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JHK 2018

Für den »Roten Oktober«, gegen die Bolschewiki. Isaac Steinbergs Kampf für einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz

Tobias Grill

»Der Sozialismus ist sittlicher Aktivismus. Nur als eine moralische Bewegung wird der Sozialismus den Menschen befreien oder gar nicht.«[1] Dieses Credo des aus dem Russischen Reich stammenden Linken Sozialrevolutionärs (LSR) Isaac Steinberg (1888‑1957) aus dem Jahr 1923 war Ausdruck seiner eigenen politischen Erfahrungen. Nach der Oktoberrevolution zunächst drei Monate lang als Volkskommissar für Justiz an einer Koalitionsregierung mit den Bolschewiki beteiligt, war Steinberg schließlich zu deren erbittertem Gegner geworden. Denn als Vertreter eines ethischen Sozialismus widersprach der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft mittels willkürlicher Gewalt seinem politischen Selbstverständnis fundamental. Mit seiner schonungslosen Kritik am bolschewistischen Terror in den 1920er- und 1930er-Jahren hob sich Steinberg bewusst von westlichen Intellektuellen ab, deren Solidarität mit der Sowjetunion seiner Meinung nach die Verbrechen der Bolschewiki bagatellisierte und somit nicht nur das grundsätzliche Bekenntnis des Sozialismus zur Menschlichkeit infrage stellte, sondern letztlich die sozialistische Bewegung in ihrer Existenz bedrohte. Während nicht wenige dieser Intellektuellen Stalin und den Stalinismus regelrecht feierten, vertrat der ehemalige Volkskommissar in der deutschen wie englischen Öffentlichkeit die provokante Haltung, dass Faschismus und Nationalsozialismus sowie Bolschewismus und Stalinismus totalitäre Systeme seien, die demnach gleichermaßen bekämpft werden müssten. Trotz seiner Gegnerschaft zum Bolschewismus blieb er jedoch ein leidenschaftlicher Anhänger der Oktoberrevolution, des Rätemodells und des revolutionären Sozialismus. Angesichts dieser Haltung ist es nachvollziehbar, dass Steinberg die reformorientierte Sozialdemokratie ebenfalls ablehnte. Der vorliegende Beitrag möchte anhand von Steinbergs politischem und publizistischem Wirken insbesondere in den 1920er- und 1930er-Jahren den minoritären dritten Weg jenseits von staatskommunistischem Bolschewismus und reformistischer Sozialdemokratie in den Mittelpunkt stellen. Dass die Oktoberrevolution durchaus auch einen anderen Verlauf hätte nehmen können, soll paradigmatisch anhand der Auseinandersetzung mit Steinbergs alternativem Weg eines ethischen, anti-etatistischen und revolutionären Sozialismus deutlich werden. Neben den Arbeiten von Mikhail Krutikov,[2] Willy Birkenmaier[3] und Hendrik Wallat[4] werden nicht nur die zahlreichen Publikationen Steinbergs zur Oktoberrevolution und zur Politik der Bolschewiki herangezogen, sondern auch sein umfangreicher Nachlass im New Yorker YIVO Institute for Jewish Research.   Steinberg und der »Rote Oktober« Schon kurz nachdem Steinberg 1906 in Moskau sein Jurastudium aufgenommen hatte, trat er der Partei der Sozialrevolutionäre (Partija socialistov-revoljucionerov, PSR) bei. Dieses politische Engagement führte Anfang März 1907 zu seiner ersten Verhaftung. Nachdem eine Verurteilung zu zweijähriger Verbannung nach Sibirien in die Auflage umgewandelt worden war, für zwei Jahre das Land zu verlassen,[5] entschied sich Steinberg dafür, sein Jura- und Talmudstudium in Heidelberg fortzusetzen. 1909 schloss er dieses mit einer Dissertation über talmudisches Strafrecht ab und kehrte anschließend ins Russische Reich zurück, wo er zunächst als Anwalt arbeitete. Während des Weltkriegs nahm Steinberg sein Engagement in der PSR wieder auf. Nach der Februarrevolution wurde er in Ufa, wo er zu dieser Zeit lebte, nicht nur in den dortigen Stadt-Sowjet, sondern auch zum Delegierten der Verfassungsgebenden Versammlung gewählt. Darüber hinaus war Steinberg Delegierter des Allrussischen Zentralen Exekutivkomitees (Vserossijskij Centralʼnyj Ispolnitelʼnyj Komitet, VCIK) der Sowjets der Arbeiter, Soldaten und Bauern in Petrograd. Als die Bolschewiki in der Nacht vom 25. auf den 26. Oktober (7. und 8. November nach gregorianischem Kalender) 1917 im Zuge eines Staatsstreiches die Macht an sich rissen, stellten sich die Linken Sozialrevolutionäre[6] im II. Allrussischen Kongress der Sowjets hinter Lenins Partei. Auch wenn Steinberg noch Anfang Dezember im VCIK die Bolschewiki gewarnt hatte, dass es im »Klassenkampf keinen Platz für willkürliche Unterdrückungsmaßnahmen«[7] gebe, trat die inzwischen gegründete Partei der Linken Sozialrevolutionäre (Partija levych socialistov-revoljucionerov, PLSR) nur wenige Tage später in den Rat der Volkskommissare ein, wobei Steinberg Volkskommissar für Justiz wurde.[8] Steinbergs Absicht, eine gewisse Form der Rechtsstaatlichkeit im revolutionären Russland zu etablieren, wurde von den Bolschewiki um Vladimir Lenin, Lev Trockij und Feliks Dzierżyński, dem Führer der Tschekisten, massiv torpediert. [[Foto im gedruckten Exemplar: Isaac Steinberg während seiner Zeit als Volkskommissar für Justiz Ende 1917 / Anfang 1918]] Während sich Steinberg vom Prinzip eines ethischen Sozialismus leiten ließ, das auch die Wahrung der Rechte politischer Gegner einschloss, bedienten sich die Bolschewiki in zunehmendem Maße des Terrors als Herrschaftsinstrument. Dies führte immer wieder zu schweren Konflikten im Rat der Volkskommissare, da der Koalitionspartner der PLSR dem Volkskommissar für Justiz eigenmächtiges Handeln vorwarf. Dies hielt jedoch Steinberg und seine Partei nicht davon ab, mit den Bolschewiki weiterhin den eingeschlagenen Weg in eine Diktatur des Proletariats zu verfolgen. So erklärte er noch 1932 in einem Brief an den Austromarxisten Max Adler, dass er und die PLSR die »Analyse der Begriffe Demokratie und Diktatur […] im konkreten sozialen Kampf noch im Jahre 1917 vorgenommen« und sich dabei »für die Diktatur der proletarischen Klassen ein für allemal entschieden« hätten.[9] Als im Januar 1918 die Verfassungsgebende Versammlung zu ihrer ersten Sitzung zusammentrat, war vor allem auch Steinberg mit seinen Redebeiträgen daran beteiligt, eine vermeintlich reaktionäre Gesinnung der Mehrheit der Delegierten aufzudecken und damit einen Vorwand für die Auflösung der Konstituante zu schaffen.[10] Vor dem Hintergrund seiner radikal sozialrevolutionären und anarchistischen Prinzipien nahm er, so Krutikov, die Verfassungsgebende Versammlung mit ihrer Vision von einem liberal-demokratischen Staat gemäß dem legalistischen europäischen Modell nur als Hindernis auf dem Weg zum Sozialismus wahr.[11] Mitte März 1918 sollte schließlich ein politisch-ideologischer Konflikt unter Federführung Steinbergs zum Austritt der PLSR aus dem Rat der Volkskommissare führen. Während Lenin und die Mehrheit der Bolschewiki aufgrund realpolitischer Erwägungen des Machterhalts darauf drangen, die vom deutschen Kaiserreich diktierten Friedensbedingungen von Brest-Litowsk anzunehmen, lehnte Steinberg im Namen der Mehrheit seiner Fraktion dies ab.[12] Für ihn und seine Partei kam ein Friedensschluss mit dem Klassenfeind einem Verrat an den »werktätigen Massen« im In- und Ausland gleich. Im Namen der PLSR verkündete Steinberg schließlich das Ende der Koalition mit den Bolschewiki. Spätestens seit dem sogenannten Juli-Aufstand der Linken Sozialrevolutionäre knapp vier Monate später wurde auch diese Partei von der Tscheka verfolgt. Nach zwei Verhaftungen und zahlreichen Hausdurchsuchungen entschied sich Steinberg 1923, nach Deutschland zu emigrieren. [[Foto im gedruckten Exemplar: Isaac Steinbergs sowjetischer Pass, »ungültig« gestempelt]]   Eine »freiheitlich-sozialistische Schule der Toleranz«: Steinbergs politische Netzwerke in der Emigration Unmittelbar nach seiner Emigration aus Russland nahm Steinberg als Vertreter der Auslandsdelegation der PLSR zunächst an der Exekutivsitzung der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Sozialistischer Parteien (IASP; pejorativ auch: Zweieinhalbte Internationale) in Bregenz[13] und schließlich an der zweiten und letzten Konferenz der IASP in Hamburg teil. Im Gegensatz zur überwältigenden Mehrheit der Delegierten lehnte er im Namen seiner Partei eine Verschmelzung der IASP mit der II. Internationale zur Sozialistischen Arbeiterinternationale entschieden ab.[14] Denn als Linker Sozialrevolutionär missbilligte Steinberg nicht nur die terroristische Politik der Bolschewiki, sondern auch die reformorientierte Haltung der Sozialdemokratie, die für die neue Internationale maßgeblich prägend sein sollte.[15] So sprach er dieser in einer äußerst hitzig geführten Diskussion nicht nur jegliche Berechtigung zur Kritik an der Russischen Revolution ab, sondern bezichtigte sie überdies auch des Sozialpatriotismus und der Spießbürgerei.[16] Darüber hinaus betrachtete Steinberg die Verschmelzung von IASP und II. Internationale als weiteren Schritt, die Spaltung der internationalen Arbeiterbewegung zu vertiefen. In seinen Augen hatten nicht nur die II. und die von den Bolschewiki dominierte III. Internationale, sondern auch die IASP selbst, deren ursprüngliches Ziel es war, »alle Strömungen des internationalen Sozialismus zu einer Aktionsgemeinschaft zusammenzuführen«,[17] jegliche Einigungsversuche zur Schaffung einer allumfassenden Internationale sabotiert. Mit seiner Haltung blieb Steinberg jedoch weitgehend isoliert. Neben seiner Partei verweigerten sich nur die Gruppe um Georg Ledebour und die litauischen Sozialrevolutionäre dem Zusammenschluss.[18] Wenige Monate zuvor – im Januar 1923 – hatte der Vereinigungskongress der PLSR und der Sozialrevolutionären Maximalisten[19] beschlossen, »alle Maßnahmen zur Organisation einer internationalen Vereinigung der Arbeiter zu ergreifen, die sowohl die revolutionär-syndikalistischen Kreise des Westens, wie auch alle links-sozialistischen und links-kommunistischen Gruppen in ihre Reihen aufnehmen würde«, um eine »solide Grundlage für die Befreiung der Arbeiter der ganzen Welt« zu schaffen.[20] Als Reaktion auf die unmittelbar bevorstehende Auflösung der IASP hatte die Auslandsdelegation der PLSR und Maximalisten unter Führung Steinbergs und seines ehemaligen Stellvertreters als Volkskommissar für Justiz Aleksandr Šrejder vorgeschlagen, in Berlin eine »Revolutionär-Sozialistische Internationale« zu gründen, »die einerseits den Staatspatriotismus, den Militarismus, den vulgären Parlamentarismus, den reformistischen Legalismus […], andererseits aber auch die Methoden einer terroristischen, diktatorischen, parteilichen […] Kampfesweise« ablehnte.[21] Tatsächlich gelang es den beiden Gegnern einer Verschmelzung von IASP und II. Internationale Steinberg und Ledebour noch im selben Jahr, ein »Internationales Informationsbüro revolutionär sozialistischer Parteien« mit Sitz in Berlin zu gründen. Wie beide schon bei der Konferenz der IASP in Hamburg deutlich gemacht hatten, verfolgten sie mit dem »Informationsbüro« das Ziel, Propaganda für eine allumfassende Internationale zu machen.[22] Zwar vertraten einige bedeutende Persönlichkeiten der revolutionären sozialistischen Bewegung Europas ihre Parteien im »Pariser Büro«, wie es gemäß seinem Sitz seit Ende 1925 auch genannt wurde, dies darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das »Informationsbüro« als dritte Kraft zwischen reformorientierter II. Internationale und moskautreuer III. Internationale kaum Wirkung entfaltete und seit 1930 durch Austritte von Parteien langsam in sich zusammenbrach.[23] Dieses Schicksal galt nicht minder für die PLSR. Im Sommer 1933 musste Steinberg eingestehen, dass seine Partei gerade einmal noch acht Mitglieder außerhalb Russlands hatte.[24] Parallel zu seinen transnationalen parteipolitisch-institutionellen Aktivitäten im »Pariser Büro« knüpfte Steinberg seit seiner Emigration nach Berlin enge Kontakte zu Personen, die anarchistische, anarcho-syndikalistische, freisozialistische oder rätekommunistische Überzeugungen vertraten und somit jenseits von reformorientierter Sozialdemokratie und Staatskommunismus bolschewistischer Prägung standen. Rasch wurde er ein zentraler Akteur von sich teils überschneidenden Netzwerken, deren Knotenpunkte neben Steinberg Karl Korsch, Erich Mühsam, Rudolf Rocker, Alfred Döblin, Theodor Liebknecht, Bertolt Brecht und Augustin Souchy waren.[25] Gegen Ende der Weimarer Republik entstand aus den verschiedenen linksoppositionellen Zirkeln von »Nonkonformisten und Dissidenten« (Souchy) schließlich im Berliner Café Adler am Dönhoffplatz ein wöchentlich stattfindendes politisches Diskussionsforum. Dieses Forum war laut dem Anarchosyndikalisten Augustin Souchy, selbst Mitglied des Zirkels, »eine freiheitlich-sozialistische Schule der Toleranz, in der jede Meinung respektiert wurde« und »eine einheitliche ideologische Linie nicht anerkannt« werden musste.[26] Grundsätzlich suchte Steinberg engen Kontakt zu den führenden Vertretern des organisierten Anarcho-Syndikalismus in Deutschland, dessen Spiritus Rector Rudolf Rocker Steinberg attestierte, »die Gebote wahrer Menschlichkeit als grundlegendes Prinzip des Sozialismus zu empfinden und anderen zu vermitteln«.[27] Wie nahe Steinberg der anarcho-syndikalistischen Bewegung Rockers stand, zeigte sich nicht zuletzt, als auf dem 2. Kongress der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) in Amsterdam im März 1925 ein von Steinberg verfasstes und unterzeichnetes Grußwort der »Auslandsdelegation der Partei der linken SR und des SR-Maximalistenverbandes« verlesen wurde. Darin wurde die gemeinsame Gegnerschaft gegenüber »der Bourgeoisie« und »den beiden inneren Feinden der Menschheitsbefreiung: dem sozialdemokratischen Reformismus und dem bolschewistischen Kommunismus« hervorgehoben. Vielmehr kämpfe man, so Steinberg im Namen seiner Partei, »mit allen revolutionären Mitteln für die gewaltsame Vernichtung der bürgerlichen Gesellschaft«, wobei jedoch »nur die Aufrichtung einer Klassendiktatur der Arbeiterklasse über die Bourgeoisie (in Form der Räte) [angestrebt werde], keineswegs die Aufrichtung einer Parteidiktatur, die notwendigerweise durch Terror und Betrug herrschen müssen«.[28] Angesichts des Terrors der Bolschewiki nutzte Steinberg seine politischen Netzwerke auch, um über die Verfolgungen von Revolutionären in Sowjetrussland zu informieren und sich für eine Amnestie dieser Häftlinge wirkungsvoller engagieren zu können. Als Vertreter seiner Partei war Steinberg Mitglied des international agierenden »Vereinigten Comités zum Schutze der in Russland gefangenen Revolutionäre«, das eine deutlich anarchistische und anarcho-syndikalistische Prägung aufwies.[29] Gemeinsam war den Repräsentanten dieses Netzwerks nicht nur das Engagement für in Sowjetrussland inhaftierte Revolutionäre, sondern auch ihr grundsätzliches Bekenntnis zur Oktoberrevolution. Darüber hinaus nutzte Steinberg auch andere Möglichkeiten, um die Öffentlichkeit auf das Schicksal sozialistischer Häftlinge in der Sowjetunion aufmerksam zu machen. So wurde im Herbst 1927 anlässlich des 10. Jahrestages der russischen Oktoberrevolution in einem in verschiedenen Zeitungen erschienenen Aufruf »An die Sowjetregierung! An das russische werktätige Volk! An das Weltproletariat!« eine Amnestie für alle in Rußland inhaftierten Revolutionäre ([Linke] Sozialrevolutionäre, Anarchisten, Linkskommunisten) gefordert.[30] Dieser Appell ging auf die Initiative von Isaac Steinberg (der im Aufruf als Erster genannt wurde), Theodor Liebknecht, Erich Mühsam, Rudolf Rocker, Franz Pfemfert, Henriette Roland Holst und Karl Korsch zurück.[31] Im April 1929 fand schließlich in Berlin eine große Kundgebung des von Anarchisten, Syndikalisten, Linken Sozialrevolutionären und anderen gemeinsam begründeten »Komitees Oktoberrevolution« für verfolgte Revolutionäre in der Sowjetunion statt, auf der neben Rocker, Liebknecht, Mühsam und Korsch auch Steinberg auftrat.[32] Steinbergs Engagement für sozialistische Häftlinge in der Sowjetunion blieb nicht allein auf sozialistische Kreise beschränkt. Er bemühte sich auch, Kontakte zu Personen zu knüpfen, die in der breiten Öffentlichkeit über großes Ansehen verfügten, das er hoffte, auch für seine Zwecke nutzen zu können. So hatte Steinberg wenige Tage vor der Kundgebung im April 1929 Albert Einstein in einem persönlichen Gespräch das »Schicksal der in Russland gefangengehaltenen Sowjetrevolutionäre« geschildert und ihm Briefe der Inhaftierten zukommen lassen. In seinem Schreiben an Einstein, der sich schon spätestens seit 1925 für politische Häftlinge in der Sowjetunion eingesetzt und sich gegen den dortigen Terror ausgesprochen hatte,[33] machte Steinberg deutlich, dass es letztlich um nichts weniger als die Bewahrung einer »Menschheitsidee« und einer »sozialistischen Moral« gehe, die höher zu bewerten sei als irgendwelche Staatsinteressen.[34]   Kampf für einen ethischen Sozialismus Was Steinberg gegenüber Einstein in Bezug auf die sozialistischen Häftlinge äußerte, war allgemeine Grundlage und Richtschnur seines Sozialismusverständnisses. In seinen Augen hatten die Bolschewiki, mit denen er und die PLSR einst koaliert hatten, die Ideale der Oktoberrevolution und die Prinzipien eines internationalistischen, ethisch konnotierten Sozialismus durch die systematische Anwendung von Gewalt und Terror verraten. Besonders deutlich werden Steinbergs ethischer Sozialismus und seine Abgrenzung zum Bolschewismus in einem Brief an den bedeutenden belgischen Politiker und Theoretiker des Sozialismus Hendrik de Man vom Juli 1927:[35] Der sozialrevolutionäre Sozialismus »steht in Russland selbst im unversöhnlichen ideelen [sic!] und praktischen Gegensatz zum Bolschewismus. Gerade weil wir ‑ die Linken S.-R. ‑ die Oktoberrevolution 1917 aktiv mitmachten, weil wir die Nachkriegsepoche als die Epoche der Weltrevolution betrachten, weil wir uns von Nationalismus, Staatsanbetung, mechanistischer Geschichtsdialektik frei halten, weil wir als oberstes Gebot und Richtschnur des Sozialismus die Ethik betrachten ‑ gerade darum trennten wir uns vom Bolschewismus und bekämpfen ihn seit 1918. […] Und hier ‑ in der Aufdeckung der Grundübel des Marxismus und der Rehabilitierung der ›utopistisch‹-ethischen Quellen ‑ gehen wir einen gemeinsamen Weg. […] Die Oktoberrevolution ist aus dem Geiste des ethischen Sozialismus, der immer maximalistisch ist, geboren; der Bolschewismus aber ist seine Verkrüppelung durch den doktrinären Marxismus gewesen.«[36] Immer wieder verwies Steinberg in seinen Publikationen auf die für ihn grundlegende Ansicht, dass die Bolschewiki die Oktoberrevolution, die im Sinne ihres emanzipatorischen Charakters so hoffnungsvoll begonnen hatte, pervertiert und damit den wahren Sozialismus verraten hatten.[37] Bereits 1923 erschien in Berlin sein 1920 begonnenes Werk Das sittliche Antlitz der Revolution auf Russisch, mit dem er eine schonungslose Analyse und Kritik des bolschewistischen Terrors vorlegte. Laut Steinberg konnte der Sozialismus nur dann eine Zukunft haben, wenn er sich von den verwerflichen Methoden der Bolschewiki klar abgrenzte. Als Anhänger der Oktoberrevolution und Verfechter des Rätemodells, der allein von einem ethischen Sozialismus die Befreiung der Menschheit von jeglicher Unterdrückung erwartete, vertrat Steinberg nicht nur einen dritten Weg, sondern auch eine klare Minderheitenposition innerhalb der sozialistischen Bewegung. Dies wird nicht zuletzt daran deutlich, dass Steinberg für die deutsche Übersetzung seines russischsprachigen Werkes Das sittliche Antlitz der Revolution jahrelang keinen Verlag finden konnte. Seiner Meinung nach mussten »sowohl sozial-demokratische als auch kommunistische [Verlage] seine Problemstellung ablehnen«.[38] Erst 1931 erschien es schließlich unter dem Titel Gewalt und Terror in der Revolution (Oktoberrevolution oder Bolschewismus) bezeichnenderweise in der Gilde freiheitlicher Bücherfreunde, einer Initiative der anarcho-syndikalistischen Freien Arbeiter-Union Deutschlands.[39] Bis heute wird dieses Werk, laut dem Historiker Stefan Plaggenborg »eines der wichtigsten Bücher über die Gewalt in Sowjetrussland«,[40] in nahezu jeder Darstellung zur Russischen Revolution zitiert. In den acht Jahren seit dem erstmaligen Erscheinen des Buches auf Russisch hatten sich sowohl die Verhältnisse in der Sowjetunion als auch im westlichen Europa weiter radikalisiert. Auf diesen Umstand ging Steinberg in einem zusätzlichen Nachwort für die deutschsprachige Ausgabe von 1931 besonders ein. So konstatierte er zum einen, dass der Terror in der Sowjetunion keineswegs abgenommen, sondern sich ganz im Gegenteil »noch gründlicher, systematischer und mannigfaltiger festgesetzt« habe. Zum anderen habe der Terror jedoch auch »längst auf die kommunistischen und bürgerlich-radikalen Schichten in Westeuropa übergegriffen«. Wie Steinberg weiter ausführte, seien unter »dem Deckmantel der ›Sympathien‹ für Sowjetrußland oder der ›Verteidigung‹ Sowjetrußlands vor den imperialistischen Gefahren zuliebe […] heute gewisse radikal-bürgerliche Schichten in Europa bereit, die schlimmsten Taten des bolschewistischen Terrors zu billigen, zu entschuldigen oder gar abzuleugnen«.[41] Worauf Steinberg hier vor allem anspielte, war das Ende 1930 vom KPD-Spitzenfunktionär Willi Münzenberg gegründete »Internationale Verteidigungskomitee für die Sowjetunion ‑ gegen die imperialistischen Kriegstreiber«, dessen Aufruf zahlreiche deutsche Intellektuelle unterzeichnet hatten.[42] Für Steinberg besonders empörend war der Umstand, dass diese Intellektuellen durch ihre Unterschrift einen Schauprozess gegen vermeintlich »weißgardistische Schädlinge und Saboteure« rechtfertigten und somit dem Terror in der Sowjetunion Legitimation verliehen. In einem offenen Brief an den »Genossen« Ernst Toller fragte Steinberg diesen, ob ihm denn nicht klar sei, dass er »durch Unterzeichnung dieses Aufrufes […] eigentlich einen [sic!] innerpolitischen Bedürfnis der bolschewistischen Regierung entgegenkomme, nämlich der Rechtfertigung der blutigen Henkerarbeit, die zur Zeit in Sowjetrussland wütet«. Im Weiteren erinnerte Steinberg Toller daran, dass dieser nach der Niederschlagung der Münchner Räterepublik die Möglichkeit gehabt hätte, »vor ein Gericht gestellt zu werden, wo ein Hugo Haase […] [ihn] verteidigt hat, wo der Prozess vor der Öffentlichkeit vor sich ging, wo […] [er] sich beliebige nicht eingeschüchterte Zeugen zur Verteidigung holen« konnte. Nahezu prophetisch fügte Steinberg schließlich hinzu: »Dieses aber gab es nicht in den [sic!] Moskauer Prozess von gestern und wird es nicht geben in den Tribunal- und Tschekaprozessen von Morgen. Keine freie Öffentlichkeit, keine freie [sic!] Zeugen und keine freie Verteidigung. Nur Geständnisse und Selbstbezüchtigungen [sic!] von Angeklagten und zum Tode Geweihten.« Schließlich stellte Steinberg Toller die rhetorische Frage, ob er dabei helfen wolle, »das historische Erbgut des Sozialismus ‑ die Humanität ‑ zu vernichten«, oder ob er helfen wolle, dieses zu retten.[43] Im Nachwort zu seiner 1931 erschienenen deutschen Übersetzung von Das sittliche Antlitz der Revolution prangert Steinberg aber nicht nur linke Intellektuelle in Westeuropa an, Verständnis für das Gewaltsystem der Bolschewiki aufzubringen. Vielmehr verweist er auch auf den Umstand, dass in den letzten Jahren neben dem bolschewistischen ebenso der faschistische Terror stark zugenommen habe. Dieser werde immer mehr zu einem »festen Bestandteil des politischen Lebens auch anderer Staaten, zunächst Deutschlands«. Dabei sei zu beobachten, dass sich der faschistische Terror in den werktätigen Massen und ihrer Psychologie fest verankere. Insofern stehe der Arbeiter in Europa heute zwischen zwei Fronten: dem bolschewistischen und dem faschistischen Terror. Beide rechtfertigen ihren Terror mit dem Verweis auf den jeweils anderen: »So nähren sie sich beide voneinander, so verschieden sie auch sind, und untergraben beide die revolutionäre Aktivität des europäischen Arbeitsmenschen.«[44] Dass Steinberg als bekennender Sozialist das Merkmal des Terrors bei Faschismus und Bolschewismus/Stalinismus als wesentliche Gemeinsamkeit betonte, nahm letztlich nicht nur Hannah Arendts 20 Jahre später entwickeltes Totalitarismusmodell vorweg,[45] sondern dürfte zu diesem Zeitpunkt für viele Linksintellektuelle eine enorme Provokation dargestellt haben.   Steinbergs publizistischer Kampf gegen den Terror der Bolschewiki im englischen Exil Auch wenn Steinbergs Emigration aus Deutschland im Jahre 1933 in direktem Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Machtübernahme stand, blieb er im Gegensatz zu zahlreichen anderen Linken weiterhin einer der schärfsten Kritiker der Bolschewiki und ihrer terroristischen Methoden. Einige Monate nachdem er sich mit seiner Familie in London niedergelassen hatte, schrieb er einen Leserbrief an die renommierte liberale Tageszeitung Manchester Guardian,[46] in dem er konstatierte, dass es gerade die Methoden des Bolschewismus ‑ totalitäre Herrschaft, die Vormachtstellung des Staates über das Individuum sowie der Doktrin über die Freiheit – waren, die den Weg für solche menschheitsfeindlichen Bewegungen wie den Nationalsozialismus und den Faschismus bereitet haben.[47] Aufgrund der im Totalitarismus begründeten Wesensähnlichkeit von Bolschewismus und Nationalsozialismus kam Steinberg zu dem Schluss, dass im Sinne moralischer Glaubwürdigkeit beide Systeme des Terrors gleichermaßen bekämpft werden müssten. Diese Auffassung verband Steinberg mit konkreter Kritik an der englischen Linken, die sich zwar konsequent dem »Hitlerismus« widersetze, jedoch ihre eigene Position untergraben würde, indem sie angesichts des Terrors in der UdSSR schweige. Durch dieses Schweigen erzeuge die englische Linke, so Steinberg in seinem Leserbrief, unfreiwillig Argumente zugunsten der Untaten des Faschismus. Ihre aufrichtigen Proteste würden in einem Europa verblassen, in dem das Menschenleben und die Freiheit mit zwei unterschiedlichen Maßen gemessen werden. Denn offenbar habe die »zivilisierte Welt« das seit vielen Jahren andauernde Martyrium der sozialistischen Häftlinge in der Sowjetunion vergessen. Aber wäre, wie Steinberg eindringlich appellierte, die moralische Stärke des Kampfes gegen den Nazi-Geist nicht tausendmal größer, wenn es ein umfassender Kampf wäre, ein Kampf im Namen aller, die für ihre Ideen überall auf der Welt ein Martyrium auf sich nehmen?[48] Steinbergs Ausführungen im Manchester Guardian blieben nicht ohne Reaktion. Der Labour-Politiker Rennie Smith stimmte in einem Leserbrief Steinbergs Ansicht eines kausalen Zusammenhangs zwischen dem russischen Kommunismus und dem Nationalsozialismus in Deutschland beziehungsweise dem Faschismus in Italien zu. Ebenso pflichtete er Steinberg bei, dass niemand die Nazi-Gefahr effektiv bekämpfen könne, wenn er nicht gleichzeitig auch gegen die Philosophie und Methoden des russischen Bolschewismus vorgehe. Als Mitglied der Labour-Partei, der sieben Jahre lang Abgeordneter im Unterhaus war und nun wieder kandidiere, versicherte Smith Steinberg jedoch, dass die Labour-Bewegung angesichts der grausamen Untaten des Bolschewismus und seiner »zynischen Brutalität« nicht schweigen werde. In England ginge die grundlegende Gefahr allerdings nicht vom Kommunismus aus, sondern von Parteien und Aktivitäten, die auf einer faschistischen Doktrin und Praxis beruhen. Damit ließe sich die Aufmerksamkeit, die die britische Labour-Bewegung dem Faschismus in diesem Land zolle, erklären.[49] Auch in den folgenden Jahren nutzte Steinberg den Manchester Guardian immer wieder dazu, in Leserbriefen und Beiträgen auf das Schicksal der in der Sowjetunion inhaftierten Sozialisten hinzuweisen. Dabei hob er explizit hervor, dass all diese oftmals ohne ordentliches Gerichtsverfahren eingekerkerten Linken und Rechten Sozialrevolutionäre, Menschewiki, Zionisten-Sozialisten, Anarchisten sowie oppositionellen Kommunisten jahrelang aktiv den Zarismus bekämpft und zu dessen Sturz beigetragen hätten sowie teilweise sogar an der Oktoberrevolution und dem Aufbau des Sowjetstaates beteiligt gewesen seien. Im Regelfall war der einzige Grund ihrer Inhaftierung eine von den Bolschewiki abweichende politische Meinung. Um seinen Forderungen nach einer Haftentlassung dieser Personen und seiner Kritik an den terroristischen Methoden der Bolschewiki besonderes Gewicht zu verleihen, ergänzte Steinberg bereits in seinem zweiten Leserbrief an den Manchester Guardian vom Oktober 1934 neben seinem Namen auch den Hinweis »ehemaliger Volkskommissar für Justiz in der ersten Sowjetregierung«.[50] Auf diesen Zusatz sollte er in den nächsten Jahren bei seinen zahlreichen Leserbriefen und Beiträgen zur Sowjetunion fast nie mehr verzichten. Steinbergs Bemühungen, die englische Öffentlichkeit auf die totalitären und terroristischen Methoden der Bolschewiki aufmerksam zu machen, lösten heftigen Widerspruch vonseiten bekennender Sympathisanten der Sowjetunion und der Bolschewiki aus. Auf zwei seiner Leserbriefe vom November 1937[51] entgegnete ein gewisser Gore Graham,[52] dass kein Land jemals so geduldig mit seinen destruktiven oppositionellen Elementen umgegangen sei wie der Sowjetstaat. Hätten die Linkskommunisten und die (Linken) Sozialrevolutionäre[53] 1918 den Sieg davongetragen, hätte es niemals eine UdSSR gegeben. Der Sowjetstaat habe, so Grahams Meinung, nur konsequent gehandelt und sich selbst verteidigt.[54] Steinberg, der unter anderem aus der regelmäßigen Lektüre der Pravda seine Informationen über die Sowjetunion und ihre offizielle Regierungspolitik bezog, setzte sich in zwei Leserbriefen an den Manchester Guardian darüber hinaus intensiv mit den von Stalin initiierten und inszenierten Moskauer Schauprozessen auseinander. Im Februar 1937 machte er die englische Öffentlichkeit darauf aufmerksam, dass diese Tribunale Stalin, den Steinberg persönlich aus gemeinsamen Tagen im Rat der Volkskommissare kannte, dazu dienten, seine Konkurrenten aus der alten Garde der Bolschewiki auszuschalten. Im Gegensatz zu »fellow-travellers« und »arch-Stalinists«, die zuvor im Manchester Guardian ihre Überzeugung von der Schuld der Angeklagten geäußert hatten,[55] erklärte Steinberg, dass die Anklagepunkte konstruiert und die Geständnisse wohl erzwungen seien. Allerdings wolle er, wie er betonte, die Angeklagten keineswegs in Schutz nehmen, denn sie alle seien am Aufbau der Diktatur und des Terrors der Bolschewiki beteiligt gewesen: In den jahrelangen Kämpfen gegen die nun angeklagten Personen und gegen Trockij habe »jeder von uns«, so Steinberg, sie vor dem Terror-Regime gewarnt, das sie zusammen mit Stalin errichteten. Es sei eine alte Methode der Bolschewiki, politische Gegner als Landesverräter zu denunzieren. Nunmehr würde diese Methode jedoch von Kommunisten gegen Kommunisten angewandt werden. Könne man, so Steinbergs rhetorische Frage, seine Augen vor der Tatsache verschließen, dass mithilfe der Todesstrafe eine neue Art des Cäsarismus, ein »proletarischer Cäsarismus« in der UdSSR geschaffen werde? Wie schon in den Jahren zuvor machte er schließlich auch auf die äußerst weitreichenden Folgen dieser Vorgänge in der Sowjetunion aufmerksam, die nicht nur das Land selbst betrafen, sondern die Zukunft der Menschheit in direkter Weise beeinflussen würden. Sofern die progressiven Elemente in Europa versuchten, diese Taten in der UdSSR zu rechtfertigen, würden sie die Kräfte des Faschismus, die nur auf einen günstigen Moment warteten, stärken. Auch in Deutschland hätten viele Intellektuelle in ihrer politischen Blindheit alles, was in Russland geschah, verherrlicht. Dabei sei ihnen aber nicht bewusst gewesen, dass sie damit die diktatorische Propaganda der Nazis in den Köpfen der Massen unterstützten. Es wäre ein Unglück, wenn solch eine Haltung von der aufrichtigen Intelligenzija Englands eingenommen werden würde, so Steinberg.[56] Etwas mehr als eine Woche zuvor hatte er in einem anderen Leserbrief darüber hinaus Folgendes geäußert: »It is absolutely impossible to fight Fascism in Europe when behind the fighters stands Russia setting an example of State terrorism, although it be in the name of Communism. This demand concerns not only the victims of the trials but all socialists and progressive men and women who in their thousands suffer imprisonment or banishment in Russia. It is better that Russia should change under the moral pressure of progressive elements than under the military or political pressures of the outspoken enemies of Socialism and liberty.«[57] Laut Peter Deli, der die Reaktionen der britischen Qualitätspresse auf die Stalinʼschen Säuberungen untersucht hat, spiegelte diese Forderung Steinbergs die moralische Position der anti-stalinistischen Linken Europas in ihrer reinsten Form wider.[58] Nur wenige Tage später antwortete ihm Pat Sloan ebenfalls in Form eines Leserbriefes. Sloan, der noch im selben Jahr ein panegyrisches Buch über die sowjetischen Verhältnisse veröffentlichen sollte,[59] hatte schon eine Woche zuvor die Ausführungen des »ehemaligen Volkskommissars für Justiz«[60] (die Anführungszeichen stammten von Sloan) sowie von Y. Z.,[61] Mitglied des Allrussischen Zentralen Exekutiv-Komitees der Sowjets im Jahre 1917, zurückgewiesen. Deren Behauptung, wonach der Prozess gegen Pjatakov, Radek und andere auf die Existenz einer großen Opposition in der Sowjetunion verweise, bezeichnete Sloan aufgrund »persönlicher Erfahrung« als »Unsinn«.[62] In seiner Erwiderung auf Steinberg eine Woche später wurde er noch deutlicher: Laut Sloan können es sich nur diejenigen, die im Ausland leben und von einer »mystischen Sowjet-Gewaltherrschaft« fantasieren, nicht vorstellen, wie es ist, in einem Land zu leben, in dem das Volk fest hinter seiner Regierung stehe. Sie seien unter solchen Bedingungen auch unfähig zu verstehen, dass der hartnäckige Regierungsgegner zu einem terroristischen Verschwörer werden müsse.[63] Damit wollte Sloan jegliche anti-sowjetische Kritik von Personen wie dem ehemaligen Volkskommissar für Justiz Steinberg oder dem ehemaligen Mitglied des Zentralen Exekutiv-Komitees der Sowjets, die das sowjetische Leben nicht (mehr) aus eigener Erfahrung kannten, diskreditieren. Sein Hinweis, wonach er selbst den Großteil der letzten fünf Jahre in der Sowjetunion verbracht habe, sollte ihn gleichzeitig als Experten der dortigen Verhältnisse und damit auch seine Ausführungen legitimieren. In die Auseinandersetzung über die sowjetische Lebenswirklichkeit führte Steinberg schließlich noch einen weiteren in der Folge kontrovers diskutierten Aspekt ein. In zwei Artikeln für den Manchester Guardian Mitte September und Anfang November 1937 äußerte er die letztlich zutreffende Ansicht, dass eine Abwendung von der kommunistischen Revolution und eine Hinwendung zu einem russisch gefärbten Staatspatriotismus zu beobachten seien.[64] Steinbergs zahlreiche äußerst kritische Beiträge über die Sowjetunion provozierten nicht nur heftige Gegendarstellungen in Form von Leserbriefen, sondern riefen auch englische Sympathisanten des Stalin-Regimes auf den Plan, die sich nun zum Handeln gezwungen sahen. Nur drei Tage nach Steinbergs letztem Leserbrief vom 5. November 1937 fand in Manchester ein öffentlicher Abend der »Freunde Sowjetrusslands« statt: Wie der Geistliche Etienne Watts, einer der Vikare der anglikanischen Kirche, die daran glaubten, dass Kommunisten die einzig wahren Christen seien,[65] erklärte, seien im Manchester Guardian, einer Zeitung, die vielleicht den führenden Platz im Journalismus einnehme und bislang als äußerst ausgewogen galt, eine Reihe von Artikeln zur Sowjetunion erschienen, die unter den Freunden der Sowjets enorme Beunruhigung ausgelöst hätten. Sloan, bereits als scharfer Kritiker Steinbergs bekannt, äußerte die Ansicht, dass im Laufe des letzten Jahres seitens des Manchester Guardian eine merkliche Tendenz zu beobachten sei, nicht mehr wahrheitsgemäß und fair über die Sowjetunion berichten zu wollen. Zudem bevorzuge man seit dem letzten Jahr eine bestimmte Art von Leuten, die behaupteten, Experten zu sein, was Sloan jedoch infrage stellte. Wen Sloan damit vor allem meinte, wurde deutlich, als er im Anschluss ausführlich aus Steinbergs Artikel zitierte, wonach sich die Sowjetunion zügig in einen großrussischen Nationalstaat verwandle und die Unterdrückung durch den Kommunismus ständig fortschreite. Diese Behauptungen Steinbergs bezeichnete Sloan als »absolute nonsense«. Um Steinberg gänzlich zu diskreditieren, beschrieb ihn Sloan schließlich als ehemaligen Volkskommissar für Justiz, der jedoch seit 1918 ein erbitterter Feind der Sowjetunion sei. Mit Blick auf die Moskauer Prozesse und Säuberungen verkündete er, dass Trockij, Zinovʼev, Radek, Bucharin wie auch andere ebenfalls Feinde der Sowjetunion seien. Seiner Meinung nach sei eine Zusammenarbeit zwischen Trockij und Hitler durchaus glaubwürdig. Der Manchester Guardian (und wohl auch Steinberg) solle dafür dankbar sein, dass in der Sowjetunion Nazi-Agenten unschädlich gemacht wurden, bevor sie Unheil wie in Spanien anrichten konnten.[66] Die vehemente Verteidigung des Stalinismus und der Säuberungen durch britische Stalinisten sowie »fellow-travellers« schienen Steinberg indes wenig zu beeindrucken. Vier Monate später meldete er sich erneut zu Wort, um den nächsten Schauprozess zu kommentieren. Dabei ging es ihm nicht nur darum, moralische Abscheu insbesondere über das »System des offenen Terrors«, das den Opfern »Geständnisse« abpresse, auszudrücken. Vielmehr war er auch persönlich betroffen, hatten doch zwei seiner ehemals engsten politischen Weggefährten aus der PLSR, Boris Kamkov und Vladimir Karelin, laut eines Pravda-Berichts sich selbst und Bucharin schwer belastet. Da die vermeintlichen Verbrechen alle 1918 begangen worden seien, konnte Steinberg, der damals aktives Mitglied des ZK der PLSR war, die sogenannten Geständnisse als falsch und grotesk zurückweisen. Trotz all der unbestreitbaren Fakten habe aber nun die Tscheka Kamkov und Karelin gezwungen, gegen Bucharin und sich selbst falsch auszusagen. Wie Steinberg am Ende betonte, müsse die öffentliche Meinung davon in Kenntnis gesetzt werden, welch neues Verbrechen in Russland vorbereitet werde.[67] Dieser Leserbrief, der eine Woche später auch als Artikel in der Zeitung der Independent Labour Party The New Leader erschien,[68] war insofern von Bedeutung, als Steinberg aufgrund seiner unmittelbaren persönlichen Erfahrungen die Vorwürfe der Anklage wie auch die angeblichen Geständnisse der Beschuldigten und Zeugen als Lügen entlarven konnte. Abschließend ist zu betonen, dass sich nahezu alle der in der Öffentlichkeit geäußerten Vorwürfe Steinbergs gegen das stalinistische System als zutreffend erwiesen, während seine Widersacher die Verbrechen des Stalinismus wissentlich oder unwissentlich leugneten.[69] Inwiefern Steinberg seinem Anspruch, die öffentliche Meinung bezüglich der tatsächlichen Zustände in der Sowjetunion zu beeinflussen, gerecht wurde, lässt sich nur schwer sagen. Dass er zumindest einen gewissen Einfluss ausgeübt hat, wird allein daran deutlich, dass die selbst erklärten Freunde der Sowjetunion seine Ausführungen immer wieder als Unsinn abkanzelten und eine vermeintliche Kehrtwende des Manchester Guardian in der journalistischen Behandlung der UdSSR nicht zuletzt auf seine Interventionen zurückführten. Tatsächlich nahm, wie Delis Studien zeigen, der Manchester Guardian bei der Berichterstattung über die Großen Säuberungen in der Sowjetunion eine Ausnahmestellung im britischen Qualitätsjournalismus ein.[70] Während die Behandlung der Schauprozesse und des Stalinʼschen Terrors im pro-sowjetischen New Statesman und der konservativen The Times äußerst ideologisch, dogmatisch und damit einseitig war, vermittelte der liberale Manchester Guardian ein »multi-dimensionales Bild« von den Säuberungen und war somit von allen drei Zeitungen am »wenigsten doktrinär«. Dies lag vor allem daran, dass der Guardian nicht nur Leitartikel und Korrespondentenberichte zu den Entwicklungen in der Sowjetunion in den Jahren 1936 bis 1938 publizierte, sondern bewusst seine Spalten in der Rubrik »Briefe an den Herausgeber« auch Personen wie Steinberg zur Verfügung stellte, die über unmittelbare Erfahrungen mit der Sowjetunion und dem Stalinʼschen Terror verfügten. Laut Deli sei es eine Ironie der Geschichte, dass gerade das in den »Briefen an den Herausgeber« und nicht so sehr in den Leitartikeln selbst geäußerte Gedankengut späteren Generationen von Historikern als »Quelle der Inspiration« bei der Erforschung der Großen Säuberungen gedient habe. Sowohl in dieser Hinsicht als auch in Bezug auf die sehr vielfältige Berichterstattung des Manchester Guardian hat Steinberg mit seinen zahlreichen und kontroversen Leserbriefen zweifellos einen wichtigen Beitrag geleistet.[71]   »In the Workshop of the Revolution« Nachdem Steinbergs Auseinandersetzung mit dem Terror in der Sowjetunion aufgrund seines Engagements für verfolgte europäische Juden seit dem Ende der 1930er-Jahre nahezu keine Rolle mehr spielte,[72] sollte sich dies wenige Jahre vor seinem Tod nochmals ändern. Als Stalin im März 1953 starb, war Steinberg, der sich inzwischen in den USA niedergelassen hatte, der letzte Überlebende aus der Anfangszeit des Rats der Volkskommissare. Dies verlieh ihm insbesondere vor dem Hintergrund des Kalten Krieges zusätzliche Bedeutung als Experte für die sowjetischen Verhältnisse, was dazu führte, dass er häufiger interviewt wurde. In einem dieser Gespräche für eine Radiosendung warnte er davor, dass viele Länder, vor allem in Asien, Gefahr liefen, zur Beute des Bolschewismus zu werden.[73] Gleichzeitig ließ Steinberg, der sich im Radio als »avid anti-Communist« bezeichnete, aber nie einen Zweifel daran, dass er sich weiterhin zum »Roten Oktober« und zur sozialen Revolution bekannte. Als Steinberg im November 1953 sein großes, stark autobiografisch geprägtes Werk über die Revolution veröffentlichte, verfolgte er damit nicht nur das Ziel, der Oktoberrevolution und der PLSR historische Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sondern vor allem auch eine politisch-praktische Absicht. Wie er im Vorwort von In the Workshop of the Revolution bekannte, sollte seine Darstellung der Pervertierung des Roten Oktober durch den bolschewistischen Terror auch dazu dienen, dass Völker und Klassen, die sich gegenwärtig in einem revolutionären Umbruch befänden, nicht dem Beispiel der Bolschewiki folgten. Vielmehr müsse die Menschheit das Monopol der Revolution den Händen der Bolschewiki entwinden und den Weg zu einem wahren, moralischen Sozialismus einschlagen.[74]   Schlussbetrachtung Isaac Steinberg war kein Renegat des Kommunismus, hatte er doch nie der Partei der Bolschewiki angehört. Allerdings war er nach der Oktoberrevolution als eines der führenden Mitglieder der PLSR an einer Koalition mit Lenins Partei beteiligt, um gemeinsam mit dieser ein Rätesystem in Russland aufzubauen. Auch wenn Steinberg als Volkskommissar für Justiz von Beginn an die Neigung der Bolschewiki zum Terror aktiv bekämpfte, unterstützte er doch den seit den Tagen des Oktoberumsturzes eingeschlagenen Weg in eine Diktatur des Proletariats. Dies verdeutlicht besonders seine Mitwirkung an der »Sprengung« der Verfassungsgebenden Versammlung Anfang Januar 1918. Erst der Friedensvertrag von Brest-Litowsk, den Steinberg und seine Partei gemäß ihrem sozialistischen Internationalismus als Verrat an den werktätigen Massen im In- und Ausland auffassten, sollte schließlich zum Auseinanderbrechen der ungleichen Koalition aus Bolschewiki und PLSR führen. Dennoch hoffte man zunächst auf eine Erneuerung der Koalition mit den »gesunden Elementen der Bolschewiki«. Spätestens seit dem sogenannten Juli-Aufstand der Linken Sozialrevolutionäre 1918 war diese Option obsolet. Dass Steinberg einst mit Lenins Bolschewiki koaliert hatte, blieb so manchem seiner Zeitgenossen im Rückblick unverständlich. So schrieb der bekannte jüdische Historiker Simon Dubnow, selbst Augenzeuge der Russischen Revolution, der noch vor Steinberg Sowjetrussland verlassen hatte, über die erste Begegnung mit diesem in Berlin Folgendes: »Ich fragte ihn, wie er, der hundertprozentige Demokrat und Anhänger eines ethischen Sozialismus, sich auch nur zeitweilig den Reihen der Leute des 25. Oktober hätte anschließen können, die die demokratische Konstituierende Versammlung auseinandergetrieben hätten. Er entgegnete, der Oktoberumsturz sei an sich ein bedeutender Akt der sozialistischen Revolution gewesen, die Bolschewiki hätten das ›Vermächtnis des Oktober‹ jedoch bald verraten und die Grundlagen der sozialen Ethik zerstört. Es war seine zweifellos ehrliche, doch zutiefst subjektive Überzeugung, daß, wer mit Lenin und Trotzki ging, nicht daran zweifelte, daß er einen ethischen Sozialismus aufbaute. Das war bei einem Menschen, bei dem sich ethischer Sozialismus mit jüdischer Religiosität verband, äußerst seltsam.«[75] Dass es Steinberg tatsächlich darum ging, »seine Schuld durch einen leidenschaftlichen Kampf gegen das Sowjetregime« abzutragen,[76] wie es Dubnow ein paar Jahre später seinem Tagebuch anvertraute, dürfte allerdings etwas zu kurz greifen. Zwar bekannte sich Steinberg in seinem 1923 auf Russisch erschienenen Werk Das sittliche Antlitz der Revolution selbstkritisch zur eigenen Schuld, da er und andere LSR während der Zeit der Koalitionsregierung nicht genug gegen den beginnenden Terror der Bolschewiki unternommen hätten.[77] Allerdings galt sein Kampf gegen die Bolschewiki vor allem auch dem Umstand, dass diese in seinen Augen grundsätzlich die Ideale der Oktoberrevolution seit dem Frieden von Brest-Litowsk verraten hatten, wofür er sich sicherlich nicht verantwortlich fühlte. Steinberg sah sich und seine Partei als wahre Repräsentanten des Roten Oktober, während er dies den Bolschewiki absprach. So erklärte er im Vorwort seiner 1929 in München erschienenen autobiografischen Schrift Als ich Volkskommissar war, dass die »Linken Sozialrevolutionäre einen Kampf gegen die Methoden des Bolschewismus im Namen der unverfälschten Sowjetrepublik und des Weltsozialismus« führen würden.[78] Die Herrschaftspraxis der Bolschewiki war für Steinberg weder in politischer, sozialer, staatlicher, ethischer noch wirtschaftlicher Hinsicht sozialistisch und konform mit den Zielen der Oktoberrevolution. Insofern führte er auch einen Kampf um die weitere Existenz des Sozialismus, der durch die diskreditierende Politik der Bolschewiki bedroht schien. Gleichzeitig war für ihn die reformorientierte Sozialdemokratie, die während des Ersten Weltkriegs aufgrund ihres »Sozialpatriotismus« die Kriegsanstrengungen des eigenen Landes unterstützt hatte, ebenfalls unannehmbar. Auch diese hatte in seinen Augen den sozialistischen Internationalismus verraten. Aus der doppelten Ablehnung von Sozialdemokratie und Staatskommunismus ergab sich für den Anti-Etatisten Steinberg zwangsläufig ein minoritärer dritter Weg, der in deutlicher Nähe zum Anarchismus und Anarcho-Syndikalismus stand. Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass er im Sinne einer Wahrung der Einheit der Arbeiterklasse zunächst für eine allumfassende Internationale warb. Als ehemaliger Koalitionspartner der Bolschewiki, der weiterhin für eine kompromisslose Umgestaltung der sozialen Verhältnisse und für das Rätesystem eintrat, unterschied sich Steinberg grundlegend von der großen Mehrheit der Gegner der Bolschewiki und der Sowjetunion, gehörten sie nun dem konservativen, sozialdemokratischen, (rechts-)sozialrevolutionären oder sozialistischen Lager an. Während deren Opposition im Regelfall schon bei der grundsätzlichen Ablehnung des Oktoberumsturzes selbst ansetzte, ging es Steinberg darum, die Errungenschaften des Roten Oktober gegen die Bolschewiki zu verteidigen. Im Gegensatz zu zahlreichen linken Intellektuellen im westlichen Europa, die angesichts der heraufziehenden Gefahr von Nationalsozialismus und Faschismus das stalinistische Herrschaftssystem regelrecht idealisierten (wenn sie es denn nicht schon vorher getan hatten), blieb Steinberg seiner Haltung treu, dass im Sinne eines ethischen Sozialismus Menschenrechte nicht verhandelbar waren. Steinbergs große Bedeutung liegt darin, bereits in den 1930er-Jahren als einer der wenigen Sozialisten Stalinismus und Nationalsozialismus als gleichermaßen totalitär bzw. terroristisch interpretiert und somit in der deutschen wie englischen Öffentlichkeit zu einem kompromisslosen Kampf gegen beide Regime aufgerufen zu haben. Gleichzeitig hat er aber das Ziel einer umfassenden sozialen Revolution und die Verwirklichung der Ideale des Roten Oktober nie aufgegeben. [1] Zitiert nach der deutschsprachigen Ausgabe: I. Steinberg: Gewalt und Terror in der Revolution (Oktoberrevolution oder Bolschewismus), Berlin 1931, S. 326; russ. Originalausgabe: I. Z. Štejnberg: Nravstvennyj lik revoljucii [Das sittliche Antlitz der Revolution], Berlin 1923, S. 308. [2] Mikhail Krutikov: Isaac Nahman Steinberg. From Anti-Communist Revolutionary to Anti-Zionist Territorialist, in: Jews in Eastern Europe 1‑2 [38‑39] (1999), S. 5‑24. [3] Birkenmaier gebührt das Verdienst, zahlreiche Beiträge Steinbergs in mehreren Bänden veröffentlicht zu haben. Hier werden nur diejenigen angeführt, die in unmittelbarem Zusammenhang mit dem vorliegenden Beitrag stehen: Isaak Steinberg zwischen Oktoberrevolution und Bolschewismus, hrsg. von Willy Birkenmaier, Heidelberg 2001; Isaak Steinberg in London und New York, hrsg. von Willy Birkenmaier, Heidelberg 2002; Isaak Steinberg: Publizistik aus den Jahren 1916‑1923, hrsg. von Willy Birkenmaier, Heidelberg 2003. [4] Hendrik Wallat: Oktoberrevolution oder Bolschewismus. Studien zu Leben und Werk von Isaak N. Steinberg, Münster 2013; Hendrik Wallat: Staat oder Revolution. Aspekte und Probleme linker Bolschewismuskritik, Münster 2012, S. 205‑223. [5] Gosudarstvennyj Archiv Rossijskoj Federacii/Staatliches Archiv der Russländischen Föderation f. 63, op. 27, d. 440, l. 24 und 24 ob. [6] Der Verfasser verwendet hier und im Weiteren den im zeitgenössischen Gebrauch des Deutschen geläufigeren Begriff »Sozialrevolutionäre«, ist sich jedoch bewusst, dass die genauere Übersetzung »Sozialisten-Revolutionäre« lautet. [7] Siehe hierzu Tobias Grill: Isaak Nachman Steinberg: »Als ich Volkskommissar war« oder »Eine soziale Revolution, die die Rechte ihrer Klassengegner verteidigt – das wäre eine große moralische Lehre der Menschlichkeit gewesen!«, in: Nordost-Archiv. Zeitschrift für Regionalgeschichte 23 (2014), S. 143. [8] Zur PLSR während der Revolution siehe Lutz Häfner: Die Partei der Linken Sozialrevolutionäre in der Russischen Revolution von 1917/18, Köln u. a. 1994. [9] Brief Steinbergs an Max Adler vom Januar 1932, YIVO RG 366, Folder 170. Siehe auch »Über die Aufgaben der III. Internationale«, eine Stellungnahme Steinbergs, Šrejders und Trutovskijs im Namen der PLSR vom März 1919, in der erklärt wurde, dass das Programm der III. Internationale »im Großen und Ganzen annehmbar« sei. Dabei wurde der Punkt »keine Demokratie, sondern Diktatur der arbeitenden Klassen mit allen sich daraus ergebenden Folgen« als besonders »akzeptabel« hervorgehoben. In der Erklärung wurde darüber hinaus noch zwei Mal die Forderung nach der »Diktatur der Massen« erhoben (Steinberg: Publizistik aus den Jahren 1916‑1923 [Anm. 3], S. 53‑55). Hervorhebung im Original. [10] Siehe Grill: Steinberg: »Als ich Volkskommissar war« (Anm. 7), S. 144‑149. [11] Krutikov: Isaac Nahman Steinberg (Anm. 2), S. 13. [12] Häfner: Die Partei der Linken Sozialrevolutionäre (Anm. 8), S. 361. [13] Siehe Nachrichten der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Sozialistischer Parteien 3 (April 1923), H. 2, S. 3. [14] Nachrichten der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Sozialistischer Parteien 3 (Juni 1923), H. 3, S. 1, 8 f., 14; Robert Sigel: Die Geschichte der Zweiten Internationale 1918‑1923, Frankfurt/New York 1986, S. 102. [15] Offener Brief an die Parteien der Wiener Arbeitsgemeinschaft, in: Bulletin der Auslandsdelegation der Linken Sozial-Revolutionäre u. Maximalisten, Berlin, 15. 5. 1923, S. 6, 8. [16] Siehe Nachrichten der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Sozialistischer Parteien 3 (Juni 1923), H. 3, S. 8. [17] Jürgen Zarusky: Die deutschen Sozialdemokraten und das sowjetische Modell. Ideologische Auseinandersetzung und außenpolitische Konzeptionen 1917–1933, München 1992, S. 149. [18] Siehe hierzu auch Willy Buschak: Das Londoner Büro. Europäische Linkssozialisten in der Zwischenkriegszeit, Amsterdam 1985, S. 3. [19] Die Maximalisten waren eine linke Abspaltung der Sozialrevolutionäre, die 1905 die »Union der Maximalisten« gründete. Diese war antiparlamentarisch und dezentralistisch eingestellt und nach 1917 ein Bindeglied zwischen Linken Sozialrevolutionären und Anarchisten. [20] Resolution des Vereinigungs-Kongresses der Linken S.-R. u. Maximalisten (Januar 1923), in: Bulletin der Auslandsdelegation der Linken Sozial-Revolutionäre u. Maximalisten, Berlin, 15. 5. 1923, S. 16. [21] Die Aufgaben der Revolutionär-Sozialistischen Internationale. Thesen der Auslandsdelegation der Partei der Linken Sozialrevolutionäre und des Verbandes der S. R. Maximalisten, in: Bulletin der Auslandsdelegation der Linken Sozial-Revolutionäre u. Maximalisten, Berlin, 15. 5. 1923, S. 13. [22] Siehe Buschak: Das Londoner Büro (Anm. 18), S. 321. [23] Siehe zum »Pariser Büro« ebd., S. 321 f. [24] Ebd., S. 84. Freilich dürfte die PLSR zu diesem Zeitpunkt auch in der Sowjetunion nicht mehr über viele Unterstützer verfügt haben. Die Partei selbst galt schon seit Jahren als zerschlagen. [25] Siehe Michael Kubina: Von Utopie, Widerstand und Kaltem Krieg. Das unzeitgemäße Leben des Berliner Rätekommunisten Alfred Weiland (1906–1978), Münster u. a. 2000, S. 82; Karl Korsch Gesamtausgabe, Briefe 1908–1939, hrsg. von Michael Buckmiller/Michel Prat/Meike G. Werner, Amsterdam 2001, S. 26, 410, 419‑421. [26] Augustin Souchy: »Vorsicht Anarchist!«. Ein Leben für die Freiheit. Politische Erinnerungen, Darmstadt u. a. 1977, S. 74; siehe auch Korsch: Gesamtausgabe, Briefe 1908–1939 (Anm. 25), S. 419‑421. [27] Rudolf Rocker: Dr. J. Steinberg zum 60. Geburtstag, International Institute of Social History in Amsterdam (im Folgenden: IISH), Rudolf Rocker Papers, Folder 308; auf Jiddisch erschienen in der von Steinberg herausgegebenen Zeitschrift Ojfn Shvel unter dem Titel »Dem chaver I. N. Shtejnberg – Tsum 60-tn geboirntag«, in: Ojfn Shvel (Dezember 1948), H. 9, S. 9. [28] Aus der prinzipiellen Erklärung der Linken SR und Maximalisten Russlands, in: Die Aktion 15 (1925), H. 5, S. 242. [29] Bereits seit Anfang 1922 existierte das »Hilfskomitee für die in den russischen Gefängnissen befindlichen Linken Sozialisten-Revolutionäre« (siehe Nachrichten der Internationalen Arbeitsgemeinschaft Sozialistischer Parteien 2 [März 1922], H. 3, S. 7), das wohl zunächst noch von Šrejder geleitet wurde. [30] Amnestie für alle russischen Oktober-Kämpfer!, in: Kommunistische Politik 2 (1927), H. 19/20, S. 223. [31] Ebd., S. 223. [32] Siehe 2000 protestieren. Eine imposante Kundgebung für die Vorkämpfer der russischen Revolution, in: Der Syndikalist. Organ der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (Anarcho-Syndikalisten) 11 (20. 4. 1929), H. 16, S. 1 sowie Die Aktion 19 (Mai 1929), H. 3/4, Spalte 86. [33] Siehe Albert Einstein: Letter, in: Letters from Prisons. Consisting of Reprints of Documents by Political Prisoners in Soviet Prisons, Prison Camps and Exile, and Reprints of Affidavits Concerning Political Persecution in Soviet Russia, Official Statements by Soviet Authorities, Excerpts from Soviet Laws Pertaining to Civil Liberties, and Other Documents, published for The International Committee for Political Prisoners, London 1925, S. 7. [34] Brief Steinbergs an Albert Einstein vom 10. 4. 1929, YIVO RG 366, Folder 1005. [35] Steinberg war über Hendrik de Mans Buch »Zur Psychologie des Sozialismus« aufgrund der darin zum Ausdruck kommenden Weltanschauung, die seiner eigenen nahestand, begeistert. Freilich konnte Steinberg nicht ahnen, dass de Man Jahre später während der nationalsozialistischen Besatzung Belgiens mit den Deutschen äußerst eng kollaborieren und damit den Sozialismus, wie ihn Steinberg verstand, verraten sollte. [36] Brief Steinbergs an Hendrik de Man vom 13. Juli 1927, IISH, ARCH 00449.191. Hervorhebungen im Original. [37] Siehe hierzu Grill: Steinberg: »Als ich Volkskommissar war« (Anm. 7), S. 157‑166. [38] Brief Steinbergs an Hendrik de Man vom 20. Juni 1927, IISH, ARCH 00449.191. [39] Das Buch war eine Übernahme aus dem Ernst Rowohlt Verlag. [40] Stefan Plaggenborg: Experiment Moderne. Der sowjetische Weg, Frankfurt/New York 2006, S. 128. [41] Steinberg: Gewalt und Terror (Anm. 1), S. 337. [42] Siehe Zerschlagt die Kriegsfront gegen die Sowjetunion. Folgt dem Appell des Internationalen Verteidigungskomitees!, in: Die Rote Fahne. Zentralorgan der Kommunistischen Partei Deutschlands (Sektion der Kommunistischen Internationale), 7. Dezember 1930, S. 11. [43] Offener Brief Steinbergs an Ernst Toller vom 12. 12. 1930, YIVO, RG 366, Folder 944. Toller war nicht der einzige sozialistisch orientierte Intellektuelle im Westen, der von Steinberg für die implizite Unterstützung des bolschewistischen Terrors heftig kritisiert wurde (siehe Grill: Steinberg: »Als ich Volkskommissar war« [Anm. 7], S. 163; Tobias Grill: Kampf für Sozialismus und Judentum auf vier Kontinenten: Isaac Nachman Steinbergs »rooted cosmopolitanism«, in: BIOS – Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen 28 [2015], H. 1–2, S. 51). Hervorhebungen im Original. [44] Steinberg: Gewalt und Terror (Anm. 1), S. 338. [45] »Wenn wir also in Übereinstimmung mit der klassischen Theorie in der Gesetzesherrschaft das eigentliche Wesen einer verfassungsmäßigen Regierung sehen, dann können wir Terror als das eigentliche Wesen der totalitären Herrschaft bestimmen.« (Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Frankfurt a. M. 1955, S. 732) Für Arendt waren Nationalsozialismus und Stalinismus Prototypen totalitärer Herrschaft, der Faschismus Mussolinis hingegen eine nicht-totalitäre Diktatur. [46] Laut Peter Deli gehörte der »Manchester Guardian« zum britischen Qualitätsjournalismus, der die liberale Meinung in England repräsentierte (Peter Deli: The Quality Press and the Soviet Union: a case study of the reactions of the »Manchester Guardian«, the »New Statesman« and »The Times« to Stalinʼs Great Purges, 1936‑38, in: Media History 5 [1999], H. 2, S. 162). [47] In gewisser Weise erinnert Steinbergs Argumentation an die Thesen Ernst Noltes Jahrzehnte später, wenngleich Steinberg nicht behauptete, dass der Nationalsozialismus aus einer perzipierten Bedrohung des Bolschewismus heraus Zuflucht zum Genozid suchte. Es sei hier aber betont, dass selbst Bolschewiki, nicht zuletzt Bucharin, der Meinung waren, dass der Faschismus bolschewistische Methoden nachahmte (siehe Leonid Luks: Entstehung der kommunistischen Faschismustheorie. Die Auseinandersetzung der Komintern mit Faschismus und Nationalsozialismus 1921‑1935, Stuttgart 1985, S. 47‑49). [48] J. Steinberg: Socialist Victims of the Soviet. A Long Martyrdom. To the Editor of the Manchester Guardian, in: The Manchester Guardian, 25. November 1933, S. 14. Einige der im Weiteren behandelten Beiträge Steinbergs im Manchester Guardian sind auch zu finden in: Isaak Steinberg in London und New York (Anm. 3). [49] Rennie Smith: Labour and the Soviets. Not a Marxist Movement. To the Editor of the Manchester Guardian, in: The Manchester Guardian, 13. Dezember 1933, S. 18. [50] Freilich war diese Bezeichnung nicht ganz korrekt. Tatsächlich war unmittelbar nach dem Oktoberumsturz ein ausschließlich von den Bolschewiki dominierter Rat der Volkskommissare gebildet worden. Die Koalition zwischen Bolschewiki und PLSR wurde erst einige Wochen später geschlossen. [51] Siehe J. Steinberg: (People’s Commissar of Justice in the first Soviet Government): Socialist Prisoners in Russia. Living a Life Without Hope. To the Editor of the Manchester Guardian, in: The Manchester Guardian, 5. November 1937, S. 22; J. Steinberg: Russian Socialists in Prison. An Accusation Denied. To the Editor of the Manchester Guardian, in: The Manchester Guardian, 15. November 1937, S. 16. [52] Gore Graham hatte 1934 das Buch »War & Peace and the Soviet Union« veröffentlicht, in dem er den kapitalistischen Staaten der Welt vorwarf, einen Krieg gegen die Sowjetunion vorzubereiten, um diese zu zerstören. [53] Tatsächlich war Graham der Unterschied zwischen Linken und Rechten Sozialrevolutionären offenbar nicht bewusst. Er spricht nur von Sozialrevolutionären. [54] Gore Graham: Russian Social-Revolutionaries. Imprisonment Defended. To the Editor of the Manchester Guardian, in: The Manchester Guardian, 20. November 1937, S. 6. Die hier zitierte Replik Grahams auf Steinbergs Leserbrief war bereits die zweite. Für Grahams erste Reaktion siehe Gore Graham: Russian Socialists in Prison. A Defence of the Regime. To the Editor of the Manchester Guardian, in: The Manchester Guardian, 9. November 1937, S. 20. [55] Siehe D. N. Pritt: Mr. D. N. Pritt Convinced of the Prisoners’ Guilt. To the Editor of the Manchester Guardian, in: The Manchester Guardian, 5. Februar 1937, S. 20; Pritt, den der Trotzkist Robert Black 1970 als »arch-Stalinist« (Robert Black: Stalinism in Britain, London 1970, S. 98) bezeichnete, hatte den Zinovʼev-Prozess persönlich beobachtet und unterstützte in hohem Maße den Stalinismus (siehe z. B. die Erinnerungen von Fenner Brockway: Towards Tomorrow, London 1977, S. 115). Bereits 1933 hatte er das sowjetische Justiz- und Justizvollzugssystem in den höchsten Tönen gelobt (siehe D. N. Pritt: The Russian Legal System, in: Twelve Studies in Soviet Russia, hrsg. von Margaret Cole, London 1933, S. 145‑176). Zu den sogenannten fellow-travellers, die seit 1932 zahlreiche Werke veröffentlichten, in denen alle Aspekte des sowjetischen Lebens nahezu idealisiert wurden, siehe Andrew Thorpe: Stalinism and British Politics, in: History 83 (1998), H. 272, S. 609–627, hier S. 619–626; sowie David Caute: The Fellow-Travellers. Intellectual Friends of Communism, erw. und verb. Auflage, New Haven/London 1988, insbes. S. 19‑195. [56] J. Steinberg (formerly People’s Commissar of Justice in the first Soviet Government): The Moscow Trial and Executions. Is Liberty in the Soviet Republic Increasing? To the Editor of the Manchester Guardian, in: The Manchester Guardian, 11. Februar 1937, S. 20. [57] (Dr.) J. N. Steinberg, formerly People’s Commissar of Justice in the first Soviet Government: The Trial and Executions at Moscow. Some Lessons for the Future. To the Editor of the Manchester Guardian, in: The Manchester Guardian, 2. Februar 1937, S. 18. Siehe hierzu auch Peter Deli: The »Manchester Guardian« and the Soviet Purges 1936‑38, in: Survey. A Journal of Soviet and East European Studies 28 (1984), H. 1, S. 148 f. [58] Ebd., S. 144; ähnlich auch in Deli: The Quality Press and the Soviet Union (Anm. 46), S. 164. [59] Siehe Pat Sloan: Soviet Democracy, London 1937. Siehe die kurze Zusammenfassung zu Sloans Buch in Foreign Affairs: »A man who has lived in the Soviet Union for six years finds more ›real‹ democracy there, especially among the workers, than in the so-called democratic countries.« (Foreign Affairs 16 [Januar 1938], H. 2, S. 365). Besonders bemerkenswert ist folgende Äußerung in Sloans »Soviet Democracy«: »[…] compared with the significance of that term in Britain, Soviet imprisonment stands out as an almost enjoyable experience«. (Sloan: Soviet Democracy, S. 111). [60] Siehe (Dr.) J. N. Steinberg, formerly People’s Commissar of Justice in the first Soviet Government: The Trial and Executions at Moscow. Some Lessons for the Future. To the Editor of the Manchester Guardian, in: The Manchester Guardian, 2. Februar 1937, S. 18. [61] Y. Z.: The Meaning of the Moscow Trial. A Russian Exile’s Explanation. To the Editor of the Manchester Guardian, in: The Manchester Guardian, 4. Februar 1937, S. 18. Siehe auch Y. Z.’s Replik auf Pritt: Y. Z.: Another Reply to Mr. Pritt. To the Editor of the Manchester Guardian, in: The Manchester Guardian, 11. Februar 1937, S. 20. [62] P. A. Sloan: The Moscow Trial. Trotsky’s and Radek’s »Error of Judgment«. To the Editor of the Manchester Guardian, in: The Manchester Guardian, 9. Februar 1937, S. 20. [63] P. A. Sloan: The Meaning of a Phrase of Lenin’s. To the Editor of the Manchester Guardian, in: The Manchester Guardian, 16. Februar 1937, S. 20. [64] J. Steinberg (People’s Commissar of Justice in the first Soviet Government): A New History of Russia. Tsars Restored to Honour. Imperialism Excused, in: The Manchester Guardian, 16. September 1937, S. 9 f. (Dieser Artikel wurde auch im Freien Deutschland am 16. September 1937 unter dem Titel »Sowjetpatriotismus ‑ heute« auf Deutsch veröffentlicht) sowie Dr. J. N. Steinberg: The National Soviet Republics. Relentless Campaign Against Their Leaders, in: The Manchester Guardian, 2. November 1937, S. 12. Zur Pflege eines russisch gefärbten Sowjetpatriotismus seit 1937 siehe Erwin Oberländer: Sowjetpatriotismus und Geschichte, Köln 1967, S. 26. [65] Siehe Joan Littlewood: Joanʼs Book: The Autobiography of Joan Littlewood, London 2003, S. 121. [66] Conditions To-day in Russia. Reply to the »Manchester Guardian«, in: The Manchester Guardian, 9. November 1937, S. 13. Zur Zurückweisung von Steinbergs These über die Entwicklung eines großrussischen Chauvinismus siehe auch Gore Graham: Russian Socialists in Prison. A Defence of the Regime. To the Editor of the Manchester Guardian, in: The Manchester Guardian, 9. November 1937, S. 20. [67] J. Steinberg: After the Moscow Executions. The Next Trial. To the Editor of the Manchester Guardian, in: The Manchester Guardian, 17. März 1938, S. 20. Siehe hierzu auch Robert Conquest: Der Große Terror. Sowjetunion 1934‑1938, München 1992, S. 427 f. [68] Dr. J. Steinberg (Minister of Justice in Lenin’s Government): Bukharin Did not Plot to Kill Lenin, in: The New Leader, 25. März 1938, S. 5. [69] Selbst 1966 schrieb Sloan noch: »Amongst most writers on the USSR in the 1930s, I have least to be ashamed of, or wish to withdraw.« (zitiert nach Black: Stalinism in Britain [Anm. 55], S. 255). [70] Siehe Deli: The »Manchester Guardian« (Anm. 57), S. 119. [71] Siehe Deli: The Quality Press and the Soviet Union (Anm. 46), S. 178 f. [72] Zu Steinbergs Engagement in der »Freeland League for Jewish Territiorial Colonization« siehe Grill: Kampf für Sozialismus und Judentum (Anm. 43), S. 41‑65, bes. S. 53‑60. [73] Siehe YIVO RG 366, Folder 1000. [74] I. N. Steinberg: In the Workshop of the Revolution, New York u. a. 1953, S. X‑XII. [75] Simon Dubnow: Buch des Lebens. Erinnerungen und Gedanken. Materialien zur Geschichte meiner Zeit, Bd. 3: 1922–1933, hrsg. von Verena Dohrn, Göttingen 2005, S. 89. [76] Ebd., S. 122. [77] Siehe hierzu vor allem Grill: Steinberg: »Als ich Volkskommissar war« (Anm. 7), S. 160. [78] Isaak Steinberg: Als ich Volkskommissar war. Episoden aus der russischen Oktoberrevolution, München 1929, S. 14.

JHK 2018

Der Generalsekretär des Komsomol Aleksandr Kosarev als Förderer des sowjetischen Fußballs

