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Karel Bartosek, Stéphane Courtois, Nicolas Werth, Jean–Louis Panné, Andrzej Paczkowski und Jean-Louis Margolin: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror

LiesMich! | Rezension

Rezensent: Eckhard Jesse

Buchcover Stéphane Courtois (Hrsg.): Das Schwarzbuch des Kommunismus, Bd. 1 Unterdrückung, Verbrechen und Terror, München/Zürich: Pieper Verlag 1998.
Buchcover Stéphane Courtois (Hrsg.): Das Schwarzbuch des Kommunismus, Bd. 1 Unterdrückung, Verbrechen und Terror, München/Zürich: Pieper Verlag 1998.

Das „Schwarzbuch des Kommunismus“, in 26 Sprachen übersetzt, schlug wie eine Bombe ein und löste besonders in Frankreich und Deutschland große Kontroversen aus. Zum ersten Mal präsentierte ein Band in systematischer Form die Verbrechen des Kommunismus – nicht nur in der Sowjetunion, sondern auch in Osteuropa, Lateinamerika, Asien und Afrika. Der Kommunismus habe 80 bis 100 Millionen Opfer auf dem Gewissen.
Das Mammutwerk wird von zwei Beiträgen Stéphane Courtois’ eingerahmt. Der erste präsentiert eine Bilanz voller Schrecken, der zweite fragt nach den Gründen für die Verbrechen: Dem Kommunismus im Sinne von Lenins „proletarischer Demokratie“ wohnte von vornherein Terrorismus inne. Das Schwarzbuch umfasst fünf Großabschnitte, wobei der Beitrag Nicolas Werths über die Sowjetunion herausragt. Viele seiner Erkenntnisse, etwa über die Deportationen während des „Großen Vaterländischen Krieges“ oder über die „Entkulakisierung“, waren in den Einzelheiten so nicht bekannt. Courtois’ Abhandlung analysiert “Weltkrieg, Bürgerkrieg und Terror“. Die anderen drei Kapitel spüren der Rolle des Kommunismus in Osteuropa nach, in Asien und in der „Dritten Welt“ (Lateinamerika, Afrika, Afghanistan). Die Bilanz ist jeweils desaströs.
Mit diesem Werk wurde ein Grundstein der Kommunismusforschung gelegt. Die quellengesättigten Texte bestechen zum einen durch profunde Auflistung der verschiedensten Gewaltzyklen (wobei dies nicht für jeden einzelnen Aufsatz gilt), zum andern durch eine schlüssige Interpretation, die sich besonders bei Courtois findet: Dem Kommunismus wohne der ihm oft zugeschriebene Universalismus nicht inne. Vor diesem Hintergrund verliert der Unterschied zwischen Rechts- und Linkstotalitarismus an Überzeugungskraft. Die Integrationsmechanismen des Kommunismus kommen bei der Anlage des Schwarzbuches naturgemäß etwas zu kurz.
Der zweite Band des Schwarzbuches, hrsg. von Stéphane Courtois (auf französisch 2002, auf deutsch 2004), löste kein annähernd so großes Aufsehen aus wie der erste, zum einen, weil die Aufregung sich gelegt hatte, zum andern, weil sich die neuen Erkenntnisse in Grenzen hielten. Der französische Forscher setzte sich im einleitenden Mammutbeitrag mit seinen Kritikern auseinander. Gleichwohl hält auch heute noch der intellektuelle Bann des Kommunismus in intellektuellen Kreisen an, wenngleich in schwächerer Form als vor seinem nahezu weltweiten Zusammenbruch.

Informationen über den Rezensenten:

Prof. Dr. Eckhard Jesse, geboren 1948, Studium der Politikwissenschaft und der Geschichtswissenschaft in Berlin und Trier, Promotion 1982, Habilitation 1989. Von 1993 bis 2014 Inhaber des Lehrstuhls „Politische Systeme, politische Institutionen“ an der TU Chemnitz. In seiner Forschung beschäftigt sich Jesse mit dem politischen System der Bundesrepublik, historischen Grundlagen der Politik sowie politischem Extremismus.

Bibliografische Angabe

Karel Bartosek, Stéphane Courtois, Nicolas Werth, Jean–Louis Panné, Andrzej Paczkowski, Jean-Louis Margolin (Hrsg.): Das Schwarzbuch des Kommunismus, Bd. 1 Unterdrückung, Verbrechen und Terror, München/Zürich: Piper Verlag 1998.