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Schreibtischszene (c) Bundesstiftung-Aufarbeitung

Rezension

LiesMich! Kurzrezensionen für Kommunismusgeschichte.de

Die Macher der Webseite haben namhafte Historikerinnen und Historiker, Publizisten, Journalisten sowie Mittler der politischen Bildung nach ganz persönlichen Leseempfehlungen gefragt. Auf den folgenden Seiten stellen die Fachfrauen und Fachmänner die „Klassiker“ ihrer Bücherregale vor. In den kurzen Buchbesprechungen erklären uns die Rezensenten die Bedeutung des Werkes für die Kommunismusgeschichte. Bekannte und unbekannte wissenschaftliche Abhandlungen, Dokumenteneditionen aber auch Biographien und Romane haben unsere Experten und Expertinnen gewählt. Sie erklären uns was die Bücher so unbedingt lesenswert macht. Die Rezensionen sollen Lust machen sich beim Schmökern und Lesen kritisch mit der Geschichte des Kommunismus auseinanderzusetzen. Die Autoren und Autorinnen der Rezensionen werden ebenso kurz vorgestellt.

Cover von Ernesto Che Guevara: The Motorcycle Diaries. Latinoamericana. Tagebuch einer Motorradreise 1951/52. Aus dem Spanischen von Klaus Laabs, Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2004.

Rezension

Ernesto „Che” Guevara: The Motorcycle Diaries. Latinoamericana, Tagebuch einer Motorradreise 1951/52

Rezensent: Nikolas Dörr

Wenige Kommunisten sind so sehr Teil der Popkultur geworden wie Ernesto „Che“ Guevara (1928-1967). Auch Jahrzehnte nach seinem Tod werden Kino- und Dokumentarfilme über ihn gedreht, Bücher geschrieben und sein Konterfei prangt weiterhin auf T-Shirts, Plattencovern und zahlreichen anderen Konsumprodukten.Guevara war ein passionierter Tagebuchschreiber. Die Lektüre dieser Tagebücher macht den Mythos „Che“ und die Faszination für kommunistische Ideale verständlicher. Gleichzeitig offenbaren die Bücher auch eine Naivität in der Wahrnehmung und Umsetzung solcher Ideen. Die noch vor dem Beginn seiner revolutionären Kämpfe entstandenen Motorcycle Diaries stellen eine vorgeschaltete Phase sozialistischer Romantik Guevaras dar. Gleichzeitig sind sie ein Zeitdokument über das Südamerika der 1950er-Jahre. Die Beschreibung von Massenarmut, der schlechten Lage der indigenen Bevölkerung und der Arbeiter sowie der Unterdrückung und Verfolgung durch autoritäre Regime sprechen eine deutliche Sprache. Die folgenden drei Tagebücher stellen eine – von Guevara ungeplante – Trilogie dar, die sich in ihrer chronologischen Reihenfolge als Geschichte des Aufstiegs, der Ernüchterung und schließlich des Niedergangs lesen lässt. Zusammen mit Fidel Castro, dessen Bruder Raúl und weiteren Guerilleros fährt der Mediziner und gebürtige Argentinier Guevara 1956 mit der Yacht „Granma“ nach Kuba, um den Diktator Fulgencio Batista zu stürzen. Obwohl gleich bei der Landung zahlreiche Mitkämpfer von den Truppen Batistas getötet werden, liest sich Guevaras Beschreibung des kubanischen Kampfes als Erfolgsgeschichte. Zum Jahreswechsel 1958/59 ist die kubanische Revolution siegreich. Batista flieht ins Exil und Fidel Castro etabliert sich als neuer Staatschef. Über Guevaras Scheitern als Nationalbankpräsident und Industrieminister, seine zunehmende Entfremdung von Castro und seine aktive Beteiligung am Aufbau der Diktatur in Kuba erfährt man in seinen Tagebüchern allerdings nichts. 1965 „flieht“ er vor der kubanischen Alltagspolitik in die Demokratische Republik Kongo, um dort einen kommunistischen Umsturz mit kubanischen Truppen zu unterstützen. Das „Kongo-Tagebuch“ macht deutlich, dass die revolutionäre Moral der dortigen Guerillakämpfer Guevaras internationalistischen Anspruch auf eine harte Probe stellt. Ernüchtert verlässt er den Kongo nach wenigen Monaten wieder. Da er in der kubanischen Tagespolitik weiterhin keine Anknüpfungspunkte sieht, zieht er 1966 nach Bolivien weiter. Hier erlebt er den endgültigen Niedergang: Die Kommunistische Partei Boliviens unterstützt seinen Guerillakampf nicht, mit US-amerikanischer Unterstützung bekämpft die bolivianische Regierung – unter anderem mit Hilfe des Nationalsozialisten Klaus Barbie („Schlächter von Lyon“) als Berater für die Niederschlagung von Partisanen – die Revolutionäre deutlich effektiver als die Batista-Diktatur in Kuba und unter den Einheimischen findet Guevara kaum Unterstützer. Sein bolivianisches Tagebuch bricht am 7. Oktober 1967 ab. Einen Tag später wird er von bolivianischen Regierungstruppen gefangen genommen und am 9. Oktober 1967 exekutiert. Erst 1997 wird sein verscharrter Leichnam gefunden und feierlich nach Havanna überführt.Guevaras Tagebücher sind Quellen, die auf den ersten Blick viel über Strategie und Taktik im Guerillakrieg verraten. Auf den zweiten Blick machen sie aber auch verständlich, warum und wie der Kommunismus eine derartige Wirkungsmacht entfalten konnten. Die Euphorie für das Engagement im Kampf gegen die Unterdrücker, ja sogar eine ausgeprägte Selbstopferbereitschaft des Autors werden deutlich. Gleichzeitig zeigen Guevaras Tagebücher einen starken Hang zur Utopie, während kaum konkrete Gedanken über den nachrevolutionären Zustand gefasst werden, der auch in Kuba innerhalb von kürzester Zeit in eine Diktatur mündete. Die Naivität im internationalistisch geprägten Menschenbilds Guevaras offenbart sich spätestens im Kongo. Letztlich wird er auch das Opfer seiner eigenen Unfähigkeit, kompromissorientierte Politik statt gewaltsamer Revolution betreiben zu können. Sein rigoroses Festhalten an Maximalzielen trägt sicherlich zu seinem anhaltenden Charisma bei, macht ihn aber auch zu einer Figur, die tragisch scheitert. Insbesondere in letzten Punkt zeigt Guevara in seinen Tagebüchern eine mangelnde Selbstreflektion. Informationen über den Rezensenten: Nikolas Dörr, Dr., Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bremen, u.a. Die Rote Gefahr. Der italienische Eurokommunismus als sicherhspoltische Herausforderung für die USA und Westdeutschland 1969-1979, Zeithistorische Studien, Bd. 58, Böhlau: Köln, Weimar, Wien 2017. 

Buchcover von Klaus Kreimeier: Joris Ivens. Ein Filmer an den Fronten der Weltrevolution, Berlin: Oberbaum Verlag für Literatur und Politik 1976.

Rezension

Klaus Kreimeier: Joris Ivens. Ein Filmer an den Fronten der Weltrevolution

Rezensent: Joachim Gatterer

Die Geschichtswissenschaften sind bisweilen ähnlich trendabhängig wie die Modebranche. Gerade die Forschungen zu Arbeiterbewegung und Kommunismus lieferten in den vergangenen fünfzig Jahren eindringliche Belege dafür. Lagen sie für die 68er-Generation (zumindest in deren Jugendjahren) hochgradig im Trend, so schien es nach 1991, als seien plötzlich ganze Bibliotheken schlagartig Makulatur geworden. Klaus Kreimeiers leidenschaftlicher Biografie über den niederländischen Dokumentarfilmer Joris Ivens (1898–1989) aus dem Jahr 1976 erging es ähnlich. 2001 ließ sich sogar der Autor selbst zur Aussage verleiten, Ivens könne man nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus „in der Versenkung verschwinden lassen“ (Barbian/ Ruzicka (Hrsg.): Poesie und Politik, Filmgeschichte International Bd. 9,  S. 24). Vor wenigen Jahren hat im Fall des politisch engagierten Ivens neuerlich eine Trendumkehr eingesetzt. Seine Aufnahmen aus europäischen Fabriken, Häfen und Kohleabbaugebieten der 1930er-Jahre, von den Befreiungskämpfen in Spanien, China und Südostasien bis hin zu seiner von den Naturgewalten inspirierten filmischen Autobiografie „Eine Geschichte über den Wind“ liegen seit 2009 in einer fünf-teiligen DVD-Box vor, der 2016 eine fast 800-seitige Werkübersicht folgte. Zu Ivens ideologischer Dekontamination dürften zusätzlich entsprechende Rezensionen beigetragen haben, die den Dokumentarfilmer nicht mehr auf seine kommunistische Überzeugung reduzieren, sondern ihn als Porträtisten jener sozialen Urkräfte zeigen, die das 20. Jahrhundert formten. Die aktuelle Beschäftigung von Filmwissenschaftlern mit Leben und Werk von Joris Ivens eröffnet auch historisch Interessierten eine Reihe von Zugängen, die sich nicht auf eine erste Quellenkritik der Filmbilder beschränken sollten. Klaus Kreimeiers Buch ist in diesem Zusammenhang ein relevanter Mosaikstein in der ivensschen Rezeptionsgeschichte, weil es – anders als eine chronologische Biografie – vor allem ausführliche Darstellungen von Ivens’ filmischem Arbeitsprozess beinhaltet. Die Motivation, für das Aufzeigen menschenunwürdiger Zustände die authentischste, notfalls nachgestellte Szene zu finden, führte Ivens u. a. zum Genre des „Semi-Dokumentarfilms“ (Kreimeier, S. 22) – eine historiographische Verfahrensweise, die heute nicht nur im Kontext einer kommunistischen Kulturgeschichte, sondern vor allem mit Blick auf gegenwärtig erzeugte Geschichtsnarrative kritisch zu hinterfragen wäre. Informationen über den Rezensenten: Joachim Gatterer, Mag., forscht zur Arbeiterbewegung in Tirol und Südtirol und ist Projektmitarbeiter am Forschungsinstitut Brenner-Archiv der Universität Innsbruck.

Buchcover von Zef Pllumi: Live to Tell. A True Story of Religious Persecution in Communist Albania. Band 1 (1944-1951). Bloomington: iUniverse 2008.

Rezension

Zef Pllumi: Live to Tell. A True Story of Religious Persecution in Communist Albania. Band 1 (1944-1951)

Rezensent: Idrit Idrizi

1967 kam es zu landesweiten Gewaltaktionen gegen religiöse Einrichtungen und Geistliche in Albanien. Alle Gotteshäuser wurden geschlossen, viele zerstört. Stolz proklamierte die kommunistische Führung die Errichtung des „ersten atheistischen Staates der Erde“. Diese Ereignisse bildeten den Höhepunkt einer Repressionspolitik, die bereits mit der kommunistischen Machtübernahme begonnen hatte. Besonders hart hatte sie den katholischen Klerus getroffen, in dessen Reihen zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten wirkten. Ihr Leidensweg ist vergleichsweise besser untersucht worden als viele andere Kapitel der kommunistischen Geschichte Albaniens, jedoch nicht umfassend aufgearbeitet. Einen aufschlussreichen Einblick in die staatliche Willkür gegen die Kirche, in die Repression im Allgemeinen und das Leben im kommunistischen Albanien gewähren die Memoiren des Franziskanermönches Zef Pllumi. Auf Albanisch sind sie als Trilogie erschienen. Ins Englische wurde bisher nur der dem Zeitraum 1944-1951 gewidmete erste Teil übersetzt. Ende 1944 fanden Hausdurchsuchungen und Verhaftungen statt, Schauprozesse und Hinrichtungen von katholischen Geistlichen folgten. Als im Dezember 1945 Zöglinge der Jesuiten- und Franziskaner-Institutionen antikommunistische Flugblätter verbreiteten, verhängte das Regime mehrere Todesurteile und schloss den Jesuiten-Orden. 1947 verbat es auch den Franziskanerorden, nachdem die Geheimpolizei in einer Franziskanerkirche Waffen versteckt und dann „entdeckt“ hatte. In weiteren Prozessen gegen angebliche „Agenten des Vatikans“ und „antikommunistische Widerstandsgruppen“ wurden gegen katholische Geistliche und Gläubige hohe Haft-, Zwangsarbeitsstrafen sowie Hinrichtungen ausgesprochen. Zef Pllumi, der im engen Kontakt zu vielen dieser Regimeopfer stand, schildert die Ereignisse bewegend und kenntnisreich. Ende 1946 wurde er selbst festgenommen und grausam gefoltert. Das Buch legt ein erschütterndes Zeugnis von der kommunistischen Repression ab, erzählt aber auch vom Widerstand dagegen in der Frühphase – ein Thema, das bisher wenig wissenschaftlich untersucht wurde. Mentalitätsgeschichtlich sind die Erinnerungen von großem Wert, da Zef Pllumi auf die politische Kultur eingeht. Die Lektüre ist gleichermaßen an Albanien wie am Kommunismus interessierten Leser/innen zu empfehlen. Informationen über den Rezensenten: Mag. Dr. Idrit Idrizi, MA, Post-Doc-Stipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Post-DocTrack-Pilotprogramm), Promotion mit dem Thema „Herrschaft und Alltag im albanischen Spätsozialismus (1976–1985)“ an der Universität Wien im Juni 2016. Forschungsschwerpunkte: Zeitgeschichte Albaniens, Kommunismus und Erinnerung an den Kommunismus in Südosteuropa.

Foto der sechs Bände: Claus Dieter Kernig (Hrsg.): Sowjetsystem und demokratische Gesellschaft, 6 Bde., Freiburg/Basel/Wien: Herder 1966-1972, (c) Matthias Severin Antiquariat Am Bayerischen Platz

Rezension

Claus Dieter Kernig (Hrsg.): Sowjetsystem und demokratische Gesellschaft

Rezensent: Christoph Kleßmann

Eine Enzyklopädie von sechs dickleibigen Bänden zu rezensieren, fällt vermutlich etwas aus dem Rahmen. Mir scheint dieses mittlerweile weitestgehend vergessene Großunternehmen aber erinnerungswürdig, weil es in doppelter Hinsicht „historisch“ ist. Zum einen: Niemand betreibt nach dem Ende des Kommunismus in Europa noch Systemvergleiche. Die Artikel sind inhaltlich zudem in vielerlei Hinsicht überholt und besitzen insofern selbst einen historischen Quellenwert, wie es für viele wissenschaftliche Bücher aus den 1960er-Jahren der Fall ist. Aber zum anderen: die Enzyklopädie setzt sich mit Problemen des Kommunismus in einer Breite und auf einem Niveau auseinander, von dem man auch heutzutage lernen kann. Derartig kompakte Synthesen zu Schlüsselbegriffen und –themen aus der Geschichtswissenschaft, den Sozialwissenschaften und der Philosophie in komparativer Absicht sind anderweitig kaum aufzutreiben und insofern für Interessenten der Zeitgeschichte und politischen Bildung immer noch sehr brauchbar. 1966 erschien der erste Band in Deutsch, 1972 der Letzte. Neben dem Herausgeber C. D. Kernig, einem 1927 in Berlin geborenen Politologen, waren für die unterschiedlichen hier behandelten Wissenschaftsdisziplinen durchweg renommierte Wissenschaftler als Berater, Redakteure und Verfasser der Artikel tätig. „Ein derartig ambitioniertes und umfassendes Unternehmen ist einmalig in der Welt“, schrieb damals die ZEIT und hatte damit vermutlich Recht. Der Marxismus wurde hier, folgt man der Bemerkung des Herausgebers in der Einführung, verstanden „als einzige interne Alternative der europäischen Zivilisation, die in Bezug auf die Folgen der industriellen Revolution von der Größenordnung einer wirklich andersartigen Lebensform ist, nämlich der Lebensform des Sozialismus.“ Diese Form der Reflexion lässt zumindest erahnen, warum der Marxismus/Kommunismus weltweit so eine enorme Ausstrahlungskraft entwickelt hat. Terror und Verbrechen werden nicht verschwiegen, stehen aber nicht im Mittelpunkt des Werkes. Die stalinistischen Überformungen werden ebenso wie die kritische Rückbesinnung auf Marx und Engels umfassend reflektiert. Artikel aus der Abteilung „Geschichte“ zum Bauernkrieg (T. Nipperdey), zur Arbeiterbewegung (H. Mommsen) oder zur Geschichtswissenschaft (G. Iggers/W. Schulz) sind noch heute eine ergiebige Lektüre und zeigen, wie man sich nach dem Abflauen des Kalten Krieges ernsthaft und produktiv mit dem „realsozialistischen“ Gegner auseinandersetzte.Informationen über den Rezensenten:Christoph Kleßmann, em. Prof. für Zeitgeschichte, 1976 bis 1992 Universität Bielefeld, danach Universität Potsdam, bis 2004 Direktor des ZZF. Forschungsschwerpunkte: deutsche und polnische Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Cover von David Priestland: Weltgeschichte des Kommunismus. Von der Französischen Revolution bis heute, aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt, München: Siedler Verlag 2009.