Peter Kaiser

In einem seiner Artikel über Stalin und den Stalinismus vermerkte Jörg Baberowski mit pointierter Schärfe, die Beschäftigung mit dem Diktator und dessen Umgebung sei immer noch ein Desiderat der Forschung, weil die Historiker nur dann »die Rationalität der destruktiven Gewalt besser als bisher verstehen« werden, wenn sie sich Stalin und seinen Helfern als Menschen zuwenden. »Zu zeigen, wie der individuelle Mensch als Schöpfer und Geschöpf seiner Umgebung gewesen ist, das ist die eigentliche Aufgabe des Historikers, denn wir wollen nicht wissen, wie die Welt ist, sondern wie sie von den historischen Menschen gesehen wurde. Allein auf diese Weise werden wir verstehen, wer Stalin und was der Stalinismus war.«[1] Auch mehr als zehn Jahre nach seiner Publikation hat dieser Aufruf nichts an seiner Aktualität eingebüßt. Während die Person Stalins mit steter Regelmäßigkeit – sei es in Buchform, sei es in Form von Dokumentar- oder Spielfilmen – in das Rampenlicht der Öffentlichkeit zurückkehrt, bleiben die Personen, die als Funktionäre das Rückgrat des Regimes bildeten und durch ihre Aktionen Stalins Machtentfaltung erst möglich machten, immer noch viel zu oft im Schatten des Diktators, auch wenn die Geschichtsschreibung in den letzten Jahren viel getan hat, um diesen Zustand, der bislang größtenteils dem mangelnden Quellenmaterial geschuldet war, zu korrigieren.[2] Das Ziel des vorliegenden Artikels besteht darin, diese Bemühungen fortzusetzen und mit Aleksandr Kosarev eine dieser in Vergessenheit geratenen Personen wieder stärker in den Mittelpunkt der Forschung zu rücken.[3] Allerdings geht es nicht in erster Linie darum, seinen Aufstieg und Fall als Generalsekretär (1929–1938) des kommunistischen Jugendverbandes (Komsomol) und sein Leben nachzuzeichnen, das als paradigmatisch für die Epoche der sowjetischen Geschichte gelten kann, die gemeinhin als Stalinismus bezeichnet wird.[4] Vielmehr sollen die ihm zur Verfügung stehenden Handlungsspielräume anhand eines konkreten Falles verdeutlicht werden. Insofern bildet die Darstellung von Kosarevs Aktivitäten auf dem Gebiet der sowjetischen Körperkultur- und Sportpolitik der 1930er-Jahre den Schwerpunkt dieser Abhandlung. Da jedoch sein Lebensweg sogar Spezialisten nicht ohne Weiteres bekannt sein dürfte, soll dessen knappe Darstellung am Anfang des Artikels stehen, um die Einordnung seiner Person in den Epochenkontext zu erleichtern, bevor dann im nächsten Schritt seine Rolle als Förderer und Patron von sowjetischen Sportlern näher beleuchtet wird. Die Betrachtung der Herrschaftspraktiken aus der Perspektive eines Funktionärs, der integraler Bestandteil des Systems war, ohne dabei zur absoluten Führungsspitze des Staates zu gehören, soll helfen, die weniger erforschten Pfade zu betreten und die situative Ausgestaltung der politischen Macht in der UdSSR der 1930er-Jahre als eine aufs Engste mit deren konkreten Trägern verwobene Entwicklung darzustellen.   1. Der Weg eines Arbeiterkindes Aleksandr Kosarev wurde am 14. November 1903 in eine Moskauer Arbeiterfamilie hineingeboren. Seine Eltern, die Ende der 1880er-Jahre auf der Suche nach Arbeit und Auskommen aus den zentralrussischen Landgebieten nach Moskau gezogen waren, fanden dort eine Beschäftigung in der Textilindustrie, die es ihnen ermöglichte, eine kleine bescheidene Kellerwohnung im Moskauer Stadtteil Lefortovo anzumieten.[5] Der Sohn wurde fürs Erste jedoch zu seinen Großeltern aufs Land geschickt, wo er drei Jahre lang die kirchliche Gemeindeschule besuchte, bevor er im Alter von neun Jahren wieder zu den Eltern zog, um seinen Teil zum Familieneinkommen beizutragen.[6] Zuerst arbeitete er in einer Verzinkerei, dann im »elterlichen« Betrieb, der Richard Simon & Co.-Fabrik in Lefortovo, wo er alle Stationen eines heranwachsenden Arbeiters durchlief. Die beiden Revolutionen des Jahres 1917 brachten den gewohnten Alltag jedoch durcheinander. Wie so viele seiner Altersgenossen feierte der 14-jährige Saša den Anbruch einer neuen Zeit – angeblich war er einer der Ersten, der nach der Kunde vom Aufstand der Petrograder Garnison im Februar 1917 in der Fabrik herumlief und seine Kollegen aufforderte, die Arbeit niederzulegen[7] – und schloss sich umgehend einem der neu entstandenen sozialistischen Jugendzirkel an.[8] Seine erste Bewährungsprobe als »überzeugter Bolschewik« bestand Kosarev im Herbst 1919, als er zusammen mit einer Abordnung Moskauer Komsomolzen nach Petrograd fuhr, um dort an Straßenkämpfen gegen die weißgardistischen Truppen des Generals N. N. Judenič teilzunehmen.[9] Da es jedoch der Roten Armee unter Führung von Lev Trockij gelungen war, die Weißen vor den Toren der »Wiege der Revolution« zu schlagen, musste sich der junge Saša schließlich nicht an kämpferischen Auseinandersetzungen beteiligen. Statt jedoch nach Moskau zurückzukehren, blieb er in Petrograd, wo er sich mit dem damaligen Sekretär des lokalen Komsomolkomitees, Pëtr Smorodin, anfreundete. Diese Begegnung sollte für seine weitere Laufbahn von entscheidender Bedeutung sein: Als Smorodin nach Moskau ging, um dort den Posten des ersten Sekretärs des ZK des Komsomol zu übernehmen, nahm er Kosarev mit. In Moskau dauerte es nicht lange, bis der tatkräftige Kosarev seine organisatorischen Talente offenbarte und damit für Aufmerksamkeit sorgte. Als Sekretär des Komsomolkomitees des Baumanskij-Stadtteils nahm er an vielen innerparteilichen Kämpfen und Auseinandersetzungen dieser Zeit teil, vertrat dabei immer die »Generallinie der Partei« und profilierte sich als unermüdlicher Kämpfer gegen die »Abweichler« und »Frondeure«. Seine Loyalität zu Stalin und dessen Fraktion bewies Kosarev auf zweierlei Weise: zum einen im Kampf gegen Trockij und dessen Anhänger im Moskauer Komsomolkomitee, zum anderen in der russischen Provinz, wo er als Sekretär des Komsomolkomitees des Gouvernements von Penza (1924–1925) mit solcher Entschlossenheit gegen Trockij-Anhänger und andere »Rebellen« vorging, dass das Moskauer Zentralkomitee sich genötigt sah, seinem Wüten durch entsprechende Anweisungen Einhalt zu gebieten.[10] Doch die Rüge war mild und größtenteils scheinheilig. Auf alle Fälle kannte man jetzt auch im ZK der Partei Kosarevs Namen, sodass man, als es darum ging, gegen die Anhänger Grigorij Zinov’evs, den anderen bedeutenden bolschewistischen Führer, in Leningrad vorzugehen, ohne Umschweife Kosarev aus der Provinz nach Moskau zurückbeorderte und ihn umgehend mit einer Delegation anderer Funktionäre nach Norden schickte. Erneut zeigte der junge Sekretär seine beachtlichen organisatorischen und propagandistischen Talente: Als Chef des Komsomolkomitees des Moskovsko-Narvskij-Stadtteils von Leningrad gelang es ihm, die dortigen Oppositionellen zu besiegen und ihren Widerstand gegen die Resolutionen des XIV. Parteitages zu brechen. Die Belohnung ließ nicht lange auf sich warten. Wenige Wochen nach dem Ende des VII. Komsomolkongresses kehrte Kosarev, der in Leningrad seine Mission erfüllt hatte, nach Moskau zurück, wo er im Apparat des Komsomol-ZK zuerst die Leitung der Kaderabteilung übernahm, bevor er wenige Monate später zum Sekretär des ZK des Komsomol und des Moskauer Komsomol ernannt wurde. Der letzte Schritt auf der Karriereleiter im Jugendverband folgte im März 1929: Stalin ernannte Kosarev zum Generalsekretär des Komsomol.[11] Fast zehn Jahre lang konnte Kosarev diesen wichtigen Posten innerhalb der sowjetischen Hierarchie halten. Doch im Verlauf des Jahres 1937 wurde seine Position immer prekärer. Es ist nicht ganz klar, wann Stalin beschlossen hatte, sich von seinem einstigen Protegé zu trennen. Vieles deutet darauf hin, dass er dem energischen und selbstbewussten Generalsekretär des Jugendverbandes spätestens seit Juli 1937 misstraute und dessen Loyalität ihm gegenüber anzweifelte.[12] So ordnete er z. B. im September 1937 eine Observierung Kosarevs durch den NKWD an[13] und ließ keine Möglichkeit aus, ihn schmerzhaft zu treffen.[14] Im November 1938 war es dann endgültig vorbei: Kosarev wurde auf einem außerordentlichen Plenum des Komsomol-ZK abgesetzt und anschließend zusammen mit seinen Getreuen verhaftet.[15] Sein gewaltsamer Tod am 23. Februar 1939 beendete die eindrucksvolle Karriere eines Mannes, dem es gelungen war, aus einer armen Moskauer Arbeitersiedlung bis in die obersten Sphären des Staatsapparates vorzudringen und fast zehn Jahre lang die Politik des riesigen Landes mitzuprägen.   2. Kosarev als Patron des sowjetischen Sports Mitte April 1936 fand der X. Komsomolkongress in Moskau statt. Einen der Höhepunkte der über eine Woche zelebrierten Feier anlässlich der »Errungenschaften der sowjetischen Jugend« von bis dahin nicht gekanntem Ausmaß stellte der Auftritt der »Delegation der Körperkultur-Bewegung« (delegacija fizkul’turnikov) dar. Angeführt vom bekannten sowjetischen Fußballer Nikolaj Starostin, trug sie in ihrer Grußbotschaft ein Loblied auf den Komsomolchef vor. Mit vor Aufregung heiserer Stimme rief Starostin in den voll besetzten Saal hinein: »Der sowjetische Fußball muss und wird weiterhin siegen!« Er erklärte weiter: »Lang lebe der Leninʼsche Komsomol und sein Chef, Genosse Kosarev, der der oberste Kapitän des sowjetischen Fußballs ist [staršij kapitan sovetskogo futbola].« Diese Aussage wurde laut dem stenografischen Bericht mit dröhnenden »Hurra!«-Rufen und einem »lang anhaltenden Applaus« quittiert. Nachdem auch Stalins Name erwartungsgemäß erwähnt worden war, präsentierte Starostin ein Geschenk an Kosarev, ein Jagdgewehr – möglicherweise eine Anspielung auf die gemeinsamen Jagdausflüge –, wobei er sich davon überzeugt zeigte, dass »der beste Scharfschütze der Sowjetjugend« dafür sorgen werde, dass keine einzige Patrone ihr Ziel verfehle.[16] Starostin und andere Mitglieder der »großen Familie der sowjetischen fizkul’turniki« hatten allen Grund, Kosarev dankbar zu sein. Seit mehr als einem Jahr hatten die sowjetischen Top-Spieler und -Trainer quasi durch die Hintertür mithilfe der weit verbreiteten Praxis von »Aufwandsentschädigungen« eine legale Möglichkeit erhalten, ihre Einkommen merklich zu steigern. Der Basislohn eines überdurchschnittlichen Fußballspielers betrug 800 Rubel im Monat; hinzu kamen Siegprämien und Bonuszahlungen, die von der finanziellen Ausstattung der jeweiligen Dachgesellschaft abhängig waren. Der Verdienst von Spitzentrainern und führenden Vereinsfunktionären lag nicht unter 1300 Rubeln im Monat, was für damalige Verhältnisse ein kleines Vermögen war.[17] Die Zeiten, in denen die Vertreter des Proletkults und die sogenannten Hygieniker den ergebnisorientierten, auf Siege und Rekorde fokussierten sportlichen Wettbewerb als gesundheitsschädlich und »bourgeois« verdammt hatten, waren jetzt, Mitte der 1930er-Jahre, endgültig vorbei.[18] Das unter Stalin und mit aktiver Beteiligung Kosarevs entstandene Konzept der sowjetischen Körperkultur vereinte in sich sowohl den dem Spitzensport immanenten Leistungs- und Erfolgsgedanken, in dessen Mittelpunkt die Glorifizierung des Systems stand, als auch die ursprünglich im »Hygienekonzept« verankerten Ideen zur Verbesserung der Schlagkraft des Militärs und Erhöhung der Produktionseffektivität. Man kann Robert Edelman nur zustimmen, wenn er schreibt: »In the context of Marxist sport theory, Stalinist sport doctrine can also be seen as exceptional.«[19] Wie wichtig es für Kosarev als Komsomolchef war, sich energisch in den Körperkultur-/Sportbereich einzumischen, wird erst dann verständlich, wenn man die Situation berücksichtigt, in der er sich Mitte 1935 befand. In den Jahren des ersten Fünfjahresplans gelang es dem Komsomolchef, eine für diese Position bis dahin einzigartige Machtfülle in seinen Händen zu kumulieren. Da Stalin angesichts des drohenden Scheiterns seiner hochfliegenden Industrialisierungspläne gezwungen war, gerade unter den Jungkommunisten nach wirksamer Unterstützung zu suchen, stieg Kosarevs Einfluss ab 1930 kontinuierlich an. Die ständige Ausdehnung seiner Kompetenzbereiche führte zwangsläufig zum Eindringen in die fremden Machtsphären und machte den Apparat des Zentralkomitees des Komsomol dem der Partei immer ähnlicher.[20] Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte diese Entwicklung im Frühjahr 1934, als das IX. Plenum des Komsomol-ZK die Gründung einer Transport-, Landwirtschafts- sowie Wirtschaftsabteilung innerhalb des zentralen Komsomolapparates beschloss.[21] Für Stalin war diese Entwicklung alles andere als harmlos. Statt sich auf die immer wieder als zentrale Aufgabenfelder apostrophierten Belange der Erziehung der Sowjetjugend »im Geiste des Kommunismus« zu konzentrieren, hatte Kosarev offenbar beschlossen, den Komsomol sukzessive zu einer Art »Ersatzpartei« auszubauen, der sich von nun an um die Landwirtschaft, die Industrie oder das Transportwesen kümmern sollte.[22] Auf Stalins unmittelbaren Druck hin wurden diese Abteilungen nach wenigen Monaten jedoch wieder aufgelöst; Kosarev musste nach neuen Wegen suchen, um seine Machtbasis zu vergrößern und die eigene Popularität in der Bevölkerung zu steigern. Hierfür schien der Bereich Sport, vor allem der bei der Bevölkerung sehr populäre Fußball, am besten geeignet zu sein.[23] Bereits kurz nach dem Beginn des ersten Fünfjahresplans versuchte Kosarev, die Körperkultur-Bewegung unter seine Kontrolle zu bringen. Doch seine Vorschläge, dem Jugendverband die Initiative auf diesem Feld zu überlassen und die konkurrierenden Gewerkschaften durch die Erlaubnis, »freiwillige Sportgesellschaften« gründen zu dürfen,[24] in die Defensive zu drängen, stießen bei der Parteiführung weitgehend auf Ablehnung.[25] Erst die Angst, sich beim »Wettkampf mit der Weltbourgeoisie« zu blamieren, bewirkte den allmählichen Umschwung zugunsten der stärkeren Professionalisierung des sowjetischen Fußballs. Darüber hinaus war sich die oberste Führung des Landes sehr wohl bewusst, dass sich breite Massen der sowjetischen Bevölkerung aufrichtig für den Fußball begeisterten. Sie versprach sich vom ihm, wie von anderen Sportarten auch, eine verstärkte Vermittlung von Werten wie Disziplin, Gehorsam und öffentliche Ordnung. Allerdings sollte sich gerade der Fußball sehr oft als eher ungeeignet dafür erweisen, die hehren Ideale des kommunistischen gesellschaftlichen Zusammenlebens zu transportieren. Die Neigung der Fußballfans, ihre Leidenschaft für das Spiel mit einer gewissen Irrationalität und Romantik anzureichern, war für die dem Fußball angedachte Rolle eines Ordnungsfaktors nicht gerade förderlich. Seine Fans waren oft im wahrsten Sinne des Wortes »fanatisierte« Anhänger ihrer Mannschaften und gerade die Unvorhersehbarkeit des Spiels beförderte seine Popularität beim »gemeinen Mann« und steigerte die Vorfreude auf mehr.[26] Zwar verschaffte der Fußball der Arbeiterklasse eine emotionale Befriedigung nach getaner schwerer Arbeit, ein Vehikel zur Schaffung des »neuen Menschen« war er jedoch nicht. Randalierende Fußballspieler, die im betrunkenen Zustand Schlägereien anzettelten, ihre Gegner verletzten und sich sowohl auf als auch neben dem Platz ungebührlich benahmen,[27] dazu noch Zuschauer, die ihren Emotionen spontan freien Lauf ließen und bei Gelegenheit auch mal das Fußballfeld stürmten,[28] konterkarierten oft alle Bemühungen der Behörden, Fußball zu einem bis ins kleinste Detail geregelten, »kultivierten« (kul’turnyj) Freizeitspaß umzufunktionieren. Es wurde immer offensichtlicher, dass man eine »ordnende Hand« brauchte, die diesen Bereich des öffentlichen Lebens stärker kontrollierte und disziplinierte. Kosarev schien für diese Rolle der Richtige zu sein. Bereits im Frühjahr 1929 äußerte er seinen Willen, die »Körperkultur-Angelegenheiten« im »bolschewistischen Sinne« zu regeln,[29] und an dieser Position hielt er auch Jahre später fest. In dieser Hinsicht stellte das Jahr 1934 eine Zäsur dar. Gerade zu diesem Zeitpunkt wurde es für die Sowjetunion immer wichtiger, den Sport auch als Instrument ihrer außenpolitischen Bestrebungen zu nutzen, die »Volksfront«-Politik in die Wege zu leiten, um so die bestehende internationale Isolation zu durchbrechen.[30] Gleichzeitig hatte die sowjetische Führung ernsthafte Bedenken, den eigenen Anspruch durch die miserablen sportlichen Leistungen zu konterkarieren. Da Stalin nachweislich keinerlei Affinität zum Fußball oder zu anderen Sportarten besaß oder sich jemals selbst aktiv körperlich betätigt hätte, beschränkte sich sein diesbezügliches Interesse auf den Wunsch, körperlich fitte, künftige Soldaten zu erziehen, die nicht nur die Schönheit des »neuen«, sozialistischen »Übermenschen« repräsentierten, sondern auch die Überlegenheit des von ihm etablierten politischen Systems gegenüber den »bourgeoisen« Gesellschaften des Westens durch ihre sportlichen Erfolge unter Beweis stellten. Es ging nicht mehr darum, die aus Amateuren bestehenden norwegischen oder deutschen Arbeitermannschaften im Rahmen der Wettbewerbe der »Roten Sportinternationale« zu besiegen,[31] sondern vor den Augen der Weltöffentlichkeit gegen die absoluten Profis zu bestehen. Doch die ersten Resultate waren alles andere als ermutigend. So gelang es der sowjetischen Fußballauswahlmannschaft im August 1934 nur mit Mühe, die international eher zweitklassige türkische Nationalelf zu besiegen,[32] was berechtigte Fragen nach der Qualität und Konkurrenzfähigkeit der sowjetischen Fußballer aufwarf. Vor allem Kosarev war von den Leistungen der viel gepriesenen »Meister des Sports« enttäuscht. Auf der im August 1934 einberufenen Sitzung des Büros des Zentralkomitees (ZK) des Komsomol bewertete er die Leistungen der sowjetischen Auswahl ungeachtet ihres Sieges über die türkischen Fußballer als nicht sonderlich erfreulich. Aus der offensichtlichen Schwäche der Sbornaja zog Kosarev den Schluss, dass sie künftig nicht mehr als eine ad hoc zusammengewürfelte Gemeinschaft auftreten dürfe, sondern sich an den Klubmannschaften ein Beispiel nehmen solle, die stets mit dem gleichen Kader spielten und dadurch besser aufeinander abgestimmt seien. Kosarevs Sorge galt einer möglichen Niederlage gegen die »qualifizierten bourgeoisen« Teams, die das Prestige des sowjetischen Fußballs ins Wanken bringen könnte.[33] Doch seiner Idee einer »permanenten Nationalmannschaft«, die, aus den besten Fußballern des Landes bestehend, ganzjährig zusammen trainieren und der Aufsicht durch den Komsomol unterstellt werden sollte,[34] war kein Erfolg beschieden. Woran seine Initiative letzten Endes scheiterte, lässt sich den bekannten Archivalien nur mittelbar entnehmen: Offensichtlich leisteten die mächtigen Gewerkschaftsbosse, die auf diese Weise ihre wertvollsten Spieler verloren hätten, erbitterten Widerstand. Folglich gab Kosarev seine Bemühungen, die sowjetische Fußballnationalmannschaft unter Komsomol-Ägide zu organisieren, auf. Aber seinen Traum, sich in diesem Bereich zu profilieren, wollte er keinesfalls begraben. Also suchte er nach einem geeigneten Partner, der ihm helfen konnte, ein Team aufzustellen, und fand ihn in Gestalt des bekannten Fußballspielers Nikolaj Starostin (1902–1996), dessen aktive Karriere sich Mitte der 1930er-Jahre ihrem Ende zuneigte und dessen Intentionen maßgeblich darauf gerichtet waren, politische Rückendeckung für seine weitreichenden Pläne zum Umbau des sowjetischen Fußballs zu erhalten.[35] Für die beiden Männer gab es somit ein starkes gegenseitiges Interesse an einer erfolgreichen Kooperation. Der Dritte im Bunde wurde der Vorsitzende der Gewerkschaft Promkooperacija [Gewerkschaft des produzierenden Gewerbes], I. E. Pavlov, der die Finanzierung sicherstellen sollte und versprach, der neuen Gesellschaft bis zu 15 Prozent der Gesamteinnahmen der Promkooperacija zur Rekrutierung und Bezahlung der »Meister des Sports« zur Verfügung zu stellen. Zwar sollte die zu gründende Gesellschaft neben dem Fußball auch andere Sportarten, wie z. B. Leichtathletik oder Volleyball, einschließen, doch war die Fußballabteilung eindeutig das Aushängeschild der Gesellschaft, darin waren sich Starostin und seine »Geschäftspartner« einig.[36] Am 19. April 1935 wurde die Gründung des Fußballklubs Spartak offiziell bestätigt.[37] Dieser Akt machte den Weg frei für die Schaffung von weiteren Sportgesellschaften, die alle nach dem gleichen Muster organisiert waren. Ende 1938 wurden nicht weniger als 99 »freiwillige Sportgesellschaften« offiziell in der Sowjetunion registriert.[38] Kosarevs Forderung nach einer Möglichkeit, »freiwillige Gesellschaften für Körperkultur« gründen zu dürfen, die er bereits 1929 formuliert und seitdem beharrlich vertreten hatte, wurde jetzt, sechs Jahre später, endlich Realität. Nicht nur der Komsomol oder die einzelnen Institutionen sollten davon profitierten, sondern auch der sowjetische Sport und das politische System insgesamt. Wie sehr Kosarevs Interesse am Fußball mit den Erfolgen der von Nikolaj Starostin geführten Mannschaft zusammenhing, unterstreicht folgende Episode. Noch bevor Spartak seinen neuen Namen bekam, sollte das Team unter dem alten Namen Promkooperacija und durch Fußballer anderer Moskauer Klubs verstärkt, im Oktober 1934 in die Tschechoslowakei reisen, um durch Begegnungen mit den Arbeiter- und Profiklubs die sowjetischen diplomatischen Offerten an das Land zu untermauern.[39] Nachdem Nikolaj Starostin von dieser Entscheidung erfahren hatte, rief er umgehend seinen Bruder Andrej an und teilte ihm mit, sie würden am nächsten Tag im Zentralkomitee des Komsomol erwartet, wo auf einer gemeinsamen Sitzung mit den Vertretern des Allunionsrates für Körperkultur die Modalitäten der bevorstehenden Reise des Fußballteams besprochen werden sollten. Im Verlauf des Treffens fragte Kosarev unumwunden, ob die Mannschaft es sich zutrauen würde, nicht nur gegen ein aus Berufsfußballern bestehendes Team zu spielen, sondern die Partie auch zu gewinnen. Andrej Starostin erinnerte sich auch Jahre später ziemlich genau an diese Besprechung: »Die Frage konnten wir nicht so recht beantworten. Es erforderte schon eine gehörige Portion Mut zu behaupten, dass wir das Spiel gewinnen würden. Es war nicht leicht, denn wir mussten gegen eine der besten tschechoslowakischen Fußballmannschaften antreten. ›Wieso schweigt ihr? Ist das ein Eingeständnis unserer Chancenlosigkeit?‹, fragte Kosarev nach einer kurzen Pause. ›Ich denke, es wird uns gelingen, Aleksandr Vasil’evič‹, antwortete Nikolaj. ›Ich kann es natürlich nicht garantieren, aber wir haben eine realistische Chance auf einen Sieg.‹ Wir hatten verstanden, dass die Sache bereits entschieden war und dass Kosarev sich selbst davon überzeugen wollte, in welcher Stimmung sich unsere Mannschaft befand. Nach der Sitzung gingen wir sehr aufgeregt nach Hause: Unser Kräftemessen mit Berufsfußballern war Realität geworden.«[40] Um seine Zuneigung und seine Erwartungshaltung an die kommende Partie noch deutlicher zu unterstreichen, kam Kosarev höchstpersönlich zum Bahnhof, um die Mannschaft feierlich zu verabschieden.[41] Der Sieg der Moskauer Auswahlmannschaft, den sie im harten Kampf vor mehreren tausend Zuschauern gegen den SK Židenice aus Brno (Brünn) schließlich erringen sollte, wurde daheim als eine bemerkenswerte Leistung eines starken sowjetischen Teams dargestellt. Angeführt wurde die Glorifizierung der Promkooperacija-Mannschaft, wie kaum anders zu erwarten, vom zentralen Organ des Komsomol, der Komsomol’skaja pravda. »Das war ein Spiel, das die sowjetische Sportöffentlichkeit noch nie vorher gesehen hat«, pries ein unbekannter Sportreporter die Begegnung, der seinen Bericht mit den Initialen »EF« unterschrieb. Man habe es nur deshalb gewinnen können, weil die sowjetischen Fußballer über »außergewöhnliche technische Klasse, große Nehmerqualitäten und, was am wichtigsten war, über einen unbändigen Willen zum Sieg« verfügt hätten, so die Zeitung weiter. Man habe längst das Niveau erreicht, um die besten europäischen Teams herausfordern zu können.[42] Doch ungeachtet aller euphorischen Meldungen versuchte Kosarev von Zeit zu Zeit die ausgebrochene Begeisterung zu dämpfen und den Wert der erzielten Siege kritisch zu hinterfragen. Was ihn dabei vor allem beunruhigte, scheint die Sorge vor einer sich bereits abzeichnenden Selbstzufriedenheit der »Meister des Sports« gewesen zu sein, deren politisch-ideologische Einstellungen oft zu wünschen übrig ließen. Diesem Problem widmete Kosarev eine Sondersitzung des Büros des ZK des Komsomol, die am 29. November 1935 stattfand. Er verlangte von den Fußballern eine Gegenleistung für all die »Gaben«, die der Staat, fürsorglich wie er war, über sie ausschüttete. »Es ist an der Zeit, die Schulden zurückzuzahlen. Seit 18 Jahren existiert bei uns die Sowjetmacht und es ist Zeit, den Schuldschein einzulösen.« Dies müsse vor allem dadurch geschehen, dass man es endlich schaffe, »bei uns im Lande gut ausgebildete Kader, Weltrekorde, eine bewusste politische Bildung und […] eine perfekte Organisation der Körperkultur-Bewegung« zu etablieren. Die Misserfolge der Sportler seien darauf zurückzuführen, dass sie keinen »bolschewistischen Willen« an den Tag legen würden. »Die Zeit ist gekommen, um die Schulden zurückzuzahlen. Geschieht dies nicht, werden wir euch alle zusammenstauchen«, drohte er seinen Schützlingen unverhohlen und legte kurze Zeit später noch nach: »Wenn Mikojan [damals Volkskommissar der Lebensmittelindustrie – P. K.] es geschafft hat, hier Wurst nach europäischem Standard herstellen zu lassen, dann ist es unverständlich, wieso man bei uns nicht in der Lage ist, gescheit laufen zu lernen. Das werden wir nicht dulden.«[43] Offensichtlich entsprach das, was die »anerkannten Sportler« bis dato geleistet hatten, nicht den Erwartungen des Komsomolchefs, der die fehlenden »fortschrittlichen« Einstellungen der »Sportler und Meister« für das Ausbleiben der von ihm versprochenen Flut von Weltrekorden verantwortlich machte.[44] Doch ungeachtet aller Kritik förderte Kosarev den sowjetischen Fußball grundsätzlich und besonders »sein« Team unvermindert weiter. Es war sicherlich kein Zufall, dass es gerade Spartak-Fußballer waren, denen die Ehre zuteilwurde, vor Stalin, der noch nie einem Fußballspiel beigewohnt hatte, während einer fizkul’turniki-Parade am 6. Juli 1936 auf dem Roten Platz zu spielen.[45] Hinter dem Spektakel stand nicht nur Kosarevs Wunsch, den Diktator zu unterhalten, um so sein »soziales Kapital« (Pierre Bourdieu) zu mehren. Es galt generell, Stalins Interesse an der Sportart zu wecken und sein Wohlwollen zu gewinnen, damit die Entwicklung des Fußballs in der Sowjetunion – die gerade eingeführte unionsweite Meisterschaft stand noch auf sehr wackeligen Füßen und konnte jederzeit abgeschafft werden – unter Kosarevs Regie weitergehen konnte. Es ging um die Ausdehnung seiner Einflusssphäre und um die Steigerung seiner Popularität unter jenen, die dem Spiel mit dem Lederball nicht gleichgültig gegenüberstanden. Seine Position als inoffizieller Chef des sowjetischen Sports wurde zusätzlich gestärkt, als im Juni 1936 Ivan Charčenko, Mitglied des ZK des Komsomol und somit unmittelbarer Untergebener Kosarevs, zum Vorsitzenden des Allunionsrates für Körperkultur und Sport ernannt wurde.[46] Im Frühjahr 1937, als der »Große Terror« bereits spürbar wurde, veröffentlichte Kosarev einen Artikel unter der Überschrift »Anmerkungen über die Körperkultur«. Darin machte er Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Behörden und das ausgeprägte Konkurrenzdenken verschiedener Institutionen dafür verantwortlich, dass die weitere Entwicklung des sowjetischen Sports behindert würde. »Es muss offen gesagt werden: Die für die Körperkultur Verantwortlichen fangen an, ›fett‹ zu werden«, schrieb er. »Unsere Körperkultur-Bewegung bekommt einen ›Bauch‹, der zu Selbstzufriedenheit und Arroganz führt.« Um sich aus dieser Lage zu befreien, in der man sich darauf beschränkt habe, den Verwaltungsapparat aufzublähen und nicht die Sportler zu finanzieren, schlug Kosarev vor, sich an die »Stalinʼsche Regel« zu erinnern, gemäß derer »der Stärkere den Schwächeren mitzieht«. »Man darf nicht vergessen, dass wir bei der Entwicklung des Sports in unserem Land davon ausgehen, nicht die Interessen einzelner Behörden zu fördern, sondern die des Staates insgesamt.« Die Schaffung von »freiwilligen Gesellschaften« habe diesem Zweck dienen sollen, aber anscheinend die in sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt. Der Apparat fresse alle Mittel auf, die dem Sport zukommen sollten.[47] Die Frage nach den Motiven, die Kosarev ausgerechnet im Frühjahr 1937 dazu bewogen haben mögen, die Gewerkschaften anzugreifen, deren Partnerschaft bei der Schaffung von Spartak ihm noch von Vorteil gewesen war, lässt nur eine Antwort zu: Er suchte nach einem Vorwand, den gesamten Sportbereich seiner Kontrolle zu unterstellen und den Einfluss der Gewerkschaften, mit denen er sich nolens volens arrangieren musste, endgültig zu eliminieren. Bezeichnenderweise erwähnte er das Sportkomitee, das zu diesem Zeitpunkt vom Mitglied des ZK des Komsomol, I.I. Charčenko, geleitet wurde, bei seiner Kritik nur beiläufig. Stattdessen griff er die »freiwilligen Gesellschaften« scharf an, machte sie für alle Übel und Mängel der Körperkultur-Bewegung verantwortlich und unterstellte ihnen »Bürokratismus« – ein seit den Zeiten des Bürgerkrieges üblich gewordenes Verfahren, um politische Gegner zu denunzieren und aktive Einmischung in ein fremdes Ressort zu rechtfertigen. Da der Vorsitzende des sowjetischen Gewerkschaftsrates N. M. Švernik gerade zu diesem Zeitpunkt ins Kreuzfeuer einer »Kritik und Selbstkritik«-Kampagne geriet,[48] schien für Kosarev der Augenblick gekommen zu sein, den lästigen Rivalen endgültig loszuwerden.[49] Der Plan ging jedoch nicht auf. Schon bald stand Kosarev selbst im Mittelpunkt massiver Kritik und musste auf dem August-Plenum des Komsomol-ZK demütig seine »Fehler« und die »nachgelassene bolschewistische Wachsamkeit« eingestehen. Sein Vertrauter und Protegé Ivan Charčenko wurde kurz vor dem Plenum im Juli 1937 verhaftet. Parallel griff man auch »seine« Mannschaft mit ungeahnter Heftigkeit an. Sogar der als unantastbar geltende Nikolaj Starostin spürte, dass die gegen Spartak gerichteten Attacken auch ihn in den Abgrund mitreißen könnten, sodass er sich gezwungen sah, zusammen mit seinen ebenfalls fußballspielenden Brüdern einen Brief an Kosarev zu verfassen. Dieser Brief war ihre letzte Hoffnung, denn ihre Schreiben an Stalin und den Vorsitzenden der Regierung V. M. Molotov waren ohne Antwort geblieben. Deswegen flehten sie ihren mächtigen Beschützer an, »die falschen Vorwürfe, die gegen uns erhoben wurden, in einer objektiven Art und Weise zu klären«.[50] Doch Kosarevs Möglichkeiten, seinen Verbündeten zu helfen, waren in diesem Moment sehr begrenzt. Mit der Gefahr der eigenen Verhaftung konfrontiert, war es ihm nicht möglich, die Demontage der ihm nahestehenden Personen im Keim zu ersticken. Erst als es ihm gelungen war, seine Position im Herbst 1937 (zumindest teilweise) zu stabilisieren, schaffte er es, den Diskussionen über den angeblichen »Machtmissbrauch« seitens Nikolaj Starostins und dessen Familie Einhalt zu gebieten. Der Fußballstar sprach später offen darüber in seinen Memoiren, als er seinen Besuch bei Kosarev beschrieb und dessen beruhigende Worte wiedergab: »Keine Sorge. Lügen soll man durch Taten widerlegen und eure Tat ist das Fußballspielen. Eure Angelegenheit wird vonseiten der Staatsanwaltschaft von Andrej Voronov und Lev Šejnin untersucht, sie haben mir versprochen, alles zu klären.«[51] Kosarevs Bemühungen, seinen Schützlingen beizustehen, waren letzten Endes nicht vergeblich, auch wenn sich nicht klären lässt, ob er direkt intervenierte und die beiden leitenden Ermittlungsrichter Voronov und Šejnin zur Einstellung des Verfahrens bewegen konnte oder ob er dies erst auf Umwegen über die oberste Parteispitze erreichte. Wichtig ist jedoch, dass er die Angelegenheit in seinem Sinne erledigt hatte: Die Angriffe auf Starostin und seine Brüder hörten, zumindest für den Augenblick, auf.[52]   3. Fazit Das Team der Gebrüder Starostin war Ende der 1930er-Jahre vor allem unter den männlichen Moskauer Arbeitern äußerst populär. Wie Robert Edelman schreibt, hatten sie durch die Wahl des Spartak zu »ihrem« Team eine bestimmte Geisteshaltung demonstriert, die sich in einer Distanz zu den »Staatsorganen« ausdrückte und einen Weg darstellte, »ein gewisses Maß an persönlicher Würde zu bewahren«. Allerdings vermerkt Edelman gleichfalls zu Recht, dass Spartak dadurch nicht zu einem »Dissidenten-Klub« erklärt werden dürfe. Es war eine Mannschaft, deren Anhänger ihre Unabhängigkeit von den »Staatsorganen« schätzten, weil diese ihnen das Gefühl vermittelte, mitten in der Stalinʼschen Diktatur eine »Enklave der Autonomie« für sich schaffen und aufrechterhalten zu können.[53] Doch wohl die wenigsten von ihnen standen in einer offenen Opposition zum Stalin-Regime. Folgt man diesem Erklärungsmuster, dann stellt sich die Frage, was für eine »Autonomie-Enklave« Kosarev für sich im Sport gesucht hat, da sein Interesse an Spartak oder der Körperkultur-Bewegung insgesamt, wie oben deutlich gezeigt wurde, bei Weitem das eines bloßen Fans überstieg. Die Antwort auf diese Frage liegt in der Verdrängung des Komsomol aus dem wirtschaftlichen Bereich und der von Stalin Anfang 1935 formulierten Aufforderung, sich auf seine »genuine Aufgabe«, die Sowjetjugend im kommunistischen Sinne zu erziehen, zu konzentrieren. In dieser Atmosphäre suchte Kosarev nach Instrumenten, die es ihm ermöglichten, seinen Einfluss aufrechtzuerhalten und aus der Enge des »Käfigs« auszubrechen, der ihm und »seinem« Jugendverband in Form der Kinder- und Jugendarbeit vom »weisen Vater« übergestülpt worden war. Durch sein Engagement im Bereich der Körperkultur bzw. des Sports konnte er der ihm zugedachten Rolle des »Erziehers der Jugend« eine besondere Komponente abgewinnen, indem er die Körperkultur zur Sache der Jugend und somit zu seiner, Kosarevs, Angelegenheit erklärte. Nicht umsonst trug einer der Abschnitte seines Hauptreferats auf dem X. Komsomolkongress 1936 die Überschrift »Körperkultur ist ein wichtiger Bereich in der Erziehung der Jugend«.[54] Dabei knüpfte er fast nahtlos an die Handlungsmuster an, die er schon Ende der 1920er-Jahre an den Tag gelegt hatte: Sein Verlangen nach der Schaffung »freiwilliger Sportgesellschaften« sollte die Unabhängigkeit des Komsomol von den Behörden und Gewerkschaften garantieren und es ihm ermöglichen, eine eigene Einflusssphäre aufzubauen. Aber erst nach etlichen Jahren konnte Kosarev seine Ideen auch in die Tat umsetzen. Jeder Sieg »seines« Spartak war auch sein Sieg; jede Niederlage empfand er dagegen als schmerzhafte Erfahrung. Häufig genug wurden ihm jedoch durch die Einmischung Stalins die Grenzen seines Einflusses deutlich vor Augen geführt. Der sowjetische Fußball befand sich, langfristig gesehen, auf dem Weg, die internationale Bühne des Hochleistungssports zu betreten und zu beherrschen, auch wenn das Prinzip des Amateurismus der offiziell angestrebte Zustand blieb, den es zu erreichen galt. Kosarev wurde zu einem der Architekten des sowjetischen Sportsystems, das im Wesentlichen bis zum Zusammenbruch der UdSSR unverändert bleiben sollte. [1] Jörg Baberowski: Leben und Sterben unter Stalin oder warum Historiker Biografien schreiben müssen, in: Hermann Weber u. a (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2006, Berlin 2006, S. 379–392, hier S. 380. [2] Siehe z. B. E. A. Rees: Iron Lazar. A Political Biography of Lazar Kaganovich, London 2012; William Taubman: Khrushchev. The Man and His Era, London 2005; Yoram Gorlitzki/Oleg Khlevniuk: Cold Peace. Stalin and the Soviet Ruling Circle, 1945–1953, Oxford 2004; Oleg Khlevnyuk: The First Generation of Stalinist »Party Generals«, in: E. A. Rees (Hg.): Centre-Local Relations in the Stalinist State, 1928–1941, Basingstoke 2002, S. 37–64. [3] Die einzige neuere Darstellung des Lebens von Kosarev stammt vom Autor dieses Artikels, Peter Kaiser: Das Schachbrett der Macht. Die Handlungsspielräume eines sowjetischen Funktionärs unter Stalin am Beispiel des Generalsekretärs des Komsomol Aleksandr Kosarev (1929–1938), Stuttgart 2017. [4] An dieser Stelle soll auf die genaue Definition des Begriffes »Stalinismus« und die damit verbundenen Streitpunkte aus Platzgründen verzichtet werden. Siehe hierzu Jörg Baberowski: Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt, München 2012; Dietmar Neutatz: Die Moskauer Metro. Von den ersten Plänen bis zur Großbaustelle des Stalinismus (1897–1935), Köln u. a. 2001; Brigitte Studer/Heiko Haumann: Einleitung, in: dies. (Hg.): Stalinistische Subjekte. Individuum und System in der Sowjetunion und der Komintern, 1929–1953, Zürich 2006, S. 9–37. [5] Zu Kosarevs Kindheit existieren keine gesicherten Angaben. Die entsprechenden Schilderungen, die man in sowjetischen Publikationen findet, sind nur mit Einschränkungen verwertbar. Siehe T. Vasil’eva: Načalo puti [Der Anfang des Weges], in: Aleksandr Kosarev: Sbornik vospominanij [Aleksandr Kosarev. Erinnerungssammlung], Moskau 2003, S. 13–21; Nikolaj Truščenko: Kosarev, Moskau 1988, S. 11–18. [6] Zur Kinderarbeit in den russischen Betrieben allgemein siehe Boris B. Gorshkov: Russia’s factory children: state, society, and law, 1800–1917, Princeton 2009. [7] Siehe Vasil’eva: Načalo puti (Anm. 5), S. 16; Tatjana Merenkova: Aleksandr Kosarev, in: S. Semanov (Hg.): Vožaki komsomola [Die Führer des Komsomol], Moskau 1974, S. 227–315, hier S. 229. [8] Zu diesen Jugendorganisationen, die Vorläufer des Komsomol waren, siehe Isabel A. Tirado: Young Guard! The Communist Youth League, Petrograd 1917–1920, New York u. a. 1988; A. N. Acarkin: Pod bol’ševistskim znamenem (vozniknovenie sojuzov rabočej molodeži v Moskve v 1917 g.) [Unter bolschewistischer Fahne. Die Entstehung der Arbeiterjugendbünde in Moskau 1917], Moskau 1963. [9] Zu den Kämpfen um Petrograd 1919 allgemein siehe N. A. Kornatovskij: Bor’ba za Krasnyj Petrograd [Der Kampf ums Rote Petrograd], Moskau 2004; Karsten Brüggemann: Die Gründung der Republik Estland und das Ende des »Einen und unteilbaren Rußland«. Die Petrograder Front des Russischen Bürgerkriegs 1918–1920, Wiesbaden 2002, S. 212–404; W. Bruce Lincoln: Red Victory. A History of the Russian Civil War, New York u. a. 1989, S. 284–294. Zu Kosarev in Petrograd siehe Truščenko: Kosarev (Anm. 5), S. 33–40; V. Pikina/A. Mil’čakov/A. Dimentman: Vydajuščijsja organizator molodeži [Der außergewöhnliche Organisator der Jugend], in: Pravda vom 14. November 1963, S. 4. [10] Siehe Beschluss des Büros des ZK des Komsomol vom 24. Februar 1925. Rossijskij gosudarstvennyj archiv social’no-političeskoj istorii/Russländisches Staatsarchiv für Soziale und Politische Geschichte (im Folgenden: RGASPI), f. 17, op. 87, d. 367, l. 47. Zu Kosarevs Tätigkeit in Penza aus sowjetischer Sicht siehe V. V. Rjabov/A. A. Artemov: Aleksandr Kosarev – sekretarʼ Penzenskogo gubkoma komsomola [Aleksandr Kosarev – der Sekretär des Penzaer Gouvernementskomitees des Komsomol], in: Pozyvnye istorii, Bd. 7, Moskau 1982, S. 220–228. [11] Siehe Kaiser: Das Schachbrett (Anm. 3), S. 128–150. [12] Näheres hierzu siehe V. N. Grechov. Rasprava s rukovodstvom komsomola v 1937–1938 godach [Die Vernichtung der Komsomol-Führung in den Jahren 1937–1938], in: Voprosy istorii (1990), H. 11, S. 136–145. [13] Siehe den Bericht der Kommission des Präsidiums des ZK der KPdSU an das Präsidium des ZK der KPdSU, Februar 1963, in: A. Artizov u. a. (Hg.): Reabilitacija: kak ėto bylo [Rehabilitierung: Wie es war], Bd. 2, Moskau 2003, hier S. 639 f. [14] Eine sehr interessante und in dieser Hinsicht aussagekräftige Begebenheit schildert Kosarevs Witwe. Siehe M. Nanejšvili: Emu bylo tridcatʼ pjatʼ … [Er war fünfunddreißig], in: Sem’ja i škola (1989), H. 2, S. 18–21, hier S. 19. [15] Näheres dazu sowie zu den einzelnen Anklagepunkten, in: Kaiser: Das Schachbrett (Anm. 3), S. 992 ff. [16] Desjatyj s’ezd VLKSM. Stenografičeskij otčet [Der X. Komsomolkongress. Stenografischer Bericht], Bd. 2, Moskau 1936, S. 73–75. [17] Siehe Robert Edelman: Spartak Moscow. A History of the People’s Team in the Worker’s State, Ithaca/London 2009, S. 90. [18] Zu den Entwicklungswegen des sowjetischen »fizkul’tura«-Konzepts siehe Stefan Plaggenborg: Revolutionskultur. Menschenbilder und kulturelle Praxis in Sowjetrussland zwischen Oktoberrevolution und Stalinismus, Köln u. a. 1996, S. 88–95; Sabine Meck: Das Verhältnis von Arbeit und Körperkultur in der Sowjetunion. Versuch einer theoretischen Standortbestimmung, Frankfurt a. M. u. a. 1986; James Riordan: Sport in Soviet Society. Development of Sport and Physical Education in Russia and the USSR, Cambridge 1977, S. 95–101; Karl-Heinz Ruffmann: Sport und Körperkultur in der Sowjetunion, München 1980, S. 31–40. [19] Robert Edelman: Serious Fun. A History of Spectator Sports in the USSR, New York/Oxford 1993, S. 9. [20] Siehe ausführliche Darstellung bei Kaiser: Das Schachbrett (Anm. 3), S. 390–425, 491–516. [21] Siehe den Beschluss des IX. Plenums, in: Komsomol’skaja pravda vom 22. März 1934, S. 1. [22] Siehe Kaiser: Das Schachbrett (Anm. 3), S. 491–516. [23] An dieser Stelle kann auf die Entwicklung des Fußballs in der Sowjetunion allgemein nicht näher eingegangen werden. Außer bereits erwähnten Werken siehe hierzu die Monografie von Manfred Zeller: Das sowjetische Fieber. Fußballfans im poststalinistischen Vielvölkerreich, Stuttgart 2015, S. 47–69 mit weiteren Literaturhinweisen. [24] Um möglichen Missverständnissen vorzubeugen, sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, was unter der Bezeichnung »freiwillige Sportgesellschaft« (russisch: dobrovol’noe sportivnoe obščestvo) zu verstehen ist: Die Mitgliedschaft stand prinzipiell jedem Mitglied der jeweiligen Gewerkschaft frei, die gleichzeitig der Hauptsponsor war. Die Ausgestaltung der Strukturen wurde jedoch nicht dem jeweiligen »Sponsor« überlassen, sondern vom Staat in verbindlicher Form geregelt. Außerdem bedurfte es einer offiziellen Erlaubnis vonseiten der Regierung, um eine »freiwillige Sportgesellschaft« gründen zu dürfen. Siehe Riordan: Sport in Soviet Society (Anm. 18), S. 126. [25] Stattdessen beschloss man, die Körperkultur-Bewegung durch die Gründung des Allunionsrates für Körperkultur beim ZEK (Zentrales Exekutivkomitee) der UdSSR stärker zu zentralisieren. Siehe Beschluss des ZK der VKP(b) »Über die Körperkultur-Bewegung«, 23. 09. 1929, in: Osnovnje postanovlenija, prikazy i instrukcii po voprosam sovetskoj fizičeskoj kul’tury i sporta, 1917–1957 [Die wichtigsten Beschlüsse, Befehle und Instruktionen hinsichtlich der Belange der sowjetischen Körperkultur und des Sports, 1917–1957]. Hrsg. von I. G. Čudinov, Moskau 1959, S. 17 f. [26] Edelman: Serious Fun (Anm. 19), S. 71 f. [27] Beispielhaft siehe Chuliganskie podvigi futbolistov [Die rowdyhaften Heldentaten der Fußballspieler], in: Komsomol’skaja pravda vom 9. August 1929, S. 4; M. Meržanov: Sovetskie futbolisty dolžny statʼ nepobedimymi [Sowjetische Fußballer müssen unbesiegbar werden], in: Pravda vom 5. August 1937, S. 4. [28] So geschehen während des entscheidenden Spiels um die sowjetische Herbstmeisterschaft im Oktober 1936. Siehe Anatolij Akimov: Zapiski vratarja [Aufzeichnungen eines Torwarts], Moskau 1968, S. 59–62. [29] Siehe A. Kosarev: Vospitaem kadry molodych bol’ševikov [Lasst uns die Kader junger Bolschewiki erziehen], in: Komsomol’skaja pravda vom 2. März 1929, S. 2. [30] Zur Bedeutung der Sportbeziehungen für die sowjetische Außenpolitik siehe André Gounot: Between Revolutionary Demands and Diplomatic Necessity. The Uneasy Relationship between Soviet Sport and Worker and Bourgeois Sport in Europe from 1920 to 1937, in: Pierre Arnaud/James Riordan (Hg.): Sport and International Politics: The Impact of Fascism and Communism on Sport, London 1998, S. 184–209, vor allem S. 199–209. [31] Siehe hierzu André Gounot: Die Rote Sportinternationale, 1921–1937. Kommunistische Massenpolitik im europäischen Arbeitersport, Münster 2002; Jürgen Fischer: Die Russenspiele. Einheit(sfront) der Arbeitersportler für Demokratie und internationale Solidarität, in: Wilhelm Hopf (Hg.): Fußball: Soziologie und Sozialgeschichte einer populären Sportart, Bensheim 1979, S. 101–116. [32] Die erste Begegnung fand schon 1924 in Moskau statt. Danach reisten die türkischen Fußballer noch 1931, 1933, 1934 und 1936 in die Sowjetunion. Die sowjetischen Fußballer statteten 1925 und 1932 einen Gegenbesuch ab. Siehe Edelman: Serious Fun (Anm. 19), S. 48 f. [33] Diese Sorge gipfelte in der Aussage: »Wenn wir so spielen, werden auch irgendwelche litauischen Mannschaften uns schlagen können.« Stenogramm der Sitzung des Büros des ZK des Komsomol vom 23. August 1934. RGASPI, f. M-1, op. 3, d. 124, l. 168. [34] Siehe Resolution des Büros des ZK des Komsomol »Über die Schaffung einer permanenten sowjetischen Fußball-Nationalmannschaft« vom 23. August 1934. RGASPI, f. M-1, op. 3, d. 124, l. 167. [35] Zu Starostin siehe Boris Duchon/Georgij Morozov: Brat’ja Starostiny [Die Gebrüder Starostin], Moskau 2012; Edelman: Spartak Moscow (Anm. 17), S. 70–73 und passim; Robert Edelman: A Small Way of Saying »No«: Moscow Working Men, Spartak Soccer and the Communist Party, 1900–1945, in: The American Historical Review 107 (2002), H. 5, S. 1441–1474; Jim Riordan: The Strange Story of Nikolai Starostin, Football and Lavrentii Beria, in: Europe Asia Studies 46 (1994), H. 4, S. 681–690. [36] Siehe Edelman: Spartak Moscow (Anm. 17), S. 73. [37] Nach einer Legende war es Nikolaj Starostin selbst, der dem neuen Fußballklub seinen bis heute bestehenden Namen in Anlehnung an den antiken Sklavenanführer Spartakus (russisch: Spartak) gab. Siehe Andrej Starostin: Bol’šoj futbol [Der große Fußball], Moskau 1964, S. 166. [38] Darunter »Lokomotiv« (Eisenbahngewerkschaft), »Burevestnik« (Staatshandel-Gewerkschaft) und »Krasnoe Znamja« (Baumwollarbeiter-Gewerkschaft). Siehe Riordan: Sport in Soviet Society (Anm. 18), S. 125. [39] Zur Vorbereitung der Reise und den Spielen siehe Edelman: Serious Fun (Anm. 19), S. 49 f. [40] Starostin: Bol’šoj futbol (Anm. 37), S. 122 f. [41] Ebd. [42] EF [sic!]: Matč s »Židenicej« [Das Spiel gegen »Židenica«], in: Komsomol’skaja pravda vom 23. Oktober 1934, S. 2. [43] Protokoll der Sitzung des Büros des ZK des Komsomol vom 29. November 1935. RGASPI, f. M-1, op. 3, d. 150, ll. 192–195. [44] Dieses Versprechen stand im Mittelpunkt des redaktionellen Kommentars in der »Komsomol’skaja pravda«. Siehe Otvoevatʼ vse mirovye rekordy [Alle Weltrekorde müssen unsere werden], in: Komsomol’skaja pravda vom 8. August 1934, S. 1. [45] Die lebendigste Schilderung des legendären »Spiels auf dem Roten Platz« hinterließ Nikolaj Starostin in seinen Memoiren. Siehe Nikolaj Starostin: Futbol skvozʼ gody [Fußball durch die Jahre], Moskau 1989, S. 29–32. [46] Zu dessen Vorsitzenden in den 1930er-Jahren siehe Riordan: The Strange Story (Anm. 35). Er nennt sie »Sportminister«. [47] A. Kosarev: Zametki o fizkul’ture [Anmerkungen über die Körperkultur], in: Pravda vom 20. April 1937, S. 4. [48] Näher dazu Wendy Z. Goldman: Terror and Democracy in the Age of Stalin. The Social Dynamics of Repression, Cambridge u. a. 2007, S. 136–151, 179–201. [49] Zu Rivalitäten zwischen Kosarev und Švernik siehe Kaiser: Das Schachbrett (Anm. 3), passim. [50] Gebrüder Starostin an A. V. Kosarev, 5. September 1937. RGASPI, f. M-1, op. 23, d. 1268, l. 9. [51] Starostin: Futbol skvozʼ gody (Anm. 45), S. 42. [52] Siehe Aktennotiz der Vorsitzenden des Sportkomitees Knopova an Kosarev, auf der mit rotem Stift folgender Satz notiert wurde: »Zu den Akten. Gen. Kosarev hat mit Knopova gesprochen«, 23. November 1937. RGASPI, f. M-1, op. 23, d. 1268, l. 21. Zum weiteren Schicksal der Gebrüder Starostin siehe Riordan: The Strange Story (Anm. 35), passim. [53] Edelman: A Small Way (Anm. 35), hier S. 1467. [54] Truščenko: Kosarev (Anm. 5), S. 308.

JHK 2018

Demokratische Anfänge? Die frühe KPD und die falsche Prämisse der Stalinisierungsthese

Marcus Schönewald

[*]Die Stalinisierungsthese Hermann Webers hat die Entwicklung der KPD in der Weimarer Republik auf eine ebenso prägnante wie wirkmächtige Formel gebracht: Die KPD habe sich von einer relativ unabhängigen, radikal-sozialistischen Partei, in der innerparteiliche Demokratie eine Selbstverständlichkeit gewesen sei,[1]in »eine straff zentralisierte, monolithische Organisation« verwandelt, »in der die Führung mit Hilfe des eigenen Apparats diktatorisch herrschte und deren Politik sich den Interessen der Sowjetunion unterordnete«.[2] Als Anknüpfungs- und Angriffspunkt prägt Webers Deutung die historische Kommunismusforschung auch fünf Jahrzehnte nach ihrer ersten ausführlichen Darlegung 1969 in Die Wandlung des deutschen Kommunismus.[3] Es ist daher nicht übertrieben, wenn Andreas Wirsching formuliert, dass »Weber der Geschichte der KPD eine bleibende wissenschaftliche Grundlage verliehen« habe.[4] Webers Wandlung ist zu einem Klassiker und damit selbst zu einem Stück Geschichte geworden. Die Jahrzehnte, die seit der ersten Veröffentlichung vergangen sind, rücken indes nicht nur die Wirkung, sondern auch die Standortbindung und Zeitlichkeit der Stalinisierungsthese in den Blick.[5] In seinen autobiografischen Arbeiten hat Weber selbst Auskunft darüber gegeben, wie sehr es die eigene lebensgeschichtliche Betroffenheit war, die ihn nach den Ursachen der »Wandlung des Kommunismus [...] von der sozialen Emanzipationsbewegung mit dem Ziel der klassenlosen Gesellschaft hin zu einem System der Unterdrückung und des Massenterrors« fragen ließ.[6] Diese Schriften stellen Webers Forschungen in Zusammenhang mit der Suche nach einem »›dritten Weg‹ jenseits von Kommunismus und restaurativem Kapitalismus«, die nach Webers Bruch mit der KPD 1954 begonnen hatte. Durch sie sah er sich bald als Teil einer deutschen Linken, die für »einen demokratischen Sozialismus, [...] für Freiheit und soziale Gerechtigkeit« eintrat.[7] Vor diesem biografischen Hintergrund wird deutlich, dass Webers Stalinisierungsthese nicht nur dazu diente, den Kontinuitätsanspruch der SED infrage zu stellen, die ihre Herrschaft durch die Berufung auf die Traditionen Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts historisch zu legitimieren suchte.[8] In der Form einer Verfallsgeschichte verwies Webers Narrativ von der Stalinisierung der KPD auch auf einen Urzustand später verschütteter demokratischer und freiheitlicher Entwicklungspotenziale der Partei, der der Suche nach einem »dritten Weg« einen geschichtlichen Bezugspunkt bot. Mehr noch: Unter der Voraussetzung eines »demokratischen Kommunismus« luxemburgischer Prägung, der im Zuge der Stalinisierung schließlich einem »diktatorisch-bürokratischen Kommunismus« unterlegen sei,[9] ließ sich diese Stalinisierung »schwerlich als notwendiger und unumgänglicher, ja wohl nicht einmal als folgerichtiger Werdegang des deutschen Kommunismus« begreifen.[10] Webers Versuch, »den Kommunismus nicht nur auf die stalinistische Barbarei zu reduzieren«,[11] sondern seinen Veränderungen nachzugehen, brach inmitten der politisch aufgeladenen Debatten des Kalten Krieges einer historisch differenzierenden Sichtweise Bahn. Dabei scheint der zeitgeschichtliche und lebensweltliche Kontext der Stalinisierungsthese dazu beigetragen zu haben, dass es Weber mehr um die Unterschiede zwischen der späteren »stalinistische[n] Partei« Ernst Thälmanns und den postulierten demokratischen Ursprüngen unter Rosa Luxemburg ging als darum, nach den Ansätzen für den Stalinisierungsprozess der KPD in ihren Anfängen zu fragen. Da Webers These die Parteientwicklung als Abkehr von ursprünglichen Idealen unter dem zunehmenden Einfluss der Moskauer Komintern fasst, lässt sie der Thematisierung von Kontinuitäten wenig Raum. Dagegen hat sich Kritik geregt. Mit besonderer Schärfe hat Klaus-Michael Mallmann eingewandt, dass es nicht Stalins bedurft habe, um die KPD zu stalinisieren. Der deutsche Parteikommunismus sei nie ein demokratisches Projekt gewesen.[12] Mallmann dienten besonders der Heidelberger Parteitag im Oktober 1919 und die auf ihm forcierte Spaltung der Partei als Beispiele für den undemokratischen Charakter schon der frühen KPD. In diesem Spaltungsprozess hatte bereits Sigrid Koch-Baumgarten ein »Exempel für spätere Parteikonflikte« und ein »taktisches Demokratieverständnis« erblickt, das »den ursprünglich formulierten Anspruch auf ein Mehr an innerparteilicher Demokratie im Vergleich zur Sozialdemokratie fragwürdig erscheinen« lasse.[13] Gegenüber Mallmanns nicht ohne Polemik vorgetragener Kritik haben indes Marcel Bois und Florian Wilde die Ausgangsprämisse der Stalinisierungsthese zu verteidigen und zu zeigen versucht, »dass es in der Frühphase der KPD sehr wohl eine ausgeprägte innerparteiliche Demokratie und Diskussionsfreiheit gegeben hat«.[14] Ja diese seien, so Bois, auch im Vergleich mit anderen Parteien der Weimarer Republik in der frühen KPD »mit am stärksten ausgeprägt« gewesen.[15] Mit Hermann Weber teilen die beiden Autoren dabei, über alle Unterschiede in Generation und politischen Standpunkten hinweg, nicht nur die Vorstellung eines anfänglichen »demokratischen Kommunismus«, sondern auch die Suche nach alternativen Entwicklungsmöglichkeiten zum stalinisierten Kommunismus.[16] Angesichts dieser gegensätzlichen Positionen möchte ich die Frage nach den demokratischen Anfängen der KPD im Folgenden noch einmal aufwerfen. Dafür scheint es mir angebracht, den Blick von der Oberfläche der innerparteilichen Auseinandersetzungen stärker als bisher auf die darunter liegenden Vorstellungen und Deutungsmuster zu richten, die das parteipolitische Denken und Handeln der führenden Akteure bestimmten, und einige tradierte Darstellungsweisen der historischen Forschung zur Diskussion zu stellen. Denn Zweifel an Webers Prämisse eines anfänglichen demokratischen Kommunismus luxemburgischer Prägung sind auch nach den Arbeiten von Bois und Wilde angebracht. Sie beginnen damit, dass die KPD eigentlich zu keiner Zeit unter dem maßgeblichen Einfluss Rosa Luxemburgs gestanden hat. Der Gründungskonflikt: demokratische Strukturen und erzieherisches Denken Durch ihr tragisches Schicksal blieben Luxemburg kaum mehr als zwei Wochen von der Gründung der KPD an der Jahreswende 1918/19 bis zu ihrer Ermordung am 15. Januar 1919, um Einfluss auf die Entwicklung der jungen Partei zu nehmen. Ihr in dieser Zeit den Stempel aufzudrücken, gelang Luxemburg nicht, jedenfalls nicht, wenn man unter der Partei mehr als ihre Führung versteht.[17] Diese sah sich schon auf dem Gründungsparteitag einer Mehrheit von Delegierten gegenüber, die in zentralen politischen Punkten ganz anderer Meinung waren als sie selbst. Zwar wurde für eine Übergangszeit die Führung des Spartakusbundes unter Hinzunahme Paul Frölichs von den Internationalen Kommunisten als Zentrale der KPD bestimmt. Neben Hermann und Käte Duncker gehörten dazu Hugo Eberlein, Paul Lange, Leo Jogiches, Paul Levi, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Ernst Meyer, Wilhelm Pieck und August Thalheimer.[18] In der wichtigen Frage der Beteiligung an den Wahlen zur Nationalversammlung hatte zuvor jedoch eine Parteitagsmehrheit gegen den erklärten Willen der späteren Parteiführung gestimmt.[19] »Die Entscheidung, die bevorstehenden Wahlen zu boykottieren«, so urteilte bereits Werner T. Angress, »bedeutete praktisch eine Zurückweisung von Rosa Luxemburgs grundlegender Konzeption darüber, wie eine radikale Minderheit revolutionäre Politik betreiben sollte.«[20] In der Geschichtsschreibung sind die Sympathien in diesem Gründungskonflikt der KPD klar verteilt: Der »theoretisch-fundierte[n] Einsicht in die Lage« aufseiten der Zentrale wird die »radikal-utopische Überschätzung eigener Möglichkeiten« durch die Parteitagsmehrheit gegenübergestellt.[21] Diese habe zu »putschistischem Verhalten«[22] geneigt und in ihren Entscheidungen »ein Musterbeispiel sektiererischer Politik«[23] geboten. Die Geschichte der KPD bis zum Heidelberger Parteitag wird daher oft als notwendige Auseinandersetzung der Parteiführung mit den »extremistischen Elementen« erzählt, durch deren zumindest teilweises Ausscheiden sich die KPD erst zu einer Massenpartei habe entwickeln können.[24] Auf diese Weise hatte bereits die Parteiführung ihr Vorgehen gegen die innerparteiliche Opposition in der Rückschau zu rechtfertigen versucht.[25] Bei der Lektüre des Protokolls des Gründungsparteitages fällt jedoch auf, dass sich die große Zahl derer, die sich zu Wort meldeten, durchaus nicht »gebährdete [...], als hätte die neue Partei bereits die Mehrheit der Arbeiterschaft gewonnen«.[26] Auch widersprach sie keineswegs der Maxime Luxemburgs, dass sich die Revolution nur »durch den klaren, unzweideutigen Willen der großen Mehrheit der proletarischen Masse in ganz Deutschland« vollziehen könne.[27] Anders als Luxemburg sah die Majorität der Delegierten in der Wahlbeteiligung jedoch das falsche Mittel, um einen solchen Willen herbeizuführen. Für sie ging das Bekenntnis zum Rätesystem mit einem radikalen Anti-Parlamentarismus einher.[28] Im konsequenten Eintreten für die Rätebewegung sahen die Gegner der Wahlbeteiligung den wesentlichen Unterschied zur USPD. Die Teilnahme an den Wahlen zur Nationalversammlung erschien ihnen deshalb als Fortsetzung jener Politik, von der sie sich durch die Gründung einer eigenen Partei gerade hatten lösen wollen.[29] Die Befürworter der Wahlbeteiligung in der Zentrale konnten zwar einwenden, dass die Nationalversammlung nun für lange Zeit in das Zentrum der politischen Aufmerksamkeit rücken und der Wahlboykott den Verzicht auf die Möglichkeit bedeuten würde, von der Parlamentsbühne aus Einfluss auf breite Bevölkerungskreise zu nehmen.[30] Es gelang ihnen aber nicht, die Delegierten davon zu überzeugen, dass die Arbeit in einem Parlament, das sie selbst als »gegenrevolutionäres Bollwerk« bezeichneten, auch revolutionären Zwecken dienen konnte.[31] Als der Antrag, nicht an den Wahlen teilzunehmen, schließlich mit 62 gegen 23 Stimmen angenommen wurde,[32] waren die ehemaligen Führer des Spartakusbundes also in gewisser Weise Opfer ihres eigenen propagandistischen Erfolges geworden.[33] Auch in der Gewerkschaftspolitik hätte die Parteiführung wohl eine Abstimmungsniederlage erlitten, wären nicht alle Anträge auf Vorschlag Luxemburgs und Piecks einer Kommission überwiesen worden. Die geäußerte Stimmung auf dem Parteitag war für den Austritt aus den Gewerkschaften und für die Bildung selbstständiger Wirtschaftsorganisationen, was die Spartakus-Mehrheit in der Zentrale ablehnte.[34] Die Geschichte der KPD begann daher paradox: Die Delegierten wählten eine Zentrale, die nicht zu ihren taktischen Vorstellungen passte, und die Mitglieder der Zentrale fanden sich an die Spitze einer Partei gesetzt, in der sie »mit ihren Positionen hoffnungslos in der Minderheit« waren.[35] Für das Verhältnis der Parteiführung zur innerparteilichen Demokratie ist aufschlussreich, dass sie weder ihren Gegensatz zur Parteitagsmehrheit als eine demokratische Repräsentationskrise noch das Parteitagsvotum als einen demokratischen Auftrag begriff. Sie führte die gegen ihren Willen getroffenen Entscheidungen vielmehr auf die mangelhafte politische Aufklärung und theoretische Durchbildung der Parteimitglieder zurück und leitete daraus die Notwendigkeit ab, sie marxistisch zu schulen und über die Grundsätze einer kommunistischen Partei zu unterrichten. Wenn Wilhelm Pieck 1925 rückblickend schrieb, »daß die Mehrheit der Parteitagsdelegierten sich über die politische Situation nicht klar war und auch vollkommen die Rolle der Partei verkannte«,[36] gab er nur eine Ansicht wieder, die bereits sechs Jahre zuvor in der Zentrale vorherrschend war und die Luxemburg in eine Mahnung an den Parteitag kleidete: »Es ist nicht die Reife und der Ernst, die in diesen Saal gehören.«[37] Ihren bildhaften Ausdruck findet diese Ansicht in einer Reminiszenz Jacob Walchers, der dem Parteitag neben Pieck vorsaß: »Als ein ziemlich ahnungsloser, konfuser, aber sehr heißblütiger Diskussionsredner mehr als bedenkliche Ausführungen machte«, habe er zu Rosa Luxemburg gesagt: »Was soll bei soviel Konfusion und solch heillosen Illusionen aus unserer jungen Partei werden?« Darauf habe Luxemburg lächelnd erwidert: »Jeder große Strom führt Schlamm mit sich. Das wird sich alles klären.«[38] Wenn sich auch der Optimismus Luxemburgs nicht bewahrheiten und sich im Laufe des folgenden Jahres die inhaltlichen Konflikte eher zuspitzen als klären sollten, so entsprach doch das Handeln der Zentrale recht genau der Einschätzung, die Walchers Erinnerung in ein sprachliches Bild setzt: Die Entscheidung des Parteitages zum Parlamentarismus und die Äußerungen zur Gewerkschaftspolitik wurden nicht als Mehrheitsvoten betrachtet, denen es Rechnung zu tragen galt, sondern als Ausdruck eines getrübten Verständnisses der gegenwärtigen Verhältnisse und politischen Erfordernisse. Zwar blieb der Zentrale zunächst nichts anderes übrig, als sich dem Beschluss des Wahlboykotts zu fügen. In Versammlungen und Bezirkskonferenzen versuchten Angehörige der Zentrale jedoch seit dem Frühjahr 1919 die Parteimitglieder über »Syndikalismus, Anarchismus und Kommunismus« aufzuklären.[39] Der »Fehler« des Gründungsparteitages sollte »durch eine umfassende politische Schulung der jungen Partei korrigiert« werden.[40] Dieses Vorgehen stand in der Tradition des Bildungsdenkens der kaiserzeitlichen Sozialdemokratie, das abweichende Positionen innerhalb der Parteimitgliedschaft häufig auf fehlende theoretische Schulung zurückführte. Indem es den Parteitagsbeschluss auf einen »etwas kindischen, unausgegorenen [...] Radikalismus« reduzierte und die definitive Entscheidung über die richtige Politik der reifen Erkenntnis der Parteiführung übertrug, konterkarierte es letztlich die Prinzipien innerparteilicher Demokratie. [41] So fanden sich die demokratischen Strukturen der frühen KPD von einem Denken durchkreuzt, das die Beziehung von Parteiführung und -mitgliedschaft im Konfliktfall als ein Erziehungsverhältnis betrachtete. Jenseits der Kompromisse: die Praxis innerparteilicher Diskussion In ihrem Bemühen, die Beschlüsse des Gründungsparteitages durch »Aufklärung« zu revidieren, sah sich die Zentrale bald schweren Hemmnissen ausgesetzt. Nach den Januarkämpfen 1919 schränkten Verhaftungen, Haussuchungen und Beschlagnahmungen sowie das Verbot der Roten Fahne und der Partei ihre Wirkungsmöglichkeiten stark ein. Mit der Ermordung Luxemburgs, Liebknechts und Jogichesʼ im Januar und März sah sich die Zentrale zudem ihres wichtigsten Führungspersonals beraubt.[42] Pieck führte es später auf die schwierigen Bedingungen der Illegalität zurück, dass die »antiparlamentarischen und syndikalistischen Auffassungen« in der KPD schnell überhandgenommen hätten.[43] Zwar versuchte die Zentrale durch die Aussendung von Organisatoren und Agitatoren »den Parteiaufbau von Berlin aus zu organisieren« und ihren Einfluss in den Organisationen auszuweiten.[44] Durch den Belagerungszustand verlor sie jedoch zunehmend die Verbindung zu den Parteigliederungen, sodass sich in einigen Bezirken sogar das Gerücht verbreitete, die Zentrale sei aufgelöst, und Versuche einsetzten, eine neue Führung zu etablieren.[45] Eine eilig herbeigerufene Konferenz in Frankfurt am Main am 29. März 1919 sollte dazu dienen, »den persönlichen und organisatorischen Zusammenhang der Zentrale wenigstens mit den Leitern der einzelnen Bezirke« zu sichern und sich »über verschiedene Fragen der Bewegung auszusprechen«.[46] Dabei versuchte die Zentrale mit Verweis auf die willkürliche Zusammensetzung der Konferenz, bindende Entscheidungen über das Parteiprogramm und eine Neuwahl der Parteiführung zu verhindern. Sie bemühte sich vor allem darum, ihre geschwundene Autorität wieder zu stärken und ihrer Leitungskompetenz Anerkennung zu verschaffen.[47] Dennoch entwickelte sich die KPD in der Folge immer stärker entsprechend den jeweiligen lokalen Bedingungen.[48] Daher ging es bald nicht mehr nur »um die Austragung theoretischer Differenzen, diese entsprachen vielmehr im Spätsommer 1919 einer unterschiedlichen Praxis«.[49] Vor allem in der Gewerkschaftspolitik driftete die Organisation zunehmend auseinander. Während in einigen Parteibezirken mit der Losung »Heraus aus den Gewerkschaften!« der Aufbau eigener kommunistischer Verbände vorangetrieben wurde, arbeiteten die Mitglieder in anderen Bezirken in den Freien Gewerkschaften mit.[50] Diese Entwicklung warf die Frage auf, ob sich die unterschiedlichen Strömungen überhaupt noch in einer Partei vereinen ließen. Um ihren Standpunkten in dieser Situation Geltung zu verschaffen, bediente sich die Zentrale solcher Mittel, die mit den Gepflogenheiten innerparteilicher Demokratie wenig zu tun hatten. Statt die vom Gründungsparteitag eingesetzte Programmkommission zusammenzurufen, in der sie nur eine Minderheit der Mitglieder gestellt hätte,[51] hatte sie nach der Zusammenkunft im März damit begonnen, auf Reichskonferenzen eine Entscheidung in strittigen Fragen herbeizuführen.[52] Auf der Reichskonferenz in Frankfurt am Main im August 1919 lud die Zentrale neben den Bezirksdelegierten auch Redakteure, Wanderredner und Parteisekretäre ein – »mit der durchsichtigen«, aber unerfüllt gebliebenen »Absicht, sich dadurch formal eine Mehrheit für die eigenen Positionen zu verschaffen«.[53] Das Ziel der Diskussion sah die Parteiführung in der Durchsetzung ihrer politischen Linie, nicht etwa in einem durch Kompromisse zustande gebrachten Ausgleich der divergierenden Standpunkte und Interessen innerhalb der Partei. Entsprechend erklärte die von der Zentrale herausgegebene Kommunistische Räte-Korrespondenz in ihrem Konferenzbericht die Forderung der Opposition, nur den gewählten Delegierten das Stimmrecht einzuräumen, kurzerhand zu »falschen demokratischen Schrullen«: »Es handelt sich doch nicht darum, daß man einen Mehrheitsbeschluß faßt, sondern darum, daß ein richtiger Beschluß eine Mehrheit findet.«[54] Darüber, welcher Beschluss der richtige war, hatte nach diesem Grundsatz die Zentrale zu befinden. Ihr wurde mit Verweis auf ihre Erfahrung zugeschrieben, was vor allem jenen Parteimitgliedern fehle, »die politisch erst durch die Revolution geweckt und ins politische Leben geschleudert worden« seien: »parteipolitische Grundsätzlichkeit« sowie die Fähigkeit, sich nicht »allzu leicht durch Tagesereignisse beeinflussen« zu lassen, sondern »auf die tieferliegende Entwicklungstendenz Rücksicht« zu nehmen.[55] In ähnlicher Weise schrieb wenig später auch Karl Radek in seinem Brief an den Heidelberger Parteitag der Zentrale, trotz aller Fehler, die sie gemacht haben könne, das »Bewußtsein der Ziele und Wege der kommunistischen Partei« zu. Dagegen führe die Forderung, »die Partei solle alle ihre Beschlüsse demokratisch fassen«, nur dazu, dass »angebliche Willensvollstrecker der örtlichen Mitgliedschaften ihrer persönlichen Unklarheit und Wirrköpfigkeit fröhnen können«.[56] Die Reichskonferenz vom August teilte eine solche Einschätzung mehrheitlich nicht. Sie erklärte sich schließlich für beschluss- und wahlunfähig, nachdem Levi laut Protokoll im Namen der Zentrale verkündet hatte: »Entweder Abstimmung nach unserem Modus oder wir fügen uns überhaupt nicht.«[57] Mit einem politischen Denken, das letztlich darauf abzielte, die eigenen »Vorstellungen in der Gesamtpartei zu verallgemeinern«,[58] stand die Zentrale allerdings nicht allein. Wie Koch-Baumgarten hervorgehoben hat, versuchten auch Teile der Opposition die »Reichskonferenzen einzig als Forum zur Durchsetzung ihrer Positionen [zu] benutzen, ohne eine sachliche Vereinheitlichung oder einen Ausgleich anzustreben«.[59] Sie teilten mit der Zentrale Elemente einer politischen Kultur, die weniger von Toleranz und Diskussionsbereitschaft als von Unduldsamkeit und Unnachgiebigkeit geprägt war und schließlich beide Seiten den Ausschluss ihres Gegners betreiben ließ.[60] So erklärte Fritz Wolffheim als Wortführer der Hamburger Opposition auf dem Heidelberger Parteitag, der am 20. Oktober 1919 die Spaltung besiegelte: »Auch wir sind der Meinung, daß die Reinheit einer Bewegung über ihre Einheit geht.«[61] »Reinheit« statt »Einheit«: der Heidelberger Parteitag Wie sehr sich die innerparteilichen Konflikte seit dem Gründungsparteitag der KPD zugespitzt hatten, zeigt die Eröffnungsrede Paul Levis zum Heidelberger Parteitag. Levi, der nach dem Tode Luxemburgs, Liebknechts und Jogichesʼ zum führenden Mitglied der Zentrale geworden war, schilderte die Partei darin »in einem Zustand schwerster Zerrüttung«. Sie sei durch die »syndikalistische Krankheit« bedroht und im Begriff, »von ihrem klaren Wege, den marxistische Theorie ihr vorschreibt, abzuweichen«.[62] Die Rede von der »syndikalistischen Krankheit«, die abweichende Standpunkte pathologisierte, bildete den Höhepunkt in der sich auch sprachlich vollzogenen Radikalisierung der innerparteilichen Gegensätze. Schon in der Anfangsphase des Konflikts hatte die Parteiführung in Versammlungen und Rundschreiben die Opposition, die in sich keineswegs homogen war, pauschal unter das Schlagwort des Syndikalismus rubriziert.[63] Darunter fasste sie die Position, dass sich die Revolution nicht politisch, sondern wirtschaftlich vollziehen würde und die Kommunistische Partei daher in einer auf Ebene der Betriebe angesiedelten Einheitsorganisation aufgehen solle, die an die Stelle der alten Gewerkschaften zu treten habe.[64] Da sich die Benennung der Opposition als »Syndikalisten« oder als »Anarchisten« und »Putschisten« häufig auch in der Sekundärliteratur findet,[65] ist der Hinweis angebracht, dass es sich dabei keineswegs um Selbstbezeichnungen handelte. Bereits auf der Reichskonferenz im August wandten sich Vertreter der Opposition sowohl gegen die Politik der Zentrale als auch gegen syndikalistische Auffassungen. Auf dem Heidelberger Parteitag verwahrten sie sich dann ausdrücklich gegen den Vorwurf, »Syndikalisten« zu sein.[66] Als asymmetrischer Gegenbegriff zu »Kommunisten« war diese Bezeichnung vielmehr eine Fremdzuschreibung mit diskreditierender Absicht, die davon zeugt, dass die Parteiführung der Opposition die Anerkennung als Vertreter legitimer Standpunkte verweigerte.[67] Schon vor der Spaltung vollzog die Zentrale damit die sprachliche Ausgrenzung der Opposition aus der Partei und reklamierte die Deutungshoheit über Wesen und Grenzen kommunistischer Politik für sich. Dem entspricht, dass sie schließlich auf dem Heidelberger Parteitag Leitsätze zur Annahme vorschlug, die sie als ein »Bekenntnis zum Kommunismus und zur Kommunistischen Partei« verstanden wissen wollte, das über die Parteizugehörigkeit entschied. Darin wurde die KPD, im Gegensatz zu den Beschlüssen und Tendenzen des Gründungsparteitages, auf eine Abkehr vom prinzipiellen Antiparlamentarismus und auf die Mitarbeit in den Freien Gewerkschaften festgelegt. Mitglieder, die diese Anschauungen nicht teilten, sollten aus der Partei ausscheiden.[68] In den Leitsätzen verwarf die Zentrale auch jeglichen Föderalismus, der auf dem Gründungsparteitag von Hugo Eberlein noch als Organisationsprinzip für den Parteiaufbau vorgeschlagen worden war. Anders als in den Fragen des Parlamentarismus und der Gewerkschaftspolitik leitete die Parteiführung hier also die Revision eines Standpunktes ein, den sie selbst vertreten hatte. Der Wandel der Grundsätze der Parteiorganisation war indes weniger stark, als es den Anschein hat, und gerade der Blick auf die bleibenden Züge gibt ein Prinzip zu erkennen, das für das parteipolitische Denken in der Zentrale letztlich maßgeblicher war als das der innerparteilichen Demokratie: das Prinzip der »Aktionsfähigkeit«. Der auf dem Gründungsparteitag angedachte Parteiaufbau war in der Tat ein ausgesprochen demokratischer. Den einzelnen Ortsverbänden sollte die größtmögliche Freiheit gelassen werden. Damit begegnete die Parteiführung nicht nur Vorwürfen, dass sie »eine autokratische Gewalt ausüben« wolle.[69] Sie trug auch ihrer Kritik am schwerfälligen Apparat der alten Sozialdemokratie Rechnung, der rasche Aktionen des Proletariats unmöglich gemacht habe.[70] Eingang in den Vorschlag der Autonomie der örtlichen Organisationen fand zudem die Erfahrung fehlender lokaler Initiativen während des Krieges und Belagerungszustandes, als die Zentrale des Spartakusbundes nur über sehr eingeschränkte Handlungsmöglichkeiten verfügte. Da Eberlein davon ausging, dass auch in naher Zukunft die Kräfte der Parteiführung noch sehr begrenzt sein würden, forderte er, dass die Parteiorte »nicht immer auf das warten, was von oben angeordnet wird«.[71] Dabei wollte sich die Zentrale die Parteiführung keineswegs aus der Hand nehmen lassen. Sie habe die Aufgabe, führte Eberlein aus, »die geistige und politische Leitung zu übernehmen [...], die Organisation im Lande zu belehren und zu unterstützen«.[72] Das Wichtigste sei indes eine Organisationsform, »die auch aktionsfähig ist«.[73] Mit dem Begriff der »Aktionsfähigkeit«[74] ist das Ausgangsprinzip von Eberleins föderalistischen Überlegungen benannt. Die neue Partei sollte kein »Wahlverein, sondern eine politische Kampforganisation werden«.[75] Schien das Prinzip der »Aktionsfähigkeit« zunächst ein hohes Maß an Föderalismus und Autonomie der Parteiorganisationen zu verlangen, so ließ sich daraus nur wenige Monate später ebenso eine Einschränkung zuvor eröffneter Freiheiten begründen. Denn inzwischen hatte sich in der Zentrale durch die innerparteilichen Auseinandersetzungen unter den Bedingungen der Illegalität ein Erfahrungswandel vollzogen: Der Föderalismus erschien nicht mehr als förderlich, sondern als hemmend für die »Aktionsfähigkeit« der Partei, da er der Opposition in den Bezirken Handlungsräume eröffnete, während sich die Zentrale zu weitgehender Ohnmacht verurteilt sah. Schon im Juni erklärte diese daher, dass die Organisation »in diesem Stadium des revolutionären Kampfes eine straff zentralistische sein« müsse.[76] Die Partei, hieß es sodann in den »Leitsätzen« des Heidelberger Parteitages, könne ihrer Aufgabe nur gerecht werden, »wenn sie in revolutionären Epochen in straffster Zentralisation vereinigt ist«. Diese galt nun als »die Vorbedingung für eine umfassende und kraftvolle revolutionäre Politik des proletarischen Klassenkampfes« und zählt als Organisationsideal zu den Voraussetzungen für die 1921 einsetzende »Bolschewisierung« der Partei.[77] Die Zentrale ging schließlich so weit, den Föderalismus schlichtweg zu einer syndikalistischen Organisationsform zu erklären und ihr den »Grundsatz einer scharfen Zentralisation der politischen Partei« der Kommunisten entgegenzustellen.[78] Dabei zeigt gerade der Anstoß, den die Zentralisierungsbestrebungen unter den Parteimitgliedern erregten, dass die Rede von »Syndikalisten« auf der einen und »Kommunisten« auf der anderen Seite die vielfältigen Konfliktlinien in der frühen KPD verdeckte. Es waren schon bald nicht mehr nur der Parlamentarismus und die Gewerkschaftspolitik, sondern auch die Einschränkung der lokalen Autonomie und der Mitbestimmungsrechte gewesen, die die Partei entzweite. Im August, bevor die Zentrale an eine Parteispaltung dachte, war in der Kommunistischen Räte-Korrespondenz im Bericht von der Reichskonferenz gar zu lesen, dass es die Organisationsprobleme waren, die den »strittigen politisch-taktischen Fragen den Unterton gaben und die Differenzen beeinflussten«.[79] Die innerparteiliche Demokratie war in der frühen KPD folglich keine Selbstverständlichkeit, sondern Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen. Viele Mitglieder der lokalen Organisationen werteten die Zentralisierung als eine diktatorische Beschneidung ihrer Rechte und einen »Rückfall in die alten Sünden der S.P.D.«.[80] Levi erklärte hingegen auf dem Heidelberger Parteitag, der Föderalismus sei in solchen Zeiten nur die versteckte Form für die Verneinung und Auflösung der Partei, weil er sie lähme und einheitliche Aktionen der Arbeiter unmöglich mache.[81] Der auf diese Weise verworfene Föderalismus, den Hermann Weber als einen Grundzug der frühen, demokratischen KPD hervorgehoben hat,[82] war allerdings schon zuvor im Organisationsdenken der ehemaligen Spartakus-Führer nicht von wesentlicher Bedeutung gewesen. Die Substanz ihrer Vorstellung von der Partei als politischer Kampforganisation bildete von Beginn an das Prinzip der »Aktionsfähigkeit«. Dieses Prinzip trug maßgeblich zu einer Wahrnehmung der Opposition als Hemmnis für »eine gesunde Entwicklung der Partei«, ja als sie lähmende »Krankheit« bei und es sollte noch in der Rückschau die Grundlage bieten, um die mit den Leitsätzen forcierte Spaltung der KPD zu rechtfertigen.[83] Für die Leitsätze stimmten schließlich 31, dagegen 18 Vertreter des Parteitages.[84] Die Delegierten, die gegen die Leitsätze gestimmt hatten, sollten daraufhin vom Parteitag ausgeschlossen werden. Ihre Organisationen sollten anschließend die Entscheidung darüber treffen, ob sie sich auf den Boden der Leitsätze stellen oder der Ablehnung ihrer Vertreter folgen. Wolffheim kündigte daraufhin den Zusammenschluss der Opposition zu einer eigenen Partei an, die den ganzen Norden, das Rheinland, Berlin und Teile Sachsens umfassen werde: »Wir werden von nun an eine K.P.D. (Spartakusbund) und eine Kommunistische Partei Deutschlands haben.«[85] Die von der Zentrale erhoffte Klärung haben die Leitsätze zunächst allerdings kaum bewirkt.[86] 16 der 18 Delegierten, die gegen die Leitsätze gestimmt hatten, wehrten sich gegen ihren Ausschluss vom Parteitag, weil nur formale Gründe sie zu ihrem Votum bewegt hätten.[87] Sie sahen im Vorgehen der Zentrale eine »Überrumpelung der Delegierten«, da weitgehende Anträge der Mitgliedschaft zur vorherigen Diskussion hätten vorgelegt werden müssen. Zum Zweck der Spaltung sei die Abstimmung »über das Knie gebrochen« worden, bevor die Bezirksorganisationen hatten Stellung nehmen können. Die protestierenden Delegierten fassten die Leitsätze daher »lediglich als ein Provisorium auf«.[88] Hatte die Zentrale mit dem Heidelberger Parteitag ein Ende des Parteikonflikts herbeiführen wollen, so erwuchs ihr neuer Streit daraus, dass ihr Vorgehen von nicht wenigen Delegierten und Mitgliedern als undemokratisch wahrgenommen wurde. Gewiss waren die inhaltlich strittigen Fragen der Wahlbeteiligung und Gewerkschaftspolitik bereits zwischen Mai und September auf Bezirkskonferenzen diskutiert worden, wie Bois und Wilde gegen den Vorwurf der Überrumpelung einwenden.[89] Den Vorwurf entkräftet dies gleichwohl nicht. Schließlich war die inhaltliche Stellung zu diesen Fragen in den Diskussionen vor dem Parteitag nie mit der Konsequenz eines möglichen Parteiausschlusses verbunden worden. Die Opposition weigerte sich jedenfalls, den Parteitag zu verlassen, und Tumult machte ein Weiterverhandeln zeitweilig unmöglich. Ihr Ausschluss konnte am Ende nur durchgesetzt werden, weil die Adresse des neuen Tagungslokals vor ihr geheim gehalten wurde.[90] »Innerparteiliche Debatten statt administrativer Maßnahmen«? Bois und Wilde haben darauf verwiesen, dass die bei der Abstimmung unterlegene Opposition den Parteitag zwar habe verlassen müssen. Die Zentrale habe in den folgenden Monaten aber darauf verzichtet, die Beschlüsse des Parteitages einfach administrativ umzusetzen und Organisationen, die die Leitsätze nicht anerkannten, auszuschließen. Sie habe stattdessen auf innerparteiliche Debatten gesetzt und versucht, die Parteimitgliedschaft von ihren Positionen zu überzeugen.[91] Diesem Urteil widerspricht jedoch, dass die Leitsätze selbst in diesen innerparteilichen Debatten nicht mehr zur Diskussion standen. Wie aus Aufzeichnungen Piecks hervorgeht, ging es der Zentrale darum, die Mitglieder in einigen Bezirken überhaupt erst darüber zu informieren, was auf dem Parteitag geschehen war. Sie verfügte nur über geringe Publikationsmöglichkeiten, die Rote Fahne wurde bis in das Frühjahr 1920 hinein immer wieder verboten und so musste sie sich weitgehend auf die in Hanau erscheinende Freiheit und auf illegale Flugblätter und Rundschreiben beschränken, die in den Oppositionsbezirken gleichwohl kaum verbreitet wurden. Unter diesen Verhältnissen versuchte die Zentrale zu verhindern, dass die Mitglieder den Oppositionsführern folgten, bevor sie überhaupt Kenntnis über den Inhalt der Leitsätze erhielten.[92] Öffentliche Versammlungen boten zeitweilig die einzige Möglichkeit, um »an die Mitglieder heranzukommen«, wie Pieck schreibt.[93] Es habe sich allerdings nicht darum gehandelt, »dass die Leitsätze von der Zentrale in ihren Grundgedanken auch nur im Geringsten preisgegeben und auch nicht darum, dass sie erneut zur Diskussion gestellt werden sollten, sondern nur darum, dass die Mitglieder selbst sich zu entscheiden hatten, ob sie für oder gegen diese Grundgedanken waren«.[94] So führte die Zentrale weder eine wirkliche innerparteiliche Debatte, noch verzichtete sie auf administrative Maßnahmen. Sie hegte lediglich die Hoffnung, einen Teil der Mitgliedschaft vor dem organisatorischen Ausschluss von ihren Positionen überzeugen zu können. Dabei herrschten in der Zentrale selbst »über dieses taktische Vorgehen gegenüber der Opposition Meinungsverschiedenheiten; ein Teil war für strikte Durchführung der Spaltung in den Bezirken auf Grund der Abstimmung über die Leitsätze, ein anderer Teil war für das Hinausschieben dieser Spaltung[,] um Zeit für die Klärung innerhalb der Organisation zu gewinnen«.[95] Auf administrative Maßnahmen zielten am Ende beide Gruppen. Sie wurden auf der Tagung des Zentral-Ausschusses am 7. und 8. Februar 1920 getroffen. Dieser beschloss, dass die Bezirke, die sich gegen die Leitsätze gestellt hatten, »nicht zum Parteitag zugelassen werden können, und verpflichtete die Genossen dieser Bezirke, die auf dem Boden der Leitsätze stehen, zum sofortigen Zusammenschluss und Bildung neuer Organisationen, die ihre Vertreter zum Parteitag entsenden sollen«.[96] Der nur wenige Wochen später in Karlsruhe stattfindende Parteitag schloss die oppositionellen Bezirke sodann in aller Form aus. In der Folge verlor die KPD gut die Hälfte ihrer etwa 100 000 Mitglieder.[97] Dieser Aderlass mag dazu beigetragen haben, dass Angehörige der Zentrale ihre Auseinandersetzung mit der Opposition noch in der Rückschau weiterfochten. Sie begriffen den Parteikonflikt auch im Nachhinein nicht als eine demokratische Selbstverständlichkeit, sondern als Ausdruck von »inneren Krankheiten«, die die Partei »fast gänzlich gelähmt haben«.[98] Dementsprechend fand auch die Opposition keine Anerkennung als legitimer Bestandteil innerparteilicher Demokratie. Vielmehr war weiterhin von »Syndikalisten und Anarchisten« die Rede, »die sich in unserer Organisation eingenistet hatten und unsere Arbeit fortgesetzt störten«.[99] Die KPD »von den Elementen zu reinigen, die durch ihre den Kommunismus widerstreitenden Anschauungen die Partei in Verwirrung und zur Aktionsunfähigkeit brachten«, erschien so als »dringendes Gebot«.[100] Die Lehre aus dem Parteikonflikt wollte Levi im Sommer 1920 auch innerhalb der Kommunistischen Internationale gezogen wissen: »Es ist kein Sieg des Proletariats denkbar«, erklärte er auf ihrem Zweiten Kongress, »ohne Führung der Aktion durch eine, sei es auch kleine, aber in sich geschlossene und straff zusammengehaltene Partei.«[101] Zwar regte sich aufgrund des Mitgliederschwundes auch Kritik an der Art und Weise, wie die Spaltung von der Zentrale vollzogen wurde. Darin kam aber nur die schon am Anfang des Konflikts stehende Vorstellung zum Ausdruck, die Mitglieder könnten durch eine umfassende Aufklärung von ihren falschen Standpunkten abgebracht werden. So wurde nicht bemängelt, dass die Parteiführung gegen demokratische Gepflogenheiten verstoßen, sondern dass sie ihre Erziehungsaufgabe gegenüber der Mitgliedschaft nicht ausreichend wahrgenommen habe.[102] Fazit Levi war nicht Thälmann, wie Klaus-Michael Mallmann zuspitzend suggeriert,[103] und die frühe KPD entsprach nicht der zunehmend monolithischen und von Moskauer Entscheidungen abhängigen Partei der späten 1920er-Jahre. Sie war pluralistischer, noch deutlich vom offenen Meinungsstreit geprägt und bot der Opposition Spielräume, um ihre Ansichten zu vertreten, die ihr am Ende der Weimarer Republik verwehrt waren. Allerdings eignet sich die frühe KPD auch nicht als das demokratische Gegenmodell zur »bürokratisch-diktatorischen« Partei der späteren Jahre. Schon 1919 war innerparteiliche Demokratie keine Selbstverständlichkeit, sondern Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen, die mit den Streitfragen des Parlamentarismus und der Gewerkschaftspolitik verbunden, aber keineswegs identisch waren. Insbesondere am parteipolitischen Denken und Handeln der ehemaligen Spartakusführer in der Zentrale lässt sich eine Vielzahl von Zügen aufweisen, die sich mit der von Weber entwickelten und von Bois und Wilde verteidigten Annahme eines »demokratischen Kommunismus« nicht in Einklang bringen lassen. So fanden Mehrheitsbeschlüsse dann Akzeptanz, wenn sie den Vorstellungen der Zentrale entsprachen. Im Konfliktfall reklamierte diese mit der höheren politischen Einsicht auch die Entscheidungsbefugnis für sich. Dieses Vorgehen der Zentrale brach offen mit den Gepflogenheiten innerparteilicher Demokratie und zielte nicht auf Kompromisse, sondern auf eine Verallgemeinerung ihrer Positionen innerhalb der Partei. Damit ging einher, dass sie der Opposition die Anerkennung als Vertreter legitimer Standpunkte in zunehmend harscher und grundsätzlicher Weise verweigerte. Schon das von der Parteiführung und vielen Mitgliedern der KPD geteilte Selbstbewusstsein, im Unterschied zu anderen Parteien »auf objektiver Grundlage zu objektiven Schlüssen und Zielen« zu kommen,[104] schränkte das Verständnis für divergierende Standpunkte deutlich ein. Verstärkt durch die Bedingungen der Illegalität, wurde die Opposition von der Zentrale vor allem als Lähmung der »Aktionsfähigkeit« der Partei wahrgenommen. Die sprachliche Diskreditierung der Opposition in den politischen Auseinandersetzungen bereitete schließlich den diskursiven Rahmen, in dem die Zentrale die Parteispaltung zu einer notwendigen »Reinigung« erklären konnte. Als Abkehr von den demokratischen Ursprüngen lässt sich die Geschichte der KPD folglich nicht plausibel erzählen. Vielmehr gilt es den Ansätzen der späteren Entwicklung in ihren Anfängen Rechnung zu tragen und dabei stärker als bisher nach den Denk- und Handlungsmustern der historischen Akteure zu fragen, auch wenn dies bedeutet, auf der Suche nach alternativen Entwicklungswegen zum stalinisierten Kommunismus nicht fündig zu werden. [*] Ich danke Dr. Ulrich Mählert für seine kritischen Kommentare und fruchtbaren Anregungen. [1] Hermann Weber: Thälmann und Stalin, die KPdSU und die KPD, in: Hermann Weber/Bernhard H. Bayerlein (Hg.): Der Thälmann-Skandal. Geheime Korrespondenzen mit Stalin, Berlin 2003, S. 11–34, hier S. 13. [2] Hermann Weber: Einführung, in: ders. (Hg.): Die Gründung der KPD. Protokoll und Materialien des Gründungsparteitages der Kommunistischen Partei Deutschlands, 1918–1919, mit einer Einführung zur angeblichen Erstveröffentlichung durch die SED, Berlin 1993, S. 25. [3] Hermann Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik, 2 Bde., Frankfurt a. M. 1969. Siehe zur Rezeption der Stalinisierungsthese etwa Hermann Weber: Die Stalinisierung der KPD – Alte und neue Einschätzungen, in: ders. u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2007, Berlin 2007, S. 221–244; Kevin McDermott: Hermann Webers Konzept der »Stalinisierung« der KPD und der Komintern. Eine kritische Bewertung, in: Hermann Weber u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2008, Berlin 2008, S. 197–206 und Norman LaPorte/Kevin Morgan/Matthew Worley: Introduction: Stalinization and Communist Historiography, in: dies. (Hg.): Bolshevism, Stalinism and the Comintern. Perspectives on Stalinization, 1917–53, Houndmills/Basingstoke 2008, S. 1–21. [4] Andreas Wirsching: »Stalinisierung« oder entideologisierte »Nischengesellschaft«? Alte Einsichten und neue Thesen zum Charakter der KPD in der Weimarer Republik, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 45 (1997), S. 449–466, hier S. 450. Siehe zum Rang der »Wandlung des deutschen Kommunismus« als »Pionierstudie« und »wegweisende[s] Werk« auch Eric J. Hobsbawm: Im Angesicht der Niederlage: die Kommunistische Partei Deutschlands (1970), in: ders.: Revolution und Revolte. Aufsätze zum Kommunismus, Anarchismus und Umsturz im 20. Jahrhundert, Frankfurt a. M. 1977 (engl. Originalausgabe 1973), S. 68–84; Klaus-Michael Mallmann: Kommunisten in der Weimarer Republik. Sozialgeschichte einer revolutionären Bewegung, Darmstadt 1996, S. 2 und Marcel Bois/Florian Wilde: Ein kleiner Boom. Entwicklungen und Tendenzen der KPD-Forschung seit 1989/90, in: Ulrich Mählert u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2010, Berlin 2010, S. 309–322, hier S. 322. [5] Siehe zu Standortbindung und Zeitlichkeit als Voraussetzungen historischer Erkenntnis Reinhart Koselleck: Standortbindung und Zeitlichkeit. Ein Beitrag zur historiographischen Erschließung der geschichtlichen Welt, in: ders.: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt a. M. 1979, S. 176–207. [6] Hermann Weber: Damals, als ich Wunderlich hieß. Vom Parteihochschüler zum kritischen Sozialisten. Die SED-Parteihochschule »Karl Marx« bis 1949, Berlin 2002 und Hermann Weber/Gerda Weber: Leben nach dem »Prinzip links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, Berlin 2006. Zitat ebd., S. 450. [7] Ebd., S. 182 u. 179. [8] Siehe Weber: Einführung (Anm. 2), S. 24. Karl Hermann Tjaden: Der Begriff der »Wandlung des Kommunismus« bei Hermann Weber, in: Das Argument. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften 13 (1971), H. 1/2, S. 42–53, hier S. 52 sieht im Konzept der »Wandlungen des Kommunismus« gar ein »politisches Instrument des Antikommunismus«. [9] Hermann Weber: Einleitung, in: ders. (Hg.): Der Gründungsparteitag der KPD. Protokoll und Materialien, Frankfurt/Wien 1969, S. 47 f. [10] Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus (Anm. 3), S. 13. Hier wie fortan wird stets der erste Band zitiert. Die Zeitumstände und ihr Einfluss auf Webers Forschungen verdienten eine eingehendere Betrachtung, als sie an dieser Stelle erfolgen kann. Ihr passender Ort wäre eine Geschichte der historischen Kommunismusforschung in Deutschland in ihren transnationalen Bezügen, die bislang fehlt. [11] Weber/Weber: Leben nach dem »Prinzip links« (Anm. 6), S. 159. [12] Mallmann: Kommunisten in der Weimarer Republik (Anm. 4), S. 67. Siehe auch ebd., S. 72 sowie zustimmend in diesem Punkt Heinrich August Winkler: Rez. v. Klaus-Michael Mallmann: Kommunisten in der Weimarer Republik, in: Historische Zeitschrift 265 (1997), S. 241–243; Sigrid Koch-Baumgarten: Eine Wende in der Geschichtsschreibung zur KPD in der Weimarer Republik?, in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 34 (1998), S. 82–89, hier S. 83 sowie Wirsching: »Stalinisierung« oder entideologisierte »Nischengesellschaft«? (Anm. 4), S. 463. Einwände gegen diese Prämisse Webers erwähnt, ohne nähere Angaben, auch McDermott: Hermann Webers Konzept der »Stalinisierung« (Anm. 3), S. 203. Eine frühe Kritik an der »These der Unterdrückung des »revolutionären« und »demokratischen« Kommunismus in der Entwicklung der KPD der zwanziger Jahre« findet sich in Tjaden: Der Begriff der »Wandlung des Kommunismus« bei Hermann Weber (Anm. 8), S. 48–52. [13] Sigrid Koch-Baumgarten: Aufstand der Avantgarde. Die Märzaktion der KPD, 1921, Frankfurt/New York 1986, S. 60. [14] Marcel Bois: Kommunisten gegen Hitler und Stalin. Die linke Opposition der KPD in der Weimarer Republik. Eine Gesamtdarstellung, Essen 2014, S. 92. Siehe auch ebd., S. 96; Marcel Bois/Florian Wilde: »Modell für den künftigen Umgang mit innerparteilicher Diskussion«? Der Heidelberger Parteitag der KPD 1919, in: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung 6 (2007), H. 2, S. 33–46 sowie Florian Wilde: »Diskussionsfreiheit ist innerhalb unserer Partei absolut notwendig« – Das Verhältnis des KPD-Vorsitzenden Ernst Meyer zur innerparteilichen Demokratie 1921/22, in: Hermann Weber u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2006, Berlin 2006, S. 168–184. [15] Bois: Kommunisten gegen Hitler und Stalin (Anm. 14), S. 93. [16] Siehe ebd., S. 16 f. und Florian Wilde: Ernst Meyer (1887–1930) – vergessene Führungsfigur des deutschen Kommunismus. Eine politische Biographie, Diss., Hamburg 2012, S. 9–13. Siehe zu den divergierenden politischen Standpunkten etwa Florian Wilde: Rez. v. Hermann und Gerda Weber: Leben nach dem »Prinzip links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, in: Utopie kreativ (Juli/August 2007), H. 201/202, S. 792–794. [17] Siehe auch Koch-Baumgarten: Aufstand der Avantgarde (Anm. 13), S. 47. [18] Siehe Protokoll des Gründungsparteitages der KPD, in: Hermann Weber (Hg.): Der Gründungsparteitag der KPD. Protokoll und Materialien, Frankfurt/Wien 1969, S. 49–292, hier S. 261 f. [19] Ebd., S. 135. Nur Frölich war für den Wahlboykott eingetreten. [20] Werner T. Angress: Die Kampfzeit der KPD 1921–1923 (engl. Originalausgabe 1963), Düsseldorf 1973, S. 47. [21] Weber: Einleitung (Anm. 9), S. 48. Siehe auch ebd., S. 38; Arthur Rosenberg: Die Entstehung und Geschichte der Weimarer Republik, Frankfurt a. M. 1955, S. 320–322; Charlotte Beradt: Paul Levi. Ein demokratischer Sozialist in der Weimarer Republik, Frankfurt a. M. 1969, S. 25; Heinz Wohlgemuth: Die Entstehung der Kommunistischen Partei Deutschlands. Überblick, 2. vollst. überarb. u. ergänzte Aufl., Berlin 1978, S. 269; Sibylle Quack: Geistig frei und niemandes Knecht. Paul Levi – Rosa Luxemburg. Politische Arbeit und persönliche Beziehung. Mit 50 unveröffentlichten Briefen, Köln 1983, S. 156; Ben Fowkes: Communism in Germany under the Weimar Republic, London 1984, S. 21 u. 37 sowie Chris Harman: Die verlorene Revolution. Deutschland 1918–1923, Frankfurt a. M. 1998 (engl. Originalausgabe 1982), S. 83–88. Zwei seltene und wenig rezipierte Ausnahmen bilden Gerhard P. Bassler: The Communist Movement in the German Revolution, 1918–1919: A Problem of Historical Typology, in: Central European History 6 (1973), H. 3, S. 233–277, hier S. 266 und Manfred Scharrer: Die Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung, Stuttgart 1983, S. 167. [22] Quack: Geistig frei und niemandes Knecht (Anm. 21), S. 157 f. Siehe etwa auch Rosenberg: Die Entstehung und Geschichte der Weimarer Republik (Anm. 21), S. 322 und Bois: Kommunisten gegen Hitler und Stalin (Anm. 14), S. 119. [23] Karl Hermann Tjaden: Struktur und Funktion der »KPD-Opposition« (KPO). Eine organisationssoziologische Untersuchung zur »Rechts«-Opposition im deutschen Kommunismus zur Zeit der Weimarer Republik, Meisenheim a. Glan 1964, S. 3. [24] Siehe etwa Rosenberg: Die Entstehung und Geschichte der Weimarer Republik (Anm. 21), S. 335; Angress: Die Kampfzeit der KPD (Anm. 20), S. 62–66; Klaus Kinner: Der deutsche Kommunismus. Selbstverständnis und Realität, Bd. 1: Die Weimarer Zeit, Berlin 1999, S. 34 f. und Bois/Wilde: »Modell für den künftigen Umgang mit innerparteilicher Diskussion«? (Anm. 14), S. 44 f. [25] Siehe etwa Ernst Meyer: Zur Geschichte der KPD. Zum Jahrestag der Gründung der KPD am 30. Dezember 1918, in: Die Kommunistische Internationale 7 (1926), H. 15, S. 674–680, hier S. 679 f. [26] Weber: Einleitung (Anm. 9), S. 38. [27] Rote Fahne Nr. 29 vom 14. Dezember 1918. [28] Siehe Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus (Anm. 3), S. 38. Siehe zu den Traditionen und Ursachen des Antiparlamentarismus auf dem Gründungsparteitag Hans Manfred Bock: Syndikalismus und Linkskommunismus von 1918–1923. Zur Geschichte und Soziologie der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (Syndikalisten), der Allgemeinen Arbeiter-Union Deutschlands und der Kommunistischen Arbeiter-Partei Deutschlands, Meisenheim a. Glan 1969, S. 94–97 und Scharrer: Die Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung (Anm. 21), S. 166–172. [29] Siehe Protokoll des Gründungsparteitages der KPD (Anm. 18), S. 97, 118 f. u. 120. [30] Ebd., S. 93, 94 f., 107 f., 128 f. u. 131 f. [31] Ebd., S. 101, 103 u. 124 f. [32] Ebd., S. 135. [33] Siehe Scharrer: Die Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung (Anm. 21), S. 168–172. [34] Siehe Protokoll des Gründungsparteitages der KPD (Anm. 18), S. 164 f. und Fritz Globig: Über einige Fragen im Zusammenhang mit der Gründung der KPD, in: Die Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands. Protokoll der wissenschaftlichen Tagung des Instituts für Gesellschaftswissenschaften, der Parteihochschule »Karl Marx« und des Instituts für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED am 22./23. Januar 1959 in Berlin anläßlich des 40. Jahrestages der Gründung der KPD, Berlin 1959, S. 91–99, hier S. 96. Siehe auch Bock: Syndikalismus und Linkskommunismus (Anm. 28), S. 97; Angress: Die Kampfzeit der KPD (Anm. 20), S. 47; Gerhard A. Ritter: Die sozialistischen Parteien in Deutschland zwischen Kaiserreich und Republik, in: Werner Pöls (Hg.): Staat und Gesellschaft im politischen Wandel. Beiträge zur Geschichte der modernen Welt, Stuttgart 1979, S. 100–154, hier S.141 f.; Koch-Baumgarten: Aufstand der Avantgarde (Anm. 13), S. 37; Heinrich August Winkler: Von der Revolution zur Stabilisierung. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1918 bis 1924, Berlin/Bonn 1984, S. 261 und Bois: Kommunisten gegen Hitler und Stalin (Anm. 14), S. 108. [35] Koch-Baumgarten: Aufstand der Avantgarde (Anm. 13), S. 37. Siehe auch Bois: Kommunisten gegen Hitler und Stalin (Anm. 14), S. 108. [36] Wilhelm Pieck: Die Partei- und Führerkrisen in der KPD, in: Die Kommunistische Internationale 6 (1925), H. 11, S. 1196–1206, hier S. 1198. [37] Protokoll des Gründungsparteitages der KPD (Anm. 18), S. 99. Siehe auch Jacob Walcher: Auf dem Gründungsparteitag, Typoskript, o. D., Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (im Folgenden: SAPMO-BArch) SgY 30/1301, Bl. 66–70, Bl. 66 und Paul Levi: Bericht über die Entwicklung der K.P.D., in: Berichte zum Zweiten Kongreß der Kommunistischen Internationale, Hamburg 1921, S. 21–35, hier S. 24, 26 u. 30. [38] Walcher: Auf dem Gründungsparteitag (Anm. 37), Bl. 69. Siehe auch Jacob Walcher an Rudolf Lindau, Berlin, 2. März 1951 (Abschrift), SAPMO-BArch NY 4036/625, Bl. 19. [39] Wilhelm Pieck: Zur Parteigeschichte der K.P.D. (Spartakusbund) vom 28/10 1918 bis 10/2 1920. Typoskript mit handschriftlichen Einfügungen und Unterstreichungen 1920, SAPMO-BArch NY 4036/384, Bl. 195–331, Bl. 281. Siehe auch ebd., Bl. 288; Paul Hartstein [d. i. Paul Levi] an Lenin, 27. März 1919, Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung (im Folgenden: AdsD) NL Paul Levi, 1/PLAA000041 sowie Angress: Die Kampfzeit der KPD (Anm. 20), S. 67; Ritter: Die sozialistischen Parteien in Deutschland (Anm. 34), S. 143 und Bois/Wilde: »Modell für den künftigen Umgang mit innerparteilicher Diskussion«? (Anm. 14), S. 37. [40] Pieck: Die Partei- und Führerkrisen (Anm. 36), S. 1198. [41] Rosa Luxemburg an Clara Zetkin, [Berlin], 11. Januar [1919], in: Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hg.): Rosa Luxemburg. Gesammelte Briefe, Bd. 5: August 1914 bis Januar 1919, S. 426 f., hier S. 426. [42] Siehe Pieck: Zur Parteigeschichte der K.P.D. (Anm. 39), Bl. 273–288. Siehe zu den Schwierigkeiten der Zentrale in der Illegalität auch das Protokoll der Konferenz der KPD am 29. März 1919 in Frankfurt a. M., AdsD NL Paul Levi, 1/PLAA0000285; Protokoll der Reichskonferenz am 16. August 1919 in Frankfurt a. M., AdsD NL Paul Levi, 1/PLAA0000176, S. 1–9, hier S. 1 f.; Levi: Bericht über die Entwicklung der K.P.D. (Anm. 37), S. 23; Ossip K. Flechtheim: Die Kommunistische Partei Deutschlands in der Weimarer Republik, Offenbach a. M. 1948, S. 59 und Werner Müller: Die KPD in ihrem ersten Jahr, in: Alexander Gallus (Hg.): Die vergessene Revolution von 1918/19, Göttingen 2010, S. 160–186, hier S. 171 f. [43] Pieck: Die Partei- und Führerkrisen (Anm. 36), S. 1198. Siehe auch Wilhelm Pieck: Die Arbeiterparteien in Deutschland, in: Jahrbuch für Wirtschaft, Politik und Arbeiterbewegung 1922/23, S. 637–649, hier S. 646 f.; Pieck: Zur Parteigeschichte der K.P.D. (Anm. 39), Bl. 281 sowie Koch-Baumgarten: Aufstand der Avantgarde (Anm. 13), S. 37. [44] Ebd., S. 52 u. 56. [45] Siehe Pieck: Zur Parteigeschichte der K.P.D. (Anm. 39), Bl. 287 f.; Hartstein an Lenin (Anm. 39) und Protokoll der Konferenz der KPD am 29. März 1919 (Anm. 42). Siehe etwa auch Levi: Bericht über die Entwicklung der K. P. D. (Anm. 37), S. 23 u. 25. [46] Protokoll der Konferenz der KPD am 29. März 1919 (Anm. 42) und Levi: Bericht über die Entwicklung der K.P.D. (Anm. 37), S. 25 f. [47] Siehe Protokoll der Konferenz der KPD am 29. März 1919 (Anm. 42) sowie Zentrale der Kommunistischen Partei Deutschlands (Spartakusbund): An die Ortsgruppen der KPD, AdsD NL Paul Levi, 1/PLAA0000176. Siehe zur Konferenz am 29. März 1919 auch Hans-Erich Volkmann: Die Gründung der KPD und ihr Verhältnis zum Weimarer Staat im Jahre 1919, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 23 (1972), H. 2, S. 65–80, hier S. 73 und Müller: Die KPD in ihrem ersten Jahr (Anm. 42), S. 176. [48] Siehe Koch-Baumgarten: Aufstand der Avantgarde (Anm. 13), S. 52. [49] Ebd., S. 58. Hervorhebung im Original. [50] Siehe Bois/Wilde: »Modell für den künftigen Umgang mit innerparteilicher Diskussion«? (Anm. 14), S. 38. Siehe auch Bois: Kommunisten gegen Hitler und Stalin (Anm. 14), S. 112 f. sowie Kommunistische Partei Deutschlands (Spartakusbund) (Hg.): Bericht über den 2. Parteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands (Spartakusbund) vom 20. bis 24. Oktober 1919, S. 34 und vor allem Bock: Syndikalismus und Linkskommunismus (Anm. 28), S. 123–132. [51] Siehe Protokoll des Gründungsparteitages der KPD (Anm. 18), S. 238 f. [52] Siehe Koch-Baumgarten: Aufstand der Avantgarde (Anm. 13), S. 56–58. [53] Ebd., S. 59. Siehe zur Reichskonferenz in Frankfurt am Main auch Fowkes: Communism in Germany under the Weimar Republic (Anm. 21), S. 37 f.; Bois/Wilde: »Modell für den künftigen Umgang mit innerparteilicher Diskussion«? (Anm. 14), S. 38 und Müller: Die KPD in ihrem ersten Jahr (Anm. 42), S. 179 f. [54] Die II. Reichskonferenz der K.P.D., in: Kommunistische Räte-Korrespondenz Nr. 15/16 vom 5. September 1919, S. 2–4, hier S. 2. Die Kursivierungen entsprechen Hervorhebungen durch einen erweiterten Lauf der Schrift im Original. [55] Ebd. Siehe auch Protokoll der Reichskonferenz am 16. August 1919 (Anm. 42), S. 3 f. [56] Karl Radek: Zur Taktik des Kommunismus. Ein Schreiben an den Oktober-Parteitag der K.P.D., o. O. 1919, S. 11 f. [57] Protokoll der Reichskonferenz am 16. August 1919 (Anm. 42), S. 5 u. 7. [58] Koch-Baumgarten: Aufstand der Avantgarde (Anm. 13), S. 56. [59] Ebd., S. 58. Siehe auch Bericht über den 2. Parteitag (Anm. 50), S. 32. [60] Siehe Koch-Baumgarten: Aufstand der Avantgarde (Anm. 13), S. 59; Bois/Wilde: »Modell für den künftigen Umgang mit innerparteilicher Diskussion«? (Anm. 14), S. 38 sowie: Die Klärung in der Opposition, in: Die Rote Fahne Nr. 23 vom 5. März 1920. [61] Bericht über den 2. Parteitag (Anm. 50), S. 30. [62] Ebd., S. 17. Siehe auch den Artikel: Reinigung, in: Die Internationale 1 (1. November 1919), H. 15/16, S. 281–285, hier S. 283 f.; den Brief von Paul Hartstein [d. i. Paul Levi] an die »W[erten]. G[enossen].«, 28. November 1919, AdsD NL Paul Levi, 1/PLAA000041: Seit dem Beschluss der Nichtbeteiligung an den Wahlen hätten die Syndikalisten damit begonnen, »die Partei zu unterwühlen« sowie Dok. 76: Mitteilung der Zentrale der KPD von Anfang November 1919 über die Stellung des 2. Parteitages zur syndikalistischen Gruppe um Laufenberg-Wolffheim in Hamburg, in: Institut für Marximus-Leninismus beim Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (Hg.): Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 7/1: Februar 1919–Dezember 1921, Berlin 1966, S. 149–151. [63] Siehe Bock: Syndikalismus und Linkskommunismus (Anm. 28), S. 96; Fowkes: Communism in Germany under the Weimar Republic (Anm. 21), S. 39 f. und Koch-Baumgarten: Aufstand der Avantgarde (Anm. 13), S. 460, Anm. 167 u. S. 461, Anm. 177. [64] Siehe etwa Die II. Reichskonferenz der K.P.D. (Anm. 54), S. 3 f.; Bericht über den 2. Parteitag (Anm. 50), S. 18 und Hartstein [d. i. Paul Levi] an die »W[erten]. G[enossen].« (Anm. 62). [65] Siehe etwa Beradt: Paul Levi (Anm. 21), S. 33; Quack: Geistig frei und niemandes Knecht (Anm. 21), S. 165; Weber: Einleitung (Anm. 9), S. 38; Winkler: Von der Revolution zur Stabilisierung (Anm. 34), S. 119; Bois/Wilde: »Modell für den künftigen Umgang mit innerparteilicher Diskussion«? (Anm. 14), S. 44 und Müller: Die KPD in ihrem ersten Jahr (Anm. 42), S. 175. [66] Siehe Bericht über den 2. Parteitag (Anm. 50), S. 30–32, 34, 36 u. 44 sowie Protokoll der Reichskonferenz am 16. August 1919 (Anm. 42), S. 6. Siehe auch Flechtheim: Die Kommunistische Partei Deutschlands in der Weimarer Republik (Anm. 42), S. 60; Babette Gross: Willi Münzenberg. Eine politische Biographie, Stuttgart 1967, S. 102; Ritter: Die sozialistischen Parteien in Deutschland (Anm. 34), S. 143 und Winkler: Von der Revolution zur Stabilisierung (Anm. 34), S. 260. [67] Siehe dazu grundsätzlich Reinhart Koselleck: Zur historisch-politischen Semantik asymmetrischer Gegenbegriffe, in: ders.: Vergangene Zukunft (Anm. 5), S. 211–259. [68] Siehe Bericht über den 2. Parteitag (Anm. 50), S. 6. [69] Protokoll des Gründungsparteitages der KPD (Anm. 18), S. 248. [70] Ebd., S. 240 f. Siehe auch Ritter: Die sozialistischen Parteien in Deutschland (Anm. 34), S. 147 sowie Mallmann: Kommunisten in der Weimarer Republik (Anm. 4), S. 58. [71] Protokoll des Gründungsparteitages der KPD (Anm. 18), S. 243 u. 248. Siehe auch Ritter: Die sozialistischen Parteien in Deutschland (Anm. 34), S. 146. [72] Protokoll des Gründungsparteitages der KPD (Anm. 18), S. 248. [73] Ebd., S. 247. [74] Ebd., S. 247 f. [75] Ebd., S. 240. [76] Dok. 53: Erklärung gegen den Syndikalismus, in: Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (Anm. 62), S. 105 f., hier S. 105. Siehe zur »Abwendung von der Bedeutung der lokalen Autonomie« (Ritter: Die sozialistischen Parteien in Deutschland [Anm. 34], S. 148) hin zu einer »straffe[n] Zentralisierung des Parteiapparates« (Die II. Reichskonferenz der K.P.D. [Anm. 54], S. 2) auch das Protokoll der Reichskonferenz am 16. August 1919 (Anm. 42), S. 2. [77] Bericht über den 2. Parteitag (Anm. 50), S. 36. Siehe zur frühen »Bolschewisierung« Richard Löwenthal: The Bolshevisation of the Spartacus League, in: David Footman (Hg.): International Communism, London 1960, S. 23–71 sowie ferner Flechtheim: Die Kommunistische Partei Deutschlands in der Weimarer Republik (Anm. 42), S. 61; Winkler: Von der Revolution zur Stabilisierung (Anm. 34), S. 264; Weber: Die Stalinisierung der KPD (Anm. 3), S. 222; Wirsching: »Stalinisierung« oder entideologisierte »Nischengesellschaft«? (Anm. 4), S. 465 und Müller: Die KPD in ihrem ersten Jahr (Anm. 42), S. 185. [78] Die Reichskonferenz der Klarheit und Grundsätzlichkeit, in: Kommunistische Räte-Korrespondenz Nr. 20 vom 8. November 1919, S. 2–5, hier S. 4. Siehe auch das Typoskript: Kommunismus und Syndikalismus, AdsD NL Paul Levi, 1/PLAA0000173, Bl. 53 f. sowie Hartstein [d. i. Paul Levi] an die »W[erten]. G[enossen].« (Anm. 62), worin Levi auch den Antiparlamentarismus explizit als »Symptom des Syndikalismus« bezeichnet. [79] Die II. Reichskonferenz der K.P.D. (Anm. 54), S. 2. Siehe auch Die Klärung der Opposition, in: Die Rote Fahne Nr. 23 vom 5. März 1920. [80] Die II. Reichskonferenz der K.P.D. (Anm. 54), S. 2; Dok. 75: Politisches Rundschreiben der Zentrale der KPD von Anfang November 1919 zu den auf dem 2. Parteitag beschlossenen Leitsätzen, in: Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (Anm. 62), S. 143–149, hier S. 145 und Die Klärung der Opposition (Anm. 79). [81] Bericht über den 2. Parteitag (Anm. 50), S. 6. [82] Siehe zuletzt Hermann Weber: Zum Verhältnis von Komintern, Sowjetstaat und KPD. Eine historische Einführung, in: Hermann Weber/Jakov Drabkin/Bernhard H. Bayerlein/Aleksandr Galkin (Hg.): Deutschland, Russland, Komintern, Bd. 1: Überblicke, Analysen, Diskussionen. Neue Perspektiven auf die Geschichte der KPD und die Deutsch-Russischen Beziehungen (1918–1943), Berlin/Boston 2014, S. 9–139, hier S. 15. [83] Pieck: Zur Parteigeschichte der K.P.D. (Anm. 39), Bl. 294 und Kommunistische Partei Deutschlands (Spartakusbund) (Hg.): Bericht über den 3. Parteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands (Spartakusbund) am 25. und 26. Februar 1920, Berlin [1920], S. 19. Siehe auch ebd., S. 7 u. 29; Die Reichskonferenz der Klarheit und Grundsätzlichkeit (Anm. 78), S. 2 f.; Bericht über den 2. Parteitag (Anm. 50), S. 24 f.; Pieck: Zur Parteigeschichte der K.P.D. (Anm. 39), Bl. 281 u. 310 sowie Walcher: Auf dem Gründungsparteitag (Anm. 37), Bl. 70. [84] Siehe Bericht über den 2. Parteitag (Anm. 50), S. 42. [85] Ebd., S. 43. [86] Siehe auch Fritz Heckert: Meine Begegnungen mit Luxemburg, Liebknecht und Lenin, in: Die Kommunistische Internationale 16 (1935), H. 3, S. 227–247, hier S. 240 u. 243. [87] Siehe auch Bericht über den 2. Parteitag (Anm. 50), S. 37. [88] Ebd., S. 40. [89] Siehe Bois/Wilde: »Modell für den künftigen Umgang mit innerparteilicher Diskussion«? (Anm. 14), S. 39 f. [90] Siehe Bericht über den 2. Parteitag (Anm. 50), S. 44 f. [91] Bois/Wilde: »Modell für den künftigen Umgang mit innerparteilicher Diskussion«? (Anm. 14), S. 41–44. [92] Siehe Pieck: Zur Parteigeschichte der K.P.D. (Anm. 39), Bl. 312 f. [93] Ebd., Bl. 317. [94] Ebd., Bl. 314. Siehe auch: Die Januarsitzung des Zentralausschusses, in: Kommunistische Räte-Korrespondenz Nr. 1 vom 22. Januar 1920, S. 2–5, hier S. 3. [95] Pieck: Zur Parteigeschichte der K.P.D. (Anm. 39), Bl. 314. [96] Ebd., S. 324 f. und Dok. 94: Beschluß der Tagung des Zentralausschusses der KPD am 7. und 8. Februar 1920, die auf dem 2. Parteitag beschlossenen Leitsätze als Grundgesetze der Partei zu betrachten, in: Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (Anm. 62), S. 184. Siehe auch Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus (Anm. 3), S. 39. [97] Siehe Koch-Baumgarten: Aufstand der Avantgarde (Anm. 13), S. 445. [98] Bericht über den 3. Parteitag (Anm. 83), S. 19 (Thalheimer). [99] Pieck: Zur Parteigeschichte der K.P.D. (Anm. 39), Bl. 281. [100] Ebd., Bl. 310. Siehe auch: An unsere Parteigenossen!, in: Kommunistische Räte-Korrespondenz Nr. 20 vom 8. November 1919, S. 1 f. und Kommunistische Partei Deutschlands (Spartakusbund) (Hg.): Bericht über den 4. Parteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands (Spartakusbund) am 14. und 15. April 1920, o. D., Berlin, S. 24 (Levi). [101] Levi: Bericht über die Entwicklung der K.P.D. (Anm. 37), S. 34. [102] Siehe etwa Fritz Heckert: Meine Begegnungen mit Luxemburg (Anm. 86), S. 240 u. 243 und Karl Radek: Der Fall Levi. (Nachwort zur Broschüre »Soll die V.K.P.D. ...«), in: Die Kommunistische Internationale 2 (1921), H. 17, S. 55–78, hier S. 66. [103] Mallmann: Kommunisten in der Weimarer Republik (Anm. 4), S. 59. [104] Bericht über den 2. Parteitag (Anm. 50), S. 6.

