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Europäisches Zentrum der Solidarność, Danzig, Polen

Ausstellungen | Museum
Außenansicht des Zentrums, Urheber: Justyna Malinowska, Lizenz: CC-BY-SA 4.0
Außenansicht des Zentrums, Urheber: Justyna Malinowska, Lizenz: CC-BY-SA 4.0

Das am 30. August 2014 eröffnete Europäische Zentrum der Solidarność befindet sich auf dem Gelände der ehemaligen Leninwerft. Die Ausstellung erzählt die Geschichte der freien Gewerkschaft Solidarność in Polen sowie der Bürgerbewegungen in anderen Staaten Mittel- und Osteuropas. Die Gründung des Europäischen Zentrums geht auf eine Initiative des polnischen Kulturministeriums und des Gewerkschaftsbundes NSZZ Solidarność zurück. Der 20.000 Quadratmeter große Gebäudekomplex vereinigt in sich ein Museum, ein Zentralarchiv, eine Multimedia-Bibliothek, ein Forschungs- und Bildungszentrum sowie Büroräume für zivilgesellschaftliche Organisationen. In die Gesamtkonzeption einbezogen wurden der geschichtsträchtige „Platz der Solidarität“, an dem sich auch das Denkmal für die gefallenen Werftarbeiter befindet, das berühmte „Tor 2“ der Danziger Leninwerft sowie die einstige Arbeitsschutzhalle, welche die Gewerkschaftsaktivisten während der legalen Phase ihrer Arbeit als Konferenzsaal nutzten und welche heute als Gedenkstätte dient. Komplettiert wird das Ensemble durch einen mehrgliedrigen Neubau, in dem sich die ständige Ausstellung des Zentrums befindet.

Die vom kommunistischen Staat unabhängige Gewerkschaft Solidarność entstand im September 1980 im Ergebnis der Auguststreiks sowie der Danziger Vereinbarungen zwischen der polnischen Regierung und den streikenden Arbeitern. Nach den ersten im Juli 1980 einsetzenden Proteste stellte die zweite Streikwelle, die am 14. August mit der Arbeitsniederlegung in der Danziger Werft ihren Anfang nahm, ein einschneidendes Ereignis dar. Innerhalb kürzester Zeit erfasste die Streikbewegung Hunderte von Betrieben in Danzig und Gdingen. Am 16. August gründete sich unter der Leitung von Lech Wałęsa das „Überbetriebliche Streikkomitee“. Die wichtigste Forderung an den Staat war die Anerkennung des Rechts zur Gründung freier Gewerkschaften. Aufgrund der rasanten Ausbreitung der Streiks sah sich die Staatsführung gezwungen, Verhandlungen mit dem Überbetrieblichen Streikkomitee aufzunehmen und Vereinbarungen zu unterzeichnen. Damit erkannte sie den unabhängigen selbstverwalteten gewerkschaftlichen Pluralismus an, gestand den Arbeitern das Streikrecht zu und sicherte eine gesetzliche Regelung zur Begrenzung der Zensurauflagen zu. Außerdem verpflichtete sich der Staat zur Freilassung aller im Zusammenhang mit den Protesten inhaftierten politischen Gefangenen sowie zur Rücknahme aller nach den Streiks im Dezember 1970 und Juni 1976 ausgesprochenen Kündigungen. Die von diesem Zeitpunkt an überall in Polen entstehenden Gewerkschaften vereinigten sich schließlich am 17. September 1980 zur Unabhängigen Selbstverwalteten Gewerkschaft „Solidarność“ (Niezależny Samorządny Związek Zawodowy – NSZZ „Solidarność“). Innerhalb von wenigen Monaten zählte sie bereits mehr als neun Millionen Mitglieder.

Innerhalb kürzester Zeit hatte die Solidarność allein durch ihre Existenz das staatliche Monopol auf Organisation der Bevölkerung durchbrochen. Ihre Gründung und ihr beispielloser Erfolg hatten über die Arbeiterschaft hinaus zahlreiche andere soziale Gruppen – wie die Bauernschaft und die Studenten – zur Loslösung von der sozialistischen Behördenkontrolle bewogen. Alle wichtigen Entscheidungen in Wirtschafts- und Sozialpolitik, Bildung und Kultur konnte die Partei nicht mehr im Alleingang entscheiden. Fortan war sie auf die Konsensfindung mit Vertretern der in Gewerkschaften und Verbänden organisierten Bevölkerung angewiesen. Die Entstehung und Existenz der Solidarność stand im eklatanten Widerspruch zum Wesen des kommunistischen Systems. In den Rängen der PVAP-Führung setzte sich immer stärker das Streben nach Wiedererlangung des Machtmonopols durch, was sich am 13. Dezember 1981 in der Ausrufung des Kriegsrechts manifestierte. Mit Verhängung der Maßnahmen, die bis zum 22. Juli 1983 andauern sollten, waren nicht nur die Solidarność, die von da an lange Jahre als Untergrundorganisation agierte, sondern nahezu alle gesellschaftlichen Vereinigungen verboten worden. Drakonische Strafmaßnahmen sollten den Widerstandswillen der Bevölkerung brechen. Innerhalb eines Jahres wurden rund 9.700 Personen in Gefängnissen interniert. Weitere fast 12.300 Personen wurden bis zum Juli 1983 abgeurteilt. Jeglichen Protestversuchen begegneten die staatlichen Sicherheitsorgane mit rücksichtsloser Härte. Diffamierende Propagandakampagnen zielten auf die Unterminierung des Solidarność-Mythos und die Diffamierung der Wortführer der Bewegung. Denn obwohl sie in den Untergrund abgetaucht war, agierte die Solidarność durch den sogenannten Provisorischen Koordinierungsausschuss weiter – sein Leitungsgremium bildeten die Gewerkschaftsführer der Regionen Danzig, Masowien, Niederschlesien und Kleinpolen. Der bis 1987 bestehende Ausschuss handelte im Selbstverständnis einer auf gewerkschaftlichen Strukturen fußenden „Untergrundgesellschaft“, die sich bei ihren Aktivitäten auf ein Netzwerk unabhängiger Interessensgruppen stützte. Ende der 1980er-Jahre gelang es der Bewegung, ihren Einfluss wieder zu erweitern. Nach großen Streikwellen im Mai und August 1988 zeigte sich die Staatsführung erneut zu Gesprächen mit den Gewerkschaftsführern bereit. Bei den Verhandlungen am Runden Tisch, die vom 6. Februar bis zum 5. April 1989 andauerten, konnte die von Lech Wałęsa angeführte Solidarność-Delegation die offizielle Wiederzulassung der Bewegung erwirken. Außerdem setzten die Verhandlungsführer die Verabschiedung eines politischen Reformpakets durch, welches unter anderem die freie Wahl von einem Drittel der Sejmsitze vorsah. Bei den ersten „halbfreien“ Wahlen am 4. Juni 1989 gelang es den Kandidaten der politischen Vereinigung der Gewerkschaften – dem Bürgerkomitee – beim ersten Wahlgang alle laut der Vereinbarung möglichen Sitze einzunehmen. Damit war der Erfolgskurs der demokratischen Reformkräfte um die Solidarność nicht mehr aufzuhalten. Bereits am 24. August 1989 wurde mit dem katholischen Publizisten, Bürgerrechtler und Aktivisten der Solidarność, Tadeusz Mazowiecki, der erste nichtkommunistische Ministerpräsident Polens seit vierzig Jahren gewählt.

Die Dauerausstellung des Europäischen Zentrums der Solidarność informiert auf einer Gesamtfläche von 3.000 Quadratmetern über die Entstehungsgeschichte und das Wirken der gewerkschaftlichen Massenbewegung. In sechs chronologisch strukturierten Themeneinheiten wird der Untergangsprozess des Kommunismus in Polen und den anderen Staaten des ehemaligen Ostblocks dargestellt. Es wird von den Anfängen der oppositionellen Tätigkeit rund um den Streiksommer 1980 bis hin zur Gründung der ersten Freien Gewerkschaften in der Volksrepublik Polen berichtet. Andere Ausstellungssäle beleuchten Aspekte des Alltags im sozialistischen Volkspolen, das Wirken der antikommunistischen Opposition vor 1980, die Tätigkeiten des staatlichen Repressionsregimes, den „Weg zur Demokratie“ sowie den „Triumph der Freiheit“. Ein Raum der Stille lädt den Besucher zur Reflexion ein. Die Dauerausstellung zeichnet sich nicht zuletzt durch die Zusammenführung zahlreicher historischer Originalexponate und multimedialer Elemente aus. Gleichzeitig bieten einzigartige Originalexponate einen besonderen Blick auf erlebte Geschichte.

Die gesamte Präsentation ist in Polnisch und Englisch gestaltet und behindertengerecht konzipiert, Audiobeiträge und Braille-Texte machen Inhalte auch für Blinde nachvollziehbar.

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