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Cover des Buches " Secondhand-Zeit", Verlag Hanser

Roman

Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus

Swetlana Alexijewitsch

Russland lebe in einer Zeit des „Secondhand“ der gebrauchten Ideen und Worte. So schildert die Autorin das „Leben auf den Trümmern des Sozialismus“. Das postsowjetische Land sucht noch immer nach einer neuen Identität und glorifiziert hierzu vergangene Zeiten. Besonders unter Jüngeren gilt Stalin wieder als großer Staatsmann. Der im Westen gefeierte Gorbatschow gilt vielen Russen heute als verhasster Feind, der ihr Imperium stürzte. Swetlana Alexijewitsch lässt in ihrem Buch Menschen ihre Geschichten und Meinungen erzählen, die sich von der Politik vergessen fühlen. Sie spricht mit Frauen, die in der Roten Armee gekämpft haben, mit Gulag-Häftlingen, Funktionären, Künstlern, Stalinisten und „Küchendissidenten“. Ihr Werk ist am ehesten als dokumentarischer Roman zu lesen, auch wenn eine Einordnung nicht leicht fällt. Für ihre Darstellung der Spuren dessen, was das gescheiterte kommunistische Experiment in der Sowjetunion mit den Menschen angerichtet hat, erhielt sie den Literaturnobelpreis 2015.

Cover des Buches "Aller Tage Abend", Verlag Knaus

Roman

Aller Tage Abend

Jenny Erpenbeck

Fünf Leben schildert Jenny Erpenbeck in ihrem Roman „Aller Tage Abend“. Fünf Optionen des Lebens derselben Hauptfigur mit fünf Toden sollen die Bedeutung von Zufällen und die Möglichkeiten des Individuums betonen. Den Toden der Protagonistin folgen kleine „Intermezzi“, die ein wundersames Auferstehen bzw. eine Überleitung in ein neues Schicksal ermöglichen. Diese verschiedenen und doch sehr ähnlichen Geschichten sind auch fünf Einzelschicksale im Zeitgeschehen des 20. Jahrhunderts mit den Erfahrungswelten des nationalsozialistischen Regimes, des stalinistischen Terrors und der Lebenswelt in der DDR. Das halbjüdische Mädchen, das nun doch nicht gestorben ist, erscheint im nächsten Band als überzeugte Kommunistin, die vor den Nazis flieht und wird hingerichtet bzw. eben doch nicht. Kleine Details wie die Goethe-Ausgabe der Familie der Hauptfigur verbinden die Erzählungen; Jenny Erpenbecks Buch enthält aber eigentlich fünf abgeschlossene Romane.

Cover des Buches "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do", Verlag Suhrkamp

Roman

Das geraubte Leben des Waisen Jun Do

Adam Johnson

Der Roman „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ thematisiert nordkoreanische Identitätskonstrukte anhand der Geschichte des Protagonisten. Der amerikanische Autor Adam Johnson schildert das Leben des im Waisenhaus aufgewachsenen Jun Do, welcher in einer auf familiären Beziehungen basierenden Gesellschaft ein Leben ohne Rechte und eigene Identität führt. Durch eine Verkettung von Zufällen muss er einen nordkoreanischen Politiker in Texas doubeln und landet mehrmals im Gulag. Er übernimmt die Identität eines dort einsitzenden Kommandanten und trifft schließlich auch dessen Frau, mit der er eine Liebesbeziehung eingeht. Der Roman präsentiert die Ausschaltung jeglicher Individualität als oberstes Ziel des Regimes in Pjöngjang und den Protagonisten Jun Do als zähe Persönlichkeit, die sich der Gleichschaltung und Indoktrination entzieht. Für sein mit satirischen Elementen angereichertes Werk erhielt Adam Johnson im Jahr 2013 den Pulitzer-Preis für den besten Roman und den Dayton Literary Peace Prize.

Cover des Buches "Atemschaukel", Verlag Hanser

Roman

Atemschaukel

Herta Müller

In ihrem Roman „Atemschaukel“ thematisiert Herta Müller das Schicksal der Siebenbürger Sachsen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die siebzehnjährige Hauptfigur Leopold Auberg wird von den einmarschierenden sowjetischen Soldaten gefangen genommen und zum Arbeitsdienst in die Sowjet-Ukraine deportiert. Im Gulag erlebt er Jahre des Hungers, der Entbehrungen und der Schikanen durch die Wächter. Die Geschichte basiert auf den Gesprächen der Autorin mit dem Lyriker Oskar Pastior und anderen Überlebenden, die zu einer fiktionalen Autobiografie verarbeitet wurden. Die Vorgeschichte Rumäniens – das sich zunächst mit Hitler verbündete und 1944 auf die Seite der Alliierten schlug – wird nur soweit erzählt, wie es für das Verständnis des Protagonisten notwendig ist. Zentral sind der Hunger, das Heimweh und die Erniedrigung der verschleppten Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben. Für ihr Werk erhielt die Autorin noch im selben Jahr der Veröffentlichung den Nobelpreis für Literatur.

Cover des Buches "Das schwarze Pferd"

Roman

Das schwarze Pferd. Roman aus dem Russischen Bürgerkrieg

Boris Sawinkow

Boris Sawinkows Roman Das schwarze Pferd spielt in den Wirren des Russischen Bürgerkrieges. Der Autor lässt seinen Protagonisten, einen weißrussischen Offizier, in apokalyptischen Szenen immer tiefer in den Wahnsinn des Bürgerkriegs geraten, in dem zwar jeder gegen jeden kämpft - aber kaum einer wirklich weiß, wofür. Zunächst brutaler Vorgesetzter, der seine Untergebenen erbarmungslos und ohne erkennbares Ziel durch die Weiten Russlands treibt, schließt er sich im Laufe der Handlung Banditen an und landet schließlich in Moskau. In der teils paradox erscheinenden Handlung lässt sich der Protagonist als Alter Ego des Autors ausmachen: Sawinkow kämpfte zunächst als Sozialrevolutionär gegen die Zarenherrschaft. 1917 noch zum stellvertretenden Kriegsminister unter der provisorischen Regierung Kerenskis geworden, wandte er sich nach der Oktoberrevolution als überzeugter Feind des Sowjetsystems gegen die Bolschewiki. Sawinkow, der an vielen Attentaten auf politische Gegner beteiligt war, starb 1925 in sowjetischer Haft. Das schwarze Pferd erschien 2017 erstmalig auf Deutsch in einer Übersetzung von Alexander Nitzberg.

Cover des Buches "Der Turm", Verlag Suhrkamp

Roman

Der Turm

Uwe Tellkamp

Uwe Tellkamps Roman will eine „Geschichte aus einem versunkenen Land“ sein; so verspricht es der Untertitel des Buches. Dieses Land ist die DDR und das Buch handelt von dessen sieben letzten Jahren. Die leitenden Figuren des Werkes sind Menschen, die es im Sozialismus eigentlich gar nicht hätte geben sollen: drei Bildungsbürger, die in einem Villenviertel Dresdens leben. Uwe Tellkamp entstammt selbst dem bildungsbürgerlichen Milieu und beschreibt dieses selbstkritisch. Die Protagonisten sind miteinander verwandt, führen jedoch sehr unterschiedliche Lebensstile und bewegen sich in verschiedenartigen Umgebungen. Indem die Geschichten in der Nationalen Volksarmee,  einer Dresdner Klinik und dem Verlagswesen spielen, kann der Autor ein breites Panorama der bildungsbürgerlichen Gesellschaft in der Endphase der DDR bilden. Hierbei beschäftigt sich Tellkamp auch mit dem Umstand, dass die in Zusammenhang mit der 68er-Bewegung in Westdeutschland „bewältigten“ Themen auf dem Staatsgebiet der DDR noch immer „qualmen“.  „Der Turm“ war Vorlage für einen Film und diverse Theateraufführungen und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Cover des Buches "Der Lärm der Zeit", Verlag Kiepenheuer & Witsch

Roman

Der Lärm der Zeit

Julian Barnes

Dmitri Schostakowitsch, der historische Protagonist des Romans „Der Lärm der Zeit“, erwartet im Frühjahr 1937 jede Nacht seine Verhaftung durch die sowjetische Geheimpolizei NKWD. Die Zeitung Prawda hatte am 28. Januar eine vernichtende Kritik über seine Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ veröffentlicht. Dieser wahrscheinlich von Stalin selbst veröffentlichte Artikel folgte dem Besuch des Diktators bei einer Aufführung der Oper, bei der er noch vor der Pause wortlos das Theater verließ. Der Komponist entgeht durch Glück und neue linientreue Sinfonien der Säuberung, ist sich jedoch bewusst, dass er keine künstlerische Entscheidung frei treffen kann. Julian Barnes Roman porträtiert das von Repressionen geprägte Leben Schostakowitschs und kann als Biografie, Entwicklungsroman, Historienroman, aber auch als Essay über das Verhältnis von Kunst und Macht in Diktaturen gelesen werden. Barnes entwirft das Innenleben des Protagonisten und vermittelt auf diese Weise das moralische Spannungsfeld zwischen Anpassung, Widerstand und der Angst um das eigene Leben sowie das von Familie und Freunden unter stalinistischem Terror.

Buchcover

Roman

Als wir das Lügen lernten

Ilinca Florian

Ilinca Florians Roman „Als wir das Lügen lernten“ spielt in Rumänien gegen Ende der 1980er-Jahre. Im Zentrum der Erzählung steht eine Familie, deren Tochter die Erzählerin der Geschichte ist. Auftakt bildet der Sommerurlaub, den die Familie unbeschwert am Schwarzen Meer verbringt. Doch diese Unbeschwertheit währt nicht lange – zurück aus dem Urlaub und in der Großstadt Bukarest lastet die Bedrückung des Alltags, geprägt durch Mangelwirtschaft und staatliche Repression, zunehmend schwerer auf der Familie. Mehr und mehr stellt sich den Erwachsenen die Frage, ob eine Zukunft in Rumänien denkbar ist. Durch die Augen der jugendlichen Erzählerin gewinnen Leserinnen und Leser einen Eindruck vom Alltag im Rumänien Ceaușescus. Nicolae Ceaușescus war von 1965 – 1989 Staatssekretär der Rumänischen Kommunistischen Partei. Seine Herrschaft, geprägt von der Allmacht der Geheimpolizei Securitate, veranlasste eine große Zahl von Rumäninnen und Rumänen dazu, ins Exil zu gehen.

Buchcover

Roman

Spiritus

Ismail Kadare

Der Roman „Spiritus“ des albanischen Autors Ismail Kadare handelt von einem zunehmend erblindenden Geheimdienstleiter – und den daraus resultierenden immer wahnwitziger anmutenden Lauschangriffen, die der Geheimdienst auf die Bevölkerung verübt. Im Zentrum des Romans steht die neue Abhörtechnik, die „Ohren des Todes“ die, so scheint es, selbst die Stimmen der Toten belauschen und somit jegliche nur denkbar existente Form staatskritischer Gespräche unterbinden. Ungeachtet solch fantastischer Aspekte des Romans findet sich die Handlung in einer durchaus realistischen Beschreibung des albanischen Staates zur Zeit des Regimes Enver Hoxha wieder, dessen Geheimdienste in ihrer Bespitzelung der Bevölkerung ähnlich absurde Züge wie die im Buch geschilderten annahmen. Ismail Kadara wurde 1936 in der südalbanischen Stadt Gjirokastra geboren und lebte bis 1990 in Tirana. Der literarische Durchbruch gelang ihm mit dem Roman „Der General der toten Armee“.

Cover des Buches "Die vielen Tode unseres Opas Jurek", Verlag Rowohlt

Roman

Die vielen Tode unseres Opas Jurek

Matthias Nawrat

„Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ lässt die Geschichte des Werkes bereits im Titel erahnen. Am Sterbebett des Großvaters beginnt der Roman mit seinem letzten, endgültigen Tod. Die versammelten Enkel versprechen ihm, ihn und sein Leben in Erinnerung zu behalten und schildern als Erzählinstanz in diesem Buch das Leben des Großvaters und besonders die „vielen Tode“: Im besetzten Warschau begegnet Opa Jurek bereits nach der Sperrstunde deutschen Soldaten und kann sie nur mit dem deutschen Gruß täuschen, womit er zum ersten Mal in seinem Leben das Gefühl hat, „bereits tot gewesen“ zu sein. Mit einer Mischung aus autobiographischen und fiktionalen Elementen erzählt der Autor Matthias Nawrat die meist knapp überlebten Tode des Großvaters und wirft anhand dieser Lebensgeschichte ebenso einen Blick auf die Geschichte Polens wie auf die Europas im 20. Jahrhundert.

Buchcover des ersten Bandes "Durch den Schnee"

Roman

Erzählungen aus Kolyma

Warlam Schalamow

Warlam Schalamow "Erzählungen aus Kolyma" sind Zeugnisse aus dem Lageralltag des Autors, der lange Jahre unter Stalin im Gulag verbrachte. In seinen Erzählungen, spürt Schalamow einer Schlüsselfrage der Gegenwart nach: Wie können Menschen sich einerseits Jahrhunderten humanistischer Traditionen rühmen – und dennoch Auschwitz oder Kolyma hervorbringen? Der Autor, 1907 in Wologda geboren, wurde 1929 wegen 'konterrevolutionärer Agitation' zu Lagerhaft im Ural verurteilt. 1931 kehrte er nach Moskau zurück, wo er 1937 zum zweiten Mal verhaftet wurde. Es folgte die Deportierung in die sibirische Kolyma-Region, dem Kältepol der Erde. 1954 begann Schalamow heimlich seine "Erzählungen aus Kolyma" zu schreiben. Sie sind in vier Bänden erschienen: "Durch den Schnee", "Linkes Ufer", "Künstler der Schaufel" und "Die Auferweckung der Lärche". 

Cover des Buches "Macht und Widerstand", Verlag S. Fischer

Roman

Macht und Widerstand

Ilija Trojanow

Konstantin Scheitanow und Metodi Popow sind die Hauptfiguren in dem Roman „Macht und Widerstand“ von Ilija Trojanows. Der eine ist Widerstandskämpfer, der andere ist Offizier und Opportunist. Aus einer Fülle an wahren Geschichten, die der Autor in Gesprächen mit Zeitzeugen gesammelt hat, schafft er eine Verknüpfung von Werk, Moral und Existenz. Die beiden Protagonisten repräsentieren hierbei exemplarisch Macht und Widerstand in der politischen Nachkriegsgeschichte Bulgariens. Ohne einen übergeordneten Erzähler und ohne eine verbindende Geschichte erzählen beide Figuren abwechselnd aus ihrem Leben, was ungewohnte Perspektiven auf Bulgariens Historie ermöglicht. Die Isolation der Lebensgeschichten beider Protagonisten steht für den fehlenden Diskurs der früheren Opfer und Täter im postkommunistischen Bulgarien.

Cover des Buches „Petersburg“, Suhrkamp Verlag

Roman

Petersburg

Andrej Belyj

Andrej Belyjs Roman Petersburg ist die Geschichte eines Mordanschlages, der 1905 in Petersburg geplant wird. Beleyj (1880 – 1934), einer der bedeutendsten Prosaautoren des russischen Symbolismus, veröffentlichte diesen Großstadtroman im Jahr 1913. In dessen Zentrum steht ein Vater-Sohn-Konflikt, der fragmentiert und in radikal-experimentellem Ästhetizismus erzählt wird. Die sich anbahnende Revolution wird in Petersburg nicht etwa aus politischer oder moralischer Perspektive beschrieben. Vielmehr erscheinen Streiks und Demonstrationen in Beleyjs ästhetizistischer Erzählweise als weitere Zuspitzungen großstädtischer Nervosität. 1923 kehrte Belejys nach Jahren im Ausland zurück nach Russland, wo die Zeit der Anerkennung innovativer literarischer Arbeiten vorbei war und Belyjs Werke erst geächtet und von 1940 bis 1965 verboten waren. Der Roman fand nie einen festen Platz im westlichen Kanon, wurde jedoch von Vladimir Nabokov auf eine Bestenliste neben James Joyce und Franz Kafka gestellt. Petersburg erschien 2001 zum ersten Mal in einer ungekürzten Urfassung auf Deutsch in einer Übersetzung von Gabriele Leupold.

Buchcover

Roman

Alles fließt

Wassili Großmann

In seinem Roman „Alles fließt“ beschreibt Wassili Großmann die Rückkehr der Figur Iwan Grigorjewitsch aus dreißig Jahren Gefängnishaft und Lagerinhaftierung. Iwan zieht zunächst nach Moskau, dann schließlich nach Leningrad und versucht in ein normales Leben mit Arbeit und Ehefrau zurück zu finden. Während ihm dies gelingt, begibt er sich zugleich auf Spurensuche seines früheren Lebens und beginnt, grundlegende Fragen nach Staat und Individuum, Verbrechen und Strafe, Schuld und Unschuld zu stellen. Nach seinen früheren Werken, deren Handlung noch von der Verwirklichung der revolutionären Ideale bestimmt ist, stellen seine späteren Werke die Perversion dieser Ideale im stalinistischen Staat an den Pranger. „Alles fließt“ ist Grossmanns letzter Roman. Bereits mit seinem vorherigem Werk „Leben und Schicksal“, dessen Manuskript 1961 beschlagnahmt wurde, sah sich der Autor heftigen Angriffen der sowjetischen Staatsmacht ausgesetzt, bevor er drei Jahre später verstarb.

Buchcover

Roman

Liebe Unbekannte

Istvan Kemeny

Istvan Kemenys Roman „Liebe Unbekannte“ erlaubt den Leserinnen und Lesern einen tiefen Einblick ins Ungarn der 1970er- und 1980er-Jahre. Aus der Perspektive des Ich-Erzählers Tamás Kriszán wird der Alltag der Menschen der „Ära Kádár“ - die Epoche, die im Volksmund despektierlich oft als „Gulaschkommunismus“ bezeichnet wird – geschildert. Im Mittelpunkt stehen Personen, die den Erzähler Tamás unmittelbar berühren: Seine Jugendliebe Emma zum Beispiel, die von unheimlichen Kindergeschichten verfolgt wird, oder deren Großvater, der die Bibliothek, in der Krizsán arbeitet, leitet. Diese Bibliothek ist ein zentraler Ort, an dem sich die Bewegungen formieren, die in Ungarn im Jahr 1989 schließlich zum Ende des Sozialismus beitragen. Der Autor István Kemeny wurde 1961 geboren und studierte Geschichte und ungarische Literatur. Schon zu seiner Studentenzeit nahm er eine wichtige Rolle in der ungarischen Literaturszene ein. Sein Debüt, den Gedichtband „Wendeltreppe zur vergessenen Fakultät“ erschien 1984, diesem folgten zahlreiche Lyrikbände, Kurzgeschichten, Romane, Theaterstücke und Essays.

Cover des Buches „Die Baugrube«, Suhrkamp Verlag

Roman

Die Baugrube

Andrej Platonow

Die Baugrube von Andrej Platonow (1899–1951), entstanden im Jahr 1930, erzählt von Arbeitern, die ein „gemeinproletarisches Haus“ bauen. Dabei spiegelt die Rollenverteilung der Gruppe – vom Vorarbeiter bis zum Ingenieur – die soziale Hierarchie in Stalins Sowjetunion wieder. In grotesker Sprache erzählt Platonow von der Umsetzung des ersten Fünfjahresplans und der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft. Die Romanfiguren versuchen die Utopie einer besseren Welt durch ihre eigene Arbeit zu verwirklichen. Dieser Traum der Protagonisten spiegelt die hoffnungsvolle Athmosphäre der Russischen Revolution wieder. Doch die Helden des Romans verzweifeln bald an der Aufgabe eine bessere Welt zu schaffen: Sie sind erschöpft, werden schwermütig oder suchen erfolglos ihren Platz in der neuen Gesellschaftsordnung. Arbeiter werden wegen Nachdenklichkeit entlassen. Die Baugrube wird zu „einer Gruft für die Menschheitszukunft“ (vgl. Deutschlandfunkkultur.de vom 17.12.2016). Platonows Dekonstruktion der sozialistischen Utopie wurde erst 1987 – 57 Jahre nach ihrem Entstehen – in der Sowjetunion veröffentlicht. 2016 erschien die Die Baugrube in einer Neuübersetzung von Gabriele Leupold und mit einem Nachwort von Sibylle Lewitscharoff.

Langer Marsch, Screenshot vom Buchcover

Roman

Langer Marsch

Clementine Skorpil

In ihrem fünften Roman greift Autorin Clementine Skorpil den Heldenmythos des "langen Marsch" auf und beschreibt anhand der Geschichte der Hauptfigur Wen Pi den militärischen Rückzug der Streitkräfte der Kommunistischen Partei Chinas. Um sich aus der Einkreisung durch die Armee des Politikers Chiang Kai-sheks zu befreien, flüchtet Wen Pi 1931 aus Shanghai und macht sich gemeinsam mit vielen anderen auf den Weg nach Jiangxi, dem ersten Sowjet im Reich der Mitte, den Mao Zedong eingerichtet hat. Der lange Marsch beginnt, doch der militärische Rückzug der Roten Armee vor Chiang Kai-sheks Truppen war vor allem ein Todesmarsch. Von den 80.000 Menschen, die sich auf den Weg machten, überlebten nicht einmal 8000. Die historischen Ereignisse geben der Autorin den Rahmen, um eindringlich über die Schicksale der Menschen zu erzählen und so berichtet Wen Pi von Not und Hunger. Während die einfachen Soldaten unter schwierigsten Bedingungen marschierten und kämpften, ließ sich Mao Zedong in einer Sänfte tragen oder ritt auf einem Pferd. Für ihn gab es genug zu essen. Sein Credo: Die Soldaten konnten geopfert werden - die Führungsriege aber musste geschützt werden. Zwei mysteriöse Mordfälle, einer an Zedongs Sänftenträgern, verleihen dem Roman zusätzlich Spannung.

Buchcover

Roman

Die denkwürdigen Abenteuer des Soldaten Iwan Tschonkin

Wladimir Woinotwitsch

Wladimir Woinotwitschs satirischer Roman "Die denkwürdigen Abenteuer des Soldaten Iwan Tschonkin" spielt in der Sowjetunion des Jahres 1941. Der Soldat Tschonkin wird in ein Kolchos zur Bewachung eines Flugzeuges abgestellt – zu einer anderen Form des Wehrdienstes hat er sich aufgrund seiner mangelnden Intelligenz für untauglich erwiesen. Im Kolchos lebt Tschonkin glücklich mit der Briefträgerin Njura – bis er in die Mühlen des stalinistischen Systems gerät. Doch – und hier wird klar, warum Tschonkin so oft mit Jaroslav Hašeks "Der brave Soldat Schwejk" verglichen wird – Tschonkin findet in all seiner Einfalt stets einen Unterschlupf. "Die denkwürdigen Abenteuer des Soldaten Iwan Tschonkin" ist Woinowitschs berühmtestes Werk, doch zum Zeitpunkt seines Erscheinens war er beim sowjetischen Regime aufgrund seiner satirischen Werke, die die Absurditäten des Systems hervorhoben, bereits in Ungnade gefallen; 1980 verließ er mit seiner Familie die Sowjetunion. Woinowitsch, der 2018 verstarb, wird nicht nur für sein eigenes schriftstellerisches Werk in Erinnerung bleiben: er war es, der Anfang der 1970er-Jahre das Manuskript von Wassilij Großmanns Roman "Leben und Schicksal" aus der Sowjetunion in den Westen schmuggelte und somit dem Werk über Stalins Schreckensherrschaft zur Veröffentlichung verhalf. 

Buchcover

Roman

Der weiße König

György Dragomán

György Dragománs Roman „Der weiße König“ spielt im Rumänien im Jahr 1986. Zentrale Figur ist der 11-jährige Dzsata. Sein Vater wurde vom Geheimdienst abgeholt und, so die Vermutung, in ein Arbeitslager interniert. Während Dzsata und seine Mutter noch versuchen, seinen Verbleib ausfindig zu machen, ist sich der Junge der Allgegenwärtigkeit der Geheimpolizei bewusst und denkt unverhohlen über die Möglichkeit seines eigenen Verschwindens nach. Der Autor schildert eine grausame, von Bosheit geprägte Welt, die den Jungen umgibt: Die Ächtung, mit der ihm und seiner Mutter nach der Verhaftung des Vaters begegnet wird, der brutale Turnlehrer, die Gewaltexzesse unter anderen Jugendlichen – es scheint weder Hoffnung noch Mitleid in Dzsatas Leben zu geben. Das Buch schildert – auf teils groteske Weise – die Abgründe des Alltags im Rumänien unter der Herrschaft Nicolae Ceaușescus, der von 1965 bis 1989 Staatpräsident Rumäniens war. Seine neo-stalinistische Diktatur war geprägt von der Brutalität der Geheimpolizei Securitate. Das kommunistische Regime wurde im Herbst 1989 gestürzt und Ceaușescu zusammen mit seiner Ehefrau Elena von den Aufständischen hingerichtet.

Cover des Buches "Trutz", Verlag Suhrkamp

Roman

Trutz

Christoph Hein

Christoph Hein schildert in seinem Roman „Trutz“ die Lebensläufe zweier Familien: Der Professor Waldemar Gejm lehrt Mathematik und Linguistik  an der Lomonossow-Universität in Moskau. Er entwickelt seit Jahren die „Mnemotechnik“, die Lehre von Ursprung und Funktion der Erinnerung. In Zeiten faschistischer und kommunistischer Systeme, die die Wahrheiten für ihre Bewohner bestimmen, zählt allerdings der Gehorsam, nicht die Erinnerung. Rainer Trutz wiederum kommt aus bäuerlichen Verhältnissen und sucht sein Glück im Berlin der 1920er-Jahre. Weil die Nationalsozialisten ihn verfolgen, flieht er schließlich in letzter Sekunde nach Moskau. Dort stehen er und seine Frau als Deutsche in der Sowjetunion unter Generalverdacht, nachdem Hitler mit dem „Unternehmen Barbarossa“ 1941 das Reich Stalins überfallen hatte. Gejm und Trutz geraten in die Fänge des kommunistischen Terrorapparats und finden den Tod. Mit der kalten Sachlichkeit eines Chronisten schildert Christoph Hein die Deportation und die Marter der Protagonisten im Gulag. Der Autor erzählt ebenso die Erlebnisse der Söhne von Trutz und Gejm, die sich im wiedervereinten Deutschland begegnen. Sie überlebten die stalinistische Verfolgung, während ihre Familien durch das politische System ermordet wurden.

Cover des Buches "Briefe an Dich", Verlag Schöffling & Co.

Roman

Briefe an Dich. Erinnerungen an das russische Berlin

Vera Lourié

Mit einer Mischung aus Tagebucheinträgen und Briefen der Dichterin Vera Lourié präsentiert die Herausgeberin Doris Liebermann das Leben einer Zeitzeugin des „russischen Berlins“ der 1920er-Jahre. Vera Lourié war lange in Vergessenheit geraten, bis sie als Dichterin und Zeitzeugin wiederentdeckt wurde. Verstärkt durch Fotos und Dokumente aus dem Nachlass schildert Lourié ihre behütete Kindheit in St. Petersburg, die dramatische Flucht der Familie nach der Oktoberrevolution und das Leben als Russin in Berlin. Die Erinnerungen der Dichterin beinhalten ihre zahlreichen Treffen mit den Größen der russischen Literatur, aber auch das Überleben in einer Stadt, die russischen Flüchtlingen immer feindlicher gegenüber stand. Die Zeit des Nationalsozialismus überlebte sie trotz ihrer Kontakte zum deutschen Widerstand und der Inhaftierung ihrer Mutter im KZ Theresienstadt. Das Buch „Briefe an Dich“ legt auch Zeugnis ab über die bedrohliche Situation der russischen Emigranten in Berlin, die von der einmarschierenden Roten Armee als Faschisten wahrgenommen wurden.

Cover des Buches "In Zeiten des abnehmenden Lichts", Rowohlt

Roman

In Zeiten des abnehmenden Lichts

Eugen Ruge

In Zeiten des abnehmenden Lichts erzählt die Geschichte einer deutschen Familie, in der die Liebe für und das Interesse am Kommunismus von Generation zu Generation abnimmt. Die Stalinisten Wilhelm und Charlotte fliehen nach der Machtergreifung Hitlers ins Moskauer Exil, von wo aus sie von der Kommunistischen Partei weiter nach Mexiko geschickt werden. Ihre Söhne jedoch müssen sie in einem Arbeitslager in Russland zurücklassen. 1952 kehren Wilhelm und Charlotte in die neugegründete DDR zurück, um diese mit aufzubauen. Einer der Söhne, Kurt, kommt im Jahr 1956 nach, zusammen mit seiner russischen Ehefrau. Der andere Sohn ist im Lager ums Leben gekommen. Kurt glaubt noch an die Idee des Sozialismus, in der DDR arbeitet er als Historiker. Sein Sohn Alexander hingegen hält nichts von den politischen Überzeugungen seiner Eltern und Großeltern. Er bricht sein Studium ab und wird Teil der Hausbesetzer-Szene in Ostberlin. Alexanders Sohn, Markus, ist zur Wendezeit in der Pubertät und hat sowieso ganz andere Sorgen als Politik. Der Roman von Eugen Ruge erhielt zahlreiche Preise, darunter 2011 den Deutschen Buchpreis. Er wurde von Matti Geschonneck verfilmt und kam 2017 ins Kino.

Alexander Solschenizyn: Der Archipel GULAG, Screenshot vom Buchcover

Roman

Der Archipel GULAG

Alexander Solschenizyn

Mit dem "Archipel Gulag" hat der Mathematiklehrer und Schriftsteller Alexander Solschenizyn ein aufrüttelndes Epos geschaffen, das die "unmenschliche Macht von Menschen über Menschen" bezeugt. Er selbst verbrachte viele Jahre seines Lebens in den Straflagern Sibiriens. Basierend auf seinen eigenen Erfahrungen, aber auch auf den Berichten von über 200 Überlebenden, stellt er die geschichtliche Entwicklung des Systems in den Mittelpunkt, beschreibt die Lagerwelt aus der Sicht der verschiedenen Gruppen, die sie bevölkerten und zeichnet den Weg der Häftlinge von der Einlieferung bis zum Tode durch Erschöpfung, Krankheiten oder dem Sadismus der Bewacher nach. Solschenizyn beschreibt das Werk als den "Versuch einer künstlerischen Bewältigung, all jenen gewidmet, die nicht genug Leben hatten, um dies zu erzählen". Sein Buch ist ein Aufschrei, eine Anklage gegen die Unmenschlichkeit, gegen die Unfreiheit und gegen den Terror. Solschenizyn hat das sowjetische Lagersystem weltweit bekannt gemacht, er hat die Öffentlichkeit aufgerüttelt und das Sowjetunionbild des Westens maßgeblich geprägt. 

Buchcover

Roman

Moskau 2042

Wladimir Woinowitsch

"Moskau 2042" ist ein Roman des russischen Schriftstellers Wladimir Woinowitsch aus dem Jahr 1982. Die Handlung des Romans besteht aus einer Reise nach Moskau, die das Alter Ego des Autors in die Zukunft unternimmt. Dort begegnen ihm viele vertraute, gleichzeitig kuriose Dinge. Der Autor bedient sich in seiner Erzählung präziser Alltagsbeobachtungen sowjetischen und planwirtschaftlichen Alltags ebenso wie der Darstellung vieler kleiner und großer Absurditäten: sei es die endlich beendete große Toilettenpapier-Knappheit, die Große August-Revolution oder die Freiheit des Wortes, die für alle Schriftstellenden offiziell gilt – solange sie nichts davon zu Papier bringen. Der Autor, geboren 1933 in der tadschikischen Stadt Duschanbe, lebte zum Zeitpunkt des Erscheinens der deutschen Ausgabe bereits seit acht Jahren in Deutschland: aufgrund seiner satirischen Werke, die die Absurditäten des Systems hervorhoben, war er beim sowjetischen Regime bereits in Ungnade gefallen.