JHK 2018

Das Parteikontrollkomitee und die Entstalinisierung. Zur Normalisierung der politischen Kultur der KPdSU ab 1953

Jochen Krüger

Im Frühjahr 1944 beschwerte sich ein gewisser Astafʼev vom Moskauer Stadtsowjet beim Parteikontrollkomitee (komitet partijnogo kontrolja, KPK)[1] über die Direktion der Fabrik Nr. 88 in Moskau, die Datschas von Frontsoldatenfamilien requirierte und an Mitarbeiter vergab, obwohl diese schon über Wohnraum verfügten.[2] Im November 1952 kam es im Arbeits- und Besserungslager Kargopolʼ, Oblastʼ Archangelʼsk, zu einem Hungerstreik mit über 500 Gefangenen, nachdem der Leiter einer Gefangenenbrigade namens Šalodanov von den Lagerwachen zu Tode geprügelt worden war. Ende Mai 1953 traten erneut 320 Gefangene in den Hungerstreik, weil tags zuvor lediglich verfaulter Fisch zum Essen angeboten worden war. Wie eine Untersuchungskommission später herausfand,[3] mussten infolge des Streiks 22 Gefangene stationär medizinisch behandelt werden. In der Oblastʼ Tula hatte ein Offizier der Miliz namens Zotov wiederholt den Bürger E. Lamin belästigt, indem er ihm grundlos seine Dienstwaffe an den Kopf hielt und ihn bedrohte. Lamin sandte daraufhin eine Beschwerde nach Moskau.[4] Sämtliche geschilderten Fälle entstammen den Akten des Parteikontrollkomitees, das beim Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion angesiedelt war (KPK pri CK KPSS). Dieses Kontrollkomitee war das zentrale Organ zur internen Parteidisziplinierung und -kontrolle. Monatlich erreichten Hunderte Zuschriften das KPK, in denen von Verfehlungen und Gesetzesbrüchen durch Parteimitglieder die Rede war. Nicht selten handelte es sich dabei um klassische Denunziationen. Etliche Vorwürfe entbehrten jeder Grundlage, wie die anschließend eingesetzten Untersuchungskommissionen des KPK zeigten. Doch dieses Kontrollorgan war mehr als ein klassisches Herrschaftsinstrument einer Diktatur, mehr als ein Mittel der Unterdrückung und des Zwangs. Die Rolle des KPK ist eher im Kontext der politischen Umbrüche in der Sowjetunion zu verstehen. Untersucht man zum Beispiel die Art, Häufigkeit und Sprache der Eingaben, so fallen schnell Veränderungen auf, die sich zwischen den Jahren des Spätstalinismus und den Jahren des »Tauwetters« abzeichnen. An diesen Punkt möchte die These des Beitrags anknüpfen, die zum einen davon ausgeht, dass sich das KPK von einem Organ der Denunziation und Unterdrückung hin zu einer Institution wandelte, die sich wieder ihrer ursprünglich angedachten Aufgabe widmete: das Verhalten der Parteimitglieder zu kontrollieren. Dabei lag der Schwerpunkt auf einer moralisch »richtigen« Lebensführung.[5] Zwar existierte hierzu keine einheitliche Linie, und die Parteistatuten änderten sich diesbezüglich immer wieder, doch gleichzeitig oblag allen Parteimitgliedern eine moralische Vorbildfunktion, die von offizieller Seite stets betont wurde. Zum anderen, so die These weiter, steht diese Entwicklung beispielhaft für die sogenannte Entstalinisierung der Partei und das Eintreten einer gewissen Normalisierung des politischen Lebens in der Sowjetunion. Denn die Entstalinisierung beinhaltete nicht nur die Abkehr vom Terror und dem auf Stalin ausgerichteten Personenkult. Grundsätzlich führten die politischen Umbrüche in den Jahren nach dem Tod des Diktators zu einer deutlich anderen Atmosphäre in Partei und Gesellschaft insgesamt – es konnte generell wieder offener gesprochen werden, es wurden Parteioffizielle kritisiert und lokale Entscheidungen auf Einhaltung der Vorgaben aus Moskau geprüft. Zu bestimmten Themenfeldern  werden die verfügbaren Akten[6] des KPK aus zwei Zeiträumen miteinander und in ihrem Aufkommen verglichen: Der Nachkriegszeit bis 1953 (»Spätstalinismus«) werden die Beobachtungen aus der Phase des »Tauwetters« gegenübergestellt. Im Fokus stehen drei Themenfelder, im Rahmen derer das KPK Vorkommnisse zusammenfasste: 1. chuliganstvo (»Rowdytum«), 2. Verletzung der Parteiposition und Missbrauch der Dienststellung sowie 3. Wiederaufnahme in die Partei und Rehabilitation. Auf diese Weise füllt der Beitrag einen Teil der Forschungslücke zur Geschichte des KPK,[7] das nur einer von vielen Bausteinen des sowjetischen Herrschaftsgebildes war. Seine Arbeitsweise und Funktion zu untersuchen, verspricht Erkenntnisse über die strukturelle und konkrete Umsetzung der sowjetischen Herrschaft im Land. Vor allem erhellt die Beschäftigung mit diesem Organ einen maßgeblichen Aspekt des parteipolitischen Lebens, der über die zentralen und regionalen Herrschaftsorgane hinausgeht. Sie ermöglicht einen Einblick in das Mit- und Gegeneinander der Menschen, in ihre Alltagsprobleme, ihre Ängste und ihre Sehnsüchte. Gleichzeitig wächst das Verständnis für die starken Bindungskräfte, die von der Partei und der kommunistischen Idee ausgingen. Das Parteikontrollkomitee im Stalinismus Bereits in den frühen 1920er-Jahren wurde die Zentrale Kontrollkommission (centralʼnaja kontrolʼnaja komissija, CKK) der Kommunistischen Partei (VKP(b))[8] als oberstes Parteikontrollgremium neben der Arbeiter- und Bauerninspektion (raboče-krestʼjanskaja inspekcija, Rabkrin oder RKI) ins Leben gerufen. Ihre Aufgabe bestand hauptsächlich in der Untersuchung von Verstößen gegen die Parteidisziplin: moralische oder finanzielle Korruption, Trunkenheit, Missbrauch der Dienststellung oder unzureichende Wahrnehmung der parteilichen Verpflichtungen.[9] Von diesem ursprünglichen Auftrag hatte sie sich bald entfernt und diente vor allem als Werkzeug bei der Jagd auf Trotzkisten sowie andere reale und imaginierte Feinde Stalins.[10] Jedoch waren ihre Mitglieder nicht von Moskau bestimmt, sondern wurden von den lokalen Sowjets gewählt und anschließend lediglich von Moskau bestätigt. Dabei avancierte die Kommission schnell zu einer Deckmantelinstitution, die die parteiinterne Korruption lokaler Eliten erleichterte.[11] Es war auf dem XVII. Parteitag, dem sogenannten Parteitag der Sieger im Februar 1934, als dieses Gremium aufgelöst und als Parteikontrollkomitee beim ZK der VKP(b) erneut ins Leben gerufen wurde. Nun unterstand es direkt dem Zentralkomitee, das seine Mitglieder berief und dem es rechenschaftspflichtig war. Als Vorsitzender des KPK wurde Lazar Kaganovič, als sein Stellvertreter Nikolaj Ežov gewählt.[12] KPK-Mitglieder hatten das Recht, Politbüroprotokolle zu lesen und an Sitzungen des ZK und anderer Parteigremien im Land teilzunehmen. Das Organ war für Fälle zuständig, die in Zusammenhang mit Verletzungen der Parteiethik und -disziplin standen. Nach § 60 des Parteistatuts der VKP(b) oblag es ihm, Mitglieder aus der Partei auszuschließen.[13] Zwar waren die neuen Bevollmächtigten von lokalen Parteisekretären unabhängig und brachten mehr Autorität aus Moskau mit.[14] Doch lokale Eliten verweigerten regelmäßig die Zusammenarbeit. In den folgenden Monaten übernahm das KPK maßgeblich die Führung in den parteiinternen Säuberungswellen des Sommers 1935.[15] Hier zeigte sich, dass es als »Augen und Ohren Moskaus in der Provinz« agierte und so das Misstrauen Stalins in die lokalen Führungen nährte.[16] Dieses Misstrauen wandte sich 1937/38 gegen Mitglieder des KPK-Stabs selbst, als 29 von 61 verhaftet oder ermordet wurden.[17] Im Zuge der Absetzung Ežovs als Chef des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten (narodnyj komissariat vnutrennych del, NKVD), der ebenso stellvertretender Leiter des KPK war, und dem vorläufigen Ende des »Großen Terrors« forderte Georgij Malenkov als frisch gewählter ZK-Sekretär im Mai 1939 eine Umstrukturierung des KPK und mahnte an, dass Parteikontrolle die einzige Aufgabe des KPK zu sein habe. Jetzt war das Komitee unmittelbar dem Politbüro unterstellt, und seine Vorsitzenden durften ausschließlich auf den ZK-Plena, nicht aber auf den Parteitagen Bericht erstatten. Bis 1941 übernahm das KPK so eine führende Rolle in der Durchsetzung und Festigung der stalinistischen Diktatur.[18] Mit dem Überfall der Deutschen Wehrmacht 1941 wurde in relativ kurzer Zeit ein erheblicher Teil des sowjetischen Territoriums besetzt. Unter den unzähligen Zivilisten und Armeeangehörigen, die in den ersten Kriegsmonaten starben oder in Gefangenschaft gerieten, waren viele Parteimitglieder. All jene, die dem entfliehen konnten, vernichteten angesichts des Kommissarbefehls[19] vorausschauend ihren Parteiausweis oder verloren ihn im Chaos von Angriff und Evakuierung. Bereits während des Krieges, aber vor allem in den Jahren danach befasste sich das KPK mit diesem »Vergehen«. Die erhobenen Vorwürfe an kommunistische Kriegsgefangene und Kommunisten, die im okkupierten Gebiet lebten, lauteten: Feigheit, Illoyalität und Mangel an militärischer Disziplin. Die Untersuchungen führten in der Regel zum Parteiausschluss, dessen Begründung nicht auf Verrat, sondern auf »unwertem Verhalten und Passivität« fußte.[20] Es handelte sich bei diesen Vorgängen um eine der großen Parteisäuberungen der 1940er-Jahre, in deren Rahmen drei bis zehn Prozent aller Vorkriegsmitglieder ausgeschlossen wurden. Diese vom KPK durchgeführten Säuberungswellen begannen meist unmittelbar nach der Befreiung eines entsprechenden Gebietes und wurden schnell und mit wenig Verständnis für die damalige Situation der Betroffenen durchgeführt. Zwischen 1941 und 1953 wurden 150 716 Kommunisten zur Strafe für »unwertes Verhalten in besetzten Gebieten oder in Gefangenschaft« aus der Partei ausgeschlossen, wobei Frauen überproportional betroffen waren, da männliche Parteimitglieder meist in der Roten Armee eingesetzt waren.[21] Zu den Aufgaben des KPK in dieser Zeit gehörte auch die Zusammenarbeit mit den ab 1947 eingeführten »Ehrengerichten«, die disziplinarische Verfahren jenseits des Strafgesetzbuchs durchführten. Sie waren mit weitreichenden Vollmachten ausgestattet und sollten der Kadererziehung dienen.[22] In der Nachkriegszeit vergrößerte sich die Partei außerdem sprunghaft: 1950 umfasste sie 6,34 Mio. Mitglieder – das waren 1,6 mal so viele wie 1941 und mehr als dreimal so viele wie 1937.[23] Mit dieser Veränderung ging eine soziale Verschiebung der Parteiklientel einher. Aus der Arbeiter- und Bauernpartei wurde eine Partei der Angestellten. Nicht zuletzt dieser Umstand beförderte die allzeit angeprangerte »Bürokratisierung« des Parteiapparats, der Nikita Chruščëv 1952 eine neue Parteicharta entgegenstellte. In seiner Doppelfunktion als Erster Sekretär der Parteiorganisation des Moskauer Gebiets und als ZK-Mitglied strebte er seit 1949 eine breitere politische Rolle des Parteiapparats und eine engere Bindung an die Basis an.[24] Mittels der Charta sollte die stärkere Bindung des Zentrums an die Parteibasisorganisationen (pervičnye partijnye organizacii, PPO) in den Provinzen erreicht und mehr innerparteiliche Demokratie ermöglicht werden. Gleichzeitig waren mit ihr Auflagen verbunden, an denen sich das Verhalten der Parteimitglieder zu orientieren hatte.[25] Dieser Maßnahmenkatalog war für die Parteimitglieder gleichsam auch von Vorteil, da er willkürliche Sanktionen eindämmte und ein gewisses Erwartungsprofil für einen idealen Kommunisten festlegte. Im Falle von Fehlverhalten wurde nun sogenannte Kritik an den persönlichen Angelegenheiten (razbory personalʼnych del) geübt, die von den PPO bis hoch zum jeweiligen Gebietskomitee (oblastnyj komitet, Obkom) ging; diese Angelegenheiten lagen also zunächst in der Verantwortung der Parteibasis, nicht der Parteiführung. Der Erziehung zum »richtigen« Kommunisten waren alle Mitglieder verpflichtet, es war eine kollektive Aufgabe.[26] Das KPK bot den institutionellen Rahmen für diese Prozesse, verzeichnete sie statistisch und vollzog in letzter Instanz den Parteiausschluss.[27] In strittigen Fällen wurde es hinzugezogen und übernahm die Entscheidungsfindung. Generell zog es sich aber auf eine moderierende Rolle zurück und reduzierte die eigene aktive, offensive Position, die es in der Nachkriegszeit bei der Verfolgung von Parteimitgliedern innehatte, auf ein Minimum. Im Folgenden soll eine Auswahl der KPK-Akten diese Veränderungen illustrieren. Die Themenfelder, in die die Berichte einzuordnen sind, sind facettenreich und reichen von der Verletzung sozialistischer Gesetzmäßigkeiten, Unregelmäßigkeiten in einem jeweiligen Wirtschafts- oder Verwaltungsbereich über Missbrauch der Partei- und Dienststellung bis hin zur falschen Lebensführung, Alkoholmissbrauch und deviantem Verhalten (chuliganstvo). Generell hat jede Partei ihre eigenen Mechanismen, um ein der Partei schadendes Fehlverhalten von Mitgliedern zu sanktionieren. Doch die KPdSU verstand sich nicht als bloße Partei im Sinne einer Mitgestalterin bei der politischen Willensbildung,[28] sondern als Avantgarde in der Schaffung eines gänzlich neuen Gesellschaftssystems bis hin zum »Neuen Menschen«. Dieser Anspruch übertrug sich auch auf die Parteimitglieder als »Modellbürger, die ein Beispiel für die Wertvorstellungen des Regimes abgeben und für die Implementierung seiner Politik kämpfen sollten«.[29] Die Arbeit des KPK hatte immer einen zutiefst moralischen Aspekt. chuliganstvo und andere Fehltritte Mit diesem hohen Anspruch eröffnet sich ein entsprechend großes Feld für mögliches Fehlverhalten. So finden sich in den Akten des KPK auch viele Vorgänge, die sich mit dem Phänomen der falschen Lebensführung und des sogenannten chuliganstvo befassen.[30] Der Begriff kann mit »Hooliganismus« oder »Rowdytum« wiedergegeben werden und meint deviantes Verhalten. Im Unterschied zum heutigen westlichen Verständnis, das meist auf zu Gewalt neigende Fußballfangruppierungen Bezug nimmt, handelte es sich dabei aber seit 1926 in der Russländischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) um einen Straftatbestand, der für jeden Menschen gelten konnte.[31] Was in den Akten des KPK darunter subsumiert ist, lässt sich nicht mit einem Wort erklären. Einen guten Eindruck bieten aber zwei Zusammenfassungen von Eingaben und Berichten der Jahre 1943 bis 1952.[32] Sie lesen sich wie klassische Denunziationen, die in personalisierten oder anonymen Briefen an das ZK oder andere Parteigremien geschickt und an das KPK zusammengefasst weitergeleitet wurden. Jede und jeder konnte sich an das KPK wenden, unabhängig von einer eigenen Parteimitgliedschaft. Die Beschuldigten sind indes stets Parteimitglieder, sonst wären die Briefe keine Angelegenheit für das KPK, sondern gegebenenfalls für das KSK oder eine Strafverfolgungsbehörde gewesen. Beschuldigt waren Arbeiter, die Materialmissbrauch betrieben; Väter, die keinen Unterhalt zahlten; Angestellte, die alkoholisiert auf der Arbeit erschienen; Hausbewohner, die über zu viele Zimmer verfügten; Menschen mit schwierigen Familienverhältnissen; Jugendliche, die illegale Partys feierten; Personen mit Kontakt zu Ausländern; und immer wieder Ehebrecher. Die Vorwürfe reichten von Vorteilnahme im Amt über Veruntreuung und Selbstbereicherung bis hin zu Diebstahl und Schlägereien. Neben Beschwerden über antisemitisch motivierte Benachteiligung am Arbeitsplatz gibt es ebensolche über Personen mit »zionistischen Umtrieben«, was für die Zeit genauso wenig überrascht wie der Vorwurf, mit Deutschen im Zweiten Weltkrieg kollaboriert zu haben.[33] So unterschiedlich die Themenfelder der Briefe sind, es eint sie der Umstand, dass sie für die Verfasser häufig die einzige Möglichkeit darstellten, mit dem Regime in Kontakt zu treten, um persönlichen Missständen zu begegnen. Ihnen ging es mitunter gar nicht um den beanstandeten Punkt, sondern vielmehr um eine größere Wohnung, eine bessere Arbeit oder eine bessere Zuwendung von Ausrüstung und Materialien.[34] Die Briefe sind Ausdruck für die Hilflosigkeit ihrer Verfasser angesichts der Mangelwirtschaft und des fehlenden Wohnraums. In dem Fall diente das KPK auch als Ersatz für die fehlende rechtliche Absicherung in der Sowjetunion. In anderen ging es sicherlich jedoch schlichtweg auch darum, eine ungeliebte Person zu diskreditieren. Stalins Tod brachte eine erste unmittelbare Änderung mit sich, denn unter die üblichen Denunziationen mischten sich bald erste Anträge auf Wiederaufnahme in die Partei, weil sich ehemalige Parteimitglieder zu Unrecht wegen des Vorwurfs des chuliganstvo aus der Partei ausgeschlossen fühlten.[35] Davon abgesehen veränderte sich der Tenor jedoch zunächst erst einmal wenig: Es ging weiterhin um die oben genannten Themen, ergänzt um den Vorwurf der Diplomfälschung, des Schwarzhandels oder der Kleptomanie. Manchmal handelte es sich auch um ganz harmlose Zuschriften wie die Anfrage eines Genossen, ob er auch ohne Universitätsabschluss seinen Posten an einer Fachhochschule behalten könne, da er über viel Berufserfahrung verfüge.[36] Auffällig ist die häufig auftauchende sexuelle Konnotation, die sich in den Zuschriften findet. Mitunter schwingt sie nur unterschwellig mit, etwa wenn es eigentlich um die Affären und Ehebetrügereien geht, stattdessen aber die Rede von »unnormalen Familienbeziehungen« ist.[37] Manchmal ist sie jedoch auch ganz offensichtlich, wenn zum Beispiel einem Paar, beide Parteimitglieder, vorgeworfen wird, in der Bibliothek des Außenministeriums Sex gehabt zu haben.[38] Problematisch war ebenso der Umgang mit Homosexualität, wie der Fall von Tatʼjana Oreškina zeigt, die »beschuldigt [wurde], eine Hermaphroditin« zu sein und »mit Frauen zu schlafen«.[39] Etwas anders gelagert sind Vorwürfe der Vergewaltigung wie im Fall der Genossin Kurbanova, die angab, 1951 von I. Imanov im Rajon Karjaginsk in Aserbaidschan vergewaltigt worden zu sein. Das KPK gab ihrer Beschwerde nicht statt, sondern wertete sie als Verleumdung.[40] Diese empirischen Beispiele deuten an, dass regelmäßig gesellschaftlich tabuisierte Themenfelder genutzt wurden, um Bedürfnisse oder Beschwerden zu kommunizieren. Eine Disziplinierung durch die Partei war an dieser Stelle vonseiten der Petenten ausdrücklich gewünscht. Im Laufe des Jahres 1953 änderten sich die Zuschriften in Anzahl und Art: Es wurden deutlich weniger und die Sprache ist weniger aggressiv, wenn zum Beispiel die vereinbarten sprachlichen Codes wie »Trozkisten-Sinowjewisten«[41] zur Deklarierung von feindlichem Verhalten verschwinden. Auch wurden die Briefe ausführlicher und nüchterner. Noch immer wurden Probleme des alltäglichen Lebens behandelt, aber es mischten sich vermehrt Gegendarstellungen unter die Denunziationen.[42] Diese sind auch ein Beleg für die Gewissenhaftigkeit, mit der das Regime diese Vorgänge behandelte: Eingegangene Eingaben verlangten eine Bearbeitung binnen vier Wochen, es wurden zusätzliche Informationen eingeholt und der Möglichkeit einer weiteren Beurteilung über die Gegendarstellung Raum gegeben.[43] Die Themenfelder blieben ähnlich, mitunter kamen noch Beschwerden über gefälschte Lebensläufe oder wissenschaftliche Diskreditierung in der Presse hinzu,[44] daneben mehrten sich Berichte, in denen schlichtweg von Beziehungsproblemen die Rede ist und weniger vom unkommunistischen Fehlverhalten von Parteimitgliedern. Vor allem änderte sich aber auch der Umgang des KPK mit diesen Fällen. In den Akten bis März 1953 ist nur nebulös von Maßnahmen (mery) die Rede und eine Weiterleitung an das Innenministerium (ministersvo vnutrennych del, MVD) vermerkt. Später wurden diese Maßnahmen konkretisiert und es stellt sich zumindest im Themenfeld des chuliganstvo heraus, dass Parteimitglieder für ihre Vergehen, sofern das KPK einen berechtigten Beanstandungsgrund sah, relativ selten aus der Partei ausgeschlossen wurden. Stattdessen griff der facettenreich abgestufte Disziplinarmaßnahmenkatalog der KPdSU und verordnete Gespräche mit den PPO, die mitunter auch streng ausfallen konnten, Ermahnungen, Sichtvermerke im Parteibuch und das alles auch in Kombination und in unterschiedlicher Abstufung. Ein grundlegendes Motiv dahinter war, den eigenen Parteimitgliedern die Fähigkeit zu einer besseren Lebensführung »anzuerziehen«. In den Zahlen spiegelt sich diese Veränderung ebenfalls wider: Wurden 1945 bis 1953 420 474 Parteimitglieder wegen derlei Vergehen aus der Partei ausgeschlossen, waren es im Zeitraum 1953 bis 1964 nur 90 195, ein Rückgang um fast 80 Prozent.[45] Diese Abnahme und der differenzierte Disziplinarmaßnahmenkatalog waren eine Begleiterscheinung der neuen politischen Kultur des »Tauwetters«. Verletzung der Parteidisziplin und Missbrauch der Dienststellung Auch wenn das wirtschaftspolitische System der Sowjetunion nicht per se auf illegale Beschaffungsaktivitäten ausgelegt war, so konnte es doch ohne sie nicht funktionieren. Für dieses Phänomen wurde seltener der Begriff Korruption (korrupcija) benutzt, stattdessen tauchen in den Akten die Kategorien Verletzung der Parteidisziplin (narušenie partijnoj discipliny) und Ausnutzung der Dienstposition (zloupotreblenie služebnym položeniem) auf, was Fehlverhalten von Parteimitgliedern wie Aneignung (prisvoenie), Bestechlichkeit (vzjatočničestvo), Vetternwirtschaft (blat) und Veruntreuung (rastrata) umfasst. Die mit am häufigsten erhobenen Vorwürfe nach 1952 waren Formen von Diebstahl am Staatseigentum.[46] Diese Vorgänge waren in der Regel strafrechtlich relevant, auch wenn mitunter Kompetenzstreitigkeiten zwischen strafverfolgenden Behörden und Parteiorganen aufkamen.[47] Wichtig war dabei vor allem die Gegenüberstellung von individueller Bereicherung (lično) und gesellschaftlichem Schaden (obščestvenno). Auch hier sind die Ereignisse und die Betroffenen, die sich hinter den unzähligen Vorgängen verbergen, sehr vielfältig. Es gibt Hinweise auf die Annahme von Bestechungsgeld (vsjatka) und Beschwerden darüber, dass sich Fabrikdirektoren, Oberärzte, Abteilungsleiter und anderes Führungspersonal mit ihnen genehmen Leuten umgäben und Parteizellenbeschlüsse zu Personalfragen ignorierten.[48] Es wurden fiktive Dokumente für die Planerfüllung oder fingierte Quittungen für das Vertuschen von Nahrungsdiebstahl im großen Stil offenbart.[49] Wurde die Dienstposition zum Bau von Datschas oder Wohnhäusern ausgenutzt, gab es hierfür eine eigene, umfangreiche Aktenkategorie.[50] Die Beschwerden trafen auch höher gestellte Parteimitglieder bis hin zu Regierungsmitgliedern. So fand im März 1952 eine Beschwerde ihren Weg zum KPK, in der es darum ging, dass der damals noch stellvertretende Bildungsminister Vjačeslav Eljutin sich und anderen Genossen die Stalinprämie verliehen habe, als er selbst im entsprechenden Komitee saß. Darüber hinaus soll er die Arbeit seiner ihm unterstehenden Aspiranten für seine eigene Dissertation genutzt haben, doch das KPK entschied zugunsten Eljutins.[51] Es traf aber nicht nur Einzelpersonen, sondern auch Betriebe wie eine Kolchose, die »antistaatliche Praktiken« anwandte: Sie kaufte in großen Mengen Butter an, um dann Planübererfüllung zu melden. Auch das zuständige Kreiskomitee war involviert, woraufhin Gespräche mit den lokalen Verantwortlichen geführt wurden.[52] Außerdem mussten Parteiorganisationen als solche Prüfungen über sich ergehen lassen, wie zum Beispiel das Obkom der Tatarischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik (Tatarskaja Avtonomnaja Sovetskaja Socialističeskaja Respublika, TASSR), das Gelder aus dem Wohnungsbauprogramm für den Bau eines Stadions anlässlich ihres vierzigjährigen Bestehens verwendet hatte.[53] Zu jeder Zeit ihrer Existenz hatte die Sowjetunion mit solchen Problemen zu kämpfen, allein die Maßnahmen und die Umsetzungen unterschieden sich. So konnte man in den 1930er-Jahren für den Diebstahl von Getreide erschossen werden, zwanzig Jahre später drohte eine Geld- oder geringe Haftstrafe. Im Parteidisziplinierungssystem hingen die Veränderungen mit zwei Kampagnen zusammen, die Chruščëv gestartet hatte, um der angeführten Probleme Herr zu werden: einmal mit der bereits genannten Kampagne von 1952 zur Stärkung der innerparteilichen Demokratisierung sowie mit der Kampagne zum Kampf gegen die Bürokratisierung. Die Absicht dahinter war, eine effektive Parteiverwaltung aufzubauen und die Parteikader derart auszubilden, dass sie die ihnen unterstehenden Wirtschaftsbereiche fachgerecht leiten konnten.[54] Zum anderen erhielten die Strafverfolgungsbehörden ihre Autorität zurück und konnten so unabhängig von Parteiorganen Untersuchungen anstellen. Später setzte das KPK gezielt auf Erziehung und Überzeugung statt auf Zwang und Parteiausschluss. Um das zu erreichen, baute Chruščëv auf die Kraft der öffentlichen Meinung, auch wenn er sie nicht immer beherrschen konnte.[55] Mit der Kampagne zur Stärkung der gesellschaftlichen Öffentlichkeit (obščestvennostʼ) stieg 1961 die Zahl an Zeitungsartikeln, die Bestechung, Unterschlagung und Korruption verurteilten und zur Denunziation solcher Vorfälle aufriefen. Auf dem Höhepunkt 1963 waren 14 011 Parteimitglieder von Parteiausschlüssen wegen Korruption betroffen. Ihre Zahl lag damit aber immer noch bei einem Drittel im Vergleich zu den Zahlen von vor 1953.[56] Wiederaufnahme und Rehabilitation Das KPK war jedoch nicht nur für Disziplinarmaßnahmen vom Gespräch bis hin zum Ausschluss von Parteimitgliedern zuständig, sondern hatte insbesondere nach 1953 in Fällen zu entscheiden, in denen ehemalige Mitglieder um Rehabilitation und Wiederaufnahme baten. Hier prüfte sie jeden Einzelfall in Rücksprache mit der jeweiligen PPO und anderen Parteigremien, die Auskunft über die Antragsteller geben konnten, und entschied dann je nach Akten- und politischer Stimmungslage. Die angeführten Gründe sind erneut vielfältig und scheinen mal plausibel, mal abenteuerlich. Einem Genossen Pavlov wurde 1955 die Wiederherstellung seines Parteistatus verwehrt, der zwar 1939 zu Unrecht vom Leningrader NKVD wegen Spionage und feindlicher Agitation zu Lagerhaft verurteilt wurde. Außerdem wurde er jedoch vier Jahre zuvor wegen Körperverletzung verurteilt, laut KPK rechtmäßig.[57] Die Eingabe von V. Gombarg vom Juni 1956 war nicht erfolgreich, da die Prüfung ergeben hatte, dass er durchaus seit 1904 Parteimitglied war, dann aber 1917 doch zu den Menʼševiki wechselte und ab 1918 parteilos blieb. Zwar sei er 1930 vom NKVD verhaftet und verurteilt und im August 1955 rehabilitiert worden, doch für eine Wiederaufnahme in die Partei gebe es keine Grundlage.[58] Aleksej Klimov bat im Frühjahr 1959 um Wiederaufnahme: Nach eigenen Aussagen war er von 1924 bis 1936 Mitglied, jedoch seien zu seiner Person keine Daten in Parteiarchiven auffindbar. Seit 1946 war er wegen traumatischer Enzephalopathie in staatlicher Betreuung, daher erinnere er sich auch nicht an die Parteisäuberung 1938 und inwiefern er betroffen gewesen sei. Da sein Gesundheitszustand sehr schlecht und aus Sicht des KPK eine Parteizugehörigkeit unvorstellbar war, wurde der Fall geschlossen. Der hier betriebene Aufwand bis hin zur Konsultation der behandelnden Ärzte verdeutlicht, mit welcher Gewissenhaftigkeit solche Angelegenheiten behandelt wurden.[59] Einen positiven Bescheid erhielt am Ende Anastasija Lachtikova, die im September 1959 wünschte, die fehlerhafte soziale Abstammung als Kulakentochter aus ihrem Parteibuch zu entfernen, da ihr Vater nur eine mittelgroße Wirtschaft besessen habe und somit kein Kulak gewesen sein konnte. Sie wurde daraufhin zum Gespräch geladen, in dem sie noch einmal betonte, dass dieser Eintrag sie moralisch belasten würde und sie schwer an dieser Unwahrheit trage. Die Untersuchung des KPK ergab, dass die Mitglieder der Familie 1931 auf Beschluss einer Trojka der Sicherheitspolizei OGPU (obʼedinennoe gosudarstvennoe političeskoe upravlenie, Vereinte Staatspolitische Verwaltung) als Kulaken verurteilt und nach Sibirien ausgewiesen worden waren. In Anbetracht der Tatsache, dass bis zu ihrem Tod 1944 »die Mutter fleißig auf einer Kolchose gearbeitet« hatte, kam das KPK zum Schluss, dass die OGPU in diesem Falle eine falsche Entscheidung hinsichtlich der Einordnung als Kulaken getroffen hatte und dementsprechend auch die Verbannung nicht richtig gewesen sei. Zudem sollte der Tochter als Komsomolzin eine Ehrenmedaille verliehen werden.[60] Hier konnte das KPK also mit den Kategorien des Stalinismus recht dynamisch umgehen. Wer sich jedoch entgegen der aktuellen Politik äußerte, brauchte nicht mit viel Nachgiebigkeit zu rechnen. Das zeigt die Eingabe von N. Kolotuchin, der im September 1957 Kandidat der Partei wurde. Drei Monate später verlor er diesen Status schon wieder, weil er einen Brief an das ZK geschrieben hatte, um darin sein Unverständnis darüber auszudrücken, dass Georgij Žukov nicht mehr Verteidigungsminister war.[61] Anträge auf Wiederaufnahme beruhten zumeist auf Verurteilungen bis zum Jahr 1953. Von insgesamt 892 000 Fällen von Opfern des Großen Terrors, die zwischen 1954 und 1960 wieder aufgerollt wurden, wurden 731 970 wegen konterrevolutionärer Verbrechen verurteilte Menschen rehabilitiert (oft post mortem). Doch eine Rehabilitation umfasste nicht automatisch eine Wiederaufnahme in die Partei, dazu musste beim KPK ein Antrag gestellt werden. Es wurde nur ein Bruchteil der repressierten Parteimitglieder hinsichtlich ihrer Mitgliedschaft rehabilitiert, was zum einen daran lag, dass schlichtweg kein Interesse an einer erneuten Aufnahme in die KPdSU bestand. Zum anderen handelte es sich dabei um einen komplizierten bürokratischen Prozess, der vom Betroffenen selbst initiiert werden musste. Viele Opfer der Säuberungen hatten jedoch andere Probleme wie die Suche nach Wohnraum und Arbeit, die Reintegration in die dafür nicht bereite Gesellschaft und das Leben mit den Folgen von Haft und Folter. Diejenigen, die den Weg der Rehabilitation gingen, erwiesen sich als besonders glühende Kommunisten, was auf pervertierte Weise dem Anspruch der Parteiführung Rechnung trug, nur die stärksten Verfechter der kommunistischen Idee in den eigenen Reihen zu haben. Für diese Menschen war es letztlich eine Herzensangelegenheit: Sie sorgten sich um den Zustand ihrer Partei und wollten mithelfen, sie wieder auf den richtigen Kurs zu bringen.[62] Zäsuren im Spiegel des Aktenaufkommens Veränderungen in der Arbeit des KPK lassen sich nicht nur am Inhalt der Beschwerden und Briefe oder am Umgang mit Rehabilitationsverfahren festmachen, sie finden sich auch in den quantitativen Dimensionen wieder, denn das Aktenaufkommen und die Aktenstärke veränderten sich in den Jahren des Untersuchungszeitraums deutlich.[63] Im Themenfeld »Schlechte Lebensführung/Trunkenheit/chuliganstvo« finden sich für die Jahre 1943 bis 1962 neun Akten mit einem Umfang von insgesamt 939 Blättern. Für den Bereich »Verletzung der Parteidemokratie bzw. -disziplin« finden sich für die Jahre 1939 bis 1961 fünf Akten mit einem Gesamtumfang von 669 Blättern. Und für den Bereich »Missbrauch der Dienststellung« gibt es 20 Akten mit insgesamt 2936 Blättern. Häufig besteht ein Verfahren in den Akten des KPK nur aus einem bis zwei Blättern, da der eigentliche Vorgang bei den regionalen Beauftragten liegt; selten erstrecken sich vereinzelte Berichte und Verfahren über mehrere Blätter. Das Aufkommen zeigt über die Jahre verteilt für alle drei Bereiche einen relativ niedrigen Wert für die Zeit des Terrors und des Krieges. In der Nachkriegszeit und insbesondere während der neuen Säuberungswellen und Kampagnen in den späten 1940er-Jahren stieg das Aufkommen im Vergleich zu den vorangegangenen Jahren enorm: Beim »Missbrauch der Dienststellung« kommt es im Januar und Februar 1951 zu einem Anstieg um mehr als das 23-fache des Aktenumfangs im Vergleich zur Phase bis 1947. Das unten stehende Diagramm verdeutlicht, dass auch einzelne längere Vorgänge diese Entwicklung nicht maßgeblich beeinflussten, da es einen klaren Zusammenhang zwischen bestimmten Zeiträumen und dem Aktenaufkommen gibt. Dass es während des Krieges und in den ersten drei Jahren danach weniger Zuschriften an das KPK gab, liegt auch an der geringen Relevanz, die das Komitee in dieser Phase hatte. Ein viel wichtigerer Ansprechpartner für Beschwerden oder Denunziationen war in dieser Zeit zweifelsohne der NKVD.[64] Für die Hochphase des Spätstalinismus ist eine Begründung für die Steigerung wahrscheinlich in den Kampagnen zu suchen, die zwar eine Atmosphäre der Angst und Lethargie geschaffen hatten,[65] die die Menschen jedoch auch zu neuen Denunziationen animierte. Interessant ist der Anstieg im Jahr 1953, der in allen drei Bereichen zu Höchstwerten führte. Die Zunahmen nach März 1953 hängen nur scheinbar mit Stalins Tod zusammen, denn es ist zu bedenken, dass jeder Vorgang in der Regel einen Vorlauf von drei bis sechs Monaten hatte, bis er beim KPK aufgenommen wurde. Somit lässt sich also eine klare Zäsur im Frühjahr 1953 feststellen, deren Ursprung tatsächlich auf den Spätsommer 1952 zu datieren ist, als die öffentlichen Kampagnen zur Wiederbelebung der Partei begannen. Diese Annahme bestärkt der Umstand, dass vor allem die strittigen Fälle Eingang in die Akten des KPK fanden. Eher unerwartet ist das Ausbleiben eines erneuten Anstiegs im Jahr 1956, als die Rede über den Personenkult auf dem XX. Parteitag (die sogenannte Geheimrede) zu Unruhen im Land und Widersprüchen auf der Straße, in Betrieben und auf Parteiversammlungen führte.[66] Die Abnahme des Aktenaufkommens zu Beginn der 1960er-Jahre ist mit den wieder eingeführten Kameradschaftsgerichten zu erklären, die einen Großteil der Entscheidungsfindung in strittigen Fragen der Parteidisziplin übernehmen sollten. Vergleicht man diese Entwicklung mit den Statistiken, die Edward D. Cohn für sein Buch ausgewertet hat, lässt sich seine Vermutung, dass das interne Parteidisziplinarwesen ab den frühen 1950er-Jahren deutlich seltener zu Parteiausschlüssen führte, mit der hier aufgestellten These ergänzen, dass das KPK seine Funktion als Sammelbecken für Denunziationen aufgab, andere Methoden der Parteikontrolle verfolgte und zur Normalisierung des parteipolitischen Alltags beitrug. Daraus, wie das KPK seinen Umgang mit dem Fehlverhalten von Parteimitgliedern änderte, lassen sich Aussagen über Veränderungen im politischen Gefüge in der Sowjetunion insgesamt ableiten. Das betrifft die (innen)politischen Debatten genauso wie die gesellschaftliche Atmosphäre. Begreift man die Entstalinisierung als einen Prozess, der es den Menschen ermöglichte, »wieder frei atmen« zu können,[67] dann spiegelte sich dies auch im Entwicklungsprozess des KPK wider. Dabei lässt sich feststellen, dass erste Liberalisierungstendenzen mitnichten erst mit dem Tod Stalins im März 1953 einsetzten. Bereits im Jahr 1952 begann Chruščëv seine Stellung innerhalb der Partei auszubauen und Netzwerke zu schaffen, die ihm später beim Machtkampf im Kreml nützlich sein sollten. Es ist außerdem zu vermuten, dass die Kampagnen zur Wiederbelebung und Demokratisierung der Partei wenn schon keine langfristigen und nachhaltigen Verbesserungen, so doch ein erhebliches Aktivierungspotenzial für die Mitglieder der Partei vor Ort mit sich brachten.[68] Neben der machtpolitischen Dimension brachten die Veränderungsprozesse klare Liberalisierungen im Parteidisziplinarwesen mit sich: Statt bestrafender Sanktionen wurde das (sicher nicht freiwillige) verwarnende Gespräch gesucht, statt drakonischer Strafen im Nachhinein setzte man auf das System der profilaktika, des vorsorglichen Zugriffs.[69] Hinzu kam der Versuch, Kontrolle durch kollektiven Druck zu gewinnen.[70] Gewiss, alle diese Maßnahmen waren Mittel einer Diktatur, sich selbst vor den Beherrschten zu schützen und der eigenen Schwäche zu begegnen. Doch das Antlitz dieser Diktatur wurde ein Stück weit menschlicher, als der Staat aufhörte, willkürlich Gewalt auszuüben, und sich darauf besann, Verabredungen mit den Untertanen wieder einzuhalten. [1] Das KPK änderte im Laufe der Zeit geringfügig seinen Namen: Von 1934 bis 1952 arbeitete es als Komissija partijnogo kontrolja pri CK VKP(b), von 1952 bis 1962 als Komitet partijnogo kontrolja pri CK KPSS und von 1962 bis 1966 als Partijnaja komissija pri CK KPSS. Der Übersichtlichkeit halber wird im vorliegenden Text einheitlich die Bezeichnung KPK (Komitee) verwendet, da dies der Bezeichnung im Untersuchungszeitraum entspricht. [2] Siehe Russländisches Staatliches Archiv der Neuesten Geschichte/Rossijskij Gosudarstvennyj Archiv Novejšej Istorij (im Folgenden: RGANI) f. 6, op. 6, d. 1578, ll. 31–33. [3] RGANI f. 6, op. 6, d. 1639, Bericht auf ll. 2–5. In RGANI f. 6, op. 6, d. 1640 liegt Teil 2 der Untersuchung unter anderem mit dem Befehl der Staatsanwaltschaft, die Lagerleitung von ihrem Posten zu entbinden. [4] Siehe RGANI f. 6, op. 6, d. 1666, l. 27. [5] Siehe Edward Cohn: The High Title of a Communist. Postwar Party Discipline and the Values of the Soviet Regime, DeKalb 2015, S. 1. [6] Der Aktenbestand des KPK liegt in Gänze im RGANI im Fond 6. Leider war vor Ort nur ein Teil der Akten zugänglich (Stand Winter 2014). Es befindet sich aber eine Mikrofilmkopie eines interessanten Teilbestands (opisʼ 6, Findbücher sowie dela [Akte] 1565–1836) in der Bayerischen Staatsbibliothek in München. [7] Siehe Kirill Judin: Vnutripartijnyj kontrolʼ v SSSR 1930-načala 1940-ch gg. Idejno-institucionalʼnyj oblik [Innerparteiliche Kontrolle in der UdSSR 1930 bis Anfang der 1940er-Jahre. Ideologisch-institutionelles Erscheinungsbild], Ivanovo 2015. Judin untersucht die Rolle des KPK und die Funktion des Parteikontrollwesens als konkreten Mechanismus zur Etablierung der stalinistischen Diktatur in den 1930er- und frühen 1940er-Jahren. Tatʼjana Nikonorova: Komissija partijnogo kontrolja pri CK VKP(b) (1934–1952 gg.) [Die Parteikontrollkomission beim ZK der VKP(b) (1934–1952)], in: Rossijskaja Istorija (2015), H. 6, S. 26–40. Tatʼjana Nikonorova behandelt die Institutionsgeschichte des KPK bis 1952. J. Arch Getty: Pragmatists and Puritans. The Rise and Fall of the Party Control Commission, Pittsburgh 1997. Getty hat 1997 einen Text zum Aufstieg und Fall des KPK verfasst. Dieser basiert auf Materialien aus dem Smolensker Parteiarchiv und legt einen relativ engen Fokus auf konkrete Spannungen zwischen ZK und regionalen Parteigruppen im Westen. Cohn: High Title (Anm. 5). Cohn hat 2015 eine Studie zum parteiinternen Disziplinierungswesen der KPdSU vorgelegt, die sich jedoch nur am Rande mit der Struktur des KPK als Organ befasst. Oleg Kharkhordin: The Collective and the Individual in Russia. A Study of Practices, Berkeley/Los Angeles/London 1999, Kap. 2, S. 35–76, hier insb. S. 35–46. Kharkhodin schreibt in einem Kapitel detailliert über die CKK der 1920er-Jahre. [8] Russländische, später Allunions-Kommunistische Partei der Bolʼševiki (rossijskaja/vsesojuznaja kommunističeskaja partija). [9] Siehe Getty: Pragmatists (Anm. 7), S. 1. [10] Zur Konstruktion von Feinden im Sozialismus siehe Silke Satjukow/Rainer Gries: Feindbilder des Sozialismus. Eine theoretische Einführung, in: dies. (Hg.): Unsere Feinde. Konstruktionen des Anderen im Sozialismus, Leipzig 2004, S. 13–75; Wendy Z. Goldman: Inventing the Enemy. Denunciation and Terror in Stalinʼs Russia, New York 2011; Jörg Baberowski: Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt, München 2012. [11] Für eine Beschreibung dieser Situation im Nordkaukasus siehe I. G. Ivancov: Dejatelʼnostʼ organov partijno-gosudarstvennogo kontrolja na Kubani i severnom Kavkaze v načale 1930-ch godov [Die Arbeit der Organe der parteistaatlichen Kontrolle in Kuban’ und im Nordkaukasus Anfang der 1930er-Jahre], in: Rossijskaja Istorija (2011), H. 4, S. 163–172. [12] Siehe »Predsedatelem Komissii izbran tov. L. M. Kaganovič« [Als Vorsitzender der Kommission wurde Gen. L. M. Kaganovič gewählt], in: Pravda vom 12. Februar 1934, S. 1. Auf demselben Parteitag wurde auch die Sowjetkontrollkommission (KSK) gegründet, die ihren Fokus vor allem auf staatliche und wirtschaftliche Einrichtungen setzte. Der Unterschied im Aufgabenfeld zwischen beiden Kommissionen war fließend, die relevantere Rolle nahm im Laufe der Zeit das KPK ein. [13] Siehe Nikonorova: Komissija (Anm. 7), hier S. 27. [14] Siehe Getty: Pragmatists (Anm. 7), S. 5. [15] Siehe Judin: Vnutripartijnyj kontrolʼ (Anm. 7), S. 111. [16] Getty: Pragmatists (Anm. 7), S. 16, Zitat S. 19. [17] Siehe Nikonorova: Komissija (Anm. 7), hier S. 30. [18] Siehe Nikonorova: Komissija (Anm. 7), hier S. 28 f.; Judin: Vnutripartijnyj kontrolʼ (Anm. 7), S. 257 f. Der Umstand, von den Parteitagen ausgeschlossen zu werden, ist insofern nicht allzu tragisch, als ab dieser Zeit keine Parteitage mehr abgehalten wurden und die Parteiarbeit in den Organen im Laufe der nächsten Jahre nur höchst rudimentär stattfinden sollte. Siehe hierzu Yoram Gorlizki: Party Revivalism and the Death of Stalin, in: Slavic Review 54 (1995), H. 1, S. 1–22, hier S. 11, insb. Anm. 53: Der Rücklauf der Akten vom Innenministerium (MVD) an Stalin hatte deutlich abgenommen. So umfasst die Sammlung für das Jahr 1945 wohl noch elf Bände und sechs Bände für 1946, doch für die Jahre 1950 bis 1952 ist jeweils nur ein Band vorhanden. [19] Dieser an die Wehrmachtsoffiziere gerichtete Befehl vom 6. Juni 1941 besagte, dass alle sowjetischen politischen Kommissare bei Gefangennahme sofort zu erschießen seien. Siehe Martin Broszat: Kommissarbefehl und Massenexekutionen sowjetischer Kriegsgefangener, in: Hans Buchheim/Martin Broszat/Hans-Adolf Jacobsen/Helmut Krausnick (Hg.): Anatomie des SS-Staates, München 2005, S. 163–283. [20] Cohn: High Title (Anm. 5), S. 54–80, Zitat S. 56 und ähnlich S. 70. Siehe dazu auch Juliette Cadiot/Tanja Penter: Law and Justice in Wartime and Postwar Stalinism, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 61 (2013), H. 2, S. 161–171; Franziska Exeler: What Did You Do during the War? Personal Responses to the Aftermath of Nazi Occupation, in: Kritika. Explorations in Russian and Eurasian History 17 (2016), H. 4, S. 805–835. [21] Siehe Cohn: High Title (Anm. 5), S. 62–65, Zahlen S. 64 u. 74 f. [22] Siehe Postanovlenie Politbjuro CK VKP(b) o sude česti pri Sovete Ministrov SSSR i CK VKP(b) ot 5 aprelja 1948 [Beschlüsse des Politbüros des ZK der VKP(b) über die Ehrengerichte beim Ministerrat der UdSSR und ZK der VKP(b) vom 5. April 1948], abgedruckt in: Vasilij Sojma: Zapreščennyj Stalin [Der verbotene Stalin], Moskva 2004, S. 450–452; siehe auch Lorenz Erren: »Selbstkritik« und Schuldbekenntnis. Kommunikation und Herrschaft unter Stalin (1917–1953), München 2008, S. 318; Jelena Subkowa: Kaderpolitik und Säuberungen in der KPdSU (1945–1953), in: Hermann Weber/Ulrich Mählert (Hg.): Terror. Stalinistische Parteisäuberungen 1946–1953, Paderborn 1998, S. 187–236, hier 202–206. [23] Ein Grund für das rasante Wachstum liegt unter anderem in der hohen Zahl der Rotarmisten, die ab 1941 in die Partei eingetreten sind. Am 1. Januar 1945 stellten sie mehr als die Hälfte aller Parteimitglieder (3,03 Mio., 52,6 Prozent), ein Jahr später immerhin noch ein Drittel (1,81 Mio., 32,9 Prozent). Kommunističeskaja Partija Sovetskogo Sojuza [Kommunistische Partei der Sowjetunion], in: Bolšaja sovetskaja ėnciklopedija [Große sowjetische Enzyklopädie], Moskva 1970–78. [24] Siehe Gorlizki: Party Revivalism (Anm. 18), hier S. 3. Gorlizkis These lautet, dass Chruščëv, dadurch, dass er schon auf dem XIX. Parteitag von kollektiver Führung und innerparteilicher Demokratisierung sprach, nach Stalins Tod gut und glaubhaft darauf zurückgreifen konnte und ihm dies einen Vorteil gegenüber Georgij Malenkov verschaffte. [25] Zur Kampagne zur »innerparteilichen Demokratie« siehe z. B. »Strogo sobljudatʼ principy vnutripartijnoj demokratii« [Die Prinzipien der innerparteilichen Demokratie streng befolgen], in: Pravda vom 16. Juli 1952, S. 3; »Protiv narušenij vnutripartijnoj demokratii« [Gegen Verletzung der innerparteilichen Demokratie], in: Pravda vom 4. August 1952, S. 2; »Važnoe uslovie pravilʼnogo rukovodstva« [Wichtige Voraussetzungen richtiger Führung], in: Pravda vom 7. August 1952, S. 1. [26] Siehe Cohn: High Title (Anm. 5), S. 34. [27] Eine Übersicht zu Parteiausschlüssen findet sich in RGANI f. 6, o. 6, d. 25 u. 26 (für 1939–52), d. 1012–1022 (für 1952–56) und d. 1081–1089 (für 1956–61); siehe auch Cohn: High Title (Anm. 5), S. 38. [28] Siehe zum Beispiel das (Selbst-)Verständnis einer Partei nach Art. 21, Abs. 1 GG in der Bundesrepublik Deutschland, siehe auch § 1, Abs. 2 PartG. [29] Cohn: High Title (Anm. 5), S. 4. [30] Zum Begriff »chuliganstvo«, zu seiner Entstehung und Verwendung maßgeblich Brian LaPierre: Hooligans in Khrushchevʼs Russia. Defining, Policing, and Producing Deviance During the Thaw, Madison 2012. [31] Siehe Art. 74 Ugolovnoj kodeks RSFSR 1926 [Strafgesetzbuch der RSFSR] und in deutlich schärferer Fassung noch einmal Art. 206 Ugolovnoj kodeks RSFSR 1960. [32] Siehe RGANI f. 6, op. 6, d. 1598. [33] RGANI f. 6, op. 6, d. 1599. [34] Siehe Stephan Merl: Politische Kommunikation in der Diktatur. Deutschland und die Sowjetunion im Vergleich, Göttingen 2012, S. 84–91, hier auch insbesondere zur regimestabilisierenden Funktion solcher Eingaben. Aleksej Tichonirov spricht vom erzwungenen Vertrauen zwischen Staat und Bevölkerung, das sich in dieser Form der Kommunikation widerspiegelte. Siehe Aleksej Tichomirov: The Regime of Forced Trust. Making and Breaking Emotional Bonds between People and State in Soviet Russia 1917–1941, in: The Slavonic and East European Review 91 (2013), H. 1, S. 78–118. [35] Siehe RGANI f. 6, op. 6, d. 1666, l. 95. [36] Ebd., l. 73. [37] Ebd., l. 1–2. [38] Ebd., l. 67. [39] RGANI f. 6, op. 6, d. 1666, l. 110. In diesem Fall gelang es der Kollegin, R. Maresina, die Vorwürfe zu entkräften, da sie Oreškina schon aus Kindertagen kennen würde. Anzumerken ist hier natürlich, dass der Umgang in westlichen Gesellschaften zu der damaligen Zeit kein bisschen aufgeklärter war, wie die Geschichte des §175 StGB in der Bundesrepublik Deutschland zeigt, der sexuelle Handlungen zwischen männlichen Personen unter Strafe stellte und nach dem zwischen 1946 und 1994 wahrscheinlich 63 775 Personen verurteilt wurden; siehe Rainer Hoffschildt: 140.000 Verurteilungen nach »§ 175«, in: Stefan Micheler (Hg.): Denunziert, verfolgt, ermordet. Homosexuelle Männer und Frauen in der NS-Zeit, Hamburg 2002, S. 140–149. [40] Siehe RGANI f. 6, op. 6, d. 1667, l. 5. Die Einschätzung des KPK ist auch hier mit großer Vorsicht zu genießen, denn die Bereitschaft, Frauen in einer solchen Situation zu glauben, ist bis heute deutlich geringer als bei Männern (wenn diese der heteronormativen weißen Mehrheitsgesellschaft entstammen), Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hg.): Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt, Berlin o. J. [2005], S. 199. [41] RGANI f. 6, op. 6, d. 1598, l. 42. [42] In RGANI f. 6, op. 6, d. 1666 beträgt das Verhältnis Gegendarstellung zu Verleumdung für das Jahr 1955 1:10. [43] Siehe Merl: Politische Kommunikation (Anm. 34), S. 85. [44] Siehe RGANI f. 6, op. 6, d. 1667, ll. 37 u. 54. [45] Siehe Cohn: High Title (Anm. 5), S. 36, zu den Zahlen S. 120 u. 163. Zwar änderten sich die Kategorien ein wenig, unter denen diese Vergehen zusammengefasst wurden, doch lässt sich eine grundsätzliche Entwicklung feststellen. [46] Siehe RGANI f. 6, op. 6, dokumentalʼnye materialy [Dokumentationsmaterialien] t. 2, ll. 34, 37, 45, 51, 59 u. 65. [47] Siehe Cohn: High Title (Anm. 5), S. 115–117. Mit einem Passus in der Parteicharta von 1952 versuchte man diesem Umstand zu begegnen, indem festgelegt wurde, dass jeder wegen eines Verbrechens verurteilte Kommunist nach Meldung an das zuständige Parteigremium aus der Partei ausgeschlossen werde. Doch das wurde derart uminterpretiert, dass erst die zuständige PPO (bzw. Rajkom, Obkom) eine Entscheidung zur Strafverfolgung treffen müsse, bevor die Prokuratur oder das Gericht fortfahren könne, ebd. S. 133 f.; »Ustav kommunističeskoj partii Sovetskogo sojuza« [Statut der Kommunistischen Partei der Sowjetunion], in: Pravda vom 14. Oktober 1952, S. 1 f., Abschnitt I, Punkt 13. Zu diesem Konflikt siehe auch Edward D. Cohn: Policing the Party. Conflicts between Local Prosecutors and Party Leaders under Late Stalinism, in: Europe-Asia Studies 65 (2013), H. 10, S. 1912–1930. [48] Siehe RGANI f. 6, op. 6, d. 1578, ll. 9–10; RGANI f. 6, op. 6, d. 1762, ll. 15–20. Siehe zu diesem Phänomen auch Nikolaj A. Mitrochin: The Rise of Political Clans in the Era of Nikita Khrushchev. The First Phase, 1953–1959, in: Jeremy Smith/Melanie Ilič (Hg.): Khrushchev in the Kremlin. Policy and Government in the Soviet Union 1953–1964, London/New York 2011, S. 26–40. [49] Siehe RGANI f. 6, op. 6, d. 1578, ll. 35–38ob.; RGANI f. 6, op. 6, d. 1765, l. 40. [50] Siehe RGANI f. 6, op. 6, dokumentalʼnye materialy t. 2, ll. 24, 32, 38, 46 u. 52. [51] Siehe RGANI f. 6, op. 6, d. 1571 u. 1572. [52] Siehe RGANI f. 6, op. 6, d. 1765, ll. 1–5. [53] Ebd., l. 27. [54] Siehe Alexander Titov: The Central Committee Apparatus under Khrushchev, in: Jeremy Smith/Melanie Ilič (Hg.): Khrushchev in the Kremlin. Policy and Government in the Soviet Union 1953–1964, London/New York 2011, S. 41–60, hier S. 44 f.; Gorlizki: Party Revivalism (Anm. 18); dazu auch William Taubman: Khrushchev. The Man and His Era, London 2005, Kap. 9, S. 208–139. [55] Zum Themenfeld »öffentliche Meinung« in der Sowjetunion insbesondere nach 1953: Jurij Aksjutin: Popular Responses to Khrushchev, in: William Taubman (Hg.): Nikita Khrushchev, New Haven 2000, S. 177–209; Cynthia Hooper: What Can and Cannot Be Said. Between the Stalinist Past and the New Soviet Future, in: Slavonic and East European Review 86 (2008), H. 2, S. 206–327; Karl E. Loewenstein: Re-Emergence of Public Opinion in the Soviet Union. Khrushchev and Response to the Secret Speech, in: Europe-Asia Studies 58 (2006), H. 8, S. 1329–1345; und genereller Gábor Tamás Rittersporn/Malte Rolf/Jan C. Behrends (Hg.): Sphären von Öffentlichkeit in Gesellschaften sowjetischen Typs. Zwischen partei-staatlicher Selbstinszenierung und kirchlichen Gegenwelten Frankfurt a. M. 2003. [56] Siehe Cohn: High Title (Anm. 5), S. 120 f., 136–140. [57] Siehe RGANI f. 6, op. 6, d. 1702, ll. 8–9. [58] Ebd., l. 10. [59] Siehe RGANI f. 6, op. 6, d. 1760, l. 3. [60] RGANI f. 6, op. 6, d. 1760, ll. 17–18, Zitat l. 18. [61] Siehe RGANI f. 6, op. 6, d. 1702, l. 53. [62] Zum Glauben an die Partei siehe Nanci Adler: Keeping Faith with the Party. Communist Believers Return from the Gulag, Bloomington 2012, z. B. S. 3 u. 11; zu den Rehabilitationen siehe Cohn: High Title (Anm. 5), S. 95–98; Miriam Dobson: POWs and Purge Victims. Attitudes towards Party Rehabilitation, 1956–1957, in: Slavonic and East European Review 86 (2008), H. 2, S. 328–345; zu den Problemen der Reintegration in die Gesellschaft maßgeblich Miriam Dobson: Khrushchevʼs Cold Summer. Gulag Returnees, Crime, and the Fate of Reform after Stalin, Ithaca/London 2011. [63] Die untersuchten Akten lassen auf eine Korrelation zwischen Umfang der Akten und Anzahl der Fälle pro Zeiteinheit schließen, sodass hier der Aktenumfang verwendet werden kann. [64] Siehe Goldman: Inventing the Enemey (Anm. 10), S. 92. [65] Siehe Baberowski: Verbrannte Erde (Anm. 10), S. 487 f. [66] Zu den innersowjetischen Reaktionen auf das Bekanntwerden der Rede unmittelbar nach dem Parteitag siehe u. a. Aksjutin: Popular Responses (Anm. 55); Polly Jones: From the Secret Speech to the Burial of Stalin. Real and Ideal Responses to De-Stalinization, in: dies. (Hg.): The Dilemmas of De-Stalinization. Negotiating Cultural and Social Change in the Khrushchev Era, New York 2006, S. 41–63; Loewenstein: Re-Emergence of Public Opinion (Anm. 55); M. Zezina: Šokovaja terapija. Ot 1953-go k 1956 godu [Schocktherapie. 1953–1956], in: Otečestvennaja Istorija (1995), H. 2, S. 121–135. Zu den Implikationen für die anderen sozialistischen »Bruderländer«, siehe Roger Engelmann/Thomas Großbölting/Hermann Wentker (Hg.): Kommunismus in der Krise. Die Entstalinisierung 1956 und die Folgen (= Analysen und Dokumente 32), Göttingen 2008; Tony Kemp-Welch: Khrushchevʼs ›Secret Speech‹ and Polish Politics. The Spring of 1956, in: Europe-Asia Studies 48 (1996), H. 2, S. 181–206. [67] »O revisii stalinskogo perioda žizni partii« [Über die Revision der Stalinʼschen Periode des Parteilebens], Brief von Aleksandr Aladžalov vom Oktober 1955 an das ZK KPSS; Rossijskij gosudarstvennyj archiv social’no-političeskoj istorii/Russländisches Staatsarchiv für Soziale und Politische Geschichte, f. 556, op. 15, d. 2, ll. 47–53, hier l. 48; ähnlich auch Vladimir Semičastnyj: Woran man sich erinnert, in: Nikita Sergejewitsch Chruschtschow. Skizzen zur Biografie, Berlin 1990, S. 57–65, hier S. 57. [68] Das lassen zumindest erste Erkenntnisse der Untersuchungen des Autors im Parteiarchiv der TASSR in Kazanʼ vermuten. [69] Zum Phänomen der »profilaktika« siehe Julie Elkner: The Changing Face of Repression under Khrushchev, in: Melanie Ilič/Jeremy Smith (Hg.): Soviet State and Society under Nikita Khrushchev, London/New York 2009, S. 142–161; Julie Fedor: Russia and the cult of state security. The Chekist tradition, from Lenin to Putin, Abingdon, Oxon/New York 2011, Kap. 2, S. 30–57; Robert Hornsby: Protest, Reform and Repression in Khrushchevʼs Soviet Union, Cambridge 2013; Kharkhordin: The Collective and the Indiviual (Anm. 7), hier S. 292 f. [70] Zur Kontrolle bei Jugendlichen siehe Gleb Tsipursky: Citizenship, Deviance, and Identity. Soviet Youth Newspapers as Agents of Social Control in the Thaw-Era Leisure Campaign, in: Cahiers du Monde russe 49 (2008), H. 4, S. 629–649; Juliane Fürst: Stalinʼs Last Generation. Soviet Post-War Youth and the Emergence of Mature Socialism, Oxford 2010, S. 193–196. Herta Müller fand im Dezember 2016 zu diesem Phänomen auf der Konferenz »European Angst« kluge Worte. Siehe Herta Müller: Die Angstherrscher beherrschen das Angstvolk. Konferenz über Populismus, Extremismus und Europaskepsis in gegenwärtigen europäischen Gesellschaften, Brüssel 6. und 7. Dezember 2016, in: www.welt.de/debatte/kommentare/article160039053/Die-Angstherrscher-beherrschen-das-Angstvolk.html, ges. am 30. November 2017.

