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Oleg Chlewnjuk: Stalin. Eine Biographie

LiesMich! | Rezension

Rezensent: Manfred Wilke

Cover von Oleg Chlewnjuk: Stalin. Eine Biographie, München: Siedler 2015.
Cover von Oleg Chlewnjuk: Stalin. Eine Biographie, München: Siedler 2015.

Stalin (der „Stählerne“) prägte 30 Jahre die Entwicklung Russlands und der kommunistischen Weltbewegung. Der russische Historiker Oleg Chlewnjuk hat die erste Stalin-Biografie vorgelegt, die auf der Auswertung der Akten aus den lange verschlossenen Moskauer Archiven beruht. Methodisch setzt er Stalins Aufstieg immer wieder in Beziehung zu weichenstellenden Ereignissen der sowjetischen Geschichte: beispielsweise zu dem frühen Tod von Lenin, der ihn zum Generalsekretär bestimmt hat. Chlewnjuk beschreibt diese Karriere mit analytischer Präzision, und seine Empathie gilt den Menschen, die Stalins Herrschaft unterworfen waren.

Josef Dschugaschwili wird in Georgien geboren. Russisch lernt er in einem Priesterseminar, er wird revolutionärer Sozialist und schließt sich Lenins Bolschewiki an. Der Weltkrieg und die Niederlage Russlands verschaffen der Partei 1917 die Chance zur sozialistischen Revolution. Die Bolschewisten verbieten alle anderen Parteien und beanspruchen die alleinige diktatorische Macht, die sie im Bürgerkrieg in Russland behaupten. In Lenins Schatten beginnt Stalins Aufstieg. Er besetzt als Generalsekretär der Staatspartei eine Schlüsselstellung in der Diktatur. Konsequent platziert Stalin seine Gefolgsleute im Apparat, für ihre Karrieren verlangt er unbedingte Loyalität. Am Ende der zwanziger Jahre hat er alle Konkurrenten um die Führung der Partei ausgeschaltet. Stalin wird zum „Woschd“ – zum „Führer“. Das Motiv für dieses Streben nach der alleinigen Macht ist für Chlewnjuk „Machthunger“.

Terror ist die bevorzugte Methode von Stalins Politik, er schätzt ihre lähmende Wirkung auf die Gesellschaft, um seine innenpolitischen Ziele durchzusetzen: 1. die zwangsweise Kollektivierung der Bauern und 2. den forcierten Aufbau einer Schwer- und Rüstungsindustrie. Die „Kollektivierung“ beginnt mit der entschädigungslosen Enteignung der „Großbauern“ (Kulaken). Millionen von Bauern und ihre Familien werden in unwirtliche Gebiete umgesiedelt oder in die Arbeitslager des Archipels Gulag verschickt. Mit dem Einsatz von Partei und Geheimpolizei werden die Bauern in Kollektivwirtschaften gepresst, sie dürfen ihren Wohnort und die Kolchose nicht eigenmächtig verlassen, aus freien Bauern werden Sklaven des Staates. Für Chlewnjuk ist die Kollektivierung der Landwirtschaft der „Eckpfeiler der Stalin-Diktatur“ und der Terror das Mittel des Staates, um sie durchzusetzen. „Stalin hatte nicht die Absicht, in seinem Krieg gegen die Bauern den Rückzug anzutreten, und wenn es noch so viele Unschuldige das Leben kostete.“ Ein Opfer ist ein namenloses Baby. Bei Eiseskälte wird eine Frau mit ihrem frisch geborenen Kind aus ihrem Haus vertrieben und sie irrt durch das Dorf und bittet die gestrigen Nachbarn, sie und das Baby in die Wärme zu lassen. Die Türen bleiben geschlossen und das Kind stirbt.

1937/38 richtet sich der Terror gegen die Kommunisten selbst. Es geht um die „Säuberung“ der Partei, der Armee und des Staatsapparats von „Parteifeinden, Spionen und Schädlingen“. 700 000 sterben allein 1937/38 und Hunderttausende verschwinden in den Lagern. Das NKWD wird zur gefürchtetsten Institution in der Sowjetunion. Die Aufstellung der Verhaftungslisten inklusive der Empfehlung für das Urteil Tod oder Lager erfolgt nicht durch das NKWD, sondern den zentralen Apparat der kommunistischen Partei. Viele dieser Listen hat der „Woschd“ selbst abgezeichnet. Zur propagandistischen Legitimation werden große Schauprozess durchgeführt, die Geheimpolizei bekommt die Erlaubnis, in Verhören die Angeklagten zu foltern, um Selbstbezichtigungen nicht geschehener Verbrechen zu erzwingen. Nach Ausbruch des Krieges 1941 verlässt sich der Woschd wiederum auch auf den Terror, damit die Disziplin der Armee gesichert wird.

International ist die Sowjetunion zunächst isoliert, in den dreißiger Jahren agiert sie als umworbene Großmacht auf der internationalen Bühne. 1937 bekennt sich Stalin zum imperialen Erbe der russischen Zaren. Chlewnjuk: „Stalin hatte kein Problem damit, die marxistische und die bolschewistisch-leninistische Lehre mit dem Imperialismus einer Großmacht zu verbinden.“ Vor und während des Krieges stehen für Stalin als Ziele die sowjetischen Einflusssphären im Vordergrund. Den ersten Erfolg erzielt er durch den Nichtangriffspakt mit dem Deutschen Reich 1939. Durch das geheime Zusatzabkommen gewinnt er das Baltikum und Teile der Westukraine für Russland zurück, die am Ende des Ersten Weltkrieges verloren gegangen waren. 1941 zwingt Hitler mit seinem rassistisch motivierten Vernichtungskrieg Russland einen Existenzkampf auf. In den Kriegskonferenzen von Teheran und Jalta mit Großbritannien und den USA gelingt es Stalin, die sowjetische Einflussshäre im Nachkriegseuropa bis in die Mitte Deutschlands vorzuschieben. Nach dem Sieg bekommt er einen weiteren Titel: „Generalissimus der Sowjetunion.“

Stalin dringt auf rasche Sowjetisierung dieses Satellitengürtels, und hierbei kommt der Marxismus-Leninismus politisch und ideologisch zur Geltung, um den totalitären Machtanspruch der kommunistischen Parteien in den Satellitenstaaten zu legitimieren und durchzusetzen. Die Parteien werden von Stalins nationalen Gefolgsleute geführt, in der SBZ sind das Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht. Die Methoden zur Durchsetzung der kommunistischen Diktaturen orientieren sich am sowjetischen Vorbild. Die Sowjetisierung Osteuropas gehört zu den Ursachen des Kalten Krieges zwischen den Westmächten und der Sowjetunion. Aus der sowjetischen Besatzungszone in Deutschland entsteht der deutsche Teilstaat DDR, er bildet 40 Jahre den Schlussstein des Imperiums in Europa. Stalin entschied die DDR zu gründen, als eine Einigung mit den Westmächten illusorisch wird; damit ist er auch ein zentraler Akteur der deutschen Teilungsgeschichte nach 1945.

Stalin stirbt im März 1953. Die Erben seiner Macht beginnen schon an seinem Totenbett mit der Entstalinisierung. Die kollektive Führung als Machtzentrum der Diktatur erlebt ihre Wiederbelebung, eine Alleinherrschaft soll es nicht mehr geben. Eine ihrer ersten Maßnahmen ist ein Dekret, das der Geheimpolizei die Folter in Vernehmungen verbietet. Die neuen Herren in Moskau kündigen einen „Neuen Kurs“ an – als die SED einen solchen im Juni 1953 für die DDR ankündigen muss, kommt es zum ersten Volksaufstand im sowjetischen Imperium.

Informationen über den Rezensenten

Manfred Wilke, geb. 1941 in Kassel, war bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2006 Professor für Soziologie an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin und einer der beiden Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der FU Berlin. Er ist Mitglied im Beirat der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU), Mitglied im Beirat der Stiftung Gedenkstätte Hohenschönhausen, Mitglied im Stiftungsrat der "Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur" und Kuratoriumsmitglied der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO).

Bibliografische Angabe

Oleg Chlewnjuk: Stalin. Eine Biographie, München: Siedler 2015.