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Jan Plamper: The Stalin Cult. A Study in the Alchemy of Power

LiesMich! | Rezension

Rezensent: Klaus-Georg Riegel

Cover von Jan Plamper: The Stalin Cult. A Study in the Alchemy of Power, New Haven and London: Yale University Press 2012.
Cover von Jan Plamper: The Stalin Cult. A Study in the Alchemy of Power, New Haven and London: Yale University Press 2012.

In der Glaubensgeschichte des Marxismus-Leninismus spielen die inszenierten Personen- und Führerkulte, die Lenin, Stalin, Mao Tse-tung, Ho Chi Minh, Kim Il-sung vergöttlichen, eine wichtige Rolle. Insbesondere der Totenkult, der die „geliebten“ Führer als Mumien in Mausoleen bestattet und sie den gläubigen Pilgerscharen als sakrale Reliquien zur Andacht und Verehrung präsentiert, spricht Heils-und Erlösungshoffnungen an. Diese scheinbar archaische Kultpraxis  ordnet Plamper in den Kontext moderner Führerkulte ein. Diese modernen, „patrizentrierten“ Führerkulte (Napoleon III., Mussolini, Nikolaus II. u. a.) sind auf mobilisierbare Massen ausgerichtet und werden durch Massenmedien verbreitet, die besonders in geschlossenen Gesellschaften ihre Wirkung entfalten. Entscheidend ist, dass die Legitimationsmuster vormoderner Führerkulte ihre sakrale Aura im Modernisierungsprozess nicht eingebüßt haben.
Personen, die Objekt kultischer Verehrung wurden, werden mit einer Sakralität ausgestattet, die sie als Inhaber politischer Macht, den letzten Bezugspunkten kosmischer Ordnung und Autorität, kennzeichnen. Gläubige, welche in Kontakt zu sakral besetzten Führungs- und Autoritätspersonen treten, erleben das tremendum mysteriosum, das diesen Herrschaftspositionen von den Kultgläubigen zugeschrieben wird. Dieses ist gleichzeitig „faszinierend“ und „grauenvoll-furchtbar“, wie schon Rudolf Otto in seiner Studie über „Das Heilige“ konstatierte. Nur vor diesem Bedeutungshintergrund sakraler Autorität sind die empirischen Befunde verständlich, die Plamper als Beleg für die emotionale Strahlkraft der stalinschen Sakralaura anführt. So drehten Kriegsveteranen das Stalinporträt in ihrem Schlafraum um, damit sie sich „unbeobachtet“ unterhalten konnten. Boris Pasternak geriet in Ekstase, als er seinen Führer aus der Nähe betrachten konnte. Der spätere Dissident Bukowski wurde von Albträumen geplagt, in denen er vergeblich versuchte, Stalin davon abzuhalten, ein vergiftetes Glas Wasser zu trinken. Nach Stalins Tod und während der Begräbnisfeierlichkeiten gab es tumultartige Bekundungen der Trauer. Das Stalinporträt, so die These Plampers, avancierte zum zentralen Medium des Personenkultes (kul’t lichnosti) für eine Bevölkerung, deren Vorstellungswelt weitgehend durch Bilder geprägt war.
Detailliert untersucht Plamper die visuellen Distinktionsstrategien, mit denen die sakrale Sonderstellung in den Fotos in der „Prawda“ und den kanonisierten Porträtgemälden im Stile des sozialistischen Realismus hervorgehoben wird. Stalin wird stets von der Gruppe der anderen Parteiführer distanziert präsentiert. Auch die Farbe seiner Uniform, seine Gesten und sein Redestil (ruhig, zuversichtlich, fast emotionslos), die Blickrichtung seiner Augen auf einen Punkt außerhalb des Bildes in die utopische Zukunft der sozialistischen Gesellschaft gerichtet, kennzeichnen seine Statusdominanz als Führer (vozhd’). Eine Pfeife in der Hand, eine Zeitung, Brief oder Landkarte in Reichweite dienen als persönliche Attribute. Ein Leninbild im Hintergrund unterstreicht seinen Anspruch als legitimer Erbe des „Leninismus“. Von Stalin persönlich sowie durch sein Sekretariat wurde die Kanonisierung des Kultbildnisses kontrolliert, das ihm als Parteiführer, Vater der Völker, Generalissimus, als Patron von Kunst und Wissenschaft etc. huldigte. Stalin verkörperte das sacred center of the Soviet cosmos, omnipräsent und gottgleich. In weiteren Kapiteln rekonstruiert Plamper die Institutionen der massenhaften Kultproduktion, die Patronagesysteme für Staatskünstler und die Reaktionen der Besucher des Leninmuseums, welche die ausgestellten Kultportraits von Lenin und Stalin kommentierten. Die Studie Plampers stellt eine innovative Interpretation der Ikonographie des Stalinkultes dar, welcher als fait social (E. Durkheim) im Kosmos der Sowjetunion eine Eigendynamik entwickelte.

Informationen über den Rezensenten:

Klaus-Georg Riegel, Prof. Dr., geb. 1943, Prof. für Soziologie an der Universität Trier (1988–2007); Forschungsschwerpunkte: Kultursoziologie, Modernisierungstheorien und Politische Religionen.

Bibliografische Angabe

Jan Plamper: The Stalin Cult. A Study in the Alchemy of Power, New Haven and London: Yale University Press 2012.