Rezension

David Priestland: Weltgeschichte des Kommunismus. Von der Französischen Revolution bis heute

Rezensent: Ilko-Sascha Kowalczuk

David Priestland ist das Kunststück gelungen, eine „Weltgeschichte des Kommunismus“ seit 1789 zu schreiben, die niemals langweilig, niemals ideologisch und dabei so faktenreich und empirisch weit ausgreifend daherkommt, dass wohl fast jeder daraus ungemein viel Nutzen ziehen kann. Spezialisten werden Priestlands außergewöhnliche Kenntnisse zu schätzen wissen, die auch ihnen – obwohl es unzählige Überblickswerke gibt – Unbekanntes darbieten, wenn er etwa Filme, schöngeistige Literatur oder realhistorische Vorgänge aus zahlreichen Ländern mehrerer Kontinente nicht nur zur Illustration, sondern zur Analyse heranzieht. Der Autor historisiert den Kommunismus – wobei sich die Singularform spätestens nach Priestland fast von selbst verbietet, so vielschichtig und vielfarbig er hier dargestellt wird – und versucht Antworten auf seine Entstehung zu finden sowie seine langandauernde Anziehungskraft in der ganzen Welt zu erklären. Er verortet die Ideen und kommunistische Praxis stets in globalen Zusammenhängen. So gerät seine Darstellung zu einer anregenden Analyse der historischen und aktuellen Debatte über das Verhältnis von „Freiheit“, „sozialer Gerechtigkeit“ und „Gleichheitsvorstellungen“. Gerade weil er in den Abschnitten über das 19. wie über das 20. Jahrhundert theoretische Debatten und realhistorische Vorgänge miteinander in Bezug setzt, kommt er dem Kommunismusphänomen weitaus näher auf die Spur als die meisten seiner Vorgänger. Er verliert sich nicht in Details, bietet davon aber überraschend viele aus der Weltgeschichte des Kommunismus. Da Priestland den engen Zusammenhang zwischen sozialer Ungerechtigkeit und kommunistischen Gleichheitsphantasien betont, die realen kommunistischen Machttechniken als ungerecht und zwangsläufig gegen die Gleichheitsutopie gerichtet kennzeichnet, erteilt er kommunistischen Theorien eine Absage. Sein Buch hat auch eine Bedeutung für aktuelle Debatten: Am Ende seines Buches schreibt der Autor, der Untergang des Kommunismus, die Revolutionen gegen den Kommunismus bedeuteten nicht den Sieg der herrschenden westlichen Gesellschaftsordnung. Nur die weitere Suche nach einer gerechten Weltordnung, nach sozialer Gerechtigkeit und dem Abbau der globalen Hierarchien könnten einen neuerlichen Aufschwung kommunistischer Ideen verhindern.Informationen über den Rezensenten:Ilko-Sascha Kowalczuk, geb. 1967 in Ost-Berlin, Zeithistoriker, lebt in Berlin, Autor zahleicher Bücher und anderer Publikationen.

Cover von Jan Plamper: The Stalin Cult. A Study in the Alchemy of Power, New Haven and London: Yale University Press 2012.

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Jan Plamper: The Stalin Cult. A Study in the Alchemy of Power

Rezensent: Klaus-Georg Riegel

In der Glaubensgeschichte des Marxismus-Leninismus spielen die inszenierten Personen- und Führerkulte, die Lenin, Stalin, Mao Tse-tung, Ho Chi Minh, Kim Il-sung vergöttlichen, eine wichtige Rolle. Insbesondere der Totenkult, der die „geliebten“ Führer als Mumien in Mausoleen bestattet und sie den gläubigen Pilgerscharen als sakrale Reliquien zur Andacht und Verehrung präsentiert, spricht Heils-und Erlösungshoffnungen an. Diese scheinbar archaische Kultpraxis  ordnet Plamper in den Kontext moderner Führerkulte ein. Diese modernen, „patrizentrierten“ Führerkulte (Napoleon III., Mussolini, Nikolaus II. u. a.) sind auf mobilisierbare Massen ausgerichtet und werden durch Massenmedien verbreitet, die besonders in geschlossenen Gesellschaften ihre Wirkung entfalten. Entscheidend ist, dass die Legitimationsmuster vormoderner Führerkulte ihre sakrale Aura im Modernisierungsprozess nicht eingebüßt haben.Personen, die Objekt kultischer Verehrung wurden, werden mit einer Sakralität ausgestattet, die sie als Inhaber politischer Macht, den letzten Bezugspunkten kosmischer Ordnung und Autorität, kennzeichnen. Gläubige, welche in Kontakt zu sakral besetzten Führungs- und Autoritätspersonen treten, erleben das tremendum mysteriosum, das diesen Herrschaftspositionen von den Kultgläubigen zugeschrieben wird. Dieses ist gleichzeitig „faszinierend“ und „grauenvoll-furchtbar“, wie schon Rudolf Otto in seiner Studie über „Das Heilige“ konstatierte. Nur vor diesem Bedeutungshintergrund sakraler Autorität sind die empirischen Befunde verständlich, die Plamper als Beleg für die emotionale Strahlkraft der stalinschen Sakralaura anführt. So drehten Kriegsveteranen das Stalinporträt in ihrem Schlafraum um, damit sie sich „unbeobachtet“ unterhalten konnten. Boris Pasternak geriet in Ekstase, als er seinen Führer aus der Nähe betrachten konnte. Der spätere Dissident Bukowski wurde von Albträumen geplagt, in denen er vergeblich versuchte, Stalin davon abzuhalten, ein vergiftetes Glas Wasser zu trinken. Nach Stalins Tod und während der Begräbnisfeierlichkeiten gab es tumultartige Bekundungen der Trauer. Das Stalinporträt, so die These Plampers, avancierte zum zentralen Medium des Personenkultes (kul’t lichnosti) für eine Bevölkerung, deren Vorstellungswelt weitgehend durch Bilder geprägt war. Detailliert untersucht Plamper die visuellen Distinktionsstrategien, mit denen die sakrale Sonderstellung in den Fotos in der „Prawda“ und den kanonisierten Porträtgemälden im Stile des sozialistischen Realismus hervorgehoben wird. Stalin wird stets von der Gruppe der anderen Parteiführer distanziert präsentiert. Auch die Farbe seiner Uniform, seine Gesten und sein Redestil (ruhig, zuversichtlich, fast emotionslos), die Blickrichtung seiner Augen auf einen Punkt außerhalb des Bildes in die utopische Zukunft der sozialistischen Gesellschaft gerichtet, kennzeichnen seine Statusdominanz als Führer (vozhd’). Eine Pfeife in der Hand, eine Zeitung, Brief oder Landkarte in Reichweite dienen als persönliche Attribute. Ein Leninbild im Hintergrund unterstreicht seinen Anspruch als legitimer Erbe des „Leninismus“. Von Stalin persönlich sowie durch sein Sekretariat wurde die Kanonisierung des Kultbildnisses kontrolliert, das ihm als Parteiführer, Vater der Völker, Generalissimus, als Patron von Kunst und Wissenschaft etc. huldigte. Stalin verkörperte das sacred center of the Soviet cosmos, omnipräsent und gottgleich. In weiteren Kapiteln rekonstruiert Plamper die Institutionen der massenhaften Kultproduktion, die Patronagesysteme für Staatskünstler und die Reaktionen der Besucher des Leninmuseums, welche die ausgestellten Kultportraits von Lenin und Stalin kommentierten. Die Studie Plampers stellt eine innovative Interpretation der Ikonographie des Stalinkultes dar, welcher als fait social (E. Durkheim) im Kosmos der Sowjetunion eine Eigendynamik entwickelte.Informationen über den Rezensenten: Klaus-Georg Riegel, Prof. Dr., geb. 1943, Prof. für Soziologie an der Universität Trier (1988–2007); Forschungsschwerpunkte: Kultursoziologie, Modernisierungstheorien und Politische Religionen.

Buchcover von Alfons Söllner, Ralf Walkenhaus, Karin Wieland (Hrsg.): Totalitarismus. Eine Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts, Berlin: Akademie Verlag 1997.

Rezension

Alfons Söllner, Ralf Walkenhaus und Karin Wieland (Hrsg.): Totalitarismus. Eine Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts

Rezensent: Klaus Schönhoven

Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaftssysteme in Mittel- und Osteuropa wurde der Buchmarkt von einer Fülle von Publikationen überschwemmt, die das „kurze“ 20. Jahrhundert zwischen dem Beginn des Ersten Weltkrieges und der Zäsur von 1989/90 als „Zeitalter der Extreme“ vermessen haben. In diesen Rückblicken erlebte die Totalitarismustheorie eine ideengeschichtliche Renaissance, die ihr „eine eigentümliche Stellung zwischen Politik und Wissenschaft, zwischen Ideologie und Wahrheit“ verschaffte (Alfons Söllner). Das dokumentiert diese facettenreiche Bestandsaufnahme aus einer historiographischen Perspektive. Ihre Autoren analysieren in 16 Einzelbeiträgen den immer wieder unternommenen Versuch, die Systemeigenschaften von Faschismus und Kommunismus als komparative Epochenkategorie unter einem gemeinsamen Dach zu verorten. Der Blick richtet sich auf die Entstehung und den Erfahrungshintergrund der Totalitarismustheorie, auf die Motive, den wissenschaftlichen Kontext und das zeitgeschichtliche Umfeld der Befunde von Carl Schmitt oder Ernst Rudolf Huber, von Sigmund Neumann, Hannah Arendt, Carl Joachim Friedrich und Raymond Aron. Ausführlich analysiert wird auch Ruth Fischers viel beachtetes Buch „Stalin und der deutsche Kommunismus“. Denn diese autobiographisch motivierte Abrechnung mit dem Kommunismus machte sie zu einer Kronzeugin der ideologischen Leidenschaften und Irrtümer der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und brachte ihr zugleich die erbitterte Feindschaft ehemaliger kommunistischer Weggenossen ein.Dem in den 1980er-Jahren entfachten Historikerstreit über die Vergleichbarkeit von Nationalsozialismus und Kommunismus, der in der von Stephane Courtois formulierten These von der engen Nachbarschaft des kommunistischen „Klassen-Genozids“ und des nationalsozialistischen „Rassen-Genozid“ gipfelte, stellt Pierre Bouretz in seinem Beitrag die Forderung entgegen, man solle sich bei der Entschlüsselung des totalitären Rätsels nicht nur auf philosophische Konzepte und politikwissenschaftliche Theorien stützen, sondern vor allem auch auf die Erinnerungen und Erfahrungen von Augenzeugen zurückgreifen. Seinem Plädoyer für eine vergleichende Auswertung der Werke von Primo Levi, Elie Wiesel, Arthur Koestler, Margarete Buber-Neumann, Wassilij Grossmann oder Jorge Semprun kann man nur zustimmen. Dies gilt auch für die am Schluss des Bandes zitierte Warnung von Niklas Luhmann, die Geschichte als etwas zu versiegeln, „was einer nun vergangenen Epoche angehört“. Mit Blick auf die gegenwärtige Renaissance des Rechtsradikalismus ist diese Warnung nur zu berechtigt.Informationen über den Rezensenten:Prof. Dr. Klaus Schönhoven, von 1984 bis 2007 Prof. für Politische Wissenschaft und Zeitgeschichte an der Universität Mannheim; Zahlreiche Publikationen zur deutschen Parteien- und Sozialgeschichte sowie zur Vergangenheits- und Erinnerungspolitik;  u.a.: Arbeiterbewegung und soziale Demokratie in Deutschland, Bonn 2002; Wendejahre. Die Sozialdemokratie in der Zeit der Großen Koalition 1966-1969, Bonn 2004; Hrsg. von: Willy Brandt, Im Zweifel für die Freiheit. Reden zur sozialdemokratischen und deutschen Geschichte, Bonn 2012.

Cover von János Kornai: The Socialist System. The Political Economy of Communism. Oxford: Oxford University Press 1992.

Rezension

János Kornai: The Socialist System. The Political Economy of Communism.

Rezensent: André Steiner

János Kornai, ein 1928 geborener Ökonom, der zunächst selbst in der ungarischen Wirtschaft tätig war, dabei erste kritische Analysen der Planwirtschaft sowjetischer Prägung vorlegte und später als Wirtschaftswissenschaftler an der Konzipierung ökonomischer Reformen beteiligt war, lehrte seit 1984 an der Havard University. In „The Socialist System“ bettet Kornai die ökonomische Analyse der Funktionsweise des staatssozialistischen Wirtschaftssystems, die er bereits 1980 mit „Economics of Shortage“ vorgelegt hatte, in die politischen Mechanismen dieser Gesellschaften ein und verweist auf wechselseitige Zusammenhänge. Stärker als in früheren Schriften rückt er die politischen Interventionen in die Wirtschaft, die dahinter stehende Machtstruktur und Ideologie sowie ihre ökonomischen Konsequenzen, die wiederum neue Eingriffe hervorriefen, in den Fokus der Darstellung. Die Ausführungen reichert er mit einer Vielzahl von Beispielen aus der Praxis in Ungarn, aber auch aus den anderen sozialistischen Ländern an. Sein Fazit lässt sich auf folgenden Nenner bringen: Der klassische Sozialismus stalinistischer Prägung, der im ersten Teil des Buches behandelt wird, war ineffizient und repressiv, aber in sich kohärent. Als begonnen wurde, ihn zu reformieren, löste sich diese Kohärenz auf, die inneren Widersprüche des Systems verstärkten sich und ließen die Reformen – Gegenstand des zweiten Teils – scheitern, auch wenn diese einige Verbesserungen brachten. Das Buch war und ist für die historische Forschung zu den sozialistischen Gesellschaften ungemein anregend, wie ich bei meinen eigenen Untersuchungen zur DDR-Wirtschaftsreform erfahren konnte. Die Originalausgabe lag 1992 vor, als begonnen wurde, die historische Erforschung des Staatssozialismus auf eine neue Quellengrundlage zu stellen. Natürlich wurden die von Kornai herausgearbeiteten Phänomene, wie das "forcierte Wachstum", der "Investitionshunger", der Mangel an materiellen Ressourcen und die "weiche" Budgetbeschränkung der Unternehmen, von den Historikern vielfach differenziert und präzisiert, aber im Grundsatz wurde ihr die Wirtschaftsentwicklung der Ostblockländer prägender Charakter bestätigt. Lesenswert scheint es mir noch immer, auch weil es eine gelungene Mischung von theoretischer Analyse und eigener Zeitzeugenschaft bietet. Information über den Rezensenten: André Steiner, Projektleiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und apl. Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Potsdam; wichtige Veröffentlichungen: Die DDR-Wirtschaftsreform der sechziger Jahre. Konflikt zwischen Effizienz- und Machtkalkül, Berlin 1999; Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR, aktualisierte und bearbeitete Neuausgabe Berlin 2007.

Buchcover von Arthur Koestler, Richard Crossmann u.a. (Hrsg): The god that failed.

Rezension

Arthur Koestler, Richard Crossmann u.a. (Hrsg): The god that failed, dt. Augabe: Ein Gott, der keiner war.

Rezensent: Sebastian Voigt

“The value of this book is not that its authors showed themselves outstanding, but that they were typical. It is a truly contemporary book; it shows how at the moment Europeans of this kind regard Communism.” So endet die Rezension in der „New York Times“ vom Januar 1950. Die englische Fassung erschien 1949, die deutsche wurde ein Jahr später unter dem Titel „Ein Gott, der keiner war“ veröffentlicht. Zusammengestellt hat es der Labour Parlamentsabgeordnete Richard Crossmann. Es versammelt Aufsätze von sechs ehemaligen Kommunisten, die ihren Weg zum und ihre Abwendung vom Kommunismus beschreiben: von dem Italiener Iganzio Silone, dem Franzosen André Gide, dem Briten Stephen Spender, den Amerikanern Louis Fischer und Richard Wright sowie dem in Budapest geborenen Arthur Koestler. Die meisten waren Mitglieder der Kommunistischen Partei oder zumindest Sympathisanten, arbeiteten als Journalisten oder waren Funktionäre in der Kommunistischen Internationale. Sie waren geprägt vom sozialen Elend nach der Krise 1929, von rassistischer oder antisemitischer Diskriminierung und dem Erstarken des Faschismus. Alle strebten nach einer Gesellschaft ohne Ausbeutung. Die Emanzipation des Proletariats und die Befreiung aller Individuen im Kommunismus hielten sie für den historischen Fortschritt. In der Sowjetunion erblickten sie die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Viele ignorierten oder leugneten zunächst die stalinistischen Verbrechen. Insofern repräsentieren sie linke Intellektuelle ihrer Zeit, wie es in der „New York Times“ hieß. Zugleich sind sie aber mehr: begnadete Schriftsteller, die ohne Scheu ihren Weg beschreiben, der sie zu Kommunisten und dann zu Antikommunisten werden ließ. Die Gründe für den Bruch waren die stalinistischen Schauprozesse, der Dogmatismus der KP, die als Ersatzkirche wirkte, oder das Eingeständnis der realen Verhältnisse in der Sowjetunion, die jeder Vorstellung einer befreiten Menschheit Hohn sprachen. Auch wenn das Buch nicht aus dem Kontext des Kalten Krieges und eines omnipräsenten Antikommunismus zu lösen ist, bleibt die Lektüre ein intellektueller Gewinn für jeden, der sich mit dem Kommunismus auseinandersetzt. Die Aufsätze lassen den heutige/n Leser/in verstehen, welche Überzeugungen Intellektuelle bewogen, sich dem Kommunismus zu verschreiben. Außerdem wird die Enttäuschung über den Widerspruch zwischen den hehren Zielen und dem realen Verlauf nachvollziehbar, die den Bruch letztlich unausweichlich machte. Informationen über den Rezensenten: Sebastian Voigt, Dr., wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte München – Berlin, Fellow am Institut für Soziale Bewegungen und Lehrbeauftragter an der Ruhr-Universität Bochum. Veröffentlichte u.a.: Der jüdische Mai `68. Pierre Goldman, Daniel Cohn-Bendit und André Glucksmann im Nachkriegsfrankreich (2., durchges. Auflage 2016).

Cover von Christopher Andrew, Wassili Mitrochin: Das Schwarzbuch des KGB. Moskaus Kampf gegen den Westen. 2. Aufl., München: Ullstein Taschenbuchverlag 2001.

Rezension

Christopher Andrew und Wassili Mitrochin: Das Schwarzbuch des KGB. Moskaus Kampf gegen den Westen

Rezensent: Dieter Bacher

Während des Geschichtsstudiums in Graz wurde mein Interesse für den Forschungsschwerpunkt intelligence studies durch die Beschäftigung mit dem  Buch „Das Schwarzbuch des KGB“ in einer Lehrveranstaltung bei Prof. Siegfried Beer geweckt. Allein die Entstehungsgeschichte faszinierte mich: Wassili Mitrochin, seit 1948 Offizier in der Ersten Hauptverwaltung (Auslandsaufklärung) des MGB, wurde 1972 wegen zu offener Kritik ins Archiv der Ersten Hauptverwaltung versetzt. Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1984 legte er ein „Privatarchiv“ aus Aktenkopien an, tausende Seiten. 1992 lief er via Baltikum zum britischen Nachrichtendienst über. Das hochbrisante Material führte u. a. zur Enttarnung von aktiven Informanten wie etwa Robert Lipka, einem Spion des SWR in der amerikanischen NSA. Nachdem westliche Geheimdienste das Aktenmaterial ausgewertet hatten, begann Christopher Andrew 1995 mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung für die Öffentlichkeit. Das rezensierte Buch ist das Ergebnis dieser Auswertung. Es enthält einen detailreichen Überblick über Operationen und Informantennetze der sowjetischen Auslandsspionage von den 1930er-Jahren bis zum Ende des Kalten Krieges. Klassische Schwächen von „Überläuferliteratur“ wie etwa sehr subjektive, unsystematische und für den Verfasser vorteilhafte Bewertungen oder lückenhafte und nicht verifizierbare Informationen werden vermieden. Die Darstellung der Auslandsoperationen ist chronologisch gegliedert, alle Schilderungen werden in den jeweiligen historischen Kontext und die Geschichte der Auslandsspionage selbst eingebettet und im Anhang ausgiebig kommentiert. Ein Personen- und Tarnnamen-Register ermöglichen die rasche Suche nach Beteiligten. Da inzwischen große Teile des „Mitrochin-Archivs“ online über die Homepage des „Cold War International History Project“ des Wilson Center zugänglich sind, können viele der erwähnten Aktionen im digitalisierten Material nachverfolgt werden, was für die Arbeitsweise der Autoren spricht. Das Buch vermochte mich deshalb so zu begeistern, weil es in wissenschaftlicher Form und kontextualisiert einen Einblick in einen Bereich gibt, der nur selten so im Detail analysiert werden kann. Es stieß für mich die Tür zur Erforschung und Analyse nachrichtendienstlicher Tätigkeiten im Kalten Krieg auf. Informationen über den Rezensenten: Dieter Bacher, Mag. phil, geb. 1981 in Leoben, Österreich, Studium der Geschichte und Slawistik an der Universität Graz von 2000 bis 2005. Zur Zeit Dissertationsprojekt zu britischen Nachrichtendiensten in Österreich während des frühen Kalten Krieges. Seit 2005 Mitglied des „Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies“ (ACIPSS), seit November 2006 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung.

Cover von Orlando Figes: Schick einen Gruß, zuweilen durch die Sterne. Eine Geschichte von Liebe und Überleben in Zeiten des Terrors. Aus dem Englischen und Russischen von Bernd Rullkötter, München:  Hanser Verlag, 2012.

Rezension

Orlando Figes: Schick einen Gruß, zuweilen durch die Sterne. Eine Geschichte von Liebe und Überleben in Zeiten des Terrors

Rezensent: Dieter Dowe

„Du und ich sind wie ein Gebirg aus Gram / Und können uns auf dieser Welt nicht wiedersehn, / Doch bitte schick um Mitternacht mir / Einen Gruß zuweilen durch die Sterne.“ Anna Achmatowas Gedicht „Im Traum“ (1946) ist das Motto des Buches, in dem Orlando Figes auf der Basis eines einmalig dichten, im Moskauer Archiv von Memorial aufbewahrten Briefwechsels in einer Mischung aus Dokumentation und geradezu romanhafter Darstellung die Geschichte von Lew Mischtschenko und Swetlana Iwanowa schildert. Damit hat er für die Nachwelt eine der ergreifendsten, glücklich endenden Liebesgeschichten des 20. Jahrhunderts bewahrt, die zugleich das Leben im Moskau der Nachkriegszeit und das Überleben im Gulag zu Zeiten Stalins widerspiegelt. Deutlich wird auch, dass der Gulag nicht mit den nationalsozialistischen Konzentrationslagern zu vergleichen ist. Im Mittelpunkt des Buches stehen über 1200 Briefe, die sich Lew und Swetlana in den achteinhalb Jahren von Lews Arbeitslagerhaft im berüchtigten Petschora (südlich von Workuta) geschrieben haben. Wohlmeinende Mitmenschen haben die Zeugnisse ins Lager hinein und aus ihm heraus geschmuggelt. Zum großen Teil unzensiert, ist die Korrespondenz von einer Authentizität, die ihresgleichen sucht. Dass sie überhaupt fast lückenlos erhalten sind, ist der Unerschrockenheit der beiden Liebenden zu verdanken, die furchtlos allen Bedrohungen widerstanden. Swetlana gelingt es sogar mehrmals, ihren Lew kurzzeitig zu treffen. Lews Briefe informieren über die Lebensbedingungen in Petschora, die Beziehungen der Häftlinge untereinander und zu der Lagerverwaltung, das Menschliche und allzu Menschliche. Lew teilt mit Sweta nicht nur seine eigenen Gedanken und Empfindungen, sondern auch die seiner Mithäftlinge, und lässt sie so auch an deren innerem Leben teilhaben. Sweta lässt den Geliebten ihren „normalen“ Alltag miterleben, als wäre er nur kurz abwesend: Arbeit und Studien, materielle Sorgen und mentale Probleme, Freizeitbeschäftigungen im Nachkriegs-Moskau. Selten findet man ein Buch, das in so eindringlicher, oft (zu Tränen) rührender Weise die Gefühls- und Gedankenwelt zweier Menschen mit der Schilderung sozialhistorischer Gegebenheiten verbindet. Es ist unbedingt zu empfehlen! Informationen über den Rezensenten: Prof. Dr. Dieter Dowe, St. Augustin/Braunschweig bis 2008 Leiter des Historischen Forschungszentrums der Friedrich-Ebert-Stiftung und Mitglied des wiss. Beirats der Stiftung Aufarbeitung.

Buchcover von Eugenia Ginzburg: Journey into the Whirlwind, New York: Harcourt 1967.

Rezension

Eugenia Ginzburg: Journey into the Whirlwind

Rezensentin: Hope Harrison

This is an extraordinary, beautifully written, moving memoir of a devoted communist who ended up in Stalin's Gulag. Although she endures physical and psychological torture in prisons, being transported to Siberia, and in the Gulag, Ginzburg's indominable spirit shines through. One essential factor that helps her to survive is to remember and recite Russian poetry and literature. This inspires other prisoners and even the occasional guard. Good luck and friendship with other prisoners aids her as well. Ginzburg keeps thinking there must be some logic to why people are taken from their homes and put in prisons and in camps. Eventually she comes to the conclusion that there is no logic, that anyone and everyone (including some of the top leaders of the secret police) can become ensnared in the paranoia of Stalin's communism. She never gives up on communism, however. Instead, she comes to believe that Stalin's method of rule has created the problems and that things will improve after he is gone. This book takes you inside the process of what it was like to be dragged into this terrible world of being indicted as "an enemy of the people." Ginzburg gives vivid descriptions of the various methods used in the interrogations. The interrogator makes it clear that she is guilty and needed to confess. She never does confess, since she is not a "traitor" or "an enemy of the people." She draws strength from her knowledge of the Decembrists' reformist uprising against Czar Nicholas I in 1825 and their ultimate release from prison in 1856. Ginzburg gives detailed descriptions of other prisoners she meets along her terrible "journey into the whirlwind" (Russians, Jews, Germans, communists, anti-communists, social-revolutionaries, Tatars, etc,), the friendships some of them developed, their secret methods of communication between prison cells, the exhaustion, fear, and hunger they felt, betrayals by other prisoners, and the sheer physical endurance necessary to survive. Somehow through it all, Ginzburg's writing is so beautiful and engaging that the reader doesn't want to put the book down. It is an unforgettable story and one of the best sources to give students and others the opportunity to learn about what it was like to be part of Stalin's brutal purges. Informationen über die Rezensentin: Hope M. Harrison ist Professorin für Zeitgeschichte an der George Washington Universität in Washington, DC. Sie ist die Autorin von Ulbrichts Mauer--Wie die SED Moskaus Widerstand gegen den Mauerbau brach. Sie unterrichtet über den Kalten Krieg, Deutschland nach 1945, Geschichtpolitik, und sowjetische Geschichte und Außenpolitik.

Buchcover Stéphane Courtois (Hrsg.): Das Schwarzbuch des Kommunismus, Bd. 1 Unterdrückung, Verbrechen und Terror, München/Zürich: Pieper Verlag 1998.

Rezension

Stéphane Courtois, Nicolas Werth, Jean–Louis Panné, Andrzej Paczkowski, Karel Bartosek und Jean-Louis Margolin: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror

Rezensent: Eckhard Jesse

Das „Schwarzbuch des Kommunismus“, in 26 Sprachen übersetzt, schlug wie eine Bombe ein und löste besonders in Frankreich und Deutschland große Kontroversen aus. Zum ersten Mal präsentierte ein Band in systematischer Form die Verbrechen des Kommunismus – nicht nur in der Sowjetunion, sondern auch in Osteuropa, Lateinamerika, Asien und Afrika. Der Kommunismus habe 80 bis 100 Millionen Opfer auf dem Gewissen.Das Mammutwerk wird von zwei Beiträgen Stéphane Courtois’ eingerahmt. Der erste präsentiert eine Bilanz voller Schrecken, der zweite fragt nach den Gründen für die Verbrechen: Dem Kommunismus im Sinne von Lenins „proletarischer Demokratie“ wohnte von vornherein Terrorismus inne. Das Schwarzbuch umfasst fünf Großabschnitte, wobei der Beitrag Nicolas Werths über die Sowjetunion herausragt. Viele seiner Erkenntnisse, etwa über die Deportationen während des „Großen Vaterländischen Krieges“ oder über die „Entkulakisierung“, waren in den Einzelheiten so nicht bekannt. Courtois’ Abhandlung analysiert “Weltkrieg, Bürgerkrieg und Terror“. Die anderen drei Kapitel spüren der Rolle des Kommunismus in Osteuropa nach, in Asien und in der „Dritten Welt“ (Lateinamerika, Afrika, Afghanistan). Die Bilanz ist jeweils desaströs.Mit diesem Werk wurde ein Grundstein der Kommunismusforschung gelegt. Die quellengesättigten Texte bestechen zum einen durch profunde Auflistung der verschiedensten Gewaltzyklen (wobei dies nicht für jeden einzelnen Aufsatz gilt), zum andern durch eine schlüssige Interpretation, die sich besonders bei Courtois findet: Dem Kommunismus wohne der ihm oft zugeschriebene Universalismus nicht inne. Vor diesem Hintergrund verliert der Unterschied zwischen Rechts- und Linkstotalitarismus an Überzeugungskraft. Die Integrationsmechanismen des Kommunismus kommen bei der Anlage des Schwarzbuches naturgemäß etwas zu kurz. Der zweite Band des Schwarzbuches, hrsg. von Stéphane Courtois (auf französisch 2002, auf deutsch 2004), löste kein annähernd so großes Aufsehen aus wie der erste, zum einen, weil die Aufregung sich gelegt hatte, zum andern, weil sich die neuen Erkenntnisse in Grenzen hielten. Der französische Forscher setzte sich im einleitenden Mammutbeitrag mit seinen Kritikern auseinander. Gleichwohl hält auch heute noch der intellektuelle Bann des Kommunismus in intellektuellen Kreisen an, wenngleich in schwächerer Form als vor seinem nahezu weltweiten Zusammenbruch.Informationen über den Rezensenten:Prof. Dr. Eckhard Jesse, geboren 1948, Studium der Politikwissenschaft und der Geschichtswissenschaft in Berlin und Trier, Promotion 1982, Habilitation 1989. Von 1993 bis 2014 Inhaber des Lehrstuhls „Politische Systeme, politische Institutionen“ an der TU Chemnitz. In seiner Forschung beschäftigt sich Jesse mit dem politischen System der Bundesrepublik, historischen Grundlagen der Politik sowie politischem Extremismus.

Cover von Martin Malia: Vollstreckter Wahn. Rußland 1917-1991, aus dem Amerikanischen von Susanne Lüdemann und Ute Spengler, Stuttgart: Klett-Cotta 1994.

Rezension

Martin Malia: Vollstreckter Wahn. Rußland 1917-1991

Rezensent: Ilko-Sascha Kowalczuk

Unter den vielen Publikationen des Russlandhistorikers Martin Malia (1924-2004) ragt die Gesamtgeschichte Sowjetrusslands aus dem Jahr 1994 als Opus Magnum hervor. Der stets in Berkeley lehrende und forschende Historiker legte sein Buch nur kurze Zeit nach dem Untergang der Sowjetunion vor. Malia zeichnet eine konstante Untergangsgeschichte von 1917 bis 1991. Historisch zutreffend erscheint Gorbatschow hier als Totengräber des Kommunismus wider Willen. Dies brachte Malia bei Erscheinen des weltweit stark beachteten Buches Kritik und den Vorwurf teleologischer Geschichtsbetrachtung ein. Dabei wurde oft übersehen, wie detailliert und empirisch dicht Malia gearbeitet hat. Anders als viele andere Russlandhistoriker war der Autor an einer gesellschaftsgeschichtlichen Analyse und Erzählung interessiert – beides gelang ihm in hervorstechender Weise. Er verknüpft Herrschafts- mit Gesellschaftsgeschichte, Ideologie- mit Kulturgeschichte, ohne dass er dabei seine Leserschaft mit theoretischen Ausführungen und Exkursen, wie nicht selten üblich, langweilt. Das Buch ist meinungsstark, der Autor verheimlicht seine Deutungen nicht. Hier begegnet der Leserschaft keine sterile, sich objektiv gebende Geschichtswissenschaft, sondern eine lebhafte, die nicht davor zurückscheut, Geschichte als aufregend, ansteckend und hinterlistig nahezubringen. Martin Malia bekannte in seinem Buch, dass es ihm vor allem darum gehe, nach dem Ende des Sowjetkommunismus die vergangene Epoche neu zu befragen, neu interpretieren zu wollen und die Begrifflichkeiten in Frage zu stellen. Tatsächlich ist sein Buch zwar zunächst ein äußerst lesbares Kompendium zur Geschichte des Sowjetkommunismus, in dem auch der sowjetische Imperialismus und die sowjetischen Satrapien keineswegs zu kurz kommen. Zugleich aber ist Malias Buch ein Beleg dafür, wie Anfang der 1990er-Jahre der Untergang des sowjetischen Imperiums gedeutet wurde und welche Hoffnungen damit verbunden waren. Denn gerade die russische Entwicklung, wie sie sich seither vollzog, war vor 25 Jahren von niemandem prognostiziert worden. Malia hingegen, was in der Rezeption des Werkes fast immer übersehen worden ist, kritisierte, dass sich mit den Revolutionen von 1989/91 keineswegs die Idee vom demokratischen Sozialismus erübrigt habe, da diese so lange leben werde, so lange es Ungleichheit und Ungerechtigkeit gebe. Insofern handelt dieses überaus eindrucksvolle Buch auch davon, wie der Untergang des Kommunismus sozialistische Ideen revitalisierte.Informationen über den Rezensenten:Ilko-Sascha Kowalczuk, geb. 1967 in Ost-Berlin, Zeithistoriker, lebt in Berlin, Autor zahleicher Bücher und anderer Publikationen.

Buchcover von Hugo Huppert: Die angelehnte Tür. Bericht von einer Jugend / Wanduhr im Vordergrund. Stationen eines Lebens / Schach dem Doppelgänger. Anläufe der Reifezeit

Rezension

Hugo Huppert: Die angelehnte Tür. Bericht von einer Jugend / Wanduhr im Vordergrund. Stationen eines Lebens / Schach dem Doppelgänger. Anläufe der Reifezeit

Rezensent: Manfred Mugrauer

Obwohl der österreichische Schriftsteller Hugo Huppert 13 Lyrikbände, fünf Reportagenbücher und eine dreibändige Werkausgabe mit Gedichten, Poemen, ausgewählter Prosa und Publizistik veröffentlicht hat, ist er heute zumeist nur als Nachdichter Wladimir Majakowskis bekannt. Den sowjetischen Revolutionsdichter hatte Huppert im Jahr 1928 kennengelernt, nachdem er – zu Beginn der Weltwirtschaftskrise – in die Sowjetunion emigriert war. Nach Wien sollte er erst 1945 wieder zurückkehren, als Major der Roten Armee im Zuge der Befreiung Österreichs vom Hitlerfaschismus. 1949 rückkommandiert, lebte er bis 1956 gezwungenermaßen in Moskau und Tbilissi.Hupperts bleibendes Verdienst besteht im kongenialen Nachdichten fremdsprachiger Texte, in seiner „poetischen Treuhänderschaft“ (Martin Reso) für Majakowski, Pasternak, Twardowski und Wosnessenski, wurde doch der „Kontinent sowjetischer Lyrik“ den deutschsprachigen LeserInnen vor allem durch Hugo Huppert erschlossen.Von 1974 an konzentrierte sich Huppert ganz darauf, seinen Lebensweg als Dichter und politischer Mensch zu erzählen. Zwischen 1976 und 1979 erschienen drei Bände dieses Unternehmens, das von einer Jugend im alten Österreich berichtet, „Stationen eines Lebens“ in der sowjetischen Emigration darstellt und „Anläufe der Reifezeit“ in den Jahren 1939 bis etwa 1956 beschreibt. Seine dreibändige Autobiographie erschien nicht zufällig im Mitteldeutschen Verlag in Halle, denn Huppert wurde im vom Kalten Krieg geprägten Kulturleben Österreichs kaum zur Kenntnis genommen. Große Anerkennung und verlegerische Betreuung fand sein künstlerisches und journalistisches Schaffen hingegen in der DDR. Für die internationale Kommunismusforschung besteht der Wert von Hupperts Erinnerungen in den detailreichen Schilderungen seiner Begegnungen mit hunderten Persönlichkeiten des politischen und kulturellen Lebens vor allem im sowjetischen Exil und in den Jahren des kulturellen Wiederaufbaus in Wien von 1945 bis 1949. Huppert, der stets kräftig zu polarisieren wusste, geizt in seinem Panorama von Bekanntschaften und Konfrontationen auch nicht mit Emotionen und Aversionen gegenüber vielen Zeitgenossen, die seinen Weg kreuzten. Dies führte zu mitunter vehementen Reaktionen. So musste Huppert beleidigende Aussagen über den Komponisten Marcel Rubin in einer öffentlichen Erklärung zurücknehmen. „Wären alle Angerempelten zum Kadi gelaufen, würde es im Strafbezirksgericht Wien 1 zu einer kommunistischen Massenversammlung gekommen sein“, witzelte Bruno Frei in einer Glosse über Hupperts Memoirenwerk.Die dreibändige Autobiographie umfasst 1971 Seiten, Lesefaulen sei also der einbändige Auswahlband empfohlen, der 1987 mit dem Titel „Einmal Moskau und zurück“ sowohl im Mitteldeutschen Verlag als auch im Globus-Verlag der KPÖ erschienen ist. Informationen über den Rezensenten: Manfred Mugrauer, Mag. phil., wissenschaftlicher Sekretär der Alfred Klahr Gesellschaft (Wien), Mitarbeiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (Wien).Veröffentlichungen zur Politikgeschichte und Kulturpolitik der Kommunistischen Partei Österreichs, u. a.: Die Politik der KPÖ in der Provisorischen Regierung Renner. Innsbruck/Wien/Bozen 2006; Hg.: 90 Jahre KPÖ. Studien zur Geschichte der Kommunistischen Partei Österreichs. Wien 2009.

Rezension

Günther Hillmann: Selbstkritik des Kommunismus. Texte der Opposition

Rezensent: Bernd Rother

Vermutlich in einem Antiquariat fand ich das Buch; es muss 1969 oder 1970 gewesen sein. Über Arbeiterbewegung, Marxismus, Sozialdemokratie und Kommunismus hatte ich bereits einiges gelesen, auch James Jolls Studie über Anarchisten. Aber dieses Buch eröffnete mir eine neue Welt: Kommunisten, die eine Alternative zum Moskauer Dogmatismus forderten und formulierten. Von der KAPD hatte ich vorher nichts gehört, auch nicht von Sex-Pol. Die Kronstadter Kommune kannte ich vom Hörensagen, aber hier fand ich ihren Aufruf. Anders als die Moskautreuen immer wieder behauptet hatten, forderte die Kommune nicht den Ausschluss der Bolschewiki aus den Räten. Neu war mir auch, dass eine Zeitschrift wie die "Constanze" 1956 eine Plattform für oppositionelle DDR-Kommunisten gewesen war; ich kannte sie nur als Frauen-Zeitschrift. Mehr als die programmatischen Texte interessierten mich Günther Hillmanns "Vorbemerkungen" zu jedem Text. Hinter einander gelesen waren und sind sie eine Geschichte der Opposition gegen die offizielle Linie der kommunistischen Weltbewegung. Eine sechsseitige Chronologie zur kommunistischen Opposition und Literaturhinweise am Ende des Buches gaben weiteren Stoff zum Nachdenken und Argumentieren. Für die Diskussionen mit Maoisten oder DKPisten am Lüneburger Gymnasium oder später an der TU Braunschweig war mir die Anthologie eine unersetzliche Hilfe. Die Dokumente zeigten, dass die Mär von der wissenschaftlichen Begründung für eine immer "korrekte" Parteilinie Unsinn war. So viele Alternativen hatte es gegeben. Und immer wieder hatten die Selbstkritiker mehr Demokratie gefordert, wenn auch häufig genug nur für diejenigen, die nicht grundsätzlich den Kommunismus ablehnten. Wie schädlich die Unterdrückung jeglicher freier Meinungsäußerung gewirkt hatte und wie wenig sie aber kommunistischen Ideen von vornherein inhärent gewesen war, all dies bewies ein Text nach dem anderen. Über eine erste Auflage kam das Buch nicht hinaus. Erschienen im Mai 1967, kam es etwas zu früh, um von der Studentenbewegung breit rezipiert zu werden. Oder war es zu kritisch? Wenige Jahre später jedenfalls waren selbst Texte von Otto Rühle dem Rowohlt-Verlag kommerziell aussichtsreich. Als das Buch erschien, hatte Günther Hillmann bereits seine Gefängnisstrafe abgesessen, zu der er 1960 in Dortmund wegen "Staatsgefährdung" verurteilt worden war. KPD-Funktionär war er gewesen, hatte aber zwischenzeitlich mit ihr gebrochen. Für eine Begnadigung reichte dies nicht. Auch das gehört zur Geschichte des Buches. Informationen über den Rezensenten: Bernd Rother, Dr. phil., Historiker bei der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung, Stellvertretender Vorsitzender der Historischen Kommission beim Parteivorstand der SPD. Veröffentlichungen zur Regionalgeschichte Braunschweigs, zur Geschichte der deutschen und europäischen Arbeiterbewegung, zur Geschichte der SPD, zum Holocaust sowie zur Zeitgeschichte Spaniens und Portugals.

Cover von Wolf-Dietrich Gutjahr: Revolution muss sein. Karl Radek – Die Biographie, Köln/Weimar/Wien: Böhlau 2012.

Rezension

Wolf-Dietrich Gutjahr: Revolution muss sein. Karl Radek – Die Biographie

Rezensent: Hannes Schwenger

WARTEN AUF DIE WELTREVOLUTIONEr habe als Kommunist „eine Lebensstellung: Warten auf die Weltrevolution“, war ein gern zitiertes Aperçu Karl Radeks, des Vertrauten Lenins, Freund und Verräter Trotzkis, Herold von Stalins Personenkult und dessen letztes Opfer unter den Altbolschewiken. Aus der Lebensstellung wurde ein Todesurteil, aus Karl Radek eine Unperson. Gutjahrs Biografie holt seine Person ins Gedächtnis der Kommunismusgeschichte zurück.In Deutschland kannte man ihn als Lenins Emissär zum Gründungsparteitag der KPD, deren Politik er zeitweise mitbestimmte. Berühmt-berüchtigt wurde seine „Schlageter-Rede“, die der Weimarer Rechten Avancen machte und damit spätere Übereinkünfte mit den Nazis wie den Berliner Verkehrsstreik 1932 vorwegnahm. Nachdem er zeitweise als „Rechtsabweichler“ in Ungnade war und in Moskau bei Stalin zu Kreuze kroch, wurde er erst Stalins treuester Vasall und dann Kronzeuge in den Moskauer Prozessen. Für seinen Biografen ist er Idealtyp des ideologisch geprägten Schreibtischtäters, der die Opfer seines Wirkens als „historische Notwendigkeit“ in Kauf nahm und schließlich selbst zum Opfer wurde.An seinem grausamen Zynismus gibt es so wenig Zweifel wie an seinem grausamen Ende im Gefängnis, wo er im Mai 1939 auf Weisung Berijas von einem gedungenen Mörder des NKWD erschlagen wurde. Berijas Stellvertreter Kobulov bezeugte, „dass Stalin von der Operation gewusst“ und „auf tadelloser Durchführung“ bestanden habe. So tadellos, dass Radek 1988 postum rehabilitiert wurde, obwohl er im Prozess gegen seine früheren Genossen mit Falschaussagen aufgetreten war und schon zuvor in Schauprozessen gegen die Sozialrevolutionäre zur physischen Vernichtung der Angeklagten gehetzt hatte. Das Moskauer Terrorurteil gegen ihn ist zwar nachträglich aufgehoben worden, aber das Urteil des Historikers kann ihn als Terrorgehilfen Stalins nicht freisprechen. Nur Stefan Heym hat für den Protagonisten seines biografischen Romans mildernde Umstände als „Idealbild eines Revolutionärs“ gefunden. Das sei, moniert Gutjahr zu recht, „kritisch zu hinterfragen“. Das besorgt er gewissenhaft, wenn er Radeks Laufbahn nachzeichnet. Radek wurde als Karol Sobelsohn im polnischen Galizien 1885 geboren, war in der SPD bis zur Parteispaltung aktiv, kehrte mit Lenin 1917 aus der Schweiz zurück und wurde sein Deutschlandemissär, Kominternsekretär und später Stalins außenpolitischer Berater. Auch als Publizist war Radek für die sozialistische und kommunistische Sache von Bedeutung: In Deutschland mit der Veröffentlichung „Der deutsche Imperialismus und die Arbeiterklasse“, in Rußland als Parteijournalist und zuletzt Außenressortchef von Stalins „Iswestija“. Zeitweise zum Direktor der Internationalen Sun-Yatsen-Universität „degradiert“, zählte er unter seinen Studenten auch Ho Chi Minh und Deng Xiao Ping. Bei seiner Verhaftung 1936 soll er erbittert geäußert haben: „Nach all dem, was ich für Stalin getan habe!“Er hatte 1934 mit seinem „Prawda“-Artikel „Der Baumeister der sozialistischen Gesellschaft“ die Schablone für den Personenkult um Stalin geliefert. Als Hauptredner auf dem 1. Sowjetischen Schriftstellerkongress proklamierte er die Literatur als Waffe im Klassenkampf. „Unser Weg führt nicht über Joyce, sondern über die breite Straße des sozialistischen Realismus.“ Der polnische Jude und sowjetische Atheist wusste nicht, wohin der breite Weg nach einem christlichen Gleichnis bekanntlich führt: in die Hölle.Informationen über den Rezensenten:Hannes Schwenger, Dr. phil., Literaturwissenschaftler, Publizist und Schriftsteller. Zahlreiche Veröffentlichungen und Herausgaben, u. a.: Die polnische Teilung des Verbandes Deutscher Schriftsteller (VS). In Selbstzeugnissen, Dokumenten, Briefen und im Zerrspiegel der MfS-Akten / Forschungsverbund SED-Staat. Zsstellung: Hannes Schwenger. Red.: Martin Jander. 1999

Arsenij Roginskij, Frank Drauschke und Anna Kaminsky (Hrsg.): „Erschossen in Moskau ...“ Die deutschen Opfer des Stalinismus auf dem Moskauer Friedhof Donskoje 1950–1953, Berlin: Metropol 2008.

Rezension

Arsenij Roginskij, Frank Drauschke und Anna Kaminsky (Hrsg.): „Erschossen in Moskau ...“ Die deutschen Opfer des Stalinismus auf dem Moskauer Friedhof Donskoje 1950–1953

Rezensentin: Barbara Stelzl-Marx

„Ich, Hans Pietschmann, geb. 11.1.22, verheiratet, 2 Kinder, von Beruf Bäckermeister, bin am 23.11.1951 vom Sowjetischen Militärtribunal wegen Spionage zum Tode verurteilt worden. Ich bitte das Präsidium des Obersten Sowjet um Umwandlung dieses Urteiles in eine Freiheitsstrafe.“ (Roginskij et al., S. 107.) Dieses Gnadengesuch richtete der in Hammerstadt bei Rietschen wohnhafte Hans Pietschmann an das Präsidium des Obersten Sowjet der UdSSR. Der gelernte Bäcker war 1950 wegen seiner Militärlaufbahn während des Zweiten Weltkrieges zum Dienst in der Volkspolizei gezwungen worden und soll einem Residenten des US-Geheimdienstes in Westberlin mehrere Berichte zur VP übergeben haben. Nach seiner Verhaftung hatte ihn das Sowjetische Militärtribunal Nr. 48240 wegen Spionage gegen die Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland zum Tode durch Erschießen verurteilt. Pietschmanns Appell um Gnade verhallte ungehört. Der 30-Jährige wurde mit einem geheimen Transport nach Moskau verbracht und am 22. Februar 1952 im Butyrka-Gefängnis erschossen. Noch in derselben Nacht wurde seine Leiche im Krematorium auf dem Friedhof Donskoje verbrannt, die Asche in einem Massengrab bestattet. Seine Verwandten erhielten Jahre später eine Todesnachricht, allerdings ohne Angabe der Todesursache. Die wahren Umstände sollten erst fünf Jahrzehnte später ans Licht kommen. Hans Pietschmann war einer von rund tausend Deutschen, die von sowjetischen Militärtribunalen in der DDR von 1950 bis 1953 wegen angeblicher Spionage und antisowjetischer Agitation zum Tode verurteilt und in Moskau hingerichtet wurden. In einem gemeinsamen Forschungsprojekt gelang es „Memorial“ Moskau, Facts & Files und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur vor rund zehn Jahren, bis dahin unbekannte Dokumente über die Verurteilungen aufzufinden und auszuwerten. Mehrere wissenschaftliche Beiträge des Bandes ermöglichen einen präzisen Einblick in die sowjetische Militärjustiz in der SBZ/DDR von 1945 bis 1955, das Schicksal der Erschossenen in ihrer letzten Lebensphase und die verzweifelte Suche der Angehörigen. Kurzbiografien, denen teilweise Fotos aus den Gerichtsakten beigefügt sind, dokumentieren das Leben und den gewaltsamen Tod dieser Frauen und Männer. Das in mehreren Auflagen erschienene Buch gibt den Hingerichteten ihren Namen und ihr Gesicht zurück. Es ist zugleich Nachschlagewerk, Totenbuch und wissenschaftlicher Studienband. Wer sich mit der DDR in der späten Stalinzeit beschäftigt, sollte dieses Werk zur Kenntnis nehmen.Informationen über die Rezensentin:Doz. Dr. Barbara Stelzl-Marx, geb. 1971 in Graz, Zeithistorikerin, stv. Institutsleiterin des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, Graz – Wien – Raabs, Vizepräsidentin der Österreichischen UNESCO-Kommission. 2010 Habilitation im Fach „Zeitgeschichte“. Zahlreiche Publikationen, u. a.: darunter die preisgekrönte Habilitation „Stalins Soldaten in Österreich“ (Böhlau 2012).

Cover von Oleg Chlewnjuk: Stalin. Eine Biographie, München: Siedler 2015.

Rezension

Oleg Chlewnjuk: Stalin. Eine Biographie

Rezensent: Manfred Wilke

Stalin (der „Stählerne“) prägte 30 Jahre die Entwicklung Russlands und der kommunistischen Weltbewegung. Der russische Historiker Oleg Chlewnjuk hat die erste Stalin-Biografie vorgelegt, die auf der Auswertung der Akten aus den lange verschlossenen Moskauer Archiven beruht. Methodisch setzt er Stalins Aufstieg immer wieder in Beziehung zu weichenstellenden Ereignissen der sowjetischen Geschichte: beispielsweise zu dem frühen Tod von Lenin, der ihn zum Generalsekretär bestimmt hat. Chlewnjuk beschreibt diese Karriere mit analytischer Präzision, und seine Empathie gilt den Menschen, die Stalins Herrschaft unterworfen waren. Josef Dschugaschwili wird in Georgien geboren. Russisch lernt er in einem Priesterseminar, er wird revolutionärer Sozialist und schließt sich Lenins Bolschewiki an. Der Weltkrieg und die Niederlage Russlands verschaffen der Partei 1917 die Chance zur sozialistischen Revolution. Die Bolschewisten verbieten alle anderen Parteien und beanspruchen die alleinige diktatorische Macht, die sie im Bürgerkrieg in Russland behaupten. In Lenins Schatten beginnt Stalins Aufstieg. Er besetzt als Generalsekretär der Staatspartei eine Schlüsselstellung in der Diktatur. Konsequent platziert Stalin seine Gefolgsleute im Apparat, für ihre Karrieren verlangt er unbedingte Loyalität. Am Ende der zwanziger Jahre hat er alle Konkurrenten um die Führung der Partei ausgeschaltet. Stalin wird zum „Woschd“ – zum „Führer“. Das Motiv für dieses Streben nach der alleinigen Macht ist für Chlewnjuk „Machthunger“. Terror ist die bevorzugte Methode von Stalins Politik, er schätzt ihre lähmende Wirkung auf die Gesellschaft, um seine innenpolitischen Ziele durchzusetzen: 1. die zwangsweise Kollektivierung der Bauern und 2. den forcierten Aufbau einer Schwer- und Rüstungsindustrie. Die „Kollektivierung“ beginnt mit der entschädigungslosen Enteignung der „Großbauern“ (Kulaken). Millionen von Bauern und ihre Familien werden in unwirtliche Gebiete umgesiedelt oder in die Arbeitslager des Archipels Gulag verschickt. Mit dem Einsatz von Partei und Geheimpolizei werden die Bauern in Kollektivwirtschaften gepresst, sie dürfen ihren Wohnort und die Kolchose nicht eigenmächtig verlassen, aus freien Bauern werden Sklaven des Staates. Für Chlewnjuk ist die Kollektivierung der Landwirtschaft der „Eckpfeiler der Stalin-Diktatur“ und der Terror das Mittel des Staates, um sie durchzusetzen. „Stalin hatte nicht die Absicht, in seinem Krieg gegen die Bauern den Rückzug anzutreten, und wenn es noch so viele Unschuldige das Leben kostete.“ Ein Opfer ist ein namenloses Baby. Bei Eiseskälte wird eine Frau mit ihrem frisch geborenen Kind aus ihrem Haus vertrieben und sie irrt durch das Dorf und bittet die gestrigen Nachbarn, sie und das Baby in die Wärme zu lassen. Die Türen bleiben geschlossen und das Kind stirbt. 1937/38 richtet sich der Terror gegen die Kommunisten selbst. Es geht um die „Säuberung“ der Partei, der Armee und des Staatsapparats von „Parteifeinden, Spionen und Schädlingen“. 700 000 sterben allein 1937/38 und Hunderttausende verschwinden in den Lagern. Das NKWD wird zur gefürchtetsten Institution in der Sowjetunion. Die Aufstellung der Verhaftungslisten inklusive der Empfehlung für das Urteil Tod oder Lager erfolgt nicht durch das NKWD, sondern den zentralen Apparat der kommunistischen Partei. Viele dieser Listen hat der „Woschd“ selbst abgezeichnet. Zur propagandistischen Legitimation werden große Schauprozess durchgeführt, die Geheimpolizei bekommt die Erlaubnis, in Verhören die Angeklagten zu foltern, um Selbstbezichtigungen nicht geschehener Verbrechen zu erzwingen. Nach Ausbruch des Krieges 1941 verlässt sich der Woschd wiederum auch auf den Terror, damit die Disziplin der Armee gesichert wird. International ist die Sowjetunion zunächst isoliert, in den dreißiger Jahren agiert sie als umworbene Großmacht auf der internationalen Bühne. 1937 bekennt sich Stalin zum imperialen Erbe der russischen Zaren. Chlewnjuk: „Stalin hatte kein Problem damit, die marxistische und die bolschewistisch-leninistische Lehre mit dem Imperialismus einer Großmacht zu verbinden.“ Vor und während des Krieges stehen für Stalin als Ziele die sowjetischen Einflusssphären im Vordergrund. Den ersten Erfolg erzielt er durch den Nichtangriffspakt mit dem Deutschen Reich 1939. Durch das geheime Zusatzabkommen gewinnt er das Baltikum und Teile der Westukraine für Russland zurück, die am Ende des Ersten Weltkrieges verloren gegangen waren. 1941 zwingt Hitler mit seinem rassistisch motivierten Vernichtungskrieg Russland einen Existenzkampf auf. In den Kriegskonferenzen von Teheran und Jalta mit Großbritannien und den USA gelingt es Stalin, die sowjetische Einflussshäre im Nachkriegseuropa bis in die Mitte Deutschlands vorzuschieben. Nach dem Sieg bekommt er einen weiteren Titel: „Generalissimus der Sowjetunion.“ Stalin dringt auf rasche Sowjetisierung dieses Satellitengürtels, und hierbei kommt der Marxismus-Leninismus politisch und ideologisch zur Geltung, um den totalitären Machtanspruch der kommunistischen Parteien in den Satellitenstaaten zu legitimieren und durchzusetzen. Die Parteien werden von Stalins nationalen Gefolgsleute geführt, in der SBZ sind das Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht. Die Methoden zur Durchsetzung der kommunistischen Diktaturen orientieren sich am sowjetischen Vorbild. Die Sowjetisierung Osteuropas gehört zu den Ursachen des Kalten Krieges zwischen den Westmächten und der Sowjetunion. Aus der sowjetischen Besatzungszone in Deutschland entsteht der deutsche Teilstaat DDR, er bildet 40 Jahre den Schlussstein des Imperiums in Europa. Stalin entschied die DDR zu gründen, als eine Einigung mit den Westmächten illusorisch wird; damit ist er auch ein zentraler Akteur der deutschen Teilungsgeschichte nach 1945. Stalin stirbt im März 1953. Die Erben seiner Macht beginnen schon an seinem Totenbett mit der Entstalinisierung. Die kollektive Führung als Machtzentrum der Diktatur erlebt ihre Wiederbelebung, eine Alleinherrschaft soll es nicht mehr geben. Eine ihrer ersten Maßnahmen ist ein Dekret, das der Geheimpolizei die Folter in Vernehmungen verbietet. Die neuen Herren in Moskau kündigen einen „Neuen Kurs“ an – als die SED einen solchen im Juni 1953 für die DDR ankündigen muss, kommt es zum ersten Volksaufstand im sowjetischen Imperium. Informationen über den Rezensenten Manfred Wilke, geb. 1941 in Kassel, war bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2006 Professor für Soziologie an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin und einer der beiden Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der FU Berlin. Er ist Mitglied im Beirat der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU), Mitglied im Beirat der Stiftung Gedenkstätte Hohenschönhausen, Mitglied im Stiftungsrat der "Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur" und Kuratoriumsmitglied der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO).

Titelseite von Hermann Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik. 2 Bände. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt 1969.

Rezension

Hermann Weber: Die Wandlung des deutschen Kommunismus. Die Stalinisierung der KPD in der Weimarer Republik

Rezensent: Marcel Bois

In der DDR galt der Historiker Hermann Weber als Renegat. Schon während seines Studiums an der SED-Parteihochschule (1947–1949) war er Chefredakteur der FDJ-Zeitung in der Bundesrepublik. Doch schon bald gelangte er zu der Überzeugung, dass eine „bessere Welt“ nicht „durch eine Diktatur zu erreichen ist“. Nach der Rückkehr in die Bundesrepublik arbeitete er für die FDJ. Vor dem geplanten Bruch mit dem Kommunismus sowjetischer Prägung verhaftete man ihn und andere Funktionäre der seit 1951 verbotenen Organisation. Auf seine Entlassung im Jahr 1954 folgte der Ausschluss aus der KPD. Anders als viele enttäuschte Parteigänger wurde Weber jedoch keineswegs zum glühenden Antikommunisten, sondern suchte weiterhin den Kontakt zu Oppositionellen der Bewegung. „Ich bin immer davon ausgegangen, dass der Stalinismus nicht die einzige Möglichkeit des Kommunismus ist“, betonte er später. Ende der 1950er-Jahre begann sich Weber wissenschaftlich mit seinen ehemaligen Genossinnen und Genossen zu befassen. 1968 promovierte er an der Universität Mannheim mit einer Arbeit über „Veränderungen der innerparteilichen Struktur der Kommunistischen Partei Deutschlands (1924-1929)“. Ein Jahr später wurde sie unter dem Titel „Die Wandlung des deutschen Kommunismus“ publiziert. Anknüpfend an Ossip K. Flechtheims Studien zeigte Weber hier auf, dass sich die inneren Strukturen der KPD im Laufe der Weimarer Republik „grundlegend veränderten“. Den durch die Sowjetunion (über die Komintern) gesteuerten „Wandel von einer Partei mit einem hohen Maß innerer Demokratie“ in „eine disziplinierte Partei mit zentralisierter Befehlsgewalt“ bezeichnete Weber als „Stalinisierung“. Diese Transformation hat er im wenig beachteten zweiten Band auch sozialhistorisch analysiert. So verdeutlichte er, wie der KPD-Apparat große Teile des Führungskorps austauschte. Die KPD der frühen 1930er-Jahre hatte also nicht nur ideologisch kaum noch etwas mit Partei zu tun, die um die Jahreswende 1918/19 von Rosa Luxemburg und anderen gegründet worden war. „Die Wandlung des deutschen Kommunismus“ wurde schnell zum Standardwerk. Nach 1990 haben Historiker gelegentlich Webers These vom demokratischen Frühkommunismus in Frage gestellt. Doch überzeugend widerlegen konnte bislang niemand das Konzept. Im Gegenteil: Die Öffnung der Archive bestätigte es eher noch. So bildet es bis heute den Referenzpunkt für Forscherinnen und Forscher, die sich mit der Geschichte der KPD in der Weimarer Republik beschäftigen. Informationen über den Rezensenten: Dr. Marcel Bois ist Autor von „Kommunisten gegen Hitler und Stalin. Die linke Opposition der KPD in der Weimarer Republik. Eine Gesamtdarstellung“ (Essen 2014). Derzeit bearbeitet er als Stipendiat der Gerda-Henkel-Stiftung ein Postdoc-Projekt zur Biografie der österreichischen Architektin und Kommunistin Margarete Schütte-Lihotzky (1897-2000).

Buchcover von Ilko-Sascha Kowalczuk: Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR. München: C.H. Beck 2009.

Rezension

Ilko-Sascha Kowalczuk: Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR

Rezensent: Rainer Eckert

Die Beschäftigung mit Zeitgeschichte folgt nicht selten den großen Jahrestagen. Bezogen auf die kommunistische Diktatur in Ostdeutschland wurde das besonders deutlich beim 50. Jahrestag des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 und beim 20. Jahrestag der Friedlichen Revolution. Verbunden damit könnte die Frage nach der jeweils wichtigsten Publikation zum Thema sein. Bezogen auf 1989/90 ist dies aus meiner Sicht das „Endspiel“ von Ilko-Sascha Kowalczuk. Der Autor gehört zu denen, die maßgeblichen Anteil daran haben, dass der unwissenschaftliche und verlogene Begriff „Wende“ durch die einzig richtige Bezeichnung der Ereignisse von 1989/90 als Revolution abgelöst werden konnte. Das war ein entscheidender Schritt auf dem langen Weg, die einzige gelungene deutsche Revolution zu einem Bestandteil der demokratischen Traditionen der Bundesrepublik zu machen. Nicht weniger relevant sind folgende Aspekte: Kowalczuk hat erneut bewiesen, dass Zeitzeugenschaft und solide wissenschaftliche Arbeit gut zu vereinen sind. Mir erscheint es unabdingbar, dass zeitgeschichtliche Themen wie die Friedliche Revolution von Ostdeutschen analysiert und beschrieben werden. Kowalczuk gelingt es in seiner Arbeit, die vielfältigen Gründe für die ostdeutsche Revolution aufzuzeigen. Dabei wird klar, dass nicht das Handeln großer Männer entscheidend war, sondern das zähe jahrelange Ringen der ostdeutschen Bürgerbewegung mit den Diktatoren, auch die Hunderttausenden, die die DDR verlassen wollten, und schließlich die Menschen auf den Straßen Ostdeutschlands, die den Zerfall des SED-Regimes beschleunigt haben. Kowalczuk beschreibt die „reformsozialistischen“ Bürgerrechtsgruppen“ differenziert, darunter auch jene, denen es um eine Zivilgesellschaft ging. Wichtig ist es auch immer wieder darauf hinzuweisen, dass es in der Staatspartei keine wirklichen Reformkräfte gab, dass die Aufsplitterung der Bürgerbewegung auch ihre Stärke war, und dass außer den Massenmedien der "Westen" erst zum Handelnden wird, als die Revolution schon gesiegt hatte. Menschen mit Zivilcourage und Engagement können gefestigte Verhältnisse „zum Tanzen“ bringen. Diese Botschaft ist heute wichtig und wird es künftig bleiben. Informationen über den Rezensenten: Rainer Eckert, Prof. Dr., 2001–2015 Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig, seit 2006 apl. Professor für politische Wissenschaften am Kulturwissenschaftlichen Institut der Universität Leipzig, arbeitet er als freier Historiker und Publizist.

Buchcover von Klaus-Detlev Grothusen (Hrsg.): Südosteuropa-Handbuch. Band 7: Albanien. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1993.

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Klaus-Detlev Grothusen (Hrsg.): Südosteuropa-Handbuch. Band 7: Albanien

Rezensent: Idrit Idrizi

Als 1993 der siebte Band des von Klaus-Detlev Grothusen herausgegebenen Südosteuropa-Handbuchs erschien, galt er als Standardwerk über die Nachkriegsgeschichte Albaniens. 24 Jahre später ist er noch immer das umfangreichste und am akribischsten aufbereitete Werk darüber. Dabei hatten die 27 Autor/innen – wie der Herausgeber im Vorwort berichtet – mit sehr großen Schwierigkeiten zu kämpfen, allem voran bei der Beschaffung zuverlässigen Quellenmaterials. Das kommunistische Regime, das das Land von der Außenwelt hermetisch abgeriegelt hatte, war erst zwei Jahre zuvor gestürzt worden, und die Archivbestände waren nicht zugänglich. Daher stützen sich die Beiträge vorwiegend auf die Auswertung offizieller Regimepublikationen, dennoch sind sie von großem Informationsgehalt und hoher Qualität. Neben vielen wichtigen Fakten finden sich beachtlich scharfsinnige Analysen, die noch immer sehr lesenswert sind. Auch nachdem das Archiv des Außenministeriums zugänglich geworden ist, stellt Klaus-Detlev Grothusens Aufsatz die bislang aufschlussreichste Analyse über die Außenpolitik Albaniens dar. Michael Schmidt-Nekes Schlussfolgerungen über die politische Kultur – um ein weiteres Beispiel zu nennen – werden von heutigen Studien bestätigt. Gegliedert in sechs Hauptabschnitte (Voraussetzungen, Die Politische Entwicklung seit dem Zweiten Weltkrieg, Politisches und Rechtssystem, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur) behandelt das Handbuch ein breites Spektrum an Themen von den geographischen Grundlagen des Landes über Innenpolitik bis hin zu Kunst und Musik. Der umfangreiche und sehr wertvolle „dokumentarische Anhang“ enthält eine Zeittafel, Angaben zu den höchsten politischen Institutionen, Verträge, Biografien wichtiger Persönlichkeiten und eine Bibliografie. Für diejenigen, die sich für die kommunistische Geschichte Albaniens interessieren, stellt diese Publikation ein unverzichtbares Referenzwerk dar. Informationen über den Rezensenten: Mag. Dr. Idrit Idrizi, MA, Post-Doc-Stipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Post-DocTrack-Pilotprogramm), Promotion mit dem Thema „Herrschaft und Alltag im albanischen Spätsozialismus (1976–1985)“ an der Universität Wien im Juni 2016. Forschungsschwerpunkte: Zeitgeschichte Albaniens, Kommunismus und Erinnerung an den Kommunismus in Südosteuropa.

Cover von Franz Borkenau: Der europäische Kommunismus. Seine Geschichte von 1917 bis zur Gegenwart, München: Leo Lehnen Verlag 1952.

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Franz Borkenau: Der europäische Kommunismus. Seine Geschichte von 1917 bis zur Gegenwart

Rezensent: Vaios Kalogrias

Als ich mich während meines Geschichtsstudiums an der Universität Karlsruhe entschied, eine Seminararbeit über die Entwicklung der bürgerlichen Résistance-Gruppen während der deutschen Besatzungszeit in Griechenland (1941-1944) zu verfassen, machte ich mich auf die Suche nach deutschsprachiger Literatur, die man damals an den Fingern einer Hand abzählen konnte. Griechische Literatur gab es zwar reichlich, doch aus finanziellen Gründen war es mir nicht möglich, viele Titel aus Griechenland zu bestellen. So wurde ich irgendwann auf das Buch des österreichischen „Renegaten“ Franz Borkenau aufmerksam. Im entsprechenden Kapitel seiner Geschichte des europäischen Kommunismus beschrieb er die Entwicklung der „Kommunistischen Partei Griechenlands“ (KKE) und das gewaltsame Vorgehen der von ihr mitgegründeten „Griechischen Volksbefreiungsarmee“ (ELAS) gegen das bürgerliche Widerstandslager. In Borkenaus knappen Ausführungen sah ich zunächst einige meiner Überlegungen über die Motive des „roten Terrors“ gegen die „Konterrevolution“ bestätigt. Je mehr ich allerdings in seinen „südosteuropäischen“ Kapiteln las, um mögliche Vergleiche mit dem griechischen Fall zu ziehen, desto klarer wurde mir der internationale Aspekt des kommunistischen Phänomens, das, um es bildlich darzustellen, einer Sonne (Moskau) mit den um sie drehenden Planeten (die Kommunistischen Parteien Europas) glich. Was ist das Besondere an Borkenaus Buch? Eine gewisse Faszination geht sicherlich von der Tatsache aus, dass er ein „Insider“ war, jemand, der die „Irrungen und Wirrungen“ der kommunistischen Bewegung mitgemacht und von innen her kennengelernt hatte. Hier schreibt einer, der im Auftrag der Komintern gestanden und wichtige kommunistische Persönlichkeiten persönlich gekannt hat. Damit verfügte er über ein unschätzbares Wissen über Interna und Strukturen der kommunistischen Parteien, das es Borkenau zu so einem frühen Zeitpunkt erlaubte, eine Gesamtschilderung des europäischen Kommunismus zu bieten. Der polemische antikommunistische Ton seiner Schrift, ist dem heutigen Leser wahrscheinlich schwer zu vermitteln. Doch Borkenau ging es um das Verstehen eines mächtigen „Feindes“, der bestehende Institutionen und Traditionen beseitigen wollte, und nicht um das Verfassen einer streng wissenschaftlichen Abhandlung. In dem Buch rechnete er mit den „Gespenstern“ seiner Vergangenheit ab und mahnte vor den Gefahren einer totalitären Herrschaft.Informationen über den Rezensenten:Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Historischen Seminar der Johannes Gutenberg Universität-Mainz.

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Valentin Gitermann: Die historische Tragik der sozialistischen Idee

Rezensent: Ilko-Sascha Kowalczuk

Geboren in der Ukraine, lebte Valentin Gitermann (1900–1965) seit 1907 in der Schweiz. Der Historiker arbeitete als Lehrer, Redakteur und war zwei Jahrzehnte als Sozialdemokrat Abgeordneter im Nationalrat. Einem breiten Lesepublikum im deutschsprachigen Raum ist Gitermann als Autor im neunten Band der Propyläen Weltgeschichte 1960 bekannt geworden. In dem von Golo Mann herausgegebenen sehr erfolgreichen Werk schrieb Gitermann über die Russische Revolution. Golo Mann wird auf Gitermann aufmerksam geworden sein, weil sich dessen dreibändiges Werk „Geschichte Russlands“, das von 1944 bis 1949 erschienen war, durch eine glänzende schriftstellerische Leistung auszeichnete und somit Manns Ansprüche, Geschichtsschreibung müsse stilistisch hervorragend sein, um wahrgenommen zu werden, erfüllte. Gittermanns Russlandgeschichte ist heute noch sehr zu empfehlen, auch wenn sie gegenwärtigen wissenschaftlichen Mainstream-Lesegewohnheiten wohltuend zuwiderläuft. Das gilt auch für die am Vorabend des Zweiten Weltkriegs erschienene Studie „Die Historische Tragik der sozialistischen Idee“. Darin setzt sich Gitermann mit der Theorie des Marx’schen Sozialismus auseinander. Mit einem sozialdemokratischen Hintergrund argumentierend, geht er auf die dem Marxismus inhärenten Widersprüche ein und seziert so zugleich die von der Theorie ausgehenden politischen Praxisprobleme. Das Grundproblem sieht er darin, dass die sozialistische Idee eine Utopie darstellt, die, soll sie realisiert werden, in einer Diktatur münden müsse. Das stellt Gitermann wiederum an der Entwicklung in Russland/Sowjetunion einerseits und Deutschland andererseits dar. Er analysiert wie selbstverständlich diese beiden Länder – damals ein ganz übliches Verfahren, dass erst nach 1945 mehr und mehr unter Generalverdacht geriet. Bei Gitermann findet keine Parallelisierung statt. Er zeigt, warum sich in Russland die Bolschewiki zu nichts anderem als einer kommunistischen Diktatur fähig zeigten. Mit Blick auf Deutschland erklärt Gitermann, warum die Nationalsozialisten den Sozialismus-Begriff lediglich als Tarnkappe benutzen und den Kapitalismus in seinem Kern nicht angreifen. Dieses historisch sehr interessante Buch endet mit einem durchaus aktuellen Ausblick: die sozialistische Idee wird immer ein Maßstab für menschliche Gesellschaften bleiben, so Gitermann, da sie in einer ungerechten und ungleichen Welt vollkommen erscheint, aber auch nie ansatzweise verwirklicht werden kann.Informationen über den Rezensenten:Ilko-Sascha Kowalczuk, geb. 1967 in Ost-Berlin, Zeithistoriker, lebt in Berlin, Autor zahleicher Bücher und anderer Publikationen.

Cover von Hermann Weber: „Weiße Flecken“ in der Geschichte. Die KPD-Opfer der Stalinschen Säuberungen und ihre Rehabilitierung, Berlin: LinksDruck 1990

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Hermann Weber: „Weiße Flecken“ in der Geschichte. Die KPD-Opfer der Stalinschen Säuberungen und ihre Rehabilitierung

Rezensent: Helmut Müller-Enbergs

Wie ein genetischer Faden durchziehen die Geschichte des deutschen Kommunismus „weiße Flecken“, Kommunisten also, deren Biografien und teils sogar deren Leben von der Partei aus ihrem kollektiven Gedächtnis ausgelöscht wurden. Dieses brisante Thema fasste der Mannheimer Historiker Hermann Weber an, dessen Buch im Frühjahr 1989 zuerst in Frankfurt am Main, dann 1990 in Ost-Berlin im Ch. Links Verlag erschien. Es geht Weber dabei wesentlich um die Stalinschen Säuberungen deutscher Kommunisten in der Sowjetunion in den 1930er-Jahren. Er ermittelte 305 ermordete und verschollene deutsche Kommunisten sowie 40 in der Sowjetunion verhaftete, die es geschafft hatten, zu überleben. Erschossen wurde beispielsweise Hans Kippenberger, langjähriger Kandidat des Zentralkomitees der KPD und Leiter des parteieigenen Nachrichtendienstes. Überlebt hatte Susanne Leonhard, die bereits dem Spartakus angehört hat, in die Sowjetunion emigrierte, von 1936 an bis 1948 verhaftet und in Arbeitslagern war. 1949 floh sie aus der DDR in die Bundesrepublik. Im Ergebnis zeigte sich für Weber, dass von den 43 Spitzenfunktionären der KPD „mehr Personen der Stalinschen Säuberung zum Opfer [fielen] als dem Terror Hitlers“.Die Staatspartei in der DDR wie auch ihr Ableger in West-Berlin und in der Bundesrepublik reagierten empört auf Webers Buch. Der Parteiideologe in der DDR, Kurt Hager, befand, es bestehe „kein Grund, eine Suche nach ‚weißen Flecken‘ zu unternehmen,“ zitiert Weber. Mit der Herbstrevolution wechselte die Optik. Nunmehr hielt das „Neue Deutschland“ im März 1990 fest, dass „der Vorwurf Webers und anderer ins Schwarze trifft, dass gerade jene, die sich als Testamentsvollstrecker des Kampfes deutscher Kommunisten verstanden und sich daher auch diesem düsteren Kapitel in der Geschichte ihrer Bewegung mit aller Konsequenz hätten stellen müssen, es nicht taten.“ Und selbst im orthodox-kommunistischen Lager hieß es nun, dass „die vergessenen Opfer des Stalinismus vor allem Aufgabe der deutschen kommunistischen Parteien gewesen wäre und sie in diesem Punkt auf breitem Feld kläglich versagt haben.“ Es ist Webers Verdienst, nicht allein ein Tabu durchbrochen zu haben, sondern auch mit seinem Buch den Impuls gesetzt zu haben für die Arbeitsgruppe „Opfer des Stalinismus“, die in Recherchen über 1 100 unter Stalin verfolgter deutscher Kommunisten ermittelt hat. Mithin war auch in dieser Frage des deutschen Kommunismus Hermann Weber seiner Zeit voraus. Informationen über den Rezensenten: Helmut Müller-Enbergs, Dr. phil., Adj.-Prof. am Institut für Geschichte der Syddansk Universitet in Odense (Dänemark).

Cover von Mario Keßler: Ruth Fischer. Ein Leben mit und gegen Kommunisten (1895-1961) (Zeithistorische Studien, 51), Köln/Weimar/Wien: Böhlau 2013.

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Mario Keßler: Ruth Fischer. Ein Leben mit und gegen Kommunisten (1895-1961)

Rezensent: Kurt Schilde

Ruth Fischer hat das Alleinstellungsmerkmal, als bisher einzige Frau an der Spitze einer Massenpartei der Arbeiterbewegung gestanden zu haben. 1924/25 führte sie die Kommunistische Partei Deutschlands und wirkte an deren Unterordnung unter die Kommunistische Partei der Sowjetunion mit. Von Stalinisten und Nationalsozialisten verfolgt, entwickelt sich die Kommunistin zu einer leidenschaftlichen Antikommunistin und sucht in ihren letzten Lebensjahren Anschluss an die undogmatische Linke. Das "dramatische Leben der Kommunistin und Antikommunistin" (S. 7) beginnt 1895 in Leipzig, wo sie als Elfriede Maria Fischer geboren wird. 1897 und 1898 kommen in Wien die beiden Brüder Gerhart und Hanns Eisler zur Welt. Die drei Geschwister gehen in Wien zur Schule, schließen sich der Freideutschen Jugend an und engagieren sich im "Sprechklub sozialistischer Schüler". Seit dem Wintersemester 1914/15 studiert Elfriede Eisler an der Wiener Universität "Pädagogik, Wirtschaftswissenschaften, Philosophie und Psychologie, ohne das Studium abzuschließen" (S. 35) und heiratet 1915 ihren Kommilitonen Paul Friedländer. 1917 wird der Sohn Gerhard Friedländer geboren. 1919 verlässt sie Wien und arbeitet im Parteiapparat der KPD. Sie trennt sich von ihrem Mann und nimmt den Namen Ruth Fischer an. "Sie ergänzte den Geburtsnamen ihrer Mutter um den gegenüber Elfriede weniger 'teutonisch' klingenden Namen Ruth." (S. 74) Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Arkadij Maslow arbeitet sie sich bis an die Spitze der Kommunistischen Partei vor. Die Stunde der "Frontfrau der KPD" (S. 132) schlägt nach dem von der Kommunistischen Partei der Sowjetunion initiierten und gescheiterten Putschversuch im Oktober 1923. 1924 wird sie Vorsitzende des Politischen Sekretariats der KPD und Mitglied des Deutschen Reichstags und 1926 mit Maslow zusammen aus dem Politischen Büro der KPD entfernt und aus der Partei ausgeschlossen. Sie flieht 1933 in die USA und arbeitet als Kommunismus-Expertin mit US-Geheimdiensten zusammen. Maslow ist dieser Weg versperrt, der unter ungeklärten Umständen in Kuba stirbt. Ruth Fischer wird 1947 US-Staatsbürgerin und veröffentlicht 1948 ihr Buch "Stalin and German Communism". Zwei Jahre später erscheint die deutsche Fassung. 1956 geht sie zurück nach Europa und lebt bis zu ihrem Tod 1961 in Paris. In seiner Biografie der bemerkenswertesten Frau der internationalen Kommunismus-Geschichte hat Mario Keßler die vielen politischen Wandlungen dieser Frau mit den historischen Ereignissen um sie herum verbunden.Informationen über den Rezensenten:Kurt Schilde, Dr. phil., geboren 1947, Studium der Betriebswirtschaft und Soziologie in Berlin, 1994 Promotion in Neuerer Geschichte an der Technischen Universität Berlin zur Jugendopposition gegen den Nationalsozialismus. Forschungen und Publikationen zur Geschichte des Nationalsozialismus und Kommunismus. Wissenschaftlicher Mitarbeiter u.a. am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, an der Universität Siegen und aktuell freier Mitarbeiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin.

Cover von Peter Fröberg Idling: Pol Pots Lächeln. Eine schwedische Reise durch das Kambodscha der Roten Khmer, Frankfurt am Main: Edition Büchergilde 2013.

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Peter Fröberg Idling: Pol Pots Lächeln. Eine schwedische Reise durch das Kambodscha der Roten Khmer

Rezensent: Hannes Schwenger

Kambodschas Schreckensregime, Pol Pots „Demokratisches Kampuchea“, dessen Terror fast ein Viertel der Bevölkerung zum Opfer fiel, galt in den dreieinhalb Jahren seines Bestehens von 1975 bis 1979 als maoistisch. Mit Maos China teilte das „Demokratitische Kampuchea“  nur die bäuerliche Basis des Regimes und die Gegnerschaft zu Sowjetunion und dem benachbarten Vietnam, das denn auch 1979 Pol Pots Herrschaft ein Ende setzte.Sein oberster Kerkermeister und Herr der berüchtigten „Killing Fields“ Duch kommentierte seine Taten in späteren Gerichtsverfahren ungerührt, Er und seine Männer seien bei ihren Mordtaten nie grausam oder gemein gewesen: „Meine Männer haben die Ideologie praktziert.“ Das eine ist eine dreiste Lüge, das andere die nackte Wahrheit. Vorsichtige Schätzungen seiner tödlichen ideologischen Praxis kommen auf mindestens 12.000 Opfer.Die Herrschaft der Roten Khmer begann mit der Evakuierung Pnom Penhs, Abschaffung des Geldes und Liquidierung von Feinden ihrer Diktatur, die nur noch zwei Klassen kannte: das eingesessene „alte Volk“ und die zu ihnen aufs Land vertriebenen Städter als "neues Volk".  In seinem Buch liefert der schwedische Schriftsteller  und Journalist Peter Fröberg Idling, der selbst einige Jahre in Kambodscha gelebt hat, Kostproben der ideologischen Parolen: „Der Besitz jedes Kambodschaners paßt in ein Bündel.“ Oder über einen Gefangenen: „Dieser hat die Krankheit der alten Gesellschaft, er muß mit der Arznei Lenins behandelt werden.“ Fröberg Idlings Gewährsmann ist der Maler Vann Nath, der als einer von nur sieben Insassen das Gefängnis S 21 überlebt hat, weil er für Duch Propagandabilder und Porträts von Pol Pot malte. Dessen einnehmendes Lächeln war keine Propagandalüge, sondern wird von mehreren seiner Besucher geschildert. Es hat dem Buch seinen Titel gegeben, der auf die Irreleitung einer schwedischen Delegation anspielt, die 1978 das Land bereisen durfte und statt S 21 und Killing Fields nur Pol Pots Potemkinsche Dörfer zu sehen bekam. Zur Delegation gehörten die spätere Reichstagspräsidentin Birgitte Dahl, die heute nichts mehr davon wissen will, dass sie damals Berichte über den Terror der Roten Khmer für "Lügen und Spekulation“ hielt; und daß die Evakuierung der Stadtbewohner notwendig gewesen sei, „um die Lebensmittelproduktion schnell in Gang zu bringen“. Ähnlich äußerte sich der Schriftsteller Jan Myrdal: Er will zwar Grausamkeiten nicht leugnen, aber: „Über das Schicksal von Denunzianten und Kollaborateuren habe ich noch nie Tränen vergossen.“ Nur Gunnar Bergström, damals Vorsitzender der Freundschaftsgesellschaft Schweden – Kampuchea, räumt heute ein, daß sie zwar blühende Dörfer, aber auch Not und Armut gesehen hätten.Steve Heder, ein amerikanischer Korrespondent in Kambodscha vermutet, selbst die Chefs der Roten Khmer hätten an blühende Landschaften geglaubt, denn auch ihnen seien Potemkinsche Dörfer vorgeführt worden. Für die Gäste aus dem Westen habe schon ein dichtes Programm und hohes Tempo der Besuchsreisen genügt, um sie von Blicken hinter die Kulissen abzuhalten. Zugegeben: Ein „dichtes Programm“ und "hohes Tempo" hatte auch die kurzlebige Revolution der Roten Khmer. Aber für die Blindheit seiner schwedischen Gäste hatte Pol Pot wohl doch nur – ein Lächeln. Informationen über den Rezensenten:Hannes Schwenger, Dr. phil., Literaturwissenschaftler, Publizist und Schriftsteller. Zahlreiche Veröffentlichungen und Herausgaben, u. a.: Die polnische Teilung des Verbandes Deutscher Schriftsteller (VS). In Selbstzeugnissen, Dokumenten, Briefen und im Zerrspiegel der MfS-Akten / Forschungsverbund SED-Staat. Zsstellung: Hannes Schwenger. Red.: Martin Jander. 1999.

Buchcover von Paul Josephson; Nicolai Dronin; Ruben Mnatsakanian; Aleh Cherp; Dmitry Efremenko; Vladislav Larin: An Environmental History of Russia

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Paul Josephson, Nicolai Dronin, Ruben Mnatsakanian, Aleh Cherp, Dmitry Efremenko und Vladislav Larin: An Environmental History of Russia

Rezensent: Wim van Meurs

In meinem Studium der osteuropäischen Geschichte sorgten Bücher, die die internen Widersprüche und Dilemmas des Kommunismus hervorhoben, für die Faszination des Fremden und Unerklärlichen. Von den Völkern des Hohen Nordens führte meine Laufbahn mich zur Geschichte der Europäischen Union und zur Umwelt als neues Politikfeld. Die vor einigen Jahren erschienene Studie von Paul Josephson u.a. brachte für mich beides zusammen: Umweltpolitik und die UdSSR. Das Ausmaß der Umweltsünden in der Sowjetunion erklärt sich teils aus den Proportionen des Landes, vor allem aber aus dem stalinistischen Regime und seinen Zielen forcierter Modernisierung von Mensch, Gesellschaft und Natur. Erstaunlich sind somit zu Zeiten des Kalten Krieges nicht die Ost-West-Unterschiede in Umweltbewusstsein, Umweltpolitik und Protestbewegungen, wie sie Josephson und seine Mitautoren aufzeichnen. Faszinierend ist just die Tatsache, dass die Bolschewiken zapovedniki (Naturschutzgebiete) einrichteten. Dies gilt gleichermaßen für die Bürgerproteste, die sich etwa zeitgleich zu den neuen sozialen Bewegungen im Westen Gehör verschafften. Mehr als im Westen waren es auf Föderationsebene aber Schriftsteller und Wissenschaftler, die ihren politischen Kredit einsetzten, um jenseits der Öffentlichkeit die Obrigkeit zu Maßnahmen zum Schutze von Natur und Volksgesundheit zu bewegen. Im Zentrum steht für jede historische Phase die Umwelt – nicht als historischer Akteur, sondern als Objekt und Opfer staatlichen Gestaltungsdrangs. Chruschtschows Neulandgewinnungskampagne war eine ökologische Katastrophe ohnegleichen, und auch der Technologieglaube ließ kaum nach. Ähnlich wie nach 1991 führte Liberalisierung wohl kaum unmittelbar zu mehr Umweltbewusstsein bei der breiten Bevölkerung. Die Autoren scheuen insgesamt weder Vergleiche mit der Umweltfrage im Westen noch Kontinuitätslinien von Waldabholzung und Naturschutz unter Nikolas II. zu Stalins Industrialisierungspolitik und Ökonationalismus während der Perestroikazeit. Was staatliche Großprojekte und Ökozid anbelangt, lässt sich diese Linie mühelos bis zur Putins Winterolympiade in Sotschi durchzuziehen. Den Studien ist anzumerken, dass es der erste Versuch war, die anfangs genannten Fäden von Umweltgeschichte und Kommunismusforschung miteinander zu verknüpfen. Vielleicht ist diese Verknüpfung noch nicht ganz gelungen, aber faszinierend vom Forschungsobjekt her und erfrischend für beide Historiographien. Informationen über den Rezensenten: Wim van Meurs (Nijmegen), Associate Professor Dr. für europäische Politik und Zeitgeschichte an der Rad- boud Universităt Nijmegen (Niederlande), Vizepräsident der Südosteuropa-Gesellschaft in München.

Cover von Bruno Schoch: Die internationale Politik der italienischen Kommunisten. (Studien der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung). Frankfurt am Main / New York: Campus Verlag, 1988.

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Bruno Schoch: Die internationale Politik der italienischen Kommunisten

Rezensent: Francesco di Palma

Als das hier besprochene Buch erschien, steckte die einst politisch einflussreichste und mitgliederstärkste KP Westeuropas, der PCI, in der schwersten Krise ihrer Geschichte. Nach dem Tode des langjährigen charismatischen Generalsekretärs Enrico Berlinguer im Juni 1984 hatten die ideologischen Differenzen zwischen den Parteiflügeln an Intensität zugenommen und die Politik des Römer Vorstands lahmgelegt. Im Winter 1991 hörte der PCI formell zu bestehen auf. Schoch führt den Leser in den allmählichen Prozess der politischen Verselbstständigung der italienischen Genossen gegenüber Moskau ab Mitte der 1960er-Jahre ein und arbeitet die Gründe und Hintergründe heraus, welche die Suche nach einem „dritten Weg“ – später „Eurokommunismus“ genannt – zwischen real existierendem Sozialismus und Sozialdemokratie inspirierten und erst möglich machten. Dabei beleuchtet der Autor ausführlich die internen Flügelkämpfe, die im Zuge dieser ideologischen Wende aufkamen und die Innenpolitik der Partei maßgeblich prägten. Mit dem Vorhaben, parlamentarische Demokratie und Kommunismus, das Bekenntnis zum NATO-Bündnis und den Verbleib in der durch die Sowjetunion gesteuerten sozialistischen Weltgemeinschaft miteinander in Einklang zu bringen, verbanden die italienischen „Genossen“ eine grundsätzliche Demokratisierung nationaler und supranationaler Institutionen Westeuropas. Das Scheitern dieses hoch ambitionierten Konzepts leitete gleichsam das politische Ende des PCI während der 1980er-Jahre ein. Schoch konturiert den Prozess überzeugend und bettet ihn in einen gesamteuropäischen Kontext ein. Er macht vor allem zwei sich gegenseitig bedingende Faktoren dafür verantwortlich. Innenpolitisch führte die langjährige Duldung einer Minderheitsregierung unter Federführung der Christdemokraten (Democrazia Cristiana – DC), der sogenannte compromesso storico, zu einer schärferen Opposition radikalerer Parteifunktionäre gegen den Vorstand; die außenpolitische Annäherung etwa an die SPD und die französische Sozialdemokratie um François Mitterand verunsicherte breite Teile der angestammten kommunistischen Wählerschaft allmählich und entfremdete diese von der Parteibasis. Schochs Buch, das durch stilistische Eleganz sowie durch die Fülle an analysierten Quellen besticht, gehört nach wie vor zu den besten Studien über die Außenpolitik des PCI in der späten Phase des Kalten Krieges. Informationen über den Rezensenten: Dr. Francesco Di Palma, Historiker, Lehrbeauftragter am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin. Forschungsschwerpunkte: SED/DDR-Geschichte, Sozialismus und Kommunismus in Europa, Jüdische Geschichte, Bürgertumsforschung. Zahlreiche Publikationen u.a. zu den Außenbeziehungen der SED/DDR zu Italien und Frankreich.

Buchcover: Stefan Heym: 5 Tage im Juni. München: Bertelsmann Verlag 1974, 1. Auflage.

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Stefan Heym: 5 Tage im Juni

Rezensent: Marcel Fürstenau

Als sowjetische Panzer am 17. Juni 1953 den DDR-Volksaufstand niederwalzen, irrt der Arbeiter August Kallmann mit einem Bild von Karl Marx unter dem Arm durch die Straßen Ost-Berlins. Diese symbolbeladene Szene in Stefan Heyms Zeitroman "Fünf Tage im Juni" wirkt fast schon kitschig. In ihr kulminiert die ganze Zerrissenheit, in der sich das politisch, aber noch nicht durch eine Mauer geteilte Deutschland damals befindet. Und das erleben die Menschen hüben wie drüben. Für den Arbeiter Kallmann vom Volkseigenen Betrieb "Merkur" zerbricht an diesem Tag eine Illusion. Soll er weglaufen im Moment der Niederlage - als klar ist, dass der Ruf nach freien Wahlen vergeblich war? "Nein, ich bin Sozialist, ich hab ehrlich gearbeitet mein Leben lang, kein roter Panzer hat das Recht, mich plattzuwalzen; täten sie's, um so schlimmer für die Kommunisten." Kallmanns Gedanken stehen stellvertretend für das frühe moralische Scheitern des DDR-Sozialismus. Davon kann sich das Regime nicht mehr erholen, obwohl es erst 36 Jahre später endgültig bankrott ist. Weil 1989 keine sowjetischen Panzer rollen.Bezeichnenderweise kann Heyms Roman in der DDR erst erscheinen, als sie nicht mehr zu retten ist. Dabei kommt der Westen darin alles andere als gut weg. Das Misstrauen der Zensoren gegenüber der eigenen Bevölkerung ist aber größer. Der zu Nazi-Zeiten exilierte Antifaschist Heym, 1952 nach Ost-Berlin übergesiedelt, illustriert diesen Kardinalfehler, diese Charakterschwäche des Systems im Zeitraffer: eben "Fünf Tage im Juni". Eine fiktive Geschichte vor historischem Hintergrund. Ortsnamen sind real (Potsdamer Platz), dokumentarisch die Rede-Ausschnitte des SED-Vorsitzenden Otto Grotewohl und Kommentare des Rundfunks im Amerikanischen Sektor (RIAS).Heyms Roman über dieses Schlüsselereignis der deutsch-deutschen Teilung, der Ost-West-Konfrontation wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg eignet sich für Leser jeder Generation als Kommunismus-Studie. Sie liefert das, was wissenschaftlichen Abhandlungen zwangsläufig fehlen muss: Atmosphäre. Ein Gefühl für die Widersprüchlichkeit eines Systems, in dem die Partei immer recht hat. Die Hauptfigur Martin Witte, ein sympathischer Gewerkschaftsfunktionär, der zwischen Regierenden und Regierten vermitteln will, resigniert schließlich. "Das Schlimmste wäre, für das eigene Versagen den Feind verantwortlich machen zu wollen. Wie mächtig wird dadurch der Feind!" Beim Feind, im kapitalistischen Westen, erscheint das Buch schon in den 1970er Jahren.  Informationen über den Rezensenten: Marcel Fürstenau arbeitet als politischer Korrespondent für die Deutsche Welle. Im geteilten Berlin wuchs er direkt an der Mauer auf. Sein Blick ging von West nach Ost. Er studierte Germanistik und Publizistik an der Freien Universität Berlin. Nach dem Besuch der Deutschen Journalistenschule (DJS) in München arbeitete er u.a. für den Rundfunk im Amerikanischen Sektor (RIAS) und den "Tagesspiegel".

Buchcover von Paul Lendvai: Das einsame Albanien. Reportage aus dem Land der Skipetaren. Zürich: Edition Interfrom 1985.

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Paul Lendvai: Das einsame Albanien. Reportage aus dem Land der Skipetaren

Rezensent: Idrit Idrizi

Wer über das kommunistische Albanien recherchiert, findet viele Internetbilder kleiner pilzförmiger Betonbunker, aber sehr wenige wissenschaftliche Abhandlungen. Galt das Land in der Zeit des Kalten Krieges aufgrund seiner im Nachkriegseuropa einzigartigen Isolationspolitik als weißer Fleck, so tut es sich heute besonders schwer mit der Aufarbeitung seiner kommunistischen Vergangenheit. Politischer Druck, Unzugänglichkeit oder schlechter Zustand der Archive, schwierige finanzielle Bedingungen für albanische Wissenschaftler und Sprachbarrieren für ausländische Historiker/innen haben dazu geführt, dass die Forschung noch weitgehend in den Anfängen steckt und bisher kein quellenfundiertes Standardwerk über den albanischen Kommunismus erschienen ist. Ein sehr informatives und faszinierendes Büchlein über Albanien unter Enver Hoxha lag aber bereits 1985 vor. Der Zufall wollte es, dass am 11. April jenes Jahres, just am Todestag des exzentrischen Diktators, der international hochangesehene Journalist und Osteuropa-Experte Paul Lendvai seine Reportage „Das einsame Albanien“ in Wien vorstellte. Dank eines Abkommens zwischen dem österreichischen und dem albanischen Rundfunk hatte er 1983 und 1984 für je zwei Wochen über 3300 Kilometer quer durch das Land reisen und mit vielen Menschen ins Gespräch kommen können. Prägnant schildert Lendvai auf rund 120 Seiten seine in einem Staat gesammelten Beobachtungen, der sich als „Leuchtturm“ des „wahren Marxismus-Leninismus-Stalinismus“ sah, rund ein Zehntel des Sozialproduktes für die Verteidigung ausgab, Autarkie wie Atheismus in der Verfassung verankert hatte und in dem man keine privaten Autos kannte. Diese Eindrücke vertieft er durch solide recherchierte Angaben über die Landeskunde und die Wirtschaft. Zudem haben Lendvai seine reiche Erfahrung aus der jahrzehntelangen Reisetätigkeit in Osteuropa und sein analytischer Scharfsinn zu einem aufschlussreichen Werk verholfen, das auch drei Jahrzehnte nach seinem Erscheinen noch sehr lesenswert ist. Informationen über den Rezensenten: Mag. Dr. Idrit Idrizi, MA, Post-Doc-Stipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Post-DocTrack-Pilotprogramm), Promotion mit dem Thema „Herrschaft und Alltag im albanischen Spätsozialismus (1976–1985)“ an der Universität Wien im Juni 2016. Forschungsschwerpunkte: Zeitgeschichte Albaniens, Kommunismus und Erinnerung an den Kommunismus in Südosteuropa.

Cover von Isaac Deutscher: The Prophet. The Life of Leon Trotsky, London: Verso 2015.

Rezension

Isaac Deutscher: Trotzki

Rezensent: Mario Keßler

Die Trotzki-Biografie von Isaac Deutscher (1907–1967) war ein eminent politisches Werk, geprägt von den Auseinandersetzungen seiner Zeit. Nur wenige Geschichtswerke wurden häufiger zitiert und erschienen später so unzeitgemäß wie dieses. Nach dem Ende der Sowjetunion galt Trotzki vielen Linken nicht mehr als Alternative zu Stalin. Trotzkis Bild war nun jenem wieder ähnlich, das die westliche Öffentlichkeit hatte, bevor Deutschers Bücher erschienen: Der einstige zweite Mann hinter Lenin gilt vielen als ein Wegbereiter des Terrors, beinahe gleichzusetzen mit seinem siegreichen Rivalen.Diesem Bild wollte Deutscher entgegentreten. Zugleich war seine Biografie die schärfste Kampfansage an die offizielle sowjetische Geschichtspolitik. Dass ein einzelner Forscher das Trotzki-Bild einer ganzen Generation mitprägen konnte, lässt allein schon Rückschlüsse auf die Qualität des Werkes zu. Viele Erkenntnisse Deutschers sind inzwischen ins kollektive Geschichtsbewusstsein eingegangen. Dazu gehören zwingende Einsichten in den widersprüchlichen Verlauf der Russischen Revolution. Deutscher erklärte seinen Zeitgenossen, warum die bolschewistische Herrschaft nach ihrem Sieg schon den Keim eines schweren Konfliktes in sich trug. Er führt die Fehlentscheidungen der dramatis personae einprägsam vor Augen, stellt jedoch klar: Nicht die politischen Unzulänglichkeiten oder charakterlichen Mängel führender Bolschewiki seien für den Niedergang der Utopie verantwortlich. Vielmehr habe der wirtschaftliche Zusammenbruch des Landes die Revolution möglich und schließlich unabwendbar gemacht, aber auch eine Spirale von Gewalt, Terror und Gegenterror im Bürgerkrieg hervorgerufen. In diesem Bürgerkrieg siegten die Bolschewiki und Trotzki.Was Deutscher als Trotzkis „Niederlage im Sieg“ sichtbar machte, galt für die gesamte bolschewistische Linke: Ihre politische Basis schrumpfte in dem Maße, in dem die Arbeiterklasse aufgerieben wurde und auf ein Zehntel ihrer Vorkriegszahl zusammenschmolz. Als die Partei diktatorische Maßnahmen ergriff, um das Wirtschaftsleben in Gang zu setzen, musste sie auch die innerparteiliche Kritik zum Schweigen bringen. Deutscher sah mit Recht den Kronstädter Aufstand und das zeitgleiche Verbot der Fraktionsbildung innerhalb der Partei 1921 als Ausdruck des unauflösbaren Dilemmas.Eine Rettung erhofften viele Bolschewiki von einer Revolution im Westen, vor allem in Deutschland. Sie würde den cordon sanitaire sprengen, den die bürgerliche Welt um Russland gelegt hatte. Niemand verkörperte diese Hoffnung stärker als Trotzki, der Künder der „permanenten Revolution“. Die Niederlage der Revolution im Westen trug zu Trotzkis Niederlage bei. Doch Trotzki, im Exil jeder Macht entkleidet, wuchs zum brillantesten Kritiker Stalins wie Hitlers heran. Informationen über den Rezensenten:Prof. Dr. Mario Keßler ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Geschichte des Zionismus, des Antisemitismus sowie der Arbeiterbewegung mit dem Schwerpunkt Historische Kommunismusforschung. Zuletzt war er Gastprofessor an der Yeshiva University, New York und leitete das Projekt: "Beargwöhnt und benötigt: Westemigranten zwischen USA-Exil und DDR" (2013-2016).

Cover von Richard Pipes: Die Russische Revolution, Band 1: Der Zerfall des Zarenreiches, Berlin: Rowohlt 1992.

Rezension

Richard Pipes: Die Russische Revolution

Rezensent: Ilko-Sascha Kowalczuk

Richard Pipes (geb. 1923) emigrierte nach dem deutschen Überfall 1939 auf Polen mit seinen Eltern über Italien in die USA. Seit 1950 lehrte er an der Harvard Universität und war zudem einige Jahre in Stanford tätig. Er gilt als einer der einflussreichsten und wichtigsten angloamerikanischen Russland- und Sowjetunionhistoriker im 20. Jahrhundert. Wie eine Reihe seiner englischen und US-amerikanischen Kollegen arbeitete er für die Regierung und Politiker, u.a. war er 1981/82 im Nationalen Sicherheitsrat von Präsident Reagan Direktor für osteuropäische und sowjetische Angelegenheiten. Pipes war ein politischer Historiker, der politikhistorische Analysen favorisierte und mit seinen politischen Bewertungen nicht hinterm Berg hielt. In der Geschichtswissenschaft gelten etwa seine Monographie über „Russland vor der Revolution“ (1974; dt. 1977) oder sein 1961 herausgegebenes Sammelwerk über die russische Intelligentsia längst als Klassiker. „Die Russische Revolution“ hingegen fand zwar breite Aufnahme, löste aber kaum Debatten aus. Als die drei Bände Anfang der 1990er-Jahre erschienen, sahen viele darin nur ein Abbild des herrschenden Zeitgeistes, der überall mit dem Kommunismus abrechnete. Richard Pipes Ablehnung des Kommunismus schlägt in diesem Monumentalwerk durch, keine Frage, aber die enorme Leistung des Autors verblasst dahinter keineswegs. Denn er beschreibt, erzählt, analysiert in einem dichten Maße die russischen Vorgänge zwischen 1899 und 1924 wie kaum ein zweiter Autor. Das hängt nicht nur mit dem Umfang zusammen, sondern auch damit, dass der politikhistorischen Perspektive von Pipes kaum etwas entgeht. Gerade wer umfassend in die russische Revolutionsgeschichte eintauchen möchte, aber bislang nur über rudimentäre Vorkenntnisse verfügt, wird bei Pipes bestens bedient, zumal sein Werk durchaus als Lesebuch bezeichnet werden kann. Die Schwäche von Pipes Ansatz liegt allerdings auch auf der Hand: sozial- und gesellschaftsgeschichtliche Betrachtungen kommen entschieden zu kurz. So erscheint bei ihm die Revolutionsgeschichte zu stark als eine bloße „Kopfgeschichte“, also als eine durch Ideen und weniger durch soziale Realitäten grundierte Entwicklung. Dennoch ist sein Werk nicht nur als Einstieg, sondern auch als Anregung und Quelle schier unerschöpflicher Beobachtungen ein Standardwerk, an dem bei aller Kritik wohl niemand vorbeikommt, der sich mit den revolutionären Umwälzungen in Russland kritisch auseinandersetzen möchte.Informationen über den Rezensenten:Ilko-Sascha Kowalczuk, geb. 1967 in Ost-Berlin, Zeithistoriker, lebt in Berlin, Autor zahleicher Bücher und anderer Publikationen.

Cover von Kathrin Schmidt: Kapoks Schwestern, Köln: Kiepenheuer & Witsch 2016.

Rezension

Kathrin Schmidt: Kapoks Schwestern

Rezensent: Andreas Pehnke

“Kapoks Schwestern“ thematisiert die gebrochenen Biografien Ostdeutscher, die sich nach dem Fall der Mauer neu orientieren mussten. Es ensteht ein realistisches Panorama Deutschlands nach der Wiedervereinigung mit vielen historischen Bezügen. Und das geschieht durchweg feinnervig und sensibel. Im Mittelpunkt stehen Werner Kapok und die in der Nachbarschaft lebenden Schwestern Claudia und Barbara Schaechter. Während seines Marxismus-Leninismus-Studiums wurde Werner IM und auf die Familie Schaechter „angesetzt“. Freundin Barbara schrieb aus großem Jux „seine“ Berichte für den Führungsoffizier. Derartiges wird manchen „Enthüllungsjournalisten“ enttäuschen, der bislang jede Zeile in den Stasi-Akten als unumstößliche Wahrheit zu interpretieren suchte. In den achtziger Jahren verloren sich die Protagonisten aus den Augen. Erst gegen Ende ihres fünften Lebensjahrzehnts werden sie sich spannungsvoll wiederbegegnen. Werner durchlebte den tiefsten Fall: Noch im Herbst 1989 zum Professor für M-L berufen, fügte er sich nach wenigen Monaten ungewöhnlich reumütig in die Ausmusterung. Zwar hatte er sich in der Partei den Ruf eines kritischen Geistes erarbeiten können, aber im zu spät erlangten Bewusstsein, das Honecker-Regime bewusst gestützt zu haben, wollte er sich weder verteidigen noch reinwaschen. Weil ihm Scham marktief in den Knochen steckte, tauchte er in der mecklenburgischen Provinz unter. Dort verdingte er sich zunächst als ABM-Kraft im Heimatmuseum, sodann als Gärtner. Die Autorin spannt den biografischen Bogen auch über die Eltern- und Großelterngeneration ihrer Helden. Claudia und Barbaras Vater Joachim Schaechter, Kommunist und Jude, wuchs in Berlin-Neukölln auf, besuchte die dortige reformpädagogische Karl-Marx-Schule. Die Familie floh vor den rassistischen Anfeindungen nach Moskau und erlebte im Mutterland des Kommunismus, wie Stalin den Terror Hitlers eingebürgert zu haben schien. Sein Vater Victor musste im Zuge der „Säuberungsaktionen“ Stalins ins Gefängnis. Joachim ging in die deutschsprachige Emigrantenschule „Karl-Liebknecht“ bis immer mehr Lehrer und sogar Schüler wegen angeblicher Verschwörungen verhaftet wurden und diese reformpädagogische Hochburg 1938 geschlossen wurde. Er kehrte als Soldat der Roten Armee nach Berlin zurück. Die Autorin orientiert sich mit ihrem asynchronen Fabulieren sowie rigorosen Zeitsprüngen an Prinzipien des Nouveau Roman. Mit Konsequenz wird aus der Perspektive der agierenden Personen berichtet. Der Text überzeugt durch das Gespür für Details und amüsiert durch gekonnte Sprachspiele.Informationen über den Rezensenten:Andreas Pehnke, Prof. Dr., 1993 Berufung auf die Gründungsprofessur für Allgemeine Erziehungswissenschaft (Systematische & Historische & Vergleichende Pädagogik) an die Universität Greifswald. Veröffentlichungen u. a.: seit 2000 Biografiereihe über Schulreformer, die in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts wiederholt gemaßregelt worden waren, im Sax-Verlag (Beucha bei Leipzig); Widerständige sächsische Schulreformer im Visier stalinistischer Politik (1945–1959), Frankfurt/M. 2008; Reformpädagogik aus Schülersicht, Baltmannsweiler 2002.

Cover von Silke Kettelhake: Sonja „negativ – dekadent“. Eine rebellische Jugend in der DDR, Hamburg: Osburg Verlag 2014.

Rezension

Silke Kettelhake: Sonja „negativ – dekadent“. Eine rebellische Jugend in der DDR

Rezensent: Matthias Schlegel

"Bei Anwendung eines Schlagstocks ist dieser nur aus dem Handgelenk zu schlagen und nicht mit gestrecktem Arm. Dabei ist der Schlag nur in die Weichteile des Gegners zu schlagen, ... da sonst größere körperliche Schäden entstehen können.“ In jedem Jahr wurden dem geschlossenen Jugendwerkhof Torgau vom Ministerium für Volksbildung 25 neue Schlagstöcke bewilligt. Im System der Heimerziehung in der DDR stand Torgau ganz oben - Endstation für unangepasste Jugendliche. 14- bis 18-jährige Jungen und Mädchen, die aus anderen Heimen ausgebüxt und wieder eingefangen worden waren. Teenager die sich gesellschaftlichen Normen verweigerten. Mehr als 4000 Jugendliche haben in den 20 Jahren des Bestehens die Hölle von Torgau durchlitten. Sonja Plog kam 1968 als 16-Jährige nach Torgau. Ein Kind noch, 1,53 Meter klein, 46 Kilo leicht. In diesem Buch erzählt die Journalistin Silke Kettelhake die Geschichte des Mädchens, das aus einer kaputten Familienwelt in Rostock ausbricht und sich zu den langhaarigen „Gammlern“ hingezogen fühlt. Sie sind den „Staatsorganen“ ein Dorn im Auge: negativ, dekadent, aufsässig. So erfährt Sonja, was der Staat unter „Umerziehung“ versteht: den Willen der Andersdenkenden zu brechen. Das Buch gibt dabei mehr über den Alltag in der DDR mit rigoroser Offenheit, überaus präzise und detailliert preis, als eine ganze Enzyklopädie. Es ist nicht nur ein lesenswerter Bericht über Liebe und Verrat, Abhängigkeit und Macht, über den Drang nach Unabhängigkeit und Freiheit im Unterdrückerstaat. Die Biografie zeigt zugleich, wie erbarmungslos das autoritäre Regime das Prinzip „Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns“ schon an seinen jüngsten Staatsbürgern durchexerzierte. Das Buch hat auch noch eine zweite Ebene: am 9. November 1989 ist die Mauer offen. Am 16. November 1989 meldet Sonja die erste Demonstration in ihrem Wohnort Neubukow an. Sie hält von der Kanzel der Stadtkirche ihre erste Rede. Als eine der mecklenburgischen Sprecherinnen vertritt sie das Land im Bundeskoordinierungsrat des Neuen Forum – und ist nach der ersten Wahl „völlig desillusioniert“; sie bleibt dennoch vier Jahre Fraktionsvorsitzende. „Ich merkte, dass ich nicht politikfähig bin, ich wollte keine faulen Kompromisse.“ Schließlich legt sie alle Ämter nieder. Was Sonja aus dieser Zeit berichtet, gehört zu den anschaulichsten Schilderungen der friedlichen Revolution überhaupt. 2004 erklärt das Landgericht Rostock die Heimerziehung Sonjas für rechtsstaatswidrig und rehabilitiert sie.Informationen über den Rezensenten:Matthias Schlegel, freier Journalist, zuvor langjähriger Redakteur beim "Tagesspiegel", Berlin

Cover von Alexander Schalck-Golodkowski: Deutsch-deutsche Erinnerungen, Reinbek: Rowohlt Verlag 2000.

Rezension

Alexander Schalck-Golodkowski: Deutsch-deutsche Erinnerungen

Rezensent: Hannes Schwenger

EIN EHRENWERTER MANNAlexander Schalck-Golodkowski war ein ehrenwerter Mann. Dazu brauchte der Stasi-Offizier im besonderen Einsatz sich keineswegs eine Kugel in den Kopf zu schießen, wie er 1989 in mißverstandener Offiziersehre meinte. Es genügte, dass er auf Wolfgang Schäuble hörte: „Vertrauen Sie sich dem BND an. Die sind die einzigen, die Ihnen helfen können. Und vertrauen Sie auf Rechtsstaatlichkeit.“Der Rat war gut, "denn dass ich einmal am Tegernsee wohnen würde, hätte ich mir 1989 nicht träumen lassen." Dort schrieb er als freier Mann im Jahr 2000 seine Memoiren, fast so unbescholten wie sein einstigen Dienstherr und Doktorvater Erich Mielke. Der genoß die Gnade der frühen Geburt, da die Strafen über 90-jähriger aus den Registern getilgt werden. Schlack mußte bis zur Tilgung seiner 16 Monate auf Bewährung noch eine Weile warten, aber - so schrieb er in seinen Memoiren - "damit kann ich leben." Sogar ohne Doktortitel, den er wegen Erwerbs am Stasi-Institut "Juristische Hochschule Potsdam" abgeben mußte.Nachträglich wollt er wissen, daß Mielke die Arbeit "etwas unwillig" betreut habe. Sein langjähriger Verhandlungspartner im Westen, Günter Gaus, würdigte die Memoiren des Staatssekretärs und KoKo-Chefs und ging davon aus: „dass die Staatsanwaltschaft ein prüfendes Auge darauf geworfen hat. Waffenhandel? Schmiergelder scheinen nicht geflossen zu sein. Embargo-Verletzungen? Na immerzu. Schalcks Land befand sich in einem Kalten Krieg, der naturgemäß von beiden Seiten geführt wurde. Die Einbindung in die Staatssicherheit? Was ist daran erstaunlich?“ Nichts, und Schalck war ein ehrenwerter Mann.„Ich hatte vom ersten Augenblick an das Gefühl: Mit dem kann ich“, revanchierte sich Schalck bei Gaus in seinen „Deutsch-deutschen Erinnerungen“. Doch von seinen ostdeutschen Landsleuten wurden die Memoiren wohl mit geteilten Gefühlen gelesen. Wer nur zum Weihnachtsfest von Schalcks KoKo mit Bananen versorgt wurde, wird es anders gelesen haben als Egon Krenz, der in Wandlitz rund um die Uhr von KoKo versorgt wurde. Wieder anders lasen es Bundesbürger, aus deren Steuermitteln die dazu nötigen Devisen stammten - zum Beispiel aus der Transitpauschale oder noch fataleren Häftlingsfreikäufen. Und noch einmal anders mußten es einstige DDR-Bürger lesen, die vor ihrer Ausreise von Honeckers Justiz, Mielkes Stasi und Schalcks KoKo-Firma Kunst und Antiquitäten GmbH ausgeplündert wurden. Dr. jur. Schalck war allerdings „davon ausgegangen, dass es sich um rechtmäßige Beschlagnahmen gehandelt hat“. Er hat schon damals dem Rechtsstaat vertraut.Als Schüler besuchte er eine private Boxschule, als Lehrling boxte er in einer Betriebssportgemeinschaft, „nachdem ich bei einer Keilerei auf dem Tanzboden schlecht weggekommen war. Ich wollte nicht zu den Verlierern gehören.“ Das ist ihm gelungen. Am Ende der DDR besaß er zwanzig Orden der DDR und ein Wochenendhaus als persönliches Geschenk von Erich Honecker. Besonders wohl fühlte er sich in der „Kampfgruppe meines Ministeriums“, denn: "In den Kampfgruppen pflegte man die Kameradschaft." „erst recht auf dem Geburtstagsfest bei Kamerad Mielke. „Irgendwann setzte Mielke seinen Zylinder auf, bediente den Leierkasten und animierte die Gästeschar zum Mitsingen Berliner Lieder: ,Wer hat denn den Käse zum Bahnhof gerollt?‘“Na, wer wohl? Kamerad Schalck, der Mann für „Sonderaufträge“. Er lieferte Käse und Mode aus dem Westen und Waffen nach Teheran. Noch an seinen letzten Tagen in der DDR registrierte er selbstbewusst: „Auch in dieser Situation war ich ein Mann für alle Fälle.“ Aber: „Schalck als James Bond des MfS, das ist eine Räuberpistole.“ Davon hat man auszugehen. Denn Schalck war ein ehrenwerter Mann.Informationen über den Rezensenten:Hannes Schwenger, Dr. phil., Literaturwissenschaftler, Publizist und Schriftsteller. Zahlreiche Veröffentlichungen und Herausgaben, u. a.: Die polnische Teilung des Verbandes Deutscher Schriftsteller (VS). In Selbstzeugnissen, Dokumenten, Briefen und im Zerrspiegel der MfS-Akten / Forschungsverbund SED-Staat. Zsstellung: Hannes Schwenger. Red.: Martin Jander. 1999.

Buchcover Bernhard H. Bayerlein, Jakov Drabkin, Aleksandr Galkin, Hermann Weber (Hrsg.): Deutschland, Russland, Komintern - I. Überblicke, Analysen, Diskussionen,  Berlin/Boston: De Gruyter 2014.

Rezension

Hermann Weber, Jakov Drabkin, Bernhard H. Bayerlein und Alexander Galkin: Deutschland, Russland, Komintern. Reihe: Archive des Kommunismus – Pfade des XX. Jahrhunderts. 3 Bände

Rezensent: Wim van Meurs

Angesichts der nichterfüllten Ambitionen der Kommunistischen Internationale (1919–1943) haben Historiker in Ost und West die Organisation stiefmütterlich behandelt, ja fast verschwiegen. So wie westliche Historiker den Völkerbund nach Gründung der UNO als Misserfolg abservierten, haben sowjetische Historiker die Komintern für das Misslingen der Weltrevolution verantwortlich gemacht und zudem als Hort ideologischer Deviationen verurteilt. Ohne Zugang zum 55 Mio. Seiten umfassenden Moskauer Komintern-Archiv kamen deutsche und angelsächsischen Geschichtsschreiber im Kalten Krieg kaum über eine Verurteilung bzw. Verspottung der Propagandaschriften der Komintern-Führung hinaus. Seit dem Zweiten Weltkrieg erschien auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs kaum eine fundierte Studie über die Komintern. Dagegen haben die Autoren der dreibändigen und über 2200 Seiten umfassende Großstudie „Deutschland, Russland, Komintern“ die Archivbestände mit Fokus auf die Kommunistische Partei Deutschlands und die deutsch-sowjetischen Beziehungen analysiert (Band I) und ediert (Band II). Angesichts der umfangreichen erstmals zusammengeführten Archivbestände wäre eine Beschränkung auf eine detaillierte und quellenmäßig belegte Nachzeichnung der in ihren wesentlichen Zügen bekannten Geschichte nachvollziehbar gewesen. Schließlich wurden Archivrecherchen in über zwanzig Archiven in sieben Ländern durchgeführt und die Studie umfasst ein Literaturverzeichnis mit über 1500 Titeln in fünf Sprachen. Die Herausgeber und Autoren haben sich jedoch höhere Ziele gesteckt. Die Verbindungen zwischen deutschen revolutionären und Moskauer Institutionen und Schlüsselfiguren werden als Netzwerk konzeptualisiert, vielschichtiger und ausgedehnter als die formalen dokumentierten Beziehungen zwischen KPD-Führung, EKKI (Exekutivkomitee der Komintern) und dem Politbüro des ZK der KPdSU(b). Angesichts der komplexen und ideologisch aufgeladenen mehrsprachigen Fachliteratur der letzten hundert Jahre zur Komintern (sowie zur KPD) wäre ein gesondertes historiographisches Kapitel als Orientierung im ersten Band diesbezüglich erstrebenswert, wenn auch außerordentlich anspruchsvoll gewesen. In Hinblick auf eine (erneute) Öffnung der russischen Archive für die historische Forschung mit dem Ziel einer zeitgemäßen Erschließung ihrer Bestände sowie einer vollständigen Digitalisierung als utopisches Fernziel stellt diese Studie aber bereits einen Quantensprung da.Informationen über den Rezensenten:Wim van Meurs (Nijmegen), Associate Professor Dr. für europäische Politik und Zeitgeschichte an der Rad- boud Universităt Nijmegen (Niederlande), Vizepräsident der Südosteuropa-Gesellschaft in München.