JHK 2018

Parteivorsitzender für drei Monate: Ernst Däumig (1866–1922) und das Rätesystem

Volker Stalmann

Die Geschichte der Kommunistischen Partei in der Weimarer Republik lässt sich als eine Geschichte der wachsenden Abhängigkeit von Moskau, von der im März 1919 gegründeten Kommunistischen Internationale und deren Exekutivkomitee (EKKI), beschreiben. Vermochte die Partei sich noch bis 1920 eine gewisse Eigenständigkeit zu bewahren und sich nach dem Zusammenschluss mit dem linken Flügel der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD) als kommunistische Massenpartei zu positionieren, geriet sie 1921 unter den wachsenden Einfluss des EKKI und seiner Emissäre. Sowjetrussland galt nicht nur als nahezu unantastbares Vorbild, auch der ideologische, personelle und materielle Einfluss gewann an Bedeutung. Eine erste Phase der Unterordnung der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) unter den Willen der russischen Kommunisten und der Komintern lässt sich 1921 aufzeigen, als der von Emissären des EKKI mitinitiierte Märzaufstand zum Parteiausschluss und zum Ausscheiden führender Parteipolitiker führte. Am Beispiel des politischen Lebensweges Ernst Däumigs, eines der führenden Vertreter des radikallinken Flügels der Arbeiterbewegung, des Mitvorsitzenden der USPD und von Dezember 1920 bis Februar 1921 gleichberechtigten Vorsitzenden der Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands (VKPD) neben Paul Levi, sollen Fragen in den Fokus gerückt werden, die auch für die Geschichte der revolutionären Arbeiterbewegung Relevanz besitzen. Was veranlasste den von Däumig angeführten linken Flügel der USPD im Jahr 1920 dazu, sich der Komintern anzuschließen und mit der KPD zu vereinigen? Welche Faktoren begünstigten Däumigs Abwendung von und seinen Austritt aus der Partei? Welche Rolle spielte die sogenannte Bolschewisierung der Partei, d. h. die wachsende Abhängigkeit der KPD von der Komintern und der russischen KP?   Däumigs Lebensweg Durch seine Herkunft und seinen Lebensweg unterschied sich Däumig grundlegend vom Gros der sozialdemokratischen Arbeiterführer. Sein Leben schien »von einem romantischen Schimmer umwoben« zu sein.[1] Geboren 1866 in Merseburg als Sohn eines Küsters, wuchs Däumig in einem kleinbürgerlichen Milieu in Halle auf. Nach dem Besuch des Gymnasiums der Franckeschen Stiftungen begann er ein Theologiestudium, das er jedoch bald wieder aufgab. 1887 brach er radikal mit seiner Vergangenheit, als er der Fremdenlegion beitrat und fünf Jahre lang Dienst in Nordafrika und Indochina leistete. Seine Erlebnisse und Erfahrungen versuchte er in seiner 1904 veröffentlichten Schrift Moderne Landsknechte. Erzählungen aus dem Kolonial-Soldatenleben auf 121 Seiten zu verarbeiten.[2] Nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1893 trat er als Offizier der preußischen Armee bei, in der er bis 1898 Dienst leisten sollte. Während seiner Militärzeit wurde er zum entschiedenen Kritiker der menschenunwürdigen Verhältnisse in der Armee und des in Politik und Gesellschaft herrschenden Militarismus. Gleichzeitig sollte seine Militärzeit aber auch sein Interesse an militärtechnischen Fragen begründen und ihn später im Reichstag zum militärpolitischen Sprecher seiner Fraktion prädestinieren. Militärische Ereignisse schienen ihn auch nach seiner Verabschiedung aus der Armee zu interessieren. 1913 wurden ein Vortrag über den Balkankrieg und im darauf folgenden Jahr die 16-seitige Broschüre Kriegführung. Heer, Flotte. Militärische Fachausdrücke gemeinverständlich erläutert von Ernst Däumig publiziert.[3] Um 1897/98 begann Däumig sich für die Sozialdemokratie zu interessieren und sich mit den Schriften und Werken von Marx, Engels, Bebel und Liebknecht auseinanderzusetzen. Nachdem er 1900 bereits einzelne Beiträge über die Fremdenlegion und die Kolonialpolitik in der von Karl Kautsky herausgegebenen Neuen Zeit veröffentlicht hatte, fand er nach 1901 als Redakteur verschiedener sozialdemokratischer Bezirkszeitungen Beschäftigung und zwang seine schriftstellerische Begabung in den Rhythmus des Bedarfs. Nach seinem kurzen, nur wenige Monate währenden Engagement bei der Reußischen Tribüne in Gera wechselte er noch im selben Jahr 1901 zum Volksblatt in Halle und 1909 für zwei Jahre zur Tribüne nach Erfurt. Da ihn seine journalistische Tätigkeit nicht auszufüllen vermochte, trat er auch als Dichter in Erscheinung und veröffentlichte 1901 das Schauspiel »Maifeier«. Däumig begann sich zudem für Arbeiterbildungsfragen zu interessieren, sodass er in Halle und Erfurt, später auch in Berlin Vorsitzender des jeweiligen Bildungsausschusses der Partei wurde. Auch religionsgeschichtliche Themen, über die er vor der freireligiösen Gemeinde Berlins wiederholt referierte, fanden seine Aufmerksamkeit.[4] 1911 fand er eine Anstellung beim Vorwärts, für den er als einer von drei politischen Redakteuren vor allem über militär- und bildungspolitische Fragen schrieb. In Berlin wurde er zudem Lehrer an der Arbeiterbildungsschule. Wenn er sich vor dem Ersten Weltkrieg auch noch nicht um einen Sitz im Reichstag oder im Preußischen Landtag bewarb, trat er doch wiederholt in Wahlversammlungen der SPD auf.[5] Der Krieg führte schließlich zur Radikalisierung Däumigs. Früh positionierte er sich als Gegner der Burgfriedenspolitik und unterstützte auch das von Karl Liebknecht initiierte »Offene Protestschreiben oppositioneller sozialdemokratischer Funktionäre«, sodass er 1916 aus der Redaktion des Vorwärts entfernt wurde. Es mochte deshalb nicht überraschen, dass er im April 1917 zu den Gründern der USPD in Gotha zählte, einer Parteineugründung, mit der der Arbeiterklasse wieder das Vertrauen in Demokratie und Sozialismus zurückgegeben und es ihr ermöglicht werden sollte, zum alten sozialdemokratischen Geiste zurückzufinden.[6] In der neuen Partei erlangte Däumig bald politischen Einfluss. Er übernahm die Herausgabe des Groß-Berliner Mitteilungsblattes der USPD und wurde im Mai 1918 als Sekretär in das Zentralkomitee der USPD gewählt.[7] Eine bedeutende Rolle wuchs ihm im Sommer 1918 zu, als er Verbindung zu den Revolutionären Obleuten von Groß-Berlin, von den Gewerkschaften unabhängige Vertrauensleute in der Metallindustrie, aufnahm. »Ihm fiel schließlich die eigentliche Führung zu«, erinnerte sich Richard Müller, Metallarbeiter und führender Vertreter der Obleute.[8] Folglich übernahm Däumig bei Ausbruch der Revolution Anfang November auch die »gefährliche und mühevolle Aufgabe, […] die Soldaten für den bevorstehenden Kampf zu gewinnen«, wozu er als ehemaliger Fremdenlegionär und Offizier auch prädestiniert schien. »Er fand nicht nur den Anschluß, sondern auch weitgehende Unterstützung bei Soldaten verschiedener Truppenteile.«[9] Seine Verhaftung am 8. November mag dazu beigetragen haben, sein Ansehen unter der Arbeiterschaft zu stärken.[10] Als führender Repräsentant der Revolutionären Obleute wurde er schließlich im November 1918 Mitglied des Vollzugsrates des Groß-Berliner Arbeiter- und Soldatenrates.[11]   Der Allgemeine Rätekongress im Dezember 1918 Als Vertreter des linken Flügels der USPD sympathisierte Däumig mit den radikalsozialistischen Forderungen von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, er lehnte die Einberufung einer Nationalversammlung ab und plädierte für die Errichtung eines Rätesystems, mit dem der Diktatur des Proletariats zum Sieg verholfen werden sollte. Dieses Ziel glaubte er durch ein diszipliniertes Vorgehen der Arbeiterbewegung erreichen zu können, weshalb er die vom Spartakusbund propagierte Taktik, die die Massen durch beständige Agitation zu putschistischen Aktionen animieren wollte, verwarf. Bekanntheit erlangte Däumig als unbedingter Anhänger und Verfechter des reinen Rätesystems auf dem ersten Allgemeinen Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte, der vom 16. bis 21. Dezember 1918 in Berlin stattfand. Auf dem Rätekongress, dessen Einberufung auf eine Initiative des Berliner Vollzugsrates der Arbeiter- und Soldatenräte zurückging, befanden sich die Vertreter des linken Flügels der USPD allerdings hoffnungslos in der Minderheit. So waren von den 514 Delegierten rund 300 der SPD und etwa 100 den Unabhängigen zuzuordnen. Angeführt wurden die unabhängigen Vertreter von Richard Müller, Georg Ledebour und Däumig. Der Spartakusbund schaffte es gerade einmal, eine Handvoll Delegierter nach Berlin zu entsenden. Bezeichnenderweise hatten Luxemburg und Liebknecht kein Mandat erhalten.[12] Däumig ließ sich von diesen Mehrheitsverhältnissen nicht beeindrucken. »Die alte bürgerliche Demokratie mit ihrem Stimmzettel und ihrem Parlamenteln ist keine Ewigkeitserscheinung; sie hat ihre historische Bedingtheit, und wie der Sozialismus als neues Grundprinzip der Welt aufzieht, so ist selbstverständlich damit auch verbunden, daß dieser bürgerlichen Demokratie die proletarische Demokratie folgen muß: wie sie ihren organisatorischen Ausdruck in dem Rätesystem findet.« Wie das von ihm favorisierte Rätesystem aussehen sollte, ließ er allerdings weitgehend offen. Nach dem von ihm eingebrachten Antrag sollte den Räten »die höchste gesetzgebende und Vollzugsgewalt« zustehen. Wahlberechtigt sollte in erster Linie die Arbeiterschaft sein. Es sei eine »Frage der Technik, das Rätesystem so zu vervollkommnen, daß wir für ganz Deutschland ein einheitliches Wahlsystem durchführen können, in erster Linie natürlich für die Arbeiterschaft und, soweit […] notwendig, für die Soldatenräte, die ja mehr und mehr in den großen proletarischen Kreis aufgenommen werden, und auch für die Bauernräte, wo es erforderlich ist«.[13] Sein »alle Macht den Arbeiterräten!«[14] verhallte jedoch weitgehend ungehört, sein Antrag auf Beibehaltung und Ausgestaltung des Rätesystems als Grundlage der Verfassung einer deutschen sozialistischen Republik wurde mit 344 gegen 98 Stimmen abgelehnt.[15] Dagegen bekannte sich der Kongress mit überwältigender Mehrheit zur parlamentarischen Demokratie und nahm den Antrag des Mehrheitssozialdemokraten Max Cohen, der die Wahl zur verfassunggebenden Nationalversammlung auf den 19. Januar 1919 ansetzen wollte, an.[16] Die Enttäuschung Däumigs über den Verlauf des Rätekongresses und seine »Selbstkastrierung«[17] war groß. »Ich habe damals«, schrieb er ein gutes Jahr später, »diesen Rätekongreß einen Klub politischer Selbstmörder genannt, und die weitere Entwicklung der Dinge in Deutschland hat diesen Ausdruck bestätigt, denn es war vorauszusehen, daß ›das freieste aller Wahlrechte‹ in erster Linie den kapitalistischen Kreisen zunutze komme und daß damit weiter auch der militaristischen Gegenrevolution die Bahn geöffnet werde.« Der Kongress habe letztlich »den politischen Arbeiterräten das Genick gebrochen«.[18] Als Rätetheoretiker war Däumig ein führender Vertreter des antiparlamentarischen Denkens in der deutschen Arbeiterbewegung. Auch die SPD hatte im 19. Jahrhundert ein durchaus ambivalentes und gebrochenes Verhältnis zum parlamentarischen System. Der Parlamentarismus, so hatte Wilhelm Liebknecht in einem 1869 gehaltenen Vortrag ausgeführt, diene lediglich der »Täuschung und Knechtung des Volkes«. Er sei nichts anderes als »ein mit Schaumgold der Phrase beklebter Theatermantel, hinter dem der Absolutismus und die Klassenherrschaft ihre häßlichen Glieder und ihre Mordwaffen verstecken«.[19] Die Frontstellung gegenüber dem Bismarckʼschen Obrigkeitsstaat, die durch das Sozialistengesetz von 1878 noch potenziert wurde, und die relative Machtlosigkeit des Parlaments im konstitutionellen Verfassungssystem förderten eine zwischen offener Ablehnung und kühler Zurückhaltung oszillierende Haltung gegenüber dem Reichstag. Direktdemokratische Forderungen oder utopische Vorstellungen vom sozialistischen Zukunftsstaat flossen in diese ablehnende Haltung mit hinein. An den Reichstagswahlen wollte sich die Partei deshalb lediglich aus agitatorischen Gründen beteiligen und sich im Parlament rein negierend verhalten. Die wachsende Stärke der Sozialdemokraten, die 1884 Fraktionsstatus erlangten, und die Eigendynamik des Parlaments begünstigten jedoch die Integration der Partei in das politische System. Dennoch verhinderten die beschränkten Machtbefugnisse des Reichstages und die ungleichen Wahlsysteme auf Länder- und Gemeindeebene, dass sich die Partei mit dem verfassungspolitischen Status quo abfinden konnte. Ein radikaler Teil war letztlich weiterhin der Überzeugung, dass die Umwandlung der Gesellschaft nur auf revolutionärem Weg zu erreichen sei, und maß dem Parlament nur einen begrenzten Wert bei.[20] Diese Denkrichtung fand nach dem Systemwechsel von 1918/19 seinen prägnanten Ausdruck in den verschiedenen Rätetheorien, die alternative Formen politischer Mitsprache entwickelten, aber auch den Kreis der zur politischen Mitsprache Berechtigten beschränken wollten. Ernst Däumig war einer der markantesten Vertreter dieser Richtung.[21]   Däumig und das reine Rätesystem Däumig plädierte für ein reines Rätesystem.[22] Mit seinem Konzept orientierte er sich an der Verfassung der russischen Sowjetrepublik, deren Bestimmungen er allerdings den deutschen Verhältnissen anzupassen versuchte. So sollten in den Kommunen Arbeiterräte gegründet werden, deren Gesamtheit die Funktionen der städtischen Behörden, der Stadtverordnetenversammlung, des Magistrats und der kommunalen Verwaltung, d. h. exekutive, legislative und Verwaltungsaufgaben, übernehmen sollte. Auch in den Bezirken und Provinzen sollten Arbeiterräte gewählt werden, die entsprechende Funktionen wahrzunehmen hatten. Der an der Spitze stehende Rätekongress wählte aus seiner Mitte einen Exekutivausschuss, der ständig tagen und zweimal im Jahr der Vollversammlung Rechenschaft ablegen und sich zur Wahl stellen sollte. In Analogie zu diesem politischen Rätesystem sollte der Aufbau der Betriebsräte erfolgen, an deren Spitze ein Volkswirtschaftsrat stehen sollte, dem nicht nur Arbeiter, sondern auch Vertreter aus Politik, Gesellschaft und Wissenschaft anzugehören hatten. Gemeinsame Sitzungen des politischen Exekutivausschusses mit dem Volkswirtschaftsrat sollten die Scheidung der Bereiche Politik und Wirtschaft beseitigen und aufheben.[23] Mit dem parlamentarischen System könne man den Sozialismus nicht verwirklichen, so Däumig. Vielleicht werde »in 2–300 Jahren der Kapitalismus durch eine Wahlaktion einmal so stark unterhöhlt«, dass »er zusammenpurzelt«. Aber so lange warten wolle man nicht. Die Nationalversammlung zeige, dass die Interessen der Arbeiterschaft, des Proletariats, nicht gewahrt und der Sozialismus nicht verwirklicht werden könne. Das Parlament sei eine »jämmerliche Karikatur, wie der Reichstag gewesen ist«, es sei »die Konzentration des bornierten Spießbürgertums«, das die »Geschäfte des Großkapitalismus« besorge und die »Macht des Militarismus« fördere. Entschieden lehnte Däumig ein Nebeneinander von parlamentarischem und Rätesystem, wie es von großen Teilen der USPD mit Hugo Haase an der Spitze vorgeschlagen wurde, ab. »Die Partei muß sich grundsätzlich auf den Boden stellen: entweder wir bleiben bei den alten parlamentarischen Grundsätzen oder wir entscheiden uns für das Rätesystem. […] Es gibt nicht Beides.« Wenn sich die USPD dennoch an Wahlen beteiligen werde, geschehe dies nur, »um die Massen, die bisher noch nicht von den Stürmen der Revolution ergriffen sind, revolutionierend aufzurütteln«.[24] Kennzeichen des Rätesystems war die weitgehende Beschränkung des Wahlrechts auf die Zugehörigkeit zum Proletariat – wahlberechtigt sollten auch Vertreter der freien Berufe, Handwerker und Kleingewerbetreibende sein, nicht jedoch Unternehmer und jene, die von einem arbeitslosen Kapitaleinkommen lebten; die Landbevölkerung fand keine Berücksichtigung. Weitere Kennzeichen waren die Abschaffung der Parteien und der Gewerkschaften, damit die Ablehnung des Interessenpluralismus, die Aufhebung der Gewaltenteilung, da die Räte legislative und exekutive Gewalt für sich beanspruchten, sowie die Bindung der Räte an den Wählerwillen durch ein imperatives Mandat, das die jederzeitige Abberufung der Räte durch die sie wählenden Vollversammlungen ermöglichen sollte.[25] Für seine Vorstellungen stritt Däumig auch publizistisch. So gab er seit Januar 1919 die Zeitschrift Der Arbeiter-Rat heraus, die nicht nur Berichte über die praktische Arbeit der Arbeiter- und Soldaten-Räte bringen, sondern auch über Wege und Ziele des Rätesystems diskutieren wollte. Darüber hinaus war Däumig Schriftleiter der Zeitschrift Die Republik, 1920 Herausgeber der Kommunistischen Rundschau und nach seinem Ausscheiden aus der KPD und der Gründung der »Kommunistischen Arbeitsgemeinschaft« (KAG) zusammen mit Adolph Hoffmann 1921/22 Herausgeber des Mitteilungsblattes der Kommunistischen Arbeitsgemeinschaft.[26]   Däumig, die Gründung der Kommunistischen Partei und der Januaraufstand von 1919 Als zur Jahreswende 1918/19 die Kommunistische Partei gegründet wurde, blieb Däumig ihr fern.[27] Dies mag verwundern, da Däumig und die KPD einen dezidierten Antiparlamentarismus teilten.[28] Der eigentliche Grund für Däumigs Zurückhaltung lag in der von der Partei propagierten Putschtaktik. Deshalb war er auch schon zum Spartakusbund auf Distanz gegangen.[29] Däumigs Widerstand gegen putschistische Aktionen wurzelte wesentlich in seiner militärischen Vergangenheit, nicht zuletzt in seiner Zeit als Fremdenlegionär, die ihm deutlich die fatalen Konsequenzen militärischen Handelns gezeigt hatte. Sein Widerstand gegen die KPD entsprang aber auch der Auffassung, dass die Partei »viel zu viel Byzantismus mit den Massen« treibe und »viel zu wenig für die Schulung und Bildung der Massen« wirke.[30] Eine revolutionäre Kaderpartei lehnte Däumig ab, vielmehr war er von der notwendigen Beteiligung der breiten Massen am revolutionären Prozess überzeugt. Darüber hinaus lehnte er die KPD auch deshalb ab, weil eine weitere revolutionäre Partei in seinen Augen nur eine »unheilvolle Zersplitterung der Kräfte« mit sich bringen würde.[31] Als es nach der Absetzung des Berliner Polizeipräsidenten Eichhorn (USPD) Anfang Januar 1919 zur Besetzung des Zeitungsviertels kam und die Situation zu eskalieren drohte, lehnte Däumig die von Karl Liebknecht und anderen erhobene Forderung, »mit Waffengewalt die Regierung Ebert-Scheidemann zu stürzen«, vehement ab. Er sei »so entsetzt und empört« gewesen, »daß er nicht in der Lage« gewesen sei, »seine ablehnende Haltung wirksam darzulegen«.[32] Noch trennten ihn Welten von der jungen Kommunistischen Partei. Der Ausgang des Berliner Januaraufstandes, bei dem zwischen dem 5. und 12. Januar 1919 165 Menschen ums Leben kamen und in dessen Folge am 15. Januar Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet wurden, schien ihm recht zu geben.[33]   Der Kampf für das Rätesystem Nachdem Ernst Däumig auf dem ersten Rätekongress im Dezember 1918 mit seinem Antrag auf Einführung des Rätesystems in Deutschland keinen Erfolg gehabt hatte, versuchte er als führender Vertreter der sogenannten Revolutionären Obleute wenige Monate später, die USPD auf ihrem außerordentlichen Parteitag im März 1919 in Berlin auf das Rätesystem und die Diktatur des Proletariats zu verpflichten. Doch konnte damals noch keine Entscheidung getroffen werden, da die Anhänger des parlamentarischen Systems und des Rätesystems sich noch die Waage hielten. Wegen der grundsätzlich verschiedenen Vorstellungen lehnte Hugo Haase es auch ab, zusammen mit Däumig, der zum Mitvorsitzenden gewählt worden war, die Partei zu führen. Däumig trat deshalb vom Vorsitz zurück.[34] Erst auf dem Parteitag in Leipzig vom 30. November bis 6. Dezember 1919 konnte sich Däumig mit seiner Forderung durchsetzen. Der Parteivorsitzende Haase war kurz zuvor an den Folgen eines Attentats gestorben. Däumig wurde neben Arthur Crispien zum gleichberechtigten Vorsitzenden der Partei gewählt.[35] Dass er dem linken Flügel zuzuordnen und ein erbitterter Gegner der Mehrheitssozialdemokratie war, zeigte sich während des Kapp-Putsches im März 1920, als er das Angebot des Gewerkschaftsführers Carl Legien, eine Arbeiterregierung von den Christlichen Gewerkschaften bis zur USPD zu bilden, strikt ablehnte und für den Fall einer Koalition mit den Mehrheitssozialdemokraten seinen Austritt aus der Partei androhte.[36] Im Juni 1920 wurde er für die USPD in den Reichstag gewählt. An seiner ablehnenden Haltung gegenüber dem Parlament, das für ihn lediglich eine Tribüne der Agitation darstellte, änderte dies allerdings nichts. In den zwei Jahren, in denen er dem Reichstag angehörte, hielt er denn auch nur drei Reden.[37] Sein Interesse galt vornehmlich militärpolitischen Fragen. So vertrat er seine Fraktion bei den Haushaltsberatungen zum Etat des Reichswehrministeriums, wozu er angesichts seines biografischen Hintergrundes letztlich auch prädestiniert war.[38]   Däumigs Anschluss an die KPD Im Laufe des Jahres 1919 begann sich Däumigs Einstellung zur KPD zu wandeln. Zum einen lag dies daran, dass die Kommunisten unter dem Parteivorsitz von Paul Levi auf ihrem zweiten Parteitag, der im Oktober 1919 illegal in Heidelberg stattfand, ihre Grundsätze sowie die ihnen zugrunde liegende Taktik revidierten und sich gegen putschistische Aktionen und für eine Beteiligung an den Reichstagswahlen sowie eine Mitarbeit in den Gewerkschaften aussprachen. Die Trennung von den ultralinken Kräften, die im April 1920 die Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands (KAPD) gründeten, verhalf der KPD zu einer größeren Akzeptanz in der deutschen Öffentlichkeit. Die Kommunisten schienen sich unter Levis Leitung von irrlichternden, zu Gewaltaktionen neigenden und kooperationsunfähigen Störenfrieden zu berechenbaren, vertrauenswürdigen Partnern eines breit fundierten Bündnisses der Arbeiterparteien zu wandeln.[39] Hinzu kam, dass sich der Sieg der Bolschewiki im russischen Bürgerkrieg abzuzeichnen begann und Sowjetrussland dadurch in zunehmendem Maße zum Fluchtpunkt der Orientierung für deutsche Linke avancierte. Die Bolschewiki repräsentierten letztlich die einzige politische Kraft, die erfolgreich eine Revolution zustande gebracht hatte und sich gegen innere und äußere Gegner behauptete. Insofern mag es verständlich erscheinen, dass nicht nur die russischen Kommunisten in politischer und organisatorischer Hinsicht den Anspruch erhoben, Modell- und Vorbildcharakter zu besitzen, sondern sich auch die kommunistischen Parteien in Europa am russischen Leitbild auszurichten begannen und bereit waren, sich dem russischen Hegemonialanspruch unterzuordnen. Erleichtert wurde diese Entscheidung sicherlich durch die finanziellen Zuwendungen, die die kommunistischen Parteien, insbesondere die KPD, seit 1919 aus Moskau erhielten.[40] »Ex oriente lux«, so brachte Däumig im Oktober 1920 diese Erwartungen und Hoffnungen auf den Punkt. Die Kommunistische Partei Russlands stelle »Rückgrat und Kopf« der kommunistischen Bewegung dar und könne letztlich als »Lehrmeisterin« fungieren.[41] Angesichts der Schwäche der linksradikalen Kräfte in Deutschland und des Erstarkens der gegenrevolutionären, konservativ-monarchistischen Kräfte, das im Kapp-Lüttwitz-Putsch vom März 1920 zum Ausdruck gekommen war, boten sich Moskau und die im März 1919 gegründete Kommunistische Internationale als unterstützende Partner an, mit deren Hilfe der Diktatur des Proletariats nun auch in Deutschland zum Durchbruch verholfen werden könnte. Die III. Internationale war im März 1919 in Moskau gegründet worden und stellte cum grano salis eine kommunistische Weltpartei mit nationalen Sektionen dar. Durch eine straffe, zentralistische Organisation und eine eiserne, militärische Disziplin sollte sie sich von der II. Internationale abheben, die als lockeres Bündnis verschiedener Landesparteien bei Beginn des Ersten Weltkrieges auseinandergebrochen war. Eine besonders herausgehobene Stellung kam dem Exekutivkomitee der Komintern zu, das nicht nur für die nationalen Sektionen verbindliche Beschlüsse fassen, sondern auch Personen, Gruppen oder einzelne Parteien aus der Komintern ausschließen konnte.[42] Um die Frage eines Beitritts zur III. Internationale zu klären, reiste Däumig zusammen mit den USPD-Führern Wilhelm Dittmann, Arthur Crispien und Walter Stoecker zum II. Weltkongress der Komintern, der vom 19. Juli bis 7. August in Petrograd und Moskau tagte. Die auf dem Kongress im März 1919 formulierten 21 Bedingungen zur Aufnahme in die Komintern waren unter den Delegierten äußerst umstritten, da sie unter anderem die bedingungslose Unterwerfung der nationalen Parteigliederungen unter den Willen des Exekutivkomitees der Komintern, den Aufbau der Partei nach dem sogenannten demokratischen Zentralismus, d. h. der hierarchisch-zentralistischen Organisation der Parteien, und die Entfernung der Reformisten aus allen verantwortlichen Positionen umfassten. Während Crispien und Dittmann die 21 Bedingungen entschieden verwarfen, erklärten sich Däumig und Stoecker zu deren Annahme bereit.[43] Eine Entscheidung sollte der außerordentliche Parteitag der USPD, der vom 12. bis 17. Oktober 1920 in Halle zusammenkam, treffen. Däumig gelang es, die Mehrheit der Delegierten für den Anschluss an die Komintern zu gewinnen. »Genossen! Es wird also kaum bestritten werden können, daß wir in Deutschland in das Stadium des verschärften Klassenkampfes, des Bürgerkrieges eingetreten sind, und daß wir sehr wohl Ursache haben, von den Genossen zu lernen, die unter unsäglichen Opfern nun schon drei Jahre lang diesen Kampf durchgeführt haben, daß wir alle Ursache haben, auch international die Schlußfolgerungen zu ziehen, die wir für unser Land daraus zu ziehen haben.« Da »wir nun eineinhalb Jahre lang alle miteinander, ich mit eingeschlossen, Stümper gewesen sind (Zurufe, Unruhe), ich auch mit eingeschlossen, jawohl, und da uns Rußland gezeigt hat, mit welchen Schwierigkeiten man den Krieg gegen das Weltkapital zu führen hat, darum bin ich für den Anschluß an die dritte Internationale.«[44] Es gelte, »eine große internationale Massenpartei mit einer bestimmten Disziplin zu schaffen«.[45] Unterstützung erhielten die Anhänger der 21 Bedingungen vom Vorsitzenden der Komintern, Grigori Sinowjew, dessen Rede beim linken Flügel mit stürmischem und minutenlangem Beifall aufgenommen wurde. Die von Däumig und Stoecker eingebrachte Resolution, die »die Zusammenfassung der revolutionären Parteien aller Länder in eine einheitliche, straff organisierte Internationale« als »unbedingte Notwendigkeit« bezeichnete und den »sofortigen Anschluss« an die Kommunistische Internationale forderte, wurde mit 236 gegen 156 Stimmen angenommen.[46] Nachdem die unterlegene Minderheit aus dem Verhandlungssaal gezogen war, wählte der Rumpfparteitag Däumig und Adolph Hoffmann zu gleichberechtigten Vorsitzenden der »USPD (Linke)«, wie sich die linke Mehrheit der Unabhängigen bis zur Vereinigung mit der KPD nennen sollte.[47] Man habe sich, so erläuterte Däumig diesen Schritt im Oktober 1920, »zur Dritten, zur Kommunistischen Internationale bekannt, nicht aus parteipolitischem Krimskrams heraus, sondern aus diesen großen weltgeschichtlichen Gesichtspunkten, weil wir sehen, es gibt keine andere Macht, die jetzt dem Herrn der Welt, das ist dem Ententekapital, zu Leibe gehen kann, als die konzentrierte Macht des Weltproletariats, wie es sich organisatorisch in der Kommunistischen Internationale zusammenfindet«.[48] Nachdem sich die USPD auf ihrem Parteitag in Halle im Oktober 1920 mit deutlicher Mehrheit für die Annahme der 21 Bedingungen ausgesprochen hatte, verließ Däumig zusammen mit etwa 300 000 Mitgliedern die Partei. Auf dem Vereinigungsparteitag der VKPD im Dezember wurde er gemeinsam mit Paul Levi zum Parteivorsitzenden gewählt.[49] »Kampf auf der ganzen Linie! Das wird das Los der neuen Partei sein. Ich stehe nicht an, was ich so oft gesagt habe, zu erklären, daß Sie als Delegierte und wir als Parteileitung – und darüber dürfen wir unsere Mitglieder gar nicht im Zweifel lassen – in dieser Vereinigten Kommunistischen Partei kein beschauliches Dasein und kein ruhiges und gefahrloses Leben führen werden.« Für die Partei und jedes Mitglied habe fortan das Wort zu gelten: »Nur der verdient die Freiheit und das Leben, der täglich sie erkämpfen muß!«[50] Es entstand eine kommunistische Massenpartei, die Anfang 1921 auf 356 000 Mitglieder blicken konnte, eine Mitgliederstärke, die die Partei nie wieder erreichen sollte. Die neue Partei bekannte sich zur Kommunistischen Internationale, zur Diktatur des Proletariats und zur Errichtung des Rätesystems. Aber mit welcher Strategie und welcher Taktik wollte sie diese Ziele erreichen? Sollte die Herrschaft des Proletariats durch gewaltsame Aufstandsversuche oder durch eine gemäßigte, auf Kooperation abzielende Politik erreicht werden? Däumig und Levi entschieden sich für eine den Realitäten Rechnung tragende Politik, die angesichts der Massenbasis der Partei auch nahelag.   Aktionseinheit oder Offensivstrategie: Der Rücktritt Däumigs als Parteivorsitzender im Februar 1921 In einem an alle sozialistischen Parteien und Gewerkschaftsorganisationen gerichteten »Offenen Brief« rief die Zentrale der VKPD am 8. Januar 1921 zur Bildung einer »Einheitsfront« auf, um der wachsenden Not und Verelendung der breiten Massen begegnen zu können. SPD, USPD, KAPD und Gewerkschaften sollten sich zu gemeinsamen Aktionen zusammenfinden, die die Führung einheitlicher Lohnkämpfe, die Erhöhung der Renten und Pensionen sowie die einheitliche Regelung der Erwerbslosenbezüge betrafen. Die weiteren Forderungen bezogen sich auf die sofortige Entwaffnung und Auflösung der paramilitärischen Verbände, die Bildung proletarischer Selbstschutzorganisationen, eine Amnestie für politische Delikte, die Aufhebung bestehender Streikverbote und die sofortige Aufnahme der diplomatischen und Handelsbeziehungen mit Sowjetrussland. Auch wenn die VKPD die Gegensätze, die sie von den anderen Parteien trennten, nicht verbergen wollte, erklärte sie sich bereit, eine Aktionseinheit mit den sozialistischen Parteien und Gewerkschaften zur Durchsetzung der genannten Ziele zu bilden.[51] Der von den Vertretern der beiden Parteiströmungen Paul Levi und Karl Radek verfasste »Offene Brief« reflektierte die Widersprüche und Spannungen, die die Partei durchzogen. Während auf der einen Seite für ein gemeinsames Vorgehen und eine Aktionseinheit der Arbeiterparteien geworben wurde, fand die von Radek vertretene Offensivstrategie in der Bemerkung ihren Niederschlag, dass die VKPD für den Fall, dass die angesprochenen Arbeiterorganisationen eine Kooperation ablehnen würden, den Kampf auch allein führen werde.[52] Zwischen der Parteiführung der VKPD und dem EKKI nahmen die Spannungen rasch zu. Streitpunkte stellten die Aufnahme der KAPD in die Komintern[53] und die italienische Frage dar. Der Dissens hinsichtlich der Spaltung der italienischen Sozialisten und der Gründung der KP Italiens betraf die Frage, ob die kommunistische Bewegung sich auf Massen- oder auf Kaderparteien stützen sollte. In der Sozialistischen Partei Italiens, die sich bereits 1919 der Komintern angeschlossen hatte, hatten sich über die Frage der Annahme der 21 Aufnahmebedingungen drei Flügel herausgebildet. So standen der Mehrheit der Partei unter dem Vorsitzenden Giacinto Serrati ein linksradikaler Flügel sowie ein zahlenmäßig schwacher rechter Flügel unter Filippo Turati gegenüber. Dieser lehnte die Annahme der 21 Bedingungen entschieden ab. Levi setzte sich für die Abspaltung des rechten Flügels ein und plädierte für die Erhaltung einer kommunistischen Massenpartei. Zu diesem Zweck reiste er im Januar 1921 zum Parteitag der italienischen Sozialisten nach Livorno, an dem auch Vertreter des EKKI wie Mátyás Rákosi teilnahmen. Levi hatte jedoch keinen Erfolg. Auf dem Parteitag spaltete sich der linke Flügel von der Partei ab und konstituierte sich als Kommunistische Partei Italiens (KPI). Dies lag nicht nur daran, dass die Parteiführung um Serrati einen Ausschluss des rechten Flügels vermeiden wollte. Vielmehr war die Gründung der KPI der Politik der Komintern und dem Eingreifen Rákosis geschuldet, der vor der Aufweichung der kommunistischen Position durch sogenannte zentristische Kräfte und vor einer Verwässerung der internationalen kommunistischen Bewegung warnte.[54] Die von der Komintern forcierte Spaltung lehnten Däumig und Levi entschieden ab. Auf der Sitzung des Zentralausschusses vom 22. bis 24. Februar 1921 kam es zum offenen Schlagabtausch zwischen der Führungsspitze und dem von der Komintern unterstützten linken Flügel um Stoecker und August Thalheimer. Während die Aufnahme der KAPD in die Komintern noch mehrheitlich verurteilt wurde, unterlag die Parteiführung in der italienischen Frage. Die Resolution der Parteiführung, die die von der Exekutive in Italien durchgesetzte Parteispaltung verwarf – der offiziöse Bericht der Partei über die Sitzung des Zentralausschusses sprach von »gewisse[n] Vorbehalte[n]« –, wurde mit 28 gegen 23 Stimmen abgelehnt. Däumig und Levi erklärten daraufhin zusammen mit Zetkin, Hoffmann und Otto Brass, »daß sie nicht in der Lage seien, die Solidarität mit der in der Resolution Stoecker-Thalheimer niedergelegten Auffassung«, die das Vorgehen des EKKI in Italien billigte, »nach außen hin zu decken und aufrechtzuerhalten, weil sie darin ein[e] Gefahr für die weitere Entwicklung der Kommunistischen Internationale sehen, und daß sie deshalb die praktischen Konsequenzen aus der Abstimmung zögen und ihre Aemter in der Zentrale niederlegten«.[55] Däumigs Ausflug an die Spitze der Kommunistischen Partei hatte gerade einmal drei Monate gewährt. Seine Erwartungen und Hoffnungen, die er in die neue Partei und die III. Internationale gesetzt hatte, hatten sich nicht erfüllt. Er blieb in der Partei, begann sich jedoch allmählich desillusioniert von ihr abzuwenden.   Der Märzaufstand von 1921, Däumigs Parteiaustritt und die Gründung der KAG Der Entfremdungsprozess wurde durch den Märzaufstand der KPD in Mitteldeutschland 1921 forciert.[56] Denn die von Emissären der Komintern initiierte Aktion konterkarierte offen die von Däumig und Levi seit Januar verfolgte Einheitsfronttaktik und hatte angesichts der Stimmung in der Bevölkerung, der militärischen Aussichtslosigkeit des Unternehmens und der kurzfristigen Terminierung keine Erfolgschancen. Der Aufstandsversuch war just eine jener putschistischen Aktionen, die Däumig seit jeher abgelehnt hatte. Der Plan zu diesem Unternehmen ging auf Emissäre der Komintern zurück, die die russischen Bolschewiki, die durch den Ende Februar ausgebrochenen Aufstand von Matrosen der russischen Kriegsmarine in Kronstadt und durch die katastrophale Wirtschaftslage erneut in Bedrängnis geraten waren, durch eine »Flucht nach vorn« entlasten und unterstützen wollten. Gemeinsam mit Karl Radek konnten die Vertreter des EKKI, Béla Kun, Samuel Guralski (August Kleine) und Joséf Pogany, die linken Kräfte in der VKPD von der Notwendigkeit einer revolutionären Aktion zur Rettung der russischen Revolution überzeugen. Mit dieser Aktion hofften sie zudem, die »Rechten« um Levi und Däumig aus der Partei drängen zu können. Führender Kopf der EKKI-Emissäre war Béla Kun, der 1919 eine tragende Rolle in der Ungarischen Räterepublik gespielt hatte.[57] Nicht zufällig wählte die neue Parteiführung den Bezirk Halle-Merseburg für ihren Aufstand aus. Mit 67 000 Mitgliedern handelte es sich im Januar 1921 um die mitgliederstärkste Bezirksorganisation der VKPD. Die Fähigkeit zur Mobilisierung ihrer Anhänger offenbarte die Partei bereits bei den Wahlen zum Preußischen Landtag am 20. Februar 1921, bei denen sie landesweit 7,4 Prozent der Stimmen, im Wahlkreis Merseburg, der dem Parteibezirk weitgehend entsprach, 29,8 Prozent der Stimmen errang. Zudem hatte die Partei die Führung der meisten Gewerkschaftsverbände auf der Kreisebene inne und besetzte auch auf kommunaler Ebene zahlreiche einflussreiche Positionen.[58] Den unmittelbaren Anlass zum Losschlagen bot die Entsendung mehrerer Hundertschaften der Schutzpolizei in das mitteldeutsche Industriegebiet, das seit dem Kapp-Putsch nicht mehr zur Ruhe gekommen war. Das Eintreffen der ersten Hundertschaften am 19. März in Eisleben beantworteten die Kommunisten umgehend mit einem Streikaufruf. Die Situation geriet außer Kontrolle, als lokale Bandenführer wie Max Hoelz und Karl Plättner, die beide der KAPD angehörten, im Mansfeldischen eintrafen, die Bewaffnung der Arbeiter organisierten und die Region mit Gewalt überzogen. Am 24. März wurde der Ausnahmezustand über die preußische Provinz Sachsen und Groß-Hamburg, wo es ebenfalls zu bewaffneten Zusammenstößen gekommen war, verhängt. Insgesamt kamen bei den bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den Kommunisten und der Polizei, die erst am 1. April beendet werden konnten, 180 Menschen ums Leben. Der Einfluss der Komintern-Führung wie auch ihrer Emissäre auf die Entwicklung vor Ort blieb gering, da militärische Führer und lokale Kader der KAPD bei dem Aufstand eine zentrale Rolle spielten. Die März-Aktion stellte für die VKPD eine schwere Niederlage dar. Zahlreiche Mitglieder verließen die Partei, die Ende 1921 nur noch 150 000 Mitglieder aufwies. In einem offenen Brief an die Zentrale der KPD bezog Däumig in der von Paul Levi herausgegebenen Zeitschrift Sowjet am 28. März 1921 Stellung gegen den mitteldeutschen Aufstand. »Ich halte diese Aktion für ein Unternehmen, das nicht allein die Partei, sondern auch die gesamte revolutionäre Bewegung Deutschlands gewaltig gefährden wird. Damit halte ich auch die Unterstützung Sowjetrußlands durch das deutsche Proletariat für schwer geschädigt. Nach zweieinhalbjährigen Erfahrungen war für uns als Erfahrungsgrundsatz anerkannt, daß für Deutschland die Putschtaktik nicht in Betracht kommen kann. Voraussetzung für die revolutionäre Entwicklung in Deutschland war nach übereinstimmender Auffassung, daß die große Proletariermasse, auch die hinter der S.P.D. und U.S.P.D. stehenden Massen, in Bewegung und Gärung gebracht werden müßten, daß dann unsere Partei die moralische und politische Führung in die Hand zu nehmen habe. Diese nach meiner Überzeugung unerläßliche Voraussetzung mußte erst geschaffen werden durch eine konzentrierte und intensive Organisations- und Schulungsarbeit an unseren Fraktionen in allen Betrieben, Gewerkschaften usw.« Die Partei sei nun »isoliert in eine hysterische Aktion getrieben worden, die in herostratischer Weise das Schicksal des Kommunismus in Deutschland auf das Spiel setzt. Bei allem Bekenntnis zum Prinzip des Zentralismus und zur Parteidisziplin kann ich diese Politik des Wahnsinns nicht aktiv mitmachen.« Aus Parteidisziplin habe er sich bislang nicht öffentlich zu diesem Unternehmen geäußert und werde von dieser Haltung auch nicht abrücken. Dennoch halte er die Aktion für »politischen Irrsinn«. Die Ansichten, die am 24. März im Berliner Aktionsausschuss vertreten worden seien, würden den in der Partei geltenden Grundsätzen offen ins Gesicht schlagen. Er habe sich auf der Sitzung des Wortes enthalten, um die Bezirksführer durch seine Kritik nicht weiter zu verunsichern. Er habe deshalb vorzeitig die Sitzung verlassen und sich entschlossen, eine passive Haltung einzunehmen. Dennoch halte er die von der Zentrale beschlossene Aktion »politisch und organisatorisch für verfehlt. Ihre Wirkung wird sein, daß die Partei ihren politischen Kredit für lange Zeit in der Arbeiterschaft verliert, daß in den Gewerkschaften die Position der Bureaukratie gegen die Kommunisten gestärkt wird.« Auch könne er die Auffassung, dass der Kampfeswille des Proletariats durch Niederlagen gestärkt werde, nicht teilen. »Diese Aktion kann ich aktiv nicht mitmachen, wenn ich nicht vor mir selbst als Lump erscheinen will.«[59] Deutlicher wurde Paul Levi, der nun jegliche Zurückhaltung ablegte und offen gegen die Parteiführung auftrat. In seiner Anfang April erschienenen Broschüre Unser Weg. Wider den Putschismus übte er scharfe Kritik an der putschistischen Taktik der Kommunistischen Partei und bezeichnete den Märzaufstand als den »grösste[n] Bakunisten-Putsch der bisherigen Geschichte«.[60] Am 15. April wurde er von der Zentrale »wegen groben Vertrauensbruchs und schwerer Parteischädigung aus der Partei ausgeschlossen«.[61] Umgehend erklärte sich Däumig zusammen mit weiteren prominenten Mitgliedern wie Clara Zetkin, Curt Geyer oder Adolph Hoffmann mit Levi solidarisch. Der Anfang Mai tagende Zentralausschuss der Partei sprach ihnen deshalb seine Missbilligung aus. Däumig blieb jedoch Mitglied der Partei.[62] Den Schlusspunkt markierte der kommunistische Parteitag, der vom 22. bis 28. August in Jena stattfand und den Parteiausschluss Levis bekräftigte. In einer Resolution bekannte sich der Parteitag der VKPD, die sich nun wieder KPD nannte, zur »Überwindung gleichermaßen aller Reste opportunistischer, zu Passivität neigender Tendenzen«.[63] Zudem wurden Curt Geyer und zwei weitere Mitglieder aus der Partei ausgeschlossen, da sie Beiträge in Levis Zeitschrift Unser Weg veröffentlicht hatten.[64] Die Reaktion der innerparteilichen Opposition ließ nicht lange auf sich warten. Am 26. September erklärten Däumig und Adolph Hoffmann ihren Austritt aus der Fraktion und der Partei. Da innerhalb der Partei die »halbanarchistische und ganzanarchistische Tendenz gesiegt« habe, so Däumig, sei für ihn die Lage in der KPD untragbar geworden.[65] Zusammen mit den bereits aus der Partei ausgeschlossenen Reichstagsabgeordneten um Paul Levi gründete er die Kommunistische Arbeitsgemeinschaft, die vergleichbar der Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft von 1916 eine fraktionelle Abspaltung im Reichstag darstellte, deren Mitglieder jedoch keine Parteineugründung beabsichtigten. Immerhin gehörten der KAG im Reichstag zeitweise 15 Abgeordnete an, sodass sie Fraktionsstatus erlangte, den wiederum die KPD, der nur noch elf Abgeordnete zugerechnet werden konnten, verlor.[66] Auch wenn sich die »Leviten«, wie die Abtrünnigen genannt wurden, nicht als Partei konstituieren wollten, schuf sich die KAG eine publizistische Basis. Neben der von Levi herausgegebenen Zeitschrift Sowjet, die bald in Unser Weg umbenannt werden sollte,[67] trat das seit dem 1. Oktober von Däumig und Adolph Hoffmann herausgegebene Mitteilungsblatt der Kommunistischen Arbeitsgemeinschaft. Die KAG wollte ein Sammelbecken für Gleichgesinnte bilden und für eine Reorganisation der kommunistischen Bewegung kämpfen.[68] Die »Sekten-Tendenzen in der heutigen Kommunistischen Partei zwingen uns zu der Frontstellung, die wir zu der Partei einnehmen. Wir wollen daher keine organisatorischen Experimente machen, sondern die Kräfte zusammenfassen, die entweder aus der Kommunistischen Partei herausgedrängt worden sind oder sich aus Enttäuschung über die Vorgänge der letzten Monate auf unsere Seite gestellt haben.«[69] Da sich die Hoffnungen auf eine Regeneration und einen Politikwechsel der Kommunistischen Partei nicht erfüllten, nahm die KAG Verhandlungen mit der Unabhängigen Sozialdemokratie auf, die schließlich Ende Februar 1922 zur Aufnahme der früheren Kommunisten in die USPD führte. Die Trennung von der kommunistischen Bewegung, der von manchen erwünschte »Kaiserschnitt«, war vollzogen.[70] Mit den Unabhängigen glaubte Däumig, seinem Ziel der »Schaffung einer großen, auf revolutionärem Boden stehenden Massenpartei des Proletariats« ein Stück weit näher zu kommen.[71] Ein langes Leben sollte Däumig nicht mehr beschieden sein. Während einer Sitzung des Reichstages erlitt er am 13. Juni einen Schlaganfall, an dessen Folgen er am 7. Juli verstarb.[72]   Fazit Ernst Däumig war einer der namhaftesten Repräsentanten des antiparlamentarischen Denkens innerhalb der deutschen Arbeiterbewegung. Obwohl die Forderung nach Errichtung des Rätesystems Däumig mit der zur Jahreswende 1918/19 gegründeten KPD verband, schloss er sich erst relativ spät der Partei an. Der Grund lag in der noch 1919 von der KPD vertretenen Putschtaktik, die er entschieden ablehnte. Erst als die KPD unter der Führung Levis sich von den Linksoppositionellen trennte und ihre Grundsätze revidierte, gewann die Partei für Däumig an Attraktivität. Hinzu kam, dass nach dem Scheitern der Revolution in Deutschland 1918/1919 und dem Erstarken der politischen Rechten Sowjetrussland zum Vorbild und Fluchtpunkt der Orientierung für deutsche Linksradikale avancierte. Doch die Hoffnungen, die Däumig mit dem Anschluss an die Komintern und die Kommunistische Partei verband, erfüllten sich nicht. Nicht zuletzt die Interventionen der Emissäre des EKKI der Komintern, der Wunsch nach Ablösung der Einheitsfronttaktik durch die sogenannte Offensivstrategie und damit nach einer bewaffneten Aktion in Deutschland, leiteten einen Entfremdungsprozess ein, der schließlich in den Parteiaustritt Däumigs und weiterer prominenter Mitglieder münden sollte. Mit der Kommunistischen Arbeitsgemeinschaft hoffte er, ein Sammelbecken für Gleichgesinnte schaffen zu können, lehnte gleichwohl eine Parteineugründung ab, da ein späterer Wiederanschluss an eine gegenüber der Komintern selbstständiger auftretende und putschistischen Aktionen abschwörende KPD nicht ausgeschlossen wurde. Doch diese Erwartungen erfüllten sich nicht, sodass die Rückkehr zur USPD von einer gewissen Folgerichtigkeit war. Der politische Lebensweg Däumigs ist letztlich exemplarisch für einen Großteil der radikalen Linken, die nach dem Scheitern der Revolution und der sich im Kapp-Putsch zeigenden Gefahr von rechts ihre Zukunft in der KPD und der Komintern zu sehen glaubten und ihre Hoffnungen in die Schaffung einer revolutionären Massenpartei setzten. Diese Erwartungen brachen sich letztlich an den Realitäten, nicht zuletzt an den von den deutschen Verhältnissen oftmals abstrahierenden Interventionen der Komintern und der sich immer deutlicher abzeichnenden Stalinisierung der KPD.[73] [1] Emil Unger: Politische Köpfe des sozialistischen Deutschlands. Skizzen, Leipzig 1920, S. 122. Zu Däumig siehe ebd., S. 121–124; Georg Kotowski: Däumig, Ernst Friedrich, in: Neue Deutsche Biographie (im Folgenden: NDB), Bd. 3, Berlin 1957, S. 472 f.; Hermann Weber/Andreas Herbst (Hg.): Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918–1945, 2. erw. Auflage, Berlin 2008, S. 169 f.; Horst Naumann: Ernst Däumig – ein freireligiöser Revolutionär, in: »Kein Jenseits ist kein Aufersteh’n«: Freireligiöse in der Berliner Kulturgeschichte. Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung im Prenzlauer-Berg-Museum Berlin, Berlin, 1998, S. 190–199. [2] Siehe Ernst Däumig: Moderne Landsknechte. Erzählungen aus dem Kolonial-Soldatenleben, Halle 1904. [3] Ders.: Der Balkankrieg, Berlin 1913 (10 S.); Kriegführung. Heer, Flotte. Militärische Fachausdrücke gemeinverständlich erläutert von Ernst Däumig, Berlin 1914. [4] Siehe Unger: Politische Köpfe (Anm. 1), S. 122. [5] Siehe Carl-Wilhelm Reibel (Bearb.): Handbuch der Reichstagswahlen 1890–1918. Bündnisse, Ergebnisse, Kandidaten, 2 Bde., Düsseldorf 2007; Unger: Politische Köpfe (Anm. 1), S. 122 f. [6] Siehe Ossip K. Flechtheim: Die KPD in der Weimarer Republik, Hamburg 1986, S. 81. [7] Siehe zu Däumig Weber/Herbst: Deutsche Kommunisten (Anm. 1), S. 169. [8] Siehe Ralf Hoffrogge: Richard Müller. Der Mann hinter der Novemberrevolution, Berlin 2008, S. 59 f.; Richard Müller: Eine Geschichte der Novemberrevolution. Nachdruck der 1924 und 1925 erschienenen drei Bände, 9. Aufl. Berlin 2016, S. 136. [9] Ebd., S. 145. [10] Siehe Heinrich August Winkler: Von der Revolution zur Stabilisierung. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1918 bis 1924, Berlin/Bonn 1984, S. 42. [11] Siehe Groß-Berliner Arbeiter- und Soldatenräte in der Revolution 1918/1919. Dokumente der Vollversammlungen und des Vollzugsrates. Vom Ausbruch der Revolution bis zum 1. Reichsrätekongreß, Berlin 1993, 3 Bde., hrsg. von Gerhard Engel, Bärbel Holtz, Ingo Materna, Berlin 1993–2002. Siehe auch Müller: Geschichte der Novemberrevolution (Anm. 8), bes. Bd. 2. [12] Siehe dazu Sabine Roß: Biographisches Handbuch der Reichsrätekongresse 1918/19, Düsseldorf 2000; dies.: Revolution ohne Revolutionäre? Kollektive Biographie der Delegierten der deutschen Reichsrätekongresse 1918/1919, in: Historical Social Research 23 (1998), H. 3, S. 38–57. [13] Allgemeiner Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands. Vom 16. bis 21. Dezember 1918 im Abgeordnetenhause zu Berlin. Stenographische Berichte, ND der Ausgabe von 1918, 2. Aufl. Berlin 1975, Sp. 226–236. [14] Ebd., Sp. 281. [15] Ebd., Sp. 300. [16] Ebd., Sp. 282. [17] Ebd., Sp. 231. [18] Däumigs Artikel »Deutsche Rätekongresse«, in: Der Arbeiter-Rat, Nr. 38/39 von 1920, S. 1–4, hier S. 2. [19] Wilhelm Liebknecht: Ueber die politische Stellung der Sozialdemokratie insbesondere mit Bezug auf den Reichstag. Ein Vortrag gehalten in der öffentlichen Versammlung des demokratischen Arbeitervereins zu Berlin am 31. Mai 1869, neue unver. Auflage, Berlin 1893, S. 7. [20] Siehe Volker Stalmann: Das Verhältnis der Sozialdemokratie zum parlamentarischen System 1871–1890, in: Detlef Lehnert (Hg.): SPD und Parlamentarismus. Entwicklungslinien und Problemfelder 1871–1990, Köln/Weimar/Wien 2016, S. 37–69; Elfi Pracht: Parlamentarismus und deutsche Sozialdemokratie 1867–1914, Pfaffenweiler 1990; Wolfgang Durner: Antiparlamentarismus in Deutschland, Würzburg 1997, S. 71–91, 121–123; Hartmut Wasser: Parlamentarismuskritik vom Kaiserreich zur Bundesrepublik. Analyse und Dokumentation, Stuttgart/Bad Canstatt 1974, S. 24–28, 73 f. [21] Siehe Volker Arnold: Rätebewegung und Rätetheorien in der Novemberrevolution. Räte als Organisationsformen des Kampfes und der Selbstbestimmung, 2., überarb. Neuauflage, Hamburg 1985, S. 184–211; Axel Weipert: Die Zweite Revolution. Rätebewegung in Berlin 1919/1920, Berlin 2015, S. 343–422. [22] Arnold: Rätebewegung (Anm. 21), S. 184. [23] Ebd., S. 184–211. [24] Däumig am 3. März 1919, in: Protokoll über die Verhandlungen des außerordentlichen Parteitages der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands vom 2. bis 6. März 1919 in Berlin (im Folgenden: Parteitagsprotokoll der USPD vom März 1919), Berlin 1919, S. 95–112. [25] Siehe Gerhard A. Ritter: »Direkte Demokratie« und Rätewesen in Geschichte und Theorie, in: ders. (Hg.): Arbeiterbewegung, Parteien und Parlamentarismus. Aufsätze zur deutschen Sozial- und Verfassungsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Göttingen 1976, S. 292–316, bes. S. 312–316; Arnold: Rätebewegung (Anm. 21), S. 184–211. [26] Siehe Hartfrid Krause: USPD. Zur Geschichte der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Frankfurt a. M. 1975, S. 353. [27] Zur KPD siehe Flechtheim: KPD (Anm. 6), S. 102–104; Klaus Kinner: Der deutsche Kommunismus. Selbstverständnis und Realität, Bd. 1: Die Weimarer Zeit, 2. Aufl. Berlin 2012, S. 23–26. [28] Siehe Krause: USPD (Anm. 26), S. 353. [29] Däumig am 6. März 1919, in: Parteitagsprotokoll der USPD vom März 1919 (Anm. 24), S. 263, die Rede insgesamt S. 263 f. [30] Däumig am 3. März 1919, in: Parteitagsprotokoll der USPD vom März 1919 (Anm. 24), S. 106, die Rede insgesamt S. 95–112. [31] Däumig am 6. März 1919, in: Parteitagsprotokoll der USPD vom März 1919 (Anm. 24), S. 263, die Rede insgesamt S. 263 f. [32] Müller: Geschichte der Novemberrevolution (Anm. 8), S. 546. [33] Siehe Ottokar Luban: Die ratlose Rosa. Die KPD-Führung im Berliner Januaraufstand 1919. Legende und Wirklichkeit, Hamburg 2001; Klaus Gietinger: Eine Leiche im Landwehrkanal. Die Ermordung Rosa Luxemburgs, Hamburg 2009; Winkler: Von der Revolution (Anm. 10), S. 120–133. [34] Siehe Parteitagsprotokoll der USPD vom März 1919 (Anm. 24), S. 254, 265. [35] Siehe Protokoll über die Verhandlungen des außerordentlichen Parteitages der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands in Leipzig vom 30. November bis 6. Dezember 1919, Berlin 1920, S. 530. Siehe auch Flechtheim: KPD (Anm. 6), S. 123; Krause: USPD (Anm. 26), S. 148–156. [36] Siehe Flechtheim: KPD (Anm. 6), S. 119; Winkler: Von der Revolution (Anm. 10), S. 314; Florian Wilde: Ernst Meyer (1887–1930) – vergessene Führungsfigur des deutschen Kommunismus. Eine politische Biographie, phil. Diss. Hamburg 2013, S. 178–184. [37] Siehe die Rede Däumigs am 30. Oktober 1920, in: Stenographische Berichte des Reichstags (im Folgenden: SBR) 1920/24, Bd. 345, S. 918–926; die Rede am 28.1.1921, in: SBR 1920/24, Bd. 347, 59. Sitzung, S. 2238–2243; die Rede am 18. März 1921, in: SBR 1920/24, Bd. 348, 88. Sitzung, S. 3207–3210. [38] Ebd. [39] Siehe Flechtheim: KPD (Anm. 6), S. 115–117; Kinner: Kommunismus (Anm. 27), S. 33–35; Winkler: Von der Revolution (Anm. 10), S. 259–266. Siehe auch Wilde: Meyer (Anm. 36), S. 172–178. [40] Siehe Hermann Weber: Zum Verhältnis von Komintern, Sowjetstaat und KPD, in: Hermann Weber/Jakov Drabkin/Bernhard H. Bayerlein/Aleksandr Galkin (Hg.): Deutschland, Russland, Komintern. I. Überblicke, Analysen, Diskussionen. Neue Perspektiven auf die Geschichte der KPD und die Deutsch-Russischen Beziehungen (1918–1943), Berlin/Boston 2014, S. 9–125, bes. S. 17 f. [41] Rede Däumigs am 13. Oktober 1920, in: Protokoll über die Verhandlungen des außerordentlichen Parteitages in Halle. Vom 12. bis 17. Oktober 1920 (im Folgenden: Parteitagsprotokoll der USPD vom Oktober 1920), Berlin o. J., S. 98, 104, die Rede insgesamt S. 98–113. Zum Parteitag siehe auch Bundesarchiv Berlin (im Folgenden: BArch) RY/19/11. [42] Siehe Alexander Vatlin: Die Komintern. Gründung, Programmatik, Akteure, Berlin 2009, zur Gründung S. 11–42. [43] Siehe Weber: Zum Verhältnis von Komintern (Anm. 40), S. 9–125, hier S. 30–36. Siehe auch Krause: USPD (Anm. 26), S. 186–196; Flechtheim: KPD (Anm. 6), S. 123 f.; Winkler: Von der Revolution (Anm. 10), S. 470–472; Robert F. Wheeler: USPD und Internationale. Sozialistischer Internationalismus in der Zeit der Revolution, Frankfurt u. a. 1975, S. 213–231. [44] Rede Däumigs am 13. Oktober 1920, in: Parteitagsprotokoll der USPD vom Oktober 1920 (Anm. 41), S. 98–113, hier S. 108. [45] Ebd., S. 112 f. [46] Die Resolution, ebd., S. 71, die Abstimmung S. 257–261. Siehe auch das Vorwort Däumigs, in: Curt Geyer: Für die dritte Internationale! Die U.S.P.D. am Scheidewege, Berlin 1920, S. 5–8. [47] Parteitagsprotokoll der USPD vom Oktober 1920 (Anm. 41), S. 265, insgesamt S. 261–280. [48] Rede am 30. Oktober 1920, in: SBR 1920/24, Bd. 345, S. 918–926, hier S. 920. [49] Siehe Flechtheim: KPD (Anm. 6), S. 125; Krause: USPD (Anm. 26), S. 207–215; ferner Wilde: Meyer (Anm. 36), S. 203–209. [50] Rede Däumigs am 4. Dezember 1920, in: Bericht über die Verhandlungen des Vereinigungsparteitages der U.S.P.D. (Linke) und der K.P.D. (Spartakusbund). Abgehalten in Berlin vom 4. bis 7. Dezember 1920, Berlin 1921, S. 39–51, Zitate S. 51. [51] Abgedruckt in: Der deutsche Kommunismus. Dokumente 1915–1945. Herausgegeben und kommentiert von Hermann Weber, 3. Aufl. Köln 1973, S. 168–170. Siehe auch Winkler: Von der Revolution (Anm. 10), S. 507–510. [52] Siehe Stefan Weber: Ein kommunistischer Putsch? Märzaktion 1921 in Mitteldeutschland, Berlin 1991, S. 67 f. [53] Siehe Kinner: Der deutsche Kommunismus (Anm. 27), S. 34 f. [54] Siehe Weber: Ein kommunistischer Putsch? (Anm. 52), S. 68 f.; Winkler: Von der Revolution (Anm. 10), S. 478. [55] Bericht über die Verhandlungen des 2. Parteitages der Kommunistischen Partei Deutschlands (Sektion der Kommunistischen Internationale). Abgehalten in Jena vom 22. bis 26. August 1921. Herausgegeben von der Zentrale der Kommunistischen Partei Deutschlands, Berlin 1922, S. 61. Siehe auch Weber: Zum Verhältnis von Komintern (Anm. 40), S. 40. [56] Siehe Sigrid Koch-Baumgarten: Aufstand der Avantgarde. Die Märzaktion der KPD 1921, Frankfurt/New York 1986; Werner T. Angress: Die Kampfzeit der KPD 1921–1923, Düsseldorf 1973, S. 140–256; Weber: Ein kommunistischer Putsch? (Anm. 52); Dirk Schumann: Politische Gewalt in der Weimarer Republik 1918–1933. Kampf um die Straße und Furcht vor dem Bürgerkrieg, Essen 2001, S. 109–142; Norbert Marohn: Hoelz. Biografie einer Zukunft, Leipzig 2014; Volker Ullrich: Der ruhelose Rebell. Karl Plättner 1893–1945. Eine Biographie, München 2000, hier S. 86–100; Wilde: Meyer (Anm. 36), S. 221–232; Hans-Ulrich Ludewig: Arbeiterbewegung und Aufstand. Eine Untersuchung zum Verhalten der Arbeiterparteien in den Aufstandsbewegungen der frühen Weimarer Republik 1920–1923, Husum 1978; Winkler: Von der Revolution (Anm. 10), S. 515–518. [57] Siehe Weber/Drabkin/Bayerlein/Galkin: Deutschland, Russland, Komintern (Anm. 40), Dok. 34–43; Weber: Zum Verhältnis von Komintern (Anm. 40), S. 40–44. Siehe auch Paul Levi: Unser Weg. Wider den Putschismus, Berlin 1921, S. 28, 42. [58] Siehe Schumann: Politische Gewalt (Anm. 56), S. 110–112; Weber: Ein kommunistischer Putsch? (Anm. 52), S. 23–34. [59] Ernst Däumig: Ein Brief an die Zentrale der V.K.P.D., in: Sowjet. Kommunistische Zeitschrift, 1. Mai 1921, S. 9 f. [60] Levi: Unser Weg (Anm. 57), S. 31. [61] Beschluss der Zentrale der VKPD vom 15. April 1921, in: Weber: Ein kommunistischer Putsch? (Anm. 52), Dok. 21, S. 300–302, hier S. 300. Siehe auch Weber/Drabkin/Bayerlein/Galkin: Deutschland, Russland, Komintern (Anm. 40), Dok. 47b. Zu Levi siehe Charlotte Beradt: Paul Levi. Ein demokratischer Sozialist in der Weimarer Republik, Frankfurt a. M. 1969, S. 52–61; Thilo Scholle: Paul Levi. Linkssozialist, Rechtsanwalt, Reichstagsmitglied, Berlin 2017, S. 42–46. [62] Zur Sitzung des Zentralausschusses der VKPD vom 3. bis 5. Mai 1921 siehe Bericht über die Verhandlungen des 2. Parteitages der Kommunistische Partei Deutschlands (Sektion der Kommunistischen Internationale). Abgehalten in Jena vom 22. bis 26. August 1921 (im Folgenden: Parteitagsprotokoll der KPD vom August 1921), Berlin 1922, S. 63 f. Siehe auch Winkler: Von der Revolution (Anm. 10), S. 519. [63] Zur Resolution des 7. Parteitages der KPD zu den Beschlüssen des III. Weltkongresses der Komintern, in: Weber: Ein kommunistischer Putsch? (Anm. 52), Dok. 27, S. 322–326, hier S. 324, zum Parteitag S. 238–240. [64] Siehe Parteitagsprotokoll der KPD vom August 1921 (Anm. 62), S. 200, 439; Winkler: Von der Revolution (Anm. 10), S. 524. [65] Siehe Die Rote Fahne, Nr. 442, 28.9.1921, S. 4: »Der Austritt Adolph Hoffmanns und Däumigs«. [66] Siehe Bernd Dieter Fritz: Die Kommunistische Arbeitsgemeinschaft (KAG) im Vergleich mit der KPO und SAP. Eine Studie zur politischen Ideologie des deutschen »Rechts«-Kommunismus in der Zeit der Weimarer Republik, phil. Diss. Bonn 1966; Koch-Baumgarten: Aufstand (Anm. 56), S. 409–423. Siehe auch BArch NY 4126, Nr. 22: Dokumente und Materialien zur parteipolitischen Tätigkeit von Paul Levi in der kommunistischen Opposition (KAG), 1921/22. [67] Siehe Beradt: Levi (Anm. 61), S. 62–70; Scholle: Levi (Anm. 61), S. 46–50. [68] Mitteilungsblatt der Kommunistischen Arbeitsgemeinschaft (im Folgenden: MKAG), Nr. 3, 29.10.1921, S. 2 f.: »Versammlung der Kommunistischen Arbeitsgemeinschaft in Berlin«. [69] MKAG, Nr. 6, 5.11.1921, S. 1: »Was will die kommunistische Arbeitsgemeinschaft?«. [70] So August Biehl an Ernst Däumig, Stockum bei Bochum, 10.2.1922, BArch NY 4126, Nr. 21, Bl. 131. [71] MKAG, Nr. 22, 25.2.1921, S. 1: »KAG. und USP.« Ferner MKAG, Nr. 21, 18.2.1921, S. 1: »KAG. und USPD«. [72] Siehe Vossische Zeitung, Abendausgabe vom 12.7.1922, S. 6: »Ernst Däumig †«. [73] Siehe dazu Hermann Weber: Die Stalinisierung der KPD – Alte und neue Einschätzungen, in: Hermann Weber u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2007, Berlin 2007, S. 221–244, online unter: https://kommunismusgeschichte.de/fileadmin/user_upload/14_JHK_2007_Weber-_221-244_-_2.pdf (ges. am 4.12.2017).

JHK 2018

Leo Koflers Ideologiekritik des Stalinismus und ihre Ursprünge in der frühen DDR

Christoph Jünke

Die mit dem Ende des einstmals real existierenden Sozialismus einsetzende sogenannte Archivrevolution der 1990er-Jahre hat zu einer umfangreichen Sammlung, Prüfung und Ordnung neuer Quellen und Tatsachen in der internationalen Kommunismusforschung geführt. Der Versuch jedoch, Ordnung auch in das Wesen der Erscheinungen zu bekommen und den historischen Stalinismus in seiner Einheit und Dynamik zu erfassen, ist damit nur unwesentlich vorangekommen. Die anhaltend kontroversen Debatten, ob der Stalinismus nun vor allem ein Ausfluss politischer Macht und Gewalt, ein Akt nachholender Modernisierung, das Produkt einer ambivalenten Moderne, einer asiatischen Despotie oder das zwangsläufige Ergebnis sozialistischer Utopie gewesen ist, sprechen hier eine deutliche Sprache. Auffallend ist jedoch, vor allem in der deutschen Wissenschaftsgemeinschaft, dass die Erfahrungen und Analysen jener kritischen Sozialisten und Kommunisten kaum berücksichtigt werden, die die Diskussionen früherer Jahrzehnte so nachhaltig geprägt haben. Die Arbeiten dieser linken Kritiker eines bürokratischen Sozialismus stellen aber ein Erbe dar, an dem auch eine sich wertneutral gebende akademische Wissenschaft nicht vorbeigehen sollte, will sie der Geschichte und ihren Opfern Gerechtigkeit widerfahren und sich selbst nicht den Vorwurf der politischen oder berufsständischen Voreingenommenheit gefallen lassen. Daran ändert auch der Befund nicht viel, dass dieses verdrängte Erbe ein in der Regel disparates und an vielerlei Orten verschüttetes Erbe darstellt, das sich nur schwerlich auf einen gemeinsamen Nenner bringen lässt: »Die Untergrund-Schriften verfolgter Dissidenten stehen neben gelehrten Abhandlungen westlicher Schreibtisch-Analytiker, die philosophische Reflexion neben dem programmatischen Entwurf, die abstrakte Begriffsanalyse neben der leidenschaftlichen Kritik der einst Mächtigen, die heute im Exil leben.«[1] Die Geschichte des Antistalinismus als Theorie und Praxis ist noch nicht geschrieben.[2] Doch schon der Blick auf einzelne Vertreter dieses zumeist »vergessenen« Antistalinismus erlaubt produktive Einblicke in die Diskussion der Mechanismen, Protagonisten und Widersacher der Stalinisierung kommunistischer Parteien. Im Folgenden möchte ich deswegen an den Gesellschaftstheoretiker und Sozialphilosophen Leo Kofler (1907–1995) erinnern, den aus Österreich stammenden deutsch-deutschen Grenzgänger, dessen in den Jahren 1951 und 1952 veröffentlichte Analysen den im deutschen Sprachraum nach dem Zweiten Weltkrieg ersten systematischen Versuch einer explizit marxistischen Kritik stalinistischer Theorie und Praxis markieren. Ich rekapituliere zuerst den zentralen Ansatz seiner stalinismuskritischen Schriften, um diese dann in den biografischen und zeitgeschichtlichen Kontext zu stellen.[3] Es waren vor allem seine Erfahrungen in der frühen Deutschen Demokratischen Republik und deren theoretische Verarbeitung, die Koflers Stalinismuskritik ihren originellen Stempel aufdrücken. Denn auch wenn sich diese Kritik vorwiegend mit dem sowjetrussischen Stalinismus auseinandersetzt, reflektiert sie doch erstmals auch die persönliche Erfahrung mit einem nichtrussischen Sozialismusmodell innerhalb des in der zweiten Hälfte der 1940er-Jahre sich herausbildenden und stalinisierenden »Ostblock«-Systems und die nun historisch gesicherte Erkenntnis, dass das Problem Stalins und des Stalinismus kein automatisch vorübergehendes und auch kein rein russisches Phänomen gewesen ist. [[Foto im gedruckten Exemplar: Leo Kofler Ende der 1940er-Jahre]]   Zur Ideologiekritik des Stalinismus Bis Ende der 1940er-Jahre waren die  meisten stalinismuskritischen Schriften oppositioneller Aktivisten und politisch unabhängiger Intellektueller davon geprägt, die Gründe für die Machtergreifung Stalins und seines »stalinistischen« Systems zu diskutieren und sich über den sozialgeschichtlichen Gehalt desselben klar zu werden. Nur langsam brach sich dabei die Erkenntnis Bahn, dass es sich um eine historisch neuartige Gesellschaftsform handeln müsse und dass hierbei jenes sozialgeschichtlich neuartige Phänomen einer »sozialistischen Bürokratie« im Mittelpunkt der Analysen zu stehen habe. Auch Leo Kofler teilte diesen Fokus. Doch der eigentliche Ausgangspunkt und die Originalität seiner Analyse stalinistischer Bürokratie liegen vor allem darin begründet, dass und wie er sich von dieser Tradition partiell absetzt. Auch für ihn präsentiert sich die Sowjetunion der 1930er- und 1940er-Jahre als eine nachhaltig blockierte Übergangsgesellschaft zwischen Kapitalismus und Sozialismus, als eine Gesellschaft, die vorsozialistisch-bürgerliche und zum Teil vorbürgerliche Produktions- und Verteilungsmethoden mit gemeinwirtschaftlich-sozialistischen Formen mischt. Diese Mischung aus zaristischem Erbe und postrevolutionärer Planwirtschaft habe zur Herausbildung einer eigenartigen, sozialistischen Bürokratie geführt, die die Tradition einer bürgerlichen Verwaltungsbürokratie mit einer historisch neuartigen Arbeiterbürokratie vermenge und im terroristischen Stalinismus historisch entartet sei. Diese »Entartung«, das macht Kofler immer wieder deutlich, sei keine historisch zwangsläufige gewesen, und doch spiegele sie Probleme einer jeden Übergangsgesellschaft vom Kapitalismus zum Sozialismus. Auf seiner Suche nach »dem letzten Wesen der Erscheinungen«, auf der Suche nach dem von einem bloß anschauenden Auge nicht zu durchschauenden »dynamischen Ganzen«, das den inneren Charakter des Phänomens der sozialistischen Bürokratie offenbare,[4] betont er in seiner 1952 erschienenen Schrift über Das Wesen und die Rolle der stalinistischen Bürokratie, dass der »landläufige Versuch, das Wesen der stalinistischen Bürokratie ausschließlich oder vornehmlich aus deren Hang nach Erwerb und Verteidigung der Privilegien zu erklären,«[5] in Wahrheit nichts erkläre, denn offen blieben damit nicht nur die gesellschaftspolitischen Bedingungen dieser Machtergreifung, sondern mehr noch die Frage, warum es dieser sozialistischen Bürokratie gelinge, diese Macht über Jahrzehnte erfolgreich festzuhalten. Wie andere antistalinistische Marxisten betont auch Kofler, dass es neben der sozialökonomischen Rückständigkeit Sowjetrusslands und dem daraus erwachsenden Widerspruch zwischen neuer Produktionsweise und alter Verteilungsweise vor allem die im Allgemeinen fehlende demokratische Tradition Russlands sowie die im sowjetrussischen Bürgerkrieg von 1918 bis 1921 zerstörten radikaldemokratischen Ansätze gewesen seien, die den Aufstieg einer sich gesellschaftlich festsetzenden sozialistischen Bürokratie bedingten. Über diese klassische Analyse hinaus betont er allerdings, dass die neue Herrschaft getragen und gerechtfertigt werde »durch ein ideologisches Bewusstsein von großer Kraft und Wirkung, so dass diese Bürokratie sich im Rechte fühlen und die Einbildung haben kann, ein unentbehrliches Werkzeug des Fortschritts und der Freiheit zu sein«.[6] Erst wenn man dieses ideologische Bewusstsein »als Ausdruck der für die stalinistische Bürokratie typischen Beschränktheit in die Erklärung des Phänomens dieser Bürokratie als wesentlichen Faktor mit einbezieht«, sei der Weg frei zum richtigen Verständnis ihrer Eigenart. Erst dann werde der merkwürdige Widerspruch verständlich, der aus dem Charakterbild der russischen Bürokratie nicht wegzudenken sei und darin bestehe, »dass diese Bürokratie einerseits zwar über zahlreiche Privilegien verfügt, andererseits aber gerade in ihren führenden und maßgeblichen Schichten sich aus hingebungsvollen und opfermütigen Idealisten zusammensetzt, die subjektiv keineswegs den Eindruck bloßer Privilegienreiter machen. Dies übersehen zu haben, ist der Hauptmangel fast der gesamten bisherigen Versuche, die stalinistische Bürokratie dem westlichen Bewusstsein in ihrer Wesenheit verständlich zu machen.«[7] Was Kofler hier bietet, ist der damals neuartige Versuch einer Ideologiekritik der stalinistisch-sozialistischen Bürokratie, die dieselbe nicht allein als parasitären oder zynischen Usurpator gesellschaftspolitischer Macht versteht, sondern auch deren historisch eigenständigen Charakter betont und untersucht.[8] Wer zu ausschließlich in Kategorien einer bürokratischen Verschwörung denke, finde keine angemessene Erklärung der subjektiv ehrlichen Befindlichkeit so vieler Stalinisten, verkenne deren Denk- und Seinsweise und damit auch deren hegemoniale Macht.[9] Der bei vielen Stalinisten zu beobachtende Herrschaftszynismus – Zielscheibe der moralischen Kritik so vieler Gegner und Oppositioneller – ist für Kofler eher das Resultat als der Grund einer zutiefst widersprüchlichen Existenz. Bei der strukturell zu beobachtenden bürokratischen Beschränktheit handele es sich vielmehr um eine in der Regel objektive Selbsttäuschung, um das (im Sinne des marxistischen Ideologiebegriffs) falsche Bewusstsein einer sozialen Schicht oder Klasse. Dieses ideologische Bewusstsein bilde einen in sich widerspruchsvollen Komplex, in dem sich bürokratische Privilegien und Verbrechen mit einer spezifisch bürokratischen Pflichtethik mischen, in dem also Elemente der Entartung und Unmenschlichkeit ebenso anzutreffen sind wie Elemente, die fast ethisch zu nennen seien. Und es sei diese spezifische Ideologie, die zu einer wenn auch instabilen, so doch dauerhaften Hegemonie beitrage.[10] Diese hegemoniale Macht der stalinistischen Bürokratie werde aber nicht durch die Bürokratie als Ganze ausgeübt, sondern (der bürgerlichen Gesellschaftsformation vergleichbar) von einer besonderen Schicht von »Intellektuellen«, die Kofler die »Geistesbürokratie« nennt. Diese »Geistesbürokratie« habe mit dem in der bürgerlichen Gesellschaft vorkommenden, in der Regel frei schwebenden und der objektiven Wahrheit verpflichteten Intellektuellen nur wenig zu tun und sei entsprechend »von besonderem Holze«.[11] Nicht jeder sei zum Geistesbürokraten geeignet, denn der Geistesbürokrat müsse »vor allem frei sein von der Sucht, wie der Geistesarbeiter sich ausschließlich der geistigen Arbeit zu widmen und der objektiven Wahrheit nachzujagen, denn sie verführt ihn allzu leicht dazu, aus seinem Wissen eine Waffe zu schmieden, die gefährlicher ist als jede andere Waffe, nämlich die Waffe der Kritik. Er muss also sich völlig fernhalten von dem, was man im Osten abfällig den ›Objektivismus‹ nennt. Das fällt einem echten Geistesarbeiter nicht so leicht. Weitaus mehr liegt es im Wesen des Politikers, seine Denkweise den ›praktischen Notwendigkeiten‹ anzupassen und damit dem Denken skrupellos jene Richtung zu geben, deren es bedarf, um einem vorgefassten politischen Ziel zu dienen. Es ist daher kein Zufall, dass der weitaus größte Teil der stalinistischen Geistesbürokraten dem politischen, wenngleich vielfach gleichzeitig mit erzieherischen und propagandistischen Aufgaben betrauten Tätigkeitsgebiet entstammt. Intellektuelle im eigentlichen Sinne sind in ihren Reihen höchst selten anzutreffen. Daraus ergibt sich der Zustand, dass die Geistesbürokraten nur sehr ausnahmsweise selbstständige wissenschaftliche Arbeit leisten, vielmehr sich darauf beschränken, das vorhandene bürokratisch-›marxistische‹ Gedankengut von allen ›idealistischen‹, d. h. nichtbürokratischen Elementen gewissenhaft zu säubern, es zu dogmatisieren, zu propagieren und seine allgemeine Durchsetzung zu erzwingen. Die Geistesbürokratie entwickelt sich auf diese Weise zu einer alles durchdringenden und wegen ihrer ausgezeichneten Kenntnis des Wortlauts der Lehre wie wegen ihrer gleichzeitigen Beschränktheit in der Auffassung dieser Lehre allgemein gefürchteten Gesellschaftsschicht.«[12] Solch dogmatisch beschränkte Geistesbürokratie fungiere nicht nur als »die Inquisition des Stalinismus«, sondern bilde vielmehr noch den »tragende(n) Pfeiler der Beherrschung des Volkes durch die stalinistische Bürokratie«.[13] Die stalinistische Theorie und Praxis sei deswegen auch kein Ausfluss marxistischer Theorie. Vielmehr sei der Marxismus-Leninismus als spezifisch stalinistische Theorieform der Ausfluss einer notwendig bornierten bürokratischen Praxis, d. h. der Ausfluss eines »engen und geistlosen Praktizismus« einer »in der Zwischenepoche des Übergangs von der kapitalistischen zur sozialistischen Gesellschaftsordnung« entstandenen und an diese schicksalshaft gebundenen bürokratischen Schicht.[14] Als Trägerin, Nutznießerin und Verteidigerin eines die Bedürfnisse und Rechte der arbeitenden Bevölkerung missachtenden Akkumulationsregimes sei die neue (politische) Bürokratie ebenso bürgerlich-formalistisch gesinnt, wie sie als Trägerin, Nutznießerin und Verteidigerin der neuen, planwirtschaftlichen Produktionsmethoden und aufgrund ihrer proletarischen Herkunft »sozialistisch« denke. Sozialismus und Marxismus gehen deswegen ebenso konstitutiv wie gebrochen in ihre Denk- und Seinsweise ein: Man bediene sich des Marxismus als einer Legitimationsideologie, könne dies aber nicht tun, ohne der marxistischen Theorietradition (wie der sozialistischen Idee) Gewalt anzutun. Die vom Stalinismus zum »Marxismus-Leninismus« dogmatisierte Legitimationsideologie reduziere den eigentlichen Marxismus auf einen sich an die alte Naturwissenschaft anlehnenden, ebenso mechanistischen wie ökonomistischen Materialismus,[15] »vergesse« den dem Marxʼschen Denken immanenten Humanismus, der darauf aus sei, den Menschen aus jeglicher Entfremdung und Verdinglichung zu befreien,[16] und eliminiere gerade das in der marxistischen Gesellschaftstheorie, was diese in ihrem innersten Kern antreibe und zu einem revolutionären Humanismus mache: die marxistische Subjekt-Objekt-Dialektik. Stalinistisches Denken ist für Kofler immer undialektisch, mechanistisch, antihumanistisch und antiemanzipativ – in ausführlichen Kapiteln verdeutlicht er dies nicht nur an der marxistischen Theorieproduktion als solcher, sondern auch an der realsozialistischen Geschichtswissenschaft und der marxistisch-leninistischen Kunsttheorie. Er legt damit sozusagen die theoretische Grammatik eines pseudosozialistischen stalinoiden Denkens offen und betont, dass solch Ideologie die marxistische Theorie nicht nur bis zur Unkenntlichkeit entstelle, sondern als historisch wirkmächtige Ideologie auch ein besonderes, ebenso emanzipatives wie anti-emanzipatives Eigenleben führe. Kofler hat diese spezifisch widersprüchliche Form in die bemerkenswerten Worte gefasst: »Der Stalinismus verändert das Individuum in seiner traditionellen Einseitigkeit, Unvollkommenheit, Armseligkeit und Zerrissenheit nur so weit, als er es restlos seinen bürokratischen Bedürfnissen unterwerfen muss: er gibt ihm Bildung, soweit er des ›Intellektuellen‹ benötigt; er gibt ihm Idealismus, soweit er dieses Idealismus im Dienste des ›Vaterlandes‹ und des ›Aufbaus‹ bedarf; er macht es mit der Lehre von Marx vertraut, soweit es diese Lehre benötigt, um ein blindgläubiger Diener des Staates zu sein – aber er lässt es im Kern unverändert, damit es all dies sein kann!«[17] Für Kofler ist also der stalinistische Marxismus ein gleichsam unreifer und von Kinderkrankheit befallener Marxismus, »der sichtbarste und gleichzeitig extremste Exponent des unmarxistischen Marxismus in unserer Zeit«,[18] sein Zugriff auf das Thema ist ein ideengeschichtlicher. Die Geschichte ist für ihn eine ganzheitliche und sollte weder politik- noch sozialgeschichtlich verkürzt werden. Er nimmt deswegen die Geistesproduktion des Stalinismus ernst und formuliert eine ausgiebige Ideologiekritik derselben,[19] die es nicht nur erlaubt, die alte Streitfrage zu beantworten, wie marxistisch das stalinistische Denken wirklich ist. Mehr noch verdeutlicht er damit die gesellschaftspolitische Rolle der marxistisch-leninistischen Ideologie als eines notwendigen Mittels intellektueller Hegemoniebildung und bietet (mit seinem Fokus auf die »Geistesbürokratie«) einen frühen Beitrag zur Intellektuellen-Soziologie des Realsozialismus. Indem er diese Ideologiekritik in den Rahmen der sozialistischen Transformationstheorie einer sich in der »Diktatur des Proletariats« niederschlagenden Übergangsgesellschaft integriert, bietet er schließlich eine sozialgeschichtliche Grundierung seiner ideologiekritischen Analyse, die in ihrer Gesamtheit in der Lage ist, aufzuzeigen, dass und wie sich »stalinistisches Denken« eben nicht auf die Verhältnisse Sowjetrusslands reduziert, sondern in der Lage ist, die gesamte kommunistische Weltbewegung (und auch andere linke Bewegungen) zu affizieren. Bei aller zu betonenden russischen Spezifik des historischen Stalinismus, so die eigentliche Provokation von Koflers kritischem Ansatz (nicht zuletzt für heutige Leserinnen und Leser), spiegelt sich im stalinistischen Denken auch das objektive Problem eines jeden versuchten Übergangs zu einem gemeinwirtschaftlich-planwirtschaftlichen Sozialismus. Alle entsprechenden Transformationsversuche sind, auf je unterschiedliche Weise, mit dem Problem einer sich in der sozialistischen Bürokratie und ihrer möglicherweise autoritären oder gar despotischen Entartung verkörpernden Verselbstständigung konfrontiert. Stalinismus bezeichnet für Kofler also nicht nur (wie heute üblich) die Theorie und Praxis des sowjetischen Herrschafts- und Gesellschaftssystems, sondern auch die politische Theorie und Praxis der mit diesem verbundenen, nicht aber in ihm aufgehenden kommunistischen Weltbewegung. Und gerade weil der historische Stalinismus einen Gutteil seiner Dynamik aus den objektiven Problemen eines jeden versuchten Übergangs zum planwirtschaftlichen Sozialismus gezogen hat, vermag Koflers Ideologiekritik desselben die Formen und Bedingungen auch seines (scheinbar posthumen) Fortlebens zu thematisieren. Stalinismus ist, so verstanden, nicht nur der Schatten einer fernen Vergangenheit, sondern immer auch ein Schatten, der aus der Zukunft emanzipativer Kämpfe auf uns geworfen wird (nicht als Zwangsläufigkeit, wohl aber als Möglichkeit).[20] Das wirft ebenso nachhaltige Fragen an die linke Theorie und Praxis auf, wie es im Widerspruch zur gegenwärtigen Geschichtswissenschaft steht, die beide den Stalinismus auf die Zeit Stalins reduzieren.   Vom »roten Wien« ins »sozialistische« Halle Ideen müssen von Individuen gedacht und durchdacht werden – doch fallen sie bekanntlich nicht vom Himmel. Koflers originelle Ideologiekritik stalinistischer Theorie und Praxis wurde in den Jahren 1950/51 niedergeschrieben. Sie hat ihre werktheoretische Logik, findet ihren zeitgeschichtlichen Kontext aber in der Frühgeschichte jenes ostdeutschen Sozialismus, in dem Kofler in den Jahren 1947 bis 1950 lebte und arbeitete. Wer also war dieser Leo Kofler und was erlebte er in jenen Jahren in Halle? Geboren 1907 in Ost-Galizien, im äußersten Nordosten der österreichisch-ungarischen Habsburgermonarchie, floh er als Kind mit seiner im osteuropäischen Judentum beheimateten Familie während des Ersten Weltkrieges nach Wien.[21] In den gesellschaftlichen Aufbruchsjahren des »roten Wien« der 1920er-Jahre geriet der junge Kofler in das Milieu der sozialdemokratischen Bildungspolitik und entwickelte sich schnell zu einem jener sozialistischen Bildungsreferenten der sozialdemokratischen Wiener Bildungszentrale, die sich im Kampf um den »neuen Menschen« an vorderster Front gegen den krisengeschüttelten Zwischenkriegskapitalismus und den aufkommenden Austrofaschismus sahen. Stark beeinflusst von Max Adler (1873–1937), dem linkssozialistischen Vordenker des Austromarxismus, engagierte sich Kofler auf dem linken Flügel der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschösterreichs (SDAP), zog sich aber nach dem Zusammenbruch der österreichischen Republik 1933/34 aus den Kämpfen der nun illegalen österreichischen Arbeiterbewegung zurück und widmete sich, neben der gelegentlichen Lohnarbeit und unter der Ägide Adlers, gänzlich dem Studium des Marxismus. 1938, nach dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland, floh der damals 31-jährige marxistische Sozialist jüdischer Herkunft über die Berge in die neutrale Schweiz nach Basel, wo er in den für Flüchtlinge angelegten Internierungs- und Arbeitslagern Krieg und Faschismus überleben konnte. Er schaffte es, seine in Wien begonnenen Studien neben der zum Teil schweren körperlichen Arbeit fortzusetzen, und veröffentlichte 1944 ein viel beachtetes Buch über die Methodenlehre der dialektischen Soziologie, mit dem er die marxistische Theoriediskussion nicht nur weiterentwickeln, sondern auch neu zu formulieren versuchte.[22] Vor allem den Mechanismus und Determinismus des bisherigen Marxismus müsse man, so Kofler, überwinden – den vulgärmaterialistischen Marxismus der von Karl Kautsky verkörperten Sozialdemokratie ebenso wie den des von Josef Stalin verkörperten Kommunismus. Es gelte, das tätige Element, den sogenannten subjektiven Faktor zurückzuerobern, und das heißt für Kofler: die Rolle des Bewusstseins im gesellschaftlichen Sein und für die Theorie und Praxis eines erneuerten marxistischen Sozialismus. Seine Erneuerung der marxistischen Theorie und Praxis rekurriert hierbei vor allem auf die philosophische Tradition eines Georg Wilhelm Friedrich Hegel und dessen Subjekt-Objekt-Dialektik sowie auf den damals gerade erst entdeckten jungen Marx und seinen radikalen Humanismus. Ideengeschichtlich erweist sich der die Denktraditionen von Max Adler und Georg Lukács auf originelle Weise vermittelnde Kofler als ein in vielem typischer Vertreter jener in den 1930er- und 1940er-Jahren aufkommenden intellektuellen Erneuerungsströmung, die man im Nachhinein »Hegel«-Marxismus oder intellektuellen bzw. »westlichen Marxismus« nannte. Praktisch-politisch hoffte er damals, wie viele andere Zeitgenossen,[23] dass das absehbare Ende von Faschismus und Krieg zur internationalen Ausweitung sozialistischer Revolutionsprozesse, zu neuen Einheitsfronten zwischen den großen Arbeiterparteien, zu Volksfronten mit nennenswerten Teilen des antifaschistisch aufgeklärten Bürgertums sowie zu einer nachhaltigen Entstalinisierung sowohl im sowjetrussischen Sozialismus als auch in der internationalen kommunistischen Bewegung führen würde. Die dieser Hoffnung zugrunde liegende politische Theorie entfaltet er in seinem zweiten Buch, in der 1948 in Halle veröffentlichten, umfangreichen Studie Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft. Kofler bürstet hier die Geschichte des frühbürgerlichen Humanismus gegen den Strich, zeigt auf, dass und wie die sozialistische Arbeiterbewegung zum historischen Erbe des frühbürgerlichen Radikaldemokratismus geworden sei, und betont gleichzeitig, dass der in die Krise gekommene Sozialismus sich nur erneuern könne, wenn er dieses frühbürgerliche Erbe einer Freiheit zur allseitigen, sowohl individuellen wie kollektiven Entfaltung der menschlichen Gattungspersönlichkeit auch wirklich ernst nehme, wenn er also die anzustrebende soziale Freiheit nicht gegen die »bürgerlich«-politische Freiheit ausspiele, sondern beide Stufen einer sozusagen welthistorischen Freiheit auf einer höheren, dritten Stufe vereinige. Diese Möglichkeit sah er im ostdeutschen Nachkriegssozialismus und gab sich dabei, wie er 1951 selbstkritisch einräumte, der Illusion hin, »dass unter der Bedingung des Sieges der russischen Macht über Hitler und des Zusammenschlusses der beiden wichtigsten Richtungen der Arbeiterbewegung in Mitteldeutschland ein Experiment gestartet sei, das zu Hoffnungen auf eine Demokratisierung und Entbürokratisierung der kommunistischen Bewegung Anlass gebe«.[24] Mit Begeisterung und großen Hoffnungen reagierte Kofler deswegen auf ein Anfang 1947 erfolgtes Angebot, als Dozent an die ostdeutsche Universität in Halle an der Saale, in die »volksdemokratische« Noch-nicht-DDR zu gehen, wo unbelastete, sozialistische Lehrkräfte gesucht wurden: »Ich dachte: Hier hast Du endlich Sozialismus! Mein Traum schien erfüllt.«[25]   Hallenser Erfahrungen … Mit tatkräftiger Unterstützung von SED und sowjetischer Besatzungsmacht wurde der talentierte Autodidakt Kofler mit seinem Erstlingswerk Die Wissenschaft von der Gesellschaft in Halle zuerst promoviert und dann, mit seiner Ende 1947 eingereichten Arbeit Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft, auch zum Professor für Geschichtsphilosophie habilitiert (später erweitert auf die Mittlere und Neuere Geschichte). Mit großem Enthusiasmus engagierte sich der bereits unmittelbar nach seiner Ankunft im Oktober 1947 in die SED eingetretene und nun frisch gebackene Universitätsdozent fortan auch jenseits der Universität, in der Lehrerfortbildung wie in den damals machtvoll aufblühenden außeruniversitären Bildungseinrichtungen von Partei und Gewerkschaft, im Kulturbund oder bei der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft. Kofler verstand sich, den methodischen Leitlinien des traditionellen deutschen Sozialismus gemäß, nicht nur als Forscher-Lehrer, sondern auch als Erzieher-Lehrer.[26] Und er hatte Erfolg. Mit seinem unorthodoxen Marxismus-Verständnis und mit seiner österreichischen Art wurde er schnell zu einem Sympathieträger und spielte eine nicht zu unterschätzende Rolle sowohl als linker Brückenkopf in der noch konservativ dominierten Universität Halle als auch bei der »volksdemokratischen« Durchdringung der ostdeutschen Zivilgesellschaft. Kofler verkörperte das etwas andere marxistische Denken und wurde entsprechend immer beliebter, als im Zuge der Formierung zur »Partei neuen Typs« immer dogmatischere Tendenzen auch in Halle um sich greifen sollten. Und weil sich der mit der organisationspolitischen Tradition des deutschen Parteikommunismus reichlich unvertraute Österreicher wie selbstverständlich die Freiheit nahm, auch bürokratische und dogmatische Tendenzen in Universität und Gesellschaft öffentlich anzuprangern, geriet er in den Jahren 1948/49 zunehmend ins Visier der sich stalinisierenden SED. Schon früh ist Kofler mit einflussreichen SED-Funktionären aneinandergeraten, ohne dass er die Tragweite solcher Auseinandersetzungen abzuschätzen wusste. Erstmals stritt er schon im Sommer 1948, auf dem ersten parteioffiziellen und landesweiten Dozentenlehrgang an der Parteihochschule »Karl Marx«, ausgerechnet mit jenem Kurt Hager, der gerade seinen steilen Aufstieg zum führenden Wissenschaftsfunktionär der ostdeutschen Geistesbürokratie begann. Dort in Kleinmachnow traf sich damals die intellektuelle Elite der Noch-nicht-DDR mit all jenen, die dies noch werden wollten/sollten. Kofler polemisierte dort gegen Hager, weil ihm dieser vorwarf, dauernd den vermeintlich unmarxistischen Begriff der Totalität im Munde zu führen. Kofler war daraufhin auf sein Zimmer gegangen, hatte Karl Marxʼ Schrift Zur Kritik der Politischen Ökonomie geholt und Hager all die Marxʼschen Stellen vorgehalten, in denen dieser wie selbstverständlich von Totalität redete. Hager sollte Kofler diese Bloßstellung zwar niemals vergeben, doch noch waren die möglichen Dimensionen solcher innermarxistischen Querelen kaum abzusehen. Sichtbar und spürbar wurden sie jedoch mit der zunehmenden stalinistischen Formierung der SED, die im Allgemeinen auf die Zeit zwischen der ersten Parteikonferenz der SED im Januar 1949 und ihrem dritten Parteitag im Juli 1950 datiert wird. Deshalb war es kein Zufall, dass die Vorbehalte gegen Kofler gerade jetzt einen systematischeren Charakter annahmen. Im Prozess der Stalinisierung – und diese bedeutete nicht zuletzt die endgültige soziale, politische und kulturell-ideologische Durchsetzung einer neuen, zumeist aus der Arbeiterschaft sich rekrutierenden Herrschaftsschicht – kam der Erziehung und Schulung der intellektuellen Kader eine zentrale Rolle zu. Gerade hier, auf ideologischem Gebiet, durfte es fortan keine nonkonformistischen Abweichungen und Freiräume mehr geben – doch gerade dafür stand der Name Leo Koflers. Kofler begann bald, dies zu spüren und sich zu wehren. Nicht nur in Vorlesungen, sondern auch in der zweiten Auflage von Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft polemisierte er öffentlich gegen den »vulgären Mechanismus« und seine sich proletarisch tarnenden »Naseweisen« und »breitmäuligen Faselhänse«.[27] Diese Polemik gegen den frühen sozialistischen Bürokratismus fiel jedoch zusammen mit der politischen Zuspitzung der sich stalinisierenden SED. Mitte März 1949 war mit Wolfgang Leonhard der erste hohe Parteifunktionär geflohen, der nicht in den bürgerlichen Westen ging, sondern in den realsozialistischen Osten, ins dissidente Jugoslawien. Gerade an der Karl-Marx-Parteihochschule, an der Leonhard bis dahin gearbeitet hatte und an der es zu den ersten Dissonanzen auch mit Kofler gekommen war, begann nun eine fieberhaft-hysterische Suche nach Fehlern und Feinden, wie uns beispielsweise Hermann Weber, damals junger Kursant in Kleinmachnow, Jahre später berichtet hat. Die Flucht Leonhards habe, so Weber, einen tiefen Einschnitt im Leben der Parteihochschule bedeutet: »Was uns an stalinistischer Praxis vorher das Leben schwer gemacht hatte, war nichts gegen das, was nun über uns hereinbrach. Es wurde unerträglich. Kritik und Selbstkritik waren gewissermaßen zum ›Hauptfach‹ geworden. Die Suche nach ›Agenten‹ wurde zur Manie und keiner war sicher, ob nicht irgendein Wort, das er früher zu einem andern gesagt hatte, bei einer Selbstkritik-Veranstaltung wieder auftauchen und nun sein Verhängnis sein werde. [...] Es entstand eine unerträgliche Atmosphäre, keiner traute dem andern mehr über den Weg, manche Freundschaft zerbrach. An die Stelle offener Diskussion trat die ›Doppelzüngigkeit‹.«[28] In genau dieser Zeit geriet auch Kofler endgültig ins Visier. Ende April 1949, unmittelbar nach Leonhards Flucht, bekam er einen offiziellen Brief aus Kleinmachnow, dass auf der bevorstehenden zweiten zentralen Dozententagung im Juni auch über sein Buch Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft kritisch, d. h. »im Sinne der Beschlüsse der Ersten Parteikonferenz für die marxistisch-leninistische Erziehung der Parteimitglieder und für die Reinhaltung und Entwicklung des Marxismus-Leninismus« diskutiert werden solle und dass man deswegen damit rechne, dass Kofler »durch eine gute Vorbereitung Deinerseits zu einem fruchtbaren Ergebnis der Diskussion beitragen« werde.[29] Was Kofler nicht wusste: Parallel zu diesem Brief wurden fast einhundert Persönlichkeiten aus Philosophie, Naturwissenschaft und Geschichte, aus Politik, Publizistik und Rechtswissenschaft, aus der Literatur- und Sprachwissenschaft, der Pädagogik, der Psychologie und der Kunst- und Musikwissenschaft – buchstäblich die gesamte DDR-Intelligenz – angeschrieben und aufgefordert, dass sie doch bitte bis Ende Mai ein schriftliches Gutachten über Koflers in der Diskussion stehendes Buch schreiben sollten. Der größte Teil der Angeschriebenen nahm sich allerdings die Freiheit, nicht zu antworten. Keiner der wenigen namhaften Intellektuellen, die der Bitte nachkamen, ließ sich zu einer Verurteilung des Koflerʼschen Werkes missbrauchen. Stattdessen erschien in der Juni-Ausgabe der zentralen Theorie-Zeitschrift Einheit der erste Beitrag Rugard Otto Gropps, der mit seiner Kritik, dass Koflers Marxismus wirr und idealistisch sei, die Richtung der offiziellen Kritik Koflers vorgab und diesem empfahl, »zur persönlichen Selbstkritik überzugehen und sich erst einmal bescheiden um das Verständnis des Marxismus zu bemühen, ehe er sich zu weiteren Veröffentlichungen entschließt«.[30] All dies reichte zwar, um auf der Dozententagung 1949 heftige Auseinandersetzungen zu verursachen, doch einmal mehr wusste sich Kofler zu wehren und konnte abermals unbehelligt abziehen. Nun ging die schwierige Aufgabe des als revolutionäre Achtsamkeit apostrophierten ideologischen Klassenkampfes endgültig auf Gropp, Georg Mende und eine Reihe anderer, später berühmt und einflussreich gewordener, junger »Kaderphilosophen« (Norbert Kapferer)[31] über, die den ideologischen Kampf um die Reinheit der Partei mit Verve nach Halle trugen und den Sommer und Herbst 1949 dazu nutzten, ein umfangreiches Dossier der Koflerʼschen Abweichungen und Fehler zusammenzutragen, mit dem der Hallenser »Koflerismus«, von dem man seit Herbst 1949 zu sprechen begann, zu bekämpfen sei. Doch noch konnte sich Kofler fast ein halbes Jahr lang wichtiger Fürsprecher versichern. Zu Fall gebracht wurde er schließlich im Januar 1950. Vor dem Publikum einer in Berlin abgehaltenen DDR-weiten FDJ-Tagung – Zeichen für die DDR-weite Dimension, die dem »Fall Kofler« damals zugewiesen wurde – nutzte der Hauptredner Fred Oelßner, ZK-Mitglied und Ulbricht-Intimus, die Gelegenheit und kritisierte in scharfem Ton ideologische Abweichungen an den ostdeutschen Universitäten. Vor allem Kofler wurde hier explizit und ausführlich der sowjetfeindlichen Konterbande und des Trotzkismus beschuldigt.[32] Damit war das parteiamtliche Urteil gegen ihn gefällt und es begannen wilde Wochen in Halle, um den Fall Kofler zu »bereinigen«. Nachdem er Ende Januar 1950 für zwei Semester beurlaubt worden war, sollte Kofler noch zum Ende des Semesters demonstrativ und öffentlichkeitswirksam aus der SED ausgeschlossen werden. Als er davon erfuhr, kam er diesem repressiven Ansinnen zuvor und trat – auch dies ein Akt seines bemerkenswert renitenten Nonkonformismus – demonstrativ aus der SED aus. Er zog sich daraufhin aus der Öffentlichkeit zurück, sagte sich von allen Freunden – potenziellen Opfern weiterer Repressalien – los und hoffte weiterhin, nach seiner an sich vorübergehenden Beurlaubung an die Universität zurückkehren zu können. Als ihm jedoch im Herbst mitgeteilt wurde, dass er nicht mehr zurückkehren könne, und er kurz darauf auch noch den Hinweis bekam, dass er zur Verhaftung vorgesehen sei, floh er im September 1950 Hals über Kopf zuerst nach West-Berlin, und dann, zum Jahreswechsel 1950/51, nach Köln.   … und ihre theoretische Verarbeitung Was sich im Halle dieser Jahre innerhalb der noch jungen SED abspielte, war nichts weniger als jener »Kampf zweier Linien«, der nicht untypisch ist für die Stalinisierungsprozesse kommunistischer Bewegungen und Staaten. Der Fall Leo Kofler diente als ein wesentliches Mittel dieser stalinistischen Herrschaftsformierung in Halle und über Halle hinaus – nicht, weil er ein wirklicher Gegner oder gar Feind des neuen Regimes gewesen ist, sondern vielmehr, weil er in der ihm eigenen Mischung aus Loyalität und Nonkonformismus das ideale Feindbild einer sich im Prozess der auf größtmöglichen Konformismus zielenden Herrschaftsformierung befindlichen, neuen sozialistischen Bürokratie gewesen ist. Mit Erfolg: Am 18. November 1950, ein dreiviertel Jahr nach der Tabuisierung Koflers und kurz nachdem dieser ganz aus der DDR geflohen war, notierte Victor Klemperer in sein Tagebuch: »Eigentlich abscheulich. Keiner wagt es, sich zu einer wissenschaftlichen Frage zu äußern, weil er Angst hat, mit der Partei in Konflikt zu kommen. […] Koflers Schicksal.«[33] Die immanente Zwangsläufigkeit dieses Prozesses hat Kofler selbst, auch später noch, nur partiell verstanden, so wie ihm auch die ganze Tragweite seines Falles zeitlebens nicht wirklich klar geworden ist.[34] Dennoch haben die Hallenser Erfahrungen seinen theoretischen Sinn geschärft und zeitigten nachhaltige Folgen für sein weiteres sozialphilosophisches Werk. Zurückgeworfen auf den eigenen Schreibtisch seiner Hallenser Wohnung, begann er schon zu Beginn des Jahres 1950 mit der Niederschrift eines weiteren marxistischen Grundlagenwerkes. Gedacht als theoretische Verteidigungsschrift gegen seine ostdeutschen Ankläger, die in ihm einen bürgerlichen Idealisten und Trotzkisten sahen, nimmt er in seinem dritten Werk, einer Methodenlehre der dialektischen Geschichtsbetrachtung, den Faden seines Schweizer Erstlingswerkes wieder auf. Einmal mehr kommt er hier auf die das Herz des Marxismus bildende Subjekt-Objekt-Dialektik zurück, denn ohne solcherart Dialektik verkomme die marxistische Theorie zu einem ebenso platten wie vulgären geschichtsdeterministischen Materialismus. Der praktisch tätige Mensch, so Kofler, könne nicht anders gedacht werden als ein mithilfe seines Kopfes tätiger, d. h. also bewusstseinsbegabter Mensch. Die mechanistische Deutung des historischen Materialismus übersehe, »dass trotz der Bestimmtheit der Ideologie durch die Ökonomie der historische Gesamtprozess seine Bewegung nicht anders vollziehen kann als mittels der Ideologie, die eben ein wesentliches, zu seiner Gesetzlichkeit selbst gehörendes Moment dieses Prozesses darstellt (wobei es keinen Widerspruch bedeutet, gleichzeitig zuzugeben, dass zahlreiche Elemente der Ideologie zufälliger, d. h. in ihrer speziellen Erscheinungsform nicht notwendiger Natur sein können)«.[35] Koflers Hoffnung, dass seine neue Programmschrift dazu beitragen könne, ihn innerhalb der noch jungen DDR zu rehabilitieren, sollte sich natürlich nicht erfüllen. Er musste das noch unveröffentlichte Manuskript bei seiner Flucht in den Westen mitnehmen und viele Jahre warten, bis er es dort endlich veröffentlichen konnte. Marxistische Theoriearbeit stand im sich gerade stabilisierenden westdeutschen Adenauer-Staat nicht sehr hoch im Kurs. Mit Stalinismuskritik jedoch konnte mindestens das Ministerium für gesamtdeutsche Fragen Politik machen. Dies erlaubte Kofler immerhin, in kurzer Folge die hier thematisierten fünf Broschüren zur Kritik der stalinistischen Bürokratie zu schreiben (und vier davon auch zu veröffentlichen).[36] Die zeitgenössischen linken Sozialdemokraten freute dies ebenso, wie es den deutschen Kommunisten missfiel. Als er sich aber kurz darauf auch noch die Freiheit nahm, den sozialdemokratischen Weg nach Bad Godesberg einer heftigen politisch-philosophischen Kritik zu unterziehen, war es mit der Toleranz der Sozialdemokratie weitgehend vorbei.[37] Kofler wurde zu einem jener heimatlosen Linken, die seit Mitte der 1950er-Jahre für eine Neue Linke stritten, und es bedurfte des gesellschaftspolitischen Aufbruchs der 68er, um ihm eine gewisse Renaissance zu bescheren und auch seinen antistalinistischen Schriften eine zweite Chance zu geben. Hatte er sich in den 1940er-Jahren die Grundlagen seines »westlichen Marxismus« erarbeitet und den einstmals bürgerlichen Humanismus zu einem sozialistischen Humanismus fortgeschrieben, führten seine Hallenser Erfahrungen und ihre theoretische Verarbeitung Anfang der 1950er-Jahre dazu, dass er seine praxisphilosophische, humanistische Marx-Lektüre um eine marxistisch versierte Ideologiekritik des stalinistischen Marxismus-Leninismus als Produkt einer »entarteten« revolutionären Elite erweiterte. Damit fügte er auch seinem sozialistischen Humanismus die Kritik des undemokratischen und antihumanistischen Pseudosozialismus hinzu. Das Ergebnis war die Geburtsstunde jenes in den 1950er- und 1960er-Jahren aufkommenden sozialistischen Humanismus als einer eigenständigen, historisch identifizierbaren Strömung der politischen Ideengeschichte, als dessen deutscher Pionier der marxistische Solitär Leo Kofler zu gelten hat.[38] Bei dieser ideengeschichtlichen Herausbildung eines sozialistischen Humanisten, der in den 1950er- und 1960er-Jahren zu einer wichtigen Brücke zwischen den linken Generationen, zwischen der alten Arbeiterbewegung und der Neuen Linken werden sollte, spielten die spezifisch ostdeutschen Erfahrungen und ihre theoretische Verarbeitung eine entscheidende Rolle.   [1] Gerd Meyer: Sozialistische Systeme. Theorie- und Strukturanalyse, Opladen 1979, S. 20. [2] Am nächsten kommt einer solchen Geschichte das Werk von Marcel van der Linden: Von der Oktoberrevolution zur Perestroika. Der westliche Marxismus und die Sowjetunion, Frankfurt a. M. 1992 (überarbeitete Neuauflage: Western Marxism and the Soviet Union. A Survey of Critical Theories and Debates since 1917, Chicago 2007). Einen einführenden Überblick über die großen Linien der sozialistisch-marxistischen Stalinismuskritik bietet van der Linden in dem Aufsatz »Der Sozialismus, der keiner war: marxistische Kritiken der Sowjetgesellschaft«, in: Prokla (Juni 2009), H. 155, S. 307–323. Siehe außerdem Meyer: Sozialistische Systeme (Anm. 1), René Ahlberg: Die sozialistische Bürokratie. Die marxistische Kritik am etablierten Sozialismus, Stuttgart u. a. 1976; sowie Horst Dieter Beyerstedt: Marxistische Kritik an der Sowjetunion in der Stalinära (1924–1953), Frankfurt a. M. u. a. 1987. Anthologien zum Thema bieten Tariq Ali: The Stalinist Legacy. Its Impact on Twentieth-Century World Politics, London 1984 (Neuauflage Chicago 2007) sowie Christoph Jünke (Hg.): Marxistische Stalinismus-Kritik im 20. Jahrhundert. Eine Anthologie, Köln 2017. [3] Für eine ausführliche Darstellung und Einordnung von Leben und Werk Koflers siehe Christoph Jünke: Sozialistisches Strandgut. Leo Kofler – Leben und Werk (1907–1995), Hamburg 2007. Darauf aufbauend und über das hier Rekapitulierte hinaus, habe ich Koflers Antistalinismus behandelt, in: Christoph Jünke: Der lange Schatten des Stalinismus. Sozialismus und Demokratie gestern und heute, Köln 2007 (Kapitel 3: »Koflers Stalinismuskritik«) – textgleich eingegangen in Kapitel 2 von Christoph Jünke: Leo Koflers Philosophie der Praxis. Eine Einführung, Hamburg 2015. [4] Leo Kofler: Das Wesen und die Rolle der stalinistischen Bürokratie, Köln 1952, S. 3. [5] Ebd., S. 24. [6] Ebd. [7] Ebd., S. 24 f. Hervorhebung im Original. [8] Zwar nicht explizit, aber implizit grenzt sich Kofler hier von der vor allem »trotzkistischen« Stalinismuskritik ab. [9] In »›Die Kritik ist der Kopf der Leidenschaft‹. Aus dem Leben eines marxistischen Einzelgängers« (ders., Hamburg 1987, S. 51 f.) erinnert sich Kofler an den führenden Hallenser SED-Funktionär Bernhard Koenen: »Er schrie mich einmal während einer heftigen Auseinandersetzung in seiner Wohnung an: ›Ich stehe morgens um 5.00 Uhr auf und komme selten vor 24.00 Uhr ins Bett. Ich opfere mich für die Partei – und da kommst Du und willst uns belehren?‹ Das war sein stärkstes Argument und dieses moralische Argument war zutreffend – aber eben leider nur ein moralisches, kein sachliches Argument. Gerade wegen dieses Idealismus waren und sind diese Funktionäre gefährlich für die Entwicklung des Sozialismus. Denn man kommt an sie durch Kritik nicht heran. Sie sind geschützt durch ihr moralisches Verhalten, durch ihre Integrität und durch ihre asketische Lebensweise; dies alles zusammen macht sie fast unangreifbar.« [10] Den erst später aufgekommenen Begriff der Hegemonie oder der hegemonialen Macht benutzt Kofler hier natürlich nicht, doch die Sache selbst ist gemeint. [11] Kofler: Das Wesen und die Rolle der stalinistischen Bürokratie (Anm. 4), S. 50. [12] Ebd., S. 50 f. [13] Ebd., S. 51. [14] Ebd., S. 20. [15] Anderthalb Jahrzehnte nach Kofler nimmt Oskar Negt den Faden dieser Kritik (ohne Bezugnahme auf Kofler) in seinem einflussreichen Aufsatz »Marxismus als Legitimationswissenschaft. Zur Genese der stalinistischen Philosophie« wieder auf (Einleitung zu Nikolai Bucharin/Abram Deborin: Kontroversen über dialektischen und mechanistischen Materialismus, Frankfurt a. M. 1969, S. 7–48; Nachdruck in Jünke [Hg.]: Marxistische Stalinismus-Kritik im 20. Jahrhundert [Anm. 2]). [16] Die Verteidigung dieses humanistischen Kerns des Marxʼschen Denkens bildet, ein halbes Jahrzehnt nach Kofler, auch den Mittelpunkt der im Angelsächsischen einflussreichen Stalinismuskritik Edward P. Thompsons; siehe dessen programmatischen Aufsatz »Sozialistischer Humanismus. Eine Epistel an die Philister« von 1957 (deutsche Erstveröffentlichung in Jünke [Hg.]: Marxistische Stalinismus-Kritik im 20. Jahrhundert [Anm. 2], S. 202–252). [17] Leo Kofler: »Marxistischer oder stalinistischer Marxismus [1954/55], in ders.: Zur Kritik bürgerlicher Freiheit. Ausgewählte politisch-philosophische Texte eines marxistischen Einzelgängers, Hamburg 2000, S. 65. [18] Ebd., S. 53. [19] Ein halbes Jahrzehnt nach Kofler veröffentlichte Herbert Marcuse mit »Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus [1957]«, Frankfurt a. M. 1964, eine vergleichbare Analyse, anderthalb Jahrzehnte später Werner Hofmann »Stalinismus und Antikommunismus. Zur Soziologie des Ost-West-Konflikts«, Frankfurt a. M. 1967. [20] Ausführlich behandelt habe ich diesen langen Schatten in Jünke: Der lange Schatten des Stalinismus (Anm. 3). [21] Für einen kurzen Überblick zur Biografie Koflers siehe Jünke: Leo Koflers Philosophie der Praxis (Anm. 3) (Kapitel 8: »Ein Grenzgänger des 20. Jahrhunderts«), ausführlich ders.: Sozialistisches Strandgut (Anm. 3). [22] Siehe Stanislaw Warynski (d. i. Leo Kofler): Die Wissenschaft von der Gesellschaft. Umriss einer Methodenlehre der dialektischen Soziologie, Bern 1944. [23] Siehe Donald Sassoon: One Hundred Years of Socialism. The West European Left in the Twentieth Century, London/New York 2014, S. 83 ff., sowie Geoff Eley: Forging Democracy. The History of the Left in Europe 1850–2000, Oxford 2000, S. 287 ff. [24] Jules Dévérité (d. i. Leo Kofler): Marxistischer oder stalinistischer Marxismus? Eine Betrachtung über die Verfälschung der marxistischen Lehre durch die stalinistische Bürokratie, Köln 1951, S. 4. Am Ende dieser Schrift (S. 43 f.) schreibt er: »Es besteht kein Zweifel, dass nach den gesellschaftlichen Erschütterungen des Zweiten Weltkrieges und unter der Voraussetzung, dass die Sowjetunion Ansätze in der Richtung einer Demokratisierung des nationalen Lebens gezeigt hätte […] die halbe Menschheit, wenn nicht mehr, ihr ihre Sympathien geschenkt hätte. Einer Einigung der Arbeiterbewegung hätte dann nichts mehr im Wege gestanden, und der Sozialismus hätte in der Welt ein anderes Ansehen gewonnen, als es durch die Schuld der Stalinisten tatsächlich der Fall ist. Diese Chance, die genährt wurde durch die Erschütterungen des sozialen Gefüges des Kapitalismus und durch die idealistischen und humanistischen Hoffnungen einer großen Zahl von Geistesarbeitern und Mittelständlern, hat die entartete stalinistische Bürokratie unausgenutzt gelassen. Darin liegt ihre große historische Schuld. Das zerrissene Herz eines Fritz Lieb, der von seinem Katheder zum Volke hinabgestiegen war wie der von der Revolution überraschte Gelehrte im russischen Film, das ist das zerrissene Herz der gesamten, weit über die Reihen der Arbeiterschaft hinausreichenden fortschrittlichen und sozialistischen Menschheit.« [25] Leo Kofler: »Die Kritik ist der Kopf der Leidenschaft«. Aus dem Leben eines marxistischen Einzelgängers, Hamburg 1987, S. 55. [26] Zu dieser Unterscheidung siehe Ralph Jessen: Akademische Elite und kommunistische Diktatur. Die ostdeutsche Hochschullehreschaft in der Ulbricht-Ära, Göttingen 1999. [27] Leo Kofler: Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft. Versuch einer ›verstehenden‹ Betrachtung der Neuzeit nach dem historischen Materialismus, Halle/Saale 1948, S. 9 ff. (aus Tarnungsgründen wurde diese Neuauflage vom Frühjahr 1949 ebenfalls auf 1948 datiert). [28] Hermann Weber: »Fall 5: Hermann Weber«, in: Horst Krüger (Hg.): Das Ende der Utopie. Hingabe und Selbstbefreiung früherer Kommunisten, Freiburg 1963, S. 126 ff. Etwas abgeklärter findet sich Webers Beschreibung der damaligen Stimmung auch in seinen fast vierzig Jahre später veröffentlichten Erinnerungen: Damals, als ich Wunderlich hieß. Vom Parteihochschüler zum kritischen Sozialisten, Berlin 2002, S. 314. [29] Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv Berlin (im Folgenden: SAPMO-BArch) DY 30/IV/2/9.07/165. Siehe auch Jünke: Sozialistisches Strandgut (Anm. 3), S. 226 ff. [30] Rugard Otto Gropp: »Unmarxistische Geschichtsdeutung«, in: Einheit (Juni 1949), H. 6, S. 572–574. [31] Norbert Kapferer: Das Feindbild der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR 1945–1988, Darmstadt 1990. [32] Siehe SAPMO-BArch NY 4215/35, Bl 62–66. Siehe Jünke: Sozialistisches Strandgut (Anm. 3), S. 237 ff. [33] Victor Klemperer: So sitze ich denn zwischen allen Stühlen. Tagebücher 1945–1959, Bd. 2, Berlin 1999, S. 104. [34] Dass der Kampf gegen den Hallenser »Koflerismus«, sprich: gegen jene, die sich bis dahin hinter Kofler gestellt hatten, noch den ganzen Sommer 1950 tobte und vom Mittel der innerparteilichen »Kritik und Selbstkritik« bis zu handfesten Foltermethoden, in diesem Falle gegen seinen loyalen Assistenten Rudolf Sauerzapf (1929–2007), reichte, ist Kofler zeitlebens unbekannt geblieben. Siehe Jünke: Sozialistisches Strandgut (Anm. 3), S. 245 ff.; sowie Rudolf Sauerzapf: »Die Vertreibung des Leo Kofler aus Halle«, in: Uwe Jakomeit u. a. (Hg.): Begegnungen mit Leo Kofler. Ein Lesebuch, Köln 2011, S. 36–51. [35] Leo Kofler: Geschichte und Dialektik. Zur Methodenlehre der dialektischen Geschichtsbetrachtung, Hamburg 1955, S. 192. Hervorhebung im Original. [36] Außer den beiden, bereits erwähnten Schriften »Das Wesen und die Rolle der stalinistischen Bürokratie« (Anm. 4) sowie »Marxistischer oder stalinistischer Marxismus« (Anm. 17) sind dies Jules Dévérité (d. i. Leo Kofler): Der Fall Lukács. Georg Lukács und der Stalinismus, Köln 1952; sowie Leo Kofler: Marxismus und Sprache. Zu Stalins Untersuchung »Über den Marxismus in der Sprachwissenschaft«, Köln 1952. Die erste Schrift, eine persönlich gehaltene Abhandlung über die Stalinisierung der ostdeutschen Universitäten, bleibt unveröffentlicht. Die beiden Broschüren über »Das Wesen und die Rolle der stalinistischen Bürokratie« und über »Stalins Marxismus in der Sprachwissenschaft« wurden 1970 im Luchterhand Verlag neu aufgelegt, in: Leo Kofler: Stalinismus und Bürokratie. Zwei Aufsätze, Neuwied/Berlin 1970. [37] Siehe Leo Kofler: Marxistischer oder ethischer Sozialismus?, Bovenden bei Göttingen 1955. [38] 1953 veröffentlichte Kofler die Schrift »Menschlichkeit, Freiheit und Persönlichkeit. Eine Einführung in den sozialistischen Humanismus« (Düsseldorf 1953), die 1957 in erweiterter Form und unter dem Titel »Perspektiven des sozialistischen Humanismus« in Köln erschien und 1968, in überarbeiteter Fassung, in das bei Rowohlt verlegte Werk »Perspektiven des revolutionären Humanismus« einging (Neuauflage Köln 2007). Zur Einbettung Koflers in die Ideengeschichte des sozialistischen Humanismus siehe Jünke: Leo Koflers Philosophie der Praxis (Anm. 3) (Kapitel 3: »Sozialistischer Humanismus, menschliche Natur und marxistische Anthropologie«), sowie ders.: »Die Geburt des Sozialistischen Humanismus aus dem Geiste des Antistalinismus: E.P. Thompson und Leo Kofler«, in: Mario Keßler/Axel Schildt (Hg.): Westeuropäische Kommunisten als Kritiker des Sowjetkommunismus, Berlin 2018 (im Erscheinen).

JHK 2018

Die Archivierung zweiter Ordnung. Werkstattbericht zur Übernahme und Erschließung des Nachlasses von Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Weber ins Archiv der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Thomas Drerup

Hermann Weber – ein Name, der zunächst durch etliche Pseudonyme verschleiert[1] und später mit vielen Titeln geschmückt worden ist: bei offiziellen Anlässen mit »Prof. Dr. Dr. h.c.«, auf Klappentexten dutzender Bücher sowie in ungezählten Zeitungsartikeln, Verlagsbroschüren und Veranstaltungsankündigungen mit »Nestor der historischen Kommunismus- und DDR-Forschung«. Nach jahrzehntelangen Schmähungen in Zeitungen und Fachzeitschriften der DDR, von denen »Renegat« noch eine der freundlichsten gewesen sein dürfte, erklärte ihn das vormalige SED-Zentralorgan Neues Deutschland 2015 posthum sogar anerkennend zum »Saladin der Kommunismusforschung«.[2] Vielen Leserinnen und Lesern des Jahrbuches für Historische Kommunismusforschung dürfte Hermann Weber auf die eine oder andere Weise noch bestens bekannt sein: ob persönlich, als Hochschullehrer, unermüdlicher Forscher und Autor oder als langjähriges Mitglied des Stiftungsrates der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Herausgeber des Jahrbuches für Historische Kommunismusforschung und Förderer von zeithistorischer Forschung und Bildung. Bereits zu Lebzeiten hatte er in mehreren Etappen umfangreiche Materialien als Vorlass an die Bundesstiftung Aufarbeitung übergeben. Dieser liegt dort nach intensiver Bearbeitung durch Nicolas Heuer bereits fertig erschlossen vor und kann von interessierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern durchsucht und gesichtet werden. Nach dem Tod Hermann Webers im Jahr 2014 übergab seine Witwe und zeitweilige Co-Autorin Gerda Weber in mehreren Schritten das gemeinsam über Jahrzehnte zusammengetragene und erarbeitete Schriftgut. Dank der von ihr großzügig zur Verfügung gestellten finanziellen Mittel wird dieser wahrhafte Koloss von Nachlass seit September 2017 innerhalb eines Jahres vom Autor dieses Artikels erschlossen. Eine Aufgabe, zu deren Erläuterung der vorliegende Text dienen soll.   »Der kleine Geist hält Ordnung, der große Geist überblickt das Chaos« Auf einem Foto aus der Mannheimer Wohnung von Gerda und Hermann Weber ist ein Schild mit der Aufschrift »Der kleine Geist hält Ordnung, der große Geist überblickt das Chaos« zu sehen. Beim Betrachten der übrigen Bilder der Fotoserie wird schnell klar, worauf der Spruch augenzwinkernd anspielen sollte. Vor prall gefüllten, deckenhohen Bücherregalen türmen sich Stapel von Büchern, Ordnern, Manuskripten, Briefen und Schreibgeräten, die auf Tischchen und Servierwagen sowie in Papp- und Kunststoffkisten verstaut sind. Neben seinem Büro in der Universität Mannheim war diese Wohnung Hermann Webers wichtigste Arbeitsstätte – zugleich Rückzugsort für umfassende Lektüre, Kulminationsort ausgiebiger und akribischer Recherchen und Werkstatt emsiger Textproduktion. Arbeits- und Wohnbereiche unterschieden sich nur graduell durch die Höhe der dort anzutreffenden Stöße von Schriftgut. Im Wochenendhaus des Forscherpaares bot sich bei der Übernahme des Nachlasses ein ähnliches Bild. Von vielen Büchern, Manuskripten und Korrekturfahnen waren dort sogar Zweitexemplare platziert, um zwischen entspannten Ausflügen durch den Odenwald lückenlos weiterarbeiten zu können. Dem kaleidoskopisch anmutenden Anblick dieser Wunderkammern der Gelehrsamkeit standen die inhaltliche Klarheit und argumentative Stringenz von Gerda und Hermann Webers Schaffen gegenüber. Sie fanden sich in der unübersichtlichen Materie – physisch wie im übertragenen Sinne – nicht nur zurecht, das Forscherpaar beherrschte, systematisierte, formulierte und erweiterte sie durch ihr Denken, ihre Aussagen und ihre Veröffentlichungen. [[Foto im gedruckten Exemplar: Ein Blick in die wunderkammerlich anmutende Wirkungsstätte des »Nestors der historischen Kommunismus- und DDR-Forschung«.]] Dementsprechend ist die bei der Übergabe des Nachlasses vorgefundene Masse an vielfältigen Publikationen, Schriftstücken und Arbeitsmitteln kein zufälliges Konglomerat oder eine ziellose Anhäufung – hier unterscheidet sich das Genie vom Chaoten. Vielmehr ist sie das Ergebnis der jahrzehntelangen gezielten Sammlungs-, Dokumentations-, Auswertungs- und Publikationstätigkeit Hermann Webers. Schon seit seiner Jugend pflegte er eine große Leidenschaft zum Stöbern in Antiquariaten. So beschreibt er in seinem autobiografischen Buch Damals, als ich Wunderlich hieß seine Besuche im Antiquariat von Georg Pinzke in der Nähe des Bahnhofs Friedrichstraße in Berlin während seines Studiums an der SED-Parteihochschule in Kleinmachnow in den Jahren 1948 bis 1949. Hierbei förderte er einige Raritäten historischer kommunistischer Literatur zutage – etwa von Trotzki oder Bucharin – zu deren Lektüre er sich in der immer stalinistischer werdenden Atmosphäre an der Parteihochschule nicht mehr öffentlich bekennen konnte.[3] Nach seinem Bruch mit dem stalinistischen Kommunismus und während seines folgenden Aufstiegs als Wissenschaftler ging er diesem Interesse weiter nach und durchforstete bei seiner Suche nach oppositioneller kommunistischer Literatur und verschollenen Dokumenten der Kommunismusgeschichte ungezählte Archive im In- und Ausland. Hierbei gelang ihm mancher Coup, etwa der Fund des verloren geglaubten Protokolls des Gründungsparteitages der KPD im New Yorker Archiv eines früheren österreichischen Linkssozialisten[4] oder der Ankauf eines bis dahin unbekannten Briefes von Clara Zetkin an Rosa Luxemburg aus dem Jahre 1918, der sich nun im Original im Archiv der Bundesstiftung Aufarbeitung befindet.[5] Der Großteil des Nachlasses zeugt jedoch nicht von solchen punktuellen Erfolgen, sondern vielmehr von jahrelanger systematischer und unermüdlicher Arbeit. Jede verfügbare Information zu den einzelnen Aspekten der Geschichte des Kommunismus und den Biografien ihrer Protagonistinnen und Protagonisten ist darin abgelegt und systematisch kompiliert. Die Verarbeitung der hierdurch gewonnenen Erkenntnisse und die Verbreitung derselben vor allem durch Hermann Webers zahlreiche Publikationen kann anhand der Archivalien Schritt für Schritt nachvollzogen werden.   91 gut gefüllte Umzugskartons So erreichte der Nachlass von Hermann Weber das Archiv der Bundesstiftung Aufarbeitung in Berlin in den Jahren 2016 und 2017 in mehreren Transporten.[6] Die zahlreichen Kisten lagern nun im Nebengebäude des Stiftungssitzes in der Kronenstraße und werden eine nach der anderen geöffnet und ihr Inhalt erschlossen. Darin finden sich beschriftete und unbeschriftete Ordner und Mappen sowie zahlreiche Papierstöße, lose Sammlungen von Zeitungsartikeln oder hand- und maschinenbeschriebenen Seiten. Zum Teil werden diese von Aktendeckeln zusammengehalten, die eine weitere sympathische Eigenart von Hermann Weber offenbaren – seine Sparsamkeit und den behutsamen Umgang mit Ressourcen. Bei etlichen der verwendeten Aktendeckel handelt es sich um wiederverwendete Plakate mit Ankündigungen für Vorträge und Veranstaltungen im Mannheimer Institut für Sozialwissenschaften. Ähnlich wie bei mittelalterlichen Buchrücken, in denen Fragmente von älteren Pergamenten mit bisher unbekannten Inhalten wiedergefunden wurden,[7] zeugen diese Aktendeckel vom regen wissenschaftlichen Austausch in Hermann Webers universitärer Wirkungsstätte. Statt frisches Papier zu verbrauchen, dienen häufig alte Briefumschläge, Fahrkarten und Bibliotheksquittungen als Lesezeichen oder Trennstreifen. Weiterhin finden sich in den Kartons große Mengen an Heftern, Schreibblöcken, Heftchen, Klarsichthüllen, Umschlägen und Ordnern. Die Durchsicht ebenso dazugehörender stapelbarer Schreibtischauflagen gleicht dabei teilweise einer regelrechten archäologischen Grabung: Die enthaltenen Schriftstücke lagern in Schichten, die inhaltlich mitunter mehrere Jahrzehnte umspannen. Doch in Anbetracht dieser Überlieferung des Nachlasses von einer fehlenden Ablagesystematik oder gar von Unordnung zu sprechen, träfe den Kern der Sache nicht! Vielmehr scheint in Hermann Webers Nachlass eine höhere Form der Ordnung zu herrschen, die sich den außenstehenden Betrachterinnen und Betrachtern nicht ohne Weiteres erschließt. Die Aufgabe des Archivars besteht nun darin, Hermann Webers Nachlass für heutige und künftige Forscherinnen und Forscher nutzbar zu machen. Hierfür muss zunächst die dem Nachlass inhärente höhere Ordnung in eine Ordnung zweiten Grades – jedoch auf einem niedrigeren Niveau – überführt werden, die für uns Außenstehende durchschaubar ist. [[Fotos im gedruckten Exemplar: Vor der Erschließung: 76 der 91 Kisten, in denen der Nachlass das Archiv der Bundesstiftung Aufarbeitung erreichte; Nach der Bearbeitung durch den Archivar: Weniger inspirierend – dafür aber in einer für die Allgemeinheit erfassbaren Ordnung]]   Sichten, identifizieren, verzeichnen und verpacken Konkret verläuft dies folgendermaßen: Nach dem Auspacken werden die Archivalien grob vorsortiert. Hierbei wird zwischen Manuskripten, Korrektur- und Druckfahnen, Korrespondenzen, Publikationen, Materialsammlungen, Unterlagen zu Forschung und Lehre sowie zu Tagungen, Vorträgen, politischen und/oder privaten Aktivitäten etc. unterschieden. Danach wird aus einer inhaltlich oder physisch zusammenhängenden Sammlung von Schriftstücken eine Sinneinheit gebildet. Hieran anschließend gilt es, den Inhalt der jeweiligen Sinneinheit zu identifizieren. Dies ist nicht immer einfach, da Hermann Weber auf Beschriftungen oft gänzlich verzichtete, diese sehr knapp hielt (»DDR«, »Kommunismus« oder »Große Arbeit«) oder die Beschriftungen schlichtweg nicht zu entziffern sind. Hermann Weber, der seine Briefe des Öfteren mit »In großer Eile, mit besten Grüßen, Hermann Weber« signierte, muss sich der kryptischen Qualität seiner Handschrift für andere Leser bewusst gewesen sein, denn in seiner Autobiografie bemerkte er über diese: »Wegen des Schnellschreibens konnte ich meine eigene Schrift manchmal nur schwer entziffern.«[8] Durch eingehende Recherchen können jedoch auch die meisten dieser Archivalien eindeutig identifiziert oder zumindest einem engeren Themenkreis zugeordnet werden. Danach kann die Akte mit einem Aktentitel benannt werden, der den jeweiligen Inhalt möglichst knapp und präzise widerspiegelt. Zudem wird versucht, die Akte zu datieren oder zumindest grob einer zeitlichen Einordnung zu unterziehen. Anschließend wird für jede Akte eine einmalige fortlaufende Signatur vergeben. All diese Informationen werden mittels Archivsoftware in die Datenbank der Bundesstiftung Aufarbeitung eingetragen und gegebenenfalls mit ergänzenden Angaben zum genauen Inhalt oder Verweisen zu anderen Akten versehen. Schließlich werden noch alle Metallteile wie Büro- und Heftklammern entfernt, Knicke im Papier geglättet und, wo immer dies sinnvoll erscheint, eine Sortierung nach Datum oder Dokumententyp vorgenommen. Dann wird das Schriftgut, das nun vollends zum Archivgut geworden ist, in säurefreie Mappen verpackt. Diese werden mit Signatur und Aktentitel beschriftet und wiederum in säurefreie Archivkartons verpackt, die unter speziellen klimatischen Bedingungen im Archivmagazin eingelagert werden.   Zum Inhalt Ein Großteil des Nachlasses steht im direkten Zusammenhang mit Hermann Webers Forscherleben. So können anhand der Materialien die Recherche, Niederschrift, Drucklegung und Rezeption von jedem seiner Hauptwerke und zahlreicher anderer von ihm verfassten, kommentierten oder begutachteten Texte rekonstruiert und anschaulich dokumentiert werden. Für die vom Ehepaar Weber geschriebene Lenin-Chronik[9] fanden sich beispielsweise ausgefüllte Taschenkalender für jedes im Buch beschriebene Jahr. Darin sind Lenins jeweilige Aufenthaltsorte, Aktivitäten und überlieferte Äußerungen datumsgenau zusammengetragen. Von Hermann Webers eigenen Taschenkalendern sind ebenfalls mehrere Kartons voll überliefert. Anhand dieser ließen sich auch dessen Tätigkeiten seit den frühen 1950er-Jahren zu einem quasi tagesgenauen Itinerar zusammenfassen. Darüber hinaus spiegeln die enthaltenen Publikationen und Manuskripte anderer Autorinnen und Autoren die Entwicklung der historischen Kommunismusforschung in der Bundesrepublik, der DDR und im wiedervereinten Deutschland wider. Zur Aufarbeitung der Geschichte der SED-Diktatur finden sich zudem zahlreiche Bestände mit Bezug zu den beiden Enquetekommissionen des Bundestages, denen Hermann Weber angehörte, und zur Gründungs- und Wirkungsgeschichte der daraus hervorgegangenen Bundesstiftung. Weiterhin sind umfassende Teilbestände zur deutschen Gewerkschaftsgeschichte und zur Institutionalisierung der Geschichte der Arbeiterbewegung und der zeitgeschichtlichen Forschung in Deutschland enthalten. Zahlreiche Dokumente belegen Hermann Webers Engagement in der außeruniversitären Bildungsarbeit, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sowie bei Aufbau, Förderung und Erhalt zahlreicher Archive und Forschungseinrichtungen. Einen anderen wichtigen Teil des Nachlasses bildet die umfangreiche Korrespondenz Webers mit ungezählten Forscherinnen und Forschern, Weggefährtinnen und Weggefährten und nicht zuletzt mit prominenten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie prominenten Persönlichkeiten aus dem Umfeld der ehemaligen KPD und anderer politisch linker Strömungen. Hier seien nur die langjährigen Briefwechsel mit Rosi Frölich, Rosa Meyer-Leviné sowie Susanne und Wolfgang Leonhard erwähnt. Hinzu kommen Briefwechsel mit nahezu allen wichtigen ehemaligen KPD-Mitgliedern, Kopien und Originale von Dokumenten sowie Fotografien von zahlreichen politischen Funktionsträgerinnen und -trägern in den ehemals kommunistisch regierten Ländern Europas. Neben dem oben bereits erwähnten Brief von Clara Zetkin an Rosa Luxemburg wurden während der Erschließung auch andere historische Originaldokumente (wieder)entdeckt, darunter zwei handgeschriebene Postkarten von Erich Mühsam und seiner Frau Kreszentia »Zenzl« Mühsam. Die genaue Geschichte dieser Dokumente und wie sie in Hermann Webers Besitz gerieten, bleibt Gegenstand künftiger Nachforschungen. [[Foto im gedruckten Exemplar: Originaldokumente aus dem Nachlass: Erich Mühsam auf einer von ihm selbst verfassten und unterschriebenen Postkarte, datiert auf den 20. Januar 1920; Kreszentia Mühsam auf einer von ihr beschriebenen Postkarte, ohne Datum]] Zu allen thematischen Aspekten finden sich neben Papierbeständen auch vielfältige andere Datenträger: Mikrofilme, Fotonegative, Dias, Video- und Tonkassetten, DVDs, CDs, Disketten. Diese werden im Zuge der Erschließung ebenfalls fachgerecht bearbeitet und eingelagert. Nicht zuletzt sind auch private Artefakte Teil der Überlieferung. Neben Weihnachts-, Urlaubs- und Glückwunschkarten sind zahlreiche private Urkunden und Fotos zu Gerda und Hermann Weber und ihren Familien im Nachlass enthalten. Diese sind jedoch nicht nur unter biografischen Gesichtspunkten von Interesse – vielmehr handelt es sich hierbei um einmalige Zeugnisse der Geschichte einer Familie, die tief in der Arbeiterbewegung eingebettet war und nicht zuletzt durch das Wirken Hermann Webers auch auf diese Einfluss nahm. Zu guter Letzt finden sich auch einige Kuriositäten, die von Hermann Webers Humor zeugen, etwa Magazine und Kataloge zum Dadaismus, Veranstaltungsprogramme und Einladungen eines Karnevalsvereins, zu dessen Ehrengästen Hermann Weber zählte, oder ein Schreiben von Bundespräsident Johannes Rau, das er in einer Dokumentenmappe des Ost-Berliner Dietz Verlages (heute Karl Dietz Verlag) mit wehender roter Fahne verwahrte.   Der Kreis schließt sich Die fertig erschlossenen Bestände werden ab Mitte 2018 den Nutzerinnen und Nutzern des Archivs der Bundesstiftung zur Verfügung stehen. Mithilfe eines Findbuches und einer digitalen Datenbank können sie per Textsuche oder mittels verschiedener Filter durchsucht, einzelne Akten entsprechend gezielt aus dem Bestand gezogen und den Nutzerinnen und Nutzern zur Sichtung vorgelegt werden. Somit schließt sich der Kreis: Die materiellen Artefakte der Erkenntnisse, die von Hermann Weber aus etlichen Archiven zusammengetragen, verdichtet und neu erdacht wurden, werden ihrerseits wiederum archiviert – es hat eine Archivierung zweiter Ordnung stattgefunden. Im Zuge dieser werden der Historiker und seine Arbeit selbst historisiert. Es bleibt zu hoffen, dass es nicht bei einem bloßen Zirkelschluss bleibt, sondern dass sich der nutzbar gemachte Nachlass Hermann Webers als fruchtbare und ergiebige Quelle für viele weitere Forschungen erweist! [1] Neben dem bekannten »Wunderlich«, Hermann Webers Tarnname während des Zweijahreslehrgangs an der SED-Parteihochschule Karl Marx, veröffentlichte er vor seinem Durchbruch als Wissenschaftler auch als Edmund Augenschein (siehe Hermann Weber: Leben nach dem »Prinzip links«, Berlin 2006, S. 118 f.), Hans Schreiber, Bernhard Roeder (ebd., S. 126), W. Hermann (ebd., S. 136), Carl Stein (ebd., S. 180), Alfred Nagel, Walter Hansen und Paul Mayer (ebd., S. 204). [2] Karlen Vesper: Saladin der Kommunismusforschung. Zum Tode des Mannheimer Geschichtsprofessors Hermann Weber, in: Neues Deutschland vom 6.1.2015, online unter www.neues-deutschland.de/artikel/957523.saladin-der-kommunismusforschung.html (ges. am 4.12.2017). [3] Siehe Hermann Weber: Damals, als ich Wunderlich hieß. Vom Parteihochschüler zum kritischen Sozialisten. Die SED-Parteihochschule »Karl Marx bis 1949, Berlin 2002, S. 195 ff. Siehe hierzu auch Hermann Weber: Der Antiquar Georg Pinzke, in: Die Vitrine. Fachblatt für linke Bibliomanie (2003), H. 2, S. 4–11. [4] Siehe Weber: Leben nach dem »Prinzip links«, S. 296 ff. [5] Ebd, S. 360 ff. [6] Hierbei sind nicht die über 200 Kisten mitgezählt, die nur mit Büchern gefüllt waren und die nach und nach mit dem Bestand der Bibliothek der Bundesstiftung abgeglichen und in diesen überführt werden. Mit Stand Dezember 2017 sind hiervon rund 1800 neue Titel und 850 Dubletten von Büchern und Zeitschriften in die Bibliothek übernommen worden, tausende weitere Titel werden nach und nach eingearbeitet. [7] Siehe hierzu etwa www.scinexx.de/wissen-aktuell-21672-2017-07-19.html (ges. am 4.12.2017). [8] Siehe Weber: Leben nach dem »Prinzip links«, S. 262. [9] Gerda und Hermann Weber: Lenin-Chronik. Daten zu Leben und Werk, München 1974.

JHK 2018

Inhaltsverzeichnis

JHK 2018

Parlamentarische Integration versus Stalinisierung? Die KPD-Fraktion im Landtag von Thüringen 1920–1932

Timo Leimbach

Spaltung der thüringischen KPD-Landtagsfraktion An der 11. Jahreswende der Gründung der Kommunistischen Partei befindet sich die KPD. in einer tiefgehenden Krise. […] Diese Krise hat dazu geführt, daß das ZK. der KPD. über den Kopf der Parteimitgliedschaft hunderte der besten Parteifunktionäre gemaßregelt und ausgeschlossen hat. […] Die Krise der KPD. ist der Ausdruck für die Tatsache, daß sich die Strategie und Taktik der Partei immer mehr auf eine unmarxistische Einschätzung des politischen und ökonomischen Kräfteverhältnisses stützt […] und deshalb in zunehmenden Widerspruch zu den Erfordernissen revolutionärer Tageskämpfe gerät. […] Wir, […] die Opposition, betrachten die [Landtags-]Mandate nicht als private Funktion, sondern ihre Ausübung als politische Aufgabe im Interesse der KPD. und der revolutionären Arbeiterschaft. Genau so wenig, wie wir unseren Kampf innerhalb der Kommunistischen Partei aufgeben, wie wir unsere Funktionen in den Gewerkschaften preisgeben, genau so wenig legen wir unsere Mandate nieder. Ein Niederlegen unserer Landtagsmandate wäre eine feige Fahnenflucht von der Position der Opposition in der KPD. [...] Wir bekennen uns nach wie vor als Kommunisten und kämpfen für die Gesundung der KPD.[1]   Mit dieser Erklärung setzte der thüringische KPD-Funktionär Hans Tittel zum einen seine Grundsatzkritik an der ab 1928 verstärkt einsetzenden »Stalinisierung« der KPD fort, wie er sie bereits im Sommer 1928 auf dem VI. Weltkongress der Komintern artikuliert hatte. Darin wandte er sich sowohl gegen die zunehmende Orientierung an den autoritären Strukturen der KPdSU unter Führung des als unfehlbar geltenden Stalin und seines deutschen Sachwalters Ernst Thälmann als auch gegen die endgültige Abkehr von der Einheitsfronttaktik zugunsten der Sozialfaschismusthese, die die SPD nunmehr zur Hauptfeindin des Kommunismus erklärte.[2] Zum anderen leitete der Abgeordnete Tittel mit diesen Worten die Spaltung der thüringischen KPD-Landtagsfraktion ein. Ihm folgend wechselten sukzessive fünf von acht Abgeordneten zur Kommunistischen Partei (Opposition) (KPO).[3] Da die beiden verbliebenen linientreuen Kommunisten keine eigene Fraktion – bestehend aus mindestens drei Abgeordneten – bilden konnten, erbte die neu gebildete KPO-Fraktion Rolle und Status der vormaligen KPD-Fraktion im thüringischen Landesparlament. Bereits auf dem VI. Weltkongress der Komintern war Hans Tittel als einziger Vertreter der KPO aufgetreten.[4] Grundlage für diesen mutigen Schritt war das Bewusstsein, dass hinter Tittel die Mehrheit des KPD-Bezirks »Großthüringen« stand. Im Zuge des Richtungsstreites um die Stalinisierung der KPD avancierte der thüringische Bezirk nicht nur zu einem Zentrum der innerkommunistischen Oppositionsbewegung, in deren Reichsleitung Tittel im Herbst 1929 aufrückte;[5] auch der fast vollständige Übertritt der Mandatsträger im Landtag erschien als vielversprechende Ausgangsbasis der KPO für die folgenden Reichs- und Landtagswahlen 1929/30. Doch worauf fußte dieses außergewöhnlich breite Fundament der Oppositionsbewegung im thüringischen Bezirk, das in besonders auffälligem Maße bei den kommunistischen Parlamentsmitgliedern verfing? Zur Beantwortung dieser Frage wird im Folgenden zum einen die tiefe Verwurzelung dieser Parteiströmung im sozialistischen Gesamtmilieu Thüringens erörtert. Zum anderen wird die These aufgestellt, dass im Landtag von Thüringen partiell gelungen ist, was im Reichstag ausblieb: die pragmatische Integration der linken Republikgegner in das parlamentarische System. Dessen Funktionsfähigkeit blieb – im Gegensatz zu Berlin – in Thüringen nicht nur bis Mitte 1932 weitgehend intakt, sondern wurde sogar von den Kommunisten in seinen Grundfunktionen mitgetragen. [[Foto in der gedruckten Ausgabe: Hans Tittel (um 1923)]]   Regionales sozialistisches Milieu: Lebendige Verbindungen zwischen SPD und KPD Als ebenso frühe wie stabile Hochburg der Arbeiterbewegung fanden in Thüringen mit der Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) 1869 und ihrer Vereinigung mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) 1875 zur Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) sowie zahlreichen Reichsparteitagen – allen voran dem Erfurter Programmparteitag 1891 – immer wieder zentrale Ereignisse der sozialistischen Parteigeschichte statt. Die herausgehobene Stellung dieser Region gründete in ihrer einmaligen Organisations- und Milieudichte, die in der spezifisch kleinstaatlichen Vorgeschichte Thüringens wurzelte und bereits vor 1918 das Schlagwort vom »roten Thüringen« prägte.[6] Zentrales Merkmal der mitteldeutschen Sozialdemokratie war zudem ihre starke Linksprägung, die Historiker neben der erwähnten Milieudichte auf ihre regional tief verwurzelte Parteitradition, das damit verbundene Selbstbewusstsein und einen gesamtgesellschaftlichen Führungsanspruch zurückführen.[7] So bildete die thüringische SPD bereits im Kaiserreich das oppositionelle Zentrum zum Revisionismus[8] und schloss sich nach der Parteispaltung mehrheitlich der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) an, deren Gründungsparteitag 1917 im thüringischen Gotha stattfand.[9] Dass aber ebenso der gemäßigte Parteiflügel in der Region stärker nach links neigte, belegt die bereits ab 1919 von der thüringischen Mehrheitssozialdemokratischen Partei Deutschlands (MSPD) geforderte Wiedervereinigung der Partei.[10] Auch nach deren Erreichen 1922 bildete die vormalige USPD innerhalb der thüringischen Sozialdemokratie einen starken linken Flügel. Dieser machte seinen Einfluss insbesondere in der Diskussion um eine Regierungskoalition mit den Bürgerlichen regelmäßig geltend, sodass ein derartiges Bündnis aus Rücksicht auf die offenbar noch immer fragile Parteieinheit in Thüringen mehrfach scheiterte.[11] Auf den SPD-Reichsparteitagen unterstützten die thüringischen Delegierten nicht nur regelmäßig Anträge gegen die Koalitionspolitik im Reich und Preußen, sondern ebenso gegen die vom Reichsvorstand verfolgte Militär- und Kulturpolitik. Die eher kompromisslose Linie der Thüringer äußerte sich hier etwa in ihrer Vorkämpferrolle für die Einheitsschule sowie ihrem Eintreten für eine ebenso rasche wie endgültige Entflechtung von Staat und Kirche. Letzteres ließ das Bürgertum von einer grundsätzlichen Religionsfeindlichkeit oder gar einer Kulturkampfhaltung der thüringischen SPD sprechen.[12] Jene spezifische Linksorientierung war sowohl Beleg als auch Ursache für die »weitgehend lebendigen Milieubeziehungen« zwischen thüringischen Kommunisten und Sozialdemokraten. Zusätzlich gesteigert wurden diese kohäsiven Kräfte durch die charakteristische Kleinräumigkeit der Region, sodass der jüngst erhobene für das gesamte Reich geltende Befund eines bis 1928/29 weitgehend intakten sozialistischen Milieus für Thüringen in besonderem Maße gilt. So besetzten die thüringischen Kommunisten nicht nur wichtige Funktionen in lokalen Gewerkschaften und Berufsverbänden, Freidenker- und Konsumvereinigungen sowie Sport- und Kulturorganisationen. Überdies nutzten sie vielerorts gemeinsam mit der Schwesterpartei Gaststätten, Sportplätze, Volks- und Gewerkschaftshäuser. »Es waren nicht zuletzt solche, aus den Milieus hervorgehenden Adhäsionskräfte, die trotz parteipolitischer Spaltung immer wieder Aktionen über die Parteigrenzen hinweg ermöglichten.«[13] Diese spezifisch regionale Milieustruktur bildet einen Erklärungsansatz für die stärker realpolitische Orientierung der thüringischen KPD. Zudem vertritt Steffen Kachel die These, dass die Richtungsentscheidung zwischen MSPD, USPD oder KPD in vielen Ortsgruppen und Unterbezirken weniger programmatisch als vielmehr subjektiv motiviert gewesen sei. So habe vielerorts – erneut aufgrund der kleinteiligen Organisationsstruktur Thüringens – die individuelle Haltung lokaler Parteiführer den Ausschlag gegeben und sei zudem stärker dem Bekenntnis zur Parteitradition Bebelʼscher Prägung als zur bolschewistischen Revolution geschuldet gewesen.[14] In der Praxis äußerte sich jene stärker realpolitische Orientierung des KPD-Bezirks »Großthüringen« vor allem auf gewerkschaftlich-kommunaler Ebene. Hier verfügte noch am 28. Oktober 1927 eine Entschließung der Bezirksleitung explizit »die Verbindung zwischen Tageskampf und Endziellosungen bei der Mobilisierung der Werktätigen«.[15] Die inhaltliche Nähe zur Schwesterpartei manifestierte sich einerseits im Bereich des »Kultursozialismus«, wo die Kirchen- und Schulpolitik der thüringischen SPD auch zahlreiche kommunistische Unterstützer fand. Andererseits erzielten reichsweite Synergieeffekte – wie das Zusammenwirken beider Parteien beim Volksbegehren zur Fürstenenteignung 1925 – in Thüringen eine höhere Nachhaltigkeit: Vielerorts entstanden »Einheitskomitees«, die auch die lokale SPD einbezogen, wie auch insgesamt vom thüringischen KPD-Bezirk wiederholt Forderungen nach einer gemeinsamen sozialistischen Politik mit der Schwesterpartei ausgingen. Diese bezogen sich konkret etwa auf die Gewerkschaftsarbeit, die Aufstellung gemeinsamer Listen zu Kommunalwahlen oder die Aufstellung eines »Aktionsprogramms«, das tagespolitische Themen sowie Zwischenschritte auf dem Weg zum Endziel umfasste. Der Pragmatismus des thüringischen Bezirks und seiner Untergliederungen wurde von der Berliner Zentrale mehrfach als »sozialdemokratische Tendenzen« oder »Opportunismus in stärkster Potenz« getadelt.[16] Für weitere Spannungen sorgte der selten diskursive Stil, den der Bezirk im Umgang mit innerparteilichen Richtungsfragen pflegte. Anstatt gemäß dem Wunsch der Zentrale bei »abweichlerischen Tendenzen« hart durchzugreifen, wurde – besonders in Unterbezirken und auf lokaler Ebene – der öffentliche Disput bevorzugt, wobei die Bezirksleitung oftmals als Puffer zwischen diesen diskursiven Tendenzen und dem autoritären Stil Berlins fungierte. Dieser »Dauerkonflikt« um programmatische Ausrichtung und Führungsstil innerhalb der KPD, der das Verhältnis von Berlin und Thüringen kennzeichnete, entlud sich schließlich Ende 1928 in der eingangs erwähnten Rebellion weiter Teile von Parteibezirk und Fraktion. Die KPD-Führung reagierte mit der Auswechslung der gesamten Bezirksleitung und der Entsendung eines Kommissars, der die weiterhin opponierenden Unterbezirke nur mühsam wieder auf Linie brachte.[17] Neben diesem »Dauerkonflikt« mit der Parteizentrale fand die spezifische Ausrichtung der thüringischen Kommunisten ihren Ausdruck aber vor allem in deren wiederholten Bemühungen um die Bildung einer »Arbeiterregierung« mit der sozialdemokratischen Schwesterpartei.   Der Traum von der sozialistischen »Arbeiterregierung« Die Bildung der kurzlebigen sächsisch-thüringischen »Arbeiterregierungen« aus Ministern von SPD und KPD im Herbst 1923 stellte eine besonders schillernde, bis in die Gegenwart wirkmächtige Episode in der Geschichte der mitteldeutschen Arbeiterbewegung dar. Zudem hatte sie – ebenso wie die erstmalige Regierungsbeteiligung der NSDAP in Thüringen 1930[18] – reichsweit spürbare politische Auswirkungen. Bis in die Gegenwart sind Bewertung und Einordnung der Ereignisse im Rahmen des »Deutschen Oktober« 1923 unter Historikern wie Politikern umstritten. Noch im Februar 2015 entfachte diese Frage im Rahmen einer Kleinen Anfrage im aktuellen Thüringer Landtag eine Kontroverse zwischen Regierung und Opposition.[19] Allerdings bildete der offizielle Regierungseintritt der Kommunisten in das SPD-Kabinett Frölich nur den Höhepunkt einer längeren Annäherung beider Arbeiterparteien. Tatsächlich nahmen die Bemühungen um die Einbindung der KPD in ein thüringisches Regierungsbündnis unmittelbar nach der Abspaltung der thüringischen KPD von der USPD 1920 ihren Anfang. Aber auch nach dem militärisch erzwungenen Rücktritt der »Arbeiterregierung« 1923 verschwand die Idee einer SPD-KPD-Koalition nicht gänzlich von der Tagesordnung. Bereits bei der Bildung der ersten thüringischen Landtagsregierung im Herbst 1920 kam nach den gescheiterten Verhandlungen zur Bildung einer großen Koalition ein erstes Linksbündnis zustande. Es bestand aus einem MSDP-DDP-Minderheitskabinett, das im Parlament von USPD und KPD toleriert wurde. Hierbei handelte es sich jedoch um eine höchst fragile Kooperation, deren kleinster gemeinsamer Nenner die Verhinderung eines »Bürgerblocks« war, wie ihn die kurz zuvor im Reich gebildete Regierung Fehrenbach präsentierte. Zur Begründung führte der KPD-Fraktionsführer Albin Tenner an: »Das, was das Proletariat erkämpfen muß und erkämpfen wird, ist nicht eine Teilnahme an einer bürgerlichen Regierung, ist nicht die Teilnahme an einer Koalition, das ist die Zertrümmerung des ganzen Systems, mit dem die Ausbeutung steht und fällt. […] Wir werden also die Bildung einer solchen Regierung ermöglichen und werden auch ermöglichen, daß sie arbeiten kann, soweit sie nicht volksfeindlich und arbeiterfeindlich tätig ist. Wir wollen dadurch bewirken, daß eine Abwehrfront errichtet wird gegenüber den Bestrebungen der Rechten […].«[20] Folgerichtig unterstützten die Kommunisten die Wahl der Regierung nicht aktiv, sondern verließen – wie auch bei allen folgenden wichtigen Parlamentsentscheidungen – unmittelbar vor der Abstimmung den Saal und ermöglichten so eine relative Stimmenmehrheit der Regierung. Jedoch vollzog sich innerhalb der KPD als Folge des gescheiterten »Mitteldeutschen Aufstandes« (der »Märzaktion«) im Industrierevier Halle-Merseburg im Frühjahr 1921 ein Kurswechsel,[21] der die Aufkündigung der thüringischen Tolerierungsvereinbarung bedeutete und zu Neuwahlen führte.[22] Im Gegensatz zu dieser knapp neunmonatigen Episode tolerierte die KPD die darauffolgende MSPD-USPD-Regierung unter August Frölich (MSPD) beinahe zwei volle Jahre, ehe sie im Herbst 1923 mit zwei Ministern und einem Staatsrat (Minister ohne Ressort) formell in das Kabinett eintrat.[23] Zwar bewahrten sich die Kommunisten in ihrer Bündniszusage erneut maximale Bewegungsfreiheit, indem sie jede inhaltliche Zusage verweigerten und stattdessen ankündigten, jede Landtagsentscheidung individuell zu prüfen. Dennoch trugen sie durch ihre Tolerierungspolitik mit der vom Bildungsreformer Max Greil (USPD) gestalteten Einheitsschule und der thüringischen Kreisreform die zentralen Reformvorhaben der Sozialdemokraten mit. Neben dem taktischen Kalkül, die Regierung Frölich durch ihre parlamentarische Unterstützung an der Macht zu halten, spielte auch ein gewisser inhaltlicher Zuspruch zu diesen Reformvorhaben an der kommunistischen Basis eine Rolle. Grundsätzlich ermöglicht wurde die Bildung der Regierung Frölich im Herbst 1921 durch das Einschwenken der Komintern auf die Strategie der »Einheitsfront«, mit der die Spaltung der Arbeiterbewegung zumindest teilweise überwunden werden sollte. Unter Betonung der programmatischen Eigenständigkeit der beteiligten Parteien wurde vermehrt die Kooperation mit den anderen sozialistischen Parteien gesucht, wobei die Bildung einer Koalitionsregierung als höchste Form der Einheitsfront angesehen wurde.[24] Nachdem die Einheitsfrontpolitik der KPD bereits Ende 1920 zur Bildung einer identisch zusammengesetzten sächsischen Landesregierung geführt hatte,[25] war der thüringische Bezirk zunächst gespalten: Während die starken Unterbezirke in Gotha und Suhl genauso wie die Berliner Zentrale einen formellen Regierungseintritt befürworteten, blieb die übrige Mehrheit skeptisch. Als Kompromiss fanden sich die thüringischen Kommunisten schließlich zur parlamentarischen Tolerierung einer MSPD-USPD-Regierung bereit, jedoch ohne jedwede konkrete inhaltliche Vereinbarung zu treffen.[26] Diese Spaltung in gouvernemental und revolutionär orientierte Kräfte, wie sie die KPD auch im Reich und anderen Ländern kennzeichnete,[27] ließ auch den insgesamt eher gemäßigten thüringischen Bezirk in der Folgezeit mehrfach zwischen Ablehnung oder fortgesetzter Unterstützung der Regierung Frölich schwanken.[28] Nachdem sich die KPD im Rahmen eines innerparteilichen Klärungsprozesses auf eine raschere Herbeiführung, nötigenfalls auch Erzwingung einer »Arbeiterregierung« verständigt hatte, erhöhten auch die Thüringer Genossen den Druck auf die Minderheitsregierung Frölich, indem sie in einer Reihe von Presseartikeln sowie Landtagsinterpellationen Kritik übten und versuchten, die Regierung auf einen sozialistischeren Kurs zu drängen.[29] An dieser Stelle offenbarte sich ein erstes Mal der Eigenwille der KPD-Landtagsfraktion, die Ende April 1923 eigenmächtig in Koalitionsverhandlungen mit der SPD eintrat, die erst nachträglich von der Bezirksleitung gebilligt wurden, um die Fraktion nicht bloßzustellen.[30] Nachdem erste Kontakte durch Abgeordnete der zweiten Reihe im Februar/März weitgehend unfruchtbar geblieben waren, unterbreitete auf sozialdemokratischer Seite der Abgeordnete Hermann Louis Brill im Mai ein erstes Koalitionsangebot. Da Brill den revolutionären Forderungen der KPD, etwa nach Bildung gemeinsamer proletarischer Hundertschaften, im Gegenzug die vorbehaltlose Anerkennung der republikanischen Verfassung als Vorbedingung entgegenhielt, scheiterte diese Gesprächsrunde Ende Mai.[31] Dennoch konnte bei der Bildung der kurzlebigen thüringischen »Arbeiterregierung« im Herbst 1923 an diese Vorverhandlungen, die zur Klärung der gegenseitigen Position der Arbeiterparteien beigetragen hatten, angeknüpft werden. Ausschlaggebend für das Gelingen der neuerlichen Regierungsverhandlungen zwischen KPD und SPD war jedoch nicht allein das erfolgreiche bürgerlich-kommunistische Misstrauensvotum im Landtag vom 11. September 1923;[32] vielmehr erging am 6. Oktober vom Moskauer Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (EKKI) und der Berliner Zentrale direkt die Weisung, »alle Bedenken zurückzustellen und in die thüringische und sächsische Regierung einzutreten«, um so die Ausgangslage für den geplanten deutschlandweiten Aufstand zu verbessern.[33] Ebendiese Vorbereitungen eines »Deutschen Oktober« führten in Kombination mit den Vorgängen des Hitler-Putsches in Bayern zur Entsendung der Reichswehr nach Sachsen und Thüringen, was in beiden Ländern den Rückzug der KPD-Minister einleitete. Vorbereitet wurde das Eingreifen des Reiches in Thüringen durch die wiederholten Anklagen der bürgerlichen Opposition, die in mehreren Anfragen im Reichstag sowie in einer Denkschrift an den Reichsinnenminister der Regierung Frölich zahlreiche Rechts- und Gesetzesverletzungen vorgeworfen hatte.[34] Angesichts dieser starken Vorbehalte sowie der allgemeinen Angst vor einem rechten oder linken Aufstandsversuch im Herbst 1923 vermochte weder das neuerliche Bekenntnis des Regierungschefs Frölich zur republikanischen Verfassung noch der Umstand zu überzeugen, dass die SPD den kommunistischen Einfluss innerhalb des Kabinetts weitgehend eingedämmt hatte. So waren der KPD nicht nur die zentralen Ressorts – Finanzen, Inneres und Kultus – vorenthalten worden; auch ihre inhaltlichen Vorstöße wurden im Kabinett weitgehend abgeblockt. Am deutlichsten zeigte sich dies beim »außerparlamentarischen Ausschuss« aus KPD, SPD, Betriebs- und Gewerkschaftsvertretern, dem alle zu beratenden Vorlagen vor Einbringung ins Plenum vorzulegen waren. Während die Bürgerlichen seine Einrichtung als Entmachtung des Parlaments brandmarkten, ließ die SPD seine Tätigkeit bereits früh versanden, indem sie schon zur zweiten Sitzung nicht mehr erschien.[35] Trotz allem entsandte die Reichsregierung Anfang November 1923 die Reichswehr nach Sachsen und Thüringen, um einerseits rechtsputschistische Tendenzen in Bayern abzuriegeln; andererseits sollten aber auch etwaige linke Aufstandsgelüste in Mitteldeutschland ausgebremst werden, was bedeutete, dass die proletarischen Hundertschaften entwaffnet wurden.[36] Bereits unmittelbar nach dem Reichswehreinmarsch, der jedweden Aufstandsversuchen rasch die Grundlage entzogen hatte, erhielten die thüringischen KPD-Minister von der Berliner Zentrale die Anweisung zum Rücktritt. Dennoch zögerten diese noch mehrere Tage, um – nach eigener Aussage – ihren Rauswurf durch die SPD zu provozieren und diesen später politisch zu verwerten.[37] Denkbar wäre angesichts der Vorgeschichte aber auch, dass man innerhalb von Bezirk und Fraktion noch immer auf eine Fortsetzung der Koalition spekulierte, da anders als in Sachsen gegen Thüringen keine formelle Reichsexekution verhängt worden war. Dafür spräche, dass noch im Dezember 1923 Teile der KPD-Fraktion bereit waren, die von der SPD im Landtag zur Abstimmung gestellte Fortsetzung der sozialistischen Alleinregierung zu unterstützen. Letztlich setzte sich aber die Bezirksleitung mit der Forderung nach einer Landtagsauflösung und Neuwahlen durch.[38] Dennoch blieb eine Wiederauflage des Regierungsbündnisses sowohl für Sozialdemokraten als auch Kommunisten in Thüringen weiterhin eine Option, wie die Verhandlungen vom Februar 1927 belegen. Bereits im Vorfeld der Wahlen zum IV. Landtag hatte die KPD intern die Tolerierung einer sozialdemokratischen Minderheitsregierung diskutiert. Um die bürgerliche Mehrheit abzulösen, hatte man der Schwesterpartei im Vorfeld der Landtagswahl sogar eine Listenverbindung angeboten, die die SPD aber demonstrativ ausschlug.[39] Unabhängig davon sondierten beide Arbeiterparteien nach der Wahl die Möglichkeit eines Linksbündnisses, indem einerseits die SPD-Bezirksleitung der Fraktion volle Handlungsfreiheit erteilte;[40] andererseits veröffentlichte die KPD Mindestforderungen für die Tolerierung einer neuen SPD-Minderheitsregierung.[41] Jedoch scheiterten die Bemühungen durch den offiziell vom Landtagsvorstand mit der Regierungsbildung betrauten Unterhändler Hermann Louis Brill (SPD) früh an der Tatsache, dass für eine parlamentarische Mehrheit auch die Zustimmung der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) erforderlich gewesen wäre. Diese lehnte ein Linksbündnis als zu einseitig ab, während die KPD wiederum nur ein reines SPD-Kabinett ohne DDP-Minister geduldet hätte.[42]   Regionale Opposition in Bezirk und Fraktion Jenseits parteitaktischer Grundsatzfragen und Entscheidungen von großer politischer Reichweite, wie sie die Frage einer kommunistischen Regierungsbeteiligung darstellte, zeigten sich innerhalb der KPD-Fraktion im Landtag von Thüringen auch bei anderen Fragen der Parlamentsarbeit oppositionelle Tendenzen sowie Anzeichen eines »Eigenlebens« der Fraktion. Die innerfraktionelle Flügelbildung manifestierte sich etwa im Nachgang der Eröffnung des III. Landtags im Februar 1924,[43] die die kommunistischen Abgeordneten in ähnlicher Weise wie die Reichstagseröffnung im Mai desselben Jahres durch tumultartige Lärmszenen sabotierten.[44] [[Abbildung im gedruckten Exemplar: Albin Tenner (KPD) während seiner Rede gegen den Young-Plan am 22. Oktober 1929 im Landtag von Thüringen]] Als Wortführer des gemäßigten Flügels trat in diesem Zusammenhang der Gothaer Landtagsabgeordnete Albin Tenner auf. Er kritisierte nicht nur derartige Lärmszenen in Reichs- und Landtag, sondern wertete sie als Beleg für die Kurslosigkeit der Fraktionsarbeit, an deren Stelle er eine stärkere Orientierung an Sachfragen, etwa in Form einer positiveren Steuerpolitik, forderte.[45] Auch auf bezirkspolitischer Ebene opponierte Tenner im selben Zeitraum massiv gegen den Linksschwenk der KPD unter Ruth Fischer und Arkadi Maslow und erlangte damit zeitweise beachtliche Resonanz.[46] Da Tenner sich letztlich aber keiner gravierenden Abweichung von der Parteilinie schuldig gemacht hatte und vor allem sein Gothaer Bezirk nach wie vor hinter ihm stand, wurde das innerparteiliche Disziplinarverfahren gegen ihn schließlich fallen gelassen.[47] Trotz seines häufig abweichenden Standpunktes, den er sowohl innerhalb der Fraktion als auch gegenüber Bezirksleitung und Zentrale fortwährend kundtat, stellte sich Albin Tenner in strikter Achtung der Parteidisziplin nach außen stets vorbehaltlos hinter die Linie der Partei. Am deutlichsten wurde dies beim Eintritt der Kommunisten in die thüringische Regierung 1923. Obgleich sich Tenner nicht nur intern, sondern in einem Falle sogar öffentlich dagegen ausgesprochen hatte und im letzten Moment sogar ein Misstrauensvotum der Fraktion gegen Bezirksleitung und Zentrale initiiert hatte, übernahm er selbst »nur aus Disziplin den Ministerposten« für Wirtschaft.[48] Die selbstbewusste Grundhaltung einzelner Fraktionsführer, aber auch die allgemeine Orientierung des Bezirks ließen Thüringen mehrfach zum Brennpunkt der innerparteilichen Kritik an der einsetzenden Stalinisierung der KPD avancieren. Bereits Anfang 1926 hatte sich eine Gruppe um den mehrfach als »Abweichler« kritisierten Abgeordneten Otto Geithner abgespalten und als eigenständige Landtagsfraktion konstituiert, die sich in Anlehnung an die Levi-Gruppe »Kommunistische Arbeitsgemeinschaft« nannte.[49] Während aber die Geithner-Dissidenten nur eine Splittergruppe bildeten, lehnte sich Ende 1928 nicht nur beinahe die gesamte Landtagsfraktion, sondern auch ein Großteil der Bezirksleitung gegen die Berliner Zentrale sowie das EKKI auf. Zentrale Figur war der Landtagsabgeordnete und Politische Leiter des Parteibezirks, Hans Tittel, der bereits auf dem VI. Weltkongress der Komintern als Oppositioneller aufgetreten war und nun im November 1928 mit einem offenen Brief in der kommunistischen Neuen Zeitung (Jena) zum offenen Widerstand gegen das Zentralkomitee aufrief. Unmittelbarer Anlass für den thüringischen Aufstand war der Hamburger Korruptionsskandal um John Friedrich Wittorf, der zum zeitweisen Rücktritt Thälmanns – bis zu dessen Widereinsetzung durch Stalin und das EKKI – geführt hatte. Im Gegenzug verweigerte die thüringische Bezirksleitung die Absetzung Tittels und weiterer Leitungsmitglieder sowie die Unterstellung unter den von Berlin entsandten Kommissar Nikolaus Pfaff.[50] Die Landtagsfraktion trat im innerparteilichen Richtungsstreit nicht erst durch ihre offene Spaltung in Erscheinung, sondern schickte – gegen die einzige Gegenstimme des Abgeordneten Richard Zimmermann – noch Ende 1928 ein Protesttelegramm nach Moskau, in dem sie sich mit dem moderaten Flügel solidarisierte.[51] Unmittelbar darauf musste sie sich in einer Erklärung an die Bezirksleitung mit einem Presseartikel auseinandersetzen, der den KPD-Abgeordneten vorwarf, erneut eigenmächtige Kontakte zur SPD angebahnt zu haben oder gar den Partei- bzw. Fraktionsübertritt vorzubereiten.[52] Etwa zeitgleich hatte eine parteiinterne Intrige um einen gefälschten KPD-Brief, der zu strafrechtlich relevanten Handlungen anstiftete, Landtagspräsidium und Staatsanwalt zu polizeilichen Ermittlungen veranlasst.[53] Auch wenn jene Erklärung bereits von allen sechs Mitgliedern der späteren KPO-Fraktion unterzeichnet war, die sich einerseits klar von der SPD distanzierten, andererseits aber auch den »ultralinken Kurs« der Zentrale ablehnten, vollzog sich deren Übertritt zur KPO keineswegs geschlossen. Den Anfang machte am 15. Januar 1929 der Abgeordnete Hans Tittel, den die Zentrale als Wortführer der Dissidenten ausgemacht und Ende 1928 aus der Partei ausgeschlossen hatte, mit der eingangs zitierten Erklärung. Nachdem sich zunächst noch beinahe die gesamte Fraktion hinter Tittel gestellt hatte, wurden er und Otto Engert am 19. Februar aus der Fraktion ausgeschlossen. Dass er trotz des Parteiausschlusses an seinem Mandat festhielt, begründete Engert – explizit an Tittels Erklärung anknüpfend – damit, dass er »in voller Übereinstimmung mit breiten Teilen der Parteimitgliedschaft und darüber hinaus im direkten Auftrag der ebenfalls in Opposition zur gegenwärtigen Parteiführung stehenden Mehrheit« seines Unterbezirks handele; dieser habe ihm und Tittel noch zwei Wochen zuvor sein Vertrauen ausgesprochen.[54] Auch als Anfang März die übrigen KPD-Abgeordneten – bis auf den ZK-treuen Richard Zimmermann und den noch unentschlossenen Richard Eyermann – Engert und Tittel wieder aufnahmen und sich damit ebenfalls der KPO anschlossen, begründete Albin Tenner diesen Schritt mit dem Auseinanderklaffen der ZK-Linie und dem Willen der KPD-Basis in Thüringen.[55] Letztlich setzten sich aber auch in Thüringen noch im Frühjahr 1929 die Thälmann-Anhänger fast vollständig durch, indem zahlreiche Funktionäre ausgetauscht und teils ganze Ortsgruppen aufgelöst wurden. Die KPO-Fraktion im Landtag amtierte offiziell noch bis zur nächsten Landtagswahl im Dezember desselben Jahres. Dort bemühte man sich um eine Aufrechterhaltung der kommunistischen Landtagsarbeit, vermochte allerdings in der kurzen Zeit keine eigenen Akzente zu setzen. Trotz günstiger Ausgangslage sank die KPO, die der SPD erneut erfolglos eine Listenverbindung angeboten hatte, bei der darauffolgenden Landtagswahl zur Splittergruppe herab und verlor sämtliche Mandate.[56] [[Foto im gedruckten Exemplar: Das »Fürstenhaus« zu Weimar – Sitz des Landtags von Thüringen (Aufnahme vor 1933)]]   Die KPD-Landtagsfraktion zwischen parlamentarischer Integration und autoritärem Zentralismus Während Sozialdemokraten und bürgerliche Parteien ihren Landesverbänden und Fraktionen weitgehend freie Hand und eine eigenständige Ausgestaltung der Landespolitik gestatteten, waren die extremen Flügelparteien – NSDAP und KPD – autoritär organisiert. Ihre Entscheidungen wurden entweder von der Gau- bzw. Bezirksleitung oder von der Zentrale in München bzw. Berlin oder gar Moskau selbst diktiert.[57] Bereits 1921 hatte die Berliner Zentrale der KPD eigens eine »Parlamentarische Zentralstelle« zur Koordination der Fraktionsarbeit in allen Volksvertretungen auf kommunaler, Länder- und Reichsebene eingerichtet.[58] Neben der Durchsetzung der Parteilinie auf allen politischen Ebenen gab die Zentralstelle Anweisungen zu parlamentarischen Eröffnungssitzungen heraus,[59] forderte einen monatlichen Bericht über die Fraktionstätigkeit ein,[60] führte verschiedene Statistiken, für die sie ebenfalls auf die stete Zuarbeit der Fraktionen angewiesen war, sammelte und verbreitete Agitationsmaterial,[61] koordinierte die Abführung des Diätenanteils an die Fraktionskasse[62] und organisierte regelmäßige Konferenzen der KPD-Parlamentarier.[63] Zuletzt bemühte sie sich auch um die Beilegung von Konflikten innerhalb von Fraktionen oder zwischen Fraktion und Partei, wie sie 1924/25 in Verbindung mit der Person Albin Tenners in Thüringen auftraten.[64] Die individuellen Disziplinierungsbemühungen der Zentrale gegenüber den einzelnen Abgeordneten reichten sogar bis zur Herausgabe von »Verhaltensrichtlinien«, die jeden kommunistischen Mandatsträger auf eine »Politik fortgesetzter Provokation und Demonstration« verpflichteten: »Jeder kommunistische Abgeordnete des Parlaments muß dessen eingedenk sein, daß er kein Gesetzgeber ist, der mit anderen Gesetzgebern eine Verständigung sucht, sondern ein Agitator der Partei, der ins feindliche Lager entsandt ist, um dort Parteibeschlüssen nachzukommen. Der kommunistische Abgeordnete ist nicht der losen Wählermasse, sondern seiner legalen oder illegalen Kommunistischen Partei gegenüber verantwortlich.«[65] Was in der Theorie nach einer überaus straffen Führung durch die Berliner Zentrale klingt, scheiterte in der Realität jedoch vielfach an praktischen Problemen sowie individuellem Eigensinn vor Ort. Noch 1924/25 litt die Arbeit der Zentralstelle selbst an ihrer überaus dünnen Personaldecke, die allein aus dem Reichstagsabgeordneten Wilhelm Koenen bestand und über kein eigenes Sekretariat verfügte.[66] Mit Blick auf die Zuarbeit der Fraktionen klagte man in der Zentralstelle bis Ende der 1920er-Jahre über das Ausbleiben der eingeforderten und mehrfach angemahnten monatlichen Berichterstattung sowie die mangelhafte Nachfrage nach der Neuauflage der erwähnten Verhaltensrichtlinien.[67] Notwendig waren solche Verhaltensrichtlinien nicht nur, um einerseits unerfahrene, erstmals in eine Volksvertretung gewählte Genossen mit der neuen Aufgabe vertraut zu machen; zudem sollten sie erfahrenere KPD-Abgeordnete davor bewahren, der unausweichlichen integrativen Dynamik der Parlamentszugehörigkeit zu erliegen.[68] Denn trotz ihres an sich strikt systemfeindlichen, antiparlamentarischen Kurses konnten sich auch die Kommunisten während der Weimarer Zeit nicht gänzlich dem Mitwirken an der alltäglichen Routine der Volksvertretung verschließen. Diese reichte im Landtag von Thüringen von der organisatorischen Unterstützung des Präsidiums im Ältestenrat über ihre regelmäßige Verantwortungsübernahme als Ausschussberichterstatter im Plenum bis hin zu vereinzelten konstruktiven Anträgen zur Verbesserung der Landtagsgeschäftsordnung.[69] Den gleichen integrativen Sog entfaltete der Landtag auch auf die thüringischen Nationalsozialisten. Während diese aber mit ihrem Ausscheiden aus der Regierung im April 1931 jedwede Mitwirkung an der sachlichen Parlamentsarbeit – auch in grundlegenden Dingen – einstellten, hielten die KPD-Abgeordneten noch unmittelbar bis zur vorzeitigen Machtübernahme der thüringischen NSDAP im Sommer 1932 ihre – gleichwohl begrenzte – Mitwirkung aufrecht.[70] Dessen ungeachtet äußerten die Kommunisten freilich auch im thüringischen Parlament regelmäßig ihre Grundsatzkritik am Parlamentarismus und provozierten »Schaufenster-Debatten« bis hin zu vereinzelten Tumulten. Infolge dieser Grundhaltung wurden sie von der rechtsbürgerlichen Mehrheit – im Gegensatz zur NSDAP – als einzige Partei gezielt von der Übernahme eines Ausschussvorsitzes ferngehalten, während die SPD-Fraktion und teilweise sogar die DDP durchaus bereit waren, den Kommunisten auch die Leitung einer Kommission anzuvertrauen.[71] Überhaupt wurde hinter den parlamentarischen Kulissen – jenseits der wachsamen Augen der Öffentlichkeit – ein ungleich sachlicherer, professionellerer wie auch vertrauterer Umgangston gepflegt. Vereinzelt konnte es hier auch vorkommen, dass ein rechtsbürgerlicher Abgeordneter seinen kollegialen Respekt für einen KPD-Kollegen offen ausdrückte.[72] Umgekehrt zollten auch die thüringischen Kommunisten dem 1922 überraschend verstorbenen Landtags(vize)präsidenten Artur Drechsler (USPD) durch die Teilnahme an seiner Beisetzung kollegialen Respekt.[73] Aber auch andere Gemeinsamkeiten konnten vereinzelte Querverbindungen zwischen linken Systemgegnern und republikanischen Parteien stiften. So kam es als Reaktion auf eine als Diskriminierung gegenüber dem weiblichen Geschlecht empfundene Äußerung von Regierungschef Richard Leutheußer (Deutsche Volkspartei, DVP) im Juni 1924 zu einer gemeinsamen Protesterklärung der Abgeordneten Marie Schulz (DDP), Emma Sachse (SPD) und Agnes Schmidt (KPD). Auch diese Episode belegt die Eigendynamik der Landtagsfraktion, da die Parteileitung die Abgeordnete Schmidt für ihre parteiübergreifende Initiative umgehend zur Ordnung rief und gegenüber der Berliner Zentrale Besserung gelobte.[74] Dass sich sowohl NSDAP als auch KPD der ungewollten Integrationseffekte der Parlamentstätigkeit und insbesondere dessen informeller Seite wohl bewusst waren, belegen deren gezielte Vorbeugungsmaßnahmen ab etwa 1930. Während die NSDAP ihren Abgeordneten nicht nur jeden gesellschaftlichen Umgang mit den Parlamentskollegen anderer Fraktionen verbot und auch interfraktionelle Treffen mit den bürgerlichen Koalitionspartnern nur noch geschlossen betrat oder verließ, ergänzten auch die Kommunisten ihre bereits erwähnten Verhaltensrichtlinien entsprechend. Fortan war nicht nur die Teilnahme an geselligen Veranstaltungen, sondern auch an Trauerfeierlichkeiten explizit untersagt.[75]   Fazit: Parlamentarische Integration versus Stalinisierung? Im Rahmen des reichsweiten Richtungsstreits um die Stalinisierung der Kommunistischen Partei Deutschlands entwickelte sich der Bezirk »Großthüringen« rasch zu einem Zentrum der innerparteilichen Oppositionsbewegung und in der Folge zu einer Hochburg der KPO. In diesem Aufsatz wurde die These dargelegt, dass neben der grundlegenden regionalen Orientierung der thüringischen Genossen auch die in Teilen erfolgreiche Integration ihrer Landtagsfraktion in das parlamentarische System zum »Aufstand« des thüringischen Bezirks gegen Berlin und Moskau geführt habe. Die Folge war der ebenso frühe wie beinahe geschlossene Übertritt der meisten KPD-Abgeordneten zur Opposition. Hauptsächlich ausgetragen sowie letztendlich entschieden wurde der Konflikt indes außerparlamentarisch auf der Ebene von Partei und Bezirk. In der Folge verschwand die kurzlebige KPO-Landtagsfraktion bereits nach einem knappen Jahr mit der Neuwahl des Landtags, da die Zentrale zwischenzeitlich den Bezirk durch massive Eingriffe und disziplinarische Maßnahmen wieder unter Kontrolle gebracht hatte. Aufgrund der fehlenden parteilichen Infrastruktur entwickelte sich die KPO zur Splitterpartei und verfehlte den Wiedereinzug in das Landesparlament. Die Revolte der Landtagsfraktion erklärt sich einerseits – auf der personellen Ebene – aus der individuellen innerparteilichen Orientierung einzelner Abgeordneter, etwa Hans Tittels oder Albin Tenners. Andererseits war die Fraktion – auf systemischer Ebene – seit Beginn der Weimarer Republik dem unausweichlichen integrativen Sog des Parlamentsalltags ausgesetzt. Das ließ gerade die Fraktion zu einem Ort der Kultivierung realpolitisch-gouvernementaler Positionen innerhalb der Partei werden. Dies äußerte sich neben positiven Forderungen auf tagespolitischer Ebene sowie vereinzelten Alleingängen bzw. Richtungsstreitigkeiten in der Frage einer kommunistischen Regierungsbeteiligung vor allem im alltäglichen Mitwirken an scheinbar grundlegenden Abläufen und Routinen, die gleichsam die existenziellen Grundlagen parlamentarischen Arbeitens bilden. Dass es sich dabei keineswegs um eine unausweichliche oder banale Selbstverständlichkeit handelte, sondern den KPD-Parlamentariern sehr wohl alternative Strategien für eine Partei, die sich selbst als Systemopposition begriff und inszenierte, zur Verfügung standen, belegt das parallele Agieren der Nationalsozialisten. Auch diese befanden sich in Thüringen – befördert durch ihre Regierungsbeteiligung – zeitweise auf Integrationskurs. Nach ihrem Ausscheiden aus der Koalition gingen sie jedoch zu einer antiparlamentarischen Grundsatzopposition über, die sich neben gezielt provozierten Tumulten und Schlägereien auch im Boykott wichtiger wie alltäglicher Abläufe äußerte. Demgegenüber trug die KPD-Fraktion – trotz nicht minder rigoroser antiparlamentarischer Propaganda – ebenjene Abläufe bis zur vorzeitigen Machtübernahme der thüringischen NSDAP im Juli 1932 mit. Zuletzt wird dieser integrative Effekt, der sich neben der Arbeitsroutine vor allem auch in informellen und individuellen Kontakten mit den »Parlamentskollegen« entfaltete, durch die gezielten Gegenmaßnahmen der »Parlamentarischen Zentralstelle« der KPD belegt. Warum sonst hätte sie sich in ihren Verhaltensrichtlinien explizit sowohl gegen die Teilnahme an »geselligen Veranstaltungen« als auch gegen Respektsbekundungen im Rahmen von »Beileidsbekundungen« aussprechen sollen, wenn diese nicht auch bei ihren Landtagsvertretern andernfalls einen unerwünschten Effekt zu entfalten drohten? [1] Verhandlungen des IV. Landtags von Thüringen, Abt. IV: Stenographische Berichte, S. 2717 f. (123. Sitzung vom 15. Januar 1929). [2] Siehe Hermann Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik, Frankfurt a. M. 1969; Elke Reuter u. a. (Hg.): Luxemburg oder Stalin. Schaltjahr 1928 – Die KPD am Scheideweg. Eine kommentierte Dokumentation (= Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus, Bd. 4), Berlin 2003. [3] Die übrigen KPO-Landtagsabgeordneten waren Otto Engert, Paul Fischer, Hermann Schulze, Albin Tenner und Frida Winckelmann. Die Abgeordneten Richard Eyermann und Richard Zimmermann folgten hingegen der Thälmann-Richtung und verblieben bei der KPD. Siehe Timo Leimbach: Landtag von Thüringen 1919/20–1933 (= Handbuch der Geschichte des deutschen Parlamentarismus), Düsseldorf 2016, S. 121 f. u. 340. [4] Siehe Hermann Weber u. a. (Hg.): Deutschland, Russland, Komintern, Berlin/Boston 2014, Bd. 1, S. 37 u. 66; Reuter (Hg.): Luxemburg (Anm. 2), S. 24 f., 48–50, 59 f. u. 92 f. [5] Zur Person Tittels siehe Jochen Lengemann: Thüringische Landesparlamente 1919–1952. Biographisches Handbuch (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen, Große Reihe, Bd. 1.4), Köln/Weimar/Wien 2004, S. 646–468. [6] Siehe Jürgen John: Die Thüringer Kleinstaaten – Entwicklungs- oder Beharrungsfaktoren?, in: Blätter für deutsche Landesgeschichte 132 (1996), S. 91–149, hier 136–140. [7] Siehe Dietmar Klenke: Die SPD-Linke in der Weimarer Republik. Eine Untersuchung zu den regionalen organisatorischen Grundlagen und zur politischen Praxis und Theoriebildung des linken Flügels der SPD in den Jahren 1922–1933, neubearb. Aufl. Münster 1989, S. 193–209 u. 422–429; Steffen Kachel: Ein rot-roter Sonderweg? Sozialdemokraten und Kommunisten in Thüringen 1919 bis 1949 (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen, Kleine Reihe, Bd. 29), Köln/Weimar/Wien 2011, S. 34–40, 66–68 u. 121–129. [8] Siehe Ulrich Heß: Geschichte Thüringens 1866 bis 1914. Aus dem Nachlaß hrsg. von Volker Wahl, Weimar 1991, S. 372–377, 401 u. 410. [9] Zum thüringischen Spaltungsprozess siehe Kachel: Sonderweg (Anm. 7), S. 137–145. [10] Siehe Donald Richard Tracey: Thuringia under the Early Republic, 1919–1924: A Study in Reform and Reaction, Ann Arbor 1967, S. 64–67. Bei der Bezeichnung als »MSPD« bzw. »Mehrheits-SPD« handelte es sich zwischen 1917 und 1922 lediglich um eine Alternativbezeichnung für die SPD zur besseren Abgrenzung von den konkurrierenden sozialistischen Strömungen, allen voran der USPD. [11] Siehe Leimbach: Landtag (Anm. 3), S. 166–169 u. 184–192; Klenke: SPD-Linke (Anm. 7), S. 205–207. [12] Siehe Kachel: Sonderweg (Anm. 7), S. 62 f.; Beate Häupel: Die Gründung des Landes Thüringen. Staatsbildung und Reformpolitik 1918–1923 (= Demokratische Bewegungen in Mitteldeutschland, Bd. 2), Köln/Wien, S. 143–156. [13] Siehe Teresa Dapp: Kommunistische Milieus in der Weimarer Republik. Ein Forschungsbericht, in: Archiv für Sozialgeschichte 50 (2010), S. 503–544; zu Thüringen siehe Kachel: Sonderweg (Anm. 7), S. 27–46, Zitat S. 46 u. 40. [14] Ebd., S. 33, 66 f., 72, 145 u. 191 f. [15] Zit. n. Klaus Kinner: Der deutsche Kommunismus, Bd. 1: Die Weimarer Zeit (= Geschichte des Kommunismus und des Linkssozialismus), Berlin 1999, S. 117. [16] Kachel: Sonderweg (Anm. 7), S. 188–191, Zitat S. 191. [17] Ebd., S. 193–202. [18] Siehe Leimbach: Landtag (Anm. 3), S. 195–201. [19] Siehe Kleine Anfrage des Abgeordneten Wirkner (CDU) vom 5. Februar 2015 und Antwort der Thüringer Staatskanzlei vom 30. März 2015 betr. Äußerungen der Thüringer Staatskanzlei zur SPD-KPD-Regierung in Thüringen vom Oktober/November 1923, in: Thüringer Landtag, Drucksache 6/460. [20] Stenographische Berichte über die Sitzungen des I. Landtages von Thüringen, S. 178 (9. Sitzung vom 10. November 1920). [21] Siehe Heinrich August Winkler: Von der Revolution zur Stabilisierung. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1918 bis 1924 (= Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, Bd. 9), Berlin/Bonn 1984, S. 514–532. [22] Siehe Leimbach: Landtag (Anm. 3), S. 166–170. [23] Die Minister waren Albin Tenner (Wirtschaft) und Karl Korsch (Justiz), daneben als Staatsrat Theodor Neubauer; siehe Lengemann: Landesparlamente (Anm. 5), S. 401–404, 495–499 u. 634 f. [24] Siehe Theodor Bergmann: Art. Einheitsfront, in: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus 3 (1997), Sp. 194–199. [25] Siehe Claus-Christian W. Szejnmann: Vom Traum zum Alptraum. Sachsen in der Weimarer Republik, Leipzig 2000, S. 33–35. [26] Siehe Manfred Overesch: Hermann Brill in Thüringen 1895–1946. Ein Kämpfer gegen Hitler und Ulbricht, Bonn 1992, S. 67 f.; Häupel: Gründung (Anm. 12), S. 120–122. [27] Siehe Kachel: Sonderweg (Anm. 7), S. 188 f.; Winkler: Revolution (Anm. 21), S. 531 f. [28] Siehe Bericht der KPD-Bezirksleitung vom 15. Juni 1922: Differenzen in Fragen der Landespolitik, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv Berlin (im Folgenden: SAPMO-BArch) RY 1/I 3/13/9, Bl. 20 f. [29] Siehe Overesch: Hermann Brill (Anm. 26), S. 88–90. [30] Siehe Situationsbericht der KPD-Bezirksleitung vom 2. Mai 1923, SAPMO-BArch RY 1/I 3/13/9, Bl. 43. [31] Siehe Overesch: Hermann Brill (Anm. 26), S. 104–111. [32] Ebd., S. 120–136. [33] Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (Hg.): Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 7, Berlin 1966, S. 445 (Nr. 381). [34] Siehe Michael Eckardt (Hg.): Ausnahmezustand in Thüringen – das Krisenjahr 1923 (= Quellen zur Geschichte Thüringens, Bd. 43), Erfurt 2017, S. 27–51. [35] Siehe Leimbach: Landtag (Anm. 3), S. 175 f. [36] Siehe Eckardt (Hg.): Ausnahmezustand (Anm. 34), S. 18–23, 70–113. [37] Siehe Berichte der KPD-Bezirksleitung an die Zentrale vom 9. und 11. November 1923, SAPMO-BArch RY 1/I 3/13/9, Bl. 74–76. [38] Siehe Berichte der KPD-Bezirksleitung vom 25. November 1923 und o. D., SAPMO-BArch RY 1/I 3/13/9, Bl. 81–84. [39] Siehe Protokoll der erweiterten Bezirksleitungssitzung vom 17. Oktober 1926, SAPMO-BArch RY 1/I 3/13/6, Bl. 49–51. [40] Siehe Jenaer Volksblatt vom 7. Februar 1927. [41] Siehe Thüringer Volksblatt vom 5. Februar 1927. [42] Siehe Leimbach: Landtag (Anm. 3), S. 185 f. [43] Ebd., S. 377 f. [44] Siehe Thomas Mergel: Parlamentarische Kultur in der Weimarer Republik. Politische Kommunikation, symbolische Politik und Öffentlichkeit im Reichstag (= Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Bd. 135), Düsseldorf 2002, S. 141 f. u. 168–172. [45] Siehe Bericht Otto Engerts an das Politbüro vom 28. Dezember 1924, SAPMO-BArch RY 1/I 3/13/11, Bl. 7–10; Ergänzungsbericht zum Fall Tenner o. D. sowie Bericht Albin Tenners vom 17. Januar 1925, SAPMO-BArch RY 1/I 3/13/19, Bl. 2–8. [46] Siehe Bericht über die Sitzung der engeren Bezirksleitung des Bezirks Gross-Thüringen mit einem Teil der Landtagsfraktion und Funktionären aus Thüringen vom 20. Januar 1925, SAPMO-BArch RY 1/I 3/13/7, Bl. 1–4. [47] Siehe Antrag der Funktionärsversammlung Gotha vom 2. Februar 1925, BArch RY 1/I 3/13/19, Bl. 10. [48] Bericht des Landtagsabgeordneten Tenner an die Zentrale der K.P.D. über die politischen Differenzen mit der Bezirksleitung Thüringen vom 17. Januar 1925, SAPMO-BArch RY 1/I 3/13/19, Bl. 6 recto. [49] Siehe Leimbach: Landtag (Anm. 3), S. 122 u. 339 f. [50] Siehe Protokoll der Bezirksleitungssitzung vom 20./21. November 1928, SAPMO-BArch RY 1/I 3/13/5, Bl. 220–243; Franz Stephan, Unterbezirksleiter Gera an das ZK Berlin vom 1. Oktober 1928 sowie Hans Tittel, Karl Bräuning, Sepp Smolka an das EKKI Moskau vom 12. Oktober 1928, SAPMO-BArch RY 1/I 3/13/20, Bl. 34 f. u. 41–45; Kachel: Sonderweg (Anm. 7), S. 193–197. [51] Siehe Fraktion der Kommunisten, Landtag von Thüringen an das ZK Berlin und die Bezirksleitung Jena vom 21. Dezember 1928, SAPMO-BArch RY 1/I 3/13/19, Bl. 97. [52] Siehe Protokoll der Bezirksleitungssitzung vom 20./21. November 1928, SAPMO-BArch RY 1/I 3/13/5, Bl. 237. [53] Siehe Leimbach: Landtag (Anm. 3), S. 340. [54] Siehe Verhandlungen des IV. Landtags von Thüringen, Abt. IV: Stenographische Berichte, S. 2765 f. (127. Sitzung vom 19. Februar 1929). [55] Ebd., S. 2837 f. (133. Sitzung vom 5. März 1929), 2858 f. u. 2877 f. (135. Sitzung vom 7. März 1929). [56] Ebd., S. 88, 94 f., 121 f. u. 195. [57] Siehe Mergel: Parlamentarische Kultur (Anm. 44), S. 204. [58] Siehe Hellmuth Weber: Die Parlamentspolitik der KPD von 1919 bis 1923 (= Arbeiterbewegung und Parlamentarismus, Bd. 15), Halle a. d. S. 1988, S. 82. [59] Siehe Sonder-Rundschreiben an alle Kommunalfraktionen der Partei vom 28. November 1929, SAPMO-BArch RY 1/I 2/703/9, Bl. 159. [60] Siehe Anweisung der Abteilung Parlamente o. D., SAPMO-BArch RY 1/I 2/703/9, Bl. 66 f. [61] Siehe Parlamentarische Zentralstelle der K.P.D. an alle Landtagsfraktionen vom 12. Mai 1924; Rundschreiben an die Landtagsfraktionen vom 17. Mai 1924; Parlamentarische Zentralstelle an die Kommunistische Landtagsfraktion vom 10. Februar 1925, SAPMO-BArch RY 1/I 2/703/9, Bl. 1–7. [62] Siehe Vorschläge zur Diätenfrage o. D., SAPMO-BArch RY 1/I 2/703/6, Bl. 16 f. [63] Siehe Rundschreiben an alle Landesparlamente vom 5. April 1927 und 18. Oktober 1927, SAPMO-BArch RY 1/I 2/703/9, Bl. 15 u. 39. [64] Siehe Halbjahresbericht der parlamentarischen Zentralstelle (Eingangsstempel vom 23. Oktober 1924), SAPMO-BArch RY 1/I 2/703/4, Bl. 11; Bericht über die parlamentarische Situation in den Einzelstaaten vom 7. Januar 1925, SAPMO-BArch RY 1/I 2/703/6, Bl. 1. [65] Sozialdemokratische Partei Großthüringen, Bezirksvorstand (Hg.): Thüringische Kommunalwahlen 1925. Handbuch für sozialdemokratische Wähler, Erfurt 1925, S. 60 u. 63. [66] Siehe Halbjahresbericht der parlamentarischen Zentralstelle (Eingangsstempel vom 23. Oktober 1924); Bericht der Parlamentarischen Zentralstelle für den Monat Januar [vermutlich 1925], gezeichnet Schwenk, SAPMO-BArch RY 1/I 2/703/4, Bl. 1 f. u. 16; Mergel: Parlamentarische Kultur (Anm. 44), S. 315–317. [67] Siehe Zentralkomitee der KPD. Sekretariat (Parlamente). Rundschreiben Nr. 30/1928 vom 24. August 1928, Nr. 9/1929 vom 28. Februar 1929 sowie Nr. 17/1929 vom 12. April 1929, SAPMO-BArch RY 1/I 2/703/9, Bl. 99 f., 143 u. 146. [68] Siehe dazu ausführlich Mergel: Parlamentarische Kultur (Anm. 44). [69] Siehe Leimbach: Landtag (Anm. 3), S. 287, 290 f., 319–321 u. 366 f. [70] Ebd., S. 321. [71] Ebd., S. 310 f. [72] So der Landbündler Julius Böckelmann, ebd., S. 313. [73] Zwar sind in der Presse nur »zahlreiche Mitglieder des Thüringer Landtages« ohne nähere Bezeichnung bezeugt. Allerdings legen die weitgestreuten Pressenachrufe eine breite Resonanz bis hin zur KPD nahe; siehe Das Volk vom 28. Juni 1922; Gothaer Volksfreund vom 23. u. 27. Juni 1922; Neue Zeitung vom 24. Juni 1922. [74] Siehe Bericht der KPD-Bezirksleitung an die Zentrale vom 26. Juni 1924, SAPMO-BArch RY 1/I 3/13/9, Bl. 119. [75] Siehe Verhalten der Landes- und Gemeindeparlamentarier bei geselligen Veranstaltungen, Besichtigungen usw. vom 7. Mai 1931, SAPMO-BArch RY 1/I 2/703/9, Bl. 103 u. 284 f.

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Allein gegen die Partei. Zbigniew Iwanów – der Rebell in der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei 1980/81

Jakub Szumski

Im September 1987 war in der Kultura, der monatlich in Frankreich erscheinenden wichtigsten Zeitschrift der polnischen politischen Emigration, in der Rubrik »Briefe an die Redaktion« eine ungewöhnliche Anzeige zu lesen. Der in Texas lebende Wojciech Z. Kaminski informierte darin über den Tod des 39-jährigen Zbigniew Iwanów, mit dem er, ebenfalls Emigrant, bis dahin zusammen in einer US-Consulting-Firma gearbeitet hatte. Weil er sich nicht in der Lage sah, die komplizierte Biografie seines Kollegen vorzustellen, schrieb er: »Viele bekannte und prominente Gewerkschaftstheoretiker, die damals die Ehre hatten, mit ihm bekannt oder befreundet zu sein, finden ganz gewiss irgendwann die Zeit, diesem Menschen ein paar Spalten oder zumindest eine kurze Erwähnung seines Lebenswerkes zu widmen …«[1] Auch wenn der Autor dies wohl kaum wirklich erwartet hatte, wurde seine Voraussage Wirklichkeit. Seine im Leserbrief von 1987 verwendete Formulierung der »kurzen Erwähnung« spiegelt die Präsenz von Zbigniew Iwanów im wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs treffend wider. In den Arbeiten zur neusten Geschichte Polens, insbesondere zur Entstehung der Gewerkschaft Solidarność sowie der »polnischen Krise« der 1980er-Jahre, erwähnen Forscher seinen Namen.[2] Es erschienen auch einzelne Einträge in Nachschlagewerken.[3] Dennoch scheint seine Biografie nicht so recht in die etablierten Narrative der Geschichte Polens der 1980er-Jahre zu passen, die von dem Konflikt zwischen der Kommunistischen Partei und dem Staat auf der einen Seite und der Nation auf der anderen dominiert wurde. Wer war also Zbigniew Iwanów, der im Alter von 39 Jahren in den Vereinigten Staaten starb und dessen Lebenswerk den Autor des erwähnten Leserbriefes so ratlos machte?   Die Anfänge Zbigniew Iwanów wurde am 1. September 1948 in Tryl, einem Dorf 80 km nördlich von Toruń, geboren. Im Jahr 1958 zog die Familie nach Ermland, wo der Vater Arbeit in einer Grundschule in Kętrzyn erhielt.[4] Im Oktober 1971 begann Zbigniew Iwanów an der Nikolaus-Kopernikus-Universität in Toruń ein Studium der Industrieökonomie – eine neu etablierte Studienrichtung, die als Kaderschmiede für die Modernisierung der Wirtschaft in der Woiwodschaft Toruń gedacht war, wo zur damaligen Zeit große Werke der Schiffsbau- sowie der Chemie- und Textilindustrie entstanden.[5] Im Jahr 1977 schrieb er seine Magisterarbeit zum Thema der Kapitalintensität. Darin wies er auf deren übermäßiges Wachstum in den wichtigsten Industrieunternehmen des Landes hin, das langfristig negative Folgen für die Modernisierung der Wirtschaft und die dauerhafte Sicherung des Wohlstandes nach sich ziehen könne. [6] Die Arbeit wurde mit »gut« bewertet. Mit der gleichen Note beendete er im September 1977 sein Studium.[7] Im März 1970 hatte Zbigniew Iwanów im Alter von 22 Jahren einen Antrag zur Aufnahme in die PZPR (Polska Zjednoczona Partia Robotnicza, Polnische Vereinigte Arbeiterpartei) gestellt. Gemäß der offiziellen Phraseologie begründete er seinen Antrag mit dem Wunsch, »einen aktiven Beitrag zum politischen und gesellschaftlichen Leben im Land zu leisten und die Politik unserer Partei als führende Kraft des Volkes zu unterstützen«.[8] Alles deutet darauf hin, dass Iwanów in dieser Zeit in der PZPR nicht aktiv war, sondern aus pragmatischen Motiven um Aufnahme in die PZPR bat, zum Beispiel um seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen.[9] [[Foto in der gedruckten Ausgabe: Zbigniew Iwanóws Parteiausweis]]   Der Mann des Streikes Der Schiffbauzulieferbetrieb »Towimor« gehörte nach dem Krieg zu den größten Arbeitgebern in Toruń. Etwa 1500 Menschen waren dort im Jahr 1980 beschäftigt. Die Geschichte des Werkes, eines der größten Produzenten von Motorwinden und Kränen für die Be- und Entladung von Schiffen, von Transportzubehör und Anlegetauen, reichte bis ins Jahr 1905 zurück.[10] Noch vor Beendigung seines Studiums begann Zbigniew Iwanów im November 1976 in diesem Werk zu arbeiten und war bereits nach zwei Jahren Leiter der Wirtschaftsabteilung. Als Vater von drei Kindern erhielt er eine Neubauwohnung und wurde Wirtschaftssekretär im Betriebskomitee der PZPR, wo er politische Schulungen für Mitarbeiter durchführte.[11] Die landesweite Streikwelle im Juli und August 1980 bedeutete sowohl das Ende der zunehmend von Stillstand geprägten Ära Edward Giereks als auch zunehmend unsicherere Lebensverhältnisse für Iwanów.[12] Bei »Towimor« begannen am 21. August Besetzungen und Arbeitsniederlegungen. Die aufgebrachten Arbeiter wollten nicht auf den Direktor und die Vertreter der Kommunistischen Partei hören, die zur Wiederaufnahme der Arbeit aufriefen.[13] Als Leiter der Wirtschaftsabteilung ging Zbigniew Iwanów damals ans Mikrofon und sagte: »Die Partei hat mit ihrer Politik die ganze Nation demoralisiert und sie trägt dafür Verantwortung.«[14] Iwanów unterstützte den Streik und distanzierte sich von der Organisation, der er seit fast zehn Jahren angehörte. Die lange, mehr als zehn Tage dauernde Besetzung der Fabrik war für die Streikenden eine wichtige gemeinsame Erfahrung und Iwanów wurde eine ihrer Führungsfiguren.[15] Am 1. September 1980 wurde eine Vereinbarung unterschrieben, die den Streik beendete und – ähnlich wie in anderen Teilen des Landes – die Bildung unabhängiger Gewerkschaften erlaubte.[16] Für den im Jahr 1980 32-jährigen Zbigniew Iwanów waren der Streik und die erfolgreichen Verhandlungen mit den kommunistischen Machthabern die bis dato prägendsten Erfahrungen seines Lebens. »Während des Streiks lernen sich die Leute kennen, alles ist vollkommen anders, es entstehen Kontakte, informelle Gruppen bilden sich […]«,[17] so Iwanów über die Atmosphäre der Augustproteste. Der größte Erfolg der Streikenden war die Genehmigung, die unabhängige selbstverwaltete Gewerkschaft Solidarność ins Leben zu rufen. Sie repräsentierte nicht nur die Arbeiter, sondern auch weitere Teile der Bevölkerung. Dabei agierte sie unabhängig von Partei und Verwaltung und erhob sogar den Anspruch, diese auf die Einhaltung von Rechtsstaatlichkeit zu kontrollieren. Sie strebte danach, den Anteil der Bevölkerung in den politischen Gremien durch Formen territorialer und wirtschaftlicher Selbstverwaltung zu erhöhen.[18] Iwanów engagierte sich bei der Gründung der Solidarność auf Betriebsebene innerhalb von »Towimor« und in der Stadt Toruń. Gleichzeitig beschloss er, sich stärker in der PZPR zu engagieren. Zu einer Zeit, in der die Menschen massenhaft aus der Partei austraten, setzte Iwanów sich dafür ein, dass sie in der PZPR blieben und die Partei von innen veränderten.[19] Aufgrund seiner früheren Arbeit im Betriebskomitee der PZPR war er bekannt und hatte während des Streiks große Unterstützung erfahren.[20] Er war witzig, offen und direkt – das unterschied ihn von den bisherigen PZPR-Kadern im Betrieb. Iwanóws Auftreten und die Unruhe in der Partei führten am 16. September 1980 zu vorgezogenen Neuwahlen für das Betriebskomitee der PZPR. Das Woiwodschaftskomitee stellte keinen Kandidaten auf: Iwanów siegte mit klarer Mehrheit der Stimmen und wurde Erster Sekretär des »Towimor«-Betriebskomitees.[21]   Die innerparteiliche Demokratie Iwanów dachte damals, dass es dank der August-Streiks und des Wechsels auf dem Posten des Ersten Sekretärs des ZK der PZPR – am 6. September 1980 war Edward Gierek auf dem VI. ZK-Plenum abgesetzt und durch Stanisław Kania ersetzt worden – gelingen würde, einen demokratischen Wandel der Partei »von unten« durchzusetzen, und dies nicht nur in einem einzelnen Betrieb.[22] Er suchte Kontakt zu Leuten, die wie er auf höheren Ebenen mehr Autonomie für die Grundorganisationen erzwingen wollten.[23] Ähnliche Ideen, nach denen der Schlüssel zur Wiederbelebung der Partei in der Aktivierung ihrer Grundorganisationen und der Abkehr von den bürokratischen Ritualen lag, hatten Wissenschaftler der Kopernikus-Universität Toruń schon im Mai 1980 präsentiert.[24] Das Treffen dieser zwei Milieus mündete in der Einberufung der Konsultations- und Verständigungskommission der PZPR-Grundorganisationen am 27. Oktober 1980.[25] Diese Form einer politischen und programmatischen Zusammenarbeit zwischen PZPR-Komitees ohne Vermittlung eines Organs höherer Instanz (in diesem Falle des Woiwodschaftskomitees) hatte es bisher innerhalb von kommunistischen Parteien nicht gegeben. Hier wurde sich auf der Ebene »horizontaler Strukturen« verständigt.[26] Die Zellen einer Partei leninistischen Typs unterhielten hingegen ausschließlich vertikale Beziehungen, die darin bestanden, Informationen und Richtlinien in der hierarchischen Struktur von oben nach unten weiterzuleiten. Sie waren dem Grundsatz des demokratischen Zentralismus verpflichtet, der den Einfluss gewöhnlicher Parteimitglieder auf das Wirken ihrer Vorgesetzten beschränkte. [27] Die Änderungen, die von den Reformkräften in der Partei vorgeschlagen wurden, setzten demokratische Wahlen auf allen Ebenen sowie die sofortige Einberufung eines Parteitages, auf dem die zentralen Organe neu besetzt werden sollten, voraus.[28] Mit der Zeit entstanden ähnliche, voneinander unabhängige Initiativen in praktisch jeder größeren polnischen Stadt, wie z. B. in Katowice, Poznań und Warschau. Sie formten eine Bewegung für demokratische Reformen innerhalb der PZPR.[29] Überall profilierten sich regionale Führungsfiguren, aber nirgendwo machte eine Gestalt so laut und schillernd auf sich aufmerksam wie Zbigniew Iwanów, was dazu führte, dass Journalisten und Gäste aus dem In- und Ausland bevorzugt nach Toruń kamen, wenn sie über die Geschehnisse in den Regionen berichten wollten. Iwanów war jedoch keinesfalls ein typischer Repräsentant des Spektrums für demokratische Reformen in der PZPR. Er agierte autonom und stimmte sein Vorgehen nicht mit der Konsultations- und Verständigungskommission ab, bei der es sich auch mitnichten um eine revolutionäre Bewegung handelte. Sie strebte vielmehr die Rolle eines ernst zu nehmenden programmatischen Sammelzentrums an, das durch die breite Unterstützung seiner Mitglieder und die Einflussnahme auf die Führungskreise schrittweise Reformen in der Partei durchsetzen wollte.[30] Iwanów passte nicht in dieses enge Format. Er unterschied sich von den Akteuren der »horizontalen Strukturen« genauso wie vom Typus des innerparteilichen Reformers in den Ländern Mittel- und Osteuropas. Er war mehr ein Manager als ein Intellektueller. Seine Vorstellungen und Ideen für Änderungen innerhalb der PZPR gründeten nicht auf einer revisionistischen Kritik am Marxismus, wie es für die innere Opposition in den kommunistischen Parteien sonst typisch war.[31] Als Parteimitglied bezeichnete er sich offen als Katholik, mit der Begründung, dass man seinen persönlichen Glauben von seinen politischen Ansichten trennen könne. [32] Er äußerte Ansichten, die von den in diesem Punkt überempfindlichen PZPR-Funktionären als antisowjetisch verstanden wurden. [33] Aus dem Forderungskatalog der Reformbewegung übernahm er die Überzeugung von der Schlüsselrolle der Grundorganisationen, die Notwendigkeit von sofortigen demokratischen Wahlen und die Einberufung eines Parteitages zum vollständigen Austausch des Führungskaders der PZPR. Iwanóws grundlegende politische Erfahrung war der Streik, in dessen Rahmen er Forderungen mit Macht erzwingen und Anhänger mit radikalen Lösungen mobilisieren konnte. Er brachte Inhalte in die Partei ein, die zuvor nur als Klatsch und Gerüchte kursierten – vor allem Vorwürfe wegen Korruption und Amtsmissbrauchs auf Woiwodschaftsebene. Iwanów schockierte die routinierten Parteifunktionäre mit seiner von Kundgebungen geprägten Dynamik und seiner Rhetorik. Während einer Versammlung von Betriebssekretären in Toruń, die Ende September 1980 stattfand, nannte er die Direktoren der staatlichen Betriebe »Diebe«.[34] Ähnlich sprach er auch über Parteiführer, die Toruner Stadtverwaltung sowie Vertreter von Jugendorganisationen.[35] Gleichzeitig wandte er aber auch Aktionsformen an, die für die politische Opposition in den Ostblockstaaten charakteristisch waren. Die Information über ein Treffen der Verständigungskommission ließ er als Flugblatt vervielfältigen, das er in Schaufenstern aushängte und auf der Straße verteilte.[36] In der vom Betriebskomitee herausgegebenen Zeitung Odnowa [Erneuerung] druckte er Karikaturen und Losungen, die die Kernpunkte des Streits mit dem Parteiapparat lapidar aufgriffen. Eines seiner Schlagworte war: »Der Grundsatz des demokratischen Zentralismus besteht nicht darin, aus Warschau Gouverneure ranzukarren.«[37] Auf einer Karikatur spricht eine mächtige Gestalt, die das Woiwodschaftskomitee der PZPR symbolisieren soll, zu einer kleinen Gestalt mit zugeklebtem Mund, die das Betriebskomitee darstellen soll: »Sprechen Sie, Genosse! Ich höre Ihnen zu!«[38] Die schwierigen und komplizierten Diskussionen der innerparteilichen Reformkräfte ergänzte er auf diese Weise durch eine »volkstümliche«, nicht nur für Intellektuelle verständliche Botschaft. [[Foto in der gedruckten Ausgabe: Karikatur aus der Zeitung Odnowa: Die mächtige Gestalt symbolisiert das Woiwodschaftskomitee der PZPR und sagt zur kleinen mit dem zugeklebten Mund, die das Betriebskomitee darstellen soll: »Sprechen Sie, Genosse! Ich höre Ihnen zu!«]] Im November 1980 erklärte ein »32-Jähriger mit Bart« der renommierten Warschauer Wochenzeitschrift Polityka, dass »Towimor« an der Spitze der Erneuerung des Parteilebens in der Woiwodschaft stehen solle.[39] Iwanów versuchte, seine Ideen auch in die Praxis umzusetzen. Die Art, wie er das Betriebskomitee der PZPR führte, war im Vergleich zu den früheren Jahren untypisch. Auf den Versammlungen des Komitees durfte jeder sprechen, auch Parteilose wurden eingeladen.[40] Einige Entscheidungen wurden per Referendum getroffen.[41] Die Inhalte der Betriebszeitungen, die bei »Towimor« herausgegeben wurden, wurden nicht mit dem Woiwodschaftskomitee abgestimmt.[42] Dieser Führungsstil sorgte dafür, dass die Unterstützung für Iwanów innerhalb der Belegschaft stieg.[43] Alle, die das Experiment der innerparteilichen Demokratie mit eigenen Augen sehen wollten, zog es nun nach Toruń: Mitglieder der Solidarność und der PZPR, Parteilose und Journalisten aus dem ganzen Land. Am 12. November 1980 besuchte der Reisereporter und Journalist Ryszard Kapuściński »Towimor«. Angeblich war er von Iwanów fasziniert.[44] Nur radikale Methoden würden zu Änderungen in der PZPR führen, erklärte Iwanów. Mit der Zeit würde dies zur Demokratisierung des vom Parteiapparat regierten Staates beitragen. Diese Einstellung führte zu ständigen persönlichen Attacken auf den PZPR-Führungskader. Im Gespräch mit dem Oppositionellen Adam Michnik erklärte Iwanów, dass Änderungen im System nicht möglich seien, wenn man die derzeitigen Machtinhaber auf ihren Posten ließe.[45] In einem Gespräch mit einem studentischen Radiosender wurde Iwanow Folgendes gefragt: »Zbyszek, was müssen wir hier an der Basis machen? Sollen wir überhaupt was machen? Warten?« Iwanów antwortete darauf mit der Handlungsmaxime: »Beißen, sich widersetzen, treten, soviel es geht! Soviel es geht, denn jetzt muss man radikale Methoden anwenden, um zu erreichen, was man möchte.«[46]   Die Partei schlägt zurück Als Chef der Parteiorganisation bei »Towimor« wurde Iwanów zu einer beachteten und gehörten Persönlichkeit Toruńs. Auch die höheren Parteiinstanzen, das Woiwodschaftskomitee in Toruń und das Zentralkomitee in Warschau, verfolgten seine Aktivitäten mit starkem Interesse. Während des Streiks herrschte große Unklarheit, wie man Iwanóws Aktivitäten zu beurteilen habe. Dem polnischen Staatssicherheitsdienst war es nicht gelungen, brauchbare Informationen über Iwanów zu beschaffen.[47] Jedoch trafen nun bald wöchentlich neue Mitteilungen und Hinweise auf seine fortlaufenden »boshaften, empörenden und beleidigenden« Aussagen und über den Verlauf der offenen Versammlungen des Betriebskomitees von »Towimor« ein.[48] Auch im Apparat des Zentralkomitees in Warschau war man über das Geschehen in Toruń beunruhigt. Anfang November 1980 fuhr eine ZK-Delegation nach Toruń, um an einer Sitzung des Betriebskomitees teilzunehmen. Im anschließenden Bericht an die Zentrale wurde informiert, es sei unbedingt notwendig, den »Aufrührer zu disziplinieren«.[49] Man überlegte sogar, die ganze Organisation bei »Towimor« einfach von oben aufzulösen, ohne einzelne Mitglieder beschuldigen zu müssen.[50] Auch das Woiwodschaftskomitee war gezwungen, auf das Verhalten Iwanóws zu reagieren, das aus ihrer Sicht die formellen und informellen Regeln der PZPR brach. Man versuchte dies durch warnende Gespräche mit Mitgliedern des Komitees und appellierte an die Vernunft Iwanóws, indem man auf ihn einwirkte, sein Verhalten grundsätzlich zu mäßigen. Die Versuche blieben wirkungslos. »Seine Ansichten und die daraus erwachsenden Handlungen kollidieren auf extreme Weise mit den Statuten und Pflichten eines Parteimitglieds«, fassten die Mitglieder des Woiwodschaftskomitees zusammen. Er sei »in seinen radikalen Ansichten kompromisslos und für keinerlei Argumentation zugänglich«.[51] Man entschied, ihn aus der PZPR auszuschließen.[52] Am 24. November 1980 musste Iwanów zur Sitzung der Parteikontrollkommission auf Woiwodschaftsebene (Wojewódzka Komisja Kontroli Partyjnej, WKKP) erscheinen. Man warf ihm vor, die führende Rolle der PZPR im Staat sowie den demokratischen Zentralismus nicht anzuerkennen, die Durchführung von Wahlen innerhalb der Partei verlangt zu haben sowie unzulässige Ansichten über die Sowjetunion und den Katholizismus zu vertreten.[53] Iwanów sah ein, dass die Entscheidung über seine Entfernung aus der Partei auf einer höheren Ebene getroffen worden war und Diskussionen sinnlos waren. Stattdessen rief er am Nachmittag des gleichen Tages eine Versammlung seines Betriebskomitees ein. Es war ein mit fast 500 Personen besonders gut besuchtes offenes Treffen bei »Towimor«. Die Atmosphäre war aufgeheizt. Vertreter von Fernsehen und Radio waren im Saal, auch wenn die Diskussion aufgrund des lauten Geschreis nicht aufgezeichnet werden konnte und das Tempo der Diskussion es nicht zuließ, dass die jeweils Sprechenden das Mikrofon benutzten.[54] Iwanów berichtete von der Sitzung der Parteikontrollkommission und seinem Rauswurf aus der Partei. Die Menge solidarisierte sich mit ihm, sprach von »stalinistischen« Methoden des Woiwodschaftskomitees und betonte, dass man die Entscheidung der Parteikontrollkommission nicht akzeptieren werde.[55] Alle Versammelten standen hinter ihm; sogar diejenigen, die zuvor von seinen Methoden nicht begeistert gewesen waren, sprachen sich gegen diesen Eingriff von außen aus. Ein Vertreter der Parteikontrollkommission, der die Entscheidung erklären wollte, wurde ausgepfiffen.[56] Das Betriebskomitee fasste den Beschluss, die Entscheidung des ihm vorgesetzten Woiwodschaftskomitees nicht zu akzeptieren und Iwanów weiterhin als seinen Sekretär zu betrachten.[57] Iwanów blieb die Möglichkeit, sich an die der Kontrollkommission auf Woiwodschaftsebene übergeordnete Zentrale Kontrollkommission zu wenden, die ihm seine Mitgliedsrechte wieder zurückgeben konnte. In seinem Widerspruch, den er nach Warschau schickte, stellte er sich als Opfer von verfestigten Seilschaften dar, deren Angehörige sich bedroht fühlten, weil er Fälle von Amtsmissbrauch öffentlich gemacht habe. Sein Ziel sei aber vielmehr die Wiederbelebung der Parteikomitees und die Suche nach einer Verständigung mit der Solidarność.[58] Die letzte Verhandlung fand am 3. März 1981 statt. Zbigniew Iwanów wurde in das Gebäude des Zentralkomitees nach Warschau eingeladen. »Ich bin ein Radikaler«, sagte er gleich zu Beginn der Sitzung und stellte dann sein Programm vor, nach dem die einzige legale Macht in der Partei die in demokratischen Wahlen gewählte Exekutive der Grundorganisationen sei. Noch am gleichen Tag wurde das Urteil verlesen: Die Zentrale Kontrollkommission bestätigte die Entscheidung, die die Kontrollkommission auf Woiwodschaftsebene im November 1980 getroffen hatte.[59] Iwanow blieb aus der Partei ausgeschlossen.   Der letzte Versuch Der Konflikt um Iwanów in Toruń ging daraufhin in eine Art Stellungskrieg über. Die Parteimitglieder spalteten sich in zwei Lager. Die einen fanden, dass die Entscheidung der Zentralen Kontrollkommission vom März die »Causa Iwanów« endgültig beendet habe. Die anderen sahen in Iwanów ein Symbol des Widerstandes gegen den monopolistischen Machtapparat der Partei und hielten diese Frage keineswegs für entschieden. Mitarbeiter der Kopernikus-Universität, die Iwanów unterstützten, prüften die Satzung der PZPR und fanden heraus, dass Iwanów auf dem IX. Außerordentlichen Parteitag der PZPR, der für Juli 1981 geplant war, gegen die Entscheidung der Zentralen Kontrollkommission Berufung einlegen konnte.[60] Der nun durch die Parteiorgane in Toruń kaltgestellte Zbigniew Iwanów konnte jedoch seinen Betrieb nicht mehr wirksam repräsentieren. Er konzentrierte sich auf öffentliche Auftritte, die von seiner fortschreitenden Radikalisierung zeugten. Im April 1981 sprach er auf einem landesweiten Treffen der Mitglieder der »horizontalen Strukturen« und warb dort für eine Blockade des ZK-Plenums und die Organisation einer Protestkundgebung in Warschau.[61] Als eine »extravagante Gestalt mit abgedunkelter Brille und kleinem Bart« beschrieb ihn John Darnton, Journalist der New York Times, während eines Treffens in Toruń. Iwanów erklärte ihm unter anderem, dass die Bewegung zur Demokratisierung der Kommunistischen Partei ihre Wurzeln in der polnischen Freiheitsliebe habe, die die Polen von den Russen unterscheide.[62] Auch die westlichen Trotzkisten der Vierten Internationale interessierten sich für die innerparteilichen Konflikte. Die sich in Polen aufhaltende und unmittelbar von den Ereignissen berichtende Journalistin Jacqueline Heinen kam nach Toruń und führte im März 1981 ein Gespräch mit Iwanów.[63] In Beiträgen der Zeitschriften New Left Review und Telos wurde darüber nachgedacht, was die revolutionären Änderungen in der PZPR für die weltweite Linke bedeuten könnten.[64] Auf einer Veranstaltung in Szczecin behauptete Iwanów, dass die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei »weder polnisch, noch vereinigt, noch Partei, noch proletarisch« sei.[65] Polnisch war sie seines Erachtens deswegen nicht, weil sie dem übergroßen Einfluss der Sowjetunion auf die inneren Angelegenheiten der Volksrepublik Polen nichts entgegensetzte. Sie war nicht vereinigt, weil sie von anhaltenden heftigen internen Kämpfen heimgesucht war. Letztendlich war sie nicht mal eine Partei, da sie staatliche Verwaltungsaufgaben ausführte. Und proletarisch war sie ebenfalls nicht, da nicht mal die Hälfte ihrer Mitglieder Arbeiter waren.[66] Er erklärte, wenn es ihm gelänge, ein Mandat als Delegierter des IX. Parteitages der PZPR zu erhalten, würde ihm dieses höchste Parteigremium die Mitgliedschaft zurückgeben. »Und wenn nicht?«, fragte das Auditorium. Darauf antwortete er in der für ihn charakteristischen entspannten Art und Weise: »Wenn nicht, dann suche ich eine andere politische Selbstbestimmung. Oder ich kümmere mich um meinen Schrebergarten, der sehr verwahrlost ist.«[67] Wie angekündigt, bewarb er sich um ein Mandat als Delegierter des Parteitages. Dazu benötigte er zuerst die Unterstützung seines Heimat-Komitees und musste anschließend auf der Städtischen Wahlkonferenz in Toruń gewählt werden. Die erste Hürde nahm er ohne Schwierigkeiten: Die Parteimitglieder von »Towimor« wählten den von ihnen als Ersten Sekretär angesehenen Iwanów als ihren Delegierten für die Städtische Konferenz, die am 28. Mai 1981 begann. Die Anwesenheit von Iwanów elektrisierte den Saal.[68] Die über die Vorschriftsmäßigkeit wachende Mandatskommission stand vor dem Problem, ob der aus der PZPR ausgeschlossene Iwanów überhaupt an den Wahlen teilnehmen dürfe. Nach einigen Abstimmungen ohne klares Ergebnis sollten alle Delegierten darüber eine Entscheidung treffen. Mit neun Stimmen Mehrheit entschied die Konferenz, dass Iwanóws Mandat Gültigkeit habe. So kam es zu der bisher nie dagewesenen Situation, dass ein Parteiloser, dessen Parteiausschluss von mehreren Instanzen bestätigt worden war, zu einer Städtischen Konferenz delegiert wurde. In Reaktion darauf legten 180 Delegierte, darunter der Erste Sekretär des Woiwodschaftskomitees der PZPR, Zygmunt Najdowski, und andere wichtige Vertreter des Parteiapparats ihre Mandate nieder, verließen den Saal und drohten mit Abbruch der Konferenz. »Der Saal kocht. Kurz entsteht der Eindruck, als ob alle gehen würden«, berichtete der Journalist des Zentralorgans des ZK der PZPR Trybuna Ludu.[69] Der anwesende Vertreter des Zentralkomitees und Repräsentanten der Kopernikus-Universität versuchten, die Atmosphäre zu beruhigen. Nach Gesprächen in der Pause gelang es, einen Kompromiss zu finden. Zbigniew Iwanów, der wahrscheinlich ahnte, dass sein Widerstand mehr Schaden als Nutzen anrichten würde, erklärte, dass er sich nicht mehr um ein Mandat als Parteitagsdelegierter bewerbe und seine Aktivität in der PZPR endgültig beende.[70] Über die turbulente Sitzung in Toruń informierte die landesweite Presse, neben der Trybuna Ludu auch die in vielen Landesteilen gelesene Hauptstadtzeitung Życie Warszawy.[71] Die Aufmerksamkeit der Parteiöffentlichkeit war erneut auf Toruń gerichtet. »Welche Partei der Welt, egal welcher Ausrichtung, würde so etwas tolerieren?«, fragte rhetorisch Jan Czuła, der die »Causa Iwanów« in der den inneren Angelegenheiten der PZPR gewidmeten Zeitschrift Życie Partii kommentierte.   Rebell, Häftling, Emigrant Die Ereignisse in Polen in den Jahren 1980 und 1981, an denen Iwanów Anteil hatte, wurden oft mit dem Begriff »Revolution« beschrieben.[72] Wenn wir die Geschehnisse aus der Perspektive der regierenden Kommunistischen Partei betrachten, war die revolutionäre Situation dadurch gekennzeichnet, dass ihr Machtmonopol infrage gestellt worden war; es tauchten Forderungen auf, die gegen ihre Regierungsführung und die darin geltenden Regeln gerichtet waren, und diese Forderungen erhielten eine offene und aktive Unterstützung durch die Bevölkerung. Die Partei hingegen war unfähig, adäquat auf diese Situation zu reagieren.[73] Nur in einer revolutionären Situation war es in den sonst mit harter Hand geführten kommunistischen Parteien möglich, dass sich eine Stimme des Protests so offen äußern konnte. Zbigniew Iwanów war ein Rebell innerhalb der Kommunistischen Partei. Der amerikanische Soziologe Robert K. Merton beschrieb Rebellion als eine mögliche Form der individuellen Reaktion auf die Regeln des herrschenden institutionellen Systems. Sie zeichne sich durch die Zurückweisung von Regeln, die als überkommen und ungerecht angesehen werden, aus. Iwanów lehnte die formellen (die Satzung der PZPR) und informellen Regeln (das Verhältnis zu Vorgesetzten, Sprache und Arbeitsweisen) der herrschenden Partei ab. Er missachtete sie in seinem Auftreten und passte sich – trotz vieler Versuche, ihn für Kompromisse zu gewinnen – nicht an. Merton stellt heraus, dass ein Rebell Alternativen formuliert und ein von ihm akzeptiertes Regelmodell vorstellt. Bei Zbigniew Iwanów war dieses sehr allgemein gezeichnet – als Vision einer regierenden Kommunistischen Partei, die den Grundorganisationen Autonomie gewährt und deren Funktionäre auf allen Ebenen in demokratischen Wahlen gewählt würden.[74] Die revolutionäre Situation in Polen während der Jahre 1980/81 ermöglichte es Iwanów, seine Ziele nach seinem Parteiausschluss in einer alternativen Organisation, der unabhängigen Gewerkschaft Solidarność, weiterzuverfolgen. »Wir sind jetzt in einer komfortablen Situation. Früher wurden wir für die Anwendung solcher Methoden aus der Partei geworfen, und wenn damals jemand aus der Partei rausflog, dann war er erledigt. Es kam vor, dass er dann nichts mehr zu essen hatte und seine Familie auch nicht«, konstatierte Iwanów in einem Interview Anfang November 1980. »Aber jetzt gibt es dieses Risiko nicht mehr. Sie können uns zwar noch aus der Partei rausschmeißen, aber es gibt eine zweite Organisation, die uns mit offenen Armen empfängt.«[75] Genau so kam es. Nachdem er seine Aktivität in der PZPR beendet hatte, wurde er stellvertretender Vorsitzender der unabhängigen selbstverwalteten Gewerkschaft Solidarność in der Region Toruń. Wenn er sich in Auseinandersetzungen um die formale Gestaltung der Vereinigung öffentlich äußerte, kreisten seine Gedanken auf ähnlichen Pfaden wie während seiner Parteitätigkeit. Er fürchtete, dominante zentrale Exekutivorgane könnten die Lebendigkeit und Spontanität der Organisationen in den Betrieben einschränken, sprach sich für radikale Maßnahmen aus und kritisierte den Solidarność-Chef Lech Wałęsa für seine allzu kompromissbereite Politik. [76] Mit der Ausrufung des Kriegsrechts in Polen in der Nacht vom 12. auf den 13. Dezember 1981 wurde die Solidarność verboten. Iwanów gehörte zu den über 3000 aktiven Mitgliedern, die in diesem Zusammenhang interniert wurden.[77] Fast ein Jahr verbrachte er in Internierungszentren in Potulice und Strzebielinek,[78] bis er am 3. Dezember 1982 wieder freikam.[79] Die Gefangenschaft hatte seine Gesundheit ruiniert und es war klar, dass er zurück in Freiheit nicht wieder für »Towimor« würde arbeiten können.[80] Die Offiziere des Staatssicherheitsdienstes rieten ihm zur Emigration. Daraufhin begab er sich zur US-Botschaft in Warschau und stellte einen Asylantrag, der sofort genehmigt wurde.[81] Am 29. Mai 1983 verließ Iwanów Polen. Bereits im Juni sprach er in seiner Wohnung in Chicago Rigde, einem Vorort der »Windy City«, mit einem Journalisten der Chicago Sun-Times. »Es war schwer, das Land zu verlassen«, sagte er im Interview, »aber ich tat es zum Wohl der Familie.«[82] Der Wille zur Reform der Kommunistischen Partei in Polen war jetzt nur noch eine fahle Erinnerung. Seine letzte Hoffnung auf Besserung der Situation in Polen nach der Aufhebung des Kriegszustandes war Papst Johannes Paul II., dessen für den 16. Juni geplante Pilgerfahrt nach Polen den Landsleuten ein Gefühl von Würde zurückgeben sollte. Die lokale anglikanische Kirche unterstützte Iwanóws Familie in den USA. Gelegentlich arbeitete er anfangs als Maler.[83] Nach einem Umzug war er in Irving/Texas als Handelsvertreter angestellt und arbeitete in einer Consulting-Firma.[84] Am 30. März 1987 starb er und wurde in Dallas/Texas begraben.[85] In Toruń wurde am 4. April 1987 ihm zu Ehren eine Messe abgehalten, die viele Menschen anzog, die sich an Iwanów und seine Zeit als Partei- und Oppositionsrebell erinnerten.[86] Aus dem Polnischen übersetzt von Andrea Rudorff [1] Kultura 480 (September 1987), H. 9, S. 167. [2] Siehe Colin Baker: Poland 1980–81. The Self-limiting Revolution, in: ders. (Hg.): Revolutionary Rehearsals, Chicago 2002, S. 189; Pierre Caen: Interview with Zbigniew Iwanow, in: Henry Flam/Stan Persky (Hg.): The Solidarity Sourcebook, Vancouver 1982, S. 151–155; Andrzej Friszke: Rewolucja Solidarności 1980–1981 [Die Revolution der Solidarność], Kraków 2014, S, 187, 419 f.; Timothy Garton Ash: The Polish Revolution. Solidarity 1980–82, London 1983, S. 172; Werner G. Hahn: Democracy in a Communist Party. Poland’s Experience since 1980, New York 1987, S. 32 f.; Takayuki Ito: Nomenklatura And Free Elections. A Polish Experiment, 1980–81, in: Acta Slavica Iaponica 6 (1988), S. 41–57; Anthony Kemp-Welch: Poland Under Communism. A Cold War History, New York 2008, S. 294; Paul G. Lewis: Politcial Authority and Party Secretaries in Poland 1975–1986, New York 1989, S. 113, 122, 169; Detlev Preuße: Umbruch von unten. Die Selbstbefreiung Mittel- und Osteuropas und das Ende der Sowjetunion, Wiesbaden 2014, S. 189. [3] Siehe Roman Bäcker: Iwanów Zbigniew, in: Krzysztof Mikulski (Hg.): Toruński Słownik Biograficzny [Biographisches Lexikon der Stadt Toruń], Bd. 1, Toruń 1998, S. 121 f.; Ewa Hołuszko: Słownik opozycji demokratycznej regionu toruńskiego 1980–1989 [Handbuch der demokratischen Opposition in der Region Toruń], Warszawa 2008, S. 45; Zbigniew Iwanów, in: www.encysol.pl/wiki/Zbigniew_Iwan%C3%B3w, ges. am 15. Januar 2017. [4] Siehe Ausweis von Zbigniew Iwanów, ausgestellt am 1. 3. 1975; Lebenslauf von Zbigniew Iwanów vom 2. 3. 1970; Beurteilung des Stadtkomitees der PZPR [Polska Zjednoczona Partia Robotnicza, Polnische Vereinigte Arbeiterpartei] in Toruń vom 21. 11. 1980; Einschätzung des Woiwodschaftskomitees der PZPR in Toruń vom 6. 1. 1981, Archiwum Akt Nowych/Archiv neuer Akten (im Folgenden: AAN), Zentralkomitee der PZPR (im Folgenden: KC PZPR), IX/141, Bl. 1 f., 17, 347, 2, 24. [5] Siehe Ryszard Sudziński: Przekształcenia strukturalne miasta Torunia w latach 1920–1975 [Die strukturelle Umgestaltung der Stadt Toruń in den Jahren 1920–1975], Toruń 1993, S. 160 f. [6] Związek kapitałochłonności produkcji z wydajnością pracy. Praca magisterska [Der Zusammenhang zwischen der Kapitalintensität der Produktion und der Produktivität der Arbeit. Magisterarbeit], Toruń 1977, Archiwum Uniwersytetu Mikołaja Kopernika w Toruniu/Archiv der Nikolaus-Kopernikus-Universität Toruń (im Folgenden: AUMK), 25.418, Bl. 3 u. 72. [7] Siehe Protokoll der Magisterprüfung, 20.9.1977, AUMK, 25.418, Bl. 35. [8] Antrag auf Aufnahme in die PZPR, 2.3.1970; Fragebogen zur Registrierung, 7.1.1975, AAN, KC PZPR, IX/141, Bl. 16, 10. [9] Siehe Antrag zur Aufnahme eines Studiums, 17. 7. 1970, AUMK, 25.418. Bl. 2; siehe auch Krzysztof Kosiński: Religianctwo. Napięcie między ideologią a religią w świadomości członków i działaczy PZPR [Bigotterie. Das Spannungsfeld zwischen Ideologie und Religion bei Mitgliedern und Funktionären der PZPR], in: Polska 1944–45/1989. Studia i Materiały Nr. XII (2014), S. 123 f. [10] Siehe Henryk Spigarski: Towimor S.A. 100 lat tradycji ... [Die Towimor AG. 100 Jahre Tradition], Gdańsk/Toruń, 2005, S. 14, 33 f. [11] Siehe Einschätzung des Woiwodschaftskomitees der PZPR in Toruń vom 6. 1. 1981; Beurteilung des Stadtkomitees der PZPR in Toruń vom 21. 11. 1980, AAN, KC PZPR, IX/141, Bl. 22 u. 347. [12] Siehe Włodzimierz Borodziej: Geschichte Polens im 20. Jahrhundert, München 2010, S. 360–363. [13] Siehe Wojciech Polak: Sierpień nad Wisłą i Drwęcą. Strajki i protesty w Toruniu i województwie toruńskim latem 1980 r. [Der August 1980 an der Weichsel und der Drewenz. Streiks und Proteste in der Stadt und der Woiwodschaft Toruń], Gdańsk 2010, S. 77 f. [14] Ebd., S. 78. [15] Siehe Adam Leszczyński: Anatomia protestu. Strajki robotnicze w Olsztynie, Sosnowcu i Żyrardowie, sierpień-listopad 1981 [Die Anatomie des Protests. Arbeiterstreiks in Olsztyn, Sosnowiec und Żyrardów August–November 1981], Warszawa 2006, S. 113 u. 116. [16] Siehe Polak: Sierpień nad Wisłą i Drwęcą (Anm. 13), S. 78–80, 196 u. 198–202. [17] Nowsze Drogi. Pismo studentów Łodzi [Neueste Wege. Zeitschrift der Studenten in Łódź], Nr. 16 vom 23. April 1981. [18] Siehe Friszke: Rewolucja Solidarności (Anm. 2), S. 681–693. [19] Von Juni 1980 bis zur Einführung des Kriegszustands im Dezember 1981 verringerte sich die Zahl der Parteimitglieder um 458 000, siehe Jan B. de Weydenthal: The Communists of Poland. An historical outline, Stanford 1986, S. 229; Notiz des Woiwodschaftskomitees der PZPR in Torun (November 1980); Notiz des Stadtkomitees der PZPR in Toruń, 12. 11. 1980, AAN, KC PZPR, IX/141, Bl. 261, 153. [20] Siehe Anna Potocka-Hoser: Aktywiści organizacji społecznych i politycznych w zakładzie przemysłowym. Obraz własnej osoby i otoczenia społecznego w latach 1978 i 1981 [Die Aktivisten der gesellschaftlichen und politischen Organisationen im Industriebetrieb. Selbstbild und gesellschaftliches Umfeld in den Jahren 1978 und 1981], Wrocław 1985, S. 123. [21] Siehe Einschätzung des Woiwodschaftskomitees der PZPR in Toruń vom 6. 1. 1981, AAN, KC PZPR, IX/141, Bl. 25; Beurteilung des Stadtkomitees der PZPR in Toruń vom 21. 11. 1980, AAN, KC PZPR, IX/141, Bl. 347. [22] Andrzej Friszke: Polska. Losy państwa i narodu 1939–1989 [Polen. Das Schicksal von Staat und Nation 1939–1989], Warszawa 2003, S. 381; Information des inoffziellen Mitarbeiters des Staatssicherheitsdienstes »Paweł«, 1.10.1980, Archiwum Instytutu Pamięci Narodowej/Archiv des Instituts für Nationales Gedenken (im Folgenden: AIPN), Vertretung in Bydgoszcz (im Folgenden: By), 011/1311, Bd. 2. Bl. 29–31e. [23] Siehe Caen: Interview (Anm. 2), S. 154. [24] Siehe Die erfolgreiche Verwirklichung der Beschlüsse des VIII. Parteitags der PZPR im akademischen Umfeld der Nikolaus-Kopernikus-Universität Toruń, 19. 5. 1980, AUMK, 309/58/9, Bl. 18. [25] Siehe Erklärung der Konsultations- und Verständigungskommission der Parteiorganisationen, 29.10.1980, AAN, KC PZPR, IX/141, Bl. 145–147. [26] Roman Bäcker: Struktury poziome w Toruniu (1980–1981) [Horizontale Strukturen in Toruń 1980/81], Warszawa 1990. [27] Siehe Edward Erazmus: Centralizm demokratyczny w socjalistycznym systemie politycznym. Zarys problematyki [Der demokratische Zentralismus im politischen System des Sozialismus. Eine Übersicht], Warszawa 1986, S. 172 f. [28] Siehe Bäcker: Struktury poziome (Anm. 26), S. 41–63. [29] Siehe Jakub Kazimierski: PZPR w województwie katowickim wobec NSZZ »Solidarność« w latach 1980–1982 [Die PZPR in der Woiwodschaft Katowice angesichts der Unabhängigen Selbstverwalteten Gewerkschaft Solidarność in den Jahren 1980–1982], Katowice 2015, S. 151–161; Zenon Bosacki: Poziomki na betonie. Struktury poziome PZPR w Poznaniu w latach 1980–1982 [Walderdbeeren im Beton. Die horizontalen Strukturen der PZPR in Poznań in den Jahren 1980–1982], in: Kronika Miasta Poznania, Bd. 4 (2005), S. 184–200; Maciej Cegła: Struktury poziome w Polskiej Zjednoczonej Partii Robotniczej [Die horizontalen Strukturen in der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei], in: Tadeusz Ślęzak/Michała Śliwa (Hg.): Polska lewica w XX wieku. Historia, ludzie, idee [Die polnische Linke im 20. Jahrhundert. Geschichte, Menschen, Ideen], Kraków 2004, S. 270–280; Jacek Ciszewski (Hg.): Przepychanka [Auseinandersetzungen] (= Archiwum Solidarności. Seria Relacje i Opracowania/Archiv der Solidarność. Zeitzeugenberichte und Studien, Bd. 28), Warszawa 1989; Przemysław Gasztold-Seń: Partia zjednoczona czy podzielona? Różne nurty PZPR w ostatniej dekadzie PRL [Eine vereinigte oder eine geteilte Partei? Verschiedene Strömungen in der PZPR in der letzten Dekade der Volksrepublik Polen], in: Annales Universitatis Pedagogicae Cracoviensis. Studia Politologica (2013), H. X, S. 178 f. [30] Siehe Friszke: Rewolucja Solidarności (Anm. 2), S. 422. [31] Siehe Magdalena Mikołajczyk: Rewizjoniści. Obecność w dyskursach okresu PRL [Revisionisten. Ihre Präsenz in den Diskursen während der Volksrepublik Polen], Kraków 2013, S. 372 f. Siehe auch Alexander Amberger: Bahro – Harich – Havemann. Marxistische Systemkritik und politische Utopie in der DDR, Paderborn 2014; Michal Kopeček: Hledání ztraceného smyslu revoluce. Zrod a počátky marxistického revizionismu ve střední Evropě 1953–1960 [Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn der Revolution. Entstehung und Anfänge des marxistischen Revisionismus in Mitteleuropa], Praha 2009; Stanley Pierso: Leaving Marxism. Studies in the dissolution of an ideology, Stanford 2001; Vladimir Tismaneanu: The crisis of Marxist ideology in Eastern Europe. The poverty of Utopia, London 1988; Ines Weber: Sozialismus in der DDR. Alternative Gesellschaftskonzepte von Robert Havemann und Rudolf Bahro, Berlin 2015. [32] Notiz des Sekretärs des Woiwodschaftskomitees der PZPR in Toruń, 23. 10. 1980, AAN, KC PZPR, IX/141, Bl. 349. [33] Siehe Gesprächsnotiz zwischen Woiwodschafts- und Stadtkomitee der PZPR, 22. 12. 1980, AAN, KC PZPR, IX/141, Bl. 417. [34] Information des Woiwodschaftskomitees der PZPR in Toruń, 1. 10. 1980, AAN, KC PZPR, IX/141, Bl. 353. [35] Siehe Notiz des Sekretariats des Woiwodschaftskomitees der PZPR in Toruń, [November 1980], AAN, KC PZPR, IX/141, Bl. 268 f. [36] Siehe Bäcker: Struktury poziome (Anm. 26), S. 20. [37] AAN, KC PZPR, X/142, Odnowa, H. 1 vom 24. Oktober 1980, Bl. 130. [38] Ebd., X/142, Odnowa, H. 8 vom 15. Dezember 1980, Bl. 226. [39] Polityka Nr. 45 vom 8. November 1980, S. 3. [40] Siehe Notiz (Anm. 35), AAN, KC PZPR, IX/141, Bl. 268–271. [41] Siehe Protokoll TZUO (Toruńskie Zakłady Urządzeń Okrętowych – Toruńer Schiffbauzulieferbetrieb) »Towimor«, 11. 11. 1980, AAN, KC PZPR, IX/141, Bl. 181. [42] Siehe Beschluss TZUO »Towimor«, 16. 10. 1980, AAN, KC PZPR, IX/141, Bl. 409. [43] Siehe Roman Bäcker: Pomiędzy masami a aparatem. Struktury poziome w Toruniu (1980–1981) [Zwischen Masse und Apparat. Horizontale Strukturen in Toruń 1980/81], in: Roman Bäcker/Marek Chamor/Zbigniew Karpus (Hg.): Społeczeństwo w dobie modernizacji. Polacy i Niemcy w XIX i XX wieku. Studia ofiarowane profesorowi Kazimierzowi Wajdzie w siedemdziesiątą rocznicę urodzin [Die Gesellschaft im Zeitalter der Modernisierung. Polen und Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert. Festschrift zum 70. Geburtstag von Professor Kazimierz Wajda], Toruń 2000, S. 407; Protokoll TZUO »Towimor«, 25. 11. 1981, AAN, KC PZPR, IX/141, Bl. 57. [44] Siehe Notiz des Sekretärs des Woiwodschaftskomitees der PZPR in Toruń, 12. 11. 1980, AAN, KC PZPR, IX/141, Bl. 343–345; Artur Domosławski: Kapuściński non-fiction, Warszawa 2010, S. 368. [45] Wolne Słowo Nr. 9/10 vom April/Mai 1981, S. 32 f. [46] Stenografische Mitschrift der Radiosendung vom 13. 11. 1980, AAN, KC PZPR, IX/141, Bl. 254. [47] Siehe Notiz zu Festlegungen, 21. 8. 1980, AIPN, By 081/379, Bl. 87. [48] Notiz des Sekretariats des Woiwodschaftskomitees der PZPR in Toruń, November 1980, AAN, KC PZPR, IX/141, Bl. 261 f. [49] Notiz des Zentralkomitees der PZPR, 6. 11. 1980, AAN, KC PZPR, XIA/1301, Bl. 29–34. [50] Siehe Notiz vom 11. 11. 1980, AAN, KC PZPR, XIA/1301, Bl. 28. [51] Notiz vom 13. 11. 1980, AAN, KC PZPR, IX/141, Bl. 318. [52] Siehe Fazit der Exekutive des Stadtkomitees der PZPR in Toruń, 22. 11. 1980, AAN, KC PZPR, IX/141, Bl. 346. [53] Siehe Protokoll der Schiedsgruppe der WKKP, 24. 11. 1980, AAN, KC PZPR, IX/141, Bl. 212–216. [54] Siehe Information von IM »Paweł«, 25. 11. 1980, AIPN, By, 011/1311 Bd. 2, Bl. 54e. [55] Protokoll TZUO »Towimor«, 25.11.1980, AAN, KC PZPR, IX/141, Bl. 48–52. [56] Ebd., Bl. 62. [57] Siehe Beschluss TZUO »Towimor«, 24. 11. 1980, AAN, KC PZPR, IX/141, Bl. 46. [58] Widerruf, 11. 12. 1980, AAN, KC PZPR, IX/141, Bl. 104–110. [59] Siehe Protokoll der Schiedsgruppe der CKKP, 3. 3. 1981, AAN, KC PZPR, IX/142, Bl. 57, Bl. 55–70. [60] Siehe Bäcker: Struktury poziome (Anm. 26), S. 86. [61] Ansprache vom 27. 4. 1981, AAN, KC PZPR, IX/142, Bl. 80. [62] The New York Times vom 16. April 1981. [63] Siehe Bericht, 11. 3. 1981, Bericht, 8. 2. 1982, AIPN, 0248/206/2, Bl. 89–91e, 93e; Brief von Jacqueline Heinen an den Autor, 12. 12. 2016. [64] Siehe New Left Review Nr. 139 vom Mai/Juni 1983; Telos Nr. 51, Frühjahr 1983. [65] Auftritt am 14. 5. 1981, AAN, KC PZPR, IX/142, Bl. 89. [66] Siehe de Weydenthal: The Communists (Anm. 19), S. 229. [67] Antworten, 14. 5. 1981, AAN, KC PZPR, IX/142, Bl. 111. [68] Siehe Trybuna Ludu Nr. 140 vom 4. Juni 1981, S. 3. [69] Ebd. [70] Bäcker: Struktury poziome (Anm. 38), S. 86–91. [71] Siehe Trybuna Ludu Nr. 125 vom 29. Mai 1981; Trybuna Ludu Nr. 126 vom 30./31. Mai 1981; Życie Warszawy Nr 124 vom 29. Mai 1981; Życie Warszawy Nr. 125 vom 30./31. Mai 1981. [72] Siehe dazu Garton Ash: The Polish Revolution (Anm. 2); Andrzej Paczkowski: Revolution and Counterrevolution in Poland, 1980–1989. Solidarity, Martial Law, and the End of Communism in Europe, Rochester/NY 2015; Jadwiga Staniszkis: Polandʼs self-limiting revolution, Princeton/NJ 1984; Marcin Zaremba: Od wojny domowej do solidarnościowej rewolucji, czyli społeczeństwo nieprzedstawione dekady lat siedemdziesiątych [Vom Bürgerkrieg bis zur Revolution der Solidarność beziehungsweise die nicht dargestellte Gesellschaft der 1970er-Jahre], in: Res Publica Nowa Nr. 8 vom August 2000, S. 46–54. [73] Siehe Eric J. Hobsbawm: Revolution, in: Roy Porter/Mikulás Teich (Hg.): Revolution in history, Cambridge 1986, S. 19; Charles Tilly: European revolutions, 1492–1992, Oxford 1993, S. 10–14. [74] Siehe Robert K. Merton: Social Structure and Anomie, in: ders.: Social Theory and Social Structure, New York/London 1968, S. 193–211; Piotr Sztompka: Socjologia. Analiza społeczeństwa [Soziologie. Die Analyse der Gesellschaft], Kraków 2006, S. 280. [75] Steno-Mitschrift, 13. 11. 1980, AAN, KC PZPR, IX/141, Bl. 254. [76] Siehe Friszke: Rewolucja Solidarności (Anm. 2), S. 583; Information von IM »Paweł«, 14. 06. 1981, AIPN, By, 011/1311 t. 2, Bl. 120. [77] Siehe Borodziej: Geschichte (Anm. 13), S. 368. [78] Siehe Tadeusz Dziechciowski: Dziennik z internowania. Goleniów, Wierzchowo Pomorskie, Strzebielinek. 1981–1982 [Tagebuch der Internierung. Goleniów, Wierzchowo Pomorskie, Strzebielinek. 1981/82], Szczecin 2011; Sylwia Galij-Skarbińska/Wojciech Polak: »Nigdy przed moca̜ nie ugniemy szyi«. Obóz internowania w Potulicach 1981–1982 [Das Internierungslager in Potulice 1981/82], Bydgoszcz–Gdańsk 2015, S. 25; Zbigniew Gluza/Katarzyna Madoń-Mitzner/Grzegorz Sołtysiak (Hg.): W stanie. Zbiorowy dziennik stanu wojennego [Kollektives Tagebuch aus dem Kriegszustand], Warszawa 2014, S. 88, 92, 97; Wojciech Polak: Czas ludzi niepokornych. Niezależny Samorządny Związek Zawodowy »Solidarność« i inne ugrupowania niezależne w Toruniu i Regionie Toruńskim: 13 XII 1981–4 VI 1989 [Die Zeit der hochmütigen Leute. Die unabhängige, selbstverwaltete Gewerkschaft Solidarnosc und andere unabhängige Gruppierungen in der Region Toruń vom 13. 12. 1981 bis 4. 6. 1989], Toruń 2003, S. 66, 71. [79] Siehe Meinung, AIPN, By 681/6275, Bl. 27e. [80] Siehe Auftrag von IM »Paweł«, [Dezember 1982], AIPN, By, 011/1311 t. 2, Bl. 17e. [81] Siehe Notiz vom 16. 03. 1983, AIPN, By 681/6275, Bl. 30–31e. [82] Solidarity co-founder now living in Chicago area, UPI vom 22. Juni 1983, in: www.upi.com/Archives/1983/06/22/Solidarity-co-founder-now-living-in-Chicago-area/4029082650414/, ges. am 17. Januar 2017. [83] Ebd. [84] Siehe Zbigniew Iwanów, in: www.encysol.pl/wiki/Zbigniew_Iwan%C3%B3w, ges. am 15 Januar 2017. [85] Kultura (Anm. 1), S. 167. Bäcker: Iwanów Zbigniew (Anm. 3), S. 122. [86] Siehe Polak: Czas ludzi niepokornych (Anm. 78), S. 337.

JHK 2018

Von den revolutionären Lagern zum sowjetischen GULag. Entwicklungspfade des sowjetischen Strafsystems

Zhanna Popova

Wie war das frühe sowjetische Strafsystem aufgebaut und auf welche Weise bereiteten die frühen Entwicklungen den Boden für die Errichtung des späteren sowjetischen Systems der Besserungsarbeitslager? Dieser Frage geht der Artikel nach, ohne jedoch dabei unter Berücksichtigung der aus historischer Langzeitperspektive offenkundig zentralen Bedeutung des GULag für das sowjetische System der Zwangsarbeit vornehmlich auf die politischen Erklärungen für seine Errichtung einzugehen; auch der Aspekt der Rivalitäten zwischen verschiedenen Ministerien bleibt an dieser Stelle unbeachtet.[1] In der Historiografie des GULag fehlt es bis heute an systematischen Studien, die die Gesamtheit der Vorläufer dieses Systems untersuchen. Im Folgenden wird deshalb auch der Frage nachgegangen, inwiefern das zaristische Erbe im Gefängniswesen und die revolutionäre Erfahrung zu bestimmten Entscheidungen der Bolschewiki im Laufe des allmählichen Aufbaus des Besserungsarbeitslagersystems beitrugen. Im Mittelpunkt des Artikels steht die Analyse der Zwangsarbeit und ihrer verschiedenen Formen, was notwendigerweise eine verengte Sichtweise erfordert: Die Verurteilung von Menschen zu Zwangsarbeit stellte zwar nur eine, wenn auch zentrale, Komponente der Repressionsarchitektur dar. Allerdings macht dieser Fokus bestimmte Kontinuitäten besonders gut sichtbar: Die Zwangsarbeit stand im Zentrum der vorrevolutionären Gefängnisreform und gewann im Verlauf der 1920er-Jahre immer mehr an Bedeutung, bis sie schließlich in den 1930er-Jahren zur Grundlage der GULag-Wirtschaft wurde. Zu Beginn werden die Langzeitauswirkungen der Gefängnisreform des 19. Jahrhunderts in den Blick genommen, im zweiten Abschnitt die Spannungen zwischen den folgenden Tendenzen: einerseits die kriminologischen Entwicklungen der frühen 1920er-Jahre (die eng mit der bereits zuvor existierenden »liberalen« kriminologischen Tradition verbunden waren und allgemein als fortschrittlich angesehen werden[2]) sowie andererseits die im Zuge des Ersten Weltkriegs und des Bürgerkriegs erfolgten Veränderungen im Bereich der Zwangsarbeit, insbesondere die Schaffung von Kriegsgefangenen- und Konzentrationslagern, jedoch ebenso die allgemeine Arbeitspflicht. Gezeigt werden soll, wie die Spannung zwischen diesen beiden Tendenzen dafür sorgte, dass sich der ideelle Grundpfeiler der stalinistischen Arbeitslager, nämlich die zentrale Bedeutung von Zwangsarbeit und ihres angeblichen rehabilitativen Potenzials, so hartnäckig halten konnte. I. Das zaristische Erbe Das zaristische Erbe der Gefängnisorganisation trat in den Anfängen des sowjetischen Strafsystems deutlich zutage. Ein Blick auf diese »diffuse Abstammung«[3] ermöglicht nicht nur Erkenntnisse über das Wiederaufgreifen bestimmter Straf- und Haftpraktiken durch die Bolschewiki, sondern hebt darüber hinaus die Bedeutung der materiellen Struktur von Gefangenschaft hervor: die Lage der Gefängnisse und Lager, aber auch der Wandel vom Gefängnis zum Lager als dominierende Strafanstalt. Bereits in einer der ersten Arbeiten über Zwangsarbeit in der Sowjetunion haben David Dallin und Boris Nikolajewski einen Zusammenhang zwischen der bolschewistischen und der zaristischen Variante der Zwangsarbeit von Strafgefangenen festgestellt.[4] Sie behaupten, dass die »Tradition« der Verhängung von Zwangsarbeit in Russland über drei Jahrhunderte durchgehend Bestand hatte.[5] Allerdings ist die Geschichte der Zwangsarbeit von Strafgefangenen in Russland nicht ganz so geradlinig verlaufen. Ihre Einführung zu staatlichen Zwecken reicht in der Tat bis zur sogenannten Katorga, der schwersten Strafe nach der Todesstrafe im russischen Zarenreich, in den Werften Peters des Großen zurück. Später wurde der Einsatz von Zwangsarbeit immer mehr mit der Vorstellung von »Strafkolonien« in Sibirien verbunden, von denen es die meisten im Osten Sibiriens gab. Diese Einrichtungen begannen jedoch nach der Abschaffung der Leibeigenschaft im Jahr 1861 immer mehr zu verfallen. Das verhängnisvolle Strafexperiment auf der Insel Sachalin stellte den letzten Versuch der Zarenregierung dar,[6] Häftlingszwangsarbeit und Kolonisierung zu verknüpfen. Die Verbannung wurde im Jahr 1900 abgemildert, auch die Katorga hatte zu diesem Zeitpunkt an Bedeutung verloren, bis sie allerdings infolge der Revolution von 1905 wieder verstärkt eingesetzt wurde. Die Zahl der zur Katorga Verurteilten stieg von 5790 Personen im Jahr 1906 auf rund 32 000 im Jahr 1913, während sich gleichzeitig auch die Anzahl »gewöhnlicher« Häftlinge erhöhte und die Sterberate »vom Rekordtief von 13,9 [Toten] pro Tausend [Häftlinge] im Jahr 1906« auf »54,8 pro Tausend 1915« stark anstieg.[7] Sowohl Verbannung als auch Katorga zählten bereits in den 1880er-Jahren zu den vom Staat bevorzugten Mitteln im Kampf gegen politische Oppositionelle, doch die Revolution von 1905 hob diese Praxis auf ein ganz neues Niveau. Die schockierenden Berichte des US-amerikanischen Reisenden George Kennan (ein entfernter Verwandter des Diplomaten George F. Kennan)[8] und anderer entsetzter ausländischer Beobachter trugen zur Entstehung des Bildes von einem in seiner Gewalttätigkeit geradezu absurden Strafsystem bei. Die Erinnerungen ehemaliger politischer Häftlinge legen allerdings nahe,[9] dass es gravierende Unterschiede in den Haft- bzw. Verbannungsbedingungen gab, abhängig nicht nur vom jeweiligen Status eines Häftlings (politisch oder »einfacher Krimineller«) oder der sozialen Herkunft, sondern auch vom Ort der Gefangenschaft oder Verbannung. Während die Katorga-Strafanstalten für ihre miserablen Bedingungen berüchtigt waren,[10] gelang es vielen, die nach Westsibirien verbannt worden waren, ein relativ ungestörtes Leben zu führen und ihre weitreichenden Unterstützernetzwerke weiterhin zu pflegen und zu erweitern.[11] Zwischen 1905 und 1907 nahm die Bedeutung der Zwangsarbeit im Rahmen der Katorga ab; das Ziel, die Feinde des Regimes zu isolieren und zu bestrafen, rückte stattdessen in den Vordergrund. [[Foto im gedruckten Exemplar: Politische Verbannte im westsibirischen Kolpaschewo bei der Vorbereitung des Brennholzes für die Küche]] In den Jahrzehnten vor 1905 fand ein umfassender Wandel in der Organisation der Zwangsarbeit statt. Die Idee, dass sie vor allem ein Strafmittel sein sollte, wich einer stärker »rehabilitativ« ausgerichteten Auffassung von Häftlingsarbeit. Einige Autoren versuchten schon vor der Gefängnisreform diese Auffassung der russischen Realität anzupassen;[12] das Gesetz vom 6. Januar 1886, das Arbeit für alle Häftlinge verpflichtend machte, wurde in den Gefängnissen aber nur punktuell umgesetzt. Es war eine der zentralen Neuerungen einer »langen Gefängnisreform« im Russischen Reich. Beginnend mit der Einrichtung einer Hauptgefängnisverwaltung (Glawnoe Tjuremnoe Uprawlenie)[13] im Jahr 1879 trug diese Reform bis zur Revolution von 1905 zu erheblichen Verbesserungen der Haftbedingungen bei.[14] Obwohl diese sich als kurzlebig erweisen sollten, hatten drei weitere durch diese Reform angestoßene Veränderungen langfristig tiefgreifende Auswirkungen. Dazu gehört erstens die Wende hin zu einem »rationalen« Ansatz in Bezug auf das Strafsystem. Die Hauptgefängnisverwaltung war die erste Verwaltungsbehörde, die mit Langzeiterhebungen statistischer Informationen über Häftlinge und Gefängnisse in allen Landesteilen begann; wichtiger noch, diese Daten flossen tatsächlich in die Entscheidungsprozesse der Gefängnisverwaltungen ein. Außerdem organisierte sie erstmalig eine systematische Gefängnisinspektion. Darüber hinaus reisten ihre Beamten zu internationalen Gefängniskongressen und nahmen somit am internationalen Austausch pönologischen Wissens teil. Das Ziel dieses Prozesses der Informationssammlung und Analyse war die Entwicklung einer Wissenschaft, die sich mit Strafen und Strafvollzug befasste. In ihrem Bemühen, die Kontrolle über die Haftbedingungen und Häftlinge zu vergrößern, machten sich die Gefängnisverwaltungen dieses neue Wissen als Instrument zur Umerziehung der Insassen zu eigen. Die Annahme von der »Umerziehbarkeit« der Häftlinge durch Arbeit sowie das wachsende Ausmaß der statistischen Datenerhebung sollten auch über die kommenden Jahrzehnte von zentraler Bedeutung sein. Zweitens schuf diese Reform quasi einen Präzedenzfall für die Zentralisierung der Strafanstalten. Gefängnisse für Zivilisten wurden seit 1879 von der Hauptgefängnisverwaltung betrieben. Dieses System wurde zwar im Zuge der Oktoberrevolution zerschlagen, kurz darauf jedoch wieder durch ein sehr ähnliches ersetzt, in dem die Zentrale Strafabteilung (Zentralnyi Karatelnyi Otdel, ZKO) des Volkskommissariats für Justiz (Narodnyj komissariat justizii, NKJu) an die Stelle der Hauptgefängnisverwaltung aus der Zarenzeit trat.[15] Die Lager und übrigen Hafteinrichtungen wurden von anderen Behörden kontrolliert: Außer der leitenden Zentralen Strafabteilung gab es die Zentralstelle für Kriegsgefangene und Flüchtlinge (Zentroplenbesch), die die Konzentrationslager betrieb, während besondere Hafteinrichtungen für politische Oppositionelle der Aufsicht und Leitung durch die Allrussische Außerordentliche Kommission (Wserossijskaja Tschreswytschajnaja Komissija, WTschK) unterstanden. Das Kommissariat für Justiz musste im Juli 1922 die Kontrolle der Gefängnisse an das Volkskommissariat für innere Angelegenheiten (Narodnyj kommissariat wnutrennich del, NKWD) abgeben. So wurden die Hafteinrichtungen in den 1920er-Jahren von der Hauptverwaltung für Haftanstalten des NKWD kontrolliert, bevor die Organisation der Strafanstalten zwischen 1930 und 1934 erneut umstrukturiert wurde: Nur die OGPU-Lager (Objedinjonnoje gossudarstwennoje polititscheskoje uprawlenije, Vereinigte staatliche politische Verwaltung) wurden nun vom GULag (Glavnoe Upravlenie Lagerej, Hauptverwaltung der Arbeitslager) betrieben, während die Gefängnisse und Arbeitskolonien (für Sträflinge mit kürzeren Haftzeiten) der Kontrolle durch eine Abteilung des Justizkommissariats unterstanden. Ab Ende 1934 kontrollierte jedoch nur eine einzige Behörde sämtliche Hafteinrichtungen der Sowjetunion: das NKWD.[16] Die dritte entscheidende Entwicklung war die Neudefinition von Zwangsarbeit als Hauptkomponente des Strafsystems und die Neuformulierung der Grundsätze ihrer Umsetzung. Diese Debatten reflektierten nicht zuletzt die Reformen im Strafvollzug weltweit.[17] Russische Gefängnisbehörden und Juristen wollten ein Modell von Strafarbeit einführen, das bestmöglich an den russischen Kontext angepasst war und zugleich den internationalen Normen des Strafvollzugs entsprach. Die Vorstellungen gingen dabei weit über die der rein bestrafenden Zwangsarbeit des 18. und frühen 19. Jahrhunderts hinaus: Durch die Einführung einer neuen Art von Zwangsarbeit wollte die Verwaltung Häftlinge nicht nur bestrafen, sondern sie gleichzeitig resozialisieren und ihnen die Rückkehr in die Gesellschaft ermöglichen. Die Hauptgefängnisverwaltung hatte sich seit jeher für eine ganz bestimmte Art von Strafarbeit eingesetzt: handwerkliche Arbeitstätigkeiten in Werkstätten, die sich in den Gefängnissen befanden.[18] Die Unterstützer dieses Ansatzes beriefen sich nicht nur auf den moralischen Nutzen obligatorischer Arbeit oder ihr Potenzial zur Verbesserung der Disziplin in den Gefängnissen, sondern argumentierten noch viel weiter gehend über die Zentralität von Arbeit in der Gesellschaft: »In einer korrekt organisierten Gesellschaft sollte kein gesundes und arbeitsfähiges Mitglied der Gesellschaft auf das Privileg zählen, von der für alle geltenden Arbeitspflicht ausgenommen zu werden.«[19] Das gewünschte »Produkt« dieser Arbeit war ein fügsamer Arbeiter, der in der Lage war, innerhalb des Gefängnisses vermarktbare Güter zu produzieren und außerhalb desselben eine Beschäftigung zu finden, anstatt lediglich anstrengende und die Gesundheit schädigende körperliche Arbeit zum Wohle des Staates zu verrichten. Diese Form der Arbeit innerhalb der Gefängnismauern erforderte allerdings mehr qualifiziertes Personal und auch eine bessere finanzielle Ausstattung als Arbeitseinsätze außerhalb wie im Straßenbau oder Winterdienst. Die Einführung dieser neuen Art von Arbeit erwies sich zwar als dauerhafte Herausforderung,[20] doch die Vorstellung, dass Zwangsarbeit auf eine Weise organisiert werden sollte, die eine Resozialisierung ermöglichte, hatte sich verfestigt. Die fortschrittlichen Kriminologen und Juristen, die die Idee der Resozialisierbarkeit beförderten, sollten später an der Ausarbeitung der sowjetischen Gesetzgebung beteiligt sein und das kriminologische Denken der Sowjetunion auf Dauer prägen.[21] So legten diese pönologischen Ideen den Grundstein für die frühen sowjetischen Auffassungen von Resozialisierbarkeit, die jedoch in der Folge im Sinne des stets propagierten Mythos der »Perekowka« – des »Umschmiedens« durch Arbeit – angeführt wurden. II. Revolutionäre Arbeitslager Die revolutionären Konzentrations- und Arbeitslager sind bislang ebenso wie die revolutionären Strafanstalten insgesamt von der Forschung vernachlässigt worden. Dies liegt zum Teil an der extremen Unübersichtlichkeit im Strafsystem und dem damit verbundenen grundsätzlichen Mangel an historischen Quellen: Viele Akten der Verwaltungen wurden zerstört oder waren von vornherein lückenhaft. Ein weiterer Grund für die Vernachlässigung des Themas durch die historische Forschung ist der provisorische Charakter der Lager und ihre dezentrale Entstehung. Selbst dort, wo es verfügbare Informationen gibt,[22] beschränkt sich die Analyse auf die Lokalgeschichte. Doch diese Lager bedürfen nicht nur wegen der geschichtlichen Parallelen mit den Zwangsarbeitslagern der OGPU/NKWD einer systematischen Analyse, sondern auch weil ihre Geschichte grundsätzlich die Nutzung von Lagern als Teil des Arsenals politischer Gewalt insgesamt beleuchtet. Während des Ersten Weltkriegs schuf das Russische Reich ein weitreichendes Netz aus Kriegsgefangenenlagern, einige davon im Militärbezirk Omsk in Sibirien. Die Haftbedingungen der Kriegsgefangenen der Mittelmächte sind bereits am Beispiel verschiedener Lager detailliert untersucht worden.[23] In Nowonikolajewsk (dem heutigen Nowosibirsk) wurden beispielsweise während der ersten Kriegsjahre gleich mehrere Lager errichtet: zuerst ein Lager für 10 000 Insassen, danach ein weiteres zur Internierung von noch einmal 4500 Häftlingen.[24] In Bezug auf Letzteres existieren archivarische Dokumente über die verschiedenen Phasen der Fertigstellung im Jahr 1915.[25] Den Plänen nach zu urteilen, beabsichtigte man den Bau eines weitläufigen Gebäudekomplexes einschließlich eines Krankenhauses, einer Bäckerei, Kantinen und Baracken. Die Berichte über den Fortgang seiner Errichtung belegen, dass diese von der Militärkommission sehr genau überwacht wurde – die dabei erhebliche Abweichungen vom ursprünglichen Plan feststellte.[26] Nowonikolajewsk war damals eine florierende Handelsstadt. Doch selbst im Vergleich zu solch einem wachsenden städtischen Zentrum stellte das Lager einen technologischen Fortschritt dar: Während die Stadt über kein zentrales Wasserversorgungssystem verfügte, wurde dessen Konstruktion für das Lager zu einem der größten Projekte seiner Art in dieser Zeit.[27] Vor der Revolution wurden die Lager vom Militär betrieben; nach der Schaffung der Zentroplenbesch im April 1918 unterstanden sie in den von den Bolschewiki kontrollierten Territorien der Aufsicht dieser neuen Sowjetbehörde. In Sibirien war der Bürgerkrieg durch lang anhaltende Gefechte zwischen den Kampfparteien geprägt;[28] das Sibirische Revolutionskomitee (Sibrevkom), eine von den Bolschewiki geschaffene provisorische Behörde der revolutionären Regierung, bestand bis 1926[29] – wesentlich länger als die meisten Komitees dieser Art. Vereinzelt gibt es Hinweise darauf, dass einige der Kriegsgefangenenlager während des Bürgerkriegs von beiden Kriegsparteien wieder in Betrieb genommen wurden, um dort Zivilisten zu konzentrieren. Ehemalige zaristische Gefängnisse wurden zudem vom Sibrevkom für die außergerichtliche Internierung von Zivilisten genutzt und unter der Bezeichnung »Lager« oder »Häuser der Zwangsarbeit« (lagerja i doma prinudrabot) geführt.[30] In den Quellen werden einige Formen von Zwangsarbeit sowie die Arbeitsbedingungen der Häftlinge beschrieben. Aus den Zahlen der von den revolutionären Lagern bereitgestellten Arbeitskräfte geht hervor, dass es sich dabei im Vergleich zu den ehemaligen Kriegsgefangenenlagern sowie zu den GULag-Lagern, die folgen sollten, um relativ kleine Einrichtungen handelte. Wie schon die zaristischen Gefängnisse, befanden sie sich meist in städtischen Umgebungen. Dennoch blieben auch diese Lager in der Provinz nicht von dem erheblichen Mangel an Gefängniswärtern verschont, der bereits die frühen sowjetischen Gefängnisse vor große Probleme gestellt hatte.[31] Die Lagerverwaltung konnte die Unterstützung der örtlichen Miliz anfordern,[32] ließ Häftlinge aber auch ohne bewaffnete Eskorte zu ihren Arbeitsorten gehen.[33] In diesem Zusammenhang lohnt sich ein etwas genauerer Blick auf den Fall der Stadt Tobolsk, wo während der Zarenzeit ein Strafarbeitslager existierte und die zugleich ein wichtiger Knotenpunkt für Gefangenentransporte war. Als im Zuge der Revolution die meisten Haftanlagen zerstört wurden, wurde das Gefängnisgebäude in Tobolsk zu einem Haus der Zwangsarbeit umfunktioniert. Die Arbeitsorganisation in solchen Einrichtungen war sehr überschaubar und auf das Nötigste beschränkt: Im Fall von Tobolsk forderten die Leitungen der verschiedenen sowjetischen Institutionen und Betriebe – von Krankenhäusern[34] bis hin zu Windmühlen[35] – tageweise kleine Gruppen von Arbeitern an, selten auch qualifizierte Arbeitskräfte für eine dauerhafte Beschäftigung.[36] Die Dokumente der regionalen Verwaltungen legen nahe, dass die Häftlingszwangsarbeit während der Revolution eingesetzt wurde, um den Arbeitskräftemangel in sowjetischen Betrieben kurzfristig aufzufangen. Die Bedingungen des wirtschaftlichen Zusammenbruchs machten Arbeitseinsätze außerhalb der Gefängnismauern oder Lagergrenzen unerlässlich: In Tobolsk deutet nichts auf einen Versuch hin, die alten Gefängniswerkstätten wiederaufzubauen. Diese dezentrale und ungeplante Variante der Nutzung von Zwangsarbeit war zwar erklärtermaßen nur als provisorische Lösung gedacht, gleichzeitig ist sie jedoch ein frühes Beispiel für die Integration von Zwangsarbeit in die örtliche Wirtschaft. III. Sowjetische Gesetzgebung: Arbeitspflicht und die Politik der Kriminalisierung Aus einer erweiterten Perspektive, die nicht nur die Häftlingszwangsarbeit, sondern auch die allgemeine Arbeitspflicht in den Blick nimmt, lassen sich zwei Entwicklungen ausmachen: Einerseits wurde die Katorga im Zuge der Revolution abgeschafft, die Höchstdauer von Haftstrafen reduziert und die Definition von Verbrechen geändert: »Die Sowjets fügten dem Strafrecht neue Verbrechen wie Spekulation und Hooliganismus hinzu, doch zugleich entkriminalisierten sie Abtreibung, bestimmte sexuelle Vergehen sowie die meisten Jugenddelikte.«[37] Insgesamt hatte das Strafgesetz zu diesem Zeitpunkt »mehr Delinquenten dem Zugriff des Gesetzes entzogen als hinzugefügt«. Andererseits erfuhr die Zwangsarbeit im Anschluss an die Dekrete des Rates der Volkskommissare (Sowjet narodnych komissarow, SowNarKom) vom 29. Januar und 3. Februar 1920 eine ungeahnte neuerliche Dynamik. Bei genauerem Hinsehen werden gewisse Parallelen zwischen beiden Ansätzen deutlich. Die allgemeine Arbeitspflicht hatte, ebenso wie die Zwangsarbeit von Häftlingen, einen reformierenden bzw. (re-)sozialisierenden Zweck. Mit anderen Worten: Zwang bot nicht nur eine Möglichkeit, den gravierenden Mangel an Arbeitskraft auszugleichen, sondern war zugleich auch ein Mittel, um den Menschen die neuen sozialistischen Ideale einzuprägen. Die Idee einer allgemeinen Arbeitspflicht entsprang darüber hinaus nicht zuletzt der Vision von einer Gesellschaft auf dem Weg zum Sozialismus und der Rolle von Zwang für den Aufbau derselben. Ursprünglich war es Leo Trotzki gewesen,[38] der eindringlich für die Arbeitspflicht als Haupttriebkraft der Bewegung zum Sozialismus argumentierte: »Wir aber stellen umgekehrt der kapitalistischen Sklaverei die gesellschaftlich normierte Arbeit auf Grund eines Wirtschaftsplans entgegen, der für das ganze Volk verpflichtend und daher für jeden Arbeiter des Landes obligatorisch ist.«[39] Die politische Frage der möglichen Einführung einer allgemeinen Arbeitspflicht löste heftige Diskussionen aus, wurde aber letztlich auf Kosten der Unabhängigkeit der Gewerkschaften positiv beschieden. Lenin forderte, die Gewerkschaften sollten den Arbeitern eine »neue Art der Disziplin und Einheit« beibringen, womit er unter den Arbeitern große Empörung provozierte.[40] Trotzki war hingegen überzeugt, dass der Wandel hin zu einer neuen sozialistischen Arbeitsdisziplin nur per Zwang als Teil der Diktatur des Proletariats vollzogen werden könne. Die kriminologischen Entwicklungen der 1920er-Jahre hatten die explosionsartige Zunahme der Häftlingszahlen in den 1930er-Jahren kaum ahnen lassen, dennoch beharrte die sowjetische Kriminologie nach wie vor auf der zentralen Bedeutung von Zwangsarbeit für die Umerziehung und Resozialisierung von Sträflingen. Louise Shelley beschreibt die unterschiedliche _Art und Weise, mit der die regionalen Abteilungen des Staatlichen Instituts für Kriminalitätsforschung (Gossudarstwennyj Institut po isutscheniju prestupnika i prestupnosti) zur Verbrechensforschung in der Sowjetunion beigetragen haben, und bemängelt, dass diese Forschung von ausländischen Beobachtern bisher zumeist übersehen worden ist. Sie ist der Meinung, dass die frühen sowjetischen Kriminologen »weder durch ideologische noch methodologische Zwänge eingeschränkt« waren.[41] Der Reichtum und die Vielfalt des frühen sowjetischen kriminologischen Denkens sind zwar unbestreitbar, doch scheint diese Bemerkung angesichts des größeren chronologischen Zusammenhangs ein wenig abwegig. Die Kriminologie der ersten nachrevolutionären Jahre war noch nicht in dem Maße durch die politische Führung vorgegeben, wie es in der stalinistischen Phase der Fall sein sollte, wenngleich sie sich innerhalb eines ganz bestimmten ideologischen Rahmens bewegte. Dieser Rahmen wurde einerseits durch »fortschrittliche« Ideen gesetzt, die von jenen Juristen stammten, die ihre Karriere lange vor der Revolution begonnen hatten (und von denen einige das Metier weiterhin prägen sollten, wie z. B. Sergei Poznyshev[42]). Andererseits gab es in der Kriminologie auch eine starke marxistische Strömung, die den gesellschaftlichen Kontext von Verbrechen betonte und auf die Möglichkeiten der Verbrechensprävention durch gesellschaftliche Veränderung verwies. Diese verschiedenen Ansätze bedeuteten, dass eine erzwungene Transformation von Individuen[43] – zum Zwecke des Aufbaus der anvisierten Gesellschaftsordnung – von einer ganzen Reihe an Argumenten gestützt wurde. Die kriminologischen Auffassungen und die Politik der Arbeitspflicht werden selten gemeinsam analysiert. Eine entsprechende Betrachtung zeigt jedoch, dass ihre Gemeinsamkeit in »den anhaltenden Bemühungen des Sowjetstaats, sein verfügbares menschliches Rohmaterial zu formen«,[44] bestand und beide die wichtige Bedeutung der Zwangsarbeit für die Gesellschaft betonten. Die frühen Jahre der Sowjetära weisen überdies eine wachsende Ambivalenz in Bezug auf den Rückgriff auf die traditionelle Gefangenschaft als Strafmittel auf. Auch wenn die Bedeutung der Zwangsarbeit nicht hinterfragt wurde, das traditionelle Gefängnissystem wurde durchaus anhaltend kritisiert – und es gab viele Alternativvorschläge: von den landwirtschaftlichen Kolonien mit durchlässigen, unbewachten Begrenzungen[45] bis hin zu Zwangsarbeit ohne Freiheitsentzug für Kleinkriminelle.[46] Die ausgiebige Versuchsphase der 1920er-Jahre brachte jedoch kein einheitliches Strafregime hervor. Das Ziel der Autarkie der Haftanstalten wurde beibehalten, aber viele Lagerverwaltungen waren nicht in der Lage, diesbezüglich dauerhafte Ergebnisse zu erzielen. Einige der Strafanstalten orientierten sich nach wie vor an denselben Grundsätzen wie ihre Vorgänger aus der vorrevolutionären Zeit und scheiterten aus ähnlichen Gründen: finanzielle Not, das Fehlen qualifizierter Anleiter und Ausbilder in den Gefängniswerkstätten sowie Mangel an Gefängniswärtern. Der Niedergang des modernen Gefängnisses beschleunigte den Aufstieg der Lager als alternative Haftanstalten. IV. Die Stalinisierung des Systems Trotz Ausmaß und Umfang der Gewalt sowie der Sterberaten innerhalb des Arbeitslagersystems des GULag sind die meisten Autoren derzeit nicht der Auffassung, dass die Lager »auf Vernichtung ausgerichtet« waren.[47] Vielmehr wird angenommen, dass das Arbeitslagersystem »als Strafsystem diente und sowohl die reale Möglichkeit der Entlassung als auch zumindest das Versprechen der Rehabilitierung beinhaltete«.[48] Doch selbst wenn das ausgerufene Ziel die Umerziehung der Häftlinge war, erscheint die Gewalt als eigentlicher Kern des Systems: »Der GUlag war – was den sowjetischen Behörden mitnichten als problematisch erschien – zugleich ein Ort der Gewalt und der Resozialisierung.«[49] Dennoch war es ein System, das in einem Staat funktionieren und sich entwickeln musste, der mit Mitteln des Terrors gegen große Teile der Bevölkerung vorging. Die genauen Mechanismen des Terrors sind bereits untersucht worden,[50] daher sollen an dieser Stelle die wichtigsten Veränderungen des Systems in Bezug auf das zaristische Erbe und die unmittelbar nachrevolutionäre Erfahrung zusammengefasst werden. Wie Peter Solomon aufzeigt, war Stalins Kriminalpolitik »durch umfangreiche und ungewöhnliche Erweiterungen der strafbaren Vergehen, zunehmend härtere Bestrafungen, den Rückgriff auf Geheimgesetze und -direktiven, und, nach 1938, eine Trennung von politischer und gewöhnlicher Strafjustiz gekennzeichnet«.[51] Die Zwangsarbeit von Häftlingen war nur eine von vielen Formen unfreier Arbeit in der Sowjetunion zwischen 1930 und 1950;[52] Arbeitszwang wurde zum integralen Bestandteil der Industrialisierung. Die Einführung des Systems der »Besserungsarbeitslager« versinnbildlichte die Veränderungen im Repressionsapparat über die 1930er-Jahre – ein Prozess, der wesentlich durch folgende Merkmale gekennzeichnet war: schlagartiges Anwachsen der Häftlingszahlen und des Lagernetzwerks; Instrumentalisierung des Lagersystems zur Unterdrückung politischer Opposition; extreme Zentralisierung der Macht über dieses System ab 1934; die entscheidende Rolle der OGPU und der Geheimpolizei in der Organisation des Systems; Wiederaufnahme der Zwangsumsiedlung als Mittel der Repression und Durchführung von Massenumsiedlungen in bis dahin ungekanntem Ausmaß; Einsatz von Häftlingszwangsarbeit im Bauwesen und verschiedenen Bereichen der Industrie; Wandel in der Rechtsprechung von der experimentellen Politik der 1920er-Jahre hin zu einer Verlängerung von Haftzeiten; sowie Verabschiedung von Gesetzen zur Kriminalisierung immer größerer Bevölkerungsgruppen. Anders gesagt, während der 1930er-Jahre verstetigten sich einige der Strafpraktiken der turbulenten Revolutionszeit, während andere aus der Zarenzeit wieder eingeführt wurden und umfangreiche Neuerungen auf dem Gebiet der Repression hinzukamen. Die Ergebnisse der Experimente im Strafvollzug der letzten Jahre fanden natürlich Eingang in die Entwicklung des GULag-Systems. Die Misserfolge, Errungenschaften und überkommenen Vorstellungen bildeten die Grundlage für die Entscheidungen der sowjetischen Funktionäre: »Moderne Auffassungen und Praktiken erlaubten es den sowjetischen Führern, Formen der exzisionären [gezielten] Gewalt zu entwickeln und umzusetzen, und stellten damit eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingung für den stalinistischen Terror dar.«[53] V. Fazit Es wurden die Auswirkungen bestimmter Vorgängermodelle und zuvor bestehender Praktiken auf bestimmte Entscheidungen der Bolschewiki während des Aufbaus des GULag aufgezeigt. Betrachtet man die im Zentrum der vorliegenden Analyse stehende Häftlingszwangsarbeit im langfristigen historischen Zusammenhang, wird Verschiedenes deutlich: Erstens wurden die Ideen über das resozialisierende Potenzial von Arbeit zu keinem Zeitpunkt ernsthaft infrage gestellt, obwohl diese, zumindest im Falle Russlands, kaum systematisch belegbar waren. Zweitens konnte die Zwangsarbeit in den Strafanstalten selten – dies gilt sowohl für die Zarenzeit als auch für die frühe Sowjetzeit – so organisiert werden, wie es die Vorgaben der Behörden vorsahen. Gleichzeitig war das Ideal der Erziehung durch Arbeit absolut vereinbar mit den Ideen der Bolschewiki über den Aufbau einer Gesellschaft im Übergang zum Sozialismus. Besonders deutlich wird dies in der politischen Diskussion über die Einführung der allgemeinen Arbeitspflicht. Drittens fanden während des untersuchten Zeitraums zwei bedeutende technische Veränderungen statt: die allmähliche Verdrängung der Gefängnisse durch Lager sowie die äußerst dynamische Entwicklung von Formen der staatlichen Kontrolle. Folgende weiterführende Fragen sollten deshalb bei der künftigen Erforschung der Geschichte der Arbeitslager und des Strafsystems in der Sowjetunion Berücksichtigung finden. Erstens: Nach der recht intensiven Erforschung des russischen Falles, die nach der »Archivrevolution« einsetzte, ist es nun an der Zeit, die Geschichte des sowjetischen Arbeitslagersystems stärker in den Kontext der Globalgeschichte von (Straf-)Lagern einzubetten.[54] Zweitens: Trotz der bemerkenswerten Anstrengungen der Regionalhistoriker besteht nach wie vor die dringende Notwendigkeit der Einordnung regionaler Quellen in eine umfassendere Perspektive, um zu verstehen, wie sich die Autonomie der Verwaltungen vor Ort veränderte, wie sich Straf- und Repressionspraktiken von Ort zu Ort unterschieden und wie sich diese Praktiken im lokalen wie zentralen Kontext verbreiteten. Abschließend muss festgestellt werden, dass – selbst wenn der räumliche Aspekt des Strafsystems und insbesondere der Arbeitslager in der Historiografie durchaus angesprochen worden ist[55] – die bisherige Forschung die materiellen und technologischen Aspekte der Lagerentwicklung insgesamt vernachlässigt hat. Eine systematische Betrachtung der technologischen Aspekte von Repression – wie beispielsweise von Olivier Razac[56] und Reviel Netz[57] in ihren Studien über Stacheldraht vorgenommen – würde sicherlich zu einem besseren Verständnis der weltweiten Verbreitung von Gewalttechniken und -methoden beitragen. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Jan-Peter Herrmann [1] Eine ausführliche Diskussion hierzu findet sich in: Michael Jakobson: Origins of the Gulag: The Soviet Prison Camp System, 1917–1934, Neuauflage Lexington 2014 [1993]. [2] Siehe z. B. Louise Shelley: Soviet Criminology after the Revolution, in: Journal of Criminal Law and Criminology 70 (1979), H. 3, S. 391–396. [3] Dieser Begriff [Orig.: »hazy ancestry«] wurde übernommen von David Garland: The Criminal and his Science. A Critical Account of the Formation of Criminology at the End of the Nineteenth Century, in: The British Journal of Criminology 25 (1985), H. 2, S. 111. [4] David J. Dallin/Boris I. Nicolaevsky. Forced Labor in Soviet Russia, New Haven 1947, S. 299–305. [5] Ebd., S. 299. [6] Siehe z. B. Andrew Gentes: No Kind of Liberal: Alexander II and the Sakhalin Penal Colony, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 54 (2006), H. 3, S. 321–344. [7] Stephen Wheatcroft: The Crisis of the Late Tsarist Penal System, in: ders.: Challenging Traditional Views of Russian History, Basingstoke 2002, S. 41. [8] Siehe George Kennan: Sibirien ... und der Zar weiß alles: Das Verbannungssystem in Russland, Göttingen 2003 [1891]. [9] In der Sowjetunion wurden diese Erinnerungen in einer eigens darauf spezialisierten Zeitschrift namens Katorga i ssylka [Katorga und Verbannung] veröffentlicht, allerdings wurden auch zahlreiche Erinnerungen von Sozialrevolutionären und anderen politischen Aktivisten im Ausland publiziert. Eine Liste dieser Memoiren findet sich unter: http://socialist.memo.ru/books/ruszar.htm (ges. am 2. Januar 2017). [10] Siehe Mikhail Gernet: Istorija carskoi tjurʼmy [Geschichte des zaristischen Gefängnisses], Bd. 4, 2. Aufl. Moskau 1954. [11] Eines der vielen Beispiele hierfür: Mark Vishniak: Dan proschlomu [Hommage an die Vergangenheit], New York 1954, S. 179–184. [12] Siehe z. B. Mikhail N. Galkin-Vraskoi: Materialy k isutscheniju tjuremnogo voprosa [Forschungsmaterialien zur Gefängnisfrage], Sankt Petersburg 1868. [13] Inhalt und Auswirkungen dieser Reform wurden an anderer Stelle analysiert: Zhanna Popova: The Two Tales of Forced Labour: Katorga and Reformed Prison in Imperial Russia (1879–1905), in: Almanack (2016), H. 14, S. 91–117. [14] Siehe Bruce F. Adams: The Politics of Punishment: Prison Reform in Russia, 1863–1917, DeKalb 1996. [15] Siehe Dekret des Volkskommissariats für Justiz vom 23. Juli 1918: O lischenii svobody, kak o mere nakasanija, o porjadke otbyvanija takovogo (Vremennaja Instrukzija) [Über Freiheitsentzug als Bestrafung, und die Bedingungen der Haft (provisorische Anweisung)]. [16] Siehe M.B. Smirnow/S.P. Sigatschew/D.V. Schkapow: Sistema mest zakliucheniia v SSSR. 1929–1960 [Das System der Haftanstalten in der UdSSR, 1929—1960], in: www.memo.ru/history/nkvd/gulag/index.htm (ges. am 4. Dezember 2016). [17] Siehe Frank Dikötter: The Promise of Repentance: Prison Reform in Modern China, in: The British Journal of Criminology 24 (2002), H. 2, S. 240–243. [18] Ein Beispiel für die Rechtfertigung dieser Bedingungen findet sich in M. Krassovskii: O zanjatii arestantow rabotami v russkich tjurmach [Über den Arbeitseinsatz von Häftlingen in russischen Gefängnissen]. Tjuremnii westnik (1897), H. 11, S. 514. [19] Nikolai Lutschinskii: Arestantskie raboty wo Franzii i w Rossii [Häftlingsarbeit in Frankreich und Russland]. Tjuremnii westnik (1906), H. 1, S. 40. [20] Siehe dazu z. B.: Kratkii otscherk deijatelnosti Glawnogo Tjuremnogo Upravlenija sa pervye XXXV let ego suschtschestwowaniia [Kurzbericht über die Tätigkeiten der Hauptgefängnisverwaltung während der ersten 35 Jahre ihres Bestehens], Tjuremnii westnik (1914), H. 2, S. 284–397. [21] Siehe Maksim M. Isaev: Osnownye natschala ugolownogo sakonodatelstwa SSSR i sojusnych resspublik [Die Grundlagen der Strafgesetzgebung in der UdSSR und den Unionsrepubliken], Moskau/Leningrad 1927. Einer dieser einflussreichen Wissenschaftler ist Mikhail Gernet mit seinen frühen Arbeiten zur Gefängnispsychologie: ders.: W tjurme. Otscherki tjuremnoi psichologii [Gefangen. Aufsätze zur Gefängnispsychologie], Moskau 1925. [22] Siehe z. B. die kürzlich erfolgte Veröffentlichung von Listen der Insassen des Konzentrationslagers Rjasan: A.A. Grigorow/A.I. Grigorow: Sakljutschennye Rjasanskogo gubernskogo konzlageria RSFSR 1919–1923 gg. [Insassen des regionalen Konzentrationslagers in Rjasan, RSFSR, 1919–1923], Moskau 2013. [23] Eine sehr ausführliche Schilderung der Haftbedingungen von Kriegsgefangenen der Mittelmächte in Russland findet sich in: Georg Wurzer: Die Kriegsgefangenen der Mittelmächte in Rußland im Ersten Weltkrieg, Dissertation verteidigt an der Eberhard-Karls-Universität, Tübingen 2000. [24] Gosudarstvennyi archiv Novosibirskoj oblasti/Staatsarchiv des Verwaltungsbezirks [Oblast] Nowosibirsk (im Folgenden: GANO), f. D-97, op. 1, d. 198, l.3 und l.12., und d. 204, l.1. [25] Siehe GANO, f. D-97, op. 1, d. 204. [26] Ebd., ll. 3–5. [27] Siehe GANO, f. D-97, op. 1, d. 225. [28] Eine Übersicht findet sich in Jonathan D. Smele: The »Russian« Civil Wars, 1916–1926. Ten Years That Shook the World, Oxford/New York 2015. [29] Siehe Roza S. Shteynman: Sibirskii rewoljuzionnyi komitet [Das sibirische Revolutionskomitee]. Dissertation verteidigt an der Universität von Swerdlowsk (heute Jekaterinburg) 1975. [30] Siehe beispielhaft das Gefängnis von Tobolsk im Jahr 1920: Staatsarchiv der Stadt Tobolsk, f. 168, op. 1, d. 22. [31] Siehe Tjuremnoe delo w R.S.F.S.R. Ottschet Zentralnogo karatelnogo otdela NKJU VII-mu Sesdu Sowetow. [Gefängnisangelegenheiten in der RSFSR. Bericht der NKJu an den 7. Sowjetkongress], Moskau 1919, S. 2. [32] Siehe Staatsarchiv der Stadt Tobolsk, f. 168, op. 1. d. 22, l. 7. [33] Ebd., d. 25. l. 18. [34] Ebd., d. 24. l. 20. [35] Ebd., d. 22, l. 2ob und l. 3. [36] Ebd., d. 24, l. 109. [37] Peter H. Solomon Jr.: Criminalization and Decrimimalization in Soviet Criminal Policy, 1917–1941; in: Law & Society 16 (1981–1982), H. 1, S. 11. [38] Leo Trotzki: Terrorismus und Kommunismus. Anti-Kautsky, Berlin 1973, S. 1. [39] Tretij Wserossijskij sezd professionalnych sojusow [Der 3. Allrussische Gewerkschaftskongress], Moskau 1921, Teil 1, S. 87–90. Zitat aus: James Bunyan: The Origin of Forced Labour in the Soviet State, 1917–1921, Baltimore 1967, S. 133. [40] Ebd., S. 118. [41] Shelley: Soviet Criminology (Anm. 2), S. 617. [42] Neben anderen Publikationen erschien von ihm ein grundlegender Band über Gefängnis- und Strafvollzugspolitik: Sergei Poznyshev: Ossnowy penitenziarnoj nauki [Grundlagen der Gefängniswissenschaft], Moskau 1923. [43] Daniel Beer: Blueprints for Change: The Human Sciences and the Coercive Transformation of Deviants in Russia, 1890–1930, in: OSIRIS (2007), H. 22, S. 26–47. [44] Peter Holquist: State Violence as Technique: The Logic of Violence in Soviet Totalitarianism, in: David Hoffmann (Hg.): Stalinism. The Essential Readings, Malden/Oxford 2003, S. 138. [45] Zu den Experimenten im Strafvollzug siehe Aaron B. Retish: Breaking free from the prison walls: penal reforms and prison life in revolutionary Russia, in: Historical Research 90 (2017), H. 247, S.134–150. [46] A. Estrin/W. Trachterew: Raswitie sowetskoj isprawitelno-trudowoj politiki kak tschasti sowetskoj ugolownoj politiki [Die Entwicklung der sowjetischen Politik der Besserungsarbeit als Teil der sowjetischen Strafpolitik], in: Andrei Januarjewitsch Wyschinski: Ot tjurem k wosspitatelnym utschreschdenijam [Von Gefängnissen zu Bildungseinrichtungen], Moskau 1934, S. 17–71. [47] Golfo Alexopoulos: Destructive-Labour Camps: Rethinking Solzhenitsyn’s Play on Words, in: Kritika: Explorations in Russian and Eurasian History 16 (2015), H. 3, S. 500. [48] Wilson Bell: The Gulag and Soviet Society in Western Siberia, 1929–1953, Dissertation an der Universität von Toronto 2011, S. 7. [49] Steven Barnes: Death and Redemption: The Gulag and the Shaping of Soviet Society, Princeton/Woodstock 2011, S. 27. [50] Siehe z. B. Oleg Khlevniuk: The History of the Gulag. From Collectivisation to the Great Terror, London/New Haven 2004; Paul Gregory: Terror by Quota. State Security from Lenin to Stalin (An Archival Study), London/New Haven 2009, und John Arch Getty/Oleg V. Naumov: The Road to Terror. Stalin and the Self-Destruction of the Bolsheviks, 1932–1939, London/New Haven 1999. [51] Peter H. Solomon Jr.: Soviet criminal justice under Stalin, New York 1996, S. 450. [52] Siehe Andrei K. Sokolov: Prinuschdenie k trudu v sowetskoj ekonomike, 1930-e – seredina 1950-ch [Arbeitszwang in der sowjetischen Wirtschaft, 1930er-Jahre bis Mitte der 1950er-Jahre], in: Leonid I. Borodkin/Paul Gregory/Oleg V. Khlevniuk (Hg.): Gulag: Ekonomika prinuditelnogo truda [Ökonomie der Zwangsarbeit], Moskau 2005, S. 17–66. [53] David Hoffmann: Editor’s Introduction, in: ders. (Hg.): Stalinism (Anm. 44), S. 130. [54] Siehe vor allem (aber nicht nur) Aidan Forth: Britain’s Archipelago of Camps: Labor and Detention in a Liberal Empire, 1871–1902, in: Kritika: Explorations in Russian and Eurasian History 16 (2015), H. 3, S. 651–680, und Klaus Mühlhahn: The Dark Side of Globalisation: The Concentration Camps in Republican China in Global Perspective, in: World History Connected (2009): http://worldhistoryconnected.press.illinois.edu/6.1/muhlhahn.html (ges. am 15. Dezember 2016). [55] Zum Beispiel bei Judith Pallot: The topography of incarceration: the spatial continuity of penality and the legacy of the Gulag in twentieth and twenty-first century Russia, in: Laboratorium: Russian Review of Social Research 7 (2015), H. 1, S. 26–50. [56] Siehe Olivier Razac: Politische Geschichte des Stacheldrahts. Prärie, Schützengraben, Lager, Zürich/Berlin 2003. [57] Siehe Reviel Netz: Barbed Wire: An Ecology of Modernity, Middletown 2009.

JHK 2018

»Es ist notwendig, dass klar und offen gesprochen wird.« Josef Strasser (1870–1935), ein demokratischer Kommunist in Österreich

Gabriella Hauch

[1]Josef Strasser war ein leidenschaftlicher Schachspieler – das ist eine der wenigen persönlichen Erinnerungen an diesen Akteur der österreichischen Arbeiterbewegung. So ärgerte sich einst sein Chefredakteur bei der sozialdemokratischen Arbeiter-Zeitung (AZ), Strasser während des Ersten Weltkriegs statt Artikel schreibend versunken über Spielzugberechnungen zu finden. Später, nun selbst Chefredakteur, allerdings des kommunistischen Zentralorgans, saß der Stammgast des Wiener Café Central »allein an einem Tisch und spielte Schach gegen sich selbst«.[2] Schließlich verwendete seine zweite Frau Isa das Schachspiel als Metapher für seine resignative Gemütslage Ende der 1920er-Jahre: »– er spielt Schach.«[3] Das Versunkensein im theoretisch anspruchsvollen Spiel, das alle Konzentration bündelt, war in Bezug auf Josef Strasser stets auch politisch konnotiert. Während seiner Tätigkeit bei der AZ implizierte es die Ausblendung der Artikelwünsche seines Chefredakteurs Friedrich Austerlitz, ein zentraler Befürworter der Burgfriedenspolitik in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP), während der Österreichischen Revolution seinen Ärger über die Unfähigkeit der kommunistischen Parteiführer und schließlich seine Marginalisierung. Die Konstruktion des schachspielenden Josef Strasser transportiert jedoch auch einen speziellen Geschlechtertext, den männlichen Intellektuellen, den kompromisslosen Kämpfer und den zur kreativen Abstraktion fähigen einsamen Helden. Josef Strassers der Politik und der Revolution gewidmetes Leben mündete in Niederlagen sowie in finanzieller Armut. Seine Grundüberzeugung, dass die Emanzipation der Nichtprivilegierten und die Transformation der Gesellschaft in Richtung Sozialismus nur durch eine von Demokratie und freier Rede »durchwehten« politischen Organisation gelingen könnten, stand im Widerspruch zum einsetzenden Siegeszug des Autoritarismus in den 1920er- und 1930er-Jahren. Dieser Beitrag ist Teil meines Projekts über die Ausdifferenzierung der Linken in Österreich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts am Beispiel der Familie Strasser.[4] Im Folgenden liegt der Fokus auf Josef Strassers kommunistischer Zeit: auf den Handlungs(spiel)räumen, die der 49-jährige Sozialdemokrat bei seinem Eintritt in die Kommunistische Partei 1919 vorfand, und auf der Frage, mit welchen inhaltlichen Positionen er diese zu gestalten suchte. Berichtet wird von einem sehr kleinen Milieu in Wien im Kontext der Weltbewegung Kommunismus beziehungsweise der Österreichischen Revolution im mitteleuropäischen Kontext.[5] Es ist eine Geschichte von Auf-/Brüchen im Leben und Wirken eines intellektuellen Mannes mit Witz und spitzer Feder; und es ist eine Geschichte von Un-/Sichtbarkeiten eines missliebig gewordenen Kommunisten.   Un-/Sichtbarkeiten [[Fotos im gedruckten Exemplar: »Josef Strasser (Dritter von rechts, stehend) auf dem 2. Kongress der Kommunistischen Internationale in einer Diskussion mit Delegierten und mit Lenin.«[6]; »Lenin im Kreis von Delegierten am Gründungskongress der Kommunistischen Internationale in Moskau im März 1919, ganz links: Karl Steinhardt.«[7]]] Im Zentrum der beiden Abbildungen steht die Un-/Sichtbarkeit von Josef Strasser. Herausgeschnitten oder hineinmontiert? Von sichtbar zu unsichtbar oder von unsichtbar zu sichtbar tradiert? Aufgeladen werden beide Abbildungen durch die Anwesenheit von W. I. Lenin. Im Rahmen ihrer Veröffentlichung in Publikationen zu Strasser und Karl Steinhardt, einem der Parteigründer der KPÖ, wird einmal die Bedeutung Strassers, einmal die Steinhardts hervorgehoben: Beide wurden vom Revolutionsheros nachweislich geschätzt. Indem Josef Strasser aus dem Foto eliminiert wurde, wird sein Stellenwert ausgelöscht und Lenin von der Nähe des in Ungnade gefallenen Strasser befreit. Oder vice versa: Strasser, in dynamischer, diskutierender Pose neben Lenin, beweist Vertrautheit mit dem Führer der Russischen Revolution. Das heißt, mittels einer erinnerungspolitischen Technik versuchte man die Wirklichkeit zu biegen – keine Seltenheit im post-stalinistischen Kommunismus. Die innerparteiliche Konkurrenz zu dem KPÖ-Mitbegründer Karl Steinhardt, der bis in die Zweite Republik als führender Funktionär der KPÖ fungierte, ist aus der Abbildung, transportiert durch die Un-/Sichtbarkeit Strassers, zu lesen.[8] Abbildung eins wurde 1982 veröffentlicht, Abbildung zwei im Jahre 2012. Geschichte und Kontextualisierung beider Abbildungen harren ihrer Auflösung, die zitierten Bildunterschriften halten der quellenkritischen Überprüfung nicht stand: Steinhardt und Strasser waren nicht auf dem II. Kongress, sondern vielmehr auf dem III. Weltkongress der Komintern im Sommer 1921 anwesend, wo über die »Zerrüttung« der KPÖ diskutiert wurde.[9] Am 11. September 1870 in Krakau geboren – der Vater war Beamter bei der Kaiser Ferdinand Nordbahn, die Mutter arbeitete als Dienstmagd –, besuchte Josef Strasser ein Wiener Gymnasium und kam bereits als Schüler mit der SDAP in Kontakt.[10] Nach dem Abbruch des Jurastudiums in Wien und Zürich begann er für die Lokalredaktion der AZ in Wien zu schreiben und lernte in sozialistischen Intellektuellenzirkeln seine erste Frau Neoma (Nadja) Ramm, eine gebürtige Russin jüdischer Herkunft, kennen. 1898 wurde Sohn Alexander geboren. Im Herbst 1901 übersiedelte die junge Familie nach Reichenberg/Libereč, wo Josef Strasser Redakteur der sozialdemokratischen Zeitung Freigeist, später Vorwärts wurde.[11] 1906 wurde die Ehe aufgelöst.[12] Ein Rosenkrieg um Sohn Alexander folgte, der aufgrund zeitlicher und ökonomischer Zwänge seiner Eltern u. a. in einem Erziehungsheim von Frida Winckelmann, einer »Bekannten« von Nadja Strasser, lebte.[13] Ihre nördlich von Berlin in Birkenwerder gelegene Einrichtung versammelte nicht nur Kinder, sondern auch deren Eltern sowie Freundinnen und Freunde, wie Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Karl Radek, Paul Levi oder Rosi Wolfstein, und bildete den Knotenpunkt eines der sozialen Netzwerke, die die Zweite Sozialistische Internationale – auch – ausmachten. Dort lernte Strasser im Spätsommer 1912 seine zweite Frau, die um 21 Jahre jüngere Kindergartenpädagogin Isa von Schwartzkoppen kennen.[14] Die beiden heirateten im Dezember desselben Jahres und übersiedelten im Jahr darauf nach Wien. Josef Strasser, dessen Schriften Kapitalismus und Kriegsrecht sowie Der Arbeiter und die Nation[15] in der Zweiten Internationale breit rezipiert wurden und ihn als Führerfigur der Linken in der SDAP positionierten, schien es ins Zentrum zu drängen. Vermutlich zog auch seine Frau Isa ein Leben in der Hauptstadt dem in der nordböhmischen Industrieprovinz vor. In Wien arbeitete er als freier Journalist u. a. für die AZ. Isa gründete nach der Geburt des Sohnes Peter am 3. Juli 1917 im Cottage Viertel einen Montessori˗Kindergarten.[16] Beide zählten im Ersten Weltkrieg zum Vorstand des 1916 reaktivierten Parteischülervereins Karl Marx,[17] Sammelbecken der Kriegsgegnerinnen und Kriegsgegner in der SDAP. Von den dort ebenfalls aktiven »Stürmer[n] und Dränger[n]« des geheimen Aktionskomitees der »Linksradikalen« hielten sie sich jedoch fern.[18]   Kommunistische Anfänge: »Dazwischen saßen wir, übernächtig, erschöpft, heiser vom Schreien und den vielen Zigaretten, nächtelang.«[19] Nach einigem Zögern, so überlieferte es Isa Strasser, entschloss sich ihr Mann 1919 in die KPÖ einzutreten.[20] Er empfand die Gründung der Partei als zu früh, denn im Gegensatz zu vielen anderen sozialdemokratischen Parteien in Europa sei es der SDAP gelungen, die Einheit der Partei zu wahren.[21] Keine namhaften Abspaltungen von Fraktionen oder Teilorganisationen hatten stattgefunden und keine der prominenten Kriegsgegnerinnen und Kriegsgegner wie Friedrich Adler, Gabriele Proft oder Therese Schlesinger waren für das Projekt einer neuen Parteigründung zu gewinnen. Diese spezielle österreichische Situation – die Wiener SDAP galt in Relation als größte Parteiorganisation der Welt[22] – sollte Josef Strasser zeit seines Lebens beschäftigen. Gegründet am 3. November 1918, war die KPÖ eine der ältesten, blieb aber eine der kleinsten kommunistischen Parteien. Die im Februar 1919 stattfindenden ersten Wahlen zur Konstituierenden Nationalversammlung, an denen auch Frauen teilnahmen, schienen für dieses Milieu vernachlässigbar – die KPÖ rief zum Wahlboykott auf –, begann die junge Partei doch gerade, sich in den Arbeiterräten zu engagieren. Eine Strategie, die nicht einhellig goutiert wurde, galten die Arbeiterräte für Paul Friedländer, einen der Parteigründer, doch als »Vollzugsorgane der kapitalistischen Gesellschaft«.[23] Damit kündigten sich quasi gleich zu Beginn die unüberbrückbaren Differenzen an, die die KPÖ in den 1920er-Jahren prägen sollten.[24] 1919 übernahm Josef Strasser die Leitung der kommunistischen Zeitung Soziale Revolution: »Das Ansehen des Blattes wuchs«, erinnerte sich Johannes Wertheim.[25] Das erste Halbjahr 1919 war – in der Hauptstadt Wien und in den Industriegebieten – geprägt von Streiks und Demonstrationen gegen die aussichtslose Not. Entscheidend aufgeladen wurde die Situation durch die Ausrufung der Räterepubliken an Österreichs Grenzen am 21. März in Ungarn und am 6. April in Bayern, was die Frage einer deutsch-österreichischen Räterepublik aufwarf. Die zunehmenden Aktivitäten der KPÖ, ermöglicht durch finanzielle Mittel aus Ungarn, machten die junge Partei und ihre politischen Ziele für verarmte soziale Schichten attraktiv, die Mitgliedszahlen stiegen.[26] Der erste Putsch˗ oder Aufstands˗Versuch am 17. April 1919 fand unter maßgeblichem Einfluss von »ungarischen Emissären« statt. Das Vorhaben, »die Massen« für die revolutionäre »direkte Aktion« zu begeistern, allerdings misslang. Die Demonstration wurde von der Polizei aufgelöst und endete mit Toten.[27] Der Zusammenhang von ungarischem Geldfluss und KPÖ˗Aktivitäten in Wien war auch Gegenstand polizeilicher Ermittlungen: Um die bis dato »ungemein rührige kommunistische Partei [ist es] merkwürdig still geworden«, hieß es, zur Mai-Kundgebung seien lediglich 8000 Menschen gekommen.[28] Ein Zustand, den die ungarische Räteregierung in Ordnung zu bringen versuchte. Der 30-jährige Rechtsanwalt Ernst Bettelheim kam nach Wien, um die KPÖ zu reorganisieren: Reinigung der Parteispitze von »eitlen Elementen«, unbarmherziger Kampf gegen die Sozialdemokratie, Vereinigung aller revolutionären Gruppen unter dem Schirm der KPÖ sowie Organisierung von Arbeitslosen.[29] Dies schien leicht umsetzbar, kompliziert verhielt es sich lediglich mit der Redaktion der Sozialen Revolution unter Josef Strasser, die, negativ konnotiert, als »menschewistisch« eingeschätzt wurde.[30] Die Politik der KPÖ in diesen Wochen konterkarierten Strassers »Bedingungen«, die er in »Verhandlungen« mit dem Parteivorstand über einen Eintritt in die KPÖ gestellt hatte: Bei Garantie der freien innerparteilichen Meinungsäußerung »[müssen] wir […] alles tun, um nicht auf die materielle Hilfe der Bruderparteien angewiesen zu sein«.[31] Am 25. Mai 1919 wurde die alte Parteileitung, auch das Ehepaar Friedländer, entlassen – Elfriede redigierte die Revolutionäre Proletarierin, die frauenspezifische Beilage der Sozialen Revolution[32] – und ein Direktorium mit Durchgriffsrecht etabliert: Johannes Wertheim, Franz Koritschoner, Karl Tomann, Gilbert Melcher und der Spiritus Rector aus Ungarn Ernst Bettelheim. Spätestens zu diesem Zeitpunkt leitete Josef Strasser nicht mehr die Redaktion der Sozialen Revolution, und die »erste Aufgabe« des Direktoriums war es, den »verlassenen Platz« neu zu besetzen.[33] Während Josef Strasser im Frühling 1919 an den »›Putschisten‹ […] verzweifelte«,[34] kam am 30. März 1919 Tochter Lieselotte zur Welt. Mutter Isa schilderte auch ihr eigenes damaliges Leben ganz im Dienste der Revolution.[35] Im Gegensatz zu ihrem Mann hatte die 28-Jährige nicht lange gezögert, der KPÖ beizutreten. Josef Strasser hingegen war rund dreißig Jahre in der SDAP aktiv gewesen und mit 49 Jahren bei seinem Eintritt in die Partei der mit Abstand Älteste im Machtzirkel der KPÖ, gefolgt von dem 14 Jahre jüngeren Karl Tomann sowie dem 18 Jahre jüngeren Johannes Wertheim. Die große Mehrheit der Aktivistinnen und Aktivisten waren Kinder der 1890er-Jahre, so z. B. Franz Koritschoner, geboren 1892, oder Elfriede Friedländer, geboren 1895. Die damit verbundenen diversen Sozialisationen, auch Generationenkonflikte, sollten Strassers Situation in der jungen Partei maßgeblich prägen. Ein Beispiel dafür ist der 15. Juni 1919. Für diesen Tag wurde die »Ausrufung der Proletardiktatur« angekündigt, wie die Polizei, in allen KP˗internen Angelegenheiten bestens informiert, erfahren hatte.[36] Endlich schien durch eine Proteststimmung angesichts der Friedensbedingungen von St. Germain und der Entente˗Forderung nach Abbau der Volkswehr der erhoffte Katalysatoreffekt gegeben, nach einer »bewaffneten Massendemonstration« das Parlament zu besetzen: »Was heute Putsch genannt wird, ist morgen Revolution, wenn er gelingt«, formulierte es ein kommunistischer Arbeiterrat.[37] Die Aktion misslang ähnlich desaströs wie schon zwei Monate zuvor, erneut waren Tote zu beklagen.[38] In der Folge setzte ein eklatanter Mitgliederschwund ein und der Diskurs von der Putschpartei KPÖ festigte sich.[39] Im Kontext der international sinkenden Revolutionskonjunktur wurde es offensichtlich, dass der projektierte österreichische »Anschluss an alle bestehenden Räterepubliken« gescheitert war.[40]   Disziplin in der Aktion – völlige Freiheit in der Diskussion Die Abkehr von der sogenannten Bettelheimerei, die auch unter der Supervision der Komintern und in Person von Karl Radek stattfand, führte zu dem Versuch einer gründlichen Inspektion der KPÖ, die Dank der ungarischen Finanzflüsse ab Frühsommer in einem eigenen Haus in der Alserstraße 69 im VIII. Wiener Bezirk angesiedelt war. Am 26. Juli 1919 wurde die Soziale Revolution in Die Rote Fahne umbenannt, ab 16. September 1919 erschien sie als Tageszeitung. Für den 20. Oktober kündigte Karl Tomann für den »provisorischen Parteivorstand« die Rückkehr von Josef Strasser als Chefredakteur der Roten Fahne an. Gleichzeitig wurde der Bettelheim-Vertraute Franz Koritschoner von der Herausgeberschaft freigestellt.[41] In der Zeit von Herbst 1919 bis April 1921 erreichte der Einfluss Josef Strassers in der jungen KPÖ seinen Höhepunkt: Als Chefredakteur der Roten Fahne gestaltete er die kommunistische Öffentlichkeit und die darin wirksamen Diskurse entscheidend mit und war Mitglied des Parteivorstandes.[42] Lebenserinnerungen sind stets im Kontext der Entwicklung der sich erinnernden Person zwischen Ereignis und Zeitpunkt des Aufschreibens zu reflektieren. Im Falle Josef Strassers, der sich angesichts der Stalinisierung 1929 endgültig von der KPÖ wie der Komintern abwandte, ist zu fragen, ob die in den vorhandenen Erinnerungen konstruierte kontinuierlich-genuine Oppositions-Erzählung mit den zeitgenössisch vorliegenden Quellen – Reden, Artikeln und Briefen – korrespondiert. Durch die Parteitagsreden Josef Strassers, die er zwischen 1919 und 1922 gehalten hat, zieht sich ein roter Faden: Der Glaube, »daß es einer kleinen Anzahl beherzter und zielbewusster Männer möglich ist, die revolutionäre Massenaktion zu ersetzen«, sei aufzugeben und durch geduldige Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit zu ersetzen, um die Mehrheit der Arbeiter für die KPÖ zu gewinnen, so sein Credo in einer Rede über die »Richtlinien der kommunistischen Politik« auf der III. Reichskonferenz der KPÖ im Dezember 1919.[43] Innerparteilich herrschte ein »erbitterter Kampf«.[44] Der »alte« Strasser hatte in der Redaktion mit dem 23-jährigen Leo Lania und dem 25-jährigen Julius Dickmann (Ernst Jung), beide kannte er bereits aus AZ˗Zeiten, ein junges Team versammelt. Sie vertraten die an den realen Machtverhältnissen angelehnte Neuorientierung und die Anerkennung der hegemonialen Stärke der Sozialdemokratie. Letzteres bedeutete ein Sakrileg. Dementsprechend, wenn auch anders fokussiert, wurde Die Rote Fahne auf der Reichskonferenz kritisiert. Das schien die kleine Redaktion aber nur noch mehr zusammenzuschweißen: Sie seien nur vier Redakteure, alle auch in der Partei engagiert; Strasser habe keinen »ständigen Schreibtisch«, sei von der Arbeit im Parteivorstand beansprucht. »Wir sind alle überarbeitet« und tun »mehr als unsere Pflicht (Lebhafter Beifall)«.[45] Strassers Referat zu den »Richtlinien der kommunistischen Politik« ist auch eine Abrechnung mit der knapp ein Jahr jungen Partei: Die Gründung der KPÖ sei »verfrüht« erfolgt; die heimkehrenden, von der russischen Entwicklung begeistert in den Bann gezogenen Soldaten hätten Illusionen geweckt und den Blick auf die realen österreichischen Verhältnisse getrübt; der Partei seien die »am schwächsten organisierten und die am schlechtesten geschulten« Schichten der Arbeiterschaft gefolgt; und schließlich habe die Leitung in der Hand einer »Gruppe von jungen Intellektuellen« gelegen, die für diese Funktion nicht vorbereitet waren – all dies seien »Fehler der Unreife« gewesen.[46] Heftig kritisiert wurden die Einschätzungen Strassers u. a. von Paul Friedländer, ein von ihm adressierter »junger Intellektueller«, der weiterhin an eine sich zuspitzende revolutionäre Krise glaubte.[47] Strasser und seine Anhänger erreichten auf der Reichskonferenz im Dezember 1919 zwar die Mehrheit, allerdings formierte sich eine starke Minderheit, die weiterhin aktiv blieb. Nach dem Bruch der Koalitionsregierung am 11. Juni 1920 wurden für den 17. Oktober 1920 Neuwahlen zum österreichischen Nationalrat festgesetzt. Die KPÖ wiederholte ihren Aufruf zum Wahlboykott, doch der Niedergang der Revolutionskonjunktur erforderte andere Strategien. Lenin irritierte mit seiner im Juli 1920 auf Deutsch erschienenen Schrift Der linke Radikalismus – die Kinderkrankheit des Kommunismus auch die KPÖ, die daraufhin am 1. September 1920 beschloss, selbst zu kandidieren. Einer, der schon früher versuchte, die KPÖ »zur Überprüfung ihrer Wahltaktik zu veranlassen«, war der Mitarbeiter der Roten Fahne Julius Dickmann. Nehme die KPÖ ihren im Dezember 1919 beschlossenen Kurs ernst, die sozialdemokratisch organisierten »Massen« zu gewinnen, sei der Wahlaufruf für die SDAP der einzige Weg, sich Gehör zu verschaffen.[48] Inwieweit Josef Strasser in diesem Entscheidungsprozess sein Plädoyer von der »Unabhängigkeit« der KPÖ aufrechterhielt, bleibt offen. Strasser erwartete vom Parlamentarismus wenig, außer es trete eine Situation ein, »in der der Parlamentarismus allein dem Proletariat die Möglichkeit bietet, sich auf legale Weise zu betätigen«.[49] 1920 erhielt die KPÖ in den Wahlen 26 651 Stimmen – weniger als die damalige Mitgliederzahl. Gleichzeitig verlor die SDAP die relative Mehrheit – die österreichische Revolution war perdu.[50] Die Debatte über das »Absterben« und die »Niederlage« der Revolution in Westeuropa hatte die deutsche Kommunistische Partei (KPD) bereits im Sommer 1919 erreicht.[51] Eineinhalb Jahre später war Paul Levi, der Nachfolger Rosa Luxemburgs als Vorsitzender der KPD.Spartakusbund, seinem vom Einheitsfront˗Gedanken inspirierten Ziel, die dichotome Spaltung in Bolschewiki und Menschewiki zu überwinden, näher gekommen, und die »Vereinigte« KPD zählte rund 350 000 Mitglieder. Sein Kurs erregte allerdings heftigen Widerspruch von jenen sich »links« definierenden Gruppen, die die Revolution nach wie vor auf der Agenda hatten.[52] Die Denunziationen als »rechte Opportunisten«, als »Halb˗ oder Ganz˗Menschewisten«, als »Bremser« kulminierten schließlich im Schimpfwort »Leviten«.[53] Ein »Levit« sollte auch Josef Strasser werden. Wie Paul Levi war er Teil jenes Milieus von Sozialisten, die in der Sozialdemokratie sozialisiert zu »Alten« in den jungen kommunistischen Parteien wurden. Neben dem strikten »Anti˗Putschismus« vertraten sie – in der Tradition Rosa Luxemburgs – die Meinung, dass nur eine »revolutionäre Massenpartei« die Transformation der Gesellschaft hin zum Sozialismus bewirken könne; Levi und Strasser traten strikt für die Unabhängigkeit von der Komintern ein. »Keine Bestimmung des Status der Kommunistischen Internationale verpflichtet uns […], alle Beschlüsse des Exekutivkomitees als Geniestreiche zu erklären«, so Levi;[54] beide forderten, auszusprechen, »was ist«, statt revolutionärem Pathos. Diese Positionen widersprachen dem – von der Komintern abgesegneten – Vorhaben, in der sogenannten Märzaktion in verschiedenen Teilen Deutschlands im Sinne der »Offensivtheorie« den Aufstand zur Machtübernahme zu wagen. Levi warf seine gesamte Autorität zur Verhinderung dieses Vorhabens in die Waagschale, legte im Januar 1921 den Parteivorsitz nieder, verfasste die Broschüre Unser Weg. Wider den Putschismus und wurde aus der KPD ausgeschlossen.[55] Zeitgleich fand vom 23. bis 25. Januar 1921 der sogenannte Einigungsparteitag der KPÖ in Wien statt. Josef Frey und die Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft Revolutionärer Arbeiterräte (SARA) wurden mit offenen Armen empfangen – trotz kritischer Stimmen aus dem Soldatenrat, Freys »diktatorisches Gehaben [könne] die Partei schädigen«.[56] Auch auf dieser Tagung suchten Gegner die von Aufklärung getragene politische Strategie der Reichskonferenz von 1919 via Kritik an der Roten Fahne zu treffen, »vielfach abfällig« würde sie als zu gemäßigt beurteilt, heißt es im Polizeibericht.[57] Josef Strasser bestätigte in seiner Rede zur Parteipresse, dass Redakteure der Roten Fahne nicht mit der Position des Parteivorstandes übereinstimmen müssten. »In der Aktion muß unbedingte Disziplin herrschen, in der Diskussion aber hat jeder vollständige Freiheit.« Weiter sagte er, er habe keine Angst, dass sich »die Genossen« gegen eine solch »renitente Redaktion, wie die unsere« nicht zur Wehr setzen könnten. Diese Rede eröffnet einen Blick auf Strassers Habitus, seine Art, im Feld des Politischen zu agieren, denn im Gegensatz zu den anderen in der Roten Fahne dieser Jahre wiedergegebenen Reden wurde seine wiederholt von »Heiterkeit« unterbrochen.[58] Neben weiteren acht Männern wurde er wieder in den »engeren Parteivorstand« gewählt. Drei Monate später eskalierten die Differenzen. Die deutsche »Märzaktion« endete in einem Blutbad, die KPD wurde verboten und verlor rund die Hälfte ihrer Mitglieder.[59] Paul Levi befand sich am 21. März 1921, als der Aufstand begann, in Wien und stand permanent mit Josef Strasser in Kontakt.[60] In der KPÖ gingen die Wogen über die Einschätzung der »Märzaktion« hoch. In den Sitzungen des Parteivorstandes am 16. und 19. April ersuchte Strasser darum, aus dem Amt als Chefredakteur der Roten Fahne entlassen zu werden, da er »nicht in der Lage sei, die in der Erklärung des Parteivorstandes zum Ausdruck gebrachte, seiner Meinung nach putschistische Auffassung« zu vertreten. Bis zur Tagung des Reichsparteivorstandes Anfang Mai wurde er beurlaubt.[61] Vier Redakteure erklärten sich mit ihm solidarisch und legten ebenfalls ihre Ämter nieder: Leo Lania, Bergler, Klein und Kalischer. Am 20. April 1921 wird Strasser zum letzten Mal im Impressum der Roten Fahne als Chefredakteur genannt.[62] Eine Woche später wurde auf der Wiener Konferenz der KPÖ über die Angelegenheit beraten.[63] Vor 284 Teilnehmenden wurde mit Strasser und seinen als »menschewistisch« denunzierten Positionen abgerechnet. Als Wortführer der Mehrheitsposition im Parteivorstand – es wäre ein dem mitteldeutschen Proletariat aufgezwungener Aufstandsversuch gewesen – fungierte der ins Parteizentrum drängende Josef Frey. Strasser zog in seinem Koreferat die Parallele zu den Ereignissen in Österreich 1919 und betonte, dass er es für seine Pflicht halte, offen als Gegner des Putschismus aufzutreten. Seinen Eindruck von der aufgeheizten Stimmung schilderte im Rückblick Leo Lania, während dessen Redebeitrages »mehrere der Delegierten […] aufgesprungen [waren]« und »gegen die Bühne […] stürmten«.[64] Solche Szenen sind in den Berichten der Roten Fahne nicht zu finden. Von den 240 Stimmberechtigten entschieden sich nur 15 für die Position Strassers.[65] In der Folge widmete sich Josef Strasser der Bildungsarbeit in der KPÖ, hielt Vorträge und versuchte die Schulungsarbeit anzukurbeln.[66] Dabei traf er auf »große Widerstände«, da die Meinung dominierte, »wir haben keine Zeit«, die Machtübernahme stehe vor der Tür.[67] Die Komintern hatte im Rahmen des III. Weltkongresses am 23. Juli 1921 auch über die Lage in Österreich beraten. Strassers Engagement entsprach der Empfehlung des Exekutivkomitees der Komintern, es ihm zu ermöglichen, »in Stellungen, die seinen Fähigkeiten entsprechen, weiterhin der Partei zu dienen«.[68] Dass neben den sieben Delegierten der in der KPÖ marginalisierte Josef Strasser zu den Beratungen in Moskau hinzugezogen wurde – wo er durch ständige »Sticheleien« auffiel –,[69] zeugt von seinem Ansehen in der Komintern.   »Ich bleibe Demokrat!« – auch in Moskau Strasser und Frey blieben Kontrahenten. Inwieweit ihre gemeinsamen vergangenen politischen und persönlichen Berührungspunkte die Basis für die tiefe Abneigung legten, bleibt Gegenstand weiterer Forschungen. Beide schrieben im Ersten Weltkrieg für die AZ, Frey angestellt und Strasser auf Honorarbasis; Josef Freys Frau Anna und seine Schwiegermutter Therese Schlesinger waren beide mit den Strassers im Bildungsverein Karl Marx engagiert und blieben befreundet.[70] Nach der Levi-Affäre wuchs die Bedeutung von Josef Frey in der KPÖ, der die Kominterntaktik der Einheitsfront und die Losung »Heran an die Massen« vertrat. Auf dem Papier schien dies mit der Position von Josef Strasser kompatibel. Allerdings plante Frey, die KPÖ in eine straff zentralistisch organisierte Partei umzuwandeln, inklusive »Vetorecht« des Parteivorstandes in Bezug auf Beschlüsse von Parteigremien. Auf dem V. Reichsparteitag der KPÖ vom 25. bis 27. März 1922 traten beim Tagesordnungspunkt »Organisationsstatut« Strasser und Frey erneut als Redner gegeneinander an. Die Debatte war polemisch aufgeladen, und Strasser zeichnete in seinen Wortmeldungen ein deutliches Bild von der Stimmung in der Partei, die nur mehr 4500 Mitglieder zählte. Früher seien abweichende Meinungen frei diskutiert worden, heute hingegen sei jeder gleich »ein Sozialdemokrat, ein Levit, ein Menschewik, ein Saboteur, ein Liquidator […] Das System der schleichenden Verleumdung muß verschwinden. Es ist notwendig, daß klar und offen gesprochen wird, daß wir alle Farbe bekennen. Ich werde den Anfang machen«:[71] In einem Parteivorstand, der »mit einer diktatorischen Macht über Proletarier ausgestattet ist, [habe ich] nichts zu suchen«.[72] Frey versuchte in seiner Replik Strasser lächerlich und illoyal erscheinen zu lassen, seine bisherige Funktion im Parteivorstand sei lediglich »geduldet« worden, da er »inaktiv« gewesen sei: »Aber größer noch als die Not der Partei war seine Passivität. Ich glaube, Genossen, hier wäre eine Diktatur des Parteivorstandes sehr notwendig gewesen.«[73] Frey schaffte es, die Stimmung zum Kippen zu bringen. War Strassers Koreferat am ersten Tag noch von »allgemeine[m] Beifall« und »Sehr richtig!«˗Rufen unterbrochen worden,[74] vermerkt das Protokoll des zweiten Tages nur mehr Beifallsbekundungen bei Freys Schlusswort. Das neue Parteistatut wurde mit einer Gegenstimme, die Strasser zugeschrieben wurde, angenommen.[75] Strasser resümierte: »In meinen alten Schädel [gehen] die neuen Gedanken nicht mehr hinein. Ich bleibe Demokrat.«[76] Die Situation der Familie Strasser schien in den folgenden Monaten äußerst angespannt. Isa war weiter in den Teuerungs˗Kampagnen der KPÖ aktiv und fungierte als Leiterin der Zentralstelle für Frauenfragen.[77] Es eröffnete sich jedoch eine neue Perspektive: Auf Einladung von Lenin und »Freund« Karl Radek übersiedelten Josef und Isa Strasser 1923 nach Moskau.[78] Die beiden Kinder verblieben bei Großmutter Schwartzkoppen in Jena.[79] Die Strassers bezogen in Moskau ein kleines, einfaches Zimmer im »Glashaus« Hotel Lux, wie Isa Strasser die Kontrolle vor Ort rückblickend charakterisierte. Im folgenden Jahr starb Lenin, und Josef Strassers Anfangseuphorie begann zu versiegen, allerdings engagierte er sich auf dem V. Weltkongress der Komintern 1924, erinnert sich Alois Neurath, ein alter Vertrauter aus der Zeit in Reichenberg/Libereč. »Strasser [ist] zwar nicht im Plenum, aber sonst bei jeder Gelegenheit«, besonders der tschechischen Delegation gegenüber, als entschiedener »Trotzkyst« aufgetreten. Und, so Neurath weiter, »Strasser gehört nicht zu jenen Genossen, die sich von irgendwelchen Apparatfaktoren einschüchtern lassen. Strasser hat mir und anderen […] sehr rücksichtslos die Leviten gelesen, weil wir nicht gegen die Antitrotzkypolitik des Triumvirates Sinowjew-Kamenjew-Stalin aufgetreten waren.«[80] In Moskau beendete Josef Strasser seinen Russischunterricht mit Sarkasmus: Wenn er nicht Russisch könne, müsse er in der Parteizelle nicht für Stalin stimmen. Diese Haltung degradierte ihn vom Redakteur zum Korrektor der Internationalen Presse-Korrespondenz. Während er »politisch […] scheintot« war, arbeitete Isa Strasser als Angestellte für Frauenfragen der Sozialwissenschaftlichen Abteilung der Roten Gewerkschaftsinternationale (Profintern).[81]   »Eine erfolglose Revolution bedarf der Psychologie« Josef Strasser widmete sich im Folgenden dem spezifisch österreichischen Kontext für eine revolutionäre Politik.[82] Wie etliche Zeitgenossen[83] beschäftigte ihn die nicht erfolgte Transformation der österreichischen Gesellschaft in Richtung Sozialismus oder wie es der Sozialpsychologe Paul Lazarsfeld formulierte: »Eine erfolglose Revolution bedarf der Psychologie.«[84] Der politische Erfahrungshorizont der internationalen (westlichen) Arbeiterbewegung vor dem Ersten Weltkrieg speiste sich aus den erreichten Verbesserungen für die Arbeiterinnen und Arbeiter. Auf diesem Resonanzboden wuchs das Bewusstsein, durch kontinuierliche Arbeit, Organisationsaufbau und Einheit der Bewegung die gesteckten Ziele – im Rahmen des bestehenden Staates – erreichen zu können. In Österreich wurde die Genese der Arbeiterbewegung durch die Entwicklung eines speziellen theoretischen Konstrukts des Austromarxismus geprägt. Den Schlüssel für das österreichische Spezifikum verortete Josef Strasser in der strukturellen Verwobenheit der SDAP mit dem »langsam zugrunde gehenden« Vielvölkerstaat,[85] als Folge des Kampfes um das Wahlrecht und die Nationalitätenfrage.[86] Während nationalistische Bewegungen und die nichtdeutsche Arbeiterbewegung an den Fundamenten des alten Österreich rüttelten, sei die deutsche SDAP Teil seines Fundaments. Damit einher ginge die Tradition des Einigens und Ausgleichens, ein Kennzeichen nicht nur der staatlichen Politik des alten und neuen Österreichs, sondern seit dem Einigungsparteitag von Hainfeld 1888/89 der SDAP selbst.[87] Zentral in Strassers Auseinandersetzung mit dem Austromarxismus wie auch der KPÖ war der Stellenwert von Führungsgestalten. Damit verbunden sei das spezifische Gefühl der »Unsicherheit, der Abhängigkeit vom Führer« der österreichischen Arbeiterschaft, ein »Mangel an Selbstvertrauen«,[88] der im Gegensatz zum vom Imperialismus gespeisten Selbstbewusstsein der »reformistischen Arbeiteraristokratie« anderer Staaten stünde.[89] Die Frage nach dem Verhältnis vom »Führer« zu den revoltierenden Massen bewegte auch den Individualpsychologen Alfred Adler, den Josef Strasser aus den Zusammenkünften des Vereins Veritas Anfang der 1890er-Jahre kannte und zu dessen Thesen er publiziert hatte,[90] genauso wie den Psychoanalytiker Paul Federn.[91] Letzterer interpretierte den Sturz des Vater˗Kaisers als Aufstand der Söhne, deren revolutionärer Radikalismus sich im »Bruderprinzip« der Arbeiter˗ und Soldatenräte institutionalisierte. Der androzentrische, in Wirklichkeit aber männliche Diskurs um die Brudergemeinschaft reproduzierte das patriarchale Politik˗Verständnis der Zeit. Die Haltung zu dieser neu zu errichtenden »vaterlosen«, nichtautoritären Gesellschaft, die die radikalen Jungen präge, sei der Hass gegen alles Althergebrachte, der die KPÖ-Aktivistinnen und -Aktivisten im Verhältnis zur SDAP auszeichne.[92] Allerdings reproduzierte diese Einstellung die Suche nach einem neuen »Vater« und verwies auf die Bedeutung der patriarchalen Familienstruktur für die Stabilisierung von Gesellschaftssystemen der bürgerlichen Moderne.[93] Strasser verstand diese Dialektik und versuchte die Notwendigkeit, aber auch die Gefahren der Bedeutung der »Führer« oder des »subjektiven Faktors« offen zu thematisieren: 1919 kritisierte er die jungen intellektuellen Parteiführer – darunter mit Elfriede Friedländer auch eine junge Frau –, die »weder theoretisch noch praktisch auf ihre Aufgabe vorbereitet« waren, und 1922 die fehlenden beziehungsweise unreifen Autoritäten des Parteivorstandes.[94] In all seinen Reflexionen blieb Strasser dem androzentrischen Diskurs des männlich gedachten politischen Subjekts verhaftet. Weder seine beiden frauenbewegten Gefährtinnen Nadja und Isa Strasser sowie deren Auseinandersetzung mit den Geschlechterverhältnissen noch die in der frühen Sowjetunion angestellte Problematisierung der Nachhaltigkeit von patriarchal˗autoritären Familienkonstellationen schienen seine Denkweise zu beeinflussen, und auch die Wirkungsmacht von Geschlecht schien er nicht in ähnlich sensibler Weise zu reflektieren wie die eigenständige Bedeutung von Nation im Verhältnis zu den Klassenverhältnissen für die gesellschaftspolitischen Verhältnisse.[95] Ende 1927 – Leo Trotzki wurde aus der KPdSU ausgeschlossen und im Januar 1928 nach Alma-Ata deportiert – wurde Josef Strasser von der KPÖ »angefordert«. Die näheren Umstände sind nicht bekannt. Er übernahm erneut die Leitung der Roten Fahne und wurde in den Parteivorstand kooptiert. Allerdings häuften sich angesichts der Kominternpolitik – Stalinisierung und Sozialfaschismustheorie – seine Anfälle von »akuter Arbeitsunfähigkeit«, er »konnte« im wahrsten Sinne des Wortes, so Isa Strasser, nicht gegen seine Überzeugung die Parteilinie vertreten und legte sein Amt als Chefredakteur nieder.[96] Nun hielt die 38-jährige Isa in der parteipolitischen Arena Einzug.[97] In der Auseinandersetzung über die künftige Gewerkschaftsstrategie führte die ehemalige Angestellte der Profintern die Opposition an und sprach sich gegen die Schaffung neuer Gewerkschaften aus.[98] Am 21. Juni 1929 verlautbarte Die Rote Fahne ihren Parteiausschluss.[99] In den folgenden Auseinandersetzungen zwischen diversen kommunistischen Oppositionsgruppen in Österreich – besonders Josef Frey wetterte nach seinem Parteiausschluss 1927 in etlichen Briefen an Trotzki, in denen es um die Anerkennung als österreichische Sektion der Linken Opposition ging, gegen »die Strassers«[100] ˗ war Isa Strasser eine zentrale Akteurin der sogenannten Innerparteilichen Gruppe, bis sie sich Anfang der 1930er-Jahre mit der Diagnose »hoffnungslos zerstrittene Sektiererzirkel« zurückzog.[101] Josef Strasser flüchtete sich derweil in die innere Emigration.   Ausblick: »Paris? Das wäre das Beste.« »Was Isa und Josef Strasser betrifft, so würde ich mich natürlich sehr freuen, wenn sie mit uns arbeiten wollten. Aber seit drei Jahren haben alle Versuche zu nichts geführt«, schrieb Leo Trotzki, der Strasser seit vielen Jahren gut kannte und ihn sehr schätzte,[102] im Mai 1933 an Alois Neurath.[103] Die Strassers befanden sich in einer materiell wie psychisch krisenhaften Situation. Josef Strasser, dem das Korrektorat der deutschen Lenin˗Ausgabe entzogen worden war, versank in Passivität. In mehreren Briefen ersuchte Isa Strasser Trotzki und Neurath, doch zu versuchen ihren Mann zu »aktivieren«.[104] 1933, als die Transformation Österreichs zum autoritären christlichen Ständestaat begann und u. a. die KPÖ im Mai verboten wurde, schien dies gelungen zu sein. Im Juni wurde unter dem Pseudonym Austriacus Josef Strassers letzte Abrechnung mit dem Austromarxismus in der Zeitschrift Unser Wort der deutschsprachigen Sektion der Internationalen Linken Opposition abgedruckt.[105] Trotzki war begeistert: »Es war für mich wirklich ein Feiertag, Ihren Artikel in ›Unser Wort‹ zu sehen und zu lesen.« Er meinte, dass Strasser angesichts der politischen Situation emigrieren müsse, und fragte: »Paris? Das wäre das Beste.«[106] Strasser antwortete, dass eine Übersiedlung bei seinen »persönlichen Verhältnissen, die ziemlich verwickelt sind«, äußerst fraglich sei. Allerdings: »Was aber auch kommt, Sie können in jedem Fall auf meine Mitarbeit rechnen.«[107] Ob weitere Artikel über Österreich, die in Unser Wort bis 1935 publiziert wurden, auch aus der Feder von Josef Strasser stammen, ist nicht geklärt. Im Sommer 1935 verschlechterte sich Strassers Gesundheitszustand. Trotzki zeigte sich besorgt: »Ich erfahre soeben von Neurath, dass Sie leidend sind und bettlägrig und ich empfinde das innere Bedürfnis, Ihnen meine wärmsten Wünsche der Genesung auszusprechen. […] Ich hoffe fest, dass Sie den ›inneren Feind‹ bewältigen (diesmal meine ich die Krankheit) und dass Ihre brillante Feder der Sache der Vierten Internationale noch wichtige Dienste leisten wird.«[108] Am 15. Oktober 1935 verstarb Josef Strasser knapp 65-jährig in Wien. Seine Frau Isa überlebte ihn um 35 Jahre – 1970, kurz nach ihrem Tod, erschien ihr Roman Land ohne Schlaf, in dem sie ihre Erinnerungen an die frühe Sowjetunion fiktional zu gestalten suchte.[109] Die Geschichte der Linken im 19. und 20. Jahrhundert ist eine voller Ideale und voller desaströser Enttäuschungen. Josef Strasser war gleichzeitig Akteur und Analytiker dieses Prozesses, seit dem Aufstieg der Sozialdemokratie im Habsburgerstaat im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bis zur Stalinisierung der Komintern und dem Ende der kurzen demokratischen Ersten Republik Österreich in den 1930er-Jahren. Zeit seines Lebens beschäftigte er sich mit dem österreichischen Proletariat – als revolutionäres Subjekt – und dessen vielschichtiger Verwobenheit mit dem Vielvölkerstaat Österreich. Er suchte darin den Grund, warum sich die österreichischen Arbeiterinnen und Arbeiter nach dem Ersten Weltkrieg weder für die KPÖ noch für eine gewaltbereite Umsturz-Strategie gewinnen ließen, sondern – in Gegensatz zu anderen Ländern Zentraleuropas – der Sozialdemokratie treu blieben. Das alte Österreich war ein Imperium, dessen Führung sich seit Jahrhunderten trefflich auf die Entwicklung von Strategien verstanden hatte, um den Habsburgerstaat und dessen Macht zu erhalten und auszubauen.[110]Auch die Sozialdemokratie wurde Teil dieses Integrationsprozesses, vor allem im und durch den Kampf um das allgemeine Männerwahlrecht, in dem sie, sich mit dem österreichischen Staat einig wissend, das Gegenmittel zum aufgeheizten Nationalitätenstreit und dessen desintegrierender Wirkung verortete. Strasser war ein reflektierender Beobachter dieses Prozesses. Die denunzierte »demokratische Illusion« der österreichischen Arbeiterinnen und Arbeiter geriet für ihn selbst zum Haltegriff in den aussichtslosen KP-internen Debatten um Meinungs- und Diskussionsfreiheit. Auseinandersetzungen, über die Strasser keine Analysen in Papierform hinterließ. In der Moskauer Emigration im Jahre 1925 bezeichnete er die demokratisch-pazifistische Einstellung des österreichischen Proletariats als »maskierte Hoffnungslosigkeit«.[111] Vielleicht meinte er damit auch seine eigene, angesichts der tief gehenden Erschütterungen über die Entwicklung der Komintern. Eine hoffnungslose Entwicklung, die sowohl seine vielen Bekenntnisse zu »demokratischen Parteiverhältnissen« als auch seinen martialischen Ausruf bei seinem Abgang am KPÖ-Parteitag 1922 verblassen ließ: »Ich bleibe Demokrat!«[112] [1] Für die umfassende Unterstützung danke ich meinem Lebensgefährten Karl Fallend. [2] Leo Lania: Welt im Umbruch. Biographie einer Generation, Frankfurt/Wien 1954, S. 129; Michael Schwaiger: Leo Lania. Schreiben gegen das Vergessen. Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung, Wien (im Folgenden: VGA), Dokumentation 1–4/2015, Wien 2015. [3] Isa Strasser an Trotzki am 7. August 1932, Houghton Library, Harvard University, Leon Trotzky Exile Papers (MS Russ 13.1.) (im Folgenden: HL, Trotzky Papers), 5419_5423. [4] Siehe Gabriella Hauch: »Besiegt ist, wer nie den Kampf aufgenommen, wer ihn nie gewollt.« Nadja Strasser, geb. Neoma Ramm (1871–1955), in: Werner M. Schwarz/Ingo Zechner (Hg.): Die helle und die dunkle Seite der Moderne. Festschrift für Siegfried Mattl, Wien/Berlin 2014, S. 162–171; Gabriella Hauch: »Welcher Weg ist einzuschlagen …?« Spurensuche nach Isa Strasser, geb. von Schwartzkoppen (1891–1970), in: Lucile Dreidemy u. a. (Hg.): Bananen, Coca Cola, Zeitgeschichte. Oliver Rathkolb und das lange 20. Jahrhundert, Wien/Köln/Weimar 2015, S. 137–149. [5] Siehe Wolfgang Maderthaner: Die eigenartige Größe der Beschränkung. Österreichische Revolution im mitteleuropäischen Spannungsfeld, in: Helmut Konrad/Wolfgang Maderthaner (Hg.): … der Rest ist Österreich. Das Werden der Ersten Republik, Bd. 1, Wien 2008, S. 187–206. In ihrer Anfangszeit nannte sich die KPÖ Kommunistische Partei DeutschÖsterreichs (im Folgenden: KPÖ). [6] Josef Strasser: Der Arbeiter und die Nation. Anhang: Schriften zum Austromarxismus, Wien 1982, S. 109. Die Herkunft des Bildes konnte auch nach Rücksprache mit Max Dillinger und Peter Kulemann, damals Leiter des Junius Verlages, nicht geklärt werden. Ich danke den beiden für die Abdruckerlaubnis. [7] Karl Steinhardt: Lebenserinnerungen eines Wiener Arbeiters, hrsg. u. eingel. von Manfred Mugrauer, Wien 2013, S. 270. Besitz: Zentrales Parteiarchiv der KPÖ, Bildarchiv. Ich danke Manfred Mugrauer für die Übermittlung des Fotos und die Abdruckerlaubnis. [8] Strasser wird in der Autobiografie des KPÖ-Mitbegründers nicht genannt, siehe Steinhardt: Lebenserinnerungen (Anm. 7). Die Autobiografie von Franz Koritschoner, in der Strasser erwähnt wird, erscheint 2018, herausgegeben von Hans Hautmann. [9] Rossijskij gosudarstvennyj archiv social’no-političeskoj istorii/Russländisches Staatsarchiv für Soziale und Politische Geschichte (im Folgenden: RGASPI), f. 490. o. l., d. 169, l. 9, zit. nach Hannes Leidinger: Lenins Erbe(n): Die Fraktionskämpfe der zwanziger Jahre, in: Barry McLoughlin/Hannes Leidinger/Verena Moritz: Kommunismus in Österreich 1918–1938, Innsbruck/Wien/Bozen 2009, S. 246. [10] Siehe Isa Strasser: Josef Strasser – ein Lebensbild, in: Strasser: Der Arbeiter und die Nation (Anm. 6), S. 101–107; Isa Strasser: Josef Strasser. Zu seinem 100. Geburtstag, maschschr. Manuskript, VGA, Parteiarchiv, L. 24, M. 10. [11] Siehe Parteivertretung (PV) am 11. September 1901, in: Protokolle der Parteivertretung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Oesterreichs 1897–1918 (im Folgenden: Protokolle), hrsg. u. bearb. von Gabriella Hauch/Rudolf G. Ardelt, VGA, Nr. 955, S. 77. [12] Siehe Meldezettel Josef Strasser, Státní oblastní archiv v Litoměřicích/Staatliches Gebietsarchiv Litomerice, Schreiben vom 30. August 2013. Ich danke Jana Stráníková für ihre Hilfestellung. [13] Nadja Strasser an Josef Skaret o. D. [1910] und 9. November 1911 (samt Beilagen), VGA, Altes Parteiarchiv, M. 39; siehe Hauch: »Welcher Weg ist einzuschlagen …?« (Anm. 4), S. 139; Heike Stange: Zwischen Eigensinn und solidarischer Zusammenarbeit. Frida Winckelmann, in: Mario Hessebarth u. a. (Hg.): Gelebte Ideen. Sozialisten in Thüringen, Jena 2006, S. 458–464. [14] Siehe Hauch: »Welcher Weg ist einzuschlagen …?« (Anm. 4), S. 139. [15] Josef Strasser: Kapitalismus und Kriegsrecht, in: Die Neue Zeit, Ergänzungsheft Nr. 11, Dezember 1911; Strasser: Der Arbeiter und die Nation (Anm. 6), auch abgedruckt in: Manfred Scharinger (Hg.): Josef Strasser. Ausgewählte Werke. Kleine Schriftenreihe zur österreichischen Arbeiter/innen/geschichte Nr. 22, hrsg. von der Organisation arbeiter.innen.kampf (ARKA), Wien 2014, S. 186–228. Diese Publikation wendet sich an eine »linke Öffentlichkeit« (S. 27) und ist nicht im Buchhandel erhältlich. [16] Siehe Isa Strasser: Lebenslauf, Theodor Kramer Gesellschaft Wien, Herbert-Exenberger-Archiv, Wien. [17] Siehe Hans Hautmann: Geschichte der Rätebewegung in Österreich 1918–1924, Wien 1987, S. 106. [18] Isa Strasser: Josef Strasser – ein Lebensbild (Anm. 10), S. 105. [19] Lania: Welt im Umbruch (Anm. 2), S. 151. [20] Siehe Isa Strasser: Josef Strasser – ein Lebensbild (Anm. 10), S. 105. [21] Die Reichskonferenz. Das Referat über die Richtlinien der kommunistischen Politik. Strasser, in: Die Rote Fahne (im Folgenden: RF) vom 12. Dezember 1919, S. 2. [22] Siehe Wolfgang Maderthaner: Die österreichische Sozialdemokratie 1918 bis 1934. Die größte Parteiorganisation der Welt, in: Das Rote Wien 1918–1934, hrsg. vom Historischen Museum der Stadt Wien, Wien 1993, S. 28–42, hier S. 28. 1932 waren 25 Prozent der Wiener Bevölkerung in der SDAP organisiert (38,3 Prozent aller Männer und 14,2 Prozent aller Frauen), insgesamt 400 484 Menschen. [23] Unsere Reichskonferenz. Die Richtlinien der kommunistischen Politik. Korreferent Friedländer, in: RF vom 13. Dezember 1919, S. 2 f. [24] Siehe Fritz Keller: Gegen den Strom – Fraktionskämpfe in der KPÖ. Trotzkisten und andere Gruppen 1919–1945, Wien 1978. [25] Johannes Wertheim: Unsere »Rote Fahne«. Anläßlich des Beginns des 10. Jahrgangs, in: RF vom 1. Jänner 1927, S. 3. [26] Siehe Hans Hautmann: Die verlorene Räterepublik. Am Beispiel der Kommunistischen Partei Deutschösterreichs, Wien 1971, S. 152–161, 168–172. [27] Gerhard Botz: Gewalt in der Politik. Attentate, Zusammenstöße, Putschversuche, Unruhen in Österreich 1918–1934, München 1976, S. 48–53. [28] Information in Notizform vom 15. Juni 1919, Bundespolizeidirektion Wien, Schober-Archiv (im Folgenden: BuPolDion, Schober-A), Kt. Verschiedenes 1892–1932, M. Kommunistische Bewegung 1918, S. 1. [29] Siehe Hautmann: Die verlorene Räterepublik (Anm. 26), S. 168–172. [30] Bettelheim: Die Bettelheimerei, S. 956, zit. nach: Hautmann: Die verlorene Räterepublik (Anm. 26), S. 171. [31] Der fünfte Reichsparteitag der K.P.Oe. Referat Strasser, in: RF vom 31. März 1922, S. 4. [32] Siehe Gabriella Hauch: Welche Welt? Welche Politik? Zum Geschlecht in Revolte, Rätebewegung, Parteien und Parlament, in: Konrad/Maderthaner: … der Rest ist Österreich (Anm. 5), S. 317–338. [33] Wertheim: Unsere »Rote Fahne« (Anm. 25), S. 3. [34] Lania: Welt im Umbruch (Anm. 2), S. 146. [35] Siehe Isa Strasser: Brief an den Leser, in: Isa Strasser: Land ohne Schlaf, Wien/Zürich 1970, S. 7–10, hier S. 9. [36] Siehe Information, BuPolDion, Schober-A, Kt. 97, M. Bela Kun. [37] Der Abend vom 14. Juni 1919, S. 2, in: Botz: Gewalt in der Politik (Anm. 27), S. 53. [38] Siehe Information in Notizform vom 15. Juni 1919, BuPolDion, Schober-A, Kt. Verschiedenes 1892–1932, M. Kommunistische Bewegung 1918, S. 4–6; Wien, am 23. Juni 1919, BuPolDion, Schober-A, Kt. Verschiedenes 1892–1932, M. Kommunistische Bewegung 1918. [39] Siehe Botz: Gewalt in der Politik (Anm. 27), S. 64–70. [40] Hautmann: Die verlorene Räterepublik (Anm. 26), S. 188 f. [41] Aus der Partei, in: RF vom 19. Oktober 1919, S. 8. [42] Siehe Unsere Reichskonferenz, in: RF vom 10. Dezember 1919, S. 5. [43] Die Reichskonferenz. Das Referat über die Richtlinien der kommunistischen Politik. Strasser, in: RF vom 12. Dezember 1919, S. 2. [44] Lania: Welt im Umbruch (Anm. 2), S. 151; nachzuvollziehen in: Was ist der Arbeiterrat, RF vom 10. Oktober 1919, S. 1; Kommunisten und Arbeiterräte, in: RF vom 6. November 1919, S. 3. Beide Artikel wurden Josef Strasser zugeschrieben, siehe Strasser: Der Arbeiter und die Nation (Anm. 6), S. 108; auch Julius Dickmann, in: Peter Haumer: Julius Dickmann: »… dass die Masse sich selbst begreifen lernt«. Politische Biografie und ausgewählte Schriften, Wien 2015, S. 70 f. Es ist schwierig, ohne sprachliche Analyse der Rhetorik von Strasser und Dickmann die Autorschaft weiter zu verifizieren. Haumers inhaltliche Argumentation scheint m. E. mehr auf die politische Nähe der beiden zu verweisen als auf Dickmann als Verfasser. Zu betonen ist allenfalls, dass Strasser diese Artikel als verantwortlicher Redakteur ins Blatt setzte. [45] Unsere Reichskonferenz, in: RF vom 10. Dezember 1919, S. 5. Der Name des vierten Redaktionsmitgliedes konnte bislang nicht identifiziert werden. [46] Die Reichskonferenz. Das Referat über die Richtlinien der kommunistischen Politik. Strasser, in: RF vom 12. Dezember 1919, S. 2. Hervorhebung im Original. [47] Siehe Unsere Reichskonferenz. Die Richtlinien der kommunistischen Politik. Korreferent Friedländer, in: RF vom 13. Dezember 1919, S. 2 f. [48] Julius Dickmann: Lenins taktische Lehren, in: Freie Tribüne vom 4. September 1920, S. 4 f., zit. nach Haumer: Julius Dickmann (Anm. 44), S. 79. [49] Die Reichskonferenz. Das Referat über die Richtlinien der kommunistischen Politik. Strasser, in: RF vom 12. Dezember 1919, S. 2. [50] Eine geschlechtsspezifische Analyse der Österreichischen Revolution, in: Gabriella Hauch: Frauen.Leben.Linz. Eine Frauen- und Geschlechtergeschichte im 19. und 20. Jahrhundert, Linz 2013, S. 238–241. [51] Paul Levi auf der Reichskonferenz am 16. August 1919, in: Charlotte Beradt: Paul Levi. Ein demokratischer Sozialist in der Weimarer Republik, Frankfurt a. M. 1969, S. 32; siehe auch Tania Puschnerat: Clara Zetkin. Bürgerlichkeit und Marxismus, Essen 2003, S. 235–279. [52] Für die jüngere Geschichtsschreibung siehe Mario Keßler: Ruth Fischer. Ein Leben mit und gegen Kommunisten (1895–1961), Köln/Weimar/Wien 2013; siehe auch Stefan Heym: Radek, München 1995. [53] Beradt: Paul Levi (Anm. 51), S. 42. [54] Ebd., S. 44. [55] Siehe auch: Frédéric Cyr: Paul Levi. Rebelle devant les extrêmes. Une biographie politique [Paul Levi. Rebellion gegen alle Extreme. Eine politische Biografie], Québec 2013; Walter Jens: Ein Jud aus Hechingen. Requiem für Paul Levi, Stuttgart 1992. [56] Ausserordentlicher Reichsparteitag der kommunistischen Partei Oesterreichs vom 23. bis 25. Jänner 1921, S. 3, BuPolDion, Schober-A, Kt. 37, M. Kommunistische Bewegung. [57] Bericht über die Kommunistische Bewegung im Jahre 1921 vom 4. April 1922, BuPolDion, Schober-A, Kt. 47, M. Kommunistische Bewegung 1922. [58] Der Einigungsparteitag. Genosse Strasser, in: RF vom 26. Jänner 1921, S. 4. [59] Siehe Puschnerat: Clara Zetkin (Anm. 51), S. 236 f. [60] Siehe Wiener Konferenz der KP über die Ereignisse am 26. und 27. April 1921, BuPolDion, Schober-A, Kt. 37 Gruppe II, 1921, M. Kommunistische Bewegung. [61] Aus der Partei. Mitteilungen des Parteivorstandes, in: RF vom 20. April 1921, S. 4. [62] Siehe Impressum, in: RF vom 20. April 1921, S. 6. [63] Siehe Wiener Konferenz der KP über die Ereignisse am 26. und 27. April 1921, BuPolDion, Schober-A, Kt. 37 Gruppe II, 1921, M. Kommunistische Bewegung. [64] Lania: Welt im Umbruch (Anm. 2), S. 177. [65] Siehe Die Wiener Konferenz über die Ereignisse in Deutschland, in: RF vom 29. April 1921, S. 3. [66] Siehe zum Beispiel: Josef Strasser, Dienstag, 13. Juni 1921, Referentenkurs in Ebreichsdorf u. Mittwoch, 14. Juni 1921 in Floridsdorf, in: RF vom 13. Juni 1921, S. 6. [67] Der fünfte Reichsparteitag der K.P.Oe. Strasser, in: RF vom 1. April 1922, S. 5. [68] Die Tätigkeit der Exekutive und des Präsidiums der KI vom 13. Juli. 1921–1. Februar 1922, Petrograd, S. 15–17, in: Herbert Steiner: Die Kommunistische Partei Österreichs 1918–1933, Meisenheim am Glan 1968, S. 33. [69] Siehe RGASPI, f. 490, o. 1, d. 169, l. 5 und 9, zit. nach Leidinger: Lenins Erbe(n) (Anm. 9), S. 246. Von wem diese Äußerung stammte, ob sie positiv oder negativ konnotiert war, wurde nicht angegeben. [70] Anna Frey, geb. Schlesinger beging 1920 Suizid, siehe Gabriella Hauch: Therese Schlesinger, geb. Eckstein (1863–1940). Schreiben über eine Fremde, in: dies.: Frauen bewegen Politik. Österreich 1848–1938, Innsbruck/Wien/Bozen 2009, S. 249–267, hier S. 256. Therese Schlesinger blieb den Strassers zeitlebens verbunden, unterstützte sie materiell in schweren Zeiten; der Sohn Peter Strasser zählte zu ihren »Wahlenkeln«, in: Bernhard Kuschey: Die Ausnahme des Überlebens. Ernst und Hilde Federn. Eine biographische Studie und eine Analyse der Binnenstrukturen des Konzentrationslagers, Bd. 1, Gießen 2003, S. 109. [71] Der fünfte Reichsparteitag der K.P.Oe. Gen. Strasser, in: RF vom 31. März 1922, S. 3 f. [72] Der fünfte Reichsparteitag der K.P.Oe. Strasser, in: RF vom 1. April 1922, S. 4. [73] Der fünfte Reichsparteitag der K.P.Oe. Frey, in: RF vom 2. April 1922, S. 4. [74] Der fünfte Reichsparteitag der K.P.Oe. Gen. Strasser, in: RF vom 31. März 1922, S. 3 f. [75] Siehe Der fünfte Reichsparteitag der K.P.Oe., in: RF vom 2. April 1922, S. 4 f. [76] Der fünfte Reichsparteitag der K.P.Oe. Gen. Strasser, in: RF vom 31. März 1922, S. 3 f. [77] Siehe Wien, 10. Juni 1922, Betreff: Isidora Strasser, Veranstaltung einer Versammlung unter freiem Himmel, BuPolDion Wien, Schober-A, Kt. 47, M. Kommunistische Bewegung 1922; Unsere dritte Frauenkonferenz, in: RF vom 11. März 1923, S. 5 f. [78] Siehe Hauch: »Welcher Weg ist einzuschlagen …?« (Anm. 4), S. 144–146. Dank an Alexander Vatlin für die Dokumente über Isa Strasser aus dem RGASPI. Am 23. Juni 1923, S. 2 erschien in der RF der Artikel »Hamburg« von Josef Strasser (Moskau). [79] Zu den damit verbundenen Schwierigkeiten siehe Hauch: »Welcher Weg ist einzuschlagen …?« (Anm. 4), S. 144 f. [80] Neurath an Trotzki, 30. Mai 1933, HL, Trotzky Papers, 3539_3592. [81] Siehe Hauch: »Welcher Weg ist einzuschlagen …?« (Anm. 4), S. 146. [82] Siehe Josef Strasser: Die Musterpartei der internationalen Sozialdemokratie, in: Internationale Presse-Korrespondenz der Kommunistischen Internationale (dt.) 1925, Nr. 2, wieder abgedruckt in: Strasser: Der Arbeiter und die Nation (Anm. 6), S. 81–88; Josef Strasser: Die Revolution von 1905 und der österreichische Wahlrechtskampf, in: Internationale Presse-Korrespondenz der Kommunistischen Internationale (dt.) 1925, Nr. 144, wieder abgedruckt in: Strasser: Der Arbeiter und die Nation (Anm. 6), S. 89–93; Austriacus: Das Ende des Austromarxismus, in: Unser Wort (Juni 1933), H. 6, wieder abgedruckt in: Strasser: Der Arbeiter und die Nation (Anm. 6), S. 94–99; Josef Strasser: Die österreichischen Arbeiter, in: Die Rote Gewerkschaftsinternationale 1925, 1. Halbjahresband, Nr. 1–6, S. 30–32. In der RF wurde der Artikel unter dem Titel »Die Psychologie des österreichischen Arbeiters« angekündigt. [83] Siehe Karl Fallend: Historische Aspekte zur psychoanalytischen Massenpsychologie. »Prof. Freud wünscht, die Psychologie der Revolution von vielen Gesichtspunkten aus zu betrachten«, in: Konrad/Maderthaner: … der Rest ist Österreich, Bd. 2 (Anm. 5), S. 251–262. [84] Paul Lazarsfeld: Eine Episode aus der Geschichte der empirischen Sozialforschung. Erinnerungen, in: Talcott Parsons/Edward Shils/Paul Felix Lazarsfeld: Soziologie – autobiographisch. Drei kritische Berichte zur Entwicklung einer Wissenschaft, Stuttgart 1975, S. 149. [85] Strasser: Die Musterpartei (Anm. 82), S. 85; Josef Strasser: Vom Austromarxismus. Was er war und was er ist, in: RF vom 26. u. 27. April 1927, jeweils S. 2. [86] Strasser: Die Revolution (Anm. 82). [87] Strasser: Die Musterpartei (Anm. 82), S. 86 f. [88] Ebd., S. 88. [89] Ebd., S. 86. [90] Karl Leuthner: Die Jungen von damals, in: Arbeiter-Zeitung vom 1. Jänner 1925, S. 56; Josef Strasser: Die Schwäche als Entwicklungsfaktor, in: Der Kampf 1 (1908), S. 135–139. [91] Siehe Alfred Adler: Die andere Seite: eine massenpsychologische Studie über die Schuld des Volkes, Wien 1919; Paul Federn: Zur Psychologie der Revolution. Die vaterlose Gesellschaft, Wien 1919, wieder abgedruckt in: Helmut Dahmer (Hg.): Analytische Sozialpsychologie. Texte aus den Jahren 1910–1980, Bd. 1, Gießen 2013, S. 65–87. [92] Siehe zum Beispiel: Der Einigungsparteitag. Tomann, in: RF vom 25. Januar 1921, S. 2–5: Die SDAP sei die »gerissenste und gefährlichste«, es gebe keinen »gefährlicheren Feind«. Strasser wendete sich konsequent gegen diese Dämonisierung. [93] Siehe Federn: Zur Psychologie der Revolution (Anm. 91), S. 82. [94] Die Reichskonferenz. Das Referat über die Richtlinien der kommunistischen Politik. Strasser, in: RF vom 12. Dezember 1919, S. 2; Der fünfte Reichsparteitag der K.P.Oe. Gen. Strasser, in: RF vom 31. März 1922, S. 3 f. [95] Siehe Hauch: »Besiegt ist …« (Anm. 4); Hauch: »Welcher Weg ist einzuschlagen …?« (Anm. 4); Leo Trotzki: Fragen des Alltagslebens (1923), Frankfurt a. M. 1978. [96] Isa Strasser: Josef Strasser – ein Lebensbild (Anm. 10), S. 106. [97] Siehe Aus der Partei. Freie Vereinigung Sozialistischer Studenten. Ref. Isa Strasser: Fragen der Rationalisierung, in: RF vom 18. Februar 1928, S. 6. [98] Siehe Isa Strasser: Zur Diskussion über die Gewerkschaftsfrage, in: RF vom 15. Februar 1929, S. 7; siehe die Diskussion am X. Parteitag der KPÖ vom 20. bis 23. Februar 1929, in: RF vom 20.–23. Februar 1929. [99] Siehe Tagung des Zentralkomitees der Partei, in: RF vom 21. Juni 1929, S. 7; siehe auch Hauch: »Welcher Weg ist einzuschlagen …?« (Anm. 4), S. 127–129. [100] Siehe zum Beispiel Josef Frey an Trotzki, 14. August 1929, HL, Trotzky Exile Papers, 1237_1319. [101] Isa Strasser an Trotzki, 3. Juni 1929, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (im Folgenden: DÖW), Sammlung Trotzki, R/536; siehe auch Hans Schafranek: Das kurze Leben des Kurt Landau. Ein österreichischer Kommunist als Opfer der stalinistischen Geheimpolizei, Wien 1988, S. 141 f. [102] Trotzki an Neurath, 5. Juni 1933, HL, Trotzky Papers, 9366_9402. [103] Trotzki an Neurath, 23. Mai 1933, ebd. [104] Isa Strasser an Trotzki, 3. Juni 1929, DÖW, Sammlung Trotzki, R/536; Neurath an Trotzki, 30. Mai 1933, HL, Trotzky Papers, 3539_3592; Isa Strasser an Trotzki, 19. Mai 1933, HL, Trotzky Papers, 5419_5423. [105] Austriacus: Das Ende des Austromarxismus, in: Unser Wort (Juni 1933), H. 6, wieder abgedruckt in: Strasser: Der Arbeiter und die Nation (Anm. 6), S. 94–99. [106] Trotzki an Josef Strasser, 5. Juni 1933, HL, Trotzky Papers, 10547. [107] Josef Strasser an Trotzki, 19. Juni 1933, HL, Trotzky Papers, 5424. [108] Trotzki an Josef Strasser, 13. Juni 1935, HL, Trotzky Papers, 10548. [109] Strasser: Land ohne Schlaf (Anm. 35). [110] Siehe Pieter M. Judson: Habsburg. Geschichte eines Imperiums 1740–1918, München 2017, S. 13–23. [111] Strasser: Die österreichischen Arbeiter (Anm. 82), S. 32. [112] Der fünfte Reichsparteitag der K.P.Oe. Gen. Strasser, in: RF vom 31. März 1922, S. 3 f.

JHK 2018

Hermann Weber und die Stalinisierung des deutschen Kommunismus. Eine Rezeptionsgeschichte

Marcel Bois

Als Hermann Weber am 2. Juli 1968 zum Rigorosum antrat, hatte er gerade einmal fünf Semester lang studiert. Das Promotionsverfahren bei Erich Matthias an der Universität Mannheim schloss er trotzdem mit »summa cum laude« ab, lediglich zwei Jahre später habilitierte er sich hier. Schließlich wurde er im Jahr 1975 zum ordentlichen Professor am Lehrstuhl für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte an der Universität Mannheim berufen. Es war, wie er rückblickend schrieb, wohl »der schnellste Aufstieg eines Erstsemesters zum Ordinarius«.[1] Allerdings war auch Eile geboten: Weber stand kurz vor seinem vierzigsten Geburtstag, als er die Dissertation einreichte. Bewegte Jahre lagen hinter ihm. Am 23. August 1928 als Sohn eines kommunistischen Arbeiters in Mannheim geboren, hatte er sich nach Ende des Zweiten Weltkriegs zunächst der Politik verschrieben. Im Jahr 1945 war er dem Weg seines Vaters gefolgt und der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) beigetreten. Dort machte er schnell Karriere: In der Sowjetischen Besatzungszone studierte er von 1947 bis 1949 an der SED-Parteihochschule »Karl Marx« und wurde später Chefredakteur der FDJ-Zeitung in der Bundesrepublik. Im heraufziehenden Kalten Krieg gerieten er und seine Frau Gerda, die er auf der Parteihochschule kennengelernt hatte, jedoch bald ins Visier des Generalbundesanwalts. Ohne dass Anklage erhoben wurde, saßen sie im Jahr 1953 monatelang getrennt voneinander wegen des Verdachts illegaler kommunistischer Tätigkeit in Untersuchungshaft. Zu dieser Zeit waren Weber längst schon Zweifel an den hierarchischen Strukturen in der Sowjetunion und der DDR gekommen. Als Marxist widerstrebte ihm der Dogmatismus der KPD und der Stalin-Kult widerte ihn an. 1952 nahmen er und seine Frau mit Erschütterung den Schauprozess gegen Rudolf Slánský und weitere Funktionäre der tschechoslowakischen KP wahr, der »uns jede weitere Mitarbeit unmöglich machte«.[2] Sie gelangten zu der Überzeugung, dass eine »bessere Welt« niemals »durch eine Diktatur zu erreichen ist«,[3] und brachen mit dem Kommunismus sowjetischer Prägung. Hermann Weber wurde daraufhin im Jahr 1954 aus der KPD ausgeschlossen. Er saß nun sprichwörtlich zwischen den Stühlen. »Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges«, schreibt Klaus Schönhoven, »wetteiferten also die miteinander verfeindeten Lager in Ost und West in einem aus heutiger Sicht kaum mehr vorstellbarem Eifer darum, den 25-jährigen Hermann Weber und seine Frau zu ihren Hauptfeinden zu stilisieren«.[4] Der junge Mannheimer stand zudem vor einer ungewissen Zukunft, war erwerbslos und hatte finanzielle Sorgen: »Ich hatte kein Abitur, hatte keinen Beruf gelernt, mußte also ganz von vorne anfangen.«[5] Als Autodidakt eignete er sich daraufhin journalistische und wissenschaftliche Kenntnisse an. Das Thema Kommunismus ließ Weber dabei nicht mehr los. Schon bald begann er, sich publizistisch mit dem Stalinismus und der Geschichte der KPD zu beschäftigen. Er schrieb kleine Artikel, referierte in politischen Bildungseinrichtungen und war einige Jahre lang »gewissermaßen als ein Wanderredner« in der Bundesrepublik unterwegs.[6] Im Jahr 1958 erschien sein erstes Buch Schein und Wirklichkeit in der DDR.[7] Es sollten bald weitere folgen: Als Weber eine Dekade später seine Dissertationsschrift einreichte, konnte er bereits auf mehr als einhundert Publikationen zurückblicken, darunter ein knappes Dutzend Bücher.[8] Selbstverständlich untersuchte Weber auch in seiner Doktorarbeit die Geschichte des deutschen Kommunismus. Sie trug den Titel Veränderungen der innerparteilichen Struktur der Kommunistischen Partei Deutschlands (1924–1929).[9] Aufbauend auf früheren eigenen Arbeiten analysierte er die Transformation der KPD der Weimarer Republik von einer demokratischen, diskussionsfreudigen und halbwegs eigenständigen Organisation in eine dogmatische, undemokratische und von Moskau abhängige Partei.[10] Wieder ein Jahr später vertiefte er diesen Ansatz und bündelte seine bisherigen Forschungen in der zweibändigen Abhandlung Die Wandlung des deutschen Kommunismus.[11] Es handelt sich hierbei um Webers bedeutendste Publikation – eine, die, so Kevin McDermott, »die Forschung zur Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und zur Kommunistischen Internationale (Komintern) revolutionierte«.[12] Diese »Revolutionierung« der Forschung soll im Folgenden nachgezeichnet werden: Wie beeinflusste die Stalinisierungsthese die deutsche und internationale Geschichtswissenschaft? Wie wurde sie aufgenommen, kritisiert und weiterentwickelt? Im Zentrum dieses Aufsatzes steht also die Rezeptionsgeschichte von Die Wandlung des deutschen Kommunismus.[13] Es wird gezeigt, warum das Buch noch fünfzig Jahre nach Erscheinen ein Standardwerk der historischen Kommunismusforschung ist. Zugleich soll aber auch untersucht werden, auf welche Kolleginnen und Kollegen sich Weber bezog, inwiefern er sich von ihnen abgrenzte – und wie er sich ihnen schließlich wieder annäherte. [[Fotos im gedruckten Exemplar: Februar 1950: Im Präsidium der FDJ-Konferenz (v.l.n.r.: Hermann Weber, Max Reimann, Heinz Lippmann; Hermann Weber (Aufnahme von 1952)]]   Die Wandlung des Kommunismus Nach seinem Ausschluss aus der KPD war Weber auf der Suche nach einer neuen politischen Heimat und fand sie schließlich in der SPD. Da er sich als Antistalinist, aber keineswegs als Antikommunist verstand, nahm er auch Kontakt zu oppositionellen Akteuren aus der KPD der Weimarer Zeit auf. Er tauschte sich beispielsweise mit dem Trotzkisten Georg Jungclas, mit Heinrich Brandler, dem Gründer der »rechtskommunistischen« KPO, und mit der ehemaligen Parteilinken Ruth Fischer aus. An diese Gespräche anknüpfend entwickelte er die Idee, eine Geschichte der verschiedenen dissidenten Gruppen des Weimarer Kommunismus zu schreiben. »Das interessiert doch keinen Menschen mehr, laß die Finger davon«, versuchte Jungclas ihm dieses Vorhaben auszureden.[14] Doch Weber ließ sich nicht abhalten und sammelte Material. Dabei stand er vor der Herausforderung, dass sich die wichtigsten Aktenbestände wie das Zentrale Parteiarchiv der KPD jenseits des »Eisernen Vorhangs« in Moskau und Ost-Berlin befanden. Deshalb durchkämmte der Mannheimer Historiker diverse Archive der Bundesrepublik und des westeuropäischen Auslands, wo er Polizeiberichte und zahlreiche kommunistische Publikationen fand. Des Weiteren wertete er Nachlässe wie den des ehemaligen KPD-Vorsitzenden Ernst Meyer aus. Vor allem aber griff er auf die Methode der Zeitzeugenbefragung zurück – und zwar »Jahrzehnte bevor ›oral history‹ sich als wissenschaftliche Methode etablierte«.[15] Viele der ehemals dissidenten Akteure der Weimarer KPD lebten noch und standen ihm bereitwillig Rede und Antwort. Im Lauf der Zeit entschied sich Weber, die Perspektive zu erweitern. Anstatt nur die oppositionellen Gruppen zu untersuchen, wollte er nun analysieren, wie sich die gesamte KPD in den 1920er-Jahren verändert hatte. Mit Die Wandlung des deutschen Kommunismus legte er schließlich eine umfangreiche Untersuchung dieses Prozesses vor. Er unterschied hier zwischen »der von Rosa Luxemburg gegründeten radikal marxistisch-sozialistischen Partei« der ersten Jahre und der »stalinistische[n] Apparatpartei« der späten Weimarer Republik, »die sich nach den Interessen Moskaus richtete«.[16] Zwischen diesen beiden Phasen habe die »Stalinisierung« der KPD stattgefunden. Dieser Prozess habe für sie »den Wandel von einer Partei mit einem hohen Maß an innerer Demokratie […] in eine disziplinierte Partei mit zentralisierter Befehlsgewalt« bedeutet.[17] »Stalinisierung«, schrieb Weber später, »hieß Veränderung des inneren Aufbaus, Entstehung einer monolithischen, straff durchorganisierten, hierarchischen Partei.« An die Stelle von »Pluralismus, Selbständigkeit, Diskussion und Autonomie« seien »Unterordnung, Gläubigkeit, Disziplin und Kommandoherrschaft« getreten.[18] Dieser Wandlungsprozess habe das Entwicklungspotenzial eines in der Anfangsphase der Partei noch dominanten »demokratischen Kommunismus« luxemburgischer Prägung verschüttet. Gleichwohl sei die Stalinisierung »schwerlich als notwendiger und unumgänglicher, ja wohl nicht einmal als folgerichtiger Werdegang des deutschen Kommunismus zu begreifen«.[19]   Frühere Forschungen Bei seiner Untersuchung konnte Weber an frühere Forschungen anknüpfen. Bereits 1933 hatte der Historiker und ehemalige Kommunist Arthur Rosenberg eine Geschichte des Bolschewismus verfasst, in der er auf die Wandlung der gesamten kommunistischen Bewegung hingewiesen hatte. Deren Voraussetzung sei die Entwicklung eines »dogmatischen Absolutismus« in der Sowjetunion gewesen, »der jedes selbständige kritische Denken über Marxismus und Sozialismus verbietet«. Ferner habe eine »endgültige Trennung der sowjetrussischen Entwicklung von der Weltrevolution« stattfinden müssen. Dies habe dazu geführt, dass die kommunistischen Parteien des Auslands »von allen unbequemen selbständigen Kritikern befreit« worden seien und die Bürokratie nun, also Anfang der 1930er-Jahre, »uneingeschränkt das Feld« beherrsche.[20] Diese These griff Ossip K. Flechtheim in seinem 1948 veröffentlichten Buch Die KPD in der Weimarer Republik auf. Er betonte, dass das politische Niveau der deutschen Partei kontinuierlich abgenommen habe und die KPD schließlich »zum gefügigen Werkzeug der Bürokratie der Sowjetunion« geworden sei.[21] Im selben Jahr brachte die ehemalige KPD-Vorsitzende Ruth Fischer ihre Erinnerungen Stalin und der deutsche Kommunismus auf den Markt. Das Werk war zwar höchst umstritten, doch es zeichnet sich dadurch aus, ausführlich die Unterwerfung der KPD unter die Interessen der Sowjetunion nachzuverfolgen.[22] Ebenfalls detailliert widmete sich der Politikwissenschaftler Richard Löwenthal dieser Entwicklung. Er zeigte auf, dass die KPD »durch einen nachträglichen Prozeß der Transformation zu einem Instrument sowjetischer Politik« geworden war. Er verwendete hierfür den Begriff von der »Bolschewisierung der deutschen Kommunisten«.[23] Hatten diese Arbeiten vor allem die Unterordnung der KPD unter die Interessen des sowjetischen Staats betont, zeichnete Hermann Weber nun ein vielschichtigeres Bild von der Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD führte er auf das Zusammenspiel von verschiedenen endogenen und exogenen Faktoren zurück. Auch er benannte die ideologische und materielle Abhängigkeit der KPD von Moskau als eine »wichtige und augenfällige Voraussetzung« für den Wandlungsprozess.[24] Die spezielle Situation in der Weimarer Republik während der Jahre der »relativen Stabilität« habe ebenfalls ein wesentliches Merkmal dargestellt. Daher habe die KPD nach 1923 vor dem Problem gestanden, eine »revolutionäre Politik in nichtrevolutionärer Zeit« umzusetzen.[25] [[Coverabbildungen im gedruckten Exemplar von „Die Wandlung des deutschen Kommunismus]] Zugleich hätten aber – das habe die bisherige Forschung unterschätzt – auch für die KPD »generelle Charakteristiken des Parteiwesens in einer Klassengesellschaft« Gültigkeit besessen.[26] Weber nannte hier zum einen die Tendenz zur Herrschaft des Apparats in modernen Parteien. Dieser »handelt und denkt bürokratisch-organisatorisch; sein Hauptziel ist die Bewältigung der ›Aufgaben‹. Dazu muß die ›Einheit der Partei‹ gewahrt werden […].«[27] Diskussionen über Strategie oder Prinzipien würde der Apparat als störend wahrnehmen und möglichst unterbinden. Zum anderen verwies Weber auf die strukturellen Probleme der KPD. Lange Zeit habe die Partei ihren eigenen ideologischen Standpunkt zwischen Sozialdemokratie und Syndikalismus nicht klar definiert. Diesen zu finden, habe ein Mindestmaß an Einheitlichkeit verlangt. Träger der notwendigen Vereinheitlichung sei wiederum der Apparat gewesen. Zusammenfassend betonte Weber, die Stalinisierung der KPD habe sich »nur so rasch und intensiv vollziehen« können, weil die beiden spezifischen Bedingungen, also die Abhängigkeit von Moskau und die relative Stabilität der Weimarer Republik, mit diesen allgemeinen Tendenzen der Parteientwicklung zusammengefallen seien.[28] Keineswegs handelte es sich bei Die Wandlung des deutschen Kommunismus, wie gelegentlich behauptet,[29] um eine rein politik- und ideengeschichtliche Untersuchung. Weber wandte, wie schon Flechtheim vor ihm, durchaus auch sozialgeschichtliche Methoden an.[30] Dies gilt vor allem für den zweiten Band, in dem er eine sozialhistorische Analyse des Führungskorps der Partei unternahm. Detailliert zeichnete er nach, wie im Verlauf der 1920er-Jahre große Teile der führenden Kader ausgetauscht wurden.[31] Die KPD der frühen 1930er-Jahre hatte dementsprechend nicht nur ideologisch, sondern auch personell kaum noch etwas mit der Partei zu tun, die um die Jahreswende 1918/19 von Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und anderen gegründet worden war. Möglicherweise ist dieser Aspekt von Webers Buch wenig rezipiert worden, da der Verlag im Jahr 1971 eine einbändige, gekürzte Ausgabe von Die Wandlung des deutschen Kommunismus veröffentlichte, die in einer höheren Auflage (8000 Stück gegenüber 2000 Stück) erschien und zugleich einen deutlich niedrigeren Preis (9 DM statt 128 DM) hatte.[32] Hier fehlten die entsprechenden Seiten zur Sozialgeschichte.   »Bolschewisierung« oder »Stalinisierung«? Bei der Suche nach einer passenden Bezeichnung für den Wandlungsprozess der KPD folgte Weber der bisherigen Forschung nicht. Diese hatte meist von »Bolschewisierung« gesprochen und damit einen Begriff übernommen, der ursprünglich aus der kommunistischen Bewegung selbst stammte. Dort bezeichnete er eine Kampagne, die auf Betreiben der russischen Delegation vom V. Weltkongress der Komintern im Sommer 1924 beschlossen worden war. Deren Grundgedanke war, dass sich die Kommunisten in Europa an den russischen Revolutionserfahrungen orientieren sollten. In der Theorie hieß es, man solle diese Erfahrungen »nicht einfach übertragen, sondern differenzieren. Man muss verstehen, sie an die bestehenden Verhältnisse in jedem einzelnen Lande anzupassen.«[33] Doch in der Praxis stellte die Bolschewisierung eine Adaption der mittlerweile äußerst undemokratischen Strukturen der KPdSU durch die Schwesterparteien dar. Nicht von ungefähr erklärte der damalige Kominternvorsitzende Sinowjew: »Eiserne proletarische Disziplin ist eine der wichtigsten Voraussetzungen der Bolschewisierung.«[34] Derweil wies Clara Zetkin im Jahr 1929 darauf hin, dass sich die Internationale »aus einem lebendigen, politischen Organismus in einen todten [sic!] Mechanismus verwandelt hat, der an der einen Seite Befehle in russischer Sprache einschluckt und auf der anderen Seite diese Befehle in verschiedenen Sprachen ausspuckt […].«[35] Richard Löwenthal war sich bewusst, dass die Kommunisten »erst für bestimmte Ereignisse nach Lenins Tod« von Bolschewisierung gesprochen hatten. Trotzdem wandte er den Begriff schon auf einen früheren Zeitraum an. Denn das, »worum es sich hier handelte, die Umformung der anderen kommunistischen Parteien in Ebenbilde der Bolschewiki«, habe »schon vorher begonnen«, und zwar »in der kurzen Frist zwischen dem zweiten Weltkongreß im Juli/August 1920 und dem Frühjahr 1921«, als Paul Levi aus der KPD ausgeschlossen worden war.[36] Für Weber setzte der Wandlungsprozess hingegen später ein, nämlich nach dem gescheiterten Deutschen Oktober von 1923 und damit ziemlich genau zu jener Zeit, in der die Komintern auch ihre Kampagne zur »Bolschewisierung« begann. Trotzdem verwendete er diesen Begriff nicht, sondern sprach von »Stalinisierung«.[37] Weshalb er dies tat, erklärt der Mannheimer Historiker an keiner Stelle seines Buches. Allerdings verweist er darin auf die »Entstalinisierung«, die in der Sowjetunion nach Stalins Tod eingesetzt hatte. Ebenso wie die Stalinisierung sei sie ein Beleg für »die ständige Wandlung des Kommunismus«.[38] Es ist davon auszugehen, dass Weber den Wandlungsprozess begrifflich mit dem Stalinismus in Verbindung bringen wollte und nicht mit den Bolschewiki. Hierfür spricht die Tatsache, dass er im Zusammenhang mit der KPdSU ebenfalls auf einen Wandlungsprozess verwies. So habe in der Sowjetunion eine »Metamorphose des Kommunismus« stattgefunden: »Unter Führung Stalins wurde dort in den zwanziger Jahren das System der Apparatdiktatur errichtet, die auch das Ende der innerparteilichen Demokratie in der Kommunistischen Partei brachte.«[39]   Die Rezeption von Webers Werk in den 1970er- und 1980er-Jahren [[Fotos im gedruckten Exemplar: 1970: Hermann Weber am heimischen Schreibtisch; 1970er-Jahre: Gerda und Hermann Weber in ihrer Wohnung in Mannheim]] Als Die Wandlung des deutschen Kommunismus erschien, wurde es recht unterschiedlich rezipiert. In der DDR galt Weber seit seinem KPD-Ausschluss als »Renegat«. Seine Schriften »wurden wie Zyankali im Giftschrank aufbewahrt«, berichtete der ostdeutsche Historiker Wolfgang Kießling nach der Wende.[40] Beschäftigte man sich doch einmal mit ihnen, dann in polemischer Weise. Wolfgang Ruge warf Weber beispielsweise in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft vor, er liefere eine »verzerrte, von der politischen Situation abstrahierende, bisweilen an eine Klatschchronik erinnernde, oft durch Ignoranz und Überheblichkeit erschreckende Darstellung«.[41] Derweil behauptete Heinz Karl in den Beiträgen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Webers Arbeit sei »ebenso weit von zuverlässiger Quellenforschung entfernt wie von wirklicher wissenschaftlicher Objektivität«. Wie andere »Machwerke« bleibe Die Wandlung des deutschen Kommunismus »den gängigen Dogmen und Klischeevorstellungen verhaftet«. Das sei wenig verwunderlich, denn Weber schöpfe »aus so trüben Quellen wie antikommunistischen Winkelblättchen und stark subjektiv gefärbten ›Erinnerungen‹ von Leuten, die als Angehörige fraktioneller Gruppierungen in der KPD scheiterten«. Außerdem rücke er mit den »diversen oppositionellen Gruppierungen […] bloße Randerscheinungen des historischen (auch des parteihistorischen) Geschehens« in den Mittelpunkt seiner Untersuchung.[42] Doch auch in der Bundesrepublik war nicht jeder mit Webers Thesen einverstanden. Sein Buch war bei der Europäischen Verlagsanstalt erschienen und damit bei einem Verlag, der zu den wichtigsten Publikationsorten der Neuen Linken zählte.[43] Interessanterweise kam Kritik trotzdem vor allem aus den Reihen dieser eher moskaukritischen Strömung. So versuchten Hans-Dieter Heilmann und Bernd Rabehl in der Sozialistischen Politik »[d]ie Legende von der ›Bolschewisierung‹ der KPD« zu widerlegen. Webers Arbeiten würden, so schrieben sie, »das Dilemma der bürgerlich historischen Wissenschaft« verdeutlichen. Diese sei eben nur in der Lage, »den Prozeß der Bolschewisierung […] als ein organisationssoziologisches Phänomen« zu deuten. Doch »die ökonomischen und politischen Vermittlungen dieser Erscheinung in ihren historischen Abhängigkeiten und Tendenzen« könne sie nicht begreifen.[44] Auch der Abendroth-Schüler Karl Hermann Tjaden kritisierte das Buch aufs Schärfste. Er bemängelte die »soziologische Leere« des Begriffs »Stalinisierung« und unterstellte Weber, »bürgerliche Ressentiments gegen den Kommunismus […] szientifisch« zu reproduzieren. Letztlich handele es sich bei der Wandlungsthese um ein »politisches Instrument des Antikommunismus«.[45] Ähnlich sah es Alexander von Plato. Er meinte, in den Arbeiten Webers und anderer Historiker die »Hauptthesen Trotzkis« wiederzuentdecken. Damit könne der russische Dissident »für sich das Verdienst in Anspruch nehmen, der Ahnvater der anti-kommunistischen Geschichtsschreibung« zu sein. In Bezug auf die Darstellung der innerparteilichen Säuberung hielt er Weber vor, sich einseitig »mit den ›Opfern‹ der Auseinandersetzung zu identifizieren«.[46] Im Wissenschaftsbetrieb fristete die historische Kommunismusforschung derweil in den 1950er- und 1960er-Jahren ein Nischendasein.[47] Dementsprechend nahmen etablierte Fachperiodika wie die Historische Zeitschrift oder die Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Webers Buch überhaupt nicht zur Kenntnis.[48] Ohnehin dürften große Teile des wissenschaftlichen Establishments den Arbeitersohn, ehemaligen Kommunisten und spät berufenen Akademiker Weber als Sonderling betrachtet haben – unterschied sich seine Biografie doch deutlich von der der meisten anderen Professoren seines Fachs. Beachtung fand Webers Werk hingegen in der linksliberalen Presse und in der sich langsam etablierenden Arbeiterbewegungsforschung. Wanda Brońska-Pampuch hob in der Zeit vor allem die mehr als 500 Kurzbiografien des zweiten Bandes hervor. Selbst wenn sich die Frage stelle, wie die Auswahl zustande gekommen sei, habe sich »schon das Experiment einer solchen Biographiesammlung […] gelohnt«.[49] Kurt Klotzbach betonte unterdessen im Archiv für Sozialgeschichte die »imposante, manchmal erdrückende faktologische Dichte« des Buches. Es habe »Maßstäbe gesetzt, die bei der zukünftigen Erforschung des deutschen Kommunismus […] nicht außer acht gelassen werden können«.[50] Im Deutschland Archiv, in dem Weber bereits damals regelmäßig wissenschaftliche Beiträge publizierte, wurde Die Wandlung des deutschen Kommunismus umgehend zum »Standardwerk« erklärt. Mit dieser Arbeit habe Weber seinen Ruf »als bester Kenner der Geschichte der KPD« bestätigt, bescheinigte der Rezensent Günther Nollau. Es sei ihm gelungen, »ein in allen wesentlichen Punkten zutreffendes Bild der Geschichte der KPD von 1919 bis 1933« zu zeichnen. Nollau, zu dieser Zeit Vizepräsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, prophezeite, das Buch werde »einer Generation von Politikern und Historikern dienen«.[51] Auch im Ausland wurde Webers Werk vereinzelt rezipiert. In der Historisk Tidsskrift besprach der dänische Historiker Karl Christian Lammers es zwar eher positiv, kritisierte aber, dass die Darstellung und Definition der verschiedenen innerparteilichen Strömungen etwas lückenhaft bleibe. Dies liege aber vermutlich am Gegenstand selbst, räumte Lammers ein.[52] Zustimmung erfuhr Webers Buch derweil auch von zwei international bedeutsamen Sozialhistorikern der Arbeiterbewegung. Jacques Droz lobte in Le Mouvement Social, es bereichere den Forschungsstand.[53] Unterdessen schrieb Eric Hobsbawm über den Zweibänder: »These two volumes are a monument of erudition and patient, thorough research.«[54] Zum Standardwerk entwickelte sich Die Wandlung des deutschen Kommunismus aber vor allem in der Bundesrepublik.[55] Hier bildete die Arbeit, so urteilt zumindest Hartmut Mehringer, »in mehrfacher Hinsicht einen historiografischen Meilenstein«: »Sie gab der Geschichtsschreibung der deutschen Arbeiterbewegung, die sich in der Folgezeit in breitem Rahmen entwickelte, einen bedeutenden Schub, befruchtete entscheidend die wenig später einsetzende historische Spezialdisziplin Exilforschung 1933–1945 und lieferte – last but not least – der damaligen Studentenbewegung bei ihrer Suche nach historischen Traditionen vor 1945 und vor 1933 wesentliche Orientierungshilfen, ohne allerdings das alsbaldige Abgleiten zahlreicher ihrer Vertreter in unfruchtbares Linkssektierertum verhindern zu können.«[56] Auch wenn Mehringer Webers Einfluss auf die Studentenbewegung etwas überschätzt haben mag, wurde das Werk in der Forschung tatsächlich zum wichtigen Bezugspunkt. In den 1970er- und 1980er-Jahren kam kaum eine Überblicksdarstellung zur Geschichte der Zwischenkriegszeit oder der Arbeiterbewegung um das Buch herum.[57] Vor allem Heinrich August Winklers dreibändige Geschichte der Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik griff immer wieder auf die Befunde Webers zurück.[58] Ebenso bezogen sich die meisten relevanten Arbeiten, die in der Folgezeit zum deutschen Kommunismus vor 1933 erschienen, auf Weber. Zu nennen ist beispielsweise Sigrid Koch-Baumgartens im Jahr 1986 veröffentlichte Untersuchung über die Märzaktion der KPD von 1921. Allerdings wich die Politikwissenschaftlerin in einem entscheidenden Punkt von Weber ab: Sie datierte den Beginn der Stalinisierung etwas früher. Für sie stellten bereits die Jahre des »Strukturwandels 1921/22« den Wendepunkt dar.[59]   Die Öffnung der Archive Der Zusammenbruch des »Ostblocks« um 1990 führte zu einer Öffnung der Archive – und damit einhergehend zu einem »veritable ›archival gold rush‹«.[60] Sowohl das Zentrale Parteiarchiv der KPD in Berlin als auch (mit Einschränkungen) das Kominternarchiv in Moskau waren nun frei zugänglich, was die Quellenbasis für westliche Historiker enorm erweiterte.[61] Ein regelrechter »Boom« der Forschung war die Folge, zahlreiche neue Arbeiten zur Geschichte der KPD in der Weimarer Republik und zu deren Akteuren erschienen.[62] Auch Hermann Weber nutzte die Situation, um seine Forschungen noch einmal zu intensivieren. Er gab unter anderem einen Quellenband zum »Thälmann-Skandal« von 1928 mit heraus und beteiligte sich an einem Dokumentenband zum Deutschen Oktober von 1923.[63] Zudem überarbeitete und erweiterte er zusammen mit Andreas Herbst die Kurzbiografien aus dem zweiten Band von Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Vorarbeiten hierzu hatte er mit einem viel beachteten Band über die KPD-Opfer der Stalinʼschen Säuberungen geleistet, der wenige Monate vor dem Mauerfall erschienen war.[64] Im Jahr 2004 legten Weber und Herbst schließlich das biografische Handbuch Deutsche Kommunisten mit Einträgen zu 1400 Personen vor. Es folgten eine überarbeitete Zweitauflage und ein Supplementband.[65] Wenige Wochen vor Webers Tod im Dezember 2014 wurde schließlich eine voluminöse Quellenedition zum ambivalenten Dreiecksverhältnis zwischen Komintern, Sowjetstaat und KPD fertiggestellt, an welcher der Mannheimer Historiker noch mitgewirkt hatte. Fast 550 Dokumente aus diversen europäischen Archiven konnten die Herausgeber hierfür zusammentragen.[66] Bereits in den 1960er-Jahren hatte Weber aufgezeigt, dass es sich bei der Stalinisierung um einen transnationalen Prozess handelte, der alle Parteien der Kommunistischen Internationale erfasste.[67] Außerhalb Deutschlands waren Forscherinnen und Forscher zu ähnlichen Einschätzungen gekommen, beispielsweise Theodore Draper in seinen Arbeiten über die US-amerikanische KP.[68] Doch erst jetzt, in den 1990er-Jahren, nahmen sie direkten Bezug auf Webers Thesen. Zu den ersten zählten die Briten Kevin McDermott und Jeremy Agnew, die 1996 eine Geschichte der Komintern veröffentlichten. Als wichtigste Gründe für die Wandlung der Internationale nannten sie das Scheitern der kommunistischen Revolutionsversuche in Mitteleuropa und den Sieg Stalins in den russischen Fraktionskämpfen. Einerseits sei der Prozess aktiv von der russischen Parteiführung vorangetrieben worden, andererseits auch von den ausländischen Kommunisten ausgegangen. Durch bloße Billigung oder durch vorauseilenden Gehorsam hätten sie die Wandlung der Komintern unterstützt.[69] Im Jahr 2008 erschien ein weiterer englischsprachiger Band, der das Stalinisierungsparadigma auf verschiedene andere kommunistische Parteien anzuwenden versuchte.[70] Gleichzeitig nahmen auch russische Forscher das Konzept an.[71] Dies galt ebenso für einige Wissenschaftler aus der ehemaligen DDR. Doch sie vermieden es, darauf hat Weber hingewiesen, den Begriff »Stalinisierung« zu verwenden.[72]   Kritik von Mallmann Gleichwohl rief die »Archivrevolution« auch Kritiker auf den Plan. Fundamental infrage gestellt wurde Webers Wandlungsthese Mitte der 1990er-Jahre von Klaus-Michael Mallmann, der sie als »Stalinisierungs-Orthodoxie« bezeichnete.[73] In seiner sozialhistorisch ausgerichteten Habilitationsschrift vertrat der damals in Essen tätige Historiker die Ansicht, dass der deutsche Kommunismus von Beginn an von autoritären Strukturen und einer Herrschaft des Apparats geprägt gewesen sei. Die von Weber konstatierte demokratische Frühphase der KPD habe nicht existiert: »Dass Kommunismus nie ein demokratisches Projekt war, zieht sich wie ein roter Faden durch mein Buch.«[74] Mallmann kritisierte, dass die »Geschichte des deutschen Kommunismus […] überwiegend noch die eines Dogmas ohne Menschen, einer Apparatherrschaft ohne Subjekte« sei.[75] Der Ansatz Flechtheims und Webers könne »zwar scheinbar per se ein repräsentatives Ergebnis vorweisen«, er lasse »jedoch die – in der Regel nicht gestellte – sozialhistorische Frage nach der praktischen Relevanz unbeantwortet«.[76] Dem wollte er eine Geschichte »von unten« entgegensetzen: Anstatt die zunehmende Abhängigkeit der KPD von der Komintern oder die Fraktionsauseinandersetzungen innerhalb der Partei zu untersuchen, stellte er den Widerspruch zwischen KPD-Führung und -Basis ins Zentrum seiner Arbeit. Er ging dabei von einer starken regionalen Autonomie der einzelnen Parteigliederungen aus und vertrat die Ansicht, dass die Entwicklung des deutschen Kommunismus vor allem durch nationale Faktoren beeinflusst worden sei. Mallmanns Arbeit wurde sehr unterschiedlich aufgenommen. Verschiedene Autoren tadelten den Stil der Abhandlung. Jens Becker und Harald Jentsch bezeichneten das Werk als einen »polemischen Rundumschlag […], der den Granden der westdeutschen KPD-Forschung schlicht die Kompetenz absprach, mit ihrem politik- und organisationszentrierten Ansatz […] adäquat die reale Geschichte der kommunistischen Bewegung und ihrer Mitglieder erklären zu können«.[77] Für Weber stellte Mallmanns Buch »ein Pamphlet gegen die bisherige Forschung« dar: »Meist ist die Polemik nicht argumentativ und einer Habilitationsschrift angemessen, sondern flapsig, eher hämisch und nicht selten arrogant.«[78] Zudem kritisierten einige Rezensenten methodische Fehler bei der Umsetzung des Vorhabens.[79] Für seinen sozialgeschichtlichen Ansatz erhielt Mallmann jedoch viel Beifall – obwohl er keinesfalls der Erste war, der die Geschichte der KPD mit derartigen Methoden untersucht hatte.[80] Schon bald entstanden weitere ähnlich ausgerichtete Untersuchungen.[81] Allerdings galt es zeitweilig beinahe als Gretchenfrage unter KPD-Forschern, ob man sich der Geschichte der Partei sozialhistorisch oder politikgeschichtlich nähern müsse. Einer der Ersten, der diese Konfrontation auflöste, war Norman LaPorte. In seiner Arbeit über die sächsische KPD betonte er zum einen den Einfluss nationaler und internationaler Entscheidungen auf die regionalen Parteigliederungen und stellte damit Mallmanns These von der Autonomie der unteren Parteiebenen infrage. Zum anderen argumentierte er jedoch, dass regionale politische Traditionen und sozioökonomische Faktoren durchaus Einfluss auf die Haltung der lokalen Gruppen gehabt hätten.[82] Auf diese Weise legte er eine überzeugende Synthese beider Herangehensweisen vor. Ein weiterer Aspekt von Mallmanns Arbeit, dem viele Rezensenten zustimmten, war die Kritik an der Wandlungsthese. So erklärte Heinrich August Winkler in einer Rezension, Mallmann trage »überzeugende Einwände gegen Einseitigkeiten des Deutungsmusters ›Stalinisierung‹ vor«.[83] Sigrid Koch-Baumgarten lobte, dass er die »Einseitigkeit des bislang dominanten Fremdbestimmungsparadigmas in der Kommunismusforschung« hinterfrage. Damit liefere er »eine überfällige Revision der klassischen These von den erstickten Entwicklungsmöglichkeiten eines alternativen demokratisch-luxemburgischen Frühkommunismus«.[84] Selbst Andreas Wirsching, der ansonsten viel an Mallmanns Werk zu beanstanden hatte, stimmte hier zu. Die Passagen mit der Kritik an der Weberʼschen Stalinisierungsthese gehörten »zu den überzeugendsten des ganzen Buches« und kämen der historischen Realität »weitaus näher als Webers These vom demokratischen, ›luxemburgischen‹ Frühkommunismus«.[85] Doch auf lange Sicht konnte sich diese Einschätzung nicht durchsetzen. Denn keineswegs alle Historikerinnen und Historiker folgten Mallmanns Thesen. In einer Rezension wies beispielsweise Eric D. Weitz die Behauptung zurück, der Einfluss der sowjetischen Partei auf die Entwicklung der KPD sei weniger maßgeblich gewesen als bisher angenommen.[86] Weber selbst kam nach Durchsicht der neuen Quellen sogar zu dem gegenteiligen Ergebnis, nämlich dass die Abhängigkeit der deutschen Partei von Moskau noch stärker gewesen sei als bisher angenommen.[87] Auch eine Untersuchung über die Auseinandersetzungen zwischen Parteiführung und linker Opposition der KPD unterstützte diesen Befund, indem sie verdeutlichte, dass die russische Führung auf vielfältige Weise Einfluss auf die Ausschaltung dissidenter Strömungen innerhalb der deutschen Partei nahm.[88] Ebenso wenig hielt Mallmanns These, man könne nicht von einer demokratischen Frühphase der KPD sprechen, einer quellengestützten Überprüfung stand. In seiner Untersuchung über die Jahre 1921/22, als Ernst Meyer an der Spitze der KPD-Zentrale stand, kam Florian Wilde beispielsweise zu dem Ergebnis: »In der Summe muss also Mallmann widersprochen werden, wenn er von einem ›lange vor Stalin angelegten Prozess hin zur Apparatherrschaft‹ schreibt.« Die Politik der Parteiführung um Meyer sei »von dem Bestreben, politische Konflikte durch Diskussionen und nicht durch Reglementierungen zu lösen«, geprägt gewesen. Der Opposition »stand die Parteipresse weitgehend offen, ihre Erklärungen wurden dort selbstverständlich abgedruckt und auf Parteitagen wie auf ZA-Sitzungen konnten sie ihre Positionen in Koreferaten offen vertreten«.[89] Darüber hinaus konnte auch Mallmanns Einschätzung widersprochen werden, das Herausdrängen der starken syndikalistischen Strömung durch Paul Levi während des Heidelberger Parteitages von 1919 müsse als »Modell für den künftigen Umgang mit innerparteilicher Diskussion« angesehen werden. Das Vorgehen der KPD-Führung sei zwar problematisch gewesen, tauge aber keineswegs »als Kronzeuge gegen die Wandlungsthese«.[90] Ferner bestätigten zwei Regionalstudien über die KPD auf dem Gebiet der heutigen Bundesländer Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt die Stalinisierungsthese.[91] Dies gilt auch für die biografischen Arbeiten von Mario Keßler und Ralf Hoffrogge zu Ruth Fischer und Werner Scholem. Beide Autoren verdeutlichen, dass Fischer und Scholem den Wandlungsprozess mit anstießen, als sie in den Jahren 1924/25 selbst noch der Parteiführung angehörten.[92] Nicht zuletzt setzte sich Kevin McDermott vor einigen Jahren im Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung sehr grundsätzlich mit Webers Ansatz auseinander. Auch er kam zu dem Schluss, dass dessen Grundannahmen noch immer Gültigkeit besäßen und Webers Ansatz »weiterhin das bestimmende Konzept für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte der KPD und der Komintern in den 1920er und 1930er Jahren« sei.[93] Weber selbst nutzte ebenfalls die Existenz neuer Quellen, um seine Thesen aus den 1960er-Jahren zu überprüfen. »An den damaligen Aussagen halte ich im Wesentlichen fest«, resümierte er im Jahr 2007. Trotzdem vollzog er einige Modifikationen. So gelangte er nun zu der Einschätzung, dass er in seinen frühen Schriften den Faktor Apparatherrschaft als wesentliches Merkmal für die Stalinisierung der KPD überschätzt habe. Unterschätzt habe er hingegen die Abhängigkeit der Partei von Moskau. Sie sei nicht nur stärker gewesen als bisher angenommen, sondern habe auch schon früher eingesetzt. Entsprechend datierte er den Beginn des Stalinisierungsprozesses von 1924 auf die Jahre 1921/22 vor.[94] Mit diesen Befunden näherte er sich gegen Ende seines Lebens dann doch wieder den Einschätzungen Löwenthals an, von denen er sich ein halbes Jahrhundert vorher abzusetzen versucht hatte.   Fazit und Ausblick Wie kaum ein Werk hat Die Wandlung des deutschen Kommunismus die deutschsprachige Kommunismusforschung geprägt. Schon bald wurde es zum Standardwerk zur Geschichte der KPD in der Weimarer Republik. Selbst wenn verschiedene Wissenschaftler deutliche Kritik an der Stalinisierungsthese übten, behält die Kernaussage Hermann Webers bis heute Gültigkeit: Die Kommunistische Partei Deutschlands verwandelte sich im Lauf der 1920er-Jahre von einer demokratischen und lebendigen in eine bürokratische und dogmatische Partei. Aus einer gleichberechtigten Partnerin der KPdSU wurde ein Instrument der sowjetischen Außenpolitik. Notwendig hierfür war ein Austausch des Führungskorps der Partei und das Herausdrängen der innerparteilichen Opposition. Nur auf Grundlage dieser Einschätzung lässt sich der Zustand der KPD in der späten Weimarer Republik plausibel erklären. Aufbauend auf neueren eigenen und fremden Forschungen nahm Weber nach Öffnung der Archive einige Modifikationen an seiner These vor – etwa in der Einschätzung, wie stark der Einfluss der russischen KP auf die deutsche Schwesterpartei war und wann die Einflussnahme begann. Auch wurde in den vergangenen Jahrzehnten deutlich, dass die Stalinisierung keineswegs ein linear verlaufender Prozess war und dass Teile der Parteibasis selbst nach Ausschaltung aller Oppositionsströmungen noch dissidente Meinungen vertreten konnten. Letztendlich wurde sogar die teilweise recht polemisch geführte Kontroverse um Mallmanns Kritik an der Wandlungsthese fruchtbar genutzt. Nicht nur zahlreiche neue Studien entstanden, um sich in dieser Auseinandersetzung zu positionieren, sondern auch die Frontstellung zwischen Politik- und Sozialgeschichte wurde produktiv aufgelöst. Vor allem Norman LaPorte präsentierte mit seiner Synthese einen Ansatz, der sich wegweisend für künftige Arbeiten zur Geschichte der KPD herausstellen könnte. Überhaupt ist bislang keineswegs das gesamte Potenzial ausgeschöpft, das die Erforschung der Weimarer KPD auf Grundlage der Wandlungsthese hergibt. Von Bernhard H. Bayerlein stammt beispielsweise die Aufforderung, die »transnationalen Auswirkungen des Stalinismus« in künftigen Forschungen stärker zu berücksichtigen.[95] Derweil hat Kevin McDermott auf das hohe »komparative Potenzial« des Stalinisierungsansatzes hingewiesen, das bislang nur wenige Arbeiten nutzbar gemacht haben.[96] Kulturhistorischen Aspekten der Stalinisierung ist ebenfalls bislang zu wenig nachgegangen worden.[97] Webers Wandlungstheorem liefert also noch immer den Stoff für neue Fragestellungen. Auch nach einem halben Jahrhundert kommt die historische Kommunismusforschung nicht an ihm vorbei. [1] Hermann Weber/Gerda Weber: Leben nach dem »Prinzip links«. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten, Berlin 2006, S. 260. [2] Ebd., S. 95. [3] Hermann Weber: Damals, als ich Wunderlich hieß. Vom Parteihochschüler zum kritischen Sozialisten. Die SED-Parteihochschule »Karl Marx« bis 1949, Berlin 2002, S. 409. [4] Klaus Schönhoven: Zeitzeuge und Zeithistoriker. Würdigung von Prof. Dr. Hermann Weber (1928–2014), in: Deutschland Archiv Online vom 29. Januar 2015, unter www.bpb.de/200031, ges. am 1. Juni 2017. [5] Weber: Damals, als ich Wunderlich hieß (Anm. 3), S. 394. [6] Weber/Weber: Leben nach dem »Prinzip links« (Anm. 1), S. 159. [7] Hermann Weber/Lothar Pertinax: Schein und Wirklichkeit in der DDR. 65 Fragen an die SED, Stuttgart 1958. Hinter dem Pseudonym »Lothar Pertinax« verbargen sich Heinz Lippmann, Jo Scholmer und Jürgen Rühle. Siehe Weber/Weber: Leben nach dem »Prinzip links« (Anm. 1), S. 165. [8] Siehe Gunter Ehnert (unter der Mitarbeit von Markus Kohler): Auswahlbibliographie der Schriften Hermann Webers, in: Klaus Schönhoven/Dietrich Staritz (Hg.): Sozialismus und Kommunismus im Wandel. Hermann Weber zum 65. Geburtstag, Köln 1993, S. 639–667. [9] Hermann Weber: Veränderungen der innerparteilichen Struktur der Kommunistischen Partei Deutschlands (1924–1929), phil. Diss., Universität Mannheim 1968. [10] Von den eigenen frühen Arbeiten Hermann Webers ist hier vor allem zu nennen: Von Rosa Luxemburg zu Walter Ulbricht. Wandlungen des deutschen Kommunismus, Hannover 1961. [11] Hermann Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik, 2 Bde., Frankfurt a. M. 1969. [12] Kevin McDermott: Hermann Webers Konzept der »Stalinisierung« der KPD und der Komintern. Eine kritische Bewertung, in: Ulrich Mählert u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2008, Berlin 2008, S. 197–206, hier S. 197. [13] Aus Platzgründen kann eine tiefergehende Auseinandersetzung mit Webers Thesen nicht erfolgen, wie sie McDermott geleistet hat (siehe Anm. 12). Ebenso wenig ist es möglich, die Geschichte der KPD-Historiografie nachzuzeichnen. Siehe hierzu Richard Croucher: Shifting Sands. Changing Interpretations of the History of German Communism, in: Labour History Review 68 (2003), H. 1, S. 11–31. [14] Weber/Weber: Leben nach dem »Prinzip links« (Anm. 1), S. 128. Hermann Weber sollte dieses Buch nie schreiben, doch sind mittlerweile verschiedene Untersuchungen über die innerparteiliche Opposition erschienen: Rüdiger Zimmermann: Der Leninbund. Linke Kommunisten in der Weimarer Republik, Düsseldorf 1978; Otto Langels: Die ultralinke Opposition der KPD in der Weimarer Republik. Zur Geschichte und Theorie der KPD-Opposition (Linke KPD), der Entschiedenen Linken, der Gruppe »Kommunistische Politik« und des Deutschen Industrie-Verbandes in den Jahren 1924 bis 1928, Frankfurt a. M. u. a. 1984; Wolfgang Alles: Zur Politik und Geschichte der deutschen Trotzkisten ab 1930, Frankfurt a. M. 1987; Annegret Schüle: »Für die Arbeitereinheitsfront zur Abwehr des Faschismus«. Trotzkismus in Deutschland bis 1933, Köln 1989; Theodor Bergmann: »Gegen den Strom«. Die Geschichte der KPD (Opposition), Hamburg 2001; Marcel Bois: Kommunisten gegen Hitler und Stalin. Die linke Opposition der KPD in der Weimarer Republik. Eine Gesamtdarstellung, Essen 2014. [15] Weber/Weber: Leben nach dem »Prinzip links« (Anm. 1), S. 127. [16] Weber: Wandlung (Anm. 11), Bd. 1, S. 350 f. [17] Ebd., S. 8. [18] Hermann Weber: Aufstieg und Niedergang des deutschen Kommunismus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 41 (1991), H. 40, S. 25–39, hier S. 27 f. [19] Hermann Weber: Einleitung, in: Ossip K. Flechtheim: Die KPD in der Weimarer Republik, Frankfurt a. M. 1969, S. 5–68, hier S. 52. [20] Arthur Rosenberg: Geschichte des Bolschewismus. Von Marx bis zur Gegenwart, Berlin 1933. Zitiert ist hier die Neuauflage: Arthur Rosenberg: Geschichte des Bolschewismus. Mit einer Einleitung von Ossip K. Flechtheim, Frankfurt a. M. 1966, S. 226 f. u. 256. [21] Ossip K. Flechtheim: Die Kommunistische Partei Deutschlands in der Weimarer Republik, Offenbach 1948, S. 223. Zu diesem Buch: Mario Keßler: Ossip K. Flechtheim. Politischer Wissenschaftler und Zukunftsdenker (1909–1998), Köln/Weimar/Wien 2007, S. 82–92. [22] Ruth Fischer: Stalin und der deutsche Kommunismus. Der Übergang zur Konterrevolution, Frankfurt a. M. 1949. Zur Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte siehe Mario Keßler: Ruth Fischer. Ein Leben mit und gegen Kommunisten (1895–1961), Köln/Weimar/Wien 2013, S. 467–491. Keßler meint, das Buch von Fischer litt »sehr unter ihrem Bemühen, sich selbst im besseren Licht darzustellen« (S. 476). [23] Richard Löwenthal: Rußland und die Bolschewisierung der deutschen Kommunisten, in: Werner Markert (Hg.): Deutsch-russische Beziehungen von Bismarck bis zur Gegenwart, Stuttgart 1964, S. 97–116, hier S. 97. [24] Weber: Wandlung (Anm. 11), Bd. 1, S. 11. [25] Ebd., S. 319. [26] Ebd., S. 10. [27] Ebd., S. 11. [28] Ebd., S. 10. [29] Siehe Klaus-Michael Mallmann: Kommunisten in der Weimarer Republik. Sozialgeschichte einer revolutionären Bewegung, Darmstadt 1996, S. 1 f. [30] Siehe Keßler: Flechtheim (Anm. 21), S. 87. Dort schreibt Keßler, Flechtheims Arbeit sei in diesem Punkt »ihrer Zeit weit voraus« gewesen, »wenngleich sie natürlich noch nicht Fragen der neueren Kulturgeschichte etwa über männerbündische Verhaltensweisen in den Parteizirkeln, die Rolle von Frauen in einer von patriarchalen Mustern weitgehend geprägten Gemeinschaft oder die Rolle jüdischer Aktivisten innerhalb der Parteiintelligenz aufwarf«. [31] Siehe Weber: Wandlung (Anm. 11), Bd. 2, S. 5–55. [32] Siehe Hermann Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik. Gekürzte Studienausgabe, Frankfurt a. M. 1971. Über die Auflagenhöhen gab freundlicherweise die Europäische Verlagsanstalt Auskunft. Demnach geht aus der Herstellungsmappe der zweibändigen Gesamtausgabe (1969) hervor, dass diese in einer Auflage von 2000 Stück produziert wurde. Zur Studienausgabe (1971) seien im Verlagsarchiv keine Herstellungsunterlagen auffindbar, allerdings ein Vertrag, wonach eine Auflage von 8000 Stück geplant gewesen sei. Ob diese Höhe wirklich realisiert wurde, habe sich nicht ermitteln lassen. Der Ladenpreis der zweibändigen Ausgabe sei um das Jahr 1974 von 128 auf 68 DM heruntergesetzt worden. 1979 habe Hermann Weber dem Verlag geschrieben, die zweibändige Ausgabe sei vergriffen, die Studienausgabe aber noch nicht, und um Neuauflage oder Rückgabe der Rechte gebeten. E-Mail von Mareike Fricke, Europäische Verlagsanstalt, an M. B., 2. Juni 2017. Zum Preis der Studienausgabe siehe den entsprechenden Datensatz im Onlinekatalog der Deutschen Nationalbibliothek, http://d-nb.info/458584398, ges. am 2. Juni 2017. [33] Einleitendes Referat von Sinowjew, Protokoll der 1. Sitzung der Bolschewisierungskommission, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO-BArch), RY 5, I 6/3/46, Bl. 6. [34] Grigori Sinowjew: Über die Bolschewisierung der Parteien, Hamburg 1925, S. 128. [35] Clara Zetkin an Jules Humbert Droz, 25. März 1929, in: Hermann Weber/Bernhard H. Bayerlein (Hg.): Der Thälmann-Skandal. Geheime Korrespondenz mit Stalin, Berlin 2003, S. 301 f., hier S. 301. [36] Löwenthal: Rußland (Anm. 23), S. 106. [37] Diesen Begriff hat Weber nicht erfunden. Gemeinhin wurde er verwendet, um die Unterwerfung der »Ostblock«-Staaten unter Stalins Herrschaft während des beginnenden Kalten Kriegs zu beschreiben. Weber popularisierte den Terminus aber im Zusammenhang mit der KPD. [38] Weber: Wandlung (Anm. 11), Bd. 1, S. 13. [39] Ebd., S. 8. [40] Wolfgang Kießling: Damals und heute kein Konjunkturschreiber, in: Neues Deutschland vom 19. Juni 1998. [41] Wolfgang Ruge: Annotation zu Hermann Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 18 (1970), S. 1656. [42] Heinz Karl: Rezension zu Hermann Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus, in: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung 14 (1972), S. 1025–1028. Zitate von S. 1026–1028. [43] Zum Verhältnis des Verlages zur Neuen Linken siehe Uwe Sonnenberg: Von Marx zum Maulwurf. Linker Buchhandel in Westdeutschland in den 1970er Jahren, Göttingen 2016, S. 67–70. [44] Hans-Dieter Heilmann/Bernd Rabehl: Die Legende von der ›Bolschewisierung‹ der KPD (Teil I), in: Sozialistische Politik 2 (1970), H. 9, S. 65–114, hier S. 66. Teil II erschien in: Sozialistische Politik 3 (1971), H. 10, S. 1–38. [45] K. H. [Karl Hermann] Tjaden: Der Begriff der »Wandlungen des Kommunismus« bei Hermann Weber, in: Das Argument 13 (1971), H. 1/2, S. 42–53, hier S. 44 f. u. 52. [46] Alexander von Plato: Zur Einschätzung der Klassenkämpfe in der Weimarer Republik: KPD und Komintern, Sozialdemokratie und Trotzkismus, Berlin 1973, S. 11 u. 156. [47] Siehe Weber/Weber: Leben nach dem »Prinzip links« (Anm. 1), S. 239 f. Es existierten zwar Lehrstühle für Osteuropaforschung, doch spielte die Geschichte des deutschen Kommunismus, in Form von KPD und SED, dort keine Rolle. [48] Das belegt eine Durchsicht der Jahrgänge 1969–1973 der jeweiligen Fachzeitschriften. In der »Historischen Zeitschrift« erschien zumindest eine Besprechung des ebenfalls 1969 von Weber herausgegebenen Protokollbandes zum Gründungsparteitag der KPD. Siehe Rezension von Ursula Ratz, in: Historische Zeitschrift 213 (1971), S. 203 f. Dieser Band wurde auch in der Wochenzeitung »Die Zeit« besprochen: K. H. J.: »Etwas kindischer Radikalismus«. Ein Protokoll tauchte wieder auf – Rosa Luxemburgs Niederlage in der KPD, in: Die Zeit vom 11. Juli 1969. [49] Wanda Bronska-Pampuch: KPD – der Verfall einer Partei. Von der innerparteilichen Demokratie zur Herrschaft des Apparates, in: Die Zeit vom 27. März 1970. [50] Rezension von Kurt Klotzbach, in: Archiv für Sozialgeschichte 12 (1972), S. 675–679, hier S. 677 u. 679. [51] Günther Nollau: Standardwerk über die KPD, in: Deutschland Archiv. Zeitschrift für Fragen der DDR und der Deutschlandpolitik 3 (1970), S. 378 f. [52] Karl Christian Lammers: Rezension zu Hermann Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus, in: Historisk Tidsskrift, Bd. 12, Reihe 6 (1973), S. 369–371. Ich danke Uwe Lammers für seine Übersetzung aus dem Dänischen. [53] Jacques Droz: Rezension zu Hermann Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus, in: Le Mouvement Social (Juillet-Septembre 1975), H. 92, S. 128–130. Ich danke Reiner Tosstorff für seine Übersetzung aus dem Französischen. [54] Eric Hobsbawm: Confronting Defeat: The German Communist Party [1970], in: ders.: Revolutionaries, London 1973, S. 50–64, hier S. 50. [55] Dies ist möglicherweise darauf zurückzuführen, dass das Buch – anders als beispielsweise die Arbeiten von Borkenau, Löwenthal und Rosenberg – zwar ins Italienische, nicht jedoch ins Englische übersetzt wurde. Dennoch wurde die Stalinisierungsthese auch im englischsprachigen Raum zur Kenntnis genommen. Siehe beispielsweise Theodore Draper: The Strange Case of the Comintern, in: Survey. A Journal of East & West studies 18 (1972), H. 3, S. 91–137, hier S. 93. [56] Hartmut Mehringer: Rezension zu Hermann Weber/Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, in: Sehepunkte 5 (2005), Nr. 10, 15. März 2005, online unter www.sehepunkte.de/2005/10/3821.html, ges. am 20. Dezember 2016. [57] Siehe Eberhard Kolb: Die Weimarer Republik, 2., durchges. u. erg. Aufl., München 1988, S. 171. Der Autor lobt darin Webers »präzise Prosopographie des Funktionärskörpers der KPD«; Martin Vogt: Parteien in der Weimarer Republik, in: Karl Dietrich Bracher/Manfred Funke/Hans-Adolf Jacobsen (Hg.): Die Weimarer Republik 1918–1933. Politik. Wirtschaft. Gesellschaft, 3. Aufl., Bonn 1998 (Erstauflage: Düsseldorf 1987), S. 134–157, hier S. 157, bescheinigt Webers Werk, »grundlegend« für die Geschichte der KPD der Jahre 1924–1929 zu sein. [58] Heinrich August Winkler: Von der Revolution zur Stabilisierung. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1918 bis 1924, Berlin/Bonn 1984; ders.: Der Schein der Normalität. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1924 bis 1930, Bonn 1985; ders.: Der Weg in die Katastrophe. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1930 bis 1933, Berlin/Bonn 1987. [59] Sigrid Koch-Baumgarten: Aufstand der Avantgarde. Die Märzaktion der KPD 1921, Frankfurt a. M./New York 1986, S. 443. Exemplarisch zu nennen ist außerdem Siegfried Bahne: Die KPD und das Ende von Weimar. Das Scheitern einer Politik 1932–1935, Frankfurt a. M./New York 1976. [60] Kevin McDermott: Stalin and Stalinism, in: Stephen A. Smith (Hg.): The Oxford Handbook of the History of Communism, Oxford 2014, S. 72–89, hier S. 78. [61] Zur Öffnung der Archive siehe Hermann Weber: Historiographie der Arbeiterbewegung in Deutschland nach dem Zusammenbruch des »Realsozialismus«. Archivlage und einige Probleme, in: Bruno Groppo u. a. (Hg.): Quellen und Historiographie der Arbeiterbewegung nach dem Zusammenbruch des »Realsozialismus« (= ITH-Tagungsberichte, Bd. 32), Wien 1998, S. 51–69. [62] Siehe Marcel Bois/Florian Wilde: Ein kleiner Boom. Entwicklungen und Tendenzen der KPD-Forschung seit 1989/90, in: Ulrich Mählert u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2010, Berlin 2010, S. 309–322. Zu Neuerscheinungen der vergangenen fünfzehn Jahre siehe folgende Sammelrezensionen: Till Kössler: Partei, Bewegung und Lebensform. Neuerscheinungen zur Geschichte des Kommunismus in Deutschland, in: Archiv für Sozialgeschichte 45 (2005), S. 599–614; Norman LaPorte: »Something Old, Something New, Something Borrowed and Something Blue«: Recent Literature in Communist Studies, in: Moving the Social 55 (2016), S. 113–140. [63] Siehe Weber/Bayerlein: Thälmann-Skandal (Anm. 35); Bernhard H. Bayerlein u. a. (Hg.): Deutscher Oktober 1923. Ein Revolutionsplan und sein Scheitern, Berlin 2003. [64] Hermann Weber: »Weiße Flecken« in der Geschichte. Die KPD-Opfer der Stalinschen Säuberungen und ihre Rehabilitierung, Frankfurt a. M. 1989. [65] Hermann Weber/Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2004 (2. Aufl.: 2008); dies.: Deutsche Kommunisten. Supplement zum Biographischen Handbuch 1918 bis 1945, Berlin 2013. [66] Hermann Weber u. a. (Hg.): Deutschland, Russland, Komintern – Überblicke, Analysen, Diskussionen. Neue Perspektiven auf die Geschichte der KPD und die deutsch-russischen Beziehungen (1918–1943), Berlin/Boston 2014; Hermann Weber/Jakov Drabkin/Bernhard H. Bayerlein (Hg.): Deutschland, Russland, Komintern – Dokumente (1918–1943). Nach der Archivrevolution: Neuerschlossene Quellen zu der Geschichte der KPD und den deutsch-russischen Beziehungen, 2 Teilbände, Berlin/New York 2015. [67] Siehe Hermann Weber: Die Kommunistische Internationale. Eine Dokumentation, Hannover 1966. [68] Theodore Draper: American communism and Soviet Russia. The formative period, New York 1960. [69] Kevin McDermott/Jeremy Agnew: The Comintern. A History of International Communism from Lenin to Stalin, London 1996. [70] Norman LaPorte/Kevin Morgan/Matthew Worley: Bolshevism, Stalinism and the Comintern. Perspectives on Stalinization, 1917–53, Basingstoke/New York 2008. Siehe außerdem Milos Hájek: Die Beziehungen zwischen der Komintern und der bolschewistischen Partei in den Jahren 1919–1929, in: Hermann Weber u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1995, Berlin 1995, S. 63–99; Gerrit Voerman: Die Unterordnung der KPH unter Moskau 1929/30, in: Hermann Weber u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1998, Berlin 1998, S. 36–50. [71] Siehe McDermott: Webers Konzept (Anm. 12), S. 197. [72] Hermann Weber: Die Stalinisierung der KPD – Alte und neue Einschätzungen, in: Hermann Weber u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2007, Berlin 2007, S. 221–244, hier S. 225. Weber verweist hier auf Klaus Kinner: Der deutsche Kommunismus, Bd. 1: Die Weimarer Zeit, Berlin 1999, und auf Elke Reuter u. a. (Hg.): Luxemburg oder Stalin? Schaltjahr 1928. Die KPD am Scheideweg, Berlin 2003. [73] Mallmann: Kommunisten in der Weimarer Republik (Anm. 29). Siehe vor allem das Kapitel »Das neue Paradigma. ›Stalinisierung‹ oder die Geburt der Avantgarde?« (S. 54–83). [74] Klaus-Michael Mallmann: Gehorsame Parteisoldaten oder eigensinnige Akteure? Die Weimarer Kommunisten in der Kontroverse – Eine Erwiderung, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 47 (1999), S. 401–415, hier S. 415. [75] Klaus-Michael Mallmann: Millieu, Radikalismus und lokale Gesellschaft. Zur Sozialgeschichte des Kommunismus in der Weimarer Republik, in: Geschichte und Gesellschaft 21 (1995), S. 5–31, hier S. 5. [76] Mallmann: Parteisoldaten (Anm. 74), S. 404. [77] Jens Becker/Harald Jentsch: Divergenzen zur Historiographie über die Rolle der KPD in der Weimarer Republik, in: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung 42 (2000), H. 3, S. 66–74, hier S. 67. [78] Hermann Weber: Nicht stalinisiert?, in: Die Zeit vom 14. Juni 1996. [79] Siehe zur Rezeption ausführlich mit Belegen: Bois: Kommunisten gegen Hitler und Stalin (Anm. 14), S. 90, Anm. 272 u. 273; Bois/Wilde: Boom (Anm. 62), S. 310–313. [80] Wie bereits erwähnt, hatten sowohl Flechtheim als auch Weber sozialstrukturelle Methoden in ihre Arbeiten einfließen lassen: Flechtheim: KPD (Anm. 19), v. a. S. 229–267; Weber: Wandlung (Anm. 11), v. a. Bd. 2. Dies gilt beispielsweise auch für Franz Borkenau: World Communism. A History of the Communist International, Ann Arbor 1962, S. 357–375 (Erstausgabe 1939). Explizit sozialhistorisch ausgerichtet war zudem Eve Rosenhaft: Beating the Fascists? The German Communists and Political Violence 1929–1933, Cambridge 1983. Verwiesen sei hier auch auf eine wenig beachtete Arbeit: Gerd Reuter: KPD-Politik in der Weimarer Republik. Politische Vorstellungen und soziale Zusammensetzung der KPD in Hannover zur Zeit der Weimarer Republik, Hannover 1982. [81] Zu nennen ist hier etwa Eric D. Weitz: Creating German Communism, 1890–1990. From Popular Protests to Socialist State, Princeton 1997; Detlef Siegfried: Das radikale Milieu. Kieler Novemberrevolution, Sozialwissenschaft und Linksradikalismus 1917–1922, Wiesbaden 2004; Ulrich Eumann: Eigenwillige Kohorten der Revolution. Zur regionalen Sozialgeschichte des Kommunismus in der Weimarer Republik, Frankfurt a. M. 2007. [82] Norman LaPorte: The German Communist Party in Saxony, 1924–1933. Factionalism, Fratricide and Political Failure, Bern 2003. [83] Heinrich August Winkler: Rezension zu Klaus-Michael Mallmann: Kommunisten in der Weimarer Republik, in: Historische Zeitschrift 265 (1997), S. 241–243, hier S. 241. [84] Sigrid Koch-Baumgarten: Eine Wende in der Geschichtsschreibung zur KPD in der Weimarer Republik?, in: Internationale Wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 34 (1998), S. 82–89, hier S. 83. [85] Andreas Wirsching: »Stalinisierung« oder entideologisierte »Nischengesellschaft«? Alte Einsichten und neue Thesen zum Charakter der KPD in der Weimarer Republik, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 45 (1997), S. 449–466, hier S. 463. [86] Eric D. Weitz: Rezension zu Klaus-Michael Mallmann: Kommunisten in der Weimarer Republik, in: German Historical Institute London Bulletin 19 (1997), S. 64–69, hier S. 68. [87] Weber: Stalinisierung der KPD – Alte und neue Einschätzungen (Anm. 72), S. 224. [88] Siehe Bois: Kommunisten gegen Hitler und Stalin (Anm. 14), v. a. S. 226–235. [89] Florian Wilde: »Diskussionsfreiheit ist innerhalb unserer Partei absolut notwendig«. Das Verhältnis des KPD-Vorsitzenden Ernst Meyer zur innerparteilichen Demokratie 1921/22, in: Hermann Weber u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2006, Berlin 2006, S. 168–184, hier S. 181–184. [90] Marcel Bois/Florian Wilde: »Modell für den künftigen Umgang mit innerparteilicher Diskussion«? Der Heidelberger Parteitag der KPD 1919, in: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung 6 (2007), H. 2, S. 33–46, hier S. 46. [91] Siehe Klaus J. Becker: Die KPD in Rheinland-Pfalz 1946–1956, Mainz 2001. Zu den Jahren 1919–1933 siehe darin S. 20–56 sowie den Aufsatz: Klaus J. Becker: Zwischen ultralinker Parteiopposition und titoistischer Verfemung. Die Pfälzische KPD 1919–1956, in: Mitteilungen des Historischen Vereins der Pfalz 103 (2005), S. 343–376, v. a. S. 343–350. Frank Hirschinger: »Gestapoagenten, Trotzkisten, Verräter«. Kommunistische Parteisäuberungen in Sachsen-Anhalt 1918–1953, Göttingen 2005. [92] Siehe Keßler: Ruth Fischer (Anm. 22); Ralf Hoffrogge: Werner Scholem. Eine politische Biographie (1895–1940), Konstanz/München 2014. Derweil geht Mirjam Zadoff: Der rote Hiob. Das Leben des Werner Scholem, München 2014, auch von einer Wandlung der KPD aus, verwendet hierfür aber den Begriff »Gleichschaltung«. [93] McDermott: Webers Konzept (Anm. 12), S. 206. [94] Siehe Weber: Stalinisierung der KPD – Alte und neue Einschätzungen (Anm. 72), S. 221–225. [95] Bernhard H. Bayerlein: Deutscher Kommunismus und transnationaler Stalinismus. Komintern, KPD und Sowjetunion 1929–1943, in: Weber: Deutschland, Russland, Komintern (Anm. 66), S. 225–400, hier S. 395. [96] Siehe McDermott: Webers Konzept (Anm. 12), S. 202. Tatsächlich sind erst wenige vergleichende Studien erschienen: Andreas Wirsching: KPD und P.C.F. zwischen »Bolschewisierung« und »Stalinisierung«. Sowjet-Rußland, die Kommunistische Internationale und die Entwicklung des deutschen und französischen Kommunismus zwischen den Weltkriegen, in: Ilja Mieck/Pierre Guillen (Hg.): Deutschland – Frankreich – Rußland. Begegnungen und Konfrontationen, München 2000, S. 277–292. Siehe auch die Beiträge von Ben Fowkes (Jugoslawien und Tschechoslowakei) und von Kerry Taylor/Matthew Worley (Großbritannien und Neuseeland), in: LaPorte/Morgan/Worley: Bolshewism (Anm. 70), S. 206–244. [97] Eine Ausnahme stellt ein Aufsatz dar, in dem die Entwicklung der Unterwerfungsformen und -methoden der »stalinistischen Persönlichkeit« untersucht werden: Brigitte Studer: Balance Sheet of a Complex Notion, in: LaPorte/Morgan/Worley: Bolshewism (Anm. 70), S. 45–65.

JHK 2018

Verzeichnis der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung 2018

Jörg Baberowski Prof. Dr. phil., geb. 1961 in Radolfzell. 1982 bis 1988 Studium der Geschichte und Philosophie an der Universität Göttingen, 1989 bis 1994 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Osteuropäische Geschichte an der Universität Frankfurt a. M., 1994 Promotion an der Historischen Fakultät der Universität Frankfurt a. M., Titel der Dissertation: »Autokratie und Justiz. Zum Verhältnis von Rechtsstaatlichkeit und Rückständigkeit im ausgehenden Zarenreich 1864–1914«; September 2000 Habilitation an der Universität Tübingen; 2001 bis 2002 Vertretung des Lehrstuhls für Osteuropäische Geschichte an der Universität Leipzig, seit Oktober 2002 Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. Veröffentlichungen u. a.: Räume der Gewalt, Frankfurt a. M. 2015; Verbrannte Erde. Stalins Diktatur der Gewalt, München 2012; Ordnung durch Terror. Gewaltexzesse und Vernichtung im nationalsozialistischen und im stalinistischen Imperium (mit Anselm Doering-Manteuffel), 2. Aufl. Bonn 2007; Der Feind ist überall. Stalinismus im Kaukasus, München 2003. Mithg.: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas; Kritika. Explorations in Russian and Eurasian History; Zeithistorische Forschungen; Journal of Modern European History; Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Bernhard H. Bayerlein Dr. habil., geb. 1949 in Wiesbaden. Historiker und Romanist. Wissenschaftlicher Angestellter am Institut für soziale Bewegungen (ISB), Ruhr-Universität Bochum; Associate Fellow am Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF), Potsdam. Studium der Romanistik, Philosophie und Geschichte in Heidelberg, Toulouse, Coimbra und Bochum. Schwerpunkte: Vergleichende historische Kommunismus- und Sozialismusforschung, Europäische Archivprojekte und Digital Humanities (The International Comitee for the Computerization of the Komintern Archives/INCOMKA, Internationales Willi-Münzenberg Forum u. a.), portugiesische und spanische Studien. Autor/Hg.: Deutschland – Russland – Komintern 1918–1943, 3 Bde., Berlin 2013/2014; »Abschied von einem Mythos. Die UdSSR, die Komintern und der Antifaschismus«, in: Osteuropa 58 (2009), H. 7/8, S. 125–148; »Der Verräter, Stalin, bist Du!«. Vom Ende der internationalen Solidarität, Berlin 2008; Deutscher Oktober 1923, Berlin 2003; Der Thälmann-Skandal, Berlin 2003; Moscou – Paris – Berlin, 1939–1941, Paris 2003; Archives de Jules Humbert-Droz, Bd. IV, Zürich 2001; Georgi Dimitroff. Tagebücher, Berlin 2000; Entwaffnete Utopien. Utopies désarmées, Leipzig 1999. Begründer und Herausgeber von The International Newsletter of Communist Studies; Mithg. u. a.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Marcel Bois Dr. phil., geb. 1978 in Bonn. 1998 bis 2004 Studium der Geschichte, Soziologie und Kunstgeschichte an den Universitäten Konstanz und Hamburg, 2014 Promotion an der Technischen Universität Berlin. Seit 2015 Lehrbeauftragter an der Ruhr-Universität Bochum. Derzeit Forschungsstipendiat der Gerda-Henkel-Stiftung mit einem Projekt über die österreichische Architektin und Kommunistin Margarete Schütte-Lihotzky (1897–2000). Wissenschaftspreis 2015 der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen für seine Dissertationsschrift »Kommunisten gegen Hitler und Stalin. Die Linke Opposition der KPD in der Weimarer Republik. Eine Gesamtdarstellung« (Klartext 2014, 2. Auflage 2016). Weitere Veröffentlichungen u. a.: »Zurück ins Bewusstsein. Ein kurzer Ausblick auf hundert Jahre Revolution und Kriegsende«, in: Axel Weipert u. a. (Hg.): »Maschine zur Brutalisierung der Welt«? Der Erste Weltkrieg – Deutungen und Haltungen. 1914 bis heute, Münster 2017, S. 76–94; »Thälmanns Gegenspieler: Hugo Urbahns in der frühen Hamburger KPD«, in: Ulrich Mählert u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2016, Berlin 2016, S. 217–233; »Eine transnationale Freundschaft im Zeitalter der Extreme. Leo Trotzki und die Pfemferts«, in: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung 14 (2015), H. 3, S. 98–116; »Linkskommunismus«, in: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, Bd. 8/II, hrsg. von Wolfgang Fritz Haug u. a., Hamburg 2015, Sp. 1180–1193; »Ein kleiner Boom. Entwicklungen und Tendenzen der KPD-Forschung seit 1989/90«, in: Ulrich Mählert u. a. (Hg.): Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2010, Berlin 2010, S. 309–322 (mit Florian Wilde). Thomas Drerup Dipl.-Soz., geb. 1984. 2005 bis 2012 Studium der Soziologie und Kommunikationswissenschaften in Dresden. Von 2012 bis 2016 Mitarbeit im Ausstellungsbüro Die Exponauten; u. a. als Volontär und wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Aufbau des 2016 neu eröffneten Museums Friedland mit Arbeitsschwerpunkten zur deutschen Nachkriegs- und Migrationsgeschichte sowie in der Sammlungs- und Zeitzeugenarbeit. Von 2016 bis 2017 freie Tätigkeit als Co-Kurator bei der Ausstellung »Nach der Flucht – wie wir leben wollen« in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde sowie bei Archiv-Erschließungsprojekten. Seit September 2017 Archivmitarbeiter bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Bernd Faulenbach Prof. Dr., geb. 1943. Historiker an der Fakultät für Geschichtswissenschaft (Bereich Zeitgeschichte) der Ruhr-Universität Bochum, bis 2007 stellv. Direktor des Forschungsinstitutes Arbeit, Bildung, Partizipation, 1992 bis 1998 Mitglied der Enquetekommissionen des Bundestages zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und ihrer Folgen, 1998 bis 2015 stellv. Vorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, seit 2002 Mitglied der wissenschaftlichen Leitung des Editionsprojektes Dokumente zur Deutschlandpolitik, 2002 bis 2015 Mitglied der Deutsch-Russischen Historikerkommission. Mitglied in einer Reihe von Fachgremien zur deutschen und europäischen Erinnerungskultur. Seit 1989 Vorsitzender der Historischen Kommission beim Parteivorstand der SPD, seit 2015 Vorsitzender von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. Veröffentlichungen u. a.: Willy Brandt, München 2013; Das sozialdemokratische Jahrzehnt. Von der Reformeuphorie zur Neuen Unübersichtlichkeit. Die SPD 1969–1982, Bonn 2011; Erfahrungen des 20. Jahrhunderts und politische Orientierung heute, Essen 1996. Mithg.: »Transformationen« der Erinnerungskulturen in Europa nach 1989, Essen 2006; Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn u. a. 2003; Die deutsche Sozialdemokratie und die Umwälzung 1989/90, Essen 2001; Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Thomas Wegener Friis Ph.D., geb. 1975. Associate Professor und Netzwerkkoordinator am Zentrum für das Studium des Kalten Krieges (Center for Koldkrigsstudier) an der Süddänischen Universität in Odense. 2003 Dissertation über den Militärischen Nachrichtendienst der DDR und Dänemarks. 2003 bis 2005 Mitarbeiter der Kommission zum Thema »Dänemark im Kalten Krieg«, seit 2005 an der Süddänischen Universität, Mitglied des Vorstands von The Baltic Intelligence und Security Studies Association (BISSA); 2015 Gastprofessor an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel sowie an der Bar-Ilan-Universität in Tel Aviv, Israel. Redaktionsmitglied der Zeitschrift Arbejderhistorie, Redakteur für Nord- und Zentraleuropa für The International Journal of Intelligence, Security and Public Affairs; Mitglied des Research Institute of European and American Studies, Athen/ Griechenland, des Museums »Grenzhus« in Schlagsdorf sowie des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Tobias Grill Dr. phil. 1992 bis 1998 Studium der Slawischen Philologie, Ost- und Südosteuropäischen sowie Neueren und Neuesten Geschichte, 2009 Promotion am Lehrstuhl für jüdische Geschichte und Kultur der Ludwig-Maximilians-Universität München, seit 2006 wissenschaftlicher Mitarbeiter bzw. Postdoc an verschiedenen Lehrstühlen und Forschungsinstitutionen der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Universität der Bundeswehr München. 2015 Junior Researcher in Residence am Center for Advanced Studies der Ludwig-Maximilians-Universität München. Veröffentlichungen u. a.: Israel. Geschichte, Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Opladen u. a. 2016 (mit Michael Wolffsohn); »Kampf für Sozialismus und Judentum auf vier Kontinenten: Isaac Nachman Steinbergs rooted cosmopolitanism«, in: BIOS – Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen 28 (2015), H. 1–2, S. 41–65; Der Westen im Osten. Deutsches Judentum und jüdische Bildungsreform in Osteuropa (1783–1939), Göttingen 2013. Gabriella Hauch Mag.a, Dr.in, Univ.Prof.in, geb. 1959 in Salzburg/Österreich. Studium der Geschichte und Deutschen Philologie, 1984 Sponsion, 1990 Promotion, 1996 Habilitation für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte. 1985 bis 2000 Mitarbeiterin des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Geschichte der Arbeiterbewegung bzw. Kultur- und Gesellschaftsgeschichte. 2000 bis 2003 Univ. Prof.in für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte, von 2003 bis 2011 Univ.Prof.in für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung an der Johannes Kepler Universität Linz. Seit 2011 Univ.Prof.in für Geschichte der Neuzeit/Frauen- und Geschlechtergeschichte an der Universität Wien. Mithg.in der Österreichischen Zeitschrift für Geschichtswissenschaften und L’Homme. Europäische Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft. Monografien u. a.: Frauen.Leben.Linz. Eine Frauen- und Geschlechtergeschichte im 19. und 20. Jahrhundert, Linz 2013; Frauen bewegen Politik. Österreich 1848–1938, Innsbruck/Wien/Bozen 2009; Frau Biedermeier auf den Barrikaden. Frauen in der Wiener Revolution 1848, Wien 1990. Christoph Jünke Dr. phil., geb. 1964 in Einbeck. Studium der Geschichte, Soziologie und Philosophie an den Universitäten Köln und Bochum, 2006 Promotion über das Leben und Werk Leo Koflers. Er forscht und publiziert zur Geschichte des 20. Jahrhunderts, zur politischen Ideengeschichte und zur Geschichte sozialer Bewegungen. Er ist Vorsitzender der Leo Kofler-Gesellschaft e.V. (www.leo-kofler.de), arbeitete zuletzt (bis 2016) am Historischen Institut der FernUniversität Hagen und zurzeit an einer Biografie von Viktor Agartz. Veröffentlichungen u. a.: Leo Koflers Philosophie der Praxis. Eine Einführung, Hamburg 2015; Streifzüge durch das rote 20. Jahrhundert, Hamburg 2014; Sozialistisches Strandgut. Leo Kofler – Leben und Werk (1907–1995), Hamburg 2007; Der lange Schatten des Stalinismus. Sozialismus und Demokratie gestern und heute, Köln 2007; als Hg. (u. a.): Marxistische Stalinismus-Kritik im 20. Jahrhundert. Eine Anthologie, Köln 2017; Linkssozialismus in Deutschland. Jenseits von Sozialdemokratie und Kommunismus?, Hamburg 2010. Peter Kaiser Dr. phil., M.A., geb. 1976 in Alma-Ata/Kasachstan. 1997 bis 2003 Studium der Neueren und Neuesten Geschichte, der historischen Anthropologie, des Journalismus und der Politikwissenschaften an den Universitäten Leipzig und Freiburg; 2004 bis 2009 Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Freiburg. Promotionsstipendien der Konrad-Adenauer-Stiftung, der Dorothee-Wilms-Stiftung und des DHI Moskau. 2015 Promotion, bis 2016 Mitglied des Graduiertenkollegs Geschichte und Kultur Osteuropas und der Graduiertenschule Humanities der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Veröffentlichungen u. a.: Das Schachbrett der Macht. Handlungsspielräume eines sowjetischen Funktionärs unter Stalin am Beispiel des Generalsekretärs des Komsomol Aleksandr Kosarev (1929-1938), Stuttgart 2017. 2013 bis 2016 in der Privatwirtschaft zuletzt als Berater tätig. Seit April 2017 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere und Osteuropäische Geschichte der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Stefan Karner Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c., geb. 1952. Historiker, Vorstand des Instituts für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte der Universität Graz; Leiter des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, Graz – Wien – Raabs; Co-Vorsitzender der Österreichisch-Russischen Historikerkommission; zahlreiche öffentliche Funktionen und Mitgliedschaften in internationalen wissenschaftlichen Vereinigungen, u. a. Österreichischer Wissenschaftler des Jahres 1995; Gründungsdirektor des Österreichischen »Hauses der Geschichte« (St. Pölten); wiss. Leiter der Republiksausstellung im Parlament 2008/2009 (mit Lorenz Mikoletzky); wissenschaftlicher Leiter der NÖ Landesausstellung 2009 »Österreich – Tschechien«. Veröffentlichungen u. a.: Prager Frühling. Das internationale Krisenjahr 1968, 2 Bde., Köln u. a. 2008; Die Rote Armee in Österreich. Sowjetische Besatzung 1945–1955, 2 Bde., Wien/München 2005; Im Archipel GUPVI. Kriegsgefangenschaft und Internierung in der Sowjetunion 1941–1956, Wien/München 1995. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Mark Kramer Prof., Direktor des Cold War Studies Program an der Harvard University und Senior Fellow des dortigen Davis Center for Russian and Eurasian Studies. Lehrtätigkeit für vergleichende Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen an den Universitäten Harvard, Yale und Brown. Ehemals wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Harvard Academy of International and Area Studies sowie Rhodes-Stipendiat an der University of Oxford. Übersetzer und amerikanischer Herausgeber des Bandes Schwarzbuch des Kommunismus, Autor zahlreicher wissenschaftlicher Aufsätze und Bücher, u. a.: Imposing, Maintaining, and Tearing Open the Iron Curtain: The Cold War in East-Central Europe, 1945–1990, New York 2013; Crisis, Compromise, and Coercion in the Soviet Bloc. 1956: De-Stalinization, the USSR, and Upheavals in Poland and Hungary, Cambridge, MA 2008. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Jochen Krüger geb. 1987 in Schwerin. 2007 bis 2011 Studium der Geschichte und Ostslawistik in Leipzig, 2011 bis 2014 Geschichtswissenschaften in Berlin. 2013 bis 2017 freier Mitarbeiter bei Götz Aly. 2014 bis 2017 Promotion als Stipendiat der Humboldt Graduate School im Graduiertenkolleg »Diktaturen als alternative Ordnungen«. Seit Frühjahr 2017 wissenschaftlicher Volontär in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Norman LaPorte Ph.D. (Stirling), geb. 1964. Historiker, seit 2000 an der University of South Wales, Dozent (Reader) am Fachbereich Geschichte. Veröffentlichungen u. a.: Hg.: »Lives on the Left«, in: Moving the Social – Journal of Social History and the History of Social Movements 51 (2014); Friendly Enemies: Britain and the GDR, 1949–1989, Oxford 2010 (mit Stefan Berger); Hg.: Bolshevism, Stalinism and the Comintern. Perspectives on Stalinisation, Basingstoke 2008 (mit Matthew Worley und Kevin Morgan); Hg.: The Other Germany. Perceptions and Influences in British-East German Relations, 1945–1990, Augsburg 2005 (mit Stefan Berger); The German Communist Party in Saxony, Oxford/Bern 2003. Mitbegründer: Twentieth Century Communism: A Journal of International History (seit 2009); Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Timo Leimbach Dr. phil., geb. 1985 in Eschwege. 2005 bis 2009 Studium der Geschichtswissenschaft und Latinistik, 2009/10 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut der Friedrich-Schiller-Universität Jena, 2010 bis 2013 Stipendiat am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien an der Universität Erfurt, 2013 Promotion mit dem Prädikat summa cum laude, 2014 Auszeichnung mit dem Max-Weber-Preis für Nachwuchsforschung, seit 2014 Junior Fellow am Max-Weber-Kolleg. Seit 2013 Studienrat der Freien und Hansestadt Hamburg. Veröffentlichungen u. a.: Der Landtag von Thüringen 1919/20–1933, Düsseldorf 2016. Ulrich Mählert Dr. phil., geb. 1968 in Neckarsulm. 1987 bis 1992 Studium der Politischen Wissenschaft, Anglistik und Germanistik, 1994 Promotion und bis 1998 Mitarbeiter eines internationalen Forschungsprojekts an der Universität Mannheim zur Geschichte der Parteisäuberungen im Kommunismus. Seit 1999 Referent für Wissenschaftsförderung, Förderung der Archive und Internationale Zusammenarbeit bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Veröffentlichungen u. a.: Hg.: Die DDR als Chance. Neue Perspektiven auf ein altes Thema, Berlin 2016; Die Tschechoslowakei 1945/48 bis 1989. Studien zu kommunistischer Herrschaft und Repression, Leipzig 2008 (mit Pavel Zacek und Bernd Faulenbach); Autor: Kleine Geschichte der DDR, 5. Aufl. München 2007; Mithg.: Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn u. a. 2003; Hg.: Terror. Stalinistische Parteisäuberungen 1936–1953, Paderborn 2001 (mit Hermann Weber); Die Freie Deutsche Jugend 1945–1949, Paderborn 1995. Leitender Herausgeber des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Ehrhart Neubert Dr. phil., geb. 1940. Theologiestudium in Jena, 1964 bis 1984 Gemeinde- und Studentenpfarrer in Weimar, 1984 bis 1992 Referent in der Studienabteilung beim Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR; 1989 Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs und Mitglied am Zentralen Runden Tisch der DDR, von 1997 bis 2005 Fachbereichsleiter der Abteilung Bildung und Forschung der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU). Veröffentlichungen u. a.: Unsere Revolution. Die Geschichte der Jahre 1989/90, 2. Aufl. München 2009; Koautor: Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni in der deutschen Geschichte, Bremen 2004; Mithg.: Lexikon Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur, Berlin/München 2000; Geschichte der Opposition in der DDR, Berlin 1997; Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Zhanna Popova geb. 1989. Doktorandin am International Institute of Social History an der Universität Amsterdam/Niederlande mit dem Thema »Four centuries of labor camps« (IISH/NIOD), einer Untersuchung zu Kontinuität und Veränderung der russischen Strafpolitik vom späten 19. Jahrhundert bis in die 1950er-Jahre. Zuvor Studium der Sowjetischen Geschichte und quantitativer Methoden in der Geschichtswissenschaft an der Lomonossow-Universität in Moskau, anschließend Masterstudiengang der Sozialwissenschaften an der École normale supérieure in Paris. Forschungsschwerpunkte: russische Sozialgeschichte, internationale Geschichte sowie Geschichte der Bestrafung und Zwangsmigration. Krzysztof Ruchniewicz Prof. Dr., geb. 1967 in Wrocław/Polen. Studium der Geschichte, osteuropäischen Geschichte an der Universität Wrocław, Universität des Saarlandes und der Philipps-Universität Marburg; 2000 Promotion zum Thema »Berlin – Warschau – Bonn. Die politischen Beziehungen in den Jahren 1949–1958«; 2007 Habilitation mit dem Thema »Die polnischen Bemühungen um die deutsche Wiedergutmachung in den Jahren 1944/45–1975«. Professor für Zeitgeschichte an der Universität Wrocław; Direktor des Willy-Brandt-Zentrums für Deutschland- und Europastudien der Universität Wrocław, gleichzeitig Lehrstuhlinhaber für Zeitgeschichte ebendort; Veröffentlichungen u. a.: Mithg.: Länderbericht Polen. Geschichte – Politik – Wirtschaft – Gesellschaft – Kultur, Bonn 2009 (mit Dieter Bingen); »Noch ist Polen nicht verloren«. Das historische Denken der Polen, Münster u. a. 2007; Zögernde Annäherung. Studien zur Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen im 20. Jahrhundert, Dresden 2005. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Marcus Schönewald Doktorand am Institut für Geschichtswissenschaft der Universität Bremen mit einer Arbeit zur Biografie Wilhelm Piecks. In diesem Zusammenhang zuletzt erschienen: »Wilhelm Pieck im Krieg. Der Erste Weltkrieg als biografische Zäsur und das rote Erbe der Front«, in: Emmanuel Droit/Nicolas Offenstadt (Hg.): Das rote Erbe der Front. Der Erste Weltkrieg in der DDR, Berlin 2018. Volker Stalmann Dr. phil., geb. 1964 in Duisburg. Studium der Geschichte und Romanistik in München und Berlin. 1998 Promotion; 1998 bis 2003 Forschungsstipendiat der DFG und der Gerda-Henkel-Stiftung; seit 2004 wissenschaftlicher Projektmitarbeiter der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien (KGParl) und im Rahmen des Editionsprogramms »Fraktionen im Deutschen Bundestag (1949–1990)« zuständig für die Teiledition »Die CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag. Sitzungsprotokolle 1972–1983«. Veröffentlichungen u. a.: Kurzbiografien über August Thalheimer (1884–1948) und Ernst Däumig (1866–1922) in der Reihe »Baden-Württembergische Biographien« bzw. im Sammelband Weltkrieg. Spaltung. Revolution – Sozialdemokratie 1916–1922, hrsg. von Uli Schöler und Thilo Scholle (ET 2018); Die FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag. Sitzungsprotokolle 1949–1969, 2 Halbbde., Düsseldorf 2017; Die Revolution in Hamburg. Die Sitzungsprotokolle des Hamburger Arbeiter- und Soldatenrates von 1918/19 (unter Mitwirkung von Jutta Stehling), Düsseldorf 2013; Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst. Ein deutscher Reichskanzler, Paderborn 2009. Peter Steinbach Prof. Dr., geb. 1948 in Lage (Lippe). Wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin und Professor emeritus für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Mannheim. Veröffentlichungen u. a.: Mithg.: Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur 1933–1945 (= Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 438), Bonn 2004; Der 20. Juli 1944. Gesichter des Widerstands, München 2004; Opposition und Widerstand in der DDR. Politische Lebensbilder, München 2002; als Autor: Widerstand im Widerstreit. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in der Erinnerung der Deutschen. Ausgewählte Studien, 2. Aufl. Paderborn u. a. 2001; als Mithg.: Lexikon des Widerstandes 1933–1945, 2. Aufl. München 1998. Außerdem Mitherausgeber von Neue Politische Literatur (NPL), Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (ZfG) sowie Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Brigitte Studer Prof. Dr., unterrichtete an den Universitäten Zürich, Genf, Bern sowie an der Washington University in St. Louis (USA). Dissertation zu den transnationalen Beziehungen der Kommunistischen Partei der Schweiz zur Komintern (Un parti sous influence, Lausanne 1994). Seit 1997 Professorin für Schweizer und Neueste Allgemeine Geschichte an der Universität Bern. 2001 bis 2004 Gastprofessorin in Glasgow, 2013 Professeure invitée an der EHESS in Paris. 2001 bis 2007 Mitglied des Forschungsrates der Abteilung I (Sozial- und Geisteswissenschaften) des Schweizerischen Nationalfonds der wissenschaftlichen Forschung, 2001 bis 2005 ausländisches Mitglied des Conseil scientifique du département des Sciences de l’Homme et de la Société (CNRS) in Paris. Zurzeit Leitung des Forschungsprojektes »Krieg und Krise: Kultur- und emotionshistorische Perspektiven auf den schweizerischen Landesstreik vom November 1918«. Veröffentlichungen u. a. zur Geschichte des internationalen Kommunismus und zur Sozial- und Kulturgeschichte des Stalinismus: The Transnational World of the Cominternians, Basingstoke 2015; Der stalinistische Parteikader, Köln 2001; Archives de Jules Humbert-Droz, Bd. V, Zürich 1996. Mithg.: Moscou – Paris – Berlin. Télégrammes chiffrés du Komintern, Paris 2003; Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften; Mitglied des Editorial Board von Twentieth Century Communism. A Journal of International History und des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Jakub Szumski Magister, geb. 1990 in Warschau/Polen. 2009 bis 2016 Studium der Philosophie und Geschichte an der Universität Warschau und Universität Konstanz. Seit 2014 Doktorand im Tadeusz-Manteuffel-Institut für Geschichte der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Warschau; seit 2017 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Graduiertenkolleg »Die DDR und die europäischen Diktaturen nach 1945« an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Stipendiat des Herder-Instituts in Marburg und der Gemeinschaft für studentischen Austausch in Mittel- und Osteuropa (GFPS) in Berlin. Veröffentlichungen u. a.: Rozliczenia z ekipą Gierka 1980–1984 [Die Auseinandersetzung mit der Mannschaft Giereks 1980–1984], Warschau 2018. Stefan Troebst Prof. Dr., geb. 1955 in Heidelberg. Osteuropahistoriker und Slawist, Professur für die Kulturgeschichte des östlichen Europa und Ko-Direktor des Global and European Studies Institute (GESI) der Universität Leipzig sowie stellv. Direktor des Leibniz-Instituts für Geschichte und Kultur des östlichen Europa ebendort. Studium in Tübingen, Berlin, Sofia, Skopje und Bloomington. 1984 Promotion und 1995 Habilitation an der Freien Universität Berlin. Veröffentlichungen u. a.: Zwischen Arktis, Adria und Armenien. Das östliche Europa und seine Ränder, Köln u. a. 2017; West-östliche Europastudien. Rechtskultur, Kulturgeschichte, Geschichtspolitik, Leipzig 2015; Mithg.: Remembering Communism. Private and Public Recollections of Lived Experience in Southeast Europe, New York/Budapest 2015; Post-Panslavismus. Slavizitat, Slavische Idee und Antislavismus im 20. und 21. Jahrhundert, Göttingen 2014; Ėnciklopedija izgnanij. Deportacija, prinuditel’noe vyselenie i ėtničeskaja čistka v Evrope v XX veke [Lexikon der Vertreibungen. Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts], Moskau 2013; Erinnerungskultur – Kulturgeschichte – Geschichtsregion. Ostmitteleuropa in Europa, Stuttgart 2013; Geschichtspolitik in Europa seit 1989. Deutschland, Frankreich und Polen im internationalen Vergleich, Göttingen 2013; Hg.: Postdiktatorische Geschichtskulturen im Süden und Osten Europas. Bestandsaufnahme und Forschungsperspektiven, Göttingen 2010; Mithg.: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Krisztián Ungváry Dr. der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, geb. 1969. Studium in Budapest, Jena und Freiburg/Breisgau. Promotion 1998 zum Thema »Belagerung Budapests im Zweiten Weltkrieg«. Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Ungarischen Nationalbibliothek Széchenyi, Budapest; Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge. Veröffentlichungen u. a.: Ungarische Besatzungstruppen in der Sowjetunion 1941–1944. Ereignis – Erzählung – Nachleben, Budapest 2015; Das Horthy-System und sein Antisemitismus auf der Waagschale, Budapest 2013 (auf Ungarisch); Verschwiegene Vergangenheit. Der Parteistaat und das Ministerium des Inneren. Die politische Polizei in Ungarn zwischen 1956 und 1990, Budapest 2008 (auf Ungarisch mit Gabor Tabajdi); Ungarn und der Zweite Weltkrieg, Budapest 2005 (auf Ungarisch); Die Schlacht um Budapest, München 1999 (erschienen in deutscher, ungarischer, englischer, amerikanischer und russischer Sprache). Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Alexander Vatlin Prof. Dr., geb. 1962 in Aschgabad/Turkmenien. 1979 bis 1984 Studium der Geschichte und 1987 Promotion am Lehrstuhl für Neue und Neueste Geschichte an der Moskauer Lomonossow-Universität zum Thema »Die Wiedergründung der SPD in Westdeutschland 1945–1949«. Seit 1991 Leiter des Programms »Moderne Geschichte« am Institut für Menschenrechte und demokratische Forschung. Seit 1997 Lehrtätigkeit am Lehrstuhl für Neue und Neueste Geschichte der Lomonossow-Universität; 1998 Habilitation zum Thema »KPdSU und Komintern in den Zwanzigerjahren. Probleme ihrer Wechselbeziehungen«. 2001 Mitbegründer und seitdem Koordinator der »Arbeitsgruppe zur Erforschung der neuesten Geschichte Deutschlands« an der Lomonossow-Universität (www.rusgermhist.ru). Seit 2006 Professor am Lehrstuhl für Neue und Neueste Geschichte ebendort sowie seit 2015 Mitglied der Deutsch-Russischen Historikerkommission. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Jahrbuchs für Historische Kommunismusforschung. Manfred Wilke Prof. Dr., geb. 1941. 1976 Promotion zum Dr. rer. pol., 1976 bis 1980 wissenschaftlicher Assistent an der Technischen Universität Berlin, 1981 Habilitation im Fach Soziologie an der Freien Universität Berlin, 1985 Professor für Soziologie an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin, 1992 Mitbegründer und bis 2006 Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin; 1992 bis 1998 sachverständiges Mitglied der Enquetekommissionen des Bundestags zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und deren Folgen; seit 2007 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Graz. Veröffentlichungen u. a.: Der Weg zur Mauer, Berlin 2011; Der SED-Staat. Geschichte und Nachwirkungen, Weimar 2006; Die Streikbrecherzentrale. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) und der 17. Juni 1953, Münster 2004; Hg.: Anatomie der Parteizentrale, Berlin 1998; Mithg.: Hart und kompromißlos durchgreifen. Die SED contra Polen 1980/81, Berlin 1995; Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung.