wurden als »Hilfstruppe der Weltrevolution« betrachtet, in der Sowjetrussland selbst die Hauptrolle spielte. Die europäischen Sozialisten in den Reihen der Komintern trieb nicht nur die Unzufriedenheit mit der versöhnlerischen Politik der sozialdemokratischen Parteien in ihren Ländern und radikaler Idealismus an. Es war für sie schlicht einfacher, sich einem real existierenden Zentrum mit einer klar ausgeprägten »Generallinie« anzuschließen, als im Dunkel autonomer Organisationen umherzuirren, in denen alle Schattierungen des Marxismus, des Anarchismus und des Syndikalismus vertreten waren. Bereits im ersten Jahr des Bestehens der Komintern zeigte sich Lenin überaus interessiert am Wunsch einiger sozialistischer Parteien, sich ihr anzuschließen. In erster Linie betraf dies die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD), über die auf der Politbürositzung am 20. Januar 1920 diskutiert wurde. Die Antwort an die Führung der Partei, die von Lenin im Namen des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI) verfasst wurde, enthielt die klare Forderung, sich von den »rechten Führern« zu befreien, ließ aber eine Tür für Verhandlungen offen.[37] Anstatt dafür zu kämpfen, die Zahl ihrer Anhänger weiter zu vergrößern, waren die Kommunisten davon überzeugt, allein die Zeit arbeite zu ihren Gunsten. Sie verwiesen stets auf die traurigen Erfahrungen vor Beginn des Weltkrieges, die ein Beweis dafür gewesen seien, dass labile Elemente in den Parteien der Zweiten Internationale zum Zusammenbruch der internationalen Sozialistenorganisation geführt hatten. Im Mai 1920 beklagte der Sekretär des ZK der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki), Preobraženski: »Bald wird der Kommunismus ob all dieser Ja-Sager nicht mehr wissen, wohin.« [38] Nach der Vereinigung von KPD und USPD im Herbst 1920 konnte die Komintern jedoch keine weiteren ernsthaften Erfolge bei der Erweiterung ihrer Massenbasis in den europäischen Ländern erzielen. »1920 haben die Bolschewiki das getan, was beim Blick in die Vergangenheit als ihr größter Fehler erscheint – sie haben die internationale Arbeiterbewegung gespalten.« Eric Hobsbawm, von dem diese Worte stammen, sieht eine Alternative im Zusammenschluss der »sozialistischen Anhänger der Oktoberrevolution«, die sich ihr gegenüber »kritisch solidarisch« zeigten. »Die meisten linken Sozialisten – sowohl einzelne Funktionäre als auch Parteien – kehrten in das sozialdemokratische Lager zurück, das vorwiegend von gemäßigten Antikommunisten geführt wurde«, so Hobsbawm.[39] Der Kapp-Putsch in Deutschland stellte die Komintern erstmals vor die Frage nach dem Wert der Demokratie als solche. Wie könnte die Arbeiterklasse diese Regierungsform nutzen, um ihre sozialen Errungenschaften zu verteidigen, nachdem sie die bürgerliche Demokratie lange als Mittel zum Betrug der Arbeiter durch die herrschende Klasse betrachtet hatte? Die erste Reaktion auf den Putsch war nicht überraschend: Keine Unterstützung der »weißen Sozialdemokratie« – der Militärdiktatur müsse die Arbeiterklasse des Landes ihre Diktatur entgegenstellen. Der Putsch der reaktionären Militärs wurde analog zum Kornilov-Aufstand betrachtet, dem die Machtergreifung durch das Proletariat folgt.[40] Der in Deutschland entfachte politische Generalstreik zwang die Führer der kommunistischen Parteien zur Revision ursprünglicher Entscheidungen. Die KPD schloss sich der Einheitsfront der Arbeiterorganisationen an, die innerhalb weniger Tage die Putschisten aus Berlin jagte. Die weitere Zusammenarbeit der Kommunisten mit den sozialistischen Parteien und Gewerkschaften (Zusage einer »loyalen Opposition« im Falle der Bildung einer Arbeiterregierung in Deutschland) wurde jedoch in Moskau als Rechtsruck verurteilt.[41] Die Taktik der KPD während des Kapp-Putsches riefe den stillen Protest jener Führer ausländischer kommunistischer Parteien hervor, die auf einer Kopie der Linie der Bolschewiki im Jahre 1917 bestanden. Ihre Stimmungen brachte in einem Brief an Lenin der ungarische Revolutionär Béla Kun zum Ausdruck, der sich zu jener Zeit in einem österreichischen Gefängnis befand: »Einige Ihrer Äußerungen der letzten Zeit werden von allen miesen Opportunisten in den kommunistischen Parteien und außerhalb von ihnen genutzt, um sie nicht nur vor Putschen zu warnen, sondern um die Bewegung überhaupt zu hemmen [...] Die ungarischen Ereignisse und noch mehr das Verhalten der KPD haben mich vollends überzeugt, dass es besser ist, nach der russischen Methode zu handeln, eingedenk aller Fehler der dortigen Entwicklung, als unter ihrem Deckmantel die bolschewistische Partei und ihre Handlungen zu kastrieren.«[42] Lenin war sich bewusst, wohin ein derartiger Dogmatismus die ausländischen Kommunisten führen würde, und gab den Startschuss zur ersten Wende in der Geschichte der Komintern, indem er gegen linke Auswüchse in der Politik einzelner kommunistischer Parteien auftrat. Die dominierende Rolle der Erfahrungen der Bolschewiki zweifelte er in seinem Buch Detskaja bolezn’ levizny v kommunizme [Der linke Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus], das im Mai 1920 erschien, zwar nicht an, warnte aber die ausländischen Gleichgesinnten davor, diese schablonenhaft anzuwenden. Wobei es nicht nur um linke Fehler ging, sondern auch (wie im Fall des Kapp-Putsches) um das ungerechtfertigte Vertrauen der Kommunisten in demokratische Institutionen. Die blinde Bereitschaft der ausländischen Kommunisten, dem russischen Beispiel ohne Rücksicht auf die Gegebenheiten des politischen Kampfes in ihren Ländern zu folgen, rief heftige Diskussionen in der Führung der Komintern am Vorabend ihres Zweiten Kongresses hervor. Der aus Deutschland zurückgekehrte Radek setzte sich für Geschlossenheit ein: »Das Exekutivkomitee der Dritten Internationale kann nicht die Rolle des Vaters spielen, der alles selbst entscheidet. Es ist sehr sinnvoll und sogar erforderlich, dass die Mitglieder des Exekutivkomitees ihren Standpunkt im Streitgespräch mit den anderen Parteien festlegen.«[43] Es gab auch andere Stimmen: »Es ist nichts Verwerfliches daran, dass man uns die Diktatur [der russischen Kommunisten – A. V.] aufzwingen will. Jede Frage, die im Exekutivkomitee aufkommt, steht oder wird in naher Zukunft in engem Zusammenhang mit der russischen Politik stehen.«[44] Ungeachtet der zaghaften Aufrufe einer Reihe von Vertretern ausländischer kommunistischer Parteien zur kollektiven Führung blieb die Frage, ob das Komintern-Steuer nach rechts oder links umgelegt werden sollte, den Führern der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki) vorbehalten. Sie kamen auch ohne die Meinung ihrer ausländischen Kampfgefährten aus. So, als im ZK die Perspektiven des sowjetisch-polnischen Krieges, genauer gesagt, die Grenzen des Angriffs der Roten Armee auf den Westen erörtert wurden.   Die Niederlage bei Warschau Die Bolschewiki haben niemals auf den Einsatz gewaltsamer Methoden verzichtet, wenn es darum ging, die Weltrevolution voranzubringen (auch wenn sie es vorzogen, dies nicht öffentlich zu verkünden). Im ersten Programmentwurf der Komintern verteidigte Nikolaj Bucharin »das Recht der proletarischen Republiken auf Intervention zugunsten der Unterdrückten und Ausgebeuteten«.[45] Die Führer der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki) waren jedoch hervorragende Taktiker, die ihre ideologischen Zielsetzungen den Realitäten der innen- und außenpolitischen Lage unterordneten. Im Mai 1920, als die polnische Armee Kiew angriff, kam Lenin in der Tradition klassischer Geopolitik zu dem Schluss: »Unser Bündnis mit Deutschland gegen die Entente nimmt Gestalt an.«[46] Ähnliche Gedanken äußerte auch der deutsche General Hans von Seeckt, der davon überzeugt war, dass Polen früher oder später von der politischen Landkarte Europas verschwinden werde.[47] Im Juli konnte bezüglich der Lage an der sowjetisch-polnischen Front eine Wende eingeleitet werden, die Rote Armee ging zu einem groß angelegten Angriff über. Als Antwort auf die Curzon-Linie, die vorsah, eine polnisch-russische Demarkationslinie nach dem ethnografischen Prinzip zu ziehen, hatte Lenin mit aller Deutlichkeit gefragt: »Sollen wir diesen Vorschlag mit für uns vorteilhaften Grenzen annehmen und uns damit in eine – allgemein gesprochen – reine Verteidigungsposition bringen oder den Aufschwung in unserer Armee und die Überlegenheit nutzen, um die Sowjetisierung Polens zu unterstützen?«[48] Die Beurteilung der internationalen Lage erinnerte sehr an die Diskussion zum Brester Frieden. Erst jetzt nahm Lenin die Position der »linken Kommunisten« an, die bereit waren, ihre eigene Macht zu riskieren, um die proletarische Weltrevolution voranzubringen. Er schrieb den Entwurf der Thesen des Juli-Plenums des ZK der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki), mit denen er die Parteimitglieder aufrief, mit vereinten Kräften den Polen zu helfen, sich von der Bourgeoisie und den Gutsbesitzern zu befreien. Lenin wurde von Grigori Zinovʼev, Bucharin und Lev Kamenev unterstützt. Die Bedenken der engsten Kampfgefährten wugen schwer. Radek warnte, dass »unser Angriff einzig und allein einen Ausbruch des Patriotismus zur Folge hat und das [polnische] Proletariat in die Arme der Bourgeoisie treibt [...] und überhaupt ist Europa nicht reif für eine soziale Revolution«. Aleksej Rykov ergänzte: »Die Versuche, Europa mithilfe von Verbänden wie der Budënnyj-Reiterarmee zu sowjetisieren, werden uns nur vor dem europäischen Proletariat blamieren.« Doch sobald Lenins Resolution angenommen war, wurde der Angriff auf Warschau fortgesetzt.[49] Während des Plenums wurde Zinov’ev gefragt, ob die in Moskau versammelten ausländischen Kommunisten das Überschreiten der Grenzen Polens durch die Rote Armee unterstützen würden. Der Vorsitzende des EKKI antwortete zynisch, dass sie »auf unsere Weisung hin alles Mögliche beschließen können«.[50] Es ging um die Delegierten des Zweiten Kongresses, dessen Eröffnung für den 19. Juli 1920 geplant war. Erstmals wurde die Einberufung eines Kongresses der Komintern öffentlich bekannt gegeben, und erstmals trafen sich im Kreml-Palast Vertreter real existierender kommunistischer und sozialistischer Parteien aus 37 Ländern. Im Mittelpunkt des Zweiten Kongresses standen zwei Themen: der Angriff der Roten Armee auf den Westen und die Organisationsstruktur der Komintern. Hinter der Tribüne, von der aus die Redner sprachen, hing eine gewaltige Karte, auf der mit Fähnchen die Frontlinie markiert war. Jeder Vorstoß der Roten Armee ins Innere Polens rief bei den Versammelten einen Begeisterungssturm aus. Niemand hatte Zweifel daran, dass ihr Einmarsch in den europäischen Ländern automatisch zur proletarischen Revolution führen würde. Am 23. Juli 1920 schrieb Lenin an Stalin, der sich an der Südwestfront aufhielt: »Die Lage in der Komintern ist ausgezeichnet. Zinov’ev, Bucharin und auch ich sind der Ansicht, dass man die Revolution in Italien sogleich fördern sollte. Meine persönliche Meinung ist, dass man dazu Ungarn und möglicherweise auch die Tschechei und Rumänien sowjetisieren muss.«[51] Das Statut, das auf dem Zweiten Kongress verabschiedet wurde, betrachtete die Komintern als »Weltpartei«, bestehend aus einzelnen Sektionen. Die Entscheidungsbefugnisse lagen allein beim EKKI, das über die Finanzmittel verfügte, die von der bolschewistischen Partei bereitgestellt wurden. Während der Diskussionen setzte sich der KPD-Führer Paul Levi für die Einrichtung des Postens eines »politischen Generalsekretärs« ein, für den er Karl Radek vorschlug. Zinov’ev fühlte sich sogleich in seiner Alleinstellung bedroht und erklärte, dass die bevorstehenden Ereignisse in Polen Radek in dieser Richtung unersetzlich machten. Auch der Vorschlag bezüglich einer paritätischen Vertretung von Mitgliedern der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki) und Ausländern im Kleinen Büro des EKKI fiel durch.[52] Schließlich bedeuteten die »21 Bedingungen« für die Aufnahme in die Kommunistische Internationale das Ende der Versuche der linken Sozialisten, wenigstens ein Minimum an organisatorischer Autonomie zu verteidigen. Der Zentralisierungskurs und die Erfahrungen der Bolschewiki aus dem Bürgerkrieg bildeten den Kern der Politik der Komintern. Der Zweite Kongress war eine wichtige Zäsur in der Geschichte dieser Organisation und festigte die »Dominanz Moskaus« in allen Bereichen.[53] Die Delegierten kehrten in ihre Länder zurück und fühlten sich als Generale und Offiziere der Schlacht, die jeden Augenblick auf dem europäischen Kontinent beginnen konnte. Eine Woche nach Abschluss des Kongresses erlitt die Rote Armee am 15. August 1920 eine schwere Niederlage bei Warschau. Die Illusion, dass mit einem einzigen militärischen Schlag das Problem der Zerstörung der kapitalistischen Herrschaft gelöst werden könne, löste sich in Luft auf. Es war an der Zeit, Fehler zu analysieren und Lehren zu ziehen. Es sollte das letzte Mal sein, dass im höchsten satzungsgebenden Organ hart und offen sowie ohne Rücksicht auf das Ansehen der Person diskutiert wurde. Nicht zufällig wurden Teile des Stenogramms der IX. Konferenz der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki), die dem misslungenen Angriff auf Polen gewidmet war, erst Anfang der 1990er-Jahre veröffentlicht. Lenin blieb bei seiner Haltung, dem bürgerlichen Polen mit dem »rotarmistischen Bajonett« auf den Zahn zu fühlen, und versprach, dass »wir wieder und wieder von der Verteidigungs- zur Angriffspolitik wechseln werden, bis wir alle endgültig zerschlagen haben«.[54] Dem widersprach Karl Radek: »Wir alle stimmen der prinzipiellen Zulässigkeit eines Angriffskrieges gegen kapitalistische Mächte zu. Wir haben uns aber durch markante Losungen hinreißen lassen und nicht bemerkt, dass Mitteleuropa für eine Revolution noch nicht reif ist. Jetzt führt Genosse Lenin eine neue Methode der Informationssammlung vor: Ohne zu wissen, was in dem jeweiligen Land passiert, schickt er die Armee dorthin.«[55] Die Niederlage bei Warschau hatte ernsthafte Folgen nicht nur für die internationale kommunistische Bewegung, sondern auch für die innenpolitische Entwicklung des Landes. Der Friedensvertrag von Riga mit Polen, der am 18. März 1921 geschlossen wurde, war natürlich kein zweites Brest, aber ein gewaltiger Schlag für das Ansehen Sowjetrusslands. Die Bolschewiki hatten ernsthaft mit der Unterstützung der proletarischen Republiken gerechnet, die im Westen siegen würden, und deshalb nicht auf das militärisch-kommunistische Paradigma verzichtet. Nach der Niederlage verlor Lenin »endgültig die Hoffnung auf eine schnelle Umsetzung der Weltrevolution. Nun musste er sich auch von seiner Strategie ›Der Westen wird uns helfen‹ verabschieden. Die Ressourcen sowohl für das Überleben des bolschewistischen Regimes als auch für die wirtschaftliche Wiederbelebung Russlands und dessen weitere Entwicklung mussten fortan im eigenen Land erschlossen werden. Folglich musste man von der Psychologie und den Methoden des Bürgerkrieges zur Psychologie und zu den Methoden des Bürgerfriedens wechseln«.[56] Es bedurfte noch einiger Krisenmonate, bis Lenin einem vorübergehenden Abweichen von seiner Linie zustimmte. Den Bauern wurde die Möglichkeit zur autonomen Entwicklung ihre Wirtschaft eingeräumt. Von der »Neuen Ökonomischen Politik« (NÖP) war die Politik als solche jedoch nicht betroffen. Die Außerordentliche Allrussische Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage beim Rat der Volkskommissare der RSFSR (Vserossijskaja črezvyčajnaja komissija po bor’be s kontrrevoljuciej i sabotažem pri Sovete narodnych komissarov RSFSR (VČK)) verstärkte die Repressalien gegen die sozialistischen Parteien, die ohnehin in die Illegalität getrieben worden waren. In der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki) selbst wurde das Verbot zur Bildung von Fraktionen eingeführt: Vor der Parteibasis durfte keine Meinung vertreten werden, die sich von der Meinung der Parteioberen unterschied. Der starke Rechtsruck erfolgte ohne Absprache mit der Führung der Komintern und den einzelnen kommunistischen Parteien. Die Erwartung Zinov’evs, dass sie »alles Mögliche beschließen«, erfüllte sich nur zum Teil. Die »denkenden Köpfe« begannen, die kommunistische Bewegung zu verlassen.[57] Auch wenn Lenin und Trockij im Verlauf der heftigen Diskussionen auf dem Dritten Komintern-Kongress, der vom 22. Juni bis 12. Juli 1921 stattfand, den angesprochenen Rechtsruck unterstützten, reichte auch ihre Autorität nicht aus, jeden Delegierten davon zu überzeugen. Verwirrend wirkte vor allem die Verkündung der Politik der »Arbeitereinheitsfront«, die eine Abkehr von ursprünglichen Zielsetzungen bezüglich des entscheidenden Sturms auf den Kapitalismus darstellte und ein Versuch war, einen Kompromiss innerhalb der internationalen Arbeiterbewegung zu finden, eine Art NÖP auf internationaler Ebene. Der Preis für den Sieg der Bolschewiki im Bürgerkrieg war ein zivilisatorischer Rückfall ungeahnten Ausmaßes.[58] Diese Tatsache sowie die folgende Versöhnung Sowjetrusslands mit dem Westen ließen das »Licht aus dem Osten« verblassen. »Ungeachtet dessen, dass die Lage in Europa weit entfernt von Stabilität war, wurde im Jahre 1920 klar, dass die bolschewistische Revolution nicht auf der westlichen Agenda stand, obwohl zugleich offensichtlich war, dass sich die Bolschewiki in Russland für lange Zeit etabliert hatten.«[59] Im Verlauf der 1920er-Jahre verloren die meisten Sektionen der Komintern in Europa ihre politische Bedeutung. Die Perspektive von Revolutionen nach russischem Muster verlagerte sich nach Asien. Es bedarf neuer sozialer und politischer Erschütterungen, um der kommunistischen Bewegung »neues Leben« einzuhauchen. Allerdings wird sie in Zukunft ein neues Antlitz annehmen – nicht als Waffe der Weltrevolution des Proletariats, sondern als Werkzeug der Außenpolitik der Sowjetunion und als Bestandteil der antifaschistischen Volksfront.   Aus dem Russischen übersetzt durch das Bundessprachenamt [1] J. Sadoul: Zapiski o bol’ševistskoj revoljucii (oktjabr’ 1917 – janvar’ 1919) [Aufzeichnungen über die bolschewistische Revolution (Oktober 1817 – Januar 1919)], Moskau 1990, S. 178. [2] Siehe M. Malia: Lokomotivy istorii. Revoljucii i stanovlenie sovremennogo mira (amerik. Originalausgabe: Historyʼs Locomotives. Revolution and the making of the Modern World, New Haven/London, 2006), Moskau 2015, S. 298. [3] Ebd., S. 299. [4] Siehe G. Koenen: Was war der Kommunismus?, Göttingen 2010, S. 12. [5] Siehe W. Hedeler/A. Vatlin (Hg.): Die Weltpartei aus Moskau. Der Gründungskongress der Kommunistischen Internationale 1919. Protokoll und Dokumente, Berlin 2008. [6] G. Al’bert: »Mirovaja revoljucija – prelestnaja vešč«. Internacionalizm bolʼševistskich aktivistov pervch let sovetskoj vlasti. Konstruiruja »sovetskoe«? [»Die Weltrevolution – eine tolle Sache«. Der Internationalismus der bolschewistischen Aktivisten in den ersten Jahren der Sowjetmacht. Gestaltung des »Sowjetischen«?], in: Bulletin des Deutschen Historischen Instituts in Moskau, (2012), H. 6, S. 23. [7] M. Gor’kij: Nesvoevremennye mysli [Unzeitgemäße Gedanken], in: Novaja Žizn’, Nr. 43 vom 16. März 1918. [8] Sadoul: Zapiski o bol’ševistskoj revoljucii (Anm. 1), S. 19. [9] Dekrety Sovetskoj vlasti [Dekrete der Sowjetmacht], Bd. I, hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU und Institut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Moskau 1957, S. 15 f. [10] N. A. Berdjaev: Istoki i smysl russkogo kommunizma (dt. Ausgabe: Sinn und Schicksal des russischen Kommunismus: Ein Beitrag zur Psychologie und Soziologie des russischen Kommunismus, hrsg. von I. Schor, Luzern 1937), Moskau 1990 (russ. Erstausgabe: 1955). [11] Istorija VKP(b) [Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki)], Moskau 1952, S. 215 f. [12] Sadoul: Zapiski o bol’ševistskoj revoljucii (Anm. 1), S. 36. [13] I. B. Michutina: Ukrainskij Brestskij mir: put’ vychoda Rossii iz Pervoj mirovoj vojny i anatomija konflikta meždu Sovnarkomom RSFSR i pravitel’stvom Ukrainskoj central’noj rady [Der Ukrainische Brester Frieden: Der Weg des Austritts Russlands aus dem Ersten Weltkrieg und die Anatomie des Konfliktes zwischen dem Rat der Volkskommissare der RSFSR und der Regierung des Ukrainischen Zentralrates], Moskau 2007, S. 17 f. [14] Ein klassisches Werk der sowjetischen Geschichtsschreibung zu diesem Thema ist die Forschungsarbeit von A.O. Čubar’jan: Brestskij mir [Brester Frieden], Moskau 1964. Ein typisches Beispiel für die westliche Herangehensweise ist das Buch von Ju. G. Fel’štinskij: Krušenie mirovoj revoljucii. Brestskij mir, oktjabr’ 1917 – nojabr’ 1918 [Der Zusammenbruch der Weltrevolution. Der Brester Frieden, Oktober 1917 – November 1918], Moskau 2014. [15] Ja. A. Butakov: Brestskij mir: lovuška Lenina dlja kajzerovskoj Germanii [Der Brester Frieden – Lenins Falle für das Deutsche Kaiserreich], Moskau 2012, S. 208. [16] Die Argumente des »linken Kommunisten« E. A. Preobraženski, die von ihm im März 1918 in der Presse des Urals dargelegt wurden, werden zitiert nach: M. M. Gorinov: Evgenij Preobraženskij. Bol’ševik iz popovičej. [Evgeni Preobraženski. Ein Bolschewik unter Priestersöhnen], Moskau 2015, S. 196. [17] Ebd., S. 197. [18] Sadoul: Zapiski o bol’ševistskoj revoljucii (Anm. 1), S. 222. [19] Siehe V. A. Nikonov: Krušenie Rossii 1917 g. [Der Zusammenbruch Russlands 1917], Moskau 2015, S. 687. [20] Siehe P. Holquist: Making war, forging revolution. Russiaʼs continuum of crisis, 1914–1921, Cambridge (Mass.)/London 2002, S. 145–147. [21] Für Einzelheiten siehe A. Ju. Vatlin: »Russkij otdel« germanskogo MIDa na rubeže 1918–1919 gg. [Die »Russische Abteilung« des Auswärtigen Amtes an der Schwelle der Jahre 1918–1919], in: Istoričeskij žurnal: naučnye issledovanija (2015), H. 3, S. 377–385. [22] Siehe W. Baumgart: Deutsche Ostpolitik 1918. Von Brest-Litowsk bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, Wien/München 1966. [23] Sadoul: Zapiski o bol’ševistskoj revoljucii (Anm. 1), S. 37. [24] Siehe G. Koenen: Was war der Kommunismus? (Anm. 4), S. 36. [25] Siehe Politbjuro CK RKP(b)-VKP(b) i Komintern. 1919–1943. Dokumenty [Das Politbüro des ZK der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki) und die Komintern. 1919–1943. Dokumente], Moskau 2004, S. 26. [26] G. Koenen: Meždu strachom i voschiščeniem (dt. Ausgabe: Der Russland-Komplex. Die Deutschen und der Osten 1900–1945, München 2005), Moskau 2010, S. 151. [27] A. Vatlin: Im zweiten Oktober. Lenin, die Niederlage des Deutschen Reiches und die außenpolitische Strategiewende der Bolschewiki, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2007, Berlin 2007, S. 180–200. [28] Siehe D. Geyer: Sowjetrußland und die deutsche Arbeiterbewegung 1918–1932, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (1976), H. 1, S. 10–12. [29] Protokoll der Gespräche Oscar Cohns mit dem Vertreter des Rates der deutschen Arbeiter- und Soldatendeputierten in Moskau, Ernst Reuter, vom 11. November 1918, Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, Berlin (im Folgenden: PA AA) R 2018. [30] Siehe Fernschreiben von Graf von Saurma, Attaché in der politischen Abteilung des Auswärtigen Amtes, vom 15. November 1918, mit dem er anfragte, ob er das Schreiben Joffes bestimmungsgemäß an das Auswärtige Amt senden solle, PA AA R 2019. [31] Pis’mo k rabočim Evropy i Ameriki [Brief an die Arbeiter Europas und Amerikas], in: V. I. Lenin: Polnoe sobranie sočinenij [Gesammelte Werke], Bd. 37, S. 457. [32] Komintern i ideja mirovoj revoljucii. Dokumenty [Die Komintern und die Idee der Weltrevolution. Dokumente], Moskau 1998, S. 109. [33] Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918–1945, Serie A, Bd. 1, Göttingen 1982, S. 474. [34] Komintern i ideja mirovoj revoljucii. Dokumenty (Anm. 32), S. 93. [35] Holquist: Making war, forging revolution (Anm. 20), S. 7. [36] Siehe Politbjuro i Komintern [Das Politbüro und die Komintern], hrsg. vom Bundesarchivdienst der Russischen Föderation und dem Russischen Staatsarchiv für soziale und politische Geschichte (RGASPI), Moskau 2004, S. 25–33, 38–71. [37] Ebd., S. 36 f. Der Text der Antwort wurde auch in der Zeitschrift »Kommunističeskij Internacional«, (1920), H. 90 veröffentlicht. [38] Tagebuch von E.A. Preobraženski mit Aufzeichnungen der Fragestellungen, die bei den Sitzungen des Politbüros und des Plenums des ZK der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki) vom 4. Mai bis 24. September 1920 erörtert wurden. E. A. Preobraženskij: Archivnye dokumenty i materialy. 1886–1920 gg [Archivdokumente und Materialien. 1886–1920], Moskau 2006, S. 348. [39] E. Hobsbawm: Èpocha krajnostej: korotkij dvadcatyj vek (1914–1991) (amerik. Originalausgabe: The Age of Extremes. The Short Twentieth Century, 1914–1991, London 1994; dt.: Das Zeitalter der Extreme, München 1995), Moskau 2004, S. 81 f. [40] Siehe Aufruf des EKKI vom 15. März 1920. Komintern i ideja mirovoj revoljucii. Dokumenty (Anm. 32), S. 159 f. [41] »Wir halten es für erforderlich, die deutschen Genossen auf diesen Fehler hinzuweisen, den wir darin sehen, dass sie sich vom rechtmäßigen Kampf gegen die umstürzlerische Taktik haben hinreißen lassen«, erklärte Radek bei der Sitzung des EKKI am 18. Juni 1920, Rossijskij gosudarstvennyj archiv social’no-političeskoj istorii/Russländisches Staatsarchiv für Soziale und Politische Geschichte (im Folgenden: RGASPI) 495-1-6, Bl. 66. [42] Der Brief wurde Ende März 1920 geschrieben. Komintern i ideja mirovoj revoljucii. Dokumenty (Anm. 32), S. 168 f. [43] Rede Radeks auf der Sitzung des EKKI am 28. Juni 1920, RGASPI 495-1-6, Bl. 101. [44] Rede des Vertreters der norwegischen Kommunisten, Jakob Friis, auf der Sitzung des EKKI am 7. August 1920, RGASPI, 495-1-7, Bl. 12. [45] K voprosu o Programme Kommunističeskogo Internacionala (Materialy) [Zum Programm der Kommunistischen Internationale (Materialien)], Moskau 1924, S. 65. [46] Tagebuch von E.A. Preobraženski (Anm. 38), S. 348. [47] Siehe H. A. Winkler: Vejmar 1918–1933. Istorija pervoj nemeckoj demokratii (dt. Ausgabe: Weimar 1918–1933. Die Geschichte der ersten Deutschen Demokratie, München 1993), Moskau 2013, S. 168 f. [48] Politbjuro i Komintern (Anm. 36), S. 59. [49] Tagebuch von E.A. Preobraženski (Anm. 38), S. 349 f. [50] Ebd., S. 349. [51] Politbjuro i Komintern (Anm. 36), S. 54. [52] Siehe Sitzung des Exekutivkomitees am 7. August 1920, RGASPI 495-1-7, Bl. 8 f., 12. [53] Siehe Hermann Weber/Jakov Drabkin/Bernhard H. Bayerlein/Aleksandr Galkin (Hg.): Deutschland, Russland, Komintern, Bd. I: Überblicke, Analysen, Diskussionen, München 2014, S. 34. [54] Komintern i ideja mirovoj revoljucii. Dokumenty (Anm. 32), S. 198 f. [55] Ebd., S. 201, 203. [56] Gorinov: Evgenij Preobraženskij (Anm. 16), S. 449. [57] Ein typisches Beispiel war Paul Levi. Siehe dazu Charlotte Beradt: Paul Levi. Ein demokratischer Sozialist in der Weimarer Republik, Frankfurt a.M. 1969. [58] Siehe G. Koenen: Was war der Kommunismus? (Anm. 4), S. 30. [59] Hobsbawm: Èpocha krajnostej (Anm. 39), S. 81.

JHK 2017

Red Scare: Bodenwellen der russischen Oktoberrevolution in den USA 1919/20

Helke Rausch

1919 brandete eine nie dagewesene Streikwelle in den USA auf, die den Auftakt in das zentrale Jahr der Red Scare bilden sollte. Die Anzahl der Streiks mochte aus zeitgenössischer Sicht verglichen mit den Vorjahren nicht ungewöhnlich erscheinen. Das erhebliche Ausmaß der einzelnen Streiks von 1919 übertraf allerdings mit fast vier Millionen streikenden Arbeitern – und damit etwa einem Viertel der gesamten Arbeiterschaft – alle zuvor gekannten Dimensionen.[1] Die Streiks dienten vor allem dem traditionellen Kampf um Arbeitnehmerinteressen und um die Anerkennung der Gewerkschaften.[2] Der politisch inszenierte öffentliche Alarmismus stellte die Unruhen allerdings gezielt unter kommunistischen Generalverdacht. Jedoch zeigt schon der kursorische Blick auf einige Schlüsselmomente der radikalen Chronologie der Jahre 1919/20, dass die Red Scare eher auf inszenierter als begründeter Revolutionspanik basierte, für die die Russische Revolution nur als einer von vielen anderen, insbesondere inneramerikanischen Faktoren ins Gewicht fiel. Entsprechend lässt sich die Red Scare erstens als Relikt des Ersten Weltkriegs verstehen, als Anzeichen für einen weit über das Kriegsende vom Winter 1918 hinausreichenden, aggressiven Kriegsnationalismus, der die US-Demokratie mit der massiven Einschränkung individueller Grundrechte und mit perfektionierten Techniken politischer Investigation repressiv verformte.[3] Zweitens erscheint die Red Scare als Ausdruck massiver Brutalisierung und Radikalisierung der US-amerikanischen Zivilgesellschaft. Besonders die Rassenunruhen erwiesen sich als Krisensymptome der rassistischen und demobilisierten US-Gesellschaft.[4] Es gab dabei auch eine Art russischen Impuls infolge der Oktoberrevolution und ihrer Rezeption speziell durch die »African Americans«, jene Afroamerikaner, die nach der Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg in ihre seggregierte Heimatgesellschaft emanzipatorisches Potenzial in der kommunistischen Ideologie erkannten. Als alleinige Initialzündung für die massiven Aufstände wird man diesen amerikanischen Bezug auf die Oktoberrevolution aber kaum sehen können. Drittens bildete die Red Scare den Kulminationspunkt der Arbeiterunruhen.[5] Denn die Streikwelle zeugte von einer neuen Entschlossenheit der Gewerkschaften und der amerikanischen Linken, nach einer Art zivilgesellschaftlichen Kriegsdividende für ihre Konsensbereitschaft während des Krieges zu verlangen. Der US-Kommunismus blieb allerdings zu zersplittert und zu uneigenständig, um dabei eine revolutionäre Größe darzustellen. Viertens behielt die Red Scare dessen ungeachtet eine starke Beharrungskraft noch weit über ihr formales Ende 1920 hinaus:[6] Anfänge einer wirtschaftlichen Kooperation mit Russland, der US-amerikanische Wirtschaftsboom der frühen 1920er-Jahre und ein neuer strategischer Humanitarismus angesichts der russischen Hungerkatastrophe zwischen 1921 und 1923 beschwichtigten und überlagerten sie. Die während der Streiks und damit einhergehenden Unruhen vorgebrachten Konfliktpunkte blieben mittelfristig allerdings ungelöst. In diesem Sinne erwies sich die Red Scare als Offenbarungseid einer weiterhin hochgradig binnenfraktionierten US-amerikanischen Demokratie.   Kulminationspunkte der Red Scare zwischen 1919 und 1920: Eine Chronologie des Nachkriegsradikalismus Schon der Blick auf einige wenige Momente macht den immer gleichen Mechanismus der historischen Szene deutlich. Im Februar 1919 eskalierte in Seattle im nordwestlichen Bundesstaat Washington ein Streik von ca. 35 000 Werftarbeitern für höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten zum Generalstreik.[7] Obwohl das öffentliche Leben in Seattle nie komplett zum Erliegen kam, ließ sich die amerikanische Öffentlichkeit von hysterischen Presseberichten elektrisieren, wonach Radikale systematisch die nationale Ordnung »aufweichten«.[8] Von radikal-anarchistischen Galleanisten angezettelte Bombenanschläge in acht US-amerikanischen Städten im Juni 1919 heizten nach einer Serie von Briefbombenattentaten im April und nach Aufmärschen anlässlich des Maifeiertags die öffentliche Stimmung zusätzlich an.[9] Behörden und Presse sahen ständig einen blindwütig-unkontrollierten und bald unkontrollierbaren US-Kommunismus am Werk, der wie eine Bodenwelle aus dem bolschewistischen Russland die USA zu erreichen schien.[10] Zwischen Juli und September 1919 eskalierte die Panik im Zuge von insgesamt über 20 größeren rassistischen Ausschreitungen. Nicht nur im urbanen Chicago, wo 38 Tote und über 500 Verletzte zu beklagen waren, und in Washington D.C., sondern auch im ländlichen Elaine, Arkansas, forderten die »Race Riots«, häufig von einem weißen Mob ausgelöst und mit afroamerikanischer Gegengewalt gekontert, insgesamt über 100 Todesopfer.[11] Die Ausschreitungen mündeten mitunter in grotesken Gewaltexzessen, wenn etwa bei den »Elaine Race Massacres« im Oktober 1919 Afroamerikaner von einem weißen Mob massakriert wurden, dem zusätzlich weiße US-Soldaten von einem nahegelegenen Camp zu Hilfe kamen.[12] Dennoch lief der propagandistisch geschürte Argwohn gegen einen großflächigen subversiven Bolschewismus an den faktischen Bedrohungspotenzialen solcher Unruhen geradewegs vorbei. Das galt auch für die geradezu panische Aufmerksamkeit, mit der die Gründung zweier US-amerikanischer kommunistischer Parteien verfolgt wurde.[13] Dabei zeugte deren rivalisierendes Nebeneinander eher von starken Binnenfriktionen und innerer Schwäche. Aber dass die neuen Parteiformationen darum warben, von der im Frühling 1919 gegründeten Komintern anerkannt zu werden, die sich als Koordinationszentrale für die Weltrevolution verstand, verschaffte ihnen beim konservativen amerikanischen Publikum keinen Zuspruch.[14] Inzwischen formierte sich eine konzertierte staatliche Reaktion. Alexander Mitchell Palmer, Attorney General und demokratischer Präsidentschaftskandidat, der einem der Bombenanschläge im Sommer 1919 entkommen war, führte sie an. Er ließ den jungen J. Edgar Hoover Sympathisanten kommunistischer Gewalt aufspüren. Dazu stand Hoover an der Spitze einer General Intelligence Division, die vom Justizministerium aus eng mit dem kongressfinanzierten Bureau of Investigation (dem Vorgänger des FBI) kooperierte. Dort legte man etwa 200 000 Karteien von Verdächtigen an und ging davon aus, dass knapp 90 Prozent aller Radikalen »un-amerikanische« Ausländer seien.[15] Zwischen November 1919 und Anfang 1920 folgte mit den insbesondere gegen die beiden kommunistischen Parteien gerichteten »Palmer Raids« eine Serie polizeilicher Razzien gegen nominelle und vermeintliche Kommunisten.[16] Die Legitimation solcher Aktionen stand schnell infrage, wenn die dabei Inhaftierten nach zum Teil drakonischen Bestrafungs- und Inhaftierungsaktionen selbst unter den Bedingungen des neuen Säuberungs-Furors am Ende doch freigelassen werden mussten.[17] Das Veto gegen die antikommunistischen Repressionsmaßnahmen kam schließlich aus der Mitte des – intern ganz heterogenen – staatlichen Apparates selbst. Im April 1920 neutralisierten gemäßigte Kräfte hinter dem neuen stellvertretenden Arbeitsminister Louis Freeland Post aus dem Ministerium heraus die von Palmer und Hoover im Justizministerium verantworteten staatlichen Übergriffe. Etwa zwei Drittel der ungefähr 5 000 Haftbefehle, die während der Palmer Raids erlassen worden waren, hob das gemäßigtere Arbeitsministerium wieder auf. Auch versuchte man mit öffentlichkeitswirksamen Gesten wie der Haftentlassung des US-Sozialisten Eugene Debbs Ende 1921 die Lage zu beruhigen. Palmers hysterische Warnung, dass der Maitag 1920 für revolutionäre Umtriebe missbraucht werden würde, erwies sich als haltlos und wurde im Grunde ohnehin bereits ignoriert.[18]   Red Scare als Relikt des Ersten Weltkriegs in den USA: Anhaltender Kriegsnationalismus und repressive Demokratie In der Red Scare-Panik wirkten vor allem die tiefgreifenden Effekte nach, die der Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg im April 1917 bewirkt hatte. Schon während der 1916 anlaufenden Vorbereitungen auf den Kriegsfall und verstärkt seit der offiziellen Mobilisierung 1917 hatte sich die neue Obsession der US-Regierung und der amerikanischen Kriegsbefürworter Bahn gebrochen, landesweit einen dissensfreien, homogenen Nationalismus zu sichern. Seit Wilson nach längeren innenpolitischen Debatten mit der Parole in den Krieg zog, es gehe um den Kreuzzug für die Demokratie gegen die Autokratie namentlich Deutschlands und der Habsburgermonarchie, war der Grundton für die Propaganda der USA gesetzt. Hinter Wilsons »Kreuzzug für die Demokratie« galt es die amerikanischen Reihen zu schließen.[19] Der Kriegsnationalismus produzierte seit 1916/17 in doppelter Hinsicht das antiradikale Arsenal, das 1919/20 während der Red Scare wieder genutzt werden sollte: Erstens waren in den Kriegsjahren bereits einschlägige Propaganda- und Überwachungseinrichtungen wie das »Committee on Public Information« entstanden, die während der Red Scare nun hochaktiv blieben. Die rhetorische Feindposition, die bis dahin die Deutschen innehatten, nahmen nun Kommunisten und Bolschewiken ein.[20] Zum antiradikalen Arsenal des amerikanischen Kriegsnationalismus gehörte zweitens eine ganze Phalanx repressiver Gesetze wie der »Espionage Act« von 1917 und der »Sedition Act« von 1918. Die kriegsnationalistische Verhärmung, die aus solchen Vorkehrungen sprach, hatte sich also mit dem Kriegsende 1918 nicht einfach aufgelöst, sie hielt stattdessen wenig gemäßigt an Waffenstillstand und Friedensverhandlungen von 1918 vorbei weiter an. Postgeheimnis und Meinungsfreiheit hatten demnach zurückzustehen, wenn die »clear and present danger« kommunistischer Subversion zu drohen schien.[21] Dahinter stand die vor allem im Weltkrieg propagandistisch genährte Überzeugung, dass die ausgesprochen multiethnischen Vereinigten Staaten von Amerika erst als straff durchhomogenisierte Nation tatsächlich kriegstauglich würden. Dass von den etwa 100 Millionen Einwohnern in den USA um 1914/15 etwa 13 Millionen Immigranten waren, die sich besonders in den städtischen Industriezentren des Nordens und Nordostens wie New York oder Chicago ballten, erschien an sich schon als eine einzige Belastungsprobe für den Erhalt einer loyalen US-Gesellschaft.[22] Vor allem aber schlug hier zu Buche, dass man während des Krieges die weit über fünf Millionen deutschen Immigranten, von denen viele entweder als Farmer im Mittleren Westen blieben oder Industriearbeiter in den großen Ostküstenstädten wurden, als subversive Verräter an der amerikanischen Sache ausmachte und verfolgte. Hinzu trat eine giftige Bezichtigungsrhetorik gegen Russen als »Bolschewisten«. Damit setzte sich die massive Anfeindung der Massenzuwanderung seit 1890 fort: gegenüber jenen Gruppen aus dem Habsburgerreich und Russland, die schon seit der Jahrhundertwende als wenig adaptions- und assimilationsfähig galten. Gegen sie hatte man zu Kriegszeiten das Ideal des »New Nationalism« propagiert, wonach sich die USA in erster Linie auf die überlegene europäisch-weiße Zivilisation gründeten, die vor ethnisch unerwünschter Zuwanderung geschützt werden müsse.[23] Die Konjunktur der amerikanischen Eugenik beflügelte dieses Denken und lenkte den Blick auf die knapp zehn Prozent der insgesamt knapp 17,7 Millionen jüdischen Einwanderer, die im Zuge der New Immigration in die USA gelangt waren, wo sie als degenerierte Bedrohung der ethnischen Substanz in den USA galten.[24] Im Dezember 1918 veröffentlichte das populäre Journal Literary Digest einen Artikel, der den Juden der New Yorker Eastside vorhielt, als »Yiddish agitators« eine zentrale Rolle bei der Oktoberrevolution in Russland zu spielen.[25] Tatsächlich spiegelte sich in solchen Anwürfen auch der Umstand wider, dass sich zahlreiche osteuropäische Juden der US-amerikanischen Kommunistischen Partei anschlossen.[26] In entsprechenden Stereotypen und Verschwörungstheorien überlappten sich aber zugleich auch xenophobe Immigrationskritik und Rassismus, die während der Red Scare wiederauflebten.   Brutalisierung und Radikalisierung: Die »Race Riots« als Krisensymptom der rassistischen und demobilisierten US-Gesellschaft und ihr russischer Impuls Auch in anderer Hinsicht blieb die Red Scare ein Erbe des Ersten Weltkriegs. Denn sie war in mindestens dreifacher Hinsicht hochgradig symptomatisch für eine anhaltende Brutalisierung der US-amerikanischen Nachkriegsgesellschaft. Die Rassenkrawalle des Red Scare-Jahres 1919 erschienen erstens als unmittelbares Relikt des US-amerikanischen Rassismus: 78 Afroamerikaner, darunter 10 Veteranen in Uniform, fielen 1919 Lynchmorden zum Opfer, und damit 15 mehr als 1918 und sogar 30 mehr als 1917.[27] Zu den monströsesten Ausschreitungen zählten jene in Ellisville, Mississippi, Ende Juni 1919, als mehrere Tausend weiße Südstaatler mit Rückendeckung des Gouverneurs von Mississippi, Theodore G. Bilbo, einen der Vergewaltigung beschuldigten Afroamerikaner, John Hartfield, in einer grotesken Gewaltorgie öffenlich hängten, verbrannten und erschossen.[28] Die Exzesse schlossen zu etablierten Mustern des häufig fundamental-religiös inspirierten, antimodernen »Lynchings« auf. Im Kern sollte so eine Suprematie der weißen Rasse terroristisch durchgesetzt werden.[29] In dieser Hinsicht waren die Aufstände im Grunde eine Serie von Lynch-Aktionen, die die Gewaltbilanz der Red Scare vor allem in den amerikanischen Südstaaten drastisch nach oben trieb. In den Race Riots entlud sich zweitens auch die illegale Sozialgewalt selbsterklärter Superpatrioten, die seit dem Ersten Weltkrieg den US-amerikanischen Vigilantismus prägten. Halbstaatliche »Selbstschutz«-Organisationen wie die »National Security League« oder die staatlich finanzierte und erst im Februar 1919 aufgelöste »American Protective League« mit ihren knapp 250 000 weißen Mittelklasse-Mitgliedern in Hunderten amerikanischen Städten waren während der Kriegsjahre gegründet worden, um eine Art nachbarschaftlich organisiertes, zivilgesellschaftliches Überwachungsnetzwerk zu bilden. Nachweisliche, häufig aber auch nur gemutmaßte Loyalitätsverstöße in der Bevölkerung brandmarkten sie als »unamerican activity«, die sie in großangelegten »Slacker Raids« gewaltsam ahndeten.[30] Nach 1918 blieben die vigilanten »Patriotic Societies«, nicht selten von sozialkonservativen Unternehmern finanzierte private Gruppierungen, mitgliedsschwache, aber wortgewaltige Kriegsrelikte.[31] Ihr Aktionsmuster, die spontan-willkürliche, ungelenkte Aggression gegen zu Feinden der USA erklärte Personen, wirkte in der Red Scare deutlich nach: Mit der gleichen Logik und Selbstlegitimation handelten jetzt auch viele der Aufständischen von 1919. Sie rotteten sich im Namen einer vermeintlich bedrohten weißen Ordnung zu mordbereiten Ordnungstrupps gegen Afroamerikaner zusammen.[32] Vor diesem Hintergrund versammelte etwa im September 1919 in Omaha, Nebraska, der weiße Veteran General Leonard Wood 200 weitere Veteranen der strikt antibolschewistischen »American Legion« um sich, um durch zivile Selbstjustiz die angeblichen Verursacher der Rassenunruhen in der Stadt dingfest zu machen. In einigen US-amerikanischen Städten patrouillierten Mitglieder dieser größten Veteranenorganisation durch die Straßen und fahndeten eigenmächtig nach sogenannten Agitatoren. Nicht selten boten die »Selbstschutz«-Organisationen den örtlichen Polizeikräften Schützenhilfe bei der Inhaftierung beschuldigter Radikaler an.[33] Drittens spiegelten die Rassenkrawalle auch den prekär-unabgeschlossenen Stand der Demobilisierung der USA wider. Die war überstürzt und wenig koordiniert vonstatten gegangen: Zwar gliederte man 1,5 Millionen Soldaten aus den US-amerikanischen Trainingscamps und etwa zwei Millionen an die verschiedensten Kriegsschauplätze über den Atlantik verschiffte US-Militärs und Nichtkombattanten aus den Versorgungseinheiten bereits bis Ende 1919 fast komplett wieder in die US-Zivilgesellschaft ein. Doch bis sich ab den frühen 1920er-Jahren abzuzeichnen begann, dass die zurückgekehrten Veteranen mit staatlichen Ausgleichszahlungen würden rechnen können, überwogen zunächst Unzufriedenheit und Frustration unter den häufig arbeitslosen Heimkehrern, für die erst 1922 die ersten 700 000 Arbeitsplätze geschaffen werden konnten. Als im Sommer 1919 schwarze Trupps mit Gegengewalt auf die Ermordung von 23 Afroamerikanern in Chicago reagierten, die 15 weitere Todesopfer forderte,[34] spielte die aufgestaute Frustration der Afroamerikaner eine zentrale Rolle. Im Ersten Weltkrieg hatten sie in der Hoffnung auf zivilrechtliche Partizipationsgewinne gekämpft, nur um nach ihrer Rückkehr in die USA derselben Marginalisierung ausgesetzt zu werden, der sie hatten entkommen wollen.[35] Langfristig war das Konfliktpotenzial schon im Zuge der Massenzuwanderung entstanden, als während des Ersten Weltkriegs Afroamerikaner aus dem ländlichen Süden der USA in die Städte des industrialisierten Nordens gezwungen worden waren, in dem sie mit massiver Segregation konfrontiert wurden.[36] Lynch-Rassismus, brutaler Vigilantismus sowie Demobilisierungseffekte als Brutalisierungsfaktoren und schwerwiegende Belastungen der amerikanischen Zivilgesellschaft nach 1918 erklären allerdings nur einen, wenn auch wichtigen Teil der Race Riots. Hinzu kam eine beträchtliche, 1918/19 noch zunehmende Radikalisierung der attackierten afroamerikanischen Gruppierungen.[37] Diese hatte einerseits nationale, US-amerikanische Ursachen, war aber andererseits auch auf die elektrisierende Nachricht von der Russischen Revolution zurückzuführen und folgte damit zumindest vorübergehend einem russischen Impuls. Die 1919 gegründete Komintern stand zwar erst am Anfang ihrer langfristigen Anstrengungen, Anhänger unter den 1920 knapp neun Millionen Afroamerikanern im kaum industrialisierten US-amerikanischen Süden zu rekrutieren.[38] Zunächst allerdings hatte die Komintern gar nicht vor, das angesichts der eklatanten rassistischen Schieflage in den USA drängende Rassenproblem mit einer ausdrücklichen Antirassismus-Kampagne zu beantworten. Eher versuchte sie, das Problem – auf Augenhöhe mit der kommunistischen Ideologie – dem Klassenkampf-Paradigma unterzuordnen. Kommunisten vom Schlage des Afroamerikaners Lovett Fort-Whiteman schien das in den 1920er-Jahren aber zunächst nicht in ihrer Begeisterung für den Kommunismus zu stoppen.[39] Besonders die afroamerikanische Emanzipationsbewegung des gebürtigen Jamaikaners Marcus Garvey zeigte sich von der Russischen Revolution elektrisiert. Garvey propagierte, durchaus im engen Austausch mit den Kommunisten, einen internationalen Pan-Afrikanismus, zu dem sich die Kolonisierten weltweit unter Einschluss der amerikanischen »black communities« zusammenschließen sollten.[40] Zwar wurde Garvey, dessen paramilitärische, vor allem aus afroamerikanischen Veteranen rekrutierte African Legion das Bureau of Investigation seit Februar 1920 mit afroamerikanischen Spitzeln unterwandert hatte, ein Opfer der Repression und 1925 des Landes verwiesen. Garveys großer zivilgesellschaftlicher Dachverband, die »Universal Negro Improvement Association«, popularisierte aber langfristig die Idee der internationalen Solidarität afrikanisch-stämmiger Bevölkerungen als emanzipatorisches Gegenbild zur systematischen Rassendiskriminierung in den USA.[41] Die Halbwertszeit dieses russischen Impulses in den USA war aber kurz: Garveys kommunistisch informierter Radikalismus stellte einen wichtigen Bezugspunkt für die afroamerikanischen Aufständischen von 1919 dar. Bereits eine Dekade später definierte sich Garvey jedoch eher jenseits des internationalen Kommunismus und im Rahmen einer genuin panafrikanischen Emanzipationsbewegung. Die Komintern und die Kommunistische Partei der USA – die das Rassenproblem lange nicht annähernd so zentral behandelten, wie von Gravey gefordert – schwanden als Bezugsgrößen, als sich im Laufe der 1930er-Jahre US-amerikanische »black labourer« in einem distinkten, antikolonialen Emanzipationskampf als afrikanische Diaspora sahen. Den kommunistischen Impuls griffen die US-amerikanischen »black radicals« und so gesehen auch die Aufständischen von 1919 also auf, langfristig schlossen sie sich aber weniger dem internationalen Kommunismus oder einer weißen Linken an, sondern entwickelten jenseits davon ein eigenes »Black Liberation«-Programm.[42] Für die langfristig in der brutalisierten und radikalisierten US-Nachkriegsgesellschaft Marginalisierten, die 1919 als afroamerikanische Race Rioters gegen den weißen Mob gewaltätig wurden, spielten die Nachricht von der Oktoberrevolution und transnationale kommunistische Vernetzungen somit eine erhebliche, sicherlich aber keine allein ausschlaggebende Rolle.   Red Scare als Kulminationspunkt der Arbeiterunruhen in den USA: Gewerkschaften und amerikanische Linke in den Arbeitskämpfen der fragmentierten Demokratie Die Red Scare kann dem Erbe des Krieges ebenso zugerechnet werden wie den neuen Brutalisierungs- und Radikalisierungseffekten in der multiethnischen Nachkriegsgesellschaft. Darüber hinaus bildet sie aber auch eine Kernphase der Arbeiterbewegung und der Arbeitskämpfe in den USA des frühen 20. Jahrhunderts: Demobilisierung und Nachkriegsrezession erzeugten seit Ende des Weltkriegs und bis etwa 1921 einen enormen Druck auf die US-amerikanische Wirtschaft, die durch die Rückschichtung von ca. neun Millionen Arbeitsplätzen aus der Kriegswirtschaft schnell auf Friedenszeiten umgestellt werden sollte. Der wirtschaftliche Einbruch war zwar nur vorübergehend und wich schon seit Mitte 1919 einer erst langsamen und dann bald boomhaften Aufwärtsbewegung. Die mentale Anpassungsleistung derer, die solche Neujustierungen unmittelbar betraf, ging allerdings in den ökonomischen Rahmendaten nicht vollends auf. Noch mindestens bis Frühjahr 1919 war nicht nur für die US-amerikanische Mittelklasse der Angestellten, sondern auch für weite Teile der Arbeiterschaft kaum erkennbar, dass eine abrupte Inflation, dramatisch gestiegene Lebenshaltungskosten und die grassierende Arbeitslosigkeit nur kurzfristige exzessive Ausschläge bildeten, die rasch in eine gemäßigte und nach oben weisende Entwicklungskurve übergehen würden.[43] Stattdessen argwöhnten die amerikanischen Arbeiter, der Krise einigermaßen hilflos ausgesetzt zu sein. Zwar war man noch bis kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in eine kooperative Politik eingebettet gewesen. Wilsons »New Freedom«-Politik, der er seine Präsidentschaft 1913 nicht unwesentlich verdankte, hatte den massiv durchkartellisierten amerikanischen Industriekapitalismus zwar weitgehend unangetastet gelassen, aber mit kleineren Reformen, insbesondere mit Blick auf individuelle Arbeiterrechte nachgebessert. Sobald die USA allerdings 1917 in den Ersten Weltkrieg eingetreten waren, hatte Wilson den engen Schulterschluss mit der US-Wirtschaft gesucht und die progressive Politik der Vorkriegsjahre ausgebremst.[44] Im Rahmen der wirtschaftlichen Mobilisierung waren serienweise neue Behörden aus Vertretern von Regierung, Wirtschaftsbranchen und gemäßigten, kriegsnationalistischen Gewerkschaften der »American Federation of Labor« (AFL) eingerichtet worden, in denen man sich darauf verständigt hatte, Arbeitskämpfe zu unterlassen.[45] Der immense volkswirtschaftliche Boom, den die US-Wirtschaft bis Kriegsende verzeichnete, hatte tatsächlich einem vordergründigen sozialen Frieden Vorschub geleistet. Seit der Demobilisierung nach Kriegsende 1918/19 hatte man den Interventionismus allerdings rasch zurückgefahren. Jetzt drängten sich die Unternehmer zulasten der Gewerkschaften in die Rolle der eigentlichen Vertreter einer »industrial democracy«, die die Arbeiter an der Gestaltung der Arbeitsbedingungen und -beziehungen hatte beteiligen sollen.[46] Vor diesem Hintergrund steigender Interessengegensätze wirkte die Nachkriegsrezession wie ein Brandsatz. Als sich im Frühjahr 1919 die Lage kurzfristig zuspitzte und die Arbeitslosigkeit immens anstieg, entluden sich die Spannungen in schweren Arbeiterunruhen, die zu einem wesentlichen Teil der Red Scare avancierten. Im März zählte man 181 Streiks und Aussperrungen, im April 262 und im Mai schließlich 413 Streiks.[47] Eine der größten Aktivistengruppen stellten dabei die »Industrial Workers of the World« (IWW) dar. Im Gefolge der Streikwelle bezichtigte man die sogenannten Wobblies vor allem aus drei Gründen, für die Aufstände verantwortlich zu sein. Erstens hatten die IWW bereits im September 1917 Streiks in kriegswichtigen Industriebranchen wie im Kupferbergbau und der Holzindustrie organisiert. Arbeitgeber und Staat hatten mit landesweiten Razzien und Ausweisungen die bis dahin etwa 100 000 Mitglieder der IWW einzuschüchtern versucht.[48] Nicht nur ihre Streikbereitschaft bescherte den Wobblies gewalttätig-obsessiven Argwohn, sondern auch ihre klare Positionierung gegen den Ersten Weltkrieg. Außerdem gaben sich die IWW deutlich streitbarer als die prononciert antibolschewistische AFL, indem sie sich dafür aussprachen, den amerikanischen Industriekapitalismus abzuschaffen.[49] Aus diesen Gründen bezichtigten die Red Scare-Aktivisten die Wobblies einmal mehr, 1919 bolschewistischen Aufruhr anzuzetteln. Dieser Vorwurf wurde erhoben, obgleich die IWW niemals exorbitant hohe Mitgliederzahlen erreichten, die darüber hinaus noch, abhängig von den politischen Entwicklungen in den stürmischen 1920er-Jahren, ständig schwankten. Zwischen 1917 und 1918 hatten sich die Mitgliederzahlen lediglich kurzzeitig von 100 000 auf 250 000 gesteigert, um anschließend stark zurückzugehen. Damit blieben sie aber immer noch deutlich hinter dem Zuspruch für die AFL zurück, die zu Hochzeiten bis 1918/19 über vier Millionen Mitglieder verfügte.[50] In der Hochphase dieser Popularität verstörte die konservativen Betrachter dennoch vor allem der Umstand, dass zur wichtigsten Klientel der IWW die breite, einflusslose Masse unqualifizierter Arbeiter gehörte, insbesondere ländliche Wander- und Bergarbeiter im amerikanischen Westen, allesamt häufig ost- oder südeuropäische Immigranten, Afroamerikaner, Mexikaner oder Amerikaner mit asiatischen Wurzeln. Nur in den Industriestädten der Ostküste stießen die IWW auf deutlich weniger Resonanz.[51] Die Massenmobilisierung betrieb man tatsächlich mit explosiver Rhetorik, allerdings blieb der Radikalismus in vielfacher Hinsicht eher verbaler Natur: Radikale Arbeitskampfmethoden folgten ihm nicht unbedingt. Darüber hinaus waren die IWW angesichts der Frage nach ihrer Affinität zum Kommunismus völlig uneins. Bei Weitem nicht alle wollten die Hinwendung ihrer prominenten Führungspersönlichkeiten William Z. Foster und John Reed zum Kommunismus und zur Komintern mittragen. Zusammen mit der Drangsalierung und Verfolgung durch den Red Scare-besessenen Staat gerieten die IWW unter diesen Bedingungen extrem in die Defensive.[52] Die US-amerikanische Linke jenseits der Gewerkschaften wurde in den Kämpfen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern von 1919 zwar sichtbar, trat aber kaum als starker Repräsentant von russisch inspirierten Revolutionsstrategien in Erscheinung.[53] Den US-Sozialisten blieben eher signalhafte Momentaufnahmen: Ihr Parteiführer Eugene V. Debs wurde zum Paradeopfer der Red Scare, als er eine Präsidentschaftswahl-Kampagne von seiner Gefängniszelle in Atlanta aus lancierte, die ihm immerhin über 900 000 Stimmen eintrug.[54] Seinen relativen Wahlerfolg und seine spätere Entlassung 1921 verdankte Debs aber offenkundig eher dem Protest gegen eine unverhältnismäßig harte Unterdrückungspolitik gegen politisch Missliebige als einer ausgesprochenen Loyalität zum politischen Sozialismus.[55] Nach der Abspaltung der US-Kommunisten vom linken Flügel der Sozialisten gehörten der Sozialistischen Partei 1919 ohnedies nur noch etwa 30 000 Mitglieder an.[56] Selbst der neu konstituierte US-amerikanische Kommunismus erwies sich 1919 weder als Haupttriebkraft der Arbeiterunruhen noch überhaupt als raumgreifende revolutionäre Größe. Auch wenn dies die zeitgenössische Red Scare-Rhetorik unermüdlich nahelegte. Ehrgeizige Netzwerktaktiken und die Publikation einschlägiger Propagandaschriften und Zeitungen konnten ebensowenig daran ändern.[57] Sicher wurde die Kritik amerikanischer Kommunisten am schwachen demokratischen US-System und an einer orthodox-konformen Gewerkschaftspolitik der AFL wesentlich von dieser Seite beflügelt. Daneben akzeptierten die US-Kommunisten weitgehend die Führungsrolle, die die Komintern ab 1919 schnell entwickelte.[58] Als Symptom starker, die Bewegung schwächender Binnenfriktionen hatten sich 1919 allerdings gleich zwei kommunistische Parteien von der sozialistischen Linken abgespalten. Mit vor allem ca. 60 000 osteuropäischen Einwanderern um den pro-bolschewistischen Louis C. Fraina (Lewis Corey) und Charles Ruthenberg stand der Communist Party[59] eine lediglich knapp 10 000 Mitglieder zählende Communist Labor Party aus überwiegend gebürtigen US-Amerikanern gegenüber, angeführt von dem Journalisten und Harvard-Absolventen John Reed und dem Unternehmerspross und Salonbolschewiken William Bross Lloyd aus Illinois. Die Fusion beider Fraktionen entlang Moskauer Vorgaben zur Kommunistischen Partei der USA im Mai 1921 folgte schon in einem Stadium innerer Erosion, als die Einschüchterungs- und Drangsalierungsmaßnahmen der Red Scare die Mitgliederzahlen auf wenig mehr als 10 000 gedrückt hatten.[60] Der Strategiewechsel weg von der sektiererischen Elite hin zur Partei mit Massenbasis, den Lenin Anfang der 1920er-Jahre vorgab, um das revolutionäre Projekt für die westlichen Gesellschaften und Amerika verdaulich zu machen, sah zwar vor, die US-Gewerkschaftsbewegung und sämtliche Belange der Arbeitspolitik in den USA zu infiltrieren.[61] Dazu musste sich die Partei allerdings zunächst noch lange von den Repressionen durch die Red Scare sowie von den massiven Binnenfriktionen erholen. Ein starker politischer Kommunismus konnte in den USA so kaum entstehen. Ohnedies hatten ethnische Vielfalt und dramatische geografische Mobilität infolge von Immigration und Massenzuwanderung vom Süden in den Norden die Arbeiterinteressen in den USA schon seit der Hochphase der Industrialisierung ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts hochgradig divers erscheinen lassen. Unter diesen Bedingungen erreichten weder Gewerkschaften noch kommunistische Parteien dauerhaft hohe Beteiligungsquoten, die Arbeiterkämpfe bewegten sich selbst 1919 überwiegend im Rahmen des demokratischen US-Kapitalismus. Während der Red Scare blieb der Aktionismus von US-amerikanischen Linken und speziell von Kommunisten damit eher eine Episode. Dazu trug nicht zuletzt der Umstand bei, dass die USA spätestens seit der Wende zum 20. Jahrhundert zu einer der führenden Industrienationen aufgestiegen waren und über eine ständig expandierende Volkswirtschaft verfügten, die sich, von wenigen Konjunkturabschwüngen abgesehen, als stabil erwies.[62]   Nachlassende Panik und anhaltende Offenbarungseide der Nachkriegsnation seit 1919/20: Das unvollständige Ende der Red Scare Selbst angesichts des unter dem Eindruck der russischen Oktoberrevolution vorübergehend erstarkten US-Kommunismus fehlte der Red Scare-Politik von 1919 jede realistische Motivation: Die russischen Bolschewisten, die man über die im März 1919 gegründete Komintern im Begriff sah, eine Weltrevolution zu orchestrieren und dazu auch US-amerikanische Staatsbürger und Immigranten zu rekrutieren, befanden sich in den Untiefen eines hochgradig gewalttätigen und unübersichtlichen Bürgerkrieges, dessen Ausgang alles andere als absehbar war. Die Überreste der zaristischen Herrschaft, dramatische Kriegsverluste und eine drastische Wirtschafts- und Versorgungskrise schufen im Russland von 1919 und 1920 chaotische Zustände, aus denen heraus kein jäher Aufgalopp in eine Weltrevolution zu erwarten war.[63] Trotzdem ließen sich politisches Establishment und eine nervöse Mittelklasse in den USA in Alarmbereitschaft versetzen und glaubten in Streiks und rassistischen Krawallen Vorboten einer bolschewistischen Gefährdung der US-Demokratie zu erkennen. Bis Frühjahr 1920 hatte die Repression auch weithin die gewünschte Wirkung gezeigt. Die IWW waren regelrecht zerschlagen, die Sozialistische Partei merklich geschwächt. Die kommunistischen Parteien mussten einen rapiden Mitgliederschwund von 70 000 im Sommer 1919 auf etwa 10 000 im Sommer 1920 hinnehmen. Im Grunde hatten sie sich auch schon aufgelöst, und ihre Anhänger waren in den Untergrund gegangen. Als im September 1920 noch einmal eine Bombe vor der Wall Street explodierte, die 19 Menschenleben forderte, war die öffentliche Aufregung darüber nur noch verhältnismäßig gering.[64] Mit dem Ende der Red Scare-Aktivitäten verschwand der US-amerikanische Antikommunismus während der verbleibenden 1920er-Jahre allerdings nicht. Staat und lokale Arbeitgeber stimmten nach wie vor darin überein, dass der Kommunismus weiter bekämpft werden müsse. Entsprechend wurden antikommunistische Stützpfeiler in die US-amerikanische Staats- und Gesellschaftsordnung eingezogen. In den 1920er-Jahren entstand eine Fülle von Defensivinstitutionen und -taktiken.[65] Sie entsprangen keiner konzertierten Aktion von oben, folgten keinem kohärenten Plan und illustrierten doch anhaltende politische Verwerfungen. Auf der Ebene des US-Bundesstaates etwa blieb man auch aus einer antikommunistischen Abwehrhaltung heraus bei einer restriktiven Immigrationsgesetzgebung. Auf längere Sicht lagen schließlich auch die Deportationsmaßnahmen gegen sogenannte feindliche Ausländer im Zweiten Weltkrieg auf derselben Linie vorgefasster politischer Diffamierungen.[66] Daneben wurden etwa die Sedition Laws in den frühen 1920er-Jahren bestätigt und gestärkt. Noch im August 1927 vollstreckte man in den USA – ein Zeichen für noch anhaltende Red Scare-Phobien – das Todesurteil gegen Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti. Auch massive internationale Fürsprache konnte nicht erreichen, dass die beiden im Mai 1920 als Anarchisten Inhaftierten begnadigt wurden.[67] Mit Blick auf dieses eher unvollständige Ende der Red Scare ab den 1920er-Jahren war kaum evident, was die Panik 1920 zumindest dämpfen konnte. In einem groben Ausblick auf die weitere Entwicklung der 1920er-Jahre stechen drei Erklärungsmöglichkeiten hervor. Erstens schwand der Red Scare-Furor im Gefolge einer neuen ökonomischen Annäherungspolitik der USA gegenüber Russland. Die offizielle Nichtanerkennung Russlands durch die USA und die amerikanischen Russlandinterventionen zwischen 1918 und 1920 hatten zunächst einmal unerfreuliche russlandpolitische Rahmendaten geliefert, zu denen die Red Scare weitgehend passte.[68] Mit beiden Schritten hatten sich die USA öffentlichkeitswirksam vom bolschewistischen Russland distanziert. Gleichzeitig sprachen der unverrichtete Abbruch der US-amerikanischen Intervention in Russland von 1919/20 und die innenpolitisch nur mühsam zustande gekommene Nichtanerkennungserklärung gegenüber Russland von 1920 für eine gewisse Ratlosigkeit im Umgang mit dem revolutionären Faktor. Die halb konfrontative, halb zögerliche Russlandpolitik wandelte sich seit 1920 in Richtung einer Öffnung. Seit Washington Anfang 1920 privatwirtschaftliche Verbindungen mit russischen Partnern duldete, entstanden ab der zweiten Jahreshälfte neue Handlungsspielräume für die US-amerikanischen Wirtschaftsunternehmen. Sie hofften, Expertisen aller Art und Maschinen abzusetzen, und wirkten, wie etwa der Bankier Felix Warburg, gelegentlich auf die US-Administration ein, um die amerikanisch-russischen Beziehungen in einem Maße aufzustocken, das größere Gewinnspannen ermöglichen würde.[69] Seit im Frühjahr 1921 der russische Kriegskommunismus zugunsten der Neuen Ökonomischen Politik beendet wurde, Verstaatlichungen zurückgenommen und die staatliche Kontrolle über die Wirtschaft gelockert schien,[70] sah man in den USA einmal mehr Kooperationsspielräume entstehen. Dabei ging es auch ganz wesentlich um den Triumph der »Open Door«-Strategie, die das unwirtliche bolschewistische Terrain selbst unter Revolutionsbedingungen für große, investitionshungrige US-Unternehmen öffnen sollte. Die innenpolitische Diskussion drehte sich in den USA während der 1920er-Jahre allerdings gleichzeitig ständig um die Frage, wie eine solche Wirtschaftskooperation unterhalb des Levels demonstrativer Ablehnung des bolschewistischen Regimes möglich sei und ob die Bolschewiken hier nicht unversehens Anerkennungsgewinne erzielten.[71] US-amerikanische Unternehmen hielt Washington nicht davon ab, auf dem russischen Markt präsent zu sein, bot ihnen aber keine offizielle Unterstützung an. Auf diese Weise konnten US-Unternehmen nur langsam größere Anteile am russischen Markt erwerben.[72] Gerade diese eher halbherzige wirtschaftliche Rekonstruktionspolitik gegenüber Russland war ein Grund für das Abebben der Red Scare. Zweitens verlor die Red Scare auch im Windschatten einer schnell beruhigten Wirtschaftslage in den USA an Einfluss. Die Nachkriegsrezession 1920/21, zu der etwa fünf Millionen Arbeitslose und ein um zehn Prozent gesunkenes Bruttosozialprodukt gehörten, war nur von kurzer Dauer, bevor ein immenser Aufschwung einsetzte, der zwischenzeitlich sogar zu Vollbeschäftigung führen sollte. Mitte 1921 begann also eine Boomphase, in der nicht nur die Industrieproduktion und Unternehmensgewinne in die Höhe schossen, sondern auch die Massenkaufkraft zumindest gemäßigt anstieg. Der Befriedungseffekt des neuen, ungleich verteilten Wohlstands blieb zwar prekär, weil schon allein mit den amerikanischen Farmern mindestens ein knappes Viertel der Arbeiterschaft vom Aufschwung ausgenommen blieb. In der Breite beflügelte der Boom allerdings zunächst einen neuen Optimismus und stärkte den Glauben an den liberalen Kapitalismus der USA.[73] Die akute Alarmstimmung der Red Scare-Phase begann zu verpuffen. Der Bedarf der politischen und wirtschaftlichen Eliten, der Politiker, Diplomaten, Unternehmer und vieler exponierter Intellektueller, eine kulturell einigermaßen homogene Gesellschaft anzustreben, hielt zwar an. Besitz und eine stabile öffentliche Ordnung erschienen Mitte der 1920er-Jahre aber als vordringliche Eckwerte, personifiziert im republikanischen Präsidenten Warren Harding, der die Wahl 1920 mit dem Versprechen »Zurück zur Normalität« gewann.[74] Drittens spielte die Politik der USA im Kontext der Hungerkatastrophe in Russland 1921 eine flankierende Rolle bei der Beschwichtigung der Red Scare. Schon während des Ersten Weltkriegs war das Amerikanische Rote Kreuz nach Rücksprache mit der US-Regierung aktiv geworden und hatte eine eigene Russlandkommission eingesetzt, um der notleidenden Zivilbevölkerung Hilfe zu leisten. Dabei war man allerdings strikt der Geopolitik des Krieges gefolgt. Während Hilfe für die Zivilgesellschaften der Mittelmächte bzw. für die gegnerisch besetzten Regionen untersagt blieb, sollte das Engagement in Russland vor allem den russischen Kombattanten moralisch stützen.[75] Unter dem Eindruck von Russischer Revolution, Bürgerkrieg und US-Intervention waren solche Aktivitäten aber seit Spätsommer 1918 ausgebremst worden.[76] Einen Höhepunkt erreichte der semioffizielle, im Rahmen internationaler Netzwerke eingefädelte amerikanische Interventionismus allerdings noch einmal zwischen 1921 und 1923: Nachdem kriegskommunistische Getreiderequisitionen eine dramatische südrussische Dürre noch zusätzlich verschärft hatten und seit Sommer 1921 in eine Hungersnot mündeten, die die bis dahin wenigstens vorläufigen Stabilisierungserfolge des jungen sowjetischen Staates zunichte machten, sah sich die sowjetische Regierung gezwungen, internationale Hilfsangebote einzuwerben.[77] Im August 1921 vereinbarte die »American Relief Administration« (ARA) mit der Sowjetischen Regierung, Hunderte von Katastrophenhelfern in die Krisenregion zu senden, um Zehntausende von russischen Hilfsarbeitern zu dirigieren und Millionen von Leben zu retten.[78] Die humanitären Interventionen stießen keineswegs auf ein ungeteilt positives Echo in den USA. Umso mehr zielten die ARA-Aktionen recht unverhüllt darauf ab, das hilfsabhängige Regime öffentlich bloßzustellen. Die ARA-Mitarbeiter verstanden sich nicht selten als Vorreiter einer kulturpolitischen Offensive, die die nicht-bolschewistischen Kräfte im orientalistisch-rückschrittlichen Russland stärken sollte.[79] In dieser Phase konnte der strategische Humanitarismus akute Russlandphobien in den USA besänftigen und die Red Scare überlagern helfen. Genauso konnte er auch im Verbund mit der von der Boomphase begünstigten vorsichtigen wirtschaftlichen Öffnung der USA gegenüber Russland wirken. Dadurch verpuffte aber weder die Red Scare, noch war sicher, wie lange der Besänftigungseffekt wirken würde. Dass sich aus der Red Scare ungeachtet ihrer allmählichen Einhegung dringliche Rückfragen an die US-amerikanische Demokratie ergaben, beobachteten auch kritische US-amerikanische Zeitgenossen. Teils nahmen die Stimmen derer zu, die forderten, dass die USA dem Bolschewismus mit der ganzen Überlegenheit nicht nur ihres politischen Systems und ihrer Kultur, sondern auch mit geballter wirtschaftlicher Macht begegnen sollten. Der russischstämmige amerikanische Anarchist an der links-sozialistisch inspirierten Chicago School of Civics and Philanthropy Victor S. Yarros meldete sich im Frühjahr 1920 mit scharfer Kritik an der Red Scare zu Wort: » […] to suppress the books or the organs of radical groups because they advocate communism, anarchy, syndicalism, or guild socialism as systems preferable to ours is to evince distrust of genuine democracy and to violate its basic principles«. Yarros empfahl den USA, den Bolschewismus abzuwenden, indem man sozialistischen Sympathisanten freie Meinungsäußerung im Namen der Demokratie gewährte, statt sich kleinmütig und unsouverän an den Rechtsgarantien der freiheitlichen Ordung zu vergehen, um derentwillen man die radikalen Systemalternativen der Revolutionäre so erbost von sich wies.[80] Den Impuls amerikanischer Konservativer, Revolutionshysterie zu schüren und revolutionäre Umtriebe in den USA mit Gewalt einzudämmen, konterte auch der US-amerikanische progressive Sozialreformer Raymond Robins. Stattdessen sollten die USA im Umgang mit Revolutionären in Russland nicht anders als mit möglichen Sympathisanten der Revolution in den USA auf die faktische Kraft der Demokratie setzen und zügig genau die Lebensbedingungen herbeiführen und sichern, für die man im einen wie im anderen Fall bisher den revolutionären Ideen folgte: »[…] mere force is an old failure against ideas. […] I would never expect to stamp out ideas with bayonets. [...] The only answer for the desire for a better human life is a better human life. I believe that our institutions furnish that better human life for more men, women, and children than any other institutions in the world. […] I believe that we have the means of meeting this Russian challenge when it is really understood and known.«[81] Mit seiner Revolutionsanalyse versetzte Robins den Regierungsoffiziellen Nadelstiche. Denn er beharrte auf der Beobachtung, dass es bisweilen ein Maß an ökonomischer Ungleichheit auch in den USA gab, das systematisch ausgeglichen werden müsse, damit revolutionäre Ideen dort unattraktiv würden.[82] Auch in diesem Sinne blieb die Red Scare eine Episode amerikanischer Nachkriegsgeschichte mit drastischen, langfristigen Nachwirkungen. Sie hob zwar nicht die US-amerikanische Demokratie aus den Angeln, aber sie hinterließ eine Spur von Argwohn und Verdacht, Verleumdung und Repression. Die Revolutionspanik schürten die Red Scare-Aktivisten, um nicht nur gegen einen gewalttätigen Bolschewismus in Russland, sondern auch gegen den Anspruch der russischen Weltrevolution in die Defensive zu gehen. Als Sieger des Ersten Weltkriegs, als mächtig aufsteigende Industrienation mit globalen Freihandelsinteressen und als größter Gläubiger der verschuldeten Kriegsteilnehmer verwahrten sich die USA gegen einen bedrohlichen, konkurrierenden Universalismus aus dem Osten. Die Red Scare war insofern in vielem eine geplant hysterische Reaktion auf die Oktoberrevolution von 1917, aber sie war auch mehr als das. Sie war das Symptom einer stockend demobilisierten, binnenfraktionierten Demokratie, die kurz zuvor als multiethnische Nation mit vielen inneren Blessuren aus dem Weltkrieg hervorgegangen war. Die Red Scare zeigte die USA, fernab russischer Impulse, auch auf einer ganz innerstaatlichen Suche nach einer industriekapitalistischen Nachkriegsordnung.   Der Vortrag wurde am 10. März 2016 im Rahmen der Reihe »Talking about a revolution! Die Oktoberrevolution: Geschichte – Instrumentalisierung – Rezeption« gehalten und ist nachzuhören unter: http://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/oktoberrevolution-rausch [1] Siehe Robert K. Murray: Red Scare. A Study of National Hysteria, 1919–1920, New York 1955; M. J. Heale: American Anticommunism: Combatting the Enemy Within, 1830–1970, Baltimore 1990; Richard Gid Powers: Not without Honor: The History of American Anticommunism, New York 1995; David J. Goldberg: Discontented America: The United States in the 1920s, Baltimore, MD 1999. [2] Siehe William Z. Foster: The Great Steel Strike and its Lessons, New York 1920. [3] Siehe Jennifer D. Keene: The United States and the First World War, London/New York 2014; Christopher Capozolla: Uncle Sam Wants You. World War I and the Making of the Modern American Citizen, New York 2008; David M. Kennedy: Over Here. The First World War and American Society, Oxford 2004. [4] Siehe David F. Krugler: 1919. The Year of Racial Violence: How African Americans Fought Back, New York 2015; Cameron McWhirter: Red Summer: The Summer of 1919 and the Awakening of Black America, New York 2011. [5] Siehe Joseph A. McCartin: Laborʼs Great War: The Struggle for Industrial Democracy and the Origins of Modern American Labor Relations, 1912–1921, Chapel Hill, NC 1998; Robert H. Zieger: Republicans and Labor: 1919–1929, Lexington 1969. [6] Siehe Robert Justin Goldstein (Hg.): Little »Red Scares«: Anti-Communism and Political Repression in the United States, 1921–1946, Farnham 2014. [7] Siehe The Seattle General Strike: An account of what happened in Seattle, and especially in the Seattle Labor Movement, during the General Strike, February 6 to 11, 1919, Seattle 1919. [8] Siehe Robert L. Friedheim: The Seattle General Strike, Seattle 1964; Murray: Red Scare (Anm. 1), S. 57–64. [9] Siehe The Evening World (New York) vom 3. Juni 1919, S. 1 (Plot Traced to Philadelphia); Charles H. McCormick: Hopeless Cases: The Hunt for the Red Scare Terrorist Bombers, Lanham u.a. 2005. [10] Siehe u.a. Damien Murray: »Go Forth as a Missionary to Fight It«: Catholic Antisocialism and Irish American Nationalism in Post-World War I Boston, in: Journal of American Ethnic History 28 (2009), H. 4, S. 43–65. [11] Siehe Krugler: 1919. The Year of Racial Violence (Anm. 4); McWhirter: Red Summer (Anm. 4), S. 208–235; Robert Whitaker: On the Laps of Gods: The Red Summer of 1919 and the Struggle for Justice that Remade a Nation, New York 2008; Grif Stockley: Blood in Their Eyes: The Elaine Race Massacres of 1919, Fayetteville 2001; Jeannie M. Whayne: Black Farmers in the Red Autumn: A Review Essay, in: Arkansas Historical Quarterly 68 (2009), H. 3, S. 327–336. [12] Siehe Ida B. Wells-Barnett: The Arkansas Race Riot, Chicago, Ill. 1920. [13] Siehe dazu auch weiter unten, hier: U.S. Congress. Committee on Education and Labor. Investigation of Strike in Steel Industry, Persuant to S Res. 202, 66th Cong., 1st sess., Washington D.C. 1919; The Liberal Democrat, 12. Februar 1920, S. 6 (To Conquer and Destroy State). Siehe Jennifer Luff: Commonsense Anticommunism: Labor and Civil Liberties between the World Wars, Chapel Hill, NC 2012, S. 23–45. [14] Siehe Theodore Draper: Roots of American Communism, New York 1957, S. 242–245. [15] Siehe Regin Schmidt: Red Scare: FBI and the Origins of Anticommunism in the United States, Kopenhagen 2000, S. 43; Mark Ellis: J. Edgar Hoover and the »Red Summer« of 1919, in: Journal of American Studies 28 (1994), H. 1, S. 39–59; Luff: Commonsense Anticommunism (Anm. 13), S. 81–99. [16] Siehe New York Tribune vom 3. Januar 1920, S. 1, Sp. 5. [17] Siehe Julia Rose Kraut: Global Anti-Anarchism: The Origins of Ideological Deportation and the Suppression of Expression, in: Indiana Journal of Global Legal Studies 19 (2012), H. 1, S. 169–193. [18] Siehe The Washington Times vom 25. Januar 1921, S. 1 (Palmer Tactics Menace U.S., Senate Told); The Labor Journal, Everett, WA vom 4. Februar 1921, S. 1 (Palmer Gets a Call Down by Able Lawyers); The Dearborn Independent vom 29. Mai 1920, S. 6 (Menace or Mirage? – The Reds in America). [19] Siehe Lloyd E. Ambrosius: Woodrow Wilson and World War I, in: Robert Schulzinger (Hg.): A Companion to American Foreign Relations, Malden, M.A./Oxford 2006, S. 149–167; Jörg Nagler: The Mobilization of Emotions. Propaganda and Social Violence on the American Home Front during World War I, in: Jessica C.E. Gienow-Hecht (Hg.): Emotions in American History, Oxford/New York 2010, S. 66–91. [20] Siehe Panikos Panayi (Hg.): Germans as Minorities during the First World War: A Global Comparative Perspective, Burlington, VT 2014; William H. Thomas: Unsafe for Democracy: World War I and the U.S. Justice Departmentʼs Covert Campaigns to Supress Dissent, Madison, WI 2008. [21] Siehe Schmidt: Red Scare (Anm. 15), S. 312; Geoffrey R. Stone: Perilous Times: Free Speech in Wartime. From the Sedition Act of 1798 to the War on Terrorism, New York 2004; Robert Justin Goldstein: Political Repression in Modern America from 1870 to 1976, Urbana/Chicago, Ill. 2001, S. 158. [22] Siehe Aristide R. Zolberg: A Nation by Design. Immigration Policy in the Fashioning of America, New York/Cambridge, MA 2006, S. 199–292. [23] Siehe Gary Gerstle: Theodore Roosevelt and the Divided Character of American Nationalism, in: The Journal of American History 86 (1999), H. 3, S. 1280–1307. [24] Siehe John Higham: Strangers in the Land: Patterns of American Nativism, 1860–1925, New Brunswick/London 1983, S. 152. [25] Siehe Leonard Dinnerstein: Antisemitism in America, Oxford 1994, S. 78–104 und bes. S. 79 f. [26] Siehe John Holmes: American Jewish Communism and Garment Unionism in the 1920s, in: American Communist History 6 (2007), H. 2, S. 171–195. [27] Siehe William M. Tuttle: Race Riot: Chicago in the Red Summer of 1919, New York 1970, S. 19–22; Murray: Red Scare (Anm. 1), S. 3–17 u. 58–66. [28] Siehe Tuttle: Race Riot (Anm. 27), S. 23; McWhirter: Red Summer (Anm. 4), S. 68–75. [29] Siehe Chad L. Williams: Torchbearers of Democracy: African American Soldiers in the World War I Era, Chapel Hill 2010, S. 13–17, 74, 223–225 u. 232–241; Alex Goodall: Loyalty and Liberty: American Countersubversion from World War I to the McCarthy Era, Urbana 2013, S. 21–34, 60–84; Manfred Berg: Lynchjustiz in den USA, Hamburg 2014. [30] Siehe Capozzola: Uncle Sam Wants You (Anm. 3), S. 42–53; ders.: The Only Badge Needed Is Your Patriotic Fervor: Vigilance, Coercion, and the Law in World War I America, in: Journal of American History 88 (2002), H. 4, S. 1354–1382; David M. Kennedy: Over Here (Anm. 3), 73–75, 79 u. 81. [31] Siehe Murray: Red Scare (Anm. 1), S. 84 f. [32] Siehe Stone: Perilous Times (Anm. 21); Kennedy: Over Here (Anm. 3), S. 81–83. [33] Siehe Jennifer D. Keene: A »Brutalizing« War? The USA after the First World War, in: Journal of Contemporary History 50 (2015), H. 1, S. 78–99, hier S. 81. [34] Siehe William Jordan: »The Damnable Dilemma«: African-American Accommodation and Protest during World War, in: The Journal of American History 81 (1995), H. 4, S. 1562–1583, hier S. 1583. [35] Siehe Christopher S. Parker: Fighting for Democracy: Black Veterans and the Struggle against White Supremacy in the Postwar South, Princeton, N.J. 2009. [36] Siehe Peter M. Rutkoff/William B. Scott: Fly Away: The Great African American Cultural Migrations, Baltimore 2010, S. 55–103; Jennifer D. Keene: World War I: The American Soldier Experience, Lincoln, NE 2011; Beth Linker: Warʼs Waste: Rehabilitation in World War I America, Chicago/London 2011, S. 10–34. [37] Siehe Randi Storch: Red Chicago: American Communism at Its Grassroots, 1928–35, Urbana 2007. [38] Siehe Jacob A. Zumoff: The Communist International and US Communism, 1919–1929, Leiden/Boston 2014, hier S. 287–311. [39] Siehe Penny van Eschen: Race against Empire: Black Americans and Anticolonialism, 1937–1957, Ithaca/ London 1997, S. 10; Harvey Klehr/John Earl Haynes/Kyrill M. Anderson: The Soviet World of American Communism, New Haven/London 1998, S. 218–224; Glenda Elizabeth Gilmore: Defying Dixie. The Radical Roots of Civil Rights, 1919–1950, New York 2008, S. 15–66, hier insbesondere S. 29–51. [40] Siehe u.a. Petition Marcus Garveys vom 21. Februar 1919 und Bericht des Afro-American vom 28. Februar 1919, in: The Marcus Gravey and Universal Negro Association Papers, Bd. 1 (1828–August 1919), hg. v. Robert A. Hill, Berkeley/Los Angeles/London 1983, S. 366–370 und 376–77. [41] Siehe Mary G. Rolinson: Grassroots Garveyism: The Universal Negro Improvement Association in the Rural South, 1920–1927, Chapel Hill 2007, S. 52. [42] Siehe Minkah Makalani: In the Cause of Freedom. Radical Black Internationalism form Harlem to London, 1917–1939, London u.a. 2011, S. 1–22; Holger Weiss: Framing a Radical African Atlantic: African American Agency, West African Intellectuals and the International Trade Union Committee of Negro Workers, Leiden/Boston 2014, S. 54–66. [43] Siehe Murray: Red Scare (Anm. 1), S. 5–7. [44] Siehe Elliot Brownlee: The New Freedom and its Evolution, in: Ross A. Kennedy (Hg.): Companion to Woodrow Wilson, Oxford 2013, S. 106–132 und McCartin: Laborʼs Great War (Anm. 5). [45] Siehe Luff: Commonsense Anticommunism (Anm. 13), S. 46–59; Julie Greene: Pure and Simple Politics: The American Federation of Labor and Political Activism, 1881–1917, Cambridge 1998. [46] Siehe Robert H. Zieger/Timothy J. Minchin/Gilbert J. Gall: American Workers, American Unions. The Twentieth and Early Twenty-First Centuries, 4. Aufl. Baltimore, MD 2014, S. 1–65. [47] Siehe Strikes and Lockouts in the United States, 1916, 1917, 1918 and 1919, in: Monthly Labor Review 10 (1920), H. 6, S. 199–218, hier S. 200, zit. nach Tuttle: Race Riot (Anm. 27), S. 18. [48] Siehe Kenyon Zimmer: Immigrants against the State: Yiddish and Italian Anarchism in America, Urbana, Chicago, Springfield u.a. 2015, S. 143; Melvyn Dubofsky: We Shall be All: A History of the Industrial Workers of the World, Chicago 1969, S. 404. [49] Siehe McCartin: Laborʼs Great War (Anm. 5), S. 203. [50] Siehe Dubofsky: We Shall be All (Anm. 50), S. 445. [51] Siehe McCartin: Labor’s War (Anm. 5), S. 84. [52] Siehe New York Times vom 20. April 1919, S. 3 (Asked to stop Bolsheviki: Americanization Meeting Calls for Campaign Against Propaganda); siehe auch Dubofsky: We Shall be All (Anm. 50), S. 462 f.; Storch: Red Chicago (Anm. 37) , S. 16 f., 22–28. [53] Siehe James Weinstein: The Decline of Socialism in America, 1912–1925, New York 1967, S. 118; Jeffrey A. Johnson: They are All Red Out Here. Socialist Politics in the Pacific Northwest, 1895–1925, Oklahoma 2008, S. 143–160. [54] Siehe Weinstein: The Decline of Socialism (Anm. 55), S. 235 f. [55] Siehe Ernest Freeberg: Democratic Prisoner: Eugene V. Debs, the Great War, and the Right to Dissent, Cambridge 2008. [56] Siehe Murray: Red Scare (Anm. 1), S. 52. [57] Siehe The Washington Post vom 6. Oktober 1919, S. 2 (Vicious Attacks on President Mingled With Choice Profanity Feature New Bolshevik Bulletin). [58] Siehe Klehr/Haynes/Anderson: The Soviet World of American Communism (Anm. 41), S. 16 f.; Draper: Roots of American Communism (Anm. 14), S. 97–113; Murray: Red Scare (Anm. 1), S. 46–49; Randi Storch: American Communism and Soviet Russia: A View from Chicago’s Streets, in: American Communist History 8 (2009), H. 1, S. 25–28. [59] Siehe die ausdrückliche Selbstdefinition als multi-ethnische Körperschaft in The Communist vom 19. November 1919, S. 2. [60] Siehe Murray: Red Scare (Anm. 1), S. 48–55. [61] Siehe Draper: Roots of American Communism (Anm. 14), passim. [62] Siehe Howard Kimeldorf: Battling for American Labor. Wooblies, Craft Workers, and the Making of the Union Movement, Berkeley/Los Angeles 1999, S. 1–20; Jürgen Heideking: Geschichte der USA, 3. Aufl. Tübingen/Basel 2003, S. 197–221. [63] Siehe Dietrich Beyrau: Brutalization Revisited: The Case of Russia in: Journal of Contemporary History 50 (2015), H. 1, S. 15–37. [64] Siehe Heale: American Anticommunism (Anm. 1), S. 75–77. [65] Siehe Storch: Red Chicago (Anm. 37). [66] Siehe Erika Lee: The Making of Asian America: A History, New York 2015, S. 211–251. [67] Siehe Susan Mondshein Tejada: In Search of Sacco and Vanzetti: Double Lives, Troubled Times, and the Massachusetts Murder Case that Shook the World, Boston 2012, S. 177–271. [68] Siehe David Foglesong: Americaʼs Secret War Against Bolshevism: U.S. Intervention in the Russian Civil War, 1917–1920, Chapel Hill, N.C. 1995; Norman E. Saul: War and Revolution: The United States and Russia, 1914–1921, Lawrence, KS 2001, S. 309–376. [69] Siehe Jonathan Dekel-Chen: An Unlikely Triangle: Philanthropists, Commissars, and American Statesmanship Meet in Soviet Crimea, 1922–37, in: Diplomatic History 27 (2003), H. 3, S. 353–376, hier S. 358. [70] Siehe Peter Kenez: A History of the Soviet Union from the Beginning to the End, Cambridge 1999, S. 41–79. [71] Siehe Bertrand M. Patenaude: The Big Show in Bololand: The American Relief Expedition to Soviet Russia in the Famine of 1921, Stanford 2002, S. 135–137. [72] Siehe David Engerman: Economic Reconstruction in Soviet Russia: The Courting of Herbert Hoover in 1922, in: The International History Review 19 (1997), H. 4, S. 836–847; Mona Domosh: Uncovering the Friction of Globalization: American Commercial Embeddedness and Landscape in Revolutionary-Era Russia, in: Annals of the Association of American Geographers 100 (2010), H. 2, S. 427–443. [73] Siehe Heideking: Geschichte der USA (Anm. 64), S. 276–278. [74] Siehe Heale: American Anticommunism (Anm. 1), S. 79–95. [75] Siehe Julia Irwin: Making the World Safe: The American Red Cross and a Nationʼs Humanitarian Awakening, New York 2013, S. 105–115. [76] Ebd., S. 116; Saul: War and Revolution (Anm. 70), S. 377–442. [77] Siehe Starvation in Russia, in: Advocate of Peace through Justice 83 (1921), H. 8, S. 312–314. [78] Siehe Benjamin M. Weissmann: Herbert Hoover and Famine Relief to Soviet Russia: 1921–1923, Stanford 1974; Patenaude: The Big Show in Bololand (Anm. 73). [79] Siehe David S. Foglesong: The American Mission and the »Evil Empire«: The Crusade for a »Free Russia« since 1881, New York 2007, S. 64 f. [80] Siehe Victor S. Yarros: Bolshevism: Its Rise, Decline, and – Fall?, in: International Journal of Ethics 30 (1920), H. 3, S. 267–283, hier S. 283. Ebd.: »The advocacy of violence and crime cannot be permitted, and the physical-force revolutionists who attack officials or individual capitalists may properly be restrained or punished.« [81] Siehe Testimony of Mr Raymond Robins, 6. März 1919, in: Bolshevic Propaganda. Hearings before a Subcommittee of the Committee on the Judiciary, United States Senate. Sixty-fifth Congress, third Session and thereafter, 11. Februar bis 10. März 1919, Washington, D.C. 1919, S. 763–896, hier S. 829. [82] Ebd., S. 837, 864 u. 868.

JHK 2017

»Pest in Rußland« – Alfred Rosenberg und die Russische Revolution

Ernst Piper

Der Deutschbalte Alfred Rosenberg kam 1919 nach München und schloss sich noch im selben Jahr der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) an, die damals noch Deutsche Arbeiterpartei (DAP) hieß und kaum mehr als hundert Mitglieder hatte. Rosenberg stammte aus Reval, dem heutigen Tallinn, damals die Hauptstadt des russischen Gouvernements Estland, der nördlichsten der baltischen Provinzen des russischen Reiches. Nach dem Realschulabschluss schrieb er sich in Riga am Polytechnikum als Student der Architektur ein. Dort blieb er bis Mai 1915. Angesichts der näher kommenden deutschen Truppen wurde das Polytechnikum mit sämtlichen Professoren im Sommer 1915 nach Moskau evakuiert, sodass das Wintersemester 1915/16 das erste von vier Semestern war, die Rosenberg in Moskau zubrachte. Er schloss sein Studium mit dem Sommersemester 1917 ab und kehrte nach Reval zurück. In der Heimat arbeitete er an seiner Diplomarbeit über den Bau eines für die Verhältnisse Russlands geeigneten Krematoriums und kehrte Anfang 1918 noch einmal nach Moskau zurück. Dort legte er mit gutem Erfolg seine Abschlussprüfung ab. Inzwischen hatte die Oktoberrevolution das Land dramatisch verändert, sodass Rosenberg bei seinem erneuten Aufenthalt einen persönlichen Eindruck vom revolutionären Russland gewinnen konnte. Das, was er darüber schreibt, lässt allerdings nicht wirklich auf eine innere Anteilnahme oder differenzierte Wahrnehmung schließen. Während Rosenberg in seinem Buch Pest in Rußland der Februarrevolution immerhin einen Absatz widmet, ist die Oktoberrevolution, die er allerdings auch nicht direkt miterlebt hatte, vor allem Anlass für ein in schreienden Farben gemaltes Schreckensbild, das stark von seiner ideologisch geprägten Perzeption des Geschehens beeinflusst ist. Dennoch war Rosenbergs auf physischer Präsenz sich gründende Zeitzeugenschaft entscheidend für seine Autorität in Fragen, die die Russische Revolution betrafen. Sie stand in der NSDAP nie infrage. Wer ihm übel wollte, beteiligte sich eher an der Verbreitung von Gerüchten, dass er zwar Russisch könne, aber des Deutschen nicht so recht mächtig sei. Als Adolf Hitler ihn 1941 zum Reichsminister für die besetzten Ostgebiete ernannte, tat er dies nicht, um einen treuen alten Mitkämpfer endlich mit einer herausgehobenen Position zu belohnen, sondern weil er der Überzeugung war, dass Rosenberg der beste Mann für dieses Amt war. Nach den Forschungen der letzten Jahre dürfte daran wohl kein Zweifel mehr bestehen.[1] Alfred Rosenberg hat entscheidend dazu beigetragen, Adolf Hitler das Bild vom jüdischen Charakter der Russischen Revolution zu vermitteln. Die beiden trafen sich in ihrem fanatischen Antisemitismus. Als Inkarnation der Judenherrschaft galt das »jüdisch-bolschewistische« Sowjetrussland, »die Weltgefahr [...], die aus dem Osten heraufgezogen ist«.[2] Dieser Gedanke fand sich später bei Hitler wieder, der in Mein Kampf schrieb: »Im russischen Bolschewismus haben wir den im zwanzigsten Jahrhundert unternommenen Versuch des Judentums zu erblicken, sich die Weltherrschaft anzueignen [...]«[3] Auffallend ist, dass für Rosenberg, der später als Ostminister keine Probleme damit hatte, im Zuge des Generalplans Ost die »Verschrottung«[4] von 31 Millionen Russen zu planen, damals das »Russentum« eine ausgesprochen positive Bezugsgröße war. Dieses Russentum habe in der Oktoberrevolution eine furchtbare Niederlage gegen land- und volksfremde Kräfte erlitten. Rosenberg bemühte in seiner Schrift Pest in Rußland Ideologeme, die denjenigen der jüngsten Spielart rechtsextremen Denkens, der sogenannten identitären Bewegung, verblüffend ähnlich sind. Nachdem Alfred Rosenberg im Frühjahr 1918 seine Diplomprüfung abgelegt hatte, war er nach Reval zurückgekehrt, um dort als Zeichenlehrer an der Schule zu arbeiten. Doch schon bald holte ihn die Politik wieder ein. In den unabhängigen baltischen Republiken, die infolge des Friedensvertrags von Brest-Litowsk entstanden waren, tobte der Bürgerkrieg und etwa die Hälfte der deutschbaltischen Minderheit emigrierte nach Deutschland. Am 30. November 1918 hielt Rosenberg zum ersten – und letzten – Mal einen öffentlichen Vortrag in seiner Heimatstadt. Das Thema lag ganz auf der Linie seiner lebenslangen Obsession: »Marxismus und Judentum«. Unmittelbar danach verließ Rosenberg Reval und ließ sich, nach einem kurzen Aufenthalt in Berlin, in München nieder: »Ich ließ meine Heimat hinter mir, um mir ein Vaterland zu erwerben.«[5] Als Angehöriger der deutschen Minderheit im Zarenreich und Gegner der Russischen Revolution war er in gewisser Weise doppelt heimatlos gewesen und suchte nun nach Orientierung. Es gelang ihm rasch, Anschluss an weißrussische Emigrantenkreise zu gewinnen, deren Zentrum in München lag. Ein baltisches Flüchtlingskomitee nahm sich ebenfalls seiner an. Bald lernte er auch Dietrich Eckart kennen und schrieb eine Reihe von Beiträgen für dessen Zeitschrift Auf gut deutsch. Der erste Beitrag trug bezeichnenderweise die Überschrift »Die russisch-jüdische Revolution«. Da er die deutsche Staatsangehörigkeit erst 1923 erwarb, zeichnete er seine Beiträge mit »Alfred Rosenberg (Reval)«. 1921 erschien Dietrich Eckarts Broschüre Totengräber Rußlands, die binnen Kurzem eine Auflage von 100 000 Exemplaren erreichte.[6] Außerdem erschienen auch englische und russische Übersetzungen. Rosenberg steuerte dazu ein längeres Vorwort mit dem nicht überraschenden Titel »Der jüdische Bolschewismus« bei. Dieses Vorwort ist der einzige substanzielle Text, ansonsten besteht die Broschüre aus seitengroßen Karikaturen von Sowjetführern, unter denen kurze Gedichte Eckarts stehen. Die Karikaturen stammen allesamt von dem Deutschbalten Otto von Kursell. In St. Petersburg geboren, hatte er wie Rosenberg die Petri-Realschule in Reval besucht, dann in Riga und Dresden studiert und war bereits 1907 nach München übersiedelt. Kursells Spezialgebiet war die Darstellung jüdischer und bolschewistischer »Untermenschen«, auch die bekannten Karikaturen der Führer der Münchner Räterepublik stammen von ihm. Nach 1933 machte er eine angemessene Karriere und wurde Direktor der Hochschule für Bildende Künste in Berlin. Auf dem Umschlag von Totengräber Rußlands war »Sinowjew-Apfelbaum« abgebildet, darunter ein Gedicht von Eckart, das eine kurze Zusammenfassung der Russischen Revolution präsentierte:             »Rund zweieinhalb Millionen Menschen barg             Die Hauptstadt vor dem grauenhaften Morden             Durch Judasʼ Blutgier ist ein Riesenberg             Mit zwei Millionen Toten draus geworden.« Auf der ersten Innenseite folgt »Leiba Trotzky-Braunstein«, der »eigentliche Diktator Rußlands«.[7] Dann kommt Rosenbergs Vorwort und danach geht es weiter mit der revolutionären Heldengalerie, die angeführt wird von »Lenin-Uljanow«, von dem mitgeteilt wird, er sei »halbkalmückischer Herkunft. Seine Frau ist Jüdin, in der Familie wird jiddisch gesprochen, und sein Gesicht?! – trotzdem soll er kein Jude sein.«[8] In dieser Galerie darf auch der russischstämmige deutsche Sozialdemokrat Alexander Parvus, »Parvus-Helphant«, nicht fehlen, der 1917 dabei mitwirkte, Lenins Reise aus der Schweiz nach Russland zu organisieren. Bei Eckart liest sich das so: »Der eigentliche Macher des russischen Bolschewismus, nunmehr in Berlin zu demselben Zwecke tätig.« Es folgt auch hier ein Gedicht, das mit den Zeilen beginnt:             »Der Jude Bethmann gab ihm Millionen,             Des Zaren letzte Kraft zu unterwühlen.«[9] Auffällig ist der implizit positive Bezug auf den Zaren, der Männern wie Rosenberg und Eckart schon deshalb sympathisch war, weil er sich bis zuletzt gegen die Emanzipation der Juden gewehrt hatte. Rosenberg schreibt in seinem Vorwort auch, der amerikanische »Weltbankier« Jakob Schiff habe 1904 den japanischen Krieg »gegen das antisemitische Rußland« finanziert und dabei auch die russischen Kriegsgefangenen mit revolutionärer Propaganda versorgt. Tatsächlich erfolgte die Emanzipation der Juden in Russland erst fünf Tage nach Abdankung von Zar Nikolaus II. am 20. März 1917 durch die provisorische Regierung von Alexander Kerenskij, woraufhin Nationalisten Gerüchte streuten, Kerenskij habe jüdische Vorfahren. Alfred Rosenberg gibt in seinem Vorwort zu Eckarts Flugschrift eine gedrängte Zusammenfassung seiner Interpretation der Russischen Revolution.[10] Durch die Revolution sei ein »systematisches Ausrottungssystem« geschaffen worden. (Eine solche semantische Repetition ist für Rosenbergs Stil nicht untypisch.) »Aus allen Ecken der Welt« seien die Kinder Israels ins »neue gelobte Land« gefahren, Trotzki und Sinowjew »mit zweihundert anderen Brüdern« aus New York, Lenin aus der Schweiz, Demagogen von der »Bolschewistenschule […] unter dem Juden Rappoport« aus Capri. Im Juli 1917 erfolgte der erste Schlag, weil der »Jude Roschal« die Matrosen in Kronstadt aufgestachelt habe. Auch über die Finanzierung der Revolution ist Rosenberg informiert: »Die Wahrheit ist, daß die Bolschewiki die Abgesandten der Börsenjuden aus allen Ländern waren und sind, daß es jüdisches Geld ist, das die Zersetzungsmaschine bezahlte.« Parvus habe beim Auswärtigen Amt durchgesetzt, dass »Lenin mit mehreren hundert Juden« aus der Schweiz nach Russland reisen konnte. Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson, so Rosenberg weiter, war von Juden regelrecht umzingelt. Neben dem schon erwähnten Jakob Schiff nennt er Louis Brandeis, Richter am Obersten Gerichtshof, den »Börsenjobber Simon Wolff«, angeblich Wilsons rechte Hand, und schließlich Bernard Baruch, angeblich Wilsons bester Freund, der »an der Spitze von 117 Juden« zur Friedenskonferenz nach Versailles gereist sei. Dies alles ist sehr typisch für Rosenbergs Verfahrensweise. Die genannten Personen existierten tatsächlich, aber Rosenberg entwickelt eine blühende Fantasie, wenn er ihren Einfluss und ihre Rolle beschreibt und sie zu einem frei erfundenen Netzwerk jüdischer Intrigenwirtschaft vermengt. So ist Lenin nicht mit Hunderten von Juden, sondern ganz wenigen Begleitern nach Zürich gereist. Jakob Schiff, der aus Frankfurt stammte, hatte tatsächlich keine Sympathie für den brutalen Antisemitismus des Zarenregimes, was man ihm als Jude kaum verdenken kann, und unterstützte Japan im japanisch-russischen Krieg. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, setzte er sich aber für ein rasches Kriegsende ein und beteiligte sich ausdrücklich nicht an der Finanzierung der amerikanischen Kriegsanstrengungen, während Baruch Vorsitzender des War Industries Board wurde. Baruch nahm tatsächlich an den Verhandlungen in Versailles teil, aber er war weit davon entfernt, die amerikanische Delegation zu leiten, die selbstverständlich auch nur zum kleinen Teil aus Juden bestand. In Russland siege, so schreibt Rosenberg weiter, der »Judenbolschewismus«. In dem Land, in dem es bisher keine jüdische Hochfinanz gegeben habe, gerate nun das gesamte Nationalvermögen in jüdische Hände. Damit diese Enteignung dem russischen Volk nicht zu Bewusstsein kommen könne, gehe zugleich »die systematische Ausrottung, resp. Entsittlichung und Versklavung der nationalrussischen Intelligenz« vor sich. Dabei war es Trotzki, der »den Blutrausch für ganz Rußland in ein System« brachte. Die Rote Garde war ein »verläßlicher Kern der jüdischen Gewaltherrschaft«. Ergänzt wurde sie durch Abenteurer aus aller Herren Länder, die die »Zwingbataillone über das belogene russische Volk« bildeten. Die Reste der russischen Intelligenz wurden mithilfe eines »Geiselsystems« in die Knie gezwungen. Rosenberg unterzog sich auch der Mühe einer prosopografischen Untersuchung, wenn man es so nennen kann, mit der er beweisen wollte, dass der Bolschewismus vom ersten Tag an »ein rein jüdisches Unternehmen« war. Der Rat der Volkskommissare bestehe aus drei Russen, zwei Armeniern und 27 Juden. Von 42 »Pressediktatoren« seien 41 Juden, nur der »jämmerliche Maxim Gorki« nicht. Die Exekutive bestehe aus dem Russo-Tartaren oder kalmückischen Juden Lenin sowie 23 Juden. Insgesamt umfasse die Sowjetregierung 34 Letten, 30 Russen, einige Polen, Tschechen und Armenier sowie 447 Juden. Schließlich sei, zur Errichtung einer Finanzdiktatur, eine russische Reichsbank gegründet worden, in deren Aufsichtsrat »99 % Hebräer« säßen. Denn der Bolschewismus sei nur Mittel, nicht Ziel jüdischer Politik. Ziel sei die »Ausrottung alles Wurzelstarken«, die Vernichtung der nationalen Wirtschaft. Doch Rosenberg sah auch schon das Rettende nahen. Er war überzeugt, dass die »hebräischen Meuchelmörder« dem Strafgericht des russischen Volkes nicht entgehen würden. Deshalb sei gerade für die Deutschen besondere Wachsamkeit geboten: »In dem Augenblick, da diese Zeilen geschrieben werden, da geht ein verzweifeltes Bemühen der Juden durch die Länder, den Judenbolschewismus durch Deutschlands Zerstörung wieder zu stärken.« Millionen von Reichsmark rollten durch die Lande, »Judenapostel« tauchten überall auf und die »die ›deutsche‹ Politik leitenden Hebräer« verhandelten mit ihren Brüdern im Osten. Rosenbergs Vorwort schließt mit einem Aufruf: »Raffe Dich auf, Deutsches Volk und mache Dich frei von den jüdischen Pestträgern. Nie wirst Du Dein Leben ruhig ausbauen können, wenn die zerstörenden Bazillen in Deinem Blute kreisen. Erblicke den Abgrund, dem man dich zuführen wird und – rette Dich!«[11] Alfred Rosenberg legte in den Jahren vor dem Hitler-Ludendorff-Putsch eine ganze Reihe von Schriften vor: Die Spur des Juden im Wandel der Zeiten (1920), Unmoral im Talmud (1920), Das Verbrechen der Freimaurerei (1921), Der staatsfeindliche Zionismus (1922), Wesen, Grundsätze und Ziele der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (1922), Pest in Rußland (1922), Die Protokolle der Weisen von Zion und die jüdische Weltpolitik (1923). Alle diese Schriften dokumentieren den monomanischen Antisemitismus ihres Verfassers. In Rosenbergs Schriften und Reden aus den Jahren 1917 bis 1921 trägt die längste seiner »Ersten Aufzeichnungen« den schlichten Titel »Der Jude«. Schon hier entwickelte er Grundgedanken zur »Geschichte des jüdischen Geistes«,[12] die uns später immer wieder begegnen, von den Hebräern, die das ursprüngliche Volk Israel überwältigten, bis zu den jüdischen Studenten, die den russischen Matrosen in Kronstadt die Sinne verwirrten, vom »alten syrischen Willen als jüdisches Wesen im Katholizismus« bis hin zur eingeborenen Gegnerschaft des Judentums gegen jeden Nationalismus.[13] Viele der antisemitischen Stereotype, die charakteristisch für Rosenbergs Werk sind, finden sich bereits in diesen ersten Aufzeichnungen. Auffallend ist aber vor allem ein an Verfolgungswahn grenzender Glaube an die jüdische Allgegenwärtigkeit. Dabei geht es nicht nur um Trotzki-Braunstein, Molodarsky-Cohen, Petrow-Waisbrot, Kassenew-Rosenfeld und all die anderen, die Eckart in seinem Pamphlet von 1921 bedichtet hat, sondern auch um die jüdischen Bankiers, die den amerikanischen Präsidenten Wilson angeblich steuern, um die Börsen von Paris, New York und London, wo der »eigentliche Weltkapitalismus« seinen Sitz hat, und um Freimaurerlogen, die als jüdische Konspirationszentren dienen.[14] Die antisemitische Judenphobie wird etwas begreiflicher, wenn man in jedem Juden einen Repräsentanten des Weltjudentums sieht und glaubt, der jüdische Kramladenbesitzer in Krefeld und der jüdische Hausierer in Lemberg seien durch geheimnisvolle internationale Schaltzentralen, etwa den Orden B’nai Bʼrith, miteinander verbunden. In dieser wahnhaften Vorstellung »alljüdischer Einigkeit« sind dann auch die Zionisten und ihre assimilatorischen Gegner nur aus taktischen Gründen »getrennt marschierende Heerscharen Israels«.[15] Rosenbergs Erläuterungen des Parteiprogramms gaben gewissermaßen eine Antwort auf diese allgegenwärtige Bedrohung durch jüdisches Weltmachtstreben. Nach längeren Ausführungen über den Ersten Weltkrieg kam er auf das Kriegsende und die Gründung der NSDAP zu sprechen. Nachdem im August 1914 die völkische Revolution gegen den krankhaften Zustand zu Felde gezogen war, war das deutsche Volk durch die Kriegsniederlage in großes Ungemach geraten. Die lebendigen seelischen Kräfte waren Voraussetzung für seine Wiedergeburt. Gegen alle »materialistischen, händlerischen und mammonistischen Gedanken« setzten die Nationalsozialisten auf den Glauben an den Idealismus.[16] Standesdünkel und Klassenkampf wurden gleichermaßen abgelehnt; den Begriffen »national« und »sozial« sollte wieder ihre ursprüngliche Bedeutung zukommen. Der Marxismus lehre einerseits die Gleichheit der Völker, predige aber andererseits den Kampf der verschiedenen Schichten des eigenen Volkes gegeneinander. »Der Marxismus« gebe vor, den »Weltkapitalismus« zu bekämpfen, sei aber in Wirklichkeit mit Großbanken und Börsen verbündet: »Der 9. November 1918 war die mit antikapitalistischen, ausgeplünderten und verhetzten Arbeitern durchgeführte Börsenrevolution mit dem seit langem verfolgten Zweck, die noch nicht ganz von den Weltbanken in Besitz gebrachte nationale Industrie und Landwirtschaft Deutschlands in die Hände des überstaatlichen Leihkapitals zu spielen.«[17] Wie in Berlin 1918 hatte in Moskau schon 1917 die antikapitalistische Weltrevolution, geführt vom Weltkapital, triumphiert. Hier haben wir ein ganz zentrales Ideologem nationalsozialistischer Welterklärung vor uns. Die scheinbar größten Gegensätze, Marxismus und Kapitalismus, fielen in eins, denn beider Führung befand sich »in der Hand der Vertreter ein und desselben Volkes [...]: in der Hand der Juden«.[18] Der Marxismus wollte in Wirklichkeit keinen wirtschaftlichen Kampf, sondern war »ein angesagter Macht- und Kulturkampf an alle Völker Europas«,[19] wollte letztendlich den Rassenkampf. So wird auch verständlich, warum die Nationalsozialisten sich keineswegs als Rechtsextremisten, sondern vielmehr als Partei der Mitte sahen, die die jeweilige Einseitigkeit der Sozialisten und der Nationalisten zu überwinden trachteten und das Nationale und das Soziale zu einem Ausgleich bringen wollten in einer sozial gegliederten Volksgemeinschaft auf rassistischer Grundlage, deren gesellschaftliche Verfassung ein friderizianisch-autoritärer Sozialismus im Sinne Oswald Spenglers war. Für »Börsenjuden« und ihre »unbeschnittenen Geistesbrüder« sollte dort ebenso wenig Platz sein wie für den »demokratisch-marxistisch-plutokratischen Götzen«[20]. 1922 erschien auch Rosenbergs Kampfschrift Pest in Rußland. Der Bolschewismus, seine Häupter, Handlanger und Opfer. Wie Eckarts Totengräber Rußlands kam sie im Deutschen Volksverlag des Antisemiten Ernst Boepple heraus. Den Umschlag gestaltete wieder Otto von Kursell. Zentrales Motiv ist ein Bolschewist mit einem Davidstern auf seiner Mütze. Die beiden Publikationen ergänzen sich perfekt, wobei Rosenbergs Arbeit erst 1924 eine zweite Auflage erlebte und dann nach 1933 mehrfach nachgedruckt wurde. Während Eckarts Pamphlet nur 32 Seiten enthielt, die mit antisemitischen Karikaturen und Spottversen unterhaltsam und leicht konsumierbar waren, hatte Pest in Rußland 144 Seiten, was die Publikation entsprechend teurer machte. Außerdem war es ein mit ungeheuer vielen Fakten übersättigter Text über ein fernes Land, also eine eher anstrengende Lektüre. Aber beide Schriften trugen zweifellos das Ihre dazu bei, das Schreckbild von der Russischen Revolution mit ihren entfesselten bolschewistischen Mordbestien in die Gehirne der Deutschen zu transportieren und gleichzeitig mit einem radikalen und brutalen antisemitischen Weltbild zu verbinden. Das Pendant zum jüdischen Bolschewismus, der Russischen Revolution als Werk des Weltjudentums, war das – deutsche – Judentum als Handlanger des in der Sowjetunion siegreichen Bolschewismus. Diese Verbindung zwischen Judentum und Bolschewismus half, dem eliminatorischen Antisemitismus der Nationalsozialisten den Weg zu bereiten, der dann im rassenideologischen Vernichtungskrieg im Osten seine Erfüllung fand. In Pest in Rußland finden sich alle Stichworte wieder, die dem Leser in Rosenbergs Vorwort zu Eckarts Totengräber Rußlands begegnet sind: Der Tataro-Kalmücke Lenin, der sich mithilfe von Abenteurern und dem »Abschaum des Russentums« an die Spitze der Regierung schwingt;[21] Trotzki, der der eigentliche Tyrann Russlands ist, hat seit 25 Jahren an der Zerstörung Russlands gearbeitet. Mit Trotzki war Sinowjew aus New York nach Moskau gekommen: »Dieser wollhaarige feiste Jude ist vielleicht die widerwärtigste Persönlichkeit der ganzen Sowjetregierung.«[22] Die Rote Armee bewies die »Identität der Sowjetregierung und der Judenherrschaft«. Die internationale Hilfe, die verschiedene westliche Staaten der Hunger leidenden russischen Bevölkerung angedeihen ließen, wiederum offenbarte »die Zusammenarbeit des jüdischen Bolschewismus mit der die Geschicke der Staaten heute zu 9/10 bestimmenden jüdischen Hochfinanz«.[23] Rosenberg wollte zum einen, wie schon in seinem Vorwort, den jüdischen Einfluss auf das revolutionäre Geschehen herausstellen. Zum anderen sollte die Brutalität und Grausamkeit dieser jüdisch-bolschewistischen Revolution den Zeitgenossen vor Augen geführt werden. Dazu dienten »75 Originallichtbilder aus Sowjetrußland«. Mehr als die Hälfte dieser Bilder zeigten sowjetische Funktionäre, wobei stets der hohe Anteil der Juden herausgestellt wurde. Dies geschah entweder durch den Zusatz »(Jude)« oder, bei den Nationalsozialisten sehr beliebt, durch die Anhängung des »eigentlichen« jüdischen Namens, z.B. Sinowjew-Apfelbaum oder Lunatscharsky-Mondschein. Manchmal wurden auch beide Verfahren kombiniert. Auf einem großen Teil der übrigen Bilder waren Massengräber, Hingerichtete, Opfer der Tscheka, Verstümmelte und zu Tode Gefolterte zu sehen. Diese Form der Gräuelpropaganda war damals sehr verbreitet. Man versuchte, den Gegner moralisch durch Zurschaustellung seiner Grausamkeit zu diskreditieren. Die Bilderfolge endet mit »Opfern des Bolschewismus in Riga«, jener Stadt, in der Rosenberg wenige Jahre zuvor studiert hatte. Das letzte Kapitel der schmalen Schrift war dem »jüdischen Weltbetrug« gewidmet. Ihm schlossen sich »Schlußfolgerungen und Ausblicke« an. Nachdem Rosenberg den Leser ein weiteres Mal daran erinnert hat, »daß die Häupter des Marxismus von jeher Juden waren«,[24] kommt er zum Kern der Sache: »Schürfen wir nun etwas tiefer und vergegenwärtigen uns, was der heutige Kampf welthistorisch bedeutet, so werden wir ihn als einen neuen Aufmarsch des vorderasiatischen Geistes gegen Europa erkennen.«[25] Rosenberg sah die jüdisch-bolschewistische Revolution in der Traditionslinie der Mongolenvorstöße, der vorderasiatischen Hilfstruppen der Römer, des islamischen Vormarschs in Südeuropa und schließlich der Türkenkriege. Alle diese Angriffe seien abgewehrt worden, ihre Folge sei aber eine »tiefgehende Blutmischung«, sodass »im russischen Volke europäischer und asiatischer Charakter einen ständigen Kampf [kämpfen], dessen Ausgang niemand prophezeien kann.«[26] Schließlich kommt Rosenberg auf den Wesenskern dieser weder europäischen noch russischen Bewegung zu sprechen: »Als eigentlicher Führer aber dieses asiatisch-nomadischen Wüstengeistes tritt naturgemäß dasjenige Element hervor, welches den syrischen Geist am zähesten erhalten hat: Das Judentum.«[27] Die Juden sind die Pest in Rußland. Sie stehen als geschlossener Block gegen Europa und wirken zugleich in seinem Inneren als »asiatische Horde auf märkischem Sande«.[28] Die Frontstellung war klar. Auf der einen Seite das alte Europa, geführt von deutschen Männern, auf der anderen Seite der »totfeindliche asiatisch-mittelmeerländische Geist« unter Führung des internationalen Judentums.[29] Diese manichäische Antithese, deren Auflösung nur durch Sieg oder Untergang möglich war, beherrschte Rosenbergs Denken von seinen frühesten Jahren bis zu seinem Ende. Die drei 1922 erschienenen Schriften haben, trotz ihrer scheinbar so unterschiedlichen Gegenstände – Zionismus, Parteiprogramm, Russische Revolution –, alle dasselbe Thema. Der Autor folgte mit geradezu paranoider Intensität der Wahnvorstellung eines gewissermaßen jüdischen Weltgeistes, dessen zerstörerisches Wirken den ehrsamen Teil der Menschheit, namentlich die Deutschen, immer und überall bedrohte. Im Jahr 1923 brachte Rosenberg nur ein Buch heraus. Es war wiederum demselben Thema gewidmet und beschäftigte sich mit dem bis heute populärsten und folgenreichsten aller antisemitischen Propagandastücke, den »Protokollen der Weisen von Zion«.[30] Die Herkunft der Protokolle ist bis heute nicht wirklich geklärt, auch wenn vieles dafür spricht, dass Agenten der zaristischen Geheimpolizei Ochrana daran mitgewirkt haben. Die »Protokolle«, Ende des 19. Jahrhunderts in Paris fabriziert, erschienen 1903 erstmals auf Russisch. Der Antisemit P. A. Kruschewan publizierte sie in der St. Petersburger Zeitschrift Snamja [Das Banner] unter dem Titel »Programm für die Welteroberung durch die Juden«. Populär wurden die »Protokolle« aber erst durch Sergej Nilius, einen am Zarenhof höchst einflussreichen mystischen Schriftsteller, der den Text in einer ganz neuen Version 1905 in eines seiner Bücher aufnahm.[31] 1917 brachte Nilius die »Protokolle« in einer durchgesehenen, erweiterten Fassung heraus. Bei der ermordeten Zarin fand man ein Exemplar des Buches, was manchen als Beweis für die jüdische Anstiftung der bolschewistischen Revolution galt. 1919 erschien erstmals eine deutsche Übersetzung, die den Titel Die Geheimnisse der Weisen von Zion trug. Der rechtsradikale Publizist Ludwig Müller veröffentlichte die Ausgabe unter dem Pseudonym Gottfried zur Beek für den »Verband gegen Überhebung des Judentums«. Während Müller nach einer längeren Einleitung die »Verhandlungs-Berichte der ›Weisen von Zion‹ auf dem 1. Zionisten-Kongress, der 1897 in Basel abgehalten wurde« folgen ließ, publizierte Rosenberg nicht den Text, sondern seine eigene Theorie über die jüdische Weltpolitik und streute lediglich kurze Zitate aus den »Protokollen« als Beweise für das Gesagte in den Text ein. Es ging ihm nicht um die weitere Verbreitung der Protokolle, er benutzte das populäre Pamphlet vielmehr als Ausgangspunkt für einen neuerlichen Anlauf zu einer verschwörungstheoretischen Welterklärung. Sein Buch schloss mit einem Aufruf zur Befreiung der Menschheit von der »Weltverjudung«.[32] Auch wenn Alfred Rosenberg die »Protokolle« vor allem als Vehikel zur Verbreitung eigener Anschauungen nutzte, gilt er dennoch als ihr »führender Propagandist« in Deutschland,[33] was darauf zurückzuführen ist, dass er immer wieder an führender Stelle in dem publizistischen Kampf um ihre Echtheit mitwirkte. Ob Rosenberg, wie manche Autoren vermuten wollen, Adolf Hitler mit den »Protokollen« bekannt gemacht hat, kann dahingestellt bleiben. In jedem Fall kann man angesichts ihrer weiten Verbreitung davon ausgehen, dass Hitler sie gekannt hat. Seine frühen Reden zeugen von der Vorstellung einer zionistisch inspirierten, internationalen jüdischen Verschwörung. Nicht nur von der geheimnisvollen Macht, dem »internationale[n] Börsen- und Leihkapital«, sondern von einem »unsichtbaren Staat [...] als oberste Spitzentyrannei über die ganze Welt« war da die Rede.[34] Dabei fällt auf, dass bis 1920 Hitler das »Judenproblem« und seine »Lösung« eher im nationalen Rahmen sah, während er danach die Juden vor allem als eine internationale Bewegung attackierte, wobei Marxismus und Hochfinanz nur zwei Gesichter derselben Verschwörung waren. Hier wirkte der Einfluss Alfred Rosenbergs, der ein ums andere Mal den jüdischen Charakter der Russischen Revolution beschwor und zugleich unermüdlich die jüdische Beherrschung der Finanzwelt anprangerte. Zugleich folgte aus seiner manichäischen Weltsicht, dass es dem Judentum nicht möglich sei, von seinem Weltherrschaftsstreben abzulassen und sich friedlicheren Zielen zuzuwenden: »Daß aber das Ziel der physischen Verrottung, rassischen Verseuchung und seelischen Versumpfung unseres Volkes nie und nimmer aufgegeben werden wird, ist jedem klar, der erkannt hat, daß die jüdische Hochfinanz und der Bolschewismus als die beiden Methoden zur Erkämpfung einer hebräischen Weltherrschaft nicht mehr zurück können.«[35] Die Juden folgten »unabänderlichen und uralten Instinkten«.[36] Deshalb war ein Kompromiss mit ihnen nicht möglich, zu ihrer Vernichtung gab es keine Alternative. Das galt naturgemäß auch für den jüdischen Bolschewismus. Aus diesem Grund wurde Rosenberg wohlweislich vom Geschehen ferngehalten, als es um die Vorbereitung des Hitler-Stalin-Pakts ging. Nicht ihn, sondern Joachim von Ribbentrop hatte Hitler 1938 zum Außenminister berufen, einen Mann, der nicht im Verdacht stand, sich allzu sehr mit ideologischen Grundsatzfragen zu beschäftigen. Alfred Rosenberg war in der »Kampfzeit«, als es noch um politische Positionen, aber nicht um praktische Politik ging, unbestritten der führende Außenpolitiker der NSDAP. 1927 erschien sein Buch Der Zukunftsweg einer deutschen Außenpolitik. In dieser programmatischen Schrift, der einzigen maßgeblichen nationalsozialistischen Publikation zu Fragen der Außenpolitik, setzte er sich mit den vier ehemaligen Kriegsgegnern Frankreich, Italien, England und  Russland auseinander, wobei die aus der Revolution von 1917 hervorgegangene Sowjetunion zu einem Machtfaktor neuer Art geworden war. Das »Rassenchaos« hatte sich geklärt, allerdings zum Negativen hin. Die Juden, die schon beim Niedergang des römischen Weltreichs eine entscheidende Rolle gespielt hatten, hatten auch im bolschewistischen Russland die Oberhand gewonnen: »Das Wesen der Revolution in Rußland besteht nun, rassengeschichtlich betrachtet, in der Tatsache, daß die unbewußten mongoloiden Mächte im russischen Volkskörper über die nordischen siegten und zur Ausrottung dieses ihnen feindlich erscheinenden Wesens schritten.«[37] Das lag ganz auf der Linie dessen, was er auch schon in den frühen 1920er-Jahren geschrieben hatte. Inzwischen war aus einem dreijährigen blutigen Bürgerkrieg die Sowjetunion als Siegerin hervorgegangen. Es wurde immer klarer, dass die große Gemeinde der russischen Emigranten, mit der es zunächst lebhafte Kontakte gegeben hatte, von der Restitution eines Systems träumte, das nicht wiederkehren würde. Das machte sie als Bundesgenossen nicht attraktiver und trug auch dazu bei, alte Träume von einer deutsch-russischen Verständigung verblassen zu lassen. Dass die Nationalsozialisten den Vertrag von Rapallo entschieden ablehnten, war vor diesem Hintergrund nicht überraschend. Alfred Rosenberg schrieb im Völkischen Beobachter: »Wir betrachten den Vertrag von Rapallo als eine der Vorstufen, die die Börsen- und Sowjetjuden gebaut haben, um das noch nicht am Boden liegende deutsche Volk zum letzten Gang zu führen.«[38] Auch Hitler hielt den Glauben an eine Verständigung für »phantastisch, solange in Rußland ein Regime herrscht, das von dem einzigen Bestreben erfüllt ist, die bolschewistische Vergiftung auf Deutschland zu übertragen«.[39] Hitler und Rosenberg sahen in den 1920er-Jahren mit wachsendem Missfallen die Faszination, die die Vorstellung einer deutsch-russischen Verständigung auf die Linke in der NSDAP ausübte, z.B. bei den Brüdern Strasser, Reventlow oder Goebbels.[40] Die Auffassungsunterschiede kristallisierten sich deutlich am Verhältnis zur Sowjetunion heraus. Die Brüder Strasser und Goebbels sahen hier vor allem ein Land, in dem die Arbeiterklasse zur Macht gekommen war. Ihre Bewunderung ging nicht so weit wie die der Nationalbolschewisten, aber einem Mann wie Goebbels war klar, dass man die Arbeiter erreichen musste, wenn man die Macht im Staat erringen wollte. Als Berliner Gauleiter gab er das »Kampfblatt« Angriff heraus, das mit dem Motto »Für die Unterdrückten! Gegen die Ausbeuter!« erschien.[41] Wenn Goebbels bei Versammlungen sprach, in schwarzer Lederjacke, mit geballter Faust und radikale sozialistische Parolen schreiend, war er, von der äußeren Statur abgesehen, eine perfekte Kopie des KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann. Zu der berühmten Versammlung in den Pharussälen am 11. Februar 1927 hatte Goebbels die »Arbeiter der Stirn und der Faust« gerufen. Seine Ansprache stand unter dem Motto: »Der Zusammenbruch des bürgerlichen Klassenstaates!«.[42] Bei einer anderen Kundgebung lautete sein Thema »Lenin oder Hitler?«. Im Einladungsplakat hieß es: »Willst Du einen deutschen Sozialismus oder international-jüdischen Kommunismus? Soll Trotzki-Braunstein, Sinowjew-Apfelbaum, Radek-Sobelson oder Adolf Hitler der Befreier der Arbeiter sein?« All das war Rosenberg ein Gräuel. Er wollte keinen deutschen Sozialismus, auch keinen nationalen Sozialismus, sondern den Nationalsozialismus: »Das Wort Nationalsozialismus stellt als Hauptwort eine neue Synthese dar, die die Untrennbarkeit zweier Begriffe betont, während die Bezeichnung nationaler Sozialismus in Wirklichkeit nationaler Marxismus bedeutet oder bedeuten könnte.«[43] Spätestens seit der Niederlage der Linken in der NSDAP auf der Bamberger Führertagung im Februar 1926 war klar, dass es zur außenpolitischen Linie von Hitler- und Rosenberg in der NSDAP keine Alternative gab. 1927 hatte sich längst eine klare Orientierung herausgebildet. Das Gegenstück zum Ausgleich mit England, den man suchte, war die grundsätzliche Gegnerschaft zu Russland. Deutschland würde Russland in Schach halten und so einen wichtigen Beitrag zur Wahrung der englischen Interessen in Indien leisten, während im Gegenzug die Engländer die Franzosen daran hindern würden, den Rhein nach Osten zu überschreiten. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen plädierten Hitler und Rosenberg für den Verzicht auf koloniale Ambitionen und die Eroberung fehlenden deutschen Lebensraums im Osten Europas. Die Hoffnung auf einen Ausgleich mit England und die zentrale Frontstellung gegen Sowjetrussland waren beides zentrale Elemente ihres außenpolitischen Konzepts. Im September 1933 fand in Nürnberg der »Parteitag des Sieges« statt. Alfred Rosenberg hielt dort eine große Rede über – wer wollte überrascht sein? – den »Bolschewismus als Aktion einer fremden Rasse«. Es war die bekannte Suada, angereichert um Elemente eines biologistisch argumentierenden Rassismus. So begann er mit längeren Ausführungen über das Parasitentum: »Um die weltgeschichtliche Erscheinung des Bolschewismus zu begreifen, muß man einsehen, daß es nicht nur im Pflanzen- und Tierleben Parasiten gibt, sondern, ganz nüchtern wissenschaftlich gesprochen, auch im Menschendasein.«[44] Von dieser Feststellung war der Weg nicht mehr weit zum Untermenschen. Rosenberg hat diesen Begriff zwar nicht erfunden, aber er hat ihn für den Nationalsozialismus popularisiert. Dabei bezog er sich auf den amerikanischen Historiker und Rassentheoretiker Lothrop Stoddard, der festgestellt hatte: »Diese Weltanschauung des Untermenschen nennt man heute Bolschewismus.«[45] Rosenberg griff das im Mythus des 20. Jahrhunderts auf und bezog es direkt auf die Russische Revolution: »Im Jahre 1917 wurde der ›russische Mensch‹ endlich erlöst. Er zerfiel in zwei Teile. Das nordisch-russische Blut gab den Kampf auf, das ostisch-mongolische schlug mächtig empor, berief Chinesen und Wüstenvölker; Juden, Armenier drängten sich an die Führung, und der Kalmücko-Tartare Lenin wurde Herr. Die Dämonie dieses Blutes richtete sich instinktiv gegen alles, was noch äußerlich als aufrecht wirkte, männlich nordisch aussah, gleichsam lebendiger Vorwurf war gegen einen Menschen, den Lothrop Stoddard richtig als ›Untermenschen‹ bezeichnete.«[46] Hier wurden die ideologischen Grundlagen gelegt für das Feindbild, mit dem die deutschen Soldaten dann 1941 in den Krieg gegen die Sowjetunion ziehen sollten. Auch im Kontext des Holocaust war Rosenbergs Aufgabe vor allem die Implementierung des antisemitischen Feindbildes und erst in zweiter Linie die Mitwirkung bei der Durchführung der Vernichtungsmaßnahmen. In der schon einmal zitierten Parteitagsrede führte er weiter aus: »Zionismus und Weltbolschewismus […] sind zwei Druckmittel in der Hand einer alljüdisch geleiteten Weltpolitik, um die jüdischen Ziele durch kapitalistische Methoden im demokratischen Westen, durch bolschewistischen Terror im Osten […] zu verwirklichen.«[47] Das antisemitische Feindbild und das antibolschewistische Feindbild waren zwei Seiten derselben Medaille. Das war Rosenbergs Mantra, das er bis zum Ende gebetsmühlenhaft wiederholte. Auch in den Parteitagsreden der folgenden Jahre sprach er von nichts anderem. 1934 sagte er: »Im Wesen ist der Bolschewismus die Form der jüdischen Weltrevolution.«[48] Wer den sowjetischen Untermenschen überwand, besiegte zugleich auch den jüdischen Weltfeind. In dieser Überzeugung fanden sich Adolf Hitler und Alfred Rosenberg. Sie führte in den Vernichtungskrieg im Osten. Am 30. Januar 1939 trat erstmals der nach dem »Anschluss« Österreichs neu gewählte »Großdeutsche Reichstag« zu einer Sitzung zusammen. Hitler gab eine Regierungserklärung ab, in der er bald auf sein Kernthema zu sprechen kam, den »jüdischen Weltfeind«. Deutschland sei friedliebend, aber die jüdische Frage müsse gelöst werden, denn diese »wurzellose internationale Rasse« stehe hinter den Kriegshetzern, die er z.B. in Großbritannien am Werk sah, da sie am Krieg verdiene. Der folgende Satz sollte der berühmteste dieser Rede werden: »Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker Europas noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.«[49] Diese Prophezeiung ist sehr bekannt, Hitler wiederholte sie später noch mehrfach. Interessant ist die implizite These, dass der Sieg des Judentums, den es zu verhindern gelte, zu einer Bolschewisierung der Erde führen würde. Dies ist ein schlagender Beweis dafür, dass auch für Hitler ein unauflöslicher Zusammenhang zwischen Judentum und Bolschewismus bestand. Der von Hitler prophezeite Krieg begann noch im selben Jahr 1939, der Feldzug gegen den jüdischen Bolschewismus erst zwei Jahre später. Alfred Rosenberg war einer der Wegbereiter für diesen Vernichtungsfeldzug. [1] Siehe beispielhaft Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe, München 2005; Andreas Zellhuber: Das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete. Anatomie einer deutschen Behörde, Augsburg 2005; Jürgen Matthäus/Frank Bajohr (Hg.): Alfred Rosenberg. Die Tagebücher von 1934 bis 1944, Frankfurt a.M. 2015. [2] Alfred Rosenberg: Pest in Rußland. Seine Häupter, seine Handlanger und seine Opfer, mit 75 Lichtbildern aus Sowjetrußland, München 1922, S. 6. [3] Adolf Hitler, Mein Kampf, 181. Auflage München 1936, S. 751. [4] Erhard Wetzel regte an, dass »die rassisch unerwünschten Teile der Bevölkerung verschrottet werden könnten“. Erhard Wetzel: Bericht über die Sitzung am 4.2.1942 bei Dr. Kleist über die Fragen der Eindeutschung, insbesondere in den baltischen Ländern vom 7.2.1942, zit. nach Helmut Heiber: Der »Generalplan Ost«, Viertelsjahrshefte für Zeitgeschichte, 1958, H. 6, S. 281–325, hier S. 295. [5] Zit. nach Serge Lang/Ernst von Schenck: Porträt eines Menschheitsverbrechers nach den hinterlassenen Memoiren des ehemaligen Reichsministers Alfred Rosenberg, St. Gallen 1947, S. 41. [6] Dietrich Eckart: Totengräber Rußlands, 7. Aufl. München 1921. [7] Ebd., S. 2. [8] Ebd., S. 6. [9] Ebd., S. 16. [10] Alle folgenden Zitate ebd., S. 3–5. [11] Ebd., S. 5. [12] Alfred Rosenberg: Schriften und Reden I. Schriften aus den Jahren 1917–1921. Mit einer Einleitung von Alfred Baeumler, München 1943, S. 91. [13] Ebd., S. 109. [14] Rosenberg: Pest in Rußland (Anm. 2), S. 11. [15] Alfred Rosenberg, Schriften und Reden II. Schriften aus den Jahren 1921–1923. Mit einer Einleitung von Alfred Baeumler, München 1943, S. 101. [16] Ebd., S. 122. [17] Ebd., S. 124. [18] Ebd., S. 125. [19] Ebd. [20] Ebd., S. 126, 128. [21] Rosenberg: Pest in Rußland (Anm. 2), S. 9. [22] Ebd., S. 23. [23] Ebd., S. 68. [24] Ebd., S. 94. [25] Ebd. [26] Ebd., S. 94 f. [27] Ebd. [28] Ebd. [29] Ebd., S. 96. [30] Zur Vorgeschichte Armin Pfahl-Traughber: Der antisemitische-antifreimaurerische Verschwörungsmythos in der Weimarer Republik und im NS-Staat, Wien 1993, S. 39 ff.; Ernst Piper: »Die jüdische Weltverschwörung«, in: Julius H. Schoeps/Joachim Schlör (Hg.): Antisemitismus. Vorurteile und Mythen, München 1995, S. 127–135; Michael Hagemeister: Sergej Nilus und die »Protokolle der Weisen von Zion«. Überlegungen zur Forschungsfrage, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung (1996), H. 5, Frankfurt a.M./New York 1996, S. 127–147. [31] Siehe Walter Laqueur: Russia and Germany. A Century of Conflict, London 1965, S. 101. [32] Alfred Rosenberg: Die Protokolle der Weisen von Zion und die jüdische Weltpolitk, München 1923, S. 132. [33] Norman Cohn: Die Protokolle der Weisen von Zion. Der Mythos von der jüdischen Weltverschwörung, Köln 1969, S. 247. [34] Zit. nach Günter Schubert: Die Anfänge der nationalsozialistischen Außenpolitik, Berlin 1961, S. 33 f. [35] Alfred Rosenberg: Das Wesen des Bolschewismus, Völkischer Beobachter vom 17. August 1913. [36] Ebd. [37] Alfred Rosenberg: Der Zukunftsweg einer deutschen Außenpolitik, München 1927, S. 88. [38] Alfred Rosenberg: Frankreich in Genua, Völkischer Beobachter vom 3. Mai 1922. [39] Institut für Zeitgeschichte (Hg.): Adolf Hitler. Reden Schriften Anordnungen, Bd. II A, München 1995, S. 112. [40] Siehe z.B. Joseph Goebbels: Nationalsozialismus und Bolschewismus. Rede und Gegenrede über das »russische Problem«, München 1925, und ders.: Lenin oder Hitler, Zwickau 1926. Siehe Laqueur: Russia and Germany (Anm. 31), S. 147. [41] Siehe z.B. die Eigenanzeige in Joseph Goebbels: Der Nazi-Sozi. Fragen und Antworten für den Nationalsozialisten, München 1929, vor S. 1. [42] Joseph Goebbels: Kampf um Berlin. Der Anfang, München 1941, S. 67. [43] Völkischer Beobachter vom 1. September 1923, zit. nach Alfred Rosenberg: Kampf um die Macht, München 1937, S. 253. [44] Alfred Rosenberg: Europa und sein Todfeind. Vier Reden über das bolschewistische Problem, München 1938, S. 10. [45] Lothrop Stoddard: The revolt against the civilization. The menace of the underman, New York 1925, S. 127. [46] Alfred Rosenberg: Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit, 57. Aufl. München 1935, S. 213 f. [47] Rosenberg: Europa und sein Todfeind (Anm. 44), S. 15. [48] Ebd., S. 30. [49] Max Domarus (Hg.): Hitler. Reden und Proklamationen 1932–1945, Bd. 3, Wiesbaden 1973, S. 1058.

JHK 2017

Die Russische Revolution und das Ende des Alten Europa

Jörg Baberowski

»Am Freitag, dem 24., und am Sonnabend, dem 25., ging ich wie gewöhnlich zum Dienst«, erinnerte sich Wladimir Nabokow, der zum Führungskreis der liberalen Konstitutionellen Demokraten gehörte, an die Anfänge der Revolution. »Am Sonntag, den 26., bot der Newski-Prospekt den Anblick eines Militärlagers – er war abgesperrt. Am Abend war ich bei I.W. Gessen, bei dem sich sonntags in der Regel Freunde und Bekannte versammelten. [...] Wir tauschten unsere Eindrücke aus. Was vor sich ging, erschien uns ziemlich bedrohlich. Der Umstand, daß die Macht – die höchste – sich in einer so kritischen Minute in den Händen von Leuten wie Fürst Golizyn, Protopopow und General Chabalow befand, konnte nur zu ernstester Sorge Anlaß geben. Dennoch waren wir noch am 26. abends weit von dem Gedanken entfernt, daß die nächsten zwei, drei Tage, derart kolossale und entscheidende Ereignisse welthistorischen Ausmaßes mit sich bringen würden.«[1] In den nächsten Tagen verrichtete Nabokow seinen Dienst im Asiatischen Ressort des Generalstabes, als sei nichts geschehen, obgleich auf der Straße schon Schüsse zu hören waren und den Offizieren die Schulterstücke heruntergerissen wurden. Es gab keine verlässlichen Nachrichten über das Geschehen, nur Gerüchte. Erst am Abend des 1. März 1917 gab es Gewissheit: Die Soldaten der Petersburger Garnison waren auf die Seite der Aufständischen übergelaufen, die Truppen von General Chabalow, die der Zar nach Petrograd in Marsch gesetzt hatte, weigerten sich, auf die Meuterer zu schießen. Inzwischen hatten liberale Abgeordnete der Duma eine Provisorische Regierung gebildet und sich im Taurischen Palais eingerichtet. Nabokow erinnerte sich an die ausgelassene Stimmung und die Euphorie, die von Menschen aller Schichten in diesen Tagen Besitz ergriffen hatte: »Ich hatte das Gefühl, als sei tatsächlich etwas Großartiges und Heiliges geschehen, als habe das Volk seine Ketten abgeworfen und als sei der Despotismus zusammengebrochen. Ich gab mir damals keine Rechenschaft darüber, daß dem ganzen Geschehen eine Militärrevolte zugrundelag, die als Folge der durch drei Jahre Krieg entstandenen Verhältnisse spontan aufgeflammt war, und daß darin der Keim künftiger Anarchie und Auflösung beschlossen lag.«[2] Historiker wissen, was die Zeitgenossen nicht wissen konnten. Deshalb nehmen sie an, dass jedes Geschehen der Gegenwart von einem Geschehen in der Vergangenheit verursacht wird. Aber die Auswahl der Ereignisse, die sie in der Zeit miteinander verknüpfen, ist beliebig. Denn es hängt von Erkenntnisinteressen und Fragen ab, welche Ereignisse einander kausal zugerechnet werden. Deshalb erzählen Historiker unterschiedliche Geschichten über ein und dasselbe Geschehen.[3] In Wahrheit war das Leben für die Menschen der Vergangenheit ebenso offen wie für uns selbst. Alles hätte auch anders kommen können, weil Menschen manches tun und manches unterlassen. Niemand handelt voraussetzungslos, und dennoch ist keine Handlung vorstellbar, die sich aus ihren Voraussetzungen zwangsläufig ergibt. Was immer auch vorher geschehen sein mag, es erklärt nicht, was danach geschieht. Es gibt keinen Fluss der Zeit, sondern allenfalls eine Abfolge von Situationen, die jeweils für sich stehen und nicht kausal miteinander verbunden sind. Aus diesem Dilemma gibt es für die Geschichtsschreibung nur einen Ausweg: Sie muss die Möglichkeiten beschreiben, die sich Menschen in Situationen eröffneten, und erklären, warum manches gelang und anderes nicht. Es kommt auf die Beschreibung des Augenblicks an, in dem Menschen die Entscheidung fällen, das Leben der Vergangenheit hinter sich zu lassen und Neues zu wagen. Was ist Geschichtsschreibung anderes als eine Darstellung nicht miteinander verbundener Möglichkeiten? [4] »Wenn man nicht die einzelnen Punkte im wilden Strom der Revolution verfolgt, kann man leicht jedes Verständnis für die Ereignisse verlieren. Und je weniger solcher Punkte, einzelner Persönlichkeiten es gibt, umso sinnloser, schrecklicher und langweiliger wird die geschichtliche Bewegung«, schrieb die Dichterin Sinaida Hippius in ihr Tagebuch der Revolution.[5] Nicht als zwangsläufiges Geschehen, als mechanische Verzahnung von Ereignissen, die zu einem großen Ganzen werden, sondern als Beschreibung individuellen Erlebens sollte die Geschichte der Revolution erzählt werden. Warum revoltierten Menschen im Februar 1917 und nicht im November 1916? Müssen wir uns die Revolte als Empörung unterdrückter Menschen vorstellen, die emanzipiert werden wollten? Wenn es so wäre, dürfte es überhaupt keine Diktaturen mehr geben. Aber so ist es nicht. Menschen haben eine Geschichte, sie haben Erfahrungen gemacht, die sie die Welt mit geübtem Auge sehen lassen, und diese Erfahrungen entscheiden darüber, welches Verhalten sie in Situationen für angemessen halten. Es gibt immer Gründe, unzufrieden zu sein, aber nur selten auch gute Gründe, die Verhältnisse zu ändern, unter denen man leidet. Die Anlässe, die in die Revolte führen, ergeben sich zufällig, aus Situationen, die Möglichkeiten eröffnen oder begrenzen. Was wäre geschehen, wenn der Zar im Februar 1917 in der Hauptstadt gewesen wäre und den Liberalen gegeben hätte, was sie verlangten? Wenn die Soldaten der Garnison schon im Januar an die Front geschickt worden wären? Wenn Lenin nicht nach Russland zurückgekommen wäre? Wenn die zarische Armee gesiegt hätte und die Bauern nach Hause entlassen worden wären? Wer hätte unter solchen Umständen einen Arbeiter- und Soldatenrat ins Leben rufen können? Hätten die Bauern die vertraute Ordnung überhaupt infrage gestellt, wenn die Revolte keine Aussicht auf Erfolg gehabt hätte? Wer hätte den Aufstand gewagt, wenn die Staatsmacht entschlossen gewesen wäre, Gewalt gegen ihre Widersacher einzusetzen? Warum ging die Autokratie zugrunde und warum überlebte die Diktatur der Bolschewiki, obwohl sie doch nichts als Terror und Elend produzierte? Auf diese Fragen bekommt man nur dann eine Antwort, wenn man den Erfahrungsraum beschreibt, in dem Menschen sich zurechtfinden müssen. Was immer Menschen auch tun, sie tun es zu den Bedingungen des sozialen Umfeldes, in dem sie sich bewegen. Wer Krieg und Entbehrungen erleidet, richtet sein Leben anders ein als Menschen, die Gewalt nicht fürchten müssen. Wie immer man in eine Situation auch hineingeraten ist – man wird als anderer aus ihr wieder herauskommen. Nur weiß man vorher noch nicht, was nachher geschieht.   1. Ein Imperium auf tönernen Füßen Russland war ein Vielvölkerreich, ein Bauernland, das von einer kleinen, europäischen Elite beherrscht und von der Dynastie der Romanows zusammengehalten wurde. Seit Peter I. das Zarenreich dem Westen geöffnet hatte, war Europa zum Maßstab der russischen Eliten geworden. Sie entdeckten Rückständigkeit, weil Russland nicht war, was im Westen Europas besichtigt werden konnte.[6] Peter I. brach nicht nur mit der russischen Vergangenheit. Er berief sich auch nicht mehr auf sie und entwarf sich als Eroberer, der ein fremdes, rückständiges Land aus finsterer Vergangenheit befreite.[7] Alle Zaren seit Peter I. verstanden Russland als Experimentierfeld, auf dem verwirklicht werden sollte, was für die letzte Errungenschaft der europäischen Gegenwart gehalten wurde. Seither versuchte die Autokratie, das Land nach ihrem Willen zu formen. Über Traditionen setzte sie sich bedenkenlos hinweg, Schwäche kompensierte sie durch Aufbietung von Zwang. Darin sah der liberale Historiker Pawel Miljukow die eigentliche Schwäche der Autokratie. Sie habe das Land zwar modernisiert, aber sie habe es auch ruiniert, weil sie auf den Willen des Volkes keine Rücksicht genommen habe.[8] Ihre Bürokratie verordnete, was immer ihr in den Sinn kam, aber sie schöpfte nicht aus der Kultur jener, die sie beherrschen wollte. Deshalb sei die russische Bürokratie ein Fremdkörper geblieben, der »fast keine Spur im geistigen Leben Rußlands« hinterlassen habe, schrieb der Semiotiker Jurij Lotman über das Erbe der Autokratie.[9] Die Autokratie hatte außer den Gutsbesitzern kein Medium zu ihrer Verfügung, um das Land und seine Bevölkerung zu registrieren, zu kontrollieren und zu unterwerfen. Sie verlangte Großes, konnte es aber nur mithilfe der lokalen Elite durchsetzen, die Privilegien erhielt, dafür aber auf den Dienst am Herrscher verpflichtet wurde. Die Verschärfung der Leibeigenschaft war auf paradoxe Weise ein Reflex der Verwestlichung des Zarenreiches, weil die Gutswirtschaft die Grundlage war, auf der die Elite ihren Dienst an der Autokratie verrichtete. Russlands Adel lebte auf europäischem Niveau, seine Bauern aber blieben, was sie waren, weil sie nicht frei sein konnten und nicht frei sein durften. Bauern wurden bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts verkauft, verheiratet oder auf Lebenszeit in die Armee des Zaren verschleppt. Zwar hatten Bauern, die auf Staatsland oder in den Städten lebten und einen Geldzins an den Grundherren entrichteten, größere Freiheiten als die Fronbauern im Schwarzerdegebiet. Manche Gutsbesitzer errichteten Schulen und gaben Geld für die Ausbildung ihrer Leibeigenen aus. Dennoch lag das System erzwungener Ungleichheit wie ein schwerer Schatten auf allen menschlichen Beziehungen. Für die Adligen war der Besitz von Leibeigenen ein Vorrecht ihres Standes und eine Belohnung für den Dienst, den sie im Auftrag des Staates verrichteten, für die Bauern war die Erbuntertänigkeit eine Erfahrung immerwährender Erniedrigung, die unverschuldet über sie gekommen war.[10] Seither waren Bauern und Eliten durch einen tiefen sozialen und kulturellen Graben voneinander getrennt. Selbst nach der Abschaffung der Leibeigenschaft im Jahr 1861 blieben die Bauern an Land und Gemeinde gebunden, weil es in den Dörfern keine Staatsbehörden gab. Alle hoheitlichen Funktionen der Gutsbesitzer wurden nunmehr den Bauerngemeinden übertragen, die vollziehen sollten, was die Obrigkeit sich für sie ausgedacht hatte. Zwar befreite die Agrarreform des Jahres 1961 alle Bauern von der Erbuntertänigkeit, aber sie überließ ihnen das Land, das sie ohnehin schon in ihrem Besitz wähnten, nur gegen die Entrichtung von Ablösezahlungen. Mit ihnen sollten die Adligen für den Verlust ihres Landanteils entschädigt werden. Für die Bauern aber war diese Regelung unbegreiflich, denn nach ihrem Verständnis gehörte das Land jenen, die es bearbeiteten, nicht jenen, die auf einen Rechtstitel verweisen konnten. Für die Aufbringung der Ablösesumme wurde die Gemeinde verantwortlich gemacht, die dafür Sorge trug, dass jedes Mitglied seinen Anteil entrichtete. Die kollektive Solidarhaftung fesselte die Bauern an Dorf und Land, entlastete den Staat jedoch von Verwaltungsaufgaben.[11] So aber blieben die Dörfer Orte eigenen Rechts und eigener Kultur, die Bauern Menschen aus einer anderen Welt, einer anderen Nation. In den abgelegenen Dörfern Zentralrusslands wurde das Leben nicht vom Recht des Staates, sondern von der Selbsthilfe der Gemeindemitglieder strukturiert. Jenseits des staatlichen Gewaltmonopols regelten die Bauern nicht nur alle Konflikte selbst, sie wehrten auch Versuche der Staatsbehörden ab, sich in die Angelegenheiten der Gemeinde einzumischen. Staatliches Recht nahmen Bauern nur in Anspruch, wenn sie sich davon Vorteile versprachen, wo es wirkungslos blieb, wurde es ignoriert. Die Isolation des Dorfes war auch der Grund für die strenge Sozialdisziplin und die Gewalt, mit der Bauern ihre Konflikte austrugen. Denn das Auge des Dorfes sieht alles, und wer sich seinem Blick entziehen will, wird vom Kollektiv zur Rechenschaft gezogen.[12] Der Schatten der Leibeigenschaft lag auf allen sozialen Beziehungen. Adlige, Kaufleute und Bauern lebten in einer hierarchisch strukturierten Welt, in der es nicht darauf ankam, was jemand konnte, sondern was jemand war.[13] Der Geist der Ungleichheit war das Fundament, auf dem die autokratische Ordnung gedieh, denn sie allein hielt zusammen, was nicht zusammenpasste. »Bauern haben sich die Gewohnheit intensiver Arbeit nicht angeeignet«, schrieb die Ethnologin Olga Tian-Shanskaya. »Sie sind des Lichts des Wissens beraubt und sie leiden an unterdrückender Armut. Das Problem scheint darin zu bestehen, dass jedes Ziel, das der Bauer erreichen will, und sei es auch nur der Erwerb einer Flasche Wodka oder eines Paares Stiefel, für ihn unerreichbar ist, ganz gleich, wie hart er arbeitet. Ein anderer Gedanke, der mich beunruhigt, ist die Frage, wie wir, die Objekte ihres Hasses, ihre Ziele ändern, ihren Horizont erweitern und den Begriff intensiver Arbeit als Quelle allen Wohlstandes in ihnen verwurzeln können. Sie würden uns nicht glauben und würden uns auslachen, vielleicht zu Recht.«[14] Nicht einmal die Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht im Jahr 1874, die im Grundsatz auf der Gleichheit aller Bürger beruhte, konnte diese Kluft überbrücken. Russlands Streitkräfte waren bewaffnete Bauerndörfer, die von Gutsbesitzern kommandiert wurden und sich selbst versorgen mussten. Wohlhabende entzogen sich dem Dienst in der Armee, Adlige und Bauern kamen in ihr nur als Offiziere und Rekruten miteinander in Berührung. In der russischen Armee herrschte der Geist der Gutswirtschaft, nicht der Nation.[15] Als im späten 19. Jahrhundert hunderttausende Bauern in die Großstädte des Zarenreiches strömten, auf der Suche nach Arbeit und Auskommen, wurde die Kluft zwischen den Kulturen überhaupt erst sichtbar. Denn die Bauern blieben auch in den Städten, was sie waren: Menschen, die an ihrer Kleidung, ihrem Habitus und ihren eingeschränkten Rechten als Fremde erkennbar waren und an den Rändern der städtischen Gesellschaft lebten. Ausländern fiel sogleich auf, dass Bauern nicht nur anders aussahen als Stadtbürger, sondern auch anders behandelt wurden. Ein englischer Geschäftsmann, der sich in den späten 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts nach Moskau begab, fand dort nichts, was ihn an europäische Großstädte hätte erinnern können. Der Anblick der tristen Arbeitersiedlungen, Schmutz und Abfall, irriterten den Reisenden, der erwartet hatte, von Europa nach Europa zu reisen. Die bäuerlichen Arbeiter, denen er auf der Straße begegnete, erschienen ihm wie Wesen aus einem anderen Land und einer anderen Zeit. »Das verfilzte Haar auf dem Kopf und die bis zu den Augen reichenden, ungekämmten Bärte der Bauern, in Verbindung mit der niedrigen Stirn und des oftmals tierischen Antlitzes verliehen manchen von ihnen eher das Aussehen riesiger Skye Terrier als menschliche Wesen.« Diese Eindrücke konnten Ausländer auch 30 Jahre später, unmittelbar vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, noch gewinnen. Das Leben in Moskau sei »asiatisch«, es erinnere ihn an Nordindien, so brachte ein englischer Beobachter seine Begegnung mit den russischen Unterschichten auf den Begriff. Das Dorf ging nicht in der Stadt auf, es eroberte und unterwarf sie und verlieh ihr ein russisches Gesicht.[16] Es gab wenig, was die Wanderarbeiter in den großen Städten mit der Gesellschaft von Besitz und Bildung verband. Sie lebten abseits des Zentrums in Kasernen oder auf dem Fabrikgelände, junge, ungebildete Arbeiter ohne Frau und Familie, die ein geringes Interesse für die Umgebung aufbrachten, in der sie leben mussten. Ihr Leben gehorchte dem Rhythmus des Dorfes, ihre Kameraden waren Bauern, die aus der gleichen Region oder dem gleichen Dorf kamen und mit denen sie Arbeitsstelle und Schlafplatz teilten. Für die Unternehmer ergaben sich aus der Bewahrung der dörflichen Strukturen Vorteile. Sie überließen Ausbildung und Kontrolle den Ältesten, die auch den Lohn auszahlten und Schlafplätze zuteilten, und sie konnten die Staatsbehörden jederzeit darum bitten, renitente Arbeiter in ihre Dörfer abzuschieben. Sie erzielten mit minimalem Kostenaufwand maximalen Nutzen. Dafür aber zahlten sie einen hohen Preis. Nur wenige Arbeiter schlugen Wurzeln in ihrer Umgebung, auch in der Stadt blieben sie Bauern, die vom Rest der Gesellschaft ausgeschlossen waren.[17] Semjon Kanatschikow, der als Arbeiter in St. Petersburg lebte, erinnerte sich, dass der Staat in den Armenvierteln nicht präsent gewesen sei. Die Stadtverwaltung habe auch von den Arbeitern Steuern verlangt, ihre Wohngebiete aber verkommen lassen. Es habe in der Nähe der Obuchow-Stahlwerke zwar Kneipen und Kirchen, aber keine Krankenhäuser und Theater gegeben. Auf den Straßen habe das Gesetz der Gewalt gegolten. »Es ist deshalb überhaupt nicht überraschend«, schrieb er, »dass an Feiertagen, wenn die Arbeiter ihren Lohn erhalten hatten, die Region zum Schauplatz unaufhörlicher Schlägereien, von Skandalen aller Art und Bandenüberfällen von Hooligans auf unschuldige Passanten wurde. Die örtlichen Gefängnisse waren mit Betrunkenen, Hooligans und den Opfern gewalttätiger Schlägereien gefüllt. Besonders berühmt waren die sogenannten Pskowzy [umgangssprachlich für Männer aus Pskov] für ihre gewalttätige Randale – ignorante, illiterate, harte Jungs, die die schwere, schmutzige Arbeit in den Metallfabriken verrichteten.«[18] Vom Staat hatten diese Arbeiter nichts zu erwarten. Konflikte regelten sie unter sich, die Polizei des Staates galt ihnen als Feind, nicht als Beschützer und Helfer. Nach der Jahrhundertwende veränderten sich die Bedingungen, unter denen Eliten und Bauern einander begegneten. Bauern kamen in die Städte, Arbeiter gingen zurück ins Dorf, die Nachfrage nach Konsumgütern wuchs ebenso wie die Zahl der Reisenden und Lesenden. Auch kamen Bauern nun mit Staatsbeamten und Rechtsanwälten in Berührung und lernten den Umgang mit den Verfahren und Rechtsordnungen des Staates.[19] An vielen Orten engagierten sich Bürger in Wohltätigkeitsgesellschaften, gründeten Theater und Clubs, um Arbeiter aus den Fängen von Alkohol und Gewalt zu befreien. Die Elite nahm Bauern nicht als Bürger, sondern als Kinder wahr. Man konnte sie erziehen, aber man durfte sie nicht über sich selbst entscheiden lassen. So sah es auch der Chef der Moskauer Geheimpolizei, Sergei Subatow. Er empfahl dem Innenminister, die Interessenvertretung von Arbeitern nicht den Revolutionären zu überlassen, sondern in die Hände des autokratischen Staates zu legen. Die bäuerlichen Arbeiter seien fromm, sie beteten den Zaren an, und dennoch lebten sie in großer Not. So entstanden um die Jahrhundertwende zahlreiche Arbeitervereine, die von der Geheimpolizei organisiert und finanziell ausgestattet und von Priestern geleitet wurden. Der »Polizeisozialismus« Subatows war eine Ideologie, die aus dem Geist des Paternalismus kam. Wohltaten wurden an Gehorsam und Frömmigkeit der Untertanen gebunden, so wie es die Gutsbesitzer mit ihren Bauern immer schon gehalten hatten. Zwar nahmen Arbeiter und Bauern in den Städten solche Angebote an, besuchten Theatervorstellungen, ließen sich von Anwälten beraten und von Armenküchen versorgen. Auch der Polizeisozialismus fand großen Zuspruch. Nur beruhte diese Zustimmung nicht auf den Wertvorstellungen, die den Aufklärungs- und Erziehungskampagnen zugrunde lagen. Untertänigkeit konnte jederzeit wieder in Gewalt umschlagen, weil sich für Arbeiter in den Städten keine attraktiven Lebensperspektiven eröffneten.[20] Kommunikation, Handel und Bildung waren nicht nur Mittel der Erziehung und Assimilation. Sie ließen auch die Kluft, die Eliten und Bauern voneinander trennte, schmerzhaft spürbar werden. Bauern konnten nicht länger als fromme Einfaltspinsel idealisiert werden, seit die Bürger ihnen auf den Straßen der Städte begegneten. Erst in der Begegnung wurde das System der Apartheid für beide Seiten überhaupt erfahrbar: für die Unterschichten als Erlebnis der Ausgrenzung, für die Eliten als Bedrohung. Es gab keinen Zweifel: Staat und Unternehmer nahmen, aber hatten wenig zu geben. Arbeiter und Bauern lebten in Räumen, die von Gewalt und Selbsthilfe, nicht aber vom staatlichen Gewaltmonopol strukturiert wurden. Warum hätten sie sich einer Ordnung unterwerfen sollen, von der sie ausgeschlossen waren und deren Repräsentanten sie wie unmündige Kinder behandelten? Das Zarenreich war ein Raum sozialer und kultureller Zerrissenheit, der von Bauern bewohnt und von einer adligen Dienstklasse beherrscht wurde. Aber es war die Dienstklasse selbst, die infrage stellte, worauf ihre Macht beruhte. In der Mitte des 19. Jahrhunderts kam es erstmals zur Beteiligung der Gesellschaft von Besitz und Bildung an der staatlichen Verwaltung. Die Justiz- und Verwaltungsreformen des Jahres 1864 führten nicht nur die Gewaltenteilung in die russische Wirklichkeit ein, sie eröffneten Adligen und gebildeten Aufsteigern auch Möglichkeiten, sich jenseits staatlicher Bevormundung selbst zu organisieren. Nicht mehr Herkunft und Staatsdienst, sondern Bildung und Können entschieden nunmehr über den Aufstieg in der gesellschaftlichen Hierarchie. Es war kein Zufall, dass in der liberalen Bewegung vor allem Rechtsanwälte, Ärzte, Lehrer, Professoren, Friedensrichter und Stadtverordnete zu finden waren. Sie waren durch Leistung, nicht nur Stand oder Protektion geworden, was sie waren, und sie verlangten, an der Entscheidung politischer und sozialer Fragen beteiligt zu werden. Die Autokratie war nicht nur der Motor staatlicher Modernisierung. Sie war auch Urheberin von Kritik und Krise.[21] Russland war ein Vielvölkerreich, keine Nation. Aber seine Eliten wollten das Imperium in eine Staatsnation verwandeln. Alle Untertanen sollten Staatsbürger des einen und unteilbaren Russland werden, in einer Sprache sprechen und einem Recht gehorchen. Die Unifizierung des Imperiums aber erzeugte erst jenen Separatismus, den sie überwinden sollte, vor allem in Polen und in den baltischen Provinzen, bei Georgiern, Armeniern, Ukrainern, Juden und Tataren. Denn die Unifizierung entmachtete die lokalen Eliten. Auf sie aber war die Macht angewiesen, wenn sie sich in den Provinzen überhaupt sichtbar und hörbar machen wollte. In allen Zentren des Reiches entstanden am Ende des 19. Jahrhunderts nationale Parteien, die das Imperium zwar nicht erschüttern konnten, die lokalen Eliten aber gegen den Zentralstaat aufbrachten.[22] Die Unifizierungsstrategie des Zentralstaates produzierte den Unfrieden, den sie verhindern sollte, weil sich aus ihr für die Unterworfenen mehr Nachteile als Vorteile ergaben. Bauern und Arbeiter hatten Pflichten, aber wenige Rechte, nationale Minderheiten sollten sich Gesetzen unterwerfen, die auf Selbstdiskriminierung hinausliefen, und die liberale Selbstverwaltung sollte Aufgaben des Staates übernehmen, an politischen Entscheidungen aber nicht beteiligt werden. Zentralisierung durch Ausgrenzung, so könnte man die Strategie der autokratischen Regierung beschreiben. Als im Jahr 1905 Bauern gegen Gutsbesitzer, Arbeiter gegen Unternehmer, Liberale und Nationalisten, Sozialrevolutionäre und Terroristen gegen die Regierung rebellierten, gab es niemanden mehr, der bereit gewesen wäre, das Regime gegen seine Feinde zu unterstützen. Aber nur die Revolte der Liberalen hatte ein Ziel. Die Rebellion von Bauern und Arbeitern blieb auf den lokalen Kontext und die Herausgabe von Land und die Verbesserung der Lebensbedingungen beschränkt, denn in den Städten verband Arbeiter allenfalls die gemeinsame regionale Herkunft, nicht aber das Bekenntnis zur Klasse.[23] Ob die Sozialrevolutionäre wirklich glaubten, ihr Terror könne zum Fanal des Aufstandes werden? Am Ende hatte er doch kein anderes Ziel, als den Boden zu bereiten, auf dem die Zerstörung der Ordnung ins Werk gesetzt werden konnte. Mehr als 10 000 Menschen fielen zwischen 1905 und 1914 Attentaten und Anschlägen zum Opfer, allein zwischen 1905 und 1907 starben tausende Menschen von der Hand der Terroristen, aber kein Bauer war dem Ruf der Revolutionäre gefolgt. Anfangs hatten Sozialisten und Liberale noch Verständnis für die Mörder gezeigt, weil sie die gemeinsamen Gegner töteten. Aber schon im zweiten Jahr der Revolution kamen die Bürger zur Besinnung. Denn am Zerfall der Ordnung hatten Liberale, die vom Verfassungsstaat träumten, kein Interesse. Mord und Terror richteten sich nicht nur gegen die Autokratie, sie zerstörten jene Erwartungssicherheit, ohne die keine Gesellschaft überleben kann, ganz gleich, auf welchen Fundamenten sie steht. Der Terror war einfach zum Selbstzweck geworden, und er hatte sich von den Intentionen gelöst, von denen seine Vordenker einst angetrieben worden waren. So verfehlte er sein eigentliches Ziel.[24] Zwar verfolgten alle Parteien und ihre intellektuellen Repräsentanten politische Absichten. Aber ihre Programme waren seltsam fremd. Die Liberalen sehnten sich nach einem Rechts- und Verfassungsstaat, träumten von freien, gleichen Wahlen und einer allrussischen Regierung; die Konservativen wollten dem Imperium ein russisch-christliches Gesicht geben; die Nationalisten in allen Regionen glaubten, Sprache und Nation seien deckungsgleich, die Bauern die Verkörperung der Nation. Auch die Sozialisten gaben sich Erlösungsideologien hin, die mit der Wirklichkeit des Volkes wenig zu tun hatten. Sozialrevolutionäre und Sozialdemokraten sprachen vom Sozialismus der Bauern und der Arbeiter, ohne eine realistische Vorstellung davon zu haben, wie solche Ordnungen organisiert werden sollten und was der Sozialismus überhaupt war. Darin liege die eigentliche Schwäche der russischen Intelligenzija, schrieb der Religionsphilosoph Gerschenson im Jahr 1909 in einem aufsehenerregenden Band, in dem radikale Intellektuelle mit ihrer eigenen Vergangenheit abrechneten. Die petrinische Verwestlichung der Elite habe die Gesellschaft gespalten. »Die Reform hat der Oberschicht der Gesellschaft eine ungeheure Masse wertvoller, doch emotional noch allzuweit entfernt liegender Ideen aufgezwungen, hat zum ersten Mal auf eine fast mechanische Weise die Persönlichkeit gespalten, daß Bewußtsein vom Willen getrennt und ihm beigebracht, sich sinnlos mit Wahrheiten vollzustopfen.«[25] Die Despotie habe die Intelligenzija vom Volk getrennt und sie zur Ohnmacht verurteilt, weil sie keine Gelegenheit erhielt, ihre Vorstellungen im wirklichen Leben zu erproben, und weil die Werte, die sich die Intelligenzija zu eigen gemacht habe, nicht selbst erarbeitet wurden, nicht aus dem Leben kamen. »In eitlem, wenn auch heiligem Wahrheitsdurst«, so Gerschenson, »haben wir einfach alles aufgegriffen, was das westliche Denken jeweils hervorgebracht hatte, und haben uns daran gehalten, bis das nächste und bessere Geschenk fällig war.«[26] In Russland gab es zwei Welten: in der einen wurde regiert und entschieden, in der anderen wurden abstrakte Prinzipien und allgemeine Gesetze aufgestellt, auf die sich die Verwaltung gründen sollte. Ideen wurden zu Ikonen, die angebetet wurden, nur weil sie der Autokratie missfielen. In der Isolation gab sich die russische Intelligenzija weltfremden und lebensfeindlichen Vorstellungen hin, die ihre Wahrheit dadurch erwiesen, dass sie anderen weltfremden Vorstellungen entsprachen. Die Wirklichkeit war für sie nur eine Perversion des »eigentlichen«, des richtigen Lebens. Je weniger Einfluss einer hat, desto radikaler und kompromissloser fallen seine Programme aus. Denn was nicht durchgesetzt und bewahrt werden muss, kann jederzeit und folgenlos vertreten werden.[27] Auch Lenins Radikalismus kam aus dem Geist weltabgewandten Sektierertums, das von der Verachtung des Volkes lebte. Er unterschied sich von den Sozialisten anderer Couleur nur darin, dass er Machtfragen nicht für nebensächlich hielt. Das Volk, schrieb Gerschenson, habe nicht das Gefühl, »daß wir Menschen sind, daher versteht es uns nicht und haßt uns«. Eine Schar von Kranken, isoliert im eigenen Land – das sei die russische Intelligenzija.[28] Als der autokratische Staat im Herbst 1905 am Abgrund stand, wurde überhaupt erst spürbar, was die Gebildeten und Wohlhabenden aus ihrer Vorstellungswelt verdrängt hatten. Das Volk erhob sich nicht nur gegen die Ordnung, sondern auch gegen die Repräsentanten des liberalen Verfassungsstaates. Man müsse den Verstand verloren haben, jetzt noch dem bewaffneten Aufstand das Wort zu reden, bekannte der Philosoph Fürst Jewgenij Trubezkoj im November 1905: »Die Welle der Anarchie, die von allen Seiten vordringt und die gegenwärtig die legale Regierung bedroht, würde jede revolutionäre Regierung schnell hinwegfegen: Die verbitterten Massen würden sich gegen die wahren oder mutmaßlichen Schuldigen wenden; sie würden die gesamte Intelligenzija der Vernichtung unterwerfen; die Massen würden damit beginnen, wahllos alle abzuschlachten, die deutsche Kleidung tragen [die Eliten, J.B.] – Konservative, Liberale, Revolutionäre. Unsere unbändigen Horden werden sich überall in Russland herumtreiben, sie werden plündern und alles niederbrennen, was auf ihrem Weg liegt.«[29] Als Sergei Witte, der Ministerpräsident des Zaren, im Jahr 1905 mit Vertretern der liberalen Bewegung über einen Burgfrieden verhandelte, wies er auch auf die Fragilität der Ordnung hin. Er müsse nichts weiter tun, als jedem Bauern 25 Desjatinen Land zu versprechen, erklärte er, um dem Liberalismus den Todesstoß zu versetzen. Die Bauern würden die Gutsbesitzer »hinwegfegen« und mit ihnen den liberalen Ordnungsentwurf der Besitzenden und Gebildeten. Als die Gutshöfe in Flammen standen und die Straßen zu Stätten der Gewalt wurden, verwandelte sich Opposition in Furcht: in Furcht vor der elementaren Wucht entfesselter Gewalt.[30] Manche Liberale begriffen nun, dass nur noch die Waffen der verhassten Autokratie sie vor den Bauern schützten. Gerschenson beschrieb diese Wirklichkeit in drastischen Worten: »Wir sind für das Volk keine Ausbeuter, wie das sein Bruder, der Dorfkulak ist. Wir sind für das Volk nicht einmal Fremde wie Türken oder Franzosen: das Volk sieht unsere Gesichtszüge, die von Menschen und Russen sind, doch es spürt in uns nicht die menschliche Seele. Und deshalb hegt es einen furchtbaren Haß gegen uns, wahrscheinlich haßt es uns in unbewußter mythischer Angst um so mehr, da wir zu ihm gehören. So wie wir sind, dürfen wir nicht nur im Traume an eine Verschmelzung mit dem Volk denken – wir müssen es mehr fürchten als alle Staatsmacht, und wir müssen diese Macht preisen, die uns mit ihren Bajonetten und Gefängnissen allein noch vor der Wut des Volkes schützt.«[31] So gelang es dem Regime, die Revolten voneinander zu trennen und die Akteure gegeneinander auszuspielen, weil die Ständegesellschaft des Vielvölkerreichs zu keiner gemeinsamen Sprache fand. Es gab in Russland keine Gesellschaft, allenfalls Gesellschaften, und deshalb konnte die zarische Bürokratie handeln, wie es ihr gefiel.[32] Die Liberalen erhielten, was sie verlangt hatten: Verfassung, Parlament und Bürgerrechte. Die Bauernunruhen und nationalen Erhebungen in Polen, in den baltischen Provinzen und im Kaukasus wurden im Jahr 1906 durch das Militär niedergeworfen. Verschreckt durch den Aufstand der Bauern und den alltäglichen Terror, schlug sich die liberale Elite am Ende auf die Seite der Ordnung. Das Regime stabilisierte sich, der Terror verschwand von den Straßen, und 1914 deutete nichts darauf hin, dass 1917 gelingen könnte, was 1905 gescheitert war.   2. Der Große Krieg Trotz allem war die Autokratie nicht zum Untergang verurteilt. Sie hätte bleiben können, was sie war, wenn sie den Belastungen des großen Krieges gewachsen gewesen wäre. Aber alle Warnungen, die unmittelbar vor dem Ausbruch des Krieges in der Öffentlichkeit vorgetragen wurden, blieben ungehört. Sergei Witte und Wladimir Kokowzow, die ehemaligen Finanzminister, empfahlen der Regierung, einen Ausgleich mit Österreich-Ungarn und Deutschland zu suchen, weil Russland in einem Krieg nichts gewinnen, aber alles verlieren könne. Niemand sprach deutlicher als Petr Durnowo aus, in welche Gefahr sich Russland begab. Mit Härte und Rücksichtslosigkeit hatte er als Innenminister zu Beginn des Jahres 1906 Meutereien und Bauernaufstände niederschlagen lassen. Er hatte in den Abgrund geschaut und gab sich keinen Illusionen hin. So wie damals, erklärte er dem Zaren im Februar 1914, stehe auch jetzt die Existenz des Imperiums auf dem Spiel. Nur Träumer könnten sich Liberale und Bauern als Brüder im Geiste vorstellen. Was den einen alles bedeute, sei den anderen einerlei. Die Bauern seien von nichts anderem als von der »primitiven Gier nach Land« getrieben, für den Dienst am Vaterland seien sie nicht zu gebrauchen. Bräche der Krieg aus, käme es unweigerlich zur Revolution, und keine Macht würde das Volk dann noch daran hindern können, die alte Ordnung zu zerstören.[33] Nicht nur in Berlin und Paris, auch in St. Petersburg und Moskau wurden Menschen vom patriotischen Taumel erfasst. Im Angesicht der Euphorie aber wirkten die Mahner wie beleidigte Spielverderber, denen niemand zuhören wollte. Im ersten Jahr des Krieges schienen alle Streitigkeiten der Vergangenheit vergessen. Die Liberalen schlossen Frieden mit der Regierung, die Arbeiter beendeten die Streiks, die im Frühjahr 1914 die großen Städte erschüttert hatten, und selbst in den Randregionen des Zarenreiches gab es nur Zustimmung zum Krieg. Aber schon im zweiten Jahr wich die Euphorie der Enttäuschung. Der Krieg verlagerte sich auf das Territorium des Zarenreiches, die Verluste der russischen Armee waren hoch, hunderttausende Soldaten fielen oder gaben sich gefangen, und die Versorgung der Einheiten mit Waffen und Lebensmitteln kam im letzten Kriegsjahr fast zum Erliegen.[34] Der Krieg offenbarte die Schwäche des russischen Staates und seiner Verwaltung, die auf die großen Aufgaben der Mobilisierung nicht vorbereitet waren. In den Frontgebieten usurpierten Militärkommandeure die Funktionen der Verwaltungsbeamten. Sie setzten Preise für Produkte fest, untersagten den freien Handel und die Spekulation mit Waren. Gegen die Macht der Schattenwirtschaft, die sich der Kontrolle des Staates entzog, konnte die Militärführung wenig ausrichten. Sie konfiszierte Waren, die von Händlern zurückgehalten wurden, um Nachfrage und Preise zu erhöhen, und sie wies die Armee an, sich zu nehmen, was sie zur Versorgung ihrer Soldaten benötigte. In manchen Regionen verwandelten sich Requirierungsfeldzüge in Razzien und Pogrome, denen vor allem Juden zum Opfer fielen. 15 Jahre später kam Stalin auf diese Praxis der Kommandowirtschaft wieder zurück, als seine Beschaffungsbrigaden den Bauern nahmen, worauf der Staat einen Anspruch zu haben glaubte.[35] Der Krieg war auch der Urheber der ethnischen Säuberungen, die später, in den Jahren Stalins, alle Grenzen überschreiten sollten. Schon im ersten Jahr des Krieges kam es zu Übergriffen auf Juden, Polen und Deutsche, die von den Generälen des Zaren stigmatisiert wurden, weil man sie für Agenten und Spione des Gegners hielt. Schon im Oktober 1914 gab General Iwanow den Befehl, Juden und deutsche Kolonisten in Galizien zu registrieren und Gewalt gegen sie anzuwenden, sollte sich der Verdacht erhärten, dass sie gemeinsame Sache mit dem Feind machten. Der Oberbefehlshaber der russischen Truppen gab sich nicht einmal damit zufrieden. Er erteilte im November die Anweisung, Juden als Geiseln zu nehmen und sie zur Abschreckung erschießen zu lassen.[36] So sah es auch der Generalstabschef, Januschkewitsch, der von »inneren Feinden« sprach, die aus Russland entfernt werden müssten. Für die Truppen, die mit der ethnischen Säuberung betraut wurden, war die Aufforderung, Spione zu verfolgen, eine Ermächtigung, zügellose Gewalt auszuüben. In den frontnahen Regionen wurden Juden und Deutsche aus ihren Dörfern vertrieben, ihr Hab und Gut geraubt, ihre Hütten angezündet.[37] Im Kaukasus bekamen Muslime zu spüren, was es bedeutete, im Verdacht der Illoyalität zu stehen. Allein im Jahr 1915 wurden mehr als eine Million Juden deportiert, zehntausende Muslime aus den Grenzstreifen an der Kaukasusfront vertrieben. Als sich die Front im Mai 1915 der Stadt Kaunas näherte, gab der Militärkommandant den Befehl, alle 300°000 Juden aus der Region zu deportieren. Gewöhnlich wurden Juden in geordneten Verfahren aus den Städten ausgewiesen. Wo allerdings Kosaken zum Einsatz kamen, konnten sich solche Kampagnen in Raubzüge und zügellose Pogrome verwandeln.[38] Als sich im Jahr 1916 kasachische Nomaden gegen die lokale Verwaltung erhoben, weil sie nicht als Bausoldaten an die Front geschickt werden wollten, kam es zu einem blutigen Krieg zwischen den russischen Siedlern und den Viehzüchtern, der die Region verwüstete und die Beziehungen zwischen Siedlern und Nomaden auf lange Zeit vergiftete.[39] Auf ihrem Rückzug, der im Frühjahr 1915 begann, hinterließ die Armee des Zaren verbrannte Erde. Die Ernte der Bauern musste fortgeschafft oder vernichtet werden, Hütten wurden in Brand gesetzt und Dorfbewohner gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. In den Kampfgebieten gab es ohnehin nur geringe Überlebenschancen. So kam es, dass bis zum Beginn des Jahres 1917 mehr als sechs Millionen Menschen auf der Flucht waren. Die militärischen und zivilen Behörden waren nicht imstande, die Fluchtbewegungen zu kontrollieren und den Flüchtlingen eine sichere Bleibe zu verschaffen. Im September 1915 hielten sich in der Stadt Witebsk mehr als 200 000 Flüchtlinge auf, die nur notdürftig versorgt werden konnten, aber keine Unterkunft fanden.[40] Die Praxis der verbrannten Erde und der Vertreibung vergiftete das gesellschaftliche Klima, säte Misstrauen zwischen den ethnischen Gruppen und kultivierte einen Gewaltstil, der irgendwann von jedermann als Normalität empfunden wurde. Vor allem aber untergrub sie das Ansehen des Regimes, das zwar Vertreibungen organisieren, ihre Folgen aber nicht bewältigen konnte. Im zweiten Jahr des Krieges war nichts mehr wie zuvor. Ethnische Säuberungen und Vertreibungen überall! Millionen Bauern hatten als Soldaten erfahren, dass die Welt größer war als das Dorf, aus dem sie kamen, und dass Russland von Menschen verschiedener Sprachen und Kulturen bewohnt wurde.[41] Der Krieg ethnisierte das Vielvölkerreich, er brachte nationale Minderheiten gegeneinander auf und trug die Gewalt als Ressource der Herrschaftssicherung in jeden Winkel des Imperiums. Innenminister Nikolai Maklakow warnte auf einer Sitzung des Ministerrates im Mai 1915 vor den Folgen der ausufernden Gewalt und ihrer Instrumentalisierung durch die Generalität. Niemand könne die Aufrechterhaltung der Ordnung noch garantieren, prophezeite Maklakow, wenn der Pogrom Richtmaß politischen Handelns sei.[42] Zu dieser Zeit aber hatte die zivile Regierung ihren Einfluss auf das Geschehen an der Front bereits verloren. Schon bald emanzipierten sich die lokalen Amtsträger, Bürgermeister, Aktivisten der lokalen Selbstverwaltung und Mitglieder der liberalen Bewegung von der Regierung. Denn ihnen fielen nun jene Aufgaben zu, an deren Bewältigung Militär und Staatsverwaltung gescheitert waren: die Versorgung von Flüchtlingen und Verwundeten, die Verteilung von Lebensmitteln, die Evakuierung von Fabriken und Technik ins Hinterland und die Organisation der Kommunikation. Am Ende musste die Regierung auch die Organisation der Kriegswirtschaft in die Hände sogenannter Kriegs-Industrie-Komitees legen, die im Jahr 1915 auf Initiative liberaler Unternehmer und Politiker entstanden waren und die am Ende des Krieges einen Preis für ihre Unterstützung verlangten. Ohne die Hilfe der Gesellschaft von Besitz und Bildung konnte die Regierung nun nicht mehr auskommen.[43] Seit Peter I. hatte sich die Autokratie im Verweis auf ihre überlegene Organisationsfähigkeit legitimiert. Noch wenige Jahre vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte Sergei Witte, der Alexander III. als Finanzminister und Nikolai II. als Premierminister gedient hatte, behauptet, die Selbstherrschaft sei schon immer der Motor des Fortschritts gewesen, ohne sie sei das Zarenreich zur Rückständigkeit verurteilt.[44] Von Justizminister Dmitri Nabokow stammt das Bonmot, Initiativen, die aus der Gesellschaft kämen, könnten niemals zu etwas Gutem führen. Nun musste die Autokratie erstmals den Offenbarungseid leisten und eingestehen, dass sie an der Last der Aufgaben zerbrach. Zunächst schien es, als könne die Krise als gemeinsame Anstrengung von Regierung und Gesellschaft überwunden werden. Der Zar stimmte der Wiedereröffnung der Duma zu, damit sie über die Krise beriet, berief sogar Mitglieder des Parlaments in die Regierung, aber er nahm diese Zugeständnisse sehr bald wieder zurück, weil soziale Unruhen in den großen Städten ausgebrochen waren. Stattdessen griff er nach dem Oberbefehl über die Armee, begab sich in sein Hauptquartier nach Mogiljow fernab der Hauptstadt und machte die Regierung zum Spielball der Höflinge und Intriganten. Nun waren alle Niederlagen und Katastrophen mit dem Namen des Zaren und seiner Regierung verbunden. Müsse man von Dummheit oder Verrat sprechen? Das fragte sich in diesen Tagen nicht nur der Führer der Liberalen, Pawel Miljukow. Die liberale Bewegung kündigte dem Regime den Gehorsam auf, ihre Abgeordneten bildeten einen »Progressiven Block« der Entschlossenen und distanzierten sich auch vom Zaren, von dem nichts mehr zu erwarten war. [45] Im Herbst des Jahres 1916 traten unter dem Eindruck der Versorgungskrise und der Inflation Arbeiter in den Streik, Hungerrevolten und Unruhen veränderten das soziale Leben in den Industriezentren des Zarenreiches. Schon bald musste die Regierung eine deprimierende Erfahrung machen. Niemand wollte sich mit ihr noch solidarisieren, nicht einmal mehr Konservative und Liberale, die sich im Jahr 1905 noch mit der Gewährung von Bürgerrechten und der Einrichtung eines Parlaments zufriedengegeben hatten. Nun war alles anders. Denn die Situation des Jahres 1917 eröffnete der Autokratie nur wenige Möglichkeiten, sich gegen die Revolte zu behaupten, weil sich ihr auch die Soldaten widersetzten, die dem Regime im Jahr 1905 noch loyal zur Seite gestanden hatten.   3. Die Revolution beginnt Die Revolution begann in Petrograd als Protest von Frauen, die gegen die Erhöhung der Brotpreise und den Versorgungsnotstand demonstrierten. Es dauerte nur wenige Stunden, bis die Unruhen sich über die ganze Stadt ausbreiteten und alle Schichten der Bevölkerung erfassten. Zuerst liefen die Soldaten der Garnison zu den Aufständischen über und entwaffneten die Polizisten, die auf den Straßen für Ordnung sorgen sollten, dann meuterten auch die Kosaken, die der Zar entsandt hatte, um die Rebellion niederzuschlagen.[46] Es hatte schon so viele Unruhen gegeben, die nichts bewirkt hatten! Warum sollte es dieses Mal anders sein? Nabokow erinnerte sich, dass es in jenen Tagen niemand für möglich gehalten hätte, dass sich die Brotrevolte in eine Revolution verwandeln würde.[47] Lenin befand sich noch in der Schweiz, als die Unruhen in der Hauptstadt Russlands ausbrachen. Auch er war überrascht, als er hörte, dass Arbeiter und Soldaten sich gegen das alte Regime erhoben hätten, und er wusste ebenso wenig wie all die anderen Menschen, die von der Revolution überrascht worden waren, was nun geschehen sollte.[48] In den Märztagen des Jahres 1917 hatten die liberalen Abgeordneten der Duma eine »Provisorische Regierung« gebildet und den Zaren zur Abdankung gezwungen. Seine Minister wurden entlassen und durch Abgeordnete der Duma ersetzt. Fürst Georgi Lwow als Ministerpräsident, Pawel Miljukow und Alexander Gutschkow als Außen- und Kriegsminister. Als Vertreter der Sozialisten trat Alexander Kerenski der Regierung als Justizminister bei. Zusammen wollten sie Russland regieren, bis eine verfassunggebende Versammlung abschließend über seine Zukunft entschieden hatte. Nicht Machthaber, sondern Treuhänder wollten sie sein, weil sie glaubten, es fehle ihnen die Legitimation. Zur gleichen Zeit riefen revolutionäre Intellektuelle einen Arbeiter- und Soldatenrat ins Leben, der dem Volk Gehör geben und die Regierung der Bürger kontrollieren sollte. Niemals zuvor hatte es etwas Ähnliches gegeben: eine »permanente Großkundgebung« von 2000 Arbeitern und Soldaten, die Generälen und alten Männern in Anzügen ihren Willen aufzuzwingen versuchte. Zwar hatten sich die Revolutionäre im Exekutivkomittee des Arbeiter- und Soldatenrates selbst dazu ermächtigt, Befehle zu erteilen. Dennoch waren auch sie nur Getriebene im großen Strom des revolutionären Geschehens, über das niemand Kontrolle ausübte. Wer hätte die wütende Masse zähmen sollen? Diese Frage stellten sich im Frühjahr 1917 nicht nur die Liberalen, sondern auch die Revolutionäre, die wenig mit dem Volk verband und die nicht wussten, auf welche Legitimation sich ihre Macht eigentlich gründen sollte.[49] Die Doppelherrschaft war nicht nur ein Ausdruck der sozialen Zerrissenheit, sondern auch ein Spiegel der Möglichkeiten. Zwar geboten nur die Mitglieder der Provisorischen Regierung über das nötige Wissen und die Erfahrungen, um das Alltagsgeschäft der Politik zu betreiben, aber die Räte hatten die Verfügungsgewalt über die Waffen.[50] Auf sie kam es am Ende an. Und obgleich die liberalen Politiker wenig Macht besaßen, setzten sie alle Möglichkeiten aufs Spiel, sie für sich zu erobern. Kriegsminister Alexander Gutschkow tauschte 60 Prozent aller Offiziere aus, entließ acht Armeegeneräle sowie 75 von 240 Divisionskommandeuren und ließ sie durch Soldaten ersetzen, die sich zur Revolution bekannten.[51] Im März entließ die Provisorische Regierung sowohl die Gouverneure des Zaren als auch alle Landhauptleute in den Provinzen und löste die Polizei auf. An ihre Stelle traten Kommissare ohne Macht und bewaffnete Zivilisten und Soldaten, die keinem Staat mehr verpflichtet waren. Der Regierungschef, Fürst Georgi Lwow, berief sich auf das Bekenntnis zur Demokratie und den unbedingten Willen, vor aller Augen mit dem alten Regime zu brechen: »Die Provisorische Regierung hat die alten Gouverneure abgesetzt und wird niemanden ernennen. Sie werden in den Regionen gewählt. Solche Fragen sollten nicht im Zentrum, sondern durch die Bevölkerung selbst entschieden werden.«[52] So aber versetzte die Provisorische Regierung der alten Ordnung den Todesstoß, ohne sie durch eine neue ersetzen zu können. In den Provinzen entschieden die Soldaten in den Garnisonen, nicht die Kommissare, was zu tun und was zu unterlassen war. Macht hatte jetzt nur noch, wer die Bewaffneten, die die Straßen bevölkerten, auf ein Ziel lenken konnte. Die Macht liege auf der Straße, hatte Lenin gesagt, und es komme nur darauf an, sie zu ergreifen.[53] In den Dörfern blieb es im Frühjahr 1917 noch ruhig. Der Dichter Iwan Bunin erinnerte sich, er habe, als es in Moskau gefährlich geworden sei, Zuflucht auf dem Land gesucht: »Auf dem Lande herrschte noch eine gewisse Vernunft, Scham.«[54] Denn das Land war noch nicht verteilt, die Zukunft ungewiss. So haben es viele Herren von einst beschrieben, die sich in den Dörfern vor Gewalt und Willkür in Sicherheit wähnten.[55] Erst als die alten Eliten auch dort abtraten, Deserteure und demobilisierte Soldaten Bauern gegen die Gutsbesitzer aufhetzten und das Land verteilten, schlug dem Frieden auch dort die letzte Stunde. Manche Adlige konnten, nachdem sie sich dem Willen der Bauern unterworfen und auf ihr Hab und Gut verzichtet hatten, im Dorf weiterleben, andere fielen der Gewalt zum Opfer, die von fanatisierten Deserteuren angefacht wurde. Als die Front nach der missglückten Kerenski-Offensive im Sommer 1917 endgültig zusammenbrach, wurde nicht nur das Ende der imperialen Armee besiegelt. Hunderttausende Soldaten desertierten und kehrten in ihre Dörfer zurück, verbitterte, gewaltbereite und wütende junge Männer, die für den Kompromiss nicht mehr zu gebrauchen waren.[56] Nun versank das Imperium in Chaos und Anarchie. Es waren die Bolschewiki, die diese Situation für ihre Zwecke zu nutzen verstanden. An der Peripherie begann die Zersetzung der alten Ordnung erst, als die Provisorische Regierung die Kontrolle über das Geschehen verloren hatte und die Armee als Ordnungsfaktor nicht mehr zur Verfügung stand. Polen befand sich schon seit 1915 nicht mehr im Herrschaftsbereich des Imperiums, und es gab nicht die geringste Hoffnung, dass Warschau in den Schoß des Imperiums zurückkehren würde. Selbst in der Ukraine gab es politische Parteien, die sich vom Zentrum abwandten und einer nationalen Strategie das Wort redeten. In der Rada, dem ukrainischen Parlament in Kiew, gaben die Nationalisten im Frühjahr 1917 jedenfalls noch den Ton an. Finnland und die baltischen Provinzen erklärten sich für unabhängig. Auch im Kaukasus entstanden Republiken, die sich als Nationalstaaten entwarfen, aber nur eine geringe Überlebenschance hatten, weil die Bauern sich für sie nicht interessierten. Als die Armee des Zaren zerfiel, verwandelten sich armenische, georgische und muslimische Einheiten in marodierende Banden. Blutige interethnische Konflikte verwüsteten die Region, ohne dass es den Nationalisten gelungen wäre, die Kontrolle über das Geschehen zu bewahren.[57] Wer aber begriff in diesen Tagen überhaupt, dass mit der Abdankung des Zaren auch die Quellen versiegt waren, die die Herrschaft der Wenigen legitimiert hatten? Das Herrscherhaus und seine Minister hatten sich immerhin auf Herkommen und Tradition berufen können. Was aber stand den Abgeordneten der Duma und den Deputierten der Arbeiter- und Soldatenräte als Begründung zur Verfügung, worauf konnten sich die Nationalisten in Kiew, Baku und Tiflis berufen? Sie konnten auf nichts anderes als auf den Willen der Straße verweisen. Ihn konnte jedoch jeder mit gutem Grund auch für illegitim halten. Im Machtvakuum, das die Revolte hinterlassen hatte, konnte jetzt nur noch gewinnen, wer die Hoheit über die Gewehrläufe besaß. Der Zusammenbruch der staatlichen Ordnung verschob die Machtchancen, weil Offiziere und Adlige die Kommandogewalt über Soldaten und Bauern verloren. Er eröffnete vielen Menschen neue Möglichkeiten. Juden wurden Minister, Soldaten und Bauern Herren. Für viele Menschen aber war er das Ende von allem: für Generäle und Gutsbesitzer, die Prestige, Gehalt, Haus und Hof verloren, Schwache, die sich von Bewaffneten terrorisieren lassen mussten, Minderheiten, die der Willkür der Mehrheit hilflos ausgeliefert waren. Im März 1917 wurden allein in der Festung Kronstadt außerhalb von Petrograd 200 Offiziere von ihren Matrosen getötet.[58] Was immer das Ende der Autokratie auch bedeutet haben mag, die Revolution ließ die Machtfrage offen, weil es keine Instanz gab, die sie hätte entscheiden können. Deshalb konnte im Spiel um die Macht nur gewinnen, wer mit der Situation der Unsicherheit und Gewalt umzugehen verstand. Dennoch war im Februar noch nicht entschieden, was aus der Perspektive des Oktober als Zwangsläufigkeit wahrgenommen werden konnte. Es hätte auch alles anders kommen können. Leo Trotzki, der sich für einen Marxisten hielt, in Wahrheit aber ein selbstverliebter Schauspieler war, der in den Tagen der Revolution die Rolle seines Lebens fand, sah im Rückblick klarer als andere, was Situationen aus Menschen und Menschen aus Situationen machen. In seiner Geschichte der Russischen Revolution handeln Menschen, nicht Strukturen, und man ahnt, wenn man seine Erzählung liest, was Trotzki selbst von den anonymen Kräften der Geschichte gehalten haben mag. Ludwig XVI. und Nikolaj II. seien »Letztgeborene des Absolutismus« gewesen, dazu verurteilt, mit der alten Welt, die sie repräsentierten, unterzugehen. »Man könnte erwidern«, fügt Trotzki jedoch hinzu, »hätte Alexander III. weniger getrunken, er hätte viel länger gelebt, die Revolution wäre mit einem völlig andersgearteten Zaren zusammengestoßen, und eine Parallele mit Ludwig XVI. wäre nicht gegeben.«[59] Auch im Jahr 1905 hatte es eine Revolution gegeben. Sie aber wurde niedergeschlagen, weil die Führung entschlossen handelte, weil die Rebellionen nicht miteinander verbunden waren und weil die Armee, das Schwert der Autokratie, loyal zur alten Ordnung stand. Die liberale Intelligenzija bekam, was sie sich gewünscht hatte: eine Verfassung und ein Parlament. Arbeiter und Bauern unterwarfen sich, weil sie mit den Bürgern nichts verband und weil sie gegen die Entschlossenheit der Staatsmacht nicht siegen konnten.[60] Im Jahr 1917 aber war alles anders. Das Gewaltmonopol des Staates zerfiel in wenigen Tagen, Soldaten desertierten, und schon nach wenigen Wochen befanden sich die Waffen in den Händen von Jedermann. Die Revolte hatte kein Ziel und keinen Zweck, aber sie ließ sich auch nicht mehr eindämmen, weil im Kampf um die Macht jeder verlieren und jeder gewinnen konnte. Der Ausgang der Revolution war offen. Jedermann konnte spüren und sehen, dass es in Russland keine Gesellschaft gab, dass die Wünsche der liberalen Eliten den Bauern einerlei waren, dass an der Peripherie andere Konflikte ausgetragen wurden als im Zentrum des Imperiums, dass bewaffnete Soldaten ohne Führung sich in marodierende Haufen verwandelten und dass der Zerfall des Staates die Geburtsstunde des Bürgerkrieges war, in dem Gewehre, nicht Argumente das letzte Wort behielten. Auf den Straßen in Petrograd wurden Diebe gelyncht, Bürger verprügelt oder getötet, deren Aussehen sie als Mitglieder der Oberschicht auswies, Geschäfte ausgeraubt. »Wir müssen begreifen, endlich begreifen, daß der furchtbarste Feind der Freiheit und des Rechts in uns selbst ist«, schrieb Maxim Gorki am 23. April 1917. »Da sind unsere Dummheit, unsere Grausamkeit und das ganze Chaos dunkler anarchistischer Gefühle, die durch die schamlose Unterdrückung zu Zeiten des alten Regimes, durch seine zynische Brutalität in unserer Seele herangezüchtet wurden.«[61] Wer sollte dieses Chaos ordnen und der Masse Ziele setzen? Als unzufriedene Matrosen und Arbeiter im Sommer 1917 Petrograd in einen Belagerungszustand versetzten, versandete der Protest schon nach wenigen Stunden, weil die bolschewistischen Aufwiegler der wütenden Menge kein Ziel setzten. Ohne Ziel und Steuerung aber wurde aus der amorphen Masse keine bewegende Kraft. Sie löste sich nach wenigen Stunden auf, weil die Matrosen nicht wussten, was sie tun sollten.[62] Kein Revolutionär wagte es, sich an die Spitze der Revolte zu setzen und zum Sturz der diskreditierten Provisorischen Regierung aufzurufen. Auch die Menschewiki und Sozialrevolutionäre zögerten, als sich ihnen die Gelegenheit bot, die Provisorische Regierung zu verlassen und die Macht an die Räte zu übertragen. »Ergreife die Macht, Du Hurensohn, wenn man sie Dir gibt«, rief ein Soldat dem Vorsitzenden der Sozialrevolutionären Partei, Wiktor Tschernow, zu, der von Recht und Gesetz sprach, von den Bedürfnissen des Augenblicks aber nichts verstand.[63] Lenin hatte sogleich erkannt, dass sich solche Fehler nicht wiederholen durften. Wo Gesetze und Verordnungen nicht mehr durchgesetzt werden konnten, könne sich nur noch Geltung verschaffen, wer die Gewalt sprechen lasse. Man schafft klare Verhältnisse und macht sich über die Legitimation Gedanken, wenn erreicht ist, was man sich vorgenommen hat. Niemand hatte jemals eine sozialistische Ordnung errichtet, und niemand wusste, worin sie bestehen sollte. Nicht Ideologien und Überzeugungen sind der Anfang aller Macht, sondern Organisation und Gewalt. Die Schwachen, die Zauderer und Unentschlossenen sind für den Augenblick der Entscheidung nicht zu gebrauchen.[64]   4. Lenins Revolution So geschah es auch, als im Oktober der Entschluss fiel, die Regierung zu stürzen und nach der ganzen Macht zu greifen. Lenin und seine Getreuen waren überrascht, wie leicht es war, die Regierung in wenigen Stunden aus der Welt zu schaffen. Sie fragten sich, warum sich ihnen kaum jemand widersetzte, warum niemand den Versuch unternahm, sie mit Gewalt von den Schalthebeln der Macht wieder zu vertreiben. Was sollten die Bolschewiki mit der Macht anfangen, die ihnen zugefallen war? Das fragte sich nicht nur Lenins Bildungskommissar Anatoli Lunatscharski, der im Winter 1917 mit vor Angst weit aufgerissenen Augen in seinem Büro saß und darauf wartete, dass die Gegenrevolution Rache an ihm nahm. »Lenin und Dada«, so hat Stephen Kotkin diese Situation des Chaos genannt.[65] Niemand wollte mit den neuen Herren kooperieren, niemand ihnen gehorchen. Außer ihren Waffen und ihrem Willen zur Macht besaßen sie keine Mittel, um sich Respekt zu verschaffen. Lenin hatte sogleich erkannt, dass sich nur durchsetzen würde, wer aus einer Not eine Tugend werden ließ. Wenn man schon keine Kontrolle ausübte, konnte man potenzielle Gegner wenigstens daran hindern, sich gegen die neuen Herren zu verbünden. Furcht und Schrecken, Terror gegen jedermann und zu jeder Zeit – das waren die Ressourcen, mit denen sich die Macht am Leben hielt. »Die Herren Volkskommissare«, klagte Maxim Gorki Ende Dezember 1917, »haben im Namen des Proletariats die alten Gerichte abgeschafft und dadurch die ›Lynchjustiz‹, das tierische Recht der ›Straße‹ zum Gesetz erhoben.«[66] Noch zwei Monate nach der Machtergreifung ratterten die Maschinengewehre auf den Straßen Petrograds. An jedem Tag lägen Tote auf der Straße, schrieb die Dichterin Sinaida Hippius am 5. Dezember 1917 in ihr Tagebuch, »überall Raub und Schießereien«, an die man sich schon gewöhnt habe.[67] »Die Bolschewiki haben sich auf physische Gewalt festgelegt. Und das dauerhaft.« Auch die Autokratie habe sich auf Gewalt gestützt, um die Ordnung zu schützen. »Aber da sie über keine entsprechenden Gewohnheiten und Traditionen verfügen, müssen die Bolschewiken, wenn sie die Stabilität der Selbstherrschaft erreichen wollen, die Gewalt in einem gewaltigen Ausmaß steigern. Das tun sie auch. Das entspricht nationalen ›Besonderheiten‹ des russischen Volkes, die einem Europäer unverständlich sind. Je grausamer die Macht, desto mehr kann sie sich erlauben, und desto mehr erlaubt man ihr.«[68] Selbst Lenin, der Revolutionsführer, wurde in diesen Tagen Opfer der alltäglichen Gewalt. Feuerwehrmänner stahlen seine Limousine und verkauften sie, und als er im Januar 1918 im Auto durch Moskau fuhr, wurde auf ihn geschossen.[69] Aber erst als die linken Sozialrevolutionäre im September 1918 ein Attentat auf Lenin verübten, verwandelten die Bolschewiki Gewalt in ein Instrument der Machtausübung. Die Tscheka nahm Geiseln, verhaftete und tötete Angehörige der alten Elite und schuf eine Atmosphäre allgegenwärtiger Angst. Jeder konnte jederzeit Opfer der maßlosen Gewalt werden, die das Regime nun systematisch und gezielt gegen ihre eingebildeten Widersacher einsetzte. Die Bolschewiki waren ihrer Sache nicht sicher, aber sie machten die Erfahrung, dass Drohungen ihre Wirkungen verloren, wenn ihnen keine Taten folgten. Nicht aus Stärke, sondern aus Schwäche terrorisierten die Bolschewiki ihre vermeintlichen Gegner, nicht weil sie eine Mission zu erfüllen hatten, sondern weil sie keine andere Möglichkeit hatten, Macht durchzusetzen. Russland verging im Strudel der Gewalt.[70] Bunin erinnerte sich an die dunklen und bedrückenden Stunden, die er im Frühjahr 1919 in Odessa verlebte: »Gestern am frühen Abend gingen wir spazieren. Unsägliche Schwere auf meiner Seele. Die Menge, die jetzt die Straße bevölkert, ist physisch unerträglich, ich bin am Ende meiner Kräfte, so satt habe ich diese viehische Menge. Wenn man ausruhen könnte, sich irgendwo verstecken, verreisen, zum Beispiel nach Australien! Doch schon längst sind alle Wege, alle Straßen versperrt. Heutzutage ist es bereits ein verrückter Wunschtraum, nach Bolschoi Fontan zu fahren: ohne Genehmigung ist es verboten, und sie können Dich töten wie einen Hund.«[71] Die Welt stand Kopf. Gestern noch war Bunin ein Herr gewesen, heute war er nur noch ein Niemand, gefangen im Reich des Absurden. Einem Erdbeben gleich habe die Revolution an die Oberfläche gebracht, was Jahrhunderte im Verborgenen geblieben war, schrieb der liberale Politiker und Historiker Pawel Miljukow über die Ereignisse des Jahres 1917. Millionen Menschen wurden entwurzelt, um Hab und Gut, um Freiheit und Leben gebracht, Millionen verhungerten, flüchteten oder wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Nicht Aufklärung und Vernunft, sondern Hass und Gewalt seien die Väter der Russischen Revolution gewesen.[72] Miljukow selbst hatte erfahren müssen, was es hieß, ein Ausgestoßener zu sein. Vor der Revolution war er noch der unbestrittene Führer der russischen Liberalen gewesen, im März 1917 zum ersten Außenminister der Provisorischen Regierung ernannt worden. Wenige Monate später war auch er ein Niemand, der nichts als das nackte Leben retten konnte und seine Heimat verlassen musste. Die Revolution hatte ihre Kinder verschlungen, das Volk über Aufklärer und Liberale, über Bürger und Adlige triumphiert. Miljukow gab sich schon ein Jahr nach dem Ausbruch der Revolution keinen Illusionen über die Zukunft mehr hin. Das Volk habe gesprochen, und die Bolschewiki hätten seinem Willen Worte und Taten folgen lassen. Nicht am Wettstreit der Ideen sei der russische Liberalismus zerbrochen, sondern an seiner Isolation vom Volk. Die Revolution sei kein Import aus Europa, sondern ein Reflex der russischen Rückständigkeit gewesen. »Wie eine mächtige geologische Umwälzung hat sie die dünne Decke der letzten kulturellen Schichtungen weggeworfen und die lange unter ihnen verborgenen Schichten an die Oberfläche gebracht, die uns an die graue Vergangenheit erinnern, an die lange zurückliegenden Epochen der Geschichte des Landes, die Russische Revolution hat uns unsere ganze historische Struktur offenbart, die nur schwach von der obersten Schicht der letzten kulturellen Errungenschaften überdeckt gewesen war. [...] Was den fremden Beobachter an den gegenwärtigen Ereignissen verblüfft, [...] das war dem Soziologen und dem Erforscher der russischen historischen Entwicklung schon lange bekannt. Für ihn sind Lenin und Trotzki Führer einer Bewegung, die Pugatschow, Rasin und Bolotnikow, dem 18. und 17. Jahrhundert unserer Geschichte viel näher sind als den letzten Worten des europäischen Anarcho-Syndikalismus.«[73] Schon die Zeitgenossen haben darüber nachgedacht, wie es eigentlich geschehen konnte, dass nicht nur die Autokratie in wenigen Tagen verschwand, sondern mit ihr auch die Welt des russischen Adels und des liberalen Bürgertums in den Abgrund gerissen wurde. Bunin erinnerte sich an die Selbstanklage eines liberalen Advokaten, der am Ende des Jahres 1917 vor einem Scherbenhaufen stand. »Eine konservative, eigennützige Obrigkeit, die keine Rücksicht nahm auf die Wünsche des Volkes, seine Hoffnungen und Erwartungen, hat Russland ins Verderben gestürzt«, habe der Rechtsanwalt ausgerufen. »Infolgedessen war die Revolution unvermeidlich.« Bunin antwortete dem Enttäuschten: »Nicht das Volk hat die Revolution angefangen, sondern Ihr. Das Volk hat sich einen Dreck darum geschert, was wir wollten, womit wir unzufrieden waren. Ich rede mit Euch nicht über die Revolution – mag sie unvermeidlich gewesen sein, wunderbar, was auch immer. Aber belügt das Volk nicht – das Volk braucht Eure so ungemein wichtigen Ministerien, den Austausch von Schtscheglowitows durch Maljantowitschs oder die Abschaffung der Zensur so nötig wie Schnee im Sommer, und das hat es unnachgiebig und brutal klargemacht, als es die Provisorische Regierung zum Teufel jagte, die Konstituierende Versammlung, ›alles, wofür Generationen der besten russischen Menschen umkamen‹, wie Ihr Euch ausdrückt.«[74] Es konnte gar keinen Zweifel geben: Die Bolschewiki hatten die Macht auch ergreifen können, weil der Wille des Volkes, die alte Ordnung zu zerstören, ihnen eine Legitimation zum Handeln gegeben hatte. Auf Recht und Tradition, auf Verfassungen oder Wahlen konnte sich in diesem Kampf um die Macht niemand berufen. Die Bolschewiki aber konnten immerhin auf das revolutionäre Geschehen verweisen, das auf den Straßen erlebt werden konnte. Sie allein brachten es auf Begriffe, und sie allein verstanden sich darauf, es für ihre Machtzwecke zu nutzen. »Wir können nicht so sein wie sie. Und weil wir es nicht können, ist es aus mit uns!«, schrieb Bunin über die Skrupellosigkeit der roten Machthaber. [75] Wer sich auf Gewalt verlässt, muss mit Gegenwehr rechnen. Kein Gegner wird sich die Gelegenheit zum Widerstand entgehen lassen, wenn sie sich ihm eröffnet. Als die Bolschewiki im Januar 1918 die Konstituierende Versammlung auflösten, weil sie in ihr keine Mehrheit hatten, und als sie wenig später damit begannen, Offiziere, Adlige und Bürger zu verhaften und zu erschießen, wurden sie zu Geburtshelfern der Konterrevolution. Im Frühjahr 1918 setzten sich tausende Menschen aus den großen Städten in den Süden des Landes ab, wo die Herrschaft der Bolschewiki noch auf unsicherem Grund stand. Manche ließen ihre Spareinlagen und ihr Eigentum zurück, weil sie glaubten, die Herrschaft der Bolschewiki werde nur eine kurze Episode und bald vorüber sein.[76] Das alte Russland versammelte sich in der Steppe und sagte den roten Usurpatoren den Kampf an. Unter dem Kommando zarischer Generäle entstand die »Freiwilligenarmee«, eine Streitmacht ohne Rekruten, die nur aus Offizieren bestand. Ihre Stärke beruhte auf militärischem Sachverstand. Erst am Ende des Jahres gelang es den Generälen, Kosaken und Bauern für ihre Einheiten zu rekrutieren und Einheiten auch in Sibirien und in den baltischen Republiken aufzustellen. Terror vergalten sie mit Gegenterror und bald schien es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis die Bolschewiki besiegt und aus Moskau vertrieben sein würden.[77] Zur gleichen Zeit formierten sich auch in den Randgebieten des Imperiums nationale Verbände, die gegen Rote wie Weiße kämpften, Kosaken und Bauernhaufen, die sich nur für ihre Freiheit, nicht aber für Nationen und Staaten interessierten, Warlords und Kriminelle, für die der Krieg eine Ressource materieller Bereicherung war. Der russische Bürgerkrieg, der im Sommer 1918 eskalierte, war ein Krieg der totalen Entgrenzung. Alle Regeln, die sich die europäischen Staaten für die Einhegung des Krieges einst gegeben hatten, waren außer Kraft gesetzt, auch deshalb, weil nicht nur zwei, sondern dutzende Parteien an der apokalyptischen Zerstörungsorgie beteiligt waren: Kommunisten und weiße Generäle, Kosaken und Warlords, nationale Partisanen und bewaffnete Nomadenverbände, ausländische Interventionstruppen und marodierende Bauernhaufen. Sie richteten ein furchtbares Werk der Zerstörung an, weil es keine andere Möglichkeit für die Kriegsparteien gab, als sich aus dem Land und seinen Ressourcen zu versorgen. Man könnte auch sagen, dass der Bürgerkrieg eine Abfolge verheerender Pogrome war. Furcht und Schrecken wurden zum Richtmaß des Politischen, weil im staatsfernen Raum nur siegen konnte, wer erfolgreich Rekruten aushob, Tribute eintrieb und Menschen an einen Ort zwang. Denn die jungen Männer und ihre Dörfer waren die einzige Ressource, aus der die Kriegsparteien schöpfen konnten. Ohne die Androhung und Vollstreckung von Gewalttaten wären die Kombattanten in diesem Krieg Papiertiger geblieben. Sie hätten weder Bauern an den Ort binden, noch Nachschub für ihre Truppen mobilisieren können. Denn der Kampf fand nicht an der Front, sondern vor allem im Hinterland statt. Es war ein Kampf um Rekruten, Getreide und Gehorsam, den nur gewinnen konnte, wer die Technik des »Teile und herrsche!« und des Terrors zu bedienen verstand.[78] Nicht Marxismus und Theorie, sondern Krieg und Exzess waren die Väter der bolschewistischen Kommandowirtschaft und ihrer autoritären Kultur. In den Jahren des Bürgerkrieges wurde eingeübt, was Stalin später zum Prinzip seiner Herrschaft erheben würde. Wie schon in den Jahren des Ersten Weltkrieges verwandelte sich die Suche nach Lebensmitteln und Rekruten in ein einziges, mitleidloses Pogrom, das Russlands Dörfer und Städte veröden ließ, den Kommissaren und Kosakenatamanen, Warlords und Bauernführern aber gab, was sie brauchten.[79] Was einmal für selbstverständlich gehalten worden war, wirkte nun seltsam fremd. Die Herren von einst wurden zu Außenseitern, Bauern zu Herren. Nirgendwo waren Menschen noch sicher vor Gewalt und Verderben. Das Gefühl der allgegenwärtigen Unsicherheit und Bedrohung formte ihre Haltung zum Leben, und nur wer es verstand, sich auf solche Umstände einzustellen, konnte im Kampf überleben oder siegen. Nach Jahren des Bürgerkrieges und der Gewalt war das Band zerrissen, das Vorher und Nachher miteinander verbunden hatte. Die Erfahrung exzessiver Gewalt und Unsicherheit, von Krieg und Chaos aber verband alle Menschen, Opfer wie Täter, Bauern wie Kommunisten und Adlige. Die Kultur des Misstrauens richtete nicht nur die Bolschewiki, sondern auch ihre Gegner und Opfer zu – auf Dauer und mit Folgen für das Zusammenleben von Menschen nicht nur in der Sowjetunion, sondern auch im Alten Europa. Sie war der Grund, auf dem die autoritären und totalitären Staaten des 20. Jahrhunderts errichtet wurden.[80] Bunin brachte die grausame Wirklichkeit buchstäblich um den Verstand: »Mein Gott, in welchem Jahrhundert hast Du mir befohlen, geboren zu werden?«, schrieb er im April 1919 in sein Tagebuch.[81] Wie aber ist das Rätsel aufzulösen, dass sich die Bolschewiki im revolutionären Geschehen wider Erwarten gegen alle Widerstände durchsetzten? Weil die Wenigen organisiert und entschlossen und die Vielen es nicht sind, die einen keine Skrupel haben, von ihren Waffen Gebrauch zu machen, und die anderen sich ihnen fügen. Die Mächtigen erzwingen Gehorsam, dafür geben sie ihren Anhängern Ordnungssicherheit. Auf dieser Verabredung beruhen alle Machtbeziehungen.[82] Bevor sie sich in Institutionen ablagern und verfestigen, aber müssen sie sich durchsetzen. Darum geht es in allen Revolutionen und Bürgerkriegen, in denen Staaten zerstört und neu errichtet werden. Die Legitimation der Herrschaft erwächst nicht allein aus dem Glauben an ihre Rechtmäßigkeit, sondern auch aus der Praxis der Machtsicherung, dem alltäglichen Beweis, dass Macht gegen Widerstand durchgesetzt werden kann. Denn wer Sicherheit und Ordnung nicht gewährt, kann auch keinen Gehorsam verlangen. Den Verheißungen von Programmen schenkt nur Glauben, wer gewiss sein kann, dass es jemanden gibt, der sie gegen Widerstand auch durchsetzen wird. Die Bolschewiki hatten jedenfalls verstanden, dass es nicht auf Programme und Modelle, sondern auf Durchsetzungsfähigkeit und Entschlossenheit ankam. Ihr Sieg war auch ein Lehrstück erfolgreicher Machtdurchsetzung im staatsfernen Raum.[83] »Die Bolschewiki triumphierten letztlich nicht«, schreibt Serge Schmemann über die Revolution im Dorf, »weil sie die größere Unterstützung aus dem Volk oder die größere Wahrheit auf ihrer Seite hatten, sondern weil sich in Zeiten der Wirren die am besten organisierte und rücksichtsloseste Kraft durchsetzt. Lenins Stärke lag darin, daß er sich keinen Illusionen über die Unterstützung aus dem Volk hingab, keine besonderen Gefühle für ›Mütterchen Rußland‹ hegte und keine Zeit auf Fair Play oder demokratische Nettigkeiten verschwendete. Seine Ideologie verlangte die Machtergreifung, und er setzte dieses Ziel mit einer straff disziplinierten und eifrigen Gefolgschaft und frei von Skrupeln und Patriotismus durch.«[84] Dennoch war der Sieg der Bolschewiki auch der Triumph der Ordnung über das Chaos. Die neuen Machthaber stellten das staatliche Gewaltmonopol wieder her und eröffneten Arbeitern und Bauern Aufstiegs- und Karrieremöglichkeiten, die es niemals zuvor gegeben hatte. Adlige, die Haus und Hof verloren, in ihrem Dorf aber ein bescheidenes Unterkommen gefunden hatten, waren wenigstens vor der Gewalt des Krieges geschützt. Manche empfanden sein Ende als einen Segen, der sie vergessen ließ, dass er ihren Peinigern den Sieg gebracht hatte. Wer den Bürgerkrieg überlebt hatte, konnte an nichts anderes mehr denken als an das Ende der Gewalt, ganz gleich, wer es herbeiführte. »Ich bin konstitutioneller Demokrat«, lässt der Schriftsteller Michail Bulgakow in seinem Roman Die Weiße Garde einen seiner Helden sagen, »aber jetzt, wo ich mit eigenen Augen gesehen habe, wo das alles hinführt, wächst in mir [...] die felsenfeste Überzeugung, daß nur eines uns retten kann [...] Die Selbstherrschaft. Jaja. Die härteste Diktatur, die man sich vorstellen kann. Die Selbstherrschaft.«[85] Die Revolution aber besiegelte nicht nur das Ende des alten Russland. Sie war der Beginn einer neuen Ära, in der alles möglich schien, was bislang nur gedacht worden war. Im Ausnahmezustand, im Raum der Gewalt, den die Revolution eröffnet hatte, konnten die Bolschewiki ihre Vision von der neuen Welt mit äußerster Brutalität ins Werk setzen. Adlige konnten getötet, Bauern ausgeraubt und Minderheiten deportiert werden. Die Geiselnahme ersetzte das Recht, das Konzentrationslager das Gefängnis, keine Maßnahme konnte rücksichtslos genug sein, um die alte Welt aus den Fugen zu reißen und der neuen Ordnung zum Erfolg zu verhelfen. Erstmals brachte eine Regierung den organisierten Mord als Möglichkeit überhaupt ins Spiel. Die Bolschewiki wollten Ordnung nicht bewahren, sondern die Untertanen des Vielvölkerreiches verändern, bewegen und mobilisieren. Sie waren Gegner von Tradition und Stillstand, und sie versuchten, ihre Vorstellungen von der neuen Ordnung mit Repression, Terror und Vernichtungsgewalt durchzusetzen. Ihre Repräsentanten beriefen sich auf außergesetzliche Instanzen, auf Ökonomie und auf die Geschichte, den unsichtbaren Weltenlenker, ohne jedoch die Idee aufzugeben, dass ihre Herrschaft der eigentliche Ausdruck des Volkswillens sei. Die Diktatur war kein Instrument zur Wiederherstellung einer verloren gegangenen Ordnung. Sie war das eigentliche Instrument der Volksherrschaft, und deshalb war sie sich selbst genug. Carl Schmitt sprach von der »souveränen Diktatur«, die nichts anderes wolle, als sich selbst zu verewigen, weil ihre Repräsentanten sie für die vollkommenste aller Staatsordnungen hielten.[86] Auch Lenin wusste, dass seine Diktatur sich von allen anderen autoritären Ordnungen, die es bislang gegeben hatte, unterscheiden würde. Die Diktatur, so bekannte er, sei nichts anderes als eine »von jeglichen Gesetzen unbehinderte Autorität, die direkt auf Gewalt beruht«.[87] Die Bolschewiki waren Tatmenschen, die die Wirren der Revolution bedenkenlos zu ihrer Waffe machten. Schon 1915 hatte Lenin verkündet, Russland sei das schwächste Glied in der Kette jener imperialistischen Staaten, die gegeneinander Krieg führten. Sobald die autokratische Festung sturmreif geschossen sei, werde sie wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.[88] So geschah es dann auch. Denn es war ein leichtes Unterfangen, Russland aus den Angeln zu heben und in einen Zustand der Anarchie zu versetzen. Lenin wusste, was er tat, als er das Werk der Zerstörung beschwor. Je größer das Chaos, desto geringer würden die Chancen seiner Gegner sein, sich gegen ihn und seine Anhänger zu verbünden. Aber er wusste auch, dass es unendlich schwer sein würde, eine neue Ordnung in die Welt zu setzen. Ohne den Einsatz exzessiver Gewalt hätte überhaupt nicht gelingen können, was die Bolschewiki sich vorgenommen hatten: einen neuen Staat aus dem Nichts hervorzubringen und ihm die Untertanen des Imperiums zu unterwerfen. Die bolschewistische Revolution war der Versuch, eine neue Herrschaftsordnung mit exzessiver Gewalt durchzusetzen und gegen jeden Widerstand zu verteidigen. In diesem terroristischen Herrschaftsstil zeigten sich schon alle Facetten des stalinistischen Gewaltkultes. Er hinterließ Millionen Tote und Vertriebene in einer von Hunger und Gewalt kontaminierten Gesellschaft.[89] »Ein Gespenst geht um in Europa«! Mit diesen Worten eröffneten Karl Marx und Friedrich Engels im Jahr 1848 das Manifest der Kommunistischen Partei.[90] Aber erst 70 Jahre später erfüllte sich ihre Prophezeiung, als der Kommunismus ausgerechnet in Russland eine Heimat gefunden hatte. Kein Land in Europa blieb unberührt von der elementaren Wucht der Russischen Revolution. Sie war nicht nur die Geburtsstunde der internationalen kommunistischen Bewegung, sie brachte überhaupt erst die Vorstellung in die Welt, durch Planung und Intervention, durch Terror und Gewalt könnten Krisen überwunden und ihre Wiederkehr für immer verhindert werden. Überall in Europa wurden die Bolschewiki für ihre Entschlossenheit und ihren Willen, sich gegen jeden Widerstand durchzusetzen, bewundert. In der Wirtschaftskrise, die der Erste Weltkrieg hinterlassen hatte, verlor das bolschewistische Experiment für viele Menschen seinen Schrecken. Warum sollte dem totalen Staat und seiner Kommandowirtschaft nicht gelingen, woran die liberale Ordnung gescheitert war? Daran glaubten nicht nur Kommunisten. Von der bolschewistischen Verheißung ging eine Sogwirkung aus, die noch in den USA zu spüren war. Planung, Eindeutigkeit und Ordnung überall.[91] Im Jahr 1922 veröffentlichte der sozialrevolutionäre Emigrant Sergei Melgunow in Berlin ein Buch über die Greuel des Bolschewismus. Er beklagte, dass sich die Sozialisten im Westen Europas für die russische Tragödie nicht interessierten. Sie rechtfertigten die Gewalt mit dem Hinweis, dass große Taten noch nie ohne Blut und Tränen vollbracht worden seien, und setzten die Greuel der Bolschewiki ins Recht.[92] Melgunows Verbitterung kam aus der Isolation, in der sich die Emigranten befanden. Die Deutschen hatten andere Sorgen, als sich um die Nöte der Vertriebenen zu kümmern. Aber sie nahmen wahr, dass die Russische Revolution den Anbruch der schönen neue Welt zwar versprach, aber Blut und Tränen produzierte. Die Revolution war auch eine Repräsentation des Schreckens, von Chaos und Anarchie, vor denen sich die Bürger fürchteten. Man konnte überall in Europa erfahren, was in Russland geschah, dass Menschen verhungerten, getötet und zu Hunderttausenden aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Nicht nur die Flüchtlinge, sondern auch die Soldaten der deutschen und österreichischen Armeen, die im November 1918 von der Ostfront abzogen, wussten von der Grausamkeit des Krieges und dem Terror der Bolschewiki zu berichten. Die Furcht vor dem Terror erreichte in den Jahren des russischen Bürgerkrieges nicht nur Europa, sondern auch die USA. Seither gab es auch jenseits der sowjetischen Grenzen keine einzige politische Frage mehr, die nicht auch eine Antwort auf die Russische Revolution gewesen wäre.[93] Die völkische Bewegung, Konservative und Antisemiten wussten die Furcht vor der Revolution für ihre eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. Am 18. Dezember 1918 schrieb Oswald Spengler an einen Freund: »Ich sehe in der Revolution ein Mittel, das uns nützen kann, wenn diejenigen, welche für die Gestaltung unserer Zukunft in Betracht kommen, sie zu nützen verstehen.«[94] Es war kein Zufall, dass Spengler diese Sätze schrieb, nachdem in München die Revolution ausgebrochen war. Zweifellos verstanden er und seine Freunde die Münchner Räterepublik als die Generalprobe des Bolschewismus in Deutschland. Sie trieb die verunsicherten Bürger, die sich vor dem »roten Terror« fürchteten, den Rechtsextremen zu. Die »neurotische Angst vor dem Bolschewismus«, schreibt Ian Kershaw, sei in der deutschen Provinz tief verwurzelt gewesen. Sie war der Grund, auf dem die völkische Bewegung gedieh.[95] Die Russische Revolution war die Geburtsstunde der faschistischen Bewegungen, die sich als Antwort auf die kommunistische Bedrohung verstanden. Ohne die Herausforderung des Bolschewismus wäre es Mussolini und Hitler kaum gelungen, ihre Bewegung im bürgerlichen Milieu zu verankern. Kein politisches Programm, keine Vision von der neuen Welt konnte die Herausforderung der Russischen Revolution noch ignorieren. Alle Versuche, Gesellschaften politisch und sozial zu ordnen, waren im 20. Jahrhundert auf die eine oder andere Weise eine Antwort auf die Herausforderung der Russischen Revolution. So gesehen war das 20. Jahrhundert kein amerikanisches, kein deutsches, kein liberales oder konservatives, sondern ein sowjetisches Jahrhundert.[96]     Der Vortrag wurde am 27. Januar 2016 im Rahmen der Reihe »Talking about a revolution! Die Oktoberrevolution: Geschichte – Instrumentalisierung – Rezeption« gehalten und ist nachzuhören unter: http://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/oktoberrevolution-baberowski   [1]WWladimir Nabokow: Petrograd 1917. Der kurze Sommer der Revolution, Berlin 1992 (erstmals erschienen im Archiv Russkoj Revoljucii, Bd. 1, Berlin 1922, S. 9–96), S. 21. [2] Ebd. S. 27. [3] Siehe exemplarisch: Bernd Bonwetsch: Die russische Revolution 1917. Eine Sozialgeschichte von der Bauernbefreiung 1861 bis zum Oktoberumsturz, Darmstadt 1991; Dietrich Geyer: Die russische Revolution, 4. Aufl. Göttingen 1985; Manfred Hildermeier: Die russische Revolution 1905–1921, Frankfurt a.M. 1989; Edward Hallet Carr: Die russische Revolution. Lenin und Stalin 1917–1929, Stuttgart 1980; Alexander Rabinowitch: The Bolsheviks come to Power. The Revolution of 1917 in Petrograd, New York 1976; James D. White: The Russian Revolution 1917–1921. A Short History, London 1994; E.N. Burdzhalov: Russia’s Second Revolution. The February 1917 Uprising in Petrograd, Bloomoington, Ind. 1987; Marc Ferro: October 1917. A Social History oft the Russian Revolution, London 1980; John Keep: The Russian Revolution. A Study in Mass Mobilization, New York 1976; Helmut Altrichter: Rußland 1917. Das Jahr der Revolution, Paderborn 1997; Tsuyoshi Hasegawa: The February Revolution: Petrograd 1917, Seattle 1981; Richard Pipes: Die russische Revolution, 3 Bde., Berlin 1992/93; Orlando Figes: Die Tragödie eines Volkes. Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924, Berlin 1998. [4] Siegfried Kracauer: Geschichte – Vor den letzten Dingen (= Werke, Bd. 4), Frankfurt a.M. 1971, S. 151 f.; José Ortega y Gasset: Der Aufstand der Massen, Stuttgart 2002 (erstmals 1930), S. 79. [5] Sinaida Hippius: Petersburger Tagebuch, Berlin 1993, S. 11 f. [6] Siehe Manfred Hildermeier: Das Privileg der Rückständigkeit. Anmerkungen zum Wandel einer Interpretationsfigur der neueren russischen Geschichte, in: Historische Zeitschrift 244 (1987), H. 3, S. 557–603. [7] Siehe Richard Wortman: Scenarios of Power. Myth and Ceremony in Russian Monarchy, Bd. 1: From Peter the Great to the Death of Nicholas I, Princeton, N.J. 1995, S. 51. [8] Siehe Melissa Stockdale: Paul Miliukov and the Quest for a Liberal Russia 1880–1918, Ithaca 1996, S. 208. [9] Jurij M. Lotman: Rußlands Adel. Eine Kulturgeschichte, Köln 1997, S. 25. [10] Siehe die Memoiren des Leibeigenen Aleksandr Nikitenko: Up from Serfdom. My Childhood and Youth in Russia 1804–1824, New Haven 2001, S. 188 f. Über die aufgeklärten Gutsbesitzer informiert Edgar Melton: Enlightened Seigniorialism and its Dilemmas in Serf Russia, 1750–1830, in: The Journal of Modern History 62 (Dez. 1990), H. 4, S. 675–708. [11] Siehe Manfred Hildermeier: Der russische Adel von 1700–1917, in: Hans-Ulrich Wehler (Hg.): Europäischer Adel, 1750–1950, Göttingen 1990, S. 166–216; Lotman: Rußlands Adel (Anm. 9), S. 26 f.; Daniel Field: The End of Serfdom: Mobility and Bureaucracy in Russia 1855–1861, Cambridge 1976; Terence Emmons: The Russian Landed Gentry and the Peasant Emancipation of 1861, Cambridge 1968; Esther Kingston-Mann/Timothy Mixter (Hg.): Peasant Economy, Culture and Politics of European Russia, 1800–1921, Princeton 1991. [12] David Ransel (Hg.): Olga Semyonova Tian-Shanskaia. Village Life in Late Tsarist Russia. 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[32] Thomas Owen: Impediments to a Bourgeois Consciousness in Russia, 1880–1905: The Estate Structure, Ethnic Diversity, and Economic Regionalism, in: Clowes/Kassow: Between Tsar and People (Anm. 21), S. 75–89; Joseph Bradley: Voluntary Associations, Civic Culture, and Oshchestvenost’ in Moscow, in: ebd., S. 131–148. [33] Zitate in Figes: Die Tragödie eines Volkes (Anm. 3), S. 272. [34] Im Überblick: Jörg Baberowski: Der Anfang vom Ende. Das Zarenreich im Ersten Weltkrieg, in: Osteuropa 64 (2014), H. 2–4, S. 7–20; Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkrieges, München 2014. [35] Siehe Peter Holquist: Making War, Forging Revolution: Russia’s Continuum of Crisis, 1914–1921, Cambridge 2002, S. 44; Joshua Sanborn: Imperial Apocalypse. The Great War and the Destruction of the Russian Empire, Oxford 2014, S. 39–53. [36] Siehe Alexander Victor Prusin: Nationalizing a Borderland. War, Ethnicity, and Anti-Jewish Violence in East Galicia, 1914–1920, S. 49. [37] Ebd., S. 53; Eric Lohr: The Russian Army and the Jews. Mass Deportations, Hostages and Violence during World War I, in: Russian Review 60 (2001), H. 3, S. 404–419; Alexandra Jur’evna Bachturina: Okrainy Rossijskoj Imperii: Gosudarstvennoe upravlenie i nacional’naja politika v gody pervoj mirovoj vojny 1914–1917 gg. [Die Peripherie des Russländischen Imperiums. Die Staatsverwaltung und die Nationalitätenpolitik in den Jahren des Ersten Weltkrieges 1914–1917], Moskau 2004, S. 117–224; Peter Gatrell: War, Population Displacement and State Formation in the Russian Borderlands 1914–1924, in: Nick Baron/Peter Gatrell (Hg.): Homelands. War, Population and Statehood in Eastern Europe and Russia, 1918–1924, London 2004, S. 10–34. [38] Siehe Prusin: Nationalizing a Borderland (Anm. 36), S. 48–62; Sanborn: Imperial Apocalypse (Anm. 35), S. 82, 87–91; Baberowski: Der Feind ist überall (Anm. 22), S. 84–96. [39] Siehe Daniel Brower: Turkestan and the Fate of the Russian Empire, London 2003; Jörn Happel: Nomadische Lebenswelten und zarische Politik. Der Aufstand in Zentralasien 1916, Stuttgart 2010, S. 103–180. [40] Siehe Peter Gatrell: A Whole Empire Walking. Refugees in Russia during World War I, Bloomington 1999; Tammy M. Proctor: Civilians in a World of War, 1914–1918, New York 2010, S. 113–129; Sanborn: Imperial Apocalypse (Anm. 35), S. 83. [41] Siehe Mark von Hagen: The Great War and the Mobilisation of Ethnicity in the Russian Empire, in: Barnett R. Rubin/Jack Snyder (Hg.): Post-Soviet Political Order: Conflict and State-Building, London 1998, S. 34–57; ders.: War in a European Borderland: Occupations and Occupation Plans in Galicia and Ukraine, 1914–1918, Seattle 2007. [42] Sovet ministrov Rossijskoj Imperii v gody pervoj mirovoj vojny. Bumagi A.N. Jachontova (zapisi zasedanij i perepiska) [Der Ministerrat des Russländischen Imperiums in den Jahren des Ersten Weltkrieges. Die Papiere A.N. Jachontovs (Protokolle der Sitzungen und der Briefwechsel)], St. Petersburg 1999, S. 163. [43] Siehe Lewis Siegelbaum: The Politics of Industrial Mobilization in Russia, 1914–1917: A Study of the War-Industries-Commitees, New York 1983, S. 209–212. [44] Andrew Verner: The Crisis of Russian Autocracy. Nicholas II and the 1905 Revolution, Princeton 1990, S. 70–103. [45] Im Überblick: Raymond Pearson: The Russian Moderates and the Crisis of Tsarism, 1914–1917, Basingstoke 1977. [46] Siehe den Überblick bei Figes: Die Tragödie eines Volkes (Anm. 3), S. 333–349. Siehe auch Hasegawa: The February Revolution (Anm. 3). [47] Nabokow: Petrograd 1917 (Anm. 1), S. 21 f. [48] Siehe Robert Service: Lenin. Eine Biographie, München 2000, S. 338 f. [49] Siehe Sinaida Hippius: Petersburger Tagebücher 1914–1919, Berlin 2014, S. 108. [50] Siehe die dichte Beschreibung der Ereignisse bei Nikolaj Suchanov: Zapiski o revoljucii [Aufzeichnungen über die Revolution], Moskau 1991. [51] Siehe A.G. Kavtardze: Ijul’skie nastuplenie russkoj armii v 1917 godu [Die Julioffensive der russischen Armee], in: Voenno-Istoricʼeskij Zʼurnal (1967), H. 5, S. 113. [52] Zitiert in T.I. Polner: Žiznnennyj put’ kn. G.E. L’vova [Der Lebensweg des Fürsten G.E. Lwow], Paris 1932, S. 245 f. [53] Service: Lenin (Anm. 48), S. 378–404. [54] Iwan Bunin: Verfluchte Tage. Ein Revolutions-Tagebuch, Frankfurt a.M. 2008 (erstmals erschienen 1935), S. 105 f. [55] Siehe etwa die Erinnerungen von Fedor Stepun: Das Antlitz Rußlands und das Gesicht der Revolution. Aus meinem Leben 1884–1922, München 1961, S. 424–467 und Serge Schmemann: Ein Dorf in Rußland. Zwei Jahrhunderte russischer Geschichte, Berlin 1999, S. 227 f. [56] Siehe Michael C. Hickey: The Rise and Fall of Smolensks Moderate Socialists. The Politics of Class and the Rhetoric of Crisis in 1917, in: Donald J. Raleigh (Hg.): Provincial Landscapes. Local Dimensions of Soviet Power, 1917–1953, Pittsburgh 2001, S. 14–35; Aleksej Brusilov: Moi vospominanija [Meine Erinnerungen], Moskau 2001, S. 252 f. [57] Siehe Baberowski: Der Feind ist überall (Anm. 22), S. 84–141. [58] Hippius: Petersburger Tagebücher (Anm. 49), S. 110. Zur Markierung der Fremden siehe auch Orlando Figes/Boris Kolonitskii: Interpreting the Russian Revolution. The Language and Symbols of 1917, New Haven 1999, S. 153–186. [59] Leo Trotzki: Geschichte der Russischen Revolution. Erster Teil: Februarrevolution, 2. Aufl. Frankfurt a.M. 1982, S. 90. [60] Siehe Abraham Ascher: The Revolution of 1905. Russia in Disarray, Stanford 1988; ders.: The Revolution of 1905. Authority Restored, Stanford 1992. [61] Maxim Gorkij: Unzeitgemäße Gedanken über Kultur und Revolution, Frankfurt a.M. 1974, S. 25. [62] Siehe Figes: Die Tragödie eines Volkes (Anm. 3), S. 446–464. [63] Zitiert in Nikolai Suchanow: 1917. Tagebuch der russischen Revolution, München 1967, S. 425. [64] Siehe Stephen Kotkin: Stalin. Paradoxes of Power 1878–1928, London 2014, S. 227–288. [65] Siehe Bunin: Verfluchte Tage (Anm. 54), S. 51; Kotkin: Stalin (Anm. 64), S. 227. [66] Gorkij: Unzeitgemäße Gedanken (Anm. 61), S. 123. [67] Hippius: Petersburger Tagebücher (Anm. 49), S. 256. [68] Ebd., S. 377 (Eintrag vom 1. September 1918). [69] Siehe Kotkin: Paradoxes of Power (Anm. 64), S. 228, 242. [70] Siehe Dietrich Beyrau: The Long Shadow of the Revolution: Violence in War and Peace in the Soviet Union, in: Jochen Böhler/Wlodzimierz Borodziej/Joachim von Puttkamer (Hg.): Legacies of Violence. Eastern Europe’s First World War, München 2014, S. 285–316. [71] Bunin: Verfluchte Tage (Anm. 54), S. 63. [72] Pawel Miljukov: Istorija vtoroj russkoj revoljucii [Die Geschichte der zweiten Russischen Revolution], Moskau 2001, S. 17 f. [73] Ebd., S. 17 f. [74] Bunin: Verfluchte Tage (Anm. 54), S. 47 f. [75] Ebd., S. 87. [76] Schmemann: Ein Dorf in Rußland (Anm. 55), S. 227 f. [77] Im Überblick: Joanathan D. Smele: The »Russian« Civil Wars, 1916–1926. Ten Years that Shook the World, London 2015. [78] Siehe Felix Schnell: Räume des Schreckens. Gewalt und Gruppenmilitanz in der Ukraine 1905–1933, Hamburg 2012, S. 191–286. [79] Siehe Vladimir Buldakov: Krasnaja Smuta. Priroda i posledstvija revoljucionnogo nasilija [Die roten Wirren. Wesen und Folgen der revolutionären Gewalt], Moskau 2010; Jörg Baberowski: Verwüstetes Land. Macht und Gewalt in der frühen Sowjetunion, in: ders./Gabriele Metzler (Hg.): Gewalträume. Soziale Ordnungen im Ausnahmezustand, Frankfurt a.M. 2012, S. 169–188; Schnell: Räume des Schreckens (Anm. 78). Eine beeindruckende Geschichte über einen solchen Warlord, den Baron von Ungern-Sternberg, erzählt Willard Sunderland: The Baron’s Cloak. A History of the Russian Empire in War and Revolution, Ithaca 2014. [80] Siehe Beyrau: The Long Shadow of the Revolution (Anm. 70), S. 285–316. [81] Bunin: Verfluchte Tage (Anm. 54), S. 61. [82] Siehe Heinrich Popitz: Phänomene der Macht, 2. Aufl. Tübingen 1992; Jörg Baberowski: Räume der Gewalt, Frankfurt a.M. 2015, S. 195–213. [83] So etwa Stefan Karsch: Die bolschewistische Machtergreifung im Gouvernement Voronež (1917–1919), Stuttgart 2006. [84] Schmemann: Ein Dorf in Rußland (Anm. 55), S. 240. [85] Michail Bulgakow: Die weiße Garde, München 1990, S. 235. [86] Carl Schmitt: Die Diktatur. Von den Anfängen des modernen Souveränitätsgedankens bis zum proletarischen Klassenkampf, 5. Aufl. Berlin 1978 (erstmals 1928), S. XVIII. [87] Zitiert in Mark Mazower: Der dunkle Kontinent. Europa im 20. Jahrhundert, Berlin 2000, S. 31. Siehe auch: Enzo Traverso: Im Bann der Gewalt. Der europäische Bürgerkrieg 1914–1945, Berlin 2008. [88] Service: Lenin (Anm. 48), S. 297–333; Figes: Die Tragödie eines Volkes (Anm. 3), S. 319. [89] Siehe dazu Gerd Koenen: Utopie der Säuberung. Was war der Kommunismus?, Berlin 1998; Nicholas Werth: Ein Staat gegen sein Volk. Gewalt, Unterdrückung und Terror in der Sowjetunion, in: Stéphane Courtois (Hg.): Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Terror und Verbrechen, München 1998, S. 51–295. [90] Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, in: dies.: Werke, Bd. 4, Berlin (Ost) 1980, S. 461. [91] Siehe Gerd Koenen: Der Rußland-Komplex. Die Deutschen und der Osten 1900–1945, München 2005; Silvio Pons: The Global Revolution. A History of International Communism 1917–1991, Oxford 2014, S. 15. [92] Sergej Melgunov: Krasnyj terror v Rossii 1918–1923 [Der Rote Terror in Russland 1918–1923], Moskau 1990 (nach der 5. Aufl. Berlin 1924), S. 11. [93] Über den Einfluss russischer Emigranten auf die deutsche Öffentlichkeit siehe Karl Schlögel: Berlin: »Stiefmutter unter den russischen Städten«, in: ders. (Hg.): Der große Exodus. Die russische Emigration und ihre Zentren 1917 bis 1941, München 1994, S. 234–259. [94] Zitiert in: Revolution und Räterepublik in München 1918/19 in Augenzeugenberichten, München 1978, S. 156. [95] Ian Kershaw: Hitler 1889–1936, München 1998, S. 158. [96] Siehe Ernst Nolte: Der Europäische Bürgerkrieg 1917–1945: Nationalsozialismus und Bolschewismus, Berlin 1987. Vom amerikanischen Jahrhundert spricht Adam Tooze: Sintflut. Die Neuordnung der Welt 1916–1931, Berlin 2015.

JHK 2017

Die Oktoberrevolution in der Peripherie: Das Beispiel Ukraine

Tanja Penter

Historische Entwicklungen lassen sich oft sehr viel besser ausgehend von ihren Rändern erklären als von den Zentren. So kann der Blick auf die Peripherie unser Verständnis davon, was die Oktoberrevolution war, verändern und uns die Komplexität der überlappenden sozialen und nationalen Revolutionen im Oktober 1917 vor Augen führen. In der historischen Forschung ist die Bedeutung der Peripherie und verschiedener lokaler Faktoren im Zusammenhang mit der Revolution von 1917 bisher erst in Ansätzen wahrgenommen worden. Die westliche Historiografie zum Revolutionsjahr 1917 war lange Zeit von einer zentralistischen Tradition geprägt und hat ihren Blick nahezu ausschließlich auf die Hauptstädte St. Petersburg und Moskau gerichtet. Dahinter stand die stillschweigende Annahme, dass sich 1917 überall im Russischen Reich die gleiche Revolution ereignete. In gewissem Sinne folgten die westlichen Historiker damit den Deutungen der Sowjethistoriografie, die die lokalen und regionalen Revolutionsgeschichten in einen engen ideologischen Deutungsrahmen pressten, der keinerlei Platz für Sonderentwicklungen ließ. Seit dem Ende der Sowjetunion sind die einschlägigen Aktenbestände in den Staats- und Regionalarchiven zur Revolution von 1917 für die Forschung weitgehend zugänglich. Erste Regional- und Lokalstudien zur Revolution, die inzwischen erschienen sind, betonen die Vielschichtigkeit der Prozesse.[1] Der Blick der Forscher richtete sich auf die komplexen Zentrum-Peripherie-Beziehungen, auf lokale Akteure, verschiedene soziale, ethnische und politische Gruppen, auf Aspekte von Gender, Generation und Religion und auf die Bedeutung der vielfältigen Gewalterfahrungen. Trotzdem hat die verbesserte Archivlage bisher nicht zu einer umfassenden Erforschung der regionalen Revolutionsgeschichten geführt, sodass nach wie vor große Forschungslücken bestehen. Die Erforschung des Revolutionsjahres 1917 in der Ukraine leidet bis heute unter einer starken Politisierung und ist für viele Ukrainer mit der traumatischen Erfahrung einer gescheiterten Staatsgründung verbunden. In der Historiografie ist das Bild der Revolution in der Ukraine vor allem durch zwei gegensätzliche Sichtweisen geprägt worden: Ukrainische Historiker (zunächst vor allem in der nordamerikanischen Diaspora) verstanden die Ereignisse des Revolutionsjahres 1917 oft als spezifisch Ukrainische Revolution, die hauptsächlich auf die Erzielung der nationalen Unabhängigkeit ausgerichtet war. Im Zentrum ihrer Arbeiten stand die Beschäftigung mit der politischen Geschichte der nationalen Institutionen und der Staatsgründung. Diese nationale Sichtweise beinhaltete häufig eine Konzentration auf die Ereignisse in der ukrainischen Hauptstadt Kiew oder die Beschäftigung mit bestimmten Territorien nur für die Zeitspanne, in der diese unter der Herrschaft einer nationalen ukrainischen Regierung standen.[2] Demgegenüber verstand die Sowjethistoriografie die Revolution in der Ukraine ausschließlich als Kampf sozialer Klassen und damit als Teil der »Großen Sozialistischen Oktoberrevolution« Gesamtrusslands.[3] Den »bourgeoisen ukrainischen Nationalisten« und den von ihnen gegründeten kurzlebigen ukrainischen Nationalstaaten der Jahre 1917 bis 1920 wurde nur marginale Bedeutung zugemessen. Sie besaßen im russischen Narrativ, das die russische Historiografie bis heute prägt, keinen Rückhalt in der Bevölkerung und waren daher zum Scheitern verurteilt. [4] In dem seit 1991 unabhängigen ukrainischen Staat haben die Beschäftigung mit der Geschichte des Revolutionsjahres 1917 und die Zeit des Bürgerkriegs eine neue Bedeutung erlangt. Zugleich haben die politischen Veränderungen in der Ukraine zu einem fundamentalen Richtungswechsel in der Geschichtswissenschaft geführt, der insbesondere bei der Beschäftigung mit dem Revolutionsjahr deutlich wurde. Um die »weißen Flecken«, die die Sowjethistoriografie hinterlassen hatte, zu füllen, wurden die ehemals verbotenen Erinnerungen und Arbeiten führender Aktivisten der ukrainischen Nationalbewegung neu aufgelegt und Quelleneditionen herausgegeben. Es entstanden zahlreiche Arbeiten, die sich jedoch vor allem in den ersten Jahren nach der ukrainischen Unabhängigkeit durch eine einfache Umorientierung vom sowjetischen zum nationalen Paradigma auszeichneten. Einige dieser Studien werten immerhin neues Archivmaterial aus und beziehen die ukrainischen Regionen in die Untersuchung ein.[5] Daneben beschäftigen sich westliche Historiker mit Teilaspekten der Ukrainischen Revolution, wie beispielsweise der Ukrainepolitik der Mittelmächte und der Entente[6] oder den ukrainisch-polnischen und den ukrainisch-jüdischen Beziehungen.[7] Zunehmende Aufmerksamkeit erfährt aktuell die Gruppe der sogenannten Atamanščina, militante Bauernverbände, die von verschiedenen Warlords angeführt wurden und – wie die Forschung inzwischen konstatiert hat – eigenständige Akteure im Bürgerkrieg in der Ukraine darstellten.[8] Im Folgenden werden im Rahmen einer integrierenden Sichtweise sowohl die nationalen und sozialen Faktoren als auch die Entwicklungen des Revolutionsjahres in ihrer wechselseitigen Abhängigkeit und Verflechtung betrachtet. Vor allem soll die von der ukrainischen Historiografie aufgeworfene Frage diskutiert werden, inwieweit sich im Revolutionsjahr 1917 in der Ukraine alternative Möglichkeiten demokratischer politischer Entwicklung boten.[9] Dabei werden die Rolle und Bedeutung der Herrschaft der nach der Februarrevolution in der Ukraine gebildeten Zentralrada, ihre Zusammensetzung, ihr politisches Programm und ihr Konflikt mit der Provisorischen Regierung in Petrograd näher analysiert.   Die Zentralrada Nachdem die Nachricht vom Sturz der Zarenregierung Kiew erreicht hatte, riefen Vertreter unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen unter Führung der bürgerlich-liberalen Gesell­schaft der Ukrainischen Progressisten (Tovarystvo Ukraïns’kych Postupovciv, TUP) am 4. März 1917 eine Art ukrainisches Vorparlament, die Zentralrada, ins Leben. Der ukrainische Begriff »Rada« (Rat) entspricht dem russischen Wort »Sowjet«, besaß in der ukrainischen Nationalbewegung jedoch eine viel weiter zurückliegende Tradition als die während der Revolution von 1905 ins Leben gerufenen russischen Sowjets.[10] Am 6. April wurde die Zentralrada offiziell durch einen Nationalkongress legitimiert, an dem 1500 Menschen teilnahmen, darunter 900 stimmberechtigte Vertreter von Parteien, Bauernorganisationen, ländlichen und städtischen Selbstverwaltungen, Militärorganisationen sowie Kultur- und Bildungseinrichtungen. Der Nationalkongress wählte 150 Deputierte, die die Zentralrada bilden sollten. Zudem bestätigte der Kongress die Rada als »höchste nationale Gewalt« und beauftragte sie, die Rechte und Freiheiten des ukrainischen Volkes zu schützen.[11] Die Zentralrada und deren Generalsekretariat stellten die ersten autonomen politischen Vertretungsorgane der modernen Ukraine dar. Ihre Bewertung fiel in der ukrainischen und der sowjetischen Historiografie allerdings sehr unterschiedlich aus.[12] Die postsowjetische ukrainische Historiografie ist bisher zurückhaltend mit einer eindeutigen Bewertung der Zentralrada und verweist sowohl auf ihre Führungsrolle für eine sich entfaltende nationale Befreiungsbewegung in der Ukraine und die ukrainische Staatsgründung als auch auf die Widersprüche im Handeln der Akteure. Während sich die meisten älteren Studien zur Zentralrada nahezu ausschließlich auf die Erinnerungen und Darstellungen ihrer führenden Akteure stützen mussten, können heute dank der Öffnung der ukrainischen Archive sowie der Verfügbarkeit neuer Quellensammlungen zentrale Archivdokumente in die Untersuchung einbezogen werden.[13]   Die Zusammensetzung der Zentralrada Ursprünglich bestand die Zentralrada nur aus 150 Mitgliedern.[14] Der Nationalkongress erteilte ihr jedoch das Recht, weitere Mitglieder zu kooptieren, wovon sie in den folgenden Monaten ausgiebig Gebrauch machte. So nahm die Rada die Vertreter der gesamtukrainischen Sowjets der Bauern-, Soldaten- und Arbeiterdeputierten, die sich bis Juli 1917 auf allgemeinen Kongressen gebildet hatten, in ihre Reihen auf und erweiterte dadurch ihre politische und soziale Basis, aber auch ihre eigene soziale Physiognomie. Stammten anfänglich mindestens zwei Drittel aus der kleinen Schicht der akademisch Gebildeten, so nahm durch die neuen Mitglieder das Gewicht der ländlichen und städtischen Unterschichten bedeutend zu. Zusätzlich gestand die Zentralrada im Sommer 1917 den Vertretern der nicht-ukrainischen Minderheiten 202 Plätze in der Rada zu. Insgesamt stieg die Zahl der Rada-Mitglieder bis zum Sommer des Revolutionsjahres auf 789.[15] Der größte Teil (212) der Radavertreter kam aus dem Gesamtukrainischen Sowjet der Bauerndeputierten, der sich überwiegend aus der armen Bauernschaft rekrutierte. Weitere 132 Deputierte gehörten dem Gesamtukrainischen Sowjet der Militärdeputierten an (davon waren ca. 60 Prozent Soldaten und 40 Prozent Offiziere) und 100 dem Gesamtukrainischen Sowjet der Arbeiterdeputierten. Damit kamen weit über die Hälfte (56,3 Prozent) der Radavertreter aus den Sowjets. 81 Mandate besaßen Vertreter der ukrainischen Regionen.[16] Die Zentralrada war hinsichtlich ihrer parteilichen Zusammensetzung alles andere als »bourgeois«, sondern bestand im Gegenteil fast ausschließlich aus sozialistischen Parteien. So gehörten ihr in den verschiedenen Zeitphasen insgesamt 19 unterschiedliche politische Parteien an, von denen sich 17 selbst als sozialistisch bezeichneten. Es war ein spezifisches Phänomen des politischen Lebens in der Ukraine, dass sich Parteien nicht nur unter ideologischen und sozialen, sondern auch unter nationalen Vorzeichen bildeten. So gab es einige Parteien mit ähnlichen Programmen, die sich hauptsächlich durch den Faktor der Nationalität unterschieden. Die Vertreter der bürgerlich-liberalen Gesellschaft der Ukrainischen Progressisten,[17] die sich im März 1917 zur Partei der Ukrainischen Sozialisten-Föderalisten organisierten und die anfänglich den politischen Kurs der Rada bestimmt hatten, verloren sich allmählich in den Massen neuer Radamitglieder aus sozialistischen Parteien. Die Führung in der Zentralrada ging zunächst an die ukrainischen Sozialdemokraten über, die in ihrem sozialen Programm den russischen Menschewiki nahestanden, jedoch soziale mit nationalen Forderungen verbanden. Erster Vorsitzender des Generalsekretariates der Zentralrada wurde der populäre ukrainische Sozialdemokrat Volodymyr Vynnyčenko, vier weitere Mitglieder der neunköpfigen ersten ukrainischen Regierung , B. Martos, S. Petljura, V. Sadovsʼkyj und I. Stešenko, waren ebenfalls Sozialdemokraten.[18] Obgleich keine populäre Massenpartei und hauptsächlich durch das kleine ukrainische Proletariat und die radikale Intelligenzija gestützt, bestimmten die ukrainischen Sozialdemokraten aufgrund ihrer größeren Erfahrungen in der politischen Arbeit und der größeren Popularität einzelner ihrer Vertreter nun den politischen Kurs der Zentralrada. Ab Spätsommer 1917 wurde die Ukrainische Sozialrevolutionäre Partei mehr und mehr zur führenden Kraft innerhalb der ukrainischen Nationalbewegung. Die erst im April gegründete Partei vertrat wie ihr russisches Pendant einen radikalen Populismus, verband die agrarrevolutionären Forderungen jedoch mit nationalen Zielen. Die soziale Basis bestand vor allem aus armen und mittelständischen ukrainischen Bauern. Lange mangelte es der Partei an prominenten Aushängeschildern, woran auch die Tatsache nichts änderte, dass sich der zunächst parteilose Radavorsitzende Hruševsʼkyj letztendlich zu den Sozialrevolutionären bekannte. Im Januar 1918 nahmen die Sozialrevolutionäre, die zu diesem Zeitpunkt in der Zentralrada die zahlenmäßig größte Fraktion stellten, das politische Ruder in die Hand und bildeten die erste sozialrevolutionäre Regierung unter Vsevolod Holubovyč.[19] Schnell zeigte sich, dass die Vollversammlung der Rada mit ihrer beachtlichen Teilnehmerzahl für die praktische politische Arbeit ungeeignet war. Daher gewannen das Generalsekretariat als höchstes Exekutivorgan in der Ukraine[20] und das »Komitee der Zentralrada«, das später in »Mala Rada« (Kleine Rada) umbenannt wurde, an Bedeutung. Mit der Zeit entwickelte die Kleine Rada bei politischen Entscheidungen zunehmend Eigeninitiative. So erinnerte sich das jüdische Radamitglied Gol’denvejzer: »Nur die Kleine Rada war von Bedeutung, da das Plenum der Zentralrada sich nur einmal alle paar Monate versammelte, gewissermaßen zwar das gleiche Kräfteverhältnis in größerem Maßstab repräsentierte, aber nichts Neues einbrachte.«[21] Das I., III. und IV. Universal, die die ukrainische Autonomie bzw. Unabhängigkeit proklamierten, sowie die Verfassung der Ukrainischen Volksrepublik und das Statut des Generalsekretariates waren maßgeblich das Werk der Kleinen Rada.[22] Im Gegensatz zum Plenum der Zentralrada, in dem Vertreter der ukrainischen Bauern, Soldaten und Arbeiter über die Hälfte der Mitglieder stellten, waren die ukrainischen Unterschichten in der Kleinen Rada kaum vertreten. Ihre Vertreter kamen nahezu ausschließlich aus den Reihen der akademisch Gebildeten,[23] weshalb, wie Rudolf A. Mark zu Recht bemerkt hat, die Führungsschicht in der Kleinen Rada und im Generalsekretariat in der überwiegend ländlichen ukrainischen Bevölkerung nicht ausreichend verankert war, was dazu führte, dass ihr die nötige Unterstützung für ein erfolgreiches Regieren fehlte.[24]   Das politische Programm der Zentralrada: Ukrainische Autonomie, soziale Reformen und Integration der Minderheiten Der wichtigste und ihre Existenz legitimierende Auftrag der Zentralrada bestand in ihrem Eintreten für eine national-territoriale Autonomie der Ukraine innerhalb Russlands. In diesem Anliegen waren sich die drei führenden Parteien der Zentralrada, die ukrainischen Sozialdemokraten, die ukrainischen Sozialrevolutionäre und die Sozialisten-Föderalisten, vollkommen einig. Alle drei Parteien setzten auf ein föderales Konzept, das die Ukraine als autonomes Mitglied einer Föderativen Russischen Republik anstrebte, war doch der Föderalismus traditionell in der Ideologie der ukrainischen Nationalbewegung verankert.[25] Im Verlauf des Jahres 1917 entwickelte sich die Zentralrada zum stärksten Kontrahenten der Provisorischen Regierung in der Peripherie. Bei ihren Autonomieforderungen genoss die Zentralrada die Unterstützung breiter Bevölke­rungsschichten. Dies zeigte sich etwa auf dem ersten Ukrainischen Soldatenkongress, der vom 5. bis 8. Mai 1917 tagte. Die 1000 Delegierten vertraten etwa eine Million ukrainische Soldaten in der russischen Armee.[26] Zu den wichtigsten Forderungen der Delegierten an die Provisorische Regierung zählte die Einrichtung einer ukrainischen Nationalarmee. Bis zum Sommer 1917 griff die Ukrainisierung von Armeeeinheiten weithin um sich. Außerdem forderte der Soldatenkongress die Provisorische Regierung auf, die nationale und territoriale Autonomie der Ukraine offiziell anzuerkennen, und bestätigte die Zentralrada als Organ, das für alle Fragen, die die Ukraine und ihre Beziehungen zu Russland betrafen, zuständig sein sollte. Gestärkt durch den Rückhalt unter den Soldaten legte die Zentralrada der Provisorischen Regierung und dem Petrograder Sowjet ein Neun-Punkte-Programm mit den wichtigsten Forderungen der Ukrainer vor. Dazu zählten die Anerkennung der ukrainischen Autonomie, die Teilnahme eines ukrainischen Vertreters an möglichen Friedensverhandlungen, die Berufung eines Kommissars für ukrainische Angelegenheiten bei der Provisorischen Regierung, die Einsetzung von ukrainischen Regierungskommissaren in allen Gouvernements mit ukrainischer Bevölkerung, die Bildung separater ukrainischer Armeeteile, die Ausweitung der Ukrainisierung auf Mittel- und Hochschulen, die Besetzung von Schlüsselpositionen der zivilen und kirchlichen Verwaltung mit Personen, denen die ukrainische Sprache und Lebensweise vertraut waren, und die Bereitstellung notwendiger Mittel für die Zentralrada aus der Staatskasse der Provisorischen Regierung. In Petrograd stießen diese Forderungen parteiübergreifend auf massive Ablehnung. Die »Einheit des Russischen Staates« galt allen gleichermaßen als unantastbar. So antwortete die Provisorische Regierung der Zentralrada am 14. Juni, dass die Frage der ukrainischen Autonomie nur durch die Allrussische Konstituierende Versammlung entschieden werden könne und man zudem die Zentralrada nicht als Vertretung des gesamten ukrainischen Volkes anerkenne, da sie nicht aus allgemeinen Wahlen hervorgegangen sei. Die Haltung der im Übrigen selbst nicht aus Wahlen hervorgegangenen Provisorischen Regierung entsprach der allgemeinen Stimmung in der russischen Bevölkerung. Zugleich führten jedoch die großen Bauern- und Soldatenkongresse, die Ende Mai und Anfang Juni in der Ukraine einberufen wurden, der Provisorischen Regierung die Popularität der Zentralrada in der ukrainischen Bevölkerung vor Augen.[27] Am 10. Juni veröffentlichte die Zentralrada ihr I. Universal, das sich an das gesamte ukrainische Volk innerhalb und außerhalb der Grenzen der Ukraine richtete. Schon der Name »Universal« beinhaltete ein politisches Programm, denn so hatten vor der Angliederung an Russland im 17. Jahrhundert die Kosaken-Hetmane ihre Gesetze und Proklamationen bezeichnet. »Lasst die Ukraine frei sein! Ohne sich von ganz Russland zu lösen und ohne mit dem Russischen Staat zu brechen, möge das ukrainische Volk das Recht haben, auf seinem Land sein Leben selbst zu bestimmen«,[28] hieß es in dem Manifest, das außerdem von der Einbe­rufung einer demokratisch gewählten ukrainischen Nationalversammlung sprach, die eine Regierung einsetzen sollte.[29] Wenige Tage später setzte die Zentralrada ein Generalsekretariat unter Leitung des Sozialdemokraten Volodymyr Vynnyčenko als neues oberstes Exekutivorgan der Ukraine ein. Die Provisorische Regierung nannte das Universal »einen Akt der offenen Revolte«. Die russische Presse sprach von einem »Dolchstoß in den Rücken der Revolution«.[30] In der Furcht, dass sich die Ereignisse in der Ukraine weiter verselbständigten und außer Kontrolle gerieten, entschloss sich die Provisorische Regierung jedoch zum Einlenken. Eine Delegation aus den drei Regierungsmitgliedern Cereteli, Tereščenko und Kerenskij reiste nach Kiew und handelte mit der Zentralrada einen Kompromiss aus. Sie erkannte das Generalsekretariat als Regionalverwaltung an und zeigte auch in der Frage der separaten Militäreinheiten Entgegenkommen. Die Provisorische Regierung behielt sich allerdings vor, die Mitglieder des Generalsekretariates in Abstimmung mit der Zentralrada zu bestellen. Die Zentralrada veröffentlichte die erzielten Ergebnisse am 3. Juli in ihrem II. Universal. In Petrograd führte dieses Abgehen vom Prinzip des »ungeteilten Russlands« zu einer ernsthaften Regierungskrise, in deren Folge die Mehrheit der liberalen Regierungsmitglieder der Kadettenpartei zurücktrat. Die neue Regierungskoalition mit Kerenskij an der Spitze versuchte, die Zugeständnisse an die Zentralrada wieder zurückzunehmen und zum alten zentralistischen Kurs zurückzukehren. Sie verabschiedete eine »vorläufige Instruktion«,[31] in der sie die Kompetenzen der Zentralrada auf die einer Auftragsverwaltung reduzierte und territorial zudem auf fünf anstatt neun Gouvernements beschränkte. Sollte nach Ansicht der Zentralrada vom Mai 1917 das Territorium der Ukraine die Gouvernements Kiew, Podolien, Wolhynien, Černigov, Poltawa, Charkiw, Jekaterinoslaw, Cherson und Taurien (mit der heutigen Halbinsel Krim) umfassen,[32] in denen die Ukrainer gemäß der Volkszählung von 1897 die Mehrheit der Bevölkerung stellten,[33] beschränkte die »Instruktion« die Kompetenzen des ukrainischen Generalsekretariates auf die fünf Gouvernements Kiew, Wolhynien, Podolien, Poltawa und Černigov. Die drei südlichen Gouvernements Cherson, Charkiw und Jekaterinoslaw hätten sich noch nicht explizit für einen Anschluss an die Ukraine ausgesprochen und verfolgten der Provisorischen Regierung zufolge wirtschaftliche Bestrebungen zur Bildung eigenständiger Gebietseinheiten.[34] Die Zentralrada wiederum begründete ihren Machtanspruch damit, dass die dort ansässigen Bauern sich auf ihren Konferenzen für die ukrainische Autonomie und die Zentralrada ausgesprochen hätten.[35] Der Kopf der ukrainischen Regierung Vynnyčenko beschrieb die politische Lage später in seinen Erinnerungen wie folgt: »Jeder wusste, dass es kein Frieden war, sondern ein vorläufiger Waffenstillstand und dass ein Kampf folgen würde und musste.«[36] Andererseits war die »Instruktion« nicht in jeder Hinsicht ein Rückschritt, denn erstmalig hatte damit eine russische Regierung das nationale Prinzip als Basis für eine Aufteilung der staatlichen Verwaltung anerkannt und einen Teil ihrer Autorität an ein nationales Organ abgegeben.[37] In den folgenden Monaten spitzte sich der Konflikt zu. Die Rufe nach einer Umwandlung Russlands in eine föderative Republik wurden nicht nur bei den Ukrainern, sondern auch bei Vertretern der anderen ethnischen Minderheiten immer lauter.[38] Ein von der Rada Anfang September organisierter Nationalitätenkongress forderte, dass Russland auf dem national-territorialen Prinzip basieren solle, wobei Nationalitäten ohne Gebietseinheiten, wie den Juden, eine extraterritoriale Personalautonomie gewährt werden solle. Außerdem forderte der Kongress die Einrichtung eines »Nationalitätenrates« bei der Provisorischen Regierung. Auf diesem Kongress versicherte der Radavorsitzende Hruševs’kyj erneut, dass die Zentralrada keinerlei separatistische Bestrebungen hege, und begrüßte die Delegierten mit den Worten: »Es ist ganz offensichtlich kein Zufall, dass der Kongress der Völker in Kiew zusammenkommt. Kiew ist seit Langem ein Herd der Föderativen Idee.«[39] Zunehmend diskutierte man in der Zentralrada nun auch die Einberufung einer ukrainischen Nationalversammlung, woraufhin die Provisorische Regierung Vynnyčenko und zwei weitere Vertreter des Generalsekretariats zu kritischen Gesprächen nach Petrograd beorderte. Die Radadelegation, die am 22. Oktober zu Verhandlungen mit der Provisorischen Regierung nach Petrograd gereist war, wurde dort jedoch Zeuge der Oktoberereignisse. Zu den geplanten Gesprächen kam es deshalb nicht mehr. Nach dem Fall der Provisorischen Regierung vertrieb die Zentralrada gemeinsam mit den Bolschewiki die Truppen der Provisorischen Regierung aus Kiew und gründete ein »Landeskomitee zum Schutz der Revolution in der Ukraine«, dem sich auch die Kiewer Bolschewiki anschlossen.[40] Am 3. November erklärte die Zentralrada das Generalsekretariat zur Staatsregierung der Ukraine und proklamierte am 7. November in ihrem III. Universal[41] die »Ukrainische Volksrepublik« in den Grenzen von neun Gouvernements als Teil einer Russischen Föderativen Republik.[42] Bei der Abstimmung in der Kleinen Rada hatten nicht nur alle ukrainischen, sondern auch die meisten nicht-ukrainischen Parteien, einschließlich der Bolschewiki, für das III. Universal gestimmt, das den föderalistischen Grundsätzen der Zentralrada treu blieb.[43] Indem sie die neue Petrograder Sowjetregierung zwar offiziell nicht als rechtmäßige Vertretung ganz Russlands anerkannte, aber gleichzeitig an einem föderativen Aufbau Russlands festhielt und in Aussicht stellte, sich einer demokratisch gewählten gesamtrussischen Konstituante unterzuordnen, verfolgte die Zentralrada nach der Oktoberrevolution in Petrograd vorerst die Politik der Vermeidung eines militärischen Konflikts.[44] Schon bald brach die kurze Allianz der Zentralrada mit der Petrograder Sowjetregierung, die in erster Linie auf der gemeinsamen Frontstellung gegen die Provisorische Regierung beruht hatte, jedoch wieder auseinander. Die Politik der Bolschewiki in der »ukrainischen Frage« hatte einen starken Kurswechsel vollzogen. Waren Lenin und die bolschewistische Partei als Verfechter des Rechts der Völker auf Selbstbestimmung in Opposition zur Provisorischen Regierung aufgetreten, so wurde die ukrainische Regierung nach der Oktoberrevolution zum bedeutendsten Opponenten der Sowjetmacht. Die Hauptstrategie für die Haltung der Petrograder Sowjetregierung in der »ukrainischen Frage« stammte aus der Feder Stalins, des Volkskommissars für Nationalitätenfragen. Ziel der Bolschewiki war es letztlich, in der Ukraine eine Sowjetregierung einzusetzen, um auf diesem Weg von dort Getreide, Kohle und Eisen für Sowjetrussland bereitstellen zu können. Anfang Dezember begann der Sowjet der Volkskommissare, Vorbereitungen für die militärische Invasion der Ukraine zu treffen. Am 25. Dezember 1917 hatten die Bolschewiki beim Kongress der Sowjets in Charkiw die Ukraine zur Sowjetrepublik erklärt.[45] Im Zuge der sich verschärfenden Konfrontation mit der Petrograder Sowjetregierung erklärte die Zentralrada in ihrem IV. Universal am 12. Januar 1918 die Unabhängigkeit der Ukraine und bildete eine neue Regierung, den Rat der Volksminister, der erstmals von den ukrainischen Sozialrevolutionären dominiert wurde. Damit war die ukrainische Unabhängigkeit zwar nach völkerrechtlichen Gesichtspunkten erreicht, aber »nur formal, aus der Not geboren und keineswegs als Ausdruck eines nationalen Konsenses oder gar als Emanation eines revolutionären nationalen Volkswillens«, wie Rudolf A. Mark betont hat.[46] Es war vor allem die aggressive Politik der Petrograder Sowjetregierung, die ein Festhalten der Zentralrada an ihrem traditionellen föderalen Konzept unmöglich machte. So kommt Rudnytsky sogar zu dem Schluss, dass die Unabhängigkeitserklärung einen Bruch im traditionellen politischen Denken der ukrainischen Politiker bedeutete. Bis zum IV. Universal war seiner Ansicht nach die Idee des Föderalismus als ein fester Bestandteil in der Ideologie der ukrainischen Nationalbewegung verankert gewesen.[47] Die Phase der ukrainischen Unabhängigkeit währte nur wenige Tage, denn schon am 26. Januar 1918 wurde Kiew von Truppen der Petrograder Sowjetregierung eingenommen und die neue Regierung der unabhängigen Ukraine musste nach Schytomyr fliehen. Erst nachdem die ukrainische Regierung einen Separatfrieden mit den Mittelmächten unterzeichnet hatte, der ihr im Gegenzug für Lebensmittellieferungen militärische Hilfe gegen die Bolschewiki zusicherte, konnte sie mit Unterstützung deutsch-österreichischer Truppen im Februar 1918 nach Kiew zurückkehren. Im Friedensvertrag von Brest-Litowsk musste Sowjetrussland am 3. März 1918 die Unabhängigkeit der Ukraine anerkennen.[48]   Das soziale Reformprogramm der Zentralrada Neben nationalen waren seit Sommer 1917 in der ukrainischen Bevölkerung zunehmend soziale Forderungen laut geworden. Vielen reichten die Zugeständnisse der Provisorischen Regierung im Sommer schon nicht mehr aus, denn sie boten keine Lösungen für die dringenden sozialen Probleme, insbesondere die Landfrage. Wie in Russland kam es auch in der Ukraine im Verlauf des Jahres 1917 zu einer spontanen Agrarrevolution; ukrainische Bauern nahmen die Ländereien des polnischen und russischen Adels in ihren Besitz. Zudem zeichnete sich die zunehmende Radikalisierung der Soldaten ab, die immer zahlreicher desertierten. Unter den gewaltsamen Übergriffen marodierender Soldaten litt vor allem die Zivilbevölkerung. Durch ihr Paktieren mit der Provisorischen Regierung hatte sich die Zentralrada in den Augen der ukrainischen Unterschichten zunehmend diskreditiert. Hinzu kam, dass in den Reihen der politisch unerfahrenen ukrainischen Führungsschicht interne Konflikte über das soziale Reformprogramm aufbrachen. Selbst die Ukrainische Sozialrevolutionäre Partei, die die radikalsten agrarrevolutionären Forderungen stellte und als Vertreterin der Bauernschaft primär die Lösung der Landfrage verlangte,[49] besaß kein ausgearbeitetes Agrarprogramm. Innerhalb der Partei schwankten die Mitglieder zwischen zwei sehr unterschiedlichen Ansätzen: zum einen Verstaatlichung und zum anderen Sozialisierung des Landes.[50] In ihrem III. Universal signalisierte die Zentralrada, dass sie die Landfrage radikaler angehen wolle, und proklamierte die Enteignung des Landbesitzes von Adeligen, Klöstern und Kirchen, Staatsbesitz und allen privaten Haushalten, die nicht eigenhändig bearbeitet wurden. Das Land sollte ohne Entschädi­gung an das arbeitende Volk übergehen, wobei aber die konkrete Verteilung des Grund und Bodens der Ukrainischen Konstituante vorbehalten bleiben sollte.[51] Die sozialrevolutionäre Losung von einer »Sozialisierung des Landes« war unter den ukrainischen Bauern sehr populär, die darunter in der Regel eine gesetzliche Rechtfertigung für ihre spontanen Enteignungen verstanden. Um dem Einhalt zu gebieten, verurteilte das Generalsekretariat die eigenmächtige Verteilung von Land, Vieh und landwirtschaftlichem Inventar kurz darauf in einer »Erläuterung« zum III. Universal. Das enteignete Land sollte bis zur Einberufung der Ukrainischen Konstituante an die von der Bevölkerung gewählten Landkomitees übergeben werden.[52] Das Dilemma der Zentralrada bestand darin, dass sie einerseits mit Lenins Landdekret mithalten musste, um die Bedürfnisse der Bauern zu befriedigen, es ihr aber andererseits an dem für eine geordnete Verteilung des Landes erforderlichen Apparat fehlte. Die Politik der Zentralrada bestand im Weiteren darin, ihre Erklärungen in der Landfrage radikal genug zu formulieren, um die Bauern zufriedenzustellen, gleichzeitig aber auch vage genug, um die Einführung späterer Kontrolle nicht auszuschließen.[53] Letztlich blieben alle Versuche der Zentralrada, die ukrainischen Bauern zu führen und zu kontrollieren, erfolglos, und sie musste ihr soziales Reformprogramm den Forderungen der Bauern immer mehr angleichen.[54] Um sich die Unterstützung der ukrainischen Bauern zu sichern, unterstrich die Zentralrada in ihrem IV. Universal noch einmal die entschädigungslose Enteignung und Verteilung des Landes an das arbeitende Volk. Tatsächlich wich das von der Partei der ukrainischen Sozialrevolutionäre bestimmte soziale Reformprogramm der Zentralrada Ende des Jahres 1917 kaum von dem der Petrograder Sowjetregierung ab, mit der die Rada um die Gunst der Bauernmassen konkurrieren musste. Beide Regierungen hatten die zentralen Anliegen der Bauernschaft »Bodenreform« und »Beendigung des Krieges« in ihre Programme übernommen, ebenso wie die Forderung nach einer »Arbeiterkontrolle über die Produktion«.[55] So hatte der jüdische Rechtsanwalt Gol’denvejzer aus Kiew vermutlich gar nicht so unrecht, wenn er in seinen Erinnerungen konstatierte: »Allgemein bestand die Position der herrschenden ukrainischen Parteien darin, dass sie von ihrem Wesen her keineswegs rechter waren als die Bolschewiki – die einen waren für schnellen Frieden und die anderen waren für schnellen Frieden, die einen waren für den unmittelbaren Übergang zum Sozialismus und die anderen waren für den unmittelbaren Übergang zum Sozialismus. Bei den einen war die Macht in den Händen der Sowjets und bei den anderen in den Händen der Zentralrada, die genauso die Vertretung des Proletariats und der ärmsten Bauernschaft darstellte. Aber alle Anstrengungen der Ukrainer, zu zeigen, dass sie genau wie die Bolschewiki waren – dieser Wettkampf im Linksradikalismus endete nicht zu ihren Gunsten.«[56]   Die Minderheitenpolitik der Zentralrada Das I. Universal der Zentralrada hatte sich noch ausschließlich an das »ukrainische Volk, Volk der Bauern, Arbeiter und arbeitenden Menschen« gerichtet, während die in der Ukraine lebenden Minderheiten in dem Manifest nur am Rande Erwähnung fanden.[57] Im Gegensatz dazu sprach das II. Universal bereits alle »Bürger der Ukraine« an, was nicht nur eine rhetorische Floskel war, sondern mit der Aufnahme von Vertretern der Minderheiten in die Zentralrada und das Generalsekretariat einherging.[58] Außerdem entstand innerhalb des Generalsekretariates ein spezielles »Sekretariat zum Schutz der Rechte der nationalen Minderheiten«, geleitet von dem Sozialisten-Föderalisten Oleksandr Šul’hyn und seinen drei Stellvertretern, dem Juden Mojsej Zil’berfarb (Vereinigte Jüdische Sozialistische Arbeiterpartei), dem Polen Mečislav Mickevič (Polnisches National-Demokratisches Zentrum) und einem noch zu benennenden russischen Vertreter.[59] Auch in ihrer Sprachenpolitik gab sich die Zentralrada sehr liberal, wenn sie bestimmte, dass alle Gesetze und Anordnungen in der Ukraine zukünftig sowohl in ukrainischer als auch in russischer, jiddischer und polnischer Sprache veröffentlicht werden sollten.[60] Die erste ukrainische Währung wurde in allen vier Sprachen beschriftet.[61] Mit der Aufnahme der nicht-ukrainischen Minderheiten in ihre Reihen und dem Versprechen kultureller Autonomie versuchte die Rada nicht nur die Unterstützung der Nicht-Ukrainer zu gewinnen, sie vollzog auch einen Wandel von einer nationalen Interessenvertretung zu einem territorialen Vorparlament. Insofern stellte dieser Schritt einen beachtlichen politischen Erfolg dar.[62] Anfang November 1917 wurden die Stellvertreter des Generalsekretärs für Nationalitätenfragen dann zu Kommissaren für jüdische, polnische und russische Angelegenheiten mit vollem Stimmrecht im Generalsekretariat aufgewertet.[63] Nach der ukrainischen Unabhängigkeitserklärung im Januar 1918 richtete man innerhalb der neuen Regierung sogar drei eigenständige Ministerien für jüdische, russische und polnische Angelegenheiten ein.[64] Die Nationalitätenpolitik der Zentralrada basierte auf dem Konzept der »national-personalen Autonomie«, das auf die österreichischen Sozialisten Otto Bauer und Karl Renner zurückgeht. Es sah eine kulturelle Autonomie für ethnische Minderheiten in polyethnischen Staaten vor. Mithilfe von Nationalversammlungen und gewählten nationalen Vertretungsorganen sollte das Konzept nicht nur die kulturellen Interessen von Minderheiten, die ein bestimmtes Territorium kompakt besiedelten, sondern auch von Nationalitäten, die verstreut lebten, wie beispielsweise die Juden, schützen. Die ukrainische Volksrepublik war der erste Staat in der Moderne, der dieses Prinzip umsetzte und Vertreter der Minderheitenparteien in Parlament und Regierung aufnahm.[65] Im III. Universal hieß es dazu: »Das ukrainische Volk, das lange Jahre für seine nationale Freiheit gekämpft hat und sie heute gewonnen hat, wird fest für die freie nationale Entwicklung aller Nationalitäten, die in der Ukraine leben, eintreten. Daher verkünden wir, dass dem großrussischen, jüdischen, polnischen und anderen Völkern in der Ukraine national-personale Autonomie gewährt wird, um ihnen das Recht und die Freiheit der Selbstbestimmung in Fragen ihres nationalen Lebens zu garantieren.« [66] Am 9. Januar 1918 verabschiedete die Zentralrada dann ein Gesetz zur konkreten Umsetzung der national-personalen Autonomie. Es sollte zuerst einmal nur für die drei größten in der Ukraine lebenden ethnischen Minderheiten, Großrussen, Juden und Polen, gelten. Andere ethnische Minderheiten sollten jedoch ebenfalls eingeschlossen werden, wenn sie einen offiziellen Antrag beim Obersten Gerichtshof einreichten, der die Unterschrift von mindestens 10 000 Personen trug. Das Gesetz sah vor, dass sich die Vertreter ethnischer Minderheiten in nationalen Vereinigungen zusammenschließen, ein nationales Register anlegen und ihre Vertreter in allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlen bestimmen sollten. Die ethnischen Selbstverwaltungsorgane sollten das Recht erhalten, ihre Mitglieder zu besteuern und eigene Gesetze zu verabschieden. Außerdem gewährte der Staat ihnen proportional zu ihrem Bevölkerungsanteil Gelder aus dem Staatshaushalt.[67] Die liberale Minderheitenpolitik der Zentralrada stand im Widerspruch zu interethnischen Spannungen, die innerhalb der Bevölkerung der Ukraine aufbrachen und sich vor allem in Form von Terror und Gewalt gegen die Juden entluden. Als es im Herbst 1917 in der Ukraine an verschiedenen Orten zu jüdischen Pogromen und Raub jüdischen Eigentums kam, richtete der Generalsekretär für Nationalitätenfragen Šul’hyn am 18. Oktober einen Aufruf an die ukrainische Bevölkerung, in dem er anmahnte: »Möge jeder Ukrainer wissen und sich daran erinnern: Es ist die Ehrensache unseres Volkes, Recht, Leben und Wohlstand aller Völker zu verteidigen, die in der Ukraine leben. Uns hat man unterdrückt, aber wir dürfen niemanden unterdrücken, denn wir wissen, wie schwer es ist, unter dem Joch zu leben. [...] Die wieder­geborene Ukraine darf keine Pogrome kennen.«[68] Die Zahl antijüdischer Ausschreitungen in der Ukraine blieb 1917 im Vergleich zu den Bürgerkriegsjahren noch gering. Zum Massenphänomen wurden Pogrome erst im Bürgerkriegsjahr 1919.[69]   Fazit Die Zentralrada stützte sich auf das Prinzip einer möglichst breiten Repräsentation der unter­schiedlichsten Bevölkerungsgruppen ohne Diskriminierung auf der Grundlage sozialer, ethnischer oder religiöser Kriterien. Anders als die Provisorische Regierung hatte die Zentral­rada die Vertreter der Sowjets schon sehr früh eingeladen, in ihren Reihen an der Gestaltung der Politik teilzuhaben und erweiterte damit ihre eigene soziale Basis auf die Unterschichten, wenngleich die ukrainische Regierung selbst von Intellektuellen dominiert wurde. Zwar waren sozialistische Parteien in der Zentralrada klar in der Überzahl, dennoch repräsentierte sie eine breite Parteienvielfalt und verfolgte zudem eine liberale Minderheitenpolitik. Obwohl ihr soziales Reformprogramm Ende des Jahres 1917 ähnlich radikal war wie das der Petrograder Bolschewiki, stand die Zentralrada für liberal-demokratische Prinzipien und stellte insofern tatsächlich eine demokratischere Alternative zur Sowjetmacht dar. Es gelang der Zentralrada zwar zunächst, die Unterstützung breiter Bevölkerungsschichten zu gewinnen und die gesamtrussische Politik maßgeblich zu beeinflussen, letztlich scheiterte sie aber an der mangelnden Unterstützung sowohl bei den Bauern als auch in den ukrainischen Städten.[70] Das Konzept der Zentralrada zur national-personalen Autonomie für Minderheiten wurde nicht nur 1919 in Litauen und Lettland erneut aufgegriffen, sondern auch Anfang der 1920er-Jahre in der sogenannten Russischen Fernost-Republik diskutiert.[71] Autonome regionale und lokale Herrschaftsformationen wie die Fernost-Republik, die im Zuge des Bürgerkriegs entstehen konnten, verfolgten unterschiedliche Vorstellungen von Föderalismus sowie Strategien der Integration von Minderheiten und wiesen manchmal auch demokratische Ansätze auf.[72] Die spannende transregionale Verflechtungsgeschichte dieser unterschiedlichen Ideen und Ansätze in Revolution und Bürgerkrieg bedarf noch einer genauen Erforschung. Sie eröffnet nicht zuletzt den Blick auf die eigenständige Beziehungsgeschichte der Peripherien des zerfallenden Russischen Imperiums jenseits des Zentrums.   Der Vortrag wurde am 10. Februar 2016 im Rahmen der Reihe »Talking about a revolution! Die Oktoberrevolution: Geschichte – Instrumentalisierung – Rezeption« gehalten und ist nachzuhören unter: http://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/oktoberrevolution-penter   [1] Siehe D. Raleigh: Revolution on the Volga: 1917 in Saratov, New York 1986; O. Figes: Peasant Russia, Civil War: The Volga Countryside in the Revolution, 1917–1921, Oxford 1989; S. Karsch: Die bolschewistische Machtergreifung im Gouvernement Voronež, 1917–1919, Stuttgart 2006; S. Badcock: Politics and the People in Revolutionary Russia: A Provincial History, Cambridge 2011; T. Penter: Odessa 1917. Revolution an der Peripherie, Köln/Wien 2000; K. Brüggemann: Die Gründung der Republik Estland und das Ende des »Einen und Unteilbaren Russland«: Die Petrograder Front des Russischen Bürgerkriegs 1918–1920, Wiesbaden 2002; M. Hickey: Paper, memory, and a good story. How Smolensk got its’ october, in: Revolutionary Russia 13 (2000), H. 1, S. 1–19; I. Narskij: Žizn’ v katastrofe: Budni naselenija Urala v 1917–1922 gg [Leben in der Katastrophe: Das Alltagsleben der Bevölkerung im Ural in den Jahren 1917–1922], Moskau 2001; A. Retish: Russia’s Peasants in Revolution and Civil War: Citizenship, Identity, and the Creation oft he Soviet State, 1914–1922, Cambridge 2008; G. Tan: Peasant Action and Village Social Organization: The Peasantry of Right-Bank Ukraine during the Revolution, 1917–1923 (Diss.), University of London 1999; L. G. Novikova: Provincial’naja kontrrevoljucija: Beloe dviženie i Graždanskaja vojna na Russkom Severe, 1917–1920 [Provinzielle Konterrevolution: Die Weiße Bewegung und der Bürgerkrieg im russischen Norden, 1917–1920], Moskau 2011; S. Badcock/L. G. Novikova/A. B. Retish (Hg.): Russian Home Front In War And Revolution, 1914–22, Bd. 1: Russiaʼs Revolution In Regional Perspective, Bloomington 2015. [2] Zu den Standardwerken dieser nationalen Sichtweise gehören: J. S. Reshetar: The Ukrainian Revolution, 1917–1920: A Study in Nationalism, Princeton, New York 1952; O. S. Pidhainy: The Formation of the Ukrainian Republic, Toronto 1966; J. Borys: The Sovietization of Ukraine 1917–1923. The Communist Doctrine and Practice of National Self-Determination, Edmonton 1980 sowie T. Hunczak (Hg.): The Ukraine, 1917–1921: A Study in Revolution, Cambridge/MA 1977. Für weitere Literaturhinweise siehe R. A. Mark: Die Ukrainische Revolution 1917–1921. Ein Quellen- und Literaturbericht, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 34 (1986), H. 3, S. 403–419. [3] Zu den wichtigen sowjetischen Arbeiten zählen: A. V. Licholat: Razgrom nacionalističeskoj kontrrevoljucii na Ukraine (1917–1922 gg) [Die Zerschlagung der nationalistischen Konterrevolution in der Ukraine (1917–1922)], Moskau 1954; M. A. Rubač: Očerki po istorii revoljucionnogo preobrazovanija agrarnych otnošenij na Ukraine v period provedenija Oktjabr’skoj revoljucii [Beiträge zur Geschichte der revolutionären Umgestaltung der Agrarverhältnisse in der Ukraine während der Oktoberrevolution], Kiev 1957; N.I. Suprunenko: Ukraïins’ka RSR v period hromadjans’koïi viïny 1917–1920rr. [Die ukrainische RSR in der Periode des Bürgerkrieges 1917–1920], 3 Bde., Kiev 1967–1970; Velikaja Oktjabr’skaja socialističeskaja revoljucija i pobeda sovetskoj vlasti na Ukraine: Chronika važnejšich istoriko-partijnych i revoljucionnych sobytij [Die Große Sozialistische Oktoberrevolution und der Sieg der Sowjetmacht in der Ukraine: Chronik der wichtigsten parteigeschichtlichen und revolutionären Ereignisse], 2 Bde., Kiev 1977–1982. Für weitere Literaturhinweise siehe Mark: Die Ukrainische Revolution (Anm. 2), S. 415–418 und J.-P. Himka: The National and the Social in the Ukrainian Revolution of 1917–20. The Historiographical Agenda, in: Archiv für Sozialgeschichte 34 (1994), S. 95–110. Zur Entwicklung der sowjetukrainischen Historiografie siehe E. Lüdemann: Zur »Lösung der Nationalen Frage« in der sowjetukrainischen Geschichtsschreibung nach 1956, in: Forschungen zur osteuropäischen Geschichte 40 (1988), S. 229–395. [4] Koncepcija novogo učebno-metodičeskogo kompleksa po otečestvennoj istorii [Konzeption eines neuen Lehr- und Methodenkomplexes zur vaterländischen Geschichte], Moskau 2015, S. 50. [5] Siehe dazu die zahlreichen Beiträge in der Zeitschrift Ukraïns’kyj Istoryčnyj žurnal [Ukrainisches Historisches Journal] seit 1991. Für eine genauere Betrachtung der in der Ukraine erschienenen Arbeiten siehe Penter: Odessa 1917 (Anm. 1). [6] Unter anderen F. Golczewski: Deutsche und Ukrainer 1914–1939, Paderborn u.a. 2009; O. Fedyshyn: Germany’s Drive to the East and the Ukrainian Revolution 1917/18, New Brunswick/New York 1971; F. Fischer: Deutsche Kriegsziele, Revolutionierung und Separatfrieden im Osten 1914–1918, in: ders.: Der Erste Weltkrieg und das deutsche Geschichtsbild. Beiträge zur Bewältigung eines historischen Tabus. Aufsätze und Vorträge aus drei Jahrzehnten, Düsseldorf 1977, S. 151 ff.; F. T. Epstein: The Ukrainian Question in 1917–1918, in: Russian Review 31 (1972), H. 3, S. 286–293; D. Saunders: Britain and the Ukrainian Question (1912–1920), in: English Historical Review 103 (1988), H. 406, S. 40–68; W. Bihl: Österreich-Ungarn und die Friedensschlüsse von Brest-Litovsk, Wien 1970; P. Borowsky: Deutsche Ukrainepolitik 1918 unter besonderer Berücksichtigung der Wirtschaftsfragen, Lübeck 1970; M. Stachiv u.a.: Ukraine and the European Turmoil, 1917–1919, 2 Bde., New York 1973; W. Dornik u. a. (Hg.): Die Ukraine zwischen Selbstbestimmung und Fremdherrschaft 1917–1922, Graz 2011. [7] Siehe zu den ukrainisch-jüdischen Beziehungen H. M. Abramson: Jewish Representation in the Independent Ukrainian Governments of 1917–1920, in: Slavic Review (1991), H. 3, S. 542–549; ders.: A prayer for the governments. Jews and Ukrainians in revolutionary times, Cambridge 1999; P. J. Potichnyj/H. Aster: Ukrainian-Jewish Relations in Historical Perspective, Edmonton 1988. Für weitere Literaturhinweise siehe H. Abramson: Historiography on the Jews and the Ukrainian Revolution, in: Journal of Ukrainian Studies 15 (1990), H. 2, S. 33–45. Zu den polnisch-ukrainischen Beziehungen siehe O. S. Pidhaini: The Ukrainian-Polish Problem in the Dissolution of the Russian Empire 1914–1917, Toronto/New York 1962. Zu den Pogromen des Bürgerkriegs siehe O. V. Budnickij: Rossijskie evrei meždu krasnymi i belymi 1917–1920 [Die russischen Juden zwischen den Roten und den Weißen, 1917–1920], Moskau 2006. [8] Siehe D. Dahlmann: Land und Freiheit. Machnovščina und Zapatismo als Beispiele agrarrevolutionärer Bewegungen, Wiesbaden 1986; Ch. Gilley: The Ukrainian anti-Bolshevik risings of spring and summer 1919. Intellectual history in a space of violence, in: Revolutionary Russia 27 (2014), H. 2, S. 109–131; F. Schnell: Räume des Schreckens. Gewalträume und Gruppenmilitanz in der Ukraine, 1905–1933, Hamburg 2012; S. Yekelchyk: Freischärler als Baumeister der Nation? Rebellion und Ideologie im ukrainischen Bürgerkrieg, in: R. Gerwarth/J. Horne (Hg.): Krieg im Frieden. Paramilitärische Gewalt in Europa nach dem Ersten Weltkrieg, Göttingen 2013, S. 177–200. Auch in der ukrainischen Historiografie erfährt das Thema große Aufmerksamkeit. Siehe u.a.: Ju. V. Kotljar: Povstanstvo. Seljansʼkyj ruch na Pivdni Ukraïny (1917–1925) [Aufstand. Die Bauernbewegung in der Südukraine (1917–1925)], Mykolaїv/Odesa 2003; P. P. Zacharčenko/N. I. Zemzjulina/O. V. Nesterov: U pochodi za voleju. Seljansʼko-povstansʼkyj ruch na Pravoberežnij Ukraïni u 1919 r. [Für die Freiheit. Die bäuerliche Aufstandsbewegung in der rechtsufrigen Ukraine im Jahr 1919], Kyїv 2000. [9] Siehe die innovative Untersuchung von Ivan Sablin: Governing Post-Imperial Siberia and Mongolia, 1911–1924: Buddhism, Socialism and Nationalism in State and Autonomy Building, London 2016. [10] Unter dem Hetmanat des 17. Jahrhundert gab es bereits allgemeine Kosaken-Räte sowie Offiziersräte (rada staršyn). Siehe dazu A. Kappeler: Die Kosaken. Geschichte und Legenden, München 2013. Im Zuge der Revolution von 1848/49 wurde dann in Galizien eine »Holovna Rus’ka Rada« (Ruthenischer Hauptrat) ins Leben gerufen, die als erste politische Vereinigung der Ruthenen gilt. Später wurde die Bezeichnung »Rada« immer wieder aufgegriffen, auch von der ukrainischen Nationalbewegung in Russland. Siehe dazu A. Kappeler: Kleine Geschichte der Ukraine, München 1994, S. 124–144. [11] Siehe Kappeler: Kleine Geschichte (Anm. 10), S. 165–186 und H. Altrichter: Rußland 1917. Ein Land auf der Suche nach sich selbst, Paderborn u.a. 1997, S. 462–479. [12] Siehe dazu ausführlich Penter: Odessa 1917 (Anm. 1), S. 254–258. [13] Siehe die von der ukrainischen Akademie der Wissenschaften herausgegebene erste umfassende Quellensammlung zu den Dokumenten der Zentralrada in zwei Bänden: Ukraïns’ka Central’na Rada. Dokumenty i materialy u dvoch tomach [Die ukrainische Zentralrada. Dokumente und Materialien in zwei Bänden], Kyïv 1996/97. [14] Von den 118 auf dem Nationalkongress gewählten Vertretern kamen 60 aus den verschiedenen Gouvernements der Ukraine, 20 waren Vertreter aus gesellschaftlichen, militärischen oder professionellen Organisationen Kiews, je zwei Sitze erhielten die Städte Jekaterinoslaw, Odessa, Charkiw, Moskau und Petrograd, und je fünf Plätze gingen an die gesamtukrainischen Bauern-, Arbeiter- und Studentenorganisationen sowie die Kooperativen. Die restlichen Plätze füllten einzelne Parteiorganisationen aus. Siehe dazu Ukraïns’ka Central’na Rada, Bd. 1 (Anm. 13), S. 64–66. [15] Es wurde aber nicht von allen Mandaten Gebrauch gemacht, sodass die reale Mitgliederzahl der Zentralrada nur bei 639 Deputierten lag. Ebd., S. 12. [16] Ebd., S. 232 f. Weitere 62 Radamitglieder kamen aus militärischen und wirtschaftlichen Organisationen, Berufsverbänden oder ukrainischen politischen Parteien, und die restlichen 202 Plätze (25 Prozent) gehörten den Vertretern der nicht-ukrainischen Minderheiten. Durch die verschiedenen jüdischen und polnischen Parteien waren die Juden mit 50 Sitzen und die Polen mit 20 Sitzen vertreten. Die Russen als größte ethnische Minderheit in der Ukraine besaßen hingegen keine russischen nationalen Parteien. Sie wurden nur indirekt durch die lokalen Parteikomitees der gesamtrussischen Parteiorganisationen der Sozialdemokraten, Sozialrevolutionäre, Kadetten und Volkssozialisten sowie durch die Delegierten aus den Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten repräsentiert. [17] Das politische Spektrum der Partei entsprach allerdings ungefähr dem der Russischen Kadetten, womit sie laut des ukrainischen Sozialdemokraten Vynnyčenko »sozialistisch nur dem Namen nach« war. Siehe V. Vynnyčenko: Vidrodžennja naciï. Istorija ukraïns’koï revoljuciï (marec’ 1917 r. – hruden’ 1919 r.) [Wiedergeburt der Nation. Die Geschichte der ukrainischen Revolution (März 1917 – November 1919)], Častyna I, Kyïv/ Viden’ 1920, S. 250. [18] Siehe Ukraïns’ka Central’na Rada, Bd. 1 (Anm. 13), S. 18 f. [19] Ebd., S. 14; A. A. Gol’denvejzer: Iz Kievskich vospominanij (1917–1920) [Aus den Kiewer Erinnerungen (1917–1920)], in: S. A. Alekseev (Hg.): Revoljucija na Ukraine po memuaram belych [Die Revolution in der Ukraine in den Memoiren der Weißen], Moskau 1930, S. 1–63, hier S. 31 ff. und J. Borys: Political Parties in the Ukraine, in: Hunczak: The Ukraine (Anm. 2), S. 128–158, hier S. 140 f. [20] Siehe Ukraïns’ka Central’na Rada, Bd. 1 (Anm. 13), S. 18–20. [21] Gol’denvejzer: Iz Kievskich vospominanij (Anm. 19), S. 30. [22] Siehe Ukraïns’ka Central’na Rada, Bd. 1 (Anm. 13), S. 18–20. [23] Die Kleine Rada setzte sich im Juli 1917 wie folgt zusammen: 14 ukrainische Sozialrevolutionäre, 14 ukrainische Sozialdemokraten, 5 ukrainische Sozialisten-Föderalisten, 6 Mitglieder der Sozialistischen Jüdischen Arbeiterpartei, 4 Vertreter des Bundes, 4 russische Sozialrevolutionäre, 3 Menschewiki, 3 Zionisten, 2 Vertreter der zionistischen Bewegung Poale Zion, 2 Mitglieder des Polnischen Demokratischen Zentrums, 3 polnische Sozialisten, ein russischer Volkssozialist, ein Kadett und ein Mitglied der ukrainischen Bauernassoziation »Spilka«. Siehe D. Dorošenko: Istorija Ukraïny 1917–1923 gg. [Die Geschichte der Ukraine 1917–1923], Bd. I, Užhorod 1932, S. 119 f. [24] Siehe R. Mark: Die gescheiterten Staatsversuche, in: F. Golczewski (Hg.): Geschichte der Ukraine, Göttingen 1993, S. 172–201, hier S. 181. [25] Siehe I. L. Rudnytsky: The Fourth Universal and Its Ideological Antecedents, in: Hunczak: The Ukraine (Anm. 2), S. 186–219. [26] Allerdings waren sich die Akteure der Zentralrada bereits schmerzlich bewusst, dass die Unterstützung der Soldaten sehr wechselhaft war und sie vor allem Parolen folgten, die ihnen ihren baldigen Abzug von der Front in Aussicht stellten. Siehe Yekelchyk: Freischärler als Baumeister (Anm. 8), S. 182–185. [27] Siehe Altrichter: Rußland 1917 (Anm. 11), S. 469–471. [28] Ukraïns’ka Central’na Rada, Bd. 1 (Anm. 13), S. 101–105; eine englische Übersetzung des I. Universals ist abgedruckt in: Hunczak: The Ukraine (Anm. 2), S. 382–385. [29] Siehe Ukraïns’ka Central’na Rada, Bd. 1 (Anm. 13), S. 104 f. [30] Zit. nach W. Stojko: Ukrainian National Aspirations and the Russian Provisional Government, in: Hunczak: The Ukraine (Anm. 2), S. 4–32, hier S. 16. [31] Der Originalwortlaut der »Instruktion« der Provisorischen Regierung ist nachzulesen in: Ukraïns’ka Central’na Rada, Bd. 1 (Anm. 13), S. 213 f. [32] Ebd., S. 86. [33] Nach Angaben der Volkszählung von 1897 stellten die Ukrainer in den Gouvernements Kiew, Podolien, Wolhynien, Černigov, Poltawa, Charkiw, Jekaterinoslaw und Cherson die absolute Bevölkerungsmehrheit. Zudem waren sie im Gouvernement Taurien mit einem Bevölkerungsanteil von 42 Prozent und im Kuban-Gebiet mit einem Anteil von 47 Prozent die größte ethnische Gruppe, verteilten sich jedoch sehr unterschiedlich auf die einzelnen Kreise. So war der ukrainische Bevölkerungsanteil auf der Krim sehr niedrig, während er in anderen Teilen des Gouvernements Taurien bis zu 74 Prozent erreichte. Siehe dazu A. Bilimovič: Očerki chozjajstvennoj geografii južnoj Rusi [Studien zur wirtschaftlichen Geografie der südlichen Rus’], in: Malaja Rus’ [Kleinrussland], Kiev 1918, S. 44–54, sowie B. Krawchenko: The social structure of the Ukraine in 1917, in: Harvard Ukrainian Studies 14 (1990), S. 97–112. Zum Problem der territorialen Konstituierung der Ukraine 1917 siehe auch den Aufsatz von I.L. Hošuljak: Problema sobornosti ukraïns’kych zemelʼ u dobu Centralʼnoï Rady [Das Problem des Sammelns der ukrainischen Länder in der Zeit der Zentralrada], in: Ukraïns’kyj Istoryčnyj Žurnal (1997), H. 3, S. 26–41. [34] Siehe Ukraïns’ka Central’na Rada, Bd. 1 (Anm. 13), S. 213 f. [35] Ebd., S. 215. [36] Vynnyčenko: Vidrodžennja naciï, Častyna II (Anm. 17), S. 37. [37] Siehe R. Pipes: The Formation of the Soviet Union. Communism and Nationalism 1917–1923, Cambridge/MA 1964, S. 65. [38] Alle politischen Fraktionen innerhalb der Zentralrada, einschließlich der russischen, jüdischen und polnischen, unterstützten diese Forderung. Siehe Ukraïns’ka Central’na Rada, Bd. 1 (Anm. 13), S. 232 f. [39] Ebd., S. 288. [40] Die Zuständigkeit des Komitees sollte sich nun über alle neun Gouvernements erstrecken, in denen mehrheitlich Ukrainer lebten. Ebd., S. 364 f. [41] Der Originalwortlaut des III. Universals ist abgedruckt ebd., S. 398–401. Für die englische Übersetzung siehe Hunczak: The Ukraine (Anm. 2), S. 387–391. [42] Ukraïns’ka Central’na Rada, Bd. 1 (Anm. 13), S. 400. [43] Ebd., S. 396–398. [44] Am 9. November waren die Mitglieder des Generalsekretariats auf einer Sitzung übereingekommen, dass die Petrograder Regierung der Volkskommissare keine Regierung sei, die von der Mehrheit des Volkes getragen werde, und hatten die Einrichtung einer »einheitlichen sozialistischen Regierung« aus Vertretern aller sozialistischen Parteien gefordert. Siehe dazu ebd., S. 404. [45] Siehe zum Konflikt zwischen der Zentralrada und dem Petrograder Sowjet der Volkskommissare ausführlich Penter: Odessa 1917 (Anm. 1), S. 343–360. [46] Mark: Die gescheiterten Staatsversuche (Anm. 24), S. 179. [47] Siehe Rudnytsky: The Fourth Universal (Anm. 25), S. 186–219. [48] Siehe Mark: Die gescheiterten Staatsversuche (Anm. 24), S. 178 f. [49] Siehe Borys: Political Parties (Anm. 19), S. 128–158 sowie Kappeler: Kleine Geschichte der Ukraine (Anm. 10), S. 170 ff. [50] Siehe Mark: Die gescheiterten Staatsversuche (Anm. 24), S. 176. [51] Siehe Ukraïns’ka Central’na Rada, Bd. 1 (Anm. 13), S. 400 f. [52] Ebd., S. 450. [53] Siehe I. Kamenetsky: Hrushevsky and the Central Rada, in: Hunczak: The Ukraine (Anm. 2), S. 33–60, hier S. 40, 48. [54] Siehe Kappeler: Kleine Geschichte der Ukraine (Anm. 10), S. 180 f. [55] Alle drei Forderungen proklamierte die Zentralrada in ihrem III. Universal. Die »Arbeiterkontrolle« definierte sie jedoch klar als »staatliche Kontrolle über die Produktion«, während Lenins Dekret in Bezug auf die konkrete Gestalt der Kontrolle vage blieb. Siehe Ukraïns’ka Central’na Rada, Bd. 1 (Anm. 13), S. 398–401. [56] Golʼdenvejzer: Iz Kievskich vospominanij (Anm. 19), S. 24. [57] Siehe Ukraïns’ka Central’na Rada, Bd. 1 (Anm. 13), S. 104 f.; eine englische Übersetzung des I. Universals ist abgedruckt in: Hunczak: The Ukraine (Anm. 2), S. 384 f. [58] Siehe Ukraïns’ka Central’na Rada, Bd. 1 (Anm. 13), S. 171. [59] Ebd., S. 179. [60] Ebd., S. 182. [61] Ebd., S. 493 sowie die Abbildung eines ukrainischen Geldscheins in: Encyclopedia of Ukraine, Bd. 1, Toronto 1984, S. 632. [62] Die Aufnahme der Minderheiten in die Zentralrada und das Generalsekretariat gehörte allerdings auch zu den Auflagen der Provisorischen Regierung für die Anerkennung der ukrainischen Autonomie. Siehe Ukraïns’ka Central’na Rada, Bd. 1 (Anm. 13), S. 214. [63] Ebd., S. 381. [64] Ebd., S. 20. [65] Zum Konzept der national-personalen Autonomie siehe Borys: Political Parties (Anm. 19), S. 152. [66] Ukraïns’ka Central’na Rada, Bd. 1 (Anm. 13), S. 400 f. [67] Siehe zum genauen Wortlaut des Gesetzes ebd., Bd. 2, S. 99–101. [68] Ebd., Bd. 1, S. 354 f. [69] Siehe zu den Pogromen: O. V. Budnickij: Rossijskie evrei meždu krasnymi i belymi 1917–1920 (Anm. 7); H. M. Abramson: A prayer for the governments. Jews and Ukrainians in revolutionary times, Cambridge 1999; ders.: Jewish Representation in the Independent Ukrainian Governments of 1917–1920, in: Slavic Review 50 (1991), H. 3, S. 542–550; Schnell: Räume des Schreckens (Anm. 8). [70] Siehe dazu ausführlich am Beispiel Odessas: Penter: Odessa 1917 (Anm. 1). [71] Siehe Rossiiskii gosudarstvennyi istoricheskii arkhiv Dalʼnego Vostoka/Russländisches historisches Staatsarchiv für den Fernen Osten, (RGIA DV), f. R-1468, op. 1, d. 41, l. 52. Für den wertvollen Hinweis danke ich Ivan Sablin. [72] Siehe für die Region Sibirien: Sablin: Governing Post-Imperial Siberia and Mongolia (Anm. 9).

JHK 2017

Die Oktoberrevolution und ihre Bilder in den Köpfen

Anna Bohn und Thomas Lindenberger

Die Oktoberrevolution 1917 regte eine enorme Bildproduktion an: Fotografen und Kameramänner, bildende Künstler und Regisseure fixierten auf vielfältige Weise und zuweilen als unmittelbar Beteiligte oder Zeitzeugen die dramatischen Ereignisse des Jahres 1917 in Bildern oder reinszenierten das Geschehen. Insbesondere in russischen Archiven und Kunstsammlungen, aber auch in durch Emigrationsbewegungen weltweit verstreuten Sammlungen gibt es immer noch Fotografien, Filmausschnitte und andere visuelle Darstellungen aus den Jahren dieser großen sozialen und politischen Umwälzung zu entdecken. Ein Jahrhundert nach den »zehn Tagen, die die Welt erschütterten« figurieren jedoch nur wenige von ihnen als jene »Bilder in den Köpfen«, die vielen sofort einfallen, wenn sie an die Oktoberrevolution denken: die nächtliche Erstürmung des Winterpalais durch Arbeitermilizen und Soldaten, das Porträt des glattrasierten Revolutionsführers Lenin aus der Zeit seines Lebens im Untergrund oder Lenin in dynamischer Rednerpose, seine überragende Gestalt als Massenredner, schließlich noch einige Porträts der bekanntesten Bolschewiki – darauf konzentrierte sich recht bald der Kanon der Bilder, der die kollektiven Vorstellungen von der Oktoberrevolution über Jahrzehnte hinweg bis heute prägen sollte. Als »offiziellen« Bildern kam ihnen zugleich eine repräsentative Funktion zu: Sie wurden Teil der Legitimierung der neuen Herrschaftsordnung, der von der selbsternannten Avantgarde der Massen, der Partei der Bolschewiki, errichteten Diktatur des Proletariats. Die Oktoberrevolution eignet sich in idealer Weise, um das Ineinandergreifen von massenmedialer Kommunikation, Machtpolitik und kollektiven Vorstellungen historischer Schlüsselereignisse zu diskutieren. Dabei betrifft dies keineswegs nur die russische Geschichte. Wie die Französische Revolution, als deren antithetische Fortsetzung sie von den Bolschewiki gesehen wurde, galt sie rasch als Weltereignis, das sich mittels eines begrenzten Kanons an Bildern und Erzählungen in die Vorstellungswelt europäischer wie außereuropäischer Gesellschaften einschrieb. Von der Entstehung, ja gezielten Verfertigung dieses Kanons durch die Repräsentanten der Sowjetmacht vor allem während der ersten zwei Jahrzehnte ihrer Existenz soll im Folgenden die Rede sein. Der Terminus »Oktoberrevolution« oder »Roter Oktober« ist – insbesondere wenn damit nur die Ereignisse Ende Oktober (nach altem julianischem Kalender) 1917 in Petrograd gemeint sind – für sich genommen schon eine mythische Überhöhung konkreter Ereignisse. Während nur weniger Tage setzte der von den Bolschewiki geführte Petrograder Arbeiter- und Soldatenrat mit militärischen Mitteln die Provisorische Regierung der gemäßigten Revolutionäre ab und bildete eine neue russische Regierung, den Rat der Volksbeauftragten. Rein technisch gesehen handelte es sich also um einen Staatsstreich in einer Hauptstadt, deren Bevölkerung davon zunächst kaum Notiz nahm, in einem Staat, der sich in Auflösung befand, und mit Anführern, die noch keinen genauen Plan dafür hatten, wie sie in den kommenden Wochen und Monaten aus diesem gelungenen Coup dʼÉtat heraus tatsächlich eine tiefgreifende Umwälzung der Gesellschaft ins Werk setzen würden.[1] Nur in einem waren sie absolut zielstrebig und selbstbewusst: Die einmal errungene Macht würden sie mit allen Mitteln und um jeden Preis verteidigen. Zu den Mitteln gehörte neben Gewalt und Terror auch die Macht der Bilder. Zu fragen ist also: Wie wurde aus diesen verworrenen, von Chaos, Zufall und Improvisation gekennzeichneten Ereignissen im Oktober 1917 in Petrograd ein bis heute ungebrochen gültiger Bild-Mythos der Russischen Revolution? Die globale Wirkmächtigkeit der Bilder dieser Revolution im Vergleich zu vorhergehenden »großen Revolutionen« ist auch einem medienhistorischen Umstand zu verdanken: Diese Revolution war – neben ihrem Vorläufer, der gescheiterten Revolution von 1905, und der 1910 beginnenden Revolution in Mexiko – das erste revolutionäre Großereignis, das vor allem durch Fotografie und Film, weniger durch Gemälde und Lithografien, im visuellen Gedächtnis verankert wurde. Die Ikonen der Russischen Revolution beruhen vor allem auf Fotografien und Filmaufnahmen. Diese Revolution ereignete sich in der Zeit, in der der Film zum visuellen Massenmedium schlechthin aufstieg. Er wandelte sich ausgerechnet in diesen Jahren, also dem zweiten und dritten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, vom kurzlebigen Jahrmarktvergnügen zu einem den Tageszeitungen und Illustrierten ebenbürtigen Aktualitäts- und Unterhaltungsmedium und zugleich zu einer eigenständigen Kunstgattung. Zu dieser sich in allen großen »Filmnationen« dieser Zeit vollziehenden Entwicklung trug die junge russische bzw. sowjetische Filmkunst und ihre Behandlung des aktuellen Zeitgeschehens, darunter des Roten Oktober, entscheidend bei. Die Filmkritiker in den westlichen Hauptstädten feierten die »Russenfilme« oft auch unabhängig vom politischen Inhalt als Meilensteine des Filmkunstschaffens. Die »Bilder in den Köpfen« stehen im Fall der Oktoberrevolution also nicht nur für ein bestimmtes politisches Ereignis, sondern zugleich für eine Revolution in der frühen Geschichte des Films. Welche Bilder kommen einem in den Sinn, wenn man an die Oktoberrevolution denkt? Vor unserem inneren Auge entstehen Eindrücke von Fotografien oder Filmsequenzen, auf denen Volksmassen das Winterpalais stürmen oder Lenin als Redner zu sehen ist. Die meisten der bewegten Bilder, die diesen virtuellen Vorstellungen der Oktoberrevolution bis heute zugrunde liegen, sind nicht als Aufnahmen des Originalgeschehens, sondern als Spielfilmaufnahmen entstanden. Ausschnitte dieser Filme in Form von Standbildern fanden ebenfalls als vorgeblich »authentische« Illustrationen des historischen Geschehens ihren Weg in Geschichtsbücher, Fernsehdokumentationen und Webportale. Die Tatsache, dass diese Revolution über mehrere Generationen hinweg vor allem mithilfe von Spielfilmmaterial bebildert wurde, bringt eine Problematik mit sich, die für die gemalten und gezeichneten Bilder früherer Revolutionen, etwa der Französischen Revolution, noch nicht gegolten hatte: Die Bilder des Roten Oktober beanspruchten von Anfang an einen hohen dokumentarischen Wert. Sie sollten authentisch wirken, sie sollten für eine detail- und wahrheitsgetreue Abbildung des Ereignisses selbst stehen – obwohl sie nicht als Aufnahmen des Originalgeschehens entstanden waren. Folgerichtig werden bis heute einige der bekannten inszenierten Massenszenen aus Spielfilmen in historischen Dokumentationen auch unkommentiert als Aufnahmen des Originalgeschehens gezeigt. Selbst wenn der Vollständigkeit halber darauf hingewiesen wird, dass es sich beim Gezeigten um eine nachträgliche Inszenierung am Originalschauplatz handelt, kann sich kaum jemand der Suggestivkraft dieser Filmbilder entziehen. Schließlich sind wir es im Fernseh- und Internetzeitalter gewohnt, dass derartige Bilder auch die originalen Ereignisse zeigen können. Im Folgenden wird an einigen ikonischen Darstellungen der Oktoberrevolution gezeigt, wie das Medium Film und das Schlüsselereignis Roter Oktober einander begegneten, und welche Folgen diese Begegnung für das Bildgedächtnis dieses Ereignisses hatte. In einem ersten Schritt liegt der Schwerpunkt auf den Bildern des Roten Oktober, die Fotografen, Theaterregisseure und Filmemacher in den ersten zehn Jahren nach 1917 in der jungen Sowjetunion erzeugten, und die dann, gestützt auf die Propagandapolitik der Sowjetunion, in der ganzen Welt verbreitet und rezipiert wurden. In einem zweiten, kürzeren Schritt wird das daran anknüpfende, zur Hochzeit des Stalinismus im Zeichen des Personenkults modifizierte Bild von der Russischen Revolution und dessen abermalige Veränderung nach dem Einsetzen der Entstalinisierung vorgestellt. Abschließend werfen wir einen Blick auf einige Bilder der Oktoberrevolution sowohl sowjetischer, aber auch westlicher Herkunft, die außerhalb dieses auf die Tage des Roten Oktober im Jahr 1917 ausgerichteten Kanons stehen.   Der Rote Oktober als Inszenierung des Authentischen Wie Frederick Corney in seiner Studie Telling October. Memory and the Making of the Bolshevik Revolution anhand archivalischer Überlieferungen herausgearbeitet hat, war den Bolschewiki schon sehr früh klar, dass sie die Ereignisse um die Nacht des 25. auf den 26. Oktober 1917 zum Schlüsselereignis ihrer Herrschaftsideologie machen müssten.[2] Dazu bedurfte es eines Narrativs, das vor allem eine unumstößliche Wahrheit überbrachte: Die Revolution war demnach das Werk der unauflösbaren Einheit der Führung durch die Bolschewiki und der Volksmassen. Legitimer Ausdruck dieser Einheit waren die von Arbeitern, Soldaten und Bauern gewählten Räte, die Sowjets. Die einfache Botschaft stellte beileibe keine Selbstverständlichkeit dar, denn die Bolschewiki waren ja zunächst nicht die stärkste Fraktion im linken Lager der Revolution gewesen, sondern nur die radikalste und am besten organisierte. Diese Einheit – von Bolschewiki, Sowjets und Volksmassen – galt es anhand von Schriftzeugnissen und Erinnerungen zu dokumentieren. Dazu wurde eigens eine »Kommission für die Sammlung und zum Studium von Materialien zur Geschichte der Oktoberrevolution und der Kommunistischen Partei«, »Istpart«, ins Leben gerufen. Zugleich sollte sie »ins Bild« gesetzt werden, um sie noch effektiver in die zu großen Teilen noch nicht alphabetisierten Massen tragen zu können. Bei der Erstellung dieses Narrativs in den Jahren unmittelbar nach 1917 kam den Bolschewiki ein glücklicher Umstand zu Hilfe: die packend geschriebene Reportage des US-amerikanischen Journalisten John Reed, der ohne Parteiauftrag, aber aus der Sicht der Bolschewiki, die Ereignisse unmittelbar vor und nach dem Militärputsch in seinem Buch Ten Days that Shook the World als Augenzeuge beschrieb.[3] Versehen mit einem kurzen Vorwort von Lenin, der es jedem Proletarier in der Welt zur Lektüre empfahl, wurde es ab 1919 binnen Kurzem ein internationaler Bestseller. Damit stand den Revolutionären, noch bevor sie den Bürgerkrieg gewonnen hatten, ein literarisches Denkmal zu Verfügung, das nur noch seiner Verfilmung harrte.   (Film-)Bilder des Roten Oktober Den ersten Kulminationspunkt der Bemühungen um ein allgemeingültiges Filmbild des Roten Oktober stellten die Feierlichkeiten zum zehnten Jahrestag des Oktoberaufstandes am 7. November 1927 (nach dem seit 1918 geltenden gregorianischen Kalender) dar. Er spielt für die Bilder der Oktoberrevolution »in den Köpfen« bis heute eine zentrale Rolle. Wie bereits 1925, als der Spielfilm Panzerkreuzer Potemkin (Bronenosec Potemkin) im Staatsauftrag produziert wurde, um als das Hauptschauspiel zum feierlichen Gedenken an die Ereignisse des Jahres 1905 zu dienen, sollte auch der zehnte Jahrestag der Oktoberrevolution mit einer repräsentativen Filmaufführung im Bolschoi-Theater begangen werden. Rechtzeitig zur Aufführung am 7. November 1927 wurden zwei Filme fertiggestellt: der unter Regie von Vsevolod Pudovkin gedrehte Spielfilm Das Ende von Sankt Petersburg (Konec Sankt Peterburga) und der Kompilationsfilm Der große Weg (Velikij putʼ) von Esfir Schub.[4] Der unter Regie von Boris Barnet gedrehte Film Moskau im Oktober (Moskva v Oktjabre), eine Produktion des Studios Meschrabpom-Rus, kam ebenfalls zum 7. November in den Verleih.[5] Der für die Bilder der Revolution in den Köpfen bis heute bedeutendste Film ist allerdings Oktober (Oktjabrʼ) von Sergej Eisenstein und Grigori Alexandrow. Eisenstein hatte von der Jubiläumskommission des Zentralen Exekutivkomitees den Auftrag für den Film erhalten, konnte ihn jedoch nicht rechtzeitig zum Jubiläum fertigstellen. Am 7. November 1927 wurden im Experimentaltheater des Bolschoi-Theaters daher nur einige Teile gezeigt. Erst Monate später, am 14. März 1928, kam er dann in den sowjetischen Verleih und trat seinen Siegeszug um die Welt an. Der Grund für diese Verzögerung liegt in der Entstehungsgeschichte des Werks. Der erwähnte Auftrag war bereits anderthalb Jahre zuvor, im Frühjahr 1926, erteilt worden. Damals stellte man sich die Frage: »Wer kann ›Zehn Tage, die die Welt erschütterten‹ verfilmen?« In der Ausgabe der Zeitschrift Kino vom 2. März 1926 stand zu lesen: »Ein solches historisches Denkmal ist unbedingt notwendig und müßte so gemacht sein, daß es für alle Zeiten erhalten bleibt. Gut inszeniert kann der Film nur jetzt werden, wo die Teilnehmer der Ereignisse noch am Leben und Handlungsplätze wie Denkmäler noch nicht vom Zahn der Zeit vernichtet sind.«[6] Das Bewegtbild-Denkmal sollte sich also auf die Authentizität sowohl der Akteure als auch der Dinge stützen und diese zu einer Inszenierung zusammenfügen. Um diese Authentizität inszenieren zu können, wollte man sich natürlich auch der Fotografien und Filmaufnahmen vom Originalgeschehen bedienen – die aber kaum vorhanden waren. Bei umstürzlerischen Aktionen im Oktober 1917 wie der Erstürmung des Winterpalais, den Straßenkämpfen, der Versammlung des zweiten Allrussischen Kongresses der Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten oder den konspirativen Zusammenkünften des Militär-Revolutionären Komitees im Smolny waren keine Kamerateams zugegen gewesen. Ein Gutteil der Aktionen fand außerdem in der Nacht statt, also unter schlechten Lichtverhältnissen, die sich angesichts der damaligen technischen Möglichkeiten nicht für spontane Filmaufnahmen eigneten. Zwar wurde im Jahr 1917 seit der Februarrevolution in Petrograd sowohl von russischen als auch von ausländischen Kameraleuten gefilmt und fotografiert, dabei handelte es sich aber in der Regel nur um Ereignisse, die sich tagsüber zutrugen, und nur selten um das Kampfgeschehen selbst. Einige Fotodokumente der Ereignisse des Jahres 1917 erlangten weltweite Berühmtheit, darunter die Fotografie von Viktor Bulla vom 4. Juli 1917, als die Provisorische Regierung Teilnehmer einer friedlichen Massendemonstration an der Kreuzung Sadowaja/Newski Prospekt niederschießen ließ (Abb. 1).[7] Die Filmszenen der Massenpanik an der Straßenkreuzung inszenierte Eisenstein 1927 unter Rückgriff auf die am 4. Juli 1917 entstandenen fotografischen Aufnahmen (Abb. 2).[8] Der Eindruck der Authentizität ließ sich aber noch anders erzeugen: Am 1. Mai 1927 filmte das »Eisenstein-Team […] die zur Ersten-Mai-Demonstration über die Troickij-Brücke marschierenden Demonstrationszüge (Abb. 3), wobei den vorderen Kolonnen Fahnen und Losungen des Jahres 1917 ausgehändigt worden waren. Es kam eine eindrucksvolle und überzeugende Massendemonstration gegen die Provisorische Regierung heraus.«[9] Dokumentarische Filmaufnahmen aus dem Jahr 1917 waren in Russland zwar erhalten geblieben, allerdings nicht in ihren originalen Zusammenhängen, sondern verstümmelt und in späteren Umschnitten überliefert. Im Russischen Staatsarchiv für Film- und Fotodokumente enthält beispielsweise die Sammlung »Der Oktoberaufstand« (Oktjabrʼskij perevorot) dokumentarische Aufnahmen des Jahres 1917.[10] Sie zeigen die revolutionären Ereignisse lediglich im Nachhinein, darunter z.B. Einschüsse in den Mauern des Winterpalais in Petrograd oder Spuren der Straßenkämpfe in Moskau sowie die Beerdigung von Opfern des Aufstands.[11] Zudem liegen Archivmaterialien der historischen Ereignisse fragmentiert vor, da die Propagandisten der jungen Sowjetmacht sie mehrfach zu Kompilationsfilmen neu zusammenschneiden und bearbeiten ließen, um ihre Sicht auf die historischen Ereignisse darzustellen. Als vielleicht prominentestes Beispiel für diese Praxis kann ein Film gelten, der im Frühjahr 1927 zum zehnten Jahrestag der Februarrevolution in die Kinos kam: Der Fall der Dynastie Romanov (Padenie dinastii Romanovych). Es handelt sich um den ersten in Eigenregie montierten Film der Schnittmeisterin Esfir Schub. Er zeigt den Fall der Zaren-Dynastie aus der Sicht der Bolschewiki. Schub griff dabei auf originale Filmmaterialien aus dem Archiv des Zaren Nikolaus II. zurück, die sie 1926 in einem Filmlager in Leningrad gefunden hatte und die aus russischen und ausländischen Wochenschauen aus der Zeit von 1912 bis 1917 stammten. In dem Film wird, so Schub, die Februarrevolution »als Aufstand von Millionen von Arbeitern und Bauern gegen die historisch überlebte Selbstherrschaft betrachtet und als Etappe auf dem Weg zur Machtergreifung der Werktätigen im Oktober 1917«.[12] Schub war geübt darin, Filmmaterialien im Geiste der sowjetischen Ideologie umzuschneiden und neu zu montieren. Sie hatte in den Jahren 1922 bis 1925 als Schnittmeisterin ausländische Filme, die aus Sicht der Bolschewiki von »bourgeoiser Ideologie durchdrungen« waren,[13] ummontiert und mit neuen Zwischentiteln versehen. In dieser völlig veränderten Form gelangten die Filme in den sowjetischen Verleih. Esfir Schub war zugleich Sergej Eisensteins Lehrmeisterin im Filmschnitt. Er hatte von ihr beim Umschnitt von ausländischen Spielfilmen das Handwerk der Montage gelernt und mit ihr den Film Dr. Mabuse, der Spieler von Fritz Lang für den sowjetischen Verleih neu montiert. Als eine weitere Quelle für Eisensteins Oktober-Film ist schließlich das inszenierte Massenspektakel, das Re-enactment der Revolution, zu nennen. Es handelte sich dabei um die erste und ursprünglichste Form der Revolutionsfeier. Während 1918 und 1919 die Jahrestage des 7. November noch ganz im Zeichen des Bürgerkriegs und der durch ihn bedingten Mangelsituation gestanden hatten – zur Feier des Tages gab es neben Umzügen und Ansprachen vor allem extra Lebensmittelrationen –, konnte 1920, nachdem der Bürgerkrieg im europäischen Teil Russlands beendet war (im Osten dauerte er noch bis 1922), die Botschaft des Roten Oktober erstmals in großem Stil versinnbildlicht werden. Mit der Inszenierung von Massenschauspielen begegnete die Theaterkunst der Herausforderung, dem Weltereignis »Oktoberrevolution« gerecht zu werden. Nikolaj Evreinovs Inszenierung der Erstürmung des Winterpalais (Vzjatie zimnego dvorca) anlässlich der Oktoberfeierlichkeiten 1920 bildete den Höhepunkt dieser Bemühungen. »Proletkult-Schauspieler und 8000 Komparsen (Rotfront-Soldaten, Matrosen, Schauspielschüler) waren beteiligt«, heißt es in der 1933 erschienenen Geschichte des sowjetischen Theaters.[14] »Für die Inszenierung wurden an den Seiten des Bogens des Generalstabs zwei Bühnen errichtet, die mit gigantischen, bis zum zweiten Stock der Nachbargebäude reichenden Dekorationen bemalt und durch eine bogenförmige Brücke verbunden waren. Die eine war die ›Bühne der Roten‹, die andere die ›Bühne der Weißen‹. Das Prinzip der Gegenüberstellung der durch einen Übergang verbundenen Bühnen, das das Theatralisch-dramaturgische Atelier der Roten Armee erfunden hatte, war hier in einen riesigen Maßstab überführt worden. Aber als ›dritte Bühne‹ wurde das reale Objekt des Oktobersturms hinzugefügt – das Winterpalais. Dadurch kam ein Moment außerkünstlerischer Realität in die Inszenierung, das charakteristisch ist für die Weltanschauung Nikolaj Evreinovs, des Ideologen der ›Theatralisierung des Lebens‹.«[15] Der enorme personelle Aufwand und die generalstabsmäßige Durchführung mitten in der Zeit des Kriegskommunismus verdeutlichen das enorme politische Gewicht, das die Bolschewiki dieser Inszenierung beimaßen.[16] Nikolaj Evreinov beschrieb das gigantische Schauspiel so: »Es dröhnt ein Kanonenschuß. Auf der weißen Plattform flammt das Licht auf und erleuchtet die baufälligen Mauern des alten Saals. Auf der Erhöhung nimmt die Übergangsregierung mit Kerenskij an der Spitze unter den Tönen einer falschen Marseillaise die Vertrauensbezeugungen von Seiten der ehemaligen Würdenträger, Generäle und Finanziers entgegen. Auf der roten Plattform, vor dem gemalten Hintergrund von Fabriken aus Ziegelstein, hört das Proletariat, das sich noch nicht organisiert hat, angespannt zu. Unsicher erklingt die Internationale, und bei diesen Klängen hört man plötzlich Schreie aus der Menge, anfangs nur vereinzelt, dann schon aus hunderten von Kehlen: ›Lenin! Lenin!‹ Indessen vergeht auf der weißen Plattform die Zeit mit allen möglichen Sitzungen, auf der roten vereint sich das Proletariat um seine Führer herum. Es folgt eine Darstellung der Julitage und des Kornilov-Aufstandes. Danach flieht die Übergangsregierung, nur von Junkern und einem Frauenbataillon bewacht, in das Winterpalais. Da geht ein Licht in den Fenstern der letzten Zitadelle Kerenskijs an. Die Roten rücken in Kampfformation in Richtung Winterpalais vor. Unter dem Torbogen des Generalstabs stürzen die Panzerspähwagen und die gesamte Rote Garde des damaligen Petrograd hervor. Ihr gemeinsames Ziel: das Winterpalais.«[17] Es ist anzunehmen, dass Eisenstein, der zu Beginn der 1920er-Jahre selbst vom Theater zum Film kam, das Filmfragment der Aufführung kannte und Zugang zu den Skizzen und Regieplänen Evreinovs hatte.[18] Der Film Oktober wurde an Originalschauplätzen gedreht, darunter auch vor und in dem Winterpalais. Der Revolutionsteilnehmer Nikolaj Podvojskij hatte während der Erstürmung des Winterpalais im Jahr 1917 das Petrograder Militärische Organisationskomitee geleitet. Als historischer Augenzeuge war er bereits beim Massenschauspiel Evreinovs im Jahr 1920 Berater gewesen. Bei den Dreharbeiten zum Film Oktober unterstützte er ihn nicht nur bei der Planung und Suche nach den Drehorten, sondern wirkte auch selbst im Film als Darsteller mit: Er spielte sich selbst und ließ zugleich seine Beziehungen spielen, um bürokratische Hemmnisse mit dem Studio Sovkino zu beseitigen. Diese Szenen der Erstürmung des Winterpalais werden in Ermangelung dokumentarischer Aufnahmen überaus häufig in Dokumentationen der Oktoberrevolution verwendet. In der Realität des Jahres 1917 war das Geschehen weit weniger spektakulär. Die Einnahme des Winterpalais geschah quasi durch den Hintereingang. Neben der literarischen Vorlage von John Reed und Augenzeugenberichten konnte Eisenstein bei der Ausarbeitung des Drehbuchs historische Materialien zu den Ereignissen nutzen, die der Historiker Aleksej Efimov, ebenfalls als Berater tätig, in chronologischer Abfolge zusammengestellt hatte.[19] Die Anmutung der Authentizität erlangte der Spielfilm nicht nur durch die Außen- und Innenaufnahmen an den realen Schauplätzen und dadurch, dass einige Teilnehmer der Oktoberrevolution im Spielfilm mitwirkten oder dass für die Massenszenen Tausende von Menschen von Partei und Komsomol über Stadtbezirkskomitees mobilisiert wurden. Sie ergibt sich auch daraus, dass Eisenstein bei der Komposition der Einstellungen des Oktober-Films auf historische Fotografien und Wochenschau-Aufnahmen zurückgriff, sich die Bildsprache also an der dokumentarischen Filmweise von Chroniken und Wochenschauen orientierte. Eduard Tissė, der Kameramann, hatte in der Zeit des Ersten Weltkriegs und des russischen Bürgerkriegs als Kriegsberichterstatter gearbeitet. Zur sorgfältigen Inszenierung des Authentischen gehörte ferner eine geeignete und für damalige Verhältnisse sehr aufwändige Technik. Die Erstürmung des Winterpalais fand bekanntlich nachts statt. Um die Massenszenen auch am Originalschauplatz drehen zu können, bedurfte es nicht nur einer Beleuchtungsstärke von 20 000 Ampere, die für damalige Produktionsverhältnisse ungeheuer war und in der Sowjetunion erstmals eingesetzt wurde. Auch eine neue Kameraausrüstung war erforderlich, die Eduard Tissė eigens in Berlin besorgte. Die wesentlichen Szenen der Erstürmung des Winterpalais wurden innerhalb von zehn Tagen im Juni 1927 gedreht. Eisenstein dokumentierte sie in seinem Tagebuch: »Über ein Spinnennetz von Telefonen verbindet die Nachrichtenabteilung die Beleuchter mit einer Elektro-Zweigzentrale, die Elektro-Zweigzentrale mit einer Kolonne, die Kolonne mit dem Torbogen, den Torbogen mit der Kommandostelle des Regisseurs.«[20] Wir können also anhand verschiedener Details die Arbeitsweise Eisensteins nachvollziehen, mit der er mit viel Akribie den Gesamteindruck einer tatsächlichen Nähe zum historischen Geschehen selbst erzeugte. Zugleich zeichnet sich Oktober mit seinen assoziativen Montagen durch eine über den dokumentarischen Gestus weit hinausgehende Argumentation aus. Das ist dem Film von einigen Zeitgenossen auch als Formalismus vorgehalten worden und hat später zu seiner Zurückziehung aus dem innersowjetischen Verleih beigetragen. Die authentische Anmutung zahlreicher Details erweist sich also bei auch nur etwas genauerem Hinsehen als ein äußerst sorgfältig gefertigtes Konstrukt im Dienste der großen Saga, des Narrativs von der unverbrüchlichen Einheit der Geschichte machenden Volksmassen und der Führung der Bolschewiki.   1927 – Revolution, Retusche und Re-Edition Als es im November 1927 zur ersten Aufführung des Films Oktober kommen sollte, tobte innerhalb der Führung der Bolschewiki allerdings ein Kampf um die Macht, der auch ein Kampf darum war, wer sich legitimerweise auf den Roten Oktober berufen konnte. Damit verbunden sind die zahlreichen Manipulationen und Bearbeitungen, die an diesem und anderen Filmen vorgenommen wurden, um sie mit den sich jäh wandelnden Lesarten der Parteigeschichte in Übereinstimmung zu bringen. Das prominenteste Beispiel ist bekanntlich die in mehreren Raten erfolgte Entfernung von Leo Trotzki aus dem Roten Oktober sowie aus Darstellungen der Revolution insgesamt. Grigori Alexandrow, Co-Regisseur des Films, beschreibt in seinen Jahrzehnte nach Eisensteins und Stalins Tod veröffentlichten Erinnerungen, Stalin persönlich sei am Nachmittag des 7. November 1927 in den Schneideraum gekommen. Er habe gefragt, ob Trotzki in dem Film zu sehen sei, und sich die Szenen vorführen lassen. »Ein Film mit Trotzki darf heute nicht gezeigt werden«, so angeblich seine Reaktion. Eisenstein habe in der Folge die Episoden mit Trotzki herausgeschnitten; zur Aufführung kam an dem Abend statt eines Films in zwei Teilen lediglich ein Fragment.[21] Wenn auch die Darstellung Alexandrows von vielen für eine Erfindung gehalten wird, so ist doch unzweifelhaft, dass Eisenstein auf Weisung der politischen Führung Trotzki aus dem Film entfernen musste und der Film erst im März 1928 in die sowjetischen Kinos kam. Die Feierlichkeiten zum zehnten Jahrestag der Oktoberrevolution waren das letzte Mal, dass die von Stalin schon hart bedrängte Gruppe um Trotzki und er selbst öffentlich auftreten konnten. Unmittelbar danach begann seine Entfernung aus dem Zentrum der Macht, die Aberkennung der Parteiämter und auch die Damnatio memoriae in der Sowjetunion. Im Februar 1929 wurde er aus der Sowjetunion ausgewiesen und im Jahr 1940 von einem Agenten Stalins ermordet. Die Figur Trotzkis wurde – wie zahlreiche andere in Ungnade gefallene Personen der sowjetischen Zeitgeschichte – auf Betreiben Stalins bereits Jahre vor der physischen Vernichtung systematisch aus Fotos und Filmen wegretuschiert. Auch Einstellungen des Oktober fielen der Zensur zum Opfer bzw. mussten wie erwähnt vermutlich bereits vor dem öffentlichen Verleihstart auf Anweisung der Auftraggeber entfernt werden.[22] Interessanterweise wurde diese virtuelle Auslöschung in der Komintern erst etwas später vollzogen; in der vom deutschen Kommunisten und Medienunternehmer Willi Münzenberg 1928 herausgebrachten Übersetzung der monumentalen Geschichte der Oktoberrevolution figuriert Trotzki noch ganz selbstverständlich als einer der Hauptprotagonisten.[23] Auch für die im selben Jahr in Deutschland unter dem Titel Zehn Tage, die die Welt erschütterten zur Aufführung gebrachte deutsche Verleihfassung mit der von Edmund Meisel komponierten Musikbegleitung lassen sich anhand von Meisels Originalpartitur Spuren der Zensurschnitte rekonstruieren. Ein mit »Ruhig« überschriebener Takt war demnach einem Bildmotiv »Lenin und Trotzki auf einer Bank« gewidmet, das nicht mehr überliefert ist.[24] Ob die aus dem Film Oktober 1927 und 1928 entfernten Filmaufnahmen vernichtet wurden oder doch noch unentdeckt in Archiven lagern, ist nicht bekannt. Als Ergebnis der Bearbeitungen gelangten zahlreiche variante Fassungen des Films in den Verleih, deren weltweiter Verbleib noch nicht rekonstruiert ist. Als Oktober zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution in der Sowjetunion als Tonfassung herausgebracht wurde, wurde er erneut verändert und weltweit in Umlauf gesetzt. Diese sowjetische Tonfassung von 1967 mit Musik von Dmitri Schostakowitsch war lange Zeit die gängige Verleihfassung, sie ist auch heute noch als DVD-Edition des Anbieters Icestorm erhältlich. Seit 2012 ist eine vom Filmmuseum München in Kooperation mit dem Fernsehsender ARTE restaurierte Fassung von 1928 mit der bereits erwähnten für den internationalen Verleih erstellten Musikbegleitung von Edmund Meisel auf dem Markt. Wie genau die von Eisenstein selbst seinerzeit in Moskau autorisierte Fassung ausgesehen hat, ist bis heute nicht mit Sicherheit zu ermitteln. Aus den verfügbaren Fassungen des Films lässt sich nicht erschließen, welchen Bearbeitungen der Film seit 1927 unterworfen war. Kritische Editionen mit Kommentierungen zu varianten Fassungen stehen noch aus. Für die internationale Verbreitung des Films und damit des Revolutionsbildes, das sich außerhalb der Sowjetunion in den Köpfen festsetzte, spielte Deutschland dank der Umtriebigkeit des deutschen Kommunisten und Medienunternehmers Willi Münzenberg und seiner Firma Prometheus Film-Verleih und Vertriebs-G.m.b.H. eine zentrale Rolle. Die von ihm importierten »Russenfilme« hatte in den Jahren zuvor bereits Aufsehen erregt. Der Revolutionsfilm Panzerkreuzer Potemkin hatte nicht nur in Berlin für eine Sensation gesorgt. Auch Oktober wurde nun als ein neuer »Russenfilm« angekündigt und am 2. April 1928 unter dem Verleihtitel Zehn Tage, die die Welt erschütterten im Tauentzienpalast in Berlin uraufgeführt. Im Berliner Tageblatt stand danach zu lesen: »Seine [Eisensteins] zehn Tage, welche die Welt erschütterten, waren nicht imstande, dieses Publikum zu erschüttern. Ja, es lässt sich nicht leugnen, dass eine grosse Enttäuschung umging, die Enttäuschung über einen wilden, banalen, bolschewistischen Propagandafilm, der die Geschichte der russischen Revolution verherrlichen soll und der kaum einen Hauch von Kunst um sich hat.«[25] Der Rezensent der Vossischen Zeitung bemängelte die Dominanz der Masse als Darsteller: »Im Eisenstein-Film tritt nur Lenin ein-, zweimal episodisch auf, aber nicht einmal im Zusammenhang mit der Revolution. Man weiß gar nicht, was er will. […] 120 000 Mitwirkende hat dieser Film verbraucht, vielleicht versucht es Eisenstein das nächste Mal mit 12.«[26] Doch es gab auch andere Stimmen. Siegfried Kracauer kritisierte zwar den Manierismus des Films, erkannte aber gerade in den Massenszenen seine Stärke: »Das Volk spielt mit. Man sieht Soldaten, Arbeiter, Matrosen, in deren Mienen sich Himmel und Erde begegnen. Von ihnen heben sich die Gesichter der gestürzten Oberklasse als von einer reinen Folie ab. Niemals zuvor sind verschiedene gesellschaftliche Zustände durch die bloße Konfrontation der von ihnen abhängigen Typen so drastisch veranschaulicht worden.«[27]   Von der revolutionären Masse zum genialen Revolutionsführer In das Bildgedächtnis des Roten Oktober ist aber auch ein Individuum, der Führer der Bolschewiki Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, unauslöschlich eingeschrieben. Ihn als geniale Inkarnation der Partei und ihrer Unfehlbarkeit ins Bild zu setzen, war vor allem das Werk und der Auftrag der Stalin’schen Ideologie. Folgerichtig heißt der Film, mit dem zehn Jahre später der junge Michail Romm beauftragt wurde, auch nur kurz und bündig Lenin im Oktober. Lenins Führungsrolle wird vorzugsweise durch seine Inszenierung als Redner visualisiert, mittlerweile unterstützt durch den Tonfilm: Lenin redet zu den Massen, auf Parteiversammlungen, zu einzelnen Genossen. Diese Personalisierung folgt logischerweise aus dem unumschränkten Personenkult Stalins, da dieser sich als einzig legitimer Nachfolger Lenins durchgesetzt hatte. Alles was dieser Alternativlosigkeit entgegenstehen konnte, wurde rigoros entfernt, nicht nur in der Wirklichkeit mithilfe von Schauprozessen gegen die alte Garde der Bolschewiki, sondern auch in der bildlichen Überlieferung. Das wahrscheinlich prominenteste Beispiel dieser Geschichtsbereinigung im Bereich der Fotografie ist Grigori Goldsteins Aufnahme von Lenins Rede an die Truppen der Roten Armee vor ihrer Abreise zur polnischen Front am 5. Mai 1920 (Abb. 4).[28] Das in den frühen 1920er-Jahren mehrfach abgedruckte Originalfoto zeigte Trotzki und Kamenew auf den Treppen zur Rednertribüne stehend. Für spätere Veröffentlichungen der Fotografie wurden sie wegretuschiert, in nachgestellten Szenen im Film Lenin im Oktober tauchen sie selbstredend nicht mehr auf (Abb. 5).[29] Bis heute ist für das kulturelle Bildgedächtnis der Oktoberrevolution die von 1927 bis 1937 erfolgte Verschiebung durchaus folgenreich. Die Bilder in unseren Köpfen sind eben nicht nur von den Volksmassen der Eisenstein-Filme, sondern zugleich von der omnipräsenten Gestalt Lenins bevölkert und das auch mit einer gewissen Folgerichtigkeit: Was in der stalinistischen Sowjetunion vorherrschte und was sie deshalb als ihre Legitimationserzählung in alle Welt schickte, war weniger der im Verbund mit der künstlerischen Avantgarde entstandene Mythos des kollektiven Handelns, sondern eine ins Kultische gesteigerte Verehrung und Vergötterung des Revolutionsführers im Genre des historischen Revolutionsfilms. In der sowjetisch-georgischen Produktion Velikoe zarevo (US-Verleihtitel: They Wanted Peace; The Great Glow. Regie: Michail Tschiaureli, UdSSR 1938) ist Stalin ständiger Begleiter Lenins und verkündet in der Apotheose die große Morgendämmerung der Revolution – den Marsch auf das Winterpalais. Das blieb auch so, nachdem die sogenannten Auswüchse dieses Personenkults, der Stalinkult, ihrerseits der Verdammnis anheimgefallen waren. Auch die Entstalinisierung ab 1956 bediente sich des Mittels der bildlichen Damnatio memoriae, wie sich anhand einiger Bearbeitungen von Lenin im Oktober veranschaulichen lässt. Der Regisseur Michail Romm schreibt in seinen Erinnerungen, der Film sei unmittelbar nach der Uraufführung am 7. November 1937 von allen Leinwänden abgesetzt worden, da Stalin Ergänzungen wünschte: Nachgedreht werden sollten sowohl die Verhaftung der Provisorischen Regierung als auch die Erstürmung des Winterpalais, sonst sei der Zusammenbruch der bourgeoisen Regierung Russlands nicht klar.[30] Auf ausdrücklichen Wunsch Stalins enthält also auch dieser Film zum Ende hin eine Erstürmung des Winterpalais und den vom Sowjetkongress umjubelten Lenin, ganz wie bei Eisenstein, gewissermaßen ein Remake als Tonfilm. Allerdings bewegen sich die Massen nun nicht mehr chaotisch, sondern im geordneten Marschtritt. Alles ist auf die in der Bildkomposition zentral gesetzte und dominant erscheinende Führerpersönlichkeit ausgerichtet. Der Kritiker der New York Times zeigte sich anlässlich des US-Starts im April 1938 dennoch beeindruckt: »Wir glauben, dass alles authentisch, den Tatsachen entsprechend und wahr ist – wir glauben allerdings nicht, dass Stalin 1917 so viel Verantwortung hatte wie in diesem Film von 1937 über 1917. Und Trotzki tritt natürlich gar nicht in Erscheinung und wird nur einmal erwähnt – als ›Verräter‹. (Außerdem wird ein Regierungsspion à la Trotzki geschminkt – [da hast duʼs, Leo!]) Davon abgesehen, ist ›Lenin im Oktober‹ eine gute Geschichte, eine gute Biografie und vor allem gutes Kino.«[31] In einer nach dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 erstellten Re-Edition des Films in gekürzter Fassung wurden Szenen mit Stalin entfernt. Einige Jahre später wurde die Filmfigur Stalins in einer weiteren Re-Edition auch in Szenen, in denen er nicht ohne Weiteres herausgeschnitten werden konnte, etwa weil er in Schlüsselszenen an der Seite Lenins steht, retuschiert, indem er durch eine nachträglich in den Vordergrund der Szene montierte Person verdeckt wird (Abb. 6 und 7).[32]   Jenseits des Kanons von Oktober und Lenin Die Verdichtung des Sinns der Revolution auf die »Zehn Tage, die die Welt erschütterten« war nicht nur eine der zentralen Leistungen des Revolutionsfilms, sondern auch der Selbsthistorisierung und Legitimierung der Bolschewiki und des kommunistischen Projekts. Doch auf Dauer konnte damit den Bedürfnissen nach einem historischem Verstehen der revolutionären Umwälzung, die Russland nicht in diesen zehn Tagen, sondern in den kommenden Jahren, im Bürgerkrieg, durchmachte, nicht annähernd entsprochen werden, auch nicht im Rahmen der sowjetischen Ideologie. In Filmen, die diesem Geschehen gewidmet waren, standen einzelne Personen, deren innere Entwicklung und Beteiligung am historischen Geschehen, im Mittelpunkt. Es ist hier bei Weitem nicht genug Platz, der Vielfalt filmischer Bearbeitungen der Russischen Revolution gerecht zu werden. Aus der Fülle des sowjetischen Filmschaffens sind hier u.a. Vorstadt (Okraina), Tschapajew (Čapaev) (Stalins Lieblingsfilm), Der stille Don (Tichij Don), Lenin im Jahr 1918 (Lenin v 1918 godu), Leuchte, mein Stern, leuchte (Gori, gori, moja zvezda) oder Die Komissarin (Komissar) zu nennen. Ausländische Filmproduktionen erzählen Liebesgeschichten vor dem Hintergrund der revolutionären Wirren, so der Stummfilm von Georg Wilhelm Pabst Die Liebe der Jeanne Ney (Deutschland 1927) oder die Spionagefilme British Agent (USA 1934) und Knight Without Armor (GB 1937) mit Marlene Dietrich in der Rolle der russischen Aristokratin Aleksandra, die sich in einen englischen Spion verliebt. Nicht unerwähnt bleiben darf natürlich das Hollywood-Kino mit dem Oscar-Gewinner Doktor Schiwago (engl. Originaltitel: Doctor Zhivago) von David Lean, eine ebenso inoffizielle wie unfreiwillige Koproduktion des Kalten Krieges, da der Film auf dem Nobelpreis-gekrönten Roman des Russen Boris Pasternak beruhte, der wiederum nur im Westen erscheinen konnte. Doch auch das spätere linke »New Hollywood« hat sich dieses Stoffs in durchaus sehenswerter Weise angenommen: Reds, der 1981 in die Kinos kam, basiert auf der Biographie Romantic Revolutionary: A Biography of John Reed von Robert Rosenstone. Warren Beatty produzierte den Film, schrieb mit am Drehbuch und führte Regie bei dem Film, der John Reeds Engagement als Journalist und linksradikaler Politiker erzählt, mit dem Regisseur in der Hauptrolle und Diane Keaton als seine Frau Louise Bryant. Dieser große 60-Millionen-Zweiteiler in Cinemascope ist als Liebesdrama im Milieu der radikalen Linken der USA während des Ersten Weltkriegs angelegt, enthält neben Spielfilmszenen dokumentarische Aufnahmen von Zeitzeugen und – ganz der literarischen Vorlage des 10 Tage-Buchs von John Reed entsprechend – am Ende des ersten Teils einige Szenen, die – darin die enorme Prägekraft des Eisenstein-Films bestätigend – Motive von Oktober aufgreifen und zitieren. Reds wurde in zwölf Kategorien für den Academy Award nominiert und gewann 1982 drei Oscars. Der 100 Millionen US-Dollar teure Gegenschlag der sowjetischen Seite in den beiden darauffolgenden Jahren, ein zweiteiliges Lebensporträt von John Reed des sowjetischen Regie-Altmeisters Sergej Bondartschuk, kam unter dem Titel Rote Glocken, Teil 1: Mexiko in Flammen und Teil 2: 10 Tage, die die Welt erschütterten zur Aufführung. Diese Produktion konnte zwar mit Weltstars und Sternchen (Franco Nero, Ursula Andress) aufwarten, musste aber mit einem Preis des Festivals von Karlovy Vary vorliebnehmen. [33]   Die Weltrevolution im Film – Eisensteins Vermächtnis Heutzutage ist unser Bild von der Oktoberrevolution diffuser und fragmentarischer geworden. Das fängt schon mit der fragwürdig gewordenen Zuschreibung »Revolution« statt »Umsturz«, »Staatsstreich« oder »Putsch« für jene »zehn Tage« an. Moderne Medienkonsumenten sind möglicherweise etwas kritischer als frühere Generationen. Sie wissen um die Manipulierbarkeit von Bildern, die auf fotografischen Aufnahmen beruhen, und um die Suggestivkraft von Montage und Kameraführung. Zudem ist es, entsprechende Neugier vorausgesetzt, gerade im Internetzeitalter verhältnismäßig einfach, auch verschwiegene und lange Zeit unterdrückte Gegenbilder aufzuspüren und Verfälschungen historischer Einzelheiten zu registrieren oder Narrative anhand von digitalisierten Archivmaterialien zu überprüfen. Gleichzeitig schwindet mit zunehmendem Abstand zu den historischen Ereignissen das Wissen um die Personen und Realia der Zeit. Was lange Zeit als Kanon und unangefochten als »das Bild« der Oktoberrevolution fungierte, ist nun strittig und bedarf des kritischen Kommentars – wie auch andere Ikonen von vergleichbaren Weltereignissen. Im postsowjetischen neoimperialen Russland scheint sich indessen das Interesse von den Roten auf die antikommunistischen Weißen und Monarchisten zu verlagern, auf Helden wie in dem Film Admiral (Russland 2008), einem Biopic über Alexander Koltschak. Die kunst- und filmgeschichtliche Wirkmächtigkeit vor allem der frühen Bearbeitungen dieses Stoffes bleibt indessen ungebrochen: Bis auf Weiteres wird keine Einführung in die Geschichte des Films oder in die Filmästhetik ohne eine Behandlung der Filme Panzerkreuzer Potemkin oder Oktober auskommen. À la longue erweist sich die Revolution des Films als nachhaltiger als der »Revolution« genannte Ereigniskomplex voller Verbrechen und Leiden, der den revolutionären Film ermöglicht hat. Was die Generation der damaligen avantgardistischen Filmschaffenden mit diesem Stoff trotz all der Manipulationen und Streichungen gemacht hat, die Montagetechniken und die Symbolsprache, die sie damals für diesen Zweck entwickelte, aber auch das hohe Reflexionsniveau, das die theoretischen Überlegungen der Filmschaffenden auszeichnete, hat sich in das Filmerbe von Weltbedeutung eingeschrieben, das die kommunistische Herrschaft und ihre Verbrechen überdauert. Als kleiner Beleg soll abschließend eine Reflexion Eisensteins zur »Verfilmbarkeit« dieses Stoffes dienen. Das Geschehen der Oktoberrevolution schien damaligen Zeitgenossen schon zu vielfältig, um es ohne Weiteres in das Format eines abendfüllenden Spielfilms zu packen. Das war auch ihm offensichtlich bewusst. Während der Produktion des Oktober schrieb er einen Aufsatz, den er im Dezember 1927 unter der Überschrift »Einen Staatsplan her!« veröffentlichte. Gerade bei einer solchen Aufgabe wie der Verfilmung des Buches von John Reed zeige sich der Mangel einer zentralen Planung in der sowjetischen Filmindustrie, ganz im Gegensatz zur Produktionsweise von Hollywood: »Jede Arbeit, die auf einem monumentalen, themenerschöpfenden Plan basiert, ist einem Güterzug vergleichbar. Und einzig und allein in solcher Sicht ergibt sich eine Möglichkeit zu richtiger Abschätzung der thematischen Proportionen: Das Material breitet sich dann in seiner ganzen Fülle über jeden der zu untersuchenden Sektoren aus. Die Länge eines solchen Güterzuges ist dabei eine völlig relative Maßeinheit. In jedem Fall ist sie aber eindeutig größer als jede x-beliebige Filmidee. Jubiläumsthemen (Beispiele: ›Das Jahr 1905‹, ›Oktober‹) sind nur als Serien denkbar: Das chronikalische und soziale Gewicht des Materials erzwingt eine Gruppierung in künstlerisch selbständige Faktureinheiten, wobei allerdings auf die durchaus vorhandene Möglichkeit emotionaler Identitäten hinzuweisen ist, die sich in jeder dieser Gruppierungen wiederholen können. […] Auf der eingleisigen Strecke eines einzigen Films fährt der Zug entweder überhaupt nicht oder aber nur im Schneckentempo. Eine ganze Reihe von Waggons muß auf Nebengleise abgeschoben werden. Ganze Gruppierungseinheiten gleichartiger Materialien können zwar nebeneinander herlaufen, aber keineswegs in zusammenhängender Kette fahren.«[34] Eisenstein nimmt hier in visionärer Weise das Gestaltungsprinzip der TV-Serie, wie sie uns heute im Qualitätsfernsehen und als Auftragsproduktion vertraut ist, voraus. In diesem Sinne ist seine Aktualität als Visionär einer qualitativ hochstehenden Kunst der Massenunterhaltung ungebrochen. Die Popularität von TV-Serien, die dem von Eisenstein skizzierten Prinzip der mehrgleisig geführten Erzähleinheiten folgen, zeigt, dass das Interesse an komplexen Darstellungen historischer Ereignisse und Epochen nach wie vor ungebrochen ist. Ob dieses Gestaltungsprinzip auch neue visuelle Darstellungen der Oktoberrevolution inspirieren wird, bleibt abzuwarten. Gesichert scheint, das die Bildproduktion zum Roten Oktober nicht als abgeschlossen betrachtet werden kann, sondern dynamisch bleibt. Viele Aspekte des Geschehens sind noch nicht ausreichend erforscht, und zugleich werden Filmmaterialien von damals wiedergefunden, erneut zitiert, Ereignisse abermals rekonstruiert und re-inszeniert, ob in Dokumentarfilmen, in fiktionalen Filmen oder der mittlerweile gerade in den TV-Serien so beliebten Hybridform des Dokudramas. Diese Medienerzeugnisse werden ihrerseits die Bilder »der Oktoberrevolution in den Köpfen« beeinflussen. Die Geschichtswissenschaft wird in mehrfacher Weise an diesem Prozess beteiligt sein: Bei der Erschließung und Bewertung bislang unbekannt gebliebener (Bewegt-)Bildmaterialien und der von diesen dokumentierten Sachverhalte, aber auch als kritische Instanz, wenn es um die Verwendung dieser »Überreste« bzw. Fragmente in massenmedialen Erzählungen geht. Einer parteiamtlichen Geschichtskommission wie der »Istpart« wird es dabei erfreulicherweise nicht mehr bedürfen.   Filmografie Der Oktoberaufstand (Oktjabrʼskij perevorot). Archivdokumente im Russischen Staatsarchiv für Film- und Fotodokumente (RGAKFD), 1–12530, 1–13071, 1–12499. Erstürmung des Winterpalais (Vzjatie zimnego dvorca). 1920. Regie: Nikolaj Evreinov. Panzerkreuzer Potemkin (Bronenosec Potemkin). UdSSR 1925. Regie: Sergej Eisenstein. Das Ende von Sankt Petersburg (Konec Sankt Peterburga). UdSSR 1927. Regie: Vsevolod Pudovkin, Michail Doller. Der große Weg (Velikij putʼ). UdSSR 1927. Regie: Esfir Šub. Moskau im Oktober (Moskva v Oktjabre). UdSSR 1927. Regie: Boris Barnet. Fall der Romanov Dynastie (Padenie dinastii Romanovych). UdSSR 1927. Regie: Esfir Šub. Die Liebe der Jeanne Ney. D 1927. Regie: G. W. Pabst. Zehn Tage, die die Welt erschütterten / Oktober (Oktjabrʼ). SU 1928. Regie: Sergej Eisenstein, Grigori Alexandrow. Okraina (Vorstadt). UdSSR 1933. Regie: Boris Barnet. Tschapajew (Čapaev). UdSSR 1934. Regie: Georgij Vasil’ev, Segej Vasil’ev. British Agent. USA 1934. Regie: Michael Curtiz. Lenin im Oktober (Lenin v oktjabre). UdSSR 1937. Regie: Michail Romm. Knight Without Armor. GB 1937. Regie: Jacques Feyder. Velikoe zarevo (Diadi gantiadi/US-amerikanischer Verleihtitel: They Wanted Peace). UdSSR 1938. Regie: Michail Tschiaureli. Lenin im Jahr 1918 (Lenin v 1918 godu). UdSSR 1939. Regie: Michail Romm. Der stille Don (Tichij Don). UdSSR 1958. Regie: Sergej Gerasimov. Doktor Schiwago (Doctor Zhivago). GB, Italien 1965. Regie: David Lean. Die Kommissarin (Komissar). UdSSR 1967. Regie: Aleksandr Askoldov. Leuchte, mein Stern, leuchte (Gori, gori, moja zvezda). UdSSR 1969. Regie: Aleksandr Mitta. Reds. USA 1982. Regie: Warren Beatty. Rote Glocken (Krasnye kolokola). Teil I: Mexiko in Flammen (Krasnye kolokola, film pervyy – Meksika v ogne). SU 1982. Regie: Sergej Bondarčuk. Rote Glocken (Krasnye kolokola). Teil II: 10 Tage, die die Welt erschütterten (Krasnye kolokola, film vtoroy – Ja videl roźdenie novogo mira). SU 1983. Regie: Sergej Bondarčuk. Admiral. Russische Föderation 2008. Regie: Andrej Kravčuk.   Der Vortrag wurde am 23. März 2016 im Rahmen der Reihe »Talking about a revolution! Die Oktoberrevolution: Geschichte – Instrumentalisierung – Rezeption« gehalten und ist nachzuhören unter: http://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/oktoberrevolution-bohn-lindenberger [1] Siehe den Beitrag von Jörg Baberowski in diesem Band. [2] Frederick C. Corney: Telling October. Memory and the Making of the Bolshevik Revolution, Ithaca 2004; ders.: Zehn Jahre »Roter Oktober«. Das öffentliche Gedenken an die Oktoberrevolution im Jahr 1927, in: Jan C. Behrends/Nikolaus Katzer/Thomas Lindenberger (Hg.): Hundert Jahre Roter Oktober. Zur Weltgeschichte der Russischen Revolution, Berlin 2017. [3] Siehe Robert A. Rosenstone: Romantic Revolutionary. A Biography of John Reed, New York 1975. [4] Ven[jamin] V[išnevskij], in: Pravda, Nr. 256 vom 9. November 1927, S. 3; Kino, Nr. 46 vom 15. November 1927, S. 7; zit.nach V. I. Fomin (Red.): Letopis’ rossijskogo kino 1863–1929 [Chronik des russländischen Kinos 1863–1929], Mosvka 2004, S. 589. [5] Ven. V., in: Pravda, Nr. 273 vom 29. November 1927, S. 7, zit. nach Letopis’ rossijskogo kino 1863–1929 (Anm. 4), S. 589. [6] D. Kozlov: Kto možet postavitʼ »10 dnej, kotorye potrjasli mir«? [Wer kann ›Zehn Tage, die die Welt erschütterten‹ verfilmen?], in: Kino vom 2. März 1926, S. 5. Hier zit. nach Sergej Eisenstein: Schriften, Bd. 3: Oktober. Mit den Notaten zur Verfilmung von Marx’ »Kapital«, hrsg. von Hans-Joachim Schlegel, München 1975, S. 328. [7] Siehe David King: Red Star over Russia. A visual History of the Soviet Union from 1917 to the Death of Stalin. London 2009, S. 32 f. [8] Siehe die von Anna Bohn und Nina Goslar erstellte Synopse von historischen Ereignissen im Jahr 1917 und die Gegenüberstellung mit Standbildern aus dem Spielfilm »Oktober« auf der DVD »Panzerkreuzer Potemkin & Oktjabrʼ« aus der Reihe Edition Filmmuseum, Nr. 82. [9] Jurij Krasovskij: Die Entstehungsgeschichte des ›Oktober‹-Films, in: Eisenstein: Schriften, Bd. 3 (Anm. 6), S. 38–64, hier S. 46. [10] Der Oktoberaufstand (Oktjabrʼskij perevorot), Archivdokumente im Rossijskij gosudarstvennyj archiv kinofotodokumentov/Russischen Staatsarchiv für Film- und Fotodokumente (im Folgenden: RGAKFD) 1–12530, 1–13071, 1–12499. [11] Online Katalog RGAKFD, Archivdokument Nr. 12530. Die Aufnahmen der russischen Oktoberrevolution lagen im Archiv in Fragmenten verstümmelt überliefert vor. Um die Zuschreibung der filmischen Dokumente zu klären, Zeit und Ort der Aufnahmen und den aufnehmenden Kameramann näher zu bestimmen, konnten die Historiker auf die Memoiren von Grigorij Boltjanskij zurückgreifen, der die Filmaufnahmen des Skobelev-Komitees organisiert hatte. Siehe Viktor Listov: Istorija smotrit v obektiv [Die Geschichte schaut in das Objektiv], Moskva 1974, S. 53 f. [12] Ėsfir’ Šub: Žiznʼ moja – kinematograf. Krupnym planom [Mein Leben – der Kinematograf. In Großaufnahme], Moskva 1972, S. 101 f. [13] Ebd., S. 73. [14] A. A. Gvozdev/A. Piotrovskij: Istorija sovetskogo teatra [Geschichte des sowjetischen Theaters], Bd. I: Leningrad 1933, S. 279. Nikolaj Lebedev hingegen schreibt: »Einige Agitfilme wurden aus Dokumentaraufnahmen von pantomimischen Aufführungen, von sogenannten ›Massenschauspielen‹ zusammengestellt, die an revolutionären Feiertagen im Freien stattfanden. Zu diesen Streifen gehören ›Die Einnahme des Winterpalais‹, ein ›Massenschauspiel‹, das 1920 von den Theaterregisseuren Wiwjen, Radlov, Kugel und Petrow in Petrograd organisiert und von Kameramännern der Petrograder Sektion Foto und Film unter der Leitung des Regisseurs Swetlow gefilmt wurde.« Nikolaj Lebedew: Agitfilme, in: Institut für Filmwissenschaft an der Deutschen Hochschule für Filmkunst (Hg.): Der sowjetische Revolutionsfilm. Zwanziger und dreißiger Jahre. Eine Dokumentation, Berlin 1967, S. 26–35, hier S. 29. [15] Gvozdev/Piotrovskij: Istorija sovetskogo teatra (Anm. 14), ebd. [16] Das 17-minütige Filmfragment »Vzjatie zimnego dvorca« [Erstürmung des Winterpalais] ist im RGAKFD überliefert (Nr. 1940), http://old.rgakfd.ru/catalog/films/, ges. am 7. November 2016. Das Fragment ist auf Youtube zugänglich unter https://www.youtube.com/watch?v=fLihunxEzwE, ges. am 6. Dezember 2016. [17] Nikolaj Evreinov, in: Krasnyj milicioner [Der rote Polizist], 1920. Hier zit. nach Münchner Filmzentrum – Freunde des Münchner Filmmuseums e. V. (Hg.): Eisenstein und die Welt. Arbeitsmaterialien zur Filmreihe, München 1998, S. 149 f. [18] Siehe Anna Bohn: Vom Massenfilm zum Monodrama. Nikolaj Evreinovs Theaterkonzepte und die Entwicklung von Sergej Éjzenštejns Filmkunst, in: Peter Deutschmann/Eva Hausbacher/Wolfgang Weitlaner (Hg.): Sondernummer zur 3. Tagung des Jungen Forums Slavistische Literaturwissenschaft in Salzburg, September 1999, Graz 2001 (Anzeiger für slavische Philologie, 28/29), S. 251–263. [19] »Die literarischen Materialien des Oktober. Gespräch mit Sergej Eisenstein«, in: Eisenstein: Schriften, Bd. 3 (Anm. 6), S. 166. [20] Krasovskij: Die Entstehungsgeschichte des ›Oktober‹-Films (Anm. 9), S. 38–64, hier S. 50. [21] [Grigorij] Aleksandrov: Epocha i kino [Epoche und Kino], 2. Aufl. Moskva 1983, S. 117. [22] »Zentrales Instrument der Manipulation war die relativ unkomplizierte Substitution von historischen Akteuren und Ereignissen.« Trotzki war, so der Slavist Klaus Waschik, »bereits im Film ›Der große Weg‹ (1927, von Esfir Šub) durch Michail Frunze ersetzt worden.« Klaus Waschik: Virtual Reality. Sowjetische Bild- und Zensurpolitik als Erinnerungskontrolle in den 1930er-Jahren, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe 7 (2010), H. 1, S. 30–54, hier S. 40, online unter http://www.zeithistorische-forschungen.de/1-2010/id=4745, ges. am 5. Dezember 2016. [23] Siehe W. Astrow/A. Slepkow/J. Thomas. (Hg.): Illustrierte Geschichte der Russischen Revolution. Mit Beiträgen von Blagonrawow, Bucharin, Engelhardt, Kajurow, Krylenko, Lenin, Lunatscharski, Olminski, Rachja, Raskolnikow, Saleschski, Sarabjanow, Schenewski, Serebjanski, Stalin, Trotzki, Wermenischew, Wladimirowa u.a., Berlin 1928. [24] Edmund Meisel: Musik zu dem Eisenstein-Film »10 Tage, die die Welt erschütterten«, Berlin 1928, S. 63. [25] »Zehn Tage, die die Welt erschütterten. Der neue Eisenstein-Film«, in: Berliner Tageblatt, Abendausgabe Nr.160 vom 3. April 1928. [26] »Der neue Eisenstein-Film. ›Zehn Tage, die die Welt erschütterten‹ im Tauentzien-Palast«, in: Vossische Zeitung Nr. 160 vom 3. April 1928. [27] Siegfried Kracauer: Der Eisenstein-Film, in: Frankfurter Zeitung, Nr.360 vom 5. Juni 1928, hier zit. nach Siegfried Kracauer: Kino. Essays, Studien, Glossen zum Film, hrsg. von Karsten Witte, Frankfurt a.M. 1974, S. 76–79, hier S. 78 f. [28] Zu dieser Fotografie und der Geschichte ihrer Retuschen siehe ausführlich David King: Stalins Retuschen. Foto- und Kunstmanipulationen in der Sowjetunion, Hamburg 1997, S. 66–71. [29] Siehe ausführlich Waschik: Virtual Reality (Anm. 22). [30] Michail Romm: Kak v kino. Ustnye rasskazy [Wie im Kino. Mündliche Geschichten], Nižnyj Novgorod 2003, S. 97. [31] »We believe it is all authentic, factual and true – except that we do not believe Stalin bulked as importantly in 1917 as he does in this 1937 film of 1917. And Trotsky, of course, doesnʼt appear at all and is only mentioned once – to be called a traitor. (Further they give a Trotskyite make-up to a government spy, so there Leon!) These exceptions noted, ›Lenin in October‹ is good history, good biography and, above all, good cinema.« New York Times Review vom 2. April 1938. [32] Diese Fassung wird nach wie vor von Mosfilm vertrieben und ist auf der Website des Studios frei zugänglich. [33] Siehe Denis Blewett: Reds Make Super Reds. Screen Plan to Shake the World, in The Sun-Herald vom 18. April 1982, S. 47; Dale Pollock: Soviets counter »Reds« with Reed film, in: The Bulletin 79 vom 22. Januar 1982, S. 29. [34] Einen Staatsplan her!, zuerst veröffentlicht in: Kinofront (1927), H. 13/14, S. 6–8. Hier zit. nach Eisenstein: Schriften, Bd. 3 (Anm. 6), S. 146 f.

JHK 2017

Frühstart des »Eurokommunismus«? Das Experiment der KPÖ und die Konferenzen westeuropäischer kommunistischer Parteien im Kontext der europäischen Reformkommunismen der 1960er-Jahre

Maximilian Graf

I. Reform- oder »Eurokommunismus«? Die Vorgeschichte des »Eurokommunismus« – wenn man sich dieser Chiffre bedienen will – stellt nach wie vor ein bedeutendes Desiderat der internationalen Kommunismusforschung dar, insbesondere, wenn man diese aus einer gesamteuropäischen Perspektive betrachtet. Bei dem Begriff »Eurokommunismus« selbst handelt es sich um eine Fremdzuschreibung, die allerdings auch von führenden westeuropäischen Reformkommunisten übernommen wurde, deren Haltungen und Vorstellungen jedoch so vielfältig waren, dass es irreführend wäre, von einer homogenen »eurokommunistischen« Bewegung zu sprechen.[1] Daher stellt sich die Frage, ob es nicht sinnvoller wäre, von Reformkommunismen[2] zu sprechen und danach zu fragen, welchen Zwecken und Zielen die jeweiligen nationalen Ansätze dienten, wie dies von der klassischen »Eurokommunismus«-Forschung bereits getan wurde.[3] Die Notwendigkeit einer Reform der sozialistischen Staaten und des internationalen Umgangs unter Kommunisten und kommunistischen Parteien (KPs) war spätestens ab 1956 (nach der Geheimrede Chruschtschows und den Aufständen in Polen und Ungarn) offenkundig. Seither erfolgten diverse Schritte und Experimente. Seien es die »nationalkommunistischen« Sonderwege der polnischen und rumänischen Staatsparteien, die Formierungsphase des »Kádárismus« in Ungarn, der »Prager Frühling« (dem ein jahrelanger Prozess in der Tschechoslowakei voranging) oder eben die westeuropäischen Diskussionen, Interaktionen und Re-Positionierungen. Die Folgen des transnationalen Dominoeffekts des Jahres 1956 waren in den westeuropäischen KPs höchst unterschiedlich. Erste Resultate waren nicht nur die Polyzentrimus-These des italienischen Parteiführers Palmiro Togliatti, sondern auch weitere Abweichungen von der bis dahin verfolgten Nibelungentreue gegenüber Moskau. Als frühe Beispiele könnten die schwedische[4] und die niederländische KP dienen. Es ist bezeichnend, dass der Partito Comunista Italiano (Kommunistische Partei Italiens, PCI), der einer Öffnung der Bewegung für alle revolutionären und fortschrittlichen Kräfte (allargamento) das Wort redete, dem sowjetischen Plan einer Neuauflage des Kominform, in welcher Art auch immer, zumindest sehr reserviert gegenüberstand.[5] Dennoch gelang es der KPdSU, 1957 eine Weltkonferenz einzuberufen und auf dieser ein letztes Mal ein größtmögliches Maß an »Einheit« zu demonstrieren – auch wenn die Differenzen in der sogenannten Weltbewegung bereits offenkundig waren.[6] Trotz des Wiederaufflammens des »Glaubens«[7] an die Überlegenheit des Sozialismus sowjetischer Prägung im »Sputnik-Zeitalter«, war dies mit dem Fortschreiten des sino-sowjetischen Bruchs anlässlich der nächsten Weltkonferenz 1960 endgültig nicht mehr möglich.[8] Während zahlreiche westeuropäische Parteien – obwohl diese Entscheidung mitunter eine innerparteiliche Zerreißprobe darstellte – weiterhin der Moskauer Linie folgten, zielte der PCI (um nur das prägnanteste Beispiel zu nennen) auf einen Erhalt der »Einheit der Bewegung« ab. Zwar wurde gegen die chinesischen Positionen offen polemisiert, es galt aber, einem endgültigen Bruch entgegenzuwirken, weshalb der PCI eine erneute Weltkonferenz, auf der die KPdSU mit der chinesischen KP abrechnen wollte, nun offen ablehnte.[9] Zur gleichen Zeit kam auch erste offene Kritik an der Sowjetunion auf. Am Beispiel der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ), die in der Haltung zur chinesischen KP trotz einiger innerparteilicher Auseinandersetzungen der sowjetischen Linie folgte, wird ersichtlich, dass sich frühe Kritik und Reformversuche keinesfalls nur auf die italienischen Kommunisten beschränkten, sondern es in diesem Zusammenhang sowohl westliche transnationale Interaktionen als auch Wechselwirkungen über den Eisernen Vorhang hinweg gab. Daher ist es notwendig, östliche ebenso wie westliche Entwicklungen im Blick zu behalten. Besonders deutlich wird dies am Beispiel der Kultur. Es zeigt, dass ein zentrales Merkmal des »Eurokommunismus« der 1970er-Jahre, nämlich die Fähigkeit und der Wille, die Sowjetunion (aus welchen Motiven auch immer) in gewissen Bereichen offen und öffentlich zu kritisieren, bereits in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre vorhanden war.   II. Kultur als Schlüssel zu offener Kritik an der Sowjetunion Die infolge der Erschütterungen des Jahres 1956 auch in der KPÖ aufgekommene Fehlerdiskussion war rasch zugunsten der Einheit der Partei abgebrochen worden.[10] Der moskautreue Teil der Parteiführung sah den XX. Parteitag der KPdSU eher als »Betriebsunfall« und wollte wie bisher weitermachen. Auch als die KPÖ bei den Wahlen 1959 aus dem Parlament flog, unterblieb die längst überfällige Erneuerung der Parteiführung. Eine solche hatte Franz Marek, der sich immer mehr zu einem Reformkommunisten entwickelte, im Politischen Büro gefordert. In den Folgejahren erfuhr das von ihm geleitete theoretische Organ der KPÖ namens Weg und Ziel eine inhaltliche Öffnung.[11] Der Schritt zur offenen und öffentlichen Kritik an der Sowjetunion vollzog sich, als es in der sowjetischen Kulturpolitik nach dem anfänglichen »Tauwetter« unter Chruschtschow zu einer rigiden antimodernistischen Kursänderung kam, die Anfang der 1960er-Jahre sichtbar und umgehend in Westeuropa thematisiert wurde.[12] In Weg und Ziel wurde unter Federführung Mareks eine Kritik geübt, die in ihrer Schärfe sogar die Publikationen der italienischen Kommunisten übertraf. Dies blieb auch den östlichen Bruderparteien wie der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) nicht verborgen.[13] Im Zusammenhang mit der Verhärtung der sowjetischen Kulturpolitik brachte Marek 1963 seinen »Stolz« auf die seitens der Sowjetführung kritisierten westeuropäischen kommunistischen Künstler (wie Picasso) zum Ausdruck und übte erstmals offen Kritik an der Sowjetunion, indem er staatliche Eingriffe »durch administrative Maßnahmen« als kontraproduktiv bezeichnete. Er plädierte »für eine fortschrittliche, humanistische Kunst« und »Geduld und Respekt gegenüber dem Suchen und Versuchen des Künstlers«.[14] Hauptkritiker aus Österreich war aber definitiv Ernst Fischer, der mit seinen Ausführungen zur »Entfremdung« auf der Kafka-Konferenz in Liblice 1963 in Erscheinung trat, die nur einen Auftakt seiner fortan kontinuierlich vorgebrachten Kritik an der Kulturpolitik der sozialistischen Staaten bedeuteten und eine Phase des Konflikts zwischen der KPÖ und der SED einleiteten.[15] Ost-Berlin reagierte höchst allergisch auf derartige Kritik aus westlichen Bruderparteien. Der einschlägige Konflikt mit der KPÖ ist aber ebenfalls im größeren Kontext zu betrachten, denn die SED-Führung trat auch vehement gegen ihren Ansichten zuwiderlaufende Entwicklungen in den sozialistischen Bruderstaaten auf. Während die SED 1963 daranging, die Kultur noch enger an die Kandare zu nehmen, begannen in der Tschechoslowakei Künstler und Intellektuelle die Staatspartei für die schleppende Entstalinisierung zu kritisieren, was diese duldete. So entstanden sukzessive Freiräume, die als Teil der Vorgeschichte des Prager Frühlings gesehen werden können. Die SED-Führung war dadurch nicht zuletzt aufgrund der möglichen Rückwirkungen auf die DDR-Szene beunruhigt, ging in die ideologische Offensive und kritisierte die Situation in der Tschechoslowakei.[16] Die kulturellen Aushängeschilder der KPÖ begrüßten die offene und progressive Diskussion in der Tschechoslowakei und partizipierten in dieser gemeinsam mit anderen westeuropäischen kommunistischen Intellektuellen, wie Roger Garaudy, der dem Zentralkomitee (ZK) des Parti communiste français (Kommunistische Partei Frankreichs, PCF) angehörte. An der Kafka-Diskussion selbst waren die italienischen Kommunisten nicht direkt beteiligt, aber der PCI verfolgte die neue Offenheit der tschechoslowakischen Kulturdiskussion mit großem Interesse und die Parteiführung wurde mit einer wohlwollenden Darstellung informiert.[17] PCI und SED pflegten in dieser Zeit zwar relativ entspannte Beziehungen, im Feld der Kultur waren die Dissonanzen aber unübersehbar. Nachdem Togliatti die sowjetische Kulturpolitik offen kritisiert hatte, zeigte sich Ost-Berlin »sehr perplex« und fragte, ob der italienische Parteiführer nun »zum Revisionismus zurückkehre«.[18] Betrachtet man die Kulturdiskussion auf europäischer Ebene, muss man zweifelsohne das Jahr 1963 als eine Wegmarke zur Kritik der westeuropäischen KPs an den Entwicklungen in der Sowjetunion sehen. Das noch wichtigere Jahr stellt aber 1964 dar, in dem Togliattis Memorandum veröffentlicht und Chruschtschow abgelöst wurde. Das politische Testament des italienischen Kommunistenführers hatte seine von der Sowjetunion abweichende Position zur Lage der »Weltbewegung« zusammengefasst und u.a. den Polyzentrismus insbesondere mit Blick auf die kleineren westeuropäischen Parteien betont, die beispielsweise durch den sino-sowjetischen Konflikt in ihrem Kampf um innenpolitischen Einfluss behindert würden. Die Entmachtung Chruschtschows, der ursprünglich Hoffnung auf Veränderung geweckt hatte, traf große wie kleine westliche KPs erneut schwer, zumal sie von der Nachricht überrascht und über die Hintergründe nicht informiert worden waren. Noch vor dem Ableben Togliattis hatte Marek in Weg und Ziel betont, dass innerhalb der kommunistischen Bewegung gegebenenfalls auch Platz für öffentliche »kritische Stellungnahmen« sein müsse.[19] Die SED verfolgte die Reaktionen von PCI und KPÖ auf die Absetzung Chruschtschows parallel und stellte bei den österreichischen Kommunisten größeres Unverständnis fest. Beide Parteien hatten die »Art und Weise« der Ablöse kritisiert.[20] Marek sah darin »die Gedankengänge Togliattis nur zu deutlich bestätigt«. Das Fehlen einer angemessenen Information und einer öffentlichen Diskussion war für ihn der Hauptkritikpunkt. Gleichzeitig wurde die Forderung an die sozialistischen Staaten nach einem entsprechenden »Anschauungsunterricht«, der die »Überlegenheit des Sozialismus« beweisen und auch im Westen glaubhaft machen würde, immer nachdrücklicher erhoben. Darin stimmte Marek mit den italienischen Kommunisten überein.[21] Für die KPÖ stellte das Memorandum Togliattis das »entscheidende Kettenglied« auf dem Weg zu einer reformkommunistischen Neuausrichtung der Partei dar.[22] Auf dem XIX. Parteitag der KPÖ 1965 erfolgte der Generationswechsel an der Parteispitze. Die dort verabschiedeten, von Marek verfassten und italienisch inspirierten Thesen gingen mit Blick auf Fragen der »Autonomie und Demokratie« über alle bisher von westeuropäischen KPs beschlossenen Programme hinaus. Die Reformer hatten nun viel Einfluss und prägten die Printmedien der Partei. Weg und Ziel wurde auch zu einer internationalen Dialogplattform für kritische Diskussionen und reformkommunistische Ideen. Der Reformweg brachte die Partei zurück in das öffentliche Interesse, nicht nur auf der limitierten österreichischen Bühne, sondern auch in den linksintellektuellen Diskussionszirkeln in- und außerhalb der europäischen KPs. Die Beiträge von Fischer und Marek wirkten zudem in die theoretischen Diskussionen größerer Parteien wie dem PCI hinein. Dies kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Reformweg nicht der tatsächlichen Verfasstheit der Partei entsprach.[23] Dennoch gaben sich die Reformer »Illusionen« hin, die sich aus der Resonanz außerhalb des KPÖ-Apparats und seitens des neuen Parteivorsitzenden Franz Muhri nährten, der um die Einheit der Partei bemüht war und sich entsprechend »zentristisch« positionierte. Die internationale Aufmerksamkeit war für Marek von großer Bedeutung, nicht nur in Italien, sondern auch in Ungarn, der Tschechoslowakei und sogar in der Sowjetunion. Es ging also nicht nur um westeuropäische Interaktionen, sondern auch um ein reformistisches Hineinwirken in die Staatsparteien, das wiederum den westeuropäischen KPs zugutekommen sollte. In einem Vortrag über »Probleme der kommunistischen Parteien Westeuropas« an der sowjetischen Akademie der Wissenschaften im Jahr 1965 betonte er u.a.: »Wir sind in unserem Kampf für Demokratie und Sozialismus sehr auf den Anschauungsunterricht der sozialistischen Staaten angewiesen« – der eben zumeist nicht zum Vorteil der Kommunisten im Westen geriet. Zur »Diktatur des Proletariats« hielt er fest: »Wir sehen keinen Grund, bei einem wissenschaftlichen Begriff [sic!] zu beharren [sic!], der nicht verständlich ist, mißverständlich wirkt und unter den Bedingungen unserer Länder die größere Aufgabe erschwert, den Sozialismus als vollendete Demokratie zu propagieren.«[24] Die Arbeit in Westeuropa konnte unter den sowjetischen Dogmen nur leiden, weshalb das Streben mancher Vordenker und einiger westeuropäischer KPs nach Überwindung der innenpolitischen Isolation Fahrt aufnahm. Das markanteste Beispiel stellen mit Sicherheit die italienischen und die französischen Kommunisten dar, aber auch andere westeuropäische Parteien verfolgten dieses Ziel. Einige von ihnen wollten sich als »westeuropäische Kommunisten« untereinander abstimmen.[25]   III. Die Konferenzen westeuropäischer kommunistischer Parteien in den 1960er-Jahren Ausgehend von der nach 1956 aufgekommenen Orientierung vieler westeuropäischer KPs an einem nationalen Weg zum Sozialismus (dem sich auch die KPÖ 1958 verschrieb) erfolgte 1959 ein erster Versuch, eine Beratungsplattform für die Parteien zu schaffen, die in ihren Ländern vor ähnlichen Problemen standen. Keinesfalls wollte man sich damit in Widerspruch zur Moskauer Linie begeben,[26] dafür hatte schon die Haltung des PCF gesorgt, der die Betonung der »Einheit der Bewegung« zu einer Grundbedingung für das Stattfinden der Konferenz gemacht hatte.[27] Dennoch war dies ein Schritt, der die Autonomie der einzelnen westeuropäischen KPs herausstrich. Eine dauerhafte Etablierung dieser Plattform erfolgte aber nicht. In den Folgejahren kam es mit der Reaktivierung der Polyzentrismus-These durch den PCI ab 1961 zunächst zu einer Intensivierung der bilateralen Kontakte zwischen PCF und PCI, die insbesondere auf eine gemeinsame Haltung gegenüber der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) beziehungsweise eine Koordinierung der jeweiligen nationalen Politiken gegenüber der europäischen Integration abzielten.[28] Diese Treffen wurden einstweilen um die KPs der übrigen EWG-Mitgliedsstaaten erweitert und in Kontinuität zur Romer Konferenz des Jahres 1959 gesehen. Trotz einer gewissen Zurückhaltung des PCF (der u.a. mit Blick auf China Bedenken hinsichtlich des Entstehens regionaler Zentren äußerte),[29] bildeten diese Treffen den Ausgangspunkt für die Initiative zu einer erneuten Konferenz aller westeuropäischen KPs.[30] Erste Vorbereitungstreffen erfolgten bereits 1963.[31] Ende 1964 fand ein weiteres Treffen der KPs des EWG-Raums in Ostende statt, wo die Italiener erneut die Notwendigkeit einer Konferenz der westeuropäischen KPs betonten.[32] Die EWG-Dimension stand daher folgerichtig im Zentrum der bisherigen Forschungen, was dem Gehalt dieser Interaktionen aber nicht gerecht wird. Mit Blick auf PCI und PCF hält Maud Bracke fest, dass diese Treffen vor allem taktische Gründe hatten und bisher fälschlicherweise als den Interessen der KPdSU zuwiderlaufend missverstanden wurden – auch wenn den östlichen KPs eine gewisse Skepsis nicht abgesprochen werden kann. Diese Treffen waren nicht nur Ausdruck für Polyzentrismus und Autonomie, sondern fungierten insbesondere aus Sicht des PCF eben auch als Mittel, um »zentrifugalen Tendenzen in der Weltbewegung« entgegenzuwirken.[33] Die KPdSU hatte seit dem endgültigen Bruch mit der chinesischen KP auf eine erneute Weltkonferenz zum Zwecke einer Abrechnung mit Peking gedrängt. Anders als der PCF, dessen Haltung sich erst Mitte der 1960er-Jahre wandelte, hatte sich der PCI dem entgegengestellt. Anfang 1965 vollzogen die italienischen Kommunisten insofern eine Wendung, als sie eine erneute internationale Konferenz nicht mehr grundsätzlich ablehnten, sondern betonten, dass nur der Zeitpunkt dafür noch nicht gekommen sei. Der Preis für eine baldige internationale Beratung war allerdings die Ausklammerung der »chinesischen Frage«.[34] Anfang März 1965 gelang es, 19 der bedeutendsten KPs in Moskau zu einer Beratung zu versammeln. Der Vertreter des PCI, Enrico Berlinguer, gestaltete seinen Redebeitrag als Plädoyer für den Polyzentrismus und ein allargamento. Schlussendlich war der PCI nach heftiger Diskussion in der Parteiführung bereit, zugunsten der »Einheit der Bewegung« das Kommuniqué mitzuunterzeichnen, in dem jedoch nur von der »Durchführung« und nicht von der »Einberufung« einer Weltkonferenz gesprochen wurde. Zudem bestanden die italienischen Kommunisten darauf, dass ihre abweichenden Auffassungen im (unveröffentlichten) Protokoll vermerkt würden. Berlinguer hatte in seinen Darlegungen auch die Notwendigkeit multilateraler Treffen betont und dabei die gemeinsame Analyse nationaler Probleme im westeuropäischen Kontext hervorgehoben.[35] Im Juni 1965 fand in Brüssel ein erneutes Treffen der westeuropäischen KPs statt. Auf diesem standen eher klassische Themen wie die Frage der kollektiven Sicherheit und die Solidarität mit Vietnam sowie den verbotenen Bruderparteien im Vordergrund – diesbezüglich herrschte große Übereinstimmung. Dennoch zeigten sich Divergenzen unter den westeuropäischen KPs. Der PCI nahm Marek und seine Haltung zu den italienischen Positionen positiv wahr; fortan intensivierte sich der Austausch, und nicht zufällig wurde die KPÖ damit beauftragt, die nächste Konferenz der westeuropäischen KPs zu organisieren.[36] Der dafür verantwortliche Marek war bestrebt, eine reformkommunistische Diskussion auf europäischer Ebene zu entfachen. Die Wiener Konferenz 1966 war ausdrücklich als »Diskussionskonferenz« ohne Beschlüsse konzipiert und sollte dem Austausch über Erfahrungen und Probleme der jeweiligen Parteien mit der »Aktionseinheit« (also dem Zusammenwirken von Kommunisten und Sozialisten) und im »Kampf gegen die Monopole« dienen. Der weiterreichende Wunsch der österreichischen Veranstalter, die Konferenz öffentlich durchzuführen, war noch nicht umsetzbar.[37] Das Treffen von Wien zeigte zudem, dass der beabsichtigte Verzicht auf außen- und weltpolitische Fragen im Rahmen einer solchen Konferenz nicht möglich war. Am Vorabend der Konferenz hatten PCI und PCF in San Remo erneut ihre zukünftige EWG-Politik diskutiert. Dem PCI gelang es zwar, den PCF theoretisch davon zu überzeugen, dass der Kampf von innen heraus zu führen sei – ein gemeinsames Statement kam aber nicht zustande.[38] Wie der PCI vermerkte, forderte Marek in seinem Eingangsreferat, das viele Entwicklungen des »Eurokommunismus« der 1970er-Jahre vorwegnahm, offen dazu auf, nicht nur Berichte zur jeweiligen nationalen Lage vorzutragen, sondern allgemeine Fragen der Arbeiterbewegung in Westeuropa zu diskutieren. Dies gelang zum Bedauern des PCI nicht. Dennoch wurde es positiv gesehen, dass sich nun mehrere Parteien für die Frage der richtigen Strategie in Westeuropa interessierten, das Verhältnis von »Demokratie und Sozialismus« diskutierten und für die Freiheit von Kunst und Wissenschaft eintraten. Als Lehre aus Wien stand fest, dass künftige Treffen einer besseren Vorbereitung und eines konkreteren thematischen Fokus bedürften. Parteichef Luigi Longo gab die Devise aus, entsprechende Bemühungen fortzusetzen, und vertrat diese Ansicht auch in der Sowjetunion. Marek stand beim PCI nun hoch im Kurs, den italienischen Kommunisten war aber nicht verborgen geblieben, dass sich in der KPÖ Widerstand gegen die neue Parteilinie regte. Marek hatte erneut den »Anschauungsunterricht« eingefordert und war der Überzeugung, dass der Dialog mit Katholiken und Sozialisten in Westeuropa nur möglich sei, wenn entsprechende Demokratiedefizite in den sozialistischen Staaten offen angesprochen würden. Dagegen hatte Raymond Guyot (PCF) polemisiert;[39] KPD und SED beklagten sich darüber im Nachhinein bei der KPÖ.[40] Die SED sprach in dieser Zeit von »bürgerlichen Einflüssen« in der »Weltbewegung«. Hier standen insbesondere der PCI, mit Abstrichen der PCF und von den kleineren Parteien zuvorderst die KPÖ, aber auch die niederländischen und die schwedischen Kommunisten unter argwöhnischer Beobachtung.[41] Kritik an den sozialistischen Staaten war weiterhin unerwünscht, aber die Wiener Konferenz hatte auch ein für die regierenden Staatsparteien erfreuliches Resultat gezeitigt. Seit einigen Jahren war die seitens der Sowjetunion propagierte europäische Sicherheitskonferenz unter den westeuropäischen KPs ein Thema gewesen, eine gemeinsame Initiative aber ausgeblieben.[42] Diese erfolgte just als direktes Resultat der Wiener Konferenz. Die KPD – in diesem Zusammenhang durchaus als östlicher Agent zu sehen – hatte den Tagesordnungspunkt in einer Konferenzpause nachdrücklich auf die Agenda gesetzt.[43] Statt zu einem intensiveren, institutionalisierteren Austausch der westeuropäischen KPs, führte die Wiener Konferenz nach Karlovy Vary. Dort zeigten sich 1967 dann deutliche Divergenzen unter den westlichen KPs hinsichtlich der Bewertung der »neuen Ostpolitik« und der Frage, wie man darauf reagieren sollte. Während sich beispielsweise der PCI und in dessen Gefolge die spanischen und österreichischen Kommunisten für eine positive Antwort in Richtung Bonn aussprachen, opponierte der PCF vehement dagegen.[44] Die Zeit war noch nicht reif für gemeinsame »eurokommunistische« Aktionen, wie sie ab Mitte der 1970er-Jahre trotz des Fortbestehens der Diversität der KPs folgen sollten – das Jahr 1968 machte dies schließlich überdeutlich. Jedoch waren dichtere Netzwerke entstanden, die den Ideen- und Informationstransfer beschleunigten – auch dies wurde 1968 offensichtlich.   IV. 1968 und die Folgen für die KPÖ sowie die Entwicklung des »Eurokommunismus« Der Anfang des Jahres 1968 stand ganz im Zeichen des Vietnamkrieges und der Tet-Offensive des Vietcongs. Die diesbezügliche Solidarität einte östliche und westliche KPs und auch ein weiteres linkes Spektrum, das 1968 so massiv in Erscheinung treten sollte. Die »Weltbewegung« arbeitete jedoch an ganz anderen Fragen, als jenen, die die bisher ungeschriebene Geschichte des facettenreichen kommunistischen »1968« ausmachen sollten. Just in diesem Jahr schien der lang gehegte sowjetische Wunsch nach einer neuen Weltkonferenz in Erfüllung zu gehen. Infolge eines von 18 KPs im November 1967 beschlossenen Aufrufs trafen Ende Februar/Anfang März 1968 65 KPs in Budapest zu einem Konsultativtreffen zusammen und verständigten sich (trotz Bedenken seitens des PCI und der Briten) auf die Einberufung einer internationalen Beratung. Lediglich die rumänische Delegation hatte in Budapest für einen Eklat gesorgt, indem sie nach Kritik an ihrer intransigenten Haltung einfach abreiste. Dennoch standen die Vorzeichen für die Realisierung der Beratung Ende des Jahres in Moskau gut[45] – in den folgenden turbulenten Monaten sollte sich dies jedoch bald wieder ändern. Der »Prager Frühling« nahm rasch Fahrt auf und der zu Jahresbeginn abgelöste Erste Sekretär der tschechoslowakischen KP (KSČ) Antonín Novotný erlebte eine vollständige Demontage. Die neue Führung beschloss ein »Aktionsprogramm« und verabschiedete sich von der Zensur. Bereits zuvor hatte am 23. März in Dresden ein erstes Treffen der sogenannten Bruderparteien stattgefunden, auf dem die Lage in der Tschechoslowakei besprochen wurde. Walter Ulbricht griff die Entwicklungen in der ČSSR scharf an und bezeichnete diese als »konterrevolutionär«. Die Formierung der späteren Interventionskoalition hatte begonnen.[46] Parallel dazu entschloss sich die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PVAP) zu ihrer »Anti-Zionismus-Kampagne«, die offen antisemitisch war, die jüdische Intelligenz ihrer Existenz beraubte und ihren Exodus zur Folge hatte. Der Aufschrei im Westen war enorm.[47] Unter diesen Vorzeichen fand Ende April in Budapest die erste Sitzung der Vorbereitungskommission für die internationale Beratung am 25. November 1968 in Moskau statt. Aus Sicht der SED war insbesondere der PCI für die aufgetretenen Probleme verantwortlich. Delegationsleiter Carlo Galluzzi war – laut SED-Bericht – »außerordentlich anmaßend und herausfordernd« aufgetreten, hatte die Beschlüsse des Konsultativtreffens infrage gestellt und die Entwicklung in den sozialistischen Ländern hinterfragt. Weitere westeuropäische KPs vertraten »abwartende und schwankende Positionen«. Die Haltung der KSČ wurde als »versöhnlerisch« und als »faktische Unterstützung« des PCI gewertet. Gegen dessen Haltung waren mehrere KPs offen aufgetreten, der polnische Vertreter Zenon Kliszko ließ sich »[a]uf Grund des provokatorischen Auftretens des Leiters der italienischen Delegation […] zu einer äußerst heftigen Reaktion« hinreißen.[48] Er attackierte Galluzzi, warf dem PCI vor, in der L’Unità gegen das polnische Regime anzuschreiben, und brüllte: »Wir sollten uns untereinander nicht wie ›Jesuiten‹ verhalten.« Daraufhin verließ die italienische Delegation den Saal.[49] Schon 1965 waren PVAP und PCI in Moskau erstmals aneinandergeraten. Die Krise in den Parteibeziehungen verschärfte sich in den Folgejahren weiter. Dies dürfte daran gelegen haben, dass zum einen die PVAP italienische Einflüsse auf ihre Nachwuchskader fürchtete und zum anderen der vom PCI verfolgte Dialog von Katholiken und Kommunisten von der polnischen Staatspartei aus innenpolitischen Gründen grundsätzlich abgelehnt wurde.[50] Als man im Juni 1968 versuchte, sich bilateral über die bestehenden tiefen Divergenzen zwischen den beiden Parteien auszutauschen, kam dabei nur sehr wenig heraus. Vielmehr verstärkte sich der Eindruck eines offenen Antisemitismus.[51] Longo ließ sich von Marek persönlich über die Lage in Polen unterrichten,[52] der PCI scheute im Weiteren aber davor zurück, einschlägige Materialien des kulturpolitischen Organs der KPÖ, das sich bereits weitgehend der Parteikontrolle entzogen hatte, zu übernehmen.[53] In der Zwischenzeit hatte sich auch der innerparteiliche Konflikt in der KPÖ zugespitzt. Der Reformweg geriet ab den Wahlen 1966, als man den Wiedereinzug ins österreichische Parlament verpasste, sowohl innerhalb der Partei als auch durch die östlichen Bruderparteien immer stärker unter Beschuss.[54] Der offene Ausbruch des Konflikts erfolgte aber erst 1968. Nachdem die Entwicklungen in der Tschechoslowakei nach 1945 den österreichischen Kommunisten mehr geschadet als geholfen hatten, wurde das Reformprojekt des Jahres 1968 in der österreichischen Öffentlichkeit mehrheitlich mit großer Sympathie verfolgt. Die KPÖ-Reformer sahen sich durch die Entwicklung jenseits der Grenze in ihrem Weg bestätigt. Die Partei hatte das Aktionsprogramm der KSČ in deutscher Sprache herausgegeben und in großer Zahl verteilt. Marek, der immer wieder die Mängel im »Anschauungsunterricht« der sozialistischen Länder kritisiert hatte, erblickte im Prager Frühling die »bedeutendste Lektion dieses Anschauungsunterrichts in den letzten Jahren« und bezeichnete ihn als den »wichtigste[n] und entscheidendste[n] Beitrag zu der nun schon seit Jahren laufenden Diskussion über ›Demokratie und Sozialismus‹«.[55] Innerhalb der Partei brodelte es aber hinsichtlich der Bewertung des »Sozialismus mit menschlichem Antlitz«. Offenkundig wurde dies bereits Anfang Februar, als Reformgegner einen im Klubraum der Parteizentrale angesetzten Vortrag des aus der KSČ ausgeschlossenen Schriftstellers Antonín Liehm über die Lage der Intellektuellen in der Tschechoslowakei durch ihr aggressives Auftreten verhinderten und die Verlegung in eine Privatwohnung erzwangen.[56] Die Gegensätze sollten sich bis zum August 1968 stärker ausprägen und danach offen ausbrechen. Der PCI hatte den Prager Frühling analog zur KPÖ anfänglich als ein für die westeuropäischen KPs nützliches Beispiel des demokratischen Sozialismus begrüßt – natürlich auch im Hinblick auf die Auswirkungen in der heimischen Politik. Die relativ einhellig positive parteiinterne Wertung schwächte sich mit dem Erscheinen des »Manifests der 2000 Worte« ab. Innerhalb der PCF-Führung war die Bewertung von Anfang an uneinheitlich, die Haltung der Parteiführung ließ diese nach außen hin aber ähnlich positiv erscheinen. Die Erfahrungen des Pariser Mai führten zu mehr Zurückhaltung. Etwa ab Juni wurden die tschechoslowakischen Entwicklungen der offenen Krise der »Weltbewegung« untergeordnet, der PCI spielte nun seinen Enthusiasmus herunter, während der PCF im Rahmen der Parteikontakte mit Prag und Moskau darauf hinarbeitete, eine Intervention zu verhindern. Dies war letztendlich nicht von Erfolg gekrönt und sowohl der PCI als auch der PCF verurteilten den Einmarsch in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 scharf. Dieser konterkarierte ihre Vorstellungen von der Détente und musste im Westen entsprechende innenpolitische Folgen haben. Der erneute Schlag gegen einen anderen Weg zum Sozialismus führte auch zu innerparteilichen Problemen, da sowohl die Intervention als auch ihre Verurteilung die Identität und die Einheit der beiden Parteien herausforderten.[57] Dies galt in noch dramatischerer Weise für die KPÖ, die den Einmarsch ausdrücklich verurteilt hatte.[58] Fischer rief sogar zum Bruch mit der sowjetischen Führung auf – eine Extremposition, die für die Mehrheit der KPÖ-Mitglieder nicht tragbar war und auch vom PCI abgelehnt wurde.[59] Nach der Verurteilung der Intervention rief die KPÖ zu einer Konferenz der westeuropäischen KPs auf. Dies entsprach den seit Jahren verfolgten internationalen Bestrebungen der Reformer um Marek. Der Aufruf der KPÖ verhallte schließlich ungehört, da die KPdSU massiv gegen die Konferenz auftrat und in PCI und PCF keine einheitliche Meinung dazu vorhanden war. Bereits am Tag der Intervention herrschte faktisch Übereinstimmung, dass es keine konzertierte Aktion der beiden Parteien geben sollte. Demnach stand die Chance für eine von der KPÖ angestrebte gemeinsame Erklärung der westeuropäischen KPs von Anfang an schlecht. Die Führung der italienischen Kommunisten diskutierte die Frage erstmals in einer Sitzung am 23. August. Dort kamen drei divergierende Positionen zum Ausdruck: eine eher ablehnende, eine »minimalistische«, die zwar Interesse bekundete, in der Konferenz aber nur ein Druckmittel innerhalb der »Weltbewegung« sehen wollte (und auch im PCF vorhanden gewesen sein dürfte), und eine insbesondere von Galluzzi und Berlinguer vertretene »maximalistische«, die darin ausdrücklich eine Chance auf Veränderung in der Bewegung sahen.[60] Die Tatsache, dass Berlinguer in besagter Sitzung zweimal auf den Vorschlag der KPÖ zurückkam, deutete die Richtung an, in die sich der PCI langfristig unter seiner Führung entwickeln sollte. Zunächst wollte man aber nichts überhasten und forcierte die bilateralen Kontakte zu anderen KPs – nicht nur den westeuropäischen, sondern auch zu den rumänischen und jugoslawischen.[61] Marek fuhr Mitte September 1968 erneut nach Rom, um die italienischen Kommunisten für die Konferenzidee zu gewinnen. Gemeinsam mit Muhri vertrat er die Ansicht, dass die innerparteiliche Konfrontation in der KPÖ noch kontrollierbar sei und bekundete Unterstützung für die Position des PCI. Nachdrücklich betonten sie, dass eine westeuropäische Konferenz rasch durchgeführt werden sollte. Sie mussten den Italienern aber beipflichten, dass eine seriöse Vorbereitung nötig sei und gewiss die KPs der anderen kapitalistischen Staaten einbezogen werden müssten,[62] unter denen aber keine Mehrheit für die Konferenz vorhanden war. Entscheidend war zudem die Tatsache, dass Moskau von Anfang an öffentlich vehement gegen die Idee auftrat. Als die Diskussionen darüber nicht verstummten, wurde die Haltung der KPdSU in bilateralen Treffen klargestellt. Gegenüber dem PCI wurde betont, dass man diese Positionen »nicht akzeptieren« könne, da sie zu weiteren unüberwindbaren Gegensätzen führen würden. Ausdrücklich wurde auf das Engagement der KPÖ verwiesen, das Fehlen eines Dementis durch den PCI angeprangert und angesichts des Echos der Idee in der »bürgerlichen Presse« ganz generell infrage gestellt, was der PCI durch derartige Aktionen, worunter auch die bilateralen Treffen mit den rumänischen und jugoslawischen Staatsparteien fielen, beabsichtige. Zudem wurde ein Brief des sowjetischen Politbüros angekündigt,[63] der wenig später erneut vor einem Eingehen auf den österreichischen Vorschlag warnte und dazu aufforderte, die »Spekulationen« über eine Regionalkonferenz zu beenden.[64] Im Endeffekt schlossen sich die Italiener der ablehnenden Haltung der französischen Kommunisten an.[65] Der Vorstoß der KPÖ ging ihnen zu weit und hätte der Position von PCI und PCF in der »Weltbewegung« in unkalkulierbarer Weise abträglich sein können. Im weiteren Verlauf des Herbsts 1968 erfolgte stattdessen eine graduelle Wiederannäherung an die KPdSU und eine Neuaufstellung der »Weltbewegung«. Dies führte nicht zur Rücknahme der Missbilligung der Intervention durch PCI und PCF, hatte aber die Hinnahme des »Normalisierungsprozesses« in der Tschechoslowakei zur Folge. Um ein gemeinsames Auskommen in der »Weltbewegung« zu ermöglichen, musste 1968 künftig tabuisiert und gewisse Aspekte der innenpolitischen Ausrichtung von PCI und PCF aus der Diskussion mit den Sowjets ausgeklammert werden. Während der PCI ein größeres Ausmaß an Autonomie behaupten konnte, durchlief der PCF zwischen 1968 und 1970 de facto ebenfalls einen »Normalisierungsprozess«, der mit einem Wechsel der Parteiführung und einer »Säuberung« der Partei von kritischen Intellektuellen einherging. Die Tatsache, dass es zusammen mit den rumänischen Kommunisten gelungen war, die Moskauer Weltkonferenz bis Juni 1969 aufzuschieben, stellte einen Pyrrhussieg dar. Dadurch hatte die KPdSU Zeit gewonnen, um nicht nur den PCF und in geringerem Ausmaß den PCI – der nur eine der drei Sektionen des Moskauer Hauptdokuments unterzeichnete – wieder stärker einzubinden, sondern auch weitere dissidente Parteien erneut auf Linie zu bringen.[66] Das markanteste Beispiel dafür war die KPÖ, die am lautesten gegen den Einmarsch protestiert hatte und am vehementesten für eine westeuropäische Regionalkonferenz eingetreten war. Die SED hatte den Reformweg der KPÖ am intensivsten bekämpft und war zudem über die Bestrebungen der Reformgegner informiert, diesen auf einem außerordentlichen Parteitag Anfang 1969 zu beenden. Den entscheidenden Ausschlag dürfte aber dennoch die KPdSU gegeben haben, die im Herbst nach den bilateralen Treffen mit PCF und PCI auch die KPÖ nach Moskau lud. Seitens der Reformer wurden die dort erzielten Vereinbarungen als »Umfaller« gewertet, auch wenn die Auswirkungen erst sukzessive sichtbar werden sollten und die volle »Normalisierung« der Kleinpartei in östlicher Sicht bis zur Rücknahme der Verurteilung der Intervention im Jahr 1971 dauerte.[67]   V. Schlussbetrachtung Die Folgen des Jahres 1968 hatten dem »Austro-Eurokommunismus« den Todesstoß versetzt. Maud Bracke hält in ihrem mehrfach zitierten Werk mit Blick auf den »Eurokommunismus« abschließend fest: »The invasion, the subsequent realignment of the communist world and the static détente that came about, all prevented the West European communist cluster from developing into an actual strategic alliance. It is in this sense that 1968 marked the end rather than the start of Eurocommunism: the events of 1968 indicated the limits of domestic or intra-bloc dissent in terms of changing bloc strategies and internal organization.« [68] Auch wenn der Autor dieses Beitrags nicht ganz so weit gehen würde, so ist die Argumentation zutreffend, denn die Diversität des Mitte der 1970er-Jahre aufkommenden »Eurokommunismus«, der diesmal tatsächlich zu einem regionalen Machtfaktor der Bewegung wurde, trug erheblich zu dessen Niedergang am Ende des Jahrzehnts bei. Dabei spielten die sich zwar verändernden, aber dennoch bereits in den 1960er-Jahren vorhandenen Differenzen eine zentrale Rolle. Viele der in den 1970er-Jahren geführten Diskussionen gehen auf Debatten zurück, die in den 1960er-Jahren im nationalen Rahmen und innerhalb der westeuropäischen Netzwerke begonnen hatten. Einige der daran beteiligten Akteure avancierten zu führenden Protagonisten und Denkern des »Eurokommunismus«. Die Kritik an den sozialistischen Staaten und der Sowjetunion geht ebenfalls auf die 1960er-Jahre zurück. Viele der schärfsten Kritiker mussten sich nach 1968 entweder der jeweiligen Parteilinie unterordnen oder wurden ausgeschlossen. Ähnliches galt auch für jene, die am stärksten auf eine Veränderung der »Weltbewegung« von innen abgezielt hatten, die prominente Ausnahme Berlinguer bestätigt die Regel. Daher erscheint eine intensivere Diskussion über die Wurzeln des »Eurokommunismus«, d.h. der Reformkommunismen mit all ihren transnationalen Wechselwirkungen und Transfers in den 1960er-Jahren in gesamteuropäischer Perspektive, erstrebenswert. Dabei gilt es, die Fixierung auf die größten westeuropäischen KPs – PCI und PCF – zu überwinden. Wie reagierten die kleineren KPs auf die Entwicklungen in Osteuropa, wie partizipierten sie an den Diskussionen in Westeuropa und über den Eiserenen Vorhang hinweg und wie wirkte ihr Verhalten auf die größeren westlichen KPs im realpolitischen wie im intellektuellen Austausch? Zwar spielte die nationale Bedeutung einer KP stets eine Rolle, für die Ideengeschichte – der die Reformkommunismen zuzurechnen sind – kann sie aber keine heranzuziehende Kategorie darstellen. Die Rolle der später aus der österreichischen Zwergpartei ausgeschlossenen Denker wie Fischer und Marek sollte Beleg genug dafür sein. Diese hatten tatsächlich einen »Frühstart des Eurokommunismus« hingelegt, der im westeuropäischen Maßstab noch keinesfalls konsensfähig gewesen war, wie sich 1968 herauskristallisieren sollte. [1] Für die besten Zusammenfassungen zum »Eurokommunismus« siehe: Silvio Pons: The rise and fall of Eurocommunism, in: Melvyn P. Leffler/Odd Arne Westad (Hg.): The Cambridge History of The Cold War, Bd. III: Endings, Cambridge 2010, S. 45–65; Nikolas Dörr: Emanzipation und Transformation. Rückblick auf den Eurokommunismus, in: Osteuropa 63 (2013), H. 5/6, S. 255–270. [2] Zur seither von jüngeren Forschungen häufig aufgegriffenen und weiterdiskutierten Begrifflichkeit siehe: Michel Dreyfus u.a. (Hg.): Le Siècle des Communismes [Das Jahrhundert der Kommunismen], Paris 2000. Ich danke Silvio Pons für die anregenden Gespräche zur Thematik des Artikels. Einzelne Thesen habe ich ausgehend vom Konflikt zwischen KPÖ und SED bereits andernorts angedacht. Siehe Maximilian Graf: The Rise and Fall of »Austro-Eurocommunism«. On the »Crisis« within the KPÖ and the Significance of East German Influence in the 1960s, in: Journal of European Integration History 20 (2014), H. 2, S. 203–218. [3] Am Beispiel der Dissidenz: Valentine Lomellini: Les relations dangereuses. French Socialists, Communists and the Human Rights Issue in the Soviet Bloc, Brüssel 2012; dies.: L’appuntamento mancato. La sinistra italiana e il Dissenso nei regimi comunisti (1968–1989) [Das verpasste Treffen. Die italienische Linke und der Dissens in den kommunistischen Regimen (1968–1989)], Milano 2010. Mit Blick auf die Zentralität der Détente: Maud Bracke: Which Socialism, Whose Détente? West European Communism and the Czechoslovak Crisis, 1968, Budapest/New York 2007. Die Autorin geht in ihrer Pionierstudie auch ausführlich auf die Zeit vor 1968 ein, diese Passagen sind aber nur selten primärquellenbasiert. [4] Siehe Charlotta Brylla: Die schwedische kommunistische Partei und der Eurokommunismus, in: Ulrich Mählert u.a. (Hg.): Jahrbuch für historische Kommunismusforschung 2010, Berlin 2010, S. 81–91. [5] Siehe Sitzung der Direktion des PCI, 8. Januar 1957, Archivio del Partito Comunista Italiano, Fondazione Istituto Gramsci/Archiv der Kommunistischen Partei Italiens (im Folgenden: APCI), Rom, fondo Mosca, MF 197, Pacco 17. [6] Siehe Natalja Tomilina u.a. (Hg.): Nasledniki Kominterna: Meždunarodnye soveščanija predstavitelej kommunističeskich i rabočich partij v Moskve, Nojabr 1957 [Die Nachfahren der Komintern: Die internationalen Beratungen der Vertreter der kommunistischen und Arbeiterparteien in Moskau, November 1957], Moskau 2013. [7] Zur Begrifflichkeit des »Glaubens« siehe Thomas Kroll: Kommunistische Intellektuelle in Westeuropa. Frankreich, Österreich, Italien und Großbritannien im Vergleich (1945–1956), Köln/Weimar/Wien 2007. [8] Siehe Lorenz M. Lüthi: The Sino-Soviet Split. Cold War in the Communist World, Princeton 2008. [9] Siehe Silvio Pons: The Italian Communist Party between East and West, 1960–64, in: Wilfried Loth (Hg.): Europe, Cold War and Coexistence 1953–1965, London 2004, S. 98–107. [10] Siehe Manfred Mugrauer: Zwischen Erschütterung, neuer Offenheit und »Normalisierung«: Die KPÖ, der 20. Parteitag der KPdSU und die Ungarn-Krise 1956, in: Wolfgang Mueller/Michael Portmann (Hg.): Osteuropa vom Weltkrieg zur Wende, Wien 2007, S. 257–297. [11] Zu Marek siehe Michael Graber: Franz Marek (1913–1979), in: Alfred Klahr Gesellschaft. Mitteilungen, 20 (2013), H. 2, S. 21 f.; Barbara Coudenhove-Kalergi: Zuhause ist überall. Erinnerungen, Wien 2013, S. 172–190. Für Mareks bisher unveröffentlichte Memoiren siehe Franz Marek: Erinnerungen, Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (im Folgenden: DÖW), Bibliothek (Exil), Nr. 09475, 127 Blatt. Der Autor dieses Aufsatzes arbeitet gemeinsam mit Sarah Knoll im Rahmen des vom Zukunftsfonds der Republik Österreich geförderten Projekts »Franz Marek: Lebenserinnerungen und Schlüsseltexte« (Nr. P15-2080) an einer kommentierten Edition, die mit einer biografischen Skizze eingeleitet wird. Als Überblick zur Historiografie der KPÖ siehe Manfred Mugrauer: Die Kommunistische Partei Österreichs. Zum Stand der Forschung über die Geschichte der KPÖ, in: Ulrich Mählert u.a. (Hg.): Jahrbuch für historische Kommunismusforschung 2013, Berlin 2013, S. 211–234. [12] Vladislav Zubok: Zhivagoʼs Children. The Last Russian Intelligentsia, Cambridge 2009, S. 219–225. [13] Siehe Information. Auffassungen leitender Genossen der KP Italiens und der KP Österreichs zu Fragen der Kultur, Berlin, 2. Juli 1963 (gelangte unter den Politbüro-Mitgliedern zur Verteilung), Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der ehemaligen DDR im Bundesarchiv, Berlin (im Folgenden: SAPMO-BArch), DY 30/IV A 2/20/508, Bl. 149–156, insb. Bl. 155. [14] Franz Marek: Kunstdiskussion, in: Weg und Ziel, 21 (1963), H. 6, S. 413–415. [15] Hierzu ausführlich Maximilian Graf/Michael Rohrwasser: Die schwierige Beziehung zweier »Bruderparteien«. SED, KPÖ, Ernst Fischer und Franz Kafka, in: Jochen Staadt (Hg.): Schwierige Dreierbeziehung. Österreich und die beiden deutschen Staaten, Frankfurt a.M. 2013, S. 137–178, hier S. 154–163. [16] Dazu beispielsweise zusammenfassend Wolfgang Schwarz: Brüderlich entzweit. Die Beziehungen zwischen der DDR und der ČSSR 1961–1968, München 2004, S. 71–88. [17] Cecoslovacchia [Tschechoslowakei], Juni 1963, APCI, Serie Estero, MF 492, p. 2173–2180; Riservato [Geheim]. Cecoslovacchia [Tschechoslowakei], 7. Juni 1963, APCI, Estero, MF 492, p. 2181–2183. [18] Schreiben von Mirco Zappi, Berlin, 30. Mai 1963, Riservato [Geheim], APCI, Estero, MF 492, p. 2684–2687. [19] Franz Marek: Arbeiterbewegung und sozialistisches Staatensystem, Weg und Ziel 22 (1964), H. 6, S. 357–362. [20] Siehe Kurzinformation über die Stellungnahme der KPI zu den Veränderungen in der Partei- und Regierungsführung der Sowjetunion, Berlin, 24. Oktober 1964, SAPMO-BArch, DY 30/IV A 2/20/508, Bl. 470–472; Reaktion der KPÖ auf die Veränderungen in der sowjetischen Partei- und Regierungsführung, Berlin, 24. Oktober 1964, SAPMO-BArch, DY 30/IV A 2/20/508, Bl. 473–474. [21] Franz Marek: Nachlese zum Memorandum Togliattis, Weg und Ziel 22 (1964), H. 12, S. 720–724. [22] Leopold Spira: Ein gescheiterter Versuch. Der Austro-Eurokommunismus, Wien/München 1979, S. 49–51. Während in diesem Aufsatz von der Reformphase der KPÖ gesprochen wird, wurde seitens der KPÖ später der Terminus »Parteikrise« gewählt. Siehe Manfred Mugrauer: Der »Prager Frühling« und die Parteikrise der KPÖ, in: Stefan Karner u.a. (Hg.): Prager Frühling. Das internationale Krisenjahr 1968, Bd. 1: Beiträge, Köln/Weimar/Wien 2008, S. 1043–1061, hier S. 1046–1047. [23] Siehe Walter Baier: Das kurze Jahrhundert. Kommunismus in Österreich. KPÖ 1918 bis 2008, Wien 2008, S. 127–132; Spira: Versuch (Anm. 22), S. 49–59, 60–66 u. 74–77; Theodor Prager: Bekenntnisse eines Revisionisten. Mit einem Nachwort von Georg Eisler, Wien 1975, S. 186. [24] Marek: Erinnerungen, DÖW (Anm. 11), Bl. 106–110. Franz Marek: Probleme der kommunistischen Parteien Westeuropas, in: Weg und Ziel 23 (1965), H. 11, S. 660–672. [25] Hierzu mit Fokus auf PCI und PCF siehe Bracke: Which Socialism, Whose Détente? (Anm. 3), S. 83–130. Zu den Intellektuellendiskussionen zuletzt Marco Di Maggio: Les Intellectuels et la stratégie communiste. Une crise d’hégémonie (1958–1981) [Die Intellektuellen und die kommunistische Strategie. Eine Krise der Hegemonie (1958–1981)], Paris 2013; ders.: Alla ricerca della Terza via al Socialismo. Il PC italiano e francese nella crisi del comunismo (1964–1968) [Auf der Suche nach einem Dritten Weg zum Sozialismus. Die italienische und die französische KP in der Krise des Kommunismus (1964–1968)], Napoli 2014. [26] Für den gemeinsam beschlossenen Aufruf siehe Weg und Ziel 18 (1960), H. 1, S. 65–72. [27] Siehe Sitzungen des Politbüros des PCF, 21. Mai 1959 und 12. November 1959, Archives de Parti communiste Français/Archiv der Kommunistischen Partei Frankreichs (im Folgenden: APCF), Archives Départementales de la Seine Saint Denis, Paris, Bureau Politique 2 Num_4/3, 1955–1959. [28] Siehe Informazione sull’incontro di Parigi col P.C.F. sulla conferenza dei P. sul M.E.C. [Information über das Pariser Treffen mit dem PCF über die Konferenz der Parteien des Gemeinsamen Marktes], 19.–21. März 1962, gez. Emilio Sereni, APCI, MF 503, p. 749–750. [29] Siehe Rapport à la conférence des P.C. du marché commun [Bericht bei der Konferenz der KPs des Gemeinsamen Marktes], Pierre Joye, Brüssel, 4. März 1963, APCI, MF 493, p. 831–853; Riservata! [Geheim!] Informazione sommaria sulla riunione di Bruxelles nei giorni 4–6 Marzo sui problemi del MEC [Information über das Brüsseler Treffen in den Tagen vom 4.–6. März über die Probleme des Gemeinsamen Europäischen Marktes], 25. März 1963, APCI, MF 493, p. 865–870. [30] Im Juli 1963 trugen PCI und PCF diese Idee in einem gemeinsamen Schreiben an alle westeuropäischen KPs heran. Siehe APCI, MF 493, p. 872–875. [31] Im September in Paris und im Oktober in Stockholm, APCI, MF 493, p. 876 und p. 879. [32] Siehe Informazione sulla riunione die sei partiti dei paesi del MEC [Information über das Treffen der sechs Parteien der Länder des Gemeinsamen Europäischen Marktes], Ostende, 1.–2. Dezember 1964, APCI, MF 520, p. 3162–3172. [33] Bracke: Which Socialism, Whose Détente? (Anm. 3), S. 89. [34] Ebd., S. 87. [35] Siehe Sitzung des SED-Politbüros, 11. März 1965, SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/2A/1084; Die Sicht des PCF entsprach weitgehend jener der SED. Siehe Sitzung des PCF-Politbüros, 11. März 1965, APCF, Bureau Politique 2 Num_4/5, 1964–1972. Zur Diskussion in der Führung des PCI siehe Sitzung der Direktion des PCI, 12. Februar 1965 (3), APCI, Direzione, 29, p. 569–580; Sitzung der Direktion des PCI, 2. März 1965, APCI, Direzione, 29, p. 581–590; Sitzung der Direktion des PCI, 8. März 1965, APCI, Direzione, 29, p. 608–623. [36] Siehe Nota sulla Conferenza die Partiti Comunisti die paesi capitalisti dʼEuropa [Notiz über die Konferenz der KPs der kapitalistischen Länder Europas], APCI, MF 528, p. 1097–1118; Information de Guyot sur la conference de Bruxelles [Information von Guyot über die Konferenz von Brüssel], Politbüro, 24. Juni 1965], APCF, Bureau Politique 2 Num_4/5, 1964–1972. [37] KPÖ (Muhri) an PCI, 5. August 1965, (siamo dʼaccordo [Wir sind einverstanden]), APCI, MF 520, p. 1972; Nota per la Segretaria. Situazione relativa alla proposta del P.C. Austriaco per uno conferenza sulla unità d’azione e la lotta contro i monopoli [Notiz für das Sekretariat. Einschätzung zum Vorschlag der österreichischen KP für eine Konferenz über die Aktionseinheit und den Kampf gegen die Monopole], Rom, 7. Oktober 1965, APCI, MF 520, p. 1793–1974; Sulla Conferenza dei Partiti Comunisti dell’Europa occidentale proposta dal P.C. Austriaco. Nota sulla Riunione Preparatoria [Über die von der österreichischen KP vorgeschlagene Konferenz der kommunistischen Parteien Westeuropas. Notiz über das Vorbereitungstreffen], [Wien, 17. Dezember 1965], APCI, MF 520, p. 1801–1802; Verbale sommario sullo svolgimento della riunione di Vienna [Zusammenfassende Niederschrift über die Abhaltung des Treffens von Wien], APCI, MF 520, p. 1803–1806. [38] Maud Bracke: From the Atlantic to the Urals? Italian and French communism and the question of Europe, 1956–1973, Journal of European Integration History 13 (2007), H. 2, S. 33–53, hier S. 44 f. [39] Siehe Informazione sull’incontro dei partiti comunisti dell’Europa occidentale/Information über das Treffen der kommunistischen Parteien Westeuropas (Wien, 9.–11. Mai 1966), Ugo Pecchioli, APCI, MF 537, p. 1044–1048; Sitzung der Direktion des PCI, 13. Mai 1966 (7), APCI, Direzione, 18, p. 628–658; Sitzung der Direktion des PCI, 7. September 1966 (13), APCI, Direzione, 18, p. 740–814; Franz Marek: Die Wiener Konferenz, in: Weg und Ziel 24 (1966), H. 7/8, S. 362–368. [40] Siehe Sitzung des SED-Politbüros, 24. Mai 1966, SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/2/1059, Bl. 2; Max Reimann (für das ZK der KPD) an das ZK der KPÖ, Juni 1966, Archiv der Österreichischen Gesellschaft für Zeitgeschichte im Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, Nachlass 40 (Josef Lauscher), DO 167. [41] Bürgerliche Einflüsse in der kommunistischen Weltbewegung, Berlin, 29. Juni 1966, SAPMO-BArch, DY 30/11775, Bl. 1–24. [42] Siehe Information de Guyot sur la conference de Bruxelles [Information von Guyot über die Konferenz von Brüssel], Politbüro, 24. Juni 1965 und Politbüro, 2. Dezember 1965, APCF, Bureau Politique 2 Num_4/5, 1964–1972. [43] Notizen zu Wien, 16. Mai 1966, SAPMO-BArch, DY 30/11774. [44] Siehe Bracke: From the Atlantic to the Urals? (Anm. 38), S. 33–53, hier S. 44 f. [45] Siehe Sitzung des SED-Politbüros, 19. März 1968, SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/2A/1286. [46] Siehe Jan Pauer: Prag 1968. Der Einmarsch des Warschauer Paktes. Hintergründe – Planung – Durchführung. Bremen 1995, S. 34–45; Lutz Prieß/Václav Kural/Manfred Wilke: Die SED und der »Prager Frühling« 1968. Politik gegen einen »Sozialismus mit menschlichem Antlitz«, Berlin 1996. [47] Siehe Włodzimierz Borodziej: Geschichte Polens im 20. Jahrhundert, München 2010, S. 312–315. [48] Sitzung des SED-Politbüros, 30. April 1968, SAPMO-BArch, DY 30/J IV 2/2A/1298, Bl. 1–17. [49] Relazione della delegazione Italiana alla Commissione preparatoria della Conferenza mondiale dei partiti communisti e operai [Bericht der italienischen Delegation bei der vorbereitenden Kommission der Weltkonferenz der kommunistischen und Arbeiterparteien], gez. Luciano Gruppi, Michele Rossi, Rom, 2. Mai 1968, APCI, MF 552, p. 672–678. [50] Siehe die Überlieferung, APCI, MF 536, p. 2632–2852. [51] Siehe Nota informativa sulle conversazioni politiche avute a Varsavia da A. Pecorari fra il 4 ed el 10 giugno (par la Sezione esteri) [Informative Notiz über die politischen Gespräche, die A. Pecorari zwischen 4. und 10. Januar in Warschau geführt hat (für die Auslandsabteilung)], APCI, MF 552, p. 2185–2187. [52] Siehe Marek: Erinnerungen, DÖW (Anm. 11), Bl. 125. [53] Siehe Bruno Schacherl (Il Contemporaneo) an Politisches Büro des PCI, Rom, 10. Mai 1968, APCI, MF 552, p. 2167–2182. [54] Siehe Spira: Versuch (Anm. 22), S. 67–70; Marek: Erinnerungen, DÖW (Anm. 11), Bl. 110 f. [55] Editorial. Demokratie und Sozialismus, in: Weg und Ziel, 25 (1968), H. 5, S. 215 f. [56] Siehe Mugrauer: »Prager Frühling« (Anm. 22), S. 1046; Spira: Versuch (Anm. 22), S. 80 f. [57] Siehe Bracke: Which Socialism, Whose Détente? (Anm. 3), S. 148–182 u. 209–232. [58] Am 21. August erklärte das Politische Büro der KPÖ, die Intervention zu missbilligen. Eine am 22. August einberufene ZK-Sitzung machte auf Vorschlag Fischers aus der »Missbilligung« eine eindeutige »Verurteilung«. Diese Positionierung war mit Sicherheit durch das urlaubsbedingte Fehlen einiger eindeutig konservativer ZK-Mitglieder bedingt. Siehe dazu Mugrauer: »Prager Frühling« (Anm. 22), S. 1046 f.; Spira: Versuch (Anm. 22), S. 89–99; Josef Meisel: Die Mauer im Kopf. Erinnerungen eines ausgeschlossenen Kommunisten 1945–1970, Wien 1986, S. 184–195; Erwin Scharf: Ich hab’s gewagt mit Sinnen … Entscheidungen im antifaschistischen Widerstand. Erlebnisse in der politischen Konfrontation, Wien 1988, S. 263–267, insbesondere S. 263 f. [59] Siehe Informazione sul P.C. austriaco/Information über die österreichische KP, Dino Pelliccia, 31. Oktober 1968, APCI, MF 552, p. 96. [60] Siehe Bracke: Which Socialism, Whose Détente? (Anm. 3), S. 251–254; Mugrauer: »Prager Frühling« (Anm. 23), S. 1048 f. [61] Siehe Sitzung der Direktion des PCI, 23. August 1968 (16), APCI, Direzione, 20, fol. 939–1037. [62] Incontro del compagno Galluzzi con il presidente del Partito comunista austriaco e con il compagno Marek, membro dell’Ufficio Politico [Treffen des Genossen Galluzzi mit dem Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Österreichs und dem Genossen Marek, Mitglied des Politischen Büros], 16. September 1968, APCI, MF 552, p. 94; Marek: Erinnerungen, DÖW (Anm. 11), Bl. 114. [63] Die schärfsten westlichen kommunistischen Interventionsgegner, Fischer sowie der schwedische KP-Chef Carl-Henrik Hermansson, wurden in diesem Gespräch als »Sozialdemokraten« bezeichnet. Sitzung der Direktion des PCI, 18. September 1968 (17), APCI, Direzione, 20, p. 939–1037. [64] Protokoll der Sitzung des Politbüros der KPdSU vom 11. Oktober 1968, Beschluss Nr. 23: »Zu den Telegrammen an die Führungen der österreichischen und der französischen kommunistischen Partei«; Beilage 2: Schreiben an den sowjetischen Botschafter in Paris, Rossijskij gosudarstvennyj archiv novejšej istorii/Russisches Staatsarchiv für Neuere Geschichte, Fond 3, opis’ 72, delo 210, Kopie im Archiv des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung, Graz. [65] Im Oktober wurde der KPÖ die ablehnende Haltung des PCF erneut mitgeteilt. Politbüro des PCF, 10. Oktober 1968, APCF Bureau Politique 2 Num_4/5, 1964–1972. [66] Siehe Bracke: Which Socialism, Whose Détente? (Anm. 3), S. 264 f. [67] Siehe Graf: The Rise and Fall (Anm. 4), S. 214–216. [68] Bracke: Which Socialism, Whose Détente? (Anm. 3), S. 372.

JHK 2017

Oktoberrevolution. "Flammenschrift auf Europas östlicher Wand"

