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Paul Lendvai: Das einsame Albanien. Reportage aus dem Land der Skipetaren

LiesMich! | Rezension

Rezensent: Idrit Idrizi

Buchcover von Paul Lendvai: Das einsame Albanien. Reportage aus dem Land der Skipetaren. Zürich: Edition Interfrom 1985.
Buchcover von Paul Lendvai: Das einsame Albanien. Reportage aus dem Land der Skipetaren. Zürich: Edition Interfrom 1985.

Wer über das kommunistische Albanien recherchiert, findet viele Internetbilder kleiner pilzförmiger Betonbunker, aber sehr wenige wissenschaftliche Abhandlungen. Galt das Land in der Zeit des Kalten Krieges aufgrund seiner im Nachkriegseuropa einzigartigen Isolationspolitik als weißer Fleck, so tut es sich heute besonders schwer mit der Aufarbeitung seiner kommunistischen Vergangenheit. Politischer Druck, Unzugänglichkeit oder schlechter Zustand der Archive, schwierige finanzielle Bedingungen für albanische Wissenschaftler und Sprachbarrieren für ausländische Historiker/innen haben dazu geführt, dass die Forschung noch weitgehend in den Anfängen steckt und bisher kein quellenfundiertes Standardwerk über den albanischen Kommunismus erschienen ist. Ein sehr informatives und faszinierendes Büchlein über Albanien unter Enver Hoxha lag aber bereits 1985 vor. Der Zufall wollte es, dass am 11. April jenes Jahres, just am Todestag des exzentrischen Diktators, der international hochangesehene Journalist und Osteuropa-Experte Paul Lendvai seine Reportage „Das einsame Albanien“ in Wien vorstellte. Dank eines Abkommens zwischen dem österreichischen und dem albanischen Rundfunk hatte er 1983 und 1984 für je zwei Wochen über 3300 Kilometer quer durch das Land reisen und mit vielen Menschen ins Gespräch kommen können. Prägnant schildert Lendvai auf rund 120 Seiten seine in einem Staat gesammelten Beobachtungen, der sich als „Leuchtturm“ des „wahren Marxismus-Leninismus-Stalinismus“ sah, rund ein Zehntel des Sozialproduktes für die Verteidigung ausgab, Autarkie wie Atheismus in der Verfassung verankert hatte und in dem man keine privaten Autos kannte. Diese Eindrücke vertieft er durch solide recherchierte Angaben über die Landeskunde und die Wirtschaft. Zudem haben Lendvai seine reiche Erfahrung aus der jahrzehntelangen Reisetätigkeit in Osteuropa und sein analytischer Scharfsinn zu einem aufschlussreichen Werk verholfen, das auch drei Jahrzehnte nach seinem Erscheinen noch sehr lesenswert ist.

Informationen über den Rezensenten:

 

Mag. Dr. Idrit Idrizi, MA, Post-Doc-Stipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Post-DocTrack-Pilotprogramm), Promotion mit dem Thema „Herrschaft und Alltag im albanischen Spätsozialismus (1976–1985)“ an der Universität Wien im Juni 2016. Forschungsschwerpunkte: Zeitgeschichte Albaniens, Kommunismus und Erinnerung an den Kommunismus in Südosteuropa.