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Gedenkstätte für die Opfer des Kommunismus und des Widerstandes, Sighet, Rumänien

Ausstellungen | Gedenkstätte
Außenansicht der Gedenkstätte, Urheber: Spiridon Manoliu, gemeinfrei, Wikimedia Commons
Außenansicht der Gedenkstätte, Urheber: Spiridon Manoliu, gemeinfrei, Wikimedia Commons

Sighet. Die Gedenkstätte für die Opfer des Kommunismus und des Widerstands wurde 1994 von der Stiftung Bürgerakademie (Fundatia Academia Civica) gegründet und nach Abschluss umfassender Renovierungsarbeiten im Jahr 2000 der Öffentlichkeit übergeben. Die Initiative für die Errichtung einer Gedenk- und Begegnungsstätte in dem ehemaligen Gefängnis für politische Häftlinge geht auf die Schriftstellerin Ana Blandiana und ihren Ehemann Romulus Rusan zurück. In den über 80 zu Ausstellungsräumen umfunktionierten Zellen, die sich auf drei Stockwerke des Gebäudes verteilen, werden verschiedene Aspekte politischer Verfolgung in Rumänien von 1944 bis zur Revolution 1989 anhand von Überblicksdarstellungen und einzelnen Haftschicksalen veranschaulicht. Sighet dient auch als Ort des Gedenkens und der Erinnerung. Ein besonderes Anliegen der Einrichtung ist die Aufklärung der rumänischen und internationalen Öffentlichkeit über Formen der Unterdrückung und des Widerstandes während der kommunistischen Diktatur im Land.

Das Gefängnis Sighet wurde 1897 als Haftanstalt des öffentlichen Rechts erbaut. Zwischen 1918 und 1945 fungierte es als reguläre Haftanstalt. Nach 1945 wurde Sighet zunächst als Durchgangsstation für Gefangene und Deportierte aus der Sowjetunion genutzt. Als die kommunistische Rumänische Arbeiterpartei (PMR) im Jahr 1947 die Macht übernahm, entwickelte sich die Haftanstalt zu einem der schlimmsten politischen Gefängnisse des Landes. Bis 1964 internierte das Regime unter Führung des Diktators Gheorghe Gheorghiu-Dej in Sighet über 200 Personen ohne juristischen Prozess oder Gerichtsurteil. Darunter befand sich fast die gesamte politische religiöse und intellektuelle Elite des Landes. Mehr als 50 Personen verstarben aufgrund von Misshandlungen und miserablen Haftbedingungen. Zumeist wurden die sterblichen Überreste nachts auf einem Feld außerhalb der Stadt in Gräbern verscharrt. Erst als die Massengräber 1994 offengelegt wurden, konnten die Gebeine der Toten in Gräbern bestattet werden. In den Jahren von 1955 bis 1977 diente das Gefängnis Sighet als reguläre Haftanstalt. Als der seit 1965 amtierende Generalsekretär der Rumänischen KP Nicolae Ceaușescu im April 1977 eine allgemeine Amnestie und die Kampagne zur Erziehung der Häftlinge am Arbeitsplatz ausrief, wurde das Gefängnis geschlossen. Das Gebäude diente in den folgenden Jahren als Salzdepot, Gemüselager und Besenfabrik. Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes im Dezember 1989 fanden hier mehrere Jahre lang Obdachlose Zuflucht. Erst als sich die Stiftung Bürgerakademie Mitte der 1990er Jahre des im Verfall begriffenen Gebäudes annahm, wurde die Geschichte der Einrichtung rekonstruiert und im Rahmen einer museologisch konzipierten Ausstellung aufgearbeitet.

Die zu thematischen Ausstellungsräumen umfunktionierten Zellen veranschaulichen das weit verzweigte Repressionssystem im kommunistisch regierten Rumänien. So vermittelt der „Kartensaal“ eine topographische Vorstellung von den über 230 Orten der Internierung, Zwangsarbeit, Aussiedlung, Deportation, Repression und Zwangspsychiatrisierung, an denen zwischen 1945 und 1989 etwa 600.000 Menschen gefangen waren. Hunderttausende von ihnen waren bis zu zehn Jahren interniert, ohne jemals einen rechtsstaatlichen Prozess erlebt zu haben. Gegenstände und Faksimile veranschaulichen den Haftalltag, Grafiken und Informationstexte stellen die Funktionen und Besonderheiten des kommunistischen Strafsystems in Rumänien vor. Eingegangen wird auch auf das so genannte „Piteşti-Experiment“ in den Jahren 1949 bis 1952, als die damals noch Siguranța genannte rumänische Geheimpolizei Gefangene durch Folter und Erniedrigung zu „neuen Menschen“ umerziehen wollte. Dokumentiert werden in weiteren Teilen der Ausstellung die ostentativ zu Gunsten der Kommunistischen Partei manipulierten Wahlen des Jahres 1946, die systematische Ausschaltung der etablierten demokratischen Vereinigungen und die endgültige Eliminierung des Mehrparteiensystems zugunsten einer Einparteiendiktatur im Februar 1948.

An den Wänden der Rampe zum unterirdischen Andachtsraum sind die Namen von 8.000 bislang identifizierten Opfern der kommunistischen Diktatur eingraviert. In dem sogenannten Kenotaph, einem sakralen Rundbau, sollen die Besucher einen Moment der Meditation und Reflexion erleben. In der Mitte des Raums befindet sich eine von Wasser bedeckte runde Steinplatte, auf ihr spiegelt sich der kreuzförmige Durchbruch in der kuppelartigen Decke. Im Innenhof der Gedenkstätte stehen Steinplatten mit den Namen weiterer ehemaliger Insassen von Sighet und die vom rumänischen Künstler Aurel Vlad gestaltete Skulpturenkomposition „Der Konvoi der Geopferten“. Die 18 sich auf die Gefängniswand zu bewegenden amorphen Bronzefiguren sollen eine sich in Agonie befindende Gesellschaft symbolisieren.

Zur Gedenkstätte gehört auch ein unweit der Anlage gelegener Armenfriedhof. Dort wurden einige der 53 Menschen anonym verscharrt, die zwischen 1950 und 1955 im Gefängnis verstarben. Um sie zu würdigen, wurden Bäume gepflanzt und 2005 ein Altar aufgestellt, der als Ehrenmal den Opfern aus allen kommunistischen Gefängnissen, Lagern und Orten der Deportation gewidmet ist.
Die Gedenkstätte Sighet erweitert ihr Bildungs- und Informationsangebot durch zahlreiche Konferenzen, Symposien und Fortbildungen. Seit 1998 veranstaltet die Einrichtung jährlich eine internationale Sommerschule, deren Teilnehmer in einem Essaywettbewerb ermittelt werden. Der Stiftung Bürgerakademie angegliedert ist das Internationale Zentrum für Kommunismusstudien mit Sitz in Bukarest, wo die wissenschaftliche Aufarbeitung durch den Aufbau von Archiven und Dokumentationen vorangetrieben wird. Am 9. Mai 2013 wurde eine Außenstelle der Gedenkstätte in Bukarest eröffnet.

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