Dietrich Beyrau

  Oktoberrevolution. »Flammenschrift auf Europas östlicher Wand«[1]   I. Mythen und Narrative Wenn heute an die Oktoberrevolution erinnert wird, so stehen sich zwei Formen des Erinnerns gegenüber, nicht ganz unverbunden miteinander, aber doch deutlich zu unterscheiden. Seit der Revolution selbst zirkulieren in Russland (und im Ausland) Legenden, Narrative und Phantasien über die Ursprünge und die Akteure der Revolution und – spätestens seit den 1960er-Jahren – entstand eine seriöse, wenn auch nicht vor-urteilsfreie Geschichtsschreibung. Zu den mythogenen Narrativen der Akteure, der Bolschewiki selbst, gehört die Kennzeichnung der Revolution als »proletarische« Revolution. Seit den 1950er-/1960er-Jahren wird sie als »Große Sozialistische Oktoberrevolution« in den offiziellen sowjetischen Narrativen und in der Historiografie gefeiert und gewürdigt. Daran wird unter russischen Historikern zum Teil bis heute festgehalten.[2] Die Bolschewiki fassten den Begriff »proletarisch« allerdings sehr weit; denn als Akteure zählten zum Proletariat nicht nur die intellektuelle Führungsriege, die nie in Fabriken gearbeitet hatte, sondern auch Kronstädter Matrosen und Soldaten der Garnisonen von Petrograd und Kronstadt, die – was die bewaffneten Aktionen in den Oktobertagen betrifft – über das Schicksal des bolschewistischen Umsturzes entschieden. Indem der 24./25. Oktober (nach dem gregorianischen) bzw. der 6./7. November (nach dem julianischen Kalender) in der Sowjetunion als Tag der Revolution mit Militärparaden gefeiert wurde, zeigte sich, wer im Nachhinein als eigentlicher »Sieger« in der Oktoberrevolution galt – das Militär als Repräsentant des im Bürgerkrieg entstandenen kriegerischen Machtstaates.[3] Sowjetische Narrative über die Oktoberrevolution wie ihre symbolischen Repräsentationen vereinseitigten die realen Vorgänge und Verhältnisse, verfälschten sie auch manchmal, wenn z.B. in der Stalinzeit die Rolle Stalins als einzigem Kampfgenossen Lenins hervorgehoben und die Februar- und Oktoberrevolution wie ein Vollzug leninscher Planungen dargestellt wurden.[4] Die sowjetischen Narrative lassen sich bis in die Historiografie hinein am besten als machtgestützte Camouflage deuten; Vorgänge und Realitäten hatten sich in das Prokrustesbett eines historischen Determinismus einzupassen: vom zielgerichteten Klassenkampf, von der Wachablösung des Feudalismus durch den Kapitalismus und dessen Überwindung durch den Sozialismus, dies alles eingebettet in ein dichotomisches Weltbild von Gut und Böse.[5] In der späten Sowjetzeit verschoben sich die Akzente bereits, weil die weitere sowjetische staatsfromme Öffentlichkeit mit der Revolution und Lenin als Revolutionär nicht mehr viel anzufangen wusste. Stattdessen lag es im Interesse »patriotischer« Kreise inner- und außerhalb des KGB, die russisch-sowjetische Machtstaatlichkeit zu feiern und zu erinnern. In diesem Sinne wurden die Oktoberrevolution und Lenins Rolle umgedeutet. Lenin geriet zum Staatsmann und Staatsgründer, dem es um den Erhalt und die Neubegründung russischer Machtstaatlichkeit gegangen sei. Als die eigentlichen Zerstörer des Russischen Reiches im Ersten Weltkrieg galten nun Freimaurer und Liberale, die im Kampf um die Macht für die Diskreditierung der Monarchie und die Zerstörung des Zarenreiches von innen verantwortlich gemacht wurden. Die Partei der Bolschewiki habe das »große Russland« erneuert: »Entehrt durch das Zartum, bespuckt durch die einheimische Bourgeoisie, erhob es [Russland] sich [nach der Oktoberrevolution] wie eine Phönix aus der Asche. Die Macht [deržava] breitete ihre riesigen Flügel aus.«[6] Die Diskreditierung der Oktoberrevolution und besonders der Person Lenins in der Zeit der Perestroika blieb oft genug »der Magie des revolutionären Manichäismus« verhaftet.[7] In diesem Sinne sprach auch Vladimir Putin am 27. Juni 2012 vor russischen Militärs vom »nationalen Verrat der bolschewistischen Führer«, die verantwortlich seien für die Niederlage Russlands im Ersten Weltkrieg.[8] Aber auch die These von der Verantwortung der Liberalen und Freimaurer für die Schwächung und Diskreditierung des alten Regimes wird im Umfeld der einflussreichen und regimekonformen Gesellschaft »Russkij Mir« (Russische Welt) bis heute kolportiert.[9] Liberale und Bolschewiki werden darüber hinaus als Erfüllungsgehilfen geopolitischer Strategien zuerst Deutschlands, dann der angelsächsichen Welt gesehen, die auf eine Abschnürung Russlands von den Meeren hinauslaufen. Außerdem werden sie verantwortlich gemacht für den Verlust russischen Einflusses in Osteuropa, zuerst im Frieden von Brest-Litovsk (3./16. März 1918), dann als Folge der Perestroika, die u.a. den »liberalen« Dissidenten angelastet wird.[10] Populäre Titel bieten darüber hinaus seither alle möglichen Verschwörungstheorien an, mit denen die Niederlage im Ersten Weltkrieg und die Revolution erklärt werden. Sie knüpfen oft an zeitgenössische Gerüchte, Legenden und Pamphlete an, nicht zuletzt an die »Protokolle der Weisen von Zion«, welche den Hintergrund dafür bildeten, die bolschewistische Revolution als jüdische Verschwörung zu deuten.[11] Während seines Besuches in Sowjetrussland im September 1920 sah sich der Schriftsteller H. G. Wells veranlasst, sich von den damals auch in der angelsächsischen Presse verbreiteten Verschwörungstheorien zu distanzieren, welche die Bolschewiki als »Agenten eines mysteriösen Rassenkomplotts« sahen, als eine »Geheimgesellschaft, in welcher ein toller Mischmasch von Juden, Jesuiten, Freimaurern und Deutschen sein Wesen treibt.«[12] Eine andere bizarre, aber offenbar einflussreiche Erzählung läuft darauf hinaus, dass neben den unvermeidlichen Freimaurern vor allem Großbritannien und die Entente verantwortlich gewesen seien für die Niederlage im Ersten Weltkrieg, für die Revolution und den Bürgerkrieg. Dies habe mit der Diskreditierung und Ermordung Rasputins begonnen, der sich für Frieden eingesetzt habe, und mit der ausbleibenden Hilfe für die Weißen und der verschwiegenen Hilfe für die Roten im Bürgerkrieg geendet. In Übereinstimmung mit der aktuellen Furcht vor »bunten« Revolutionen wird unterstellt, dass Revolutionen nie spontan entstünden, sondern immer sorgfältig von außen vorbereitet würden.[13] Was zurzeit in Russland nicht gesellschaftsfähig zu sein scheint, sind die seit der Zeit der Revolution in Russland wie im Ausland grassierenden Verschwörungstheorien, in denen vor allem Juden eine prominente Rolle spielten. Den heterogenen Narrativen und Mythen scheint eine vergleichsweise stabile Einstellung in der großen Mehrheit der russischen Bevölkerung gegenüberzustehen. Dies wird allein an der Unzahl von Lenindenkmälern ersichtlicht, die in Russland – im Gegensatz zu den baltischen Ländern und neuerdings auch zur Ukraine – nicht gestürzt, sondern nach wie vor gepflegt und mit Blumen geschmückt werden. Denn die Mehrheit der russischen Bevölkerung hat nach wie vor ein positives Verhältnis sowohl zu Lenin als auch zur Oktoberrevolution. Mit beiden assoziiert sie eine positive Entwicklung im Sinne von Fortschritt und Modernisierung. [14] Trotz aller neuerlichen autoritären und nationalistischen Zurichtung der russischen Gesellschaft koexistieren ohne allzu große Konflikte sehr unterschiedliche Vorstellungen und Bewertungen der ferneren Vergangenheit, die immer noch oder wieder im Schatten des Großen Vaterländischen Krieges steht.   II. Sowjets und bolschewistische Diktatur Im Folgenden wird es nicht darum gehen, die Ereignisse der Revolution und des Bürgerkrieges erneut zu erzählen. Dazu existiert eine ausführliche, man kann wohl sagen erschöpfende Literatur.[15] Hier sollen stattdessen zentrale Fragen, die anhand der Revolution diskutiert werden, aufgenommen werden: die Frage nach der Kontinuität und Pfadabhängigkeit, nach der Modernisierung und der Bedeutung des nationalen Problems. Viele Zeitgenossen und ebenso viele Historiker deuteten und deuten die Revolution einschließlich des Oktoberumsturzes als eine »Volksrevolution« oder als ein an die native tradition gebundenes Ereignis.[16] Dahinter steht die Vorstellung der seit Peter dem Großen gespaltenen russischen Kultur, einer europäisierten Elitenkultur und einer in Bewegung geratenen Volkskultur. Diese galt – wie bei Oswald Spengler[17] – als nicht europäisch und unzivilisiert. In ihrem Aufruhr gegen die Eliten wurde das »Volk« (narod) oft genug als unwissend, enthemmt oder auch als verführt (durch die nihilistische Intelligenzija) vorgestellt. In diesen Beobachtungen und Reflexionen brach sich der Schock über das Eindringen der plebejischen Unterschichten in die Räume der Schichten von Besitz und Bildung Bahn.[18] Der Plebejer machte nun Politik. Sie orientierte sich aber nicht an den Normen des europäischen Liberalismus und demokratischen Sozialismus. Die Rhetorik in den zahllosen Resolutionen von Fabriken, Soldatenkomitees, Landkomitees und Dorfversammlungen und das Verhalten deuten vielmehr auf ein Verständnis von Autorität, Volksherrschaft und Demokratie, das nicht den liberalen Vorstellungen von Gesetz, Verfahrensordnung und Repräsentation entsprach. Was aber beinhaltete der Ruf nach sozialer Demokratie, nach Sowjetdemokratie und schließlich nach Sowjetmacht? Er schloss Forderungen und Erwartungen ein wie die Sehnsucht nach einem Ende des Krieges, von der Bourgeoisie betrieben, nach Gleichberechtigung (gegen die Reste ständischer Unterschiede) und nach Egalität – nach Arbeiterkontrolle in den Betrieben, nach Umverteilung des Bodens zugunsten der »werktätigen« Bauern. Bourgeoisie und Adel waren nicht Teil der »sozialen Demokratie«. In der Konfrontation mit Gutsbesitzern, Kulaken auf dem Lande, mit Beamten, Managern, Unternehmern, Ingenieuren in den Städten, auch mit Priestern, kurz mit den Angehörigen der »Bourgeoisie«, den burzui, zeigte sich, dass die sozialistische Rhetorik vom Klassenkampf, oft auch in verballhornter Weise, in das öffentliche Sprechen eingegangen war.[19] Von anderer Seite wurden Sprache und Verhalten aber nur als blind wütender Klasseninstinkt oder einfach als kriminell erlebt.[20] Eine Bestätigung erfuhr letztere Sicht im »allrussischen Pogrom« der Oktobertage, in Saufexzessen beim Sturm auf Alkoholkeller und Weinlager, besonders häufig beschrieben im Zusammenhang mit der Besetzung des Winterpalais. Solche Szenen hatte es vielfach bereits gegen Ende des Krieges in den Frontgebieten und der Etappe gegeben, sie wiederholten sich dann im Bürgerkrieg. Das war die Rache vor allem der Soldaten, denen im Krieg Nüchternheit verordnet worden war, während Offiziere und Generäle sich an Wein und anderen Alkoholika erfreuen durften. [21] Die vielfach beschriebenen Exzesse sind ebenso gut als Teil des zusammenbrechenden Staates, des Überlebenskampfes und der ungehemmten Ausbreitung von Kriminalität seit dem Sommer 1917 zu deuten. Schon während der Revolution von 1917 und noch intensiver in der Zeit des Bürgerkrieges lassen sich viele Gewaltexzesse sowohl aufseiten der Roten, der aufständischen Bauern, als auch auf weißer Seite als Teil einer sozialen Revanche »der da unten gegen die da oben« (und umgekehrt) beschreiben. In den Resolutionen und Verlautbarungen vieler der neu entstandenen Sowjets und Komitees war 1917/18 von »sozialer Demokratie«, von »Diktatur der Demokratie« die Rede. Gemeint war die Forderung nach direkter Volksherrschaft: Dies bedeutete die Ausschaltung der bisher herrschenden Gruppen. Fast sang- und klanglos verschwanden die »liberalen« Institutionen des alten Regimes wie die städtischen Dumen, die Zemstva und das Justizsystem. Herrschaft wurde an »volksnahe« Repräsentanten ohne Anspruch auf Einhaltung von Verfahrensregeln bei den Wahlen oder bei der Verabschiedung von Gesetzen delegiert. Die Sowjets funktionierten als Resolutions- und manchmal auch als Entscheidungsmaschinen, ohne dass man recht wusste, wie Resolutionen und Beschlüsse zustande gekommen waren. Dies gilt für die Entstehung des berühmten Befehls Nr. 1, der für die Petrograder Garnison die Wahl der Offiziere vorschrieb, aber als Gesetz für die Armee insgesamt verstanden wurde.[22] Der Schriftsteller H. G. Wells fühlte sich 1920 in einer Versammlung des Petrograder Sowjets, in der über den Frieden mit Polen debattiert wurde, wie in einer Massenversammlung in der Londoner Queen`s Hall, nicht aber wie in einem gesetzgebenden oder beschließenden Parlament.[23] Viele Sowjets scheinen eher nach den informellen Mustern dörflicher Versammlungen (schod) funktioniert zu haben, als nach Regeln parlamentarischer Körperschaften. Die Sowjets bildeten sehr bald – wie schon der 2. Allrussische Sowjetkongress in den Tagen des Oktoberumsturzes – den Resonanzboden für Entscheidungen, die anderswo gefallen waren, nämlich in diesem Fall im Petrograder Militärrevolutionären Komitee. Dieses hatte den Sturz der Provisorischen Regierung beschlossen. Bald koexistierten der Rat der Volkskommissare und seine Apparate neben den Exekutivkomitees der Sowjets, wenn diese nicht von Militärrevolutionären Komitees abgelöst wurden. Hinzu kamen Parteiinstanzen, die sich häufig exekutive Funktionen aneigneten. In den exekutiven Organen unterschiedlichster Entstehung, manchmal nur umbenannte Behörden des alten Regimes, entstanden sehr bald Ämter, die mehr oder minder unabhängig von Meinungen und Stimmungen in den Sowjets agierten und diese ohne allzu große Mühen manipulierten. Bei zu großem Widerspruch wurden sie einfach entmachtet. Die Basis der »sozialen Demokratie« war instabil und bald nur noch mit dem materiellen Überleben beschäftigt. Dies erklärt die Leichtigkeit, mit der die Bolschewiki nach dem Oktober die maßgeblichen Sowjets und anderen Einrichtungen dominierten, manipulierten oder ersatzlos auflösten. Mit dem Fortgang der Revolution entstand daher eine funktionale Identität von Interessen der neuen exekutiven Organe mit der Revolution und schließlich auch mit den Bolschewiki. Sie waren diejenigen, die das Weiterbestehen der neu entstandenen Behörden am ehesten zu garantieren schienen. Dem absolutisme populaire[24] war insofern Genüge getan, als sich die neue Herrschaft volksnah und anti-elitär gab, aber keineswegs anti-autoritär. Wenn Lenin ein vollkommenes Unverständnis für Freiheit nachgesagt wird, so ging es auch der »Volksrevolution« nicht um Freiheit, sondern um die Beendigung des Krieges, Egalität, Gerechtigkeit und um den Sturz der alten Eliten. Die ersten Maßnahmen der Bolschewiki richteten sich nicht zufällig zuerst gegen die bürgerliche, bald überhaupt gegen die gegnerische Presse und schließlich auch gegen die Konstituierende Versammlung, die noch in regulären Wahlen zustande gekommen war. Für die Verteidigung dieser »bürgerlichen« Institutionen mochte sich aber kaum noch jemand engagieren. Ganz verschwanden die Sowjets allerdings nicht aus der historischen Erinnerung. Dafür sorgte einerseits die camouflierende Selbstbezeichung der Sowjetunion. Andererseits tauchte die Forderung nach »echten« Sowjets, nach Räten und Rätedemokratie, in Krisen immer wieder auf: während des Matrosenaufstandes von Kronstadt 1921, auch im Zuge vieler Bauernaufstände im Bürgerkrieg. Jugoslawien positionierte sich nach dem Zerwürfnis mit der »bürokratisierten« Sowjetunion als Land des Selbstverwaltungs-Sozialismus, in dem Arbeiterräte einen maßgeblichen Einfluss auf die Betriebe haben sollten. Ein fernes Echo des Nimbus von Rätedemokratie war die Bildung von Arbeiterräten in Ungarn 1956, die sich durchaus als revolutionäre Organe verstanden, während sie in Polen seit 1956 für kurze Zeit eher als Mitbestimmungsorgane funktionierten. Ähnliches wurde 1968 in der Tschechoslowakei angestrebt. In der zusammenbrechenden Wirtschaft Polens etablierte sich 1980/81 ein Netz der sich selbst verwaltenden Betriebe. Zuletzt unternahm auch Gorbačёv Anläufe zur Wiederbelebung von Elementen der Rätedemokratie.[25]   III. Die Partei und ihre »Verbindung zu den Massen« Im Rahmen der unterschiedlichen Betrachtungsweisen von Pfadabhängigkeit bzw. dem Weiterleben von Traditionen sind viele Aspekte von Gesellschaft und Politik in der Sowjetunion erklärt worden: das Fortleben autoritärer Herrschaftsverhältnisse, die ineffiziente Bürokratie, von Lenin und seinen Nachfolgern als »Bürokratismus« gescholten, die Intransparenz der Machtsphären und ihre kultische Repräsentation, die Anspruchslosigkeit und Leidensfähigkeit der russischen Bevölkerung.[26] Die Revolutionen von 1905 und 1917 durchbrachen wesentliche Komponenten dieser Traditionen. Dies gilt für die Verhöhnung der alten Autoritäten und mehr noch für die politische Aktivierung maßgeblicher Teile der Bevölkerung. Auch wenn das bolschewistische Regime mal autoritäre, mal diktatorische Züge annahm, so ist dies nicht gleichzusetzen mit dem Gehorsamsanspruch und Absolutismus des alten Regimes (bis 1905). Hatte dieses widerspruchslosen Gehorsam insbesondere von den unteren Schichten eingefordert, so ging die Parteitheorie und (bis zu einem gewissen Grad) auch die Herrschaftspraxis der Bolschewiki in den 1920er-Jahren von einem – wenn auch asymmetrischen – »Dialog« zwischen den Werktätigen und der Führung aus. Er wurde verwirklicht sowohl in innerparteilichen Debatten als auch in einem weiten Netz von Laienkorrespondenten, in nicht enden wollenden Beschwerden, Petitionen und Protesten an die Zeitungen und auch an die Mächtigen im Lande, dies allerdings oft in einer untertänigen Attitüde,[27] und nicht zuletzt in orchestrierten »Volksdiskussionen«, beispielhaft durchgeführt in den Verfassungsdiskussionen von 1936 und 1977.[28] Lenins Parteitheorie, wie er sie in Was tun? (1902) und anderswo entwickelt hatte, nahm für die Partei die Funktion einer Avantgarde der Arbeiterklasse in Anspruch. Dabei wurde der Arbeiterklasse ein revolutionärer Instinkt unterstellt.[29] Dieser bedurfte allerdings, um ihn in die richtigen Bahnen zu lenken, der Führung durch die Partei der professionellen Revolutionäre mit ihrer höheren – marxistischen – Einsicht in den Geschichtsverlauf und die Gesetze des Klassenkampfes. Aber – so eine Standardformel, die auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur als leerer Appell immer wiederholt wurde – die Partei durfte die »Verbindung zu den Massen« nicht verlieren.[30] Sie hatte die Massen zu führen, aber auch auf ihre Bedürfnisse zu hören und sie zu berücksichtigen. Lenin und die bolschewistische Führung praktizierten diese Maximen während der Revolution, indem sie das Vorgehen »der Massen« auch dort hinnahmen, wo sie eigentlich eine andere politische Meinung vertraten. So konterte Lenin den Vorwurf, dass die Bolschewiki das Agrarprogramm ihrer Konkurrenten, der Sozialrevolutionäre, gestohlen hätten, mit dem Argument, dass die Sozialrevolutionäre ihr eigenes Programm verleugnet hätten und die Bolschewiki dem Willen der Bauern gefolgt seien. Dass die Bolschewiki die Revolution auf dem Lande in Wirklichkeit ebenso wenig wie andere politische Parteien steuern konnten, steht auf einem anderen Blatt. »Verbindung mit den Massen« schien 1917 insofern realisiert, als aktivistische Teile vor allem in den Garnisonen und unter der Arbeiterschaft wesentliche Parolen der Bolschewiki aufgenommen hatten bzw. diese sich den Stimmungen in den Fabriken und der Armee anpassten und sie weiter radikalisierten. Der autoritäre Führungsanspruch der »Avantgarde« zeigte sich aber sehr schnell im Konzept einer hierarchischen Ordnung: Die Parteimitglieder hatten den aktivistischen, den politisch »bewussten« Kern des Regimes zu bilden, die Gewerkschaften und andere Verbände unter Führung und Kontrolle der Partei sollten als »Transmissionsriemen« funktionieren, d.h. sie hatten die Werktätigen zu instruieren und zu belehren und sozialistische Ideen zu vermitteln. »Politgramota«, politische Alphabetisierung wurde im Bürgerkrieg zur zentralen Praxis gegenüber den Rotarmisten und der Bevölkerung: Ihnen musste erklärt werden, warum sie die Revolution gemacht hatten, wozu sie gut war und wer die Feinde waren. Parteimitgliedschaft war ein Privileg. Parteimitglieder unterlagen aber auch einer vergleichsweise strikten Kontrolle, Fehltritte und Abweichungen konnten durchaus sanktioniert werden. Von Parteimitgliedern wurde Disziplin und ein besonderes Engagement verlangt. Im Bürgerkrieg mussten sie sich mobilisieren lassen, und sie hatten sich periodischen Überprüfungen zu unterwerfen. Je nach Situation beinhaltete Parteimitgliedschaft schon sehr bald die Hinnahme einer Gesinnungs- und Verhaltenskontrolle. Dies galt spätestens seit dem X. Parteikongress (März 1921), als das Fraktionsverbot beschlossen wurde. Die Partei verstand sich seither als »monolithischer« Verband. Kurz zuvor hatte sich noch ein Teil der Delegierten an der Niederwerfung des Aufstands der Matrosen von Kronstadt beteiligt. Denn diese hatten Sowjetdemokratie statt bolschewistischer Diktatur gefordert. Die Partei blieb auch nach dem Bürgerkrieg ein Kampfverband. Angesichts der Feinde, von denen er sich nach wie vor umgeben sah, hatten Kommunisten »Menschen von besonderem Schlage« zu sein (Stalin).[31] Dagegen klang Lenins Beschwörung des Zusammenhalts der Untergrundpartei 1902 in Was tun? geradezu sentimental: »Wir schreiten als eng geschlossenes Häuflein, uns fest an den Händen haltend, auf steilem und mühevollem Weg dahin. Wir sind von allen Seiten von Feinden umgeben und müssen stets unter ihrem Feuer marschieren.«[32] Nach 1921 war die Partei zu einer in sich ausdifferenzierten Organisation geworden, die in zunehmendem Umfang als ein Netzwerk funktionierte, das zunächst vor allem in den Städten und in Industrie und Handel alle wichtigen Institutionen erfasste und kontrollierte. Selbstverständlich ist von einer erheblichen Diskrepanz zwischen dem Modell der Partei, der Parteimitgliedschaft und den Alltagspraktiken auszugehen. Gleichwohl entwickelte die Partei über den später sogenannten demokratischen Zentralismus sehr spezifische Formen von Selbstkontrolle, Disziplin und von Delegierung politischer Vorgaben und Aufgaben. System und Praxis der Herrschaftsausübung unterschieden sich mithin wesentlich vom vorherigen System im Zarenreich. Angesichts der Veränderungen der sowjetischen Gesellschaft sollten sich die neuen Praktiken als erstaunlich langlebig, anpassungsfähig an wechselnde Situationen und als effizient (im Sinne des Regimes) erweisen. Dass diese Form autoritärer Herrschaft zunächst in der Despotie Stalins mündete, zeigt die Anfälligkeit des Avantgarde-Konzepts für viele Varianten autoritär-diktatorischer Herrschaft. Nach dem Tode des Despoten kanonisierte die Partei die »Leninschen Prinzipien«. In engen Grenzen etablierte sie ein oligarchisches System von checks and balances, das nach wie vor Wert auf die »Verbindung zu den Massen« legte.   IV. Das nationale Problem Das Zarenreich war ein multinationales Reich, dessen Völker sich auf einem sehr unterschiedlichen Zivilisationsniveau befanden. Das Spektrum reichte von den (halb-)nomadischen Völkern Mittelasiens bis zu den schnell wachsenden neuen und alten urbanen Zentren europäischen Zuschnitts, neuen Industrieregionen wie am Don und kosmopolitischen Hafenstädten wie Riga und Odessa. Seit den 1880er-Jahren ließ sich die zarische Regierung auf eine Politik ein, die die Homogenisierung der Verwaltung mit unterschiedlich intensiv durchgesetzter Russifizierung der Behörden und kulturellen Einrichtungen in nicht-russischen Gebieten verband.[33] Damit handelte sich das Reich von seinen Kritikern den Ruf ein, ein »Gefängnis der Völker« zu sein und die emanzipatorischen Bestrebungen vor allem nicht-russischer Völker zu unterdrücken. Die Sozialisten hatten sich dem Problem des Nationalismus zu stellen. Sie sahen ihn eigentlich eher als störenden Faktor im Klassenkampf. Angestoßen wurden die Diskussionen durch die nationalen Konflikte in der Habsburger Monarchie und durch den Streit um eine einheitliche oder national organisierte sozialistische Bewegung im Russischen Reich. Der Stellenwert der »nationalen Frage« für den Klassenkampf musste geklärt werden. Die österreichische Sozialdemokratie wollte mit dem Konzept einer Kulturautonomie für die Völker Österreichs die nationalen Gegensätze entschärfen. Dieses Konzept war vom Jüdischen Arbeiterbund in Polen und Russland propagiert worden. Dagegen plädierten Lenin und Stalin, der sich als Fachmann für nationale Fragen profiliert hatte, für das nationale Selbstbestimmungsrecht, d.h. auch für das Recht auf Separation jener Völker, die sich zur modernen Nation – mit eigener Sprache, Kultur und eigenem Territorium – entwickelt hatten. Nationalismus wurde als unvermeidlicher, allerdings transitorischer Faktor hingenommen, aber er stand in der Perspektive der Bolschewiki immer unter dem Verdacht von (Klein-)Bürgerlichkeit. In den Worten Stalins 1913: Der »nationale Organisationstypus« der Partei sei »eine Schule nationaler Borniertheit und Verknöcherung«. Die Partei habe eine Schule des Internationalismus zu sein, die Parteigenossen und die Arbeiter sollten »Glieder der einheitlichen Armee des Sozialismus« sein.[34] Der »internationalistische« Zuschnitt der Parteielite zeigte sich einerseits in dem hohen Anteil von Emigranten wie Lenin, Trockij und vielen anderen, aber auch in dem reichsweiten Einsatz von später führenden Bolschewiki, unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit. Hierin ähnelte die neue Elite der gestürzten des Zarenreiches. Russen bildeten angesichts der quantitativen Verhältnisse in der Bevölkerung wieder die Mehrheit. An die Stelle der Deutschen und Polen, die sich überwiegend aus dem deutschbaltischen und dem polnischen Adel rekrutiert hatten, traten in der bolschewistischen Führung nun Vertreter vormals eher subalterner Völker, vor allem Juden und Letten, aber auch Angehörige der transkaukasischen Völker (Georgier und Armenier). Wegen ihres Vorsprungs im Grad der Urbanisierung (und Bildung) stellten Russen in den beiden ostslawischen Republiken und in Mittelasien wieder das dominierende Element in der Partei wie im Verwaltungsapparat, in der Ukraine und Weißrussland ergänzt durch einen vergleichsweise hohen Anteil von Juden.[35] Während der Revolution (und im Bürgerkrieg) hatte sich gezeigt, dass nationale, auf Eigenstaatlichkeit zielende Bestrebungen unter den Völkern Russlands unterschiedlich intensiv zur Geltung kamen. Die Bolschewiki reagierten darauf, indem sie bereits Sowjetrussland als föderative Republik – der offizielle Name lautete »Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik« (RSFSR) – organisierten, und 1922 den gesamten Staat als Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken zusammenfassten. Die Grundidee bestand darin, dass die staatlichen Sowjetorgane national organisiert sein sollten, während die Partei als geschlossener Verband ohne Rücksicht auf nationale Zugehörigkeit zentralistisch aufgebaut war, wenn auch aus praktischen Gründen in Territorien der Republiken organisiert. Da die neu geschaffenen nationalen Sowjetrepubliken de facto alle multinational waren, behalf man sich mit der Schaffung von autonomen Republiken und autonomen Gebieten oder – wie im Falle der Juden und anderer Streu-Nationalitäten – mit der Gewährung kulturautonomer Einrichtungen. Der Streit, der 1922 aus Anlass der georgischen Frage zwischen Stalin, seinem kaukasischen Anhang und Lenin ausgetragen wurde, drehte sich um die Rechte und Kompetenzen der Sowjetrepubliken. Sollten sie als eigenstaatliche Sowjetrepubliken (mit dem Recht auf Austritt aus der Union) organisiert werden oder eher als autonome Gebiete der RSFSR beitreten? Lenin sah in Stalins Entwürfen für eine Erweiterung der RSFSR die Gefahr eines Wiederauflebens des großrussischen Chauvinismus. Er brachte vergleichsweise viel Verständnis für den Nationalismus der bisher unterdrückten und benachteiligten Völker und für die Ansprüche der Sowjetrepubliken auf. Er fürchtete, dass die ohnehin gegebene Dominanz des russischen Elementes dem großrussischen Chauvinismus wieder zum Durchbruch verhelfen könnte.[36] Wie sich später zeigen sollte, waren diese Ängste nicht unbegründet. Immerhin ist in dem Versuch, die Völker und Territorien des ehemaligen Russischen Reiches föderativ zu organisieren, die Distanzierung vom alten Imperium erkennbar. In den 1920er-Jahren verstand sich die amtliche Politik als Geburtshelfer moderner Nationen mit eigener (standardisierter) Schriftsprache und Kultur und mit eigenen kommunistischen Kadern.[37] Die Zentralisierung der wichtigsten Wirtschaftszweige und schließlich die Durchsetzung einer zentralisierten Planwirtschaft degradierten die Sowjetrepubliken allerdings bald zu Befehlsempfängern aus Moskau, die um Ressourcen antichambrieren mussten. Das nationale Kolorit als Folklore durften sie allerdings behalten.[38]   V. Vom Welt- zum internationalen Bürgerkrieg? Bereits die teils nationalen, teils sozialen Revolutionen an den Peripherien des alten Reiches und mehr noch die dortigen bewaffneten Auseinandersetzungen im Bürgerkrieg sprengten den Rahmen des alten Reiches. Diese Situation entsprach der Perspektive der Bolschewiki der ersten Generation. Lenin hatte schon seit Ausbruch des Weltkrieges dessen Umwandlung in einen internationalen Bürgerkrieg propagiert. Auf der Zimmerwalder Konferenz (5. bis 8. September 1915) hatte selbst die Mehrheit der sozialistischen Gegner des Burgfriedens und der Union sacrée Lenins Programm für einen internationalen Bürgerkrieg als »kindisch« bezeichnet.[39] Lenin hielt auch nach 1917 an dieser Idee fest. Die Russische Revolution sollte die Initialzündung liefern für die Revolution in Europa, aber auch in den Kolonien. Die internationale Revolution und der internationale Klassenkampf würden dem Imperialismus den Garaus machen. Diese Erwartungen erfüllten sich zwar nicht, aber der bolschewistische Umsturz hatte doch weitreichende Folgen, auch im Ausland. Man kann von zwei Phasen der Wirkungsgeschichte der Russischen Revolution ausgehen: die zeitnahe Phase der 1920er- und 1930er-Jahre und die Fernwirkung bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. In ihrem Selbstverständnis sahen sich die Bolschewiki als Erben der Französischen Revolution, deren Symbole über die proletarische Marseillaise bis zum »Sturm auf das Winterpalais« (in Erinnerung an den Sturm auf die Bastille) sie sich aneigneten.[40] Nicht nur die Bolschewiki sahen in der Russischen Revolution »eines der größten welthistorischen Ereignisse. Es liegt nahe, sie mit der Französischen Revolution zu vergleichen, aber tatsächlich ist ihre Bedeutung noch größer«, urteilte der Philosoph Bertrand Russell nach seinem Besuch in Russland im Jahre 1920.[41] Die Bolschewiki verstanden sich als Zeugen und Akteure eines weltrevolutionären Prozesses, der mit der »bürgerlichen« Revolution in Frankreich begonnen und mit ihrer »proletarischen« Revolution fortgesetzt wurde – den Sozialismus fest im Blick. Die Russische Revolution galt nur als der Ausgangspunkt für eine Weltrevolution. In Russland als dem schwächsten Glied unter den imperialistischen Mächten bot sich spätestens seit der Revolution von 1905 die Perspektive, die immer noch revolutionär gestimmte Bauernschaft in eine antibürgerliche Revolution einzubinden und dieser damit jene Wucht zu geben, um das imperialistische Gehäuse zuerst lokal und dann weltweit zum Einsturz zu bringen. Lenin unterschied sich von den Theoretikern und Praktikern der II. Internationale durch seine Sicht auf die Bauernschaft Russlands. Nach den Erfahrungen von 1905 erkannte er in ihr nicht nur ein rückständiges oder gar reaktionäres Element. Dies war der Blick der westlichen Marxisten auf die Bauernschaft ihrer Länder gewesen. Für Lenin dagegen war sie in einer vor- oder frühkapitalistischen Phase wie in Russland ein revolutionärer Faktor. Dies blieb ein zentrales Element revolutionärer Theorie über Lenin hinaus. Die Haltung zum Bauerntum war dabei durchaus zwiespältig: Als »antifeudaler« und revolutionärer Faktor in einer Phase des Übergangs zum Kapitalismus wurde es von Lenin und seinen Anhängern geschätzt, als Repräsentant von »Kleinbürgertum« wurde es wegen seines »instinktiven« reaktionären Strebens nach Besitz als Einfallstor des Kapitalismus in Russland wie anderswo gehasst. Nach Festigung der kommunistischen Macht in der Sowjetunion wie später in China wurde das »kleinbürgerliche« Bauerntum »als Klasse« liquidiert, wie es im Russischen hieß.[42] Lenin und seine Anhänger hatten den Umsturz in Russland in Erwartung einer europäischen Revolution initiiert. Ihren dauerhaften Erfolg machten sie abhängig von Revolutionen in Europa, vor allem in Deutschland. Diese Erwartung trug den Bolschewiki den Vorwurf ein, Russland nur als Brennmaterial, als »Reisigbündel« für die Weltrevolution zu missbrauchen.[43] Noch 1920 verblüffte Lenin den zu Besuch in Sowjetrussland weilenden englischen Schriftsteller H. G. Wells mit der drängenden Frage, wann denn endlich in England die Revolution ausbreche. Wells sprach daher vom »Träumer im Kreml«.[44] Die Erwartungen der Bolschewiki erfüllten sich bekanntlich nicht wie angestrebt. Aber in den seit 1917/18 von Hungerkrisen und Epidemien zerrütteten Staaten der Mittelmächte lieferten die Bolschewiki ein Modell oder wenigstens ein Vorbild, das mit oder ohne sowjetrussische Unterstützung zum Handeln motivierte. Hier seien nur der Spartakus-Aufstand vom Januar 1918, der kommunistische Putschversuch in Wien im April 1918, die kurzlebige Münchner Räterepublik (6./7. April 1918) und die Kämpfe im Ruhrgebiet vom März bis Mai 1920 erwähnt. Die lettische Sowjetrepublik (Januar bis April 1919) und das kommunistische Regime unter Bela Kun in Ungarn (März bis August 1919) scheiterten und der »weiße Terror« zeigte bereits viele Merkmale späterer faschistischer Gegenmobilisierung. Nach dem bulgarischen Putsch (22./23. September 1923) und dem »deutschen Oktober« (22. bis 24. Oktober 1923), den kläglichen Aufstandsversuchen in Hamburg, Sachsen und Thüringen, gab es in Europa einen letzten Putschversuch in Estland am 1. Dezember 1924. Große – vergebliche – Hoffnungen setzte man in der Sowjetunion zuletzt noch auf den Bergarbeiterstreik in England im Mai 1926. Inzwischen hatten sich aber die kommunistischen Aktivitäten und Hoffnungen auf China konzentriert. Sie mussten vorerst mit dem Massaker Chiang Kai-sheks in Schanghai und Nanking im März und April 1927 begraben werden. Das Scheitern aller kommunistischen Aufstände und Putsche und auch der Versuche, den Kommunismus zu exportieren, wie im Falle Polens 1920/21, bestätigten Stalins Linie vom Aufbau des Kommunismus in einem Lande. Der Putschversuch in Bulgarien wie der »deutsche Oktober« waren schon nicht mehr nur spontane lokale Aktionen, sondern mit der Zentrale der Kommunistischen Internationale abgesprochen, wenn nicht gar – wie im Fall des »deutschen Oktober« – weitgehend mit Moskauer Hilfe organisiert worden. Die Hoffnungen auf eine Weltrevolution, die Lenins und Trockijs Politik zunächst beseelt hatten, waren mit Gründung der III. (Kommunistischen) Internationale (1919) institutionalisiert worden. Sie funktionierte spätestens seit dem »deutschen Oktober« als die revolutionäre (und geheimdienstliche) Nebenstelle sowjetischer Außenpolitik.[45] Ihr Erfolg bestand zu Beginn der 1920er-Jahre vor allem in der endgültigen Spaltung der sozialistischen Bewegungen in Europa. Der heftige und bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg anhaltende Streit drehte sich um die Mittel des Kampfes für die Rechte der arbeitenden Bevölkerung, um Demokratie und Diktatur, kurz um die Wege zum und um die Zielvorstellungen vom Sozialismus.[46] Als »Sektionen« der III. Internationale unterstellten sich die kommunistischen Parteien dem sowjetischen Kommando. Zugleich blieben sie dort, wo sie nicht verboten waren, ein bedeutender innenpolitischer Faktor, so in Deutschland bis 1933, seit den 1930er-Jahren vor allem in Frankreich, im Spanien des Bürgerkrieges und in den chinesischen Territorien, in denen sich die Kommunisten nach dem »Langen Marsch« etablieren konnten. In indirekter Weise fand mithin eine Diffusion des kommunistisch-revolutionären Impulses statt, der von der Oktoberrevolution ausgegangen war. Alle kommunistischen Parteien zehrten vom Mythos der Oktoberrevolution und von Lenin und Stalin als revolutionären Ikonen. Selbst in den abgelegenen kommunistisch beherrschten Regionen Chinas genoss Lenin in den 1920er- und 1930er-Jahren eine »fast göttliche Verehrung«.[47] Die Sowjetunion blieb als »Vaterland der Werktätigen« für die »gläubigen« Parteigenossen das Mekka des Weltkommunismus. Bis über die Zeit des Zweiten Weltkrieges hinaus gab die sowjetische Führung die großen strategischen Linien vor und hielt die Parteien oft auch in finanzieller Abhängigkeit.[48]   VI. Der Zweite Weltkrieg und die Fernwirkung der Oktoberrevolution Die Oktoberrevolution und das folgende bolschewistische Regime waren Kinder des Krieges, und Krieg blieb die entscheidende Voraussetzung, sowohl für die Sicherung eines strategischen Vorfeldes für die Sowjetunion in Ost- und Mitteleuropa als auch für den Erfolg weiterer kommunistischer Revolutionen während des Zweiten Weltkrieges und danach. Das Scheitern der nationalsozialistischen Eroberungspolitik öffnete der Roten Armee die Räume Ost- und Mitteleuropas. Die Etablierung der Volksdemokratien und später der kommunistischen Regime lassen sich einerseits als Revolutionsexport und andererseits auch als Ausweitung und Sicherung der sowjetischen Machtsphäre durch Strukturangleichung verstehen. Aus der Sicht des Kremls war das eine vom anderen nicht zu trennen. Aber das Verhältnis zu kommunistischen Bewegungen und Revolutionen berücksichtigte dort, wo es nicht unmittelbar sowjetischem Einfluss unterlag, viel stärker die Reaktionen der USA. Kommunistischen Bewegungen konnte – am extremsten im griechischen Fall – die Unterstützung entzogen werden, wenn das Risiko der sowjetischen Seite zu hoch erschien.[49] Kommunistische Revolutionen während des Zweiten Weltkrieges und danach waren erfolgreich in mehr oder minder autoritär regierten Ländern, deren herrschende Schichten durch die Kriege (und Besatzung) diskreditiert und geschwächt waren. Mehr noch als in Russland spielten bewaffnete Einheiten, zumeist aus der ländlichen und marginalisierten Bevölkerung rekrutiert, unter Führung kommunistischer Berufsrevolutionäre die entscheidende Rolle. In Jugoslawien wie in China verzichteten die Kommunisten während ihres Krieges gegen die deutsche und italienische Besatzung bzw. gegen Japan zunächst auf radikale Landreformen. Sie folgten damit der auf dem letzten (VII.) Kongress der Kommunistischen Internationale (Juli/August 1935) verkündeten Strategie der Volks- bzw. Einheitsfront. Im Kampf um die Macht wurden die kommunistischen Ziele nur indirekt propagiert, um auch antifaschistische und anti-imperialistische Kräfte einzubinden (und zu dominieren). Besonders in China lassen sich aber schon vor dem Krieg gegen Japan und besonders nach 1945 Anleihen bei Formen des sowjetischen Klassenkampfes beobachten. Den Komitees der Dorfarmut, die im Bürgerkrieg in Russland und der Ukraine Getreide zu requirieren und den Klassenkampf ins Dorf zu tragen hatten, entsprachen – in oft noch radikalerer Weise – in sowjetchinesischen Territorien der späten 1920er- und 1930er-Jahre der chinesische »Rachekannibalismus« genauso wie die Bitterniskampagnen seit 1946. Sie stellten die Dorfreichen und Dorfautoritäten öffentlich bloß, beschämten, quälten, verhafteten oder töteten sie auch. Die seit den 1920er-Jahren zuerst in der KPdSU praktizierte »Kritik und Selbstkritik« als eine Form öffentlicher Selbsterniedrigung wurde in China sehr viel ausgefeilter, intensiver (und wohl auch gewalttätiger) praktiziert als in der UdSSR.[50] Im Westen sind diese Verfahren, als sie an amerikanischen Kriegsgefangenen im Koreakrieg eingesetzt wurden, unter dem Begriff »Gehirnwäsche« bekannt geworden.[51] Nur auf Kuba wurde eine diskreditierte Diktatur im Frieden durch eine Guerilla gestürzt, die mit dem Proletariat und auch der ländlichen Bevölkerung wenig zu tun hatte. Mit wachsendem zeitlichen Abstand wurde der unmittelbare Bezug zur russischen Oktoberrevolution als Modell von Revolution immer schwächer, ohne dass ihr Nimbus unter Kommunisten darunter gelitten hätte. [52] Die größten Erfolge erzielten die kommunistisch-revolutionären Bewegungen dort, wo sich ihre Streitkräfte auf die ländliche Bevölkerung stützen und sich die nationale Sache zu eigen machen konnten: im Kampf gegen die deutsche und italienische Besatzung in Europa, gegen die japanische in China und die koloniale Besatzung wie in Indochina. Die Unterstützung durch die Sowjetunion war wichtig, aber nicht entscheidend – dies gilt für die bedeutendsten Revolutionskriege in Jugoslawien, China und Vietnam. Spätestens seit dem »Großen Terror« 1937/38 und vor allem seit dem Hitler-Stalin-Pakt wurde die revolutionär-bolschewistische Legitimität immer häufiger infrage gestellt. Der Einsatz der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg und das daraus gezogene Prestige im befreiten Europa überschatteten dann aber das unter revolutionär-bolschewistischen Aspekten zweifelhafte Verhalten der Sowjetunion vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg.[53] Denn nun war die Sowjetunion zur Supermacht aufgestiegen. Sie operierte mit formal verbündeten Staaten und einem riesigen Waffenarsenal. Soweit es die Politik der Koexistenz und die atomare Abschreckung zuließen, intervenierte sie weiterhin in fremden Staaten zur Unterstützung revolutionärer und anti-imperialistischer Bewegungen und Regime.[54] Aber mit der Entstehung mehr oder minder autonomer kommunistischer Zentren sah sich die Sowjetunion zugleich einer neuartigen Konkurrenz ausgesetzt. Man wetteiferte um das »revolutionärste« Programm und um die radikalsten Maßnahmen, den Imperialismus zu bekämpfen und den Kommunismus zu realisieren. Als Großmacht vor dem Zweiten Weltkrieg und als atomare Weltmacht danach waren für die Sowjetunion Programme revolutionärer Weltpolitik nur einer unter vielen anderen Faktoren, die ihre Politik bestimmten. Die chinesische Politik vom »Großen Sprung« 1959 bis 1961 bis zur Kulturrevolution (seit 1966) übertrumpfte die Sowjetunion in der Radikalität des Kampfes gegen das Alte und in der Annäherung ans kommunistische Stadium. Der »Selbstverwaltungs-Sozialismus« Jugoslawiens seit 1953 verstand sich als Alternative zum bürokratisierten Sozialismus der Sowjetunion.[55] Im chinesischen und kubanischen Fall kam die Kritik an der Politik der »friedlichen Koexistenz« hinzu, d.h. der Fortsetzung des Klassenkampfs unterhalb der Schwelle eines Atomkrieges.   VII. Sowjetischer Sozialismus als eine Variante der Hochmoderne Die bolschewistische Revolution hatte auch einen »Subtext«: Er ist zu finden in der fast schon fetischistischen Wissenschafts- und Technikgläubigkeit der Bolschewiki und ihrer Nachfolger, in ihrem Glauben, Gesellschaft durch Technik und Wissenschaft steuern und formen zu können. In dieser Hinsicht waren die Bolschewiki typische Repräsentanten dessen, was James C. Scott als »Hochmoderne« (high modernity) bezeichnet hat.[56] Lenin und andere bolschewistische Führer waren fasziniert von der deutschen Kriegswirtschaft, die man für das höchste Stadium von Imperialismus hielt. Er müsse nur proletarisch gewendet werden, um in den Sozialismus zu gelangen. Lenins Vorstellungen von »Rechnungsführung und Kontrolle« waren in mancher Hinsicht den mechanistischen Vorstellungen des 18. Jahrhunderts näher als den wissenschaftlichen und technischen Theorien des 20. Jahrhunderts. Wenn in Deutschland nach 1918 Zivilisationskritik die öffentlichen Diskurse beherrschte, fanden die Bolschewiki und die wissenschaftlich-technischen Eliten des Landes in ihrem Einsatz und ihrer Begeisterung für Technik und Wissenschaft sehr leicht zusammen. Schon im Krieg hatten sich Angehörige der Akademie und andere Wissenschaftler für eine gesteuerte Entwicklung der Produktivkräfte Russlands (KEPS) eingesetzt, eine Organisation der vornehmlich angewandten Wissenschaften. Da es mit der Weltrevolution haperte, begeisterte sich Lenin für den Plan zur Elektrifizierung Russlands (GOELRO), einer gigantischen Organisation von Technikern und Wissenschaftlern. GOELRO sorgte für ihr Überleben in den Wirren des Bürgerkrieges, zeigte Perspektiven auf und gehört zu den mythischen Anfängen der Planwirtschaft.[57] Stalin realisierte die Planwirtschaft in der ihm eigenen brutalen Weise: Durch Kollektivierung der Landwirtschaft wollte er den staatlichen Zugriff auf landwirtschaftliche Überschüsse sichern und alle verfügbaren Ressourcen auf die forcierte Industrialisierung lenken. Auch wenn im ersten »fallsüchtigen« Planjahrfünft der Plan im Chaos unterging, behielten Planung, staatliche Kontrolle und Steuerung der Wirtschaft, auch der bäuerlichen Landwirtschaft, eine große Anziehungskraft auch außerhalb der Sowjetunion und zum Teil auch unabhängig von den sowjetischen Planungserfahrungen. Dies betraf sowohl gigantische Vorhaben zur Umgestaltung der Natur als auch die Transformation von Gesellschaft, in der Regel zur besseren »Lesbarkeit« des Raumes und zur Kontrolle der zu Planungsobjekten degradierten »Werktätigen« in Industrie und Landwirtschaft. Die Planwirtschaft in der Sowjetunion, ihr »Sozialismus« wurde nicht nur zum mehr oder minder erzwungenen Modell in den von der Sowjetunion kontrollierten Volksdemokratien, sondern zum Vorbild auch außerhalb des direkten sowjetischen Einflusses. Dies gilt besonders für Entwicklungsprogramme in Ländern der sogenannten Dritten Welt, welche ähnlich wie seinerzeit Stalin die Rückständigkeit der unkontrollierbaren bäuerlichen Landwirtschaft überwinden, die Bevölkerung besser kontrollieren und das Land industrialisieren wollten.[58]   VIII. Abstoßungseffekte Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges sind die Abstoßungseffekte und der Abscheu allerdings von ebenso großer Bedeutung wie die Diffusion kommunistischer Ideologien und Bewegungen, wie sie die Revolution und die Etablierung der »proletarischen Diktatur« provozierten. Dies gilt für die Mehrheit in den sozialistischen Parteien, die insbesondere den diktatorischen Zuschnitt und die Gewalttätigkeit bolschewistischer Herrschaft kritisierten.[59] Diese Einstellung teilten sie mit den bürgerlich-liberalen Kreisen. Antikommunismus konnte aber, wie sich in den USA während der »red scare« zu Beginn der 1920er-Jahre und der McCarthy-Ära in den späten 1940er-Jahren zeigte, in eine Hexenjagd ausarten.[60] Abstoßungseffekte, der negative Bezug auf die Oktoberrevolution und das sowjetische Regime sollten von noch größerer Tragweite in den nationalistischen, faschistischen und schließlich nationalsozialistischen Bewegungen werden. Sie alle reagierten auf die Herausforderungen der Moderne, der Bolschewismus aber auf die Herausforderungen des Mangels an Moderne – in der Sprache der Zeit: auf Rückständigkeit. Die bolschewistische Antwort wurde deshalb in allen autoritären Regimen der Zwischenkriegszeit ebenso wie im faschistischen Italien, im nationalsozialistischen Deutschland und im franquistischen Spanien als bedrohliche Provokation erfahren. Der Antikommunismus bildete dabei nicht die einzige, aber eine wesentliche Komponente der Legitimation der herrschenden Kreise mit unterschiedlich weitreichender Resonanz in der Bevölkerung. Es gab zwar keinen »kausalen Nexus« zwischen Bolschewismus und Nationalsozialismus, wohl aber ein Geflecht oft asymmetrischer und ungleichzeitiger Reaktionen. So waren im deutschen Fall Nationalismus, das Streben nach Vor- oder Weltherrschaft und der Antisemitismus wichtigere Faktoren als Anti-Bolschewismus. [61] Gleichwohl zehrten alle autoritären und diktatorischen Regime von den realen oder manchmal auch erfundenen Gräueln und bolschewistischen Zwangsmaßnahmen, von denen im Ausland berichtet wurde. Das Schlagwort vom »jüdischen Bolschewismus« kennzeichnet die verzerrte Wahrnehmung innerhalb wie außerhalb Russlands: Ein Merkmal der Revolution und bolschewistischen Herrschaft – die zeitweise starke Präsenz von Juden in den revolutionären Bewegungen nicht nur Russlands und in den sowjetischen Apparaten[62] – wurde verabsolutiert: Das Regime galt als »verjudet« und alle Juden als Kommunisten.[63] Judenhass und Antisemitismus spielten (mit Ausnahme Spaniens) nicht nur in Deutschland eine bedeutendere Rolle als Antibolschewismus. Der Judenhass oder der Antisemitismus bezogen sich dabei mehr auf die einheimischen Juden, Kommunisten (und Sozialisten) als auf Russland und die Sowjetunion. Die Reaktionen, die die Oktoberrevolution und das sowjetische Regime auf dem rechten und rechtsradikalen Spektrum provozierten, lassen sich als eine durch den Filter von Antisemitismus (und in Deutschland auch Antislawismus) geprägte Wahrnehmung, mithin als ein asymmetrisches Verhältnis kennzeichnen.[64] Übrigens wurde es auf beiden Seiten durch Fehlwahrnehmungen bestimmt. Man denke nur an die kommunistische Faschismus-Theorie, die Hitler, Mussolini und andere Diktatoren zu Marionetten des Kapitals erklärte, den Antisemitismus während des Zweiten Weltkrieges marginalisierte und nach 1947/48 fast völlig ausblendete.[65] Entscheidend für diese Fehlwahrnehmungen und Fehldeutungen mit ihren verheerenden Folgen waren in beiden Fällen die internen Konstellationen – relativ unabhängig vom Verhalten der jeweils anderen Seite.[66]   IX. Die Sowjetunion im amerikanischen Jahrhundert Wären die Eroberungssucht und die Massenmorde des Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg nicht gewesen, könnte die deutsche Diktatur fast als ein Zwischenspiel des »kurzen« 20. Jahrhunderts erscheinen, oder wie es Boris Pasternak formulierte: das faschistische Deutschland als reaktionäre Anmerkung zum kommunistischen Regime.[67] Hat man das ganze 20. Jahrhundert im Blick, dann spricht in der Tat viel dafür, vom amerikanischen Jahrhundert zu sprechen.[68] In dieser Perspektive kommt langfristig der Einbeziehung der USA in den Ersten Weltkrieg und Präsident Wilsons sogenannten 14 Punkten vom 18. Januar 1918 zur Neuordnung Europas und der Welt die entscheidende Bedeutung zu. Die Oktoberrevolution figuriert dann als die größte Herausforderung: Einerseits gab es Überschneidungen mit den 14 Punkten Wilsons, den Friedensappellen und mit der Forderung nach dem Selbstbestimmungsrecht der Völker – im russischen Fall radikalisiert –, indem auch den Kolonialvölkern das Selbstbestimmungsrecht zugestanden werden sollte. Darüber hinaus war die »Deklaration der Rechte des arbeitenden und ausgebeuteten Volkes« vom 29. Januar 1918[69] ein Gegenentwurf und eine Herausforderung gegenüber der kapitalistischen Welt und besonders gegenüber den USA. In Überblicksdarstellungen der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hieß es noch 1980, dass »1917 der entscheidende Wendepunkt« gewesen sei. Eine alte Epoche ging zu Ende; eine neue Epoche, wenn man will, eine lange Phase des »Kalten Krieges von 1917 bis in unsere Zeit (mit einer Unterbrechung im Zweiten Weltkrieg) begann«, heißt es im Vorwort zu Erwin Hölzles Amerika und Russland. Entstehung ihres Weltgegensatzes.[70] Im Großen Ploetz von 1998/99 heißt es noch, dass der »Weltgegensatz« zwischen West und Ost mit der Russischen Revolution und dem Kriegseintritt der USA begonnen und bis in die 1980er-Jahre angedauert habe.[71] Nach dem Zweiten Weltkrieg feierten die sowjetischen Historiker unermüdlich, fast bis zum Ende der Sowjetunion die Oktoberrevolution als Wende in der Menschheitsgeschichte.[72] Die Zeit vor der Revolution galt als »Vorgeschichte« des unaufhaltsamen Aufstiegs des Sozialismus und des sozialistischen »Friedenslagers«.[73] Bis in die 1950er- und 1960er-Jahre hinein operierten die sowjetischen Statistiken mit dem Vergleich der Wirtschaftsdaten vor und nach der Revolution, um den Aufbruch in den Sozialismus sowie das Auf- und Überholen der westlichen Industrieländer zu dokumentieren.[74] Diese durch den Kalten Krieg bestimmte Perspektive verleitete dazu, die Bipolarität zwischen den USA und der UdSSR vorzuverlegen und die Oktoberrevolution als Bedingung des Sieges im »Großen Vaterländischen Krieg« zu feiern. Auf Dauer hat sich der Sozialismus mit dem Kern von Parteidiktatur und Planwirtschaft als Alternative zum Kapitalismus aber nicht behaupten können. Er war eher ein Umweg in die Moderne oder, wie es der Politikwissenschaftler Dieter Senghaas seinerzeit formulierte: Der Sozialismus habe »die Rolle einer entwicklungspolitischen Krücke für nachholende Entwicklung im peripher-kapitalistischen Umfeld« übernommen. Schon 1982 meinte er, dass der real existierende Sozialismus ohne Selbstkorrektur nicht überlebensfähig sei.[75] In der Sowjetunion ist sie gescheitert, in China war sie – jedenfalls aus der Sicht des Regimes – erfolgreich.   Der Vortrag wurde am 28. April 2016 im Rahmen der Reihe »Talking about a revolution! Die Oktoberrevolution: Geschichte – Instrumentalisierung – Rezeption« gehalten und ist nachzuhören unter: http://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/oktoberrevolution-beyrau   [1] H. G. Wells: Nacht über Russland. Skizzen aus dem bolschewistischen Russland, Berlin 1922, S. 63. [2] Siehe N. D. Erofeev: Sovremennaja otečestvennaja istoriografija russkoj revoljucii 1917 goda [Die gegenwärtige vaterländische Historiografie über die Russische Revolution von 1917], in: Novaja i Novejšaja Istorija (2009), H. 2, S. 92–108. [3] Siehe Harald Bluhm (Hg.): Militarisierter Sozialismus, in: Berliner Debatte Initial 8 (1997), H. 6. [4] Siehe Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki). Kurzer Lehrgang, Berlin 1946, S. 219–291. [5] Siehe V. P. Naumov u.a. (Red.): Sovetskaja istoriografija velikoj Oktjabrʼskoj socialističeskoj revoljucii [Die sowjetische Historiografie zur Großen Sozialistischen Oktoberrevolution], Moskau 1981. [6] Nikolaj N. Jakovlev: 1 avgusta 1914 [1. August 1914], Moskau 1974, S. 226. Zum weiteren Kontext siehe Nikolaj Mitrochin: Russkaja Partija. Dviženie russkich nacionalistov v SSSR 1953–1985 [Die russische Partei. Die Bewegung der russischen Nationalisten in der UdSSR 1953–1985], Moskau 2003, S. 549; Boris Kolonickij: 100 Jahre und kein Ende. Sowjetische Historiker und der Erste Weltkrieg, in: Osteuropa 64 (2014), H. 2–4, S. 369–388, hier S. 384 f. [7] Dietrich Geyer (Hg.): Die Umwertung der sowjetischen Geschichte, Göttingen 1991; V. P. Buldakov: Istoriografičeskie metamorfozy »krasnogo Oktjabrja« [Die historiografischen Metamorphosen des »Roten Oktober«], in: G. A. Bordjugov (Red.): Istoričeskie issledovanija v Rossii. Tendencii poslednich let [Historische Untersuchungen in Russland. Tendenzen der letzten Jahre], Moskau 1996, S. 179–205, hier S. 196; Isabel de Keghel: Abschied vom sowjetischen Gründungsmythos – die Oktoberrevolution im Vergangenheitsdiskurs des spät- und postsowjetischen Russland, in: Bernd Faulenbach/Franz-Josef Jelich (Hg.): »Transformationen« der Erinnerungskulturen nach 1989, Essen 2006, S. 227–252. [8] Vera Tolz: Modern Russian Memory of the Great War, 1914–20, in: Eric Lohr u.a. (Hg.): The Empire and Nationalism at War, Bloomington/Ind. 2014, S. 257. [9] Ebd., S. 278–280. [10] Natalija Naročnickaja: Velikie vojny XX veka [Die großen Kriege des 20. Jahrhunderts], Moskau 2010. [11] Boris Kolonitskii: The Desacralization of the Monarchy: Rumors and »Political Pornography« During World War I, in: Igal Halfin (Hg.): Language and Revolution. Making Modern Political Identities, London – Portland, Or. 2002, S. 47–81; Marlène Laruelle: Conspiracy and Alternate History in Russia: A Nationalist Equation for Success?, in: The Russian Review 71 (2012), H. 4, S. 565–580, hier S. 570 f. [12] Wells: Nacht über Russland (Anm. 1), S. 27. [13] Nikolaj Starikov: 1917. Kto ubil Rossiju [Wer Russland ermordete], Moskau 2007 (Aufl. 4000); dass. unter einem neuen Titel: Likvidacija Rossii. Kto pomog krasnym pobeditʼ v graždanskoj vojne? [Die Liquidierung Russlands. Wer half den Roten im Bürgerkrieg zu siegen?], Moskau u.a. 2010 (Aufl. 5000). [14] Siehe http://www.levada.ru/2006/05/09/sravnitelnye-otsenki-rukovoditelej-strany-v-hh-veke; http://www.levada.ru/old/02-11-2010/oktyarskaya-revolyuciya-velikaya-ili-uzhasnaya (ges. am 21. November 2015). [15] Siehe Edward Acton u.a. (Hg.): Critical Companion to the Russian Revolution 1914–1921, London u.a. 1997; Helmut Altrichter: Rußland 1917. Ein Land auf der Suche nach sich selbst, Paderborn u.a. 1997; Murray Frame u.a. (Hg.): Russian Culture in War and Revolution, 1914–1922, Bd. 1–2, Bloomington, Ind. 2014. [16] Theodore von Laue: Westernization, Revolution and the Search for a Basis of Authority – Russia in 1917, in: Soviet Studies 19 (1967), H. 2, S. 155–180. [17] Siehe Oswald Spengler: Das Doppelantlitz Russlands und die deutschen Ostprobleme (1922), in: ders.: Politische Schriften. Volksausgabe, München/Berlin 1934. [18] Siehe Iz glubiny. Sbornik statej o russkoj revoljucii [1919] [De profundis. Sammlung von Artikeln über die Russische Revolution], Paris 1967; Dietrich Beyrau: Intelligenz und Dissens. Die russischen Bildungsschichten in der Sowjetunion 1917 bis 1985, Göttingen 1993, S. 27–39. [19] Boris I. Kolonitskii: Antibourgeois Propaganda and the Anti-»burzhui« Consciousness in 1917, in: The Russian Review 53 (1994), H. 2, S. 183–196. [20] Siehe Nikolaj N. Suchanow: 1917. Tagebuch der russischen Revolution, München 1967, S. 386; Teddy J. Uldricks: The Crowd in the Russian Revolution. Towards reassessing the nature of revolutionary leadership, in: Politics and Society 4 (1973/74), H. 3, S. 397–413, hier S. 405. [21] Siehe Orlando Figes: A Peopleʼs Tragedy. The Russian revolution 1891–1924, London 1997, S. 494 f.; Vladimir Buldakov: Krasnaja smuta. Priroda i posledstvija revoljucionnogo nasilija [Die roten Wirren. Natur und Folgen der revolutionären Gewalt], Moskau 1997, S. 134 f.; Igor Narskij: Žiznʼ v katastrofe. Budni naselenija Urala v 1917–1922 gg. [Leben in der Katastrophe. Alltag der Bevölkerung im Uralgebiet 1917–1922], Moskau 2001, S. 424 f. [22] Siehe Tsuyoshi Hasegawa: The February Revolution. Petrograd 1917, Seattle/London 1981, S. 398–404. [23] Wells: Nacht über Russland (Anm. 1), S. 48–51. [24] Marc Ferro: Des soviets au communisme bureaucratiqie. Les mécanismes dʼune subversion, Paris 1980, S. 164 f. u. 230 f. [25] Siehe Bill Lomax: Hungary 1956, London 1976, S. 147–169; Viktoria Grevemeyer-Korb: Die polnische Diskussion um die Arbeiterräte, Berlin/Wiesbaden 1978; Leopold Grünwald (Hg.): CSSR im Umbruch. Berichte, Kommentare, Dokumentation, Wien u.a. 1968, S. 84–88; Melanie Tatur: Solidarnosc als Modernisierungsbewegung. Sozialstruktur und Konflikt in Polen, Frankfurt a.M./New York 1989, S. 163–175; Stefan Plaggenborg (Hg.): Handbuch der Geschichte Russlands, Bd. 5, I. Halbband, Stuttgart 2002, S. 534–537. [26] Richard Pipes: US – Soviet Relations in the Era of Détente, Boulder, Colo. 1981; Ken Jowitt: Soviet Neotraditionalism. The Poltical Corruption of a Leninist Regime, in: Soviet Studies 35 (1983), H. 3, S. 275–297; Edward L. Keenan: Muscovite Political Folkways, in: The Russian Review 45 (1986), H. 2, S. 115–181. [27] Siehe Aleksandr Jakovlevič Livšin/ Igor Borisovič Orlov (Red.): Pisʼma vo vlastʼ 1917–1927 [Briefe an die Macht 1917–1927], Moskau 1998; dies. (Red.): Pisʼma vo vlastʼ 1928–1939 [Briefe an die Macht 1928–1938], Moskau 2002; Jeffrey Brooks: Thank you, Comrade Stalin! Soviet Public Culture from Revolution to Cold War, Princeton, N. J. 2000. [28] Arch J. Getty: State and Society under Stalin: Constitutions and Elections in the 1930s, in: Slavic Review 50 (1991), H. 1, S. 18–36; Wird die Sowjet-Union ein Rechtsstaat? Die Diskussion über eine neue Verfassung in der UdSSR, in: Der Spiegel vom 5. 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Zur Entwicklung des Russlandbildes in der frühen NSDAP, in: Gerd Koenen/Lew Kopelew (Hg.): Deutschland und die russische Revolution, München 1998, S. 165–190; Joachim Schröder: Der Erste Weltkrieg und der »jüdische Bolschewismus«, in: Gerd Krumeich: Nationalsozialismus und Erster Weltkrieg, Essen 2010, S. 77–96. [65] Siehe Frank Grüner: Die Tragödie von Babij Jar im sowjetischen Gedächtnis, in: Urs Heftrich/Heinz-Dietrich Löwe (Hg.): »Zerstörer des Schweigens«. Formen künstlerischer Erinnerung an die nationalsozialistische Rassen- und Vernichtungspolitik, Köln, Weimar 2006, S. 57–96; Karel C. Berkhoff: »Total Annihilation of the Jewish Population«. The Holocaust in the Soviet Media 1941–1945, in: Kritika 10 (2009), H. 1, S. 61–105; Wolfgang Wippermann: Zur Analyse des Faschismus: Die sozialistischen und kommunistischen Faschismustheorien 1921–1945, Frankfurt a.M. 1981, S. 59–98. [66] Siehe Henry Rousso (Hg.): Stalinism & Nazism. 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Materialien der wissenschaftlichen Konferenz der Historiker der UdSSR und DDR (Okt. 1987 in Berlin)], Teil 1–2, Moskau 1988. [73] Dietrich Geyer: Die russische Revolution. Historische Probleme und Perspektiven, Stuttgart u.a. 1968, S. 9 f. [74] Siehe Dostiženija Sovetskoj vlasti za sorok let v cifrach. Statističeskij sbornik [Die Errungenschaften der Sowjetmacht in vierzig Jahren in Zahlen. Gesammelte Statistiken], Moskau 1957. [75] Dieter Senghaas: Von Europa lernen. Entwicklungsgeschichtliche Betrachtungen, Frankfurt a.M. 1982, S. 305.

JHK 2017

Die Tragödie im Arbeits- und Besserungshaus in der Stadt Vjatka 1918/19. Zur Kulturgeschichte der Revolution

Erik Kulavig

Die Geschichte der Sowjetunion und des Kommunismus ist Gegenstand von zwei konkurrierenden Paradigmen, die ihren Ursprung in einer politisch-historischen beziehungsweise einer sozialgeschichtlichen Tradition haben. Für Historiker, die sich innerhalb des ersten Paradigmas bewegen, war die Oktoberrevolution ein bolschewistischer Putsch, der von Lenin und Trotzki angeführt wurde. Die Anhänger der sozialgeschichtlichen Tradition sind im Unterschied dazu der Auffassung, dass es soziale Kräfte in den unteren Schichten der Gesellschaft gewesen sind, die, wenn sie die Bolschewiken auch nicht aktiv unterstützt haben, sich im eigenen Interesse aber auch nicht gegen sie stellten. Oder, wie es Trotzki formulierte: »Die große Mehrheit der Bauern und Arbeiter war auf der Seite der Bolschewiken, ohne sich dessen selbst bewusst zu sein. Die Bauern wollten Boden und die Arbeiter wollten Arbeit, und die einzigen, die den Willen hatten, ihre Forderungen durchzusetzen, waren die Bolschewiken.«[1] Wo die Vertreter der politisch-historischen Tradition das Verhältnis zwischen regierender Partei und Gesellschaft mit jenem zwischen Besatzungsmacht und besetzter Macht gleichsetzten, in dem die Bürger nur unter Kontrolle und Aufsicht und nur notgedrungen arbeiteten, waren die Anhänger der sozialgeschichtlichen Tradition der Meinung, dass es um das Zusammenspiel zwischen Staat und Bürgern ging. Kulturhistoriker sind die Vertreter einer dritten Interpretation. Sie befassen sich mit der Rekonstruktion der Kultur, die die geschichtlichen Akteure damals umgab. Dabei geht es nicht darum, Schurken und Helden zu benennen, sondern darum, eine Wirklichkeit, nicht zuletzt eine Sprache und eine Kultur zu begreifen, die mit der heutigen nicht vergleichbar sind, die auch für die Ideologen und Politiker jener Zeit kaum fassbar waren. Der Alltag, Handlungsmöglichkeiten, Strategien, die Sprache, die entwickelt wurde, stehen im Mittelpunkt dieser Interpretation. Die Handlungen der Akteure entsprangen nicht nur Ideologie, Religion und Geschichte, sondern waren auch und vielleicht in noch höherem Maße von der jeweiligen Situation abhängig. Umso mehr in Zeiten gesellschaftlicher Umwälzung, in denen nicht nur die politische Führung, sondern auch Künstler, Schriftsteller und Dichter sagten: Lasst uns neu beginnen! Es gibt eine umfangreiche Literatur über die Russische Revolution, jedoch weniger über die Jahre zwischen 1918 und 1924. Meistens werden hier politische Aspekte oder die Geschichte der militärischen Operationen in den Mittelpunkt gestellt. Ab Mitte der 1980er-Jahre widmeten sich einige Publikationen auch sozialgeschichtlichen und kulturgeschichtlichen Aspekten. Ein gutes Beispiel ist die Arbeit von Orlando Figes, Peasant Russia, Civil War. The Volga Countryside in Russia. 1917–1921 (1989). Noch bevor sich »die kulturelle Wende« spürbar in der russischen Historiografie abzeichnete, erschien 2001 Igor Narskijs Buch Zjizn v katastrofe, Budni naselenja Urala 1917–22 gg (Moskau 2001) über das Alltagsleben im Ural zwischen 1917 und 1922. Darin beschreibt der Verfasser auf der Basis sehr unterschiedlich gearteter Quellen ein System von Werten und Verhaltensweisen, das für die sowjetische Kultur prägend war und die weitere geschichtliche Entwicklung entscheidend beeinflussen sollte. Donald J. Raleigh befasst sich mit einer ähnlichen Themenstellung in seinem großen Werk Experiencing Russia’s Civil War: Politics, Society, and Revolutionary Culture in Saratov, 1917–22 (2002). Alltagskultur und -mentalität werden im Vergleich zu Narskij jedoch nicht in gleichem Maße behandelt; anders bei Aaron B. Retish in seinem Buch Russia’s Peasants in Revolution and Civil War. Citizenship, Identity and the Creation of the Soviet State 1914–1922 (2008). Im Folgenden soll aus kulturhistorischer Perspektive untersucht werden, welchen Einfluss die Bolschewiki auf das Alltagsleben nahmen. Als Quellenmaterial dienen gerichtliche Schriftstücke in Form von Untersuchungen, Vernehmungen und Berichten von Agenten an ihre Behörden, Dokumente aus anderen Bereichen des Staatsapparates sowie Parteidokumente. Sie offenbaren die Bestrebungen, die alte Kultur zurückzulassen und durch die neue, sozialistische zu ersetzen. Beispielhaft dafür werden die dramatischen Ereignisse, die sich in der Stadt Vjatka (heute Kirow) im Winter 1918/19 abspielten, untersucht. Fünf Fallbeispiele, dokumentiert anhand der in den Quellen verzeichneten Berichte über das Alltagsleben, über die Gewohnheiten und Handlungen der Bürger, spiegeln darüber hinaus die besondere Kultur wider, die zwischen 1918 und 1920 im revolutionären Russland entstand. Korruption und Gewalt wurden zum festen Bestandteil des Alltags. Was konnte es bedeuten, wenn man in das Visier der Tscheka geriet? Was, wenn allein der Beruf Grund für eine Hinrichtung bot?   Die Tragödie von Vjatka 1918/19 Anfang Februar 1919 erhielt das Oberste Revolutionstribunal in Moskau eine Anklageschrift gegen elf leitende Mitarbeiter der politischen Polizei von Vjatka.[2] Als Reaktion wurde am 17. Februar die gesamte Leitungsebene der Polizei verhaftet und am folgenden Tag in das Taganka-Gefängnis in Moskau überführt.[3] Die ursprünglich im Kommissariat für Justizwesen eingegangene Schrift enthielt zwölf schwerwiegende Anklagepunkte. Sie lauteten auf Machtmissbrauch und andere kriminelle Handlungen: Erstens sollten leitende Mitarbeiter der politischen Polizei, also der Tscheka, die Initiative zu einer Aktion gegen das örtliche Gefängnis, das sogenannte Arbeits- und Besserungshaus in Vjatka, ergriffen haben. In diesem Zusammenhang sollten sie eine Reihe von Gefängniswärtern und Häftlingen gepeitscht und zusammengeschlagen haben, angeblich mit dem Ziel, Geständnisse und Zeugenaussagen über den Schwarzhandel vor allem mit Tabak und Alkohol zu erhalten. Zumindest im Fall von zwei der Misshandelten, des 59-jährigen Gefängnisarztes Tjapurskij und des 69-jährigen Gefängnispfarrers Popov dürfte aber auch persönliche Rache ein Motiv gewesen sein. Vor der Revolution hatten die beiden im Gefängnis gedient und es gab starke Kräfte, die sie jetzt zur Rechenschaft dafür ziehen wollten. In der Nacht vom 10. auf den 11. Dezember 1918 erreichten die Ereignisse schließlich ihren grausamen Höhepunkt: Die Tscheka erschoss mehrere Mitarbeiter des Gefängnisses auf dem Hof des Arbeits- und Besserungshauses.   Partei gegen Polizei Am 10. Dezember 1918 diskutierte die Lokalverwaltung (Ispolkom) von Vjatka im Rahmen von zwei Sitzungen die Aktion der Tscheka gegen das Gefängnis. Am Tag zuvor hatte der Vorsitzende einen Brief an die Tscheka geschickt, in dem er eine Auslieferung der gefolterten Gefängniswärter gefordert hatte, damit diese eine ärztliche Behandlung erhalten konnten. Der Vorsitzende der Tschekisten hatte dies jedoch mit der Begründung abgelehnt, es würde die Aufklärungsarbeit stören. Er fügte hinzu, dass er im Übrigen der Meinung sei, dass die Politiker nur grundsätzliche Fragen aufzugreifen und sich nicht in ihre tägliche Arbeit einzumischen hätten. Die Verärgerung unter den Mitgliedern der lokalen Verwaltung war groß, vor allem darüber, dass die politische Führung der Polizei ihre politischen Vorgesetzten erstens nicht vorab unterrichtet hatte und sich zweitens danach weigerte, dem Auslieferungsersuchen der Gefangenen nachzukommen. Die Politiker entschieden deshalb, dass die Mitglieder der Führung der Tscheka ausgetauscht und wegen ihrer Untaten angeklagt werden sollten.[4] Zu gleicher Zeit, aber an einem anderen Ort in der Stadt, wurde unter der Leitung der Tscheka ein Prozess gegen elf der nach der Aktion im Gefängnis Verhafteten durchgeführt. Einige wurden verurteilt, weil sie zu Zeiten des Zaren politische Gefangene im Gefängnis gefoltert hätten, andere, weil sie bezichtigt wurden, im sowjetischen Gefängnis Schwarzhandel und Glücksspiel betrieben zu haben.[5] Am 13. Januar 1919 schritt das Kommissariat für Justizwesen ein und forderte die Festnahme der Tschekisten, die hinter der Aktion gegen das Gefängnis und den späteren Hinrichtungen standen. So sollte verhindert werden, dass sie fliehen und sich auf diese Weise der Strafe entziehen konnten. Man wollte sie in demselben Gefängnis unterbringen, das sie kurz zuvor heimgesucht hatten. Es bedarf keiner großen Fantasie, sich vorzustellen, dass es dort jemanden gab, der mit den Tschekisten noch eine Rechnung offen hatte. Vielleicht mischte sich die Führung der Parteiorganisation des Gouvernements auch deshalb ein, um die Verhaftung zu verhindern.[6] Dort konnte man sich nicht vorstellen, dass Parteimitglieder vor ihrer Verantwortung fliehen würden. Der Bescheid des Kommissariats für Justizwesen erreichte die Politiker jedoch nicht rechtzeitig. Schneller war ein Zug Soldaten, ausgeschickt, um die Tschekisten festzunehmen. Ein gewisser Kipst fungierte als Sprecher der Lokalverwaltung. Er wurde in das Gebäude gebeten, während die Soldaten draußen in der Kälte warten mussten. Es verging einige Zeit mit komplizierten Verhandlungen. Drohungen gegen Kipst waren zu hören. Der ließ sich jedoch nicht einschüchtern, sondern bestand darauf, dass er den Befehl zur Festnahme der führenden Tschekisten habe, und forderte sie auf, ihre Waffen abzugeben. Zwar waren Proteste zu hören, aber niemand versuchte sich Kipst wirklich zu widersetzen. Vermutlich war den Tschekisten klar, dass Unterstützer auf dem Weg waren. Noch bevor ein Großteil der Waffen eingesammelt war, trafen einige prominente Parteikader ein. Sie forderten, dass die Verhafteten die Erlaubnis erhielten zu gehen und ihre Waffen zurückbekämen. Schließlich könne es kein Verfahren geben, solange keine Untersuchung eingeleitet worden sei. Kipst protestierte energisch und verwies auf Mappen voll mit belastenden Dokumenten gegen die elf Mitglieder der Tscheka. Doch es half nichts. Die Tschekisten blieben letztlich frei und verließen das Gebäude, während die Soldaten, die seit Stunden draußen gewartet hatten, hereinströmten, um sich aufzuwärmen.[7] Die Lokalverwaltung schien zunächst als Verlierer dazustehen. Es wurde ein genauer Bericht des Vorfalls verfasst und an die zentralen Behörden in Moskau geschickt. Darin wurde erklärt, wie es um die politische Polizei in der Region stand. Die Übergriffe und Hinrichtungen im Gefängnis vom Dezember 1918, schrieb man, seien nur »eine Episode vor einem rabenschwarzen Hintergrund ähnlicher Ereignisse« gewesen. Eine gründliche Untersuchung sei zu zeitraubend, man sei aber ohnehin der Auffassung, das bereits ausreichend belastendes Material existiere, sodass ein Prozess eröffnet werden könne. Die Tscheka erfülle in keinster Weise ihren Zweck, die Sowjetmacht in der Region zu stärken, sondern sorge im Gegenteil dafür, dass diese in den Augen der Bevölkerung an Ansehen verlor. Sie habe nicht nur ein System wiederhergestellt, das dem des Zaren zum Verwechseln ähnele, sondern habe dieses noch übertroffen, was das Ausmaß an Willkür, Folter und Hinrichtungen betreffe.[8] Es bestand also ein großer Unterschied zwischen der Sowjetmacht, in diesem Fall der Lokalverwaltung, auf der einen Seite und der revolutionären Polizei, der Tscheka, auf der anderen Seite. Die lokale Führung der Kommunistischen Partei versuchte gleichwohl allen gerecht zu werden. Sie konnte auch gar nicht anders, da sowohl der Führung der Lokalverwaltung als auch der Tscheka Parteimitglieder angehörten. Trotz alledem war auf einer Sitzung der Führungen von Partei und lokaler Verwaltung am 24. Dezember 1918 Einigkeit darüber erzielt worden, dass Anklage gegen die elf Tschekisten erhoben werden sollte. Die Parteileitung hatte jedoch gefordert, dass man sich mit der Suspendierung der Mitglieder des Komitees zufriedengeben und auf eine Gefängnisstrafe verzichten solle. Ende Januar 1919 erging dennoch ein Haftbefehl. Dieser war gleichbedeutend mit einem Sieg über die revolutionäre Polizei, die, wie von vielen befürchtet, auf bestem Weg war, sich zu einem Staat im Staate zu entwickeln. Zwei der wichtigsten Organisationen befanden sich also in einem Konflikt miteinander. Die Tscheka stand für die »revolutionäre Ordnung«, was bedeutete, dass das eigene Handeln ohne große Rücksicht auf die Folgen für die Menschen erfolgte, während die Sowjetmacht sich auf Recht und Ordnung konzentrierte, wohl wissend, dass man mit der Bevölkerung zusammenarbeiten musste. Für die Partei wiederum galt ein Sowohl-als-auch. Das bedeutete, es kam das Schwert zum Einsatz, aber in hohem Maße auch ein System, das nicht nur durch Furcht und Unterdrückung funktionierte. Dies wurde umso klarer, je näher das Ende des Bürgerkrieges rückte. Die erste Generation eiserner Revolutionäre, die ihre Sporen durch das rücksichtslose Niederschlagen von Klassenfeinden und Konterrevolutionären verdient hatten, hatte es immer schwerer.   Ivan wusste es nicht besser Im Prozess gegen die Tschekisten bezog das Untersuchungskomitee auch ein Ereignis vom Oktober 1918 mit ein. Es ging um den 53-jährigen Ivan Petrovitj Kortjurov. Er war verheiratet, hatte zwei Kinder und 25 Jahre in einer untergeordneten Stellung im Strafvollzugssystem in Vjatka seinen Dienst versehen – zuerst unter dem Regime des Zaren und später unter dem der Bolschewiki. Im Laufe des Jahres 1918 war er wegen seiner Tätigkeit in der Zarenzeit in das Visier der Tscheka geraten – eine genauere Untersuchung seiner Vergangenheit wurde eingeleitet. Einige Agenten wurden in das Dorf geschickt, aus dem Kortjurov stammte und in dem er die meiste Zeit seines Lebens verbracht hatte. Sie erfuhren, dass sich sein Gesundheitszustand nach dem Militärdienst so verschlechtert hatte, dass er nicht mehr in der Landwirtschaft arbeiten konnte. Deshalb war er nach Vjatka gezogen und hatte dort Arbeit bei der Ordnungspolizei gefunden. Alle Mitglieder der Führung des Dorfes unterschrieben eine Erklärung, dass Ivan Petrovitj Kortjurov ein guter Mann sei, der nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen war. Die Agenten nahmen auch Aussagen einfacher Dorfbewohner auf. Es gab niemanden, der etwas Schlechtes über ihn zu sagen hatte. Als er im Januar 1918 die Stellung im Strafvollzug antrat, übersandte er die folgende feierliche Erklärung: »Da ich selbst Proletarier bin, will ich Hand in Hand mit dem Proletariat des sozialistischen Russland marschieren und mein Möglichstes tun, um ihm von Nutzen zu sein, bis mich das Grab ruft.« Auf Veranlassung von Kortjurovs Ehefrau übermittelte der Leiter der Abteilung der Lokalverwaltung, dem das Gefängnis unterstand, ein Schreiben an die Tscheka, in dem er sich besonders positiv über seinen Charakter und seinen Dienst äußerte. Das Schreiben trug auch die Unterschrift des Vorsitzenden der Lokalverwaltung.[9] Die Archive sowjetischer Behörden enthalten eine Vielzahl ähnlicher Charakterisierungen von Einzelpersonen, die als Teil der einen oder anderen Untersuchung eingeholt oder unaufgefordert von Familienmitgliedern, Kollegen, Freunden oder Bekannten eingereicht worden waren, die gern helfen wollten. Kein einfaches Unterfangen – geriet man durch ein solches Ersuchen doch oft selbst in das Visier der Behörden. Kortjurovs eigene Erklärung war ebenfalls typisch für die Zeit und nach und nach auch für das System. Der formelle Stil könnte darauf hindeuten, dass er sie von einem der vielen vorgedruckten Formulare abgeschrieben hatte, die in Umlauf waren und die man bei der Besetzung jeder Position im öffentlichen Bereich unterschreiben musste. Die Formblätter glichen einer Art Vertrag, mit dessen Unterzeichnung man versprach, die neuen Regeln einzuhalten. Auf dieser  Grundlage konnte der Staat bei Verstößen Sanktionen verhängen. Im Falle Kortjurovs beschränkte es sich auf das Versprechen, dem Proletariat zu dienen, was aber nicht so unverbindlich war, wie es vielleicht klingt. Viel hing von der örtlichen Führung und den Aufgaben ab, für die man eingesetzt wurde. Im schlimmsten Fall hätte Kortjurov im Namen des Proletariats und der Revolution dafür herangezogen werden können, seinen Bruder oder seine Schwester zu verhaften, sie ins Gefängnis und danach zum Hinrichtungsort zu bringen. In einer solchen Situation wäre selbst das geringste Zögern als ein Zeichen kleinbürgerlicher Sentimentalität und vielleicht sogar als konterrevolutionär aufgefasst worden. Ein letzte Möglichkeit wurde durch ein prominentes Mitglied der Parteileitung des Gouvernements namens Alexander Orlov genutzt. Orlov forderte die sofortige Freilassung von Kortjurov durch die Tscheka mit der Begründung, dass dieser nur aufgrund seiner Aktivitäten unter der alten Führung festgenommen worden sei und dort, so unterstrich Orlov, nur gemacht habe, was ihm gesagt worden war. Er sei grundsätzlich ein einfacher und etwas einfältiger Mann ohne formale Ausbildung. An ihm könne nichts Konterrevolutionäres sein, da er sich ausschließlich dafür interessiere, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Orlov schloss seinen Brief mit dem Versprechen, dass er für Kortjurov bürgen würde, bis ein Prozess durchgeführt würde.[10] Einfältigkeit wurde oft als Begründung herangezogen und war für die Behörden meistens nur schwer zu übertrumpfen. Damit war Kortjurov nicht nur dem Reden nach ein Proletarier, sondern auch in sozialer Hinsicht und gehörte somit automatisch zur neuen Gesellschaft. Halfen proletarische Gesinnung und Instinkt nicht, musste man eine andere Begründung finden, und die bestand oft in fehlender Ausbildung und politischer Schulung. Bei der Bestrafung von Angehörigen der untersten Schichten zeigten sich die Behörden zurückhaltend. Man war sich im Klaren darüber, dass dies der Legitimität des Regimes schaden würde. Folglich wurden ersatzweise oft Pfarrer, bürgerliche Elemente oder Kulaken und andere beschuldigt, die »unwissenden Massen« in ihrem Bestreben, das revolutionäre Regime zu stürzen, zynisch vor sich herzuschieben. Im Fall von Kortjurov waren alle Versuche vergeblich. Wenige Tage nachdem er verhaftet und angeklagt worden war, wurde er durch Erschießen auf dem Gefängnishof hingerichtet. Zum Verhängnis wurde ihm wohl auch, dass er als Mitarbeiter des Strafvollzugs 1918 bei der Hinrichtung eines Revolutionärs anwesend gewesen war und ein enger Freund des Opfers nun zu den Tschekisten gehörte, die seinen Fall beurteilten – vielleicht wäre er unter anderen Umständen freigesprochen worden. Letztlich gaben sein Tod und der der anderen nun den Anlass für das Verfahren gegen die Tschekisten.   Kurzer Prozess für Pfarrer Popov Aleksej Popov hatte ebenfalls zur Zeit des Zaren im Gefängnis gedient, seine Arbeit aber mit der Trennung von Staat und Kirche 1918 verloren. Er war 69 Jahre alt, verheiratet und hatte einen Sohn. Die Familie bewohnte ein eigenes Haus. Bis zu seiner Absetzung bekam Popov einen festen Monatslohn. So weit das Vernehmungsprotokoll, von dem man auf seine politische Einstellung schloss. In der sehr kurzen Vernehmung, der Popov im Gefängnis am 9. Dezember 1918 unterzogen wurde, hielt er fest, dass es nur einmal vorgekommen war, dass er zur Arbeit gerufen wurde, um einen zum Tode Verurteilten zu treffen, der angeblich Zeugnis ablegen wollte. Der Verurteilte wollte jedoch nicht mit dem Pfarrer sprechen, weshalb er wieder nach Hause gegangen war. Ermittler Karpov, Mitglied des Kollegiums der Tscheka, konnte diesen Vorfall als einziger bezeugen. Er war 1908 im selben Gefängnis inhaftiert gewesen. Karpov behauptete, Popov habe versucht, die politischen Gefangenen und die gewöhnlichen Kriminellen dazu zu überreden, die Revolutionäre zu denunzieren. Als er verstanden habe, dass er Karpov nicht beeinflussen könne, habe er ihn verhöhnt und gedemütigt. Am 10. Dezember fällte die Tscheka das Urteil im Prozess gegen Popov: »Der Prozess gegen Bürger Aleksej Popov (Gefängnispfarrer) wurde geführt. Er ist angeklagt wegen groben Umgangs mit politischen Gefangenen und wegen der Teilnahme an der Hinrichtung des Genossen Lvov (revolutionärer Terrorist). Urteil: A. Popov ist als Feind des arbeitenden Volkes zu erschießen.« [11] Der Prozess, der am 9. Dezember begonnen hatte, endete zwei Tage später mit der Hinrichtung des Pfarrers. Die einzige Zeugenaussage war nicht im Rahmen des Prozesses, sondern während einer Sitzung des Tscheka-Kollegiums erfolgt. Vieles spricht somit dafür, dass der Prozess im Voraus entschieden wurde und der Pfarrer allein aufgrund seines Berufes und seiner sozialen Stellung verurteilt wurde.   Wein und Frauen Der Leiter der Tscheka in einer Stadt unweit von Vjatka [Slavodsk?], Ivan Muravkin, war seit 1914 Mitglied des bolschewistischen Flügels der Sozialdemokratie und hatte als Schmied in einer Rohrfabrik in Petrograd gearbeitet. Im Oktober 1917 fand er Arbeit im Kommissariat für Ernährung. Bereits im Juli 1918 wurde er Ermittler der Tscheka im Stadtteil Vasilievskij von Petrograd. Danach meldete er sich im August 1918 freiwillig für »die tschechoslowakische Front« und war anschließend für die Tscheka in Vjatka im Einsatz. Von dort wurde er in die Stadt Slobodska entsandt, wo er die bolschewistische Partei organisierte und später mit dem Posten des Vorsitzenden der politischen Polizei in der Stadt belohnt wurde. Insofern handelte es sich bei ihm um einen erfahrenen Revolutionär, der sich Ende des Jahres an die Untersuchungskommission wandte, um über die Missetaten der Führung des Gouvernements zu berichten.[12] Am 15. September 1918 hatte die Tscheka des Gouvernements auf Verlangen von Muravkin Verstärkung nach Slobodska entsandt, zwei Männer namens Vaskov und Rukovskij. Ursprünglich sollten sie als Geheimagenten fungieren, wurden dafür aber letztlich als nicht geeignet betrachtet. Stattdessen wurden sie als Untersuchungsbeamte eingesetzt. Die örtlichen Tschekisten hatten von Anfang an kein Vertrauen zu den beiden. Sie sollten recht behalten. Schnell war allgemein bekannt, dass Vaskov regelmäßiger Gast in den Kneipen der Stadt war, meistens in Begleitung »leichtlebiger Damen«. Er war oft betrunken und prahlte dann damit, dass er als Angestellter in der Tscheka 1200 Rubel im Monat verdiene. Bei einer Dienstreise verlor er auf dem Weg in ein Dorf sein Pferd samt Sattel und Zügeln und blieb mehrere Tage verschwunden. Erst als ihm zu Ohren kam, dass es Beschwerden über ihn bei der Leitung in Vjatka gab, tauchte er wieder auf und tat Buße. Es hieß, er würde sich Schmuck und Geld in die eigene Tasche stecken, wenn er von Amts wegen Hausdurchsuchungen und Konfiszierungen bei Wohlhabenden in der Gegend durchführte. Seine Vorgesetzten hatten daraufhin zweimal Hausdurchsuchungen bei ihm durchführen lassen, und jedes Mal wurde gestohlener Schmuck gefunden. Zwar behauptete er, dieser gehöre seiner Frau, Zeugen sagten aber etwas anderes. Einmal hatte sich Vaskov an den Vorsitzenden der Tscheka gewandt und um Genehmigung gebeten, eine goldene Uhr von einem Bürger in der Stadt zu kaufen. Dies war ihm unter der Bedingung erlaubt worden, dass er eine schriftliche Erklärung erhalte, dass der Verkauf freiwillig stattgefunden habe. Stattdessen war er an einem Tag, an dem der Besitzer der Uhr nicht zu Hause war, zu dessen Wohnung gegangen und traf dort die minderjährige Tochter an. Ihr übergab er einen geringeren Betrag und verschwand mit der Uhr. Vaskov wurde verhaftet und zum Tode verurteilt. Doch das Urteil wurde von der Tscheka in Vjatka mit der Begründung aufgehoben, die örtliche Abteilung hätte ihre Kompetenzen überschritten. Meldungen über Saufereien, Unzucht und persönliche Bereicherung nehmen einen breiten Raum in unterschiedlichen Berichten und Gerichtsprozessen ein. Wie das Beispiel Vaskov zeigt, konnte Amtsmissbrauch zur persönlichen Bereicherung zur Hinrichtung führen, was bei Sauferei und Unzucht selten der Fall war. Wohl aber wurde in diesen Fällen auch dafür gesorgt, dass der Sünder die Gegend verließ, damit er nicht länger die Sowjetmacht diskreditieren konnte. Manchmal kam es auch zu Degradierungen. Zeigte sich dann, dass trotz gelobter Besserung keine Änderung eintrat, konnte das zum Ausschluss aus der Partei führen.   Wir nehmen von den Reichen ... Der Bauer Leonitj Stepanov Naumov war 32 Jahre alt, als er verhaftet und in das Arbeits- und Besserungshaus in Vjatka gebracht wurde, ohne selbst zu wissen, warum. Während seiner Zeit im Gefängnis, wo er monatelang einsaß, ohne dass ihm eine Anklage vorgelegt wurde, machte er eine Reihe von Beobachtungen, über die er später der Untersuchungskommission berichtete. Er schilderte detailliert den lebhaften Handel mit den unterschiedlichsten Dingen im Gefängnis. Die Gefangenen tauschten und handelten untereinander und mit den Gefängniswärtern. Brot, Tabak und Schnaps waren besonders gefragte Waren. Der Preis war deshalb um ein Vielfaches höher als außerhalb des Gefängnisses. Naumov erzählte auch, dass die Gefängniswärter und Angestellten der Tscheka die Möglichkeit hatten, Waren aus dem Lager zu kaufen. Er wusste auch, wo die Dinge aufbewahrt wurden, die die Tschekisten in Namen der Revolution bei den Reichen und den Spekulanten beschlagnahmt hatten. Die Preise dafür waren im Gegenzug verhältnismäßig niedrig. Ein führender Tschekist hatte z.B. einen feinen Pelz für seine Frau für nur 80 Rubel gekauft. Naumov berichtete, dass die Wärter und Angestellten der Tscheka sich gegenseitig mit ihrem Wissen über die Verwicklung der jeweils anderen in Schach hielten. Er habe von einer »Bürgerdame« gehört, die so den Weg in eine Anstellung bei der Tscheka gefunden habe. Sie habe dem Vorsitzenden und einigen seiner nächsten Mitarbeiter zugerufen: »Ich kenne all eure Nummern!« Der Bauer Fjodor Sedelnikov hatte ein halbes Schwein und einige Hühner in die Stadt gebracht, um sie auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Dabei wurde er von einigen Tschekisten festgenommen. Sie beschlagnahmten seine Waren und verteilten sie unter den Mitgliedern des Kollegiums. Der Bauer landete im Gefängnis und die Agenten fuhren in sein Dorf, wo sie außerdem noch seine Kuh und seine zwei Schweine schlachteten und das Fleisch mit zurück in ihre Büros nahmen.   Die Gewalt Der Zeuge Konstantin Stepanov sagte aus, wie er und andere Beschäftigte am 7. Dezember 1918 im Arbeits- und Besserungshaus von Soldaten der Tscheka festgehalten und verhört worden waren. Zuerst war sein Kollege Dudin in den Verhörraum geführt worden, als kurz darauf Peitschenschläge, Schreie und Bitten um Gnade zu hören waren. Danach war der Kollege Gratjevskij an der Reihe. Er wurde mit den Worten begrüßt: »Er war der, der früher gern die Peitsche auf den Rücken der Gefangenen tanzen sah.« Nach einigen Minuten waren Peitschenschläge und Schreie zu hören. Gratjevskij rief unter anderem: »Vergebt mir, ich weiß nichts.« Ein anderer Zeuge wusste außerdem zu berichten: »Sie nahmen ihm den Säbel ab und führten ihn in die Strafzelle. Bald war lautes Schreien zu hören: ›Oh, heilige Mutter Gottes!‹ Es waren auch Rufe der Soldaten zu hören, dass alle erschossen werden sollten.« Dann war der Gefängniswärter Marenin an der Reihe. Er bekam Schläge mit der flachen Seite eines Säbels, das Durchladen eines Gewehres war zu hören, ebenso das tiefe Stöhnen des Gefangenen.[13] Die Kommission arbeitete gründlich. Die Gefangenen wurden allesamt Opfer schonungsloser Gewalt und Drohungen. Bei allen Vernehmungen waren neben Soldaten auch mehrere Mitglieder des Kollegiums der Tscheka anwesend, von denen Letztere abwechselnd die Peitsche oder die Fäuste einsetzten.   Die Eskalation Mikhail Nikolajev Antipov, 21 Jahre alt und Sohn eines Bauern aus dem Gouvernement, bekam am Abend des 10. Dezember 1918 den Befehl, zusammen mit zehn anderen Soldaten das Quartier zu bewachen, in dem sich das Gebäude der Tscheka befand. Man wollte verhindern, dass es in Verbindung mit der geplanten Hinrichtung der elf Inhaftierten aus dem Arbeits- und Besserungshaus zu Menschenansammlungen kam. Gegen Mitternacht waren die Soldaten auf ihren Posten und eine Stunde später schon wieder zu Hause. Zwölf junge Kavalleristen hatten die Erschießungen durchgeführt und waren gleich danach in die Stadt Perm weitergeschickt worden. Zehn führende Mitglieder der Tscheka hatten den Hinrichtungen als Zuschauer beigewohnt. »Feuer!«, rief der wachhabende Offizier in die kalte Nachtluft, bevor eine Salve abgegeben wurde – bis auf zwei fielen alle Verurteilten zu Boden. Die Verletzten flehten um Gnade. Einer der anwesenden Tschekisten erhielt die Erlaubnis, sie mit seinem Revolver zu erschießen, und gab jeweils zwei Schüsse in den Kopf auf seine Opfer ab. Auch danach gab es bei einigen noch Zeichen von Leben, woraufhin die Kavalleristen mit ihren Gewehrkolben auf sie einschlugen. Ein Beobachter schrieb: »Sie schlugen mit Feuereifer auf sie ein. Es waren Schreie und tiefes Stöhnen zu hören.« Etwa eine Viertelstunde nachdem die Schüsse gefallen waren, hieß es von einem der Anwesenden: »Einer von ihnen lebt immer noch.« Einer der Kavalleristen schlug ihm den Säbel in den unteren Teil des Gesichts. Noch immer bewegte sich der Mann. Also steckte der Kavallerist seinen Säbel unter sein Hemd, das aus grobem Leinen war, und stach erneut zu. Anschließend durchsuchten einige Kavalleristen die Leichen, nahmen die Sachen und die Stiefel, die etwas wert waren, und leerten auch die Taschen aus – alles im Schein von ein paar Streichhölzern und einer Taschenlampe. Der Besitzer der Lampe entdeckte einen Ring an einer der Leichen. Ein Zeuge sah, wie er den Arm und den Ringfinger der Leiche streckte und danach seinen Säbel zog. Am nächsten Morgen fand ein Soldat, Potemkin, den Finger eines erwachsenen Mannes am Hinrichtungsort und brachte diesen zu seinem Vorgesetzten, der ihn anwies, den Finger, vermutlich als Beweis, an einem kühlen Ort aufzubewahren. Einer der anwesenden Wachsoldaten, Timofej Krassin, ging nach dem Ende der Hinrichtung zum Platz und bat um Erlaubnis, die Leichen sehen zu dürfen: »Ich sah einige entkleidete Leichen im Schnee. Dort lagen auch einige Stiefel und ich fragte, ob ich sie mir nehmen dürfe. Eine Person, die ich nicht kannte, sagte: ›Nimm sie, wenn du sie brauchen kannst. Wenn sie nichts wert sind, dann wirf sie weg.‹ Ich half danach den Soldaten, die Leichen auf einen Wagen zu laden. Dabei sah ich, dass mehrere völlig nackt waren. Einer von ihnen war sehr jung. Er hatte einen leichten Bart und trug Bastschuhe.« Nachdem der Wagen beladen war, fuhren einige der Soldaten damit hinunter zum Fluss und warfen die Leichen ins Wasser. Es passierte nicht oft, dass die Zeugen über ihre Gefühle sprachen, als sie hörten, wie die Opfer gequält wurden. Einer von ihnen war Konstantin Stepanov, der erzählte, dass er von der Tür des Verhörraums weggegangen war, weil er es nicht mehr ausgehalten habe. Er erwähnte auch, dass einer der Soldaten der Tscheka den Verhörraum verlassen hatte und mit den Worten in den Hof gegangen war: »Ich halte das nicht mehr aus!« Ivan Vedernikov gab zu: »Die Schreie gingen durch Mark und Bein. Wir hatten alle Angst.« Des Weiteren sagte der 28-jährige Soldat Aleksej Sjutov vor der Untersuchungskommission aus: »Ich sah, wie sie sie erschossen. Nachdem sie gefallen waren, stöhnten und schrien sie. Plötzlich hatte ich genug. Ich konnte es nicht mehr aushalten und ging weg.« Alexander Rjabov, ebenfalls junger Soldat, 23, schließt eine besonders dramatische Schilderung mit den Worten ab: »Es war unheimlich, all das zu sehen. Die Mitglieder der Tscheka sahen jedoch ruhig dabei zu, wie sich die Kavalleristen benahmen.« Eine Erklärung dafür, warum die Zeugen für gewöhnlich zurückhaltend mit Schilderungen ihrer Gefühle waren, könnte darin bestehen, dass die Betreffenden früher selbst an Vernehmungen teilgenommen oder im Gefängnis gesessen hatten, wo Gewalt und Brutalität an der Tagesordnung waren. Sie waren deshalb nicht einzuschüchtern oder auch nur im Geringsten geneigt, es zu zeigen.   Schlussfolgerung Die Erzählungen über die Begebenheiten in Vjatka deuten an, wie sich die Kultur neu formierte. Es herrschte ein Machtkampf zwischen dem Sowjet, der politischen Polizei und der Partei, der auch die Stimmung innerhalb der Bevölkerung veränderte. Für einige ergaben sich ganz neue Möglichkeiten, die es zu nutzen galt. Menschen, die zur Zeit des Zaren ihren Dienst im Gefängnis versehen hatten, konnten sich der Rache früherer Unruhestifter nicht mehr sicher sein. Es entwickelten sich bestimmte Verhaltensstrategien. Eine bestand darin, den Unwissenden oder Ungebildeten zu spielen, um so Sanktionen zu entgehen. Eine andere war die Untertänigkeit, die in allerlei Empfehlungen oder Bittschreiben zum Ausdruck gebracht werden konnte. Schließlich war es die allgegenwärtige Gewalt, die einige in Angst und Schrecken versetzte, aber von den meisten offensichtlich mehr oder weniger als Teil des Alltags akzeptiert wurde. Aufgrund der extremen Mangelsituation war der Alltag auch außerhalb des Gefängnisses von Schwarzhandel geprägt. Davon konnte sich auch die Tscheka nicht freisprechen, einst selbst eingesetzt, um diesen zu bekämpfen. Auch wenn alle Bevölkerungsteile davon betroffen waren, waren gleichzeitig viele bereit, diesem ein Ende zu bereiten und die Täter hart zu bestrafen. Auch dieser Gegensatz war ein Baustein der revolutionären Alltagskultur. Die Revolution im Alltag war ein weitaus komplexeres Phänomen als der Kampf zwischen den Roten und den Weißen oder zwischen Staat und Gesellschaft. Für die meisten stand der Kampf um das tägliche Brot an erster Stelle, für andere die Schaffung einer gewissen Form von Ordnung inmitten von Chaos und Gesetzlosigkeit.   Aus dem Dänischen übersetzt durch das Bundessprachenamt [1] Leon Trotsky: The History of the Russian Revolution, Vol. 1: The Overthrow of Tzarism, Chap. 21: Shifts in the Masses, https://www.marxists.org/archive/trotsky/1930/hrr/ch21.htm, ges. am 26. Oktober 2016. [2] Die gesamten Prozessakten finden sich in: Delo o nezakonnykh dejstvijakh vjatk.gub.TjK [Zum Fall illegaler Handlungen der Tscheka im Gouvernement Vjatka], Gosudarstvennyj Archiv Rossijskoj Federacii/Staatsarchiv der Russischen Föderation (im Folgenden: GARF), f. R-1005, op. 1A, d. 116 und d. 883. Die Anklageschrift wurde vom Volkskommissariat für Justizwesen (Narodnyj Kommissariat Justitsii) an das Oberste Revolutionstribunal (Verkovnyj Revoljutsionnyj Tribunal) geschickt, GARF, f. R-1005, op. 1A, d. 116, S. 12. [3] Siehe Vjatka Sledkommissija Revoljutsionnogo Tribunala [Untersuchungskomitee des Vjatkatribunals], 17. Februar 1919, ebd., S. 2. [4] Siehe Vypiska iz protokola N. 34 zasedanija prezidiuma Vjatskogo Gubernskogo Ispolkoma ot 10. dekabrja 1918 [Auszug aus dem Protokoll Nr. 34 der Präsidiumssitzung der Lokalverwaltung von Vjatka vom 10. Dezember 1918], ebd., S. 25. [5] Siehe Vypiska iz protokola zasedanija N. 19 ot 10 dekabrja 1918 g. [Auszug aus Protokoll Nr. 19 vom 10. Dezember 1918], ebd., S. 33. [6] Siehe Kommissija po rassledovaniju zloupotreblenij Vjatskoj TjK 13. janvarja 1919 [Kommission zur Prüfung der Tscheka in Vjatka wegen Machtmissbrauchs, 13. Januar 1919], ebd., S. 39. [7] Siehe Protokoll 1919 g. janvarja 13, Vjatka [Protokoll vom 13. Januar 1919, Vjatka], ebd., S. 45. [8] Doklad 18 janvarja 1919 [Bericht vom 18. Januar 1919], ebd., S. 38. [9] Siehe Uralskaja oblastnaja tjrez. Kom. Po borbe s k.r. i spek., Ivan Petrovitj byvsjij politsejskij oktjabr 1918 [Außerordentliche uraler Gebietskommission zum Kampf gegen Konterrevolution und Spekulation, Ivan Petrovitj, ehemaliger Polizist, Oktober 1918], GARF, f. R-1005, op. 1A, d. 883. [10] Pismo Orlova [Brief von Orlov], ebd., S. 39. [11] Delo No 682 Popova, L. tjuremnogo svesjtjenika [Fall Nummer 682, L. Popov, ein Gefängnispfarrer], GARF, f. R-1005, op. 1A, d. 116, S. 74. [12] Siehe Protokol doprosa svidetelej dekabrja 1918 [Protokoll der Zeugenvernehmung, Dezember 1918], ebd., S. 126. [13] Ebd., S. 126 ff.

JHK 2017

Die Oktoberrevolution als Projektionsfläche von Verschwörungstheorien

Wolfgang Benz

Welterklärung mit Verschwörungsfantasie Es war schon immer schwer, den Lauf der Welt zu verstehen, und noch schwieriger war und ist es, für katastrophale Ereignisse in der Natur, für Kriege, für wirtschaftlichen Zusammenbruch, für Terror und Gewalt Erklärungen zu finden. Das Feld ist seit jeher von Sehern und Weisen, von Heiligen und Scharlatanen besetzt. Besonders wirkungsvoll und unangreifbar sind Verschwörungsfantasien, weil sie keiner rational nachvollziehbaren Beweise bedürfen, weil sie an Aha-Erlebnisse und esoterische Einsichten appellieren, weil sie Emotionen bewegen. Verschwörungstheorien suggerieren, es gebe für alles einen Plan, von dem aber jeweils nur Eingeweihte Kenntnis haben, die ihr Geheimnis hüten. Verborgene Mächte – Individuen wie Kollektive – steuern nach Maßgabe der Verschwörungstheoretiker die Bewegungen von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft und aller Dinge des privaten Lebens. Die Rolle der Drahtzieher wird den Juden ebenso zugeschrieben wie dem Islam, geheimen Gesellschaften wie den Illuminaten oder den Freimaurern, den Jesuiten, der Dynastie Rothschild und beliebigen anderen »Verschwörern«. Dankbare Gemeinden bilden sich, wenn einer, der Kenntnis hat, von den Verschwörungen in Wort und Schrift berichtet. Die Künder von Verschwörungsfantasien werden als Aufklärer verehrt, die Augen öffnen, den Blick hinter die Kulissen freigeben und die wahren Zusammenhänge erschließen. Eine dieser schillernden Figuren war Nesta H. Webster, die als Spross einer wohlhabenden britischen Familie zuerst historische Romane schrieb, ehe sie 1924 mit einem Buch über Geheimgesellschaften und subversive Bewegungen zur Grande Dame der Verschwörungstheoretiker aufstieg. Sie war von der Echtheit der »Protokolle der Weisen von Zion« überzeugt, jenem Traktat vom Ende des 19. Jahrhunderts, das nicht nur als Inkunabel des modernen Antisemitismus gilt, sondern – mit ungeheurem Erfolg auch noch in unseren Tagen – den Prototyp der Verschwörungstheorie darstellt. Nesta Webster, die sich den britischen Faschisten anschloss, war vom jüdischen Streben nach Weltherrschaft ebenso überzeugt wie vom »jüdischen Bolschewismus«, jenem Konstrukt, das die Juden als Urheber der Oktoberrevolution und der darauf gegründeten kommunistischen Herrschaft denunziert und damit zugleich die Idee des Sozialismus diskreditiert. Wie Nesta Webster, deren Einfluss in den USA nach ihrem Tod anhielt und die auch heute noch im Internet präsent ist, sind Verschwörungstheoretiker häufig in christlichem Fundamentalismus verwurzelt, neigen zu Okkultismus, Xenophobie und Chauvinismus und pflegen ein deutlich antisemitisches Weltbild. Verschwörungstheorien ranken sich immer um radikale politische Umbrüche wie die Französische Revolution oder die Oktoberrevolution 1917, auch Epidemien und Naturkatastrophen werden durch Verschwörungsfantasien scheinbar erklärt. Die Ereignisse des 11. September 2001, der Flugzeugabsturz des polnischen Präsidenten im April 2010 bei Smolensk oder der Tsunami 2004 seien durch geheime Machenschaften (vor allem von Juden) zustande gekommen, wird in Pamphleten und neuerdings vor allem im Internet geraunt. Den Tsunami etwa habe die israelische Regierung durch Testexplosionen von Atombomben oder mit biologischen Waffen im Indischen Ozean ausgelöst.[1] Zum Wesen von Verschwörungsfantasien gehören dem Eigenen feindlich gesinnte Kollektive, die zum Schaden der Autochthonen die Macht in einer Gesellschaft, Region, Nation oder der Welt erobern wollen. Die feindlichen Kollektive sind leicht zu definieren auf der Basis eigener Traditionen und Gepflogenheiten als Stigmatisierung anderer als fremd und deshalb feindlich aufgrund von Religion, Kultur, Herkunft. Zu Feinden werden dann je nach Anlass und Bedarf Revolutionäre oder Konservative, Juden oder Muslime, Adelige, Kulaken, Intellektuelle, katholische Christen und andere Gruppen.   Instrumentalisierte Feindbilder Am 3. Oktober 2003 hielt der CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann in Neuhof bei Fulda im Bürgerhaus eine Rede zum Nationalfeiertag. Er hatte seiner Ansprache das Motto »Gerechtigkeit für Deutschland« gegeben und außerdem angekündigt, er wolle sich »über unser Volk und seine schwierige Beziehung zu sich selbst« einige Gedanken machen. Hohmann gehört ins Lager der christlich fundamentierten Konservativen mit hohem nationalen Empfinden und ausgeprägter Abneigung gegen Homosexuelle und Gottlose, gegen übertriebene Entschädigungen für Zwangsarbeiter und das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin. Er wurde, nach 14 Jahren erfolgreichen und allseits anerkannten Wirkens in der Kommunalpolitik, 1998 in den Bundestag gewählt. Als Parlamentarier fiel er wenig auf, eher als eifriger Propagandist christlicher und nationaler Werte in seiner Region. Seine Rede am 3. Oktober 2003 artikulierte und stimulierte Emotionen von gekränktem Nationalstolz. Durch das Aufbäumen gegen einen angeblichen Kollektivschuldvorwurf sollte Identitätsbeschwerden Linderung verschafft werden, und trotzig wurde etwas eingeklagt, was als notwendiger Schlussstrich unter die Vergangenheit, als Ende vermeintlich verordneter deutscher Bußfertigkeit, als »Gerechtigkeit für Deutschland« am rechten Rand des konservativen Spektrums gerne beschworen wird. Zum Skandal war die Ansprache deshalb geworden, weil der Redner judenfeindliche Klischees bedient, weil er antisemitische Ressentiments, Vorurteile und Feindbilder in seiner Beweisführung benutzt hatte; in der Folge wurde der Abgeordnete erst aus der Fraktion, dann aus der CDU ausgeschlossen. Eine neue Heimat fand er dann in der radikalisierten »Alternative für Deutschland«, AfD. Der Text der Hohmann-Rede beginnt mit Überlegungen zur Ausländerkriminalität, über die Sozialhilfe für unwürdige Empfänger und über Entschädigungszahlungen für Zwangsarbeiter. Tenor der Ausführungen, die den Auftakt zum Hauptteil bilden, ist die Klage, dass Deutsche in Deutschland gegenüber Fremden und anderen Unwürdigen zurückgesetzt seien. Zur Erklärung zieht Hohmann die deutsche Geschichte heran. Der unterschwellige Appell an angeblich oktroyierte kollektive Schuldgefühle, wie sie an Stammtischen verhandelt werden, um sie mit Entrüstung abweisen zu können, korrespondiert in der Rede mit der Larmoyanz über deutsche Leiden – Vertreibungen oder der Bombenkrieg –, derer angeblich nicht gedacht werden darf. Das Klima aus Sozialneid, Paranoia, Überdruss an der Beschäftigung mit der Vergangenheit sowie Empörung über anhaltende Ungerechtigkeiten gegen Deutsche ist mit dieser Exposition geschaffen. In der zentralen Passage seiner Ansprache sucht Hohmann nach jüdischen Schuldigen. Nach der detaillierten Schilderung »jüdischer« Menschheitsverbrechen durch die Erfindung und Durchsetzung des Bolschewismus, mit der »die Juden« zum Tätervolk definiert werden könnten, erklärt Hohmann schließlich in einer rhetorischen Volte, wenn die Juden nicht als Täter wahrgenommen würden, dann seien die Deutschen aber auch nicht schuldig. Man müsse genauer hinschauen: »Die Juden, die sich dem Bolschewismus und der Revolution verschrieben hatten, hatten zuvor ihre religiösen Bindungen gekappt. Sie waren nach Herkunft und Erziehung Juden, von ihrer Weltanschauung her aber meist glühende Hasser jeglicher Religion.« Ohne das Problem, ob sie denn dann noch Juden waren, zu erörtern, werden sie den Nationalsozialisten gleichgesetzt, die ebenfalls ihre (christlich) religiösen Bindungen abgelegt hätten. Die Schlussfolgerung lautet, dass »Gottlosigkeit« das eigentliche Übel darstelle, dass weder »die Deutschen« noch »die Juden« ein Tätervolk seien, sondern die Gottlosen als »Vollstrecker des Bösen«.   Die Konstruktion des Feindbilds: Revolutionäre als »jüdische Täter« Seine Strategie leitete Hohmann mit einer rhetorischen Frage ein: »Gibt es auch beim jüdischen Volk, das wir ausschließlich in der Opferrolle wahrnehmen, eine dunkle Seite in der neueren Geschichte oder waren Juden ausschließlich die Opfer, die Leidtragenden?« Nach solcher Absicherung schilderte Hohmann Gräueltaten, die Juden als Revolutionäre und Bolschewisten begangen haben sollen. Die Quellen, aus denen Hohmann schöpfte, sind trübe, ihrer haben sich schon Goebbels und Hitler bedient: Es sind uralte antisemitische Stereotype und Klischees, mit denen Verängstigte und Ratlose auf kommunistische Revolution, Räteherrschaft und anderes Ungemach reagiert haben. »Viele der für den Bolschewismus engagierten Juden fühlten sich sozusagen als gläubige Soldaten der Weltrevolution«, sagte der Abgeordnete Hohmann. Dann »bewies« er mit Zahlen und Zitaten, dass Juden in den revolutionären Gremien Sowjetrusslands überproportional vertreten waren und legte den Schluss nahe, niedere Beweggründe hätten sie zum Bolschewismus getrieben. Den Zusammenhang zwischen Judentum und Russischer Revolution bzw. die Wesenseinheit von jüdisch und kommunistisch stellte Hohmann – auch das war typisch und nicht im mindesten originell – numerisch und rassistisch her: »Konkret stellt sich die Frage: Wieviel Juden waren denn nun in den revolutionären Gremien vertreten? Zum siebenköpfigen Politbüro der Bolschewiki gehörten 1917 vier Juden: Leo Trotzki, Leo Kamenjew, Grigori Sinowjew und Grigori Sokolnikow. Die Nichtjuden waren Lenin, Stalin, Bubnow. Unter den 21 Mitgliedern des revolutionären Zentralkomitees in Rußland [gehörten] 1917 6 der jüdischen Nationalität an, also 28,6 %. Der überaus hohe Anteil von Juden bei den kommunistischen Gründervätern und den revolutionären Gremien beschränkte sich keineswegs auf die Sowjetunion. Auch Ferdinand Lassalle war Jude ebenso wie Eduard Bernstein und Rosa Luxemburg. 1924 waren von sechs KP-Führern in Deutschland vier und damit zwei Drittel jüdisch. In Wien waren von 137 führenden Austro-Marxisten 81 und somit 60 % jüdisch. Von 48 Volkskommissaren in Ungarn waren 30 jüdisch gewesen. Aber auch bei der revolutionären sowjetischen Geheimpolizei, der Tscheka, waren die jüdischen Anteile außergewöhnlich hoch. Während der jüdische Bevölkerungsanteil 1934 in der Sowjetunion bei etwa 2 % lag, machten die jüdischen Tscheka-Führer immerhin 39 % aus. Jüdisch galt, das sei erläuternd gesagt, in der Sowjetunion als eigene Nationalität. Damit war er höher als der russische Anteil bei der Tscheka mit 36 %. In der Ukraine waren sogar 75 % der Tschekisten Juden. Diese Feststellung[2] leitet zu einem Kapitel über, das zur damaligen Zeit für ungeheure Empörung gesorgt hat. Der Mord am russischen Zaren und seiner Familie wurde von dem Juden Jakob Swerdlow angeordnet und von dem Juden Chaimowitz Jurowski am Zaren Nikolaus II. eigenhändig vollzogen. Weiter stellt sich die Frage, ob Juden in der kommunistischen Bewegung eher Mitläufer[-] oder Leitungsfunktion hatten. Letzteres trifft zu. Leo Trotzki in der UdSSR, Bela Kun in Ungarn.«[3] Es geht bei der Betrachtung der Hohmann-Rede nicht um die Ansichten und Mutmaßungen des damaligen Bundestagsabgeordneten. Der Fall dient lediglich als Exempel für Absicht und Wirkung eines verschwörungstheoretischen Konzepts, das aus fundamentalistischer Sicht bekannte Stereotype über die Russische Revolution und deren Akteure inszeniert. Die Legende der jüdischen Urheber- und Täterschaft der Oktoberrevolution war in deren unmittelbarer Folge entstanden, weil sie das Beängstigende des weltgeschichtlichen Ereignisses verschwörungstheoretisch zu erklären schien. Die Attraktivität des Erklärungsmodells ist ungebrochen. In der Argumentationsreihe steht der amerikanische Automobilfabrikant Henry Ford mit seiner antisemitischen Propagandakampagne[4] ebenso wie das Mitglied der rechtspopulistischen »Alternative für Deutschland«, das 2016 in den Stuttgarter Landtag gewählt wurde und sich und seine Partei ins Gerede brachte mit einschlägigen antisemitischen Sottisen, etwa über die von ihm vermutete »Echtheit« der verschwörungstheoretischen Inkunabel »Protokolle der Weisen von Zion«.   Quellen der Verschwörungstheorie Die Mordfantasien der »kommunistischen jüdischen Revolutionäre« seien keine leeren Drohungen gewesen, behauptete Hohmann: »Das war Ernst. Das war tödlicher Ernst. Nach einer von Churchill 1930 vorgetragenen statistischen Untersuchung eines Professors sollen den Sowjets bis 1924 folgende Menschen zum Opfer gefallen sein: 28 orthodoxe Bischöfe, 1219 orthodoxe Geistliche, 6000 Professoren und Lehrer, 9000 Doktoren, 12 950 Grundbesitzer, 54 000 Offiziere, 70 000 Polizisten, 193 000 Arbeiter, 260 000 Soldaten, 355 000 Intellektuelle und Gewerbetreibende sowie 815 000 Bauern.« Sowjets und Juden sind damit stillschweigend synonym erklärt und die Magie der Statistik beweist sich scheinbar selbst. Das sind traditionelle Argumentationsmuster judenfeindlicher Demagogie. Zum »jüdischen Bolschewismus« werden historische Fakten bemüht wie die Russische Revolution und die Münchner Räterepublik, dann werden Akteure, deren Namen bekannt sind (Leo Trotzki, Bela Kun usw.), unter Verzicht auf alle Protagonisten benannt, die nicht ins Bild passen. Die »Fakten« selbst sind aber auch nur Behauptungen und Mutmaßungen, die mit Autorität und unter Anführung von »Belegen« vorgebracht werden. An Ort und Stelle kann das nicht bewiesen werden, das würde auch niemand dem Festredner entgegenhalten, selbst wenn er es besser wüsste. Dass Kurt Eisner, den Hohmann zu den jüdischen Rädelsführern der Münchner Räterepublik von 1919 zählt, weder Kommunist war noch die Räteherrschaft erlebte, zeigt nur, mit welcher Ahnungslosigkeit der Politiker als Experte aufgetreten ist. Zu seinen Mitteln gehört, wie bei jedem Ressentiment, die Verallgemeinerung. So wird Kurt Eisner auch als Vertreter des Judentums in Anspruch genommen, obwohl er nie als Jude in Erscheinung trat, und er wird dem Kommunismus zugeordnet, mit dem er nie etwas zu tun hatte. Da die Kategorisierung als Jude und Kommunist aber mit geläufigen Diffamierungen korrespondiert, die schon zu Lebzeiten Eisners gängig waren,[5] werden sie von denen als bare Münze genommen, in deren Vorverständnis Generalisierungen wie die vom »jüdischen Bolschewismus« passen. Hinzu kommen weitere Behauptungen, die, wie die Statistik der Menschenverluste, nicht nachprüfbar, aber durch die »Quellen« Churchill und »einen Professor« bei Unbedarften glaubwürdig erscheinen sollen. Eine solche »Quelle« dem gutgläubigen Publikum zu offerieren ist an sich eine Frechheit, weil damit die Zuhörer als einfältig vorgeführt werden sollen. Es ist auch töricht, solchen Unsinn zu präsentieren, weil man sich selbst als ahnungslos aber gesinnungsstark entblößt. Denn die in Hohmanns Rede Churchill zugeschriebene Statistik, angeblich erzeugt von einem unbekannten »Professor«, wurde bereits im Frühjahr 1943 im Begleitprogramm der NS-Propaganda zur Entdeckung der Massengräber in Katyn im Völkischen Beobachter publiziert und von der gleichgeschalteten NS-Presse im ganzen Deutschen Reich nachgedruckt. Die Gräber in Katyn mit den Leichen polnischer Offiziere, die von der Roten Armee liquidiert worden waren, bildeten der deutschen Propaganda ein willkommenes Motiv, um die Schändlichkeit des angeblich jüdisch dominierten Sowjetsystems zu brandmarken.[6] Hohmann folgte – vermutlich ahnungslos – den nationalsozialistischen Mustern und machte die Weltrevolution zur jüdischen Affäre. Dem wird tradiertes Volkswissen beigemengt, das weder verifizierbar noch falsifizierbar ist. Die Technik des verschwörungstheoretischen Diskurses liegt in der Instrumentalisierung des Vorurteils, in der Beschwörung des Ressentiments, in der raffinierten Erzeugung von Assoziationen und Konnotationen. Der Redner suggeriert seinem Publikum, man habe durch gemeinsame Forschungsarbeit die Erkenntnis gewonnen, »daß der Vorwurf an die Deutschen, schlechthin ›Tätervolk‹ zu sein«, unberechtigt sei. Dazu hat Hohmann den klassischen antisemitischen Diskurs vorgeführt, wie man ihn seit den Reden kennt, in denen im 19. Jahrhundert die »Judenfrage« erfunden, deren Lösung dann propagiert und deren »Endlösung« schließlich im 20. Jahrhundert betrieben wurde. Zum Wesen dieses Diskurses gehört, dass die jüdische Minderheit in Anspruch genommen wird, um Probleme nationaler Identität der Mehrheit zu artikulieren. Das wurde in den Reaktionen des Publikums deutlich. Dass die Rede Hohmanns problematisch war, wurde auch von denen, die »kritische Solidarität« übten und forderten, nicht bestritten, aber sie wollten auch nicht erkennen, dass sie antisemitisch war. Verwiesen wurde unter Vernachlässigung des Kontextes und ohne Gespür für die rhetorischen Finessen, mit denen Hohmann seine Unterstellungen zum »jüdischen Bolschewismus« lancierte, auf die Mutmaßungen, ob die Juden ein »Tätervolk« seien in der Hoffnung, damit die Rolle der Deutschen zu relativieren. Es sei halt die falsche Rede zu diesem Zeitpunkt gewesen, lautete das Argument, das Hohmann exkulpieren sollte. Jenseits der Person des Redners und seines politischen Sturzes ist das Elaborat typisch für den Einsatz verschwörungstheoretischer Klischees und deshalb so ausführlich behandelt worden.   Verschwörungsfantasien zwischen Fundamentalismus und Revisionismus Hohmann hat nie begriffen, was ihm wegen seiner Zitate aus trüben Quellen passierte, warum sein patriotischer Versuch so desaströs misslang. Im Gespräch mit der Journalistin Eva Herman, die sich ebenfalls von der Öffentlichkeit missverstanden fühlte, nachdem sie ihre Fernsehkarriere durch merkwürdige Äußerungen über das »Dritte Reich« beschädigt hatte, sagte Hohmann, weniger seine Rede als der durch eine »ARD-Falschmeldung über die Rede künstlich erzeugte Skandal« sei der Grund seines Sturzes gewesen.[7] Er vermutete: »Offensichtlich möchten einflußreiche Juden dunkle Kapitel jüdischer Geschichte lieber im Dunklen belassen.« Hohmann berief sich auf Mutmaßungen Solschenizyns, dass seit Ende der 1940er-Jahre, als »die kommunistische Macht sich mit dem Weltjudentum überwarf«, der Anteil der Juden an der Russischen Revolution zum Tabu geworden sei, nannte nationalkonservative Sympathisanten wie Alexander Gauland und Olaf Henkel und verkündete, hinsichtlich der in der Rede angeführten historischen Fakten habe ihm niemand (»im Kernbereich«) eine falsche Aussage vorwerfen können. Das kann man als Dilettantismus abtun, als Mythenbildung auf der Metaebene werten oder als Bekenntnis von Einfalt sehen. Die Prüfung der Quellen seiner Geschichtsbetrachtung ergibt jedenfalls eindeutige Befunde. Als Referenz hatte Hohmann das umstrittene Werk Jüdischer Bolschewismus: Mythos und Realität eines umstrittenen Autors angegeben. Johannes Rogalla von Bieberstein, Historiker und Universitätsbibliothekar in Bielefeld, war seinem Dissertationsthema über Weltverschwörungstheorien treu geblieben. 2002 veröffentlichte er das Buch, das dem Abgeordneten Hohmann als Leitfaden für seine Rede zum Nationalfeiertag diente. Es erschien im Verlag der Neuen Rechten Antaios und wurde folgerichtig in der Zeitung Junge Freiheit gepriesen. Das Urteil der seriösen Wissenschaft war dagegen eher herb.[8] Dem Autor, der sich in den Zirkeln der Neuen Rechten feiern ließ, wurde zu Recht vorgeworfen, dass sein Judenbegriff rassistisch ist, dass er durch Reduktion auf die Abstammung pauschalisiert, dass er die Argumentation der nationalsozialistischen Propaganda in Sachen »jüdischer Bolschewismus« außer Acht lässt. Die Logik der Untersuchung besteht weithin aus Zitaten, die der Beweiskraft halber aus dem Zusammenhang gerissen sind. Der heftige Gebrauch von Ausrufezeichen hat denunziatorischen Charakter.[9] Geadelt ist das Werk durch ein Vorwort Ernst Noltes. Das ist ein weiterer Hinweis, wo das Buch politisch zu verorten ist, nämlich im Lager des Geschichtsrevisionismus. Der Historiker Ernst Nolte, an ideengeschichtlichen Reduktionen und Zuspitzungen stets mehr interessiert als an Realien, hatte zu Beginn der 1990er-Jahre einen aufsehenerregenden Versuch unternommen, deutsche Geschichte durch die Relativierung nationalsozialistischer Ideologie und Herrschaft von Schuld zu entlasten. Ein Artikel aus seiner Feder in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gipfelt in der These: »Auschwitz resultiert nicht in erster Linie aus dem überlieferten Antisemitismus und war im Kern nicht ein bloßer ›Völkermord‹, sondern es handelte sich vor allem um die aus Angst geborene Reaktion auf die Vernichtungsvorgänge der Russischen Revolution.«[10] Nolte konstruierte einen »Kausalnexus« zwischen der Russischen Revolution und den Verbrechen der Nationalsozialisten und fragte, ob der Archipel Gulag nicht ursprünglicher gewesen sei als Auschwitz. Er reduzierte den Genozid an den Juden als Reflex auf den Bolschewismus und mühte sich, den Anteil »der Juden« an der Russischen Revolution und an der Etablierung des Kommunismus als Herrschaftssystem herauszuarbeiten, um sie aus der Opferrolle zu lösen: »Und dennoch wird man den Juden schwerlich gerecht, wenn man in ihnen bloß eine schwache Minderheit sieht und nicht vielmehr ein Weltvolk.«[11] Das ist elaboriertes Gelehrtentum in politisch-revisionistischer Absicht, vorsichtig formuliert und den verräterischen Begriff »Weltjudentum« – den Terminus antisemitischer Verschwörungsphantasien – meidend, aber deutlich meinend. Der Politiker Hohmann war lediglich plumper und formulierte weniger feinsinnig-hinterhältig, als er zwanzig Jahre nach Nolte ebenfalls versuchte, die Juden zum Tätervolk zu stilisieren, um deutsche Verbrechen zu minimieren. Im »Historikerstreit« wurden 1984 die Thesen Noltes öffentlich diskutiert und verworfen. Der greise Geschichtsphilosoph avancierte endgültig zum Vordenker der Neuen Rechten, ließ sich in die Dienste der Revisionisten nehmen und zeigte sich unbelehrbar. Das Ressentiment vom jüdischen Charakter der Russischen Revolution wurde auch nach dem Historikerstreit und lange vor Hohmann gepflegt. Der Deutschlandfunk strahlte im September 1992 einen Kommentar in der Sendung »Schalom – Jüdisches Leben heute« aus, in dem anhand des vermeintlich jüdischen Anteils am Kommunismus eine selbstkritische Betrachtung ihrer Rolle durch »die Juden« eingefordert wurde: »Wo bleibt die jüdische Auseinandersetzung mit dem Marxismus und mit den verheerenden Folgen der marxistisch-leninistischen Diktaturen? Spätestens jetzt, nach ihrem Zusammenbruch, wäre es an der Zeit, sich mit ihrer Brutalität und Menschenverachtung kritisch zu beschäftigen, auch selbstkritisch: Eine große Zahl von Juden waren Mittäter.«[12]   Soziale und politische Wirklichkeit: Das Judentum in Russland und die Oktoberrevolution Am Ende des 19. Jahrhunderts lebten im Russischen Reich etwa fünf Millionen Juden, d.h. der größte Teil der europäischen Judenheit war dem Zaren untertan. Die Emanzipation, die rechtliche Gleichstellung, blieb der jüdischen Minderheit verweigert, ihr war außerdem seit 1772 der Aufenthalt im russischen Kernland verboten. Zar Nikolaus I. verfügte 1835 den »Ansiedlungsrayon« am westlichen Rand des Zarenreichs, der vom Baltikum bis zur Ukraine reichte. Eine große jüdische Bevölkerung gab es auch auf dem polnischen Territorium, das unter russischer Herrschaft stand. Gleichzeitig verschärfte der Zar die bestehenden antijüdischen Gesetze und verfügte die Wehrpflicht für die jüdischen Untertanen, denen er die Bürgerrechte verweigerte. Juden waren vom Grundbesitz und von vielen Berufen ausgeschlossen. Sie waren überwiegend arm, lebten auf dem Land von Kleinhandel, von Schnapsausschank und Geldverleih, was sie wegen »Zinswucher« und Verleitung zum Alkoholismus in Verruf brachte. In den Städten wurden Juden zur Intelligenz gerechnet, die im bildungsfeindlichen Russland eher auf Argwohn stieß als auf Achtung. Judenfeindschaft war in Russland gesellschaftlicher und politischer Konsens über den Untergang des Zarenreichs hinaus. Die russische Judeophobie war nicht deckungsgleich mit dem westlichen religiösen Antijudaismus und mit dem rassistischen modernen Antisemitismus. Zwar stigmatisierte die Orthodoxe Kirche die Juden als Gottesmörder, praktizierte aber nicht die Blutlegenden und Ritualmordfantasien der lateinischen Christenheit. Im säkularen und ökonomischen Bereich waren Juden sozial diskriminiert und spielten traditionell die Rolle von Sündenböcken und Blitzableitern bei politischer Unzufriedenheit der Bevölkerung. Einer Reformperiode ab den 1850er-Jahren, in der den Juden Russlands sogar Andeutungen einer Emanzipation zuteil wurden, folgten Restriktionen und zwei große Pogromwellen zwischen 1881 und 1883 sowie zwischen 1903 und 1906, die von der weltlichen und geistlichen Obrigkeit, Bürokratie und Justiz als Ventil des Zornes geängstigter oder über reaktionären Stillstand empörter Bürger mindestens geduldet und willkommen geheißen, wenn nicht inszeniert und gefördert wurden. Die herrschende Judenfeindschaft ohne bemühte ideologische Begründungen, wie sie im westlichen Europa gepflegt wurden, war Ausdruck genereller konservativer Abwehr der Moderne. Weil Juden – jedoch keineswegs in ihrer Gesamtheit – von den Modernisierungen in der Reformperiode profitierten, waren sie in besonderer Weise Ziel der Abneigung reaktionärer Kreise. Adel und Bürokratie diskreditierten Juden als Bauernverderber, weil sie verdächtigt wurden, Land aufzukaufen oder weil sie als Kapitalisten an der beginnenden Industrialisierung des Landes beteiligt waren.[13] An der Protestbewegung, die in der ersten russischen Revolution 1905 gipfelte, waren Juden beteiligt, aber nicht im Namen ihrer Religionsgemeinschaft oder ihrer kulturellen Zugehörigkeit bzw. Herkunft aus dem Judentum, sondern als Sozialdemokraten, die keine Bindungen an die jüdische Gemeinschaft hatten. Viel wesentlicher als Wurzeln im Judentum war die Tatsache, dass die städtische jüdische Bevölkerung einen höheren Alphabetisierungsgrad auswies als das russische Bürgertum oder die Bauern. Die Verweigerung der Bürgerrechte, die wirtschaftlichen Restriktionen, die allgemeine Rückständigkeit des Regimes waren Grund genug zum Engagement gegen den autoritären und reaktionären Staat. Als spezielle jüdische Reaktion auf das Elend, die Unterdrückung und Verfolgung im Zarenreich zielte der Zionismus auf Auswanderung in eine zu gründende »jüdische Heimstatt« außerhalb Russlands, nicht auf Umsturz in Russland. Ungeachtet dieser Realität waren die herrschenden Kräfte früh davon überzeugt, dass »die Juden« maßgeblich an den revolutionären Umtrieben mindestens beteiligt waren oder sogar maßgeblichen Einfluss auf die Bewegung hatten. Der Boden für das Feindbild vom »jüdischen Bolschewiken« war durch die traditionelle Judenfeindschaft in Russland, die in den 1870er-Jahren durch den modernen Antisemitismus des Westens verstärkt wurde, lange vor der Oktoberrevolution bereitet. Judenfeindschaft bildete eine Übereinkunft der herrschenden Schichten Russlands und bekam schließlich den Charakter einer Staatsdoktrin. Im Ersten Weltkrieg nahm die russische Judeophobie weiter zu. In der Krise des zaristischen Systems gipfelte sie in den Fantasien einer Verschwörung der »jüdischen Bolschewiki« mit den Deutschen im Jahr 1917. Die Vorstellung einer jüdischen Weltverschwörung fand wirkungsmächtigen Ausdruck im Konstrukt der »Protokolle der Weisen von Zion«, die kurz vor der Jahrhundertwende von der zaristischen Geheimpolizei fabriziert wurden.   Interessenkonstellationen nach dem Ende der Sowjetunion Nicht erst seit dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems gibt es ein Interesse an der Rolle »der Juden« bei der Etablierung der kommunistischen Herrschaft.[14] Im öffentlichen Diskurs der postkommunistischen Staaten spielt die Frage allerdings eine besondere Rolle, welchen Anteil Juden an der Formulierung der kommunistischen Ideologie und an ihrer revolutionären Durchsetzung gehabt haben. Es geht dabei um Erklärungsversuche und Schuldzuweisungen für die desolate ökonomische Situation in den Ländern des einstigen sowjetischen Machtbereichs. Im Zeichen eines neuen Nationalismus stehen in Osteuropa Schuldzuweisungen an »die Juden« im Dienste der Selbstvergewisserung und Selbstbestätigung auf der Suche nach historischem Standort und nationaler Identität.[15] Die Beschreibung der angeblich führenden Mitwirkung von Juden an der kommunistischen Herrschaft – Juden als Theoretiker des Sozialismus, als Revolutionäre, als Exekutoren im Machtapparat – stützt das alte Klischee, der Bolschewismus sei eine jüdische Erfindung, eine Vermutung, die Deutschnationalen und Konservativen in Deutschland seit 1918 zur Argumentation diente und die auch von Hitler und Goebbels exzessiv propagandistisch benutzt wurde. Das Vorurteil ist nach 1945 nicht verschwunden und nach der Wende wieder aktuell geworden.[16] In einfältiger Reproduktion von Pauschalurteilen wie dem, die geschichtliche Sünde der Juden bestünde in ihrer exponierten Mitwirkung am kommunistischen Regime, oder der Vermutung einer eindrucksvollen jüdischen Präsenz in den Macht- und Repressionsorganen des Bolschewismus wurde Anfang der 1990er-Jahre in einem Buch der Publizistin Sonja Margolina das Klischee vom Juden als Plutokraten und Bolschewisten revitalisiert.[17] Der Inbegriff des Kapitalisten und der Prototyp des Kommunisten erscheinen gleichermaßen in dem dort eindringlich beschriebenen Bild von den Juden, »die ihren Weg als Kapitalisten voller Reue und Scham gingen«, die versuchten, »sich von der Gesellschaft loszukaufen wie Gläubige, die ihren Reichtum der Kirche spenden, um nicht in die Hölle zu kommen. Das war die Folge jener grandiosen Kulturrevolution, die die Einwohner der polnischen chassidischen Schtetl binnen einer oder zweier Generationen in die Chefetage einer Petersburger Bank oder zum erfolgreichen Rechtsanwalt in der Hauptstadt katapultiert hatte.«[18] Dass solche Vermutungen Spekulation sind, dass die jüdische Herkunft einzelner Protagonisten des Sozialismus von Karl Marx über Ferdinand Lassalle bis zu Berufsrevolutionären in der Umgebung Lenins und den im Terrorsystem des Sowjetimperiums vermuteten jüdischen Kommissaren nicht als Beweis für die behaupteten Unterstellungen taugt, ändert nichts an ihrer Wirkung, zumal sie auf ältere Ressentiments treffen, die sie wiederbeleben und verstärken und durch die sie selbst verstärkt werden.[19]   Der Antisemitismus der Zarenzeit als Wurzelgrund von Verschwörungsfantasien Die verschwörungstheoretischen Komponenten des »jüdischen Bolschewismus« lassen sich bis in ihre Entstehungszeit zurückverfolgen.[20] Das Konstrukt des »Judäobolschewismus« basierte auf dem vorrevolutionären russischen Antisemitismus. Die nationalistischen Gegenkräfte der Revolution agierten im Bürgerkrieg auf traditionelle Weise gegenüber den Juden, nämlich durch Pogrome. Die Leiden der jüdischen Bevölkerung dauerten an, obwohl (oder weil) sich die Meinung verbreitete, »die Juden bildeten die Phalanx der Revolution«. Dass die jüdische Bevölkerung sich allenfalls vom Sieg der Bolschewiki eine Verbesserung ihrer Situation erhoffen konnte und entsprechende Sympathien ausbildete, steht auf einem anderen Blatt. Antisemitische Verschwörungsfantasien, die in den »Protokollen der Weisen von Zion« ihren wirkungsstärksten Ausdruck kurz vor dem Beginn des 20. Jahrhunderts in Russland gefunden hatten, spielten eine erhebliche Rolle bei der Herausbildung des Feindbildes Judäobolschewismus. Die Protokolle, eine Kompilation der zaristischen Geheimpolizei aus verfälschten Quelltexten, wurden um 1900 von dem Schwarmgeist und Wanderprediger Sergej Nilus erstmals veröffentlicht. Sie sind die Inkunabel antisemitischer Verschwörungsfantasie und ihr Siegeszug als Welterklärung ist längst nicht beendet.[21] Robert Nilostonski bemüht als rechter russischer Kronzeuge gegen die Revolution in seinem 1920 im deutschen Exil verfassten Pamphlet Der Blutrausch des Bolschewismus[22] die »Protokolle« als Zeugnis für eine Verschwörung gegen Russland: »Nie erschien einem die Behauptung so verständlich, dass hinter dem ganzen ›Kommunismus‹-Schwindel von Moskau nichts anderes als die Verwirklichung des jüdischen Weltimperialismus (vgl. Prof. Nilus: Zionistische Protokolle) durch rücksichtsloseste Ausrottung der christlichen Bevölkerung, verbunden mit ekelhaftestem Sadismus durchgeführt wird.«[23] Weniger bekannt als die Topoi des »jüdischen Bolschewismus« ist die Auseinandersetzung konservativer Juden mit der Oktoberrevolution 1917 und ihren Folgen, zu denen ihre schlichten Lebensumstände in der Sowjetunion gehörten. Im Berliner Exil der 1920er-Jahre setzten sich die »Weißen Juden« mit der Russischen Revolution kritisch auseinander. Sympathie für das Sowjetsystem ließen sie nicht erkennen.[24] Da Antisemitismus in der Sowjetunion kein Thema war, wurde die Problematik des Verhältnisses von Juden zur Oktoberrevolution weder wissenschaftlich noch publizistisch aufgearbeitet. Das Feld beherrschten die Konterrevolutionäre, die im Exil ein dankbares Publikum für ihre antisemitischen verschwörungstheoretischen Schuldzuweisungen fanden. Nach dem Ersten Weltkrieg publiziert, bekamen die Schriften der nationalistischen russischen Emigration im Laufe der Zeit Quellenwert und wurden nach dem Zusammenbruch des Sowjetsystems von Autoren eifrig als »authentisch« benutzt. Die Vorstellung vom revolutionären Juden entwickelte sich aus dem Bild des jüdischen Intellektuellen, der in Gestalt des Studenten und dann des »jüdischen Kommissars« den imaginären Prototyp des Revolutionärs bildete. Das zentrale antibolschewistische Feindbild war dann ab Sommer 1918 der »jüdische Tschekist«. Aus der Vorstellung, die Geheimpolizei Tscheka habe überwiegend aus Juden bestanden, entwickelte sich die Gleichsetzung von Geheimpolizei und Judentum. Übel konnotiert waren bald auch jüdische Frauen in Diensten der Revolution. Legendär war die in Nilostonskis Bericht Der Blutrausch des Bolschewismus als jüdische Bestie gezeichnete Roza Švarc in Kiew, die für zahllose andere »rote Flintenweiber« als extrem sadistische Jüdin stehen soll. Dass Leo Bronstein alias Trotzki an der Spitze der Oktoberrevolution als jüdischer Berufsrevolutionär gesehen wurde, schien für die gegenrevolutionäre Szene so selbstverständlich wie die Vorstellung des Bolschewismus als Fremdherrschaft, ausgeübt von Juden, Letten und Chinesen über das russische Volk und den »Verrat« der Revolutionäre gegenüber Russland durch den Friedensschluss mit Deutschland 1918. Die Mehrheit der russischen, polnischen, ukrainischen, weißrussischen und baltischen Juden, die nach der Revolution in der Sowjetunion lebte und die Mehrheit aller anderen Juden sympathisierte nicht mit dem Kommunismus. Diese Tatsache entkräftet aber nicht die Überzeugung der Verschwörungstheoretiker, die an eine Kongruenz von Judentum und Bolschewismus glauben und glauben machen wollen. Eigener Tradition und Semantik folgend, existiert in Polen das Feindbild Żydokomuna. Das Schlagwort Judäo-Kommune bezeichnet das Konstrukt einer engen Verbindung von Judentum und Kommunismus, das im polnischen Nationsbildungsprozess nach dem Ersten Weltkrieg mit spezifischer Bedeutung aufgeladen war. Die Renationalisierung Polens nach hundertjähriger Fremdherrschaft ab 1918 strebte nach einem ethnisch geschlossenen nationalen polnischen Staat, in dem insbesondere die jüdische Bevölkerung störte. Die Vorstellung der drei Fronten, gegen die Polen zu kämpfen habe, beherrschte seit der Teilungszeit das politische Denken: Feinde waren die Deutschen im Westen, die Russen im Osten und die Juden im Inneren. Während des polnisch-russischen Krieges 1920 wurde der Begriff Judäo-Kommune geprägt. Damit wurde die verschwörungstheoretisch motivierte Vorstellung umschrieben, die Juden seien nicht nur Handlanger der Russen in deren Gegnerschaft zu Polen, sondern die Drahtzieher der Oktoberrevolution und des dadurch installierten Sowjetregimes. Das Konstrukt Judäo-Kommune blieb auch im Zweiten Weltkrieg unter deutscher Herrschaft virulent, weil sich dadurch scheinbar die Rolle der Juden in den polnischen Ostgebieten erklären ließ. Polnische Juden hatten tatsächlich von der sowjetischen Herrschaft im östlichen Polen Schutz und Sicherheit erwartet. Mühelos ließ sich die den Juden zugeschriebene Rolle auch nach dem Zweiten Weltkrieg aufrechterhalten, als die Sowjetunion Polen zum Satelliten machte und die kommunistische Ideologie oktroyierte. Polnischer Antisemitismus zehrt bis zur Gegenwart von der Ideologie, »die Juden« seien nicht nur Urheber des Bolschewismus durch Anstiftung der Revolution 1917, sondern auch im Sowjetsystem im Gegensatz zu den Polen dessen Nutznießer gewesen.[25]   Oktoberrevolution und Bolschewismus in der NS-Ideologie »Im russischen Bolschewismus haben wir den im zwanzigsten Jahrhundert unternommenen Versuch des Judentums zu erblicken, sich die Weltherrschaft anzueignen.«[26] Mit dieser Feststellung prägte Adolf Hitler die Parole, nach der Bolschewismus und Weltjudentum als behauptete Einheit doppelt denunziert waren. Bolschewismus meinte im nationalsozialistischen Verständnis nicht der Wortbedeutung entsprechend die radikale Fraktion der russischen Sozialdemokratie, die sich in der Oktoberrevolution 1917 durchsetzte, sondern diente als pejoratives Synonym für das vermeintliche jüdische Streben nach Weltherrschaft auf der Grundlage marxistischer Ideologie. Die aktive Rolle vieler Politiker jüdischer Herkunft, die als Kommunisten, keineswegs als Juden agierten, scheint für Anspruchslose die Gleichsetzung bis zum heutigen Tag zu beweisen. Der abstrakte Begriff Bolschewismus erfuhr durch den Hinweis auf die vermeintlichen jüdischen Akteure die notwendige Konkretisierung. Der eklatante Widerspruch, der darin liegt, dass Juden gleichzeitig als Inkarnation des Kapitalismus apostrophiert sind, wurde dadurch beschwichtigt, dass sowohl Kommunismus als auch Kapitalismus als unterschiedliche, aber dem gleichen Ziel der Weltherrschaft dienende Methoden des Judentums dargestellt wurden und werden. Von Anfang an, also schon im Ersten Weltkrieg, heftete rechte Propaganda dem Bolschewismus das antisemitische Etikett an und hatte damit weltweiten Erfolg. Hitler gab das Argumentationsmuster vor: »Sowie es in Rußland gelang, den ungebildeten, nicht lesen- und nicht schreibenkönnenden Haufen in der breiten Masse gegen die mit ihm in keinerlei Beziehung und Verbindung stehende dünne intellektuelle Oberschicht zu hetzen, war das Schicksal dieses Landes entschieden, die Revolution gelungen; der russische Analphabet war damit zum wehrlosen Sklaven seiner jüdischen Diktatoren gemacht, die ihrerseits allerdings klug genug waren, diese Diktatur von der Phrase der ›Volksdiktatur‹ tragen zu lassen.«[27] Hitlers Mentor, der völkische Schriftsteller Dietrich Eckart vertiefte in einem 1924 posthum publizierten Traktat das Ideologem vom jüdischen Bolschewismus, indem er – Hitler als Pseudo-Interviewpartner inszenierend – den Bolschewismus bis in biblische Zeiten zurückverlängerte.[28] Auch aus den Reihen des christlichen Fundamentalismus sind Verschwörungstheorien zu vernehmen, die Schuldige an der Oktoberrevolution benennen. In der Regel haben sie zugleich auch die vermuteten Urheber der Französischen Revolution im Visier und es sind wieder die Juden, manchmal verbündet mit Freimaurern, die den Bolschewismus erfanden. In einem nationalsozialistischen Pamphlet werden die Juden sogar bezichtigt, mit dem »Weltchristentum« vereint, den Bolschewismus zur Macht gebracht zu haben: »Man lasse sich nicht dadurch täuschen« heißt es dort, »daß der russische Bolschewismus als Träger der Weltrevolutionsidee zu Judengunsten sich gleichzeitig der Gottlosigkeit verschworen hat. Seine Verfolgungen der Religion erstrecken sich nicht auf die jüdische, kein Jehovatempel wurde zerstört, kein einziger Rabbiner verhaftet […]«[29] Die rechtslastige Zeitung Junge Freiheit weiß es besser. In einem Artikel, der u.a. den Zweck hat, den Nationalsozialismus von der Urheberschaft des Mythos vom »jüdischen Bolschewismus« zu entlasten, heißt es, gestützt auf Rogalla von Bieberstein, dass der Ursprung des jüdischen Bolschewismus im zaristischen Russland am Ende des 19. Jahrhunderts zu suchen sei. Das religiöse Judentum sei in der Revolution ebenso rigoros bekämpft worden wie andere Religiöse. »Hunderttausende von Gläubigen aller Religionen waren harter Verfolgung ausgesetzt.« Dass Juden aber schuldhaften Anteil an der Oktoberrevolution hatten, wird trotzdem behauptet – in der Denkfigur eines säkularen Judentums – und in der bekannten Manier durch den Verweis auf die Herkunft vieler Revolutionäre belegt.[30] Der Propagandachef der NSDAP Joseph Goebbels stanzte in seiner Broschüre Das kleine abc des Nationalsozialisten die griffige Parole, mit der auch die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) in den negativen Kontext gestellt wurde. Die KPD sei die revolutionär-klassenkämpferische Partei der Arbeiterschaft, die mit Gewalt und Terror die Diktatur des Proletariats erstrebe, »ihre Methoden sind russisch-jüdisch, ihre geistigen Führer sind vornehmlich Juden und stehen nachweislich mit der goldenen Internationalen in engster Verbindung«.[31] Ein Pamphlet des einflussreichen antisemitischen Propagandisten Johann von Leers diente 1942 dem Zweck, den deutschen Überfall auf die Sowjetunion zu rechtfertigen. Die angebliche jüdische Verschwörung gegen die Welt wurde gleichgesetzt mit der vermeintlich durch die von der Sowjetunion verkörperte bolschewistische Gefahr. Leersʼ Schrift Juden hinter Stalin wurde über Kanäle des Auswärtigen Amtes vertrieben.[32] Auf knapp 16 Druckseiten wird nach der eingehenden Schilderung von Gräueltaten, Folter und Mord an Unschuldigen, begangen von »Sowjetjuden«, d.h. von jüdischen Funktionären des Sowjetsystems (darunter auch mordlüsternen Frauen), die angebliche Durchsetzung der Ideologie des Bolschewismus durch Juden beschrieben. Der Autor behauptet, jüdische Bankiers hätten die Entstehung des Bolschewismus finanziert, maßgebende Rabbiner ihn gelobt und gefördert, Bolschewismus und Judentum stimmten in ihren Zielen überein: »Uralter Rassenhass der Juden gegen die anderen Völker tobt sich in den grauenvollen Bluttaten des Bolschewismus aus.« Der Kommunismus sei das Instrument, mit dem das Judentum die Weltherrschaft zu erlangen trachte. Unter dem gleichen Titel, aber mit sehr viel größerem Umfang und entsprechend breiter Argumentation, war 1938 ein Buch von Rudolf Kommoss erschienen, das ebenso eindeutig die gleiche Absicht verfolgte, nämlich die Verknüpfung von Antisemitismus und Antikommunismus zu einem kohärenten Bedrohungsszenario. Das Buch erlebte bis 1943 mehrere Neuauflagen. Der Autor war Leiter der Pressestelle der Antikomintern und eines Instituts zum Studium von Bolschewismus und Judentum. Der Text besteht aus der Reihung geläufiger antisemitischer Stereotypen, nach denen die Sowjetherrschaft von Juden installiert worden sei, Staatsapparat, Partei, Armee, Wirtschaft, Presse und Kultur der Sowjetunion von Juden in verschwörerischer Absicht durchsetzt seien und Judenherrschaft in der Sowjetunion als Etappe auf dem Weg zur jüdischen Weltherrschaft verstanden werden müsse. Die Schrift erfüllte durch Denunziation des Stalinregimes als Judenherrschaft die doppelte Absicht antikommunistischer und antisemitischer offizieller Propaganda.[33]   Das zähe Leben verschwörungstheoretischer Konstrukte Die Verschwörungsfantasien über die Oktoberrevolution 1917, die die bis zum Ende des 20. Jahrhunderts funktionierende Herrschaftsordnung der Sowjetunion und ihrer Satrapenstaaten begründete, haben das Ende des Sowjetsystems überdauert. Nicht nur in Polen und Ungarn, in Lettland oder Litauen ist das Zerrbild vom jüdischen Bolschewismus im politischen Alltagsdiskurs präsent. Die Oktoberrevolution wird als Machwerk finsterer Mächte, als Synonym entfesselter Gottlosigkeit wahrgenommen, damit »erklärt« und von Ideologen beliebig instrumentalisiert. Da einfache Bilder, die das Gute vom Bösen deutlich unterscheiden und die vermeintlichen Ursachen des Bösen klar benennen, eingängiger und beliebter sind als historische und sozialwissenschaftliche Analysen der Ursachen eines historischen Umbruchs, ist ein Ende der Konjunktur verschwörungstheoretischer Projektionen auf die Oktoberrevolution 1917 nicht zu erwarten. Im Gegenteil. Ebenso wie die »Protokolle der Weisen von Zion« immer wieder von christlichen Fundamentalisten und ultrakonservativen Sektierern einem gläubigen Publikum als ernstzunehmende »Beweise« jüdischen Weltmachtstrebens präsentiert werden – jüngst in den Reihen der rechtspopulistischen »Alternative für Deutschland« – so sind Verschwörungsfantasien als »Erklärung« der Oktoberrevolution 1917 zeitlos willkommen.     Der Vortrag wurde am 11. Mai 2016 im Rahmen der Reihe »Talking about a revolution! Die Oktoberrevolution: Geschichte – Instrumentalisierung – Rezeption« gehalten und ist nachzuhören unter: http://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/oktoberrevolution-benz [1] Zu Methode und Evidenz verschwörungstheoretischen Denkens siehe Ute Caumanns/Mathias Niendorf (Hg.): Verschwörungstheorien. Anthropologische Konstanten – historische Varianten, Osnabrück 2001. [2] In der Hohmann erstaunlicherweise auch Ferdinand Lassalle und Eduard Bernstein zu den Gründervätern des Kommunismus rechnet. [3] Alle Zitate aus der Rede Martin Hohmanns nach dem vollständigen Text aus dem Internet, der als Ausdruck (10 Seiten) unter dem Datum 29.10.2003 vom Hessischen Rundfunk zur Verfügung gestellt wurde. Der Text ist weiterhin online zu finden unter: http://www.heise.de/-3431873, ges. am 21. November 2016. [4] Henry Ford: Der Internationale Jude, Leipzig 1921. [5] In den Reihen des bayerischen Bürgertums war damals geraunt worden, er habe ursprünglich Kosmanowski geheißen und sei aus Galizien zugewandert, das Gerücht hielt sich über Jahrzehnte. [6] Der Massenmord von Katyn das Werk jüdischer Schlächter. Judas Blutschuld wächst ins Unermeßliche, in: Völkischer Beobachter vom 15. April 1943; Wie lange schweigt England zum Massenmord von Katyn?, in: Völkischer Beobachter vom 16. April 1943. Siehe »Juden waren die Henkersknechte Stalins. Sensationelle Zeugenaussagen zum Massenmord von Katyn«, in: Bremer Zeitung vom 15. April 1943. [7] Eva Herman: Das Medienkartell, Rottenburg 2012, S. 207–224, zit. nach: https://derhonigmannsagt.wordpress.com/2012/04/28/der-fall-martin-hohmann/, ges. am 21. November 2016. [8] Johannes Rogalla von Bieberstein: Jüdischer Bolschewismus: Mythos und Realität, Dresden 2002. [9] Siehe die Rezension von Klaus-Peter Friedrich, Herder-Institut Marburg, in: http://www.sehepunkte.de/2003/06/3289.html, ges. am 21. November 2016. [10] Zit. nach Rudolf Augstein u.a. (Mitverfasser): »Historikerstreit«. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung, München 1987, S. 32. [11] Ernst Nolte: Abschließende Reflexionen über den sogenannten Historikerstreit, in: Uwe Backes/Eckhard Jesse/Rainer Zitelmann: Die Schatten der Vergangenheit. Impulse zur Historisierung des Nationalsozialismus, Berlin 1990, S. 92. [12] Deutschlandfunk: Sendung »Schalom – Jüdisches Leben heute«. Jüdische Vergangenheitsbewältigung aus der Sicht eines Christen, von Joseph Biolek, 6. September 1992, 8.25 Uhr. Nach erheblichen öffentlichen Protesten wurde der Autor des Pamphlets als Redakteur der Sendereihe abgelöst. Siehe Allgemeine Jüdische Wochenzeitung vom 24. September 1992, dort auch der Wortlaut der Sendung. [13] Siehe Heinz-Dietrich Löwe: The Tsars and the Jews. Reform, Reaction and Anti-Semitism in Imperial Russia, 1772–1917, Chur 1993. [14] Siehe die Auseinandersetzung aus jüdischer Perspektive mit dem Problem der kollektiven Inanspruchnahme der jüdischen Minderheit in Russland bzw. der Sowjetunion als Avantgarde der Moderne und bei der Errichtung kommunistischer Herrschaft: Yuri Slezkine: Das jüdische Jahrhundert, Göttingen 2006. [15] Siehe Wolfgang Benz: Tradition und Trauma. Wiederbelebter Antisemitismus in Osteuropa, in: Mariana Hausleitner/Monika Katz (Hg.): Juden und Antisemitismus im östlichen Europa, Berlin 1995, S. 27–38. [16] Siehe Daniel Gerson: Der Jude als Bolschewist. Die Wiederbelebung eines Stereotyps, in: Wolfgang Benz (Hg.): Antisemitismus in Deutschland, München 1995, S. 157–180. [17] Sonja Margolina: Das Ende der Lügen. Rußland und die Juden im 20. Jahrhundert, Berlin 1992. [18] Ebd., S. 55. [19] Siehe Juliane Wetzel: Ein Ende der Lügen?, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung (1993), H. 2, S. 359–377. [20] Siehe dazu insbesondere Ulrich Herbeck: Das Feindbild vom »jüdischen Bolschewiken«. Zur Geschichte des russischen Antisemitismus vor und während der Russischen Revolution, Berlin 2009. [21] Siehe Wolfgang Benz: Die Protokolle der Weisen von Zion, München 2007. [22] Robert Nilostonski: Der Blutrausch des Bolschewismus. Bericht eines Augenzeugen über die Schreckensherrschaft der Bolschewisten in Russland, Berlin 1920. [23] Zit. nach Herbeck: Das Feindbild vom »jüdischen Bolschewiken« (Anm. 20), S. 165. [24] Dokumentiert ist die Debatte in einem Sammelband des »Vaterländischen Verbands russischer Juden im Auslande« 1925 und in der Monographie D.S. Pasmanik: Die Russische Revolution und die Judenheit (Bolschewismus und Judentum) 1923. Die Texte liegen in einer wissenschaftlichen Edition vor: Karl Schlögel/Karl-Konrad Tschäpe (Hg.): Die Russische Revolution und das Schicksal der russischen Juden. Eine Debatte in Berlin 1922/23, Berlin 2014. [25] David Blatman: Polish Antisemitism and »Judeo-Communism«: Historiography and Memory, in: East European Jewish Affairs 27 (1997), H. 1, S. 23–43; Agnieszka Pufelska: Die »Judäo-Kommune« – ein Feindbild in Polen. Das polnische Selbstverständnis im Schatten des Antisemitismus 1939–1948, Paderborn 2007; Karol Sauerland: Polen und Juden zwischen 1939 und 1968. Jedwabne und die Folgen, Berlin 2004. [26] Adolf Hitler: Mein Kampf, 261./262. Aufl., München 1937, S. 751. [27] Ebd., S. 586. [28] Dietrich Eckart: Der Bolschewismus von Moses bis Lenin. Ein Zwiegespräch zwischen Adolf Hitler und mir, München 1924 (Reprint Liverpool, W.Va. 1978); siehe auch Claus-Ekkehard Bärsch: Die politische Religion des Nationalsozialismus. Die religiösen Dimensionen der NS-Ideologie in den Schriften von Dietrich Eckart, Joseph Goebbels, Alfred Rosenberg und Adolf Hitler, München 2002. [29] Hans Hauptmann: Bolschewismus in der Bibel. Der Ursprung des Bolschewismus aus dem Mosaismus und dem Christentum, Leipzig 1937, Reprint Viöl/Nordfriesland 2002, S. 124. Die Argumentation ist grobschlächtig, sie orientiert sich an Zitaten aus dem Alten und Neuen Testament und kommt zu solchen Schlussfolgerungen: »Man sieht: die jüdisch-kommunistische Tscheka, die gleich in den ersten Jahren ihrer Herrschaft über das unglückliche Rußland 6 Millionen der Besten der arischen Bevölkerung hingeschlachtet hat, ist mit dieser fluchwürdigen Massenschlächterei nur dem Beispiele ihres ›höchsten Gottes‹ Jahve gefolgt.« (S. 27) [30] Der gefährliche Mythos, in: Junge Freiheit vom 21. Februar 2003; siehe auch Die Pawlowsche Klingel berührt, ebd., vom 7. November 2003. [31] Joseph Goebbels: Das kleine abc des Nationalsozialisten, München 1925 (zahlreiche weitere Auflagen). [32] Johann von Leers: Juden hinter Stalin, Berlin 1942. [33] Rudolf Kommoss: Juden hinter Stalin. Die jüdische Vormachtstellung in der Sowjetunion aufgrund amtlicher Sowjetquellen dargestellt, Lage und Aussichten, Berlin und Leipzig 1938.

JHK 2017

»Lenin und die Folgen. Ein wissenschaftliches Gespräch zum 100. Geburtstag des russischen Revolutionärs«

Mit einer Einführung von Nikolas Dörr

»Lenin und die Folgen. Ein wissenschaftliches Gespräch zum 100. Geburtstag des russischen Revolutionärs«. Dokumentation einer Diskussion von 1970 zwischen Eugen Kogon (Moderator), René Ahlberg, Iring Fetscher, Ernest Mandel, Oskar Negt, Henryk Skrzypczak und Hermann Weber. [1]   Mit einer Einführung von Nikolas Dörr Am 22. April 1970 wäre Lenin 100 Jahre alt geworden. Der spätere Anführer der Bolschewiki wurde unter dem bürgerlichen Namen Wladimir Iljitsch Uljanow nach dem seinerzeit in Russland gültigen julianischen Kalender am 10. April 1870 in Simbirsk geboren. 1924 wurde die Geburtsstadt zu seinen Ehren in Uljanowsk umbenannt. Lenins 100. Geburtstag wurde in den Staaten des sozialistischen Lagers umfassend zelebriert. Die Regierung der DDR ließ beispielsweise zu Ehren des sowjetischen Staatsgründers 1970 am Leninplatz in Ost-Berlin, dem heutigen Platz der Vereinten Nationen, ein neues Wohnquartier bauen. Am 19. April 1970 wurde hier ein neues Lenin-Denkmal enthüllt. Das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR stiftete unter anderem eine Medaille »Zum Gedenken an den 100. Geburtstag Wladimir Iljitsch Lenins«, die im November 1969 erstmals verliehen wurde. Zahlreiche Festakte, Veranstaltungen und Publikationen an anderen Orten ergänzten die kommunistischen Würdigungen Lenins. Während die Feierlichkeiten in den sozialistischen Staaten auch retrospektiv wenig überraschend scheinen, sind die Bemühungen der westlichen Staaten, sich mit Lenin anlässlich seines 100. Geburtstages auseinanderzusetzen, bemerkenswert. Kein Geringerer als der damalige amtierende Generalsekretär der Vereinten Nationen Sithu U Thant lobte den russischen Revolutionär anlässlich des Jahrestages ausgiebig: »Lenin was a man with a mind of great clarity and incisiveness, and his ideas have had a profound influence on the course of contemporary history. In his political activity, he achieved a harmonious combination of the depth and breadth of a theoretical thinker and political practitioner. […] Leninʼs important contribution to the advancement of human rights and fundamental freedoms has been widely recognised.«[2] Auf sowjetischen Druck hin hielt die UNESCO als eine der wichtigsten Sonderorganisationen der Vereinten Nationen vom 6. bis 10. April 1970 im finnischen Tampere sogar ein internationales Symposium zum Thema »Wladimir Iljitsch Lenin und die Probleme der Entwicklung der Wissenschaft, Kultur und Erziehung« ab.[3] Die offizielle Zeitschrift der UN-Organisation The UNESCO Courier widmete ihre Ausgabe vom Juli 1970 dem Thema »1870–1970 – Lenin and Education, Science, Culture«. Sie enthielt auch einen Bericht zum Lenin-Symposium.[4] Ebenso setzte man sich in der Bundesrepublik mit Lenin auseinander. Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) nahm den 100. Geburtstag Lenins zum Anlass, um am 24. April 1970 eine knapp zweistündige Diskussionsrunde unter dem Titel »Lenin und die Folgen – ein wissenschaftliches Gespräch zum 100. Geburtstag des russischen Revolutionärs« auszustrahlen. Die Sendung reihte sich in eine Serie von Dokumentationen und Fachgesprächen im bundesdeutschen Fernsehen anlässlich des Jahrestages ein. Mit dem Historiker Henryk Skrzypczak, dem Politikwissenschaftler Iring Fetscher, dem Soziologen Oskar Negt, dem Wirtschaftstheoretiker Ernest Mandel, dem Historiker und Politologen Hermann Weber sowie dem Soziologen René Ahlberg versammelte der WDR anerkannte Spezialisten der Sowjet- und Kommunismusforschung. Auffällig ist die politische Zusammensetzung der Diskussionsrunde. Von den sechs Diskutanten waren fünf Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) oder standen ihr zumindest nahe. Der Moderator Eugen Kogon kann ebenso zu dieser Gruppe gezählt werden. Lediglich der in Frankfurt am Main geborene belgische Theoretiker des Marxismus Ernest Mandel wich als überzeugter und aktiver Trotzkist davon ab. Aus dem konservativen und liberalen politischen Lager nahmen keine Wissenschaftlerinnen bzw. Wissenschaftler teil.[5] Die beiden Pole der Diskussion stellten zum einen Ernest Mandel als Trotzkist und zum anderen der im Antikommunismus der West-Berliner SPD verwurzelte Henryk Skrzypczak dar. Die anderen Diskussionsteilnehmer tendierten mehrheitlich zu Skrzypczaks Position, artikulierten ihre theoretische und politische Abneigung gegenüber Lenin jedoch nicht so prononciert wie der Berliner Sozialdemokrat. Als Verteidiger Lenins trat insbesondere Mandel auf, der wiederholt betonte, dass zum einen Stalin die Schuld an den Verfehlungen in der Sowjetunion trage und zum anderen die Probleme der kapitalistischen Staaten nicht minder groß seien. Die Diskussion behandelte hauptsächlich abstrakte theoretische Fragen des Marxismus. Während Marx als Theoretiker kaum kritisiert wurde, nahm die Frage, ob Lenin die Ideen Marxʼ korrekt weitergeführt habe oder ob er ihn fehlerhaft interpretierte, einen breiten Raum ein. Auch die Mitverantwortlichkeit Lenins für die Stalinʼsche Politik wurde ausgiebig diskutiert. Eine direkte Linie von Lenin zu Stalin wurde, mit Ausnahme von Skrzypczak und im Gegensatz zur heutigen Forschung, weitgehend verneint. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass die Opfer der sowjetischen und weiterer kommunistischer Diktaturen in der Diskussion kaum erwähnt werden. Lediglich Skrzypczak verwies häufiger auf die negativen Folgen für die Menschen in der DDR im Zuge des Mauerbaus oder auf die Opfer der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968: »Das Kriterium ist ja tatsächlich doch wohl nicht der abstrakte Erfolg, sondern ist die allumfassende Praxis. Und da stehe ich nun heute vor der Tatsache als Marxist, der andere für den Marxismus gewinnen will, dass da eine Mauer in Berlin vorhanden ist, dass sich ein Vorgang wie in der Tschechoslowakei ereignet hat, und vieles andere mehr. […] Ich wende mich dagegen, dass man alle Fehlentwicklungen nun etwa bloß dem Despoten Stalin in die Schuhe schiebt.« Im Gegensatz zur aktuellen Forschung, die größtenteils eine kritischere Sicht auf Lenin vertritt, wurde er in der Diskussion auch von den der Sozialdemokratie nahestehenden Wissenschaftlern verteidigt, teilweise sogar gewürdigt. Dem Zeitgeist entsprechend versuchten alle Teilnehmer eine generelle Diskreditierung des Sozialismus zu verhindern, was häufig eine abstrakte, theoretische Diskussion in Gang setzte, um die konkreten Folgen, insbesondere die zahlreichen Opfer, nicht benennen zu müssen. Der hier abgedruckte Text ist somit nicht nur ein Beitrag zur Lenin-Forschung und der Geschichte des Kommunismus. »Lenin und die Folgen« stellt darüber hinaus eine Quelle des politischen Zeitgeists des Jahres 1970 dar.   Diskussion:[6] Eugen Kogon (Moderator): Meine Damen und Herren, die Sowjetunion feiert, wie jedermann weiß, in diesem Jahr den 100. Geburtstag Wladimir Iljitsch Lenins. Aber nicht nur die Sowjetunion, sogar die Organisation der Vereinten Nationen hat empfohlen, dieses Gedenktages überall zu gedenken; die Bedeutung Lenins nicht nur für damals, als die Sowjetunion gegründet wurde, sondern für heute in das allgemeine Bewusstsein zu heben. Die Sowjetunion tut es in einer gewissen – ich möchte sagen – heiligen Beschreibung. Es ist eine Art Kultdienst geworden, den sie da leistet. Wir hier haben, wie mir scheint, eine andere Aufgabe. Wir wollen heute Abend an diesem Tisch und in dieser Runde soweit es geht mit wissenschaftlicher Genauigkeit feststellen, welche Bedeutung diesem Mann und seiner Leistung in der Geschichte sowohl für die Sowjetunion als auch für uns alle zukommt, also bis hinein in die Gegenwart. Die Runde besteht aus folgenden Wissenschaftlern: Herr Prof. Iring Fetscher, Direktor des Instituts für Politikwissenschaft an der Universität Frankfurt; Herr Ernest Mandel, Brüssel, marxistischer Wirtschaftstheoretiker; Herr Henryk Skrzypczak, Historiker in West-Berlin, Herausgeber der Internationalen wissenschaftlichen Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung; Herr Oskar Negt, Lehrbeauftragter für Philosophie an der Universität Frankfurt und einer der Hauptvertreter der Frankfurter Kritischen Theorie; Herr René Ahlberg, Soziologe an der Freien Universität in Berlin mit dem Schwerpunkt Soziologie der sozialistischen Gesellschaften; Herr Hermann Weber, Privatdozent an der Universität Mannheim für die Politik und Geschichte des Kommunismus, des Sozialismus und der Arbeiterbewegung. Sie sehen, meine Damen und Herren: Sachverständige. Ich bitte Sie am Tisch hier, mir während unserer Erörterung, die zeitlich an sich nicht beschränkt ist, zu erlauben, immer wieder für das Publikum vielleicht weiterführende Fragen zu stellen, die einen neuen Aspekt der vielfältigen Bedeutungen Lenins in der Geschichte herausarbeiten [können]. Diese Aspekte sind sehr zahlreich. Jeder sollte, wie mir scheint, von uns am gemessenen Platz berücksichtigt werden. Da ist Lenin als Revolutionär, Lenin als Staatengründer und Begründer, Lenins Verhältnis zur Partei, als Parteigründer sogar, Lenins Verhältnis zu den verschiedenen gesellschaftlichen Schichten, insbesondere zu den Nationalitäten. Sein Verhältnis zu den Nationalitäten hat bestimmt eine entscheidende Rolle gespielt für die Begründung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. [Lenins] Verhältnis zu den Intellektuellen, zu den Arbeitern, zu den Bauern, zu den Beamten. All das ist ein reiches Feld. Ich denke aber, jeder einzelne Aspekt sollte zurückgeführt werden, soweit es uns möglich ist, auf die Frage des Marxismus. Inwieweit war Lenin und in welcher Weise war Lenin Marxist und Fortführer des Marxismus, sodass man im Osten mit Recht sagen kann: Marxismus-Leninismus sei das System, um das es sich in der Gegenwart handelt. Ich darf Sie nun bitten, in die Debatte dieses riesigen Komplexes von Fragen einzusteigen. Henryk Skrzypczak: Sie haben unmittelbar herangeführt an das Problem, das aufgeworfen wird durch die Behauptung, der Leninismus sei der Marxismus unserer Epoche. Da glaube ich, im Interesse des Marxʼschen Erbes, allerdings Bedenken anmelden zu müssen. Nicht so, als ob Lenin niemals Marxist gewesen sei. Es gibt, wenn man will, eine durchaus orthodoxe marxistische Epoche bei Lenin. Aber das andere Problem, das ich als ganz entscheidend betrachte, ist doch die Tatsache, dass Lenin durch die von ihm implizierten Folgen ein ganz wesentliches Hindernis für die Marx-Rezeption im Westen geworden ist. In Diskussionen stoße ich immer wieder auf Einwände der Art, dass uns in Lenin und seinem System eine antidemokratische Ideologie entgegentritt. Es wird, wenn man Marx sagt, verwiesen auf die Mauer in Berlin, auf das Fehlen der Freizügigkeit der arbeitenden Schichten, auf Ereignisse wie die Besetzung der ČSSR,[7] und da ist es dann sehr schwierig, über diese Klischees hinweg, zu dem wahren Marx-Bild vorzustoßen. Und ich glaube tatsächlich, dass man Lenin von der Verantwortung für diese Entwicklung nicht wird freisprechen können. Eugen Kogon: Gehen Sie so weit, dass Sie sagen würden, Lenin habe die Weiterentwicklung des Marxismus blockiert? Im demokratischen Sinne zum Beispiel blockiert? Skrzypczak: Ich würde sagen: in der Theorie, die bei ihm ja zur Ideologie wird und zur Philosophie. Lenin hat aus historisch bekannten Umständen nie die deutsche Ideologie von Marx und Engels kennengelernt. Bereits in der Theorie oder Ideologie ist eine Abweichung vom Marxismus zu konstatieren und aus der von ihm angewandten Praxis hat sich, für den Marxisten vollauf verständlich, dann eine Denaturierung des gesamten Systems ergeben, wobei ich System, im Hinblick auf Marx, in Anführungsstriche setzen würde. Kogon: Da meldet sich Widerspruch: des gesamten Systems, sagten Sie jetzt. Skrzypczak: Und System in Anführungsstrichen. Ich gehe davon aus: Marx hat kein System geliefert. Iring Fetscher: Ich würde das etwas einschränken. Einmal so: Sicher ist der Leninismus nicht der Marxismus unserer Epoche, sondern ein Marxismus unserer Epoche. Und ein Marxismus, der angewandt auf die spezifischen Verhältnisse des vorrevolutionären Russlands in dem damaligen Kontext des internationalen Kapitalismus bestimmte Konsequenzen gezogen hat, die sich aus der flexiblen Taktik eines Revolutionärs ergeben haben. Dass diese sich aus den spezifischen Bedingungen der damaligen historischen Situation und Russlands ergebenden Konsequenzen zu einem System verfestigt haben, dafür gab es Ansätze bei Lenin, aber ich glaube nicht, dass es eine absolute Notwendigkeit gab. Es gibt auf der anderen Seite doch genügend Beispiele, gerade in den großen politischen Entscheidungen, die Lenin vollzogen hat, die beweisen, dass er kein Dogmatiker war, dass er fähig war, konkreten Umständen in dem Ausmaß Rechnung zu tragen, wie es notwendig war. In drei Fällen. Der Friedensschluss mit den reaktionären Mächten Deutschland und Österreich-Ungarn[8] gegen die theoretische Konzeption, dass man den Krieg jetzt als revolutionären Krieg weiterführen müsste aus der Erkenntnis, dass Russland kriegsmüde und kriegsunfähig war. Der zweite Fall: Die Verteilung des Landes an die Bauern gegen die sozialistische Konzeption der genossenschaftlichen oder staatlichen Ordnung des Eigentums im Agrarsektor. Und im dritten Punkt dann bei der Neuen Ökonomischen Politik: Wiederzulassung von Konzessionen für kapitalistische Formen des Handels und des Austausches zwischen Stadt und Land, vor allen Dingen aus der Erkenntnis, dass bei dem gegenwärtigen Zustand der Bevölkerung auf andere Weise eine rasche Erholung der Wirtschaft nicht möglich war. Das alles unbeschadet der festgehaltenen sozialistischen Zielsetzung. Ich würde darin die entscheidende Leistung Lenins sehen und nicht so sehr in der Tatsache, dass er im Materialismus und Empiriokritizismus in der Tat also eine Grundlage gelegt hat, auf der Stalin dann den dialektischen Materialismus zur obligatorischen Ideologie machen konnte. Kogon: Sie sehen also in der theoretischen Leistung von Lenin den geringeren Teil? Fetscher: Ich würde sagen, in der Leistung als Philosoph. Lenin selber hat sich da ganz viel niedriger eingeschätzt als die Leninisten. Lenin hat in den Briefen an Gorki geschrieben: »Ich bin kein Philosoph, ich hab mich jetzt mit diesen Dingen beschäftigt, Empiriokritizismus usw., ich find das scheußlich, aber ich bin ja doch nicht der Papst.« Er hat sich selber nicht zum philosophischen Papst gemacht. Er hat schließlich dann Lunatscharski[9] als Kultusminister gehabt. Einen Mann also, der genau die Richtung vertreten hat, die er theoretisch kritisiert hat, aber eben in dem Wissen, dass das nicht seine Hauptfunktion ist. Kogon: Herr Skrzypczak, was ist dann der Kern Ihres Einwandes? Skrzypczak: Ich würde zunächst die Beispiele, die Herr Fetscher undoktrinäres Verhalten genannt hat, revolutionären Opportunismus nennen. Das zunächst einmal. Zum andern aber, meine Grundsatzüberzeugung, dass man die Diskussion recht bald von der Philosophie und Ideologie auf die Ökonomie und diesen ganzen Sektor überleiten sollte, denn da liegt meiner Ansicht nach der Kern des Problems begraben. Gehen wir aus von der Einschätzung Lenins, dass der Kapitalismus in ein Fäulnisstadium eingetreten sei, das unmittelbar an die sozialistische Revolution heranführe. Inzwischen sind wir nun einige Jahrzehnte weiter und haben festgestellt, dass der Kapitalismus weit davon entfernt ist, ökonomisch zu verfaulen, und immer noch expandiert und dass er vor allem neue Produktivkräfte aus sich selbst entfesselt hat. Und als Marxist muss ich mich dann einfach berufen, nicht im Sinne einer dogmatischen Berufung, sondern im Sinne des Hinweises auf die richtige Erkenntnis von Marx, dass eine solche Gesellschaftsordnung tatsächlich noch nicht das Ende ihrer Entwicklung erreicht hat. Und da kommen wir, würde ich meinen, mitten in den Kern der Problematik: Die Macht in einer Situation zu ergreifen, in der die objektiven Faktoren – das sehen wir heute ganz deutlich, nachdem Atomenergie, Kybernetik, Automation sich entwickelt haben –, in der die Situation ökonomisch tatsächlich nicht ausgereift gewesen ist. Ich glaube, da liegt mehr der Kern als in philosophischen Fragen. Kogon: Würde das also heißen, dass Ihrer Meinung nach Lenin die Gelegenheit in Russland 1917 nicht hätte benutzen sollen, um die Revolution in Gang zu setzen? Skrzypczak: Welche Revolution in Gang zu setzen? Die Revolution, zunächst als bürgerliche Revolution, war vor ihm in Gang gesetzt.[10] Da gibt es an sich ja historische Analogien, die darf man nicht verabsolutieren, aber im Grunde haben sich Marx und Engels auch schon in einer Situation befunden, in der sie feststellen mussten, dass eine bürgerliche Revolution im Gange ist, dass das Proletariat im Grunde eine ganz kleine Minderheit darstellt. Und in diesem Falle sind Marx und Engels zu dem Ergebnis gekommen, dann auf den äußersten linken Flügel der Bourgeoisie zu marschieren. Lenin versucht, die ganze Sache zu kippen. Man könnte darüber diskutieren. Auch bei Marx wird ja ein Bündnis mit der Bauernschaft erwogen, aber das sieht etwas anders aus. Bloß im Grundsatz würde ich sagen, ist die von ihm eingeschlagene Taktik – und das ist nicht eine späte Erkenntnis, das haben die Menschewiki ihm ja vorhergesagt, und zum Teil nicht nur die Menschewiki – doch im Kern höchst problematisch, wenn man sie auf einen marxistischen Nenner bringen will. Kogon: Sowohl Herr Ahlberg wie Herr Mandel würden dazu gerne Stellung nehmen. Ernest Mandel: Ich glaube, dass die Fragestellung von Herrn Skrzypczak richtig ist, nur würde ich auf diese Frage die umgekehrte Antwort geben, die er gegeben hat. Das zentrale Problem ist die Frage, ob es für die unterentwickelten Länder der Welt nach Anfang der imperialistischen Epoche noch eine Möglichkeit gab, die Geschichte etwa Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens zu wiederholen. Und es ist ausgehend von der Analyse des Imperialismus, nämlich ausgehend von der Feststellung, dass eine solche Wiederholung nicht mehr möglich war, sagen wir nach dem letzten Fall Japan, dass Trotzki[11] erst 1906 und Lenin nachher im Jahre 1917 die These aufgestellt hatten, die Revolution in Permanenz zu erklären, das heißt die Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution mit den Aufgaben der sozialistischen Revolution zu verbinden. Da würde ich an erster Stelle eine historische Bilanz machen und würde Herrn Skrzypczak fragen: Zeigen Sie mir ein anderes Land in der Welt seit 1917, dem es gelungen ist, sich gründlich zu industrialisieren ohne eine sozialistische Revolution. Zeigen Sie mir ein anderes zurückgebliebenes Land, etwa die Türkei oder Brasilien oder Indien. Sie können kein einziges Beispiel zeigen. Das ist der marxistische Ausgangspunkt Lenins, dass man also nicht jedes Land getrennt betrachten darf, sondern dass man die Gesamtheit der Weltwirtschaft betrachten muss und dass man feststellen muss, ob es möglich ist, in der Konkurrenz mit der gewaltig entfesselten imperialistischen, monopolkapitalistischen Industrie des Westens ohne den Schutz des Staatsmonopols des Außenhandels und ohne eine zwanghafte Abtrennung von diesem Weltmarkt einen intensiven Industrialisierungsprozess durchzuführen. Ich möchte eine zweite, allgemeine methodologische Bemerkung hinzufügen. Ich glaube nicht, dass Lenins Bemerkung, das monopolkapitalistische Zeitalter sei das Fäulnisstadium des Kapitalismus, so interpretiert werden soll, als bedeute das ein Ende der Entwicklung der Produktivkräfte. Wenn Sie genau die Stelle, wo das Wort Fäulnis vorkommt, wieder lesen möchten, dann werden Sie sehen, dass er im nächsten Satz sagt: Das bedeutet nicht, dass das Wachstum aufhört. Im Gegenteil, Wachstum geschieht noch schneller als vorher. Aber das ist ganz spezifisches Wachstum, es ist Wachstum, das nicht mehr dieselben weltweit progressiven Folgen hat, wie es das Wachstum des Kapitalismus im 19. Jahrhundert gehabt hat. Es ist Wachstum, das gleichzeitig von unerhörter Vergeudung, von unerhörtem Elend und unerhörter Not in solchen Ländern begleitet ist; wo diese Entwicklung, diese Not, dieses Elend und diese Vergeudung nicht mehr [beendet werden können]. Ich würde diese historische Analogie bis zum Ende durchsetzen oder sagen, wenn Sie die mechanische Interpretation des Marxismus geben, wonach ein System nicht verschwinden könnte, bevor die letzten Produktivkräfte sich entfaltet hätten, wie erklären Sie dann die Französische Revolution? Gab es in den zwanzig Jahren vor der Französischen Revolution etwa wirtschaftliche Stagnation in Frankreich? Oder gab es [eine] bedeutende Entfaltung der Produktivkräfte? Die Marxʼsche Gesellschaftslehre sagt, dass es der Konflikt zwischen dieser Entfaltung der Produktivkräfte und den bestehenden Produktionsverhältnissen ist, der soziale Revolutionen verursacht, und nicht die absolute Stagnation der Produktivkräfte. In dem Sinne würde ich sagen, dass in einem ganzen Teil der Welt seit 1917 deutlich dieser grundlegende Konflikt zwischen den Produktivkräften und den kapitalistischen Produktionsverhältnissen zum Ausdruck kommt, nicht nur in den unterentwickelten Ländern der Welt, sondern auch in den westlichen Ländern, und ich möchte mich hier ganz konkret auf die Mai-Ereignisse 1968 in Frankreich[12] beziehen. Kogon: Herr Mandel, das führt, wenn ich es recht sehe, bereits in die Thematik hinein: objektive Gesetzlichkeit des geschichtlichen Prozesses. Und auf der anderen Seite das, was Herr Skrzypczak den revolutionären Opportunismus genannt hat, was man aber auch die Bereitschaft nennen könnte, in einer gegebenen Situation auf das gemeine Ziel hin zu handeln. Bevor Sie gründlicher antworten, Herr Skrzypczak, würde ich gerne die möglichen Ergänzungen von Herrn Ahlberg hören. René Ahlberg: Wir sind etwas vorschnell vorgegangen und haben einige Konsequenzen erörtert, ohne uns eigentlich der Frage nach Lenins Verhältnis zum Marxismus zu stellen. Ich glaube, dass müsste an diesem Ort wenigstens in kurzen Umrissen geklärt werden. Kogon: Ich dachte, dass tun wir zurzeit. Skrzypczak: Ich würde gerne einige Unterstellungen, wenn ich das in Anführungsstrichen sagen darf, vom Tisch bringen. Nämlich Herr Mandel ist so nett gewesen, mir eine mechanische oder eine mechanistische Betrachtungsweise zu unterstellen, und das möchte ich zunächst einmal dementieren. Kogon: Wir haben gemerkt, dass Sie zusammenzuckten. So etwas tut natürlich weh. Aber wir wollen uns das nicht übel nehmen. Skrzypczak: Ich glaube vor allem, das ist bisher in der Diskussion gar nicht so existent geworden: Mechanismus oder Dialektik. Darüber müsste man vielleicht später konzentrierter sprechen. Aber dann eine andere Behauptung: Dass Lenin also die Dinge im Weltzusammenhang betrachtet hat, dem steht natürlich einmal die Tatsache – zumindest muss man sie beachten – entgegen, dass er ja nun auch den Marxismus schon revidiert hat im Hinblick auf Sozialismus in einem Land. Das Engels-Wort galt natürlich für die Zeit vor dem Imperialismus, aber mit dem Imperialismus … Mandel: Lenin hat nie die These des Sozialismus in einem Land aufgestellt. Er hat gesagt, er siegt in einem Land … Kogon: Herr Mandel und Herr Fetscher, das führt hier so weit, dass es gar nicht vom Tisch gefegt wird, was Herr Skrzypczak wollte, sondern es entsteht ein neuer Zankapfel. Wir haben ja noch Zeit genug, auf das Grundverhältnis Lenin – Marxismus zu kommen. Jetzt wollen wir Herrn Ahlberg sprechen lassen. Ahlberg: Ich glaube, Lenin ist [kein] Dogmatiker und das Wort Opportunismus kann man in einer revolutionären Situation als sehr kluge und notwendige Strategie interpretieren. Hier würde ich ihm wohl keinen so scharfen Vorwurf machen, wie das Herr Skrzypczak getan hat. Aber wenn man Lenins politische Konzeption verstehen will, muss man sich doch einen Augenblick die historische Situation vergegenwärtigen, in der sich sein Denken formiert hat. Es sind wohl die Achtziger- und Neunzigerjahre des [19.] Jahrhunderts. Und die vorherrschende revolutionäre Strömung im damaligen Russland waren die Volkstümler.[13] Lenin hat einmal selbst bekannt, und das ist, glaube ich, auch Gegenstand eines Beschlusses des Politbüros, dass sich der Marxismus in Russland in einer nahezu existenziellen Auseinandersetzung mit der Sozialphilosophie der Volkstümler oder der sogenannten Populisten formiert hat. Es ist nicht verwunderlich, dass in Lenins, sagen wir einmal, sozialphilosophischem Denken die Spuren dieser subjektiven Geschichtsphilosophie der Populisten zurückgeblieben sind. Die subjektiven Geschichtsphilosophen gingen von der Überzeugung aus, dass Geschichte durch charismatische Persönlichkeiten manipuliert werden könnte. Und Lenins Kritik an diesen Volkstümlern bestand im Grunde genommen nicht im Bestreiten der Tatsache, dass Personen Geschichte machen können, sondern eigentlich nur darin, dass man die rechten Theorien und die rechten gesamtgesellschaftlichen Analysen einem sozialen Handeln voranschicken oder voranstellen müsse. Sie sehen aber an dieser Interpretation eine gewisse innere Verwandtschaft zwischen der Grundeinstellung Lenins zur Geschichte und sagen wir einmal den sozialphilosophischen Vorstellungen Michailowskis. Die Auffassung aber, dass Geschichte auch über ihre ökonomisch sinnvollen Grenzen – das ist wohl die Grenze des Marxismus – hinausgetrieben werden kann, das scheint mir ein Abteil der subjektiven Geschichtsphilosophie der Volkstümler in Lenins politischer Konzeption zu sein. In diesem Zusammenhang [werden] meiner Meinung nach erst seine Revolutionstheorie und auch seine Parteikonzeption recht verständlich. Kogon: Also eine außermarxistische Wurzel seines Handelns und Denkens? Ahlberg: Es wäre eine außermarxistische Wurzel, wenn auch eine Denkströmung, die sich fast nahtlos mit einer dialektischen Auffassung von Geschichte verbinden kann. Das ist das Eigenartige, dass subjektive Geschichtsphilosophie mit der marxistischen Dialektik sehr enge Berührungspunkte hat und dennoch nicht mit Marxismus identisch ist. Das Fremde und Differenzierte in Lenins Denken stammt aus diesem Erbe. Und damit löst sich im Grunde genommen auch der Streit zwischen Herrn Mandel und Herrn Skrzypczak. Denn sie haben im echten Leninʼschen Geiste argumentiert und ihr Kriterium für die Beurteilung Lenins war sein Erfolg. Mandel: Nein. Ahlberg: Ja. Sie haben gefragt: Welches Land habe so erfolgreich sozialisieren und industrialisieren können, und die Antwort blieb natürlich aus. Aber das ist ein Erfolgskriterium, mit dem Sie Lenins Strategie … Mandel: Nein, Herr Ahlberg. Es ist nicht das Erfolgskriterium, das hier als Beweis angebracht wird. Es ist das Erfolgskriterium, das als Beweis angebracht wird für die Richtigkeit der theoretischen Ausgangsposition. Ich versuchte darzulegen, dass in der Leninʼschen Konzeption der Revolution in Russland ein Bruch, ein Sprung entstanden ist, nicht aus russischen, sondern aus internationalen Gründen. Dass Lenin von der klassischen marxistischen Theorie, dass in Russland eine bürgerlich-demokratische Revolution auf der Tagesordnung stand, übergegangen ist zur Theorie – sagen wir – der permanenten Revolution, des ununterbrochenen Herüberwachsens der bürgerlichen in eine sozialistische Revolution, ausgehend von einer Analyse der Entwicklung des Weltkapitalismus. Mit anderen Worten: Wenn ich dieses Erfolgsmoment in die Diskussion hineingebracht habe, dann war es nicht, um zu sagen, der Beweis liegt im Erfolg, sondern was die Geschichte seit sechzig Jahren bewiesen hat, ist die Richtigkeit der Leninʼschen Imperialismus-Theorie. Die Richtigkeit der Unmöglichkeit, den Kapitalismus im nachimperialistischen Zeitalter mit ausschließlich denselben Kategorien zu beschreiben [wie] den Kapitalismus des vorimperialistischen Zeitalters. Kogon: Diese theoretische Rechtfertigung erst im Laufe der Revolution. Mandel: Nein, das würde ich nicht sagen. Trotzki hatte das schon 1906 erkannt und die Leninʼsche Änderung der Einstellung zur Weltsituation, das heißt das Übertragen der Aktualität der Revolution aus dem rein russischen in [ein] weltweites Ausmaß, kommt unmittelbar nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Mit dem 4. August 1914 eröffnete sich für Lenin ein neues Zeitalter der Weltgeschichte, in dem die sozialistische Weltrevolution auf der Tagesordnung steht. Und das Hinüberwachsen der russischen bürgerlich-demokratischen in eine sozialistische Revolution hatte für ihn nur Sinn im Rahmen dieser neuen Auffassung der Weltlage. In diesem Sinne bestreite ich absolut, was Herr Skrzypczak gesagt hat, dass Lenin die Oktoberrevolution konzipiert hatte als Mittel, um den Sozialismus in einem Lande aufzubauen. Für ihn war die Russische Revolution nur Auftakt eines welthistorischen, weltrevolutionären Prozesses, der für ihn möglich war – ökonomisch möglich und notwendig war – durch die Änderung der weltökonomischen Lage, das heißt durch die Änderung der Situation des Kapitalismus. Kogon: Er wartete auf die Revolution in den hochindustrialisierten Ländern. Mandel: Er wartete auf die Revolution in Deutschland im weiteren Sinne und das ist orthodoxer Marxismus. Ahlberg: Ich wage zu bestreiten, dass man die Reaktion, die theoretischen Konsequenzen Lenins angesichts der Oktoberrevolution oder vor der Oktoberrevolution einzig aus seiner objektiven Analyse der Weltsituation ableiten kann. Ich glaube, damit überschätzen Sie die theoretischen Möglichkeiten, die man hat. Man muss sich natürlich fragen, welche sozialphilosophischen Konzeptionen schon vorgegeben waren, die eine Analyse der Weltsituation, eine ganz bestimmte Lösung und Antwort erst möglich machten. Und da würde ich sagen, ist die Überzeugung Lenins, dass Geschichte durch Persönlichkeiten und mithilfe einer disziplinierten Parteiorganisation gemacht werden kann. Dass Geschichte manipuliert werden kann, ist der sozialphilosophische Hintergrund, auf dem die Analyse der Weltsituation, von der Sie sprachen, des imperialistischen und nachimperialistischen Stadiums, eine ganz bestimmte Antwort, nämlich die Leninʼsche Antwort, sehr konsequent und bruchlos [nahelegt]. Kogon: Herr Weber, Sie wollten etwas ergänzen. Hermann Weber: Ich wollte nicht ergänzen, sondern ich wollte eigentlich diesem Letzten widersprechen. Mir scheint, dass man es sich zu einfach macht, wenn man in Lenin die nahtlose Persönlichkeit, den ungebrochenen Bezug zu dieser Revolution, von der vorhin gesprochen wurde, sieht. Mir scheint das, was Herr Ahlberg anführte, gilt doch nur für eine ganz bestimmte Periode Lenins, und zwar vor allem für die Periode bis zum 4. August 1914, die hier schon angesprochen wurde. Wenn man sich vor Augen hält, dass Lenin sich sehr dagegen gewandt hat, dass seine frühen Schriften später wieder aufgelegt wurden, hat Lenin selbst wohl auch sehr genau erkannt, dass [er] in dieser frühen Phase bestimmte, aus der russischen Geschichte erklärbare Entwicklungstendenzen in seine Theorie aufnahm, [die er] später doch eigentlich widerrufen hat. Wenn Sie beispielsweise ein Werk wie Staat und Revolution[14] nehmen, das man als die theoretische Begründung der Revolution auffassen könnte, dann merkt man ja doch von dieser Vorstellung sehr wenig und ich glaube, dass das einfach klar macht, dass hier verschiedene Perioden Lenins, die man sogar zeitlich sehen kann, einen unterschiedlichen Leninismus auch ergeben. Das würde ja auch, wenn wir uns die Gegenwart betrachten, erklärbar machen, warum so viele verschiedene und gegensätzliche Gruppen sich mit einem gewissen Recht doch alle auf Lenin berufen können. Weil eben diese Einheitlichkeit, von der man oftmals spricht, vielleicht gar nicht existiert. Kogon: Zu diesem Punkt. Das ist aber die Dialektik, von der Herr Ahlberg sprach. Weber: Ob man das als Dialektik bezeichnen soll oder ob man es historisch gewachsen sieht, das wäre ja, glaube ich, ein gewisser Unterschied. Ich glaube also nicht, dass es aus einer Sozialphilosophie erklärbar ist, sondern dass Lenin jeweils eben doch der Realpolitiker gewesen ist, der sich und seiner Bewegung ganz bestimmte Aufgaben gestellt hat. Und natürlich entsprechend der Situation, die in Russland sehr unterschiedlich war, etwa im Jahre 1902/03 und im Jahre 1917, und dass er aus diesem Unterschied heraus natürlich auch verschiedene Konsequenzen für die Politik zog. Das Problem ist, ist es Marxismus und, wie Herr Mandel sagt, orthodoxer Marxismus oder ist es überhaupt kein Marxismus? Das scheint mir ein bisschen zu dogmatisch einfach gefasst zu sein, wenn man die Frage so stellt. Man kann wohl ohne Weiteres doch darauf hinweisen, dass Lenin in seiner Grundkonzeption jedenfalls vom Marxismus ausging, nicht nur daher kam, sondern in seiner Grundkonzeption davon ausging. Man kann also durchaus davon sprechen, dass er den Marxismus, wenn man so will, modernisiert hat, dass er die russischen Erfahrungen vor allem aufnahm und hineinbrachte, dass er darüber hinaus einen gewissen Voluntarismus, auf den Sie ja hinwiesen, hineinbrachte. Das ändert doch nichts daran, dass die Grundkonzeption, nämlich sowohl die Zielsetzung wie auch die Methode, wie die Tatsache, auf welche Klasse er sich zu stützen versucht, wenn man es genau nimmt, eine marxistische gewesen ist. Insofern scheint mir dieser Begriff Marxismus-Leninismus, wenn man nicht das darunter versteht, was heute vielfach verstanden wird, durchaus eine gewisse Rechtfertigung zu haben. Kogon: Also die voluntaristische Note, die er dem Marxismus hinzugefügt hat, die war ja nicht nur eine gewisse, die war ja enorm. Mandel: Aber das lag bei Marx auch drin. Meine Meinung, sagte Marx, meine Doktrin oder meine Theorie ist eine Anleitung zum Handeln. Das kommt nicht von Lenin. Das kommt schon von Marx. Weber: Das würde ich aber weniger zurückführen auf die Grundeinstellung, sondern vor allem auf die Situation. Marx lebte und handelte in einer anderen Situation, die diesen Voluntarismus eigentlich nicht so stark machen musste, wie das bei Lenin der Fall gewesen ist. Oskar Negt: Vielleicht an Herrn Ahlberg und Herrn Skrzypczak: Ich meine, es gibt sicherlich sehr viele Auffassungen darüber, was Marxismus sein kann. Aber eines, glaube ich, kann man von einer marxistischen Theorie nicht eliminieren, ohne den Marxismus aufzugeben, nämlich die revolutionstheoretischen Aspekte des Marxismus. Ein Marxismus ohne Revolutionstheorie ist kein Marxismus, d. h., die Substanz dieses Marxismus ist verschwunden. Es könnte eine akademische Theorie sein, es könnte alles sein, aber es ist eigentlich keine marxistische Theorie mehr. Das heißt, ich möchte eigentlich fragen, ob nicht die Richtung ihrer objektivistischen Argumente, d.h. gegen Blanquismus,[15] gegen Volkstümlertum, also gewissermaßen gegen die Aufwertung des subjektiven Faktors ist. Ahlberg: Blanquismus ist etwas anderes als die subjektive Philosophie der Volkstümler. Negt: Ich weiß es, Herr Ahlberg. Lassen wir das. Nur im Hinblick auf das Argument, die Situation sei einfach so gewesen, dass der Marxismus als solcher nicht anwendbar war. Man hätte alle anderen Revolutionen machen können: eine bürgerliche Revolution, auch meinetwegen eine Art sozialrevolutionäre, aber jedenfalls keine proletarische Revolution. Ich meine, dass eine solche Argumentationsweise insofern nicht richtig ist, als man ja sehen muss, dass in der Tat die Marx´sche Theorie die Substanz einer Revolutionstheorie hat, aber gewissermaßen keine entfaltete Revolutionstheorie. Oder einen Revolutionsbegriff eigentlich konkret nur vor Augen haben könnte, ja, der in vielen Fällen einfach in der bürgerlichen Revolution jedenfalls als Bezugssystem gebildet ist. In Auseinandersetzung mit bestimmten bürgerlich-revolutionären Strömungen, ja selbst die Kommune,[16] selbst in der Kommune … Mandel: Das Vorwort zum 18. Brumaire …[17] Negt: Ja aber, Ernest, woher sollte er von einer proletarischen Revolution jene auch empirische Grundlage für die Analyse einer revolutionären Bewegung haben, die notwendig ist, um historisch-materialistisch auch weitragend eine solche Revolution konkret analysieren zu können? Mandel: Du meinst, dass er diese nötige Erfahrung nicht hatte? Da [stimmen wir überein]. Kogon: Es war ja interessant, wie Lenin sie weitergeführt hat. Negt: Ja, darauf will ich hinaus. Dass hier Lenin in der Tat orthodoxer Marxist im Sinne der Marxʼschen Intention ist. Wenn er jetzt unter anderen Bedingungen, also in der Periode des Imperialismus, versucht, nicht nur die revolutionstheoretischen Aspekte der Marxʼschen Theorie herauszuarbeiten – unter gegebenen Bedingungen herauszuarbeiten – [führt das dazu], dass er eine Art revolutionäre Realpolitik initiieren muss, um jetzt nicht wirklich im schlechten Sinne orthodoxer Marxist zu sein. Orthodoxe Marxisten wären diejenigen gewesen, die wie Kautskyaner[18] und andere eben im Grunde den revolutionären Prozess als einen objektiven, ja sogar noch naturgeschichtlichen Prozess, betrachtet haben und deshalb im Grunde die tatsächlichen revolutionären Bewegungen nicht weitertreiben, nicht korrigieren konnten. Kogon: Und Gelegenheiten versäumt hatten. Negt: Ja, Gelegenheiten versäumt. Das heißt eigentlich, die objektive Analyse, von der Ernest Mandel spricht, nicht geliefert haben. Ich glaube schon, dass Lenin der Einzige gewesen ist oder sagen wir, zu den wenigen gehört hat, die damals eine wie immer auch bruchstückhafte objektive Analyse der Weltsituation gegeben haben. Lenin selber hat sich darauf noch einmal berufen in seinen Aufzeichnungen Über unsere Revolution aus Anlass der Aufzeichnung Suchanows,[19] wo er sagt: Ja, was sollten wir denn machen in der und der Situation? Die Reaktion eines Marxisten ist, den revolutionären Prozess dort weiterzutreiben, wo er sich objektiv anbietet. Das ist das eine. Es ist in gewisser Weise auch ein subjektives Moment drin. Und zweitens ist es die Organisationstheorie. Auch Marx hat keine Parteitheorie in dem Sinne gehabt. Und die Auseinandersetzungen mit der Sozialdemokratischen Partei sind mehr als kontrovers gewesen. Sein ganzes Leben lang, von der Kritik des Gothaer Programms[20] bis zum Schluss. Auch Engels. Das heißt, auch hier hat Lenin eigentlich in Fortführung der Marxʼschen Intentionen etwas Neues formuliert für unsere Epoche, jedenfalls für die Epoche bis nach dem Zweiten Weltkrieg, wo ein neues Element in die marxistische Diskussion gekommen ist, das ja genau die Tatsache im Zentrum hat, dass der Marxismus wesentlich darin besteht, Revolutionen erfolgreich machen zu können und zu stabilisieren – das System, in dem Revolutionen zustande kommen, auch zu stabilisieren. Kogon: Herr Negt, hier nähern Sie sich dem Punkt, wo Herr Skrzypczak wieder aufstehen kann. Denn die Organisationstheorie und Praxis der Kommunistischen Partei unter Lenin, die hat von dem originären Marxismus doch einiges verändert. Negt: Er ist nicht so weit gegangen. Aber er könnte sicherlich, wenn ich mal versuche, Ihre [Skrzypczaks] Argumente vorauszusehen. Dann würde ich sagen, die Organisationstheorie oder die Parteitheorie von Lenin ist eigentlich nicht nur in nuce, sondern ist in der stalinistischen angelegt. Skrzypczak: Bevor ich in Ihre Richtung weitergehe – nicht um mich ihr zu nähern, sondern um sie zu überwinden – möchte ich noch einige Worte zu Herrn Ahlbergs Interpretation anführen. Ich habe größte Bedenken, das Problem nur rein auf sozialphilosophische Kategorien zurückzuführen. Zumal ja Lenin in bestimmten Epochen und bei manchen Motiven sich durchlaufend ganz korrekt marxistisch ausdrückt, sogar mit vielen Zitaten rückversichert. Er kämpft gegen die Volksfreunde, er ist im Grunde Marxist, im Kampf gegen die Revisionisten, gegen die Ökonomisten, gegen den Terrorismus, er lehnt es ab, Blanquist zu sein. Dieser Vorwurf, der ja früh gegen ihn erhoben wird, der wird von ihm zurückgewiesen. Man kann aus Lenin – und Herr Fischer,[21] wenn er hier wäre, würde das bestimmt gerne tun – mit vielen Zitaten nachweisen, inwieweit er mit Marx übereinstimmt. Man kann aber auch das Gegenteil tun. Aber bevor ich das an einem Punkt, den Sie erwähnt haben … [Mandel/Negt?]: Aber das Thema wirkt sich nicht auf die Zitate aus. Skrzypczak: Nicht auf die Zitate, sondern auf den lebendigen Geist. Kogon: Die Realität wollte auch Herr Ahlberg erklären, das mit dem geschichtlichen Hinweis. Skrzypczak: Es ist schon wieder mit einer Unterstellung operiert worden, nämlich mit dem Begriff Objektivismus. Ich weiß nicht, womit ich den bisher verdient habe, ich stelle ihn also einmal ganz generell infrage. Ich muss aber weiter bemängeln, was Sie erwähnt haben, dass die Revolutionstheorie bei Marx nicht voll entfaltet gewesen sei, dass eben solch eine Situation nicht vorgesehen sei. Ich weise einmal hin auf die Situation Achtundvierziger Revolution … [Negt/Mandel?]: Das waren bürgerliche Revolutionen. Negt: Der Begriff der permanenten Revolution kommt auch aus diesem Übergang. Skrzypczak: Wenn Sie auch die späten Äußerungen von Engels zugrunde legen, der ganz klar später eingestanden hat, dass [er] sich in der Einschätzung der Situation ʼ48 getäuscht hat, dass dann erst die große Entfaltung des Kapitalismus eintrat. Wenn wir heute feststellen, und das wäre an Sie zu richten, dass der Kapitalismus nicht etwa verfault ist, nicht im Sinne einer Stagnation, sondern dass mit der Kybernetik, mit der Automation ein qualitativ höheres Element reingekommen ist – wenn wir das feststellen, dann müssen wir auch im Grunde sagen, dass Lenin vor einer Situation stand, die eine proletarische Revolution im Marxʼschen Sinne einfach nicht erlaubte. Kogon: Er hat sie aber gemacht. Skrzypczak: Das ist ja eben das, worüber wir streiten. Wenn Sie sich darauf berufen, dass eben das tatsächlich im Grunde [die] Weiterentwicklung des Marxismus ist, dann kann ich nur sagen, dass Revolution, proletarische, sozialistische Revolution bei Marx eben Mehrheitsrevolution ist, und wenn man versucht, wenn man einmal sieht, mit welchen jetzt nicht … Mandel: Die Mehrheit der Bevölkerung oder die Mehrheit der Arbeiterklasse? Skrzypczak: Er geht bei seiner Konzeption davon aus, dass im Wesentlichen bereits die Umwandlung der verschiedenen Klassen in das Proletariat, dieser Polarisierungsprozess, weitgehend fortgeschritten ist. Mandel: Wie stand er zur Pariser Kommune und war damals die französische Arbeiterklasse die Mehrheit der französischen Bevölkerung? Skrzypczak: Für diesen Fall hatte er ein ehrliches Bündnis mit der Bauernschaft vorgesehen. Dieses Wort – ehrliches Bündnis – gebraucht ja Lenin auch, nur wie hat es dann in der Praxis ausgesehen? Und da würde ich sagen, ja ein solches ehrliches Bündnis vorausgesehen ... Mandel: Hat die bolschewistische Regierung den Bauern nicht den Boden gegeben, den ihnen alle vorherigen Regierungen abgenommen hatten? Skrzypczak: Die gewählten Repräsentanten der Bauern waren nun leider einmal die Sozialrevolutionäre und die hatten auch die große Mehrheit. Und wenn man sieht, wie Lenin mit diesem Problem, etwa mit der Verjagung der Konstituante, fertiggeworden ist, da kann man sagen: Hier schlägt Dialektik in Rabulistik um, in reine Sophistik. Das ist also schon ein theoretischer Verfall des Marxismus. Kogon: Mit dem Auseinanderjagen der Duma sind Sie bereits bei dem zweiten Punkt, den Herr Negt angeführt hat, nämlich welche Rolle diese Minderheitspartei spielt. Da kommt ja die Stelle, wo Sie sagen können, dies ist also nicht mehr im originären Sinne Marxismus. Das ist schon sehr spezifischer Leninismus. Skrzypczak: Es wurde der Punkt angesprochen: Organisationstheorie. Haben denn Marx und Engels nicht oft genug betont, dass sie gegen eine Eliteorganisation sind? Haben sie nicht betont, dass es in der Partei keine Diktatur geben dürfte? Haben Marx und Engels etwa das Prinzip von oben nach unten vertreten? Keineswegs. Mandel: Hat Lenin das vertreten? Skrzypczak: Aber natürlich, zeitweise ja. Da hat er gesagt: von oben und unten. Das geht ja bei ihm leider, ganz nach der Situation, durcheinander. Das ist das, was ich revolutionären Opportunismus nenne. Fetscher: Ich glaube, es sind jetzt zu viele Probleme auf einmal hier auf dem Tisch. Vielleicht sollten wir anfangen mit einem Punkt: Parteitheorie / subjektiver Faktor. Gewiss, man kann die russische Geistesgeschichte bemühen, aber ich finde das nicht sehr interessant. Ich finde es interessanter, sich zu fragen, ob diese Partei neuen Typs, die Lenin konzipiert hat und die er nach 1905 ja demokratisch strukturiert haben wollte, wobei sich das in der Praxis ja nicht durchgesetzt hat. Immerhin ist demokratischer Zentralismus bei Lenin ja nicht die Karikatur, die später daraus geworden ist. Aber das mal ausgeklammert, ist ja die Funktion, die er der Partei zuschreibt, die auch Trotzki der Partei zuschreibt, die sich doch substituiert, das, was bei Marx die Klasse tun sollte. Das ist gar kein Zweifel. Trotzki spricht in der Auseinandersetzung mit der Arbeiterorganisation davon: Die Partei darf ihre Diktatur nicht infrage stellen. Er merkt sozusagen gar nicht, dass er jetzt die Diktatur des Proletariats wirklich identifiziert mit der Parteidiktatur. Aber warum? Doch offensichtlich deshalb, weil es ein weitgehend homogenes, zum Klassenbewusstsein herangereiftes Industrieproletariat nicht gibt. Wohl aber, und das ist meines Erachtens die Rechtfertigung der Revolution, wohl aber besitzlose Massen, die in heterogenen sozialen Gruppen aufgespalten sind und aus eigener Kraft nun wirklich zu einem politischen Bewusstsein nicht heranwachsen. Eine analphabetische Masse kann nicht anders politisch bewegt werden als in irgendeiner Weise durch eine Führungsinstitution, die eben diese Partei wurde. Mir scheint sich hier zumindest die geistesgeschichtliche Wurzel des Leninismus zu legitimieren durch die Funktion, die seine Partei in einem rückständigen Land mit heterogener Gesellschaft einfach bekommen muss. Kogon: Übrigens, Herr Fetscher, auch durch spezifische Bedingungen während der Revolution. Diese wenigen Proletarier im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung Gesamtrusslands hatten derartige Funktionen zu übernehmen. Sie waren durch den Bürgerkrieg auch noch so dezimiert, dass also wirklich die Kader zusammenschmolzen. Sodass es erst recht zentralistisch wurde, dass die die Macht und Kontrolle mittlerweile ausübten. Fetscher: In gewisser Weise fatal. Lenins ganzer Kampf in den letzten Lebensjahren besteht ja eigentlich in nichts anderem, als zu versuchen, diesen fatalen Prozess der Bürokratisierung der Führung wieder zu korrigieren. Er kämpfte wirklich ohnmächtig gegen eine Tendenz, die in der Situation selbst bis zu einem gewissen Grade angelegt war. Mandel: Ich möchte vielleicht etwas Methodologisches dazu sagen. Wenn wir uns mit einer Theorie beschäftigen, dann ist es doch vom Standpunkt der Methode nicht völlig angebracht, politische Ereignisse, die auf die Anwendung dieser Theorie folgten, als deren unvermeidliche Folgen anzusehen. Ich möchte dafür nochmals eine historische Analogie zeigen. So gegen Ende des 18. Jahrhunderts war man sich in Großbritannien unter Politologen völlig darüber einig, dass allgemeines Stimmrecht ein Unding war. Das führte automatisch zum Terror und zur Alleinherrschaft, wie das Beispiel der Französischen Revolution und der Verfassung vom Jahre 2 [?] gezeigt hatten. Heute wird niemand mehr behaupten, dass Terror und Alleinherrschaft unvermeidliche Folge des allgemeinen Stimmrechts sind. Also wir sollten ein klein wenig aufpassen. Alles, was in Russland nach 1921 oder sogar nach 1917 passiert ist, als unvermeidliche Folge der Leninʼschen Staatstheorie oder Organisationstheorie anzusehen. Wir müssen, wenn wir uns mit einer Theorie auseinandersetzen wollen, diese schon ernst nehmen und ihre theoretische Wurzel untersuchen. Und dann versuchen aufzuzeigen, wo diese theoretischen Wurzeln falsch sind, und nicht einfach auf Folgen zeigen, die sich ja aus völlig anderen Ursachen hervorgetan haben. Ich möchte vom Standpunkt der Theorie jetzt wieder einmal von den russischen Verhältnissen – ich bin jetzt hier in diese etwas paradoxe Rolle hineingekommen, aber ich fühle mich nicht völlig unwohl darin – völlig abstrahieren und die allgemeine Frage stellen: Es wurde hier behauptet, bei Marx findet sich eine schroffe Absage gegen den Gedanken der Elite-Partei. Okay, ich kann das annehmen. Ich würde genauso gut dasselbe von Lenin sagen. Sie können das Wort Elite-Partei bei Lenin genauso wenig finden wie bei Marx. Was Sie bei Lenin finden, ist eine Theorie über die Differenzierung, die differenzierte Appropriation des Klassenbewusstseins bei der Arbeiterklasse. Und da dürfte ich behaupten, und ich kann dafür viele Belege finden, dass das genauso bei Marx der Fall war. Das kommt nicht von Lenin, das kommt von Marx über Kautsky. In einem wenig bekannten Brief – ich glaube vom 1. Januar 1870 – spricht Marx über die Funktion des Generalrats der I. Internationale in der englischen Arbeiterbewegung. Und er sagt, die wichtigsten Zeitungen Englands werfen uns zu Recht vor, dass wir von außen den revolutionären Sozialismus in die englischen Gewerkschaften hineintragen. Das ist also buchstäblich dieselbe Formel, die Lenin immer so stark vorgeworfen wird in Was tun?. Und die, wie bekannt, in Wirklichkeit von Kautsky und vom Hainfelder Programm der österreichischen Sozialdemokratie kommt. Da gibt es ohne Zweifel eine Kontinuität. Die Basis der Leninʼschen Organisationstheorie ist die Feststellung, dass Klassenbewusstsein sich nicht allmählich, graduell und nicht allgemein, generell in der Arbeiterklasse entfalten kann, sondern nur sprungweise unter dem Druck von Ereignissen und Erfahrungen bei einem Teil, durch individuelles Studium und durch individuelle Erkenntnis bei einem anderen Teil. Das Einzige, was er sagt, ist, dass der Teil, den er die Vorhut nennt – das Wort wird auch von Engels und Marx gebraucht – diese individuelle Erkenntnis früher hat, als die Masse es durch Erfahrung gewonnen hat, sich organisieren muss, um diese Erkenntnis zu verallgemeinern und weiterzutragen. Kogon: Herr Mandel, Sie leugnen natürlich nicht die Heranbildung von disziplinierten Berufsrevolutionären in dieser Zeit. Weber: Mir scheint, dass man das nicht so einfach sehen kann, sondern dass hier doch – Sie erwähnten gerade die Berufsrevolutionäre – neue Momente hinzukommen. Aber ist das wirklich das Hauptproblem, um das es uns hier geht? Man muss doch auch den Stellenwert der jeweiligen theoretischen Aussagen Lenins sehen. Welchen Stellenwert hat also beispielsweise diese Parteitheorie? Wenn man dann wieder den Sprung zur Praxis macht, der ja doch auch für Lenin der Beweis einer Theorie war, dann merkt man, dass im Jahre 1917 – und da darf ich wieder auf Staat und Revolution verweisen, wo ja die Partei so gut wie gar nicht mehr auftaucht. Wenn also bei der Vorbereitung der Revolution Lenin doch offenbar diese Vorstellungen von Was tun? keineswegs mehr verwirklicht wissen wollte. Das führt mich eben doch wieder darauf zurück, dass man hier beim Versuch, den Stellenwert der jeweiligen Theorien Lenins zu finden, einfach sagen muss, dass das, was man eben als diese Elite-Theorie bezeichnen könnte oder wie auch immer – Vorhut-Vorstellungen, Berufsrevolutionäre –, dass das eben doch nur in einer ganz bestimmten Phase eine sehr große Rolle spielt, und zwar bis zum Ausbruch des Weltkrieges. Als Lenin glaubte und wohl auch glauben musste, dass es in Russland gar keine andere Möglichkeit gab, den Zarismus zu stürzen, als eben eine genauso schlagkräftige Partei gegen diesen sehr starken zaristischen Apparat zu haben. Als es sich aber nun während des Krieges – hinzu kommt hier ja natürlich die Perspektive der Weltrevolution – und vor allem nach Ausbruch der Februarrevolution zeigte, dass eine ganz neue Situation da ist, da, scheint mir, ist doch bei Lenin ein ganz anderer Zug dominierend, nämlich der – der fast ins Anarchistische ging –, wo er direkt an die Massen appelliert, wo er plötzlich sehr viel weiter links als seine eigene Partei steht. Ich glaube, dass man hier sagen kann, dass der Stellenwert der Parteitheorie für die Revolution dann keineswegs mehr so groß ist, dass man ihn hier überbetonen könnte. Und das Zweite, was vielleicht hier doch anzumerken wäre, ist die Tatsache, dass Lenin 1917 bei der Vorbereitung dieser Oktober- oder Novemberrevolution doch im Wesentlichen Vorstellungen – soweit es theoretische Vorstellungen sind – übernommen hat, die er 1905 noch keineswegs hatte, die 1905/06 eben Trotzki gehabt hat. Aber andererseits, soweit es nun nicht um theoretische Vorstellungen geht, sondern um das, was man die Strategie und Taktik zur Vorbereitung der Revolution nennen könnte, dass er sich da ganz einfach als der Mensch zeigt, der am besten erkennt, welche Massenstimmung – nun nicht die Riesenmasse der Bauern, sondern vor allem eben der Masse der Arbeiter, der Armee usw. – vorhanden ist, und daran direkt anknüpft. Ich möchte behaupten, dass diese Leninʼsche Partei-Theorie einfach überschätzt wird, wenn man sie in Bezug setzt zur Revolution, sondern dass während der Revolution eben der geniale Stratege und Taktiker Lenin eine viel größere Bedeutung hat als der Parteiführer. Die Kehrseite ist dabei natürlich, das ist mir durchaus bewusst, dass er ohne diese Partei, die er dann auf seine Seite ziehen konnte, wahrscheinlich diese Macht nicht hätte halten können. Kogon: Und zweitens, Herr Weber, dass das, was er in die Geschichte gebracht hat, in der Tat dann Bestand hatte. Die Kommunistische Partei, die kommunistischen Parteien. Weber: Sind es am Ende noch die gleichen kommunistischen Parteien gewesen? Kommt da nicht etwas ganz anderes heraus? Kogon: Ich meinte es jetzt als Kaderparteien mit Berufsrevolutionären. Mandel: Aber Lenin fügt hinzu, man kann nichts tun, ohne verwurzelt zu sein in der Arbeitermasse, ohne die Unterstützung der Mehrheit der Arbeiter zu haben. Weber: Was nach 1917 kommt, ist doch einfach so, dass dann eigentlich die Praxis ihn viel mehr zwingt, bestimmte Dinge zu tun als theoretisch vorhersehbar sind. Und das kam dann in der Selbstkritik von 1922/23 sehr deutlich zu Tage, wo er merkt, da ist etwas entstanden, was man ja eigentlich gar nicht wollte. Kogon: Alle diese Bemerkungen begründen ja die Meinung von Auslegern der kommunistischen Entwicklung, es wäre alles anders verlaufen, wenn Lenin gelebt hätte. Es wäre nicht stalinistisch geworden. Ahlberg: Das, was eben über Lenins Einstellung zur Avantgarde und Intelligenz gesagt worden ist, stimmt doch wohl nicht ganz überein mit dem, was er in seiner Schrift Was tun? gesagt hat. In dieser Schrift kommt fast ein Zug von Verachtung des Proletariats zum Ausdruck, indem er erklärt, dass das Proletariat aus eigener Kraft niemals zu einem sozialistischen Bewusstsein gelangen kann und dass dieses Bewusstsein, schon immer und unabhängig von der Entwicklung der Arbeiterklasse, von der sozialistischen Intelligenz in die Arbeiterklasse hineingetragen werden müsse. Das ist ein eindeutiger Führungsanspruch, den er der sozialistischen Intelligenz zuspielt. Und in einem Organisationskonzept kann diese Voraussetzung sich natürlich nur so auswirken, dass innerhalb einer solchen Partei diese Intelligenz, die wir durchaus als eine Elite – das ist nur ein anderes Wort für das, was Lenin meint – dass diese Elite den Auftrag hat, das Proletariat zu jenen Zielen zu führen, die es selber nicht kennt, sondern die durch die sozialistische Intelligenz bestimmt sind. Ich glaube, dass noch einige andere Fragen in unserer Diskussion unerledigt geblieben sind. Und möchte das noch zu Ende führen und dann kann das Ganze diskutiert werden. Sie sagten, Herr Negt, dass Marx seinen Revolutionsbegriff an der bürgerlichen Gesellschaft entwickelt habe und damit historisch limitiert sei. Es gibt viele Ebenen der Revolutionstheorie. Man kann natürlich sagen, dass er historisch diesen Begriff an der bürgerlichen Gesellschaft entwickelt hat, aber nicht darum geht es. Es geht um die Methode und die setzt immer eine gesamtgesellschaftliche Bedingungsanalyse voraus, ehe man bestimmen kann, welche ökonomisch sinnvollen Grenzen eine Revolution erreichen kann. Und da kam von Ihnen wieder das Argument des Erfolges hinein. Es sei eine revolutionäre Theorie. Das ist unbestritten. Und sie sei auch auf Erfolg zugeschnitten – das ist auch unbestritten –, aber nicht um des Erfolges willen, sondern um der Errichtung einer gerechten Gesellschaftsordnung [willen]. Die gesamtgesellschaftliche Bedingungsanalyse spielt in diesem Kontext die Voraussetzung dafür, dass der Vollzug der Revolution nicht nur erfolgreich ist, sondern auch die über den augenblicklichen Erfolg letztlich angezielten sozialen Qualitäten zum Zuge und zum Durchbruch bringt. Das ist eine Theorie, die nicht mehr auf die bürgerliche Gesellschaft oder auf die Epoche zugeschnitten ist, sondern die für einen Marxisten bei der Bestimmung einer revolutionären oder evolutionären Situation und bei der Bestimmung seiner Strategie und Taktik immer noch bindend sein müsste. Mandel: Das trifft doch genauso auf Lenin zu wie auf Marx. Ahlberg: Es trifft auf Lenin nicht zu. Ich will nur ein Zitat bringen. Lenin spricht zwar von der historischen Notwendigkeit. Wenn Sie aber diese historische Notwendigkeit einmal aufdröseln und ihren logischen Sinn im Kontext des Leninʼschen Werkes oder Textes untersuchen, dann werden Sie wortwörtlich Sätze finden, dass es die Klassen sind, die die Wirtschaft regieren. Bei Marx ist es genau umgekehrt. Die ökonomischen Verhältnisse sind es, die Klassen hervorbringen, die ihre Position im Klassenkampf bestimmen, ja sogar ihre Erfolgschancen präjudizieren, während Sie bei Lenin die eindeutige Feststellung finden, dass es die Klassen sind, die bei ihm nahezu als welthistorische Subjekte sich gegenüberstehen, die nur entsprechend organisiert zu werden brauchen, um dann eine soziale Entwicklung einzuleiten. Mandel: Unter bestimmten Bedingungen. Ahlberg: Ja, unter bestimmten Bedingungen. Allerdings mehr unter dem auch von Ihnen betonten Erfolgskriterium und nicht unter Ansetzung jenes qualitativen Zieles, von dem ich gesprochen habe. Sie haben ja sogar gesagt, man dürfe die Theorie eigentlich nicht an ihren wirklichen Folgen messen. Warum sind wir dann heute zusammengekommen? Mandel: Ich habe gesagt, an den folgenden Ereignissen. Ist Napoleon Bonaparte die Folge von Rousseau?[22] Ahlberg: Diese historischen Parallelen sind leer, weil die Geschichte sich in dieser Form niemals wiederholt. Eine Theorie, die durchaus mit einer modernen ähnlich sein kann, hat historisch gesehen einen anderen Sinn, einen anderen Inhalt und andere Folgen. Mit den von Ihnen herangezogenen Beispielen kann man nicht operieren. Mandel: Aber in dieser Zeit haben die Leute dieselbe Reaktion gehabt wie Sie. Sie haben gesagt, Napoleon Bonaparte und der Terror [sind] die Folge von Rousseau, [sind] die Folge vom allgemeinen Wahlrecht, [sind] die Folge von der blödsinnigen Utopie, dass alle Menschen gleich sind. Das wurde in tausenden und tausenden Exemplaren in England veröffentlicht. Ahlberg: Das ist ebenso richtig wie falsch. Mandel: Es ist falsch, glaube ich. Ahlberg: Es ist ebenso richtig wie falsch. Sie wissen, in jedem Argument – wenn Sie dialektisch denken – in jedem falschen Argument steckt auch etwas Richtiges. Und in jedem richtigen Argument natürlich etwas Unzulängliches. Es gibt keine Schwarz-Weiß-Malerei in der Geschichte, die Sie jetzt zu unternehmen versuchen. Kogon: Herr Ahlberg und Herr Mandel, ich kann im Moment trotz aller Heftigkeit der Argumentation den wahren Gegensatz nicht sehen. Ich finde, beides stimmt. Der methodische Einwand ist also berechtigt, wie mir scheint, dass man nicht eine Theorie für Realitäten verantwortlich machen kann, die nicht aus ihr stammen. Das muss man konkret untersuchen, inwieweit sie zusammenhängen. Jetzt komme ich zu Ihnen [Herr Ahlberg]. Wenn sie zusammenhängen, dann muss man den Zusammenhang beweisen. Und dann kann man Ableitungen daraus bilden. Dass es einen Zusammenhang zwischen Theorie und Realität gibt und dass die Theorie und ihre Wirksamkeit, wenn sie auf Wirksamkeit angelegt ist und nicht nur auf Analyse, gemessen werden muss am praktischen Erfolg, das wird doch von Ihnen [Herr Mandel] nicht bestritten. Ahlberg: Darf ich diesen Unterschied noch einmal deutlich machen. Sowohl Herr Mandel als auch Herr Negt haben in etwas abgestuften Formulierungen mit dem Begriff der Revolution den Erfolg verbunden. Der Erfolg, das ist etwas technisch Praktisches, was ich nicht bestreite. Das gehört zur marxistischen Theorie. Kogon: Die Herren haben das Ziel nicht ausgeschlossen, sondern nur in ihren Sätzen im Moment nicht davon gesprochen. Aber sowohl Herr Mandel wie auch Herr Negt sagen natürlich, dass dieser Erfolg gerichtet ist auf das originäre Ziel. Mandel: Das ist doch bei Lenin in Staat und Revolution wahrscheinlich stärker zum Ausdruck gekommen, als in irgendeiner Schrift von Marx. Weber: Ich möchte nochmals auf das zurückkommen, was Herr Ahlberg am Anfang sagte. Er führt Was tun? als Beweis dafür an, dass hier bei Lenin diese Elite-Theorie sehr stark von Marx abweicht. Selbst wenn man das zugibt, und ich bin geneigt, es weitgehend zuzugeben, dann muss man doch die Frage stellen, wie steht das erwähnte Werk Staat und Revolution in dieser Konzeption da? Obwohl ich damit nun schon zum dritten Mal komme, möchte ich doch wieder behaupten, dass es ein Unding einfach ist, hier Lenin als eine Ganzheit fassen zu wollen. Wenn man umgekehrt vorgeht, kann man sich beispielsweise fragen, wie kommt es, dass gerade Stalin Was tun? – eines seiner Hauptwerke – als Rechtfertigung heranziehen konnte, während ein Werk wie Staat und Revolution in erster Linie heute von Mao oder von Fidel Castro zur Rechtfertigung herangezogen wird. Ich glaube, das zeigt doch schon, dass hier Lenin eben nicht diese Einheitlichkeit besitzt, dass man sagen könnte, das ist der Leninismus und dieser Leninismus führt dann eben folgerichtig zu dieser Revolution. Dann kann man sagen: entweder folgerichtig auch zu dem, was 50 Jahre später dort ist, oder es ist eben eine Abweichung, eine Abkehr von dem. Das scheint mir etwas zu einfach zu sein. Ich glaube doch, dass man sagen muss, dass auch der heutige Sowjetkommunismus, soweit er sich von Lenin auch inzwischen entfernt hat, natürlich auf bestimmte Vorstellungen und Teile Lenins und des Leninismus sich mit Recht berufen kann, wie umgekehrt natürlich die gegensätzlichen Kommunisten in China oder seien es andere Gruppen – Trotzkisten usw. – mit einer sehr großen Berechtigung ebenfalls bestimmte Seiten dieses Leninismus herausholen können. Da wäre wieder die Frage des Stellenwertes, wenn man sehen will, wo ist denn nun das Entscheidende? Da scheint mir eben, dass, von Lenin selbst her gesehen, natürlich der Stellenwert der Revolution, der Stellenwert der Zielsetzung – dieser klassenlosen Gesellschaft – sehr viel größer ist als etwa nun die Industrialisierung Russlands. Insofern scheint mir, ist klar, dass also die heutige Berufung der Sowjetkommunisten auf Lenin gewissermaßen weit weniger gewichtig ist als die derjenigen, die sagen, die Hauptzielsetzung lag aber woanders, und das wurde doch in der Form jedenfalls nicht erreicht. Kogon: Das führt ja nun wirklich in unserer Debatte, wie ich finde, weiter. Und wir werden sicherlich zu unterscheiden haben zwischen den Rechtfertigungsbemühungen der verschiedenen Revolutionsrichtungen, die sich alle auf Kirchenväter beziehen und auf den Hauptkirchenvater Lenin, der auch seine Hagiographie hat, und andererseits Anwendungskonsequenzen. Ob man also in Lenins Schriften heute realisierbare Rezepte finden kann. Damit, Herr Skrzypczak, kommen wir aber weg von der ursprünglichen Provokation, die Sie ausgesprochen haben: dass Lenin also praktisch entweder kein Marxist war oder den Marxismus sogar blockiert habe. Was uns ja zu einer Fülle von Einsichten verholfen hat, im historischen und ideengeschichtlichen Zusammenhang. Aber ich denke, wir sollten tatsächlich jetzt zu der Frage kommen, die Sie angeführt haben, Herr Weber. Skrypscazk: Ich bemerke mit Vergnügen, dass sich die Diskussion immer so in Überbauelementen bewegt, und möchte weiter provozieren, indem ich einfach sage, das Kriterium ist ja tatsächlich doch wohl nicht der abstrakte Erfolg, sondern ist die allumfassende Praxis. Und da stehe ich nun heute vor der Tatsache als Marxist, der andere für den Marxismus gewinnen will, dass da eine Mauer in Berlin vorhanden ist, dass sich ein Vorgang wie in der Tschechoslowakei[23] ereignet hat und vieles andere mehr. Da frage ich dann einfach, ist das denn alles nur böser Wille, ist das ideologische Beschränktheit der heutigen leninistischen Führer? Und da muss ich als Marxist sagen: Das ist keineswegs der Fall, sondern sie stehen im Bann einer objektiven Situation, die ich allerdings in dieser vorzeitigen Revolution begründet sehe. Es ist ja doch nicht so, dass Marx und Engels sich keine Gedanken über die Situation einer solchen vorzeitigen Machtergreifung gemacht haben. Sie haben ganz klar gesagt, dass Revolutionäre, die vor der ausgereiften Situation an die Macht gelangen, nur die Politik durchführen können, die der gegebenen historischen Situation, und zwar auch der ökonomischen Situation entspricht. Und was ist denn nun in Russland dabei herausgekommen? Es ist kein Übergang zum Sozialismus gewesen, sondern ganz eindeutig zum Staatskapitalismus, der sich sozialistisch drapiert hat, der also im Grunde genommen über den Staatskapitalismus dann zur sozialistischen Gesellschaft hin wollte. Die nächste Folge ist aber tatsächlich gewesen, dass sich nun auch eine neue Klasse der Bürokratie, der Parteifunktionäre herausgebildet hat und dass eben nicht das eintrat, was Marx und Engels wollten, dass nämlich die Massen, die natürlich hofiert wurden, das nicht selbst gemacht haben, sondern dass sie gegängelt worden sind. Und die weitere Konsequenz ist schließlich gewesen, dass der Beginn dieser Minderheitsdiktatur im Namen der Massen eine weitere zunehmende Einengung des Freiheitsspielraums gebracht hat. Erst waren es die Gutsbesitzer und die Kapitalisten, dann ihr objektiver Anhang die Sozialrevolutionäre, die Menschewisten, dann ging das weiter. In derselben Situation, in dem sich das Land natürlich in einer gewaltigen Krisenlage befand, musste der Freiheitsspielraum weiter eingeengt werden, selbst die freie Diskussion wurde problematisch, denn die Gesellschaft ist nun mal ein Ganzes. Man kann nicht einen Sektor ausnehmen aus der allgemeinen Diktatur. Dann ist das ganz konsequent weiter geschrumpft bis hin zum Ein-Mann-Despotismus Stalins. Und wir sehen heute einen gewissen Prozess in Gang kommen, der das nun von der Despotie wegführt. Ich würde sagen, zu einer Phase des aufgeklärten Absolutismus. Und da sind Prozesse im Gang, aber ich wende mich dagegen, dass man nun alle Fehlentwicklungen nun etwa bloß dem Despoten Stalin in die Schuhe schiebt und sagt … Fetscher: Und auch nicht dem Lenin. Skrzypczak: Verzeihen Sie, so zu differenzieren, dass Sie es nachher als vollendetes historisches Werk ausstellen könnten, diese Zeit habe ich hier natürlich nicht. Das könnte man gegen jeden unserer Diskussionsbeiträge anführen. Aber ich weise darauf hin, dass diese ganzen Entwicklungsmöglichkeiten von Marx und Engels vorhergesagt worden sind, nicht als abstrakte Prophezeiung kluger Leute, sondern entwickelt worden sind aus einer sehr breit und langfristig angelegten historischen Analyse. Da wir uns schon nach 10 [22] Uhr befinden, darf ich hier das Wort in den Mund nehmen, dass Marx an einer Stelle, die ich im Augenblick nicht zitieren kann, für solchen Fall vorhergesagt hat, nämlich dass sich, wenn die Machtergreifung vor der Situation der ökonomischen Ausgereiftheit stattfindet, dass sich dann zwangsläufig – Verzeihung – die alte Scheiße erneuert. Und diese wunderbare Erneuerung, die haben wir hier in der Praxis gesehen. Kogon: Aber müssen wir nicht auch feststellen, Herr Skrzypczak, dass es eine Reihe von tatsächlichen ökonomisch-sozialen Entwicklungen in der Sowjetunion gegeben hat in diesen 50 Jahren, die einen ungeheuren Fortschritt bedeuten, wenn wir nicht nur die rein politische Sphäre nehmen, die Sie mit Recht hier angeführt haben. Skrzypczak: Ja, aber wissen wir, was gekommen wäre, wenn Russland den bürgerlichen Weg gegangen wäre? Mandel: Sehen Sie Brasilien an. Sehen Sie Indien, sehen Sie Portugal an. Skrzypczak: Das kann man nicht mechanisch vergleichen. Denn vergessen wir doch bitte nicht – weil wir gerade von der Konstituante gesprochen haben –, dass die Mehrheit sozialistisch auch ohne die Bolschewiki gewesen ist, wenn auch in anderen Formen des Sozialismus. Es war doch eine breite Basis des Sozialismus vorhanden. Bloß dann kam der kleine Leninʼsche Dreh und dann änderten sich die Dinge. Fetscher: Die Konstituante ist ja nur ein kleiner Punkt, aber das wird oft erwähnt und es ist zweifellos ein Akt, der ja auch die Rosa Luxemburg empört hat, die Auseinanderjagung der Konstituante. Aber wenn man es jetzt etwas überspitzt formuliert, dann ging es darum, die Bauern davor zu bewahren, dass die falschen Vertreter für sie sprechen. Denn sie hatten die linken Sozialrevolutionäre gewählt, weil die mit Lenin zusammen im Block waren. Die Leute, die aber Kandidaten waren – das ist übrigens ähnlich, wie bei der letzten Bundestagswahl die FDP-Abgeordneten –, das waren die reaktionären Sozialrevolutionäre. Die saßen in der Konstituante. In gewisser Weise sind sie in der Tat daran gehindert worden, dass die falschen Vertreter, die zweifellos nicht bereit waren, die progressive Politik fortzusetzen, die der Block der linken Sozialrevolutionäre und der Bolschewiki eingeleitet hatte. Das ist ein minderer Punkt. Mich würde mehr interessieren, die Schrift Was tun?, die sicher mit Recht hier kritisiert worden ist und die unter Stalin aus dem Zusammenhang herausgerissen dogmatisiert und eine der Rechtfertigungsschriften wurde für die bürokratische Diktatur, doch auch zu verstehen als ein durchaus begreifliches und zwar keineswegs aus der Verachtung des Proletariats, wie Herr Ahlberg es gesagt hat, erwachsenes Buch, das davon ausgeht, dass hier eine analphabetische Masse von Menschen, die an einer Sonntagsschule bei der Krupskaja[24] lesen und schreiben, am Abend dann noch das Kapital lesen lernen, dass die überhaupt erst zum Bewusstsein ihrer Lage gebracht werden muss. Die gleiche Situation, in der sich heute die revolutionären Priester in Lateinamerika[25] befinden, nämlich den Leuten zugleich mit dem Bewusstsein ihrer Lage das Lesen und Schreiben beizubringen, damit sie überhaupt aus der Apathie des Hinnehmens ihrer Verhältnisse als naturwüchsig herauskommen. Das scheint mir nichts mit Verächtlichkeit gegenüber dem Proletariat zu tun zu haben, sondern mit einem revolutionären Impuls, der aus dem Mitleid hervorgeht, aus dem Veränderungswillen. Ahlberg: Eine kurze Bemerkung. Sie sagten Verächtlichkeit. Ich würde sagen Missachtung. Wenn Sie auf die konkrete russische Situation eingehen und auch auf das Bildungsniveau des russischen Proletariats, dann mögen Sie recht haben. Nur ist diese Argumentation, von der ich sprach und wie sie sicherlich wissen, in eine internationale Argumentation eingebettet. Die Unfähigkeit des Proletariats, sich aus eigener intellektueller Kraft und aus eigener Einsicht in seine sozialen Interessen zu einem sozialistischen Bewusstsein hochzuarbeiten, gilt nach Lenin nicht nur für die Sowjetunion, sondern wird ja gerade am englischen Beispiel entwickelt und am Beispiel aller anderen Arbeiterklassen. Insofern darf ich schon sagen, dass hier eine Einstellung zum Proletariat zum Ausdruck kommt bei Lenin, die international gesehen, sich von der Marxʼschen unterscheidet, der ja letztlich den Satz geprägt hat, dass die Emanzipation der Arbeiterklasse ihr eigenes Werk sein müsse ohne Priester. Mandel: Er hat aber gleichzeitig den Satz geprägt, dass die herrschende Ideologie jeder Gesellschaft die Ideologie der herrschenden Klasse ist. Und die Synthese zwischen diesen beiden, das ist die Leninʼsche Organisationstheorie. Skrzypczak: Aber doch nicht im Prozess der Revolutionierung. Da wird ja gerade diese herrschende Ideologie unterlaufen. Mandel: Aber wie? Mit welchen Mitteln? Nur durch Erfahrung? Skrzypczak: Das greift doch ineinander über: ökonomischer Kampf, politischer Kampf, theoretischer Kampf. Mandel: Ist das in England übergegriffen? 50 bis 60 Jahre lang? Marx am Ende seines Lebens sagt: Die englische Arbeiterklasse ist eine bürgerliche Arbeiterklasse. Das sagt er am Ende seines Lebens, als er es 50 Jahre lang erlebt hat. Skrzypczak: Und das führte er ja dann zurück auf die Monopolstellung Englands und das geht ja dann auch wieder in die Leninʼsche Argumentation ein. Und ich sage, das ist eine typische Zwecktheorie, der leider auch Marx aufgesessen ist. Ahlberg: Herr Mandel, Sie beklagen die Wirklichkeit. Indem Sie den objektiven historischen Prozess darstellen, beklagen Sie, dass es nicht zu einer Revolution gekommen ist. Mandel: Ich sage nur, dass es in England konkret 50 Jahre lang Millionen englische Arbeiter gegeben hat, die eine bürgerliche Ideologie hatten. Es hat tausende – das ist die Vorhut – englische Arbeiter gegeben, die Sozialisten waren. Ahlberg: Dann nehmen Sie eben den Leninʼschen Standpunkt ein, dass es einer sozialistischen Elite bedarf, die diesen dumpfen Haufen, wie sich Lenin ausdrückt, … Skrzypczak: Herr Mandel, stellen Sie doch bitte nicht Russland und England gegenüber, sondern sagen Sie doch einmal Russland und das wilhelminische Deutschland, denn da sehen wir doch die proletarische Massenbewegung, die sich langsam, wenn auch … Mandel: Ja, und von wo kam das Bewusstsein? War Karl Marx vielleicht ein Prolet? Das ist doch ein historischer Prozess, der hier aufgezeigt wird. Lenin sagt doch nicht: Alle Arbeiter sind ewig unfähig, sich sozialistisches Bewusstsein zu erringen. Skrzypczak: Bei Weitling[26] ist doch die Handwerker-Vergangenheit drin. Aber da sehen wir doch keimhaft schon sozialistisches Bewusstsein auch in den Arbeiterschichten entstehen. Dass das natürlich nicht eine entwickelte, auf das gesamte Wissensgut der Zeit gestützte Theorie sein kann, ist völlig klar. Da gibt es ja auch Möglichkeiten. Aber das so krass gegenüberzustellen, ist einfach bei Marx nicht drin. Kogon: Würden Sie bitte die Liebenswürdigkeit haben, von diesen künstlichen Gegensätzen herunterzukommen. Ein ungarischer Humorist hat einmal gesagt, dass die natürlichen Hühneraugen schon wehtun, aber künstliche haben wir nicht auch noch notwendig. Ich finde, dass Sie das unnötig aufziehen. Skrzypczak: Nur an künstlichen Gegensätzen hat man sehr viele Menschewiki liquidiert. Negt: Ich meine, vielleicht sind doch wenigstens ein, zwei Begriffsklärungen notwendig. Was Sie als Elite bezeichnen. Wenn man nicht wirklich ganz verschwommene Vorstellungen haben will, über das, was Elite ist, unterscheidet sie sich strukturell von Avantgarde. Auch begrifflich, würde ich sagen. Eliten begründen sich aus irgendwelchen Herrschaftsverhältnissen, aus organologischen Verhältnissen, aus biologischen Verhältnissen. Eliten sind nicht konzipiert im Hinblick auf ihre Selbstaufhebbarkeit. Die Avantgarde, so wie sie Marx … Ahlberg: Eliten sind nicht konzipiert, sondern historische Erscheinungen im Wandel. Negt: Nein, das sind doch ideologische Konzepte. Kogon: Meine Herren, wenn Sie jetzt die Debatte auch mit dem Streit über Definitionen fortsetzen wollen, dann kommen wir zu der Hauptsache nicht weiter. Negt: Ich will nur sagen: Die Funktion der Avantgarde besteht doch darin – und darauf hat Marx wirklich größtes Gewicht gelegt – die Klasse, die proletarische Klasse ist bewusstseinsmäßig in sich differenziert. Das heißt, es ist überhaupt gar keine Frage, dass es fortgeschrittene Gruppen gibt und die Masse, die proletarische Masse, die objektiv demselben Ausbeutungsmechanismus unterliegt wie die anderen, aber diesen Ausbeutungsmechanismus im Grunde nur durch syndikalistische Bewusstseinsformen bestenfalls entgegentreten kann. Das heißt, dass hier fortgeschrittene Gruppen, auch Intellektuelle – das wäre die weitere Stufe –, also innerhalb des Proletariats fortgeschrittene Gruppen, die ein fortgeschrittenes Klassenbewusstsein haben, und es gibt Intellektuelle, die gewissermaßen auch langfristig eine Theorie entwickeln. Der Marx hat ja nun wirklich das Kapital auch nicht in ständiger Auseinandersetzung mit den unmittelbaren Formen des Klassenbewusstseins schreiben können. Das heißt, wenn Sie anerkennen, dass es diese Differenzierung innerhalb des Proletariats gibt, dann müssen Sie eigentlich auch anerkennen, dass es Gruppen gibt, avantgardistische Gruppen oder wie immer wir sie nennen, die als Minderheit ein höheres Bewusstsein repräsentieren, auch historisches Bewusstsein. Historisches Bewusstsein von der Mission des Proletariats, aber auch der objektiven Analyse, die, wenn sie handlungsfähig sein soll, aber angewiesen ist auf die materielle Gewalt, die nach wie vor in der Masse des Proletariats repräsentiert ist. Das heißt, sie müssen dieses Proletariat im Hinblick auf dieses Ziel auch erziehen. Ahlberg: Eine Differenzierung des Proletariats habe ich nicht bestritten. Und dass sie auch einer intellektuellen Führung bedarf, ist eine Selbstverständlichkeit. Ich habe mich gegen ganz bestimmte Wendungen der Leninʼschen Theorie gewandt oder auf sie aufmerksam gemacht, die davon sprechen, dass diese sozialistische Intelligenz sich außerhalb der konkreten Bewegung der Arbeiterklasse entwickelt. Wenn wir das Buch hier hätten. Es steht in Was tun?. Da können Sie es wörtlich nachlesen. Lenin erwähnt eben in diesem Zusammenhang namentlich Marx und Engels und zählt noch einige andere auf. Er spricht von einer sozialistischen Intelligenz. Das ist allerdings eine Position, die das differenzierte Gefüge der Arbeiterklasse … Kogon: Ich möchte gerne wissen, welchen Stellenwert – um Ihren Ausdruck zu gebrauchen, Herr Weber – welchen Stellenwert in unserer Diskussion das Beharren auf diesem Punkte hat. Herr Ahlberg, was wollen Sie jetzt beweisen? Ahlberg: Ich will damit beweisen, dass diese Parteikonzeption doch wohl eine größere Bedeutung hat, als ihr Herr Weber zugesprochen hat. Ich würde sogar sagen, dass nach der Revolution in Ermangelung eines anderen Organisationssystems die Prinzipien dieser Parteiorganisation zu Prinzipien der Organisation einer ganzen Gesellschaft gemacht worden sind. Und aus diesem Grunde beharre ich auf diesem Punkt seiner Parteikonzeption, weil sie eine Bedeutung [hat], die bis zur heutigen Stunde in der Organisationsstruktur der sowjetischen Gesellschaft weiterlebt. Kogon: Jetzt die kritische Frage, Herr Ahlberg. Sind Sie der Meinung oder würden Sie zugeben, dass Lenin in seinen letzten Jahren versucht hat, in der Praxis das, was Sie hier darstellen, zu korrigieren? Ahlberg: Er hatte dafür weder Zeit noch war die Situation dazu angetan, sich komplizierte Probleme der sozialen Organisation zu überlegen. Er hatte praktische Probleme des Überlebens zu lösen. Kogon: Bei der Gründung der Union zum Beispiel der Streit um die transkaukasische Föderation. Ahlberg: Das ist ein anderes Problem. Kogon: Am Schluss stand die enorme Erweiterung des Zentralkomitees, weil er solche Vorherrschaftstendenzen … Mandel: Von Arbeitern, sagt er, die noch im Produktionsprozess stehen und die nicht einmal Mitglieder des Partei- und Staatsapparates sind, das fordert er als letzte Maßnahme. Mehrere hundert Arbeiter, die im Produktionsprozess stehen, sollen im Zentralkomitee aufgenommen werden. Ahlberg: Das ist natürlich eine utopische Forderung. Kogon: Herr Ahlberg, ich sage das nicht, damit irgendjemand hier recht behält, sondern damit wir Konsequenzen daraus ziehen können für die anderen kommunistischen revolutionären Kräfte in der Welt und für unser Urteil über sie heute bis hin zu den Maoisten. Weber: Obwohl ich den Stellenwert im Gegensatz zu Ihnen etwas anders sehe, glaube ich, ist es nicht ganz ungerechtfertigt, diesen demokratischen Zentralismus, denn darum geht es ja letztendlich, noch einmal hineinzubringen. Nach Ihren Ausführungen könnte man doch meinen, dass allein die Tatsache, dass Lenin diesen demokratischen Zentralismus prägte, die ganze folgende Entwicklung – bei Ihnen ist das ja noch überspitzter hervorgekommen – eigentlich durch diese ideologische Seite geprägt wurde. Und das scheint mir doch eine etwas sehr – um es mit Lenin zu sagen – idealistische Auffassung von Geschichtsentwicklung zu sein. Erst einmal müsste man sagen, ist im demokratischen Zentralismus keineswegs diese spätere Perversion zu sehen, das heißt im demokratischen Zentralismus … Kogon: Was verstehen Sie unter Perversion? Weber: Dass eben nur der Zentralismus übrig geblieben ist. Dass die demokratische Seite verschwunden ist. Ahlberg: Es wird immer noch gewählt und nach der Wahl wird erwartet, dass diejenigen, die gewählt haben, sich unterordnen. Das ist ein System, das so bis zum heutigen Tage durchaus wirkt. Konkret hat es sich natürlich gewandelt. Kogon: Sie wollen doch damit sagen, dass dieses demokratische Wählen ein formales Element war, indem Sie das jetzt hervorholen. Das ist ja ein verdrehtes Karussell im Moment. Es sieht so aus, als ob Sie den Stalinismus verteidigen würden. Was ja nicht gemeint ist. Weber: Ich wollte damit nur darauf hinweisen, dass hier in dieser Fragestellung man einfach unterscheiden muss, was an russischer Realität einfach gegeben war und die zu bestimmten Maßnahmen gezwungen hat, auch Lenin, der das dann sah und durchaus kritisierte. 1922/23 kann man eine ganze Reihe Schriften sehen, wo er das merkte, wo er versucht zu bremsen. Dass also hier diese russische Realität eben die Praxis des Leninismus schon anfing mehr zu prägen, als die Theorien von Lenin überhaupt in der Lage waren. Das, was daraus natürlich folgt, ist, dass ich also nicht glaube, dass man einfach sagen kann, dass hier Lenin, oder um es genauer zu sagen, die Leninʼsche Theorie verantwortlich gemacht werden kann, für alles, was dann später im Stalinismus sich entwickelt hat oder was heute im Neostalinismus sich abzeichnet. Wenn man so vorgeht, dann müsste man genauso formal sagen, Lenin hat eine überragende Bedeutung. Die KPdSU kann beispielsweise darauf hinweisen, dass aus der Kommunistischen Internationale heute eine Weltbewegung von hundert Parteien entstanden ist mit Millionen und Abermillionen Mitgliedern, dass es ein sozialistisches Weltsystem gibt, dass ein Drittel herausgebrochen wurde aus dem Kapitalismus. Das heißt also, wenn man es so formalistisch sieht, da ist der Erfolg Lenins mindestens genauso groß wie der Misserfolg. Das scheint mir aber insgesamt eine zu formalistische Sicht der Dinge [zu sein], die eigentlich am Kern des Ganzen vorbeigeht, und der Kern scheint mir doch der zu sein, welche Bedeutung hat Lenin überhaupt. Und dass er eine große Bedeutung hat, sehen wir daran, dass wir hier sitzen. Kogon: Das kann man nicht zur Rechtfertigung, die wir nicht brauchen hier an diesem Tisch, machen, sondern was kann man in der Tat aus ihm für die heutigen Verhältnisse analytisch lernen? Mandel: Ich glaube, dass es erst einmal eine Frage der historischen Gerechtigkeit ist, hier zu korrigieren, als hätte der Leninʼsche demokratische Zentralismus dieselben Grundprinzipien wie der bürokratische [?] Zentralismus von Stalin. Herr Ahlberg sagte, Grundprinzip ist die Wählbarkeit. Die Wählbarkeit ist keineswegs das einzige Grundprinzip des demokratischen Zentralismus. Im demokratischen Zentralismus ist das Recht von Minderheiten mit eingebaut, ihre Meinung innerhalb der Organisation zu behalten. In Lenins Zeiten hat es keinen Kongress gegeben, Sie können mir kein Beispiel dafür geben, wo es nicht scharfe Differenzen, scharfe Auseinandersetzungen gegeben hat, und Sie können mir kein Beispiel geben, wo man nach einem Leninʼschen Kongress einen Kommunisten, einen Bolschewisten gezwungen hätte, seine Auffassungen für falsch zu erklären, weder innerhalb der Partei noch außerhalb. Das Einzige, was man von ihm forderte, war Disziplin in der Aktion, aber nicht Abschwören von Meinungen, nicht Änderung von Meinungen. Das ist [auf dem] XV. Parteitag 1927 zum ersten Mal eingeführt [worden] und das hat es in Lenins Zeiten nie gegeben, wie es in Lenins Zeiten nie monolithische Kongresse, monolithische Parteien und monolithische Ansichten gegeben hat. Kogon: Einen ganz kleinen Einwand. Von Lenin stammt doch das Verbot der Fraktionsbildung. Mandel: Ja, der Fraktionsbildung, nicht gemeinsamer Plattformen. Während desselben Kongresses, [auf dem] Lenin über das Verbot von Fraktionen [gesprochen hat], hat ein übereifriger Anhänger von ihm – wenn ich mich nicht irre, war das der erst seit kurzer Zeit zum Bolschewismus übergegangene Rjasanow[27] – ihn unterbrochen und gesagt: Ja, dann muss es also jetzt zu Ende sein mit gemeinsamen Plattformen vor Parteitagen. Und da hat Lenin ihn unterbrochen und gesagt, das ist unmöglich. In einer lebendigen Partei wird es immer Minderheiten und wird es immer Plattformen geben. Und seitdem es diese nicht mehr gibt, gibt es eben keine lebendige Partei mehr. Ich möchte auch Herrn Ahlberg noch in einer anderen Frage antworten. In Was tun? wird eine konkrete Partei beschrieben, Herr Ahlberg. Ahlberg: Ja, sicherlich. Die Kommunistische. Mandel: Nein. Ich meine die konkrete Sozialdemokratische Russische Arbeiterpartei in ihrer bolschewistischen Konzeption. Ahlberg: In ihrem internationalen Geltungsanspruch. Mandel: Darum [geht] es mir gar nicht. Ich möchte nur festhalten, dass wir heute über ganz genaue soziologische Untersuchungen verfügen. Es gibt ein Buch eines englischen Universitätsprofessors, David Lane, das vor ein paar Jahren erschienen ist: Die bolschewistische Partei, die bolschewistische Fraktion bestand aus einer viel größeren Anzahl von Arbeitern, Industriearbeitern, Großstadtarbeitern und Großindustriearbeitern als die menschewistische Fraktion, und die Mehrheit der revolutionären Intelligenz befand sich nicht bei den Bolschewiki, sondern befand sich bei den Menschewiki. Das heißt, Lenins Auffassung war die Auffassung einer Arbeitervorhut, worin einzelne Intellektuelle, Studenten usw. wohl politisches Wissen hineinfügen könnten. Aber wenn Sie Lenins Standpunkt zur revolutionären Intelligenz im Lichte von Was tun? studieren wollen, dann müssen Sie zur umgekehrten Folgerung kommen, als die, zu der Sie kommen. Dieses Buch ist voll mit Misstrauen gegenüber der Intelligenz. Einer der Gründe der Leninʼschen Organisationsstruktur ist ja gerade der, dass er sagt, es sind die Intellektuellen, es sind Akademiker, die drohen, den Opportunismus in die Arbeiterbewegung einzuführen. Das heißt, es gibt den Begriff der Vorhut, aber wie Herr Negt es gesagt hat, ist es der Begriff der Arbeitervorhut. Und dieses Moment, auf das Sie so stark den Nachdruck legen, des Hineintragens des sozialistischen Bewusstseins, das ist für Lenin nicht Beschreibung dessen, was jeden Tag, jede Stunde oder jedes Jahr vor sich geht, sondern einfach Feststellung eines historischen Prozesses, nämlich der Tatsache, dass es ohne Zweifel zwei revolutionäre Intellektuelle gewesen sind – Marx und Engels –, die den modernen wissenschaftlichen Sozialismus begründet haben, und dass dieser Prozess sich im Großen und Ganzen in jedem Land wiederholt, das heißt, dass die Begründer der sozialistischen Parteien, der sozialistischen Theorie in jedem Land im Großen und Ganzen Intellektuelle sind. Aber er meint damit nicht, dass diese Intellektuellen dadurch einen Führungsanspruch [gegen]über den Arbeitern haben. Der Führungsanspruch geht den fortgeschrittenen Arbeitern zu. Ahlberg: Da ich hier angesprochen worden bin, darf ich etwas zur Korrektur sagen. Diese Interpretation kenne ich, dass es eigentlich nur die Begründer sind, die dieses Bewusstsein hineintragen. Sie weisen darauf hin, dass es eigentlich ein Prozess ist. Nein, ich glaube, man kann es nicht so auffassen. Sicherlich ist das Buch Was tun? von einem sehr deutlichen Misstrauen gegen die Intelligenz, auch gegen die revolutionäre Intelligenz durchwaltet. Dieses Misstrauen versucht Lenin dadurch auszuschalten, dass er die Intelligenz in eine bestimmte Parteiorganisation integriert. Intelligenz außerhalb der Partei bleibt ihm selbstverständlich – auch die sozialistische – suspekt. Erst innerhalb der Partei neuen Typus kann sie jene Rolle der permanenten Erziehung im Prozess – wie Sie gesagt haben – ad infinitum ausüben. Es ist also nicht einmaliger Akt, sondern es ist ein ständiger, permanenter Akt der Führung und Erziehung im Rahmen dieser Partei neuen Typus. Mandel: Unter der Kontrolle der Mehrheit der fortgeschrittenen Arbeiter. Sie finden diese Formel dutzende Male in Schriften von Lenin. Kogon: Das ist doch aber kein diametraler Gegensatz. Negt: Nein, aber die Folgerungen sind anders. Die stalinistische Bürokratisierung wird begründet. Ahlberg: Darüber haben wir doch gar nicht gesprochen. Noch etwas und dann bin ich auch gleich am Ende. Sie haben im Grunde genommen mir historische Beispiele entgegengehalten, die eigentlich darauf hinweisen, dass Lenin tatsächlich eine welthistorische Persönlichkeit ist und dass unter seiner Ägide jene Exzesse nicht passierten, die wir später beobachten konnten. Als ich von der Übertragung des Parteimodells auf die Gesellschaft sprach, habe ich nicht an konkrete historische Ereignisse gedacht. Die sind vielfältig und die können wir uns wechselseitig vorhalten. Ich habe an die Struktur der Gesellschaft gedacht. Eine bestimmte Parteistruktur ist auf die Gesellschaftsstruktur übertragen worden. Die Struktur der Partei neuen Typus, und sie beschränkt sich ja nicht nur auf den Grundsatz des demokratischen Zentralismus, sondern sie enthält erstens, dass es die Partei ist, die einen Führungsanspruch auszuüben hat … Mandel: Zeigen Sie mir einen Satz bei Lenin über die führende Rolle der Partei beim Aufbau des Sozialismus. Einen einzigen Satz. Ahlberg: Selbstverständlich geht das aus dem Sinn seiner Schrift hervor, indem ja nun einfach gesagt ist, dass diese Arbeitermasse hinter der Entwicklung und hinter den Zielen, die die Partei zu setzen hat, hinterherhinkt. Sie muss erzogen werden. Es geht ja um die Entwicklung nach der Revolution. Ich denke, unsere Diskussion ist ja nun schon weiter fortgeschritten. Sie bringen einige Argumente, die dagegen sprechen: unter der Kontrolle der Arbeiterbewegung. Aber diese Sätze sind natürlich ineffektiv, wenn Sie die abgeschlossene Struktur dieser Leninʼschen Parteikonzeption einmal erwägen. Das Beharren auf diesem Gedanken ist durchaus keine idealistische Interpretation der Geschichte, denn dieses Konzept ist ja zu einer historisch existierenden Partei geworden, die nicht außerhalb der Geschichte, sondern innerhalb der russischen Geschichte wirksam geworden ist. Es ist ja ein tatsächlich empirisch nachweisbares Element, die Parteikonzeption und ihre Aktion in der russischen Geschichte, die sich dann ausgeweitet hat. Kogon: Aber welche Konsequenz wird daraus gezogen, würde ich gerne wissen. Aber Herr Fetscher will den Versuch einer Versöhnung machen. Fetscher: Ich will klarmachen, worum der Streit geht. Der Streit geht, glaube ich, nicht darum, ob der Stalinismus gerechtfertigt werden kann, sondern er geht darum, ob der Stalinismus ein genuines und sogar notwendiges Produkt der Leninʼschen Ansätze ist oder nicht. Das bestreitet sowohl Herr Negt wie auch Herr Mandel und auch ich. Ich meine, es ist überhaupt nicht zu leugnen, dass Stalin Leninʼsche Theorien aus dem Kontext herausgerissen und benützt hat, um seine Staatskonzeption zu legitimieren, und zwar eine metaphysische, eine konservative Staatskonzeption zu entwickeln. Dafür hat er auch noch andere Quellen benützt. Aber er hat unter anderem auch Lenin benützt. Das ist gar kein Zweifel. Sie [Herr Ahlberg] in Ihrer Kritik bestätigen sozusagen Stalin die Legitimität dieser Ableitungen. Wir bestreiten sie. Das ist der Streitpunkt. Ich meine, es ist keine Versöhnung, aber vielleicht eine Möglichkeit, damit man weiß, wovon wir sprechen. Kogon: Nur spricht Herr Ahlberg mehr von der Realität, die sich entwickelt hat im Zusammenhang mit theoretischen Ansätzen. Negt: Das ist die Frage, Herr Ahlberg, ich meine, für die Entwicklung des stalinistischen Parteityps, und ich glaube, dass die Herauslösung der Partei aus dem Gesamtkonzept einer revolutionären Theorie wirklich stalinistischen Ursprungs ist. Das heißt, die Verselbständigung der Revolutionstheorie zu einer reinen Parteitheorie ist ein wesentliches Element der stalinistischen Ideologie. Ahlberg: Ist das nicht aus der Situation gegeben? Negt: Ja, zweitens würde ich sagen. Ich meine, für die Entstehung des Stalinismus, und da stimmen Sie sicherlich mit mir überein, gibt es eben wirklich eine Reihe von objektiven Prozessen, die überhaupt erst möglich machten, dass so etwas wie Marxismus als Legitimationswissenschaft entstehen konnte. Das heißt, Bürokratisierung nur auf die Verengung bestimmter Parteikonzeptionen zu reduzieren, ist ja wirklich ein völlig unsoziologisches Verfahren und es widerspricht auch völlig der Realität. Das heißt, wenn wir über die Beziehung des Stalinismus zum Leninismus sprechen, dann müssten wir auch die russische Wirklichkeit beginnend mit der Kollektivierung bis hin zu den Moskauer Prozessen jetzt unter den spezifischen Weltkonstellationen, spezifischen Bedingungen der Industrialisierung in dieser Periode sehen. Das wollen wir nicht. Kogon: Nein, das wollen wir nicht. Wir wollen vielmehr die Frage – und wie mir scheint, mit Recht – untersuchen, ob es heute Situationen in der Welt gibt und wo, wo sich Leninʼsche Auffassungen, welcher Art auch immer und wie immer sie auch zu qualifizieren seien und historische einzuordnen sind, anwenden lassen bzw. angewendet werden. Skrzypczak: Ich glaube, es sind auch noch einige Probleme offen. Zunächst einmal Kampf gegen Versöhnlertum ist so einer der Momente, der Marxisten und Leninisten noch miteinander verbindet. Fetscher: Ich habe nicht versöhnt, ich habe geklärt. Skrzypczak: Sie sprachen von Versöhnung. Und ich glaube einfach, Herr Negt und Herr Mandel haben es sich in einem Punkte zu leicht gemacht. Diese Parteitheorie ist nun mal eine ganz zentrale Frage, weil es da tatsächlich um das Problem Elite und Massen geht. Herr Negt begeht einfach den methodischen Fehler, dass er Anfänge einer Bewegung und einer relativ entwickelten Bewegung vergleicht. Das ist natürlich klar, solange also der Sozialismus im ersten Entwicklungsstadium ist, ist das eine kleine – wenn Sie so wollen – Funktionselite. Da hat ein ganz kleiner Trupp ein höheres Bewusstsein. Aber die Tendenz bei Marx und Engels ist ja gerade die, diese kleine Gruppe, die fast noch eine Sekte ist, auszuweiten zur Massenbewegung. In Was tun? betont Lenin, dass diese Gruppe von Berufsrevolutionären so klein wie möglich gehalten werden soll. Mandel: Unter den spezifischen Bedingungen der Konspiration in Russland gegenüber einer Diktatur. Skrzypczak: Ja, warum aber dann 1920 …? Mandel: Da hat er es doch nicht mehr behauptet. Skrzypczak: Warum fängt dann aber dafür die Parteisäuberung an? Weil man also unzuverlässige Elemente abstoßen will. Negt: Ich meine Leute, die zum Menschewismus neigten. Da hat Lenin ganz klar gesagt: Wir können es uns nicht leisten, hier so ex cathedra eine Schlichtung der verschiedenen Auffassungen herbeizuführen. Wir müssen sie tolerieren, sofern sie als revolutionäre zu betrachten sind. Skrzypczak: Hat bereits unter Lenin die Parteisäuberung begonnen? Mandel: In der deutschen Sozialdemokratie hat es auch Parteisäuberungen gegeben. Skrzypczak: Anderer Punkt. Herr Mandel, Sie sagten, wo gibt es eine Stelle, wo der Führungsanspruch der Partei unterstrichen worden sei. Ich werde einmal nachschlagen, aber im Zweifelsfalle heißt das bei Lenin natürlich Führungsanspruch des revolutionären Proletariats, und was revolutionär ist, das bestimmt eben Lenin bzw. das Zentralkomitee. Das ist die Praxis. Aber, um auf den Kern zurückzuführen, ich würde mit Herrn Weber meinen, dass man selbstverständlich nicht die Frage stellen kann: Ist nun die ganze Fehlentwicklung zurückzuführen auf eine etwa falsche Leninʼsche Theorie? Es auf eine Theorie zurückführen zu wollen, wäre reinster Idealismus. Aber einmal hat Lenin bzw. die von Lenin geführte Partei grundlegende politische Fakten geschaffen, die dann nachher bis in unsere Zeit weiterwirkten immer wieder durch den ideologischen Rückgriff auf Lenins Zitate und eine lebendige Interpretation – so sagt man wohl – Lenins gerechtfertigt werden. Mandel: Das ist ihre Rückbeziehung auf Marx, auf Marx-Zitate. Skrzypczak: Für mich ist ein ganz entscheidendes Kriterium die freie Debatte heute in der Kommunistischen Partei. Da hat es vor wenigen Jahren ein Beispiel gegeben, wo man diese freie Debatte in der Partei geführt hat, und das wird konterkariert etwa in Ost-Berlin und mit dem Argument »Schwatzbude« oder »Diskutierklub« abgetan. Aber ich frage mich, woran liegt es, ist es denn bloß der böse Wille, ist das Ignoranz oder Festhalten? Weber: Darf ich vielleicht ein Zitat vorlesen? Ein ganz kurzes Zitat, und dann würde es mich interessieren, wer das wohl war, der sagte: »Der Sozialismus ist im zweifachen Sinne ohne die Demokratie unmöglich. Erstens, das Proletariat wird die sozialistische Revolution nicht durchführen können, wenn es sich nicht durch den Kampf für die Demokratie auf die Revolution vorbereitet. Zweitens, ohne restlose Verwirklichung der Demokratie kann der siegreiche Sozialismus seinen Sieg nicht behaupten und das Absterben des Staates für die Menschheit nicht Wirklichkeit werden lassen.« Sie haben gemerkt, dass das von Lenin stammt. Ich will damit nur sagen, weil Sie sagen: Zitat. Wenn ich mit Zitaten komme, dann würde ich also einen demokratischen Sozialismus hier aufzeigen können anhand von Lenin-Zitaten. Kogon: Man kann wirklich aus denen nahezu alles entnehmen. Weber: Das ist ja meine These und ich will damit noch unterstreichen, dass es zu nichts führt, wenn wir immer wieder Was tun? anführen. Kogon: Weil er von bestimmten Prinzipien und Maximen aus den historischen Situationen jeweils adäquat zu handeln versucht hat. Weber: Das ist doch die Größe von Lenin, die wir heute alle anerkennen. Kogon: Herr Skrzypczak hört das ungern. Skrzypczak: In dem Sinne ist Bismarck auch groß, jeder Realpolitiker. Bloß Marx war nun mal gegen die Realpolitik. Kogon: Mit der Größe ist das Stichwort gegeben. Sie zuckten zusammen bei dieser Größe und sagten: Bismarck auch. Wir wollen das also ruhig in dem Zusammenhang sehen mit den Zielen, die die Betreffenden in der Geschichte hatten. Können wir also sagen, dass Lenin, in Anerkennung all der Qualitäten, die hier herausgekommen sind, auf die Verbesserung der Bedingungen der Existenz in allem hingearbeitet hat? Skrzypczak: Das ist nicht das Kriterium. Das wollte Bakunin auch, das wollten die Anarchisten, das wollen viele. Negt: … die objektiven Bedingungen der sozialistischen Veränderungen auch in diesem System mit geschaffen hat. Industrialisierung ist eine objektive Bedingung für Sozialismus. Das Bildungssystem ist eine Bedingung. Skrzypczak: Aber das machen doch die Kapitalisten auch. Da ist die Industrialisierung noch weiter fortgeschritten. Mandel: Nicht in unterentwickelten Ländern. Da sind sie nicht mehr fähig, es zu tun. Skrzypczak: Aber wir müssen doch das als Gesamtprozess der jeweiligen ökonomischen Form nehmen. Sie können doch jetzt nicht einfach einen Spezialmarxismus für unterentwickelte Länder machen. Mandel: Im Zeitalter des Imperialismus haben Sie diesen Zustand. Das ist die Haupterkenntnis von Lenin. Weber: Dass man die Größe einer historischen Persönlichkeit wohl daran zu messen hat, was eben auch 30 oder jetzt 50 Jahre nach dem Tode dabei herausgekommen ist. Würde die Welt ohne Lenin so aussehen, wie sie jetzt aussieht? Das ist doch, glaube ich, kein Streitpunkt. Kogon: Sie meinen das im positiven Sinn. Weber: Ja, natürlich im positiven Sinn. Kogon: Ja, wenn ich alles mit einbezöge, die Partei und die Staatsorganisation nach dem Parteiprinzip. Und das alles, was Sie, Herr Skrzypczak, vom politischen Leben im Sowjetbereich gesagt haben, dann wäre das ja enorm negativ nur. Das wäre nicht positiv. Ahlberg: Die Frage ist, ob denn nur der Leninismus der Gegenwart eine Theorie und Praxis ausschließlich der Industrialisierung ist, auf der Sie immer wieder in der heutigen Diskussion beharrt haben. Ich glaube, es ist doch mehr als Industrialisierung und man kann den einfachen Tatbestand der Industrialisierung nicht immer wieder gegen den klassischen Marxismus kehren. Ich glaube, der klassische Marxismus hat in vielen Aspekten, in seinen methodischen Aspekten und in seinen Grundgedanken auch heute noch eine größere Aktualität als die Theorien Lenins, die einen mehr praktischen, organisatorischen und technischen Bezug zur Wirklichkeit eröffnen. Mandel: Ich glaube, jetzt kommen wir zu der anderen Seite des Themas, aber leider ist die Zeit fast um. Wir haben in Wirklichkeit hier zwei völlig verschiedene und beinahe sich nicht berührende Ansichten gehört. Einmal, wo man hauptsächlich von der Leninʼschen Organisationstheorie ausgegangen ist, ein anderes Mal, wo man sich beinahe ausschließlich auf die objektiven Bedingungen Russlands in Jahre 1917 bezogen hat, das heißt auf die Tragik, wie es Marx und Engels gesagt haben, einer revolutionären Partei, die zur Macht kommt, bevor die Bedingungen reif sind. Und ich möchte versuchen, beide Gesichtspunkte miteinander zu verbinden nochmals vom Ausgangspunkt dessen, was ich als die wichtigste Leninʼsche Erweiterung des Marxismus ansehe, das heißt die spezifischen Bedingungen der heutigen kapitalistischen Welt. Wenn Herr Ahlberg sagt, dass der klassische Marxismus weiterhin anwendbar ist auf die heutige Wirklichkeit, bin ich mit ihm völlig einverstanden, nur muss man diese Anwendung genau präzisieren. Ich glaube, dass sich Leninisten und die meisten klassischen Marxisten – ich kenne sehr wenige, die sich Marxisten nennen, die das nicht tun – muss man ausgehen von der Bestimmung der historischen Lage, in der sich der Kapitalismus befindet. Befinden wir uns in einer Epoche der Ausdehnung des Kapitalismus, befinden wir uns in einer Epoche der Krise des Kapitalismus, nicht nur der ökonomischen Überproduktionskrise, sondern der historischen Krise, derjenigen Krise, die Marx im Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie kennzeichnet als eine Epoche sozialer Revolutionen. Und die ganze Aktualität Lenins heute in der Welt hängt natürlich von der Antwort ab, die man auf diese Frage gibt. Wenn man bestreitet, dass wir uns heute in einer Epoche sozialer Revolutionen befinden, nämlich seit 50 Jahren, seit der russischen Oktoberrevolution, dass die russische Oktoberrevolution nur der Auftakt eines welthistorischen Prozesses war, der sich weiter fortsetzt, der sich in China, in Kuba, in Vietnam mit Erfolg weiter fortgesetzt hat, der sich in Deutschland mit Misserfolg weiter fortgesetzt hat, der wahrscheinlich heute in Frankreich und Italien dabei ist, [sich] auch in industrialisierten Ländern wieder auszudehnen, dann ist die Frage über die Aktualität Lenins ziemlich eindeutig zu beantworten. Dann muss man sagen, dass Lenin heute der aktuellste Revolutionär und der aktuellste Marxist des 20. Jahrhunderts ist, weil im Großen und Ganzen die Fragen, die er vor allem in Staat und Revolution, die er vor allem in der Frage des Rätecharakters, der höheren Form der Demokratie in der Räteherrschaft ausgearbeitet hat, von unerhörter Aktualität sind. Ich würde sagen, wenn man einen gemeinsamen Nenner finden will für das, was man in soziologischen Kreisen die Kontestation nennt, dann ist es dieser Begriff der Selbstverwaltung, der verallgemeinerten und geplanten Selbstverwaltung der Gesellschaft, der bisher seinen am schärfsten umrissenen Ausdruck in Staat und Revolution von Lenin gefunden hat. Kogon: Aber wir dürfen dabei nicht von den Mitteln absehen, die er empfohlen und praktiziert hat. Das ist ja die Frage, ob wir diese anwenden können. Mandel: Welches sind denn die Mittel? Ich will jetzt nicht wieder mit den Zitaten anfangen, aber ich könnte viele Zitate von Lenin bringen, worin Lenin unterstreicht und wiederholt, dass ohne die Unterstützung der überwältigenden Mehrheit der Lohnabhängigen, das heißt der Arbeiterklasse eine sozialistische Revolution nicht möglich ist. Und das bedeutet heute in allen industrialisierten Ländern ohne Unterstützung der Mehrheit der Bevölkerung, denn die Lohnabhängigen bilden in den meisten industrialisierten Ländern zwischen 70 und 80 Prozent der aktiven Bevölkerung. Kogon: Wodurch sich natürlich die Revolutionslehre ändern würde. Mandel: Ich weiß nicht, ob das ein Teil der Revolutionslehre ist, ob das eine Minderheit ist, die den ersten Akt macht, oder die Masse, die den ersten Akt macht. Was wichtig dabei ist, um nochmals auf die französischen Maiereignisse ʼ68 zurückzukommen und vielleicht mit einem historischen Wort zu enden, ist, dass dieselben Arbeiter, die während einiger Wochen Fabriken besetzten und dadurch zeigen, dass sie für mehr kämpfen als nur für Lohnerhöhungen, dass dieselben Arbeiter ein paar Wochen später durchaus für reformistische Parteien stimmen können. Da ist kein Widerspruch zwischen diesen beiden Aspekten der Verhaltensweise, da kommt die Revolutionstheorie zum Ausdruck. Kogon: Ja, das scheint mir nun aber schon wichtig zu sein, diese Differenzierungen wenigstens anzudeuten. Denn Sie wissen, dass im breitesten Publikum in dieser Bundesrepublik zum Beispiel ein ganz anderes Bild von der Revolution verbreitet ist. Das ist sehr facettenreich. Mandel: Gestatten Sie mir meinen letzten Satz noch. In dem Sinne möchte ich, um auch zu provozieren und obwohl nicht mehr viel Zeit da ist, sagen, dass der Stalinismus und das, was wir in Russland seit den 20er-Jahren als historisches Produkt des Menschewismus und der Sozialdemokratie erlebt haben, genauso gut als historisches Produkt des Bolschewismus angesehen werden [kann]. Denn hätte die deutsche Sozialdemokratie im November/Dezember 1918 eine andere historische Haltung angenommen, hätte sie die damaligen Möglichkeiten, die es ohne Zweifel zum Durchbruch, zur Sozialisierung in Deutschland gegeben hatte, wahrgenommen, dann hätten wir nie die Entwicklung in Russland gehabt, die später gekommen ist und die nicht nur Folge der objektiven Bedingungen in Russland ist, sondern auch der Isolierung der Russischen Revolution. Kogon: Der letzte und lange Satz war es. Herr Skrzypczak, ich möchte Sie sehr bitten, diese letzte Brandfackel nicht aufzunehmen. Skrzypczak: Dann sage ich bloß, sie richtet sich von selbst. Fetscher: Ich möchte auch versuchen, zu einer abschließenden Würdigung zu kommen, und zwar in zwei Richtungen. Einerseits ist es zweifellos doch so, dass die Entwicklung des Sozialismus in der Sowjetunion und China – um die beiden größten Beispiele zu nehmen – und wie auch in seinem letzten Buch von Garaudy[28] betont wird, unter der Doppelaufgabe des Aufbaus des Sozialismus und der Überwindung der Unterentwicklung stand und dass aus dieser Doppelaufgabe eine extreme Zentralisation unter Bürokratisierung und Militarisierung der Gesellschaft resultierte, die zwar gerechtfertigt wurde im Falle des Stalinismus durch einen Rückgriff auf einen dogmatisierten Leninismus, die aber doch im Wesentlichen aus bestimmten historischen Situationen sich ergeben hat und nicht aus einem ideologischen Irrtum. Zwangsläufig oder nicht zwangsläufig, das will ich mal dahingestellt sein lassen. Nun aber hat sich heute, und das ist, glaube ich, was man als die Tragik oder die Krise des Leninismus außerhalb dieser siegreichen sozialistischen Parteien ansehen kann, eine Situation ergeben, in der die Übertragung des dort entwickelten, stagnierenden und dogmatisierenden Modells auf die westlichen Industrieländer Frankreich und Italien zum Beispiel zu in höchstem Maße unerwünschten Folgen geführt hat, nicht nur zur Niederwerfung eines, dem westlichen System und den westlichen Traditionen angemesseneren Modell in der Tschechoslowakei, sondern auch zum Zwang gegen die kommunistischen Parteien Spaniens, Griechenlands, Finnlands und anderer durch die Sowjetunion. Ich wollte nur darauf hinweisen, dass in dem letzten Buch von Roger Garaudy Toute la vérité unter Bezugnahme auf Luigi Longo[29] erklärt wird, dass man am Beispiel Jugoslawiens sehen könnte und am Beispiel auch der KPI,[30] dass es vorstellbar ist und angestrebt werden soll, in den entwickelten Ländern einen Sozialismus, in dem nicht die Arbeiterklasse als historisches Subjekt durch die Partei, die Partei durch den Apparat, der Apparat durch die leitenden Personen substituiert wird, und dass hier also eine Gefahr in der fehlenden Bereitschaft der Sowjetunion besteht, Revolutionen, die nicht ihrem eigenen Modell – das unter bestimmten Umständen eben in dieser deformierten Form entstanden ist – entsprechen, zu unterstützen, sondern sie zu unterdrücken. Da würde ich sagen, hat Garaudy zweifellos Recht, wenn er Lenin jetzt als Autorität für die differenzierten Kampfformen in den verschiedenen Ländern der Welt in Anspruch nimmt und sich dagegen wehrt, dass eine unter marginalen Bedingungen entwickelte Kampfform nun verallgemeinert wird. Kogon: Herr Fetscher, wenn das, was der hier aus der Kommunistischen Partei Frankreichs ausgeschlossene Garaudy sagt, angewandt werden könnte, dann ergäbe sich für Sie daraus die Konsequenz der Möglichkeit der Zusammenarbeit mit allen auf Reformen, welcher auch immer, gerichteten Kräfte der Gesellschaft. Fetscher: Jedenfalls in den industriell entwickelten Ländern. Kogon: Also der Rückbezug auf Lenin wäre dann zwar auch wieder eine Rechtfertigung, aber wir haben ja schon gesagt, dass das auch für diesen Teil möglich wäre. Fetscher: Nicht auf den Buchstaben, sondern den Geist des Leninismus. Auf den Geist Lenins. Ich würde überhaupt den Terminus Leninismus vermeiden. Weber: Ich möchte das noch etwas erweitern. Zunächst umgekehrt. Ich bin nicht ganz so optimistisch wie Herr Mandel, was die Bedeutung der Leninʼschen Revolutionstheorie generell für die heutige Zeit angeht, weil mir scheint, dass bei Lenin vielleicht doch eine zu starke Sicht der Russischen Revolution bei seinem Weltrevolutionsmodell eine Rolle spielte. Dass er zwar wusste, dass es vom Feudalismus zum Kapitalismus die verschiedensten Formen angenommen hatte. Die Französische Revolution war eigentlich nur der kleine Ausnahmefall, wenn auch der radikalste Schnitt. Warum sollte nun ausgerechnet ein Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus in sehr viel ähnlicheren Formen eben dieser geplanten Revolution sich vollziehen. Also da wäre ich doch etwas pessimistisch. Aber eine andere Bedeutung Lenins, die mir sehr viel wichtiger erscheint, ist die einfach in den sozialistischen Staaten selbst. Ich glaube, wenn man davon ausgeht, dass doch dort etwas in Bewegung geraten ist seit dem Tode Stalins, dann kann man doch gar nicht die ideologische Rolle überschätzen, die Lenin dabei spielt. Natürlich weiß ich, wissen wir alle, dass das nicht der Grund dieser Änderungen ist, aber dass das als Transformation dieser Veränderungen, dass eben solche Vorstellungen eines demokratischen Kommunismus, die hier heraussprechen, gerade bei dem Versuch, Demokratie hier hineinzubringen in diese sozialistischen Länder, dass das eine Bedeutung Lenins zeigt, die wir eigentlich gar nicht überschätzen können. Und da, glaube ich, ist vielleicht sogar für die nächsten 10 oder 20 Jahre die wichtigste Bedeutung Lenins zu sehen, denn dort ist er bekannt. Dort kennt jeder Schuljunge Lenin, und irgendwann wird er auch Staat und Revolution lesen und wird sehen, dass seine Wirklichkeit so ganz anders geartet ist. Dann ist die Frage: Wie kann man das ändern? Und heute sieht eine Änderung anders aus als im damaligen rückständigen Russland von 1919 oder 1920. Kogon: Sie haben noch das Bedürfnis, ein abschließendes Wort zu sprechen? Ahlberg: Ich möchte eigentlich nur noch eine kleine Korrektur anbringen zu dem, was Herr Mandel zur Apologie des Leninismus gesagt hat unter Bezugnahme auf das Buch Staat und Revolution. Sie sprachen gewissermaßen, dass als ein Ergebnis dieses Buches der Gedanke der freien Selbstverwaltung herausgekommen sei. Ich glaube, dieser Gedanke ist ein genuin marxistischer Gedanke. Er findet sich sowohl bei Friedrich Engels als auch bei Marx. Mandel: Aber die haben kein Buch darüber geschrieben. Ahlberg: Das ist nun keine besondere Qualität, die Lenin in den Marxismus eingeführt hat, sondern dieses Buch ist ja eigentlich nur dazu geschrieben worden, ganz bestimmte Ideen des Marxismus zu restaurieren. Das ist nun nicht das Besondere an ihm, sondern das ist eigentlich nur die Tradierung einer Idee, die seit dem Kommunistischen Manifest in der kommunistischen Bewegung lebendig war. Kogon: Aber für alle, die die Freiheit wollen, auch gerade die politische Freiheit, ökonomisch begründet, ist das natürlich ein wertvoller Ansatz. Darin sind Sie doch einig. Das wäre immerhin ein Punkt, den ich registrieren darf. Es ist doch sehr schön, dass Sie doch in einem Punkt einig sind. Meine Damen und Herren, wir haben also versucht, in einer sehr ausgiebigen und qualifizierten Debatte, die in viele Bereiche geleuchtet hat, ein Bild von der Bedeutung dieser gewaltigen Figur – nun sage ich dieses Wort – der neueren Geschichte zu geben. Ein eindeutiges Bild konnten wir nicht erarbeiten, aber vielleicht haben wir das auch untereinander gar nicht erwartet. Ich hoffe nur, dass wir beitragen konnten zur Ihrer eigenen Urteilsbildung. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.   [1] Erstsendedatum, Westdeutscher Rundfunk, 24. April 1970. [2] Sithu U Thant: Greeting to the international symposium »V.I. Lenin and the problems of development of science, culture and education«, 6. April 1970, S. 1 f., Operational Files of the Secretary-General: U Thant: Speeches, Messages, Statements, and Addresses – not issued as press releases, United Nations Archives, S-0885-0006. [3] Siehe Christopher Osakwe: The Participation of the Soviet Union in Universal International Organizations. A Political and Legal Analysis of Soviet strategies and Aspirations inside ILO, UNESCO and WHO, Leiden 1972, S. 150 f. [4] Marie-Pierre Herzog: Lenin and Education, Science, Culture, in: The UNESCO Courier, 23 (July 1970), S. 4 f. [5] Die Hintergründe für die Zusammensetzung der Diskussionsrunde sind unklar. Das Archiv des WDR hat auf Anfrage mitgeteilt, dass keine Unterlagen zur Sendung und auch keine Zuschauerreaktionen vorhanden sind. [6] Im Folgenden wird der Wortlaut der Diskussion wiedergegeben. Fehler in der Transkription können aufgrund der teilweise schwierigen Tonverhältnisse und Kameraführung leider nicht ausgeschlossen werden. [7] Die Aussage bezieht sich auf die Niederschlagung des »Prager Frühlings« am 21. August 1968 durch Truppen des Warschauer Pakts unter sowjetischer Führung. [8] Gemeint ist der Friedensvertrag von Brest-Litowsk zwischen Russland und den Mittelmächten am 3. März 1918. [9] Anatoli W. Lunatscharski (1875–1933), 1917 bis 1929 Volkskommissar für das Bildungswesen in der Regierung der Bolschewiki. [10] Die Aussage bezieht sich auf die Februarrevolution, die am 23. Februar 1917 (nach dem julianischen Kalender) bzw. 8. März (nach dem gregorianischen Kalender) in Russland ausbrach. In der Folge der Februarrevolution wurde die Zarenherrschaft in Russland beseitigt. [11] Trotzki, mit bürgerlichem Namen Lew Dawidowitsch Bronstein (1879–1940), zentraler Theoretiker des Marxismus, Begründer des Trotzkismus, eine der Führungsfiguren der Bolschewiki in der Oktoberrevolution, u.a. Volkskommissar des Auswärtigen und für das Kriegswesen. Nach der Niederlage im Machtkampf mit Stalin war er seit 1929 im Exil. 1940 wurde Trotzki auf Stalins Befehl im mexikanischen Exil von sowjetischen Geheimagenten ermordet. [12] Die Aussage bezieht sich auf die Proteste von linken Studenten in Paris, die im Mai 1968 ihren Höhepunkt erreichten. Ausgehend von der Universität Sorbonne breiteten sich die Proteste, die schließlich in einem Generalstreik gipfelten, auf das ganze Land aus. [13] Die Volkstümler (russisch: Narodniki) waren eine Bewegung vornehmlich sozialrevolutionär gesinnter Intellektueller, die aufs Land zogen, um die Bauernschaft mit den Ideen des Sozialismus vertraut zu machen. [14] In dem von Lenin im August und September 1917, also kurz vor der Oktoberrevolution, verfassten Werk beschreibt er die Rolle des Staates im Kapitalismus und wie dieser durch die sozialistische Revolution abgeschafft wird. [15] Der Blanquismus geht auf die Ideen von Louis-Auguste Blanqui (1805–1881) zurück. Blanqui ging davon aus, dass eine sozialistische Revolution keine Massenbasis braucht, sondern von einer kleinen, konspirativ agierenden Gruppe ausgelöst werden könne. [16] Bezieht sich auf die Pariser Kommune, in der nach der Niederlage im deutsch-französischen Krieg 1870/71 ein sozialistisch geprägter Stadtrat vom 18. März bis 28. Mai 1871 die Macht ausübte. [17] Hiermit ist die 1852 veröffentlichte Schrift »Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte« von Karl Marx gemeint. Marx analysiert darin den Staatsstreichs Louis Napoleons (Napoleon III.) ein Jahr zuvor. [18] Bezieht sich auf die Theorie Karl Kautskys (1854–1938), der sich in der Revisionismusdebatte gegen Eduard Bernstein positioniert hatte. [19] Wladimir Iljitsch Lenin: Über unsere Revolution, 16. und 17. Januar 1923 (geschrieben aus Anlass der Aufzeichnung N. Suchanows), in: Lenin-Werke, Bd. 33, Berlin (Ost) 1977, S. 462–465. [20] Hiermit ist das Parteiprogramm der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD, ab 1890 Sozialdemokratische Partei Deutschlands, SPD) aus dem Jahr 1875 gemeint. Auf dem Parteitag in Gotha vereinigten sich die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) und der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) zur SAPD. [21] Hier ist der US-amerikanische Journalist Louis Fischer (1896–1970) gemeint, der 1964 seine Lenin-Biografie »The Life of Lenin« veröffentlichte (dt. Ausgabe: Das Leben Lenins, Köln/Berlin (West) 1965). [22] Gemeint ist hier der Philosoph Jean-Jacques Rousseau (1712–1778). [23] Gemeint ist die Niederschlagung des »Prager Frühlings« am 21. August 1968 durch Warschauer-Pakt-Truppen unter sowjetischer Führung. [24] Gemeint ist Nadeschda (genannt »Nadya«) Konstantinowna Krupskaja (1869–1939), ab 1898 Lenins Ehefrau. Nach der Oktoberrevolution gehörte sie zu den Führungsfiguren des bolschewistischen Erziehungs- und Schulsystems. Von 1929 bis zu ihrem Tod 1939 war sie stellvertretende Volksbildungskommissarin. [25] Die Aussage bezieht sich auf die links eingestellten Befreiungstheologen, die insbesondere in den 1960er- und 1970er-Jahren in Süd- und Mittelamerika Popularität bei der armen Bevölkerung genossen. [26] Gemeint ist Wilhelm Weitling (1808–1871). Weitling wurde als Schneidergeselle Frühsozialist und später einer der ersten deutschen Theoretiker des Kommunismus. Sein Verhältnis zu Marx war von Konkurrenz geprägt. [27] Gemeint ist hier Dawid B. Rjasanow (1870–1938). Von 1920 bis 1930 war er Leiter des Marx-Engels-Instituts in Moskau. [28] Gemeint ist Roger Garaudy (1913–2012). Der französische Philosoph wurde nach anhaltender Kritik an der prosowjetischen Linie 1970 aus der Kommunistischen Partei Frankreichs ausgeschlossen. [29] Luigi Longo (1900–1980) war seinerzeit Generalsekretär der Kommunistischen Partei Italiens. [30] Kommunistische Partei Italiens. Die Partei begann im Zuge der Niederschlagung des »Prager Frühlings« 1968 einen Reformkurs, der in den späteren Eurokommunismus mündete.

JHK 2017

Die Provisorische Regierung im Frühjahr 1917: Auf dem Weg zum Allgemeinwohl

Fedor A. Gajda

Die Historiografie zur Februarrevolution und Provisorischen Regierung ist geprägt von einer festen Vorstellung sowohl des bürgerlichen Charakters als auch der Politik der neuen Machthaber und beruht auf der Einschätzung der russischen Sozialisten jener Zeit. Sie ließen sich dabei von der Zusammensetzung der ersten Regierung (März bis Mai 1917) leiten, die hauptsächlich aus »bürgerlichen Liberalen« bestand. Die Ereignisse der Revolution bildeten die Basis für die Macht der neuen Regierung. Es kam zu einem Bruch mit der politischen Tradition, der sowohl aus den revolutionären Verhältnissen des Jahres 1917 als auch aus den Vorstellungen der Politiker resultierte, die nun Minister waren. Die Februarrevolution wurde von demokratischen und sozialen Losungen begleitet. Ursachen für die revolutionäre Bewegung waren der andauernde Krieg und die allgemeine Verschlechterung der Lebensverhältnisse. Beides führte zu einem entscheidenden Prestigeverlust der früheren Machthaber; von großer Bedeutung waren auch die Frage der Landreform und die nationale Frage, die beide ungelöst waren. Zu den Hauptakteuren zählten Soldaten der rückwärtigen Standorte, hauptsächlich einberufene Bauern, sowie Arbeiter und Angehörige der Intelligenzija. Die Aufständischen demonstrierten gegen die Monarchie, die durch Gerüchte über Verrat, die Übermacht »dunkler Kräfte« und ausufernde Korruption in Misskredit geraten war, gegen Inflation und Lebensmittelkrise sowie für die Einführung des Achtstundentages und Lohnerhöhungen. Nach dem Sturz der Monarchie rückten die sozialen Forderungen rasch in den Vordergrund.[1] Nach dem Sturz des Zaren setzte die Bauernbewegung ein und brachte Ländereien der Gutsherren in ihren Besitz.[2] Zeitgleich wurde eine autonome Bewegung in den nationalen Randgebieten aktiv. Nach dem Sieg der Revolution in Petrograd wurden am 27. Februar/12. März (julianischer/gregorianischer Kalender) 1917 im Taurischen Palais (dem Sitz der Staatsduma) zwei Revolutionsorgane gebildet: Das Provisorische Komitee der Staatsduma, das alle Dumafraktionen mit Ausnahme der Konservativen repräsentierte, und der Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten, der anfangs einige Dutzend sozialistische Angehörige der Intelligenzija umfasste, aber rasch mit Vertretern der städtischen Fabriken und Truppenteile aufgefüllt wurde. Einige Stunden später trat das Provisorische Komitee in Kontakt mit Offizieren des Standortes und anschließend mit verschiedenen Ministerien und diplomatischen Missionen. Der Petrograder Sowjet erklärte sich zur Vertretung der »revolutionären Demokratie«. Im ganzen Land begann die Einrichtung von Sowjets. Im Mai wurde der I. Gesamtrussische Kongress der Sowjets der Bauerndeputierten einberufen, im Juni der I. Gesamtrussische Kongress der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Die Bildung der Provisorischen Regierung erfolgte am 2./15. März, wenige Stunden vor der Abdankung des Zaren, nach Verhandlungen des Provisorischen Komitees und des Petrograder Sowjets. Der Petrograder Sowjet stimmte der Bildung einer »bürgerlichen« Regierung zu, stellte mit Blick auf das Regierungsprogramm allerdings folgende Bedingungen: eine vollständige politische und religiöse Amnestie, bürgerliche Freiheiten (auch für Soldaten), die Aufhebung aller auf Standeszugehörigkeit, Nationalität und Religion beruhenden Einschränkungen, die Aufstellung einer (den vollkommen demokratisierten Organen der Selbstverwaltung unterstellten) Volksmiliz, den Nichtabzug der revolutionären Garnison aus der Hauptstadt, die Verkündung einer demokratischen Republik und die unverzügliche Einberufung der Konstituierenden Versammlung. Wie der Menschewik N. N. Suchanov feststellte, befürchteten die Liberalen, dass der Sowjet einen Kurs in Richtung eines »demokratischen Friedens« (ohne Annexionen und Kontributionen) verkünden würde – doch nichts dergleichen geschah, was die Atmosphäre während der Verhandlungen deutlich entspannte.[3] Das Verhalten der führenden Sowjetmitglieder war verständlich: Ein derartiger Kurs hätte wahrscheinlich konterrevolutionäre Aktionen des Hauptquartiers provoziert und war deswegen für den Sowjet aus taktischen Gründen ungünstig. Daher beschränkte er sich auf die Herausgabe des Befehls Nr. 1 über die Aufhebung der militärischen Disziplin, die bereits am 1./14. März erfolgt war. Insgesamt betrachtet, entsprachen die Forderungen des Petrograder Sowjets dem Programm der liberalen Konstitutionell-Demokratischen Partei (Kadetten-Partei), deren Vertreter das Rückgrat in der ersten Zusammensetzung der Provisorischen Regierung bildeten. Die Kadetten wiesen keine Ähnlichkeit zu den heutigen Liberalen auf, sie sind deutlich weiter links einzuordnen. Die Ideologie der Partei aus der Zeit vor der Revolution kann als »sozialer Liberalismus« charakterisiert werden. Die Kadetten traten für die Rechte und Freiheiten des Bürgers sowie für die Prinzipien der Volkssouveränität, der Rechtsstaatlichkeit, des Konstitutionalismus und des Parlamentarismus ein. Als wichtigster Garant für die Rechte sollte – nach Vorstellung der Kadetten – der Staat auftreten, weshalb sie sich für die staatliche Einheit Russlands mit kultureller Autonomie der nationalen Minderheiten einsetzten. Als bevorzugte Regierungsform galt die konstitutionelle Monarchie, wenngleich in der Partei auch republikanische Ideen stark vertreten waren.[4] Die Anwendung staatlicher Gewalt als gezielte Politik gegenüber den Bürgern wurde von den Kadetten abgelehnt. Sie traten für eine evolutionäre Entwicklung der Gesellschaft ein und standen der Möglichkeit einer politischen Revolution offen gegenüber. Die Revolution an sich wurde als Bestandteil der gesellschaftlichen Entwicklung betrachtet: Sie war nicht zu vermeiden, widersetzte sich die »alte Ordnung« der unausweichlichen Entwicklung der Gesellschaft in demokratischer Richtung. Zugleich war man in der Partei der Ansicht, dass jede weitreichende Revolution in der Vergangenheit unweigerlich zu einer Konterrevolution und Restauration geführt hatte, wodurch der gesellschaftliche Fortschritt aufgehalten worden war. Das Parteiprogramm beinhaltete soziale Forderungen (Einführung des Achtstundentages, Veräußerung eines Teils des Gutsherrenbesitzes gegen eine Ablösesumme zugunsten der Bauern) und erklärte das Privateigentum für nicht unantastbar. Die Kadetten hielten sich für eine »über den Klassen« stehende Partei, wenngleich sie von den Sozialisten als »bürgerliche« Partei eingeschätzt wurden. Von Historikern wird jedoch das widersprüchliche Verhältnis zwischen den Kadetten und der russischen Bourgeoisie hervorgehoben.[5] Bereits am 1./14. März wies das Zentralkomitee der Kadetten das Provisorische Komitee der Staatsduma auf die Notwendigkeit hin, eine Amnestie für politische und religiöse Vergehen zu verkünden, und am 2./15. März erklärte es »die bedingungslose Abdankung bzw. Thronenthebung Nikolausʼ II. für unumgänglich«.[6] Doch bei den Verhandlungen mit dem Sowjet protestierte der Anführer der Kadetten, P. N. Miljukov, gegen den Absatz über die unverzügliche Ausrufung der Republik und wies darauf hin, »dass es für ihn der einzige inakzeptable [Absatz] ist, während sich über die übrigen Einverständnis erzielen lässt«. Daraufhin stellte Suchanov ihm die Frage: »Sie hoffen doch wohl nicht [...], dass die Konstituierende Versammlung die Monarchie in Russland beibehalten wird? Ihre Bemühungen sind doch sowieso zum Scheitern verurteilt.« Worauf Miljukov antwortete: »Die Konstituierende Versammlung mag beschließen, was sie will. Wenn sie sich gegen die Monarchie ausspricht, dann kann ich gehen. Doch jetzt musste ich bleiben. Denn wäre ich jetzt nicht hier, gäbe es überhaupt keine Regierung. Und wenn es keine Regierung gibt, dann [...] Das wissen Sie selbst [...]« Gleichzeitig waren die übrigen Vertreter des Provisorischen Komitees nicht einmal gewillt, für das zu kämpfen, worauf Miljukov bestand. Der Duma-Vorsitzende M. V. Rodzjanko wies lediglich darauf hin, dass es schwer sein werde, die Konstituierende Versammlung schnellstmöglich einzuberufen. Die Liberalen verlangten von den Sozialisten nicht einmal eine Verpflichtung zur Unterstützung der neuen Regierung, was Suchanov verwunderte.[7] Am Ende der Verhandlungen über die Frage der Regierungsform wurde Stillschweigen vereinbart, was der Politik des Petrograder Sowjets entsprach, der einen befristeten Kompromiss mit dem Provisorischen Komitee aufrechterhalten wollte.[8] Der Sowjet widersprach der Aufnahme der Sozialisten A. F. Kerenskij und N. K. Čcheidze in die Regierung, stattdessen wurde beschlossen, »einen Aufsichtsrat für die Aktivitäten der Provisorischen Regierung« einzurichten.[9] Jedoch ergriff Kerenskij bekanntlich selbst die Initiative und wurde Minister. Auf diese Weise stellte er den Sowjet vor vollendete Tatsachen. Eine Erklärung über die Zusammensetzung und die Aufgaben der neuen Regierung wurde noch am selben Tag veröffentlicht. Der Text des Dokuments wurde von Suchanov und Kerenskij unter Mitwirkung von Miljukov vorbereitet, der »nach Diktat am Textende folgsam hinzufügte: ›Die Provisorische Regierung betrachtet es als ihre Pflicht hinzuzufügen, dass sie keineswegs beabsichtigt, die Kriegsumstände in irgendeiner Weise zu nutzen, um die Durchführung der oben dargelegten Reformen und Maßnahmen zu verzögern.‹« Miljukov schlug Suchanov vor, das Dokument mit dem Titel »Vom Provisorischen Komitee der Staatsduma« (»Ot Vremennogo komiteta Gosudarstvennoj dumy«) zu versehen, doch Letzerer zog es vor, »dass man ohne irgendeine Kontinuität und ohne Rodzjanko auskommen sollte«. Miljukov gab nach.[10] Nichtsdestotrotz wurde die Erklärung auch von Rodzjanko (in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Staatsduma) und von den neuen Ministern selbst unterzeichnet. Sie trug die Überschrift: »Von der Provisorischen Regierung« (»Ot Vremennogo pravitelʼstva«). Somit gab die revolutionäre Regierung ihre Gründung selbst in einer Erklärung bekannt. Nachdem aus Pskow die Nachricht von der Abdankung Nikolausʼ II. eingetroffen war, befasste sich die Provisorische Regierung auf ihrer Sitzung mit der Frage nach ihren Vollmachten und damit, wie die Beziehungen zum Provisorischen Komitee der Staatsduma aussehen sollten. Es wurde festgestellt, dass das Reichsgrundgesetz von 1906 »nach dem Umsturz« seine Geltung verloren hatte und »es höchst zweifelhaft ist, ob die IV. Staatsduma ihre Tätigkeit wieder aufnehmen kann«. Es wurde entschieden, sich die gesamte Machtfülle anzueignen und »sowohl im Bereich der Gesetzgebung als auch in der Führung jene Normen festzulegen, die sie zum jetzigen Zeitpunkt als angemessen erachtet«. Obwohl man eine offene Einmischung des Petrograder Sowjets in die Angelegenheiten der revolutionären Regierung als »unzulässige Doppelherrschaft« betrachtete, wurde beschlossen, die Erlasse der Provisorischen Regierung mit den im Petrograder Sowjet vertretenen Meinungen vor den offiziellen Sitzungen abzustimmen.[11] Einige Stunden später wurde die Rechtsstellung der Provisorischen Regierung in der Machtverzichtsurkunde des Großfürsten Michail Aleksandrovič festgehalten. In der Eidesformel für die Mitglieder der Provisorischen Regierung, die von dieser selbst am 11./24. März bestätigt wurde, hieß es: »Gemäß der Pflicht eines Mitglieds der Provisorischen Regierung, die durch den Willen des Volkes und auf Initiative der Staatsduma zustande gekommen ist, verpflichte ich mich und schwöre bei Gott dem Allmächtigen und vor meinem Gewissen, dem Volk des russischen Staates zuverlässig und gewissenhaft zu dienen und dabei seine Freiheit und seine Rechte, seine Ehre und Würde zu heiligen und zu bewahren, in allen meinen Taten und Verfügungen die Grundsätze der bürgerlichen Freiheit und der Gleichheit der Bürger unerschütterlich zu beachten und mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln jeglichen Versuch, das alte Regime direkt oder indirekt wiederherzustellen, zu unterdrücken.«[12] Während die Staatsduma von nun an in den Hintergrund trat, kam es zwischen der Regierung und dem Petrograder Sowjet im März/April zu einer engen Zusammenarbeit. Alle Beschlüsse des Sowjets, die von diesem in den ersten Tagen der Revolution ausgearbeitet worden waren (Befehl über die Verhaftung des Zaren und seiner Familie usw.), wurden von der Regierung unterstützt.[13] Der Sowjet entsandte seine Kommissare in die Ministerien und andere Einrichtungen. Er erhielt die Möglichkeit, an ressortübergreifenden Beratungen teilzunehmen.[14] Die Petrograder Garnison, die Verteilung der Staatsfinanzen und der Lebensmittel für die Hauptstadt gingen in die gemeinsame Rechtshoheit von Regierung und Sowjet über.[15] Die Regierung bemühte sich über die am 10./23. März gebildete Kontaktkommission um den Aufbau solider Kontakte zum Sowjet. Vonseiten der Regierung gehörten der Kommission die den Sozialisten nahestehenden Minister M. I. Tereščenko und N. V. Nekrasov an.[16] Die bedeutende Rolle der Kommission wurde sowohl von Vertretern der Regierung (V. D. Nabokov) als auch des Sowjets (N. N. Suchanov) anerkannt.[17] Es wurden Varianten einer möglichen Vertiefung der Beziehungen zum Sowjet geprüft. In einer auf den 15./28. April datierten Aktennotiz des Duma-Abgeordneten A. F. Mejendorf über die Einstellung des Ministerpräsidenten Fürst G. E. Lʼvov zum 1. Gesamtrussischen Sowjetkongress heißt es: »Der Gesamtrussische Kongress der Soldaten-, Arbeiter- und Bauerndeputierten, der gerade vorbereitet wird, wird entschlossen vorgehen und möglicherweise das entscheidende Hilfsmittel im Kampf gegen die anarchistischen Tendenzen sein. Seine Rolle als repräsentative Institution der russischen Demokratie wird durch keinerlei juristische Erwägungen infrage gestellt werden können. Aus meiner Sicht werden die große Teilnehmerzahl und die verschiedenartige Zusammensetzung des Kongresses wahrscheinlich dazu führen, dass unterschiedliche Strömungen hervortreten, von denen viele einflussreiche Gruppen dem Programm der Provisorischen Regierung nahestehen werden. In Anbetracht dessen erscheint es wünschenswert, ruhige und klare, wohlwollende Beziehungen zu diesem Kongress herzustellen, und eine gewisse Beteiligung der Provisorischen Regierung und der Staatsduma an ihm wird nicht schaden [...]«[18] In seiner Resolution vom 11./24. März bekundete der Petrograder Sowjet seine definitive Unterstützung für die Regierung und ihren auf die Bekämpfung der Konterrevolution und die Demokratisierung abzielenden Kurs – und zwar insoweit, »als sie im Einvernehmen mit dem Sowjet beharrlich die Konsolidierung der Errungenschaften der Revolution und die Ausweitung dieser Errungenschaften verfolgen wird«[19] – und erklärte, dass er seinerseits die »revolutionäre Kontrolle« ausüben werde; dasselbe taten auch die Gesamtrussische Sowjetkonferenz,[20] die Petrograder und die Moskauer Konferenz der Sozialrevolutionäre; ebenso dachten die Narodniki-Sozialisten, die Menschewiki, die Gruppe »Einheit« und – bis Ende März – auch das Petrograder Komitee der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands(B) (SDAPR(B)). Sie riefen zur Unterstützung der Regierung auf und erkannten ihre formale Alleinherrschaft sowie ihren reformatorischen und sogar revolutionären Charakter an.[21] Ausgangspunkte der Regierungsmacht waren nach Ansicht der menschewistischen Rabočaja gazeta die »revolutionäre Armee und das Volk«.[22] Die Konstitutionell-Demokratische Partei bildete die grundlegende Stütze der neuen Machthaber. Sie war die einzige liberale Partei in Russland, die bis Februar 1917 Teile ihrer russlandweiten Organisation bewahrt hatte. Die Revolution führte zum Wiederaufleben der Partei. Im März/April gab es landesweit bereits mehr als 380 Kadetten-Organisationen, die Mitgliederzahl der Partei stieg auf insgesamt 70 000. Vertreter der Partei waren aktiv an der Revolution beteiligt, sie gehörten der Regierung und ihren Strukturen an. Viele Gesetze, die im März und April verabschiedet wurden, waren in dieser Phase namentlich von den Kadetten in Windeseile vorbereitet worden. Auf dem 7. Parteikongress (25.–28. März/7.–10. April) wurde die Gründung einer »demokratisch-parlamentarischen Republik« in Russland einstimmig zur wichtigsten Aufgabe erklärt. »Die Republik existiert de facto bereits«, konstatierte F. F. Kokoškin in seiner Rede.[23] Ferner hob Kokoškin hervor, dass die Kadetten ursprünglich nicht nur »das liberale, das befreiende« und das »demokratische« Prinzip verfochten hätten, sondern auch »auf dem Boden des Sozialismus« stünden. »Die Verwirklichung der Grundsätze sozialer Gerechtigkeit und umfassender Reformen zur Erfüllung der gerechten Forderungen der werktätigen Klassen« sei stets – so die Worte des Redners – eine Forderung der Kadetten-Partei gewesen. »In diesem Punkt unseres Programmes haben wir uns auf den Boden der sozialistischen Weltanschauung begeben, natürlich nicht [...] in dem Sinne, dass wir eine gewaltsame Änderung der Wirtschaftsordnung durch Ergreifen einer politischen Diktatur für möglich erachten, sondern auf der Grundlage einer Weltanschauung, die davon ausgeht, dass die Menschheit allmählich in eine neue soziale Ordnung hineinwächst und dass die Aufgabe der demokratischen Parteien darin besteht, mit allen Mitteln der staatlichen Einwirkung dazu beizutragen, dass dieser Prozess so erfolgreich, so schnell und so schmerzlos wie möglich verläuft«, so Kokoškin.[24] Der bekannte Philosoph N. O. Losskij schlug sogar vor, einen ausführlichen Leitsatz über das Bekenntnis zur Idee eines »evolutionären Sozialismus« in das Parteiprogramm aufzunehmen.[25] Fürst D. I. Šachovskoj bestand auf der Notwendigkeit, »nach Möglichkeit einen Block mit den Linksparteien zu bilden« und »nach Absprache mit diesen den planmäßigen Einsatz der amorphen Volksmassen im Interesse der Revolution zu fördern«. Seiner Meinung nach sollten sich die Kadetten »ruhig in die Mitte dieser Massen begeben, um dort Anhänger zu gewinnen, deren Leben in Ordnung zu bringen und mitunter auch um von diesen Massen etwas zu lernen«.[26] Der 8. Kongress (9.–12./22.–25. Mai) beschloss die Prinzipien »einer demokratisch-parlamentarischen Republik«, der Machtübertragung auf die lokalen Selbstverwaltungsorgane sowie der Landnutzung durch die Werktätigen und trat für die vollkommene Unabhängigkeit Polens ein.[27] Auf diese Weise verwandelten sich die Kadetten in eine gemäßigt sozialistische Partei. Außerdem unterstützte der Kongress die neue Koalitionsregierung.[28] Am 9./22. März bildete der Minister für Handel und Industrie (und Großunternehmer), A. I. Konovalov, auf Beschluss der Regierung die Abteilung Arbeit beim Ministerium für Handel und Industrie (zu der insbesondere Vertreter des Petrograder Sowjets und des Sowjets der Handels- und Industriekongresse gehörten), die sich eilig an die Ausarbeitung einer Arbeitsgesetzgebung machte und im Anschluss auch deren Einhaltung überwachen sollte; der Minister stimmte der Einführung des Achtstundentages in den privaten Fabriken Petrograds am 10./23. März zu und beschloss, diesen auch in den staatseigenen Werken der Hauptstadt (einschließlich der Rüstungsbetriebe) einzuführen.[29] Im März 1917 war der Achtstundentag bereits eigenmächtig in den 28 größten Industriezentren eingeführt worden.[30] Am 20. März/2. April verabschiedete die Provisorische Regierung das Gesetz über die Kooperativen und ihre Verbände. Am 12./25. April folgte ein Gesetz über Versammlungen und Verbände. Beide Gesetze ermöglichten der Bevölkerung souveränes Handeln. Der Minister für das Eisenbahnwesen, N. V. Nekrasov, gründete bei der Bahn öffentliche Sowjets, denen er die unmittelbare Leitung übertrug.[31] Das wesentliche Ziel dieser Politik kam in einer Rede Nekrasovs zum Ausdruck, die er am 27. März/9. April auf dem 7. Parteitag der Kadetten hielt: »Im Wesentlichen geht es jetzt darum, die Idee der Revolution, den Triumph der Demokratie und den Gedanken der Volkssouveränität so rasch wie möglich in allen möglichen Formen umzusetzen.«[32] Wie der Menschewik Ju. M. Steklov feststellte, »würde dasselbe Programm, das derzeit von der Provisorischen Regierung unter dem Beifall der gesamten russischen Bourgeoisie umgesetzt wird, bei den führenden Klassen auf heftigsten Widerstand stoßen, wenn wir es im Namen des Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten umsetzen würden.«[33] Die »gemäßigte« Gruppe innerhalb der Regierung, zu der Kriegsminister A. I. Gučkov, Außenminister P. N. Miljukov, Landwirtschaftsminister A. I. Šingarev sowie der Minister für finnische Angelegenheiten, F. I. Rodičev, gehörten, war klar in der Minderheit. Ihre Abgrenzung von den »Linken« bezog sich nicht auf die Grundsätze der Staatsführung; hier verbanden sie gemeinsame Vorstellungen und der Wunsch, die »alte Ordnung« für immer abzuschaffen. Die reformatorische Arbeit sowohl der »Gemäßigten« als auch der »Linken« fand unter dem Dach einer »umfassenden Demokratisierung« statt. Aufgrund des Verdachts, sie seien Anhänger der »alten Ordnung«, setzte Gučkov 60 Prozent der Generäle und Admiräle ab, darunter acht Oberbefehlshaber der Fronten und Armeen, 35 von 68 Kommandierenden Generälen der Korps und 75 von 240 Divisionschefs.[34] Šingarev führte ein staatliches Getreidemonopol und Brotkarten ein und ließ unbearbeitetes Land konfiszieren. Am 21. April/4. Mai beschloss die Regierung auf Vorschlag des Landwirtschaftsministers den Erlass über die Bildung örtlicher gewählter Bodenkomitees, denen der gesamte zur landwirtschaftlichen Nutzung vorgesehene Boden übergeben wurde; bis zur Einberufung der Konstituierenden Versammlung wurden Landverkäufe verboten.[35] Nachdem er im Mai Finanzminister geworden war, initiierte Šingarev am 12./25. Juni eine Erhöhung der Einkommenssteuer und die Einführung einer Surplusprofitsteuer.[36] Diese wurde von der Bourgeoisie heftig kritisiert. Der 1. Gesamtrussische Kongress der Vertreter von Industrie und Handel (19.–22. März/1.–4. April) kritisierte die Agrarpolitik der Provisorischen Regierung und insbesondere den Entwurf für die Einführung des Getreidemonopols heftig und forderte von der Regierung, der Übermacht der Sowjets im Zentrum und auf lokaler Ebene Einhalt zu gebieten und die eigenmächtige Einführung des Achtstundentages in den Fabriken in Kriegszeiten auszusetzen.[37] Einer der einflussreichsten Vertreter des Handels- und Industriesektors, S. I. Četverikov, warnte die Regierung ohne Umschweife, dass diese Maßnahme umgehend zu einem Produktionsrückgang um 20 Prozent führen würde.[38] Dennoch blieben Korrekturen an der Regierungspolitik aus. Völlig entzweit waren »Gemäßigte« und »Linke« in Fragen des künftigen Verhältnisses zum Sowjet und der Endziele des Krieges. Der Plan Gučkovs bestand darin zu versuchen, »die Ordnung im Lande wiederherzustellen« (notfalls auch mit Gewalt) und das Land zur Konstituierenden Versammlung zu führen.[39] Wie Gučkov jedoch selbst einräumte, stieß seine Position bei der Mehrheit der Regierungsmitglieder auf Ablehnung und wurde daher nicht verwirklicht: Der Kriegsminister konnte sich nicht zum Einsatz von Truppen durchringen.[40] Ein Beamter der Abteilung Rechtsberatung im Außenministerium, G. N. Michajlovskij, erinnerte sich folgendermaßen an seine Gespräche mit Miljukov im März und April: »Er sagte [...], dass die Lage sehr ernst sei, weil die Linken ›großen Druck‹ ausübten, und dass die einzige objektiv mögliche Taktik darin bestehe, ›links zu reden‹, um sich an der Macht zu halten und später bei günstiger Gelegenheit ›die Bewegung zu übernehmen‹ [...] Die Revolution müsse zusammengepresst werden, solange man sie nicht stoppen könne.« Doch Michajlovskij räumte ein: »Ich und auch meine älteren Kollegen hatten nicht den Eindruck, dass es Miljukov mit seiner ausgeklügelten Taktik gelingen könne, sich den Ereignissen zu widersetzen.«[41] Eine Mitstreiterin Miljukovs im Zentralkomitee der Kadetten, A. V. Tyrkova, zweifelte ebenfalls an seinen Führungsqualitäten. Im März entschloss sie sich, Miljukov die Notwendigkeit, die »alten« administrativen Zwangsmethoden einzusetzen, in Erinnerung zu rufen. Darauf antwortete dieser: »Lieber verliere ich die Macht, als dass ich derartige Methoden anwende.«[42] Diese Haltung war nicht auf konkrete Umstände (zum Beispiel die Schwäche der Regierungsmacht) zurückzuführen, sondern auf Miljukovs eigene Weltanschauung. Über die »gemäßigten« liberalen Minister schrieb Tyrkova: »Sie hatten keinerlei Gespür für die wirkliche Lage und den wirklichen Kampf. Sie waren den liberalen Ideen und Formeln grenzenlos und unerschütterlich ergeben, die zu erstarrten Beschwörungsformeln wurden.«[43] Gerade die Position von Gučkov und Miljukov war es, die die Sozialisten mit der »bürgerlichen« Position innerhalb der Regierung gleichsetzten. Sie wurde jedoch rasch mehr und mehr zu einer Chimäre. »Von allen Ministern zeigten Nekrasov und Tereščenko das stärkste Bestreben, sich uns anzunähern, und ihre Anstrengungen stießen bei den meisten ihrer Kollegen auf Sympathie«, erinnerte sich I. G. Cereteli, der Ende März an der Spitze des Sowjets stand. Justizminister Kerenskij, Vorsitzender der Trudowiki, stellte fest: »Der führende Kern der Provisorischen Regierung [darunter verstand Kerenskij sich selbst, Nekrasov und Finanzminister M. I. Tereščenko – F. G.] war fest entschlossen, bei der ersten günstigen Gelegenheit Vertreter der Sowjets und der sozialistischen Parteien in die Regierung aufzunehmen.«[44] Ende April waren Miljukov und Gučkov isoliert, was Ministerpräsident Fürst G. E. Lʼvov Cereteli mitteilte.[45] Kerenskij hatte bereits Mitte März begonnen, im Kriegsministerium gegen Gučkov zu intrigieren: Er traf sich heimlich, ohne Wissen des Kriegsministers, mit Vertretern der für die Streitkräftereform zuständigen Kommission von General A. A. Polivanov. Der Assistent des Kriegsministers, P. A. Palʼčinskij, sah bereits zu dieser Zeit voraus, dass »Kerenskij Gučkov verschlingen wird«, was eineinhalb Monate später auch passierte.[46] Gučkov selbst, der ständig damit beschäftigt war, von einer Front zur nächsten zu fahren, wurde sehr bald von Pessimismus durchdrungen und von »einer völligen Hoffnungslosigkeit« erfasst, er erkannte, dass er gehen musste, und trat Mitte April von seinem Posten zurück.[47] Im Unterschied zu ihm verabschiedete sich Miljukov nicht auf eigenen Wunsch in den Ruhestand, sondern infolge eines gemeinsamen Beschlusses der zur Kadetten-Partei gehörenden Minister. »Ich kann reinen Gewissens sagen, dass nicht ich gegangen bin, sondern dass ich ›gegangen wurde‹«, sagte er auf der Staatskonferenz im August 1917.[48] Nach seinem Rücktritt verzichtete die Provisorische Regierung auf jegliche Gebietsansprüche als Ergebnis des Krieges und unterstützte die Idee eines »demokratischen Friedens«. Die am 6./19. Mai veröffentlichte Erklärung der Koalitionsregierung begann mit den Worten: »In der Außenpolitik lehnt die Provisorische Regierung im Einvernehmen mit dem gesamten Volk jeglichen Gedanken an einen Separatfrieden ab, sie setzt sich offen das Ziel, so schnell wie möglich einen allgemeinen Frieden zu erzielen, mit dem weder der Auftrag verfolgt wird, die Herrschaft über andere Völker zu erlangen noch ihnen ihr nationales Erbe zu nehmen oder gewaltsam fremde Territorien einzunehmen, sondern einen Frieden ohne Annexionen und Kontributionen, der die Grundsätze der Selbstbestimmung der Völker respektiert.«[49] Der amerikanische Historiker T. H. von Laue schrieb zur Führungskrise unter der »alten Ordnung«: »Nach März 1917 stellte sich die Frage, ob die neue Regierung in der Lage sein würde, die vereinbarte Regulierung effizienter und besser zu nutzen.«[50] Wenn die Zusammensetzung der Regierung analysiert wurde, stellten linke wie rechte Kritiker indessen sehr oft fest, dass die neuen Minister in derartigen Angelegenheiten »absolute Neulinge« waren.[51] Wie M. M. Novikov, ein Mitglied der Kadetten-Partei, einräumte, »bestätigte sich [...], dass es in der russischen Gesellschaft nicht genug fähige und geschulte Verwaltungsfachleute gab«.[52] In dieser Situation war die neue Regierung bestrebt, ohne Anwendung von Gewalt auszukommen. Sie nahm Kurs auf den Aufbau eines »klassen- und parteiübergreifenden« Staatswesens, das auf dem Gedanken der Volkssouveränität basierte, ohne dabei eine genaue Vorstellung von der Bedeutung dieses Begriffs zu haben. Der neuen Ordnung zugrunde liegen sollten die »Einigung« des Volkes und sein »Vertrauen« in die Macht. Die an die Macht gekommenen Minister hofften, dass das neue auf dem Prinzip einer gesellschaftlichen Organisation aufgebaute Führungssystem keinen Machtapparat brauchen und sehr viel effizienter als das autokratisch-bürokratische Regime sein werde. Den Worten des Fürsten G. N. Trubeckoj zufolge geriet Ministerpräsident Fürst G. E. Lʼvov »in diesen Tagen in einen völlig ekstatischen Zustand. Den Blick starr an die Decke gerichtet, flüsterte er inbrünstig: ›Mein Gott, wie gut sich alles fügt! [...] Groß und unblutig.‹«[53] In einem Brief an M. K. Morozovaja schrieb Fürst E. N. Trubeckoj: »Der Eindruck, den Petrograd in diesen Tagen macht, ist unbeschreiblich [...] Es ist ein immer stärker werdender gewaltiger nationaler Aufschwung, der alle erfasst.« Der Fürst neigte dazu, den Ereignissen eine kosmische Dimension zu verleihen, indem er eine gesamteuropäische demokratische Revolution prophezeite: »Die Nachrichten aus Bulgarien hinterlassen einen tiefen Eindruck. Dorthin hat die Revolution aus Russland bereits übergegriffen, und die Deutschen werden die bulgarischen Soldaten ›niederwerfen‹. Ich hoffe sehr [durchgestrichen: »ich bin über[zeugt]« – F. G.], dass die Revolution schon bald auch auf die Türkei und auf Österreich übergreifen wird. Und dann werden nur noch die Deutschen als Unterdrücker gegen alle Völker übrigbleiben. So Gott hilft! Dann wird der ›Sinn des Krieges‹ aus einer Richtung verwirklicht werden, von der es niemand erwartet hätte.«[54] Am 6./19. März verkündete die Provisorische Regierung eine Amnestie für politische und religiöse Häftlinge, die Haftzeiten für Strafverfahren wurden verkürzt. Am 12./25. März wurde die Todesstrafe aufgehoben, am folgenden Tag die Standgerichte abgeschafft, am 20. März/2. April folgte die Abschaffung nationaler und konfessioneller Einschränkungen. Am 10./23. März wurde das faktisch bereits liquidierte Polizeiamt offiziell aufgelöst, und am 16./29. März wurde die Liquidationskommission für die Angelegenheiten des Königreiches Polen gebildet. »Mögen die alten Kränkungen im allgemeinen Aufbruch vergessen werden, und mögen sie nie wieder neu entstehen. Möge die Heimat aus den schweren Prüfungen glücklich, frei und durch die Bande der Liebe und der allgemeinen Brüderschaft geeint hervorgehen«, lautete der Aufruf der Kadetten-Partei.[55] Die Revolution versetzte dem Verwaltungssystem einen vernichtenden Schlag. Innerhalb der ersten Märzwoche stellten die Gouverneure, die Polizei, die Gendarmerie sowie die Leiter der Landbezirke (zemskie načalniki) ihre Tätigkeit ein. Alle oben genannten Institutionen und Ämter wurden von der Provisorischen Regierung in der Regel rückwirkend abgeschafft. Fürst Lʼvov erklärte offiziell: »Die Regierung hat die alten Gouverneure abgesetzt, ohne jemanden neu zu benennen. Vor Ort wird gewählt werden. Solche Fragen dürfen nicht zentral entschieden werden, sondern von der Bevölkerung selbst.«[56] Die Regierung behielt sich lediglich das Recht vor, die Gouvernementskommissare und ihre Gehilfen zu bestätigen. Die Polizei wurde durch die Miliz ersetzt. Der kommunalen Selbstverwaltung kam die Aufgabe zu, den Apparat neu aufzubauen.[57] Wie Berichte aus den Gemeinden zeigten, funktionierten im März/April allerdings weder die alten noch die neuen Organe der Staatsgewalt. Zudem fehlte jegliches Rechtssystem. Auf lokaler Ebene war in diesen Monaten oft noch nicht einmal mit dem Aufbau einer neuen Machtstruktur begonnen worden.[58] Die lokale Selbstverwaltung (Semstwo) (die in ihrer Zusammensetzung allzu gemäßigt war) befand sich in der Krise, und die neuen gesellschaftlichen Organisationen sowie die Sowjets waren nicht so stark und organisiert, dass sie die hoheitsrechtlichen Befugnisse hätten wahrnehmen können.[59] Nach Ansicht der führenden Kadetten-Zeitung Reč sollten die Bürger des freien Russland »nur in dem Maße, wie dies für die tatsächlichen Interessen des rechtlichen Zusammenlebens erforderlich ist«, auf die Machtorgane zurückgreifen; hierbei dachte man in Anbetracht eines nicht vorhandenen anerkannten Rechtssystems an das »ungeschriebene Gesetz, das in unserem Bewusstsein lebt und der gesamten kultivierten Menschheit eigen ist«.[60] Die Zeitung stellte fest, dass die Kraft der neuen Macht vielleicht »vor allem moralischer Natur« sei, und zog daraus die Schlussfolgerung: »Sie wirkt nur in dem Maße, wie sie sich nicht auf ›Truppen, Miliz und Gericht‹ stützt, sondern auf die organisierte öffentliche Meinung des Landes, auf den organisierten Willen des Volkes. Jeder Einwohner ist ein Teil dieses Volkes. Und seine erste Pflicht besteht heute darin, sich an der Bildung einer öffentlichen Meinung und des Volkswillens zu beteiligen und so beim Aufbau der Staatsgewalt mitzuhelfen.«[61] Eine zentrale Stellung im Verhältnis zwischen der Regierung und der Provinz sollte die Institution der Gouvernements- und Ujesdkommissare einnehmen. Sie waren die einzigen Vertreter des Staates auf lokaler Ebene. Die wesentlichen Prinzipien wurden in den Rundschreiben des Ministeriums an die Gouvernementskommissare vom 1./14. April (über die Funktionen der Kommissare) und vom 15./28. April (über das System der Staatsgewalt auf örtlicher Ebene) formuliert. Der Gouvernementskommissar erhielt lediglich das Recht, die Selbstverwaltungsorgane zu beaufsichtigen. Er sollte über die »Rechtmäßigkeit und Zweckmäßigkeit« der Arbeit der Selbstverwaltungsorgane vor Ort wachen, die Regierung informieren und sich an das örtliche Gericht wenden. Ein Kommissar konnte einen Beschluss einer städtischen Duma aufheben und ihn zur erneuten Prüfung zurückschicken, allerdings konnte sein Veto mit einfacher Mehrheit aufgehoben werden. Außerdem hatte er theoretisch das Recht, Truppen anzufordern. Die Kandidatur eines Ujesdkommissars wurde dem Gouvernementskommissar durch das Exekutivkomitee der gesellschaftlichen Organisationen auf der Ujesdebene vorgeschlagen und durch die Regierung bestätigt.[62] Der vorbereitete Entwurf wurde auf der Tagung der Gouvernementskommissare (22.–24. April/5.–7. Mai) zur Beratung vorgelegt, wobei der Umfang der Vollmachten auf ihre Forderung hin gekürzt wurde.[63] Hierbei stellten die Teilnehmer fest, dass »die Macht eines Kommissars nicht der Rede wert ist«, wenn er von den Sowjets vor Ort nicht aktiv unterstützt werde.[64] Der Beschluss über die Kommissare (unter Berücksichtigung der Korrekturen durch die Tagung) wurde am 26. April/9. Mai öffentlich. Ein normaler Arbeitsbetrieb stellte sich damit jedoch noch lange nicht ein, was auch auf der nächsten Tagung im August zur Sprache kommen sollte.[65] Am 17./30. April wurde der Beschluss über die Miliz veröffentlicht und am 4./17. Mai der Beschluss über die vorläufige Einrichtung des örtlichen Gerichts. Am 21. Mai/3. Juni veröffentlichte die Regierung die Gesetze über das Verfahren für die Semstwo-Wahlen und über die Einführung der Semstwo auf Volostʼ-Ebene. In einem Rundschreiben vom 24. April/7. Mai hatte das Innenministerium vorgeschrieben, sich einer eigenmächtigen »Demokratisierung« der Semstwo-Versammlungen vor Verkündung eines entsprechenden Gesetzes zu enthalten, jedoch die Möglichkeit eingeräumt, diese mithilfe des »demokratischen Elementes« auf das Doppelte zu erweitern.[66] Die Provisorische Regierung schaffte es nicht, das Verwaltungssystem und die Selbstverwaltung auf der lokalen Ebene in Gang zu bringen. Die Kommissare handelten oft, ohne von der Regierung ernannt worden zu sein. Die Finanzmittel wurden ohne die nötige Kontrolle verteilt und mitunter für den Unterhalt der Parteien und der Sowjets ausgegeben. Unterschiedliche Organe der Macht (die Sowjets, die Komitees der gesellschaftlichen Organisationen) übernahmen häufig hoheitliche Befugnisse und Funktionen.[67] Tragende Kraft in den Städten wurden die Militärgarnisonen,[68] die auch dafür sorgten, dass die Macht im Herbst 1917 rasch an die Sowjets überging. Die politischen Grundsätze der neuen revolutionären Regierung gingen ursprünglich von einem demokratischen und sozialen Charakter der Politik aus. Zur Niederlage der Liberalen im Jahr 1917 kam es nicht, weil sie diese Grundsätze ablehnten, im Gegenteil. Während der ersten Revolutionsmonate wurden sie durch republikanische, föderalistische und sozialistische Leitsätze weiterentwickelt und ergänzt. Doch die Liberalen erwiesen sich als unfähig, »die Gesellschaft zu organisieren« und im Kampf um die Macht außerparlamentarische Mittel zu nutzen. Es wurde kein Mechanismus für die Durchführung der erforderlichen Politik durchdacht und entwickelt. Hauptsächlich setzte man auf die Selbstorganisation der Massen, was von diesen ein hohes Maß an politischer Kultur erforderte. Bedeutende Ursachen hierfür waren das radikale, oppositionelle Ethos der neuen Anführer sowie das nahezu völlige Fehlen von Erfahrungen in organisatorischen Fragen. Zugleich war die Lage in Russland kritisch. Neben dem Krieg gab es noch andere Probleme: geringer Wohlstand und ein niedriges Bildungsniveau, die ungewohnte Selbstverwaltung, die beschleunigte Wirtschaftstransformation und ein stark ausgeprägter multiethnischer Charakter. Früher hatte man diese Erscheinungen mit der autoritären Macht in Verbindung gebracht, doch nach deren Verschwinden verstärkten sich die Widersprüche noch, das Konfliktpotenzial wuchs. Mit dem Fortschreiten der Revolution nahm in der russischen Gesellschaft die Ablehnung der Prinzipien des von den Kadetten vertretenen »sozialen Liberalismus« immer mehr zu: Einerseits kam es zu einer Abkehr von der »Sache des ganzen Volkes« zugunsten von Klasseninteressen, andererseits zur Ablehnung des liberalen Prinzips des Kompromisses zugunsten radikaler Positionen. Somit war eine liberale Alternative bereits vor Beginn der Oktoberrevolution für die politische Entwicklung Russlands nicht mehr realistisch. Doch neben der sozialen Radikalität rückten erneut Paternalismus und Autoritarismus in den Vordergrund.   Aus dem Russischen übersetzt durch das Bundessprachenamt [1]      Siehe Ė. N. Burdžalov: Vtoraja russkaja revoljucija. Vosstanie v Petrograde [Die zweite russische Revolution. Der Aufstand in Petrograd], Moskau 1967; ders.: Vtoraja russkaja revoljucija. Moskva. Front. Periferija [Die zweite russische Revolution. Moskau. Die Front. Die Peripherie], Moskau 1971; Ts. Hasegava: The Febrarian Revolution. Petrograd 1917, Seattle/L[eningrad] 1981; M. Melanson: Rethinking Russiaʼs February Revolution: Anonymous Spontaneity or Socialist Agency?, Pittsburgh 2000. [2]      Siehe V. V. Kabanov: Agrarnaja revoljucija v Rossii [Die Agrarrevolution in Russland], in: Voprosy istorii (1989), H. 11, S. 28–30. [3]      N. N. Suchanov: Zapiski o revoljucii [Aufzeichnungen über die Revolution], 3 Bde., Moskau 1991, hier Bd. 1, S. 152. [4]      Siehe Svidetelʼstva N. L. Mandelʼštama. Sʼʼezdy i konferencii konstitucionno-demokratičeskoj partii [Aussagen N. L. Mandelštams. Kongresse und Konferenzen der Konstitutionell-Demokratischen Partei], 3 Bde., verantw. Redakteur V. V. Šelochaev, Moskau 1997–2000, hier Bd. 3, Buch 1, S. 390; N. V. Nekrasov: Iz sledsvennych del N. V. Nekrasova 1921, 1931 i 1939 gg. [Aus den Untersuchungsakten N. V. Nekrasovs aus den Jahren 1921, 1931 und 1939], in: Voprosy istorii (1998), H. 11/12, S. 20. [5]      Siehe F. A. Seleznev: Konstitucionnye demokraty i buržuazija (1905–1917 gg.) [Die Konstitutionellen Demokraten und die Bourgeosie (1905–1917)], Nižnij Novgorod 2006. [6]     Protokoly CK i zagraničnych grupp konstitucionno-demokratičeskoj partii [Protokolle des ZK und der Auslandsgruppen der Konstitutionell-Demokratischen Partei], 6 Bde., verantw. Redakteur V.V. Šelochaev, Moskau 1994–1999, hier Bd. 3, S. 353. [7]     Siehe Suchanov: Zapiski o revoljucii (Anm. 3), S. 175. [8]     Ebd., S. 175; Fevralʼskaja revoljucija 1917 [Februarrevolution 1917], Dokumenten- und Materialsammelband, verantw. Redakteur A. D. Stepanskij/V. I. Miller, Moskau 1996, S. 90 f., 131 f. [9]     Ebd., S. 91 f. [10]    Suchanov: Zapiski o revoljucii (Anm. 3), S. 176. [11]    Fevralʼskaja revoljucija 1917 (Anm. 8), S. 161 f. [12]    Gosudarstvennyj Archiv Rossijskoj Federacii/Staatsarchiv der Russischen Föderation (im Folgenden: GARF) f. 1779 (Kancelarija Vremennogo pravitelʼstva) [Kanzlei der Provisorischen Regierung], op. 1, d. 6. l. 40-40a. [13]    Siehe Petrogradskij Sovet rabočich i soldatskich deputatov v 1917 godu. Dokumenty i materialy [Der Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten im Jahr 1917. Dokumente und Materialien], 2 Bde., verantw. Redakteur P. V. Volobuev, Leningrad 1991, hier Bd. 1, S. 220; Suchanov: Zapiski o revoljucii (Anm. 3), S. 127–160; V. V. Šulʼgin: Gody. Dni. 1920 [Jahre. Tage. 1920], Moskau 1990, S. 490–496. [14]    Siehe Suchanov: Zapiski o revoljucii (Anm. 3), S. 209 f. [15]    Siehe Fevralʼskaja revoljucija 1917 (Anm. 8), S. 86, 88 f., 100–102. [16]    Siehe Petrogradskij Sovet (Anm. 13), S. 43 f., 77–82; Suchanov: Zapiski o revoljucii (Anm. 3), S. 303. [17]    Siehe V. D. Nabokov: Vremennoe pravitelʼstvo, Archiv russkoj revoljucii [Die Provisorische Regierung. Archiv der russischen Revolution], hrsg. von I. V. Gessen, Moskau 1991–1993, hier Buch 1, Bd. 1, S. 65–69; Suchanov: Zapiski o revoljucii (Anm. 3), S. 210 f. [18]    GARF f. 573 (Die Mejendorfs), op. 1, d. 23. l. 1-1ob. In Wirklichkeit fanden zwei getrennte Kongresse statt: Der 1. Gesamtrussische Sowjetkongress der Bauerndeputierten (4.–28. Mai/17. Mai–10. Juni) und der 1. Gesamtrussische Sowjetkongress der Arbeiter- und Soldatendeputierten (3.–24. Juni /16. Juni–7. Juli). [19]    GARF f. 6977 (Vserossijskoe soveščanie delegatov sovetov rabočich i soldatskich deputatov [Gesamtrussische Konferenz der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten]), op. 1, d. 2. l. 66. [20]    Siehe Petrogradskij Sovet (Anm. 13), S. 204 f., 271. [21]    Siehe Fevralʼskaja revoljucija 1917 (Anm. 8), S. 195 f., 294 f. [22]    Rabočaja gazeta vom 7. März 1917. [23]    Sʼʼezdy i konferencii (Anm. 4), S. 372. [24]    Ebd., S. 369. Siehe auch A. A. Kizevetter: Partija Narodnoj Svobody i ee ideologija [Die Partei der Volksfreiheit und ihre Ideologie], Moskau 1917; A. S. Izgoev: O buržuaznosti [Über die Bürgerlichkeit], in: Vestnik Partii narodnoj Svobody (1917), H. 1, S. 8 f. [25]    Sʼʼezdy i konferencii (Anm. 4), S. 384. [26]    Ebd., S. 460. [27]    Ebd., S. 661–668. [28]    Ebd., S. 651. [29]    Siehe N. N. Avdeev: Revoljucija 1917 goda: Chronika sobytij (janvarʼ–aprelʼ 1917 g.) [Die Revolution 1917: Chronik der Ereignisse (Januar–April 1917)], Moskau/Petrograd 1923, S. 87; Revolucionnoe dviženie v Rossii posle sverženija samoderžavija. Dokumenty i materialy [Die revolutionäre Bewegung in Russland nach dem Sturz der Autokratie. Dokumente und Materialien], Redaktion L. S. Gaponenko, Moskau 1957, S. 432–434; Vestnik Vremennogo pravitelʼstva vom 11. März 1917. [30]    Siehe Ju. S. Tokarev: Narodnoe pravotvorčestvo nakanune Velikoj Oktjabrʼskoj socialističeskoj revoljucii (mart–oktjabrʼ 1917) [Rechtsschöpfung durch das Volk am Vorabend der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution (März–Oktober 1917)], Moskau/Leningrad 1965, S. 87–89. [31]    Siehe U. G. Rozenberg: Gosudarstvennaja administracija i problema upravlenija v Fevralʼskoj revoljucii [Die staatliche Verwaltung und das Problem der Führung in der Februarrevolution], in: 1917 god v sudʼʼbach Rossii i mira. Fevralʼskaja revoljucija. Ot novych istočnikov k novomu osmysleniju [Das Jahr 1917 im Schicksal Russlands und der Welt. Die Februar-Revolution. Von neuen Quellen zu einer neuen Wahrnehmung], Redaktion P. V. Volobuev, Moskau 1997, S. 119–130. [32]    Sʼʼezdy i konferencii (Anm. 4), S. 473. [33]    P. N. Miljukov: Istorija vtoroj russkoj revoljucii [Geschichte der zweiten russischen Revolution], Moskau 2001, S. 67 f. [34]    Siehe A. G. Kavtaradze: Ijulʼskoe nastuplenie russkoj armii v 1917 godu [Die Juli-Offensive der russischen Armee im Jahr 1917], in: Voenno-istoričeskij žurnal (1967), H. 5, S. 113. [35]    Siehe V. I. Kostrikin: Zemelʼnye komitety v 1917 godu [Die Bodenkomitees im Jahr 1917], Moskau 1975. [36]     Siehe Žurnaly zasedanij Vremennogo pravitelʼstva [Sitzungsprotokolle der Provisorischen Regierung] (= Archiv novejšej istorii Rossii. Serija »Publikacii« [Zeitgeschichtliches Archiv Russlands. Reihe »Veröffentlichungen«], Bd. 8 in 4 Bden.), hier Bd. 2: Maj–ijunʼ 1917 g. [Mai-Juni 1917], S. 239–245. [37]    Siehe Pervyj Vserossijskij torgovo-promyšlennyj sʼʼezd v Moskve. 19–22 marta 1917 g. Stenografičeskij otčet i rezoljucii [Der 1. Gesamtrussische Handels- und Industriekongress in Moskau. 19.–22. März 1917. Stenografische Mitschrift und Resolutionen], Moskau 1918, S. 167 f., 230 f. [38]    Siehe Utro Rossii vom 19. März 1917. [39]    A. I. Verchovskij: Na trudnom perevale [Ein schwieriger Pass], Moskau 1959, S. 228. [40]    Aleksandr Ivanovič Gučkov rasskazyvaet ... Vospominanija predsedatelja Gosudarstvennoj dumy i voennogo ministra Vremennogo pravitelʼstva [Aleksanr Ivanovič Gučkov erzählt ... Erinnerungen des Vorsitzenden der Staatsduma und Kriegsministers der Provisorischen Regierung], Moskau 1993, S. 75–79. [41]    G. N. Michajlovskij: Zapiski. Iz istorii rossijskogo vnešnepolitičeskogo vedomstva 1914–1920 [Aufzeichnungen. Aus der Zeit des russischen Außenministeriums 1914–1920], Moskau 1993, S. 261, 264. [42]    A. A. Borman: A. Tyrkova-Vilʼjams po ee pisʼmam i vospominanijam syna [I. Tyrkova-Williams in ihren Briefen und Erinnerungen ihres Sohnes], Washington 1964, S. 127 f. [43]    A. V. Tyrkova: Iz vospominanija o 1917 g. [Erinnerungen an das Jahr 1917], in: Grani (1983), H. 130, S. 132 f. [44]    A. F. Kerenskij: Opyt Kerenskogo [Die Erfahrungen Kerenskijs], GARF f. 5581 (Sammlung von Einzeldokumenten und Memoiren von Emigranten), op. 1, d. 725. l. 21. [45]    Siehe I. G. Cereteli: Vospominanija o Fevralʼskoj revoljucii [Erinnerungen an die Februarrevolution], 2 Bde., Paris 1964, hier Bd. 1, S. 60–65, 108. [46]    Siehe P. A. Polovcev. Dni zatmenija [Tage der Finsternis], Moskau 1999, S. 51–53. [47]    Nabokov: Vremennoe pravitelʼstvo, Archiv russkoj revoljucii (Anm. 17), S. 40, 42. [48]    Buržuazija i pomeščiki v 1917 godu. Častnye soveščanija členov Gosudarstvennoj dumy [Bourgoisie und Gutsherren im Jahr 1917. Private Besprechungen zwischen Mitgliedern der Staatsduma], Dokumentensammelband, Redaktion A. K. Drezen, Moskau/Leningrad 1932, S. 8. [49]     Vestnik Vremennogo pravitelʼstva vom 6. Mai 1917. [50]    T. H. von Laue: Westernization, Revolution and the Search for a Basis of Authority – Russia in 1917, in: Soviet Studies 19 (1967), H. 2, S. 155–180, hier S. 164. [51]    A. A. Bublikov: Russkaja revoljucija [Die russische Revolution], New York 1918, S. 29. [52]    M. M. Novikov: Moja žizn ot Moskvy do Nʼʼu Jorka [Mein Leben – von Moskau bis nach New York], New York 1952, S. 256. [53]    V. B. Lopuchin: Zapiski byvšego direktora departamenta Ministerstva inostrannych del [Aufzeichnungen eines ehemaligen Abteilungsleiters im Außenministerium], Sankt Petersburg 2008, S. 295. [54]    Fürst E. N. Trubeckoj an M. K. Morozovaja, 28. März 1917, Naučno-issledovatelʼskij otdel rukopisej Rossijskoj Gosudarstvennoj biblioteki/Handschriften-Forschungsabteilung der Russischen Staatsbibliothek (im Folgenden: NIOR RGB) f. 171 (Morozova, M. K.), op. 1. Papka [Mappe] 9. Ed. chr. [Aufbewahrungseinheit], 2. l. 8-9. [55]    Fevralʼskaja revoljucija 1917 (Anm. 8), S. 197. [56]    T. I. Polner: Žiznennyj putʼ kn. G. E. Lʼvova [Der Lebensweg des Fürsten G. E. Lʼvov], Paris 1932, S. 245 f. [57]    Siehe Vremennoe pravitelʼstvo. Ministerstvo vnutrennich del. Cirkuljary Ministerstva vnutrennich del [Die Provisorische Regierung. Das Innenministerium. Rundschreiben des Innenministeriums], Petrograd 1917, S. 5 f., 9, 32, 54. [58]    Siehe GARF f. 1788 (Ministerstvo vnutrennich del Vremennogo pravitelʼstva) [Innenministerium der Provisorischen Regierung], op. 2. d. 43. l. 3, 12, 21, 30. [59]    Siehe D. J. Raleigh: Političeskie sudʼby rossijskoj gubernii: 1917 g. v Saratove [Politische Schicksale eines russischen Gouvernements: Das Jahr 1917 in Saratov], Saratov 1995, S. 106–108, 112 f.; G. A. Gerasimenko: Obščestvennye ispolnitelʼnye komitety v revoljucii 1917 goda [Die gesellschaftlichen Exekutivausschüsse in der Revolution 1917], in: 1917 god v sudʼʼbach Rossii i mira (Anm. 31), S. 155 f. [60]    Reč vom 9. März 1917. [61]    Reč vom 13. April 1917. [62]    Siehe Vremennoe pravitelʼstvo (Anm. 57), S. 7 f.; Revoljucionnoe dviženie v Rossii v aprele 1917 goda. Aprelʼskij krizis. Dokumenty i materialy [Die revolutionäre Bewegung in Russland im April 1917. Die April-Krise. Dokumente und Materialien], Redaktion L. S. Gaponenko, Moskau 1958, S. 311 f.; GARF f. 1788, op. 2, d. 6. l. 12-15; op. 3, d. 33. l. 14-21; op. 6, d. 5. l. 50-57. Ujesd bezeichnet eine untergeordnete Verwaltungseinheit im Gouvernement. [63]    Siehe GARF f. 1788, op. 2, d. 6. l. 10-29. [64]    Ebd., l. 25. [65]    Ebd., op. 1, d. 2. l. 1-3. [66]    Vremennoe pravitelʼstvo (Anm. 57), S. 11 f. Volostʼ bezeichnet eine untergeordnete Verwaltungseinheit im Gouvernement. [67]    Ebd., S. 6 f., 23 f., 33, 35, 54, 60–63, 65; A. V. Evropkin: Zapiski A. V. Evropkina, člena Gosudarstvennoj dumy [Die Aufzeichnungen des Mitglieds der Staatsduma A. V. Evropkin], GARF f. 5881, op. 2, d. 335. l. 128-135; Polner: Žiznennyj putʼ kn. G. E. Lʼvova (Anm. 56), S. 245 f.; GARF f. 1800 (Departament obščich del Ministerstva vnutrennich del Vremennogo pravitelʼstva) [Amt für allgemeine Angelegenheiten des Innenministeriums der Provisorischen Regierung], op. 1, d. 2. l. 19-20; Raleigh: Političeskie sudʼby rossijskoj gubernii (Anm. 59), S. 90. [68]    Siehe V. A. Vachromeev: Prodovolʼstvennye komitety v 1917 godu [Die Lebensmittelkomitees im Jahr 1917], Moskau 1984, S. 16; G. A. Gerasimenko: Vlastʼ i narod [Die Macht und das Volk], Moskau 1995, S. 76–80, 96–102; A. P. Zvjaginceva: Organizacija i dejatelʼnostʼ milicii Vremennogo pravitelʼstva v 1917 godu [Organisation und Arbeit der Miliz der Provisorischen Regierung im Jahr 1917], Diss., Moskau 1972, S. 22–27; Kostrikin: Zemelʼnye komitety v 1917 godu (Anm. 35), S. 105; Raleigh: Političeskie sudʼby rossijskoj gubernii (Anm. 59), S. 86, 90.

JHK 2017

Die Oktoberrevolution in der Wahrnehmung der deutschen Sozialdemokratie

Detlef Lehnert

Um eingangs voreilige Scheingewissheiten zu vermeiden: Kein einziger Begriff im verwendeten Titel ist eindeutig. Dies betrifft nicht allein die Oktoberrevolution, die nach unserer gregorianischen Zeitrechnung am 7. November 1917 begann. Sie ließe sich mit der vorausgegangenen Februar- oder Märzrevolution auch zur Russischen Revolution 1917 zusammenfassen. Die Entwicklung zwischen den russischen Februar- und Oktoberereignissen würde dann nicht als zweite Revolution, sondern als zweite Phase dieses Revolutionsjahrs gelten. Zum Vergleich: In der neueren Geschichtsschreibung ist meist von der deutschen Revolution 1918/19 die Rede und seltener nur von der Novemberrevolution 1918. Auch die Französische Revolution wird historisch seit dem Auftakt des Juli 1789 in Entwicklungsphasen untergliedert, ohne dass wir von zwei Revolutionen ausgehen. Ganz ähnlich wie Februar- und Oktoberrevolution häufig kontrastiert werden, ist seither umstritten, was die deutsche Sozialdemokratie umfasst. Die Mehrheit der im April 1917 gegründeten USPD gehörte aber sicher dazu; denn sie zählte in ihren Reihen nicht nur des »Arbeiterkaisers« (August Bebel) »Kronprinzen«, den Rechtsanwalt Hugo Haase, sondern auch die namhaftesten Parteitheoretiker der Vorkriegs-SPD bis hin zum Revisionisten Eduard Bernstein. Nicht einmal wo die Grenzen des Verständnisses von »deutsch« liegen, war damals geklärt. Die Wiener Arbeiter-Zeitung bezeichnete die eigene Partei auch in jenen Revolutionsmonaten zuweilen als »deutsche Sozialdemokratie Österreichs« und häufiger als »deutsche Sozialdemokratie in Österreich«.[1] Zumal nach dem russischen Zaren anderthalb Jahre später neben der preußischen Hohenzollern- auch die Habsburger-Monarchie stürzte, gehören Seitenblicke nach Österreich zum komplettierten Bild dieser »Epoche der Revolution am Ende des Ersten Weltkriegs«.[2]   1. Vorgeprägte Wahrnehmungsmuster seit 1904/05 Mit einer letzten Frage zur Terminologie verbindet sich diese Ausgangsthese: Die meisten Wahrnehmungsmuster (im Sinne strukturierter Perzeption, nicht – kaum möglicher – unmittelbarer Anschauung) der Oktoberrevolution in der deutschen Sozialdemokratie waren stark von früheren Blicken auf russische Parteiverhältnisse vorgeprägt.[3] Rosa Luxemburg bezeichnete schon 1904 in einem Artikel zu den »Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie« Lenin als Vertreter der »ultrazentralistischen Richtung«.[4] Sein Parteikonzept nannte sie »eine mechanische Übertragung der Organisationsprinzipien der blanquistischen Bewegung von Verschwörerzirkeln auf die sozialdemokratische Bewegung der Arbeitermassen«. Ihr Fazit lautete am Vorabend der ersten russischen Revolution: »Fehltritte, die eine wirkliche revolutionäre Arbeiterbewegung begeht, sind geschichtlich unermeßlich fruchtbarer als die Unfehlbarkeit des allerbesten ›Zentralkomitees‹«.[5] Die russische Revolution 1905 wurde von Rosa Luxemburg, »gerade weil sie ein stark verspäteter Nachzügler der europäischen Revolutionen« war, als »ein ganz besonderer Typus für sich« charakterisiert. Dabei erwähnte sie angesichts der im Vergleich mit der westlicheren 1848er Revolution ausgeprägten Schwäche bürgerlicher Revolutionsträger die vorauseilenden Aktionen im Gefolge »der jahrzehntelangen unermüdlichen Maulwurfsarbeit der sozialistischen, genauer gesprochen der sozialdemokratischen Agitation«.[6] Auch Leo Trotzki hatte im Theorieorgan der SPD Die Neue Zeit ursprünglich so wie Rosa Luxemburg den »Verschwörerzug« kritisiert, welcher »der Partei in der Zeit vor der Revolution, besonders der Fraktion der Bolschewiks eigen war«. Dort bemängelte er ferner die »boykottistische Tendenz, die durch die ganze Geschichte des Bolschewismus geht – Boykottierung der Gewerkschaften, der Reichsduma, der Gemeindevertretungen usw.«.[7] Als zukunftsweisendes Element betrachtete er schon in der Revolution von 1905 den »Arbeiterdeputiertenrat« von Petersburg: »Endlich zeigte die Revolution durch die allgemeine Organisation der Arbeiterräte, daß sie eine Macht zu schaffen verstände.«[8] Mit Blick auf die Ereignisse von 1905 sprach er im Kontext des Zugeständnisse enthaltenden Zarenmanifests jenes Monats vom »Oktoberhalbsieg« infolge eines »Oktoberansturms«; das verschaffte diesem späteren Revolutionsmonat eine frühe Ehre.[9] Was Trotzki in der Neuen Zeit propagierte, hätten aber damals auch deutsche Parteitheoretiker ähnlich formulieren können: »Die Taktik der Sozialdemokratie ist weder an die Barrikade noch an den Ladentisch des Konsumvereins gebunden. Sie benutzt alle Formen und Methoden der Tätigkeit, um das Klassenbewußtsein der Arbeiter zu klären und sie zu einer selbständigen Organisation zusammenzuschweißen.«[10] Zum 25. Jubiläumsjahr dieses Theorieorgans der SPD betonte Trotzki »die Tatsache des tiefen Einflusses der deutschen Sozialdemokratie auf die russische Partei«.[11] Er hatte in Odessa eine deutsche Schule besucht und daher so wenig Probleme des Sprachzugangs wie in umgekehrter Perspektive Rosa Luxemburg, die ihrerseits schon in der Schule neben Polnisch auch Russisch gelernt hatte. Hingegen konnte Bernstein wegen Haftandrohung aus der Zeit des Sozialistengesetzes erst 1901 aus dem Londoner Exil zurückkehren und betrachtete die Kontinentalwelt sozusagen durch eine »englische Brille«; sie hatte ihm freilich auch der Marx ein Dutzend Jahre überlebende Engels mit vererbt. Bernstein hob in der Revolution von 1905 hervor, trotz des rückständigen Agrarsektors habe »Russland Städte und Industriezentren, die bedeutend grösser sind als die Englands und Frankreichs in den Jahren ihrer Revolution, und in diesen Zentren eine zahlreichere und wesentlich anders geartete, modernen Ideen zugängliche Arbeiterschaft«. Dennoch könne insgesamt diese erste russische Revolution in »der Hauptsache [...] nur eine bürgerlich-liberal-demokratische sein«.[12] Dem stand anscheinend ein anderer Hinweis von Bernstein entgegen: »In der nach Millionen zählenden proletarischen jüdischen Bevölkerung hat die russische Revolution ein schier nicht zu erschöpfendes Kraftreservoir.« Aber weil die gesamtgesellschaftlichen Kräfteverhältnisse andere waren, kritisierte Bernstein die neben den Bolschewiki auch vom Jüdischen Arbeiterbund Russlands ausgegebene Boykottparole gewissermaßen doppelstrategisch: »Eine energische Ausnutzung des Dumawahlrechts auf allen Stufen braucht der ausserparlamentarischen revolutionären Aktion, die in Russland heute noch geboten ist, keinen Eintrag zu tun, könnte sie vielmehr ergänzen und fördern.«[13] Auch der später als Menschewiki-Internationalist bekannte Julius Martow bemängelte im SPD-Theorieorgan an den Parteigängern Lenins, dass sie »die mächtige, die Massen revolutionierende Wirkung unterschätzen, die aus scharfen parlamentarischen Konflikten hervorgehen muß«. Das meinte unter den Bedingungen des spätzaristischen russischen »Scheinkonstitutionalismus«[14] keine vornehmlich parlamentarische Taktik. Vielmehr sollte die auf höchst ungleichem Stimmrecht basierende Wahlmobilisierung genutzt werden, gleichzeitig im Protest breiter fundierte Volksausschüsse in »›revolutionärer Selbstverwaltung‹« zu besetzen; dergestalt sei es möglich, verbunden mit »Massenkundgebungen den Moment vorzubereiten, in dem der siegreiche Aufstand des Volkes mit einem Schlage den gordischen Knoten der russischen politischen Verhältnisse durchhauen kann«.[15] Als einige Jahre darauf in preußischen Wahlrechtskämpfen die Losung Rosa Luxemburgs auftauchte, das deutsche Proletariat möge in Massenstreiks sozusagen »russisch reden«, setzte Martow dem seine Position entgegen: »Die russische Sozialdemokratie redete allzu eifrig ›russisch‹ auch dann, als die gesellschaftlichen Verhältnisse Rußlands schon so weit fortgeschritten waren, daß sie ›europäisch‹ reden konnte.«[16] Damit unterschätzten wohl beide kontroversen Dialogpartner die Differenzen zwischen den damaligen russischen und preußisch-deutschen Verhältnissen. Der SPD-Cheftheoretiker Karl Kautsky fühlte sich zwar nach der Revolution von 1905 »den russischen Genossen gegenüber in der Stellung des Lernenden«; er beantwortete dennoch von dort einfließende Grundsatzfragen für das deutsche Lesepublikum durchaus pointiert. Für ihn war das »Zeitalter der bürgerlichen Revolutionen« im Sinne einer Trägerschaft der Bourgeoisie »abgeschlossen, auch für Rußland«. Man könne aber nicht behaupten, dass diese Revolution bereits »eine sozialistische sei. Sie vermag auf keinen Fall das Proletariat zur Alleinherrschaft, zur Diktatur zu bringen. Dazu ist das Proletariat Rußlands zu schwach und zu unentwickelt.« Zwar sei es »sehr wohl möglich, daß im Fortgange der Revolution der Sieg der sozialdemokratischen Partei zufällt«. Solch eine politische Führungsrolle könne allerdings nicht die ökonomische Basis ersetzen: »Ohne die Bauern können wir in Rußland so bald nicht siegen. Daß die Bauern Sozialisten werden, ist jedoch nicht zu erwarten.« Es bleibe »unmöglich, die moderne Produktionsweise auf der Grundlage der Dorfgemeinde in eine höhere Produktionsweise überzuführen«. Resümierend wollte Kautsky die Russische Revolution als »einen ganz eigenartigen Prozeß« gewürdigt sehen; er legte abschließend ein Perzeptionsmuster nahe, »daß wir da völlig neuen Situationen und Problemen entgegengehen, auf die keine bisherige Schablone paßt«.[17]   2. Von Wahrnehmungen der Bolschewiki als Friedenspartei zum historischen Bruch im Januar 1918 In sozialdemokratischer Tagespresse wurde noch im Zeichen der Oktoberereignisse 1917 daran erinnert, die »russische Demokratie« habe sich bereits nach der Frühjahrsrevolution »das Ziel gesetzt, einen baldigen Frieden, einen ›Frieden ohne Annexionen und Kontributionen auf der Grundlage des Selbstbestimmungsrechtes der Völker‹ herbeizuführen«.[18] Erst im Sommer 1917 wurden die Namen Lenin und Trotzki über einen engen Kreis Interessierter hinaus auch der deutschen und österreichischen (Partei-)Öffentlichkeit bekannter.[19] Eine Voraussetzung für die anfangs positive Einschätzung der Oktoberrevolution war das negativere Bild von der vorausgegangenen Regierung als Kriegsgegner. Der rechtsstehende SPD-Politiker Gustav Noske sah in einer Reichstagsrede die an der Seite der Westmächte kriegführenden »bürgerlichen Revolutionäre« im Gegensatz zu den »friedensfreundlich« gestimmten »proletarischen Massen« und ihren Vertretern in der »sozialistischen Dumafraktion«.[20] Auch das weiterhin nicht nur die Kriegskredit-, sondern auch die Burgfriedenspolitik mittragende gewerkschaftliche Correspondenzblatt veröffentlichte im Revolutionsfrühling 1917 Solidaritätszeilen: »Unsere herzlichsten Sympathien begleiten das russische Volk, vor allem die hervorragend tätige Arbeiterschaft zu ihrem Befreiungskampf vom zaristischen Unterdrückungsregiment.« Dass nun die »Schlagkraft der russischen Armee erheblich herabgesetzt« sei, wurde freilich ganz offen als ein Grund der eigenen Anteilnahme benannt. Umso deutlicher wollte sich dieses Hauptblatt der SPD-nahen Gewerkschaften von etwaigem Vorbildcharakter distanzieren, indem dort in unveränderter Frontstellung gegenüber den Westmächten zu lesen war: »Von der in London und Paris erwarteten deutschen Revolution hat sich zwar bisher nichts gezeigt und wird sich auch nichts einstellen«; dennoch waren die russischen Ereignisse auch solcher Wahrnehmung nach »auf die innerpolitische Situation in Deutschland nicht ganz ohne Einfluß geblieben«.[21]   So wie die Mehrheitsfraktion den Sturz des Zarismus als Erfolg ihrer Kriegskreditpolitik darstellte, zeigte sich nach Aussage von Bernstein die Minderheit »in unserer Haltung durch den Blick nach Osten gestärkt«.[22] Für Ludwig Quessel[23] – einem der Wortführer des SPD-Revisionismus, seitdem Bernstein der USPD angehörte – war der »Kampf zwischen dem Arbeiter- und Soldatenrat und der provisorischen Regierung um die Führung der auswärtigen Politik [...] ein Vorgang von welthistorischer Bedeutung«.[24] Im Unterschied zum westorientierten und auch dadurch als Gegner der Kriegskredite bekannten Bernstein feierte Quessel geradezu das »neue Rußland« und »den demokratischen Sinn des russischen Volkes«.[25] Das »werdende Rußland« begleitete er nicht bloß so freundlich, weil »das deutsche Geistesleben in den letzten Jahrzehnten von der russischen Literatur unendlich viel tiefer beeinflußt worden« sei »als von der englischen«; auch umgekehrt habe »deutscher Sozialismus dem Denken keiner andern Bevölkerung so tiefe Spuren eingedrückt wie dem Rußlands«.[26] Daraus ergab sich für Quessel angesichts der von Mittel- und Westeuropa abweichenden Sozialstruktur geradewegs »Russlands agrarsozialistische Mission« mit dem Versuch des Anknüpfens an vorgefundene Gestaltungsräume: »Wenn wir nun heute fragen, ob die russische Dorfgemeinde die ihr zugedachte kommunistische Mission erfüllt und eine Scheidung der ehemals leibeigenen Bevölkerung in Arm und Reich verhindert hat, so wird man im allgemeinen die Frage bejahen können.« Als Perspektive formulierte er, »den Agrarkommunismus des Dorfes durch den Geist moderner Genossenschaftlichkeit zur höchsten Stufe der Produktivität zu bringen«. Umgekehrt sollte von bestehenden Privateigentumsverhältnissen die Annäherung der Systeme erfolgen: »Im Westen ist es das ländliche Genossenschaftswesen, das in die Agrarverfassung mehr und mehr den Geist des Sozialismus hineinträgt.«[27] Noch zur Jahreswende 1917/1918, also bereits im Wissen um die Oktoberrevolution, zeigte sich Quessel davon beeindruckt, »daß sich auf russischem Boden etwas ganz Neues, in der Geschichte noch nie Dagewesenes abspielt, demgegenüber alle historischen Analogien versagen müssen«. Eine Übertragung von großindustriell vorgeprägten Sozialisierungskonzepten auf russische Agrarverhältnisse hielt er für unrealistisch: »Denn die Idee den Boden im sozialistischen Großbetrieb zu bewirtschaften ist offenbar selbst von den Bolschewiki aufgegeben worden.« Ausdrücklich unterstützte Quessel die »Konstituierung der einzelnen Nationen, die zusammenhängend ein bestimmtes Territorium bewohnen, als Einzelstaaten der russischen Bundesrepublik«; er äußerte keinen Zweifel, »daß die zurzeit bestehende bolschewistische Diktatur nur ein vorübergehender Zustand sein kann«.[28] Nachdem sich diese Annahme bis zur Jahresmitte als unzutreffend herausstellte, wurde dieser Beobachter zum Kritiker: »Der Dekretdoktrinarismus der Bolschewisten hat zunächst das wirtschaftliche Leben des Landes völlig lahmgelegt«; es handele sich dabei nicht um die »Diktatur des Proletariats«, sondern um die »Machtregierung einer Gruppe«. Gleichzeitig bekundete Quessel aber seine Zuversicht, »daß der Bolschewismus sich zum Reformismus fortentwickelt«. Als Beispiele führte er die Stichworte »Landesverteidigung«, »Agrarfrage« und tendenzielle Rückkehr der abgestuften »Gehalts- und Lohnverhältnisse des modernen Kapitalismus« an.[29] Als weiterer exponierter Vertreter der SPD-Revisionisten legte Eduard David in einer Reichstagsrede Anfang Dezember 1917 seine Wahrnehmungsmuster offen. Er verband mit der Tatsache, »daß die Bolschewiki heute in Rußland das Heft in der Hand haben«, zunächst noch die Einschätzung, das sei »eine demokratische Regierung«, die »ernstlich zum Frieden bereit ist«.[30] Zur öffentlich meistbeachteten Stimme der Mehrheitssozialdemokratie hatte sich inzwischen Philipp Scheidemann profiliert. Er warnte die kaiserliche deutsche Regierung schon im Mai 1917 mit weiterem Verweis auf das »revolutionäre Rußland«, bei mangelnder Bereitschaft zum Frieden »haben Sie die Revolution im Lande«.[31] Von Scheidemann folgt nun zur Charakterisierung der sozialdemokratischen Mehrheitslinie ausnahmsweise eine längere Redepassage, und zwar von einer Dresdener Großveranstaltung wenige Tage nach Bekanntwerden der russischen Oktoberereignisse: »Von den Bolschewiki trennt uns manches, und nie werden wir glauben, daß die Methoden, die sie für richtig halten und die für Rußland vielleicht die richtigen sind, in allen Ländern der Welt schematisch zur Anwendung gelangen sollen. Was uns aber mit Ihnen verbindet, das ist die Gemeinsamkeit des sozialistischen Endziels, und das ist im besonderen der leidenschaftliche Wunsch, mit allen zweckdienlichen Mitteln auf die Beendigung des unsinnigen Völkermordens hinzuwirken. In den russischen Richtungsstreit mischen wir uns nicht ein, aber die Sache des Friedens ist die Sache aller internationalen Sozialisten, aller zum Klassenbewußtsein erwachten Arbeiter in der ganzen Welt, und zu dieser Sache stehen wir mit jedem, der das gleiche Ziel verfolgt, bis zum äußersten.«[32] Ende November 1917 bekräftigte Scheidemann diesen Standpunkt auch im Reichstagsplenum: »Die deutsche Arbeiterklasse begrüßt leidenschaftlich den großen Schritt zum Frieden, den die russische Revolution getan hat.«[33] Auch Friedrich Ebert als der andere SPD-Vorsitzende äußerte sich dort wenige Tage darauf erwartungsvoll: »Das Friedensangebot der russischen Regierung ist von der friedenssehnsüchtigen Welt freudig begrüßt. Wir erblicken in ihm das wichtigste politische Ereignis des Krieges, den ersten ernsten Schritt zum Frieden.«[34] Die Würdigung des USPD-Sprechers Hugo Haase als »revolutionärer Akt von weltgeschichtlicher Bedeutung« wurde um eine weitere Perspektive ergänzt, als er dem Sturz einer mit den Westmächten verbündeten Regierung auch erkenntnisfördernde Kraft zuschrieb: »Die Veröffentlichung der geheimen Dokumente der Entente durch die russische revolutionäre Regierung hat bestätigt, was wir im wesentlichen schon wußten und immer behauptet haben, daß der Krieg von der Entente zu imperialistischen Zwecken geführt wird, aber nicht nur von der Entente, sondern drüben wie hüben!«[35] Ganz ähnlich griff auch der Wiener sozialdemokratische Historiker (und künftige österreichische Botschafter in Berlin) Ludo Moritz Hartmann die mangelnde Friedensbereitschaft der übrigen Beteiligten scharf an; er lobte in seinem Neujahrsartikel 1918 umso mehr »die Kühnheit, mit der diese Männer der Revolution, die Lenin und Trotzky, die Verantwortung vor der Weltgeschichte auf sich nehmen«.[36] Die Wiener Arbeiter-Zeitung begrüßte demgemäß eingeleitete »Friedensverhandlungen« mit einem an die 1848er-Tradition erinnernden Pathos, das auch nach Westen hin ausstrahlen sollte: »Die Demokratie ist durch den Sieg der russischen Revolution zur Macht geworden und Frieden schließen kann jetzt nur, wer im Geiste der neuen Macht Frieden schließen will!«[37] Gegen die gewaltsame Ausschaltung der russischen parlamentarischen Konstituante im Januar 1918 wandte sich aber das SPD-Parteiorgan Vorwärts mit äußerster Schärfe; dies war die entscheidende historische Zäsur nach der Oktoberrevolution: »Damit hat sich ein geschichtliches Ereignis vollzogen, dessen schmerzliche Bedeutung nicht verkannt werden wird. Die bolschewistische Regierung hatte in der Volksvertretung keine Mehrheit gefunden. Da sie auf die Macht nicht verzichten wollte, hat sie an dem Parlamente des revolutionären Rußland nicht anders gehandelt wie [sic!] der Zar an der Duma.«[38] Der spätere preußische Ministerpräsident Otto Braun verdichtete dies kurz darauf bereits zur Abgrenzungsformel: »Was die Bolschewiki in Rußland treiben, ist weder Sozialismus noch Demokratie, es ist vielmehr gewalttätiger Putschismus und Anarchie. Deshalb müssen wir zwischen die Bolschewiki und uns einen dicken, sichtbaren Trennungsstrich ziehen.«[39] Gleichwohl hob Eduard David unter außenpolitischem Blickwinkel auch noch am 20. Februar 1918 im Reichstag hervor, die »Theorie« der Bolschewiki liefe zwar auf »die Erzeugung einer internationalen Revolution« hinaus und habe gegenüber der russischen »Konstituante« die »Methode der Gewalt, des Terrors« angewandt; aber mangels realistischer Exportchance solcher Politik bleibe die Tatsache, dass die Partei der Bolschewiki als »die einzige Partei in Rußland« zur Macht gelangte, »die das praktische Programm des Sonderfriedens mit den Mittelmächten aufzustellen wagte«.[40] Solcher Primat der außenpolitischen Entlastung ließ auch den SPD-Vorwärts nach dem Gewaltfrieden von Brest-Litowsk noch von einer – über bolschewistische Mehrheiten in Rätegremien organisierten – »Volksregierung« sprechen, die eine interventionsfreie Chance bekommen sollte.[41] Das in deutscher Übersetzung auch in sozialdemokratischer Presse nachlesbare »Auflösungsdekret« des Sowjetregimes gegen die russische Konstituante wiederholte stichwortprägend mehrfach den Schlüsselbegriff der »Oktoberrevolution« und kategorisierte sie als »Arbeiter- und Bauernrevolution«. Zur Rechtfertigung wurde in einer mit abgedruckten »Erklärung der Bolschewiki« hervorgehoben: »Die gesetzgebende Versammlung in ihrer gegenwärtigen Zusammensetzung ist das Ergebnis des Kräfteverhältnisses, wie es vor der Oktoberrevolution bestand.«[42] Wenn die russische Frühjahrsrevolution durch Fortsetzung des Krieges diskreditiert war und die Herbstrevolution nun sozusagen über Winter diktatorisch vereiste, blieben für sozialdemokratische Zentristen nur geringe Identifikationschancen: »Es gibt auch in Rußland Sozialdemokraten, die von den Illusionen von rechts und links frei sind. Das sind die Menschewiki-Internationalisten unter der Führung Martows [...]«[43] Dass aber sogar der Internationalist Martow, der »mit den Bolschewiki gegen die Koalitionsregierung gekämpft hatte«, nunmehr »auf Lenins Befehl verhaftet« wurde, bedeutete hinsichtlich der neuen Machthaber, »die Gewaltmittel [...] auch gegen revolutionäre Sozialisten anzuwenden«.[44] Dies urteilte das Parteiorgan in Wien, wo man sich übrigens auch in den Folgejahren keiner ernsthaften politischen Herausforderung durch bolschewistische Gefolgsleute ausgesetzt sah; dort favorisierte man einen dritten Weg nach Art der USPD-Mehrheit.[45] Denn »der Sozialismus kann nur durch die Demokratie, nicht gegen die Demokratie siegen. Die proletarische Revolution kann nach dem berühmten Worte von Karl Marx nur siegen als ›Revolution der ungeheuren Mehrheit im Interesse der ungeheuren Mehrheit‹, nicht als bewaffnete Diktatur einer Minderheit über die Mehrheit. Der Versuch, die Diktatur des industriellen Proletariats gegen den Willen der bäuerlichen Volksmehrheit aufzurichten, hat nie anders geendet als mit der Diktatur eines Cromwell, eines Bonaparte oder eines Gambetta.«[46] Solche Anwendung der Marxʼschen Bonapartismusthese auf die Diktatur der Bolschewiki war die theoretische Höchststrafe für eine – sich zuvor noch als linker Flügel der internationalen Sozialdemokratie gebärdende – bolschewistische Kaderpartei, insoweit sie nun schrittweise zur Staatspartei wurde. Aber es war Lenin selbst, der schon 1918 ganz offen eine Gewaltherrschaft folgendermaßen skizzierte: »Die Diktatur ist eine sich unmittelbar auf Gewalt stützende Macht, die an keine Gesetze gebunden ist. Die revolutionäre Diktatur des Proletariats ist eine Macht, die erobert wurde und aufrechterhalten wird durch die Gewalt des Proletariats gegenüber der Bourgeoisie, eine Macht, die an keine Gesetze gebunden ist.«[47]   3. Rosa Luxemburgs Kritik und Kautskys Schrift über die russische »Diktatur des Proletariats«[48] Hingegen machte Rosa Luxemburgs Distanzierung von der Sozialdemokratie – einschließlich der USPD-Mehrheit – im Ersten Weltkrieg sie nicht einfach zur Parteigängerin der Bolschewiki. Im Rahmen der zweiten russischen Revolution von 1917 sprach sie abwechselnd von »Oktoberumsturz«, »Oktober-Aufstand«, »Oktoberumschwung« und insofern ganz ohne Mythos als vierte Begriffsvariante auch von der »Oktoberrevolution«. Die gewaltsame Auflösung des russischen Parlaments nach Machtübernahme der Bolschewiki kritisierte sie mit der Bemerkung: Lenin und Trotzki hätten zu dem »Schluss« kommen sollen, »daß sie eben die verjährte, also totgeborene konstituierende Versammlung kassierten und ungesäumt Neuwahlen zu einer neuen Konstituante ausschrieben!«.[49] Rosa Luxemburg bemängelte trotz ihres Verständnisses für die prekäre Lage die Machttaktik der Bolschewiki bei dem Friedensschluss, der Nationalitätenfrage und der Kleineigentum schaffenden Landverteilung. So kann ihre bekannteste Formulierung als linkssozialistische Kritik an Engführung der von ihr befürworteten »Diktatur des Proletariats« verstanden werden: »Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.«[50] Und es folgte danach noch konkreter: »Ohne allgemeine Wahlen, ungehemmte Presse- und Versammlungsfreiheit, freien Meinungskampf erstirbt das Leben in jeder öffentlichen Institution, wird zum Scheinleben, in der die Bürokratie allein das tätige Element bleibt.« Auch wenn sie es nun anders deutete, waren dies Worte, die Rosa Luxemburgs Vorprägung in der Sozialdemokratie bezeugten und von anderen künftig weiter so benutzt werden konnten, indem sie dieses Fazit zog: »Es ist die historische Aufgabe des Proletariats, wenn es zur Macht gelangt, an Stelle der bürgerlichen Demokratie sozialistische Demokratie zu schaffen, nicht jegliche Demokratie abzuschaffen.«[51] In theorieorientierter Weise wurde die sozialdemokratische Wahrnehmung wohl am meisten von Karl Kautskys im Sommer 1918 verfasster Broschüre über die russische Diktatur des Proletariats geprägt. Dass eine »sozialistische Partei« dort nun »die herrschende geworden« sei, nannte er gegen Ende des Textes »ein ungeheures, für das kämpfende Proletariat glorreiches Ereignis« (S. 59) – und eingangs: ein »gewaltigeres Ereignis als die Besitznahme der Herrschaft über die Stadt Paris durch das Proletariat im März 1871« (S. 3). Aber Kautsky setzte zugleich seinen programmatischen Kontrapunkt: »Wir verstehen unter dem modernen Sozialismus nicht bloß gesellschaftliche Organisierung der Produktion, sondern auch demokratische Organisierung der Gesellschaft. Der Sozialismus ist demnach für uns untrennbar verbunden mit der Demokratie.« (S. 5) Überdies hielt er Demokratie für unvereinbar mit jeder »Unterdrückung«, wie es auch schon im Schlusssatz des von Kautsky verfassten grundsätzlichen Teils des Erfurter Programms der SPD stand und nun in seine Aussage mündete: »Die Demokratie bedeutet Herrschaft der Majorität. Sie bedeutet aber nicht minder Schutz der Minderheit.« (S. 15) Der von Marx nur punktuell verwendete Begriff »Diktatur des Proletariats« konnte nicht seine Herkunft aus der revolutionären Demokratie seit 1848 dementieren: »Die Diktatur war ihm ein Zustand, der bei überwiegendem Proletariat aus der reinen Demokratie notwendig hervorgeht« (S. 21); denn Marx habe ein Jahr nach dem Bekenntnis zur Pariser Kommune für Amerika und England und vielleicht Holland eine Durchsetzung von Zielen der Arbeiterbewegung »auf friedlichem Wege« als möglich erklärt (S. 7). Gestützt auf das Hauptkriterium des Vorhandenseins eines zahlreichen und politisch geschulten Proletariats zog Kautsky die weitergehende Schlussfolgerung: »Je kapitalistischer ein Staat auf der einen Seite, je demokratischer auf der anderen Seite, desto näher steht er dem Sozialismus.« (S. 42) Zwar wollte sich Kautsky von Revolutionsrhetorik, die zur Unzeit und im unpassenden Landeskontext ertönte, ebenso abgrenzen wie von der Beschränkung auf Reformismus, wenn er darlegte: »In der Demokratie denkt und spricht das Proletariat nicht ununterbrochen bloß von der Revolution, wie unter dem Despotismus. Es kann Jahre, ja ganze Jahrzehnte lang in bloßer Kleinarbeit aufgehen, doch schließlich müssen überall immer wieder Situationen auftreten, die revolutionäres Denken und Streben in ihm entzünden.« (S. 19) Aber nicht abrücken wollte er von seiner Definition der Reife zum modernen Sozialismus aus dem Übergewicht der industriellen Arbeiterschaft, wovon er Russland noch weit entfernt sah: »Wenn das heutige Rußland soviel Ähnlichkeit mit dem Frankreich von 1793 aufweist, so beweist das nur, wie nahe es dem Stadium der bürgerlichen Revolution steht.« (S. 25)[52] Damit fiel er aber hinter seine eigene These von 1907 zurück, dass die russische Revolutionsentwicklung in »keine bisherige Schablone paßt«.[53] Aus seiner geschichtstheoretischen Retrospektive insistierte Kautsky, das sozialstatistische »Übergewicht der Bauernschaft« zeige »den bürgerlichen Charakter dieser Revolution« und gleichzeitig eine politische Tendenz zu einer »Diktatur der Bauern« (S. 52). Die ökonomische Zuweisung der Bauernschaft an die »bürgerliche« Formation der Revolution resultierte für ihn aus der strukturellen Bindung an die Eigentumsordnung: »Das Interesse des Bauern an der Revolution erlischt daher, sobald sein neues Privateigentum gesichert ist.« (S. 51) Wo die Gefahr einer Abschnürung der städtischen Arbeiterschaft von der Nahrungsmittelversorgung im Hintergrund stand, wies Kautsky dem bolschewistischen Diktaturregime eine nachgeordnete Verantwortung zu: »Die Hungersnot ist nicht durch die Diktatur geschaffen, sondern durch die Mißwirtschaft des Zarismus und den Krieg. Aber daß sich Landwirtschaft und Transportwesen in dem Halbjahr nach dem Frieden so wenig erholten, ist eine Folge des Bürgerkrieges.« (S. 55) Als hochriskant stufte er das Kalkül ein, die innere Not gewissermaßen durch Revolutionsexport auffangen zu können: »Die bolschewistische Revolution war aufgebaut auf der Voraussetzung, daß sie den Ausgangspunkt bilde zu einer allgemeinen europäischen Revolution.« (S. 28) Zwar wusste Kautsky um die historische Erblast, »daß der Kampf gegen den Zarismus geheimzuführen war, die Verschwörung entwickelt aber die Sitten und Gewohnheiten der Diktatur, nicht der Demokratie« (S. 58). Somit galt für ihn: »Die Diktatur als Regierungsform ist in Rußland ebenso begreiflich wie ehedem der bakunistische Anarchismus. Aber begreifen heißt noch nicht anerkennen, wir müssen jene ebenso entschieden ablehnen wie diesen.« (S. 63) Ein wesentlicher Anknüpfungspunkt aus der ersten russischen Revolution von 1905 war Kautsky durchaus bewusst, wenn er konstatierte: »Als die zweite russische Revolution im März 1917 ausbrach, erstand auch sofort wieder die Sowjetorganisation«, und zwar in Rätegremien auf »höherer Grundlage«, nämlich stärker überregional ausgreifend (S. 31). Unter Verweis auf die englischen »shop stewards« versprach er sich darüber hinaus sogar für bevorstehende »Massenkämpfe« jenseits der Organisationsroutine einen Mobilisierungsimpuls, indem er prognostizierte: »Gewerkschafter wie Parlamentarier können hier vermöge ihrer Erfahrungen und ihres Wissens erfolgreich wirken, die eigentliche Leitung wird immer mehr den Betriebsvertretungen, den Arbeiterräten zufallen.« (S. 32) Den entscheidenden Missgriff der Bolschewiki erblickte Kautsky somit zunächst in deren Konzeption, die Arbeiterräte von einer »Kampforganisation« zur »Staatsorganisation« umfunktioniert zu haben. Das war für ihn die historische Bruchstelle, die er auch terminologisch anhand des neuen Parteinamens (seit März 1918) fixierte: »Dementsprechend hörten die Bolschewiki auf, sich Sozialdemokraten zu nennen. Sie bezeichnen sich als Kommunisten.« (S. 33) Hätten die Bolschewiki statt ihres Gewaltakts gegen die Konstituante in Neuwahlen die Mehrheit erobert, »die gesamte Internationale des kämpfenden Proletariats würde sich einmütig und mit voller Macht hinter sie stellen« (S. 38), so die These Kautskys. Unter den Bedingungen einer Diktatur hielt er die Informationsbasis für defizitär: »Da die Freiheit der Presse und des Wortes fehlt, kein zentraler Repräsentativkörper vorhanden ist, [...] werden wir von rechts und links mit Nachrichten überschüttet, die einander widersprechen, und müssen ihnen allen zunächst mit Mißtrauen gegenüberstehen.« (S. 53 f.)   4. Fazit und Ausblick Sogar der österreichische Cheftheoretiker Otto Bauer, der auf die Oktoberrevolution nachhaltig erwartungsvoller als Kautsky blickte, hat die Frühjahrsrevolution als wesentliche historische Zäsur hervorgehoben. Denn es sei der zuvor von imperialistischen Gegensätzen angetriebene Weltkrieg »seit dem Zusammenbruch des Zarismus im März 1917 und seit dem Eingreifen der Vereinigten Staaten in den Krieg zu einem Kampf zweier politischer Systeme geworden [...] Drüben die Demokratie, hüben der Obrigkeitsstaat – das war der Gegensatz der herrschenden Ideologien«.[54] So wie für die DDR-Geschichtsschreibung bis zuletzt mit der »Großen Sozialistischen Oktoberrevolution« die eigentliche »Weltenwende 1917« verbunden blieb,[55] sprach man in der bundesdeutschen Historiografie zuweilen von einer »Weltwende 1917«.[56] Der überhaupt erste Text in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte ging von der Grundthese aus, »daß etwa mit den Jahren 1917/18 eine neue universalgeschichtliche Epoche sich abzuzeichnen begonnen hat«. Doch folgte dies wohlgemerkt 1953 auch wesentlich dem Polaritätsmuster des Kalten Krieges, wenn hinzugefügt wurde: »Schon 1918 ist im Grunde die Antithese Washington–Moskau eine sehr reale gewesen.«[57] Das mutet zwar als Rückprojektion aus der Periode der Blockkonfrontation an; doch auch bereits zeitgenössisch war z.B. im Parteiorgan der französischen Sozialisten etwas von der Alternative »Wilson oder Lenin« zu lesen,[58] noch auf die bald an Grenzen stoßenden Völkerbundideen des US-Präsidenten bauend. Gegen USPD-Strömungen, die statt der westlichen Demokratiemodelle die Rätekonzepte favorisierten, wandte der aus Österreich herstammende Vorwärts-Chefredakteur Friedrich Stampfer ein, »daß auch die Räteherrschaft in Rußland schon wieder der Geschichte angehört. Wahlen werden nur noch zum Schein vollzogen und die Räte sind machtlos. Macht hat allein die bolschewistische Parteileitung, die sich auf die Rote Armee, eine streng disziplinierte Söldnertruppe, stützt. Das Rätesystem war in Rußland nur ein Mittel des Übergangs von der ungewohnten Demokratie zurück zur gewohnten Despotie.«[59] Insofern gilt nur für die politische Alltagskommunikation einschließlich der Tagespresse, was in einschlägiger Sekundärliteratur zu lesen ist: »Die geläufige Assoziation zu ›Bolschewismus‹ war ›Chaos‹ und noch nicht Diktatur.«[60] Zutreffend ist aber, dass sich durch beide Komponenten die Oktoberrevolution mit wachsender Distanz in der SPD-Sicht »zu einer Art negativem Mythos verfestigte«.[61] In umgekehrter Richtung förderte auf dem linken USPD-Flügel ein positiver Mythos der Oktoberrevolution die Bereitschaft zum Beitritt in die Kommunistische Internationale. Beides löste sich immer mehr vom konkreten Rückblick auf die russischen Geschehnisse des Herbstes 1917 und hatte daher mit deren »Wahrnehmung« im Verständnis dieses Beitrags nicht mehr viel zu tun.   Der Vortrag wurde am 13. April 2016 im Rahmen der Reihe »Talking about a revolution! Die Oktoberrevolution: Geschichte – Instrumentalisierung – Rezeption« gehalten und ist nachzuhören unter: http://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/oktoberrevolution-lehnert     [1] Arbeiter-Zeitung (im Folgenden: AZ) vom 19. August 1917 (S. 3, linke Spalte) und vom 4. Januar 1918 (S. 2, mittlere Spalte); sogar auf der Titelseite fand sich die Variante »... in Österreich«: AZ vom 20. und. 25. Oktober 1917 sowie vom 21. Januar 1918. [2] So der Titel bei Detlef Lehnert: Die Epoche der Revolution am Ende des Ersten Weltkrieges 1917–1920. Eine historisch-komparative Problemskizze, in: Internationale Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung. 15. Linzer Konferenz 1979, Wien 1981, S. 70–107; siehe auch Francis L. Carsten: Revolutionäre Situationen in Europa 1917–1920, in: Dirk Stegmann/Bernd-Jürgen Wendt/Peter-Christian Witt (Hg.): Industrielle Gesellschaft und politisches System. Beiträge zur politischen Sozialgeschichte, Bonn 1978, S. 375–388; sowie Gerald D. Feldman/Eberhard Kolb/Reinhard Rürup: Die Massenbewegungen der Arbeiterschaft in Deutschland am Ende des Ersten Weltkrieges (1917–1920), in: Politische Vierteljahresschrift (im Folgenden: PVS) 13 (1972), H. 1, S. 84–105. [3] Die Studie von Peter Lösche: Der Bolschewismus im Urteil der deutschen Sozialdemokratie 1903–1920, Berlin 1967, befasst sich erst nach fast 100 Seiten Vorgeschichte mit der Oktoberrevolution und widmet sich ebenfalls länger als dieser auch den Nachwirkungen bis zur »Erstarrung des Bolschewismusbildes« (S. 248). [4] Alle Hervorhebungen dieses Beitrags in Zitaten entsprechen dem jeweiligen Original. [5] Rosa Luxemburg: Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie, in: Die neue Zeit (im Folgenden: NZ). Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie 22 (1904), Bd. 2, H. 42, S. 484–492 u. H. 43, S. 529–535, Zitate S. 486, 489 u. 535. Kautsky nahm die Erwiderung Lenins wegen der Offenlegung tiefer Gegensätze in der russischen Partei nicht zum Druck an, bot aber an, eine auf die von Rosa Luxemburg angesprochenen Organisationsfragen umgearbeitete Fassung zu publizieren, so im Brieftext nachlesbar bei Dietrich Geyer: Die russische Parteispaltung im Urteil der deutschen Sozialdemokratie 1903–1905, in: International Review of Social History 3 (1958), H. 2, S. 195–219, hier S. 218 f.; der zweite Teil der Studie Geyers, ebd., H. 3, S. 418–444 mündet in das Fazit, dass »die parteioffizielle Haltung gegenüber den Problemen und Kämpfen der russischen Sozialdemokraten nach den Einsichten der Jahre 1904 und 1905 kaum wesentlich modifiziert worden« ist (S. 444). [6] Rosa Luxemburg: Die Revolution in Rußland, in: NZ 23 (1905), Bd. 1, H. 18, S. 572–577, Zitate S. 574 f. [7] N. Trotzky [Leo Trotzki]: Die Entwicklungstendenzen der russischen Sozialdemokratie, in: NZ 28 (1910), Bd. 2, H. 50, S. 860–871, Zitate S. 865 f. [8] Trotzky: Der Arbeiterdeputiertenrat und die Revolution, in: NZ 25 (1907), Bd. 2, H. 29, S. 76–86, Zitat S. 77 f. [9] Ebd., S. 80 u. 82. [10] Trotzky: Entwicklungstendenzen (Anm. 7), S. 871. [11] Trotzky: Über den Marxismus in Rußland: zum fünfundzwanzigsten Jubiläum der »Neuen Zeit«, in: NZ 26 (1908), Bd. 1, H. 1, S. 7–10, Zitat S. 7. [12] Eduard Bernstein: Revolution und Russland, in: Sozialistische Monatshefte (im Folgenden: SM) 9 (1905), H. 4, S. 289–295, Zitate S. 290 u. 292. [13] Ders.: Fragen der Taktik in Russland, in: SM 10 (1906), H. 3, S. 208–217, Zitate S. 213 u. 217. [14] Max Weber: Rußlands Übergang zum Scheinkonstitutionalismus, in: ders.: Zur Russischen Revolution von 1905 (MWG I/10, Studienausgabe), hg. von Wolfgang J. Mommsen, Tübingen 1996, S. 105–328. Auch L. Martoff [Julius Martow]: Der Staatsstreich in Rußland, in: NZ 25 (1907), Bd. 2, H. 42, S. 516–528 spricht von »Pseudokonstitutionalismus« und »Scheinkonstitutionalismus« (S. 524 f.). [15] L. Martoff: Die erste Epoche der russischen Revolution (II.), in: NZ 24 (1906), Bd. 1, H. 2, S. 52–60, Zitate S. 59 f. [16] Ders.: Die preußische Diskussion und die russische Erfahrung, in: NZ 28 (1910), Bd. 2, H. 51, S. 907–919, Zitat S. 919. [17] Karl Kautsky: Triebkräfte und Aussichten der russischen Revolution (Schluß), in: NZ 25 (1907), Bd. 1, H. 10, S. 324–333, Zitate S. 331–333. [18] AZ vom 10. November 1917, S. 1. [19] Siehe Lösche: Bolschewismus (Anm. 3), S. 100. [20] Protokoll Reichstag, 95. Sitzung vom 29. März 1917, S. 2837 B–C. [21] Correspondenzblatt der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands vom 21. April 1917, S. 153. [22] Protokoll Reichstag, 95. Sitzung vom 29. März 1917, S. 2835 A. [23] Die Monografie Ludwig Quessel: Der moderne Sozialismus, Berlin 1919, bezeugt seine programmatischen Ambitionen. [24] Ludwig Quessel: Die auswärtige Politik der russischen Revolution, in: SM 23 (1917), H. 12, S. 619–626, Zitat S. 621. Auch der ähnlich denkende Max Cohen: Russische Revolution und deutsche Politik, in: SM 23 (1917), H. 7, S. 353–356, sprach von »weltgeschichtlicher Tragweite« und betonte deutlicher als Quessel »die unbedingte Notwendigkeit einer östlichen Orientierung der deutschen Politik« (S. 353). Wohl nicht zufällig war Cohen bald auch der am meisten für den Einbau von Räteelementen in die Verfassung eintretende SPD-Politiker. [25] Ludwig Quessel: Das neue Russland, in: SM 23 (1917), H. 7, S. 346–352, Zitat S. 351. [26] Ders.: Das werdende Russland, in: SM 23 (1917), H. 19, S. 977–981, Zitat S. 978. [27] Ders.: Russlands agrarsozialistische Mission, in: SM 23 (1917), H. 20/21, S. 1034–1042, Zitate S. 1036 u. 1041 f. [28] Ders.: Der Aufbau des neuen Russlands, in: SM 24 (1918), H. 1, S. 7–12, Zitate S. 7 u.11 f. [29] Ders.: Vom Bolschewismus zum Reformismus, in: SM 24 (1918), H. 12, S. 667–675, Zitate S. 668, 670 u. 674. [30] Protokoll Reichstag, 128. Sitzung vom 1. Dezember 1917, S. 3980 D. [31] Protokoll Reichstag, 109. Sitzung vom 15. Mai 1917, S. 3395 A. [32] Bericht im Vorwärts, 19. November 1917, zit. nach Susanne Miller: Burgfrieden und Klassenkampf. Die deutsche Sozialdemokratie im Ersten Weltkrieg, Düsseldorf 1974, S. 353. [33] Protokoll Reichstag, 127. Sitzung vom 29. November 1917, S. 3950 B–C. [34] Protokoll Reichstag, 128. Sitzung vom 1. Dezember 1917, S. 3972 B–C. [35] Ebd., S. 3958 C u. 3959 D. [36] AZ vom 1. Jänner 1918, S. 3 (Ludo M. Hartmann: Verantwortlichkeit). [37] AZ vom 18. Dezember 1917, S. 1. Der britische Historiker Adam Tooze: Sintflut. Die Neuordnung der Welt 1916–1931, München 2015, hat jüngst wegen 44 Millionen abgegebener Stimmen (fast dreimal so viel wie bei den US-Präsidentenwahlen des Vorjahrs) die »Wahl zur russischen konstituierenden Versammlung« im Herbst 1917 als das bis dahin »größte Ereignis in der Geschichte der Demokratie« und als »Meilenstein in der Geschichte der Demokratie des 20. Jahrhunderts« bezeichnet (S. 111 f.). Solche Einstufung, wie auch die Würdigung deutscher Nationalversammlungswahlen im Januar 1919 als »das bei weitem eindrucksvollste demokratische Schauspiel in der ganzen westlichen Welt in der unmittelbaren Nachkriegszeit« (S. 299), spielt die revolutionär inspirierte Massendemokratie gegen den zuvor noch elitär-exklusiven Charakter der westlichen Demokratien aus. [38] Vorwärts vom 21. Januar 1918. [39] Vorwärts vom 15. Februar 1918 (»Die Bolschewiki und wir«). [40] Protokoll Reichstag, 130. Sitzung vom 20. Februar 1918, S. 4007 C–D. [41] Belege bei Jürgen Zarusky: Die deutschen Sozialdemokraten und das sowjetische Modell. Ideologische Auseinandersetzung und außenpolitische Konzeption 1917–1933, München 1992, S. 47 f. [42] AZ vom 22. Jänner 1918, S. 5. [43] AZ vom 10. März 1918, S. 2 (Heinrich Weber: Die Bolschewiki und wir). [44] AZ vom 29. Jänner 1918, S. 1. [45] Allgemein zum Vergleich auch Uli Schöler: »Despotischer Sozialismus« oder »Staatssklaverei«. Die theoretische Verarbeitung der sowjetrussischen Entwicklung in der Sozialdemokratie Deutschlands und Österreichs (1917–1929), Bd. 1, Münster 1991. [46] AZ vom 24. Jänner 1918, S. 1. [47] N. Lenin [Wladimir Iljitsch Lenin]: Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky (1918), in: ders.: Werke, Bd. 28, S. 225–337, Zitat S. 234. [48] Karl Kautsky: Die Diktatur des Proletariats, 2. Aufl. Wien 1918 (Seitenzahlen im Text dieses Abschnitts aus dieser Broschüre; er selbst gibt zu erkennen, die S. 52 am »5. August« geschrieben zu haben). [49] Rosa Luxemburg: Zur russischen Revolution (1918), in: Gesammelte Werke. Hg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Bd. 4, Berlin (Ost) 1974, S. 353. [50] Ebd., S. 359. [51] Ebd., S. 362 f.; nicht erst mit der Umbenennung zu »Internationalen Kommunisten Deutschlands« im November 1918 außerhalb sozialdemokratischer Traditionslinien stellten sich hingegen z.B. die Bremer Linksradikalen, deren Zeitschrift »Arbeiterpolitik« daher in diesem Kontext unberücksichtigt bleibt. [52] Diese Parallele und die bolschewistische Bezugnahme auf die Pariser Kommune von 1871 führte in Frankreich zu einer unter Sozialisten nachwirkend günstigeren Beurteilung, so Heinrich August Winkler: Demokratie oder Bürgerkrieg. Die russische Oktoberrevolution als Problem der deutschen Sozialdemokraten und der französischen Sozialisten, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (im Folgenden: VfZ) 47 (1999), H. 1, S. 1–23, hier S. 19 f. [53] Kautsky: Triebkräfte (Anm. 17). [54] Otto Bauer: Die österreichische Revolution, Wien 1923, S. 109. [55] Heinz Abraham: Weltenwende 1917. Der Kampf der Bolschewiki um die Gewinnung der Massen vor und während der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, Berlin (Ost) 1987. [56] Hellmuth Rößler (Hg.): Weltwende 1917. Monarchie – Weltrevolution – Demokratie, Göttingen 1965. [57] Hans Rothfels: Zeitgeschichte als Aufgabe, in: VfZ 1 (1953), H. 1, S. 1–8, Zitate S. 6 f. [58] So wurde Albert Thomas von Hugo Preuß: Volksstaat oder verkehrter Obrigkeitsstaat (1918), in: ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 4, Tübingen 2008, S. 73–75, aus »L’Humanité« zitiert (S. 74); dieser Artikel war der Berufung des sozialliberalen Demokraten Preuß zum Verfassungsbeauftragten einer SPD/USPD-Revolutionsregierung förderlich. [59] Friedrich Stampfer: Verfassung, Arbeiterklasse und Sozialismus. Eine kritische Untersuchung der Reichsverfassung vom 11. August 1919, Berlin 1919, S. 20. [60] Zarusky: Sozialdemokraten (Anm. 41), S. 93. [61] Lösche: Bolschewismus (Anm. 3), S. 138.

JHK 2017

Nikolaj Nekrasov – gescheiterter Staatsmann. Das Schicksal eines Politikers in der Revolutionsepoche

Aleksandr Nekrasov und Tatʼjana Nekrasova

100 Jahre nach dem Ende des I. Weltkrieges bietet sich Historikern eine besondere Perspektive: Nicht als Beteiligte, sondern als Nachkommen und Erben können sie sich von engen Streitfragen lösen, die Bedeutung des Ereignisses in seiner Gesamtheit begreifen und aus der »Vogelperspektive« ein einheitliches Bild zeichnen. Mit einigem Abstand kann die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihrer Kontinuität verfolgt werden, und die Folgen der Ereignisse können weit außerhalb ihres historischen Zeitrahmens beurteilt werden. Für diese Art der historischen Synthese eignet sich das Genre der Biografie besonders, zeichnet es doch den Wechsel der Epochen und den Einfluss historischer Ereignisse auf das Leben am Beispiel eines einzelnen Menschen nach. Nikolaj Nekrasov – namhaftes Mitglied der Kadettenpartei (offizielle Bezeichnung: Konstitutsionno-Demokratitscheskaja Partija, Konstitutionell-Demokratische Partei), Hauptwidersacher von Pavel Nikolaevič Miljukov, dem Vorsitzenden der Kadettenpartei und Mitglied von drei Provisorischen Regierungen – steht beispielhaft für die Menschen, die die Russische Revolution vorangetrieben haben, versuchten, ihr eine Richtung zu geben und schließlich doch scheiterten. Nach 1917 steht das Schicksal von Nikolaj Nekrasov ebenso beispielhaft für den Prozess des revolutionären und mühsamen Aufbaus eines neuen Staates, der seine Prägung entsprechend dem Willen der Bolschewiki erhielt. Diese bolschewistische Diktatur nutzte, wie viele andere Diktaturen auch, nun zur Kooperation gezwungene, frühere Widersacher zu Vorzeigezwecken aus: Politiker, die auf die Seite des sowjetischen Regimes wechselten, standen sinnbildlich für den Triumph des neuen Gesellschaftssystems. Die Ausbeutung der Arbeitskraft ehemaliger bürgerlicher Fachleute, denen man erfundene Straftaten zur Last legte, wurde zu einer bequemen Methode, billige Arbeits- und Kreativkräfte in den Aufbau des neuen Staates und die damit verbundenen gewaltigen Modernisierungsaufgaben einzubeziehen. Trotz aktiver Beteiligung am politischen Leben Russlands und bemerkenswerter politischer Erfolge in der Vorkriegs-, Kriegs- und Revolutionszeit wurde der Lebensweg von Nikolaj V. Nekrasov bisher nur in Grundzügen recherchiert. Weiterhin nicht zugängliche Quellen lassen das Bild Nekrasovs bislang unvollständig erscheinen. Zudem stieß das Erbe von Verwandten, die Repressionen ausgesetzt waren, in sowjetischen Familien bisher auf kein besonderes Interesse, Familienarchive wurden selten aufbewahrt. So wurden auch viele der Habseligkeiten von Nikolaj Nekrasov, die Aufschluss über Details seines Lebensweges hätten geben können, der Vernichtung preisgegeben.[1] Als wichtige Quelle dienen die Ermittlungsakten, die im Zentralarchiv des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation aufbewahrt werden und 1998 zum größten Teil durch den Historiker Vladimir Vasilʼevič Polikarpov veröffentlicht wurden.[2] Der Charakter dieser Quellen ist jedoch umstritten. Gerade die Aussagen, die Nikolaj Nekrasov gegenüber den Ermittlungsbehörden machte, wurden bereits mehrfach von Historikern angezweifelt. Einige von ihnen sind überzeugt, dass die Aussagen Nekrasovs von den Ermittlungsbehörden gefälscht wurden.[3] Die von den Autoren dieses Artikels in vielen Jahren zusammengetragenen Materialien und Ergebnisse familiärer Forschung beleuchten die wichtigsten Phasen im Leben Nikolaj Nekrasovs und machen es möglich, das Schicksal des Politikers, dessen Leben die Revolution in zwei Abschnitte teilte, näher zu analysieren.   Nekrasovs Weg in die Politik Nikolaj Nekrasov wurde am 1. Februar 1879 als Sohn des Geistlichen Vissarion Nekrasov geboren, der wahrscheinlich ein Neffe des bekannten russischen Poeten Nikolaj Alekseevič Nekrasov war.[4] Vissarion Nekrasov absolvierte das geistliche Seminar in Rjazanʼ, das als eines der besten in Russland galt. Fast zeitgleich mit ihm studierte dort der spätere erste russische Nobelpreisträger, der Physiologe Ivan Petrovič Pavlov. Nach Abschluss der Geistlichen Akademie St. Petersburg lehrte Vissarion Religion an Lehranstalten in Gatčina und anschließend in St. Petersburg. In letzterer war darunter die Handwerksschule des Thronnachfolgers Nikolaj (das spätere Militärinstitut für Mechanik, heute die Technische Ostsee-Universität). Ebenso war er Obergeistlicher der Hochschulkirche des Heiligen Nikolaj sowie des benachbarten 10. Gymnasiums, das später auch Nikolaj Nekrasov besuchen sollte. In einer Chronik des Gymnasiums wird hervorgehoben, dass Vissarion Jakovlevič »Sprachen gut konnte und ein sehr aufgeklärter Mensch war. Zu seinem Fach Religion hatte er kein besonders ernsthaftes Verhältnis; hinter vorgehaltener Hand sagte man, er sei Atheist. Dies können wir nicht unbedingt bestätigen, dass er aber ein Liberaler und ein fortschrittlicher Mensch war, daran besteht kein Zweifel [...] Es war interessant zu sehen, wie der ›orthodoxe Priester‹ mit dem Franzosen lief und sich in wunderbarem Französisch mit ihm unterhielt, mit dem Deutschlehrer sprach er Deutsch und die alten Sprachen – Latein, Griechisch und Althebräisch – beherrschte er ebenfalls gut.« Im Gegensatz zu Vater Vissarion sagte man über seinen Sohn Aleksandr, der dort Mathematik lehrte, er sei ein kluger, pedantischer, aber langweiliger und farbloser Mensch.[5] Vissarion Nekrasov lebte mit seiner Familie ganz in der Nähe der Schule, an der Ecke des heutigen Moskauer Prospekts, neben der Kammer für Maß und Gewicht. Hier diente Dmitrij Ivanovič Mendeleev, nachdem er als Zeichen des Protestes gegen die Unterdrückung der Studenten durch die Obrigkeit die Universität demonstrativ verlassen hatte. Außer der Tatsache, dass Vissarion Nekrasov sein Nachbar und vom Amt her der Geistliche für die Angestellten der Kammer für Maß und Gewicht war, verband die beiden auch eine zehnjährige enge Freundschaft. Nach dem Tod Mendeleevs im Jahr 1907 veröffentlichte Vissarion in einer wissenschaftlichen Zeitschrift eine kleine, sehr herzliche Notiz über seine Freundschaft zu dem bekannten Chemiker.[6] Nikolaj Nekrasov war das älteste Kind der Familie, außer ihm gab es noch drei jüngere Brüder (Aleksandr, Michail und Petr) und eine Schwester namens Lidija. Das Studium fiel ihm offenbar leicht. Im Jahr 1897 schloss Nikolaj das Gymnasium mit der Verleihung einer Goldmedaille ab und 1902 beendete er sein Studium am Institut für Verkehrsingenieure mit einem Diplom, das ihm das Recht verlieh, »Projekte zu erstellen und alle Arten von Bauarbeiten durchzuführen und […] den Dienstgrad eines Kollegiensekretärs bei Eintritt in den Staatsdienst« zu tragen.[7] Er wählte jedoch nicht die Laufbahn eines Projektentwicklers oder eines Beamten, sondern die eines Hochschullehrers. Gleich nach dem Studienabschluss hielt er Vorlesungen und bildete an dem vor Kurzem gegründeten (1900) Technischen Institut Tomsk Nikolaj II. auch praktisch aus. Diese Tatsache werteten seine Biografen und andere Historiker später als Indiz dafür, dass Nikolaj Nekrasov durchaus ambitioniert war[8] – er verließ ohne Bedenken das heimatliche St. Petersburg, um an einer aufstrebenden neuen Hochschule relativ leicht Karriere zu machen. In der Tat verhalf ihm Tomsk zu dem erhofften Erfolg: Bereits 1903 wird Nekrasov zum Praktikum nach Deutschland und in die Schweiz geschickt, wo er sich mit dem europäischen Lehrsystem vertraut macht, Großbauprojekte besichtigt und an seiner Dissertation in Ingenieurwissenschaften arbeitet.[9] Schon bald nach seiner Rückkehr aus Deutschland nach Tomsk 1905 erhält Nekrasov im August 1906 den Professorentitel am Lehrstuhl Statik und Brückenbau, dessen Vergabe die Kommission wie folgt kommentiert: »Während seiner Dozententätigkeit zeigte er sich als tiefgründiger und kluger Hochschullehrer [...] Nikolaj V. Nekrasov verdient es völlig, dass ihm ein eigener Lehrstuhl in dem Fach, in dem er ausgebildet ist, anvertraut wird.«[10] Zu diesem Zeitpunkt war Nekrasov erst 27 Jahre alt. Seine beruflichen Qualitäten und seine hohe Qualifikation, führten dazu, dass Nekrasov in der Staatsduma als Experte zu unterschiedlichsten Fragen auftreten und in einer Reihe von Duma-Ausschüssen mitarbeiten sollte: im Haushaltsausschuss, zu Fragen der Infrastruktur, der Arbeit, Militär- und Marineangelegenheiten, der Volksbildung u.a.[11] Aufgrund der Tatsache, dass viele Persönlichkeiten, die wie Nekrasov der Kadettenpartei angehörten, ebenfalls Akademiker waren oder an Hochschulen lehrten, mangelte es nicht an Konkurrenz. Bezeichnend ist in diesem Zusammhang, dass zum Beispiel Miljukov, der Privatdozent war, über Nekrasov, der einen Professorentitel hatte, in seinen Memoiren lediglich sagt: »Ein junger Ingenieur und Dozent am Technischen Institut Tomsk.«[12] Auch die Mitglieder der Provisorischen Regierung verfügten in der Regel über einen hohen Bildungsgrad: Sie hatten eine Hochschule besucht, einer war Mitglied in der Akademie der Wissenschaften (S. F. Olʼdenburg), andere waren Professoren (A. A. Manujlov. S. S. Salazkin und N. V. Nekrasov) oder Privatdozenten, zu denen auch P. N. Miljukov gehörte, und hatten den wissenschaftlichen Grad eines Doktor habil.[13]   Nekrasov als Mitglied der Kadettenpartei Obwohl sich Nikolaj Nekrasov intensiv dem Unterrichten widmete, mehrere Vorlesungsreihen vorbereitete und wissenschaftliche Projekte leitete, hielt es ihn nicht lange in diesem Bereich. Schon bald engagierte er sich aktiv politisch und unterstützte die Arbeit der Organisation der liberalen Gruppe »Akademischer Bund« (Bund der Professoren) in Tomsk. Im Sommer 1905 fährt er mit seiner erkrankten, ersten Ehefrau Anna Kiričenko[14] zur Erholung nach Jalta, wo er wegen der Ereignisse der ersten russischen Revolution 1905 länger bleibt als geplant. In Jalta tritt er der Kadettenpartei bei und nimmt als deren Deligierter am Gouvernements-Parteitag teil, auf dem er zum Delegierten des III. Parteitages der Partei der Volksfreiheit (zuvor Kadettenpartei) gewählt wird. Auf diesem Parteitag, der vom 21. bis 25. April 1906 in St. Petersburg stattfand, hielt Nekrasov eine Rede zur Agrarfrage. Er trat gegen eine Kollektivierung der Landwirtschaft ein und rief dazu auf, die Bestätigung des endgültigen Standpunktes der Partei in diesem Bereich nicht zu überstürzen. Aus seiner Sicht war die Abschaffung des Privateigentums an Boden zwar wünschenswert, eine Agrarreform sollte aber nicht von der Partei, sondern von der Duma erörtert werden.[15] In seiner Rede, die Forscher in erster Linie als einen Aufruf zur Abschaffung von Privateigentum interpretieren,[16] wird die künftige politische Strategie Nekrasovs deutlich: Bei gemäßigten Sympathien für sozialistische Losungen lehnte er es ab, globale Fragen ohne Beteiligung einer breiten Öffentlichkeit zu lösen und setzte auf parteiübergreifende Diskussionen im Parlament. Durch Nekrasovs Rede wird die Parteiführung auf ihn aufmerksam und schlägt ihn als Kandidaten für das Zentralkomitee (ZK) der Partei vor, was aber nicht im ersten Anlauf gelingt. Erst im Jahr 1909 wird Nekrasov schließlich ins ZK der Kadettenpartei kooptiert und avanciert schon bald zum Führer ihres linken Flügels. Vielleicht lässt sich sein eindrucksvolles Debüt damit erklären, dass Nikolaj Nekrasov sich bereits früher politisch engagiert hatte. Fürst V. A. Obolenskij, Politiker und ebenfalls Mitglied der Kadettenpartei (der ihn erst in Jalta kennenlernte) berichtet, dass Nekrasov nach Aussage ehemaliger Kollegen im Institut in seinen Studentenjahren als Rechter galt.[17] Demgegenüber gehörte er bereits ab 1904 dem »Befreiungsbund« an und hatte Verbindungen zu den Sozialrevolutionären (die offenbar während seines Aufenthalts in Deutschland zustande kamen) und anderen Vertretern linker Kreise. Dennoch wählte er die liberal-zentristische Kadettenpartei und nicht die Partei der Sozialrevolutionäre oder der Bolschewiki, ebensowenig agierte er im Untergrund. Von Zeitgenossen wird seine Wandlungsfähigkeit hervorgehoben, obgleich darin die »Doppelzüngigkeit eines habsüchtigen Karrieristen« gesehen wird. Obolenskij beschreibt die Taktik Nekrasovs so: »Bei Tagungen der Fraktion und des ZK war er Führer der radikalen Opposition, der Miljukov teils offen, teils in privaten Gesprächen ständig wegen dessen gemäßigter Position attackierte, in der Duma aber ausschließlich über sachliche Fragen sprach und in seinen Reden jegliche Zuspitzungen nach rechts bzw. nach links vermied. Das ermöglichte es ihm, in rechten Kreisen der Duma als gemäßigt und gleichzeitig in linken Kreisen als geheimer Revolutionär zu gelten.«[18] 15 Jahre später beurteilte Vladimir Dmitrievič Nabokov, bekanntes Mitglied der Kadettenpartei und eine zeitlang Geschäftsführer der Provisorischen Regierung, die Tätigkeit Nekrasovs auffallend objektiv und wiederholte die in Kreisen der Kadettenpartei verbreitete Bezeichnung »böses Genie der Russischen Revolution«. Dennoch erkannte er an, dass Nekrasov »einer von wenigen großen Menschen war, die in den letzten Jahren in die politische Arena aufgerückt sind. Er war ein talentierter Geschäftsmann und verfügte über einen bemerkenswerten politischen Spürsinn, eine hervorragende Allgemeinbildung und eine außerordentliche praktische Auffassungsgabe.«[19] Interessant ist, dass der nicht zur Fraktion gehörende Sozialdemokrat und spätere Menschewik N. N. Suchanov, der 1917 auf Nekrasov traf, ihn ähnlich charakterisierte: »Er konnte die Lage trefflich erfassen und sich in sie hineinversetzen, anschließend aber auch mit harter Hand vorgehen. In ihm paarten sich die praktische Schule der Politik und ein scharfes Auge mit Energie und Sachlichkeit.«[20] Gleich nach seiner Rückkehr aus Jalta nach Tomsk (1906) verlieh Nikolaj Nekrasov der örtlichen Leitung der Kadettenpartei neuen Schwung und wurde 1907 im Alter von 28 Jahren Abgeordneter der III. Staatsduma. Er wurde zu einem der aktivsten Abgeordneten, betrat die Rednertribüne der Duma über hundert Mal, arbeitete in Duma-Ausschüssen, hielt Reden und verschaffte sich von Beginn an Respekt bei Tagungen der Fraktion, auf denen er die Partei dazu aufrief, nach links zu rücken. Stets wusste er vor allem mit seinem Analysegeschick und seinen profunden Kenntnissen im Bereich der Ingenieurwissenschaften zu überzeugen. Später, nach 1912, zog Nekrasov in die Tverskaja ulica 13, nicht weit entfernt vom Duma-Gebäude (dem Taurischen Palais). Nekrasovs politische Ansichten zu bestimmen, ist nicht einfach. Er handelte oft taktisch, zum Beispiel wenn es um die Billigung des Verteidigungshaushalts oder um Methoden im Umgang mit der Regierung ging. Insgesamt war er sicher gut über die Herausbildung einer Zivilgesellschaft in Russland informiert und beteiligte sich lange vor dem Krieg an der Gründung sibirischer gesellschaftlicher Organisationen. Als regionaler Vertreter von Tomsk in der Staatsduma setzte sich Nikolaj Nekrasov für die Gleichberechtigung Sibiriens gegenüber Zentralrussland ein und machte auf die Notwendigkeit aufmerksam, die Urvölker Sibiriens bei dessen intensiver Kolonisierung zu unterstützen.[21] Außerdem beteiligt sich Nekrasov an der Erarbeitung eines Plans für den sibirischen Eisenbahnbau. Wichtig war ihm jedoch vor allem, Landstände in Sibirien einzurichten und Genossenschaften zu entwickeln. [22] Genossenschaften waren in Russland bereits seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bekannt und erlebten seit Beginn des 20. Jahrhunderts gerade in Sibirien eine Renaissance. Nekrasov entdeckte dieses Thema nach der Oktoberrevolution für sich und machte sich in den Landständen mit den unterschiedlichsten politischen Ansichten vertraut – sowohl linken, als auch rechten. Dabei wurde ihm recht schnell klar, dass es im Falle einer erfolgreichen Volksrevolution für die liberale Kadettenpartei, der soziale Rhetorik fern lag, Themen geben würde, zu denen sie naturgemäß keinen Zugang hätte. Dies war jedoch kein Grund für ihn, zu den Sozialisten überzulaufen – und zwar nicht, weil er illegale Methoden ablehnte (später wird er den Sturz des Zaren vorbereiten und sich für die Einführung einer Militärdiktatur im Lande einsetzen[23]). Vielmehr sah er die Macht bei den Parlamentariern, die bei allen spontanen Erhebungen als regierungsnahe Elite erheblich höhere Chancen hatten, die Initiative zu übernehmen. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang Nekrasovs Verhältnis zu Miljukov, der über die erste Provisorische Regierung sagte: »Ich hatte damals bereits Veranlassung, Nekrasov einfach für einen Verräter zu halten.«[24] Eine Aussage, die verwundern kann, denn es war nie zu einer Auseinandersetzung zwischen den beiden Politiker gekommen. Die Autorität Miljukovs und dessen führende Rolle in der Partei wurde von niemandem angezweifelt, auch nicht von Nekrasov – zumindest ist keine einzige Situation bekannt, in der die beiden um die Parteiführung konkurrierten oder über Streitgespräche, die über den kritischen Meinungsaustausch hinausgingen. Letztlich schlug sich das ZK immer auf die Seite Muljukovs, hatte aber durchaus auch Sympathien für Nekrasov als jungen und leidenschaftlichen Redner, der den Sorgen der Bevölkerung eine Stimme gab. Nekrasov überredete Miljukov zu kühnerem Handeln und schlug vor, der Partei für den Fall eines Volksaufstandes, der seiner Meinung nach unausweichlich war, einen markanteren Anstrich zu geben. Aber noch Anfang 1914 war die Partei nicht bereit, sich dieser Meinung anzuschließen und sah »keinerlei reale Entwicklung im Land im Sinne einer möglichen Revolution«.[25] Miljukov gehörte zu den wenigen, die Nekrasov zustimmten, indem er die Richtigkeit seiner Worte unterstrich: Die Kadetten würden sich von den Stimmungen im Lande entfernen.[26] Gleichzeitig bemängelte er jedoch auch, dass in der linksextremen Demagogie Nekrasovs keine konkreten Vorschläge enthalten seien, die Perspektiven für die Partei in ihrem Bestreben, eine konstitutionelle Partei zu bleiben, aufzeigten oder für Miljukov persönlich, der für die Rolle eines radikalen Zerstörers früherer Grundpfeiler kaum geeignet war.   Schicksalsmonate: Februar bis Oktober 1917 Als persönliche Strategie plante Nekrasov die Teilnahme am Umsturz und bereitete zusammen mit A. I. Gučkov eine Verschwörung vor, mit dem Ziel, den Zaren abzusetzen. Nach der Abdankung von Nikolaj II., stand die Frage nach dem weiteren Schicksal der Monarchie und der Herrschaft von Michail im Raum. Dabei stellte sich heraus, dass die Kadettenpartei nach wie vor keinen Minimalkonsens hinsichtlich der künftigen Staatsform erzielen konnte. So verfasste Nekrasov in der Nacht zum 3. März 1917 gleichzeitig mit dem Schreiben eines »ungefähren Textes« für die Abdankung von Michail einen Gesetzesentwurf,[27] der Russland zur Republik erklärte. Miljukov wandte sich allerdings entschlossen gegen ein solches Vorhaben.[28] Die innerparteilichen Meinungsverschiedenheiten waren für niemanden ein Geheimnis. Insbesondere seit 1910 wurden immer wieder Debatten über eine Abänderung der Zusammensetzung des ZK der Kadettenpartei geführt, dem es an frischem Wind fehlte und in dem, wie Nikolaj Nekrasov feststellte, die linke Flanke, die im Land insgesamt und in der Partei erheblich stärker vertreten war, unterrepräsentiert sei. Im Grunde war er jedoch einfach bestrebt, sich eine breitere parteiliche Unterstützung zu sichern. Die langen Diskussionen über die Notwendigkeit, einen Parteitag einzuberufen, lösten sich 1916 zu seinen Gunsten, nachdem Nekrasov versucht hatte, aus dem ZK der Partei auszuscheiden. Vorwürfe wegen der Übermacht der Rechten im Zentralkomitee wurden laut und wegen der widerrechtlichen Machtanmaßung durch die Parteispitze unter Umgehung der Parteimehrheit. Dennoch führte die Neuwahl des ZK nicht zu einer Stärkung des linken Flügels,[29] und Nekrasov blieb wie schon seit Januar 1915, nachdem sein »linker« Kampfgefährte A. M. Koljubakin an der Front ums Leben gekommen war, bis zu seinem Parteiaustritt im Sommer 1917 isoliert. Gleichgesinnte fand Nikolaj Nekrasov allenfalls unter einzelnen Funktionären anderer Parteien. Diese Zusammenarbeit außerhalb des Parteikreises mit Mitgliedern sowohl liberaler als auch revolutionärer Parteien führte zum Streit über die Rolle der Freimaurer in der Februarrevolution und zur Wiederbelebung des Interesses an Nekrasovs Person in den 1960er- und 1970er-Jahren. Wahrscheinlich gehörte er zusammen mit Vertretern unterschiedlicher Parteien zur Duma-Freimaurerorganisation »Rose«, die sich das Ziel gesetzt hatte, »sich um die Entschärfung von Konflikten und Widersprüchen unterschiedlicher Art zwischen den Fraktionen der Staatsduma zu kümmern und ihr gemeinschaftliches Auftreten zu gewährleisten.«[30] Häufig ist auch zu lesen, dass Nikolaj Nekrasov ab 1910 zusammen mit A. I. Konovalov, M. I. Tereščenko, A. F. Kerenskij und I. N. Efremov die »Freimaurer-Fünf« bildete.[31] Zwischen 1910 und 1912 soll er zudem einer der Initiatoren für die Reformierung der Freimaurer-Organisation in Russland gewesen sein und im Sommer 1912 auf dem Gründungskongress der neuen Organisation – Loge des Großen Ostens der Völker Russlands – als Sekretär des Obersten Rates fungiert haben.[32] Allerdings werden die von vielen Autoren für ihre Forschungen zu diesem Thema genutzten sogenannten Hefte von Boris Ivanovič Nikolaevskij, die im Hoover-Institut (Stanford-Universität, Kalifornien, USA) aufbewahrt werden, nicht von allen als unstrittige Quelle anerkannt.[33] Die Freimaurer-Thematik, stets geheimnisvoll und nebulös, was die Perspektiven einer gemeinsamen Lösung der staatlichen Probleme anging, war für die russische politische Elite im Vorfeld der Revolution durchaus attraktiv. Die Zusammenkünfte von Mitgliedern der Freimaurerlogen können jedoch nicht als bedeutsamer Faktor in Bezug auf die politischen Ereignisse in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts angesehen werden. Zum einen gibt es keine ausreichenden Beweise, die das Vorhandensein konkreter Pläne und Vereinbarungen bestätigen. Die Aussagen, die Nekrasov gegenüber den sowjetischen Ermittlern über seine Beteiligung an Freimaurerorganisationen machte, können aufgrund der Umstände ihrer Entstehung nicht als glaubwürdig angesehen werden. Zum anderen können Verhandlungen zwischen Politikern (auch nicht öffentlich geführte) auch außerhalb von Freimaurerlogen stattgefunden haben. Die parteiübergreifenden Verbindungen Nekrasovs waren weithin bekannt. Später vermerkte Miljukov nicht ohne Bitterkeit in seinen Erinnerungen an die Ereignisse des Jahres 1917: »N. V. Nekrasov und M. I. Tereščenko, die zwei Minister, denen es beschieden war, eine besondere Rolle in den Revolutionskomitees zu spielen, erhielten sowohl aufgrund ihrer unmittelbaren persönlichen Nähe zu A. F. Kerenskij als auch wegen ihrer besonderen Nähe zu konspirativen, die Revolution vorbereitenden Zirkeln, die Ministerien für Transport und für Finanzen.«[34] Wie V. V. Polikarpov schreibt, waren die »Brüder« bei Zusammenkünften bemüht, Diskussionen über »die innere Lage« und über die »Stimmungen des werktätigen Volkes« zu vermeiden, seien sie doch nicht in der Lage gewesen, sich in den stürmischen Ereignissen des Jahres 1917 zu orientieren und in vollem Umfang ihre intellektuellen und moralischen Ressourcen zu nutzen.[35] Außerdem legten die Kontakte zu den Freimauerern die Grundlage für die politische Taktik Nekrasovs: Im Laufe seiner gesamten politischen Tätigkeit rief er offen zu überparteilicher Zusammenarbeit auf. Formal ging es darum, zu verhindern, dass sich die Erfahrungen von 1905 wiederholten, als die oppositionellen Kräfte getrennt waren und einzeln zerschlagen wurden. Einige aktive Politiker versuchten tatsächlich, eine erfolgreiche Taktik für einen Regimewechsel zu entwickeln, die dessen Sturz nicht ausschloss. So arebitete auch Nekrasov mit linken Kreisen (z.B. nahm er an Tagungen des Kongresses des Rates der Arbeiter- und Soldatendeputierten teil) und mit Politikern der Provisorischen Regierung außerhalb der Kadettenpartei zusammen, insbesondere mit Kerenskij. Davon abgesehen, hatten die neuen Machthaber nach dem Sturz des zaristischen Regimes mit innerparteilichen Meinungsverschiedenheiten zu kämpfen. Ebensowenig gelang es auch Nekrasov, zuerst Minister für Transportwesen und anschließend für Finanzen, heftige Kontroversen in der Regierung zu vermeiden (vor allem mit P. N. Miljukov). Seine Strategie, den Eisenbahnern weitgehende Vollmachten zu erteilen (Nekrasov gab ein Rundschreiben über das Recht der Eisenbahnergewerkschaft heraus, die Tätigkeit des Transportressorts administrativ zu kontrollieren ), führte zu Auseinandersetzungen, obwohl gerade Miljukov im Zusammenhang mit dem erfolglosen Versuch des Zaren, am 1. März 1917 aus dem Hauptquartier wegzufahren, anerkannte, dass »unsere Ingenieure Nekrasov und Bublikov [Mitglied der Fortschrittspartei] zusammen mit den Linken Verbindung zur Eisenbahngewerkschaft aufnahmen und sich auf dem gesamten Eisenbahnnetz als Herren der Bewegung erwiesen«.[36] Nekrasovs Teilnahme an den Verhandlungen über eine Autonomie der Ukraine – er war der einzige Minister der Kadettenpartei, der Zugeständnisse an die Zentralna Rada (Zentralverwaltung) befürwortete – führte im Juli 1917 zu einer Regierungskrise und zum Austritt Nekrasovs aus der Kadettenpartei. Am 3. Juli trat er in die kleine Radikal-Demokratische Partei (Radikal’no-Demokratitscheskaja Partija) ein (ihr Programm unterschied sich kaum von der Kadettenpartei), von der er als Finanzminister und gleichzeitig als Stellvertreter des Regierungschefs in der ersten Regierung von Kerenskij eingesetzt wurde. Manche Historiker erklären Nekrasovs Austritt aus der Kadettenpartei und die Zusammenarbeit mit Kerenskij mit der Suche nach einem stärkeren Führer.[37] Gleichwohl ist in dieser Situation kein starker Widerspruch zu seinen früheren Ansichten zu erkennen – immer wieder und bis zum Schluss hatte er die Partei zur Änderung der Taktik aufgerufen. Ohne deren Unterstützung beschloss er, besser auf die eigenen Kräfte zu setzen. Als junger, aktiver, erfahrener und die Menschen für sich einnehmender Politiker hatte Nekrasov alle Chancen auf Erfolg auch außerhalb der Kadettenpartei und Miljukovs Einflussbereich, der die Führung zügelte. Jede politische Taktik ist ein ständiges Lavieren zwischen festen Prinzipien, die sich in einer revolutionären Epoche unweigerlich weiterentwickeln, und dem Zugang zur Macht, die es ermöglicht, diese Prinzipien umzusetzen. Im Sommer 1917 neigte sich die Macht nach links – dafür hatte Nekrasov lange gekämpft. Außerdem verfügte Nekrasov bereits über langjährige Verbindungen zu Kerenskij. Die Chance, politisch an Einfluss zu gewinnen, war nun größer als je zuvor: Der Kornilov-Putsch bedeutete den Wendepunkt für seine Karriere. Anfangs trat er noch für Kerenskij ein, versprach ihm seine volle Unterstützung. Sein Fernschreiben an die Eisenbahner mit dem Aufruf, keine meuternden Truppen zu befördern, trug dazu bei, den Aufstand einzudämmen. Dabei ist bezeichnend, dass der zu diesem Zeitpunkt amtierende Minister für Transportwesen, P. P. Jurenev, sich weigerte, den Aufruf Kerenskijs an die Eisenbahner, sich den Befehlen L. G. Kornilovs nicht zu unterwerfen, zu übermitteln. Später unterstützte Nekrasov jedoch auch den Vorschlag der Minister M. I. Tereščenko und A. S. Zarudnyj, Kerenskij als Regierungschef abzusetzen, um einen Konflikt mit dem Militär zu vermeiden. Wäre es Kerenskij nicht gelungen, sich im Amt zu halten, wäre er automatisch von Nekrasov als Stellvertretender Vorsitzender abgelöst worden. Wie Miljukov schreibt, war Nekrasov »natürlich klüger als Kerenskij und bearbeitete ihn zu seinen Gunsten«,[38] während das Mitglied der Kadettenpartei Iosif Vladimrovič Gessen die führende Rolle Kerenskijs als zufällig bezeichnete.[39] Kerenskij hielt jedoch durch und schickte Nekrasov sofort in den Ruhestand – in die ehrenvolle Verbannung als Generalgouverneur nach Finnland. Nachdem er von dort in die Hauptstadt zurückgekehrt war, stellte er am 17. Oktober in einem ersten Überblick die Lage in Finnland auf einer Versammlung der Regierung vor.[40] Der nächste, detailliertere Bericht war für den 25. Oktober vorgesehen, kam aber aufgrund des bolschewistischen Umsturzes nicht mehr zustande. Bemerkenswert ist, dass Nekrasov nach den revolutionären Ereignissen im Herbst 1917 eine zeitlang gemeinsam mit Mitgliedern der Kadettenpartei in der Provisorischen Untergrundregierung tagte,[41] was bedeuten kann, dass er außerhalb seiner Partei keine engen Verbindungen mehr hatte, auch nicht zu den Linken, und der gewünschte parteiübergreifende Konsens unter den realen Bedingungen einer revolutionären Politik nicht erreichbar war.   Wiederaufstieg und Untergang unter der Sowjetmacht Das weitere Schicksal Nekrasovs unterscheidet sich von jenem anderer Mitglieder der »bürgerlichen« Provisorischen Regierung. Nach den Oktoberereignissen emigrierte er nicht ins Ausland wie zum Beispiel Kerenskij, Konovalov und Tereščenko, beteiligte sich nicht an der weißen Bewegung und verzichtete auf eine weitere politische Tätigkeit. Leider fehlen Quellen, um dieses Verhalten näher zu analysieren. Seine eigene, im Ermittlungsverfahren abgegebene Erklärung kann kaum zufriedenstellen. Bereits bei der ersten Verhaftung zeigte er, dass er die ganze Kompromisslosigkeit der Revolution verstanden hatte – »entweder Sowjetmacht oder Reaktion, die gröbste und ungezügeltste«.[42] Dafür spricht auch, dass er sich wirklich als Sozialisten[43] sah und mit den Bolschewiki sympathisierte. Im Sommer 1917, als sich der Skandal um die Finanzierung Lenins durch die Deutschen entlud, trat er als einer der Teilnehmer an der Kommission zur Überprüfung dieser Information gegen eine Veröffentlichung der Materialien in dieser Angelegenheit ein.[44] Möglich, dass sich Lenin später gerade deswegen an Nekrasov erinnerte. Nekrasovs Rückzug aus der Politik spricht jedoch auch dafür, dass er keine Zukunft mehr für sich in der revolutionären Bewegung sah. Vielmehr sah er seine Chance im Genossenschaftssystem, das ihm noch aus Vorkriegszeiten bekannt war. Hier konnte er sich am Aufbau eines neuen Staates beteiligen, ohne Ansehen und Leben auf dem Gipfel des politischen Olymp zu verlieren. Streitgespräche über zulässige Genossenschaftsformen wurden in den ersten Jahren der Sowjetunion überall geführt, bis in der Arbeit Lenins О kooperacii (Über das Genossenschaftswesen) einer strengen Zentralisierung der Vorzug gegeben wurde. In den ersten Jahren des Bürgerkrieges unterstützten starke, u.a. auch sibirische Organisationen die Bewegung der Weißen aktiv, sodass sich schwer sagen lässt, ob Nekrasov diesen Weg gewählt hat, um Alternativen oder aber von Anfang an Lenins Weg zu verfolgen.[45] Möglich ist auch, dass die Tätigkeit von Boris Zёrnov, dem Bruder seiner dritten Frau, der im Genossenschaftssystem arbeitete, zu dieser Wahl beigetragen hat. Bis zum Frühjahr 1918 blieb Nekrasov in Petrograd und arbeitete dann als Leiter des Moskauer Kontors der Union sibirischer Kreditverbände (»Sinkredsujuz«) und Statistiker im Volkskommissariat für Lebensmittel. Die Lage schien ihm jedoch nicht ungefährlich – er bemühte sich, die Hauptstadt zu verlassen. Im Sommer 1918 war er in Omsk, wo ihm nach eigener Aussage das Angebot gemacht wurde, in die Regierung einzutreten, was er jedoch ablehnte.[46] Der Historiker Michail Viktorovič Šilovskij bezweifelt diese Version und führt als Beispiel eine ganze Reihe negativer Stellungnahmen der Omsker politischen Elite an, die gegen eine Einbeziehung Nekrasovs in die Regierungsarbeit eintrat.[47] Möglicherweise strebte Nekrasov von sich aus eine Zusammenarbeit mit den Sozialrevolutionären an. Nach den Auseinandersetzungen mit Kerenskij blieb ihm ein solcher Weg jedoch versperrt. Zёrnov beschaffte ihm schließlich Dokumente auf den Namen Vladimir Golgofskij, mit denen er im Genossenschaftssystem von Ufa und später in Kazanʼ arbeitete. Er wurde zunächst Abteilungsleiter der Konsumgenossenschaft Kazanʼ, nach kurzer Zeit in den Vorstand des Bundes des Gouvernements Kazanʼ und im Frühjahr 1921 zum Vorstandsmitglied des Bundes der Konsumgenossenschaften der Tatarischen Republik (Tatsojuz) gewählt.[48] Aufgrund seiner herausragenden Fähigkeiten und der ungewollten Preisgabe von Informationen über seine früheren Berufserfahrungen kommt im März 1921 heraus, dass es sich bei Golgofskij um Nekrasov handelt. Denunziation und Verhaftung waren die Folge. F. E. Dzeržinskij, Politiker und Gründer der Allrussischen außerordentlichen Kommission zur Bekämpfung der Konterrevolution und Sabotage (Tscheka), schickte ein Fernschreiben an die örtlichen Behörden, dass der Untersuchungshäftling gut behandelt und nach Moskau geschickt werden solle.[49] Möglicherweise hat im Mai 1921 ein Treffen des Verhafteten mit Lenin stattgefunden, in dessen Verlauf sich Letzterer auch über die Fähigkeiten des Verkehrsingenieurs äußerte und sich für eine Zusammenarbeit aussprach.[50] Glaubhafte Bestätigungen für ein solches Treffen gibt es allerdings nicht. Dennoch könnte es Gründe für ein solches loyales Verhältnis der bolschewistischen Machthaber gegenüber Nekrasov gegeben haben: Erstens die Absicht zu zeigen, dass die bürgerlichen Politiker, die »an Linksradikalismus litten«, auf den richtigen Weg gebracht wurden; zweitens die Weitsicht Lenins, der den Bedarf des neuen Staates voraussah, professionelles Personal, das in der Lage wäre, die Modernisierung des Landes auf hoher Ebene zu planen, zu leiten und zu erhalten.[51] 1921 wurde Nekrasov freigelassen und konnte in den 1920er-Jahren weiter Karriere machen: Er wurde Vorstandsmitglied des Zentralverbands der Konsumgenossenschaften der RSFSR und der UdSSR und arbeitete an der Staatlichen Universität Moskau und im Moskauer Institut der Konsumgenossenschaft, hielt Vorlesungen und schrieb Bücher über das Genossenschaftssystem, die in unterschiedliche Sprachen übersetzt wurden.[52] Auf diese Weise kam in einem so empfindlichen Bereich wie dem im Aufbau befindlichen sowjetischen Genossenschaftssystem ein ehemaliger Minister der Provisorischen Regierung als Fachmann zum Einsatz. Vor allem Nekrasovs Arbeit im System der Hochschulbildung, in das politisch unzuverlässige Leute nur schwer hineinkommen, zeugt von einem hohen Grad an Vertrauen seitens des Regimes und gleichzeitig auch vom akuten Bedarf an kenntnisreichen und fähigen Fachleuten. Im November 1930 wird Nekrasov wegen der »konterrevolutionären Organisation« des Unionsbüros des ZK der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands der Menschewiki (zu denen er bezeichnenderweise gerade keine Verbindung hatte) verhaftet und im April 1931 zu einer zehnjährigen Freiheitsstrafe auf den Solovki-Inseln verurteilt. Doch schon ab Juni 1931 ist er an Planung und Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals beteiligt und arbeitet in einem Sonderkonstruktionsbüro in Moskau in der Bolʼšaja-Lubjanka-Straße direkt neben dem Gebäude der OGPU [Vereinigte staatliche politische Verwaltung]. Dass er es zwischen April und Juni zu den Solovki-Inseln und zurück geschafft hat, ist unwahrscheinlich. Möglicherweise war von Anfang an die Inhaftierung in Moskau geplant.[53] Im Sonderkonstruktionsbüro traf er auf den ebenfalls repressierten Ingenieur O. V. Vjazemskij (Sprössling einer Familie mit bekannten Verkehrsingenieuren), der in seinen Erinnerungen schrieb: »Wir wurden nach ganz oben geführt in einen gewaltigen Saal mit Parkettfußboden, in dem leicht 120 Menschen untergebracht werden konnten. Eine Hälfte war Schlafsaal, Betten mit Federmatratzen, die andere Hälfte mit Tischen. Man erklärt uns, dass wir in ein Sonderkonstruktionsbüro – OKB – gekommen seien. Der Älteste – ein alter Professor – versammelte die Neuankömmlinge und hielt eine Rede, in der er die technische Aufgabe darlegte. An der Wand hing eine Karte, auf der die künftige Wasserstraße eingezeichnet war.«[54] Wie der Historiker des Eisenbahntransportwesens L. I. Korenev später schrieb, »stellte es sich heraus, dass der Älteste dort der ehemalige Professor des Technischen Instituts Tomsk Nikolaj Vissarionovič Nekrasov war. Er war damals um die 60 Jahre alt [in Wirklichkeit war er nur etwas über 50, Anm. der Autoren]. Später baute er nicht nur den Weißmeer-Ostsee-Kanal, sondern auch den Moskau-Wolga-Kanal.«[55] Im Herbst 1931 wurde das OKB in ein Lager an der Bahnstation Medvežʼja gora (Karelien) verlegt, wo der später bekannte Wissenschaftler und Akademiker Dmitrij Sergeevič Lichačёv auf Nekrasov traf.[56] Im März 1933 wurde Nikolaj Nekrasov nach Erlass seiner Vorstrafen vorzeitig aus der Haft entlassen und arbeitete in Dmitrov (»Dmitlag«) als Angestellter weiter am Bau des Moskau-Wolga-Kanals – als Mitarbeiter der Verwaltung Bauwesen und Leiter eines der Baubezirke. Man baute ihm ein Haus,[57] das bis heute erhalten ist, und stellte ihm einen Fahrer zur Verfügung. Für die vorzeitige Inbetriebnahme des Moskau-Wolga-Kanals wurde Nekrasov mit dem Rotbannerorden der Arbeit ausgezeichnet – erneut verlief seine Karriere steil nach oben. Im Jahr 1939 leitete Nekrasov die Arbeiten von Volgostroj, einem dem NKWD unterstehenden Bautrust in der Gegend um Kaljazin und konstruierte hydrotechnische Anlagen. Doch schon bald wird er erneut verhaftet und ihm ist klar, dass er dem System dieses Mal nicht lebend entkommen wird.[58] Der Charakter der Verhöre hat sich verändert – Nekrasov wendet sich aufgrund seines Gesundheitszustands mehrfach im Lazarett. Außerdem lebt sein Bruder Michail, ein Chirurg, unter ähnlichen Bedingungen und findet schließlich in den Folterkellern den Tod (er verstarb an einer Herzruptur während der Folterungen). Nekrasov wusste, dass gegen den Bruder ermittelt wurde und dieser Aussagen über ein Attentat auf Lenin machte.[59] Diese Verhaftungswelle, die auch Nikolaj Nekrasov erfasste, hatte mit dem Ende der Bauarbeiten der sowjetischen Kanäle zu tun, die unter Leitung von Genrich Griorʼevič Jagoda entstanden und deren Bauch mithilfe von Gefangenen realisiert wurde. Zusammen mit Jagoda fielen alle in Ungnade, die Verantwortung für die Verwirklichung hydrotechnischer Großprojekte trugen. Darüber hinaus machten Nekrasovs Verbindungen zur Freimauerer-Bewegung ihn für die Geheimdienste interessant. Die Aufdeckung von Freimaurerverbindungen diente den Geheimdiensten als bequeme Legende zur Entlarvung verborgener »Spezialkräfte« und subversiver Mitglieder der Bourgeoisie.[60] Im Ergebnis erfolgte die Anklage wegen der Organisation einer Kampfgruppe, die 1918 versucht hatte, Lenin zu töten sowie der Teilnahme an der antisowjetischen Organisation Jagodas beim Bau des Moskau-Wolga-Kanals, in deren Auftrag Sabotage durchgeführt worden sei. In beiden Punkten bekannte sich der Gefangene schuldig.[61] Am 14. April 1940 wurde Nekrasov zum Tod durch Erschießen verurteilt. Versuche, das Urteil des Angeklagten zu mildern, hatten keinen Erfolg. Am 7. Mai 1940, dem Tag, an dem sein Gesuch auf ein milderes Urteil in einer nicht-öffentlichen Sitzung abgelehnt worden war, wurde auch das Urteil vollstreckt und Nekrasov anschließend heimlich auf dem Donskoj-Friedhof begraben. Zusätzliche Details zum Schicksal Nikolaj Nekrasovs könnten am ehesten die in den FSB-Archiven vorhandenen Dokumente, die mit seinem Namen in Verbindung gebracht werden können, liefern. Jedoch ist eine ganze Reihe von Akten nach wie vor nicht zugänglich. Es bleibt zu hoffen, dass Archivbeschränkungen aufgehoben werden und die Geschichte der Russischen Revolution in komplizierteren Kategorien als der der Teilung in Rechte und Linke, in Bourgeoisie und Proletariat erfassbar, und die Rolle jedes einzelnen Menschen im stürmischen Verlauf der Geschichte in den Blick genommen wird – wie das Leben Nikolaj Nekrasovs, spiegeln auch andere die Wechselfälle der russischen Geschichte anschaulich und einprägsam wider. Aus dem Russischen übersetzt durch das Bundessprachenamt [1] Der Beschluss über die Vernichtung von persönlicher Korrespondenz und Dokumenten, darunter auch Fotos, enthält eine detaillierte Beschreibung der vernichteten Habseligkeiten Nikolaj Nekrasovs: Beschluss vom 10. Dezember 1939, Centralʼnyj archiv FSB Rossii/Zentralarchiv des FSB Russlands (im Folgenden: ZA FSB), D. R-45579, Bd. 1, Bl. 21 f., 31 f. [2] Siehe Vladimir Vasilʼevič Polikarpov: Aus den Ermittlungsakten von Nikolaj Nekrasov 1921, 1931 und 1939, in: Voprosy istorii (1998), H. 11–12, S. 10–48 (ebenso die Nachauflage des Einführungsartikels: Politische Konzeptologie (2009), H. 2, S. 243–250). [3] Neben Vladimir Polikarpov bestritten auch E. D. Čermenskij, V. M. Ševyrin, V. I. Bovykin, V. I. Starcev, N. N. Berberova, I. I. Minc, A. Ja. Avrech, O. F. Solov’ev, V. V. Šelochaev und D. A Andreev die Glaubwürdigkeit insbesondere der Beweise zur »Freimaurerei« (siehe dazu auch später im Text). [4] Insgesamt hatten die Eltern des Poeten 14 Kinder, Vissarion war vermutlich der Sohn von Jakov, einem der jüngeren Brüder. [5] Dmitrij Andreevič Zasonov/Vladimir Iosifovič Pyzin: Iz žizni Peterburga 1890–1910-ch godov. Zapiski očevidcev. [Das öffentliche Leben in St. Petersburg 1890–1910. Aufzeichnungen von Augenzeugen], Leningrad 1991, S. 140 f. [6] Vissarion Jakovlevič Nekrasov: D. I. Mendeleev, in: Žurnal Russkogo fiziko-chimičeskogo obščestva, Bd. 39, Teil 1, St. Petersburg 1907, S. 245 f. [7] Valentin Valentinovič Šelochaev: Nikolaj Vissarionovič Nekrasov, in: Voprosy istorii (1998), H. 11–12, S. 81. [8] Ebd., S. 90. [9] Die Dissertation »K teorii ferm s žestkimi soedinenijami v uzlach. Opyt sravnitel’nogo analiza metodov racheta« [Zur Theorie von Stützkonstruktionen mit starren Verbindungen an den Verzweigungsstellen. Erfahrungen der vergleichenden Analyse von Berechnungsmethoden] wurde im Jahr 1907 von Nikolaj Nekrasov verteidigt. [10] Nikolaj Vissarionovič Nekrasov (Artikel über Nikolaj V. Nekrasov auf der Seite »Heimatkunde Tomsk« der wissenschaftlichen Universalbibliothek »A. S. Puškin« des Gebietes Tomsk), in: http://tomskhistory.lib.tomsk.ru/page.php?id=1327, ges. am 6. September 2016. [11] Siehe Gosudarstvennaja duma Rossijskoj imperii: 1906–1917 [Die Staatsduma des Russischen Reiches: 1906–1917], Moskau 2008, hier der Artikel »Nekrasov Nikolaj Vissarionovič«, S. 406. [12] Pavel Nikolaevič Miljukov: Vospominanija [Erinnerungen], Bd. 2, Moskau 1990, S. 227. [13] Siehe Vladlen Semёnovič Izmosik: Vremennoe pravitelstvo. Ljudi i sudʼby [Die Provisorische Regierung. Menschen und Schicksale], in: Voprosy istorii (1994), H. 6, S. 164 f. [14] Nikolaj Nekrasov war viermal verheiratet. Mit Anna Kiričenko hatte er einen Sohn, über dessen Schicksal nichts bekannt ist), seine zweite Frau war Vera Aleksandrova, seine dritte Vera Zёrnova (mit ihr hatte er einen Sohn) und zuletzt war er mit Vera Krellenberg, geb. Krugovaja verheiratet (er adoptierte ihren Sohn aus erster Ehe). [15] Siehe Parteitage und Konferenzen der Konstitutionell-Demokratischen Partei, 1905–1907, Bd. 1, Moskau 1997, S. 320 f. [16] Siehe Šelochaev: Nikolaj Vissarionovič Nekrasov (Anm. 7), S. 81 f. [17] Vladimir Andreevič Obolenskij: Moja Žiznʼ. Moi sovremenniki [Mein Leben. Meine Zeitgenossen], Paris 1988, S. 444. [18] Ebd. [19] Vladimir Dmitrievič Nabokov: Vremennoe pravitelʼstvo (vospominanija) [Die Provisorische Regierung (Erinnerungen)], Moskau 1991, S. 52. [20] Nikolaj Nikolaevič Suchanov: Zapiski o revoljucii [Aufzeichnungen einer Revolution], Bd. 1, Moskau 1991, S. 303 f. [21] Siehe Michail Viktorovič Šilovskij: Nikolaj Vissarionovič Nekrasov (k 130-letiju so dnja roždenija) [Nikolaj Vissarionovič Nekrasov (zum 130. Geburtstag)], in: Vestnik Omskogo universiteta (2009), H. 3, S. 46; Valentin Valentinovič Šelochaev: Nikolaj Vissarionovič Nekrasov: »Najti ravnodejstvujuščuju narodnogo mnenija …« [Die Resultante der Volksmeinung finden ...], in: Rossijskij liberalizm. Idei i ljudi [Russischer Liberalismus. Ideen und Menschen], Moskau 2007, S. 799. [22] Siehe Smirnov: Gosudarstvennaja duma (Anm. 11), S. 371. [23] Am 27. Februar spricht sich Nekrasov bei der Tagung der Abgeordneten der Staatsduma dafür aus, im Land eine Militärdiktatur unter Führung eines der in Duma-Kreisen beliebten Generäle A. A. Polivanov oder A. A. Manikovskij zu errichten. Siehe Serafim Petrovič Mansyrev: Moi vospominanija o Gosudarstvennoj dume. Strana gibnet segodnja. Vospominanija o Fevral’skoj revoljucii 1917 goda. [Meine Erinnerungen an die Staatsduma. Das Land geht heute unter. Erinnerungen an die Februarrevolution 1917], Moskau 1991, S. 105. [24] Miljukov: Vospominanija (Anm. 12), S. 284. [25] Valentin Semёnovič Djakin: Samoderžavie, buržuazija i dvorjanstvo v 1907–1911 gg. [Autokratie, Bourgeoisie und Adel 1907–1911], Leningrad 1978, S. 201. [26] Ebd., S. 204. [27] V. D. Nabokov schreibt ausführlich über die Erstellung des Textes zur Abdankung von Michail. Siehe Nabokov: Vremennoe pravitelʼstvo (Anm. 19), S. 17. [28] Siehe Miljukov: Vospominanija (Anm. 12), S. 271. [29] Siehe Natalja Georgievna Domova: Kadetskaja partija v period Pervoj mirovoj vojny i Fevral’skoj revoljucii. [Die Kadettenpartei während des Ersten Weltkrieges und der Februarrevolution], Moskau 1988, S. 70 f. [30] Konstantin Petrovič Kurylev: Političeskij portret A. I. Konovalova [Politisches Portrait von A. I. Konovalov], Moskau 2004, S. 162; Viktor Stepanovič Bračev: Masony u vlasti [Freimaurer an der Macht], Moskau 2006, S. 327. [31] Siehe dazu Aron Jakovlevič Avrech: Masony i revoljucija [Freimaurer und Revolution], Moskau 1990, hier bes. S. 44–47, 68–77, 104–107, 124–126. [32] Siehe z.B. Bračev: Masony u vlasti (Anm. 30), S. 334–336; Oleg Fjodorovič Solovʼev. Masonstvo v mirovoj politike XX v. [Freimaurertum in der Weltpolitik des 20. Jahrhunderts], Moskau 1998, S. 53. [33] Vladimir Vasilʼevič Polikarpov: Rukopis’, najdennaja na Petrogradskom fronte [Manuskript, gefunden an der Petrograder Front], in: Političeskaja konceptologija (2009), H. 2, S. 234–238. [34] Pavel Nikolaevič Miljukov: Vojna i vtoraja revoljucija. Pjat dnej revoljucii (27 fevralja – 3 marta) [Der Krieg und die zweite Revolution. Fünf Revolutionstage (27. Februar – 3. März)], in: M.M. Ischakov u.a. (Hg.): Strana gibnet segodnja. Vospominanija o fevralʼskoj revoljucii 1917 g [Das Land geht heute unter. Erinnerungen an die Februarrevolution 1917], Moskau 1991, S. 20. [35] Polikarpov: Rukopis’ (Anm. 33), S. 241 f. [36] Miljukov: Vospominanija (Anm. 12), Bd. 2, S. 263. [37] Siehe Šelochaev: Nikolaj Vissarionovič Nekrasov (Anm. 7), S. 90. [38] Miljukov: Vospominanija (Anm. 12), S. 285. [39] Siehe Iosif Vladimrovič Hessen: V dvuch vekach. Žiznennyj otčet [In zwei Jahrhunderten. Lebensbericht], Moskau 1993, S. 367. [40] Siehe M. E. Golostenov/Aleksandr Sergeevič Senin: Nekrasov Nikolaj Vissarionovič. Političeskie dejateli Rossii 1917. [Nekrasov Nikolaj Vissarionovič. Politische Persönlichkeiten Russlands 1917] (Biografisches Wörterbuch), Moskau 1993, S. 232. [41] Den Aufruf der Provisorischen Regierung »An alle Bürger der Russischen Republik« unterzeichnete Nekrasov nicht. [42] Kurzer Abriss des Lebens von Nikolaj Vissarionovič Nekrasov im Zeitraum vom Beginn des imperialistischen Krieges bis zu seinem Arrest 30. März 1921–2. April 1921. Zit. nach Polikarpov: Aus den Ermittlungsakten von N. V. Nekrasov (Anm. 2), S. 24. [43] In seinen Aussagen gegenüber den Ermittlern sagte Nekrasov am 2. April 1921 von sich selbst, dass er in der ersten Zeit des Krieges Sozialist und Republikaner gewesen sei. Zit. ebd., S. 20. [44] Siehe Hessen: V dvuch vekach (Anm. 39), S. 370. [45] Es muss hervorgehoben werden, dass das Schicksal Nekrasovs kein Einzelschicksal war. In einer Genossenschaft waren nach dem Oktober 1917 weitere drei Personen, A. M. Nikitin, S. L. Maslov und D. I.  Šachovskoj tätig, ebenso in anderen sowjetischen Einrichtungen. Siehe Izmosik: Vremennoe pravitelstvo (Anm. 13), S. 167 f. [46] Siehe Polikarpov: Aus den Ermittlungsakten von N. V. Nekrasov (Anm. 2), S. 23. [47] Siehe Šilovskij: Nikolaj Vissarionovič Nekrasov (Anm. 21), S. 49. [48] Siehe Šelochaev: Nikolaj Vissarionovič Nekrasov: »Najti ravnodejstvujuščuju narodnogo mnenija …» (Anm. 21), S. 803 f. [49] Sekretär des Vorsitzenden der VČK [Gesamtrussische außerordentliche Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution und Sabotage] an den Kommandanten der VČK, 5. Mai 1921, zit. nach Polikarpov. Aus den Ermittlungsakten von N. V. Nekrasov (Anm. 2), S. 27. [50] Bericht angeblich nach Ausführungen von Nikolaj Nekrasov, veröffentlicht im Buch: Stepan Petrovič Dneprovskij: Kooperatory [Genossenschaftler], Moskau 1968, S. 343. [51] Bezeichnend sind die Schlussfolgerungen des Beauftragten des Präsidenten der VČK für das Verfahren: »Auf der Grundlage des gesamten Materials des Verfahrens komme ich zu der Überzeugung, dass es politisch und insgesamt zweckmäßig ist, das Verfahren Golgofskij-Nekrasov völlig einzustellen, den ehemaligen Transportminister zu legalisieren, ihn auf freien Fuß zu setzen und ihn an der Wirtschaftsfront einzusetzen.« – Stellungnahme, 23. März 1921, Central’nyj archiv Federal’noj služby bezopasnosti Rossii/Zentrales Archiv des Föderalen Sicherheitsdienstes Russlands (im Folgenden: CA FSB), D. R-45579, Bd. 4, Bl. 5 Rückseite. [52] Siehe Die Konsumgenossenschaften der Sowjetunion, Moskau 1929; The consumers’ cooperative movement in the Sowjet union, Moskau 1929. [53] Indirekt bestätigt auch das Urteil selbst die Absicht der Untersuchung: Bei vergleichsweise geringer Beteiligung an der »konterrevolutionären Tätigkeit« bekam Nikolaj Nekrasov zehn Jahre »im Konzentrationslager«, was verglichen mit den anderen Urteilen unverhältnismäßig streng war: Ein Teil der Angeklagten wurde freigelassen, ein anderer bekam eine dreijährige Gefängnisstrafe. Auszug aus dem Protokoll der Tagung des Kollegiums der OGPU (Gerichtstagung) vom 25. April 1931, CA FSB, D. N-7824, Bd. 21, Bl. 117. [54] Sergej Fёdorovič Budancev: Ingenieur Vjazemskij, in: S. F. Budancev: Ausgewählte Schriften, Moskau 1936, S. 347. [55] Leonid Ivanovič Korenev: Einiges zu Nikolaj Vissarionovič Nekrasov – einem großen Organisator des Baus von Wasserwegen in der UdSSR, http://korenev.org/index.php/ru/2011-04-07-13-55-37/2011-04-07-14-16-28/113-2012-02-04-22-07-27, ges. am 6. September 2016. [56] Dmitrij Sergeevič Lichačёv: Vospominanija [Erinnerungen], St. Petersburg 1995, S. 275. [57] An diesem Haus wurde 1997 zum 60. Jahrestag der ersten Schiffsfahrt auf dem Kanal eine Gedenktafel für Nikolaj Vissarionovič Nekrasov angebracht. [58] Siehe Šelochaev: Nikolaj Vissarionovič Nekrasov (Anm. 7), S. 93. [59] Eigenhändig geschriebene Aussagen N. V. Nekrasovs, 13. Juli 1939, in: Polikarpov: Aus den Ermittlungsakten von N. V. Nekrasov (Anm. 2), S. 36 [60] In den Jahren 1938–1940 waren noch weitere ehemalige Mitglieder der Provisorischen Regierung Repressionen ausgesetzt: S. L. Maslov, A. I. Verchovskij, M .I. Skobelev, A. M. Nikitin, D. I. Šachovskoj, P. N. Maljantovič. Nur K. A. Gvozdev hat die Haft überlebt und wurde 1956 freigelassen. Izmosik: Vremennoe pravitelstvo (Anm. 13), S. 168. [61] Er wurde 1990 rehabilitiert.

JHK 2017

Verzeichnis der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung 2017

Jörg Baberowski Prof. Dr. phil., geb. 1961 in Radolfzell. 1982 bis 1988 Studium der Geschichte und Philosophie an der Universität Göttingen, 1989 bis 1994 wiss. Mitarbeiter am Seminar für Osteuropäische Geschichte an der Universität Frankfurt/M., 1994 Promotion an der Historischen Fakultät der Universität Frankfurt/M., Titel der Dissertation: »Autokratie und Justiz. Zum Verhältnis von Rechtsstaatlichkeit und Rückständigkeit im ausgehenden Zarenreich 1864–1914«; September 2000 Habilitation, Universität Tübingen, 2001 bis 2002 Vertretung des Lehrstuhls für Osteuropäische Geschichte an der Universität Leipzig, seit Oktober 2002 Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. Veröffentlichungen u. a.: Räume der Gewalt, Frankfurt/M. 2015; Verbrannte Erde. Stalins Diktatur der Gewalt, München 2012; Ordnung durch Terror. Gewaltexzesse und Vernichtung im nationalsozialistischen und im stalinistischen Imperium (mit Anselm Doering-Manteuffel), 2. Aufl. Bonn 2007; Der Feind ist überall. Stalinismus im Kaukasus, München 2003. Mithg.: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas; Kritika. Explorations in Russian and Eurasian History; Zeithistorische Forschungen; Journal of Modern European History; Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung.   Bernhard H. Bayerlein Dr. habil., geb. 1949 in Wiesbaden. Historiker und Romanist. Wiss. Angestellter am Institut für soziale Bewegungen (ISB), Ruhr-Universität Bochum; Associate Fellow am Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF), Potsdam. Studium der Romanistik, Philosophie und Geschichte in Heidelberg, Toulouse, Coimbra und Bochum. Schwerpunkte: Vergleichende historische Kommunismus- und Sozialismusforschung, Europäische Archivprojekte und Digital Humanities (The International Comitee for the Computerization of the Komintern Archives/INCOMKA, Internationales Willi-Münzenberg Forum u. a.), portugiesische und spanische Studien. Autor/Hg.: Deutschland – Russland – Komintern 1918–1943, 3 Bde., Berlin 2013/2014, »Abschied von einem Mythos. Die UdSSR, die Komintern und der Antifaschismus«, in: Osteuropa 58 (2009), H. 7/8, S. 125–148; »Der Verräter, Stalin, bist Du!«. Vom Ende der internationalen Solidarität, Berlin 2008; Deutscher Oktober 1923, Berlin 2003; Der Thälmann-Skandal, Berlin 2003; Moscou – Paris – Berlin, 1939–1941, Paris 2003; Archives de Jules Humbert-Droz, Bd. IV, Zürich 2001; Georgi Dimitroff. Tagebücher, Berlin 2000; Entwaffnete Utopien. Utopies desarmees, Leipzig 1999. Begründer und Herausgeber von The International Newsletter of Communist Studies; Mithg. u. a.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung.   Wolfgang Benz Prof. Dr., geb 1941. Historiker, von 1990 bis 2011 Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. Studium der Geschichte, Politischen Wissenschaft und Kunstgeschichte in Frankfurt/M., Kiel und München. Von 1969 bis 1990 Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte in München. Mitglied im P.E.N, in den Beiräten der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, der Stiftung Gedenkstätten des Landes Rheinland-Pfalz, des Dokumentationszentrums Prora, des Bündnisses für Demokratie und Toleranz, des Fritz Bauer Instituts u. a. Forschungsschwerpunkte: Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert, Minderheitenfragen, Antisemitismus, Exil- und Migrationsforschung. Veröffentlichungen u. a.: Die Protokolle der Weisen von Zion: Die Legende von der jüdischen Weltverschwörung, 3. Aufl. München 2017; Antisemitismus: Präsenz und Tradition eines Ressentiments, Schwalbach/Ts. 2016; Fremdenfeinde & Wutbürger. Verliert die demokratische Gesellschaft ihre Mitte?, Berlin 2016; »Gemeinschaftsfremde«: Zwangserziehung im Nationalsozialismus, in der Bundesrepublik und der DDR, Berlin 2016 (mit Barbara Distel). Mitgründer und Mitherausgeber der Zeitschrift Dachauer Hefte sowie der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft; Herausgeber mehrerer Buchreihen.   Dietrich Beyrau Prof. Dr., geb. 1942. Studium der Geschichte und Slawistik in Hamburg und Bonn. 1970 Promotion, 1980 Habilitation. 1982 bis 1988 wiss. Mitarbeiter an der Forschungsstelle Osteuropa in Bremen. 1988 bis 1994 Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Frankfurt, von 1994 bis 2007 an der Universität Tübingen. 2003 bis 2007 Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats des Herder-Institutes in Marburg sowie des Beirats der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen. (Bis 2007) Mitherausgeber der Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, des Journal of Modern European History, der Reihe Ordnungssysteme. Studien zur Ideengeschichte der Neuzeit sowie (aktuell) Dokumente zur sowjetischen Geschichte (russ.). Forschungsschwerpunkte: Politik-, Sozial- und Kulturgeschichte Osteuropas und Russlands seit dem 19. Jahrhundert; vergleichende Aspekte der Geschichte Osteuropas. Veröffentlichungen u. a.: Krieg und Revolution. Russische Erfahrungen, Paderborn 2017; »Dem sowjetischen Brutkasten entwachsen ... Sowjetische Hegemonie und sozialistische Staatlichkeit in Ostmitteleuropa«, in: Jana Osterkamp/Joachim von Puttkamer (Hg.): Sozialistische Staatlichkeit, München 2012; Intelligenz und Dissens. Die russischen Bildungsschichten in der Sowjetunion, Göttingen 1993.   Anna Bohn Dr. phil., geb. 1968 in Renchen. Studium der Slawischen Philologie, Polonistik und Hispanistik in Madrid, München und Moskau. 2000 Promotion. 2003 bis 2005 Projektkoordination »DVD als Medium kritischer Filmeditionen« am Filminstitut der Universität der Künste Berlin und »Panzerkreuzer Potemkin« im Auftrag der Stiftung Deutsche Kinemathek. 2005 bis 2006 Kuratorin der Kinemathek des Deutschen Historischen Museums, 2006 bis 2011 DFG-Projektleitung zur Theorie der Filmrestaurierung und kritischen Filmedition, 2012 bis 2014 Freie Universität Berlin. Seit 2014 Referatsleiterin Filmbibliothek an der Zentral- und Landesbibliothek Berlin. Veröffentlichungen u.a.: Denkmal Film, Band I: Der Film als Kulturerbe, Band II: Kulturlexikon Filmerbe, Köln u. a. 2013; Film und Macht. Zur Kunst- und Filmtheorie Sergej Eisensteins 1930 bis 1948, München 2003.   Nikolas Dörr Dr. phil., geb. 1979 in Bad Soden am Taunus. Wiss. Mitarbeiter an der Universität Bremen. Studium der Neueren Geschichte, Psychologie, Friedens- und Konfliktwissenschaft, des Öffentliches Rechts sowie der Politikwissenschaft, Doppelabschluss als Magister Artium und Diplom-Politologe, 2014 Promotion an der Universität Potsdam mit einer Arbeit über die sicherheitspolitische Bedeutung des Eurokommunismus für die USA und die Bundesrepublik, u. a. Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung und der George-Marshall-Gesellschaft. Veröffentlichungen u. a.: Die Rote Gefahr. Der italienische Eurokommunismus als sicherheitspolitische Herausforderung für die USA und Westdeutschland 1969–1979, Wien, Köln, Weimar 2017; Die Gesichter des Bösen. Diktatoren und Staatsverbrechen im 20. Jahrhundert. Mit einem Geleitwort von Heribert Prantl, Bremen 2015 (mit Till Zimmermann); »NATO and Eurocommunism. The Fear of a Weakening of the Southern Flank from the mid-1970s to mid-1980s«, in: Journal of European Integration History 20 (2014), H. 2, S. 245–258; Mithg.: Die Nachrichtendienste der Bundesrepublik Deutschland, Berlin 2007.   Bernd Faulenbach Prof. Dr., geb. 1943. Historiker an der Fakultät für Geschichtswissenschaft (Bereich Zeitgeschichte) der Ruhr-Universität Bochum, bis 2007 stellv. Direktor des Forschungsinstitutes Arbeit, Bildung, Partizipation, 1992 bis 1998 Mitglied der Enquetekommissionen des Bundestages zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und ihrer Folgen, 1998 bis 2015 stellv. Vorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, seit 2002 Mitglied der wissenschaftlichen Leitung des Editionsprojektes Dokumente zur Deutschlandpolitik, 2002 bis 2015 Mitglied der deutsch-russischen Historiker-Kommission. Mitglied in einer Reihe von Fachgremien zur deutschen und europäischen Erinnerungskultur. Seit 1989 Vorsitzender der Historischen Kommission beim Parteivorstand der SPD, seit 2015 Vorsitzender von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Veröffentlichungen u. a.: Willy Brandt, München 2013; Das sozialdemokratische Jahrzehnt. Von der Reformeuphorie zur Neuen Unübersichtlichkeit. Die SPD 1969–1982, Bonn 2011; Erfahrungen des 20. Jahrhunderts und politische Orientierung heute, Essen 1996. Mithg.: »Transformationen« der Erinnerungskulturen in Europa nach 1989, Essen 2006; Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn u. a. 2003; Die deutsche Sozialdemokratie und die Umwälzung 1989/90, Essen 2001; Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung.   Thomas Wegener Friis Ph.D., geb. 1975. Associate Professor und Netzwerkkoordinator am Zentrum für das Studium des Kalten Krieges (Center for Koldkrigsstudier) an der Süddänischen Universität in Odense. 2003 Dissertation über den Militärischen Nachrichtendienst der DDR und Dänemarks. 2003 bis 2005 Mitarbeiter der Kommission zum Thema »Dänemark im Kalten Krieg«, seit 2005 an der Süddänischen Universität, Mitglied des Vorstands von The Baltic Intelligence und Security Studies Association (BISSA); 2015 Gastprofessor an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel sowie an der Bar-Ilan-Universität in Tel Aviv, Israel. Redaktionsmitglied der Zeitschrift Arbejderhistorie, Redakteur für Nord- und Zentraleuropa für Intelligence, Security and Public Affairs; Mitglied des Research Institute of European and American Studies, Athen, Griechenland, des Museums »Grenzhus« in Schlagsdorf sowie des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung.   Fedor A. Gajda Dr. phil, geb. 1976 in Moskau. Studium der Geschichte an der Moskauer Lomonossow-Universität, 2001 Promotion. Seit 2001 Associate Professor ebenda. 2006 Stipendiat der Gerda Henkel Stiftung. Veröffentlichungen u. a.: Vlastʼ i obshchestvennostʼ v Rossii: dialog o puti politicheskogo razvitiya (1910–1917) [Staat und Öffentlichkeit in Russland: Ein Dialog über die Trends in der politischen Entwicklung (1910–1917)], Moskau 2016, »Russian Liberals on the Road to Revolution and Power, 1914–1917«, in: Russian Studies in History 41 (2003), H. 4, S. 9–92; Liberal’naya oppositiya na put’yah k vlasti. 1914 – vesna 1917 goda [Die liberale Opposition auf dem Weg zur Macht. 1914 – Frühjahr 1917], Moskau 2003; Autor beim Online-Projekt »1914-1918-online. International Encyclopedia of the First World War«, http://encyclopedia.1914-1918-online.net/home/.   Maximilian Graf Dr. phil., geb. 1984 in Wien. 2004 bis 2012 Studium der Geschichte an der Universität Wien. 2010 bis 2015 wiss. Mitarbeiter des Instituts für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (vormals Historische Kommission). Seit April 2015 Projektmitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien. Veröffentlichungen u. a.: Österreich und die DDR 1949–1990. Politik und Wirtschaft im Schatten der deutschen Teilung, Wien 2016; Mithg.: Österreich im Kalten Krieg. Neue Forschungen im internationalen Kontext, Wien 2016, »An Austrian Mediation in Vietnam? The Superpowers, Neutrality, and Kurt Waldheim’s Good Offices« (mit Wolfgang Mueller), in: Sandra Bott/Jussi Hanhimaki/Janick Schaufelbuehl/Marco Wyss (Hg.): Neutrality and Neutralism in the Global Cold War. Between or within the blocs?, London 2016, S. 127–143. Karl von Vogelsang-Staatspreis für Geschichte der Gesellschaftswissenschaften (Förderpreis) 2014; Dr.-Alois-Mock-Wissenschaftspreis 2015.   Stefan Karner Univ.-Prof. Dr., geb. 1952. Historiker, Leiter des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, Graz – Wien – Klagenfurt; stellv. Vorstand des Instituts für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte der Universität Graz; österreichischer Vertreter in der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) des Europarates; Co-Vorsitzender der österreichisch-russischen sowie der österreichisch-slowenischen Historikerkommission; zahlreiche öffentliche Funktionen und Mitgliedschaften in internationalen wissenschaftlichen Vereinigungen, u. a. Österreichischer Wissenschaftler des Jahres 1995; wiss. Leiter der Republiksausstellung im Parlament 2008/2009 (mit Lorenz Mikoletzky); wiss. Leiter der NÖ Landesausstellung 2009 »Österreich – Tschechien«. Veröffentlichungen u. a.: Prager Frühling. Das internationale Krisenjahr 1968, 2 Bde., Köln u. a. 2008; Die Rote Armee in Österreich. Sowjetische Besatzung 1945–1955, 2 Bde., Wien/München 2005; Im Archipel GUPVI. Kriegsgefangenschaft und Internierung in der Sowjetunion 1941–1956, Wien/München 1995. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung.   Mark Kramer Prof., Direktor des Cold War Studies Program an der Harvard University und Senior Fellow des dortigen Davis Center for Russian and Eurasian Studies. Lehrtätigkeit für vergleichende Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen an den Universitäten Harvard, Yale und Brown. Ehemals wiss. Mitarbeiter an der Harvard Academy of International and Area Studies sowie Rhodes-Stipendiat an der University of Oxford. Übersetzer und amerikanischer Herausgeber des Bandes Schwarzbuch des Kommunismus, Autor zahlreicher wissenschaftlicher Aufsätze und Bücher, u. a.: Imposing, Maintaining, and Tearing Open the Iron Curtain: The Cold War in East-Central Europe, 1945–1990, New York 2013; Crisis, Compromise, and Coercion in the Soviet Bloc. 1956: De-Stalinization, the USSR, and Upheavals in Poland and Hungary, Cambridge, MA 2008. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung.   Erik Kulavig Ph.D., geb. 1953 in Assens/Dänemark. Russisch-Studium an der Süddänischen Universiät in Odense; seit 1993 Associate Professor an den Fachbereichen für Russlandstudien und Geschichte ebenda. Seit 2004 Leiter des Zentrums für das Studium des Kalten Krieges (Center for Koldskrigsstudier). Studien- und Forschungsaufenthalte in Russland und den Vereinigten Staaten. Veröffentlichungen u. a.: Den russiske revolution 1917 [Die Russische Revolution 1917], Kopenhagen 2009; Det røde Tyranni, Stalin, magten og samfundet [Die rote Tyrannei. Stalin, Macht und Gesellschaft], Kopenhagen 2005; Stalins Hjemmefront [Stalins Heimatfront], Odense 2004.   Norman LaPorte Ph.D. (Stirling), geb. 1964. Historiker, seit 2000 an der University of South Wales, Dozent (Reader) am Fachbereich Geschichte. Veröffentlichungen u. a.: Hg.: »Lives on the Left«, in: Moving the Social – Journal of Social History and the History of Social Movements 51 (2014); Friendly Enemies: Britain and the GDR, 1949–1989, Oxford 2010 (mit Stefan Berger); Hg.: Bolshevism, Stalinism and the Comintern. Perspectives on Stalinisation, Basingstoke 2008 (mit Matthew Worley und Kevin Morgan); Hg.: The Other Germany. Perceptions and Influences in British-East German Relations, 1945–1990, Augsburg 2005 (mit Stefan Berger); The German Communist Party in Saxony, Oxford/Bern 2003. Mitbegründer: Twentieth Century Communism: a journal of international history (seit 2009); Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung.   Detlef Lehnert Prof. Dr. phil., geb. 1955 in Hamburg. 1974 bis 1978 Studium der Politischen Wissenschaft, Geschichte und Philosophie, 1981 Promotion; 1979 bis 1987 wiss. Mitarbeiter bzw. Hochschulassistent für Historische Grundlagen der Politik an der FU Berlin, 1988/89 Habilitation für Politische Wissenschaft und Neue Geschichte; nach und während Auslandsaufenthalten 1989 bis 1999 Heisenberg-Stipendiat und Projektleiter bei der DFG; seit 2001 Professor für Politikwissenschaft an der FU Berlin, seit 2008/09 Präsident der Hugo-Preuß-Stiftung und Vorstandsvorsitzender der Paul-Löbe-Stiftung. Veröffentlichungen u. a.: »Mehr Demokratie wagen«. Geschichte der Sozialdemokratie 1830–2010, Berlin 2013 (mit Peter Brandt); Verfassungsdemokratie als Bürgergenossenschaft, Baden-Baden 1998; Kommunale Politik, Parteiensystem und Interessenkonflikte in Berlin und Wien 1919–1932, Berlin 1991; Hg. der Reihe (und Bände) Historische Demokratieforschung.   Thomas Lindenberger Dr. habil., geb. 1955 in Heidelberg. Studium der Geschichte, Philosophie und Volkswirtschaftslehre an der FU Berlin. 1992 Promotion an der TU Berlin, 2002 Habilitation an der Universität Potsdam, seit 2008 dort apl. Prof. für Neuere Geschichte. Seit 1996 wiss. Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, seit 2008 dort Leiter der Abteilung »Kommunismus und Gesellschaft«. Veröffentlichungen u.a.: Hg.: 100 Jahre Roter Oktober. Zur Weltgeschichte der Russischen Revolution (mit Jan C. Behrends und Nikolaus Katzer), Berlin 2017; Cold War Cultures. Perspectives on Eastern and Western European Societies (mit Annette Vowinckel und Marcus Payk), New York/Oxford 2014; Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur. Studien zur Gesellschaftsgeschichte, Köln u.a. 1999; Straßenpolitik. Zur Sozialgeschichte der öffentlichen Ordnung in Berlin, 1900–1914, Bonn 1995.   Ulrich Mählert Dr. phil., geb. 1968 in Neckarsulm. 1987 bis 1992 Studium der Politischen Wissenschaft, Anglistik und Germanistik, 1994 Promotion und bis 1998 Mitarbeiter eines internationalen Forschungsprojekts an der Universität Mannheim zur Geschichte der Parteisäuberungen im Kommunismus. Seit 1999 Referent für Wissenschaftsförderung, Förderung der Archive und Internationale Zusammenarbeit bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Veröffentlichungen u. a.: Kleine Geschichte der DDR, 5. Aufl. München 2007; Mithg.: Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn u. a. 2003; Hg.: Vademekum DDR-Forschung, Berlin 2002; Die Freie Deutsche Jugend 1945–1949, Paderborn 1995. Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung.   Aleksandr Nekrasov Ph.D., geb. 1958 in Moskau. 1975 bis 1980 Studium der Geschichte an der Moskauer Lomonossow-Universität. 1983 Postgraduierten-Kolleg am Institut für Russische Geschichte an der Russischen Akademie der Wissenschaften, 1984 Promotion; 1983 bis 1998 ebendort wiss. Mitarbeiter sowie stellv. Direktor. 1999 bis 2010 als Berater in mehreren Moskauer Unternehmen, seit 2011 von der Regierung entsandter Berater am Moskauer Haus der Nationalitäten. Veröffentlichungen u. a.: Izbrannye trudy [Ausgewählte Werke], Nalʼtschik 2015; »Krymskoe chanstvo« [»Krim-Khanat«], in: Rossijskaja Istorija do 1917 g. Ėnciklopedija [Russische Geschichte vor 1917. Enzyklopädie], Bd. 3, Moskau 2000; »Crimean Khanate as a Factor of International Relations in Eastern Europe in 15–16th centuries«, in: Oriental Studies in the 20th c.: Achievements and Prospects, Bd. 2, Moskau 1997; Kontaktnye zony v istorii Vostočnoj Evropy [Kontaktzonen in der Geschichte von Osteuropa], Moskau 1995; »Medieval Russian culture and the East«, in: Coexistence 32 (1995), S. 3–7.   Tat’jana Nekrasova Dr., geb. 1983 in Moskau. 2001 bis 2006 Studium der Geschichte an der Moskauer Lomonossow-Universität, Neuere und Neueste Geschichte von Europa und Amerika. 2009 Promotion. 2006 bis 2009 Lektor an der Moskauer Linguistischen Staatsuniversität, seit 2013 wiss. Mitarbeiterin an der Historischen Fakultät der Lomonossow-Universität. Seit 2014 stellv. Lehrstuhlleiterin am Fachbereich für Neuere und Neueste Geschichte von Europa und Amerika. Veröffentlichungen u. a.: »Sojuzniki po antigitlerovskoj koalicii i buduščee Germanskoe gosudarstvo (1941–1945)« [»Die Alliierten und die Zukunft der deutschen Regierung (1941–1945)«], in: Prepodavanie istorii i obščestvoznanija škole (2015), H. 8, S. 3–18; »Faktory demokratičeskogo perechoda Vejmarskoj respubliki« [»Faktoren des demokratischen Übergangs der Weimarer Republik«], in: Istoričeski žurnal: naučnye issledovanija (2015), H. 3, S. 371–376; »Francuzskaja okkupacnonnaja politika v Germanii 1945–1949 gg.: plany i ich realizacija« [»Französische Besatzungspolitik in Deutschland 1945–1949: Pläne und Realisierung«], in: Voprosy istorii 11 (2007).   Ehrhart Neubert Dr. phil., geb. 1940. Theologiestudium in Jena, 1964 bis 1984 Gemeinde- und Studentenpfarrer in Weimar, 1984 bis 1992 Referent in der Studienabteilung beim Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR; 1989 Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs und Mitglied am Zentralen Runden Tisch der DDR, von 1997 bis 2005 Fachbereichsleiter der Abteilung Bildung und Forschung der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU). Veröffentlichungen u. a.: Unsere Revolution. Die Geschichte der Jahre 1989/90, 2. Aufl. München 2009; Koautor: Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni in der deutschen Geschichte, Bremen 2004; Mithg.: Lexikon Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur, Berlin/München 2000; Geschichte der Opposition in der DDR, Berlin 1997; Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung.   Tanja Penter Prof. Dr., geb. 1967 in Iserlohn. Seit 2013 Professorin für Osteuropäische Geschichte an der Universität Heidelberg. 1999 Promotion an der Universität Köln mit einer Arbeit zur Russischen Revolution von 1917. 2008 Habilitation an der Ruhr-Universität Bochum zum Thema »Arbeits- und Alltagserfahrungen der Bevölkerung im ukrainischen Donezkbecken unter stalinistischer und nationalsozialistischer Herrschaft«. Die Arbeit Kohle für Stalin und Hitler. Leben und Arbeiten im Donbass 1929–1953 wurde 2011 mit dem René-Kuczynski-Preis ausgezeichnet. 2007 bis 2010 Geschäftsführerin am Lehrstuhl für Zeitgeschichte der Ruhr-Universität Bochum im internationalen Forschungsprojekt zur Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern insbesondere in Osteuropa. Seit 2010 Vertretungsprofessur für Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung Mittel- und Osteuropas an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. U. a. Lise-Meitner-Stipendiatin des Landes NRW und Jahresstipendiatin am US Holocaust Memorial Museum in Washington D.C. Veröffentlichungen u. a.: Mithg.: Sovietnam. Die UdSSR in Afghanistan 1979–1989, Paderborn 2016; Autorin: Kohle für Stalin und Hitler. Leben und Arbeiten im Donbass 1929–1953, Essen 2010; Odessa 1917. Revolution an der Peripherie (= Beiträge zur Geschichte Osteuropas, Bd. 32), Köln u.a. 2000.   Ernst Piper Apl. Prof. Dr., geb. 1952 in München. 1972 bis 1981 Studium der Geschichte, Philosophie und Germanistik, 1981 Promotion in Mittelalterlicher Geschichte an der TU Berlin, 2006 Habilitation in Neuerer Geschichte an der Universität Potsdam. Autor einer großen Zahl von Veröffentlichungen, vor allem zur Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Zuletzt erschienen: 1945. Niederlage und Neubeginn, Köln 2015; Das Zeitalter der Weltkriege, Köln 2014; Nacht über Europa. Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs, Berlin 2013; Nationalsozialismus. Seine Geschichte von 1919 bis heute, Münster 2012; Savonarola. Prophet der Diktatur Gottes, München 2009.   Helke Rausch Dr. phil., Studium der Geschichtswissenschaft, Politikwissenschaft und Germanistik in Heidelberg und Cambridge/England. 2002 Promotion zu europäischen Nationalismussymbolen im 19. Jahrhundert, 2002 bis 2010 wiss. Mitarbeiterin am GESI/Institut für Kulturwissenschaften der Universität Leipzig, seit 2010 wiss. Mitarbeiterin am Historischen Seminar der Universität Freiburg, seit 2012 Akademische Rätin a. Zt.; u. a. 2008/09 John F. Kennedy-Fellow am Minda de Gunzburg Center for European Studies an der Universität von Harvard. Veröffentlichungen u. a.: »Internationales Recht und Verständigungs-Internationalismus unter Druck: Politische Profile der Carnegie Men im Umfeld des Balkanberichts von 1914«, in: Comparativ 24 (2014), H. 6, S. 25–50; »US ›Scientific Philanthropy‹ in France, Germany and Great Britain: Historical Snapshots of an Interwar Panorama«, in: Klaus Petersen, John Stewart, Michael Kuur Sørensen (Hg.): American Foundations and the European Welfare States, Odense 2013, S. 79–103; Hg.: American Foundations and the Coproduction of World Order in the 20th Century, Göttingen 2012 (mit John Krige).   Krzysztof Ruchniewicz Prof. Dr., geb. 1967 in Wrocław, Polen. Studium der Geschichte, osteuropäischen Geschichte an der Universität Wrocław, Universität des Saarlandes und der Philipps-Universität Marburg; 2000 Promotion zum Thema »Berlin – Warschau – Bonn. Die politischen Beziehungen in den Jahren 1949–1958«; 2007 Habilitation mit dem Thema »Die polnischen Bemühungen um die deutsche Wiedergutmachung in den Jahren 1944/45–1975«. Professor für Zeitgeschichte an der Universität Wrocław; Direktor des Willy-Brandt-Zentrums für Deutschland- und Europastudien der Universität Wrocław, gleichzeitig Lehrstuhlinhaber für Zeitgeschichte am selben Zentrum; Veröffentlichungen u. a.: Mithg.: Länderbericht Polen. Geschichte – Politik – Wirtschaft – Gesellschaft – Kultur, Bonn 2009 (mit Dieter Bingen); »Noch ist Polen nicht verloren«. Das historische Denken der Polen, Münster u. a. 2007; Zögernde Annäherung. Studien zur Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen im 20. Jahrhundert, Dresden 2005. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung.   Peter Steinbach Prof. Dr., geb. 1948 in Lage (Lippe). Wiss. Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin und Professor emeritus für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Karlsruhe. Veröffentlichungen u. a.: Mithg.: Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur 1933–1945 (= Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 438), Bonn 2004; Mithg.: Der 20. Juli 1944. Gesichter des Widerstands, München 2004; Mithg: Opposition und Widerstand in der DDR. Politische Lebensbilder, München 2002; Widerstand im Widerstreit. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in der Erinnerung der Deutschen. Ausgewählte Studien, 2. Aufl. Paderborn u. a. 2001; Mithg.: Lexikon des Widerstandes 1933–1945, 2. Aufl. München 1998. Mithg.: Neue Politische Literatur (NPL), Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (ZfG) sowie Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung.   Brigitte Studer Prof. Dr., unterrichtete an den Universitäten Zürich, Genf, Bern sowie an der Washington University in St. Louis (USA). Seit 1997 Professorin für Schweizer und Neueste Allgemeine Geschichte an der Universität Bern. 2001 bis 2004 Gastprofessorin in Glasgow, 2013 Professeure invitee an der EHESS in Paris. 2001 bis 2007 Mitglied des Forschungsrates der Abteilung I (Sozial- und Geisteswissenschaften) des Schweizerischen Nationalfonds der wissenschaftlichen Forschung, 2001 bis 2005 ausländisches Mitglied des Conseil scientifique du departement des Sciences de l’Homme et de la Societe (CNRS) in Paris. Zurzeit Leitung eines Forschungsprojekts zur Geschichte der Philanthropie. Veröffentlichungen u. a. zur historischen Kommunismusforschung und zur Sozial- und Kulturgeschichte des Stalinismus: Autorin: The Transnational World of the Cominternians, London/New York 2015; Mithg.: Moscou – Paris – Berlin. Telegrammes chiffres du Komintern, Paris 2003; Der stalinistische Parteikader, Köln 2001; Archives de Jules Humbert-Droz, Bd. V, Zürich 1996. Mitglied des Editorial Board von Twentieth Century Communism. A Journal of International History, der Österreichischen Zeitschrift für Geschichtswissenschaften und des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung.   Stefan Troebst Prof. Dr., geb. 1955 in Heidelberg. Osteuropahistoriker und Slawist, Professor für Kulturstudien Ostmitteleuropas und Ko-Direktor des Global and European Studies Institute (GESI) der Universität Leipzig sowie stellv. Direktor des Geisteswissenschaftlichen Zentrums für Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas ebendort. Studium in Tübingen, Berlin, Sofia, Skopje und Bloomington. 1984 Promotion und 1995 Habilitation an der Freien Universität Berlin. Veröffentlichungen u. a.: Hg.: West-östliche Europastudien. Rechtskultur, Kulturgeschichte, Geschichtspolitik, Leipzig 2015; Mithg.: Remembering Communism. Private and Public Recollections of Lived Experience in Southeast Europe, New York/Budapest 2015; Post-Panslavismus. Slavizitat, Slavische Idee und Antislavismus im 20. und 21. Jahrhundert, Göttingen 2014; Ėnciklopedija izgnanij. Deportacija, prinuditel’noe vyselenie i ėtničeskaja čistka v Evrope v XX veke [Lexikon der Vertreibungen. Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts], Moskau 2013; Erinnerungskultur – Kulturgeschichte – Geschichtsregion. Ostmitteleuropa in Europa, Stuttgart 2013; Geschichtspolitik in Europa seit 1989. Deutschland, Frankreich und Polen im internationalen Vergleich, Göttingen 2013; Hg.: Postdiktatorische Geschichtskulturen im Süden und Osten Europas. Bestandsaufnahme und Forschungsperspektiven, Göttingen 2010; Kulturstudien Ostmitteleuropas, Frankfurt/M. u. a. 2006; Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung.   Krisztián Ungváry Ph.D., geb. 1969. Studium in Budapest, Jena und Freiburg/Breisgau. Promotion 1998 zum Thema »Belagerung Budapests im Zweiten Weltkrieg«. Wiss. Mitarbeiter des Instituts für die Erforschung der ungarischen Revolution 1956/Ungarische Nationalbibliothek, Budapest; Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Stiftung »Flucht, Vertreibung, Versöhnung«. Veröffentlichungen u. a.: Verschwiegene Vergangenheit. Der Parteistaat und das Ministerium des Inneren. Die politische Polizei in Ungarn zwischen 1956 und 1990, Budapest 2008 (auf Ungarisch mit Gabor Tabajdi); Ungarn und der Zweite Weltkrieg, Budapest 2005 (auf Ungarisch); Die Schlacht um Budapest, München 1999. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung.   Alexander Vatlin Prof. Dr., geb. 1962 in Aschgabad/Turkmenien. 1979 bis 1984 Studium der Geschichte und 1987 Promotion am Lehrstuhl für Neue und Neueste Geschichte an der Moskauer Lomonossow-Universität zum Thema »Die Wiedergründung der SPD in Westdeutschland 1945–1949«. Seit 1991 Leiter des Programms »Moderne Geschichte« am Institut für Menschenrechte und demokratische Forschung. Seit 1997 Lehrtätigkeit am Lehrstuhl für Neue und Neueste Geschichte der Lomonossow-Universität; 1998 Habilitation zum Thema »KPdSU und Komintern in den Zwanzigerjahren. Probleme ihrer Wechselbeziehungen«. 2001 Mitbegründer und seitdem Koordinator der »Arbeitsgruppe zur Erforschung der neuesten Geschichte Deutschlands« an der Lomonossow-Universität (www.rusgermhist.ru). Seit 2006 Professor am Lehrstuhl für Neue und Neueste Geschichte ebendort. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung.   Manfred Wilke Prof. Dr., geb. 1941. 1976 Promotion zum Dr. rer. pol., 1976 bis 1980 wiss. Assistent an der Technischen Universität Berlin, 1981 Habilitation im Fach Soziologie an der Freien Universität Berlin, 1985 Professor für Soziologie an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin, 1992 Mitbegründer und bis 2006 Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin; 1992 bis 1998 sachverständiges Mitglied der Enquetekommissionen des Bundestags zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und deren Folgen; seit 2007 wiss. Mitarbeiter am Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Graz. Veröffentlichungen u. a.: Der Weg zur Mauer, Berlin 2011; Der SED-Staat. Geschichte und Nachwirkungen, Weimar 2006; Die Streikbrecherzentrale. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) und der 17. Juni 1953, Münster 2004; Hg.: Anatomie der Parteizentrale, Berlin 1998; Mithg.: Hart und kompromißlos durchgreifen. Die SED contra Polen 1980/81, Berlin 1995; Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung.