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Cover des Buches " Secondhand-Zeit", Verlag Hanser

Roman

Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus

Swetlana Alexijewitsch

Russland lebe in einer Zeit des „Secondhand“ der gebrauchten Ideen und Worte. So schildert die Autorin das „Leben auf den Trümmern des Sozialismus“. Das postsowjetische Land sucht noch immer nach einer neuen Identität und glorifiziert hierzu vergangene Zeiten. Besonders unter Jüngeren gilt Stalin wieder als großer Staatsmann. Der im Westen gefeierte Gorbatschow gilt vielen Russen heute als verhasster Feind, der ihr Imperium stürzte. Swetlana Alexijewitsch lässt in ihrem Buch Menschen ihre Geschichten und Meinungen erzählen, die sich von der Politik vergessen fühlen. Sie spricht mit Frauen, die in der Roten Armee gekämpft haben, mit Gulag-Häftlingen, Funktionären, Künstlern, Stalinisten und „Küchendissidenten“. Ihr Werk ist am ehesten als dokumentarischer Roman zu lesen, auch wenn eine Einordnung nicht leicht fällt. Für ihre Darstellung der Spuren dessen, was das gescheiterte kommunistische Experiment in der Sowjetunion mit den Menschen angerichtet hat, erhielt sie den Literaturnobelpreis 2015.

Cover des Buches "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do", Verlag Suhrkamp

Roman

Das geraubte Leben des Waisen Jun Do

Adam Johnson

Der Roman „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ thematisiert nordkoreanische Identitätskonstrukte anhand der Geschichte des Protagonisten. Der amerikanische Autor Adam Johnson schildert das Leben des im Waisenhaus aufgewachsenen Jun Do, welcher in einer auf familiären Beziehungen basierenden Gesellschaft ein Leben ohne Rechte und eigene Identität führt. Durch eine Verkettung von Zufällen muss er einen nordkoreanischen Politiker in Texas doubeln und landet mehrmals im Gulag. Er übernimmt die Identität eines dort einsitzenden Kommandanten und trifft schließlich auch dessen Frau, mit der er eine Liebesbeziehung eingeht. Der Roman präsentiert die Ausschaltung jeglicher Individualität als oberstes Ziel des Regimes in Pjöngjang und den Protagonisten Jun Do als zähe Persönlichkeit, die sich der Gleichschaltung und Indoktrination entzieht. Für sein mit satirischen Elementen angereichertes Werk erhielt Adam Johnson im Jahr 2013 den Pulitzer-Preis für den besten Roman und den Dayton Literary Peace Prize.

Langer Marsch, Screenshot vom Buchcover

Roman

Langer Marsch

Clementine Skorpil

In ihrem fünften Roman greift Autorin Clementine Skorpil den Heldenmythos des "langen Marsch" auf und beschreibt anhand der Geschichte der Hauptfigur Wen Pi den militärischen Rückzug der Streitkräfte der Kommunistischen Partei Chinas. Um sich aus der Einkreisung durch die Armee des Politikers Chiang Kai-sheks zu befreien, flüchtet Wen Pi 1931 aus Shanghai und macht sich gemeinsam mit vielen anderen auf den Weg nach Jiangxi, dem ersten Sowjet im Reich der Mitte, den Mao Zedong eingerichtet hat. Der lange Marsch beginnt, doch der militärische Rückzug der Roten Armee vor Chiang Kai-sheks Truppen war vor allem ein Todesmarsch. Von den 80.000 Menschen, die sich auf den Weg machten, überlebten nicht einmal 8000. Die historischen Ereignisse geben der Autorin den Rahmen, um eindringlich über die Schicksale der Menschen zu erzählen und so berichtet Wen Pi von Not und Hunger. Während die einfachen Soldaten unter schwierigsten Bedingungen marschierten und kämpften, ließ sich Mao Zedong in einer Sänfte tragen oder ritt auf einem Pferd. Für ihn gab es genug zu essen. Sein Credo: Die Soldaten konnten geopfert werden - die Führungsriege aber musste geschützt werden. Zwei mysteriöse Mordfälle, einer an Zedongs Sänftenträgern, verleihen dem Roman zusätzlich Spannung.

Cover des Buches "Der Lärm der Zeit", Verlag Kiepenheuer & Witsch

Roman

Der Lärm der Zeit

Julian Barnes

Dmitri Schostakowitsch, der historische Protagonist des Romans „Der Lärm der Zeit“, erwartet im Frühjahr 1937 jede Nacht seine Verhaftung durch die sowjetische Geheimpolizei NKWD. Die Zeitung Prawda hatte am 28. Januar eine vernichtende Kritik über seine Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ veröffentlicht. Dieser wahrscheinlich von Stalin selbst veröffentlichte Artikel folgte dem Besuch des Diktators bei einer Aufführung der Oper, bei der er noch vor der Pause wortlos das Theater verließ. Der Komponist entgeht durch Glück und neue linientreue Sinfonien der Säuberung, ist sich jedoch bewusst, dass er keine künstlerische Entscheidung frei treffen kann. Julian Barnes Roman porträtiert das von Repressionen geprägte Leben Schostakowitschs und kann als Biografie, Entwicklungsroman, Historienroman, aber auch als Essay über das Verhältnis von Kunst und Macht in Diktaturen gelesen werden. Barnes entwirft das Innenleben des Protagonisten und vermittelt auf diese Weise das moralische Spannungsfeld zwischen Anpassung, Widerstand und der Angst um das eigene Leben sowie das von Familie und Freunden unter stalinistischem Terror.

Cover des Buches "Briefe an Dich", Verlag Schöffling & Co.

Belletristik

Briefe an Dich. Erinnerungen an das russische Berlin

Vera Lourié

Mit einer Mischung aus Tagebucheinträgen und Briefen der Dichterin Vera Lourié präsentiert die Herausgeberin Doris Liebermann das Leben einer Zeitzeugin des „russischen Berlins“ der 1920er-Jahre. Vera Lourié war lange in Vergessenheit geraten, bis sie als Dichterin und Zeitzeugin wiederentdeckt wurde. Verstärkt durch Fotos und Dokumente aus dem Nachlass schildert Lourié ihre behütete Kindheit in St. Petersburg, die dramatische Flucht der Familie nach der Oktoberrevolution und das Leben als Russin in Berlin. Die Erinnerungen der Dichterin beinhalten ihre zahlreichen Treffen mit den Größen der russischen Literatur, aber auch das Überleben in einer Stadt, die russischen Flüchtlingen immer feindlicher gegenüber stand. Die Zeit des Nationalsozialismus überlebte sie trotz ihrer Kontakte zum deutschen Widerstand und der Inhaftierung ihrer Mutter im KZ Theresienstadt. Das Buch „Briefe an Dich“ legt auch Zeugnis ab über die bedrohliche Situation der russischen Emigranten in Berlin, die von der einmarschierenden Roten Armee als Faschisten wahrgenommen wurden.

Cover des Buches "Der Turm", Verlag Suhrkamp

Roman

Der Turm

Uwe Tellkamp

Uwe Tellkamps Roman will eine „Geschichte aus einem versunkenen Land“ sein; so verspricht es der Untertitel des Buches. Dieses Land ist die DDR und das Buch handelt von dessen sieben letzten Jahren. Die leitenden Figuren des Werkes sind Menschen, die es im Sozialismus eigentlich gar nicht hätte geben sollen: drei Bildungsbürger, die in einem Villenviertel Dresdens leben. Uwe Tellkamp entstammt selbst dem bildungsbürgerlichen Milieu und beschreibt dieses selbstkritisch. Die Protagonisten sind miteinander verwandt, führen jedoch sehr unterschiedliche Lebensstile und bewegen sich in verschiedenartigen Umgebungen. Indem die Geschichten in der Nationalen Volksarmee,  einer Dresdner Klinik und dem Verlagswesen spielen, kann der Autor ein breites Panorama der bildungsbürgerlichen Gesellschaft in der Endphase der DDR bilden. Hierbei beschäftigt sich Tellkamp auch mit dem Umstand, dass die in Zusammenhang mit der 68er-Bewegung in Westdeutschland „bewältigten“ Themen auf dem Staatsgebiet der DDR noch immer „qualmen“.  „Der Turm“ war Vorlage für einen Film und diverse Theateraufführungen und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Cover des Buches "Aller Tage Abend", Verlag Knaus

Roman

Aller Tage Abend

Jenny Erpenbeck

Fünf Leben schildert Jenny Erpenbeck in ihrem Roman „Aller Tage Abend“. Fünf Optionen des Lebens derselben Hauptfigur mit fünf Toden sollen die Bedeutung von Zufällen und die Möglichkeiten des Individuums betonen. Den Toden der Protagonistin folgen kleine „Intermezzi“, die ein wundersames Auferstehen bzw. eine Überleitung in ein neues Schicksal ermöglichen. Diese verschiedenen und doch sehr ähnlichen Geschichten sind auch fünf Einzelschicksale im Zeitgeschehen des 20. Jahrhunderts mit den Erfahrungswelten des nationalsozialistischen Regimes, des stalinistischen Terrors und der Lebenswelt in der DDR. Das halbjüdische Mädchen, das nun doch nicht gestorben ist, erscheint im nächsten Band als überzeugte Kommunistin, die vor den Nazis flieht und wird hingerichtet bzw. eben doch nicht. Kleine Details wie die Goethe-Ausgabe der Familie der Hauptfigur verbinden die Erzählungen; Jenny Erpenbecks Buch enthält aber eigentlich fünf abgeschlossene Romane.

Cover des Buches "Atemschaukel", Verlag Hanser

Roman

Atemschaukel

Herta Müller

In ihrem Roman „Atemschaukel“ thematisiert Herta Müller das Schicksal der Siebenbürger Sachsen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die siebzehnjährige Hauptfigur Leopold Auberg wird von den einmarschierenden sowjetischen Soldaten gefangen genommen und zum Arbeitsdienst in die Sowjet-Ukraine deportiert. Im Gulag erlebt er Jahre des Hungers, der Entbehrungen und der Schikanen durch die Wächter. Die Geschichte basiert auf den Gesprächen der Autorin mit dem Lyriker Oskar Pastior und anderen Überlebenden, die zu einer fiktionalen Autobiografie verarbeitet wurden. Die Vorgeschichte Rumäniens – das sich zunächst mit Hitler verbündete und 1944 auf die Seite der Alliierten schlug – wird nur soweit erzählt, wie es für das Verständnis des Protagonisten notwendig ist. Zentral sind der Hunger, das Heimweh und die Erniedrigung der verschleppten Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben. Für ihr Werk erhielt die Autorin noch im selben Jahr der Veröffentlichung den Nobelpreis für Literatur.

Cover des Buches "Macht und Widerstand", Verlag S. Fischer

Roman

Macht und Widerstand

Ilija Trojanow

Konstantin Scheitanow und Metodi Popow sind die Hauptfiguren in dem Roman „Macht und Widerstand“ von Ilija Trojanows. Der eine ist Widerstandskämpfer, der andere ist Offizier und Opportunist. Aus einer Fülle an wahren Geschichten, die der Autor in Gesprächen mit Zeitzeugen gesammelt hat, schafft er eine Verknüpfung von Werk, Moral und Existenz. Die beiden Protagonisten repräsentieren hierbei exemplarisch Macht und Widerstand in der politischen Nachkriegsgeschichte Bulgariens. Ohne einen übergeordneten Erzähler und ohne eine verbindende Geschichte erzählen beide Figuren abwechselnd aus ihrem Leben, was ungewohnte Perspektiven auf Bulgariens Historie ermöglicht. Die Isolation der Lebensgeschichten beider Protagonisten steht für den fehlenden Diskurs der früheren Opfer und Täter im postkommunistischen Bulgarien.

Cover des Buches "Trutz", Verlag Suhrkamp

Roman

Trutz

Christoph Hein

Christoph Hein schildert in seinem Roman „Trutz“ die Lebensläufe zweier Familien: Der Professor Waldemar Gejm lehrt Mathematik und Linguistik  an der Lomonossow-Universität in Moskau. Er entwickelt seit Jahren die „Mnemotechnik“, die Lehre von Ursprung und Funktion der Erinnerung. In Zeiten faschistischer und kommunistischer Systeme, die die Wahrheiten für ihre Bewohner bestimmen, zählt allerdings der Gehorsam, nicht die Erinnerung. Rainer Trutz wiederum kommt aus bäuerlichen Verhältnissen und sucht sein Glück im Berlin der 1920er-Jahre. Weil die Nationalsozialisten ihn verfolgen, flieht er schließlich in letzter Sekunde nach Moskau. Dort stehen er und seine Frau als Deutsche in der Sowjetunion unter Generalverdacht, nachdem Hitler mit dem „Unternehmen Barbarossa“ 1941 das Reich Stalins überfallen hatte. Gejm und Trutz geraten in die Fänge des kommunistischen Terrorapparats und finden den Tod. Mit der kalten Sachlichkeit eines Chronisten schildert Christoph Hein die Deportation und die Marter der Protagonisten im Gulag. Der Autor erzählt ebenso die Erlebnisse der Söhne von Trutz und Gejm, die sich im wiedervereinten Deutschland begegnen. Sie überlebten die stalinistische Verfolgung, während ihre Familien durch das politische System ermordet wurden.

Cover des Buches "Die vielen Tode unseres Opas Jurek", Verlag Rowohlt

Roman

Die vielen Tode unseres Opas Jurek

Matthias Nawrat

„Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ lässt die Geschichte des Werkes bereits im Titel erahnen. Am Sterbebett des Großvaters beginnt der Roman mit seinem letzten, endgültigen Tod. Die versammelten Enkel versprechen ihm, ihn und sein Leben in Erinnerung zu behalten und schildern als Erzählinstanz in diesem Buch das Leben des Großvaters und besonders die „vielen Tode“: Im besetzten Warschau begegnet Opa Jurek bereits nach der Sperrstunde deutschen Soldaten und kann sie nur mit dem deutschen Gruß täuschen, womit er zum ersten Mal in seinem Leben das Gefühl hat, „bereits tot gewesen“ zu sein. Mit einer Mischung aus autobiographischen und fiktionalen Elementen erzählt der Autor Matthias Nawrat die meist knapp überlebten Tode des Großvaters und wirft anhand dieser Lebensgeschichte ebenso einen Blick auf die Geschichte Polens wie auf die Europas im 20. Jahrhundert.